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Grote'sche Verlagsbuchhandlung. + 1885. + + + + Übersetzungsrecht vorbehalten. + + Pierer'sche Hofbuchdruckerei. Stephan Geibel & Co. in Altenburg. + + + + + I. + + +Vor dem in dem großen und reichen Oderbruchdorfe Tschechin um +Michaeli 20 eröffneten _Gasthaus und Materialwaarengeschäft von Abel +Hradscheck_ (so stand auf einem über der Thür angebrachten Schilde) +wurden Säcke, vom Hausflur her, auf einen mit zwei magern Schimmeln +bespannten Bauerwagen geladen. Einige von den Säcken waren nicht gut +gebunden oder hatten kleine Löcher und Ritzen, und so sah man denn an +dem, was herausfiel, daß es Rapssäcke waren. Auf der Straße neben dem +Wagen aber stand Abel Hradscheck selbst und sagte zu dem eben vom Rad +her auf die Deichsel steigenden Knecht: »Und nun vorwärts, Jakob, und +grüße mir Ölmüller Quaas. Und sag' ihm, bis Ende der Woche müßt' ich das +Öl haben, Leist in Wrietzen warte schon. Und wenn Quaas nicht da ist, so +bestelle der Frau meinen Gruß und sei hübsch manierlich. Du weißt ja +Bescheid. Und weißt auch, Kätzchen hält auf Komplimente.« + +Der als Jakob Angeredete nickte nur statt aller Antwort, setzte sich auf +den vordersten Rapssack und trieb beide Schimmel mit einem schläfrigen +»Hüh« an, wenn überhaupt von Antreiben die Rede sein konnte. Und nun +klapperte der Wagen nach rechts hin den Fahrweg hinunter, erst auf das +Bauer Orth'sche Gehöft sammt seiner Windmühle (womit das Dorf nach der +Frankfurter Seite hin abschloß) und dann auf die weiter draußen am +Oderbruch-Damm gelegene Ölmühle zu. Hradscheck sah dem Wagen nach, bis +er verschwunden war, und trat nun erst in den Hausflur zurück. Dieser +war breit und tief und theilte sich in zwei Hälften, die durch ein paar +Holzsäulen und zwei dazwischen ausgespannte Hängematten von einander +getrennt waren. Nur in der Mitte hatte man einen Durchgang gelassen. An +dem Vorflur lag nach rechts hin das Wohnzimmer, zu dem eine Stufe +hinaufführte, nach links hin aber der Laden, in den man durch ein +großes, fast die halbe Wand einnehmendes Schiebefenster hineinsehen +konnte. Früher war hier die Verkaufsstelle gewesen, bis sich die zum +Vornehmthun geneigte Frau Hradscheck das Herumtrampeln auf ihrem Flur +verbeten und auf Durchbruch einer richtigen Ladenthür, also von der +Straße her, gedrungen hatte. Seitdem zeigte dieser Vorflur eine gewisse +Herrschaftlichkeit, während der nach dem Garten hinausführende +Hinterflur ganz dem Geschäft gehörte. Säcke, Citronen- und +Apfelsinenkisten standen hier an der einen Wand entlang, während an der +andern übereinandergeschichtete Fässer lagen, Ölfässer, deren stattliche +Reihe nur durch eine zum Keller hinunterführende Fallthür unterbrochen +war. Ein sorglich vorgelegter Keil hielt nach rechts und links hin die +Fässer in Ordnung, so daß die untere Reihe durch den Druck der +obenaufliegenden nicht ins Rollen kommen konnte. + +So war der Flur. Hradscheck selbst aber, der eben die schmale, zwischen +den Kisten und Ölfässern freigelassene Gasse passirte, schloß, halb +ärgerlich halb lachend, die trotz seines Verbotes mal wieder +offenstehende Fallthür und sagte: »Dieser Junge, der Ede. Wann wird er +seine fünf Sinne beisammen haben!« + +Und damit trat er vom Flur her in den Garten. + +Hier war es schon herbstlich, nur noch Astern und Reseda blühten +zwischen den Buchsbaumrabatten, und eine Hummel umsummte den Stamm eines +alten Birnbaums, der mitten im Garten hart neben dem breiten +Mittelsteige stand. Ein paar Möhrenbeete, die sich, sammt einem schmalen +mit Kartoffeln besetzten Ackerstreifen, an eben dieser Stelle durch eine +Spargel-Anlage hinzogen, waren schon wieder umgegraben, eine frische +Luft ging, und eine schwarzgelbe, der nebenanwohnenden Wittwe Jeschke +zugehörige Katze schlich, muthmaßlich auf der Sperlingssuche, durch die +schon hoch in Samen stehenden Spargelbeete. + +Hradscheck aber hatte dessen nicht Acht. Er ging vielmehr rechnend und +wägend zwischen den Rabatten hin und kam erst zu Betrachtung und +Bewußtsein, als er, am Ende des Gartens angekommen, sich umsah und nun +die Rückseite seines Hauses vor sich hatte. Da lag es, sauber und +freundlich, links die sich von der Straße her bis in den Garten +hineinziehende Kegelbahn, rechts der Hof sammt dem Küchenhaus, das er +erst neuerdings an den Laden angebaut hatte. Der kaum vom Winde bewegte +Rauch stieg sonnenbeschienen auf und gab ein Bild von Glück und Frieden. +Und das alles war sein! Aber wie lange noch? Er sann ängstlich nach und +fuhr aus seinem Sinnen erst auf, als er, ein paar Schritte von sich +entfernt, eine große, durch ihre Schwere und Reife sich von selbst +ablösende Malvasierbirne mit eigenthümlich dumpfem Ton aufklatschen +hörte. Denn sie war nicht auf den harten Mittelsteig, sondern auf eins +der umgegrabenen Möhrenbeete gefallen. Hradscheck ging darauf zu, bückte +sich und hatte die Birne kaum aufgehoben, als er sich von der Seite her +angerufen hörte: + +»Dag, Hradscheck. Joa, et wahrd nu Tied. De Malvesieren kümmen all von +sülwst.« + +Er wandte sich bei diesem Anruf und sah, daß seine Nachbarin, die +Jeschke, deren kleines, etwas zurückgebautes Haus den Blick auf seinen +Garten hatte, von drüben her über den Himbeerzaun kuckte. + +»Ja, Mutter Jeschke, 's wird Zeit,« sagte Hradscheck. »Aber wer soll die +Birnen abnehmen? Freilich wenn Ihre Line hier wäre, die könnte helfen. +Aber man hat ja keinen Menschen und muß alles selbst machen.« + +»Na, Se hebben joa doch den Jungen, den Ede.« + +»Ja, den hab' ich. Aber der pflückt blos für sich.« + +»Dat sall woll sien,« lachte die Alte. »Een in't Töppken, een in't +Kröppken.« + +Und damit humpelte sie wieder nach ihrem Hause zurück, während auch +Hradscheck wieder vom Garten her in den Flur trat. + +Hier sah er jetzt nachdenklich auf die Stelle, wo vor einer halben +Stunde noch die Rapssäcke gestanden hatten, und in seinem Auge lag +etwas, als wünsch' er, sie stünden noch am selben Fleck oder es wären +neue statt ihrer aus dem Boden gewachsen. Er zählte dann die +Fässerreihe, rief, im Vorübergehen, einen kurzen Befehl in den Laden +hinein und trat gleich danach in seine gegenüber gelegene Wohnstube. + +Diese machte neben ihrem wohnlichen zugleich einen eigenthümlichen +Eindruck, und zwar, weil alles in ihr um vieles besser und eleganter +war, als sich's für einen Krämer und Dorfmaterialisten schickte. Die +zwei kleinen Sophas waren mit einem hellblauen Atlasstoff bezogen, und +an dem Spiegelpfeiler stand ein schmaler Trumeau, weißlackirt und mit +Goldleiste. Ja, das in einem Mahagoni-Rahmen über dem kleinen Klavier +hängende Bild (allem Anscheine nach ein Stich nach Claude Lorrain) war +ein Sonnenuntergang mit Tempeltrümmern und antiker Staffage, so daß man +sich füglich fragen durfte, wie das alles hierherkomme? Passend war +eigentlich nur ein Stehpult mit einem Gitter-Aufsatz und einem Kuckloch +darüber, mit Hilfe dessen man, über den Flur weg, auf das große +Schiebefenster sehen konnte. + +Hradscheck legte die Birne vor sich hin und blätterte das Kontobuch +durch, das aufgeschlagen auf dem Pulte lag. Um ihn her war alles still, +und nur aus der halboffenstehenden Hinterstube vernahm er den Schlag +einer Schwarzwälder Uhr. + +Es war fast, als ob das Ticktack ihn störe, wenigstens ging er auf die +Thür zu, anscheinend um sie zu schließen; als er indeß hineinsah, nahm +er überrascht wahr, daß seine Frau in der Hinterstube saß, wie +gewöhnlich schwarz aber sorglich gekleidet, ganz wie Jemand, der sich +auf Figurmachen und Toilettendinge versteht. Sie flocht eifrig an einem +Kranz, während ein zweiter, schon fertiger an einer Stuhllehne hing. + +»Du hier, Ursel! Und Kränze! Wer hat denn Geburtstag?« + +»Niemand. Es ist nicht Geburtstag. Es ist blos Sterbetag, Sterbetag +Deiner Kinder. Aber Du vergißt alles. Blos Dich nicht.« + +»Ach, Ursel, laß doch. Ich habe meinen Kopf voll Wunder. Du mußt mir +nicht Vorwürfe machen. Und dann die Kinder. Nun ja, sie sind todt, aber +ich kann nicht trauern und klagen, daß sie's sind. Umgekehrt, es ist ein +Glück.« + +»Ich verstehe Dich nicht.« + +»Und ist nur zu gut zu verstehn. Ich weiß nicht aus noch ein und habe +Sorgen über Sorgen.« + +»Worüber? Weil Du nichts Rechtes zu thun hast und nicht weißt, wie Du +den Tag hinbringen sollst. Hinbringen sag' ich, denn ich will Dich nicht +kränken und von Zeit todtschlagen sprechen. Aber sage selbst, wenn +drüben die Weinstube voll ist, dann fehlt Dir nichts. Ach, das verdammte +Spiel, das ewige Knöcheln und Tempeln. Und wenn Du noch glücklich +spieltest! Ja, Hradscheck, das muß ich Dir sagen, wenn Du spielen +willst, so spiele wenigstens glücklich. Aber ein Wirth, der _nicht_ +glücklich spielt, muß davon bleiben, sonst spielt er sich von Haus und +Hof. Und dazu das Trinken, immer der schwere Ungar, bis in die Nacht +hinein.« + +Er antwortete nicht, und erst nach einer Weile nahm er den Kranz, der +über der Stuhllehne hing, und sagte: »Hübsch. Alles, was Du machst, hat +Schick. Ach, Ursel, ich wollte, Du hättest bessere Tage.« + +Dabei trat er freundlich an sie heran und streichelte sie mit seiner +weißen, fleischigen Hand. + +Sie ließ ihn auch gewähren, und als sie, wie beschwichtigt durch seine +Liebkosungen, von ihrer Arbeit aufsah, sah man, daß es ihrer Zeit eine +sehr schöne Frau gewesen sein mußte, ja, sie war es beinah noch. Aber +man sah auch, daß sie viel erlebt hatte, Glück und Unglück, Lieb' und +Leid, und durch allerlei schwere Schulen gegangen war. Er und sie +machten ein hübsches Paar und waren gleichaltrig, Anfang vierzig, und +ihre Sprech- und Verkehrsweise ließ erkennen, daß es eine Neigung +gewesen sein mußte, was sie vor länger oder kürzer zusammengeführt +hatte. + +Der herbe Zug, den sie bei Beginn des Gesprächs gezeigt, wich denn auch +mehr und mehr, und endlich fragte sie: »Wo drückt es wieder? Eben hast +Du den Raps weggeschickt, und wenn Leist das Öl hat, hast Du das Geld. +Er ist prompt auf die Minute.« + +»Ja, das ist er. Aber ich habe nichts davon, alles ist blos Abschlag und +Zins. Ich stecke tief drin und leider am tiefsten bei Leist selbst. Und +dann kommt die Krakauer Geschichte, der Reisende von Olszewski-Goldschmidt +und Sohn. Er kann jeden Tag da sein.« + +Hradscheck zählte noch anderes auf, aber ohne daß es einen tieferen +Eindruck auf seine Frau gemacht hätte. Vielmehr sagte sie langsam und +mit gedehnter Stimme: »Ja, Würfelspiel und Vogelstellen ...« + +»Ach, immer Spiel und wieder Spiel! Glaube mir, Ursel, es ist nicht so +schlimm damit und jedenfalls mach' ich mir nichts d'raus. Und am +wenigsten aus dem Lotto; 's ist alles Thorheit und weggeworfen Geld, ich +weiß es, und doch hab' ich wieder ein Loos genommen. Und warum? Weil ich +heraus will, weil ich heraus _muß_, weil ich uns retten möchte.« + +»So, so,« sagte sie, während sie mechanisch an dem Kranze weiter flocht +und vor sich hin sah, als überlege sie, was wohl zu thun sei. + +»Soll ich Dich auf den Kirchhof begleiten,« frug er, als ihn ihr +Schweigen zu bedrücken anfing. »Ich thu's gern, Ursel.« + +Sie schüttelte den Kopf. + +»Warum nicht?« + +»Weil, wer den Todten einen Kranz bringen will, wenigstens an sie +gedacht haben muß.« + +Und damit erhob sie sich und verließ das Haus, um nach dem Kirchhof zu +gehen. + +Hradscheck sah ihr nach, die Dorfstraße hinauf, auf deren rothen Dächern +die Herbstsonne flimmerte. Dann trat er wieder an sein Pult und +blätterte. + + + + + II. + + +Eine Woche war seit jenem Tage vergangen, aber das Spielglück, das sich +bei Hradscheck einstellen sollte, blieb aus und das Lottoglück auch. +Trotz alledem gab er das Warten nicht auf, und da gerade +Lotterie-Ziehzeit war, kam das Viertelloos gar nicht mehr von seinem +Pult. Es stand hier auf einem Ständerchen, ganz nach Art eines Fetisch, +zu dem er nicht müde wurde, respektvoll und beinah mit Andacht +aufzublicken. Alle Morgen sah er in der Zeitung die Gewinn-Nummern +durch, aber die seine fand er nicht, trotzdem sie unter ihren fünf +Zahlen drei Sieben hatte und mit sieben dividirt glatt aufging. Seine +Frau, die wohl wahrnahm, daß er litt, sprach ihm nach ihrer Art zu, +nüchtern aber nicht unfreundlich, und drang in ihn, »daß er den +Lotteriezettel wenigstens vom Ständer herunternehmen möge, das verdrösse +den Himmel nur und wer dergleichen thäte, kriege statt Rettung und Hilfe +den Teufel und seine Sippschaft ins Haus. Das Loos müsse weg. Wenn er +wirklich beten wolle, so habe sie was Besseres für ihn, ein Marienbild, +das der Bischof von Hildesheim geweiht und ihr bei der Firmelung +geschenkt habe.« + +Davon wollte nun aber der beständig zwischen Aber- und Unglauben hin und +her schwankende Hradscheck nichts wissen. »Geh mir doch mit dem Bild, +Ursel. Und wenn ich auch wollte, denke nur, welche Bescheerung ich +hätte, wenn's Einer merkte. Die Bauern würden lachen von einem Dorfende +bis ans andere, selbst Orth und Igel, die sonst keine Miene verziehen. +Und mit der Pastor-Freundschaft wär's auch vorbei. Daß er zu Dir hält, +ist doch blos, weil er Dir den katholischen Unsinn ausgetrieben und +einen Platz im Himmel, ja vielleicht an seiner Seite gewonnen hat. Denn +mit meinem Anspruch auf Himmel ist's nicht weit her.« + +Und so blieb denn das Loos auf dem Ständer, und erst als die Ziehung +vorüber war, zerriß es Hradscheck und streute die Schnitzel in den Wind. +Er war aber auch jetzt noch, all seinem spöttisch-überlegenen Gerede zum +Trotz, so schwach und abergläubisch, daß er den Schnitzeln in ihrem +Fluge nachsah, und als er wahrnahm, daß einige die Straße hinauf bis an +die Kirche geweht wurden und dort erst niederfielen, war er in seinem +Gemüthe beruhigt und sagte: »Das bringt Glück.« + +Zugleich hing er wieder allerlei Gedanken und Vorstellungen nach, wie +sie seiner Phantasie jetzt häufiger kamen. Aber er hatte noch Kraft +genug, das Netz, das ihm diese Gedanken und Vorstellungen überwerfen +wollten, wieder zu zerreißen. + +»Es geht nicht.« + +Und als im selben Augenblick das Bild des Reisenden, dessen Anmeldung +er jetzt täglich erwarten mußte, vor seine Seele trat, trat er +erschreckt zurück und wiederholte nur so vor sich hin: »Es geht nicht.« + + * * * + +So war Mitte Oktober heran gekommen. + +Im Laden gab's viel zu thun, aber mitunter war doch ruhige Zeit, und +dann ging Hradscheck abwechselnd in den Hof, um Holz zu spellen, oder in +den Garten, um eine gute Sorte Tischkartoffeln aus der Erde zu nehmen. +Denn er war ein Feinschmecker. Als aber die Kartoffeln heraus waren, +fing er an, den schmalen Streifen Land, darauf sie gestanden, +umzugraben. Überhaupt wurde Graben und Gartenarbeit mehr und mehr seine +Lust, und die mit dem Spaten in der Hand verbrachten Stunden waren +eigentlich seine glücklichsten. + +Und so beim Graben war er auch heute wieder, als die Jeschke, wie +gewöhnlich, an die die beiden Gärten verbindende Heckenthür kam und ihm +zusah, trotzdem es noch früh am Tage war. + +»De Tüffeln sinn joa nu rut, Hradscheck.« + +»Ja, Mutter Jeschke, seit vorgestern. Und war diesmal 'ne wahre Freude; +mitunter zwanzig an einem Busch und alle groß und gesund.« + +»Joa, joa, wenn een's Glück hebben sall. Na, Se hebben't, Hradscheck. Se +hebben Glück bi de Tüffeln un bi de Malvesieren ook. I, Se möten joa +woll 'n Scheffel 'runnerpflückt hebb'n.« + +»O mehr, Mutter Jeschke, viel mehr.« + +»Na, bereden Se't nich, Hradscheck. Nei, nei. Man sall nix bereden. Ook +sien Glück nich.« + +Und damit ließ sie den Nachbar stehn und humpelte wieder auf ihr Haus +zu. + +Hradscheck aber sah ihr ärgerlich und verlegen nach. Und er hatte wohl +Grund dazu. War doch die Jeschke, so freundlich und zuthulich sie that, +eine schlimme Nachbarschaft und quacksalberte nicht blos, sondern machte +auch sympathetische Kuren, besprach Blut und wußte, wer sterben würde. +Sie sah dann die Nacht vorher einen Sarg vor dem Sterbehause stehn. Und +es hieß auch, »sie wisse, wie man sich unsichtbar machen könne«, was, +als Hradscheck sie seinerzeit danach gefragt hatte, halb von ihr +bestritten und dann halb auch wieder zugestanden war. »Sie wisse es +nicht; aber _das_ wisse sie, daß frisch ausgelassenes Lamm-Talg gut sei, +versteht sich von einem ungeborenen Lamm und als Licht über einen rothen +Wollfaden gezogen; am besten aber sei Farrnkrautsamen in die Schuhe oder +Stiefel geschüttet.« Und dann hatte sie herzlich gelacht, worin +Hradscheck natürlich einstimmte. Trotz dieses Lachens aber war ihm jedes +Wort, als ob es ein Evangelium wär', in Erinnerung geblieben, vor allem +das »ungeborne Lamm« und der »Farrnkrautsamen«. Er glaubte nichts davon +und auch wieder alles, und wenn er, seiner sonstigen Entschlossenheit +unerachtet, schon vorher eine Furcht vor der alten Hexe gehabt hatte, so +nach dem Gespräch über das sich Unsichtbarmachen noch viel mehr. + + * * * + +Und solche Furcht beschlich ihn auch heute wieder, als er sie, nach dem +Morgengeplauder über die »Tüffeln« und die »Malvesieren«, in ihrem Hause +verschwinden sah. Er wiederholte sich jedes ihrer Worte: »Wenn een's +Glück hebben sall. Na, Se hebben't joa, Hradscheck. Awers bereden Se't +nich.« Ja, so waren ihre Worte gewesen. Und was war mit dem allem +gemeint? Was sollte dies ewige Reden von Glück und wieder Glück? War es +Neid oder wußte sie's besser? Hatte sie doch vielleicht mit ihrem +Hokuspokus ihm in die Karten gekuckt? + +Während er noch so sann, nahm er den Spaten wieder zur Hand und begann +rüstig weiter zu graben. Er warf dabei ziemlich viel Erde heraus und war +keine fünf Schritt mehr von dem alten Birnbaum, auf den der +Ackerstreifen zulief, entfernt, als er auf etwas stieß, das unter dem +Schnitt des Eisens zerbrach und augenscheinlich weder Wurzel noch Stein +war. Er grub also vorsichtig weiter und sah alsbald, daß er auf Arm und +Schulter eines hier verscharrten Todten gestoßen war. Auch Zeugreste +kamen zu Tage, zerschlissen und gebräunt, aber immer noch farbig und +wohlerhalten genug, um erkennen zu lassen, daß es ein Soldat gewesen +sein müsse. + +Wie kam der hierher? + +Hradscheck stützte sich auf die Krücke seines Grabscheits und überlegte. +»Soll ich es zur Anzeige bringen? Nein. Es macht blos Geklätsch. Und +Keiner mag einkehren, wo man einen Todten unterm Birnbaum gefunden hat. +Also besser nicht. Er kann hier weiter liegen.« + +Und damit warf er den Armknochen, den er ausgegraben, in die Grube +zurück und schüttete diese wieder zu. Während dieses Zuschüttens aber +hing er all jenen Gedanken und Vorstellungen nach, wie sie seit Wochen +ihm immer häufiger kamen. Kamen und gingen. Heut aber gingen sie nicht, +sondern wurden Pläne, die Besitz von ihm nahmen und ihn, ihm selbst zum +Trotz, an die Stelle bannten, auf der er stand. Was er hier zu thun +hatte, war gethan, es gab nichts mehr zu graben und zu schütten, aber +immer noch hielt er das Grabscheit in der Hand und sah sich um, als ob +er bei böser That ertappt worden wäre. Und fast war es so. Denn +unheimlich verzerrte Gestalten (und eine davon er selbst) umdrängten ihn +so faßbar und leibhaftig, daß er sich wohl fragen durfte, ob nicht +Andere da wären, die diese Gestalten auch sähen. Und er lugte wirklich +nach der Zaunstelle hinüber. Gott sei Dank, die Jeschke war nicht da. +Aber freilich, wenn sie sich unsichtbar machen und sogar Todte sehen +konnte, Todte, die noch nicht todt waren, warum sollte sie nicht die +Gestalten sehn, die jetzt vor seiner Seele standen? Ein Grauen überlief +ihn, nicht vor der That, nein, aber bei dem Gedanken, daß das, was erst +That werden sollte, vielleicht in diesem Augenblicke schon erkannt und +verrathen war. Er zitterte, bis er, sich plötzlich aufraffend, den +Spaten wieder in den Boden stieß. + +»Unsinn. Ein dummes altes Weib, das gerade klug genug ist, noch Dümmere +hinter's Licht zu führen. Aber ich will mich ihrer schon wehren, ihrer +und ihrer ganzen Todtenkuckerei. Was ist es denn? Nichts. Sie sieht +einen Sarg an der Thür stehn, und dann stirbt Einer. Ja, sie sagt es, +aber sagt es immer erst, wenn Einer todt ist oder keinen Athem mehr hat +oder das Wasser ihm schon an's Herz stößt. Ja, dann kann ich auch +prophezeihn. Alte Hexe, Du sollst mir nicht weiter Sorge machen. Aber +Ursel! Wie bring' ich's der bei? Da liegt der Stein. Und wissen muß +sie's. Es müssen zwei sein ...« + +Und er schwieg. Bald aber fuhr er entschlossen fort: »Ah, bah, es wird +sich finden, weil sich's finden muß. Noth kennt kein Gebot. Und was +sagte sie neulich, als ich das Gespräch mit ihr hatte? 'Nur nicht arm +sein ... Armuth ist das Schlimmste.' Daran halt' ich sie; damit zwing' +ich sie. Sie _muß_ wollen.« + +Und so sprechend, ging er, das Grabscheit gewehrüber nehmend, wieder auf +das Haus zu. + + + + + III. + + +Als Hradscheck bis an den Schwellstein gekommen war, nahm er das +Grabscheit von der Schulter, lehnte die Krücke gegen das am Hause sich +hinziehende Weinspalier und wusch sich die Hände, saubrer Mann der er +war, in einem Kübel, drin die Dachtraufe mündete. Danach trat er in den +Flur und ging auf sein Wohnzimmer zu. + +Hier traf er Ursel. Diese saß vor einem Nähtisch am Fenster und war, +trotz der frühen Stunde, schon wieder in Toilette, ja noch sorglicher +und geputzter als an dem Tage, wo sie die Kränze für die Kinder +geflochten hatte. Das hochanschließende Kleid, das sie trug, war auch +heute schlicht und dunkelfarbig (sie wußte, daß Schwarz sie kleidete), +der blanke Ledergürtel aber wurde durch eine Bronzeschnalle von +auffälliger Größe zusammengehalten, während in ihren Ohrringen lange +birnenförmige Bummeln von venetianischer Perlenmasse hingen. Sie wirkten +anspruchsvoll und störten mehr als sie schmückten. Aber für dergleichen +gebrach es ihr an Wahrnehmung, wie denn auch der mit Schildpatt +ausgelegte Nähtisch, trotz all seiner Eleganz, zu den beiden hellblauen +Atlas-Sophas nicht recht passen wollte. Noch weniger zu dem weißen +Trumeau. Links neben ihr, auf dem Fensterbrett, stand ein +Arbeitskästchen, darin sie, gerade als Hradscheck eintrat, nach einem +Faden suchte. Sie ließ sich dabei nicht stören und sah erst auf, als der +Eintretende, halb scherzhaft, aber doch mit einem Anfluge von Tadel +sagte: »Nun, Ursel, schon in Staat? Und nichts zu thun mehr in der +Küche?« + +»Weil es fertig werden muß.« + +»Was?« + +»Das hier.« Und dabei hielt sie Hradscheck ein Sammtkäpsel hin, an dem +sie gerade nähte. »Wenig mit Liebe.« + +»Für mich?« + +»Nein. Dazu bist Du nicht fromm und, was Du lieber hören wirst, auch +nicht alt genug.« + +»Also für den Pastor?« + +»Gerathen.« + +»Für den Pastor. Nun gut. Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft, +und die Freundschaft mit einem Pastor kann man doppelt brauchen. Es +giebt einem solch Ansehen. Und ich habe mir auch vorgenommen, ihn wieder +öfter zu besuchen und mit Ede Sonntags umschichtig in die Kirche zu +gehen.« + +»Das thu nur; er hat sich schon gewundert.« + +»Und hat auch Recht. Denn ich bin ihm eigentlich verschuldet. Und ist +noch dazu der Einzige, dem ich gern verschuldet bin. Ja, Du siehst mich +an, Ursel. Aber es ist so. Hat er Dich nicht auf den rechten Weg +gebracht? Sage selbst. Wenn Eccelius nicht war, so stecktest Du noch in +dem alten Unsinn.« + +»Sprich nicht so. Was weißt Du davon? Ihr habt ja gar keine Religion. +Und Eccelius eigentlich auch nicht. Aber er ist ein guter Mann, eine +Seele von Mann, und meint es gut mit mir und aller Welt. Und hat mir zum +Herzen gesprochen.« + +»Ja, das versteht er; das hat er in der Loge gelernt. Er rührt einen zu +Thränen. Und nun gar erst die Weiber.« + +»Und dann halt' ich zu ihm,« fuhr Ursel fort, ohne der Unterbrechung zu +achten, »weil er ein gebildeter Mann ist. Ein guter Mann, und ein +gebildeter Mann. Und offen gestanden, daran bin ich gewöhnt.« + +Hradscheck lachte. »Gebildet, Ursel, das ist Dein drittes Wort. Ich weiß +schon. Und dann kommt der Göttinger Student, der Dir einen Ring +geschenkt hat, als Du vierzehn Jahr alt warst (er wird wohl nicht echt +gewesen sein), und dann kommt vieles _nicht_ oder doch manches nicht ... +verfärbe Dich nur nicht gleich wieder ... und zuletzt kommt der +Hildesheimer Bischof. Das ist Dein höchster Trumpf, und was Vornehmeres +giebt es in der ganzen Welt nicht. Ich weiß es seit lange. Vornehm, +vornehm. Ach, ich rede nicht gern davon, aber Deine Vornehmheit ist mir +theuer zu stehn gekommen.« + +Ursel legte das Sammtkäpsel aus der Hand, steckte die Nadel hinein und +sagte, während sie sich mit halber Wendung von ihm ab und dem Fenster +zukehrte: »Höre, Hradscheck, wenn Du gute Tage mit mir haben willst, so +sprich nicht so. Hast Du Sorgen, so will ich sie mittragen, aber Du +darfst mich nicht dafür verantwortlich machen, daß sie da sind. Was ich +Dir hundert Mal gesagt habe, das muß ich Dir wieder sagen. Du bist kein +guter Kaufmann, denn Du hast das Kaufmännische nicht gelernt, und Du +bist kein guter Wirth, denn Du spielst schlecht oder doch nicht mit +Glück und trinkst nebenher Deinen eigenen Wein aus. Und was da nach +drüben geht, nach Neu-Lewin hin, oder wenigstens gegangen ist (und dabei +wies sie mit der Hand nach dem Nachbardorfe), davon will ich nicht +reden, schon gar nicht, schon lange nicht. Aber das darf ich Dir sagen, +Hradscheck, so steht es mit Dir. Und anstatt Dich zu Deinem Unrecht zu +bekennen, sprichst Du von meinen Kindereien und von dem hochwürdigen +Bischof, dem Du nicht werth bist die Schuhriemen zu lösen. Und wirfst +mir dabei meine Bildung vor.« + +»Nein, Ursel.« + +»Oder daß ich's ein bischen hübsch oder, wie Du sagst, vornehm haben +möchte.« + +»Ja, das.« + +»Also doch. Nun aber sage mir, was hab' ich gethan? Ich habe mich in den +ersten Jahren eingeschränkt und in der Küche gestanden und gebacken und +gebraten, und des Nachts an der Wiege gesessen. Ich bin nicht aus dem +Haus gekommen, so daß die Leute darüber geredet haben, die dumme Gans +draußen in der Ölmühle natürlich an der Spitze (Du hast es mir selbst +erzählt), und habe jeden Abend vor einem leeren Kleiderschrank gestanden +und die hölzernen Riegel gezählt. Und so sieben Jahre, bis die Kinder +starben, und erst als sie todt waren und ich nichts hatte, daran ich +mein Herz hängen konnte, da hab' ich gedacht, nun gut, nun will ich es +wenigstens hübsch haben und eine Kaufmannsfrau sein, so wie man sich in +meiner Gegend eine Kaufmannsfrau vorstellt. Und als dann der Konkurs auf +Schloß Hoppenrade kam, da hab' ich Dich gebeten, dies Bischen hier +anzuschaffen, und das hast Du gethan und ich habe mich dafür bedankt. +Und war auch blos in der Ordnung. Denn Dank muß sein, und ein gebildeter +Mensch weiß es und wird ihm nicht schwer. Aber all das, worüber jetzt so +viel geredet wird, als ob es wunder was wäre, ja, was ist es denn groß? +Eigentlich ist es doch nur altmodisch, und die Seide reißt schon, +trotzdem ich sie hüte wie meinen Augapfel. Und wegen dieser paar Sachen +stöhnst Du und hörst nicht auf zu klagen und verspottest mich wegen +meiner Bildung und Feinheit, wie Du zu sagen beliebst. Freilich bin ich +feiner als die Leute hier, in meiner Gegend ist man feiner. Willst Du +mir einen Vorwurf daraus machen, daß ich nicht wie die Pute, die Quaas +bin, die 'mir' und 'mich' verwechselt und eigentlich noch in den +Friesrock gehört und Liebschaftenhaben für Bildung hält und sich +'Kätzchen' nennen läßt, obschon sie blos eine Katze ist und eine falsche +dazu? Ja, mein lieber Hradscheck, wenn Du mir daraus einen Vorwurf +machen willst, dann hättest Du mich nicht nehmen sollen, das wäre dann +das Klügste gewesen. Besinne Dich. Ich bin Dir nicht nachgelaufen, im +Gegentheil, Du wolltest mich partout und hast mich beschworen um mein +'ja'. Das kannst Du nicht bestreiten. Nein, das kannst Du nicht, +Hradscheck. Und nun dies ewige 'vornehm' und wieder 'vornehm'. Und +warum? Blos weil ich einen Trumeau wollte, den man wollen muß, wenn man +ein bischen auf sich hält. Und für einen Spottpreis ist er +fortgegangen.