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+The Project Gutenberg EBook of Unterm Birnbaum, by Theodor Fontane
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Unterm Birnbaum
+
+Author: Theodor Fontane
+
+Release Date: September 21, 2008 [EBook #26686]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UNTERM BIRNBAUM ***
+
+
+
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file made
+from scans of public domain material at Klassik Stiftung
+Weimar / Herzogin Anna Amalia Bibliothek.)
+
+
+
+
+
+
+ Unterm Birnbaum.
+
+
+ Von
+
+ Theodor Fontane.
+
+
+ Berlin,
+ G. Grote'sche Verlagsbuchhandlung.
+ 1885.
+
+
+
+ Übersetzungsrecht vorbehalten.
+
+ Pierer'sche Hofbuchdruckerei. Stephan Geibel & Co. in Altenburg.
+
+
+
+
+ I.
+
+
+Vor dem in dem großen und reichen Oderbruchdorfe Tschechin um
+Michaeli 20 eröffneten _Gasthaus und Materialwaarengeschäft von Abel
+Hradscheck_ (so stand auf einem über der Thür angebrachten Schilde)
+wurden Säcke, vom Hausflur her, auf einen mit zwei magern Schimmeln
+bespannten Bauerwagen geladen. Einige von den Säcken waren nicht gut
+gebunden oder hatten kleine Löcher und Ritzen, und so sah man denn an
+dem, was herausfiel, daß es Rapssäcke waren. Auf der Straße neben dem
+Wagen aber stand Abel Hradscheck selbst und sagte zu dem eben vom Rad
+her auf die Deichsel steigenden Knecht: »Und nun vorwärts, Jakob, und
+grüße mir Ölmüller Quaas. Und sag' ihm, bis Ende der Woche müßt' ich das
+Öl haben, Leist in Wrietzen warte schon. Und wenn Quaas nicht da ist, so
+bestelle der Frau meinen Gruß und sei hübsch manierlich. Du weißt ja
+Bescheid. Und weißt auch, Kätzchen hält auf Komplimente.«
+
+Der als Jakob Angeredete nickte nur statt aller Antwort, setzte sich auf
+den vordersten Rapssack und trieb beide Schimmel mit einem schläfrigen
+»Hüh« an, wenn überhaupt von Antreiben die Rede sein konnte. Und nun
+klapperte der Wagen nach rechts hin den Fahrweg hinunter, erst auf das
+Bauer Orth'sche Gehöft sammt seiner Windmühle (womit das Dorf nach der
+Frankfurter Seite hin abschloß) und dann auf die weiter draußen am
+Oderbruch-Damm gelegene Ölmühle zu. Hradscheck sah dem Wagen nach, bis
+er verschwunden war, und trat nun erst in den Hausflur zurück. Dieser
+war breit und tief und theilte sich in zwei Hälften, die durch ein paar
+Holzsäulen und zwei dazwischen ausgespannte Hängematten von einander
+getrennt waren. Nur in der Mitte hatte man einen Durchgang gelassen. An
+dem Vorflur lag nach rechts hin das Wohnzimmer, zu dem eine Stufe
+hinaufführte, nach links hin aber der Laden, in den man durch ein
+großes, fast die halbe Wand einnehmendes Schiebefenster hineinsehen
+konnte. Früher war hier die Verkaufsstelle gewesen, bis sich die zum
+Vornehmthun geneigte Frau Hradscheck das Herumtrampeln auf ihrem Flur
+verbeten und auf Durchbruch einer richtigen Ladenthür, also von der
+Straße her, gedrungen hatte. Seitdem zeigte dieser Vorflur eine gewisse
+Herrschaftlichkeit, während der nach dem Garten hinausführende
+Hinterflur ganz dem Geschäft gehörte. Säcke, Citronen- und
+Apfelsinenkisten standen hier an der einen Wand entlang, während an der
+andern übereinandergeschichtete Fässer lagen, Ölfässer, deren stattliche
+Reihe nur durch eine zum Keller hinunterführende Fallthür unterbrochen
+war. Ein sorglich vorgelegter Keil hielt nach rechts und links hin die
+Fässer in Ordnung, so daß die untere Reihe durch den Druck der
+obenaufliegenden nicht ins Rollen kommen konnte.
+
+So war der Flur. Hradscheck selbst aber, der eben die schmale, zwischen
+den Kisten und Ölfässern freigelassene Gasse passirte, schloß, halb
+ärgerlich halb lachend, die trotz seines Verbotes mal wieder
+offenstehende Fallthür und sagte: »Dieser Junge, der Ede. Wann wird er
+seine fünf Sinne beisammen haben!«
+
+Und damit trat er vom Flur her in den Garten.
+
+Hier war es schon herbstlich, nur noch Astern und Reseda blühten
+zwischen den Buchsbaumrabatten, und eine Hummel umsummte den Stamm eines
+alten Birnbaums, der mitten im Garten hart neben dem breiten
+Mittelsteige stand. Ein paar Möhrenbeete, die sich, sammt einem schmalen
+mit Kartoffeln besetzten Ackerstreifen, an eben dieser Stelle durch eine
+Spargel-Anlage hinzogen, waren schon wieder umgegraben, eine frische
+Luft ging, und eine schwarzgelbe, der nebenanwohnenden Wittwe Jeschke
+zugehörige Katze schlich, muthmaßlich auf der Sperlingssuche, durch die
+schon hoch in Samen stehenden Spargelbeete.
+
+Hradscheck aber hatte dessen nicht Acht. Er ging vielmehr rechnend und
+wägend zwischen den Rabatten hin und kam erst zu Betrachtung und
+Bewußtsein, als er, am Ende des Gartens angekommen, sich umsah und nun
+die Rückseite seines Hauses vor sich hatte. Da lag es, sauber und
+freundlich, links die sich von der Straße her bis in den Garten
+hineinziehende Kegelbahn, rechts der Hof sammt dem Küchenhaus, das er
+erst neuerdings an den Laden angebaut hatte. Der kaum vom Winde bewegte
+Rauch stieg sonnenbeschienen auf und gab ein Bild von Glück und Frieden.
+Und das alles war sein! Aber wie lange noch? Er sann ängstlich nach und
+fuhr aus seinem Sinnen erst auf, als er, ein paar Schritte von sich
+entfernt, eine große, durch ihre Schwere und Reife sich von selbst
+ablösende Malvasierbirne mit eigenthümlich dumpfem Ton aufklatschen
+hörte. Denn sie war nicht auf den harten Mittelsteig, sondern auf eins
+der umgegrabenen Möhrenbeete gefallen. Hradscheck ging darauf zu, bückte
+sich und hatte die Birne kaum aufgehoben, als er sich von der Seite her
+angerufen hörte:
+
+»Dag, Hradscheck. Joa, et wahrd nu Tied. De Malvesieren kümmen all von
+sülwst.«
+
+Er wandte sich bei diesem Anruf und sah, daß seine Nachbarin, die
+Jeschke, deren kleines, etwas zurückgebautes Haus den Blick auf seinen
+Garten hatte, von drüben her über den Himbeerzaun kuckte.
+
+»Ja, Mutter Jeschke, 's wird Zeit,« sagte Hradscheck. »Aber wer soll die
+Birnen abnehmen? Freilich wenn Ihre Line hier wäre, die könnte helfen.
+Aber man hat ja keinen Menschen und muß alles selbst machen.«
+
+»Na, Se hebben joa doch den Jungen, den Ede.«
+
+»Ja, den hab' ich. Aber der pflückt blos für sich.«
+
+»Dat sall woll sien,« lachte die Alte. »Een in't Töppken, een in't
+Kröppken.«
+
+Und damit humpelte sie wieder nach ihrem Hause zurück, während auch
+Hradscheck wieder vom Garten her in den Flur trat.
+
+Hier sah er jetzt nachdenklich auf die Stelle, wo vor einer halben
+Stunde noch die Rapssäcke gestanden hatten, und in seinem Auge lag
+etwas, als wünsch' er, sie stünden noch am selben Fleck oder es wären
+neue statt ihrer aus dem Boden gewachsen. Er zählte dann die
+Fässerreihe, rief, im Vorübergehen, einen kurzen Befehl in den Laden
+hinein und trat gleich danach in seine gegenüber gelegene Wohnstube.
+
+Diese machte neben ihrem wohnlichen zugleich einen eigenthümlichen
+Eindruck, und zwar, weil alles in ihr um vieles besser und eleganter
+war, als sich's für einen Krämer und Dorfmaterialisten schickte. Die
+zwei kleinen Sophas waren mit einem hellblauen Atlasstoff bezogen, und
+an dem Spiegelpfeiler stand ein schmaler Trumeau, weißlackirt und mit
+Goldleiste. Ja, das in einem Mahagoni-Rahmen über dem kleinen Klavier
+hängende Bild (allem Anscheine nach ein Stich nach Claude Lorrain) war
+ein Sonnenuntergang mit Tempeltrümmern und antiker Staffage, so daß man
+sich füglich fragen durfte, wie das alles hierherkomme? Passend war
+eigentlich nur ein Stehpult mit einem Gitter-Aufsatz und einem Kuckloch
+darüber, mit Hilfe dessen man, über den Flur weg, auf das große
+Schiebefenster sehen konnte.
+
+Hradscheck legte die Birne vor sich hin und blätterte das Kontobuch
+durch, das aufgeschlagen auf dem Pulte lag. Um ihn her war alles still,
+und nur aus der halboffenstehenden Hinterstube vernahm er den Schlag
+einer Schwarzwälder Uhr.
+
+Es war fast, als ob das Ticktack ihn störe, wenigstens ging er auf die
+Thür zu, anscheinend um sie zu schließen; als er indeß hineinsah, nahm
+er überrascht wahr, daß seine Frau in der Hinterstube saß, wie
+gewöhnlich schwarz aber sorglich gekleidet, ganz wie Jemand, der sich
+auf Figurmachen und Toilettendinge versteht. Sie flocht eifrig an einem
+Kranz, während ein zweiter, schon fertiger an einer Stuhllehne hing.
+
+»Du hier, Ursel! Und Kränze! Wer hat denn Geburtstag?«
+
+»Niemand. Es ist nicht Geburtstag. Es ist blos Sterbetag, Sterbetag
+Deiner Kinder. Aber Du vergißt alles. Blos Dich nicht.«
+
+»Ach, Ursel, laß doch. Ich habe meinen Kopf voll Wunder. Du mußt mir
+nicht Vorwürfe machen. Und dann die Kinder. Nun ja, sie sind todt, aber
+ich kann nicht trauern und klagen, daß sie's sind. Umgekehrt, es ist ein
+Glück.«
+
+»Ich verstehe Dich nicht.«
+
+»Und ist nur zu gut zu verstehn. Ich weiß nicht aus noch ein und habe
+Sorgen über Sorgen.«
+
+»Worüber? Weil Du nichts Rechtes zu thun hast und nicht weißt, wie Du
+den Tag hinbringen sollst. Hinbringen sag' ich, denn ich will Dich nicht
+kränken und von Zeit todtschlagen sprechen. Aber sage selbst, wenn
+drüben die Weinstube voll ist, dann fehlt Dir nichts. Ach, das verdammte
+Spiel, das ewige Knöcheln und Tempeln. Und wenn Du noch glücklich
+spieltest! Ja, Hradscheck, das muß ich Dir sagen, wenn Du spielen
+willst, so spiele wenigstens glücklich. Aber ein Wirth, der _nicht_
+glücklich spielt, muß davon bleiben, sonst spielt er sich von Haus und
+Hof. Und dazu das Trinken, immer der schwere Ungar, bis in die Nacht
+hinein.«
+
+Er antwortete nicht, und erst nach einer Weile nahm er den Kranz, der
+über der Stuhllehne hing, und sagte: »Hübsch. Alles, was Du machst, hat
+Schick. Ach, Ursel, ich wollte, Du hättest bessere Tage.«
+
+Dabei trat er freundlich an sie heran und streichelte sie mit seiner
+weißen, fleischigen Hand.
+
+Sie ließ ihn auch gewähren, und als sie, wie beschwichtigt durch seine
+Liebkosungen, von ihrer Arbeit aufsah, sah man, daß es ihrer Zeit eine
+sehr schöne Frau gewesen sein mußte, ja, sie war es beinah noch. Aber
+man sah auch, daß sie viel erlebt hatte, Glück und Unglück, Lieb' und
+Leid, und durch allerlei schwere Schulen gegangen war. Er und sie
+machten ein hübsches Paar und waren gleichaltrig, Anfang vierzig, und
+ihre Sprech- und Verkehrsweise ließ erkennen, daß es eine Neigung
+gewesen sein mußte, was sie vor länger oder kürzer zusammengeführt
+hatte.
+
+Der herbe Zug, den sie bei Beginn des Gesprächs gezeigt, wich denn auch
+mehr und mehr, und endlich fragte sie: »Wo drückt es wieder? Eben hast
+Du den Raps weggeschickt, und wenn Leist das Öl hat, hast Du das Geld.
+Er ist prompt auf die Minute.«
+
+»Ja, das ist er. Aber ich habe nichts davon, alles ist blos Abschlag und
+Zins. Ich stecke tief drin und leider am tiefsten bei Leist selbst. Und
+dann kommt die Krakauer Geschichte, der Reisende von Olszewski-Goldschmidt
+und Sohn. Er kann jeden Tag da sein.«
+
+Hradscheck zählte noch anderes auf, aber ohne daß es einen tieferen
+Eindruck auf seine Frau gemacht hätte. Vielmehr sagte sie langsam und
+mit gedehnter Stimme: »Ja, Würfelspiel und Vogelstellen ...«
+
+»Ach, immer Spiel und wieder Spiel! Glaube mir, Ursel, es ist nicht so
+schlimm damit und jedenfalls mach' ich mir nichts d'raus. Und am
+wenigsten aus dem Lotto; 's ist alles Thorheit und weggeworfen Geld, ich
+weiß es, und doch hab' ich wieder ein Loos genommen. Und warum? Weil ich
+heraus will, weil ich heraus _muß_, weil ich uns retten möchte.«
+
+»So, so,« sagte sie, während sie mechanisch an dem Kranze weiter flocht
+und vor sich hin sah, als überlege sie, was wohl zu thun sei.
+
+»Soll ich Dich auf den Kirchhof begleiten,« frug er, als ihn ihr
+Schweigen zu bedrücken anfing. »Ich thu's gern, Ursel.«
+
+Sie schüttelte den Kopf.
+
+»Warum nicht?«
+
+»Weil, wer den Todten einen Kranz bringen will, wenigstens an sie
+gedacht haben muß.«
+
+Und damit erhob sie sich und verließ das Haus, um nach dem Kirchhof zu
+gehen.
+
+Hradscheck sah ihr nach, die Dorfstraße hinauf, auf deren rothen Dächern
+die Herbstsonne flimmerte. Dann trat er wieder an sein Pult und
+blätterte.
+
+
+
+
+ II.
+
+
+Eine Woche war seit jenem Tage vergangen, aber das Spielglück, das sich
+bei Hradscheck einstellen sollte, blieb aus und das Lottoglück auch.
+Trotz alledem gab er das Warten nicht auf, und da gerade
+Lotterie-Ziehzeit war, kam das Viertelloos gar nicht mehr von seinem
+Pult. Es stand hier auf einem Ständerchen, ganz nach Art eines Fetisch,
+zu dem er nicht müde wurde, respektvoll und beinah mit Andacht
+aufzublicken. Alle Morgen sah er in der Zeitung die Gewinn-Nummern
+durch, aber die seine fand er nicht, trotzdem sie unter ihren fünf
+Zahlen drei Sieben hatte und mit sieben dividirt glatt aufging. Seine
+Frau, die wohl wahrnahm, daß er litt, sprach ihm nach ihrer Art zu,
+nüchtern aber nicht unfreundlich, und drang in ihn, »daß er den
+Lotteriezettel wenigstens vom Ständer herunternehmen möge, das verdrösse
+den Himmel nur und wer dergleichen thäte, kriege statt Rettung und Hilfe
+den Teufel und seine Sippschaft ins Haus. Das Loos müsse weg. Wenn er
+wirklich beten wolle, so habe sie was Besseres für ihn, ein Marienbild,
+das der Bischof von Hildesheim geweiht und ihr bei der Firmelung
+geschenkt habe.«
+
+Davon wollte nun aber der beständig zwischen Aber- und Unglauben hin und
+her schwankende Hradscheck nichts wissen. »Geh mir doch mit dem Bild,
+Ursel. Und wenn ich auch wollte, denke nur, welche Bescheerung ich
+hätte, wenn's Einer merkte. Die Bauern würden lachen von einem Dorfende
+bis ans andere, selbst Orth und Igel, die sonst keine Miene verziehen.
+Und mit der Pastor-Freundschaft wär's auch vorbei. Daß er zu Dir hält,
+ist doch blos, weil er Dir den katholischen Unsinn ausgetrieben und
+einen Platz im Himmel, ja vielleicht an seiner Seite gewonnen hat. Denn
+mit meinem Anspruch auf Himmel ist's nicht weit her.«
+
+Und so blieb denn das Loos auf dem Ständer, und erst als die Ziehung
+vorüber war, zerriß es Hradscheck und streute die Schnitzel in den Wind.
+Er war aber auch jetzt noch, all seinem spöttisch-überlegenen Gerede zum
+Trotz, so schwach und abergläubisch, daß er den Schnitzeln in ihrem
+Fluge nachsah, und als er wahrnahm, daß einige die Straße hinauf bis an
+die Kirche geweht wurden und dort erst niederfielen, war er in seinem
+Gemüthe beruhigt und sagte: »Das bringt Glück.«
+
+Zugleich hing er wieder allerlei Gedanken und Vorstellungen nach, wie
+sie seiner Phantasie jetzt häufiger kamen. Aber er hatte noch Kraft
+genug, das Netz, das ihm diese Gedanken und Vorstellungen überwerfen
+wollten, wieder zu zerreißen.
+
+»Es geht nicht.«
+
+Und als im selben Augenblick das Bild des Reisenden, dessen Anmeldung
+er jetzt täglich erwarten mußte, vor seine Seele trat, trat er
+erschreckt zurück und wiederholte nur so vor sich hin: »Es geht nicht.«
+
+ * * *
+
+So war Mitte Oktober heran gekommen.
+
+Im Laden gab's viel zu thun, aber mitunter war doch ruhige Zeit, und
+dann ging Hradscheck abwechselnd in den Hof, um Holz zu spellen, oder in
+den Garten, um eine gute Sorte Tischkartoffeln aus der Erde zu nehmen.
+Denn er war ein Feinschmecker. Als aber die Kartoffeln heraus waren,
+fing er an, den schmalen Streifen Land, darauf sie gestanden,
+umzugraben. Überhaupt wurde Graben und Gartenarbeit mehr und mehr seine
+Lust, und die mit dem Spaten in der Hand verbrachten Stunden waren
+eigentlich seine glücklichsten.
+
+Und so beim Graben war er auch heute wieder, als die Jeschke, wie
+gewöhnlich, an die die beiden Gärten verbindende Heckenthür kam und ihm
+zusah, trotzdem es noch früh am Tage war.
+
+»De Tüffeln sinn joa nu rut, Hradscheck.«
+
+»Ja, Mutter Jeschke, seit vorgestern. Und war diesmal 'ne wahre Freude;
+mitunter zwanzig an einem Busch und alle groß und gesund.«
+
+»Joa, joa, wenn een's Glück hebben sall. Na, Se hebben't, Hradscheck. Se
+hebben Glück bi de Tüffeln un bi de Malvesieren ook. I, Se möten joa
+woll 'n Scheffel 'runnerpflückt hebb'n.«
+
+»O mehr, Mutter Jeschke, viel mehr.«
+
+»Na, bereden Se't nich, Hradscheck. Nei, nei. Man sall nix bereden. Ook
+sien Glück nich.«
+
+Und damit ließ sie den Nachbar stehn und humpelte wieder auf ihr Haus
+zu.
+
+Hradscheck aber sah ihr ärgerlich und verlegen nach. Und er hatte wohl
+Grund dazu. War doch die Jeschke, so freundlich und zuthulich sie that,
+eine schlimme Nachbarschaft und quacksalberte nicht blos, sondern machte
+auch sympathetische Kuren, besprach Blut und wußte, wer sterben würde.
+Sie sah dann die Nacht vorher einen Sarg vor dem Sterbehause stehn. Und
+es hieß auch, »sie wisse, wie man sich unsichtbar machen könne«, was,
+als Hradscheck sie seinerzeit danach gefragt hatte, halb von ihr
+bestritten und dann halb auch wieder zugestanden war. »Sie wisse es
+nicht; aber _das_ wisse sie, daß frisch ausgelassenes Lamm-Talg gut sei,
+versteht sich von einem ungeborenen Lamm und als Licht über einen rothen
+Wollfaden gezogen; am besten aber sei Farrnkrautsamen in die Schuhe oder
+Stiefel geschüttet.« Und dann hatte sie herzlich gelacht, worin
+Hradscheck natürlich einstimmte. Trotz dieses Lachens aber war ihm jedes
+Wort, als ob es ein Evangelium wär', in Erinnerung geblieben, vor allem
+das »ungeborne Lamm« und der »Farrnkrautsamen«. Er glaubte nichts davon
+und auch wieder alles, und wenn er, seiner sonstigen Entschlossenheit
+unerachtet, schon vorher eine Furcht vor der alten Hexe gehabt hatte, so
+nach dem Gespräch über das sich Unsichtbarmachen noch viel mehr.
+
+ * * *
+
+Und solche Furcht beschlich ihn auch heute wieder, als er sie, nach dem
+Morgengeplauder über die »Tüffeln« und die »Malvesieren«, in ihrem Hause
+verschwinden sah. Er wiederholte sich jedes ihrer Worte: »Wenn een's
+Glück hebben sall. Na, Se hebben't joa, Hradscheck. Awers bereden Se't
+nich.« Ja, so waren ihre Worte gewesen. Und was war mit dem allem
+gemeint? Was sollte dies ewige Reden von Glück und wieder Glück? War es
+Neid oder wußte sie's besser? Hatte sie doch vielleicht mit ihrem
+Hokuspokus ihm in die Karten gekuckt?
+
+Während er noch so sann, nahm er den Spaten wieder zur Hand und begann
+rüstig weiter zu graben. Er warf dabei ziemlich viel Erde heraus und war
+keine fünf Schritt mehr von dem alten Birnbaum, auf den der
+Ackerstreifen zulief, entfernt, als er auf etwas stieß, das unter dem
+Schnitt des Eisens zerbrach und augenscheinlich weder Wurzel noch Stein
+war. Er grub also vorsichtig weiter und sah alsbald, daß er auf Arm und
+Schulter eines hier verscharrten Todten gestoßen war. Auch Zeugreste
+kamen zu Tage, zerschlissen und gebräunt, aber immer noch farbig und
+wohlerhalten genug, um erkennen zu lassen, daß es ein Soldat gewesen
+sein müsse.
+
+Wie kam der hierher?
+
+Hradscheck stützte sich auf die Krücke seines Grabscheits und überlegte.
+»Soll ich es zur Anzeige bringen? Nein. Es macht blos Geklätsch. Und
+Keiner mag einkehren, wo man einen Todten unterm Birnbaum gefunden hat.
+Also besser nicht. Er kann hier weiter liegen.«
+
+Und damit warf er den Armknochen, den er ausgegraben, in die Grube
+zurück und schüttete diese wieder zu. Während dieses Zuschüttens aber
+hing er all jenen Gedanken und Vorstellungen nach, wie sie seit Wochen
+ihm immer häufiger kamen. Kamen und gingen. Heut aber gingen sie nicht,
+sondern wurden Pläne, die Besitz von ihm nahmen und ihn, ihm selbst zum
+Trotz, an die Stelle bannten, auf der er stand. Was er hier zu thun
+hatte, war gethan, es gab nichts mehr zu graben und zu schütten, aber
+immer noch hielt er das Grabscheit in der Hand und sah sich um, als ob
+er bei böser That ertappt worden wäre. Und fast war es so. Denn
+unheimlich verzerrte Gestalten (und eine davon er selbst) umdrängten ihn
+so faßbar und leibhaftig, daß er sich wohl fragen durfte, ob nicht
+Andere da wären, die diese Gestalten auch sähen. Und er lugte wirklich
+nach der Zaunstelle hinüber. Gott sei Dank, die Jeschke war nicht da.
+Aber freilich, wenn sie sich unsichtbar machen und sogar Todte sehen
+konnte, Todte, die noch nicht todt waren, warum sollte sie nicht die
+Gestalten sehn, die jetzt vor seiner Seele standen? Ein Grauen überlief
+ihn, nicht vor der That, nein, aber bei dem Gedanken, daß das, was erst
+That werden sollte, vielleicht in diesem Augenblicke schon erkannt und
+verrathen war. Er zitterte, bis er, sich plötzlich aufraffend, den
+Spaten wieder in den Boden stieß.
+
+»Unsinn. Ein dummes altes Weib, das gerade klug genug ist, noch Dümmere
+hinter's Licht zu führen. Aber ich will mich ihrer schon wehren, ihrer
+und ihrer ganzen Todtenkuckerei. Was ist es denn? Nichts. Sie sieht
+einen Sarg an der Thür stehn, und dann stirbt Einer. Ja, sie sagt es,
+aber sagt es immer erst, wenn Einer todt ist oder keinen Athem mehr hat
+oder das Wasser ihm schon an's Herz stößt. Ja, dann kann ich auch
+prophezeihn. Alte Hexe, Du sollst mir nicht weiter Sorge machen. Aber
+Ursel! Wie bring' ich's der bei? Da liegt der Stein. Und wissen muß
+sie's. Es müssen zwei sein ...«
+
+Und er schwieg. Bald aber fuhr er entschlossen fort: »Ah, bah, es wird
+sich finden, weil sich's finden muß. Noth kennt kein Gebot. Und was
+sagte sie neulich, als ich das Gespräch mit ihr hatte? 'Nur nicht arm
+sein ... Armuth ist das Schlimmste.' Daran halt' ich sie; damit zwing'
+ich sie. Sie _muß_ wollen.«
+
+Und so sprechend, ging er, das Grabscheit gewehrüber nehmend, wieder auf
+das Haus zu.
+
+
+
+
+ III.
+
+
+Als Hradscheck bis an den Schwellstein gekommen war, nahm er das
+Grabscheit von der Schulter, lehnte die Krücke gegen das am Hause sich
+hinziehende Weinspalier und wusch sich die Hände, saubrer Mann der er
+war, in einem Kübel, drin die Dachtraufe mündete. Danach trat er in den
+Flur und ging auf sein Wohnzimmer zu.
+
+Hier traf er Ursel. Diese saß vor einem Nähtisch am Fenster und war,
+trotz der frühen Stunde, schon wieder in Toilette, ja noch sorglicher
+und geputzter als an dem Tage, wo sie die Kränze für die Kinder
+geflochten hatte. Das hochanschließende Kleid, das sie trug, war auch
+heute schlicht und dunkelfarbig (sie wußte, daß Schwarz sie kleidete),
+der blanke Ledergürtel aber wurde durch eine Bronzeschnalle von
+auffälliger Größe zusammengehalten, während in ihren Ohrringen lange
+birnenförmige Bummeln von venetianischer Perlenmasse hingen. Sie wirkten
+anspruchsvoll und störten mehr als sie schmückten. Aber für dergleichen
+gebrach es ihr an Wahrnehmung, wie denn auch der mit Schildpatt
+ausgelegte Nähtisch, trotz all seiner Eleganz, zu den beiden hellblauen
+Atlas-Sophas nicht recht passen wollte. Noch weniger zu dem weißen
+Trumeau. Links neben ihr, auf dem Fensterbrett, stand ein
+Arbeitskästchen, darin sie, gerade als Hradscheck eintrat, nach einem
+Faden suchte. Sie ließ sich dabei nicht stören und sah erst auf, als der
+Eintretende, halb scherzhaft, aber doch mit einem Anfluge von Tadel
+sagte: »Nun, Ursel, schon in Staat? Und nichts zu thun mehr in der
+Küche?«
+
+»Weil es fertig werden muß.«
+
+»Was?«
+
+»Das hier.« Und dabei hielt sie Hradscheck ein Sammtkäpsel hin, an dem
+sie gerade nähte. »Wenig mit Liebe.«
+
+»Für mich?«
+
+»Nein. Dazu bist Du nicht fromm und, was Du lieber hören wirst, auch
+nicht alt genug.«
+
+»Also für den Pastor?«
+
+»Gerathen.«
+
+»Für den Pastor. Nun gut. Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft,
+und die Freundschaft mit einem Pastor kann man doppelt brauchen. Es
+giebt einem solch Ansehen. Und ich habe mir auch vorgenommen, ihn wieder
+öfter zu besuchen und mit Ede Sonntags umschichtig in die Kirche zu
+gehen.«
+
+»Das thu nur; er hat sich schon gewundert.«
+
+»Und hat auch Recht. Denn ich bin ihm eigentlich verschuldet. Und ist
+noch dazu der Einzige, dem ich gern verschuldet bin. Ja, Du siehst mich
+an, Ursel. Aber es ist so. Hat er Dich nicht auf den rechten Weg
+gebracht? Sage selbst. Wenn Eccelius nicht war, so stecktest Du noch in
+dem alten Unsinn.«
+
+»Sprich nicht so. Was weißt Du davon? Ihr habt ja gar keine Religion.
+Und Eccelius eigentlich auch nicht. Aber er ist ein guter Mann, eine
+Seele von Mann, und meint es gut mit mir und aller Welt. Und hat mir zum
+Herzen gesprochen.«
+
+»Ja, das versteht er; das hat er in der Loge gelernt. Er rührt einen zu
+Thränen. Und nun gar erst die Weiber.«
+
+»Und dann halt' ich zu ihm,« fuhr Ursel fort, ohne der Unterbrechung zu
+achten, »weil er ein gebildeter Mann ist. Ein guter Mann, und ein
+gebildeter Mann. Und offen gestanden, daran bin ich gewöhnt.«
+
+Hradscheck lachte. »Gebildet, Ursel, das ist Dein drittes Wort. Ich weiß
+schon. Und dann kommt der Göttinger Student, der Dir einen Ring
+geschenkt hat, als Du vierzehn Jahr alt warst (er wird wohl nicht echt
+gewesen sein), und dann kommt vieles _nicht_ oder doch manches nicht ...
+verfärbe Dich nur nicht gleich wieder ... und zuletzt kommt der
+Hildesheimer Bischof. Das ist Dein höchster Trumpf, und was Vornehmeres
+giebt es in der ganzen Welt nicht. Ich weiß es seit lange. Vornehm,
+vornehm. Ach, ich rede nicht gern davon, aber Deine Vornehmheit ist mir
+theuer zu stehn gekommen.«
+
+Ursel legte das Sammtkäpsel aus der Hand, steckte die Nadel hinein und
+sagte, während sie sich mit halber Wendung von ihm ab und dem Fenster
+zukehrte: »Höre, Hradscheck, wenn Du gute Tage mit mir haben willst, so
+sprich nicht so. Hast Du Sorgen, so will ich sie mittragen, aber Du
+darfst mich nicht dafür verantwortlich machen, daß sie da sind. Was ich
+Dir hundert Mal gesagt habe, das muß ich Dir wieder sagen. Du bist kein
+guter Kaufmann, denn Du hast das Kaufmännische nicht gelernt, und Du
+bist kein guter Wirth, denn Du spielst schlecht oder doch nicht mit
+Glück und trinkst nebenher Deinen eigenen Wein aus. Und was da nach
+drüben geht, nach Neu-Lewin hin, oder wenigstens gegangen ist (und dabei
+wies sie mit der Hand nach dem Nachbardorfe), davon will ich nicht
+reden, schon gar nicht, schon lange nicht. Aber das darf ich Dir sagen,
+Hradscheck, so steht es mit Dir. Und anstatt Dich zu Deinem Unrecht zu
+bekennen, sprichst Du von meinen Kindereien und von dem hochwürdigen
+Bischof, dem Du nicht werth bist die Schuhriemen zu lösen. Und wirfst
+mir dabei meine Bildung vor.«
+
+»Nein, Ursel.«
+
+»Oder daß ich's ein bischen hübsch oder, wie Du sagst, vornehm haben
+möchte.«
+
+»Ja, das.«
+
+»Also doch. Nun aber sage mir, was hab' ich gethan? Ich habe mich in den
+ersten Jahren eingeschränkt und in der Küche gestanden und gebacken und
+gebraten, und des Nachts an der Wiege gesessen. Ich bin nicht aus dem
+Haus gekommen, so daß die Leute darüber geredet haben, die dumme Gans
+draußen in der Ölmühle natürlich an der Spitze (Du hast es mir selbst
+erzählt), und habe jeden Abend vor einem leeren Kleiderschrank gestanden
+und die hölzernen Riegel gezählt. Und so sieben Jahre, bis die Kinder
+starben, und erst als sie todt waren und ich nichts hatte, daran ich
+mein Herz hängen konnte, da hab' ich gedacht, nun gut, nun will ich es
+wenigstens hübsch haben und eine Kaufmannsfrau sein, so wie man sich in
+meiner Gegend eine Kaufmannsfrau vorstellt. Und als dann der Konkurs auf
+Schloß Hoppenrade kam, da hab' ich Dich gebeten, dies Bischen hier
+anzuschaffen, und das hast Du gethan und ich habe mich dafür bedankt.
+Und war auch blos in der Ordnung. Denn Dank muß sein, und ein gebildeter
+Mensch weiß es und wird ihm nicht schwer. Aber all das, worüber jetzt so
+viel geredet wird, als ob es wunder was wäre, ja, was ist es denn groß?
