diff options
| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 02:13:16 -0700 |
|---|---|---|
| committer | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 02:13:16 -0700 |
| commit | b524d1f5c6f32755746b35c79ab20df99efc01bd (patch) | |
| tree | 964c01bcd3a41c4cf4c30a72b5a749775905ae64 | |
| -rw-r--r-- | .gitattributes | 3 | ||||
| -rw-r--r-- | 24413-8.txt | 4791 | ||||
| -rw-r--r-- | 24413-8.zip | bin | 0 -> 88002 bytes | |||
| -rw-r--r-- | 24413-h.zip | bin | 0 -> 97302 bytes | |||
| -rw-r--r-- | 24413-h/24413-h.htm | 6359 | ||||
| -rw-r--r-- | LICENSE.txt | 11 | ||||
| -rw-r--r-- | README.md | 2 |
7 files changed, 11166 insertions, 0 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/24413-8.txt b/24413-8.txt new file mode 100644 index 0000000..1531734 --- /dev/null +++ b/24413-8.txt @@ -0,0 +1,4791 @@ +Project Gutenberg's Tante Toni und ihre Bande, by A(lberta) von Brochow + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Tante Toni und ihre Bande + +Author: A(lberta) von Brochow + +Release Date: January 23, 2008 [EBook #24413] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TANTE TONI UND IHRE BANDE *** + + + + +Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + + + + + Tante Toni + und ihre Bande + + Eine Erzählung für Kinder und Kinderfreunde + + Von + + A. v. Brochow + + + Zweite und dritte Auflage + + Freiburg im Breisgau + + _Herdersche Verlagshandlung_ + + Berlin, Karlsruhe, Köln, München, Straßburg und Wien + + + + Alle Rechte vorbehalten + + Buchdruckerei der _Herder_schen Verlagshandlung in Freiburg. 1919 + + + + + Inhaltsverzeichnis. + Seite + + 1. Kapitel. Tante Toni kommt! 1 + + 2. Kapitel. Es wird Krocket gespielt, und Tante Toni + macht dabei Charakterstudien 18 + + 3. Kapitel. Was die Kinder werden wollen 38 + + 4. Kapitel. Es wird spazierengegangen; man begegnet + der alten Babett; Anna wird Prophetin und Rudi + Schwanenritter 51 + + 5. Kapitel. Minnichen wird geimpft 90 + + 6. Kapitel. Tante Toni geht mit ihrer Bande auf den + Wetterstein. Otto spielt einen schlimmen Streich 103 + + 7. Kapitel. Bambula, der Puppenfresser. Otto, weißt + du nun, wie es tut? 135 + + 8. Kapitel. Klein Tonis Wunsch geht in Erfüllung! 172 + + 9. Kapitel. Wie Lilly ein Geheimnis erfährt. Der große + Tag und Ottos Entschluß. Auf Wiedersehen! 187 + + + + + Erstes Kapitel. + + Tante Toni kommt! + + +Frau Wulff saß am Fenster und nähte. Ihre vier ältesten Kinder waren +noch um den Tisch versammelt und beendeten ihren Nachmittagskaffee. + +»Eilt euch ein wenig«, drängte die Mutter, »damit ihr bald an die +Aufgaben kommt und hernach noch in den Garten gehen könnt.« + +»Ich bin fertig«, sagte Kurt, und er trat zur Mutter ans Fenster. +Hinausblickend gewahrte er den Briefträger. + +»Mutter, da ist der Briefträger!« rief er eifrig aus. »O, darf ich +schnell hinunterlaufen? Er hat vielleicht einen Brief von Tante Toni!« + +»Ja, geh nur. Aber sei so gut und bringe mir den Brief uneröffnet. Du +weißt, es schickt sich nicht, daß Kinder die Briefe ihrer Eltern +öffnen.« + +Kurt wurde rot und sprang hastig hinaus. Wenige Augenblicke später +stürzte er wieder ins Zimmer und schrie, wie im Triumph einen Brief +hochhaltend: »Hurra, ein Brief aus Walden; der ist sicher von Tante +Toni!« + +Die vier Kinder drängten sich an die Mutter heran. + +»Schnell, Mütterchen, mach' auf und sieh, ob sie kommt!« + +»Nur gemach, nur gemach, Kinder!« wehrte diese lächelnd, aber sie +beeilte sich doch sehr mit dem Öffnen des Briefes; sie wartete ja selbst +mit Sehnsucht auf den Besuch ihrer Schwester, der schon lange geplant +war, aber wegen eines Unwohlseins ihres Vaters schon mehrmals hatte +verschoben werden müssen. + +Schnell durchflog sie den Brief und rief dann freudig aus: »Ja, Kinder, +die Tante Toni kommt, und zwar schon morgen!« + +Diese Nachricht wurde mit einem solchen Freudengeschrei begrüßt, daß die +Mutter sich die Ohren zuhalten mußte. + +»Kommt der Großpapa auch mit?« fragte Paul, Kurts Zwillingsbruder. + +»Nein; Großpapa geht zu seiner Erholung für ein paar Wochen zu Onkel +Karl und zu Tante Klara aufs Land; deshalb kann Tante Toni diesmal +etwas länger bleiben.« + +»Hurra, sie bleibt lange diesmal!« schrie Anna, und sie wirbelte +springend und hopsend durchs Zimmer, während die kleine Toni, das +Patenkind der Tante, in die Hände klatschend ausrief: »O, wie froh bin +ich, wie froh!« + +»Höre, Paul«, wendete sich nun die Mutter an diesen, »du gehst gleich zu +Onkel Robert und teilst ihm Tante Tonis Ankunft mit. Da er jedenfalls +keine Zeit haben wird, an die Bahn zu gehen, so bitte ihn, er möge doch +morgen nachmittag zum Kaffee kommen oder wenigstens das Fräulein mit den +beiden Kindern schicken. Und du, Kurt, du springst hinüber zu Onkel und +Tante Helmer und ladest sie ebenfalls ein und sagst, sie möchten die +drei größeren Kinder mitbringen. Haltet euch aber nicht auf, denn es muß +noch gelernt werden; sonst gibt es morgen Verdruß in der Schule!« + +»Sei ruhig, Mutter, wir sind gleich wieder da!« + +Und wie der Wind stürzten Paul und Kurt hinaus, stolz darauf, die +Überbringer einer so wichtigen Botschaft zu sein. + +Tante Tonis Zug traf am nächsten Tage gegen 3 Uhr ein; es war +glücklicherweise ein schulfreier Nachmittag, so daß die Zwillinge, Anna +und Toni ihre Mutter an die Bahn begleiten konnten. Dort trafen sie auch +schon Tante Luise Helmer mit ihren zwei Ältesten, Mariechen und Philipp. + +Als der Zug einfuhr, waren die Kinder kaum zurückzuhalten. Jedes wollte +die Tante zuerst sehen, sie zuerst begrüßen, und kaum war diese ihrem +Wagenabteil entstiegen, da war sie auch schon umringt, umarmt, +geschoben, gestoßen, daß sie sich kaum zu helfen wußte und lachend +ausrief: »Das ist ja der reinste Überfall! Gebt acht, die guten Sachen, +die ich euch mitgebracht habe, werden ganz zerbröckelt und zu Brei +gedrückt sein, bis wir heimkommen!« + +Das wirkte ein wenig, und Tante Toni konnte nun endlich auch ihre beiden +Schwestern begrüßen. + +»Und nun im Triumphzug nach Hause!« rief Kurt. + +Aber es war nicht leicht, etwas Ordnung in diesen Triumphzug zu bringen; +denn die liebe Tante hatte leider nur zwei Seiten, und es stritten sich +sechs Kinder um den Vorzug, neben ihr gehen zu dürfen. Mama Wulff +machte endlich dem Streit ein Ende, indem sie erklärte: + +»Tante Luise und ich, wir nehmen Tante Toni in unsere Mitte, und ihr +geht hübsch brav und ordentlich voraus, erst die drei Buben und dann die +drei Mädels!« + +»Ich will aber lieber mit den Buben gehen!« erklärte Anna Wulff. + +»Wir bedanken uns für die Ehre!« rief Paul abweisend. »Wir brauchen dich +nicht!« + +»Paul, du bist aber doch wirklich ein garstiger, ein ganz abscheulicher +Bub!« zankte Anna sehr beleidigt, und als nun Paul seine Mütze abzog und +eine tiefe Verbeugung machend sagte: »Ich danke verbindlichst für diese +Schmeicheleien«, da erklärte Anna entschlossen: »Und ich geh' doch mit +euch Buben!« + +Aber die Mutter rief mahnend: »Kinder, ihr werdet doch hier keinen +Streit anfangen! Mir scheint, ihr wollt euch der Tante gleich von eurer +schlimmsten Seite zeigen.« + +Paul und Anna ließen die Köpfe ein wenig hängen, aber Annas +Schelmengesichtchen zeigte bald wieder den gewohnten fröhlichen +Ausdruck, und sie gesellte sich zu ihrer Cousine Mariechen und zu klein +Toni, halblaut vor sich hinsingend: + + »Ach, wenn ich doch kein Mädchen wär'! + Das ist doch recht fatal! + Dann ginge ich zum Militär + Und würd' ein General!« + +Und nun vollzog sich die Heimkehr ohne weiteren Zwischenfall. + +Nachdem Tante Toni sich vom Reisestaube gereinigt hatte, galt ihr erster +Besuch dem Kinderzimmer, um den bald vierjährigen Leo zu begrüßen und +die Bekanntschaft der Allerkleinsten zu machen. Minnichen war noch keine +zwei Jahre alt, und Tante Toni hatte es noch gar nicht gesehen. Es tat +erst etwas scheu; als aber die Tante lockte: »Komm, du Goldkäferchen, +komm mal her zu Tante Toni, die hat dir auch etwas mitgebracht!« da +näherte sich die Kleine, zuerst zwar etwas schüchtern, aber bald ganz +zutraulich, und es dauerte nicht lange, da hatte sie es sich auf Tante +Tonis Schoß bequem gemacht, und sie ließ sich das eben erhaltene Biskuit +munden, aber nicht ohne es der Tante zum Schmecken hinzuhalten und auch +dem danebenstehenden Brüderchen, obwohl dieses selbst sehr mit Kauen +beschäftigt war. Dazwischen erklärte der kleine Leo mit wichtiger +Miene: »Du mußt wissen, Tante, daß ich Leo heiße, und ich lehre das +Minnichen jetzt sprechen. >Mama< und >Papa< kann es schon sagen, aber +>Leo<, das bringt es noch nicht fertig; es kann nicht >l< sagen und macht +immer >neh< und >noh<. Der Name ist vielleicht zu schwer, und ich will's +mal mit >Toni< versuchen.« Dann sich schmeichelnd an sein Schwesterchen +wendend fuhr er fort: »Komm, Minnichen, sag' mal schön >Toni<, dann +kriegste auch was von mir!« + +Allein Minnichen hatte allem Anscheine nach eben keine Lust zum Lernen; +es lachte nur, und den Rest seines Biskuits mit dem einen Händchen in +die Höhe haltend, patschte es mit dem andern aufs Bäuchelchen. + +»Das soll heißen, 's wäre sehr gut«, erklärte Leo der Tante. + +In diesem Augenblick stürzte Anna zur Türe herein und rief: »Tante, du +sollst schnell runterkommen; der Onkel Robert ist da mit Otto und Lilly, +und eben kommt auch Onkel Albert Helmer mit dem Rudi!« + +Leo und Minnichen sahen die Tante nur ungern scheiden, und es hätte wohl +Tränen gegeben, wenn diese nicht versprochen hätte: »Ich komme heute +abend nochmal zu euch -- ich komme euch waschen und ins Bettchen legen!« + +»Ja, o ja, Tante, tue es, das ist schön!« jubelte Leo in die Hände +klatschend. + +»Sön«, echote Minnichen, und es patschte fest seine kleinen, dicken +Händchen gegeneinander. + +»Hast du's gehört, Tante? Es hat eben >sön< gesagt, es kann schon wieder +ein neues Wort!« rief der kleine Lehrmeister der davoneilenden Tante +nach. + +Nachdem Tante Toni ihren Bruder und ihren Schwager begrüßt hatte, +wendete sie sich an die neun anwesenden Kinder und sagte lachend: + +»Ihr seid aber alle so groß geworden in diesen zwei Jahren -- ich weiß +gar nicht, ob ich euch noch auseinander kenne! Kommt, stellt euch doch +mal dem Alter nach in eine Reihe, damit ich sehe, ob ich noch alle +nennen kann!« + +Die Kinder gehorchten lachend. Die immer lustige Anna rief aber: + +»Nimm dich in acht, Tante Toni; wenn du den Namen von einem von uns +vergessen hast oder gar eines mit dem andern verwechselst, so ist das +eine schreckliche Beleidigung.« + +»Nun, ich werde mich schon zusammennehmen. Bei dir hat's jedenfalls +keine Gefahr, mein Ännchen; dein Spitzbubengesichtchen verwechselt man +nicht leicht mit einem andern. Aber nun angefangen! Also hier zuerst +Mariechen Helmer; du bist jetzt vierzehn Jahre alt. Von dir hab' ich +schon Gutes und Liebes gehört, wie vernünftig du bist und wie du +versuchst, deinem Mütterchen zu helfen.« + +Und Tante Toni drückte einen herzlichen Kuß auf die Stirne des +errötenden Mariechens. + +»Und nun kommen wir zu den Wulffschen Zwillingen Kurt und Paul. Die +haben sich gestreckt. Gib acht, Mariechen, deine Vettern wachsen dir +bald über den Kopf.« + +»Ich auch, Tante Toni; ich bin fast so groß wie unsere Mieze!« + +»Ja du, bist du denn wirklich der Philipp Helmer? Dich hätte ich +wirklich beinahe nicht mehr erkannt. Jetzt darf man dich nicht mehr +>Dickerchen< nennen, so groß und schlank bist du geworden! Du und die +Zwillinge, ihr seid wohl jetzt dreizehn Jahre alt.« + +»Und ich, Tante Toni, wie alt bin ich?« rief Anna Wulff, ihre für ihr +Alter etwas zu kleine Gestalt nach Kräften in die Höhe reckend. + +»Ja du, Ännchen, laß dich mal betrachten«, und Tante Toni drehte Ännchen +hin und her, besah sie überlegend von allen Seiten; endlich sagte sie: +»Ei, Ännchen, was machst du für Sachen! Du hast wohl seit einiger Zeit +so viel tolle Streiche im Kopf, daß du ganz vergessen hast zu wachsen. +Du siehst aus, als wärest du nicht viel über zehn Jahre!« + +»Ich bin aber zwölf«, sagte Anna, ein bißchen schmollend. + +»Ich bin noch nicht elf und bin so groß wie sie!« rief Otto Mehring, der +neben seinem um ein Jahr jüngeren Schwesterchen Lilly stand. + +»Ja, und du darfst in diesem Jahre zur ersten heiligen Kommunion gehen, +wenn ich nicht irre.« Tante Toni strich ihm leicht die Haare aus der +Stirne. Mit ganz besonders liebevollem Blick schaute sie Otto und Lilly, +die beiden Kinder ihres Bruders Robert, an, ganz besonders innig drückte +sie diese beiden ans Herz -- sie hatten ja keine Mutter mehr, die armen +Kinderchen. + +Als letzte in der Reihe standen noch der achtjährige Rudi Helmer mit +seinem blonden Lockenkopf und den treuherzigen blauen Augen und die +siebenjährige Toni, die neben diesem ihrem kräftigen, rotwangigen +Vetterchen noch zarter und blasser aussah wie sonst. + +»Du mußt rötere Bäckchen bekommen, mein Patenkindchen, und du darfst +nicht gar so ernsthaft dreinschauen«, sagte Tante Toni leise. + +Aber Tonis Mutter hatte es doch gehört, und sie erklärte mit einem +besorgten Blicke auf ihr kleines Töchterchen: + +»Das Kind leidet noch immer unter den Folgen des Scharlachfiebers. Die +andern wissen schon lange nichts mehr davon, nur Toni hat sich nie so +recht davon erholt.« + +Nun trennte sich Tante Toni von den Kindern, denn sie mußte sich zu den +Großen setzen, um ihnen vom Großpapa und von seiner Reise zu Onkel Karl +und Tante Klara zu erzählen. + +Klein Toni war aber der Tante nachgegangen; erst stellte sie sich ganz +still neben ihren Sessel, allmählich rückte sie ein wenig näher, und +zuletzt lehnte sie ihr Köpfchen an deren Schulter, schmiegte sich an sie +und streichelte leise ihre Hand. Die gute Tante zog die kleine Nichte +auf ihren Schoß und meinte lächelnd: »Ich glaube, wir werden bald recht +gute Freundinnen werden.« + +Da leuchteten klein Tonis Augen auf, und sie fragte eifrig: »Wirklich, +Tante Toni? Willst du meine Freundin sein, meine _wirkliche_ Freundin?« + +»Aber gewiß, sehr gerne!« + +Wie der Wind huschte die Kleine vom Schoße der Tante herunter, und ganz +rot vor freudiger Aufregung stürzte sie auf die andern Kinder zu und +rief mit strahlenden Augen: + +»Du, Mieze! du, Anna! ich hab' jetzt auch eine Freundin! -- Ihr braucht +jetzt gar nicht mehr so ein Getue zu machen mit euern Freundinnen! Ich +hab' eine viel größere und eine viel bessere Freundin wie ihr -- denn +Tante Toni ist meine Freundin!« Und triumphierend schaute klein Toni +ihre Geschwister, Vettern und Cousinen an. + +Diese aber brachen in ein schallendes Gelächter aus. Das hatte das Kind +nicht erwartet. Es war erst starr vor Überraschung, dann wurde es rot +und rief halb weinend: »Was lacht ihr mich denn aus? Ich hab' doch gar +nichts Dummes gesagt!« + +»Nein, mein Tonichen«, suchte Mieze die Kleine zu beruhigen, »du hast +gar nichts Dummes gesagt -- aber es kam uns halt nur so drollig vor, +daß du winziges Persönchen dir die Tante Toni zur Freundin ausgesucht +hast!« Und nun fing Mieze wieder an zu lachen, die andern stimmten im +Chore ein; Anna und Otto lachten am lautesten, umtanzten das Kind und +schrien: »Hoch der neue Freundschaftsbund!« + +Jetzt aber wurde klein Toni zornig, ihre Augen funkelten, sie ballte die +kleinen Fäuste, sie stampfte mit den Füßen, und je mehr die andern +lachten, desto wilder gebärdete sich das Kind. Als Mieze es zu beruhigen +suchte, stieß es sie von sich, bis Kurt sagte: + +»Na, so einen Zornepickel wird Tante Toni aber doch gewiß nicht zur +Freundin haben wollen!« + +Da kam die Kleine zur Besinnung. Sie wurde auf einmal still, ließ das +Köpfchen hängen und schlich sich fort. Sie kauerte sich in ein Eckchen, +drückte die Fäustchen vor die Augen und weinte leise vor sich hin. Mieze +wollte ihr nachgehen, aber Anna hielt sie zurück und sagte: »Laß sie nur +jetzt ganz in Ruhe; wenn sie so ihren Zorn gehabt hat, dann ist es am +besten, man kümmert sich nicht um sie. Kommt nur alle mit mir in den +Garten, die Toni wird uns nachher schon von selbst nachkommen.« + +Tante Toni hatte aber von ferne alles beobachtet. Als die andern Kinder +das Zimmer verlassen hatten, näherte sie sich der weinenden Kleinen; +diese aber drückte die Händchen nur noch fester vor das Gesicht, und ihr +Schluchzen wurde heftiger. Die Tante nahm das Kind auf und setzte sich +mit ihm ins Nebenzimmer. Sie ließ es erst ruhig weinen, sie drückte es +nur liebevoll an sich, strich ihm sacht über Stirne und Haare, und als +das Schluchzen endlich anfing etwas nachzulassen, sagte sie freundlich: + +»Nun muß meine kleine Freundin aber gleich wieder ein liebes, frohes +Gesichtchen machen.« + +Da hob Toni ihr verweintes Gesichtchen in die Höhe: »O Tante Toni, +willst du mich denn noch zur Freundin haben? Ich war doch eben so bös! +-- Was mußten sie aber auch so über mich lachen?« Und die Tränen fingen +von neuem an zu fließen. + +»Du mußt dir das nicht so zu Herzen nehmen; sie haben es gar nicht so +böse gemeint. Die Mieze war doch auch recht nett mit dir und wollte dich +trösten.« + +»Ja, und ich hab' sie weggestoßen, ich war so zornig!« Und Toni ließ +wieder beschämt das Köpfchen sinken; dann setzte sie aber wie +entschuldigend hinzu: »Das kommt aber von meiner Krankheit her, daß ich +so leicht zornig werde, ich kann nichts dafür. Mama hat den andern schon +öfter gesagt, sie dürften mich nicht so reizen.« + +»O, es ist ja leicht möglich, daß deine Krankheit eine größere +Reizbarkeit zurückgelassen hat; aber deshalb mußt du doch nicht meinen, +du könntest nichts dafür. Man kann immer etwas dafür, wenn man etwas +tut, wovon man weiß, daß es unrecht ist. Und daß man nicht zornig sein +darf, das weißt du doch, nicht wahr?« + +Klein Toni wurde ganz rot, sie senkte das Köpfchen und sagte leise: »Ich +möchte gern nicht zornig sein -- aber es kommt immer ganz von selbst.« + +Die Tante lächelte: »Ja, so geht's gewöhnlich. Sieh, die andern meinen's +doch auch nicht böse und sie wollen dich gewiß nicht kränken. Das Necken +kommt bei ihnen auch ganz von selbst.« + +Das Kind sah erst überrascht und dann nachdenklich aus, und als die +Tante fragte: »Willst du nun versuchen, kleine Neckereien zu ertragen, +ohne zornig zu werden?« da nickte es mit dem Köpfchen und sagte +ernsthaft: »Ja, ich will's versuchen.« + +Die Tante erschrak beinahe ein bißchen, als sie in diese Kinderaugen +blickte, aus denen ein so fester und ernster Entschluß leuchtete: + +»Aber nun muß mein Tonichen wieder ein frohes Gesichtchen machen und +lachen. Komm, wir wollen jetzt Mariechen und die andern Kinder aufsuchen +gehen!« + +Sie nahm ihr Patenkindchen bei der Hand und führte es in den Garten. +Dort rief sie die Kinder alle zusammen und sagte: + +»Hört einmal, was ich mir ausgedacht habe! Des Vormittags, während ihr +in der Schule seid, werde ich der Mutter hier im Hause und bei den ganz +Kleinen helfen; aber des Nachmittags gehöre ich euch. Wenn ihr Zeit habt +und das Wetter ist schön, dann werden wir auch Spaziergänge zusammen +machen.« + +»Hurra, Tante Toni!« und »Tante, du bist einfach famos!« so jubelten die +Kinder, vor Freude in die Hände klatschend. + +Der blondlockige Rudi aber fragte eifrig: »Und wirst du uns auch +Geschichten erzählen, Tante Toni?« + +»Gewiß, Rudi, herzlich gern. Du hörst also gern Geschichten?« + +»O, furchtbar gern!« + +»Ich auch!« und »Ich auch!« riefen da noch mehrere Stimmen. + +»Ich höre am liebsten Indianergeschichten«, erklärte Otto, und Anna +stimmte ihm bei; die Zwillinge fanden Seeabenteuer viel interessanter; +Rudi und Toni entschieden sich für Märchen. + +»Übrigens«, schlug Kurt vor, »da morgen Sonntag ist, könnten wir gleich +einen Spaziergang verabreden.« + +»Natürlich!« rief Paul voll Eifer. »Wir führen die Tante über den +Hennenberg nach Horbach, von da auf den Blauberg, und ...« + +»Warum nicht gleich auf den Chimborasso oder ins Himalajagebirge?« +unterbrach Mariechen lachend. »Morgen wird Tante Toni noch etwas +reisemüde sein und sich gerne mit einem kleineren Spaziergang begnügen. +Ich schlage das Tempelchen vor; der Weg dahin ist schön und nicht zu +steil, und von dort hat man einen herrlichen Blick auf unser Städtchen +und in die Berge, und dann ...« + +»Und dann kann man da oben auch sehr gut >Räuber und Gendarm< spielen!« +fiel Rudi ein. »O, ich kenne dort ein paar ausgezeichnete Verstecke!« + +»Ach, das Tempelchen -- das ist schrecklich langweilig«, erklärte Otto +Mehring mit wegwerfender Miene. »Da ist man schon so oft gewesen! Dahin +geh' ich mal nicht mit!« + +»Ei, so bleib' du nur daheim, wir können's schon ohne dich aushalten!« +entgegnete Paul ein wenig grob. Aber Tante Toni sah ganz betrübt aus, +als sie sagte: + +»O, mir würde es aber sehr leid tun, wenn du nicht mitgingest, lieber +Otto.« + +»Nun, Tante, wir wollen sehen; dir zuliebe gehe ich vielleicht mit.« + +»Wie gnädig!« kicherte Anna dem Mariechen ins Ohr. + +»Nun müssen wir nur sehen, was eure lieben Eltern zu diesem Plane sagen +werden.« Mit diesen Worten kehrte Tante Toni ins Haus zurück. + + + + + Zweites Kapitel. + + Es wird Krocket gespielt, und Tante Toni macht dabei Charakterstudien. + + +Am folgenden Tag war die ganze Kinderschar wieder bei Wulffs versammelt. +Vater Wulff stand vor dem Barometer und runzelte die Stirne. + +»Es tut mir leid, Kinder«, sagte er endlich, »aber ihr werdet euern +Spaziergang nicht machen können. Der Barometer ist sehr gefallen, und +dort in der Wetterecke sieht es drohend aus. Wir bekommen Regen und +Wind, vielleicht sogar Sturm.« + +Da gab es enttäuschte, betrübte und ärgerliche Gesichter. + +»Wie langweilig! Was fangen wir jetzt an?« + +»Nun, wir können wenigstens in den Garten gehen, solange es noch nicht +regnet«, schlug Tante Toni vor. + +»Weißt du was, Tante Toni? Mache mit uns eine Krocketpartie!« + +»Ach ja, Tante Toni, die Mieze hat recht, wir wollen Krocket spielen!« + +»Nee -- Krocket ist entsetzlich langweilig!« + +Tante Toni lachte: »Lieber Otto, das Wort >langweilig< scheint ein +Lieblingsausdruck von dir zu sein! Ich stimme für Krocket. Wer spielt +also mit?« + +»Ich natürlich«, erklärte Otto mit Bestimmtheit. + +»Wie, Otto, du? -- Du findest das Spiel doch so langweilig!« + +»Immerhin weniger langweilig als gar nicht zu spielen.« + +»Nun gut also. Und wer spielt noch mit?« + +»Ich -- ich -- ich!« schrien alle Kinder durcheinander. + +»Ja, wir können aber nicht alle spielen, wir sind etwas zu zahlreich. +Ich will gerne zuschauen.« + +»Nein, Tante Toni, das gibt's nicht. Du mußt vor allen mitspielen. Wir +können ja das Los ziehen, um zu sehen, wer mitspielt.« + +»Ach nein; da gibt's doch immer Ärgerliche und Unzufriedene«, behauptete +Mariechen Helmer. »Spiele du mit den Größeren, Tante Toni; ich nehme +die Kleineren mit auf die Wiese und spiele mit ihnen Ball oder Reifen. +Komm, Tonichen; kommt, Rudi, Lilly und Anna, wollt ihr mit mir gehen?« + +»Ich schau' lieber den Großen zu«, erklärte Rudi. + +»Wir können zu sechs spielen, drei gegen drei«, erklärte Philipp Helmer. +»Tante Toni, Paul, Kurt, Otto und ich, das sind fünf; da kann der Rudi +also mit uns spielen.« + +»Nein, der Rudi spielt viel zu schlecht, den will ich nicht!« rief Otto. +»Dann lieber die Lilly.« + +»Ach ja, Tante Toni, laß mich mitspielen, ich spiele schon sehr gut!« +bat Lilly, und nach einigem Hinundher kam endlich die Partie zustande, +und zwar so, daß Tante Toni mit Kurt und Lilly gegen Paul, Philipp und +Otto spielte. + +Im Anfang ging alles ganz gut; als aber Paul einen ungeschickten Schlag +ausführte, wurde er verdrießlich und ärgerlich. Bald darauf passierte +seinen beiden Partnern Otto und Philipp dasselbe Mißgeschick; da geriet +er ganz außer sich und machte ihnen die größten Vorwürfe; diese wollten +sich das aber nicht gefallen lassen, und Philipp meinte spöttisch: + +»Ei, wenn du schimpfen willst, so fang' nur bei dir selber an! Du bist +uns mit dem schlechten Beispiel vorangegangen; du hast die erste +Dummheit gemacht.« + +»Das kann dem besten Spieler einmal passieren.« + +»Gewiß; aber um so eher kann es mittelmäßigen Spielern passieren, und zu +denen rechnest du Otto und mich ja doch!« + +»Aber keine Spur von einer Latern'! Zu den _schlechten_ Spielern rechne +ich euch, zu den ganz schlechten! Ihr spielt geradezu miserabel -- wie +soll man denn eine Partie gewinnen mit solchen Partnern? Da ist ja nicht +daran zu denken -- das ist überhaupt gar kein Spiel mehr!« + +»Das finde ich auch«, versetzte Tante Toni, die dem Streite bisher +schweigend zugehört hatte. »Sag' mal, lieber Paul, weshalb spielen wir +denn eigentlich Krocket?« + +»Nun, um zu gewinnen; das ist doch selbstverständlich!« + +»Doch nicht so ganz. Der Hauptzweck ist doch der: wir wollen uns +unterhalten und uns am Spiel erfreuen, indem jeder danach trachtet, den +andern an Geschicklichkeit zu überbieten, aber in aller Freundschaft; +und wenn man eine Dummheit oder eine Ungeschicklichkeit begeht, dann +lacht man sich gegenseitig ein wenig aus -- wieder in aller +Freundschaft. Es kann ja natürlich nur _eine_ Partei gewinnen -- wenn +aber dann die Verlierenden sich jedesmal gebärden, wie wenn ihnen ein +Unglück widerführe oder ein Unrecht geschähe -- ja, dann hört eben aller +Spaß auf und man kann das kein Spiel mehr nennen. Nun, was meinst du +dazu, Paul?« + +»Ja, Tante Toni, du hast eigentlich recht. Wenn's einem aber egal ist, +ob man gewinnt oder nicht, dann gibt man sich auch keine Mühe, und das +Spiel ist gar nicht interessant.« + +»So habe ich's aber auch nicht gemeint. Es soll einem gewiß nicht egal +sein, und jeder muß sich natürlich die größte Mühe geben, um zu +gewinnen. Das Gewinnen soll nur nicht der Haupt- und alleinige Zweck des +Spieles sein. -- So, ich glaube, ich bin nun an der Reihe, und wirklich, +Paul, ich werde mich tüchtig anstrengen, um einen Meisterschlag zu +vollführen!« + +»Bravo, Tante Toni! Das hast du gut gemacht, du hast Ottos Kugel +getroffen -- hinaus mit ihr, so weit du kannst!« + +»Ich will sie lieber liegen lassen und benützen, um durch die Schelle zu +kommen; sie liegt doch hinter ihrem Reifen.« + +Als Tante Toni sich umdrehte, sah sie gerade, wie Lilly mit dem Füßchen +ihre Kugel ein wenig vorschob, so daß sie für den nächsten Schlag in +eine günstigere Lage kam. Sie sagte nichts, sie schaute nur Lilly ernst +an. Diese wurde ein bißchen rot und tat, als ob sie bloß ein Steinchen +unter ihrer Kugel entfernt hätte. + +Nachdem nun Kurt gespielt hatte, kam Philipp an die Reihe; er gab seiner +Kugel einen kräftigen Schlag, so daß sie durch ihren Reifen flog und in +Lillys Nähe zu liegen kam; als Kurt sich nun anschickte, Lillys Kugel zu +treffen, schrie diese ihn an: + +»Du, das gibt's nicht! Philipp, du hast gepfuscht; deine Kugel lag +vorhin so, daß du gar nicht durch deinen Reifen kommen konntest!« + +»Sag' noch einmal, ich hätte gepfuscht, du kleine Kröte!« ereiferte sich +Philipp. + +»Du hast gepfuscht -- gepfuscht -- gepfuscht!« schrie Lilly. + +»Impertinente kleine Person!« Philipp war rot vor Ärger, und er hätte +seine kleine Cousine gewiß etwas unsanft angefaßt, wenn Tante Toni nicht +dazwischengetreten wäre. + +»Lilly, schau mich mal an, und dann sage mir ehrlich: Hast du gesehen, +daß Philipp gepfuscht hat?« + +Lilly wurde verlegen. »Nein, gesehen hab' ich es nicht -- aber vorhin +lag seine Kugel anders, und da ...!« + +»O, da kann man sich so leicht täuschen! Sieh, mir kommt es vor, als +hätte _deine_ Kugel vorhin auch anders gelegen.« + +Lilly senkte die Augen vor dem klaren, durchdringenden Blick der Tante; +sie wurde so verlegen, daß Tante Toni Mitleid mit ihr hatte und Philipp +einen Wink gab, den der gutmütige Junge auch verstand, worauf er +weiterspielte, als ob nichts geschehen wäre, und er behandelte Lillys +Kugel so glimpflich, daß dieselbe ganz in der Nähe ihres Reifens liegen +blieb. + +Das Spiel nahm nun einen ganz friedlichen Verlauf, es wurde sogar +lustig, weil Tante Toni nachdem sie wieder einmal einen Meisterschlag +versprochen hatte, glänzend am Ziele vorbeischoß, worüber sie selbst in +lustiges Lachen ausbrach; die Kinder stimmten von Herzen ein, und von +diesem Augenblicke an wurde über jeden ungeschickten Schlag gelacht und +nicht mehr gezankt. + +So ging alles vortrefflich; selbst Lilly war wieder ganz vergnügt, sie +war sogar sehr stolz, denn sie hatte mit einigen geschickten Schlägen +ihre Kugel weit voran gebracht. Sie lag eben wieder sehr schön vor ihrem +Reifen, als Paul, der Anführer der Gegenpartei, dieselbe traf und mit +einem kräftigen Schlag ziemlich weit fortschickte. + +Da warf Lilly einfach ihren Hammer hin; sie sagte: »Ich spiel' nicht +mehr mit!« und setzte sich schmollend in einen Winkel. Tante Toni sah +ihr ganz überrascht nach, Paul aber sagte ärgerlich: + +»Ja, so macht sie's immer. Wie ihr etwas nicht nach dem Kopf geht, dann +läuft sie fort und verdirbt einem das ganze Spiel.« + +»Soll ich hingehen und sie zu versöhnen suchen?« schlug der gutmütige +Philipp vor. + +»O nein«, antwortete Tante Toni, »das wäre ganz verkehrt; dann würde sie +es bei der nächsten Gelegenheit gleich wieder so machen. Nein, wir +lassen sie ganz ruhig in ihrem Schmollwinkelchen sitzen, und Rudi kann +für sie einspringen. Magst du, Rudi?« + +»Aber wie gern, Tante Toni!« + +»Ach nein, der Rudi spielt gar zu schlecht«, knurrte Otto. + +»Aber Otto, das kann dir doch nur angenehm sein, er ist ja dein Gegner!« + +»Ach, das ist ja überhaupt gar keine Ehre mehr, gegen solch einen Gegner +zu gewinnen!« + +»Ich spiel' gar nicht so schlecht, Tante Toni, du wirst es schon sehen«, +und Rudis eben noch vor Freude strahlende Augen füllten sich mit Tränen. + +»Ich bin überzeugt, daß du recht gut spielst, mein lieber Rudi«, +tröstete ihn Tante Toni und sah sich nach Lillys Hammer um; allein +inzwischen war Otto zu seiner Schwester gegangen und hatte leise aber +eindringlich auf sie eingesprochen, und gerade als Tante Toni sich nach +dem Hammer bücken wollte, sprang Lilly herbei, erfaßte ihn und rief: +»Ich spiel' selbst weiter!« + +Tante Toni sah unschlüssig von einem Kinde zum andern. Ihr +Gerechtigkeitsgefühl sagte ihr, daß Lilly Strafe verdient habe und +eigentlich vom Spiel ausgeschlossen bleiben müßte -- sie wußte ja auch, +daß Lilly nur deshalb wieder mitspielen wollte, weil sie und Otto dem +kleinen Rudi das Vergnügen mißgönnten. Anderseits konnte sie es aber +nicht übers Herz bringen, gegen die beiden mutterlosen Kinder strenge zu +sein. Sie neigte sich deshalb zum enttäuschten Rudi nieder und erklärte +ihm: »Lieber Rudi, wir sehen und wissen beide, daß Otto und Lilly nicht +schön handeln, aber sie haben eben keine liebe Mutter, die ihnen täglich +und stündlich zur Seite steht, sie ermahnt und belehrt -- wir wollen +daran denken und Geduld mit ihnen haben, nicht? Aber du sollst nicht zu +kurz kommen, und ich verspreche dir, die nächste Krocketpartie mache ich +mit dir, Mieze und Anna. Bist du zufrieden?« + +Rudi nickte unter Tränen lächelnd, und Tante Toni gab ihm noch einen +herzlichen Kuß, als Otto ungeduldig rief: »Holla, Tante Toni, aufgepaßt, +du bist dran!« Während Tante Toni spielte, stieß Otto den Rudi an und +höhnte: »Hä, du spielst doch nicht mit, siehst du's?« + +Rudi war ein guter Junge, jedoch er konnte Spott nicht vertragen. Er +wurde sehr rot bei Ottos Worten, aber er dachte noch daran, was Tante +Toni ihm eben gesagt hatte, und er hielt an sich. Er streckte seine +Hände in die Hosentaschen und drehte Otto den Rücken. + +»Ja, geh' nur fort, geh' zu den Kleinen ins Kinderzimmer, da gehörst du +auch hin. Hier störst du uns ja nur.« + +Rudi stellte sich breitspurig hin und sagte: »Ich bleibe hier und schaue +zu.« + +»Ich sag' dir aber, daß du fortgehen sollst!« + +»Du hast mir nichts zu sagen.« + +»Gewiß, denn ich bin älter, größer und stärker als du.« + +»Älter, ja; größer nicht viel, aber stärker gar nicht.« + +»Was hast du gesagt, du frecher Knirps du? Sag's doch noch einmal, wenn +du's wagst!« + +»Ich bin stärker wie du.« + +»Mit dem Mund vielleicht, aber nicht in Wirklichkeit.« + +»Soll ich's beweisen?« + +»Das wagst du ja nicht, du Feigling!« + +Nun war Rudis Geduld zu Ende. Er stürzte sich auf Otto, und die beiden +Knaben begannen zu ringen. Otto war allerdings fast drei Jahre älter als +Rudi, aber er war verhältnismäßig klein und zart gebaut, während Rudi +groß und kräftig war. Rudi bekam denn auch bald die Oberhand, und ehe es +der erschrocken herbeieilenden Tante Toni gelang, die beiden zu trennen, +lag Otto auf der Erde. Sofort begann er ein entsetzliches Wehegeschrei, +so daß nicht nur Mieze mit den andern Kindern gelaufen kamen, um zu +sehen, was geschehen sei, sondern auch die Eltern, die in der Nähe des +Hauses in einer Laube gesessen hatten. + +Frau Helmer rief, die Hände ringend: »Natürlich wieder mein Rudi! Wenn +ich Geschrei höre, dann brauch' ich gar nicht zu fragen, denn ich weiß +schon im voraus, daß der Rudi wieder etwas angestellt hat!« + +Frau Wulff und Tante Toni hatten sich inzwischen um Otto bemüht, hatten +ihn befragt, befühlt und betastet und konnten gar nicht finden, wo er +eigentlich verletzt war. + +»So sag' uns doch endlich mal, wo es dir fehlt!« rief Tante Toni aus. +»Ich kann mir doch nicht denken, daß du uns ohne Grund so erschreckt +hast!« + +Otto antwortete nicht sofort -- dann aber fuhr er sich mit beiden Händen +an den Kopf und jammerte: »Mein Kopf, o mein Kopf!« + +Tante Toni und Frau Wulff sahen sich besorgt an; sie führten ihn ins +Haus, um ihn aufs Sofa zu legen und ihm Umschläge auf den Kopf zu +machen. Im Vorbeigehen warf Tante Toni dem Rudi einen vorwurfsvollen +Blick zu. Das Kind wandte sich ab -- es hatte eben schon die Vorwürfe +seiner Mutter zu hören bekommen --, sein sonst so offenes, liebes +Gesicht bekam einen Ausdruck von finsterem Trotz. Ohne ein Wort zu +sagen, verließ er den Spielplatz. + +Mariechen aber hatte ihr Brüderchen beobachtet. Sie ging ihm leise nach; +sie wußte, sein Trotz würde nicht lange dauern, sondern bald einem +großen Schmerz weichen. Schon mehrmals hatte sie Rudi nach einem solchen +Auftritt bitterlich weinend in irgendeinem Gebüsch des Gartens versteckt +gefunden. Diesmal war er ganz hinten in den Garten gegangen; dort war +ein stilles, von dunkeln Tannen und dichtem Gesträuch umstandenes +Plätzchen; da hockte er auf einer Bank, die Arme auf die Lehne gestützt +und den Kopf darin vergraben. + +Mariechen setzte sich neben ihn. + +»Komm, Rudi, sag' mir's, wie ist's denn wieder gekommen?« + +Zuerst wollte Rudi nicht antworten, endlich stieß er hervor: »Nun, wie +halt immer. Erst höhnt er mich und reizt mich, bis ich nicht mehr anders +kann, als ihn anpacken, und sowie er fühlt, daß er unterliegen wird, +dann fängt er seine Brüllerei an, stellt sich, wie wenn ich ihm Gott +weiß was getan hätte -- und ich krieg's nachher von allen!« + +Es klangen Trotz, Schmerz und Bitterkeit aus seiner Stimme. + +Mariechen schlang ihren Arm um Rudi und sagte begütigend: »Komm, Rudi, +wir wissen's ja doch, daß Otto der schuldige Teil ist, und ...« + +»So? Hast du denn nicht gehört, was Mama eben sagte, und hast du nicht +gesehen, wie Tante Toni mich angeschaut hat? Und Tante Toni hatte mir +doch gerade gesagt ...« Hier ging die Stimme des Knaben in Schluchzen +über. + +»Komm, Rudichen, mein liebes Goldrudichen, weine nicht so. Sag' mir +genau, wie alles gekommen ist -- ich erzähle es der Tante Toni, und ich +werde schon sorgen, daß sie keine falsche Meinung von dir behält.« + +»Es wird ihr aber recht leid tun; denn sie hat Otto und Lilly sehr lieb, +weil sie keine Mama mehr haben. Für uns ist das aber auch schrecklich; +sie sind beide unausstehlich, und wir müssen uns alles von ihnen +gefallen lassen; niemand straft sie, und wenn man sich über sie beklagt, +dann heißt es nur immer: >Habt doch Geduld mit den armen Kindern, denn +sie haben keine Mutter mehr.<« + +»Ja, Rudi, das ist freilich alles wahr«, sagte Mariechen; dann schwieg +sie nachdenklich still, während ihr Brüderchen fortfuhr: + +»Und dazu sind sie auch fast immer bei uns oder hier bei Wulffs -- wir +können niemals etwas unternehmen, außer sie müssen dabei sein.« + +»Ja, Rudi, denke doch aber auch daran, wie traurig es bei ihnen zu Hause +ist so ohne Mama und fast ohne Papa; denn du weißt ja, wie angestrengt +Onkel Robert arbeiten muß und daß er sich fast nicht um seine Kinder +kümmern kann.« + +»O, Fräulein Helene sorgt aber doch recht gut für sie!« + +»Das ist aber doch nicht dasselbe. Denke nur daran, wie unsere Mutter +jeden Abend mit uns betet, wie sie selbst die Kleinen besorgt und ins +Bettchen legt, wie sie noch zu jedem von uns ans Bett kommt, um uns das +Kreuzzeichen zu machen und den letzten Gutenachtkuß zu geben; denke doch +daran, wie du immer und zu jeder Stunde zu ihr gehen, sie um alles +bitten und fragen kannst. Versuche doch einmal dir vorzustellen, wie +schrecklich es wäre, wenn wir unsere Mama nicht mehr hätten!« + +»Nein, nein, Mieze, daran kann und will ich gar nicht denken. Und jetzt +-- vielleicht weint sie gerade, weil ich vorhin so zornig war!« Bei +diesem Gedanken fingen Rudis Tränen wieder an zu fließen. + +»Komm, wir wollen sie schnell aufsuchen!« Mariechen sprang auf und zog +ihr Brüderchen mit sich fort. Sie waren aber kaum ans ihrem versteckten +Plätzchen hervorgetreten, da erblickten sie ganz in der Nähe ihre Mutter +und Tante Toni. Rudi wollte sich schnell verstecken, aber Mariechen +hielt ihn fest und sagte: »Geh' du nur gleich zu Mama -- ich nehme +inzwischen Tante Toni beiseite und erkläre ihr alles.« + +Mariechen erzählte nun Tante Toni, wie vorhin der Streit zwischen Otto +und Rudi entstanden war. Tante Toni hörte aufmerksam zu, dann sagte sie: + +»Es ist mir schon mehrmals aufgefallen, daß Otto und Lilly nicht nett +mit Rudi sind.« + +»Nicht wahr, du hast es auch bemerkt?« rief Mariechen eifrig. »Was mögen +sie nur gegen den guten Rudi haben? Otto neckt und ärgert uns ja alle +gern, aber doch ganz besonders den Rudi -- er weiß, daß der Rudi +Spöttereien nicht vertragen kann; er weiß aber auch, daß Rudi ihm nichts +tun darf. Du kannst mir glauben, Tante Toni, ich habe schon manchmal +gemerkt, wie Rudi an sich gehalten und wie er sich beherrscht hat -- +aber wenn dann Otto gar nicht aufhört und nur immer ärger kommt, dann +bricht er halt los, und man kann's dem kleinen Buben doch nicht so +streng anrechnen, wenn er im Zorn einmal ein bißchen fest dreinschlägt; +dann gibt's aber jedesmal ein Gebrüll und ein Getue, wie du es vorhin +gehört hast, und die ganze Familie gerät in Aufregung, weil Otto doch +keine so feste Gesundheit hat. Vor einiger Zeit hat er sich nach solch +einer Balgerei sogar ein paar Tage ins Bett gelegt und hat behauptet, +es sei ihm entsetzlich übel; als ich ihm aber ein großes Stück Kuchen +brachte, da hat er's mit dem besten Appetit verzehrt, und wie dann Onkel +Wulff von einem Ausflug in die Lichtenau sprach, da war Herr Otto +plötzlich wieder gesund. Und Lilly hält zu Otto -- bei sich zu Hause +streiten sie auch miteinander, aber gegen uns halten sie stets zusammen. +Und wirklich, Tante Toni, wir lassen uns viel von den beiden gefallen, +denn sie tun uns ja doch wieder so leid, weil ihre Mutter tot ist.« + +Tante Toni seufzte und ging eine Weile schweigend neben Mariechen her. +Endlich sagte sie: »Wir wollen unsere Hoffnung auf Ottos erste heilige +Kommunion bauen, und wir wollen recht eifrig für ihn beten, liebes +Mariechen. Otto und Lilly waren doch so liebe, herzige Kinder, als sie +noch klein waren -- und sie haben auch einen so vorzüglichen Vater!« + +»O ja, Tante Toni! Sie hängen aber auch beide sehr an ihrem Vater, und +wenn Onkel Robert dabei ist, dann sind sie einfach musterhaft. Ach, es +ist recht schade, daß er immer so viel zu tun hat!« + +In diesem Augenblick kam Anna herbeigesprungen: »Tante Toni und Mieze, +wo bleibt ihr denn? Schnell kommt Kaffee trinken, sonst kriegt ihr +nichts mehr; denn der arme Otto hat von seinem Sturze einen wahren +Heißhunger davongetragen. Er hat schon verschiedene Rosenbrötchen, zwei +Stücke Kuchen und drei Bretzeln verschlungen!« + + + + + Drittes Kapitel. + + Was die Kinder werden wollen. + + +Als Tante Toni und Mariechen ins Haus kamen, fanden sie wirklich die +ganze Gesellschaft um den Kaffeetisch versammelt. Otto machte noch ein +etwas leidendes Gesicht, aber die Besorgnisse seiner Tanten verflogen +doch gänzlich, als sie sahen, mit welchem Behagen er in seine Bretzel +biß. + +»Wenigstens die fünfte!« flüsterte Anna dem Mariechen zu. + +»Ei, da ist ja auch Leo!« rief Tante Toni erfreut aus, als sie den +kleinen, dicken Burschen auf einem hohen Kinderstühlchen am Tisch sitzen +sah. + +»Ja, ich darf heut' mit den Großen Kaffee trinken, damit du auch eine +Freude hast«, erklärte der Kleine mit überzeugtem Tone, und wichtig +fügte er hinzu: »Tante, das Minnichen kann schon beinah' >Toni< sagen; +es macht schon: >Mieh -- Mieh<!« + +»Wirklich? Das ist aber schön und das freut mich; später gehe ich auch +mit dir hinauf, und dann muß Minnichen es mir vorsagen.« + +Jetzt kam Mariechen mit der großen Kaffeekanne. »Darf ich dir +einschenken, Tante?« + +»Gewiß, Mariechen! Ich danke dir. Aber wo sind denn die Papas?« + +Kurt antwortete: »Papa und Onkel Helmer wollten ein bißchen spazieren +gehen; sie werden aber nicht weit gekommen sein, denn es fängt gerade an +zu regnen.« + +»Und Onkel Robert?« + +»O, der Papa hat heute wieder arg viel zu tun«, erklärte Lilly wichtig. +»Erst mußte er noch einen großen Artikel für seine Zeitung schreiben, +und dann wartete er auch noch auf verschiedene Leute, mit denen er zu +sprechen hat.« + +»Also nicht einmal den Sonntagnachmittag kann er sich frei machen!« + +Frau Wulff flüsterte ihrer Schwester halblaut zu: »Der arme Robert ist +wieder arg angegriffen worden. Er wird schließlich doch noch zu Gericht +gehen müssen, um Ruhe zu bekommen.« + +Otto hatte die Ohren gespitzt und einiges verstanden. Ärgerlich rief er +aus: »Ich möchte, Papa jagte die ganze Zeitungsgeschichte zum Kuckuck +und er würde etwas anderes als Redakteur!« + +»Aber Otto, wie kannst du so etwas sagen! Du weißt doch, daß dein Vater +der Anführer und Leiter der Katholiken hier ist. Ich wüßte niemand, der +ihn ersetzen könnte, wenn er sich zurückziehen wollte.« + +»Er hat aber doch nur Last und Arbeit und noch dazu Ärger mehr wie genug +-- und es dankt's ihm kein Mensch!« + +»Gewiß, Otto, ich weiß viele, die mit großer Liebe und Verehrung an +deinem Vater hängen.« + +»O Tante Toni, es sind noch viel mehr, die ihn beschimpfen und +verleumden!« + +»Das passiert jedem, der mit Eifer und Erfolg eine gute Sache vertritt. +Ein mutiger Soldat wirft deshalb seine Flinte nicht ins Korn!« + +»Na, Tante Toni, ich werde jedenfalls mal nicht Redakteur des +>Mainboten<!« + +»Ei, Otto, das von dir zu hören, tut mir wirklich leid. Ich hätte +gedacht, du würdest einmal mutig in die Fußstapfen deines Vaters treten +und es dir zur Ehre anrechnen, so wie er all deine Kraft für die gute +Sache einzusetzen. Es fehlt dir also der Mut dazu?« + +»Nein, der Mut nicht, aber die Lust!« + +»O--h!« machte Tante Toni gedehnt, und sie sah Otto dabei mit ihren +klaren Augen so durchdringend an, daß er verlegen auf seinen Teller +blickte, und als Tante Toni nun weiterfragte: »Was möchtest du denn +werden?« da antwortete er ausweichend: »Ich weiß es noch nicht recht -- +vielleicht Reiteroffizier.« + +»Ich geh' einmal zur Marine«, erklärte hierauf Paul mit Bestimmtheit. + +»Und ich wahrscheinlich auch«, ließ sich sein Zwillingsbruder Kurt +vernehmen, »aber nicht als Offizier, sondern als Arzt oder +Naturforscher, damit ich mich mal einer Nordpolexpedition anschließen +kann.« + +»So, du möchtest wohl ein berühmter Reisender werden, wie z. B. Fridtjof +Nansen? Nun, und du, Philipp?« + +»O Tante, den brauchst du gar nicht zu fragen!« riefen die andern Kinder +lachend. »Der Philipp, der muß Ingenieur werden; der hockt ja jetzt +schon die meiste Zeit in der Fabrik und bosselt an den Maschinen herum.« + +»Denke nur, Tante«, erzählte Rudi, »neulich war an der neuen +Dampfmaschine etwas nicht in Ordnung; man wollte schon dem Monteur +telegraphieren, der sie aufgestellt hat, aber da hat der Philipp +herausgefunden, woran es lag, und der Maschinist hat gesagt: >Das ist +aber mal ein Hauptkerl!<« Und Rudis Augen leuchteten vor Freude und +Stolz über seinen tüchtigen Bruder. + +»Recht so, Philipp, das höre ich gern; da bekommt der Papa an dir später +eine gute Hilfe in dem großen Betrieb.« Und Tante Toni nickte dem Neffen +freundlich zu. Dieser war etwas rot geworden, hatte sich aber weiter +nicht in seiner Gemütsruhe stören lassen. + +»So, nun müssen aber auch die andern heraus mit der Sprache!« rief Tante +Toni lustig. »Also Mariechen, wie steht es mit dir?« + +Ehe Mariechen noch antworten konnte, rief Anna lachend: »O, das ist eine +Betschwester -- die ginge ins Kloster, wenn es dort nur einen Spiegel +gäbe!« + +»Halt den Schnabel, vorlautes Ding; du bist ja nicht gefragt!« + +»Ich danke dir, teurer Bruder Paul, für die liebevolle Zurechtweisung!« + +»Zankt euch doch nicht wieder, ihr beiden, und laßt Mariechen endlich zu +Wort kommen.« + +»O, ich habe nicht viel zu sagen«, meinte Mariechen errötend. »Vorläufig +lerne ich recht fleißig, damit ich später mein Examen machen kann. Das +weitere wird sich dann schon finden.« + +»Bravo, Mieze!« + +Aber Anna konnte das Necken nicht lassen; sie machte ein drollig +zerknirschtes Gesicht und rief aus: »Mieze, du bist einfach ein +Musterkind. Ich fühle mich wirklich so unwürdig, neben dir zu sitzen, +daß ich meine, der Erdboden müßte mich verschlingen.« Und damit +verschwand sie unter dem Tisch. + +Alle lachten; auch die geneckte Mieze lachte herzlich mit, dann rief sie +munter: + +»Nun hast du so gut für mich geantwortet; jetzt sprich für dich selbst; +also ich frage dich feierlich: Was willst du werden, Anna Wulff?« + +»Nun, ich heirate natürlich«, klang es unter dem Tisch herauf. + +Wieder entstand allgemeines Gelächter. + +»Was gibt's denn da zu lachen?« Und Annas Kopf tauchte empor. + +»Zum Heiraten gehören zwei«, belehrte Kurt mit weiser Miene. + +»Das weiß ich doch, daß ich mich nicht selbst heiraten kann. Ich heirate +den netten holländischen Jungen, mit dem wir voriges Jahr im Seebad +gespielt haben.« + +»O, den dicken Jan!« lachte Kurt. »Du bist nicht dumm, Änne, denn sein +Vater ist Millionär. Ob der dich aber will?« + +»O, der wird schon wollen!« versicherte Anna in überzeugtem Ton. + +»Ich bin noch nicht gefragt worden«, meldete sich nun Lilly. + +»Also, Lilly, leg' los! Ich wette, du wirst eine alte Jungfer!« + +Lilly warf ihrem Vetter Paul einen sehr entrüsteten Blick zu und +entgegnete: »Fällt mir nicht ein, eine alte Jungfer zu werden -- da +heirat' ich doch noch eher einen von euch!« + +»Ums Himmels willen, doch nicht mich?« schrie Paul in komischem +Entsetzen auf, und er streckte wie abwehrend die Hände aus. + +»Nein, dich mag ich gar nicht, du bist mir zu grob -- aber vielleicht +den Philipp!« + +Philipp machte ein äußerst verblüfftes Gesicht bei dieser Erklärung. + +»Warum denn gerade mich?« fragte er in kläglichem Ton. + +»Du bist der gutmütigste von allen, und dich werde ich schon bald unter +den Pantoffel kriegen«, erklärte Lilly mit einem siegesgewissen Blick +auf ihren Vetter, der dasaß mit der Miene eines Opferlammes, welches zur +Schlachtbank geführt werden soll. + +Die andern schrien vor Lachen. Frau Wulff, welche gerade der Tante Luise +Helmer eine neue Tasse Kaffee einschenken wollte, schüttete vor lauter +Lachen daneben; Mieze hielt sich die Seiten und bog sich; Anna hatte +sich verschluckt, und lachend, hustend und pustend verteidigte sie sich +gegen ihre Brüder, die ihr allzu diensteifrig und kräftig ans den Rücken +klopften. + +»Genug, Kinder, genug!« rief Tante Toni in den Tumult hinein; aber sie +mußte selbst wieder von neuem lachen, und es dauerte noch eine kleine +Weile, ehe sie fortfahren konnte: »Wir sind ja noch nicht fertig. Wer +ist denn an der Reihe, gefragt zu werden?« + +»Der Rudi, der Rudi!« hieß es, und Otto fügte mit geringschätziger Miene +hinzu: + +»Den brauchst du gar nicht zu fragen, Tante Toni; der will Kutscher +werden!« + +»Ach, Otto, das hab' ich doch nur früher gesagt, als ich noch ganz klein +war!« verteidigte sich Rudi. + +»Ei, was bist du denn jetzt? Bildest du dir vielleicht ein, du wärest +schon groß?« + +»Geh', Otto, sei nur still! Als du noch so ein kleiner Bubi warst wie +hier das Leomännchen, da wolltest du auch Kutscher werden.« + +»Aber Tante Toni!« + +»Gewiß; ich war damals ja längere Zeit bei euch; und wie oft hast du +deine hölzernen Pferdchen an meinen Stuhl gespannt und mich so in der +Welt herumkutschiert!« + +»Aber doch nicht wirklich, Tante Toni?« fragte Leomännchen, der mit +sichtlichem Interesse zugehört hatte. + +»Nein, natürlich nur im Spiel. Und du, mein Leobübchen, du willst gewiß +auch Kutscher werden?« + +»O nein -- ich werde Kaiser«, erklärte der Kleine mit Bestimmtheit. + +»O, Kaiser -- nur Kaiser!« riefen alle erstaunt und belustigt. Tante +Toni belehrte lächelnd: + +»Kaiser kann man aber nur werden, wenn man ein Prinz ist.« + +»Ich heirat' einfach eine Prinzessin, dann werd' ich ein Prinz.« + +»O Dummerchen! Eine Prinzessin, die will dich doch nicht«, spottete +Anna. + +»Dann heirat' ich zur Straf' gar nicht!« Und Leomännchen wandte sich +gekränkt ab. + +»Ach, was für eine entsetzliche Strafe!« schrie Anna lachend. Dann +streckte sie wie flehend die Hände nach ihrem Brüderchen aus und rief: +»Gnade, Kaiserliche Majestät! Die arme Prinzessin wird sich zu Tode +grämen!« + +Der Kleine sah Anna mit mißtrauischer Miene an. Er wußte nicht recht, +was sie eigentlich meinte, aber er fühlte doch heraus, daß sie sich über +ihn lustig machte; deshalb sagte er ärgerlich: »Geh' weg, böse Anna, du +willst mich doch nur wieder ärgern!« + +»Verstoßen! -- ich bin verstoßen von Seiner Kaiserlichen Majestät!« +jammerte Anna in komischer Verzweiflung; dann hielt sie der Mutter ihren +Teller hin und flehte mit zitternder Stimme: »Ach, Kaiserin-Mutter, +erbarmen Sie sich doch meiner und geben Sie mir zum Trost noch ein Stück +Kuchen!« + +Die Mutter lächelte nachsichtig: »Da hast du dein Stück Kuchen, kleine +Komödiantin!« + +»Meinen innigsten, meinen untertänigsten Dank!« Und dem kleinen Leo den +Kuchen hinhaltend, fügte sie hinzu: »Auf dein Wohl, o großer, berühmter +Kaiser, werde ich diesen Kuchen verspeisen.« Dann streckte sie ihrem sie +erstaunt anblickenden Brüderchen die Zunge heraus und biß in den Kuchen. + +»Aber pfui, Anna, was gibst du dem Kleinen für ein schlechtes Beispiel!« +rügte die Mutter. + +Leomännchen aber hatte schon Tränen in den Augen, und er rief entrüstet: +»Böse Anna, unartige Anna!« worauf diese entgegnete: »Süßes Leomännchen, +herziges, zuckeriges Leobübchen, großer Kaiser!« + +»Ach, so laß mich doch mal endlich in Ruh, du garstiges Ding!« Und große +Tränen rollten über Leos runde Bäckchen. + +»Ach, ein weinender Kaiser!« Und Anna deutete mit dem Finger nach ihm. + +»So, Anna, nun ist's genug; du läßt mir jetzt den Kleinen in Ruh!« +befahl die Mutter in strengem Ton. Sich dann an alle andern wendend +fügte sie hinzu: »Ich denke, wir sind fertig und gehen nun hinüber ins +Wohnzimmer, damit die Mädchen hier den Tisch abräumen können.« + +Kaum hatte Tante Toni sich im Wohnzimmer niedergelassen, da krabbelte +Leomännchen auch schon auf ihren Schoß; die andern Kinder lagerten sich +um sie herum und riefen: »Bitte, Tante Toni, erzähle uns etwas!« Und +Tante Toni erzählte den aufmerksam horchenden Kindern lustige und ernste +Geschichten, bis Tante Luise Helmer erklärte: »Nun ist's genug; Tante +Toni ist sicher müde, und für uns ist es nun Zeit, nach Hause zu gehen. +Kommt, Mariechen, Philipp und Rudi, macht euch zurecht und verabschiedet +euch!« + +Später, als Tante Toni mit den Kindern das Abendgebet verrichtet hatte, +wollte sie den kleinen Leo zu Bett bringen. Der blieb aber knien und +erklärte: »Ich bin noch nicht fertig, ich habe noch etwas zu beten.« +Dann faltete er wieder seine Händchen, und zum Kreuzbilde emporblickend +betete er inbrünstig: + +»Ach, lieber Gott, ich bitte dich recht sehr, schick' doch den Storch, +daß er die Anna wieder fortholt; wir können sie nicht brauchen, sie ist +wirklich zu bös. In Ewigkeit. Amen.« Dann stand er mit befriedigter +Miene auf. Anna jedoch machte ein recht verdutztes Gesicht; sie wußte +nicht recht, ob sie lachen oder sich ärgern sollte. Sie sagte aber +nichts, sondern schlich sich still hinaus. + + + + + Viertes Kapitel. + + Es wird spazierengegangen; man begegnet der alten Babett; Anna wird + Prophetin und Rudi Schwanenritter. + + +Am nächsten schulfreien Nachmittag waren wieder alle Kinder im +Wulffschen Garten versammelt; sie waren zum Spaziergang gerüstet und +warteten auf Tante Toni. Diese trat eben aus der Haustüre, die kleine +Toni an der Hand führend. + +»Was, soll die auch mit?« rief Otto ärgerlich. »Warum denn nicht auch +der Leo und das Minnichen und die zwei Jüngsten von Tante Luise? Ich +könnte mich ja vor den Kinderwagen spannen!« + +Klein Toni sah mit ängstlich flehenden Augen zur Tante empor. Diese sah +etwas ärgerlich aus, als sie antwortete: »Ich habe Toni versprochen, sie +mitzunehmen, und sie geht mit. Übrigens, mein lieber Otto, ich werde +auch in Zukunft zu unsern Spaziergängen einladen, wen ich will, ohne +dich erst um Erlaubnis zu fragen.« + +Und sich dann an alle Kinder wendend fragte sie: »Wie steht es denn mit +den Aufgaben? Seid ihr alle fertig?« + +»Ja, ja, wir sind fertig!« riefen mehrere Stimmen; nur die größeren +Knaben und Mariechen hatten noch einiges zu lernen; aber Tante Toni +meinte: + +»Nun, da wir um 6 Uhr zurück sein werden, habt ihr diesen Abend noch +Zeit zum Studieren. Aber Kurt und Philipp, was schleppt ihr denn da in +den schweren Rucksäcken?« + +»Ei, Tante, unser Vieruhrbrot!« + +»Nun, da scheint mir aber Vorrat für ein ganzes Bataillon zu sein!« + +»O Tante, wart's mal ab! Du wirst sehen, daß wir nichts davon +heimbringen werden.« + +»Und dem Philipp kannst du ein bißchen auf die Finger sehen, Tante; der +hat immer schon eine halbe Stunde nach dem Mittagessen wieder Hunger, +und er könnte ...« + +»O, sei ruhig, Rudi«, lachte Mariechen, »ich habe den Rucksack gut und +fest zugebunden; er kriegt ihn so leicht nicht auf!« + +»Also, nun vorwärts, Kinder!« mahnte Tante Toni. Als sie aber bemerkte, +daß Paul auf die andere Seite der Straße hinüberging, fragte sie +verwundert: »Warum gehst du so abseits, Paul? Warum bleibst du nicht bei +uns?« + +»Ach, Tante, die Leute schauen uns so an und lachen, weil wir so viele +sind!« + +»Ei, das tut doch nichts! Die Leute sind von früher daran gewöhnt. Sieh, +der alte Uhrmacher Müller, wie er dort vor seiner Türe steht und mit dem +ganzen Gesicht lacht! Wie oft hat er vor Jahren euern Großvater mit +seinen zehn Kindern hier vorbeikommen sehen! Ja, es war immer die größte +Freude meines lieben Vaters, wenn keines seiner Kinder beim Spaziergang +fehlte.« + +»Tante Toni, ich möchte, der Großpapa und du, ihr zöget wieder hierher; +das wäre doch schön! Möchtest du es nicht?« + +»Ich möchte es wohl ganz gern; denn hier bin ich geboren, hier habe ich +meine Kindheit und meine erste Jugend verbracht. Anderseits täte es mir +aber auch wieder leid, von Walden wegzugehen; dort ist eure liebe +Großmama gestorben; dort wohnen drei meiner Geschwister; dort haben wir +ein zweites, liebes Heim gefunden.« + +»Gibt es in Walden auch so schöne Spaziergänge wie hier, Tante?« + +»Es gibt dort wohl auch schöne Spaziergänge, aber doch nicht so +mannigfaltig wie hier; auch muß man erst ein gut Stück über staubige +Landstraßen gehen, ehe man an schöne Punkte oder schattige Wege kommt. +Hier dagegen stößt dies herrliche kleine Tal gleich an die Stadt, es +führt nicht nur zum Fasanenwald, sondern noch zu verschiedenen andern, +wirklich schönen Aussichtspunkten. Bleibt doch einmal stehen, Kinder, +und schaut euch von hier aus die Klosterruine dort drüben über dem See +an. Die Bäume da bilden den Rahmen, im Vordergrund seht ihr die saftig +grüne Wiese, dahinter die Ruine auf ihrer kleinen Insel, zwischen +Baumgruppen hervorlugend -- könnt ihr euch ein schöneres Bild denken? +Aber ihr seid so an diesen Anblick gewöhnt, daß ihr achtlos daran +vorbeigeht!« + +»Doch nicht, Tante Toni, ich habe die Ruine sehr gern, und ich habe sie +schon oft von hier aus betrachtet und auch in der Nähe.« + +»Natürlich, Tante, das müßtest du dir doch denken können! Es ist ja eine +Klosterruine -- wie könnte Mieze gleichgültig an einer Klosterruine +vorbeigehen!« + +»Ach, Anna, mußt du schon wieder anfangen!« + +Aber Anna ließ sich nicht irremachen, sondern sie fuhr eifrig fort: »Sie +hat schon mal geträumt, das Kloster sei wiederhergestellt worden und sie +selbst walte darin als Äbtissin. Da man aber keinen Spiegel mit ins +Kloster nehmen darf, hat sie sich eine Zelle ausgesucht, von der aus sie +sich im See spiegeln kann.« + +»O Änne, da müßte der See aber erst gründlich gereinigt werden; denn aus +diesem schlammigen Wasser ...« + +»Kann ihr höchstens das Bild des Wassermannes entgegengrinsen, das +meinst du doch, Tante Toni, nicht wahr? Ja, und dann reckt er die +hageren langen Arme aus dem Wasser hervor -- er greift nach der schönen +Nonne in den wallenden weißen Gewändern -- er faßt sie beim Schleier und +zieht sie hinunter in die Tiefe!« + +»Gräßlich, Änne! Wo hast du das wieder her?« Und Mariechen schüttelte +sich schaudernd. + +»Die Nonne mit den wallenden weißen Gewändern, die stammt wohl aus +irgendeinem Gedicht. Aber was ist denn das für ein Orden?« + +»Nun«, verteidigte sich Anna, »das ist ein Orden, den Mariechen einmal +gründen wird. Sie liebt doch die weißen Kleider viel zu sehr, um sich +mal in eine schwarze oder braune Kutte zu stecken. Und in ihrem Orden +braucht man sich auch nicht die Haare schneiden zu lassen -- es wäre +doch schade um ihre schönen blonden Locken! Und ihre Nagelfeile und die +Bürstchen nimmt sie auch mit.« + +Mariechen war ganz rot und verlegen geworden, aber sie mußte doch +lachen. Auch Tante Toni lachte, und Mariechen um die Schulter fassend +rief sie scherzend: »Nun weiß ich doch, daß Miezchen auch einen kleinen +Fehler hat und ein bißchen eitel ist!