« + +»Du sagst Spottpreis, Ursel. Ja, was ist Spottpreis? Auch Spottpreise +können zu hoch sein. Ich hatte damals nichts und hab' es von geborgtem +Gelde kaufen müssen.« + +»Das hättest Du nicht thun sollen, Abel, das hättest Du mir sagen +müssen. Aber da genirte sich der werthe Herr Gemahl und mußte sich auch +geniren. Denn warum war kein Geld da? Wegen der Person drüben. Alte +Liebe rostet nicht. Versteht sich.« + +»Ach Ursel, was soll das! Es nutzt uns nichts, uns unsere Vergangenheit +vorzuwerfen.« + +»Was meinst Du damit? Was heißt Vergangenheit?« + +»Wie kannst Du nur fragen? Aber ich weiß schon, es ist das alte Lied, +das ist Weiberart. Ihr streitet Eurem eignen Liebhaber die Liebschaft +ab. Ursel, ich hätte Dich für klüger gehalten. So sei doch nicht so kurz +von Gedächtniß. Wie lag es denn? Wie fand ich Dich damals, als Du wieder +nach Hause kamst, krank und elend und mit dem Stecken in der Hand, und +als der Alte Dich nicht aufnehmen wollte mit Deinem Kind und Du dann +zufrieden warst mit einer Schütte Stroh unterm Dach? Ursel, da hab' ich +Dich gesehn, und weil ich Mitleid mit Dir hatte, nein, nein, erzürne +Dich nicht wieder ... weil ich Dich liebte, weil ich vernarrt in Dich +war, da hab' ich Dich bei der Hand genommen, und wir sind hierher +gegangen, und der Alte drüben, dem Du das Käpsel da nähst, hat uns +zusammengethan. Es thut mir nicht leid, Ursel, denn Du weißt, daß ich in +meiner Neigung und Liebe zu Dir der Alte bin, aber Du darfst Dich auch +nicht aufs hohe Pferd setzen, wenn ich vor Sorgen nicht aus noch ein +weiß, und darfst mir nicht Vorwürfe machen wegen der Rese drüben in +Neu-Lewin. Was da hinging, glaube mir, das war nicht viel und eigentlich +nicht der Rede werth. Und nun ist sie lange todt und unter der Erde. +Nein, Ursel, daher stammt es nicht, und ich schwöre Dir's, das alles +hätt' ich gekonnt, aber der verdammte Hochmuth, daß es mit uns was sein +sollte, das hat es gemacht, das ist es. Du wolltest hoch hinaus und was +Apartes haben, damit sie sich wundern sollten. Und was haben wir nun +davon? Da stehen die Sachen, und das Bauernvolk lacht uns aus.« + +»Sie beneiden uns.« + +»Nun gut, vielleicht oder wenigstens so lang es vorhält. Aber wenn das +alles eines schönen Tages fort ist?« + +»Das darf nicht sein.« + +»Die Gerichte fragen nicht lange.« + +»Das darf nicht sein, sag' ich. Alles andre. Nein, Hradscheck, das +darfst Du mir nicht anthun, da nehm' ich mir das Leben und geh' in die +Oder, gleich auf der Stelle. Was Jammer und Elend ist, das weiß ich, das +hab' ich erfahren. Aber gerade deßhalb, gerade deßhalb. Ich bin jetzt +aus dem Jammer heraus, Gott sei Dank, und ich will nicht wieder hinein. +Du sagst, sie lachen über uns, nein, sie lachen _nicht_; aber wenn uns +was passirte, dann würden sie lachen. Und daß dann 'Kätzchen' ihren Spaß +haben und sich über uns lustig machen sollte, oder gar die gute Mietzel, +die noch immer in ihrem schwarzen Kopftuch steckt und nicht mal weiß, +wie man einen Hut oder eine Haube manierlich aufsetzt, das trüg' ich +nicht, da möcht' ich gleich todt umfallen. Nein, nein, Hradscheck, wie +ich Dir schon neulich sagte, nur nicht arm. Armuth ist das Schlimmste, +schlimmer als Tod, schlimmer als ...« + +Er nickte. »So denk' ich auch, Ursel. Nur nicht arm. Aber komm' in den +Garten! Die Wände hier haben Ohren.« + +Und so gingen sie hinaus. Draußen aber nahm sie seinen Arm, hing sich, +wie zärtlich, an ihn und plauderte, während sie den Mittelsteig des +Gartens auf und ab schritten. Er seinerseits schwieg und überlegte, bis +er mit einem Male stehen blieb und, das Wort nehmend, auf die wieder +zugeschüttete Stelle neben dem Birnbaum wies. Und nun wurden Ursel's +Augen immer größer, als er rasch und lebhaft alles, was geschehen müsse, +herzuzählen und auseinander zu setzen begann. + +»Es geht nicht. Schlag' es Dir aus dem Sinn. Es ist nichts so fein +gesponnen ...« + +Er aber ließ nicht ab, und endlich sah man, daß er ihren Widerstand +besiegt hatte. Sie nickte, schwieg, und Beide gingen auf das Haus zu. + + + + + IV. + + +Der Oktober ging auf die Neige, trotzdem aber waren noch schöne warme +Tage, so daß man sich im Freien aufhalten und die Hradscheck'sche +Kegelbahn benutzen konnte. Diese war in der ganzen Gegend berühmt, weil +sie nicht nur ein gutes wagerechtes Laufbrett, sondern auch ein bequemes +Kegelhäuschen und in diesem zwei von aller Welt bewunderte buntglasige +Kuckfenster hatte. Das gelbe sah auf den Garten hinaus, das blaue +dagegen auf die Dorfstraße sammt dem dahinter sich hinziehenden +Oderdamm, über den hinweg dann und wann der Fluß selbst aufblitzte. +Drüben am andern Ufer aber gewahrte man einen langen Schattenstrich: die +neumärkische Haide. + +Es war halb vier, und die Kugeln rollten schon seit einer Stunde. Der +zugleich Kellnerdienste verrichtende Ladenjunge lief hin und her, mal +Kaffee, mal einen Kognak bringend, am öftesten aber neugestopfte +Thonpfeifen, aus denen die Bauern rauchten und die Wölkchen in die klare +Herbstluft hineinbliesen. Es waren ihrer fünf, zwei aus dem benachbarten +Kienitz herübergekommen, der Rest echte Tschechiner: Ölmüller Quaas, +Bauer Mietzel und Bauer Kunicke. Hradscheck, der, von Berufs wegen, mit +dem Schreib- und Rechenwesen am besten Bescheid wußte, saß vor einer +großen schwarzen Tafel, die die Form eines Notenpultes hatte. + +»Kunicke steht wieder am besten.« »Natürlich, gegen den kann keiner.« +»Dreimal acht um den König.« Und nun begann ein sich Überbieten in +Kegelwitzen. »Er kann hexen,« hieß es. »Er hockt mit der Jeschke +zusammen.« »Er spielt mit falschen Karten.« »Wer so viel Glück hat, muß +Strafe zahlen.« Der, der das von den »falschen Karten« gesagt hatte, war +Bauer Mietzel, des Ölmüllers Nachbar, ein kleines aufgetrocknetes +Männchen, das mehr einem Leineweber als einem Bauern glich. War aber +doch ein richtiger Bauer, in dessen Familie nur von alter Zeit her der +Schwind war. + +»Wer schiebt?« + +»Hradscheck.« + +Dieser kletterte jetzt von seinem Schreibersitz und wartete gerad' auf +seine die Lattenrinne langsam herunter kommende Lieblingskugel, als der +Landpostbote durch ein auf die Straße führendes Thürchen eintrat und +einen großen Brief an ihn abgab; Hradscheck nahm den Brief in die Linke, +packte die Kugel mit der Rechten und setzte sie kräftig auf, zugleich +mit Spannung dem Lauf derselben folgend. + +»Sechs!« schrie der Kegeljunge, verbesserte sich aber sofort, als nach +einigem Wackeln und Besinnen noch ein siebenter Kegel umfiel. + +»Sieben also!« triumphirte Hradscheck, der sich bei dem Wurf +augenscheinlich was gedacht hatte. + +»Sieben geht,« fuhr er fort. »Sieben ist gut. Kunicke, schiebe für mich +und schreib' an. Will nur das Porto zahlen.« + +Und damit nahm er den Briefträger unterm Arm und ging mit ihm von der +Gartenseite her ins Haus. + +Das Kegeln setzte sich mittlerweile fort, wer aber Spiel und Gäste +vergessen zu haben schien, war Hradscheck. Kunicke hatte schon zum +dritten Male statt seiner geschoben, und so wurde man endlich ungeduldig +und riß heftig an einem Klingeldraht, der nach dem Laden hineinführte. + +Der Junge kam auch. + +»Hradscheck soll wieder antreten, Ede. Wir warten ja. Mach' flink!« + +Und sieh, gleich darnach erschien auch der Gerufene, hochroth und +aufgeregt, aber, allem Anscheine nach, mehr in heiterer als +verdrießlicher Erregung. Er entschuldigte sich kurz, daß er habe warten +lassen, und nahm dann ohne Weiteres eine Kugel, um zu schieben. + +»Aber Du bist ja gar nicht dran!« schrie Kunicke. »Himmelwetter, was ist +denn los? Und wie der Kerl aussieht! Entweder is ihm eine +Schwiegermutter gestorben oder er hat das große Loos gewonnen.« + +Hradscheck lachte. + +»Nu, so rede doch. Oder sollst Du nach Berlin kommen und ein paar neue +Rapspressen einrichten? Hast ja neulich unserm Quaas erst vorgerechnet, +daß er nichts von der Öl-Presse verstünde.« + +»Hab' ich, und ist auch so. Nichts für ungut, Ihr Herren, aber der Bauer +klebt immer am Alten.« + +»Und die Gastwirthe sind immer fürs Neue. Blos daß nicht viel dabei +heraus kommt.« + +»Wer weiß!« + +»Wer weiß? Höre, Hradscheck, ich fange wirklich an zu glauben ... Oder +is es 'ne Erbschaft?« + +»Is so was. Aber nicht der Rede werth.« + +»Und von woher denn?« + +»Von meiner Frau Schwester.« + +»Bist doch ein Glückskind. Ewig sind ihm die gebratnen Tauben ins Maul +geflogen. Und aus dem Hildesheim'schen, sagst Du?« + +»Ja, da so 'rum.« + +»Na, da wird Reetzke drüben froh sein. Er war schon ungeduldig.« + +»Weiß; er wollte klagen. Die Neu-Lewiner sind immer ängstlich und +Pfennigfuchser und können nicht warten. Aber er wird's nu wohl lernen +und sich anders besinnen. Mehr sag' ich nicht und paßt sich auch nicht. +Man soll den Mund nicht voll nehmen. Und was ist am Ende solch bischen +Geld?« + +»Geld ist nie ein bischen. Wie viel Nullen hat's denn?« + +»Ach, Kinder, redet doch nicht von Nullen. Das Beste ist, daß es nicht +viel Wirthschaft macht und daß meine Frau nicht erst nach Hildesheim +braucht. Solche weite Reise, da geht ja gleich die Hälfte drauf. Oder +vielleicht auch das Ganze.« + +»War es denn schon in dem Brief?« + +»I, bewahre. Blos die Anzeige von meinem Schwager, und daß das Geld in +Berlin gehoben werden kann. Ich schicke morgen meine Frau. Sie versauert +hier ohnehin.« + +»Versteht sich,« sagte Mietzel, der sich immer ärgerte, wenn von dem +»Versauern« der Frau Hradscheck die Rede war. »Versteht sich, laß sie +nur reisen; Berlin, das ist so was für die Frau Baronin. Und vielleicht +bringt sie Dir gleich wieder ein Atlassopha mit. Oder 'nen Trumeau. So +heißt es ja wohl? Bei so was Feinem muß unserein immer erst fragen. Der +Bauer ist ja zu dumm.« + + * * * + +Frau Hradscheck reiste wirklich ab, um die geerbte Summe von Berlin zu +holen, was schon im Voraus das Gerede der ebenso neidischen wie reichen +Bauernfrauen weckte, vor allen der Frau Quaas, die sich, ihrer +gekrausten blonden Haare halber, ganz einfach für eine Schönheit hielt +und aus dem Umstande, daß sie 20 Jahre jünger war als ihr Mann, ihr +Recht zu fast eben so vielen Liebschaften herleitete. Was gut aussah, +war ihr ein Dorn im Auge, zumeist aber die Hradscheck, die nicht nur +stattlicher und klüger war als sie selbst, sondern zum Überfluß auch +noch in Verdacht stand (wenn auch freilich mit Unrecht), den ältesten +Kantorssohn -- einen wegen Demagogie relegirten Thunichtgut, der nun bei +dem Vater auf der Bärenhaut lag -- zu Spottversen auf die Tschechiner und +ganz besonders auf die gute Frau Quaas angestiftet zu haben. Es war eine +lange Reimerei, drin jeder was wegkriegte. Der erste Vers aber lautete: + + Woytasch hat den Schulzen-Stock, + Kunicke 'nen langen Rock, + Mietzel ist ein Hobelspahn, + Quaas hat keinem was gethan, + Nicht mal seiner eignen Frau, + Kätzchen weiß es ganz genau. + Miau, miau. + +Dergleichen konnte nicht verziehen werden, am wenigsten solcher +Bettelperson wie dieser hergelaufenen Frau Hradscheck, die nun mal für +die Schuldige galt. Das stand bei Kätzchen fest. + +»Ich wette,« sagte sie zur Mietzel, als diese denselben Abend noch, an +dem die Hradscheck abgereist war, auf der Ölmühle vorsprach, »ich wette, +daß sie mit einem Sammthut und einer Straußenfeder wiederkommt. Sie kann +sich nie genug thun, diese zierige Person, trotz ihrer vierzig. Und +alles blos, weil sie 'Swein' sagt und nicht 'switzen' kann, auch wenn +sie drei Kannen Fliederthee getrunken. Sie sagt aber nicht Fliederthee, +sie sagt Hollunder. Und das soll denn was sein. Ach, liebe Mietzel, es +ist zum Lachen.« + +»Ja, ja!« stimmte die Mietzel ein, schien aber geneigt, die größere +Schuld auf Hradscheck zu schieben, der sich einbilde, Wunder was Feines +geheirathet zu haben. Und sei doch blos 'ne Kattolsche gewesen und +vielleicht auch 'ne Springerin; wenigstens habe sie so was munkeln +hören. »Und überhaupt, der gute Hradscheck,« fuhr sie fort, »er soll +doch nur still sein. In Neu-Lewin reden sie nicht viel Gutes von ihm. +Die Rese hat er sitzen lassen. Und mit eins war sie weg und keiner weiß +wie und warum. Und war auch von Ausgraben die Rede, bis unser alter +Woytasch 'rüber fuhr und alles wieder still machte. Natürlich, er will +keinen Lärm haben und is 'ne Suse. Zu Hause darf er ohnehin nicht reden. +Oder ob er der Hradschecken nach den Augen sieht? Sie hat so was. Und +ich sage blos, wenn wir alles hergelaufene Volk ins Dorf kriegen, so +haben wir nächstens auch die Zigeuner hier und Frau Woytasch kann sich +dann nach 'nem Schwiegersohn umsehn. Zeit wird es mit der Rike; dreißig +is sie ja schon.« + +So ging gleich am ersten Tage das Geklatsch. Als aber eine halbe Woche +später die Hradscheck gerade so wieder kam, wie sie gegangen war, das +heißt ohne Sammthut und Straußenfeder, und noch ebenso grüßte, ja +womöglich noch artiger als vorher, da trat ein Umschlag ein, und man +fing an, sie gelten zu lassen und sich einzureden, daß die Erbschaft sie +verändert habe. + +»Man sieht doch gleich,« sagte die Quaas, »daß sie jetzt was haben. +Sonst sollte das immer was sein, und sie logen einen grausam an, und war +eigentlich nicht zum Aushalten. Aber gestern war sie anders und sagte +ganz klein und bescheiden, daß es nur wenig sei.« + +»Wie viel mag es denn wohl sein?« unterbrach hier die Mietzel. »Ich +denke mir so tausend Thaler.« + +»O mehr, viel mehr. Wenn es nicht mehr wäre, wäre sie nicht _so_; da +zierte sie sich ruhig weiter. Nein, liebe Mietzel, da hat man denn doch +so seine Zeichen, und denken Sie sich, als ich sie gestern frug, 'ob es +ihr nicht ängstlich gewesen wäre, so ganz allein mit dem vielen Geld', +da sagte sie: 'nein, es wär' ihr nicht ängstlich gewesen, denn sie habe +nur wenig mitgebracht, eigentlich nicht der Rede werth. Das Meiste habe +sie bei dem Kaufmann in Berlin gleich stehen lassen.' Ich weiß ganz +bestimmt, sie sagte: das Meiste. So wenig kann es also nicht sein.« + + * * * + +Unterredungen, wie diese, wurden ein paar Wochen lang in jedem +Tschechiner Hause geführt, ohne daß man mit Hilfe derselben im +Geringsten weiter gekommen wäre, weßhalb man sich schließlich hinter den +Postboten steckte. Dieser aber war entweder schweigsam oder wußte +nichts, und erst Mitte November erfuhr man von ihm, daß er neuerdings +einen rekommandirten Brief bei den Hradschecks abgegeben habe. + +»Von woher denn?« + +»Aus Krakau.« + +Man überlegte sich's, ob das in irgend einer Beziehung zur Erbschaft +stehen könne, fand aber nichts. + +Und war auch nichts zu finden. Denn der eingeschriebene Brief lautete: + + + »_Krakau_, den 9. November 1831. + +Herrn _Abel Hradscheck_ in Tschechin. Oderbruch. + +Ew. Wohlgeboren bringen wir hiermit zu ganz ergebenster Kenntniß, daß +unser Reisender, Herr Szulski, wie alljährlich so auch in diesem Jahre +wieder, in der letzten Novemberwoche, bei Ihnen eintreffen und Ihre +weitern geneigten Aufträge in Empfang nehmen wird. Zugleich aber +gewärtigen wir, daß Sie, hochgeehrter Herr, bei dieser Gelegenheit +Veranlassung nehmen wollen, unsre seit drei Jahren anstehende Forderung +zu begleichen. Wir rechnen um so bestimmter darauf, als es uns, durch +die politischen Verhältnisse des Landes und den Rückschlag derselben auf +unser Geschäft, unmöglich gemacht wird, einen ferneren Kredit zu +bewilligen. Genehmigen Sie die Versicherung unserer Ergebenheit. + + Olszewski-Goldschmidt & Sohn.« + + +Hradscheck, als er diesen Brief empfangen hatte, hatte nicht gesäumt, +auch seine Frau mit dem Inhalte desselben bekannt zu machen. Diese blieb +anscheinend ruhig, nur um ihre Lippen flog ein nervöses Zittern. + +»Wo willst Du's hernehmen, Abel? Und doch muß es geschafft werden. Und +ihm eingehändigt werden ... Und zwar vor Zeugen. Willst Du's borgen?« + +Er schwieg. + +»Bei Kunicke?« + +»Nein. Geht nicht. Das sieht aus nach Verlegenheit. Und die darf es nach +der Erbschaftsgeschichte nicht mehr geben. Und giebt's auch nicht. Ich +glaube, daß ich's schaffe.« + +»Gut. Aber wie?« + +»Bis zum 30. hab' ich noch die Feuerkassengelder.« + +»Die reichen nicht.« + +»Nein. Aber doch beinah. Und den Rest deck' ich mit einem kleinen +Wechsel. Ein großer geht nicht, aber ein kleiner ist gut und eigentlich +besser als baar.« + +Sie nickte. + +Dann trennte man sich, ohne daß weiter ein Wort gewechselt worden wäre. + +Was zwischen ihnen zu sagen war, war gesagt und jedem seine Rolle +zugetheilt. Nur fanden sie sich sehr verschieden hinein, wie schon die +nächste Minute zeigen sollte. + +Hradscheck, voll Beherrschung über sich selbst, ging in den Laden, der +gerade voll hübscher Bauernmädchen war, und zupfte hier der einen am +Busentuch, während er der andern die Schürzenbänder aufband. Einer Alten +aber gab er einen Kuß. »Einen Kuß in Ehren darf niemand wehren -- nich +wahr, Mutter Schickedanz?« + +Mutter Schickedanz lachte. + +Der _Frau_ Hradscheck aber fehlten die guten Nerven, deren ihr Gatte +sich rühmen konnte. Sie ging in ihr Schlafzimmer, sah in den Garten und +überschlug ihr Leben. Dabei murmelte sie halb unverständliche Worte vor +sich hin und schien, den Bewegungen ihrer Hand nach, einen Rosenkranz +abzubeten. Aber es half alles nichts. Ihr Athem blieb schwer, und sie +riß endlich das Fenster auf, um die frische Luft einzusaugen. + +So vergingen Stunden. Und als Mittag kam, kamen nur Hradscheck und Ede +zu Tisch. + + + + + V. + + +Es war Ende November, als an einem naßkalten Abende der von der Krakauer +Firma angekündigte Reisende vor Hradscheck's Gasthof vorfuhr. Er kam von +Küstrin und hatte sich um ein paar Stunden verspätet, weil die vom Regen +aufgeweichten Bruchwege beinah unpassirbar gewesen waren, am meisten im +Dorfe selbst. Noch die letzten dreihundert Schritt von der Orth'schen +Windmühle her hatten ein gut Stück Zeit gekostet, weil das ermüdete +Pferd mitunter stehen blieb und trotz allem Fluchen nicht weiter wollte. +Jetzt aber hielt der Reisende vor der Ladenthür, durch deren trübe +Scheiben ein Lichtschein auf den Damm fiel, und knipste mit der +Peitsche. + +»Halloh; Wirthschaft!« + +Eine Weile verging, ohne daß wer kam. Endlich erschien der Ladenjunge, +lief aber, als er den Tritt heruntergeklappt hatte, gleich wieder weg, +»weil er den Knecht, den Jakob, rufen wolle.« + +»Gut, gut. Aber flink ... Is das ein Hundewetter!« + +Unter solchen und ähnlichen Ausrufungen schlug der jetzt wieder allein +gelassene Reisende das Schutzleder zurück, hing den Zügel in den +freigewordenen Haken und kletterte, halb erstarrt und unter Vermeidung +des Tritts, dem er nicht recht zu trauen schien, über das Rad weg auf +eine leidlich trockene, grad' vor dem Laden-Eingange durch Aufschüttung +von Müll und Schutt hergerichtete Stelle. Wolfsschur und Pelzmütze +hatten ihm Kopf und Leib geschützt, aber die Füße waren wie todt, und er +stampfte hin und her, um wieder Leben ins Blut zu bringen. + +Und jetzt erschien auch Jakob, der den Reisenden schon von früher her +kannte. + +»Jott, Herr Szulski, bi so'n Wetter! Un so'ne Weg'! I, doa kümmt joa +keen Düwel nich.« + +»Aber ich,« lachte Szulski. + +»Joa, blot _Se_, Herr Szulski. Na, nu geihen's man in de Stuw'. Un dat +Fellisen besorg' ick. Un will ook glieks en beten wat inböten. Ick weet +joa: de Giebelstuw, de geele, de noah de Kegelboahn to.« + +Während er noch so sprach, hatte Jakob den Koffer auf die Schulter +genommen und ging, dem Reisenden vorauf, auf die Treppe zu; als er aber +sah, daß Szulski, statt nach links hin in den Laden, nach rechts hin in +das Hradscheck'sche Wohnzimmer eintreten wollte, wandt' er sich wieder +und sagte: »Nei, nich doa, Herr Szulski. Hradscheck is in de Wienstuw +... Se weeten joa.« + +»Sind denn Gäste da?« + +»Versteiht sich. Wat arme Lüd' sinn, na, de bliewen to Huus, awers +Oll-Kunicke kümmt, un denn kümmt Orth ook. Un wenn Orth kümmt, denn +kümmt ook Quaas un Mietzel. Geihen's man in. Se tempeln all wedder.« + + * * * + +Eine Stunde später war der Reisende, Herr Szulski, der eigentlich ein +einfacher Schulz aus Beuthen in Oberschlesien war und den National-Polen +erst mit dem polnischen Sammtrock sammt Schnüren und Knebelknöpfen +angezogen hatte, der Mittelpunkt der kleinen, auch heute wieder in der +Weinstube versammelten Tafelrunde. Das Geschäftliche war in Gegenwart +von Quaas und Kunicke rasch abgemacht und die hochaufgelaufene +Schuldsumme, ganz wie gewollt, durch Baarzahlung und kleine Wechsel +beglichen worden, was dem Pseudo-Polen, der eine so rasche Regulirung +kaum erwartet haben mochte, Veranlassung gab, einiges von dem von seiner +Firma gelieferten Ruster bringen zu lassen. + +»Ich kenne die Jahrgänge, meine Herren, und bitt' um die Ehr'.« + +Die Bauern stutzten einen Augenblick, sich so zu Gaste geladen zu sehen, +aber sich rasch erinnernd, daß einige von ihnen bis ganz vor Kurzem noch +zu den Kunden der Krakauer Firma gehört hatten, sahen sie das Anerbieten +schließlich als einen bloßen Geschäftsakt an, den man sich gefallen +lassen könne. Was aber den Ausschlag gab, war, daß man durchaus von dem +eben beendigten polnischen Aufstand hören wollte, von Diebitsch und +Paskewitsch, und vor allem, ob es nicht bald wieder losgehe. + +Szulski, wenn irgendwer, mußte davon wissen. + +Als er das vorige Mal in ihrer Mitte weilte, war es ein paar Wochen vor +Ausbruch der Insurrektion gewesen. Alles, was er damals als nahe +bevorstehend prophezeit hatte, war eingetroffen und lag jetzt zurück, +Ostrolenka war geschlagen und Warschau gestürmt, welchem Sturme der +zufällig in der Hauptstadt anwesende Szulski zum Mindesten als +Augenzeuge, vielleicht auch als Mitkämpfer (er ließ dies vorsichtig im +Dunkel) beigewohnt hatte. Das alles traf sich trefflich für unsere +Tschechiner, und Szulski, der als guter Weinreisender natürlich auch ein +guter Erzähler war, schwelgte förmlich in Schilderung der polnischen +Heldenthaten, wie nicht minder in Schilderung der Grausamkeiten, deren +sich die Russen schuldig gemacht hatten. Eine Haus-Erstürmung in der +Dlugastraße, just da, wo diese mit ihren zwei schmalen Ausläufern die +Weichsel berührt, war dabei sein Paradepferd. + +»Wie hieß die Straße?« fragte Mietzel, der nach Art aller verquienten +Leute bei Kriegsgeschichten immer hochroth wurde. + +»Dlugastraße,« wiederholte Szulski mit einer gewissen gekünstelten Ruhe. +»Dluga, Herr Mietzel. Und das Eckhaus, um das es sich in meiner +Geschichte handelt, stand dicht an der Weichsel, der Vorstadt Praga +grad' gegenüber, und war von unseren Akademikern und Polytechnikern +besetzt, das heißt von den Wenigen, die von ihnen noch übrig waren, denn +die meisten lagen längst draußen auf dem Ehrenfelde. Gleichviel indeß, +was von ihnen noch lebte, das steckte jetzt in dem vier Etagen hohen +Hause, von Treppe zu Treppe bis unters Dach. Auf dem abgedeckten Dach +aber befanden sich Frauen und Kinder, die sich hier hinter Balkenlagen +verschanzt und mit herangeschleppten Steinen bewaffnet hatten. Als nun +die Russen, es war das Regiment Kaluga, bis dicht heran waren, rührten +sie die Trommel zum Angriff. Und so stürmten sie dreimal, immer umsonst, +immer mit schwerem Verlust, so dicht fiel der Steinhagel auf sie nieder. +Aber das vierte Mal kamen sie bis an die verrammelte Thür, stießen sie +mit Kolben ein und sprangen die Treppe hinauf. Immer höher zogen sich +unsere Tapferen zurück, bis sie zuletzt, mit den Frauen und Kindern und +im bunten Durcheinander mit diesen, auf dem abgedeckten Dache standen. +Da sah ich jeden Einzelnen so deutlich vor mir, wie ich _Sie_ jetzt +sehe, Bauer Mietzel« -- dieser fuhr zurück -- »denn ich hatte meine +Wohnung in dem Hause gegenüber und sah, wie sie die Konfederatka +schwenkten, und hörte, wie sie unser Lied sangen: 'Noch ist Polen nicht +verloren.' Und bei meiner Ehre, _hier_, an dieser Stelle, hätten sie +sich trotz aller Übermacht des Feindes gehalten, wenn nicht plötzlich, +von der Seite her, ein Hämmern und Schlagen hörbar geworden wäre, ein +Hämmern und Schlagen sag' ich, wie von Äxten und Beilen.« + +»Wie? Was? Von Äxten und Beilen?« wiederholte Mietzel, dem sein bischen +Haar nachgerade zu Berge stand. »Was war es?« + +»Ja, was war es? Vom Nachbarhause her ging man vor; jetzt war ein Loch +da, jetzt eine Bresche, und durch die Bresche hin drang das russische +Regiment auf den Dachboden vor. Was ich da gesehen habe, spottet jeder +Beschreibung. Wer einfach niedergeschossen wurde, konnte von Glück +sagen, die meisten aber wurden durch einen Bajonettstoß auf die Straße +geschleudert. Es war ein Graus, meine Herren. Eine Frau wartete das +Massacre, ja, vielleicht Schimpf und Entehrung (denn dergleichen ist +vorgekommen) nicht erst ab; sie nahm ihre beiden Kinder an die Hand und +stürzte sich mit ihnen in den Fluß.« + +»Alle Wetter,« sagte Kunicke, »das ist stark! Ich habe doch auch ein +Stück Krieg mitgemacht und weiß wohl, wo man Holz fällt, fallen Spähne. +So war es bei Möckern, und ich sehe noch unsren alten Krosigk, wie der +den Marinekaptän über den Haufen stach, und wie dann das Kolbenschlagen +losging, bis alle dalagen. Aber Frauen und Kinder! Alle Wetter, Szulski, +das ist scharf. Is es denn auch wahr?« + +»Ob es wahr ist? Verzeihung, ich bin kein Aufschneider, Herr Kunicke. +Kein Pole schneidet auf, das verachtet er. Und ich auch. Aber was ich +gesehn habe, das hab' ich gesehn, und eine Thatsache bleibt eine +Thatsache, sie sei wie sie sei. Die Dame, die da herunter sprang (und +ich schwör' Ihnen, meine Herren, es _war_ eine Dame), war eine schöne +Frau, keine 36, und so wahr ein Gott im Himmel lebt, ich hätt' ihr was +Bessres gewünscht, als diese naßkalte Weichsel.