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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 02:13:16 -0700
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+Project Gutenberg's Tante Toni und ihre Bande, by A(lberta) von Brochow
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Tante Toni und ihre Bande
+
+Author: A(lberta) von Brochow
+
+Release Date: January 23, 2008 [EBook #24413]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TANTE TONI UND IHRE BANDE ***
+
+
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+
+Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
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+
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+
+ Tante Toni
+ und ihre Bande
+
+ Eine Erzählung für Kinder und Kinderfreunde
+
+ Von
+
+ A. v. Brochow
+
+
+ Zweite und dritte Auflage
+
+ Freiburg im Breisgau
+
+ _Herdersche Verlagshandlung_
+
+ Berlin, Karlsruhe, Köln, München, Straßburg und Wien
+
+
+
+ Alle Rechte vorbehalten
+
+ Buchdruckerei der _Herder_schen Verlagshandlung in Freiburg. 1919
+
+
+
+
+ Inhaltsverzeichnis.
+ Seite
+
+ 1. Kapitel. Tante Toni kommt! 1
+
+ 2. Kapitel. Es wird Krocket gespielt, und Tante Toni
+ macht dabei Charakterstudien 18
+
+ 3. Kapitel. Was die Kinder werden wollen 38
+
+ 4. Kapitel. Es wird spazierengegangen; man begegnet
+ der alten Babett; Anna wird Prophetin und Rudi
+ Schwanenritter 51
+
+ 5. Kapitel. Minnichen wird geimpft 90
+
+ 6. Kapitel. Tante Toni geht mit ihrer Bande auf den
+ Wetterstein. Otto spielt einen schlimmen Streich 103
+
+ 7. Kapitel. Bambula, der Puppenfresser. Otto, weißt
+ du nun, wie es tut? 135
+
+ 8. Kapitel. Klein Tonis Wunsch geht in Erfüllung! 172
+
+ 9. Kapitel. Wie Lilly ein Geheimnis erfährt. Der große
+ Tag und Ottos Entschluß. Auf Wiedersehen! 187
+
+
+
+
+ Erstes Kapitel.
+
+ Tante Toni kommt!
+
+
+Frau Wulff saß am Fenster und nähte. Ihre vier ältesten Kinder waren
+noch um den Tisch versammelt und beendeten ihren Nachmittagskaffee.
+
+»Eilt euch ein wenig«, drängte die Mutter, »damit ihr bald an die
+Aufgaben kommt und hernach noch in den Garten gehen könnt.«
+
+»Ich bin fertig«, sagte Kurt, und er trat zur Mutter ans Fenster.
+Hinausblickend gewahrte er den Briefträger.
+
+»Mutter, da ist der Briefträger!« rief er eifrig aus. »O, darf ich
+schnell hinunterlaufen? Er hat vielleicht einen Brief von Tante Toni!«
+
+»Ja, geh nur. Aber sei so gut und bringe mir den Brief uneröffnet. Du
+weißt, es schickt sich nicht, daß Kinder die Briefe ihrer Eltern
+öffnen.«
+
+Kurt wurde rot und sprang hastig hinaus. Wenige Augenblicke später
+stürzte er wieder ins Zimmer und schrie, wie im Triumph einen Brief
+hochhaltend: »Hurra, ein Brief aus Walden; der ist sicher von Tante
+Toni!«
+
+Die vier Kinder drängten sich an die Mutter heran.
+
+»Schnell, Mütterchen, mach' auf und sieh, ob sie kommt!«
+
+»Nur gemach, nur gemach, Kinder!« wehrte diese lächelnd, aber sie
+beeilte sich doch sehr mit dem Öffnen des Briefes; sie wartete ja selbst
+mit Sehnsucht auf den Besuch ihrer Schwester, der schon lange geplant
+war, aber wegen eines Unwohlseins ihres Vaters schon mehrmals hatte
+verschoben werden müssen.
+
+Schnell durchflog sie den Brief und rief dann freudig aus: »Ja, Kinder,
+die Tante Toni kommt, und zwar schon morgen!«
+
+Diese Nachricht wurde mit einem solchen Freudengeschrei begrüßt, daß die
+Mutter sich die Ohren zuhalten mußte.
+
+»Kommt der Großpapa auch mit?« fragte Paul, Kurts Zwillingsbruder.
+
+»Nein; Großpapa geht zu seiner Erholung für ein paar Wochen zu Onkel
+Karl und zu Tante Klara aufs Land; deshalb kann Tante Toni diesmal
+etwas länger bleiben.«
+
+»Hurra, sie bleibt lange diesmal!« schrie Anna, und sie wirbelte
+springend und hopsend durchs Zimmer, während die kleine Toni, das
+Patenkind der Tante, in die Hände klatschend ausrief: »O, wie froh bin
+ich, wie froh!«
+
+»Höre, Paul«, wendete sich nun die Mutter an diesen, »du gehst gleich zu
+Onkel Robert und teilst ihm Tante Tonis Ankunft mit. Da er jedenfalls
+keine Zeit haben wird, an die Bahn zu gehen, so bitte ihn, er möge doch
+morgen nachmittag zum Kaffee kommen oder wenigstens das Fräulein mit den
+beiden Kindern schicken. Und du, Kurt, du springst hinüber zu Onkel und
+Tante Helmer und ladest sie ebenfalls ein und sagst, sie möchten die
+drei größeren Kinder mitbringen. Haltet euch aber nicht auf, denn es muß
+noch gelernt werden; sonst gibt es morgen Verdruß in der Schule!«
+
+»Sei ruhig, Mutter, wir sind gleich wieder da!«
+
+Und wie der Wind stürzten Paul und Kurt hinaus, stolz darauf, die
+Überbringer einer so wichtigen Botschaft zu sein.
+
+Tante Tonis Zug traf am nächsten Tage gegen 3 Uhr ein; es war
+glücklicherweise ein schulfreier Nachmittag, so daß die Zwillinge, Anna
+und Toni ihre Mutter an die Bahn begleiten konnten. Dort trafen sie auch
+schon Tante Luise Helmer mit ihren zwei Ältesten, Mariechen und Philipp.
+
+Als der Zug einfuhr, waren die Kinder kaum zurückzuhalten. Jedes wollte
+die Tante zuerst sehen, sie zuerst begrüßen, und kaum war diese ihrem
+Wagenabteil entstiegen, da war sie auch schon umringt, umarmt,
+geschoben, gestoßen, daß sie sich kaum zu helfen wußte und lachend
+ausrief: »Das ist ja der reinste Überfall! Gebt acht, die guten Sachen,
+die ich euch mitgebracht habe, werden ganz zerbröckelt und zu Brei
+gedrückt sein, bis wir heimkommen!«
+
+Das wirkte ein wenig, und Tante Toni konnte nun endlich auch ihre beiden
+Schwestern begrüßen.
+
+»Und nun im Triumphzug nach Hause!« rief Kurt.
+
+Aber es war nicht leicht, etwas Ordnung in diesen Triumphzug zu bringen;
+denn die liebe Tante hatte leider nur zwei Seiten, und es stritten sich
+sechs Kinder um den Vorzug, neben ihr gehen zu dürfen. Mama Wulff
+machte endlich dem Streit ein Ende, indem sie erklärte:
+
+»Tante Luise und ich, wir nehmen Tante Toni in unsere Mitte, und ihr
+geht hübsch brav und ordentlich voraus, erst die drei Buben und dann die
+drei Mädels!«
+
+»Ich will aber lieber mit den Buben gehen!« erklärte Anna Wulff.
+
+»Wir bedanken uns für die Ehre!« rief Paul abweisend. »Wir brauchen dich
+nicht!«
+
+»Paul, du bist aber doch wirklich ein garstiger, ein ganz abscheulicher
+Bub!« zankte Anna sehr beleidigt, und als nun Paul seine Mütze abzog und
+eine tiefe Verbeugung machend sagte: »Ich danke verbindlichst für diese
+Schmeicheleien«, da erklärte Anna entschlossen: »Und ich geh' doch mit
+euch Buben!«
+
+Aber die Mutter rief mahnend: »Kinder, ihr werdet doch hier keinen
+Streit anfangen! Mir scheint, ihr wollt euch der Tante gleich von eurer
+schlimmsten Seite zeigen.«
+
+Paul und Anna ließen die Köpfe ein wenig hängen, aber Annas
+Schelmengesichtchen zeigte bald wieder den gewohnten fröhlichen
+Ausdruck, und sie gesellte sich zu ihrer Cousine Mariechen und zu klein
+Toni, halblaut vor sich hinsingend:
+
+ »Ach, wenn ich doch kein Mädchen wär'!
+ Das ist doch recht fatal!
+ Dann ginge ich zum Militär
+ Und würd' ein General!«
+
+Und nun vollzog sich die Heimkehr ohne weiteren Zwischenfall.
+
+Nachdem Tante Toni sich vom Reisestaube gereinigt hatte, galt ihr erster
+Besuch dem Kinderzimmer, um den bald vierjährigen Leo zu begrüßen und
+die Bekanntschaft der Allerkleinsten zu machen. Minnichen war noch keine
+zwei Jahre alt, und Tante Toni hatte es noch gar nicht gesehen. Es tat
+erst etwas scheu; als aber die Tante lockte: »Komm, du Goldkäferchen,
+komm mal her zu Tante Toni, die hat dir auch etwas mitgebracht!« da
+näherte sich die Kleine, zuerst zwar etwas schüchtern, aber bald ganz
+zutraulich, und es dauerte nicht lange, da hatte sie es sich auf Tante
+Tonis Schoß bequem gemacht, und sie ließ sich das eben erhaltene Biskuit
+munden, aber nicht ohne es der Tante zum Schmecken hinzuhalten und auch
+dem danebenstehenden Brüderchen, obwohl dieses selbst sehr mit Kauen
+beschäftigt war. Dazwischen erklärte der kleine Leo mit wichtiger
+Miene: »Du mußt wissen, Tante, daß ich Leo heiße, und ich lehre das
+Minnichen jetzt sprechen. >Mama< und >Papa< kann es schon sagen, aber
+>Leo<, das bringt es noch nicht fertig; es kann nicht >l< sagen und macht
+immer >neh< und >noh<. Der Name ist vielleicht zu schwer, und ich will's
+mal mit >Toni< versuchen.« Dann sich schmeichelnd an sein Schwesterchen
+wendend fuhr er fort: »Komm, Minnichen, sag' mal schön >Toni<, dann
+kriegste auch was von mir!«
+
+Allein Minnichen hatte allem Anscheine nach eben keine Lust zum Lernen;
+es lachte nur, und den Rest seines Biskuits mit dem einen Händchen in
+die Höhe haltend, patschte es mit dem andern aufs Bäuchelchen.
+
+»Das soll heißen, 's wäre sehr gut«, erklärte Leo der Tante.
+
+In diesem Augenblick stürzte Anna zur Türe herein und rief: »Tante, du
+sollst schnell runterkommen; der Onkel Robert ist da mit Otto und Lilly,
+und eben kommt auch Onkel Albert Helmer mit dem Rudi!«
+
+Leo und Minnichen sahen die Tante nur ungern scheiden, und es hätte wohl
+Tränen gegeben, wenn diese nicht versprochen hätte: »Ich komme heute
+abend nochmal zu euch -- ich komme euch waschen und ins Bettchen legen!«
+
+»Ja, o ja, Tante, tue es, das ist schön!« jubelte Leo in die Hände
+klatschend.
+
+»Sön«, echote Minnichen, und es patschte fest seine kleinen, dicken
+Händchen gegeneinander.
+
+»Hast du's gehört, Tante? Es hat eben >sön< gesagt, es kann schon wieder
+ein neues Wort!« rief der kleine Lehrmeister der davoneilenden Tante
+nach.
+
+Nachdem Tante Toni ihren Bruder und ihren Schwager begrüßt hatte,
+wendete sie sich an die neun anwesenden Kinder und sagte lachend:
+
+»Ihr seid aber alle so groß geworden in diesen zwei Jahren -- ich weiß
+gar nicht, ob ich euch noch auseinander kenne! Kommt, stellt euch doch
+mal dem Alter nach in eine Reihe, damit ich sehe, ob ich noch alle
+nennen kann!«
+
+Die Kinder gehorchten lachend. Die immer lustige Anna rief aber:
+
+»Nimm dich in acht, Tante Toni; wenn du den Namen von einem von uns
+vergessen hast oder gar eines mit dem andern verwechselst, so ist das
+eine schreckliche Beleidigung.«
+
+»Nun, ich werde mich schon zusammennehmen. Bei dir hat's jedenfalls
+keine Gefahr, mein Ännchen; dein Spitzbubengesichtchen verwechselt man
+nicht leicht mit einem andern. Aber nun angefangen! Also hier zuerst
+Mariechen Helmer; du bist jetzt vierzehn Jahre alt. Von dir hab' ich
+schon Gutes und Liebes gehört, wie vernünftig du bist und wie du
+versuchst, deinem Mütterchen zu helfen.«
+
+Und Tante Toni drückte einen herzlichen Kuß auf die Stirne des
+errötenden Mariechens.
+
+»Und nun kommen wir zu den Wulffschen Zwillingen Kurt und Paul. Die
+haben sich gestreckt. Gib acht, Mariechen, deine Vettern wachsen dir
+bald über den Kopf.«
+
+»Ich auch, Tante Toni; ich bin fast so groß wie unsere Mieze!«
+
+»Ja du, bist du denn wirklich der Philipp Helmer? Dich hätte ich
+wirklich beinahe nicht mehr erkannt. Jetzt darf man dich nicht mehr
+>Dickerchen< nennen, so groß und schlank bist du geworden! Du und die
+Zwillinge, ihr seid wohl jetzt dreizehn Jahre alt.«
+
+»Und ich, Tante Toni, wie alt bin ich?« rief Anna Wulff, ihre für ihr
+Alter etwas zu kleine Gestalt nach Kräften in die Höhe reckend.
+
+»Ja du, Ännchen, laß dich mal betrachten«, und Tante Toni drehte Ännchen
+hin und her, besah sie überlegend von allen Seiten; endlich sagte sie:
+»Ei, Ännchen, was machst du für Sachen! Du hast wohl seit einiger Zeit
+so viel tolle Streiche im Kopf, daß du ganz vergessen hast zu wachsen.
+Du siehst aus, als wärest du nicht viel über zehn Jahre!«
+
+»Ich bin aber zwölf«, sagte Anna, ein bißchen schmollend.
+
+»Ich bin noch nicht elf und bin so groß wie sie!« rief Otto Mehring, der
+neben seinem um ein Jahr jüngeren Schwesterchen Lilly stand.
+
+»Ja, und du darfst in diesem Jahre zur ersten heiligen Kommunion gehen,
+wenn ich nicht irre.« Tante Toni strich ihm leicht die Haare aus der
+Stirne. Mit ganz besonders liebevollem Blick schaute sie Otto und Lilly,
+die beiden Kinder ihres Bruders Robert, an, ganz besonders innig drückte
+sie diese beiden ans Herz -- sie hatten ja keine Mutter mehr, die armen
+Kinderchen.
+
+Als letzte in der Reihe standen noch der achtjährige Rudi Helmer mit
+seinem blonden Lockenkopf und den treuherzigen blauen Augen und die
+siebenjährige Toni, die neben diesem ihrem kräftigen, rotwangigen
+Vetterchen noch zarter und blasser aussah wie sonst.
+
+»Du mußt rötere Bäckchen bekommen, mein Patenkindchen, und du darfst
+nicht gar so ernsthaft dreinschauen«, sagte Tante Toni leise.
+
+Aber Tonis Mutter hatte es doch gehört, und sie erklärte mit einem
+besorgten Blicke auf ihr kleines Töchterchen:
+
+»Das Kind leidet noch immer unter den Folgen des Scharlachfiebers. Die
+andern wissen schon lange nichts mehr davon, nur Toni hat sich nie so
+recht davon erholt.«
+
+Nun trennte sich Tante Toni von den Kindern, denn sie mußte sich zu den
+Großen setzen, um ihnen vom Großpapa und von seiner Reise zu Onkel Karl
+und Tante Klara zu erzählen.
+
+Klein Toni war aber der Tante nachgegangen; erst stellte sie sich ganz
+still neben ihren Sessel, allmählich rückte sie ein wenig näher, und
+zuletzt lehnte sie ihr Köpfchen an deren Schulter, schmiegte sich an sie
+und streichelte leise ihre Hand. Die gute Tante zog die kleine Nichte
+auf ihren Schoß und meinte lächelnd: »Ich glaube, wir werden bald recht
+gute Freundinnen werden.«
+
+Da leuchteten klein Tonis Augen auf, und sie fragte eifrig: »Wirklich,
+Tante Toni? Willst du meine Freundin sein, meine _wirkliche_ Freundin?«
+
+»Aber gewiß, sehr gerne!«
+
+Wie der Wind huschte die Kleine vom Schoße der Tante herunter, und ganz
+rot vor freudiger Aufregung stürzte sie auf die andern Kinder zu und
+rief mit strahlenden Augen:
+
+»Du, Mieze! du, Anna! ich hab' jetzt auch eine Freundin! -- Ihr braucht
+jetzt gar nicht mehr so ein Getue zu machen mit euern Freundinnen! Ich
+hab' eine viel größere und eine viel bessere Freundin wie ihr -- denn
+Tante Toni ist meine Freundin!« Und triumphierend schaute klein Toni
+ihre Geschwister, Vettern und Cousinen an.
+
+Diese aber brachen in ein schallendes Gelächter aus. Das hatte das Kind
+nicht erwartet. Es war erst starr vor Überraschung, dann wurde es rot
+und rief halb weinend: »Was lacht ihr mich denn aus? Ich hab' doch gar
+nichts Dummes gesagt!«
+
+»Nein, mein Tonichen«, suchte Mieze die Kleine zu beruhigen, »du hast
+gar nichts Dummes gesagt -- aber es kam uns halt nur so drollig vor,
+daß du winziges Persönchen dir die Tante Toni zur Freundin ausgesucht
+hast!« Und nun fing Mieze wieder an zu lachen, die andern stimmten im
+Chore ein; Anna und Otto lachten am lautesten, umtanzten das Kind und
+schrien: »Hoch der neue Freundschaftsbund!«
+
+Jetzt aber wurde klein Toni zornig, ihre Augen funkelten, sie ballte die
+kleinen Fäuste, sie stampfte mit den Füßen, und je mehr die andern
+lachten, desto wilder gebärdete sich das Kind. Als Mieze es zu beruhigen
+suchte, stieß es sie von sich, bis Kurt sagte:
+
+»Na, so einen Zornepickel wird Tante Toni aber doch gewiß nicht zur
+Freundin haben wollen!«
+
+Da kam die Kleine zur Besinnung. Sie wurde auf einmal still, ließ das
+Köpfchen hängen und schlich sich fort. Sie kauerte sich in ein Eckchen,
+drückte die Fäustchen vor die Augen und weinte leise vor sich hin. Mieze
+wollte ihr nachgehen, aber Anna hielt sie zurück und sagte: »Laß sie nur
+jetzt ganz in Ruhe; wenn sie so ihren Zorn gehabt hat, dann ist es am
+besten, man kümmert sich nicht um sie. Kommt nur alle mit mir in den
+Garten, die Toni wird uns nachher schon von selbst nachkommen.«
+
+Tante Toni hatte aber von ferne alles beobachtet. Als die andern Kinder
+das Zimmer verlassen hatten, näherte sie sich der weinenden Kleinen;
+diese aber drückte die Händchen nur noch fester vor das Gesicht, und ihr
+Schluchzen wurde heftiger. Die Tante nahm das Kind auf und setzte sich
+mit ihm ins Nebenzimmer. Sie ließ es erst ruhig weinen, sie drückte es
+nur liebevoll an sich, strich ihm sacht über Stirne und Haare, und als
+das Schluchzen endlich anfing etwas nachzulassen, sagte sie freundlich:
+
+»Nun muß meine kleine Freundin aber gleich wieder ein liebes, frohes
+Gesichtchen machen.«
+
+Da hob Toni ihr verweintes Gesichtchen in die Höhe: »O Tante Toni,
+willst du mich denn noch zur Freundin haben? Ich war doch eben so bös!
+-- Was mußten sie aber auch so über mich lachen?« Und die Tränen fingen
+von neuem an zu fließen.
+
+»Du mußt dir das nicht so zu Herzen nehmen; sie haben es gar nicht so
+böse gemeint. Die Mieze war doch auch recht nett mit dir und wollte dich
+trösten.«
+
+»Ja, und ich hab' sie weggestoßen, ich war so zornig!« Und Toni ließ
+wieder beschämt das Köpfchen sinken; dann setzte sie aber wie
+entschuldigend hinzu: »Das kommt aber von meiner Krankheit her, daß ich
+so leicht zornig werde, ich kann nichts dafür. Mama hat den andern schon
+öfter gesagt, sie dürften mich nicht so reizen.«
+
+»O, es ist ja leicht möglich, daß deine Krankheit eine größere
+Reizbarkeit zurückgelassen hat; aber deshalb mußt du doch nicht meinen,
+du könntest nichts dafür. Man kann immer etwas dafür, wenn man etwas
+tut, wovon man weiß, daß es unrecht ist. Und daß man nicht zornig sein
+darf, das weißt du doch, nicht wahr?«
+
+Klein Toni wurde ganz rot, sie senkte das Köpfchen und sagte leise: »Ich
+möchte gern nicht zornig sein -- aber es kommt immer ganz von selbst.«
+
+Die Tante lächelte: »Ja, so geht's gewöhnlich. Sieh, die andern meinen's
+doch auch nicht böse und sie wollen dich gewiß nicht kränken. Das Necken
+kommt bei ihnen auch ganz von selbst.«
+
+Das Kind sah erst überrascht und dann nachdenklich aus, und als die
+Tante fragte: »Willst du nun versuchen, kleine Neckereien zu ertragen,
+ohne zornig zu werden?« da nickte es mit dem Köpfchen und sagte
+ernsthaft: »Ja, ich will's versuchen.«
+
+Die Tante erschrak beinahe ein bißchen, als sie in diese Kinderaugen
+blickte, aus denen ein so fester und ernster Entschluß leuchtete:
+
+»Aber nun muß mein Tonichen wieder ein frohes Gesichtchen machen und
+lachen. Komm, wir wollen jetzt Mariechen und die andern Kinder aufsuchen
+gehen!«
+
+Sie nahm ihr Patenkindchen bei der Hand und führte es in den Garten.
+Dort rief sie die Kinder alle zusammen und sagte:
+
+»Hört einmal, was ich mir ausgedacht habe! Des Vormittags, während ihr
+in der Schule seid, werde ich der Mutter hier im Hause und bei den ganz
+Kleinen helfen; aber des Nachmittags gehöre ich euch. Wenn ihr Zeit habt
+und das Wetter ist schön, dann werden wir auch Spaziergänge zusammen
+machen.«
+
+»Hurra, Tante Toni!« und »Tante, du bist einfach famos!« so jubelten die
+Kinder, vor Freude in die Hände klatschend.
+
+Der blondlockige Rudi aber fragte eifrig: »Und wirst du uns auch
+Geschichten erzählen, Tante Toni?«
+
+»Gewiß, Rudi, herzlich gern. Du hörst also gern Geschichten?«
+
+»O, furchtbar gern!«
+
+»Ich auch!« und »Ich auch!« riefen da noch mehrere Stimmen.
+
+»Ich höre am liebsten Indianergeschichten«, erklärte Otto, und Anna
+stimmte ihm bei; die Zwillinge fanden Seeabenteuer viel interessanter;
+Rudi und Toni entschieden sich für Märchen.
+
+»Übrigens«, schlug Kurt vor, »da morgen Sonntag ist, könnten wir gleich
+einen Spaziergang verabreden.«
+
+»Natürlich!« rief Paul voll Eifer. »Wir führen die Tante über den
+Hennenberg nach Horbach, von da auf den Blauberg, und ...«
+
+»Warum nicht gleich auf den Chimborasso oder ins Himalajagebirge?«
+unterbrach Mariechen lachend. »Morgen wird Tante Toni noch etwas
+reisemüde sein und sich gerne mit einem kleineren Spaziergang begnügen.
+Ich schlage das Tempelchen vor; der Weg dahin ist schön und nicht zu
+steil, und von dort hat man einen herrlichen Blick auf unser Städtchen
+und in die Berge, und dann ...«
+
+»Und dann kann man da oben auch sehr gut >Räuber und Gendarm< spielen!«
+fiel Rudi ein. »O, ich kenne dort ein paar ausgezeichnete Verstecke!«
+
+»Ach, das Tempelchen -- das ist schrecklich langweilig«, erklärte Otto
+Mehring mit wegwerfender Miene. »Da ist man schon so oft gewesen! Dahin
+geh' ich mal nicht mit!«
+
+»Ei, so bleib' du nur daheim, wir können's schon ohne dich aushalten!«
+entgegnete Paul ein wenig grob. Aber Tante Toni sah ganz betrübt aus,
+als sie sagte:
+
+»O, mir würde es aber sehr leid tun, wenn du nicht mitgingest, lieber
+Otto.«
+
+»Nun, Tante, wir wollen sehen; dir zuliebe gehe ich vielleicht mit.«
+
+»Wie gnädig!« kicherte Anna dem Mariechen ins Ohr.
+
+»Nun müssen wir nur sehen, was eure lieben Eltern zu diesem Plane sagen
+werden.« Mit diesen Worten kehrte Tante Toni ins Haus zurück.
+
+
+
+
+ Zweites Kapitel.
+
+ Es wird Krocket gespielt, und Tante Toni macht dabei Charakterstudien.
+
+
+Am folgenden Tag war die ganze Kinderschar wieder bei Wulffs versammelt.
+Vater Wulff stand vor dem Barometer und runzelte die Stirne.
+
+»Es tut mir leid, Kinder«, sagte er endlich, »aber ihr werdet euern
+Spaziergang nicht machen können. Der Barometer ist sehr gefallen, und
+dort in der Wetterecke sieht es drohend aus. Wir bekommen Regen und
+Wind, vielleicht sogar Sturm.«
+
+Da gab es enttäuschte, betrübte und ärgerliche Gesichter.
+
+»Wie langweilig! Was fangen wir jetzt an?«
+
+»Nun, wir können wenigstens in den Garten gehen, solange es noch nicht
+regnet«, schlug Tante Toni vor.
+
+»Weißt du was, Tante Toni? Mache mit uns eine Krocketpartie!«
+
+»Ach ja, Tante Toni, die Mieze hat recht, wir wollen Krocket spielen!«
+
+»Nee -- Krocket ist entsetzlich langweilig!«
+
+Tante Toni lachte: »Lieber Otto, das Wort >langweilig< scheint ein
+Lieblingsausdruck von dir zu sein! Ich stimme für Krocket. Wer spielt
+also mit?«
+
+»Ich natürlich«, erklärte Otto mit Bestimmtheit.
+
+»Wie, Otto, du? -- Du findest das Spiel doch so langweilig!«
+
+»Immerhin weniger langweilig als gar nicht zu spielen.«
+
+»Nun gut also. Und wer spielt noch mit?«
+
+»Ich -- ich -- ich!« schrien alle Kinder durcheinander.
+
+»Ja, wir können aber nicht alle spielen, wir sind etwas zu zahlreich.
+Ich will gerne zuschauen.«
+
+»Nein, Tante Toni, das gibt's nicht. Du mußt vor allen mitspielen. Wir
+können ja das Los ziehen, um zu sehen, wer mitspielt.«
+
+»Ach nein; da gibt's doch immer Ärgerliche und Unzufriedene«, behauptete
+Mariechen Helmer. »Spiele du mit den Größeren, Tante Toni; ich nehme
+die Kleineren mit auf die Wiese und spiele mit ihnen Ball oder Reifen.
+Komm, Tonichen; kommt, Rudi, Lilly und Anna, wollt ihr mit mir gehen?«
+
+»Ich schau' lieber den Großen zu«, erklärte Rudi.
+
+»Wir können zu sechs spielen, drei gegen drei«, erklärte Philipp Helmer.
+»Tante Toni, Paul, Kurt, Otto und ich, das sind fünf; da kann der Rudi
+also mit uns spielen.«
+
+»Nein, der Rudi spielt viel zu schlecht, den will ich nicht!« rief Otto.
+»Dann lieber die Lilly.«
+
+»Ach ja, Tante Toni, laß mich mitspielen, ich spiele schon sehr gut!«
+bat Lilly, und nach einigem Hinundher kam endlich die Partie zustande,
+und zwar so, daß Tante Toni mit Kurt und Lilly gegen Paul, Philipp und
+Otto spielte.
+
+Im Anfang ging alles ganz gut; als aber Paul einen ungeschickten Schlag
+ausführte, wurde er verdrießlich und ärgerlich. Bald darauf passierte
+seinen beiden Partnern Otto und Philipp dasselbe Mißgeschick; da geriet
+er ganz außer sich und machte ihnen die größten Vorwürfe; diese wollten
+sich das aber nicht gefallen lassen, und Philipp meinte spöttisch:
+
+»Ei, wenn du schimpfen willst, so fang' nur bei dir selber an! Du bist
+uns mit dem schlechten Beispiel vorangegangen; du hast die erste
+Dummheit gemacht.«
+
+»Das kann dem besten Spieler einmal passieren.«
+
+»Gewiß; aber um so eher kann es mittelmäßigen Spielern passieren, und zu
+denen rechnest du Otto und mich ja doch!«
+
+»Aber keine Spur von einer Latern'! Zu den _schlechten_ Spielern rechne
+ich euch, zu den ganz schlechten! Ihr spielt geradezu miserabel -- wie
+soll man denn eine Partie gewinnen mit solchen Partnern? Da ist ja nicht
+daran zu denken -- das ist überhaupt gar kein Spiel mehr!«
+
+»Das finde ich auch«, versetzte Tante Toni, die dem Streite bisher
+schweigend zugehört hatte. »Sag' mal, lieber Paul, weshalb spielen wir
+denn eigentlich Krocket?«
+
+»Nun, um zu gewinnen; das ist doch selbstverständlich!«
+
+»Doch nicht so ganz. Der Hauptzweck ist doch der: wir wollen uns
+unterhalten und uns am Spiel erfreuen, indem jeder danach trachtet, den
+andern an Geschicklichkeit zu überbieten, aber in aller Freundschaft;
+und wenn man eine Dummheit oder eine Ungeschicklichkeit begeht, dann
+lacht man sich gegenseitig ein wenig aus -- wieder in aller
+Freundschaft. Es kann ja natürlich nur _eine_ Partei gewinnen -- wenn
+aber dann die Verlierenden sich jedesmal gebärden, wie wenn ihnen ein
+Unglück widerführe oder ein Unrecht geschähe -- ja, dann hört eben aller
+Spaß auf und man kann das kein Spiel mehr nennen. Nun, was meinst du
+dazu, Paul?«
+
+»Ja, Tante Toni, du hast eigentlich recht. Wenn's einem aber egal ist,
+ob man gewinnt oder nicht, dann gibt man sich auch keine Mühe, und das
+Spiel ist gar nicht interessant.«
+
+»So habe ich's aber auch nicht gemeint. Es soll einem gewiß nicht egal
+sein, und jeder muß sich natürlich die größte Mühe geben, um zu
+gewinnen. Das Gewinnen soll nur nicht der Haupt- und alleinige Zweck des
+Spieles sein. -- So, ich glaube, ich bin nun an der Reihe, und wirklich,
+Paul, ich werde mich tüchtig anstrengen, um einen Meisterschlag zu
+vollführen!«
+
+»Bravo, Tante Toni! Das hast du gut gemacht, du hast Ottos Kugel
+getroffen -- hinaus mit ihr, so weit du kannst!«
+
+»Ich will sie lieber liegen lassen und benützen, um durch die Schelle zu
+kommen; sie liegt doch hinter ihrem Reifen.«
+
+Als Tante Toni sich umdrehte, sah sie gerade, wie Lilly mit dem Füßchen
+ihre Kugel ein wenig vorschob, so daß sie für den nächsten Schlag in
+eine günstigere Lage kam. Sie sagte nichts, sie schaute nur Lilly ernst
+an. Diese wurde ein bißchen rot und tat, als ob sie bloß ein Steinchen
+unter ihrer Kugel entfernt hätte.
+
+Nachdem nun Kurt gespielt hatte, kam Philipp an die Reihe; er gab seiner
+Kugel einen kräftigen Schlag, so daß sie durch ihren Reifen flog und in
+Lillys Nähe zu liegen kam; als Kurt sich nun anschickte, Lillys Kugel zu
+treffen, schrie diese ihn an:
+
+»Du, das gibt's nicht! Philipp, du hast gepfuscht; deine Kugel lag
+vorhin so, daß du gar nicht durch deinen Reifen kommen konntest!«
+
+»Sag' noch einmal, ich hätte gepfuscht, du kleine Kröte!« ereiferte sich
+Philipp.
+
+»Du hast gepfuscht -- gepfuscht -- gepfuscht!« schrie Lilly.
+
+»Impertinente kleine Person!« Philipp war rot vor Ärger, und er hätte
+seine kleine Cousine gewiß etwas unsanft angefaßt, wenn Tante Toni nicht
+dazwischengetreten wäre.
+
+»Lilly, schau mich mal an, und dann sage mir ehrlich: Hast du gesehen,
+daß Philipp gepfuscht hat?«
+
+Lilly wurde verlegen. »Nein, gesehen hab' ich es nicht -- aber vorhin
+lag seine Kugel anders, und da ...!«
+
+»O, da kann man sich so leicht täuschen! Sieh, mir kommt es vor, als
+hätte _deine_ Kugel vorhin auch anders gelegen.«
+
+Lilly senkte die Augen vor dem klaren, durchdringenden Blick der Tante;
+sie wurde so verlegen, daß Tante Toni Mitleid mit ihr hatte und Philipp
+einen Wink gab, den der gutmütige Junge auch verstand, worauf er
+weiterspielte, als ob nichts geschehen wäre, und er behandelte Lillys
+Kugel so glimpflich, daß dieselbe ganz in der Nähe ihres Reifens liegen
+blieb.
+
+Das Spiel nahm nun einen ganz friedlichen Verlauf, es wurde sogar
+lustig, weil Tante Toni nachdem sie wieder einmal einen Meisterschlag
+versprochen hatte, glänzend am Ziele vorbeischoß, worüber sie selbst in
+lustiges Lachen ausbrach; die Kinder stimmten von Herzen ein, und von
+diesem Augenblicke an wurde über jeden ungeschickten Schlag gelacht und
+nicht mehr gezankt.
+
+So ging alles vortrefflich; selbst Lilly war wieder ganz vergnügt, sie
+war sogar sehr stolz, denn sie hatte mit einigen geschickten Schlägen
+ihre Kugel weit voran gebracht. Sie lag eben wieder sehr schön vor ihrem
+Reifen, als Paul, der Anführer der Gegenpartei, dieselbe traf und mit
+einem kräftigen Schlag ziemlich weit fortschickte.
+
+Da warf Lilly einfach ihren Hammer hin; sie sagte: »Ich spiel' nicht
+mehr mit!« und setzte sich schmollend in einen Winkel. Tante Toni sah
+ihr ganz überrascht nach, Paul aber sagte ärgerlich:
+
+»Ja, so macht sie's immer. Wie ihr etwas nicht nach dem Kopf geht, dann
+läuft sie fort und verdirbt einem das ganze Spiel.«
+
+»Soll ich hingehen und sie zu versöhnen suchen?« schlug der gutmütige
+Philipp vor.
+
+»O nein«, antwortete Tante Toni, »das wäre ganz verkehrt; dann würde sie
+es bei der nächsten Gelegenheit gleich wieder so machen. Nein, wir
+lassen sie ganz ruhig in ihrem Schmollwinkelchen sitzen, und Rudi kann
+für sie einspringen. Magst du, Rudi?«
+
+»Aber wie gern, Tante Toni!«
+
+»Ach nein, der Rudi spielt gar zu schlecht«, knurrte Otto.
+
+»Aber Otto, das kann dir doch nur angenehm sein, er ist ja dein Gegner!«
+
+»Ach, das ist ja überhaupt gar keine Ehre mehr, gegen solch einen Gegner
+zu gewinnen!«
+
+»Ich spiel' gar nicht so schlecht, Tante Toni, du wirst es schon sehen«,
+und Rudis eben noch vor Freude strahlende Augen füllten sich mit Tränen.
+
+»Ich bin überzeugt, daß du recht gut spielst, mein lieber Rudi«,
+tröstete ihn Tante Toni und sah sich nach Lillys Hammer um; allein
+inzwischen war Otto zu seiner Schwester gegangen und hatte leise aber
+eindringlich auf sie eingesprochen, und gerade als Tante Toni sich nach
+dem Hammer bücken wollte, sprang Lilly herbei, erfaßte ihn und rief:
+»Ich spiel' selbst weiter!«
+
+Tante Toni sah unschlüssig von einem Kinde zum andern. Ihr
+Gerechtigkeitsgefühl sagte ihr, daß Lilly Strafe verdient habe und
+eigentlich vom Spiel ausgeschlossen bleiben müßte -- sie wußte ja auch,
+daß Lilly nur deshalb wieder mitspielen wollte, weil sie und Otto dem
+kleinen Rudi das Vergnügen mißgönnten. Anderseits konnte sie es aber
+nicht übers Herz bringen, gegen die beiden mutterlosen Kinder strenge zu
+sein. Sie neigte sich deshalb zum enttäuschten Rudi nieder und erklärte
+ihm: »Lieber Rudi, wir sehen und wissen beide, daß Otto und Lilly nicht
+schön handeln, aber sie haben eben keine liebe Mutter, die ihnen täglich
+und stündlich zur Seite steht, sie ermahnt und belehrt -- wir wollen
+daran denken und Geduld mit ihnen haben, nicht? Aber du sollst nicht zu
+kurz kommen, und ich verspreche dir, die nächste Krocketpartie mache ich
+mit dir, Mieze und Anna. Bist du zufrieden?«
+
+Rudi nickte unter Tränen lächelnd, und Tante Toni gab ihm noch einen
+herzlichen Kuß, als Otto ungeduldig rief: »Holla, Tante Toni, aufgepaßt,
+du bist dran!« Während Tante Toni spielte, stieß Otto den Rudi an und
+höhnte: »Hä, du spielst doch nicht mit, siehst du's?«
+
+Rudi war ein guter Junge, jedoch er konnte Spott nicht vertragen. Er
+wurde sehr rot bei Ottos Worten, aber er dachte noch daran, was Tante
+Toni ihm eben gesagt hatte, und er hielt an sich. Er streckte seine
+Hände in die Hosentaschen und drehte Otto den Rücken.
+
+»Ja, geh' nur fort, geh' zu den Kleinen ins Kinderzimmer, da gehörst du
+auch hin. Hier störst du uns ja nur.«
+
+Rudi stellte sich breitspurig hin und sagte: »Ich bleibe hier und schaue
+zu.«
+
+»Ich sag' dir aber, daß du fortgehen sollst!«
+
+»Du hast mir nichts zu sagen.«
+
+»Gewiß, denn ich bin älter, größer und stärker als du.«
+
+»Älter, ja; größer nicht viel, aber stärker gar nicht.«
+
+»Was hast du gesagt, du frecher Knirps du? Sag's doch noch einmal, wenn
+du's wagst!«
+
+»Ich bin stärker wie du.«
+
+»Mit dem Mund vielleicht, aber nicht in Wirklichkeit.«
+
+»Soll ich's beweisen?«
+
+»Das wagst du ja nicht, du Feigling!«
+
+Nun war Rudis Geduld zu Ende. Er stürzte sich auf Otto, und die beiden
+Knaben begannen zu ringen. Otto war allerdings fast drei Jahre älter als
+Rudi, aber er war verhältnismäßig klein und zart gebaut, während Rudi
+groß und kräftig war. Rudi bekam denn auch bald die Oberhand, und ehe es
+der erschrocken herbeieilenden Tante Toni gelang, die beiden zu trennen,
+lag Otto auf der Erde. Sofort begann er ein entsetzliches Wehegeschrei,
+so daß nicht nur Mieze mit den andern Kindern gelaufen kamen, um zu
+sehen, was geschehen sei, sondern auch die Eltern, die in der Nähe des
+Hauses in einer Laube gesessen hatten.
+
+Frau Helmer rief, die Hände ringend: »Natürlich wieder mein Rudi! Wenn
+ich Geschrei höre, dann brauch' ich gar nicht zu fragen, denn ich weiß
+schon im voraus, daß der Rudi wieder etwas angestellt hat!«
+
+Frau Wulff und Tante Toni hatten sich inzwischen um Otto bemüht, hatten
+ihn befragt, befühlt und betastet und konnten gar nicht finden, wo er
+eigentlich verletzt war.
+
+»So sag' uns doch endlich mal, wo es dir fehlt!« rief Tante Toni aus.
+»Ich kann mir doch nicht denken, daß du uns ohne Grund so erschreckt
+hast!«
+
+Otto antwortete nicht sofort -- dann aber fuhr er sich mit beiden Händen
+an den Kopf und jammerte: »Mein Kopf, o mein Kopf!«
+
+Tante Toni und Frau Wulff sahen sich besorgt an; sie führten ihn ins
+Haus, um ihn aufs Sofa zu legen und ihm Umschläge auf den Kopf zu
+machen. Im Vorbeigehen warf Tante Toni dem Rudi einen vorwurfsvollen
+Blick zu. Das Kind wandte sich ab -- es hatte eben schon die Vorwürfe
+seiner Mutter zu hören bekommen --, sein sonst so offenes, liebes
+Gesicht bekam einen Ausdruck von finsterem Trotz. Ohne ein Wort zu
+sagen, verließ er den Spielplatz.
+
+Mariechen aber hatte ihr Brüderchen beobachtet. Sie ging ihm leise nach;
+sie wußte, sein Trotz würde nicht lange dauern, sondern bald einem
+großen Schmerz weichen. Schon mehrmals hatte sie Rudi nach einem solchen
+Auftritt bitterlich weinend in irgendeinem Gebüsch des Gartens versteckt
+gefunden. Diesmal war er ganz hinten in den Garten gegangen; dort war
+ein stilles, von dunkeln Tannen und dichtem Gesträuch umstandenes
+Plätzchen; da hockte er auf einer Bank, die Arme auf die Lehne gestützt
+und den Kopf darin vergraben.
+
+Mariechen setzte sich neben ihn.
+
+»Komm, Rudi, sag' mir's, wie ist's denn wieder gekommen?«
+
+Zuerst wollte Rudi nicht antworten, endlich stieß er hervor: »Nun, wie
+halt immer. Erst höhnt er mich und reizt mich, bis ich nicht mehr anders
+kann, als ihn anpacken, und sowie er fühlt, daß er unterliegen wird,
+dann fängt er seine Brüllerei an, stellt sich, wie wenn ich ihm Gott
+weiß was getan hätte -- und ich krieg's nachher von allen!«
+
+Es klangen Trotz, Schmerz und Bitterkeit aus seiner Stimme.
+
+Mariechen schlang ihren Arm um Rudi und sagte begütigend: »Komm, Rudi,
+wir wissen's ja doch, daß Otto der schuldige Teil ist, und ...«
+
+»So? Hast du denn nicht gehört, was Mama eben sagte, und hast du nicht
+gesehen, wie Tante Toni mich angeschaut hat? Und Tante Toni hatte mir
+doch gerade gesagt ...« Hier ging die Stimme des Knaben in Schluchzen
+über.
+
+»Komm, Rudichen, mein liebes Goldrudichen, weine nicht so. Sag' mir
+genau, wie alles gekommen ist -- ich erzähle es der Tante Toni, und ich
+werde schon sorgen, daß sie keine falsche Meinung von dir behält.«
+
+»Es wird ihr aber recht leid tun; denn sie hat Otto und Lilly sehr lieb,
+weil sie keine Mama mehr haben. Für uns ist das aber auch schrecklich;
+sie sind beide unausstehlich, und wir müssen uns alles von ihnen
+gefallen lassen; niemand straft sie, und wenn man sich über sie beklagt,
+dann heißt es nur immer: >Habt doch Geduld mit den armen Kindern, denn
+sie haben keine Mutter mehr.<«
+
+»Ja, Rudi, das ist freilich alles wahr«, sagte Mariechen; dann schwieg
+sie nachdenklich still, während ihr Brüderchen fortfuhr:
+
+»Und dazu sind sie auch fast immer bei uns oder hier bei Wulffs -- wir
+können niemals etwas unternehmen, außer sie müssen dabei sein.«
+
+»Ja, Rudi, denke doch aber auch daran, wie traurig es bei ihnen zu Hause
+ist so ohne Mama und fast ohne Papa; denn du weißt ja, wie angestrengt
+Onkel Robert arbeiten muß und daß er sich fast nicht um seine Kinder
+kümmern kann.«
+
+»O, Fräulein Helene sorgt aber doch recht gut für sie!«
+
+»Das ist aber doch nicht dasselbe. Denke nur daran, wie unsere Mutter
+jeden Abend mit uns betet, wie sie selbst die Kleinen besorgt und ins
+Bettchen legt, wie sie noch zu jedem von uns ans Bett kommt, um uns das
+Kreuzzeichen zu machen und den letzten Gutenachtkuß zu geben; denke doch
+daran, wie du immer und zu jeder Stunde zu ihr gehen, sie um alles
+bitten und fragen kannst. Versuche doch einmal dir vorzustellen, wie
+schrecklich es wäre, wenn wir unsere Mama nicht mehr hätten!«
+
+»Nein, nein, Mieze, daran kann und will ich gar nicht denken. Und jetzt
+-- vielleicht weint sie gerade, weil ich vorhin so zornig war!« Bei
+diesem Gedanken fingen Rudis Tränen wieder an zu fließen.
+
+»Komm, wir wollen sie schnell aufsuchen!« Mariechen sprang auf und zog
+ihr Brüderchen mit sich fort. Sie waren aber kaum ans ihrem versteckten
+Plätzchen hervorgetreten, da erblickten sie ganz in der Nähe ihre Mutter
+und Tante Toni. Rudi wollte sich schnell verstecken, aber Mariechen
+hielt ihn fest und sagte: »Geh' du nur gleich zu Mama -- ich nehme
+inzwischen Tante Toni beiseite und erkläre ihr alles.«
+
+Mariechen erzählte nun Tante Toni, wie vorhin der Streit zwischen Otto
+und Rudi entstanden war. Tante Toni hörte aufmerksam zu, dann sagte sie:
+
+»Es ist mir schon mehrmals aufgefallen, daß Otto und Lilly nicht nett
+mit Rudi sind.«
+
+»Nicht wahr, du hast es auch bemerkt?« rief Mariechen eifrig. »Was mögen
+sie nur gegen den guten Rudi haben? Otto neckt und ärgert uns ja alle
+gern, aber doch ganz besonders den Rudi -- er weiß, daß der Rudi
+Spöttereien nicht vertragen kann; er weiß aber auch, daß Rudi ihm nichts
+tun darf. Du kannst mir glauben, Tante Toni, ich habe schon manchmal
+gemerkt, wie Rudi an sich gehalten und wie er sich beherrscht hat --
+aber wenn dann Otto gar nicht aufhört und nur immer ärger kommt, dann
+bricht er halt los, und man kann's dem kleinen Buben doch nicht so
+streng anrechnen, wenn er im Zorn einmal ein bißchen fest dreinschlägt;
+dann gibt's aber jedesmal ein Gebrüll und ein Getue, wie du es vorhin
+gehört hast, und die ganze Familie gerät in Aufregung, weil Otto doch
+keine so feste Gesundheit hat. Vor einiger Zeit hat er sich nach solch
+einer Balgerei sogar ein paar Tage ins Bett gelegt und hat behauptet,
+es sei ihm entsetzlich übel; als ich ihm aber ein großes Stück Kuchen
+brachte, da hat er's mit dem besten Appetit verzehrt, und wie dann Onkel
+Wulff von einem Ausflug in die Lichtenau sprach, da war Herr Otto
+plötzlich wieder gesund. Und Lilly hält zu Otto -- bei sich zu Hause
+streiten sie auch miteinander, aber gegen uns halten sie stets zusammen.
+Und wirklich, Tante Toni, wir lassen uns viel von den beiden gefallen,
+denn sie tun uns ja doch wieder so leid, weil ihre Mutter tot ist.«
+
+Tante Toni seufzte und ging eine Weile schweigend neben Mariechen her.
+Endlich sagte sie: »Wir wollen unsere Hoffnung auf Ottos erste heilige
+Kommunion bauen, und wir wollen recht eifrig für ihn beten, liebes
+Mariechen. Otto und Lilly waren doch so liebe, herzige Kinder, als sie
+noch klein waren -- und sie haben auch einen so vorzüglichen Vater!«
+
+»O ja, Tante Toni! Sie hängen aber auch beide sehr an ihrem Vater, und
+wenn Onkel Robert dabei ist, dann sind sie einfach musterhaft. Ach, es
+ist recht schade, daß er immer so viel zu tun hat!«
+
+In diesem Augenblick kam Anna herbeigesprungen: »Tante Toni und Mieze,
+wo bleibt ihr denn? Schnell kommt Kaffee trinken, sonst kriegt ihr
+nichts mehr; denn der arme Otto hat von seinem Sturze einen wahren
+Heißhunger davongetragen. Er hat schon verschiedene Rosenbrötchen, zwei
+Stücke Kuchen und drei Bretzeln verschlungen!«
+
+
+
+
+ Drittes Kapitel.
+
+ Was die Kinder werden wollen.
+
+
+Als Tante Toni und Mariechen ins Haus kamen, fanden sie wirklich die
+ganze Gesellschaft um den Kaffeetisch versammelt. Otto machte noch ein
+etwas leidendes Gesicht, aber die Besorgnisse seiner Tanten verflogen
+doch gänzlich, als sie sahen, mit welchem Behagen er in seine Bretzel
+biß.
+
+»Wenigstens die fünfte!« flüsterte Anna dem Mariechen zu.
+
+»Ei, da ist ja auch Leo!« rief Tante Toni erfreut aus, als sie den
+kleinen, dicken Burschen auf einem hohen Kinderstühlchen am Tisch sitzen
+sah.
+
+»Ja, ich darf heut' mit den Großen Kaffee trinken, damit du auch eine
+Freude hast«, erklärte der Kleine mit überzeugtem Tone, und wichtig
+fügte er hinzu: »Tante, das Minnichen kann schon beinah' >Toni< sagen;
+es macht schon: >Mieh -- Mieh<!«
+
+»Wirklich? Das ist aber schön und das freut mich; später gehe ich auch
+mit dir hinauf, und dann muß Minnichen es mir vorsagen.«
+
+Jetzt kam Mariechen mit der großen Kaffeekanne. »Darf ich dir
+einschenken, Tante?«
+
+»Gewiß, Mariechen! Ich danke dir. Aber wo sind denn die Papas?«
+
+Kurt antwortete: »Papa und Onkel Helmer wollten ein bißchen spazieren
+gehen; sie werden aber nicht weit gekommen sein, denn es fängt gerade an
+zu regnen.«
+
+»Und Onkel Robert?«
+
+»O, der Papa hat heute wieder arg viel zu tun«, erklärte Lilly wichtig.
+»Erst mußte er noch einen großen Artikel für seine Zeitung schreiben,
+und dann wartete er auch noch auf verschiedene Leute, mit denen er zu
+sprechen hat.«
+
+»Also nicht einmal den Sonntagnachmittag kann er sich frei machen!«
+
+Frau Wulff flüsterte ihrer Schwester halblaut zu: »Der arme Robert ist
+wieder arg angegriffen worden. Er wird schließlich doch noch zu Gericht
+gehen müssen, um Ruhe zu bekommen.«
+
+Otto hatte die Ohren gespitzt und einiges verstanden. Ärgerlich rief er
+aus: »Ich möchte, Papa jagte die ganze Zeitungsgeschichte zum Kuckuck
+und er würde etwas anderes als Redakteur!«
+
+»Aber Otto, wie kannst du so etwas sagen! Du weißt doch, daß dein Vater
+der Anführer und Leiter der Katholiken hier ist. Ich wüßte niemand, der
+ihn ersetzen könnte, wenn er sich zurückziehen wollte.«
+
+»Er hat aber doch nur Last und Arbeit und noch dazu Ärger mehr wie genug
+-- und es dankt's ihm kein Mensch!«
+
+»Gewiß, Otto, ich weiß viele, die mit großer Liebe und Verehrung an
+deinem Vater hängen.«
+
+»O Tante Toni, es sind noch viel mehr, die ihn beschimpfen und
+verleumden!«
+
+»Das passiert jedem, der mit Eifer und Erfolg eine gute Sache vertritt.
+Ein mutiger Soldat wirft deshalb seine Flinte nicht ins Korn!«
+
+»Na, Tante Toni, ich werde jedenfalls mal nicht Redakteur des
+>Mainboten<!«
+
+»Ei, Otto, das von dir zu hören, tut mir wirklich leid. Ich hätte
+gedacht, du würdest einmal mutig in die Fußstapfen deines Vaters treten
+und es dir zur Ehre anrechnen, so wie er all deine Kraft für die gute
+Sache einzusetzen. Es fehlt dir also der Mut dazu?«
+
+»Nein, der Mut nicht, aber die Lust!«
+
+»O--h!« machte Tante Toni gedehnt, und sie sah Otto dabei mit ihren
+klaren Augen so durchdringend an, daß er verlegen auf seinen Teller
+blickte, und als Tante Toni nun weiterfragte: »Was möchtest du denn
+werden?« da antwortete er ausweichend: »Ich weiß es noch nicht recht --
+vielleicht Reiteroffizier.«
+
+»Ich geh' einmal zur Marine«, erklärte hierauf Paul mit Bestimmtheit.
+
+»Und ich wahrscheinlich auch«, ließ sich sein Zwillingsbruder Kurt
+vernehmen, »aber nicht als Offizier, sondern als Arzt oder
+Naturforscher, damit ich mich mal einer Nordpolexpedition anschließen
+kann.«
+
+»So, du möchtest wohl ein berühmter Reisender werden, wie z. B. Fridtjof
+Nansen? Nun, und du, Philipp?«
+
+»O Tante, den brauchst du gar nicht zu fragen!« riefen die andern Kinder
+lachend. »Der Philipp, der muß Ingenieur werden; der hockt ja jetzt
+schon die meiste Zeit in der Fabrik und bosselt an den Maschinen herum.«
+
+»Denke nur, Tante«, erzählte Rudi, »neulich war an der neuen
+Dampfmaschine etwas nicht in Ordnung; man wollte schon dem Monteur
+telegraphieren, der sie aufgestellt hat, aber da hat der Philipp
+herausgefunden, woran es lag, und der Maschinist hat gesagt: >Das ist
+aber mal ein Hauptkerl!<« Und Rudis Augen leuchteten vor Freude und
+Stolz über seinen tüchtigen Bruder.
+
+»Recht so, Philipp, das höre ich gern; da bekommt der Papa an dir später
+eine gute Hilfe in dem großen Betrieb.« Und Tante Toni nickte dem Neffen
+freundlich zu. Dieser war etwas rot geworden, hatte sich aber weiter
+nicht in seiner Gemütsruhe stören lassen.
+
+»So, nun müssen aber auch die andern heraus mit der Sprache!« rief Tante
+Toni lustig. »Also Mariechen, wie steht es mit dir?«
+
+Ehe Mariechen noch antworten konnte, rief Anna lachend: »O, das ist eine
+Betschwester -- die ginge ins Kloster, wenn es dort nur einen Spiegel
+gäbe!«
+
+»Halt den Schnabel, vorlautes Ding; du bist ja nicht gefragt!«
+
+»Ich danke dir, teurer Bruder Paul, für die liebevolle Zurechtweisung!«
+
+»Zankt euch doch nicht wieder, ihr beiden, und laßt Mariechen endlich zu
+Wort kommen.«
+
+»O, ich habe nicht viel zu sagen«, meinte Mariechen errötend. »Vorläufig
+lerne ich recht fleißig, damit ich später mein Examen machen kann. Das
+weitere wird sich dann schon finden.«
+
+»Bravo, Mieze!«
+
+Aber Anna konnte das Necken nicht lassen; sie machte ein drollig
+zerknirschtes Gesicht und rief aus: »Mieze, du bist einfach ein
+Musterkind. Ich fühle mich wirklich so unwürdig, neben dir zu sitzen,
+daß ich meine, der Erdboden müßte mich verschlingen.« Und damit
+verschwand sie unter dem Tisch.
+
+Alle lachten; auch die geneckte Mieze lachte herzlich mit, dann rief sie
+munter:
+
+»Nun hast du so gut für mich geantwortet; jetzt sprich für dich selbst;
+also ich frage dich feierlich: Was willst du werden, Anna Wulff?«
+
+»Nun, ich heirate natürlich«, klang es unter dem Tisch herauf.
+
+Wieder entstand allgemeines Gelächter.
+
+»Was gibt's denn da zu lachen?« Und Annas Kopf tauchte empor.
+
+»Zum Heiraten gehören zwei«, belehrte Kurt mit weiser Miene.
+
+»Das weiß ich doch, daß ich mich nicht selbst heiraten kann. Ich heirate
+den netten holländischen Jungen, mit dem wir voriges Jahr im Seebad
+gespielt haben.«
+
+»O, den dicken Jan!« lachte Kurt. »Du bist nicht dumm, Änne, denn sein
+Vater ist Millionär. Ob der dich aber will?«
+
+»O, der wird schon wollen!« versicherte Anna in überzeugtem Ton.
+
+»Ich bin noch nicht gefragt worden«, meldete sich nun Lilly.
+
+»Also, Lilly, leg' los! Ich wette, du wirst eine alte Jungfer!«
+
+Lilly warf ihrem Vetter Paul einen sehr entrüsteten Blick zu und
+entgegnete: »Fällt mir nicht ein, eine alte Jungfer zu werden -- da
+heirat' ich doch noch eher einen von euch!«
+
+»Ums Himmels willen, doch nicht mich?« schrie Paul in komischem
+Entsetzen auf, und er streckte wie abwehrend die Hände aus.
+
+»Nein, dich mag ich gar nicht, du bist mir zu grob -- aber vielleicht
+den Philipp!«
+
+Philipp machte ein äußerst verblüfftes Gesicht bei dieser Erklärung.
+
+»Warum denn gerade mich?« fragte er in kläglichem Ton.
+
+»Du bist der gutmütigste von allen, und dich werde ich schon bald unter
+den Pantoffel kriegen«, erklärte Lilly mit einem siegesgewissen Blick
+auf ihren Vetter, der dasaß mit der Miene eines Opferlammes, welches zur
+Schlachtbank geführt werden soll.
+
+Die andern schrien vor Lachen. Frau Wulff, welche gerade der Tante Luise
+Helmer eine neue Tasse Kaffee einschenken wollte, schüttete vor lauter
+Lachen daneben; Mieze hielt sich die Seiten und bog sich; Anna hatte
+sich verschluckt, und lachend, hustend und pustend verteidigte sie sich
+gegen ihre Brüder, die ihr allzu diensteifrig und kräftig ans den Rücken
+klopften.
+
+»Genug, Kinder, genug!« rief Tante Toni in den Tumult hinein; aber sie
+mußte selbst wieder von neuem lachen, und es dauerte noch eine kleine
+Weile, ehe sie fortfahren konnte: »Wir sind ja noch nicht fertig. Wer
+ist denn an der Reihe, gefragt zu werden?«
+
+»Der Rudi, der Rudi!« hieß es, und Otto fügte mit geringschätziger Miene
+hinzu:
+
+»Den brauchst du gar nicht zu fragen, Tante Toni; der will Kutscher
+werden!«
+
+»Ach, Otto, das hab' ich doch nur früher gesagt, als ich noch ganz klein
+war!« verteidigte sich Rudi.
+
+»Ei, was bist du denn jetzt? Bildest du dir vielleicht ein, du wärest
+schon groß?«
+
+»Geh', Otto, sei nur still! Als du noch so ein kleiner Bubi warst wie
+hier das Leomännchen, da wolltest du auch Kutscher werden.«
+
+»Aber Tante Toni!«
+
+»Gewiß; ich war damals ja längere Zeit bei euch; und wie oft hast du
+deine hölzernen Pferdchen an meinen Stuhl gespannt und mich so in der
+Welt herumkutschiert!«
+
+»Aber doch nicht wirklich, Tante Toni?« fragte Leomännchen, der mit
+sichtlichem Interesse zugehört hatte.
+
+»Nein, natürlich nur im Spiel. Und du, mein Leobübchen, du willst gewiß
+auch Kutscher werden?«
+
+»O nein -- ich werde Kaiser«, erklärte der Kleine mit Bestimmtheit.
+
+»O, Kaiser -- nur Kaiser!« riefen alle erstaunt und belustigt. Tante
+Toni belehrte lächelnd:
+
+»Kaiser kann man aber nur werden, wenn man ein Prinz ist.«
+
+»Ich heirat' einfach eine Prinzessin, dann werd' ich ein Prinz.«
+
+»O Dummerchen! Eine Prinzessin, die will dich doch nicht«, spottete
+Anna.
+
+»Dann heirat' ich zur Straf' gar nicht!« Und Leomännchen wandte sich
+gekränkt ab.
+
+»Ach, was für eine entsetzliche Strafe!« schrie Anna lachend. Dann
+streckte sie wie flehend die Hände nach ihrem Brüderchen aus und rief:
+»Gnade, Kaiserliche Majestät! Die arme Prinzessin wird sich zu Tode
+grämen!«
+
+Der Kleine sah Anna mit mißtrauischer Miene an. Er wußte nicht recht,
+was sie eigentlich meinte, aber er fühlte doch heraus, daß sie sich über
+ihn lustig machte; deshalb sagte er ärgerlich: »Geh' weg, böse Anna, du
+willst mich doch nur wieder ärgern!«
+
+»Verstoßen! -- ich bin verstoßen von Seiner Kaiserlichen Majestät!«
+jammerte Anna in komischer Verzweiflung; dann hielt sie der Mutter ihren
+Teller hin und flehte mit zitternder Stimme: »Ach, Kaiserin-Mutter,
+erbarmen Sie sich doch meiner und geben Sie mir zum Trost noch ein Stück
+Kuchen!«
+
+Die Mutter lächelte nachsichtig: »Da hast du dein Stück Kuchen, kleine
+Komödiantin!«
+
+»Meinen innigsten, meinen untertänigsten Dank!« Und dem kleinen Leo den
+Kuchen hinhaltend, fügte sie hinzu: »Auf dein Wohl, o großer, berühmter
+Kaiser, werde ich diesen Kuchen verspeisen.« Dann streckte sie ihrem sie
+erstaunt anblickenden Brüderchen die Zunge heraus und biß in den Kuchen.
+
+»Aber pfui, Anna, was gibst du dem Kleinen für ein schlechtes Beispiel!«
+rügte die Mutter.
+
+Leomännchen aber hatte schon Tränen in den Augen, und er rief entrüstet:
+»Böse Anna, unartige Anna!« worauf diese entgegnete: »Süßes Leomännchen,
+herziges, zuckeriges Leobübchen, großer Kaiser!«
+
+»Ach, so laß mich doch mal endlich in Ruh, du garstiges Ding!« Und große
+Tränen rollten über Leos runde Bäckchen.
+
+»Ach, ein weinender Kaiser!« Und Anna deutete mit dem Finger nach ihm.
+
+»So, Anna, nun ist's genug; du läßt mir jetzt den Kleinen in Ruh!«
+befahl die Mutter in strengem Ton. Sich dann an alle andern wendend
+fügte sie hinzu: »Ich denke, wir sind fertig und gehen nun hinüber ins
+Wohnzimmer, damit die Mädchen hier den Tisch abräumen können.«
+
+Kaum hatte Tante Toni sich im Wohnzimmer niedergelassen, da krabbelte
+Leomännchen auch schon auf ihren Schoß; die andern Kinder lagerten sich
+um sie herum und riefen: »Bitte, Tante Toni, erzähle uns etwas!« Und
+Tante Toni erzählte den aufmerksam horchenden Kindern lustige und ernste
+Geschichten, bis Tante Luise Helmer erklärte: »Nun ist's genug; Tante
+Toni ist sicher müde, und für uns ist es nun Zeit, nach Hause zu gehen.
+Kommt, Mariechen, Philipp und Rudi, macht euch zurecht und verabschiedet
+euch!«
+
+Später, als Tante Toni mit den Kindern das Abendgebet verrichtet hatte,
+wollte sie den kleinen Leo zu Bett bringen. Der blieb aber knien und
+erklärte: »Ich bin noch nicht fertig, ich habe noch etwas zu beten.«
+Dann faltete er wieder seine Händchen, und zum Kreuzbilde emporblickend
+betete er inbrünstig:
+
+»Ach, lieber Gott, ich bitte dich recht sehr, schick' doch den Storch,
+daß er die Anna wieder fortholt; wir können sie nicht brauchen, sie ist
+wirklich zu bös. In Ewigkeit. Amen.« Dann stand er mit befriedigter
+Miene auf. Anna jedoch machte ein recht verdutztes Gesicht; sie wußte
+nicht recht, ob sie lachen oder sich ärgern sollte. Sie sagte aber
+nichts, sondern schlich sich still hinaus.
+
+
+
+
+ Viertes Kapitel.
+
+ Es wird spazierengegangen; man begegnet der alten Babett; Anna wird
+ Prophetin und Rudi Schwanenritter.
+
+
+Am nächsten schulfreien Nachmittag waren wieder alle Kinder im
+Wulffschen Garten versammelt; sie waren zum Spaziergang gerüstet und
+warteten auf Tante Toni. Diese trat eben aus der Haustüre, die kleine
+Toni an der Hand führend.
+
+»Was, soll die auch mit?« rief Otto ärgerlich. »Warum denn nicht auch
+der Leo und das Minnichen und die zwei Jüngsten von Tante Luise? Ich
+könnte mich ja vor den Kinderwagen spannen!«
+
+Klein Toni sah mit ängstlich flehenden Augen zur Tante empor. Diese sah
+etwas ärgerlich aus, als sie antwortete: »Ich habe Toni versprochen, sie
+mitzunehmen, und sie geht mit. Übrigens, mein lieber Otto, ich werde
+auch in Zukunft zu unsern Spaziergängen einladen, wen ich will, ohne
+dich erst um Erlaubnis zu fragen.«
+
+Und sich dann an alle Kinder wendend fragte sie: »Wie steht es denn mit
+den Aufgaben? Seid ihr alle fertig?«
+
+»Ja, ja, wir sind fertig!« riefen mehrere Stimmen; nur die größeren
+Knaben und Mariechen hatten noch einiges zu lernen; aber Tante Toni
+meinte:
+
+»Nun, da wir um 6 Uhr zurück sein werden, habt ihr diesen Abend noch
+Zeit zum Studieren. Aber Kurt und Philipp, was schleppt ihr denn da in
+den schweren Rucksäcken?«
+
+»Ei, Tante, unser Vieruhrbrot!«
+
+»Nun, da scheint mir aber Vorrat für ein ganzes Bataillon zu sein!«
+
+»O Tante, wart's mal ab! Du wirst sehen, daß wir nichts davon
+heimbringen werden.«
+
+»Und dem Philipp kannst du ein bißchen auf die Finger sehen, Tante; der
+hat immer schon eine halbe Stunde nach dem Mittagessen wieder Hunger,
+und er könnte ...«
+
+»O, sei ruhig, Rudi«, lachte Mariechen, »ich habe den Rucksack gut und
+fest zugebunden; er kriegt ihn so leicht nicht auf!«
+
+»Also, nun vorwärts, Kinder!« mahnte Tante Toni. Als sie aber bemerkte,
+daß Paul auf die andere Seite der Straße hinüberging, fragte sie
+verwundert: »Warum gehst du so abseits, Paul? Warum bleibst du nicht bei
+uns?«
+
+»Ach, Tante, die Leute schauen uns so an und lachen, weil wir so viele
+sind!«
+
+»Ei, das tut doch nichts! Die Leute sind von früher daran gewöhnt. Sieh,
+der alte Uhrmacher Müller, wie er dort vor seiner Türe steht und mit dem
+ganzen Gesicht lacht! Wie oft hat er vor Jahren euern Großvater mit
+seinen zehn Kindern hier vorbeikommen sehen! Ja, es war immer die größte
+Freude meines lieben Vaters, wenn keines seiner Kinder beim Spaziergang
+fehlte.«
+
+»Tante Toni, ich möchte, der Großpapa und du, ihr zöget wieder hierher;
+das wäre doch schön! Möchtest du es nicht?«
+
+»Ich möchte es wohl ganz gern; denn hier bin ich geboren, hier habe ich
+meine Kindheit und meine erste Jugend verbracht. Anderseits täte es mir
+aber auch wieder leid, von Walden wegzugehen; dort ist eure liebe
+Großmama gestorben; dort wohnen drei meiner Geschwister; dort haben wir
+ein zweites, liebes Heim gefunden.«
+
+»Gibt es in Walden auch so schöne Spaziergänge wie hier, Tante?«
+
+»Es gibt dort wohl auch schöne Spaziergänge, aber doch nicht so
+mannigfaltig wie hier; auch muß man erst ein gut Stück über staubige
+Landstraßen gehen, ehe man an schöne Punkte oder schattige Wege kommt.
+Hier dagegen stößt dies herrliche kleine Tal gleich an die Stadt, es
+führt nicht nur zum Fasanenwald, sondern noch zu verschiedenen andern,
+wirklich schönen Aussichtspunkten. Bleibt doch einmal stehen, Kinder,
+und schaut euch von hier aus die Klosterruine dort drüben über dem See
+an. Die Bäume da bilden den Rahmen, im Vordergrund seht ihr die saftig
+grüne Wiese, dahinter die Ruine auf ihrer kleinen Insel, zwischen
+Baumgruppen hervorlugend -- könnt ihr euch ein schöneres Bild denken?
+Aber ihr seid so an diesen Anblick gewöhnt, daß ihr achtlos daran
+vorbeigeht!«
+
+»Doch nicht, Tante Toni, ich habe die Ruine sehr gern, und ich habe sie
+schon oft von hier aus betrachtet und auch in der Nähe.«
+
+»Natürlich, Tante, das müßtest du dir doch denken können! Es ist ja eine
+Klosterruine -- wie könnte Mieze gleichgültig an einer Klosterruine
+vorbeigehen!«
+
+»Ach, Anna, mußt du schon wieder anfangen!«
+
+Aber Anna ließ sich nicht irremachen, sondern sie fuhr eifrig fort: »Sie
+hat schon mal geträumt, das Kloster sei wiederhergestellt worden und sie
+selbst walte darin als Äbtissin. Da man aber keinen Spiegel mit ins
+Kloster nehmen darf, hat sie sich eine Zelle ausgesucht, von der aus sie
+sich im See spiegeln kann.«
+
+»O Änne, da müßte der See aber erst gründlich gereinigt werden; denn aus
+diesem schlammigen Wasser ...«
+
+»Kann ihr höchstens das Bild des Wassermannes entgegengrinsen, das
+meinst du doch, Tante Toni, nicht wahr? Ja, und dann reckt er die
+hageren langen Arme aus dem Wasser hervor -- er greift nach der schönen
+Nonne in den wallenden weißen Gewändern -- er faßt sie beim Schleier und
+zieht sie hinunter in die Tiefe!«
+
+»Gräßlich, Änne! Wo hast du das wieder her?« Und Mariechen schüttelte
+sich schaudernd.
+
+»Die Nonne mit den wallenden weißen Gewändern, die stammt wohl aus
+irgendeinem Gedicht. Aber was ist denn das für ein Orden?«
+
+»Nun«, verteidigte sich Anna, »das ist ein Orden, den Mariechen einmal
+gründen wird. Sie liebt doch die weißen Kleider viel zu sehr, um sich
+mal in eine schwarze oder braune Kutte zu stecken. Und in ihrem Orden
+braucht man sich auch nicht die Haare schneiden zu lassen -- es wäre
+doch schade um ihre schönen blonden Locken! Und ihre Nagelfeile und die
+Bürstchen nimmt sie auch mit.«
+
+Mariechen war ganz rot und verlegen geworden, aber sie mußte doch
+lachen. Auch Tante Toni lachte, und Mariechen um die Schulter fassend
+rief sie scherzend: »Nun weiß ich doch, daß Miezchen auch einen kleinen
+Fehler hat und ein bißchen eitel ist!«
+
+»Eitel ist sie eigentlich nicht«, nahm Philipp seine Schwester in
+Schutz. »Denn wirklich eitle Mädchen, die putzen sich doch
+hauptsächlich, um sich dann auch von den Leuten begaffen zu lassen, und
+sie freuen sich, wenn man sie schöner findet als die andern. Unserer
+Mieze dagegen ist es schon genug, wenn sie nur nett und ordentlich
+aussieht, und sie hat es gar nicht gern, wenn man sie so viel anschaut;
+und wenn ihre Bekannten schönere Kleider haben als sie, da macht sie
+sich nichts daraus.«
+
+»O, ich auch nicht!« rief Anna mit geringschätziger Miene.
+
+»Ja, Änne, dir sieht man's auf den ersten Blick an, daß du nicht eitel
+bist!«
+
+»Schlampig ist sie einfach, die Änne!« entrüstete sich Kurt. »Du
+könntest wenigstens deinen Schuhriemen ordentlich binden und deinen
+Strumpf heraufziehen -- man schämt sich ja wirklich, mit dir zu gehen!«
+
+»Puh, Kurt, tu' nur nicht so! Bis wir heute abend nach Hause kommen,
+wirst du wohl auch ein Loch in der Hose oder im Strumpf haben!«
+
+»Das kann schon sein, das ist aber doch etwas ganz anderes!«
+
+»Kommt, Kinder, fangt keinen Streit an!« suchte Tante Toni zu
+beschwichtigen. »Ich meine, wir wollen durch den Park und über die
+kleine Brücke gehen; oder geht ihr lieber neben dem Parke her über die
+große Brücke? -- Aber wo ist denn der Rudi? Den seh' ich ja gar nicht
+mehr!«
+
+»Der ist sicher wieder irgendeinem Getier nachgelaufen«, meinte
+Mariechen. »Es ist unglaublich, was der alles aufstöbert und heimbringt
+-- neulich kam er mit vier kleinen Fröschen heran.«
+
+»Sogar ein Heimchen hat er einmal gefangen.«
+
+»Rudi! -- Rudi! -- Wo steckst du?«
+
+Keine Antwort.
+
+»Wir wollen mal alle zu gleicher Zeit rufen«, schlug Paul vor, »da wird
+er uns wohl hören. Also aufgepaßt -- auf drei wird geschrien. Eins,
+zwei, drei!«
+
+Und »Rudi!« schallte es vielstimmig, so daß Tante Toni sich erschrocken
+die Ohren zuhielt.
+
+»Horcht, ich meine, ich hätte ihn antworten hören!«
+
+»Richtig, da kommt er ja gelaufen!«
+
+»Und schmutzig ist er!«
+
+»Aber Rudi, wie siehst du aus! Was hast du denn angefangen?« Und Tante
+Toni sah den kleinen Burschen, der mit zerzausten Locken, verkratztem
+Gesicht und übel zugerichteter Kleidung herankam, vorwurfsvoll an.