+Eigentlich ist es doch nur altmodisch, und die Seide reißt schon,
+trotzdem ich sie hüte wie meinen Augapfel. Und wegen dieser paar Sachen
+stöhnst Du und hörst nicht auf zu klagen und verspottest mich wegen
+meiner Bildung und Feinheit, wie Du zu sagen beliebst. Freilich bin ich
+feiner als die Leute hier, in meiner Gegend ist man feiner. Willst Du
+mir einen Vorwurf daraus machen, daß ich nicht wie die Pute, die Quaas
+bin, die 'mir' und 'mich' verwechselt und eigentlich noch in den
+Friesrock gehört und Liebschaftenhaben für Bildung hält und sich
+'Kätzchen' nennen läßt, obschon sie blos eine Katze ist und eine falsche
+dazu? Ja, mein lieber Hradscheck, wenn Du mir daraus einen Vorwurf
+machen willst, dann hättest Du mich nicht nehmen sollen, das wäre dann
+das Klügste gewesen. Besinne Dich. Ich bin Dir nicht nachgelaufen, im
+Gegentheil, Du wolltest mich partout und hast mich beschworen um mein
+'ja'. Das kannst Du nicht bestreiten. Nein, das kannst Du nicht,
+Hradscheck. Und nun dies ewige 'vornehm' und wieder 'vornehm'. Und
+warum? Blos weil ich einen Trumeau wollte, den man wollen muß, wenn man
+ein bischen auf sich hält. Und für einen Spottpreis ist er
+fortgegangen.«
+
+»Du sagst Spottpreis, Ursel. Ja, was ist Spottpreis? Auch Spottpreise
+können zu hoch sein. Ich hatte damals nichts und hab' es von geborgtem
+Gelde kaufen müssen.«
+
+»Das hättest Du nicht thun sollen, Abel, das hättest Du mir sagen
+müssen. Aber da genirte sich der werthe Herr Gemahl und mußte sich auch
+geniren. Denn warum war kein Geld da? Wegen der Person drüben. Alte
+Liebe rostet nicht. Versteht sich.«
+
+»Ach Ursel, was soll das! Es nutzt uns nichts, uns unsere Vergangenheit
+vorzuwerfen.«
+
+»Was meinst Du damit? Was heißt Vergangenheit?«
+
+»Wie kannst Du nur fragen? Aber ich weiß schon, es ist das alte Lied,
+das ist Weiberart. Ihr streitet Eurem eignen Liebhaber die Liebschaft
+ab. Ursel, ich hätte Dich für klüger gehalten. So sei doch nicht so kurz
+von Gedächtniß. Wie lag es denn? Wie fand ich Dich damals, als Du wieder
+nach Hause kamst, krank und elend und mit dem Stecken in der Hand, und
+als der Alte Dich nicht aufnehmen wollte mit Deinem Kind und Du dann
+zufrieden warst mit einer Schütte Stroh unterm Dach? Ursel, da hab' ich
+Dich gesehn, und weil ich Mitleid mit Dir hatte, nein, nein, erzürne
+Dich nicht wieder ... weil ich Dich liebte, weil ich vernarrt in Dich
+war, da hab' ich Dich bei der Hand genommen, und wir sind hierher
+gegangen, und der Alte drüben, dem Du das Käpsel da nähst, hat uns
+zusammengethan. Es thut mir nicht leid, Ursel, denn Du weißt, daß ich in
+meiner Neigung und Liebe zu Dir der Alte bin, aber Du darfst Dich auch
+nicht aufs hohe Pferd setzen, wenn ich vor Sorgen nicht aus noch ein
+weiß, und darfst mir nicht Vorwürfe machen wegen der Rese drüben in
+Neu-Lewin. Was da hinging, glaube mir, das war nicht viel und eigentlich
+nicht der Rede werth. Und nun ist sie lange todt und unter der Erde.
+Nein, Ursel, daher stammt es nicht, und ich schwöre Dir's, das alles
+hätt' ich gekonnt, aber der verdammte Hochmuth, daß es mit uns was sein
+sollte, das hat es gemacht, das ist es. Du wolltest hoch hinaus und was
+Apartes haben, damit sie sich wundern sollten. Und was haben wir nun
+davon? Da stehen die Sachen, und das Bauernvolk lacht uns aus.«
+
+»Sie beneiden uns.«
+
+»Nun gut, vielleicht oder wenigstens so lang es vorhält. Aber wenn das
+alles eines schönen Tages fort ist?«
+
+»Das darf nicht sein.«
+
+»Die Gerichte fragen nicht lange.«
+
+»Das darf nicht sein, sag' ich. Alles andre. Nein, Hradscheck, das
+darfst Du mir nicht anthun, da nehm' ich mir das Leben und geh' in die
+Oder, gleich auf der Stelle. Was Jammer und Elend ist, das weiß ich, das
+hab' ich erfahren. Aber gerade deßhalb, gerade deßhalb. Ich bin jetzt
+aus dem Jammer heraus, Gott sei Dank, und ich will nicht wieder hinein.
+Du sagst, sie lachen über uns, nein, sie lachen _nicht_; aber wenn uns
+was passirte, dann würden sie lachen. Und daß dann 'Kätzchen' ihren Spaß
+haben und sich über uns lustig machen sollte, oder gar die gute Mietzel,
+die noch immer in ihrem schwarzen Kopftuch steckt und nicht mal weiß,
+wie man einen Hut oder eine Haube manierlich aufsetzt, das trüg' ich
+nicht, da möcht' ich gleich todt umfallen. Nein, nein, Hradscheck, wie
+ich Dir schon neulich sagte, nur nicht arm. Armuth ist das Schlimmste,
+schlimmer als Tod, schlimmer als ...«
+
+Er nickte. »So denk' ich auch, Ursel. Nur nicht arm. Aber komm' in den
+Garten! Die Wände hier haben Ohren.«
+
+Und so gingen sie hinaus. Draußen aber nahm sie seinen Arm, hing sich,
+wie zärtlich, an ihn und plauderte, während sie den Mittelsteig des
+Gartens auf und ab schritten. Er seinerseits schwieg und überlegte, bis
+er mit einem Male stehen blieb und, das Wort nehmend, auf die wieder
+zugeschüttete Stelle neben dem Birnbaum wies. Und nun wurden Ursel's
+Augen immer größer, als er rasch und lebhaft alles, was geschehen müsse,
+herzuzählen und auseinander zu setzen begann.
+
+»Es geht nicht. Schlag' es Dir aus dem Sinn. Es ist nichts so fein
+gesponnen ...«
+
+Er aber ließ nicht ab, und endlich sah man, daß er ihren Widerstand
+besiegt hatte. Sie nickte, schwieg, und Beide gingen auf das Haus zu.
+
+
+
+
+ IV.
+
+
+Der Oktober ging auf die Neige, trotzdem aber waren noch schöne warme
+Tage, so daß man sich im Freien aufhalten und die Hradscheck'sche
+Kegelbahn benutzen konnte. Diese war in der ganzen Gegend berühmt, weil
+sie nicht nur ein gutes wagerechtes Laufbrett, sondern auch ein bequemes
+Kegelhäuschen und in diesem zwei von aller Welt bewunderte buntglasige
+Kuckfenster hatte. Das gelbe sah auf den Garten hinaus, das blaue
+dagegen auf die Dorfstraße sammt dem dahinter sich hinziehenden
+Oderdamm, über den hinweg dann und wann der Fluß selbst aufblitzte.
+Drüben am andern Ufer aber gewahrte man einen langen Schattenstrich: die
+neumärkische Haide.
+
+Es war halb vier, und die Kugeln rollten schon seit einer Stunde. Der
+zugleich Kellnerdienste verrichtende Ladenjunge lief hin und her, mal
+Kaffee, mal einen Kognak bringend, am öftesten aber neugestopfte
+Thonpfeifen, aus denen die Bauern rauchten und die Wölkchen in die klare
+Herbstluft hineinbliesen. Es waren ihrer fünf, zwei aus dem benachbarten
+Kienitz herübergekommen, der Rest echte Tschechiner: Ölmüller Quaas,
+Bauer Mietzel und Bauer Kunicke. Hradscheck, der, von Berufs wegen, mit
+dem Schreib- und Rechenwesen am besten Bescheid wußte, saß vor einer
+großen schwarzen Tafel, die die Form eines Notenpultes hatte.
+
+»Kunicke steht wieder am besten.« »Natürlich, gegen den kann keiner.«
+»Dreimal acht um den König.« Und nun begann ein sich Überbieten in
+Kegelwitzen. »Er kann hexen,« hieß es. »Er hockt mit der Jeschke
+zusammen.« »Er spielt mit falschen Karten.« »Wer so viel Glück hat, muß
+Strafe zahlen.« Der, der das von den »falschen Karten« gesagt hatte, war
+Bauer Mietzel, des Ölmüllers Nachbar, ein kleines aufgetrocknetes
+Männchen, das mehr einem Leineweber als einem Bauern glich. War aber
+doch ein richtiger Bauer, in dessen Familie nur von alter Zeit her der
+Schwind war.
+
+»Wer schiebt?«
+
+»Hradscheck.«
+
+Dieser kletterte jetzt von seinem Schreibersitz und wartete gerad' auf
+seine die Lattenrinne langsam herunter kommende Lieblingskugel, als der
+Landpostbote durch ein auf die Straße führendes Thürchen eintrat und
+einen großen Brief an ihn abgab; Hradscheck nahm den Brief in die Linke,
+packte die Kugel mit der Rechten und setzte sie kräftig auf, zugleich
+mit Spannung dem Lauf derselben folgend.
+
+»Sechs!« schrie der Kegeljunge, verbesserte sich aber sofort, als nach
+einigem Wackeln und Besinnen noch ein siebenter Kegel umfiel.
+
+»Sieben also!« triumphirte Hradscheck, der sich bei dem Wurf
+augenscheinlich was gedacht hatte.
+
+»Sieben geht,« fuhr er fort. »Sieben ist gut. Kunicke, schiebe für mich
+und schreib' an. Will nur das Porto zahlen.«
+
+Und damit nahm er den Briefträger unterm Arm und ging mit ihm von der
+Gartenseite her ins Haus.
+
+Das Kegeln setzte sich mittlerweile fort, wer aber Spiel und Gäste
+vergessen zu haben schien, war Hradscheck. Kunicke hatte schon zum
+dritten Male statt seiner geschoben, und so wurde man endlich ungeduldig
+und riß heftig an einem Klingeldraht, der nach dem Laden hineinführte.
+
+Der Junge kam auch.
+
+»Hradscheck soll wieder antreten, Ede. Wir warten ja. Mach' flink!«
+
+Und sieh, gleich darnach erschien auch der Gerufene, hochroth und
+aufgeregt, aber, allem Anscheine nach, mehr in heiterer als
+verdrießlicher Erregung. Er entschuldigte sich kurz, daß er habe warten
+lassen, und nahm dann ohne Weiteres eine Kugel, um zu schieben.
+
+»Aber Du bist ja gar nicht dran!« schrie Kunicke. »Himmelwetter, was ist
+denn los? Und wie der Kerl aussieht! Entweder is ihm eine
+Schwiegermutter gestorben oder er hat das große Loos gewonnen.«
+
+Hradscheck lachte.
+
+»Nu, so rede doch. Oder sollst Du nach Berlin kommen und ein paar neue
+Rapspressen einrichten? Hast ja neulich unserm Quaas erst vorgerechnet,
+daß er nichts von der Öl-Presse verstünde.«
+
+»Hab' ich, und ist auch so. Nichts für ungut, Ihr Herren, aber der Bauer
+klebt immer am Alten.«
+
+»Und die Gastwirthe sind immer fürs Neue. Blos daß nicht viel dabei
+heraus kommt.«
+
+»Wer weiß!«
+
+»Wer weiß? Höre, Hradscheck, ich fange wirklich an zu glauben ... Oder
+is es 'ne Erbschaft?«
+
+»Is so was. Aber nicht der Rede werth.«
+
+»Und von woher denn?«
+
+»Von meiner Frau Schwester.«
+
+»Bist doch ein Glückskind. Ewig sind ihm die gebratnen Tauben ins Maul
+geflogen. Und aus dem Hildesheim'schen, sagst Du?«
+
+»Ja, da so 'rum.«
+
+»Na, da wird Reetzke drüben froh sein. Er war schon ungeduldig.«
+
+»Weiß; er wollte klagen. Die Neu-Lewiner sind immer ängstlich und
+Pfennigfuchser und können nicht warten. Aber er wird's nu wohl lernen
+und sich anders besinnen. Mehr sag' ich nicht und paßt sich auch nicht.
+Man soll den Mund nicht voll nehmen. Und was ist am Ende solch bischen
+Geld?«
+
+»Geld ist nie ein bischen. Wie viel Nullen hat's denn?«
+
+»Ach, Kinder, redet doch nicht von Nullen. Das Beste ist, daß es nicht
+viel Wirthschaft macht und daß meine Frau nicht erst nach Hildesheim
+braucht. Solche weite Reise, da geht ja gleich die Hälfte drauf. Oder
+vielleicht auch das Ganze.«
+
+»War es denn schon in dem Brief?«
+
+»I, bewahre. Blos die Anzeige von meinem Schwager, und daß das Geld in
+Berlin gehoben werden kann. Ich schicke morgen meine Frau. Sie versauert
+hier ohnehin.«
+
+»Versteht sich,« sagte Mietzel, der sich immer ärgerte, wenn von dem
+»Versauern« der Frau Hradscheck die Rede war. »Versteht sich, laß sie
+nur reisen; Berlin, das ist so was für die Frau Baronin. Und vielleicht
+bringt sie Dir gleich wieder ein Atlassopha mit. Oder 'nen Trumeau. So
+heißt es ja wohl? Bei so was Feinem muß unserein immer erst fragen. Der
+Bauer ist ja zu dumm.«
+
+ * * *
+
+Frau Hradscheck reiste wirklich ab, um die geerbte Summe von Berlin zu
+holen, was schon im Voraus das Gerede der ebenso neidischen wie reichen
+Bauernfrauen weckte, vor allen der Frau Quaas, die sich, ihrer
+gekrausten blonden Haare halber, ganz einfach für eine Schönheit hielt
+und aus dem Umstande, daß sie 20 Jahre jünger war als ihr Mann, ihr
+Recht zu fast eben so vielen Liebschaften herleitete. Was gut aussah,
+war ihr ein Dorn im Auge, zumeist aber die Hradscheck, die nicht nur
+stattlicher und klüger war als sie selbst, sondern zum Überfluß auch
+noch in Verdacht stand (wenn auch freilich mit Unrecht), den ältesten
+Kantorssohn -- einen wegen Demagogie relegirten Thunichtgut, der nun bei
+dem Vater auf der Bärenhaut lag -- zu Spottversen auf die Tschechiner und
+ganz besonders auf die gute Frau Quaas angestiftet zu haben. Es war eine
+lange Reimerei, drin jeder was wegkriegte. Der erste Vers aber lautete:
+
+ Woytasch hat den Schulzen-Stock,
+ Kunicke 'nen langen Rock,
+ Mietzel ist ein Hobelspahn,
+ Quaas hat keinem was gethan,
+ Nicht mal seiner eignen Frau,
+ Kätzchen weiß es ganz genau.
+ Miau, miau.
+
+Dergleichen konnte nicht verziehen werden, am wenigsten solcher
+Bettelperson wie dieser hergelaufenen Frau Hradscheck, die nun mal für
+die Schuldige galt. Das stand bei Kätzchen fest.
+
+»Ich wette,« sagte sie zur Mietzel, als diese denselben Abend noch, an
+dem die Hradscheck abgereist war, auf der Ölmühle vorsprach, »ich wette,
+daß sie mit einem Sammthut und einer Straußenfeder wiederkommt. Sie kann
+sich nie genug thun, diese zierige Person, trotz ihrer vierzig. Und
+alles blos, weil sie 'Swein' sagt und nicht 'switzen' kann, auch wenn
+sie drei Kannen Fliederthee getrunken. Sie sagt aber nicht Fliederthee,
+sie sagt Hollunder. Und das soll denn was sein. Ach, liebe Mietzel, es
+ist zum Lachen.«
+
+»Ja, ja!« stimmte die Mietzel ein, schien aber geneigt, die größere
+Schuld auf Hradscheck zu schieben, der sich einbilde, Wunder was Feines
+geheirathet zu haben. Und sei doch blos 'ne Kattolsche gewesen und
+vielleicht auch 'ne Springerin; wenigstens habe sie so was munkeln
+hören. »Und überhaupt, der gute Hradscheck,« fuhr sie fort, »er soll
+doch nur still sein. In Neu-Lewin reden sie nicht viel Gutes von ihm.
+Die Rese hat er sitzen lassen. Und mit eins war sie weg und keiner weiß
+wie und warum. Und war auch von Ausgraben die Rede, bis unser alter
+Woytasch 'rüber fuhr und alles wieder still machte. Natürlich, er will
+keinen Lärm haben und is 'ne Suse. Zu Hause darf er ohnehin nicht reden.
+Oder ob er der Hradschecken nach den Augen sieht? Sie hat so was. Und
+ich sage blos, wenn wir alles hergelaufene Volk ins Dorf kriegen, so
+haben wir nächstens auch die Zigeuner hier und Frau Woytasch kann sich
+dann nach 'nem Schwiegersohn umsehn. Zeit wird es mit der Rike; dreißig
+is sie ja schon.«
+
+So ging gleich am ersten Tage das Geklatsch. Als aber eine halbe Woche
+später die Hradscheck gerade so wieder kam, wie sie gegangen war, das
+heißt ohne Sammthut und Straußenfeder, und noch ebenso grüßte, ja
+womöglich noch artiger als vorher, da trat ein Umschlag ein, und man
+fing an, sie gelten zu lassen und sich einzureden, daß die Erbschaft sie
+verändert habe.
+
+»Man sieht doch gleich,« sagte die Quaas, »daß sie jetzt was haben.
+Sonst sollte das immer was sein, und sie logen einen grausam an, und war
+eigentlich nicht zum Aushalten. Aber gestern war sie anders und sagte
+ganz klein und bescheiden, daß es nur wenig sei.«
+
+»Wie viel mag es denn wohl sein?« unterbrach hier die Mietzel. »Ich
+denke mir so tausend Thaler.«
+
+»O mehr, viel mehr. Wenn es nicht mehr wäre, wäre sie nicht _so_; da
+zierte sie sich ruhig weiter. Nein, liebe Mietzel, da hat man denn doch
+so seine Zeichen, und denken Sie sich, als ich sie gestern frug, 'ob es
+ihr nicht ängstlich gewesen wäre, so ganz allein mit dem vielen Geld',
+da sagte sie: 'nein, es wär' ihr nicht ängstlich gewesen, denn sie habe
+nur wenig mitgebracht, eigentlich nicht der Rede werth. Das Meiste habe
+sie bei dem Kaufmann in Berlin gleich stehen lassen.' Ich weiß ganz
+bestimmt, sie sagte: das Meiste. So wenig kann es also nicht sein.«
+
+ * * *
+
+Unterredungen, wie diese, wurden ein paar Wochen lang in jedem
+Tschechiner Hause geführt, ohne daß man mit Hilfe derselben im
+Geringsten weiter gekommen wäre, weßhalb man sich schließlich hinter den
+Postboten steckte. Dieser aber war entweder schweigsam oder wußte
+nichts, und erst Mitte November erfuhr man von ihm, daß er neuerdings
+einen rekommandirten Brief bei den Hradschecks abgegeben habe.
+
+»Von woher denn?«
+
+»Aus Krakau.«
+
+Man überlegte sich's, ob das in irgend einer Beziehung zur Erbschaft
+stehen könne, fand aber nichts.
+
+Und war auch nichts zu finden. Denn der eingeschriebene Brief lautete:
+
+
+ »_Krakau_, den 9. November 1831.
+
+Herrn _Abel Hradscheck_ in Tschechin. Oderbruch.
+
+Ew. Wohlgeboren bringen wir hiermit zu ganz ergebenster Kenntniß, daß
+unser Reisender, Herr Szulski, wie alljährlich so auch in diesem Jahre
+wieder, in der letzten Novemberwoche, bei Ihnen eintreffen und Ihre
+weitern geneigten Aufträge in Empfang nehmen wird. Zugleich aber
+gewärtigen wir, daß Sie, hochgeehrter Herr, bei dieser Gelegenheit
+Veranlassung nehmen wollen, unsre seit drei Jahren anstehende Forderung
+zu begleichen. Wir rechnen um so bestimmter darauf, als es uns, durch
+die politischen Verhältnisse des Landes und den Rückschlag derselben auf
+unser Geschäft, unmöglich gemacht wird, einen ferneren Kredit zu
+bewilligen. Genehmigen Sie die Versicherung unserer Ergebenheit.
+
+ Olszewski-Goldschmidt & Sohn.«
+
+
+Hradscheck, als er diesen Brief empfangen hatte, hatte nicht gesäumt,
+auch seine Frau mit dem Inhalte desselben bekannt zu machen. Diese blieb
+anscheinend ruhig, nur um ihre Lippen flog ein nervöses Zittern.
+
+»Wo willst Du's hernehmen, Abel? Und doch muß es geschafft werden. Und
+ihm eingehändigt werden ... Und zwar vor Zeugen. Willst Du's borgen?«
+
+Er schwieg.
+
+»Bei Kunicke?«
+
+»Nein. Geht nicht. Das sieht aus nach Verlegenheit. Und die darf es nach
+der Erbschaftsgeschichte nicht mehr geben. Und giebt's auch nicht. Ich
+glaube, daß ich's schaffe.«
+
+»Gut. Aber wie?«
+
+»Bis zum 30. hab' ich noch die Feuerkassengelder.«
+
+»Die reichen nicht.«
+
+»Nein. Aber doch beinah. Und den Rest deck' ich mit einem kleinen
+Wechsel. Ein großer geht nicht, aber ein kleiner ist gut und eigentlich
+besser als baar.«
+
+Sie nickte.
+
+Dann trennte man sich, ohne daß weiter ein Wort gewechselt worden wäre.
+
+Was zwischen ihnen zu sagen war, war gesagt und jedem seine Rolle
+zugetheilt. Nur fanden sie sich sehr verschieden hinein, wie schon die
+nächste Minute zeigen sollte.
+
+Hradscheck, voll Beherrschung über sich selbst, ging in den Laden, der
+gerade voll hübscher Bauernmädchen war, und zupfte hier der einen am
+Busentuch, während er der andern die Schürzenbänder aufband. Einer Alten
+aber gab er einen Kuß. »Einen Kuß in Ehren darf niemand wehren -- nich
+wahr, Mutter Schickedanz?«
+
+Mutter Schickedanz lachte.
+
+Der _Frau_ Hradscheck aber fehlten die guten Nerven, deren ihr Gatte
+sich rühmen konnte. Sie ging in ihr Schlafzimmer, sah in den Garten und
+überschlug ihr Leben. Dabei murmelte sie halb unverständliche Worte vor
+sich hin und schien, den Bewegungen ihrer Hand nach, einen Rosenkranz
+abzubeten. Aber es half alles nichts. Ihr Athem blieb schwer, und sie
+riß endlich das Fenster auf, um die frische Luft einzusaugen.
+
+So vergingen Stunden. Und als Mittag kam, kamen nur Hradscheck und Ede
+zu Tisch.
+
+
+
+
+ V.
+
+
+Es war Ende November, als an einem naßkalten Abende der von der Krakauer
+Firma angekündigte Reisende vor Hradscheck's Gasthof vorfuhr. Er kam von
+Küstrin und hatte sich um ein paar Stunden verspätet, weil die vom Regen
+aufgeweichten Bruchwege beinah unpassirbar gewesen waren, am meisten im
+Dorfe selbst. Noch die letzten dreihundert Schritt von der Orth'schen
+Windmühle her hatten ein gut Stück Zeit gekostet, weil das ermüdete
+Pferd mitunter stehen blieb und trotz allem Fluchen nicht weiter wollte.
+Jetzt aber hielt der Reisende vor der Ladenthür, durch deren trübe
+Scheiben ein Lichtschein auf den Damm fiel, und knipste mit der
+Peitsche.
+
+»Halloh; Wirthschaft!«
+
+Eine Weile verging, ohne daß wer kam. Endlich erschien der Ladenjunge,
+lief aber, als er den Tritt heruntergeklappt hatte, gleich wieder weg,
+»weil er den Knecht, den Jakob, rufen wolle.«
+
+»Gut, gut. Aber flink ... Is das ein Hundewetter!«
+
+Unter solchen und ähnlichen Ausrufungen schlug der jetzt wieder allein
+gelassene Reisende das Schutzleder zurück, hing den Zügel in den
+freigewordenen Haken und kletterte, halb erstarrt und unter Vermeidung
+des Tritts, dem er nicht recht zu trauen schien, über das Rad weg auf
+eine leidlich trockene, grad' vor dem Laden-Eingange durch Aufschüttung
+von Müll und Schutt hergerichtete Stelle. Wolfsschur und Pelzmütze
+hatten ihm Kopf und Leib geschützt, aber die Füße waren wie todt, und er
+stampfte hin und her, um wieder Leben ins Blut zu bringen.
+
+Und jetzt erschien auch Jakob, der den Reisenden schon von früher her
+kannte.
+
+»Jott, Herr Szulski, bi so'n Wetter! Un so'ne Weg'! I, doa kümmt joa
+keen Düwel nich.«
+
+»Aber ich,« lachte Szulski.
+
+»Joa, blot _Se_, Herr Szulski. Na, nu geihen's man in de Stuw'. Un dat
+Fellisen besorg' ick. Un will ook glieks en beten wat inböten. Ick weet
+joa: de Giebelstuw, de geele, de noah de Kegelboahn to.«
+
+Während er noch so sprach, hatte Jakob den Koffer auf die Schulter
+genommen und ging, dem Reisenden vorauf, auf die Treppe zu; als er aber
+sah, daß Szulski, statt nach links hin in den Laden, nach rechts hin in
+das Hradscheck'sche Wohnzimmer eintreten wollte, wandt' er sich wieder
+und sagte: »Nei, nich doa, Herr Szulski. Hradscheck is in de Wienstuw
+... Se weeten joa.«
+
+»Sind denn Gäste da?«
+
+»Versteiht sich. Wat arme Lüd' sinn, na, de bliewen to Huus, awers
+Oll-Kunicke kümmt, un denn kümmt Orth ook. Un wenn Orth kümmt, denn
+kümmt ook Quaas un Mietzel. Geihen's man in. Se tempeln all wedder.«
+
+ * * *
+
+Eine Stunde später war der Reisende, Herr Szulski, der eigentlich ein
+einfacher Schulz aus Beuthen in Oberschlesien war und den National-Polen
+erst mit dem polnischen Sammtrock sammt Schnüren und Knebelknöpfen
+angezogen hatte, der Mittelpunkt der kleinen, auch heute wieder in der
+Weinstube versammelten Tafelrunde. Das Geschäftliche war in Gegenwart
+von Quaas und Kunicke rasch abgemacht und die hochaufgelaufene
+Schuldsumme, ganz wie gewollt, durch Baarzahlung und kleine Wechsel
+beglichen worden, was dem Pseudo-Polen, der eine so rasche Regulirung
+kaum erwartet haben mochte, Veranlassung gab, einiges von dem von seiner
+Firma gelieferten Ruster bringen zu lassen.
+
+»Ich kenne die Jahrgänge, meine Herren, und bitt' um die Ehr'.«
+
+Die Bauern stutzten einen Augenblick, sich so zu Gaste geladen zu sehen,
+aber sich rasch erinnernd, daß einige von ihnen bis ganz vor Kurzem noch
+zu den Kunden der Krakauer Firma gehört hatten, sahen sie das Anerbieten
+schließlich als einen bloßen Geschäftsakt an, den man sich gefallen
+lassen könne. Was aber den Ausschlag gab, war, daß man durchaus von dem
+eben beendigten polnischen Aufstand hören wollte, von Diebitsch und
+Paskewitsch, und vor allem, ob es nicht bald wieder losgehe.
+
+Szulski, wenn irgendwer, mußte davon wissen.
+
+Als er das vorige Mal in ihrer Mitte weilte, war es ein paar Wochen vor
+Ausbruch der Insurrektion gewesen. Alles, was er damals als nahe
+bevorstehend prophezeit hatte, war eingetroffen und lag jetzt zurück,
+Ostrolenka war geschlagen und Warschau gestürmt, welchem Sturme der
+zufällig in der Hauptstadt anwesende Szulski zum Mindesten als
+Augenzeuge, vielleicht auch als Mitkämpfer (er ließ dies vorsichtig im
+Dunkel) beigewohnt hatte. Das alles traf sich trefflich für unsere
+Tschechiner, und Szulski, der als guter Weinreisender natürlich auch ein
+guter Erzähler war, schwelgte förmlich in Schilderung der polnischen
+Heldenthaten, wie nicht minder in Schilderung der Grausamkeiten, deren
+sich die Russen schuldig gemacht hatten. Eine Haus-Erstürmung in der
+Dlugastraße, just da, wo diese mit ihren zwei schmalen Ausläufern die
+Weichsel berührt, war dabei sein Paradepferd.
+
+»Wie hieß die Straße?« fragte Mietzel, der nach Art aller verquienten
+Leute bei Kriegsgeschichten immer hochroth wurde.
+
+»Dlugastraße,« wiederholte Szulski mit einer gewissen gekünstelten Ruhe.
+»Dluga, Herr Mietzel. Und das Eckhaus, um das es sich in meiner
+Geschichte handelt, stand dicht an der Weichsel, der Vorstadt Praga
+grad' gegenüber, und war von unseren Akademikern und Polytechnikern
+besetzt, das heißt von den Wenigen, die von ihnen noch übrig waren, denn
+die meisten lagen längst draußen auf dem Ehrenfelde. Gleichviel indeß,
+was von ihnen noch lebte, das steckte jetzt in dem vier Etagen hohen
+Hause, von Treppe zu Treppe bis unters Dach. Auf dem abgedeckten Dach
+aber befanden sich Frauen und Kinder, die sich hier hinter Balkenlagen
+verschanzt und mit herangeschleppten Steinen bewaffnet hatten. Als nun
+die Russen, es war das Regiment Kaluga, bis dicht heran waren, rührten
+sie die Trommel zum Angriff. Und so stürmten sie dreimal, immer umsonst,
+immer mit schwerem Verlust, so dicht fiel der Steinhagel auf sie nieder.
+Aber das vierte Mal kamen sie bis an die verrammelte Thür, stießen sie
+mit Kolben ein und sprangen die Treppe hinauf. Immer höher zogen sich
+unsere Tapferen zurück, bis sie zuletzt, mit den Frauen und Kindern und
+im bunten Durcheinander mit diesen, auf dem abgedeckten Dache standen.
+Da sah ich jeden Einzelnen so deutlich vor mir, wie ich _Sie_ jetzt
+sehe, Bauer Mietzel« -- dieser fuhr zurück -- »denn ich hatte meine
+Wohnung in dem Hause gegenüber und sah, wie sie die Konfederatka
+schwenkten, und hörte, wie sie unser Lied sangen: 'Noch ist Polen nicht
+verloren.' Und bei meiner Ehre, _hier_, an dieser Stelle, hätten sie
+sich trotz aller Übermacht des Feindes gehalten, wenn nicht plötzlich,
+von der Seite her, ein Hämmern und Schlagen hörbar geworden wäre, ein
+Hämmern und Schlagen sag' ich, wie von Äxten und Beilen.«
+
+»Wie? Was? Von Äxten und Beilen?« wiederholte Mietzel, dem sein bischen
+Haar nachgerade zu Berge stand. »Was war es?«
+
+»Ja, was war es? Vom Nachbarhause her ging man vor; jetzt war ein Loch
+da, jetzt eine Bresche, und durch die Bresche hin drang das russische
+Regiment auf den Dachboden vor. Was ich da gesehen habe, spottet jeder
+Beschreibung. Wer einfach niedergeschossen wurde, konnte von Glück
+sagen, die meisten aber wurden durch einen Bajonettstoß auf die Straße
+geschleudert. Es war ein Graus, meine Herren. Eine Frau wartete das
+Massacre, ja, vielleicht Schimpf und Entehrung (denn dergleichen ist
+vorgekommen) nicht erst ab; sie nahm ihre beiden Kinder an die Hand und
+stürzte sich mit ihnen in den Fluß.«
+
+»Alle Wetter,« sagte Kunicke, »das ist stark! Ich habe doch auch ein
+Stück Krieg mitgemacht und weiß wohl, wo man Holz fällt, fallen Spähne.
+So war es bei Möckern, und ich sehe noch unsren alten Krosigk, wie der
+den Marinekaptän über den Haufen stach, und wie dann das Kolbenschlagen
+losging, bis alle dalagen. Aber Frauen und Kinder! Alle Wetter, Szulski,
+das ist scharf. Is es denn auch wahr?«
+
+»Ob es wahr ist? Verzeihung, ich bin kein Aufschneider, Herr Kunicke.