« + +Kunicke schmunzelte, während der neben anderen Schwächen und Leiden auch +an einer Liebesader leidende Mietzel nicht umhin konnte, seiner nervösen +Erregtheit plötzlich eine ganz neue Richtung zu geben. Szulski selbst +aber war viel zu sehr von sich und seiner Geschichte durchdrungen, um +nebenher noch zu Zweideutigkeiten Zeit zu haben, und fuhr, ohne sich +stören zu lassen, fort: »Eine schöne Frau, sagt' ich, und hingemordet. +Und was das Schlimmste dabei, nicht hingemordet durch den Feind, nein, +durch uns selbst; hingemordet, weil wir verrathen waren. Hätte man uns +freie Hand gelassen, kein Russe wäre je über die Weichsel gekommen. Das +Volk war gut, Bürger und Bauer waren gut, alles einig, alles da mit Gut +und Blut. Aber der Adel! Der Adel hat uns um dreißig Silberlinge +verschachert, bloß weil er an sein Geld und seine Güter dachte. Und wenn +der Mensch erst an sein Geld denkt, ist er verloren.« + +»Kann ich nicht zugeben,« sagte Kunicke. »Jeder denkt an sein Geld. Alle +Wetter, Szulski, das sollt' unsrem Hradscheck schon gefallen, wenn der +Reisende von Olszewski-Goldschmidt und Sohn alle November hier +vorspräch' und nie an Geld dächte. Nicht wahr, Hradscheck, da ließe sich +bald auf einen grünen Zweig kommen und brauchte keine Schwester oder +Schwägerin zu sterben und keine Erbschaft ausgezahlt zu werden.« + +»Ah, Erbschaft,« wiederholte Szulski. »So, so; daher. Nun, gratulire. +Habe neulich auch einen Brocken geerbt und in Lemberg angelegt. Lemberg +ist besser als Krakau. Ja, das muß wahr sein, Erbschaft ist die beste +Art zu Gelde zu kommen, die beste und eigentlich auch die +anständigste ...« + +»Und namentlich auch die leichteste,« bestätigte Kunicke. »Ja, das liebe +Geld. Und wenn's viel ist, das heißt _sehr_ viel, dann darf man auch +dran denken! Nicht wahr, Szulski?« + +»Natürlich,« lachte dieser. »Natürlich, wenn's viel ist. Aber, Bauer +Kunicke, denken und denken ist ein Unterschied. Man muß _wissen_, daß +man's hat, soviel ist richtig, das ist gut und ein angenehmes Gefühl und +stört nicht ...« + +»Nein, nein, stört nicht.« + +»Aber, meine Herren, ich muß es wiederholen, denken und denken ist ein +Unterschied. An Geld _immer_ denken, bei Tag und bei Nacht, das ist +soviel, wie sich immer drum ängstigen. Und ängstigen soll man sich +nicht. Wer auf Reisen ist und immer an seine Frau denkt, der ängstigt +sich um seine Frau.« + +»Freilich,« schrie Kunicke. »Quaas ängstigt sich auch immer.« + +Alle lachten unbändig, und nur Szulski selbst, der auch darin durchaus +Anekdoten- und Geschichten-Erzähler von Fach war, daß er sich nicht gern +unterbrechen ließ, fuhr mit allem erdenklichen Ernste fort: »Und wie mit +der Frau, meine Herren, so mit dem Geld. Nur nicht ängstlich; haben muß +man's, aber man muß nicht ewig daran denken. Oft muß ich lachen, wenn +ich so sehe, wie der oder jener im Postwagen oder an der Table d'hôte +mit einem Male nach seiner Brieftasche faßt, 'ob er's auch noch hat'. +Und dann athmet er auf und ist ganz roth geworden. Das ist immer +lächerlich und schadet blos. Und auch das Einnähen hilft nichts, das ist +ebenso dumm. Ist der Rock weg, ist auch das Geld weg. Aber was man auf +seinem Leibe hat, das hat man. All die andern Vorsichten sind Unsinn.« + +»Recht so,« sagte Hradscheck. »So mach' ich's auch. Aber wir sind bei +dem Geld und dem Einnähen ganz von Polen abgekommen. Ist es denn wahr, +Szulski, daß sie Diebitschen vergiftet haben?« + +»Versteht sich, es ist wahr.« + +»Und die Geschichte mit den elf Talglichten auch? Auch wahr?« + +»Alles wahr,« wiederholte Szulski. »Daran ist kein Zweifel. Und es kam +so. Constantin wollte die Polen ärgern, weil sie gesagt hatten, die +Russen fräßen bloß Talg. Und da ließ er, als er eines Tages elf Polen +eingeladen hatte, zum Dessert elf Talglichte herumreichen, das zwölfte +aber war von Marzipan und natürlich für ihn. Und versteht sich nahm er +immer zuerst, dafür war er Großfürst und Vicekönig. Aber das eine Mal +vergriff er sich doch und da hat er's runter würgen müssen.« + +»Wird nicht sehr glatt gegangen sein.« + +»Gewiß nicht ... Aber, Ihr Herren, kennt Ihr denn schon das neue +Polenlied, das sie jetzt singen?« + +»Denkst Du daran -- --« + +»Nein, das ist alt. Ein neues.« + +»Und heißt?« + +»Die letzten Zehn vom vierten Regiment ... Wollt Ihr's hören? Soll ich +es singen?« + +»Freilich.« + +»Aber Ihr müßt einfallen ...« + +»Versteht sich, versteht sich.« + +Und nun sang Szulski, nachdem er sich geräuspert hatte: + + Zu Warschau schwuren tausend auf den Knieen: + Kein Schuß im heil'gen Kampfe sei gethan, + Tambour schlag' an, zum Blachfeld laßt uns ziehen, + Wir greifen nur mit Bajonetten an! + Und ewig kennt das Vaterland und nennt + Mit stillem Schmerz sein _viertes_ Regiment. + +»Einfallen! Chorus.« »Weiter, Szulski, weiter.« + + Ade, ihr Brüder, die zu Tod getroffen + An unsrer Seite dort wir stürzen sahn, + Wir leben noch, die Wunden stehen offen + Und um die Heimath ewig ist's gethan; + Herr Gott im Himmel, schenk' ein gnädig End' + Uns letzten Zehn vom vierten Regiment. + +Chorus: + + »Uns letzten Zehn vom vierten Regiment.« + +Alles jubelte. Dem alten Quaas aber traten seine schon von Natur +vorstehenden Augen immer mehr aus dem Kopf. + +»Wenn ihn jetzt seine Frau sähe,« rief Kunicke. + +»Da hätt' er Oberwasser.« + +»Ja, ja.« + +Und nun stieß man an und ließ die Polen leben. Nur Kunicke, der an +#anno# 13 dachte, weigerte sich und trank auf die Russen. Und zuletzt +auch auf Quaas und Kätzchen. + +Mietzel aber war ganz übermüthig und halb wie verdreht geworden und +sang, als er Kätzchens Namen hörte, mit einem Male: + + »Nicht mal seiner eignen Frau, + Kätzchen weiß es ganz genau. + Miau.« + +Quaas sah verlegen vor sich hin. Niemand indessen dachte mehr an +Übelnehmen. + +Und nun wurde der Ladenjunge gerufen, um neue Flaschen zu bringen. + + + + + VI. + + +So ging es bis Mitternacht. Der schräg gegenüber wohnende Kunicke wollte +noch bleiben und machte spitze Reden, daß Szulski, der schon ein paarmal +zum Aufbruch gemahnt, so müde sei. Der aber ließ sich weder durch Spott +noch gute Worte länger zurück halten; »er müsse morgen um neun in +Frankfurt sein.« Und damit nahm er den bereitstehenden Leuchter, um in +seine Giebelstube hinaufzusteigen. Nur als er die Thürklinke schon in +der Hand hatte, wandt' er sich noch einmal und sagte zu Hradscheck: +»Also vier Uhr, Hradscheck. Um fünf muß ich weg. Und versteht sich, ein +Kaffee. Guten Abend, Ihr Herren. Allerseits wohl zu ruhn!« + + * * * + +Auch die Bauern gingen; ein starker Regen fiel und alle fluchten über +das scheußliche Wetter. Aber keine Stunde mehr, so schlug es um, der +Regen ließ nach und ein heftiger Südost fegte statt seiner über das +Bruch hin. Seine Heftigkeit wuchs von Minute zu Minute, so daß allerlei +Schaden an Häusern und Dächern angerichtet wurde, nirgends aber mehr als +an dem Hause der alten Jeschke, das grad' in dem Windstrome lag, der, +von der andern Seite der Straße her, zwischen Kunicke's Stall und +Scheune mitten durchfuhr. Klappernd kamen die Ziegel vom Dachfirst +herunter und schlugen mit einem dumpfen Geklatsch in den aufgeweichten +Boden. + +»Dat's joa groad', as ob de Bös kümmt,« sagte die Alte und richtete sich +in die Höh', wie wenn sie aufstehen wolle. Das Herausklettern aus dem +hochstelligen Bett aber schien ihr zu viel Mühe zu machen, und so +klopfte sie nur das Kopfkissen wieder auf und versuchte weiter zu +schlafen. Freilich umsonst. Der Lärm draußen und die wachsende Furcht, +ihren ohnehin schadhaften Schornstein in die Stube hinabstürzen zu sehn, +ließen sie mit ihrem Versuche nicht weit kommen, und so stand sie +schließlich doch auf und tappte sich an den Herd hin, um hier an einem +bischen Aschengluth einen Schwefelfaden und dann das Licht anzuzünden. +Zugleich warf sie reichlich Kienäpfel auf, an denen sie nie Mangel litt, +seit sie letzten Herbst dem vierjährigen Jungen von Förster Nothnagel, +drüben in der neumärkischen Haide, das freiwillige Hinken wegkurirt +hatte. + +Das Licht und die Wärme thaten ihr wohl, und als es ein paar Minuten +später in dem immer bereit stehenden Kaffeetopfe zu dampfen und zu +brodeln anfing, hockte sie neben dem Herde nieder und vergaß über ihrem +Behagen den Sturm, der draußen heulte. Mit einem Mal aber gab es einen +Krach, als bräche was zusammen, ein Baum oder ein Strauchwerk, und so +ging sie denn mit dem Licht ans Fenster und, weil das Licht hier +blendete, vom Fenster her in die Küche, wo sie den obern Thürladen rasch +aufschlug, um zu sehn, was es sei. Richtig, ein Theil des Gartenzauns +war umgeworfen, und als sie das niedergelegte Stück nach links hin bis +an das Kegelhäuschen verfolgte, sah sie, zwischen den Pfosten der +Lattenrinne hindurch, daß in dem Hradscheck'schen Hause noch Licht war. +Es flimmerte hin und her, mal hier, mal da, so daß sie nicht recht sehen +konnte, woher es kam, ob aus dem Kellerloch unten oder aus dem dicht +darüber gelegenen Fenster der Weinstube. + +»Mien Jott, supen se noch?« fragte die Jeschke vor sich hin. »Na, +Kunicke is et kumpafel. Un dann seggt he hinnerher, dat Wedder wihr +Schull un he künn nich anners.« + +Unter dieser Betrachtung schloß sie den Thürladen wieder und ging an +ihre Herdstätte zurück. Aber ihr Hang zu spioniren ließ ihr keine Ruh, +und trotzdem der Wind immer stärker geworden war, suchte sie doch die +Küche wieder auf und öffnete den Laden noch einmal, in der Hoffnung 'was +zu sehen. Eine Weile stand sie so, ohne daß etwas geschehen wäre, bis +sie, als sie sich schon zurückziehn wollte, drüben plötzlich die +Hradscheck'sche Gartenthür auffliegen und Hradscheck selbst in der +Thüröffnung erscheinen sah. Etwas Dunkles, das er schon vorher +herangeschafft haben mußte, lag neben ihm. Er war in sichtlicher +Erregung und sah gespannt nach ihrem Hause hinüber. Und dann war's ihr +doch wieder, als ob er wolle, _daß_ man ihn sähe. Denn wozu sonst das +Licht, in dessen Flackerschein er dastand? Er hielt es immer noch vor +sich, es mit der Hand schützend, und schien zu schwanken, wohin damit. +Endlich aber mußt' er eine geborgene Stelle gefunden haben, denn das +Licht selbst war weg und statt seiner nur noch ein Schein da, viel zu +schwach, um den nach wie vor in der Thüröffnung liegenden dunklen +Gegenstand erkennen zu lassen. Was war es? Eine Truhe? Nein. Dazu war es +nicht lang genug. Oder ein Korb, eine Kiste? Nein, auch das nicht. + +»Wat he man hett?« murmelte sie vor sich hin. + +Aber ehe sie sich, aus ihren Muthmaßungen heraus, ihre Frage noch +beantworten konnte, sah sie, wie der ihr auf Minuten aus dem Auge +gekommene Hradscheck von der Thür her in den Garten trat und mit einem +Spaten in der Hand rasch auf den Birnbaum zuschritt. Hier grub er eifrig +und mit sichtlicher Hast und mußte schon ein gut Theil Erde +herausgeworfen haben, als er mit einem Male das Graben aufgab und sich +aufs Neue nach allen Seiten hin umsah. Aber auch jetzt wieder (so +wenigstens schien es ihr) mehr in Spannung als in Angst und Sorge. + +»Wat he man hett?« wiederholte sie. + +Dann sah sie, daß er das Loch rasch wieder zuschüttete. Noch einen +Augenblick und die Gartenthür schloß sich und alles war wieder dunkel. + +»Hm,« brummte die Jeschke. »Dat's joa binoah, as ob he een' abmurkst +hett'. Na, so dull wahrd et joa woll nich sinn ... Nei, nei, denn wihr +dat Licht nich. Awers ick tru em nich. Un ehr tru ick ook nich.« + +Und damit ging sie wieder bis an ihr Bett und kletterte hinein. + +Aber ein rechter Schlaf wollt' ihr nicht mehr kommen, und in ihrem +halbwachen Zustande sah sie beständig das Flimmern im Kellerloch und +dann den Lichtschein, der in den Garten fiel, und dann wieder +Hradscheck, wie er unter dem Baume stand und grub. + + + + + VII. + + +Um vier Uhr stieg der Knecht die Stiege hinauf, um Szulski zu wecken. Er +fand aber die Stube verschlossen, weshalb er sich begnügte zu klopfen +und durch das Schlüsselloch hineinzurufen: »Is vier, Herr Szulski; +steihn's upp.« Er horchte noch eine Weile hinein, und als alles ruhig +blieb, riß er an der klapprigen Thürklinke hin und her und wiederholte: +»Steihn's upp, Herr Szulski, is Tied; ick spann nu an.« Und danach ging +er wieder treppab und durch den Laden in die Küche, wo die +Hradscheck'sche Magd, eine gutmüthige Person mit krausem Haar und vielen +Sommersprossen, noch halb verschlafen am Herde stand und Feuer machte. + +»Na, Maleken, ook all rut? Wat seggst _Du_ dato? Klock vieren. Is doch +Menschenschinnerei. Worümm nich um söss? Um söss wihr ook noch Tied. Na, +nu koch' uns man en beten wat mit.« + +Und damit wollt' er von der Küche her in den Hof hinaus. Aber der Wind +riß ihm die Thür aus der Hand und schlug sie mit Gekrach wieder zu. + +»Jott, Jakob, ick hebb mi so verfiert. Dat künn joa 'nen Doden +uppwecken.« + +»Sall ook, Male. He hett joa 'nen Dodensloap. Nu wahrd he woll +uppstoahn.« + +Eine halbe Stunde später hielt der Einspänner vor der Hausthür und +Jakob, dem die Hände vom Leinehalten schon ganz klamm waren, sah +ungeduldig in den Flur hinein, ob der Reisende noch nicht komme. + +Der aber war immer noch nicht zu sehen, und statt seiner erschien nur +Hradscheck und sagte: »Geh hinauf, Jakob, und sieh nach, was es ist. Er +ist am Ende wieder eingeschlafen. Und sag' ihm auch, sein Kaffee würde +kalt ... Aber nein, laß nur; bleib. Er wird schon kommen.« + +Und richtig, er kam auch und stieg, während Hradscheck so sprach, gerade +die nicht allzuhohe Treppe hinunter. Diese lag noch in Dunkel, aber ein +Lichtschimmer vom Laden her ließ die Gestalt des Fremden doch +einigermaßen deutlich erkennen. Er hielt sich am Geländer fest und ging +mit besonderer Langsamkeit und Vorsicht, als ob ihm der große Pelz +unbequem und beschwerlich sei. Nun aber war er unten, und Jakob, der +alles neugierig verfolgte, was vorging, sah, wie Hradscheck auf ihn +zuschritt und ihn mit vieler Artigkeit vom Flur her in die Wohnstube +hinein komplimentirte, wo der Kaffee schon seit einer Viertelstunde +wartete. + +»Na, nu wahrd et joa woll wihr'n,« tröstete sich der draußen immer +ungeduldiger Werdende. »Kümmt Tied, kümmt Roath.« Und wirklich, ehe fünf +Minuten um waren, erschien das Paar wieder auf dem Flur und trat von +diesem her auf die Straße, wo der verbindliche Hradscheck nunmehr rasch +auf den Wagen zuschritt und den Tritt herunter ließ, während der +Reisende, trotzdem ihm die Pelzmütze tief genug im Gesicht saß, auch +noch den Kragen seiner Wolfsschur in die Höhe klappte. + +»Das ist recht,« sagte Hradscheck. »Besser bewahrt, als beklagt. Und nun +mach flink, Jakob, und hole den Koffer.« + +Dieser that auch wie befohlen, und als er mit dem Mantelsack wieder +unten war, saß der Reisende schon im Wagen und hatte den von ihm als +Trinkgeld bestimmten Gulden vor sich auf das Spritzleder gelegt. Ohne +was zu sagen, wies er darauf hin und nickte nur, als Jakob sich +bedankte. Dann nahm er die Leine ziemlich ungeschickt in die Hand, woran +wohl die großen Pelzhandschuhe schuld sein mochten, und fuhr auf das +Orth'sche Gehöft und die schattenhaft am Dorfausgange stehende Mühle zu. +Diese ging nicht; der Wind wehte zu heftig. + +Hradscheck sah dem auf dem schlechten Wege langsam sich fortbewegenden +Fuhrwerk eine Weile nach, sein Kopf war unbedeckt und sein spärlich +blondes Haar flog ihm um die Stirn. Es war aber, als ob die Kühlung ihn +erquicke. Als er wieder in den Flur trat, fand er Jakob, der sich das +Guldenstück ansah. + +»Gefällt Dir wohl? Einen Gulden giebt nicht jeder. Ein feiner Herr!« + +»Dat sall woll sien. Awers worümm he man so still wihr? He seggte joa +keen Wuhrt nich.« + +»Nein, er hatte wohl noch nicht ausgeschlafen,« lachte Hradscheck. »Is +ja erst fünf.« + +»Versteiht sich. Klock feiv red' ick ook nich veel.« + + + + + VIII. + + +Der Wind hielt an, aber der Himmel klärte sich, und bei hellem +Sonnenschein fuhr um Mittag ein Jagdwagen vor dem Tschechiner Gasthause +vor. Es war der Friedrichsauer Amtsrath; Trakehner Rapphengste, der +Kutscher in Livrée. Hradscheck erschien in der Ladenthür und grüßte +respektvoll, fast devot. + +»Tag, lieber Hradscheck; bringen Sie mir einen 'Luft' oder lieber gleich +zwei; mein Kutscher wird auch nichts dagegen haben. Nicht wahr, Johann? +Eine wahre Hundekälte. Und dabei diese Sonne.« + +Hradscheck verbeugte sich und rief in den Laden hinein: »Zwei +Pfefferminz, Ede; rasch!« und wandte sich dann mit der Frage zurück, +womit er sonst noch dienen könne? + +»_Mir_ mit nichts, lieber Hradscheck, aber andren Leuten. Oder +wenigstens der Obrigkeit. Da liegt ein Fuhrwerk unten in der Oder, +wahrscheinlich fehlgefahren und in der Dunkelheit vom Damm gestürzt.« + +»Wo, Herr Amtsrath?« + +»Hier gleich. Keine tausend Schritt hinter Orth's Mühle.« + +»Gott im Himmel, ist es möglich! Aber wollen der Herr Amtsrath nicht +bei Schulze Woytasch mit vorfahren?« + +»Kann nicht, Hradscheck; ist mir zu sehr aus der Richt. Der Reitweiner +Graf erwartet mich und habe mich schon verspätet. Und zu helfen ist +ohnehin nicht mehr, soviel hab' ich gesehn. Aber alles muß doch seinen +Schick haben, auch Tod und Unglück. Adieu ... Vorwärts!« + +Und damit gab er dem Kutscher einen Tipp auf die Schulter, der seine +Trakehner wieder antrieb und wenigstens einen Versuch machte, trotz der +grundlosen Wege das Versäumte nach Möglichkeit wieder einzubringen. + + * * * + +Hradscheck machte gleich Lärm und schickte Jakob zu Schulze Woytasch, +während er selbst zu Kunicke hinüber ging, der eben seinen Mittagsschlaf +hielt. + +»Stör' Dich nicht gern um diese Zeit, Kunicke; Schlaf ist mir allemal +heilig, und nun gar Deiner! Aber es hilft nichts, wir müssen hinaus. Der +Friedrichsauer Amtsrath war eben da und sagte mir, daß ein Fuhrwerk in +der Oder liege. Mein Gott, wenn es Szulski wäre!« + +»Wird wohl,« gähnte Kunicke, dem der Schlaf noch in allen Gliedern +steckte, »wird wohl ... Aber er wollte ja nicht hören, als ich ihm +gestern Abend sagte: 'nicht so früh, Szulski, nicht so früh ...' Denke +doch blos voriges Jahr, wie die Post 'runter fiel und der arme Kerl von +Postillon gleich mausetodt. Und der kannte doch unsern Damm! Und nu +solch Pohlscher, solch Bruder Krakauer. Na, wir werden ja sehn.« + +Inzwischen hatte sich Kunicke zurecht gemacht und war erst in hohe +Bruchstiefel und dann in einen dicken graugrünen Flausrock +hineingefahren. Und nun nahm er seine Mütze vom Riegel und einen +Pikenstock aus der Ecke. + +»Komm!« + +Damit traten er und Hradscheck vom Flur her auf die Treppenrampe hinaus. + +Der Wind blies immer stärker, und als Beide, so gut es ging, von oben +her sich umsahen, sahen sie, daß Schulze Woytasch, der schon anderweitig +von dem Unglück gehört haben mußte, die Dorfstraße herunter kam. Er +hatte seine Ponies, brillante kleine Traber, einspannen lassen und fuhr, +aller Polizeiregel zum Trotz, über den aufgeschütteten Gangweg hin, was +er sich als Dorfobrigkeit schon erlauben konnte. Zudem durft' er sich +mit Dringlichkeit entschuldigen. Als er dicht an Kunicke's Rampe heran +war, hielt er und rief Beiden zu: »Wollt auch hinaus? Natürlich. Immer +aufsteigen. Aber rasch.« Und im nächsten Augenblicke ging es auf dem +aufgeschütteten Wege in vollem Trabe weiter, auf Orth's Gehöft und die +Mühle zu. Hradscheck saß vorn neben dem Kutscher, Kunicke neben dem +Schulzen. Das war so Regel und Ordnung, denn ein Bauerngut geht vor +Gasthaus und Kramladen. + +Gleich hinter der Mühle begann die langsam und allmählich zum Damm +ansteigende Schrägung. Oben war der Weg etwas besser, aber immer noch +schlecht genug, so daß es sich empfahl, dicht am Dammrand entlang zu +fahren, wo, wegen des weniger aufgeweichten Bodens, die Räder auch +weniger tief einschnitten. + +»Paß Achtung,« sagte Woytasch, »sonst liegen wir auch unten.« + +Und der Kutscher, dem selber ängstlich sein mochte, lenkte sofort auf +die Mitte des Damms hinüber, trotzdem er hier langsamer fahren mußte. + +Sah man von der Fährlichkeit der Situation ab, so war es eine +wundervolle Fahrt und das sich weithin darbietende Bild von einer +gewissen Großartigkeit. Rechtshin grüne Wintersaat, so weit das Auge +reichte, nur mit einzelnen Tümpeln, Häusern und Pappelweiden dazwischen, +zur Linken aber die von Regengüssen hoch angeschwollene Oder, mehr ein +Haff jetzt als ein Strom. Wüthend kam der Südost vom jenseitigen Ufer +herüber und trieb die graugelben Wellen mit solcher Gewalt an den Damm, +daß es wie eine Brandung war. Und in eben dieser Brandung standen +gekröpfte Weiden, nur noch den häßlichen Kopf über dem Wasser, während, +auf der neumärkischen Seite, der blauschwarze Strich einer +Kiefernwaldung in grellem, unheimlichem Sonnenscheine dalag. + +Bis dahin war außer des Schulzen Anruf an den Kutscher kein Wort laut +geworden, jetzt aber sagte Hradscheck, indem er sich zu den beiden +hinter ihm Sitzenden umdrehte: »Der Wind wird ihn runter geweht haben.« + +»Unsinn!« lachte Woytasch, »Ihr müßt doch sehn, Hradscheck, der Wind +kommt ja von da, von drüben. Wenn _der_ schuld wäre, läg' er hier rechts +vom Damm und nicht nach links hin in der Oder ... Aber seht nur, da +wanken ja schon welche herum und halten sich die Hüte fest. Fahr' zu, +daß wir nicht die Letzten sind.« + +Und eine Minute darauf hielten sie gerad an der Stelle, wo das Unglück +sich zugetragen hatte. Wirklich, Orth war schon da, mit ihm ein paar +seiner Mühlknechte, desgleichen Mietzel und Quaas, deren ausgebaute +Gehöfte ganz in der Nähe lagen. Alles begrüßte sich und kletterte dann +gemeinschaftlich den Damm hinunter, um unten genau zu sehen, wie's +stünde. Die Böschung war glatt, aber man hielt sich an dem Werft- und +Weidengestrüpp, das überall stand. Unten angekommen, sah man bestätigt, +was von Anfang an niemand bezweifelt hatte: Szulski's Einspänner lag wie +gekentert im Wasser, das Verdeck nach unten, die Räder nach oben; von +dem Pferde sah man nur dann und wann ein von den Wellen überschäumtes +Stück Hintertheil, während die Scheere, darin es eingespannt gewesen, +wie ein Wahrzeichen aus dem Strom aufragte. Den Mantelsack hatten die +Wellen an den Damm gespült und nur von Szulski selbst ließ sich nichts +entdecken. + +»Er ist nach Kienitz hin weggeschwemmt,« sagte Schulze Woytasch. »Aber +weit weg kann er nicht sein; die Brandung geht ja schräg gegen den +Damm.« + +Und dabei marschirte man truppweise weiter, von Gestrüpp zu Gestrüpp, +und durchsuchte jede Stelle. + +»Der Pelz muß doch oben auf schwimmen.« + +»Ja, der Pelz,« lachte Kunicke. »Wenn's blos der Pelz wär'. Aber der +Pohlsche steckt ja drin.« + +Es war der Kunicke'sche Trupp, der so plauderte, ganz wie bei +Dachsgraben und Hühnerjagd, während der den andern Trupp führende +Hradscheck mit einem Male rief: »Ah, da ist ja seine Mütze!« + +Wirklich, Szulski's Pelzmütze hing an dem kurzen Geäst einer Kropfweide. + +»Nun, haben wir _die_,« fuhr Hradscheck fort, »so werden wir ihn auch +selber bald haben.« + +»Wenn wir nur ein Boot hätten. Aber es kann hier nicht tief sein, und +wir müssen immer peilen und Grund suchen.« + +Und so geschah's auch. Aber alles Messen und Peilen half nichts und es +blieb bei der Mütze, die der eine der beiden Müllerknechte mittlerweile +mit einem Haken herangeholt hatte. Zugleich wurde der Wind immer +schneidender und kälter, so daß Kunicke, der noch von Möckern und +Montmirail her einen Rheumatismus hatte, keine Lust mehr zur Fortsetzung +verspürte. Schulze Woytasch auch nicht. + +»Ich werde Gensdarm Geelhaar nach Kienitz und Güstebiese schicken,« +sagte dieser. »Irgendwo muß er doch antreiben. Und dann wollen wir ihm +ein ordentliches Begräbniß machen. Nicht wahr, Hradscheck? Die Hälfte +kann die Gemeinde geben.« + +»Und die andre Hälfte geben wir,« setzte Kunicke hinzu. »Denn wir sind +doch eigentlich ein bischen schuld. Oder eigentlich ganz gehörig. Er war +gestern Abend verdammt fißlig und man bloß noch so so. War er denn wohl +kattolsch?« + +»Natürlich war er,« sagte Woytasch. »Wenn einer Szulski heißt und aus +Krakau kommt, ist er kattolsch. Aber das schad't nichts. Ich bin für +Aufklärung. Der alte Fritze war auch für Aufklärung. Jeder nach seiner +Façon ...« + +»Versteht sich,« sagte Kunicke. »Versteht sich. Und dann am Ende, wir +wissen auch nicht, das heißt, ich meine, so ganz bestimmt wissen wir +nicht, ob er ein Kattolscher war oder nich. Un was man nich weiß, macht +einen nich heiß. Nicht wahr, Quaas?« + +»Nein, nein. Was man nicht weiß, macht einen nicht heiß. Und Quaasen +auch nicht.« + +Alle lachten und selbst Hradscheck, der bis dahin eine würdige +Zurückhaltung gezeigt hatte, stimmte mit ein. + + + + + IX. + + +Der Todte fand sich nicht, der Wagen aber, den man mühevoll aus dem +Wasser heraufgeholt hatte, wurde nach dem Dorf geschafft und in +Kunicke's große Scheune gestellt. Da stand er nun schon zwei Wochen, um +entweder abgeholt oder auf Antrag der Krakauer Firma versteigert zu +werden. + +Im Dorfe gab es inzwischen viel Gerede, das aller Orten darauf +hinauslief: »es sei was passirt und es stimme nicht mit den Hradschecks. +Hradscheck sei freilich ein feiner Vogel und Spaßmacher und könne +Witzchen und Geschichten erzählen, aber er hab' es hinter den Ohren, und +was die Frau Hradscheck angehe, die vor Vornehmheit nicht sprechen +könne, so wisse jeder, stille Wasser seien tief. Kurzum es sei Beiden +nicht recht zu traun und der Pohlsche werde wohl ganz wo anders liegen, +als in der Oder.« Zum Überfluß griff auch noch unser Freund, der +Kantorssohn, der sich jedes Skandals mit Vorliebe bemächtigte, in die +Saiten seiner Leier, und allabendlich, wenn die Knechte, mit denen er +auf Du und Du stand, vom Kruge her durchs Dorf zogen, sangen sie nach +bekannter Melodie: + + Morgenroth! + Abel schlug den Kain todt. + Gestern noch bei vollen Flaschen + Morgens ausgeleerte Taschen + Und ein kühles, kühles Gra-ab. + +All dies kam zuletzt auch dem Küstriner Gericht zu Ohren, und wiewohl es +nicht viel besser als Klatsch war, dem alles Beweiskräftige fehlte, so +sah sich der Vorsitzende des Gerichts, Justizrath Vowinkel, doch +veranlaßt, an seinen Duz- und Logenbruder Eccelius einige Fragen zu +richten und dabei Erkundigungen über das Vorleben der Hradschecks +einzuziehen. + +Das war am 7. December, und noch am selben Tage schrieb Eccelius zurück: + +»Lieber Bruder. Es ist mir sehr willkommen, in dieser Sache das Wort +nehmen und Zeugniß zu Gunsten der beiden Hradschecks ablegen zu können. +Man verleumdet sie, weil man sie beneidet, besonders die Frau. Du kennst +unsere Brücher; sie sind hochfahrend und steigern ihren Dünkel bis zum +Haß gegen alles, was sich ihnen gleich oder wohl gar überlegen glaubt. +Aber #ad rem.