« + +»Eitel ist sie eigentlich nicht«, nahm Philipp seine Schwester in +Schutz. »Denn wirklich eitle Mädchen, die putzen sich doch +hauptsächlich, um sich dann auch von den Leuten begaffen zu lassen, und +sie freuen sich, wenn man sie schöner findet als die andern. Unserer +Mieze dagegen ist es schon genug, wenn sie nur nett und ordentlich +aussieht, und sie hat es gar nicht gern, wenn man sie so viel anschaut; +und wenn ihre Bekannten schönere Kleider haben als sie, da macht sie +sich nichts daraus.« + +»O, ich auch nicht!« rief Anna mit geringschätziger Miene. + +»Ja, Änne, dir sieht man's auf den ersten Blick an, daß du nicht eitel +bist!« + +»Schlampig ist sie einfach, die Änne!« entrüstete sich Kurt. »Du +könntest wenigstens deinen Schuhriemen ordentlich binden und deinen +Strumpf heraufziehen -- man schämt sich ja wirklich, mit dir zu gehen!« + +»Puh, Kurt, tu' nur nicht so! Bis wir heute abend nach Hause kommen, +wirst du wohl auch ein Loch in der Hose oder im Strumpf haben!« + +»Das kann schon sein, das ist aber doch etwas ganz anderes!« + +»Kommt, Kinder, fangt keinen Streit an!« suchte Tante Toni zu +beschwichtigen. »Ich meine, wir wollen durch den Park und über die +kleine Brücke gehen; oder geht ihr lieber neben dem Parke her über die +große Brücke? -- Aber wo ist denn der Rudi? Den seh' ich ja gar nicht +mehr!« + +»Der ist sicher wieder irgendeinem Getier nachgelaufen«, meinte +Mariechen. »Es ist unglaublich, was der alles aufstöbert und heimbringt +-- neulich kam er mit vier kleinen Fröschen heran.« + +»Sogar ein Heimchen hat er einmal gefangen.« + +»Rudi! -- Rudi! -- Wo steckst du?« + +Keine Antwort. + +»Wir wollen mal alle zu gleicher Zeit rufen«, schlug Paul vor, »da wird +er uns wohl hören. Also aufgepaßt -- auf drei wird geschrien. Eins, +zwei, drei!« + +Und »Rudi!« schallte es vielstimmig, so daß Tante Toni sich erschrocken +die Ohren zuhielt. + +»Horcht, ich meine, ich hätte ihn antworten hören!« + +»Richtig, da kommt er ja gelaufen!« + +»Und schmutzig ist er!« + +»Aber Rudi, wie siehst du aus! Was hast du denn angefangen?« Und Tante +Toni sah den kleinen Burschen, der mit zerzausten Locken, verkratztem +Gesicht und übel zugerichteter Kleidung herankam, vorwurfsvoll an. + +»Ach, Tante, ich habe so ein schönes Eichhörnchen gesehen, da wollte ich +mir's gerne genauer anschauen; deshalb schlich ich ihm leise nach, und +als ich ihm auf einen Baum nachkletterte -- ja, da bin ich halt ein +bißchen heruntergepurzelt.« + +»Ein bißchen viel sogar, wie mir scheint!« + +»Ich hab' mir aber nicht viel weh getan«, versicherte er treuherzig. + +»Aber deinem Strumpf hast du recht weh getan und deinem Anzug. Da wird +sich die liebe Mutter freuen!« + +Rudi senkte beschämt den Lockenkopf: »Ach, es war aber doch ein _so +schönes_ Eichhörnchen mit einem so langen, dicken Schwanz!« + +»Du wirst von nun an schön in unserer Nähe bleiben, mein lieber Bub.« +Und sich an alle Kinder wendend fuhr Tante Toni fort: »Ich möchte euch +überhaupt alle bitten, daß ihr immer schön beisammenbleibt, daß sich +keines absondert. Auch hernach, wenn ihr oben beim Tempelchen spielen +dürft, da müßt ihr doch alle in Rufweite bleiben, so daß ihr mich immer +hören könnt, wenn ich euch zurückrufe. Wollt ihr mir das versprechen?« + +»Gewiß, Tante Toni!« versicherten die Kinder, und der Zug setzte sich +wieder in Bewegung. + +Nachdem die kleine Eisenbahnbrücke überschritten war, führte Tante Toni +ihre Bande den Waldsaum entlang, und sie betrachtete sinnend die +liebliche Gegend, die sich zu ihrer Linken ausbreitete. Als der Wald und +mit ihm der Weg eine kleine Biegung nach rechts machte, blieb sie stehen +und sagte: + +»Seht, Kinder, wenn wir früher mit unserem Vater hier spazierengingen, +dann blieb er stets an dieser Stelle stehen, um die schöne Aussicht zu +genießen. Er kannte jeden Berg da drüben, jeden Wald, jedes Dorf.« + +»Unser Papa auch!« riefen Otto und Lilly gleichzeitig aus, und Otto fuhr +fort: »Und der Papa hat uns auch schon von den Ausflügen erzählt, die +ihr früher mit dem Großpapa gemacht habt, und er hat uns versprochen, er +würde mit uns große Spaziergänge durch den Spessart machen, wenn wir +einmal größer sind.« + +»Tante Toni, warst du auch schon auf all diesen Bergen?« fragte nun +klein Tonichen. + +»Auf vielen, aber doch lange nicht auf allen. Wir waren zuviele, und da +die größeren Ausflüge teilweise zu Wagen gemacht wurden, konnte Großpapa +uns nicht alle auf einmal mitnehmen, und wenn eine besonders große Tour +gemacht werden sollte, dann gingen die Knaben mit und die Mädchen mußten +zu Hause bleiben.« + +»Natürlich, immer die Mädchen, als ob die nicht gerade so gut laufen +könnten wie die Buben!« schmollte Anna. + +»Ja, Anna, _du_ kannst auch gut laufen«, und Tonichen stieß einen +kleinen Seufzer aus. + +»Anna hätte eigentlich ein Bub sein sollen«, behauptete Philipp. + +»Ja, und du ein Mädchen, gelt, Philippinchen?« neckte Kurt. + +Philipp errötete und rief heftig abwehrend aus: »Gott behüte! Nicht um +die Welt möcht' ich ein Mädchen sein!« + +»Siehst du nun, Philipp! Und du behauptest doch so oft, wir Mädchen +hätten es besser als die Buben.« + +»Das habt ihr auch; wenigstens bequemer.« + +»Ei, Philipp«, mischte sich Tante Toni ein, »findest du zum Beispiel, +daß deine Mutter es so bequem hat? Sie ist des Morgens die erste auf und +des Abends die letzte, die sich zur Ruhe begibt, und unter Tags habe ich +_dich_ schon öfter auf dem Sofa gesehen als deine Mama.« + +»Ja, die Mama, das ist auch etwas ganz anderes!« + +»Nun, und Tante Maria Wulff? -- Und noch recht viele könnte ich dir +nennen, welche ...« + +»Ja, Tante, das sind auch keine Mädchen mehr; ich spreche ja nur von den +Mädchen.« + +»Nun gut, so sprechen wir von den Mädchen. Nehmen wir zum Beispiel hier +unser Mariechen. Inwiefern hat sie es denn besser als du? Sie braucht +allerdings kein Latein, kein Griechisch und keine Mathematik zu lernen, +trotzdem hat sie reichlich viel Schularbeiten; sie hat ferner ihre +Musikstunden, muß täglich Klavier üben; in ihrer freien Zeit muß sie +auch oft auf die kleinen Geschwister achtgeben, und ich habe mir sagen +lassen, daß sie einem ihrer Brüder schon manchen Knopf angenäht hat, daß +sie sogar im lateinischen Wörterbuch schon ziemlich Bescheid weiß, weil +sie eben dem betreffenden Herrn Bruder häufig beim Nachschlagen der +Wörter hilft.« + +Philipp sah beschämt und verlegen drein; aber bald hob er den Kopf und +bekannte offen und ehrlich: »Ja, Tante, du hast recht. Aber unsere Mieze +ist auch wirklich eine gute Schwester.« + +»Und auch eine gute Cousine!« rief Anna, und die andern stimmten bei, +nur Lilly klagte: + +»Sie ist nur zu streng, und sie will immer recht haben!« + +Die andern schauten Lilly mißbilligend an, und Kurt erklärte in sehr +bestimmtem Tone: »Sie hat auch immer recht; dir gegenüber mal ganz +gewiß.« + +Lilly wurde ganz rot vor Ärger, und schon wollte sie eine recht unartige +Antwort geben, da legte sich Ottos Hand auf ihren Mund: »Schnell, Lilly, +weg, da kommt die alte Babett!« flüsterte er, sie mit sich fortziehend; +aber es war schon zu spät, denn eben war ein ganz altes, verhutzeltes +Weiblein aus dem Walde gehumpelt und blieb gerade vor Otto und Lilly +stehen. Es schaute die beiden Kinder aufmerksam an und nickte dabei mit +dem wackeligen Kopf; endlich sagte es mit etwas krächzender Stimme: »Ja, +ja, ich weiß schon, ihr seid die Kinder vom Herrn Robert, und die annern +da, die sind vom Fräule Luische und vom Marieche.« + +»Und ich, Babett, wer bin denn ich?« fragte Tante Toni lächelnd. »Kennen +Sie mich noch?« + +Die Alte richtete ihre kleinen, rot unterlaufenen, aber noch scharfen +Äuglein auf Tante Toni, da hellte sich auf einmal ihr Gesicht auf und +sie rief freudig erstaunt: »Ach, du lieber Gott, des is ja des Toniche, +des gute Fräule Toniche von's Mehrings drauße aus dem große Garte! Ach, +was hab ich Ihne aber schon so lang nit mehr gesehn, und was sind Se für +e groß, schön Mädche geworde!« + +»Sogar ein ziemlich altes Mädchen bin ich inzwischen geworden«, lachte +Tante Toni. »Nun, wie geht's denn, Babett?« + +»Na, Toniche -- ich will sage Fräule Toniche --, es geht halt so, wie +unser Herrgott will. Recht alt bin ich halt schon, und ma werd e bißche +däppelich, wenn mer so über achzig Jahr auf seim Buckel mitschleppe muß. +Aber e Hex bin ich nit, -- nein, Kinnercher, e böse Hex bin ich nit, und +ich möcht niemand etwas zuleid tun.« Dabei schaute sie wieder auf Otto +und Lilly hin, und dann fuhr sie halblaut, wie zu sich selbst sprechend, +fort: »Es war aber noch eins dabei«, und sie schaute von einem Kind zum +andern, bis ihr Blick auf Anna haften blieb, die sich halb hinter Tante +Toni versteckt hatte. Tante Toni und die Helmers-Kinder sahen +verwundert drein und konnten sich nicht denken, was die Alte eigentlich +wollte. Die aber fuhr, zu den Kindern gewendet, fort: + +»Ach, Kinnercher, ich hab' eure Eltern ja gekannt, wie se noch ganz +klein warn. Und der Robert, was war des für e wilder, aber e guter Bub! +Einmal, da is er in seiner Wildheit so grad an mich angerannt, wie ich +mit eme Bündel Reisig daherkomme bin, so daß ich mitsamt meim Reisig in +de Chausseegrabe neingeborzelt bin. Erst hat er halt lache müsse über +mein unfreiwillige Borzelbaum, dann hat aber doch gleich sei gut Herz +die Oberhand kriegt, und er hat mer wieder naufgeholfe, und er hat mer +auch all mei Reisig wieder schön zusammelese helfe, und zuletzt, weil er +halt gar nix anners bei sich gehabt hat, wollt er mer sogar noch sei +Klicker schenke! Hähähä!« -- Die Alte schüttelte sich vor Lachen. »Ja, +denkt euch, sei Klicker wollt er mer schenke, und weil ich die doch nit +habe wollt, da hat er nachher seiner Mutter kei Ruh gelasse, bis se mer +en Rock und e warm Halstuch geschenkt hat. Ja, Kinnercher, so e gut Herz +hat er gehabt, der Robert -- ja, Gott hab' ihn selig!« + +»Aber der Robert lebt ja noch!« rief Tante Toni. + +»Ach ja -- richtig! Es is ja sei schön jung Frauche die, wo gestorbe is! +Ja, ja, däppelich, e bißche däppelich werd mer halt, wenn mer so alt is. +Aber bös bin ich nit, und wenn mer mich e alte Hex schimpft, dann tut +mer des halt doch gar zu leid.« + +Da trat Anna mit sehr rotem Kopf, aber rasch und entschlossen hinter +Tante Toni hervor, und der alten Babett die Hand bietend sagte sie: +»Verzeih, Babett, es war recht garstig von mir neulich, und ich +verspreche dir's, ich werd's nie mehr tun.« + +»Ach Gott, du bist halt e Liebes und e Braves!« rief Babett gerührt aus. +»Ich hab' mir ja schon gleich gedacht, daß ihr's nit so bös gemeint +habt; aber es tut einem halt doch weh.« Sie schaute nun auf Otto und +Lilly, die hatten aber die Gesichter abgewendet und blieben stumm. Die +alte Babett nickte noch ein paarmal mit dem wackeligen Kopf, endlich +sagte sie zu den beiden: »Ich will recht für euer tot Mutterche bete.« +Dann sich zu den andern wendend: »Na also, nix für ungut, Kinnercher, +und grüß Ihne Gott, Fräule Toniche. Ich bin aber doch so froh, daß ich +Ihne noch emol gesehn hab'. Grüß Gott, du allerbrävstes du!« Die letzten +Worte waren an Anna gerichtet, und nun humpelte die Alte, auf ihren +Stock gestützt, ihres Weges weiter. + +»Ich hätte wirklich nicht gedacht, daß die alte Babett noch lebt!« rief +Tante Toni aus, während sie im Weitergehen sich nochmals nach dem alten +Weiblein umdrehte. »Aber wo mag sie nur herkommen, so weit von der +Stadt?« + +»Sie kommt gewiß wieder vom Wunderkreuz«, meinte Mariechen; »da pilgert +sie hin, so oft es ihre alten Beine erlauben.« + +»So ganz allein! Und wenn sie nun einmal nicht mehr heim könnte?« + +»Wenn sie zu lang ausbleibt, dann kommt ihr der Christian entgegen.« + +»Wie, der Christian, unser früherer Gärtner?« + +»Ja, Tante Toni, der wohnt ja bei seiner verheirateten Tochter, und die +alte Babett hat ein Zimmerchen im selben Hause. Wenn nun die Babett zum +Wunderkreuz wallfahrtet, wie sie es nennt, dann geht ihr später +Christian entgegen, und er führt sie nach Haus, und du kannst dir gar +nicht denken, wie drollig das ist, wenn die beiden zusammen +heimhumpeln; denn der Christian kann nicht viel besser gehen als die +Babett, wegen seinem Schematismus.« + +»Schematismus?« + +»Ach, Tante, so nennt er sein Gliederreißen; er meint halt +Rheumatismus.« + +»Aber das Allerkomischste ist doch, wenn sie sich unterwegs recht +zanken«, mischte sich Kurt ein. + +»Wie, sie zanken sich?« + +»Ja, und da der Christian ein bißchen taub ist, schreit die Babett ihm +ins Ohr, und der Christian spricht auch sehr laut, so daß man sie schon +von weitem hört.« + +»Aber weshalb streiten sie denn? Ich meine doch, wenn der Christian ihr +entgegengeht, um sie nach Hause zu führen, so ist das ein Zeichen, daß +sie gut zusammen stehen -- sie sind ja nicht einmal verwandt +miteinander.« + +»Sie zanken sich ja eigentlich auch nicht im Ernst -- aber die Babett +will zum Beispiel immer den inneren Weg gehen, sie behauptet, hier +draußen sei es zu windig; der Christian dagegen will draußen gehen, denn +ihm ist es im Wald zu dumpf. Neulich sind wir mal mit Papa hinter ihnen +hergegangen, da haben sie sich wieder um den Weg gezankt, bis dann +endlich der Christian nachgegeben hat, und sie sind in den Wald +eingebogen -- er hat aber doch gebrummt: >Ich bin nur froh, daß du nicht +meine Frau bist, Babett!< Da ist die Babett aber bös geworden und hat +geschrien: >Was denkst du denn von mir, du? Wenn ich deine Frau wär', +dann wären wir natürlich draußen gegangen.< Da ist aber der Christian +ganz verblüfft stehengeblieben und hat gefragt: >Du, Babett, was haste +gesagt? _Meinen_ Weg wärst du mit mir gegangen, wenn du meine Frau +wärst?< Und die Babett hat ganz stolz geantwortet: >Natürlich; meinst +du denn, ich wüßt' nicht, wie es sich zwischen Mann und Frau gehört? Ich +kenn' doch meinen Katechismus!< Der Christian hat sich hinter den Ohren +gekratzt und hat sehr nachdenklich ausgesehen; endlich hat er ihr ins +Ohr gerufen: >Ja, Babett, du hast schon recht; eigentlich gehört es sich +auch so zwischen Mann und Frau -- aber in Wirklichkeit ist es nicht +immer so.< Und dann schrie die Babett ihm wieder ins Ohr: >Schrei doch +nicht so, Christian; _ich_ bin doch nicht taub, sondern nur du!< Da +wollte der Christian widersprechen, aber die Babett ließ ihn gar nicht +zu Wort kommen, sondern sie schrie weiter: >Bei dir war's freilich +nicht so; grad umgekehrt war's bei dir: du hast erst deiner Frau +gehorcht, und jetzt folgst du deiner Tochter.< Jetzt hat aber der +Christian angefangen zu lachen, und er hat ausgerufen: >Und noch jemand, +ja, da ist noch jemand, dem ich gehorchen muß.< Die Babett hat +angefangen zu raten: >Deiner Tochter ihrem Mann?< Da hat der Christian +noch ärger gelacht: >Nein, der gehorcht selber seiner Frau.< Die Babett +hat ganz verwundert gefragt: >Ja, wem denn sonst noch?< Da ist der +Christian wieder stehengeblieben und hat gerufen: >Ei, dir, Babett, dir +muß ich doch auch gehorchen!< Da haben sie dann beide gelacht und sind +ganz vergnügt zusammen weitergehinkt.« + +Tante Toni und alle Kinder lachten auch herzlich über Kurts Erzählung. + +Nachdem man nun noch eine halbe Stunde tüchtig marschiert war, kam man +endlich oben am Tempelchen an. + +»Aber da ist ja gar kein Tempelchen mehr!« rief Tante Toni ganz +enttäuscht. + +»Ja, das fing an zu zerbröckeln, da hat man es einfach abgebrochen.« + +»Die Aussicht ist ja auch zugewachsen!« + +»Ja, aber komm, ich führe dich hier ganz in der Nähe auf einen +Felsblock, von dem aus hat man einen wirklich schönen Blick.« + +Und Paul führte Tante Toni an die bezeichnete Stelle. Als sie zu den +andern zurückkamen, sagte Philipp: »Ich meine, wir könnten uns jetzt +dort ins Gras lagern und etwas essen.« + +»Was nicht gar!« rief Tante Toni lachend. »Zum Essen ist es doch noch zu +früh. Ich schlage vor, es wird erst eine Stunde gespielt, dann gefüttert +und hernach weitergespielt, bis es Zeit ist heimzugehen. Ist es euch so +recht?« + +Alle erklärten sich einverstanden, und es wurde beschlossen, zuerst +»Räuber und Gendarm« zu spielen. + +»Aber die kleine Toni kann nicht mitspielen«, erklärte Otto, »sie kann +nicht gut laufen, und sie würde uns das ganze Spiel verderben.« + +Toni schaute mit einem flehenden Blicke zu ihrer Patin auf, und schon +rannen ein paar Tränen über ihre Bäckchen, da faßte Lilly sie an der +Hand und sagte: »Doch, Otto, laß sie nur mitspielen; sie ist das +gestohlene Kind, welches die Räuber versteckt haben und welches die +Gendarmen suchen müssen. Komm, Toni, ich verstecke dich!« Und sie +sprang mit der schnell getrösteten Toni fort. Die andern folgten ihr, +nur Mariechen blieb bei der Tante zurück. + +»Wie, Mariechen, spielst du nicht mit?« + +»Ach nein, Tante, das Spiel ist mir ein bißchen zu wild, und man +verdirbt sich die Kleider dabei.« + +Tante Toni lächelte. + +»Allerdings, Mariechen, es wäre schade um dein hübsches Kleid; du hast +dich für die Gelegenheit ein bißchen zu fein gemacht.« + +Mariechen errötete und nestelte verlegen an ihrem Arbeitstäschchen +herum. Auch Tante Toni hatte eine Handarbeit mitgebracht, und die beiden +ließen sich eben auf einer aus rohen Baumstämmen gezimmerten Bank +nieder, als Philipp noch einmal zurückkam, um ihnen anzuempfehlen: »Gebt +gut auf die Rucksäcke acht!« + +Tante Toni und Mariechen versprachen es beide lachend. Nach einiger Zeit +sagte letztere etwas ängstlich: »Wenn es nur ohne Streit abgeht!« + +Tante Toni meinte: »Wenn so viele Kinder von verschiedenem Alter und von +so verschiedenen Charakteren beieinander sind, gibt es gar leicht +kleine Zänkereien; man darf diese nicht zu schwer nehmen, und man muß +vor allem sorgen, daß sie nicht ausarten. Übrigens habe ich mich eben +recht über Lilly gefreut, weil sie sich so nett der kleinen Toni +angenommen hat.« + +»Mit Tonichen ist Lilly überhaupt fast immer lieb und nett, und wenn sie +es zuweilen durch Neckereien zum Zorn gebracht hat, dann tut es ihr +hernach immer sehr leid.« + +»O, das freut mich!« rief Tante Toni aus. »Ja, das freut mich sehr. Ich +kann dir nicht sagen, wie weh es mir tut, daß ich bisher noch gar keinen +liebenswürdigen Zug in Lillys Charakter finden konnte. Du hast mir +neulich auch gesagt, daß Otto und Lilly sehr an ihrem Vater hängen.« + +»Ja, Tante; ich habe bei Lilly schon manchmal etwas erreicht mit der +Vorstellung: es würde deinen Vater freuen, oder: es würde ihm leid tun.« + +»Glaubst du zum Beispiel, daß Lilly imstande wäre, ihrem Vater zuliebe +ein wirkliches Opfer zu bringen?« + +Mariechen dachte ein wenig nach, dann sagte sie bestimmt: »Ich glaube, +ja, Tante!« + +»O, das ist gut, das ist viel wert!« rief die Tante aus und sah sinnend +vor sich hin. + +Nach einiger Zeit kam klein Toni allein zurück. »Willst du nicht mehr +mitspielen, mein Kleines? Bist du schon müde?« fragte Tante Toni. + +Die Kleine nickte und erzählte: »Die Gendarmen haben unser Versteck +gefunden, und da mußten wir schnell fortlaufen; weil ich aber nicht so +fest laufen kann, da hätten sie die Lilly beinah gefangen, und da hat +sie mich schnell losgelassen und gesagt, ich sollte mich jetzt ein +bißchen zu dir setzen, Tante.« + +Die Tante zog Tonichen zu sich auf die Bank, hüllte das Kind in ihr +warmes, weiches Umschlagtuch und sagte liebevoll: »So, damit du dich +nicht erkältest, denn du bist erhitzt vom Laufen; nun ruhe dich aus.« + +Die Kleine lächelte, und ihr Köpfchen an die Schulter der Tante lehnend +bat sie: »Bitte, bitte, liebe Tante, erzähle mir doch noch einmal die +Geschichte von dem guten Kinde, welches allein mit dem armen Jesusknaben +gespielt hat, weil die andern Kinder nicht wollten, und wie dann die +Engelchen vom Himmel gekommen sind und ihnen Sternblümchen und +Sternbällchen zum Spielen gebracht haben. O bitte, Tante, erzähle!« + +Und die gute Tante erzählte, und weil sie gar so schön erzählen konnte, +hörte nicht nur das kleine Tonichen aufmerksam zu, sondern auch das +große Mariechen -- bis auf einmal alle andern Kinder mit großem Lärm +zurückkehrten. + +»Die Gendarmen haben gewonnen!« rief Rudi mit strahlenden Augen. »Alle +Räuber haben wir gefangen!« + +»Ich habe mich zuletzt fangen lassen, weil es mir langweilig wurde, +sonst hättet ihr mich nicht gekriegt.« + +Diese Behauptung Ottos wurde von allen andern mit schallendem Gelächter +beantwortet, worüber dieser sich natürlich sehr ärgerte. Er stampfte mit +dem Fuß und schrie: »Was habt ihr zu lachen? Es ist doch so!« + +Und Lilly bekräftigte: »So ist es auch, er hat sich fangen lassen!« + +Der Streit hätte wahrscheinlich noch länger gedauert, wenn Anna nicht +eben mit theatralischer Miene ausgerufen hätte: »Aber Kinder, wie könnt +ihr diesen edelmütigen Otto so verkennen! Begreift ihr denn nicht, daß +er sich geopfert hat und sich fangen ließ, bloß damit wir endlich mal +etwas zu essen bekommen? Es lebe Otto der Unüberwindliche, der +Großmütige!« + +»Er lebe hoch!« schrien alle, auf Annas Scherz eingehend; nur Otto +selbst machte wieder ein wütendes Gesicht, und er schien große Lust zu +haben, den Streit wieder anzufangen. Aber nun rief Tante Toni: »Ich +hoffe, Otto, daß du einen Scherz verstehen kannst und dich nun +zufriedengibst. Und nun, Kinder, lagert euch und ruht aus. Mariechen und +ich, wir teilen den Proviant aus. Ihr seid sicher hungrig!« + +»Und wie!« scholl es fast einstimmig zurück. + +In unglaublich kurzer Zeit war der ganze Vorrat aufgezehrt, und Philipp, +der eben das letzte Butterbrot empfangen hatte, rief aus: »Siehst du, +Tante Toni, daß wir nicht zuviel mitgenommen hatten?« + +»Nein, wirklich!« lachte diese. »Ihr habt euch aber auch tüchtig +Bewegung gemacht, und hier draußen schmeckt es noch ganz besonders gut.« + +»So, nun können wir weiterspielen!« erklärte Anna aufspringend. + +»Ach nein, jetzt wollen wir lieber etwas anderes spielen!« + +»Aber was denn?« + +Der eine schlug dies vor, der andere das, ohne Erfolg, bis Tante Toni +vorschlug: »Was meint ihr zu einem Pfänderspiel?« + +»Ja, ja, ein Pfänderspiel, und Tante Toni spielt mit!« riefen die +Kinder. Bald war das Spiel, unter Tante Tonis Leitung, im Gang. Da gab +es wieder viel zu lachen, besonders wenn der Mitspieler, der ein Pfand +geben sollte, verlegen in seinen Taschen herumkramte und gar nichts +Passendes finden konnte, sondern manchmal recht drollige Sachen zum +Vorschein brachte. Mariechen zum Beispiel fand in ihrer Tasche nichts +als ein Taschentuch, einen Rosenkranz und einen kleinen Spiegel; diesen +letzteren reichte sie errötend als Pfand hin, wobei sich Anna laut und +anhaltend räusperte, bis Mariechen etwas ärgerlich ausrief: »Gib dich +zufrieden, Anna, alle haben's gesehen und bemerkt!« + +Als Kurt an die Reihe kam, fuhr er in alle seine Taschen, suchte und +suchte voll Hast -- aber ohne Erfolg, bis er schließlich doch einen +kleinen Gegenstand hervorbrachte, und zwar ein Schnurrbartbürstchen. + +»Nun, du sorgst zeitig vor!« lachte Tante Toni; auch die andern lachten, +nur Philipp fragte mit dem ernsthaftesten Gesicht der Welt: »Kurt, wann +hast du dich denn zum letztenmal rasieren lassen?« + +Als dann an ihn selbst die Reihe kam, ein Pfand zu geben, da fand er +nichts als Brotkrumen, Obstkerne und einige sonderbar geformte +Eisenstückchen. + +»Aha«, höhnte Kurt, »das sind wohl die Bestandteile deiner neuesten +Erfindung!« + +Lilly förderte ein Puppenhöschen zutage, welches sie aus Versehen +anstatt eines Taschentuches eingesteckt hatte, und Anna überreichte mit +einigem Widerstreben einen Kreisel, bei dessen Anblick Paul ausrief: +»Der gehört ja überhaupt mir!« + +»Ach, du spielst ja doch nie damit, du hast ihn einfach verloren und ich +hab' ihn gefunden; jetzt kannst du ihn mir auch lassen.« + +»So, so, verloren hab' ich ihn? Ich möcht' nur wissen, wo; +wahrscheinlich in meiner Schublade oder in einer meiner Taschen, da +gehst du ja doch immer suchen, wenn du etwas finden möchtest. Ja, +Fräulein Änne, deine Manier, dir allerhand zusammenzufinden, die kenn' +ich schon. Nächstens komme ich einmal bei dir wiederfinden.« + +»O je, Kurt, da wirst du nicht viel kriegen! Du weißt doch, daß die Änne +immer gleich wieder alles herschenkt, was sie hat.« + +»Ach, geh' doch, Rudi!« wehrte Anna ab. + +»Ja, es ist aber so! Neulich hast du mir doch meinen Ball abgebettelt -- +und am andern Tag spielten die ungezogenen Franks-Kinder damit auf der +Straße.« + +»Ach, die sind gar nicht so arg ungezogen«, rief Anna eifrig; »sie sind +nur so schrecklich arm, und haben gar nichts zum Spielen, und sie sahen +so sehnsüchtig nach dem Ball, als ich vorbeikam, da hab' ich ihn ihnen +halt gegeben.« + +»Na ja, es ist mir ja auch recht«, sagte Rudi; währenddessen flüsterte +klein Toni ihrer Schwester Anna ins Ohr: »Du, wenn wir heimkommen, da +geb' ich dir eins von meinen Bilderbüchern für die Franks-Kinder, und -- +ja was denn noch ...!« + +»Ein Püppchen?« + +»Ach nein, Änne, die Franks sind so wild und so schmutzig, sie würden zu +grob mit dem armen Püppchen umgehen, das täte mir zu leid.« + +»Dummes, das Püppchen fühlt's ja nicht!« + +»Ach ja, ich kann's aber doch nicht sehen. Und weißt du, wie ich neulich +abends in meinem Bettchen geweint hab' und wie du mich gefragt hast, +warum ich weine, wie ich dir's dann aber nicht sagen wollte, da hab' ich +nur geweint, weil mir auf einmal eingefallen ist, daß ich mein +Gretelchen im Nähzimmer liegengelassen habe, und weil ich nun gedacht +habe, das arme Püppchen liegt nun ganz allein und verlassen im dunkeln +Nähzimmer, es hat kalt und ist traurig, weil ich es nicht ins Bettchen +gelegt und ihm nicht >Gute Nacht< gesagt hab'.« + +Inzwischen hatten die andern weitergespielt, und Toni sah ganz verdutzt +aus, als Otto sie anrief: »Holla, Toni, du hast nicht aufgepaßt, schnell +ein Pfand her!« -- + +Nicht minder groß war das Vergnügen der Kinder beim Auslösen der +Pfänder; besonders Anna zeichnete sich wieder aus durch ihre tollen +Einfälle, als sie, um ihren Kreisel wieder zu erhalten, einen Blick in +die Zukunft tun mußte. Man verband ihr die Augen, und so oft Tante Toni +fragte, was sie diesem und jenem prophezeie, und dabei einen der +Mitspielenden bezeichnete, mußte sie irgend etwas sagen, natürlich ohne +selbst zu wissen, wem es galt. + +»Ich glaube, du hast gespitzt«, klagte Mariechen, als sie prophezeit +bekam, daß sie mal Generaloberin aller bestehenden und nichtbestehenden +Orden und Klöster werden sollte. Als Anna dann aber den Philipp zu einer +Urgroßmutter machte und Lilly zum Erzbischof ernannte, da glaubte man +ihr, daß sie nicht hinter dem Tuch hervorgeschaut hatte. Otto ärgerte +sich wieder sehr, als ihm verkündet wurde, er müsse einmal als +Orgeldreher die Welt durchwandern; als aber Tante Toni das Amt eines +Kasperltheaterdirektors und Paul das Los einer emanzipierten alten +Jungfer in Aussicht gestellt wurde, da stimmte er doch in die Heiterkeit +der übrigen ein. Zuletzt deutete die Tante auf klein Toni, und als Anna +verkündete: »Das wird einmal eine entsetzlich böse Schwiegermutter«, da +machte die Kleine ein ganz trübseliges Gesichtchen und sagte: »Aber +nein, das möchte ich nicht werden.« Während alle lachten, riß Anna sich +das Tuch vom Gesicht und rief aus: »So, du bist also auch nicht +zufrieden mit meinen Prophezeiungen? Was hätte ich dir denn sagen +sollen?« + +»Ich möchte gern ein Engelchen werden«, sagte klein Toni errötend. + +»Oh -- oh, hört doch! Die Toni will ein Engelchen werden -- wie +bescheiden! Nein, so etwas!« riefen die Kinder lachend. Otto schrie +dazwischen: »Doch wohl ein Engelchen mit einem B davor!« + +Und nun tönte es von allen Seiten und in allen Tonarten: »Engelchen, +Bengelchen! Engelchen, Bengelchen -- Zornebengelchen!« + +Aber klein Toni wurde nicht zornig, -- nein, sie wurde wohl abwechselnd +rot und blaß, und sie zitterte vor Anstrengung, den aufsteigenden Zorn +zu bemeistern. Sich fest an die Tante schmiegend flüsterte sie: »Ich +will nicht zornig werden, -- nein, ich will nicht!« + +»Recht so, mein Herzchen, meine tapfere, kleine Freundin!« ermutigte die +Tante. + +Mariechen hatte sich inzwischen bemüht, die übermütige Bande zum +Schweigen zu bringen, und das Spiel nahm nun seinen Fortgang, bis Tante +Toni das Zeichen zum Aufbruch gab. + +»Aber es sind noch zwei Pfänder auszulösen!« rief Otto aus, allein die +Tante bestimmte, dieselben müßten einfach zurückgegeben werden, und sie +fügte hinzu: + +»So, Kinder, nun geht es in wohlgeordnetem Zug heimwärts, und es wird +dabei gesungen und im Schritt marschiert, damit wir rascher vom Fleck +kommen; denn es ist schon etwas spät geworden. Also, Anna und Rudi, ihr +führt den Zug an, die Zwillinge nehmen den Philipp in ihre Mitte, dann +folgen Mariechen und Toni, und Otto und Lilly bilden mit mir die +Nachhut.« + +Dann stimmte die Tante an: »Wer will unter die Soldaten, der muß haben +ein Gewehr«, und der Zug setzte sich in Bewegung. + +Aber Tante Toni blieb mit Otto und Lilly ein wenig zurück, und als die +andern außer Hörweite waren, sagte sie: + +»Nun, meine lieben Kinder, erklärt mir doch einmal, was habt ihr denn +mit der alten Babett gehabt?« + +Die beiden Kinder schwiegen und ließen die Köpfe hängen. Die Tante fuhr +fort: »Ich hätte ja Babett selbst fragen können, aber ich wollte es +lieber von euch hören.« + +Endlich entschloß sich Otto zu reden, und er sagte wegwerfend: »Ach, +Tante, es ist ja gar nichts so Besonderes, und es ist eigentlich gar +nicht der Rede wert. Die Babett ist halt so alt und so häßlich, und sie +wird oft >die alte Hex< genannt, und wir, die Anna, die Lilly und ich, +sind einmal dazugekommen, wie ein paar Kinder auf der Straße ihr +nachgerufen haben: >Alte Hex, böse, alte Hex!< Nun, und da haben wir +halt ein bißchen mitgeschrien -- das ist alles.« + +»O Otto, wie du das sagst!« + +»Nun, das ist doch nicht so schlimm und nicht der Mühe wert, so viel +Aufhebens davon zu machen!« + +»Es tut mir leid, Otto, daß du die Sache so leicht nimmst, besonders da +du doch vorhin gesehen hast, wie nahe es der guten Alten gegangen ist. +Von eurer frühesten Kindheit an habt ihr gelernt, daß man das Alter +ehren soll. Ist nun aber, wie hier bei Babett, das Alter von Gebrechen +und Armut begleitet, so ist es doppelt ehrwürdig. Warum habt ihr nicht +wenigstens vorhin der Alten ein gutes Wort gesagt wie Anna? Ihr habt +doch gesehen, welche Freude ihr das gemacht hat.« + +»Aber, Tante, das ist doch unmöglich! Die Anna hat ja gar kein +Ehrgefühl, daß sie so eine alte Bettlerin um Verzeihung bittet; wir +können uns doch nicht so erniedrigen!« + +»Du scheinst mir von Ehrgefühl und Erniedrigung einen sonderbaren +Begriff zu haben, mein Junge. Damals, als ihr mit den Gassenkindern die +Alte verhöhntet, da habt ihr euch erniedrigt, da habt ihr kein Ehrgefühl +gehabt. Anna dagegen hat vorhin Mut und Hochherzigkeit gezeigt, und ich +versichere euch, sie ist seitdem in meiner Achtung sehr gestiegen. Ich +hielt sie bisher nur für einen lustigen kleinen Taugenichts, jetzt weiß +ich aber, daß sie Charakter hat, daß sie ein offenes, mutiges und gutes +Kind ist.« + +Otto und Lilly sahen sehr erstaunt und etwas beschämt drein. Endlich +fragte Lilly leise: + +»Tante Toni, hast du uns jetzt nicht mehr lieb?« + +»Gewiß hab' ich euch noch lieb!« rief die Tante warm, und sie zog die +beiden Kinder näher zu sich heran. »Gerade weil ich euch so lieb habe, +tut es mir weh, wenn ihr nicht seid, wie ihr sein solltet; gerade weil +ich euch so lieb habe, möchte ich, daß ihr gute, brave, eures Vaters +würdige Kinder werdet! Ihr habt ja beide euern Vater sehr lieb, nicht +wahr?« + +»O, und wie lieb!« Die Kinder riefen es aus mit leuchtenden Augen. + +»Und wenn er bei euch ist, dann nehmt ihr euch zusammen, dann könnt ihr +musterhaft brav sein. Glaubt ihr nicht, daß es ihn sehr kränken würde, +wenn er jemals erführe, daß ihr ganz anders seid, sobald er nicht dabei +ist? Daß er es bisher noch nicht erfahren hat, das verdankt ihr nur der +Güte und Nachsicht eurer Tanten, der Großmut eurer Vettern und Cousinen; +aber immer kann es ihm nicht verborgen bleiben. Glaubt mir das nur, +Kinder, früher oder später wird er einmal klar sehen, und es wird ihm +furchtbar hart sein, wenn er erfahren muß, daß ihr nicht die offenen, +wahren, gutherzigen und edelmütigen Kinder seid, für die er euch hält. +Davor möchte ich ihn und euch bewahren. Übrigens, lieber Otto, du wirst +ja nun bald zur ersten heiligen Kommunion gehen; ich hoffe, du nimmst es +recht ernst mit deiner Vorbereitung, und wenn du willst, dann darfst du, +so oft du Zeit hast, zu mir kommen. Ich möchte dir so gerne helfen, dich +auf diesen großen Tag vorzubereiten.« + +»O Tante, das wäre mir freilich recht, sehr recht!« + +»Nun gut! Und jetzt wollen wir uns ein bißchen eilen, um die andern +einzuholen. Tonichen scheint müde zu sein, sie läßt sich arg von +Mariechen ziehen.« + +Die andern waren bald eingeholt. Die ermüdete kleine Toni wurde erst von +der Tante und Mariechen, dann von Kurt und Philipp »Hockehockestühlchen« +getragen, bis sie ein bißchen ausgeruht war, und so kam man bald wieder +in die Nähe der Klosterruine. + +»Wir wollen den See entlang gehen«, rief Rudi, »es sind eine Menge +kleine Entchen drin und auch zwei junge Schwänchen.« Und er lief voraus. + +»Gib acht, Rudi«, rief ihm Mariechen nach, »der große Schwan ist +vielleicht draußen; er ist immer sehr wild, wenn junge Schwänchen +dasind, und er ist überhaupt in der letzten Zeit sehr bös, weil einige +Buben ihn necken und mit Steinen werfen.« + +»Ich werd' mich doch nicht vor einem Schwan fürchten!« sagte Rudi +gekränkt, und er lief weiter, gerade auf den See zu. Tante Toni wollte +ihn eben besorgt zurückrufen, da kam er auch schon mit großem +Zetergeschrei gelaufen, der Schwan, wild mit den Flügeln schlagend, +hinter ihm drein. Es war ein großer, starker Schwan, und er sah so +bösartig aus, daß alle Kinder heftig erschraken. Auch Tante Toni +erschrak, aber sie faßte ihren Sonnenschirm, und beherzt auf das erboste +Tier zugehend, hielt sie ihm denselben entgegen und machte ihn plötzlich +mit einem Ruck auf. Der Schwan stutzte, machte kehrt und beeilte sich, +wieder in sein Element, ins Wasser, zu kommen. Die Kinder hatten rasch +die ausgestandene Angst vergessen, und sie brachen nun in ein herzliches +Gelächter über diesen raschen und drolligen Rückzug des Schwans aus. + +»Es sah zu komisch aus, Tante, wie du den Schirm dem Schwan grad ins +Gesicht aufgemacht hast; so etwas war ihm noch nie passiert, das konnte +man ihm ansehen!« Und Anna lachte, daß ihr die Tränen über die Backen +liefen. + +»Und Mut hast du, Tante Toni, das muß ich sagen«, gestand Paul +bewundernd. + +»Und schlau hast du's gemacht. Mir wäre das mit dem Schirm nicht +eingefallen«, pflichtete Kurt bei. + +Nur Rudi sagte nichts, er schlich etwas beschämt hinter den andern her; +aber am Abend nach der Heimkehr, da küßte er der Tante zärtlich die +Hand. Und als Anna ihm nachrief: »Gute Nacht, Schwanenritter!« da wurde +er sehr rot, aber er sagte nichts. + + + + + Fünftes Kapitel. + + Minnichen wird geimpft. + + +Tante Toni saß oben im Kinderzimmer. Klein Minnichen kletterte auf ihren +Knien herum und trieb allerhand Schabernack; es zog sie an den Haaren, +zupfte sie am Ohrläppchen, und wenn Tante Toni »Au!« oder »O weh!« rief, +dann streichelte es ihr die Wangen und machte: »Ei, ei, Ta Dedi.« + +Leo, der daneben mit großem Ernst ein Bilderbuch betrachtete, erhob +mißbilligend den Kopf und sagte: »Das Minnichen ist wirklich ein bißchen +eigensinnig, es will durchaus nicht >Tante Toni< sagen; es könnt's doch +ganz gut, wenn es nur wollte; denn es hat schon viel schwerere Wörter +fertiggebracht. Komm, Minnichen, sei mal recht brav, sage schön: +>Tan--te To--ni<; ich schenk' dir auch was!« + +»Senk was!« machte Minnichen, und es hielt dem Brüderchen habgierig das +Händchen entgegen. + +»Ja, du wärst mir gescheit! Erst mußt du >Tan--te To--ni< sagen.« + +»Truwelpeter!« schrie die Kleine, und sie lachte herausfordernd und +klatschte in ihre kleinen, dicken Patschhändchen. + +Leo sah sein Schwesterchen voll Bewunderung an; dann sagte er: »Du, +Tante, ich glaub' gar, es will mich uzen; es ist wirklich ein schlaues +Ding, das Minnichen.« + +Man sah und hörte dem kleinen Burschen an, wie stolz er auf sein +Schwesterchen war, das er ein wenig als sein besonderes Eigentum +betrachtete. Er fühlte sich als dessen Lehrer und Beschützer, er ließ +sich viel von ihm gefallen und behandelte es mit einer gewissen +großmütigen Nachsicht, die ihm allerliebst stand und die ihn für seine +viereinhalb Jahre merkwürdig vernünftig erscheinen ließ. + +Nachdem die Tante Minnichens Klugheit nach Gebühr bewundert hatte, +wandte sie sich an klein Toni, die mit ihrer Puppe im Arm auf einem +niederen Stühlchen danebensaß. Tonichen saß so still da und schaute so +ernst und nachdenklich vor sich hin, daß die Tante besorgt fragte: »Was +hast du denn, meine kleine Freundin, woran denkst du?« + +»Ach, Tante«, erwiderte das Kind nach einigem Zögern, »ich denke daran, +daß du Otto gestern zu dir gerufen hast, um ihn auf die erste heilige +Kommunion vorzubereiten. Ich wäre so gern auch dabeigewesen.« + +»O, deine Zeit wird auch kommen, Tonichen; habe nur noch ein bißchen +Geduld!« + +Toni versank wieder in Nachdenken; endlich hob sie das Köpfchen und +fragte: »Tante, muß man dem Heiligen Vater nicht folgen, wenn er etwas +sagt?« + +»Aber selbstverständlich, Kind!« + +»Er hat aber doch gesagt, die Kinder sollten schon mit sieben Jahren zur +ersten heiligen Kommunion gehen; warum läßt man sie denn nicht?« + +»Ja, Kindchen, der Heilige Vater hat unsern deutschen Bischöfen erlaubt, +das Alter für die Erstkommunikanten auf zehn Jahre festzusetzen.« + +»Und in den andern Ländern, da dürfen die Kinder schon mit sieben Jahren +gehen?« + +»Wenigstens in vielen; ja ich glaube in den meisten.« + +»Warum denn nur gerade wir deutschen Kinder nicht? -- Aber sag' mal, +Tante Toni, wenn ich jetzt sehr krank würde, so krank, daß ich sterben +müßte, dürfte der Priester mir dann die heilige Kommunion bringen?« + +»O, das glaube ich -- ganz bestimmt!« + +»Willst du mir dann versprechen, Tante Toni, daß ich den lieben Heiland +bekomme, wenn ich sehr krank werde?« + +»Aber, Toni, mein Herzchen, wie kommst du denn auf diesen Gedanken? Du +fühlst dich doch nicht unwohl?« + +»Versprich, bitte, Tante, versprich!« flehte das Kind so eindringlich, +daß die Tante nicht anders konnte als antworten: + +»Ich versprech' dir's, Kind; von Herzen gern will ich in einem solchen +Fall alles tun, was ich kann, um deinen Wunsch zu erfüllen!« + +Leo hatte diesem Gespräch mit Interesse zugehört. »Sag' mal, Tante«, +mischte er sich nun ein, »wenn die Toni stirbt, ist sie dann doch noch +unsere Schwester?« + +»Aber gewiß!« + +»Und wenn wir alle einmal tot und im Himmel sind, bist du dann doch noch +unsere Tante, und sagen wir dann auch noch zu unsern Eltern >Papa< und +>Mama<?« + +»Aber Leo«, belehrte Toni ihr Brüderchen, »dann sagt man doch: >Heiliger +Papa< und >Heilige Mama<!« + +»Aha, ja natürlich«, nickte Leo befriedigt. Tante Toni lächelte, und die +beiden samt Minnichen fest an sich drückend sagte sie nur: »Meine +lieben, lieben Kinderchen!« + +In diesem Augenblick stürzte Gretchen, das Kindermädchen, mit +schreckensbleichem Gesicht ins Zimmer und rief aus: »Ach, Fräulein +Mehring, denken Sie doch nur -- eben ist der Herr Doktor gekommen -- +unser Kleines soll geimpft werden!« + +»Da ist doch nichts dabei, Gretchen; darüber brauchen Sie doch nicht zu +erschrecken. Aber ich meinte, das Kind sei schon längst geimpft?« + +»Es ist auch schon mal geimpft worden, aber es hat nicht angeschlagen. +Ach, Fräulein Mehring, ich kann's nicht mit ansehen; ich werd' +ohnmächtig, wenn ich's Minnichen bluten sehe!« + +»Bluten! -- Was soll denn dem Minnichen geschehen?« rief Leo ganz +erschreckt, während er sich wie schützend vor sein Schwesterchen +stellte. + +»Da sehen Sie, Gretchen, wie Sie die Kinder erschrecken«, tadelte Tante +Toni das Mädchen. »Gehen Sie nur schnell aus dem Zimmer und nehmen Sie +Toni und Leo mit. Ich halte die Kleine beim Impfen.« + +»Nein, nein, laß mich hier, ich will bei meinem Minnichen bleiben!« +wehrte sich Leo, als Gretchen ihn mit fortnehmen wollte. »Bitte, Tante +Toni, laß mich beim armen Minnichen!« + +»Aber es geschieht ja deinem Minnichen gar nichts Schlimmes, Kind! Das +Impfen tut ja gar nicht weh, es ist kaum wie ein Mückenstich.« + +»O bitte, bitte, laß mich doch hier!« + +»Mich auch, bitte, liebe Tante!« + +»Nun ja, wenn ihr versprecht, euch ganz still zu verhalten, dann dürft +ihr hierbleiben.« + +Minnichen hatte inzwischen verwundert und etwas ängstlich von einem zum +andern gesehen; sie hatte wohl begriffen, daß man etwas mit ihr vorhabe, +konnte sich aber nicht denken, was. Als nun aber die Türe aufging und +die Mutter gefolgt vom Hausarzt eintrat, da hellte sich ihr Gesichtchen +auf, und sie schrie: »Dag, Dokedok! Sung raus?« Und ohne erst die +Antwort abzuwarten, riß sie das Mäulchen auf und streckte ihr rosiges +Züngelchen heraus, soweit sie nur konnte. + +»Na, das ist aber mal ein braves Kind!« rief der Doktor lachend. »Und +solch ein schönes, rotes Zünglein hat's. Nein, krank sind wir nicht, +Fräulein Minnichen, nicht wahr?« + +»Doch, doch, Minnisen tank is -- wehweh hier -- wehweh da«, versicherte +die Kleine ernsthaft, während sie an Ärmchen und Beinchen suchte, ob sie +nicht irgendein rotes Fleckchen fände; als sie aber keines entdecken +konnte, drückte sie die Hände aufs Brüstchen und klagte mit wehleidigem +Gesichtchen: »Minnisen weh Bäuselsen.« + +»Nun, da wollen wir mal das kranke Bäuchelchen untersuchen«, sagte der +Doktor. Er machte der Tante ein Zeichen, und diese begann die Kleine +auszukleiden, bis die dicken, nackten Ärmchen herauskamen. + +»Hat Minnichen da auch Weh?« fragte Tante Toni, aufs Ärmchen deutend. + +»Ja, ja«, nickte das Kind eifrig. »Dokedok sund mach, Lästersen +dauftun.« + +»So, so, ein Pflästerchen möchtest du für dies nette, runde Speckärmchen +haben? Na, komm, laß einmal sehen.« + +Wie aber der Doktor das Ärmchen fassen wollte, zog Minnichen es rasch +zurück und schrie lachend: »Kitzekitz!« + +»Es meint, du wolltest's kitzeln«, erklärte Leo dem erstaunten Doktor. +Dieser lachte, und diesmal mit festem Griff das Ärmchen fassend, sagte +er: + +»Nein, kitzeln, das tut der Onkel Doktor nicht. Aber nun paß einmal gut +auf -- drei nette Pünktchen mach' ich dir da oben hin, drei wirklich +nette Pünktchen. Kannst du schon zählen? Also eins, zwei, drei ...!« + +Minnichen hielt ganz still und schaute mit großer Aufmerksamkeit dem +Doktor zu. Als er fertig war, hielt es ihm das andere Ärmchen auch hin +und sagte: »Noch pickpick.« + +»Nein, aber so was!« rief der Doktor verwundert. »Das muß ich sagen, ich +hab' doch schon viele Kinder geimpft, es haben auch viele davon recht +schön stillgehalten; aber bisher hat doch noch keines verlangt, noch +mehr geimpft zu werden!« + +Leos Augen leuchteten vor freudigem Stolz, als der Doktor dies sagte, +und er versicherte: »Ja, so eins wie mein Minnichen gibt's überhaupt +nicht mehr. Und, Onkel Doktor, wenn du erst wüßtest, wie schlau es ist +und was es schon alles kann! Denke dir, neulich ...« Und während die +Mutter und Tante Toni die Kleine wieder ankleideten, erzählte er dem +Arzt die Heldentaten seines Schwesterchens. Dieser hörte eine Zeitlang +freundlich zu, endlich klopfte er dem Bürschchen auf die Schulter und +meinte schmunzelnd: »Na, ein Wunder ist es ja nicht bei einem so +tüchtigen Lehrmeister. Übermorgen komme ich mal nachsehen, ob es diesmal +anschlagen wird. Aber jetzt möchte ich mir das kleine, blasse +Fräuleinchen hier ein bißchen näher besehen.« Damit zog er Tonichen zu +sich heran und begann dieselbe zu untersuchen, zu beklopfen und zu +behorchen. Er machte dabei ein ernstes Gesicht und schüttelte ein +paarmal mit dem Kopf, und erst als er bemerkte, wie Toni ihn mit ihren +ernsten blauen Augen gar forschend ansah, versuchte er ein vergnügtes +Gesicht zu machen und zu scherzen. Aber das Kind ließ sich nicht +täuschen, und sowie es gewahrte, daß die Aufmerksamkeit seiner Mutter +durch die kleinen Geschwister in Anspruch genommen war, neigte es sich +rasch zum Arzt hin und fragte leise: »Werde ich bald sterben, Onkel +Doktor?« + +Dieser fuhr erschrocken zurück. Dann zog er klein Toni auf sein Knie, +und sanft ihr Köpfchen streichelnd fragte er: »Wie kommst du denn auf +diesen Gedanken, du Kleines? Fühlst du dich nicht wohl? Tut dir etwas +weh -- sag' mir's doch!« + +Toni schüttelte das Köpfchen: »Nein, weh tut mir eigentlich nichts. Ich +bin nur immer so müd'.« + +»Ach geh' doch, vom Müdesein stirbt man doch nicht!« sagte der Doktor +lächelnd, und aufmunternd fügte er hinzu: »Komm, Kindchen, schau nicht +so ernst drein, das paßt ja gar nicht für dein Alter. Du sollst vergnügt +sein und springen und lachen, so wie dein kleines Schwesterchen da. Hör +doch nur, wie es kräht, und schau, wie es zappelt, daß man es kaum +halten kann.« + +Dann stand der Doktor auf, und die Mutter ging wieder mit ihm hinunter. +Als Tante Toni etwas später nachfolgte, da war der Doktor schon fort, +aber Tante Toni merkte, daß ihre Schwester geweint hatte. + +»Was gibt es denn, fehlt Tonichen etwas?« fragte sie besorgt. »Hat der +Doktor etwas gefunden?« + +»Nein, er hat nichts gefunden; Lunge, Herz, alles ist gesund, und doch +ist unser guter alter Doktor nicht ohne ernste Besorgnisse; denn das +Kind entwickelt sich nicht, im Gegenteil, es nimmt sichtlich ab.« + +In diesem Augenblick kam Lilly ins Zimmer gestürmt. »Tante Maria, darf +ich heute bei dir zu Mittag essen?« rief sie. »Otto ist zu Tante Luise +gegangen; denn Papa ist fort, und unser Fräulein hat so arges Kopfweh.« + +»Gewiß darfst du hier essen, Lilly. Wo ist Papa denn hin? Er hat gestern +gar nicht davon gesprochen, daß er heute verreisen müsse.« + +»Er hat's gestern ja selbst noch nicht gewußt, und er kommt diesen Abend +auch schon zurück.« + +»Willst du denn einstweilen in den Garten gehen? Du wirst wahrscheinlich +Anna dort finden.« + +Lilly ging zur Türe, dort blieb sie aber zögernd stehen; sie blickte +unschlüssig auf ihre beiden Tanten; man sah ihr an, sie hätte gerne noch +etwas gesagt, sie getraute sich aber nicht recht. + +Tante Toni sah ihre Nichte aufmerksam an; auch Frau Wulff bemerkte des +Kindes Zögern. »Lilly, was hast du denn?« fragte sie in freundlichem, +aufmunterndem Ton. + +Jetzt ließ aber Lilly den Kopf auf die Brust sinken, und sie fing an zu +weinen. Da nahm Tante Maria sie auf den Schoß, sie strich ihr die Haare +aus dem Gesichte, trocknete ihr die Tränen, und dann sagte sie: »So, +mein liebes Kind, nun erzähl uns, was dich drückt.« + +Aber Lilly weinte nur um so mehr -- endlich stammelte sie: »Ach, der +Papa -- ich hab' solche Angst um den Papa!« + +»Aber warum denn, Lilly? Er war doch schon öfter verreist, und du sagst +ja selbst, daß er diesmal nur für einen Tag fort ist!« + +»Ja, deshalb ist es auch nicht. Aber diesen Morgen ist ein Polizeidiener +gekommen und hat dem Papa einen schrecklich großen Brief gebracht, und +da war der Papa sehr aufgeregt, und er hat gesagt, er müsse gleich fort, +um wichtige Papiere zu holen. Und Otto meint, dieser große Brief sei +eine Vorladung vor Gericht, und er hat auch gehört, wie der Gärtner und +der Milchmann zusammen geredet haben und wie sie gesagt haben, die bösen +Leute wollten unsern Papa unschädlich machen; und, Tante, >unschädlich +machen<, das heißt doch, sie wollen ihn tot machen -- der Otto hat es in +seiner >Tigerjagd< gelesen; da steht es: wie der Tiger tot war, da +freuten sich die Menschen, weil er nun endlich unschädlich gemacht +war.« Und Lilly brach von neuem in bittere Tränen aus. + +Tante Maria aber streichelte ihr die Wangen, und sie wie ein kleines +Kind in den Armen wiegend, sagte sie in beruhigendem Ton: + +»Da sei du nur ganz ruhig, Lillchen, -- das habt ihr beide nicht richtig +verstanden; deinem lieben Vater kann und wird nichts geschehen. Alle +guten und edeln Menschen haben Gegner -- das ist nun einmal so auf der +Welt --, und so gibt es auch böse Menschen, die deinen Vater verleumden; +aber laß nur die Gerichtsverhandlung kommen, die brauchst du gar nicht +zu fürchten; da werden alle Leute erfahren, was für ein guter Mensch +dein Vater ist, und seine Verleumder werden bestraft werden.« + +Lilly hatte aufmerksam zugehört. »Ja? glaubst du, Tante Maria? Und dem +Papa wird nichts geschehen?« Und das Kind atmete erleichtert auf. Dann +sprang es hinaus in den Garten, um dort Anna und die Zwillinge +aufzusuchen. + + + + + Sechstes Kapitel. + + Tante Toni geht mit ihrer Bande auf den Wetterstein. Otto spielt einen + schlimmen Streich. + + +Es war wieder Sonntag und das herrlichste Wetter. + +»Heute müssen wir aber einen schönen, großen Spaziergang machen«, sagte +Tante Toni auf dem Heimweg von der Kirche; »ich möchte so gerne mal +wieder zum Wetterstein gehen -- ist euch das nicht zu weit?« + +»O nein, Tante, gewiß nicht! Und der Weg dahin ist so schön und man muß +tüchtig klettern!« + +Alle Kinder waren gleich Feuer und Flamme für den Spaziergang, und es +wurde beratschlagt, um wieviel Uhr man aufbrechen und was man alles +mitnehmen müsse. + +»Aber für Tonichen wird es doch zu weit sein -- diesmal wirst du wohl zu +Hause bleiben müssen.« + +Klein Toni ließ betrübt das Köpfchen hängen, aber ihr Gesichtchen hellte +sich gleich wieder auf, als ihre Mutter sagte: + +»Tonichen bleibt heute bei mir, und wir werden uns schon gut zusammen +unterhalten; nicht wahr, mein Kind?« + +»Wirklich, Mama, darf ich den ganzen Nachmittag bei dir bleiben, und +willst du mit mir spielen?« Und ihre Äuglein glänzten vor Freude. + +»Gewiß, mein Herzchen, ich spiele mit dir, erzähle oder lese dir vor -- +was du am liebsten hast. Und wir geben dabei zusammen auf die zwei +Kleinen acht; denn Gretchen ist heute nicht da, sie darf ihre Mutter +besuchen.« + +»Der Rudi könnte eigentlich heute auch zu Hause bleiben, damit wir +Großen doch mal unter uns sind!« Und Otto, welcher dies gesagt hatte, +reckte sich in die Höhe, um möglichst viel größer zu erscheinen wie +Rudi. + +Die andern machten alle ärgerliche Gesichter. »Man meint wirklich, du +hättest hier etwas zu befehlen«, sagte Kurt. »Wenn der Rudi nicht +mitgeht, dann bleib' ich auch daheim.« + +Und: »Ich auch!« »Ich auch!« riefen Paul und Philipp, Mariechen und +Anna. + +»Dann gehen wir beide mit Tante Toni allein!« Und triumphierend drängten +sich Otto und Lilly an die Tante. Diese wehrte jedoch ab und sagte in +ernstem Ton: + +»So läßt Tante Toni doch nicht über sich verfügen. Rudi geht jedenfalls +mit -- er kann gewiß so gut marschieren wie Lilly und Anna, und ich sehe +gar nicht ein, weshalb er zurückbleiben sollte. Wer sonst noch von euch +mitgehen will, ist herzlich willkommen, aber ich zwinge niemand. Es +steht dir also frei, Otto, mitzugehen oder zu Hause zu bleiben -- wenn +du dich aber zum Mitgehen entschließest, so bitte ich mir aus, daß du +dich gut benimmst und keinen Streit anfängst.« + +Otto zuckte ärgerlich die Achseln und gab keine Antwort -- aber gleich +nach Tisch, zur festgesetzten Stunde, fand er sich sehr pünktlich mit +Lilly ein, und er tat, als ob sich das ganz von selbst verstände und als +ob am Morgen gar nichts vorgefallen wäre. Nur als Tante Toni ihn wie +fragend ansah, da schaute er verlegen weg und machte sich an seinem +Rucksack zu schaffen. Unterwegs sprach er mehrmals leise mit Lilly, und +einmal hörte Mariechen, wie er sagte: »Aber daß du schweigst, Lilly, +daß du mich nicht verrätst! Wenn du etwas sagst, dann sollst du sehen!« +Worauf Lilly vorwurfsvoll antwortete: »Ich hab' dich doch noch nie +verraten!« + +Auch auf diesem Wege fand Tante Toni häufig Gelegenheit, den Kindern +allerhand kleine Ereignisse aus ihrer Kinderzeit zu erzählen. Als sie an +einem kleinen Kapellchen, das am Fuße einer Anhöhe stand, vorbeikamen, +blieb sie stehen und rief aus: + +»O Kinder, hier wollen wir ein Marienlied singen -- das haben wir auch +früher stets getan, wenn wir hier vorbeikamen.« + +Sie stimmte an: »Salve Regina, Reinste aus allen.« Die hellen +Kinderstimmen fielen ein, und das klang so froh und so feierlich durch +die Sonntagsstille. Auf der Landstraße drüben blieb ein Wanderer stehen, +er nahm den Hut ab und horchte, und als der Gesang fertig war, da ging +er sinnend, mit gesenktem Kopfe weiter. Im Kapellchen drinnen aber saß +ein altes Mütterchen, das freute sich so, daß ihm die hellen Tränen über +die runzeligen Backen liefen, und zum Schluß fiel es ein und sang mit +zitterigem Stimmchen mit: + + »Hilf uns, Maria! + Maria, hilf!« + +Nun führte der Weg in den Wald, und er begann sehr zu steigen. + +»Soll ich dich ein bißchen schieben, Tante Toni?« bot Rudi sich an. »Das +kann ich sehr gut, gelt, Mieze? Ich hab' die Mieze schon öfter einen +Berg hinaufgeschoben, wenn sie müd' war.« + +Tante Toni lachte: »Ich danke dir, lieber Rudi; ich bin aber wirklich +noch gar nicht müde, und ich kann noch recht gut klettern. Du sollst +dich auch nicht so anstrengen.« + +»O Tante Toni, das tut mir nichts -- ich bin stark, sehr stark!« + +»Prahlhans!« + +»Das ist nicht geprahlt, Otto, und du weißt's recht gut, daß ich stark +bin!« + +»Doch lange nicht so stark wie der Otto«, mischte sich nun Lilly ein, +und sie warf Rudi einen herausfordernden Blick zu. + +»Oho, Lilly!« + +»Ja, und deinen großen Mut haben wir ja auch neulich bewundern können, +Herr Schwanenritter!« + +Rudi war bei dieser Bemerkung Ottos hochrot im Gesicht geworden, und er +schrie: »Dich hätt' ich sehen wollen, wenn dich der Schwan angefallen +hätte; du wärst überhaupt in Ohnmacht gefallen vor Angst, du Waschlappen +du!« + +»Das ist nicht wahr, und du bist ein ganz ungezogener, frecher Bub!« + +Die beiden Knaben wären gewiß wieder aneinander geraten, wäre nicht +Tante Toni rasch dazwischengetreten. Kurt sagte nun eindringlich: »Ich +will auch mal was sagen: An jenem Tage haben wir uns alle eigentlich +blamiert, und Tante Toni war die einzige, die Mut und Besonnenheit +gezeigt hat.« + +»Hoch lebe Tante Toni, unser General!« schrie Anna, ihren Hut +schwenkend, und in diesen Ruf stimmten die andern gerne ein; nur Otto +machte ein verbissenes Gesicht, und er flüsterte Lilly zu: »Und ich +werd's ihm doch noch eintränken!« + +Im Weiterschreiten erklärte Tante Toni: »Die Körperstärke, liebe Kinder, +ist ja eine sehr gute und schöne Sache, aber sie ist kein Verdienst; +denn sie ist einem verliehen, man kann sie sich nicht selbst +verschaffen, man kann höchstens die vorhandene entwickeln. Es gibt aber +eine andere Stärke, die steht weit höher als die Körperstärke, und die +kann jeder erlangen, wenn er nur ernstlich will; das ist die +Charakterstärke, die Seelenstärke. Ob der Rudi den Otto im Wettkampfe +besiegt oder der Otto den Rudi, ob der Paul den Philipp unterkriegt oder +umgekehrt der Philipp den Paul, das scheint euch von großer Wichtigkeit; +mir dagegen beweist es nur, daß der eine kräftigere Muskeln hat als der +andere, ich achte keinen dafür höher oder geringer. Aber den, der sich +selbst besiegt, den, der seinen Zorn, seine Mißgunst, seine Selbstsucht +und seine andern bösen Neigungen meistern kann, den achte ich wirklich +hoch, der ist in Wahrheit groß und stark, und wenn er nach außen auch +nur ein armer Krüppel wäre.« + +Die Kinder hatten aufmerksam zugehört, und alle gingen eine Zeitlang +schweigend und nachdenklich weiter, bis endlich Anna ausrief: »So, nun +wollen wir aber wieder lustig sein! Dürfen wir, Tante Toni?« + +»Ihr sollt sogar!« + +»O weh, Tante, was man soll, das kann man lange nicht so gut als das, +was man nur darf!« + +»Ein großes Wort sprichst du gelassen aus«, deklamierte Kurt, dann fügte +er hinzu: »Also los, Änne, mach' mal einen von deinen berühmten Witzen, +damit es was zu lachen gibt!« + +Anna legte die Stirne in Falten und versank in Nachdenken, so daß Rudi +meinte: »Du siehst aus, als müßtest du eine sehr schwere Rechenaufgabe +lösen.« + +Anna gestand in kläglichem Tone: »Es fällt mir wirklich gar nichts ein, +so sehr ich mir auch den Kopf zerbreche. Das ist doch zu dumm: in der +Schule, in der Kirche, wenn Besuch da ist, dann fällt mir immer +allerhand ein, worüber ich lachen muß; aber wenn ich's gerad' möchte, +dann weiß ich nichts und dann erinnere ich mich nicht einmal der +drolligen Sachen, die mir früher eingefallen sind.« + +»Es ist auch schwer, so auf Kommando witzig zu sein«, tröstete Tante +Toni. »Übrigens scheint es mir geraten, jetzt eure ganze Aufmerksamkeit +auf den Weg zu lenken; er wird sehr steil, und in diesem Geröll könnte +man sehr leicht fallen. Rudi, Lilly, Otto, gebt recht acht, Kinder!« + +»O Tante, mich brauchst du doch nicht zu den kleinen Kindern zu +rechnen!« erwiderte Otto beleidigt. »Gib du nur auf den kleinen Rudi +acht, ich werde schon für Lilly sorgen. Komm, Lilly, gib mir die Hand.« +Und die Hand seines Schwesterchens fassend, zog er dieses eilig mit den +Berg hinauf. + +»Nicht so rasch, Otto, ich rutsch' immer aus«, klagte Lilly; »zieh mich +doch nicht so fest!« + +»Schweig doch still!« flüsterte Otto ihr zu. »Du kannst ja ordentlich +klettern! Ich möchte der Tante Toni doch zeigen, daß ich kein kleines +Kind mehr bin, und wir wollen zuerst oben sein.« + +Lilly schwieg nun auch gehorsam still und gab sich alle Mühe, mit ihrem +Bruder Schritt zu halten, und die beiden waren den andern schon ein +gutes Stück voraus. Tante Toni rief ihnen ängstlich zu: »Nicht so rasch, +Otto und Lilly, ihr seid zu waghalsig!« + +Aber Otto lachte nur statt aller Antwort, und die Hand seines +Schwesterchens, welches eben beinah' gefallen wäre, fester fassend, +sagte er leise und aufmunternd: »Jetzt noch einen tüchtigen Anlauf, und +wir sind oben.« Er nahm aber den Anlauf so stark und riß Lilly so heftig +mit sich, daß beide, oben angekommen, zur Erde stürzten. Otto sprang +schnell wieder auf und half auch Lilly in die Höhe. Er hatte nur arg +zerschundene Hände und Knie, aber Lilly war mit dem Gesicht auf den +steinigen Boden gefallen, sie hatte eine große Beule an der Stirne, und +sie blutete stark aus der Nase. Die Tränen liefen ihr übers Gesicht; +aber als Otto in sie drang: »So wein doch nicht, Lilly, sonst krieg' +ich's ja!