+Kein Pole schneidet auf, das verachtet er. Und ich auch. Aber was ich
+gesehn habe, das hab' ich gesehn, und eine Thatsache bleibt eine
+Thatsache, sie sei wie sie sei. Die Dame, die da herunter sprang (und
+ich schwör' Ihnen, meine Herren, es _war_ eine Dame), war eine schöne
+Frau, keine 36, und so wahr ein Gott im Himmel lebt, ich hätt' ihr was
+Bessres gewünscht, als diese naßkalte Weichsel.«
+
+Kunicke schmunzelte, während der neben anderen Schwächen und Leiden auch
+an einer Liebesader leidende Mietzel nicht umhin konnte, seiner nervösen
+Erregtheit plötzlich eine ganz neue Richtung zu geben. Szulski selbst
+aber war viel zu sehr von sich und seiner Geschichte durchdrungen, um
+nebenher noch zu Zweideutigkeiten Zeit zu haben, und fuhr, ohne sich
+stören zu lassen, fort: »Eine schöne Frau, sagt' ich, und hingemordet.
+Und was das Schlimmste dabei, nicht hingemordet durch den Feind, nein,
+durch uns selbst; hingemordet, weil wir verrathen waren. Hätte man uns
+freie Hand gelassen, kein Russe wäre je über die Weichsel gekommen. Das
+Volk war gut, Bürger und Bauer waren gut, alles einig, alles da mit Gut
+und Blut. Aber der Adel! Der Adel hat uns um dreißig Silberlinge
+verschachert, bloß weil er an sein Geld und seine Güter dachte. Und wenn
+der Mensch erst an sein Geld denkt, ist er verloren.«
+
+»Kann ich nicht zugeben,« sagte Kunicke. »Jeder denkt an sein Geld. Alle
+Wetter, Szulski, das sollt' unsrem Hradscheck schon gefallen, wenn der
+Reisende von Olszewski-Goldschmidt und Sohn alle November hier
+vorspräch' und nie an Geld dächte. Nicht wahr, Hradscheck, da ließe sich
+bald auf einen grünen Zweig kommen und brauchte keine Schwester oder
+Schwägerin zu sterben und keine Erbschaft ausgezahlt zu werden.«
+
+»Ah, Erbschaft,« wiederholte Szulski. »So, so; daher. Nun, gratulire.
+Habe neulich auch einen Brocken geerbt und in Lemberg angelegt. Lemberg
+ist besser als Krakau. Ja, das muß wahr sein, Erbschaft ist die beste
+Art zu Gelde zu kommen, die beste und eigentlich auch die
+anständigste ...«
+
+»Und namentlich auch die leichteste,« bestätigte Kunicke. »Ja, das liebe
+Geld. Und wenn's viel ist, das heißt _sehr_ viel, dann darf man auch
+dran denken! Nicht wahr, Szulski?«
+
+»Natürlich,« lachte dieser. »Natürlich, wenn's viel ist. Aber, Bauer
+Kunicke, denken und denken ist ein Unterschied. Man muß _wissen_, daß
+man's hat, soviel ist richtig, das ist gut und ein angenehmes Gefühl und
+stört nicht ...«
+
+»Nein, nein, stört nicht.«
+
+»Aber, meine Herren, ich muß es wiederholen, denken und denken ist ein
+Unterschied. An Geld _immer_ denken, bei Tag und bei Nacht, das ist
+soviel, wie sich immer drum ängstigen. Und ängstigen soll man sich
+nicht. Wer auf Reisen ist und immer an seine Frau denkt, der ängstigt
+sich um seine Frau.«
+
+»Freilich,« schrie Kunicke. »Quaas ängstigt sich auch immer.«
+
+Alle lachten unbändig, und nur Szulski selbst, der auch darin durchaus
+Anekdoten- und Geschichten-Erzähler von Fach war, daß er sich nicht gern
+unterbrechen ließ, fuhr mit allem erdenklichen Ernste fort: »Und wie mit
+der Frau, meine Herren, so mit dem Geld. Nur nicht ängstlich; haben muß
+man's, aber man muß nicht ewig daran denken. Oft muß ich lachen, wenn
+ich so sehe, wie der oder jener im Postwagen oder an der Table d'hôte
+mit einem Male nach seiner Brieftasche faßt, 'ob er's auch noch hat'.
+Und dann athmet er auf und ist ganz roth geworden. Das ist immer
+lächerlich und schadet blos. Und auch das Einnähen hilft nichts, das ist
+ebenso dumm. Ist der Rock weg, ist auch das Geld weg. Aber was man auf
+seinem Leibe hat, das hat man. All die andern Vorsichten sind Unsinn.«
+
+»Recht so,« sagte Hradscheck. »So mach' ich's auch. Aber wir sind bei
+dem Geld und dem Einnähen ganz von Polen abgekommen. Ist es denn wahr,
+Szulski, daß sie Diebitschen vergiftet haben?«
+
+»Versteht sich, es ist wahr.«
+
+»Und die Geschichte mit den elf Talglichten auch? Auch wahr?«
+
+»Alles wahr,« wiederholte Szulski. »Daran ist kein Zweifel. Und es kam
+so. Constantin wollte die Polen ärgern, weil sie gesagt hatten, die
+Russen fräßen bloß Talg. Und da ließ er, als er eines Tages elf Polen
+eingeladen hatte, zum Dessert elf Talglichte herumreichen, das zwölfte
+aber war von Marzipan und natürlich für ihn. Und versteht sich nahm er
+immer zuerst, dafür war er Großfürst und Vicekönig. Aber das eine Mal
+vergriff er sich doch und da hat er's runter würgen müssen.«
+
+»Wird nicht sehr glatt gegangen sein.«
+
+»Gewiß nicht ... Aber, Ihr Herren, kennt Ihr denn schon das neue
+Polenlied, das sie jetzt singen?«
+
+»Denkst Du daran -- --«
+
+»Nein, das ist alt. Ein neues.«
+
+»Und heißt?«
+
+»Die letzten Zehn vom vierten Regiment ... Wollt Ihr's hören? Soll ich
+es singen?«
+
+»Freilich.«
+
+»Aber Ihr müßt einfallen ...«
+
+»Versteht sich, versteht sich.«
+
+Und nun sang Szulski, nachdem er sich geräuspert hatte:
+
+ Zu Warschau schwuren tausend auf den Knieen:
+ Kein Schuß im heil'gen Kampfe sei gethan,
+ Tambour schlag' an, zum Blachfeld laßt uns ziehen,
+ Wir greifen nur mit Bajonetten an!
+ Und ewig kennt das Vaterland und nennt
+ Mit stillem Schmerz sein _viertes_ Regiment.
+
+»Einfallen! Chorus.« »Weiter, Szulski, weiter.«
+
+ Ade, ihr Brüder, die zu Tod getroffen
+ An unsrer Seite dort wir stürzen sahn,
+ Wir leben noch, die Wunden stehen offen
+ Und um die Heimath ewig ist's gethan;
+ Herr Gott im Himmel, schenk' ein gnädig End'
+ Uns letzten Zehn vom vierten Regiment.
+
+Chorus:
+
+ »Uns letzten Zehn vom vierten Regiment.«
+
+Alles jubelte. Dem alten Quaas aber traten seine schon von Natur
+vorstehenden Augen immer mehr aus dem Kopf.
+
+»Wenn ihn jetzt seine Frau sähe,« rief Kunicke.
+
+»Da hätt' er Oberwasser.«
+
+»Ja, ja.«
+
+Und nun stieß man an und ließ die Polen leben. Nur Kunicke, der an
+#anno# 13 dachte, weigerte sich und trank auf die Russen. Und zuletzt
+auch auf Quaas und Kätzchen.
+
+Mietzel aber war ganz übermüthig und halb wie verdreht geworden und
+sang, als er Kätzchens Namen hörte, mit einem Male:
+
+ »Nicht mal seiner eignen Frau,
+ Kätzchen weiß es ganz genau.
+ Miau.«
+
+Quaas sah verlegen vor sich hin. Niemand indessen dachte mehr an
+Übelnehmen.
+
+Und nun wurde der Ladenjunge gerufen, um neue Flaschen zu bringen.
+
+
+
+
+ VI.
+
+
+So ging es bis Mitternacht. Der schräg gegenüber wohnende Kunicke wollte
+noch bleiben und machte spitze Reden, daß Szulski, der schon ein paarmal
+zum Aufbruch gemahnt, so müde sei. Der aber ließ sich weder durch Spott
+noch gute Worte länger zurück halten; »er müsse morgen um neun in
+Frankfurt sein.« Und damit nahm er den bereitstehenden Leuchter, um in
+seine Giebelstube hinaufzusteigen. Nur als er die Thürklinke schon in
+der Hand hatte, wandt' er sich noch einmal und sagte zu Hradscheck:
+»Also vier Uhr, Hradscheck. Um fünf muß ich weg. Und versteht sich, ein
+Kaffee. Guten Abend, Ihr Herren. Allerseits wohl zu ruhn!«
+
+ * * *
+
+Auch die Bauern gingen; ein starker Regen fiel und alle fluchten über
+das scheußliche Wetter. Aber keine Stunde mehr, so schlug es um, der
+Regen ließ nach und ein heftiger Südost fegte statt seiner über das
+Bruch hin. Seine Heftigkeit wuchs von Minute zu Minute, so daß allerlei
+Schaden an Häusern und Dächern angerichtet wurde, nirgends aber mehr als
+an dem Hause der alten Jeschke, das grad' in dem Windstrome lag, der,
+von der andern Seite der Straße her, zwischen Kunicke's Stall und
+Scheune mitten durchfuhr. Klappernd kamen die Ziegel vom Dachfirst
+herunter und schlugen mit einem dumpfen Geklatsch in den aufgeweichten
+Boden.
+
+»Dat's joa groad', as ob de Bös kümmt,« sagte die Alte und richtete sich
+in die Höh', wie wenn sie aufstehen wolle. Das Herausklettern aus dem
+hochstelligen Bett aber schien ihr zu viel Mühe zu machen, und so
+klopfte sie nur das Kopfkissen wieder auf und versuchte weiter zu
+schlafen. Freilich umsonst. Der Lärm draußen und die wachsende Furcht,
+ihren ohnehin schadhaften Schornstein in die Stube hinabstürzen zu sehn,
+ließen sie mit ihrem Versuche nicht weit kommen, und so stand sie
+schließlich doch auf und tappte sich an den Herd hin, um hier an einem
+bischen Aschengluth einen Schwefelfaden und dann das Licht anzuzünden.
+Zugleich warf sie reichlich Kienäpfel auf, an denen sie nie Mangel litt,
+seit sie letzten Herbst dem vierjährigen Jungen von Förster Nothnagel,
+drüben in der neumärkischen Haide, das freiwillige Hinken wegkurirt
+hatte.
+
+Das Licht und die Wärme thaten ihr wohl, und als es ein paar Minuten
+später in dem immer bereit stehenden Kaffeetopfe zu dampfen und zu
+brodeln anfing, hockte sie neben dem Herde nieder und vergaß über ihrem
+Behagen den Sturm, der draußen heulte. Mit einem Mal aber gab es einen
+Krach, als bräche was zusammen, ein Baum oder ein Strauchwerk, und so
+ging sie denn mit dem Licht ans Fenster und, weil das Licht hier
+blendete, vom Fenster her in die Küche, wo sie den obern Thürladen rasch
+aufschlug, um zu sehn, was es sei. Richtig, ein Theil des Gartenzauns
+war umgeworfen, und als sie das niedergelegte Stück nach links hin bis
+an das Kegelhäuschen verfolgte, sah sie, zwischen den Pfosten der
+Lattenrinne hindurch, daß in dem Hradscheck'schen Hause noch Licht war.
+Es flimmerte hin und her, mal hier, mal da, so daß sie nicht recht sehen
+konnte, woher es kam, ob aus dem Kellerloch unten oder aus dem dicht
+darüber gelegenen Fenster der Weinstube.
+
+»Mien Jott, supen se noch?« fragte die Jeschke vor sich hin. »Na,
+Kunicke is et kumpafel. Un dann seggt he hinnerher, dat Wedder wihr
+Schull un he künn nich anners.«
+
+Unter dieser Betrachtung schloß sie den Thürladen wieder und ging an
+ihre Herdstätte zurück. Aber ihr Hang zu spioniren ließ ihr keine Ruh,
+und trotzdem der Wind immer stärker geworden war, suchte sie doch die
+Küche wieder auf und öffnete den Laden noch einmal, in der Hoffnung 'was
+zu sehen. Eine Weile stand sie so, ohne daß etwas geschehen wäre, bis
+sie, als sie sich schon zurückziehn wollte, drüben plötzlich die
+Hradscheck'sche Gartenthür auffliegen und Hradscheck selbst in der
+Thüröffnung erscheinen sah. Etwas Dunkles, das er schon vorher
+herangeschafft haben mußte, lag neben ihm. Er war in sichtlicher
+Erregung und sah gespannt nach ihrem Hause hinüber. Und dann war's ihr
+doch wieder, als ob er wolle, _daß_ man ihn sähe. Denn wozu sonst das
+Licht, in dessen Flackerschein er dastand? Er hielt es immer noch vor
+sich, es mit der Hand schützend, und schien zu schwanken, wohin damit.
+Endlich aber mußt' er eine geborgene Stelle gefunden haben, denn das
+Licht selbst war weg und statt seiner nur noch ein Schein da, viel zu
+schwach, um den nach wie vor in der Thüröffnung liegenden dunklen
+Gegenstand erkennen zu lassen. Was war es? Eine Truhe? Nein. Dazu war es
+nicht lang genug. Oder ein Korb, eine Kiste? Nein, auch das nicht.
+
+»Wat he man hett?« murmelte sie vor sich hin.
+
+Aber ehe sie sich, aus ihren Muthmaßungen heraus, ihre Frage noch
+beantworten konnte, sah sie, wie der ihr auf Minuten aus dem Auge
+gekommene Hradscheck von der Thür her in den Garten trat und mit einem
+Spaten in der Hand rasch auf den Birnbaum zuschritt. Hier grub er eifrig
+und mit sichtlicher Hast und mußte schon ein gut Theil Erde
+herausgeworfen haben, als er mit einem Male das Graben aufgab und sich
+aufs Neue nach allen Seiten hin umsah. Aber auch jetzt wieder (so
+wenigstens schien es ihr) mehr in Spannung als in Angst und Sorge.
+
+»Wat he man hett?« wiederholte sie.
+
+Dann sah sie, daß er das Loch rasch wieder zuschüttete. Noch einen
+Augenblick und die Gartenthür schloß sich und alles war wieder dunkel.
+
+»Hm,« brummte die Jeschke. »Dat's joa binoah, as ob he een' abmurkst
+hett'. Na, so dull wahrd et joa woll nich sinn ... Nei, nei, denn wihr
+dat Licht nich. Awers ick tru em nich. Un ehr tru ick ook nich.«
+
+Und damit ging sie wieder bis an ihr Bett und kletterte hinein.
+
+Aber ein rechter Schlaf wollt' ihr nicht mehr kommen, und in ihrem
+halbwachen Zustande sah sie beständig das Flimmern im Kellerloch und
+dann den Lichtschein, der in den Garten fiel, und dann wieder
+Hradscheck, wie er unter dem Baume stand und grub.
+
+
+
+
+ VII.
+
+
+Um vier Uhr stieg der Knecht die Stiege hinauf, um Szulski zu wecken. Er
+fand aber die Stube verschlossen, weshalb er sich begnügte zu klopfen
+und durch das Schlüsselloch hineinzurufen: »Is vier, Herr Szulski;
+steihn's upp.« Er horchte noch eine Weile hinein, und als alles ruhig
+blieb, riß er an der klapprigen Thürklinke hin und her und wiederholte:
+»Steihn's upp, Herr Szulski, is Tied; ick spann nu an.« Und danach ging
+er wieder treppab und durch den Laden in die Küche, wo die
+Hradscheck'sche Magd, eine gutmüthige Person mit krausem Haar und vielen
+Sommersprossen, noch halb verschlafen am Herde stand und Feuer machte.
+
+»Na, Maleken, ook all rut? Wat seggst _Du_ dato? Klock vieren. Is doch
+Menschenschinnerei. Worümm nich um söss? Um söss wihr ook noch Tied. Na,
+nu koch' uns man en beten wat mit.«
+
+Und damit wollt' er von der Küche her in den Hof hinaus. Aber der Wind
+riß ihm die Thür aus der Hand und schlug sie mit Gekrach wieder zu.
+
+»Jott, Jakob, ick hebb mi so verfiert. Dat künn joa 'nen Doden
+uppwecken.«
+
+»Sall ook, Male. He hett joa 'nen Dodensloap. Nu wahrd he woll
+uppstoahn.«
+
+Eine halbe Stunde später hielt der Einspänner vor der Hausthür und
+Jakob, dem die Hände vom Leinehalten schon ganz klamm waren, sah
+ungeduldig in den Flur hinein, ob der Reisende noch nicht komme.
+
+Der aber war immer noch nicht zu sehen, und statt seiner erschien nur
+Hradscheck und sagte: »Geh hinauf, Jakob, und sieh nach, was es ist. Er
+ist am Ende wieder eingeschlafen. Und sag' ihm auch, sein Kaffee würde
+kalt ... Aber nein, laß nur; bleib. Er wird schon kommen.«
+
+Und richtig, er kam auch und stieg, während Hradscheck so sprach, gerade
+die nicht allzuhohe Treppe hinunter. Diese lag noch in Dunkel, aber ein
+Lichtschimmer vom Laden her ließ die Gestalt des Fremden doch
+einigermaßen deutlich erkennen. Er hielt sich am Geländer fest und ging
+mit besonderer Langsamkeit und Vorsicht, als ob ihm der große Pelz
+unbequem und beschwerlich sei. Nun aber war er unten, und Jakob, der
+alles neugierig verfolgte, was vorging, sah, wie Hradscheck auf ihn
+zuschritt und ihn mit vieler Artigkeit vom Flur her in die Wohnstube
+hinein komplimentirte, wo der Kaffee schon seit einer Viertelstunde
+wartete.
+
+»Na, nu wahrd et joa woll wihr'n,« tröstete sich der draußen immer
+ungeduldiger Werdende. »Kümmt Tied, kümmt Roath.« Und wirklich, ehe fünf
+Minuten um waren, erschien das Paar wieder auf dem Flur und trat von
+diesem her auf die Straße, wo der verbindliche Hradscheck nunmehr rasch
+auf den Wagen zuschritt und den Tritt herunter ließ, während der
+Reisende, trotzdem ihm die Pelzmütze tief genug im Gesicht saß, auch
+noch den Kragen seiner Wolfsschur in die Höhe klappte.
+
+»Das ist recht,« sagte Hradscheck. »Besser bewahrt, als beklagt. Und nun
+mach flink, Jakob, und hole den Koffer.«
+
+Dieser that auch wie befohlen, und als er mit dem Mantelsack wieder
+unten war, saß der Reisende schon im Wagen und hatte den von ihm als
+Trinkgeld bestimmten Gulden vor sich auf das Spritzleder gelegt. Ohne
+was zu sagen, wies er darauf hin und nickte nur, als Jakob sich
+bedankte. Dann nahm er die Leine ziemlich ungeschickt in die Hand, woran
+wohl die großen Pelzhandschuhe schuld sein mochten, und fuhr auf das
+Orth'sche Gehöft und die schattenhaft am Dorfausgange stehende Mühle zu.
+Diese ging nicht; der Wind wehte zu heftig.
+
+Hradscheck sah dem auf dem schlechten Wege langsam sich fortbewegenden
+Fuhrwerk eine Weile nach, sein Kopf war unbedeckt und sein spärlich
+blondes Haar flog ihm um die Stirn. Es war aber, als ob die Kühlung ihn
+erquicke. Als er wieder in den Flur trat, fand er Jakob, der sich das
+Guldenstück ansah.
+
+»Gefällt Dir wohl? Einen Gulden giebt nicht jeder. Ein feiner Herr!«
+
+»Dat sall woll sien. Awers worümm he man so still wihr? He seggte joa
+keen Wuhrt nich.«
+
+»Nein, er hatte wohl noch nicht ausgeschlafen,« lachte Hradscheck. »Is
+ja erst fünf.«
+
+»Versteiht sich. Klock feiv red' ick ook nich veel.«
+
+
+
+
+ VIII.
+
+
+Der Wind hielt an, aber der Himmel klärte sich, und bei hellem
+Sonnenschein fuhr um Mittag ein Jagdwagen vor dem Tschechiner Gasthause
+vor. Es war der Friedrichsauer Amtsrath; Trakehner Rapphengste, der
+Kutscher in Livrée. Hradscheck erschien in der Ladenthür und grüßte
+respektvoll, fast devot.
+
+»Tag, lieber Hradscheck; bringen Sie mir einen 'Luft' oder lieber gleich
+zwei; mein Kutscher wird auch nichts dagegen haben. Nicht wahr, Johann?
+Eine wahre Hundekälte. Und dabei diese Sonne.«
+
+Hradscheck verbeugte sich und rief in den Laden hinein: »Zwei
+Pfefferminz, Ede; rasch!« und wandte sich dann mit der Frage zurück,
+womit er sonst noch dienen könne?
+
+»_Mir_ mit nichts, lieber Hradscheck, aber andren Leuten. Oder
+wenigstens der Obrigkeit. Da liegt ein Fuhrwerk unten in der Oder,
+wahrscheinlich fehlgefahren und in der Dunkelheit vom Damm gestürzt.«
+
+»Wo, Herr Amtsrath?«
+
+»Hier gleich. Keine tausend Schritt hinter Orth's Mühle.«
+
+»Gott im Himmel, ist es möglich! Aber wollen der Herr Amtsrath nicht
+bei Schulze Woytasch mit vorfahren?«
+
+»Kann nicht, Hradscheck; ist mir zu sehr aus der Richt. Der Reitweiner
+Graf erwartet mich und habe mich schon verspätet. Und zu helfen ist
+ohnehin nicht mehr, soviel hab' ich gesehn. Aber alles muß doch seinen
+Schick haben, auch Tod und Unglück. Adieu ... Vorwärts!«
+
+Und damit gab er dem Kutscher einen Tipp auf die Schulter, der seine
+Trakehner wieder antrieb und wenigstens einen Versuch machte, trotz der
+grundlosen Wege das Versäumte nach Möglichkeit wieder einzubringen.
+
+ * * *
+
+Hradscheck machte gleich Lärm und schickte Jakob zu Schulze Woytasch,
+während er selbst zu Kunicke hinüber ging, der eben seinen Mittagsschlaf
+hielt.
+
+»Stör' Dich nicht gern um diese Zeit, Kunicke; Schlaf ist mir allemal
+heilig, und nun gar Deiner! Aber es hilft nichts, wir müssen hinaus. Der
+Friedrichsauer Amtsrath war eben da und sagte mir, daß ein Fuhrwerk in
+der Oder liege. Mein Gott, wenn es Szulski wäre!«
+
+»Wird wohl,« gähnte Kunicke, dem der Schlaf noch in allen Gliedern
+steckte, »wird wohl ... Aber er wollte ja nicht hören, als ich ihm
+gestern Abend sagte: 'nicht so früh, Szulski, nicht so früh ...' Denke
+doch blos voriges Jahr, wie die Post 'runter fiel und der arme Kerl von
+Postillon gleich mausetodt. Und der kannte doch unsern Damm! Und nu
+solch Pohlscher, solch Bruder Krakauer. Na, wir werden ja sehn.«
+
+Inzwischen hatte sich Kunicke zurecht gemacht und war erst in hohe
+Bruchstiefel und dann in einen dicken graugrünen Flausrock
+hineingefahren. Und nun nahm er seine Mütze vom Riegel und einen
+Pikenstock aus der Ecke.
+
+»Komm!«
+
+Damit traten er und Hradscheck vom Flur her auf die Treppenrampe hinaus.
+
+Der Wind blies immer stärker, und als Beide, so gut es ging, von oben
+her sich umsahen, sahen sie, daß Schulze Woytasch, der schon anderweitig
+von dem Unglück gehört haben mußte, die Dorfstraße herunter kam. Er
+hatte seine Ponies, brillante kleine Traber, einspannen lassen und fuhr,
+aller Polizeiregel zum Trotz, über den aufgeschütteten Gangweg hin, was
+er sich als Dorfobrigkeit schon erlauben konnte. Zudem durft' er sich
+mit Dringlichkeit entschuldigen. Als er dicht an Kunicke's Rampe heran
+war, hielt er und rief Beiden zu: »Wollt auch hinaus? Natürlich. Immer
+aufsteigen. Aber rasch.« Und im nächsten Augenblicke ging es auf dem
+aufgeschütteten Wege in vollem Trabe weiter, auf Orth's Gehöft und die
+Mühle zu. Hradscheck saß vorn neben dem Kutscher, Kunicke neben dem
+Schulzen. Das war so Regel und Ordnung, denn ein Bauerngut geht vor
+Gasthaus und Kramladen.
+
+Gleich hinter der Mühle begann die langsam und allmählich zum Damm
+ansteigende Schrägung. Oben war der Weg etwas besser, aber immer noch
+schlecht genug, so daß es sich empfahl, dicht am Dammrand entlang zu
+fahren, wo, wegen des weniger aufgeweichten Bodens, die Räder auch
+weniger tief einschnitten.
+
+»Paß Achtung,« sagte Woytasch, »sonst liegen wir auch unten.«
+
+Und der Kutscher, dem selber ängstlich sein mochte, lenkte sofort auf
+die Mitte des Damms hinüber, trotzdem er hier langsamer fahren mußte.
+
+Sah man von der Fährlichkeit der Situation ab, so war es eine
+wundervolle Fahrt und das sich weithin darbietende Bild von einer
+gewissen Großartigkeit. Rechtshin grüne Wintersaat, so weit das Auge
+reichte, nur mit einzelnen Tümpeln, Häusern und Pappelweiden dazwischen,
+zur Linken aber die von Regengüssen hoch angeschwollene Oder, mehr ein
+Haff jetzt als ein Strom. Wüthend kam der Südost vom jenseitigen Ufer
+herüber und trieb die graugelben Wellen mit solcher Gewalt an den Damm,
+daß es wie eine Brandung war. Und in eben dieser Brandung standen
+gekröpfte Weiden, nur noch den häßlichen Kopf über dem Wasser, während,
+auf der neumärkischen Seite, der blauschwarze Strich einer
+Kiefernwaldung in grellem, unheimlichem Sonnenscheine dalag.
+
+Bis dahin war außer des Schulzen Anruf an den Kutscher kein Wort laut
+geworden, jetzt aber sagte Hradscheck, indem er sich zu den beiden
+hinter ihm Sitzenden umdrehte: »Der Wind wird ihn runter geweht haben.«
+
+»Unsinn!« lachte Woytasch, »Ihr müßt doch sehn, Hradscheck, der Wind
+kommt ja von da, von drüben. Wenn _der_ schuld wäre, läg' er hier rechts
+vom Damm und nicht nach links hin in der Oder ... Aber seht nur, da
+wanken ja schon welche herum und halten sich die Hüte fest. Fahr' zu,
+daß wir nicht die Letzten sind.«
+
+Und eine Minute darauf hielten sie gerad an der Stelle, wo das Unglück
+sich zugetragen hatte. Wirklich, Orth war schon da, mit ihm ein paar
+seiner Mühlknechte, desgleichen Mietzel und Quaas, deren ausgebaute
+Gehöfte ganz in der Nähe lagen. Alles begrüßte sich und kletterte dann
+gemeinschaftlich den Damm hinunter, um unten genau zu sehen, wie's
+stünde. Die Böschung war glatt, aber man hielt sich an dem Werft- und
+Weidengestrüpp, das überall stand. Unten angekommen, sah man bestätigt,
+was von Anfang an niemand bezweifelt hatte: Szulski's Einspänner lag wie
+gekentert im Wasser, das Verdeck nach unten, die Räder nach oben; von
+dem Pferde sah man nur dann und wann ein von den Wellen überschäumtes
+Stück Hintertheil, während die Scheere, darin es eingespannt gewesen,
+wie ein Wahrzeichen aus dem Strom aufragte. Den Mantelsack hatten die
+Wellen an den Damm gespült und nur von Szulski selbst ließ sich nichts
+entdecken.
+
+»Er ist nach Kienitz hin weggeschwemmt,« sagte Schulze Woytasch. »Aber
+weit weg kann er nicht sein; die Brandung geht ja schräg gegen den
+Damm.«
+
+Und dabei marschirte man truppweise weiter, von Gestrüpp zu Gestrüpp,
+und durchsuchte jede Stelle.
+
+»Der Pelz muß doch oben auf schwimmen.«
+
+»Ja, der Pelz,« lachte Kunicke. »Wenn's blos der Pelz wär'. Aber der
+Pohlsche steckt ja drin.«
+
+Es war der Kunicke'sche Trupp, der so plauderte, ganz wie bei
+Dachsgraben und Hühnerjagd, während der den andern Trupp führende
+Hradscheck mit einem Male rief: »Ah, da ist ja seine Mütze!«
+
+Wirklich, Szulski's Pelzmütze hing an dem kurzen Geäst einer Kropfweide.
+
+»Nun, haben wir _die_,« fuhr Hradscheck fort, »so werden wir ihn auch
+selber bald haben.«
+
+»Wenn wir nur ein Boot hätten. Aber es kann hier nicht tief sein, und
+wir müssen immer peilen und Grund suchen.«
+
+Und so geschah's auch. Aber alles Messen und Peilen half nichts und es
+blieb bei der Mütze, die der eine der beiden Müllerknechte mittlerweile
+mit einem Haken herangeholt hatte. Zugleich wurde der Wind immer
+schneidender und kälter, so daß Kunicke, der noch von Möckern und
+Montmirail her einen Rheumatismus hatte, keine Lust mehr zur Fortsetzung
+verspürte. Schulze Woytasch auch nicht.
+
+»Ich werde Gensdarm Geelhaar nach Kienitz und Güstebiese schicken,«
+sagte dieser. »Irgendwo muß er doch antreiben. Und dann wollen wir ihm
+ein ordentliches Begräbniß machen. Nicht wahr, Hradscheck? Die Hälfte
+kann die Gemeinde geben.«
+
+»Und die andre Hälfte geben wir,« setzte Kunicke hinzu. »Denn wir sind
+doch eigentlich ein bischen schuld. Oder eigentlich ganz gehörig. Er war
+gestern Abend verdammt fißlig und man bloß noch so so. War er denn wohl
+kattolsch?«
+
+»Natürlich war er,« sagte Woytasch. »Wenn einer Szulski heißt und aus
+Krakau kommt, ist er kattolsch. Aber das schad't nichts. Ich bin für
+Aufklärung. Der alte Fritze war auch für Aufklärung. Jeder nach seiner
+Façon ...«
+
+»Versteht sich,« sagte Kunicke. »Versteht sich. Und dann am Ende, wir
+wissen auch nicht, das heißt, ich meine, so ganz bestimmt wissen wir
+nicht, ob er ein Kattolscher war oder nich. Un was man nich weiß, macht
+einen nich heiß. Nicht wahr, Quaas?«
+
+»Nein, nein. Was man nicht weiß, macht einen nicht heiß. Und Quaasen
+auch nicht.«
+
+Alle lachten und selbst Hradscheck, der bis dahin eine würdige
+Zurückhaltung gezeigt hatte, stimmte mit ein.
+
+
+
+
+ IX.
+
+
+Der Todte fand sich nicht, der Wagen aber, den man mühevoll aus dem
+Wasser heraufgeholt hatte, wurde nach dem Dorf geschafft und in
+Kunicke's große Scheune gestellt. Da stand er nun schon zwei Wochen, um
+entweder abgeholt oder auf Antrag der Krakauer Firma versteigert zu
+werden.
+
+Im Dorfe gab es inzwischen viel Gerede, das aller Orten darauf
+hinauslief: »es sei was passirt und es stimme nicht mit den Hradschecks.
+Hradscheck sei freilich ein feiner Vogel und Spaßmacher und könne
+Witzchen und Geschichten erzählen, aber er hab' es hinter den Ohren, und
+was die Frau Hradscheck angehe, die vor Vornehmheit nicht sprechen
+könne, so wisse jeder, stille Wasser seien tief. Kurzum es sei Beiden
+nicht recht zu traun und der Pohlsche werde wohl ganz wo anders liegen,
+als in der Oder.« Zum Überfluß griff auch noch unser Freund, der
+Kantorssohn, der sich jedes Skandals mit Vorliebe bemächtigte, in die
+Saiten seiner Leier, und allabendlich, wenn die Knechte, mit denen er
+auf Du und Du stand, vom Kruge her durchs Dorf zogen, sangen sie nach
+bekannter Melodie:
+
+ Morgenroth!
+ Abel schlug den Kain todt.
+ Gestern noch bei vollen Flaschen
+ Morgens ausgeleerte Taschen
+ Und ein kühles, kühles Gra-ab.
+
+All dies kam zuletzt auch dem Küstriner Gericht zu Ohren, und wiewohl es
+nicht viel besser als Klatsch war, dem alles Beweiskräftige fehlte, so
+sah sich der Vorsitzende des Gerichts, Justizrath Vowinkel, doch
+veranlaßt, an seinen Duz- und Logenbruder Eccelius einige Fragen zu
+richten und dabei Erkundigungen über das Vorleben der Hradschecks
+einzuziehen.
+
+Das war am 7. December, und noch am selben Tage schrieb Eccelius zurück:
+
+»Lieber Bruder. Es ist mir sehr willkommen, in dieser Sache das Wort
+nehmen und Zeugniß zu Gunsten der beiden Hradschecks ablegen zu können.
+Man verleumdet sie, weil man sie beneidet, besonders die Frau. Du kennst
+unsere Brücher; sie sind hochfahrend und steigern ihren Dünkel bis zum
+Haß gegen alles, was sich ihnen gleich oder wohl gar überlegen glaubt.