# Er, Hradscheck, ist kleiner Leute Kind aus Neu-Lewin und, +wie sein Name bezeugt, von böhmischer Extraktion. Du weißt, daß +Neu-Lewin in den 80er Jahren mit böhmischen Kolonisten besetzt wurde. +Doch dies beiläufig. Unsres Hradscheck Vater war Zimmermann, der, nach +Art solcher Leute, den Sohn für dasselbe Handwerk bestimmte. Und unser +Hradscheck soll denn auch wirklich als Zimmermann gewandert und in +Berlin beschäftigt gewesen sein. Aber es mißfiel ihm, und so fing er, +als er vor etwa 15 Jahren nach Neu-Lewin zurückkehrte, mit einem +Kramgeschäft an, das ihm auch glückte, bis er, um eines ihm unbequem +werdenden 'Verhältnisses' willen, den Laden aufgab und den Entschluß +faßte nach Amerika zu gehen. Und zwar über Holland. Er kam aber nur bis +ins Hannöversche, wo er, in der Nähe von Hildesheim, also katholische +Gegend, in einer großen gasthausartigen Dorfherberge Quartier nahm. Hier +traf es sich, daß an demselben Tage die seit Jahr und Tag in der Welt +umhergezogene Tochter des Hauses, krank und elend von ihren Fahrten und +Abenteuern -- sie war muthmaßlich Schauspielerin gewesen -- zurückkam und +eine furchtbare Scene mit ihrem Vater hatte, der ihr nicht nur die +bösesten Namen gab, sondern ihr auch Zuflucht und Aufnahme verweigerte. +Hradscheck, von dem Unglück und wahrscheinlich mehr noch von dem +eigenartigen und gewinnenden Wesen der jungen Frau gerührt, ergriff +Partei für sie, hielt um ihre Hand an, was dem Vater wie der ganzen +Familie nur gelegen kam, und heirathete sie, nachdem er seinen +Auswanderungsplan aufgegeben hatte. Bald danach, um Martini herum, +übersiedelten Beide hierher, nach Tschechin, und schon am ersten +Advents-Sonntage kam die junge Frau zu mir und sagte, daß sie sich zur +Landeskirche halten und evangelisch getraut sein wolle. Was denn auch +geschah und damals (es geht jetzt ins zehnte Jahr) einen großen Eindruck +auf die Bauern machte. Daß der kleine Gott mit dem Bogen und Pfeil in +dem Leben Beider eine Rolle gespielt hat, ist mir unzweifelhaft, ebenso +daß Beide seinen Versuchungen unterlegen sind. Auch sonst noch, wie +nicht bestritten werden soll, bleiben einige dunkle Punkte, trotzdem es +an anscheinend offenen Bekenntnissen nie gefehlt hat. Aber wie dem auch +sein möge, mir liegt es pflichtmäßig ob zu bezeugen, daß es +wohlanständige Leute sind, die, so lang ich sie kenne, sich gut gehalten +und allzeit in einer christlichen Ehe gelebt haben. Einzelnes, was ihm, +nach der entgegengesetzten Seite hin, vor längrer oder kürzrer Zeit +nachgesagt wurde, mag auf sich beruhn, um so mehr als mir Sittenstolz +und Tugendrichterei von Grund aus verhaßt sind. Die Frau hat meine +besondere Sympathie. Daß sie den alten Aberglauben abgeschworen, hat sie +mir, wie Du begreifen wirst, von Anfang an lieb und werth gemacht.« + +Die Wirkung dieses Eccelius'schen Briefes war, daß das Küstriner Gericht +die Sache vorläufig fallen ließ; als demselben aber zur Kenntniß kam, +»daß Nachtwächter Mewissen, nach neuerdings vor Schulze Woytasch +gemachten Aussagen, an jenem Tage, wo das Unglück sich ereignete, so +zwischen fünf und sechs (um die Zeit also, wo das Wetter am tollsten +gewesen) die Frau Hradscheck zwischen den Pappeln an der Mühle gesehn +haben wollte, ganz so wie wenn sie halb verbiestert vom Damm her käme,« +-- da waren die Verdachtsgründe gegen Hradscheck und seine Frau doch +wieder so gewachsen, daß das Gericht einzuschreiten beschloß. Aber +freilich auch jetzt noch unter Vermeidung jedes Eclats, weshalb Vowinkel +an Eccelius, dem er ohnehin noch einen Dankesbrief schuldete, die +folgenden Zeilen richtete: + +»Habe Dank, lieber Bruder, für Deinen ausführlichen Brief vom 7. d. M., +dem ich, soweit er ein Urtheil abgiebt, in meinem Herzen zustimme. +Hradscheck ist ein durchaus netter Kerl, weit über seinen Stand hinaus, +und Du wirst Dich entsinnen, daß er letzten Winter sogar in Vorschlag +war und zwar auf meinen speciellen Antrag. Das alles steht fest. Aber zu +meinem Bedauern will die Geschichte mit dem Polen nicht aus der Welt, +ja, die Verdachtsgründe haben sich gemehrt, seit neuerdings auch euer +Mewissen gesprochen hat. Andrerseits freilich ist immer noch zu wenig +Substanz da, um ohne Weiteres eine Verhaftung eintreten zu lassen, +weßhalb ich vorhabe, die Hradscheck'schen Dienstleute, die doch +schließlich alles am besten wissen müssen, zu vernehmen und von _ihrer_ +Aussage mein weiteres Thun oder Nichtthun abhängig zu machen. Unter +allen Umständen aber wollen wir alles, was Aufsehn machen könnte, nach +Möglichkeit vermeiden. Ich treffe morgen gegen 2 in Tschechin ein, fahre +gleich bei Dir vor und bitte Dich Sorge zu tragen, daß ich den Knecht +Jakob sammt den beiden andern Personen, deren Namen ich vergessen, in +Deinem Hause vorfinde.« + + * * * + +So des Justizraths Brief. Er selbst hielt zu festgesetzter Zeit vor dem +Pfarrhaus und trat in den Flur, auf dem die drei vorgeforderten +Dienstleute schon standen. Vowinkel grüßte sie, sprach, in der Absicht +ihnen Muth zu machen, ein paar freundliche Worte zu jedem und ging dann, +nachdem er sich aus seinem Mantel herausgewickelt, auf Eccelius' +Studirstube zu, darin nicht nur der große schwarze Kachelofen, sondern +auch der wohlarrangirte Kaffeetisch jeden Eintretenden überaus +anheimelnd berühren mußte. Dies war denn auch bei Vowinkel der Fall. Er +wies lachend darauf hin und sagte: »Vortrefflich, Freund. Höchst +einladend. Aber ich denke, wir lassen das bis nachher. Erst das +Geschäftliche. Das Beste wird sein, _Du_ stellst die Fragen und ich +begnüge mich mit der Beisitzer-Rolle. Sie werden Dir unbefangner +antworten als mir.« Dabei nahm er in einem neben dem Ofen stehenden +hohen Lehnstuhle Platz, während Eccelius, auf den Flur hinaus, nach Ede +rief und sich's nun erst, nach Erledigung aller Präliminarien, an seinem +mächtigen Schreibtische bequem machte, dessen großes, zwischen einem +Sand- und einem Tintenfaß stehendes Alabasterkreuz ihn von hinten her +überragte. + +Der Gerufene war inzwischen eingetreten und blieb an der Thür stehn. Er +hatte sichtlich sein Bestes gethan, um einen manierlichen Menschen aus +sich zu machen, aber nur mit schwachem Erfolg. Sein brandrothes Haar lag +großentheils blank an den Schläfen, während ihm das Wenige, was ihm +sonst noch verblieben war, nach Art einer Spitzflamme zu Häupten stand. +Am schlimmsten aber waren seine winterlichen Hände, die, wie eine Welt +für sich, aus dem überall zu kurz gewordenen Einsegnungsrock +hervorsahen. + +»Ede,« sagte der Pastor freundlich, »Du sollst über Hradscheck und den +Polen aussagen, was Du weißt.« + +Der Junge schwieg und zitterte. + +»Warum sagst Du nichts? warum zitterst Du?« + +»Ick jrul' mi so.« + +»Vor wem? Vor uns?« + +Ede schüttelte mit dem Kopf. + +»Nun, vor wem denn?« + +»Vor Hradschecken ...« + +Eccelius, der alles zu Gunsten der Hradschecks gewendet zu sehen +wünschte, war mit dieser Aussage wenig zufrieden, nahm sich aber +zusammen und sagte: »Vor Hradscheck. Warum vor Hradscheck? Was ist mit +ihm? Behandelt er Dich schlecht?« + +»Nei.« + +»Nu wie denn?« + +»Ick weet nich ... He is so anners.« + +»Nu gut. Anders. Aber das ist nicht genug, Ede. Du mußt uns mehr sagen. +Worin ist er anders? Was thut er? Trinkt er? Oder flucht er? Oder ist er +in Angst?« + +»Nei.« + +»Nu wie denn? Was denn?« + +»Ick weet nich ... He is so anners.« + +Es war ersichtlich, daß aus dem eingeschüchterten Jungen nichts weiter +herauszubringen sein würde, weßhalb Vowinkel dem Freunde zublinkte, die +Sache fallen zu lassen. Dieser brach denn auch wirklich ab und sagte: +»Nun, es ist gut, Ede. Geh. Und schicke die Male herein.« + +Diese kam und war in ihrem Kopf- und Brusttuch, das sie heute wie +sonntäglich angelegt hatte, kaum wieder zu erkennen. Sie sah klar aus +den Augen, war unbefangen und erklärte, nachdem Eccelius seine Frage +gestellt hatte, daß sie nichts wisse. Sie habe Szulski gar nicht gesehn, +»un ihrst um Klocker vier oder noch en beten danoah« wäre Hradscheck an +ihre Kammerthür gekommen und hätte gesagt, daß sie rasch aufstehn und +Kaffee kochen solle. Das habe sie denn auch gethan, und grad als sie den +Kien gespalten, sei Jakob gekommen und hab' ihr so im Vorübergehn +gesagt, »daß er den Pohlschen geweckt habe; der Pohlsche hab' aber 'nen +Dodenschlaf gehabt und habe gar nich geantwortet. Und da hab' er an die +Dhür gebullert.« + +All das erzählte Male hintereinander fort, und als der Pastor zum +Schlusse frug, ob sie nicht noch weiter was wisse, sagte sie: »Nein, +weiter wisse sie nichts, oder man blos noch das Eine, daß die Kanne, wie +sie das Kaffeegeschirr herausgeholt habe, beinah noch ganz voll gewesen +sei. Und sei doch ein gräuliches Wetter gewesen und kalt und naß. Und +wenn sonst einer des Morgens abreise, so tränk' er mehrstens oder +eigentlich immer die Kanne leer, un von Zucker übrig lassen wär' gar +keine Rede nich. Und manche nähmen ihn auch mit. Aber der Pohlsche hätte +keine drei Schluck getrunken, und sei eigentlich alles noch so gewesen, +wie sie's reingebracht habe. Weiter wisse sie nichts.« + +Danach ging sie, und der Dritte, der nun kam, war Jakob. + +»Nun, Jakob, wie war es?« fragte Eccelius; »Du weißt, um was es sich +handelt. Was Du Malen und mir schon vorher gesagt hast, brauchst Du +nicht zu wiederholen. Du hast ihn geweckt und er hat nicht geantwortet. +Dann ist er die Treppe herunter gekommen und Du hast gesehn, daß er sich +an dem Geländer festhielt, als ob ihm das Gehn in dem Pelz schwer +würde. Nicht wahr, so war es?« + +»Joa, Herr Pastor.« + +»Und weiter nichts?« + +»Nei, wider nix. Un wihr man blot noch, dat he so'n beten lütt utsoah, +un ...« + +»Und was?« + +»Un dat he so still wihr un seggte keen Wuhrd nich. Un as ick to em +seggen deih: 'Na Adjes, Herr Szulski,' doa wihr he wedder so bummsstill +un nickte man blot so.« + +Nach dieser Aussage trat auch Jakob ab und die Pfarrköchin brachte den +Kaffee. Vowinkel nahm eine der Tassen und sagte, während er sich an das +Fensterbrett lehnte: »Ja, Freund, die Sache steht doch schlimmer, als +_Du_ wahr haben möchtest, und fast auch schlimmer als _ich_ erwartete.« + +»Mag sein,« erwiderte der Pastor. »Nach meinem Gefühl indeß, das ich +selbstverständlich Deiner besseren Erfahrung unterordne, bedeuten all +diese Dinge gar nichts oder herzlich wenig. Der Junge, wie Du gesehn +hast, konnte vor Angst kaum sprechen, und aus der Köchin Aussage war +doch eigentlich nur das Eine festzustellen, daß es Menschen giebt, die +_viel_, und andre, die _wenig_ Kaffee trinken.« + +»Aber Jakob!« + +Eccelius lachte. »Ja Jakob. 'He wihr en beten to lütt', das war das +eine, 'un he wihr en beten to still', das war das andre. Willst Du +daraus einen Strick für die Hradschecks drehn?« + +»Ich will es nicht, aber ich fürchte, daß ich es muß. Jedenfalls haben +sich die Verdachtsgründe durch das, was ich eben gehört habe, mehr +gemehrt als gemindert, und ein Verfahren gegen den so mannigfach +Belasteten kann nicht länger mehr hinausgeschoben werden. Er muß in +Haft, wär' es auch nur um einer Verdunklung des Thatbestandes +vorzubeugen.« + +»Und die Frau?« + +»Kann bleiben. Überhaupt werd' ich mich auf das Nöthigste beschränken, +und um auch jetzt noch alles Aufsehen zu vermeiden, hab' ich vor, ihn +auf meinem Wagen, als ob es sich um eine Spazierfahrt handelte, mit nach +Küstrin zu nehmen.« + +»Und wenn er nun schuldig ist, wie Du beinah glaubst oder wenigstens für +möglich hältst? Ist Dir eine solche Nachbarschaft nicht einigermaßen +ängstlich?« + +Vowinkel lachte. »Man sieht, Eccelius, daß Du kein Kriminalist bist. +Schuld und Muth vertragen sich schlecht zusammen. Alle Schuld lähmt.« + +»Nicht immer.« + +»Nein, nicht immer. Aber doch meist. Und allemal da, wo das Gesetz schon +über ihr ist.« + + + + + X. + + +Die Verhaftung Hradscheck's erfolgte zehn Tage vor Weihnachten. Jetzt +war Mitte Januar, aber die Küstriner Untersuchung rückte nicht von der +Stelle, weßhalb es in Tschechin und den Nachbardörfern hieß: »Hradscheck +werde mit Nächstem wieder entlassen werden, weil nichts gegen ihn +vorliege.« Ja, man begann auf das Gericht und den Gerichtsdirektor zu +schelten, wobei sich's selbstverständlich traf, daß alle die, die vorher +am leidenschaftlichsten von einer Hinrichtung geträumt hatten, jetzt in +Tadeln und Schmähen mit gutem Beispiel vorangingen. + +Vowinkel hatte viel zu dulden; kein Zweifel. Am ausgiebigsten in +Schmähungen aber war man gegen die Zeugen, und der Angriffe gegen diese +wären noch viel mehr gewesen, wenn man nicht gleichzeitig über sie +gelacht hätte. Der dumme Ladenjunge, der Ede, so versicherte man sich +gegenseitig, könne doch nicht für voll angesehen werden und die Male mit +ihren Sommersprossen und ihrem nicht ausgetrunkenen Kaffee womöglich +noch weniger. Daß man bei den Hradschecks oft einen wunderbaren Kaffee +kriege, das wisse jeder, und wenn alle die, die das durchgetrichterte +Cichorienzeug stehn ließen, auf Mord und Todtschlag hin verklagt und +eingezogen werden sollten, so säße bald das halbe Bruch hinter Schloß +und Riegel. »Aber Jakob und der alte Mewissen?« hieß es dann wohl. Indeß +auch von diesen Beiden wollte die plötzlich zu Gunsten Hradscheck's +umgestimmte Majorität nichts wissen. Der dusslige Jakob, von dem jetzt +so viel gemacht werde, ja, was hab' er denn eigentlich beigebracht? Doch +nichts weiter, als das ewige »He wihr so'n beten still.« Aber du lieber +Himmel, wer habe denn Lust, um Klock fünf und bei steifem Südost einen +langen Schnack zu machen? Und nun gar der alte Mewissen, der, so lang er +lebe, den Himmel für einen Dudelsack angesehen habe? Wahrhaftig, der +könne viel sagen, eh' man's zu glauben brauche. »Mit einem karrirten +Tuch über dem Kopf. Und wenn's kein karrirtes Tuch gewesen, dann sei's +eine Pferdedecke gewesen.« O, du himmlische Güte! Mit einer Pferdedecke! +Die Hradscheck mit einer Pferdedecke! Giebt es Pferdedecken ohne Flöhe? +Nein. Und nun gar diese schnippsche Prise, die sich ewig mit ihrem +türkischen Shawl herumziert und noch ötepotöter is als die Reitweinsche +Gräfin! + +So ging das Gerede, das sich, an und für sich schon günstig genug für +Hradscheck, in Folge kleiner Vorkommnisse mit jedem neuen Tage günstiger +gestaltete. Darunter war eins von besondrer Wirkung. Und zwar das +folgende. Heilig Abend war ein Brief Hradscheck's bei Eccelius +eingetroffen, worin es hieß: »es ging' ihm gut, weßhalb er sich auch +freuen würde, wenn seine Frau zum Fest herüberkommen und eine +Viertelstunde mit ihm plaudern wolle; Vowinkel hab' es eigens gestattet, +versteht sich in Gegenwart von Zeugen.« So die briefliche Mittheilung, +auf welche Frau Hradscheck, als sie durch Eccelius davon gehört, diesem +letzteren sofort geantwortet hatte: »sie werde diese Reise _nicht_ +machen, weil sie nicht wisse, wie sie sich ihrem Manne gegenüber zu +benehmen habe. Wenn er schuldig sei, so sei sie für immer von ihm +geschieden, einmal um ihrer selbst, aber mehr noch um ihrer Familie +willen. Sie wolle daher lieber zum Abendmahl gehn und ihre Sache vor +Gott tragen und bei der Gelegenheit den Himmel inständigst bitten, ihres +Mannes Unschuld recht bald an den Tag zu bringen.« So was hörten die +Tschechiner gern, die sämmtlich höchst unfromm waren, aber nach Art der +meisten Unfrommen einen ungeheuren Respekt vor Jedem hatten, der »lieber +zum Abendmahl gehn und seine Sache vor Gott tragen«, als nach Küstrin +hin reisen wollte. + +Kurzum, alles stand gut, und es hätte sich von einer totalen +»Rückeroberung« des dem Inhaftirten anfangs durchaus abgeneigten Dorfes +sprechen lassen, wenn nicht _ein_ Unerschütterlicher gewesen wäre, der, +sobald Hradscheck's Unschuld behauptet wurde, regelmäßig versicherte: +»Hradscheck? _Den_ kenn' ich. _Der_ muß ans Messer.« + +Dieser Unerschütterliche war niemand Geringeres als Gensdarm Geelhaar, +eine sehr wichtige Person im Dorf, auf deren Autorität hin die Mehrheit +sofort geschworen hätte, wenn ihr nicht seine bittre Feindschaft gegen +Hradscheck und die kleinliche Veranlassung dazu bekannt gewesen wäre. +Geelhaar, guter Gensdarm, aber noch besserer Saufaus, war, um Kognaks +und Rums willen, durch viele Jahre hin ein Intimus bei Hradscheck +gewesen, bis dieser eines Tages, des ewigen Gratis-Einschenkens müde, +mit mehr Übermuth als Klugheit gesagt hatte: »Hören Sie, Geelhaar, Rum +ist gut. Aber Rum kann einen auch 'rum bringen.« Auf welche Provokation +hin (Hradscheck liebte dergleichen Witze) der sich nun plötzlich aufs +hohe Pferd setzende Geelhaar mit hochrothem Gesicht geantwortet hatte: +»Gewiß, Herr Hradscheck. Was kann einen nich alles 'rumbringen? Den +einen dies, den andern das. Und mit Ihnen, mein lieber Herr, is auch +noch nicht aller Tage Abend.« + +Von der aus diesem Zwiegespräch entstandenen Feindschaft wußte das ganze +Dorf, und so kam es, daß man nicht viel darauf gab und im Wesentlichen +blos lachte, wenn Geelhaar zum hundertsten Male versicherte: »_Der_? Der +muß ans Messer.« + + * * * + +»Der muß ans Messer,« sagte Geelhaar, aber in Tschechin hieß es mit +jedem Tage mehr: »Er kommt wieder frei.« + +Und »he kümmt wedder 'rut,« hieß es auch im Hause der alten Jeschke, wo +die blonde Nichte, die Line -- dieselbe, nach der Hradscheck bei seinen +Gartenbegegnungen mit der Alten immer zu fragen pflegte -- seit +Weihnachten zum Besuch war und an einer Ausstattung, wenn auch freilich +nicht an ihrer eigenen, arbeitete. Sie war eine hervorragend kluge +Person, die, trotzdem sie noch keine 27 zählte, sich in den +verschiedensten Lebensstellungen immer mit Glück versucht hatte: früh +schon als Kinder- und Hausmädchen, dann als Nähterin und schließlich als +Pfarrköchin in einem neumärkischen Dorf, in welch letztrer Eigenschaft +sie nicht nur sämmtliche Betstunden mitgemacht, sondern sich auch durch +einen exemplarisch sittlichen Lebenswandel ausgezeichnet hatte. Denn sie +gehörte zu denen, die, wenn engagirt, innerhalb ihres Engagements alles +Geforderte leisten, auch Gebet, Tugend und Treue. + +Solcher Forderungen entschlug sich nun freilich die Jeschke, die +vielmehr, wenn sie den Faden von ihrem Wocken spann, immer nur +Geschichten von begünstigten und genasführten Liebhabern hören wollte, +besonders von einem Küstriner Fourage-Beamten, der drei Stunden lang im +Schnee hatte warten müssen. Noch dazu vergeblich. All das freute die +Jeschke ganz ungemein, die dann regelmäßig hinzusetzte: »Joa, Line, so +wihr ick ook. Awers moak et man nich to dull.« Und dann antwortete +diese: »Wie werd ich denn, Mutter Jeschke!« Denn sie nannte sie nie +Tante, weil sie sich der nahen Verwandtschaft mit der alten Hexe schämen +mochte. + +Plaudern war Beider Lust. Und plaudernd saßen beide Weibsen auch heute +wieder. + +Es war ein ziemlich kalter Tag und draußen lag fußhoher Schnee. Drinnen +aber war es behaglich, das Rothkehlchen zwitscherte, die Wanduhr ging in +starkem Schlag und der Kachelofen that das Seine. Dem Ofen zunächst aber +hockte die Jeschke, während Line weitab an dem ganz mit Eisblumen +überdeckten Fenster saß und sich ein Kuckloch gepustet hatte, durch das +sie nun bequem sehen konnte, was auf der Straße vorging. + +»Da kommt ja Gensdarm Geelhaar,« sagte sie. »Grad über den Damm. Er muß +drüben bei Kunicke gewesen sein. Versteht sich, Kunicke frühstückt um +diese Zeit. Und sieht auch so roth aus. Was er nur will? Er wird am Ende +der armen Frau, der Hradschecken, einen Besuch machen wollen. Is ja +schon vier Wochen Strohwittwe.« + +»Nei, nei,« lachte die Alte. »Dat deiht he nich. Dem is joa sien ejen +all to veel, so lütt se is. Ne, ne, den kenn ick. Geelhaar is man blot +noch för so.« + +Und dabei machte sie die Bewegung des aus der Flaschetrinkens. + +»Hast Recht,« sagte Line. »Sieh, er kommt grad auf unser Haus zu.« + +Und wirklich, unter diesem Gespräch, wie's die Jeschke mit ihrer Nichte +geführt hatte, war Geelhaar von der Dorfstraße her in einen schmalen, +blos mannsbreiten Gang eingetreten, der, an der Hradscheck'schen +Kegelbahn entlang, in den Garten der alten Jeschke führte. + +Von hier aus war auch der Eingang in das Häuschen der Alten, das mit +seinem Giebel nach der Straße stand. + +»Guten Tag, Mutter Jeschke,« sagte der Gensdarm. »Ah, und guten Tag, +Lineken. Oder ich muß jetzt wohl sagen Mamsell Linchen.« + +Line, die den stattlichen Geelhaar (er hatte bei den Gardekürassieren +gedient), aller despektirlichen Andeutungen der Alten ungeachtet, +keineswegs aus ihrer Liste gestrichen hatte, stemmte sofort den linken +Fuß gegen einen ihr gegenüberstehenden Binsenstuhl und sah ihn zwinkernd +über das große Stück Leinwand hin an, das sie, wie wenn sie's abmessen +wollte, mit einem energischen Ruck und Puff vor sich ausspannte. + +Die Wirkung dieser kleinen Künste blieb auch nicht aus. So wenigstens +schien es Linen. Die Jeschke dagegen wußt' es besser, und als Geelhaar +auf ihre mit Vorbedacht in Hochdeutsch gesprochene Frage, »was ihr denn +eigentlich die Ehre verschaffe,« mit einem scherzhaft gemeinten +Fingerzeig auf Line geantwortet hatte, lachte sie nur und sagte: + +»Nei, nei, Herr Gensdarm. Ick weet schon, ick weet schon ... Awers nu +setten's sich ihrst ... Joa, diss' Hradscheck ... he kümmt joa nu wedder +rut.« + +»Ja, Mutter Jeschke,« wiederholte Geelhaar, »he kümmt nu wedder rut. Das +heißt, er kommt wieder 'raus, wenn er nich drin bleibt.« + +»Woll, woll. Wenn he nicht drin bliewt. Awers worümm sall he drin +bliewen? Keen een hett joa wat siehn, un keen een hett joa wat utfunn'n. +Un Se ook nich, Geelhaar.« + +»Nein,« sagte der Gensdarm. »Ich auch nich. Aber es wird sich schon was +finden oder doch finden lassen, und dazu müssen Sie helfen, Mutter +Jeschke. Ja, ja. So viel weiß ich, die Hradscheck hat schon lange keinen +Schlaf mehr und ist immer treppauf und treppab. Und wenn die Leute +sagen, es sei blos, weil sie sich um den Mann gräme, so sag ich: Unsinn, +_er_ is nich so und _sie_ is nich so.« + +»Nei, nei,« wiederholte die Jeschke. »He is nich so un se is nich so. +De Hradschecks, nei, de sinn nich so.« + +»Keinen ordentlichen Schlaf also,« fuhr Geelhaar fort, »nich bei Tag und +auch nich bei Nacht, und wankt immer so 'rum, und is mal im Hof und mal +im Garten. Das hab' ich von der Male ... Hören Sie, Mutter Jeschke, wenn +ich so mal Nachtens hier auf Posten stehen könnte! Das wäre so was. Line +bleibt mit auf, und wir setzen uns dann ans Fenster und wachen und +kucken. Nich wahr, Line?« + +Line, die schon vorher das Weißzeug bei Seite gelegt und ihren blonden +Zopf halb aufgeflochten hatte, schlug jetzt mit dem losen Büschel über +ihre linke Hand und sagte: »Will es mir noch überlegen, Herr Geelhaar. +Ein armes Mädchen hat nichts als seinen Ruf.« + +Und dabei lachte sie. + +»Kümmen's man, Geelhaar,« tröstete die Jeschke, trotzdem Trost +eigentlich nicht nöthig war. »Kümmen's man. Ick geih to Bett. Wat doa to +siehn is, ick meen hier buten, dat hebb' ick siehn, dat weet ick all. Un +is ümmer dat Sülwigte.« + +»Dat Sülwigte?« + +»Joa. Nu nich mihr. Awers as noch keen Snee wihr. Doa ...« + +»Da. Was denn?« + +»Doa wihr se Nachtens ümmer so 'rümm hier.« + +»So, so,« sagte der Gensdarm und that vorsichtig allerlei weitere +Fragen. Und da sich die Jeschke von guten Beziehungen zur Dorfpolizei +nur Vortheile versprechen konnte, so wurde sie trotz aller sonstigen +Zurückhaltung immer mittheilsamer und erzählte dem Gensdarmen Neues und +Altes, namentlich auch das, was sie damals, in der stürmischen +November-Nacht, von ihrer Küchenthür aus beobachtet hatte. Hradscheck +habe lang da gestanden, ein flackrig Licht in der Hand. »Un wihr binoah +so, as ob he wull, dat man em seihn sull.« Und dann hab' er einen Spaten +genommen und sei bis an den Birnbaum gegangen. Und da hab' er ein Loch +gegraben. An der Gartenthür aber habe was gestanden wie ein Koffer oder +Korb oder eine Kiste. Was? das habe sie nicht genau sehen können. Und +dann hab' er das Loch wieder zugeschüttet. + +Geelhaar, der sich bis dahin, allem Diensteifer zum Trotz, ebenso sehr +mit Line wie mit Hradscheck beschäftigt hatte, ja, vielleicht mehr noch +Courmacher als Beamter gewesen war, war unter diesem Bericht sehr +ernsthaft geworden und sagte, während er mit Wichtigkeitsmiene seinen +gedunsenen Kopf hin und her wiegte: »Ja, Mutter Jeschke, das thut mir +leid. Aber es wird Euch Ungelegenheiten machen.« + +»Wat? wat, Geelhaar?« + +»Ungelegenheiten, weil Ihr damit so spät herauskommt.« + +»Joa, Geelhaar, wat sall dat? wat mienens mit 'to spät'? Et hett mi joa +keener nich froagt. Un Se ook nich. Un wat weet ick denn ook? Ick weet +joa nix. Ick weet joa joar nix.« + +»Ihr wißt genug, Mutter Jeschke.« + +»Nei, nei, Geelhaar. Ick weet joar nix.« + +»Das ist gerade genug, daß einer Nachts in seinem Garten ein Loch gräbt +und wieder zuschüttet.« + +»Joa, Geelhaar, ick weet nich, awers jed' een möt doch in sien ejen +Goarden en Loch buddeln künn'.« + +»Freilich. Aber nicht um Mitternacht und nicht bei solchem Wetter.« + +»Na, rieden's mi man nich rin. Un moaken Se't good mit mi ... Line, +Line, segg doch ook wat.« + +Und wirklich, Line trat in Folge dieser Aufforderung an den Gensdarmen +heran und sagte, tief aufathmend, wie wenn sie mit einer plötzlichen und +mächtigen Sinnen-Erregung zu kämpfen hätte: »Laß nur, Mutter Jeschke. +Herr Geelhaar wird schon wissen, was er zu thun hat. Und wir werden es +auch wissen. Das versteht sich doch von selbst. Nicht wahr, Herr +Geelhaar?« + +Dieser nickte zutraulich und sagte mit plötzlich verändertem und wieder +freundlicher werdendem Tone: »Werde schon machen, Mamsell Line. Schulze +Woytasch läßt ja, Gott sei Dank, mit sich reden und Vowinkel auch. +Hauptsach' is, daß wir den Fuchs überhaupt ins Eisen kriegen. Un is dann +am Ende gleich, _wann_ wir ihn haben und ob ihm der Balg heut oder +morgen abgezogen wird.