« da verbiß sie ihren Schmerz, und sie versicherte der +besorgten Tante Toni, sie hätte sich gar nicht arg wehgetan. Aber das +Nasenbluten dauerte fort, und da kein Wasser zur Hand war, mußte Lilly +sich unter einen Baum platt auf den Rücken legen und Tante Toni drückte +ihr zusammengelegtes Taschentuch sanft auf die Beule, die immer heftiger +anschwoll. Mariechen bemühte sich unterdessen, Ottos zerschundenes Knie, +so gut es ohne Wasser ging, zu reinigen und zu verbinden. Rudi, der +dabeistand und zusah, konnte sich nicht enthalten, zu sagen: »Na, ein +Glück, daß du diesmal die Schuld nicht auf mich wälzen kannst, sonst +hätten wir ein schönes Konzert zu hören bekommen.« + +»Schweig!« herrschte Otto ihn an, und Rudi schwieg auch, aber nicht um +Otto zu gehorchen, sondern weil Mariechen ihm einen bittenden Blick +zugeworfen hatte. + +In Otto aber kochte und gärte es. Er fühlte ganz genau, daß er im +Unrecht war; er hatte dem Befehl der Tante, die zur Vorsicht mahnte, +gerade entgegengehandelt, er hatte sich selbst und mehr noch seinem +Schwesterchen empfindlich wehgetan, und aus dem geplanten Triumph war +eine Niederlage geworden. Statt sich nun über sich selbst und über seine +Unvorsichtigkeit zu ärgern, ärgerte er sich über die andern, ganz +besonders aber über Rudi und Tante Toni, und diese letztere hatte ihm +doch nicht einmal den wohlverdienten Verweis gegeben. + +Erst nachdem Lilly eine halbe Stunde stillgelegen und sich ausgeruht +hatte, erlaubte Tante Toni ihr, wieder aufzustehen, und nun konnte der +Weg zum Wetterstein endlich fortgesetzt werden. Paul, Kurt und Philipp +sahen Otto gerade nicht mit zärtlichen Blicken an, während sie über +diese unwillkommene Verzögerung knurrten. + +»Dieser Otto muß einem doch immer jedes Vergnügen verderben«, brummte +Kurt, und Anna pflichtete ihm bei, halb ärgerlich, halb lachend: »Ich +glaube, der ist überhaupt nur auf der Welt, damit wir uns in der Geduld +üben! Ich erkläre euch aber feierlich, daß _meine_ Geduld nun zu Ende +ist, und wenn er uns jetzt noch etwas einbrockt, dann -- ja dann spring' +ich ihm auf den Rücken und schüttle ihn und rüttle ihn; seht, so ...!« +Und Anna packte den ahnungslosen Philipp und schüttelte und riß ihn +herum, so daß er kläglich schrie: »Bist du denn toll geworden, Änne? Die +Flasche mit Himbeersaft in meinem Rucksack geht ja kaput!« + +»Was, Himbeersaft hast du da drin? Warum hast du das nicht eher gesagt? +Da muß ich halt nun meinen gerechten Zorn bezwingen, wenigstens bis ich +geholfen habe, deinen Himbeersaft auszutrinken. Aber da sind wir ja +schon! Ich grüße dich, edler, altehrwürdiger Wetterstein nebst Gemahlin, +Kindern und Enkeln!« Und Anna verneigte sich ehrfurchtsvoll und tief vor +dem großen, grauen und verwitterten Felsblock, der den Gipfel des Berges +krönt. Rundherum waren aber noch mehrere Steinblöcke, große und kleine, +und Anna begann sofort diese zu zählen. + +»Warum zählst du denn die Steine?« fragte Mariechen. + +»Ei, ich will doch sehen, ob die Familie des edlen Herrn von Wetterstein +sich vermehrt hat, seitdem wir das letztemal hier waren!« + +Philipp, der schon seinen Rucksack abgeschnallt hatte, sagte ungeduldig: +»Komm, Anna, laß doch den Unsinn! Schau mal her, Tante Toni, da ist ein +Stein, der ist gerade wie gemacht, um uns als Tisch zu dienen.« + +»Aber was fällt dir ein, Philipp!« rief Anna mit gutgespielter +Entrüstung. »Dieser Stein ist ja gerade dem Herrn von Wetterstein seine +Schwiegertochter; er wird es dir furchtbar übelnehmen, wenn du diese als +Tisch benützen willst. Tante Toni, du stimmst mir doch sicher bei?« + +Allein Tante Toni hörte nicht; sie stand mit Mariechen und Paul am Rand +des Gipfels, und alle drei sahen ins wunderliebliche Maintal hinunter. +Es war ein ungewöhnlich klarer Tag, und wie aus einem Baukasten +aufgebaut sah man das Städtchen in der Ferne am Mainufer liegen. + +»Ich seh' das schöne Schloß mit seinen vier Türmen«, rief Mariechen; +»auch den Turm der Stiftskirche seh' ich!« + +»Wenn nicht diese dummen Bäume gerade im Weg wären, könnte ich unser +Haus und den Garten sehen; aber diese ekligen Bäume gerade hier vor +unserer Nase, wo man sich auch hinstellt, immer sind sie einem im Weg!« + +Tante Toni lachte: »Geh', Paul, du wirst dich doch wohl nicht ernstlich +ärgern darüber, daß du euer Haus nicht sehen kannst! Der Blick hier ist +so wunderschön; wir wollen ihn freudig genießen und uns nicht durch +Kleinigkeiten stören lassen. Aber hört mal den Philipp, er scheint +ungeduldig zu werden, er ist sicher mal wieder hungrig, der arme Junge!« + +Philipp hatte inzwischen schon die Rucksäcke ausgepackt und trotz Annas +Einsprache auf dem zum Tisch auserlesenen Stein einen Imbiß +hergerichtet. Alle lagerten sich ins Moos, und die ganze Gesellschaft, +auch Tante Toni, machten sich eifrig über die Butterbrote her. Philipps +Himbeersaft fand ebenfalls großen Beifall, er wurde ausgezeichnet +gefunden, woraufhin Anna mit großem Ernst behauptete, er sei nur deshalb +so gut, weil sie ihn vorhin ordentlich durcheinandergeschüttelt hätte. + +Als nach dem Essen Philipp sich lang ins Moos streckte und die Mütze +über die Augen ziehen wollte, um ein bißchen zu schlafen, da rief Tante +Toni halb lachend, halb ärgerlich: »Aber Philipp, wie kannst du ans +Schlafen denken! Genieße doch mit offenen Augen und mit offenem Herzen +diesen schönen Tag! Schau um dich, sieh zum blauen Himmel hinauf, horch +auf das Säuseln des Windes und lausch dem Gesang der Vögel!« + +Alle blieben eine Zeitlang still, bis endlich Anna halblaut sagte: »Ich +weiß nicht, Tante, wie das ist; wir sind doch gar nicht so weit von der +Stadt entfernt, und doch, wenn wir hier so stille sind, dann kommt es +mir vor, als seien wir in einer ganz andern Gegend, weit, weit fort von +daheim, und ich kann mir's kaum vorstellen, daß wir diesen Abend wieder +zu Hause sein werden.« + +Tante Toni nickte lächelnd: »Das Gefühl kenne ich auch, Ännchen. Das +gehört zum Spessart; er hat so etwas Einsames, so etwas Urwaldliches und +Weltfremdes an sich, und das bleibt ihm auch, obwohl man schon +angefangen hat, ihn mit Sommerfrischlern zu bevölkern. Auf dem Rohrbrunn +zum Beispiel, dort sind in den Ferien ja schon eine Menge Fremde, und +doch, wenn man am Jagdschlößchen vorbei den Weg nach Silvan hinaufgeht, +da ist man auf einmal wie in die größte Einsamkeit versetzt. Auf einer +Seite dichter Wald, auf der andern blickt man in ein stilles Tal, +darüber hinaus Berge und Wälder, nichts als Berge und Wälder, kein +Haus, keine Hütte, nirgends eine Spur von der Nähe eines bewohnten +Ortes; man könnte meinen, man wäre weit, weit fort von jeglichem +Verkehr, in einer richtigen Einöde.« + +»Ja, ich kenne die Stelle«, nickte Paul. + +»Überhaupt, Tante Toni, über unsern Spessart geht doch nichts!« + +»Da hast du recht!« + +»Wie, Tante, das sagst du? Und du bist doch in der Schweiz und in +Italien gewesen!« + +»Selbst in der Schweiz, in Italien, im herrlichen Neapel, auf dem Monte +Pellegrino in Palermo habe ich, trotz aller Bewunderung und +Begeisterung, ein leises Sehnen nach dem Spessart nicht unterdrücken +können, und als ich dann nach der Heimkehr zum erstenmal wieder in den +Spessart wanderte, da hab' ich erst so recht eigentlich empfunden, wie +schön unsere Heimat ist!« + +»Bravo, Tante! Du bist halt doch eine echte Spessarterin geblieben, und +du und der Großpapa, ihr müßt unbedingt wieder herüberziehen!« + +»Ja, vielleicht wenn mal Onkel Ernst aus Amerika zurückkommt und die +Leitung der Geschäfte übernimmt, so daß Großpapa sich zurückziehen +kann.« + +»Wann wird er denn endlich zurückkommen, der Onkel Ernst?« + +»Ich weiß es nicht. Aber horch! Was ist das? Wer singt denn da?« + +Aus dem nahen Wald klang, bald aus der Nähe, frisch und kräftig, bald +aus der Ferne, gedämpft, wie ein richtiges Echo, der Wechselgesang: + + »Im Wald, im Wald, + Im frischen, grünen Wald -- wo's Echo hallt.« + +Es waren Mariechen und Anna, die sich leise fortgeschlichen hatten, um +der lieben Tante diese kleine Überraschung zu bereiten. + +»Das habt ihr brav gemacht, Kinder!« rief Tante Toni am Schluß sichtlich +erfreut. »Ihr wißt ja, wie gern ich unsere schönen deutschen Lieder im +lieben deutschen Wald oder auf den deutschen Bergen höre! Kennt ihr das +Lied: >Wer hat dich, du schöner Wald, aufgebaut?<« + +»O gewiß, das kennen wir alle!« Und diesmal stimmten auch die Knaben mit +ein. Paul, der eine schöne Stimme und gutes Gehör hatte, sang die zweite +Stimme. Tante Toni saß ganz still und freute sich, wie der helle +Kindergesang so frisch in die freie Natur hinausschallte. + +»Sogar die Vöglein schwiegen und hörten euch zu«, behauptete sie, als +das Lied zu Ende war. + +»Nun mußt du aber auch singen, Tante«, baten die Kinder, und es erklang +noch gar manch lustiges und manch schwermütiges Volksliedchen, bis auf +einmal ein anderer, ein feierlicher Ton sich unter den Gesang mischte -- +von der Dorfkirche drunten im Tal das Abendläuten. + +Da verstummte der Gesang und alle lauschten still, bis der letzte +Glockenton verhallt war. + +Plötzlich sprang Tante Toni auf und rief: »Aber, Kinder, wir vergessen +ja ganz die Zeit! Schnell, schnell zum Aufbruch geblasen, damit wir noch +vor Dunkelwerden heimkommen!« + +»O wie schade, es war so wunderschön hier!« bedauerten die Kinder, sich +zum Aufbruch richtend. + +»Aber wo ist denn Otto?« fragte auf einmal Tante Toni, sich nach allen +Seiten umsehend. Niemand wußte es, niemand hatte ihn fortgehen sehen. +Aber Mariechen behauptete, er könne noch nicht lange fort sein, denn vor +wenigen Minuten hätte sie ihn noch im Gras herumkriechen sehen. + +»Otto, Otto!« riefen nun Tante und Kinder in alle Windrichtungen, aber +es erfolgte keine Antwort. + +»Das ist recht fatal, denn wir haben uns schon sowieso etwas verspätet!« +Tante Toni schien ein wenig unzufrieden, und nach einigem Nachdenken +entschloß sie sich, da alles Rufen vergeblich blieb, die Zwillinge und +Philipp nach verschiedenen Richtungen als Kundschafter auszuschicken. +»Aber entfernt euch nicht zuweit und ruft von Zeit zu Zeit«, empfahl sie +besorgt. + +»Ja, und wer ihn findet oder ihn zuerst rufen hört, der stößt ein +Indianergeheul aus, damit wir's gleich wissen«, schlug Anna vor; aber +sie hatte wenig Erfolg mit ihrem Scherz. Nicht nur die Tante, auch die +Kinder hatte ein unheimliches Gefühl beschlichen; es war doch auch zu +sonderbar, daß Otto so spurlos verschwunden war. Tante Toni war ganz +blaß geworden, und sie sah so niedergeschlagen aus, daß Mariechen sie zu +beruhigen suchte, indem sie sagte: »Sorge dich doch nicht so, Tante; es +kann ihm ja doch hier nichts zugestoßen sein.« + +»Er könnte beim Umherstreifen gefallen sein; es gibt mehrere recht +steile und gefährliche Stellen hier am Berg.« + +»Dann hätten wir ihn doch schreien hören.« + +»Beim Singen konnte uns das leicht entgehen.« + +Inzwischen hörte man von Zeit zu Zeit den Zuruf der drei suchenden +Knaben. Er klang schwächer und schwächer, dann näherte er sich wieder, +aber von Otto keine Antwort. + +Die Sonne war schon ganz tief gesunken; im Westen rötete sich der ganze +Himmel, aber niemand hatte einen Blick für den herrlichen +Sonnenuntergang -- alle standen da und warteten und lauschten. Endlich +kam Paul zurück, dann Philipp und zuletzt Kurt; niemand sagte ein Wort, +die Kinder sahen sich ratlos an, dann richteten sie ihre Blicke +erwartungsvoll auf Tante Toni, als ob sie doch helfen könnte und müßte. +Aber Tante Toni zitterte, wie wenn sie fröre; sie mußte sich an einen +Baum lehnen, um nicht umzufallen; sie fühlte ja die ganze schwere +Verantwortung auf sich ruhen. Wie konnte sie denn heimkehren ohne Otto, +ohne den Sohn ihres Bruders! Wortlos rang sie die Hände. Auf einmal +raffte sie sich auf. »Kinder, kommt, wir wollen beten!« sagte sie, und +inmitten der Kinderschar niederkniend, flehte sie aus tiefstem Herzen: +»Unter deinen Schutz und Schirm ...«, und die Kinder stimmten mit ein. +Ernst und feierlich hallte das Gebet in die stille Abenddämmerung +hinein. Die Vöglein waren schon lange zur Ruhe gegangen, und von der +Stadt schimmerten einzelne Lichter herüber. + +Plötzlich zuckte Tante Toni zusammen; es hatte sie jemand an der +Schulter berührt: es war Mariechen, und diese machte die Tante mit einer +leisen Gebärde auf Lilly aufmerksam. Diese schien in der Tat die +allgemeine Angst um ihren Bruder gar nicht zu teilen; sie kniete etwas +abseits an einen Stein gelehnt, und sie schaute aufmerksam auf einen +bestimmten Punkt -- eben lächelte sie sogar ein wenig. Tante Toni folgte +der Richtung ihres Blickes, und -- fast hätte sie laut aufgeschrien. -- +Dort über dem großen Felsblock bewegte sich etwas; es zeichnete sich +scharf gegen den klaren Abendhimmel ab -- jetzt verschwand es wieder. -- +Aber nun verstand Tante Toni alles. Sie erinnerte sich, daß sich oben in +diesem Stein eine ziemlich tiefe Mulde befand. Otto war unbemerkt hinter +den Stein geschlichen, hinaufgeklettert -- gut klettern, das konnte er +ja -- und hatte sich in die Mulde versteckt. Diese war allerdings oft +mit Regenwasser gefüllt, aber es hatte ja nun längere Zeit nicht +geregnet. + +Tante Toni atmete auf, wie von einer drückenden Last befreit. Und doch +fiel es ihr wieder recht schwer aufs Herz, als sie nun daran dachte, +daß Otto also all ihre und der Kinder Angst und Sorge mitangesehen und +sich trotzdem nicht gezeigt hatte; auch Lilly hatte um Ottos Versteck +gewußt und hatte nichts getan, um sie aus der Angst zu befreien. Nach +all dem, was sie eben ausgestanden, war das Herz der armen Tante schon +ganz erschüttert, und nun kam dazu einerseits das Gefühl der großen +Erleichterung, anderseits der Schmerz über Ottos und Lillys +Herzlosigkeit. Das alles stürmte auf sie ein, sie konnte nicht mehr +widerstehen und brach plötzlich in Tränen aus. Die Kinder sahen sie +erschreckt an. Mariechen mit ihrem guten, teilnehmenden Herzen hatte die +Gefühle der Tante teilweise erraten und verstanden; sie machte den +andern ein Zeichen, so daß diese sich ganz still verhielten und der +Tante ein wenig Zeit ließen, um sich wieder zu fassen. + +Die Sonne war nun längst versunken, und sogar auf dem Gipfel des Berges +hier fing es schon an dämmerig zu werden. Jetzt richtete Tante Toni sich +auf, und sie sagte, ohne nach dem Felsblock zu blicken: + +»Nun kommt, Kinder, wir haben keinen Augenblick mehr zu verlieren -- wir +müssen heim.« + +Die Kinder schauten erstaunt auf Tante Toni -- sie sah so eigen aus und +ihre Stimme klang gar nicht wie sonst, aber sie folgten schweigend; nur +Lilly blieb stehen und fragte halb ängstlich, halb trotzig: »Und Otto?« + +Tante Toni sah Lilly sehr ernst an, als sie antwortete: »Wir warten +nicht eine Minute länger auf Otto. Bald wird es ganz dunkel sein, und +da, wo Otto sich befindet, kann ihm ja nichts passieren -- höchstens +eine Erkältung kann er sich von dort mitbringen. Und du, Lilly, du gehst +vor mir her, und ich verbiete dir, dich auch nur im geringsten zu +entfernen. Nun schnell vorwärts!« + +Tante Toni wußte ganz genau, daß dies das beste Mittel sei, um Otto +möglichst rasch aus seinem Versteck zu treiben. Kaum hatte sie mit den +Kindern den Platz verlassen, da tauchte Otto auch schon aus seinem Loche +auf und begann vom Felsblock herunterzuklettern; das war aber nicht so +leicht -- wahrscheinlich gerade weil er so eilig war, stellte er sich +viel ungeschickter an wie sonst, und er konnte lange keine Stütze für +seinen Fuß finden. Es überkam ihn, als er sich nun in der zunehmenden +Dunkelheit so ganz allein sah, ein recht unheimliches Gefühl. Er hätte +gerne gerufen; aber nein, dafür war er doch zu stolz. Er atmete +ordentlich auf, als er endlich unten war, und nun hatte er die andern +bald eingeholt. Die schienen ihn aber gar nicht zu bemerken, sie gingen +rasch und schweigend weiter. Otto fühlte sich sehr unbehaglich, und um +diesem ungemütlichen Zustand ein Ende zu machen, rief er mit erzwungenem +Lachen: + +»Nun, war ich nicht gut versteckt? Ratet einmal, wo ich die ganze Zeit +war!« + +Aber die Kinder antworteten gar nicht, sie sahen ihn nur vorwurfsvoll +an. Tante Toni sagte in sanftem, aber sehr ernstem Ton: + +»Ich weiß, wo du warst, Otto; du hast nicht schön gehandelt. Geh' jetzt +neben Lilly und gib ihr die Hand, und entferne dich um keinen Schritt +mehr von mir.« + +Hier im Wald war es schon ganz dunkel, und man hatte Mühe, auf den Weg +zu achten. Von Paul und Kurt geführt, kam die kleine Truppe aber doch +rasch vom Fleck, und man gelangte glücklich auf die Landstraße. + +»O wie schön!« rief Rudi aus, und er blieb einen Augenblick stehen; alle +wendeten sich um, und sie sahen nun, wie die glänzende Mondscheibe +langsam hinter einem Berge hervorstieg, und dann war auf einmal die +ganze Gegend in ein wunderbares, silbernes Licht getaucht. + +»Nun haben wir eine gute Leuchte auf den Weg«, meinte der praktische +Philipp, während Mariechen ausrief: + +»Das ist feenhaft schön!« + +Jetzt sprudelte auch Annas gute Laune wieder hervor, und sie rief: +»Miezchen, gerate nur nicht in Verzückung, sonst steckst du mich an, und +dann bringt ihr mich nicht mehr von der Stelle --, dann bleibe ich +einfach bis Mitternacht hier stehen, um die Elfen im Mondschein tanzen +zu sehen, wie Tante Toni es uns neulich erzählt hat.« + +»Ei, um das zu sehen, muß man doch ein Sonntagskind sein!« + +»Aber, Tante Toni, das bin ich doch -- ich meine, das müßtest du mir +doch ansehen!« Und Anna stellte sich breitspurig vor Tante Toni hin und +reckte sich in die Höhe, so sehr sie nur konnte. + +Alle lachten, auch Tante Toni; aber plötzlich wieder ernst werdend, +legte sie die Hand auf Annas Köpfchen, und ihr die braunen, wirren Haare +aus der Stirne streichend sagte sie leise: »Ich glaube dir's, Kind; ja, +du mußt wirklich ein Sonntagskind sein. Möge der liebe Gott dir deinen +frohen Mut erhalten dein ganzes Leben lang! -- Aber nun müssen wir +weiter; eure Eltern werden gewiß schon besorgt sein über unser langes +Ausbleiben.« + +»Sollen wir vorauslaufen, um sie zu beruhigen?« schlugen die Zwillinge +vor, aber Tante Toni wollte nichts davon wissen. + +»Nein, nein, wir bleiben schön beisammen«, wehrte sie ab. »Aber tüchtig +ausschreiten, das wollen wir!« + +Es herrschte nun aber doch wieder eine andere Stimmung als vorhin, und +es flog sogar manches Scherzwort, manche kleine Neckerei von einem zum +andern. + +Auch Otto flüsterte seiner Schwester zu: + +»Na, es ist wirklich Zeit, daß die alle wieder andere Gesichter machen; +das war doch zu dumm!« Und leise in sich hineinkichernd fügte er hinzu: +»Nein, war das drollig, da oben in dem Stein zu sitzen und zu sehen, wie +die andern alle suchten und sich den Hals heiser schrien -- ich mußte +mich wirklich zusammennehmen, um nicht laut aufzulachen!« + +Aber Lilly stimmte nicht in Ottos Gelächter ein; sie schüttelte den Kopf +und sagte nachdenklich: »Nein, Otto, es war nicht recht; das war schon +kein Scherz mehr, und wie du gesehen hast, daß Tante Toni wirklich in +Angst um dich war, da hättest du herunterkommen sollen. Es hat mir ganz +wehgetan, wie sie auf einmal so geweint hat, und ich hätte dir nicht +folgen dürfen....« + +»Halt, Lilly, das ist fest unter uns ausgemacht: keins verrät das +andere, und es wäre Verrat gewesen, wenn du mein Versteck entdeckt +hättest. Ich möchte nur wissen, ob Tante Toni wirklich weiß, wo ich +gesteckt habe.« + +»Das glaube ich ganz gewiß.« + +»Woher aber? Außer uns kennt doch niemand das Loch in dem Stein -- es +war ja früher schon Papas Geheimnis, wie er noch klein war.« + +»Ja, du weißt aber auch, daß Tante Toni immer Papas Lieblingsschwester +war, und da hat er sie wahrscheinlich in das Geheimnis eingeweiht.« + +»Dann hätte sie sich aber doch nicht so zu ängstigen brauchen.« + +»Ja, sie hat vielleicht nicht mehr daran gedacht, oder sie hat auch gar +nicht gewußt, daß man sich in dem Loch verstecken kann, weil es ja +früher immer voll Regenwasser war; Papa war selbst ganz erstaunt, als er +voriges Jahr bemerkte, daß das Wasser jetzt ablaufen kann.« + +»Ja, das ist wahr. Aber schau mal! -- Ich glaube gar, da kommt Papa mit +Onkel Helmer! O weh, das ist dumm!« + +Es waren wirklich Herr Mehring und Herr Helmer, die, ernstlich +beunruhigt durch das lange Ausbleiben der Tante und ihrer Bande, diesen +entgegengegangen waren. + +»Na, da seid ihr ja alle heil und gesund!« riefen sie ihnen entgegen. +»Die beiden Mütter sind schon ganz besorgt, und wir konnten uns gar +nicht denken, weshalb ihr nicht heimkamet!« + +Erst als sie ganz nahe herangekommen waren, bemerkten sie die verlegenen +Gesichter der Kinder, und Onkel Robert fragte, seine Schwester forschend +anblickend: + +»Toni, du bist so blaß! Ist etwas vorgefallen?« + +Nach einigem Zögern antwortete Tante Toni: »Ich glaube, es ist am +besten, wenn Otto dir selbst den Grund unserer Verspätung mitteilt.« + +Erstaunt und fragend blickte Herr Mehring von seiner Schwester auf +seinen Sohn, aber Otto faßte seines Vaters Hand, und ihn mit sich +fortziehend sagte er: »Komm nur, Papa, ich erzähle dir alles; du wirst +sehen, es ist gar nicht schlimm.« + +Und er erzählte nun, wie er von den andern unbemerkt auf den großen +grauen Stein geklettert sei und sich in das Loch versteckt habe und wie +er schon sehr lange darin gesessen habe, bevor Tante Toni sein +Verschwinden bemerkt hätte, und wie dann nach ihm gesucht und gerufen +worden sei, und das sei so unterhaltend gewesen, daß er gar nicht geahnt +hätte, wie spät es inzwischen geworden sei. Der Vater hatte schweigend +zugehört. Am Schluß sah er seinen Sohn ernst und forschend an, und er +sagte: + +»Otto, die Sache gefällt mir nicht recht. Ich bin eben wirklich +erschrocken über das blasse, angegriffene Aussehen deiner Tante; sie muß +sich also ernstlich um dich beunruhigt haben, und du hast sie gewiß viel +zu lange hingehalten, ehe du aus deinem Versteck hervorkamst. Antworte +mir ehrlich: >Hast du bemerkt, daß Tante Toni sich wirklich ängstigte?<« + +Otto sagte leise und zögernd: »Ja -- Papa.« + +»Und du bist trotzdem noch in deinem Versteck geblieben?« + +Otto senkte den Kopf und schwieg. + +»Noch lange?« fragte der Vater. + +»O, nicht so sehr«, suchte Otto sich zu entschuldigen; aber Herr Mehring +seufzte tief auf, und er sagte nach einigem Nachdenken: + +»Das geht mir sehr nahe, Kind. Verstehst du auch, warum?« + +Otto schüttelte den Kopf. + +»Weil es wie Herzlosigkeit aussieht.« + +»O Papa!« + +»Ja, Kind; du weißt, daß ich einen kleinen Streich, eine Neckerei nicht +so ernst nehme, sogar Unarten kann man Kindern verzeihen -- mein Gott, +keiner von uns ist ja wohlerzogen vom Himmel heruntergefallen! Aber hier +ist mehr wie Leichtsinn dahinter. Daß du deine gute Tante sich erst +lange ängstigen ließest, ehe du aus deinem Versteck kamst, das läßt mich +beinahe an deinem guten Herzen zweifeln. Jedenfalls hoffe ich, daß du +die Tante diesen Abend noch herzlich um Verzeihung bitten und ihr +versprechen wirst, sie künftighin nicht mehr zu betrüben. Wirst du das +tun?« + +Otto nickte wieder, und dann ging er schweigend neben seinem Vater her, +mit einer großen, großen Angst im Herzen. Wie, wenn sein Vater nun noch +eines der andern Kinder fragte? Aber nein, warum sollte er denn? Das +hatte er ja sonst auch nicht getan, und von selbst würden ihn die andern +nicht verklagen, das wußte er. + +Nach der Heimkehr, beim Abschiednehmen, drängte er sich, dem Winke +seines Vaters folgend, an die Tante heran und sagte leise, mit halb +abgewandtem Gesicht: »Tante, bitte, verzeih' mir, ich will dich nicht +mehr betrüben.« + +Die Tante sah ihn eine kleine Weile forschend an, dann sagte sie +betrübt: »Es kommt dir nicht recht von Herzen, Otto; aber ich verzeihe +dir trotzdem -- du hast eben selbst noch nie eine wirkliche und große +Angst ausgestanden, und du ahnst nicht, wie das tut. Gute Nacht, lieber +Otto.« + +An diesem Abend konnte Otto lange nicht einschlafen; unruhig warf er +sich in seinem Bett hin und her, und er dachte: »Ach, hätt' ich doch +noch eine Mama, die sich an mein Bett setzte -- der könnt' ich's wohl +sagen!« + +Als er aber die Schritte seines Vaters auf der Treppe hörte, drehte er +sich schnell zur Wand, und als Herr Mehring mit einer Kerze ins Zimmer +trat und sich über seinen Sohn neigte, da lag dieser mit geschlossenen +Augen und atmete tief und regelmäßig, wie wenn er schliefe. + + + + + Siebtes Kapitel. + + Bambula, der Puppenfresser. Otto, weißt du nun, wie es tut? + + +Am andern Tag hatte Tante Toni heftige Kopfschmerzen. Als diese gegen +Mittag etwas besser wurden, ging sie zu klein Toni hinauf, die mit einer +Erkältung und etwas Fieber zu Bett lag. Sie setzte sich zu ihr hin und +fragte: »Nun, wie ist es dir denn gestern gegangen, meine liebe kleine +Freundin? Warst du recht vergnügt mit Mama und mit den Kleinen?« + +»O ja«, nickte Tonichen; »Tante Luise ist auch gekommen mit dem kleinen +Bubi; der ist gestern drei Jahre alt geworden, und da hat er ein ganz +schwarzes Püppchen bekommen, ein Mohrenkind, und das hat er mitgebracht, +und denke dir, Tante -- ach, das war zu drollig ...!« Und nun fing Toni +an, so zu lachen, daß sie gar nicht mehr weitererzählen konnte. + +»Erzähl' doch erst und lach' nachher, damit ich wenigstens mitlachen +kann«, meinte Tante Toni. + +»Also hör, Tante! Der Bubi ist mit seinem Bambula -- so heißt sein +schwarzes Püppchen -- gekommen und hat ihn uns gezeigt, und Minnichen +hat sich ein bißchen gefürchtet, aber nur anfangs, hernach nicht mehr, +und dann hat Bubi sogar seinen Neger zum Püppchen von Minnichen ins Bett +gelegt, und wie Minnichen gerad' ein bißchen am Fenster war, da hat der +Bubi auf einmal geschrien: >Minnichen, tomm deswind sehn, dei Püppchen +is weck -- der Bambula hat's aufdefressen!< Und 's weiße Püppchen war +wirklich fort. Wie aber jetzt Minnichen angefangen hat zu weinen, da hat +der Bubi gesagt: >Nit weinen, Minnichen! 's Püppchen is widder da, +Bambula hat's widder rausdebrockelt.< Und richtig, Tante, das Püppchen +lag auf einmal wieder im Bettchen, und da hätt'st du mal sehen sollen, +wie Minnichen ihr Püppchen genommen und geherzt und geküßt hat und wie +sie dem Bambula böse Augen und strenge Gesichter gemacht hat -- aber nur +von fern, denn das arme Minnichen hat sich jetzt selbst wieder ein +bißchen vor dem bösen Mohren gefürchtet.« + +Jetzt wurde Tonis Erzählung durch einen Hustenanfall unterbrochen. + +»O, wie du hustest, mein Herzchen! Ich hätte dich nicht so erzählen +lassen sollen -- du sollst wohl gar nicht viel sprechen?« + +»Ach, Tante, das ist nicht so schlimm; ich hab' ja schon so oft Husten +gehabt! Du mußt dir wirklich hernach von Minnichen selbst erzählen +lassen, wie Bambula ihr Püppchen gefressen hat; da mußt du wirklich ganz +schrecklich lachen, Tante. Geh' nur mal hinüber ins Kinderzimmer -- aber +dann kommst du wieder zu mir, gelt, Tantchen?« + +»Gewiß, Kleines, ich komme gleich wieder.« + +Als die Tante ins Kinderzimmer trat, saß Minnichen mit tiefbetrübter +Miene neben ihrem Puppenbettchen, während Leo, die Stirne in ernste +Falten gelegt, dabeistand; er hatte eine große Brille -- ohne Gläser -- +auf seinem Näschen sitzen und hielt eine leere Milchflasche unter dem +Arm. Er räusperte sich, genau wie der gute alte Hausarzt es zu tun +pflegte, und dann sagte er mit der tiefsten Stimme, die er hervorbringen +konnte: + +»Wir werden das kranke Kind impfen müssen; es gibt kein anderes Mittel, +um's wieder gesund zu machen -- aber erst muß es Medizin nehmen.« + +Dann schüttelte er die Milchflasche kräftig, und ein Puppenlöffelchen +unterhaltend, zählte er langsam und bedächtig: »Eins -- zwei -- drei -- +mehr wie drei Tropfen darf man nicht geben, sonst stirbt das Kind; denn +die Medizin ist Gift.« + +Erst nachdem er das Löffelchen dem kranken Puppenkind hingehalten hatte, +drehte er sich nach Tante Toni um, und ihr die Hand reichend, sagte er +sehr ernsthaft: »Ach, guten Tag, Fräulein! Wie geht es Ihnen? Soll ich +Ihren Puls fühlen?« + +Tante Toni ging natürlich auf das Spiel der Kleinen ein und sagte: + +»Ach, guten Tag, Herr Doktor! Ich danke Ihnen, mir geht es ganz gut; +aber das Kind dort scheint recht krank zu sein. Wohl auf den Schrecken +von gestern?« + +»Ja, ja, es steht schlimm, recht schlimm!« Dabei machte Leo die größten +Anstrengungen, seine Stirne noch mehr zu runzeln, wobei jedoch seine +große Brille ins Rutschen kam. Tante Toni hatte große Mühe, das Lachen +zu verbeißen. Leo aber ließ sich nicht irremachen; er stellte seine +Milch- oder vielmehr seine Medizinflasche auf die Erde und rückte seine +Brille wieder zurecht. Jetzt kam auch Minnichen, und die Tante zum +Puppenbettchen ziehend sagte es: »Arm Poppelsen, wehweh hat.« + +Nun fiel aber Leo aus der Rolle, denn der kleine Lehrmeister bekam +wieder die Oberhand, und er sagte eifrig: + +»Minnichen, erzähl' mal der Tante, wer hat dein Püppchen krank gemacht?« + +»Böser Bambula«, sagte die Kleine, ein Schnütchen machend. + +»Hörst du, Tante, wie gut sie schon >Bambula< sagen kann? Sie hat es +doch gestern zum erstenmal gehört, und es ist auch gar kein leichtes +Wort.« + +Nun, an ihren gestrigen Schrecken denkend, geriet Minnichen auch in +Eifer, und sie erzählte: »Bös Bambula Poppelsen von Minnisen aufdefeßt +-- so ...« Und die Kleine sperrte ihr Mündchen auf, so weit sie nur +konnte, und auf Tante Toni sich stürzend, machte sie »Happ, happ!« als +wollte sie diese verschlingen. Dann erzählte sie weiter, ihre Worte mit +sehr ausdrucksvollen Gebärden begleitend: »Und Minnisen hat weint, so: +>Hiehiehie!< Dann hat Bambula bockelt, so: >Bröh -- bröhx<, und da war +Poppelsen widder da. Aber Minnisen hat sehr sankt Bambula, so ...« Und +Minnichen riß die Äugelchen weit auf, machte ein bitterböses Gesicht und +drohte mit dem Fingerchen. + +»Huh«, machte Tante Toni zurückfahrend, »da war der Bambula aber sicher +sehr bang, wie er dein strenges Gesicht gesehen hat?« + +»Ja«, antwortete Leo für sein Schwesterchen, »wir haben ihm gesagt, er +dürfe nicht mehr zu uns auf Besuch kommen sonst würde er einfach +nausgeschmissen!« + +»Nausmissen«, bekräftigte Minnichen mit energischem Kopfnicken. + +Den Nachmittag dieses Tages brachte Tante Toni am Bettchen ihres +Patenkindes zu. + +»Tante, ich muß dir etwas sagen«, flüsterte klein Toni ernsthaft, ein +wenig zögernd. + +»Was denn, mein Liebling?« + +»Ich bin wieder mal sehr zornig und sehr böse gewesen.« + +»O Tonichen, wirklich? Das tut mir aber leid. Dir gewiß auch?« + +»Ich weiß nicht recht, Tante. Es tut mir schon leid, daß ich so zornig +war, weil das den lieben Gott beleidigt; aber ich bin noch immer bös, +sehr bös auf Otto!« + +»Ach, ist es das? Anna hat dir wohl erzählt?« + +»Ja, Tante. Und wie du geweint und dich gesorgt hast, und daß der Otto +nicht einmal gezankt worden ist. Und da hab' ich gewünscht, der liebe +Gott möchte ihn selbst recht tüchtig strafen.« + +»O nein, Tonichen, nein, das sollst du nicht! Wir wollen lieber beten +für ihn, damit er sein Unrecht einsieht, dann wird es ihm sicher selbst +sehr leid tun. O Tonichen, das war ein häßlicher Wunsch; einen solchen +darf meine kleine Freundin nie mehr haben!« + +»Aber Tante, er war doch so bös gegen dich, der Otto, und du bist so +lieb und gut! Nein, ich mag ihn gar nicht mehr, den bösen, garstigen +Buben!« + +»Du kränkst mich, Tonichen, wenn du so sprichst!« + +»O Tante, ich will dich nicht kränken, und es ist ja, weil ich dich so +sehr lieb hab' ...« Und schluchzend schlang klein Tonichen ihre Ärmchen +um den Hals der Tante. + +»Ich weiß es ja, mein Liebling, ich weiß es ja«, suchte die Tante das +weinende Kind zu beruhigen. »Und weil du die Tante Toni so lieb hast und +ihr eine ganz besondere Freude machen willst, wirst du diesen Abend beim +Abendgebet ein Vaterunser für unsern lieben, armen Otto beten. Willst +du?« + +Tonichen nickte unter Tränen lächelnd. + +»Und nun liege recht still und ruhig, sonst mußt du wieder so stark +husten. Ich erzähle dir auch. Was möchtest du gerne hören?« + +»O bitte, Tante, erzähle mir noch einmal die Geschichte von dem kleinen +Johannes, den niemand lieb hatte und der in der Weihnachtsnacht +gestorben ist, gerade nachdem er den lieben Heiland empfangen hatte.« + +Und Tante Toni erzählte, während klein Toni begierig lauschte. + +»O wie schön!« seufzte sie am Schluß der Erzählung. »Ich möchte auch +sterben wie der kleine Johannes, gleich nach meiner ersten heiligen +Kommunion.« + +Später kam auch Tonis Mutter und setzte sich an ihr Bettchen; da +strahlte ihr Gesichtchen vor Freude, und sie sagte: »Jetzt bin ich so +froh, so froh, weil ihr alle beide bei mir seid; bleibt nur recht lange +hier!« + +»Ja, recht lange«, wiederholte die Mutter leise, und sie blickte voll +Liebe und Besorgnis in das blasse Gesicht ihres Töchterchens, und so oft +dieses hustete, ging es wie ein Stich durchs Herz der Mutter; klein Toni +merkte das, und sie gab sich von nun an alle Mühe, ihren Husten +zurückzuhalten. + +Es war schon ziemlich spät am Nachmittag, als auf einmal Paul hereinkam +und rief: »Tante Toni, komm doch schnell einmal herunter! Der Otto ist +da und fragt nach dir, und er sieht ganz verstört aus, aber er will mir +nicht sagen, was er hat.« + +Sofort eilte Tante Toni hinunter, und als sie ins Zimmer trat, da +stürzte Otto wie verzweifelt auf sie zu und schrie: »Tante, Tante, hilf +mir, ich bitte dich, hilf mir! Ich weiß nicht mehr, was ich anfangen +soll!« + +»Um Gottes willen, Otto, was ist denn geschehen? Ist deinem Vater etwas +zugestoßen? So sprich doch!« + +Nun brach Otto in krampfhaftes Schluchzen aus, dazwischen stammelte und +stieß er einige Sätze und Wörter hervor, wovon die Tante aber nur +verstand, sein Vater müsse ins Gefängnis, und er, Otto, sei schuld +daran. + +»Das kann ja gar nicht sein!« rief die Tante aus. »Komm, nun setz' dich +her zu mir und versuche ruhiger zu werden, dann erzählst du mir ganz +genau, was vorgefallen ist.« + +Aber es dauerte noch einige Zeit, ehe Otto ordentlich sprechen konnte, +und er schluchzte noch häufig auf, während er erzählte: »Ich saß vorhin +an meinem Studierpult in Vaters Zimmer, und Papa stand vor seinem +Schreibtisch, wo er Papiere durchsah; er hatte sie aus dem eisernen +Schrank genommen, der in der Ecke steht und wo er alle wichtigen Papiere +und das Geld drin aufhebt; du kennst ihn ja, Tante.« + +»Ja, gewiß -- es waren also jedenfalls sehr wichtige Papiere, die er vor +sich hatte.« + +Otto nickte und fuhr fort: »Auf einmal kam Lina herein und sagte, Papa +möge doch schnell einmal hinunterkommen, der Herr Dorr sei da und der +habe es sehr eilig. Papa wollte die Papiere erst wieder in den +Geldschrank legen, der war aber schon zugeschlossen, und so legte er nur +einen Beschwerstein darauf und sagte zu mir, er käme sofort zurück, er +hätte nur einen Augenblick mit Herrn Dorr zu sprechen, und ich solle +inzwischen auf die Papiere achten, denn sie seien sehr, sehr wichtig, +ich solle mich aber nicht unterstehen, sie anzurühren. Dann ging Papa +hinaus, und er ließ die Türe offenstehen.« Nun fing Otto wieder an zu +weinen. + +»Und jetzt hast du die Papiere doch angerührt, Otto?« + +»Zuerst nicht, Tante! Ich wollte ja dem Papa gehorchen; wie er aber dann +so lange ausblieb, da mußte ich immer wieder nach den Papieren hinsehen, +und ich hätte doch so gerne gewußt, was es für Papiere wären, und -- da +nahm ich den Stein ab. O hätt' ich es nicht getan! -- Im selben +Augenblick hörte ich im Garten draußen einen lauten Schrei, ich lief +schnell ans Fenster, um zu sehen, was es gäbe, und ich muß wohl in der +Eile vergessen haben, den Stein wieder auf die Papiere zu legen. Ich riß +das Fenster auf, um hinauszusehen, aber im selben Augenblicke entstand +Zugluft, und alle Papiere flogen im Zimmer herum und mehrere sogar zum +Fenster hinaus. Ich stürzte sofort hinunter, um sie wieder +zusammenzusuchen. Die alte Babett, die gerade unten war, hatte schon +einige aufgehoben, und sie half mir suchen, bis wir keins mehr fanden. +Als ich wieder hinaufkam, da war Papa inzwischen zurückgekommen, und er +hatte die Papiere, die im Zimmer herumgeflogen waren, schon aufgelesen. +Ach, Tante, ich möchte, er hätte mich recht gezankt, ja ich möchte, er +hätte mich sogar geschlagen, ich hab's verdient; aber er hat gar nichts +gesagt, er hat mich nur einmal angeschaut -- o Tante, ich kann dir nicht +sagen, _wie_! Dann hat er gleich die Papiere nachgesehen, und es hat +eins gefehlt! Tante, denke dir, gerade das allerwichtigste -- das, +welches er morgen beim Gerichte unbedingt braucht! Und dann haben wir im +Hause und im Garten alles, alles durchsucht, aber wir haben nichts +gefunden. Ach, Tante, und dann hat sich der Papa an seinen Schreibtisch +gesetzt und ist, mit den Händen vor dem Gesicht, lange sitzen geblieben, +ohne sich zu rühren, bis ich's nicht mehr aushalten konnte und ihn +gebeten habe, er möge mir doch verzeihen! Da hat er mich wieder +angesehen, noch weher wie vorhin, und hat gesagt: >Ich hab' dir schon +verziehen, aber an diesem Papier hing mehr als mein Leben -- an ihm +hing meine Ehre.< Und nun sitzt er immer noch am selben Platz, ganz +still und, Tante, du kannst dir nicht denken, wie er aussieht, ganz +anders wie sonst, viel älter! O komm doch mit zu ihm! Ich hab' ihm +gesagt, ich ginge dich holen, da hat er genickt. Komm, Tante, hilf uns!« + +»Ja, Otto, schnell zurück zu deinem Vater!« Die Tante nahm sich kaum die +Zeit, ihren Hut aufzusetzen, und als sie wenige Minuten später in das +Zimmer ihres Bruders kam, fand sie diesen genau so, wie Otto gesagt +hatte. Er nickte seiner Schwester zu, und als diese, ihn fest +umschlingend, sagte: »Mut, Robert, ich werde nochmal suchen, ich _muß_ +es finden«, da schüttelte er den Kopf und sagte: »Such' nur, aber es +wird umsonst sein, ich habe überall nachgesehen.« + +Sie begann sofort zu suchen, jedes Eckchen genau zu durchforschen, aber +umsonst, das Papier blieb verschwunden. Otto brach aufs neue in Tränen +aus. »O, was hab' ich getan, was hab' ich getan!« jammerte er und wollte +sich auf die Erde niederwerfen, aber Tante Toni faßte ihn bei der Hand +und zog ihn aus dem Zimmer, denn sie sah, daß ihrem Bruder etwas Ruhe +und Stille nottat. An der Treppe stießen sie auf Lilly, die ganz blaß +und verstört aussah; sie sah ihren Bruder scheu und ängstlich an, und +sich an die Tante hindrängend fragte sie leise: »Hat Otto etwas sehr +Schlimmes getan?« Die Tante antwortete eilig: »Er war sehr ungehorsam, +aber du siehst ja, wie leid es ihm tut, und deshalb wird auch gewiß +alles gut werden. Sei du nur ruhig und bete zu deinem und deines Bruders +Schutzengel.« Dann folgte sie Otto, der schon in sein Schlafzimmer +gegangen war. + +Otto hatte sich auf sein Bett geworfen und er schluchzte herzbrechend. +Plötzlich richtete er sich auf und rief aus: »Tante, weißt du noch, +gestern, wie du gesagt hast, ich wüßte noch nicht, wie es tut? Jetzt +weiß ich's, o ja, jetzt weiß ich's! O Tante, es ist zu schrecklich, +diese Angst! O wär' ich doch lieber gestorben! Ich kann's ja nicht mehr +aushalten!« + +Und wie verzweifelt wälzte er sich auf dem Boden. Tante Toni kniete +neben ihm nieder, und sie versuchte ihn aufzurichten, während sie mit +sanftem Vorwurf sagte: »Otto, so darfst du nicht reden; du fügst noch +neues Unrecht zum andern. Komm, laß uns zusammen beten; das ist das +einzige, was uns helfen und erleichtern kann.« + +»Beten? Ach nein; beten, das kann ich nicht! Der liebe Gott will doch +gewiß nichts mehr von mir wissen, ich bin viel zu bös! Jetzt weiß ich, +wie bös ich immer war, wie ich den armen Rudi nicht leiden konnte und +wie ich ihn so viel geärgert und zornig gemacht habe, und er ist auch +sehr oft wegen mir gezankt und gestraft worden. Und auch gegen die +andern, sogar gegen Lilly war ich oft recht garstig, und gestern gegen +dich, Tante Toni; ich war ja so bös auf dich, weil der Rudi mitgehen +durfte und weil du ihn gegen mich in Schutz nahmst, und ich wollte mich +rächen, deshalb hab' ich dir so Angst gemacht; aber ich wußte nicht, +nein, Tante, ich wußte wirklich nicht, wie das ist! O Tante Toni, und +jetzt bist du doch wieder so gut zu mir!« + +»Ja, Otto -- ach, ich möchte dir so gerne aus deiner Not helfen! Aber +hier kann jetzt nur noch der liebe Gott helfen -- komm, laß uns beten. +Er ist ja so gern bereit, dir zu verzeihen!« + +»Nein, Tante Toni, der liebe Gott kann mir noch nicht verzeihen; er +weiß, wie falsch ich war und wie ich dem Papa immer alles verkehrt +erzählt habe und auch wieder gestern. O, gestern hab' ich ihm auch noch +lang nicht alles gesagt, wie es war -- und jetzt! Ich möcht' es ihm ja +sagen, aber dann wird er noch trauriger sein, und doch -- ich kann doch +nicht recht beten, solang ich's ihm nicht gesagt habe! O Tante, sag' mir +doch, was ich tun soll!« + +Tante Toni überlegte ein Weilchen, dann sagte sie: »Ich hätte deinem +Vater gern jeden weiteren Schmerz erspart, und doch glaube ich, daß du +recht hast und deiner Regung folgen sollst. Es ist immer besser, den Weg +der Wahrheit zu gehen, und dein offenes Geständnis ist deinem Vater ja +ein Beweis, daß du dich ernstlich bessern willst, und wird sein bester +Trost in allem Leide sein.« + +»Soll ich denn jetzt gleich hinuntergehen?« + +»Gewiß! Die Ausführung eines solchen Entschlusses soll man niemals +verschieben.« + +»Dann komm, Tante, geh' mit mir.« + +»Nein, Kind, das mußt du mit deinem Vater allein ausmachen. Ich warte +hier auf dich und bete unterdessen.« + +Mit klopfendem Herzen ging Otto wieder hinunter zu seinem Vater. Er fand +diesen noch immer in derselben Stellung an seinem Schreibtisch und so +tief in Nachdenken versunken, daß er seines Sohnes Eintritt gar nicht +bemerkte. + +»Vater!« sagte dieser leise bittend. + +Herr Mehring blickte auf. Er machte erst eine ungeduldige Bewegung, aber +den flehenden Ausdruck in Ottos Antlitz bemerkend, fragte er ernst, aber +gütig: »Hast du mir noch etwas zu sagen, mein lieber Sohn?« + +Und nun fing Otto an zu bekennen. Erst langsam und zögernd, dann aber +ging es immer leichter, und er machte ein offenes und freimütiges +Bekenntnis der gestrigen Begebnisse sowie überhaupt all seiner Schuld, +so wie er sie in dieser schweren Stunde erkannt hatte. Der Vater hörte +stillschweigend zu -- manchmal kam es Otto vor, als ob er leise seufze, +aber als er dann stockte und nicht mehr recht weiterkonnte, da blickte +der Vater ihn ermunternd an und sagte: »Sprich nur weiter; habe Mut und +sage alles.« + +Und Otto sagte alles, und zum Schluß kniete er nieder, und den Kopf auf +des Vaters Knie legend fügte er hinzu: »Vater, lieber Vater, du sollst +sehen, ich werde nun anders werden -- ich verspreche es dir und dem +lieben Gott. O könnt' ich doch nur -- könnt' ich alles wieder gutmachen! +O mein lieber, guter Vater!« + +Der Vater legte die Hand auf des Sohnes Haupt. »Ich danke dir, Kind, für +dein offenes Bekenntnis. Es ist ja gewiß sehr schmerzlich für mich, zu +erfahren, wie sehr ich mich in dir getäuscht habe -- aber dein Mut und +deine Offenheit bürgen mir für deine jetzigen guten Gesinnungen und auch +für die Zukunft. Glaube mir, mein Sohn, ich will gern diese Prüfung +tragen, ich will sie sogar segnen, wenn sie dazu dienen soll, aus dir +einen guten, offenen und pflichttreuen Menschen zu machen. Und nun geh' +zur Ruhe, mein liebes Kind -- lege dich schlafen.« + +»O Papa, wie könnt' ich denn schlafen!« + +»Warum solltest du denn nicht schlafen können, jetzt mit deinem +erleichterten Gewissen -- und besonders wenn du es aus Gehorsam +versuchst? Gute Nacht, mein lieber Sohn -- Gott segne dich!« Und der +Vater küßte den Sohn auf die Stirne. + +Dann ging Otto hinauf, und nun konnte er mit Tante Toni beten, so recht +von Herzen und mit Vertrauen. + +Nach dem Gebete sagte Tante Toni: + +»Nun leg' dich zu Bett, mein lieber Bub, und schlafe; du kannst nun +ruhig alles dem lieben Gott überlassen.« + +»O Tante, gehst du fort, gehst du wieder hinüber zu Wulffs?« + +»Nein, nein, ich bleibe hier; ich will hinübertelefonieren, damit man +drüben nicht auf mich wartet. Ich komme hernach noch einmal nach dir +sehen.« + +Als Tante Toni das Zimmer verlassen hatte, legte Otto sich gehorsam zu +Bett, und er schloß die Augen. Aber der Schlaf wollte nicht kommen. +Immer und immer wieder mußte er an das Papier denken, an das +schreckliche Papier. »Ach, wüßt' ich doch nur, was das für ein Papier +ist, von dem so viel abhängen kann!« Wie hatte der Vater gesagt? »Mehr +als mein Leben -- meine Ehre!« Und nun kam es wieder, das +Schreckgespenst -- das Gefängnis! -- Sein lieber, edler Vater unschuldig +im Gefängnis, durch seine, des eigenen Sohnes Schuld! -- Nein, das war +gar nicht auszudenken -- das konnte er nicht ertragen. »Ach, hätt' ich +doch gefolgt«, stöhnte er, »hätt' ich doch den Stein und die Papiere +nicht angerührt -- so wäre das alles nicht passiert!« Und Otto weinte in +sein Kissen hinein, und dann betete er wieder: »Ach, lieber Gott, hilf +doch! Ich bitte dich, hilf -- ich will ja auch ein ganz anderer Bub +werden, ich versprech' es dir -- o hilf uns doch, lieber, allmächtiger +Gott!« + +Nach diesem Gebet fühlte er sich ein wenig ruhiger, aber schlafen konnte +er doch nicht, er mußte wieder an seinen lieben Vater denken -- ob er +nun wohl noch immer unten an seinem Schreibtisch saß, so still, so +niedergebeugt? O was hatte er ihm doch angetan, diesem seinem guten +Vater! Wenn er doch wenigstens etwas für ihn tun könnte, wenn er doch +wüßte, ob der Vater noch immer so hoffnungslos ist! -- Tante Toni, wo +bleibst du so lang? Es ist Otto, als müsse er ersticken unter der Last, +die ihm auf dem Herzen liegt -- er kann's nicht mehr ertragen -- er +richtet sich auf in seinem Bett -- ist er denn ganz allein? Kommt +niemand ihm helfen, ihn trösten? O Tante, Tante Toni, komm' doch! + +Hatte er es laut gerufen? Er wußte es selbst nicht -- aber Tante Toni +kam, und er streckte ihr wie um Hilfe flehend die Arme entgegen, er hing +sich an ihren Hals und rief schluchzend: + +»O mein Vater, mein lieber, armer Vater, was wird ihm geschehen? Ach, +Tante, sag' mir doch, was kann man ihm denn antun? Wird er nun wirklich +ins -- ins Gefängnis kommen!« + +Da war es heraus, das schreckliche Wort! Es schauderte Otto, während er +es aussprach. + +»Nein, nein«, beschwichtigte ihn Tante Toni, »davon ist keine Rede.« + +»Wie! Kann er denn doch noch seine Unschuld beweisen?« Otto jubelte +beinah' auf, aber Tante Toni schüttelte traurig den Kopf. + +»Du bist noch zu jung, Otto«, sagte sie; »ich kann dir die Sache nicht +genau erklären. Es gibt unehrenhafte Handlungen, für die man nicht ins +Gefängnis kommt, aber der sie begangen hat, steht deshalb doch entehrt, +gebrandmarkt vor der ganzen Menschheit da. Deinem Vater wirft man vor, +das Vertrauen anderer mißbraucht und zu seinem eigenen Vorteil +ausgebeutet zu haben -- und obwohl es keinen redlicheren, selbstloseren +Menschen geben kann wie ihn, so haben sich doch Leute gefunden, die +solchen Anschuldigungen Glauben schenken. Gerade in der letzten Zeit +sind seine Gegner besonders kühn aufgetreten, weil derjenige, der für +deinen Vater hätte zeugen können, gestorben ist. Sie wußten nicht, daß +er ein Schriftstück hinterlassen hat, welches nicht nur alle +Verdächtigungen zunichte macht, sondern auch ein helles Licht auf die +lautere Gesinnung und edle Handlungsweise deines Vaters wirft. Dieses +Schriftstück nun ist es, welches dein Vater, als er vor einigen Tagen so +plötzlich verreiste, als wichtigstes Beweisstück herbeigeholt hat und +das nun verschwunden ist. Dieses Schriftstück, morgen in der +öffentlichen Gerichtsverhandlung vorgelesen, hätte ihn vor allen +Menschen gerechtfertigt, hätte seinen Verleumdern eine große Niederlage +bereitet -- und nun ist es verschwunden, und es ist nicht zu ersetzen. +Aber trotzdem wollen wir hoffen, daß die Verhandlung morgen zu deines +Vaters Gunsten ausfällt. Die guten Menschen wenigstens werden an ihn +glauben. Und nun, liebes Kind, lege dich hin und schlafe. Wir können +nichts mehr tun, als die Sache dem lieben Gott überlassen.« + +Tante Toni blieb noch an Ottos Bett sitzen, bis er eingeschlafen war. +Erst als sie sich überzeugt hatte, daß er wirklich schlief, stand sie +leise auf und ging hinunter. Auf der Treppe aber blieb sie lauschend +stehen; war es ihr doch, als hätte sie leises Weinen gehört. Richtig, es +kam aus Lillys Zimmer! Rasch kehrte die Tante zurück, und sie fand +wirklich die arme kleine Lilly bitterlich schluchzend in ihrem Bettchen. + +»Aber was hast du denn, Lillchen? Was fehlt dir?« + +Die Kleine konnte kaum antworten vor Schluchzen: »Der Papa ist nicht -- +an mein Bett gekommen -- um mir >Gute Nacht< zu sagen -- und es hat +niemand mit mir gebetet -- und ich hab' gehört, wie der Otto hier neben +geweint hat -- und ich war ganz allein -- und ich bin so traurig -- +und ...« Und Lilly brach von neuem in bitterliches Weinen aus. + +Tante Toni nahm das Kind auf den Schoß, tröstete es, wiegte es in den +Armen wie ein ganz Kleines, und als Lilly etwas ruhiger geworden war, +fragte sie: »Wollen wir nun das Abendgebet zusammen beten?« + +Lilly nickte, und sich an die Tante anschmiegend, faltete sie die +Händchen. Nach dem Gebet ließ sie sich auch gehorsam wieder ins Bettchen +legen, aber als Tante Toni sich neben sie setzte mit dem Versprechen, +bei ihr zu bleiben, bis sie schliefe, da schüttelte Lilly traurig das +Köpfchen: »Wenn der Papa nicht erst zu mir kommt, dann kann ich doch +nicht schlafen.« + +Da ging Tante Toni hinunter, und sie sagte: »Lilly kann nicht schlafen, +weil Papa ihr nicht >Gute Nacht< gesagt hat. Klein Lilly hat ihren Vater +so lieb.« + +Da hob der gebeugte Mann das Haupt, und es ging wie ein heller Schein +über sein Gesicht -- aber gleich zuckte es darin wieder wie tiefes Weh, +und er sagte: + +»Arme kleine Lilly, arme Kinderchen -- es ist ja für sie, daß ich meinen +Namen rein und unbefleckt erhalten möchte.« + +Dann ging er hinauf und nahm Tante Tonis Platz an Lillys Bettchen ein. +Obwohl er sein Töchterchen anlächelte, sah dieses doch, daß er Kummer +hatte. Es küßte des Vaters Hand und streichelte sie zärtlich. + +»Sei nicht traurig, Papa -- ich hab' dich ja so lieb, _so lieb_! -- Ich +will auch ein recht braves Kind werden -- ich hab' es der Tante Toni +schon versprochen. Die Tante Toni hab' ich auch sehr lieb....« + +»Das sollst du auch, mein Kindchen; und nun mußt du schlafen. Gute +Nacht, mein Töchterchen!« + +»Gute Nacht, lieber Papa -- lieber -- guter -- Papa!« Und leise, leise +fielen Lillys müdgeweinte Äuglein zu; sie schluchzte noch einmal auf, +wie Kinder oft nach heftigem Weinen tun, und dann schlief sie sanft und +fest ein. + +Bald darauf war alles im Hause still, nur Herr Mehring und seine +Schwester waren noch auf, sie saßen beisammen im Arbeitszimmer. Herr +Mehring saß am Schreibtisch und schrieb Notizen auf; Tante Toni saß +etwas abseits, sie hielt die Hände auf den Knien gefaltet, und sie +lauschte dem Wind, der an den Fensterläden rüttelte. Als Herr Mehring +von seiner Arbeit aufschaute, begegnete er dem sorgenvollen, fragenden +Blick seiner Schwester. Er sagte mit einem schmerzlichen Seufzer: »Wenn +ich wenigstens noch etwas Zeit vor mir hätte -- dann könnte ich +vielleicht noch einige Zeugnisse herbeischaffen -- aber bis morgen ist +es unmöglich. O Toni, ich sehe der Verhandlung mit schweren Besorgnissen +entgegen. Ich war meiner Sache so sicher -- und nun ...« Der +schwergeprüfte Mann ließ den Kopf auf die Brust sinken. + +Tante Tonis Augen füllten sich mit Tränen, als sie ihren sonst so +tatkräftigen, mutigen Bruder jetzt so niedergebeugt sah. »Verzage doch +nicht, Robert«, sagte sie, »der liebe Gott läßt dich nicht im Stich.« + +Herr Mehring lächelte wehmütig. + +»Aber der liebe Gott wird wohl kaum ein Wunder für mich tun.« + +»Und warum nicht, du Kleingläubiger?« rief Tante Toni eifrig aus. »Was +ist denn ein Wunder für ihn, den Allmächtigen! Aber Gott kann auch +helfen ohne Wunder. Er ist ja allweise, und wir sind arme, kurzsichtige +Menschenkinder, wir sorgen und quälen uns ab, statt ganz auf ihn zu +vertrauen!« + +»Du hast recht, Toni, liebe Schwester, Gott kann alles zum Guten wenden, +und ist es sein Wille, daß ich morgen vor den Menschen gedemütigt und in +den Staub gezogen werde, so geschehe sein heiliger Wille; er wird mir's +tragen helfen.« + +Dann herrschte wieder Stille und Schweigen im Zimmer. Draußen aber war +der Wind zum Sturm geworden. Der wütete im Garten, schüttelte und beugte +die Bäume und peitschte den Regen gegen die Fenster, daß es prasselte. + +»Welch ein Wetter!« sagte Tante Toni halblaut, als eben ein besonders +heftiger Windstoß einherfuhr, als ob er alles mit sich fortreißen +wollte. Plötzlich fuhr sie zusammen, und auch Herr Mehring sprang von +seinem Stuhl auf. Laut und schrill tönte es durchs Haus -- die +Türglocke. + +»Was mag das sein? Wer mag so spät noch kommen?« + +»Die Mädchen schlafen schon, ich werde selbst nachsehen«, sagte Herr +Mehring; aber Tante Toni ging mit ihrem Bruder hinunter. + +»Wer ist da?« fragte dieser, ehe er die Haustüre öffnete. + +»Ich bin's, Herr, ich, der Christian«, tönte es von draußen. + +»Wie, Christian, Sie kommen noch so spät und bei diesem Wetter?« rief +Herr Mehring, die Tür öffnend. »Was gibt es denn?« + +»Huh, ja, das is e Wetter!« sagte Christian eintretend und sich die Füße +abputzend, während ihm das Wasser von Hut und Mantel niederrann. »Und +ich muß recht um Entschuldigung bitten, daß ich Ihne noch so spät stör, +Herr Mehring, aber sehn Se, die alt Babett hat mer ja kei Ruh gelassen, +sie hat sich's halt in ihrn eigensinnige Kopp neingesetzt gehabt, Sie +müßte das Papier da, wo se in ihrm Korb gefunde hat, wie se diesen Abend +heimkomme is, noch heut zurückkriege, und wenn emal die Babett sich was +in ihrn alte Kopp gesetzt hat ... Aber um Gottes wille, Herr Mehring, +was is Ihne dann? Was hab' ich denn jetzt angestellt!« + +Herr Mehring hatte nämlich dem Alten, während dieser sprach, das Papier +aus der Hand genommen, und kaum hatte er einen Blick hineingeworfen, da +hatte er einen Schrei ausgestoßen und war zurückgetaumelt. + +»Was ist dir, Robert, was ist?« rief Tante Toni erschrocken aus. Herr +Mehring legte den Arm um sie, und den Kopf an ihre Schulter lehnend, +sagte er mit von Tränen erstickter Stimme: »O Toni, der liebe Gott hat +geholfen, ohne ein Wunder zu brauchen -- es ist das Schriftstück!« + +»Gott sei Dank, Gott sei Dank!« rief Tante Toni lachend und weinend +zugleich. »Siehst du, ich wußt' es ja, daß der liebe Gott uns nicht im +Stich lassen würde!« + +»Die alt Babett hat am End doch recht gehabt«, dachte der Christian, und +er kratzte sich hinter dem Ohr, was er gewöhnlich tat, wenn er verlegen +oder nachdenklich war. Aber man ließ ihm nicht viel Zeit zum Nachdenken; +Herr Mehring und seine Schwester nötigten ihn ins Zimmer, und während +Tante Toni ihm ein Glas Wein einschenkte, sagte Herr Mehring: + +»Aber nun, Christian, sagen Sie mir doch, wie Sie, oder vielmehr wie +Babett zu diesem Papier kommt!« + +»Ja sehn Se, Herr, des war halt so: Die Babett is ja diesen Nachmittag +hier gewese, um den Lappekorb abzuhole, wie se's halt immer zweimal im +Monat tut. Wie se nun mit ihrm Korb fortgehn wollt, da is se da im +Garte, grad vorm Haus ausgerutscht und wär beinah hingefalle, und sie +hat in ihrm Schrecke laut geschriee -- da is obe e Fenster aufgerisse +worde und es sind allerhand Papiere rausgefloge, und gleich drauf is der +Herr Otto gelaufe komme, um die Papiere wieder aufzulese, und wie em die +Babett dabei geholfe hat, da hat er gesagt, sie sollt nur recht +achtgebe, denn es wärn gar wichtige Papiere. Aber die Babett hat gar nit +gemerkt, daß eins von dene Papiere in ihrn Korb gefalle is, und des hat +se erst gefunde, wie se vorm Schlafegehn ihrn Korb ausgeleert hat, und +da hat se mich gerufe; ich hab aber schon mit eim Aug geschlafe, und wie +ich halt nit gleich raus gewollt hab, da hat se angefange und hat auf +mei Tür gekloppt mit ihre zwei Fäust, und die sin noch recht kräftig für +so e alte Frau, denn sie hat Ihne en Spekeltakel aufgeführt, wie wann se +die ganz Stadt hätt aufwecke wolle. Und wie ich ihr dann zugeredt hab +und gesagt, des tät sich doch nit schicke, daß ich jetzt wege so eme +lumpige Papier die Leut noch aus em Schlaf störe sollt, da hat se immer +wieder gesagt, des wär e wichtig Papier, der Herr Otto wär ganz blaß +gewese, wie er runtergelaufe wär, und des Papier müßt diesen Abend noch +zu Ihne gebracht werde, und wenn ich nit gehn wollt, dann tät sie halt +selber gehn. No so bin ich halt komme, und wenn Se erlaube, Herr +Mehring, so trink ich jetzt auf Ihr Wohl und aufs Wohl vom Fräule +Toniche.« + +Er leerte sein Glas, stellte es auf den Tisch und fuhr sich mit dem +Ärmel über den Mund. Er machte große Augen, als Herr Mehring ihm so +herzlich dankte und ihm erklärte, welch großen Dienst er ihm durch +Überbringung des Schriftstückes geleistet hatte. + +»Na, da freu' ich mich aber!« rief er beim Abschiednehmen, »und morge, +da werd' ich auch dabei sein, um die Gesichter von dene miserable +Lügner zu sehn. Na, aber so was! Wenn ich noch dran denk, was Sie für e +lieber, wilder Bub warn, früher, wie ich noch Gärtner bei Ihne Ihre +Eltern war, Herr Robert, und wie Sie mal von der Frau Mama eine +übergezoge kriegt habe, weil Se mer in mei frischgepflanzte Beete +gesprunge sin!« Und im Fortgehen murmelte er vor sich hin: »Ja, ja, wenn +mer halt noch emal jung sein könnt!« + +Als Otto am andern Morgen aufwachte, fiel sein erster Blick auf Tante +Toni, die schon an seinem Bette saß. Er war erst ganz erstaunt und rieb +sich die Augen, aber gleich legte es sich wieder wie eine Zentnerlast +auf sein Herz. Wie hatte er nur so gut schlafen können nach dem, was +gestern passiert war? + +»O Tante!« rief er aus, »Tante, es ist ja heute -- _heute_ ...!« + +Aber die Tante lächelte und sagte mit bewegter Stimme: »Otto, knie dich +gleich nieder und danke dem lieben Gott aus ganzem Herzen.« + +»Das Papier, Tante, das Papier -- ist gefunden?« + +Die Tante nickte. »Erst beten, Otto, dann erzähl' ich dir.« + +Ein warmes, aufrichtiges Dankgebet stieg aus des Knaben Herzen zum +Himmel hinauf, dann aber lauschte Otto gespannt dem Bericht der Tante. + +»Die gute Babett!