+
+»Ach, Tante, ich habe so ein schönes Eichhörnchen gesehen, da wollte ich
+mir's gerne genauer anschauen; deshalb schlich ich ihm leise nach, und
+als ich ihm auf einen Baum nachkletterte -- ja, da bin ich halt ein
+bißchen heruntergepurzelt.«
+
+»Ein bißchen viel sogar, wie mir scheint!«
+
+»Ich hab' mir aber nicht viel weh getan«, versicherte er treuherzig.
+
+»Aber deinem Strumpf hast du recht weh getan und deinem Anzug. Da wird
+sich die liebe Mutter freuen!«
+
+Rudi senkte beschämt den Lockenkopf: »Ach, es war aber doch ein _so
+schönes_ Eichhörnchen mit einem so langen, dicken Schwanz!«
+
+»Du wirst von nun an schön in unserer Nähe bleiben, mein lieber Bub.«
+Und sich an alle Kinder wendend fuhr Tante Toni fort: »Ich möchte euch
+überhaupt alle bitten, daß ihr immer schön beisammenbleibt, daß sich
+keines absondert. Auch hernach, wenn ihr oben beim Tempelchen spielen
+dürft, da müßt ihr doch alle in Rufweite bleiben, so daß ihr mich immer
+hören könnt, wenn ich euch zurückrufe. Wollt ihr mir das versprechen?«
+
+»Gewiß, Tante Toni!« versicherten die Kinder, und der Zug setzte sich
+wieder in Bewegung.
+
+Nachdem die kleine Eisenbahnbrücke überschritten war, führte Tante Toni
+ihre Bande den Waldsaum entlang, und sie betrachtete sinnend die
+liebliche Gegend, die sich zu ihrer Linken ausbreitete. Als der Wald und
+mit ihm der Weg eine kleine Biegung nach rechts machte, blieb sie stehen
+und sagte:
+
+»Seht, Kinder, wenn wir früher mit unserem Vater hier spazierengingen,
+dann blieb er stets an dieser Stelle stehen, um die schöne Aussicht zu
+genießen. Er kannte jeden Berg da drüben, jeden Wald, jedes Dorf.«
+
+»Unser Papa auch!« riefen Otto und Lilly gleichzeitig aus, und Otto fuhr
+fort: »Und der Papa hat uns auch schon von den Ausflügen erzählt, die
+ihr früher mit dem Großpapa gemacht habt, und er hat uns versprochen, er
+würde mit uns große Spaziergänge durch den Spessart machen, wenn wir
+einmal größer sind.«
+
+»Tante Toni, warst du auch schon auf all diesen Bergen?« fragte nun
+klein Tonichen.
+
+»Auf vielen, aber doch lange nicht auf allen. Wir waren zuviele, und da
+die größeren Ausflüge teilweise zu Wagen gemacht wurden, konnte Großpapa
+uns nicht alle auf einmal mitnehmen, und wenn eine besonders große Tour
+gemacht werden sollte, dann gingen die Knaben mit und die Mädchen mußten
+zu Hause bleiben.«
+
+»Natürlich, immer die Mädchen, als ob die nicht gerade so gut laufen
+könnten wie die Buben!« schmollte Anna.
+
+»Ja, Anna, _du_ kannst auch gut laufen«, und Tonichen stieß einen
+kleinen Seufzer aus.
+
+»Anna hätte eigentlich ein Bub sein sollen«, behauptete Philipp.
+
+»Ja, und du ein Mädchen, gelt, Philippinchen?« neckte Kurt.
+
+Philipp errötete und rief heftig abwehrend aus: »Gott behüte! Nicht um
+die Welt möcht' ich ein Mädchen sein!«
+
+»Siehst du nun, Philipp! Und du behauptest doch so oft, wir Mädchen
+hätten es besser als die Buben.«
+
+»Das habt ihr auch; wenigstens bequemer.«
+
+»Ei, Philipp«, mischte sich Tante Toni ein, »findest du zum Beispiel,
+daß deine Mutter es so bequem hat? Sie ist des Morgens die erste auf und
+des Abends die letzte, die sich zur Ruhe begibt, und unter Tags habe ich
+_dich_ schon öfter auf dem Sofa gesehen als deine Mama.«
+
+»Ja, die Mama, das ist auch etwas ganz anderes!«
+
+»Nun, und Tante Maria Wulff? -- Und noch recht viele könnte ich dir
+nennen, welche ...«
+
+»Ja, Tante, das sind auch keine Mädchen mehr; ich spreche ja nur von den
+Mädchen.«
+
+»Nun gut, so sprechen wir von den Mädchen. Nehmen wir zum Beispiel hier
+unser Mariechen. Inwiefern hat sie es denn besser als du? Sie braucht
+allerdings kein Latein, kein Griechisch und keine Mathematik zu lernen,
+trotzdem hat sie reichlich viel Schularbeiten; sie hat ferner ihre
+Musikstunden, muß täglich Klavier üben; in ihrer freien Zeit muß sie
+auch oft auf die kleinen Geschwister achtgeben, und ich habe mir sagen
+lassen, daß sie einem ihrer Brüder schon manchen Knopf angenäht hat, daß
+sie sogar im lateinischen Wörterbuch schon ziemlich Bescheid weiß, weil
+sie eben dem betreffenden Herrn Bruder häufig beim Nachschlagen der
+Wörter hilft.«
+
+Philipp sah beschämt und verlegen drein; aber bald hob er den Kopf und
+bekannte offen und ehrlich: »Ja, Tante, du hast recht. Aber unsere Mieze
+ist auch wirklich eine gute Schwester.«
+
+»Und auch eine gute Cousine!« rief Anna, und die andern stimmten bei,
+nur Lilly klagte:
+
+»Sie ist nur zu streng, und sie will immer recht haben!«
+
+Die andern schauten Lilly mißbilligend an, und Kurt erklärte in sehr
+bestimmtem Tone: »Sie hat auch immer recht; dir gegenüber mal ganz
+gewiß.«
+
+Lilly wurde ganz rot vor Ärger, und schon wollte sie eine recht unartige
+Antwort geben, da legte sich Ottos Hand auf ihren Mund: »Schnell, Lilly,
+weg, da kommt die alte Babett!« flüsterte er, sie mit sich fortziehend;
+aber es war schon zu spät, denn eben war ein ganz altes, verhutzeltes
+Weiblein aus dem Walde gehumpelt und blieb gerade vor Otto und Lilly
+stehen. Es schaute die beiden Kinder aufmerksam an und nickte dabei mit
+dem wackeligen Kopf; endlich sagte es mit etwas krächzender Stimme: »Ja,
+ja, ich weiß schon, ihr seid die Kinder vom Herrn Robert, und die annern
+da, die sind vom Fräule Luische und vom Marieche.«
+
+»Und ich, Babett, wer bin denn ich?« fragte Tante Toni lächelnd. »Kennen
+Sie mich noch?«
+
+Die Alte richtete ihre kleinen, rot unterlaufenen, aber noch scharfen
+Äuglein auf Tante Toni, da hellte sich auf einmal ihr Gesicht auf und
+sie rief freudig erstaunt: »Ach, du lieber Gott, des is ja des Toniche,
+des gute Fräule Toniche von's Mehrings drauße aus dem große Garte! Ach,
+was hab ich Ihne aber schon so lang nit mehr gesehn, und was sind Se für
+e groß, schön Mädche geworde!«
+
+»Sogar ein ziemlich altes Mädchen bin ich inzwischen geworden«, lachte
+Tante Toni. »Nun, wie geht's denn, Babett?«
+
+»Na, Toniche -- ich will sage Fräule Toniche --, es geht halt so, wie
+unser Herrgott will. Recht alt bin ich halt schon, und ma werd e bißche
+däppelich, wenn mer so über achzig Jahr auf seim Buckel mitschleppe muß.
+Aber e Hex bin ich nit, -- nein, Kinnercher, e böse Hex bin ich nit, und
+ich möcht niemand etwas zuleid tun.« Dabei schaute sie wieder auf Otto
+und Lilly hin, und dann fuhr sie halblaut, wie zu sich selbst sprechend,
+fort: »Es war aber noch eins dabei«, und sie schaute von einem Kind zum
+andern, bis ihr Blick auf Anna haften blieb, die sich halb hinter Tante
+Toni versteckt hatte. Tante Toni und die Helmers-Kinder sahen
+verwundert drein und konnten sich nicht denken, was die Alte eigentlich
+wollte. Die aber fuhr, zu den Kindern gewendet, fort:
+
+»Ach, Kinnercher, ich hab' eure Eltern ja gekannt, wie se noch ganz
+klein warn. Und der Robert, was war des für e wilder, aber e guter Bub!
+Einmal, da is er in seiner Wildheit so grad an mich angerannt, wie ich
+mit eme Bündel Reisig daherkomme bin, so daß ich mitsamt meim Reisig in
+de Chausseegrabe neingeborzelt bin. Erst hat er halt lache müsse über
+mein unfreiwillige Borzelbaum, dann hat aber doch gleich sei gut Herz
+die Oberhand kriegt, und er hat mer wieder naufgeholfe, und er hat mer
+auch all mei Reisig wieder schön zusammelese helfe, und zuletzt, weil er
+halt gar nix anners bei sich gehabt hat, wollt er mer sogar noch sei
+Klicker schenke! Hähähä!« -- Die Alte schüttelte sich vor Lachen. »Ja,
+denkt euch, sei Klicker wollt er mer schenke, und weil ich die doch nit
+habe wollt, da hat er nachher seiner Mutter kei Ruh gelasse, bis se mer
+en Rock und e warm Halstuch geschenkt hat. Ja, Kinnercher, so e gut Herz
+hat er gehabt, der Robert -- ja, Gott hab' ihn selig!«
+
+»Aber der Robert lebt ja noch!« rief Tante Toni.
+
+»Ach ja -- richtig! Es is ja sei schön jung Frauche die, wo gestorbe is!
+Ja, ja, däppelich, e bißche däppelich werd mer halt, wenn mer so alt is.
+Aber bös bin ich nit, und wenn mer mich e alte Hex schimpft, dann tut
+mer des halt doch gar zu leid.«
+
+Da trat Anna mit sehr rotem Kopf, aber rasch und entschlossen hinter
+Tante Toni hervor, und der alten Babett die Hand bietend sagte sie:
+»Verzeih, Babett, es war recht garstig von mir neulich, und ich
+verspreche dir's, ich werd's nie mehr tun.«
+
+»Ach Gott, du bist halt e Liebes und e Braves!« rief Babett gerührt aus.
+»Ich hab' mir ja schon gleich gedacht, daß ihr's nit so bös gemeint
+habt; aber es tut einem halt doch weh.« Sie schaute nun auf Otto und
+Lilly, die hatten aber die Gesichter abgewendet und blieben stumm. Die
+alte Babett nickte noch ein paarmal mit dem wackeligen Kopf, endlich
+sagte sie zu den beiden: »Ich will recht für euer tot Mutterche bete.«
+Dann sich zu den andern wendend: »Na also, nix für ungut, Kinnercher,
+und grüß Ihne Gott, Fräule Toniche. Ich bin aber doch so froh, daß ich
+Ihne noch emol gesehn hab'. Grüß Gott, du allerbrävstes du!« Die letzten
+Worte waren an Anna gerichtet, und nun humpelte die Alte, auf ihren
+Stock gestützt, ihres Weges weiter.
+
+»Ich hätte wirklich nicht gedacht, daß die alte Babett noch lebt!« rief
+Tante Toni aus, während sie im Weitergehen sich nochmals nach dem alten
+Weiblein umdrehte. »Aber wo mag sie nur herkommen, so weit von der
+Stadt?«
+
+»Sie kommt gewiß wieder vom Wunderkreuz«, meinte Mariechen; »da pilgert
+sie hin, so oft es ihre alten Beine erlauben.«
+
+»So ganz allein! Und wenn sie nun einmal nicht mehr heim könnte?«
+
+»Wenn sie zu lang ausbleibt, dann kommt ihr der Christian entgegen.«
+
+»Wie, der Christian, unser früherer Gärtner?«
+
+»Ja, Tante Toni, der wohnt ja bei seiner verheirateten Tochter, und die
+alte Babett hat ein Zimmerchen im selben Hause. Wenn nun die Babett zum
+Wunderkreuz wallfahrtet, wie sie es nennt, dann geht ihr später
+Christian entgegen, und er führt sie nach Haus, und du kannst dir gar
+nicht denken, wie drollig das ist, wenn die beiden zusammen
+heimhumpeln; denn der Christian kann nicht viel besser gehen als die
+Babett, wegen seinem Schematismus.«
+
+»Schematismus?«
+
+»Ach, Tante, so nennt er sein Gliederreißen; er meint halt
+Rheumatismus.«
+
+»Aber das Allerkomischste ist doch, wenn sie sich unterwegs recht
+zanken«, mischte sich Kurt ein.
+
+»Wie, sie zanken sich?«
+
+»Ja, und da der Christian ein bißchen taub ist, schreit die Babett ihm
+ins Ohr, und der Christian spricht auch sehr laut, so daß man sie schon
+von weitem hört.«
+
+»Aber weshalb streiten sie denn? Ich meine doch, wenn der Christian ihr
+entgegengeht, um sie nach Hause zu führen, so ist das ein Zeichen, daß
+sie gut zusammen stehen -- sie sind ja nicht einmal verwandt
+miteinander.«
+
+»Sie zanken sich ja eigentlich auch nicht im Ernst -- aber die Babett
+will zum Beispiel immer den inneren Weg gehen, sie behauptet, hier
+draußen sei es zu windig; der Christian dagegen will draußen gehen, denn
+ihm ist es im Wald zu dumpf. Neulich sind wir mal mit Papa hinter ihnen
+hergegangen, da haben sie sich wieder um den Weg gezankt, bis dann
+endlich der Christian nachgegeben hat, und sie sind in den Wald
+eingebogen -- er hat aber doch gebrummt: >Ich bin nur froh, daß du nicht
+meine Frau bist, Babett!< Da ist die Babett aber bös geworden und hat
+geschrien: >Was denkst du denn von mir, du? Wenn ich deine Frau wär',
+dann wären wir natürlich draußen gegangen.< Da ist aber der Christian
+ganz verblüfft stehengeblieben und hat gefragt: >Du, Babett, was haste
+gesagt? _Meinen_ Weg wärst du mit mir gegangen, wenn du meine Frau
+wärst?< Und die Babett hat ganz stolz geantwortet: >Natürlich; meinst
+du denn, ich wüßt' nicht, wie es sich zwischen Mann und Frau gehört? Ich
+kenn' doch meinen Katechismus!< Der Christian hat sich hinter den Ohren
+gekratzt und hat sehr nachdenklich ausgesehen; endlich hat er ihr ins
+Ohr gerufen: >Ja, Babett, du hast schon recht; eigentlich gehört es sich
+auch so zwischen Mann und Frau -- aber in Wirklichkeit ist es nicht
+immer so.< Und dann schrie die Babett ihm wieder ins Ohr: >Schrei doch
+nicht so, Christian; _ich_ bin doch nicht taub, sondern nur du!< Da
+wollte der Christian widersprechen, aber die Babett ließ ihn gar nicht
+zu Wort kommen, sondern sie schrie weiter: >Bei dir war's freilich
+nicht so; grad umgekehrt war's bei dir: du hast erst deiner Frau
+gehorcht, und jetzt folgst du deiner Tochter.< Jetzt hat aber der
+Christian angefangen zu lachen, und er hat ausgerufen: >Und noch jemand,
+ja, da ist noch jemand, dem ich gehorchen muß.< Die Babett hat
+angefangen zu raten: >Deiner Tochter ihrem Mann?< Da hat der Christian
+noch ärger gelacht: >Nein, der gehorcht selber seiner Frau.< Die Babett
+hat ganz verwundert gefragt: >Ja, wem denn sonst noch?< Da ist der
+Christian wieder stehengeblieben und hat gerufen: >Ei, dir, Babett, dir
+muß ich doch auch gehorchen!< Da haben sie dann beide gelacht und sind
+ganz vergnügt zusammen weitergehinkt.«
+
+Tante Toni und alle Kinder lachten auch herzlich über Kurts Erzählung.
+
+Nachdem man nun noch eine halbe Stunde tüchtig marschiert war, kam man
+endlich oben am Tempelchen an.
+
+»Aber da ist ja gar kein Tempelchen mehr!« rief Tante Toni ganz
+enttäuscht.
+
+»Ja, das fing an zu zerbröckeln, da hat man es einfach abgebrochen.«
+
+»Die Aussicht ist ja auch zugewachsen!«
+
+»Ja, aber komm, ich führe dich hier ganz in der Nähe auf einen
+Felsblock, von dem aus hat man einen wirklich schönen Blick.«
+
+Und Paul führte Tante Toni an die bezeichnete Stelle. Als sie zu den
+andern zurückkamen, sagte Philipp: »Ich meine, wir könnten uns jetzt
+dort ins Gras lagern und etwas essen.«
+
+»Was nicht gar!« rief Tante Toni lachend. »Zum Essen ist es doch noch zu
+früh. Ich schlage vor, es wird erst eine Stunde gespielt, dann gefüttert
+und hernach weitergespielt, bis es Zeit ist heimzugehen. Ist es euch so
+recht?«
+
+Alle erklärten sich einverstanden, und es wurde beschlossen, zuerst
+»Räuber und Gendarm« zu spielen.
+
+»Aber die kleine Toni kann nicht mitspielen«, erklärte Otto, »sie kann
+nicht gut laufen, und sie würde uns das ganze Spiel verderben.«
+
+Toni schaute mit einem flehenden Blicke zu ihrer Patin auf, und schon
+rannen ein paar Tränen über ihre Bäckchen, da faßte Lilly sie an der
+Hand und sagte: »Doch, Otto, laß sie nur mitspielen; sie ist das
+gestohlene Kind, welches die Räuber versteckt haben und welches die
+Gendarmen suchen müssen. Komm, Toni, ich verstecke dich!« Und sie
+sprang mit der schnell getrösteten Toni fort. Die andern folgten ihr,
+nur Mariechen blieb bei der Tante zurück.
+
+»Wie, Mariechen, spielst du nicht mit?«
+
+»Ach nein, Tante, das Spiel ist mir ein bißchen zu wild, und man
+verdirbt sich die Kleider dabei.«
+
+Tante Toni lächelte.
+
+»Allerdings, Mariechen, es wäre schade um dein hübsches Kleid; du hast
+dich für die Gelegenheit ein bißchen zu fein gemacht.«
+
+Mariechen errötete und nestelte verlegen an ihrem Arbeitstäschchen
+herum. Auch Tante Toni hatte eine Handarbeit mitgebracht, und die beiden
+ließen sich eben auf einer aus rohen Baumstämmen gezimmerten Bank
+nieder, als Philipp noch einmal zurückkam, um ihnen anzuempfehlen: »Gebt
+gut auf die Rucksäcke acht!«
+
+Tante Toni und Mariechen versprachen es beide lachend. Nach einiger Zeit
+sagte letztere etwas ängstlich: »Wenn es nur ohne Streit abgeht!«
+
+Tante Toni meinte: »Wenn so viele Kinder von verschiedenem Alter und von
+so verschiedenen Charakteren beieinander sind, gibt es gar leicht
+kleine Zänkereien; man darf diese nicht zu schwer nehmen, und man muß
+vor allem sorgen, daß sie nicht ausarten. Übrigens habe ich mich eben
+recht über Lilly gefreut, weil sie sich so nett der kleinen Toni
+angenommen hat.«
+
+»Mit Tonichen ist Lilly überhaupt fast immer lieb und nett, und wenn sie
+es zuweilen durch Neckereien zum Zorn gebracht hat, dann tut es ihr
+hernach immer sehr leid.«
+
+»O, das freut mich!« rief Tante Toni aus. »Ja, das freut mich sehr. Ich
+kann dir nicht sagen, wie weh es mir tut, daß ich bisher noch gar keinen
+liebenswürdigen Zug in Lillys Charakter finden konnte. Du hast mir
+neulich auch gesagt, daß Otto und Lilly sehr an ihrem Vater hängen.«
+
+»Ja, Tante; ich habe bei Lilly schon manchmal etwas erreicht mit der
+Vorstellung: es würde deinen Vater freuen, oder: es würde ihm leid tun.«
+
+»Glaubst du zum Beispiel, daß Lilly imstande wäre, ihrem Vater zuliebe
+ein wirkliches Opfer zu bringen?«
+
+Mariechen dachte ein wenig nach, dann sagte sie bestimmt: »Ich glaube,
+ja, Tante!«
+
+»O, das ist gut, das ist viel wert!« rief die Tante aus und sah sinnend
+vor sich hin.
+
+Nach einiger Zeit kam klein Toni allein zurück. »Willst du nicht mehr
+mitspielen, mein Kleines? Bist du schon müde?« fragte Tante Toni.
+
+Die Kleine nickte und erzählte: »Die Gendarmen haben unser Versteck
+gefunden, und da mußten wir schnell fortlaufen; weil ich aber nicht so
+fest laufen kann, da hätten sie die Lilly beinah gefangen, und da hat
+sie mich schnell losgelassen und gesagt, ich sollte mich jetzt ein
+bißchen zu dir setzen, Tante.«
+
+Die Tante zog Tonichen zu sich auf die Bank, hüllte das Kind in ihr
+warmes, weiches Umschlagtuch und sagte liebevoll: »So, damit du dich
+nicht erkältest, denn du bist erhitzt vom Laufen; nun ruhe dich aus.«
+
+Die Kleine lächelte, und ihr Köpfchen an die Schulter der Tante lehnend
+bat sie: »Bitte, bitte, liebe Tante, erzähle mir doch noch einmal die
+Geschichte von dem guten Kinde, welches allein mit dem armen Jesusknaben
+gespielt hat, weil die andern Kinder nicht wollten, und wie dann die
+Engelchen vom Himmel gekommen sind und ihnen Sternblümchen und
+Sternbällchen zum Spielen gebracht haben. O bitte, Tante, erzähle!«
+
+Und die gute Tante erzählte, und weil sie gar so schön erzählen konnte,
+hörte nicht nur das kleine Tonichen aufmerksam zu, sondern auch das
+große Mariechen -- bis auf einmal alle andern Kinder mit großem Lärm
+zurückkehrten.
+
+»Die Gendarmen haben gewonnen!« rief Rudi mit strahlenden Augen. »Alle
+Räuber haben wir gefangen!«
+
+»Ich habe mich zuletzt fangen lassen, weil es mir langweilig wurde,
+sonst hättet ihr mich nicht gekriegt.«
+
+Diese Behauptung Ottos wurde von allen andern mit schallendem Gelächter
+beantwortet, worüber dieser sich natürlich sehr ärgerte. Er stampfte mit
+dem Fuß und schrie: »Was habt ihr zu lachen? Es ist doch so!«
+
+Und Lilly bekräftigte: »So ist es auch, er hat sich fangen lassen!«
+
+Der Streit hätte wahrscheinlich noch länger gedauert, wenn Anna nicht
+eben mit theatralischer Miene ausgerufen hätte: »Aber Kinder, wie könnt
+ihr diesen edelmütigen Otto so verkennen! Begreift ihr denn nicht, daß
+er sich geopfert hat und sich fangen ließ, bloß damit wir endlich mal
+etwas zu essen bekommen? Es lebe Otto der Unüberwindliche, der
+Großmütige!«
+
+»Er lebe hoch!« schrien alle, auf Annas Scherz eingehend; nur Otto
+selbst machte wieder ein wütendes Gesicht, und er schien große Lust zu
+haben, den Streit wieder anzufangen. Aber nun rief Tante Toni: »Ich
+hoffe, Otto, daß du einen Scherz verstehen kannst und dich nun
+zufriedengibst. Und nun, Kinder, lagert euch und ruht aus. Mariechen und
+ich, wir teilen den Proviant aus. Ihr seid sicher hungrig!«
+
+»Und wie!« scholl es fast einstimmig zurück.
+
+In unglaublich kurzer Zeit war der ganze Vorrat aufgezehrt, und Philipp,
+der eben das letzte Butterbrot empfangen hatte, rief aus: »Siehst du,
+Tante Toni, daß wir nicht zuviel mitgenommen hatten?«
+
+»Nein, wirklich!« lachte diese. »Ihr habt euch aber auch tüchtig
+Bewegung gemacht, und hier draußen schmeckt es noch ganz besonders gut.«
+
+»So, nun können wir weiterspielen!« erklärte Anna aufspringend.
+
+»Ach nein, jetzt wollen wir lieber etwas anderes spielen!«
+
+»Aber was denn?«
+
+Der eine schlug dies vor, der andere das, ohne Erfolg, bis Tante Toni
+vorschlug: »Was meint ihr zu einem Pfänderspiel?«
+
+»Ja, ja, ein Pfänderspiel, und Tante Toni spielt mit!« riefen die
+Kinder. Bald war das Spiel, unter Tante Tonis Leitung, im Gang. Da gab
+es wieder viel zu lachen, besonders wenn der Mitspieler, der ein Pfand
+geben sollte, verlegen in seinen Taschen herumkramte und gar nichts
+Passendes finden konnte, sondern manchmal recht drollige Sachen zum
+Vorschein brachte. Mariechen zum Beispiel fand in ihrer Tasche nichts
+als ein Taschentuch, einen Rosenkranz und einen kleinen Spiegel; diesen
+letzteren reichte sie errötend als Pfand hin, wobei sich Anna laut und
+anhaltend räusperte, bis Mariechen etwas ärgerlich ausrief: »Gib dich
+zufrieden, Anna, alle haben's gesehen und bemerkt!«
+
+Als Kurt an die Reihe kam, fuhr er in alle seine Taschen, suchte und
+suchte voll Hast -- aber ohne Erfolg, bis er schließlich doch einen
+kleinen Gegenstand hervorbrachte, und zwar ein Schnurrbartbürstchen.
+
+»Nun, du sorgst zeitig vor!« lachte Tante Toni; auch die andern lachten,
+nur Philipp fragte mit dem ernsthaftesten Gesicht der Welt: »Kurt, wann
+hast du dich denn zum letztenmal rasieren lassen?«
+
+Als dann an ihn selbst die Reihe kam, ein Pfand zu geben, da fand er
+nichts als Brotkrumen, Obstkerne und einige sonderbar geformte
+Eisenstückchen.
+
+»Aha«, höhnte Kurt, »das sind wohl die Bestandteile deiner neuesten
+Erfindung!«
+
+Lilly förderte ein Puppenhöschen zutage, welches sie aus Versehen
+anstatt eines Taschentuches eingesteckt hatte, und Anna überreichte mit
+einigem Widerstreben einen Kreisel, bei dessen Anblick Paul ausrief:
+»Der gehört ja überhaupt mir!«
+
+»Ach, du spielst ja doch nie damit, du hast ihn einfach verloren und ich
+hab' ihn gefunden; jetzt kannst du ihn mir auch lassen.«
+
+»So, so, verloren hab' ich ihn? Ich möcht' nur wissen, wo;
+wahrscheinlich in meiner Schublade oder in einer meiner Taschen, da
+gehst du ja doch immer suchen, wenn du etwas finden möchtest. Ja,
+Fräulein Änne, deine Manier, dir allerhand zusammenzufinden, die kenn'
+ich schon. Nächstens komme ich einmal bei dir wiederfinden.«
+
+»O je, Kurt, da wirst du nicht viel kriegen! Du weißt doch, daß die Änne
+immer gleich wieder alles herschenkt, was sie hat.«
+
+»Ach, geh' doch, Rudi!« wehrte Anna ab.
+
+»Ja, es ist aber so! Neulich hast du mir doch meinen Ball abgebettelt --
+und am andern Tag spielten die ungezogenen Franks-Kinder damit auf der
+Straße.«
+
+»Ach, die sind gar nicht so arg ungezogen«, rief Anna eifrig; »sie sind
+nur so schrecklich arm, und haben gar nichts zum Spielen, und sie sahen
+so sehnsüchtig nach dem Ball, als ich vorbeikam, da hab' ich ihn ihnen
+halt gegeben.«
+
+»Na ja, es ist mir ja auch recht«, sagte Rudi; währenddessen flüsterte
+klein Toni ihrer Schwester Anna ins Ohr: »Du, wenn wir heimkommen, da
+geb' ich dir eins von meinen Bilderbüchern für die Franks-Kinder, und --
+ja was denn noch ...!«
+
+»Ein Püppchen?«
+
+»Ach nein, Änne, die Franks sind so wild und so schmutzig, sie würden zu
+grob mit dem armen Püppchen umgehen, das täte mir zu leid.«
+
+»Dummes, das Püppchen fühlt's ja nicht!«
+
+»Ach ja, ich kann's aber doch nicht sehen. Und weißt du, wie ich neulich
+abends in meinem Bettchen geweint hab' und wie du mich gefragt hast,
+warum ich weine, wie ich dir's dann aber nicht sagen wollte, da hab' ich
+nur geweint, weil mir auf einmal eingefallen ist, daß ich mein
+Gretelchen im Nähzimmer liegengelassen habe, und weil ich nun gedacht
+habe, das arme Püppchen liegt nun ganz allein und verlassen im dunkeln
+Nähzimmer, es hat kalt und ist traurig, weil ich es nicht ins Bettchen
+gelegt und ihm nicht >Gute Nacht< gesagt hab'.«
+
+Inzwischen hatten die andern weitergespielt, und Toni sah ganz verdutzt
+aus, als Otto sie anrief: »Holla, Toni, du hast nicht aufgepaßt, schnell
+ein Pfand her!« --
+
+Nicht minder groß war das Vergnügen der Kinder beim Auslösen der
+Pfänder; besonders Anna zeichnete sich wieder aus durch ihre tollen
+Einfälle, als sie, um ihren Kreisel wieder zu erhalten, einen Blick in
+die Zukunft tun mußte. Man verband ihr die Augen, und so oft Tante Toni
+fragte, was sie diesem und jenem prophezeie, und dabei einen der
+Mitspielenden bezeichnete, mußte sie irgend etwas sagen, natürlich ohne
+selbst zu wissen, wem es galt.
+
+»Ich glaube, du hast gespitzt«, klagte Mariechen, als sie prophezeit
+bekam, daß sie mal Generaloberin aller bestehenden und nichtbestehenden
+Orden und Klöster werden sollte. Als Anna dann aber den Philipp zu einer
+Urgroßmutter machte und Lilly zum Erzbischof ernannte, da glaubte man
+ihr, daß sie nicht hinter dem Tuch hervorgeschaut hatte. Otto ärgerte
+sich wieder sehr, als ihm verkündet wurde, er müsse einmal als
+Orgeldreher die Welt durchwandern; als aber Tante Toni das Amt eines
+Kasperltheaterdirektors und Paul das Los einer emanzipierten alten
+Jungfer in Aussicht gestellt wurde, da stimmte er doch in die Heiterkeit
+der übrigen ein. Zuletzt deutete die Tante auf klein Toni, und als Anna
+verkündete: »Das wird einmal eine entsetzlich böse Schwiegermutter«, da
+machte die Kleine ein ganz trübseliges Gesichtchen und sagte: »Aber
+nein, das möchte ich nicht werden.« Während alle lachten, riß Anna sich
+das Tuch vom Gesicht und rief aus: »So, du bist also auch nicht
+zufrieden mit meinen Prophezeiungen? Was hätte ich dir denn sagen
+sollen?«
+
+»Ich möchte gern ein Engelchen werden«, sagte klein Toni errötend.
+
+»Oh -- oh, hört doch! Die Toni will ein Engelchen werden -- wie
+bescheiden! Nein, so etwas!« riefen die Kinder lachend. Otto schrie
+dazwischen: »Doch wohl ein Engelchen mit einem B davor!«
+
+Und nun tönte es von allen Seiten und in allen Tonarten: »Engelchen,
+Bengelchen! Engelchen, Bengelchen -- Zornebengelchen!«
+
+Aber klein Toni wurde nicht zornig, -- nein, sie wurde wohl abwechselnd
+rot und blaß, und sie zitterte vor Anstrengung, den aufsteigenden Zorn
+zu bemeistern. Sich fest an die Tante schmiegend flüsterte sie: »Ich
+will nicht zornig werden, -- nein, ich will nicht!«
+
+»Recht so, mein Herzchen, meine tapfere, kleine Freundin!« ermutigte die
+Tante.
+
+Mariechen hatte sich inzwischen bemüht, die übermütige Bande zum
+Schweigen zu bringen, und das Spiel nahm nun seinen Fortgang, bis Tante
+Toni das Zeichen zum Aufbruch gab.
+
+»Aber es sind noch zwei Pfänder auszulösen!« rief Otto aus, allein die
+Tante bestimmte, dieselben müßten einfach zurückgegeben werden, und sie
+fügte hinzu:
+
+»So, Kinder, nun geht es in wohlgeordnetem Zug heimwärts, und es wird
+dabei gesungen und im Schritt marschiert, damit wir rascher vom Fleck
+kommen; denn es ist schon etwas spät geworden. Also, Anna und Rudi, ihr
+führt den Zug an, die Zwillinge nehmen den Philipp in ihre Mitte, dann
+folgen Mariechen und Toni, und Otto und Lilly bilden mit mir die
+Nachhut.«
+
+Dann stimmte die Tante an: »Wer will unter die Soldaten, der muß haben
+ein Gewehr«, und der Zug setzte sich in Bewegung.
+
+Aber Tante Toni blieb mit Otto und Lilly ein wenig zurück, und als die
+andern außer Hörweite waren, sagte sie:
+
+»Nun, meine lieben Kinder, erklärt mir doch einmal, was habt ihr denn
+mit der alten Babett gehabt?«
+
+Die beiden Kinder schwiegen und ließen die Köpfe hängen. Die Tante fuhr
+fort: »Ich hätte ja Babett selbst fragen können, aber ich wollte es
+lieber von euch hören.«
+
+Endlich entschloß sich Otto zu reden, und er sagte wegwerfend: »Ach,
+Tante, es ist ja gar nichts so Besonderes, und es ist eigentlich gar
+nicht der Rede wert. Die Babett ist halt so alt und so häßlich, und sie
+wird oft >die alte Hex< genannt, und wir, die Anna, die Lilly und ich,
+sind einmal dazugekommen, wie ein paar Kinder auf der Straße ihr
+nachgerufen haben: >Alte Hex, böse, alte Hex!< Nun, und da haben wir
+halt ein bißchen mitgeschrien -- das ist alles.«
+
+»O Otto, wie du das sagst!«
+
+»Nun, das ist doch nicht so schlimm und nicht der Mühe wert, so viel
+Aufhebens davon zu machen!«
+
+»Es tut mir leid, Otto, daß du die Sache so leicht nimmst, besonders da
+du doch vorhin gesehen hast, wie nahe es der guten Alten gegangen ist.
+Von eurer frühesten Kindheit an habt ihr gelernt, daß man das Alter
+ehren soll. Ist nun aber, wie hier bei Babett, das Alter von Gebrechen
+und Armut begleitet, so ist es doppelt ehrwürdig. Warum habt ihr nicht
+wenigstens vorhin der Alten ein gutes Wort gesagt wie Anna? Ihr habt
+doch gesehen, welche Freude ihr das gemacht hat.«
+
+»Aber, Tante, das ist doch unmöglich! Die Anna hat ja gar kein
+Ehrgefühl, daß sie so eine alte Bettlerin um Verzeihung bittet; wir
+können uns doch nicht so erniedrigen!«
+
+»Du scheinst mir von Ehrgefühl und Erniedrigung einen sonderbaren
+Begriff zu haben, mein Junge. Damals, als ihr mit den Gassenkindern die
+Alte verhöhntet, da habt ihr euch erniedrigt, da habt ihr kein Ehrgefühl
+gehabt. Anna dagegen hat vorhin Mut und Hochherzigkeit gezeigt, und ich
+versichere euch, sie ist seitdem in meiner Achtung sehr gestiegen. Ich
+hielt sie bisher nur für einen lustigen kleinen Taugenichts, jetzt weiß
+ich aber, daß sie Charakter hat, daß sie ein offenes, mutiges und gutes
+Kind ist.«
+
+Otto und Lilly sahen sehr erstaunt und etwas beschämt drein. Endlich
+fragte Lilly leise:
+
+»Tante Toni, hast du uns jetzt nicht mehr lieb?«
+
+»Gewiß hab' ich euch noch lieb!« rief die Tante warm, und sie zog die
+beiden Kinder näher zu sich heran. »Gerade weil ich euch so lieb habe,
+tut es mir weh, wenn ihr nicht seid, wie ihr sein solltet; gerade weil
+ich euch so lieb habe, möchte ich, daß ihr gute, brave, eures Vaters
+würdige Kinder werdet! Ihr habt ja beide euern Vater sehr lieb, nicht
+wahr?«
+
+»O, und wie lieb!« Die Kinder riefen es aus mit leuchtenden Augen.
+
+»Und wenn er bei euch ist, dann nehmt ihr euch zusammen, dann könnt ihr
+musterhaft brav sein. Glaubt ihr nicht, daß es ihn sehr kränken würde,
+wenn er jemals erführe, daß ihr ganz anders seid, sobald er nicht dabei
+ist? Daß er es bisher noch nicht erfahren hat, das verdankt ihr nur der
+Güte und Nachsicht eurer Tanten, der Großmut eurer Vettern und Cousinen;
+aber immer kann es ihm nicht verborgen bleiben. Glaubt mir das nur,
+Kinder, früher oder später wird er einmal klar sehen, und es wird ihm
+furchtbar hart sein, wenn er erfahren muß, daß ihr nicht die offenen,
+wahren, gutherzigen und edelmütigen Kinder seid, für die er euch hält.
+Davor möchte ich ihn und euch bewahren. Übrigens, lieber Otto, du wirst
+ja nun bald zur ersten heiligen Kommunion gehen; ich hoffe, du nimmst es
+recht ernst mit deiner Vorbereitung, und wenn du willst, dann darfst du,
+so oft du Zeit hast, zu mir kommen. Ich möchte dir so gerne helfen, dich
+auf diesen großen Tag vorzubereiten.«
+
+»O Tante, das wäre mir freilich recht, sehr recht!«
+
+»Nun gut! Und jetzt wollen wir uns ein bißchen eilen, um die andern
+einzuholen. Tonichen scheint müde zu sein, sie läßt sich arg von
+Mariechen ziehen.«
+
+Die andern waren bald eingeholt. Die ermüdete kleine Toni wurde erst von
+der Tante und Mariechen, dann von Kurt und Philipp »Hockehockestühlchen«
+getragen, bis sie ein bißchen ausgeruht war, und so kam man bald wieder
+in die Nähe der Klosterruine.
+
+»Wir wollen den See entlang gehen«, rief Rudi, »es sind eine Menge
+kleine Entchen drin und auch zwei junge Schwänchen.« Und er lief voraus.
+
+»Gib acht, Rudi«, rief ihm Mariechen nach, »der große Schwan ist
+vielleicht draußen; er ist immer sehr wild, wenn junge Schwänchen
+dasind, und er ist überhaupt in der letzten Zeit sehr bös, weil einige
+Buben ihn necken und mit Steinen werfen.«
+
+»Ich werd' mich doch nicht vor einem Schwan fürchten!« sagte Rudi
+gekränkt, und er lief weiter, gerade auf den See zu. Tante Toni wollte
+ihn eben besorgt zurückrufen, da kam er auch schon mit großem
+Zetergeschrei gelaufen, der Schwan, wild mit den Flügeln schlagend,
+hinter ihm drein. Es war ein großer, starker Schwan, und er sah so
+bösartig aus, daß alle Kinder heftig erschraken. Auch Tante Toni
+erschrak, aber sie faßte ihren Sonnenschirm, und beherzt auf das erboste
+Tier zugehend, hielt sie ihm denselben entgegen und machte ihn plötzlich
+mit einem Ruck auf. Der Schwan stutzte, machte kehrt und beeilte sich,
+wieder in sein Element, ins Wasser, zu kommen. Die Kinder hatten rasch
+die ausgestandene Angst vergessen, und sie brachen nun in ein herzliches
+Gelächter über diesen raschen und drolligen Rückzug des Schwans aus.
+
+»Es sah zu komisch aus, Tante, wie du den Schirm dem Schwan grad ins
+Gesicht aufgemacht hast; so etwas war ihm noch nie passiert, das konnte
+man ihm ansehen!« Und Anna lachte, daß ihr die Tränen über die Backen
+liefen.
+
+»Und Mut hast du, Tante Toni, das muß ich sagen«, gestand Paul
+bewundernd.
+
+»Und schlau hast du's gemacht. Mir wäre das mit dem Schirm nicht
+eingefallen«, pflichtete Kurt bei.
+
+Nur Rudi sagte nichts, er schlich etwas beschämt hinter den andern her;
+aber am Abend nach der Heimkehr, da küßte er der Tante zärtlich die
+Hand. Und als Anna ihm nachrief: »Gute Nacht, Schwanenritter!« da wurde
+er sehr rot, aber er sagte nichts.
+
+
+
+
+ Fünftes Kapitel.
+
+ Minnichen wird geimpft.
+
+
+Tante Toni saß oben im Kinderzimmer. Klein Minnichen kletterte auf ihren
+Knien herum und trieb allerhand Schabernack; es zog sie an den Haaren,
+zupfte sie am Ohrläppchen, und wenn Tante Toni »Au!« oder »O weh!« rief,
+dann streichelte es ihr die Wangen und machte: »Ei, ei, Ta Dedi.«
+
+Leo, der daneben mit großem Ernst ein Bilderbuch betrachtete, erhob
+mißbilligend den Kopf und sagte: »Das Minnichen ist wirklich ein bißchen
+eigensinnig, es will durchaus nicht >Tante Toni< sagen; es könnt's doch
+ganz gut, wenn es nur wollte; denn es hat schon viel schwerere Wörter
+fertiggebracht. Komm, Minnichen, sei mal recht brav, sage schön:
+>Tan--te To--ni<; ich schenk' dir auch was!«
+
+»Senk was!« machte Minnichen, und es hielt dem Brüderchen habgierig das
+Händchen entgegen.
+
+»Ja, du wärst mir gescheit! Erst mußt du >Tan--te To--ni< sagen.«
+
+»Truwelpeter!« schrie die Kleine, und sie lachte herausfordernd und
+klatschte in ihre kleinen, dicken Patschhändchen.
+
+Leo sah sein Schwesterchen voll Bewunderung an; dann sagte er: »Du,
+Tante, ich glaub' gar, es will mich uzen; es ist wirklich ein schlaues
+Ding, das Minnichen.«
+
+Man sah und hörte dem kleinen Burschen an, wie stolz er auf sein
+Schwesterchen war, das er ein wenig als sein besonderes Eigentum
+betrachtete. Er fühlte sich als dessen Lehrer und Beschützer, er ließ
+sich viel von ihm gefallen und behandelte es mit einer gewissen
+großmütigen Nachsicht, die ihm allerliebst stand und die ihn für seine
+viereinhalb Jahre merkwürdig vernünftig erscheinen ließ.
+
+Nachdem die Tante Minnichens Klugheit nach Gebühr bewundert hatte,
+wandte sie sich an klein Toni, die mit ihrer Puppe im Arm auf einem
+niederen Stühlchen danebensaß. Tonichen saß so still da und schaute so
+ernst und nachdenklich vor sich hin, daß die Tante besorgt fragte: »Was
+hast du denn, meine kleine Freundin, woran denkst du?«
+
+»Ach, Tante«, erwiderte das Kind nach einigem Zögern, »ich denke daran,
+daß du Otto gestern zu dir gerufen hast, um ihn auf die erste heilige
+Kommunion vorzubereiten. Ich wäre so gern auch dabeigewesen.«
+
+»O, deine Zeit wird auch kommen, Tonichen; habe nur noch ein bißchen
+Geduld!«
+
+Toni versank wieder in Nachdenken; endlich hob sie das Köpfchen und
+fragte: »Tante, muß man dem Heiligen Vater nicht folgen, wenn er etwas
+sagt?«
+
+»Aber selbstverständlich, Kind!«
+
+»Er hat aber doch gesagt, die Kinder sollten schon mit sieben Jahren zur
+ersten heiligen Kommunion gehen; warum läßt man sie denn nicht?«
+
+»Ja, Kindchen, der Heilige Vater hat unsern deutschen Bischöfen erlaubt,
+das Alter für die Erstkommunikanten auf zehn Jahre festzusetzen.«
+
+»Und in den andern Ländern, da dürfen die Kinder schon mit sieben Jahren
+gehen?«
+
+»Wenigstens in vielen; ja ich glaube in den meisten.«
+
+»Warum denn nur gerade wir deutschen Kinder nicht? -- Aber sag' mal,
+Tante Toni, wenn ich jetzt sehr krank würde, so krank, daß ich sterben
+müßte, dürfte der Priester mir dann die heilige Kommunion bringen?«
+
+»O, das glaube ich -- ganz bestimmt!«
+
+»Willst du mir dann versprechen, Tante Toni, daß ich den lieben Heiland
+bekomme, wenn ich sehr krank werde?«
+
+»Aber, Toni, mein Herzchen, wie kommst du denn auf diesen Gedanken? Du
+fühlst dich doch nicht unwohl?«
+
+»Versprich, bitte, Tante, versprich!« flehte das Kind so eindringlich,
+daß die Tante nicht anders konnte als antworten:
+
+»Ich versprech' dir's, Kind; von Herzen gern will ich in einem solchen
+Fall alles tun, was ich kann, um deinen Wunsch zu erfüllen!«
+
+Leo hatte diesem Gespräch mit Interesse zugehört. »Sag' mal, Tante«,
+mischte er sich nun ein, »wenn die Toni stirbt, ist sie dann doch noch
+unsere Schwester?«
+
+»Aber gewiß!«
+
+»Und wenn wir alle einmal tot und im Himmel sind, bist du dann doch noch
+unsere Tante, und sagen wir dann auch noch zu unsern Eltern >Papa< und
+>Mama<?«
+
+»Aber Leo«, belehrte Toni ihr Brüderchen, »dann sagt man doch: >Heiliger
+Papa< und >Heilige Mama<!«
+
+»Aha, ja natürlich«, nickte Leo befriedigt. Tante Toni lächelte, und die
+beiden samt Minnichen fest an sich drückend sagte sie nur: »Meine
+lieben, lieben Kinderchen!«
+
+In diesem Augenblick stürzte Gretchen, das Kindermädchen, mit
+schreckensbleichem Gesicht ins Zimmer und rief aus: »Ach, Fräulein
+Mehring, denken Sie doch nur -- eben ist der Herr Doktor gekommen --
+unser Kleines soll geimpft werden!«
+
+»Da ist doch nichts dabei, Gretchen; darüber brauchen Sie doch nicht zu
+erschrecken. Aber ich meinte, das Kind sei schon längst geimpft?«
+
+»Es ist auch schon mal geimpft worden, aber es hat nicht angeschlagen.
+Ach, Fräulein Mehring, ich kann's nicht mit ansehen; ich werd'
+ohnmächtig, wenn ich's Minnichen bluten sehe!«
+
+»Bluten! -- Was soll denn dem Minnichen geschehen?« rief Leo ganz
+erschreckt, während er sich wie schützend vor sein Schwesterchen
+stellte.
+
+»Da sehen Sie, Gretchen, wie Sie die Kinder erschrecken«, tadelte Tante
+Toni das Mädchen. »Gehen Sie nur schnell aus dem Zimmer und nehmen Sie
+Toni und Leo mit. Ich halte die Kleine beim Impfen.«
+
+»Nein, nein, laß mich hier, ich will bei meinem Minnichen bleiben!«
+wehrte sich Leo, als Gretchen ihn mit fortnehmen wollte. »Bitte, Tante
+Toni, laß mich beim armen Minnichen!«
+
+»Aber es geschieht ja deinem Minnichen gar nichts Schlimmes, Kind! Das
+Impfen tut ja gar nicht weh, es ist kaum wie ein Mückenstich.«
+
+»O bitte, bitte, laß mich doch hier!«
+
+»Mich auch, bitte, liebe Tante!«
+
+»Nun ja, wenn ihr versprecht, euch ganz still zu verhalten, dann dürft
+ihr hierbleiben.«
+
+Minnichen hatte inzwischen verwundert und etwas ängstlich von einem zum
+andern gesehen; sie hatte wohl begriffen, daß man etwas mit ihr vorhabe,
+konnte sich aber nicht denken, was. Als nun aber die Türe aufging und
+die Mutter gefolgt vom Hausarzt eintrat, da hellte sich ihr Gesichtchen
+auf, und sie schrie: »Dag, Dokedok! Sung raus?« Und ohne erst die
+Antwort abzuwarten, riß sie das Mäulchen auf und streckte ihr rosiges
+Züngelchen heraus, soweit sie nur konnte.
+
+»Na, das ist aber mal ein braves Kind!« rief der Doktor lachend. »Und
+solch ein schönes, rotes Zünglein hat's. Nein, krank sind wir nicht,
+Fräulein Minnichen, nicht wahr?«
+
+»Doch, doch, Minnisen tank is -- wehweh hier -- wehweh da«, versicherte
+die Kleine ernsthaft, während sie an Ärmchen und Beinchen suchte, ob sie
+nicht irgendein rotes Fleckchen fände; als sie aber keines entdecken
+konnte, drückte sie die Hände aufs Brüstchen und klagte mit wehleidigem
+Gesichtchen: »Minnisen weh Bäuselsen.«
+
+»Nun, da wollen wir mal das kranke Bäuchelchen untersuchen«, sagte der
+Doktor. Er machte der Tante ein Zeichen, und diese begann die Kleine
+auszukleiden, bis die dicken, nackten Ärmchen herauskamen.
+
+»Hat Minnichen da auch Weh?« fragte Tante Toni, aufs Ärmchen deutend.
+
+»Ja, ja«, nickte das Kind eifrig. »Dokedok sund mach, Lästersen
+dauftun.«
+
+»So, so, ein Pflästerchen möchtest du für dies nette, runde Speckärmchen
+haben? Na, komm, laß einmal sehen.«
+
+Wie aber der Doktor das Ärmchen fassen wollte, zog Minnichen es rasch
+zurück und schrie lachend: »Kitzekitz!«
+
+»Es meint, du wolltest's kitzeln«, erklärte Leo dem erstaunten Doktor.
+Dieser lachte, und diesmal mit festem Griff das Ärmchen fassend, sagte
+er:
+
+»Nein, kitzeln, das tut der Onkel Doktor nicht. Aber nun paß einmal gut
+auf -- drei nette Pünktchen mach' ich dir da oben hin, drei wirklich
+nette Pünktchen. Kannst du schon zählen? Also eins, zwei, drei ...!«
+
+Minnichen hielt ganz still und schaute mit großer Aufmerksamkeit dem
+Doktor zu. Als er fertig war, hielt es ihm das andere Ärmchen auch hin
+und sagte: »Noch pickpick.«
+
+»Nein, aber so was!« rief der Doktor verwundert. »Das muß ich sagen, ich
+hab' doch schon viele Kinder geimpft, es haben auch viele davon recht
+schön stillgehalten; aber bisher hat doch noch keines verlangt, noch
+mehr geimpft zu werden!«
+
+Leos Augen leuchteten vor freudigem Stolz, als der Doktor dies sagte,
+und er versicherte: »Ja, so eins wie mein Minnichen gibt's überhaupt
+nicht mehr. Und, Onkel Doktor, wenn du erst wüßtest, wie schlau es ist
+und was es schon alles kann! Denke dir, neulich ...« Und während die
+Mutter und Tante Toni die Kleine wieder ankleideten, erzählte er dem
+Arzt die Heldentaten seines Schwesterchens. Dieser hörte eine Zeitlang
+freundlich zu, endlich klopfte er dem Bürschchen auf die Schulter und
+meinte schmunzelnd: »Na, ein Wunder ist es ja nicht bei einem so
+tüchtigen Lehrmeister. Übermorgen komme ich mal nachsehen, ob es diesmal
+anschlagen wird. Aber jetzt möchte ich mir das kleine, blasse
+Fräuleinchen hier ein bißchen näher besehen.« Damit zog er Tonichen zu
+sich heran und begann dieselbe zu untersuchen, zu beklopfen und zu
+behorchen. Er machte dabei ein ernstes Gesicht und schüttelte ein
+paarmal mit dem Kopf, und erst als er bemerkte, wie Toni ihn mit ihren
+ernsten blauen Augen gar forschend ansah, versuchte er ein vergnügtes
+Gesicht zu machen und zu scherzen. Aber das Kind ließ sich nicht
+täuschen, und sowie es gewahrte, daß die Aufmerksamkeit seiner Mutter
+durch die kleinen Geschwister in Anspruch genommen war, neigte es sich
+rasch zum Arzt hin und fragte leise: »Werde ich bald sterben, Onkel
+Doktor?«
+
+Dieser fuhr erschrocken zurück. Dann zog er klein Toni auf sein Knie,
+und sanft ihr Köpfchen streichelnd fragte er: »Wie kommst du denn auf
+diesen Gedanken, du Kleines? Fühlst du dich nicht wohl? Tut dir etwas
+weh -- sag' mir's doch!«
+
+Toni schüttelte das Köpfchen: »Nein, weh tut mir eigentlich nichts. Ich
+bin nur immer so müd'.«
+
+»Ach geh' doch, vom Müdesein stirbt man doch nicht!« sagte der Doktor
+lächelnd, und aufmunternd fügte er hinzu: »Komm, Kindchen, schau nicht
+so ernst drein, das paßt ja gar nicht für dein Alter. Du sollst vergnügt
+sein und springen und lachen, so wie dein kleines Schwesterchen da. Hör
+doch nur, wie es kräht, und schau, wie es zappelt, daß man es kaum
+halten kann.«
+
+Dann stand der Doktor auf, und die Mutter ging wieder mit ihm hinunter.
+Als Tante Toni etwas später nachfolgte, da war der Doktor schon fort,
+aber Tante Toni merkte, daß ihre Schwester geweint hatte.
+
+»Was gibt es denn, fehlt Tonichen etwas?« fragte sie besorgt. »Hat der
+Doktor etwas gefunden?«
+
+»Nein, er hat nichts gefunden; Lunge, Herz, alles ist gesund, und doch
+ist unser guter alter Doktor nicht ohne ernste Besorgnisse; denn das
+Kind entwickelt sich nicht, im Gegenteil, es nimmt sichtlich ab.«
+
+In diesem Augenblick kam Lilly ins Zimmer gestürmt. »Tante Maria, darf
+ich heute bei dir zu Mittag essen?« rief sie. »Otto ist zu Tante Luise
+gegangen; denn Papa ist fort, und unser Fräulein hat so arges Kopfweh.«
+
+»Gewiß darfst du hier essen, Lilly. Wo ist Papa denn hin? Er hat gestern
+gar nicht davon gesprochen, daß er heute verreisen müsse.«
+
+»Er hat's gestern ja selbst noch nicht gewußt, und er kommt diesen Abend
+auch schon zurück.«
+
+»Willst du denn einstweilen in den Garten gehen? Du wirst wahrscheinlich
+Anna dort finden.«
+
+Lilly ging zur Türe, dort blieb sie aber zögernd stehen; sie blickte
+unschlüssig auf ihre beiden Tanten; man sah ihr an, sie hätte gerne noch
+etwas gesagt, sie getraute sich aber nicht recht.
+
+Tante Toni sah ihre Nichte aufmerksam an; auch Frau Wulff bemerkte des
+Kindes Zögern. »Lilly, was hast du denn?« fragte sie in freundlichem,
+aufmunterndem Ton.
+
+Jetzt ließ aber Lilly den Kopf auf die Brust sinken, und sie fing an zu
+weinen. Da nahm Tante Maria sie auf den Schoß, sie strich ihr die Haare
+aus dem Gesichte, trocknete ihr die Tränen, und dann sagte sie: »So,
+mein liebes Kind, nun erzähl uns, was dich drückt.«
+
+Aber Lilly weinte nur um so mehr -- endlich stammelte sie: »Ach, der
+Papa -- ich hab' solche Angst um den Papa!«
+
+»Aber warum denn, Lilly? Er war doch schon öfter verreist, und du sagst
+ja selbst, daß er diesmal nur für einen Tag fort ist!«
+
+»Ja, deshalb ist es auch nicht. Aber diesen Morgen ist ein Polizeidiener
+gekommen und hat dem Papa einen schrecklich großen Brief gebracht, und
+da war der Papa sehr aufgeregt, und er hat gesagt, er müsse gleich fort,
+um wichtige Papiere zu holen. Und Otto meint, dieser große Brief sei
+eine Vorladung vor Gericht, und er hat auch gehört, wie der Gärtner und
+der Milchmann zusammen geredet haben und wie sie gesagt haben, die bösen
+Leute wollten unsern Papa unschädlich machen; und, Tante, >unschädlich
+machen<, das heißt doch, sie wollen ihn tot machen -- der Otto hat es in
+seiner >Tigerjagd< gelesen; da steht es: wie der Tiger tot war, da
+freuten sich die Menschen, weil er nun endlich unschädlich gemacht
+war.« Und Lilly brach von neuem in bittere Tränen aus.
+
+Tante Maria aber streichelte ihr die Wangen, und sie wie ein kleines
+Kind in den Armen wiegend, sagte sie in beruhigendem Ton:
+
+»Da sei du nur ganz ruhig, Lillchen, -- das habt ihr beide nicht richtig
+verstanden; deinem lieben Vater kann und wird nichts geschehen. Alle
+guten und edeln Menschen haben Gegner -- das ist nun einmal so auf der
+Welt --, und so gibt es auch böse Menschen, die deinen Vater verleumden;
+aber laß nur die Gerichtsverhandlung kommen, die brauchst du gar nicht
+zu fürchten; da werden alle Leute erfahren, was für ein guter Mensch
+dein Vater ist, und seine Verleumder werden bestraft werden.«
+
+Lilly hatte aufmerksam zugehört. »Ja? glaubst du, Tante Maria? Und dem
+Papa wird nichts geschehen?« Und das Kind atmete erleichtert auf. Dann
+sprang es hinaus in den Garten, um dort Anna und die Zwillinge
+aufzusuchen.
+
+
+
+
+ Sechstes Kapitel.
+
+ Tante Toni geht mit ihrer Bande auf den Wetterstein. Otto spielt einen
+ schlimmen Streich.
+
+
+Es war wieder Sonntag und das herrlichste Wetter.
+
+»Heute müssen wir aber einen schönen, großen Spaziergang machen«, sagte
+Tante Toni auf dem Heimweg von der Kirche; »ich möchte so gerne mal
+wieder zum Wetterstein gehen -- ist euch das nicht zu weit?«
+
+»O nein, Tante, gewiß nicht! Und der Weg dahin ist so schön und man muß
+tüchtig klettern!«
+
+Alle Kinder waren gleich Feuer und Flamme für den Spaziergang, und es
+wurde beratschlagt, um wieviel Uhr man aufbrechen und was man alles
+mitnehmen müsse.
+
+»Aber für Tonichen wird es doch zu weit sein -- diesmal wirst du wohl zu
+Hause bleiben müssen.«
+
+Klein Toni ließ betrübt das Köpfchen hängen, aber ihr Gesichtchen hellte
+sich gleich wieder auf, als ihre Mutter sagte:
+
+»Tonichen bleibt heute bei mir, und wir werden uns schon gut zusammen
+unterhalten; nicht wahr, mein Kind?«
+
+»Wirklich, Mama, darf ich den ganzen Nachmittag bei dir bleiben, und
+willst du mit mir spielen?« Und ihre Äuglein glänzten vor Freude.
+
+»Gewiß, mein Herzchen, ich spiele mit dir, erzähle oder lese dir vor --
+was du am liebsten hast. Und wir geben dabei zusammen auf die zwei
+Kleinen acht; denn Gretchen ist heute nicht da, sie darf ihre Mutter
+besuchen.«
+
+»Der Rudi könnte eigentlich heute auch zu Hause bleiben, damit wir
+Großen doch mal unter uns sind!« Und Otto, welcher dies gesagt hatte,
+reckte sich in die Höhe, um möglichst viel größer zu erscheinen wie
+Rudi.
+
+Die andern machten alle ärgerliche Gesichter. »Man meint wirklich, du
+hättest hier etwas zu befehlen«, sagte Kurt. »Wenn der Rudi nicht
+mitgeht, dann bleib' ich auch daheim.«
+
+Und: »Ich auch!« »Ich auch!« riefen Paul und Philipp, Mariechen und
+Anna.
+
+»Dann gehen wir beide mit Tante Toni allein!« Und triumphierend drängten
+sich Otto und Lilly an die Tante. Diese wehrte jedoch ab und sagte in
+ernstem Ton:
+
+»So läßt Tante Toni doch nicht über sich verfügen. Rudi geht jedenfalls
+mit -- er kann gewiß so gut marschieren wie Lilly und Anna, und ich sehe
+gar nicht ein, weshalb er zurückbleiben sollte. Wer sonst noch von euch
+mitgehen will, ist herzlich willkommen, aber ich zwinge niemand. Es
+steht dir also frei, Otto, mitzugehen oder zu Hause zu bleiben -- wenn
+du dich aber zum Mitgehen entschließest, so bitte ich mir aus, daß du
+dich gut benimmst und keinen Streit anfängst.«
+
+Otto zuckte ärgerlich die Achseln und gab keine Antwort -- aber gleich
+nach Tisch, zur festgesetzten Stunde, fand er sich sehr pünktlich mit
+Lilly ein, und er tat, als ob sich das ganz von selbst verstände und als
+ob am Morgen gar nichts vorgefallen wäre. Nur als Tante Toni ihn wie
+fragend ansah, da schaute er verlegen weg und machte sich an seinem
+Rucksack zu schaffen. Unterwegs sprach er mehrmals leise mit Lilly, und
+einmal hörte Mariechen, wie er sagte: »Aber daß du schweigst, Lilly,
+daß du mich nicht verrätst! Wenn du etwas sagst, dann sollst du sehen!«
+Worauf Lilly vorwurfsvoll antwortete: »Ich hab' dich doch noch nie
+verraten!«
+
+Auch auf diesem Wege fand Tante Toni häufig Gelegenheit, den Kindern
+allerhand kleine Ereignisse aus ihrer Kinderzeit zu erzählen. Als sie an
+einem kleinen Kapellchen, das am Fuße einer Anhöhe stand, vorbeikamen,
+blieb sie stehen und rief aus:
+
+»O Kinder, hier wollen wir ein Marienlied singen -- das haben wir auch
+früher stets getan, wenn wir hier vorbeikamen.«
+
+Sie stimmte an: »Salve Regina, Reinste aus allen.« Die hellen
+Kinderstimmen fielen ein, und das klang so froh und so feierlich durch
+die Sonntagsstille. Auf der Landstraße drüben blieb ein Wanderer stehen,
+er nahm den Hut ab und horchte, und als der Gesang fertig war, da ging
+er sinnend, mit gesenktem Kopfe weiter. Im Kapellchen drinnen aber saß
+ein altes Mütterchen, das freute sich so, daß ihm die hellen Tränen über
+die runzeligen Backen liefen, und zum Schluß fiel es ein und sang mit
+zitterigem Stimmchen mit:
+
+ »Hilf uns, Maria!
+ Maria, hilf!«
+
+Nun führte der Weg in den Wald, und er begann sehr zu steigen.
+
+»Soll ich dich ein bißchen schieben, Tante Toni?« bot Rudi sich an. »Das
+kann ich sehr gut, gelt, Mieze? Ich hab' die Mieze schon öfter einen
+Berg hinaufgeschoben, wenn sie müd' war.«
+
+Tante Toni lachte: »Ich danke dir, lieber Rudi; ich bin aber wirklich
+noch gar nicht müde, und ich kann noch recht gut klettern. Du sollst
+dich auch nicht so anstrengen.«
+
+»O Tante Toni, das tut mir nichts -- ich bin stark, sehr stark!«
+
+»Prahlhans!«
+
+»Das ist nicht geprahlt, Otto, und du weißt's recht gut, daß ich stark
+bin!«
+
+»Doch lange nicht so stark wie der Otto«, mischte sich nun Lilly ein,
+und sie warf Rudi einen herausfordernden Blick zu.
+
+»Oho, Lilly!«
+
+»Ja, und deinen großen Mut haben wir ja auch neulich bewundern können,
+Herr Schwanenritter!«
+
+Rudi war bei dieser Bemerkung Ottos hochrot im Gesicht geworden, und er
+schrie: »Dich hätt' ich sehen wollen, wenn dich der Schwan angefallen
+hätte; du wärst überhaupt in Ohnmacht gefallen vor Angst, du Waschlappen
+du!«
+
+»Das ist nicht wahr, und du bist ein ganz ungezogener, frecher Bub!«
+
+Die beiden Knaben wären gewiß wieder aneinander geraten, wäre nicht
+Tante Toni rasch dazwischengetreten. Kurt sagte nun eindringlich: »Ich
+will auch mal was sagen: An jenem Tage haben wir uns alle eigentlich
+blamiert, und Tante Toni war die einzige, die Mut und Besonnenheit
+gezeigt hat.«
+
+»Hoch lebe Tante Toni, unser General!« schrie Anna, ihren Hut
+schwenkend, und in diesen Ruf stimmten die andern gerne ein; nur Otto
+machte ein verbissenes Gesicht, und er flüsterte Lilly zu: »Und ich
+werd's ihm doch noch eintränken!«
+
+Im Weiterschreiten erklärte Tante Toni: »Die Körperstärke, liebe Kinder,
+ist ja eine sehr gute und schöne Sache, aber sie ist kein Verdienst;
+denn sie ist einem verliehen, man kann sie sich nicht selbst
+verschaffen, man kann höchstens die vorhandene entwickeln. Es gibt aber
+eine andere Stärke, die steht weit höher als die Körperstärke, und die
+kann jeder erlangen, wenn er nur ernstlich will; das ist die
+Charakterstärke, die Seelenstärke. Ob der Rudi den Otto im Wettkampfe
+besiegt oder der Otto den Rudi, ob der Paul den Philipp unterkriegt oder
+umgekehrt der Philipp den Paul, das scheint euch von großer Wichtigkeit;
+mir dagegen beweist es nur, daß der eine kräftigere Muskeln hat als der
+andere, ich achte keinen dafür höher oder geringer. Aber den, der sich
+selbst besiegt, den, der seinen Zorn, seine Mißgunst, seine Selbstsucht
+und seine andern bösen Neigungen meistern kann, den achte ich wirklich
+hoch, der ist in Wahrheit groß und stark, und wenn er nach außen auch
+nur ein armer Krüppel wäre.«
+
+Die Kinder hatten aufmerksam zugehört, und alle gingen eine Zeitlang
+schweigend und nachdenklich weiter, bis endlich Anna ausrief: »So, nun
+wollen wir aber wieder lustig sein! Dürfen wir, Tante Toni?«
+
+»Ihr sollt sogar!«
+
+»O weh, Tante, was man soll, das kann man lange nicht so gut als das,
+was man nur darf!«
+
+»Ein großes Wort sprichst du gelassen aus«, deklamierte Kurt, dann fügte
+er hinzu: »Also los, Änne, mach' mal einen von deinen berühmten Witzen,
+damit es was zu lachen gibt!«
+
+Anna legte die Stirne in Falten und versank in Nachdenken, so daß Rudi
+meinte: »Du siehst aus, als müßtest du eine sehr schwere Rechenaufgabe
+lösen.«
+
+Anna gestand in kläglichem Tone: »Es fällt mir wirklich gar nichts ein,
+so sehr ich mir auch den Kopf zerbreche. Das ist doch zu dumm: in der
+Schule, in der Kirche, wenn Besuch da ist, dann fällt mir immer
+allerhand ein, worüber ich lachen muß; aber wenn ich's gerad' möchte,
+dann weiß ich nichts und dann erinnere ich mich nicht einmal der
+drolligen Sachen, die mir früher eingefallen sind.«
+
+»Es ist auch schwer, so auf Kommando witzig zu sein«, tröstete Tante
+Toni. Ȇbrigens scheint es mir geraten, jetzt eure ganze Aufmerksamkeit
+auf den Weg zu lenken; er wird sehr steil, und in diesem Geröll könnte
+man sehr leicht fallen. Rudi, Lilly, Otto, gebt recht acht, Kinder!«
+
+»O Tante, mich brauchst du doch nicht zu den kleinen Kindern zu
+rechnen!« erwiderte Otto beleidigt. »Gib du nur auf den kleinen Rudi
+acht, ich werde schon für Lilly sorgen. Komm, Lilly, gib mir die Hand.«
+Und die Hand seines Schwesterchens fassend, zog er dieses eilig mit den
+Berg hinauf.
+
+»Nicht so rasch, Otto, ich rutsch' immer aus«, klagte Lilly; »zieh mich
+doch nicht so fest!«
+
+»Schweig doch still!« flüsterte Otto ihr zu. »Du kannst ja ordentlich
+klettern! Ich möchte der Tante Toni doch zeigen, daß ich kein kleines
+Kind mehr bin, und wir wollen zuerst oben sein.«
+
+Lilly schwieg nun auch gehorsam still und gab sich alle Mühe, mit ihrem
+Bruder Schritt zu halten, und die beiden waren den andern schon ein
+gutes Stück voraus. Tante Toni rief ihnen ängstlich zu: »Nicht so rasch,
+Otto und Lilly, ihr seid zu waghalsig!«
+
+Aber Otto lachte nur statt aller Antwort, und die Hand seines
+Schwesterchens, welches eben beinah' gefallen wäre, fester fassend,
+sagte er leise und aufmunternd: »Jetzt noch einen tüchtigen Anlauf, und
+wir sind oben.« Er nahm aber den Anlauf so stark und riß Lilly so heftig
+mit sich, daß beide, oben angekommen, zur Erde stürzten. Otto sprang
+schnell wieder auf und half auch Lilly in die Höhe. Er hatte nur arg
+zerschundene Hände und Knie, aber Lilly war mit dem Gesicht auf den
+steinigen Boden gefallen, sie hatte eine große Beule an der Stirne, und
+sie blutete stark aus der Nase. Die Tränen liefen ihr übers Gesicht;
+aber als Otto in sie drang: »So wein doch nicht, Lilly, sonst krieg'
+ich's ja!« da verbiß sie ihren Schmerz, und sie versicherte der
+besorgten Tante Toni, sie hätte sich gar nicht arg wehgetan. Aber das
+Nasenbluten dauerte fort, und da kein Wasser zur Hand war, mußte Lilly
+sich unter einen Baum platt auf den Rücken legen und Tante Toni drückte
+ihr zusammengelegtes Taschentuch sanft auf die Beule, die immer heftiger
+anschwoll. Mariechen bemühte sich unterdessen, Ottos zerschundenes Knie,
+so gut es ohne Wasser ging, zu reinigen und zu verbinden. Rudi, der
+dabeistand und zusah, konnte sich nicht enthalten, zu sagen: »Na, ein
+Glück, daß du diesmal die Schuld nicht auf mich wälzen kannst, sonst
+hätten wir ein schönes Konzert zu hören bekommen.«
+
+»Schweig!« herrschte Otto ihn an, und Rudi schwieg auch, aber nicht um
+Otto zu gehorchen, sondern weil Mariechen ihm einen bittenden Blick
+zugeworfen hatte.
+
+In Otto aber kochte und gärte es. Er fühlte ganz genau, daß er im
+Unrecht war; er hatte dem Befehl der Tante, die zur Vorsicht mahnte,
+gerade entgegengehandelt, er hatte sich selbst und mehr noch seinem
+Schwesterchen empfindlich wehgetan, und aus dem geplanten Triumph war
+eine Niederlage geworden. Statt sich nun über sich selbst und über seine
+Unvorsichtigkeit zu ärgern, ärgerte er sich über die andern, ganz
+besonders aber über Rudi und Tante Toni, und diese letztere hatte ihm
+doch nicht einmal den wohlverdienten Verweis gegeben.
+
+Erst nachdem Lilly eine halbe Stunde stillgelegen und sich ausgeruht
+hatte, erlaubte Tante Toni ihr, wieder aufzustehen, und nun konnte der
+Weg zum Wetterstein endlich fortgesetzt werden. Paul, Kurt und Philipp
+sahen Otto gerade nicht mit zärtlichen Blicken an, während sie über
+diese unwillkommene Verzögerung knurrten.
+
+»Dieser Otto muß einem doch immer jedes Vergnügen verderben«, brummte
+Kurt, und Anna pflichtete ihm bei, halb ärgerlich, halb lachend: »Ich
+glaube, der ist überhaupt nur auf der Welt, damit wir uns in der Geduld
+üben! Ich erkläre euch aber feierlich, daß _meine_ Geduld nun zu Ende
+ist, und wenn er uns jetzt noch etwas einbrockt, dann -- ja dann spring'
+ich ihm auf den Rücken und schüttle ihn und rüttle ihn; seht, so ...!«
+Und Anna packte den ahnungslosen Philipp und schüttelte und riß ihn
+herum, so daß er kläglich schrie: »Bist du denn toll geworden, Änne? Die
+Flasche mit Himbeersaft in meinem Rucksack geht ja kaput!«
+
+»Was, Himbeersaft hast du da drin? Warum hast du das nicht eher gesagt?
+Da muß ich halt nun meinen gerechten Zorn bezwingen, wenigstens bis ich
+geholfen habe, deinen Himbeersaft auszutrinken. Aber da sind wir ja
+schon! Ich grüße dich, edler, altehrwürdiger Wetterstein nebst Gemahlin,
+Kindern und Enkeln!« Und Anna verneigte sich ehrfurchtsvoll und tief vor
+dem großen, grauen und verwitterten Felsblock, der den Gipfel des Berges
+krönt. Rundherum waren aber noch mehrere Steinblöcke, große und kleine,
+und Anna begann sofort diese zu zählen.
+
+»Warum zählst du denn die Steine?« fragte Mariechen.
+
+»Ei, ich will doch sehen, ob die Familie des edlen Herrn von Wetterstein
+sich vermehrt hat, seitdem wir das letztemal hier waren!«
+
+Philipp, der schon seinen Rucksack abgeschnallt hatte, sagte ungeduldig:
+»Komm, Anna, laß doch den Unsinn! Schau mal her, Tante Toni, da ist ein
+Stein, der ist gerade wie gemacht, um uns als Tisch zu dienen.«
+
+»Aber was fällt dir ein, Philipp!« rief Anna mit gutgespielter
+Entrüstung. »Dieser Stein ist ja gerade dem Herrn von Wetterstein seine
+Schwiegertochter; er wird es dir furchtbar übelnehmen, wenn du diese als
+Tisch benützen willst. Tante Toni, du stimmst mir doch sicher bei?«
+
+Allein Tante Toni hörte nicht; sie stand mit Mariechen und Paul am Rand
+des Gipfels, und alle drei sahen ins wunderliebliche Maintal hinunter.
+Es war ein ungewöhnlich klarer Tag, und wie aus einem Baukasten
+aufgebaut sah man das Städtchen in der Ferne am Mainufer liegen.