« + + + + + XI. + + +Vierundzwanzig Stunden später kam -- und zwar auf die Meldung hin, die +Geelhaar, gleich nach seinem Gespräche mit der Jeschke, bei der Behörde +gemacht hatte -- von Küstrin her ein offener Wagen, in dem, außer dem +Kutscher, der Justizrath und Hradscheck saßen. Die Luft ging scharf und +die Sonne blendete, weßhalb Vowinkel, um sich gegen Beides zu schützen, +seinen Mantel aufgeklappt, der Kutscher aber seinen Kopf bis an Nas' und +Ohren in den Pelzkragen hineingezogen hatte. Nur Hradscheck saß frei da, +Luft und Licht, deren er seit länger als vier Wochen entbehrt hatte, +begierig einsaugend. Der Wagen fuhr auf der Dammhöhe, von der aus sich +das unten liegende Dorf bequem überblicken und beinah jedes einzelne +Haus in aller Deutlichkeit erkennen ließ. Das da, mit dem schwarzen, +theergestrichenen Gebälk, war das Schulhaus und das gelbe, mit dem +gläsernen Aussichtsthurm, mußte Kunicke's sein, Kunicke's »Villa«, wie +die Tschechiner es spöttisch nannten. Das niedrige, grad gegenüber aber, +das war seine, das sah er an dem Birnbaum, dessen schwarzes Gezweig über +die mit Schnee bedeckte Dachfläche wegragte. Vowinkel bemerkte wohl, +wie Hradscheck sich unwillkürlich auf seinem Sitze hob, aber nichts von +Besorgniß drückte sich in seinen Mienen und Bewegungen aus, sondern nur +Freude, seine Heimstätte wieder zu sehen. + +Im Dorfe selbst schien man der Ankunft des justizräthlichen Wagens schon +entgegen gesehen zu haben. Auf dem Vorplatz der Igel'schen Brett- und +Schneidemühle, die man, wenn man von der Küstriner Seite her kam, als +erstes Gehöft zu passiren hatte (gerade so wie das Orth'sche nach der +Frankfurter Seite hin), stand der alte Brett- und Schneidemüller und +fegte mit einem kurzen storrigen Besen den Schnee von der obersten +Bretterlage fort, anscheinend aufs Eifrigste mit dieser seiner Arbeit +beschäftigt, in Wahrheit aber nur begierig, den herankommenden +Hradscheck eher als irgend ein anderer im Dorf gesehen zu haben. Denn +Schneidemüller Igel, oder der »Schneidigel«, wie man ihn kurzweg und in +der Regel mit absichtlich undeutlicher Aussprache nannte, war ein +Topfkucker. Aber so topfkuckrig er war, so stolz und hochmüthig war er +auch, und so wandt' er sich in demselben Augenblicke, wo der Wagen an +ihm vorüberfuhr, rasch wieder auf sein Haus zu, blos um nicht grüßen zu +müssen. Hier nahm er, um seine Neugier, deren er sich schämen mochte, +vor niemandem zu verrathen, Hut und Stock mit besonderer Langsamkeit vom +Riegel und folgte dann dem Wagen, den er übrigens bald danach schon vor +dem Hradscheck'schen Hause vorfahren sah. + +Frau Hradscheck war nicht da. Statt ihrer übernahm es Kunicke, den sie +darum gebeten haben mochte, den Wirth und so zu sagen die Honneurs des +Hauses zu machen. Er führte denn auch den Justizrath vom Flur her in den +Laden und von diesem in die dahinter befindliche Weinstube, wo man einen +Imbiß bereit gestellt hatte. Vowinkel nahm aber, unter vorläufiger +freundlicher Ablehnung, nur ein kleines Glas Portwein und trat dann in +den Garten hinaus, wo sich bereits alles, was zur Dorfobrigkeit gehörte, +versammelt hatte: Schulze Woytasch, Gensdarm Geelhaar, Nachtwächter +Mewissen und drei bäuerliche Gerichtsmänner. Geelhaar, der, zur Feier +des Tages, seinen Staats-Czako mit dem armslangen schwarzen Lampenputzer +aufgesetzt hatte, ragte, mit Hilfe dieser Paradezuthaten, um fast drei +Haupteslängen über den Rest aller Anwesenden hinaus. Das war der innere +Zirkel. Im weitern Umkreis aber standen die, die blos aus Neugier sich +eingefunden hatten, darunter der schon stark gefrühstückte Kantorssohn +und Dorfdichter, während einige zwanzig eben aus der Schule +herangekommene Jungens mit ihren Klapp-Pantinen auf das Kegelhaus +geklettert waren, um von hier aus Zeuge zu sein, was wohl bei der Sache +herauskommen würde. Vorläufig indeß begnügten sie sich damit, +Schneebälle zu machen, mit denen sie nach den großen und kleinen Mädchen +warfen, die hinter dem Gartenzaun der alten Jeschke standen. Alles +plapperte, lachte, reckte den Hals, und wäre nicht Hradscheck selbst +gewesen, der, die Blicke seiner alten Freunde vermeidend, ernst und +schweigend vor sich hinsah, so hätte man glauben können, es sei Kirmeß +oder eine winterliche Jahrmarktsscene. + +Die Gerichtsmänner flüsterten und steckten die Köpfe zusammen, während +Woytasch und Geelhaar sich umsahen. Es schien noch etwas zu fehlen, was +auch zutraf. Als aber bald danach der alte Todtengräber Wonnekamp mit +noch zwei von seinen Leuten erschien, rückte man näher an den Birnbaum +heran und begann den Schnee, der hier lag, fortzuschippen. Das ging +leicht genug, bis statt des Schnees die gefrorne Erde kam, wo nun die +Pickaxt aushelfen mußte. Der Frost indessen war nicht tief in die Erde +gedrungen, und so konnte man den Spaten nicht nur bald wieder zur Hand +nehmen, sondern kam auch rascher vorwärts, als man anfangs gehofft +hatte. Die herausgeworfenen Schollen und Lehmstücke wurden immer größer, +je weicher der Boden wurde, bis mit einem Male der alte Todtengräber +einem der Arbeiter in den Arm fiel und mit der seinem Stande zuständigen +Ruhe sagte: »Nu giw mi moal; nu kümmt wat.« Dabei nahm er ihm das +Grabscheit ohne weiteres aus der Hand und fing selber an zu graben. Aber +ersichtlich mit großer Vorsicht. Alles drängte vor und wollte sehn. Und +siehe da, nicht lange, so war ein Todter aufgedeckt, der zu großem +Theile noch in Kleiderresten steckte. Die Bewegung wuchs, und aller +Augen richteten sich auf Hradscheck, der, nach wie vor, vor sich hin sah +und nur dann und wann einen scheuen Seitenblick in die Grube that. + +»Nu hebben se'n,« lief ein Gemurmel den Gartenzaun entlang, unklar +lassend, ob man Hradscheck oder den Todten meine; die Jungens auf dem +Kegelhäuschen aber reckten ihre Hälse noch mehr als vorher, trotzdem +sie weder nah noch hoch genug standen, um irgend 'was sehn zu können. + +Eine Pause trat ein. Dann nahm der Justizrath des Angeklagten Arm und +sagte, während er ihn dicht an die Grube führte: »Nun, Hradscheck, was +sagen Sie?« + +Dieser verzog keine Miene, faltete die Hände wie zum Gebet und sagte +dann fest und feierlich: »Ich sage, daß dieser Todte meine Unschuld +bezeugen wird.« + +Und während er so sprach, sah er zu dem alten Todtengräber hinüber, der +den Blick auch verstand und, ohne weitere Fragen abzuwarten, +geschäftsmäßig sagte: »Ja, der hier liegt, liegt hier schon lang. Ich +denke zwanzig Jahre. Und der Pohlsche, der es sein soll, is noch keine +zehn Wochen todt.« + +Und siehe da, kaum daß diese Worte gesprochen waren, so war ihr Inhalt +auch schon bewiesen und jeder schämte sich, so wenig kaltes Blut und so +wenig Umsicht und Überlegung gehabt zu haben. In einem gewissen +Entdeckungseifer waren alle wie blind gewesen und hatten unbeachtet +gelassen, daß ein Schädel, um ein richtiger Schädel zu werden, auch sein +Stück Zeit verlangt und daß die Todten ihre Verschiedenheiten und ihre +Grade haben, gerade so gut wie die Lebendigen. + +Am verlegensten war der Justizrath. Aber er sammelte sich rasch und +sagte: »Todtengräber Wonnekamp hat Recht. Das ist nicht der Todte, den +wir suchen. Und wenn er zwanzig Jahre in der Erde liegt, was ich keinen +Augenblick bezweifle, so kann Hradscheck an diesem Todten keine Schuld +haben. Und kann auch von einer früheren Schuld keine Rede sein. Denn +Hradscheck ist erst im zehnten Jahr in diesem Dorf. Das alles ist jetzt +erwiesen. Trotz alledem bleiben ein paar dunkle Punkte, worüber +Aufklärung gegeben werden muß. Ich lebe der Zuversicht, daß es an dieser +Aufklärung nicht fehlen wird, aber ehe sie gegeben ist, darf ich Sie, +Herr Hradscheck, nicht aus der Untersuchung entlassen. Es wird sich +dabei, was ich als eine weitere Hoffnung hier ausspreche, nur noch um +Stunden und höchstens um Tage handeln.« + +Und damit nahm er Kunicke's Arm und ging in die Weinstube zurück, +woselbst er nunmehr, in Gesellschaft von Woytasch und den +Gerichtsmännern, dem für ihn servirten Frühstücke tapfer zusprach. Auch +Hradscheck ward aufgefordert, sich zu setzen und einen Imbiß zu nehmen. +Er lehnte jedoch ab und sagte, daß er mit seiner Mahlzeit lieber warten +wolle, bis er im Küstriner Gefängniß sei. + +So waren seine Worte. + +Und diese Worte gefielen den Bauern ungemein. »Er will nicht an seinem +eignen Tisch zu Gaste sitzen und das Brot, das er gebacken, nicht als +Gnadenbrot essen. Da hat er Recht. Das möcht' ich auch nicht.« + +So hieß es und so dachten die Meisten. + +Aber freilich nicht alle. + +Gensdarm Geelhaar ging an dem Zaun entlang, über den, sammt andrem +Weibervolk, auch Mutter Jeschke weggekuckt hatte. Natürlich auch Line. + +Geelhaar tippte dieser mit dem Finger auf den Dutt und sagte: »Nu Line, +was macht der Zopf?« + +»Meiner?« lachte diese. »Hörens, Herr Gensdarm, jetzt kommt _Ihrer_ an +die Reih'.« + +»Wird so schlimm nicht werden, Lineken ... Und Mutter Jeschke, was sagt +die dazu?« + +»Joa, wat sall se seggen? He is nu wedder 'rut. Awers he kümmt ook woll +wedder 'rin.« + + + + + XII. + + +Eine Woche war vergangen, in der die Tschechiner viel erlebt hatten. Das +Wichtigste war: Hradscheck, nachdem er noch ein Küstriner Schlußverhör +durchgemacht hatte, war wieder da. Schlicht und unbefangen, ohne Lücken +und Widersprüche, waren die Dunkelheiten aufgeklärt worden, so daß an +seiner Unschuld nicht länger zu zweifeln war. Es seien ihm, so hieß es +in seiner vor Vowinkel gemachten Aussage, durch Unachtsamkeit, deren er +sich selber zu zeihen habe, mehrere große Speckseiten verdorben, und +diese möglichst unbemerkt im Garten zu vergraben, hab' er an jenem Tage +vorgehabt. Er sei denn auch, gleich nachdem seine Gäste die Weinstube +verlassen hätten, ans Werk gegangen und habe, genau so wie's die Jeschke +gesehn und erzählt, an dem alten Birnbaum ein Loch zu graben versucht; +als er aber erkannt habe, daß da was verscharrt liege, ja, dem Anscheine +nach ein Todter, hab' ihn eine furchtbare Angst gepackt, in Folge deren +er nicht weiter gegraben, sondern das Loch rasch wieder zugeschüttet +habe. Der Koffer, den die Jeschke gesehen haben wolle, das seien eben +jene Speckseiten gewesen, die, dicht übereinander gepackt, an der +Gartenthür gelegen hätten. »Aber wozu die Heimlichkeit und die Nacht?« +hatte Vowinkel nach dieser Erklärung etwas spitz gefragt, worauf +Hradscheck, in seiner Erzählung fortfahrend, ohne Verlegenheit und +Unruhe geantwortet hatte: »Zu dieser Heimlichkeit seien für ihn zwei +Gründe gewesen. Erstens hab' er sich die Vorwürfe seiner Frau, die nur +zu geneigt sei, von seiner Unachtsamkeit in Geschäftsdingen zu sprechen, +ersparen wollen. Und er dürfe wohl hinzusetzen, wer verheirathet sei, +der kenne das und wisse nur zu gut, wie gerne man sich solchen Anklagen +und Streitscenen entziehe. Der zweite Grund aber sei noch wichtiger +gewesen: die Rücksicht auf die Kundschaft. Die Bauern, wie der Herr +Justizrath ja wisse, seien die schwierigsten Leute von der Welt, ewig +voll Mißtrauen, und wenn sie derlei Dinge, wie Schinken und Speck, auch +freilich nicht in seinem Laden zu kaufen pflegten, weil sie ja genug +davon im eignen Rauch hätten, so zögen sie doch gleich Schlüsse vom +einen aufs andre. Dergleichen hab' er mehr als einmal durchgemacht und +dann wochenlang aller Ecken und Enden hören müssen, er passe nicht auf. +Ja, noch letzten Herbst, als ihm ganz ohne seine Schuld eine Tonne +Heringe thranig geworden sei, habe Schneidigel überall im Dorfe +geputscht und unter anderm zu Quaas und Kunicke gesagt: 'Uns wird er +damit nicht kommen; aber die kleinen Leute, die, die ...'« + +Der Justizrath hatte hierbei gelächelt und zustimmend genickt, weil er +die Bauern fast so gut wie Hradscheck kannte, so daß, nach Erledigung +auch _dieses_ Punktes, eigentlich nichts übrig geblieben war als die +Frage, »was denn nun, unter so bewandten Umständen, aus dem durchaus zu +beseitigenden Speck geworden sei?« Welche Frage jedoch nur dazu +beigetragen hatte, Hradscheck's Unschuld vollends ins Licht zu stellen. +»Er habe die Speckseiten an demselben Morgen noch an einer anderen +Gartenstelle verscharrt; gleich nach Szulski's Abreise.« »Nun, wir +werden ja sehn,« hatte Vowinkel hierauf geantwortet und einen seiner +Gerichtsdiener abgeschickt, um sich in Tschechin selbst über die +Richtigkeit oder Unrichtigkeit dieser Aussage zu vergewissern. Und als +sich nun in kürzester Frist alles bestätigt oder mit anderen Worten der +vergrabene Speck wirklich an der von Hradscheck angegebenen Stelle +gefunden hatte, hatte man das Verfahren eingestellt, und an demselben +Nachmittage noch war der unter so schwerem Verdacht Gestandene nach +Tschechin zurückgekehrt und in einer stattlichen Küstriner Miethschaise +vor seinem Hause vorgefahren. Ede, ganz verblüfft, hatte nur noch Zeit +gefunden, in die Wohnstube, darin sich Frau Hradscheck befand, +hineinzurufen: »Der Herr, der Herr ...«, worauf Hradscheck selbst mit +der ihm eigenen Jovialität und unter dem Zurufe: »Nun Ede, wie geht's?« +in den Flur seines Hauses eingetreten, aber freilich im selben +Augenblick auch wieder mit einem erschreckten »Was is, Frau?« +zurückgefahren war. Ein Ausruf, den er wohl thun durfte. Denn gealtert, +die Augen tief eingesunken und die Haut wie Pergament, so war ihm Ursel +unter der Thür entgegengetreten. + + * * * + +Hradscheck war da, das war das _eine_ Tschechiner Ereigniß. Aber das +andere stand kaum dahinter zurück: Eccelius hatte, den Sonntag darauf, +über Sacharja 7, Vers 9 und 10 gepredigt, welche Stelle lautete: »So +spricht der Herr Zebaoth: Richtet recht, und ein Jeglicher beweise an +seinem Bruder Güte und Barmherzigkeit. Und thuet nicht Unrecht den +_Fremdlingen_ und denke keiner wider seinen Bruder etwas Arges in seinem +Herzen.« Schon bei Lesung des Textes und der sich daran knüpfenden +Einleitungsbetrachtung hatten die Bauern aufgehorcht; als aber der +Pastor das Allgemeine fallen ließ und, ohne Namen zu nennen, den +Hradscheck'schen Fall zu schildern und die Trüglichkeit des Scheines +nachzuweisen begann, da gab sich eine Bewegung kund, wie sie seit dem +Sonntag (es ging nun ins fünfte Jahr), an welchem Eccelius auf die +schweren sittlichen Vergehen eines als Bräutigam vor dem Altar stehenden +reichen Bauernsohnes hingewiesen und ihn zu besserem Lebenswandel +ermahnt hatte, nicht mehr dagewesen war. Beide Hradschecks waren in der +Kirche zugegen und folgten jedem Worte des Geistlichen, der heute viel +Bibelsprüche citirte, mehr noch als gewöhnlich. + +Es war unausbleiblich, daß diese Rechtfertigungsrede zugleich zur +Anklage gegen alle diejenigen wurde, die sich in der Hradscheck-Sache so +wenig freundnachbarlich benommen und durch allerhand Zuträgereien +entweder ihr Übelwollen oder doch zum mindesten ihre Leichtfertigkeit +und Unüberlegtheit gezeigt hatten. Wer in erster Reihe damit gemeint +war, konnte nicht zweifelhaft sein, und vieler Augen, nur nicht die der +Bauern, die, wie herkömmlich, keine Miene verzogen, richteten sich auf +die mitsammt ihrem »Lineken« auf der vorletzten Bank sitzende Mutter +Jeschke, der Kanzel grad' gegenüber, dicht unter der Orgel. Line, sonst +ein Muster von Nichtverlegenwerden, wußte doch heute nicht wohin und +verwünschte die alte Hexe, neben der sie das Kreuzfeuer so vieler Augen +aushalten mußte. Mutter Jeschke selbst aber nickte nur leise mit dem +Kopf, wie wenn sie jedes Wort billige, das Eccelius gesprochen, und +sang, als die Predigt aus war, den Schlußvers ruhig mit. Ja sie blieb +selbst unbefangen, als sie draußen, an den zu beiden Seiten des +Kirchhofweges stehenden Frauen vorbeihumpelnd, erst die vorwurfsvollen +Blicke der Älteren und dann das Kichern der Jüngeren über sich ergehen +lassen mußte. + +Zu Hause sagte Line: »Das war eine schöne Geschichte, Mutter Jeschke. +Hätte mir die Augen aus dem Kopf schämen können.« + +»Bis doch sünnst nicht so.« + +»Ach was, sünnst. Hat er Recht oder nicht? Ich meine, der Alte drüben?« + +»Ick weet nich, Line,« beschwichtigte die Jeschke. »He möt et joa +weeten.« + + + + + XIII. + + +»He möt et joa weeten,« hatte die Jeschke gesagt und damit +ausgesprochen, wie sie wirklich zu der Sache stand. Sie mißtraute +Hradscheck nach wie vor; aber der Umstand, daß Eccelius von der Kanzel +her eine Rechtfertigungsrede für ihn gehalten hatte, war doch nicht ohne +Eindruck auf sie geblieben und veranlaßte sie, sich einigermaßen +zweifelvoll gegen ihren eigenen Argwohn zu stellen. Sie hatte Respekt +vor Eccelius, trotzdem sie kaum weniger als eine richtige alte Hexe war +und die heiligen Handlungen der Kirche ganz nach Art ihrer +sympathetischen Kuren ansah. Alles, was in der Welt wirkte, war +Sympathie, Besprechung, Spuk, aber dieser Spuk hatte doch zwei Quellen, +und der weiße Spuk war stärker als der schwarze. Demgemäß unterwarf sie +sich auch (und zumal wenn er von Altar oder Kanzel her sprach) dem den +weißen Spuk vertretenden Eccelius, ihm so zu sagen die sichrere +Bezugsquelle zugestehend. Unter allen Umständen aber suchte sie mit +Hradscheck wieder auf einen guten Fuß zu kommen, weil ihr der Werth +einer guten Nachbarschaft einleuchtete. Hradscheck seinerseits, statt +den Empfindlichen zu spielen, wie manch anderer gethan hätte, kam ihr +dabei auf halbem Wege entgegen und war überhaupt von so viel +Unbefangenheit, daß, ehe noch die Fastelabend-Pfannkuchen gebacken +wurden, die ganze Szulski-Geschichte so gut wie vergessen war. Nur +Sonntags im Kruge kam sie noch dann und wann zur Sprache. + +»Wenn man wenigstens de Pelz wedder in die Hücht käm ...« + +»Na, Du wührst doch den Pohlschen sien' Pelz nich antrecken wulln?« + +»Nich antrecken? Worümm nich? Dat de Pohlsche drinn wihr, dat deiht em +nix. Un mi ook nich. Un wat sünnst noch drin wihr, na, dat wahrd nu joa +woll rut sinn.« + +»Joa, joa. Dat wahrd nu joa woll rut sinn.« + +Und dann lachte man und wechselte das Thema. + +Solche Scherze bildeten die Regel, und nur selten war es, daß irgend wer +ernsthaft auf den Fall zu sprechen kam und bei der Gelegenheit seine +Verwunderung ausdrückte, daß die Leiche noch immer nicht angetrieben +sei. Dann aber hieß es, »der Todte lieg' im Schlick, und der Schlick +gäbe nichts heraus, oder doch erst nach fünfzig Jahren, wenn das +angeschwemmte Vorland Acker geworden sei. Dann würd' er mal beim Pflügen +gefunden werden, gerad so wie der Franzose gefunden wär'«. + +Ja, gerade so wie der Franzose, der jetzt überhaupt die Hauptsache war, +viel mehr als der mit seinem Fuhrwerk verunglückte Reisende, was +eigentlich auch nicht Wunder nehmen konnte. Denn Unglücksfälle wie der +Szulski'sche waren häufig, oder wenigstens nicht selten, während der +verscharrte Franzos unterm Birnbaum alles Zeug dazu hatte, die Fantasie +der Tschechiner in Bewegung zu setzen. Allerlei Geschichten wurden +ausgesponnen, auch Liebesgeschichten, in deren einer es hieß, daß +Anno 13 ein in eine hübsche Tschechinerin verliebter Franzose beinah +täglich von Küstrin her nach Tschechin gekommen sei, bis ihn ein +Nebenbuhler erschlagen und verscharrt habe. Diese Geschichte ließen sich +auch die Mägde nicht nehmen, trotzdem sich ältere Leute sehr wohl +entsannen, daß man einen Chasseur- oder nach andrer Meinung einen +Voltigeur-Korporal einfach wegen zu scharfer Fouragirung bei Seite +gebracht und still gemacht habe. Diese Besserwissenden drangen aber mit +ihrer Prosa-Geschichte nicht durch, und unter allen Umständen blieb der +Franzose Held und Mittelpunkt der Unterhaltung. + +All das kam unsrem Hradscheck zu statten. Aber was ihm noch mehr zu +statten kam, war das, daß er denselben »Franzosen unterm Birnbaum« nicht +blos zur Wiederherstellung, sondern sogar zu glänzender Aufbesserung +seiner Reputation zu benutzen verstand. + +Und das kam so. + +Nicht allzu lange nach seiner Entlassung aus der Untersuchungshaft war +in einer Kirchen-Gemeinderathssitzung, der Eccelius in Person +präsidirte, davon die Rede gewesen, dem Franzosen auf dem Kirchhof ein +christliches Begräbniß zu gönnen. »Der Franzose sei zwar,« so hatte sich +der den Antrag stellende Kunicke geäußert, »sehr wahrscheinlich ein +Katholscher gewesen, aber man dürfe das so genau nicht nehmen; die +Katholschen seien bei Licht besehen auch Christen, und wenn einer schon +so lang in der Erde gelegen habe, dann sei's eigentlich gleich, ob er +den gereinigten Glauben gehabt habe oder nicht.« Eccelius hatte dieser +echt Kunicke'schen Rede, wenn auch selbstverständlich unter Lächeln, +zugestimmt, und die Sache war schon als angenommen und erledigt +betrachtet worden, als sich Hradscheck noch im letzten Augenblick zum +Worte gemeldet hatte. »Wenn der Herr Prediger das Begräbniß auf dem +Kirchhofe, der, als ein richtiger christlicher Gottesacker, jedem +Christen, evangelisch oder katholisch, etwas durchaus Heiliges sein +müsse, für angemessen oder gar für pflichtmäßig halte, so könne es ihm +nicht einfallen, ein Wort dagegen sagen zu wollen; wenn es aber nicht +ganz so liege, mit andern Worten, wenn ein Begräbniß daselbst nicht +absolut pflichtmäßig sei, so spräch' er hiermit den Wunsch aus, den +Franzosen in seinem Garten behalten zu dürfen. Der Franzose sei so zu +sagen sein Schutzpatron geworden, und kein Tag ginge hin, ohne daß er +desselben in Dankbarkeit und Liebe gedenke. Das sei das, was er nicht +umhin gekonnt habe hier auszusprechen, und er setze nur noch hinzu, daß +er, gewünschten Falles, die Stelle mit einem Gitter versehen oder mit +einem Buchsbaum umziehn wolle.« Die ganze Rede hatte Hradscheck mit +bewegter und die Dankbarkeitsstelle sogar mit zitternder Stimme +gesprochen, was eine große Wirkung auf die Bauern gemacht hatte. + +»Bist ein braver Kerl,« hatte der, wie alle Frühstücker, leicht zum +Weinen geneigte Kunicke gesagt und eine Viertelstunde später, als er +Woytasch und Eccelius bis vor das Pfarrhaus begleitete, mit Nachdruck +hinzugesetzt: »Un wenn's noch ein Russe wär'! Aber das is ihm alles +eins, Russ' oder Franzos. Der Franzos hat ihm geholfen und nu hilft er +ihm wieder und läßt ihn eingittern. Oder doch wenigstens eine Rabatte +ziehen. Und wenn es ein Gitter wird, so hat er's nicht unter zwanzig +Thaler. Und da rechne ich noch keinen Anstrich und keine Vergoldung.« + + * * * + +Das alles war Mitte März gewesen, und vier Wochen später, als die +Schwalben zum ersten Male wieder durch die Dorfgasse hinschossen, um +sich anzumelden und zugleich Umschau nach den alten Menschen und Plätzen +zu halten, hatte Hradscheck ein Zwiegespräch mit Zimmermeister +Buggenhagen, dem er bei der Gelegenheit eine Planzeichnung vorlegte. + +»Sehen Sie, Buggenhagen, das Haus ist überall zu klein, überall ist +angebaut und angeklebt, die Küche dicht neben dem Laden, und für die +Fremden ist nichts da, wie die zwei Giebelstuben oben. Das ist zu wenig, +ich will also ein Stock aufsetzen. Was meinen Sie? Wird der Unterbau ein +Stockwerk aushalten?« + +»Was wird er nicht!« sagte Buggenhagen. »Natürlich Fachwerk!« + +»Natürlich Fachwerk!« wiederholte Hradscheck. »Auch schon der Kosten +wegen. Alle Welt thut jetzt immer, als ob meine Frau zum mindesten ein +Rittergut geerbt hätte. Ja, hat sich was mit Rittergut. Erbärmliche +tausend Thaler.« + +»Na, na.« + +»Nun, sagen wir zwei,« lachte Hradscheck. »Aber mehr nicht, auf Ehre. +Und daß davon keine Seide zu spinnen ist, das wissen Sie. Keine Seide zu +spinnen und auch keine Paläste zu bauen. Also so billig wie möglich, +Buggenhagen. Ich denke, wir nehmen Lehm als Füllung. Stein ist zu schwer +und zu theuer, und was wir dadurch sparen, das lassen wir der +Einrichtung zu Gute kommen. Ein paar Öfen mit weißen Kacheln, nicht +wahr? Ich habe schon an Feilner geschrieben und angefragt. Und natürlich +alles Tapete! Sieht immer nach 'was aus und kann die Welt nicht kosten. +Ich denke, weiße; das ist am saubersten und zugleich das Billigste.« + +Buggenhagen hatte zugestimmt und gleich nach Ostern mit dem Umbau +begonnen. + +Und nicht allzu lange, das Wetter hatte den Bau begünstigt, so war das +Haus, das nun einen aufgesetzten Stock hatte, wieder unter Dach. Aber es +war das _alte_ Dach, die nämlichen alten Steine, denn Hradscheck wurde +nicht müde, Sparsamkeit zu fordern und immer wieder zu betonen, »daß er +nach wie vor ein armer Mann sei.« + +Vier Wochen später standen auch die Feilner'schen Öfen, und nur +hinsichtlich der Tapete waren andere Beschlüsse gefaßt und statt der +weißen ein paar buntfarbige gewählt worden. + + * * * + +Anfangs, so lange das Dach-Abdecken dauerte, hatte Hradscheck in +augenscheinlicher Nervosität immer zur Eile angetrieben, und erst als +die rechts nach der Kegelbahn hin gelegene Giebelwand eingerissen und +statt der Stuben oben nur noch das Balken- und Sparrenwerk sichtbar war, +hatte sich seine Hast und Unruhe gelegt und Aufgeräumtheit und gute +Laune waren an Stelle derselben getreten. In dieser guten Laune war und +blieb er auch, und nur ein einziger Tag war gewesen, der ihm dieselbe +gestört hatte. + +»Was meinen Sie, Buggenhagen,« hatte Hradscheck eines Tages gesagt, als +er eine aus dem Keller heraufgeholte Flasche mit Portwein aufzog. »Was +meinen Sie, ließe sich nicht der Keller etwas höher wölben? Natürlich +nicht der ganze Keller. Um Gottes willen nicht, da blieb am Ende kein +Stein auf dem andern, und Laden und Wein- und Wohnstube, kurzum alles +müßte verändert und auf einen andern Leisten gebracht werden. Das geht +nicht. Aber es wäre schon viel gewonnen, wenn wir das Mittelstück, das +grad unter dem Flur hinläuft, etwas höher legen könnten. Ob die Diele +dadurch um zwei Fuß niedriger wird, ist ziemlich gleichgültig; denn die +Fässer, die da liegen, haben immer noch Spielraum genug, auch nach oben +hin, und stoßen nicht gleich an die Decke.« + +Buggenhagen widersprach nie, theils aus Klugheit, theils aus +Gleichgültigkeit, und das Einzige, was er sich dann und wann erlaubte, +waren halbe Vorschläge, hinsichtlich deren es ihm gleich war, ob sie +gutgeheißen oder verworfen wurden. Und so verfuhr er auch diesmal wieder +und sagte: »Versteht sich, Hradscheck. Es geht. Warum soll es nicht +gehn? Es geht alles. Und der Keller ist auch wirklich nicht hoch genug +(ich glaube keine fünftehalb Fuß) und die Fenster viel zu klein und zu +niedrig; alles wird stockig und multrig. Muß also gemacht werden. Aber +warum gleich wölben? Warum nicht lieber ausschachten? Wenn wir zehn +Fuhren Erde 'raus nehmen, haben wir überall fünf Fuß im ganzen Keller +und kein Mensch stößt sich mehr die kahle Platte. Nach oben hin wölben +macht blos Kosten und Umstände. Wir können eben so gut nach unten gehn.« + +Hradscheck, als Buggenhagen so sprach, hatte die Farbe gewechselt und +sich momentan gefragt, »ob das alles vielleicht was zu bedeuten habe?« +Bald aber von des Sprechenden Unbefangenheit überzeugt, war ihm seine +Ruhe zurückgekehrt. + +»Wenn ich mir's recht überlege, Buggenhagen, so lassen wir's. Wir müssen +auch an das Grundwasser denken. Und ist es so lange so gegangen, so +kann's auch noch weiter so gehn. Und am Ende, wer kommt denn in den +Keller? Ede. Und der hat noch lange keine fünf Fuß.