« rief er am Schluß der Erzählung aus. »Heute noch +gehen wir zu ihr, gelt, Tante! Ich will sie jetzt gerne um Verzeihung +bitten wegen neulich -- du weißt ja, Tante --, und die Lilly nehmen wir +auch mit. O Tante, es schaudert mich, wenn ich daran denke, wie leicht +Babett das Papier hätte verlieren oder als wertlos zerreißen können; +oder wenn sie es gar nicht bemerkt hätte, dann wäre es mit all ihren +andern Lappen zusammen in den Sack des Lumpensammlers gekommen!« + +»Das hätte allerdings sehr leicht geschehen können; aber der liebe Gott +hat unser Gebet erhört, und er hat es nicht zugelassen.« + +»Ach, Tante, wenn ich doch nur heute nicht in die Schule gehen müßte! +Ich werde doch nicht achtgeben können, ich muß ja doch immer an Papa +denken. Nicht wahr, jetzt _muß_ es doch gut für ihn ausgehen?« + +»Gewiß, Kind, du kannst ganz ruhig sein, und du mußt dir alle Mühe +geben, heute in der Schule ganz besonders aufmerksam zu sein. Du mußt +sofort beginnen, die guten Vorsätze, die du gestern gefaßt hast, +auszuführen; nur nicht gleich anfangen zu verschieben, denn dann wird +nichts daraus.« + +Das war ein denkwürdiger Tag; Otto vergaß ihn nie mehr in seinem Leben. +Als er von der Schule heimkam, fand er Haus und Garten voller Menschen. +Sein Vater stand oben auf dem Balkon, umgeben von seinen Schwägern und +einigen Freunden, und er richtete von dort aus einige warme Dankesworte +an alle, die gekommen waren, um ihn zu beglückwünschen und ihm ihre +Teilnahme zu bezeigen. + +»Unser Mehring soll leben -- hoch, hoch, hoch!« so riefen alle +Anwesenden, und am lautesten schrie der alte Christian. Der kam sich +überhaupt gar wichtig vor; Herr Mehring hatte ihm vor allen Zuschauern +die Hand geschüttelt, und er sah sich nun bald von Neugierigen umringt, +die ihn über den Verlauf der Gerichtsverhandlung ausfragten; denn +Christian hatte derselben von Anfang bis zum Schluß beigewohnt, und er +ließ sich auch nicht lange bitten, es machte ihm selbst ja ein großes +Vergnügen zu erzählen, wie alles so prächtig gegangen, wie die +Verleumder in die Enge getrieben worden seien und was sie für verdutzte +und wütende Gesichter gemacht, als das Schriftstück verlesen wurde, von +dessen Vorhandensein sie gar keine Ahnung gehabt hatten und welches auf +Herrn Mehrings Charakter und Handlungsweise ein so helles Licht warf. + +Ottos Herz hüpfte ordentlich vor Freude. Er war so stolz auf seinen +lieben, herrlichen Vater, und als ein alter Mann ihm auf die Schulter +klopfte und ausrief: »Bub, Männer wie dein Vater sind ein Segen fürs +Volk und fürs Vaterland; sieh zu, daß du ihm nacheiferst!« da streckte +Otto diesem die Hand hin und sagte: »Das will ich -- hier meine Hand +drauf!« + +Am Abend, als alle Gäste fort waren, rief Herr Mehring seinen Sohn zu +sich. Er sah ihn eine Zeitlang ernst und forschend an; endlich sagte er: + +»Otto, ich möchte, daß du mir das Versprechen, welches du mir gestern in +der Not und in der Angst gegeben hast, heute frei von diesen Gefühlen +und wohlbedacht erneuerst. Ist es dir wirklich Ernst mit deinem +Vorsatz?« + +Otto sah seinem Vater freimütig in die Augen: + +»Ja, Vater, es ist mir Ernst, und ich will tun, was mir möglich ist, um +dir Freude zu machen.« + +»Gott segne dich, mein Sohn, und er helfe dir; denn es ist nicht so +leicht, wie du dir's jetzt denkst. Die Erinnerung an die eben +überstandene schwere Prüfung wird sich mit der Zeit abschwächen, du +wirst schwache Stunden haben und vielleicht manchmal in die alten Fehler +zurückfallen. Laß dich dadurch nur ja nicht entmutigen, sondern bleibe +beharrlich; es wird, es muß gehen mit Gottes Hilfe.« + +Otto bemühte sich redlich, sein Versprechen zu halten. Er nahm es nun +auch sehr ernst mit der Vorbereitung auf die erste heilige Kommunion, +und Lilly konnte sich gar nicht genug wundern über diese Umwandlung +ihres Bruders. + +»Du bist ja auf einmal ganz anders geworden wie früher«, sagte sie, ihn +mit großen, verwunderten Augen ansehend. »Du bist gar nicht mehr grob, +du neckst und ärgerst mich nicht mehr, und du hast dem Rudi sogar deinen +Drachen geschenkt.« + +Nach einigem Nachdenken fügte sie hinzu: »Muß ich auch so brav werden +nächstes Jahr, wenn ich zur ersten heiligen Kommunion gehe?« + +»Natürlich, Lilly, noch viel bräver, und deshalb tätest du gut daran, +wenn du jetzt gleich anfingest etwas bräver zu werden. Du solltest dir +zum Beispiel vornehmen, nie mehr zu lügen.« + +»O, ich lüge ja gar nicht!« + +»So? Ist das vielleicht nicht lügen, wenn man eine Wasserflasche +zerbricht und hernach behauptet, man hätte sie gar nicht angerührt, und +wenn man über ein Gitter klettert und sich dabei das Kleid zerreißt und +man sagt, die andern Kinder hätten beim Spielen so gezerrt, daß das +Kleid kaput gegangen sei? O Lilly, es ist so abscheulich, wenn man +lügt!« + +»O du, als ob du nie gelogen hättest!« Und Lilly machte ein finsteres, +trotziges Gesicht. + +Otto wurde ganz rot und wollte zornig auffahren, aber er bezwang sich, +und er sagte einfach: »Ja, ich weiß es, Lilly, ich hab' früher auch +gelogen; aber jetzt schäm' ich mich darüber, und ich werde es nie, nie +mehr tun. Komm, Lilly, willst du lieb sein und mir eine Freude machen? +Dann versprich mir, daß du von nun an nie mehr lügst.« + +»O du, versprechen! -- Das muß ich mir erst noch überlegen. Ich bin ja +auch noch kleiner und jünger wie du!« Damit sprang Lilly davon. Sie fand +es ja wohl sehr angenehm und bequem, einen so braven Bruder zu haben, +der stets bereit war nachzugeben, der ihr bei den Aufgaben half; aber +sich von ihm schulmeistern oder ermahnen zu lassen, das gefiel ihr +nicht. + +Otto schüttelte enttäuscht den Kopf. »Sie versteht es noch nicht«, +tröstete er sich; »sie hat eben noch nicht so etwas Schreckliches +durchgemacht wie ich!« + + + + + Achtes Kapitel. + + Klein Tonis Wunsch geht in Erfüllung! + + +Draußen war das schönste Wetter. Die Sonne schien, Vogelstimmen riefen +und lockten, und doch mochte Tante Toni nicht mit ihrer kleinen Bande in +den lieben, alten Spessart hinaufwandern -- sie saß an klein Tonis +Bettchen. Immer schmaler und blasser wurde das liebe Kindergesichtchen, +und die blauen Augen blickten immer sehnsüchtiger und erwartungsvoller. + +»Tante, was hast du gestern abend dem Otto erzählt?« fragte die Kleine +jeden Morgen, wenn Tante Toni zu ihr kam, und sie konnte nicht müde +werden zuzuhören, wenn diese ihr vom lieben Heiland erzählte, der die +Menschen so lieb hat, daß er die Gestalt des Brotes annimmt, um immer in +ihrer Mitte zu sein und sich aufs innigste mit ihnen vereinigen zu +können. Am liebsten hörte sie aber die Geschichte vom göttlichen +Kinderfreund, der es nicht dulden wollte, daß die Apostel die Kinder +fortschickten, und der ausrief: »Lasset die Kindlein zu mir kommen!« + +»Ach, Tante, wär' ich doch eines von den kleinen Judenkindern gewesen -- +vielleicht hätte der liebe Heiland mich auch auf seine Knie genommen und +hätte mich gesegnet!« Und klein Tonis Augen erglänzten, als sie sich so +lebhaft vorstellte, wie schön, wie herrlich es sein müßte, auf des +Heilands Schoß zu sitzen und das Köpfchen an seine Brust zu lehnen. + +Mit großer Geduld ertrug klein Toni es, so lange still im Bettchen +liegen zu müssen. Der Husten und das Fieber quälten sie sehr, aber sie +klagte nicht, sie seufzte nur manchmal, wenn das Rufen und Lachen ihrer +Geschwister vom Garten zu ihr heraufklang. + +Einmal aber hatte sie doch wieder einen ihrer früheren Zornanfälle -- +das war, als Lilly sie besuchen kam und sagte: »Du hast's gut, du kannst +hier bequem in deinem Bett liegen und tun, was du willst, während wir +andern in die Schule müssen.« + +Tonichen hatte darauf erklärt: »Es ist viel schöner und lustiger, gesund +zu sein und in die Schule zu gehen, als krank zu sein.« + +Da hatte aber Lilly ein spöttisches Gesicht gemacht und lachend +geantwortet: »Geh doch, Toni, _mir_ machst du so leicht nichts vor! Wenn +du so gern in die Schule gingest, wärst du sicher schon längst gesund -- +du stellst dich ein bißchen an.« + +Toni hatte erst ganz verwundert dreingeschaut -- sie konnte es ja gar +nicht begreifen, daß man so etwas von ihr denken konnte --, dann war sie +sehr böse geworden, und sie hatte geschrien: + +»Nein, ich stelle mich nicht an -- ich lüg' doch nicht!« Und dann mußte +sie sehr stark husten, und sie weinte dabei, so daß Lilly, die ja doch +im Grunde die kleine Toni lieb hatte, ganz bestürzt sagte: »Komm, +Tonichen, sei nicht mehr bös auf mich -- ich glaub' dir's ja, daß du +dich nicht anstellst, und ich sag's auch nie mehr.« + +Die beiden Kinder hatten sich daraufhin wieder versöhnt, aber am Abend +dieses Tages hustete klein Toni viel mehr und das Fieber war gestiegen +-- sie konnte keine Ruhe finden und weinte bittere Reuetränen, weil sie +sich wieder von ihrem Zorn hatte hinreißen lassen. Als Tante Toni ihr +»Gute Nacht« sagen kam, klagte sie: »Ich kann gar nicht mehr so gut an +den lieben Heiland denken -- ich meine immer, er wäre nun unzufrieden +mit mir und er würde mich jetzt nicht auf seinem Schoß haben wollen, +wenn ich eins von den kleinen Judenkindern wäre.« + +»O Tonichen, was denkst du denn vom lieben Heiland? Du hast ihn ja wohl +gekränkt durch deinen Zorn -- aber das hat er dir schon wieder +verziehen; es hat dir ja gleich nachher so leid getan. Und jetzt bist du +wieder sein kleiner Liebling. Du kannst dir ja gar nicht vorstellen, wie +lieb dich der liebe Heiland hat. Er hat dich ja schon gekannt und dich +geliebt damals, wie er für dich am Kreuz gestorben ist, und er hat eine +ganz besondere Freude an dir, weil du ihm zuliebe so geduldig bist und +dir so viel Mühe gibst, ein liebes, braves Kind zu sein.« + +Solchen Worten hörte klein Toni gerne zu, und sie lag nun wieder still +und getröstet in ihrem Bettchen. Sie klagte auch nicht, als sich am +andern Tag ein quälendes Stechen in der Brust und in der Seite +einstellte. Ihr armes Köpfchen war so weh und schwer, daß sie es kaum +mehr vom Kissen erheben konnte. + +»Es ist eine Lungenentzündung hinzugetreten«, sagte der Hausarzt, und er +brachte noch einen zweiten Doktor mit -- aber der hieß alles gut, was +der gute alte Hausarzt gesagt und angeordnet hatte; helfen konnte er +auch nicht, und er sagte zu den tiefbetrübten Eltern: + +»Es ist ein sehr ernster Fall; aber solange noch Leben da ist, ist auch +noch Hoffnung.« + +Klein Toni aber schaute ihre Tante und Patin bittend an: + +»Was wünschest du, Liebling?« fragte diese, sich über ihr Bettchen +neigend. + +Mit leiser, schwacher Stimme flüsterte das Kind: »Tante, denkst du noch +an dein Versprechen?« + +Die Tante nickte. + +»Geh zum Herrn Pfarrer -- bitte, Tante -- ich möchte beichten -- und er +soll mir den lieben Heiland bringen.« + +Tante Toni zögerte einen Augenblick, aber klein Tonis Augen baten so +flehend, sie konnte nicht widerstehen -- sie begab sich sofort ins +Pfarrhaus. Sie sprach lange mit dem Herrn Pfarrer, und dieser versprach +ihr, die kleine Kranke gegen Abend zu besuchen. + +Es war wohl die Freude, die verursachte, daß Tonichen sich am Abend viel +leichter und besser fühlte. Ihre Augen leuchteten auf, als der Herr +Pfarrer an ihr Bettchen trat. + +»So, so«, sagte dieser freundlich, »das ist also die Kleine, die +kommunizieren möchte. Wie alt bist du denn, mein Kind?« + +»Ich bin sieben Jahre, Herr Pfarrer; ich habe also das Alter der +Vernunft.« + +Der Pfarrer lächelte: »So, meinst du? Nun sag' mir doch einmal, warum du +schon so früh zur heiligen Kommunion gehen möchtest!« + +Toni faltete ihre Händchen über der Brust und sagte in innigem Ton: +»Weil ich mich so sehr danach sehne, den lieben Heiland zu empfangen. +Ich habe mir ja sogar gewünscht, recht bald zu sterben, damit ich nicht +noch drei Jahre auf ihn zu warten brauche.« + +»Du weißt und glaubst also, daß man in der heiligen Kommunion den lieben +Heiland selbst empfängt?« + +»Aber natürlich!« sagte klein Toni, ganz erstaunt, daß der Herr Pfarrer +überhaupt so etwas fragen konnte. + +»Kannst du denn den lieben Heiland sehen?« + +»Ich kann nur die heilige Hostie sehen, aber ich weiß, daß es doch der +wirkliche liebe Heiland ist, so wie er jetzt im Himmel wohnt und wie er +früher auf die Welt gekommen ist, um uns zu erlösen.« + +Der Pfarrer stellte noch einige Fragen an Toni, welche dieselben alle +richtig und verständig beantwortete. Dann hörte er ihre Beichte an, und +als er fortging, da hatte er Tränen in den Augen. + +»Morgen früh bringt er mir den lieben Heiland«, flüsterte Toni selig +lächelnd vor sich hin, und sie lag die ganze Zeit wie in stiller, +glückseliger Erwartung. Von ihrem Bettchen aus sah sie zu, wie Mutter +und Tante Toni einen kleinen Altar im Zimmer zurechtmachten. Etwas +später, als Vater und Mutter an ihrem Bett saßen, sagte sie: »Nicht +wahr, der liebe Gott hat mir ja nun alles verziehen, und ihr verzeiht +mir auch, Papa und Mama und Tante Toni und alle Geschwister, daß ich oft +so ungehorsam und so zornig war? -- Es tut mir ja so leid, und ich hab' +euch alle so lieb!« + +Die Eltern konnten ihre Tränen kaum zurückhalten. + +Dann wurde es Nacht, und klein Toni schlief so sanft und so ruhig, wie +sie lange nicht mehr geschlafen hatte. Sie hustete nicht und fühlte +auch keine Schmerzen mehr. Von Zeit zu Zeit öffnete sie die Augen und +fragte, ob es nun bald hell würde. + +»Ich freue mich so«, flüsterte sie, und als es endlich hell geworden +war, begannen die Mutter und Tante Toni die kleine Kranke für die +heilige Handlung herzurichten. Vorsichtig und behutsam zogen sie ihr ein +feines, gesticktes Nachtkleidchen an; auch ein kleines Myrtenkränzchen +bekam klein Toni, wie ein wirkliches Kommunionkind. Die Mutter gab ihr +einen schönen weißen Rosenkranz, und dann betete sie mit ihrem +Töchterchen, bis unten im Hause ein Glöckchen ertönte. Nun zündete Tante +Toni die Kerzen an und öffnete weit die Türe. Der Herr Pfarrer trat +herein, gefolgt vom Vater, von den Geschwistern und den Dienstboten, und +alle knieten nieder, als der Priester segnend die heilige Hostie erhob. + +Klein Tonis Augen strahlten in einem ganz eigenen Glanze, als der +Priester ihr das hochwürdigste Gut reichte, und ihre Wangen röteten +sich; dann lag sie still, ganz still mit gefalteten Händchen, ihr +Gesichtchen war wieder ganz blaß geworden, und ihre Augen waren +geschlossen, so daß der kleine Leo, der hinten neben Gretchen kniete, +diese leise fragte: »Ist die Toni jetzt schon ein Engel?« Statt aller +Antwort brach Gretchen in leises Weinen aus. + +Der Priester segnete nochmals die kleine Kranke und entfernte sich, +während der Vater und die übrigen Anwesenden ihm das Geleite gaben. + +Nur die Mutter und Tante Toni blieben zurück, und als Frau Wulff sich +etwas später über ihr Töchterchen neigte und leise fragte: »Wie fühlst +du dich, mein Kind?« da antwortete klein Toni lächelnd: »Wohl, o so +wohl!« und als sie dabei einen Augenblick die Augen öffnete, da hatten +diese einen Ausdruck, als ob sie schon über alles Irdische hinaus in +eine andere Welt blickten. Aber sie schlossen sich gleich wieder, und +Toni fiel in einen sanften Schlummer; jedoch selbst im Schlaf hielt sie +die Händchen auf die Brust gepreßt, als wollte sie den lieben Heiland da +drin festhalten, damit er ja nicht von ihr ginge. -- + +Als die Zwillinge und Anna um zwölf Uhr aus der Schule kamen, da fanden +sie alle Fensterläden geschlossen, die Haustüre war nur angelehnt, so +daß sie gar nicht zu schellen brauchten. Auf der Treppe stand Leo, der +schien auf sie gewartet zu haben. + +»Hast du die Türe aufgemacht?« fragte Kurt in strengem Ton. »Du weißt +doch, daß dir das verboten ist, und ...« + +Aber Leo legte den Finger auf den Mund und sagte leise: »Pst! Jetzt ist +unsere Toni wirklich ein Engelchen geworden.« + +»Wie, ist sie tot?« riefen die drei Kinder bestürzt aus. + +»Ja, ganz tot gestorben«, bestätigte Leo und nickte mit dem Kopf. »Aber +sie ist noch nicht im Himmel, denn sie liegt noch da drin und schläft +ganz fest.« + +Eben kam Gretchen mit rotgeweinten Augen aus dem Zimmer, und sie nahm +Leo mit sich, während Paul, Kurt und Anna leise, auf den Fußspitzen +auftretend, Tante Toni folgten, die gerade an der Türe erschien und +ihnen winkte. + +»Wie schön, o wie schön ist unser Tonichen!« flüsterte Anna, auf ihr +Schwesterchen blickend, welches wirklich wie ein schlafendes Engelchen +dalag -- so weiß, so still, so friedlich. Und leise weinend beugte sich +eines nach dem andern über das tote Schwesterlein, um ihm noch einmal +das kalte Händchen zu küssen. + +Vater und Mutter knieten da, von Schmerz gebeugt, aber als die andern +Kinder sich wie tröstend oder Trost suchend an sie schmiegten, da erhob +die Mutter das Haupt, und sie sagte: »Lasset uns dem lieben Gott danken, +daß er unserer lieben kleinen Toni einen so schönen, sanften Tod +verliehen hat. Sie läßt euch alle noch herzlich grüßen, jedes hat sie +noch beim Namen genannt, und zuletzt ist sie mit dem heiligsten Namen +Jesus auf den Lippen sanft eingeschlafen.« + +Hier brach der Mutter die Stimme, und eine Zeitlang hörte man im Zimmer +nichts mehr als unterdrücktes Schluchzen und leises Beten. + +Im Laufe des Nachmittags kamen auch Helmers mit ihren Kindern und Onkel +Robert mit den seinen, um die kleine Toni noch einmal zu sehen. Die +Kinder weinten zwar sehr, aber sie blieben doch ruhig und dachten daran, +wie glücklich Tonichen nun wohl schon im Himmel wäre. Nur Lilly stand +eine Zeitlang wie erstarrt und schaute mit großen Augen auf die kleine, +regungslose Gestalt. Auf einmal trat sie dicht an das Bett, und sich +über die Tote beugend bat sie: »Tonichen, du hast mir ja nicht >Adieu< +gesagt -- mach nochmal deine Äugelchen auf, bitte, schau mich nochmal an +und sag' mir, daß du mir nicht mehr bös bist wegen neulich -- du weißt +schon, Tonichen! Hörst du mich nicht? -- Tonichen!« + +Aber Tonichen antwortete nicht. Lilly war ganz fassungslos -- jetzt erst +fing sie an zu ahnen, was es eigentlich heißt: _tot sein_ -- sie hatte +es sich bisher noch nicht recht vorstellen können. Beim Tode ihrer +Mutter war sie noch zu klein gewesen. Aber nun empfand sie etwas wie +Entsetzen, und sie schrie plötzlich auf: »Toni -- Toni, sei doch nicht +tot! Du sollst nicht tot sein -- ich hab' dich ja lieb, Tonichen, viel +lieber als du weißt, und ich will dich nie mehr ärgern! Komm, Toni -- +komm', wach' auf!« Und Lilly umschlang Toni und küßte sie; aber sie fuhr +zurück -- wie kalt war Tonis Wange, todeskalt! -- Es durchschauerte +Lilly, und mit einem Schrei fiel sie in ihres Vaters Arme. Der trug sie +hinaus, und unter seinem und Tante Tonis beruhigendem Zuspruch schwand +allmählich der entsetzte Ausdruck aus ihrem Gesichtchen. Begierig +lauschte sie den Worten der Tante, die ihr erzählte, wie klein Toni sie +grüßen lasse: »Kurz vor ihrem Tode hat sie noch von dir gesprochen, +Lilly, und sie hat gesagt, sie wolle dein Mütterlein im Himmel von dir +und von Otto grüßen. Was da drinnen so kalt und starr liegt, das ist ja +gar nicht mehr unsere Toni, es ist nur ihre Hülle -- ihre liebe kleine +Seele ist schon oben im Himmel beim lieben Gott unaussprechlich +glücklich und selig.« + +»Aber nie, nie mehr kommt sie mit mir spielen, nie mehr kann ich mit ihr +sprechen!« klagte Lilly. + +»Aber doch, Lilly; du willst doch gewiß auch einmal in den Himmel +kommen!« + +»Ja schon, Tante Toni, aber ich bin so bös, ich hab' schon so oft +gelogen, und ich wollt' neulich dem Otto auch gar nicht versprechen, nie +mehr zu lügen -- und am End' komm' ich gar nicht in den Himmel!« + +»O, da sei du nur ganz ruhig! Das liebe Tonichen wird schon für dich +beten und bitten, daß du bald ein ganz braves und gutes Kind wirst. Du +mußt nur auch ernstlich wollen, und du wirst sehen, daß es gar nicht so +schwer ist. Denk' nur an Otto, wie der sich schon geändert hat!« + +»Ja, ich möchte ja auch gern brav werden. Ach, wenn du doch immer bei +mir bliebest, Tante Toni, dann könnt' ich's vielleicht. Aber nun ist +Toni fort, und wenn du dann auch wieder fortgehst ...« Und bitterlich +schluchzend schmiegte Lilly sich in Tante Tonis Arm. + +»Ich geh' ja noch nicht fort, ich bleibe ja noch bis nach Ottos erster +heiligen Kommunion«, tröstete die Tante, »und wenn du jetzt schön brav +bist und nicht mehr weinst, dann komm' ich diesen Abend noch zu dir +hinüber, und ich wasche dich und lege dich ins Bett, wie ich's früher +getan habe, als du noch klein warst -- willst du?« + +»Ja, Tante, ja!« Und Lilly trocknete ihre Tränen. »Aber bitte, laß mich +noch einmal hinein, laß mich Tonichen noch einmal sehen!« + +»Lieber nicht«, meinte der Vater besorgt, »es regt dich nur wieder auf. +Sei folgsam und komm' nun heim.« + +Lilly sah ihren Vater so innig flehend an, daß er schwankend wurde und +wohl nachgegeben hätte; aber Tante Toni sagte: »Wenn man einen guten +Vorsatz gefaßt hat, dann muß man auch gleich mit der Ausführung +beginnen, und wer ein braves Kind werden will, muß vor allem aufs erste +Wort gehorchen.« + +Jetzt ließ Lilly sich ohne Widerrede von ihrem Vater heimführen. + +Am folgenden Tag durfte sie aber noch einmal zurückkommen; Tante Toni +holte sie selbst ab und führte sie in den Saal unten, der in eine +Kapelle umgewandelt war. Dort lag die kleine Tote aufgebahrt zwischen +grünen Pflanzen und brennenden Kerzen -- ein Kreuz lag auf ihrer Brust, +und ihr Rosenkranz war um die gefalteten Händchen geschlungen. Der ganze +Anblick war so schön, so friedlich und doch so feierlich, daß Lilly gar +nicht mehr weinte. Sie kniete still da und betete: + +»Liebes Tonichen, hilf mir doch mein Versprechen halten, und grüße mir +tausendmal meine liebe Mama im Himmel!« + + + + + Neuntes Kapitel. + + Wie Lilly ein Geheimnis erfährt. Der große Tag und Ottos Entschluß. + Auf Wiedersehen! + + +Am nächsten Tage, während Herr Mehring und Otto Tonichens Begräbnis +beiwohnten, saß Lilly bei der Haushälterin, Fräulein Helene, im Zimmer. +Trotzdem diese sehr eifrig mit Ausbessern von Strümpfen und Wäsche +beschäftigt war, fiel es ihr bald auf, daß Lilly heute ungewöhnlich +still war. + +»Kind, du bist ja heute so brav, daß man dich gar nicht wieder kennt«, +sagte sie, ganz verwundert von ihrer Arbeit aufblickend; »du bist auch +so blaß, du wirst doch nicht am Ende krank sein?« + +»O, ich möchte ganz gern wieder mal krank sein«, meinte Lilly +nachdenklich. + +»Was, du möchtest gerne krank sein? Aber ich danke dafür! Das darf man +ja überhaupt gar nicht wünschen.« + +»O, das ist aber doch so schön! Dann kommt Papa sich manchmal an mein +Bett setzen, und diesmal käme sicher Tante Toni mich pflegen, und sie +bliebe vielleicht sogar den ganzen Tag bei mir.« + +»Ja, das gefiele dir wohl.... Aber das Kranksein ist drum doch nicht +angenehm; es tut gewöhnlich recht weh.« + +»Ach, das will ich schon aushalten, wenn ich nur jemand bei mir habe, +der mich recht lieb hat!« + +Wieder blickte Fräulein Helene ganz erstaunt auf Lilly; sonst hatte das +Kind doch gar nicht so nach dem Liebhaben gefragt. Laut aber sagte sie: +»Ich hätte sicher nichts dagegen, wenn deine Tante dich pflegen käme, +falls du wieder mal krank würdest; denn ich weiß noch recht gut, wie ich +das letztemal hab' laufen und springen müssen; zehn Arme und zehn Beine +hätte ich brauchen können, um dich zu bedienen, und trotzdem war's nie +recht.« + +Lilly hatte schuldbewußt das Köpfchen gesenkt. Kleinlaut erwiderte sie: +»Ja, ich kann mich noch erinnern; ich glaub', ich war recht bös, und du +hast oft gesagt, du könntest's nicht mehr aushalten und du wolltest +fort.« + +»Und ich glaub', ich wäre auch fort, wenn deine Tante, Frau Wulff, mir +nicht gute Worte gegeben und zugeredet hätte, ich solle den Herrn +Mehring doch nicht so im Stich lassen, der könne sich doch nicht auch +noch um den Haushalt kümmern. Aber was schwätz' ich denn da? Davon +verstehst du ja doch nichts!« + +»Doch, doch, ich versteh' es recht gut. Ich weiß auch, daß du eine +vorzügliche Haushälterin bist, aber von Kindererziehung verstehst du +keine blaue Bohne.« + +»I du meine Güte! Da schau mal einer die Fräulein Weisheit an! Wo hast +du denn das wieder mal her?« + +»Ach, das hab' ich halt schon sagen hören von den Tanten, auch von +Lina ...« + +»Natürlich -- die blaue Bohne, die stammt sicher von der Lina. Die wird +wahrscheinlich etwas von Kindererziehung verstehen, die! Vom Haushalt, +von Reinlichkeit und Ordnung versteht sie jedenfalls nichts, und wenn +ich nicht immer hinter ihr drein wäre, dann sähe es hier bald aus wie in +einem Stall!« + +Fräulein Helene war sehr in Eifer geraten, und sie hätte wohl noch eine +Weile fortgeredet, wenn nicht eben draußen ein arges Gepolter +entstanden wäre, so daß Lilly ganz erschrocken zusammenfuhr. Fräulein +Helene war aufgesprungen, aber sie schien zu ahnen, was der Lärm +bedeutete; denn Arbeit, Fingerhut und Schere in den Korb werfend rief +sie aus: »Da haben wir's ja gleich! Eine rechte Meisterleistung von der +Lina, die so viel von Kindererziehung versteht! Sie sollte sich lieber +um ihre Arbeit kümmern und nicht Eimer und Bürsten die Treppe +hinunterwerfen. Eine nette Bescherung das -- und gerade gestern haben +wir einen frischen Läufer auf die Treppe gelegt ...« + +Lilly sah der Haushälterin, die sehr erzürnt und aufgeregt das Zimmer +verlassen hatte, etwas ängstlich nach; aber dann lächelte sie wieder: +nein, sie wußte ja, Fräulein Helene würde der Lina doch nichts tun, sie +würde sie auch nicht fortschicken; obwohl sie viel mit den Mädchen +zankte, mochten diese sie doch gut leiden, denn im Grunde war sie recht +gutmütig, die Fräulein Helene, und Lilly war ganz erstaunt zu bemerken, +daß sie selbst sie auch gern hatte. Und sie hatte sich doch so oft +eingebildet, sie könne sie gar nicht ausstehen! Wie war das doch nur?... +Lilly versuchte nachzudenken, aber ihr Köpfchen war so eigentümlich +schwer, in ihren Schläfen klopfte es so. Auch kam es ihr auf einmal so +heiß vor im Zimmer und sie hätte gerne das Fenster aufgemacht; aber sie +hatte das Gefühl, als ob sie hinfallen würde, wenn sie nun aufstände. +Sie breitete die Arme auf den Tisch und legte das Köpfchen darauf. Über +was wollte sie denn eben nachdenken? Sie wußte es schon gar nicht mehr, +aber sie wunderte sich über das Sausen und Brausen in ihren Ohren und +über das Hämmern im Kopf. Sie wollte ein bißchen schlafen, vielleicht +würde es ihr dann wieder besser. Nach einiger Zeit war es ihr auf +einmal, als ginge die Türe auf und sie hörte, wie jemand ausrief: +»Lieber Gott, das Kind ist krank!« Aber es klang ihr wie aus weiter +Ferne. Sie fühlte sich emporgehoben und getragen, aber es war ihr alles +wie ein Traum. Dann lag sie in ihrem Bettchen, sie wußte gar nicht, wie +sie hineingekommen war, und sie wollte fragen: »Muß ich jetzt sterben +wie die kleine Toni?« aber sie konnte gar kein Wort herausbringen. Sie +konnte kaum die Lippen bewegen, und die waren so heiß und trocken; aber +dann gab ihr jemand etwas zu trinken und eine kühle, weiche Hand legte +sich auf ihr schmerzendes Köpfchen. O wie wohl das tat! + +Klein Lilly schlief ein; aber sie hatte allerhand wirre Träume, +beängstigende, dann auch wieder schöne und freundliche. Einmal war es +ihr, als stände eine abscheuliche Hexe in der Ecke des Zimmers, und die +lachte spöttisch und winkte ihr mit ihrem langen, knöchernen Finger; sie +wollte schreien, aber ihre Kehle war wie zugeschnürt, sie konnte keinen +Laut hervorbringen; die Hexe kam aber immer näher und näher, und in +wilder Angst wendete Lilly den Kopf ab; da stand auf einmal Anna an der +andern Seite des Bettes, die lachte und sagte: »Sei doch nicht so dumm! +Es ist ja die Babett; die ist doch gar keine Hexe, und die tut dir +nichts!« -- und als sie nun, noch recht ängstlich, wieder +hinüberschaute, da stand dort wirklich die Babett, die sah ganz +freundlich aus und sagte: »Ich tu niemand was zu leid, und ich hab' auch +schön für dein Mutterle gebetet; es läßt dich schön grüßen.« + +Ein andermal, als Lilly stöhnend aus einem wüsten Traum aufwachte und +ganz verstört um sich blickte, da neigte sich Tante Toni über ihr +Bettchen: »Sei ruhig, mein Liebling, ich bin ja bei dir, und ich verlaß +dich nicht; schlafe nur.« + +Klein Lilly lächelte beim Ton dieser leisen, lieben Stimme, sie suchte +mit ihrem Händchen auf der Bettdecke umher, bis sie es warm und fest von +den Fingern der Tante umschlossen fühlte, und nun schloß sie wieder +beruhigt die Augen; sie war ja geborgen, sie wußte, daß die gute Tante +an ihrem Bettchen wachte, und diesmal hatte sie einen wunderschönen +Traum: sie sah Tonichen, ganz weiß gekleidet, mit goldenen Flügeln vom +Himmel herabschweben; als sie verlangend die Arme ausstreckte, da winkte +Tonichen ihr freundlich zu und sagte mit einem leisen, feinen Stimmchen: +»Sei nur recht brav, und vor allem lüge nicht mehr, es ist gar nicht so +schwer.« Dann wurde Tonichen immer heller und durchsichtiger, bis sie +ganz verschwand wie ein Nebel, der zergeht -- und endlich schlief Lilly +sanft, ruhig und traumlos, lange, lange. + +Einmal wurde sie auf einen Augenblick wach; sie hörte Stimmen im Zimmer, +und als sie die Augen aufschlug, da stand ihr Vater mit einem Brief vor +Tante Toni. Lilly wollte sich aufrichten und rufen, allein sie war zu +schwach und zu müde, ihre Augen fielen gleich wieder zu; aber sie hörte +doch, wie ihr Vater eben zur Tante sagte: »Nun kommt Ernst also doch +endlich zurück, und Papa kann sich zurückziehen und sich die +wohlverdiente Ruhe gönnen.« + +Tante Tonis Stimme antwortete: »Ja, und ich glaube, du kannst dich nach +einem Häuschen für uns umsehen; denn ich denke, Papa wird doch wieder +hierher in seine alte Heimat zurückkehren wollen.« + +Lilly kam es vor, als spräche ihr Vater in etwas ärgerlichem, erregtem +Tone, als er jetzt sagte: »Was nicht gar, ein Häuschen! Wo denkst du +denn hin? Mein Haus hier ist groß genug für uns alle, und es soll das +Haus meines alten Vaters sein. Und«, nun klang die Stimme weich und +bittend, »du weißt ja, Toni, wie nötig wir dich haben, meine Kinder und +ich; versprich mir, daß du mit dem Vater zu mir ziehst.« + +»Gern, Robert, gern -- aber laß das noch ein Geheimnis sein, bis alles +fest und entschieden ist. Es gibt dann eine schöne Überraschung für die +Kinder.« + +Lilly lächelte ein wenig, ein ganz klein wenig. O, was für ein schönes +Geheimnis sie nun wußte! Da mußte man freilich brav sein, um so etwas +zu verdienen! Und der Großpapa, der ... aber weiter kam Lilly nicht mit +ihren Gedanken, denn sie war wieder eingeschlafen, und als sie das +nächstemal aufwachte, da waren ihre Äuglein wieder hell und fielen ihr +nicht gleich wieder zu vor Müdigkeit, und ihr Stimmchen versagte nicht, +als sie ausrief: »Papa, Tante Toni!« + +Da stand auch schon Tante Toni neben ihr: »Gott sei Dank! Nun wird unser +Kindchen bald wieder gesund sein! Wie wird der Papa sich freuen, wenn er +heimkommt!« + +Aber auch Otto freute sich, als er, von der Schule zurückgekehrt, zu +seinem Schwesterchen gehen durfte; er bot ihm gleich alle seine +Spielsachen an, sogar seine Soldaten und seine Festung. + +Ach, was war das für eine schöne Zeit, die dann kam, bis Lilly wieder +ganz gesund war! Tante Toni war fast immer bei ihr, und gegen Abend +setzte sich Papa an ihr Bettchen, plauderte mit ihr und erzählte; unter +Tags kamen oft die Tanten, die Vettern und die Cousinen, und immer +brachte man ihr etwas mit. Wie gut sie doch alle waren und wie man sie +verwöhnte! Am besten war aber der Rudi; der brachte ihr sogar seinen +Star, an dem er doch so sehr hing und der schon allerhand Worte sagen +konnte. + +»Gib ihm mal ein kleines Stückchen Zucker«, riet Rudi, als er den Vogel +brachte. Und als Lilly ein Stück Zucker zwischen die Stäbe des Käfigs +schob, da pickte der Star danach, und nachdem er verkostet hatte, schrie +er: »Danke, Lilly, danke schön!« + +War das eine Freude! Es war aber doch auch gar zu nett von Rudi, daß er +dem Star gerade _das_ beigebracht hatte. Der gute Rudi doch! Und den +hatte sie früher gar nicht leiden mögen! Lilly begriff das einfach nicht +mehr. + +»Eile dich, gesund zu werden, Lilly«, sagte Otto, »du mußt doch dabei +sein, wenn ich zur ersten heiligen Kommunion gehe.« Und Lilly eilte sich +so gut, daß sie wirklich an diesem schönen Tage im neuen weißen +Kleidchen mit in die Kirche fahren durfte. + +Ach, wie war das so schön, so schön! Lillys Herzchen erzitterte, als +Otto sich dem Tisch des Herrn nahte, und voll Seligkeit dachte sie: +»Nächstes Jahr komme ich dran!« Und nun mußte sie wieder an die liebe +kleine Toni denken. Ängstlich und mitleidig schaute sie Tante Maria, +Tonichens Mutter, an. Ja, die hatte freilich die Augen voll Tränen -- +und doch sah sie nicht unglücklich aus. Sie wußte ja, daß Toni +glücklich, o so glücklich im Himmel war! Und der kleine Leo, der hier +neben Lilly kniete, der wußte es auch; denn der betete jeden Tag nach +seinem Abendgebet: »Liebe heilige Toni, bitte für uns!« Und Lilly fand, +daß er ganz recht hatte, so zu beten. + +Am Abend dieses glücklichen Tages suchte Otto Tante Toni auf. Er lehnte +den Kopf an ihre Schulter und sagte: »Hast du recht sehr für mein +Anliegen gebetet, Tante, wie du es mir versprochen hattest?« + +»Nach besten Kräften hab' ich für dich gebetet, mein lieber Otto.« + +Ernst und doch lächelnd schaute der Knabe zur Tante auf. + +»Ach, Tante, und wenn nun der liebe Gott dein Gebet erhört, dann werde +ich doch nicht Papas Nachfolger, dann werde ich doch kein Redakteur!« + +Tante Toni lächelte: »Dann wirst du wohl noch etwas viel Besseres und +Schöneres!« + +Otto sah sie überrascht an: »Ja, Tante, errätst du denn alles? O, +glaubst du, daß es gelingt, daß ich das erstreben darf und kann?« + +»Mit Gottes Hilfe gewiß, mein Otto! Aber es ist schwer, und wer diesen +hohen Beruf erwählt, der muß sich auf ein Opferleben gefaßt machen.« + +»Ein Opferleben ...«, wiederholte Otto leise und nachdenklich. Er war +noch zu jung, er faßte und verstand das noch nicht ganz, und es überkam +ihn fast etwas wie Furcht, aber nur einen Augenblick lang; gleich hob er +wieder mutig den Kopf, und er sagte freudig wie Tante Toni: »Mit Gottes +Hilfe!« + +Zwei Tage nachher schlug für Tante Toni die Abschiedsstunde. Da gab es +viele und heiße Tränen, aber Onkel Robert lächelte geheimnisvoll, +während er tröstete: »Weint nicht, Kinder, weint nicht! Ich versprech' +euch ein baldiges Wiedersehen.« + +Alle schauten ihn erstaunt und fragend an, allein Onkel Robert lächelte +nur und legte den Finger auf den Mund. Aber Lilly lächelte auch, und sie +flüsterte dem Rudi etwas ins Ohr; der schrie auf und machte drei +Purzelbäume hintereinander; Lilly lief ihm nach und bat: »Pst, Rudi, +verrat' doch nichts; es ist doch ein Geheimnis und es soll eine +Überraschung geben!« + +»Ich sag' nichts, verlaß dich drauf«, versicherte Rudi; »aber ich freu' +mich halt so schrecklich!« Und er machte schnell noch ein paar +Luftsprünge, aber der letzte fiel etwas unglücklich aus und er landete +mit seinem Stiefelabsatz gerade auf Ottos Fußspitze. + +»Au weh!« schrie der. »Rudi, was ist denn in dich gefahren? Du bist +gerade nicht von Buttermilch!« Und er hüpfte auf einem Bein herum, den +verletzten Fuß in die Höhe streckend. + +Mariechen wechselte einen verständnisvollen Blick mit Tante Toni. Beide +hatten denselben Gedanken: Wenn dies vor sechs Wochen geschehen wäre! + +Das gab eine wahre Prozession zum Bahnhof. Als Tante Toni eingestiegen +war, stellte sie sich ans Fenster, und jedes wollte ihr noch einmal +»Adieu« sagen: »Auf Wiedersehen, auf baldiges Wiedersehen, liebe, gute, +goldige Tante Toni!« riefen die Kinder, und »Auf Wiedersehen!« +antwortete die Tante, »und wenn ich wiederkomme, dann nehmen wir auch +unsere Spaziergänge wieder auf, die wir diesmal unterbrechen mußten.« + +»Ja gewiß, Tante!« + +»Wir werden inzwischen schöne, neue Wege auskundschaften!« rief Paul, +und Kurt eiferte: »O, ich hab' mir schon einige ausgedacht; wir müssen +doch auch in die Rickersbacher Schlucht und auf den ...« Aber der Zug +setzte sich in Bewegung, und die Rufe »Adieu!« und »Lebt wohl! Auf +Wiedersehen!« übertönten Kurts Stimme. Man sah noch eine Zeitlang Tante +Tonis Taschentuch wehen, dann machte der Zug eine Biegung; bald darauf +war er verschwunden. + +»Ich bin nur froh, daß Onkel Robert uns gesagt hat, Tante Toni käme bald +wieder«, sagte Philipp auf dem Heimweg; »sonst wäre es doch gar zu +traurig.« + +Mariechen entgegnete mit einem Seufzer: »Ich finde es trotzdem noch +traurig genug. Ich kann überhaupt das Fortgehen nicht leiden; die Leute +sollten immer nur ankommen!« + +»O, das kommt drauf an!« rief Anna in entschiedenem Tone. »Den Herrn +Schulinspektor und den Prüfungskommissar zum Beispiel sehe ich viel +lieber fortgehen wie ankommen!« + +Alle lachten, und Onkel Robert sagte, Anna freundlich auf die Schulter +klopfend: »Na, Kinder, seid nur froh, daß ihr die Änne habt, die +bewahrt euch wenigstens vor Trübsinn!« + +Lilly war still zu Tante Maria Wulff geschlichen. Sie dachte: »Als Tante +Toni ankam, da war Tonichen noch mit uns, und jetzt ist es nicht mehr +da, es ist im Himmel.« Sie stahl ihr Händchen in die Hand der Tante und +blickte mit feuchten Augen zu ihr auf. Tante Maria verstand den Gedanken +des Kindes. »Mein gutes Kind!« sagte sie leise und gerührt, fest die +kleine Kinderhand umschließend. + + + + + +End of Project Gutenberg's Tante Toni und ihre Bande, by A(lberta) von Brochow + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TANTE TONI UND IHRE BANDE *** + +***** This file should be named 24413-8.txt or 24413-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/4/4/1/24413/ + +Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +http://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. Of course, we hope that you will support the Project +Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by +freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of +this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with +the work. You can easily comply with the terms of this agreement by +keeping this work in the same format with its attached full Project +Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. + +1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern +what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in +a constant state of change. If you are outside the United States, check +the laws of your country in addition to the terms of this agreement +before downloading, copying, displaying, performing, distributing or +creating derivative works based on this work or any other Project +Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning +the copyright status of any work in any country outside the United +States. + +1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: + +1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate +access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently +whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the +phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project +Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, +copied or distributed: + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + +1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived +from the public domain (does not contain a notice indicating that it is +posted with permission of the copyright holder), the work can be copied +and distributed to anyone in the United States without paying any fees +or charges. If you are redistributing or providing access to a work +with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the +work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 +through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the +Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or +1.E.9. + +1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted +with the permission of the copyright holder, your use and distribution +must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional +terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked +to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the +permission of the copyright holder found at the beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any +word processing or hypertext form. However, if you provide access to or +distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than +"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version +posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), +you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a +copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon +request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other +form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm +License as specified in paragraph 1.E.1. + +1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, +performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works +unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing +access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided +that + +- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method + you already use to calculate your applicable taxes. The fee is + owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he + has agreed to donate royalties under this paragraph to the + Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments + must be paid within 60 days following each date on which you + prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax + returns. Royalty payments should be clearly marked as such and + sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the + address specified in Section 4, "Information about donations to + the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." + +- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm + License. You must require such a user to return or + destroy all copies of the works possessed in a physical medium + and discontinue all use of and all access to other copies of + Project Gutenberg-tm works. + +- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any + money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days + of receipt of the work. + +- You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg-tm works. + +1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm +electronic work or group of works on different terms than are set +forth in this agreement, you must obtain permission in writing from +both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael +Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the +Foundation as set forth in Section 3 below. + +1.F. + +1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable +effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread +public domain works in creating the Project Gutenberg-tm +collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic +works, and the medium on which they may be stored, may contain +"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or +corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual +property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a +computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by +your equipment. + +1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right +of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project +Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project +Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all +liability to you for damages, costs and expenses, including legal +fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT +LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE +PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE +TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE +LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR +INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH +DAMAGE. + +1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a +defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can +receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a +written explanation to the person you received the work from. If you +received the work on a physical medium, you must return the medium with +your written explanation. The person or entity that provided you with +the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a +refund. If you received the work electronically, the person or entity +providing it to you may choose to give you a second opportunity to +receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy +is also defective, you may demand a refund in writing without further +opportunities to fix the problem. + +1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth +in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO +WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. + +1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied +warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. +If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the +law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be +interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by +the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any +provision of this agreement shall not void the remaining provisions. + +1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit http://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. +To donate, please visit: http://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/24413-8.zip b/24413-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..392b6f5 --- /dev/null +++ b/24413-8.zip diff --git a/24413-h.zip b/24413-h.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..a96aaa0 --- /dev/null +++ b/24413-h.zip diff --git a/24413-h/24413-h.htm b/24413-h/24413-h.htm new file mode 100644 index 0000000..e68118c --- /dev/null +++ b/24413-h/24413-h.htm @@ -0,0 +1,6359 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> + +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml"> + <head> + <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> + <title> + The Project Gutenberg eBook of Tante Toni und ihre Bande, by A. von Brochow. + </title> + <style type="text/css"> +/*<![CDATA[ XML blockout */ +<!-- + p { margin-top: .75em; + /* text-align: justify; */ + margin-bottom: 1.0em; + line-height: 1.2; + } + h1,h2 { + text-align: center; /* all headings centered */ + clear: both; + } + h2 { line-height: 2em;} + + hr { width: 33%; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + margin-left: auto; + margin-right: auto; + clear: both; + } + + hr.abstand {margin-top: 4em;} + + body{margin-left: 10%; + margin-right: 10%; + } + + .pagenum { + /* visibility: hidden; */ + position: absolute; + left: 92%; + font-size: smaller; + text-align: right; + } /* page numbers */ + + .gesperrt {letter-spacing: 0.2em; font-style: normal} + + .center {text-align: center;} + + .margin-b {margin-bottom: 4em} + + .poem {margin-left:10%; margin-right:10%; text-align: left;} + .poem br {display: none;} + .poem .stanza {margin: 1em 0em 1em 0em;} + .poem span.i0 {display: block; margin-left: 0em; padding-left: 3em; text-indent: -3em;} + + ol#toc { list-style-type: decimal; padding: 0; margin: auto; position: relative; } + ol#toc li { padding: 0.25em 10em 0.25em 0; position: relative; } + ol#toc li a { position: absolute; right: 0px; margin-right: 15%; } + + // --> + /* XML end ]]>*/ + </style> + </head> +<body> + + +<pre> + +Project Gutenberg's Tante Toni und ihre Bande, by A(lberta) von Brochow + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Tante Toni und ihre Bande + +Author: A(lberta) von Brochow + +Release Date: January 23, 2008 [EBook #24413] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TANTE TONI UND IHRE BANDE *** + + + + +Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + + +<h1>Tante Toni +und ihre Bande +</h1> + +<p class="center">Eine Erzählung für Kinder und Kinderfreunde</p> + +<p class="center">Von</p> + +<p class="center margin-b"><big><b>A. v. Brochow</b></big></p> + +<p class="center margin-b">Zweite und dritte Auflage</p> + +<p class="center">Freiburg im Breisgau</p> + +<p class="center"><span class="gesperrt">Herdersche Verlagshandlung</span></p> + +<p class="center margin-b"><small>Berlin, Karlsruhe, Köln, München, Straßburg und Wien</small></p> + +<p class="center margin-b">Alle Rechte vorbehalten</p> + +<p class="center"><small>Buchdruckerei der <span class="gesperrt">Herder</span>schen Verlagshandlung in Freiburg. 1919</small></p> + +<hr style="width: 65%;" class="abstand" /> +<p class="center"><big><b>Inhaltsverzeichnis.</b></big></p> + +<div style="margin: auto 0 auto 15%; position: relative;"> +<div style="text-align: right; font-size: small;"><span style="position: absolute; right: 0; margin-right: 15%;">Seite</span> </div> +<ol id="toc"> +<li>Kapitel. Tante Toni kommt! <a href="#Page_1">1</a></li> +<li>Kapitel. Es wird Krocket gespielt, und Tante Toni macht dabei Charakterstudien <a href="#Page_19">19</a></li> +<li>Kapitel. Was die Kinder werden wollen <a href="#Page_38">38</a></li> +<li>Kapitel. Es wird spazierengegangen; man begegnet der alten Babett; Anna wird Prophetin und Rudi +Schwanenritter <a href="#Page_51">51</a></li> +<li>Kapitel. Minnichen wird geimpft <a href="#Page_90">90</a></li> +<li>Kapitel. Tante Toni geht mit ihrer Bande auf den Wetterstein. Otto spielt einen schlimmen Streich <a href="#Page_103">103</a></li> +<li>Kapitel. Bambula, der Puppenfresser. Otto, weißt du nun, wie es tut? <a href="#Page_135">135</a></li> +<li>Kapitel. Klein Tonis Wunsch geht in Erfüllung! <a href="#Page_172">172</a></li> +<li>Kapitel. Wie Lilly ein Geheimnis erfährt. Der große Tag und Ottos Entschluß. Auf Wiedersehen! <a href="#Page_187">187</a></li> +</ol> +</div> + +<hr style="width: 65%;" /> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_1" id="Page_1">[1]</a></span></p> +<h2><a name="Erstes_Kapitel" id="Erstes_Kapitel"></a>Erstes Kapitel.<br/> +<big>Tante Toni kommt!</big></h2> + +<p>Frau Wulff saß am Fenster und nähte. Ihre +vier ältesten Kinder waren noch um den Tisch +versammelt und beendeten ihren Nachmittagskaffee.</p> + +<p>„Eilt euch ein wenig“, drängte die Mutter, +„damit ihr bald an die Aufgaben kommt und +hernach noch in den Garten gehen könnt.“</p> + +<p>„Ich bin fertig“, sagte Kurt, und er trat zur +Mutter ans Fenster. Hinausblickend gewahrte +er den Briefträger.</p> + +<p>„Mutter, da ist der Briefträger!“ rief er +eifrig aus. „O, darf ich schnell hinunterlaufen? +Er hat vielleicht einen Brief von Tante +Toni!“</p> + +<p>„Ja, geh nur. Aber sei so gut und bringe +mir den Brief uneröffnet. Du weißt, es schickt +sich nicht, daß Kinder die Briefe ihrer Eltern +öffnen.“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_2" id="Page_2">[2]</a></span>Kurt wurde rot und sprang hastig hinaus. +Wenige Augenblicke später stürzte er wieder ins +Zimmer und schrie, wie im Triumph einen Brief +hochhaltend: „Hurra, ein Brief aus Walden; der +ist sicher von Tante Toni!“</p> + +<p>Die vier Kinder drängten sich an die Mutter heran.</p> + +<p>„Schnell, Mütterchen, mach' auf und sieh, ob +sie kommt!“</p> + +<p>„Nur gemach, nur gemach, Kinder!“ wehrte +diese lächelnd, aber sie beeilte sich doch sehr mit +dem Öffnen des Briefes; sie wartete ja selbst +mit Sehnsucht auf den Besuch ihrer Schwester, +der schon lange geplant war, aber wegen eines +Unwohlseins ihres Vaters schon mehrmals hatte +verschoben werden müssen.</p> + +<p>Schnell durchflog sie den Brief und rief dann +freudig aus: „Ja, Kinder, die Tante Toni +kommt, und zwar schon morgen!“</p> + +<p>Diese Nachricht wurde mit einem solchen Freudengeschrei +begrüßt, daß die Mutter sich die Ohren zuhalten +mußte.</p> + +<p>„Kommt der Großpapa auch mit?“ fragte +Paul, Kurts Zwillingsbruder.</p> + +<p>„Nein; Großpapa geht zu seiner Erholung +für ein paar Wochen zu Onkel Karl und zu<span class='pagenum'><a name="Page_3" id="Page_3">[3]</a></span> +Tante Klara aufs Land; deshalb kann Tante +Toni diesmal etwas länger bleiben.“</p> + +<p>„Hurra, sie bleibt lange diesmal!“ schrie +Anna, und sie wirbelte springend und hopsend +durchs Zimmer, während die kleine Toni, das +Patenkind der Tante, in die Hände klatschend +ausrief: „O, wie froh bin ich, wie froh!“</p> + +<p>„Höre, Paul“, wendete sich nun die Mutter +an diesen, „du gehst gleich zu Onkel Robert und +teilst ihm Tante Tonis Ankunft mit. Da er +jedenfalls keine Zeit haben wird, an die Bahn +zu gehen, so bitte ihn, er möge doch morgen +nachmittag zum Kaffee kommen oder wenigstens +das Fräulein mit den beiden Kindern schicken. +Und du, Kurt, du springst hinüber zu Onkel und +Tante Helmer und ladest sie ebenfalls ein und +sagst, sie möchten die drei größeren Kinder mitbringen. +Haltet euch aber nicht auf, denn es +muß noch gelernt werden; sonst gibt es morgen +Verdruß in der Schule!“</p> + +<p>„Sei ruhig, Mutter, wir sind gleich wieder +da!“</p> + +<p>Und wie der Wind stürzten Paul und Kurt +hinaus, stolz darauf, die Überbringer einer so +wichtigen Botschaft zu sein.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_4" id="Page_4">[4]</a></span>Tante Tonis Zug traf am nächsten Tage +gegen 3 Uhr ein; es war glücklicherweise ein +schulfreier Nachmittag, so daß die Zwillinge, +Anna und Toni ihre Mutter an die Bahn +begleiten konnten. Dort trafen sie auch schon +Tante Luise Helmer mit ihren zwei Ältesten, +Mariechen und Philipp.</p> + +<p>Als der Zug einfuhr, waren die Kinder kaum +zurückzuhalten. Jedes wollte die Tante zuerst +sehen, sie zuerst begrüßen, und kaum war diese +ihrem Wagenabteil entstiegen, da war sie auch +schon umringt, umarmt, geschoben, gestoßen, daß +sie sich kaum zu helfen wußte und lachend ausrief: +„Das ist ja der reinste Überfall! Gebt +acht, die guten Sachen, die ich euch mitgebracht +habe, werden ganz zerbröckelt und zu Brei gedrückt +sein, bis wir heimkommen!“</p> + +<p>Das wirkte ein wenig, und Tante Toni konnte +nun endlich auch ihre beiden Schwestern begrüßen.</p> + +<p>„Und nun im Triumphzug nach Hause!“ rief +Kurt.</p> + +<p>Aber es war nicht leicht, etwas Ordnung in +diesen Triumphzug zu bringen; denn die liebe +Tante hatte leider nur zwei Seiten, und es stritten +sich sechs Kinder um den Vorzug, neben ihr gehen<span class='pagenum'><a name="Page_5" id="Page_5">[5]</a></span> +zu dürfen. Mama Wulff machte endlich dem +Streit ein Ende, indem sie erklärte:</p> + +<p>„Tante Luise und ich, wir nehmen Tante Toni +in unsere Mitte, und ihr geht hübsch brav und +ordentlich voraus, erst die drei Buben und dann +die drei Mädels!“</p> + +<p>„Ich will aber lieber mit den Buben gehen!“ +erklärte Anna Wulff.</p> + +<p>„Wir bedanken uns für die Ehre!“ rief Paul +abweisend. „Wir brauchen dich nicht!“</p> + +<p>„Paul, du bist aber doch wirklich ein garstiger, +ein ganz abscheulicher Bub!“ zankte Anna sehr +beleidigt, und als nun Paul seine Mütze abzog +und eine tiefe Verbeugung machend sagte: „Ich +danke verbindlichst für diese Schmeicheleien“, da +erklärte Anna entschlossen: „Und ich geh' doch +mit euch Buben!“</p> + +<p>Aber die Mutter rief mahnend: „Kinder, ihr +werdet doch hier keinen Streit anfangen! Mir +scheint, ihr wollt euch der Tante gleich von eurer +schlimmsten Seite zeigen.“</p> + +<p>Paul und Anna ließen die Köpfe ein wenig +hängen, aber Annas Schelmengesichtchen zeigte +bald wieder den gewohnten fröhlichen Ausdruck, +und sie gesellte sich zu ihrer Cousine<span class='pagenum'><a name="Page_6" id="Page_6">[6]</a></span> +Mariechen und zu klein Toni, halblaut vor sich +hinsingend:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">„Ach, wenn ich doch kein Mädchen wär'!<br /></span> +<span class="i0">Das ist doch recht fatal!<br /></span> +<span class="i0">Dann ginge ich zum Militär<br /></span> +<span class="i0">Und würd' ein General!“<br /></span> +</div></div> + +<p>Und nun vollzog sich die Heimkehr ohne weiteren +Zwischenfall.</p> + +<p>Nachdem Tante Toni sich vom Reisestaube gereinigt +hatte, galt ihr erster Besuch dem Kinderzimmer, +um den bald vierjährigen Leo zu begrüßen +und die Bekanntschaft der Allerkleinsten zu machen. +Minnichen war noch keine zwei Jahre alt, und +Tante Toni hatte es noch gar nicht gesehen. Es +tat erst etwas scheu; als aber die Tante lockte: +„Komm, du Goldkäferchen, komm mal her zu +Tante Toni, die hat dir auch etwas mitgebracht!“ +da näherte sich die Kleine, zuerst zwar +etwas schüchtern, aber bald ganz zutraulich, und +es dauerte nicht lange, da hatte sie es sich auf +Tante Tonis Schoß bequem gemacht, und sie ließ +sich das eben erhaltene Biskuit munden, aber +nicht ohne es der Tante zum Schmecken hinzuhalten +und auch dem danebenstehenden Brüderchen, +obwohl dieses selbst sehr mit Kauen beschäftigt +war. Dazwischen erklärte der kleine Leo mit<span class='pagenum'><a name="Page_7" id="Page_7">[7]</a></span> +wichtiger Miene: „Du mußt wissen, Tante, daß +ich Leo heiße, und ich lehre das Minnichen jetzt +sprechen. ‚Mama‘ und ‚Papa‘ kann es schon +sagen, aber ‚Leo‘, das bringt es noch nicht fertig; +es kann nicht ‚l‘ sagen und macht immer ‚neh‘ +und ‚noh‘. Der Name ist vielleicht zu schwer, +und ich will's mal mit ‚Toni‘ versuchen.“ Dann +sich schmeichelnd an sein Schwesterchen wendend +fuhr er fort: „Komm, Minnichen, sag' +mal schön ‚Toni‘, dann kriegste auch was von +mir!“</p> + +<p>Allein Minnichen hatte allem Anscheine nach +eben keine Lust zum Lernen; es lachte nur, und den +Rest seines Biskuits mit dem einen Händchen in +die Höhe haltend, patschte es mit dem andern +aufs Bäuchelchen.</p> + +<p>„Das soll heißen, 's wäre sehr gut“, erklärte +Leo der Tante.</p> + +<p>In diesem Augenblick stürzte Anna zur Türe +herein und rief: „Tante, du sollst schnell runterkommen; +der Onkel Robert ist da mit Otto und +Lilly, und eben kommt auch Onkel Albert Helmer +mit dem Rudi!“</p> + +<p>Leo und Minnichen sahen die Tante nur ungern +scheiden, und es hätte wohl Tränen gegeben,<span class='pagenum'><a name="Page_8" id="Page_8">[8]</a></span> +wenn diese nicht versprochen hätte: „Ich komme +heute abend nochmal zu euch – ich komme euch +waschen und ins Bettchen legen!“</p> + +<p>„Ja, o ja, Tante, tue es, das ist schön!“ jubelte +Leo in die Hände klatschend.</p> + +<p>„Sön“, echote Minnichen, und es patschte fest +seine kleinen, dicken Händchen gegeneinander.</p> + +<p>„Hast du's gehört, Tante? Es hat eben ‚sön‘ +gesagt, es kann schon wieder ein neues Wort!“ +rief der kleine Lehrmeister der davoneilenden +Tante nach.