+
+»Ich seh' das schöne Schloß mit seinen vier Türmen«, rief Mariechen;
+»auch den Turm der Stiftskirche seh' ich!«
+
+»Wenn nicht diese dummen Bäume gerade im Weg wären, könnte ich unser
+Haus und den Garten sehen; aber diese ekligen Bäume gerade hier vor
+unserer Nase, wo man sich auch hinstellt, immer sind sie einem im Weg!«
+
+Tante Toni lachte: »Geh', Paul, du wirst dich doch wohl nicht ernstlich
+ärgern darüber, daß du euer Haus nicht sehen kannst! Der Blick hier ist
+so wunderschön; wir wollen ihn freudig genießen und uns nicht durch
+Kleinigkeiten stören lassen. Aber hört mal den Philipp, er scheint
+ungeduldig zu werden, er ist sicher mal wieder hungrig, der arme Junge!«
+
+Philipp hatte inzwischen schon die Rucksäcke ausgepackt und trotz Annas
+Einsprache auf dem zum Tisch auserlesenen Stein einen Imbiß
+hergerichtet. Alle lagerten sich ins Moos, und die ganze Gesellschaft,
+auch Tante Toni, machten sich eifrig über die Butterbrote her. Philipps
+Himbeersaft fand ebenfalls großen Beifall, er wurde ausgezeichnet
+gefunden, woraufhin Anna mit großem Ernst behauptete, er sei nur deshalb
+so gut, weil sie ihn vorhin ordentlich durcheinandergeschüttelt hätte.
+
+Als nach dem Essen Philipp sich lang ins Moos streckte und die Mütze
+über die Augen ziehen wollte, um ein bißchen zu schlafen, da rief Tante
+Toni halb lachend, halb ärgerlich: »Aber Philipp, wie kannst du ans
+Schlafen denken! Genieße doch mit offenen Augen und mit offenem Herzen
+diesen schönen Tag! Schau um dich, sieh zum blauen Himmel hinauf, horch
+auf das Säuseln des Windes und lausch dem Gesang der Vögel!«
+
+Alle blieben eine Zeitlang still, bis endlich Anna halblaut sagte: »Ich
+weiß nicht, Tante, wie das ist; wir sind doch gar nicht so weit von der
+Stadt entfernt, und doch, wenn wir hier so stille sind, dann kommt es
+mir vor, als seien wir in einer ganz andern Gegend, weit, weit fort von
+daheim, und ich kann mir's kaum vorstellen, daß wir diesen Abend wieder
+zu Hause sein werden.«
+
+Tante Toni nickte lächelnd: »Das Gefühl kenne ich auch, Ännchen. Das
+gehört zum Spessart; er hat so etwas Einsames, so etwas Urwaldliches und
+Weltfremdes an sich, und das bleibt ihm auch, obwohl man schon
+angefangen hat, ihn mit Sommerfrischlern zu bevölkern. Auf dem Rohrbrunn
+zum Beispiel, dort sind in den Ferien ja schon eine Menge Fremde, und
+doch, wenn man am Jagdschlößchen vorbei den Weg nach Silvan hinaufgeht,
+da ist man auf einmal wie in die größte Einsamkeit versetzt. Auf einer
+Seite dichter Wald, auf der andern blickt man in ein stilles Tal,
+darüber hinaus Berge und Wälder, nichts als Berge und Wälder, kein
+Haus, keine Hütte, nirgends eine Spur von der Nähe eines bewohnten
+Ortes; man könnte meinen, man wäre weit, weit fort von jeglichem
+Verkehr, in einer richtigen Einöde.«
+
+»Ja, ich kenne die Stelle«, nickte Paul.
+
+»Überhaupt, Tante Toni, über unsern Spessart geht doch nichts!«
+
+»Da hast du recht!«
+
+»Wie, Tante, das sagst du? Und du bist doch in der Schweiz und in
+Italien gewesen!«
+
+»Selbst in der Schweiz, in Italien, im herrlichen Neapel, auf dem Monte
+Pellegrino in Palermo habe ich, trotz aller Bewunderung und
+Begeisterung, ein leises Sehnen nach dem Spessart nicht unterdrücken
+können, und als ich dann nach der Heimkehr zum erstenmal wieder in den
+Spessart wanderte, da hab' ich erst so recht eigentlich empfunden, wie
+schön unsere Heimat ist!«
+
+»Bravo, Tante! Du bist halt doch eine echte Spessarterin geblieben, und
+du und der Großpapa, ihr müßt unbedingt wieder herüberziehen!«
+
+»Ja, vielleicht wenn mal Onkel Ernst aus Amerika zurückkommt und die
+Leitung der Geschäfte übernimmt, so daß Großpapa sich zurückziehen
+kann.«
+
+»Wann wird er denn endlich zurückkommen, der Onkel Ernst?«
+
+»Ich weiß es nicht. Aber horch! Was ist das? Wer singt denn da?«
+
+Aus dem nahen Wald klang, bald aus der Nähe, frisch und kräftig, bald
+aus der Ferne, gedämpft, wie ein richtiges Echo, der Wechselgesang:
+
+ »Im Wald, im Wald,
+ Im frischen, grünen Wald -- wo's Echo hallt.«
+
+Es waren Mariechen und Anna, die sich leise fortgeschlichen hatten, um
+der lieben Tante diese kleine Überraschung zu bereiten.
+
+»Das habt ihr brav gemacht, Kinder!« rief Tante Toni am Schluß sichtlich
+erfreut. »Ihr wißt ja, wie gern ich unsere schönen deutschen Lieder im
+lieben deutschen Wald oder auf den deutschen Bergen höre! Kennt ihr das
+Lied: >Wer hat dich, du schöner Wald, aufgebaut?<«
+
+»O gewiß, das kennen wir alle!« Und diesmal stimmten auch die Knaben mit
+ein. Paul, der eine schöne Stimme und gutes Gehör hatte, sang die zweite
+Stimme. Tante Toni saß ganz still und freute sich, wie der helle
+Kindergesang so frisch in die freie Natur hinausschallte.
+
+»Sogar die Vöglein schwiegen und hörten euch zu«, behauptete sie, als
+das Lied zu Ende war.
+
+»Nun mußt du aber auch singen, Tante«, baten die Kinder, und es erklang
+noch gar manch lustiges und manch schwermütiges Volksliedchen, bis auf
+einmal ein anderer, ein feierlicher Ton sich unter den Gesang mischte --
+von der Dorfkirche drunten im Tal das Abendläuten.
+
+Da verstummte der Gesang und alle lauschten still, bis der letzte
+Glockenton verhallt war.
+
+Plötzlich sprang Tante Toni auf und rief: »Aber, Kinder, wir vergessen
+ja ganz die Zeit! Schnell, schnell zum Aufbruch geblasen, damit wir noch
+vor Dunkelwerden heimkommen!«
+
+»O wie schade, es war so wunderschön hier!« bedauerten die Kinder, sich
+zum Aufbruch richtend.
+
+»Aber wo ist denn Otto?« fragte auf einmal Tante Toni, sich nach allen
+Seiten umsehend. Niemand wußte es, niemand hatte ihn fortgehen sehen.
+Aber Mariechen behauptete, er könne noch nicht lange fort sein, denn vor
+wenigen Minuten hätte sie ihn noch im Gras herumkriechen sehen.
+
+»Otto, Otto!« riefen nun Tante und Kinder in alle Windrichtungen, aber
+es erfolgte keine Antwort.
+
+»Das ist recht fatal, denn wir haben uns schon sowieso etwas verspätet!«
+Tante Toni schien ein wenig unzufrieden, und nach einigem Nachdenken
+entschloß sie sich, da alles Rufen vergeblich blieb, die Zwillinge und
+Philipp nach verschiedenen Richtungen als Kundschafter auszuschicken.
+»Aber entfernt euch nicht zuweit und ruft von Zeit zu Zeit«, empfahl sie
+besorgt.
+
+»Ja, und wer ihn findet oder ihn zuerst rufen hört, der stößt ein
+Indianergeheul aus, damit wir's gleich wissen«, schlug Anna vor; aber
+sie hatte wenig Erfolg mit ihrem Scherz. Nicht nur die Tante, auch die
+Kinder hatte ein unheimliches Gefühl beschlichen; es war doch auch zu
+sonderbar, daß Otto so spurlos verschwunden war. Tante Toni war ganz
+blaß geworden, und sie sah so niedergeschlagen aus, daß Mariechen sie zu
+beruhigen suchte, indem sie sagte: »Sorge dich doch nicht so, Tante; es
+kann ihm ja doch hier nichts zugestoßen sein.«
+
+»Er könnte beim Umherstreifen gefallen sein; es gibt mehrere recht
+steile und gefährliche Stellen hier am Berg.«
+
+»Dann hätten wir ihn doch schreien hören.«
+
+»Beim Singen konnte uns das leicht entgehen.«
+
+Inzwischen hörte man von Zeit zu Zeit den Zuruf der drei suchenden
+Knaben. Er klang schwächer und schwächer, dann näherte er sich wieder,
+aber von Otto keine Antwort.
+
+Die Sonne war schon ganz tief gesunken; im Westen rötete sich der ganze
+Himmel, aber niemand hatte einen Blick für den herrlichen
+Sonnenuntergang -- alle standen da und warteten und lauschten. Endlich
+kam Paul zurück, dann Philipp und zuletzt Kurt; niemand sagte ein Wort,
+die Kinder sahen sich ratlos an, dann richteten sie ihre Blicke
+erwartungsvoll auf Tante Toni, als ob sie doch helfen könnte und müßte.
+Aber Tante Toni zitterte, wie wenn sie fröre; sie mußte sich an einen
+Baum lehnen, um nicht umzufallen; sie fühlte ja die ganze schwere
+Verantwortung auf sich ruhen. Wie konnte sie denn heimkehren ohne Otto,
+ohne den Sohn ihres Bruders! Wortlos rang sie die Hände. Auf einmal
+raffte sie sich auf. »Kinder, kommt, wir wollen beten!« sagte sie, und
+inmitten der Kinderschar niederkniend, flehte sie aus tiefstem Herzen:
+»Unter deinen Schutz und Schirm ...«, und die Kinder stimmten mit ein.
+Ernst und feierlich hallte das Gebet in die stille Abenddämmerung
+hinein. Die Vöglein waren schon lange zur Ruhe gegangen, und von der
+Stadt schimmerten einzelne Lichter herüber.
+
+Plötzlich zuckte Tante Toni zusammen; es hatte sie jemand an der
+Schulter berührt: es war Mariechen, und diese machte die Tante mit einer
+leisen Gebärde auf Lilly aufmerksam. Diese schien in der Tat die
+allgemeine Angst um ihren Bruder gar nicht zu teilen; sie kniete etwas
+abseits an einen Stein gelehnt, und sie schaute aufmerksam auf einen
+bestimmten Punkt -- eben lächelte sie sogar ein wenig. Tante Toni folgte
+der Richtung ihres Blickes, und -- fast hätte sie laut aufgeschrien. --
+Dort über dem großen Felsblock bewegte sich etwas; es zeichnete sich
+scharf gegen den klaren Abendhimmel ab -- jetzt verschwand es wieder. --
+Aber nun verstand Tante Toni alles. Sie erinnerte sich, daß sich oben in
+diesem Stein eine ziemlich tiefe Mulde befand. Otto war unbemerkt hinter
+den Stein geschlichen, hinaufgeklettert -- gut klettern, das konnte er
+ja -- und hatte sich in die Mulde versteckt. Diese war allerdings oft
+mit Regenwasser gefüllt, aber es hatte ja nun längere Zeit nicht
+geregnet.
+
+Tante Toni atmete auf, wie von einer drückenden Last befreit. Und doch
+fiel es ihr wieder recht schwer aufs Herz, als sie nun daran dachte,
+daß Otto also all ihre und der Kinder Angst und Sorge mitangesehen und
+sich trotzdem nicht gezeigt hatte; auch Lilly hatte um Ottos Versteck
+gewußt und hatte nichts getan, um sie aus der Angst zu befreien. Nach
+all dem, was sie eben ausgestanden, war das Herz der armen Tante schon
+ganz erschüttert, und nun kam dazu einerseits das Gefühl der großen
+Erleichterung, anderseits der Schmerz über Ottos und Lillys
+Herzlosigkeit. Das alles stürmte auf sie ein, sie konnte nicht mehr
+widerstehen und brach plötzlich in Tränen aus. Die Kinder sahen sie
+erschreckt an. Mariechen mit ihrem guten, teilnehmenden Herzen hatte die
+Gefühle der Tante teilweise erraten und verstanden; sie machte den
+andern ein Zeichen, so daß diese sich ganz still verhielten und der
+Tante ein wenig Zeit ließen, um sich wieder zu fassen.
+
+Die Sonne war nun längst versunken, und sogar auf dem Gipfel des Berges
+hier fing es schon an dämmerig zu werden. Jetzt richtete Tante Toni sich
+auf, und sie sagte, ohne nach dem Felsblock zu blicken:
+
+»Nun kommt, Kinder, wir haben keinen Augenblick mehr zu verlieren -- wir
+müssen heim.«
+
+Die Kinder schauten erstaunt auf Tante Toni -- sie sah so eigen aus und
+ihre Stimme klang gar nicht wie sonst, aber sie folgten schweigend; nur
+Lilly blieb stehen und fragte halb ängstlich, halb trotzig: »Und Otto?«
+
+Tante Toni sah Lilly sehr ernst an, als sie antwortete: »Wir warten
+nicht eine Minute länger auf Otto. Bald wird es ganz dunkel sein, und
+da, wo Otto sich befindet, kann ihm ja nichts passieren -- höchstens
+eine Erkältung kann er sich von dort mitbringen. Und du, Lilly, du gehst
+vor mir her, und ich verbiete dir, dich auch nur im geringsten zu
+entfernen. Nun schnell vorwärts!«
+
+Tante Toni wußte ganz genau, daß dies das beste Mittel sei, um Otto
+möglichst rasch aus seinem Versteck zu treiben. Kaum hatte sie mit den
+Kindern den Platz verlassen, da tauchte Otto auch schon aus seinem Loche
+auf und begann vom Felsblock herunterzuklettern; das war aber nicht so
+leicht -- wahrscheinlich gerade weil er so eilig war, stellte er sich
+viel ungeschickter an wie sonst, und er konnte lange keine Stütze für
+seinen Fuß finden. Es überkam ihn, als er sich nun in der zunehmenden
+Dunkelheit so ganz allein sah, ein recht unheimliches Gefühl. Er hätte
+gerne gerufen; aber nein, dafür war er doch zu stolz. Er atmete
+ordentlich auf, als er endlich unten war, und nun hatte er die andern
+bald eingeholt. Die schienen ihn aber gar nicht zu bemerken, sie gingen
+rasch und schweigend weiter. Otto fühlte sich sehr unbehaglich, und um
+diesem ungemütlichen Zustand ein Ende zu machen, rief er mit erzwungenem
+Lachen:
+
+»Nun, war ich nicht gut versteckt? Ratet einmal, wo ich die ganze Zeit
+war!«
+
+Aber die Kinder antworteten gar nicht, sie sahen ihn nur vorwurfsvoll
+an. Tante Toni sagte in sanftem, aber sehr ernstem Ton:
+
+»Ich weiß, wo du warst, Otto; du hast nicht schön gehandelt. Geh' jetzt
+neben Lilly und gib ihr die Hand, und entferne dich um keinen Schritt
+mehr von mir.«
+
+Hier im Wald war es schon ganz dunkel, und man hatte Mühe, auf den Weg
+zu achten. Von Paul und Kurt geführt, kam die kleine Truppe aber doch
+rasch vom Fleck, und man gelangte glücklich auf die Landstraße.
+
+»O wie schön!« rief Rudi aus, und er blieb einen Augenblick stehen; alle
+wendeten sich um, und sie sahen nun, wie die glänzende Mondscheibe
+langsam hinter einem Berge hervorstieg, und dann war auf einmal die
+ganze Gegend in ein wunderbares, silbernes Licht getaucht.
+
+»Nun haben wir eine gute Leuchte auf den Weg«, meinte der praktische
+Philipp, während Mariechen ausrief:
+
+»Das ist feenhaft schön!«
+
+Jetzt sprudelte auch Annas gute Laune wieder hervor, und sie rief:
+»Miezchen, gerate nur nicht in Verzückung, sonst steckst du mich an, und
+dann bringt ihr mich nicht mehr von der Stelle --, dann bleibe ich
+einfach bis Mitternacht hier stehen, um die Elfen im Mondschein tanzen
+zu sehen, wie Tante Toni es uns neulich erzählt hat.«
+
+»Ei, um das zu sehen, muß man doch ein Sonntagskind sein!«
+
+»Aber, Tante Toni, das bin ich doch -- ich meine, das müßtest du mir
+doch ansehen!« Und Anna stellte sich breitspurig vor Tante Toni hin und
+reckte sich in die Höhe, so sehr sie nur konnte.
+
+Alle lachten, auch Tante Toni; aber plötzlich wieder ernst werdend,
+legte sie die Hand auf Annas Köpfchen, und ihr die braunen, wirren Haare
+aus der Stirne streichend sagte sie leise: »Ich glaube dir's, Kind; ja,
+du mußt wirklich ein Sonntagskind sein. Möge der liebe Gott dir deinen
+frohen Mut erhalten dein ganzes Leben lang! -- Aber nun müssen wir
+weiter; eure Eltern werden gewiß schon besorgt sein über unser langes
+Ausbleiben.«
+
+»Sollen wir vorauslaufen, um sie zu beruhigen?« schlugen die Zwillinge
+vor, aber Tante Toni wollte nichts davon wissen.
+
+»Nein, nein, wir bleiben schön beisammen«, wehrte sie ab. »Aber tüchtig
+ausschreiten, das wollen wir!«
+
+Es herrschte nun aber doch wieder eine andere Stimmung als vorhin, und
+es flog sogar manches Scherzwort, manche kleine Neckerei von einem zum
+andern.
+
+Auch Otto flüsterte seiner Schwester zu:
+
+»Na, es ist wirklich Zeit, daß die alle wieder andere Gesichter machen;
+das war doch zu dumm!« Und leise in sich hineinkichernd fügte er hinzu:
+»Nein, war das drollig, da oben in dem Stein zu sitzen und zu sehen, wie
+die andern alle suchten und sich den Hals heiser schrien -- ich mußte
+mich wirklich zusammennehmen, um nicht laut aufzulachen!«
+
+Aber Lilly stimmte nicht in Ottos Gelächter ein; sie schüttelte den Kopf
+und sagte nachdenklich: »Nein, Otto, es war nicht recht; das war schon
+kein Scherz mehr, und wie du gesehen hast, daß Tante Toni wirklich in
+Angst um dich war, da hättest du herunterkommen sollen. Es hat mir ganz
+wehgetan, wie sie auf einmal so geweint hat, und ich hätte dir nicht
+folgen dürfen....«
+
+»Halt, Lilly, das ist fest unter uns ausgemacht: keins verrät das
+andere, und es wäre Verrat gewesen, wenn du mein Versteck entdeckt
+hättest. Ich möchte nur wissen, ob Tante Toni wirklich weiß, wo ich
+gesteckt habe.«
+
+»Das glaube ich ganz gewiß.«
+
+»Woher aber? Außer uns kennt doch niemand das Loch in dem Stein -- es
+war ja früher schon Papas Geheimnis, wie er noch klein war.«
+
+»Ja, du weißt aber auch, daß Tante Toni immer Papas Lieblingsschwester
+war, und da hat er sie wahrscheinlich in das Geheimnis eingeweiht.«
+
+»Dann hätte sie sich aber doch nicht so zu ängstigen brauchen.«
+
+»Ja, sie hat vielleicht nicht mehr daran gedacht, oder sie hat auch gar
+nicht gewußt, daß man sich in dem Loch verstecken kann, weil es ja
+früher immer voll Regenwasser war; Papa war selbst ganz erstaunt, als er
+voriges Jahr bemerkte, daß das Wasser jetzt ablaufen kann.«
+
+»Ja, das ist wahr. Aber schau mal! -- Ich glaube gar, da kommt Papa mit
+Onkel Helmer! O weh, das ist dumm!«
+
+Es waren wirklich Herr Mehring und Herr Helmer, die, ernstlich
+beunruhigt durch das lange Ausbleiben der Tante und ihrer Bande, diesen
+entgegengegangen waren.
+
+»Na, da seid ihr ja alle heil und gesund!« riefen sie ihnen entgegen.
+»Die beiden Mütter sind schon ganz besorgt, und wir konnten uns gar
+nicht denken, weshalb ihr nicht heimkamet!«
+
+Erst als sie ganz nahe herangekommen waren, bemerkten sie die verlegenen
+Gesichter der Kinder, und Onkel Robert fragte, seine Schwester forschend
+anblickend:
+
+»Toni, du bist so blaß! Ist etwas vorgefallen?«
+
+Nach einigem Zögern antwortete Tante Toni: »Ich glaube, es ist am
+besten, wenn Otto dir selbst den Grund unserer Verspätung mitteilt.«
+
+Erstaunt und fragend blickte Herr Mehring von seiner Schwester auf
+seinen Sohn, aber Otto faßte seines Vaters Hand, und ihn mit sich
+fortziehend sagte er: »Komm nur, Papa, ich erzähle dir alles; du wirst
+sehen, es ist gar nicht schlimm.«
+
+Und er erzählte nun, wie er von den andern unbemerkt auf den großen
+grauen Stein geklettert sei und sich in das Loch versteckt habe und wie
+er schon sehr lange darin gesessen habe, bevor Tante Toni sein
+Verschwinden bemerkt hätte, und wie dann nach ihm gesucht und gerufen
+worden sei, und das sei so unterhaltend gewesen, daß er gar nicht geahnt
+hätte, wie spät es inzwischen geworden sei. Der Vater hatte schweigend
+zugehört. Am Schluß sah er seinen Sohn ernst und forschend an, und er
+sagte:
+
+»Otto, die Sache gefällt mir nicht recht. Ich bin eben wirklich
+erschrocken über das blasse, angegriffene Aussehen deiner Tante; sie muß
+sich also ernstlich um dich beunruhigt haben, und du hast sie gewiß viel
+zu lange hingehalten, ehe du aus deinem Versteck hervorkamst. Antworte
+mir ehrlich: >Hast du bemerkt, daß Tante Toni sich wirklich ängstigte?<«
+
+Otto sagte leise und zögernd: »Ja -- Papa.«
+
+»Und du bist trotzdem noch in deinem Versteck geblieben?«
+
+Otto senkte den Kopf und schwieg.
+
+»Noch lange?« fragte der Vater.
+
+»O, nicht so sehr«, suchte Otto sich zu entschuldigen; aber Herr Mehring
+seufzte tief auf, und er sagte nach einigem Nachdenken:
+
+»Das geht mir sehr nahe, Kind. Verstehst du auch, warum?«
+
+Otto schüttelte den Kopf.
+
+»Weil es wie Herzlosigkeit aussieht.«
+
+»O Papa!«
+
+»Ja, Kind; du weißt, daß ich einen kleinen Streich, eine Neckerei nicht
+so ernst nehme, sogar Unarten kann man Kindern verzeihen -- mein Gott,
+keiner von uns ist ja wohlerzogen vom Himmel heruntergefallen! Aber hier
+ist mehr wie Leichtsinn dahinter. Daß du deine gute Tante sich erst
+lange ängstigen ließest, ehe du aus deinem Versteck kamst, das läßt mich
+beinahe an deinem guten Herzen zweifeln. Jedenfalls hoffe ich, daß du
+die Tante diesen Abend noch herzlich um Verzeihung bitten und ihr
+versprechen wirst, sie künftighin nicht mehr zu betrüben. Wirst du das
+tun?«
+
+Otto nickte wieder, und dann ging er schweigend neben seinem Vater her,
+mit einer großen, großen Angst im Herzen. Wie, wenn sein Vater nun noch
+eines der andern Kinder fragte? Aber nein, warum sollte er denn? Das
+hatte er ja sonst auch nicht getan, und von selbst würden ihn die andern
+nicht verklagen, das wußte er.
+
+Nach der Heimkehr, beim Abschiednehmen, drängte er sich, dem Winke
+seines Vaters folgend, an die Tante heran und sagte leise, mit halb
+abgewandtem Gesicht: »Tante, bitte, verzeih' mir, ich will dich nicht
+mehr betrüben.«
+
+Die Tante sah ihn eine kleine Weile forschend an, dann sagte sie
+betrübt: »Es kommt dir nicht recht von Herzen, Otto; aber ich verzeihe
+dir trotzdem -- du hast eben selbst noch nie eine wirkliche und große
+Angst ausgestanden, und du ahnst nicht, wie das tut. Gute Nacht, lieber
+Otto.«
+
+An diesem Abend konnte Otto lange nicht einschlafen; unruhig warf er
+sich in seinem Bett hin und her, und er dachte: »Ach, hätt' ich doch
+noch eine Mama, die sich an mein Bett setzte -- der könnt' ich's wohl
+sagen!«
+
+Als er aber die Schritte seines Vaters auf der Treppe hörte, drehte er
+sich schnell zur Wand, und als Herr Mehring mit einer Kerze ins Zimmer
+trat und sich über seinen Sohn neigte, da lag dieser mit geschlossenen
+Augen und atmete tief und regelmäßig, wie wenn er schliefe.
+
+
+
+
+ Siebtes Kapitel.
+
+ Bambula, der Puppenfresser. Otto, weißt du nun, wie es tut?
+
+
+Am andern Tag hatte Tante Toni heftige Kopfschmerzen. Als diese gegen
+Mittag etwas besser wurden, ging sie zu klein Toni hinauf, die mit einer
+Erkältung und etwas Fieber zu Bett lag. Sie setzte sich zu ihr hin und
+fragte: »Nun, wie ist es dir denn gestern gegangen, meine liebe kleine
+Freundin? Warst du recht vergnügt mit Mama und mit den Kleinen?«
+
+»O ja«, nickte Tonichen; »Tante Luise ist auch gekommen mit dem kleinen
+Bubi; der ist gestern drei Jahre alt geworden, und da hat er ein ganz
+schwarzes Püppchen bekommen, ein Mohrenkind, und das hat er mitgebracht,
+und denke dir, Tante -- ach, das war zu drollig ...!« Und nun fing Toni
+an, so zu lachen, daß sie gar nicht mehr weitererzählen konnte.
+
+»Erzähl' doch erst und lach' nachher, damit ich wenigstens mitlachen
+kann«, meinte Tante Toni.
+
+»Also hör, Tante! Der Bubi ist mit seinem Bambula -- so heißt sein
+schwarzes Püppchen -- gekommen und hat ihn uns gezeigt, und Minnichen
+hat sich ein bißchen gefürchtet, aber nur anfangs, hernach nicht mehr,
+und dann hat Bubi sogar seinen Neger zum Püppchen von Minnichen ins Bett
+gelegt, und wie Minnichen gerad' ein bißchen am Fenster war, da hat der
+Bubi auf einmal geschrien: >Minnichen, tomm deswind sehn, dei Püppchen
+is weck -- der Bambula hat's aufdefressen!< Und 's weiße Püppchen war
+wirklich fort. Wie aber jetzt Minnichen angefangen hat zu weinen, da hat
+der Bubi gesagt: >Nit weinen, Minnichen! 's Püppchen is widder da,
+Bambula hat's widder rausdebrockelt.< Und richtig, Tante, das Püppchen
+lag auf einmal wieder im Bettchen, und da hätt'st du mal sehen sollen,
+wie Minnichen ihr Püppchen genommen und geherzt und geküßt hat und wie
+sie dem Bambula böse Augen und strenge Gesichter gemacht hat -- aber nur
+von fern, denn das arme Minnichen hat sich jetzt selbst wieder ein
+bißchen vor dem bösen Mohren gefürchtet.«
+
+Jetzt wurde Tonis Erzählung durch einen Hustenanfall unterbrochen.
+
+»O, wie du hustest, mein Herzchen! Ich hätte dich nicht so erzählen
+lassen sollen -- du sollst wohl gar nicht viel sprechen?«
+
+»Ach, Tante, das ist nicht so schlimm; ich hab' ja schon so oft Husten
+gehabt! Du mußt dir wirklich hernach von Minnichen selbst erzählen
+lassen, wie Bambula ihr Püppchen gefressen hat; da mußt du wirklich ganz
+schrecklich lachen, Tante. Geh' nur mal hinüber ins Kinderzimmer -- aber
+dann kommst du wieder zu mir, gelt, Tantchen?«
+
+»Gewiß, Kleines, ich komme gleich wieder.«
+
+Als die Tante ins Kinderzimmer trat, saß Minnichen mit tiefbetrübter
+Miene neben ihrem Puppenbettchen, während Leo, die Stirne in ernste
+Falten gelegt, dabeistand; er hatte eine große Brille -- ohne Gläser --
+auf seinem Näschen sitzen und hielt eine leere Milchflasche unter dem
+Arm. Er räusperte sich, genau wie der gute alte Hausarzt es zu tun
+pflegte, und dann sagte er mit der tiefsten Stimme, die er hervorbringen
+konnte:
+
+»Wir werden das kranke Kind impfen müssen; es gibt kein anderes Mittel,
+um's wieder gesund zu machen -- aber erst muß es Medizin nehmen.«
+
+Dann schüttelte er die Milchflasche kräftig, und ein Puppenlöffelchen
+unterhaltend, zählte er langsam und bedächtig: »Eins -- zwei -- drei --
+mehr wie drei Tropfen darf man nicht geben, sonst stirbt das Kind; denn
+die Medizin ist Gift.«
+
+Erst nachdem er das Löffelchen dem kranken Puppenkind hingehalten hatte,
+drehte er sich nach Tante Toni um, und ihr die Hand reichend, sagte er
+sehr ernsthaft: »Ach, guten Tag, Fräulein! Wie geht es Ihnen? Soll ich
+Ihren Puls fühlen?«
+
+Tante Toni ging natürlich auf das Spiel der Kleinen ein und sagte:
+
+»Ach, guten Tag, Herr Doktor! Ich danke Ihnen, mir geht es ganz gut;
+aber das Kind dort scheint recht krank zu sein. Wohl auf den Schrecken
+von gestern?«
+
+»Ja, ja, es steht schlimm, recht schlimm!« Dabei machte Leo die größten
+Anstrengungen, seine Stirne noch mehr zu runzeln, wobei jedoch seine
+große Brille ins Rutschen kam. Tante Toni hatte große Mühe, das Lachen
+zu verbeißen. Leo aber ließ sich nicht irremachen; er stellte seine
+Milch- oder vielmehr seine Medizinflasche auf die Erde und rückte seine
+Brille wieder zurecht. Jetzt kam auch Minnichen, und die Tante zum
+Puppenbettchen ziehend sagte es: »Arm Poppelsen, wehweh hat.«
+
+Nun fiel aber Leo aus der Rolle, denn der kleine Lehrmeister bekam
+wieder die Oberhand, und er sagte eifrig:
+
+»Minnichen, erzähl' mal der Tante, wer hat dein Püppchen krank gemacht?«
+
+»Böser Bambula«, sagte die Kleine, ein Schnütchen machend.
+
+»Hörst du, Tante, wie gut sie schon >Bambula< sagen kann? Sie hat es
+doch gestern zum erstenmal gehört, und es ist auch gar kein leichtes
+Wort.«
+
+Nun, an ihren gestrigen Schrecken denkend, geriet Minnichen auch in
+Eifer, und sie erzählte: »Bös Bambula Poppelsen von Minnisen aufdefeßt
+-- so ...« Und die Kleine sperrte ihr Mündchen auf, so weit sie nur
+konnte, und auf Tante Toni sich stürzend, machte sie »Happ, happ!« als
+wollte sie diese verschlingen. Dann erzählte sie weiter, ihre Worte mit
+sehr ausdrucksvollen Gebärden begleitend: »Und Minnisen hat weint, so:
+>Hiehiehie!< Dann hat Bambula bockelt, so: >Bröh -- bröhx<, und da war
+Poppelsen widder da. Aber Minnisen hat sehr sankt Bambula, so ...« Und
+Minnichen riß die Äugelchen weit auf, machte ein bitterböses Gesicht und
+drohte mit dem Fingerchen.
+
+»Huh«, machte Tante Toni zurückfahrend, »da war der Bambula aber sicher
+sehr bang, wie er dein strenges Gesicht gesehen hat?«
+
+»Ja«, antwortete Leo für sein Schwesterchen, »wir haben ihm gesagt, er
+dürfe nicht mehr zu uns auf Besuch kommen sonst würde er einfach
+nausgeschmissen!«
+
+»Nausmissen«, bekräftigte Minnichen mit energischem Kopfnicken.
+
+Den Nachmittag dieses Tages brachte Tante Toni am Bettchen ihres
+Patenkindes zu.
+
+»Tante, ich muß dir etwas sagen«, flüsterte klein Toni ernsthaft, ein
+wenig zögernd.
+
+»Was denn, mein Liebling?«
+
+»Ich bin wieder mal sehr zornig und sehr böse gewesen.«
+
+»O Tonichen, wirklich? Das tut mir aber leid. Dir gewiß auch?«
+
+»Ich weiß nicht recht, Tante. Es tut mir schon leid, daß ich so zornig
+war, weil das den lieben Gott beleidigt; aber ich bin noch immer bös,
+sehr bös auf Otto!«
+
+»Ach, ist es das? Anna hat dir wohl erzählt?«
+
+»Ja, Tante. Und wie du geweint und dich gesorgt hast, und daß der Otto
+nicht einmal gezankt worden ist. Und da hab' ich gewünscht, der liebe
+Gott möchte ihn selbst recht tüchtig strafen.«
+
+»O nein, Tonichen, nein, das sollst du nicht! Wir wollen lieber beten
+für ihn, damit er sein Unrecht einsieht, dann wird es ihm sicher selbst
+sehr leid tun. O Tonichen, das war ein häßlicher Wunsch; einen solchen
+darf meine kleine Freundin nie mehr haben!«
+
+»Aber Tante, er war doch so bös gegen dich, der Otto, und du bist so
+lieb und gut! Nein, ich mag ihn gar nicht mehr, den bösen, garstigen
+Buben!«
+
+»Du kränkst mich, Tonichen, wenn du so sprichst!«
+
+»O Tante, ich will dich nicht kränken, und es ist ja, weil ich dich so
+sehr lieb hab' ...« Und schluchzend schlang klein Tonichen ihre Ärmchen
+um den Hals der Tante.
+
+»Ich weiß es ja, mein Liebling, ich weiß es ja«, suchte die Tante das
+weinende Kind zu beruhigen. »Und weil du die Tante Toni so lieb hast und
+ihr eine ganz besondere Freude machen willst, wirst du diesen Abend beim
+Abendgebet ein Vaterunser für unsern lieben, armen Otto beten. Willst
+du?«
+
+Tonichen nickte unter Tränen lächelnd.
+
+»Und nun liege recht still und ruhig, sonst mußt du wieder so stark
+husten. Ich erzähle dir auch. Was möchtest du gerne hören?«
+
+»O bitte, Tante, erzähle mir noch einmal die Geschichte von dem kleinen
+Johannes, den niemand lieb hatte und der in der Weihnachtsnacht
+gestorben ist, gerade nachdem er den lieben Heiland empfangen hatte.«
+
+Und Tante Toni erzählte, während klein Toni begierig lauschte.
+
+»O wie schön!« seufzte sie am Schluß der Erzählung. »Ich möchte auch
+sterben wie der kleine Johannes, gleich nach meiner ersten heiligen
+Kommunion.«
+
+Später kam auch Tonis Mutter und setzte sich an ihr Bettchen; da
+strahlte ihr Gesichtchen vor Freude, und sie sagte: »Jetzt bin ich so
+froh, so froh, weil ihr alle beide bei mir seid; bleibt nur recht lange
+hier!«
+
+»Ja, recht lange«, wiederholte die Mutter leise, und sie blickte voll
+Liebe und Besorgnis in das blasse Gesicht ihres Töchterchens, und so oft
+dieses hustete, ging es wie ein Stich durchs Herz der Mutter; klein Toni
+merkte das, und sie gab sich von nun an alle Mühe, ihren Husten
+zurückzuhalten.
+
+Es war schon ziemlich spät am Nachmittag, als auf einmal Paul hereinkam
+und rief: »Tante Toni, komm doch schnell einmal herunter! Der Otto ist
+da und fragt nach dir, und er sieht ganz verstört aus, aber er will mir
+nicht sagen, was er hat.«
+
+Sofort eilte Tante Toni hinunter, und als sie ins Zimmer trat, da
+stürzte Otto wie verzweifelt auf sie zu und schrie: »Tante, Tante, hilf
+mir, ich bitte dich, hilf mir! Ich weiß nicht mehr, was ich anfangen
+soll!«
+
+»Um Gottes willen, Otto, was ist denn geschehen? Ist deinem Vater etwas
+zugestoßen? So sprich doch!«
+
+Nun brach Otto in krampfhaftes Schluchzen aus, dazwischen stammelte und
+stieß er einige Sätze und Wörter hervor, wovon die Tante aber nur
+verstand, sein Vater müsse ins Gefängnis, und er, Otto, sei schuld
+daran.
+
+»Das kann ja gar nicht sein!« rief die Tante aus. »Komm, nun setz' dich
+her zu mir und versuche ruhiger zu werden, dann erzählst du mir ganz
+genau, was vorgefallen ist.«
+
+Aber es dauerte noch einige Zeit, ehe Otto ordentlich sprechen konnte,
+und er schluchzte noch häufig auf, während er erzählte: »Ich saß vorhin
+an meinem Studierpult in Vaters Zimmer, und Papa stand vor seinem
+Schreibtisch, wo er Papiere durchsah; er hatte sie aus dem eisernen
+Schrank genommen, der in der Ecke steht und wo er alle wichtigen Papiere
+und das Geld drin aufhebt; du kennst ihn ja, Tante.«
+
+»Ja, gewiß -- es waren also jedenfalls sehr wichtige Papiere, die er vor
+sich hatte.«
+
+Otto nickte und fuhr fort: »Auf einmal kam Lina herein und sagte, Papa
+möge doch schnell einmal hinunterkommen, der Herr Dorr sei da und der
+habe es sehr eilig. Papa wollte die Papiere erst wieder in den
+Geldschrank legen, der war aber schon zugeschlossen, und so legte er nur
+einen Beschwerstein darauf und sagte zu mir, er käme sofort zurück, er
+hätte nur einen Augenblick mit Herrn Dorr zu sprechen, und ich solle
+inzwischen auf die Papiere achten, denn sie seien sehr, sehr wichtig,
+ich solle mich aber nicht unterstehen, sie anzurühren. Dann ging Papa
+hinaus, und er ließ die Türe offenstehen.« Nun fing Otto wieder an zu
+weinen.
+
+»Und jetzt hast du die Papiere doch angerührt, Otto?«
+
+»Zuerst nicht, Tante! Ich wollte ja dem Papa gehorchen; wie er aber dann
+so lange ausblieb, da mußte ich immer wieder nach den Papieren hinsehen,
+und ich hätte doch so gerne gewußt, was es für Papiere wären, und -- da
+nahm ich den Stein ab. O hätt' ich es nicht getan! -- Im selben
+Augenblick hörte ich im Garten draußen einen lauten Schrei, ich lief
+schnell ans Fenster, um zu sehen, was es gäbe, und ich muß wohl in der
+Eile vergessen haben, den Stein wieder auf die Papiere zu legen. Ich riß
+das Fenster auf, um hinauszusehen, aber im selben Augenblicke entstand
+Zugluft, und alle Papiere flogen im Zimmer herum und mehrere sogar zum
+Fenster hinaus. Ich stürzte sofort hinunter, um sie wieder
+zusammenzusuchen. Die alte Babett, die gerade unten war, hatte schon
+einige aufgehoben, und sie half mir suchen, bis wir keins mehr fanden.
+Als ich wieder hinaufkam, da war Papa inzwischen zurückgekommen, und er
+hatte die Papiere, die im Zimmer herumgeflogen waren, schon aufgelesen.
+Ach, Tante, ich möchte, er hätte mich recht gezankt, ja ich möchte, er
+hätte mich sogar geschlagen, ich hab's verdient; aber er hat gar nichts
+gesagt, er hat mich nur einmal angeschaut -- o Tante, ich kann dir nicht
+sagen, _wie_! Dann hat er gleich die Papiere nachgesehen, und es hat
+eins gefehlt! Tante, denke dir, gerade das allerwichtigste -- das,
+welches er morgen beim Gerichte unbedingt braucht! Und dann haben wir im
+Hause und im Garten alles, alles durchsucht, aber wir haben nichts
+gefunden. Ach, Tante, und dann hat sich der Papa an seinen Schreibtisch
+gesetzt und ist, mit den Händen vor dem Gesicht, lange sitzen geblieben,
+ohne sich zu rühren, bis ich's nicht mehr aushalten konnte und ihn
+gebeten habe, er möge mir doch verzeihen! Da hat er mich wieder
+angesehen, noch weher wie vorhin, und hat gesagt: >Ich hab' dir schon
+verziehen, aber an diesem Papier hing mehr als mein Leben -- an ihm
+hing meine Ehre.< Und nun sitzt er immer noch am selben Platz, ganz
+still und, Tante, du kannst dir nicht denken, wie er aussieht, ganz
+anders wie sonst, viel älter! O komm doch mit zu ihm! Ich hab' ihm
+gesagt, ich ginge dich holen, da hat er genickt. Komm, Tante, hilf uns!«
+
+»Ja, Otto, schnell zurück zu deinem Vater!« Die Tante nahm sich kaum die
+Zeit, ihren Hut aufzusetzen, und als sie wenige Minuten später in das
+Zimmer ihres Bruders kam, fand sie diesen genau so, wie Otto gesagt
+hatte. Er nickte seiner Schwester zu, und als diese, ihn fest
+umschlingend, sagte: »Mut, Robert, ich werde nochmal suchen, ich _muß_
+es finden«, da schüttelte er den Kopf und sagte: »Such' nur, aber es
+wird umsonst sein, ich habe überall nachgesehen.«
+
+Sie begann sofort zu suchen, jedes Eckchen genau zu durchforschen, aber
+umsonst, das Papier blieb verschwunden. Otto brach aufs neue in Tränen
+aus. »O, was hab' ich getan, was hab' ich getan!« jammerte er und wollte
+sich auf die Erde niederwerfen, aber Tante Toni faßte ihn bei der Hand
+und zog ihn aus dem Zimmer, denn sie sah, daß ihrem Bruder etwas Ruhe
+und Stille nottat. An der Treppe stießen sie auf Lilly, die ganz blaß
+und verstört aussah; sie sah ihren Bruder scheu und ängstlich an, und
+sich an die Tante hindrängend fragte sie leise: »Hat Otto etwas sehr
+Schlimmes getan?« Die Tante antwortete eilig: »Er war sehr ungehorsam,
+aber du siehst ja, wie leid es ihm tut, und deshalb wird auch gewiß
+alles gut werden. Sei du nur ruhig und bete zu deinem und deines Bruders
+Schutzengel.« Dann folgte sie Otto, der schon in sein Schlafzimmer
+gegangen war.
+
+Otto hatte sich auf sein Bett geworfen und er schluchzte herzbrechend.
+Plötzlich richtete er sich auf und rief aus: »Tante, weißt du noch,
+gestern, wie du gesagt hast, ich wüßte noch nicht, wie es tut? Jetzt
+weiß ich's, o ja, jetzt weiß ich's! O Tante, es ist zu schrecklich,
+diese Angst! O wär' ich doch lieber gestorben! Ich kann's ja nicht mehr
+aushalten!«
+
+Und wie verzweifelt wälzte er sich auf dem Boden. Tante Toni kniete
+neben ihm nieder, und sie versuchte ihn aufzurichten, während sie mit
+sanftem Vorwurf sagte: »Otto, so darfst du nicht reden; du fügst noch
+neues Unrecht zum andern. Komm, laß uns zusammen beten; das ist das
+einzige, was uns helfen und erleichtern kann.«
+
+»Beten? Ach nein; beten, das kann ich nicht! Der liebe Gott will doch
+gewiß nichts mehr von mir wissen, ich bin viel zu bös! Jetzt weiß ich,
+wie bös ich immer war, wie ich den armen Rudi nicht leiden konnte und
+wie ich ihn so viel geärgert und zornig gemacht habe, und er ist auch
+sehr oft wegen mir gezankt und gestraft worden. Und auch gegen die
+andern, sogar gegen Lilly war ich oft recht garstig, und gestern gegen
+dich, Tante Toni; ich war ja so bös auf dich, weil der Rudi mitgehen
+durfte und weil du ihn gegen mich in Schutz nahmst, und ich wollte mich
+rächen, deshalb hab' ich dir so Angst gemacht; aber ich wußte nicht,
+nein, Tante, ich wußte wirklich nicht, wie das ist! O Tante Toni, und
+jetzt bist du doch wieder so gut zu mir!«
+
+»Ja, Otto -- ach, ich möchte dir so gerne aus deiner Not helfen! Aber
+hier kann jetzt nur noch der liebe Gott helfen -- komm, laß uns beten.
+Er ist ja so gern bereit, dir zu verzeihen!«
+
+»Nein, Tante Toni, der liebe Gott kann mir noch nicht verzeihen; er
+weiß, wie falsch ich war und wie ich dem Papa immer alles verkehrt
+erzählt habe und auch wieder gestern. O, gestern hab' ich ihm auch noch
+lang nicht alles gesagt, wie es war -- und jetzt! Ich möcht' es ihm ja
+sagen, aber dann wird er noch trauriger sein, und doch -- ich kann doch
+nicht recht beten, solang ich's ihm nicht gesagt habe! O Tante, sag' mir
+doch, was ich tun soll!«
+
+Tante Toni überlegte ein Weilchen, dann sagte sie: »Ich hätte deinem
+Vater gern jeden weiteren Schmerz erspart, und doch glaube ich, daß du
+recht hast und deiner Regung folgen sollst. Es ist immer besser, den Weg
+der Wahrheit zu gehen, und dein offenes Geständnis ist deinem Vater ja
+ein Beweis, daß du dich ernstlich bessern willst, und wird sein bester
+Trost in allem Leide sein.«
+
+»Soll ich denn jetzt gleich hinuntergehen?«
+
+»Gewiß! Die Ausführung eines solchen Entschlusses soll man niemals
+verschieben.«
+
+»Dann komm, Tante, geh' mit mir.«
+
+»Nein, Kind, das mußt du mit deinem Vater allein ausmachen. Ich warte
+hier auf dich und bete unterdessen.«
+
+Mit klopfendem Herzen ging Otto wieder hinunter zu seinem Vater. Er fand
+diesen noch immer in derselben Stellung an seinem Schreibtisch und so
+tief in Nachdenken versunken, daß er seines Sohnes Eintritt gar nicht
+bemerkte.
+
+»Vater!« sagte dieser leise bittend.
+
+Herr Mehring blickte auf. Er machte erst eine ungeduldige Bewegung, aber
+den flehenden Ausdruck in Ottos Antlitz bemerkend, fragte er ernst, aber
+gütig: »Hast du mir noch etwas zu sagen, mein lieber Sohn?«
+
+Und nun fing Otto an zu bekennen. Erst langsam und zögernd, dann aber
+ging es immer leichter, und er machte ein offenes und freimütiges
+Bekenntnis der gestrigen Begebnisse sowie überhaupt all seiner Schuld,
+so wie er sie in dieser schweren Stunde erkannt hatte. Der Vater hörte
+stillschweigend zu -- manchmal kam es Otto vor, als ob er leise seufze,
+aber als er dann stockte und nicht mehr recht weiterkonnte, da blickte
+der Vater ihn ermunternd an und sagte: »Sprich nur weiter; habe Mut und
+sage alles.«
+
+Und Otto sagte alles, und zum Schluß kniete er nieder, und den Kopf auf
+des Vaters Knie legend fügte er hinzu: »Vater, lieber Vater, du sollst
+sehen, ich werde nun anders werden -- ich verspreche es dir und dem
+lieben Gott. O könnt' ich doch nur -- könnt' ich alles wieder gutmachen!
+O mein lieber, guter Vater!«
+
+Der Vater legte die Hand auf des Sohnes Haupt. »Ich danke dir, Kind, für
+dein offenes Bekenntnis. Es ist ja gewiß sehr schmerzlich für mich, zu
+erfahren, wie sehr ich mich in dir getäuscht habe -- aber dein Mut und
+deine Offenheit bürgen mir für deine jetzigen guten Gesinnungen und auch
+für die Zukunft. Glaube mir, mein Sohn, ich will gern diese Prüfung
+tragen, ich will sie sogar segnen, wenn sie dazu dienen soll, aus dir
+einen guten, offenen und pflichttreuen Menschen zu machen. Und nun geh'
+zur Ruhe, mein liebes Kind -- lege dich schlafen.«
+
+»O Papa, wie könnt' ich denn schlafen!«
+
+»Warum solltest du denn nicht schlafen können, jetzt mit deinem
+erleichterten Gewissen -- und besonders wenn du es aus Gehorsam
+versuchst? Gute Nacht, mein lieber Sohn -- Gott segne dich!« Und der
+Vater küßte den Sohn auf die Stirne.
+
+Dann ging Otto hinauf, und nun konnte er mit Tante Toni beten, so recht
+von Herzen und mit Vertrauen.
+
+Nach dem Gebete sagte Tante Toni:
+
+»Nun leg' dich zu Bett, mein lieber Bub, und schlafe; du kannst nun
+ruhig alles dem lieben Gott überlassen.«
+
+»O Tante, gehst du fort, gehst du wieder hinüber zu Wulffs?«
+
+»Nein, nein, ich bleibe hier; ich will hinübertelefonieren, damit man
+drüben nicht auf mich wartet. Ich komme hernach noch einmal nach dir
+sehen.«
+
+Als Tante Toni das Zimmer verlassen hatte, legte Otto sich gehorsam zu
+Bett, und er schloß die Augen. Aber der Schlaf wollte nicht kommen.
+Immer und immer wieder mußte er an das Papier denken, an das
+schreckliche Papier. »Ach, wüßt' ich doch nur, was das für ein Papier
+ist, von dem so viel abhängen kann!« Wie hatte der Vater gesagt? »Mehr
+als mein Leben -- meine Ehre!« Und nun kam es wieder, das
+Schreckgespenst -- das Gefängnis! -- Sein lieber, edler Vater unschuldig
+im Gefängnis, durch seine, des eigenen Sohnes Schuld! -- Nein, das war
+gar nicht auszudenken -- das konnte er nicht ertragen. »Ach, hätt' ich
+doch gefolgt«, stöhnte er, »hätt' ich doch den Stein und die Papiere
+nicht angerührt -- so wäre das alles nicht passiert!« Und Otto weinte in
+sein Kissen hinein, und dann betete er wieder: »Ach, lieber Gott, hilf
+doch! Ich bitte dich, hilf -- ich will ja auch ein ganz anderer Bub
+werden, ich versprech' es dir -- o hilf uns doch, lieber, allmächtiger
+Gott!«
+
+Nach diesem Gebet fühlte er sich ein wenig ruhiger, aber schlafen konnte
+er doch nicht, er mußte wieder an seinen lieben Vater denken -- ob er
+nun wohl noch immer unten an seinem Schreibtisch saß, so still, so
+niedergebeugt? O was hatte er ihm doch angetan, diesem seinem guten
+Vater! Wenn er doch wenigstens etwas für ihn tun könnte, wenn er doch
+wüßte, ob der Vater noch immer so hoffnungslos ist! -- Tante Toni, wo
+bleibst du so lang? Es ist Otto, als müsse er ersticken unter der Last,
+die ihm auf dem Herzen liegt -- er kann's nicht mehr ertragen -- er
+richtet sich auf in seinem Bett -- ist er denn ganz allein? Kommt
+niemand ihm helfen, ihn trösten? O Tante, Tante Toni, komm' doch!
+
+Hatte er es laut gerufen? Er wußte es selbst nicht -- aber Tante Toni
+kam, und er streckte ihr wie um Hilfe flehend die Arme entgegen, er hing
+sich an ihren Hals und rief schluchzend:
+
+»O mein Vater, mein lieber, armer Vater, was wird ihm geschehen? Ach,
+Tante, sag' mir doch, was kann man ihm denn antun? Wird er nun wirklich
+ins -- ins Gefängnis kommen!«
+
+Da war es heraus, das schreckliche Wort! Es schauderte Otto, während er
+es aussprach.
+
+»Nein, nein«, beschwichtigte ihn Tante Toni, »davon ist keine Rede.«
+
+»Wie! Kann er denn doch noch seine Unschuld beweisen?« Otto jubelte
+beinah' auf, aber Tante Toni schüttelte traurig den Kopf.
+
+»Du bist noch zu jung, Otto«, sagte sie; »ich kann dir die Sache nicht
+genau erklären. Es gibt unehrenhafte Handlungen, für die man nicht ins
+Gefängnis kommt, aber der sie begangen hat, steht deshalb doch entehrt,
+gebrandmarkt vor der ganzen Menschheit da. Deinem Vater wirft man vor,
+das Vertrauen anderer mißbraucht und zu seinem eigenen Vorteil
+ausgebeutet zu haben -- und obwohl es keinen redlicheren, selbstloseren
+Menschen geben kann wie ihn, so haben sich doch Leute gefunden, die
+solchen Anschuldigungen Glauben schenken. Gerade in der letzten Zeit
+sind seine Gegner besonders kühn aufgetreten, weil derjenige, der für
+deinen Vater hätte zeugen können, gestorben ist. Sie wußten nicht, daß
+er ein Schriftstück hinterlassen hat, welches nicht nur alle
+Verdächtigungen zunichte macht, sondern auch ein helles Licht auf die
+lautere Gesinnung und edle Handlungsweise deines Vaters wirft. Dieses
+Schriftstück nun ist es, welches dein Vater, als er vor einigen Tagen so
+plötzlich verreiste, als wichtigstes Beweisstück herbeigeholt hat und
+das nun verschwunden ist. Dieses Schriftstück, morgen in der
+öffentlichen Gerichtsverhandlung vorgelesen, hätte ihn vor allen
+Menschen gerechtfertigt, hätte seinen Verleumdern eine große Niederlage
+bereitet -- und nun ist es verschwunden, und es ist nicht zu ersetzen.
+Aber trotzdem wollen wir hoffen, daß die Verhandlung morgen zu deines
+Vaters Gunsten ausfällt. Die guten Menschen wenigstens werden an ihn
+glauben. Und nun, liebes Kind, lege dich hin und schlafe. Wir können
+nichts mehr tun, als die Sache dem lieben Gott überlassen.«
+
+Tante Toni blieb noch an Ottos Bett sitzen, bis er eingeschlafen war.
+Erst als sie sich überzeugt hatte, daß er wirklich schlief, stand sie
+leise auf und ging hinunter. Auf der Treppe aber blieb sie lauschend
+stehen; war es ihr doch, als hätte sie leises Weinen gehört. Richtig, es
+kam aus Lillys Zimmer! Rasch kehrte die Tante zurück, und sie fand
+wirklich die arme kleine Lilly bitterlich schluchzend in ihrem Bettchen.
+
+»Aber was hast du denn, Lillchen? Was fehlt dir?«
+
+Die Kleine konnte kaum antworten vor Schluchzen: »Der Papa ist nicht --
+an mein Bett gekommen -- um mir >Gute Nacht< zu sagen -- und es hat
+niemand mit mir gebetet -- und ich hab' gehört, wie der Otto hier neben
+geweint hat -- und ich war ganz allein -- und ich bin so traurig --
+und ...« Und Lilly brach von neuem in bitterliches Weinen aus.
+
+Tante Toni nahm das Kind auf den Schoß, tröstete es, wiegte es in den
+Armen wie ein ganz Kleines, und als Lilly etwas ruhiger geworden war,
+fragte sie: »Wollen wir nun das Abendgebet zusammen beten?«
+
+Lilly nickte, und sich an die Tante anschmiegend, faltete sie die
+Händchen. Nach dem Gebet ließ sie sich auch gehorsam wieder ins Bettchen
+legen, aber als Tante Toni sich neben sie setzte mit dem Versprechen,
+bei ihr zu bleiben, bis sie schliefe, da schüttelte Lilly traurig das
+Köpfchen: »Wenn der Papa nicht erst zu mir kommt, dann kann ich doch
+nicht schlafen.«
+
+Da ging Tante Toni hinunter, und sie sagte: »Lilly kann nicht schlafen,
+weil Papa ihr nicht >Gute Nacht< gesagt hat. Klein Lilly hat ihren Vater
+so lieb.«
+
+Da hob der gebeugte Mann das Haupt, und es ging wie ein heller Schein
+über sein Gesicht -- aber gleich zuckte es darin wieder wie tiefes Weh,
+und er sagte:
+
+»Arme kleine Lilly, arme Kinderchen -- es ist ja für sie, daß ich meinen
+Namen rein und unbefleckt erhalten möchte.«
+
+Dann ging er hinauf und nahm Tante Tonis Platz an Lillys Bettchen ein.
+Obwohl er sein Töchterchen anlächelte, sah dieses doch, daß er Kummer
+hatte. Es küßte des Vaters Hand und streichelte sie zärtlich.
+
+»Sei nicht traurig, Papa -- ich hab' dich ja so lieb, _so lieb_! -- Ich
+will auch ein recht braves Kind werden -- ich hab' es der Tante Toni
+schon versprochen. Die Tante Toni hab' ich auch sehr lieb....«
+
+»Das sollst du auch, mein Kindchen; und nun mußt du schlafen. Gute
+Nacht, mein Töchterchen!«
+
+»Gute Nacht, lieber Papa -- lieber -- guter -- Papa!« Und leise, leise
+fielen Lillys müdgeweinte Äuglein zu; sie schluchzte noch einmal auf,
+wie Kinder oft nach heftigem Weinen tun, und dann schlief sie sanft und
+fest ein.
+
+Bald darauf war alles im Hause still, nur Herr Mehring und seine
+Schwester waren noch auf, sie saßen beisammen im Arbeitszimmer. Herr
+Mehring saß am Schreibtisch und schrieb Notizen auf; Tante Toni saß
+etwas abseits, sie hielt die Hände auf den Knien gefaltet, und sie
+lauschte dem Wind, der an den Fensterläden rüttelte. Als Herr Mehring
+von seiner Arbeit aufschaute, begegnete er dem sorgenvollen, fragenden
+Blick seiner Schwester. Er sagte mit einem schmerzlichen Seufzer: »Wenn
+ich wenigstens noch etwas Zeit vor mir hätte -- dann könnte ich
+vielleicht noch einige Zeugnisse herbeischaffen -- aber bis morgen ist
+es unmöglich. O Toni, ich sehe der Verhandlung mit schweren Besorgnissen
+entgegen. Ich war meiner Sache so sicher -- und nun ...« Der
+schwergeprüfte Mann ließ den Kopf auf die Brust sinken.
+
+Tante Tonis Augen füllten sich mit Tränen, als sie ihren sonst so
+tatkräftigen, mutigen Bruder jetzt so niedergebeugt sah. »Verzage doch
+nicht, Robert«, sagte sie, »der liebe Gott läßt dich nicht im Stich.«
+
+Herr Mehring lächelte wehmütig.
+
+»Aber der liebe Gott wird wohl kaum ein Wunder für mich tun.«
+
+»Und warum nicht, du Kleingläubiger?« rief Tante Toni eifrig aus. »Was
+ist denn ein Wunder für ihn, den Allmächtigen! Aber Gott kann auch
+helfen ohne Wunder. Er ist ja allweise, und wir sind arme, kurzsichtige
+Menschenkinder, wir sorgen und quälen uns ab, statt ganz auf ihn zu
+vertrauen!«
+
+»Du hast recht, Toni, liebe Schwester, Gott kann alles zum Guten wenden,
+und ist es sein Wille, daß ich morgen vor den Menschen gedemütigt und in
+den Staub gezogen werde, so geschehe sein heiliger Wille; er wird mir's
+tragen helfen.«
+
+Dann herrschte wieder Stille und Schweigen im Zimmer. Draußen aber war
+der Wind zum Sturm geworden. Der wütete im Garten, schüttelte und beugte
+die Bäume und peitschte den Regen gegen die Fenster, daß es prasselte.
+
+»Welch ein Wetter!« sagte Tante Toni halblaut, als eben ein besonders
+heftiger Windstoß einherfuhr, als ob er alles mit sich fortreißen
+wollte. Plötzlich fuhr sie zusammen, und auch Herr Mehring sprang von
+seinem Stuhl auf. Laut und schrill tönte es durchs Haus -- die
+Türglocke.
+
+»Was mag das sein? Wer mag so spät noch kommen?«
+
+»Die Mädchen schlafen schon, ich werde selbst nachsehen«, sagte Herr
+Mehring; aber Tante Toni ging mit ihrem Bruder hinunter.
+
+»Wer ist da?« fragte dieser, ehe er die Haustüre öffnete.
+
+»Ich bin's, Herr, ich, der Christian«, tönte es von draußen.
+
+»Wie, Christian, Sie kommen noch so spät und bei diesem Wetter?« rief
+Herr Mehring, die Tür öffnend. »Was gibt es denn?«
+
+»Huh, ja, das is e Wetter!« sagte Christian eintretend und sich die Füße
+abputzend, während ihm das Wasser von Hut und Mantel niederrann. »Und
+ich muß recht um Entschuldigung bitten, daß ich Ihne noch so spät stör,
+Herr Mehring, aber sehn Se, die alt Babett hat mer ja kei Ruh gelassen,
+sie hat sich's halt in ihrn eigensinnige Kopp neingesetzt gehabt, Sie
+müßte das Papier da, wo se in ihrm Korb gefunde hat, wie se diesen Abend
+heimkomme is, noch heut zurückkriege, und wenn emal die Babett sich was
+in ihrn alte Kopp gesetzt hat ... Aber um Gottes wille, Herr Mehring,
+was is Ihne dann? Was hab' ich denn jetzt angestellt!«
+
+Herr Mehring hatte nämlich dem Alten, während dieser sprach, das Papier
+aus der Hand genommen, und kaum hatte er einen Blick hineingeworfen, da
+hatte er einen Schrei ausgestoßen und war zurückgetaumelt.
+
+»Was ist dir, Robert, was ist?« rief Tante Toni erschrocken aus. Herr
+Mehring legte den Arm um sie, und den Kopf an ihre Schulter lehnend,
+sagte er mit von Tränen erstickter Stimme: »O Toni, der liebe Gott hat
+geholfen, ohne ein Wunder zu brauchen -- es ist das Schriftstück!«
+
+»Gott sei Dank, Gott sei Dank!« rief Tante Toni lachend und weinend
+zugleich. »Siehst du, ich wußt' es ja, daß der liebe Gott uns nicht im
+Stich lassen würde!«
+
+»Die alt Babett hat am End doch recht gehabt«, dachte der Christian, und
+er kratzte sich hinter dem Ohr, was er gewöhnlich tat, wenn er verlegen
+oder nachdenklich war. Aber man ließ ihm nicht viel Zeit zum Nachdenken;
+Herr Mehring und seine Schwester nötigten ihn ins Zimmer, und während
+Tante Toni ihm ein Glas Wein einschenkte, sagte Herr Mehring:
+
+»Aber nun, Christian, sagen Sie mir doch, wie Sie, oder vielmehr wie
+Babett zu diesem Papier kommt!«
+
+»Ja sehn Se, Herr, des war halt so: Die Babett is ja diesen Nachmittag
+hier gewese, um den Lappekorb abzuhole, wie se's halt immer zweimal im
+Monat tut. Wie se nun mit ihrm Korb fortgehn wollt, da is se da im
+Garte, grad vorm Haus ausgerutscht und wär beinah hingefalle, und sie
+hat in ihrm Schrecke laut geschriee -- da is obe e Fenster aufgerisse
+worde und es sind allerhand Papiere rausgefloge, und gleich drauf is der
+Herr Otto gelaufe komme, um die Papiere wieder aufzulese, und wie em die
+Babett dabei geholfe hat, da hat er gesagt, sie sollt nur recht
+achtgebe, denn es wärn gar wichtige Papiere. Aber die Babett hat gar nit
+gemerkt, daß eins von dene Papiere in ihrn Korb gefalle is, und des hat
+se erst gefunde, wie se vorm Schlafegehn ihrn Korb ausgeleert hat, und
+da hat se mich gerufe; ich hab aber schon mit eim Aug geschlafe, und wie
+ich halt nit gleich raus gewollt hab, da hat se angefange und hat auf
+mei Tür gekloppt mit ihre zwei Fäust, und die sin noch recht kräftig für
+so e alte Frau, denn sie hat Ihne en Spekeltakel aufgeführt, wie wann se
+die ganz Stadt hätt aufwecke wolle. Und wie ich ihr dann zugeredt hab
+und gesagt, des tät sich doch nit schicke, daß ich jetzt wege so eme
+lumpige Papier die Leut noch aus em Schlaf störe sollt, da hat se immer
+wieder gesagt, des wär e wichtig Papier, der Herr Otto wär ganz blaß
+gewese, wie er runtergelaufe wär, und des Papier müßt diesen Abend noch
+zu Ihne gebracht werde, und wenn ich nit gehn wollt, dann tät sie halt
+selber gehn. No so bin ich halt komme, und wenn Se erlaube, Herr
+Mehring, so trink ich jetzt auf Ihr Wohl und aufs Wohl vom Fräule
+Toniche.«
+
+Er leerte sein Glas, stellte es auf den Tisch und fuhr sich mit dem
+Ärmel über den Mund. Er machte große Augen, als Herr Mehring ihm so
+herzlich dankte und ihm erklärte, welch großen Dienst er ihm durch
+Überbringung des Schriftstückes geleistet hatte.
+
+»Na, da freu' ich mich aber!« rief er beim Abschiednehmen, »und morge,
+da werd' ich auch dabei sein, um die Gesichter von dene miserable
+Lügner zu sehn. Na, aber so was! Wenn ich noch dran denk, was Sie für e
+lieber, wilder Bub warn, früher, wie ich noch Gärtner bei Ihne Ihre
+Eltern war, Herr Robert, und wie Sie mal von der Frau Mama eine
+übergezoge kriegt habe, weil Se mer in mei frischgepflanzte Beete
+gesprunge sin!« Und im Fortgehen murmelte er vor sich hin: »Ja, ja, wenn
+mer halt noch emal jung sein könnt!«
+
+Als Otto am andern Morgen aufwachte, fiel sein erster Blick auf Tante
+Toni, die schon an seinem Bette saß. Er war erst ganz erstaunt und rieb
+sich die Augen, aber gleich legte es sich wieder wie eine Zentnerlast
+auf sein Herz. Wie hatte er nur so gut schlafen können nach dem, was
+gestern passiert war?
+
+»O Tante!« rief er aus, »Tante, es ist ja heute -- _heute_ ...!«
+
+Aber die Tante lächelte und sagte mit bewegter Stimme: »Otto, knie dich
+gleich nieder und danke dem lieben Gott aus ganzem Herzen.«
+
+»Das Papier, Tante, das Papier -- ist gefunden?«
+
+Die Tante nickte. »Erst beten, Otto, dann erzähl' ich dir.«
+
+Ein warmes, aufrichtiges Dankgebet stieg aus des Knaben Herzen zum
+Himmel hinauf, dann aber lauschte Otto gespannt dem Bericht der Tante.
+
+»Die gute Babett!« rief er am Schluß der Erzählung aus. »Heute noch
+gehen wir zu ihr, gelt, Tante! Ich will sie jetzt gerne um Verzeihung
+bitten wegen neulich -- du weißt ja, Tante --, und die Lilly nehmen wir
+auch mit. O Tante, es schaudert mich, wenn ich daran denke, wie leicht
+Babett das Papier hätte verlieren oder als wertlos zerreißen können;
+oder wenn sie es gar nicht bemerkt hätte, dann wäre es mit all ihren
+andern Lappen zusammen in den Sack des Lumpensammlers gekommen!«
+
+»Das hätte allerdings sehr leicht geschehen können; aber der liebe Gott
+hat unser Gebet erhört, und er hat es nicht zugelassen.«
+
+»Ach, Tante, wenn ich doch nur heute nicht in die Schule gehen müßte!
+Ich werde doch nicht achtgeben können, ich muß ja doch immer an Papa
+denken. Nicht wahr, jetzt _muß_ es doch gut für ihn ausgehen?«
+
+»Gewiß, Kind, du kannst ganz ruhig sein, und du mußt dir alle Mühe
+geben, heute in der Schule ganz besonders aufmerksam zu sein. Du mußt
+sofort beginnen, die guten Vorsätze, die du gestern gefaßt hast,
+auszuführen; nur nicht gleich anfangen zu verschieben, denn dann wird
+nichts daraus.«
+
+Das war ein denkwürdiger Tag; Otto vergaß ihn nie mehr in seinem Leben.
+Als er von der Schule heimkam, fand er Haus und Garten voller Menschen.
+Sein Vater stand oben auf dem Balkon, umgeben von seinen Schwägern und
+einigen Freunden, und er richtete von dort aus einige warme Dankesworte
+an alle, die gekommen waren, um ihn zu beglückwünschen und ihm ihre
+Teilnahme zu bezeigen.
+
+»Unser Mehring soll leben -- hoch, hoch, hoch!« so riefen alle
+Anwesenden, und am lautesten schrie der alte Christian. Der kam sich
+überhaupt gar wichtig vor; Herr Mehring hatte ihm vor allen Zuschauern
+die Hand geschüttelt, und er sah sich nun bald von Neugierigen umringt,
+die ihn über den Verlauf der Gerichtsverhandlung ausfragten; denn
+Christian hatte derselben von Anfang bis zum Schluß beigewohnt, und er
+ließ sich auch nicht lange bitten, es machte ihm selbst ja ein großes
+Vergnügen zu erzählen, wie alles so prächtig gegangen, wie die
+Verleumder in die Enge getrieben worden seien und was sie für verdutzte
+und wütende Gesichter gemacht, als das Schriftstück verlesen wurde, von
+dessen Vorhandensein sie gar keine Ahnung gehabt hatten und welches auf
+Herrn Mehrings Charakter und Handlungsweise ein so helles Licht warf.
+
+Ottos Herz hüpfte ordentlich vor Freude. Er war so stolz auf seinen
+lieben, herrlichen Vater, und als ein alter Mann ihm auf die Schulter
+klopfte und ausrief: »Bub, Männer wie dein Vater sind ein Segen fürs
+Volk und fürs Vaterland; sieh zu, daß du ihm nacheiferst!« da streckte
+Otto diesem die Hand hin und sagte: »Das will ich -- hier meine Hand
+drauf!«
+
+Am Abend, als alle Gäste fort waren, rief Herr Mehring seinen Sohn zu
+sich. Er sah ihn eine Zeitlang ernst und forschend an; endlich sagte er:
+
+»Otto, ich möchte, daß du mir das Versprechen, welches du mir gestern in
+der Not und in der Angst gegeben hast, heute frei von diesen Gefühlen
+und wohlbedacht erneuerst. Ist es dir wirklich Ernst mit deinem
+Vorsatz?«
+
+Otto sah seinem Vater freimütig in die Augen:
+
+»Ja, Vater, es ist mir Ernst, und ich will tun, was mir möglich ist, um
+dir Freude zu machen.«
+
+»Gott segne dich, mein Sohn, und er helfe dir; denn es ist nicht so
+leicht, wie du dir's jetzt denkst. Die Erinnerung an die eben
+überstandene schwere Prüfung wird sich mit der Zeit abschwächen, du
+wirst schwache Stunden haben und vielleicht manchmal in die alten Fehler
+zurückfallen. Laß dich dadurch nur ja nicht entmutigen, sondern bleibe
+beharrlich; es wird, es muß gehen mit Gottes Hilfe.«
+
+Otto bemühte sich redlich, sein Versprechen zu halten. Er nahm es nun
+auch sehr ernst mit der Vorbereitung auf die erste heilige Kommunion,
+und Lilly konnte sich gar nicht genug wundern über diese Umwandlung
+ihres Bruders.
+
+»Du bist ja auf einmal ganz anders geworden wie früher«, sagte sie, ihn
+mit großen, verwunderten Augen ansehend. »Du bist gar nicht mehr grob,
+du neckst und ärgerst mich nicht mehr, und du hast dem Rudi sogar deinen
+Drachen geschenkt.«
+
+Nach einigem Nachdenken fügte sie hinzu: »Muß ich auch so brav werden
+nächstes Jahr, wenn ich zur ersten heiligen Kommunion gehe?«
+
+»Natürlich, Lilly, noch viel bräver, und deshalb tätest du gut daran,
+wenn du jetzt gleich anfingest etwas bräver zu werden. Du solltest dir
+zum Beispiel vornehmen, nie mehr zu lügen.«
+
+»O, ich lüge ja gar nicht!«
+
+»So? Ist das vielleicht nicht lügen, wenn man eine Wasserflasche
+zerbricht und hernach behauptet, man hätte sie gar nicht angerührt, und
+wenn man über ein Gitter klettert und sich dabei das Kleid zerreißt und
+man sagt, die andern Kinder hätten beim Spielen so gezerrt, daß das
+Kleid kaput gegangen sei? O Lilly, es ist so abscheulich, wenn man
+lügt!«
+
+»O du, als ob du nie gelogen hättest!« Und Lilly machte ein finsteres,
+trotziges Gesicht.
+
+Otto wurde ganz rot und wollte zornig auffahren, aber er bezwang sich,
+und er sagte einfach: »Ja, ich weiß es, Lilly, ich hab' früher auch
+gelogen; aber jetzt schäm' ich mich darüber, und ich werde es nie, nie
+mehr tun. Komm, Lilly, willst du lieb sein und mir eine Freude machen?
+Dann versprich mir, daß du von nun an nie mehr lügst.«
+
+»O du, versprechen! -- Das muß ich mir erst noch überlegen. Ich bin ja
+auch noch kleiner und jünger wie du!« Damit sprang Lilly davon. Sie fand
+es ja wohl sehr angenehm und bequem, einen so braven Bruder zu haben,
+der stets bereit war nachzugeben, der ihr bei den Aufgaben half; aber
+sich von ihm schulmeistern oder ermahnen zu lassen, das gefiel ihr
+nicht.
+
+Otto schüttelte enttäuscht den Kopf. »Sie versteht es noch nicht«,
+tröstete er sich; »sie hat eben noch nicht so etwas Schreckliches
+durchgemacht wie ich!«
+
+
+
+
+ Achtes Kapitel.
+
+ Klein Tonis Wunsch geht in Erfüllung!
+
+
+Draußen war das schönste Wetter. Die Sonne schien, Vogelstimmen riefen
+und lockten, und doch mochte Tante Toni nicht mit ihrer kleinen Bande in
+den lieben, alten Spessart hinaufwandern -- sie saß an klein Tonis
+Bettchen. Immer schmaler und blasser wurde das liebe Kindergesichtchen,
+und die blauen Augen blickten immer sehnsüchtiger und erwartungsvoller.
+
+»Tante, was hast du gestern abend dem Otto erzählt?« fragte die Kleine
+jeden Morgen, wenn Tante Toni zu ihr kam, und sie konnte nicht müde
+werden zuzuhören, wenn diese ihr vom lieben Heiland erzählte, der die
+Menschen so lieb hat, daß er die Gestalt des Brotes annimmt, um immer in
+ihrer Mitte zu sein und sich aufs innigste mit ihnen vereinigen zu
+können. Am liebsten hörte sie aber die Geschichte vom göttlichen
+Kinderfreund, der es nicht dulden wollte, daß die Apostel die Kinder
+fortschickten, und der ausrief: »Lasset die Kindlein zu mir kommen!«
+
+»Ach, Tante, wär' ich doch eines von den kleinen Judenkindern gewesen --
+vielleicht hätte der liebe Heiland mich auch auf seine Knie genommen und
+hätte mich gesegnet!« Und klein Tonis Augen erglänzten, als sie sich so
+lebhaft vorstellte, wie schön, wie herrlich es sein müßte, auf des
+Heilands Schoß zu sitzen und das Köpfchen an seine Brust zu lehnen.