« + + * * * + +Das war einige Zeit vor Beginn der Manöver gewesen, und wenn es ein paar +Tage lang ärgerlich und verstimmend nachgewirkt hatte, so verschwand es +rasch wieder, als Anfang September die Truppenmärsche begannen und die +Schwedter Dragoner als Einquartierung ins Dorf kamen. Das Haus voller +Gäste zu haben, war überhaupt Hradscheck's Vergnügen, und der liebste +Besuch waren ihm Rittmeister und Lieutenants, die nicht nur ihre Flasche +tranken, sondern auch allerlei wußten und den Mund auf dem rechten Fleck +hatten. Einige verschworen sich, daß ein Krieg ganz nahe sei. Kaiser +Nikolaus, Gott sei Dank, sei höchst unzufrieden mit der neuen +französischen Wirthschaft, und der unsichere Passagier, der Louis +Philipp, der doch eigentlich blos ein Waschlappen und halber Cretin sei, +solle mit seiner ganzen Konstitution wieder bei Seite geschoben und +statt seiner eine bourbonische Regentschaft eingesetzt oder vielleicht +auch der vertriebene Karl X. wieder zurückgeholt werden, was eigentlich +das Beste sei. Kaiser Nikolaus habe Recht, überhaupt immer Recht. +Konstitution sei Unsinn und das ganze Bürgerkönigthum die reine +Phrasendrescherei. + +Wenn so das Gespräch ging, ging unserm Hradscheck das Herz auf, trotzdem +er eigentlich für Freiheit und Revolution war. Wenn es aber Revolution +nicht sein konnte, so war er auch für Tyrannei. Blos gepfeffert mußte +sie sein. Aufregung, Blut, Todtschießen, -- wer ihm das leistete, war +sein Freund, und so kam es, daß er über Louis Philipp mit zu Gerichte +saß, als ob er die hyperloyale Gesinnung seiner Gäste getheilt hätte. +Nur von Ede sah er sich noch übertroffen, und wenn dieser durch die +Weinstube ging und ein neues Beefsteak oder eine neue Flasche brachte, +so lag allemal ein dümmliches Lachen auf seinem Gesicht, wie wenn er +sagen wollte: »Recht so, 'runter mit ihm; alles muß um einen Kopf kürzer +gemacht werden.« Ein paar blutjunge Lieutenants, die diese komische +Raserei wahrnahmen, amüsirten sich herzlich über ihn und ließen ihn +mittrinken, was alsbald dahin führte, daß der für gewöhnlich so +schüchterne Junge ganz aus seiner Reserve heraustrat und sich +gelegentlich selbst mit dem sonst so gefürchteten Hradscheck auf einen +halben Unterhaltungsfuß stellte. + +»Da, Herr,« rief er eines Tages, als er gerade mit einem Korbe voll +Flaschen wieder aus dem Keller heraufkam. »Da, Herr; das hab' ich eben +unten gefunden.« Und damit schob er Hradscheck einen schwarzübersponnenen +Knebelknopf zu. »Sind solche, wie der Pohlsche an seinem Rock hatte.« + +Hradscheck war kreideweiß geworden und stotterte: »Ja, hast Recht, Ede. +Das sind solche. Hast Recht. Das heißt, die von dem Pohlschen, die waren +größer. Solche kleinen wie _die_, die hatte Hermannchen, uns' +Lütt-Hermann, an seinem Pelzrock. Weißt Du noch? Aber nein, da warst Du +noch gar nicht hier. Bring' ihn meiner Frau; vergiß nicht. Oder gieb ihn +mir lieber wieder; ich will ihn ihr selber bringen.« + +Ede ging, und die zunächst sitzenden Offiziere, die Hradscheck's +Erregung wahrgenommen hatten, aber nicht recht wußten, was sie daraus +machen sollten, standen auf und wandten sich einem Gespräch mit andren +Kameraden zu. + + * * * + +Auch Hradscheck erhob sich. Er hatte den Knebelknopf zu sich gesteckt +und ging in den Garten, ärgerlich gegen den Jungen, am ärgerlichsten +aber gegen sich selbst. + +»Gut, daß es Fremde waren, und noch dazu solche, die blos an Mädchen +und Pferde denken. War's einer von uns hier, und wenn auch blos der +Ölgötze, der Quaas, so hatt' ich die ganze Geschichte wieder über den +Hals. Aufpassen, Hradscheck, aufpassen. Und das verdammte Zusammenfahren +und sich Verfärben! Kalt Blut, oder es giebt ein Unglück.« + +So vor sich hinsprechend, war er, den Blick zu Boden gerichtet, schon +ein paarmal in dem Mittelgang auf und ab geschritten. Als er jetzt +wieder aufsah, sah er, daß die Jeschke hinter dem Himbeerzaune stand und +ein paar verspätete Beeren pflückte. + +»Die alte Hexe. Sie lauert wieder.« + +Aber trotzalledem ging er auf sie zu, gab ihr die Hand und sagte: »Nu, +Mutter Jeschke, wie geht's? Lange nicht gesehn. Auch Einquartierung?« + +»Nei, Hradscheck.« + +»Oder is Line wieder da?« + +»Nei, Lineken ook nich. De is joa jitzt in Küstrin.« + +»Bei wem denn?« + +»Bi School-Inspekters. Un doa will se nich weg ... Hüren's, Hradscheck, +ick glöw, de School-Inspekters sinn ook man so ... Awers wat hebben Se +denn? Se sehn joa janz geel ut. Un hier so 'ne Falt'. O, Se möten sich +nich ärgern, Hradscheck.« + +»Ja, Mutter Jeschke, das sagen Sie wohl. Aber man _muß_ sich ärgern. Da +sind nun die jungen Offiziere. Na, die gehen bald wieder und sind auch +am Ende so schlimm nicht und eigentlich nette Herrchen und immer fidel. +Aber der Ede, dieser Ede! Da hat der Junge gestern wieder ein halbes +Faß Öl auslaufen lassen. Das ist doch über den Spaß. Wo soll man denn +das Geld schließlich hernehmen? Und dann die Plackerei treppauf, +treppab, und die schmalen Kellerstufen halb abgerutscht. Es ist zum +Halsbrechen.« + +»Na, Se hebben joa doch nu Buggenhagen bi sich. De künn joa doch ne nije +Trepp moaken.« + +»Ach, der, der. Mit dem ist auch nichts; ärgert mich auch. Sollte mir da +den Keller höher legen. Aber er will nicht und hat allerhand Ausreden. +Oder vielleicht versteht er's auch nicht. Ich werde mal den Küstriner +Maurermeister kommen lassen, der jetzt an den Kasematten herumflickt. +Kasematten und Keller ist ja beinah dasselbe. _Der_ muß Rath schaffen. +Und bald. Denn der Keller ist eigentlich gar kein richtiger Keller; is +blos ein Loch, wo man sich den Kopf stößt.« + +»Joa, joa. De Wienstuw' sitt em to sihr upp'n Nacken.« + +»Freilich. Und die ganze Geschichte hat nicht Luft und nicht Licht. Und +warum nicht? Weil kein richtiges Fenster da ist. Alles zu klein und zu +niedrig. Alles zu dicht zusammen.« + +»Woll, woll,« stimmte die Jeschke zu. »Jott, ick weet noch, as de +Pohlsche hier wihr und dat Licht ümmer so blinzeln deih. Joa, wo _wihr_ +dat Licht? Wihr et in de Stuw' o'r wihr et in'n Keller? Ick weet et +nich.« + +Alles klang so pfiffig und hämisch, und es lag offen zu Tage, daß sie +sich an ihres Nachbarn Verlegenheit weiden wollte. Diesmal aber hatte +sie die Rechnung ohne den Wirth gemacht und die Verlegenheit blieb +schließlich auf ihrer Seite. War doch Hradscheck seit lange schon +Willens, ihr gegenüber, bei sich bietender Gelegenheit, mal einen andern +Ton anzuschlagen. Und so sah er sie denn jetzt mit seinen +durchdringenden Augen scharf an und sagte, sie plötzlich in der dritten +Person anredend: »Jeschken, ich weiß, wo sie hin will. Aber weiß sie +denn auch, was eine Verleumdungsklage ist? Ich erfahre alles, was sie so +herumschwatzt; aber seh' sie sich vor, sonst kriegt sie's mit dem +Küstriner Gericht zu thun; sie ist 'ne alte Hexe, das weiß jeder, und +der Justizrath weiß es auch. Und er wartet blos noch auf eine +Gelegenheit.« + +Die Alte fuhr erschreckt zusammen. »Ick meen' joa man, Hradscheck, ick +meen' joa man ... Se weeten doch, en beten Spoaß möt sinn.« + +»Nun gut. Ein bischen Spaß mag sein. Aber wenn ich Euch rathen kann, +Mutter Jeschke, nicht zu viel. Hört Ihr wohl, nicht zu viel.« + +Und damit ging er wieder auf das Haus zu. + + + + + XIV. + + +Ängstigungen und Ärgernisse wie die vorgeschilderten kamen dann und wann +vor, aber im Ganzen, um es zu wiederholen, war die Bauzeit eine +glückliche Zeit für unsern Hradscheck gewesen. Der Laden war nie leer, +die Kundschaft wuchs, und das dem Grundstück zugehörige, draußen an der +Neu-Lewiner Straße gelegene Stück Ackerland gab in diesem Sommer einen +besonders guten Ertrag. Dasselbe galt auch von dem Garten hinterm Haus; +alles gedieh darin, der Spargel prachtvoll, dicke Stangen mit gelbweißen +Köpfen, und die Pastinak- und Dill-Beete standen hoch in Dolden. Am +meisten aber that der alte Birnbaum, der sich mehr als seit Jahren +anstrengte. »Dat 's de Franzos«, sagten die Knechte Sonntags im Krug, +»de deiht wat för em,« und als die Pflückenszeit gekommen, rief Kunicke, +der sich gerade zum Kegeln eingefunden hatte: »Hör', Hradscheck, Du +könntest uns mal ein paar von Deinen _Franzosen_birnen bringen.« +Franzosenbirnen! Das Wort wurde sehr bewundert, lief rasch von Mund zu +Mund, und ehe drei Tage vergangen waren, sprach kein Mensch mehr von +Hradscheck's »Malvasieren«, sondern blos noch von den »Franzosenbirnen«. +Hradscheck selbst aber freute sich des Wortes, weil er daran erkannte, +daß man, trotz aller Stichelreden der alten Jeschke, mehr und mehr +anfing, die Vorkommnisse des letzten Winters von der scherzhaften Seite +zu nehmen. + +Ja, die Sommer- und Baumonate brachten lichtvolle Tage für Hradscheck, +und sie hätten noch mehr Licht und noch weniger Schatten gehabt, wenn +nicht Ursel gewesen wäre. Die füllte, während alles andre glatt und gut +ging, seine Seele mit Mitleid und Sorge, mit Mitleid, weil er sie liebte +(wenigstens auf seine Weise), mit Sorge, weil sie dann und wann ganz +wunderliche Dinge redete. Zum Glück hatte sie nicht das Bedürfniß Umgang +zu pflegen und Menschen zu sehn, lebte vielmehr eingezogener denn je, +und begnügte sich damit, Sonntags in die Kirche zu gehn. Ihre sonst +tiefliegenden Augen sprangen dann aus dem Kopf, so begierig folgte sie +jedem Wort, das von der Kanzel her laut wurde, _das_ Wort aber, auf das +sie wartete, das kam nicht. In ihrer Sehnsucht ging sie dann, nach der +Predigt, zu dem guten, ihr immer gleichmäßig geneigt bleibenden Eccelius +hinüber, um, so weit es ging, Herz und Seele vor ihm auszuschütten und +etwas von Befreiung oder Erlösung zu hören; aber Seelsorge war nicht +seine starke Seite, noch weniger seine Passion, und wenn sie sich der +Sünde geziehn und in Selbstanklagen erschöpft hatte, nahm er lächelnd +ihre Hand und sagte: »Liebe Frau Hradscheck, wir sind allzumal Sünder +und mangeln des Ruhmes, den wir vor Gott haben sollen. Sie haben eine +Neigung sich zu peinigen, was ich mißbillige. Sich ewig anklagen ist +oft Dünkel und Eitelkeit. Wir haben Christum und seinen Wandel als +Vorbild, dem wir im Gefühl unsrer Schwäche demüthig nachstreben sollen. +Aber wahren wir uns vor Selbstgerechtigkeit, vor allem vor _der_, die +sich in Zerknirschung äußert. _Das_ ist die Hauptsache.« Wenn er das +trocken-geschäftsmäßig, ohne Pathos und selbst ohne jede Spur von +Salbung gesagt hatte, ließ er die Sache sofort wieder fallen und fragte, +zu natürlicheren und ihm wichtiger dünkenden Dingen übergehend, »wie +weit der Bau sei?« Denn er wollte nächstes Frühjahr _auch_ bauen. Und +wenn dann die Hradscheck, um ihm zu Willen zu sein, von allen möglichen +Kleinigkeiten, am liebsten und eingehendsten aber von den +Meinungsverschiedenheiten zwischen ihrem Mann und Zimmermeister +Buggenhagen geplaudert hatte, rieb er sich schmunzelnd und vor sich +hinnickend die Hand und sagte rasch und in augenscheinlicher Furcht, das +Seelengespräch wieder aufgenommen zu sehn: »Und nun, liebe Frau +Hradscheck, muß ich Ihnen meine Nelken zeigen.« + + * * * + +Um Johanni wußte ganz Tschechin, daß die Hradscheck es nicht lange mehr +machen werde. Keinem entging es. Nur sie selber sah es so schlimm nicht +an und wollte von keinem Doktor hören. »Sie wissen ja doch nichts. Und +dann der Wagen und das viele Geld.« Auf das Letztere, das »viele Geld«, +kam sie jetzt überhaupt mit Vorliebe zu sprechen, fand alles unnöthig +oder zu theuer, und während sie noch das Jahr vorher für ein +Polysander-Fortepiano gewesen war, um es, wenn nicht der Amtsräthin in +Friedrichsau, so doch wenigstens der Domänenpächterin auf Schloß +Solikant gleich zu thun, so war sie jetzt sparsam bis zum Geiz. +Hradscheck ließ sie gewähren, und nur einmal, als sie gerade beim +Schotenpalen war, nahm er sich ein Herz und sagte: »Was ist das nur +jetzt, Ursel? Du ringst Dir ja jeden Dreier von der Seele.« Sie schwieg, +drehte die Schüssel hin und her und palte weiter. Als er aber stehen +blieb und auf Antwort zu warten schien, sagte sie, während sie die +Schüssel rasch und heftig bei Seite setzte: »Soll es alles umsonst +gewesen sein? Oder willst Du ...« Weiter kam sie nicht. Ein Herzkrampf, +daran sie jetzt häufiger litt, überfiel sie wieder, und Hradscheck +sprang zu, um ihr zu helfen. + +Ihre Wirthschaft besorgte sie pünktlich und alles ging am Schnürchen, +wie vordem. Aber Interesse hatte sie nur für eins, und das Eine war der +Bau. Sie wollt' ihn, darin Hradscheck's Eifer noch übertreffend, in +möglichster Schnelle beendet sehn, und so sparsam sie sonst geworden +war, so war sie doch gegen keine Mehrausgabe, die Beschleunigung und +rascheres Zustandekommen versprach. Einmal sagte sie: »Wenn ich nur erst +oben bin. Oben werd' ich auch wieder Schlaf haben. Und wenn ich erst +wieder schlafe, werd' ich auch wieder gesund werden.« Er wollte sie +beruhigen und strich ihr mit der Hand über Stirn und Haar. Aber sie wich +seiner Zärtlichkeit aus und kam in ein heftiges Zittern. Überhaupt war +es jetzt öfter so, wie wenn sie sich vor ihm fürchte. 'mal sagte sie +leise: »Wenn er nur nicht so glatt und glau wär'. Er ist so munter und +spricht so viel und kann alles. Ihn ficht nichts an ... Und die drüben +in Neu-Lewin war auch mit einem Male weg.« Solche Stimmungen kamen ihr +von Zeit zu Zeit, aber sie waren flüchtig und vergingen wieder. + + * * * + +Und nun waren die letzten Augusttage. + +»Morgen, Ursel, ist alles fertig.« + +Und wirklich, als der andre Tag da war, bot ihr Hradscheck mit einer +gewissen freundlichen Feierlichkeit den Arm, um sie treppauf in eine der +neuen Stuben zu führen. Es war die, die nach der Kegelbahn hinauslag, +jetzt die hübscheste, hellblau tapezirt und an der Decke gemalt: ein +Kranz von Blüthen und Früchten, um den Tauben flogen und pickten. Auch +das Bett war schon heraufgeschafft und stand an der Mittelwand, genau +da, wo früher die Bettwand der alten Giebel- und Logirstube gewesen war. + +Hradscheck erwartete Dank und gute Worte zu hören. Aber die Kranke sagte +nur: »_Hier_? Hier, Abel?« + +»Es sind neue Steine,« stotterte Hradscheck. + +Ursel indeß war schon von der Thürschwelle wieder zurückgetreten und +ging den Gang entlang, nach der andern Giebelseite hinüber, wo sich ein +gleich großes, auf den Hof hinaussehendes Zimmer befand. Sie trat an das +Fenster und öffnete; Küchenrauch, mehr anheimelnd als störend, kam ihr +von der Seite her entgegen und eine Henne mit ihren Küchelchen zog unten +vorüber; Jakob aber, der holzsägend in Front einer offnen Remise stand, +neckte sich mit Male, die beim Brunnen Wäsche spülte. + +»_Hier_ will ich bleiben.« + +Und Hradscheck, der durch den Auftritt mehr erschüttert als verdrossen war, +war einverstanden und ließ alles, was sich von Einrichtungsgegenständen +in der hellblau tapezirten und für Ursel bestimmten Stube befand, nach +der andern Seite hinüberbringen. + + * * * + +Und siehe da, Frau Hradscheck erholte sich wirklich und sogar rascher, +als sie selbst zu hoffen gewagt hatte. Schlaf kam, der scharfe Zug um +ihren Mund wich, und als die schon erwähnten Manövertage mit ihrer +Dragoner-Einquartierung kamen, hatte sich ihr Aussehn und ihre Stimmung +derart verbessert, daß sie gelegentlich die Wirthin machen und mit den +Offizieren plaudern konnte. Das Hagere, Hektische gab ihr, bei der guten +Toilette, die sie zu machen verstand, etwas Distinguirtes, und ein alter +Eskadronchef, der sie mit erstaunlicher Ritterlichkeit umcourte, sagte, +wenn er ihr beim Frühstück nachsah und mit beiden Händen den langen +blonden Schnurrbart drehte: »Famoses Weib. Auf Ehre. Wie _die_ nur +hierher kommt?« Und dann gab er seiner Bewunderung auch Hradscheck +gegenüber Ausdruck, worauf dieser nicht wenig geschmeichelt antwortete: +»Ja, Herr Rittmeister, Glück muß der Mensch haben! Mancher kriegt's im +Schlaf.« + +Und dann lachte der Eskadronchef und stieß mit ihm an. + + * * * + +Das alles war Mitte September. + +Aber das Wohlbefinden, so rasch es gekommen, so rasch ging es auch +wieder, und ehe noch das Erntefest heran war, waren die Kräfte schon so +geschwunden, daß die Kranke die Treppe kaum noch hinunter konnte. Sie +blieb deßhalb oben, sah auf den Hof und machte sich, um doch etwas zu +thun, mit der Neu-Einrichtung sämmtlicher Oberzimmer zu schaffen. Nur +die Giebelstube, nach der Kegelbahn hin, vermied sie. + +Hradscheck, der immer noch an die Möglichkeit einer Wiederherstellung +gedacht hatte, sah jetzt auch, wie's stand, und als der heimlich zu +Rathe gezogene Doktor Oelze von Abzehrung und Nervenschwindsucht +gesprochen, machte sich Hradscheck auf ihr Hinscheiden gefaßt. Daß er +darauf gewartet hätte, konnte nicht wohl gesagt werden; im Gegentheil, +er blieb seiner alten Neigung treu, war überaus rücksichtsvoll und +klagte nie, daß ihm die Frau fehle. Er wollt' auch von keiner andern +Hilfe wissen und ordnete selber alles an, was in der Wirthschaft zu thun +nöthig war. Vieles that er selbst. »Is doch ein Mordskerl,« sagte +Kunicke. »Was er will, kann er. Ich glaub', er kann auch einen Hasen +abziehn und Sülze kochen.« + +An dem Abend, wo Kunicke so gesprochen, hatte die Sitzung in der +Weinstube wieder ziemlich lange gedauert, und Hradscheck war noch keine +halbe Stunde zu Bett, als Male, die jetzt oben bei der Kranken schlief, +treppab kam und an seine Thür klopfte. + +»Herr Hradscheck, steihn's upp. De Fru schickt mi. Se sülln ruppkoamen.« + +Und nun saß er oben an ihrem Bett und sagte: »Soll ich nach Küstrin +schicken, Ursel? Soll Oelze kommen? Der Weg ist gut. In drei Stunden ist +er hier.« + +»In drei Stunden ...« + +»Oder soll Eccelius kommen?« + +»Nein,« sagte sie, während sie sich mühvoll aufrichtete, »es geht nicht. +Wenn ich es nehme, so sag' ich es.« + +Er schüttelte verdrießlich den Kopf. + +»Und sag' ich es _nicht_, so ess' ich mir selber das Gericht.« + +»Ach, laß doch _das_, Ursel. Was soll _das_? Daran denkt ja keiner. Und +ich am wenigsten. Er soll blos kommen und mit Dir sprechen. Er meint es +gut mit Dir und kann Dir einen Spruch sagen.« + +Es war, als ob sie sich's überlege. Mit einem Mal aber sagte sie: »Selig +sind die Friedfertigen; selig sind die reines Herzens sind; selig sind +die Sanftmüthigen. All die kommen in Abraham's Schoß. Aber wohin kommen +_wir_?« + +»Ich bitte Dich, Ursel, sprich nicht so. Frage nicht so. Und wozu? Du +bist noch nicht soweit, noch lange nicht. Es geht alles wieder vorüber. +Du lebst und wirst wieder eine gesunde Frau werden.« + +Es klang aber alles nur an ihr hin, und Gedanken nachhängend, die schon +über den Tod hinausgingen, sagte sie: »Verschlossen ... Und was +aufschließt, das ist der Glaube. Den hab ich nicht ... Aber is noch ein +Andres, das aufschließt, das sind die guten Werke ... Hörst Du. Du mußt +ohne Namen nach Krakau schreiben, an den Bischof oder an seinen Vikar. +Und mußt bitten, daß sie Seelenmessen lesen lassen ... Nicht für mich. +Aber Du weißt schon ... Und laß den Brief in Frankfurt aufgeben. Hier +geht es nicht und auch nicht in Küstrin. Ich habe mir's abgespart dies +letzte halbe Jahr, und Du findest es eingewickelt in meinem Wäschschrank +unter dem Damast-Tischtuch. Ja, Hradscheck, _das_ war es, wenn Du +dachtest, ich sei geizig geworden. Willst Du?« + +»Freilich will ich. Aber es wird Nachfrage geben.« + +»Nein. Das verstehst Du nicht. Das ist Geheimniß. Und sie gönnen einer +armen Seele die Ruh!« + +»Ach, Ursel, Du sprichst so viel von Ruh' und bangst Dich und ängstigst +Dich, ob Du sie finden wirst. Weißt Du, was ich denke?« + +»Nein.« + +»Ich denke, leben ist leben, und todt ist todt. Und wir sind Erde, und +Erde wird wieder Erde. Das Andre haben sich die Pfaffen ausgedacht. +Spiegelfechterei sag' ich, weiter nichts. Glaube mir, die Todten _haben_ +Ruhe.« + +»Weißt Du das so gewiß, Abel?« + +Er nickte. + +»Nun, ich sage Dir, die Todten stehen wieder auf ...« + +»Am jüngsten Tag.« + +»Aber es giebt ihrer auch, die warten nicht so lange.« + +Hradscheck erschrak heftig und drang in sie, mehr zu sagen. Aber sie war +schon in die Kissen zurückgesunken und ihre Hand, der seinigen sich +entziehend, griff nur noch krampfhaft in das Deckbett. Dann wurde sie +ruhiger, legte die Hand aufs Herz und murmelte Worte, die Hradscheck +nicht verstand. + +»Ursel,« rief er, »Ursel!« + +Aber sie hörte nicht mehr. + + + + + XV. + + +Das war in der Nacht von Sonnabend auf Sonntag gewesen, den letzten Tag +im September. Als am andern Morgen zur Kirche geläutet wurde, standen +die Fenster in der Stube weit offen, die weißen Gardinen bewegten sich +hin und her, und alle, die vorüberkamen, sahen nach der Giebelstube +hinauf und wußten nun, daß die Hradscheck gestorben sei. Schulze +Woytasch fuhr vor, aussprechend, was er sich bei gleichen Veranlassungen +zu sagen gewöhnt hatte, »daß ihr nun wohl sei« und »daß sie vor ihnen +allen einen guten Schritt voraushabe«. Danach trank er, wie jeden +Sonntag vor der Predigt, ein kleines Glas Madeira zur Stärkung und +machte dann die kurze Strecke bis zur Kirche hin zu Fuß. Auch Kunicke +kam und drückte Hradscheck verständnißvoll die Hand, das Auge gerade +verschwommen genug, um die Vorstellung einer Thräne zu wecken. +Desgleichen sprachen auch der Ölmüller und gleich nach ihm Bauer Mietzel +vor, welch letztrer sich bei Todesfällen immer der »Vorzüge seiner +Kränklichkeit von Jugend auf« zu berühmen pflegte. Das that er auch +heute wieder. »Ja, Hradscheck, der Mensch denkt und Gott lenkt. Ich +piepe nun schon so lang; aber es geht immer noch.« + +Auch noch andre kamen und sagten ein Wort. Die meisten indessen gingen +ohne Theilnahmsbezeigung vorüber und stellten Betrachtungen an, die sich +mit der Todten in nur wenig freundlicher Weise beschäftigten. + +»Ick weet nich,« sagte der eine, »wat Hradscheck an ehr hebben deih. Man +blot, dat se'n beten scheel wihr.« + +»Joa,« lachte der Andre. »Dat wihr se. Un am Enn', so wat künn he hier +ook hebb'n.« + +»Un denn dat hannüversche Geld. Ihrst schmeet se't weg, un mit eens fung +se to knusern an.« + +In dieser Weise ging das Gespräch einiger ältrer Leute; das junge +Weiberzeug aber beschränkte sich auf die eine Frage: »Weck' een he nu +woll frigen deiht?« + +Auf Mittwoch vier Uhr war das Begräbniß angesetzt, und viel Neugierige +standen schon vorher in einem weiten Halbkreis um das Trauerhaus herum. +Es waren meist Mägde, die schwatzten und kicherten, und nur einige waren +ernst, darunter die Zwillings-Enkelinnen einer armen alten Wittwe, +welche letztre, wenn Wäsche bei den Hradschecks war, allemal mitwusch. +Diese Zwillinge waren in ihren schwarzen, von der Frau Hradscheck +herrührenden Einsegnungskleidern erschienen und weinten furchtbar, was +sich noch steigerte, als sie bemerkten, daß sie durch ihr Geheul und +Geschluchze der Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit wurden. Dabei +gingen jetzt die Glocken in einem fort, und alles drängte dichter +zusammen und wollte sehn. Als es nun aber zum dritten Mal ausgeläutet +hatte, kam Leben in die drin und draußen Versammelten, und der Zug +setzte sich in Bewegung. Vorn die von Kantor Graumann geführte +Schuljugend, die, wie herkömmlich, den Choral »Jesus meine Zuversicht« +sang; nach ihr erschien der von sechs Trägern getragene Sarg; dann +Eccelius und Hradscheck; dahinter die Bauernschaft in schwarzen +Überröcken und hohen schwarzen Hüten, und endlich all die Neugierigen, +die bis dahin das Haus umstanden hatten. Es war ein wunderschöner Tag, +frische Herbstluft bei klarblauem Himmel. Aber die würdevoll vor sich +hinblickende Dorfhonoratiorenschaft achtete des blauen Himmels nicht, +und nur Bauer Mietzel, der noch Heu draußen hatte, das er am andern Tag +einfahren wollte, schielte mit halbem Auge hinauf. Da sah er, wie von +der andern Oderseite her ein Weih über den Strom kam und auf den +Tschechiner Kirchthurm zuflog. Und er stieß den neben ihm gehenden +Ölmüller an und sagte: »Süh, Quaas, doa is he wedder.« + +»Wihr denn?« + +»De Weih. Weetst noch?« + +»Nei.« + +»Dunn, as dat mit Szulski wihr. Ick segg' Di, de Weih, de weet wat.« + +Als sie so sprachen, bog die Spitze des Zuges auf den Kirchhof ein, an +dessen höchster Stelle, dicht neben dem Thurm, das Grab gegraben war. +Hier setzte man den Sarg auf darüber gelegte Balken, und als sich der +Kreis gleich danach geschlossen hatte, trat Eccelius vor, um die +Grabrede zu halten. Er rühmte von der Todten, daß sie, den ihr +anerzogenen Aberglauben abschüttelnd, nach freier Wahl und eignem +Entschluß den Weg des Lichtes gegangen sei, was nur _der_ wissen und +bezeugen könne, der ihr so nah gestanden habe wie er. Und wie sie das +Licht und die reine Lehre geliebt habe, so habe sie nicht minder das +Recht geliebt, was sich zu keiner Zeit schöner und glänzender gezeigt, +als in jenen schweren Tagen, die der selig Entschlafenen nach dem +Rathschlusse Gottes auferlegt worden seien. Damals, als er ihr nicht +ohne Mühe das Zugeständniß erwirkt habe, den, an dem ihr Herz und ihre +Seele hing, wiedersehn zu dürfen, wenn auch freilich nur vor Zeugen und +auf eine kurze halbe Stunde, da habe sie die wohl jedem hier in der +Erinnerung gebliebenen Worte gesprochen: »Nein, nicht jetzt; es ist +besser, daß ich warte. Wenn er unschuldig ist, so werd' ich ihn +wiedersehn, früher oder später; wenn er aber schuldig ist, so will ich +ihn _nicht_ wiedersehn.« Er freue sich, daß er diese Worte, hier am +Grabe der Heimgegangenen, ihr zu Ruhm und Ehre, wiederholen könne. Ja, +sie habe sich allezeit bewährt in ihrem Glauben und ihrem Rechtsgefühl. +Aber vor allem auch in ihrer Liebe. Mit Bangen habe sie die Stunden +gezählt, in schlaflosen Nächten ihre Kräfte verzehrend, und als endlich +die Stunde der Befreiung gekommen sei, da sei sie zusammengebrochen. Sie +sei das Opfer arger, damals herrschender Mißverständnisse, das sei +zweifellos, und alle die, die diese Mißverständnisse geschürt und +genährt hätten, anstatt sie zu beseitigen, die hätten eine schwere +Verantwortung auf ihre Seele geladen. Ja, dieser frühe Tod, er müsse das +wiederholen, sei das Werk derer, die das Gebot unbeachtet gelassen +hätten: »Du sollst nicht falsch Zeugniß reden wider Deinen Nächsten.« + +Und als er dieses sagte, sah er scharf nach einem entblätterten +Hagebuttenstrauch hinüber, unter dessen rothen Früchten die Jeschke +stand und dem Vorgange, wie schon damals in der Kirche, mehr neugierig +als verlegen folgte. + +Gleich danach aber schloß Eccelius seine Rede, gab einen Wink, den Sarg +hinab zu lassen, und sprach dann den Segen. Dann kamen die drei Hände +voll Erde, mit sich abschließendem Schmerzblick und Händeschütteln, und +ehe noch der am Horizont schwebende Sonnenball völlig unter war, war das +Grab geschlossen und mit Asterkränzen überdeckt. + +Eine halbe Stunde später, es dämmerte schon, war Eccelius wieder in +seiner Studirstube, das Sammetkäppsel auf dem Kopf, das ihm Frau +Hradscheck vor gerade Jahresfrist gestickt hatte. Die Bauern aber saßen +in der Weinstube, Hradscheck zwischen ihnen, und faßten alles, was sie +an Trost zu spenden hatten, in die Worte zusammen: »Immer Courage, +Hradscheck! Der alte Gott lebt noch« -- welchen Trost- und +Weisheitssprüchen sich allerlei Wiederverheirathungsgeschichten beinah +unmittelbar anschlossen. Eine davon, die beste, handelte von einem alten +Hauptmann v. Rohr, der vier Frauen gehabt und beim Hinscheiden jeder +Einzelnen mit einer gewissen trotzigen Entschlossenheit gesagt hatte: +»Nimmt Gott, so nehm' ich wieder.