</p> + +<p>Nachdem Tante Toni ihren Bruder und ihren +Schwager begrüßt hatte, wendete sie sich an die +neun anwesenden Kinder und sagte lachend:</p> + +<p>„Ihr seid aber alle so groß geworden in diesen +zwei Jahren – ich weiß gar nicht, ob ich euch +noch auseinander kenne! Kommt, stellt euch doch +mal dem Alter nach in eine Reihe, damit ich +sehe, ob ich noch alle nennen kann!“</p> + +<p>Die Kinder gehorchten lachend. Die immer +lustige Anna rief aber:</p> + +<p>„Nimm dich in acht, Tante Toni; wenn du +den Namen von einem von uns vergessen hast +oder gar eines mit dem andern verwechselst, so +ist das eine schreckliche Beleidigung.“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_9" id="Page_9">[9]</a></span>„Nun, ich werde mich schon zusammennehmen. +Bei dir hat's jedenfalls keine Gefahr, mein Ännchen; +dein Spitzbubengesichtchen verwechselt man nicht +leicht mit einem andern. Aber nun angefangen! +Also hier zuerst Mariechen Helmer; du bist jetzt +vierzehn Jahre alt. Von dir hab' ich schon Gutes +und Liebes gehört, wie vernünftig du bist und +wie du versuchst, deinem Mütterchen zu helfen.“</p> + +<p>Und Tante Toni drückte einen herzlichen Kuß +auf die Stirne des errötenden Mariechens.</p> + +<p>„Und nun kommen wir zu den Wulffschen +Zwillingen Kurt und Paul. Die haben sich gestreckt. +Gib acht, Mariechen, deine Vettern wachsen +dir bald über den Kopf.“</p> + +<p>„Ich auch, Tante Toni; ich bin fast so groß +wie unsere Mieze!“</p> + +<p>„Ja du, bist du denn wirklich der Philipp +Helmer? Dich hätte ich wirklich beinahe nicht +mehr erkannt. Jetzt darf man dich nicht mehr +‚Dickerchen‘ nennen, so groß und schlank bist du +geworden! Du und die Zwillinge, ihr seid wohl +jetzt dreizehn Jahre alt.“</p> + +<p>„Und ich, Tante Toni, wie alt bin ich?“ rief +Anna Wulff, ihre für ihr Alter etwas zu kleine +Gestalt nach Kräften in die Höhe reckend.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_10" id="Page_10">[10]</a></span>„Ja du, Ännchen, laß dich mal betrachten“, +und Tante Toni drehte Ännchen hin und her, +besah sie überlegend von allen Seiten; endlich +sagte sie: „Ei, Ännchen, was machst du für +Sachen! Du hast wohl seit einiger Zeit so viel +tolle Streiche im Kopf, daß du ganz vergessen +hast zu wachsen. Du siehst aus, als wärest du +nicht viel über zehn Jahre!“</p> + +<p>„Ich bin aber zwölf“, sagte Anna, ein bißchen +schmollend.</p> + +<p>„Ich bin noch nicht elf und bin so groß wie +sie!“ rief Otto Mehring, der neben seinem um +ein Jahr jüngeren Schwesterchen Lilly stand.</p> + +<p>„Ja, und du darfst in diesem Jahre zur ersten +heiligen Kommunion gehen, wenn ich nicht irre.“ +Tante Toni strich ihm leicht die Haare aus der +Stirne. Mit ganz besonders liebevollem Blick +schaute sie Otto und Lilly, die beiden Kinder +ihres Bruders Robert, an, ganz besonders innig +drückte sie diese beiden ans Herz – sie hatten +ja keine Mutter mehr, die armen Kinderchen.</p> + +<p>Als letzte in der Reihe standen noch der achtjährige +Rudi Helmer mit seinem blonden Lockenkopf +und den treuherzigen blauen Augen und +die siebenjährige Toni, die neben diesem ihrem<span class='pagenum'><a name="Page_11" id="Page_11">[11]</a></span> +kräftigen, rotwangigen Vetterchen noch zarter und +blasser aussah wie sonst.</p> + +<p>„Du mußt rötere Bäckchen bekommen, mein +Patenkindchen, und du darfst nicht gar so ernsthaft +dreinschauen“, sagte Tante Toni leise.</p> + +<p>Aber Tonis Mutter hatte es doch gehört, und +sie erklärte mit einem besorgten Blicke auf ihr +kleines Töchterchen:</p> + +<p>„Das Kind leidet noch immer unter den Folgen +des Scharlachfiebers. Die andern wissen schon +lange nichts mehr davon, nur Toni hat sich +nie so recht davon erholt.“</p> + +<p>Nun trennte sich Tante Toni von den Kindern, +denn sie mußte sich zu den Großen setzen, +um ihnen vom Großpapa und von seiner Reise +zu Onkel Karl und Tante Klara zu erzählen.</p> + +<p>Klein Toni war aber der Tante nachgegangen; +erst stellte sie sich ganz still neben ihren Sessel, +allmählich rückte sie ein wenig näher, und zuletzt +lehnte sie ihr Köpfchen an deren Schulter, +schmiegte sich an sie und streichelte leise ihre +Hand. Die gute Tante zog die kleine Nichte +auf ihren Schoß und meinte lächelnd: „Ich +glaube, wir werden bald recht gute Freundinnen +werden.“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_12" id="Page_12">[12]</a></span>Da leuchteten klein Tonis Augen auf, und sie +fragte eifrig: „Wirklich, Tante Toni? Willst +du meine Freundin sein, meine <em class="gesperrt">wirkliche</em> +Freundin?“</p> + +<p>„Aber gewiß, sehr gerne!“</p> + +<p>Wie der Wind huschte die Kleine vom Schoße +der Tante herunter, und ganz rot vor freudiger +Aufregung stürzte sie auf die andern Kinder zu +und rief mit strahlenden Augen:</p> + +<p>„Du, Mieze! du, Anna! ich hab' jetzt auch eine +Freundin! – Ihr braucht jetzt gar nicht mehr +so ein Getue zu machen mit euern Freundinnen! +Ich hab' eine viel größere und eine viel bessere +Freundin wie ihr – denn Tante Toni ist meine +Freundin!“ Und triumphierend schaute klein Toni +ihre Geschwister, Vettern und Cousinen an.</p> + +<p>Diese aber brachen in ein schallendes Gelächter +aus. Das hatte das Kind nicht erwartet. Es +war erst starr vor Überraschung, dann wurde es +rot und rief halb weinend: „Was lacht ihr mich +denn aus? Ich hab' doch gar nichts Dummes +gesagt!“</p> + +<p>„Nein, mein Tonichen“, suchte Mieze die +Kleine zu beruhigen, „du hast gar nichts Dummes +gesagt – aber es kam uns halt nur so drollig<span class='pagenum'><a name="Page_13" id="Page_13">[13]</a></span> +vor, daß du winziges Persönchen dir die Tante +Toni zur Freundin ausgesucht hast!“ Und nun +fing Mieze wieder an zu lachen, die andern +stimmten im Chore ein; Anna und Otto lachten +am lautesten, umtanzten das Kind und schrien: +„Hoch der neue Freundschaftsbund!“</p> + +<p>Jetzt aber wurde klein Toni zornig, ihre +Augen funkelten, sie ballte die kleinen Fäuste, +sie stampfte mit den Füßen, und je mehr die +andern lachten, desto wilder gebärdete sich das +Kind. Als Mieze es zu beruhigen suchte, stieß +es sie von sich, bis Kurt sagte:</p> + +<p>„Na, so einen Zornepickel wird Tante Toni +aber doch gewiß nicht zur Freundin haben wollen!“</p> + +<p>Da kam die Kleine zur Besinnung. Sie wurde +auf einmal still, ließ das Köpfchen hängen und +schlich sich fort. Sie kauerte sich in ein Eckchen, +drückte die Fäustchen vor die Augen und weinte +leise vor sich hin. Mieze wollte ihr nachgehen, +aber Anna hielt sie zurück und sagte: „Laß sie +nur jetzt ganz in Ruhe; wenn sie so ihren Zorn +gehabt hat, dann ist es am besten, man kümmert +sich nicht um sie. Kommt nur alle mit mir in +den Garten, die Toni wird uns nachher schon +von selbst nachkommen.“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_14" id="Page_14">[14]</a></span>Tante Toni hatte aber von ferne alles beobachtet. +Als die andern Kinder das Zimmer +verlassen hatten, näherte sie sich der weinenden +Kleinen; diese aber drückte die Händchen nur +noch fester vor das Gesicht, und ihr Schluchzen +wurde heftiger. Die Tante nahm das Kind +auf und setzte sich mit ihm ins Nebenzimmer. +Sie ließ es erst ruhig weinen, sie drückte es nur +liebevoll an sich, strich ihm sacht über Stirne und +Haare, und als das Schluchzen endlich anfing +etwas nachzulassen, sagte sie freundlich:</p> + +<p>„Nun muß meine kleine Freundin aber gleich +wieder ein liebes, frohes Gesichtchen machen.“</p> + +<p>Da hob Toni ihr verweintes Gesichtchen in +die Höhe: „O Tante Toni, willst du mich denn +noch zur Freundin haben? Ich war doch eben +so bös! – Was mußten sie aber auch so über +mich lachen?“ Und die Tränen fingen von neuem +an zu fließen.</p> + +<p>„Du mußt dir das nicht so zu Herzen nehmen; +sie haben es gar nicht so böse gemeint. Die +Mieze war doch auch recht nett mit dir und +wollte dich trösten.“</p> + +<p>„Ja, und ich hab' sie weggestoßen, ich war +so zornig!“ Und Toni ließ wieder beschämt das<span class='pagenum'><a name="Page_15" id="Page_15">[15]</a></span> +Köpfchen sinken; dann setzte sie aber wie entschuldigend +hinzu: „Das kommt aber von meiner +Krankheit her, daß ich so leicht zornig werde, +ich kann nichts dafür. Mama hat den andern +schon öfter gesagt, sie dürften mich nicht so +reizen.“</p> + +<p>„O, es ist ja leicht möglich, daß deine Krankheit +eine größere Reizbarkeit zurückgelassen hat; +aber deshalb mußt du doch nicht meinen, du +könntest nichts dafür. Man kann immer etwas +dafür, wenn man etwas tut, wovon man weiß, +daß es unrecht ist. Und daß man nicht zornig +sein darf, das weißt du doch, nicht wahr?“</p> + +<p>Klein Toni wurde ganz rot, sie senkte das +Köpfchen und sagte leise: „Ich möchte gern nicht +zornig sein – aber es kommt immer ganz von +selbst.“</p> + +<p>Die Tante lächelte: „Ja, so geht's gewöhnlich. +Sieh, die andern meinen's doch auch nicht böse +und sie wollen dich gewiß nicht kränken. Das +Necken kommt bei ihnen auch ganz von selbst.“</p> + +<p>Das Kind sah erst überrascht und dann nachdenklich +aus, und als die Tante fragte: „Willst +du nun versuchen, kleine Neckereien zu ertragen, +ohne zornig zu werden?“ da nickte es mit dem<span class='pagenum'><a name="Page_16" id="Page_16">[16]</a></span> +Köpfchen und sagte ernsthaft: „Ja, ich will's +versuchen.“</p> + +<p>Die Tante erschrak beinahe ein bißchen, als +sie in diese Kinderaugen blickte, aus denen ein +so fester und ernster Entschluß leuchtete:</p> + +<p>„Aber nun muß mein Tonichen wieder ein +frohes Gesichtchen machen und lachen. Komm, +wir wollen jetzt Mariechen und die andern Kinder +aufsuchen gehen!“</p> + +<p>Sie nahm ihr Patenkindchen bei der Hand +und führte es in den Garten. Dort rief sie die +Kinder alle zusammen und sagte:</p> + +<p>„Hört einmal, was ich mir ausgedacht habe! +Des Vormittags, während ihr in der Schule seid, +werde ich der Mutter hier im Hause und bei den +ganz Kleinen helfen; aber des Nachmittags gehöre +ich euch. Wenn ihr Zeit habt und das +Wetter ist schön, dann werden wir auch Spaziergänge +zusammen machen.“</p> + +<p>„Hurra, Tante Toni!“ und „Tante, du bist +einfach famos!“ so jubelten die Kinder, vor +Freude in die Hände klatschend.</p> + +<p>Der blondlockige Rudi aber fragte eifrig: „Und +wirst du uns auch Geschichten erzählen, Tante +Toni?“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_17" id="Page_17">[17]</a></span>„Gewiß, Rudi, herzlich gern. Du hörst also +gern Geschichten?“</p> + +<p>„O, furchtbar gern!“</p> + +<p>„Ich auch!“ und „Ich auch!“ riefen da noch +mehrere Stimmen.</p> + +<p>„Ich höre am liebsten Indianergeschichten“, +erklärte Otto, und Anna stimmte ihm bei; die +Zwillinge fanden Seeabenteuer viel interessanter; +Rudi und Toni entschieden sich für Märchen.</p> + +<p>„Übrigens“, schlug Kurt vor, „da morgen +Sonntag ist, könnten wir gleich einen Spaziergang +verabreden.“</p> + +<p>„Natürlich!“ rief Paul voll Eifer. „Wir +führen die Tante über den Hennenberg nach +Horbach, von da auf den Blauberg, und ...“</p> + +<p>„Warum nicht gleich auf den Chimborasso oder ins +Himalajagebirge?“ unterbrach Mariechen lachend. +„Morgen wird Tante Toni noch etwas reisemüde +sein und sich gerne mit einem kleineren Spaziergang +begnügen. Ich schlage das Tempelchen vor; +der Weg dahin ist schön und nicht zu steil, und +von dort hat man einen herrlichen Blick auf unser +Städtchen und in die Berge, und dann ...“</p> + +<p>„Und dann kann man da oben auch sehr gut +‚Räuber und Gendarm‘ spielen!“ fiel Rudi ein.<span class='pagenum'><a name="Page_18" id="Page_18">[18]</a></span> +„O, ich kenne dort ein paar ausgezeichnete Verstecke!“</p> + +<p>„Ach, das Tempelchen – das ist schrecklich +langweilig“, erklärte Otto Mehring mit wegwerfender +Miene. „Da ist man schon so oft +gewesen! Dahin geh' ich mal nicht mit!“</p> + +<p>„Ei, so bleib' du nur daheim, wir können's +schon ohne dich aushalten!“ entgegnete Paul ein +wenig grob. Aber Tante Toni sah ganz betrübt +aus, als sie sagte:</p> + +<p>„O, mir würde es aber sehr leid tun, wenn +du nicht mitgingest, lieber Otto.“</p> + +<p>„Nun, Tante, wir wollen sehen; dir zuliebe +gehe ich vielleicht mit.“</p> + +<p>„Wie gnädig!“ kicherte Anna dem Mariechen +ins Ohr.</p> + +<p>„Nun müssen wir nur sehen, was eure lieben +Eltern zu diesem Plane sagen werden.“ Mit diesen +Worten kehrte Tante Toni ins Haus zurück.</p> + +<hr style="width: 65%;" /> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_19" id="Page_19">[19]</a></span></p> +<h2><a name="Zweites_Kapitel" id="Zweites_Kapitel"></a>Zweites Kapitel.<br/> +<big>Es wird Krocket gespielt, +und Tante Toni macht dabei +Charakterstudien.</big></h2> + + + + +<p>Am folgenden Tag war die ganze Kinderschar +wieder bei Wulffs versammelt. Vater Wulff +stand vor dem Barometer und runzelte die +Stirne.</p> + +<p>„Es tut mir leid, Kinder“, sagte er endlich, +„aber ihr werdet euern Spaziergang nicht machen +können. Der Barometer ist sehr gefallen, und +dort in der Wetterecke sieht es drohend aus. Wir +bekommen Regen und Wind, vielleicht sogar +Sturm.“</p> + +<p>Da gab es enttäuschte, betrübte und ärgerliche +Gesichter.</p> + +<p>„Wie langweilig! Was fangen wir jetzt an?“</p> + +<p>„Nun, wir können wenigstens in den Garten +gehen, solange es noch nicht regnet“, schlug Tante +Toni vor.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_20" id="Page_20">[20]</a></span>„Weißt du was, Tante Toni? Mache mit +uns eine Krocketpartie!“</p> + +<p>„Ach ja, Tante Toni, die Mieze hat recht, +wir wollen Krocket spielen!“</p> + +<p>„Nee – Krocket ist entsetzlich langweilig!“</p> + +<p>Tante Toni lachte: „Lieber Otto, das Wort +‚langweilig‘ scheint ein Lieblingsausdruck von dir +zu sein! Ich stimme für Krocket. Wer spielt +also mit?“</p> + +<p>„Ich natürlich“, erklärte Otto mit Bestimmtheit.</p> + +<p>„Wie, Otto, du? – Du findest das Spiel doch +so langweilig!“</p> + +<p>„Immerhin weniger langweilig als gar nicht +zu spielen.“</p> + +<p>„Nun gut also. Und wer spielt noch mit?“</p> + +<p>„Ich – ich – ich!“ schrien alle Kinder durcheinander.</p> + +<p>„Ja, wir können aber nicht alle spielen, wir +sind etwas zu zahlreich. Ich will gerne zuschauen.“</p> + +<p>„Nein, Tante Toni, das gibt's nicht. Du +mußt vor allen mitspielen. Wir können ja das +Los ziehen, um zu sehen, wer mitspielt.“</p> + +<p>„Ach nein; da gibt's doch immer Ärgerliche +und Unzufriedene“, behauptete Mariechen Helmer.<span class='pagenum'><a name="Page_21" id="Page_21">[21]</a></span> +„Spiele du mit den Größeren, Tante Toni; +ich nehme die Kleineren mit auf die Wiese und +spiele mit ihnen Ball oder Reifen. Komm, Tonichen; +kommt, Rudi, Lilly und Anna, wollt ihr +mit mir gehen?“</p> + +<p>„Ich schau' lieber den Großen zu“, erklärte +Rudi.</p> + +<p>„Wir können zu sechs spielen, drei gegen drei“, +erklärte Philipp Helmer. „Tante Toni, Paul, +Kurt, Otto und ich, das sind fünf; da kann der +Rudi also mit uns spielen.“</p> + +<p>„Nein, der Rudi spielt viel zu schlecht, den +will ich nicht!“ rief Otto. „Dann lieber die +Lilly.“</p> + +<p>„Ach ja, Tante Toni, laß mich mitspielen, +ich spiele schon sehr gut!“ bat Lilly, und nach +einigem Hinundher kam endlich die Partie zustande, +und zwar so, daß Tante Toni mit Kurt +und Lilly gegen Paul, Philipp und Otto spielte.</p> + +<p>Im Anfang ging alles ganz gut; als aber +Paul einen ungeschickten Schlag ausführte, wurde +er verdrießlich und ärgerlich. Bald darauf passierte +seinen beiden Partnern Otto und Philipp dasselbe +Mißgeschick; da geriet er ganz außer sich +und machte ihnen die größten Vorwürfe; diese<span class='pagenum'><a name="Page_22" id="Page_22">[22]</a></span> +wollten sich das aber nicht gefallen lassen, und +Philipp meinte spöttisch:</p> + +<p>„Ei, wenn du schimpfen willst, so fang' nur +bei dir selber an! Du bist uns mit dem schlechten +Beispiel vorangegangen; du hast die erste Dummheit +gemacht.“</p> + +<p>„Das kann dem besten Spieler einmal passieren.“</p> + +<p>„Gewiß; aber um so eher kann es mittelmäßigen +Spielern passieren, und zu denen rechnest +du Otto und mich ja doch!“</p> + +<p>„Aber keine Spur von einer Latern'! Zu den +<em class="gesperrt">schlechten</em> Spielern rechne ich euch, zu den +ganz schlechten! Ihr spielt geradezu miserabel – +wie soll man denn eine Partie gewinnen mit +solchen Partnern? Da ist ja nicht daran zu +denken – das ist überhaupt gar kein Spiel +mehr!“</p> + +<p>„Das finde ich auch“, versetzte Tante Toni, +die dem Streite bisher schweigend zugehört hatte. +„Sag' mal, lieber Paul, weshalb spielen wir +denn eigentlich Krocket?“</p> + +<p>„Nun, um zu gewinnen; das ist doch selbstverständlich!“</p> + +<p>„Doch nicht so ganz. Der Hauptzweck ist doch +der: wir wollen uns unterhalten und uns am<span class='pagenum'><a name="Page_23" id="Page_23">[23]</a></span> +Spiel erfreuen, indem jeder danach trachtet, den +andern an Geschicklichkeit zu überbieten, aber in +aller Freundschaft; und wenn man eine Dummheit +oder eine Ungeschicklichkeit begeht, dann lacht +man sich gegenseitig ein wenig aus – wieder in +aller Freundschaft. Es kann ja natürlich nur +<em class="gesperrt">eine</em> Partei gewinnen – wenn aber dann die +Verlierenden sich jedesmal gebärden, wie wenn +ihnen ein Unglück widerführe oder ein Unrecht +geschähe – ja, dann hört eben aller Spaß auf +und man kann das kein Spiel mehr nennen. +Nun, was meinst du dazu, Paul?“</p> + +<p>„Ja, Tante Toni, du hast eigentlich recht. +Wenn's einem aber egal ist, ob man gewinnt +oder nicht, dann gibt man sich auch +keine Mühe, und das Spiel ist gar nicht interessant.“</p> + +<p>„So habe ich's aber auch nicht gemeint. Es +soll einem gewiß nicht egal sein, und jeder muß +sich natürlich die größte Mühe geben, um zu +gewinnen. Das Gewinnen soll nur nicht der +Haupt- und alleinige Zweck des Spieles sein. – +So, ich glaube, ich bin nun an der Reihe, und +wirklich, Paul, ich werde mich tüchtig anstrengen, +um einen Meisterschlag zu vollführen!“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_24" id="Page_24">[24]</a></span>„Bravo, Tante Toni! Das hast du gut gemacht, +du hast Ottos Kugel getroffen – hinaus +mit ihr, so weit du kannst!“</p> + +<p>„Ich will sie lieber liegen lassen und benützen, +um durch die Schelle zu kommen; sie liegt doch +hinter ihrem Reifen.“</p> + +<p>Als Tante Toni sich umdrehte, sah sie gerade, +wie Lilly mit dem Füßchen ihre Kugel ein +wenig vorschob, so daß sie für den nächsten Schlag +in eine günstigere Lage kam. Sie sagte nichts, +sie schaute nur Lilly ernst an. Diese wurde ein +bißchen rot und tat, als ob sie bloß ein Steinchen +unter ihrer Kugel entfernt hätte.</p> + +<p>Nachdem nun Kurt gespielt hatte, kam Philipp +an die Reihe; er gab seiner Kugel einen kräftigen +Schlag, so daß sie durch ihren Reifen flog +und in Lillys Nähe zu liegen kam; als Kurt sich +nun anschickte, Lillys Kugel zu treffen, schrie diese +ihn an:</p> + +<p>„Du, das gibt's nicht! Philipp, du hast +gepfuscht; deine Kugel lag vorhin so, daß +du gar nicht durch deinen Reifen kommen +konntest!“</p> + +<p>„Sag' noch einmal, ich hätte gepfuscht, du +kleine Kröte!“ ereiferte sich Philipp.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_25" id="Page_25">[25]</a></span>„Du hast gepfuscht – gepfuscht – gepfuscht!“ +schrie Lilly.</p> + +<p>„Impertinente kleine Person!“ Philipp war +rot vor Ärger, und er hätte seine kleine Cousine +gewiß etwas unsanft angefaßt, wenn Tante Toni +nicht dazwischengetreten wäre.</p> + +<p>„Lilly, schau mich mal an, und dann sage mir +ehrlich: Hast du gesehen, daß Philipp gepfuscht +hat?“</p> + +<p>Lilly wurde verlegen. „Nein, gesehen hab' ich +es nicht – aber vorhin lag seine Kugel anders, +und da ...!“</p> + +<p>„O, da kann man sich so leicht täuschen! Sieh, +mir kommt es vor, als hätte <em class="gesperrt">deine</em> Kugel vorhin +auch anders gelegen.“</p> + +<p>Lilly senkte die Augen vor dem klaren, durchdringenden +Blick der Tante; sie wurde so verlegen, +daß Tante Toni Mitleid mit ihr hatte +und Philipp einen Wink gab, den der gutmütige +Junge auch verstand, worauf er weiterspielte, +als ob nichts geschehen wäre, und er behandelte +Lillys Kugel so glimpflich, daß dieselbe ganz in +der Nähe ihres Reifens liegen blieb.</p> + +<p>Das Spiel nahm nun einen ganz friedlichen +Verlauf, es wurde sogar lustig, weil Tante Toni<span class='pagenum'><a name="Page_26" id="Page_26">[26]</a></span> +nachdem sie wieder einmal einen Meisterschlag +versprochen hatte, glänzend am Ziele vorbeischoß, +worüber sie selbst in lustiges Lachen ausbrach; +die Kinder stimmten von Herzen ein, und von +diesem Augenblicke an wurde über jeden ungeschickten +Schlag gelacht und nicht mehr gezankt.</p> + +<p>So ging alles vortrefflich; selbst Lilly war +wieder ganz vergnügt, sie war sogar sehr stolz, +denn sie hatte mit einigen geschickten Schlägen +ihre Kugel weit voran gebracht. Sie lag eben +wieder sehr schön vor ihrem Reifen, als Paul, +der Anführer der Gegenpartei, dieselbe traf und +mit einem kräftigen Schlag ziemlich weit fortschickte.</p> + +<p>Da warf Lilly einfach ihren Hammer hin; sie +sagte: „Ich spiel' nicht mehr mit!“ und setzte sich +schmollend in einen Winkel. Tante Toni sah ihr +ganz überrascht nach, Paul aber sagte ärgerlich:</p> + +<p>„Ja, so macht sie's immer. Wie ihr etwas +nicht nach dem Kopf geht, dann läuft sie fort +und verdirbt einem das ganze Spiel.“</p> + +<p>„Soll ich hingehen und sie zu versöhnen suchen?“ +schlug der gutmütige Philipp vor.</p> + +<p>„O nein“, antwortete Tante Toni, „das wäre +ganz verkehrt; dann würde sie es bei der nächsten<span class='pagenum'><a name="Page_27" id="Page_27">[27]</a></span> +Gelegenheit gleich wieder so machen. Nein, wir +lassen sie ganz ruhig in ihrem Schmollwinkelchen +sitzen, und Rudi kann für sie einspringen. Magst +du, Rudi?“</p> + +<p>„Aber wie gern, Tante Toni!“</p> + +<p>„Ach nein, der Rudi spielt gar zu schlecht“, +knurrte Otto.</p> + +<p>„Aber Otto, das kann dir doch nur angenehm +sein, er ist ja dein Gegner!“</p> + +<p>„Ach, das ist ja überhaupt gar keine Ehre +mehr, gegen solch einen Gegner zu gewinnen!“</p> + +<p>„Ich spiel' gar nicht so schlecht, Tante Toni, +du wirst es schon sehen“, und Rudis eben noch +vor Freude strahlende Augen füllten sich mit +Tränen.</p> + +<p>„Ich bin überzeugt, daß du recht gut spielst, +mein lieber Rudi“, tröstete ihn Tante Toni +und sah sich nach Lillys Hammer um; allein inzwischen +war Otto zu seiner Schwester gegangen und +hatte leise aber eindringlich auf sie eingesprochen, +und gerade als Tante Toni sich nach dem Hammer +bücken wollte, sprang Lilly herbei, erfaßte ihn +und rief: „Ich spiel' selbst weiter!“</p> + +<p>Tante Toni sah unschlüssig von einem Kinde +zum andern. Ihr Gerechtigkeitsgefühl sagte ihr,<span class='pagenum'><a name="Page_28" id="Page_28">[28]</a></span> +daß Lilly Strafe verdient habe und eigentlich +vom Spiel ausgeschlossen bleiben müßte – sie +wußte ja auch, daß Lilly nur deshalb wieder +mitspielen wollte, weil sie und Otto dem kleinen +Rudi das Vergnügen mißgönnten. Anderseits +konnte sie es aber nicht übers Herz bringen, +gegen die beiden mutterlosen Kinder strenge zu +sein. Sie neigte sich deshalb zum enttäuschten +Rudi nieder und erklärte ihm: „Lieber Rudi, +wir sehen und wissen beide, daß Otto und Lilly +nicht schön handeln, aber sie haben eben keine +liebe Mutter, die ihnen täglich und stündlich zur +Seite steht, sie ermahnt und belehrt – wir +wollen daran denken und Geduld mit ihnen haben, +nicht? Aber du sollst nicht zu kurz kommen, und +ich verspreche dir, die nächste Krocketpartie mache +ich mit dir, Mieze und Anna. Bist du zufrieden?“</p> + +<p>Rudi nickte unter Tränen lächelnd, und Tante +Toni gab ihm noch einen herzlichen Kuß, als +Otto ungeduldig rief: „Holla, Tante Toni, +aufgepaßt, du bist dran!“ Während Tante +Toni spielte, stieß Otto den Rudi an und +höhnte: „Hä, du spielst doch nicht mit, siehst +du's?“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_29" id="Page_29">[29]</a></span>Rudi war ein guter Junge, jedoch er konnte +Spott nicht vertragen. Er wurde sehr rot bei +Ottos Worten, aber er dachte noch daran, was +Tante Toni ihm eben gesagt hatte, und er hielt +an sich. Er streckte seine Hände in die Hosentaschen +und drehte Otto den Rücken.</p> + +<p>„Ja, geh' nur fort, geh' zu den Kleinen ins +Kinderzimmer, da gehörst du auch hin. Hier +störst du uns ja nur.“</p> + +<p>Rudi stellte sich breitspurig hin und sagte: +„Ich bleibe hier und schaue zu.“</p> + +<p>„Ich sag' dir aber, daß du fortgehen +sollst!“</p> + +<p>„Du hast mir nichts zu sagen.“</p> + +<p>„Gewiß, denn ich bin älter, größer und stärker +als du.“</p> + +<p>„Älter, ja; größer nicht viel, aber stärker gar +nicht.“</p> + +<p>„Was hast du gesagt, du frecher Knirps du? +Sag's doch noch einmal, wenn du's wagst!“</p> + +<p>„Ich bin stärker wie du.“</p> + +<p>„Mit dem Mund vielleicht, aber nicht in Wirklichkeit.“</p> + +<p>„Soll ich's beweisen?“</p> + +<p>„Das wagst du ja nicht, du Feigling!“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_30" id="Page_30">[30]</a></span>Nun war Rudis Geduld zu Ende. Er stürzte +sich auf Otto, und die beiden Knaben begannen +zu ringen. Otto war allerdings fast drei Jahre +älter als Rudi, aber er war verhältnismäßig +klein und zart gebaut, während Rudi groß und +kräftig war. Rudi bekam denn auch bald die +Oberhand, und ehe es der erschrocken herbeieilenden +Tante Toni gelang, die beiden zu trennen, +lag Otto auf der Erde. Sofort begann er ein +entsetzliches Wehegeschrei, so daß nicht nur Mieze +mit den andern Kindern gelaufen kamen, um zu +sehen, was geschehen sei, sondern auch die Eltern, +die in der Nähe des Hauses in einer Laube gesessen +hatten.</p> + +<p>Frau Helmer rief, die Hände ringend: „Natürlich +wieder mein Rudi! Wenn ich Geschrei +höre, dann brauch' ich gar nicht zu fragen, denn +ich weiß schon im voraus, daß der Rudi wieder +etwas angestellt hat!“</p> + +<p>Frau Wulff und Tante Toni hatten sich inzwischen +um Otto bemüht, hatten ihn befragt, +befühlt und betastet und konnten gar nicht finden, +wo er eigentlich verletzt war.</p> + +<p>„So sag' uns doch endlich mal, wo es dir +fehlt!“ rief Tante Toni aus. „Ich kann mir<span class='pagenum'><a name="Page_31" id="Page_31">[31]</a></span> +doch nicht denken, daß du uns ohne Grund so +erschreckt hast!“</p> + +<p>Otto antwortete nicht sofort – dann aber +fuhr er sich mit beiden Händen an den Kopf +und jammerte: „Mein Kopf, o mein Kopf!“</p> + +<p>Tante Toni und Frau Wulff sahen sich besorgt +an; sie führten ihn ins Haus, um ihn +aufs Sofa zu legen und ihm Umschläge auf +den Kopf zu machen. Im Vorbeigehen warf +Tante Toni dem Rudi einen vorwurfsvollen +Blick zu. Das Kind wandte sich ab – es hatte +eben schon die Vorwürfe seiner Mutter zu hören +bekommen –, sein sonst so offenes, liebes Gesicht +bekam einen Ausdruck von finsterem Trotz. Ohne +ein Wort zu sagen, verließ er den Spielplatz.</p> + +<p>Mariechen aber hatte ihr Brüderchen beobachtet. +Sie ging ihm leise nach; sie wußte, sein Trotz +würde nicht lange dauern, sondern bald einem +großen Schmerz weichen. Schon mehrmals hatte +sie Rudi nach einem solchen Auftritt bitterlich weinend +in irgendeinem Gebüsch des Gartens versteckt +gefunden. Diesmal war er ganz hinten in den +Garten gegangen; dort war ein stilles, von +dunkeln Tannen und dichtem Gesträuch umstandenes +Plätzchen; da hockte er auf einer Bank,<span class='pagenum'><a name="Page_32" id="Page_32">[32]</a></span> +die Arme auf die Lehne gestützt und den Kopf +darin vergraben.</p> + +<p>Mariechen setzte sich neben ihn.</p> + +<p>„Komm, Rudi, sag' mir's, wie ist's denn wieder +gekommen?“</p> + +<p>Zuerst wollte Rudi nicht antworten, endlich +stieß er hervor: „Nun, wie halt immer. Erst höhnt +er mich und reizt mich, bis ich nicht mehr anders +kann, als ihn anpacken, und sowie er fühlt, daß +er unterliegen wird, dann fängt er seine Brüllerei +an, stellt sich, wie wenn ich ihm Gott weiß +was getan hätte – und ich krieg's nachher von +allen!“</p> + +<p>Es klangen Trotz, Schmerz und Bitterkeit aus +seiner Stimme.</p> + +<p>Mariechen schlang ihren Arm um Rudi und +sagte begütigend: „Komm, Rudi, wir wissen's ja +doch, daß Otto der schuldige Teil ist, und ...“</p> + +<p>„So? Hast du denn nicht gehört, was Mama +eben sagte, und hast du nicht gesehen, wie Tante +Toni mich angeschaut hat? Und Tante Toni +hatte mir doch gerade gesagt ...“ Hier ging die +Stimme des Knaben in Schluchzen über.</p> + +<p>„Komm, Rudichen, mein liebes Goldrudichen, +weine nicht so. Sag' mir genau, wie alles gekommen<span class='pagenum'><a name="Page_33" id="Page_33">[33]</a></span> +ist – ich erzähle es der Tante Toni, +und ich werde schon sorgen, daß sie keine falsche +Meinung von dir behält.“</p> + +<p>„Es wird ihr aber recht leid tun; denn sie +hat Otto und Lilly sehr lieb, weil sie keine Mama +mehr haben. Für uns ist das aber auch schrecklich; +sie sind beide unausstehlich, und wir müssen +uns alles von ihnen gefallen lassen; niemand straft +sie, und wenn man sich über sie beklagt, dann +heißt es nur immer: ‚Habt doch Geduld mit den +armen Kindern, denn sie haben keine Mutter +mehr.‘“</p> + +<p>„Ja, Rudi, das ist freilich alles wahr“, sagte +Mariechen; dann schwieg sie nachdenklich still, +während ihr Brüderchen fortfuhr:</p> + +<p>„Und dazu sind sie auch fast immer bei uns +oder hier bei Wulffs – wir können niemals +etwas unternehmen, außer sie müssen dabei sein.“</p> + +<p>„Ja, Rudi, denke doch aber auch daran, wie +traurig es bei ihnen zu Hause ist so ohne Mama +und fast ohne Papa; denn du weißt ja, wie angestrengt +Onkel Robert arbeiten muß und daß er +sich fast nicht um seine Kinder kümmern kann.“</p> + +<p>„O, Fräulein Helene sorgt aber doch recht +gut für sie!“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_34" id="Page_34">[34]</a></span>„Das ist aber doch nicht dasselbe. Denke nur +daran, wie unsere Mutter jeden Abend mit uns +betet, wie sie selbst die Kleinen besorgt und ins +Bettchen legt, wie sie noch zu jedem von uns +ans Bett kommt, um uns das Kreuzzeichen zu +machen und den letzten Gutenachtkuß zu geben; +denke doch daran, wie du immer und zu jeder +Stunde zu ihr gehen, sie um alles bitten und +fragen kannst. Versuche doch einmal dir vorzustellen, +wie schrecklich es wäre, wenn wir unsere +Mama nicht mehr hätten!“</p> + +<p>„Nein, nein, Mieze, daran kann und will ich +gar nicht denken. Und jetzt – vielleicht weint +sie gerade, weil ich vorhin so zornig war!“ Bei +diesem Gedanken fingen Rudis Tränen wieder an +zu fließen.</p> + +<p>„Komm, wir wollen sie schnell aufsuchen!“ +Mariechen sprang auf und zog ihr Brüderchen +mit sich fort. Sie waren aber kaum ans ihrem +versteckten Plätzchen hervorgetreten, da erblickten +sie ganz in der Nähe ihre Mutter und Tante +Toni. Rudi wollte sich schnell verstecken, aber +Mariechen hielt ihn fest und sagte: „Geh' du +nur gleich zu Mama – ich nehme inzwischen +Tante Toni beiseite und erkläre ihr alles.“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_35" id="Page_35">[35]</a></span>Mariechen erzählte nun Tante Toni, wie +vorhin der Streit zwischen Otto und Rudi entstanden +war. Tante Toni hörte aufmerksam zu, +dann sagte sie:</p> + +<p>„Es ist mir schon mehrmals aufgefallen, daß +Otto und Lilly nicht nett mit Rudi sind.“</p> + +<p>„Nicht wahr, du hast es auch bemerkt?“ rief +Mariechen eifrig. „Was mögen sie nur gegen +den guten Rudi haben? Otto neckt und ärgert +uns ja alle gern, aber doch ganz besonders den +Rudi – er weiß, daß der Rudi Spöttereien +nicht vertragen kann; er weiß aber auch, daß +Rudi ihm nichts tun darf. Du kannst mir glauben, +Tante Toni, ich habe schon manchmal gemerkt, +wie Rudi an sich gehalten und wie er sich beherrscht +hat – aber wenn dann Otto gar nicht +aufhört und nur immer ärger kommt, dann bricht +er halt los, und man kann's dem kleinen Buben +doch nicht so streng anrechnen, wenn er im Zorn +einmal ein bißchen fest dreinschlägt; dann gibt's +aber jedesmal ein Gebrüll und ein Getue, wie +du es vorhin gehört hast, und die ganze Familie +gerät in Aufregung, weil Otto doch keine so feste +Gesundheit hat. Vor einiger Zeit hat er sich +nach solch einer Balgerei sogar ein paar Tage ins<span class='pagenum'><a name="Page_36" id="Page_36">[36]</a></span> +Bett gelegt und hat behauptet, es sei ihm entsetzlich +übel; als ich ihm aber ein großes Stück +Kuchen brachte, da hat er's mit dem besten Appetit +verzehrt, und wie dann Onkel Wulff von +einem Ausflug in die Lichtenau sprach, da war +Herr Otto plötzlich wieder gesund. Und Lilly +hält zu Otto – bei sich zu Hause streiten sie +auch miteinander, aber gegen uns halten sie +stets zusammen. Und wirklich, Tante Toni, +wir lassen uns viel von den beiden gefallen, denn +sie tun uns ja doch wieder so leid, weil ihre +Mutter tot ist.“</p> + +<p>Tante Toni seufzte und ging eine Weile +schweigend neben Mariechen her. Endlich sagte +sie: „Wir wollen unsere Hoffnung auf Ottos +erste heilige Kommunion bauen, und wir wollen +recht eifrig für ihn beten, liebes Mariechen. +Otto und Lilly waren doch so liebe, herzige +Kinder, als sie noch klein waren – und sie haben +auch einen so vorzüglichen Vater!“</p> + +<p>„O ja, Tante Toni! Sie hängen aber auch +beide sehr an ihrem Vater, und wenn Onkel +Robert dabei ist, dann sind sie einfach musterhaft. +Ach, es ist recht schade, daß er immer so +viel zu tun hat!“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_37" id="Page_37">[37]</a></span>In diesem Augenblick kam Anna herbeigesprungen: +„Tante Toni und Mieze, wo bleibt +ihr denn? Schnell kommt Kaffee trinken, sonst +kriegt ihr nichts mehr; denn der arme Otto hat +von seinem Sturze einen wahren Heißhunger +davongetragen. Er hat schon verschiedene Rosenbrötchen, +zwei Stücke Kuchen und drei Bretzeln +verschlungen!“</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_38" id="Page_38">[38]</a></span></p> +<h2><a name="Drittes_Kapitel" id="Drittes_Kapitel"></a>Drittes Kapitel.<br/> +<big>Was die Kinder werden wollen.</big></h2> + + + + +<p>Als Tante Toni und Mariechen ins Haus +kamen, fanden sie wirklich die ganze Gesellschaft +um den Kaffeetisch versammelt. Otto machte +noch ein etwas leidendes Gesicht, aber die Besorgnisse +seiner Tanten verflogen doch gänzlich, +als sie sahen, mit welchem Behagen er in seine +Bretzel biß.</p> + +<p>„Wenigstens die fünfte!“ flüsterte Anna dem +Mariechen zu.</p> + +<p>„Ei, da ist ja auch Leo!“ rief Tante Toni erfreut +aus, als sie den kleinen, dicken Burschen +auf einem hohen Kinderstühlchen am Tisch sitzen +sah.</p> + +<p>„Ja, ich darf heut' mit den Großen Kaffee +trinken, damit du auch eine Freude hast“, erklärte +der Kleine mit überzeugtem Tone, und +wichtig fügte er hinzu: „Tante, das Minnichen<span class='pagenum'><a name="Page_39" id="Page_39">[39]</a></span> +kann schon beinah' ‚Toni‘ sagen; es macht schon: +‚Mieh – Mieh‘!“</p> + +<p>„Wirklich? Das ist aber schön und das freut +mich; später gehe ich auch mit dir hinauf, und +dann muß Minnichen es mir vorsagen.“</p> + +<p>Jetzt kam Mariechen mit der großen Kaffeekanne. +„Darf ich dir einschenken, Tante?“</p> + +<p>„Gewiß, Mariechen! Ich danke dir. Aber +wo sind denn die Papas?“</p> + +<p>Kurt antwortete: „Papa und Onkel Helmer +wollten ein bißchen spazieren gehen; sie werden +aber nicht weit gekommen sein, denn es fängt +gerade an zu regnen.“</p> + +<p>„Und Onkel Robert?“</p> + +<p>„O, der Papa hat heute wieder arg viel zu +tun“, erklärte Lilly wichtig. „Erst mußte er +noch einen großen Artikel für seine Zeitung +schreiben, und dann wartete er auch noch auf verschiedene +Leute, mit denen er zu sprechen hat.“</p> + +<p>„Also nicht einmal den Sonntagnachmittag +kann er sich frei machen!“</p> + +<p>Frau Wulff flüsterte ihrer Schwester halblaut +zu: „Der arme Robert ist wieder arg angegriffen +worden. Er wird schließlich doch noch zu Gericht +gehen müssen, um Ruhe zu bekommen.“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_40" id="Page_40">[40]</a></span>Otto hatte die Ohren gespitzt und einiges verstanden. +Ärgerlich rief er aus: „Ich möchte, +Papa jagte die ganze Zeitungsgeschichte zum +Kuckuck und er würde etwas anderes als Redakteur!“</p> + +<p>„Aber Otto, wie kannst du so etwas sagen! +Du weißt doch, daß dein Vater der Anführer +und Leiter der Katholiken hier ist. Ich wüßte +niemand, der ihn ersetzen könnte, wenn er sich +zurückziehen wollte.“</p> + +<p>„Er hat aber doch nur Last und Arbeit und +noch dazu Ärger mehr wie genug – und es +dankt's ihm kein Mensch!“</p> + +<p>„Gewiß, Otto, ich weiß viele, die mit großer +Liebe und Verehrung an deinem Vater hängen.“</p> + +<p>„O Tante Toni, es sind noch viel mehr, die +ihn beschimpfen und verleumden!“</p> + +<p>„Das passiert jedem, der mit Eifer und Erfolg +eine gute Sache vertritt. Ein mutiger +Soldat wirft deshalb seine Flinte nicht ins +Korn!“</p> + +<p>„Na, Tante Toni, ich werde jedenfalls mal +nicht Redakteur des ‚Mainboten‘!“</p> + +<p>„Ei, Otto, das von dir zu hören, tut mir +wirklich leid. Ich hätte gedacht, du würdest einmal<span class='pagenum'><a name="Page_41" id="Page_41">[41]</a></span> +mutig in die Fußstapfen deines Vaters +treten und es dir zur Ehre anrechnen, so wie er +all deine Kraft für die gute Sache einzusetzen. +Es fehlt dir also der Mut dazu?“</p> + +<p>„Nein, der Mut nicht, aber die Lust!“</p> + +<p>„O–h!“ machte Tante Toni gedehnt, und sie +sah Otto dabei mit ihren klaren Augen so durchdringend +an, daß er verlegen auf seinen Teller +blickte, und als Tante Toni nun weiterfragte: +„Was möchtest du denn werden?“ da antwortete +er ausweichend: „Ich weiß es noch nicht recht – +vielleicht Reiteroffizier.“</p> + +<p>„Ich geh' einmal zur Marine“, erklärte hierauf +Paul mit Bestimmtheit.</p> + +<p>„Und ich wahrscheinlich auch“, ließ sich sein +Zwillingsbruder Kurt vernehmen, „aber nicht als +Offizier, sondern als Arzt oder Naturforscher, +damit ich mich mal einer Nordpolexpedition anschließen +kann.“</p> + +<p>„So, du möchtest wohl ein berühmter Reisender +werden, wie z. B. Fridtjof Nansen? Nun, und +du, Philipp?“</p> + +<p>„O Tante, den brauchst du gar nicht zu +fragen!“ riefen die andern Kinder lachend. „Der +Philipp, der muß Ingenieur werden; der hockt ja<span class='pagenum'><a name="Page_42" id="Page_42">[42]</a></span> +jetzt schon die meiste Zeit in der Fabrik und +bosselt an den Maschinen herum.“</p> + +<p>„Denke nur, Tante“, erzählte Rudi, „neulich +war an der neuen Dampfmaschine etwas nicht +in Ordnung; man wollte schon dem Monteur +telegraphieren, der sie aufgestellt hat, aber da +hat der Philipp herausgefunden, woran es lag, +und der Maschinist hat gesagt: ‚Das ist aber mal +ein Hauptkerl!‘“ Und Rudis Augen leuchteten vor +Freude und Stolz über seinen tüchtigen Bruder.</p> + +<p>„Recht so, Philipp, das höre ich gern; da bekommt +der Papa an dir später eine gute Hilfe +in dem großen Betrieb.“ Und Tante Toni nickte +dem Neffen freundlich zu. Dieser war etwas +rot geworden, hatte sich aber weiter nicht in +seiner Gemütsruhe stören lassen.</p> + +<p>„So, nun müssen aber auch die andern heraus +mit der Sprache!“ rief Tante Toni lustig. +„Also Mariechen, wie steht es mit dir?“</p> + +<p>Ehe Mariechen noch antworten konnte, rief +Anna lachend: „O, das ist eine Betschwester – +die ginge ins Kloster, wenn es dort nur einen +Spiegel gäbe!“</p> + +<p>„Halt den Schnabel, vorlautes Ding; du bist +ja nicht gefragt!“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_43" id="Page_43">[43]</a></span>„Ich danke dir, teurer Bruder Paul, für die +liebevolle Zurechtweisung!“</p> + +<p>„Zankt euch doch nicht wieder, ihr beiden, +und laßt Mariechen endlich zu Wort kommen.“</p> + +<p>„O, ich habe nicht viel zu sagen“, meinte +Mariechen errötend. „Vorläufig lerne ich recht +fleißig, damit ich später mein Examen machen +kann. Das weitere wird sich dann schon +finden.“</p> + +<p>„Bravo, Mieze!“</p> + +<p>Aber Anna konnte das Necken nicht lassen; sie +machte ein drollig zerknirschtes Gesicht und rief +aus: „Mieze, du bist einfach ein Musterkind. +Ich fühle mich wirklich so unwürdig, neben dir +zu sitzen, daß ich meine, der Erdboden müßte +mich verschlingen.“ Und damit verschwand sie +unter dem Tisch.</p> + +<p>Alle lachten; auch die geneckte Mieze lachte +herzlich mit, dann rief sie munter:</p> + +<p>„Nun hast du so gut für mich geantwortet; +jetzt sprich für dich selbst; also ich frage +dich feierlich: Was willst du werden, Anna +Wulff?“</p> + +<p>„Nun, ich heirate natürlich“, klang es unter +dem Tisch herauf.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_44" id="Page_44">[44]</a></span>Wieder entstand allgemeines Gelächter.</p> + +<p>„Was gibt's denn da zu lachen?“ Und +Annas Kopf tauchte empor.</p> + +<p>„Zum Heiraten gehören zwei“, belehrte Kurt +mit weiser Miene.</p> + +<p>„Das weiß ich doch, daß ich mich nicht selbst +heiraten kann. Ich heirate den netten holländischen +Jungen, mit dem wir voriges Jahr im +Seebad gespielt haben.“</p> + +<p>„O, den dicken Jan!“ lachte Kurt. „Du bist +nicht dumm, Änne, denn sein Vater ist Millionär. +Ob der dich aber will?“</p> + +<p>„O, der wird schon wollen!“ versicherte Anna +in überzeugtem Ton.</p> + +<p>„Ich bin noch nicht gefragt worden“, meldete +sich nun Lilly.</p> + +<p>„Also, Lilly, leg' los! Ich wette, du wirst eine +alte Jungfer!“</p> + +<p>Lilly warf ihrem Vetter Paul einen sehr entrüsteten +Blick zu und entgegnete: „Fällt mir +nicht ein, eine alte Jungfer zu werden – da +heirat' ich doch noch eher einen von euch!“</p> + +<p>„Ums Himmels willen, doch nicht mich?“ +schrie Paul in komischem Entsetzen auf, und er +streckte wie abwehrend die Hände aus.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_45" id="Page_45">[45]</a></span>„Nein, dich mag ich gar nicht, du bist mir +zu grob – aber vielleicht den Philipp!“</p> + +<p>Philipp machte ein äußerst verblüfftes Gesicht +bei dieser Erklärung.</p> + +<p>„Warum denn gerade mich?“ fragte er in +kläglichem Ton.</p> + +<p>„Du bist der gutmütigste von allen, und dich +werde ich schon bald unter den Pantoffel +kriegen“, erklärte Lilly mit einem siegesgewissen +Blick auf ihren Vetter, der dasaß mit der +Miene eines Opferlammes, welches zur Schlachtbank +geführt werden soll.</p> + +<p>Die andern schrien vor Lachen. Frau Wulff, +welche gerade der Tante Luise Helmer eine +neue Tasse Kaffee einschenken wollte, schüttete +vor lauter Lachen daneben; Mieze hielt sich die +Seiten und bog sich; Anna hatte sich verschluckt, +und lachend, hustend und pustend verteidigte +sie sich gegen ihre Brüder, die ihr +allzu diensteifrig und kräftig ans den Rücken +klopften.</p> + +<p>„Genug, Kinder, genug!“ rief Tante Toni +in den Tumult hinein; aber sie mußte selbst +wieder von neuem lachen, und es dauerte noch +eine kleine Weile, ehe sie fortfahren konnte: „Wir<span class='pagenum'><a name="Page_46" id="Page_46">[46]</a></span> +sind ja noch nicht fertig. Wer ist denn an der +Reihe, gefragt zu werden?“</p> + +<p>„Der Rudi, der Rudi!“ hieß es, und Otto +fügte mit geringschätziger Miene hinzu:</p> + +<p>„Den brauchst du gar nicht zu fragen, Tante +Toni; der will Kutscher werden!“</p> + +<p>„Ach, Otto, das hab' ich doch nur früher gesagt, +als ich noch ganz klein war!“ verteidigte sich Rudi.</p> + +<p>„Ei, was bist du denn jetzt? Bildest du dir +vielleicht ein, du wärest schon groß?“</p> + +<p>„Geh', Otto, sei nur still! Als du noch so +ein kleiner Bubi warst wie hier das Leomännchen, +da wolltest du auch Kutscher werden.“</p> + +<p>„Aber Tante Toni!“</p> + +<p>„Gewiß; ich war damals ja längere Zeit bei +euch; und wie oft hast du deine hölzernen +Pferdchen an meinen Stuhl gespannt und mich +so in der Welt herumkutschiert!“</p> + +<p>„Aber doch nicht wirklich, Tante Toni?“ +fragte Leomännchen, der mit sichtlichem Interesse +zugehört hatte.</p> + +<p>„Nein, natürlich nur im Spiel. Und du, mein +Leobübchen, du willst gewiß auch Kutscher werden?“</p> + +<p>„O nein – ich werde Kaiser“, erklärte der +Kleine mit Bestimmtheit.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_47" id="Page_47">[47]</a></span>„O, Kaiser – nur Kaiser!“ riefen alle erstaunt +und belustigt. Tante Toni belehrte lächelnd:</p> + +<p>„Kaiser kann man aber nur werden, wenn +man ein Prinz ist.“</p> + +<p>„Ich heirat' einfach eine Prinzessin, dann +werd' ich ein Prinz.“</p> + +<p>„O Dummerchen! Eine Prinzessin, die will +dich doch nicht“, spottete Anna.</p> + +<p>„Dann heirat' ich zur Straf' gar nicht!“ Und +Leomännchen wandte sich gekränkt ab.</p> + +<p>„Ach, was für eine entsetzliche Strafe!“ schrie +Anna lachend. Dann streckte sie wie flehend die +Hände nach ihrem Brüderchen aus und rief: +„Gnade, Kaiserliche Majestät! Die arme Prinzessin +wird sich zu Tode grämen!“</p> + +<p>Der Kleine sah Anna mit mißtrauischer Miene +an. Er wußte nicht recht, was sie eigentlich +meinte, aber er fühlte doch heraus, daß sie sich +über ihn lustig machte; deshalb sagte er ärgerlich: +„Geh' weg, böse Anna, du willst mich doch +nur wieder ärgern!“</p> + +<p>„Verstoßen! – ich bin verstoßen von Seiner +Kaiserlichen Majestät!“ jammerte Anna in +komischer Verzweiflung; dann hielt sie der Mutter +ihren Teller hin und flehte mit zitternder<span class='pagenum'><a name="Page_48" id="Page_48">[48]</a></span> +Stimme: „Ach, Kaiserin-Mutter, erbarmen Sie +sich doch meiner und geben Sie mir zum Trost +noch ein Stück Kuchen!“</p> + +<p>Die Mutter lächelte nachsichtig: „Da hast du +dein Stück Kuchen, kleine Komödiantin!“</p> + +<p>„Meinen innigsten, meinen untertänigsten +Dank!“ Und dem kleinen Leo den Kuchen hinhaltend, +fügte sie hinzu: „Auf dein Wohl, o +großer, berühmter Kaiser, werde ich diesen Kuchen +verspeisen.“ Dann streckte sie ihrem sie erstaunt +anblickenden Brüderchen die Zunge heraus und +biß in den Kuchen.</p> + +<p>„Aber pfui, Anna, was gibst du dem +Kleinen für ein schlechtes Beispiel!“ rügte die +Mutter.</p> + +<p>Leomännchen aber hatte schon Tränen in den +Augen, und er rief entrüstet: „Böse Anna, unartige +Anna!“ worauf diese entgegnete: „Süßes +Leomännchen, herziges, zuckeriges Leobübchen, +großer Kaiser!“</p> + +<p>„Ach, so laß mich doch mal endlich in Ruh, +du garstiges Ding!“ Und große Tränen rollten +über Leos runde Bäckchen.</p> + +<p>„Ach, ein weinender Kaiser!“ Und Anna +deutete mit dem Finger nach ihm.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_49" id="Page_49">[49]</a></span>„So, Anna, nun ist's genug; du läßt mir +jetzt den Kleinen in Ruh!“ befahl die Mutter in +strengem Ton. Sich dann an alle andern wendend +fügte sie hinzu: „Ich denke, wir sind fertig +und gehen nun hinüber ins Wohnzimmer, damit +die Mädchen hier den Tisch abräumen können.“</p> + +<p>Kaum hatte Tante Toni sich im Wohnzimmer +niedergelassen, da krabbelte Leomännchen +auch schon auf ihren Schoß; die andern Kinder +lagerten sich um sie herum und riefen: „Bitte, +Tante Toni, erzähle uns etwas!“ Und Tante +Toni erzählte den aufmerksam horchenden Kindern +lustige und ernste Geschichten, bis Tante +Luise Helmer erklärte: „Nun ist's genug; Tante +Toni ist sicher müde, und für uns ist es nun +Zeit, nach Hause zu gehen. Kommt, Mariechen, +Philipp und Rudi, macht euch zurecht und verabschiedet +euch!“</p> + +<p>Später, als Tante Toni mit den Kindern +das Abendgebet verrichtet hatte, wollte sie den +kleinen Leo zu Bett bringen. Der blieb aber +knien und erklärte: „Ich bin noch nicht fertig, +ich habe noch etwas zu beten.“ Dann faltete +er wieder seine Händchen, und zum Kreuzbilde +emporblickend betete er inbrünstig:</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_50" id="Page_50">[50]</a></span>„Ach, lieber Gott, ich bitte dich recht sehr, +schick' doch den Storch, daß er die Anna wieder +fortholt; wir können sie nicht brauchen, sie ist +wirklich zu bös. In Ewigkeit. Amen.“ Dann +stand er mit befriedigter Miene auf. Anna +jedoch machte ein recht verdutztes Gesicht; sie +wußte nicht recht, ob sie lachen oder sich ärgern +sollte. Sie sagte aber nichts, sondern schlich sich +still hinaus.</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_51" id="Page_51">[51]</a></span></p> +<h2><a name="Viertes_Kapitel" id="Viertes_Kapitel"></a>Viertes Kapitel.<br/> +<big>Es wird spazierengegangen; man begegnet +der alten Babett; Anna wird Prophetin +und Rudi Schwanenritter.</big></h2> + + +<p>Am nächsten schulfreien Nachmittag waren +wieder alle Kinder im Wulffschen Garten versammelt; +sie waren zum Spaziergang gerüstet +und warteten auf Tante Toni. Diese trat eben +aus der Haustüre, die kleine Toni an der Hand +führend.</p> + +<p>„Was, soll die auch mit?“ rief Otto ärgerlich. +„Warum denn nicht auch der Leo und +das Minnichen und die zwei Jüngsten von Tante +Luise? Ich könnte mich ja vor den Kinderwagen +spannen!“</p> + +<p>Klein Toni sah mit ängstlich flehenden Augen +zur Tante empor. Diese sah etwas ärgerlich +aus, als sie antwortete: „Ich habe Toni versprochen, +sie mitzunehmen, und sie geht mit. +Übrigens, mein lieber Otto, ich werde auch +in Zukunft zu unsern Spaziergängen einladen,<span class='pagenum'><a name="Page_52" id="Page_52">[52]</a></span> +wen ich will, ohne dich erst um Erlaubnis zu +fragen.“</p> + +<p>Und sich dann an alle Kinder wendend fragte +sie: „Wie steht es denn mit den Aufgaben? +Seid ihr alle fertig?“</p> + +<p>„Ja, ja, wir sind fertig!“ riefen mehrere +Stimmen; nur die größeren Knaben und Mariechen +hatten noch einiges zu lernen; aber Tante Toni +meinte:</p> + +<p>„Nun, da wir um 6 Uhr zurück sein werden, +habt ihr diesen Abend noch Zeit zum Studieren. +Aber Kurt und Philipp, was schleppt ihr denn +da in den schweren Rucksäcken?“</p> + +<p>„Ei, Tante, unser Vieruhrbrot!“</p> + +<p>„Nun, da scheint mir aber Vorrat für ein +ganzes Bataillon zu sein!“</p> + +<p>„O Tante, wart's mal ab! Du wirst sehen, +daß wir nichts davon heimbringen werden.“</p> + +<p>„Und dem Philipp kannst du ein bißchen auf +die Finger sehen, Tante; der hat immer schon +eine halbe Stunde nach dem Mittagessen wieder +Hunger, und er könnte ...“</p> + +<p>„O, sei ruhig, Rudi“, lachte Mariechen, „ich +habe den Rucksack gut und fest zugebunden; er +kriegt ihn so leicht nicht auf!“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_53" id="Page_53">[53]</a></span>„Also, nun vorwärts, Kinder!“ mahnte +Tante Toni. Als sie aber bemerkte, daß +Paul auf die andere Seite der Straße hinüberging, +fragte sie verwundert: „Warum gehst du +so abseits, Paul? Warum bleibst du nicht bei +uns?“</p> + +<p>„Ach, Tante, die Leute schauen uns so an +und lachen, weil wir so viele sind!“</p> + +<p>„Ei, das tut doch nichts! Die Leute sind von +früher daran gewöhnt. Sieh, der alte Uhrmacher +Müller, wie er dort vor seiner Türe +steht und mit dem ganzen Gesicht lacht! Wie +oft hat er vor Jahren euern Großvater mit seinen +zehn Kindern hier vorbeikommen sehen! Ja, es +war immer die größte Freude meines lieben +Vaters, wenn keines seiner Kinder beim Spaziergang +fehlte.“</p> + +<p>„Tante Toni, ich möchte, der Großpapa und +du, ihr zöget wieder hierher; das wäre doch +schön! Möchtest du es nicht?“</p> + +<p>„Ich möchte es wohl ganz gern; denn hier +bin ich geboren, hier habe ich meine Kindheit +und meine erste Jugend verbracht. Anderseits +täte es mir aber auch wieder leid, von Walden +wegzugehen; dort ist eure liebe Großmama gestorben;<span class='pagenum'><a name="Page_54" id="Page_54">[54]</a></span> +dort wohnen drei meiner Geschwister; +dort haben wir ein zweites, liebes Heim gefunden.“</p> + +<p>„Gibt es in Walden auch so schöne Spaziergänge +wie hier, Tante?“</p> + +<p>„Es gibt dort wohl auch schöne Spaziergänge, +aber doch nicht so mannigfaltig wie hier; auch +muß man erst ein gut Stück über staubige Landstraßen +gehen, ehe man an schöne Punkte oder +schattige Wege kommt. Hier dagegen stößt dies +herrliche kleine Tal gleich an die Stadt, es führt +nicht nur zum Fasanenwald, sondern noch zu verschiedenen +andern, wirklich schönen Aussichtspunkten. +Bleibt doch einmal stehen, Kinder, und +schaut euch von hier aus die Klosterruine dort +drüben über dem See an. Die Bäume da bilden +den Rahmen, im Vordergrund seht ihr die saftig +grüne Wiese, dahinter die Ruine auf ihrer kleinen +Insel, zwischen Baumgruppen hervorlugend – +könnt ihr euch ein schöneres Bild denken? Aber +ihr seid so an diesen Anblick gewöhnt, daß ihr +achtlos daran vorbeigeht!“</p> + +<p>„Doch nicht, Tante Toni, ich habe die Ruine +sehr gern, und ich habe sie schon oft von hier +aus betrachtet und auch in der Nähe.“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_55" id="Page_55">[55]</a></span>„Natürlich, Tante, das müßtest du dir doch +denken können! Es ist ja eine Klosterruine – +wie könnte Mieze gleichgültig an einer Klosterruine +vorbeigehen!“</p> + +<p>„Ach, Anna, mußt du schon wieder anfangen!“</p> + +<p>Aber Anna ließ sich nicht irremachen, sondern +sie fuhr eifrig fort: „Sie hat schon mal geträumt, +das Kloster sei wiederhergestellt worden und sie +selbst walte darin als Äbtissin. Da man aber +keinen Spiegel mit ins Kloster nehmen darf, hat +sie sich eine Zelle ausgesucht, von der aus sie +sich im See spiegeln kann.“</p> + +<p>„O Änne, da müßte der See aber erst gründlich +gereinigt werden; denn aus diesem schlammigen +Wasser ...“</p> + +<p>„Kann ihr höchstens das Bild des Wassermannes +entgegengrinsen, das meinst du doch, +Tante Toni, nicht wahr? Ja, und dann reckt +er die hageren langen Arme aus dem Wasser +hervor – er greift nach der schönen Nonne in +den wallenden weißen Gewändern – er faßt +sie beim Schleier und zieht sie hinunter in die +Tiefe!“</p> + +<p>„Gräßlich, Änne! Wo hast du das wieder her?“ +Und Mariechen schüttelte sich schaudernd.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_56" id="Page_56">[56]</a></span>„Die Nonne mit den wallenden weißen Gewändern, +die stammt wohl aus irgendeinem +Gedicht. Aber was ist denn das für ein Orden?“</p> + +<p>„Nun“, verteidigte sich Anna, „das ist ein +Orden, den Mariechen einmal gründen wird. +Sie liebt doch die weißen Kleider viel zu sehr, +um sich mal in eine schwarze oder braune Kutte +zu stecken. Und in ihrem Orden braucht man +sich auch nicht die Haare schneiden zu lassen – es +wäre doch schade um ihre schönen blonden Locken! +Und ihre Nagelfeile und die Bürstchen nimmt +sie auch mit.“</p> + +<p>Mariechen war ganz rot und verlegen geworden, +aber sie mußte doch lachen. Auch Tante Toni +lachte, und Mariechen um die Schulter fassend +rief sie scherzend: „Nun weiß ich doch, daß +Miezchen auch einen kleinen Fehler hat und ein +bißchen eitel ist!“</p> + +<p>„Eitel ist sie eigentlich nicht“, nahm Philipp +seine Schwester in Schutz. „Denn wirklich eitle +Mädchen, die putzen sich doch hauptsächlich, um +sich dann auch von den Leuten begaffen zu lassen, +und sie freuen sich, wenn man sie schöner findet +als die andern. Unserer Mieze dagegen ist es +schon genug, wenn sie nur nett und ordentlich<span class='pagenum'><a name="Page_57" id="Page_57">[57]</a></span> +aussieht, und sie hat es gar nicht gern, wenn +man sie so viel anschaut; und wenn ihre Bekannten +schönere Kleider haben als sie, da macht +sie sich nichts daraus.“</p> + +<p>„O, ich auch nicht!“ rief Anna mit geringschätziger +Miene.</p> + +<p>„Ja, Änne, dir sieht man's auf den ersten +Blick an, daß du nicht eitel bist!“</p> + +<p>„Schlampig ist sie einfach, die Änne!“ entrüstete +sich Kurt. „Du könntest wenigstens deinen +Schuhriemen ordentlich binden und deinen Strumpf +heraufziehen – man schämt sich ja wirklich, mit +dir zu gehen!“</p> + +<p>„Puh, Kurt, tu' nur nicht so! Bis wir heute +abend nach Hause kommen, wirst du wohl auch +ein Loch in der Hose oder im Strumpf haben!“</p> + +<p>„Das kann schon sein, das ist aber doch etwas +ganz anderes!“</p> + +<p>„Kommt, Kinder, fangt keinen Streit an!“ +suchte Tante Toni zu beschwichtigen. „Ich +meine, wir wollen durch den Park und über die +kleine Brücke gehen; oder geht ihr lieber neben +dem Parke her über die große Brücke? – Aber +wo ist denn der Rudi? Den seh' ich ja gar nicht +mehr!“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_58" id="Page_58">[58]</a></span>„Der ist sicher wieder irgendeinem Getier +nachgelaufen“, meinte Mariechen. „Es ist unglaublich, +was der alles aufstöbert und heimbringt +– neulich kam er mit vier kleinen Fröschen +heran.“</p> + +<p>„Sogar ein Heimchen hat er einmal gefangen.“</p> + +<p>„Rudi! – Rudi! – Wo steckst du?“</p> + +<p>Keine Antwort.</p> + +<p>„Wir wollen mal alle zu gleicher Zeit rufen“, +schlug Paul vor, „da wird er uns wohl hören. +Also aufgepaßt – auf drei wird geschrien. Eins, +zwei, drei!“</p> + +<p>Und „Rudi!“ schallte es vielstimmig, so daß +Tante Toni sich erschrocken die Ohren zuhielt.</p> + +<p>„Horcht, ich meine, ich hätte ihn antworten +hören!“</p> + +<p>„Richtig, da kommt er ja gelaufen!“</p> + +<p>„Und schmutzig ist er!“</p> + +<p>„Aber Rudi, wie siehst du aus! Was hast du +denn angefangen?“ Und Tante Toni sah den +kleinen Burschen, der mit zerzausten Locken, verkratztem +Gesicht und übel zugerichteter Kleidung +herankam, vorwurfsvoll an.</p> + +<p>„Ach, Tante, ich habe so ein schönes Eichhörnchen +gesehen, da wollte ich mir's gerne genauer<span class='pagenum'><a name="Page_59" id="Page_59">[59]</a></span> +anschauen; deshalb schlich ich ihm leise +nach, und als ich ihm auf einen Baum nachkletterte +– ja, da bin ich halt ein bißchen heruntergepurzelt.“</p> + +<p>„Ein bißchen viel sogar, wie mir scheint!“</p> + +<p>„Ich hab' mir aber nicht viel weh getan“, +versicherte er treuherzig.</p> + +<p>„Aber deinem Strumpf hast du recht weh getan +und deinem Anzug. Da wird sich die liebe Mutter +freuen!“</p> + +<p>Rudi senkte beschämt den Lockenkopf: „Ach, +es war aber doch ein <em class="gesperrt">so schönes</em> Eichhörnchen +mit einem so langen, dicken Schwanz!“</p> + +<p>„Du wirst von nun an schön in unserer Nähe +bleiben, mein lieber Bub.“ Und sich an alle +Kinder wendend fuhr Tante Toni fort: „Ich +möchte euch überhaupt alle bitten, daß ihr immer +schön beisammenbleibt, daß sich keines absondert. +Auch hernach, wenn ihr oben beim Tempelchen +spielen dürft, da müßt ihr doch alle in Rufweite +bleiben, so daß ihr mich immer hören könnt, +wenn ich euch zurückrufe. Wollt ihr mir das +versprechen?“</p> + +<p>„Gewiß, Tante Toni!“ versicherten die Kinder, +und der Zug setzte sich wieder in Bewegung.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_60" id="Page_60">[60]</a></span>Nachdem die kleine Eisenbahnbrücke überschritten +war, führte Tante Toni ihre Bande den Waldsaum +entlang, und sie betrachtete sinnend die liebliche +Gegend, die sich zu ihrer Linken ausbreitete. +Als der Wald und mit ihm der Weg eine kleine +Biegung nach rechts machte, blieb sie stehen und +sagte:</p> + +<p>„Seht, Kinder, wenn wir früher mit unserem +Vater hier spazierengingen, dann blieb er stets +an dieser Stelle stehen, um die schöne Aussicht +zu genießen. Er kannte jeden Berg da drüben, +jeden Wald, jedes Dorf.