+
+Mit großer Geduld ertrug klein Toni es, so lange still im Bettchen
+liegen zu müssen. Der Husten und das Fieber quälten sie sehr, aber sie
+klagte nicht, sie seufzte nur manchmal, wenn das Rufen und Lachen ihrer
+Geschwister vom Garten zu ihr heraufklang.
+
+Einmal aber hatte sie doch wieder einen ihrer früheren Zornanfälle --
+das war, als Lilly sie besuchen kam und sagte: »Du hast's gut, du kannst
+hier bequem in deinem Bett liegen und tun, was du willst, während wir
+andern in die Schule müssen.«
+
+Tonichen hatte darauf erklärt: »Es ist viel schöner und lustiger, gesund
+zu sein und in die Schule zu gehen, als krank zu sein.«
+
+Da hatte aber Lilly ein spöttisches Gesicht gemacht und lachend
+geantwortet: »Geh doch, Toni, _mir_ machst du so leicht nichts vor! Wenn
+du so gern in die Schule gingest, wärst du sicher schon längst gesund --
+du stellst dich ein bißchen an.«
+
+Toni hatte erst ganz verwundert dreingeschaut -- sie konnte es ja gar
+nicht begreifen, daß man so etwas von ihr denken konnte --, dann war sie
+sehr böse geworden, und sie hatte geschrien:
+
+»Nein, ich stelle mich nicht an -- ich lüg' doch nicht!« Und dann mußte
+sie sehr stark husten, und sie weinte dabei, so daß Lilly, die ja doch
+im Grunde die kleine Toni lieb hatte, ganz bestürzt sagte: »Komm,
+Tonichen, sei nicht mehr bös auf mich -- ich glaub' dir's ja, daß du
+dich nicht anstellst, und ich sag's auch nie mehr.«
+
+Die beiden Kinder hatten sich daraufhin wieder versöhnt, aber am Abend
+dieses Tages hustete klein Toni viel mehr und das Fieber war gestiegen
+-- sie konnte keine Ruhe finden und weinte bittere Reuetränen, weil sie
+sich wieder von ihrem Zorn hatte hinreißen lassen. Als Tante Toni ihr
+»Gute Nacht« sagen kam, klagte sie: »Ich kann gar nicht mehr so gut an
+den lieben Heiland denken -- ich meine immer, er wäre nun unzufrieden
+mit mir und er würde mich jetzt nicht auf seinem Schoß haben wollen,
+wenn ich eins von den kleinen Judenkindern wäre.«
+
+»O Tonichen, was denkst du denn vom lieben Heiland? Du hast ihn ja wohl
+gekränkt durch deinen Zorn -- aber das hat er dir schon wieder
+verziehen; es hat dir ja gleich nachher so leid getan. Und jetzt bist du
+wieder sein kleiner Liebling. Du kannst dir ja gar nicht vorstellen, wie
+lieb dich der liebe Heiland hat. Er hat dich ja schon gekannt und dich
+geliebt damals, wie er für dich am Kreuz gestorben ist, und er hat eine
+ganz besondere Freude an dir, weil du ihm zuliebe so geduldig bist und
+dir so viel Mühe gibst, ein liebes, braves Kind zu sein.«
+
+Solchen Worten hörte klein Toni gerne zu, und sie lag nun wieder still
+und getröstet in ihrem Bettchen. Sie klagte auch nicht, als sich am
+andern Tag ein quälendes Stechen in der Brust und in der Seite
+einstellte. Ihr armes Köpfchen war so weh und schwer, daß sie es kaum
+mehr vom Kissen erheben konnte.
+
+»Es ist eine Lungenentzündung hinzugetreten«, sagte der Hausarzt, und er
+brachte noch einen zweiten Doktor mit -- aber der hieß alles gut, was
+der gute alte Hausarzt gesagt und angeordnet hatte; helfen konnte er
+auch nicht, und er sagte zu den tiefbetrübten Eltern:
+
+»Es ist ein sehr ernster Fall; aber solange noch Leben da ist, ist auch
+noch Hoffnung.«
+
+Klein Toni aber schaute ihre Tante und Patin bittend an:
+
+»Was wünschest du, Liebling?« fragte diese, sich über ihr Bettchen
+neigend.
+
+Mit leiser, schwacher Stimme flüsterte das Kind: »Tante, denkst du noch
+an dein Versprechen?«
+
+Die Tante nickte.
+
+»Geh zum Herrn Pfarrer -- bitte, Tante -- ich möchte beichten -- und er
+soll mir den lieben Heiland bringen.«
+
+Tante Toni zögerte einen Augenblick, aber klein Tonis Augen baten so
+flehend, sie konnte nicht widerstehen -- sie begab sich sofort ins
+Pfarrhaus. Sie sprach lange mit dem Herrn Pfarrer, und dieser versprach
+ihr, die kleine Kranke gegen Abend zu besuchen.
+
+Es war wohl die Freude, die verursachte, daß Tonichen sich am Abend viel
+leichter und besser fühlte. Ihre Augen leuchteten auf, als der Herr
+Pfarrer an ihr Bettchen trat.
+
+»So, so«, sagte dieser freundlich, »das ist also die Kleine, die
+kommunizieren möchte. Wie alt bist du denn, mein Kind?«
+
+»Ich bin sieben Jahre, Herr Pfarrer; ich habe also das Alter der
+Vernunft.«
+
+Der Pfarrer lächelte: »So, meinst du? Nun sag' mir doch einmal, warum du
+schon so früh zur heiligen Kommunion gehen möchtest!«
+
+Toni faltete ihre Händchen über der Brust und sagte in innigem Ton:
+»Weil ich mich so sehr danach sehne, den lieben Heiland zu empfangen.
+Ich habe mir ja sogar gewünscht, recht bald zu sterben, damit ich nicht
+noch drei Jahre auf ihn zu warten brauche.«
+
+»Du weißt und glaubst also, daß man in der heiligen Kommunion den lieben
+Heiland selbst empfängt?«
+
+»Aber natürlich!« sagte klein Toni, ganz erstaunt, daß der Herr Pfarrer
+überhaupt so etwas fragen konnte.
+
+»Kannst du denn den lieben Heiland sehen?«
+
+»Ich kann nur die heilige Hostie sehen, aber ich weiß, daß es doch der
+wirkliche liebe Heiland ist, so wie er jetzt im Himmel wohnt und wie er
+früher auf die Welt gekommen ist, um uns zu erlösen.«
+
+Der Pfarrer stellte noch einige Fragen an Toni, welche dieselben alle
+richtig und verständig beantwortete. Dann hörte er ihre Beichte an, und
+als er fortging, da hatte er Tränen in den Augen.
+
+»Morgen früh bringt er mir den lieben Heiland«, flüsterte Toni selig
+lächelnd vor sich hin, und sie lag die ganze Zeit wie in stiller,
+glückseliger Erwartung. Von ihrem Bettchen aus sah sie zu, wie Mutter
+und Tante Toni einen kleinen Altar im Zimmer zurechtmachten. Etwas
+später, als Vater und Mutter an ihrem Bett saßen, sagte sie: »Nicht
+wahr, der liebe Gott hat mir ja nun alles verziehen, und ihr verzeiht
+mir auch, Papa und Mama und Tante Toni und alle Geschwister, daß ich oft
+so ungehorsam und so zornig war? -- Es tut mir ja so leid, und ich hab'
+euch alle so lieb!«
+
+Die Eltern konnten ihre Tränen kaum zurückhalten.
+
+Dann wurde es Nacht, und klein Toni schlief so sanft und so ruhig, wie
+sie lange nicht mehr geschlafen hatte. Sie hustete nicht und fühlte
+auch keine Schmerzen mehr. Von Zeit zu Zeit öffnete sie die Augen und
+fragte, ob es nun bald hell würde.
+
+»Ich freue mich so«, flüsterte sie, und als es endlich hell geworden
+war, begannen die Mutter und Tante Toni die kleine Kranke für die
+heilige Handlung herzurichten. Vorsichtig und behutsam zogen sie ihr ein
+feines, gesticktes Nachtkleidchen an; auch ein kleines Myrtenkränzchen
+bekam klein Toni, wie ein wirkliches Kommunionkind. Die Mutter gab ihr
+einen schönen weißen Rosenkranz, und dann betete sie mit ihrem
+Töchterchen, bis unten im Hause ein Glöckchen ertönte. Nun zündete Tante
+Toni die Kerzen an und öffnete weit die Türe. Der Herr Pfarrer trat
+herein, gefolgt vom Vater, von den Geschwistern und den Dienstboten, und
+alle knieten nieder, als der Priester segnend die heilige Hostie erhob.
+
+Klein Tonis Augen strahlten in einem ganz eigenen Glanze, als der
+Priester ihr das hochwürdigste Gut reichte, und ihre Wangen röteten
+sich; dann lag sie still, ganz still mit gefalteten Händchen, ihr
+Gesichtchen war wieder ganz blaß geworden, und ihre Augen waren
+geschlossen, so daß der kleine Leo, der hinten neben Gretchen kniete,
+diese leise fragte: »Ist die Toni jetzt schon ein Engel?« Statt aller
+Antwort brach Gretchen in leises Weinen aus.
+
+Der Priester segnete nochmals die kleine Kranke und entfernte sich,
+während der Vater und die übrigen Anwesenden ihm das Geleite gaben.
+
+Nur die Mutter und Tante Toni blieben zurück, und als Frau Wulff sich
+etwas später über ihr Töchterchen neigte und leise fragte: »Wie fühlst
+du dich, mein Kind?« da antwortete klein Toni lächelnd: »Wohl, o so
+wohl!« und als sie dabei einen Augenblick die Augen öffnete, da hatten
+diese einen Ausdruck, als ob sie schon über alles Irdische hinaus in
+eine andere Welt blickten. Aber sie schlossen sich gleich wieder, und
+Toni fiel in einen sanften Schlummer; jedoch selbst im Schlaf hielt sie
+die Händchen auf die Brust gepreßt, als wollte sie den lieben Heiland da
+drin festhalten, damit er ja nicht von ihr ginge. --
+
+Als die Zwillinge und Anna um zwölf Uhr aus der Schule kamen, da fanden
+sie alle Fensterläden geschlossen, die Haustüre war nur angelehnt, so
+daß sie gar nicht zu schellen brauchten. Auf der Treppe stand Leo, der
+schien auf sie gewartet zu haben.
+
+»Hast du die Türe aufgemacht?« fragte Kurt in strengem Ton. »Du weißt
+doch, daß dir das verboten ist, und ...«
+
+Aber Leo legte den Finger auf den Mund und sagte leise: »Pst! Jetzt ist
+unsere Toni wirklich ein Engelchen geworden.«
+
+»Wie, ist sie tot?« riefen die drei Kinder bestürzt aus.
+
+»Ja, ganz tot gestorben«, bestätigte Leo und nickte mit dem Kopf. »Aber
+sie ist noch nicht im Himmel, denn sie liegt noch da drin und schläft
+ganz fest.«
+
+Eben kam Gretchen mit rotgeweinten Augen aus dem Zimmer, und sie nahm
+Leo mit sich, während Paul, Kurt und Anna leise, auf den Fußspitzen
+auftretend, Tante Toni folgten, die gerade an der Türe erschien und
+ihnen winkte.
+
+»Wie schön, o wie schön ist unser Tonichen!« flüsterte Anna, auf ihr
+Schwesterchen blickend, welches wirklich wie ein schlafendes Engelchen
+dalag -- so weiß, so still, so friedlich. Und leise weinend beugte sich
+eines nach dem andern über das tote Schwesterlein, um ihm noch einmal
+das kalte Händchen zu küssen.
+
+Vater und Mutter knieten da, von Schmerz gebeugt, aber als die andern
+Kinder sich wie tröstend oder Trost suchend an sie schmiegten, da erhob
+die Mutter das Haupt, und sie sagte: »Lasset uns dem lieben Gott danken,
+daß er unserer lieben kleinen Toni einen so schönen, sanften Tod
+verliehen hat. Sie läßt euch alle noch herzlich grüßen, jedes hat sie
+noch beim Namen genannt, und zuletzt ist sie mit dem heiligsten Namen
+Jesus auf den Lippen sanft eingeschlafen.«
+
+Hier brach der Mutter die Stimme, und eine Zeitlang hörte man im Zimmer
+nichts mehr als unterdrücktes Schluchzen und leises Beten.
+
+Im Laufe des Nachmittags kamen auch Helmers mit ihren Kindern und Onkel
+Robert mit den seinen, um die kleine Toni noch einmal zu sehen. Die
+Kinder weinten zwar sehr, aber sie blieben doch ruhig und dachten daran,
+wie glücklich Tonichen nun wohl schon im Himmel wäre. Nur Lilly stand
+eine Zeitlang wie erstarrt und schaute mit großen Augen auf die kleine,
+regungslose Gestalt. Auf einmal trat sie dicht an das Bett, und sich
+über die Tote beugend bat sie: »Tonichen, du hast mir ja nicht >Adieu<
+gesagt -- mach nochmal deine Äugelchen auf, bitte, schau mich nochmal an
+und sag' mir, daß du mir nicht mehr bös bist wegen neulich -- du weißt
+schon, Tonichen! Hörst du mich nicht? -- Tonichen!«
+
+Aber Tonichen antwortete nicht. Lilly war ganz fassungslos -- jetzt erst
+fing sie an zu ahnen, was es eigentlich heißt: _tot sein_ -- sie hatte
+es sich bisher noch nicht recht vorstellen können. Beim Tode ihrer
+Mutter war sie noch zu klein gewesen. Aber nun empfand sie etwas wie
+Entsetzen, und sie schrie plötzlich auf: »Toni -- Toni, sei doch nicht
+tot! Du sollst nicht tot sein -- ich hab' dich ja lieb, Tonichen, viel
+lieber als du weißt, und ich will dich nie mehr ärgern! Komm, Toni --
+komm', wach' auf!« Und Lilly umschlang Toni und küßte sie; aber sie fuhr
+zurück -- wie kalt war Tonis Wange, todeskalt! -- Es durchschauerte
+Lilly, und mit einem Schrei fiel sie in ihres Vaters Arme. Der trug sie
+hinaus, und unter seinem und Tante Tonis beruhigendem Zuspruch schwand
+allmählich der entsetzte Ausdruck aus ihrem Gesichtchen. Begierig
+lauschte sie den Worten der Tante, die ihr erzählte, wie klein Toni sie
+grüßen lasse: »Kurz vor ihrem Tode hat sie noch von dir gesprochen,
+Lilly, und sie hat gesagt, sie wolle dein Mütterlein im Himmel von dir
+und von Otto grüßen. Was da drinnen so kalt und starr liegt, das ist ja
+gar nicht mehr unsere Toni, es ist nur ihre Hülle -- ihre liebe kleine
+Seele ist schon oben im Himmel beim lieben Gott unaussprechlich
+glücklich und selig.«
+
+»Aber nie, nie mehr kommt sie mit mir spielen, nie mehr kann ich mit ihr
+sprechen!« klagte Lilly.
+
+»Aber doch, Lilly; du willst doch gewiß auch einmal in den Himmel
+kommen!«
+
+»Ja schon, Tante Toni, aber ich bin so bös, ich hab' schon so oft
+gelogen, und ich wollt' neulich dem Otto auch gar nicht versprechen, nie
+mehr zu lügen -- und am End' komm' ich gar nicht in den Himmel!«
+
+»O, da sei du nur ganz ruhig! Das liebe Tonichen wird schon für dich
+beten und bitten, daß du bald ein ganz braves und gutes Kind wirst. Du
+mußt nur auch ernstlich wollen, und du wirst sehen, daß es gar nicht so
+schwer ist. Denk' nur an Otto, wie der sich schon geändert hat!«
+
+»Ja, ich möchte ja auch gern brav werden. Ach, wenn du doch immer bei
+mir bliebest, Tante Toni, dann könnt' ich's vielleicht. Aber nun ist
+Toni fort, und wenn du dann auch wieder fortgehst ...« Und bitterlich
+schluchzend schmiegte Lilly sich in Tante Tonis Arm.
+
+»Ich geh' ja noch nicht fort, ich bleibe ja noch bis nach Ottos erster
+heiligen Kommunion«, tröstete die Tante, »und wenn du jetzt schön brav
+bist und nicht mehr weinst, dann komm' ich diesen Abend noch zu dir
+hinüber, und ich wasche dich und lege dich ins Bett, wie ich's früher
+getan habe, als du noch klein warst -- willst du?«
+
+»Ja, Tante, ja!« Und Lilly trocknete ihre Tränen. »Aber bitte, laß mich
+noch einmal hinein, laß mich Tonichen noch einmal sehen!«
+
+»Lieber nicht«, meinte der Vater besorgt, »es regt dich nur wieder auf.
+Sei folgsam und komm' nun heim.«
+
+Lilly sah ihren Vater so innig flehend an, daß er schwankend wurde und
+wohl nachgegeben hätte; aber Tante Toni sagte: »Wenn man einen guten
+Vorsatz gefaßt hat, dann muß man auch gleich mit der Ausführung
+beginnen, und wer ein braves Kind werden will, muß vor allem aufs erste
+Wort gehorchen.«
+
+Jetzt ließ Lilly sich ohne Widerrede von ihrem Vater heimführen.
+
+Am folgenden Tag durfte sie aber noch einmal zurückkommen; Tante Toni
+holte sie selbst ab und führte sie in den Saal unten, der in eine
+Kapelle umgewandelt war. Dort lag die kleine Tote aufgebahrt zwischen
+grünen Pflanzen und brennenden Kerzen -- ein Kreuz lag auf ihrer Brust,
+und ihr Rosenkranz war um die gefalteten Händchen geschlungen. Der ganze
+Anblick war so schön, so friedlich und doch so feierlich, daß Lilly gar
+nicht mehr weinte. Sie kniete still da und betete:
+
+»Liebes Tonichen, hilf mir doch mein Versprechen halten, und grüße mir
+tausendmal meine liebe Mama im Himmel!«
+
+
+
+
+ Neuntes Kapitel.
+
+ Wie Lilly ein Geheimnis erfährt. Der große Tag und Ottos Entschluß.
+ Auf Wiedersehen!
+
+
+Am nächsten Tage, während Herr Mehring und Otto Tonichens Begräbnis
+beiwohnten, saß Lilly bei der Haushälterin, Fräulein Helene, im Zimmer.
+Trotzdem diese sehr eifrig mit Ausbessern von Strümpfen und Wäsche
+beschäftigt war, fiel es ihr bald auf, daß Lilly heute ungewöhnlich
+still war.
+
+»Kind, du bist ja heute so brav, daß man dich gar nicht wieder kennt«,
+sagte sie, ganz verwundert von ihrer Arbeit aufblickend; »du bist auch
+so blaß, du wirst doch nicht am Ende krank sein?«
+
+»O, ich möchte ganz gern wieder mal krank sein«, meinte Lilly
+nachdenklich.
+
+»Was, du möchtest gerne krank sein? Aber ich danke dafür! Das darf man
+ja überhaupt gar nicht wünschen.«
+
+»O, das ist aber doch so schön! Dann kommt Papa sich manchmal an mein
+Bett setzen, und diesmal käme sicher Tante Toni mich pflegen, und sie
+bliebe vielleicht sogar den ganzen Tag bei mir.«
+
+»Ja, das gefiele dir wohl.... Aber das Kranksein ist drum doch nicht
+angenehm; es tut gewöhnlich recht weh.«
+
+»Ach, das will ich schon aushalten, wenn ich nur jemand bei mir habe,
+der mich recht lieb hat!«
+
+Wieder blickte Fräulein Helene ganz erstaunt auf Lilly; sonst hatte das
+Kind doch gar nicht so nach dem Liebhaben gefragt. Laut aber sagte sie:
+»Ich hätte sicher nichts dagegen, wenn deine Tante dich pflegen käme,
+falls du wieder mal krank würdest; denn ich weiß noch recht gut, wie ich
+das letztemal hab' laufen und springen müssen; zehn Arme und zehn Beine
+hätte ich brauchen können, um dich zu bedienen, und trotzdem war's nie
+recht.«
+
+Lilly hatte schuldbewußt das Köpfchen gesenkt. Kleinlaut erwiderte sie:
+»Ja, ich kann mich noch erinnern; ich glaub', ich war recht bös, und du
+hast oft gesagt, du könntest's nicht mehr aushalten und du wolltest
+fort.«
+
+»Und ich glaub', ich wäre auch fort, wenn deine Tante, Frau Wulff, mir
+nicht gute Worte gegeben und zugeredet hätte, ich solle den Herrn
+Mehring doch nicht so im Stich lassen, der könne sich doch nicht auch
+noch um den Haushalt kümmern. Aber was schwätz' ich denn da? Davon
+verstehst du ja doch nichts!«
+
+»Doch, doch, ich versteh' es recht gut. Ich weiß auch, daß du eine
+vorzügliche Haushälterin bist, aber von Kindererziehung verstehst du
+keine blaue Bohne.«
+
+»I du meine Güte! Da schau mal einer die Fräulein Weisheit an! Wo hast
+du denn das wieder mal her?«
+
+»Ach, das hab' ich halt schon sagen hören von den Tanten, auch von
+Lina ...«
+
+»Natürlich -- die blaue Bohne, die stammt sicher von der Lina. Die wird
+wahrscheinlich etwas von Kindererziehung verstehen, die! Vom Haushalt,
+von Reinlichkeit und Ordnung versteht sie jedenfalls nichts, und wenn
+ich nicht immer hinter ihr drein wäre, dann sähe es hier bald aus wie in
+einem Stall!«
+
+Fräulein Helene war sehr in Eifer geraten, und sie hätte wohl noch eine
+Weile fortgeredet, wenn nicht eben draußen ein arges Gepolter
+entstanden wäre, so daß Lilly ganz erschrocken zusammenfuhr. Fräulein
+Helene war aufgesprungen, aber sie schien zu ahnen, was der Lärm
+bedeutete; denn Arbeit, Fingerhut und Schere in den Korb werfend rief
+sie aus: »Da haben wir's ja gleich! Eine rechte Meisterleistung von der
+Lina, die so viel von Kindererziehung versteht! Sie sollte sich lieber
+um ihre Arbeit kümmern und nicht Eimer und Bürsten die Treppe
+hinunterwerfen. Eine nette Bescherung das -- und gerade gestern haben
+wir einen frischen Läufer auf die Treppe gelegt ...«
+
+Lilly sah der Haushälterin, die sehr erzürnt und aufgeregt das Zimmer
+verlassen hatte, etwas ängstlich nach; aber dann lächelte sie wieder:
+nein, sie wußte ja, Fräulein Helene würde der Lina doch nichts tun, sie
+würde sie auch nicht fortschicken; obwohl sie viel mit den Mädchen
+zankte, mochten diese sie doch gut leiden, denn im Grunde war sie recht
+gutmütig, die Fräulein Helene, und Lilly war ganz erstaunt zu bemerken,
+daß sie selbst sie auch gern hatte. Und sie hatte sich doch so oft
+eingebildet, sie könne sie gar nicht ausstehen! Wie war das doch nur?...
+Lilly versuchte nachzudenken, aber ihr Köpfchen war so eigentümlich
+schwer, in ihren Schläfen klopfte es so. Auch kam es ihr auf einmal so
+heiß vor im Zimmer und sie hätte gerne das Fenster aufgemacht; aber sie
+hatte das Gefühl, als ob sie hinfallen würde, wenn sie nun aufstände.
+Sie breitete die Arme auf den Tisch und legte das Köpfchen darauf. Über
+was wollte sie denn eben nachdenken? Sie wußte es schon gar nicht mehr,
+aber sie wunderte sich über das Sausen und Brausen in ihren Ohren und
+über das Hämmern im Kopf. Sie wollte ein bißchen schlafen, vielleicht
+würde es ihr dann wieder besser. Nach einiger Zeit war es ihr auf
+einmal, als ginge die Türe auf und sie hörte, wie jemand ausrief:
+»Lieber Gott, das Kind ist krank!« Aber es klang ihr wie aus weiter
+Ferne. Sie fühlte sich emporgehoben und getragen, aber es war ihr alles
+wie ein Traum. Dann lag sie in ihrem Bettchen, sie wußte gar nicht, wie
+sie hineingekommen war, und sie wollte fragen: »Muß ich jetzt sterben
+wie die kleine Toni?« aber sie konnte gar kein Wort herausbringen. Sie
+konnte kaum die Lippen bewegen, und die waren so heiß und trocken; aber
+dann gab ihr jemand etwas zu trinken und eine kühle, weiche Hand legte
+sich auf ihr schmerzendes Köpfchen. O wie wohl das tat!
+
+Klein Lilly schlief ein; aber sie hatte allerhand wirre Träume,
+beängstigende, dann auch wieder schöne und freundliche. Einmal war es
+ihr, als stände eine abscheuliche Hexe in der Ecke des Zimmers, und die
+lachte spöttisch und winkte ihr mit ihrem langen, knöchernen Finger; sie
+wollte schreien, aber ihre Kehle war wie zugeschnürt, sie konnte keinen
+Laut hervorbringen; die Hexe kam aber immer näher und näher, und in
+wilder Angst wendete Lilly den Kopf ab; da stand auf einmal Anna an der
+andern Seite des Bettes, die lachte und sagte: »Sei doch nicht so dumm!
+Es ist ja die Babett; die ist doch gar keine Hexe, und die tut dir
+nichts!« -- und als sie nun, noch recht ängstlich, wieder
+hinüberschaute, da stand dort wirklich die Babett, die sah ganz
+freundlich aus und sagte: »Ich tu niemand was zu leid, und ich hab' auch
+schön für dein Mutterle gebetet; es läßt dich schön grüßen.«
+
+Ein andermal, als Lilly stöhnend aus einem wüsten Traum aufwachte und
+ganz verstört um sich blickte, da neigte sich Tante Toni über ihr
+Bettchen: »Sei ruhig, mein Liebling, ich bin ja bei dir, und ich verlaß
+dich nicht; schlafe nur.«
+
+Klein Lilly lächelte beim Ton dieser leisen, lieben Stimme, sie suchte
+mit ihrem Händchen auf der Bettdecke umher, bis sie es warm und fest von
+den Fingern der Tante umschlossen fühlte, und nun schloß sie wieder
+beruhigt die Augen; sie war ja geborgen, sie wußte, daß die gute Tante
+an ihrem Bettchen wachte, und diesmal hatte sie einen wunderschönen
+Traum: sie sah Tonichen, ganz weiß gekleidet, mit goldenen Flügeln vom
+Himmel herabschweben; als sie verlangend die Arme ausstreckte, da winkte
+Tonichen ihr freundlich zu und sagte mit einem leisen, feinen Stimmchen:
+»Sei nur recht brav, und vor allem lüge nicht mehr, es ist gar nicht so
+schwer.« Dann wurde Tonichen immer heller und durchsichtiger, bis sie
+ganz verschwand wie ein Nebel, der zergeht -- und endlich schlief Lilly
+sanft, ruhig und traumlos, lange, lange.
+
+Einmal wurde sie auf einen Augenblick wach; sie hörte Stimmen im Zimmer,
+und als sie die Augen aufschlug, da stand ihr Vater mit einem Brief vor
+Tante Toni. Lilly wollte sich aufrichten und rufen, allein sie war zu
+schwach und zu müde, ihre Augen fielen gleich wieder zu; aber sie hörte
+doch, wie ihr Vater eben zur Tante sagte: »Nun kommt Ernst also doch
+endlich zurück, und Papa kann sich zurückziehen und sich die
+wohlverdiente Ruhe gönnen.«
+
+Tante Tonis Stimme antwortete: »Ja, und ich glaube, du kannst dich nach
+einem Häuschen für uns umsehen; denn ich denke, Papa wird doch wieder
+hierher in seine alte Heimat zurückkehren wollen.«
+
+Lilly kam es vor, als spräche ihr Vater in etwas ärgerlichem, erregtem
+Tone, als er jetzt sagte: »Was nicht gar, ein Häuschen! Wo denkst du
+denn hin? Mein Haus hier ist groß genug für uns alle, und es soll das
+Haus meines alten Vaters sein. Und«, nun klang die Stimme weich und
+bittend, »du weißt ja, Toni, wie nötig wir dich haben, meine Kinder und
+ich; versprich mir, daß du mit dem Vater zu mir ziehst.«
+
+»Gern, Robert, gern -- aber laß das noch ein Geheimnis sein, bis alles
+fest und entschieden ist. Es gibt dann eine schöne Überraschung für die
+Kinder.«
+
+Lilly lächelte ein wenig, ein ganz klein wenig. O, was für ein schönes
+Geheimnis sie nun wußte! Da mußte man freilich brav sein, um so etwas
+zu verdienen! Und der Großpapa, der ... aber weiter kam Lilly nicht mit
+ihren Gedanken, denn sie war wieder eingeschlafen, und als sie das
+nächstemal aufwachte, da waren ihre Äuglein wieder hell und fielen ihr
+nicht gleich wieder zu vor Müdigkeit, und ihr Stimmchen versagte nicht,
+als sie ausrief: »Papa, Tante Toni!«
+
+Da stand auch schon Tante Toni neben ihr: »Gott sei Dank! Nun wird unser
+Kindchen bald wieder gesund sein! Wie wird der Papa sich freuen, wenn er
+heimkommt!«
+
+Aber auch Otto freute sich, als er, von der Schule zurückgekehrt, zu
+seinem Schwesterchen gehen durfte; er bot ihm gleich alle seine
+Spielsachen an, sogar seine Soldaten und seine Festung.
+
+Ach, was war das für eine schöne Zeit, die dann kam, bis Lilly wieder
+ganz gesund war! Tante Toni war fast immer bei ihr, und gegen Abend
+setzte sich Papa an ihr Bettchen, plauderte mit ihr und erzählte; unter
+Tags kamen oft die Tanten, die Vettern und die Cousinen, und immer
+brachte man ihr etwas mit. Wie gut sie doch alle waren und wie man sie
+verwöhnte! Am besten war aber der Rudi; der brachte ihr sogar seinen
+Star, an dem er doch so sehr hing und der schon allerhand Worte sagen
+konnte.
+
+»Gib ihm mal ein kleines Stückchen Zucker«, riet Rudi, als er den Vogel
+brachte. Und als Lilly ein Stück Zucker zwischen die Stäbe des Käfigs
+schob, da pickte der Star danach, und nachdem er verkostet hatte, schrie
+er: »Danke, Lilly, danke schön!«
+
+War das eine Freude! Es war aber doch auch gar zu nett von Rudi, daß er
+dem Star gerade _das_ beigebracht hatte. Der gute Rudi doch! Und den
+hatte sie früher gar nicht leiden mögen! Lilly begriff das einfach nicht
+mehr.
+
+»Eile dich, gesund zu werden, Lilly«, sagte Otto, »du mußt doch dabei
+sein, wenn ich zur ersten heiligen Kommunion gehe.« Und Lilly eilte sich
+so gut, daß sie wirklich an diesem schönen Tage im neuen weißen
+Kleidchen mit in die Kirche fahren durfte.
+
+Ach, wie war das so schön, so schön! Lillys Herzchen erzitterte, als
+Otto sich dem Tisch des Herrn nahte, und voll Seligkeit dachte sie:
+»Nächstes Jahr komme ich dran!« Und nun mußte sie wieder an die liebe
+kleine Toni denken. Ängstlich und mitleidig schaute sie Tante Maria,
+Tonichens Mutter, an. Ja, die hatte freilich die Augen voll Tränen --
+und doch sah sie nicht unglücklich aus. Sie wußte ja, daß Toni
+glücklich, o so glücklich im Himmel war! Und der kleine Leo, der hier
+neben Lilly kniete, der wußte es auch; denn der betete jeden Tag nach
+seinem Abendgebet: »Liebe heilige Toni, bitte für uns!« Und Lilly fand,
+daß er ganz recht hatte, so zu beten.
+
+Am Abend dieses glücklichen Tages suchte Otto Tante Toni auf. Er lehnte
+den Kopf an ihre Schulter und sagte: »Hast du recht sehr für mein
+Anliegen gebetet, Tante, wie du es mir versprochen hattest?«
+
+»Nach besten Kräften hab' ich für dich gebetet, mein lieber Otto.«
+
+Ernst und doch lächelnd schaute der Knabe zur Tante auf.
+
+»Ach, Tante, und wenn nun der liebe Gott dein Gebet erhört, dann werde
+ich doch nicht Papas Nachfolger, dann werde ich doch kein Redakteur!«
+
+Tante Toni lächelte: »Dann wirst du wohl noch etwas viel Besseres und
+Schöneres!«
+
+Otto sah sie überrascht an: »Ja, Tante, errätst du denn alles? O,
+glaubst du, daß es gelingt, daß ich das erstreben darf und kann?«
+
+»Mit Gottes Hilfe gewiß, mein Otto! Aber es ist schwer, und wer diesen
+hohen Beruf erwählt, der muß sich auf ein Opferleben gefaßt machen.«
+
+»Ein Opferleben ...«, wiederholte Otto leise und nachdenklich. Er war
+noch zu jung, er faßte und verstand das noch nicht ganz, und es überkam
+ihn fast etwas wie Furcht, aber nur einen Augenblick lang; gleich hob er
+wieder mutig den Kopf, und er sagte freudig wie Tante Toni: »Mit Gottes
+Hilfe!«
+
+Zwei Tage nachher schlug für Tante Toni die Abschiedsstunde. Da gab es
+viele und heiße Tränen, aber Onkel Robert lächelte geheimnisvoll,
+während er tröstete: »Weint nicht, Kinder, weint nicht! Ich versprech'
+euch ein baldiges Wiedersehen.«
+
+Alle schauten ihn erstaunt und fragend an, allein Onkel Robert lächelte
+nur und legte den Finger auf den Mund. Aber Lilly lächelte auch, und sie
+flüsterte dem Rudi etwas ins Ohr; der schrie auf und machte drei
+Purzelbäume hintereinander; Lilly lief ihm nach und bat: »Pst, Rudi,
+verrat' doch nichts; es ist doch ein Geheimnis und es soll eine
+Überraschung geben!«
+
+»Ich sag' nichts, verlaß dich drauf«, versicherte Rudi; »aber ich freu'
+mich halt so schrecklich!« Und er machte schnell noch ein paar
+Luftsprünge, aber der letzte fiel etwas unglücklich aus und er landete
+mit seinem Stiefelabsatz gerade auf Ottos Fußspitze.
+
+»Au weh!« schrie der. »Rudi, was ist denn in dich gefahren? Du bist
+gerade nicht von Buttermilch!« Und er hüpfte auf einem Bein herum, den
+verletzten Fuß in die Höhe streckend.
+
+Mariechen wechselte einen verständnisvollen Blick mit Tante Toni. Beide
+hatten denselben Gedanken: Wenn dies vor sechs Wochen geschehen wäre!
+
+Das gab eine wahre Prozession zum Bahnhof. Als Tante Toni eingestiegen
+war, stellte sie sich ans Fenster, und jedes wollte ihr noch einmal
+»Adieu« sagen: »Auf Wiedersehen, auf baldiges Wiedersehen, liebe, gute,
+goldige Tante Toni!« riefen die Kinder, und »Auf Wiedersehen!«
+antwortete die Tante, »und wenn ich wiederkomme, dann nehmen wir auch
+unsere Spaziergänge wieder auf, die wir diesmal unterbrechen mußten.«
+
+»Ja gewiß, Tante!«
+
+»Wir werden inzwischen schöne, neue Wege auskundschaften!« rief Paul,
+und Kurt eiferte: »O, ich hab' mir schon einige ausgedacht; wir müssen
+doch auch in die Rickersbacher Schlucht und auf den ...« Aber der Zug
+setzte sich in Bewegung, und die Rufe »Adieu!« und »Lebt wohl! Auf
+Wiedersehen!« übertönten Kurts Stimme. Man sah noch eine Zeitlang Tante
+Tonis Taschentuch wehen, dann machte der Zug eine Biegung; bald darauf
+war er verschwunden.
+
+»Ich bin nur froh, daß Onkel Robert uns gesagt hat, Tante Toni käme bald
+wieder«, sagte Philipp auf dem Heimweg; »sonst wäre es doch gar zu
+traurig.«
+
+Mariechen entgegnete mit einem Seufzer: »Ich finde es trotzdem noch
+traurig genug. Ich kann überhaupt das Fortgehen nicht leiden; die Leute
+sollten immer nur ankommen!«
+
+»O, das kommt drauf an!« rief Anna in entschiedenem Tone. »Den Herrn
+Schulinspektor und den Prüfungskommissar zum Beispiel sehe ich viel
+lieber fortgehen wie ankommen!«
+
+Alle lachten, und Onkel Robert sagte, Anna freundlich auf die Schulter
+klopfend: »Na, Kinder, seid nur froh, daß ihr die Änne habt, die
+bewahrt euch wenigstens vor Trübsinn!«
+
+Lilly war still zu Tante Maria Wulff geschlichen. Sie dachte: »Als Tante
+Toni ankam, da war Tonichen noch mit uns, und jetzt ist es nicht mehr
+da, es ist im Himmel.« Sie stahl ihr Händchen in die Hand der Tante und
+blickte mit feuchten Augen zu ihr auf. Tante Maria verstand den Gedanken
+des Kindes. »Mein gutes Kind!« sagte sie leise und gerührt, fest die
+kleine Kinderhand umschließend.
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Tante Toni und ihre Bande, by A(lberta) von Brochow
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TANTE TONI UND IHRE BANDE ***
+
+***** This file should be named 24413-8.txt or 24413-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/2/4/4/1/24413/
+
+Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
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+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
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+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+
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+opportunities to fix the problem.
+
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
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+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
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+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
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+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+ The Project Gutenberg eBook of Tante Toni und ihre Bande, by A. von Brochow.
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+Project Gutenberg's Tante Toni und ihre Bande, by A(lberta) von Brochow
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
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+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+
+Title: Tante Toni und ihre Bande
+
+Author: A(lberta) von Brochow
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+Release Date: January 23, 2008 [EBook #24413]
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+Language: German
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+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TANTE TONI UND IHRE BANDE ***
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+Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+<h1>Tante Toni
+und ihre Bande
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+<p class="center">Eine Erz&auml;hlung f&uuml;r Kinder und Kinderfreunde</p>
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+<p class="center">Von</p>
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+<p class="center margin-b"><big><b>A. v. Brochow</b></big></p>
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+<p class="center margin-b">Zweite und dritte Auflage</p>
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+<p class="center">Freiburg im Breisgau</p>
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+<p class="center"><span class="gesperrt">Herdersche Verlagshandlung</span></p>
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+<p class="center margin-b"><small>Berlin, Karlsruhe, K&ouml;ln, M&uuml;nchen, Stra&szlig;burg und Wien</small></p>
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+<p class="center margin-b">Alle Rechte vorbehalten</p>
+
+<p class="center"><small>Buchdruckerei der <span class="gesperrt">Herder</span>schen Verlagshandlung in Freiburg. 1919</small></p>
+
+<hr style="width: 65%;" class="abstand" />
+<p class="center"><big><b>Inhaltsverzeichnis.</b></big></p>
+
+<div style="margin: auto 0 auto 15%; position: relative;">
+<div style="text-align: right; font-size: small;"><span style="position: absolute; right: 0; margin-right: 15%;">Seite</span>&nbsp;</div>
+<ol id="toc">
+<li>Kapitel. Tante Toni kommt! <a href="#Page_1">1</a></li>
+<li>Kapitel. Es wird Krocket gespielt, und Tante Toni macht dabei Charakterstudien <a href="#Page_19">19</a></li>
+<li>Kapitel. Was die Kinder werden wollen <a href="#Page_38">38</a></li>
+<li>Kapitel. Es wird spazierengegangen; man begegnet der alten Babett; Anna wird Prophetin und Rudi
+Schwanenritter <a href="#Page_51">51</a></li>
+<li>Kapitel. Minnichen wird geimpft <a href="#Page_90">90</a></li>
+<li>Kapitel. Tante Toni geht mit ihrer Bande auf den Wetterstein. Otto spielt einen schlimmen Streich <a href="#Page_103">103</a></li>
+<li>Kapitel. Bambula, der Puppenfresser. Otto, wei&szlig;t du nun, wie es tut? <a href="#Page_135">135</a></li>
+<li>Kapitel. Klein Tonis Wunsch geht in Erf&uuml;llung! <a href="#Page_172">172</a></li>
+<li>Kapitel. Wie Lilly ein Geheimnis erf&auml;hrt. Der gro&szlig;e Tag und Ottos Entschlu&szlig;. Auf Wiedersehen! <a href="#Page_187">187</a></li>
+</ol>
+</div>
+
+<hr style="width: 65%;" />
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_1" id="Page_1">[1]</a></span></p>
+<h2><a name="Erstes_Kapitel" id="Erstes_Kapitel"></a>Erstes Kapitel.<br/>
+<big>Tante Toni kommt!</big></h2>
+
+<p>Frau Wulff sa&szlig; am Fenster und n&auml;hte. Ihre
+vier &auml;ltesten Kinder waren noch um den Tisch
+versammelt und beendeten ihren Nachmittagskaffee.</p>
+
+<p>&bdquo;Eilt euch ein wenig&ldquo;, dr&auml;ngte die Mutter,
+&bdquo;damit ihr bald an die Aufgaben kommt und
+hernach noch in den Garten gehen k&ouml;nnt.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ich bin fertig&ldquo;, sagte Kurt, und er trat zur
+Mutter ans Fenster. Hinausblickend gewahrte
+er den Brieftr&auml;ger.</p>
+
+<p>&bdquo;Mutter, da ist der Brieftr&auml;ger!&ldquo; rief er
+eifrig aus. &bdquo;O, darf ich schnell hinunterlaufen?
+Er hat vielleicht einen Brief von Tante
+Toni!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, geh nur. Aber sei so gut und bringe
+mir den Brief uner&ouml;ffnet. Du wei&szlig;t, es schickt
+sich nicht, da&szlig; Kinder die Briefe ihrer Eltern
+&ouml;ffnen.&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_2" id="Page_2">[2]</a></span>Kurt wurde rot und sprang hastig hinaus.
+Wenige Augenblicke sp&auml;ter st&uuml;rzte er wieder ins
+Zimmer und schrie, wie im Triumph einen Brief
+hochhaltend: &bdquo;Hurra, ein Brief aus Walden; der
+ist sicher von Tante Toni!&ldquo;</p>
+
+<p>Die vier Kinder dr&auml;ngten sich an die Mutter heran.</p>
+
+<p>&bdquo;Schnell, M&uuml;tterchen, mach' auf und sieh, ob
+sie kommt!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nur gemach, nur gemach, Kinder!&ldquo; wehrte
+diese l&auml;chelnd, aber sie beeilte sich doch sehr mit
+dem &Ouml;ffnen des Briefes; sie wartete ja selbst
+mit Sehnsucht auf den Besuch ihrer Schwester,
+der schon lange geplant war, aber wegen eines
+Unwohlseins ihres Vaters schon mehrmals hatte
+verschoben werden m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>Schnell durchflog sie den Brief und rief dann
+freudig aus: &bdquo;Ja, Kinder, die Tante Toni
+kommt, und zwar schon morgen!&ldquo;</p>
+
+<p>Diese Nachricht wurde mit einem solchen Freudengeschrei
+begr&uuml;&szlig;t, da&szlig; die Mutter sich die Ohren zuhalten
+mu&szlig;te.</p>
+
+<p>&bdquo;Kommt der Gro&szlig;papa auch mit?&ldquo; fragte
+Paul, Kurts Zwillingsbruder.</p>
+
+<p>&bdquo;Nein; Gro&szlig;papa geht zu seiner Erholung
+f&uuml;r ein paar Wochen zu Onkel Karl und zu<span class='pagenum'><a name="Page_3" id="Page_3">[3]</a></span>
+Tante Klara aufs Land; deshalb kann Tante
+Toni diesmal etwas l&auml;nger bleiben.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Hurra, sie bleibt lange diesmal!&ldquo; schrie
+Anna, und sie wirbelte springend und hopsend
+durchs Zimmer, w&auml;hrend die kleine Toni, das
+Patenkind der Tante, in die H&auml;nde klatschend
+ausrief: &bdquo;O, wie froh bin ich, wie froh!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;H&ouml;re, Paul&ldquo;, wendete sich nun die Mutter
+an diesen, &bdquo;du gehst gleich zu Onkel Robert und
+teilst ihm Tante Tonis Ankunft mit. Da er
+jedenfalls keine Zeit haben wird, an die Bahn
+zu gehen, so bitte ihn, er m&ouml;ge doch morgen
+nachmittag zum Kaffee kommen oder wenigstens
+das Fr&auml;ulein mit den beiden Kindern schicken.
+Und du, Kurt, du springst hin&uuml;ber zu Onkel und
+Tante Helmer und ladest sie ebenfalls ein und
+sagst, sie m&ouml;chten die drei gr&ouml;&szlig;eren Kinder mitbringen.
+Haltet euch aber nicht auf, denn es
+mu&szlig; noch gelernt werden; sonst gibt es morgen
+Verdru&szlig; in der Schule!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Sei ruhig, Mutter, wir sind gleich wieder
+da!&ldquo;</p>
+
+<p>Und wie der Wind st&uuml;rzten Paul und Kurt
+hinaus, stolz darauf, die &Uuml;berbringer einer so
+wichtigen Botschaft zu sein.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_4" id="Page_4">[4]</a></span>Tante Tonis Zug traf am n&auml;chsten Tage
+gegen 3 Uhr ein; es war gl&uuml;cklicherweise ein
+schulfreier Nachmittag, so da&szlig; die Zwillinge,
+Anna und Toni ihre Mutter an die Bahn
+begleiten konnten. Dort trafen sie auch schon
+Tante Luise Helmer mit ihren zwei &Auml;ltesten,
+Mariechen und Philipp.</p>
+
+<p>Als der Zug einfuhr, waren die Kinder kaum
+zur&uuml;ckzuhalten. Jedes wollte die Tante zuerst
+sehen, sie zuerst begr&uuml;&szlig;en, und kaum war diese
+ihrem Wagenabteil entstiegen, da war sie auch
+schon umringt, umarmt, geschoben, gesto&szlig;en, da&szlig;
+sie sich kaum zu helfen wu&szlig;te und lachend ausrief:
+&bdquo;Das ist ja der reinste &Uuml;berfall! Gebt
+acht, die guten Sachen, die ich euch mitgebracht
+habe, werden ganz zerbr&ouml;ckelt und zu Brei gedr&uuml;ckt
+sein, bis wir heimkommen!&ldquo;</p>
+
+<p>Das wirkte ein wenig, und Tante Toni konnte
+nun endlich auch ihre beiden Schwestern begr&uuml;&szlig;en.</p>
+
+<p>&bdquo;Und nun im Triumphzug nach Hause!&ldquo; rief
+Kurt.</p>
+
+<p>Aber es war nicht leicht, etwas Ordnung in
+diesen Triumphzug zu bringen; denn die liebe
+Tante hatte leider nur zwei Seiten, und es stritten
+sich sechs Kinder um den Vorzug, neben ihr gehen<span class='pagenum'><a name="Page_5" id="Page_5">[5]</a></span>
+zu d&uuml;rfen. Mama Wulff machte endlich dem
+Streit ein Ende, indem sie erkl&auml;rte:</p>
+
+<p>&bdquo;Tante Luise und ich, wir nehmen Tante Toni
+in unsere Mitte, und ihr geht h&uuml;bsch brav und
+ordentlich voraus, erst die drei Buben und dann
+die drei M&auml;dels!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ich will aber lieber mit den Buben gehen!&ldquo;
+erkl&auml;rte Anna Wulff.</p>
+
+<p>&bdquo;Wir bedanken uns f&uuml;r die Ehre!&ldquo; rief Paul
+abweisend. &bdquo;Wir brauchen dich nicht!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Paul, du bist aber doch wirklich ein garstiger,
+ein ganz abscheulicher Bub!&ldquo; zankte Anna sehr
+beleidigt, und als nun Paul seine M&uuml;tze abzog
+und eine tiefe Verbeugung machend sagte: &bdquo;Ich
+danke verbindlichst f&uuml;r diese Schmeicheleien&ldquo;, da
+erkl&auml;rte Anna entschlossen: &bdquo;Und ich geh' doch
+mit euch Buben!&ldquo;</p>
+
+<p>Aber die Mutter rief mahnend: &bdquo;Kinder, ihr
+werdet doch hier keinen Streit anfangen! Mir
+scheint, ihr wollt euch der Tante gleich von eurer
+schlimmsten Seite zeigen.&ldquo;</p>
+
+<p>Paul und Anna lie&szlig;en die K&ouml;pfe ein wenig
+h&auml;ngen, aber Annas Schelmengesichtchen zeigte
+bald wieder den gewohnten fr&ouml;hlichen Ausdruck,
+und sie gesellte sich zu ihrer Cousine<span class='pagenum'><a name="Page_6" id="Page_6">[6]</a></span>
+Mariechen und zu klein Toni, halblaut vor sich
+hinsingend:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&bdquo;Ach, wenn ich doch kein M&auml;dchen w&auml;r'!<br /></span>
+<span class="i0">Das ist doch recht fatal!<br /></span>
+<span class="i0">Dann ginge ich zum Milit&auml;r<br /></span>
+<span class="i0">Und w&uuml;rd' ein General!&ldquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Und nun vollzog sich die Heimkehr ohne weiteren
+Zwischenfall.</p>
+
+<p>Nachdem Tante Toni sich vom Reisestaube gereinigt
+hatte, galt ihr erster Besuch dem Kinderzimmer,
+um den bald vierj&auml;hrigen Leo zu begr&uuml;&szlig;en
+und die Bekanntschaft der Allerkleinsten zu machen.
+Minnichen war noch keine zwei Jahre alt, und
+Tante Toni hatte es noch gar nicht gesehen. Es
+tat erst etwas scheu; als aber die Tante lockte:
+&bdquo;Komm, du Goldk&auml;ferchen, komm mal her zu
+Tante Toni, die hat dir auch etwas mitgebracht!&ldquo;
+da n&auml;herte sich die Kleine, zuerst zwar
+etwas sch&uuml;chtern, aber bald ganz zutraulich, und
+es dauerte nicht lange, da hatte sie es sich auf
+Tante Tonis Scho&szlig; bequem gemacht, und sie lie&szlig;
+sich das eben erhaltene Biskuit munden, aber
+nicht ohne es der Tante zum Schmecken hinzuhalten
+und auch dem danebenstehenden Br&uuml;derchen,
+obwohl dieses selbst sehr mit Kauen besch&auml;ftigt
+war. Dazwischen erkl&auml;rte der kleine Leo mit<span class='pagenum'><a name="Page_7" id="Page_7">[7]</a></span>
+wichtiger Miene: &bdquo;Du mu&szlig;t wissen, Tante, da&szlig;
+ich Leo hei&szlig;e, und ich lehre das Minnichen jetzt
+sprechen. &sbquo;Mama&lsquo; und &sbquo;Papa&lsquo; kann es schon
+sagen, aber &sbquo;Leo&lsquo;, das bringt es noch nicht fertig;
+es kann nicht &sbquo;l&lsquo; sagen und macht immer &sbquo;neh&lsquo;
+und &sbquo;noh&lsquo;. Der Name ist vielleicht zu schwer,
+und ich will's mal mit &sbquo;Toni&lsquo; versuchen.&ldquo; Dann
+sich schmeichelnd an sein Schwesterchen wendend
+fuhr er fort: &bdquo;Komm, Minnichen, sag'
+mal sch&ouml;n &sbquo;Toni&lsquo;, dann kriegste auch was von
+mir!&ldquo;</p>
+
+<p>Allein Minnichen hatte allem Anscheine nach
+eben keine Lust zum Lernen; es lachte nur, und den
+Rest seines Biskuits mit dem einen H&auml;ndchen in
+die H&ouml;he haltend, patschte es mit dem andern
+aufs B&auml;uchelchen.</p>
+
+<p>&bdquo;Das soll hei&szlig;en, 's w&auml;re sehr gut&ldquo;, erkl&auml;rte
+Leo der Tante.</p>
+
+<p>In diesem Augenblick st&uuml;rzte Anna zur T&uuml;re
+herein und rief: &bdquo;Tante, du sollst schnell runterkommen;
+der Onkel Robert ist da mit Otto und
+Lilly, und eben kommt auch Onkel Albert Helmer
+mit dem Rudi!&ldquo;</p>
+
+<p>Leo und Minnichen sahen die Tante nur ungern
+scheiden, und es h&auml;tte wohl Tr&auml;nen gegeben,<span class='pagenum'><a name="Page_8" id="Page_8">[8]</a></span>
+wenn diese nicht versprochen h&auml;tte: &bdquo;Ich komme
+heute abend nochmal zu euch &ndash; ich komme euch
+waschen und ins Bettchen legen!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, o ja, Tante, tue es, das ist sch&ouml;n!&ldquo; jubelte
+Leo in die H&auml;nde klatschend.</p>
+
+<p>&bdquo;S&ouml;n&ldquo;, echote Minnichen, und es patschte fest
+seine kleinen, dicken H&auml;ndchen gegeneinander.</p>
+
+<p>&bdquo;Hast du's geh&ouml;rt, Tante? Es hat eben &sbquo;s&ouml;n&lsquo;
+gesagt, es kann schon wieder ein neues Wort!&ldquo;
+rief der kleine Lehrmeister der davoneilenden
+Tante nach.</p>
+
+<p>Nachdem Tante Toni ihren Bruder und ihren
+Schwager begr&uuml;&szlig;t hatte, wendete sie sich an die
+neun anwesenden Kinder und sagte lachend:</p>
+
+<p>&bdquo;Ihr seid aber alle so gro&szlig; geworden in diesen
+zwei Jahren &ndash; ich wei&szlig; gar nicht, ob ich euch
+noch auseinander kenne! Kommt, stellt euch doch
+mal dem Alter nach in eine Reihe, damit ich
+sehe, ob ich noch alle nennen kann!&ldquo;</p>
+
+<p>Die Kinder gehorchten lachend. Die immer
+lustige Anna rief aber:</p>
+
+<p>&bdquo;Nimm dich in acht, Tante Toni; wenn du
+den Namen von einem von uns vergessen hast
+oder gar eines mit dem andern verwechselst, so
+ist das eine schreckliche Beleidigung.&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_9" id="Page_9">[9]</a></span>&bdquo;Nun, ich werde mich schon zusammennehmen.
+Bei dir hat's jedenfalls keine Gefahr, mein &Auml;nnchen;
+dein Spitzbubengesichtchen verwechselt man nicht
+leicht mit einem andern. Aber nun angefangen!
+Also hier zuerst Mariechen Helmer; du bist jetzt
+vierzehn Jahre alt. Von dir hab' ich schon Gutes
+und Liebes geh&ouml;rt, wie vern&uuml;nftig du bist und
+wie du versuchst, deinem M&uuml;tterchen zu helfen.&ldquo;</p>
+
+<p>Und Tante Toni dr&uuml;ckte einen herzlichen Ku&szlig;
+auf die Stirne des err&ouml;tenden Mariechens.</p>
+
+<p>&bdquo;Und nun kommen wir zu den Wulffschen
+Zwillingen Kurt und Paul. Die haben sich gestreckt.
+Gib acht, Mariechen, deine Vettern wachsen
+dir bald &uuml;ber den Kopf.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ich auch, Tante Toni; ich bin fast so gro&szlig;
+wie unsere Mieze!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja du, bist du denn wirklich der Philipp
+Helmer? Dich h&auml;tte ich wirklich beinahe nicht
+mehr erkannt. Jetzt darf man dich nicht mehr
+&sbquo;Dickerchen&lsquo; nennen, so gro&szlig; und schlank bist du
+geworden! Du und die Zwillinge, ihr seid wohl
+jetzt dreizehn Jahre alt.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Und ich, Tante Toni, wie alt bin ich?&ldquo; rief
+Anna Wulff, ihre f&uuml;r ihr Alter etwas zu kleine
+Gestalt nach Kr&auml;ften in die H&ouml;he reckend.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_10" id="Page_10">[10]</a></span>&bdquo;Ja du, &Auml;nnchen, la&szlig; dich mal betrachten&ldquo;,
+und Tante Toni drehte &Auml;nnchen hin und her,
+besah sie &uuml;berlegend von allen Seiten; endlich
+sagte sie: &bdquo;Ei, &Auml;nnchen, was machst du f&uuml;r
+Sachen! Du hast wohl seit einiger Zeit so viel
+tolle Streiche im Kopf, da&szlig; du ganz vergessen
+hast zu wachsen. Du siehst aus, als w&auml;rest du
+nicht viel &uuml;ber zehn Jahre!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ich bin aber zw&ouml;lf&ldquo;, sagte Anna, ein bi&szlig;chen
+schmollend.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich bin noch nicht elf und bin so gro&szlig; wie
+sie!&ldquo; rief Otto Mehring, der neben seinem um
+ein Jahr j&uuml;ngeren Schwesterchen Lilly stand.</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, und du darfst in diesem Jahre zur ersten
+heiligen Kommunion gehen, wenn ich nicht irre.&ldquo;
+Tante Toni strich ihm leicht die Haare aus der
+Stirne. Mit ganz besonders liebevollem Blick
+schaute sie Otto und Lilly, die beiden Kinder
+ihres Bruders Robert, an, ganz besonders innig
+dr&uuml;ckte sie diese beiden ans Herz &ndash; sie hatten
+ja keine Mutter mehr, die armen Kinderchen.</p>
+
+<p>Als letzte in der Reihe standen noch der achtj&auml;hrige
+Rudi Helmer mit seinem blonden Lockenkopf
+und den treuherzigen blauen Augen und
+die siebenj&auml;hrige Toni, die neben diesem ihrem<span class='pagenum'><a name="Page_11" id="Page_11">[11]</a></span>
+kr&auml;ftigen, rotwangigen Vetterchen noch zarter und
+blasser aussah wie sonst.</p>
+
+<p>&bdquo;Du mu&szlig;t r&ouml;tere B&auml;ckchen bekommen, mein
+Patenkindchen, und du darfst nicht gar so ernsthaft
+dreinschauen&ldquo;, sagte Tante Toni leise.</p>
+
+<p>Aber Tonis Mutter hatte es doch geh&ouml;rt, und
+sie erkl&auml;rte mit einem besorgten Blicke auf ihr
+kleines T&ouml;chterchen:</p>
+
+<p>&bdquo;Das Kind leidet noch immer unter den Folgen
+des Scharlachfiebers. Die andern wissen schon
+lange nichts mehr davon, nur Toni hat sich
+nie so recht davon erholt.&ldquo;</p>
+
+<p>Nun trennte sich Tante Toni von den Kindern,
+denn sie mu&szlig;te sich zu den Gro&szlig;en setzen,
+um ihnen vom Gro&szlig;papa und von seiner Reise
+zu Onkel Karl und Tante Klara zu erz&auml;hlen.</p>
+
+<p>Klein Toni war aber der Tante nachgegangen;
+erst stellte sie sich ganz still neben ihren Sessel,
+allm&auml;hlich r&uuml;ckte sie ein wenig n&auml;her, und zuletzt
+lehnte sie ihr K&ouml;pfchen an deren Schulter,
+schmiegte sich an sie und streichelte leise ihre
+Hand. Die gute Tante zog die kleine Nichte
+auf ihren Scho&szlig; und meinte l&auml;chelnd: &bdquo;Ich
+glaube, wir werden bald recht gute Freundinnen
+werden.&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_12" id="Page_12">[12]</a></span>Da leuchteten klein Tonis Augen auf, und sie
+fragte eifrig: &bdquo;Wirklich, Tante Toni? Willst
+du meine Freundin sein, meine <em class="gesperrt">wirkliche</em>
+Freundin?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Aber gewi&szlig;, sehr gerne!&ldquo;</p>
+
+<p>Wie der Wind huschte die Kleine vom Scho&szlig;e
+der Tante herunter, und ganz rot vor freudiger
+Aufregung st&uuml;rzte sie auf die andern Kinder zu
+und rief mit strahlenden Augen:</p>
+
+<p>&bdquo;Du, Mieze! du, Anna! ich hab' jetzt auch eine
+Freundin! &ndash; Ihr braucht jetzt gar nicht mehr
+so ein Getue zu machen mit euern Freundinnen!
+Ich hab' eine viel gr&ouml;&szlig;ere und eine viel bessere
+Freundin wie ihr &ndash; denn Tante Toni ist meine
+Freundin!&ldquo; Und triumphierend schaute klein Toni
+ihre Geschwister, Vettern und Cousinen an.</p>
+
+<p>Diese aber brachen in ein schallendes Gel&auml;chter
+aus. Das hatte das Kind nicht erwartet. Es
+war erst starr vor &Uuml;berraschung, dann wurde es
+rot und rief halb weinend: &bdquo;Was lacht ihr mich
+denn aus? Ich hab' doch gar nichts Dummes
+gesagt!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nein, mein Tonichen&ldquo;, suchte Mieze die
+Kleine zu beruhigen, &bdquo;du hast gar nichts Dummes
+gesagt &ndash; aber es kam uns halt nur so drollig<span class='pagenum'><a name="Page_13" id="Page_13">[13]</a></span>
+vor, da&szlig; du winziges Pers&ouml;nchen dir die Tante
+Toni zur Freundin ausgesucht hast!&ldquo; Und nun
+fing Mieze wieder an zu lachen, die andern
+stimmten im Chore ein; Anna und Otto lachten
+am lautesten, umtanzten das Kind und schrien:
+&bdquo;Hoch der neue Freundschaftsbund!&ldquo;</p>
+
+<p>Jetzt aber wurde klein Toni zornig, ihre
+Augen funkelten, sie ballte die kleinen F&auml;uste,
+sie stampfte mit den F&uuml;&szlig;en, und je mehr die
+andern lachten, desto wilder geb&auml;rdete sich das
+Kind. Als Mieze es zu beruhigen suchte, stie&szlig;
+es sie von sich, bis Kurt sagte:</p>
+
+<p>&bdquo;Na, so einen Zornepickel wird Tante Toni
+aber doch gewi&szlig; nicht zur Freundin haben wollen!&ldquo;</p>
+
+<p>Da kam die Kleine zur Besinnung. Sie wurde
+auf einmal still, lie&szlig; das K&ouml;pfchen h&auml;ngen und
+schlich sich fort. Sie kauerte sich in ein Eckchen,
+dr&uuml;ckte die F&auml;ustchen vor die Augen und weinte
+leise vor sich hin. Mieze wollte ihr nachgehen,
+aber Anna hielt sie zur&uuml;ck und sagte: &bdquo;La&szlig; sie
+nur jetzt ganz in Ruhe; wenn sie so ihren Zorn
+gehabt hat, dann ist es am besten, man k&uuml;mmert
+sich nicht um sie. Kommt nur alle mit mir in
+den Garten, die Toni wird uns nachher schon
+von selbst nachkommen.&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_14" id="Page_14">[14]</a></span>Tante Toni hatte aber von ferne alles beobachtet.
+Als die andern Kinder das Zimmer
+verlassen hatten, n&auml;herte sie sich der weinenden
+Kleinen; diese aber dr&uuml;ckte die H&auml;ndchen nur
+noch fester vor das Gesicht, und ihr Schluchzen
+wurde heftiger. Die Tante nahm das Kind
+auf und setzte sich mit ihm ins Nebenzimmer.
+Sie lie&szlig; es erst ruhig weinen, sie dr&uuml;ckte es nur
+liebevoll an sich, strich ihm sacht &uuml;ber Stirne und
+Haare, und als das Schluchzen endlich anfing
+etwas nachzulassen, sagte sie freundlich:</p>
+
+<p>&bdquo;Nun mu&szlig; meine kleine Freundin aber gleich
+wieder ein liebes, frohes Gesichtchen machen.&ldquo;</p>
+
+<p>Da hob Toni ihr verweintes Gesichtchen in
+die H&ouml;he: &bdquo;O Tante Toni, willst du mich denn
+noch zur Freundin haben? Ich war doch eben
+so b&ouml;s! &ndash; Was mu&szlig;ten sie aber auch so &uuml;ber
+mich lachen?&ldquo; Und die Tr&auml;nen fingen von neuem
+an zu flie&szlig;en.</p>
+
+<p>&bdquo;Du mu&szlig;t dir das nicht so zu Herzen nehmen;
+sie haben es gar nicht so b&ouml;se gemeint. Die
+Mieze war doch auch recht nett mit dir und
+wollte dich tr&ouml;sten.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, und ich hab' sie weggesto&szlig;en, ich war
+so zornig!&ldquo; Und Toni lie&szlig; wieder besch&auml;mt das<span class='pagenum'><a name="Page_15" id="Page_15">[15]</a></span>
+K&ouml;pfchen sinken; dann setzte sie aber wie entschuldigend
+hinzu: &bdquo;Das kommt aber von meiner
+Krankheit her, da&szlig; ich so leicht zornig werde,
+ich kann nichts daf&uuml;r. Mama hat den andern
+schon &ouml;fter gesagt, sie d&uuml;rften mich nicht so
+reizen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;O, es ist ja leicht m&ouml;glich, da&szlig; deine Krankheit
+eine gr&ouml;&szlig;ere Reizbarkeit zur&uuml;ckgelassen hat;
+aber deshalb mu&szlig;t du doch nicht meinen, du
+k&ouml;nntest nichts daf&uuml;r. Man kann immer etwas
+daf&uuml;r, wenn man etwas tut, wovon man wei&szlig;,
+da&szlig; es unrecht ist. Und da&szlig; man nicht zornig
+sein darf, das wei&szlig;t du doch, nicht wahr?&ldquo;</p>
+
+<p>Klein Toni wurde ganz rot, sie senkte das
+K&ouml;pfchen und sagte leise: &bdquo;Ich m&ouml;chte gern nicht
+zornig sein &ndash; aber es kommt immer ganz von
+selbst.&ldquo;</p>
+
+<p>Die Tante l&auml;chelte: &bdquo;Ja, so geht's gew&ouml;hnlich.
+Sieh, die andern meinen's doch auch nicht b&ouml;se
+und sie wollen dich gewi&szlig; nicht kr&auml;nken. Das
+Necken kommt bei ihnen auch ganz von selbst.&ldquo;</p>
+
+<p>Das Kind sah erst &uuml;berrascht und dann nachdenklich
+aus, und als die Tante fragte: &bdquo;Willst
+du nun versuchen, kleine Neckereien zu ertragen,
+ohne zornig zu werden?&ldquo; da nickte es mit dem<span class='pagenum'><a name="Page_16" id="Page_16">[16]</a></span>
+K&ouml;pfchen und sagte ernsthaft: &bdquo;Ja, ich will's
+versuchen.&ldquo;</p>
+
+<p>Die Tante erschrak beinahe ein bi&szlig;chen, als
+sie in diese Kinderaugen blickte, aus denen ein
+so fester und ernster Entschlu&szlig; leuchtete:</p>
+
+<p>&bdquo;Aber nun mu&szlig; mein Tonichen wieder ein
+frohes Gesichtchen machen und lachen. Komm,
+wir wollen jetzt Mariechen und die andern Kinder
+aufsuchen gehen!&ldquo;</p>
+
+<p>Sie nahm ihr Patenkindchen bei der Hand
+und f&uuml;hrte es in den Garten. Dort rief sie die
+Kinder alle zusammen und sagte:</p>
+
+<p>&bdquo;H&ouml;rt einmal, was ich mir ausgedacht habe!
+Des Vormittags, w&auml;hrend ihr in der Schule seid,
+werde ich der Mutter hier im Hause und bei den
+ganz Kleinen helfen; aber des Nachmittags geh&ouml;re
+ich euch. Wenn ihr Zeit habt und das
+Wetter ist sch&ouml;n, dann werden wir auch Spazierg&auml;nge
+zusammen machen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Hurra, Tante Toni!&ldquo; und &bdquo;Tante, du bist
+einfach famos!&ldquo; so jubelten die Kinder, vor
+Freude in die H&auml;nde klatschend.</p>
+
+<p>Der blondlockige Rudi aber fragte eifrig: &bdquo;Und
+wirst du uns auch Geschichten erz&auml;hlen, Tante
+Toni?&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_17" id="Page_17">[17]</a></span>&bdquo;Gewi&szlig;, Rudi, herzlich gern. Du h&ouml;rst also
+gern Geschichten?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;O, furchtbar gern!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ich auch!&ldquo; und &bdquo;Ich auch!&ldquo; riefen da noch
+mehrere Stimmen.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich h&ouml;re am liebsten Indianergeschichten&ldquo;,
+erkl&auml;rte Otto, und Anna stimmte ihm bei; die
+Zwillinge fanden Seeabenteuer viel interessanter;
+Rudi und Toni entschieden sich f&uuml;r M&auml;rchen.</p>
+
+<p>&bdquo;&Uuml;brigens&ldquo;, schlug Kurt vor, &bdquo;da morgen
+Sonntag ist, k&ouml;nnten wir gleich einen Spaziergang
+verabreden.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nat&uuml;rlich!&ldquo; rief Paul voll Eifer. &bdquo;Wir
+f&uuml;hren die Tante &uuml;ber den Hennenberg nach
+Horbach, von da auf den Blauberg, und&nbsp;...&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Warum nicht gleich auf den Chimborasso oder ins
+Himalajagebirge?&ldquo; unterbrach Mariechen lachend.
+&bdquo;Morgen wird Tante Toni noch etwas reisem&uuml;de
+sein und sich gerne mit einem kleineren Spaziergang
+begn&uuml;gen. Ich schlage das Tempelchen vor;
+der Weg dahin ist sch&ouml;n und nicht zu steil, und
+von dort hat man einen herrlichen Blick auf unser
+St&auml;dtchen und in die Berge, und dann&nbsp;...&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Und dann kann man da oben auch sehr gut
+&sbquo;R&auml;uber und Gendarm&lsquo; spielen!&ldquo; fiel Rudi ein.<span class='pagenum'><a name="Page_18" id="Page_18">[18]</a></span>
+&bdquo;O, ich kenne dort ein paar ausgezeichnete Verstecke!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ach, das Tempelchen &ndash; das ist schrecklich
+langweilig&ldquo;, erkl&auml;rte Otto Mehring mit wegwerfender
+Miene. &bdquo;Da ist man schon so oft
+gewesen! Dahin geh' ich mal nicht mit!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ei, so bleib' du nur daheim, wir k&ouml;nnen's
+schon ohne dich aushalten!&ldquo; entgegnete Paul ein
+wenig grob. Aber Tante Toni sah ganz betr&uuml;bt
+aus, als sie sagte:</p>
+
+<p>&bdquo;O, mir w&uuml;rde es aber sehr leid tun, wenn
+du nicht mitgingest, lieber Otto.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nun, Tante, wir wollen sehen; dir zuliebe
+gehe ich vielleicht mit.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Wie gn&auml;dig!&ldquo; kicherte Anna dem Mariechen
+ins Ohr.</p>
+
+<p>&bdquo;Nun m&uuml;ssen wir nur sehen, was eure lieben
+Eltern zu diesem Plane sagen werden.&ldquo; Mit diesen
+Worten kehrte Tante Toni ins Haus zur&uuml;ck.</p>
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_19" id="Page_19">[19]</a></span></p>
+<h2><a name="Zweites_Kapitel" id="Zweites_Kapitel"></a>Zweites Kapitel.<br/>
+<big>Es wird Krocket gespielt,
+und Tante Toni macht dabei
+Charakterstudien.</big></h2>
+
+
+
+
+<p>Am folgenden Tag war die ganze Kinderschar
+wieder bei Wulffs versammelt. Vater Wulff
+stand vor dem Barometer und runzelte die
+Stirne.</p>
+
+<p>&bdquo;Es tut mir leid, Kinder&ldquo;, sagte er endlich,
+&bdquo;aber ihr werdet euern Spaziergang nicht machen
+k&ouml;nnen. Der Barometer ist sehr gefallen, und
+dort in der Wetterecke sieht es drohend aus. Wir
+bekommen Regen und Wind, vielleicht sogar
+Sturm.&ldquo;</p>
+
+<p>Da gab es entt&auml;uschte, betr&uuml;bte und &auml;rgerliche
+Gesichter.</p>
+
+<p>&bdquo;Wie langweilig! Was fangen wir jetzt an?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nun, wir k&ouml;nnen wenigstens in den Garten
+gehen, solange es noch nicht regnet&ldquo;, schlug Tante
+Toni vor.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_20" id="Page_20">[20]</a></span>&bdquo;Wei&szlig;t du was, Tante Toni? Mache mit
+uns eine Krocketpartie!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ach ja, Tante Toni, die Mieze hat recht,
+wir wollen Krocket spielen!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nee &ndash; Krocket ist entsetzlich langweilig!&ldquo;</p>
+
+<p>Tante Toni lachte: &bdquo;Lieber Otto, das Wort
+&sbquo;langweilig&lsquo; scheint ein Lieblingsausdruck von dir
+zu sein! Ich stimme f&uuml;r Krocket. Wer spielt
+also mit?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ich nat&uuml;rlich&ldquo;, erkl&auml;rte Otto mit Bestimmtheit.</p>
+
+<p>&bdquo;Wie, Otto, du? &ndash; Du findest das Spiel doch
+so langweilig!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Immerhin weniger langweilig als gar nicht
+zu spielen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nun gut also. Und wer spielt noch mit?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ich &ndash; ich &ndash; ich!&ldquo; schrien alle Kinder durcheinander.</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, wir k&ouml;nnen aber nicht alle spielen, wir
+sind etwas zu zahlreich. Ich will gerne zuschauen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nein, Tante Toni, das gibt's nicht. Du
+mu&szlig;t vor allen mitspielen. Wir k&ouml;nnen ja das
+Los ziehen, um zu sehen, wer mitspielt.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ach nein; da gibt's doch immer &Auml;rgerliche
+und Unzufriedene&ldquo;, behauptete Mariechen Helmer.<span class='pagenum'><a name="Page_21" id="Page_21">[21]</a></span>
+&bdquo;Spiele du mit den Gr&ouml;&szlig;eren, Tante Toni;
+ich nehme die Kleineren mit auf die Wiese und
+spiele mit ihnen Ball oder Reifen. Komm, Tonichen;
+kommt, Rudi, Lilly und Anna, wollt ihr
+mit mir gehen?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ich schau' lieber den Gro&szlig;en zu&ldquo;, erkl&auml;rte
+Rudi.</p>
+
+<p>&bdquo;Wir k&ouml;nnen zu sechs spielen, drei gegen drei&ldquo;,
+erkl&auml;rte Philipp Helmer. &bdquo;Tante Toni, Paul,
+Kurt, Otto und ich, das sind f&uuml;nf; da kann der
+Rudi also mit uns spielen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nein, der Rudi spielt viel zu schlecht, den
+will ich nicht!&ldquo; rief Otto. &bdquo;Dann lieber die
+Lilly.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ach ja, Tante Toni, la&szlig; mich mitspielen,
+ich spiele schon sehr gut!&ldquo; bat Lilly, und nach
+einigem Hinundher kam endlich die Partie zustande,
+und zwar so, da&szlig; Tante Toni mit Kurt
+und Lilly gegen Paul, Philipp und Otto spielte.</p>
+
+<p>Im Anfang ging alles ganz gut; als aber
+Paul einen ungeschickten Schlag ausf&uuml;hrte, wurde
+er verdrie&szlig;lich und &auml;rgerlich. Bald darauf passierte
+seinen beiden Partnern Otto und Philipp dasselbe
+Mi&szlig;geschick; da geriet er ganz au&szlig;er sich
+und machte ihnen die gr&ouml;&szlig;ten Vorw&uuml;rfe; diese<span class='pagenum'><a name="Page_22" id="Page_22">[22]</a></span>
+wollten sich das aber nicht gefallen lassen, und
+Philipp meinte sp&ouml;ttisch:</p>
+
+<p>&bdquo;Ei, wenn du schimpfen willst, so fang' nur
+bei dir selber an! Du bist uns mit dem schlechten
+Beispiel vorangegangen; du hast die erste Dummheit
+gemacht.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Das kann dem besten Spieler einmal passieren.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Gewi&szlig;; aber um so eher kann es mittelm&auml;&szlig;igen
+Spielern passieren, und zu denen rechnest
+du Otto und mich ja doch!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Aber keine Spur von einer Latern'! Zu den
+<em class="gesperrt">schlechten</em> Spielern rechne ich euch, zu den
+ganz schlechten! Ihr spielt geradezu miserabel &ndash;
+wie soll man denn eine Partie gewinnen mit
+solchen Partnern? Da ist ja nicht daran zu
+denken &ndash; das ist &uuml;berhaupt gar kein Spiel
+mehr!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Das finde ich auch&ldquo;, versetzte Tante Toni,
+die dem Streite bisher schweigend zugeh&ouml;rt hatte.