+Aber #ad rem.# Er, Hradscheck, ist kleiner Leute Kind aus Neu-Lewin und,
+wie sein Name bezeugt, von böhmischer Extraktion. Du weißt, daß
+Neu-Lewin in den 80er Jahren mit böhmischen Kolonisten besetzt wurde.
+Doch dies beiläufig. Unsres Hradscheck Vater war Zimmermann, der, nach
+Art solcher Leute, den Sohn für dasselbe Handwerk bestimmte. Und unser
+Hradscheck soll denn auch wirklich als Zimmermann gewandert und in
+Berlin beschäftigt gewesen sein. Aber es mißfiel ihm, und so fing er,
+als er vor etwa 15 Jahren nach Neu-Lewin zurückkehrte, mit einem
+Kramgeschäft an, das ihm auch glückte, bis er, um eines ihm unbequem
+werdenden 'Verhältnisses' willen, den Laden aufgab und den Entschluß
+faßte nach Amerika zu gehen. Und zwar über Holland. Er kam aber nur bis
+ins Hannöversche, wo er, in der Nähe von Hildesheim, also katholische
+Gegend, in einer großen gasthausartigen Dorfherberge Quartier nahm. Hier
+traf es sich, daß an demselben Tage die seit Jahr und Tag in der Welt
+umhergezogene Tochter des Hauses, krank und elend von ihren Fahrten und
+Abenteuern -- sie war muthmaßlich Schauspielerin gewesen -- zurückkam und
+eine furchtbare Scene mit ihrem Vater hatte, der ihr nicht nur die
+bösesten Namen gab, sondern ihr auch Zuflucht und Aufnahme verweigerte.
+Hradscheck, von dem Unglück und wahrscheinlich mehr noch von dem
+eigenartigen und gewinnenden Wesen der jungen Frau gerührt, ergriff
+Partei für sie, hielt um ihre Hand an, was dem Vater wie der ganzen
+Familie nur gelegen kam, und heirathete sie, nachdem er seinen
+Auswanderungsplan aufgegeben hatte. Bald danach, um Martini herum,
+übersiedelten Beide hierher, nach Tschechin, und schon am ersten
+Advents-Sonntage kam die junge Frau zu mir und sagte, daß sie sich zur
+Landeskirche halten und evangelisch getraut sein wolle. Was denn auch
+geschah und damals (es geht jetzt ins zehnte Jahr) einen großen Eindruck
+auf die Bauern machte. Daß der kleine Gott mit dem Bogen und Pfeil in
+dem Leben Beider eine Rolle gespielt hat, ist mir unzweifelhaft, ebenso
+daß Beide seinen Versuchungen unterlegen sind. Auch sonst noch, wie
+nicht bestritten werden soll, bleiben einige dunkle Punkte, trotzdem es
+an anscheinend offenen Bekenntnissen nie gefehlt hat. Aber wie dem auch
+sein möge, mir liegt es pflichtmäßig ob zu bezeugen, daß es
+wohlanständige Leute sind, die, so lang ich sie kenne, sich gut gehalten
+und allzeit in einer christlichen Ehe gelebt haben. Einzelnes, was ihm,
+nach der entgegengesetzten Seite hin, vor längrer oder kürzrer Zeit
+nachgesagt wurde, mag auf sich beruhn, um so mehr als mir Sittenstolz
+und Tugendrichterei von Grund aus verhaßt sind. Die Frau hat meine
+besondere Sympathie. Daß sie den alten Aberglauben abgeschworen, hat sie
+mir, wie Du begreifen wirst, von Anfang an lieb und werth gemacht.«
+
+Die Wirkung dieses Eccelius'schen Briefes war, daß das Küstriner Gericht
+die Sache vorläufig fallen ließ; als demselben aber zur Kenntniß kam,
+»daß Nachtwächter Mewissen, nach neuerdings vor Schulze Woytasch
+gemachten Aussagen, an jenem Tage, wo das Unglück sich ereignete, so
+zwischen fünf und sechs (um die Zeit also, wo das Wetter am tollsten
+gewesen) die Frau Hradscheck zwischen den Pappeln an der Mühle gesehn
+haben wollte, ganz so wie wenn sie halb verbiestert vom Damm her käme,«
+-- da waren die Verdachtsgründe gegen Hradscheck und seine Frau doch
+wieder so gewachsen, daß das Gericht einzuschreiten beschloß. Aber
+freilich auch jetzt noch unter Vermeidung jedes Eclats, weshalb Vowinkel
+an Eccelius, dem er ohnehin noch einen Dankesbrief schuldete, die
+folgenden Zeilen richtete:
+
+»Habe Dank, lieber Bruder, für Deinen ausführlichen Brief vom 7. d. M.,
+dem ich, soweit er ein Urtheil abgiebt, in meinem Herzen zustimme.
+Hradscheck ist ein durchaus netter Kerl, weit über seinen Stand hinaus,
+und Du wirst Dich entsinnen, daß er letzten Winter sogar in Vorschlag
+war und zwar auf meinen speciellen Antrag. Das alles steht fest. Aber zu
+meinem Bedauern will die Geschichte mit dem Polen nicht aus der Welt,
+ja, die Verdachtsgründe haben sich gemehrt, seit neuerdings auch euer
+Mewissen gesprochen hat. Andrerseits freilich ist immer noch zu wenig
+Substanz da, um ohne Weiteres eine Verhaftung eintreten zu lassen,
+weßhalb ich vorhabe, die Hradscheck'schen Dienstleute, die doch
+schließlich alles am besten wissen müssen, zu vernehmen und von _ihrer_
+Aussage mein weiteres Thun oder Nichtthun abhängig zu machen. Unter
+allen Umständen aber wollen wir alles, was Aufsehn machen könnte, nach
+Möglichkeit vermeiden. Ich treffe morgen gegen 2 in Tschechin ein, fahre
+gleich bei Dir vor und bitte Dich Sorge zu tragen, daß ich den Knecht
+Jakob sammt den beiden andern Personen, deren Namen ich vergessen, in
+Deinem Hause vorfinde.«
+
+ * * *
+
+So des Justizraths Brief. Er selbst hielt zu festgesetzter Zeit vor dem
+Pfarrhaus und trat in den Flur, auf dem die drei vorgeforderten
+Dienstleute schon standen. Vowinkel grüßte sie, sprach, in der Absicht
+ihnen Muth zu machen, ein paar freundliche Worte zu jedem und ging dann,
+nachdem er sich aus seinem Mantel herausgewickelt, auf Eccelius'
+Studirstube zu, darin nicht nur der große schwarze Kachelofen, sondern
+auch der wohlarrangirte Kaffeetisch jeden Eintretenden überaus
+anheimelnd berühren mußte. Dies war denn auch bei Vowinkel der Fall. Er
+wies lachend darauf hin und sagte: »Vortrefflich, Freund. Höchst
+einladend. Aber ich denke, wir lassen das bis nachher. Erst das
+Geschäftliche. Das Beste wird sein, _Du_ stellst die Fragen und ich
+begnüge mich mit der Beisitzer-Rolle. Sie werden Dir unbefangner
+antworten als mir.« Dabei nahm er in einem neben dem Ofen stehenden
+hohen Lehnstuhle Platz, während Eccelius, auf den Flur hinaus, nach Ede
+rief und sich's nun erst, nach Erledigung aller Präliminarien, an seinem
+mächtigen Schreibtische bequem machte, dessen großes, zwischen einem
+Sand- und einem Tintenfaß stehendes Alabasterkreuz ihn von hinten her
+überragte.
+
+Der Gerufene war inzwischen eingetreten und blieb an der Thür stehn. Er
+hatte sichtlich sein Bestes gethan, um einen manierlichen Menschen aus
+sich zu machen, aber nur mit schwachem Erfolg. Sein brandrothes Haar lag
+großentheils blank an den Schläfen, während ihm das Wenige, was ihm
+sonst noch verblieben war, nach Art einer Spitzflamme zu Häupten stand.
+Am schlimmsten aber waren seine winterlichen Hände, die, wie eine Welt
+für sich, aus dem überall zu kurz gewordenen Einsegnungsrock
+hervorsahen.
+
+»Ede,« sagte der Pastor freundlich, »Du sollst über Hradscheck und den
+Polen aussagen, was Du weißt.«
+
+Der Junge schwieg und zitterte.
+
+»Warum sagst Du nichts? warum zitterst Du?«
+
+»Ick jrul' mi so.«
+
+»Vor wem? Vor uns?«
+
+Ede schüttelte mit dem Kopf.
+
+»Nun, vor wem denn?«
+
+»Vor Hradschecken ...«
+
+Eccelius, der alles zu Gunsten der Hradschecks gewendet zu sehen
+wünschte, war mit dieser Aussage wenig zufrieden, nahm sich aber
+zusammen und sagte: »Vor Hradscheck. Warum vor Hradscheck? Was ist mit
+ihm? Behandelt er Dich schlecht?«
+
+»Nei.«
+
+»Nu wie denn?«
+
+»Ick weet nich ... He is so anners.«
+
+»Nu gut. Anders. Aber das ist nicht genug, Ede. Du mußt uns mehr sagen.
+Worin ist er anders? Was thut er? Trinkt er? Oder flucht er? Oder ist er
+in Angst?«
+
+»Nei.«
+
+»Nu wie denn? Was denn?«
+
+»Ick weet nich ... He is so anners.«
+
+Es war ersichtlich, daß aus dem eingeschüchterten Jungen nichts weiter
+herauszubringen sein würde, weßhalb Vowinkel dem Freunde zublinkte, die
+Sache fallen zu lassen. Dieser brach denn auch wirklich ab und sagte:
+»Nun, es ist gut, Ede. Geh. Und schicke die Male herein.«
+
+Diese kam und war in ihrem Kopf- und Brusttuch, das sie heute wie
+sonntäglich angelegt hatte, kaum wieder zu erkennen. Sie sah klar aus
+den Augen, war unbefangen und erklärte, nachdem Eccelius seine Frage
+gestellt hatte, daß sie nichts wisse. Sie habe Szulski gar nicht gesehn,
+»un ihrst um Klocker vier oder noch en beten danoah« wäre Hradscheck an
+ihre Kammerthür gekommen und hätte gesagt, daß sie rasch aufstehn und
+Kaffee kochen solle. Das habe sie denn auch gethan, und grad als sie den
+Kien gespalten, sei Jakob gekommen und hab' ihr so im Vorübergehn
+gesagt, »daß er den Pohlschen geweckt habe; der Pohlsche hab' aber 'nen
+Dodenschlaf gehabt und habe gar nich geantwortet. Und da hab' er an die
+Dhür gebullert.«
+
+All das erzählte Male hintereinander fort, und als der Pastor zum
+Schlusse frug, ob sie nicht noch weiter was wisse, sagte sie: »Nein,
+weiter wisse sie nichts, oder man blos noch das Eine, daß die Kanne, wie
+sie das Kaffeegeschirr herausgeholt habe, beinah noch ganz voll gewesen
+sei. Und sei doch ein gräuliches Wetter gewesen und kalt und naß. Und
+wenn sonst einer des Morgens abreise, so tränk' er mehrstens oder
+eigentlich immer die Kanne leer, un von Zucker übrig lassen wär' gar
+keine Rede nich. Und manche nähmen ihn auch mit. Aber der Pohlsche hätte
+keine drei Schluck getrunken, und sei eigentlich alles noch so gewesen,
+wie sie's reingebracht habe. Weiter wisse sie nichts.«
+
+Danach ging sie, und der Dritte, der nun kam, war Jakob.
+
+»Nun, Jakob, wie war es?« fragte Eccelius; »Du weißt, um was es sich
+handelt. Was Du Malen und mir schon vorher gesagt hast, brauchst Du
+nicht zu wiederholen. Du hast ihn geweckt und er hat nicht geantwortet.
+Dann ist er die Treppe herunter gekommen und Du hast gesehn, daß er sich
+an dem Geländer festhielt, als ob ihm das Gehn in dem Pelz schwer
+würde. Nicht wahr, so war es?«
+
+»Joa, Herr Pastor.«
+
+»Und weiter nichts?«
+
+»Nei, wider nix. Un wihr man blot noch, dat he so'n beten lütt utsoah,
+un ...«
+
+»Und was?«
+
+»Un dat he so still wihr un seggte keen Wuhrd nich. Un as ick to em
+seggen deih: 'Na Adjes, Herr Szulski,' doa wihr he wedder so bummsstill
+un nickte man blot so.«
+
+Nach dieser Aussage trat auch Jakob ab und die Pfarrköchin brachte den
+Kaffee. Vowinkel nahm eine der Tassen und sagte, während er sich an das
+Fensterbrett lehnte: »Ja, Freund, die Sache steht doch schlimmer, als
+_Du_ wahr haben möchtest, und fast auch schlimmer als _ich_ erwartete.«
+
+»Mag sein,« erwiderte der Pastor. »Nach meinem Gefühl indeß, das ich
+selbstverständlich Deiner besseren Erfahrung unterordne, bedeuten all
+diese Dinge gar nichts oder herzlich wenig. Der Junge, wie Du gesehn
+hast, konnte vor Angst kaum sprechen, und aus der Köchin Aussage war
+doch eigentlich nur das Eine festzustellen, daß es Menschen giebt, die
+_viel_, und andre, die _wenig_ Kaffee trinken.«
+
+»Aber Jakob!«
+
+Eccelius lachte. »Ja Jakob. 'He wihr en beten to lütt', das war das
+eine, 'un he wihr en beten to still', das war das andre. Willst Du
+daraus einen Strick für die Hradschecks drehn?«
+
+»Ich will es nicht, aber ich fürchte, daß ich es muß. Jedenfalls haben
+sich die Verdachtsgründe durch das, was ich eben gehört habe, mehr
+gemehrt als gemindert, und ein Verfahren gegen den so mannigfach
+Belasteten kann nicht länger mehr hinausgeschoben werden. Er muß in
+Haft, wär' es auch nur um einer Verdunklung des Thatbestandes
+vorzubeugen.«
+
+»Und die Frau?«
+
+»Kann bleiben. Überhaupt werd' ich mich auf das Nöthigste beschränken,
+und um auch jetzt noch alles Aufsehen zu vermeiden, hab' ich vor, ihn
+auf meinem Wagen, als ob es sich um eine Spazierfahrt handelte, mit nach
+Küstrin zu nehmen.«
+
+»Und wenn er nun schuldig ist, wie Du beinah glaubst oder wenigstens für
+möglich hältst? Ist Dir eine solche Nachbarschaft nicht einigermaßen
+ängstlich?«
+
+Vowinkel lachte. »Man sieht, Eccelius, daß Du kein Kriminalist bist.
+Schuld und Muth vertragen sich schlecht zusammen. Alle Schuld lähmt.«
+
+»Nicht immer.«
+
+»Nein, nicht immer. Aber doch meist. Und allemal da, wo das Gesetz schon
+über ihr ist.«
+
+
+
+
+ X.
+
+
+Die Verhaftung Hradscheck's erfolgte zehn Tage vor Weihnachten. Jetzt
+war Mitte Januar, aber die Küstriner Untersuchung rückte nicht von der
+Stelle, weßhalb es in Tschechin und den Nachbardörfern hieß: »Hradscheck
+werde mit Nächstem wieder entlassen werden, weil nichts gegen ihn
+vorliege.« Ja, man begann auf das Gericht und den Gerichtsdirektor zu
+schelten, wobei sich's selbstverständlich traf, daß alle die, die vorher
+am leidenschaftlichsten von einer Hinrichtung geträumt hatten, jetzt in
+Tadeln und Schmähen mit gutem Beispiel vorangingen.
+
+Vowinkel hatte viel zu dulden; kein Zweifel. Am ausgiebigsten in
+Schmähungen aber war man gegen die Zeugen, und der Angriffe gegen diese
+wären noch viel mehr gewesen, wenn man nicht gleichzeitig über sie
+gelacht hätte. Der dumme Ladenjunge, der Ede, so versicherte man sich
+gegenseitig, könne doch nicht für voll angesehen werden und die Male mit
+ihren Sommersprossen und ihrem nicht ausgetrunkenen Kaffee womöglich
+noch weniger. Daß man bei den Hradschecks oft einen wunderbaren Kaffee
+kriege, das wisse jeder, und wenn alle die, die das durchgetrichterte
+Cichorienzeug stehn ließen, auf Mord und Todtschlag hin verklagt und
+eingezogen werden sollten, so säße bald das halbe Bruch hinter Schloß
+und Riegel. »Aber Jakob und der alte Mewissen?« hieß es dann wohl. Indeß
+auch von diesen Beiden wollte die plötzlich zu Gunsten Hradscheck's
+umgestimmte Majorität nichts wissen. Der dusslige Jakob, von dem jetzt
+so viel gemacht werde, ja, was hab' er denn eigentlich beigebracht? Doch
+nichts weiter, als das ewige »He wihr so'n beten still.« Aber du lieber
+Himmel, wer habe denn Lust, um Klock fünf und bei steifem Südost einen
+langen Schnack zu machen? Und nun gar der alte Mewissen, der, so lang er
+lebe, den Himmel für einen Dudelsack angesehen habe? Wahrhaftig, der
+könne viel sagen, eh' man's zu glauben brauche. »Mit einem karrirten
+Tuch über dem Kopf. Und wenn's kein karrirtes Tuch gewesen, dann sei's
+eine Pferdedecke gewesen.« O, du himmlische Güte! Mit einer Pferdedecke!
+Die Hradscheck mit einer Pferdedecke! Giebt es Pferdedecken ohne Flöhe?
+Nein. Und nun gar diese schnippsche Prise, die sich ewig mit ihrem
+türkischen Shawl herumziert und noch ötepotöter is als die Reitweinsche
+Gräfin!
+
+So ging das Gerede, das sich, an und für sich schon günstig genug für
+Hradscheck, in Folge kleiner Vorkommnisse mit jedem neuen Tage günstiger
+gestaltete. Darunter war eins von besondrer Wirkung. Und zwar das
+folgende. Heilig Abend war ein Brief Hradscheck's bei Eccelius
+eingetroffen, worin es hieß: »es ging' ihm gut, weßhalb er sich auch
+freuen würde, wenn seine Frau zum Fest herüberkommen und eine
+Viertelstunde mit ihm plaudern wolle; Vowinkel hab' es eigens gestattet,
+versteht sich in Gegenwart von Zeugen.« So die briefliche Mittheilung,
+auf welche Frau Hradscheck, als sie durch Eccelius davon gehört, diesem
+letzteren sofort geantwortet hatte: »sie werde diese Reise _nicht_
+machen, weil sie nicht wisse, wie sie sich ihrem Manne gegenüber zu
+benehmen habe. Wenn er schuldig sei, so sei sie für immer von ihm
+geschieden, einmal um ihrer selbst, aber mehr noch um ihrer Familie
+willen. Sie wolle daher lieber zum Abendmahl gehn und ihre Sache vor
+Gott tragen und bei der Gelegenheit den Himmel inständigst bitten, ihres
+Mannes Unschuld recht bald an den Tag zu bringen.« So was hörten die
+Tschechiner gern, die sämmtlich höchst unfromm waren, aber nach Art der
+meisten Unfrommen einen ungeheuren Respekt vor Jedem hatten, der »lieber
+zum Abendmahl gehn und seine Sache vor Gott tragen«, als nach Küstrin
+hin reisen wollte.
+
+Kurzum, alles stand gut, und es hätte sich von einer totalen
+»Rückeroberung« des dem Inhaftirten anfangs durchaus abgeneigten Dorfes
+sprechen lassen, wenn nicht _ein_ Unerschütterlicher gewesen wäre, der,
+sobald Hradscheck's Unschuld behauptet wurde, regelmäßig versicherte:
+»Hradscheck? _Den_ kenn' ich. _Der_ muß ans Messer.«
+
+Dieser Unerschütterliche war niemand Geringeres als Gensdarm Geelhaar,
+eine sehr wichtige Person im Dorf, auf deren Autorität hin die Mehrheit
+sofort geschworen hätte, wenn ihr nicht seine bittre Feindschaft gegen
+Hradscheck und die kleinliche Veranlassung dazu bekannt gewesen wäre.
+Geelhaar, guter Gensdarm, aber noch besserer Saufaus, war, um Kognaks
+und Rums willen, durch viele Jahre hin ein Intimus bei Hradscheck
+gewesen, bis dieser eines Tages, des ewigen Gratis-Einschenkens müde,
+mit mehr Übermuth als Klugheit gesagt hatte: »Hören Sie, Geelhaar, Rum
+ist gut. Aber Rum kann einen auch 'rum bringen.« Auf welche Provokation
+hin (Hradscheck liebte dergleichen Witze) der sich nun plötzlich aufs
+hohe Pferd setzende Geelhaar mit hochrothem Gesicht geantwortet hatte:
+»Gewiß, Herr Hradscheck. Was kann einen nich alles 'rumbringen? Den
+einen dies, den andern das. Und mit Ihnen, mein lieber Herr, is auch
+noch nicht aller Tage Abend.«
+
+Von der aus diesem Zwiegespräch entstandenen Feindschaft wußte das ganze
+Dorf, und so kam es, daß man nicht viel darauf gab und im Wesentlichen
+blos lachte, wenn Geelhaar zum hundertsten Male versicherte: »_Der_? Der
+muß ans Messer.«
+
+ * * *
+
+»Der muß ans Messer,« sagte Geelhaar, aber in Tschechin hieß es mit
+jedem Tage mehr: »Er kommt wieder frei.«
+
+Und »he kümmt wedder 'rut,« hieß es auch im Hause der alten Jeschke, wo
+die blonde Nichte, die Line -- dieselbe, nach der Hradscheck bei seinen
+Gartenbegegnungen mit der Alten immer zu fragen pflegte -- seit
+Weihnachten zum Besuch war und an einer Ausstattung, wenn auch freilich
+nicht an ihrer eigenen, arbeitete. Sie war eine hervorragend kluge
+Person, die, trotzdem sie noch keine 27 zählte, sich in den
+verschiedensten Lebensstellungen immer mit Glück versucht hatte: früh
+schon als Kinder- und Hausmädchen, dann als Nähterin und schließlich als
+Pfarrköchin in einem neumärkischen Dorf, in welch letztrer Eigenschaft
+sie nicht nur sämmtliche Betstunden mitgemacht, sondern sich auch durch
+einen exemplarisch sittlichen Lebenswandel ausgezeichnet hatte. Denn sie
+gehörte zu denen, die, wenn engagirt, innerhalb ihres Engagements alles
+Geforderte leisten, auch Gebet, Tugend und Treue.
+
+Solcher Forderungen entschlug sich nun freilich die Jeschke, die
+vielmehr, wenn sie den Faden von ihrem Wocken spann, immer nur
+Geschichten von begünstigten und genasführten Liebhabern hören wollte,
+besonders von einem Küstriner Fourage-Beamten, der drei Stunden lang im
+Schnee hatte warten müssen. Noch dazu vergeblich. All das freute die
+Jeschke ganz ungemein, die dann regelmäßig hinzusetzte: »Joa, Line, so
+wihr ick ook. Awers moak et man nich to dull.« Und dann antwortete
+diese: »Wie werd ich denn, Mutter Jeschke!« Denn sie nannte sie nie
+Tante, weil sie sich der nahen Verwandtschaft mit der alten Hexe schämen
+mochte.
+
+Plaudern war Beider Lust. Und plaudernd saßen beide Weibsen auch heute
+wieder.
+
+Es war ein ziemlich kalter Tag und draußen lag fußhoher Schnee. Drinnen
+aber war es behaglich, das Rothkehlchen zwitscherte, die Wanduhr ging in
+starkem Schlag und der Kachelofen that das Seine. Dem Ofen zunächst aber
+hockte die Jeschke, während Line weitab an dem ganz mit Eisblumen
+überdeckten Fenster saß und sich ein Kuckloch gepustet hatte, durch das
+sie nun bequem sehen konnte, was auf der Straße vorging.
+
+»Da kommt ja Gensdarm Geelhaar,« sagte sie. »Grad über den Damm. Er muß
+drüben bei Kunicke gewesen sein. Versteht sich, Kunicke frühstückt um
+diese Zeit. Und sieht auch so roth aus. Was er nur will? Er wird am Ende
+der armen Frau, der Hradschecken, einen Besuch machen wollen. Is ja
+schon vier Wochen Strohwittwe.«
+
+»Nei, nei,« lachte die Alte. »Dat deiht he nich. Dem is joa sien ejen
+all to veel, so lütt se is. Ne, ne, den kenn ick. Geelhaar is man blot
+noch för so.«
+
+Und dabei machte sie die Bewegung des aus der Flaschetrinkens.
+
+»Hast Recht,« sagte Line. »Sieh, er kommt grad auf unser Haus zu.«
+
+Und wirklich, unter diesem Gespräch, wie's die Jeschke mit ihrer Nichte
+geführt hatte, war Geelhaar von der Dorfstraße her in einen schmalen,
+blos mannsbreiten Gang eingetreten, der, an der Hradscheck'schen
+Kegelbahn entlang, in den Garten der alten Jeschke führte.
+
+Von hier aus war auch der Eingang in das Häuschen der Alten, das mit
+seinem Giebel nach der Straße stand.
+
+»Guten Tag, Mutter Jeschke,« sagte der Gensdarm. »Ah, und guten Tag,
+Lineken. Oder ich muß jetzt wohl sagen Mamsell Linchen.«
+
+Line, die den stattlichen Geelhaar (er hatte bei den Gardekürassieren
+gedient), aller despektirlichen Andeutungen der Alten ungeachtet,
+keineswegs aus ihrer Liste gestrichen hatte, stemmte sofort den linken
+Fuß gegen einen ihr gegenüberstehenden Binsenstuhl und sah ihn zwinkernd
+über das große Stück Leinwand hin an, das sie, wie wenn sie's abmessen
+wollte, mit einem energischen Ruck und Puff vor sich ausspannte.
+
+Die Wirkung dieser kleinen Künste blieb auch nicht aus. So wenigstens
+schien es Linen. Die Jeschke dagegen wußt' es besser, und als Geelhaar
+auf ihre mit Vorbedacht in Hochdeutsch gesprochene Frage, »was ihr denn
+eigentlich die Ehre verschaffe,« mit einem scherzhaft gemeinten
+Fingerzeig auf Line geantwortet hatte, lachte sie nur und sagte:
+
+»Nei, nei, Herr Gensdarm. Ick weet schon, ick weet schon ... Awers nu
+setten's sich ihrst ... Joa, diss' Hradscheck ... he kümmt joa nu wedder
+rut.«
+
+»Ja, Mutter Jeschke,« wiederholte Geelhaar, »he kümmt nu wedder rut. Das
+heißt, er kommt wieder 'raus, wenn er nich drin bleibt.«
+
+»Woll, woll. Wenn he nicht drin bliewt. Awers worümm sall he drin
+bliewen? Keen een hett joa wat siehn, un keen een hett joa wat utfunn'n.
+Un Se ook nich, Geelhaar.«
+
+»Nein,« sagte der Gensdarm. »Ich auch nich. Aber es wird sich schon was
+finden oder doch finden lassen, und dazu müssen Sie helfen, Mutter
+Jeschke. Ja, ja. So viel weiß ich, die Hradscheck hat schon lange keinen
+Schlaf mehr und ist immer treppauf und treppab. Und wenn die Leute
+sagen, es sei blos, weil sie sich um den Mann gräme, so sag ich: Unsinn,
+_er_ is nich so und _sie_ is nich so.«
+
+»Nei, nei,« wiederholte die Jeschke. »He is nich so un se is nich so.
+De Hradschecks, nei, de sinn nich so.«
+
+»Keinen ordentlichen Schlaf also,« fuhr Geelhaar fort, »nich bei Tag und
+auch nich bei Nacht, und wankt immer so 'rum, und is mal im Hof und mal
+im Garten. Das hab' ich von der Male ... Hören Sie, Mutter Jeschke, wenn
+ich so mal Nachtens hier auf Posten stehen könnte! Das wäre so was. Line
+bleibt mit auf, und wir setzen uns dann ans Fenster und wachen und
+kucken. Nich wahr, Line?«
+
+Line, die schon vorher das Weißzeug bei Seite gelegt und ihren blonden
+Zopf halb aufgeflochten hatte, schlug jetzt mit dem losen Büschel über
+ihre linke Hand und sagte: »Will es mir noch überlegen, Herr Geelhaar.
+Ein armes Mädchen hat nichts als seinen Ruf.«
+
+Und dabei lachte sie.
+
+»Kümmen's man, Geelhaar,« tröstete die Jeschke, trotzdem Trost
+eigentlich nicht nöthig war. »Kümmen's man. Ick geih to Bett. Wat doa to
+siehn is, ick meen hier buten, dat hebb' ick siehn, dat weet ick all. Un
+is ümmer dat Sülwigte.«
+
+»Dat Sülwigte?«
+
+»Joa. Nu nich mihr. Awers as noch keen Snee wihr. Doa ...«
+
+»Da. Was denn?«
+
+»Doa wihr se Nachtens ümmer so 'rümm hier.«
+
+»So, so,« sagte der Gensdarm und that vorsichtig allerlei weitere
+Fragen. Und da sich die Jeschke von guten Beziehungen zur Dorfpolizei
+nur Vortheile versprechen konnte, so wurde sie trotz aller sonstigen
+Zurückhaltung immer mittheilsamer und erzählte dem Gensdarmen Neues und
+Altes, namentlich auch das, was sie damals, in der stürmischen
+November-Nacht, von ihrer Küchenthür aus beobachtet hatte. Hradscheck
+habe lang da gestanden, ein flackrig Licht in der Hand. »Un wihr binoah
+so, as ob he wull, dat man em seihn sull.« Und dann hab' er einen Spaten
+genommen und sei bis an den Birnbaum gegangen. Und da hab' er ein Loch
+gegraben. An der Gartenthür aber habe was gestanden wie ein Koffer oder
+Korb oder eine Kiste. Was? das habe sie nicht genau sehen können. Und
+dann hab' er das Loch wieder zugeschüttet.
+
+Geelhaar, der sich bis dahin, allem Diensteifer zum Trotz, ebenso sehr
+mit Line wie mit Hradscheck beschäftigt hatte, ja, vielleicht mehr noch
+Courmacher als Beamter gewesen war, war unter diesem Bericht sehr
+ernsthaft geworden und sagte, während er mit Wichtigkeitsmiene seinen
+gedunsenen Kopf hin und her wiegte: »Ja, Mutter Jeschke, das thut mir
+leid. Aber es wird Euch Ungelegenheiten machen.«
+
+»Wat? wat, Geelhaar?«
+
+»Ungelegenheiten, weil Ihr damit so spät herauskommt.«
+
+»Joa, Geelhaar, wat sall dat? wat mienens mit 'to spät'? Et hett mi joa
+keener nich froagt. Un Se ook nich. Un wat weet ick denn ook? Ick weet
+joa nix. Ick weet joa joar nix.«
+
+»Ihr wißt genug, Mutter Jeschke.«
+
+»Nei, nei, Geelhaar. Ick weet joar nix.«
+
+»Das ist gerade genug, daß einer Nachts in seinem Garten ein Loch gräbt
+und wieder zuschüttet.«
+
+»Joa, Geelhaar, ick weet nich, awers jed' een möt doch in sien ejen
+Goarden en Loch buddeln künn'.«
+
+»Freilich. Aber nicht um Mitternacht und nicht bei solchem Wetter.«
+
+»Na, rieden's mi man nich rin. Un moaken Se't good mit mi ... Line,
+Line, segg doch ook wat.«
+
+Und wirklich, Line trat in Folge dieser Aufforderung an den Gensdarmen
+heran und sagte, tief aufathmend, wie wenn sie mit einer plötzlichen und
+mächtigen Sinnen-Erregung zu kämpfen hätte: »Laß nur, Mutter Jeschke.
+Herr Geelhaar wird schon wissen, was er zu thun hat. Und wir werden es
+auch wissen. Das versteht sich doch von selbst. Nicht wahr, Herr
+Geelhaar?«
+
+Dieser nickte zutraulich und sagte mit plötzlich verändertem und wieder
+freundlicher werdendem Tone: »Werde schon machen, Mamsell Line. Schulze
+Woytasch läßt ja, Gott sei Dank, mit sich reden und Vowinkel auch.
+Hauptsach' is, daß wir den Fuchs überhaupt ins Eisen kriegen. Un is dann
+am Ende gleich, _wann_ wir ihn haben und ob ihm der Balg heut oder
+morgen abgezogen wird.«
+
+
+
+
+ XI.
+
+
+Vierundzwanzig Stunden später kam -- und zwar auf die Meldung hin, die
+Geelhaar, gleich nach seinem Gespräche mit der Jeschke, bei der Behörde
+gemacht hatte -- von Küstrin her ein offener Wagen, in dem, außer dem
+Kutscher, der Justizrath und Hradscheck saßen. Die Luft ging scharf und
+die Sonne blendete, weßhalb Vowinkel, um sich gegen Beides zu schützen,
+seinen Mantel aufgeklappt, der Kutscher aber seinen Kopf bis an Nas' und
+Ohren in den Pelzkragen hineingezogen hatte. Nur Hradscheck saß frei da,
+Luft und Licht, deren er seit länger als vier Wochen entbehrt hatte,
+begierig einsaugend. Der Wagen fuhr auf der Dammhöhe, von der aus sich
+das unten liegende Dorf bequem überblicken und beinah jedes einzelne
+Haus in aller Deutlichkeit erkennen ließ. Das da, mit dem schwarzen,
+theergestrichenen Gebälk, war das Schulhaus und das gelbe, mit dem
+gläsernen Aussichtsthurm, mußte Kunicke's sein, Kunicke's »Villa«, wie
+die Tschechiner es spöttisch nannten. Das niedrige, grad gegenüber aber,
+das war seine, das sah er an dem Birnbaum, dessen schwarzes Gezweig über
+die mit Schnee bedeckte Dachfläche wegragte. Vowinkel bemerkte wohl,
+wie Hradscheck sich unwillkürlich auf seinem Sitze hob, aber nichts von
+Besorgniß drückte sich in seinen Mienen und Bewegungen aus, sondern nur
+Freude, seine Heimstätte wieder zu sehen.