“</p> + +<p>„Unser Papa auch!“ riefen Otto und Lilly +gleichzeitig aus, und Otto fuhr fort: „Und der +Papa hat uns auch schon von den Ausflügen +erzählt, die ihr früher mit dem Großpapa gemacht +habt, und er hat uns versprochen, er würde +mit uns große Spaziergänge durch den Spessart +machen, wenn wir einmal größer sind.“</p> + +<p>„Tante Toni, warst du auch schon auf all +diesen Bergen?“ fragte nun klein Tonichen.</p> + +<p>„Auf vielen, aber doch lange nicht auf allen. +Wir waren zuviele, und da die größeren Ausflüge +teilweise zu Wagen gemacht wurden, konnte +Großpapa uns nicht alle auf einmal mitnehmen,<span class='pagenum'><a name="Page_61" id="Page_61">[61]</a></span> +und wenn eine besonders große Tour gemacht +werden sollte, dann gingen die Knaben mit und +die Mädchen mußten zu Hause bleiben.“</p> + +<p>„Natürlich, immer die Mädchen, als ob die +nicht gerade so gut laufen könnten wie die Buben!“ +schmollte Anna.</p> + +<p>„Ja, Anna, <em class="gesperrt">du</em> kannst auch gut laufen“, und +Tonichen stieß einen kleinen Seufzer aus.</p> + +<p>„Anna hätte eigentlich ein Bub sein sollen“, +behauptete Philipp.</p> + +<p>„Ja, und du ein Mädchen, gelt, Philippinchen?“ +neckte Kurt.</p> + +<p>Philipp errötete und rief heftig abwehrend aus: +„Gott behüte! Nicht um die Welt möcht' ich ein +Mädchen sein!“</p> + +<p>„Siehst du nun, Philipp! Und du behauptest +doch so oft, wir Mädchen hätten es besser als +die Buben.“</p> + +<p>„Das habt ihr auch; wenigstens bequemer.“</p> + +<p>„Ei, Philipp“, mischte sich Tante Toni ein, +„findest du zum Beispiel, daß deine Mutter es +so bequem hat? Sie ist des Morgens die erste +auf und des Abends die letzte, die sich zur Ruhe +begibt, und unter Tags habe ich <em class="gesperrt">dich</em> schon öfter +auf dem Sofa gesehen als deine Mama.“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_62" id="Page_62">[62]</a></span>„Ja, die Mama, das ist auch etwas ganz +anderes!“</p> + +<p>„Nun, und Tante Maria Wulff? – Und noch +recht viele könnte ich dir nennen, welche ...“</p> + +<p>„Ja, Tante, das sind auch keine Mädchen +mehr; ich spreche ja nur von den Mädchen.“</p> + +<p>„Nun gut, so sprechen wir von den Mädchen. +Nehmen wir zum Beispiel hier unser Mariechen. +Inwiefern hat sie es denn besser als du? Sie +braucht allerdings kein Latein, kein Griechisch und +keine Mathematik zu lernen, trotzdem hat sie +reichlich viel Schularbeiten; sie hat ferner ihre +Musikstunden, muß täglich Klavier üben; in ihrer +freien Zeit muß sie auch oft auf die kleinen Geschwister +achtgeben, und ich habe mir sagen lassen, +daß sie einem ihrer Brüder schon manchen Knopf +angenäht hat, daß sie sogar im lateinischen Wörterbuch +schon ziemlich Bescheid weiß, weil sie eben +dem betreffenden Herrn Bruder häufig beim Nachschlagen +der Wörter hilft.“</p> + +<p>Philipp sah beschämt und verlegen drein; +aber bald hob er den Kopf und bekannte +offen und ehrlich: „Ja, Tante, du hast recht. +Aber unsere Mieze ist auch wirklich eine gute +Schwester.“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_63" id="Page_63">[63]</a></span>„Und auch eine gute Cousine!“ rief Anna, und +die andern stimmten bei, nur Lilly klagte:</p> + +<p>„Sie ist nur zu streng, und sie will immer +recht haben!“</p> + +<p>Die andern schauten Lilly mißbilligend an, und +Kurt erklärte in sehr bestimmtem Tone: „Sie +hat auch immer recht; dir gegenüber mal ganz +gewiß.“</p> + +<p>Lilly wurde ganz rot vor Ärger, und schon +wollte sie eine recht unartige Antwort geben, da +legte sich Ottos Hand auf ihren Mund: „Schnell, +Lilly, weg, da kommt die alte Babett!“ flüsterte +er, sie mit sich fortziehend; aber es war schon +zu spät, denn eben war ein ganz altes, verhutzeltes +Weiblein aus dem Walde gehumpelt +und blieb gerade vor Otto und Lilly stehen. +Es schaute die beiden Kinder aufmerksam an und +nickte dabei mit dem wackeligen Kopf; endlich +sagte es mit etwas krächzender Stimme: „Ja, +ja, ich weiß schon, ihr seid die Kinder vom Herrn +Robert, und die annern da, die sind vom Fräule +Luische und vom Marieche.“</p> + +<p>„Und ich, Babett, wer bin denn ich?“ +fragte Tante Toni lächelnd. „Kennen Sie mich +noch?“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_64" id="Page_64">[64]</a></span>Die Alte richtete ihre kleinen, rot unterlaufenen, +aber noch scharfen Äuglein auf Tante Toni, da +hellte sich auf einmal ihr Gesicht auf und sie rief +freudig erstaunt: „Ach, du lieber Gott, des is +ja des Toniche, des gute Fräule Toniche von's +Mehrings drauße aus dem große Garte! Ach, +was hab ich Ihne aber schon so lang nit mehr gesehn, +und was sind Se für e groß, schön Mädche +geworde!“</p> + +<p>„Sogar ein ziemlich altes Mädchen bin ich +inzwischen geworden“, lachte Tante Toni. „Nun, +wie geht's denn, Babett?“</p> + +<p>„Na, Toniche – ich will sage Fräule Toniche –, +es geht halt so, wie unser Herrgott will. Recht +alt bin ich halt schon, und ma werd e bißche +däppelich, wenn mer so über achzig Jahr auf +seim Buckel mitschleppe muß. Aber e Hex bin +ich nit, – nein, Kinnercher, e böse Hex bin ich +nit, und ich möcht niemand etwas zuleid tun.“ +Dabei schaute sie wieder auf Otto und Lilly hin, +und dann fuhr sie halblaut, wie zu sich selbst +sprechend, fort: „Es war aber noch eins dabei“, +und sie schaute von einem Kind zum andern, bis +ihr Blick auf Anna haften blieb, die sich halb +hinter Tante Toni versteckt hatte. Tante Toni<span class='pagenum'><a name="Page_65" id="Page_65">[65]</a></span> +und die Helmers-Kinder sahen verwundert drein und +konnten sich nicht denken, was die Alte eigentlich +wollte. Die aber fuhr, zu den Kindern gewendet, +fort:</p> + +<p>„Ach, Kinnercher, ich hab' eure Eltern ja gekannt, +wie se noch ganz klein warn. Und der +Robert, was war des für e wilder, aber e guter +Bub! Einmal, da is er in seiner Wildheit so +grad an mich angerannt, wie ich mit eme Bündel +Reisig daherkomme bin, so daß ich mitsamt +meim Reisig in de Chausseegrabe neingeborzelt +bin. Erst hat er halt lache müsse über mein +unfreiwillige Borzelbaum, dann hat aber doch +gleich sei gut Herz die Oberhand kriegt, und er +hat mer wieder naufgeholfe, und er hat mer auch +all mei Reisig wieder schön zusammelese helfe, +und zuletzt, weil er halt gar nix anners bei sich +gehabt hat, wollt er mer sogar noch sei Klicker +schenke! Hähähä!“ – Die Alte schüttelte sich +vor Lachen. „Ja, denkt euch, sei Klicker wollt +er mer schenke, und weil ich die doch nit habe +wollt, da hat er nachher seiner Mutter kei Ruh +gelasse, bis se mer en Rock und e warm Halstuch +geschenkt hat. Ja, Kinnercher, so e gut Herz hat +er gehabt, der Robert – ja, Gott hab' ihn selig!“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_66" id="Page_66">[66]</a></span>„Aber der Robert lebt ja noch!“ rief Tante +Toni.</p> + +<p>„Ach ja – richtig! Es is ja sei schön jung +Frauche die, wo gestorbe is! Ja, ja, däppelich, +e bißche däppelich werd mer halt, wenn mer so +alt is. Aber bös bin ich nit, und wenn mer +mich e alte Hex schimpft, dann tut mer des halt +doch gar zu leid.“</p> + +<p>Da trat Anna mit sehr rotem Kopf, aber rasch +und entschlossen hinter Tante Toni hervor, und +der alten Babett die Hand bietend sagte sie: +„Verzeih, Babett, es war recht garstig von mir +neulich, und ich verspreche dir's, ich werd's nie +mehr tun.“</p> + +<p>„Ach Gott, du bist halt e Liebes und e +Braves!“ rief Babett gerührt aus. „Ich hab' +mir ja schon gleich gedacht, daß ihr's nit so bös +gemeint habt; aber es tut einem halt doch weh.“ +Sie schaute nun auf Otto und Lilly, die hatten +aber die Gesichter abgewendet und blieben stumm. +Die alte Babett nickte noch ein paarmal mit dem +wackeligen Kopf, endlich sagte sie zu den beiden: +„Ich will recht für euer tot Mutterche bete.“ +Dann sich zu den andern wendend: „Na also, +nix für ungut, Kinnercher, und grüß Ihne Gott,<span class='pagenum'><a name="Page_67" id="Page_67">[67]</a></span> +Fräule Toniche. Ich bin aber doch so froh, daß +ich Ihne noch emol gesehn hab'. Grüß Gott, +du allerbrävstes du!“ Die letzten Worte waren +an Anna gerichtet, und nun humpelte die Alte, +auf ihren Stock gestützt, ihres Weges weiter.</p> + +<p>„Ich hätte wirklich nicht gedacht, daß die alte +Babett noch lebt!“ rief Tante Toni aus, während +sie im Weitergehen sich nochmals nach dem +alten Weiblein umdrehte. „Aber wo mag sie +nur herkommen, so weit von der Stadt?“</p> + +<p>„Sie kommt gewiß wieder vom Wunderkreuz“, +meinte Mariechen; „da pilgert sie hin, so oft es +ihre alten Beine erlauben.“</p> + +<p>„So ganz allein! Und wenn sie nun einmal +nicht mehr heim könnte?“</p> + +<p>„Wenn sie zu lang ausbleibt, dann kommt +ihr der Christian entgegen.“</p> + +<p>„Wie, der Christian, unser früherer Gärtner?“</p> + +<p>„Ja, Tante Toni, der wohnt ja bei seiner +verheirateten Tochter, und die alte Babett hat +ein Zimmerchen im selben Hause. Wenn nun +die Babett zum Wunderkreuz wallfahrtet, wie +sie es nennt, dann geht ihr später Christian +entgegen, und er führt sie nach Haus, und du +kannst dir gar nicht denken, wie drollig das ist,<span class='pagenum'><a name="Page_68" id="Page_68">[68]</a></span> +wenn die beiden zusammen heimhumpeln; denn +der Christian kann nicht viel besser gehen als +die Babett, wegen seinem Schematismus.“</p> + +<p>„Schematismus?“</p> + +<p>„Ach, Tante, so nennt er sein Gliederreißen; +er meint halt Rheumatismus.“</p> + +<p>„Aber das Allerkomischste ist doch, wenn sie +sich unterwegs recht zanken“, mischte sich Kurt ein.</p> + +<p>„Wie, sie zanken sich?“</p> + +<p>„Ja, und da der Christian ein bißchen taub +ist, schreit die Babett ihm ins Ohr, und der +Christian spricht auch sehr laut, so daß man sie +schon von weitem hört.“</p> + +<p>„Aber weshalb streiten sie denn? Ich meine +doch, wenn der Christian ihr entgegengeht, um +sie nach Hause zu führen, so ist das ein Zeichen, +daß sie gut zusammen stehen – sie sind ja nicht +einmal verwandt miteinander.“</p> + +<p>„Sie zanken sich ja eigentlich auch nicht im +Ernst – aber die Babett will zum Beispiel immer +den inneren Weg gehen, sie behauptet, hier draußen +sei es zu windig; der Christian dagegen will +draußen gehen, denn ihm ist es im Wald zu +dumpf. Neulich sind wir mal mit Papa hinter +ihnen hergegangen, da haben sie sich wieder um<span class='pagenum'><a name="Page_69" id="Page_69">[69]</a></span> +den Weg gezankt, bis dann endlich der Christian +nachgegeben hat, und sie sind in den Wald eingebogen +– er hat aber doch gebrummt: ‚Ich +bin nur froh, daß du nicht meine Frau bist, +Babett!‘ Da ist die Babett aber bös geworden +und hat geschrien: ‚Was denkst du denn von +mir, du? Wenn ich deine Frau wär', dann wären +wir natürlich draußen gegangen.‘ Da ist aber +der Christian ganz verblüfft stehengeblieben und +hat gefragt: ‚Du, Babett, was haste gesagt? +<em class="gesperrt">Meinen</em> Weg wärst du mit mir gegangen, wenn +du meine Frau wärst?‘ Und die Babett hat ganz +stolz geantwortet: ‚Natürlich; meinst du denn, +ich wüßt' nicht, wie es sich zwischen Mann und +Frau gehört? Ich kenn' doch meinen Katechismus!‘ +Der Christian hat sich hinter den Ohren gekratzt +und hat sehr nachdenklich ausgesehen; endlich hat +er ihr ins Ohr gerufen: ‚Ja, Babett, du hast +schon recht; eigentlich gehört es sich auch so zwischen +Mann und Frau – aber in Wirklichkeit ist es +nicht immer so.‘ Und dann schrie die Babett ihm +wieder ins Ohr: ‚Schrei doch nicht so, Christian; +<em class="gesperrt">ich</em> bin doch nicht taub, sondern nur du!‘ Da +wollte der Christian widersprechen, aber die Babett +ließ ihn gar nicht zu Wort kommen, sondern<span class='pagenum'><a name="Page_70" id="Page_70">[70]</a></span> +sie schrie weiter: ‚Bei dir war's freilich nicht +so; grad umgekehrt war's bei dir: du hast erst +deiner Frau gehorcht, und jetzt folgst du deiner +Tochter.‘ Jetzt hat aber der Christian angefangen +zu lachen, und er hat ausgerufen: ‚Und noch +jemand, ja, da ist noch jemand, dem ich gehorchen +muß.‘ Die Babett hat angefangen zu raten: +‚Deiner Tochter ihrem Mann?‘ Da hat der +Christian noch ärger gelacht: ‚Nein, der gehorcht +selber seiner Frau.‘ Die Babett hat ganz verwundert +gefragt: ‚Ja, wem denn sonst noch?‘ +Da ist der Christian wieder stehengeblieben und +hat gerufen: ‚Ei, dir, Babett, dir muß ich doch +auch gehorchen!‘ Da haben sie dann beide gelacht +und sind ganz vergnügt zusammen weitergehinkt.“</p> + +<p>Tante Toni und alle Kinder lachten auch +herzlich über Kurts Erzählung.</p> + +<p>Nachdem man nun noch eine halbe Stunde +tüchtig marschiert war, kam man endlich oben +am Tempelchen an.</p> + +<p>„Aber da ist ja gar kein Tempelchen mehr!“ +rief Tante Toni ganz enttäuscht.</p> + +<p>„Ja, das fing an zu zerbröckeln, da hat man +es einfach abgebrochen.“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_71" id="Page_71">[71]</a></span>„Die Aussicht ist ja auch zugewachsen!“</p> + +<p>„Ja, aber komm, ich führe dich hier ganz in +der Nähe auf einen Felsblock, von dem aus hat +man einen wirklich schönen Blick.“</p> + +<p>Und Paul führte Tante Toni an die bezeichnete +Stelle. Als sie zu den andern zurückkamen, +sagte Philipp: „Ich meine, wir könnten uns jetzt +dort ins Gras lagern und etwas essen.“</p> + +<p>„Was nicht gar!“ rief Tante Toni lachend. +„Zum Essen ist es doch noch zu früh. Ich schlage +vor, es wird erst eine Stunde gespielt, dann gefüttert +und hernach weitergespielt, bis es Zeit ist +heimzugehen. Ist es euch so recht?“</p> + +<p>Alle erklärten sich einverstanden, und es wurde beschlossen, +zuerst „Räuber und Gendarm“ zu spielen.</p> + +<p>„Aber die kleine Toni kann nicht mitspielen“, +erklärte Otto, „sie kann nicht gut laufen, und +sie würde uns das ganze Spiel verderben.“</p> + +<p>Toni schaute mit einem flehenden Blicke zu +ihrer Patin auf, und schon rannen ein paar +Tränen über ihre Bäckchen, da faßte Lilly sie +an der Hand und sagte: „Doch, Otto, laß sie nur +mitspielen; sie ist das gestohlene Kind, welches +die Räuber versteckt haben und welches die Gendarmen +suchen müssen. Komm, Toni, ich verstecke<span class='pagenum'><a name="Page_72" id="Page_72">[72]</a></span> +dich!“ Und sie sprang mit der schnell getrösteten +Toni fort. Die andern folgten ihr, +nur Mariechen blieb bei der Tante zurück.</p> + +<p>„Wie, Mariechen, spielst du nicht mit?“</p> + +<p>„Ach nein, Tante, das Spiel ist mir ein +bißchen zu wild, und man verdirbt sich die Kleider +dabei.“</p> + +<p>Tante Toni lächelte.</p> + +<p>„Allerdings, Mariechen, es wäre schade um +dein hübsches Kleid; du hast dich für die Gelegenheit +ein bißchen zu fein gemacht.“</p> + +<p>Mariechen errötete und nestelte verlegen an +ihrem Arbeitstäschchen herum. Auch Tante Toni +hatte eine Handarbeit mitgebracht, und die beiden +ließen sich eben auf einer aus rohen Baumstämmen +gezimmerten Bank nieder, als Philipp noch einmal +zurückkam, um ihnen anzuempfehlen: „Gebt gut +auf die Rucksäcke acht!“</p> + +<p>Tante Toni und Mariechen versprachen es +beide lachend. Nach einiger Zeit sagte letztere +etwas ängstlich: „Wenn es nur ohne Streit abgeht!“</p> + +<p>Tante Toni meinte: „Wenn so viele Kinder +von verschiedenem Alter und von so verschiedenen +Charakteren beieinander sind, gibt es gar leicht<span class='pagenum'><a name="Page_73" id="Page_73">[73]</a></span> +kleine Zänkereien; man darf diese nicht zu schwer +nehmen, und man muß vor allem sorgen, daß +sie nicht ausarten. Übrigens habe ich mich eben +recht über Lilly gefreut, weil sie sich so nett der +kleinen Toni angenommen hat.“</p> + +<p>„Mit Tonichen ist Lilly überhaupt fast immer +lieb und nett, und wenn sie es zuweilen durch +Neckereien zum Zorn gebracht hat, dann tut es +ihr hernach immer sehr leid.“</p> + +<p>„O, das freut mich!“ rief Tante Toni aus. +„Ja, das freut mich sehr. Ich kann dir nicht +sagen, wie weh es mir tut, daß ich bisher noch +gar keinen liebenswürdigen Zug in Lillys Charakter +finden konnte. Du hast mir neulich auch +gesagt, daß Otto und Lilly sehr an ihrem Vater +hängen.“</p> + +<p>„Ja, Tante; ich habe bei Lilly schon manchmal +etwas erreicht mit der Vorstellung: es würde +deinen Vater freuen, oder: es würde ihm leid +tun.“</p> + +<p>„Glaubst du zum Beispiel, daß Lilly imstande +wäre, ihrem Vater zuliebe ein wirkliches Opfer +zu bringen?“</p> + +<p>Mariechen dachte ein wenig nach, dann sagte +sie bestimmt: „Ich glaube, ja, Tante!“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_74" id="Page_74">[74]</a></span>„O, das ist gut, das ist viel wert!“ rief die +Tante aus und sah sinnend vor sich hin.</p> + +<p>Nach einiger Zeit kam klein Toni allein +zurück. „Willst du nicht mehr mitspielen, mein +Kleines? Bist du schon müde?“ fragte Tante +Toni.</p> + +<p>Die Kleine nickte und erzählte: „Die Gendarmen +haben unser Versteck gefunden, und da +mußten wir schnell fortlaufen; weil ich aber nicht +so fest laufen kann, da hätten sie die Lilly beinah +gefangen, und da hat sie mich schnell losgelassen +und gesagt, ich sollte mich jetzt ein bißchen zu +dir setzen, Tante.“</p> + +<p>Die Tante zog Tonichen zu sich auf die Bank, +hüllte das Kind in ihr warmes, weiches Umschlagtuch +und sagte liebevoll: „So, damit du dich nicht +erkältest, denn du bist erhitzt vom Laufen; nun ruhe +dich aus.“</p> + +<p>Die Kleine lächelte, und ihr Köpfchen an die +Schulter der Tante lehnend bat sie: „Bitte, bitte, +liebe Tante, erzähle mir doch noch einmal die +Geschichte von dem guten Kinde, welches allein +mit dem armen Jesusknaben gespielt hat, weil +die andern Kinder nicht wollten, und wie dann +die Engelchen vom Himmel gekommen sind und<span class='pagenum'><a name="Page_75" id="Page_75">[75]</a></span> +ihnen Sternblümchen und Sternbällchen zum +Spielen gebracht haben. O bitte, Tante, erzähle!“</p> + +<p>Und die gute Tante erzählte, und weil sie gar +so schön erzählen konnte, hörte nicht nur das +kleine Tonichen aufmerksam zu, sondern auch +das große Mariechen – bis auf einmal alle +andern Kinder mit großem Lärm zurückkehrten.</p> + +<p>„Die Gendarmen haben gewonnen!“ rief Rudi +mit strahlenden Augen. „Alle Räuber haben wir +gefangen!“</p> + +<p>„Ich habe mich zuletzt fangen lassen, weil es +mir langweilig wurde, sonst hättet ihr mich nicht +gekriegt.“</p> + +<p>Diese Behauptung Ottos wurde von allen +andern mit schallendem Gelächter beantwortet, +worüber dieser sich natürlich sehr ärgerte. Er +stampfte mit dem Fuß und schrie: „Was habt +ihr zu lachen? Es ist doch so!“</p> + +<p>Und Lilly bekräftigte: „So ist es auch, er hat +sich fangen lassen!“</p> + +<p>Der Streit hätte wahrscheinlich noch länger +gedauert, wenn Anna nicht eben mit theatralischer +Miene ausgerufen hätte: „Aber Kinder, wie +könnt ihr diesen edelmütigen Otto so verkennen! +Begreift ihr denn nicht, daß er sich geopfert hat<span class='pagenum'><a name="Page_76" id="Page_76">[76]</a></span> +und sich fangen ließ, bloß damit wir endlich mal +etwas zu essen bekommen? Es lebe Otto der Unüberwindliche, +der Großmütige!“</p> + +<p>„Er lebe hoch!“ schrien alle, auf Annas Scherz +eingehend; nur Otto selbst machte wieder ein +wütendes Gesicht, und er schien große Lust zu +haben, den Streit wieder anzufangen. Aber nun +rief Tante Toni: „Ich hoffe, Otto, daß du einen +Scherz verstehen kannst und dich nun zufriedengibst. +Und nun, Kinder, lagert euch und ruht +aus. Mariechen und ich, wir teilen den Proviant +aus. Ihr seid sicher hungrig!“</p> + +<p>„Und wie!“ scholl es fast einstimmig zurück.</p> + +<p>In unglaublich kurzer Zeit war der ganze +Vorrat aufgezehrt, und Philipp, der eben das letzte +Butterbrot empfangen hatte, rief aus: „Siehst +du, Tante Toni, daß wir nicht zuviel mitgenommen +hatten?“</p> + +<p>„Nein, wirklich!“ lachte diese. „Ihr habt euch +aber auch tüchtig Bewegung gemacht, und hier +draußen schmeckt es noch ganz besonders gut.“</p> + +<p>„So, nun können wir weiterspielen!“ erklärte +Anna aufspringend.</p> + +<p>„Ach nein, jetzt wollen wir lieber etwas anderes +spielen!“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_77" id="Page_77">[77]</a></span>„Aber was denn?“</p> + +<p>Der eine schlug dies vor, der andere das, ohne +Erfolg, bis Tante Toni vorschlug: „Was meint +ihr zu einem Pfänderspiel?“</p> + +<p>„Ja, ja, ein Pfänderspiel, und Tante Toni +spielt mit!“ riefen die Kinder. Bald war das +Spiel, unter Tante Tonis Leitung, im Gang. +Da gab es wieder viel zu lachen, besonders wenn +der Mitspieler, der ein Pfand geben sollte, verlegen +in seinen Taschen herumkramte und gar nichts +Passendes finden konnte, sondern manchmal recht +drollige Sachen zum Vorschein brachte. Mariechen +zum Beispiel fand in ihrer Tasche nichts als ein +Taschentuch, einen Rosenkranz und einen kleinen +Spiegel; diesen letzteren reichte sie errötend als Pfand +hin, wobei sich Anna laut und anhaltend räusperte, +bis Mariechen etwas ärgerlich ausrief: „Gib dich +zufrieden, Anna, alle haben's gesehen und bemerkt!“</p> + +<p>Als Kurt an die Reihe kam, fuhr er in alle +seine Taschen, suchte und suchte voll Hast – aber +ohne Erfolg, bis er schließlich doch einen kleinen +Gegenstand hervorbrachte, und zwar ein Schnurrbartbürstchen.</p> + +<p>„Nun, du sorgst zeitig vor!“ lachte Tante +Toni; auch die andern lachten, nur Philipp<span class='pagenum'><a name="Page_78" id="Page_78">[78]</a></span> +fragte mit dem ernsthaftesten Gesicht der Welt: +„Kurt, wann hast du dich denn zum letztenmal +rasieren lassen?“</p> + +<p>Als dann an ihn selbst die Reihe kam, ein +Pfand zu geben, da fand er nichts als Brotkrumen, +Obstkerne und einige sonderbar geformte +Eisenstückchen.</p> + +<p>„Aha“, höhnte Kurt, „das sind wohl die Bestandteile +deiner neuesten Erfindung!“</p> + +<p>Lilly förderte ein Puppenhöschen zutage, +welches sie aus Versehen anstatt eines Taschentuches +eingesteckt hatte, und Anna überreichte mit +einigem Widerstreben einen Kreisel, bei dessen +Anblick Paul ausrief: „Der gehört ja überhaupt +mir!“</p> + +<p>„Ach, du spielst ja doch nie damit, du hast +ihn einfach verloren und ich hab' ihn gefunden; +jetzt kannst du ihn mir auch lassen.“</p> + +<p>„So, so, verloren hab' ich ihn? Ich möcht' +nur wissen, wo; wahrscheinlich in meiner Schublade +oder in einer meiner Taschen, da gehst du +ja doch immer suchen, wenn du etwas finden +möchtest. Ja, Fräulein Änne, deine Manier, dir +allerhand zusammenzufinden, die kenn' ich schon. +Nächstens komme ich einmal bei dir wiederfinden.“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_79" id="Page_79">[79]</a></span>„O je, Kurt, da wirst du nicht viel kriegen! +Du weißt doch, daß die Änne immer gleich wieder +alles herschenkt, was sie hat.“</p> + +<p>„Ach, geh' doch, Rudi!“ wehrte Anna ab.</p> + +<p>„Ja, es ist aber so! Neulich hast du mir doch +meinen Ball abgebettelt – und am andern Tag +spielten die ungezogenen Franks-Kinder damit +auf der Straße.“</p> + +<p>„Ach, die sind gar nicht so arg ungezogen“, +rief Anna eifrig; „sie sind nur so schrecklich +arm, und haben gar nichts zum Spielen, und +sie sahen so sehnsüchtig nach dem Ball, als +ich vorbeikam, da hab' ich ihn ihnen halt gegeben.“</p> + +<p>„Na ja, es ist mir ja auch recht“, sagte Rudi; +währenddessen flüsterte klein Toni ihrer Schwester +Anna ins Ohr: „Du, wenn wir heimkommen, +da geb' ich dir eins von meinen Bilderbüchern +für die Franks-Kinder, und – ja was denn +noch ...!“</p> + +<p>„Ein Püppchen?“</p> + +<p>„Ach nein, Änne, die Franks sind so wild +und so schmutzig, sie würden zu grob mit dem +armen Püppchen umgehen, das täte mir zu +leid.“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_80" id="Page_80">[80]</a></span>„Dummes, das Püppchen fühlt's ja nicht!“</p> + +<p>„Ach ja, ich kann's aber doch nicht sehen. Und +weißt du, wie ich neulich abends in meinem +Bettchen geweint hab' und wie du mich gefragt +hast, warum ich weine, wie ich dir's dann aber +nicht sagen wollte, da hab' ich nur geweint, weil +mir auf einmal eingefallen ist, daß ich mein +Gretelchen im Nähzimmer liegengelassen habe, +und weil ich nun gedacht habe, das arme Püppchen +liegt nun ganz allein und verlassen im dunkeln +Nähzimmer, es hat kalt und ist traurig, weil ich +es nicht ins Bettchen gelegt und ihm nicht ‚Gute +Nacht‘ gesagt hab'.“</p> + +<p>Inzwischen hatten die andern weitergespielt, +und Toni sah ganz verdutzt aus, als Otto sie +anrief: „Holla, Toni, du hast nicht aufgepaßt, +schnell ein Pfand her!“ –</p> + +<p>Nicht minder groß war das Vergnügen der +Kinder beim Auslösen der Pfänder; besonders +Anna zeichnete sich wieder aus durch ihre tollen +Einfälle, als sie, um ihren Kreisel wieder zu +erhalten, einen Blick in die Zukunft tun mußte. +Man verband ihr die Augen, und so oft Tante +Toni fragte, was sie diesem und jenem prophezeie, +und dabei einen der Mitspielenden bezeichnete,<span class='pagenum'><a name="Page_81" id="Page_81">[81]</a></span> +mußte sie irgend etwas sagen, natürlich +ohne selbst zu wissen, wem es galt.</p> + +<p>„Ich glaube, du hast gespitzt“, klagte Mariechen, +als sie prophezeit bekam, daß sie mal Generaloberin +aller bestehenden und nichtbestehenden +Orden und Klöster werden sollte. Als Anna +dann aber den Philipp zu einer Urgroßmutter +machte und Lilly zum Erzbischof ernannte, da +glaubte man ihr, daß sie nicht hinter dem Tuch +hervorgeschaut hatte. Otto ärgerte sich wieder +sehr, als ihm verkündet wurde, er müsse einmal +als Orgeldreher die Welt durchwandern; als aber +Tante Toni das Amt eines Kasperltheaterdirektors +und Paul das Los einer emanzipierten alten +Jungfer in Aussicht gestellt wurde, da stimmte +er doch in die Heiterkeit der übrigen ein. Zuletzt +deutete die Tante auf klein Toni, und als +Anna verkündete: „Das wird einmal eine entsetzlich +böse Schwiegermutter“, da machte die +Kleine ein ganz trübseliges Gesichtchen und sagte: +„Aber nein, das möchte ich nicht werden.“ Während +alle lachten, riß Anna sich das Tuch vom +Gesicht und rief aus: „So, du bist also auch +nicht zufrieden mit meinen Prophezeiungen? +Was hätte ich dir denn sagen sollen?“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_82" id="Page_82">[82]</a></span>„Ich möchte gern ein Engelchen werden“, sagte +klein Toni errötend.</p> + +<p>„Oh – oh, hört doch! Die Toni will ein +Engelchen werden – wie bescheiden! Nein, so +etwas!“ riefen die Kinder lachend. Otto schrie +dazwischen: „Doch wohl ein Engelchen mit einem +B davor!“</p> + +<p>Und nun tönte es von allen Seiten und in allen +Tonarten: „Engelchen, Bengelchen! Engelchen, +Bengelchen – Zornebengelchen!“</p> + +<p>Aber klein Toni wurde nicht zornig, – nein, +sie wurde wohl abwechselnd rot und blaß, und +sie zitterte vor Anstrengung, den aufsteigenden +Zorn zu bemeistern. Sich fest an die Tante +schmiegend flüsterte sie: „Ich will nicht zornig +werden, – nein, ich will nicht!“</p> + +<p>„Recht so, mein Herzchen, meine tapfere, kleine +Freundin!“ ermutigte die Tante.</p> + +<p>Mariechen hatte sich inzwischen bemüht, die +übermütige Bande zum Schweigen zu bringen, +und das Spiel nahm nun seinen Fortgang, +bis Tante Toni das Zeichen zum Aufbruch +gab.</p> + +<p>„Aber es sind noch zwei Pfänder auszulösen!“ +rief Otto aus, allein die Tante bestimmte, dieselben<span class='pagenum'><a name="Page_83" id="Page_83">[83]</a></span> +müßten einfach zurückgegeben werden, und +sie fügte hinzu:</p> + +<p>„So, Kinder, nun geht es in wohlgeordnetem +Zug heimwärts, und es wird dabei gesungen und +im Schritt marschiert, damit wir rascher vom +Fleck kommen; denn es ist schon etwas spät +geworden. Also, Anna und Rudi, ihr führt +den Zug an, die Zwillinge nehmen den Philipp in +ihre Mitte, dann folgen Mariechen und Toni, +und Otto und Lilly bilden mit mir die Nachhut.“</p> + +<p>Dann stimmte die Tante an: „Wer will unter +die Soldaten, der muß haben ein Gewehr“, und +der Zug setzte sich in Bewegung.</p> + +<p>Aber Tante Toni blieb mit Otto und Lilly +ein wenig zurück, und als die andern außer +Hörweite waren, sagte sie:</p> + +<p>„Nun, meine lieben Kinder, erklärt mir doch +einmal, was habt ihr denn mit der alten Babett +gehabt?“</p> + +<p>Die beiden Kinder schwiegen und ließen die +Köpfe hängen. Die Tante fuhr fort: „Ich hätte +ja Babett selbst fragen können, aber ich wollte +es lieber von euch hören.“</p> + +<p>Endlich entschloß sich Otto zu reden, und er +sagte wegwerfend: „Ach, Tante, es ist ja gar<span class='pagenum'><a name="Page_84" id="Page_84">[84]</a></span> +nichts so Besonderes, und es ist eigentlich gar +nicht der Rede wert. Die Babett ist halt so +alt und so häßlich, und sie wird oft ‚die alte +Hex‘ genannt, und wir, die Anna, die Lilly +und ich, sind einmal dazugekommen, wie ein +paar Kinder auf der Straße ihr nachgerufen +haben: ‚Alte Hex, böse, alte Hex!‘ Nun, und +da haben wir halt ein bißchen mitgeschrien – +das ist alles.“</p> + +<p>„O Otto, wie du das sagst!“</p> + +<p>„Nun, das ist doch nicht so schlimm und nicht der +Mühe wert, so viel Aufhebens davon zu machen!“</p> + +<p>„Es tut mir leid, Otto, daß du die Sache so +leicht nimmst, besonders da du doch vorhin gesehen +hast, wie nahe es der guten Alten gegangen +ist. Von eurer frühesten Kindheit an habt ihr +gelernt, daß man das Alter ehren soll. Ist nun +aber, wie hier bei Babett, das Alter von Gebrechen +und Armut begleitet, so ist es doppelt +ehrwürdig. Warum habt ihr nicht wenigstens +vorhin der Alten ein gutes Wort gesagt wie +Anna? Ihr habt doch gesehen, welche Freude +ihr das gemacht hat.“</p> + +<p>„Aber, Tante, das ist doch unmöglich! Die +Anna hat ja gar kein Ehrgefühl, daß sie so eine<span class='pagenum'><a name="Page_85" id="Page_85">[85]</a></span> +alte Bettlerin um Verzeihung bittet; wir können +uns doch nicht so erniedrigen!“</p> + +<p>„Du scheinst mir von Ehrgefühl und Erniedrigung +einen sonderbaren Begriff zu haben, +mein Junge. Damals, als ihr mit den Gassenkindern +die Alte verhöhntet, da habt ihr euch +erniedrigt, da habt ihr kein Ehrgefühl gehabt. +Anna dagegen hat vorhin Mut und Hochherzigkeit +gezeigt, und ich versichere euch, sie ist seitdem +in meiner Achtung sehr gestiegen. Ich hielt +sie bisher nur für einen lustigen kleinen Taugenichts, +jetzt weiß ich aber, daß sie Charakter hat, +daß sie ein offenes, mutiges und gutes Kind ist.“</p> + +<p>Otto und Lilly sahen sehr erstaunt und etwas +beschämt drein. Endlich fragte Lilly leise:</p> + +<p>„Tante Toni, hast du uns jetzt nicht mehr +lieb?“</p> + +<p>„Gewiß hab' ich euch noch lieb!“ rief die +Tante warm, und sie zog die beiden Kinder näher +zu sich heran. „Gerade weil ich euch so lieb +habe, tut es mir weh, wenn ihr nicht seid, wie +ihr sein solltet; gerade weil ich euch so lieb habe, +möchte ich, daß ihr gute, brave, eures Vaters +würdige Kinder werdet! Ihr habt ja beide euern +Vater sehr lieb, nicht wahr?“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_86" id="Page_86">[86]</a></span>„O, und wie lieb!“ Die Kinder riefen es +aus mit leuchtenden Augen.</p> + +<p>„Und wenn er bei euch ist, dann nehmt ihr +euch zusammen, dann könnt ihr musterhaft brav +sein. Glaubt ihr nicht, daß es ihn sehr kränken +würde, wenn er jemals erführe, daß ihr ganz +anders seid, sobald er nicht dabei ist? Daß er +es bisher noch nicht erfahren hat, das verdankt ihr +nur der Güte und Nachsicht eurer Tanten, der +Großmut eurer Vettern und Cousinen; aber immer +kann es ihm nicht verborgen bleiben. Glaubt +mir das nur, Kinder, früher oder später wird +er einmal klar sehen, und es wird ihm furchtbar +hart sein, wenn er erfahren muß, daß ihr nicht +die offenen, wahren, gutherzigen und edelmütigen +Kinder seid, für die er euch hält. Davor möchte +ich ihn und euch bewahren. Übrigens, lieber +Otto, du wirst ja nun bald zur ersten heiligen +Kommunion gehen; ich hoffe, du nimmst es +recht ernst mit deiner Vorbereitung, und wenn +du willst, dann darfst du, so oft du Zeit hast, +zu mir kommen. Ich möchte dir so gerne helfen, +dich auf diesen großen Tag vorzubereiten.“</p> + +<p>„O Tante, das wäre mir freilich recht, sehr +recht!“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_87" id="Page_87">[87]</a></span>„Nun gut! Und jetzt wollen wir uns ein bißchen +eilen, um die andern einzuholen. Tonichen scheint +müde zu sein, sie läßt sich arg von Mariechen +ziehen.“</p> + +<p>Die andern waren bald eingeholt. Die ermüdete +kleine Toni wurde erst von der Tante +und Mariechen, dann von Kurt und Philipp +„Hockehockestühlchen“ getragen, bis sie ein bißchen +ausgeruht war, und so kam man bald wieder in +die Nähe der Klosterruine.</p> + +<p>„Wir wollen den See entlang gehen“, rief +Rudi, „es sind eine Menge kleine Entchen drin +und auch zwei junge Schwänchen.“ Und er lief +voraus.</p> + +<p>„Gib acht, Rudi“, rief ihm Mariechen nach, +„der große Schwan ist vielleicht draußen; er ist +immer sehr wild, wenn junge Schwänchen dasind, +und er ist überhaupt in der letzten Zeit +sehr bös, weil einige Buben ihn necken und mit +Steinen werfen.“</p> + +<p>„Ich werd' mich doch nicht vor einem Schwan +fürchten!“ sagte Rudi gekränkt, und er lief weiter, +gerade auf den See zu. Tante Toni wollte +ihn eben besorgt zurückrufen, da kam er auch +schon mit großem Zetergeschrei gelaufen, der<span class='pagenum'><a name="Page_88" id="Page_88">[88]</a></span> +Schwan, wild mit den Flügeln schlagend, hinter +ihm drein. Es war ein großer, starker Schwan, +und er sah so bösartig aus, daß alle Kinder +heftig erschraken. Auch Tante Toni erschrak, +aber sie faßte ihren Sonnenschirm, und beherzt +auf das erboste Tier zugehend, hielt sie ihm +denselben entgegen und machte ihn plötzlich mit +einem Ruck auf. Der Schwan stutzte, machte +kehrt und beeilte sich, wieder in sein Element, +ins Wasser, zu kommen. Die Kinder hatten +rasch die ausgestandene Angst vergessen, und sie +brachen nun in ein herzliches Gelächter über +diesen raschen und drolligen Rückzug des Schwans +aus.</p> + +<p>„Es sah zu komisch aus, Tante, wie du +den Schirm dem Schwan grad ins Gesicht aufgemacht +hast; so etwas war ihm noch nie passiert, +das konnte man ihm ansehen!“ Und Anna +lachte, daß ihr die Tränen über die Backen +liefen.</p> + +<p>„Und Mut hast du, Tante Toni, das muß +ich sagen“, gestand Paul bewundernd.</p> + +<p>„Und schlau hast du's gemacht. Mir wäre +das mit dem Schirm nicht eingefallen“, pflichtete +Kurt bei.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_89" id="Page_89">[89]</a></span>Nur Rudi sagte nichts, er schlich etwas beschämt +hinter den andern her; aber am Abend +nach der Heimkehr, da küßte er der Tante zärtlich +die Hand. Und als Anna ihm nachrief: +„Gute Nacht, Schwanenritter!“ da wurde er +sehr rot, aber er sagte nichts.</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_90" id="Page_90">[90]</a></span></p> +<h2><a name="Funftes_Kapitel" id="Funftes_Kapitel"></a>Fünftes Kapitel.<br/> +<big>Minnichen wird geimpft.</big></h2> + + +<p>Tante Toni saß oben im Kinderzimmer. +Klein Minnichen kletterte auf ihren Knien herum +und trieb allerhand Schabernack; es zog sie an +den Haaren, zupfte sie am Ohrläppchen, und wenn +Tante Toni „Au!“ oder „O weh!“ rief, dann +streichelte es ihr die Wangen und machte: „Ei, +ei, Ta Dedi.“</p> + +<p>Leo, der daneben mit großem Ernst ein Bilderbuch +betrachtete, erhob mißbilligend den Kopf und +sagte: „Das Minnichen ist wirklich ein bißchen +eigensinnig, es will durchaus nicht ‚Tante Toni‘ +sagen; es könnt's doch ganz gut, wenn es nur +wollte; denn es hat schon viel schwerere Wörter +fertiggebracht. Komm, Minnichen, sei mal recht +brav, sage schön: ‚Tan–te To–ni‘; ich schenk' +dir auch was!“</p> + +<p>„Senk was!“ machte Minnichen, und es hielt +dem Brüderchen habgierig das Händchen entgegen.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_91" id="Page_91">[91]</a></span>„Ja, du wärst mir gescheit! Erst mußt du +‚Tan–te To–ni‘ sagen.“</p> + +<p>„Truwelpeter!“ schrie die Kleine, und sie lachte +herausfordernd und klatschte in ihre kleinen, dicken +Patschhändchen.</p> + +<p>Leo sah sein Schwesterchen voll Bewunderung +an; dann sagte er: „Du, Tante, ich glaub' gar, +es will mich uzen; es ist wirklich ein schlaues Ding, +das Minnichen.“</p> + +<p>Man sah und hörte dem kleinen Burschen an, +wie stolz er auf sein Schwesterchen war, das +er ein wenig als sein besonderes Eigentum betrachtete. +Er fühlte sich als dessen Lehrer und +Beschützer, er ließ sich viel von ihm gefallen und +behandelte es mit einer gewissen großmütigen +Nachsicht, die ihm allerliebst stand und die ihn +für seine viereinhalb Jahre merkwürdig vernünftig +erscheinen ließ.</p> + +<p>Nachdem die Tante Minnichens Klugheit nach +Gebühr bewundert hatte, wandte sie sich an klein +Toni, die mit ihrer Puppe im Arm auf einem +niederen Stühlchen danebensaß. Tonichen saß so +still da und schaute so ernst und nachdenklich vor +sich hin, daß die Tante besorgt fragte: „Was hast du +denn, meine kleine Freundin, woran denkst du?“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_92" id="Page_92">[92]</a></span>„Ach, Tante“, erwiderte das Kind nach einigem +Zögern, „ich denke daran, daß du Otto gestern +zu dir gerufen hast, um ihn auf die erste heilige +Kommunion vorzubereiten. Ich wäre so +gern auch dabeigewesen.“</p> + +<p>„O, deine Zeit wird auch kommen, Tonichen; +habe nur noch ein bißchen Geduld!“</p> + +<p>Toni versank wieder in Nachdenken; endlich +hob sie das Köpfchen und fragte: „Tante, muß +man dem Heiligen Vater nicht folgen, wenn er +etwas sagt?“</p> + +<p>„Aber selbstverständlich, Kind!“</p> + +<p>„Er hat aber doch gesagt, die Kinder sollten +schon mit sieben Jahren zur ersten heiligen +Kommunion gehen; warum läßt man sie denn +nicht?“</p> + +<p>„Ja, Kindchen, der Heilige Vater hat unsern +deutschen Bischöfen erlaubt, das Alter für die +Erstkommunikanten auf zehn Jahre festzusetzen.“</p> + +<p>„Und in den andern Ländern, da dürfen die +Kinder schon mit sieben Jahren gehen?“</p> + +<p>„Wenigstens in vielen; ja ich glaube in den +meisten.“</p> + +<p>„Warum denn nur gerade wir deutschen Kinder +nicht? – Aber sag' mal, Tante Toni, wenn ich<span class='pagenum'><a name="Page_93" id="Page_93">[93]</a></span> +jetzt sehr krank würde, so krank, daß ich sterben +müßte, dürfte der Priester mir dann die heilige +Kommunion bringen?“</p> + +<p>„O, das glaube ich – ganz bestimmt!“</p> + +<p>„Willst du mir dann versprechen, Tante Toni, +daß ich den lieben Heiland bekomme, wenn ich +sehr krank werde?“</p> + +<p>„Aber, Toni, mein Herzchen, wie kommst du +denn auf diesen Gedanken? Du fühlst dich doch +nicht unwohl?“</p> + +<p>„Versprich, bitte, Tante, versprich!“ flehte das +Kind so eindringlich, daß die Tante nicht anders +konnte als antworten:</p> + +<p>„Ich versprech' dir's, Kind; von Herzen gern +will ich in einem solchen Fall alles tun, was ich +kann, um deinen Wunsch zu erfüllen!“</p> + +<p>Leo hatte diesem Gespräch mit Interesse zugehört. +„Sag' mal, Tante“, mischte er sich nun +ein, „wenn die Toni stirbt, ist sie dann doch +noch unsere Schwester?“</p> + +<p>„Aber gewiß!“</p> + +<p>„Und wenn wir alle einmal tot und im Himmel +sind, bist du dann doch noch unsere Tante, und +sagen wir dann auch noch zu unsern Eltern +‚Papa‘ und ‚Mama‘?“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_94" id="Page_94">[94]</a></span>„Aber Leo“, belehrte Toni ihr Brüderchen, +„dann sagt man doch: ‚Heiliger Papa‘ und ‚Heilige +Mama‘!“</p> + +<p>„Aha, ja natürlich“, nickte Leo befriedigt. +Tante Toni lächelte, und die beiden samt Minnichen +fest an sich drückend sagte sie nur: „Meine +lieben, lieben Kinderchen!“</p> + +<p>In diesem Augenblick stürzte Gretchen, das +Kindermädchen, mit schreckensbleichem Gesicht ins +Zimmer und rief aus: „Ach, Fräulein Mehring, +denken Sie doch nur – eben ist der Herr Doktor +gekommen – unser Kleines soll geimpft werden!“</p> + +<p>„Da ist doch nichts dabei, Gretchen; darüber +brauchen Sie doch nicht zu erschrecken. Aber ich +meinte, das Kind sei schon längst geimpft?“</p> + +<p>„Es ist auch schon mal geimpft worden, aber +es hat nicht angeschlagen. Ach, Fräulein Mehring, +ich kann's nicht mit ansehen; ich werd' ohnmächtig, +wenn ich's Minnichen bluten sehe!“</p> + +<p>„Bluten! – Was soll denn dem Minnichen +geschehen?“ rief Leo ganz erschreckt, während er +sich wie schützend vor sein Schwesterchen stellte.</p> + +<p>„Da sehen Sie, Gretchen, wie Sie die Kinder +erschrecken“, tadelte Tante Toni das Mädchen. +„Gehen Sie nur schnell aus dem Zimmer und<span class='pagenum'><a name="Page_95" id="Page_95">[95]</a></span> +nehmen Sie Toni und Leo mit. Ich halte die +Kleine beim Impfen.“</p> + +<p>„Nein, nein, laß mich hier, ich will bei meinem +Minnichen bleiben!“ wehrte sich Leo, als Gretchen +ihn mit fortnehmen wollte. „Bitte, Tante +Toni, laß mich beim armen Minnichen!“</p> + +<p>„Aber es geschieht ja deinem Minnichen gar +nichts Schlimmes, Kind! Das Impfen tut ja +gar nicht weh, es ist kaum wie ein Mückenstich.“</p> + +<p>„O bitte, bitte, laß mich doch hier!“</p> + +<p>„Mich auch, bitte, liebe Tante!“</p> + +<p>„Nun ja, wenn ihr versprecht, euch ganz still +zu verhalten, dann dürft ihr hierbleiben.“</p> + +<p>Minnichen hatte inzwischen verwundert und +etwas ängstlich von einem zum andern gesehen; +sie hatte wohl begriffen, daß man etwas mit ihr +vorhabe, konnte sich aber nicht denken, was. Als +nun aber die Türe aufging und die Mutter gefolgt +vom Hausarzt eintrat, da hellte sich ihr +Gesichtchen auf, und sie schrie: „Dag, Dokedok! +Sung raus?“ Und ohne erst die Antwort abzuwarten, +riß sie das Mäulchen auf und streckte ihr +rosiges Züngelchen heraus, soweit sie nur konnte.</p> + +<p>„Na, das ist aber mal ein braves Kind!“ +rief der Doktor lachend. „Und solch ein schönes,<span class='pagenum'><a name="Page_96" id="Page_96">[96]</a></span> +rotes Zünglein hat's. Nein, krank sind wir nicht, +Fräulein Minnichen, nicht wahr?“</p> + +<p>„Doch, doch, Minnisen tank is – wehweh +hier – wehweh da“, versicherte die Kleine ernsthaft, +während sie an Ärmchen und Beinchen +suchte, ob sie nicht irgendein rotes Fleckchen +fände; als sie aber keines entdecken konnte, drückte +sie die Hände aufs Brüstchen und klagte mit +wehleidigem Gesichtchen: „Minnisen weh Bäuselsen.“</p> + +<p>„Nun, da wollen wir mal das kranke Bäuchelchen +untersuchen“, sagte der Doktor. Er machte +der Tante ein Zeichen, und diese begann die +Kleine auszukleiden, bis die dicken, nackten Ärmchen +herauskamen.</p> + +<p>„Hat Minnichen da auch Weh?“ fragte Tante +Toni, aufs Ärmchen deutend.</p> + +<p>„Ja, ja“, nickte das Kind eifrig. „Dokedok +sund mach, Lästersen dauftun.“</p> + +<p>„So, so, ein Pflästerchen möchtest du für dies +nette, runde Speckärmchen haben? Na, komm, laß +einmal sehen.“</p> + +<p>Wie aber der Doktor das Ärmchen fassen wollte, +zog Minnichen es rasch zurück und schrie lachend: +„Kitzekitz!“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_97" id="Page_97">[97]</a></span>„Es meint, du wolltest's kitzeln“, erklärte Leo +dem erstaunten Doktor. Dieser lachte, und diesmal +mit festem Griff das Ärmchen fassend, +sagte er:</p> + +<p>„Nein, kitzeln, das tut der Onkel Doktor nicht. +Aber nun paß einmal gut auf – drei nette +Pünktchen mach' ich dir da oben hin, drei wirklich +nette Pünktchen. Kannst du schon zählen? Also +eins, zwei, drei ...!“</p> + +<p>Minnichen hielt ganz still und schaute mit +großer Aufmerksamkeit dem Doktor zu. Als er +fertig war, hielt es ihm das andere Ärmchen auch +hin und sagte: „Noch pickpick.“</p> + +<p>„Nein, aber so was!“ rief der Doktor verwundert. +„Das muß ich sagen, ich hab' doch +schon viele Kinder geimpft, es haben auch viele +davon recht schön stillgehalten; aber bisher hat +doch noch keines verlangt, noch mehr geimpft zu +werden!“</p> + +<p>Leos Augen leuchteten vor freudigem Stolz, +als der Doktor dies sagte, und er versicherte: +„Ja, so eins wie mein Minnichen gibt's überhaupt +nicht mehr. Und, Onkel Doktor, wenn +du erst wüßtest, wie schlau es ist und was +es schon alles kann! Denke dir, neulich ...“<span class='pagenum'><a name="Page_98" id="Page_98">[98]</a></span> +Und während die Mutter und Tante Toni die +Kleine wieder ankleideten, erzählte er dem Arzt +die Heldentaten seines Schwesterchens. Dieser +hörte eine Zeitlang freundlich zu, endlich klopfte +er dem Bürschchen auf die Schulter und meinte +schmunzelnd: „Na, ein Wunder ist es ja nicht +bei einem so tüchtigen Lehrmeister. Übermorgen +komme ich mal nachsehen, ob es diesmal anschlagen +wird. Aber jetzt möchte ich mir das kleine, blasse +Fräuleinchen hier ein bißchen näher besehen.“ +Damit zog er Tonichen zu sich heran und begann +dieselbe zu untersuchen, zu beklopfen und +zu behorchen. Er machte dabei ein ernstes Gesicht +und schüttelte ein paarmal mit dem Kopf, +und erst als er bemerkte, wie Toni ihn mit +ihren ernsten blauen Augen gar forschend ansah, +versuchte er ein vergnügtes Gesicht zu machen +und zu scherzen. Aber das Kind ließ sich nicht +täuschen, und sowie es gewahrte, daß die Aufmerksamkeit +seiner Mutter durch die kleinen Geschwister +in Anspruch genommen war, neigte es +sich rasch zum Arzt hin und fragte leise: „Werde +ich bald sterben, Onkel Doktor?“</p> + +<p>Dieser fuhr erschrocken zurück. Dann zog er +klein Toni auf sein Knie, und sanft ihr Köpfchen<span class='pagenum'><a name="Page_99" id="Page_99">[99]</a></span> +streichelnd fragte er: „Wie kommst du denn auf +diesen Gedanken, du Kleines? Fühlst du dich nicht +wohl? Tut dir etwas weh – sag' mir's doch!“</p> + +<p>Toni schüttelte das Köpfchen: „Nein, weh +tut mir eigentlich nichts. Ich bin nur immer +so müd'.“</p> + +<p>„Ach geh' doch, vom Müdesein stirbt man doch +nicht!“ sagte der Doktor lächelnd, und aufmunternd +fügte er hinzu: „Komm, Kindchen, schau nicht so +ernst drein, das paßt ja gar nicht für dein Alter. +Du sollst vergnügt sein und springen und lachen, +so wie dein kleines Schwesterchen da. Hör doch +nur, wie es kräht, und schau, wie es zappelt, daß +man es kaum halten kann.“</p> + +<p>Dann stand der Doktor auf, und die Mutter +ging wieder mit ihm hinunter. Als Tante Toni +etwas später nachfolgte, da war der Doktor schon +fort, aber Tante Toni merkte, daß ihre Schwester +geweint hatte.</p> + +<p>„Was gibt es denn, fehlt Tonichen etwas?“ +fragte sie besorgt. „Hat der Doktor etwas gefunden?“</p> + +<p>„Nein, er hat nichts gefunden; Lunge, Herz, +alles ist gesund, und doch ist unser guter alter +Doktor nicht ohne ernste Besorgnisse; denn das<span class='pagenum'><a name="Page_100" id="Page_100">[100]</a></span> +Kind entwickelt sich nicht, im Gegenteil, es nimmt +sichtlich ab.“</p> + +<p>In diesem Augenblick kam Lilly ins Zimmer +gestürmt. „Tante Maria, darf ich heute bei dir +zu Mittag essen?“ rief sie. „Otto ist zu Tante +Luise gegangen; denn Papa ist fort, und unser +Fräulein hat so arges Kopfweh.“</p> + +<p>„Gewiß darfst du hier essen, Lilly. Wo ist +Papa denn hin? Er hat gestern gar nicht davon +gesprochen, daß er heute verreisen müsse.“</p> + +<p>„Er hat's gestern ja selbst noch nicht gewußt, +und er kommt diesen Abend auch schon +zurück.“</p> + +<p>„Willst du denn einstweilen in den Garten +gehen? Du wirst wahrscheinlich Anna dort finden.“</p> + +<p>Lilly ging zur Türe, dort blieb sie aber zögernd +stehen; sie blickte unschlüssig auf ihre beiden Tanten; +man sah ihr an, sie hätte gerne noch etwas gesagt, +sie getraute sich aber nicht recht.</p> + +<p>Tante Toni sah ihre Nichte aufmerksam an; +auch Frau Wulff bemerkte des Kindes Zögern. +„Lilly, was hast du denn?“ fragte sie in freundlichem, +aufmunterndem Ton.</p> + +<p>Jetzt ließ aber Lilly den Kopf auf die Brust +sinken, und sie fing an zu weinen. Da nahm<span class='pagenum'><a name="Page_101" id="Page_101">[101]</a></span> +Tante Maria sie auf den Schoß, sie strich ihr +die Haare aus dem Gesichte, trocknete ihr die +Tränen, und dann sagte sie: „So, mein liebes +Kind, nun erzähl uns, was dich drückt.“</p> + +<p>Aber Lilly weinte nur um so mehr – endlich +stammelte sie: „Ach, der Papa – ich hab' solche +Angst um den Papa!“</p> + +<p>„Aber warum denn, Lilly? Er war doch schon +öfter verreist, und du sagst ja selbst, daß er diesmal +nur für einen Tag fort ist!“</p> + +<p>„Ja, deshalb ist es auch nicht. Aber diesen +Morgen ist ein Polizeidiener gekommen und hat +dem Papa einen schrecklich großen Brief gebracht, +und da war der Papa sehr aufgeregt, und er +hat gesagt, er müsse gleich fort, um wichtige +Papiere zu holen. Und Otto meint, dieser große +Brief sei eine Vorladung vor Gericht, und er hat +auch gehört, wie der Gärtner und der Milchmann +zusammen geredet haben und wie sie gesagt haben, +die bösen Leute wollten unsern Papa unschädlich +machen; und, Tante, ‚unschädlich machen‘, das +heißt doch, sie wollen ihn tot machen – der +Otto hat es in seiner ‚Tigerjagd‘ gelesen; da steht +es: wie der Tiger tot war, da freuten sich die +Menschen, weil er nun endlich unschädlich gemacht<span class='pagenum'><a name="Page_102" id="Page_102">[102]</a></span> +war.“ Und Lilly brach von neuem in bittere +Tränen aus.</p> + +<p>Tante Maria aber streichelte ihr die Wangen, +und sie wie ein kleines Kind in den Armen +wiegend, sagte sie in beruhigendem Ton:</p> + +<p>„Da sei du nur ganz ruhig, Lillchen, – das +habt ihr beide nicht richtig verstanden; deinem +lieben Vater kann und wird nichts geschehen. Alle +guten und edeln Menschen haben Gegner – das +ist nun einmal so auf der Welt –, und so gibt +es auch böse Menschen, die deinen Vater verleumden; +aber laß nur die Gerichtsverhandlung +kommen, die brauchst du gar nicht zu fürchten; +da werden alle Leute erfahren, was für ein guter +Mensch dein Vater ist, und seine Verleumder +werden bestraft werden.“</p> + +<p>Lilly hatte aufmerksam zugehört. „Ja? glaubst +du, Tante Maria? Und dem Papa wird nichts +geschehen?“ Und das Kind atmete erleichtert auf. +Dann sprang es hinaus in den Garten, um dort +Anna und die Zwillinge aufzusuchen.</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_103" id="Page_103">[103]</a></span></p> +<h2><a name="Sechstes_Kapitel" id="Sechstes_Kapitel"></a>Sechstes Kapitel.<br/> +<big>Tante Toni geht mit ihrer Bande +auf den Wetterstein. Otto spielt einen +schlimmen Streich.</big></h2> + + +<p>Es war wieder Sonntag und das herrlichste +Wetter.</p> + +<p>„Heute müssen wir aber einen schönen, großen +Spaziergang machen“, sagte Tante Toni auf dem +Heimweg von der Kirche; „ich möchte so gerne +mal wieder zum Wetterstein gehen – ist euch +das nicht zu weit?“</p> + +<p>„O nein, Tante, gewiß nicht! Und der Weg +dahin ist so schön und man muß tüchtig klettern!“</p> + +<p>Alle Kinder waren gleich Feuer und Flamme +für den Spaziergang, und es wurde beratschlagt, +um wieviel Uhr man aufbrechen und was man +alles mitnehmen müsse.</p> + +<p>„Aber für Tonichen wird es doch zu weit +sein – diesmal wirst du wohl zu Hause bleiben +müssen.“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_104" id="Page_104">[104]</a></span>Klein Toni ließ betrübt das Köpfchen hängen, +aber ihr Gesichtchen hellte sich gleich wieder auf, +als ihre Mutter sagte:</p> + +<p>„Tonichen bleibt heute bei mir, und wir werden +uns schon gut zusammen unterhalten; nicht wahr, +mein Kind?“</p> + +<p>„Wirklich, Mama, darf ich den ganzen Nachmittag +bei dir bleiben, und willst du mit mir +spielen?“ Und ihre Äuglein glänzten vor Freude.</p> + +<p>„Gewiß, mein Herzchen, ich spiele mit dir, +erzähle oder lese dir vor – was du am liebsten +hast. Und wir geben dabei zusammen auf die +zwei Kleinen acht; denn Gretchen ist heute nicht +da, sie darf ihre Mutter besuchen.“</p> + +<p>„Der Rudi könnte eigentlich heute auch zu +Hause bleiben, damit wir Großen doch mal unter +uns sind!“ Und Otto, welcher dies gesagt hatte, +reckte sich in die Höhe, um möglichst viel größer +zu erscheinen wie Rudi.</p> + +<p>Die andern machten alle ärgerliche Gesichter. +„Man meint wirklich, du hättest hier etwas zu +befehlen“, sagte Kurt. „Wenn der Rudi nicht +mitgeht, dann bleib' ich auch daheim.“</p> + +<p>Und: „Ich auch!“ „Ich auch!“ riefen Paul +und Philipp, Mariechen und Anna.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_105" id="Page_105">[105]</a></span>„Dann gehen wir beide mit Tante Toni allein!“ +Und triumphierend drängten sich Otto und Lilly +an die Tante. Diese wehrte jedoch ab und sagte +in ernstem Ton:</p> + +<p>„So läßt Tante Toni doch nicht über sich verfügen. +Rudi geht jedenfalls mit – er kann +gewiß so gut marschieren wie Lilly und Anna, +und ich sehe gar nicht ein, weshalb er zurückbleiben +sollte. Wer sonst noch von euch mitgehen +will, ist herzlich willkommen, aber ich zwinge +niemand. Es steht dir also frei, Otto, mitzugehen +oder zu Hause zu bleiben – wenn du +dich aber zum Mitgehen entschließest, so bitte ich +mir aus, daß du dich gut benimmst und keinen +Streit anfängst.“</p> + +<p>Otto zuckte ärgerlich die Achseln und gab keine +Antwort – aber gleich nach Tisch, zur festgesetzten +Stunde, fand er sich sehr pünktlich mit +Lilly ein, und er tat, als ob sich das ganz von +selbst verstände und als ob am Morgen gar nichts +vorgefallen wäre. Nur als Tante Toni ihn wie +fragend ansah, da schaute er verlegen weg und +machte sich an seinem Rucksack zu schaffen. Unterwegs +sprach er mehrmals leise mit Lilly, und +einmal hörte Mariechen, wie er sagte: „Aber daß<span class='pagenum'><a name="Page_106" id="Page_106">[106]</a></span> +du schweigst, Lilly, daß du mich nicht verrätst! +Wenn du etwas sagst, dann sollst du sehen!“ +Worauf Lilly vorwurfsvoll antwortete: „Ich hab' +dich doch noch nie verraten!“</p> + +<p>Auch auf diesem Wege fand Tante Toni häufig +Gelegenheit, den Kindern allerhand kleine Ereignisse +aus ihrer Kinderzeit zu erzählen. Als sie an einem +kleinen Kapellchen, das am Fuße einer Anhöhe +stand, vorbeikamen, blieb sie stehen und rief aus:</p> + +<p>„O Kinder, hier wollen wir ein Marienlied +singen – das haben wir auch früher stets getan, +wenn wir hier vorbeikamen.“</p> + +<p>Sie stimmte an: „Salve Regina, Reinste aus +allen.“ Die hellen Kinderstimmen fielen ein, und +das klang so froh und so feierlich durch die +Sonntagsstille. Auf der Landstraße drüben blieb +ein Wanderer stehen, er nahm den Hut ab und +horchte, und als der Gesang fertig war, da ging +er sinnend, mit gesenktem Kopfe weiter. Im +Kapellchen drinnen aber saß ein altes Mütterchen, +das freute sich so, daß ihm die hellen Tränen +über die runzeligen Backen liefen, und zum Schluß +fiel es ein und sang mit zitterigem Stimmchen mit:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">„Hilf uns, Maria!<br /></span> +<span class="i0">Maria, hilf!“<br /></span> +</div></div> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_107" id="Page_107">[107]</a></span>Nun führte der Weg in den Wald, und er +begann sehr zu steigen.</p> + +<p>„Soll ich dich ein bißchen schieben, Tante Toni?“ +bot Rudi sich an. „Das kann ich sehr gut, gelt, +Mieze? Ich hab' die Mieze schon öfter einen +Berg hinaufgeschoben, wenn sie müd' war.“</p> + +<p>Tante Toni lachte: „Ich danke dir, lieber +Rudi; ich bin aber wirklich noch gar nicht müde, +und ich kann noch recht gut klettern. Du sollst +dich auch nicht so anstrengen.“</p> + +<p>„O Tante Toni, das tut mir nichts – ich +bin stark, sehr stark!“</p> + +<p>„Prahlhans!“</p> + +<p>„Das ist nicht geprahlt, Otto, und du weißt's +recht gut, daß ich stark bin!“</p> + +<p>„Doch lange nicht so stark wie der Otto“, +mischte sich nun Lilly ein, und sie warf Rudi +einen herausfordernden Blick zu.</p> + +<p>„Oho, Lilly!“</p> + +<p>„Ja, und deinen großen Mut haben wir ja +auch neulich bewundern können, Herr Schwanenritter!“</p> + +<p>Rudi war bei dieser Bemerkung Ottos hochrot +im Gesicht geworden, und er schrie: „Dich hätt' ich +sehen wollen, wenn dich der Schwan angefallen<span class='pagenum'><a name="Page_108" id="Page_108">[108]</a></span> +hätte; du wärst überhaupt in Ohnmacht gefallen +vor Angst, du Waschlappen du!“</p> + +<p>„Das ist nicht wahr, und du bist ein ganz +ungezogener, frecher Bub!“</p> + +<p>Die beiden Knaben wären gewiß wieder aneinander +geraten, wäre nicht Tante Toni rasch +dazwischengetreten. Kurt sagte nun eindringlich: +„Ich will auch mal was sagen: An jenem Tage +haben wir uns alle eigentlich blamiert, und Tante +Toni war die einzige, die Mut und Besonnenheit +gezeigt hat.“</p> + +<p>„Hoch lebe Tante Toni, unser General!“ schrie +Anna, ihren Hut schwenkend, und in diesen Ruf +stimmten die andern gerne ein; nur Otto machte +ein verbissenes Gesicht, und er flüsterte Lilly zu: +„Und ich werd's ihm doch noch eintränken!“</p> + +<p>Im Weiterschreiten erklärte Tante Toni: „Die +Körperstärke, liebe Kinder, ist ja eine sehr gute +und schöne Sache, aber sie ist kein Verdienst; +denn sie ist einem verliehen, man kann sie sich +nicht selbst verschaffen, man kann höchstens die +vorhandene entwickeln. Es gibt aber eine andere +Stärke, die steht weit höher als die Körperstärke, +und die kann jeder erlangen, wenn er nur +ernstlich will; das ist die Charakterstärke, die<span class='pagenum'><a name="Page_109" id="Page_109">[109]</a></span> +Seelenstärke. Ob der Rudi den Otto im Wettkampfe +besiegt oder der Otto den Rudi, ob der +Paul den Philipp unterkriegt oder umgekehrt +der Philipp den Paul, das scheint euch von großer +Wichtigkeit; mir dagegen beweist es nur, daß der +eine kräftigere Muskeln hat als der andere, ich +achte keinen dafür höher oder geringer. Aber +den, der sich selbst besiegt, den, der seinen Zorn, +seine Mißgunst, seine Selbstsucht und seine andern +bösen Neigungen meistern kann, den achte ich wirklich +hoch, der ist in Wahrheit groß und stark, +und wenn er nach außen auch nur ein armer +Krüppel wäre.“</p> + +<p>Die Kinder hatten aufmerksam zugehört, und +alle gingen eine Zeitlang schweigend und nachdenklich +weiter, bis endlich Anna ausrief: „So, +nun wollen wir aber wieder lustig sein! Dürfen +wir, Tante Toni?“</p> + +<p>„Ihr sollt sogar!“</p> + +<p>„O weh, Tante, was man soll, das kann man +lange nicht so gut als das, was man nur darf!“</p> + +<p>„Ein großes Wort sprichst du gelassen aus“, +deklamierte Kurt, dann fügte er hinzu: „Also +los, Änne, mach' mal einen von deinen berühmten +Witzen, damit es was zu lachen gibt!“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_110" id="Page_110">[110]</a></span>Anna legte die Stirne in Falten und versank +in Nachdenken, so daß Rudi meinte: „Du siehst +aus, als müßtest du eine sehr schwere Rechenaufgabe +lösen.