« Hradscheck hörte dem allem ruhig und +kopfnickend zu, war aber doch froh, die Tafelrunde heute früher als +sonst aufbrechen zu sehn. Er begleitete Kunicke bis an die Ladenthür +und stieg dann, er wußte selbst nicht warum, in die Stube hinauf, in der +Ursel gestorben war. Hier nahm er Platz an ihrem Bett und starrte vor +sich hin, während allerlei Schatten an Wand und Decke vorüberzogen. + +Als er eine Viertelstunde so gesessen, verließ er das Zimmer wieder und +sah, im Vorübergehen, daß die nach rechts hin gelegene Giebelstube halb +offenstand, dieselbe Stube, drin die Verstorbene nach vollendetem Umbau +zu wohnen und zu schlafen so bestimmt verweigert hatte. + +»Was machst Du hier, Male?« fragte Hradscheck. + +»Wat ick moak? Ick treck em sien Bett öwer.« + +»Wem?« + +»Is joa wihr ankoamen. Wedder een mit'n Pelz.« + +»So, so,« sagte Hradscheck und stieg die Treppe langsam hinunter. + +»Wedder een ... wedder een ... Immer noch nicht vergessen.« + + + + + XVI. + + +Frau Hradscheck war nun unter der Erde, Male hatte das Umschlagetuch +gekriegt, auf das ihre Wünsche sich schon lange gerichtet hatten, und +alles wäre gut gewesen, wenn nicht der letzte Wille der Verstorbenen +gewesen wäre: die Geldsendung an den Krakauer Bischof um der zu lesenden +Seelenmessen willen. Das machte Hradscheck Sorge, nicht wegen des +Geldes, davon hätt' er sich leicht getrennt, einmal weil Sparen und +Knausern überhaupt nicht in seiner Natur lag, vor allem aber weil er das +seiner Frau gegebene Versprechen gern zu halten wünschte, schon aus +abergläubischer Furcht. Das Geld also war es nicht, und wenn er trotzdem +in Schwanken und Säumniß verfiel, so war es, weil er nicht selber dazu +beitragen wollte, die kaum begrabene Geschichte vielleicht wieder ans +Licht zu ziehn. Ursel hatte freilich von Beichtgeheimniß und Ähnlichem +gesprochen, er mißtraute jedoch solcher Sicherheit, am meisten aber dem +ohne Namensunterschrift in Frankfurt aufzugebenden Briefe. + +In dieser Verlegenheit beschloß er endlich, Eccelius zu Rathe zu ziehn +und diesem die halbe Wahrheit zu sagen, und wenn nicht die halbe, so +doch wenigstens so viel, wie zu seiner Gewissens-Beschwichtigung gerade +nöthig war. Ursel, so begann er, habe zu seinem allertiefsten Bedauern +ernste katholische Rückfälle gehabt und ihm beispielsweis in ihrer +letzten Stunde noch eine Summe Geldes behändigt, um Seelenmessen für sie +lesen zu lassen (der, dem es eigentlich galt, wurde hier unterschlagen). +Er, Hradscheck, hab' ihr auch, um ihr das Sterben leichter zu machen, +alles versprochen, sein protestantisches Gewissen aber sträube sich +jetzt dagegen, ihr das Versprochene wörtlich und in all und jedem Stücke +zu halten, weßhalb er anfrage, ob er das Geld wirklich an die +Katholschen aushändigen oder nicht lieber nach Berlin reisen und ein +marmornes oder vielleicht auch gußeisernes Grabkreuz, wie sie jetzt Mode +seien, bestellen solle. + +Eccelius zögerte keinen Augenblick mit der Antwort und sagte genau das, +was Hradscheck zu hören wünschte. Versprechungen, die man einem +Sterbenden gäbe, seien natürlich bindend, das erheische die Pietät, das +sei die Regel. Aber jede Regel habe bekanntlich ihren Ausnahmefall, und +wenn das einem Sterbenden gegebene Versprechen falsch und sündhaft sei, +so hebe das Erkennen dieser Sündhaftigkeit das Versprechen wieder auf. +Das sei nicht blos Recht, das sei sogar Pflicht. Die ganze Sache, wie +Hradscheck sie geschildert, gehöre zu seinen schmerzlichsten +Erfahrungen. Er habe große Stücke von der Verstorbenen gehalten und +allezeit einen Stolz darein gesetzt, sie für die gereinigte Lehre +gewonnen zu haben. Daß er sich darin geirrt oder doch wenigstens halb +geirrt habe, sei, neben anderem, auch persönlich kränkend für ihn, was +er nicht leugnen wolle. Diese persönliche Kränkung indeß sei nicht das, +was sein eben gegebenes Urtheil bestimmt habe. Hradscheck solle getrost +bei seinem Plane bleiben und nach Berlin reisen, um das Kreuz zu +bestellen. Ein Kreuz und ein guter Spruch zu Häupten der Verstorbenen +werde derselben genügen, dem Kirchhof aber ein Schmuck und eine +Herzensfreude für jeden sein, der Sonntags daran vorüberginge. + + * * * + +Es war Ende Oktober gewesen, daß Eccelius und Hradscheck dies Gespräch +geführt hatten, und als nun Frühling kam und der ganze Tschechiner +Kirchhof, so kahl auch seine Bäume noch waren, in Schneeglöckchen und +Veilchen stand, erschien das gußeiserne Kreuz, das Hradscheck mit vieler +Wichtigkeit und nach langer und minutiöser Berathung auf der königlichen +Eisengießerei bestellt hatte. Zugleich mit dem Kreuze traf ein Steinmetz +mit zwei Gesellen ein, Leute, die das Aufrichten und Einlöthen aus dem +Grunde verstanden, und nachdem die Dorfjugend ein paar Stunden zugesehen +hatte, wie das Blei geschmolzen und in das Sockelloch eingegossen wurde, +stand das Kreuz da mit Spruch und Inschrift, und viele Neugierige kamen, +um die goldblanken Verzierungen zu sehn: unten ein Engel, die Fackel +senkend, und oben ein Schmetterling. All das wurde von Alt und Jung +bewundert. Einige lasen auch die Inschrift: »Ursula Vincentia +Hradscheck, geb. zu Hickede bei Hildesheim im Hannöverschen den 29. März +1790, gest. den 30. September 1832.« Und darunter Evang. Matthäi 6, +V. 14. Auf der Rückseite des Kreuzes aber stand ein muthmaßlich von +Eccelius selbst herrührender Spruch, darin er seinem Stolz, aber +freilich auch seinem Schmerz Ausdruck gegeben hatte. Dieser Spruch +lautete: »Wir wandelten in Finsterniß, bis wir das Licht sahen. Aber die +Finsterniß blieb, und es fiel ein Schatten auf unsren Weg.« + + * * * + +Unter denen, die sich das Kreuz gleich am Tage der Errichtung angesehen +hatten, waren auch Gensdarm Geelhaar und Mutter Jeschke gewesen. Sie +hatten denselben Heimweg und gingen nun gemeinschaftlich die Dorfstraße +hinunter, Geelhaar etwas verlegen, weil er den zu seiner eignen +Würdigkeit schlecht passenden Ruf der Jeschke besser als irgend wer +anders kannte. Seine Neugier überwand aber seine Verlegenheit, und so +blieb er denn an der Seite der Alten und sagte: + +»Hübsch is es. Un der Schmetterling so natürlich; beinah wie'n +Citronenvogel. Aber ich begreife Hradscheck nich, daß er sie so dicht an +dem Thurm begraben hat. Was soll sie da? Warum nicht bei den Kindern? +Eine Mutter muß doch da liegen, wo die Kinder liegen.« + +»Woll, woll, Geelhaar. Awers Hradscheck is klook. Un he weet ümmer, wat +he deiht.« + +»Gewiß weiß er das. Er ist klug. Aber gerade weil er klug ist ...« + +»Joa, joa.« + +»Nu was denn?« + +Und der sechs Fuß hohe Mann beugte sich zu der alten Hexe nieder, weil +er wohl merkte, daß sie was sagen wollte. + +»Was denn, Mutter Jeschke?« wiederholte er seine Frage. + +»Joa, Geelhaar, wat sall ick seggen? Eccelius möt et weten. Un de hett +nu ook wedder de Inschrift moakt. Awers _een_ is, de weet ümmer noch en +beten mihr.« + +»Und wer is das? Line?« + +»Ne, Line nich. Awers Hradscheck sülwsten. Hradscheck, de will de +Kinnings und de Fru nich tosoamen hebb'n. Nich so upp enen Hümpel.« + +»Nun gut, gut. Aber warum nicht, Mutter Jeschke?« + +»Nu, he denkt, wenn't los geiht.« + +Und nun blieb sie stehn und setzte dem halb verwundert, halb entsetzt +aufhorchenden Geelhaar auseinander, daß die Hradscheck an dem Tage, +»wo's los gehe«, doch natürlich nach ihren Kindern greifen würde, +vorausgesetzt, daß sie sie zur Hand habe. »Un dat wull de oll Hradscheck +nich.« + +»Aber, Mutter Jeschke, glaubt Ihr denn an so was?« + +»Joa, Geelhaar, worümm nich? Worümm sall ick an so wat nich glöwen?« + + + + + XVII. + + +Als das Kreuz aufgerichtet stand, es war Nachmittag geworden, kam auch +Hradscheck, sonntäglich und wie zum Kirchgange gekleidet, und die +Neugierigen, an denen den ganzen Tag über, auch als Geelhaar und die +Jeschke längst fort waren, kein Mangel blieb, sahen, daß er den Spruch +las und die Hände faltete. Das gefiel ihnen ausnehmend, am meisten aber +gefiel ihnen, daß er das theure Kreuz überhaupt bestellt hatte. Denn +Geld ausgeben (und noch dazu _viel_ Geld) war das, was den Tschechinern +als echten Bauern am meisten imponirte. Hradscheck verweilte wohl eine +Viertelstunde, pflückte Veilchen, die neben dem Grabhügel aufsprossen, +und ging dann in seine Wohnung zurück. + +Als es dunkel geworden war, kam Ede mit Licht, fand aber die Thür von +innen verriegelt, und als er nun auf die Straße ging, um wie gewöhnlich +die Fensterladen von außen zu schließen, sah er, daß Hradscheck, eine +kleine Lampe mit grünem Klappschirm vor sich, auf dem Sopha saß und den +Kopf stützte. So verging der Abend. Auch am andern Tage blieb er auf +seiner Stube, nahm kaum einen Imbiß, las und schrieb, und ließ das +Geschäft gehn, wie's gehen wollte. + +»Hür', Jakob,« sagte Male, »dat's joa grad' as ob se nu ihrst dod wihr. +Süh doch, wie heh doa sitt. He kann doch nu nich wedder anfang'n.« + +»Ne,« sagte Jakob, »dat kann he nich.« + +Und Ede, der hinzukam und heute gerade seinen hochdeutschen Tag hatte, +stimmte bei, freilich mit der Einschränkung, daß er auch von der +voraufgegangenen »ersten Trauer« nicht viel wissen wollte. + +»Wieder anfangen! Ja, was heißt wieder anfangen? Damals war es auch man +so so. Drei Tag' und nich länger. Und paß auf, Male, diesmal knappst er +noch was ab.« + +Und wirklich, Ede, der aller Dummheit unerachtet seinen Herrn gut +kannte, behielt Recht, und ehe noch der dritte Tag um war, ließ +Hradscheck die Träumerei fallen und nahm das gesellige Leben wieder auf, +das er schon während der zurückliegenden Wintermonate geführt hatte. +Dazu gehörte, daß er alle vierzehn Tage nach Frankfurt und alle vier +Wochen auch mal nach Berlin fuhr, wo er sich, nach Erledigung seiner +kaufmännischen Geschäfte, kein anderes Vergnügen als einen Theaterabend +gönnte. Deßhalb stieg er auch regelmäßig in dem an der Ecke von +Hohen-Steinweg und Königsstraße gelegenen »Gasthofe zum Kronprinzen« ab, +von dem aus er bis zu dem damals in Blüthe stehenden Königsstädtischen +Theater nur ein paar hundert Schritte hatte. War er dann wieder in +Tschechin zurück, so gab er den Freunden und Stammgästen in der +Weinstube, zu denen jetzt auch Schulze Woytasch gehörte, nicht blos +Scenen aus dem Angely'schen »Fest der Handwerker« und Holtei's »Altem +Feldherrn« und den »Wienern in Berlin« zum Besten, sondern sang ihnen +auch allerlei Lieder und Arien vor: »War's vielleicht um eins, war's +vielleicht um zwei, war's vielleicht drei oder vier.« Und dann wieder: +»In Berlin, sagt er, mußt Du sein, sagt er, immer sein, sagt er etc.« +Denn er besaß eine gute Tenorstimme. Besonderes Glück aber, weit über +die Singspiel-Arien hinaus, machte er mit dem Leierkastenlied von »Herrn +Schmidt und seinen sieben heirathslustigen Töchtern«, dessen erste +Strophe lautete: + + Herr Schmidt, Herr Schmidt, + Was kriegt denn Julchen mit? + »Ein Schleier und ein Federhut, + Das kleidet Julchen gar zu gut.« + +Dies Lied von Herrn Schmidt und seinen Töchtern war das Entzücken +Kunicke's, das verstand sich von selbst, aber auch Schulze Woytasch +versicherte jedem, der es hören wollte: »Für Hradscheck ist mir nicht +bange; der kann ja jeden Tag aufs Theater. Ich habe Beckmann gesehn; nu +ja, Beckmann is gut, aber Hradscheck is besser; er hat noch so was, ja +wie soll ich sagen, er hat noch so was, was Beckmann nicht hat.« + +Hradscheck gewöhnte sich an solchen Beifall, und wenn es sich auch +gelegentlich traf, daß er bei seinem Berliner Aufenthalte, während +dessen er allemal eine goldene Brille trug, keine Novität gesehen hatte, +so kam er doch nie mit leeren Händen zurück, weil er sich nicht eher +zufrieden gab, als bis er an den Schaufenstern der Buchläden irgend 'was +Komisches und unbändig Witziges ausgefunden hatte. Das hielt auch nie +schwer, denn es war gerade die »Glaßbrenner- oder Brennglas-Zeit«, und +wenn es solche Glaßbrenner-Geschichten nicht sein konnten, nun, so waren +es Sammlungen alter und neuer Anekdoten, die damals in kleinen dürftigen +Viergroschen-Büchelchen unter allerhand Namen und Titeln, so +beispielsweise als »Brausepulver«, feilgeboten wurden. Ja diese +Büchelchen fanden bei den Tschechinern einen ganz besondern Beifall, +weil die darin erzählten Geschichten immer kurz waren und nie lange auf +die Pointe warten ließen, und wenn das Gespräch mal stockte, so hatte +Kunicke den Stammwitz: »Hradscheck, ein Brausepulver.« + + * * * + +Es war Anfang Oktober, als Hradscheck wieder mal in Berlin war, diesmal +auf mehrere Tage, während er sonst immer den dritten Tag schon wieder +nach Hause kam. Ede, der mittlerweile das Geschäft versah, paßte gut auf +den Dienst, und nur in der Stunde von 1 bis 2, wo sich kaum ein Mensch +im Laden sehen ließ, gefiel er sich darin, den Herrn zu spielen und, +ganz so wie Hradscheck zu thun pflegte, mit auf den Rücken gelegten +Händen im Garten auf und ab zu gehen. Das that er auch heute wieder, +zugleich aber rief er nach Jakob und trug ihm auf, und zwar in ziemlich +befehlshaberischem Tone, daß er einen neuen Reifen um die Wassertonne +legen solle. Dann sah er nach den Staarkästen am Birnbaum und zog einen +Zweig zu sich herab, um noch eine der nachgereiften »Franzosenbirnen« +zu pflücken. Es war ein Prachtexemplar, in das er sofort einbiß. Als er +aber den Zweig wieder los ließ, sah er, daß die Jeschke drüben am Zaune +stand. + +»Dag, Ede.« + +»Dag, Mutter Jeschke.« + +»Na, schmeckt et?« + +»I worümm nich? Is joa 'ne Malvasier.« + +»Joa. Vördem wihr et 'ne Malvesier. Awers nu ...« + +»Nu is et 'ne 'Franzosenbeer'. Ick weet woll. Awers dat's joa all een.« + +»Joa, wer weet, Ede. Doa is nu so wat mang. Heste noch nix maarkt?« + +Der Junge ließ erschreckt die Birne fallen, das alte Weib aber bückte +sich danach und sagte: »Ick meen' joa nich de Beer'. Ick meen sünnsten.« + +»Wat denn? Wo denn?« + +»Na, so 'rümm um't Huus.« + +»Nei, Mutter Jeschke.« + +»Un ook nich unnen in'n Keller? Hest' noch nix siehn o'r hürt?« + +»Nei, Mutter Jeschke. Man blot ...« + +»Un grappscht ook nich?« + +Der Junge war ganz blaß geworden. + +»Joa, Mutter Jeschke, mal wihr mi so. Mal wihr mi so, as hüll mi wat an +de Hacken. Joa, ick glöw, et grappscht.« + +Die Jeschke sah ihren Zweck erreicht und lenkte deßhalb geschickt wieder +ein. »Ede, Du bist ne Bangbüchs. Ick hebb' joa man spoaßt. Is joa man +all dumm Tüg.« + +Und damit ging sie wieder auf ihr Haus zu und ließ den Jungen stehn. + + * * * + +Drei Tage danach war Hradscheck wieder aus Berlin zurück, in +vergnüglicherer Stimmung als seit lange, denn er hatte nicht nur alles +Geschäftliche glücklich erledigt, sondern auch die Bekanntschaft einer +jungen Dame gemacht, die sich seiner Person wie seinen Heirathsplänen +geneigt gezeigt hatte. Diese junge Dame war die Tochter aus einem +Destillationsgeschäft, groß und stark, mit etwas hervortretenden, immer +lachenden Augen, eine Vollblut-Berlinerin. »Forsch und fidel« war ihre +Losung, der auch ihre Lieblingsredensart: »Ach, das ist ja zum +Todtlachen« entsprach. Aber dies war nur so für alle Tage. Wurd' ihr +dann wohliger ums Herz, so wurden es auch ihre Redewendungen, und sie +sagte dann: »I da muß ja 'ne alte Wand wackeln«, oder »Das ist ja +gleich, um einen Puckel zu kriegen.« Ihr Schönstes waren Landpartieen +einschließlich gesellschaftlicher Spiele wie Zeck oder Plumpsack, dazu +saure Milch mit Schwarzbrot und Heimfahrt mit Stocklaternen und Gesang: +»Ein freies Leben führen wir«, »Frisch auf, Kameraden«, »Lützow's wilde +verwegene Jagd« und »Steh' ich in finstrer Mitternacht«. In Folge +welcher ausgesprochenen Vorliebe sie sich in den Kopf gesetzt hatte, nur +aufs Land hinaus heirathen zu wollen. Und darüber war sie 30 Jahr alt +geworden, alles blos aus Eigensinn und Widerspenstigkeit. Ihren Namen +»Editha« aber hatte die Mutter in Dittchen abgekürzt. + +So die Bekanntschaft, die Hradscheck während seines letzten Berliner +Aufenthaltes gemacht hatte. Mit Editha selbst war er so gut wie einig +und nur die Eltern hatten noch kleine Bedenken. Aber was bedeutete das? +Der Vater war ohnehin daran gewöhnt nicht gefragt zu werden, und die +Mutter, die nur wegen der neun Meilen Entfernung noch einigermaßen +schwankte, wäre keine richtige Mutter gewesen, wenn sie nicht +schließlich auch hätte Schwiegermutter sein wollen. + +Also Hradscheck war in bester Stimmung, und ein Ausdruck derselben war +es, daß er diesmal mit einem besonders großen Vorrath von Berliner +Witzlitteratur nach Tschechin zurückkehrte, darunter eine komische +Romanze, die letzten Sonntag erst vom Hofschauspieler Rüthling im +Koncertsaale des königlichen Schauspielhauses vorgetragen worden war und +zwar in einer Matinée, der, neben der ganzen #haute volée# von Berlin, +auch Hradscheck und Editha beigewohnt hatten. Diese Romanze behandelte +die berühmte Geschichte vom Eckensteher, der einen armen +Apothekerlehrling, »weil das Räucherkerzchen partout nicht stehn wolle«, +Schlag Mitternacht aus dem Schlaf klingelte, welche Geschichte damals +nicht blos die ganze vornehme Welt, sondern besonders auch unsern auf +alle Berliner Witze ganz wie versessenen Hradscheck derart hingenommen +hatte, daß er die Zeit, sie seinem Tschechiner Convivium vorzulesen, +kaum erwarten konnte. Nun aber war es so weit, und er feierte Triumphe, +die fast noch größer waren, als er zu hoffen gewagt hatte. Kunicke +brüllte vor Lachen und bot den dreifachen Preis, wenn ihm Hradscheck das +Büchelchen ablassen wolle. »Das müss' er seiner Frau vorlesen, wenn er +nach Hause komme, diese Nacht noch; so was sei noch gar nicht +dagewesen.« Und dann sagte Schulze Woytasch: »Ja, die Berliner! Ich weiß +nicht! Und wenn mir einer tausend Thaler gäbe, so was könnt' ich nich +machen. Es sind doch verflixte Kerls.« + +Die »Romanze vom Eckensteher« indeß, so glänzend ihr Vortrag abgelaufen +war, war doch nur Vorspiel und Plänkelei gewesen, darin Hradscheck sein +bestes Pulver noch nicht verschossen hatte. Sein Bestes, oder doch das, +was er persönlich dafür hielt, kam erst nach und war die Geschichte von +einem der politischen Polizei zugetheilten Gensdarmen, der einen unter +Verdacht des Hochverraths stehenden und in der Kurstraße wohnenden +badischen Studenten Namens Haitzinger ausfindig machen sollte, was ihm +auch gelang und einige Zeit danach zu der amtlichen Meldung führte, daß +er den pp. Haitzinger, der übrigens Blümchen heiße, gefunden habe, +trotzdem derselbe nicht in der Kurstraße, sondern auf dem Spittelmarkt +wohnhaft und nicht badischer Student, sondern ein sächsischer Leineweber +sei. »Und nun, Ihr Herren und Freunde,« schloß Hradscheck seine +Geschichte, »dieser ausbündig gescheite Gensdarm, wie hieß er? Natürlich +Geelhaar, nicht wahr? Aber nein, Ihr Herren, fehlgeschossen, er hieß +bloß Müller II. Ich habe mich genau danach erkundigt, sonst hätt' ich +bis an mein Lebensende geschworen, daß er Geelhaar geheißen haben +müsse.« + +Kunicke schüttelte sich und wollte von keinem andern Namen als Geelhaar +wissen, und als man sich endlich ausgetobt und ausgejubelt hatte (nur +Woytasch, als Dorfobrigkeit, sah etwas mißbilligend drein), sagte Quaas: +»Kinder, so was haben wir nicht alle Tage, denn Hradscheck kommt nicht +alle Tage von Berlin. Ich denke deßhalb, wir machen noch eine Bowle: +drei Mosel, eine Rheinwein, eine Burgunder. Und nicht zu süß. Sonst +haben wir morgen Kopfweh. Es ist erst halb zwölf, fehlen noch fünf +Minuten. Und wenn wir uns 'ran halten, machen wir um Mitternacht die +Nagelprobe.« + +»Bravo!« stimmte man ein. »Aber nicht zu früh; Mitternacht ist zu früh.« + +Und Hradscheck erhob sich, um Ede, der verschlafen im Laden auf einem +vorgezogenen Zuckerkasten saß, in den Keller zu schicken und die fünf +Flaschen heraufholen zu lassen. »Und paß auf, Ede; der Burgunder liegt +durcheinander, rother und weißer, der mit dem grünen Lack ist es.« + +Ede rieb sich den Schlaf aus den Augen, nahm Licht und Korb und hob die +Fallthür auf, die zwischen den übereinander gepackten Ölfässern, und +zwar an der einzig frei gebliebenen Stelle, vom Flur her in den Keller +führte. + +Nach ein paar Minuten war er wieder oben und klopfte vom Laden her an +die Thür, zum Zeichen, daß alles da sei. + +»Gleich,« rief der wie gewöhnlich mitten in einem Vortrage steckende +Hradscheck, »gleich«, und trat erst, als er seinen Satz beendet hatte, +von der Weinstube her in den Laden. Hier schob er sich eine schon vorher +aus der Küche heranbeorderte Terrine bequem zurecht und griff nach dem +Korkzieher, um die Flaschen aufzuziehn. Als er aber den Burgunder in die +Hand nahm, gab er dem Jungen, halb ärgerlich halb gutmüthig, einen Tipp +auf die Schulter und sagte: »Bist ein Döskopp, Ede. Mit grünem Lack, +hab' ich Dir gesagt. Und das ist gelber. Geh und hol' 'ne richtige +Flasche. Wer's nich im Kopp hat, muß es in den Beinen haben.« + +Ede rührte sich nicht. + +»Nun, Junge, wird es? Mach flink.« + +»Ick geih nich.« + +»Du gehst nich? warum nich?« + +»Et spökt.« + +»Wo?« + +»Unnen ... Unnen in'n Keller.« + +»Junge, bist Du verrückt? Ich glaube, Dir steckt schon der +Mitternachtsgrusel im Leibe. Rufe Jakob. Oder nein, der is schon zu +Bett; rufe Male, _die_ soll kommen und Dich beschämen. Aber laß nur.« + +Und dabei ging er selber bis an die Küchenthür und rief hinaus: »Male«. + +Die Gerufene kam. + +»Geh in den Keller, Male.« + +»Nei, Herr Hradscheck, ick geih nich.« + +»Auch _Du_ nich. Warum nich?« + +»Et spökt.« + +»Ins Dreideibels Namen, was soll der Unsinn?« + +Und er versuchte zu lachen. Aber er hielt sich dabei nur mit Müh' auf +den Beinen, denn ihn schwindelte. Zu gleicher Zeit empfand er deutlich, +daß er kein Zeichen von Schwäche geben dürfe, vielmehr umgekehrt bemüht +sein müsse, die Weigerung der Beiden ins Komische zu ziehn, und so riß +er denn die Thür zur Weinstube weit auf und rief hinein: »Eine +Neuigkeit, Kunicke ...« + +»Nu, was giebt's?« + +»Unten spukt es. Ede will nicht mehr in den Keller und Male natürlich +auch nicht. Es sieht schlecht aus mit unsrer Bowle. Wer kommt mit? Wenn +zwei kommen, spukt es nicht mehr.« + +»Wir alle,« schrie Kunicke. »Wir alle. Das giebt einen Hauptspaß. Aber +Ede muß auch mit.« + +Und bei diesen Worten eines der zur Hand stehenden Lichter nehmend, +zogen sie -- mit Ausnahme von Woytasch, dem das Ganze mißhagte -- +brabbelnd und plärrend und in einer Art Procession, als ob einer +begraben würde, von der Weinstube her durch Laden und Flur, und stiegen +langsam und immer einer nach dem andern die Stufen der Kellertreppe +hinunter. + +»Alle Wetter, is _das_ ein Loch!« sagte Quaas, als er sich unten +umkuckte. »Hier kann einem ja gruslig werden. Nimm nur gleich ein paar +mehr mit, Hradscheck. Das hilft. Je mehr Fidelité, je weniger Spuk.« + +Und bei solchem Gespräch, in das Hradscheck einstimmte, packten sie den +Korb voll und stiegen die Kellertreppe wieder hinauf. Oben aber warf +Kunicke, der schon stark angeheitert war, die schwere Fallthür zu, daß +es durch das ganze Haus hin dröhnte. + +»So, nu sitzt er drin.« + +»Wer?« + +»Na wer? Der Spuk.« + +Alles lachte; das Trinken ging weiter, und Mitternacht war lange +vorüber, als man sich trennte. + + + + + XVIII. + + +Hradscheck, sonst mäßig, hatte mit den andern um die Wette getrunken, +blos um eine ruhige Nacht zu haben. Das war ihm auch geglückt, und er +schlief nicht nur fest, sondern auch weit über seine gewöhnliche Stunde +hinaus. Erst um acht Uhr war er auf. Male brachte den Kaffee, die Sonne +schien ins Zimmer, und die Sperlinge, die das aus den Häckselsäcken +gefallene Futterkorn aufpickten, flogen, als sie damit fertig waren, +aufs Fensterbrett und meldeten sich. Ihre Zwitschertöne hatten etwas +Heitres und Zutrauliches, das dem Hausherrn, der ihnen reichlich +Semmelkrume zuwarf, unendlich wohl that, ja, fast war's ihm, als ob er +ihren Morgengruß verstände: »Schöner Tag heute, Herr Hradscheck; frische +Luft; alles leicht nehmen!« + +Er beendete sein Frühstück und ging in den Garten. Zwischen den +Buchsbaum-Rabatten stand viel Rittersporn, halb noch in Blüthe, halb +schon in Samenkapseln, und er brach eine der Kapseln ab und streute die +schwarzen Körnchen in seine Handfläche. Dabei fiel ihm, wie von +ungefähr, ein, was ihm Mutter Jeschke vor Jahr und Tag einmal über +Farrnkrautsamen und Sich-unsichtbar-machen gesagt hatte. +»Farrnkrautsamen in die Schuh gestreut ...« Aber er mocht' es nicht +ausdenken und sagte, während er sich auf eine neuerdings um den Birnbaum +herum angebrachte Bank setzte: »Farrnkrautsamen! Nun fehlt blos noch das +Licht vom ungebornen Lamm. Alles Altweiberschwatz. Und wahrhaftig, ich +werde noch selber ein altes Weib ... Aber da kommt sie ...« + +Wirklich, als er so vor sich hinredete, kam die Jeschke zwischen den +Spargelbeeten auf ihn zu. + +»Dag, Hradscheck. Wie geiht et? Se kümmen joa goar nich mihr.« + +»Ja, Mutter Jeschke, wo soll die Zeit herkommen? Man hat eben zu thun. +Und der Ede wird immer dummer. Aber setzen Sie sich. Hierher. Hier ist +Sonne.« + +»Nei, loatens man, Hradscheck, loatens man. Ick sitt schon so veel. +Awers Se möten sitten bliewen.« Und dabei malte sie mit ihrem Stock +allerlei Figuren in den Sand. + +Hradscheck sah ihr zu, ohne seinerseits das Wort zu nehmen, und so fuhr +sie nach einer Pause fort: »Joa, veel to dohn is woll. Wihr joa gistern +wedder Klock een. Kunicke kunn woll wedder nich los koamen? _Den_ kenn' +ick. Na, sien Vader, de oll Kunicke, wihr ook so. Man blot noch en beten +mihr.« + +»Ja,« lachte Hradscheck, »spät war es. Un denken Sie sich, Mutter +Jeschke, Klock zwölf oder so herum sind wir noch fünf Mann hoch in den +Keller gestiegen. Und warum? Weil der Ede nicht mehr wollte.« + +»Nu, süh eens. Un worümm wull he nich?« + +»Weil's unten spuke. Der Junge war wie verdreht mit seinem ewigen 'et +spökt' und 'et grappscht'. Und weil er dabei blieb und wir unsre Bowle +doch haben wollten, so sind wir am Ende selber gegangen.« + +»Nu, süh eens,« wiederholte die Alte. »Hätten em salln 'ne Muulschell +gewen.« + +»Wollt' ich auch. Aber als er so dastand und zitterte, da konnt' ich +nicht. Und dann dacht' ich auch ...« + +»Ach wat, Hradscheck, is joa all dumm Tüg ... _Un wenn_ et wat is, na, +denn möt' et de Franzos sinn.« + +»Der Franzose?« + +»Joa, de Franzos. Kuckens moal; de Ihrd geiht hier so'n beten dahl. He +moak woll en beten rutscht sinn.« + +»Rutscht sinn«, wiederholte Hradscheck und lachte mit der Alten um die +Wette. »Ja, der Franzos ist gerutscht. Alles gut. Aber wenn ich nur den +Jungen erst wieder in Ordnung hätte. Der macht mir das ganze Dorf +rebellisch. Und wie die Leute sind, wenn sie von Spuk hören, da wird +ihnen ungemüthlich. Und dann kommt zuletzt auch die dumme Geschichte +wieder zur Sprache. Sie wissen ja ...« + +»Woll, woll, ick weet.« + +»Und dann, Mutter Jeschke, Spuk ist Unsinn. Natürlich. Aber es giebt +doch welche ...« + +»Joa, joa.« + +»Es giebt doch welche, die sagen: Spuk ist _nicht_ Unsinn. Wer hat nu +Recht? Nu mal heraus mit der Sprache.