+
+Im Dorfe selbst schien man der Ankunft des justizräthlichen Wagens schon
+entgegen gesehen zu haben. Auf dem Vorplatz der Igel'schen Brett- und
+Schneidemühle, die man, wenn man von der Küstriner Seite her kam, als
+erstes Gehöft zu passiren hatte (gerade so wie das Orth'sche nach der
+Frankfurter Seite hin), stand der alte Brett- und Schneidemüller und
+fegte mit einem kurzen storrigen Besen den Schnee von der obersten
+Bretterlage fort, anscheinend aufs Eifrigste mit dieser seiner Arbeit
+beschäftigt, in Wahrheit aber nur begierig, den herankommenden
+Hradscheck eher als irgend ein anderer im Dorf gesehen zu haben. Denn
+Schneidemüller Igel, oder der »Schneidigel«, wie man ihn kurzweg und in
+der Regel mit absichtlich undeutlicher Aussprache nannte, war ein
+Topfkucker. Aber so topfkuckrig er war, so stolz und hochmüthig war er
+auch, und so wandt' er sich in demselben Augenblicke, wo der Wagen an
+ihm vorüberfuhr, rasch wieder auf sein Haus zu, blos um nicht grüßen zu
+müssen. Hier nahm er, um seine Neugier, deren er sich schämen mochte,
+vor niemandem zu verrathen, Hut und Stock mit besonderer Langsamkeit vom
+Riegel und folgte dann dem Wagen, den er übrigens bald danach schon vor
+dem Hradscheck'schen Hause vorfahren sah.
+
+Frau Hradscheck war nicht da. Statt ihrer übernahm es Kunicke, den sie
+darum gebeten haben mochte, den Wirth und so zu sagen die Honneurs des
+Hauses zu machen. Er führte denn auch den Justizrath vom Flur her in den
+Laden und von diesem in die dahinter befindliche Weinstube, wo man einen
+Imbiß bereit gestellt hatte. Vowinkel nahm aber, unter vorläufiger
+freundlicher Ablehnung, nur ein kleines Glas Portwein und trat dann in
+den Garten hinaus, wo sich bereits alles, was zur Dorfobrigkeit gehörte,
+versammelt hatte: Schulze Woytasch, Gensdarm Geelhaar, Nachtwächter
+Mewissen und drei bäuerliche Gerichtsmänner. Geelhaar, der, zur Feier
+des Tages, seinen Staats-Czako mit dem armslangen schwarzen Lampenputzer
+aufgesetzt hatte, ragte, mit Hilfe dieser Paradezuthaten, um fast drei
+Haupteslängen über den Rest aller Anwesenden hinaus. Das war der innere
+Zirkel. Im weitern Umkreis aber standen die, die blos aus Neugier sich
+eingefunden hatten, darunter der schon stark gefrühstückte Kantorssohn
+und Dorfdichter, während einige zwanzig eben aus der Schule
+herangekommene Jungens mit ihren Klapp-Pantinen auf das Kegelhaus
+geklettert waren, um von hier aus Zeuge zu sein, was wohl bei der Sache
+herauskommen würde. Vorläufig indeß begnügten sie sich damit,
+Schneebälle zu machen, mit denen sie nach den großen und kleinen Mädchen
+warfen, die hinter dem Gartenzaun der alten Jeschke standen. Alles
+plapperte, lachte, reckte den Hals, und wäre nicht Hradscheck selbst
+gewesen, der, die Blicke seiner alten Freunde vermeidend, ernst und
+schweigend vor sich hinsah, so hätte man glauben können, es sei Kirmeß
+oder eine winterliche Jahrmarktsscene.
+
+Die Gerichtsmänner flüsterten und steckten die Köpfe zusammen, während
+Woytasch und Geelhaar sich umsahen. Es schien noch etwas zu fehlen, was
+auch zutraf. Als aber bald danach der alte Todtengräber Wonnekamp mit
+noch zwei von seinen Leuten erschien, rückte man näher an den Birnbaum
+heran und begann den Schnee, der hier lag, fortzuschippen. Das ging
+leicht genug, bis statt des Schnees die gefrorne Erde kam, wo nun die
+Pickaxt aushelfen mußte. Der Frost indessen war nicht tief in die Erde
+gedrungen, und so konnte man den Spaten nicht nur bald wieder zur Hand
+nehmen, sondern kam auch rascher vorwärts, als man anfangs gehofft
+hatte. Die herausgeworfenen Schollen und Lehmstücke wurden immer größer,
+je weicher der Boden wurde, bis mit einem Male der alte Todtengräber
+einem der Arbeiter in den Arm fiel und mit der seinem Stande zuständigen
+Ruhe sagte: »Nu giw mi moal; nu kümmt wat.« Dabei nahm er ihm das
+Grabscheit ohne weiteres aus der Hand und fing selber an zu graben. Aber
+ersichtlich mit großer Vorsicht. Alles drängte vor und wollte sehn. Und
+siehe da, nicht lange, so war ein Todter aufgedeckt, der zu großem
+Theile noch in Kleiderresten steckte. Die Bewegung wuchs, und aller
+Augen richteten sich auf Hradscheck, der, nach wie vor, vor sich hin sah
+und nur dann und wann einen scheuen Seitenblick in die Grube that.
+
+»Nu hebben se'n,« lief ein Gemurmel den Gartenzaun entlang, unklar
+lassend, ob man Hradscheck oder den Todten meine; die Jungens auf dem
+Kegelhäuschen aber reckten ihre Hälse noch mehr als vorher, trotzdem
+sie weder nah noch hoch genug standen, um irgend 'was sehn zu können.
+
+Eine Pause trat ein. Dann nahm der Justizrath des Angeklagten Arm und
+sagte, während er ihn dicht an die Grube führte: »Nun, Hradscheck, was
+sagen Sie?«
+
+Dieser verzog keine Miene, faltete die Hände wie zum Gebet und sagte
+dann fest und feierlich: »Ich sage, daß dieser Todte meine Unschuld
+bezeugen wird.«
+
+Und während er so sprach, sah er zu dem alten Todtengräber hinüber, der
+den Blick auch verstand und, ohne weitere Fragen abzuwarten,
+geschäftsmäßig sagte: »Ja, der hier liegt, liegt hier schon lang. Ich
+denke zwanzig Jahre. Und der Pohlsche, der es sein soll, is noch keine
+zehn Wochen todt.«
+
+Und siehe da, kaum daß diese Worte gesprochen waren, so war ihr Inhalt
+auch schon bewiesen und jeder schämte sich, so wenig kaltes Blut und so
+wenig Umsicht und Überlegung gehabt zu haben. In einem gewissen
+Entdeckungseifer waren alle wie blind gewesen und hatten unbeachtet
+gelassen, daß ein Schädel, um ein richtiger Schädel zu werden, auch sein
+Stück Zeit verlangt und daß die Todten ihre Verschiedenheiten und ihre
+Grade haben, gerade so gut wie die Lebendigen.
+
+Am verlegensten war der Justizrath. Aber er sammelte sich rasch und
+sagte: »Todtengräber Wonnekamp hat Recht. Das ist nicht der Todte, den
+wir suchen. Und wenn er zwanzig Jahre in der Erde liegt, was ich keinen
+Augenblick bezweifle, so kann Hradscheck an diesem Todten keine Schuld
+haben. Und kann auch von einer früheren Schuld keine Rede sein. Denn
+Hradscheck ist erst im zehnten Jahr in diesem Dorf. Das alles ist jetzt
+erwiesen. Trotz alledem bleiben ein paar dunkle Punkte, worüber
+Aufklärung gegeben werden muß. Ich lebe der Zuversicht, daß es an dieser
+Aufklärung nicht fehlen wird, aber ehe sie gegeben ist, darf ich Sie,
+Herr Hradscheck, nicht aus der Untersuchung entlassen. Es wird sich
+dabei, was ich als eine weitere Hoffnung hier ausspreche, nur noch um
+Stunden und höchstens um Tage handeln.«
+
+Und damit nahm er Kunicke's Arm und ging in die Weinstube zurück,
+woselbst er nunmehr, in Gesellschaft von Woytasch und den
+Gerichtsmännern, dem für ihn servirten Frühstücke tapfer zusprach. Auch
+Hradscheck ward aufgefordert, sich zu setzen und einen Imbiß zu nehmen.
+Er lehnte jedoch ab und sagte, daß er mit seiner Mahlzeit lieber warten
+wolle, bis er im Küstriner Gefängniß sei.
+
+So waren seine Worte.
+
+Und diese Worte gefielen den Bauern ungemein. »Er will nicht an seinem
+eignen Tisch zu Gaste sitzen und das Brot, das er gebacken, nicht als
+Gnadenbrot essen. Da hat er Recht. Das möcht' ich auch nicht.«
+
+So hieß es und so dachten die Meisten.
+
+Aber freilich nicht alle.
+
+Gensdarm Geelhaar ging an dem Zaun entlang, über den, sammt andrem
+Weibervolk, auch Mutter Jeschke weggekuckt hatte. Natürlich auch Line.
+
+Geelhaar tippte dieser mit dem Finger auf den Dutt und sagte: »Nu Line,
+was macht der Zopf?«
+
+»Meiner?« lachte diese. »Hörens, Herr Gensdarm, jetzt kommt _Ihrer_ an
+die Reih'.«
+
+»Wird so schlimm nicht werden, Lineken ... Und Mutter Jeschke, was sagt
+die dazu?«
+
+»Joa, wat sall se seggen? He is nu wedder 'rut. Awers he kümmt ook woll
+wedder 'rin.«
+
+
+
+
+ XII.
+
+
+Eine Woche war vergangen, in der die Tschechiner viel erlebt hatten. Das
+Wichtigste war: Hradscheck, nachdem er noch ein Küstriner Schlußverhör
+durchgemacht hatte, war wieder da. Schlicht und unbefangen, ohne Lücken
+und Widersprüche, waren die Dunkelheiten aufgeklärt worden, so daß an
+seiner Unschuld nicht länger zu zweifeln war. Es seien ihm, so hieß es
+in seiner vor Vowinkel gemachten Aussage, durch Unachtsamkeit, deren er
+sich selber zu zeihen habe, mehrere große Speckseiten verdorben, und
+diese möglichst unbemerkt im Garten zu vergraben, hab' er an jenem Tage
+vorgehabt. Er sei denn auch, gleich nachdem seine Gäste die Weinstube
+verlassen hätten, ans Werk gegangen und habe, genau so wie's die Jeschke
+gesehn und erzählt, an dem alten Birnbaum ein Loch zu graben versucht;
+als er aber erkannt habe, daß da was verscharrt liege, ja, dem Anscheine
+nach ein Todter, hab' ihn eine furchtbare Angst gepackt, in Folge deren
+er nicht weiter gegraben, sondern das Loch rasch wieder zugeschüttet
+habe. Der Koffer, den die Jeschke gesehen haben wolle, das seien eben
+jene Speckseiten gewesen, die, dicht übereinander gepackt, an der
+Gartenthür gelegen hätten. »Aber wozu die Heimlichkeit und die Nacht?«
+hatte Vowinkel nach dieser Erklärung etwas spitz gefragt, worauf
+Hradscheck, in seiner Erzählung fortfahrend, ohne Verlegenheit und
+Unruhe geantwortet hatte: »Zu dieser Heimlichkeit seien für ihn zwei
+Gründe gewesen. Erstens hab' er sich die Vorwürfe seiner Frau, die nur
+zu geneigt sei, von seiner Unachtsamkeit in Geschäftsdingen zu sprechen,
+ersparen wollen. Und er dürfe wohl hinzusetzen, wer verheirathet sei,
+der kenne das und wisse nur zu gut, wie gerne man sich solchen Anklagen
+und Streitscenen entziehe. Der zweite Grund aber sei noch wichtiger
+gewesen: die Rücksicht auf die Kundschaft. Die Bauern, wie der Herr
+Justizrath ja wisse, seien die schwierigsten Leute von der Welt, ewig
+voll Mißtrauen, und wenn sie derlei Dinge, wie Schinken und Speck, auch
+freilich nicht in seinem Laden zu kaufen pflegten, weil sie ja genug
+davon im eignen Rauch hätten, so zögen sie doch gleich Schlüsse vom
+einen aufs andre. Dergleichen hab' er mehr als einmal durchgemacht und
+dann wochenlang aller Ecken und Enden hören müssen, er passe nicht auf.
+Ja, noch letzten Herbst, als ihm ganz ohne seine Schuld eine Tonne
+Heringe thranig geworden sei, habe Schneidigel überall im Dorfe
+geputscht und unter anderm zu Quaas und Kunicke gesagt: 'Uns wird er
+damit nicht kommen; aber die kleinen Leute, die, die ...'«
+
+Der Justizrath hatte hierbei gelächelt und zustimmend genickt, weil er
+die Bauern fast so gut wie Hradscheck kannte, so daß, nach Erledigung
+auch _dieses_ Punktes, eigentlich nichts übrig geblieben war als die
+Frage, »was denn nun, unter so bewandten Umständen, aus dem durchaus zu
+beseitigenden Speck geworden sei?« Welche Frage jedoch nur dazu
+beigetragen hatte, Hradscheck's Unschuld vollends ins Licht zu stellen.
+»Er habe die Speckseiten an demselben Morgen noch an einer anderen
+Gartenstelle verscharrt; gleich nach Szulski's Abreise.« »Nun, wir
+werden ja sehn,« hatte Vowinkel hierauf geantwortet und einen seiner
+Gerichtsdiener abgeschickt, um sich in Tschechin selbst über die
+Richtigkeit oder Unrichtigkeit dieser Aussage zu vergewissern. Und als
+sich nun in kürzester Frist alles bestätigt oder mit anderen Worten der
+vergrabene Speck wirklich an der von Hradscheck angegebenen Stelle
+gefunden hatte, hatte man das Verfahren eingestellt, und an demselben
+Nachmittage noch war der unter so schwerem Verdacht Gestandene nach
+Tschechin zurückgekehrt und in einer stattlichen Küstriner Miethschaise
+vor seinem Hause vorgefahren. Ede, ganz verblüfft, hatte nur noch Zeit
+gefunden, in die Wohnstube, darin sich Frau Hradscheck befand,
+hineinzurufen: »Der Herr, der Herr ...«, worauf Hradscheck selbst mit
+der ihm eigenen Jovialität und unter dem Zurufe: »Nun Ede, wie geht's?«
+in den Flur seines Hauses eingetreten, aber freilich im selben
+Augenblick auch wieder mit einem erschreckten »Was is, Frau?«
+zurückgefahren war. Ein Ausruf, den er wohl thun durfte. Denn gealtert,
+die Augen tief eingesunken und die Haut wie Pergament, so war ihm Ursel
+unter der Thür entgegengetreten.
+
+ * * *
+
+Hradscheck war da, das war das _eine_ Tschechiner Ereigniß. Aber das
+andere stand kaum dahinter zurück: Eccelius hatte, den Sonntag darauf,
+über Sacharja 7, Vers 9 und 10 gepredigt, welche Stelle lautete: »So
+spricht der Herr Zebaoth: Richtet recht, und ein Jeglicher beweise an
+seinem Bruder Güte und Barmherzigkeit. Und thuet nicht Unrecht den
+_Fremdlingen_ und denke keiner wider seinen Bruder etwas Arges in seinem
+Herzen.« Schon bei Lesung des Textes und der sich daran knüpfenden
+Einleitungsbetrachtung hatten die Bauern aufgehorcht; als aber der
+Pastor das Allgemeine fallen ließ und, ohne Namen zu nennen, den
+Hradscheck'schen Fall zu schildern und die Trüglichkeit des Scheines
+nachzuweisen begann, da gab sich eine Bewegung kund, wie sie seit dem
+Sonntag (es ging nun ins fünfte Jahr), an welchem Eccelius auf die
+schweren sittlichen Vergehen eines als Bräutigam vor dem Altar stehenden
+reichen Bauernsohnes hingewiesen und ihn zu besserem Lebenswandel
+ermahnt hatte, nicht mehr dagewesen war. Beide Hradschecks waren in der
+Kirche zugegen und folgten jedem Worte des Geistlichen, der heute viel
+Bibelsprüche citirte, mehr noch als gewöhnlich.
+
+Es war unausbleiblich, daß diese Rechtfertigungsrede zugleich zur
+Anklage gegen alle diejenigen wurde, die sich in der Hradscheck-Sache so
+wenig freundnachbarlich benommen und durch allerhand Zuträgereien
+entweder ihr Übelwollen oder doch zum mindesten ihre Leichtfertigkeit
+und Unüberlegtheit gezeigt hatten. Wer in erster Reihe damit gemeint
+war, konnte nicht zweifelhaft sein, und vieler Augen, nur nicht die der
+Bauern, die, wie herkömmlich, keine Miene verzogen, richteten sich auf
+die mitsammt ihrem »Lineken« auf der vorletzten Bank sitzende Mutter
+Jeschke, der Kanzel grad' gegenüber, dicht unter der Orgel. Line, sonst
+ein Muster von Nichtverlegenwerden, wußte doch heute nicht wohin und
+verwünschte die alte Hexe, neben der sie das Kreuzfeuer so vieler Augen
+aushalten mußte. Mutter Jeschke selbst aber nickte nur leise mit dem
+Kopf, wie wenn sie jedes Wort billige, das Eccelius gesprochen, und
+sang, als die Predigt aus war, den Schlußvers ruhig mit. Ja sie blieb
+selbst unbefangen, als sie draußen, an den zu beiden Seiten des
+Kirchhofweges stehenden Frauen vorbeihumpelnd, erst die vorwurfsvollen
+Blicke der Älteren und dann das Kichern der Jüngeren über sich ergehen
+lassen mußte.
+
+Zu Hause sagte Line: »Das war eine schöne Geschichte, Mutter Jeschke.
+Hätte mir die Augen aus dem Kopf schämen können.«
+
+»Bis doch sünnst nicht so.«
+
+»Ach was, sünnst. Hat er Recht oder nicht? Ich meine, der Alte drüben?«
+
+»Ick weet nich, Line,« beschwichtigte die Jeschke. »He möt et joa
+weeten.«
+
+
+
+
+ XIII.
+
+
+»He möt et joa weeten,« hatte die Jeschke gesagt und damit
+ausgesprochen, wie sie wirklich zu der Sache stand. Sie mißtraute
+Hradscheck nach wie vor; aber der Umstand, daß Eccelius von der Kanzel
+her eine Rechtfertigungsrede für ihn gehalten hatte, war doch nicht ohne
+Eindruck auf sie geblieben und veranlaßte sie, sich einigermaßen
+zweifelvoll gegen ihren eigenen Argwohn zu stellen. Sie hatte Respekt
+vor Eccelius, trotzdem sie kaum weniger als eine richtige alte Hexe war
+und die heiligen Handlungen der Kirche ganz nach Art ihrer
+sympathetischen Kuren ansah. Alles, was in der Welt wirkte, war
+Sympathie, Besprechung, Spuk, aber dieser Spuk hatte doch zwei Quellen,
+und der weiße Spuk war stärker als der schwarze. Demgemäß unterwarf sie
+sich auch (und zumal wenn er von Altar oder Kanzel her sprach) dem den
+weißen Spuk vertretenden Eccelius, ihm so zu sagen die sichrere
+Bezugsquelle zugestehend. Unter allen Umständen aber suchte sie mit
+Hradscheck wieder auf einen guten Fuß zu kommen, weil ihr der Werth
+einer guten Nachbarschaft einleuchtete. Hradscheck seinerseits, statt
+den Empfindlichen zu spielen, wie manch anderer gethan hätte, kam ihr
+dabei auf halbem Wege entgegen und war überhaupt von so viel
+Unbefangenheit, daß, ehe noch die Fastelabend-Pfannkuchen gebacken
+wurden, die ganze Szulski-Geschichte so gut wie vergessen war. Nur
+Sonntags im Kruge kam sie noch dann und wann zur Sprache.
+
+»Wenn man wenigstens de Pelz wedder in die Hücht käm ...«
+
+»Na, Du wührst doch den Pohlschen sien' Pelz nich antrecken wulln?«
+
+»Nich antrecken? Worümm nich? Dat de Pohlsche drinn wihr, dat deiht em
+nix. Un mi ook nich. Un wat sünnst noch drin wihr, na, dat wahrd nu joa
+woll rut sinn.«
+
+»Joa, joa. Dat wahrd nu joa woll rut sinn.«
+
+Und dann lachte man und wechselte das Thema.
+
+Solche Scherze bildeten die Regel, und nur selten war es, daß irgend wer
+ernsthaft auf den Fall zu sprechen kam und bei der Gelegenheit seine
+Verwunderung ausdrückte, daß die Leiche noch immer nicht angetrieben
+sei. Dann aber hieß es, »der Todte lieg' im Schlick, und der Schlick
+gäbe nichts heraus, oder doch erst nach fünfzig Jahren, wenn das
+angeschwemmte Vorland Acker geworden sei. Dann würd' er mal beim Pflügen
+gefunden werden, gerad so wie der Franzose gefunden wär'«.
+
+Ja, gerade so wie der Franzose, der jetzt überhaupt die Hauptsache war,
+viel mehr als der mit seinem Fuhrwerk verunglückte Reisende, was
+eigentlich auch nicht Wunder nehmen konnte. Denn Unglücksfälle wie der
+Szulski'sche waren häufig, oder wenigstens nicht selten, während der
+verscharrte Franzos unterm Birnbaum alles Zeug dazu hatte, die Fantasie
+der Tschechiner in Bewegung zu setzen. Allerlei Geschichten wurden
+ausgesponnen, auch Liebesgeschichten, in deren einer es hieß, daß
+Anno 13 ein in eine hübsche Tschechinerin verliebter Franzose beinah
+täglich von Küstrin her nach Tschechin gekommen sei, bis ihn ein
+Nebenbuhler erschlagen und verscharrt habe. Diese Geschichte ließen sich
+auch die Mägde nicht nehmen, trotzdem sich ältere Leute sehr wohl
+entsannen, daß man einen Chasseur- oder nach andrer Meinung einen
+Voltigeur-Korporal einfach wegen zu scharfer Fouragirung bei Seite
+gebracht und still gemacht habe. Diese Besserwissenden drangen aber mit
+ihrer Prosa-Geschichte nicht durch, und unter allen Umständen blieb der
+Franzose Held und Mittelpunkt der Unterhaltung.
+
+All das kam unsrem Hradscheck zu statten. Aber was ihm noch mehr zu
+statten kam, war das, daß er denselben »Franzosen unterm Birnbaum« nicht
+blos zur Wiederherstellung, sondern sogar zu glänzender Aufbesserung
+seiner Reputation zu benutzen verstand.
+
+Und das kam so.
+
+Nicht allzu lange nach seiner Entlassung aus der Untersuchungshaft war
+in einer Kirchen-Gemeinderathssitzung, der Eccelius in Person
+präsidirte, davon die Rede gewesen, dem Franzosen auf dem Kirchhof ein
+christliches Begräbniß zu gönnen. »Der Franzose sei zwar,« so hatte sich
+der den Antrag stellende Kunicke geäußert, »sehr wahrscheinlich ein
+Katholscher gewesen, aber man dürfe das so genau nicht nehmen; die
+Katholschen seien bei Licht besehen auch Christen, und wenn einer schon
+so lang in der Erde gelegen habe, dann sei's eigentlich gleich, ob er
+den gereinigten Glauben gehabt habe oder nicht.« Eccelius hatte dieser
+echt Kunicke'schen Rede, wenn auch selbstverständlich unter Lächeln,
+zugestimmt, und die Sache war schon als angenommen und erledigt
+betrachtet worden, als sich Hradscheck noch im letzten Augenblick zum
+Worte gemeldet hatte. »Wenn der Herr Prediger das Begräbniß auf dem
+Kirchhofe, der, als ein richtiger christlicher Gottesacker, jedem
+Christen, evangelisch oder katholisch, etwas durchaus Heiliges sein
+müsse, für angemessen oder gar für pflichtmäßig halte, so könne es ihm
+nicht einfallen, ein Wort dagegen sagen zu wollen; wenn es aber nicht
+ganz so liege, mit andern Worten, wenn ein Begräbniß daselbst nicht
+absolut pflichtmäßig sei, so spräch' er hiermit den Wunsch aus, den
+Franzosen in seinem Garten behalten zu dürfen. Der Franzose sei so zu
+sagen sein Schutzpatron geworden, und kein Tag ginge hin, ohne daß er
+desselben in Dankbarkeit und Liebe gedenke. Das sei das, was er nicht
+umhin gekonnt habe hier auszusprechen, und er setze nur noch hinzu, daß
+er, gewünschten Falles, die Stelle mit einem Gitter versehen oder mit
+einem Buchsbaum umziehn wolle.« Die ganze Rede hatte Hradscheck mit
+bewegter und die Dankbarkeitsstelle sogar mit zitternder Stimme
+gesprochen, was eine große Wirkung auf die Bauern gemacht hatte.
+
+»Bist ein braver Kerl,« hatte der, wie alle Frühstücker, leicht zum
+Weinen geneigte Kunicke gesagt und eine Viertelstunde später, als er
+Woytasch und Eccelius bis vor das Pfarrhaus begleitete, mit Nachdruck
+hinzugesetzt: »Un wenn's noch ein Russe wär'! Aber das is ihm alles
+eins, Russ' oder Franzos. Der Franzos hat ihm geholfen und nu hilft er
+ihm wieder und läßt ihn eingittern. Oder doch wenigstens eine Rabatte
+ziehen. Und wenn es ein Gitter wird, so hat er's nicht unter zwanzig
+Thaler. Und da rechne ich noch keinen Anstrich und keine Vergoldung.«
+
+ * * *
+
+Das alles war Mitte März gewesen, und vier Wochen später, als die
+Schwalben zum ersten Male wieder durch die Dorfgasse hinschossen, um
+sich anzumelden und zugleich Umschau nach den alten Menschen und Plätzen
+zu halten, hatte Hradscheck ein Zwiegespräch mit Zimmermeister
+Buggenhagen, dem er bei der Gelegenheit eine Planzeichnung vorlegte.
+
+»Sehen Sie, Buggenhagen, das Haus ist überall zu klein, überall ist
+angebaut und angeklebt, die Küche dicht neben dem Laden, und für die
+Fremden ist nichts da, wie die zwei Giebelstuben oben. Das ist zu wenig,
+ich will also ein Stock aufsetzen. Was meinen Sie? Wird der Unterbau ein
+Stockwerk aushalten?«
+
+»Was wird er nicht!« sagte Buggenhagen. »Natürlich Fachwerk!«
+
+»Natürlich Fachwerk!« wiederholte Hradscheck. »Auch schon der Kosten
+wegen. Alle Welt thut jetzt immer, als ob meine Frau zum mindesten ein
+Rittergut geerbt hätte. Ja, hat sich was mit Rittergut. Erbärmliche
+tausend Thaler.«
+
+»Na, na.«
+
+»Nun, sagen wir zwei,« lachte Hradscheck. »Aber mehr nicht, auf Ehre.
+Und daß davon keine Seide zu spinnen ist, das wissen Sie. Keine Seide zu
+spinnen und auch keine Paläste zu bauen. Also so billig wie möglich,
+Buggenhagen. Ich denke, wir nehmen Lehm als Füllung. Stein ist zu schwer
+und zu theuer, und was wir dadurch sparen, das lassen wir der
+Einrichtung zu Gute kommen. Ein paar Öfen mit weißen Kacheln, nicht
+wahr? Ich habe schon an Feilner geschrieben und angefragt. Und natürlich
+alles Tapete! Sieht immer nach 'was aus und kann die Welt nicht kosten.
+Ich denke, weiße; das ist am saubersten und zugleich das Billigste.«
+
+Buggenhagen hatte zugestimmt und gleich nach Ostern mit dem Umbau
+begonnen.
+
+Und nicht allzu lange, das Wetter hatte den Bau begünstigt, so war das
+Haus, das nun einen aufgesetzten Stock hatte, wieder unter Dach. Aber es
+war das _alte_ Dach, die nämlichen alten Steine, denn Hradscheck wurde
+nicht müde, Sparsamkeit zu fordern und immer wieder zu betonen, »daß er
+nach wie vor ein armer Mann sei.«
+
+Vier Wochen später standen auch die Feilner'schen Öfen, und nur
+hinsichtlich der Tapete waren andere Beschlüsse gefaßt und statt der
+weißen ein paar buntfarbige gewählt worden.
+
+ * * *
+
+Anfangs, so lange das Dach-Abdecken dauerte, hatte Hradscheck in
+augenscheinlicher Nervosität immer zur Eile angetrieben, und erst als
+die rechts nach der Kegelbahn hin gelegene Giebelwand eingerissen und
+statt der Stuben oben nur noch das Balken- und Sparrenwerk sichtbar war,
+hatte sich seine Hast und Unruhe gelegt und Aufgeräumtheit und gute
+Laune waren an Stelle derselben getreten. In dieser guten Laune war und
+blieb er auch, und nur ein einziger Tag war gewesen, der ihm dieselbe
+gestört hatte.
+
+»Was meinen Sie, Buggenhagen,« hatte Hradscheck eines Tages gesagt, als
+er eine aus dem Keller heraufgeholte Flasche mit Portwein aufzog. »Was
+meinen Sie, ließe sich nicht der Keller etwas höher wölben? Natürlich
+nicht der ganze Keller. Um Gottes willen nicht, da blieb am Ende kein
+Stein auf dem andern, und Laden und Wein- und Wohnstube, kurzum alles
+müßte verändert und auf einen andern Leisten gebracht werden. Das geht
+nicht. Aber es wäre schon viel gewonnen, wenn wir das Mittelstück, das
+grad unter dem Flur hinläuft, etwas höher legen könnten. Ob die Diele
+dadurch um zwei Fuß niedriger wird, ist ziemlich gleichgültig; denn die
+Fässer, die da liegen, haben immer noch Spielraum genug, auch nach oben
+hin, und stoßen nicht gleich an die Decke.«
+
+Buggenhagen widersprach nie, theils aus Klugheit, theils aus
+Gleichgültigkeit, und das Einzige, was er sich dann und wann erlaubte,
+waren halbe Vorschläge, hinsichtlich deren es ihm gleich war, ob sie
+gutgeheißen oder verworfen wurden. Und so verfuhr er auch diesmal wieder
+und sagte: »Versteht sich, Hradscheck. Es geht. Warum soll es nicht
+gehn? Es geht alles. Und der Keller ist auch wirklich nicht hoch genug
+(ich glaube keine fünftehalb Fuß) und die Fenster viel zu klein und zu
+niedrig; alles wird stockig und multrig. Muß also gemacht werden. Aber
+warum gleich wölben? Warum nicht lieber ausschachten? Wenn wir zehn
+Fuhren Erde 'raus nehmen, haben wir überall fünf Fuß im ganzen Keller
+und kein Mensch stößt sich mehr die kahle Platte. Nach oben hin wölben
+macht blos Kosten und Umstände. Wir können eben so gut nach unten gehn.«
+
+Hradscheck, als Buggenhagen so sprach, hatte die Farbe gewechselt und
+sich momentan gefragt, »ob das alles vielleicht was zu bedeuten habe?«
+Bald aber von des Sprechenden Unbefangenheit überzeugt, war ihm seine
+Ruhe zurückgekehrt.
+
+»Wenn ich mir's recht überlege, Buggenhagen, so lassen wir's. Wir müssen
+auch an das Grundwasser denken. Und ist es so lange so gegangen, so
+kann's auch noch weiter so gehn. Und am Ende, wer kommt denn in den
+Keller? Ede. Und der hat noch lange keine fünf Fuß.«
+
+ * * *
+
+Das war einige Zeit vor Beginn der Manöver gewesen, und wenn es ein paar
+Tage lang ärgerlich und verstimmend nachgewirkt hatte, so verschwand es
+rasch wieder, als Anfang September die Truppenmärsche begannen und die
+Schwedter Dragoner als Einquartierung ins Dorf kamen. Das Haus voller
+Gäste zu haben, war überhaupt Hradscheck's Vergnügen, und der liebste
+Besuch waren ihm Rittmeister und Lieutenants, die nicht nur ihre Flasche
+tranken, sondern auch allerlei wußten und den Mund auf dem rechten Fleck
+hatten. Einige verschworen sich, daß ein Krieg ganz nahe sei. Kaiser
+Nikolaus, Gott sei Dank, sei höchst unzufrieden mit der neuen
+französischen Wirthschaft, und der unsichere Passagier, der Louis
+Philipp, der doch eigentlich blos ein Waschlappen und halber Cretin sei,
+solle mit seiner ganzen Konstitution wieder bei Seite geschoben und
+statt seiner eine bourbonische Regentschaft eingesetzt oder vielleicht
+auch der vertriebene Karl X. wieder zurückgeholt werden, was eigentlich
+das Beste sei. Kaiser Nikolaus habe Recht, überhaupt immer Recht.
+Konstitution sei Unsinn und das ganze Bürgerkönigthum die reine
+Phrasendrescherei.