+&bdquo;Sag' mal, lieber Paul, weshalb spielen wir
+denn eigentlich Krocket?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nun, um zu gewinnen; das ist doch selbstverst&auml;ndlich!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Doch nicht so ganz. Der Hauptzweck ist doch
+der: wir wollen uns unterhalten und uns am<span class='pagenum'><a name="Page_23" id="Page_23">[23]</a></span>
+Spiel erfreuen, indem jeder danach trachtet, den
+andern an Geschicklichkeit zu &uuml;berbieten, aber in
+aller Freundschaft; und wenn man eine Dummheit
+oder eine Ungeschicklichkeit begeht, dann lacht
+man sich gegenseitig ein wenig aus &ndash; wieder in
+aller Freundschaft. Es kann ja nat&uuml;rlich nur
+<em class="gesperrt">eine</em> Partei gewinnen &ndash; wenn aber dann die
+Verlierenden sich jedesmal geb&auml;rden, wie wenn
+ihnen ein Ungl&uuml;ck widerf&uuml;hre oder ein Unrecht
+gesch&auml;he &ndash; ja, dann h&ouml;rt eben aller Spa&szlig; auf
+und man kann das kein Spiel mehr nennen.
+Nun, was meinst du dazu, Paul?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, Tante Toni, du hast eigentlich recht.
+Wenn's einem aber egal ist, ob man gewinnt
+oder nicht, dann gibt man sich auch
+keine M&uuml;he, und das Spiel ist gar nicht interessant.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;So habe ich's aber auch nicht gemeint. Es
+soll einem gewi&szlig; nicht egal sein, und jeder mu&szlig;
+sich nat&uuml;rlich die gr&ouml;&szlig;te M&uuml;he geben, um zu
+gewinnen. Das Gewinnen soll nur nicht der
+Haupt- und alleinige Zweck des Spieles sein. &ndash;
+So, ich glaube, ich bin nun an der Reihe, und
+wirklich, Paul, ich werde mich t&uuml;chtig anstrengen,
+um einen Meisterschlag zu vollf&uuml;hren!&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_24" id="Page_24">[24]</a></span>&bdquo;Bravo, Tante Toni! Das hast du gut gemacht,
+du hast Ottos Kugel getroffen &ndash; hinaus
+mit ihr, so weit du kannst!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ich will sie lieber liegen lassen und ben&uuml;tzen,
+um durch die Schelle zu kommen; sie liegt doch
+hinter ihrem Reifen.&ldquo;</p>
+
+<p>Als Tante Toni sich umdrehte, sah sie gerade,
+wie Lilly mit dem F&uuml;&szlig;chen ihre Kugel ein
+wenig vorschob, so da&szlig; sie f&uuml;r den n&auml;chsten Schlag
+in eine g&uuml;nstigere Lage kam. Sie sagte nichts,
+sie schaute nur Lilly ernst an. Diese wurde ein
+bi&szlig;chen rot und tat, als ob sie blo&szlig; ein Steinchen
+unter ihrer Kugel entfernt h&auml;tte.</p>
+
+<p>Nachdem nun Kurt gespielt hatte, kam Philipp
+an die Reihe; er gab seiner Kugel einen kr&auml;ftigen
+Schlag, so da&szlig; sie durch ihren Reifen flog
+und in Lillys N&auml;he zu liegen kam; als Kurt sich
+nun anschickte, Lillys Kugel zu treffen, schrie diese
+ihn an:</p>
+
+<p>&bdquo;Du, das gibt's nicht! Philipp, du hast
+gepfuscht; deine Kugel lag vorhin so, da&szlig;
+du gar nicht durch deinen Reifen kommen
+konntest!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Sag' noch einmal, ich h&auml;tte gepfuscht, du
+kleine Kr&ouml;te!&ldquo; ereiferte sich Philipp.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_25" id="Page_25">[25]</a></span>&bdquo;Du hast gepfuscht &ndash; gepfuscht &ndash; gepfuscht!&ldquo;
+schrie Lilly.</p>
+
+<p>&bdquo;Impertinente kleine Person!&ldquo; Philipp war
+rot vor &Auml;rger, und er h&auml;tte seine kleine Cousine
+gewi&szlig; etwas unsanft angefa&szlig;t, wenn Tante Toni
+nicht dazwischengetreten w&auml;re.</p>
+
+<p>&bdquo;Lilly, schau mich mal an, und dann sage mir
+ehrlich: Hast du gesehen, da&szlig; Philipp gepfuscht
+hat?&ldquo;</p>
+
+<p>Lilly wurde verlegen. &bdquo;Nein, gesehen hab' ich
+es nicht &ndash; aber vorhin lag seine Kugel anders,
+und da&nbsp;...!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;O, da kann man sich so leicht t&auml;uschen! Sieh,
+mir kommt es vor, als h&auml;tte <em class="gesperrt">deine</em> Kugel vorhin
+auch anders gelegen.&ldquo;</p>
+
+<p>Lilly senkte die Augen vor dem klaren, durchdringenden
+Blick der Tante; sie wurde so verlegen,
+da&szlig; Tante Toni Mitleid mit ihr hatte
+und Philipp einen Wink gab, den der gutm&uuml;tige
+Junge auch verstand, worauf er weiterspielte,
+als ob nichts geschehen w&auml;re, und er behandelte
+Lillys Kugel so glimpflich, da&szlig; dieselbe ganz in
+der N&auml;he ihres Reifens liegen blieb.</p>
+
+<p>Das Spiel nahm nun einen ganz friedlichen
+Verlauf, es wurde sogar lustig, weil Tante Toni<span class='pagenum'><a name="Page_26" id="Page_26">[26]</a></span>
+nachdem sie wieder einmal einen Meisterschlag
+versprochen hatte, gl&auml;nzend am Ziele vorbeischo&szlig;,
+wor&uuml;ber sie selbst in lustiges Lachen ausbrach;
+die Kinder stimmten von Herzen ein, und von
+diesem Augenblicke an wurde &uuml;ber jeden ungeschickten
+Schlag gelacht und nicht mehr gezankt.</p>
+
+<p>So ging alles vortrefflich; selbst Lilly war
+wieder ganz vergn&uuml;gt, sie war sogar sehr stolz,
+denn sie hatte mit einigen geschickten Schl&auml;gen
+ihre Kugel weit voran gebracht. Sie lag eben
+wieder sehr sch&ouml;n vor ihrem Reifen, als Paul,
+der Anf&uuml;hrer der Gegenpartei, dieselbe traf und
+mit einem kr&auml;ftigen Schlag ziemlich weit fortschickte.</p>
+
+<p>Da warf Lilly einfach ihren Hammer hin; sie
+sagte: &bdquo;Ich spiel' nicht mehr mit!&ldquo; und setzte sich
+schmollend in einen Winkel. Tante Toni sah ihr
+ganz &uuml;berrascht nach, Paul aber sagte &auml;rgerlich:</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, so macht sie's immer. Wie ihr etwas
+nicht nach dem Kopf geht, dann l&auml;uft sie fort
+und verdirbt einem das ganze Spiel.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Soll ich hingehen und sie zu vers&ouml;hnen suchen?&ldquo;
+schlug der gutm&uuml;tige Philipp vor.</p>
+
+<p>&bdquo;O nein&ldquo;, antwortete Tante Toni, &bdquo;das w&auml;re
+ganz verkehrt; dann w&uuml;rde sie es bei der n&auml;chsten<span class='pagenum'><a name="Page_27" id="Page_27">[27]</a></span>
+Gelegenheit gleich wieder so machen. Nein, wir
+lassen sie ganz ruhig in ihrem Schmollwinkelchen
+sitzen, und Rudi kann f&uuml;r sie einspringen. Magst
+du, Rudi?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Aber wie gern, Tante Toni!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ach nein, der Rudi spielt gar zu schlecht&ldquo;,
+knurrte Otto.</p>
+
+<p>&bdquo;Aber Otto, das kann dir doch nur angenehm
+sein, er ist ja dein Gegner!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ach, das ist ja &uuml;berhaupt gar keine Ehre
+mehr, gegen solch einen Gegner zu gewinnen!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ich spiel' gar nicht so schlecht, Tante Toni,
+du wirst es schon sehen&ldquo;, und Rudis eben noch
+vor Freude strahlende Augen f&uuml;llten sich mit
+Tr&auml;nen.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich bin &uuml;berzeugt, da&szlig; du recht gut spielst,
+mein lieber Rudi&ldquo;, tr&ouml;stete ihn Tante Toni
+und sah sich nach Lillys Hammer um; allein inzwischen
+war Otto zu seiner Schwester gegangen und
+hatte leise aber eindringlich auf sie eingesprochen,
+und gerade als Tante Toni sich nach dem Hammer
+b&uuml;cken wollte, sprang Lilly herbei, erfa&szlig;te ihn
+und rief: &bdquo;Ich spiel' selbst weiter!&ldquo;</p>
+
+<p>Tante Toni sah unschl&uuml;ssig von einem Kinde
+zum andern. Ihr Gerechtigkeitsgef&uuml;hl sagte ihr,<span class='pagenum'><a name="Page_28" id="Page_28">[28]</a></span>
+da&szlig; Lilly Strafe verdient habe und eigentlich
+vom Spiel ausgeschlossen bleiben m&uuml;&szlig;te &ndash; sie
+wu&szlig;te ja auch, da&szlig; Lilly nur deshalb wieder
+mitspielen wollte, weil sie und Otto dem kleinen
+Rudi das Vergn&uuml;gen mi&szlig;g&ouml;nnten. Anderseits
+konnte sie es aber nicht &uuml;bers Herz bringen,
+gegen die beiden mutterlosen Kinder strenge zu
+sein. Sie neigte sich deshalb zum entt&auml;uschten
+Rudi nieder und erkl&auml;rte ihm: &bdquo;Lieber Rudi,
+wir sehen und wissen beide, da&szlig; Otto und Lilly
+nicht sch&ouml;n handeln, aber sie haben eben keine
+liebe Mutter, die ihnen t&auml;glich und st&uuml;ndlich zur
+Seite steht, sie ermahnt und belehrt &ndash; wir
+wollen daran denken und Geduld mit ihnen haben,
+nicht? Aber du sollst nicht zu kurz kommen, und
+ich verspreche dir, die n&auml;chste Krocketpartie mache
+ich mit dir, Mieze und Anna. Bist du zufrieden?&ldquo;</p>
+
+<p>Rudi nickte unter Tr&auml;nen l&auml;chelnd, und Tante
+Toni gab ihm noch einen herzlichen Ku&szlig;, als
+Otto ungeduldig rief: &bdquo;Holla, Tante Toni,
+aufgepa&szlig;t, du bist dran!&ldquo; W&auml;hrend Tante
+Toni spielte, stie&szlig; Otto den Rudi an und
+h&ouml;hnte: &bdquo;H&auml;, du spielst doch nicht mit, siehst
+du's?&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_29" id="Page_29">[29]</a></span>Rudi war ein guter Junge, jedoch er konnte
+Spott nicht vertragen. Er wurde sehr rot bei
+Ottos Worten, aber er dachte noch daran, was
+Tante Toni ihm eben gesagt hatte, und er hielt
+an sich. Er streckte seine H&auml;nde in die Hosentaschen
+und drehte Otto den R&uuml;cken.</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, geh' nur fort, geh' zu den Kleinen ins
+Kinderzimmer, da geh&ouml;rst du auch hin. Hier
+st&ouml;rst du uns ja nur.&ldquo;</p>
+
+<p>Rudi stellte sich breitspurig hin und sagte:
+&bdquo;Ich bleibe hier und schaue zu.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ich sag' dir aber, da&szlig; du fortgehen
+sollst!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Du hast mir nichts zu sagen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Gewi&szlig;, denn ich bin &auml;lter, gr&ouml;&szlig;er und st&auml;rker
+als du.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;&Auml;lter, ja; gr&ouml;&szlig;er nicht viel, aber st&auml;rker gar
+nicht.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Was hast du gesagt, du frecher Knirps du?
+Sag's doch noch einmal, wenn du's wagst!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ich bin st&auml;rker wie du.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Mit dem Mund vielleicht, aber nicht in Wirklichkeit.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Soll ich's beweisen?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Das wagst du ja nicht, du Feigling!&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_30" id="Page_30">[30]</a></span>Nun war Rudis Geduld zu Ende. Er st&uuml;rzte
+sich auf Otto, und die beiden Knaben begannen
+zu ringen. Otto war allerdings fast drei Jahre
+&auml;lter als Rudi, aber er war verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig
+klein und zart gebaut, w&auml;hrend Rudi gro&szlig; und
+kr&auml;ftig war. Rudi bekam denn auch bald die
+Oberhand, und ehe es der erschrocken herbeieilenden
+Tante Toni gelang, die beiden zu trennen,
+lag Otto auf der Erde. Sofort begann er ein
+entsetzliches Wehegeschrei, so da&szlig; nicht nur Mieze
+mit den andern Kindern gelaufen kamen, um zu
+sehen, was geschehen sei, sondern auch die Eltern,
+die in der N&auml;he des Hauses in einer Laube gesessen
+hatten.</p>
+
+<p>Frau Helmer rief, die H&auml;nde ringend: &bdquo;Nat&uuml;rlich
+wieder mein Rudi! Wenn ich Geschrei
+h&ouml;re, dann brauch' ich gar nicht zu fragen, denn
+ich wei&szlig; schon im voraus, da&szlig; der Rudi wieder
+etwas angestellt hat!&ldquo;</p>
+
+<p>Frau Wulff und Tante Toni hatten sich inzwischen
+um Otto bem&uuml;ht, hatten ihn befragt,
+bef&uuml;hlt und betastet und konnten gar nicht finden,
+wo er eigentlich verletzt war.</p>
+
+<p>&bdquo;So sag' uns doch endlich mal, wo es dir
+fehlt!&ldquo; rief Tante Toni aus. &bdquo;Ich kann mir<span class='pagenum'><a name="Page_31" id="Page_31">[31]</a></span>
+doch nicht denken, da&szlig; du uns ohne Grund so
+erschreckt hast!&ldquo;</p>
+
+<p>Otto antwortete nicht sofort &ndash; dann aber
+fuhr er sich mit beiden H&auml;nden an den Kopf
+und jammerte: &bdquo;Mein Kopf, o mein Kopf!&ldquo;</p>
+
+<p>Tante Toni und Frau Wulff sahen sich besorgt
+an; sie f&uuml;hrten ihn ins Haus, um ihn
+aufs Sofa zu legen und ihm Umschl&auml;ge auf
+den Kopf zu machen. Im Vorbeigehen warf
+Tante Toni dem Rudi einen vorwurfsvollen
+Blick zu. Das Kind wandte sich ab &ndash; es hatte
+eben schon die Vorw&uuml;rfe seiner Mutter zu h&ouml;ren
+bekommen &ndash;, sein sonst so offenes, liebes Gesicht
+bekam einen Ausdruck von finsterem Trotz. Ohne
+ein Wort zu sagen, verlie&szlig; er den Spielplatz.</p>
+
+<p>Mariechen aber hatte ihr Br&uuml;derchen beobachtet.
+Sie ging ihm leise nach; sie wu&szlig;te, sein Trotz
+w&uuml;rde nicht lange dauern, sondern bald einem
+gro&szlig;en Schmerz weichen. Schon mehrmals hatte
+sie Rudi nach einem solchen Auftritt bitterlich weinend
+in irgendeinem Geb&uuml;sch des Gartens versteckt
+gefunden. Diesmal war er ganz hinten in den
+Garten gegangen; dort war ein stilles, von
+dunkeln Tannen und dichtem Gestr&auml;uch umstandenes
+Pl&auml;tzchen; da hockte er auf einer Bank,<span class='pagenum'><a name="Page_32" id="Page_32">[32]</a></span>
+die Arme auf die Lehne gest&uuml;tzt und den Kopf
+darin vergraben.</p>
+
+<p>Mariechen setzte sich neben ihn.</p>
+
+<p>&bdquo;Komm, Rudi, sag' mir's, wie ist's denn wieder
+gekommen?&ldquo;</p>
+
+<p>Zuerst wollte Rudi nicht antworten, endlich
+stie&szlig; er hervor: &bdquo;Nun, wie halt immer. Erst h&ouml;hnt
+er mich und reizt mich, bis ich nicht mehr anders
+kann, als ihn anpacken, und sowie er f&uuml;hlt, da&szlig;
+er unterliegen wird, dann f&auml;ngt er seine Br&uuml;llerei
+an, stellt sich, wie wenn ich ihm Gott wei&szlig;
+was getan h&auml;tte &ndash; und ich krieg's nachher von
+allen!&ldquo;</p>
+
+<p>Es klangen Trotz, Schmerz und Bitterkeit aus
+seiner Stimme.</p>
+
+<p>Mariechen schlang ihren Arm um Rudi und
+sagte beg&uuml;tigend: &bdquo;Komm, Rudi, wir wissen's ja
+doch, da&szlig; Otto der schuldige Teil ist, und&nbsp;...&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;So? Hast du denn nicht geh&ouml;rt, was Mama
+eben sagte, und hast du nicht gesehen, wie Tante
+Toni mich angeschaut hat? Und Tante Toni
+hatte mir doch gerade gesagt ...&ldquo; Hier ging die
+Stimme des Knaben in Schluchzen &uuml;ber.</p>
+
+<p>&bdquo;Komm, Rudichen, mein liebes Goldrudichen,
+weine nicht so. Sag' mir genau, wie alles gekommen<span class='pagenum'><a name="Page_33" id="Page_33">[33]</a></span>
+ist &ndash; ich erz&auml;hle es der Tante Toni,
+und ich werde schon sorgen, da&szlig; sie keine falsche
+Meinung von dir beh&auml;lt.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Es wird ihr aber recht leid tun; denn sie
+hat Otto und Lilly sehr lieb, weil sie keine Mama
+mehr haben. F&uuml;r uns ist das aber auch schrecklich;
+sie sind beide unausstehlich, und wir m&uuml;ssen
+uns alles von ihnen gefallen lassen; niemand straft
+sie, und wenn man sich &uuml;ber sie beklagt, dann
+hei&szlig;t es nur immer: &sbquo;Habt doch Geduld mit den
+armen Kindern, denn sie haben keine Mutter
+mehr.&lsquo;&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, Rudi, das ist freilich alles wahr&ldquo;, sagte
+Mariechen; dann schwieg sie nachdenklich still,
+w&auml;hrend ihr Br&uuml;derchen fortfuhr:</p>
+
+<p>&bdquo;Und dazu sind sie auch fast immer bei uns
+oder hier bei Wulffs &ndash; wir k&ouml;nnen niemals
+etwas unternehmen, au&szlig;er sie m&uuml;ssen dabei sein.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, Rudi, denke doch aber auch daran, wie
+traurig es bei ihnen zu Hause ist so ohne Mama
+und fast ohne Papa; denn du wei&szlig;t ja, wie angestrengt
+Onkel Robert arbeiten mu&szlig; und da&szlig; er
+sich fast nicht um seine Kinder k&uuml;mmern kann.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;O, Fr&auml;ulein Helene sorgt aber doch recht
+gut f&uuml;r sie!&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_34" id="Page_34">[34]</a></span>&bdquo;Das ist aber doch nicht dasselbe. Denke nur
+daran, wie unsere Mutter jeden Abend mit uns
+betet, wie sie selbst die Kleinen besorgt und ins
+Bettchen legt, wie sie noch zu jedem von uns
+ans Bett kommt, um uns das Kreuzzeichen zu
+machen und den letzten Gutenachtku&szlig; zu geben;
+denke doch daran, wie du immer und zu jeder
+Stunde zu ihr gehen, sie um alles bitten und
+fragen kannst. Versuche doch einmal dir vorzustellen,
+wie schrecklich es w&auml;re, wenn wir unsere
+Mama nicht mehr h&auml;tten!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nein, nein, Mieze, daran kann und will ich
+gar nicht denken. Und jetzt &ndash; vielleicht weint
+sie gerade, weil ich vorhin so zornig war!&ldquo; Bei
+diesem Gedanken fingen Rudis Tr&auml;nen wieder an
+zu flie&szlig;en.</p>
+
+<p>&bdquo;Komm, wir wollen sie schnell aufsuchen!&ldquo;
+Mariechen sprang auf und zog ihr Br&uuml;derchen
+mit sich fort. Sie waren aber kaum ans ihrem
+versteckten Pl&auml;tzchen hervorgetreten, da erblickten
+sie ganz in der N&auml;he ihre Mutter und Tante
+Toni. Rudi wollte sich schnell verstecken, aber
+Mariechen hielt ihn fest und sagte: &bdquo;Geh' du
+nur gleich zu Mama &ndash; ich nehme inzwischen
+Tante Toni beiseite und erkl&auml;re ihr alles.&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_35" id="Page_35">[35]</a></span>Mariechen erz&auml;hlte nun Tante Toni, wie
+vorhin der Streit zwischen Otto und Rudi entstanden
+war. Tante Toni h&ouml;rte aufmerksam zu,
+dann sagte sie:</p>
+
+<p>&bdquo;Es ist mir schon mehrmals aufgefallen, da&szlig;
+Otto und Lilly nicht nett mit Rudi sind.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nicht wahr, du hast es auch bemerkt?&ldquo; rief
+Mariechen eifrig. &bdquo;Was m&ouml;gen sie nur gegen
+den guten Rudi haben? Otto neckt und &auml;rgert
+uns ja alle gern, aber doch ganz besonders den
+Rudi &ndash; er wei&szlig;, da&szlig; der Rudi Sp&ouml;ttereien
+nicht vertragen kann; er wei&szlig; aber auch, da&szlig;
+Rudi ihm nichts tun darf. Du kannst mir glauben,
+Tante Toni, ich habe schon manchmal gemerkt,
+wie Rudi an sich gehalten und wie er sich beherrscht
+hat &ndash; aber wenn dann Otto gar nicht
+aufh&ouml;rt und nur immer &auml;rger kommt, dann bricht
+er halt los, und man kann's dem kleinen Buben
+doch nicht so streng anrechnen, wenn er im Zorn
+einmal ein bi&szlig;chen fest dreinschl&auml;gt; dann gibt's
+aber jedesmal ein Gebr&uuml;ll und ein Getue, wie
+du es vorhin geh&ouml;rt hast, und die ganze Familie
+ger&auml;t in Aufregung, weil Otto doch keine so feste
+Gesundheit hat. Vor einiger Zeit hat er sich
+nach solch einer Balgerei sogar ein paar Tage ins<span class='pagenum'><a name="Page_36" id="Page_36">[36]</a></span>
+Bett gelegt und hat behauptet, es sei ihm entsetzlich
+&uuml;bel; als ich ihm aber ein gro&szlig;es St&uuml;ck
+Kuchen brachte, da hat er's mit dem besten Appetit
+verzehrt, und wie dann Onkel Wulff von
+einem Ausflug in die Lichtenau sprach, da war
+Herr Otto pl&ouml;tzlich wieder gesund. Und Lilly
+h&auml;lt zu Otto &ndash; bei sich zu Hause streiten sie
+auch miteinander, aber gegen uns halten sie
+stets zusammen. Und wirklich, Tante Toni,
+wir lassen uns viel von den beiden gefallen, denn
+sie tun uns ja doch wieder so leid, weil ihre
+Mutter tot ist.&ldquo;</p>
+
+<p>Tante Toni seufzte und ging eine Weile
+schweigend neben Mariechen her. Endlich sagte
+sie: &bdquo;Wir wollen unsere Hoffnung auf Ottos
+erste heilige Kommunion bauen, und wir wollen
+recht eifrig f&uuml;r ihn beten, liebes Mariechen.
+Otto und Lilly waren doch so liebe, herzige
+Kinder, als sie noch klein waren &ndash; und sie haben
+auch einen so vorz&uuml;glichen Vater!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;O ja, Tante Toni! Sie h&auml;ngen aber auch
+beide sehr an ihrem Vater, und wenn Onkel
+Robert dabei ist, dann sind sie einfach musterhaft.
+Ach, es ist recht schade, da&szlig; er immer so
+viel zu tun hat!&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_37" id="Page_37">[37]</a></span>In diesem Augenblick kam Anna herbeigesprungen:
+&bdquo;Tante Toni und Mieze, wo bleibt
+ihr denn? Schnell kommt Kaffee trinken, sonst
+kriegt ihr nichts mehr; denn der arme Otto hat
+von seinem Sturze einen wahren Hei&szlig;hunger
+davongetragen. Er hat schon verschiedene Rosenbr&ouml;tchen,
+zwei St&uuml;cke Kuchen und drei Bretzeln
+verschlungen!&ldquo;</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_38" id="Page_38">[38]</a></span></p>
+<h2><a name="Drittes_Kapitel" id="Drittes_Kapitel"></a>Drittes Kapitel.<br/>
+<big>Was die Kinder werden wollen.</big></h2>
+
+
+
+
+<p>Als Tante Toni und Mariechen ins Haus
+kamen, fanden sie wirklich die ganze Gesellschaft
+um den Kaffeetisch versammelt. Otto machte
+noch ein etwas leidendes Gesicht, aber die Besorgnisse
+seiner Tanten verflogen doch g&auml;nzlich,
+als sie sahen, mit welchem Behagen er in seine
+Bretzel bi&szlig;.</p>
+
+<p>&bdquo;Wenigstens die f&uuml;nfte!&ldquo; fl&uuml;sterte Anna dem
+Mariechen zu.</p>
+
+<p>&bdquo;Ei, da ist ja auch Leo!&ldquo; rief Tante Toni erfreut
+aus, als sie den kleinen, dicken Burschen
+auf einem hohen Kinderst&uuml;hlchen am Tisch sitzen
+sah.</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, ich darf heut' mit den Gro&szlig;en Kaffee
+trinken, damit du auch eine Freude hast&ldquo;, erkl&auml;rte
+der Kleine mit &uuml;berzeugtem Tone, und
+wichtig f&uuml;gte er hinzu: &bdquo;Tante, das Minnichen<span class='pagenum'><a name="Page_39" id="Page_39">[39]</a></span>
+kann schon beinah' &sbquo;Toni&lsquo; sagen; es macht schon:
+&sbquo;Mieh &ndash; Mieh&lsquo;!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Wirklich? Das ist aber sch&ouml;n und das freut
+mich; sp&auml;ter gehe ich auch mit dir hinauf, und
+dann mu&szlig; Minnichen es mir vorsagen.&ldquo;</p>
+
+<p>Jetzt kam Mariechen mit der gro&szlig;en Kaffeekanne.
+&bdquo;Darf ich dir einschenken, Tante?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Gewi&szlig;, Mariechen! Ich danke dir. Aber
+wo sind denn die Papas?&ldquo;</p>
+
+<p>Kurt antwortete: &bdquo;Papa und Onkel Helmer
+wollten ein bi&szlig;chen spazieren gehen; sie werden
+aber nicht weit gekommen sein, denn es f&auml;ngt
+gerade an zu regnen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Und Onkel Robert?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;O, der Papa hat heute wieder arg viel zu
+tun&ldquo;, erkl&auml;rte Lilly wichtig. &bdquo;Erst mu&szlig;te er
+noch einen gro&szlig;en Artikel f&uuml;r seine Zeitung
+schreiben, und dann wartete er auch noch auf verschiedene
+Leute, mit denen er zu sprechen hat.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Also nicht einmal den Sonntagnachmittag
+kann er sich frei machen!&ldquo;</p>
+
+<p>Frau Wulff fl&uuml;sterte ihrer Schwester halblaut
+zu: &bdquo;Der arme Robert ist wieder arg angegriffen
+worden. Er wird schlie&szlig;lich doch noch zu Gericht
+gehen m&uuml;ssen, um Ruhe zu bekommen.&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_40" id="Page_40">[40]</a></span>Otto hatte die Ohren gespitzt und einiges verstanden.
+&Auml;rgerlich rief er aus: &bdquo;Ich m&ouml;chte,
+Papa jagte die ganze Zeitungsgeschichte zum
+Kuckuck und er w&uuml;rde etwas anderes als Redakteur!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Aber Otto, wie kannst du so etwas sagen!
+Du wei&szlig;t doch, da&szlig; dein Vater der Anf&uuml;hrer
+und Leiter der Katholiken hier ist. Ich w&uuml;&szlig;te
+niemand, der ihn ersetzen k&ouml;nnte, wenn er sich
+zur&uuml;ckziehen wollte.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Er hat aber doch nur Last und Arbeit und
+noch dazu &Auml;rger mehr wie genug &ndash; und es
+dankt's ihm kein Mensch!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Gewi&szlig;, Otto, ich wei&szlig; viele, die mit gro&szlig;er
+Liebe und Verehrung an deinem Vater h&auml;ngen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;O Tante Toni, es sind noch viel mehr, die
+ihn beschimpfen und verleumden!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Das passiert jedem, der mit Eifer und Erfolg
+eine gute Sache vertritt. Ein mutiger
+Soldat wirft deshalb seine Flinte nicht ins
+Korn!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Na, Tante Toni, ich werde jedenfalls mal
+nicht Redakteur des &sbquo;Mainboten&lsquo;!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ei, Otto, das von dir zu h&ouml;ren, tut mir
+wirklich leid. Ich h&auml;tte gedacht, du w&uuml;rdest einmal<span class='pagenum'><a name="Page_41" id="Page_41">[41]</a></span>
+mutig in die Fu&szlig;stapfen deines Vaters
+treten und es dir zur Ehre anrechnen, so wie er
+all deine Kraft f&uuml;r die gute Sache einzusetzen.
+Es fehlt dir also der Mut dazu?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nein, der Mut nicht, aber die Lust!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;O&ndash;h!&ldquo; machte Tante Toni gedehnt, und sie
+sah Otto dabei mit ihren klaren Augen so durchdringend
+an, da&szlig; er verlegen auf seinen Teller
+blickte, und als Tante Toni nun weiterfragte:
+&bdquo;Was m&ouml;chtest du denn werden?&ldquo; da antwortete
+er ausweichend: &bdquo;Ich wei&szlig; es noch nicht recht &ndash;
+vielleicht Reiteroffizier.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ich geh' einmal zur Marine&ldquo;, erkl&auml;rte hierauf
+Paul mit Bestimmtheit.</p>
+
+<p>&bdquo;Und ich wahrscheinlich auch&ldquo;, lie&szlig; sich sein
+Zwillingsbruder Kurt vernehmen, &bdquo;aber nicht als
+Offizier, sondern als Arzt oder Naturforscher,
+damit ich mich mal einer Nordpolexpedition anschlie&szlig;en
+kann.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;So, du m&ouml;chtest wohl ein ber&uuml;hmter Reisender
+werden, wie z.&nbsp;B. Fridtjof Nansen? Nun, und
+du, Philipp?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;O Tante, den brauchst du gar nicht zu
+fragen!&ldquo; riefen die andern Kinder lachend. &bdquo;Der
+Philipp, der mu&szlig; Ingenieur werden; der hockt ja<span class='pagenum'><a name="Page_42" id="Page_42">[42]</a></span>
+jetzt schon die meiste Zeit in der Fabrik und
+bosselt an den Maschinen herum.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Denke nur, Tante&ldquo;, erz&auml;hlte Rudi, &bdquo;neulich
+war an der neuen Dampfmaschine etwas nicht
+in Ordnung; man wollte schon dem Monteur
+telegraphieren, der sie aufgestellt hat, aber da
+hat der Philipp herausgefunden, woran es lag,
+und der Maschinist hat gesagt: &sbquo;Das ist aber mal
+ein Hauptkerl!&lsquo;&ldquo; Und Rudis Augen leuchteten vor
+Freude und Stolz &uuml;ber seinen t&uuml;chtigen Bruder.</p>
+
+<p>&bdquo;Recht so, Philipp, das h&ouml;re ich gern; da bekommt
+der Papa an dir sp&auml;ter eine gute Hilfe
+in dem gro&szlig;en Betrieb.&ldquo; Und Tante Toni nickte
+dem Neffen freundlich zu. Dieser war etwas
+rot geworden, hatte sich aber weiter nicht in
+seiner Gem&uuml;tsruhe st&ouml;ren lassen.</p>
+
+<p>&bdquo;So, nun m&uuml;ssen aber auch die andern heraus
+mit der Sprache!&ldquo; rief Tante Toni lustig.
+&bdquo;Also Mariechen, wie steht es mit dir?&ldquo;</p>
+
+<p>Ehe Mariechen noch antworten konnte, rief
+Anna lachend: &bdquo;O, das ist eine Betschwester &ndash;
+die ginge ins Kloster, wenn es dort nur einen
+Spiegel g&auml;be!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Halt den Schnabel, vorlautes Ding; du bist
+ja nicht gefragt!&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_43" id="Page_43">[43]</a></span>&bdquo;Ich danke dir, teurer Bruder Paul, f&uuml;r die
+liebevolle Zurechtweisung!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Zankt euch doch nicht wieder, ihr beiden,
+und la&szlig;t Mariechen endlich zu Wort kommen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;O, ich habe nicht viel zu sagen&ldquo;, meinte
+Mariechen err&ouml;tend. &bdquo;Vorl&auml;ufig lerne ich recht
+flei&szlig;ig, damit ich sp&auml;ter mein Examen machen
+kann. Das weitere wird sich dann schon
+finden.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Bravo, Mieze!&ldquo;</p>
+
+<p>Aber Anna konnte das Necken nicht lassen; sie
+machte ein drollig zerknirschtes Gesicht und rief
+aus: &bdquo;Mieze, du bist einfach ein Musterkind.
+Ich f&uuml;hle mich wirklich so unw&uuml;rdig, neben dir
+zu sitzen, da&szlig; ich meine, der Erdboden m&uuml;&szlig;te
+mich verschlingen.&ldquo; Und damit verschwand sie
+unter dem Tisch.</p>
+
+<p>Alle lachten; auch die geneckte Mieze lachte
+herzlich mit, dann rief sie munter:</p>
+
+<p>&bdquo;Nun hast du so gut f&uuml;r mich geantwortet;
+jetzt sprich f&uuml;r dich selbst; also ich frage
+dich feierlich: Was willst du werden, Anna
+Wulff?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nun, ich heirate nat&uuml;rlich&ldquo;, klang es unter
+dem Tisch herauf.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_44" id="Page_44">[44]</a></span>Wieder entstand allgemeines Gel&auml;chter.</p>
+
+<p>&bdquo;Was gibt's denn da zu lachen?&ldquo; Und
+Annas Kopf tauchte empor.</p>
+
+<p>&bdquo;Zum Heiraten geh&ouml;ren zwei&ldquo;, belehrte Kurt
+mit weiser Miene.</p>
+
+<p>&bdquo;Das wei&szlig; ich doch, da&szlig; ich mich nicht selbst
+heiraten kann. Ich heirate den netten holl&auml;ndischen
+Jungen, mit dem wir voriges Jahr im
+Seebad gespielt haben.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;O, den dicken Jan!&ldquo; lachte Kurt. &bdquo;Du bist
+nicht dumm, &Auml;nne, denn sein Vater ist Million&auml;r.
+Ob der dich aber will?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;O, der wird schon wollen!&ldquo; versicherte Anna
+in &uuml;berzeugtem Ton.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich bin noch nicht gefragt worden&ldquo;, meldete
+sich nun Lilly.</p>
+
+<p>&bdquo;Also, Lilly, leg' los! Ich wette, du wirst eine
+alte Jungfer!&ldquo;</p>
+
+<p>Lilly warf ihrem Vetter Paul einen sehr entr&uuml;steten
+Blick zu und entgegnete: &bdquo;F&auml;llt mir
+nicht ein, eine alte Jungfer zu werden &ndash; da
+heirat' ich doch noch eher einen von euch!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ums Himmels willen, doch nicht mich?&ldquo;
+schrie Paul in komischem Entsetzen auf, und er
+streckte wie abwehrend die H&auml;nde aus.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_45" id="Page_45">[45]</a></span>&bdquo;Nein, dich mag ich gar nicht, du bist mir
+zu grob &ndash; aber vielleicht den Philipp!&ldquo;</p>
+
+<p>Philipp machte ein &auml;u&szlig;erst verbl&uuml;fftes Gesicht
+bei dieser Erkl&auml;rung.</p>
+
+<p>&bdquo;Warum denn gerade mich?&ldquo; fragte er in
+kl&auml;glichem Ton.</p>
+
+<p>&bdquo;Du bist der gutm&uuml;tigste von allen, und dich
+werde ich schon bald unter den Pantoffel
+kriegen&ldquo;, erkl&auml;rte Lilly mit einem siegesgewissen
+Blick auf ihren Vetter, der dasa&szlig; mit der
+Miene eines Opferlammes, welches zur Schlachtbank
+gef&uuml;hrt werden soll.</p>
+
+<p>Die andern schrien vor Lachen. Frau Wulff,
+welche gerade der Tante Luise Helmer eine
+neue Tasse Kaffee einschenken wollte, sch&uuml;ttete
+vor lauter Lachen daneben; Mieze hielt sich die
+Seiten und bog sich; Anna hatte sich verschluckt,
+und lachend, hustend und pustend verteidigte
+sie sich gegen ihre Br&uuml;der, die ihr
+allzu diensteifrig und kr&auml;ftig ans den R&uuml;cken
+klopften.</p>
+
+<p>&bdquo;Genug, Kinder, genug!&ldquo; rief Tante Toni
+in den Tumult hinein; aber sie mu&szlig;te selbst
+wieder von neuem lachen, und es dauerte noch
+eine kleine Weile, ehe sie fortfahren konnte: &bdquo;Wir<span class='pagenum'><a name="Page_46" id="Page_46">[46]</a></span>
+sind ja noch nicht fertig. Wer ist denn an der
+Reihe, gefragt zu werden?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Der Rudi, der Rudi!&ldquo; hie&szlig; es, und Otto
+f&uuml;gte mit geringsch&auml;tziger Miene hinzu:</p>
+
+<p>&bdquo;Den brauchst du gar nicht zu fragen, Tante
+Toni; der will Kutscher werden!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ach, Otto, das hab' ich doch nur fr&uuml;her gesagt,
+als ich noch ganz klein war!&ldquo; verteidigte sich Rudi.</p>
+
+<p>&bdquo;Ei, was bist du denn jetzt? Bildest du dir
+vielleicht ein, du w&auml;rest schon gro&szlig;?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Geh', Otto, sei nur still! Als du noch so
+ein kleiner Bubi warst wie hier das Leom&auml;nnchen,
+da wolltest du auch Kutscher werden.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Aber Tante Toni!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Gewi&szlig;; ich war damals ja l&auml;ngere Zeit bei
+euch; und wie oft hast du deine h&ouml;lzernen
+Pferdchen an meinen Stuhl gespannt und mich
+so in der Welt herumkutschiert!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Aber doch nicht wirklich, Tante Toni?&ldquo;
+fragte Leom&auml;nnchen, der mit sichtlichem Interesse
+zugeh&ouml;rt hatte.</p>
+
+<p>&bdquo;Nein, nat&uuml;rlich nur im Spiel. Und du, mein
+Leob&uuml;bchen, du willst gewi&szlig; auch Kutscher werden?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;O nein &ndash; ich werde Kaiser&ldquo;, erkl&auml;rte der
+Kleine mit Bestimmtheit.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_47" id="Page_47">[47]</a></span>&bdquo;O, Kaiser &ndash; nur Kaiser!&ldquo; riefen alle erstaunt
+und belustigt. Tante Toni belehrte l&auml;chelnd:</p>
+
+<p>&bdquo;Kaiser kann man aber nur werden, wenn
+man ein Prinz ist.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ich heirat' einfach eine Prinzessin, dann
+werd' ich ein Prinz.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;O Dummerchen! Eine Prinzessin, die will
+dich doch nicht&ldquo;, spottete Anna.</p>
+
+<p>&bdquo;Dann heirat' ich zur Straf' gar nicht!&ldquo; Und
+Leom&auml;nnchen wandte sich gekr&auml;nkt ab.</p>
+
+<p>&bdquo;Ach, was f&uuml;r eine entsetzliche Strafe!&ldquo; schrie
+Anna lachend. Dann streckte sie wie flehend die
+H&auml;nde nach ihrem Br&uuml;derchen aus und rief:
+&bdquo;Gnade, Kaiserliche Majest&auml;t! Die arme Prinzessin
+wird sich zu Tode gr&auml;men!&ldquo;</p>
+
+<p>Der Kleine sah Anna mit mi&szlig;trauischer Miene
+an. Er wu&szlig;te nicht recht, was sie eigentlich
+meinte, aber er f&uuml;hlte doch heraus, da&szlig; sie sich
+&uuml;ber ihn lustig machte; deshalb sagte er &auml;rgerlich:
+&bdquo;Geh' weg, b&ouml;se Anna, du willst mich doch
+nur wieder &auml;rgern!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Versto&szlig;en! &ndash; ich bin versto&szlig;en von Seiner
+Kaiserlichen Majest&auml;t!&ldquo; jammerte Anna in
+komischer Verzweiflung; dann hielt sie der Mutter
+ihren Teller hin und flehte mit zitternder<span class='pagenum'><a name="Page_48" id="Page_48">[48]</a></span>
+Stimme: &bdquo;Ach, Kaiserin-Mutter, erbarmen Sie
+sich doch meiner und geben Sie mir zum Trost
+noch ein St&uuml;ck Kuchen!&ldquo;</p>
+
+<p>Die Mutter l&auml;chelte nachsichtig: &bdquo;Da hast du
+dein St&uuml;ck Kuchen, kleine Kom&ouml;diantin!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Meinen innigsten, meinen untert&auml;nigsten
+Dank!&ldquo; Und dem kleinen Leo den Kuchen hinhaltend,
+f&uuml;gte sie hinzu: &bdquo;Auf dein Wohl, o
+gro&szlig;er, ber&uuml;hmter Kaiser, werde ich diesen Kuchen
+verspeisen.&ldquo; Dann streckte sie ihrem sie erstaunt
+anblickenden Br&uuml;derchen die Zunge heraus und
+bi&szlig; in den Kuchen.</p>
+
+<p>&bdquo;Aber pfui, Anna, was gibst du dem
+Kleinen f&uuml;r ein schlechtes Beispiel!&ldquo; r&uuml;gte die
+Mutter.</p>
+
+<p>Leom&auml;nnchen aber hatte schon Tr&auml;nen in den
+Augen, und er rief entr&uuml;stet: &bdquo;B&ouml;se Anna, unartige
+Anna!&ldquo; worauf diese entgegnete: &bdquo;S&uuml;&szlig;es
+Leom&auml;nnchen, herziges, zuckeriges Leob&uuml;bchen,
+gro&szlig;er Kaiser!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ach, so la&szlig; mich doch mal endlich in Ruh,
+du garstiges Ding!&ldquo; Und gro&szlig;e Tr&auml;nen rollten
+&uuml;ber Leos runde B&auml;ckchen.</p>
+
+<p>&bdquo;Ach, ein weinender Kaiser!&ldquo; Und Anna
+deutete mit dem Finger nach ihm.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_49" id="Page_49">[49]</a></span>&bdquo;So, Anna, nun ist's genug; du l&auml;&szlig;t mir
+jetzt den Kleinen in Ruh!&ldquo; befahl die Mutter in
+strengem Ton. Sich dann an alle andern wendend
+f&uuml;gte sie hinzu: &bdquo;Ich denke, wir sind fertig
+und gehen nun hin&uuml;ber ins Wohnzimmer, damit
+die M&auml;dchen hier den Tisch abr&auml;umen k&ouml;nnen.&ldquo;</p>
+
+<p>Kaum hatte Tante Toni sich im Wohnzimmer
+niedergelassen, da krabbelte Leom&auml;nnchen
+auch schon auf ihren Scho&szlig;; die andern Kinder
+lagerten sich um sie herum und riefen: &bdquo;Bitte,
+Tante Toni, erz&auml;hle uns etwas!&ldquo; Und Tante
+Toni erz&auml;hlte den aufmerksam horchenden Kindern
+lustige und ernste Geschichten, bis Tante
+Luise Helmer erkl&auml;rte: &bdquo;Nun ist's genug; Tante
+Toni ist sicher m&uuml;de, und f&uuml;r uns ist es nun
+Zeit, nach Hause zu gehen. Kommt, Mariechen,
+Philipp und Rudi, macht euch zurecht und verabschiedet
+euch!&ldquo;</p>
+
+<p>Sp&auml;ter, als Tante Toni mit den Kindern
+das Abendgebet verrichtet hatte, wollte sie den
+kleinen Leo zu Bett bringen. Der blieb aber
+knien und erkl&auml;rte: &bdquo;Ich bin noch nicht fertig,
+ich habe noch etwas zu beten.&ldquo; Dann faltete
+er wieder seine H&auml;ndchen, und zum Kreuzbilde
+emporblickend betete er inbr&uuml;nstig:</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_50" id="Page_50">[50]</a></span>&bdquo;Ach, lieber Gott, ich bitte dich recht sehr,
+schick' doch den Storch, da&szlig; er die Anna wieder
+fortholt; wir k&ouml;nnen sie nicht brauchen, sie ist
+wirklich zu b&ouml;s. In Ewigkeit. Amen.&ldquo; Dann
+stand er mit befriedigter Miene auf. Anna
+jedoch machte ein recht verdutztes Gesicht; sie
+wu&szlig;te nicht recht, ob sie lachen oder sich &auml;rgern
+sollte. Sie sagte aber nichts, sondern schlich sich
+still hinaus.</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_51" id="Page_51">[51]</a></span></p>
+<h2><a name="Viertes_Kapitel" id="Viertes_Kapitel"></a>Viertes Kapitel.<br/>
+<big>Es wird spazierengegangen; man begegnet
+der alten Babett; Anna wird Prophetin
+und Rudi Schwanenritter.</big></h2>
+
+
+<p>Am n&auml;chsten schulfreien Nachmittag waren
+wieder alle Kinder im Wulffschen Garten versammelt;
+sie waren zum Spaziergang ger&uuml;stet
+und warteten auf Tante Toni. Diese trat eben
+aus der Haust&uuml;re, die kleine Toni an der Hand
+f&uuml;hrend.</p>
+
+<p>&bdquo;Was, soll die auch mit?&ldquo; rief Otto &auml;rgerlich.
+&bdquo;Warum denn nicht auch der Leo und
+das Minnichen und die zwei J&uuml;ngsten von Tante
+Luise? Ich k&ouml;nnte mich ja vor den Kinderwagen
+spannen!&ldquo;</p>
+
+<p>Klein Toni sah mit &auml;ngstlich flehenden Augen
+zur Tante empor. Diese sah etwas &auml;rgerlich
+aus, als sie antwortete: &bdquo;Ich habe Toni versprochen,
+sie mitzunehmen, und sie geht mit.
+&Uuml;brigens, mein lieber Otto, ich werde auch
+in Zukunft zu unsern Spazierg&auml;ngen einladen,<span class='pagenum'><a name="Page_52" id="Page_52">[52]</a></span>
+wen ich will, ohne dich erst um Erlaubnis zu
+fragen.&ldquo;</p>
+
+<p>Und sich dann an alle Kinder wendend fragte
+sie: &bdquo;Wie steht es denn mit den Aufgaben?
+Seid ihr alle fertig?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, ja, wir sind fertig!&ldquo; riefen mehrere
+Stimmen; nur die gr&ouml;&szlig;eren Knaben und Mariechen
+hatten noch einiges zu lernen; aber Tante Toni
+meinte:</p>
+
+<p>&bdquo;Nun, da wir um 6 Uhr zur&uuml;ck sein werden,
+habt ihr diesen Abend noch Zeit zum Studieren.
+Aber Kurt und Philipp, was schleppt ihr denn
+da in den schweren Rucks&auml;cken?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ei, Tante, unser Vieruhrbrot!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nun, da scheint mir aber Vorrat f&uuml;r ein
+ganzes Bataillon zu sein!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;O Tante, wart's mal ab! Du wirst sehen,
+da&szlig; wir nichts davon heimbringen werden.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Und dem Philipp kannst du ein bi&szlig;chen auf
+die Finger sehen, Tante; der hat immer schon
+eine halbe Stunde nach dem Mittagessen wieder
+Hunger, und er k&ouml;nnte&nbsp;...&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;O, sei ruhig, Rudi&ldquo;, lachte Mariechen, &bdquo;ich
+habe den Rucksack gut und fest zugebunden; er
+kriegt ihn so leicht nicht auf!&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_53" id="Page_53">[53]</a></span>&bdquo;Also, nun vorw&auml;rts, Kinder!&ldquo; mahnte
+Tante Toni. Als sie aber bemerkte, da&szlig;
+Paul auf die andere Seite der Stra&szlig;e hin&uuml;berging,
+fragte sie verwundert: &bdquo;Warum gehst du
+so abseits, Paul? Warum bleibst du nicht bei
+uns?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ach, Tante, die Leute schauen uns so an
+und lachen, weil wir so viele sind!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ei, das tut doch nichts! Die Leute sind von
+fr&uuml;her daran gew&ouml;hnt. Sieh, der alte Uhrmacher
+M&uuml;ller, wie er dort vor seiner T&uuml;re
+steht und mit dem ganzen Gesicht lacht! Wie
+oft hat er vor Jahren euern Gro&szlig;vater mit seinen
+zehn Kindern hier vorbeikommen sehen! Ja, es
+war immer die gr&ouml;&szlig;te Freude meines lieben
+Vaters, wenn keines seiner Kinder beim Spaziergang
+fehlte.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Tante Toni, ich m&ouml;chte, der Gro&szlig;papa und
+du, ihr z&ouml;get wieder hierher; das w&auml;re doch
+sch&ouml;n! M&ouml;chtest du es nicht?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ich m&ouml;chte es wohl ganz gern; denn hier
+bin ich geboren, hier habe ich meine Kindheit
+und meine erste Jugend verbracht. Anderseits
+t&auml;te es mir aber auch wieder leid, von Walden
+wegzugehen; dort ist eure liebe Gro&szlig;mama gestorben;<span class='pagenum'><a name="Page_54" id="Page_54">[54]</a></span>
+dort wohnen drei meiner Geschwister;
+dort haben wir ein zweites, liebes Heim gefunden.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Gibt es in Walden auch so sch&ouml;ne Spazierg&auml;nge
+wie hier, Tante?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Es gibt dort wohl auch sch&ouml;ne Spazierg&auml;nge,
+aber doch nicht so mannigfaltig wie hier; auch
+mu&szlig; man erst ein gut St&uuml;ck &uuml;ber staubige Landstra&szlig;en
+gehen, ehe man an sch&ouml;ne Punkte oder
+schattige Wege kommt. Hier dagegen st&ouml;&szlig;t dies
+herrliche kleine Tal gleich an die Stadt, es f&uuml;hrt
+nicht nur zum Fasanenwald, sondern noch zu verschiedenen
+andern, wirklich sch&ouml;nen Aussichtspunkten.
+Bleibt doch einmal stehen, Kinder, und
+schaut euch von hier aus die Klosterruine dort
+dr&uuml;ben &uuml;ber dem See an. Die B&auml;ume da bilden
+den Rahmen, im Vordergrund seht ihr die saftig
+gr&uuml;ne Wiese, dahinter die Ruine auf ihrer kleinen
+Insel, zwischen Baumgruppen hervorlugend &ndash;
+k&ouml;nnt ihr euch ein sch&ouml;neres Bild denken? Aber
+ihr seid so an diesen Anblick gew&ouml;hnt, da&szlig; ihr
+achtlos daran vorbeigeht!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Doch nicht, Tante Toni, ich habe die Ruine
+sehr gern, und ich habe sie schon oft von hier
+aus betrachtet und auch in der N&auml;he.&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_55" id="Page_55">[55]</a></span>&bdquo;Nat&uuml;rlich, Tante, das m&uuml;&szlig;test du dir doch
+denken k&ouml;nnen! Es ist ja eine Klosterruine &ndash;
+wie k&ouml;nnte Mieze gleichg&uuml;ltig an einer Klosterruine
+vorbeigehen!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ach, Anna, mu&szlig;t du schon wieder anfangen!&ldquo;</p>
+
+<p>Aber Anna lie&szlig; sich nicht irremachen, sondern
+sie fuhr eifrig fort: &bdquo;Sie hat schon mal getr&auml;umt,
+das Kloster sei wiederhergestellt worden und sie
+selbst walte darin als &Auml;btissin. Da man aber
+keinen Spiegel mit ins Kloster nehmen darf, hat
+sie sich eine Zelle ausgesucht, von der aus sie
+sich im See spiegeln kann.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;O &Auml;nne, da m&uuml;&szlig;te der See aber erst gr&uuml;ndlich
+gereinigt werden; denn aus diesem schlammigen
+Wasser&nbsp;...&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Kann ihr h&ouml;chstens das Bild des Wassermannes
+entgegengrinsen, das meinst du doch,
+Tante Toni, nicht wahr? Ja, und dann reckt
+er die hageren langen Arme aus dem Wasser
+hervor &ndash; er greift nach der sch&ouml;nen Nonne in
+den wallenden wei&szlig;en Gew&auml;ndern &ndash; er fa&szlig;t
+sie beim Schleier und zieht sie hinunter in die
+Tiefe!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Gr&auml;&szlig;lich, &Auml;nne! Wo hast du das wieder her?&ldquo;
+Und Mariechen sch&uuml;ttelte sich schaudernd.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_56" id="Page_56">[56]</a></span>&bdquo;Die Nonne mit den wallenden wei&szlig;en Gew&auml;ndern,
+die stammt wohl aus irgendeinem
+Gedicht. Aber was ist denn das f&uuml;r ein Orden?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nun&ldquo;, verteidigte sich Anna, &bdquo;das ist ein
+Orden, den Mariechen einmal gr&uuml;nden wird.
+Sie liebt doch die wei&szlig;en Kleider viel zu sehr,
+um sich mal in eine schwarze oder braune Kutte
+zu stecken. Und in ihrem Orden braucht man
+sich auch nicht die Haare schneiden zu lassen &ndash; es
+w&auml;re doch schade um ihre sch&ouml;nen blonden Locken!
+Und ihre Nagelfeile und die B&uuml;rstchen nimmt
+sie auch mit.&ldquo;</p>
+
+<p>Mariechen war ganz rot und verlegen geworden,
+aber sie mu&szlig;te doch lachen. Auch Tante Toni
+lachte, und Mariechen um die Schulter fassend
+rief sie scherzend: &bdquo;Nun wei&szlig; ich doch, da&szlig;
+Miezchen auch einen kleinen Fehler hat und ein
+bi&szlig;chen eitel ist!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Eitel ist sie eigentlich nicht&ldquo;, nahm Philipp
+seine Schwester in Schutz. &bdquo;Denn wirklich eitle
+M&auml;dchen, die putzen sich doch haupts&auml;chlich, um
+sich dann auch von den Leuten begaffen zu lassen,
+und sie freuen sich, wenn man sie sch&ouml;ner findet
+als die andern. Unserer Mieze dagegen ist es
+schon genug, wenn sie nur nett und ordentlich<span class='pagenum'><a name="Page_57" id="Page_57">[57]</a></span>
+aussieht, und sie hat es gar nicht gern, wenn
+man sie so viel anschaut; und wenn ihre Bekannten
+sch&ouml;nere Kleider haben als sie, da macht
+sie sich nichts daraus.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;O, ich auch nicht!&ldquo; rief Anna mit geringsch&auml;tziger
+Miene.</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, &Auml;nne, dir sieht man's auf den ersten
+Blick an, da&szlig; du nicht eitel bist!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Schlampig ist sie einfach, die &Auml;nne!&ldquo; entr&uuml;stete
+sich Kurt. &bdquo;Du k&ouml;nntest wenigstens deinen
+Schuhriemen ordentlich binden und deinen Strumpf
+heraufziehen &ndash; man sch&auml;mt sich ja wirklich, mit
+dir zu gehen!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Puh, Kurt, tu' nur nicht so! Bis wir heute
+abend nach Hause kommen, wirst du wohl auch
+ein Loch in der Hose oder im Strumpf haben!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Das kann schon sein, das ist aber doch etwas
+ganz anderes!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Kommt, Kinder, fangt keinen Streit an!&ldquo;
+suchte Tante Toni zu beschwichtigen. &bdquo;Ich
+meine, wir wollen durch den Park und &uuml;ber die
+kleine Br&uuml;cke gehen; oder geht ihr lieber neben
+dem Parke her &uuml;ber die gro&szlig;e Br&uuml;cke? &ndash; Aber
+wo ist denn der Rudi? Den seh' ich ja gar nicht
+mehr!&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_58" id="Page_58">[58]</a></span>&bdquo;Der ist sicher wieder irgendeinem Getier
+nachgelaufen&ldquo;, meinte Mariechen. &bdquo;Es ist unglaublich,
+was der alles aufst&ouml;bert und heimbringt
+&ndash; neulich kam er mit vier kleinen Fr&ouml;schen
+heran.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Sogar ein Heimchen hat er einmal gefangen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Rudi! &ndash; Rudi! &ndash; Wo steckst du?&ldquo;</p>
+
+<p>Keine Antwort.</p>
+
+<p>&bdquo;Wir wollen mal alle zu gleicher Zeit rufen&ldquo;,
+schlug Paul vor, &bdquo;da wird er uns wohl h&ouml;ren.
+Also aufgepa&szlig;t &ndash; auf drei wird geschrien. Eins,
+zwei, drei!&ldquo;</p>
+
+<p>Und &bdquo;Rudi!&ldquo; schallte es vielstimmig, so da&szlig;
+Tante Toni sich erschrocken die Ohren zuhielt.</p>
+
+<p>&bdquo;Horcht, ich meine, ich h&auml;tte ihn antworten
+h&ouml;ren!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Richtig, da kommt er ja gelaufen!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Und schmutzig ist er!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Aber Rudi, wie siehst du aus! Was hast du
+denn angefangen?&ldquo; Und Tante Toni sah den
+kleinen Burschen, der mit zerzausten Locken, verkratztem
+Gesicht und &uuml;bel zugerichteter Kleidung
+herankam, vorwurfsvoll an.</p>
+
+<p>&bdquo;Ach, Tante, ich habe so ein sch&ouml;nes Eichh&ouml;rnchen
+gesehen, da wollte ich mir's gerne genauer<span class='pagenum'><a name="Page_59" id="Page_59">[59]</a></span>
+anschauen; deshalb schlich ich ihm leise
+nach, und als ich ihm auf einen Baum nachkletterte
+&ndash; ja, da bin ich halt ein bi&szlig;chen heruntergepurzelt.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ein bi&szlig;chen viel sogar, wie mir scheint!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ich hab' mir aber nicht viel weh getan&ldquo;,
+versicherte er treuherzig.</p>
+
+<p>&bdquo;Aber deinem Strumpf hast du recht weh getan
+und deinem Anzug. Da wird sich die liebe Mutter
+freuen!&ldquo;</p>
+
+<p>Rudi senkte besch&auml;mt den Lockenkopf: &bdquo;Ach,
+es war aber doch ein <em class="gesperrt">so sch&ouml;nes</em> Eichh&ouml;rnchen
+mit einem so langen, dicken Schwanz!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Du wirst von nun an sch&ouml;n in unserer N&auml;he
+bleiben, mein lieber Bub.&ldquo; Und sich an alle
+Kinder wendend fuhr Tante Toni fort: &bdquo;Ich
+m&ouml;chte euch &uuml;berhaupt alle bitten, da&szlig; ihr immer
+sch&ouml;n beisammenbleibt, da&szlig; sich keines absondert.
+Auch hernach, wenn ihr oben beim Tempelchen
+spielen d&uuml;rft, da m&uuml;&szlig;t ihr doch alle in Rufweite
+bleiben, so da&szlig; ihr mich immer h&ouml;ren k&ouml;nnt,
+wenn ich euch zur&uuml;ckrufe. Wollt ihr mir das
+versprechen?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Gewi&szlig;, Tante Toni!&ldquo; versicherten die Kinder,
+und der Zug setzte sich wieder in Bewegung.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_60" id="Page_60">[60]</a></span>Nachdem die kleine Eisenbahnbr&uuml;cke &uuml;berschritten
+war, f&uuml;hrte Tante Toni ihre Bande den Waldsaum
+entlang, und sie betrachtete sinnend die liebliche
+Gegend, die sich zu ihrer Linken ausbreitete.
+Als der Wald und mit ihm der Weg eine kleine
+Biegung nach rechts machte, blieb sie stehen und
+sagte:</p>
+
+<p>&bdquo;Seht, Kinder, wenn wir fr&uuml;her mit unserem
+Vater hier spazierengingen, dann blieb er stets
+an dieser Stelle stehen, um die sch&ouml;ne Aussicht
+zu genie&szlig;en. Er kannte jeden Berg da dr&uuml;ben,
+jeden Wald, jedes Dorf.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Unser Papa auch!&ldquo; riefen Otto und Lilly
+gleichzeitig aus, und Otto fuhr fort: &bdquo;Und der
+Papa hat uns auch schon von den Ausfl&uuml;gen
+erz&auml;hlt, die ihr fr&uuml;her mit dem Gro&szlig;papa gemacht
+habt, und er hat uns versprochen, er w&uuml;rde
+mit uns gro&szlig;e Spazierg&auml;nge durch den Spessart
+machen, wenn wir einmal gr&ouml;&szlig;er sind.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Tante Toni, warst du auch schon auf all
+diesen Bergen?&ldquo; fragte nun klein Tonichen.</p>
+
+<p>&bdquo;Auf vielen, aber doch lange nicht auf allen.
+Wir waren zuviele, und da die gr&ouml;&szlig;eren Ausfl&uuml;ge
+teilweise zu Wagen gemacht wurden, konnte
+Gro&szlig;papa uns nicht alle auf einmal mitnehmen,<span class='pagenum'><a name="Page_61" id="Page_61">[61]</a></span>
+und wenn eine besonders gro&szlig;e Tour gemacht
+werden sollte, dann gingen die Knaben mit und
+die M&auml;dchen mu&szlig;ten zu Hause bleiben.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nat&uuml;rlich, immer die M&auml;dchen, als ob die
+nicht gerade so gut laufen k&ouml;nnten wie die Buben!&ldquo;
+schmollte Anna.</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, Anna, <em class="gesperrt">du</em> kannst auch gut laufen&ldquo;, und
+Tonichen stie&szlig; einen kleinen Seufzer aus.</p>
+
+<p>&bdquo;Anna h&auml;tte eigentlich ein Bub sein sollen&ldquo;,
+behauptete Philipp.</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, und du ein M&auml;dchen, gelt, Philippinchen?&ldquo;
+neckte Kurt.</p>
+
+<p>Philipp err&ouml;tete und rief heftig abwehrend aus:
+&bdquo;Gott beh&uuml;te! Nicht um die Welt m&ouml;cht' ich ein
+M&auml;dchen sein!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Siehst du nun, Philipp! Und du behauptest
+doch so oft, wir M&auml;dchen h&auml;tten es besser als
+die Buben.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Das habt ihr auch; wenigstens bequemer.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ei, Philipp&ldquo;, mischte sich Tante Toni ein,
+&bdquo;findest du zum Beispiel, da&szlig; deine Mutter es
+so bequem hat? Sie ist des Morgens die erste
+auf und des Abends die letzte, die sich zur Ruhe
+begibt, und unter Tags habe ich <em class="gesperrt">dich</em> schon &ouml;fter
+auf dem Sofa gesehen als deine Mama.&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_62" id="Page_62">[62]</a></span>&bdquo;Ja, die Mama, das ist auch etwas ganz
+anderes!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nun, und Tante Maria Wulff? &ndash; Und noch
+recht viele k&ouml;nnte ich dir nennen, welche&nbsp;...&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, Tante, das sind auch keine M&auml;dchen
+mehr; ich spreche ja nur von den M&auml;dchen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nun gut, so sprechen wir von den M&auml;dchen.
+Nehmen wir zum Beispiel hier unser Mariechen.
+Inwiefern hat sie es denn besser als du? Sie
+braucht allerdings kein Latein, kein Griechisch und
+keine Mathematik zu lernen, trotzdem hat sie
+reichlich viel Schularbeiten; sie hat ferner ihre
+Musikstunden, mu&szlig; t&auml;glich Klavier &uuml;ben; in ihrer
+freien Zeit mu&szlig; sie auch oft auf die kleinen Geschwister
+achtgeben, und ich habe mir sagen lassen,
+da&szlig; sie einem ihrer Br&uuml;der schon manchen Knopf
+angen&auml;ht hat, da&szlig; sie sogar im lateinischen W&ouml;rterbuch
+schon ziemlich Bescheid wei&szlig;, weil sie eben
+dem betreffenden Herrn Bruder h&auml;ufig beim Nachschlagen
+der W&ouml;rter hilft.&ldquo;</p>
+
+<p>Philipp sah besch&auml;mt und verlegen drein;
+aber bald hob er den Kopf und bekannte
+offen und ehrlich: &bdquo;Ja, Tante, du hast recht.
+Aber unsere Mieze ist auch wirklich eine gute
+Schwester.&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_63" id="Page_63">[63]</a></span>&bdquo;Und auch eine gute Cousine!&ldquo; rief Anna, und
+die andern stimmten bei, nur Lilly klagte:</p>
+
+<p>&bdquo;Sie ist nur zu streng, und sie will immer
+recht haben!&ldquo;</p>
+
+<p>Die andern schauten Lilly mi&szlig;billigend an, und
+Kurt erkl&auml;rte in sehr bestimmtem Tone: &bdquo;Sie
+hat auch immer recht; dir gegen&uuml;ber mal ganz
+gewi&szlig;.&ldquo;</p>
+
+<p>Lilly wurde ganz rot vor &Auml;rger, und schon
+wollte sie eine recht unartige Antwort geben, da
+legte sich Ottos Hand auf ihren Mund: &bdquo;Schnell,
+Lilly, weg, da kommt die alte Babett!&ldquo; fl&uuml;sterte
+er, sie mit sich fortziehend; aber es war schon
+zu sp&auml;t, denn eben war ein ganz altes, verhutzeltes
+Weiblein aus dem Walde gehumpelt
+und blieb gerade vor Otto und Lilly stehen.
+Es schaute die beiden Kinder aufmerksam an und
+nickte dabei mit dem wackeligen Kopf; endlich
+sagte es mit etwas kr&auml;chzender Stimme: &bdquo;Ja,
+ja, ich wei&szlig; schon, ihr seid die Kinder vom Herrn
+Robert, und die annern da, die sind vom Fr&auml;ule
+Luische und vom Marieche.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Und ich, Babett, wer bin denn ich?&ldquo;
+fragte Tante Toni l&auml;chelnd. &bdquo;Kennen Sie mich
+noch?&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_64" id="Page_64">[64]</a></span>Die Alte richtete ihre kleinen, rot unterlaufenen,
+aber noch scharfen &Auml;uglein auf Tante Toni, da
+hellte sich auf einmal ihr Gesicht auf und sie rief
+freudig erstaunt: &bdquo;Ach, du lieber Gott, des is
+ja des Toniche, des gute Fr&auml;ule Toniche von's
+Mehrings drau&szlig;e aus dem gro&szlig;e Garte! Ach,
+was hab ich Ihne aber schon so lang nit mehr gesehn,
+und was sind Se f&uuml;r e gro&szlig;, sch&ouml;n M&auml;dche
+geworde!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Sogar ein ziemlich altes M&auml;dchen bin ich
+inzwischen geworden&ldquo;, lachte Tante Toni. &bdquo;Nun,
+wie geht's denn, Babett?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Na, Toniche &ndash; ich will sage Fr&auml;ule Toniche &ndash;,
+es geht halt so, wie unser Herrgott will. Recht
+alt bin ich halt schon, und ma werd e bi&szlig;che
+d&auml;ppelich, wenn mer so &uuml;ber achzig Jahr auf
+seim Buckel mitschleppe mu&szlig;. Aber e Hex bin
+ich nit, &ndash; nein, Kinnercher, e b&ouml;se Hex bin ich
+nit, und ich m&ouml;cht niemand etwas zuleid tun.&ldquo;
+Dabei schaute sie wieder auf Otto und Lilly hin,
+und dann fuhr sie halblaut, wie zu sich selbst
+sprechend, fort: &bdquo;Es war aber noch eins dabei&ldquo;,
+und sie schaute von einem Kind zum andern, bis
+ihr Blick auf Anna haften blieb, die sich halb
+hinter Tante Toni versteckt hatte. Tante Toni<span class='pagenum'><a name="Page_65" id="Page_65">[65]</a></span>
+und die Helmers-Kinder sahen verwundert drein und
+konnten sich nicht denken, was die Alte eigentlich
+wollte. Die aber fuhr, zu den Kindern gewendet,
+fort:</p>
+
+<p>&bdquo;Ach, Kinnercher, ich hab' eure Eltern ja gekannt,
+wie se noch ganz klein warn. Und der
+Robert, was war des f&uuml;r e wilder, aber e guter
+Bub! Einmal, da is er in seiner Wildheit so
+grad an mich angerannt, wie ich mit eme B&uuml;ndel
+Reisig daherkomme bin, so da&szlig; ich mitsamt
+meim Reisig in de Chausseegrabe neingeborzelt
+bin. Erst hat er halt lache m&uuml;sse &uuml;ber mein
+unfreiwillige Borzelbaum, dann hat aber doch
+gleich sei gut Herz die Oberhand kriegt, und er
+hat mer wieder naufgeholfe, und er hat mer auch
+all mei Reisig wieder sch&ouml;n zusammelese helfe,
+und zuletzt, weil er halt gar nix anners bei sich
+gehabt hat, wollt er mer sogar noch sei Klicker
+schenke! H&auml;h&auml;h&auml;!&ldquo; &ndash; Die Alte sch&uuml;ttelte sich
+vor Lachen. &bdquo;Ja, denkt euch, sei Klicker wollt
+er mer schenke, und weil ich die doch nit habe
+wollt, da hat er nachher seiner Mutter kei Ruh
+gelasse, bis se mer en Rock und e warm Halstuch
+geschenkt hat. Ja, Kinnercher, so e gut Herz hat
+er gehabt, der Robert &ndash; ja, Gott hab' ihn selig!&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_66" id="Page_66">[66]</a></span>&bdquo;Aber der Robert lebt ja noch!&ldquo; rief Tante
+Toni.</p>
+
+<p>&bdquo;Ach ja &ndash; richtig! Es is ja sei sch&ouml;n jung
+Frauche die, wo gestorbe is! Ja, ja, d&auml;ppelich,
+e bi&szlig;che d&auml;ppelich werd mer halt, wenn mer so
+alt is. Aber b&ouml;s bin ich nit, und wenn mer
+mich e alte Hex schimpft, dann tut mer des halt
+doch gar zu leid.&ldquo;</p>
+
+<p>Da trat Anna mit sehr rotem Kopf, aber rasch
+und entschlossen hinter Tante Toni hervor, und
+der alten Babett die Hand bietend sagte sie:
+&bdquo;Verzeih, Babett, es war recht garstig von mir
+neulich, und ich verspreche dir's, ich werd's nie
+mehr tun.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ach Gott, du bist halt e Liebes und e
+Braves!&ldquo; rief Babett ger&uuml;hrt aus. &bdquo;Ich hab'
+mir ja schon gleich gedacht, da&szlig; ihr's nit so b&ouml;s
+gemeint habt; aber es tut einem halt doch weh.&ldquo;
+Sie schaute nun auf Otto und Lilly, die hatten
+aber die Gesichter abgewendet und blieben stumm.
+Die alte Babett nickte noch ein paarmal mit dem
+wackeligen Kopf, endlich sagte sie zu den beiden:
+&bdquo;Ich will recht f&uuml;r euer tot Mutterche bete.&ldquo;
+Dann sich zu den andern wendend: &bdquo;Na also,
+nix f&uuml;r ungut, Kinnercher, und gr&uuml;&szlig; Ihne Gott,<span class='pagenum'><a name="Page_67" id="Page_67">[67]</a></span>
+Fr&auml;ule Toniche. Ich bin aber doch so froh, da&szlig;
+ich Ihne noch emol gesehn hab'. Gr&uuml;&szlig; Gott,
+du allerbr&auml;vstes du!&ldquo; Die letzten Worte waren
+an Anna gerichtet, und nun humpelte die Alte,
+auf ihren Stock gest&uuml;tzt, ihres Weges weiter.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich h&auml;tte wirklich nicht gedacht, da&szlig; die alte
+Babett noch lebt!&ldquo; rief Tante Toni aus, w&auml;hrend
+sie im Weitergehen sich nochmals nach dem
+alten Weiblein umdrehte. &bdquo;Aber wo mag sie
+nur herkommen, so weit von der Stadt?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Sie kommt gewi&szlig; wieder vom Wunderkreuz&ldquo;,
+meinte Mariechen; &bdquo;da pilgert sie hin, so oft es
+ihre alten Beine erlauben.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;So ganz allein! Und wenn sie nun einmal
+nicht mehr heim k&ouml;nnte?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Wenn sie zu lang ausbleibt, dann kommt
+ihr der Christian entgegen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Wie, der Christian, unser fr&uuml;herer G&auml;rtner?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, Tante Toni, der wohnt ja bei seiner
+verheirateten Tochter, und die alte Babett hat
+ein Zimmerchen im selben Hause. Wenn nun
+die Babett zum Wunderkreuz wallfahrtet, wie
+sie es nennt, dann geht ihr sp&auml;ter Christian
+entgegen, und er f&uuml;hrt sie nach Haus, und du
+kannst dir gar nicht denken, wie drollig das ist,<span class='pagenum'><a name="Page_68" id="Page_68">[68]</a></span>
+wenn die beiden zusammen heimhumpeln; denn
+der Christian kann nicht viel besser gehen als
+die Babett, wegen seinem Schematismus.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Schematismus?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ach, Tante, so nennt er sein Gliederrei&szlig;en;
+er meint halt Rheumatismus.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Aber das Allerkomischste ist doch, wenn sie
+sich unterwegs recht zanken&ldquo;, mischte sich Kurt ein.</p>
+
+<p>&bdquo;Wie, sie zanken sich?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, und da der Christian ein bi&szlig;chen taub
+ist, schreit die Babett ihm ins Ohr, und der
+Christian spricht auch sehr laut, so da&szlig; man sie
+schon von weitem h&ouml;rt.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Aber weshalb streiten sie denn? Ich meine
+doch, wenn der Christian ihr entgegengeht, um
+sie nach Hause zu f&uuml;hren, so ist das ein Zeichen,
+da&szlig; sie gut zusammen stehen &ndash; sie sind ja nicht
+einmal verwandt miteinander.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Sie zanken sich ja eigentlich auch nicht im
+Ernst &ndash; aber die Babett will zum Beispiel immer
+den inneren Weg gehen, sie behauptet, hier drau&szlig;en
+sei es zu windig; der Christian dagegen will
+drau&szlig;en gehen, denn ihm ist es im Wald zu
+dumpf. Neulich sind wir mal mit Papa hinter
+ihnen hergegangen, da haben sie sich wieder um<span class='pagenum'><a name="Page_69" id="Page_69">[69]</a></span>
+den Weg gezankt, bis dann endlich der Christian
+nachgegeben hat, und sie sind in den Wald eingebogen
+&ndash; er hat aber doch gebrummt: &sbquo;Ich
+bin nur froh, da&szlig; du nicht meine Frau bist,
+Babett!&lsquo; Da ist die Babett aber b&ouml;s geworden
+und hat geschrien: &sbquo;Was denkst du denn von
+mir, du? Wenn ich deine Frau w&auml;r', dann w&auml;ren
+wir nat&uuml;rlich drau&szlig;en gegangen.&lsquo; Da ist aber
+der Christian ganz verbl&uuml;fft stehengeblieben und
+hat gefragt: &sbquo;Du, Babett, was haste gesagt?