« + +Der Alten entging nicht, in welcher Pein und Beklemmung Hradscheck war, +weshalb sie, wie sie stets zu thun pflegte, mit einem »ja« antwortete, +das ebenso gut ein »nein«, und mit einem »nein«, das ebenso gut ein »ja« +sein konnte. + +»Mien leew Hradscheck,« begann sie, »Se wullen wat weten von mi. Joa, +wat weet ick? Spök! Gewen moak et joa woll so wat. Un am Enn' ook wedder +nich. Un ick segg' ümmer: wihr sich jrult, för den is et wat, und wihr +sich _nich_ jrult, för den is et nix.« + +Hradscheck, der mit gespanntester Aufmerksamkeit gefolgt war, nickte +zustimmend, während die sich plötzlich neben ihn setzende Alte mit +wachsender Vertraulichkeit fortfuhr: »Ick will Se wat seggen, +Hradscheck. Man möt man blot Kurasch hebben. Un Se hebben joa. Wat is +Spök? Spök, dat's grad so, as wenn de Müüs' knabbern. Wihr ümmer +hinhürt, na, de slöppt nich; wihr awers so bi sich seggen deiht: 'na, +worümm salln se nich knabbern', de slöppt.« + +Und bei diesen Worten erhob sie sich rasch wieder und ging, zwischen den +Beeten hin, auf ihre Wohnung zu. Mit einem Mal aber blieb sie stehn und +wandte sich wieder, wie wenn sie 'was vergessen habe. »Hürens, +Hradscheck, wat ick Se noch seggen wull, uns' Line kümmt ook wedder. Se +hett gistern schrewen. Wat mienens? _De_ wihr so wat för Se.« + +»Geht nicht, Mutter Jeschke. Was würden die Leute sagen? Un is auch eben +erst ein Jahr.« + +»Woll. Awers se kümmt ook ihrst um Martini 'rümm ... Und denn, +Hradscheck, Se bruken se joa nich glieks to frijen.« + + + + + XIX. + + +»De Franzos is rutscht,« hatte die Jeschke gesagt und war dabei wieder +so sonderbar vertraulich gewesen, alles mit Absicht und Berechnung. Denn +wenn das Gespräch auch noch nachwirkte, darin ihr, vor länger als einem +Jahr, ihr sonst so gefügiger Nachbar mit einer Verläumdungsklage gedroht +hatte, so konnte sie, trotz alledem, von der Angewohnheit nicht lassen, +in dunklen Andeutungen zu sprechen, als wisse sie was und halte nur +zurück. + +»Verdammt!« murmelte Hradscheck vor sich hin. »Und dazu der Ede mit +seiner ewigen Angst.« + +Er sah deutlich die ganze Geschichte wieder lebendig werden, und ein +Schwindel ergriff ihn, wenn er an all das dachte, was bei diesem Stande +der Dinge jeder Tag bringen konnte. + +»Das geht so nicht weiter. Er muß weg. Aber wohin?« + +Und bei diesen Worten ging Hradscheck auf und ab und überlegte. + +»Wohin? Es heißt, er liege in der Oder. Und dahin muß er ... je eher je +lieber ... _Heute_ noch. Aber ich wollte, dies Stück Arbeit wäre +gethan. Damals ging es, das Messer saß mir an der Kehle. Aber jetzt! +Wahrhaftig, das Einbetten war nicht so schlimm, als es das Umbetten +ist.« + +Und von Angst und Unruhe getrieben, ging er auf den Kirchhof und trat an +das Grab seiner Frau. Da war der Engel mit der Fackel und er las die +Inschrift. Aber seine Gedanken konnten von dem, was er vorhatte, nicht +los, und als er wieder zurück war, stand es fest: »Ja, _heute_ noch ... +Was du thun willst, thue bald.« + +Und dabei sann er nach, _wie's_ geschehn müsse. + +»Wenn ich nur etwas Farrnkraut hätt'. Aber wo giebt es Farrnkraut hier? +Hier wächst ja blos Gras und Gerste, weiter nichts, und ich kann doch +nicht zehn Meilen in der Welt herumkutschiren, blos um mit einem großen +Busch Farrnkraut wieder nach Hause zu kommen. Und warum auch? Unsinn ist +es doch.« + +Er sprach noch so weiter. Endlich aber entsann er sich, in dem +benachbarten Gusower Park einen ganzen Wald von Farrnkraut gesehn zu +haben. Und so rief er denn in den Hof hinaus und ließ anspannen. + +Um Mittag kam er zurück, und vor ihm, auf dem Rücksitze des Wagens, lag +ein riesiger Farrnkrautbusch. Er kratzte die Samenkörnchen ab und that +sie sorglich in eine Papierkapsel und die Kapsel in ein Schubfach. Dann +ging er noch einmal alles durch, was er brauchte, trug das Grabscheit, +das für gewöhnlich neben der Gartenthür stand, in den Keller hinunter +und war wie verwandelt, als er mit diesen Vorbereitungen fertig war. + +Er pfiff und trällerte vor sich hin und ging in den Laden. + +»Ede, Du kannst heute Nachmittag ausgehn. In Gusow ist Jahrmarkt mit +Karoussel und sind auch Kunstreiter da, das heißt Seiltänzer. Ich hab' +heute Vormittag das Seil spannen sehn. Und vor acht brauchst Du nicht +wieder hier zu sein. Da nimm, das ist für Dich, und nun amüsire Dich +gut. Und is auch 'ne Waffelbude da, mit Eierbier und Punsch. Aber hübsch +mäßig, nich zu viel; hörst Du, keine Dummheiten machen.« + +Ede strahlte vor Glück, machte sich auf den Weg und war Punkt acht +wieder da. Zugleich mit ihm kamen die Stammgäste, die, wie gewöhnlich, +ihren Platz in der Weinstube nahmen. Einige hatten schon erfahren, daß +Hradscheck am Vormittag in Gusow gewesen und mit einem großen Busch +Farrnkraut zurückgekommen sei. + +»Was Du nur mit dem Farrnkraut willst?« fragte Kunicke. + +»Anpflanzen.« + +»Das wuchert ja. Wenn das drei Jahr in Deinem Garten steht, weißt Du vor +Unkraut nicht mehr, wo du hin sollst.« + +»Das soll es auch. Ich will einen hohen Zaun davon ziehn. Und je rascher +es wächst, desto besser.« + +»Na, sieh Dich vor damit. Das ist wie die Wasserpest; wo sich das mal +eingenistet hat, ist kein Auskommen mehr. Und vertreibt Dich am Ende von +Haus und Hof.« + +Alles lachte, bis man zuletzt auf die Kunstreiter zu sprechen kam und an +Hradscheck die Frage richtete, was er denn eigentlich von ihnen gesehen +habe? + +»Blos das Seil. Aber Ede, der heute Nachmittag da war, der wird wohl +Augen gemacht haben.« + +Und nun erzählte Hradscheck des Breiteren, daß _der_, dem die Truppe +jetzt gehöre, des alten Kolter Schwiegersohn sei, ja, die Frau desselben +nenne sich noch immer nach dem Vater und habe den Namen ihres Mannes gar +nicht angenommen. + +Er sagte das alles so hin, wie wenn er die Kolters ganz genau kenne, was +den Ölmüller zu verschiedenen Fragen über die berühmte Seiltänzerfamilie +veranlaßte. Denn Springer und Kunstreiter waren Quaasens unentwegte +Passion, seit er als zwanzigjähriger Junge mal auf dem Punkte gestanden +hatte, mit einer Kunstreiterin auf und davon zu gehn. Seine Mutter +jedoch hatte Wind davon gekriegt und ihn nicht blos in den Milchkeller +gesperrt, sondern auch den Direktor der Truppe gegen ein erhebliches +Geldgeschenk veranlaßt, die »gefährliche Person« bis nach Reppen hin +vorauszuschicken. All das, wie sich denken läßt, gab auch heute wieder +Veranlassung zu vielfachen Neckereien und um so mehr, als Quaas ohnehin +des Vorzugs genoß, Stichblatt der Tafelrunde zu sein. + +»Aber was is das mit Kolter?« fragte Kunicke. »Du wolltest von ihm +erzählen, Hradscheck. Is es ein Reiter oder ein Springer?« + +»Blos ein Springer. Aber was für einer!« + +Und nun fing Hradscheck an, eine seiner Hauptgeschichten zum Besten zu +geben, die vom alten Kolter nämlich, der Anno 14 schon sehr berühmt und +mit in Wien auf dem Kongreß gewesen sei. + +»Was, was? Mit auf dem Kongreß?« + +»Versteht sich. Und warum nicht?« + +»Auf dem Kongreß also.« + +Und da habe denn, so fuhr Hradscheck fort, der König von Preußen zum +Kaiser von Rußland gesagt: »Höre, Bruderherz, was Du von Deinem +Stiglischeck auch sagen magst, Kolter ist doch besser, Parole d'honneur, +Kolter ist der erste Springer der Welt, und was ihm auch passiren mag, +er wird sich immer zu helfen wissen.« Und als nun der Kaiser von Rußland +das bestritten, da hätten sie gewettet, und wäre blos _die_ Bedingung +gewesen, daß nichts vorher gesagt werden solle. Das hätten sie denn auch +gehalten. Und als nun Kolter halb schon das zwischen zwei Thürmen +ausgespannte Seil hinter sich gehabt habe, da sei mit einem Male, von +der andern Seite her, ein andrer Seiltänzer auf ihn losgekommen, das sei +Stiglischeck gewesen, und keine Minute mehr, da hätten sie sich +gegenüber gestanden und der Russe, was ihm auch keiner verdenken könne, +habe blos gesagt: »Alles #perdu#, Bruder: _Du_ verloren, ich verloren.« +Aber Kolter habe nur gelacht und ihm was ins Ohr geflüstert, einige +sagen einen frommen Spruch, andre aber sagen das Gegentheil, und sei +dann mit großer Anstrengung und Geschicklichkeit zehn Schritte rückwärts +gegangen, während der andre sich niedergehuckt habe. Und nun habe Kolter +einen Anlauf genommen und sei mit eins, zwei, drei über den andern +weggesprungen. Da sei denn ein furchtbares Beifallklatschen gewesen und +einige hätten laut geweint und immer wieder und wieder gesagt, »das sei +mehr als Napoleon«. Und der Kaiser von Rußland habe seine Wette +verloren und auch wirklich bezahlt. + +»Wird er wohl, wird er wohl,« sagte Kunicke. »Der Russe bezahlt immer. +Hat's ja ... Bravo, Hradscheck; bravo!« + +So war Hradscheck mit Beifall belohnt worden und hatte von Viertelstunde +zu Viertelstunde noch vieles Andre zum Besten gegeben, bis endlich um +elf die Stammgäste das Haus verließen. + + * * * + +Ede war schon zu Bett geschickt und in dem weiten Hause herrschte +Todesstille. Hradscheck schritt auf und ab in seiner Stube, mußte sich +aber setzen, denn der Aufregungen dieses Tages waren so viele gewesen, +daß er sich, trotz fester Nerven, einer Ohnmacht nahe fühlte. So lang er +drüben Geschichten erzählt hatte, munterer und heiterer, so wenigstens +schien es, als je zuvor, war kein Tropfen Wein über seine Lippen +gekommen, jetzt aber nahm er Kognak und Wasser und fühlte, wie Kraft und +Entschlossenheit ihm rasch wiederkehrten. Er ging auf das Schubfach zu, +drin er das Kapselchen versteckt hatte, zog gleich danach seine Schuh' +aus und pulverte von dem Farrnkrautsamen hinein. + +»So!« + +Und nun stand er wieder in seinen Schuhen und lachte. + +»Will doch mal die Probe machen! Wenn ich jetzt unsichtbar bin, muß ich +mich auch selber nicht sehen können.« + +Und das Licht zur Hand nehmend, trat er vor den schmalen Trumeau mit +dem weißlackirten Rahmen und sah hinein und nickte seinem Spiegelbilde +zu. »Guten Tag, Abel Hradscheck. Wahrhaftig, wenn alles so viel hilft, +wie der Farrnkrautsamen, so werd' ich nicht weit kommen und blos noch +das angenehme Gefühl haben, ein Narr gewesen zu sein und ein Dummkopf, +den ein altes Weib genasführt hat. Die verdammte Hexe! Warum lebt sie? +Wäre sie weg, so hätt' ich längst Ruh' und brauchte diesen Unsinn nicht. +Und brauchte nicht ...« Ein Grusel überlief ihn, denn das Furchtbare, +was er vorhatte, stand mit einem Male wieder vor seiner Seele. Rasch +aber bezwang er sich. »Eins kommt aus dem andern. Wer A sagt, muß B +sagen.« + +Und als er so gesprochen und sich wieder zurecht gerückt hatte, ging er +auf einen kleinen Eckschrank zu und nahm ein Laternchen heraus, das er +sich schon vorher durch Überkleben mit Papier in eine Art Blendlaterne +umgewandelt hatte. Die Alte drüben sollte den Lichtschimmer nicht wieder +sehn und ihn nicht zum wievielsten Male mit ihrem »ick weet nich, +Hradscheck, wihr et in de Stuw or wihrt et in'n Keller« in Wuth und +Verzweiflung bringen. Und nun zündete er das Licht an, knipste die +Laternenthür wieder zu und trat rasch entschlossen auf den Flur hinaus. +Was er brauchte, darunter auch ein Stück alter Teppich, aus langen +Tuchstreifen geflochten, lag längst unten in Bereitschaft. + +»Vorwärts, Hradscheck!« + +Und zwischen den großen Ölfässern hin ging er bis an den Kellereingang, +hob die Fallthür auf und stieg langsam und vorsichtig die Stufen +hinunter. Als er aber unten war, sah er, daß die Laterne, trotz der +angebrachten Verblendung, viel zu viel Licht gab und nach oben hin, wie +aus einem Schlot, einen hellen Schein warf. Das durfte nicht sein, und +so stieg er die Treppe wieder hinauf, blieb aber in halber Höhe stehn +und griff blos nach einem ihm in aller Bequemlichkeit zur Hand liegenden +Brett, das hier an das nächstliegende Ölfaß herangeschoben war, um die +ganze Reihe der Fässer am Rollen zu verhindern. Es war nur schmal, aber +doch gerade breit genug, um unten das Kellerfenster zu schließen. + +»Nun mag sie sich drüben die Augen auskucken. Meinetwegen. Durch ein +Brett wird sie ja wohl nicht sehn können. Ein Brett ist besser als +Farrnkrautsamen ...« + +Und damit schloß er die Fallthür und stieg wieder die Stufen hinunter. + + + + + XX. + + +Ede war früh auf und bediente seine Kunden. Dann und wann sah er nach +der kleinen im Nebenzimmer hängenden Uhr, die schon auf ein Viertel nach +acht zeigte. + +»Wo der Alte nur bleibt?« + +Ede durfte die Frage schon thun, denn für gewöhnlich erschien Hradscheck +mit dem Glockenschlage sieben, wünschte guten Morgen und öffnete die +nach der Küche führende kleine Thür, was für die Köchin allemal das +Zeichen war, daß sie den Kaffee bringen solle. Heut aber ließ sich kein +Hradscheck sehn, und als es nah an neun heran war, steckte statt seiner +nur Male den Kopf in den Laden hinein und sagte: + +»Wo he man bliewt, Ede?« + +»Weet nich.« + +»Ick will geihn un en beten an sine Dhör bullern.« + +»Joa, dat dhu man.« + +Und wirklich, Male ging, um ihn zu wecken. Aber sie kam in großer +Aufregung wieder. »He is nich doa, nich in de Vör- un ook nich in de +Hinner-Stuw. Allens open un keene Dhör to.« + +»Un sien Bett?« fragte Ede. + +»Allens glatt un ungeknüllt. He's goar nich in west.« + +Ede kam nun auch in Unruhe. Was war zu thun? Er, wie Male, hatten ein +unbestimmtes Gefühl, daß etwas ganz Absonderliches geschehen sein müsse, +worin sie sich durch den schließlich ebenfalls erscheinenden Jakob nur +noch bestärkt sahen. Nach einigem Berathen kam man überein, daß Jakob zu +Kunicke hinübergehn und wegen des Abends vorher anfragen solle; Kunicke +müss' es wissen, der sei immer der Letzte. Male dagegen solle rasch nach +dem Krug laufen, wo Gensdarm Geelhaar um diese Stunde zu frühstücken und +der alten Krüger'schen, die manchen Sturm erlebt hatte, schöne Dinge zu +sagen pflegte. Das geschah denn auch alles, und keine Viertelstunde, so +sah man Geelhaar die Dorfstraße herunter kommen, mit ihm Schulze +Woytasch, der sich, einer abzuhaltenden Versammlung halber, zufällig +ebenfalls im Kruge befunden hatte. Vor Hradscheck's Thür trafen Beide +mit Kunicke zusammen. Man begrüßte sich stumm und überschritt mit einer +gewissen Feierlichkeit die Schwelle. + +Drin im Hause hatte sich mittlerweile die Scene verändert. + +Ede, der noch eine Zeit lang in allen Ecken und Winkeln umhergesucht +hatte, stand jetzt, als die Gruppe sich näherte, mitten auf dem Flur und +wies auf ein großes Ölfaß, das um ein Geringes vorgerollt war, nur zwei +Fingerbreit, nur bis an den großen Eisenring, aber doch gerade weit +genug, um die Fallthür zu schließen. + +»Doa sitt he in,« schrie der Junge. + +»Schrei' nicht so!« fuhr ihn Schulze Woytasch an. Und Kunicke setzte +mit mehr Derbheit, aber auch mit größerer Gemüthlichkeit hinzu: »Halt's +Maul, Junge.« + +Dieser jedoch war nicht zur Ruh zu bringen, und sein bischen +Schläfenhaar immer mehr in die Höh' schiebend, fuhr er in demselben +Weimertone fort: »Ick weet allens. Dat's de Spök. De Spök hett noah em +grappscht. Un denn wull he 'rut un kunn nich.« + +Um diese Zeit war auch Eccelius aus der Pfarre herüber gekommen, +leichenblaß und so von Ahnungen geängstigt, daß er, als man das Faß +jetzt zurückgeschoben und die Fallthür geöffnet hatte, nicht mit +hinuntersteigen mochte, sondern erst in den Laden und gleich darnach auf +die Dorfgasse hinaus trat. + +Geelhaar und Schulze Woytasch, schon von Amtswegen auf bessre Nerven +gestellt, hatten inzwischen ihren Abstieg bewerkstelligt, während +Kunicke, mit einem Licht in der Hand, von oben her in den Keller +hineinleuchtete. Da nicht viele Stufen waren, so konnt' er das Nächste +bequem sehn: unten lag Hradscheck, allem Anscheine nach todt, ein +Grabscheit in der Hand, die zerbrochene Laterne daneben. Unser alter +Anno-Dreizehner sah sich bei diesem Anblick seiner gewöhnlichen +Gleichgültigkeit entrissen, erholte sich aber und kroch, unten +angekommen, in Gemeinschaft mit Geelhaar und Woytasch auf die Stelle zu, +wo hinter einem Lattenverschlage der Weinkeller war. Die Thür stand auf, +etwas Erde war aufgegraben, und man sah Arm und Hand eines hier +Verscharrten. Alles andre war noch verdeckt. Aber freilich, was +sichtbar war, war gerade genug, um alles Geschehene klar zu legen. + +Keiner sprach ein Wort, und mit einem scheuen Seitenblick auf den +entseelt am Boden Liegenden stiegen alle drei die Treppe wieder hinauf. + +Auch oben, wo sich Eccelius ihnen wieder gesellte, blieb es bei wenig +Worten, was schließlich nicht Wunder nehmen konnte. Waren doch alle, mit +alleiniger Ausnahme von Geelhaar, viel zu befreundet mit Hradscheck +gewesen, als daß ein Gespräch über ihn anders als peinlich hätte +verlaufen können. Peinlich und mit Vorwürfen gegen sich selbst gemischt. +Warum hatte man bei der gerichtlichen Untersuchung nicht besser +aufgepaßt, nicht schärfer gesehn? Warum hatte man sich hinters Licht +führen lassen? + +Nur das Nöthigste wurde festgestellt. Dann verließ man das durch so +viele Jahre hin mit Vorliebe besuchte Haus, das nun für jeden ein Haus +des Schreckens geworden war. Kunicke schritt quer über den Damm auf +seine Wohnung, Eccelius auf seine Pfarre zu. Woytasch war mit ihm. + +»Das Küstriner Gericht,« hob Eccelius an, »wird nur wenig noch zu sagen +haben. Alles ist klar und doch ist nichts bewiesen. Er steht vor einem +höheren Richter.« + +Woytasch nickte. »Höchstens noch, was aus der Erbschaft wird,« bemerkte +dieser und sah vor sich hin. »Er hat keine Verwandte hier herum und die +Frau, so mir recht is, auch nich. Vielleicht, daß es der Pohlsche +wiederkriegt. Aber das werden die Tschechiner nich wollen.« + +Eccelius erwiderte: »Das alles macht mir keine Sorge. Was mir Sorge +macht, ist blos das: wie kriegen wir ihn unter die Erde und _wo_. Sollen +wir ihn unter die guten Leute legen, das geht nicht, das leiden die +Bauern nicht und machen uns eine Kirchhofs-Revolte. Und was das +Schlimmste ist, haben auch Recht dabei. Und sein Feld wird auch keiner +dazu hergeben wollen. Eine solche Stelle mag niemand auf seinem +ehrlichen Acker haben.« + +»Ich denke,« sagte der Schulze, »wir bringen ihn auf den Kirchhof. +Bewiesen ist am Ende nichts. Im Garten liegt der Franzos, und im Keller +liegt der Pohlsche. Wer will sagen, wer ihn da hingelegt hat? Keiner +weiß es, nicht einmal die Jeschke. Schließlich ist alles blos Verdacht. +Auf den Kirchhof muß er also. Aber seitab, wo die Nesseln stehn und der +Schutt liegt.« + +»Und das Grab der Frau?« fragte Eccelius. »Was wird aus dem? Und aus dem +Kreuz?« + +»Das werden sie wohl umreißen, da kenn' ich meine Tschechiner. Und dann +müssen wir thun, Herr Pastor, als sähen wir's nicht. Kirchhofsordnung +ist gut, aber der Mensch verlangt auch seine Ordnung.« + +»Brav, Schulze Woytasch!« sagte Eccelius und gab ihm die Hand. »Immer 's +Herz auf dem rechten Fleck!« + + * * * + +Geelhaar war im Hradscheck'schen Hause zurückgeblieben. Er hatte den +Polizei-Kehrmichnichtdran und machte nicht viel von der Sache. Was war +es denn auch groß? Ein Fall mehr. Darüber ging die Welt noch lange +nicht aus den Fugen. Und so ging er denn in den Laden, legte die Hand +auf Ede's Kopf und sagte: »Hör', Ede, das war heut ein bischen scharf. +So zwei Dodige gleich Morgens um neun! Na, schenk' mal 'was ein. Was +nehmen wir denn?« + +»Na, 'nen Rum, Herr Geelhaar.« + +»Nei, Rum is mir heute zu schwach. Gieb erst 'nen Kognak. Und dann ein' +Rum.« + +Ede schenkte mit zitternder Hand ein. Geelhaar's Hand aber war um so +sicherer. Als er ein paar Gläser geleert hatte, ging er in den Garten +und spazierte drin auf und ab, als ob nun alles sein wäre. Das ganze +Grundstück erschien ihm wie herrenloser Besitz, drin man sich ungenirt +ergehen könne. + +Die Jeschke, wie sich denken läßt, ließ auch nicht lang auf sich warten. +Sie wußte schon alles und sah mal wieder über den Zaun. + +»Dag, Geelhaar.« + +»Dag, Mutter Jeschke ... Nu, was macht Line?« + +»De kümmt to Martini. Se brukt sich joa nu nich mihr to jrulen.« + +»Vor Hradscheck?« lachte Geelhaar. + +»Joa. Vor Hradscheck. Awers nu sitt he joa fast.« + +»Das thut er. Und gefangen in seiner eigenen Falle.« + +»Joa, joa. De oll Voß! Nu kümmt he nich wedder rut. Fien wihr he. Awers +to fien, loat man sien!« + + * * * + +Was noch geschehen mußte, geschah still und rasch, und schon um die +neunte Stunde des folgenden Tages trug Eccelius nachstehende Notiz in +das Tschechiner Kirchenbuch ein: + + »Heute, den 3. Oktober, früh vor Tagesanbruch, wurde der + Kaufmann und Gasthofsbesitzer Abel Hradscheck ohne Sang und + Klang in den hiesigen Kirchhofsacker gelegt. Nur Schulze + Woytasch, Gensdarm Geelhaar und Bauer Kunicke wohnten dem + stillen Begräbnißakte bei. Der Todte, so nicht alle Zeichen + trügen, wurde von der Hand Gottes getroffen, nachdem es ihm + gelungen war, den schon früher gegen ihn wach gewordenen + Verdacht durch eine besondere Klugheit wieder zu + beschwichtigen. Er verfing sich aber schließlich in seiner List + und grub sich, mit dem Grabscheit in der Hand, in demselben + Augenblicke sein Grab, in dem er hoffen durfte, sein Verbrechen + für immer aus der Welt geschafft zu sehn. Und bezeugte dadurch + aufs Neue die Spruchweisheit: '_Es ist nichts so fein + gesponnen, 's kommt doch alles an die Sonnen._'« + + + + + Grote'sche Sammlung + von + Werken zeitgenössischer Schriftsteller. + + +Bis jetzt erschienen: + +=Otto Glagau,= Fritz Reuter und seine Dichtungen. Neue umgearbeitete +Auflage mit Illustrationen, Porträts und einer autographischen Beilage. + +=Julius Wolff,= Till Eulenspiegel redivivus. Ein Schelmenlied. Mit +Illustrationen. Sechzehnte Auflage. + +=Julius Wolff,= Der Rattenfänger von Hameln. Eine Aventiure. Mit +Illustrationen von =P. Grot Johann=. Fünfundzwanzigste Auflage. + +=Wilhelm Raabe,= Horacker. Mit Illustrationen von =P. Grot Johann=. +Dritte Auflage. + +=Friedrich Bodenstedt,= Theater. (Kaiser Paul. -- Wandlungen.) + +=Anastasius Grün,= In der Veranda. Eine dichterische Nachlese. Dritte +Auflage. + +=Julius Wolff,= Schauspiele. (Kambyses. -- Die Junggesellensteuer.) + +=Carl Siebel's= Dichtungen. Gesammelt von seinen Freunden. Herausgegeben +von =Emil Rittershaus=. + +=Wilhelm Raabe,= Die Chronik der Sperlingsgasse. Neue Ausgabe, mit +Illustrationen von =Ernst Bosch=. Vierte Auflage. + +=Julius Wolff,= Der wilde Jäger. Eine Weidmannsmär. Zweiundzwanzigste +Auflage. + +=Hermann Lingg,= Schlußsteine. Neue Gedichte. + +=Julius Wolff,= Tannhäuser. Ein Minnesang. Mit Porträtradirung nach +einer Handzeichnung von _Ludwig Knaus_. Zwei Bände. Zehnte Auflage. + +=Julius Wolff,= Singuf. Rattenfängerlieder. Vierte Auflage. + +=Julius Grosse,= Gedichte. Mit einer Zuschrift von _Paul Heyse_. + +=Julius Wolff,= Der Sülfmeister. Eine alte Stadtgeschichte. Zwei Bände. +Sechste Auflage. + +=A. von der Elbe,= Der Bürgermeisterthurm. Eine Erzählung aus dem +15. Jahrhundert. Zwei Bände. + +=Julius Wolff,= Der Raubgraf. Eine Geschichte aus dem Harzgau. Fünfte +Auflage. + +=Julius Grosse,= Der getreue Eckart. Roman in zwölf Büchern. Zwei Bände. + +=Theodor Fontane,= Unterm Birnbaum. + + + + + Neue Prachtwerke: + + + =Shakespeare-Gallerie.= + + Fünfzehn Bilder + + von + + Ad. Menzel, C. u. F. Piloty, Ed. Grützner, P. Thumann u. A. + Mit begleitendem Text von #Dr.# M. _Ehrlich_. + Preis in eleg. Einbande 15 Mark. + + + + Das Buch von der =Königin Luise=. + + Von + + #Dr.# =Georg Horn=. + + Mit neun Photographien, Porträts und zeitgeschichtlichen Abbildungen + im Text. + + =Dritte, verbesserte Auflage.= + Prachtausgabe in Folio. + Preis 20 Mark. + + + + Julius Wolff's + Aventiure + + =Der Rattenfänger von Hameln.= + + Illustrirt von + _Paul Thumann_. + Folioformat. In Prachtband gebunden 25 Mark. + + + + _Bodenstedt's_ + =Album deutscher Kunst u. Dichtung.= + + Sechste vollständig umgestaltete Auflage. +Mit Randzeichnungen, zahlreichen Textillustrationen und 6 Heliogravüren. + Preis in Prachtband 12 Mark. + + + + Tegnér's + =Frithjofssage.= + + Übersetzt von =G. Mohnike.= + + Illustrirt von + =Ernst Roeber.= + Preis gebunden 12 Mark. + + + + Tennyson's + =Enoch Arden.= + + Illustrirt von + =Paul Thumann.= + Dritte, verbesserte Auflage. + Folioformat. In Prachtbd. geb. 10 M. + + + + _Voßen's Luise_. + + Ein ländliches Idyll in drei Gesängen. + + Mit 6 Bildern von Arthur v. Ramberg u. P. Thumann. + Folioformat in eleg. Einband mit Goldschnitt. + Preis 12 Mark. + + + + _Goethe's_ + =Hermann und Dorothea.= + + Mit 8 Bildern nach Arthur von Ramberg. + Folioformat, in elegantem Einband mit Goldschnitt. Preis 12 Mark. + + + _Berlin._ + =G. Grote='sche Verlagsbuchhandlung. + + + +[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der 1885 als Dreiundzwanzigster Band in »Grote'sche +Sammlung von Werken zeitgenössischer Schriftsteller« erschienenen +Ausgabe erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller +gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen. + +S. 057: Werft und Weidengestrüpp -> Werft- und Weidengestrüpp +S. 068: beten to still'. das war -> still', das war +S. 073: Hören Sie, Geelhar, Rum ist gut -> Geelhaar +S. 075: Er wird am Ende der amen Frau -> armen +S. 148: brauchte diesen Unsinn nicht, -> nicht. +S. 148: »Vorwärts, Hradschreck!« -> Hradscheck + +Die Umlaute Ae, Oe und Ue wurden durch Ä, Ö, Ü ersetzt. Die +Fraktur-Ligatur für »etc.« wurde durch etc. ersetzt. (S. 128) + +Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen +wurden folgendermaßen ersetzt: + +Sperrung: _gesperrter Text_ +Fett: =fett gedruckter Text= +Antiquaschrift: #Antiquatext# ] + + + +[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the edition +published in 1885 as volume 23 in "Grote'sche Sammlung von Werken +zeitgenössischer Schriftsteller". The table below lists all corrections +applied to the original text. + +p. 057: Werft und Weidengestrüpp -> Werft- und Weidengestrüpp +p. 068: beten to still'. das war -> still', das war +p. 073: Hören Sie, Geelhar, Rum ist gut -> Geelhaar +p. 075: Er wird am Ende der amen Frau -> armen +p. 148: brauchte diesen Unsinn nicht, -> nicht. +p. 148: »Vorwärts, Hradschreck!« -> Hradscheck + +The Umlauts Ae, Oe and Ue have been replaced by Ä, Ö, Ü. The ligature +for "etc." has been replaced by etc. (p. 128) + +The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been +replaced by: + +Spaced-out: _spaced out text_ +Bold: =bold text= +Antiqua: #text in Antiqua font# ] + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Unterm Birnbaum, by Theodor Fontane + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UNTERM BIRNBAUM *** + +***** This file should be named 26686-8.txt or 26686-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/2/6/6/8/26686/ + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file made +from scans of public domain material at Klassik Stiftung +Weimar / Herzogin Anna Amalia Bibliothek.) + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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