+
+Wenn so das Gespräch ging, ging unserm Hradscheck das Herz auf, trotzdem
+er eigentlich für Freiheit und Revolution war. Wenn es aber Revolution
+nicht sein konnte, so war er auch für Tyrannei. Blos gepfeffert mußte
+sie sein. Aufregung, Blut, Todtschießen, -- wer ihm das leistete, war
+sein Freund, und so kam es, daß er über Louis Philipp mit zu Gerichte
+saß, als ob er die hyperloyale Gesinnung seiner Gäste getheilt hätte.
+Nur von Ede sah er sich noch übertroffen, und wenn dieser durch die
+Weinstube ging und ein neues Beefsteak oder eine neue Flasche brachte,
+so lag allemal ein dümmliches Lachen auf seinem Gesicht, wie wenn er
+sagen wollte: »Recht so, 'runter mit ihm; alles muß um einen Kopf kürzer
+gemacht werden.« Ein paar blutjunge Lieutenants, die diese komische
+Raserei wahrnahmen, amüsirten sich herzlich über ihn und ließen ihn
+mittrinken, was alsbald dahin führte, daß der für gewöhnlich so
+schüchterne Junge ganz aus seiner Reserve heraustrat und sich
+gelegentlich selbst mit dem sonst so gefürchteten Hradscheck auf einen
+halben Unterhaltungsfuß stellte.
+
+»Da, Herr,« rief er eines Tages, als er gerade mit einem Korbe voll
+Flaschen wieder aus dem Keller heraufkam. »Da, Herr; das hab' ich eben
+unten gefunden.« Und damit schob er Hradscheck einen schwarzübersponnenen
+Knebelknopf zu. »Sind solche, wie der Pohlsche an seinem Rock hatte.«
+
+Hradscheck war kreideweiß geworden und stotterte: »Ja, hast Recht, Ede.
+Das sind solche. Hast Recht. Das heißt, die von dem Pohlschen, die waren
+größer. Solche kleinen wie _die_, die hatte Hermannchen, uns'
+Lütt-Hermann, an seinem Pelzrock. Weißt Du noch? Aber nein, da warst Du
+noch gar nicht hier. Bring' ihn meiner Frau; vergiß nicht. Oder gieb ihn
+mir lieber wieder; ich will ihn ihr selber bringen.«
+
+Ede ging, und die zunächst sitzenden Offiziere, die Hradscheck's
+Erregung wahrgenommen hatten, aber nicht recht wußten, was sie daraus
+machen sollten, standen auf und wandten sich einem Gespräch mit andren
+Kameraden zu.
+
+ * * *
+
+Auch Hradscheck erhob sich. Er hatte den Knebelknopf zu sich gesteckt
+und ging in den Garten, ärgerlich gegen den Jungen, am ärgerlichsten
+aber gegen sich selbst.
+
+»Gut, daß es Fremde waren, und noch dazu solche, die blos an Mädchen
+und Pferde denken. War's einer von uns hier, und wenn auch blos der
+Ölgötze, der Quaas, so hatt' ich die ganze Geschichte wieder über den
+Hals. Aufpassen, Hradscheck, aufpassen. Und das verdammte Zusammenfahren
+und sich Verfärben! Kalt Blut, oder es giebt ein Unglück.«
+
+So vor sich hinsprechend, war er, den Blick zu Boden gerichtet, schon
+ein paarmal in dem Mittelgang auf und ab geschritten. Als er jetzt
+wieder aufsah, sah er, daß die Jeschke hinter dem Himbeerzaune stand und
+ein paar verspätete Beeren pflückte.
+
+»Die alte Hexe. Sie lauert wieder.«
+
+Aber trotzalledem ging er auf sie zu, gab ihr die Hand und sagte: »Nu,
+Mutter Jeschke, wie geht's? Lange nicht gesehn. Auch Einquartierung?«
+
+»Nei, Hradscheck.«
+
+»Oder is Line wieder da?«
+
+»Nei, Lineken ook nich. De is joa jitzt in Küstrin.«
+
+»Bei wem denn?«
+
+»Bi School-Inspekters. Un doa will se nich weg ... Hüren's, Hradscheck,
+ick glöw, de School-Inspekters sinn ook man so ... Awers wat hebben Se
+denn? Se sehn joa janz geel ut. Un hier so 'ne Falt'. O, Se möten sich
+nich ärgern, Hradscheck.«
+
+»Ja, Mutter Jeschke, das sagen Sie wohl. Aber man _muß_ sich ärgern. Da
+sind nun die jungen Offiziere. Na, die gehen bald wieder und sind auch
+am Ende so schlimm nicht und eigentlich nette Herrchen und immer fidel.
+Aber der Ede, dieser Ede! Da hat der Junge gestern wieder ein halbes
+Faß Öl auslaufen lassen. Das ist doch über den Spaß. Wo soll man denn
+das Geld schließlich hernehmen? Und dann die Plackerei treppauf,
+treppab, und die schmalen Kellerstufen halb abgerutscht. Es ist zum
+Halsbrechen.«
+
+»Na, Se hebben joa doch nu Buggenhagen bi sich. De künn joa doch ne nije
+Trepp moaken.«
+
+»Ach, der, der. Mit dem ist auch nichts; ärgert mich auch. Sollte mir da
+den Keller höher legen. Aber er will nicht und hat allerhand Ausreden.
+Oder vielleicht versteht er's auch nicht. Ich werde mal den Küstriner
+Maurermeister kommen lassen, der jetzt an den Kasematten herumflickt.
+Kasematten und Keller ist ja beinah dasselbe. _Der_ muß Rath schaffen.
+Und bald. Denn der Keller ist eigentlich gar kein richtiger Keller; is
+blos ein Loch, wo man sich den Kopf stößt.«
+
+»Joa, joa. De Wienstuw' sitt em to sihr upp'n Nacken.«
+
+»Freilich. Und die ganze Geschichte hat nicht Luft und nicht Licht. Und
+warum nicht? Weil kein richtiges Fenster da ist. Alles zu klein und zu
+niedrig. Alles zu dicht zusammen.«
+
+»Woll, woll,« stimmte die Jeschke zu. »Jott, ick weet noch, as de
+Pohlsche hier wihr und dat Licht ümmer so blinzeln deih. Joa, wo _wihr_
+dat Licht? Wihr et in de Stuw' o'r wihr et in'n Keller? Ick weet et
+nich.«
+
+Alles klang so pfiffig und hämisch, und es lag offen zu Tage, daß sie
+sich an ihres Nachbarn Verlegenheit weiden wollte. Diesmal aber hatte
+sie die Rechnung ohne den Wirth gemacht und die Verlegenheit blieb
+schließlich auf ihrer Seite. War doch Hradscheck seit lange schon
+Willens, ihr gegenüber, bei sich bietender Gelegenheit, mal einen andern
+Ton anzuschlagen. Und so sah er sie denn jetzt mit seinen
+durchdringenden Augen scharf an und sagte, sie plötzlich in der dritten
+Person anredend: »Jeschken, ich weiß, wo sie hin will. Aber weiß sie
+denn auch, was eine Verleumdungsklage ist? Ich erfahre alles, was sie so
+herumschwatzt; aber seh' sie sich vor, sonst kriegt sie's mit dem
+Küstriner Gericht zu thun; sie ist 'ne alte Hexe, das weiß jeder, und
+der Justizrath weiß es auch. Und er wartet blos noch auf eine
+Gelegenheit.«
+
+Die Alte fuhr erschreckt zusammen. »Ick meen' joa man, Hradscheck, ick
+meen' joa man ... Se weeten doch, en beten Spoaß möt sinn.«
+
+»Nun gut. Ein bischen Spaß mag sein. Aber wenn ich Euch rathen kann,
+Mutter Jeschke, nicht zu viel. Hört Ihr wohl, nicht zu viel.«
+
+Und damit ging er wieder auf das Haus zu.
+
+
+
+
+ XIV.
+
+
+Ängstigungen und Ärgernisse wie die vorgeschilderten kamen dann und wann
+vor, aber im Ganzen, um es zu wiederholen, war die Bauzeit eine
+glückliche Zeit für unsern Hradscheck gewesen. Der Laden war nie leer,
+die Kundschaft wuchs, und das dem Grundstück zugehörige, draußen an der
+Neu-Lewiner Straße gelegene Stück Ackerland gab in diesem Sommer einen
+besonders guten Ertrag. Dasselbe galt auch von dem Garten hinterm Haus;
+alles gedieh darin, der Spargel prachtvoll, dicke Stangen mit gelbweißen
+Köpfen, und die Pastinak- und Dill-Beete standen hoch in Dolden. Am
+meisten aber that der alte Birnbaum, der sich mehr als seit Jahren
+anstrengte. »Dat 's de Franzos«, sagten die Knechte Sonntags im Krug,
+»de deiht wat för em,« und als die Pflückenszeit gekommen, rief Kunicke,
+der sich gerade zum Kegeln eingefunden hatte: »Hör', Hradscheck, Du
+könntest uns mal ein paar von Deinen _Franzosen_birnen bringen.«
+Franzosenbirnen! Das Wort wurde sehr bewundert, lief rasch von Mund zu
+Mund, und ehe drei Tage vergangen waren, sprach kein Mensch mehr von
+Hradscheck's »Malvasieren«, sondern blos noch von den »Franzosenbirnen«.
+Hradscheck selbst aber freute sich des Wortes, weil er daran erkannte,
+daß man, trotz aller Stichelreden der alten Jeschke, mehr und mehr
+anfing, die Vorkommnisse des letzten Winters von der scherzhaften Seite
+zu nehmen.
+
+Ja, die Sommer- und Baumonate brachten lichtvolle Tage für Hradscheck,
+und sie hätten noch mehr Licht und noch weniger Schatten gehabt, wenn
+nicht Ursel gewesen wäre. Die füllte, während alles andre glatt und gut
+ging, seine Seele mit Mitleid und Sorge, mit Mitleid, weil er sie liebte
+(wenigstens auf seine Weise), mit Sorge, weil sie dann und wann ganz
+wunderliche Dinge redete. Zum Glück hatte sie nicht das Bedürfniß Umgang
+zu pflegen und Menschen zu sehn, lebte vielmehr eingezogener denn je,
+und begnügte sich damit, Sonntags in die Kirche zu gehn. Ihre sonst
+tiefliegenden Augen sprangen dann aus dem Kopf, so begierig folgte sie
+jedem Wort, das von der Kanzel her laut wurde, _das_ Wort aber, auf das
+sie wartete, das kam nicht. In ihrer Sehnsucht ging sie dann, nach der
+Predigt, zu dem guten, ihr immer gleichmäßig geneigt bleibenden Eccelius
+hinüber, um, so weit es ging, Herz und Seele vor ihm auszuschütten und
+etwas von Befreiung oder Erlösung zu hören; aber Seelsorge war nicht
+seine starke Seite, noch weniger seine Passion, und wenn sie sich der
+Sünde geziehn und in Selbstanklagen erschöpft hatte, nahm er lächelnd
+ihre Hand und sagte: »Liebe Frau Hradscheck, wir sind allzumal Sünder
+und mangeln des Ruhmes, den wir vor Gott haben sollen. Sie haben eine
+Neigung sich zu peinigen, was ich mißbillige. Sich ewig anklagen ist
+oft Dünkel und Eitelkeit. Wir haben Christum und seinen Wandel als
+Vorbild, dem wir im Gefühl unsrer Schwäche demüthig nachstreben sollen.
+Aber wahren wir uns vor Selbstgerechtigkeit, vor allem vor _der_, die
+sich in Zerknirschung äußert. _Das_ ist die Hauptsache.« Wenn er das
+trocken-geschäftsmäßig, ohne Pathos und selbst ohne jede Spur von
+Salbung gesagt hatte, ließ er die Sache sofort wieder fallen und fragte,
+zu natürlicheren und ihm wichtiger dünkenden Dingen übergehend, »wie
+weit der Bau sei?« Denn er wollte nächstes Frühjahr _auch_ bauen. Und
+wenn dann die Hradscheck, um ihm zu Willen zu sein, von allen möglichen
+Kleinigkeiten, am liebsten und eingehendsten aber von den
+Meinungsverschiedenheiten zwischen ihrem Mann und Zimmermeister
+Buggenhagen geplaudert hatte, rieb er sich schmunzelnd und vor sich
+hinnickend die Hand und sagte rasch und in augenscheinlicher Furcht, das
+Seelengespräch wieder aufgenommen zu sehn: »Und nun, liebe Frau
+Hradscheck, muß ich Ihnen meine Nelken zeigen.«
+
+ * * *
+
+Um Johanni wußte ganz Tschechin, daß die Hradscheck es nicht lange mehr
+machen werde. Keinem entging es. Nur sie selber sah es so schlimm nicht
+an und wollte von keinem Doktor hören. »Sie wissen ja doch nichts. Und
+dann der Wagen und das viele Geld.« Auf das Letztere, das »viele Geld«,
+kam sie jetzt überhaupt mit Vorliebe zu sprechen, fand alles unnöthig
+oder zu theuer, und während sie noch das Jahr vorher für ein
+Polysander-Fortepiano gewesen war, um es, wenn nicht der Amtsräthin in
+Friedrichsau, so doch wenigstens der Domänenpächterin auf Schloß
+Solikant gleich zu thun, so war sie jetzt sparsam bis zum Geiz.
+Hradscheck ließ sie gewähren, und nur einmal, als sie gerade beim
+Schotenpalen war, nahm er sich ein Herz und sagte: »Was ist das nur
+jetzt, Ursel? Du ringst Dir ja jeden Dreier von der Seele.« Sie schwieg,
+drehte die Schüssel hin und her und palte weiter. Als er aber stehen
+blieb und auf Antwort zu warten schien, sagte sie, während sie die
+Schüssel rasch und heftig bei Seite setzte: »Soll es alles umsonst
+gewesen sein? Oder willst Du ...« Weiter kam sie nicht. Ein Herzkrampf,
+daran sie jetzt häufiger litt, überfiel sie wieder, und Hradscheck
+sprang zu, um ihr zu helfen.
+
+Ihre Wirthschaft besorgte sie pünktlich und alles ging am Schnürchen,
+wie vordem. Aber Interesse hatte sie nur für eins, und das Eine war der
+Bau. Sie wollt' ihn, darin Hradscheck's Eifer noch übertreffend, in
+möglichster Schnelle beendet sehn, und so sparsam sie sonst geworden
+war, so war sie doch gegen keine Mehrausgabe, die Beschleunigung und
+rascheres Zustandekommen versprach. Einmal sagte sie: »Wenn ich nur erst
+oben bin. Oben werd' ich auch wieder Schlaf haben. Und wenn ich erst
+wieder schlafe, werd' ich auch wieder gesund werden.« Er wollte sie
+beruhigen und strich ihr mit der Hand über Stirn und Haar. Aber sie wich
+seiner Zärtlichkeit aus und kam in ein heftiges Zittern. Überhaupt war
+es jetzt öfter so, wie wenn sie sich vor ihm fürchte. 'mal sagte sie
+leise: »Wenn er nur nicht so glatt und glau wär'. Er ist so munter und
+spricht so viel und kann alles. Ihn ficht nichts an ... Und die drüben
+in Neu-Lewin war auch mit einem Male weg.« Solche Stimmungen kamen ihr
+von Zeit zu Zeit, aber sie waren flüchtig und vergingen wieder.
+
+ * * *
+
+Und nun waren die letzten Augusttage.
+
+»Morgen, Ursel, ist alles fertig.«
+
+Und wirklich, als der andre Tag da war, bot ihr Hradscheck mit einer
+gewissen freundlichen Feierlichkeit den Arm, um sie treppauf in eine der
+neuen Stuben zu führen. Es war die, die nach der Kegelbahn hinauslag,
+jetzt die hübscheste, hellblau tapezirt und an der Decke gemalt: ein
+Kranz von Blüthen und Früchten, um den Tauben flogen und pickten. Auch
+das Bett war schon heraufgeschafft und stand an der Mittelwand, genau
+da, wo früher die Bettwand der alten Giebel- und Logirstube gewesen war.
+
+Hradscheck erwartete Dank und gute Worte zu hören. Aber die Kranke sagte
+nur: »_Hier_? Hier, Abel?«
+
+»Es sind neue Steine,« stotterte Hradscheck.
+
+Ursel indeß war schon von der Thürschwelle wieder zurückgetreten und
+ging den Gang entlang, nach der andern Giebelseite hinüber, wo sich ein
+gleich großes, auf den Hof hinaussehendes Zimmer befand. Sie trat an das
+Fenster und öffnete; Küchenrauch, mehr anheimelnd als störend, kam ihr
+von der Seite her entgegen und eine Henne mit ihren Küchelchen zog unten
+vorüber; Jakob aber, der holzsägend in Front einer offnen Remise stand,
+neckte sich mit Male, die beim Brunnen Wäsche spülte.
+
+»_Hier_ will ich bleiben.«
+
+Und Hradscheck, der durch den Auftritt mehr erschüttert als verdrossen war,
+war einverstanden und ließ alles, was sich von Einrichtungsgegenständen
+in der hellblau tapezirten und für Ursel bestimmten Stube befand, nach
+der andern Seite hinüberbringen.
+
+ * * *
+
+Und siehe da, Frau Hradscheck erholte sich wirklich und sogar rascher,
+als sie selbst zu hoffen gewagt hatte. Schlaf kam, der scharfe Zug um
+ihren Mund wich, und als die schon erwähnten Manövertage mit ihrer
+Dragoner-Einquartierung kamen, hatte sich ihr Aussehn und ihre Stimmung
+derart verbessert, daß sie gelegentlich die Wirthin machen und mit den
+Offizieren plaudern konnte. Das Hagere, Hektische gab ihr, bei der guten
+Toilette, die sie zu machen verstand, etwas Distinguirtes, und ein alter
+Eskadronchef, der sie mit erstaunlicher Ritterlichkeit umcourte, sagte,
+wenn er ihr beim Frühstück nachsah und mit beiden Händen den langen
+blonden Schnurrbart drehte: »Famoses Weib. Auf Ehre. Wie _die_ nur
+hierher kommt?« Und dann gab er seiner Bewunderung auch Hradscheck
+gegenüber Ausdruck, worauf dieser nicht wenig geschmeichelt antwortete:
+»Ja, Herr Rittmeister, Glück muß der Mensch haben! Mancher kriegt's im
+Schlaf.«
+
+Und dann lachte der Eskadronchef und stieß mit ihm an.
+
+ * * *
+
+Das alles war Mitte September.
+
+Aber das Wohlbefinden, so rasch es gekommen, so rasch ging es auch
+wieder, und ehe noch das Erntefest heran war, waren die Kräfte schon so
+geschwunden, daß die Kranke die Treppe kaum noch hinunter konnte. Sie
+blieb deßhalb oben, sah auf den Hof und machte sich, um doch etwas zu
+thun, mit der Neu-Einrichtung sämmtlicher Oberzimmer zu schaffen. Nur
+die Giebelstube, nach der Kegelbahn hin, vermied sie.
+
+Hradscheck, der immer noch an die Möglichkeit einer Wiederherstellung
+gedacht hatte, sah jetzt auch, wie's stand, und als der heimlich zu
+Rathe gezogene Doktor Oelze von Abzehrung und Nervenschwindsucht
+gesprochen, machte sich Hradscheck auf ihr Hinscheiden gefaßt. Daß er
+darauf gewartet hätte, konnte nicht wohl gesagt werden; im Gegentheil,
+er blieb seiner alten Neigung treu, war überaus rücksichtsvoll und
+klagte nie, daß ihm die Frau fehle. Er wollt' auch von keiner andern
+Hilfe wissen und ordnete selber alles an, was in der Wirthschaft zu thun
+nöthig war. Vieles that er selbst. »Is doch ein Mordskerl,« sagte
+Kunicke. »Was er will, kann er. Ich glaub', er kann auch einen Hasen
+abziehn und Sülze kochen.«
+
+An dem Abend, wo Kunicke so gesprochen, hatte die Sitzung in der
+Weinstube wieder ziemlich lange gedauert, und Hradscheck war noch keine
+halbe Stunde zu Bett, als Male, die jetzt oben bei der Kranken schlief,
+treppab kam und an seine Thür klopfte.
+
+»Herr Hradscheck, steihn's upp. De Fru schickt mi. Se sülln ruppkoamen.«
+
+Und nun saß er oben an ihrem Bett und sagte: »Soll ich nach Küstrin
+schicken, Ursel? Soll Oelze kommen? Der Weg ist gut. In drei Stunden ist
+er hier.«
+
+»In drei Stunden ...«
+
+»Oder soll Eccelius kommen?«
+
+»Nein,« sagte sie, während sie sich mühvoll aufrichtete, »es geht nicht.
+Wenn ich es nehme, so sag' ich es.«
+
+Er schüttelte verdrießlich den Kopf.
+
+»Und sag' ich es _nicht_, so ess' ich mir selber das Gericht.«
+
+»Ach, laß doch _das_, Ursel. Was soll _das_? Daran denkt ja keiner. Und
+ich am wenigsten. Er soll blos kommen und mit Dir sprechen. Er meint es
+gut mit Dir und kann Dir einen Spruch sagen.«
+
+Es war, als ob sie sich's überlege. Mit einem Mal aber sagte sie: »Selig
+sind die Friedfertigen; selig sind die reines Herzens sind; selig sind
+die Sanftmüthigen. All die kommen in Abraham's Schoß. Aber wohin kommen
+_wir_?«
+
+»Ich bitte Dich, Ursel, sprich nicht so. Frage nicht so. Und wozu? Du
+bist noch nicht soweit, noch lange nicht. Es geht alles wieder vorüber.
+Du lebst und wirst wieder eine gesunde Frau werden.«
+
+Es klang aber alles nur an ihr hin, und Gedanken nachhängend, die schon
+über den Tod hinausgingen, sagte sie: »Verschlossen ... Und was
+aufschließt, das ist der Glaube. Den hab ich nicht ... Aber is noch ein
+Andres, das aufschließt, das sind die guten Werke ... Hörst Du. Du mußt
+ohne Namen nach Krakau schreiben, an den Bischof oder an seinen Vikar.
+Und mußt bitten, daß sie Seelenmessen lesen lassen ... Nicht für mich.
+Aber Du weißt schon ... Und laß den Brief in Frankfurt aufgeben. Hier
+geht es nicht und auch nicht in Küstrin. Ich habe mir's abgespart dies
+letzte halbe Jahr, und Du findest es eingewickelt in meinem Wäschschrank
+unter dem Damast-Tischtuch. Ja, Hradscheck, _das_ war es, wenn Du
+dachtest, ich sei geizig geworden. Willst Du?«
+
+»Freilich will ich. Aber es wird Nachfrage geben.«
+
+»Nein. Das verstehst Du nicht. Das ist Geheimniß. Und sie gönnen einer
+armen Seele die Ruh!«
+
+»Ach, Ursel, Du sprichst so viel von Ruh' und bangst Dich und ängstigst
+Dich, ob Du sie finden wirst. Weißt Du, was ich denke?«
+
+»Nein.«
+
+»Ich denke, leben ist leben, und todt ist todt. Und wir sind Erde, und
+Erde wird wieder Erde. Das Andre haben sich die Pfaffen ausgedacht.
+Spiegelfechterei sag' ich, weiter nichts. Glaube mir, die Todten _haben_
+Ruhe.«
+
+»Weißt Du das so gewiß, Abel?«
+
+Er nickte.
+
+»Nun, ich sage Dir, die Todten stehen wieder auf ...«
+
+»Am jüngsten Tag.«
+
+»Aber es giebt ihrer auch, die warten nicht so lange.«
+
+Hradscheck erschrak heftig und drang in sie, mehr zu sagen. Aber sie war
+schon in die Kissen zurückgesunken und ihre Hand, der seinigen sich
+entziehend, griff nur noch krampfhaft in das Deckbett. Dann wurde sie
+ruhiger, legte die Hand aufs Herz und murmelte Worte, die Hradscheck
+nicht verstand.
+
+»Ursel,« rief er, »Ursel!«
+
+Aber sie hörte nicht mehr.
+
+
+
+
+ XV.
+
+
+Das war in der Nacht von Sonnabend auf Sonntag gewesen, den letzten Tag
+im September. Als am andern Morgen zur Kirche geläutet wurde, standen
+die Fenster in der Stube weit offen, die weißen Gardinen bewegten sich
+hin und her, und alle, die vorüberkamen, sahen nach der Giebelstube
+hinauf und wußten nun, daß die Hradscheck gestorben sei. Schulze
+Woytasch fuhr vor, aussprechend, was er sich bei gleichen Veranlassungen
+zu sagen gewöhnt hatte, »daß ihr nun wohl sei« und »daß sie vor ihnen
+allen einen guten Schritt voraushabe«. Danach trank er, wie jeden
+Sonntag vor der Predigt, ein kleines Glas Madeira zur Stärkung und
+machte dann die kurze Strecke bis zur Kirche hin zu Fuß. Auch Kunicke
+kam und drückte Hradscheck verständnißvoll die Hand, das Auge gerade
+verschwommen genug, um die Vorstellung einer Thräne zu wecken.
+Desgleichen sprachen auch der Ölmüller und gleich nach ihm Bauer Mietzel
+vor, welch letztrer sich bei Todesfällen immer der »Vorzüge seiner
+Kränklichkeit von Jugend auf« zu berühmen pflegte. Das that er auch
+heute wieder. »Ja, Hradscheck, der Mensch denkt und Gott lenkt. Ich
+piepe nun schon so lang; aber es geht immer noch.«
+
+Auch noch andre kamen und sagten ein Wort. Die meisten indessen gingen
+ohne Theilnahmsbezeigung vorüber und stellten Betrachtungen an, die sich
+mit der Todten in nur wenig freundlicher Weise beschäftigten.
+
+»Ick weet nich,« sagte der eine, »wat Hradscheck an ehr hebben deih. Man
+blot, dat se'n beten scheel wihr.«
+
+»Joa,« lachte der Andre. »Dat wihr se. Un am Enn', so wat künn he hier
+ook hebb'n.«
+
+»Un denn dat hannüversche Geld. Ihrst schmeet se't weg, un mit eens fung
+se to knusern an.«
+
+In dieser Weise ging das Gespräch einiger ältrer Leute; das junge
+Weiberzeug aber beschränkte sich auf die eine Frage: »Weck' een he nu
+woll frigen deiht?«
+
+Auf Mittwoch vier Uhr war das Begräbniß angesetzt, und viel Neugierige
+standen schon vorher in einem weiten Halbkreis um das Trauerhaus herum.
+Es waren meist Mägde, die schwatzten und kicherten, und nur einige waren
+ernst, darunter die Zwillings-Enkelinnen einer armen alten Wittwe,
+welche letztre, wenn Wäsche bei den Hradschecks war, allemal mitwusch.
+Diese Zwillinge waren in ihren schwarzen, von der Frau Hradscheck
+herrührenden Einsegnungskleidern erschienen und weinten furchtbar, was
+sich noch steigerte, als sie bemerkten, daß sie durch ihr Geheul und
+Geschluchze der Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit wurden. Dabei
+gingen jetzt die Glocken in einem fort, und alles drängte dichter
+zusammen und wollte sehn. Als es nun aber zum dritten Mal ausgeläutet
+hatte, kam Leben in die drin und draußen Versammelten, und der Zug
+setzte sich in Bewegung. Vorn die von Kantor Graumann geführte
+Schuljugend, die, wie herkömmlich, den Choral »Jesus meine Zuversicht«
+sang; nach ihr erschien der von sechs Trägern getragene Sarg; dann
+Eccelius und Hradscheck; dahinter die Bauernschaft in schwarzen
+Überröcken und hohen schwarzen Hüten, und endlich all die Neugierigen,
+die bis dahin das Haus umstanden hatten. Es war ein wunderschöner Tag,
+frische Herbstluft bei klarblauem Himmel. Aber die würdevoll vor sich
+hinblickende Dorfhonoratiorenschaft achtete des blauen Himmels nicht,
+und nur Bauer Mietzel, der noch Heu draußen hatte, das er am andern Tag
+einfahren wollte, schielte mit halbem Auge hinauf. Da sah er, wie von
+der andern Oderseite her ein Weih über den Strom kam und auf den
+Tschechiner Kirchthurm zuflog. Und er stieß den neben ihm gehenden
+Ölmüller an und sagte: »Süh, Quaas, doa is he wedder.«
+
+»Wihr denn?«
+
+»De Weih. Weetst noch?«
+
+»Nei.«
+
+»Dunn, as dat mit Szulski wihr. Ick segg' Di, de Weih, de weet wat.«
+
+Als sie so sprachen, bog die Spitze des Zuges auf den Kirchhof ein, an
+dessen höchster Stelle, dicht neben dem Thurm, das Grab gegraben war.
+Hier setzte man den Sarg auf darüber gelegte Balken, und als sich der
+Kreis gleich danach geschlossen hatte, trat Eccelius vor, um die
+Grabrede zu halten. Er rühmte von der Todten, daß sie, den ihr
+anerzogenen Aberglauben abschüttelnd, nach freier Wahl und eignem
+Entschluß den Weg des Lichtes gegangen sei, was nur _der_ wissen und
+bezeugen könne, der ihr so nah gestanden habe wie er. Und wie sie das
+Licht und die reine Lehre geliebt habe, so habe sie nicht minder das
+Recht geliebt, was sich zu keiner Zeit schöner und glänzender gezeigt,
+als in jenen schweren Tagen, die der selig Entschlafenen nach dem
+Rathschlusse Gottes auferlegt worden seien. Damals, als er ihr nicht
+ohne Mühe das Zugeständniß erwirkt habe, den, an dem ihr Herz und ihre
+Seele hing, wiedersehn zu dürfen, wenn auch freilich nur vor Zeugen und
+auf eine kurze halbe Stunde, da habe sie die wohl jedem hier in der
+Erinnerung gebliebenen Worte gesprochen: »Nein, nicht jetzt; es ist
+besser, daß ich warte. Wenn er unschuldig ist, so werd' ich ihn
+wiedersehn, früher oder später; wenn er aber schuldig ist, so will ich
+ihn _nicht_ wiedersehn.« Er freue sich, daß er diese Worte, hier am
+Grabe der Heimgegangenen, ihr zu Ruhm und Ehre, wiederholen könne. Ja,
+sie habe sich allezeit bewährt in ihrem Glauben und ihrem Rechtsgefühl.
+Aber vor allem auch in ihrer Liebe. Mit Bangen habe sie die Stunden
+gezählt, in schlaflosen Nächten ihre Kräfte verzehrend, und als endlich
+die Stunde der Befreiung gekommen sei, da sei sie zusammengebrochen. Sie
+sei das Opfer arger, damals herrschender Mißverständnisse, das sei
+zweifellos, und alle die, die diese Mißverständnisse geschürt und
+genährt hätten, anstatt sie zu beseitigen, die hätten eine schwere
+Verantwortung auf ihre Seele geladen. Ja, dieser frühe Tod, er müsse das
+wiederholen, sei das Werk derer, die das Gebot unbeachtet gelassen
+hätten: »Du sollst nicht falsch Zeugniß reden wider Deinen Nächsten.«
+
+Und als er dieses sagte, sah er scharf nach einem entblätterten
+Hagebuttenstrauch hinüber, unter dessen rothen Früchten die Jeschke
+stand und dem Vorgange, wie schon damals in der Kirche, mehr neugierig
+als verlegen folgte.
+
+Gleich danach aber schloß Eccelius seine Rede, gab einen Wink, den Sarg
+hinab zu lassen, und sprach dann den Segen. Dann kamen die drei Hände
+voll Erde, mit sich abschließendem Schmerzblick und Händeschütteln, und
+ehe noch der am Horizont schwebende Sonnenball völlig unter war, war das
+Grab geschlossen und mit Asterkränzen überdeckt.
+
+Eine halbe Stunde später, es dämmerte schon, war Eccelius wieder in
+seiner Studirstube, das Sammetkäppsel auf dem Kopf, das ihm Frau
+Hradscheck vor gerade Jahresfrist gestickt hatte. Die Bauern aber saßen
+in der Weinstube, Hradscheck zwischen ihnen, und faßten alles, was sie
+an Trost zu spenden hatten, in die Worte zusammen: »Immer Courage,
+Hradscheck! Der alte Gott lebt noch« -- welchen Trost- und
+Weisheitssprüchen sich allerlei Wiederverheirathungsgeschichten beinah
+unmittelbar anschlossen. Eine davon, die beste, handelte von einem alten
+Hauptmann v. Rohr, der vier Frauen gehabt und beim Hinscheiden jeder
+Einzelnen mit einer gewissen trotzigen Entschlossenheit gesagt hatte:
+»Nimmt Gott, so nehm' ich wieder.« Hradscheck hörte dem allem ruhig und
+kopfnickend zu, war aber doch froh, die Tafelrunde heute früher als
+sonst aufbrechen zu sehn. Er begleitete Kunicke bis an die Ladenthür
+und stieg dann, er wußte selbst nicht warum, in die Stube hinauf, in der
+Ursel gestorben war. Hier nahm er Platz an ihrem Bett und starrte vor
+sich hin, während allerlei Schatten an Wand und Decke vorüberzogen.
+
+Als er eine Viertelstunde so gesessen, verließ er das Zimmer wieder und
+sah, im Vorübergehen, daß die nach rechts hin gelegene Giebelstube halb
+offenstand, dieselbe Stube, drin die Verstorbene nach vollendetem Umbau
+zu wohnen und zu schlafen so bestimmt verweigert hatte.
+
+»Was machst Du hier, Male?« fragte Hradscheck.