+<em class="gesperrt">Meinen</em> Weg w&auml;rst du mit mir gegangen, wenn
+du meine Frau w&auml;rst?&lsquo; Und die Babett hat ganz
+stolz geantwortet: &sbquo;Nat&uuml;rlich; meinst du denn,
+ich w&uuml;&szlig;t' nicht, wie es sich zwischen Mann und
+Frau geh&ouml;rt? Ich kenn' doch meinen Katechismus!&lsquo;
+Der Christian hat sich hinter den Ohren gekratzt
+und hat sehr nachdenklich ausgesehen; endlich hat
+er ihr ins Ohr gerufen: &sbquo;Ja, Babett, du hast
+schon recht; eigentlich geh&ouml;rt es sich auch so zwischen
+Mann und Frau &ndash; aber in Wirklichkeit ist es
+nicht immer so.&lsquo; Und dann schrie die Babett ihm
+wieder ins Ohr: &sbquo;Schrei doch nicht so, Christian;
+<em class="gesperrt">ich</em> bin doch nicht taub, sondern nur du!&lsquo; Da
+wollte der Christian widersprechen, aber die Babett
+lie&szlig; ihn gar nicht zu Wort kommen, sondern<span class='pagenum'><a name="Page_70" id="Page_70">[70]</a></span>
+sie schrie weiter: &sbquo;Bei dir war's freilich nicht
+so; grad umgekehrt war's bei dir: du hast erst
+deiner Frau gehorcht, und jetzt folgst du deiner
+Tochter.&lsquo; Jetzt hat aber der Christian angefangen
+zu lachen, und er hat ausgerufen: &sbquo;Und noch
+jemand, ja, da ist noch jemand, dem ich gehorchen
+mu&szlig;.&lsquo; Die Babett hat angefangen zu raten:
+&sbquo;Deiner Tochter ihrem Mann?&lsquo; Da hat der
+Christian noch &auml;rger gelacht: &sbquo;Nein, der gehorcht
+selber seiner Frau.&lsquo; Die Babett hat ganz verwundert
+gefragt: &sbquo;Ja, wem denn sonst noch?&lsquo;
+Da ist der Christian wieder stehengeblieben und
+hat gerufen: &sbquo;Ei, dir, Babett, dir mu&szlig; ich doch
+auch gehorchen!&lsquo; Da haben sie dann beide gelacht
+und sind ganz vergn&uuml;gt zusammen weitergehinkt.&ldquo;</p>
+
+<p>Tante Toni und alle Kinder lachten auch
+herzlich &uuml;ber Kurts Erz&auml;hlung.</p>
+
+<p>Nachdem man nun noch eine halbe Stunde
+t&uuml;chtig marschiert war, kam man endlich oben
+am Tempelchen an.</p>
+
+<p>&bdquo;Aber da ist ja gar kein Tempelchen mehr!&ldquo;
+rief Tante Toni ganz entt&auml;uscht.</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, das fing an zu zerbr&ouml;ckeln, da hat man
+es einfach abgebrochen.&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_71" id="Page_71">[71]</a></span>&bdquo;Die Aussicht ist ja auch zugewachsen!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, aber komm, ich f&uuml;hre dich hier ganz in
+der N&auml;he auf einen Felsblock, von dem aus hat
+man einen wirklich sch&ouml;nen Blick.&ldquo;</p>
+
+<p>Und Paul f&uuml;hrte Tante Toni an die bezeichnete
+Stelle. Als sie zu den andern zur&uuml;ckkamen,
+sagte Philipp: &bdquo;Ich meine, wir k&ouml;nnten uns jetzt
+dort ins Gras lagern und etwas essen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Was nicht gar!&ldquo; rief Tante Toni lachend.
+&bdquo;Zum Essen ist es doch noch zu fr&uuml;h. Ich schlage
+vor, es wird erst eine Stunde gespielt, dann gef&uuml;ttert
+und hernach weitergespielt, bis es Zeit ist
+heimzugehen. Ist es euch so recht?&ldquo;</p>
+
+<p>Alle erkl&auml;rten sich einverstanden, und es wurde beschlossen,
+zuerst &bdquo;R&auml;uber und Gendarm&ldquo; zu spielen.</p>
+
+<p>&bdquo;Aber die kleine Toni kann nicht mitspielen&ldquo;,
+erkl&auml;rte Otto, &bdquo;sie kann nicht gut laufen, und
+sie w&uuml;rde uns das ganze Spiel verderben.&ldquo;</p>
+
+<p>Toni schaute mit einem flehenden Blicke zu
+ihrer Patin auf, und schon rannen ein paar
+Tr&auml;nen &uuml;ber ihre B&auml;ckchen, da fa&szlig;te Lilly sie
+an der Hand und sagte: &bdquo;Doch, Otto, la&szlig; sie nur
+mitspielen; sie ist das gestohlene Kind, welches
+die R&auml;uber versteckt haben und welches die Gendarmen
+suchen m&uuml;ssen. Komm, Toni, ich verstecke<span class='pagenum'><a name="Page_72" id="Page_72">[72]</a></span>
+dich!&ldquo; Und sie sprang mit der schnell getr&ouml;steten
+Toni fort. Die andern folgten ihr,
+nur Mariechen blieb bei der Tante zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&bdquo;Wie, Mariechen, spielst du nicht mit?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ach nein, Tante, das Spiel ist mir ein
+bi&szlig;chen zu wild, und man verdirbt sich die Kleider
+dabei.&ldquo;</p>
+
+<p>Tante Toni l&auml;chelte.</p>
+
+<p>&bdquo;Allerdings, Mariechen, es w&auml;re schade um
+dein h&uuml;bsches Kleid; du hast dich f&uuml;r die Gelegenheit
+ein bi&szlig;chen zu fein gemacht.&ldquo;</p>
+
+<p>Mariechen err&ouml;tete und nestelte verlegen an
+ihrem Arbeitst&auml;schchen herum. Auch Tante Toni
+hatte eine Handarbeit mitgebracht, und die beiden
+lie&szlig;en sich eben auf einer aus rohen Baumst&auml;mmen
+gezimmerten Bank nieder, als Philipp noch einmal
+zur&uuml;ckkam, um ihnen anzuempfehlen: &bdquo;Gebt gut
+auf die Rucks&auml;cke acht!&ldquo;</p>
+
+<p>Tante Toni und Mariechen versprachen es
+beide lachend. Nach einiger Zeit sagte letztere
+etwas &auml;ngstlich: &bdquo;Wenn es nur ohne Streit abgeht!&ldquo;</p>
+
+<p>Tante Toni meinte: &bdquo;Wenn so viele Kinder
+von verschiedenem Alter und von so verschiedenen
+Charakteren beieinander sind, gibt es gar leicht<span class='pagenum'><a name="Page_73" id="Page_73">[73]</a></span>
+kleine Z&auml;nkereien; man darf diese nicht zu schwer
+nehmen, und man mu&szlig; vor allem sorgen, da&szlig;
+sie nicht ausarten. &Uuml;brigens habe ich mich eben
+recht &uuml;ber Lilly gefreut, weil sie sich so nett der
+kleinen Toni angenommen hat.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Mit Tonichen ist Lilly &uuml;berhaupt fast immer
+lieb und nett, und wenn sie es zuweilen durch
+Neckereien zum Zorn gebracht hat, dann tut es
+ihr hernach immer sehr leid.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;O, das freut mich!&ldquo; rief Tante Toni aus.
+&bdquo;Ja, das freut mich sehr. Ich kann dir nicht
+sagen, wie weh es mir tut, da&szlig; ich bisher noch
+gar keinen liebensw&uuml;rdigen Zug in Lillys Charakter
+finden konnte. Du hast mir neulich auch
+gesagt, da&szlig; Otto und Lilly sehr an ihrem Vater
+h&auml;ngen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, Tante; ich habe bei Lilly schon manchmal
+etwas erreicht mit der Vorstellung: es w&uuml;rde
+deinen Vater freuen, oder: es w&uuml;rde ihm leid
+tun.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Glaubst du zum Beispiel, da&szlig; Lilly imstande
+w&auml;re, ihrem Vater zuliebe ein wirkliches Opfer
+zu bringen?&ldquo;</p>
+
+<p>Mariechen dachte ein wenig nach, dann sagte
+sie bestimmt: &bdquo;Ich glaube, ja, Tante!&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_74" id="Page_74">[74]</a></span>&bdquo;O, das ist gut, das ist viel wert!&ldquo; rief die
+Tante aus und sah sinnend vor sich hin.</p>
+
+<p>Nach einiger Zeit kam klein Toni allein
+zur&uuml;ck. &bdquo;Willst du nicht mehr mitspielen, mein
+Kleines? Bist du schon m&uuml;de?&ldquo; fragte Tante
+Toni.</p>
+
+<p>Die Kleine nickte und erz&auml;hlte: &bdquo;Die Gendarmen
+haben unser Versteck gefunden, und da
+mu&szlig;ten wir schnell fortlaufen; weil ich aber nicht
+so fest laufen kann, da h&auml;tten sie die Lilly beinah
+gefangen, und da hat sie mich schnell losgelassen
+und gesagt, ich sollte mich jetzt ein bi&szlig;chen zu
+dir setzen, Tante.&ldquo;</p>
+
+<p>Die Tante zog Tonichen zu sich auf die Bank,
+h&uuml;llte das Kind in ihr warmes, weiches Umschlagtuch
+und sagte liebevoll: &bdquo;So, damit du dich nicht
+erk&auml;ltest, denn du bist erhitzt vom Laufen; nun ruhe
+dich aus.&ldquo;</p>
+
+<p>Die Kleine l&auml;chelte, und ihr K&ouml;pfchen an die
+Schulter der Tante lehnend bat sie: &bdquo;Bitte, bitte,
+liebe Tante, erz&auml;hle mir doch noch einmal die
+Geschichte von dem guten Kinde, welches allein
+mit dem armen Jesusknaben gespielt hat, weil
+die andern Kinder nicht wollten, und wie dann
+die Engelchen vom Himmel gekommen sind und<span class='pagenum'><a name="Page_75" id="Page_75">[75]</a></span>
+ihnen Sternbl&uuml;mchen und Sternb&auml;llchen zum
+Spielen gebracht haben. O bitte, Tante, erz&auml;hle!&ldquo;</p>
+
+<p>Und die gute Tante erz&auml;hlte, und weil sie gar
+so sch&ouml;n erz&auml;hlen konnte, h&ouml;rte nicht nur das
+kleine Tonichen aufmerksam zu, sondern auch
+das gro&szlig;e Mariechen &ndash; bis auf einmal alle
+andern Kinder mit gro&szlig;em L&auml;rm zur&uuml;ckkehrten.</p>
+
+<p>&bdquo;Die Gendarmen haben gewonnen!&ldquo; rief Rudi
+mit strahlenden Augen. &bdquo;Alle R&auml;uber haben wir
+gefangen!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ich habe mich zuletzt fangen lassen, weil es
+mir langweilig wurde, sonst h&auml;ttet ihr mich nicht
+gekriegt.&ldquo;</p>
+
+<p>Diese Behauptung Ottos wurde von allen
+andern mit schallendem Gel&auml;chter beantwortet,
+wor&uuml;ber dieser sich nat&uuml;rlich sehr &auml;rgerte. Er
+stampfte mit dem Fu&szlig; und schrie: &bdquo;Was habt
+ihr zu lachen? Es ist doch so!&ldquo;</p>
+
+<p>Und Lilly bekr&auml;ftigte: &bdquo;So ist es auch, er hat
+sich fangen lassen!&ldquo;</p>
+
+<p>Der Streit h&auml;tte wahrscheinlich noch l&auml;nger
+gedauert, wenn Anna nicht eben mit theatralischer
+Miene ausgerufen h&auml;tte: &bdquo;Aber Kinder, wie
+k&ouml;nnt ihr diesen edelm&uuml;tigen Otto so verkennen!
+Begreift ihr denn nicht, da&szlig; er sich geopfert hat<span class='pagenum'><a name="Page_76" id="Page_76">[76]</a></span>
+und sich fangen lie&szlig;, blo&szlig; damit wir endlich mal
+etwas zu essen bekommen? Es lebe Otto der Un&uuml;berwindliche,
+der Gro&szlig;m&uuml;tige!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Er lebe hoch!&ldquo; schrien alle, auf Annas Scherz
+eingehend; nur Otto selbst machte wieder ein
+w&uuml;tendes Gesicht, und er schien gro&szlig;e Lust zu
+haben, den Streit wieder anzufangen. Aber nun
+rief Tante Toni: &bdquo;Ich hoffe, Otto, da&szlig; du einen
+Scherz verstehen kannst und dich nun zufriedengibst.
+Und nun, Kinder, lagert euch und ruht
+aus. Mariechen und ich, wir teilen den Proviant
+aus. Ihr seid sicher hungrig!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Und wie!&ldquo; scholl es fast einstimmig zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>In unglaublich kurzer Zeit war der ganze
+Vorrat aufgezehrt, und Philipp, der eben das letzte
+Butterbrot empfangen hatte, rief aus: &bdquo;Siehst
+du, Tante Toni, da&szlig; wir nicht zuviel mitgenommen
+hatten?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nein, wirklich!&ldquo; lachte diese. &bdquo;Ihr habt euch
+aber auch t&uuml;chtig Bewegung gemacht, und hier
+drau&szlig;en schmeckt es noch ganz besonders gut.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;So, nun k&ouml;nnen wir weiterspielen!&ldquo; erkl&auml;rte
+Anna aufspringend.</p>
+
+<p>&bdquo;Ach nein, jetzt wollen wir lieber etwas anderes
+spielen!&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_77" id="Page_77">[77]</a></span>&bdquo;Aber was denn?&ldquo;</p>
+
+<p>Der eine schlug dies vor, der andere das, ohne
+Erfolg, bis Tante Toni vorschlug: &bdquo;Was meint
+ihr zu einem Pf&auml;nderspiel?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, ja, ein Pf&auml;nderspiel, und Tante Toni
+spielt mit!&ldquo; riefen die Kinder. Bald war das
+Spiel, unter Tante Tonis Leitung, im Gang.
+Da gab es wieder viel zu lachen, besonders wenn
+der Mitspieler, der ein Pfand geben sollte, verlegen
+in seinen Taschen herumkramte und gar nichts
+Passendes finden konnte, sondern manchmal recht
+drollige Sachen zum Vorschein brachte. Mariechen
+zum Beispiel fand in ihrer Tasche nichts als ein
+Taschentuch, einen Rosenkranz und einen kleinen
+Spiegel; diesen letzteren reichte sie err&ouml;tend als Pfand
+hin, wobei sich Anna laut und anhaltend r&auml;usperte,
+bis Mariechen etwas &auml;rgerlich ausrief: &bdquo;Gib dich
+zufrieden, Anna, alle haben's gesehen und bemerkt!&ldquo;</p>
+
+<p>Als Kurt an die Reihe kam, fuhr er in alle
+seine Taschen, suchte und suchte voll Hast &ndash; aber
+ohne Erfolg, bis er schlie&szlig;lich doch einen kleinen
+Gegenstand hervorbrachte, und zwar ein Schnurrbartb&uuml;rstchen.</p>
+
+<p>&bdquo;Nun, du sorgst zeitig vor!&ldquo; lachte Tante
+Toni; auch die andern lachten, nur Philipp<span class='pagenum'><a name="Page_78" id="Page_78">[78]</a></span>
+fragte mit dem ernsthaftesten Gesicht der Welt:
+&bdquo;Kurt, wann hast du dich denn zum letztenmal
+rasieren lassen?&ldquo;</p>
+
+<p>Als dann an ihn selbst die Reihe kam, ein
+Pfand zu geben, da fand er nichts als Brotkrumen,
+Obstkerne und einige sonderbar geformte
+Eisenst&uuml;ckchen.</p>
+
+<p>&bdquo;Aha&ldquo;, h&ouml;hnte Kurt, &bdquo;das sind wohl die Bestandteile
+deiner neuesten Erfindung!&ldquo;</p>
+
+<p>Lilly f&ouml;rderte ein Puppenh&ouml;schen zutage,
+welches sie aus Versehen anstatt eines Taschentuches
+eingesteckt hatte, und Anna &uuml;berreichte mit
+einigem Widerstreben einen Kreisel, bei dessen
+Anblick Paul ausrief: &bdquo;Der geh&ouml;rt ja &uuml;berhaupt
+mir!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ach, du spielst ja doch nie damit, du hast
+ihn einfach verloren und ich hab' ihn gefunden;
+jetzt kannst du ihn mir auch lassen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;So, so, verloren hab' ich ihn? Ich m&ouml;cht'
+nur wissen, wo; wahrscheinlich in meiner Schublade
+oder in einer meiner Taschen, da gehst du
+ja doch immer suchen, wenn du etwas finden
+m&ouml;chtest. Ja, Fr&auml;ulein &Auml;nne, deine Manier, dir
+allerhand zusammenzufinden, die kenn' ich schon.
+N&auml;chstens komme ich einmal bei dir wiederfinden.&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_79" id="Page_79">[79]</a></span>&bdquo;O je, Kurt, da wirst du nicht viel kriegen!
+Du wei&szlig;t doch, da&szlig; die &Auml;nne immer gleich wieder
+alles herschenkt, was sie hat.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ach, geh' doch, Rudi!&ldquo; wehrte Anna ab.</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, es ist aber so! Neulich hast du mir doch
+meinen Ball abgebettelt &ndash; und am andern Tag
+spielten die ungezogenen Franks-Kinder damit
+auf der Stra&szlig;e.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ach, die sind gar nicht so arg ungezogen&ldquo;,
+rief Anna eifrig; &bdquo;sie sind nur so schrecklich
+arm, und haben gar nichts zum Spielen, und
+sie sahen so sehns&uuml;chtig nach dem Ball, als
+ich vorbeikam, da hab' ich ihn ihnen halt gegeben.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Na ja, es ist mir ja auch recht&ldquo;, sagte Rudi;
+w&auml;hrenddessen fl&uuml;sterte klein Toni ihrer Schwester
+Anna ins Ohr: &bdquo;Du, wenn wir heimkommen,
+da geb' ich dir eins von meinen Bilderb&uuml;chern
+f&uuml;r die Franks-Kinder, und &ndash; ja was denn
+noch&nbsp;...!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ein P&uuml;ppchen?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ach nein, &Auml;nne, die Franks sind so wild
+und so schmutzig, sie w&uuml;rden zu grob mit dem
+armen P&uuml;ppchen umgehen, das t&auml;te mir zu
+leid.&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_80" id="Page_80">[80]</a></span>&bdquo;Dummes, das P&uuml;ppchen f&uuml;hlt's ja nicht!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ach ja, ich kann's aber doch nicht sehen. Und
+wei&szlig;t du, wie ich neulich abends in meinem
+Bettchen geweint hab' und wie du mich gefragt
+hast, warum ich weine, wie ich dir's dann aber
+nicht sagen wollte, da hab' ich nur geweint, weil
+mir auf einmal eingefallen ist, da&szlig; ich mein
+Gretelchen im N&auml;hzimmer liegengelassen habe,
+und weil ich nun gedacht habe, das arme P&uuml;ppchen
+liegt nun ganz allein und verlassen im dunkeln
+N&auml;hzimmer, es hat kalt und ist traurig, weil ich
+es nicht ins Bettchen gelegt und ihm nicht &sbquo;Gute
+Nacht&lsquo; gesagt hab'.&ldquo;</p>
+
+<p>Inzwischen hatten die andern weitergespielt,
+und Toni sah ganz verdutzt aus, als Otto sie
+anrief: &bdquo;Holla, Toni, du hast nicht aufgepa&szlig;t,
+schnell ein Pfand her!&ldquo; &ndash;</p>
+
+<p>Nicht minder gro&szlig; war das Vergn&uuml;gen der
+Kinder beim Ausl&ouml;sen der Pf&auml;nder; besonders
+Anna zeichnete sich wieder aus durch ihre tollen
+Einf&auml;lle, als sie, um ihren Kreisel wieder zu
+erhalten, einen Blick in die Zukunft tun mu&szlig;te.
+Man verband ihr die Augen, und so oft Tante
+Toni fragte, was sie diesem und jenem prophezeie,
+und dabei einen der Mitspielenden bezeichnete,<span class='pagenum'><a name="Page_81" id="Page_81">[81]</a></span>
+mu&szlig;te sie irgend etwas sagen, nat&uuml;rlich
+ohne selbst zu wissen, wem es galt.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich glaube, du hast gespitzt&ldquo;, klagte Mariechen,
+als sie prophezeit bekam, da&szlig; sie mal Generaloberin
+aller bestehenden und nichtbestehenden
+Orden und Kl&ouml;ster werden sollte. Als Anna
+dann aber den Philipp zu einer Urgro&szlig;mutter
+machte und Lilly zum Erzbischof ernannte, da
+glaubte man ihr, da&szlig; sie nicht hinter dem Tuch
+hervorgeschaut hatte. Otto &auml;rgerte sich wieder
+sehr, als ihm verk&uuml;ndet wurde, er m&uuml;sse einmal
+als Orgeldreher die Welt durchwandern; als aber
+Tante Toni das Amt eines Kasperltheaterdirektors
+und Paul das Los einer emanzipierten alten
+Jungfer in Aussicht gestellt wurde, da stimmte
+er doch in die Heiterkeit der &uuml;brigen ein. Zuletzt
+deutete die Tante auf klein Toni, und als
+Anna verk&uuml;ndete: &bdquo;Das wird einmal eine entsetzlich
+b&ouml;se Schwiegermutter&ldquo;, da machte die
+Kleine ein ganz tr&uuml;bseliges Gesichtchen und sagte:
+&bdquo;Aber nein, das m&ouml;chte ich nicht werden.&ldquo; W&auml;hrend
+alle lachten, ri&szlig; Anna sich das Tuch vom
+Gesicht und rief aus: &bdquo;So, du bist also auch
+nicht zufrieden mit meinen Prophezeiungen?
+Was h&auml;tte ich dir denn sagen sollen?&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_82" id="Page_82">[82]</a></span>&bdquo;Ich m&ouml;chte gern ein Engelchen werden&ldquo;, sagte
+klein Toni err&ouml;tend.</p>
+
+<p>&bdquo;Oh &ndash; oh, h&ouml;rt doch! Die Toni will ein
+Engelchen werden &ndash; wie bescheiden! Nein, so
+etwas!&ldquo; riefen die Kinder lachend. Otto schrie
+dazwischen: &bdquo;Doch wohl ein Engelchen mit einem
+B davor!&ldquo;</p>
+
+<p>Und nun t&ouml;nte es von allen Seiten und in allen
+Tonarten: &bdquo;Engelchen, Bengelchen! Engelchen,
+Bengelchen &ndash; Zornebengelchen!&ldquo;</p>
+
+<p>Aber klein Toni wurde nicht zornig, &ndash; nein,
+sie wurde wohl abwechselnd rot und bla&szlig;, und
+sie zitterte vor Anstrengung, den aufsteigenden
+Zorn zu bemeistern. Sich fest an die Tante
+schmiegend fl&uuml;sterte sie: &bdquo;Ich will nicht zornig
+werden, &ndash; nein, ich will nicht!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Recht so, mein Herzchen, meine tapfere, kleine
+Freundin!&ldquo; ermutigte die Tante.</p>
+
+<p>Mariechen hatte sich inzwischen bem&uuml;ht, die
+&uuml;berm&uuml;tige Bande zum Schweigen zu bringen,
+und das Spiel nahm nun seinen Fortgang,
+bis Tante Toni das Zeichen zum Aufbruch
+gab.</p>
+
+<p>&bdquo;Aber es sind noch zwei Pf&auml;nder auszul&ouml;sen!&ldquo;
+rief Otto aus, allein die Tante bestimmte, dieselben<span class='pagenum'><a name="Page_83" id="Page_83">[83]</a></span>
+m&uuml;&szlig;ten einfach zur&uuml;ckgegeben werden, und
+sie f&uuml;gte hinzu:</p>
+
+<p>&bdquo;So, Kinder, nun geht es in wohlgeordnetem
+Zug heimw&auml;rts, und es wird dabei gesungen und
+im Schritt marschiert, damit wir rascher vom
+Fleck kommen; denn es ist schon etwas sp&auml;t
+geworden. Also, Anna und Rudi, ihr f&uuml;hrt
+den Zug an, die Zwillinge nehmen den Philipp in
+ihre Mitte, dann folgen Mariechen und Toni,
+und Otto und Lilly bilden mit mir die Nachhut.&ldquo;</p>
+
+<p>Dann stimmte die Tante an: &bdquo;Wer will unter
+die Soldaten, der mu&szlig; haben ein Gewehr&ldquo;, und
+der Zug setzte sich in Bewegung.</p>
+
+<p>Aber Tante Toni blieb mit Otto und Lilly
+ein wenig zur&uuml;ck, und als die andern au&szlig;er
+H&ouml;rweite waren, sagte sie:</p>
+
+<p>&bdquo;Nun, meine lieben Kinder, erkl&auml;rt mir doch
+einmal, was habt ihr denn mit der alten Babett
+gehabt?&ldquo;</p>
+
+<p>Die beiden Kinder schwiegen und lie&szlig;en die
+K&ouml;pfe h&auml;ngen. Die Tante fuhr fort: &bdquo;Ich h&auml;tte
+ja Babett selbst fragen k&ouml;nnen, aber ich wollte
+es lieber von euch h&ouml;ren.&ldquo;</p>
+
+<p>Endlich entschlo&szlig; sich Otto zu reden, und er
+sagte wegwerfend: &bdquo;Ach, Tante, es ist ja gar<span class='pagenum'><a name="Page_84" id="Page_84">[84]</a></span>
+nichts so Besonderes, und es ist eigentlich gar
+nicht der Rede wert. Die Babett ist halt so
+alt und so h&auml;&szlig;lich, und sie wird oft &sbquo;die alte
+Hex&lsquo; genannt, und wir, die Anna, die Lilly
+und ich, sind einmal dazugekommen, wie ein
+paar Kinder auf der Stra&szlig;e ihr nachgerufen
+haben: &sbquo;Alte Hex, b&ouml;se, alte Hex!&lsquo; Nun, und
+da haben wir halt ein bi&szlig;chen mitgeschrien &ndash;
+das ist alles.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;O Otto, wie du das sagst!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nun, das ist doch nicht so schlimm und nicht der
+M&uuml;he wert, so viel Aufhebens davon zu machen!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Es tut mir leid, Otto, da&szlig; du die Sache so
+leicht nimmst, besonders da du doch vorhin gesehen
+hast, wie nahe es der guten Alten gegangen
+ist. Von eurer fr&uuml;hesten Kindheit an habt ihr
+gelernt, da&szlig; man das Alter ehren soll. Ist nun
+aber, wie hier bei Babett, das Alter von Gebrechen
+und Armut begleitet, so ist es doppelt
+ehrw&uuml;rdig. Warum habt ihr nicht wenigstens
+vorhin der Alten ein gutes Wort gesagt wie
+Anna? Ihr habt doch gesehen, welche Freude
+ihr das gemacht hat.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Aber, Tante, das ist doch unm&ouml;glich! Die
+Anna hat ja gar kein Ehrgef&uuml;hl, da&szlig; sie so eine<span class='pagenum'><a name="Page_85" id="Page_85">[85]</a></span>
+alte Bettlerin um Verzeihung bittet; wir k&ouml;nnen
+uns doch nicht so erniedrigen!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Du scheinst mir von Ehrgef&uuml;hl und Erniedrigung
+einen sonderbaren Begriff zu haben,
+mein Junge. Damals, als ihr mit den Gassenkindern
+die Alte verh&ouml;hntet, da habt ihr euch
+erniedrigt, da habt ihr kein Ehrgef&uuml;hl gehabt.
+Anna dagegen hat vorhin Mut und Hochherzigkeit
+gezeigt, und ich versichere euch, sie ist seitdem
+in meiner Achtung sehr gestiegen. Ich hielt
+sie bisher nur f&uuml;r einen lustigen kleinen Taugenichts,
+jetzt wei&szlig; ich aber, da&szlig; sie Charakter hat,
+da&szlig; sie ein offenes, mutiges und gutes Kind ist.&ldquo;</p>
+
+<p>Otto und Lilly sahen sehr erstaunt und etwas
+besch&auml;mt drein. Endlich fragte Lilly leise:</p>
+
+<p>&bdquo;Tante Toni, hast du uns jetzt nicht mehr
+lieb?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Gewi&szlig; hab' ich euch noch lieb!&ldquo; rief die
+Tante warm, und sie zog die beiden Kinder n&auml;her
+zu sich heran. &bdquo;Gerade weil ich euch so lieb
+habe, tut es mir weh, wenn ihr nicht seid, wie
+ihr sein solltet; gerade weil ich euch so lieb habe,
+m&ouml;chte ich, da&szlig; ihr gute, brave, eures Vaters
+w&uuml;rdige Kinder werdet! Ihr habt ja beide euern
+Vater sehr lieb, nicht wahr?&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_86" id="Page_86">[86]</a></span>&bdquo;O, und wie lieb!&ldquo; Die Kinder riefen es
+aus mit leuchtenden Augen.</p>
+
+<p>&bdquo;Und wenn er bei euch ist, dann nehmt ihr
+euch zusammen, dann k&ouml;nnt ihr musterhaft brav
+sein. Glaubt ihr nicht, da&szlig; es ihn sehr kr&auml;nken
+w&uuml;rde, wenn er jemals erf&uuml;hre, da&szlig; ihr ganz
+anders seid, sobald er nicht dabei ist? Da&szlig; er
+es bisher noch nicht erfahren hat, das verdankt ihr
+nur der G&uuml;te und Nachsicht eurer Tanten, der
+Gro&szlig;mut eurer Vettern und Cousinen; aber immer
+kann es ihm nicht verborgen bleiben. Glaubt
+mir das nur, Kinder, fr&uuml;her oder sp&auml;ter wird
+er einmal klar sehen, und es wird ihm furchtbar
+hart sein, wenn er erfahren mu&szlig;, da&szlig; ihr nicht
+die offenen, wahren, gutherzigen und edelm&uuml;tigen
+Kinder seid, f&uuml;r die er euch h&auml;lt. Davor m&ouml;chte
+ich ihn und euch bewahren. &Uuml;brigens, lieber
+Otto, du wirst ja nun bald zur ersten heiligen
+Kommunion gehen; ich hoffe, du nimmst es
+recht ernst mit deiner Vorbereitung, und wenn
+du willst, dann darfst du, so oft du Zeit hast,
+zu mir kommen. Ich m&ouml;chte dir so gerne helfen,
+dich auf diesen gro&szlig;en Tag vorzubereiten.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;O Tante, das w&auml;re mir freilich recht, sehr
+recht!&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_87" id="Page_87">[87]</a></span>&bdquo;Nun gut! Und jetzt wollen wir uns ein bi&szlig;chen
+eilen, um die andern einzuholen. Tonichen scheint
+m&uuml;de zu sein, sie l&auml;&szlig;t sich arg von Mariechen
+ziehen.&ldquo;</p>
+
+<p>Die andern waren bald eingeholt. Die erm&uuml;dete
+kleine Toni wurde erst von der Tante
+und Mariechen, dann von Kurt und Philipp
+&bdquo;Hockehockest&uuml;hlchen&ldquo; getragen, bis sie ein bi&szlig;chen
+ausgeruht war, und so kam man bald wieder in
+die N&auml;he der Klosterruine.</p>
+
+<p>&bdquo;Wir wollen den See entlang gehen&ldquo;, rief
+Rudi, &bdquo;es sind eine Menge kleine Entchen drin
+und auch zwei junge Schw&auml;nchen.&ldquo; Und er lief
+voraus.</p>
+
+<p>&bdquo;Gib acht, Rudi&ldquo;, rief ihm Mariechen nach,
+&bdquo;der gro&szlig;e Schwan ist vielleicht drau&szlig;en; er ist
+immer sehr wild, wenn junge Schw&auml;nchen dasind,
+und er ist &uuml;berhaupt in der letzten Zeit
+sehr b&ouml;s, weil einige Buben ihn necken und mit
+Steinen werfen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ich werd' mich doch nicht vor einem Schwan
+f&uuml;rchten!&ldquo; sagte Rudi gekr&auml;nkt, und er lief weiter,
+gerade auf den See zu. Tante Toni wollte
+ihn eben besorgt zur&uuml;ckrufen, da kam er auch
+schon mit gro&szlig;em Zetergeschrei gelaufen, der<span class='pagenum'><a name="Page_88" id="Page_88">[88]</a></span>
+Schwan, wild mit den Fl&uuml;geln schlagend, hinter
+ihm drein. Es war ein gro&szlig;er, starker Schwan,
+und er sah so b&ouml;sartig aus, da&szlig; alle Kinder
+heftig erschraken. Auch Tante Toni erschrak,
+aber sie fa&szlig;te ihren Sonnenschirm, und beherzt
+auf das erboste Tier zugehend, hielt sie ihm
+denselben entgegen und machte ihn pl&ouml;tzlich mit
+einem Ruck auf. Der Schwan stutzte, machte
+kehrt und beeilte sich, wieder in sein Element,
+ins Wasser, zu kommen. Die Kinder hatten
+rasch die ausgestandene Angst vergessen, und sie
+brachen nun in ein herzliches Gel&auml;chter &uuml;ber
+diesen raschen und drolligen R&uuml;ckzug des Schwans
+aus.</p>
+
+<p>&bdquo;Es sah zu komisch aus, Tante, wie du
+den Schirm dem Schwan grad ins Gesicht aufgemacht
+hast; so etwas war ihm noch nie passiert,
+das konnte man ihm ansehen!&ldquo; Und Anna
+lachte, da&szlig; ihr die Tr&auml;nen &uuml;ber die Backen
+liefen.</p>
+
+<p>&bdquo;Und Mut hast du, Tante Toni, das mu&szlig;
+ich sagen&ldquo;, gestand Paul bewundernd.</p>
+
+<p>&bdquo;Und schlau hast du's gemacht. Mir w&auml;re
+das mit dem Schirm nicht eingefallen&ldquo;, pflichtete
+Kurt bei.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_89" id="Page_89">[89]</a></span>Nur Rudi sagte nichts, er schlich etwas besch&auml;mt
+hinter den andern her; aber am Abend
+nach der Heimkehr, da k&uuml;&szlig;te er der Tante z&auml;rtlich
+die Hand. Und als Anna ihm nachrief:
+&bdquo;Gute Nacht, Schwanenritter!&ldquo; da wurde er
+sehr rot, aber er sagte nichts.</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_90" id="Page_90">[90]</a></span></p>
+<h2><a name="Funftes_Kapitel" id="Funftes_Kapitel"></a>F&uuml;nftes Kapitel.<br/>
+<big>Minnichen wird geimpft.</big></h2>
+
+
+<p>Tante Toni sa&szlig; oben im Kinderzimmer.
+Klein Minnichen kletterte auf ihren Knien herum
+und trieb allerhand Schabernack; es zog sie an
+den Haaren, zupfte sie am Ohrl&auml;ppchen, und wenn
+Tante Toni &bdquo;Au!&ldquo; oder &bdquo;O weh!&ldquo; rief, dann
+streichelte es ihr die Wangen und machte: &bdquo;Ei,
+ei, Ta Dedi.&ldquo;</p>
+
+<p>Leo, der daneben mit gro&szlig;em Ernst ein Bilderbuch
+betrachtete, erhob mi&szlig;billigend den Kopf und
+sagte: &bdquo;Das Minnichen ist wirklich ein bi&szlig;chen
+eigensinnig, es will durchaus nicht &sbquo;Tante Toni&lsquo;
+sagen; es k&ouml;nnt's doch ganz gut, wenn es nur
+wollte; denn es hat schon viel schwerere W&ouml;rter
+fertiggebracht. Komm, Minnichen, sei mal recht
+brav, sage sch&ouml;n: &sbquo;Tan&ndash;te To&ndash;ni&lsquo;; ich schenk'
+dir auch was!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Senk was!&ldquo; machte Minnichen, und es hielt
+dem Br&uuml;derchen habgierig das H&auml;ndchen entgegen.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_91" id="Page_91">[91]</a></span>&bdquo;Ja, du w&auml;rst mir gescheit! Erst mu&szlig;t du
+&sbquo;Tan&ndash;te To&ndash;ni&lsquo; sagen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Truwelpeter!&ldquo; schrie die Kleine, und sie lachte
+herausfordernd und klatschte in ihre kleinen, dicken
+Patschh&auml;ndchen.</p>
+
+<p>Leo sah sein Schwesterchen voll Bewunderung
+an; dann sagte er: &bdquo;Du, Tante, ich glaub' gar,
+es will mich uzen; es ist wirklich ein schlaues Ding,
+das Minnichen.&ldquo;</p>
+
+<p>Man sah und h&ouml;rte dem kleinen Burschen an,
+wie stolz er auf sein Schwesterchen war, das
+er ein wenig als sein besonderes Eigentum betrachtete.
+Er f&uuml;hlte sich als dessen Lehrer und
+Besch&uuml;tzer, er lie&szlig; sich viel von ihm gefallen und
+behandelte es mit einer gewissen gro&szlig;m&uuml;tigen
+Nachsicht, die ihm allerliebst stand und die ihn
+f&uuml;r seine viereinhalb Jahre merkw&uuml;rdig vern&uuml;nftig
+erscheinen lie&szlig;.</p>
+
+<p>Nachdem die Tante Minnichens Klugheit nach
+Geb&uuml;hr bewundert hatte, wandte sie sich an klein
+Toni, die mit ihrer Puppe im Arm auf einem
+niederen St&uuml;hlchen danebensa&szlig;. Tonichen sa&szlig; so
+still da und schaute so ernst und nachdenklich vor
+sich hin, da&szlig; die Tante besorgt fragte: &bdquo;Was hast du
+denn, meine kleine Freundin, woran denkst du?&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_92" id="Page_92">[92]</a></span>&bdquo;Ach, Tante&ldquo;, erwiderte das Kind nach einigem
+Z&ouml;gern, &bdquo;ich denke daran, da&szlig; du Otto gestern
+zu dir gerufen hast, um ihn auf die erste heilige
+Kommunion vorzubereiten. Ich w&auml;re so
+gern auch dabeigewesen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;O, deine Zeit wird auch kommen, Tonichen;
+habe nur noch ein bi&szlig;chen Geduld!&ldquo;</p>
+
+<p>Toni versank wieder in Nachdenken; endlich
+hob sie das K&ouml;pfchen und fragte: &bdquo;Tante, mu&szlig;
+man dem Heiligen Vater nicht folgen, wenn er
+etwas sagt?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Aber selbstverst&auml;ndlich, Kind!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Er hat aber doch gesagt, die Kinder sollten
+schon mit sieben Jahren zur ersten heiligen
+Kommunion gehen; warum l&auml;&szlig;t man sie denn
+nicht?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, Kindchen, der Heilige Vater hat unsern
+deutschen Bisch&ouml;fen erlaubt, das Alter f&uuml;r die
+Erstkommunikanten auf zehn Jahre festzusetzen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Und in den andern L&auml;ndern, da d&uuml;rfen die
+Kinder schon mit sieben Jahren gehen?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Wenigstens in vielen; ja ich glaube in den
+meisten.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Warum denn nur gerade wir deutschen Kinder
+nicht? &ndash; Aber sag' mal, Tante Toni, wenn ich<span class='pagenum'><a name="Page_93" id="Page_93">[93]</a></span>
+jetzt sehr krank w&uuml;rde, so krank, da&szlig; ich sterben
+m&uuml;&szlig;te, d&uuml;rfte der Priester mir dann die heilige
+Kommunion bringen?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;O, das glaube ich &ndash; ganz bestimmt!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Willst du mir dann versprechen, Tante Toni,
+da&szlig; ich den lieben Heiland bekomme, wenn ich
+sehr krank werde?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Aber, Toni, mein Herzchen, wie kommst du
+denn auf diesen Gedanken? Du f&uuml;hlst dich doch
+nicht unwohl?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Versprich, bitte, Tante, versprich!&ldquo; flehte das
+Kind so eindringlich, da&szlig; die Tante nicht anders
+konnte als antworten:</p>
+
+<p>&bdquo;Ich versprech' dir's, Kind; von Herzen gern
+will ich in einem solchen Fall alles tun, was ich
+kann, um deinen Wunsch zu erf&uuml;llen!&ldquo;</p>
+
+<p>Leo hatte diesem Gespr&auml;ch mit Interesse zugeh&ouml;rt.
+&bdquo;Sag' mal, Tante&ldquo;, mischte er sich nun
+ein, &bdquo;wenn die Toni stirbt, ist sie dann doch
+noch unsere Schwester?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Aber gewi&szlig;!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Und wenn wir alle einmal tot und im Himmel
+sind, bist du dann doch noch unsere Tante, und
+sagen wir dann auch noch zu unsern Eltern
+&sbquo;Papa&lsquo; und &sbquo;Mama&lsquo;?&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_94" id="Page_94">[94]</a></span>&bdquo;Aber Leo&ldquo;, belehrte Toni ihr Br&uuml;derchen,
+&bdquo;dann sagt man doch: &sbquo;Heiliger Papa&lsquo; und &sbquo;Heilige
+Mama&lsquo;!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Aha, ja nat&uuml;rlich&ldquo;, nickte Leo befriedigt.
+Tante Toni l&auml;chelte, und die beiden samt Minnichen
+fest an sich dr&uuml;ckend sagte sie nur: &bdquo;Meine
+lieben, lieben Kinderchen!&ldquo;</p>
+
+<p>In diesem Augenblick st&uuml;rzte Gretchen, das
+Kinderm&auml;dchen, mit schreckensbleichem Gesicht ins
+Zimmer und rief aus: &bdquo;Ach, Fr&auml;ulein Mehring,
+denken Sie doch nur &ndash; eben ist der Herr Doktor
+gekommen &ndash; unser Kleines soll geimpft werden!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Da ist doch nichts dabei, Gretchen; dar&uuml;ber
+brauchen Sie doch nicht zu erschrecken. Aber ich
+meinte, das Kind sei schon l&auml;ngst geimpft?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Es ist auch schon mal geimpft worden, aber
+es hat nicht angeschlagen. Ach, Fr&auml;ulein Mehring,
+ich kann's nicht mit ansehen; ich werd' ohnm&auml;chtig,
+wenn ich's Minnichen bluten sehe!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Bluten! &ndash; Was soll denn dem Minnichen
+geschehen?&ldquo; rief Leo ganz erschreckt, w&auml;hrend er
+sich wie sch&uuml;tzend vor sein Schwesterchen stellte.</p>
+
+<p>&bdquo;Da sehen Sie, Gretchen, wie Sie die Kinder
+erschrecken&ldquo;, tadelte Tante Toni das M&auml;dchen.
+&bdquo;Gehen Sie nur schnell aus dem Zimmer und<span class='pagenum'><a name="Page_95" id="Page_95">[95]</a></span>
+nehmen Sie Toni und Leo mit. Ich halte die
+Kleine beim Impfen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nein, nein, la&szlig; mich hier, ich will bei meinem
+Minnichen bleiben!&ldquo; wehrte sich Leo, als Gretchen
+ihn mit fortnehmen wollte. &bdquo;Bitte, Tante
+Toni, la&szlig; mich beim armen Minnichen!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Aber es geschieht ja deinem Minnichen gar
+nichts Schlimmes, Kind! Das Impfen tut ja
+gar nicht weh, es ist kaum wie ein M&uuml;ckenstich.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;O bitte, bitte, la&szlig; mich doch hier!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Mich auch, bitte, liebe Tante!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nun ja, wenn ihr versprecht, euch ganz still
+zu verhalten, dann d&uuml;rft ihr hierbleiben.&ldquo;</p>
+
+<p>Minnichen hatte inzwischen verwundert und
+etwas &auml;ngstlich von einem zum andern gesehen;
+sie hatte wohl begriffen, da&szlig; man etwas mit ihr
+vorhabe, konnte sich aber nicht denken, was. Als
+nun aber die T&uuml;re aufging und die Mutter gefolgt
+vom Hausarzt eintrat, da hellte sich ihr
+Gesichtchen auf, und sie schrie: &bdquo;Dag, Dokedok!
+Sung raus?&ldquo; Und ohne erst die Antwort abzuwarten,
+ri&szlig; sie das M&auml;ulchen auf und streckte ihr
+rosiges Z&uuml;ngelchen heraus, soweit sie nur konnte.</p>
+
+<p>&bdquo;Na, das ist aber mal ein braves Kind!&ldquo;
+rief der Doktor lachend. &bdquo;Und solch ein sch&ouml;nes,<span class='pagenum'><a name="Page_96" id="Page_96">[96]</a></span>
+rotes Z&uuml;nglein hat's. Nein, krank sind wir nicht,
+Fr&auml;ulein Minnichen, nicht wahr?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Doch, doch, Minnisen tank is &ndash; wehweh
+hier &ndash; wehweh da&ldquo;, versicherte die Kleine ernsthaft,
+w&auml;hrend sie an &Auml;rmchen und Beinchen
+suchte, ob sie nicht irgendein rotes Fleckchen
+f&auml;nde; als sie aber keines entdecken konnte, dr&uuml;ckte
+sie die H&auml;nde aufs Br&uuml;stchen und klagte mit
+wehleidigem Gesichtchen: &bdquo;Minnisen weh B&auml;uselsen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nun, da wollen wir mal das kranke B&auml;uchelchen
+untersuchen&ldquo;, sagte der Doktor. Er machte
+der Tante ein Zeichen, und diese begann die
+Kleine auszukleiden, bis die dicken, nackten &Auml;rmchen
+herauskamen.</p>
+
+<p>&bdquo;Hat Minnichen da auch Weh?&ldquo; fragte Tante
+Toni, aufs &Auml;rmchen deutend.</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, ja&ldquo;, nickte das Kind eifrig. &bdquo;Dokedok
+sund mach, L&auml;stersen dauftun.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;So, so, ein Pfl&auml;sterchen m&ouml;chtest du f&uuml;r dies
+nette, runde Speck&auml;rmchen haben? Na, komm, la&szlig;
+einmal sehen.&ldquo;</p>
+
+<p>Wie aber der Doktor das &Auml;rmchen fassen wollte,
+zog Minnichen es rasch zur&uuml;ck und schrie lachend:
+&bdquo;Kitzekitz!&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_97" id="Page_97">[97]</a></span>&bdquo;Es meint, du wolltest's kitzeln&ldquo;, erkl&auml;rte Leo
+dem erstaunten Doktor. Dieser lachte, und diesmal
+mit festem Griff das &Auml;rmchen fassend,
+sagte er:</p>
+
+<p>&bdquo;Nein, kitzeln, das tut der Onkel Doktor nicht.
+Aber nun pa&szlig; einmal gut auf &ndash; drei nette
+P&uuml;nktchen mach' ich dir da oben hin, drei wirklich
+nette P&uuml;nktchen. Kannst du schon z&auml;hlen? Also
+eins, zwei, drei&nbsp;...!&ldquo;</p>
+
+<p>Minnichen hielt ganz still und schaute mit
+gro&szlig;er Aufmerksamkeit dem Doktor zu. Als er
+fertig war, hielt es ihm das andere &Auml;rmchen auch
+hin und sagte: &bdquo;Noch pickpick.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nein, aber so was!&ldquo; rief der Doktor verwundert.
+&bdquo;Das mu&szlig; ich sagen, ich hab' doch
+schon viele Kinder geimpft, es haben auch viele
+davon recht sch&ouml;n stillgehalten; aber bisher hat
+doch noch keines verlangt, noch mehr geimpft zu
+werden!&ldquo;</p>
+
+<p>Leos Augen leuchteten vor freudigem Stolz,
+als der Doktor dies sagte, und er versicherte:
+&bdquo;Ja, so eins wie mein Minnichen gibt's &uuml;berhaupt
+nicht mehr. Und, Onkel Doktor, wenn
+du erst w&uuml;&szlig;test, wie schlau es ist und was
+es schon alles kann! Denke dir, neulich ...&ldquo;<span class='pagenum'><a name="Page_98" id="Page_98">[98]</a></span>
+Und w&auml;hrend die Mutter und Tante Toni die
+Kleine wieder ankleideten, erz&auml;hlte er dem Arzt
+die Heldentaten seines Schwesterchens. Dieser
+h&ouml;rte eine Zeitlang freundlich zu, endlich klopfte
+er dem B&uuml;rschchen auf die Schulter und meinte
+schmunzelnd: &bdquo;Na, ein Wunder ist es ja nicht
+bei einem so t&uuml;chtigen Lehrmeister. &Uuml;bermorgen
+komme ich mal nachsehen, ob es diesmal anschlagen
+wird. Aber jetzt m&ouml;chte ich mir das kleine, blasse
+Fr&auml;uleinchen hier ein bi&szlig;chen n&auml;her besehen.&ldquo;
+Damit zog er Tonichen zu sich heran und begann
+dieselbe zu untersuchen, zu beklopfen und
+zu behorchen. Er machte dabei ein ernstes Gesicht
+und sch&uuml;ttelte ein paarmal mit dem Kopf,
+und erst als er bemerkte, wie Toni ihn mit
+ihren ernsten blauen Augen gar forschend ansah,
+versuchte er ein vergn&uuml;gtes Gesicht zu machen
+und zu scherzen. Aber das Kind lie&szlig; sich nicht
+t&auml;uschen, und sowie es gewahrte, da&szlig; die Aufmerksamkeit
+seiner Mutter durch die kleinen Geschwister
+in Anspruch genommen war, neigte es
+sich rasch zum Arzt hin und fragte leise: &bdquo;Werde
+ich bald sterben, Onkel Doktor?&ldquo;</p>
+
+<p>Dieser fuhr erschrocken zur&uuml;ck. Dann zog er
+klein Toni auf sein Knie, und sanft ihr K&ouml;pfchen<span class='pagenum'><a name="Page_99" id="Page_99">[99]</a></span>
+streichelnd fragte er: &bdquo;Wie kommst du denn auf
+diesen Gedanken, du Kleines? F&uuml;hlst du dich nicht
+wohl? Tut dir etwas weh &ndash; sag' mir's doch!&ldquo;</p>
+
+<p>Toni sch&uuml;ttelte das K&ouml;pfchen: &bdquo;Nein, weh
+tut mir eigentlich nichts. Ich bin nur immer
+so m&uuml;d'.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ach geh' doch, vom M&uuml;desein stirbt man doch
+nicht!&ldquo; sagte der Doktor l&auml;chelnd, und aufmunternd
+f&uuml;gte er hinzu: &bdquo;Komm, Kindchen, schau nicht so
+ernst drein, das pa&szlig;t ja gar nicht f&uuml;r dein Alter.
+Du sollst vergn&uuml;gt sein und springen und lachen,
+so wie dein kleines Schwesterchen da. H&ouml;r doch
+nur, wie es kr&auml;ht, und schau, wie es zappelt, da&szlig;
+man es kaum halten kann.&ldquo;</p>
+
+<p>Dann stand der Doktor auf, und die Mutter
+ging wieder mit ihm hinunter. Als Tante Toni
+etwas sp&auml;ter nachfolgte, da war der Doktor schon
+fort, aber Tante Toni merkte, da&szlig; ihre Schwester
+geweint hatte.</p>
+
+<p>&bdquo;Was gibt es denn, fehlt Tonichen etwas?&ldquo;
+fragte sie besorgt. &bdquo;Hat der Doktor etwas gefunden?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nein, er hat nichts gefunden; Lunge, Herz,
+alles ist gesund, und doch ist unser guter alter
+Doktor nicht ohne ernste Besorgnisse; denn das<span class='pagenum'><a name="Page_100" id="Page_100">[100]</a></span>
+Kind entwickelt sich nicht, im Gegenteil, es nimmt
+sichtlich ab.&ldquo;</p>
+
+<p>In diesem Augenblick kam Lilly ins Zimmer
+gest&uuml;rmt. &bdquo;Tante Maria, darf ich heute bei dir
+zu Mittag essen?&ldquo; rief sie. &bdquo;Otto ist zu Tante
+Luise gegangen; denn Papa ist fort, und unser
+Fr&auml;ulein hat so arges Kopfweh.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Gewi&szlig; darfst du hier essen, Lilly. Wo ist
+Papa denn hin? Er hat gestern gar nicht davon
+gesprochen, da&szlig; er heute verreisen m&uuml;sse.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Er hat's gestern ja selbst noch nicht gewu&szlig;t,
+und er kommt diesen Abend auch schon
+zur&uuml;ck.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Willst du denn einstweilen in den Garten
+gehen? Du wirst wahrscheinlich Anna dort finden.&ldquo;</p>
+
+<p>Lilly ging zur T&uuml;re, dort blieb sie aber z&ouml;gernd
+stehen; sie blickte unschl&uuml;ssig auf ihre beiden Tanten;
+man sah ihr an, sie h&auml;tte gerne noch etwas gesagt,
+sie getraute sich aber nicht recht.</p>
+
+<p>Tante Toni sah ihre Nichte aufmerksam an;
+auch Frau Wulff bemerkte des Kindes Z&ouml;gern.
+&bdquo;Lilly, was hast du denn?&ldquo; fragte sie in freundlichem,
+aufmunterndem Ton.</p>
+
+<p>Jetzt lie&szlig; aber Lilly den Kopf auf die Brust
+sinken, und sie fing an zu weinen. Da nahm<span class='pagenum'><a name="Page_101" id="Page_101">[101]</a></span>
+Tante Maria sie auf den Scho&szlig;, sie strich ihr
+die Haare aus dem Gesichte, trocknete ihr die
+Tr&auml;nen, und dann sagte sie: &bdquo;So, mein liebes
+Kind, nun erz&auml;hl uns, was dich dr&uuml;ckt.&ldquo;</p>
+
+<p>Aber Lilly weinte nur um so mehr &ndash; endlich
+stammelte sie: &bdquo;Ach, der Papa &ndash; ich hab' solche
+Angst um den Papa!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Aber warum denn, Lilly? Er war doch schon
+&ouml;fter verreist, und du sagst ja selbst, da&szlig; er diesmal
+nur f&uuml;r einen Tag fort ist!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, deshalb ist es auch nicht. Aber diesen
+Morgen ist ein Polizeidiener gekommen und hat
+dem Papa einen schrecklich gro&szlig;en Brief gebracht,
+und da war der Papa sehr aufgeregt, und er
+hat gesagt, er m&uuml;sse gleich fort, um wichtige
+Papiere zu holen. Und Otto meint, dieser gro&szlig;e
+Brief sei eine Vorladung vor Gericht, und er hat
+auch geh&ouml;rt, wie der G&auml;rtner und der Milchmann
+zusammen geredet haben und wie sie gesagt haben,
+die b&ouml;sen Leute wollten unsern Papa unsch&auml;dlich
+machen; und, Tante, &sbquo;unsch&auml;dlich machen&lsquo;, das
+hei&szlig;t doch, sie wollen ihn tot machen &ndash; der
+Otto hat es in seiner &sbquo;Tigerjagd&lsquo; gelesen; da steht
+es: wie der Tiger tot war, da freuten sich die
+Menschen, weil er nun endlich unsch&auml;dlich gemacht<span class='pagenum'><a name="Page_102" id="Page_102">[102]</a></span>
+war.&ldquo; Und Lilly brach von neuem in bittere
+Tr&auml;nen aus.</p>
+
+<p>Tante Maria aber streichelte ihr die Wangen,
+und sie wie ein kleines Kind in den Armen
+wiegend, sagte sie in beruhigendem Ton:</p>
+
+<p>&bdquo;Da sei du nur ganz ruhig, Lillchen, &ndash; das
+habt ihr beide nicht richtig verstanden; deinem
+lieben Vater kann und wird nichts geschehen. Alle
+guten und edeln Menschen haben Gegner &ndash; das
+ist nun einmal so auf der Welt &ndash;, und so gibt
+es auch b&ouml;se Menschen, die deinen Vater verleumden;
+aber la&szlig; nur die Gerichtsverhandlung
+kommen, die brauchst du gar nicht zu f&uuml;rchten;
+da werden alle Leute erfahren, was f&uuml;r ein guter
+Mensch dein Vater ist, und seine Verleumder
+werden bestraft werden.&ldquo;</p>
+
+<p>Lilly hatte aufmerksam zugeh&ouml;rt. &bdquo;Ja? glaubst
+du, Tante Maria? Und dem Papa wird nichts
+geschehen?&ldquo; Und das Kind atmete erleichtert auf.
+Dann sprang es hinaus in den Garten, um dort
+Anna und die Zwillinge aufzusuchen.</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_103" id="Page_103">[103]</a></span></p>
+<h2><a name="Sechstes_Kapitel" id="Sechstes_Kapitel"></a>Sechstes Kapitel.<br/>
+<big>Tante Toni geht mit ihrer Bande
+auf den Wetterstein. Otto spielt einen
+schlimmen Streich.</big></h2>
+
+
+<p>Es war wieder Sonntag und das herrlichste
+Wetter.</p>
+
+<p>&bdquo;Heute m&uuml;ssen wir aber einen sch&ouml;nen, gro&szlig;en
+Spaziergang machen&ldquo;, sagte Tante Toni auf dem
+Heimweg von der Kirche; &bdquo;ich m&ouml;chte so gerne
+mal wieder zum Wetterstein gehen &ndash; ist euch
+das nicht zu weit?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;O nein, Tante, gewi&szlig; nicht! Und der Weg
+dahin ist so sch&ouml;n und man mu&szlig; t&uuml;chtig klettern!&ldquo;</p>
+
+<p>Alle Kinder waren gleich Feuer und Flamme
+f&uuml;r den Spaziergang, und es wurde beratschlagt,
+um wieviel Uhr man aufbrechen und was man
+alles mitnehmen m&uuml;sse.</p>
+
+<p>&bdquo;Aber f&uuml;r Tonichen wird es doch zu weit
+sein &ndash; diesmal wirst du wohl zu Hause bleiben
+m&uuml;ssen.&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_104" id="Page_104">[104]</a></span>Klein Toni lie&szlig; betr&uuml;bt das K&ouml;pfchen h&auml;ngen,
+aber ihr Gesichtchen hellte sich gleich wieder auf,
+als ihre Mutter sagte:</p>
+
+<p>&bdquo;Tonichen bleibt heute bei mir, und wir werden
+uns schon gut zusammen unterhalten; nicht wahr,
+mein Kind?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Wirklich, Mama, darf ich den ganzen Nachmittag
+bei dir bleiben, und willst du mit mir
+spielen?&ldquo; Und ihre &Auml;uglein gl&auml;nzten vor Freude.</p>
+
+<p>&bdquo;Gewi&szlig;, mein Herzchen, ich spiele mit dir,
+erz&auml;hle oder lese dir vor &ndash; was du am liebsten
+hast. Und wir geben dabei zusammen auf die
+zwei Kleinen acht; denn Gretchen ist heute nicht
+da, sie darf ihre Mutter besuchen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Der Rudi k&ouml;nnte eigentlich heute auch zu
+Hause bleiben, damit wir Gro&szlig;en doch mal unter
+uns sind!&ldquo; Und Otto, welcher dies gesagt hatte,
+reckte sich in die H&ouml;he, um m&ouml;glichst viel gr&ouml;&szlig;er
+zu erscheinen wie Rudi.</p>
+
+<p>Die andern machten alle &auml;rgerliche Gesichter.
+&bdquo;Man meint wirklich, du h&auml;ttest hier etwas zu
+befehlen&ldquo;, sagte Kurt. &bdquo;Wenn der Rudi nicht
+mitgeht, dann bleib' ich auch daheim.&ldquo;</p>
+
+<p>Und: &bdquo;Ich auch!&ldquo; &bdquo;Ich auch!&ldquo; riefen Paul
+und Philipp, Mariechen und Anna.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_105" id="Page_105">[105]</a></span>&bdquo;Dann gehen wir beide mit Tante Toni allein!&ldquo;
+Und triumphierend dr&auml;ngten sich Otto und Lilly
+an die Tante. Diese wehrte jedoch ab und sagte
+in ernstem Ton:</p>
+
+<p>&bdquo;So l&auml;&szlig;t Tante Toni doch nicht &uuml;ber sich verf&uuml;gen.
+Rudi geht jedenfalls mit &ndash; er kann
+gewi&szlig; so gut marschieren wie Lilly und Anna,
+und ich sehe gar nicht ein, weshalb er zur&uuml;ckbleiben
+sollte. Wer sonst noch von euch mitgehen
+will, ist herzlich willkommen, aber ich zwinge
+niemand. Es steht dir also frei, Otto, mitzugehen
+oder zu Hause zu bleiben &ndash; wenn du
+dich aber zum Mitgehen entschlie&szlig;est, so bitte ich
+mir aus, da&szlig; du dich gut benimmst und keinen
+Streit anf&auml;ngst.&ldquo;</p>
+
+<p>Otto zuckte &auml;rgerlich die Achseln und gab keine
+Antwort &ndash; aber gleich nach Tisch, zur festgesetzten
+Stunde, fand er sich sehr p&uuml;nktlich mit
+Lilly ein, und er tat, als ob sich das ganz von
+selbst verst&auml;nde und als ob am Morgen gar nichts
+vorgefallen w&auml;re. Nur als Tante Toni ihn wie
+fragend ansah, da schaute er verlegen weg und
+machte sich an seinem Rucksack zu schaffen. Unterwegs
+sprach er mehrmals leise mit Lilly, und
+einmal h&ouml;rte Mariechen, wie er sagte: &bdquo;Aber da&szlig;<span class='pagenum'><a name="Page_106" id="Page_106">[106]</a></span>
+du schweigst, Lilly, da&szlig; du mich nicht verr&auml;tst!
+Wenn du etwas sagst, dann sollst du sehen!&ldquo;
+Worauf Lilly vorwurfsvoll antwortete: &bdquo;Ich hab'
+dich doch noch nie verraten!&ldquo;</p>
+
+<p>Auch auf diesem Wege fand Tante Toni h&auml;ufig
+Gelegenheit, den Kindern allerhand kleine Ereignisse
+aus ihrer Kinderzeit zu erz&auml;hlen. Als sie an einem
+kleinen Kapellchen, das am Fu&szlig;e einer Anh&ouml;he
+stand, vorbeikamen, blieb sie stehen und rief aus:</p>
+
+<p>&bdquo;O Kinder, hier wollen wir ein Marienlied
+singen &ndash; das haben wir auch fr&uuml;her stets getan,
+wenn wir hier vorbeikamen.&ldquo;</p>
+
+<p>Sie stimmte an: &bdquo;Salve Regina, Reinste aus
+allen.&ldquo; Die hellen Kinderstimmen fielen ein, und
+das klang so froh und so feierlich durch die
+Sonntagsstille. Auf der Landstra&szlig;e dr&uuml;ben blieb
+ein Wanderer stehen, er nahm den Hut ab und
+horchte, und als der Gesang fertig war, da ging
+er sinnend, mit gesenktem Kopfe weiter. Im
+Kapellchen drinnen aber sa&szlig; ein altes M&uuml;tterchen,
+das freute sich so, da&szlig; ihm die hellen Tr&auml;nen
+&uuml;ber die runzeligen Backen liefen, und zum Schlu&szlig;
+fiel es ein und sang mit zitterigem Stimmchen mit:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&bdquo;Hilf uns, Maria!<br /></span>
+<span class="i0">Maria, hilf!&ldquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_107" id="Page_107">[107]</a></span>Nun f&uuml;hrte der Weg in den Wald, und er
+begann sehr zu steigen.</p>
+
+<p>&bdquo;Soll ich dich ein bi&szlig;chen schieben, Tante Toni?&ldquo;
+bot Rudi sich an. &bdquo;Das kann ich sehr gut, gelt,
+Mieze? Ich hab' die Mieze schon &ouml;fter einen
+Berg hinaufgeschoben, wenn sie m&uuml;d' war.&ldquo;</p>
+
+<p>Tante Toni lachte: &bdquo;Ich danke dir, lieber
+Rudi; ich bin aber wirklich noch gar nicht m&uuml;de,
+und ich kann noch recht gut klettern. Du sollst
+dich auch nicht so anstrengen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;O Tante Toni, das tut mir nichts &ndash; ich
+bin stark, sehr stark!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Prahlhans!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Das ist nicht geprahlt, Otto, und du wei&szlig;t's
+recht gut, da&szlig; ich stark bin!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Doch lange nicht so stark wie der Otto&ldquo;,
+mischte sich nun Lilly ein, und sie warf Rudi
+einen herausfordernden Blick zu.</p>
+
+<p>&bdquo;Oho, Lilly!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, und deinen gro&szlig;en Mut haben wir ja
+auch neulich bewundern k&ouml;nnen, Herr Schwanenritter!&ldquo;</p>
+
+<p>Rudi war bei dieser Bemerkung Ottos hochrot
+im Gesicht geworden, und er schrie: &bdquo;Dich h&auml;tt' ich
+sehen wollen, wenn dich der Schwan angefallen<span class='pagenum'><a name="Page_108" id="Page_108">[108]</a></span>
+h&auml;tte; du w&auml;rst &uuml;berhaupt in Ohnmacht gefallen
+vor Angst, du Waschlappen du!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Das ist nicht wahr, und du bist ein ganz
+ungezogener, frecher Bub!&ldquo;</p>
+
+<p>Die beiden Knaben w&auml;ren gewi&szlig; wieder aneinander
+geraten, w&auml;re nicht Tante Toni rasch
+dazwischengetreten. Kurt sagte nun eindringlich:
+&bdquo;Ich will auch mal was sagen: An jenem Tage
+haben wir uns alle eigentlich blamiert, und Tante
+Toni war die einzige, die Mut und Besonnenheit
+gezeigt hat.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Hoch lebe Tante Toni, unser General!&ldquo; schrie
+Anna, ihren Hut schwenkend, und in diesen Ruf
+stimmten die andern gerne ein; nur Otto machte
+ein verbissenes Gesicht, und er fl&uuml;sterte Lilly zu:
+&bdquo;Und ich werd's ihm doch noch eintr&auml;nken!&ldquo;</p>
+
+<p>Im Weiterschreiten erkl&auml;rte Tante Toni: &bdquo;Die
+K&ouml;rperst&auml;rke, liebe Kinder, ist ja eine sehr gute
+und sch&ouml;ne Sache, aber sie ist kein Verdienst;
+denn sie ist einem verliehen, man kann sie sich
+nicht selbst verschaffen, man kann h&ouml;chstens die
+vorhandene entwickeln. Es gibt aber eine andere
+St&auml;rke, die steht weit h&ouml;her als die K&ouml;rperst&auml;rke,
+und die kann jeder erlangen, wenn er nur
+ernstlich will; das ist die Charakterst&auml;rke, die<span class='pagenum'><a name="Page_109" id="Page_109">[109]</a></span>
+Seelenst&auml;rke. Ob der Rudi den Otto im Wettkampfe
+besiegt oder der Otto den Rudi, ob der
+Paul den Philipp unterkriegt oder umgekehrt
+der Philipp den Paul, das scheint euch von gro&szlig;er
+Wichtigkeit; mir dagegen beweist es nur, da&szlig; der
+eine kr&auml;ftigere Muskeln hat als der andere, ich
+achte keinen daf&uuml;r h&ouml;her oder geringer. Aber
+den, der sich selbst besiegt, den, der seinen Zorn,
+seine Mi&szlig;gunst, seine Selbstsucht und seine andern
+b&ouml;sen Neigungen meistern kann, den achte ich wirklich
+hoch, der ist in Wahrheit gro&szlig; und stark,
+und wenn er nach au&szlig;en auch nur ein armer
+Kr&uuml;ppel w&auml;re.&ldquo;</p>
+
+<p>Die Kinder hatten aufmerksam zugeh&ouml;rt, und
+alle gingen eine Zeitlang schweigend und nachdenklich
+weiter, bis endlich Anna ausrief: &bdquo;So,
+nun wollen wir aber wieder lustig sein! D&uuml;rfen
+wir, Tante Toni?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ihr sollt sogar!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;O weh, Tante, was man soll, das kann man
+lange nicht so gut als das, was man nur darf!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ein gro&szlig;es Wort sprichst du gelassen aus&ldquo;,
+deklamierte Kurt, dann f&uuml;gte er hinzu: &bdquo;Also
+los, &Auml;nne, mach' mal einen von deinen ber&uuml;hmten
+Witzen, damit es was zu lachen gibt!&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_110" id="Page_110">[110]</a></span>Anna legte die Stirne in Falten und versank
+in Nachdenken, so da&szlig; Rudi meinte: &bdquo;Du siehst
+aus, als m&uuml;&szlig;test du eine sehr schwere Rechenaufgabe
+l&ouml;sen.&ldquo;</p>
+
+<p>Anna gestand in kl&auml;glichem Tone: &bdquo;Es f&auml;llt
+mir wirklich gar nichts ein, so sehr ich mir auch
+den Kopf zerbreche. Das ist doch zu dumm: in
+der Schule, in der Kirche, wenn Besuch da ist,
+dann f&auml;llt mir immer allerhand ein, wor&uuml;ber ich
+lachen mu&szlig;; aber wenn ich's gerad' m&ouml;chte,
+dann wei&szlig; ich nichts und dann erinnere ich mich
+nicht einmal der drolligen Sachen, die mir fr&uuml;her
+eingefallen sind.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Es ist auch schwer, so auf Kommando witzig
+zu sein&ldquo;, tr&ouml;stete Tante Toni. &bdquo;&Uuml;brigens scheint
+es mir geraten, jetzt eure ganze Aufmerksamkeit
+auf den Weg zu lenken; er wird sehr
+steil, und in diesem Ger&ouml;ll k&ouml;nnte man sehr
+leicht fallen. Rudi, Lilly, Otto, gebt recht acht,
+Kinder!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;O Tante, mich brauchst du doch nicht zu
+den kleinen Kindern zu rechnen!&ldquo; erwiderte Otto
+beleidigt. &bdquo;Gib du nur auf den kleinen Rudi
+acht, ich werde schon f&uuml;r Lilly sorgen. Komm,
+Lilly, gib mir die Hand.&ldquo; Und die Hand seines<span class='pagenum'><a name="Page_111" id="Page_111">[111]</a></span>
+Schwesterchens fassend, zog er dieses eilig mit
+den Berg hinauf.</p>
+
+<p>&bdquo;Nicht so rasch, Otto, ich rutsch' immer aus&ldquo;,
+klagte Lilly; &bdquo;zieh mich doch nicht so fest!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Schweig doch still!&ldquo; fl&uuml;sterte Otto ihr zu.
+&bdquo;Du kannst ja ordentlich klettern! Ich m&ouml;chte
+der Tante Toni doch zeigen, da&szlig; ich kein kleines
+Kind mehr bin, und wir wollen zuerst oben sein.&ldquo;</p>
+
+<p>Lilly schwieg nun auch gehorsam still und gab
+sich alle M&uuml;he, mit ihrem Bruder Schritt zu
+halten, und die beiden waren den andern schon
+ein gutes St&uuml;ck voraus. Tante Toni rief ihnen
+&auml;ngstlich zu: &bdquo;Nicht so rasch, Otto und Lilly,
+ihr seid zu waghalsig!&ldquo;</p>
+
+<p>Aber Otto lachte nur statt aller Antwort, und
+die Hand seines Schwesterchens, welches eben
+beinah' gefallen w&auml;re, fester fassend, sagte er leise
+und aufmunternd: &bdquo;Jetzt noch einen t&uuml;chtigen
+Anlauf, und wir sind oben.&ldquo; Er nahm aber
+den Anlauf so stark und ri&szlig; Lilly so heftig mit
+sich, da&szlig; beide, oben angekommen, zur Erde st&uuml;rzten.
+Otto sprang schnell wieder auf und half auch Lilly
+in die H&ouml;he. Er hatte nur arg zerschundene H&auml;nde
+und Knie, aber Lilly war mit dem Gesicht auf
+den steinigen Boden gefallen, sie hatte eine gro&szlig;e<span class='pagenum'><a name="Page_112" id="Page_112">[112]</a></span>
+Beule an der Stirne, und sie blutete stark aus der
+Nase. Die Tr&auml;nen liefen ihr &uuml;bers Gesicht; aber
+als Otto in sie drang: &bdquo;So wein doch nicht,
+Lilly, sonst krieg' ich's ja!&ldquo; da verbi&szlig; sie ihren
+Schmerz, und sie versicherte der besorgten Tante
+Toni, sie h&auml;tte sich gar nicht arg wehgetan. Aber
+das Nasenbluten dauerte fort, und da kein Wasser
+zur Hand war, mu&szlig;te Lilly sich unter einen
+Baum platt auf den R&uuml;cken legen und Tante
+Toni dr&uuml;ckte ihr zusammengelegtes Taschentuch
+sanft auf die Beule, die immer heftiger anschwoll.