“</p> + +<p>Anna gestand in kläglichem Tone: „Es fällt +mir wirklich gar nichts ein, so sehr ich mir auch +den Kopf zerbreche. Das ist doch zu dumm: in +der Schule, in der Kirche, wenn Besuch da ist, +dann fällt mir immer allerhand ein, worüber ich +lachen muß; aber wenn ich's gerad' möchte, +dann weiß ich nichts und dann erinnere ich mich +nicht einmal der drolligen Sachen, die mir früher +eingefallen sind.“</p> + +<p>„Es ist auch schwer, so auf Kommando witzig +zu sein“, tröstete Tante Toni. „Übrigens scheint +es mir geraten, jetzt eure ganze Aufmerksamkeit +auf den Weg zu lenken; er wird sehr +steil, und in diesem Geröll könnte man sehr +leicht fallen. Rudi, Lilly, Otto, gebt recht acht, +Kinder!“</p> + +<p>„O Tante, mich brauchst du doch nicht zu +den kleinen Kindern zu rechnen!“ erwiderte Otto +beleidigt. „Gib du nur auf den kleinen Rudi +acht, ich werde schon für Lilly sorgen. Komm, +Lilly, gib mir die Hand.“ Und die Hand seines<span class='pagenum'><a name="Page_111" id="Page_111">[111]</a></span> +Schwesterchens fassend, zog er dieses eilig mit +den Berg hinauf.</p> + +<p>„Nicht so rasch, Otto, ich rutsch' immer aus“, +klagte Lilly; „zieh mich doch nicht so fest!“</p> + +<p>„Schweig doch still!“ flüsterte Otto ihr zu. +„Du kannst ja ordentlich klettern! Ich möchte +der Tante Toni doch zeigen, daß ich kein kleines +Kind mehr bin, und wir wollen zuerst oben sein.“</p> + +<p>Lilly schwieg nun auch gehorsam still und gab +sich alle Mühe, mit ihrem Bruder Schritt zu +halten, und die beiden waren den andern schon +ein gutes Stück voraus. Tante Toni rief ihnen +ängstlich zu: „Nicht so rasch, Otto und Lilly, +ihr seid zu waghalsig!“</p> + +<p>Aber Otto lachte nur statt aller Antwort, und +die Hand seines Schwesterchens, welches eben +beinah' gefallen wäre, fester fassend, sagte er leise +und aufmunternd: „Jetzt noch einen tüchtigen +Anlauf, und wir sind oben.“ Er nahm aber +den Anlauf so stark und riß Lilly so heftig mit +sich, daß beide, oben angekommen, zur Erde stürzten. +Otto sprang schnell wieder auf und half auch Lilly +in die Höhe. Er hatte nur arg zerschundene Hände +und Knie, aber Lilly war mit dem Gesicht auf +den steinigen Boden gefallen, sie hatte eine große<span class='pagenum'><a name="Page_112" id="Page_112">[112]</a></span> +Beule an der Stirne, und sie blutete stark aus der +Nase. Die Tränen liefen ihr übers Gesicht; aber +als Otto in sie drang: „So wein doch nicht, +Lilly, sonst krieg' ich's ja!“ da verbiß sie ihren +Schmerz, und sie versicherte der besorgten Tante +Toni, sie hätte sich gar nicht arg wehgetan. Aber +das Nasenbluten dauerte fort, und da kein Wasser +zur Hand war, mußte Lilly sich unter einen +Baum platt auf den Rücken legen und Tante +Toni drückte ihr zusammengelegtes Taschentuch +sanft auf die Beule, die immer heftiger anschwoll. +Mariechen bemühte sich unterdessen, Ottos zerschundenes +Knie, so gut es ohne Wasser ging, +zu reinigen und zu verbinden. Rudi, der dabeistand +und zusah, konnte sich nicht enthalten, zu +sagen: „Na, ein Glück, daß du diesmal die +Schuld nicht auf mich wälzen kannst, sonst hätten +wir ein schönes Konzert zu hören bekommen.“</p> + +<p>„Schweig!“ herrschte Otto ihn an, und Rudi +schwieg auch, aber nicht um Otto zu gehorchen, +sondern weil Mariechen ihm einen bittenden Blick +zugeworfen hatte.</p> + +<p>In Otto aber kochte und gärte es. Er fühlte +ganz genau, daß er im Unrecht war; er hatte +dem Befehl der Tante, die zur Vorsicht mahnte,<span class='pagenum'><a name="Page_113" id="Page_113">[113]</a></span> +gerade entgegengehandelt, er hatte sich selbst und +mehr noch seinem Schwesterchen empfindlich wehgetan, +und aus dem geplanten Triumph war +eine Niederlage geworden. Statt sich nun über +sich selbst und über seine Unvorsichtigkeit zu +ärgern, ärgerte er sich über die andern, ganz +besonders aber über Rudi und Tante Toni, und +diese letztere hatte ihm doch nicht einmal den +wohlverdienten Verweis gegeben.</p> + +<p>Erst nachdem Lilly eine halbe Stunde stillgelegen +und sich ausgeruht hatte, erlaubte Tante +Toni ihr, wieder aufzustehen, und nun konnte +der Weg zum Wetterstein endlich fortgesetzt werden. +Paul, Kurt und Philipp sahen Otto gerade nicht +mit zärtlichen Blicken an, während sie über diese +unwillkommene Verzögerung knurrten.</p> + +<p>„Dieser Otto muß einem doch immer jedes +Vergnügen verderben“, brummte Kurt, und Anna +pflichtete ihm bei, halb ärgerlich, halb lachend: +„Ich glaube, der ist überhaupt nur auf der Welt, +damit wir uns in der Geduld üben! Ich erkläre +euch aber feierlich, daß <em class="gesperrt">meine</em> Geduld nun +zu Ende ist, und wenn er uns jetzt noch etwas +einbrockt, dann – ja dann spring' ich ihm auf +den Rücken und schüttle ihn und rüttle ihn; seht,<span class='pagenum'><a name="Page_114" id="Page_114">[114]</a></span> +so ...!“ Und Anna packte den ahnungslosen +Philipp und schüttelte und riß ihn herum, so +daß er kläglich schrie: „Bist du denn toll geworden, +Änne? Die Flasche mit Himbeersaft in +meinem Rucksack geht ja kaput!“</p> + +<p>„Was, Himbeersaft hast du da drin? Warum +hast du das nicht eher gesagt? Da muß ich halt +nun meinen gerechten Zorn bezwingen, wenigstens +bis ich geholfen habe, deinen Himbeersaft auszutrinken. +Aber da sind wir ja schon! Ich grüße +dich, edler, altehrwürdiger Wetterstein nebst Gemahlin, +Kindern und Enkeln!“ Und Anna verneigte +sich ehrfurchtsvoll und tief vor dem großen, +grauen und verwitterten Felsblock, der den Gipfel +des Berges krönt. Rundherum waren aber noch +mehrere Steinblöcke, große und kleine, und Anna +begann sofort diese zu zählen.</p> + +<p>„Warum zählst du denn die Steine?“ fragte +Mariechen.</p> + +<p>„Ei, ich will doch sehen, ob die Familie des +edlen Herrn von Wetterstein sich vermehrt hat, +seitdem wir das letztemal hier waren!“</p> + +<p>Philipp, der schon seinen Rucksack abgeschnallt +hatte, sagte ungeduldig: „Komm, Anna, laß doch +den Unsinn! Schau mal her, Tante Toni, da<span class='pagenum'><a name="Page_115" id="Page_115">[115]</a></span> +ist ein Stein, der ist gerade wie gemacht, um +uns als Tisch zu dienen.“</p> + +<p>„Aber was fällt dir ein, Philipp!“ rief Anna +mit gutgespielter Entrüstung. „Dieser Stein ist ja +gerade dem Herrn von Wetterstein seine Schwiegertochter; +er wird es dir furchtbar übelnehmen, +wenn du diese als Tisch benützen willst. Tante +Toni, du stimmst mir doch sicher bei?“</p> + +<p>Allein Tante Toni hörte nicht; sie stand mit +Mariechen und Paul am Rand des Gipfels, und +alle drei sahen ins wunderliebliche Maintal hinunter. +Es war ein ungewöhnlich klarer Tag, +und wie aus einem Baukasten aufgebaut sah +man das Städtchen in der Ferne am Mainufer +liegen.</p> + +<p>„Ich seh' das schöne Schloß mit seinen vier +Türmen“, rief Mariechen; „auch den Turm der +Stiftskirche seh' ich!“</p> + +<p>„Wenn nicht diese dummen Bäume gerade im +Weg wären, könnte ich unser Haus und den +Garten sehen; aber diese ekligen Bäume gerade +hier vor unserer Nase, wo man sich auch hinstellt, +immer sind sie einem im Weg!“</p> + +<p>Tante Toni lachte: „Geh', Paul, du wirst +dich doch wohl nicht ernstlich ärgern darüber,<span class='pagenum'><a name="Page_116" id="Page_116">[116]</a></span> +daß du euer Haus nicht sehen kannst! Der Blick +hier ist so wunderschön; wir wollen ihn freudig +genießen und uns nicht durch Kleinigkeiten stören +lassen. Aber hört mal den Philipp, er scheint +ungeduldig zu werden, er ist sicher mal wieder +hungrig, der arme Junge!“</p> + +<p>Philipp hatte inzwischen schon die Rucksäcke +ausgepackt und trotz Annas Einsprache auf dem +zum Tisch auserlesenen Stein einen Imbiß hergerichtet. +Alle lagerten sich ins Moos, und die +ganze Gesellschaft, auch Tante Toni, machten sich +eifrig über die Butterbrote her. Philipps Himbeersaft +fand ebenfalls großen Beifall, er wurde ausgezeichnet +gefunden, woraufhin Anna mit großem +Ernst behauptete, er sei nur deshalb so gut, weil +sie ihn vorhin ordentlich durcheinandergeschüttelt +hätte.</p> + +<p>Als nach dem Essen Philipp sich lang ins +Moos streckte und die Mütze über die Augen +ziehen wollte, um ein bißchen zu schlafen, da +rief Tante Toni halb lachend, halb ärgerlich: +„Aber Philipp, wie kannst du ans Schlafen +denken! Genieße doch mit offenen Augen und mit +offenem Herzen diesen schönen Tag! Schau um +dich, sieh zum blauen Himmel hinauf, horch auf das<span class='pagenum'><a name="Page_117" id="Page_117">[117]</a></span> +Säuseln des Windes und lausch dem Gesang der +Vögel!“</p> + +<p>Alle blieben eine Zeitlang still, bis endlich +Anna halblaut sagte: „Ich weiß nicht, Tante, +wie das ist; wir sind doch gar nicht so weit von +der Stadt entfernt, und doch, wenn wir hier so +stille sind, dann kommt es mir vor, als seien +wir in einer ganz andern Gegend, weit, weit +fort von daheim, und ich kann mir's kaum vorstellen, +daß wir diesen Abend wieder zu Hause +sein werden.“</p> + +<p>Tante Toni nickte lächelnd: „Das Gefühl kenne +ich auch, Ännchen. Das gehört zum Spessart; +er hat so etwas Einsames, so etwas Urwaldliches +und Weltfremdes an sich, und das bleibt +ihm auch, obwohl man schon angefangen hat, ihn +mit Sommerfrischlern zu bevölkern. Auf dem +Rohrbrunn zum Beispiel, dort sind in den Ferien +ja schon eine Menge Fremde, und doch, wenn +man am Jagdschlößchen vorbei den Weg nach +Silvan hinaufgeht, da ist man auf einmal wie +in die größte Einsamkeit versetzt. Auf einer +Seite dichter Wald, auf der andern blickt man +in ein stilles Tal, darüber hinaus Berge und +Wälder, nichts als Berge und Wälder, kein Haus,<span class='pagenum'><a name="Page_118" id="Page_118">[118]</a></span> +keine Hütte, nirgends eine Spur von der Nähe +eines bewohnten Ortes; man könnte meinen, man +wäre weit, weit fort von jeglichem Verkehr, in +einer richtigen Einöde.“</p> + +<p>„Ja, ich kenne die Stelle“, nickte Paul.</p> + +<p>„Überhaupt, Tante Toni, über unsern Spessart +geht doch nichts!“</p> + +<p>„Da hast du recht!“</p> + +<p>„Wie, Tante, das sagst du? Und du bist +doch in der Schweiz und in Italien gewesen!“</p> + +<p>„Selbst in der Schweiz, in Italien, im herrlichen +Neapel, auf dem Monte Pellegrino in Palermo +habe ich, trotz aller Bewunderung und +Begeisterung, ein leises Sehnen nach dem Spessart +nicht unterdrücken können, und als ich dann nach +der Heimkehr zum erstenmal wieder in den Spessart +wanderte, da hab' ich erst so recht eigentlich empfunden, +wie schön unsere Heimat ist!“</p> + +<p>„Bravo, Tante! Du bist halt doch eine echte +Spessarterin geblieben, und du und der Großpapa, +ihr müßt unbedingt wieder herüberziehen!“</p> + +<p>„Ja, vielleicht wenn mal Onkel Ernst aus +Amerika zurückkommt und die Leitung der Geschäfte +übernimmt, so daß Großpapa sich zurückziehen +kann.“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_119" id="Page_119">[119]</a></span>„Wann wird er denn endlich zurückkommen, +der Onkel Ernst?“</p> + +<p>„Ich weiß es nicht. Aber horch! Was ist +das? Wer singt denn da?“</p> + +<p>Aus dem nahen Wald klang, bald aus der +Nähe, frisch und kräftig, bald aus der Ferne, +gedämpft, wie ein richtiges Echo, der Wechselgesang:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">„Im Wald, im Wald,<br /></span> +<span class="i0">Im frischen, grünen Wald – wo's Echo hallt.“<br /></span> +</div></div> + +<p>Es waren Mariechen und Anna, die sich leise +fortgeschlichen hatten, um der lieben Tante diese +kleine Überraschung zu bereiten.</p> + +<p>„Das habt ihr brav gemacht, Kinder!“ rief +Tante Toni am Schluß sichtlich erfreut. „Ihr +wißt ja, wie gern ich unsere schönen deutschen +Lieder im lieben deutschen Wald oder auf den +deutschen Bergen höre! Kennt ihr das Lied: +‚Wer hat dich, du schöner Wald, aufgebaut?‘“</p> + +<p>„O gewiß, das kennen wir alle!“ Und diesmal +stimmten auch die Knaben mit ein. Paul, der +eine schöne Stimme und gutes Gehör hatte, sang +die zweite Stimme. Tante Toni saß ganz still +und freute sich, wie der helle Kindergesang so +frisch in die freie Natur hinausschallte.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_120" id="Page_120">[120]</a></span>„Sogar die Vöglein schwiegen und hörten euch +zu“, behauptete sie, als das Lied zu Ende war.</p> + +<p>„Nun mußt du aber auch singen, Tante“, +baten die Kinder, und es erklang noch gar manch +lustiges und manch schwermütiges Volksliedchen, +bis auf einmal ein anderer, ein feierlicher Ton +sich unter den Gesang mischte – von der Dorfkirche +drunten im Tal das Abendläuten.</p> + +<p>Da verstummte der Gesang und alle lauschten +still, bis der letzte Glockenton verhallt war.</p> + +<p>Plötzlich sprang Tante Toni auf und rief: +„Aber, Kinder, wir vergessen ja ganz die Zeit! +Schnell, schnell zum Aufbruch geblasen, damit +wir noch vor Dunkelwerden heimkommen!“</p> + +<p>„O wie schade, es war so wunderschön hier!“ +bedauerten die Kinder, sich zum Aufbruch richtend.</p> + +<p>„Aber wo ist denn Otto?“ fragte auf einmal +Tante Toni, sich nach allen Seiten umsehend. +Niemand wußte es, niemand hatte ihn fortgehen +sehen. Aber Mariechen behauptete, er könne noch +nicht lange fort sein, denn vor wenigen Minuten +hätte sie ihn noch im Gras herumkriechen sehen.</p> + +<p>„Otto, Otto!“ riefen nun Tante und Kinder +in alle Windrichtungen, aber es erfolgte keine +Antwort.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_121" id="Page_121">[121]</a></span>„Das ist recht fatal, denn wir haben uns schon +sowieso etwas verspätet!“ Tante Toni schien ein +wenig unzufrieden, und nach einigem Nachdenken +entschloß sie sich, da alles Rufen vergeblich blieb, +die Zwillinge und Philipp nach verschiedenen +Richtungen als Kundschafter auszuschicken. „Aber +entfernt euch nicht zuweit und ruft von Zeit +zu Zeit“, empfahl sie besorgt.</p> + +<p>„Ja, und wer ihn findet oder ihn zuerst rufen +hört, der stößt ein Indianergeheul aus, damit +wir's gleich wissen“, schlug Anna vor; aber sie +hatte wenig Erfolg mit ihrem Scherz. Nicht +nur die Tante, auch die Kinder hatte ein unheimliches +Gefühl beschlichen; es war doch auch +zu sonderbar, daß Otto so spurlos verschwunden +war. Tante Toni war ganz blaß geworden, und +sie sah so niedergeschlagen aus, daß Mariechen +sie zu beruhigen suchte, indem sie sagte: „Sorge +dich doch nicht so, Tante; es kann ihm ja doch +hier nichts zugestoßen sein.“</p> + +<p>„Er könnte beim Umherstreifen gefallen sein; +es gibt mehrere recht steile und gefährliche Stellen +hier am Berg.“</p> + +<p>„Dann hätten wir ihn doch schreien hören.“</p> + +<p>„Beim Singen konnte uns das leicht entgehen.“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_122" id="Page_122">[122]</a></span>Inzwischen hörte man von Zeit zu Zeit den +Zuruf der drei suchenden Knaben. Er klang +schwächer und schwächer, dann näherte er sich +wieder, aber von Otto keine Antwort.</p> + +<p>Die Sonne war schon ganz tief gesunken; im +Westen rötete sich der ganze Himmel, aber niemand +hatte einen Blick für den herrlichen Sonnenuntergang +– alle standen da und warteten und +lauschten. Endlich kam Paul zurück, dann Philipp +und zuletzt Kurt; niemand sagte ein Wort, die +Kinder sahen sich ratlos an, dann richteten sie +ihre Blicke erwartungsvoll auf Tante Toni, als +ob sie doch helfen könnte und müßte. Aber Tante +Toni zitterte, wie wenn sie fröre; sie mußte sich +an einen Baum lehnen, um nicht umzufallen; sie +fühlte ja die ganze schwere Verantwortung auf +sich ruhen. Wie konnte sie denn heimkehren ohne +Otto, ohne den Sohn ihres Bruders! Wortlos +rang sie die Hände. Auf einmal raffte sie sich +auf. „Kinder, kommt, wir wollen beten!“ sagte +sie, und inmitten der Kinderschar niederkniend, +flehte sie aus tiefstem Herzen: „Unter deinen +Schutz und Schirm ...“, und die Kinder stimmten +mit ein. Ernst und feierlich hallte das Gebet in +die stille Abenddämmerung hinein. Die Vöglein<span class='pagenum'><a name="Page_123" id="Page_123">[123]</a></span> +waren schon lange zur Ruhe gegangen, und von +der Stadt schimmerten einzelne Lichter herüber.</p> + +<p>Plötzlich zuckte Tante Toni zusammen; es hatte +sie jemand an der Schulter berührt: es war +Mariechen, und diese machte die Tante mit einer +leisen Gebärde auf Lilly aufmerksam. Diese schien +in der Tat die allgemeine Angst um ihren Bruder +gar nicht zu teilen; sie kniete etwas abseits an +einen Stein gelehnt, und sie schaute aufmerksam +auf einen bestimmten Punkt – eben lächelte sie +sogar ein wenig. Tante Toni folgte der Richtung +ihres Blickes, und – fast hätte sie laut aufgeschrien. +– Dort über dem großen Felsblock bewegte +sich etwas; es zeichnete sich scharf gegen +den klaren Abendhimmel ab – jetzt verschwand +es wieder. – Aber nun verstand Tante Toni +alles. Sie erinnerte sich, daß sich oben in diesem +Stein eine ziemlich tiefe Mulde befand. Otto +war unbemerkt hinter den Stein geschlichen, hinaufgeklettert +– gut klettern, das konnte er ja – +und hatte sich in die Mulde versteckt. Diese war +allerdings oft mit Regenwasser gefüllt, aber es +hatte ja nun längere Zeit nicht geregnet.</p> + +<p>Tante Toni atmete auf, wie von einer drückenden +Last befreit. Und doch fiel es ihr wieder<span class='pagenum'><a name="Page_124" id="Page_124">[124]</a></span> +recht schwer aufs Herz, als sie nun daran dachte, +daß Otto also all ihre und der Kinder Angst +und Sorge mitangesehen und sich trotzdem nicht +gezeigt hatte; auch Lilly hatte um Ottos Versteck +gewußt und hatte nichts getan, um sie aus +der Angst zu befreien. Nach all dem, was sie +eben ausgestanden, war das Herz der armen +Tante schon ganz erschüttert, und nun kam dazu +einerseits das Gefühl der großen Erleichterung, +anderseits der Schmerz über Ottos und Lillys +Herzlosigkeit. Das alles stürmte auf sie ein, sie +konnte nicht mehr widerstehen und brach plötzlich in +Tränen aus. Die Kinder sahen sie erschreckt an. +Mariechen mit ihrem guten, teilnehmenden Herzen +hatte die Gefühle der Tante teilweise erraten und +verstanden; sie machte den andern ein Zeichen, so +daß diese sich ganz still verhielten und der Tante +ein wenig Zeit ließen, um sich wieder zu fassen.</p> + +<p>Die Sonne war nun längst versunken, und +sogar auf dem Gipfel des Berges hier fing es +schon an dämmerig zu werden. Jetzt richtete +Tante Toni sich auf, und sie sagte, ohne nach +dem Felsblock zu blicken:</p> + +<p>„Nun kommt, Kinder, wir haben keinen Augenblick +mehr zu verlieren – wir müssen heim.“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_125" id="Page_125">[125]</a></span>Die Kinder schauten erstaunt auf Tante Toni – +sie sah so eigen aus und ihre Stimme klang gar +nicht wie sonst, aber sie folgten schweigend; nur +Lilly blieb stehen und fragte halb ängstlich, halb +trotzig: „Und Otto?“</p> + +<p>Tante Toni sah Lilly sehr ernst an, als sie +antwortete: „Wir warten nicht eine Minute länger +auf Otto. Bald wird es ganz dunkel sein, und +da, wo Otto sich befindet, kann ihm ja nichts +passieren – höchstens eine Erkältung kann er sich +von dort mitbringen. Und du, Lilly, du gehst +vor mir her, und ich verbiete dir, dich auch nur +im geringsten zu entfernen. Nun schnell vorwärts!“</p> + +<p>Tante Toni wußte ganz genau, daß dies das +beste Mittel sei, um Otto möglichst rasch aus +seinem Versteck zu treiben. Kaum hatte sie mit +den Kindern den Platz verlassen, da tauchte Otto +auch schon aus seinem Loche auf und begann +vom Felsblock herunterzuklettern; das war aber +nicht so leicht – wahrscheinlich gerade weil er +so eilig war, stellte er sich viel ungeschickter an +wie sonst, und er konnte lange keine Stütze für +seinen Fuß finden. Es überkam ihn, als er sich +nun in der zunehmenden Dunkelheit so ganz allein<span class='pagenum'><a name="Page_126" id="Page_126">[126]</a></span> +sah, ein recht unheimliches Gefühl. Er hätte +gerne gerufen; aber nein, dafür war er doch zu +stolz. Er atmete ordentlich auf, als er endlich +unten war, und nun hatte er die andern bald +eingeholt. Die schienen ihn aber gar nicht zu +bemerken, sie gingen rasch und schweigend weiter. +Otto fühlte sich sehr unbehaglich, und um diesem +ungemütlichen Zustand ein Ende zu machen, rief +er mit erzwungenem Lachen:</p> + +<p>„Nun, war ich nicht gut versteckt? Ratet einmal, +wo ich die ganze Zeit war!“</p> + +<p>Aber die Kinder antworteten gar nicht, sie +sahen ihn nur vorwurfsvoll an. Tante Toni +sagte in sanftem, aber sehr ernstem Ton:</p> + +<p>„Ich weiß, wo du warst, Otto; du hast nicht +schön gehandelt. Geh' jetzt neben Lilly und gib +ihr die Hand, und entferne dich um keinen Schritt +mehr von mir.“</p> + +<p>Hier im Wald war es schon ganz dunkel, und +man hatte Mühe, auf den Weg zu achten. Von +Paul und Kurt geführt, kam die kleine Truppe +aber doch rasch vom Fleck, und man gelangte +glücklich auf die Landstraße.</p> + +<p>„O wie schön!“ rief Rudi aus, und er blieb +einen Augenblick stehen; alle wendeten sich um,<span class='pagenum'><a name="Page_127" id="Page_127">[127]</a></span> +und sie sahen nun, wie die glänzende Mondscheibe +langsam hinter einem Berge hervorstieg, und dann +war auf einmal die ganze Gegend in ein wunderbares, +silbernes Licht getaucht.</p> + +<p>„Nun haben wir eine gute Leuchte auf den +Weg“, meinte der praktische Philipp, während +Mariechen ausrief:</p> + +<p>„Das ist feenhaft schön!“</p> + +<p>Jetzt sprudelte auch Annas gute Laune wieder +hervor, und sie rief: „Miezchen, gerate nur nicht +in Verzückung, sonst steckst du mich an, und dann +bringt ihr mich nicht mehr von der Stelle –, +dann bleibe ich einfach bis Mitternacht hier stehen, +um die Elfen im Mondschein tanzen zu sehen, +wie Tante Toni es uns neulich erzählt hat.“</p> + +<p>„Ei, um das zu sehen, muß man doch ein +Sonntagskind sein!“</p> + +<p>„Aber, Tante Toni, das bin ich doch – ich +meine, das müßtest du mir doch ansehen!“ Und +Anna stellte sich breitspurig vor Tante Toni hin +und reckte sich in die Höhe, so sehr sie nur konnte.</p> + +<p>Alle lachten, auch Tante Toni; aber plötzlich +wieder ernst werdend, legte sie die Hand auf +Annas Köpfchen, und ihr die braunen, wirren +Haare aus der Stirne streichend sagte sie leise:<span class='pagenum'><a name="Page_128" id="Page_128">[128]</a></span> +„Ich glaube dir's, Kind; ja, du mußt wirklich +ein Sonntagskind sein. Möge der liebe Gott +dir deinen frohen Mut erhalten dein ganzes Leben +lang! – Aber nun müssen wir weiter; eure +Eltern werden gewiß schon besorgt sein über unser +langes Ausbleiben.“</p> + +<p>„Sollen wir vorauslaufen, um sie zu beruhigen?“ +schlugen die Zwillinge vor, aber Tante +Toni wollte nichts davon wissen.</p> + +<p>„Nein, nein, wir bleiben schön beisammen“, +wehrte sie ab. „Aber tüchtig ausschreiten, das +wollen wir!“</p> + +<p>Es herrschte nun aber doch wieder eine andere +Stimmung als vorhin, und es flog sogar manches +Scherzwort, manche kleine Neckerei von einem +zum andern.</p> + +<p>Auch Otto flüsterte seiner Schwester zu:</p> + +<p>„Na, es ist wirklich Zeit, daß die alle wieder +andere Gesichter machen; das war doch zu dumm!“ +Und leise in sich hineinkichernd fügte er hinzu: +„Nein, war das drollig, da oben in dem Stein +zu sitzen und zu sehen, wie die andern alle suchten +und sich den Hals heiser schrien – ich mußte +mich wirklich zusammennehmen, um nicht laut +aufzulachen!“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_129" id="Page_129">[129]</a></span>Aber Lilly stimmte nicht in Ottos Gelächter +ein; sie schüttelte den Kopf und sagte nachdenklich: +„Nein, Otto, es war nicht recht; das war schon +kein Scherz mehr, und wie du gesehen hast, daß +Tante Toni wirklich in Angst um dich war, da +hättest du herunterkommen sollen. Es hat mir +ganz wehgetan, wie sie auf einmal so geweint +hat, und ich hätte dir nicht folgen dürfen....“</p> + +<p>„Halt, Lilly, das ist fest unter uns ausgemacht: +keins verrät das andere, und es wäre Verrat +gewesen, wenn du mein Versteck entdeckt hättest. +Ich möchte nur wissen, ob Tante Toni wirklich +weiß, wo ich gesteckt habe.“</p> + +<p>„Das glaube ich ganz gewiß.“</p> + +<p>„Woher aber? Außer uns kennt doch niemand +das Loch in dem Stein – es war ja früher schon +Papas Geheimnis, wie er noch klein war.“</p> + +<p>„Ja, du weißt aber auch, daß Tante Toni +immer Papas Lieblingsschwester war, und da +hat er sie wahrscheinlich in das Geheimnis eingeweiht.“</p> + +<p>„Dann hätte sie sich aber doch nicht so zu +ängstigen brauchen.“</p> + +<p>„Ja, sie hat vielleicht nicht mehr daran gedacht, +oder sie hat auch gar nicht gewußt, daß man sich<span class='pagenum'><a name="Page_130" id="Page_130">[130]</a></span> +in dem Loch verstecken kann, weil es ja früher +immer voll Regenwasser war; Papa war selbst +ganz erstaunt, als er voriges Jahr bemerkte, daß +das Wasser jetzt ablaufen kann.“</p> + +<p>„Ja, das ist wahr. Aber schau mal! – Ich +glaube gar, da kommt Papa mit Onkel Helmer! +O weh, das ist dumm!“</p> + +<p>Es waren wirklich Herr Mehring und Herr +Helmer, die, ernstlich beunruhigt durch das lange +Ausbleiben der Tante und ihrer Bande, diesen +entgegengegangen waren.</p> + +<p>„Na, da seid ihr ja alle heil und gesund!“ +riefen sie ihnen entgegen. „Die beiden Mütter +sind schon ganz besorgt, und wir konnten +uns gar nicht denken, weshalb ihr nicht heimkamet!“</p> + +<p>Erst als sie ganz nahe herangekommen waren, +bemerkten sie die verlegenen Gesichter der Kinder, +und Onkel Robert fragte, seine Schwester forschend +anblickend:</p> + +<p>„Toni, du bist so blaß! Ist etwas vorgefallen?“</p> + +<p>Nach einigem Zögern antwortete Tante Toni: +„Ich glaube, es ist am besten, wenn Otto dir +selbst den Grund unserer Verspätung mitteilt.“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_131" id="Page_131">[131]</a></span>Erstaunt und fragend blickte Herr Mehring +von seiner Schwester auf seinen Sohn, aber Otto +faßte seines Vaters Hand, und ihn mit sich fortziehend +sagte er: „Komm nur, Papa, ich erzähle +dir alles; du wirst sehen, es ist gar nicht schlimm.“</p> + +<p>Und er erzählte nun, wie er von den andern +unbemerkt auf den großen grauen Stein geklettert +sei und sich in das Loch versteckt habe +und wie er schon sehr lange darin gesessen habe, +bevor Tante Toni sein Verschwinden bemerkt +hätte, und wie dann nach ihm gesucht und gerufen +worden sei, und das sei so unterhaltend +gewesen, daß er gar nicht geahnt hätte, wie +spät es inzwischen geworden sei. Der Vater hatte +schweigend zugehört. Am Schluß sah er seinen +Sohn ernst und forschend an, und er sagte:</p> + +<p>„Otto, die Sache gefällt mir nicht recht. Ich +bin eben wirklich erschrocken über das blasse, angegriffene +Aussehen deiner Tante; sie muß sich +also ernstlich um dich beunruhigt haben, und du +hast sie gewiß viel zu lange hingehalten, ehe du +aus deinem Versteck hervorkamst. Antworte mir +ehrlich: ‚Hast du bemerkt, daß Tante Toni sich +wirklich ängstigte?‘“</p> + +<p>Otto sagte leise und zögernd: „Ja – Papa.“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_132" id="Page_132">[132]</a></span>„Und du bist trotzdem noch in deinem Versteck +geblieben?“</p> + +<p>Otto senkte den Kopf und schwieg.</p> + +<p>„Noch lange?“ fragte der Vater.</p> + +<p>„O, nicht so sehr“, suchte Otto sich zu entschuldigen; +aber Herr Mehring seufzte tief auf, +und er sagte nach einigem Nachdenken:</p> + +<p>„Das geht mir sehr nahe, Kind. Verstehst +du auch, warum?“</p> + +<p>Otto schüttelte den Kopf.</p> + +<p>„Weil es wie Herzlosigkeit aussieht.“</p> + +<p>„O Papa!“</p> + +<p>„Ja, Kind; du weißt, daß ich einen kleinen +Streich, eine Neckerei nicht so ernst nehme, sogar +Unarten kann man Kindern verzeihen – mein +Gott, keiner von uns ist ja wohlerzogen vom +Himmel heruntergefallen! Aber hier ist mehr +wie Leichtsinn dahinter. Daß du deine gute +Tante sich erst lange ängstigen ließest, ehe du +aus deinem Versteck kamst, das läßt mich beinahe +an deinem guten Herzen zweifeln. Jedenfalls +hoffe ich, daß du die Tante diesen Abend +noch herzlich um Verzeihung bitten und ihr versprechen +wirst, sie künftighin nicht mehr zu betrüben. +Wirst du das tun?“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_133" id="Page_133">[133]</a></span>Otto nickte wieder, und dann ging er schweigend +neben seinem Vater her, mit einer großen, +großen Angst im Herzen. Wie, wenn sein Vater +nun noch eines der andern Kinder fragte? +Aber nein, warum sollte er denn? Das hatte +er ja sonst auch nicht getan, und von selbst +würden ihn die andern nicht verklagen, das +wußte er.</p> + +<p>Nach der Heimkehr, beim Abschiednehmen, +drängte er sich, dem Winke seines Vaters folgend, +an die Tante heran und sagte leise, mit halb +abgewandtem Gesicht: „Tante, bitte, verzeih' mir, +ich will dich nicht mehr betrüben.“</p> + +<p>Die Tante sah ihn eine kleine Weile forschend +an, dann sagte sie betrübt: „Es kommt dir nicht +recht von Herzen, Otto; aber ich verzeihe dir +trotzdem – du hast eben selbst noch nie eine +wirkliche und große Angst ausgestanden, und du +ahnst nicht, wie das tut. Gute Nacht, lieber +Otto.“</p> + +<p>An diesem Abend konnte Otto lange nicht einschlafen; +unruhig warf er sich in seinem Bett +hin und her, und er dachte: „Ach, hätt' ich doch +noch eine Mama, die sich an mein Bett setzte – +der könnt' ich's wohl sagen!“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_134" id="Page_134">[134]</a></span>Als er aber die Schritte seines Vaters auf +der Treppe hörte, drehte er sich schnell zur +Wand, und als Herr Mehring mit einer Kerze +ins Zimmer trat und sich über seinen Sohn +neigte, da lag dieser mit geschlossenen Augen +und atmete tief und regelmäßig, wie wenn er +schliefe.</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_135" id="Page_135">[135]</a></span></p> +<h2><a name="Siebtes_Kapitel" id="Siebtes_Kapitel"></a>Siebtes Kapitel.<br/> +<big>Bambula, der Puppenfresser. Otto, weißt +du nun, wie es tut?</big></h2> + + +<p>Am andern Tag hatte Tante Toni heftige +Kopfschmerzen. Als diese gegen Mittag etwas +besser wurden, ging sie zu klein Toni hinauf, +die mit einer Erkältung und etwas Fieber zu +Bett lag. Sie setzte sich zu ihr hin und +fragte: „Nun, wie ist es dir denn gestern +gegangen, meine liebe kleine Freundin? Warst +du recht vergnügt mit Mama und mit den +Kleinen?“</p> + +<p>„O ja“, nickte Tonichen; „Tante Luise ist +auch gekommen mit dem kleinen Bubi; der ist +gestern drei Jahre alt geworden, und da hat er +ein ganz schwarzes Püppchen bekommen, ein +Mohrenkind, und das hat er mitgebracht, und +denke dir, Tante – ach, das war zu drollig ...!“ +Und nun fing Toni an, so zu lachen, daß sie +gar nicht mehr weitererzählen konnte.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_136" id="Page_136">[136]</a></span>„Erzähl' doch erst und lach' nachher, damit ich +wenigstens mitlachen kann“, meinte Tante Toni.</p> + +<p>„Also hör, Tante! Der Bubi ist mit seinem +Bambula – so heißt sein schwarzes Püppchen – +gekommen und hat ihn uns gezeigt, und Minnichen +hat sich ein bißchen gefürchtet, aber nur +anfangs, hernach nicht mehr, und dann hat +Bubi sogar seinen Neger zum Püppchen von +Minnichen ins Bett gelegt, und wie Minnichen +gerad' ein bißchen am Fenster war, da hat der +Bubi auf einmal geschrien: ‚Minnichen, tomm +deswind sehn, dei Püppchen is weck – der Bambula +hat's aufdefressen!‘ Und 's weiße Püppchen +war wirklich fort. Wie aber jetzt Minnichen angefangen +hat zu weinen, da hat der Bubi gesagt: +‚Nit weinen, Minnichen! 's Püppchen is +widder da, Bambula hat's widder rausdebrockelt.‘ +Und richtig, Tante, das Püppchen lag auf einmal +wieder im Bettchen, und da hätt'st du mal +sehen sollen, wie Minnichen ihr Püppchen genommen +und geherzt und geküßt hat und wie +sie dem Bambula böse Augen und strenge Gesichter +gemacht hat – aber nur von fern, denn +das arme Minnichen hat sich jetzt selbst wieder +ein bißchen vor dem bösen Mohren gefürchtet.“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_137" id="Page_137">[137]</a></span>Jetzt wurde Tonis Erzählung durch einen +Hustenanfall unterbrochen.</p> + +<p>„O, wie du hustest, mein Herzchen! Ich hätte +dich nicht so erzählen lassen sollen – du sollst +wohl gar nicht viel sprechen?“</p> + +<p>„Ach, Tante, das ist nicht so schlimm; ich hab' +ja schon so oft Husten gehabt! Du mußt dir +wirklich hernach von Minnichen selbst erzählen +lassen, wie Bambula ihr Püppchen gefressen hat; +da mußt du wirklich ganz schrecklich lachen, Tante. +Geh' nur mal hinüber ins Kinderzimmer – aber +dann kommst du wieder zu mir, gelt, Tantchen?“</p> + +<p>„Gewiß, Kleines, ich komme gleich wieder.“</p> + +<p>Als die Tante ins Kinderzimmer trat, saß +Minnichen mit tiefbetrübter Miene neben ihrem +Puppenbettchen, während Leo, die Stirne in ernste +Falten gelegt, dabeistand; er hatte eine große +Brille – ohne Gläser – auf seinem Näschen +sitzen und hielt eine leere Milchflasche unter +dem Arm. Er räusperte sich, genau wie der +gute alte Hausarzt es zu tun pflegte, und dann +sagte er mit der tiefsten Stimme, die er hervorbringen +konnte:</p> + +<p>„Wir werden das kranke Kind impfen müssen; +es gibt kein anderes Mittel, um's wieder gesund<span class='pagenum'><a name="Page_138" id="Page_138">[138]</a></span> +zu machen – aber erst muß es Medizin +nehmen.“</p> + +<p>Dann schüttelte er die Milchflasche kräftig, und +ein Puppenlöffelchen unterhaltend, zählte er langsam +und bedächtig: „Eins – zwei – drei – +mehr wie drei Tropfen darf man nicht geben, +sonst stirbt das Kind; denn die Medizin ist +Gift.“</p> + +<p>Erst nachdem er das Löffelchen dem kranken +Puppenkind hingehalten hatte, drehte er sich nach +Tante Toni um, und ihr die Hand reichend, sagte +er sehr ernsthaft: „Ach, guten Tag, Fräulein! +Wie geht es Ihnen? Soll ich Ihren Puls fühlen?“</p> + +<p>Tante Toni ging natürlich auf das Spiel der +Kleinen ein und sagte:</p> + +<p>„Ach, guten Tag, Herr Doktor! Ich danke +Ihnen, mir geht es ganz gut; aber das Kind +dort scheint recht krank zu sein. Wohl auf den +Schrecken von gestern?“</p> + +<p>„Ja, ja, es steht schlimm, recht schlimm!“ +Dabei machte Leo die größten Anstrengungen, +seine Stirne noch mehr zu runzeln, wobei jedoch +seine große Brille ins Rutschen kam. Tante +Toni hatte große Mühe, das Lachen zu verbeißen. +Leo aber ließ sich nicht irremachen; er<span class='pagenum'><a name="Page_139" id="Page_139">[139]</a></span> +stellte seine Milch- oder vielmehr seine Medizinflasche +auf die Erde und rückte seine Brille wieder +zurecht. Jetzt kam auch Minnichen, und die +Tante zum Puppenbettchen ziehend sagte es: +„Arm Poppelsen, wehweh hat.“</p> + +<p>Nun fiel aber Leo aus der Rolle, denn der +kleine Lehrmeister bekam wieder die Oberhand, +und er sagte eifrig:</p> + +<p>„Minnichen, erzähl' mal der Tante, wer hat +dein Püppchen krank gemacht?“</p> + +<p>„Böser Bambula“, sagte die Kleine, ein Schnütchen +machend.</p> + +<p>„Hörst du, Tante, wie gut sie schon ‚Bambula‘ +sagen kann? Sie hat es doch gestern zum erstenmal +gehört, und es ist auch gar kein leichtes Wort.“</p> + +<p>Nun, an ihren gestrigen Schrecken denkend, +geriet Minnichen auch in Eifer, und sie erzählte: +„Bös Bambula Poppelsen von Minnisen aufdefeßt +– so ...“ Und die Kleine sperrte ihr +Mündchen auf, so weit sie nur konnte, und auf +Tante Toni sich stürzend, machte sie „Happ, +happ!“ als wollte sie diese verschlingen. Dann +erzählte sie weiter, ihre Worte mit sehr ausdrucksvollen +Gebärden begleitend: „Und Minnisen +hat weint, so: ‚Hiehiehie!‘ Dann hat Bambula<span class='pagenum'><a name="Page_140" id="Page_140">[140]</a></span> +bockelt, so: ‚Bröh – bröhx‘, und da war Poppelsen +widder da. Aber Minnisen hat sehr sankt +Bambula, so ...“ Und Minnichen riß die Äugelchen +weit auf, machte ein bitterböses Gesicht und +drohte mit dem Fingerchen.</p> + +<p>„Huh“, machte Tante Toni zurückfahrend, „da +war der Bambula aber sicher sehr bang, wie er +dein strenges Gesicht gesehen hat?“</p> + +<p>„Ja“, antwortete Leo für sein Schwesterchen, +„wir haben ihm gesagt, er dürfe nicht mehr zu +uns auf Besuch kommen sonst würde er einfach +nausgeschmissen!“</p> + +<p>„Nausmissen“, bekräftigte Minnichen mit energischem +Kopfnicken.</p> + +<p>Den Nachmittag dieses Tages brachte Tante +Toni am Bettchen ihres Patenkindes zu.</p> + +<p>„Tante, ich muß dir etwas sagen“, flüsterte +klein Toni ernsthaft, ein wenig zögernd.</p> + +<p>„Was denn, mein Liebling?“</p> + +<p>„Ich bin wieder mal sehr zornig und sehr böse +gewesen.“</p> + +<p>„O Tonichen, wirklich? Das tut mir aber +leid. Dir gewiß auch?“</p> + +<p>„Ich weiß nicht recht, Tante. Es tut mir +schon leid, daß ich so zornig war, weil das den<span class='pagenum'><a name="Page_141" id="Page_141">[141]</a></span> +lieben Gott beleidigt; aber ich bin noch immer +bös, sehr bös auf Otto!“</p> + +<p>„Ach, ist es das? Anna hat dir wohl erzählt?“</p> + +<p>„Ja, Tante. Und wie du geweint und dich +gesorgt hast, und daß der Otto nicht einmal gezankt +worden ist. Und da hab' ich gewünscht, +der liebe Gott möchte ihn selbst recht tüchtig +strafen.“</p> + +<p>„O nein, Tonichen, nein, das sollst du nicht! +Wir wollen lieber beten für ihn, damit er sein +Unrecht einsieht, dann wird es ihm sicher selbst +sehr leid tun. O Tonichen, das war ein häßlicher +Wunsch; einen solchen darf meine kleine +Freundin nie mehr haben!“</p> + +<p>„Aber Tante, er war doch so bös gegen dich, +der Otto, und du bist so lieb und gut! Nein, +ich mag ihn gar nicht mehr, den bösen, garstigen +Buben!“</p> + +<p>„Du kränkst mich, Tonichen, wenn du so +sprichst!“</p> + +<p>„O Tante, ich will dich nicht kränken, und es +ist ja, weil ich dich so sehr lieb hab' ...“ Und +schluchzend schlang klein Tonichen ihre Ärmchen +um den Hals der Tante.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_142" id="Page_142">[142]</a></span>„Ich weiß es ja, mein Liebling, ich weiß es +ja“, suchte die Tante das weinende Kind zu beruhigen. +„Und weil du die Tante Toni so lieb +hast und ihr eine ganz besondere Freude machen +willst, wirst du diesen Abend beim Abendgebet +ein Vaterunser für unsern lieben, armen Otto +beten. Willst du?“</p> + +<p>Tonichen nickte unter Tränen lächelnd.</p> + +<p>„Und nun liege recht still und ruhig, sonst +mußt du wieder so stark husten. Ich erzähle dir +auch. Was möchtest du gerne hören?“</p> + +<p>„O bitte, Tante, erzähle mir noch einmal die +Geschichte von dem kleinen Johannes, den niemand +lieb hatte und der in der Weihnachtsnacht +gestorben ist, gerade nachdem er den lieben Heiland +empfangen hatte.“</p> + +<p>Und Tante Toni erzählte, während klein Toni +begierig lauschte.</p> + +<p>„O wie schön!“ seufzte sie am Schluß der Erzählung. +„Ich möchte auch sterben wie der kleine +Johannes, gleich nach meiner ersten heiligen Kommunion.“</p> + +<p>Später kam auch Tonis Mutter und setzte sich +an ihr Bettchen; da strahlte ihr Gesichtchen vor +Freude, und sie sagte: „Jetzt bin ich so froh, so<span class='pagenum'><a name="Page_143" id="Page_143">[143]</a></span> +froh, weil ihr alle beide bei mir seid; bleibt nur +recht lange hier!“</p> + +<p>„Ja, recht lange“, wiederholte die Mutter leise, +und sie blickte voll Liebe und Besorgnis in das +blasse Gesicht ihres Töchterchens, und so oft dieses +hustete, ging es wie ein Stich durchs Herz der +Mutter; klein Toni merkte das, und sie gab sich +von nun an alle Mühe, ihren Husten zurückzuhalten.</p> + +<p>Es war schon ziemlich spät am Nachmittag, +als auf einmal Paul hereinkam und rief: „Tante +Toni, komm doch schnell einmal herunter! Der +Otto ist da und fragt nach dir, und er sieht ganz +verstört aus, aber er will mir nicht sagen, was +er hat.“</p> + +<p>Sofort eilte Tante Toni hinunter, und als +sie ins Zimmer trat, da stürzte Otto wie verzweifelt +auf sie zu und schrie: „Tante, Tante, +hilf mir, ich bitte dich, hilf mir! Ich weiß nicht +mehr, was ich anfangen soll!“</p> + +<p>„Um Gottes willen, Otto, was ist denn geschehen? +Ist deinem Vater etwas zugestoßen? +So sprich doch!“</p> + +<p>Nun brach Otto in krampfhaftes Schluchzen +aus, dazwischen stammelte und stieß er einige<span class='pagenum'><a name="Page_144" id="Page_144">[144]</a></span> +Sätze und Wörter hervor, wovon die Tante aber +nur verstand, sein Vater müsse ins Gefängnis, +und er, Otto, sei schuld daran.</p> + +<p>„Das kann ja gar nicht sein!“ rief die Tante +aus. „Komm, nun setz' dich her zu mir und +versuche ruhiger zu werden, dann erzählst du +mir ganz genau, was vorgefallen ist.“</p> + +<p>Aber es dauerte noch einige Zeit, ehe Otto +ordentlich sprechen konnte, und er schluchzte noch +häufig auf, während er erzählte: „Ich saß vorhin +an meinem Studierpult in Vaters Zimmer, +und Papa stand vor seinem Schreibtisch, wo er +Papiere durchsah; er hatte sie aus dem eisernen +Schrank genommen, der in der Ecke steht und +wo er alle wichtigen Papiere und das Geld drin +aufhebt; du kennst ihn ja, Tante.“</p> + +<p>„Ja, gewiß – es waren also jedenfalls sehr +wichtige Papiere, die er vor sich hatte.“</p> + +<p>Otto nickte und fuhr fort: „Auf einmal kam +Lina herein und sagte, Papa möge doch schnell +einmal hinunterkommen, der Herr Dorr sei da +und der habe es sehr eilig. Papa wollte die +Papiere erst wieder in den Geldschrank legen, +der war aber schon zugeschlossen, und so legte er +nur einen Beschwerstein darauf und sagte zu mir,<span class='pagenum'><a name="Page_145" id="Page_145">[145]</a></span> +er käme sofort zurück, er hätte nur einen Augenblick +mit Herrn Dorr zu sprechen, und ich solle +inzwischen auf die Papiere achten, denn sie seien +sehr, sehr wichtig, ich solle mich aber nicht unterstehen, +sie anzurühren. Dann ging Papa hinaus, +und er ließ die Türe offenstehen.“ Nun fing +Otto wieder an zu weinen.</p> + +<p>„Und jetzt hast du die Papiere doch angerührt, +Otto?“</p> + +<p>„Zuerst nicht, Tante! Ich wollte ja dem +Papa gehorchen; wie er aber dann so lange ausblieb, +da mußte ich immer wieder nach den +Papieren hinsehen, und ich hätte doch so gerne +gewußt, was es für Papiere wären, und – da +nahm ich den Stein ab. O hätt' ich es nicht +getan! – Im selben Augenblick hörte ich im +Garten draußen einen lauten Schrei, ich lief +schnell ans Fenster, um zu sehen, was es gäbe, +und ich muß wohl in der Eile vergessen haben, +den Stein wieder auf die Papiere zu legen. Ich +riß das Fenster auf, um hinauszusehen, aber im +selben Augenblicke entstand Zugluft, und alle +Papiere flogen im Zimmer herum und mehrere +sogar zum Fenster hinaus. Ich stürzte sofort +hinunter, um sie wieder zusammenzusuchen. Die<span class='pagenum'><a name="Page_146" id="Page_146">[146]</a></span> +alte Babett, die gerade unten war, hatte schon +einige aufgehoben, und sie half mir suchen, bis +wir keins mehr fanden. Als ich wieder hinaufkam, +da war Papa inzwischen zurückgekommen, +und er hatte die Papiere, die im Zimmer herumgeflogen +waren, schon aufgelesen. Ach, Tante, +ich möchte, er hätte mich recht gezankt, ja ich +möchte, er hätte mich sogar geschlagen, ich hab's +verdient; aber er hat gar nichts gesagt, er hat +mich nur einmal angeschaut – o Tante, ich kann +dir nicht sagen, <em class="gesperrt">wie</em>! Dann hat er gleich die +Papiere nachgesehen, und es hat eins gefehlt! +Tante, denke dir, gerade das allerwichtigste – +das, welches er morgen beim Gerichte unbedingt +braucht! Und dann haben wir im Hause und +im Garten alles, alles durchsucht, aber wir +haben nichts gefunden. Ach, Tante, und dann +hat sich der Papa an seinen Schreibtisch gesetzt +und ist, mit den Händen vor dem Gesicht, lange +sitzen geblieben, ohne sich zu rühren, bis ich's +nicht mehr aushalten konnte und ihn gebeten habe, +er möge mir doch verzeihen! Da hat er mich +wieder angesehen, noch weher wie vorhin, und +hat gesagt: ‚Ich hab' dir schon verziehen, aber +an diesem Papier hing mehr als mein Leben <span class='pagenum'><a name="Page_147" id="Page_147">[147]</a></span>– +an ihm hing meine Ehre.‘ Und nun sitzt er immer +noch am selben Platz, ganz still und, Tante, du +kannst dir nicht denken, wie er aussieht, ganz +anders wie sonst, viel älter! O komm doch mit zu +ihm! Ich hab' ihm gesagt, ich ginge dich holen, +da hat er genickt. Komm, Tante, hilf uns!“</p> + +<p>„Ja, Otto, schnell zurück zu deinem Vater!“ +Die Tante nahm sich kaum die Zeit, ihren Hut +aufzusetzen, und als sie wenige Minuten später +in das Zimmer ihres Bruders kam, fand sie +diesen genau so, wie Otto gesagt hatte. Er nickte +seiner Schwester zu, und als diese, ihn fest umschlingend, +sagte: „Mut, Robert, ich werde nochmal +suchen, ich <em class="gesperrt">muß</em> es finden“, da schüttelte er +den Kopf und sagte: „Such' nur, aber es wird +umsonst sein, ich habe überall nachgesehen.“</p> + +<p>Sie begann sofort zu suchen, jedes Eckchen +genau zu durchforschen, aber umsonst, das Papier +blieb verschwunden. Otto brach aufs neue in +Tränen aus. „O, was hab' ich getan, was hab' +ich getan!“ jammerte er und wollte sich auf die +Erde niederwerfen, aber Tante Toni faßte ihn +bei der Hand und zog ihn aus dem Zimmer, +denn sie sah, daß ihrem Bruder etwas Ruhe und +Stille nottat. An der Treppe stießen sie auf<span class='pagenum'><a name="Page_148" id="Page_148">[148]</a></span> +Lilly, die ganz blaß und verstört aussah; sie sah +ihren Bruder scheu und ängstlich an, und sich an +die Tante hindrängend fragte sie leise: „Hat +Otto etwas sehr Schlimmes getan?“ Die Tante +antwortete eilig: „Er war sehr ungehorsam, aber +du siehst ja, wie leid es ihm tut, und deshalb +wird auch gewiß alles gut werden. Sei du nur +ruhig und bete zu deinem und deines Bruders +Schutzengel.“ Dann folgte sie Otto, der schon +in sein Schlafzimmer gegangen war.</p> + +<p>Otto hatte sich auf sein Bett geworfen und er +schluchzte herzbrechend. Plötzlich richtete er sich +auf und rief aus: „Tante, weißt du noch, gestern, +wie du gesagt hast, ich wüßte noch nicht, wie es +tut? Jetzt weiß ich's, o ja, jetzt weiß ich's! +O Tante, es ist zu schrecklich, diese Angst! O wär' +ich doch lieber gestorben! Ich kann's ja nicht +mehr aushalten!“</p> + +<p>Und wie verzweifelt wälzte er sich auf dem +Boden. Tante Toni kniete neben ihm nieder, +und sie versuchte ihn aufzurichten, während sie +mit sanftem Vorwurf sagte: „Otto, so darfst du +nicht reden; du fügst noch neues Unrecht zum +andern. Komm, laß uns zusammen beten; das ist +das einzige, was uns helfen und erleichtern kann.“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_149" id="Page_149">[149]</a></span>„Beten? Ach nein; beten, das kann ich nicht! +Der liebe Gott will doch gewiß nichts mehr von +mir wissen, ich bin viel zu bös! Jetzt weiß ich, +wie bös ich immer war, wie ich den armen Rudi +nicht leiden konnte und wie ich ihn so viel geärgert +und zornig gemacht habe, und er ist auch +sehr oft wegen mir gezankt und gestraft worden. +Und auch gegen die andern, sogar gegen Lilly +war ich oft recht garstig, und gestern gegen dich, +Tante Toni; ich war ja so bös auf dich, weil +der Rudi mitgehen durfte und weil du ihn gegen +mich in Schutz nahmst, und ich wollte mich rächen, +deshalb hab' ich dir so Angst gemacht; aber ich +wußte nicht, nein, Tante, ich wußte wirklich nicht, +wie das ist! O Tante Toni, und jetzt bist du +doch wieder so gut zu mir!“</p> + +<p>„Ja, Otto – ach, ich möchte dir so gerne aus +deiner Not helfen! Aber hier kann jetzt nur +noch der liebe Gott helfen – komm, laß uns +beten. Er ist ja so gern bereit, dir zu verzeihen!“</p> + +<p>„Nein, Tante Toni, der liebe Gott kann mir +noch nicht verzeihen; er weiß, wie falsch ich war +und wie ich dem Papa immer alles verkehrt +erzählt habe und auch wieder gestern. O, gestern +hab' ich ihm auch noch lang nicht alles gesagt,<span class='pagenum'><a name="Page_150" id="Page_150">[150]</a></span> +wie es war – und jetzt! Ich möcht' es ihm +ja sagen, aber dann wird er noch trauriger sein, +und doch – ich kann doch nicht recht beten, +solang ich's ihm nicht gesagt habe! O Tante, +sag' mir doch, was ich tun soll!“</p> + +<p>Tante Toni überlegte ein Weilchen, dann sagte +sie: „Ich hätte deinem Vater gern jeden weiteren +Schmerz erspart, und doch glaube ich, daß du +recht hast und deiner Regung folgen sollst. Es +ist immer besser, den Weg der Wahrheit zu gehen, +und dein offenes Geständnis ist deinem Vater ja +ein Beweis, daß du dich ernstlich bessern willst, +und wird sein bester Trost in allem Leide sein.“</p> + +<p>„Soll ich denn jetzt gleich hinuntergehen?“</p> + +<p>„Gewiß! Die Ausführung eines solchen Entschlusses +soll man niemals verschieben.“</p> + +<p>„Dann komm, Tante, geh' mit mir.“</p> + +<p>„Nein, Kind, das mußt du mit deinem Vater +allein ausmachen. Ich warte hier auf dich und +bete unterdessen.“</p> + +<p>Mit klopfendem Herzen ging Otto wieder +hinunter zu seinem Vater. Er fand diesen noch +immer in derselben Stellung an seinem Schreibtisch +und so tief in Nachdenken versunken, daß +er seines Sohnes Eintritt gar nicht bemerkte.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_151" id="Page_151">[151]</a></span>„Vater!“ sagte dieser leise bittend.</p> + +<p>Herr Mehring blickte auf. Er machte erst eine +ungeduldige Bewegung, aber den flehenden Ausdruck +in Ottos Antlitz bemerkend, fragte er ernst, +aber gütig: „Hast du mir noch etwas zu sagen, +mein lieber Sohn?“</p> + +<p>Und nun fing Otto an zu bekennen. Erst +langsam und zögernd, dann aber ging es immer +leichter, und er machte ein offenes und freimütiges +Bekenntnis der gestrigen Begebnisse sowie +überhaupt all seiner Schuld, so wie er sie +in dieser schweren Stunde erkannt hatte. Der +Vater hörte stillschweigend zu – manchmal kam +es Otto vor, als ob er leise seufze, aber als +er dann stockte und nicht mehr recht weiterkonnte, +da blickte der Vater ihn ermunternd an +und sagte: „Sprich nur weiter; habe Mut und +sage alles.“</p> + +<p>Und Otto sagte alles, und zum Schluß kniete +er nieder, und den Kopf auf des Vaters Knie +legend fügte er hinzu: „Vater, lieber Vater, +du sollst sehen, ich werde nun anders werden – +ich verspreche es dir und dem lieben Gott. +O könnt' ich doch nur – könnt' ich alles wieder +gutmachen! O mein lieber, guter Vater!“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_152" id="Page_152">[152]</a></span>Der Vater legte die Hand auf des Sohnes +Haupt. „Ich danke dir, Kind, für dein offenes +Bekenntnis. Es ist ja gewiß sehr schmerzlich für +mich, zu erfahren, wie sehr ich mich in dir getäuscht +habe – aber dein Mut und deine Offenheit +bürgen mir für deine jetzigen guten Gesinnungen +und auch für die Zukunft. Glaube +mir, mein Sohn, ich will gern diese Prüfung +tragen, ich will sie sogar segnen, wenn sie dazu +dienen soll, aus dir einen guten, offenen und +pflichttreuen Menschen zu machen. Und nun geh' +zur Ruhe, mein liebes Kind – lege dich schlafen.“</p> + +<p>„O Papa, wie könnt' ich denn schlafen!“</p> + +<p>„Warum solltest du denn nicht schlafen können, +jetzt mit deinem erleichterten Gewissen – und +besonders wenn du es aus Gehorsam versuchst? +Gute Nacht, mein lieber Sohn – Gott segne dich!“ +Und der Vater küßte den Sohn auf die Stirne.</p> + +<p>Dann ging Otto hinauf, und nun konnte er +mit Tante Toni beten, so recht von Herzen und +mit Vertrauen.</p> + +<p>Nach dem Gebete sagte Tante Toni:</p> + +<p>„Nun leg' dich zu Bett, mein lieber Bub, +und schlafe; du kannst nun ruhig alles dem lieben +Gott überlassen.“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_153" id="Page_153">[153]</a></span>„O Tante, gehst du fort, gehst du wieder +hinüber zu Wulffs?“</p> + +<p>„Nein, nein, ich bleibe hier; ich will hinübertelefonieren, +damit man drüben nicht auf mich +wartet. Ich komme hernach noch einmal nach +dir sehen.“</p> + +<p>Als Tante Toni das Zimmer verlassen hatte, +legte Otto sich gehorsam zu Bett, und er schloß +die Augen. Aber der Schlaf wollte nicht kommen. +Immer und immer wieder mußte er an das Papier +denken, an das schreckliche Papier. „Ach, wüßt' ich +doch nur, was das für ein Papier ist, von dem +so viel abhängen kann!“ Wie hatte der Vater +gesagt? „Mehr als mein Leben – meine Ehre!“ +Und nun kam es wieder, das Schreckgespenst – +das Gefängnis! – Sein lieber, edler Vater unschuldig +im Gefängnis, durch seine, des eigenen +Sohnes Schuld! – Nein, das war gar nicht +auszudenken – das konnte er nicht ertragen. +„Ach, hätt' ich doch gefolgt“, stöhnte er, „hätt' +ich doch den Stein und die Papiere nicht angerührt +– so wäre das alles nicht passiert!“ Und +Otto weinte in sein Kissen hinein, und dann +betete er wieder: „Ach, lieber Gott, hilf doch! +Ich bitte dich, hilf – ich will ja auch ein ganz<span class='pagenum'><a name="Page_154" id="Page_154">[154]</a></span> +anderer Bub werden, ich versprech' es dir – +o hilf uns doch, lieber, allmächtiger Gott!“</p> + +<p>Nach diesem Gebet fühlte er sich ein wenig +ruhiger, aber schlafen konnte er doch nicht, er +mußte wieder an seinen lieben Vater denken – +ob er nun wohl noch immer unten an seinem +Schreibtisch saß, so still, so niedergebeugt? +O was hatte er ihm doch angetan, diesem seinem +guten Vater! Wenn er doch wenigstens etwas +für ihn tun könnte, wenn er doch wüßte, ob der +Vater noch immer so hoffnungslos ist! – Tante +Toni, wo bleibst du so lang? Es ist Otto, als +müsse er ersticken unter der Last, die ihm auf +dem Herzen liegt – er kann's nicht mehr ertragen +– er richtet sich auf in seinem Bett – +ist er denn ganz allein? Kommt niemand ihm +helfen, ihn trösten? O Tante, Tante Toni, komm' +doch!</p> + +<p>Hatte er es laut gerufen? Er wußte es selbst +nicht – aber Tante Toni kam, und er streckte +ihr wie um Hilfe flehend die Arme entgegen, er +hing sich an ihren Hals und rief schluchzend:</p> + +<p>„O mein Vater, mein lieber, armer Vater, +was wird ihm geschehen? Ach, Tante, sag' +mir doch, was kann man ihm denn antun?<span class='pagenum'><a name="Page_155" id="Page_155">[155]</a></span> +Wird er nun wirklich ins – ins Gefängnis +kommen!“</p> + +<p>Da war es heraus, das schreckliche Wort! +Es schauderte Otto, während er es aussprach.</p> + +<p>„Nein, nein“, beschwichtigte ihn Tante Toni, +„davon ist keine Rede.“</p> + +<p>„Wie! Kann er denn doch noch seine Unschuld +beweisen?“ Otto jubelte beinah' auf, aber Tante +Toni schüttelte traurig den Kopf.</p> + +<p>„Du bist noch zu jung, Otto“, sagte sie; „ich +kann dir die Sache nicht genau erklären. Es +gibt unehrenhafte Handlungen, für die man nicht +ins Gefängnis kommt, aber der sie begangen +hat, steht deshalb doch entehrt, gebrandmarkt +vor der ganzen Menschheit da. Deinem Vater +wirft man vor, das Vertrauen anderer mißbraucht +und zu seinem eigenen Vorteil ausgebeutet zu +haben – und obwohl es keinen redlicheren, selbstloseren +Menschen geben kann wie ihn, so haben +sich doch Leute gefunden, die solchen Anschuldigungen +Glauben schenken. Gerade in der letzten +Zeit sind seine Gegner besonders kühn aufgetreten, +weil derjenige, der für deinen Vater hätte zeugen +können, gestorben ist. Sie wußten nicht, daß er +ein Schriftstück hinterlassen hat, welches nicht nur<span class='pagenum'><a name="Page_156" id="Page_156">[156]</a></span> +alle Verdächtigungen zunichte macht, sondern auch +ein helles Licht auf die lautere Gesinnung und +edle Handlungsweise deines Vaters wirft. Dieses +Schriftstück nun ist es, welches dein Vater, als +er vor einigen Tagen so plötzlich verreiste, als +wichtigstes Beweisstück herbeigeholt hat und das +nun verschwunden ist. Dieses Schriftstück, morgen +in der öffentlichen Gerichtsverhandlung vorgelesen, +hätte ihn vor allen Menschen gerechtfertigt, hätte +seinen Verleumdern eine große Niederlage bereitet +– und nun ist es verschwunden, und es +ist nicht zu ersetzen. Aber trotzdem wollen wir +hoffen, daß die Verhandlung morgen zu deines +Vaters Gunsten ausfällt. Die guten Menschen +wenigstens werden an ihn glauben. Und nun, +liebes Kind, lege dich hin und schlafe. Wir +können nichts mehr tun, als die Sache dem lieben +Gott überlassen.“</p> + +<p>Tante Toni blieb noch an Ottos Bett sitzen, +bis er eingeschlafen war. Erst als sie sich überzeugt +hatte, daß er wirklich schlief, stand sie leise +auf und ging hinunter. Auf der Treppe aber +blieb sie lauschend stehen; war es ihr doch, als +hätte sie leises Weinen gehört. Richtig, es kam +aus Lillys Zimmer! Rasch kehrte die Tante<span class='pagenum'><a name="Page_157" id="Page_157">[157]</a></span> +zurück, und sie fand wirklich die arme kleine +Lilly bitterlich schluchzend in ihrem Bettchen.</p> + +<p>„Aber was hast du denn, Lillchen? Was fehlt +dir?“</p> + +<p>Die Kleine konnte kaum antworten vor +Schluchzen: „Der Papa ist nicht – an mein +Bett gekommen – um mir ‚Gute Nacht‘ zu +sagen – und es hat niemand mit mir gebetet – +und ich hab' gehört, wie der Otto hier neben +geweint hat – und ich war ganz allein – und +ich bin so traurig – und ...“ Und Lilly brach +von neuem in bitterliches Weinen aus.</p> + +<p>Tante Toni nahm das Kind auf den Schoß, +tröstete es, wiegte es in den Armen wie ein +ganz Kleines, und als Lilly etwas ruhiger geworden +war, fragte sie: „Wollen wir nun das +Abendgebet zusammen beten?“</p> + +<p>Lilly nickte, und sich an die Tante anschmiegend, +faltete sie die Händchen. Nach dem Gebet ließ +sie sich auch gehorsam wieder ins Bettchen legen, +aber als Tante Toni sich neben sie setzte mit +dem Versprechen, bei ihr zu bleiben, bis sie schliefe, +da schüttelte Lilly traurig das Köpfchen: „Wenn +der Papa nicht erst zu mir kommt, dann kann ich +doch nicht schlafen.“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_158" id="Page_158">[158]</a></span>Da ging Tante Toni hinunter, und sie sagte: +„Lilly kann nicht schlafen, weil Papa ihr nicht +‚Gute Nacht‘ gesagt hat. Klein Lilly hat ihren +Vater so lieb.“</p> + +<p>Da hob der gebeugte Mann das Haupt, und +es ging wie ein heller Schein über sein Gesicht +– aber gleich zuckte es darin wieder wie +tiefes Weh, und er sagte:</p> + +<p>„Arme kleine Lilly, arme Kinderchen – es +ist ja für sie, daß ich meinen Namen rein und +unbefleckt erhalten möchte.“</p> + +<p>Dann ging er hinauf und nahm Tante Tonis +Platz an Lillys Bettchen ein. Obwohl er sein +Töchterchen anlächelte, sah dieses doch, daß er +Kummer hatte. Es küßte des Vaters Hand und +streichelte sie zärtlich.</p> + +<p>„Sei nicht traurig, Papa – ich hab' dich ja +so lieb, <em class="gesperrt">so lieb</em>! – Ich will auch ein recht braves +Kind werden – ich hab' es der Tante Toni +schon versprochen. Die Tante Toni hab' ich +auch sehr lieb....“</p> + +<p>„Das sollst du auch, mein Kindchen; und nun +mußt du schlafen. Gute Nacht, mein Töchterchen!“</p> + +<p>„Gute Nacht, lieber Papa – lieber – guter – +Papa!