+
+»Wat ick moak? Ick treck em sien Bett öwer.«
+
+»Wem?«
+
+»Is joa wihr ankoamen. Wedder een mit'n Pelz.«
+
+»So, so,« sagte Hradscheck und stieg die Treppe langsam hinunter.
+
+»Wedder een ... wedder een ... Immer noch nicht vergessen.«
+
+
+
+
+ XVI.
+
+
+Frau Hradscheck war nun unter der Erde, Male hatte das Umschlagetuch
+gekriegt, auf das ihre Wünsche sich schon lange gerichtet hatten, und
+alles wäre gut gewesen, wenn nicht der letzte Wille der Verstorbenen
+gewesen wäre: die Geldsendung an den Krakauer Bischof um der zu lesenden
+Seelenmessen willen. Das machte Hradscheck Sorge, nicht wegen des
+Geldes, davon hätt' er sich leicht getrennt, einmal weil Sparen und
+Knausern überhaupt nicht in seiner Natur lag, vor allem aber weil er das
+seiner Frau gegebene Versprechen gern zu halten wünschte, schon aus
+abergläubischer Furcht. Das Geld also war es nicht, und wenn er trotzdem
+in Schwanken und Säumniß verfiel, so war es, weil er nicht selber dazu
+beitragen wollte, die kaum begrabene Geschichte vielleicht wieder ans
+Licht zu ziehn. Ursel hatte freilich von Beichtgeheimniß und Ähnlichem
+gesprochen, er mißtraute jedoch solcher Sicherheit, am meisten aber dem
+ohne Namensunterschrift in Frankfurt aufzugebenden Briefe.
+
+In dieser Verlegenheit beschloß er endlich, Eccelius zu Rathe zu ziehn
+und diesem die halbe Wahrheit zu sagen, und wenn nicht die halbe, so
+doch wenigstens so viel, wie zu seiner Gewissens-Beschwichtigung gerade
+nöthig war. Ursel, so begann er, habe zu seinem allertiefsten Bedauern
+ernste katholische Rückfälle gehabt und ihm beispielsweis in ihrer
+letzten Stunde noch eine Summe Geldes behändigt, um Seelenmessen für sie
+lesen zu lassen (der, dem es eigentlich galt, wurde hier unterschlagen).
+Er, Hradscheck, hab' ihr auch, um ihr das Sterben leichter zu machen,
+alles versprochen, sein protestantisches Gewissen aber sträube sich
+jetzt dagegen, ihr das Versprochene wörtlich und in all und jedem Stücke
+zu halten, weßhalb er anfrage, ob er das Geld wirklich an die
+Katholschen aushändigen oder nicht lieber nach Berlin reisen und ein
+marmornes oder vielleicht auch gußeisernes Grabkreuz, wie sie jetzt Mode
+seien, bestellen solle.
+
+Eccelius zögerte keinen Augenblick mit der Antwort und sagte genau das,
+was Hradscheck zu hören wünschte. Versprechungen, die man einem
+Sterbenden gäbe, seien natürlich bindend, das erheische die Pietät, das
+sei die Regel. Aber jede Regel habe bekanntlich ihren Ausnahmefall, und
+wenn das einem Sterbenden gegebene Versprechen falsch und sündhaft sei,
+so hebe das Erkennen dieser Sündhaftigkeit das Versprechen wieder auf.
+Das sei nicht blos Recht, das sei sogar Pflicht. Die ganze Sache, wie
+Hradscheck sie geschildert, gehöre zu seinen schmerzlichsten
+Erfahrungen. Er habe große Stücke von der Verstorbenen gehalten und
+allezeit einen Stolz darein gesetzt, sie für die gereinigte Lehre
+gewonnen zu haben. Daß er sich darin geirrt oder doch wenigstens halb
+geirrt habe, sei, neben anderem, auch persönlich kränkend für ihn, was
+er nicht leugnen wolle. Diese persönliche Kränkung indeß sei nicht das,
+was sein eben gegebenes Urtheil bestimmt habe. Hradscheck solle getrost
+bei seinem Plane bleiben und nach Berlin reisen, um das Kreuz zu
+bestellen. Ein Kreuz und ein guter Spruch zu Häupten der Verstorbenen
+werde derselben genügen, dem Kirchhof aber ein Schmuck und eine
+Herzensfreude für jeden sein, der Sonntags daran vorüberginge.
+
+ * * *
+
+Es war Ende Oktober gewesen, daß Eccelius und Hradscheck dies Gespräch
+geführt hatten, und als nun Frühling kam und der ganze Tschechiner
+Kirchhof, so kahl auch seine Bäume noch waren, in Schneeglöckchen und
+Veilchen stand, erschien das gußeiserne Kreuz, das Hradscheck mit vieler
+Wichtigkeit und nach langer und minutiöser Berathung auf der königlichen
+Eisengießerei bestellt hatte. Zugleich mit dem Kreuze traf ein Steinmetz
+mit zwei Gesellen ein, Leute, die das Aufrichten und Einlöthen aus dem
+Grunde verstanden, und nachdem die Dorfjugend ein paar Stunden zugesehen
+hatte, wie das Blei geschmolzen und in das Sockelloch eingegossen wurde,
+stand das Kreuz da mit Spruch und Inschrift, und viele Neugierige kamen,
+um die goldblanken Verzierungen zu sehn: unten ein Engel, die Fackel
+senkend, und oben ein Schmetterling. All das wurde von Alt und Jung
+bewundert. Einige lasen auch die Inschrift: »Ursula Vincentia
+Hradscheck, geb. zu Hickede bei Hildesheim im Hannöverschen den 29. März
+1790, gest. den 30. September 1832.« Und darunter Evang. Matthäi 6,
+V. 14. Auf der Rückseite des Kreuzes aber stand ein muthmaßlich von
+Eccelius selbst herrührender Spruch, darin er seinem Stolz, aber
+freilich auch seinem Schmerz Ausdruck gegeben hatte. Dieser Spruch
+lautete: »Wir wandelten in Finsterniß, bis wir das Licht sahen. Aber die
+Finsterniß blieb, und es fiel ein Schatten auf unsren Weg.«
+
+ * * *
+
+Unter denen, die sich das Kreuz gleich am Tage der Errichtung angesehen
+hatten, waren auch Gensdarm Geelhaar und Mutter Jeschke gewesen. Sie
+hatten denselben Heimweg und gingen nun gemeinschaftlich die Dorfstraße
+hinunter, Geelhaar etwas verlegen, weil er den zu seiner eignen
+Würdigkeit schlecht passenden Ruf der Jeschke besser als irgend wer
+anders kannte. Seine Neugier überwand aber seine Verlegenheit, und so
+blieb er denn an der Seite der Alten und sagte:
+
+»Hübsch is es. Un der Schmetterling so natürlich; beinah wie'n
+Citronenvogel. Aber ich begreife Hradscheck nich, daß er sie so dicht an
+dem Thurm begraben hat. Was soll sie da? Warum nicht bei den Kindern?
+Eine Mutter muß doch da liegen, wo die Kinder liegen.«
+
+»Woll, woll, Geelhaar. Awers Hradscheck is klook. Un he weet ümmer, wat
+he deiht.«
+
+»Gewiß weiß er das. Er ist klug. Aber gerade weil er klug ist ...«
+
+»Joa, joa.«
+
+»Nu was denn?«
+
+Und der sechs Fuß hohe Mann beugte sich zu der alten Hexe nieder, weil
+er wohl merkte, daß sie was sagen wollte.
+
+»Was denn, Mutter Jeschke?« wiederholte er seine Frage.
+
+»Joa, Geelhaar, wat sall ick seggen? Eccelius möt et weten. Un de hett
+nu ook wedder de Inschrift moakt. Awers _een_ is, de weet ümmer noch en
+beten mihr.«
+
+»Und wer is das? Line?«
+
+»Ne, Line nich. Awers Hradscheck sülwsten. Hradscheck, de will de
+Kinnings und de Fru nich tosoamen hebb'n. Nich so upp enen Hümpel.«
+
+»Nun gut, gut. Aber warum nicht, Mutter Jeschke?«
+
+»Nu, he denkt, wenn't los geiht.«
+
+Und nun blieb sie stehn und setzte dem halb verwundert, halb entsetzt
+aufhorchenden Geelhaar auseinander, daß die Hradscheck an dem Tage,
+»wo's los gehe«, doch natürlich nach ihren Kindern greifen würde,
+vorausgesetzt, daß sie sie zur Hand habe. »Un dat wull de oll Hradscheck
+nich.«
+
+»Aber, Mutter Jeschke, glaubt Ihr denn an so was?«
+
+»Joa, Geelhaar, worümm nich? Worümm sall ick an so wat nich glöwen?«
+
+
+
+
+ XVII.
+
+
+Als das Kreuz aufgerichtet stand, es war Nachmittag geworden, kam auch
+Hradscheck, sonntäglich und wie zum Kirchgange gekleidet, und die
+Neugierigen, an denen den ganzen Tag über, auch als Geelhaar und die
+Jeschke längst fort waren, kein Mangel blieb, sahen, daß er den Spruch
+las und die Hände faltete. Das gefiel ihnen ausnehmend, am meisten aber
+gefiel ihnen, daß er das theure Kreuz überhaupt bestellt hatte. Denn
+Geld ausgeben (und noch dazu _viel_ Geld) war das, was den Tschechinern
+als echten Bauern am meisten imponirte. Hradscheck verweilte wohl eine
+Viertelstunde, pflückte Veilchen, die neben dem Grabhügel aufsprossen,
+und ging dann in seine Wohnung zurück.
+
+Als es dunkel geworden war, kam Ede mit Licht, fand aber die Thür von
+innen verriegelt, und als er nun auf die Straße ging, um wie gewöhnlich
+die Fensterladen von außen zu schließen, sah er, daß Hradscheck, eine
+kleine Lampe mit grünem Klappschirm vor sich, auf dem Sopha saß und den
+Kopf stützte. So verging der Abend. Auch am andern Tage blieb er auf
+seiner Stube, nahm kaum einen Imbiß, las und schrieb, und ließ das
+Geschäft gehn, wie's gehen wollte.
+
+»Hür', Jakob,« sagte Male, »dat's joa grad' as ob se nu ihrst dod wihr.
+Süh doch, wie heh doa sitt. He kann doch nu nich wedder anfang'n.«
+
+»Ne,« sagte Jakob, »dat kann he nich.«
+
+Und Ede, der hinzukam und heute gerade seinen hochdeutschen Tag hatte,
+stimmte bei, freilich mit der Einschränkung, daß er auch von der
+voraufgegangenen »ersten Trauer« nicht viel wissen wollte.
+
+»Wieder anfangen! Ja, was heißt wieder anfangen? Damals war es auch man
+so so. Drei Tag' und nich länger. Und paß auf, Male, diesmal knappst er
+noch was ab.«
+
+Und wirklich, Ede, der aller Dummheit unerachtet seinen Herrn gut
+kannte, behielt Recht, und ehe noch der dritte Tag um war, ließ
+Hradscheck die Träumerei fallen und nahm das gesellige Leben wieder auf,
+das er schon während der zurückliegenden Wintermonate geführt hatte.
+Dazu gehörte, daß er alle vierzehn Tage nach Frankfurt und alle vier
+Wochen auch mal nach Berlin fuhr, wo er sich, nach Erledigung seiner
+kaufmännischen Geschäfte, kein anderes Vergnügen als einen Theaterabend
+gönnte. Deßhalb stieg er auch regelmäßig in dem an der Ecke von
+Hohen-Steinweg und Königsstraße gelegenen »Gasthofe zum Kronprinzen« ab,
+von dem aus er bis zu dem damals in Blüthe stehenden Königsstädtischen
+Theater nur ein paar hundert Schritte hatte. War er dann wieder in
+Tschechin zurück, so gab er den Freunden und Stammgästen in der
+Weinstube, zu denen jetzt auch Schulze Woytasch gehörte, nicht blos
+Scenen aus dem Angely'schen »Fest der Handwerker« und Holtei's »Altem
+Feldherrn« und den »Wienern in Berlin« zum Besten, sondern sang ihnen
+auch allerlei Lieder und Arien vor: »War's vielleicht um eins, war's
+vielleicht um zwei, war's vielleicht drei oder vier.« Und dann wieder:
+»In Berlin, sagt er, mußt Du sein, sagt er, immer sein, sagt er etc.«
+Denn er besaß eine gute Tenorstimme. Besonderes Glück aber, weit über
+die Singspiel-Arien hinaus, machte er mit dem Leierkastenlied von »Herrn
+Schmidt und seinen sieben heirathslustigen Töchtern«, dessen erste
+Strophe lautete:
+
+ Herr Schmidt, Herr Schmidt,
+ Was kriegt denn Julchen mit?
+ »Ein Schleier und ein Federhut,
+ Das kleidet Julchen gar zu gut.«
+
+Dies Lied von Herrn Schmidt und seinen Töchtern war das Entzücken
+Kunicke's, das verstand sich von selbst, aber auch Schulze Woytasch
+versicherte jedem, der es hören wollte: »Für Hradscheck ist mir nicht
+bange; der kann ja jeden Tag aufs Theater. Ich habe Beckmann gesehn; nu
+ja, Beckmann is gut, aber Hradscheck is besser; er hat noch so was, ja
+wie soll ich sagen, er hat noch so was, was Beckmann nicht hat.«
+
+Hradscheck gewöhnte sich an solchen Beifall, und wenn es sich auch
+gelegentlich traf, daß er bei seinem Berliner Aufenthalte, während
+dessen er allemal eine goldene Brille trug, keine Novität gesehen hatte,
+so kam er doch nie mit leeren Händen zurück, weil er sich nicht eher
+zufrieden gab, als bis er an den Schaufenstern der Buchläden irgend 'was
+Komisches und unbändig Witziges ausgefunden hatte. Das hielt auch nie
+schwer, denn es war gerade die »Glaßbrenner- oder Brennglas-Zeit«, und
+wenn es solche Glaßbrenner-Geschichten nicht sein konnten, nun, so waren
+es Sammlungen alter und neuer Anekdoten, die damals in kleinen dürftigen
+Viergroschen-Büchelchen unter allerhand Namen und Titeln, so
+beispielsweise als »Brausepulver«, feilgeboten wurden. Ja diese
+Büchelchen fanden bei den Tschechinern einen ganz besondern Beifall,
+weil die darin erzählten Geschichten immer kurz waren und nie lange auf
+die Pointe warten ließen, und wenn das Gespräch mal stockte, so hatte
+Kunicke den Stammwitz: »Hradscheck, ein Brausepulver.«
+
+ * * *
+
+Es war Anfang Oktober, als Hradscheck wieder mal in Berlin war, diesmal
+auf mehrere Tage, während er sonst immer den dritten Tag schon wieder
+nach Hause kam. Ede, der mittlerweile das Geschäft versah, paßte gut auf
+den Dienst, und nur in der Stunde von 1 bis 2, wo sich kaum ein Mensch
+im Laden sehen ließ, gefiel er sich darin, den Herrn zu spielen und,
+ganz so wie Hradscheck zu thun pflegte, mit auf den Rücken gelegten
+Händen im Garten auf und ab zu gehen. Das that er auch heute wieder,
+zugleich aber rief er nach Jakob und trug ihm auf, und zwar in ziemlich
+befehlshaberischem Tone, daß er einen neuen Reifen um die Wassertonne
+legen solle. Dann sah er nach den Staarkästen am Birnbaum und zog einen
+Zweig zu sich herab, um noch eine der nachgereiften »Franzosenbirnen«
+zu pflücken. Es war ein Prachtexemplar, in das er sofort einbiß. Als er
+aber den Zweig wieder los ließ, sah er, daß die Jeschke drüben am Zaune
+stand.
+
+»Dag, Ede.«
+
+»Dag, Mutter Jeschke.«
+
+»Na, schmeckt et?«
+
+»I worümm nich? Is joa 'ne Malvasier.«
+
+»Joa. Vördem wihr et 'ne Malvesier. Awers nu ...«
+
+»Nu is et 'ne 'Franzosenbeer'. Ick weet woll. Awers dat's joa all een.«
+
+»Joa, wer weet, Ede. Doa is nu so wat mang. Heste noch nix maarkt?«
+
+Der Junge ließ erschreckt die Birne fallen, das alte Weib aber bückte
+sich danach und sagte: »Ick meen' joa nich de Beer'. Ick meen sünnsten.«
+
+»Wat denn? Wo denn?«
+
+»Na, so 'rümm um't Huus.«
+
+»Nei, Mutter Jeschke.«
+
+»Un ook nich unnen in'n Keller? Hest' noch nix siehn o'r hürt?«
+
+»Nei, Mutter Jeschke. Man blot ...«
+
+»Un grappscht ook nich?«
+
+Der Junge war ganz blaß geworden.
+
+»Joa, Mutter Jeschke, mal wihr mi so. Mal wihr mi so, as hüll mi wat an
+de Hacken. Joa, ick glöw, et grappscht.«
+
+Die Jeschke sah ihren Zweck erreicht und lenkte deßhalb geschickt wieder
+ein. »Ede, Du bist ne Bangbüchs. Ick hebb' joa man spoaßt. Is joa man
+all dumm Tüg.«
+
+Und damit ging sie wieder auf ihr Haus zu und ließ den Jungen stehn.
+
+ * * *
+
+Drei Tage danach war Hradscheck wieder aus Berlin zurück, in
+vergnüglicherer Stimmung als seit lange, denn er hatte nicht nur alles
+Geschäftliche glücklich erledigt, sondern auch die Bekanntschaft einer
+jungen Dame gemacht, die sich seiner Person wie seinen Heirathsplänen
+geneigt gezeigt hatte. Diese junge Dame war die Tochter aus einem
+Destillationsgeschäft, groß und stark, mit etwas hervortretenden, immer
+lachenden Augen, eine Vollblut-Berlinerin. »Forsch und fidel« war ihre
+Losung, der auch ihre Lieblingsredensart: »Ach, das ist ja zum
+Todtlachen« entsprach. Aber dies war nur so für alle Tage. Wurd' ihr
+dann wohliger ums Herz, so wurden es auch ihre Redewendungen, und sie
+sagte dann: »I da muß ja 'ne alte Wand wackeln«, oder »Das ist ja
+gleich, um einen Puckel zu kriegen.« Ihr Schönstes waren Landpartieen
+einschließlich gesellschaftlicher Spiele wie Zeck oder Plumpsack, dazu
+saure Milch mit Schwarzbrot und Heimfahrt mit Stocklaternen und Gesang:
+»Ein freies Leben führen wir«, »Frisch auf, Kameraden«, »Lützow's wilde
+verwegene Jagd« und »Steh' ich in finstrer Mitternacht«. In Folge
+welcher ausgesprochenen Vorliebe sie sich in den Kopf gesetzt hatte, nur
+aufs Land hinaus heirathen zu wollen. Und darüber war sie 30 Jahr alt
+geworden, alles blos aus Eigensinn und Widerspenstigkeit. Ihren Namen
+»Editha« aber hatte die Mutter in Dittchen abgekürzt.
+
+So die Bekanntschaft, die Hradscheck während seines letzten Berliner
+Aufenthaltes gemacht hatte. Mit Editha selbst war er so gut wie einig
+und nur die Eltern hatten noch kleine Bedenken. Aber was bedeutete das?
+Der Vater war ohnehin daran gewöhnt nicht gefragt zu werden, und die
+Mutter, die nur wegen der neun Meilen Entfernung noch einigermaßen
+schwankte, wäre keine richtige Mutter gewesen, wenn sie nicht
+schließlich auch hätte Schwiegermutter sein wollen.
+
+Also Hradscheck war in bester Stimmung, und ein Ausdruck derselben war
+es, daß er diesmal mit einem besonders großen Vorrath von Berliner
+Witzlitteratur nach Tschechin zurückkehrte, darunter eine komische
+Romanze, die letzten Sonntag erst vom Hofschauspieler Rüthling im
+Koncertsaale des königlichen Schauspielhauses vorgetragen worden war und
+zwar in einer Matinée, der, neben der ganzen #haute volée# von Berlin,
+auch Hradscheck und Editha beigewohnt hatten. Diese Romanze behandelte
+die berühmte Geschichte vom Eckensteher, der einen armen
+Apothekerlehrling, »weil das Räucherkerzchen partout nicht stehn wolle«,
+Schlag Mitternacht aus dem Schlaf klingelte, welche Geschichte damals
+nicht blos die ganze vornehme Welt, sondern besonders auch unsern auf
+alle Berliner Witze ganz wie versessenen Hradscheck derart hingenommen
+hatte, daß er die Zeit, sie seinem Tschechiner Convivium vorzulesen,
+kaum erwarten konnte. Nun aber war es so weit, und er feierte Triumphe,
+die fast noch größer waren, als er zu hoffen gewagt hatte. Kunicke
+brüllte vor Lachen und bot den dreifachen Preis, wenn ihm Hradscheck das
+Büchelchen ablassen wolle. »Das müss' er seiner Frau vorlesen, wenn er
+nach Hause komme, diese Nacht noch; so was sei noch gar nicht
+dagewesen.« Und dann sagte Schulze Woytasch: »Ja, die Berliner! Ich weiß
+nicht! Und wenn mir einer tausend Thaler gäbe, so was könnt' ich nich
+machen. Es sind doch verflixte Kerls.«
+
+Die »Romanze vom Eckensteher« indeß, so glänzend ihr Vortrag abgelaufen
+war, war doch nur Vorspiel und Plänkelei gewesen, darin Hradscheck sein
+bestes Pulver noch nicht verschossen hatte. Sein Bestes, oder doch das,
+was er persönlich dafür hielt, kam erst nach und war die Geschichte von
+einem der politischen Polizei zugetheilten Gensdarmen, der einen unter
+Verdacht des Hochverraths stehenden und in der Kurstraße wohnenden
+badischen Studenten Namens Haitzinger ausfindig machen sollte, was ihm
+auch gelang und einige Zeit danach zu der amtlichen Meldung führte, daß
+er den pp. Haitzinger, der übrigens Blümchen heiße, gefunden habe,
+trotzdem derselbe nicht in der Kurstraße, sondern auf dem Spittelmarkt
+wohnhaft und nicht badischer Student, sondern ein sächsischer Leineweber
+sei. »Und nun, Ihr Herren und Freunde,« schloß Hradscheck seine
+Geschichte, »dieser ausbündig gescheite Gensdarm, wie hieß er? Natürlich
+Geelhaar, nicht wahr? Aber nein, Ihr Herren, fehlgeschossen, er hieß
+bloß Müller II. Ich habe mich genau danach erkundigt, sonst hätt' ich
+bis an mein Lebensende geschworen, daß er Geelhaar geheißen haben
+müsse.«
+
+Kunicke schüttelte sich und wollte von keinem andern Namen als Geelhaar
+wissen, und als man sich endlich ausgetobt und ausgejubelt hatte (nur
+Woytasch, als Dorfobrigkeit, sah etwas mißbilligend drein), sagte Quaas:
+»Kinder, so was haben wir nicht alle Tage, denn Hradscheck kommt nicht
+alle Tage von Berlin. Ich denke deßhalb, wir machen noch eine Bowle:
+drei Mosel, eine Rheinwein, eine Burgunder. Und nicht zu süß. Sonst
+haben wir morgen Kopfweh. Es ist erst halb zwölf, fehlen noch fünf
+Minuten. Und wenn wir uns 'ran halten, machen wir um Mitternacht die
+Nagelprobe.«
+
+»Bravo!« stimmte man ein. »Aber nicht zu früh; Mitternacht ist zu früh.«
+
+Und Hradscheck erhob sich, um Ede, der verschlafen im Laden auf einem
+vorgezogenen Zuckerkasten saß, in den Keller zu schicken und die fünf
+Flaschen heraufholen zu lassen. »Und paß auf, Ede; der Burgunder liegt
+durcheinander, rother und weißer, der mit dem grünen Lack ist es.«
+
+Ede rieb sich den Schlaf aus den Augen, nahm Licht und Korb und hob die
+Fallthür auf, die zwischen den übereinander gepackten Ölfässern, und
+zwar an der einzig frei gebliebenen Stelle, vom Flur her in den Keller
+führte.
+
+Nach ein paar Minuten war er wieder oben und klopfte vom Laden her an
+die Thür, zum Zeichen, daß alles da sei.
+
+»Gleich,« rief der wie gewöhnlich mitten in einem Vortrage steckende
+Hradscheck, »gleich«, und trat erst, als er seinen Satz beendet hatte,
+von der Weinstube her in den Laden. Hier schob er sich eine schon vorher
+aus der Küche heranbeorderte Terrine bequem zurecht und griff nach dem
+Korkzieher, um die Flaschen aufzuziehn. Als er aber den Burgunder in die
+Hand nahm, gab er dem Jungen, halb ärgerlich halb gutmüthig, einen Tipp
+auf die Schulter und sagte: »Bist ein Döskopp, Ede. Mit grünem Lack,
+hab' ich Dir gesagt. Und das ist gelber. Geh und hol' 'ne richtige
+Flasche. Wer's nich im Kopp hat, muß es in den Beinen haben.«
+
+Ede rührte sich nicht.
+
+»Nun, Junge, wird es? Mach flink.«
+
+»Ick geih nich.«
+
+»Du gehst nich? warum nich?«
+
+»Et spökt.«
+
+»Wo?«
+
+»Unnen ... Unnen in'n Keller.«
+
+»Junge, bist Du verrückt? Ich glaube, Dir steckt schon der
+Mitternachtsgrusel im Leibe. Rufe Jakob. Oder nein, der is schon zu
+Bett; rufe Male, _die_ soll kommen und Dich beschämen. Aber laß nur.«
+
+Und dabei ging er selber bis an die Küchenthür und rief hinaus: »Male«.
+
+Die Gerufene kam.
+
+»Geh in den Keller, Male.«
+
+»Nei, Herr Hradscheck, ick geih nich.«
+
+»Auch _Du_ nich. Warum nich?«
+
+»Et spökt.«
+
+»Ins Dreideibels Namen, was soll der Unsinn?«
+
+Und er versuchte zu lachen. Aber er hielt sich dabei nur mit Müh' auf
+den Beinen, denn ihn schwindelte. Zu gleicher Zeit empfand er deutlich,
+daß er kein Zeichen von Schwäche geben dürfe, vielmehr umgekehrt bemüht
+sein müsse, die Weigerung der Beiden ins Komische zu ziehn, und so riß
+er denn die Thür zur Weinstube weit auf und rief hinein: »Eine
+Neuigkeit, Kunicke ...«
+
+»Nu, was giebt's?«
+
+»Unten spukt es. Ede will nicht mehr in den Keller und Male natürlich
+auch nicht. Es sieht schlecht aus mit unsrer Bowle. Wer kommt mit? Wenn
+zwei kommen, spukt es nicht mehr.«
+
+»Wir alle,« schrie Kunicke. »Wir alle. Das giebt einen Hauptspaß. Aber
+Ede muß auch mit.«
+
+Und bei diesen Worten eines der zur Hand stehenden Lichter nehmend,
+zogen sie -- mit Ausnahme von Woytasch, dem das Ganze mißhagte --
+brabbelnd und plärrend und in einer Art Procession, als ob einer
+begraben würde, von der Weinstube her durch Laden und Flur, und stiegen
+langsam und immer einer nach dem andern die Stufen der Kellertreppe
+hinunter.
+
+»Alle Wetter, is _das_ ein Loch!« sagte Quaas, als er sich unten
+umkuckte. »Hier kann einem ja gruslig werden. Nimm nur gleich ein paar
+mehr mit, Hradscheck. Das hilft. Je mehr Fidelité, je weniger Spuk.«
+
+Und bei solchem Gespräch, in das Hradscheck einstimmte, packten sie den
+Korb voll und stiegen die Kellertreppe wieder hinauf. Oben aber warf
+Kunicke, der schon stark angeheitert war, die schwere Fallthür zu, daß
+es durch das ganze Haus hin dröhnte.
+
+»So, nu sitzt er drin.«
+
+»Wer?«
+
+»Na wer? Der Spuk.«
+
+Alles lachte; das Trinken ging weiter, und Mitternacht war lange
+vorüber, als man sich trennte.
+
+
+
+
+ XVIII.
+
+
+Hradscheck, sonst mäßig, hatte mit den andern um die Wette getrunken,
+blos um eine ruhige Nacht zu haben. Das war ihm auch geglückt, und er
+schlief nicht nur fest, sondern auch weit über seine gewöhnliche Stunde
+hinaus. Erst um acht Uhr war er auf. Male brachte den Kaffee, die Sonne
+schien ins Zimmer, und die Sperlinge, die das aus den Häckselsäcken
+gefallene Futterkorn aufpickten, flogen, als sie damit fertig waren,
+aufs Fensterbrett und meldeten sich. Ihre Zwitschertöne hatten etwas
+Heitres und Zutrauliches, das dem Hausherrn, der ihnen reichlich
+Semmelkrume zuwarf, unendlich wohl that, ja, fast war's ihm, als ob er
+ihren Morgengruß verstände: »Schöner Tag heute, Herr Hradscheck; frische
+Luft; alles leicht nehmen!«
+
+Er beendete sein Frühstück und ging in den Garten. Zwischen den
+Buchsbaum-Rabatten stand viel Rittersporn, halb noch in Blüthe, halb
+schon in Samenkapseln, und er brach eine der Kapseln ab und streute die
+schwarzen Körnchen in seine Handfläche. Dabei fiel ihm, wie von
+ungefähr, ein, was ihm Mutter Jeschke vor Jahr und Tag einmal über
+Farrnkrautsamen und Sich-unsichtbar-machen gesagt hatte.
+»Farrnkrautsamen in die Schuh gestreut ...« Aber er mocht' es nicht
+ausdenken und sagte, während er sich auf eine neuerdings um den Birnbaum
+herum angebrachte Bank setzte: »Farrnkrautsamen! Nun fehlt blos noch das
+Licht vom ungebornen Lamm. Alles Altweiberschwatz. Und wahrhaftig, ich
+werde noch selber ein altes Weib ... Aber da kommt sie ...«
+
+Wirklich, als er so vor sich hinredete, kam die Jeschke zwischen den
+Spargelbeeten auf ihn zu.
+
+»Dag, Hradscheck. Wie geiht et? Se kümmen joa goar nich mihr.«
+
+»Ja, Mutter Jeschke, wo soll die Zeit herkommen? Man hat eben zu thun.
+Und der Ede wird immer dummer. Aber setzen Sie sich. Hierher. Hier ist
+Sonne.«
+
+»Nei, loatens man, Hradscheck, loatens man. Ick sitt schon so veel.
+Awers Se möten sitten bliewen.« Und dabei malte sie mit ihrem Stock
+allerlei Figuren in den Sand.
+
+Hradscheck sah ihr zu, ohne seinerseits das Wort zu nehmen, und so fuhr
+sie nach einer Pause fort: »Joa, veel to dohn is woll. Wihr joa gistern
+wedder Klock een. Kunicke kunn woll wedder nich los koamen? _Den_ kenn'
+ick. Na, sien Vader, de oll Kunicke, wihr ook so. Man blot noch en beten
+mihr.«
+
+»Ja,« lachte Hradscheck, »spät war es. Un denken Sie sich, Mutter
+Jeschke, Klock zwölf oder so herum sind wir noch fünf Mann hoch in den
+Keller gestiegen. Und warum? Weil der Ede nicht mehr wollte.«
+
+»Nu, süh eens. Un worümm wull he nich?«
+
+»Weil's unten spuke. Der Junge war wie verdreht mit seinem ewigen 'et
+spökt' und 'et grappscht'. Und weil er dabei blieb und wir unsre Bowle
+doch haben wollten, so sind wir am Ende selber gegangen.«
+
+»Nu, süh eens,« wiederholte die Alte. »Hätten em salln 'ne Muulschell
+gewen.«
+
+»Wollt' ich auch. Aber als er so dastand und zitterte, da konnt' ich
+nicht. Und dann dacht' ich auch ...«
+
+»Ach wat, Hradscheck, is joa all dumm Tüg ... _Un wenn_ et wat is, na,
+denn möt' et de Franzos sinn.«
+
+»Der Franzose?«
+
+»Joa, de Franzos. Kuckens moal; de Ihrd geiht hier so'n beten dahl. He
+moak woll en beten rutscht sinn.«
+
+»Rutscht sinn«, wiederholte Hradscheck und lachte mit der Alten um die
+Wette. »Ja, der Franzos ist gerutscht. Alles gut. Aber wenn ich nur den
+Jungen erst wieder in Ordnung hätte. Der macht mir das ganze Dorf
+rebellisch. Und wie die Leute sind, wenn sie von Spuk hören, da wird
+ihnen ungemüthlich. Und dann kommt zuletzt auch die dumme Geschichte
+wieder zur Sprache. Sie wissen ja ...«
+
+»Woll, woll, ick weet.«
+
+»Und dann, Mutter Jeschke, Spuk ist Unsinn. Natürlich. Aber es giebt
+doch welche ...«
+
+»Joa, joa.«
+
+»Es giebt doch welche, die sagen: Spuk ist _nicht_ Unsinn. Wer hat nu
+Recht? Nu mal heraus mit der Sprache.«
+
+Der Alten entging nicht, in welcher Pein und Beklemmung Hradscheck war,
+weshalb sie, wie sie stets zu thun pflegte, mit einem »ja« antwortete,
+das ebenso gut ein »nein«, und mit einem »nein«, das ebenso gut ein »ja«
+sein konnte.