+Mariechen bem&uuml;hte sich unterdessen, Ottos zerschundenes
+Knie, so gut es ohne Wasser ging,
+zu reinigen und zu verbinden. Rudi, der dabeistand
+und zusah, konnte sich nicht enthalten, zu
+sagen: &bdquo;Na, ein Gl&uuml;ck, da&szlig; du diesmal die
+Schuld nicht auf mich w&auml;lzen kannst, sonst h&auml;tten
+wir ein sch&ouml;nes Konzert zu h&ouml;ren bekommen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Schweig!&ldquo; herrschte Otto ihn an, und Rudi
+schwieg auch, aber nicht um Otto zu gehorchen,
+sondern weil Mariechen ihm einen bittenden Blick
+zugeworfen hatte.</p>
+
+<p>In Otto aber kochte und g&auml;rte es. Er f&uuml;hlte
+ganz genau, da&szlig; er im Unrecht war; er hatte
+dem Befehl der Tante, die zur Vorsicht mahnte,<span class='pagenum'><a name="Page_113" id="Page_113">[113]</a></span>
+gerade entgegengehandelt, er hatte sich selbst und
+mehr noch seinem Schwesterchen empfindlich wehgetan,
+und aus dem geplanten Triumph war
+eine Niederlage geworden. Statt sich nun &uuml;ber
+sich selbst und &uuml;ber seine Unvorsichtigkeit zu
+&auml;rgern, &auml;rgerte er sich &uuml;ber die andern, ganz
+besonders aber &uuml;ber Rudi und Tante Toni, und
+diese letztere hatte ihm doch nicht einmal den
+wohlverdienten Verweis gegeben.</p>
+
+<p>Erst nachdem Lilly eine halbe Stunde stillgelegen
+und sich ausgeruht hatte, erlaubte Tante
+Toni ihr, wieder aufzustehen, und nun konnte
+der Weg zum Wetterstein endlich fortgesetzt werden.
+Paul, Kurt und Philipp sahen Otto gerade nicht
+mit z&auml;rtlichen Blicken an, w&auml;hrend sie &uuml;ber diese
+unwillkommene Verz&ouml;gerung knurrten.</p>
+
+<p>&bdquo;Dieser Otto mu&szlig; einem doch immer jedes
+Vergn&uuml;gen verderben&ldquo;, brummte Kurt, und Anna
+pflichtete ihm bei, halb &auml;rgerlich, halb lachend:
+&bdquo;Ich glaube, der ist &uuml;berhaupt nur auf der Welt,
+damit wir uns in der Geduld &uuml;ben! Ich erkl&auml;re
+euch aber feierlich, da&szlig; <em class="gesperrt">meine</em> Geduld nun
+zu Ende ist, und wenn er uns jetzt noch etwas
+einbrockt, dann &ndash; ja dann spring' ich ihm auf
+den R&uuml;cken und sch&uuml;ttle ihn und r&uuml;ttle ihn; seht,<span class='pagenum'><a name="Page_114" id="Page_114">[114]</a></span>
+so ...!&ldquo; Und Anna packte den ahnungslosen
+Philipp und sch&uuml;ttelte und ri&szlig; ihn herum, so
+da&szlig; er kl&auml;glich schrie: &bdquo;Bist du denn toll geworden,
+&Auml;nne? Die Flasche mit Himbeersaft in
+meinem Rucksack geht ja kaput!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Was, Himbeersaft hast du da drin? Warum
+hast du das nicht eher gesagt? Da mu&szlig; ich halt
+nun meinen gerechten Zorn bezwingen, wenigstens
+bis ich geholfen habe, deinen Himbeersaft auszutrinken.
+Aber da sind wir ja schon! Ich gr&uuml;&szlig;e
+dich, edler, altehrw&uuml;rdiger Wetterstein nebst Gemahlin,
+Kindern und Enkeln!&ldquo; Und Anna verneigte
+sich ehrfurchtsvoll und tief vor dem gro&szlig;en,
+grauen und verwitterten Felsblock, der den Gipfel
+des Berges kr&ouml;nt. Rundherum waren aber noch
+mehrere Steinbl&ouml;cke, gro&szlig;e und kleine, und Anna
+begann sofort diese zu z&auml;hlen.</p>
+
+<p>&bdquo;Warum z&auml;hlst du denn die Steine?&ldquo; fragte
+Mariechen.</p>
+
+<p>&bdquo;Ei, ich will doch sehen, ob die Familie des
+edlen Herrn von Wetterstein sich vermehrt hat,
+seitdem wir das letztemal hier waren!&ldquo;</p>
+
+<p>Philipp, der schon seinen Rucksack abgeschnallt
+hatte, sagte ungeduldig: &bdquo;Komm, Anna, la&szlig; doch
+den Unsinn! Schau mal her, Tante Toni, da<span class='pagenum'><a name="Page_115" id="Page_115">[115]</a></span>
+ist ein Stein, der ist gerade wie gemacht, um
+uns als Tisch zu dienen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Aber was f&auml;llt dir ein, Philipp!&ldquo; rief Anna
+mit gutgespielter Entr&uuml;stung. &bdquo;Dieser Stein ist ja
+gerade dem Herrn von Wetterstein seine Schwiegertochter;
+er wird es dir furchtbar &uuml;belnehmen,
+wenn du diese als Tisch ben&uuml;tzen willst. Tante
+Toni, du stimmst mir doch sicher bei?&ldquo;</p>
+
+<p>Allein Tante Toni h&ouml;rte nicht; sie stand mit
+Mariechen und Paul am Rand des Gipfels, und
+alle drei sahen ins wunderliebliche Maintal hinunter.
+Es war ein ungew&ouml;hnlich klarer Tag,
+und wie aus einem Baukasten aufgebaut sah
+man das St&auml;dtchen in der Ferne am Mainufer
+liegen.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich seh' das sch&ouml;ne Schlo&szlig; mit seinen vier
+T&uuml;rmen&ldquo;, rief Mariechen; &bdquo;auch den Turm der
+Stiftskirche seh' ich!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Wenn nicht diese dummen B&auml;ume gerade im
+Weg w&auml;ren, k&ouml;nnte ich unser Haus und den
+Garten sehen; aber diese ekligen B&auml;ume gerade
+hier vor unserer Nase, wo man sich auch hinstellt,
+immer sind sie einem im Weg!&ldquo;</p>
+
+<p>Tante Toni lachte: &bdquo;Geh', Paul, du wirst
+dich doch wohl nicht ernstlich &auml;rgern dar&uuml;ber,<span class='pagenum'><a name="Page_116" id="Page_116">[116]</a></span>
+da&szlig; du euer Haus nicht sehen kannst! Der Blick
+hier ist so wundersch&ouml;n; wir wollen ihn freudig
+genie&szlig;en und uns nicht durch Kleinigkeiten st&ouml;ren
+lassen. Aber h&ouml;rt mal den Philipp, er scheint
+ungeduldig zu werden, er ist sicher mal wieder
+hungrig, der arme Junge!&ldquo;</p>
+
+<p>Philipp hatte inzwischen schon die Rucks&auml;cke
+ausgepackt und trotz Annas Einsprache auf dem
+zum Tisch auserlesenen Stein einen Imbi&szlig; hergerichtet.
+Alle lagerten sich ins Moos, und die
+ganze Gesellschaft, auch Tante Toni, machten sich
+eifrig &uuml;ber die Butterbrote her. Philipps Himbeersaft
+fand ebenfalls gro&szlig;en Beifall, er wurde ausgezeichnet
+gefunden, woraufhin Anna mit gro&szlig;em
+Ernst behauptete, er sei nur deshalb so gut, weil
+sie ihn vorhin ordentlich durcheinandergesch&uuml;ttelt
+h&auml;tte.</p>
+
+<p>Als nach dem Essen Philipp sich lang ins
+Moos streckte und die M&uuml;tze &uuml;ber die Augen
+ziehen wollte, um ein bi&szlig;chen zu schlafen, da
+rief Tante Toni halb lachend, halb &auml;rgerlich:
+&bdquo;Aber Philipp, wie kannst du ans Schlafen
+denken! Genie&szlig;e doch mit offenen Augen und mit
+offenem Herzen diesen sch&ouml;nen Tag! Schau um
+dich, sieh zum blauen Himmel hinauf, horch auf das<span class='pagenum'><a name="Page_117" id="Page_117">[117]</a></span>
+S&auml;useln des Windes und lausch dem Gesang der
+V&ouml;gel!&ldquo;</p>
+
+<p>Alle blieben eine Zeitlang still, bis endlich
+Anna halblaut sagte: &bdquo;Ich wei&szlig; nicht, Tante,
+wie das ist; wir sind doch gar nicht so weit von
+der Stadt entfernt, und doch, wenn wir hier so
+stille sind, dann kommt es mir vor, als seien
+wir in einer ganz andern Gegend, weit, weit
+fort von daheim, und ich kann mir's kaum vorstellen,
+da&szlig; wir diesen Abend wieder zu Hause
+sein werden.&ldquo;</p>
+
+<p>Tante Toni nickte l&auml;chelnd: &bdquo;Das Gef&uuml;hl kenne
+ich auch, &Auml;nnchen. Das geh&ouml;rt zum Spessart;
+er hat so etwas Einsames, so etwas Urwaldliches
+und Weltfremdes an sich, und das bleibt
+ihm auch, obwohl man schon angefangen hat, ihn
+mit Sommerfrischlern zu bev&ouml;lkern. Auf dem
+Rohrbrunn zum Beispiel, dort sind in den Ferien
+ja schon eine Menge Fremde, und doch, wenn
+man am Jagdschl&ouml;&szlig;chen vorbei den Weg nach
+Silvan hinaufgeht, da ist man auf einmal wie
+in die gr&ouml;&szlig;te Einsamkeit versetzt. Auf einer
+Seite dichter Wald, auf der andern blickt man
+in ein stilles Tal, dar&uuml;ber hinaus Berge und
+W&auml;lder, nichts als Berge und W&auml;lder, kein Haus,<span class='pagenum'><a name="Page_118" id="Page_118">[118]</a></span>
+keine H&uuml;tte, nirgends eine Spur von der N&auml;he
+eines bewohnten Ortes; man k&ouml;nnte meinen, man
+w&auml;re weit, weit fort von jeglichem Verkehr, in
+einer richtigen Ein&ouml;de.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, ich kenne die Stelle&ldquo;, nickte Paul.</p>
+
+<p>&bdquo;&Uuml;berhaupt, Tante Toni, &uuml;ber unsern Spessart
+geht doch nichts!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Da hast du recht!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Wie, Tante, das sagst du? Und du bist
+doch in der Schweiz und in Italien gewesen!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Selbst in der Schweiz, in Italien, im herrlichen
+Neapel, auf dem Monte Pellegrino in Palermo
+habe ich, trotz aller Bewunderung und
+Begeisterung, ein leises Sehnen nach dem Spessart
+nicht unterdr&uuml;cken k&ouml;nnen, und als ich dann nach
+der Heimkehr zum erstenmal wieder in den Spessart
+wanderte, da hab' ich erst so recht eigentlich empfunden,
+wie sch&ouml;n unsere Heimat ist!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Bravo, Tante! Du bist halt doch eine echte
+Spessarterin geblieben, und du und der Gro&szlig;papa,
+ihr m&uuml;&szlig;t unbedingt wieder her&uuml;berziehen!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, vielleicht wenn mal Onkel Ernst aus
+Amerika zur&uuml;ckkommt und die Leitung der Gesch&auml;fte
+&uuml;bernimmt, so da&szlig; Gro&szlig;papa sich zur&uuml;ckziehen
+kann.&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_119" id="Page_119">[119]</a></span>&bdquo;Wann wird er denn endlich zur&uuml;ckkommen,
+der Onkel Ernst?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ich wei&szlig; es nicht. Aber horch! Was ist
+das? Wer singt denn da?&ldquo;</p>
+
+<p>Aus dem nahen Wald klang, bald aus der
+N&auml;he, frisch und kr&auml;ftig, bald aus der Ferne,
+ged&auml;mpft, wie ein richtiges Echo, der Wechselgesang:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&bdquo;Im Wald, im Wald,<br /></span>
+<span class="i0">Im frischen, gr&uuml;nen Wald &ndash; wo's Echo hallt.&ldquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Es waren Mariechen und Anna, die sich leise
+fortgeschlichen hatten, um der lieben Tante diese
+kleine &Uuml;berraschung zu bereiten.</p>
+
+<p>&bdquo;Das habt ihr brav gemacht, Kinder!&ldquo; rief
+Tante Toni am Schlu&szlig; sichtlich erfreut. &bdquo;Ihr
+wi&szlig;t ja, wie gern ich unsere sch&ouml;nen deutschen
+Lieder im lieben deutschen Wald oder auf den
+deutschen Bergen h&ouml;re! Kennt ihr das Lied:
+&sbquo;Wer hat dich, du sch&ouml;ner Wald, aufgebaut?&lsquo;&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;O gewi&szlig;, das kennen wir alle!&ldquo; Und diesmal
+stimmten auch die Knaben mit ein. Paul, der
+eine sch&ouml;ne Stimme und gutes Geh&ouml;r hatte, sang
+die zweite Stimme. Tante Toni sa&szlig; ganz still
+und freute sich, wie der helle Kindergesang so
+frisch in die freie Natur hinausschallte.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_120" id="Page_120">[120]</a></span>&bdquo;Sogar die V&ouml;glein schwiegen und h&ouml;rten euch
+zu&ldquo;, behauptete sie, als das Lied zu Ende war.</p>
+
+<p>&bdquo;Nun mu&szlig;t du aber auch singen, Tante&ldquo;,
+baten die Kinder, und es erklang noch gar manch
+lustiges und manch schwerm&uuml;tiges Volksliedchen,
+bis auf einmal ein anderer, ein feierlicher Ton
+sich unter den Gesang mischte &ndash; von der Dorfkirche
+drunten im Tal das Abendl&auml;uten.</p>
+
+<p>Da verstummte der Gesang und alle lauschten
+still, bis der letzte Glockenton verhallt war.</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich sprang Tante Toni auf und rief:
+&bdquo;Aber, Kinder, wir vergessen ja ganz die Zeit!
+Schnell, schnell zum Aufbruch geblasen, damit
+wir noch vor Dunkelwerden heimkommen!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;O wie schade, es war so wundersch&ouml;n hier!&ldquo;
+bedauerten die Kinder, sich zum Aufbruch richtend.</p>
+
+<p>&bdquo;Aber wo ist denn Otto?&ldquo; fragte auf einmal
+Tante Toni, sich nach allen Seiten umsehend.
+Niemand wu&szlig;te es, niemand hatte ihn fortgehen
+sehen. Aber Mariechen behauptete, er k&ouml;nne noch
+nicht lange fort sein, denn vor wenigen Minuten
+h&auml;tte sie ihn noch im Gras herumkriechen sehen.</p>
+
+<p>&bdquo;Otto, Otto!&ldquo; riefen nun Tante und Kinder
+in alle Windrichtungen, aber es erfolgte keine
+Antwort.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_121" id="Page_121">[121]</a></span>&bdquo;Das ist recht fatal, denn wir haben uns schon
+sowieso etwas versp&auml;tet!&ldquo; Tante Toni schien ein
+wenig unzufrieden, und nach einigem Nachdenken
+entschlo&szlig; sie sich, da alles Rufen vergeblich blieb,
+die Zwillinge und Philipp nach verschiedenen
+Richtungen als Kundschafter auszuschicken. &bdquo;Aber
+entfernt euch nicht zuweit und ruft von Zeit
+zu Zeit&ldquo;, empfahl sie besorgt.</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, und wer ihn findet oder ihn zuerst rufen
+h&ouml;rt, der st&ouml;&szlig;t ein Indianergeheul aus, damit
+wir's gleich wissen&ldquo;, schlug Anna vor; aber sie
+hatte wenig Erfolg mit ihrem Scherz. Nicht
+nur die Tante, auch die Kinder hatte ein unheimliches
+Gef&uuml;hl beschlichen; es war doch auch
+zu sonderbar, da&szlig; Otto so spurlos verschwunden
+war. Tante Toni war ganz bla&szlig; geworden, und
+sie sah so niedergeschlagen aus, da&szlig; Mariechen
+sie zu beruhigen suchte, indem sie sagte: &bdquo;Sorge
+dich doch nicht so, Tante; es kann ihm ja doch
+hier nichts zugesto&szlig;en sein.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Er k&ouml;nnte beim Umherstreifen gefallen sein;
+es gibt mehrere recht steile und gef&auml;hrliche Stellen
+hier am Berg.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Dann h&auml;tten wir ihn doch schreien h&ouml;ren.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Beim Singen konnte uns das leicht entgehen.&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_122" id="Page_122">[122]</a></span>Inzwischen h&ouml;rte man von Zeit zu Zeit den
+Zuruf der drei suchenden Knaben. Er klang
+schw&auml;cher und schw&auml;cher, dann n&auml;herte er sich
+wieder, aber von Otto keine Antwort.</p>
+
+<p>Die Sonne war schon ganz tief gesunken; im
+Westen r&ouml;tete sich der ganze Himmel, aber niemand
+hatte einen Blick f&uuml;r den herrlichen Sonnenuntergang
+&ndash; alle standen da und warteten und
+lauschten. Endlich kam Paul zur&uuml;ck, dann Philipp
+und zuletzt Kurt; niemand sagte ein Wort, die
+Kinder sahen sich ratlos an, dann richteten sie
+ihre Blicke erwartungsvoll auf Tante Toni, als
+ob sie doch helfen k&ouml;nnte und m&uuml;&szlig;te. Aber Tante
+Toni zitterte, wie wenn sie fr&ouml;re; sie mu&szlig;te sich
+an einen Baum lehnen, um nicht umzufallen; sie
+f&uuml;hlte ja die ganze schwere Verantwortung auf
+sich ruhen. Wie konnte sie denn heimkehren ohne
+Otto, ohne den Sohn ihres Bruders! Wortlos
+rang sie die H&auml;nde. Auf einmal raffte sie sich
+auf. &bdquo;Kinder, kommt, wir wollen beten!&ldquo; sagte
+sie, und inmitten der Kinderschar niederkniend,
+flehte sie aus tiefstem Herzen: &bdquo;Unter deinen
+Schutz und Schirm ...&ldquo;, und die Kinder stimmten
+mit ein. Ernst und feierlich hallte das Gebet in
+die stille Abendd&auml;mmerung hinein. Die V&ouml;glein<span class='pagenum'><a name="Page_123" id="Page_123">[123]</a></span>
+waren schon lange zur Ruhe gegangen, und von
+der Stadt schimmerten einzelne Lichter her&uuml;ber.</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich zuckte Tante Toni zusammen; es hatte
+sie jemand an der Schulter ber&uuml;hrt: es war
+Mariechen, und diese machte die Tante mit einer
+leisen Geb&auml;rde auf Lilly aufmerksam. Diese schien
+in der Tat die allgemeine Angst um ihren Bruder
+gar nicht zu teilen; sie kniete etwas abseits an
+einen Stein gelehnt, und sie schaute aufmerksam
+auf einen bestimmten Punkt &ndash; eben l&auml;chelte sie
+sogar ein wenig. Tante Toni folgte der Richtung
+ihres Blickes, und &ndash; fast h&auml;tte sie laut aufgeschrien.
+&ndash; Dort &uuml;ber dem gro&szlig;en Felsblock bewegte
+sich etwas; es zeichnete sich scharf gegen
+den klaren Abendhimmel ab &ndash; jetzt verschwand
+es wieder. &ndash; Aber nun verstand Tante Toni
+alles. Sie erinnerte sich, da&szlig; sich oben in diesem
+Stein eine ziemlich tiefe Mulde befand. Otto
+war unbemerkt hinter den Stein geschlichen, hinaufgeklettert
+&ndash; gut klettern, das konnte er ja &ndash;
+und hatte sich in die Mulde versteckt. Diese war
+allerdings oft mit Regenwasser gef&uuml;llt, aber es
+hatte ja nun l&auml;ngere Zeit nicht geregnet.</p>
+
+<p>Tante Toni atmete auf, wie von einer dr&uuml;ckenden
+Last befreit. Und doch fiel es ihr wieder<span class='pagenum'><a name="Page_124" id="Page_124">[124]</a></span>
+recht schwer aufs Herz, als sie nun daran dachte,
+da&szlig; Otto also all ihre und der Kinder Angst
+und Sorge mitangesehen und sich trotzdem nicht
+gezeigt hatte; auch Lilly hatte um Ottos Versteck
+gewu&szlig;t und hatte nichts getan, um sie aus
+der Angst zu befreien. Nach all dem, was sie
+eben ausgestanden, war das Herz der armen
+Tante schon ganz ersch&uuml;ttert, und nun kam dazu
+einerseits das Gef&uuml;hl der gro&szlig;en Erleichterung,
+anderseits der Schmerz &uuml;ber Ottos und Lillys
+Herzlosigkeit. Das alles st&uuml;rmte auf sie ein, sie
+konnte nicht mehr widerstehen und brach pl&ouml;tzlich in
+Tr&auml;nen aus. Die Kinder sahen sie erschreckt an.
+Mariechen mit ihrem guten, teilnehmenden Herzen
+hatte die Gef&uuml;hle der Tante teilweise erraten und
+verstanden; sie machte den andern ein Zeichen, so
+da&szlig; diese sich ganz still verhielten und der Tante
+ein wenig Zeit lie&szlig;en, um sich wieder zu fassen.</p>
+
+<p>Die Sonne war nun l&auml;ngst versunken, und
+sogar auf dem Gipfel des Berges hier fing es
+schon an d&auml;mmerig zu werden. Jetzt richtete
+Tante Toni sich auf, und sie sagte, ohne nach
+dem Felsblock zu blicken:</p>
+
+<p>&bdquo;Nun kommt, Kinder, wir haben keinen Augenblick
+mehr zu verlieren &ndash; wir m&uuml;ssen heim.&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_125" id="Page_125">[125]</a></span>Die Kinder schauten erstaunt auf Tante Toni &ndash;
+sie sah so eigen aus und ihre Stimme klang gar
+nicht wie sonst, aber sie folgten schweigend; nur
+Lilly blieb stehen und fragte halb &auml;ngstlich, halb
+trotzig: &bdquo;Und Otto?&ldquo;</p>
+
+<p>Tante Toni sah Lilly sehr ernst an, als sie
+antwortete: &bdquo;Wir warten nicht eine Minute l&auml;nger
+auf Otto. Bald wird es ganz dunkel sein, und
+da, wo Otto sich befindet, kann ihm ja nichts
+passieren &ndash; h&ouml;chstens eine Erk&auml;ltung kann er sich
+von dort mitbringen. Und du, Lilly, du gehst
+vor mir her, und ich verbiete dir, dich auch nur
+im geringsten zu entfernen. Nun schnell vorw&auml;rts!&ldquo;</p>
+
+<p>Tante Toni wu&szlig;te ganz genau, da&szlig; dies das
+beste Mittel sei, um Otto m&ouml;glichst rasch aus
+seinem Versteck zu treiben. Kaum hatte sie mit
+den Kindern den Platz verlassen, da tauchte Otto
+auch schon aus seinem Loche auf und begann
+vom Felsblock herunterzuklettern; das war aber
+nicht so leicht &ndash; wahrscheinlich gerade weil er
+so eilig war, stellte er sich viel ungeschickter an
+wie sonst, und er konnte lange keine St&uuml;tze f&uuml;r
+seinen Fu&szlig; finden. Es &uuml;berkam ihn, als er sich
+nun in der zunehmenden Dunkelheit so ganz allein<span class='pagenum'><a name="Page_126" id="Page_126">[126]</a></span>
+sah, ein recht unheimliches Gef&uuml;hl. Er h&auml;tte
+gerne gerufen; aber nein, daf&uuml;r war er doch zu
+stolz. Er atmete ordentlich auf, als er endlich
+unten war, und nun hatte er die andern bald
+eingeholt. Die schienen ihn aber gar nicht zu
+bemerken, sie gingen rasch und schweigend weiter.
+Otto f&uuml;hlte sich sehr unbehaglich, und um diesem
+ungem&uuml;tlichen Zustand ein Ende zu machen, rief
+er mit erzwungenem Lachen:</p>
+
+<p>&bdquo;Nun, war ich nicht gut versteckt? Ratet einmal,
+wo ich die ganze Zeit war!&ldquo;</p>
+
+<p>Aber die Kinder antworteten gar nicht, sie
+sahen ihn nur vorwurfsvoll an. Tante Toni
+sagte in sanftem, aber sehr ernstem Ton:</p>
+
+<p>&bdquo;Ich wei&szlig;, wo du warst, Otto; du hast nicht
+sch&ouml;n gehandelt. Geh' jetzt neben Lilly und gib
+ihr die Hand, und entferne dich um keinen Schritt
+mehr von mir.&ldquo;</p>
+
+<p>Hier im Wald war es schon ganz dunkel, und
+man hatte M&uuml;he, auf den Weg zu achten. Von
+Paul und Kurt gef&uuml;hrt, kam die kleine Truppe
+aber doch rasch vom Fleck, und man gelangte
+gl&uuml;cklich auf die Landstra&szlig;e.</p>
+
+<p>&bdquo;O wie sch&ouml;n!&ldquo; rief Rudi aus, und er blieb
+einen Augenblick stehen; alle wendeten sich um,<span class='pagenum'><a name="Page_127" id="Page_127">[127]</a></span>
+und sie sahen nun, wie die gl&auml;nzende Mondscheibe
+langsam hinter einem Berge hervorstieg, und dann
+war auf einmal die ganze Gegend in ein wunderbares,
+silbernes Licht getaucht.</p>
+
+<p>&bdquo;Nun haben wir eine gute Leuchte auf den
+Weg&ldquo;, meinte der praktische Philipp, w&auml;hrend
+Mariechen ausrief:</p>
+
+<p>&bdquo;Das ist feenhaft sch&ouml;n!&ldquo;</p>
+
+<p>Jetzt sprudelte auch Annas gute Laune wieder
+hervor, und sie rief: &bdquo;Miezchen, gerate nur nicht
+in Verz&uuml;ckung, sonst steckst du mich an, und dann
+bringt ihr mich nicht mehr von der Stelle &ndash;,
+dann bleibe ich einfach bis Mitternacht hier stehen,
+um die Elfen im Mondschein tanzen zu sehen,
+wie Tante Toni es uns neulich erz&auml;hlt hat.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ei, um das zu sehen, mu&szlig; man doch ein
+Sonntagskind sein!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Aber, Tante Toni, das bin ich doch &ndash; ich
+meine, das m&uuml;&szlig;test du mir doch ansehen!&ldquo; Und
+Anna stellte sich breitspurig vor Tante Toni hin
+und reckte sich in die H&ouml;he, so sehr sie nur konnte.</p>
+
+<p>Alle lachten, auch Tante Toni; aber pl&ouml;tzlich
+wieder ernst werdend, legte sie die Hand auf
+Annas K&ouml;pfchen, und ihr die braunen, wirren
+Haare aus der Stirne streichend sagte sie leise:<span class='pagenum'><a name="Page_128" id="Page_128">[128]</a></span>
+&bdquo;Ich glaube dir's, Kind; ja, du mu&szlig;t wirklich
+ein Sonntagskind sein. M&ouml;ge der liebe Gott
+dir deinen frohen Mut erhalten dein ganzes Leben
+lang! &ndash; Aber nun m&uuml;ssen wir weiter; eure
+Eltern werden gewi&szlig; schon besorgt sein &uuml;ber unser
+langes Ausbleiben.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Sollen wir vorauslaufen, um sie zu beruhigen?&ldquo;
+schlugen die Zwillinge vor, aber Tante
+Toni wollte nichts davon wissen.</p>
+
+<p>&bdquo;Nein, nein, wir bleiben sch&ouml;n beisammen&ldquo;,
+wehrte sie ab. &bdquo;Aber t&uuml;chtig ausschreiten, das
+wollen wir!&ldquo;</p>
+
+<p>Es herrschte nun aber doch wieder eine andere
+Stimmung als vorhin, und es flog sogar manches
+Scherzwort, manche kleine Neckerei von einem
+zum andern.</p>
+
+<p>Auch Otto fl&uuml;sterte seiner Schwester zu:</p>
+
+<p>&bdquo;Na, es ist wirklich Zeit, da&szlig; die alle wieder
+andere Gesichter machen; das war doch zu dumm!&ldquo;
+Und leise in sich hineinkichernd f&uuml;gte er hinzu:
+&bdquo;Nein, war das drollig, da oben in dem Stein
+zu sitzen und zu sehen, wie die andern alle suchten
+und sich den Hals heiser schrien &ndash; ich mu&szlig;te
+mich wirklich zusammennehmen, um nicht laut
+aufzulachen!&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_129" id="Page_129">[129]</a></span>Aber Lilly stimmte nicht in Ottos Gel&auml;chter
+ein; sie sch&uuml;ttelte den Kopf und sagte nachdenklich:
+&bdquo;Nein, Otto, es war nicht recht; das war schon
+kein Scherz mehr, und wie du gesehen hast, da&szlig;
+Tante Toni wirklich in Angst um dich war, da
+h&auml;ttest du herunterkommen sollen. Es hat mir
+ganz wehgetan, wie sie auf einmal so geweint
+hat, und ich h&auml;tte dir nicht folgen d&uuml;rfen....&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Halt, Lilly, das ist fest unter uns ausgemacht:
+keins verr&auml;t das andere, und es w&auml;re Verrat
+gewesen, wenn du mein Versteck entdeckt h&auml;ttest.
+Ich m&ouml;chte nur wissen, ob Tante Toni wirklich
+wei&szlig;, wo ich gesteckt habe.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Das glaube ich ganz gewi&szlig;.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Woher aber? Au&szlig;er uns kennt doch niemand
+das Loch in dem Stein &ndash; es war ja fr&uuml;her schon
+Papas Geheimnis, wie er noch klein war.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, du wei&szlig;t aber auch, da&szlig; Tante Toni
+immer Papas Lieblingsschwester war, und da
+hat er sie wahrscheinlich in das Geheimnis eingeweiht.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Dann h&auml;tte sie sich aber doch nicht so zu
+&auml;ngstigen brauchen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, sie hat vielleicht nicht mehr daran gedacht,
+oder sie hat auch gar nicht gewu&szlig;t, da&szlig; man sich<span class='pagenum'><a name="Page_130" id="Page_130">[130]</a></span>
+in dem Loch verstecken kann, weil es ja fr&uuml;her
+immer voll Regenwasser war; Papa war selbst
+ganz erstaunt, als er voriges Jahr bemerkte, da&szlig;
+das Wasser jetzt ablaufen kann.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, das ist wahr. Aber schau mal! &ndash; Ich
+glaube gar, da kommt Papa mit Onkel Helmer!
+O weh, das ist dumm!&ldquo;</p>
+
+<p>Es waren wirklich Herr Mehring und Herr
+Helmer, die, ernstlich beunruhigt durch das lange
+Ausbleiben der Tante und ihrer Bande, diesen
+entgegengegangen waren.</p>
+
+<p>&bdquo;Na, da seid ihr ja alle heil und gesund!&ldquo;
+riefen sie ihnen entgegen. &bdquo;Die beiden M&uuml;tter
+sind schon ganz besorgt, und wir konnten
+uns gar nicht denken, weshalb ihr nicht heimkamet!&ldquo;</p>
+
+<p>Erst als sie ganz nahe herangekommen waren,
+bemerkten sie die verlegenen Gesichter der Kinder,
+und Onkel Robert fragte, seine Schwester forschend
+anblickend:</p>
+
+<p>&bdquo;Toni, du bist so bla&szlig;! Ist etwas vorgefallen?&ldquo;</p>
+
+<p>Nach einigem Z&ouml;gern antwortete Tante Toni:
+&bdquo;Ich glaube, es ist am besten, wenn Otto dir
+selbst den Grund unserer Versp&auml;tung mitteilt.&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_131" id="Page_131">[131]</a></span>Erstaunt und fragend blickte Herr Mehring
+von seiner Schwester auf seinen Sohn, aber Otto
+fa&szlig;te seines Vaters Hand, und ihn mit sich fortziehend
+sagte er: &bdquo;Komm nur, Papa, ich erz&auml;hle
+dir alles; du wirst sehen, es ist gar nicht schlimm.&ldquo;</p>
+
+<p>Und er erz&auml;hlte nun, wie er von den andern
+unbemerkt auf den gro&szlig;en grauen Stein geklettert
+sei und sich in das Loch versteckt habe
+und wie er schon sehr lange darin gesessen habe,
+bevor Tante Toni sein Verschwinden bemerkt
+h&auml;tte, und wie dann nach ihm gesucht und gerufen
+worden sei, und das sei so unterhaltend
+gewesen, da&szlig; er gar nicht geahnt h&auml;tte, wie
+sp&auml;t es inzwischen geworden sei. Der Vater hatte
+schweigend zugeh&ouml;rt. Am Schlu&szlig; sah er seinen
+Sohn ernst und forschend an, und er sagte:</p>
+
+<p>&bdquo;Otto, die Sache gef&auml;llt mir nicht recht. Ich
+bin eben wirklich erschrocken &uuml;ber das blasse, angegriffene
+Aussehen deiner Tante; sie mu&szlig; sich
+also ernstlich um dich beunruhigt haben, und du
+hast sie gewi&szlig; viel zu lange hingehalten, ehe du
+aus deinem Versteck hervorkamst. Antworte mir
+ehrlich: &sbquo;Hast du bemerkt, da&szlig; Tante Toni sich
+wirklich &auml;ngstigte?&lsquo;&ldquo;</p>
+
+<p>Otto sagte leise und z&ouml;gernd: &bdquo;Ja &ndash; Papa.&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_132" id="Page_132">[132]</a></span>&bdquo;Und du bist trotzdem noch in deinem Versteck
+geblieben?&ldquo;</p>
+
+<p>Otto senkte den Kopf und schwieg.</p>
+
+<p>&bdquo;Noch lange?&ldquo; fragte der Vater.</p>
+
+<p>&bdquo;O, nicht so sehr&ldquo;, suchte Otto sich zu entschuldigen;
+aber Herr Mehring seufzte tief auf,
+und er sagte nach einigem Nachdenken:</p>
+
+<p>&bdquo;Das geht mir sehr nahe, Kind. Verstehst
+du auch, warum?&ldquo;</p>
+
+<p>Otto sch&uuml;ttelte den Kopf.</p>
+
+<p>&bdquo;Weil es wie Herzlosigkeit aussieht.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;O Papa!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, Kind; du wei&szlig;t, da&szlig; ich einen kleinen
+Streich, eine Neckerei nicht so ernst nehme, sogar
+Unarten kann man Kindern verzeihen &ndash; mein
+Gott, keiner von uns ist ja wohlerzogen vom
+Himmel heruntergefallen! Aber hier ist mehr
+wie Leichtsinn dahinter. Da&szlig; du deine gute
+Tante sich erst lange &auml;ngstigen lie&szlig;est, ehe du
+aus deinem Versteck kamst, das l&auml;&szlig;t mich beinahe
+an deinem guten Herzen zweifeln. Jedenfalls
+hoffe ich, da&szlig; du die Tante diesen Abend
+noch herzlich um Verzeihung bitten und ihr versprechen
+wirst, sie k&uuml;nftighin nicht mehr zu betr&uuml;ben.
+Wirst du das tun?&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_133" id="Page_133">[133]</a></span>Otto nickte wieder, und dann ging er schweigend
+neben seinem Vater her, mit einer gro&szlig;en,
+gro&szlig;en Angst im Herzen. Wie, wenn sein Vater
+nun noch eines der andern Kinder fragte?
+Aber nein, warum sollte er denn? Das hatte
+er ja sonst auch nicht getan, und von selbst
+w&uuml;rden ihn die andern nicht verklagen, das
+wu&szlig;te er.</p>
+
+<p>Nach der Heimkehr, beim Abschiednehmen,
+dr&auml;ngte er sich, dem Winke seines Vaters folgend,
+an die Tante heran und sagte leise, mit halb
+abgewandtem Gesicht: &bdquo;Tante, bitte, verzeih' mir,
+ich will dich nicht mehr betr&uuml;ben.&ldquo;</p>
+
+<p>Die Tante sah ihn eine kleine Weile forschend
+an, dann sagte sie betr&uuml;bt: &bdquo;Es kommt dir nicht
+recht von Herzen, Otto; aber ich verzeihe dir
+trotzdem &ndash; du hast eben selbst noch nie eine
+wirkliche und gro&szlig;e Angst ausgestanden, und du
+ahnst nicht, wie das tut. Gute Nacht, lieber
+Otto.&ldquo;</p>
+
+<p>An diesem Abend konnte Otto lange nicht einschlafen;
+unruhig warf er sich in seinem Bett
+hin und her, und er dachte: &bdquo;Ach, h&auml;tt' ich doch
+noch eine Mama, die sich an mein Bett setzte &ndash;
+der k&ouml;nnt' ich's wohl sagen!&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_134" id="Page_134">[134]</a></span>Als er aber die Schritte seines Vaters auf
+der Treppe h&ouml;rte, drehte er sich schnell zur
+Wand, und als Herr Mehring mit einer Kerze
+ins Zimmer trat und sich &uuml;ber seinen Sohn
+neigte, da lag dieser mit geschlossenen Augen
+und atmete tief und regelm&auml;&szlig;ig, wie wenn er
+schliefe.</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_135" id="Page_135">[135]</a></span></p>
+<h2><a name="Siebtes_Kapitel" id="Siebtes_Kapitel"></a>Siebtes Kapitel.<br/>
+<big>Bambula, der Puppenfresser. Otto, wei&szlig;t
+du nun, wie es tut?</big></h2>
+
+
+<p>Am andern Tag hatte Tante Toni heftige
+Kopfschmerzen. Als diese gegen Mittag etwas
+besser wurden, ging sie zu klein Toni hinauf,
+die mit einer Erk&auml;ltung und etwas Fieber zu
+Bett lag. Sie setzte sich zu ihr hin und
+fragte: &bdquo;Nun, wie ist es dir denn gestern
+gegangen, meine liebe kleine Freundin? Warst
+du recht vergn&uuml;gt mit Mama und mit den
+Kleinen?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;O ja&ldquo;, nickte Tonichen; &bdquo;Tante Luise ist
+auch gekommen mit dem kleinen Bubi; der ist
+gestern drei Jahre alt geworden, und da hat er
+ein ganz schwarzes P&uuml;ppchen bekommen, ein
+Mohrenkind, und das hat er mitgebracht, und
+denke dir, Tante &ndash; ach, das war zu drollig ...!&ldquo;
+Und nun fing Toni an, so zu lachen, da&szlig; sie
+gar nicht mehr weitererz&auml;hlen konnte.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_136" id="Page_136">[136]</a></span>&bdquo;Erz&auml;hl' doch erst und lach' nachher, damit ich
+wenigstens mitlachen kann&ldquo;, meinte Tante Toni.</p>
+
+<p>&bdquo;Also h&ouml;r, Tante! Der Bubi ist mit seinem
+Bambula &ndash; so hei&szlig;t sein schwarzes P&uuml;ppchen &ndash;
+gekommen und hat ihn uns gezeigt, und Minnichen
+hat sich ein bi&szlig;chen gef&uuml;rchtet, aber nur
+anfangs, hernach nicht mehr, und dann hat
+Bubi sogar seinen Neger zum P&uuml;ppchen von
+Minnichen ins Bett gelegt, und wie Minnichen
+gerad' ein bi&szlig;chen am Fenster war, da hat der
+Bubi auf einmal geschrien: &sbquo;Minnichen, tomm
+deswind sehn, dei P&uuml;ppchen is weck &ndash; der Bambula
+hat's aufdefressen!&lsquo; Und 's wei&szlig;e P&uuml;ppchen
+war wirklich fort. Wie aber jetzt Minnichen angefangen
+hat zu weinen, da hat der Bubi gesagt:
+&sbquo;Nit weinen, Minnichen! 's P&uuml;ppchen is
+widder da, Bambula hat's widder rausdebrockelt.&lsquo;
+Und richtig, Tante, das P&uuml;ppchen lag auf einmal
+wieder im Bettchen, und da h&auml;tt'st du mal
+sehen sollen, wie Minnichen ihr P&uuml;ppchen genommen
+und geherzt und gek&uuml;&szlig;t hat und wie
+sie dem Bambula b&ouml;se Augen und strenge Gesichter
+gemacht hat &ndash; aber nur von fern, denn
+das arme Minnichen hat sich jetzt selbst wieder
+ein bi&szlig;chen vor dem b&ouml;sen Mohren gef&uuml;rchtet.&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_137" id="Page_137">[137]</a></span>Jetzt wurde Tonis Erz&auml;hlung durch einen
+Hustenanfall unterbrochen.</p>
+
+<p>&bdquo;O, wie du hustest, mein Herzchen! Ich h&auml;tte
+dich nicht so erz&auml;hlen lassen sollen &ndash; du sollst
+wohl gar nicht viel sprechen?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ach, Tante, das ist nicht so schlimm; ich hab'
+ja schon so oft Husten gehabt! Du mu&szlig;t dir
+wirklich hernach von Minnichen selbst erz&auml;hlen
+lassen, wie Bambula ihr P&uuml;ppchen gefressen hat;
+da mu&szlig;t du wirklich ganz schrecklich lachen, Tante.
+Geh' nur mal hin&uuml;ber ins Kinderzimmer &ndash; aber
+dann kommst du wieder zu mir, gelt, Tantchen?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Gewi&szlig;, Kleines, ich komme gleich wieder.&ldquo;</p>
+
+<p>Als die Tante ins Kinderzimmer trat, sa&szlig;
+Minnichen mit tiefbetr&uuml;bter Miene neben ihrem
+Puppenbettchen, w&auml;hrend Leo, die Stirne in ernste
+Falten gelegt, dabeistand; er hatte eine gro&szlig;e
+Brille &ndash; ohne Gl&auml;ser &ndash; auf seinem N&auml;schen
+sitzen und hielt eine leere Milchflasche unter
+dem Arm. Er r&auml;usperte sich, genau wie der
+gute alte Hausarzt es zu tun pflegte, und dann
+sagte er mit der tiefsten Stimme, die er hervorbringen
+konnte:</p>
+
+<p>&bdquo;Wir werden das kranke Kind impfen m&uuml;ssen;
+es gibt kein anderes Mittel, um's wieder gesund<span class='pagenum'><a name="Page_138" id="Page_138">[138]</a></span>
+zu machen &ndash; aber erst mu&szlig; es Medizin
+nehmen.&ldquo;</p>
+
+<p>Dann sch&uuml;ttelte er die Milchflasche kr&auml;ftig, und
+ein Puppenl&ouml;ffelchen unterhaltend, z&auml;hlte er langsam
+und bed&auml;chtig: &bdquo;Eins &ndash; zwei &ndash; drei &ndash;
+mehr wie drei Tropfen darf man nicht geben,
+sonst stirbt das Kind; denn die Medizin ist
+Gift.&ldquo;</p>
+
+<p>Erst nachdem er das L&ouml;ffelchen dem kranken
+Puppenkind hingehalten hatte, drehte er sich nach
+Tante Toni um, und ihr die Hand reichend, sagte
+er sehr ernsthaft: &bdquo;Ach, guten Tag, Fr&auml;ulein!
+Wie geht es Ihnen? Soll ich Ihren Puls f&uuml;hlen?&ldquo;</p>
+
+<p>Tante Toni ging nat&uuml;rlich auf das Spiel der
+Kleinen ein und sagte:</p>
+
+<p>&bdquo;Ach, guten Tag, Herr Doktor! Ich danke
+Ihnen, mir geht es ganz gut; aber das Kind
+dort scheint recht krank zu sein. Wohl auf den
+Schrecken von gestern?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, ja, es steht schlimm, recht schlimm!&ldquo;
+Dabei machte Leo die gr&ouml;&szlig;ten Anstrengungen,
+seine Stirne noch mehr zu runzeln, wobei jedoch
+seine gro&szlig;e Brille ins Rutschen kam. Tante
+Toni hatte gro&szlig;e M&uuml;he, das Lachen zu verbei&szlig;en.
+Leo aber lie&szlig; sich nicht irremachen; er<span class='pagenum'><a name="Page_139" id="Page_139">[139]</a></span>
+stellte seine Milch- oder vielmehr seine Medizinflasche
+auf die Erde und r&uuml;ckte seine Brille wieder
+zurecht. Jetzt kam auch Minnichen, und die
+Tante zum Puppenbettchen ziehend sagte es:
+&bdquo;Arm Poppelsen, wehweh hat.&ldquo;</p>
+
+<p>Nun fiel aber Leo aus der Rolle, denn der
+kleine Lehrmeister bekam wieder die Oberhand,
+und er sagte eifrig:</p>
+
+<p>&bdquo;Minnichen, erz&auml;hl' mal der Tante, wer hat
+dein P&uuml;ppchen krank gemacht?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;B&ouml;ser Bambula&ldquo;, sagte die Kleine, ein Schn&uuml;tchen
+machend.</p>
+
+<p>&bdquo;H&ouml;rst du, Tante, wie gut sie schon &sbquo;Bambula&lsquo;
+sagen kann? Sie hat es doch gestern zum erstenmal
+geh&ouml;rt, und es ist auch gar kein leichtes Wort.&ldquo;</p>
+
+<p>Nun, an ihren gestrigen Schrecken denkend,
+geriet Minnichen auch in Eifer, und sie erz&auml;hlte:
+&bdquo;B&ouml;s Bambula Poppelsen von Minnisen aufdefe&szlig;t
+&ndash; so ...&ldquo; Und die Kleine sperrte ihr
+M&uuml;ndchen auf, so weit sie nur konnte, und auf
+Tante Toni sich st&uuml;rzend, machte sie &bdquo;Happ,
+happ!&ldquo; als wollte sie diese verschlingen. Dann
+erz&auml;hlte sie weiter, ihre Worte mit sehr ausdrucksvollen
+Geb&auml;rden begleitend: &bdquo;Und Minnisen
+hat weint, so: &sbquo;Hiehiehie!&lsquo; Dann hat Bambula<span class='pagenum'><a name="Page_140" id="Page_140">[140]</a></span>
+bockelt, so: &sbquo;Br&ouml;h &ndash; br&ouml;hx&lsquo;, und da war Poppelsen
+widder da. Aber Minnisen hat sehr sankt
+Bambula, so ...&ldquo; Und Minnichen ri&szlig; die &Auml;ugelchen
+weit auf, machte ein bitterb&ouml;ses Gesicht und
+drohte mit dem Fingerchen.</p>
+
+<p>&bdquo;Huh&ldquo;, machte Tante Toni zur&uuml;ckfahrend, &bdquo;da
+war der Bambula aber sicher sehr bang, wie er
+dein strenges Gesicht gesehen hat?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja&ldquo;, antwortete Leo f&uuml;r sein Schwesterchen,
+&bdquo;wir haben ihm gesagt, er d&uuml;rfe nicht mehr zu
+uns auf Besuch kommen sonst w&uuml;rde er einfach
+nausgeschmissen!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nausmissen&ldquo;, bekr&auml;ftigte Minnichen mit energischem
+Kopfnicken.</p>
+
+<p>Den Nachmittag dieses Tages brachte Tante
+Toni am Bettchen ihres Patenkindes zu.</p>
+
+<p>&bdquo;Tante, ich mu&szlig; dir etwas sagen&ldquo;, fl&uuml;sterte
+klein Toni ernsthaft, ein wenig z&ouml;gernd.</p>
+
+<p>&bdquo;Was denn, mein Liebling?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ich bin wieder mal sehr zornig und sehr b&ouml;se
+gewesen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;O Tonichen, wirklich? Das tut mir aber
+leid. Dir gewi&szlig; auch?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ich wei&szlig; nicht recht, Tante. Es tut mir
+schon leid, da&szlig; ich so zornig war, weil das den<span class='pagenum'><a name="Page_141" id="Page_141">[141]</a></span>
+lieben Gott beleidigt; aber ich bin noch immer
+b&ouml;s, sehr b&ouml;s auf Otto!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ach, ist es das? Anna hat dir wohl erz&auml;hlt?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, Tante. Und wie du geweint und dich
+gesorgt hast, und da&szlig; der Otto nicht einmal gezankt
+worden ist. Und da hab' ich gew&uuml;nscht,
+der liebe Gott m&ouml;chte ihn selbst recht t&uuml;chtig
+strafen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;O nein, Tonichen, nein, das sollst du nicht!
+Wir wollen lieber beten f&uuml;r ihn, damit er sein
+Unrecht einsieht, dann wird es ihm sicher selbst
+sehr leid tun. O Tonichen, das war ein h&auml;&szlig;licher
+Wunsch; einen solchen darf meine kleine
+Freundin nie mehr haben!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Aber Tante, er war doch so b&ouml;s gegen dich,
+der Otto, und du bist so lieb und gut! Nein,
+ich mag ihn gar nicht mehr, den b&ouml;sen, garstigen
+Buben!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Du kr&auml;nkst mich, Tonichen, wenn du so
+sprichst!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;O Tante, ich will dich nicht kr&auml;nken, und es
+ist ja, weil ich dich so sehr lieb hab' ...&ldquo; Und
+schluchzend schlang klein Tonichen ihre &Auml;rmchen
+um den Hals der Tante.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_142" id="Page_142">[142]</a></span>&bdquo;Ich wei&szlig; es ja, mein Liebling, ich wei&szlig; es
+ja&ldquo;, suchte die Tante das weinende Kind zu beruhigen.
+&bdquo;Und weil du die Tante Toni so lieb
+hast und ihr eine ganz besondere Freude machen
+willst, wirst du diesen Abend beim Abendgebet
+ein Vaterunser f&uuml;r unsern lieben, armen Otto
+beten. Willst du?&ldquo;</p>
+
+<p>Tonichen nickte unter Tr&auml;nen l&auml;chelnd.</p>
+
+<p>&bdquo;Und nun liege recht still und ruhig, sonst
+mu&szlig;t du wieder so stark husten. Ich erz&auml;hle dir
+auch. Was m&ouml;chtest du gerne h&ouml;ren?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;O bitte, Tante, erz&auml;hle mir noch einmal die
+Geschichte von dem kleinen Johannes, den niemand
+lieb hatte und der in der Weihnachtsnacht
+gestorben ist, gerade nachdem er den lieben Heiland
+empfangen hatte.&ldquo;</p>
+
+<p>Und Tante Toni erz&auml;hlte, w&auml;hrend klein Toni
+begierig lauschte.</p>
+
+<p>&bdquo;O wie sch&ouml;n!&ldquo; seufzte sie am Schlu&szlig; der Erz&auml;hlung.
+&bdquo;Ich m&ouml;chte auch sterben wie der kleine
+Johannes, gleich nach meiner ersten heiligen Kommunion.&ldquo;</p>
+
+<p>Sp&auml;ter kam auch Tonis Mutter und setzte sich
+an ihr Bettchen; da strahlte ihr Gesichtchen vor
+Freude, und sie sagte: &bdquo;Jetzt bin ich so froh, so<span class='pagenum'><a name="Page_143" id="Page_143">[143]</a></span>
+froh, weil ihr alle beide bei mir seid; bleibt nur
+recht lange hier!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, recht lange&ldquo;, wiederholte die Mutter leise,
+und sie blickte voll Liebe und Besorgnis in das
+blasse Gesicht ihres T&ouml;chterchens, und so oft dieses
+hustete, ging es wie ein Stich durchs Herz der
+Mutter; klein Toni merkte das, und sie gab sich
+von nun an alle M&uuml;he, ihren Husten zur&uuml;ckzuhalten.</p>
+
+<p>Es war schon ziemlich sp&auml;t am Nachmittag,
+als auf einmal Paul hereinkam und rief: &bdquo;Tante
+Toni, komm doch schnell einmal herunter! Der
+Otto ist da und fragt nach dir, und er sieht ganz
+verst&ouml;rt aus, aber er will mir nicht sagen, was
+er hat.&ldquo;</p>
+
+<p>Sofort eilte Tante Toni hinunter, und als
+sie ins Zimmer trat, da st&uuml;rzte Otto wie verzweifelt
+auf sie zu und schrie: &bdquo;Tante, Tante,
+hilf mir, ich bitte dich, hilf mir! Ich wei&szlig; nicht
+mehr, was ich anfangen soll!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Um Gottes willen, Otto, was ist denn geschehen?
+Ist deinem Vater etwas zugesto&szlig;en?
+So sprich doch!&ldquo;</p>
+
+<p>Nun brach Otto in krampfhaftes Schluchzen
+aus, dazwischen stammelte und stie&szlig; er einige<span class='pagenum'><a name="Page_144" id="Page_144">[144]</a></span>
+S&auml;tze und W&ouml;rter hervor, wovon die Tante aber
+nur verstand, sein Vater m&uuml;sse ins Gef&auml;ngnis,
+und er, Otto, sei schuld daran.</p>
+
+<p>&bdquo;Das kann ja gar nicht sein!&ldquo; rief die Tante
+aus. &bdquo;Komm, nun setz' dich her zu mir und
+versuche ruhiger zu werden, dann erz&auml;hlst du
+mir ganz genau, was vorgefallen ist.&ldquo;</p>
+
+<p>Aber es dauerte noch einige Zeit, ehe Otto
+ordentlich sprechen konnte, und er schluchzte noch
+h&auml;ufig auf, w&auml;hrend er erz&auml;hlte: &bdquo;Ich sa&szlig; vorhin
+an meinem Studierpult in Vaters Zimmer,
+und Papa stand vor seinem Schreibtisch, wo er
+Papiere durchsah; er hatte sie aus dem eisernen
+Schrank genommen, der in der Ecke steht und
+wo er alle wichtigen Papiere und das Geld drin
+aufhebt; du kennst ihn ja, Tante.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, gewi&szlig; &ndash; es waren also jedenfalls sehr
+wichtige Papiere, die er vor sich hatte.&ldquo;</p>
+
+<p>Otto nickte und fuhr fort: &bdquo;Auf einmal kam
+Lina herein und sagte, Papa m&ouml;ge doch schnell
+einmal hinunterkommen, der Herr Dorr sei da
+und der habe es sehr eilig. Papa wollte die
+Papiere erst wieder in den Geldschrank legen,
+der war aber schon zugeschlossen, und so legte er
+nur einen Beschwerstein darauf und sagte zu mir,<span class='pagenum'><a name="Page_145" id="Page_145">[145]</a></span>
+er k&auml;me sofort zur&uuml;ck, er h&auml;tte nur einen Augenblick
+mit Herrn Dorr zu sprechen, und ich solle
+inzwischen auf die Papiere achten, denn sie seien
+sehr, sehr wichtig, ich solle mich aber nicht unterstehen,
+sie anzur&uuml;hren. Dann ging Papa hinaus,
+und er lie&szlig; die T&uuml;re offenstehen.&ldquo; Nun fing
+Otto wieder an zu weinen.</p>
+
+<p>&bdquo;Und jetzt hast du die Papiere doch anger&uuml;hrt,
+Otto?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Zuerst nicht, Tante! Ich wollte ja dem
+Papa gehorchen; wie er aber dann so lange ausblieb,
+da mu&szlig;te ich immer wieder nach den
+Papieren hinsehen, und ich h&auml;tte doch so gerne
+gewu&szlig;t, was es f&uuml;r Papiere w&auml;ren, und &ndash; da
+nahm ich den Stein ab. O h&auml;tt' ich es nicht
+getan! &ndash; Im selben Augenblick h&ouml;rte ich im
+Garten drau&szlig;en einen lauten Schrei, ich lief
+schnell ans Fenster, um zu sehen, was es g&auml;be,
+und ich mu&szlig; wohl in der Eile vergessen haben,
+den Stein wieder auf die Papiere zu legen. Ich
+ri&szlig; das Fenster auf, um hinauszusehen, aber im
+selben Augenblicke entstand Zugluft, und alle
+Papiere flogen im Zimmer herum und mehrere
+sogar zum Fenster hinaus. Ich st&uuml;rzte sofort
+hinunter, um sie wieder zusammenzusuchen. Die<span class='pagenum'><a name="Page_146" id="Page_146">[146]</a></span>
+alte Babett, die gerade unten war, hatte schon
+einige aufgehoben, und sie half mir suchen, bis
+wir keins mehr fanden. Als ich wieder hinaufkam,
+da war Papa inzwischen zur&uuml;ckgekommen,
+und er hatte die Papiere, die im Zimmer herumgeflogen
+waren, schon aufgelesen. Ach, Tante,
+ich m&ouml;chte, er h&auml;tte mich recht gezankt, ja ich
+m&ouml;chte, er h&auml;tte mich sogar geschlagen, ich hab's
+verdient; aber er hat gar nichts gesagt, er hat
+mich nur einmal angeschaut &ndash; o Tante, ich kann
+dir nicht sagen, <em class="gesperrt">wie</em>! Dann hat er gleich die
+Papiere nachgesehen, und es hat eins gefehlt!
+Tante, denke dir, gerade das allerwichtigste &ndash;
+das, welches er morgen beim Gerichte unbedingt
+braucht! Und dann haben wir im Hause und
+im Garten alles, alles durchsucht, aber wir
+haben nichts gefunden. Ach, Tante, und dann
+hat sich der Papa an seinen Schreibtisch gesetzt
+und ist, mit den H&auml;nden vor dem Gesicht, lange
+sitzen geblieben, ohne sich zu r&uuml;hren, bis ich's
+nicht mehr aushalten konnte und ihn gebeten habe,
+er m&ouml;ge mir doch verzeihen! Da hat er mich
+wieder angesehen, noch weher wie vorhin, und
+hat gesagt: &sbquo;Ich hab' dir schon verziehen, aber
+an diesem Papier hing mehr als mein Leben <span class='pagenum'><a name="Page_147" id="Page_147">[147]</a></span>&ndash;
+an ihm hing meine Ehre.&lsquo; Und nun sitzt er immer
+noch am selben Platz, ganz still und, Tante, du
+kannst dir nicht denken, wie er aussieht, ganz
+anders wie sonst, viel &auml;lter! O komm doch mit zu
+ihm! Ich hab' ihm gesagt, ich ginge dich holen,
+da hat er genickt. Komm, Tante, hilf uns!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, Otto, schnell zur&uuml;ck zu deinem Vater!&ldquo;
+Die Tante nahm sich kaum die Zeit, ihren Hut
+aufzusetzen, und als sie wenige Minuten sp&auml;ter
+in das Zimmer ihres Bruders kam, fand sie
+diesen genau so, wie Otto gesagt hatte. Er nickte
+seiner Schwester zu, und als diese, ihn fest umschlingend,
+sagte: &bdquo;Mut, Robert, ich werde nochmal
+suchen, ich <em class="gesperrt">mu&szlig;</em> es finden&ldquo;, da sch&uuml;ttelte er
+den Kopf und sagte: &bdquo;Such' nur, aber es wird
+umsonst sein, ich habe &uuml;berall nachgesehen.&ldquo;</p>
+
+<p>Sie begann sofort zu suchen, jedes Eckchen
+genau zu durchforschen, aber umsonst, das Papier
+blieb verschwunden. Otto brach aufs neue in
+Tr&auml;nen aus. &bdquo;O, was hab' ich getan, was hab'
+ich getan!&ldquo; jammerte er und wollte sich auf die
+Erde niederwerfen, aber Tante Toni fa&szlig;te ihn
+bei der Hand und zog ihn aus dem Zimmer,
+denn sie sah, da&szlig; ihrem Bruder etwas Ruhe und
+Stille nottat. An der Treppe stie&szlig;en sie auf<span class='pagenum'><a name="Page_148" id="Page_148">[148]</a></span>
+Lilly, die ganz bla&szlig; und verst&ouml;rt aussah; sie sah
+ihren Bruder scheu und &auml;ngstlich an, und sich an
+die Tante hindr&auml;ngend fragte sie leise: &bdquo;Hat
+Otto etwas sehr Schlimmes getan?&ldquo; Die Tante
+antwortete eilig: &bdquo;Er war sehr ungehorsam, aber
+du siehst ja, wie leid es ihm tut, und deshalb
+wird auch gewi&szlig; alles gut werden. Sei du nur
+ruhig und bete zu deinem und deines Bruders
+Schutzengel.&ldquo; Dann folgte sie Otto, der schon
+in sein Schlafzimmer gegangen war.</p>
+
+<p>Otto hatte sich auf sein Bett geworfen und er
+schluchzte herzbrechend. Pl&ouml;tzlich richtete er sich
+auf und rief aus: &bdquo;Tante, wei&szlig;t du noch, gestern,
+wie du gesagt hast, ich w&uuml;&szlig;te noch nicht, wie es
+tut? Jetzt wei&szlig; ich's, o ja, jetzt wei&szlig; ich's!
+O Tante, es ist zu schrecklich, diese Angst! O w&auml;r'
+ich doch lieber gestorben! Ich kann's ja nicht
+mehr aushalten!&ldquo;</p>
+
+<p>Und wie verzweifelt w&auml;lzte er sich auf dem
+Boden. Tante Toni kniete neben ihm nieder,
+und sie versuchte ihn aufzurichten, w&auml;hrend sie
+mit sanftem Vorwurf sagte: &bdquo;Otto, so darfst du
+nicht reden; du f&uuml;gst noch neues Unrecht zum
+andern. Komm, la&szlig; uns zusammen beten; das ist
+das einzige, was uns helfen und erleichtern kann.&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_149" id="Page_149">[149]</a></span>&bdquo;Beten? Ach nein; beten, das kann ich nicht!
+Der liebe Gott will doch gewi&szlig; nichts mehr von
+mir wissen, ich bin viel zu b&ouml;s! Jetzt wei&szlig; ich,
+wie b&ouml;s ich immer war, wie ich den armen Rudi
+nicht leiden konnte und wie ich ihn so viel ge&auml;rgert
+und zornig gemacht habe, und er ist auch
+sehr oft wegen mir gezankt und gestraft worden.
+Und auch gegen die andern, sogar gegen Lilly
+war ich oft recht garstig, und gestern gegen dich,
+Tante Toni; ich war ja so b&ouml;s auf dich, weil
+der Rudi mitgehen durfte und weil du ihn gegen
+mich in Schutz nahmst, und ich wollte mich r&auml;chen,
+deshalb hab' ich dir so Angst gemacht; aber ich
+wu&szlig;te nicht, nein, Tante, ich wu&szlig;te wirklich nicht,
+wie das ist! O Tante Toni, und jetzt bist du
+doch wieder so gut zu mir!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, Otto &ndash; ach, ich m&ouml;chte dir so gerne aus
+deiner Not helfen! Aber hier kann jetzt nur
+noch der liebe Gott helfen &ndash; komm, la&szlig; uns
+beten. Er ist ja so gern bereit, dir zu verzeihen!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nein, Tante Toni, der liebe Gott kann mir
+noch nicht verzeihen; er wei&szlig;, wie falsch ich war
+und wie ich dem Papa immer alles verkehrt
+erz&auml;hlt habe und auch wieder gestern. O, gestern
+hab' ich ihm auch noch lang nicht alles gesagt,<span class='pagenum'><a name="Page_150" id="Page_150">[150]</a></span>
+wie es war &ndash; und jetzt! Ich m&ouml;cht' es ihm
+ja sagen, aber dann wird er noch trauriger sein,
+und doch &ndash; ich kann doch nicht recht beten,
+solang ich's ihm nicht gesagt habe! O Tante,
+sag' mir doch, was ich tun soll!&ldquo;</p>
+
+<p>Tante Toni &uuml;berlegte ein Weilchen, dann sagte
+sie: &bdquo;Ich h&auml;tte deinem Vater gern jeden weiteren
+Schmerz erspart, und doch glaube ich, da&szlig; du
+recht hast und deiner Regung folgen sollst. Es
+ist immer besser, den Weg der Wahrheit zu gehen,
+und dein offenes Gest&auml;ndnis ist deinem Vater ja
+ein Beweis, da&szlig; du dich ernstlich bessern willst,
+und wird sein bester Trost in allem Leide sein.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Soll ich denn jetzt gleich hinuntergehen?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Gewi&szlig;! Die Ausf&uuml;hrung eines solchen Entschlusses
+soll man niemals verschieben.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Dann komm, Tante, geh' mit mir.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nein, Kind, das mu&szlig;t du mit deinem Vater
+allein ausmachen. Ich warte hier auf dich und
+bete unterdessen.&ldquo;</p>
+
+<p>Mit klopfendem Herzen ging Otto wieder
+hinunter zu seinem Vater. Er fand diesen noch
+immer in derselben Stellung an seinem Schreibtisch
+und so tief in Nachdenken versunken, da&szlig;
+er seines Sohnes Eintritt gar nicht bemerkte.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_151" id="Page_151">[151]</a></span>&bdquo;Vater!&ldquo; sagte dieser leise bittend.</p>
+
+<p>Herr Mehring blickte auf. Er machte erst eine
+ungeduldige Bewegung, aber den flehenden Ausdruck
+in Ottos Antlitz bemerkend, fragte er ernst,
+aber g&uuml;tig: &bdquo;Hast du mir noch etwas zu sagen,
+mein lieber Sohn?&ldquo;</p>
+
+<p>Und nun fing Otto an zu bekennen. Erst
+langsam und z&ouml;gernd, dann aber ging es immer
+leichter, und er machte ein offenes und freim&uuml;tiges
+Bekenntnis der gestrigen Begebnisse sowie
+&uuml;berhaupt all seiner Schuld, so wie er sie
+in dieser schweren Stunde erkannt hatte. Der
+Vater h&ouml;rte stillschweigend zu &ndash; manchmal kam
+es Otto vor, als ob er leise seufze, aber als
+er dann stockte und nicht mehr recht weiterkonnte,
+da blickte der Vater ihn ermunternd an
+und sagte: &bdquo;Sprich nur weiter; habe Mut und
+sage alles.&ldquo;</p>
+
+<p>Und Otto sagte alles, und zum Schlu&szlig; kniete
+er nieder, und den Kopf auf des Vaters Knie
+legend f&uuml;gte er hinzu: &bdquo;Vater, lieber Vater,
+du sollst sehen, ich werde nun anders werden &ndash;
+ich verspreche es dir und dem lieben Gott.
+O k&ouml;nnt' ich doch nur &ndash; k&ouml;nnt' ich alles wieder
+gutmachen! O mein lieber, guter Vater!&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_152" id="Page_152">[152]</a></span>Der Vater legte die Hand auf des Sohnes
+Haupt. &bdquo;Ich danke dir, Kind, f&uuml;r dein offenes
+Bekenntnis. Es ist ja gewi&szlig; sehr schmerzlich f&uuml;r
+mich, zu erfahren, wie sehr ich mich in dir get&auml;uscht
+habe &ndash; aber dein Mut und deine Offenheit
+b&uuml;rgen mir f&uuml;r deine jetzigen guten Gesinnungen
+und auch f&uuml;r die Zukunft. Glaube
+mir, mein Sohn, ich will gern diese Pr&uuml;fung
+tragen, ich will sie sogar segnen, wenn sie dazu
+dienen soll, aus dir einen guten, offenen und
+pflichttreuen Menschen zu machen. Und nun geh'
+zur Ruhe, mein liebes Kind &ndash; lege dich schlafen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;O Papa, wie k&ouml;nnt' ich denn schlafen!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Warum solltest du denn nicht schlafen k&ouml;nnen,
+jetzt mit deinem erleichterten Gewissen &ndash; und
+besonders wenn du es aus Gehorsam versuchst?
+Gute Nacht, mein lieber Sohn &ndash; Gott segne dich!&ldquo;
+Und der Vater k&uuml;&szlig;te den Sohn auf die Stirne.</p>
+
+<p>Dann ging Otto hinauf, und nun konnte er
+mit Tante Toni beten, so recht von Herzen und
+mit Vertrauen.</p>
+
+<p>Nach dem Gebete sagte Tante Toni:</p>
+
+<p>&bdquo;Nun leg' dich zu Bett, mein lieber Bub,
+und schlafe; du kannst nun ruhig alles dem lieben
+Gott &uuml;berlassen.&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_153" id="Page_153">[153]</a></span>&bdquo;O Tante, gehst du fort, gehst du wieder
+hin&uuml;ber zu Wulffs?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nein, nein, ich bleibe hier; ich will hin&uuml;bertelefonieren,
+damit man dr&uuml;ben nicht auf mich
+wartet. Ich komme hernach noch einmal nach
+dir sehen.&ldquo;</p>
+
+<p>Als Tante Toni das Zimmer verlassen hatte,
+legte Otto sich gehorsam zu Bett, und er schlo&szlig;
+die Augen. Aber der Schlaf wollte nicht kommen.
+Immer und immer wieder mu&szlig;te er an das Papier
+denken, an das schreckliche Papier. &bdquo;Ach, w&uuml;&szlig;t' ich
+doch nur, was das f&uuml;r ein Papier ist, von dem
+so viel abh&auml;ngen kann!&ldquo; Wie hatte der Vater
+gesagt? &bdquo;Mehr als mein Leben &ndash; meine Ehre!&ldquo;
+Und nun kam es wieder, das Schreckgespenst &ndash;
+das Gef&auml;ngnis! &ndash; Sein lieber, edler Vater unschuldig
+im Gef&auml;ngnis, durch seine, des eigenen
+Sohnes Schuld! &ndash; Nein, das war gar nicht
+auszudenken &ndash; das konnte er nicht ertragen.
+&bdquo;Ach, h&auml;tt' ich doch gefolgt&ldquo;, st&ouml;hnte er, &bdquo;h&auml;tt'
+ich doch den Stein und die Papiere nicht anger&uuml;hrt
+&ndash; so w&auml;re das alles nicht passiert!&ldquo; Und
+Otto weinte in sein Kissen hinein, und dann
+betete er wieder: &bdquo;Ach, lieber Gott, hilf doch!
+Ich bitte dich, hilf &ndash; ich will ja auch ein ganz<span class='pagenum'><a name="Page_154" id="Page_154">[154]</a></span>
+anderer Bub werden, ich versprech' es dir &ndash;
+o hilf uns doch, lieber, allm&auml;chtiger Gott!&ldquo;</p>
+
+<p>Nach diesem Gebet f&uuml;hlte er sich ein wenig
+ruhiger, aber schlafen konnte er doch nicht, er
+mu&szlig;te wieder an seinen lieben Vater denken &ndash;
+ob er nun wohl noch immer unten an seinem
+Schreibtisch sa&szlig;, so still, so niedergebeugt?
+O was hatte er ihm doch angetan, diesem seinem
+guten Vater! Wenn er doch wenigstens etwas
+f&uuml;r ihn tun k&ouml;nnte, wenn er doch w&uuml;&szlig;te, ob der
+Vater noch immer so hoffnungslos ist! &ndash; Tante
+Toni, wo bleibst du so lang? Es ist Otto, als
+m&uuml;sse er ersticken unter der Last, die ihm auf
+dem Herzen liegt &ndash; er kann's nicht mehr ertragen
+&ndash; er richtet sich auf in seinem Bett &ndash;
+ist er denn ganz allein? Kommt niemand ihm
+helfen, ihn tr&ouml;sten? O Tante, Tante Toni, komm'
+doch!</p>
+
+<p>Hatte er es laut gerufen? Er wu&szlig;te es selbst
+nicht &ndash; aber Tante Toni kam, und er streckte
+ihr wie um Hilfe flehend die Arme entgegen, er
+hing sich an ihren Hals und rief schluchzend:</p>
+
+<p>&bdquo;O mein Vater, mein lieber, armer Vater,
+was wird ihm geschehen? Ach, Tante, sag'
+mir doch, was kann man ihm denn antun?<span class='pagenum'><a name="Page_155" id="Page_155">[155]</a></span>
+Wird er nun wirklich ins &ndash; ins Gef&auml;ngnis
+kommen!&ldquo;</p>
+
+<p>Da war es heraus, das schreckliche Wort!
+Es schauderte Otto, w&auml;hrend er es aussprach.</p>
+
+<p>&bdquo;Nein, nein&ldquo;, beschwichtigte ihn Tante Toni,
+&bdquo;davon ist keine Rede.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Wie! Kann er denn doch noch seine Unschuld
+beweisen?&ldquo; Otto jubelte beinah' auf, aber Tante
+Toni sch&uuml;ttelte traurig den Kopf.</p>
+
+<p>&bdquo;Du bist noch zu jung, Otto&ldquo;, sagte sie; &bdquo;ich
+kann dir die Sache nicht genau erkl&auml;ren. Es
+gibt unehrenhafte Handlungen, f&uuml;r die man nicht
+ins Gef&auml;ngnis kommt, aber der sie begangen
+hat, steht deshalb doch entehrt, gebrandmarkt
+vor der ganzen Menschheit da. Deinem Vater
+wirft man vor, das Vertrauen anderer mi&szlig;braucht
+und zu seinem eigenen Vorteil ausgebeutet zu
+haben &ndash; und obwohl es keinen redlicheren, selbstloseren
+Menschen geben kann wie ihn, so haben
+sich doch Leute gefunden, die solchen Anschuldigungen
+Glauben schenken. Gerade in der letzten
+Zeit sind seine Gegner besonders k&uuml;hn aufgetreten,
+weil derjenige, der f&uuml;r deinen Vater h&auml;tte zeugen
+k&ouml;nnen, gestorben ist. Sie wu&szlig;ten nicht, da&szlig; er
+ein Schriftst&uuml;ck hinterlassen hat, welches nicht nur<span class='pagenum'><a name="Page_156" id="Page_156">[156]</a></span>
+alle Verd&auml;chtigungen zunichte macht, sondern auch
+ein helles Licht auf die lautere Gesinnung und
+edle Handlungsweise deines Vaters wirft. Dieses
+Schriftst&uuml;ck nun ist es, welches dein Vater, als
+er vor einigen Tagen so pl&ouml;tzlich verreiste, als
+wichtigstes Beweisst&uuml;ck herbeigeholt hat und das
+nun verschwunden ist. Dieses Schriftst&uuml;ck, morgen
+in der &ouml;ffentlichen Gerichtsverhandlung vorgelesen,
+h&auml;tte ihn vor allen Menschen gerechtfertigt, h&auml;tte
+seinen Verleumdern eine gro&szlig;e Niederlage bereitet
+&ndash; und nun ist es verschwunden, und es
+ist nicht zu ersetzen. Aber trotzdem wollen wir
+hoffen, da&szlig; die Verhandlung morgen zu deines
+Vaters Gunsten ausf&auml;llt. Die guten Menschen
+wenigstens werden an ihn glauben. Und nun,
+liebes Kind, lege dich hin und schlafe. Wir
+k&ouml;nnen nichts mehr tun, als die Sache dem lieben
+Gott &uuml;berlassen.&ldquo;</p>
+
+<p>Tante Toni blieb noch an Ottos Bett sitzen,
+bis er eingeschlafen war. Erst als sie sich &uuml;berzeugt
+hatte, da&szlig; er wirklich schlief, stand sie leise
+auf und ging hinunter. Auf der Treppe aber
+blieb sie lauschend stehen; war es ihr doch, als
+h&auml;tte sie leises Weinen geh&ouml;rt. Richtig, es kam
+aus Lillys Zimmer! Rasch kehrte die Tante<span class='pagenum'><a name="Page_157" id="Page_157">[157]</a></span>
+zur&uuml;ck, und sie fand wirklich die arme kleine
+Lilly bitterlich schluchzend in ihrem Bettchen.</p>
+
+<p>&bdquo;Aber was hast du denn, Lillchen? Was fehlt
+dir?&ldquo;</p>
+
+<p>Die Kleine konnte kaum antworten vor
+Schluchzen: &bdquo;Der Papa ist nicht &ndash; an mein
+Bett gekommen &ndash; um mir &sbquo;Gute Nacht&lsquo; zu
+sagen &ndash; und es hat niemand mit mir gebetet &ndash;
+und ich hab' geh&ouml;rt, wie der Otto hier neben
+geweint hat &ndash; und ich war ganz allein &ndash; und
+ich bin so traurig &ndash; und ...&ldquo; Und Lilly brach
+von neuem in bitterliches Weinen aus.</p>
+
+<p>Tante Toni nahm das Kind auf den Scho&szlig;,
+tr&ouml;stete es, wiegte es in den Armen wie ein
+ganz Kleines, und als Lilly etwas ruhiger geworden
+war, fragte sie: &bdquo;Wollen wir nun das
+Abendgebet zusammen beten?&ldquo;</p>
+
+<p>Lilly nickte, und sich an die Tante anschmiegend,
+faltete sie die H&auml;ndchen. Nach dem Gebet lie&szlig;
+sie sich auch gehorsam wieder ins Bettchen legen,
+aber als Tante Toni sich neben sie setzte mit
+dem Versprechen, bei ihr zu bleiben, bis sie schliefe,
+da sch&uuml;ttelte Lilly traurig das K&ouml;pfchen: &bdquo;Wenn
+der Papa nicht erst zu mir kommt, dann kann ich
+doch nicht schlafen.&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_158" id="Page_158">[158]</a></span>Da ging Tante Toni hinunter, und sie sagte:
+&bdquo;Lilly kann nicht schlafen, weil Papa ihr nicht
+&sbquo;Gute Nacht&lsquo; gesagt hat. Klein Lilly hat ihren
+Vater so lieb.&ldquo;</p>
+
+<p>Da hob der gebeugte Mann das Haupt, und
+es ging wie ein heller Schein &uuml;ber sein Gesicht
+&ndash; aber gleich zuckte es darin wieder wie
+tiefes Weh, und er sagte:</p>
+
+<p>&bdquo;Arme kleine Lilly, arme Kinderchen &ndash; es
+ist ja f&uuml;r sie, da&szlig; ich meinen Namen rein und
+unbefleckt erhalten m&ouml;chte.&ldquo;</p>
+
+<p>Dann ging er hinauf und nahm Tante Tonis
+Platz an Lillys Bettchen ein. Obwohl er sein
+T&ouml;chterchen anl&auml;chelte, sah dieses doch, da&szlig; er
+Kummer hatte. Es k&uuml;&szlig;te des Vaters Hand und
+streichelte sie z&auml;rtlich.</p>
+
+<p>&bdquo;Sei nicht traurig, Papa &ndash; ich hab' dich ja
+so lieb, <em class="gesperrt">so lieb</em>! &ndash; Ich will auch ein recht braves
+Kind werden &ndash; ich hab' es der Tante Toni
+schon versprochen. Die Tante Toni hab' ich
+auch sehr lieb....&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Das sollst du auch, mein Kindchen; und nun
+mu&szlig;t du schlafen. Gute Nacht, mein T&ouml;chterchen!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Gute Nacht, lieber Papa &ndash; lieber &ndash; guter &ndash;
+Papa!&ldquo; Und leise, leise fielen Lillys m&uuml;dgeweinte<span class='pagenum'><a name="Page_159" id="Page_159">[159]</a></span>
+&Auml;uglein zu; sie schluchzte noch einmal
+auf, wie Kinder oft nach heftigem Weinen tun,
+und dann schlief sie sanft und fest ein.</p>
+
+<p>Bald darauf war alles im Hause still, nur
+Herr Mehring und seine Schwester waren noch
+auf, sie sa&szlig;en beisammen im Arbeitszimmer.