“ Und leise, leise fielen Lillys müdgeweinte<span class='pagenum'><a name="Page_159" id="Page_159">[159]</a></span> +Äuglein zu; sie schluchzte noch einmal +auf, wie Kinder oft nach heftigem Weinen tun, +und dann schlief sie sanft und fest ein.</p> + +<p>Bald darauf war alles im Hause still, nur +Herr Mehring und seine Schwester waren noch +auf, sie saßen beisammen im Arbeitszimmer. +Herr Mehring saß am Schreibtisch und schrieb +Notizen auf; Tante Toni saß etwas abseits, sie +hielt die Hände auf den Knien gefaltet, und sie +lauschte dem Wind, der an den Fensterläden +rüttelte. Als Herr Mehring von seiner Arbeit +aufschaute, begegnete er dem sorgenvollen, fragenden +Blick seiner Schwester. Er sagte mit einem +schmerzlichen Seufzer: „Wenn ich wenigstens noch +etwas Zeit vor mir hätte – dann könnte ich +vielleicht noch einige Zeugnisse herbeischaffen – +aber bis morgen ist es unmöglich. O Toni, ich +sehe der Verhandlung mit schweren Besorgnissen +entgegen. Ich war meiner Sache so sicher – +und nun ...“ Der schwergeprüfte Mann ließ +den Kopf auf die Brust sinken.</p> + +<p>Tante Tonis Augen füllten sich mit Tränen, als +sie ihren sonst so tatkräftigen, mutigen Bruder jetzt so +niedergebeugt sah. „Verzage doch nicht, Robert“, +sagte sie, „der liebe Gott läßt dich nicht im Stich.“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_160" id="Page_160">[160]</a></span>Herr Mehring lächelte wehmütig.</p> + +<p>„Aber der liebe Gott wird wohl kaum ein +Wunder für mich tun.“</p> + +<p>„Und warum nicht, du Kleingläubiger?“ rief +Tante Toni eifrig aus. „Was ist denn ein +Wunder für ihn, den Allmächtigen! Aber Gott +kann auch helfen ohne Wunder. Er ist ja allweise, +und wir sind arme, kurzsichtige Menschenkinder, +wir sorgen und quälen uns ab, statt ganz +auf ihn zu vertrauen!“</p> + +<p>„Du hast recht, Toni, liebe Schwester, Gott +kann alles zum Guten wenden, und ist es sein +Wille, daß ich morgen vor den Menschen gedemütigt +und in den Staub gezogen werde, so geschehe sein +heiliger Wille; er wird mir's tragen helfen.“</p> + +<p>Dann herrschte wieder Stille und Schweigen +im Zimmer. Draußen aber war der Wind zum +Sturm geworden. Der wütete im Garten, schüttelte +und beugte die Bäume und peitschte den +Regen gegen die Fenster, daß es prasselte.</p> + +<p>„Welch ein Wetter!“ sagte Tante Toni halblaut, +als eben ein besonders heftiger Windstoß +einherfuhr, als ob er alles mit sich fortreißen +wollte. Plötzlich fuhr sie zusammen, und auch +Herr Mehring sprang von seinem Stuhl auf.<span class='pagenum'><a name="Page_161" id="Page_161">[161]</a></span> +Laut und schrill tönte es durchs Haus – die +Türglocke.</p> + +<p>„Was mag das sein? Wer mag so spät noch +kommen?“</p> + +<p>„Die Mädchen schlafen schon, ich werde selbst +nachsehen“, sagte Herr Mehring; aber Tante Toni +ging mit ihrem Bruder hinunter.</p> + +<p>„Wer ist da?“ fragte dieser, ehe er die Haustüre +öffnete.</p> + +<p>„Ich bin's, Herr, ich, der Christian“, tönte +es von draußen.</p> + +<p>„Wie, Christian, Sie kommen noch so spät +und bei diesem Wetter?“ rief Herr Mehring, +die Tür öffnend. „Was gibt es denn?“</p> + +<p>„Huh, ja, das is e Wetter!“ sagte Christian +eintretend und sich die Füße abputzend, während +ihm das Wasser von Hut und Mantel niederrann. +„Und ich muß recht um Entschuldigung +bitten, daß ich Ihne noch so spät stör, Herr +Mehring, aber sehn Se, die alt Babett hat mer +ja kei Ruh gelassen, sie hat sich's halt in ihrn eigensinnige +Kopp neingesetzt gehabt, Sie müßte das +Papier da, wo se in ihrm Korb gefunde hat, +wie se diesen Abend heimkomme is, noch heut +zurückkriege, und wenn emal die Babett sich was<span class='pagenum'><a name="Page_162" id="Page_162">[162]</a></span> +in ihrn alte Kopp gesetzt hat ... Aber um Gottes +wille, Herr Mehring, was is Ihne dann? Was +hab' ich denn jetzt angestellt!“</p> + +<p>Herr Mehring hatte nämlich dem Alten, +während dieser sprach, das Papier aus der Hand +genommen, und kaum hatte er einen Blick hineingeworfen, +da hatte er einen Schrei ausgestoßen +und war zurückgetaumelt.</p> + +<p>„Was ist dir, Robert, was ist?“ rief Tante +Toni erschrocken aus. Herr Mehring legte den +Arm um sie, und den Kopf an ihre Schulter +lehnend, sagte er mit von Tränen erstickter +Stimme: „O Toni, der liebe Gott hat geholfen, +ohne ein Wunder zu brauchen – es ist das +Schriftstück!“</p> + +<p>„Gott sei Dank, Gott sei Dank!“ rief Tante +Toni lachend und weinend zugleich. „Siehst du, +ich wußt' es ja, daß der liebe Gott uns nicht +im Stich lassen würde!“</p> + +<p>„Die alt Babett hat am End doch recht gehabt“, +dachte der Christian, und er kratzte sich +hinter dem Ohr, was er gewöhnlich tat, wenn +er verlegen oder nachdenklich war. Aber man +ließ ihm nicht viel Zeit zum Nachdenken; Herr +Mehring und seine Schwester nötigten ihn ins<span class='pagenum'><a name="Page_163" id="Page_163">[163]</a></span> +Zimmer, und während Tante Toni ihm ein Glas +Wein einschenkte, sagte Herr Mehring:</p> + +<p>„Aber nun, Christian, sagen Sie mir doch, +wie Sie, oder vielmehr wie Babett zu diesem +Papier kommt!“</p> + +<p>„Ja sehn Se, Herr, des war halt so: Die +Babett is ja diesen Nachmittag hier gewese, um +den Lappekorb abzuhole, wie se's halt immer +zweimal im Monat tut. Wie se nun mit ihrm +Korb fortgehn wollt, da is se da im Garte, grad +vorm Haus ausgerutscht und wär beinah hingefalle, +und sie hat in ihrm Schrecke laut geschriee +– da is obe e Fenster aufgerisse worde +und es sind allerhand Papiere rausgefloge, und +gleich drauf is der Herr Otto gelaufe komme, +um die Papiere wieder aufzulese, und wie em +die Babett dabei geholfe hat, da hat er gesagt, +sie sollt nur recht achtgebe, denn es wärn gar +wichtige Papiere. Aber die Babett hat gar nit +gemerkt, daß eins von dene Papiere in ihrn Korb +gefalle is, und des hat se erst gefunde, wie se +vorm Schlafegehn ihrn Korb ausgeleert hat, und +da hat se mich gerufe; ich hab aber schon mit +eim Aug geschlafe, und wie ich halt nit gleich +raus gewollt hab, da hat se angefange und<span class='pagenum'><a name="Page_164" id="Page_164">[164]</a></span> +hat auf mei Tür gekloppt mit ihre zwei Fäust, +und die sin noch recht kräftig für so e alte Frau, +denn sie hat Ihne en Spekeltakel aufgeführt, wie +wann se die ganz Stadt hätt aufwecke wolle. +Und wie ich ihr dann zugeredt hab und gesagt, +des tät sich doch nit schicke, daß ich jetzt wege +so eme lumpige Papier die Leut noch aus em +Schlaf störe sollt, da hat se immer wieder gesagt, +des wär e wichtig Papier, der Herr Otto wär +ganz blaß gewese, wie er runtergelaufe wär, und +des Papier müßt diesen Abend noch zu Ihne +gebracht werde, und wenn ich nit gehn wollt, +dann tät sie halt selber gehn. No so bin ich halt +komme, und wenn Se erlaube, Herr Mehring, +so trink ich jetzt auf Ihr Wohl und aufs Wohl +vom Fräule Toniche.“</p> + +<p>Er leerte sein Glas, stellte es auf den Tisch +und fuhr sich mit dem Ärmel über den Mund. +Er machte große Augen, als Herr Mehring ihm +so herzlich dankte und ihm erklärte, welch großen +Dienst er ihm durch Überbringung des Schriftstückes +geleistet hatte.</p> + +<p>„Na, da freu' ich mich aber!“ rief er beim +Abschiednehmen, „und morge, da werd' ich auch +dabei sein, um die Gesichter von dene miserable<span class='pagenum'><a name="Page_165" id="Page_165">[165]</a></span> +Lügner zu sehn. Na, aber so was! Wenn ich +noch dran denk, was Sie für e lieber, wilder +Bub warn, früher, wie ich noch Gärtner bei +Ihne Ihre Eltern war, Herr Robert, und wie +Sie mal von der Frau Mama eine übergezoge +kriegt habe, weil Se mer in mei frischgepflanzte +Beete gesprunge sin!“ Und im Fortgehen murmelte +er vor sich hin: „Ja, ja, wenn mer halt +noch emal jung sein könnt!“</p> + +<p>Als Otto am andern Morgen aufwachte, fiel +sein erster Blick auf Tante Toni, die schon an +seinem Bette saß. Er war erst ganz erstaunt +und rieb sich die Augen, aber gleich legte es sich +wieder wie eine Zentnerlast auf sein Herz. Wie +hatte er nur so gut schlafen können nach dem, +was gestern passiert war?</p> + +<p>„O Tante!“ rief er aus, „Tante, es ist ja +heute – <em class="gesperrt">heute</em> ...!“</p> + +<p>Aber die Tante lächelte und sagte mit bewegter +Stimme: „Otto, knie dich gleich nieder und +danke dem lieben Gott aus ganzem Herzen.“</p> + +<p>„Das Papier, Tante, das Papier – ist gefunden?“</p> + +<p>Die Tante nickte. „Erst beten, Otto, dann +erzähl' ich dir.“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_166" id="Page_166">[166]</a></span>Ein warmes, aufrichtiges Dankgebet stieg aus +des Knaben Herzen zum Himmel hinauf, dann +aber lauschte Otto gespannt dem Bericht der Tante.</p> + +<p>„Die gute Babett!“ rief er am Schluß der +Erzählung aus. „Heute noch gehen wir zu ihr, +gelt, Tante! Ich will sie jetzt gerne um Verzeihung +bitten wegen neulich – du weißt ja, Tante –, +und die Lilly nehmen wir auch mit. O Tante, +es schaudert mich, wenn ich daran denke, wie +leicht Babett das Papier hätte verlieren oder +als wertlos zerreißen können; oder wenn sie es +gar nicht bemerkt hätte, dann wäre es mit all +ihren andern Lappen zusammen in den Sack des +Lumpensammlers gekommen!“</p> + +<p>„Das hätte allerdings sehr leicht geschehen können; +aber der liebe Gott hat unser Gebet erhört, und +er hat es nicht zugelassen.“</p> + +<p>„Ach, Tante, wenn ich doch nur heute nicht in +die Schule gehen müßte! Ich werde doch nicht achtgeben +können, ich muß ja doch immer an Papa +denken. Nicht wahr, jetzt <em class="gesperrt">muß</em> es doch gut für +ihn ausgehen?“</p> + +<p>„Gewiß, Kind, du kannst ganz ruhig sein, und +du mußt dir alle Mühe geben, heute in der +Schule ganz besonders aufmerksam zu sein. Du<span class='pagenum'><a name="Page_167" id="Page_167">[167]</a></span> +mußt sofort beginnen, die guten Vorsätze, die du +gestern gefaßt hast, auszuführen; nur nicht gleich +anfangen zu verschieben, denn dann wird nichts +daraus.“</p> + +<p>Das war ein denkwürdiger Tag; Otto vergaß +ihn nie mehr in seinem Leben. Als er von der +Schule heimkam, fand er Haus und Garten voller +Menschen. Sein Vater stand oben auf dem +Balkon, umgeben von seinen Schwägern und +einigen Freunden, und er richtete von dort aus +einige warme Dankesworte an alle, die gekommen +waren, um ihn zu beglückwünschen und ihm ihre +Teilnahme zu bezeigen.</p> + +<p>„Unser Mehring soll leben – hoch, hoch, hoch!“ +so riefen alle Anwesenden, und am lautesten schrie +der alte Christian. Der kam sich überhaupt gar +wichtig vor; Herr Mehring hatte ihm vor allen +Zuschauern die Hand geschüttelt, und er sah sich +nun bald von Neugierigen umringt, die ihn über +den Verlauf der Gerichtsverhandlung ausfragten; +denn Christian hatte derselben von Anfang bis +zum Schluß beigewohnt, und er ließ sich auch +nicht lange bitten, es machte ihm selbst ja ein +großes Vergnügen zu erzählen, wie alles so prächtig +gegangen, wie die Verleumder in die Enge<span class='pagenum'><a name="Page_168" id="Page_168">[168]</a></span> +getrieben worden seien und was sie für verdutzte +und wütende Gesichter gemacht, als das Schriftstück +verlesen wurde, von dessen Vorhandensein sie gar +keine Ahnung gehabt hatten und welches auf Herrn +Mehrings Charakter und Handlungsweise ein so +helles Licht warf.</p> + +<p>Ottos Herz hüpfte ordentlich vor Freude. Er +war so stolz auf seinen lieben, herrlichen Vater, +und als ein alter Mann ihm auf die Schulter +klopfte und ausrief: „Bub, Männer wie dein +Vater sind ein Segen fürs Volk und fürs Vaterland; +sieh zu, daß du ihm nacheiferst!“ da streckte +Otto diesem die Hand hin und sagte: „Das will +ich – hier meine Hand drauf!“</p> + +<p>Am Abend, als alle Gäste fort waren, rief +Herr Mehring seinen Sohn zu sich. Er sah ihn eine +Zeitlang ernst und forschend an; endlich sagte er:</p> + +<p>„Otto, ich möchte, daß du mir das Versprechen, +welches du mir gestern in der Not und in der +Angst gegeben hast, heute frei von diesen Gefühlen +und wohlbedacht erneuerst. Ist es dir wirklich +Ernst mit deinem Vorsatz?“</p> + +<p>Otto sah seinem Vater freimütig in die Augen:</p> + +<p>„Ja, Vater, es ist mir Ernst, und ich will tun, +was mir möglich ist, um dir Freude zu machen.“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_169" id="Page_169">[169]</a></span>„Gott segne dich, mein Sohn, und er helfe +dir; denn es ist nicht so leicht, wie du dir's jetzt +denkst. Die Erinnerung an die eben überstandene +schwere Prüfung wird sich mit der Zeit abschwächen, +du wirst schwache Stunden haben und +vielleicht manchmal in die alten Fehler zurückfallen. +Laß dich dadurch nur ja nicht entmutigen, +sondern bleibe beharrlich; es wird, es +muß gehen mit Gottes Hilfe.“</p> + +<p>Otto bemühte sich redlich, sein Versprechen zu +halten. Er nahm es nun auch sehr ernst mit +der Vorbereitung auf die erste heilige Kommunion, +und Lilly konnte sich gar nicht genug wundern +über diese Umwandlung ihres Bruders.</p> + +<p>„Du bist ja auf einmal ganz anders geworden +wie früher“, sagte sie, ihn mit großen, verwunderten +Augen ansehend. „Du bist gar nicht mehr +grob, du neckst und ärgerst mich nicht mehr, und +du hast dem Rudi sogar deinen Drachen geschenkt.“</p> + +<p>Nach einigem Nachdenken fügte sie hinzu: „Muß +ich auch so brav werden nächstes Jahr, wenn ich +zur ersten heiligen Kommunion gehe?“</p> + +<p>„Natürlich, Lilly, noch viel bräver, und deshalb +tätest du gut daran, wenn du jetzt gleich +anfingest etwas bräver zu werden. Du solltest<span class='pagenum'><a name="Page_170" id="Page_170">[170]</a></span> +dir zum Beispiel vornehmen, nie mehr zu +lügen.“</p> + +<p>„O, ich lüge ja gar nicht!“</p> + +<p>„So? Ist das vielleicht nicht lügen, wenn +man eine Wasserflasche zerbricht und hernach behauptet, +man hätte sie gar nicht angerührt, und +wenn man über ein Gitter klettert und sich dabei +das Kleid zerreißt und man sagt, die andern +Kinder hätten beim Spielen so gezerrt, daß das +Kleid kaput gegangen sei? O Lilly, es ist so +abscheulich, wenn man lügt!“</p> + +<p>„O du, als ob du nie gelogen hättest!“ Und +Lilly machte ein finsteres, trotziges Gesicht.</p> + +<p>Otto wurde ganz rot und wollte zornig auffahren, +aber er bezwang sich, und er sagte einfach: +„Ja, ich weiß es, Lilly, ich hab' früher auch +gelogen; aber jetzt schäm' ich mich darüber, und +ich werde es nie, nie mehr tun. Komm, Lilly, +willst du lieb sein und mir eine Freude machen? +Dann versprich mir, daß du von nun an nie +mehr lügst.“</p> + +<p>„O du, versprechen! – Das muß ich mir erst +noch überlegen. Ich bin ja auch noch kleiner und +jünger wie du!“ Damit sprang Lilly davon. +Sie fand es ja wohl sehr angenehm und bequem,<span class='pagenum'><a name="Page_171" id="Page_171">[171]</a></span> +einen so braven Bruder zu haben, der stets bereit +war nachzugeben, der ihr bei den Aufgaben half; +aber sich von ihm schulmeistern oder ermahnen +zu lassen, das gefiel ihr nicht.</p> + +<p>Otto schüttelte enttäuscht den Kopf. „Sie +versteht es noch nicht“, tröstete er sich; „sie hat +eben noch nicht so etwas Schreckliches durchgemacht +wie ich!“</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_172" id="Page_172">[172]</a></span></p> +<h2><a name="Achtes_Kapitel" id="Achtes_Kapitel"></a>Achtes Kapitel.<br/> +<big>Klein Tonis Wunsch geht in Erfüllung!</big></h2> + + +<p>Draußen war das schönste Wetter. Die Sonne +schien, Vogelstimmen riefen und lockten, und doch +mochte Tante Toni nicht mit ihrer kleinen Bande +in den lieben, alten Spessart hinaufwandern – +sie saß an klein Tonis Bettchen. Immer schmaler +und blasser wurde das liebe Kindergesichtchen, +und die blauen Augen blickten immer sehnsüchtiger +und erwartungsvoller.</p> + +<p>„Tante, was hast du gestern abend dem Otto +erzählt?“ fragte die Kleine jeden Morgen, wenn +Tante Toni zu ihr kam, und sie konnte nicht +müde werden zuzuhören, wenn diese ihr vom +lieben Heiland erzählte, der die Menschen so lieb +hat, daß er die Gestalt des Brotes annimmt, +um immer in ihrer Mitte zu sein und sich aufs +innigste mit ihnen vereinigen zu können. Am +liebsten hörte sie aber die Geschichte vom göttlichen +Kinderfreund, der es nicht dulden wollte,<span class='pagenum'><a name="Page_173" id="Page_173">[173]</a></span> +daß die Apostel die Kinder fortschickten, und der +ausrief: „Lasset die Kindlein zu mir kommen!“</p> + +<p>„Ach, Tante, wär' ich doch eines von den +kleinen Judenkindern gewesen – vielleicht hätte +der liebe Heiland mich auch auf seine Knie genommen +und hätte mich gesegnet!“ Und klein +Tonis Augen erglänzten, als sie sich so lebhaft +vorstellte, wie schön, wie herrlich es sein müßte, auf +des Heilands Schoß zu sitzen und das Köpfchen +an seine Brust zu lehnen.</p> + +<p>Mit großer Geduld ertrug klein Toni es, so +lange still im Bettchen liegen zu müssen. Der +Husten und das Fieber quälten sie sehr, aber +sie klagte nicht, sie seufzte nur manchmal, wenn +das Rufen und Lachen ihrer Geschwister vom +Garten zu ihr heraufklang.</p> + +<p>Einmal aber hatte sie doch wieder einen ihrer +früheren Zornanfälle – das war, als Lilly sie +besuchen kam und sagte: „Du hast's gut, du +kannst hier bequem in deinem Bett liegen und +tun, was du willst, während wir andern in die +Schule müssen.“</p> + +<p>Tonichen hatte darauf erklärt: „Es ist viel +schöner und lustiger, gesund zu sein und in die +Schule zu gehen, als krank zu sein.“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_174" id="Page_174">[174]</a></span>Da hatte aber Lilly ein spöttisches Gesicht +gemacht und lachend geantwortet: „Geh doch, +Toni, <em class="gesperrt">mir</em> machst du so leicht nichts vor! Wenn +du so gern in die Schule gingest, wärst du sicher +schon längst gesund – du stellst dich ein bißchen an.“</p> + +<p>Toni hatte erst ganz verwundert dreingeschaut – +sie konnte es ja gar nicht begreifen, daß man +so etwas von ihr denken konnte –, dann war +sie sehr böse geworden, und sie hatte geschrien:</p> + +<p>„Nein, ich stelle mich nicht an – ich lüg' +doch nicht!“ Und dann mußte sie sehr stark +husten, und sie weinte dabei, so daß Lilly, die +ja doch im Grunde die kleine Toni lieb hatte, +ganz bestürzt sagte: „Komm, Tonichen, sei nicht +mehr bös auf mich – ich glaub' dir's ja, daß +du dich nicht anstellst, und ich sag's auch nie +mehr.“</p> + +<p>Die beiden Kinder hatten sich daraufhin wieder +versöhnt, aber am Abend dieses Tages hustete +klein Toni viel mehr und das Fieber war gestiegen +– sie konnte keine Ruhe finden und +weinte bittere Reuetränen, weil sie sich wieder +von ihrem Zorn hatte hinreißen lassen. Als Tante +Toni ihr „Gute Nacht“ sagen kam, klagte sie: +„Ich kann gar nicht mehr so gut an den lieben<span class='pagenum'><a name="Page_175" id="Page_175">[175]</a></span> +Heiland denken – ich meine immer, er wäre +nun unzufrieden mit mir und er würde mich jetzt +nicht auf seinem Schoß haben wollen, wenn ich +eins von den kleinen Judenkindern wäre.“</p> + +<p>„O Tonichen, was denkst du denn vom lieben +Heiland? Du hast ihn ja wohl gekränkt durch +deinen Zorn – aber das hat er dir schon wieder +verziehen; es hat dir ja gleich nachher so leid +getan. Und jetzt bist du wieder sein kleiner +Liebling. Du kannst dir ja gar nicht vorstellen, +wie lieb dich der liebe Heiland hat. Er hat dich +ja schon gekannt und dich geliebt damals, wie +er für dich am Kreuz gestorben ist, und er hat +eine ganz besondere Freude an dir, weil du ihm +zuliebe so geduldig bist und dir so viel Mühe +gibst, ein liebes, braves Kind zu sein.“</p> + +<p>Solchen Worten hörte klein Toni gerne zu, +und sie lag nun wieder still und getröstet in +ihrem Bettchen. Sie klagte auch nicht, als sich +am andern Tag ein quälendes Stechen in der +Brust und in der Seite einstellte. Ihr armes +Köpfchen war so weh und schwer, daß sie es +kaum mehr vom Kissen erheben konnte.</p> + +<p>„Es ist eine Lungenentzündung hinzugetreten“, +sagte der Hausarzt, und er brachte noch einen<span class='pagenum'><a name="Page_176" id="Page_176">[176]</a></span> +zweiten Doktor mit – aber der hieß alles gut, +was der gute alte Hausarzt gesagt und angeordnet +hatte; helfen konnte er auch nicht, und er sagte +zu den tiefbetrübten Eltern:</p> + +<p>„Es ist ein sehr ernster Fall; aber solange +noch Leben da ist, ist auch noch Hoffnung.“</p> + +<p>Klein Toni aber schaute ihre Tante und Patin +bittend an:</p> + +<p>„Was wünschest du, Liebling?“ fragte diese, +sich über ihr Bettchen neigend.</p> + +<p>Mit leiser, schwacher Stimme flüsterte das +Kind: „Tante, denkst du noch an dein Versprechen?“</p> + +<p>Die Tante nickte.</p> + +<p>„Geh zum Herrn Pfarrer – bitte, Tante – +ich möchte beichten – und er soll mir den lieben +Heiland bringen.“</p> + +<p>Tante Toni zögerte einen Augenblick, aber +klein Tonis Augen baten so flehend, sie konnte +nicht widerstehen – sie begab sich sofort ins +Pfarrhaus. Sie sprach lange mit dem Herrn +Pfarrer, und dieser versprach ihr, die kleine Kranke +gegen Abend zu besuchen.</p> + +<p>Es war wohl die Freude, die verursachte, daß +Tonichen sich am Abend viel leichter und besser<span class='pagenum'><a name="Page_177" id="Page_177">[177]</a></span> +fühlte. Ihre Augen leuchteten auf, als der Herr +Pfarrer an ihr Bettchen trat.</p> + +<p>„So, so“, sagte dieser freundlich, „das ist also +die Kleine, die kommunizieren möchte. Wie alt +bist du denn, mein Kind?“</p> + +<p>„Ich bin sieben Jahre, Herr Pfarrer; ich habe +also das Alter der Vernunft.“</p> + +<p>Der Pfarrer lächelte: „So, meinst du? Nun +sag' mir doch einmal, warum du schon so früh +zur heiligen Kommunion gehen möchtest!“</p> + +<p>Toni faltete ihre Händchen über der Brust +und sagte in innigem Ton: „Weil ich mich so +sehr danach sehne, den lieben Heiland zu empfangen. +Ich habe mir ja sogar gewünscht, recht bald zu +sterben, damit ich nicht noch drei Jahre auf ihn +zu warten brauche.“</p> + +<p>„Du weißt und glaubst also, daß man in der +heiligen Kommunion den lieben Heiland selbst +empfängt?“</p> + +<p>„Aber natürlich!“ sagte klein Toni, ganz erstaunt, +daß der Herr Pfarrer überhaupt so etwas +fragen konnte.</p> + +<p>„Kannst du denn den lieben Heiland sehen?“</p> + +<p>„Ich kann nur die heilige Hostie sehen, aber +ich weiß, daß es doch der wirkliche liebe Heiland<span class='pagenum'><a name="Page_178" id="Page_178">[178]</a></span> +ist, so wie er jetzt im Himmel wohnt und wie +er früher auf die Welt gekommen ist, um uns +zu erlösen.“</p> + +<p>Der Pfarrer stellte noch einige Fragen an +Toni, welche dieselben alle richtig und verständig +beantwortete. Dann hörte er ihre Beichte an, +und als er fortging, da hatte er Tränen in den +Augen.</p> + +<p>„Morgen früh bringt er mir den lieben Heiland“, +flüsterte Toni selig lächelnd vor sich hin, +und sie lag die ganze Zeit wie in stiller, glückseliger +Erwartung. Von ihrem Bettchen aus sah sie +zu, wie Mutter und Tante Toni einen kleinen +Altar im Zimmer zurechtmachten. Etwas später, +als Vater und Mutter an ihrem Bett saßen, +sagte sie: „Nicht wahr, der liebe Gott hat mir +ja nun alles verziehen, und ihr verzeiht mir auch, +Papa und Mama und Tante Toni und alle +Geschwister, daß ich oft so ungehorsam und so +zornig war? – Es tut mir ja so leid, und ich +hab' euch alle so lieb!“</p> + +<p>Die Eltern konnten ihre Tränen kaum zurückhalten.</p> + +<p>Dann wurde es Nacht, und klein Toni schlief +so sanft und so ruhig, wie sie lange nicht mehr<span class='pagenum'><a name="Page_179" id="Page_179">[179]</a></span> +geschlafen hatte. Sie hustete nicht und fühlte +auch keine Schmerzen mehr. Von Zeit zu Zeit +öffnete sie die Augen und fragte, ob es nun bald +hell würde.</p> + +<p>„Ich freue mich so“, flüsterte sie, und als +es endlich hell geworden war, begannen die +Mutter und Tante Toni die kleine Kranke für +die heilige Handlung herzurichten. Vorsichtig und +behutsam zogen sie ihr ein feines, gesticktes Nachtkleidchen +an; auch ein kleines Myrtenkränzchen +bekam klein Toni, wie ein wirkliches Kommunionkind. +Die Mutter gab ihr einen schönen weißen +Rosenkranz, und dann betete sie mit ihrem +Töchterchen, bis unten im Hause ein Glöckchen +ertönte. Nun zündete Tante Toni die Kerzen +an und öffnete weit die Türe. Der Herr Pfarrer +trat herein, gefolgt vom Vater, von den Geschwistern +und den Dienstboten, und alle knieten +nieder, als der Priester segnend die heilige Hostie +erhob.</p> + +<p>Klein Tonis Augen strahlten in einem ganz +eigenen Glanze, als der Priester ihr das hochwürdigste +Gut reichte, und ihre Wangen röteten +sich; dann lag sie still, ganz still mit gefalteten +Händchen, ihr Gesichtchen war wieder ganz blaß<span class='pagenum'><a name="Page_180" id="Page_180">[180]</a></span> +geworden, und ihre Augen waren geschlossen, so +daß der kleine Leo, der hinten neben Gretchen +kniete, diese leise fragte: „Ist die Toni jetzt schon +ein Engel?“ Statt aller Antwort brach Gretchen +in leises Weinen aus.</p> + +<p>Der Priester segnete nochmals die kleine Kranke +und entfernte sich, während der Vater und die +übrigen Anwesenden ihm das Geleite gaben.</p> + +<p>Nur die Mutter und Tante Toni blieben +zurück, und als Frau Wulff sich etwas später +über ihr Töchterchen neigte und leise fragte: „Wie +fühlst du dich, mein Kind?“ da antwortete klein +Toni lächelnd: „Wohl, o so wohl!“ und als sie +dabei einen Augenblick die Augen öffnete, da +hatten diese einen Ausdruck, als ob sie schon über +alles Irdische hinaus in eine andere Welt blickten. +Aber sie schlossen sich gleich wieder, und Toni fiel +in einen sanften Schlummer; jedoch selbst im +Schlaf hielt sie die Händchen auf die Brust gepreßt, +als wollte sie den lieben Heiland da drin +festhalten, damit er ja nicht von ihr ginge. –</p> + +<p>Als die Zwillinge und Anna um zwölf Uhr +aus der Schule kamen, da fanden sie alle Fensterläden +geschlossen, die Haustüre war nur angelehnt, +so daß sie gar nicht zu schellen brauchten.<span class='pagenum'><a name="Page_181" id="Page_181">[181]</a></span> +Auf der Treppe stand Leo, der schien auf sie +gewartet zu haben.</p> + +<p>„Hast du die Türe aufgemacht?“ fragte Kurt +in strengem Ton. „Du weißt doch, daß dir das +verboten ist, und ...“</p> + +<p>Aber Leo legte den Finger auf den Mund +und sagte leise: „Pst! Jetzt ist unsere Toni +wirklich ein Engelchen geworden.“</p> + +<p>„Wie, ist sie tot?“ riefen die drei Kinder bestürzt +aus.</p> + +<p>„Ja, ganz tot gestorben“, bestätigte Leo und +nickte mit dem Kopf. „Aber sie ist noch nicht +im Himmel, denn sie liegt noch da drin und +schläft ganz fest.“</p> + +<p>Eben kam Gretchen mit rotgeweinten Augen +aus dem Zimmer, und sie nahm Leo mit sich, +während Paul, Kurt und Anna leise, auf +den Fußspitzen auftretend, Tante Toni folgten, +die gerade an der Türe erschien und ihnen +winkte.</p> + +<p>„Wie schön, o wie schön ist unser Tonichen!“ +flüsterte Anna, auf ihr Schwesterchen blickend, +welches wirklich wie ein schlafendes Engelchen +dalag – so weiß, so still, so friedlich. Und leise +weinend beugte sich eines nach dem andern über<span class='pagenum'><a name="Page_182" id="Page_182">[182]</a></span> +das tote Schwesterlein, um ihm noch einmal das +kalte Händchen zu küssen.</p> + +<p>Vater und Mutter knieten da, von Schmerz +gebeugt, aber als die andern Kinder sich wie tröstend +oder Trost suchend an sie schmiegten, da erhob +die Mutter das Haupt, und sie sagte: „Lasset +uns dem lieben Gott danken, daß er unserer +lieben kleinen Toni einen so schönen, sanften Tod +verliehen hat. Sie läßt euch alle noch herzlich +grüßen, jedes hat sie noch beim Namen genannt, +und zuletzt ist sie mit dem heiligsten Namen +Jesus auf den Lippen sanft eingeschlafen.“</p> + +<p>Hier brach der Mutter die Stimme, und eine +Zeitlang hörte man im Zimmer nichts mehr als +unterdrücktes Schluchzen und leises Beten.</p> + +<p>Im Laufe des Nachmittags kamen auch Helmers +mit ihren Kindern und Onkel Robert mit +den seinen, um die kleine Toni noch einmal zu +sehen. Die Kinder weinten zwar sehr, aber sie +blieben doch ruhig und dachten daran, wie glücklich +Tonichen nun wohl schon im Himmel wäre. Nur +Lilly stand eine Zeitlang wie erstarrt und schaute +mit großen Augen auf die kleine, regungslose +Gestalt. Auf einmal trat sie dicht an das Bett, +und sich über die Tote beugend bat sie: „Tonichen,<span class='pagenum'><a name="Page_183" id="Page_183">[183]</a></span> +du hast mir ja nicht ‚Adieu‘ gesagt – mach +nochmal deine Äugelchen auf, bitte, schau mich +nochmal an und sag' mir, daß du mir nicht +mehr bös bist wegen neulich – du weißt schon, +Tonichen! Hörst du mich nicht? – Tonichen!“</p> + +<p>Aber Tonichen antwortete nicht. Lilly war +ganz fassungslos – jetzt erst fing sie an zu ahnen, +was es eigentlich heißt: <em class="gesperrt">tot sein</em> – sie hatte +es sich bisher noch nicht recht vorstellen können. +Beim Tode ihrer Mutter war sie noch zu klein +gewesen. Aber nun empfand sie etwas wie Entsetzen, +und sie schrie plötzlich auf: „Toni – Toni, +sei doch nicht tot! Du sollst nicht tot sein – +ich hab' dich ja lieb, Tonichen, viel lieber als +du weißt, und ich will dich nie mehr ärgern! +Komm, Toni – komm', wach' auf!“ Und Lilly +umschlang Toni und küßte sie; aber sie fuhr +zurück – wie kalt war Tonis Wange, todeskalt! +– Es durchschauerte Lilly, und mit einem +Schrei fiel sie in ihres Vaters Arme. Der trug +sie hinaus, und unter seinem und Tante Tonis +beruhigendem Zuspruch schwand allmählich der +entsetzte Ausdruck aus ihrem Gesichtchen. Begierig +lauschte sie den Worten der Tante, die +ihr erzählte, wie klein Toni sie grüßen lasse:<span class='pagenum'><a name="Page_184" id="Page_184">[184]</a></span> +„Kurz vor ihrem Tode hat sie noch von dir +gesprochen, Lilly, und sie hat gesagt, sie wolle +dein Mütterlein im Himmel von dir und von +Otto grüßen. Was da drinnen so kalt und starr +liegt, das ist ja gar nicht mehr unsere Toni, +es ist nur ihre Hülle – ihre liebe kleine Seele +ist schon oben im Himmel beim lieben Gott unaussprechlich +glücklich und selig.“</p> + +<p>„Aber nie, nie mehr kommt sie mit mir +spielen, nie mehr kann ich mit ihr sprechen!“ +klagte Lilly.</p> + +<p>„Aber doch, Lilly; du willst doch gewiß auch +einmal in den Himmel kommen!“</p> + +<p>„Ja schon, Tante Toni, aber ich bin so bös, +ich hab' schon so oft gelogen, und ich wollt' neulich +dem Otto auch gar nicht versprechen, nie mehr +zu lügen – und am End' komm' ich gar nicht +in den Himmel!“</p> + +<p>„O, da sei du nur ganz ruhig! Das liebe +Tonichen wird schon für dich beten und bitten, +daß du bald ein ganz braves und gutes Kind +wirst. Du mußt nur auch ernstlich wollen, und +du wirst sehen, daß es gar nicht so schwer ist. +Denk' nur an Otto, wie der sich schon geändert +hat!“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_185" id="Page_185">[185]</a></span>„Ja, ich möchte ja auch gern brav werden. +Ach, wenn du doch immer bei mir bliebest, Tante +Toni, dann könnt' ich's vielleicht. Aber nun ist +Toni fort, und wenn du dann auch wieder fortgehst ...“ +Und bitterlich schluchzend schmiegte +Lilly sich in Tante Tonis Arm.</p> + +<p>„Ich geh' ja noch nicht fort, ich bleibe ja +noch bis nach Ottos erster heiligen Kommunion“, +tröstete die Tante, „und wenn du jetzt schön +brav bist und nicht mehr weinst, dann komm' +ich diesen Abend noch zu dir hinüber, und ich +wasche dich und lege dich ins Bett, wie ich's +früher getan habe, als du noch klein warst – +willst du?“</p> + +<p>„Ja, Tante, ja!“ Und Lilly trocknete ihre +Tränen. „Aber bitte, laß mich noch einmal +hinein, laß mich Tonichen noch einmal sehen!“</p> + +<p>„Lieber nicht“, meinte der Vater besorgt, „es +regt dich nur wieder auf. Sei folgsam und komm' +nun heim.“</p> + +<p>Lilly sah ihren Vater so innig flehend an, daß +er schwankend wurde und wohl nachgegeben hätte; +aber Tante Toni sagte: „Wenn man einen guten +Vorsatz gefaßt hat, dann muß man auch gleich +mit der Ausführung beginnen, und wer ein<span class='pagenum'><a name="Page_186" id="Page_186">[186]</a></span> +braves Kind werden will, muß vor allem aufs +erste Wort gehorchen.“</p> + +<p>Jetzt ließ Lilly sich ohne Widerrede von ihrem +Vater heimführen.</p> + +<p>Am folgenden Tag durfte sie aber noch einmal +zurückkommen; Tante Toni holte sie selbst ab +und führte sie in den Saal unten, der in eine +Kapelle umgewandelt war. Dort lag die kleine +Tote aufgebahrt zwischen grünen Pflanzen und +brennenden Kerzen – ein Kreuz lag auf ihrer +Brust, und ihr Rosenkranz war um die gefalteten +Händchen geschlungen. Der ganze Anblick war +so schön, so friedlich und doch so feierlich, daß +Lilly gar nicht mehr weinte. Sie kniete still da +und betete:</p> + +<p>„Liebes Tonichen, hilf mir doch mein Versprechen +halten, und grüße mir tausendmal meine +liebe Mama im Himmel!“</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_187" id="Page_187">[187]</a></span></p> +<h2><a name="Neuntes_Kapitel" id="Neuntes_Kapitel"></a>Neuntes Kapitel.<br/> +<big>Wie Lilly ein Geheimnis erfährt. +Der große Tag und Ottos Entschluß. +Auf Wiedersehen!</big></h2> + + +<p>Am nächsten Tage, während Herr Mehring +und Otto Tonichens Begräbnis beiwohnten, saß +Lilly bei der Haushälterin, Fräulein Helene, im +Zimmer. Trotzdem diese sehr eifrig mit Ausbessern +von Strümpfen und Wäsche beschäftigt +war, fiel es ihr bald auf, daß Lilly heute ungewöhnlich +still war.</p> + +<p>„Kind, du bist ja heute so brav, daß man dich +gar nicht wieder kennt“, sagte sie, ganz verwundert +von ihrer Arbeit aufblickend; „du bist auch +so blaß, du wirst doch nicht am Ende krank sein?“</p> + +<p>„O, ich möchte ganz gern wieder mal krank +sein“, meinte Lilly nachdenklich.</p> + +<p>„Was, du möchtest gerne krank sein? Aber +ich danke dafür! Das darf man ja überhaupt +gar nicht wünschen.“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_188" id="Page_188">[188]</a></span>„O, das ist aber doch so schön! Dann kommt +Papa sich manchmal an mein Bett setzen, und +diesmal käme sicher Tante Toni mich pflegen, +und sie bliebe vielleicht sogar den ganzen Tag +bei mir.“</p> + +<p>„Ja, das gefiele dir wohl.... Aber das Kranksein +ist drum doch nicht angenehm; es tut gewöhnlich +recht weh.“</p> + +<p>„Ach, das will ich schon aushalten, wenn ich +nur jemand bei mir habe, der mich recht lieb hat!“</p> + +<p>Wieder blickte Fräulein Helene ganz erstaunt +auf Lilly; sonst hatte das Kind doch gar nicht +so nach dem Liebhaben gefragt. Laut aber sagte +sie: „Ich hätte sicher nichts dagegen, wenn deine +Tante dich pflegen käme, falls du wieder mal +krank würdest; denn ich weiß noch recht gut, wie +ich das letztemal hab' laufen und springen müssen; +zehn Arme und zehn Beine hätte ich brauchen +können, um dich zu bedienen, und trotzdem war's +nie recht.“</p> + +<p>Lilly hatte schuldbewußt das Köpfchen gesenkt. +Kleinlaut erwiderte sie: „Ja, ich kann mich noch +erinnern; ich glaub', ich war recht bös, und du +hast oft gesagt, du könntest's nicht mehr aushalten +und du wolltest fort.“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_189" id="Page_189">[189]</a></span>„Und ich glaub', ich wäre auch fort, wenn +deine Tante, Frau Wulff, mir nicht gute Worte +gegeben und zugeredet hätte, ich solle den Herrn +Mehring doch nicht so im Stich lassen, der könne +sich doch nicht auch noch um den Haushalt kümmern. +Aber was schwätz' ich denn da? Davon +verstehst du ja doch nichts!“</p> + +<p>„Doch, doch, ich versteh' es recht gut. Ich +weiß auch, daß du eine vorzügliche Haushälterin +bist, aber von Kindererziehung verstehst du keine +blaue Bohne.“</p> + +<p>„I du meine Güte! Da schau mal einer die +Fräulein Weisheit an! Wo hast du denn das +wieder mal her?“</p> + +<p>„Ach, das hab' ich halt schon sagen hören von +den Tanten, auch von Lina ...“</p> + +<p>„Natürlich – die blaue Bohne, die stammt +sicher von der Lina. Die wird wahrscheinlich +etwas von Kindererziehung verstehen, die! Vom +Haushalt, von Reinlichkeit und Ordnung versteht +sie jedenfalls nichts, und wenn ich nicht immer +hinter ihr drein wäre, dann sähe es hier bald +aus wie in einem Stall!“</p> + +<p>Fräulein Helene war sehr in Eifer geraten, +und sie hätte wohl noch eine Weile fortgeredet,<span class='pagenum'><a name="Page_190" id="Page_190">[190]</a></span> +wenn nicht eben draußen ein arges Gepolter entstanden +wäre, so daß Lilly ganz erschrocken zusammenfuhr. +Fräulein Helene war aufgesprungen, +aber sie schien zu ahnen, was der Lärm bedeutete; +denn Arbeit, Fingerhut und Schere in den Korb +werfend rief sie aus: „Da haben wir's ja gleich! +Eine rechte Meisterleistung von der Lina, die so +viel von Kindererziehung versteht! Sie sollte +sich lieber um ihre Arbeit kümmern und nicht +Eimer und Bürsten die Treppe hinunterwerfen. +Eine nette Bescherung das – und gerade gestern +haben wir einen frischen Läufer auf die Treppe +gelegt ...“</p> + +<p>Lilly sah der Haushälterin, die sehr erzürnt +und aufgeregt das Zimmer verlassen hatte, etwas +ängstlich nach; aber dann lächelte sie wieder: nein, +sie wußte ja, Fräulein Helene würde der Lina +doch nichts tun, sie würde sie auch nicht fortschicken; +obwohl sie viel mit den Mädchen zankte, +mochten diese sie doch gut leiden, denn im Grunde +war sie recht gutmütig, die Fräulein Helene, und +Lilly war ganz erstaunt zu bemerken, daß sie +selbst sie auch gern hatte. Und sie hatte sich doch +so oft eingebildet, sie könne sie gar nicht ausstehen! +Wie war das doch nur?... Lilly versuchte<span class='pagenum'><a name="Page_191" id="Page_191">[191]</a></span> +nachzudenken, aber ihr Köpfchen war so +eigentümlich schwer, in ihren Schläfen klopfte es +so. Auch kam es ihr auf einmal so heiß vor +im Zimmer und sie hätte gerne das Fenster aufgemacht; +aber sie hatte das Gefühl, als ob sie +hinfallen würde, wenn sie nun aufstände. Sie +breitete die Arme auf den Tisch und legte das +Köpfchen darauf. Über was wollte sie denn eben +nachdenken? Sie wußte es schon gar nicht mehr, +aber sie wunderte sich über das Sausen und +Brausen in ihren Ohren und über das Hämmern +im Kopf. Sie wollte ein bißchen schlafen, vielleicht +würde es ihr dann wieder besser. Nach +einiger Zeit war es ihr auf einmal, als ginge +die Türe auf und sie hörte, wie jemand ausrief: +„Lieber Gott, das Kind ist krank!“ Aber es +klang ihr wie aus weiter Ferne. Sie fühlte sich +emporgehoben und getragen, aber es war ihr alles +wie ein Traum. Dann lag sie in ihrem Bettchen, +sie wußte gar nicht, wie sie hineingekommen +war, und sie wollte fragen: „Muß ich jetzt sterben +wie die kleine Toni?“ aber sie konnte gar kein +Wort herausbringen. Sie konnte kaum die Lippen +bewegen, und die waren so heiß und trocken; aber +dann gab ihr jemand etwas zu trinken und eine<span class='pagenum'><a name="Page_192" id="Page_192">[192]</a></span> +kühle, weiche Hand legte sich auf ihr schmerzendes +Köpfchen. O wie wohl das tat!</p> + +<p>Klein Lilly schlief ein; aber sie hatte allerhand +wirre Träume, beängstigende, dann auch wieder +schöne und freundliche. Einmal war es ihr, als +stände eine abscheuliche Hexe in der Ecke des +Zimmers, und die lachte spöttisch und winkte ihr +mit ihrem langen, knöchernen Finger; sie wollte +schreien, aber ihre Kehle war wie zugeschnürt, sie +konnte keinen Laut hervorbringen; die Hexe kam +aber immer näher und näher, und in wilder Angst +wendete Lilly den Kopf ab; da stand auf einmal +Anna an der andern Seite des Bettes, die lachte +und sagte: „Sei doch nicht so dumm! Es ist ja +die Babett; die ist doch gar keine Hexe, und die +tut dir nichts!“ – und als sie nun, noch recht +ängstlich, wieder hinüberschaute, da stand dort +wirklich die Babett, die sah ganz freundlich aus +und sagte: „Ich tu niemand was zu leid, und +ich hab' auch schön für dein Mutterle gebetet; +es läßt dich schön grüßen.“</p> + +<p>Ein andermal, als Lilly stöhnend aus einem +wüsten Traum aufwachte und ganz verstört +um sich blickte, da neigte sich Tante Toni +über ihr Bettchen: „Sei ruhig, mein Liebling,<span class='pagenum'><a name="Page_193" id="Page_193">[193]</a></span> +ich bin ja bei dir, und ich verlaß dich nicht; +schlafe nur.“</p> + +<p>Klein Lilly lächelte beim Ton dieser leisen, +lieben Stimme, sie suchte mit ihrem Händchen +auf der Bettdecke umher, bis sie es warm und +fest von den Fingern der Tante umschlossen fühlte, +und nun schloß sie wieder beruhigt die Augen; +sie war ja geborgen, sie wußte, daß die gute +Tante an ihrem Bettchen wachte, und diesmal +hatte sie einen wunderschönen Traum: sie sah +Tonichen, ganz weiß gekleidet, mit goldenen +Flügeln vom Himmel herabschweben; als sie verlangend +die Arme ausstreckte, da winkte Tonichen +ihr freundlich zu und sagte mit einem leisen, +feinen Stimmchen: „Sei nur recht brav, und vor +allem lüge nicht mehr, es ist gar nicht so schwer.“ +Dann wurde Tonichen immer heller und durchsichtiger, +bis sie ganz verschwand wie ein Nebel, +der zergeht – und endlich schlief Lilly sanft, ruhig +und traumlos, lange, lange.</p> + +<p>Einmal wurde sie auf einen Augenblick wach; sie +hörte Stimmen im Zimmer, und als sie die Augen +aufschlug, da stand ihr Vater mit einem Brief +vor Tante Toni. Lilly wollte sich aufrichten und +rufen, allein sie war zu schwach und zu müde,<span class='pagenum'><a name="Page_194" id="Page_194">[194]</a></span> +ihre Augen fielen gleich wieder zu; aber sie hörte +doch, wie ihr Vater eben zur Tante sagte: „Nun +kommt Ernst also doch endlich zurück, und Papa +kann sich zurückziehen und sich die wohlverdiente +Ruhe gönnen.“</p> + +<p>Tante Tonis Stimme antwortete: „Ja, und +ich glaube, du kannst dich nach einem Häuschen +für uns umsehen; denn ich denke, Papa wird +doch wieder hierher in seine alte Heimat zurückkehren +wollen.“</p> + +<p>Lilly kam es vor, als spräche ihr Vater in +etwas ärgerlichem, erregtem Tone, als er jetzt +sagte: „Was nicht gar, ein Häuschen! Wo denkst +du denn hin? Mein Haus hier ist groß genug +für uns alle, und es soll das Haus meines alten +Vaters sein. Und“, nun klang die Stimme weich +und bittend, „du weißt ja, Toni, wie nötig wir +dich haben, meine Kinder und ich; versprich mir, +daß du mit dem Vater zu mir ziehst.“</p> + +<p>„Gern, Robert, gern – aber laß das noch +ein Geheimnis sein, bis alles fest und entschieden +ist. Es gibt dann eine schöne Überraschung für +die Kinder.“</p> + +<p>Lilly lächelte ein wenig, ein ganz klein wenig. +O, was für ein schönes Geheimnis sie nun wußte!<span class='pagenum'><a name="Page_195" id="Page_195">[195]</a></span> +Da mußte man freilich brav sein, um so etwas +zu verdienen! Und der Großpapa, der ... aber +weiter kam Lilly nicht mit ihren Gedanken, denn +sie war wieder eingeschlafen, und als sie das +nächstemal aufwachte, da waren ihre Äuglein +wieder hell und fielen ihr nicht gleich wieder zu +vor Müdigkeit, und ihr Stimmchen versagte nicht, +als sie ausrief: „Papa, Tante Toni!“</p> + +<p>Da stand auch schon Tante Toni neben ihr: +„Gott sei Dank! Nun wird unser Kindchen bald +wieder gesund sein! Wie wird der Papa sich +freuen, wenn er heimkommt!“</p> + +<p>Aber auch Otto freute sich, als er, von der +Schule zurückgekehrt, zu seinem Schwesterchen +gehen durfte; er bot ihm gleich alle seine Spielsachen +an, sogar seine Soldaten und seine Festung.</p> + +<p>Ach, was war das für eine schöne Zeit, die +dann kam, bis Lilly wieder ganz gesund war! +Tante Toni war fast immer bei ihr, und gegen +Abend setzte sich Papa an ihr Bettchen, plauderte +mit ihr und erzählte; unter Tags kamen oft die +Tanten, die Vettern und die Cousinen, und immer +brachte man ihr etwas mit. Wie gut sie doch +alle waren und wie man sie verwöhnte! Am +besten war aber der Rudi; der brachte ihr sogar<span class='pagenum'><a name="Page_196" id="Page_196">[196]</a></span> +seinen Star, an dem er doch so sehr hing und +der schon allerhand Worte sagen konnte.</p> + +<p>„Gib ihm mal ein kleines Stückchen Zucker“, +riet Rudi, als er den Vogel brachte. Und als +Lilly ein Stück Zucker zwischen die Stäbe des +Käfigs schob, da pickte der Star danach, und +nachdem er verkostet hatte, schrie er: „Danke, +Lilly, danke schön!“</p> + +<p>War das eine Freude! Es war aber doch +auch gar zu nett von Rudi, daß er dem Star +gerade <em class="gesperrt">das</em> beigebracht hatte. Der gute Rudi +doch! Und den hatte sie früher gar nicht +leiden mögen! Lilly begriff das einfach nicht +mehr.</p> + +<p>„Eile dich, gesund zu werden, Lilly“, sagte +Otto, „du mußt doch dabei sein, wenn ich zur +ersten heiligen Kommunion gehe.“ Und Lilly +eilte sich so gut, daß sie wirklich an diesem +schönen Tage im neuen weißen Kleidchen mit +in die Kirche fahren durfte.</p> + +<p>Ach, wie war das so schön, so schön! Lillys +Herzchen erzitterte, als Otto sich dem Tisch des +Herrn nahte, und voll Seligkeit dachte sie: +„Nächstes Jahr komme ich dran!“ Und nun +mußte sie wieder an die liebe kleine Toni denken.<span class='pagenum'><a name="Page_197" id="Page_197">[197]</a></span> +Ängstlich und mitleidig schaute sie Tante Maria, +Tonichens Mutter, an. Ja, die hatte freilich +die Augen voll Tränen – und doch sah sie +nicht unglücklich aus. Sie wußte ja, daß Toni +glücklich, o so glücklich im Himmel war! Und +der kleine Leo, der hier neben Lilly kniete, der +wußte es auch; denn der betete jeden Tag nach +seinem Abendgebet: „Liebe heilige Toni, bitte +für uns!“ Und Lilly fand, daß er ganz recht +hatte, so zu beten.</p> + +<p>Am Abend dieses glücklichen Tages suchte Otto +Tante Toni auf. Er lehnte den Kopf an ihre +Schulter und sagte: „Hast du recht sehr für mein +Anliegen gebetet, Tante, wie du es mir versprochen +hattest?“</p> + +<p>„Nach besten Kräften hab' ich für dich gebetet, +mein lieber Otto.“</p> + +<p>Ernst und doch lächelnd schaute der Knabe zur +Tante auf.</p> + +<p>„Ach, Tante, und wenn nun der liebe Gott +dein Gebet erhört, dann werde ich doch nicht +Papas Nachfolger, dann werde ich doch kein +Redakteur!“</p> + +<p>Tante Toni lächelte: „Dann wirst du wohl +noch etwas viel Besseres und Schöneres!“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_198" id="Page_198">[198]</a></span>Otto sah sie überrascht an: „Ja, Tante, errätst +du denn alles? O, glaubst du, daß es gelingt, +daß ich das erstreben darf und kann?“</p> + +<p>„Mit Gottes Hilfe gewiß, mein Otto! Aber +es ist schwer, und wer diesen hohen Beruf erwählt, +der muß sich auf ein Opferleben gefaßt +machen.“</p> + +<p>„Ein Opferleben ...“, wiederholte Otto leise +und nachdenklich. Er war noch zu jung, er faßte +und verstand das noch nicht ganz, und es überkam +ihn fast etwas wie Furcht, aber nur einen Augenblick +lang; gleich hob er wieder mutig den Kopf, +und er sagte freudig wie Tante Toni: „Mit +Gottes Hilfe!“</p> + +<p>Zwei Tage nachher schlug für Tante Toni +die Abschiedsstunde. Da gab es viele und heiße +Tränen, aber Onkel Robert lächelte geheimnisvoll, +während er tröstete: „Weint nicht, Kinder, weint +nicht! Ich versprech' euch ein baldiges Wiedersehen.“</p> + +<p>Alle schauten ihn erstaunt und fragend an, +allein Onkel Robert lächelte nur und legte den +Finger auf den Mund. Aber Lilly lächelte auch, +und sie flüsterte dem Rudi etwas ins Ohr; der +schrie auf und machte drei Purzelbäume hintereinander;<span class='pagenum'><a name="Page_199" id="Page_199">[199]</a></span> +Lilly lief ihm nach und bat: „Pst, +Rudi, verrat' doch nichts; es ist doch ein Geheimnis +und es soll eine Überraschung geben!“</p> + +<p>„Ich sag' nichts, verlaß dich drauf“, versicherte +Rudi; „aber ich freu' mich halt so schrecklich!“ +Und er machte schnell noch ein paar Luftsprünge, +aber der letzte fiel etwas unglücklich aus und er +landete mit seinem Stiefelabsatz gerade auf Ottos +Fußspitze.</p> + +<p>„Au weh!“ schrie der. „Rudi, was ist denn +in dich gefahren? Du bist gerade nicht von +Buttermilch!“ Und er hüpfte auf einem Bein +herum, den verletzten Fuß in die Höhe streckend.</p> + +<p>Mariechen wechselte einen verständnisvollen Blick +mit Tante Toni. Beide hatten denselben Gedanken: +Wenn dies vor sechs Wochen geschehen wäre!</p> + +<p>Das gab eine wahre Prozession zum Bahnhof. +Als Tante Toni eingestiegen war, stellte sie sich +ans Fenster, und jedes wollte ihr noch einmal +„Adieu“ sagen: „Auf Wiedersehen, auf baldiges +Wiedersehen, liebe, gute, goldige Tante Toni!“ +riefen die Kinder, und „Auf Wiedersehen!“ antwortete +die Tante, „und wenn ich wiederkomme, +dann nehmen wir auch unsere Spaziergänge wieder +auf, die wir diesmal unterbrechen mußten.“</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_200" id="Page_200">[200]</a></span>„Ja gewiß, Tante!“</p> + +<p>„Wir werden inzwischen schöne, neue Wege +auskundschaften!“ rief Paul, und Kurt eiferte: +„O, ich hab' mir schon einige ausgedacht; wir +müssen doch auch in die Rickersbacher Schlucht +und auf den ...“ Aber der Zug setzte sich in +Bewegung, und die Rufe „Adieu!“ und „Lebt +wohl! Auf Wiedersehen!“ übertönten Kurts +Stimme. Man sah noch eine Zeitlang Tante +Tonis Taschentuch wehen, dann machte der Zug +eine Biegung; bald darauf war er verschwunden.</p> + +<p>„Ich bin nur froh, daß Onkel Robert uns +gesagt hat, Tante Toni käme bald wieder“, sagte +Philipp auf dem Heimweg; „sonst wäre es doch +gar zu traurig.“</p> + +<p>Mariechen entgegnete mit einem Seufzer: „Ich +finde es trotzdem noch traurig genug. Ich kann +überhaupt das Fortgehen nicht leiden; die Leute +sollten immer nur ankommen!“</p> + +<p>„O, das kommt drauf an!“ rief Anna in entschiedenem +Tone. „Den Herrn Schulinspektor und +den Prüfungskommissar zum Beispiel sehe ich +viel lieber fortgehen wie ankommen!“</p> + +<p>Alle lachten, und Onkel Robert sagte, Anna +freundlich auf die Schulter klopfend: „Na, Kinder,<span class='pagenum'><a name="Page_201" id="Page_201">[201]</a></span> +seid nur froh, daß ihr die Änne habt, die bewahrt +euch wenigstens vor Trübsinn!“</p> + +<p>Lilly war still zu Tante Maria Wulff geschlichen. +Sie dachte: „Als Tante Toni ankam, +da war Tonichen noch mit uns, und jetzt ist es +nicht mehr da, es ist im Himmel.“ Sie stahl +ihr Händchen in die Hand der Tante und blickte +mit feuchten Augen zu ihr auf. Tante Maria +verstand den Gedanken des Kindes. „Mein gutes +Kind!“ sagte sie leise und gerührt, fest die kleine +Kinderhand umschließend.</p> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of Project Gutenberg's Tante Toni und ihre Bande, by A(lberta) von Brochow + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TANTE TONI UND IHRE BANDE *** + +***** This file should be named 24413-h.htm or 24413-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/4/4/1/24413/ + +Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +http://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. Of course, we hope that you will support the Project +Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by +freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of +this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with +the work. You can easily comply with the terms of this agreement by +keeping this work in the same format with its attached full Project +Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. + +1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern +what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in +a constant state of change. If you are outside the United States, check +the laws of your country in addition to the terms of this agreement +before downloading, copying, displaying, performing, distributing or +creating derivative works based on this work or any other Project +Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning +the copyright status of any work in any country outside the United +States. + +1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: + +1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate +access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently +whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the +phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project +Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, +copied or distributed: + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + +1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived +from the public domain (does not contain a notice indicating that it is +posted with permission of the copyright holder), the work can be copied +and distributed to anyone in the United States without paying any fees +or charges. If you are redistributing or providing access to a work +with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the +work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 +through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the +Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or +1.E.9. + +1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted +with the permission of the copyright holder, your use and distribution +must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional +terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked +to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the +permission of the copyright holder found at the beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any +word processing or hypertext form. However, if you provide access to or +distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than +"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version +posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), +you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a +copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon +request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other +form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm +License as specified in paragraph 1.E.1. + +1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, +performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works +unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing +access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided +that + +- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method + you already use to calculate your applicable taxes. The fee is + owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he + has agreed to donate royalties under this paragraph to the + Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments + must be paid within 60 days following each date on which you + prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax + returns. Royalty payments should be clearly marked as such and + sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the + address specified in Section 4, "Information about donations to + the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." + +- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm + License. You must require such a user to return or + destroy all copies of the works possessed in a physical medium + and discontinue all use of and all access to other copies of + Project Gutenberg-tm works. + +- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any + money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days + of receipt of the work. + +- You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg-tm works. + +1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm +electronic work or group of works on different terms than are set +forth in this agreement, you must obtain permission in writing from +both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael +Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the +Foundation as set forth in Section 3 below. + +1.F. + +1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable +effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread +public domain works in creating the Project Gutenberg-tm +collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic +works, and the medium on which they may be stored, may contain +"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or +corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual +property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a +computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by +your equipment. + +1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right +of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project +Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project +Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all +liability to you for damages, costs and expenses, including legal +fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT +LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE +PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE +TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE +LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR +INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH +DAMAGE. + +1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a +defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can +receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a +written explanation to the person you received the work from. If you +received the work on a physical medium, you must return the medium with +your written explanation. The person or entity that provided you with +the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a +refund. If you received the work electronically, the person or entity +providing it to you may choose to give you a second opportunity to +receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy +is also defective, you may demand a refund in writing without further +opportunities to fix the problem. + +1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth +in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO +WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. + +1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied +warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. +If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the +law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be +interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by +the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any +provision of this agreement shall not void the remaining provisions. + +1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit http://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. +To donate, please visit: http://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize +this eBook outside of the United States should confirm copyright +status under the laws that apply to them. diff --git a/README.md b/README.md new file mode 100644 index 0000000..a54ef55 --- /dev/null +++ b/README.md @@ -0,0 +1,2 @@ +Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for +eBook #24413 (https://www.gutenberg.org/ebooks/24413) |