+
+»Mien leew Hradscheck,« begann sie, »Se wullen wat weten von mi. Joa,
+wat weet ick? Spök! Gewen moak et joa woll so wat. Un am Enn' ook wedder
+nich. Un ick segg' ümmer: wihr sich jrult, för den is et wat, und wihr
+sich _nich_ jrult, för den is et nix.«
+
+Hradscheck, der mit gespanntester Aufmerksamkeit gefolgt war, nickte
+zustimmend, während die sich plötzlich neben ihn setzende Alte mit
+wachsender Vertraulichkeit fortfuhr: »Ick will Se wat seggen,
+Hradscheck. Man möt man blot Kurasch hebben. Un Se hebben joa. Wat is
+Spök? Spök, dat's grad so, as wenn de Müüs' knabbern. Wihr ümmer
+hinhürt, na, de slöppt nich; wihr awers so bi sich seggen deiht: 'na,
+worümm salln se nich knabbern', de slöppt.«
+
+Und bei diesen Worten erhob sie sich rasch wieder und ging, zwischen den
+Beeten hin, auf ihre Wohnung zu. Mit einem Mal aber blieb sie stehn und
+wandte sich wieder, wie wenn sie 'was vergessen habe. »Hürens,
+Hradscheck, wat ick Se noch seggen wull, uns' Line kümmt ook wedder. Se
+hett gistern schrewen. Wat mienens? _De_ wihr so wat för Se.«
+
+»Geht nicht, Mutter Jeschke. Was würden die Leute sagen? Un is auch eben
+erst ein Jahr.«
+
+»Woll. Awers se kümmt ook ihrst um Martini 'rümm ... Und denn,
+Hradscheck, Se bruken se joa nich glieks to frijen.«
+
+
+
+
+ XIX.
+
+
+»De Franzos is rutscht,« hatte die Jeschke gesagt und war dabei wieder
+so sonderbar vertraulich gewesen, alles mit Absicht und Berechnung. Denn
+wenn das Gespräch auch noch nachwirkte, darin ihr, vor länger als einem
+Jahr, ihr sonst so gefügiger Nachbar mit einer Verläumdungsklage gedroht
+hatte, so konnte sie, trotz alledem, von der Angewohnheit nicht lassen,
+in dunklen Andeutungen zu sprechen, als wisse sie was und halte nur
+zurück.
+
+»Verdammt!« murmelte Hradscheck vor sich hin. »Und dazu der Ede mit
+seiner ewigen Angst.«
+
+Er sah deutlich die ganze Geschichte wieder lebendig werden, und ein
+Schwindel ergriff ihn, wenn er an all das dachte, was bei diesem Stande
+der Dinge jeder Tag bringen konnte.
+
+»Das geht so nicht weiter. Er muß weg. Aber wohin?«
+
+Und bei diesen Worten ging Hradscheck auf und ab und überlegte.
+
+»Wohin? Es heißt, er liege in der Oder. Und dahin muß er ... je eher je
+lieber ... _Heute_ noch. Aber ich wollte, dies Stück Arbeit wäre
+gethan. Damals ging es, das Messer saß mir an der Kehle. Aber jetzt!
+Wahrhaftig, das Einbetten war nicht so schlimm, als es das Umbetten
+ist.«
+
+Und von Angst und Unruhe getrieben, ging er auf den Kirchhof und trat an
+das Grab seiner Frau. Da war der Engel mit der Fackel und er las die
+Inschrift. Aber seine Gedanken konnten von dem, was er vorhatte, nicht
+los, und als er wieder zurück war, stand es fest: »Ja, _heute_ noch ...
+Was du thun willst, thue bald.«
+
+Und dabei sann er nach, _wie's_ geschehn müsse.
+
+»Wenn ich nur etwas Farrnkraut hätt'. Aber wo giebt es Farrnkraut hier?
+Hier wächst ja blos Gras und Gerste, weiter nichts, und ich kann doch
+nicht zehn Meilen in der Welt herumkutschiren, blos um mit einem großen
+Busch Farrnkraut wieder nach Hause zu kommen. Und warum auch? Unsinn ist
+es doch.«
+
+Er sprach noch so weiter. Endlich aber entsann er sich, in dem
+benachbarten Gusower Park einen ganzen Wald von Farrnkraut gesehn zu
+haben. Und so rief er denn in den Hof hinaus und ließ anspannen.
+
+Um Mittag kam er zurück, und vor ihm, auf dem Rücksitze des Wagens, lag
+ein riesiger Farrnkrautbusch. Er kratzte die Samenkörnchen ab und that
+sie sorglich in eine Papierkapsel und die Kapsel in ein Schubfach. Dann
+ging er noch einmal alles durch, was er brauchte, trug das Grabscheit,
+das für gewöhnlich neben der Gartenthür stand, in den Keller hinunter
+und war wie verwandelt, als er mit diesen Vorbereitungen fertig war.
+
+Er pfiff und trällerte vor sich hin und ging in den Laden.
+
+»Ede, Du kannst heute Nachmittag ausgehn. In Gusow ist Jahrmarkt mit
+Karoussel und sind auch Kunstreiter da, das heißt Seiltänzer. Ich hab'
+heute Vormittag das Seil spannen sehn. Und vor acht brauchst Du nicht
+wieder hier zu sein. Da nimm, das ist für Dich, und nun amüsire Dich
+gut. Und is auch 'ne Waffelbude da, mit Eierbier und Punsch. Aber hübsch
+mäßig, nich zu viel; hörst Du, keine Dummheiten machen.«
+
+Ede strahlte vor Glück, machte sich auf den Weg und war Punkt acht
+wieder da. Zugleich mit ihm kamen die Stammgäste, die, wie gewöhnlich,
+ihren Platz in der Weinstube nahmen. Einige hatten schon erfahren, daß
+Hradscheck am Vormittag in Gusow gewesen und mit einem großen Busch
+Farrnkraut zurückgekommen sei.
+
+»Was Du nur mit dem Farrnkraut willst?« fragte Kunicke.
+
+»Anpflanzen.«
+
+»Das wuchert ja. Wenn das drei Jahr in Deinem Garten steht, weißt Du vor
+Unkraut nicht mehr, wo du hin sollst.«
+
+»Das soll es auch. Ich will einen hohen Zaun davon ziehn. Und je rascher
+es wächst, desto besser.«
+
+»Na, sieh Dich vor damit. Das ist wie die Wasserpest; wo sich das mal
+eingenistet hat, ist kein Auskommen mehr. Und vertreibt Dich am Ende von
+Haus und Hof.«
+
+Alles lachte, bis man zuletzt auf die Kunstreiter zu sprechen kam und an
+Hradscheck die Frage richtete, was er denn eigentlich von ihnen gesehen
+habe?
+
+»Blos das Seil. Aber Ede, der heute Nachmittag da war, der wird wohl
+Augen gemacht haben.«
+
+Und nun erzählte Hradscheck des Breiteren, daß _der_, dem die Truppe
+jetzt gehöre, des alten Kolter Schwiegersohn sei, ja, die Frau desselben
+nenne sich noch immer nach dem Vater und habe den Namen ihres Mannes gar
+nicht angenommen.
+
+Er sagte das alles so hin, wie wenn er die Kolters ganz genau kenne, was
+den Ölmüller zu verschiedenen Fragen über die berühmte Seiltänzerfamilie
+veranlaßte. Denn Springer und Kunstreiter waren Quaasens unentwegte
+Passion, seit er als zwanzigjähriger Junge mal auf dem Punkte gestanden
+hatte, mit einer Kunstreiterin auf und davon zu gehn. Seine Mutter
+jedoch hatte Wind davon gekriegt und ihn nicht blos in den Milchkeller
+gesperrt, sondern auch den Direktor der Truppe gegen ein erhebliches
+Geldgeschenk veranlaßt, die »gefährliche Person« bis nach Reppen hin
+vorauszuschicken. All das, wie sich denken läßt, gab auch heute wieder
+Veranlassung zu vielfachen Neckereien und um so mehr, als Quaas ohnehin
+des Vorzugs genoß, Stichblatt der Tafelrunde zu sein.
+
+»Aber was is das mit Kolter?« fragte Kunicke. »Du wolltest von ihm
+erzählen, Hradscheck. Is es ein Reiter oder ein Springer?«
+
+»Blos ein Springer. Aber was für einer!«
+
+Und nun fing Hradscheck an, eine seiner Hauptgeschichten zum Besten zu
+geben, die vom alten Kolter nämlich, der Anno 14 schon sehr berühmt und
+mit in Wien auf dem Kongreß gewesen sei.
+
+»Was, was? Mit auf dem Kongreß?«
+
+»Versteht sich. Und warum nicht?«
+
+»Auf dem Kongreß also.«
+
+Und da habe denn, so fuhr Hradscheck fort, der König von Preußen zum
+Kaiser von Rußland gesagt: »Höre, Bruderherz, was Du von Deinem
+Stiglischeck auch sagen magst, Kolter ist doch besser, Parole d'honneur,
+Kolter ist der erste Springer der Welt, und was ihm auch passiren mag,
+er wird sich immer zu helfen wissen.« Und als nun der Kaiser von Rußland
+das bestritten, da hätten sie gewettet, und wäre blos _die_ Bedingung
+gewesen, daß nichts vorher gesagt werden solle. Das hätten sie denn auch
+gehalten. Und als nun Kolter halb schon das zwischen zwei Thürmen
+ausgespannte Seil hinter sich gehabt habe, da sei mit einem Male, von
+der andern Seite her, ein andrer Seiltänzer auf ihn losgekommen, das sei
+Stiglischeck gewesen, und keine Minute mehr, da hätten sie sich
+gegenüber gestanden und der Russe, was ihm auch keiner verdenken könne,
+habe blos gesagt: »Alles #perdu#, Bruder: _Du_ verloren, ich verloren.«
+Aber Kolter habe nur gelacht und ihm was ins Ohr geflüstert, einige
+sagen einen frommen Spruch, andre aber sagen das Gegentheil, und sei
+dann mit großer Anstrengung und Geschicklichkeit zehn Schritte rückwärts
+gegangen, während der andre sich niedergehuckt habe. Und nun habe Kolter
+einen Anlauf genommen und sei mit eins, zwei, drei über den andern
+weggesprungen. Da sei denn ein furchtbares Beifallklatschen gewesen und
+einige hätten laut geweint und immer wieder und wieder gesagt, »das sei
+mehr als Napoleon«. Und der Kaiser von Rußland habe seine Wette
+verloren und auch wirklich bezahlt.
+
+»Wird er wohl, wird er wohl,« sagte Kunicke. »Der Russe bezahlt immer.
+Hat's ja ... Bravo, Hradscheck; bravo!«
+
+So war Hradscheck mit Beifall belohnt worden und hatte von Viertelstunde
+zu Viertelstunde noch vieles Andre zum Besten gegeben, bis endlich um
+elf die Stammgäste das Haus verließen.
+
+ * * *
+
+Ede war schon zu Bett geschickt und in dem weiten Hause herrschte
+Todesstille. Hradscheck schritt auf und ab in seiner Stube, mußte sich
+aber setzen, denn der Aufregungen dieses Tages waren so viele gewesen,
+daß er sich, trotz fester Nerven, einer Ohnmacht nahe fühlte. So lang er
+drüben Geschichten erzählt hatte, munterer und heiterer, so wenigstens
+schien es, als je zuvor, war kein Tropfen Wein über seine Lippen
+gekommen, jetzt aber nahm er Kognak und Wasser und fühlte, wie Kraft und
+Entschlossenheit ihm rasch wiederkehrten. Er ging auf das Schubfach zu,
+drin er das Kapselchen versteckt hatte, zog gleich danach seine Schuh'
+aus und pulverte von dem Farrnkrautsamen hinein.
+
+»So!«
+
+Und nun stand er wieder in seinen Schuhen und lachte.
+
+»Will doch mal die Probe machen! Wenn ich jetzt unsichtbar bin, muß ich
+mich auch selber nicht sehen können.«
+
+Und das Licht zur Hand nehmend, trat er vor den schmalen Trumeau mit
+dem weißlackirten Rahmen und sah hinein und nickte seinem Spiegelbilde
+zu. »Guten Tag, Abel Hradscheck. Wahrhaftig, wenn alles so viel hilft,
+wie der Farrnkrautsamen, so werd' ich nicht weit kommen und blos noch
+das angenehme Gefühl haben, ein Narr gewesen zu sein und ein Dummkopf,
+den ein altes Weib genasführt hat. Die verdammte Hexe! Warum lebt sie?
+Wäre sie weg, so hätt' ich längst Ruh' und brauchte diesen Unsinn nicht.
+Und brauchte nicht ...« Ein Grusel überlief ihn, denn das Furchtbare,
+was er vorhatte, stand mit einem Male wieder vor seiner Seele. Rasch
+aber bezwang er sich. »Eins kommt aus dem andern. Wer A sagt, muß B
+sagen.«
+
+Und als er so gesprochen und sich wieder zurecht gerückt hatte, ging er
+auf einen kleinen Eckschrank zu und nahm ein Laternchen heraus, das er
+sich schon vorher durch Überkleben mit Papier in eine Art Blendlaterne
+umgewandelt hatte. Die Alte drüben sollte den Lichtschimmer nicht wieder
+sehn und ihn nicht zum wievielsten Male mit ihrem »ick weet nich,
+Hradscheck, wihr et in de Stuw or wihrt et in'n Keller« in Wuth und
+Verzweiflung bringen. Und nun zündete er das Licht an, knipste die
+Laternenthür wieder zu und trat rasch entschlossen auf den Flur hinaus.
+Was er brauchte, darunter auch ein Stück alter Teppich, aus langen
+Tuchstreifen geflochten, lag längst unten in Bereitschaft.
+
+»Vorwärts, Hradscheck!«
+
+Und zwischen den großen Ölfässern hin ging er bis an den Kellereingang,
+hob die Fallthür auf und stieg langsam und vorsichtig die Stufen
+hinunter. Als er aber unten war, sah er, daß die Laterne, trotz der
+angebrachten Verblendung, viel zu viel Licht gab und nach oben hin, wie
+aus einem Schlot, einen hellen Schein warf. Das durfte nicht sein, und
+so stieg er die Treppe wieder hinauf, blieb aber in halber Höhe stehn
+und griff blos nach einem ihm in aller Bequemlichkeit zur Hand liegenden
+Brett, das hier an das nächstliegende Ölfaß herangeschoben war, um die
+ganze Reihe der Fässer am Rollen zu verhindern. Es war nur schmal, aber
+doch gerade breit genug, um unten das Kellerfenster zu schließen.
+
+»Nun mag sie sich drüben die Augen auskucken. Meinetwegen. Durch ein
+Brett wird sie ja wohl nicht sehn können. Ein Brett ist besser als
+Farrnkrautsamen ...«
+
+Und damit schloß er die Fallthür und stieg wieder die Stufen hinunter.
+
+
+
+
+ XX.
+
+
+Ede war früh auf und bediente seine Kunden. Dann und wann sah er nach
+der kleinen im Nebenzimmer hängenden Uhr, die schon auf ein Viertel nach
+acht zeigte.
+
+»Wo der Alte nur bleibt?«
+
+Ede durfte die Frage schon thun, denn für gewöhnlich erschien Hradscheck
+mit dem Glockenschlage sieben, wünschte guten Morgen und öffnete die
+nach der Küche führende kleine Thür, was für die Köchin allemal das
+Zeichen war, daß sie den Kaffee bringen solle. Heut aber ließ sich kein
+Hradscheck sehn, und als es nah an neun heran war, steckte statt seiner
+nur Male den Kopf in den Laden hinein und sagte:
+
+»Wo he man bliewt, Ede?«
+
+»Weet nich.«
+
+»Ick will geihn un en beten an sine Dhör bullern.«
+
+»Joa, dat dhu man.«
+
+Und wirklich, Male ging, um ihn zu wecken. Aber sie kam in großer
+Aufregung wieder. »He is nich doa, nich in de Vör- un ook nich in de
+Hinner-Stuw. Allens open un keene Dhör to.«
+
+»Un sien Bett?« fragte Ede.
+
+»Allens glatt un ungeknüllt. He's goar nich in west.«
+
+Ede kam nun auch in Unruhe. Was war zu thun? Er, wie Male, hatten ein
+unbestimmtes Gefühl, daß etwas ganz Absonderliches geschehen sein müsse,
+worin sie sich durch den schließlich ebenfalls erscheinenden Jakob nur
+noch bestärkt sahen. Nach einigem Berathen kam man überein, daß Jakob zu
+Kunicke hinübergehn und wegen des Abends vorher anfragen solle; Kunicke
+müss' es wissen, der sei immer der Letzte. Male dagegen solle rasch nach
+dem Krug laufen, wo Gensdarm Geelhaar um diese Stunde zu frühstücken und
+der alten Krüger'schen, die manchen Sturm erlebt hatte, schöne Dinge zu
+sagen pflegte. Das geschah denn auch alles, und keine Viertelstunde, so
+sah man Geelhaar die Dorfstraße herunter kommen, mit ihm Schulze
+Woytasch, der sich, einer abzuhaltenden Versammlung halber, zufällig
+ebenfalls im Kruge befunden hatte. Vor Hradscheck's Thür trafen Beide
+mit Kunicke zusammen. Man begrüßte sich stumm und überschritt mit einer
+gewissen Feierlichkeit die Schwelle.
+
+Drin im Hause hatte sich mittlerweile die Scene verändert.
+
+Ede, der noch eine Zeit lang in allen Ecken und Winkeln umhergesucht
+hatte, stand jetzt, als die Gruppe sich näherte, mitten auf dem Flur und
+wies auf ein großes Ölfaß, das um ein Geringes vorgerollt war, nur zwei
+Fingerbreit, nur bis an den großen Eisenring, aber doch gerade weit
+genug, um die Fallthür zu schließen.
+
+»Doa sitt he in,« schrie der Junge.
+
+»Schrei' nicht so!« fuhr ihn Schulze Woytasch an. Und Kunicke setzte
+mit mehr Derbheit, aber auch mit größerer Gemüthlichkeit hinzu: »Halt's
+Maul, Junge.«
+
+Dieser jedoch war nicht zur Ruh zu bringen, und sein bischen
+Schläfenhaar immer mehr in die Höh' schiebend, fuhr er in demselben
+Weimertone fort: »Ick weet allens. Dat's de Spök. De Spök hett noah em
+grappscht. Un denn wull he 'rut un kunn nich.«
+
+Um diese Zeit war auch Eccelius aus der Pfarre herüber gekommen,
+leichenblaß und so von Ahnungen geängstigt, daß er, als man das Faß
+jetzt zurückgeschoben und die Fallthür geöffnet hatte, nicht mit
+hinuntersteigen mochte, sondern erst in den Laden und gleich darnach auf
+die Dorfgasse hinaus trat.
+
+Geelhaar und Schulze Woytasch, schon von Amtswegen auf bessre Nerven
+gestellt, hatten inzwischen ihren Abstieg bewerkstelligt, während
+Kunicke, mit einem Licht in der Hand, von oben her in den Keller
+hineinleuchtete. Da nicht viele Stufen waren, so konnt' er das Nächste
+bequem sehn: unten lag Hradscheck, allem Anscheine nach todt, ein
+Grabscheit in der Hand, die zerbrochene Laterne daneben. Unser alter
+Anno-Dreizehner sah sich bei diesem Anblick seiner gewöhnlichen
+Gleichgültigkeit entrissen, erholte sich aber und kroch, unten
+angekommen, in Gemeinschaft mit Geelhaar und Woytasch auf die Stelle zu,
+wo hinter einem Lattenverschlage der Weinkeller war. Die Thür stand auf,
+etwas Erde war aufgegraben, und man sah Arm und Hand eines hier
+Verscharrten. Alles andre war noch verdeckt. Aber freilich, was
+sichtbar war, war gerade genug, um alles Geschehene klar zu legen.
+
+Keiner sprach ein Wort, und mit einem scheuen Seitenblick auf den
+entseelt am Boden Liegenden stiegen alle drei die Treppe wieder hinauf.
+
+Auch oben, wo sich Eccelius ihnen wieder gesellte, blieb es bei wenig
+Worten, was schließlich nicht Wunder nehmen konnte. Waren doch alle, mit
+alleiniger Ausnahme von Geelhaar, viel zu befreundet mit Hradscheck
+gewesen, als daß ein Gespräch über ihn anders als peinlich hätte
+verlaufen können. Peinlich und mit Vorwürfen gegen sich selbst gemischt.
+Warum hatte man bei der gerichtlichen Untersuchung nicht besser
+aufgepaßt, nicht schärfer gesehn? Warum hatte man sich hinters Licht
+führen lassen?
+
+Nur das Nöthigste wurde festgestellt. Dann verließ man das durch so
+viele Jahre hin mit Vorliebe besuchte Haus, das nun für jeden ein Haus
+des Schreckens geworden war. Kunicke schritt quer über den Damm auf
+seine Wohnung, Eccelius auf seine Pfarre zu. Woytasch war mit ihm.
+
+»Das Küstriner Gericht,« hob Eccelius an, »wird nur wenig noch zu sagen
+haben. Alles ist klar und doch ist nichts bewiesen. Er steht vor einem
+höheren Richter.«
+
+Woytasch nickte. »Höchstens noch, was aus der Erbschaft wird,« bemerkte
+dieser und sah vor sich hin. »Er hat keine Verwandte hier herum und die
+Frau, so mir recht is, auch nich. Vielleicht, daß es der Pohlsche
+wiederkriegt. Aber das werden die Tschechiner nich wollen.«
+
+Eccelius erwiderte: »Das alles macht mir keine Sorge. Was mir Sorge
+macht, ist blos das: wie kriegen wir ihn unter die Erde und _wo_. Sollen
+wir ihn unter die guten Leute legen, das geht nicht, das leiden die
+Bauern nicht und machen uns eine Kirchhofs-Revolte. Und was das
+Schlimmste ist, haben auch Recht dabei. Und sein Feld wird auch keiner
+dazu hergeben wollen. Eine solche Stelle mag niemand auf seinem
+ehrlichen Acker haben.«
+
+»Ich denke,« sagte der Schulze, »wir bringen ihn auf den Kirchhof.
+Bewiesen ist am Ende nichts. Im Garten liegt der Franzos, und im Keller
+liegt der Pohlsche. Wer will sagen, wer ihn da hingelegt hat? Keiner
+weiß es, nicht einmal die Jeschke. Schließlich ist alles blos Verdacht.
+Auf den Kirchhof muß er also. Aber seitab, wo die Nesseln stehn und der
+Schutt liegt.«
+
+»Und das Grab der Frau?« fragte Eccelius. »Was wird aus dem? Und aus dem
+Kreuz?«
+
+»Das werden sie wohl umreißen, da kenn' ich meine Tschechiner. Und dann
+müssen wir thun, Herr Pastor, als sähen wir's nicht. Kirchhofsordnung
+ist gut, aber der Mensch verlangt auch seine Ordnung.«
+
+»Brav, Schulze Woytasch!« sagte Eccelius und gab ihm die Hand. »Immer 's
+Herz auf dem rechten Fleck!«
+
+ * * *
+
+Geelhaar war im Hradscheck'schen Hause zurückgeblieben. Er hatte den
+Polizei-Kehrmichnichtdran und machte nicht viel von der Sache. Was war
+es denn auch groß? Ein Fall mehr. Darüber ging die Welt noch lange
+nicht aus den Fugen. Und so ging er denn in den Laden, legte die Hand
+auf Ede's Kopf und sagte: »Hör', Ede, das war heut ein bischen scharf.
+So zwei Dodige gleich Morgens um neun! Na, schenk' mal 'was ein. Was
+nehmen wir denn?«
+
+»Na, 'nen Rum, Herr Geelhaar.«
+
+»Nei, Rum is mir heute zu schwach. Gieb erst 'nen Kognak. Und dann ein'
+Rum.«
+
+Ede schenkte mit zitternder Hand ein. Geelhaar's Hand aber war um so
+sicherer. Als er ein paar Gläser geleert hatte, ging er in den Garten
+und spazierte drin auf und ab, als ob nun alles sein wäre. Das ganze
+Grundstück erschien ihm wie herrenloser Besitz, drin man sich ungenirt
+ergehen könne.
+
+Die Jeschke, wie sich denken läßt, ließ auch nicht lang auf sich warten.
+Sie wußte schon alles und sah mal wieder über den Zaun.
+
+»Dag, Geelhaar.«
+
+»Dag, Mutter Jeschke ... Nu, was macht Line?«
+
+»De kümmt to Martini. Se brukt sich joa nu nich mihr to jrulen.«
+
+»Vor Hradscheck?« lachte Geelhaar.
+
+»Joa. Vor Hradscheck. Awers nu sitt he joa fast.«
+
+»Das thut er. Und gefangen in seiner eigenen Falle.«
+
+»Joa, joa. De oll Voß! Nu kümmt he nich wedder rut. Fien wihr he. Awers
+to fien, loat man sien!«
+
+ * * *
+
+Was noch geschehen mußte, geschah still und rasch, und schon um die
+neunte Stunde des folgenden Tages trug Eccelius nachstehende Notiz in
+das Tschechiner Kirchenbuch ein:
+
+ »Heute, den 3. Oktober, früh vor Tagesanbruch, wurde der
+ Kaufmann und Gasthofsbesitzer Abel Hradscheck ohne Sang und
+ Klang in den hiesigen Kirchhofsacker gelegt. Nur Schulze
+ Woytasch, Gensdarm Geelhaar und Bauer Kunicke wohnten dem
+ stillen Begräbnißakte bei. Der Todte, so nicht alle Zeichen
+ trügen, wurde von der Hand Gottes getroffen, nachdem es ihm
+ gelungen war, den schon früher gegen ihn wach gewordenen
+ Verdacht durch eine besondere Klugheit wieder zu
+ beschwichtigen. Er verfing sich aber schließlich in seiner List
+ und grub sich, mit dem Grabscheit in der Hand, in demselben
+ Augenblicke sein Grab, in dem er hoffen durfte, sein Verbrechen
+ für immer aus der Welt geschafft zu sehn. Und bezeugte dadurch
+ aufs Neue die Spruchweisheit: '_Es ist nichts so fein
+ gesponnen, 's kommt doch alles an die Sonnen._'«
+
+
+
+
+ Grote'sche Sammlung
+ von
+ Werken zeitgenössischer Schriftsteller.
+
+
+Bis jetzt erschienen:
+
+=Otto Glagau,= Fritz Reuter und seine Dichtungen. Neue umgearbeitete
+Auflage mit Illustrationen, Porträts und einer autographischen Beilage.
+
+=Julius Wolff,= Till Eulenspiegel redivivus. Ein Schelmenlied. Mit
+Illustrationen. Sechzehnte Auflage.
+
+=Julius Wolff,= Der Rattenfänger von Hameln. Eine Aventiure. Mit
+Illustrationen von =P. Grot Johann=. Fünfundzwanzigste Auflage.
+
+=Wilhelm Raabe,= Horacker. Mit Illustrationen von =P. Grot Johann=.
+Dritte Auflage.
+
+=Friedrich Bodenstedt,= Theater. (Kaiser Paul. -- Wandlungen.)
+
+=Anastasius Grün,= In der Veranda. Eine dichterische Nachlese. Dritte
+Auflage.
+
+=Julius Wolff,= Schauspiele. (Kambyses. -- Die Junggesellensteuer.)
+
+=Carl Siebel's= Dichtungen. Gesammelt von seinen Freunden. Herausgegeben
+von =Emil Rittershaus=.
+
+=Wilhelm Raabe,= Die Chronik der Sperlingsgasse. Neue Ausgabe, mit
+Illustrationen von =Ernst Bosch=. Vierte Auflage.
+
+=Julius Wolff,= Der wilde Jäger. Eine Weidmannsmär. Zweiundzwanzigste
+Auflage.
+
+=Hermann Lingg,= Schlußsteine. Neue Gedichte.
+
+=Julius Wolff,= Tannhäuser. Ein Minnesang. Mit Porträtradirung nach
+einer Handzeichnung von _Ludwig Knaus_. Zwei Bände. Zehnte Auflage.
+
+=Julius Wolff,= Singuf. Rattenfängerlieder. Vierte Auflage.
+
+=Julius Grosse,= Gedichte. Mit einer Zuschrift von _Paul Heyse_.
+
+=Julius Wolff,= Der Sülfmeister. Eine alte Stadtgeschichte. Zwei Bände.
+Sechste Auflage.
+
+=A. von der Elbe,= Der Bürgermeisterthurm. Eine Erzählung aus dem
+15. Jahrhundert. Zwei Bände.
+
+=Julius Wolff,= Der Raubgraf. Eine Geschichte aus dem Harzgau. Fünfte
+Auflage.
+
+=Julius Grosse,= Der getreue Eckart. Roman in zwölf Büchern. Zwei Bände.
+
+=Theodor Fontane,= Unterm Birnbaum.
+
+
+
+
+ Neue Prachtwerke:
+
+
+ =Shakespeare-Gallerie.=
+
+ Fünfzehn Bilder
+
+ von
+
+ Ad. Menzel, C. u. F. Piloty, Ed. Grützner, P. Thumann u. A.
+ Mit begleitendem Text von #Dr.# M. _Ehrlich_.
+ Preis in eleg. Einbande 15 Mark.
+
+
+
+ Das Buch von der =Königin Luise=.
+
+ Von
+
+ #Dr.# =Georg Horn=.
+
+ Mit neun Photographien, Porträts und zeitgeschichtlichen Abbildungen
+ im Text.
+
+ =Dritte, verbesserte Auflage.=
+ Prachtausgabe in Folio.
+ Preis 20 Mark.
+
+
+
+ Julius Wolff's
+ Aventiure
+
+ =Der Rattenfänger von Hameln.=
+
+ Illustrirt von
+ _Paul Thumann_.
+ Folioformat. In Prachtband gebunden 25 Mark.
+
+
+
+ _Bodenstedt's_
+ =Album deutscher Kunst u. Dichtung.=
+
+ Sechste vollständig umgestaltete Auflage.
+Mit Randzeichnungen, zahlreichen Textillustrationen und 6 Heliogravüren.
+ Preis in Prachtband 12 Mark.
+
+
+
+ Tegnér's
+ =Frithjofssage.=
+
+ Übersetzt von =G. Mohnike.=
+
+ Illustrirt von
+ =Ernst Roeber.=
+ Preis gebunden 12 Mark.
+
+
+
+ Tennyson's
+ =Enoch Arden.=
+
+ Illustrirt von
+ =Paul Thumann.=
+ Dritte, verbesserte Auflage.
+ Folioformat. In Prachtbd. geb. 10 M.
+
+
+
+ _Voßen's Luise_.
+
+ Ein ländliches Idyll in drei Gesängen.
+
+ Mit 6 Bildern von Arthur v. Ramberg u. P. Thumann.
+ Folioformat in eleg. Einband mit Goldschnitt.
+ Preis 12 Mark.
+
+
+
+ _Goethe's_
+ =Hermann und Dorothea.=
+
+ Mit 8 Bildern nach Arthur von Ramberg.
+ Folioformat, in elegantem Einband mit Goldschnitt. Preis 12 Mark.
+
+
+ _Berlin._
+ =G. Grote='sche Verlagsbuchhandlung.
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der 1885 als Dreiundzwanzigster Band in »Grote'sche
+Sammlung von Werken zeitgenössischer Schriftsteller« erschienenen
+Ausgabe erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller
+gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
+
+S. 057: Werft und Weidengestrüpp -> Werft- und Weidengestrüpp
+S. 068: beten to still'. das war -> still', das war
+S. 073: Hören Sie, Geelhar, Rum ist gut -> Geelhaar
+S. 075: Er wird am Ende der amen Frau -> armen
+S. 148: brauchte diesen Unsinn nicht, -> nicht.
+S. 148: »Vorwärts, Hradschreck!« -> Hradscheck
+
+Die Umlaute Ae, Oe und Ue wurden durch Ä, Ö, Ü ersetzt. Die
+Fraktur-Ligatur für »etc.« wurde durch etc. ersetzt. (S. 128)
+
+Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
+wurden folgendermaßen ersetzt:
+
+Sperrung: _gesperrter Text_
+Fett: =fett gedruckter Text=
+Antiquaschrift: #Antiquatext# ]
+
+
+
+[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the edition
+published in 1885 as volume 23 in "Grote'sche Sammlung von Werken
+zeitgenössischer Schriftsteller". The table below lists all corrections
+applied to the original text.
+
+p. 057: Werft und Weidengestrüpp -> Werft- und Weidengestrüpp
+p. 068: beten to still'. das war -> still', das war
+p. 073: Hören Sie, Geelhar, Rum ist gut -> Geelhaar
+p. 075: Er wird am Ende der amen Frau -> armen
+p. 148: brauchte diesen Unsinn nicht, -> nicht.
+p. 148: »Vorwärts, Hradschreck!« -> Hradscheck
+
+The Umlauts Ae, Oe and Ue have been replaced by Ä, Ö, Ü. The ligature
+for "etc." has been replaced by etc. (p. 128)
+
+The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
+replaced by:
+
+Spaced-out: _spaced out text_
+Bold: =bold text=
+Antiqua: #text in Antiqua font# ]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Unterm Birnbaum, by Theodor Fontane
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UNTERM BIRNBAUM ***
+
+***** This file should be named 26686-8.txt or 26686-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ https://www.gutenberg.org/2/6/6/8/26686/
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file made
+from scans of public domain material at Klassik Stiftung
+Weimar / Herzogin Anna Amalia Bibliothek.)
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
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+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+https://gutenberg.org/license).
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+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
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+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
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+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
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+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
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+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
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+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
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+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.