+Herr Mehring sa&szlig; am Schreibtisch und schrieb
+Notizen auf; Tante Toni sa&szlig; etwas abseits, sie
+hielt die H&auml;nde auf den Knien gefaltet, und sie
+lauschte dem Wind, der an den Fensterl&auml;den
+r&uuml;ttelte. Als Herr Mehring von seiner Arbeit
+aufschaute, begegnete er dem sorgenvollen, fragenden
+Blick seiner Schwester. Er sagte mit einem
+schmerzlichen Seufzer: &bdquo;Wenn ich wenigstens noch
+etwas Zeit vor mir h&auml;tte &ndash; dann k&ouml;nnte ich
+vielleicht noch einige Zeugnisse herbeischaffen &ndash;
+aber bis morgen ist es unm&ouml;glich. O Toni, ich
+sehe der Verhandlung mit schweren Besorgnissen
+entgegen. Ich war meiner Sache so sicher &ndash;
+und nun ...&ldquo; Der schwergepr&uuml;fte Mann lie&szlig;
+den Kopf auf die Brust sinken.</p>
+
+<p>Tante Tonis Augen f&uuml;llten sich mit Tr&auml;nen, als
+sie ihren sonst so tatkr&auml;ftigen, mutigen Bruder jetzt so
+niedergebeugt sah. &bdquo;Verzage doch nicht, Robert&ldquo;,
+sagte sie, &bdquo;der liebe Gott l&auml;&szlig;t dich nicht im Stich.&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_160" id="Page_160">[160]</a></span>Herr Mehring l&auml;chelte wehm&uuml;tig.</p>
+
+<p>&bdquo;Aber der liebe Gott wird wohl kaum ein
+Wunder f&uuml;r mich tun.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Und warum nicht, du Kleingl&auml;ubiger?&ldquo; rief
+Tante Toni eifrig aus. &bdquo;Was ist denn ein
+Wunder f&uuml;r ihn, den Allm&auml;chtigen! Aber Gott
+kann auch helfen ohne Wunder. Er ist ja allweise,
+und wir sind arme, kurzsichtige Menschenkinder,
+wir sorgen und qu&auml;len uns ab, statt ganz
+auf ihn zu vertrauen!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Du hast recht, Toni, liebe Schwester, Gott
+kann alles zum Guten wenden, und ist es sein
+Wille, da&szlig; ich morgen vor den Menschen gedem&uuml;tigt
+und in den Staub gezogen werde, so geschehe sein
+heiliger Wille; er wird mir's tragen helfen.&ldquo;</p>
+
+<p>Dann herrschte wieder Stille und Schweigen
+im Zimmer. Drau&szlig;en aber war der Wind zum
+Sturm geworden. Der w&uuml;tete im Garten, sch&uuml;ttelte
+und beugte die B&auml;ume und peitschte den
+Regen gegen die Fenster, da&szlig; es prasselte.</p>
+
+<p>&bdquo;Welch ein Wetter!&ldquo; sagte Tante Toni halblaut,
+als eben ein besonders heftiger Windsto&szlig;
+einherfuhr, als ob er alles mit sich fortrei&szlig;en
+wollte. Pl&ouml;tzlich fuhr sie zusammen, und auch
+Herr Mehring sprang von seinem Stuhl auf.<span class='pagenum'><a name="Page_161" id="Page_161">[161]</a></span>
+Laut und schrill t&ouml;nte es durchs Haus &ndash; die
+T&uuml;rglocke.</p>
+
+<p>&bdquo;Was mag das sein? Wer mag so sp&auml;t noch
+kommen?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Die M&auml;dchen schlafen schon, ich werde selbst
+nachsehen&ldquo;, sagte Herr Mehring; aber Tante Toni
+ging mit ihrem Bruder hinunter.</p>
+
+<p>&bdquo;Wer ist da?&ldquo; fragte dieser, ehe er die Haust&uuml;re
+&ouml;ffnete.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich bin's, Herr, ich, der Christian&ldquo;, t&ouml;nte
+es von drau&szlig;en.</p>
+
+<p>&bdquo;Wie, Christian, Sie kommen noch so sp&auml;t
+und bei diesem Wetter?&ldquo; rief Herr Mehring,
+die T&uuml;r &ouml;ffnend. &bdquo;Was gibt es denn?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Huh, ja, das is e Wetter!&ldquo; sagte Christian
+eintretend und sich die F&uuml;&szlig;e abputzend, w&auml;hrend
+ihm das Wasser von Hut und Mantel niederrann.
+&bdquo;Und ich mu&szlig; recht um Entschuldigung
+bitten, da&szlig; ich Ihne noch so sp&auml;t st&ouml;r, Herr
+Mehring, aber sehn Se, die alt Babett hat mer
+ja kei Ruh gelassen, sie hat sich's halt in ihrn eigensinnige
+Kopp neingesetzt gehabt, Sie m&uuml;&szlig;te das
+Papier da, wo se in ihrm Korb gefunde hat,
+wie se diesen Abend heimkomme is, noch heut
+zur&uuml;ckkriege, und wenn emal die Babett sich was<span class='pagenum'><a name="Page_162" id="Page_162">[162]</a></span>
+in ihrn alte Kopp gesetzt hat ... Aber um Gottes
+wille, Herr Mehring, was is Ihne dann? Was
+hab' ich denn jetzt angestellt!&ldquo;</p>
+
+<p>Herr Mehring hatte n&auml;mlich dem Alten,
+w&auml;hrend dieser sprach, das Papier aus der Hand
+genommen, und kaum hatte er einen Blick hineingeworfen,
+da hatte er einen Schrei ausgesto&szlig;en
+und war zur&uuml;ckgetaumelt.</p>
+
+<p>&bdquo;Was ist dir, Robert, was ist?&ldquo; rief Tante
+Toni erschrocken aus. Herr Mehring legte den
+Arm um sie, und den Kopf an ihre Schulter
+lehnend, sagte er mit von Tr&auml;nen erstickter
+Stimme: &bdquo;O Toni, der liebe Gott hat geholfen,
+ohne ein Wunder zu brauchen &ndash; es ist das
+Schriftst&uuml;ck!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Gott sei Dank, Gott sei Dank!&ldquo; rief Tante
+Toni lachend und weinend zugleich. &bdquo;Siehst du,
+ich wu&szlig;t' es ja, da&szlig; der liebe Gott uns nicht
+im Stich lassen w&uuml;rde!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Die alt Babett hat am End doch recht gehabt&ldquo;,
+dachte der Christian, und er kratzte sich
+hinter dem Ohr, was er gew&ouml;hnlich tat, wenn
+er verlegen oder nachdenklich war. Aber man
+lie&szlig; ihm nicht viel Zeit zum Nachdenken; Herr
+Mehring und seine Schwester n&ouml;tigten ihn ins<span class='pagenum'><a name="Page_163" id="Page_163">[163]</a></span>
+Zimmer, und w&auml;hrend Tante Toni ihm ein Glas
+Wein einschenkte, sagte Herr Mehring:</p>
+
+<p>&bdquo;Aber nun, Christian, sagen Sie mir doch,
+wie Sie, oder vielmehr wie Babett zu diesem
+Papier kommt!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja sehn Se, Herr, des war halt so: Die
+Babett is ja diesen Nachmittag hier gewese, um
+den Lappekorb abzuhole, wie se's halt immer
+zweimal im Monat tut. Wie se nun mit ihrm
+Korb fortgehn wollt, da is se da im Garte, grad
+vorm Haus ausgerutscht und w&auml;r beinah hingefalle,
+und sie hat in ihrm Schrecke laut geschriee
+&ndash; da is obe e Fenster aufgerisse worde
+und es sind allerhand Papiere rausgefloge, und
+gleich drauf is der Herr Otto gelaufe komme,
+um die Papiere wieder aufzulese, und wie em
+die Babett dabei geholfe hat, da hat er gesagt,
+sie sollt nur recht achtgebe, denn es w&auml;rn gar
+wichtige Papiere. Aber die Babett hat gar nit
+gemerkt, da&szlig; eins von dene Papiere in ihrn Korb
+gefalle is, und des hat se erst gefunde, wie se
+vorm Schlafegehn ihrn Korb ausgeleert hat, und
+da hat se mich gerufe; ich hab aber schon mit
+eim Aug geschlafe, und wie ich halt nit gleich
+raus gewollt hab, da hat se angefange und<span class='pagenum'><a name="Page_164" id="Page_164">[164]</a></span>
+hat auf mei T&uuml;r gekloppt mit ihre zwei F&auml;ust,
+und die sin noch recht kr&auml;ftig f&uuml;r so e alte Frau,
+denn sie hat Ihne en Spekeltakel aufgef&uuml;hrt, wie
+wann se die ganz Stadt h&auml;tt aufwecke wolle.
+Und wie ich ihr dann zugeredt hab und gesagt,
+des t&auml;t sich doch nit schicke, da&szlig; ich jetzt wege
+so eme lumpige Papier die Leut noch aus em
+Schlaf st&ouml;re sollt, da hat se immer wieder gesagt,
+des w&auml;r e wichtig Papier, der Herr Otto w&auml;r
+ganz bla&szlig; gewese, wie er runtergelaufe w&auml;r, und
+des Papier m&uuml;&szlig;t diesen Abend noch zu Ihne
+gebracht werde, und wenn ich nit gehn wollt,
+dann t&auml;t sie halt selber gehn. No so bin ich halt
+komme, und wenn Se erlaube, Herr Mehring,
+so trink ich jetzt auf Ihr Wohl und aufs Wohl
+vom Fr&auml;ule Toniche.&ldquo;</p>
+
+<p>Er leerte sein Glas, stellte es auf den Tisch
+und fuhr sich mit dem &Auml;rmel &uuml;ber den Mund.
+Er machte gro&szlig;e Augen, als Herr Mehring ihm
+so herzlich dankte und ihm erkl&auml;rte, welch gro&szlig;en
+Dienst er ihm durch &Uuml;berbringung des Schriftst&uuml;ckes
+geleistet hatte.</p>
+
+<p>&bdquo;Na, da freu' ich mich aber!&ldquo; rief er beim
+Abschiednehmen, &bdquo;und morge, da werd' ich auch
+dabei sein, um die Gesichter von dene miserable<span class='pagenum'><a name="Page_165" id="Page_165">[165]</a></span>
+L&uuml;gner zu sehn. Na, aber so was! Wenn ich
+noch dran denk, was Sie f&uuml;r e lieber, wilder
+Bub warn, fr&uuml;her, wie ich noch G&auml;rtner bei
+Ihne Ihre Eltern war, Herr Robert, und wie
+Sie mal von der Frau Mama eine &uuml;bergezoge
+kriegt habe, weil Se mer in mei frischgepflanzte
+Beete gesprunge sin!&ldquo; Und im Fortgehen murmelte
+er vor sich hin: &bdquo;Ja, ja, wenn mer halt
+noch emal jung sein k&ouml;nnt!&ldquo;</p>
+
+<p>Als Otto am andern Morgen aufwachte, fiel
+sein erster Blick auf Tante Toni, die schon an
+seinem Bette sa&szlig;. Er war erst ganz erstaunt
+und rieb sich die Augen, aber gleich legte es sich
+wieder wie eine Zentnerlast auf sein Herz. Wie
+hatte er nur so gut schlafen k&ouml;nnen nach dem,
+was gestern passiert war?</p>
+
+<p>&bdquo;O Tante!&ldquo; rief er aus, &bdquo;Tante, es ist ja
+heute &ndash; <em class="gesperrt">heute</em>&nbsp;...!&ldquo;</p>
+
+<p>Aber die Tante l&auml;chelte und sagte mit bewegter
+Stimme: &bdquo;Otto, knie dich gleich nieder und
+danke dem lieben Gott aus ganzem Herzen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Das Papier, Tante, das Papier &ndash; ist gefunden?&ldquo;</p>
+
+<p>Die Tante nickte. &bdquo;Erst beten, Otto, dann
+erz&auml;hl' ich dir.&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_166" id="Page_166">[166]</a></span>Ein warmes, aufrichtiges Dankgebet stieg aus
+des Knaben Herzen zum Himmel hinauf, dann
+aber lauschte Otto gespannt dem Bericht der Tante.</p>
+
+<p>&bdquo;Die gute Babett!&ldquo; rief er am Schlu&szlig; der
+Erz&auml;hlung aus. &bdquo;Heute noch gehen wir zu ihr,
+gelt, Tante! Ich will sie jetzt gerne um Verzeihung
+bitten wegen neulich &ndash; du wei&szlig;t ja, Tante &ndash;,
+und die Lilly nehmen wir auch mit. O Tante,
+es schaudert mich, wenn ich daran denke, wie
+leicht Babett das Papier h&auml;tte verlieren oder
+als wertlos zerrei&szlig;en k&ouml;nnen; oder wenn sie es
+gar nicht bemerkt h&auml;tte, dann w&auml;re es mit all
+ihren andern Lappen zusammen in den Sack des
+Lumpensammlers gekommen!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Das h&auml;tte allerdings sehr leicht geschehen k&ouml;nnen;
+aber der liebe Gott hat unser Gebet erh&ouml;rt, und
+er hat es nicht zugelassen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ach, Tante, wenn ich doch nur heute nicht in
+die Schule gehen m&uuml;&szlig;te! Ich werde doch nicht achtgeben
+k&ouml;nnen, ich mu&szlig; ja doch immer an Papa
+denken. Nicht wahr, jetzt <em class="gesperrt">mu&szlig;</em> es doch gut f&uuml;r
+ihn ausgehen?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Gewi&szlig;, Kind, du kannst ganz ruhig sein, und
+du mu&szlig;t dir alle M&uuml;he geben, heute in der
+Schule ganz besonders aufmerksam zu sein. Du<span class='pagenum'><a name="Page_167" id="Page_167">[167]</a></span>
+mu&szlig;t sofort beginnen, die guten Vors&auml;tze, die du
+gestern gefa&szlig;t hast, auszuf&uuml;hren; nur nicht gleich
+anfangen zu verschieben, denn dann wird nichts
+daraus.&ldquo;</p>
+
+<p>Das war ein denkw&uuml;rdiger Tag; Otto verga&szlig;
+ihn nie mehr in seinem Leben. Als er von der
+Schule heimkam, fand er Haus und Garten voller
+Menschen. Sein Vater stand oben auf dem
+Balkon, umgeben von seinen Schw&auml;gern und
+einigen Freunden, und er richtete von dort aus
+einige warme Dankesworte an alle, die gekommen
+waren, um ihn zu begl&uuml;ckw&uuml;nschen und ihm ihre
+Teilnahme zu bezeigen.</p>
+
+<p>&bdquo;Unser Mehring soll leben &ndash; hoch, hoch, hoch!&ldquo;
+so riefen alle Anwesenden, und am lautesten schrie
+der alte Christian. Der kam sich &uuml;berhaupt gar
+wichtig vor; Herr Mehring hatte ihm vor allen
+Zuschauern die Hand gesch&uuml;ttelt, und er sah sich
+nun bald von Neugierigen umringt, die ihn &uuml;ber
+den Verlauf der Gerichtsverhandlung ausfragten;
+denn Christian hatte derselben von Anfang bis
+zum Schlu&szlig; beigewohnt, und er lie&szlig; sich auch
+nicht lange bitten, es machte ihm selbst ja ein
+gro&szlig;es Vergn&uuml;gen zu erz&auml;hlen, wie alles so pr&auml;chtig
+gegangen, wie die Verleumder in die Enge<span class='pagenum'><a name="Page_168" id="Page_168">[168]</a></span>
+getrieben worden seien und was sie f&uuml;r verdutzte
+und w&uuml;tende Gesichter gemacht, als das Schriftst&uuml;ck
+verlesen wurde, von dessen Vorhandensein sie gar
+keine Ahnung gehabt hatten und welches auf Herrn
+Mehrings Charakter und Handlungsweise ein so
+helles Licht warf.</p>
+
+<p>Ottos Herz h&uuml;pfte ordentlich vor Freude. Er
+war so stolz auf seinen lieben, herrlichen Vater,
+und als ein alter Mann ihm auf die Schulter
+klopfte und ausrief: &bdquo;Bub, M&auml;nner wie dein
+Vater sind ein Segen f&uuml;rs Volk und f&uuml;rs Vaterland;
+sieh zu, da&szlig; du ihm nacheiferst!&ldquo; da streckte
+Otto diesem die Hand hin und sagte: &bdquo;Das will
+ich &ndash; hier meine Hand drauf!&ldquo;</p>
+
+<p>Am Abend, als alle G&auml;ste fort waren, rief
+Herr Mehring seinen Sohn zu sich. Er sah ihn eine
+Zeitlang ernst und forschend an; endlich sagte er:</p>
+
+<p>&bdquo;Otto, ich m&ouml;chte, da&szlig; du mir das Versprechen,
+welches du mir gestern in der Not und in der
+Angst gegeben hast, heute frei von diesen Gef&uuml;hlen
+und wohlbedacht erneuerst. Ist es dir wirklich
+Ernst mit deinem Vorsatz?&ldquo;</p>
+
+<p>Otto sah seinem Vater freim&uuml;tig in die Augen:</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, Vater, es ist mir Ernst, und ich will tun,
+was mir m&ouml;glich ist, um dir Freude zu machen.&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_169" id="Page_169">[169]</a></span>&bdquo;Gott segne dich, mein Sohn, und er helfe
+dir; denn es ist nicht so leicht, wie du dir's jetzt
+denkst. Die Erinnerung an die eben &uuml;berstandene
+schwere Pr&uuml;fung wird sich mit der Zeit abschw&auml;chen,
+du wirst schwache Stunden haben und
+vielleicht manchmal in die alten Fehler zur&uuml;ckfallen.
+La&szlig; dich dadurch nur ja nicht entmutigen,
+sondern bleibe beharrlich; es wird, es
+mu&szlig; gehen mit Gottes Hilfe.&ldquo;</p>
+
+<p>Otto bem&uuml;hte sich redlich, sein Versprechen zu
+halten. Er nahm es nun auch sehr ernst mit
+der Vorbereitung auf die erste heilige Kommunion,
+und Lilly konnte sich gar nicht genug wundern
+&uuml;ber diese Umwandlung ihres Bruders.</p>
+
+<p>&bdquo;Du bist ja auf einmal ganz anders geworden
+wie fr&uuml;her&ldquo;, sagte sie, ihn mit gro&szlig;en, verwunderten
+Augen ansehend. &bdquo;Du bist gar nicht mehr
+grob, du neckst und &auml;rgerst mich nicht mehr, und
+du hast dem Rudi sogar deinen Drachen geschenkt.&ldquo;</p>
+
+<p>Nach einigem Nachdenken f&uuml;gte sie hinzu: &bdquo;Mu&szlig;
+ich auch so brav werden n&auml;chstes Jahr, wenn ich
+zur ersten heiligen Kommunion gehe?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nat&uuml;rlich, Lilly, noch viel br&auml;ver, und deshalb
+t&auml;test du gut daran, wenn du jetzt gleich
+anfingest etwas br&auml;ver zu werden. Du solltest<span class='pagenum'><a name="Page_170" id="Page_170">[170]</a></span>
+dir zum Beispiel vornehmen, nie mehr zu
+l&uuml;gen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;O, ich l&uuml;ge ja gar nicht!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;So? Ist das vielleicht nicht l&uuml;gen, wenn
+man eine Wasserflasche zerbricht und hernach behauptet,
+man h&auml;tte sie gar nicht anger&uuml;hrt, und
+wenn man &uuml;ber ein Gitter klettert und sich dabei
+das Kleid zerrei&szlig;t und man sagt, die andern
+Kinder h&auml;tten beim Spielen so gezerrt, da&szlig; das
+Kleid kaput gegangen sei? O Lilly, es ist so
+abscheulich, wenn man l&uuml;gt!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;O du, als ob du nie gelogen h&auml;ttest!&ldquo; Und
+Lilly machte ein finsteres, trotziges Gesicht.</p>
+
+<p>Otto wurde ganz rot und wollte zornig auffahren,
+aber er bezwang sich, und er sagte einfach:
+&bdquo;Ja, ich wei&szlig; es, Lilly, ich hab' fr&uuml;her auch
+gelogen; aber jetzt sch&auml;m' ich mich dar&uuml;ber, und
+ich werde es nie, nie mehr tun. Komm, Lilly,
+willst du lieb sein und mir eine Freude machen?
+Dann versprich mir, da&szlig; du von nun an nie
+mehr l&uuml;gst.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;O du, versprechen! &ndash; Das mu&szlig; ich mir erst
+noch &uuml;berlegen. Ich bin ja auch noch kleiner und
+j&uuml;nger wie du!&ldquo; Damit sprang Lilly davon.
+Sie fand es ja wohl sehr angenehm und bequem,<span class='pagenum'><a name="Page_171" id="Page_171">[171]</a></span>
+einen so braven Bruder zu haben, der stets bereit
+war nachzugeben, der ihr bei den Aufgaben half;
+aber sich von ihm schulmeistern oder ermahnen
+zu lassen, das gefiel ihr nicht.</p>
+
+<p>Otto sch&uuml;ttelte entt&auml;uscht den Kopf. &bdquo;Sie
+versteht es noch nicht&ldquo;, tr&ouml;stete er sich; &bdquo;sie hat
+eben noch nicht so etwas Schreckliches durchgemacht
+wie ich!&ldquo;</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_172" id="Page_172">[172]</a></span></p>
+<h2><a name="Achtes_Kapitel" id="Achtes_Kapitel"></a>Achtes Kapitel.<br/>
+<big>Klein Tonis Wunsch geht in Erf&uuml;llung!</big></h2>
+
+
+<p>Drau&szlig;en war das sch&ouml;nste Wetter. Die Sonne
+schien, Vogelstimmen riefen und lockten, und doch
+mochte Tante Toni nicht mit ihrer kleinen Bande
+in den lieben, alten Spessart hinaufwandern &ndash;
+sie sa&szlig; an klein Tonis Bettchen. Immer schmaler
+und blasser wurde das liebe Kindergesichtchen,
+und die blauen Augen blickten immer sehns&uuml;chtiger
+und erwartungsvoller.</p>
+
+<p>&bdquo;Tante, was hast du gestern abend dem Otto
+erz&auml;hlt?&ldquo; fragte die Kleine jeden Morgen, wenn
+Tante Toni zu ihr kam, und sie konnte nicht
+m&uuml;de werden zuzuh&ouml;ren, wenn diese ihr vom
+lieben Heiland erz&auml;hlte, der die Menschen so lieb
+hat, da&szlig; er die Gestalt des Brotes annimmt,
+um immer in ihrer Mitte zu sein und sich aufs
+innigste mit ihnen vereinigen zu k&ouml;nnen. Am
+liebsten h&ouml;rte sie aber die Geschichte vom g&ouml;ttlichen
+Kinderfreund, der es nicht dulden wollte,<span class='pagenum'><a name="Page_173" id="Page_173">[173]</a></span>
+da&szlig; die Apostel die Kinder fortschickten, und der
+ausrief: &bdquo;Lasset die Kindlein zu mir kommen!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ach, Tante, w&auml;r' ich doch eines von den
+kleinen Judenkindern gewesen &ndash; vielleicht h&auml;tte
+der liebe Heiland mich auch auf seine Knie genommen
+und h&auml;tte mich gesegnet!&ldquo; Und klein
+Tonis Augen ergl&auml;nzten, als sie sich so lebhaft
+vorstellte, wie sch&ouml;n, wie herrlich es sein m&uuml;&szlig;te, auf
+des Heilands Scho&szlig; zu sitzen und das K&ouml;pfchen
+an seine Brust zu lehnen.</p>
+
+<p>Mit gro&szlig;er Geduld ertrug klein Toni es, so
+lange still im Bettchen liegen zu m&uuml;ssen. Der
+Husten und das Fieber qu&auml;lten sie sehr, aber
+sie klagte nicht, sie seufzte nur manchmal, wenn
+das Rufen und Lachen ihrer Geschwister vom
+Garten zu ihr heraufklang.</p>
+
+<p>Einmal aber hatte sie doch wieder einen ihrer
+fr&uuml;heren Zornanf&auml;lle &ndash; das war, als Lilly sie
+besuchen kam und sagte: &bdquo;Du hast's gut, du
+kannst hier bequem in deinem Bett liegen und
+tun, was du willst, w&auml;hrend wir andern in die
+Schule m&uuml;ssen.&ldquo;</p>
+
+<p>Tonichen hatte darauf erkl&auml;rt: &bdquo;Es ist viel
+sch&ouml;ner und lustiger, gesund zu sein und in die
+Schule zu gehen, als krank zu sein.&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_174" id="Page_174">[174]</a></span>Da hatte aber Lilly ein sp&ouml;ttisches Gesicht
+gemacht und lachend geantwortet: &bdquo;Geh doch,
+Toni, <em class="gesperrt">mir</em> machst du so leicht nichts vor! Wenn
+du so gern in die Schule gingest, w&auml;rst du sicher
+schon l&auml;ngst gesund &ndash; du stellst dich ein bi&szlig;chen an.&ldquo;</p>
+
+<p>Toni hatte erst ganz verwundert dreingeschaut &ndash;
+sie konnte es ja gar nicht begreifen, da&szlig; man
+so etwas von ihr denken konnte &ndash;, dann war
+sie sehr b&ouml;se geworden, und sie hatte geschrien:</p>
+
+<p>&bdquo;Nein, ich stelle mich nicht an &ndash; ich l&uuml;g'
+doch nicht!&ldquo; Und dann mu&szlig;te sie sehr stark
+husten, und sie weinte dabei, so da&szlig; Lilly, die
+ja doch im Grunde die kleine Toni lieb hatte,
+ganz best&uuml;rzt sagte: &bdquo;Komm, Tonichen, sei nicht
+mehr b&ouml;s auf mich &ndash; ich glaub' dir's ja, da&szlig;
+du dich nicht anstellst, und ich sag's auch nie
+mehr.&ldquo;</p>
+
+<p>Die beiden Kinder hatten sich daraufhin wieder
+vers&ouml;hnt, aber am Abend dieses Tages hustete
+klein Toni viel mehr und das Fieber war gestiegen
+&ndash; sie konnte keine Ruhe finden und
+weinte bittere Reuetr&auml;nen, weil sie sich wieder
+von ihrem Zorn hatte hinrei&szlig;en lassen. Als Tante
+Toni ihr &bdquo;Gute Nacht&ldquo; sagen kam, klagte sie:
+&bdquo;Ich kann gar nicht mehr so gut an den lieben<span class='pagenum'><a name="Page_175" id="Page_175">[175]</a></span>
+Heiland denken &ndash; ich meine immer, er w&auml;re
+nun unzufrieden mit mir und er w&uuml;rde mich jetzt
+nicht auf seinem Scho&szlig; haben wollen, wenn ich
+eins von den kleinen Judenkindern w&auml;re.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;O Tonichen, was denkst du denn vom lieben
+Heiland? Du hast ihn ja wohl gekr&auml;nkt durch
+deinen Zorn &ndash; aber das hat er dir schon wieder
+verziehen; es hat dir ja gleich nachher so leid
+getan. Und jetzt bist du wieder sein kleiner
+Liebling. Du kannst dir ja gar nicht vorstellen,
+wie lieb dich der liebe Heiland hat. Er hat dich
+ja schon gekannt und dich geliebt damals, wie
+er f&uuml;r dich am Kreuz gestorben ist, und er hat
+eine ganz besondere Freude an dir, weil du ihm
+zuliebe so geduldig bist und dir so viel M&uuml;he
+gibst, ein liebes, braves Kind zu sein.&ldquo;</p>
+
+<p>Solchen Worten h&ouml;rte klein Toni gerne zu,
+und sie lag nun wieder still und getr&ouml;stet in
+ihrem Bettchen. Sie klagte auch nicht, als sich
+am andern Tag ein qu&auml;lendes Stechen in der
+Brust und in der Seite einstellte. Ihr armes
+K&ouml;pfchen war so weh und schwer, da&szlig; sie es
+kaum mehr vom Kissen erheben konnte.</p>
+
+<p>&bdquo;Es ist eine Lungenentz&uuml;ndung hinzugetreten&ldquo;,
+sagte der Hausarzt, und er brachte noch einen<span class='pagenum'><a name="Page_176" id="Page_176">[176]</a></span>
+zweiten Doktor mit &ndash; aber der hie&szlig; alles gut,
+was der gute alte Hausarzt gesagt und angeordnet
+hatte; helfen konnte er auch nicht, und er sagte
+zu den tiefbetr&uuml;bten Eltern:</p>
+
+<p>&bdquo;Es ist ein sehr ernster Fall; aber solange
+noch Leben da ist, ist auch noch Hoffnung.&ldquo;</p>
+
+<p>Klein Toni aber schaute ihre Tante und Patin
+bittend an:</p>
+
+<p>&bdquo;Was w&uuml;nschest du, Liebling?&ldquo; fragte diese,
+sich &uuml;ber ihr Bettchen neigend.</p>
+
+<p>Mit leiser, schwacher Stimme fl&uuml;sterte das
+Kind: &bdquo;Tante, denkst du noch an dein Versprechen?&ldquo;</p>
+
+<p>Die Tante nickte.</p>
+
+<p>&bdquo;Geh zum Herrn Pfarrer &ndash; bitte, Tante &ndash;
+ich m&ouml;chte beichten &ndash; und er soll mir den lieben
+Heiland bringen.&ldquo;</p>
+
+<p>Tante Toni z&ouml;gerte einen Augenblick, aber
+klein Tonis Augen baten so flehend, sie konnte
+nicht widerstehen &ndash; sie begab sich sofort ins
+Pfarrhaus. Sie sprach lange mit dem Herrn
+Pfarrer, und dieser versprach ihr, die kleine Kranke
+gegen Abend zu besuchen.</p>
+
+<p>Es war wohl die Freude, die verursachte, da&szlig;
+Tonichen sich am Abend viel leichter und besser<span class='pagenum'><a name="Page_177" id="Page_177">[177]</a></span>
+f&uuml;hlte. Ihre Augen leuchteten auf, als der Herr
+Pfarrer an ihr Bettchen trat.</p>
+
+<p>&bdquo;So, so&ldquo;, sagte dieser freundlich, &bdquo;das ist also
+die Kleine, die kommunizieren m&ouml;chte. Wie alt
+bist du denn, mein Kind?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ich bin sieben Jahre, Herr Pfarrer; ich habe
+also das Alter der Vernunft.&ldquo;</p>
+
+<p>Der Pfarrer l&auml;chelte: &bdquo;So, meinst du? Nun
+sag' mir doch einmal, warum du schon so fr&uuml;h
+zur heiligen Kommunion gehen m&ouml;chtest!&ldquo;</p>
+
+<p>Toni faltete ihre H&auml;ndchen &uuml;ber der Brust
+und sagte in innigem Ton: &bdquo;Weil ich mich so
+sehr danach sehne, den lieben Heiland zu empfangen.
+Ich habe mir ja sogar gew&uuml;nscht, recht bald zu
+sterben, damit ich nicht noch drei Jahre auf ihn
+zu warten brauche.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Du wei&szlig;t und glaubst also, da&szlig; man in der
+heiligen Kommunion den lieben Heiland selbst
+empf&auml;ngt?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Aber nat&uuml;rlich!&ldquo; sagte klein Toni, ganz erstaunt,
+da&szlig; der Herr Pfarrer &uuml;berhaupt so etwas
+fragen konnte.</p>
+
+<p>&bdquo;Kannst du denn den lieben Heiland sehen?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ich kann nur die heilige Hostie sehen, aber
+ich wei&szlig;, da&szlig; es doch der wirkliche liebe Heiland<span class='pagenum'><a name="Page_178" id="Page_178">[178]</a></span>
+ist, so wie er jetzt im Himmel wohnt und wie
+er fr&uuml;her auf die Welt gekommen ist, um uns
+zu erl&ouml;sen.&ldquo;</p>
+
+<p>Der Pfarrer stellte noch einige Fragen an
+Toni, welche dieselben alle richtig und verst&auml;ndig
+beantwortete. Dann h&ouml;rte er ihre Beichte an,
+und als er fortging, da hatte er Tr&auml;nen in den
+Augen.</p>
+
+<p>&bdquo;Morgen fr&uuml;h bringt er mir den lieben Heiland&ldquo;,
+fl&uuml;sterte Toni selig l&auml;chelnd vor sich hin,
+und sie lag die ganze Zeit wie in stiller, gl&uuml;ckseliger
+Erwartung. Von ihrem Bettchen aus sah sie
+zu, wie Mutter und Tante Toni einen kleinen
+Altar im Zimmer zurechtmachten. Etwas sp&auml;ter,
+als Vater und Mutter an ihrem Bett sa&szlig;en,
+sagte sie: &bdquo;Nicht wahr, der liebe Gott hat mir
+ja nun alles verziehen, und ihr verzeiht mir auch,
+Papa und Mama und Tante Toni und alle
+Geschwister, da&szlig; ich oft so ungehorsam und so
+zornig war? &ndash; Es tut mir ja so leid, und ich
+hab' euch alle so lieb!&ldquo;</p>
+
+<p>Die Eltern konnten ihre Tr&auml;nen kaum zur&uuml;ckhalten.</p>
+
+<p>Dann wurde es Nacht, und klein Toni schlief
+so sanft und so ruhig, wie sie lange nicht mehr<span class='pagenum'><a name="Page_179" id="Page_179">[179]</a></span>
+geschlafen hatte. Sie hustete nicht und f&uuml;hlte
+auch keine Schmerzen mehr. Von Zeit zu Zeit
+&ouml;ffnete sie die Augen und fragte, ob es nun bald
+hell w&uuml;rde.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich freue mich so&ldquo;, fl&uuml;sterte sie, und als
+es endlich hell geworden war, begannen die
+Mutter und Tante Toni die kleine Kranke f&uuml;r
+die heilige Handlung herzurichten. Vorsichtig und
+behutsam zogen sie ihr ein feines, gesticktes Nachtkleidchen
+an; auch ein kleines Myrtenkr&auml;nzchen
+bekam klein Toni, wie ein wirkliches Kommunionkind.
+Die Mutter gab ihr einen sch&ouml;nen wei&szlig;en
+Rosenkranz, und dann betete sie mit ihrem
+T&ouml;chterchen, bis unten im Hause ein Gl&ouml;ckchen
+ert&ouml;nte. Nun z&uuml;ndete Tante Toni die Kerzen
+an und &ouml;ffnete weit die T&uuml;re. Der Herr Pfarrer
+trat herein, gefolgt vom Vater, von den Geschwistern
+und den Dienstboten, und alle knieten
+nieder, als der Priester segnend die heilige Hostie
+erhob.</p>
+
+<p>Klein Tonis Augen strahlten in einem ganz
+eigenen Glanze, als der Priester ihr das hochw&uuml;rdigste
+Gut reichte, und ihre Wangen r&ouml;teten
+sich; dann lag sie still, ganz still mit gefalteten
+H&auml;ndchen, ihr Gesichtchen war wieder ganz bla&szlig;<span class='pagenum'><a name="Page_180" id="Page_180">[180]</a></span>
+geworden, und ihre Augen waren geschlossen, so
+da&szlig; der kleine Leo, der hinten neben Gretchen
+kniete, diese leise fragte: &bdquo;Ist die Toni jetzt schon
+ein Engel?&ldquo; Statt aller Antwort brach Gretchen
+in leises Weinen aus.</p>
+
+<p>Der Priester segnete nochmals die kleine Kranke
+und entfernte sich, w&auml;hrend der Vater und die
+&uuml;brigen Anwesenden ihm das Geleite gaben.</p>
+
+<p>Nur die Mutter und Tante Toni blieben
+zur&uuml;ck, und als Frau Wulff sich etwas sp&auml;ter
+&uuml;ber ihr T&ouml;chterchen neigte und leise fragte: &bdquo;Wie
+f&uuml;hlst du dich, mein Kind?&ldquo; da antwortete klein
+Toni l&auml;chelnd: &bdquo;Wohl, o so wohl!&ldquo; und als sie
+dabei einen Augenblick die Augen &ouml;ffnete, da
+hatten diese einen Ausdruck, als ob sie schon &uuml;ber
+alles Irdische hinaus in eine andere Welt blickten.
+Aber sie schlossen sich gleich wieder, und Toni fiel
+in einen sanften Schlummer; jedoch selbst im
+Schlaf hielt sie die H&auml;ndchen auf die Brust gepre&szlig;t,
+als wollte sie den lieben Heiland da drin
+festhalten, damit er ja nicht von ihr ginge. &ndash;</p>
+
+<p>Als die Zwillinge und Anna um zw&ouml;lf Uhr
+aus der Schule kamen, da fanden sie alle Fensterl&auml;den
+geschlossen, die Haust&uuml;re war nur angelehnt,
+so da&szlig; sie gar nicht zu schellen brauchten.<span class='pagenum'><a name="Page_181" id="Page_181">[181]</a></span>
+Auf der Treppe stand Leo, der schien auf sie
+gewartet zu haben.</p>
+
+<p>&bdquo;Hast du die T&uuml;re aufgemacht?&ldquo; fragte Kurt
+in strengem Ton. &bdquo;Du wei&szlig;t doch, da&szlig; dir das
+verboten ist, und&nbsp;...&ldquo;</p>
+
+<p>Aber Leo legte den Finger auf den Mund
+und sagte leise: &bdquo;Pst! Jetzt ist unsere Toni
+wirklich ein Engelchen geworden.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Wie, ist sie tot?&ldquo; riefen die drei Kinder best&uuml;rzt
+aus.</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, ganz tot gestorben&ldquo;, best&auml;tigte Leo und
+nickte mit dem Kopf. &bdquo;Aber sie ist noch nicht
+im Himmel, denn sie liegt noch da drin und
+schl&auml;ft ganz fest.&ldquo;</p>
+
+<p>Eben kam Gretchen mit rotgeweinten Augen
+aus dem Zimmer, und sie nahm Leo mit sich,
+w&auml;hrend Paul, Kurt und Anna leise, auf
+den Fu&szlig;spitzen auftretend, Tante Toni folgten,
+die gerade an der T&uuml;re erschien und ihnen
+winkte.</p>
+
+<p>&bdquo;Wie sch&ouml;n, o wie sch&ouml;n ist unser Tonichen!&ldquo;
+fl&uuml;sterte Anna, auf ihr Schwesterchen blickend,
+welches wirklich wie ein schlafendes Engelchen
+dalag &ndash; so wei&szlig;, so still, so friedlich. Und leise
+weinend beugte sich eines nach dem andern &uuml;ber<span class='pagenum'><a name="Page_182" id="Page_182">[182]</a></span>
+das tote Schwesterlein, um ihm noch einmal das
+kalte H&auml;ndchen zu k&uuml;ssen.</p>
+
+<p>Vater und Mutter knieten da, von Schmerz
+gebeugt, aber als die andern Kinder sich wie tr&ouml;stend
+oder Trost suchend an sie schmiegten, da erhob
+die Mutter das Haupt, und sie sagte: &bdquo;Lasset
+uns dem lieben Gott danken, da&szlig; er unserer
+lieben kleinen Toni einen so sch&ouml;nen, sanften Tod
+verliehen hat. Sie l&auml;&szlig;t euch alle noch herzlich
+gr&uuml;&szlig;en, jedes hat sie noch beim Namen genannt,
+und zuletzt ist sie mit dem heiligsten Namen
+Jesus auf den Lippen sanft eingeschlafen.&ldquo;</p>
+
+<p>Hier brach der Mutter die Stimme, und eine
+Zeitlang h&ouml;rte man im Zimmer nichts mehr als
+unterdr&uuml;cktes Schluchzen und leises Beten.</p>
+
+<p>Im Laufe des Nachmittags kamen auch Helmers
+mit ihren Kindern und Onkel Robert mit
+den seinen, um die kleine Toni noch einmal zu
+sehen. Die Kinder weinten zwar sehr, aber sie
+blieben doch ruhig und dachten daran, wie gl&uuml;cklich
+Tonichen nun wohl schon im Himmel w&auml;re. Nur
+Lilly stand eine Zeitlang wie erstarrt und schaute
+mit gro&szlig;en Augen auf die kleine, regungslose
+Gestalt. Auf einmal trat sie dicht an das Bett,
+und sich &uuml;ber die Tote beugend bat sie: &bdquo;Tonichen,<span class='pagenum'><a name="Page_183" id="Page_183">[183]</a></span>
+du hast mir ja nicht &sbquo;Adieu&lsquo; gesagt &ndash; mach
+nochmal deine &Auml;ugelchen auf, bitte, schau mich
+nochmal an und sag' mir, da&szlig; du mir nicht
+mehr b&ouml;s bist wegen neulich &ndash; du wei&szlig;t schon,
+Tonichen! H&ouml;rst du mich nicht? &ndash; Tonichen!&ldquo;</p>
+
+<p>Aber Tonichen antwortete nicht. Lilly war
+ganz fassungslos &ndash; jetzt erst fing sie an zu ahnen,
+was es eigentlich hei&szlig;t: <em class="gesperrt">tot sein</em> &ndash; sie hatte
+es sich bisher noch nicht recht vorstellen k&ouml;nnen.
+Beim Tode ihrer Mutter war sie noch zu klein
+gewesen. Aber nun empfand sie etwas wie Entsetzen,
+und sie schrie pl&ouml;tzlich auf: &bdquo;Toni &ndash; Toni,
+sei doch nicht tot! Du sollst nicht tot sein &ndash;
+ich hab' dich ja lieb, Tonichen, viel lieber als
+du wei&szlig;t, und ich will dich nie mehr &auml;rgern!
+Komm, Toni &ndash; komm', wach' auf!&ldquo; Und Lilly
+umschlang Toni und k&uuml;&szlig;te sie; aber sie fuhr
+zur&uuml;ck &ndash; wie kalt war Tonis Wange, todeskalt!
+&ndash; Es durchschauerte Lilly, und mit einem
+Schrei fiel sie in ihres Vaters Arme. Der trug
+sie hinaus, und unter seinem und Tante Tonis
+beruhigendem Zuspruch schwand allm&auml;hlich der
+entsetzte Ausdruck aus ihrem Gesichtchen. Begierig
+lauschte sie den Worten der Tante, die
+ihr erz&auml;hlte, wie klein Toni sie gr&uuml;&szlig;en lasse:<span class='pagenum'><a name="Page_184" id="Page_184">[184]</a></span>
+&bdquo;Kurz vor ihrem Tode hat sie noch von dir
+gesprochen, Lilly, und sie hat gesagt, sie wolle
+dein M&uuml;tterlein im Himmel von dir und von
+Otto gr&uuml;&szlig;en. Was da drinnen so kalt und starr
+liegt, das ist ja gar nicht mehr unsere Toni,
+es ist nur ihre H&uuml;lle &ndash; ihre liebe kleine Seele
+ist schon oben im Himmel beim lieben Gott unaussprechlich
+gl&uuml;cklich und selig.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Aber nie, nie mehr kommt sie mit mir
+spielen, nie mehr kann ich mit ihr sprechen!&ldquo;
+klagte Lilly.</p>
+
+<p>&bdquo;Aber doch, Lilly; du willst doch gewi&szlig; auch
+einmal in den Himmel kommen!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja schon, Tante Toni, aber ich bin so b&ouml;s,
+ich hab' schon so oft gelogen, und ich wollt' neulich
+dem Otto auch gar nicht versprechen, nie mehr
+zu l&uuml;gen &ndash; und am End' komm' ich gar nicht
+in den Himmel!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;O, da sei du nur ganz ruhig! Das liebe
+Tonichen wird schon f&uuml;r dich beten und bitten,
+da&szlig; du bald ein ganz braves und gutes Kind
+wirst. Du mu&szlig;t nur auch ernstlich wollen, und
+du wirst sehen, da&szlig; es gar nicht so schwer ist.
+Denk' nur an Otto, wie der sich schon ge&auml;ndert
+hat!&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_185" id="Page_185">[185]</a></span>&bdquo;Ja, ich m&ouml;chte ja auch gern brav werden.
+Ach, wenn du doch immer bei mir bliebest, Tante
+Toni, dann k&ouml;nnt' ich's vielleicht. Aber nun ist
+Toni fort, und wenn du dann auch wieder fortgehst ...&ldquo;
+Und bitterlich schluchzend schmiegte
+Lilly sich in Tante Tonis Arm.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich geh' ja noch nicht fort, ich bleibe ja
+noch bis nach Ottos erster heiligen Kommunion&ldquo;,
+tr&ouml;stete die Tante, &bdquo;und wenn du jetzt sch&ouml;n
+brav bist und nicht mehr weinst, dann komm'
+ich diesen Abend noch zu dir hin&uuml;ber, und ich
+wasche dich und lege dich ins Bett, wie ich's
+fr&uuml;her getan habe, als du noch klein warst &ndash;
+willst du?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, Tante, ja!&ldquo; Und Lilly trocknete ihre
+Tr&auml;nen. &bdquo;Aber bitte, la&szlig; mich noch einmal
+hinein, la&szlig; mich Tonichen noch einmal sehen!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Lieber nicht&ldquo;, meinte der Vater besorgt, &bdquo;es
+regt dich nur wieder auf. Sei folgsam und komm'
+nun heim.&ldquo;</p>
+
+<p>Lilly sah ihren Vater so innig flehend an, da&szlig;
+er schwankend wurde und wohl nachgegeben h&auml;tte;
+aber Tante Toni sagte: &bdquo;Wenn man einen guten
+Vorsatz gefa&szlig;t hat, dann mu&szlig; man auch gleich
+mit der Ausf&uuml;hrung beginnen, und wer ein<span class='pagenum'><a name="Page_186" id="Page_186">[186]</a></span>
+braves Kind werden will, mu&szlig; vor allem aufs
+erste Wort gehorchen.&ldquo;</p>
+
+<p>Jetzt lie&szlig; Lilly sich ohne Widerrede von ihrem
+Vater heimf&uuml;hren.</p>
+
+<p>Am folgenden Tag durfte sie aber noch einmal
+zur&uuml;ckkommen; Tante Toni holte sie selbst ab
+und f&uuml;hrte sie in den Saal unten, der in eine
+Kapelle umgewandelt war. Dort lag die kleine
+Tote aufgebahrt zwischen gr&uuml;nen Pflanzen und
+brennenden Kerzen &ndash; ein Kreuz lag auf ihrer
+Brust, und ihr Rosenkranz war um die gefalteten
+H&auml;ndchen geschlungen. Der ganze Anblick war
+so sch&ouml;n, so friedlich und doch so feierlich, da&szlig;
+Lilly gar nicht mehr weinte. Sie kniete still da
+und betete:</p>
+
+<p>&bdquo;Liebes Tonichen, hilf mir doch mein Versprechen
+halten, und gr&uuml;&szlig;e mir tausendmal meine
+liebe Mama im Himmel!&ldquo;</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_187" id="Page_187">[187]</a></span></p>
+<h2><a name="Neuntes_Kapitel" id="Neuntes_Kapitel"></a>Neuntes Kapitel.<br/>
+<big>Wie Lilly ein Geheimnis erf&auml;hrt.
+Der gro&szlig;e Tag und Ottos Entschlu&szlig;.
+Auf Wiedersehen!</big></h2>
+
+
+<p>Am n&auml;chsten Tage, w&auml;hrend Herr Mehring
+und Otto Tonichens Begr&auml;bnis beiwohnten, sa&szlig;
+Lilly bei der Haush&auml;lterin, Fr&auml;ulein Helene, im
+Zimmer. Trotzdem diese sehr eifrig mit Ausbessern
+von Str&uuml;mpfen und W&auml;sche besch&auml;ftigt
+war, fiel es ihr bald auf, da&szlig; Lilly heute ungew&ouml;hnlich
+still war.</p>
+
+<p>&bdquo;Kind, du bist ja heute so brav, da&szlig; man dich
+gar nicht wieder kennt&ldquo;, sagte sie, ganz verwundert
+von ihrer Arbeit aufblickend; &bdquo;du bist auch
+so bla&szlig;, du wirst doch nicht am Ende krank sein?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;O, ich m&ouml;chte ganz gern wieder mal krank
+sein&ldquo;, meinte Lilly nachdenklich.</p>
+
+<p>&bdquo;Was, du m&ouml;chtest gerne krank sein? Aber
+ich danke daf&uuml;r! Das darf man ja &uuml;berhaupt
+gar nicht w&uuml;nschen.&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_188" id="Page_188">[188]</a></span>&bdquo;O, das ist aber doch so sch&ouml;n! Dann kommt
+Papa sich manchmal an mein Bett setzen, und
+diesmal k&auml;me sicher Tante Toni mich pflegen,
+und sie bliebe vielleicht sogar den ganzen Tag
+bei mir.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, das gefiele dir wohl.... Aber das Kranksein
+ist drum doch nicht angenehm; es tut gew&ouml;hnlich
+recht weh.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ach, das will ich schon aushalten, wenn ich
+nur jemand bei mir habe, der mich recht lieb hat!&ldquo;</p>
+
+<p>Wieder blickte Fr&auml;ulein Helene ganz erstaunt
+auf Lilly; sonst hatte das Kind doch gar nicht
+so nach dem Liebhaben gefragt. Laut aber sagte
+sie: &bdquo;Ich h&auml;tte sicher nichts dagegen, wenn deine
+Tante dich pflegen k&auml;me, falls du wieder mal
+krank w&uuml;rdest; denn ich wei&szlig; noch recht gut, wie
+ich das letztemal hab' laufen und springen m&uuml;ssen;
+zehn Arme und zehn Beine h&auml;tte ich brauchen
+k&ouml;nnen, um dich zu bedienen, und trotzdem war's
+nie recht.&ldquo;</p>
+
+<p>Lilly hatte schuldbewu&szlig;t das K&ouml;pfchen gesenkt.
+Kleinlaut erwiderte sie: &bdquo;Ja, ich kann mich noch
+erinnern; ich glaub', ich war recht b&ouml;s, und du
+hast oft gesagt, du k&ouml;nntest's nicht mehr aushalten
+und du wolltest fort.&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_189" id="Page_189">[189]</a></span>&bdquo;Und ich glaub', ich w&auml;re auch fort, wenn
+deine Tante, Frau Wulff, mir nicht gute Worte
+gegeben und zugeredet h&auml;tte, ich solle den Herrn
+Mehring doch nicht so im Stich lassen, der k&ouml;nne
+sich doch nicht auch noch um den Haushalt k&uuml;mmern.
+Aber was schw&auml;tz' ich denn da? Davon
+verstehst du ja doch nichts!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Doch, doch, ich versteh' es recht gut. Ich
+wei&szlig; auch, da&szlig; du eine vorz&uuml;gliche Haush&auml;lterin
+bist, aber von Kindererziehung verstehst du keine
+blaue Bohne.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;I du meine G&uuml;te! Da schau mal einer die
+Fr&auml;ulein Weisheit an! Wo hast du denn das
+wieder mal her?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ach, das hab' ich halt schon sagen h&ouml;ren von
+den Tanten, auch von Lina&nbsp;...&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nat&uuml;rlich &ndash; die blaue Bohne, die stammt
+sicher von der Lina. Die wird wahrscheinlich
+etwas von Kindererziehung verstehen, die! Vom
+Haushalt, von Reinlichkeit und Ordnung versteht
+sie jedenfalls nichts, und wenn ich nicht immer
+hinter ihr drein w&auml;re, dann s&auml;he es hier bald
+aus wie in einem Stall!&ldquo;</p>
+
+<p>Fr&auml;ulein Helene war sehr in Eifer geraten,
+und sie h&auml;tte wohl noch eine Weile fortgeredet,<span class='pagenum'><a name="Page_190" id="Page_190">[190]</a></span>
+wenn nicht eben drau&szlig;en ein arges Gepolter entstanden
+w&auml;re, so da&szlig; Lilly ganz erschrocken zusammenfuhr.
+Fr&auml;ulein Helene war aufgesprungen,
+aber sie schien zu ahnen, was der L&auml;rm bedeutete;
+denn Arbeit, Fingerhut und Schere in den Korb
+werfend rief sie aus: &bdquo;Da haben wir's ja gleich!
+Eine rechte Meisterleistung von der Lina, die so
+viel von Kindererziehung versteht! Sie sollte
+sich lieber um ihre Arbeit k&uuml;mmern und nicht
+Eimer und B&uuml;rsten die Treppe hinunterwerfen.
+Eine nette Bescherung das &ndash; und gerade gestern
+haben wir einen frischen L&auml;ufer auf die Treppe
+gelegt&nbsp;...&ldquo;</p>
+
+<p>Lilly sah der Haush&auml;lterin, die sehr erz&uuml;rnt
+und aufgeregt das Zimmer verlassen hatte, etwas
+&auml;ngstlich nach; aber dann l&auml;chelte sie wieder: nein,
+sie wu&szlig;te ja, Fr&auml;ulein Helene w&uuml;rde der Lina
+doch nichts tun, sie w&uuml;rde sie auch nicht fortschicken;
+obwohl sie viel mit den M&auml;dchen zankte,
+mochten diese sie doch gut leiden, denn im Grunde
+war sie recht gutm&uuml;tig, die Fr&auml;ulein Helene, und
+Lilly war ganz erstaunt zu bemerken, da&szlig; sie
+selbst sie auch gern hatte. Und sie hatte sich doch
+so oft eingebildet, sie k&ouml;nne sie gar nicht ausstehen!
+Wie war das doch nur?... Lilly versuchte<span class='pagenum'><a name="Page_191" id="Page_191">[191]</a></span>
+nachzudenken, aber ihr K&ouml;pfchen war so
+eigent&uuml;mlich schwer, in ihren Schl&auml;fen klopfte es
+so. Auch kam es ihr auf einmal so hei&szlig; vor
+im Zimmer und sie h&auml;tte gerne das Fenster aufgemacht;
+aber sie hatte das Gef&uuml;hl, als ob sie
+hinfallen w&uuml;rde, wenn sie nun aufst&auml;nde. Sie
+breitete die Arme auf den Tisch und legte das
+K&ouml;pfchen darauf. &Uuml;ber was wollte sie denn eben
+nachdenken? Sie wu&szlig;te es schon gar nicht mehr,
+aber sie wunderte sich &uuml;ber das Sausen und
+Brausen in ihren Ohren und &uuml;ber das H&auml;mmern
+im Kopf. Sie wollte ein bi&szlig;chen schlafen, vielleicht
+w&uuml;rde es ihr dann wieder besser. Nach
+einiger Zeit war es ihr auf einmal, als ginge
+die T&uuml;re auf und sie h&ouml;rte, wie jemand ausrief:
+&bdquo;Lieber Gott, das Kind ist krank!&ldquo; Aber es
+klang ihr wie aus weiter Ferne. Sie f&uuml;hlte sich
+emporgehoben und getragen, aber es war ihr alles
+wie ein Traum. Dann lag sie in ihrem Bettchen,
+sie wu&szlig;te gar nicht, wie sie hineingekommen
+war, und sie wollte fragen: &bdquo;Mu&szlig; ich jetzt sterben
+wie die kleine Toni?&ldquo; aber sie konnte gar kein
+Wort herausbringen. Sie konnte kaum die Lippen
+bewegen, und die waren so hei&szlig; und trocken; aber
+dann gab ihr jemand etwas zu trinken und eine<span class='pagenum'><a name="Page_192" id="Page_192">[192]</a></span>
+k&uuml;hle, weiche Hand legte sich auf ihr schmerzendes
+K&ouml;pfchen. O wie wohl das tat!</p>
+
+<p>Klein Lilly schlief ein; aber sie hatte allerhand
+wirre Tr&auml;ume, be&auml;ngstigende, dann auch wieder
+sch&ouml;ne und freundliche. Einmal war es ihr, als
+st&auml;nde eine abscheuliche Hexe in der Ecke des
+Zimmers, und die lachte sp&ouml;ttisch und winkte ihr
+mit ihrem langen, kn&ouml;chernen Finger; sie wollte
+schreien, aber ihre Kehle war wie zugeschn&uuml;rt, sie
+konnte keinen Laut hervorbringen; die Hexe kam
+aber immer n&auml;her und n&auml;her, und in wilder Angst
+wendete Lilly den Kopf ab; da stand auf einmal
+Anna an der andern Seite des Bettes, die lachte
+und sagte: &bdquo;Sei doch nicht so dumm! Es ist ja
+die Babett; die ist doch gar keine Hexe, und die
+tut dir nichts!&ldquo; &ndash; und als sie nun, noch recht
+&auml;ngstlich, wieder hin&uuml;berschaute, da stand dort
+wirklich die Babett, die sah ganz freundlich aus
+und sagte: &bdquo;Ich tu niemand was zu leid, und
+ich hab' auch sch&ouml;n f&uuml;r dein Mutterle gebetet;
+es l&auml;&szlig;t dich sch&ouml;n gr&uuml;&szlig;en.&ldquo;</p>
+
+<p>Ein andermal, als Lilly st&ouml;hnend aus einem
+w&uuml;sten Traum aufwachte und ganz verst&ouml;rt
+um sich blickte, da neigte sich Tante Toni
+&uuml;ber ihr Bettchen: &bdquo;Sei ruhig, mein Liebling,<span class='pagenum'><a name="Page_193" id="Page_193">[193]</a></span>
+ich bin ja bei dir, und ich verla&szlig; dich nicht;
+schlafe nur.&ldquo;</p>
+
+<p>Klein Lilly l&auml;chelte beim Ton dieser leisen,
+lieben Stimme, sie suchte mit ihrem H&auml;ndchen
+auf der Bettdecke umher, bis sie es warm und
+fest von den Fingern der Tante umschlossen f&uuml;hlte,
+und nun schlo&szlig; sie wieder beruhigt die Augen;
+sie war ja geborgen, sie wu&szlig;te, da&szlig; die gute
+Tante an ihrem Bettchen wachte, und diesmal
+hatte sie einen wundersch&ouml;nen Traum: sie sah
+Tonichen, ganz wei&szlig; gekleidet, mit goldenen
+Fl&uuml;geln vom Himmel herabschweben; als sie verlangend
+die Arme ausstreckte, da winkte Tonichen
+ihr freundlich zu und sagte mit einem leisen,
+feinen Stimmchen: &bdquo;Sei nur recht brav, und vor
+allem l&uuml;ge nicht mehr, es ist gar nicht so schwer.&ldquo;
+Dann wurde Tonichen immer heller und durchsichtiger,
+bis sie ganz verschwand wie ein Nebel,
+der zergeht &ndash; und endlich schlief Lilly sanft, ruhig
+und traumlos, lange, lange.</p>
+
+<p>Einmal wurde sie auf einen Augenblick wach; sie
+h&ouml;rte Stimmen im Zimmer, und als sie die Augen
+aufschlug, da stand ihr Vater mit einem Brief
+vor Tante Toni. Lilly wollte sich aufrichten und
+rufen, allein sie war zu schwach und zu m&uuml;de,<span class='pagenum'><a name="Page_194" id="Page_194">[194]</a></span>
+ihre Augen fielen gleich wieder zu; aber sie h&ouml;rte
+doch, wie ihr Vater eben zur Tante sagte: &bdquo;Nun
+kommt Ernst also doch endlich zur&uuml;ck, und Papa
+kann sich zur&uuml;ckziehen und sich die wohlverdiente
+Ruhe g&ouml;nnen.&ldquo;</p>
+
+<p>Tante Tonis Stimme antwortete: &bdquo;Ja, und
+ich glaube, du kannst dich nach einem H&auml;uschen
+f&uuml;r uns umsehen; denn ich denke, Papa wird
+doch wieder hierher in seine alte Heimat zur&uuml;ckkehren
+wollen.&ldquo;</p>
+
+<p>Lilly kam es vor, als spr&auml;che ihr Vater in
+etwas &auml;rgerlichem, erregtem Tone, als er jetzt
+sagte: &bdquo;Was nicht gar, ein H&auml;uschen! Wo denkst
+du denn hin? Mein Haus hier ist gro&szlig; genug
+f&uuml;r uns alle, und es soll das Haus meines alten
+Vaters sein. Und&ldquo;, nun klang die Stimme weich
+und bittend, &bdquo;du wei&szlig;t ja, Toni, wie n&ouml;tig wir
+dich haben, meine Kinder und ich; versprich mir,
+da&szlig; du mit dem Vater zu mir ziehst.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Gern, Robert, gern &ndash; aber la&szlig; das noch
+ein Geheimnis sein, bis alles fest und entschieden
+ist. Es gibt dann eine sch&ouml;ne &Uuml;berraschung f&uuml;r
+die Kinder.&ldquo;</p>
+
+<p>Lilly l&auml;chelte ein wenig, ein ganz klein wenig.
+O, was f&uuml;r ein sch&ouml;nes Geheimnis sie nun wu&szlig;te!<span class='pagenum'><a name="Page_195" id="Page_195">[195]</a></span>
+Da mu&szlig;te man freilich brav sein, um so etwas
+zu verdienen! Und der Gro&szlig;papa, der ... aber
+weiter kam Lilly nicht mit ihren Gedanken, denn
+sie war wieder eingeschlafen, und als sie das
+n&auml;chstemal aufwachte, da waren ihre &Auml;uglein
+wieder hell und fielen ihr nicht gleich wieder zu
+vor M&uuml;digkeit, und ihr Stimmchen versagte nicht,
+als sie ausrief: &bdquo;Papa, Tante Toni!&ldquo;</p>
+
+<p>Da stand auch schon Tante Toni neben ihr:
+&bdquo;Gott sei Dank! Nun wird unser Kindchen bald
+wieder gesund sein! Wie wird der Papa sich
+freuen, wenn er heimkommt!&ldquo;</p>
+
+<p>Aber auch Otto freute sich, als er, von der
+Schule zur&uuml;ckgekehrt, zu seinem Schwesterchen
+gehen durfte; er bot ihm gleich alle seine Spielsachen
+an, sogar seine Soldaten und seine Festung.</p>
+
+<p>Ach, was war das f&uuml;r eine sch&ouml;ne Zeit, die
+dann kam, bis Lilly wieder ganz gesund war!
+Tante Toni war fast immer bei ihr, und gegen
+Abend setzte sich Papa an ihr Bettchen, plauderte
+mit ihr und erz&auml;hlte; unter Tags kamen oft die
+Tanten, die Vettern und die Cousinen, und immer
+brachte man ihr etwas mit. Wie gut sie doch
+alle waren und wie man sie verw&ouml;hnte! Am
+besten war aber der Rudi; der brachte ihr sogar<span class='pagenum'><a name="Page_196" id="Page_196">[196]</a></span>
+seinen Star, an dem er doch so sehr hing und
+der schon allerhand Worte sagen konnte.</p>
+
+<p>&bdquo;Gib ihm mal ein kleines St&uuml;ckchen Zucker&ldquo;,
+riet Rudi, als er den Vogel brachte. Und als
+Lilly ein St&uuml;ck Zucker zwischen die St&auml;be des
+K&auml;figs schob, da pickte der Star danach, und
+nachdem er verkostet hatte, schrie er: &bdquo;Danke,
+Lilly, danke sch&ouml;n!&ldquo;</p>
+
+<p>War das eine Freude! Es war aber doch
+auch gar zu nett von Rudi, da&szlig; er dem Star
+gerade <em class="gesperrt">das</em> beigebracht hatte. Der gute Rudi
+doch! Und den hatte sie fr&uuml;her gar nicht
+leiden m&ouml;gen! Lilly begriff das einfach nicht
+mehr.</p>
+
+<p>&bdquo;Eile dich, gesund zu werden, Lilly&ldquo;, sagte
+Otto, &bdquo;du mu&szlig;t doch dabei sein, wenn ich zur
+ersten heiligen Kommunion gehe.&ldquo; Und Lilly
+eilte sich so gut, da&szlig; sie wirklich an diesem
+sch&ouml;nen Tage im neuen wei&szlig;en Kleidchen mit
+in die Kirche fahren durfte.</p>
+
+<p>Ach, wie war das so sch&ouml;n, so sch&ouml;n! Lillys
+Herzchen erzitterte, als Otto sich dem Tisch des
+Herrn nahte, und voll Seligkeit dachte sie:
+&bdquo;N&auml;chstes Jahr komme ich dran!&ldquo; Und nun
+mu&szlig;te sie wieder an die liebe kleine Toni denken.<span class='pagenum'><a name="Page_197" id="Page_197">[197]</a></span>
+&Auml;ngstlich und mitleidig schaute sie Tante Maria,
+Tonichens Mutter, an. Ja, die hatte freilich
+die Augen voll Tr&auml;nen &ndash; und doch sah sie
+nicht ungl&uuml;cklich aus. Sie wu&szlig;te ja, da&szlig; Toni
+gl&uuml;cklich, o so gl&uuml;cklich im Himmel war! Und
+der kleine Leo, der hier neben Lilly kniete, der
+wu&szlig;te es auch; denn der betete jeden Tag nach
+seinem Abendgebet: &bdquo;Liebe heilige Toni, bitte
+f&uuml;r uns!&ldquo; Und Lilly fand, da&szlig; er ganz recht
+hatte, so zu beten.</p>
+
+<p>Am Abend dieses gl&uuml;cklichen Tages suchte Otto
+Tante Toni auf. Er lehnte den Kopf an ihre
+Schulter und sagte: &bdquo;Hast du recht sehr f&uuml;r mein
+Anliegen gebetet, Tante, wie du es mir versprochen
+hattest?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nach besten Kr&auml;ften hab' ich f&uuml;r dich gebetet,
+mein lieber Otto.&ldquo;</p>
+
+<p>Ernst und doch l&auml;chelnd schaute der Knabe zur
+Tante auf.</p>
+
+<p>&bdquo;Ach, Tante, und wenn nun der liebe Gott
+dein Gebet erh&ouml;rt, dann werde ich doch nicht
+Papas Nachfolger, dann werde ich doch kein
+Redakteur!&ldquo;</p>
+
+<p>Tante Toni l&auml;chelte: &bdquo;Dann wirst du wohl
+noch etwas viel Besseres und Sch&ouml;neres!&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_198" id="Page_198">[198]</a></span>Otto sah sie &uuml;berrascht an: &bdquo;Ja, Tante, err&auml;tst
+du denn alles? O, glaubst du, da&szlig; es gelingt,
+da&szlig; ich das erstreben darf und kann?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Mit Gottes Hilfe gewi&szlig;, mein Otto! Aber
+es ist schwer, und wer diesen hohen Beruf erw&auml;hlt,
+der mu&szlig; sich auf ein Opferleben gefa&szlig;t
+machen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ein Opferleben ...&ldquo;, wiederholte Otto leise
+und nachdenklich. Er war noch zu jung, er fa&szlig;te
+und verstand das noch nicht ganz, und es &uuml;berkam
+ihn fast etwas wie Furcht, aber nur einen Augenblick
+lang; gleich hob er wieder mutig den Kopf,
+und er sagte freudig wie Tante Toni: &bdquo;Mit
+Gottes Hilfe!&ldquo;</p>
+
+<p>Zwei Tage nachher schlug f&uuml;r Tante Toni
+die Abschiedsstunde. Da gab es viele und hei&szlig;e
+Tr&auml;nen, aber Onkel Robert l&auml;chelte geheimnisvoll,
+w&auml;hrend er tr&ouml;stete: &bdquo;Weint nicht, Kinder, weint
+nicht! Ich versprech' euch ein baldiges Wiedersehen.&ldquo;</p>
+
+<p>Alle schauten ihn erstaunt und fragend an,
+allein Onkel Robert l&auml;chelte nur und legte den
+Finger auf den Mund. Aber Lilly l&auml;chelte auch,
+und sie fl&uuml;sterte dem Rudi etwas ins Ohr; der
+schrie auf und machte drei Purzelb&auml;ume hintereinander;<span class='pagenum'><a name="Page_199" id="Page_199">[199]</a></span>
+Lilly lief ihm nach und bat: &bdquo;Pst,
+Rudi, verrat' doch nichts; es ist doch ein Geheimnis
+und es soll eine &Uuml;berraschung geben!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ich sag' nichts, verla&szlig; dich drauf&ldquo;, versicherte
+Rudi; &bdquo;aber ich freu' mich halt so schrecklich!&ldquo;
+Und er machte schnell noch ein paar Luftspr&uuml;nge,
+aber der letzte fiel etwas ungl&uuml;cklich aus und er
+landete mit seinem Stiefelabsatz gerade auf Ottos
+Fu&szlig;spitze.</p>
+
+<p>&bdquo;Au weh!&ldquo; schrie der. &bdquo;Rudi, was ist denn
+in dich gefahren? Du bist gerade nicht von
+Buttermilch!&ldquo; Und er h&uuml;pfte auf einem Bein
+herum, den verletzten Fu&szlig; in die H&ouml;he streckend.</p>
+
+<p>Mariechen wechselte einen verst&auml;ndnisvollen Blick
+mit Tante Toni. Beide hatten denselben Gedanken:
+Wenn dies vor sechs Wochen geschehen w&auml;re!</p>
+
+<p>Das gab eine wahre Prozession zum Bahnhof.
+Als Tante Toni eingestiegen war, stellte sie sich
+ans Fenster, und jedes wollte ihr noch einmal
+&bdquo;Adieu&ldquo; sagen: &bdquo;Auf Wiedersehen, auf baldiges
+Wiedersehen, liebe, gute, goldige Tante Toni!&ldquo;
+riefen die Kinder, und &bdquo;Auf Wiedersehen!&ldquo; antwortete
+die Tante, &bdquo;und wenn ich wiederkomme,
+dann nehmen wir auch unsere Spazierg&auml;nge wieder
+auf, die wir diesmal unterbrechen mu&szlig;ten.&ldquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_200" id="Page_200">[200]</a></span>&bdquo;Ja gewi&szlig;, Tante!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Wir werden inzwischen sch&ouml;ne, neue Wege
+auskundschaften!&ldquo; rief Paul, und Kurt eiferte:
+&bdquo;O, ich hab' mir schon einige ausgedacht; wir
+m&uuml;ssen doch auch in die Rickersbacher Schlucht
+und auf den ...&ldquo; Aber der Zug setzte sich in
+Bewegung, und die Rufe &bdquo;Adieu!&ldquo; und &bdquo;Lebt
+wohl! Auf Wiedersehen!&ldquo; &uuml;bert&ouml;nten Kurts
+Stimme. Man sah noch eine Zeitlang Tante
+Tonis Taschentuch wehen, dann machte der Zug
+eine Biegung; bald darauf war er verschwunden.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich bin nur froh, da&szlig; Onkel Robert uns
+gesagt hat, Tante Toni k&auml;me bald wieder&ldquo;, sagte
+Philipp auf dem Heimweg; &bdquo;sonst w&auml;re es doch
+gar zu traurig.&ldquo;</p>
+
+<p>Mariechen entgegnete mit einem Seufzer: &bdquo;Ich
+finde es trotzdem noch traurig genug. Ich kann
+&uuml;berhaupt das Fortgehen nicht leiden; die Leute
+sollten immer nur ankommen!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;O, das kommt drauf an!&ldquo; rief Anna in entschiedenem
+Tone. &bdquo;Den Herrn Schulinspektor und
+den Pr&uuml;fungskommissar zum Beispiel sehe ich
+viel lieber fortgehen wie ankommen!&ldquo;</p>
+
+<p>Alle lachten, und Onkel Robert sagte, Anna
+freundlich auf die Schulter klopfend: &bdquo;Na, Kinder,<span class='pagenum'><a name="Page_201" id="Page_201">[201]</a></span>
+seid nur froh, da&szlig; ihr die &Auml;nne habt, die bewahrt
+euch wenigstens vor Tr&uuml;bsinn!&ldquo;</p>
+
+<p>Lilly war still zu Tante Maria Wulff geschlichen.
+Sie dachte: &bdquo;Als Tante Toni ankam,
+da war Tonichen noch mit uns, und jetzt ist es
+nicht mehr da, es ist im Himmel.&ldquo; Sie stahl
+ihr H&auml;ndchen in die Hand der Tante und blickte
+mit feuchten Augen zu ihr auf. Tante Maria
+verstand den Gedanken des Kindes. &bdquo;Mein gutes
+Kind!&ldquo; sagte sie leise und ger&uuml;hrt, fest die kleine
+Kinderhand umschlie&szlig;end.</p>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Tante Toni und ihre Bande, by A(lberta) von Brochow
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TANTE TONI UND IHRE BANDE ***
+
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+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
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+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
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+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
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+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
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