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+The Project Gutenberg EBook of Vom Musikalisch-Schönen, by Eduard Hanslick
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+
+Title: Vom Musikalisch-Schönen
+ Ein Beitrag zur Revision der Ästhetik der Tonkunst
+
+Author: Eduard Hanslick
+
+Release Date: October 18, 2008 [EBook #26949]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VOM MUSIKALISCH-SCHÖNEN ***
+
+
+
+
+Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+ [ Anmerkungen zur Transkription:
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+ Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _ markiert.
+ Griechischer Text wurde transliteriert.
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+ sich am Ende des Textes.
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+ Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Ende des Buches hinter die
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+
+
+
+
+ VOM MUSIKALISCH-SCHÖNEN
+
+ EIN BEITRAG ZUR REVISION
+ DER ÄSTHETIK DER TONKUNST
+
+ VON
+
+ Dr. EDUARD HANSLICK
+
+ WEILAND PROF. AN DER WIENER UNIVERSITÄT
+
+
+ 13.-15. AUFLAGE
+
+
+ LEIPZIG
+
+ DRUCK UND VERLAG VON BREITKOPF & HÄRTEL
+
+ 1922
+
+
+
+
+Inhalt.
+
+
+ Seite
+
+ Kapitel I.
+
+ Die Gefühlsästhetik 1
+
+
+ Kapitel II.
+
+ Die »Darstellung von Gefühlen« ist nicht Inhalt der Musik 20
+
+
+ Kapitel III.
+
+ Das Musikalisch-Schöne 58
+
+
+ Kapitel IV.
+
+ Analyse des subjektiven Eindruckes der Musik 93
+
+
+ Kapitel V.
+
+ Das ästhetische Aufnehmen der Musik gegenüber dem pathologischen 120
+
+
+ Kapitel VI.
+
+ Die Beziehungen der Tonkunst zur Natur 141
+
+
+ Kapitel VII.
+
+ Die Begriffe »Inhalt« und »Form« in der Musik 160
+
+
+
+
+Vorwort.
+
+
+An der achten Auflage (1891) dieser zuerst im Jahre 1854 erschienenen
+Schrift war nichts weiter neu, als das passendere Format und die
+geschmackvollere Ausstattung. Dasselbe gilt von der hier vorliegenden
+_neuen_ Auflage. Auch dieser darf ich die Worte anpassen, welche _Fr.
+Th. Vischer_ dem Wiederabdruck einer älteren Abhandlung (»der Traum«)
+vorausschickte.[1] »Ich nehme«, sagt Vischer, »diese Studie in die
+gegenwärtige Sammlung auf, ohne sie gegen Angriffe, die sie erfahren
+hat, zu schützen. Auch verbessernden Überarbeitens habe ich mich
+enthalten, ausgenommen kleine unwichtige Nachhilfen. Ich würde jetzt
+manches vielleicht anders sagen, mehr auseinandersetzen, gedeckter,
+beschirmter hinstellen; wem gefällt eine Arbeit ganz, wenn er sie nach
+Jahren wieder liest? Allein man weiß auch, wie leicht mit nachbesserndem
+Eingreifen mehr verderbt als besser gemacht wird.«
+
+ [1] »Altes und Neues« von Fr. Th. Vischer (Stuttgart 1881) S. 187.
+
+Wollte ich hier in Polemik eingehen, auf alle Kritiken antwortend,
+welche meine Schrift hervorgerufen hat, so würde dies Büchlein zu einem
+erschreckend starken Band anschwellen. Meine Überzeugungen sind
+dieselben geblieben, desgleichen die Positionen und schroff sich
+gegenüberstehenden Musikparteien der Gegenwart. Der Leser wird mir daher
+wohl auch die Wiederholung einiger Bemerkungen gestatten, mit welchen
+ich das Erscheinen der dritten Auflage begleitet habe. Der Mängel dieser
+Abhandlung bin ich mir sehr lebhaft bewußt. Demungeachtet hat das weit
+über Erwarten günstige Schicksal der früheren Auflagen und der mich
+hocherfreuende Anteil, mit welchem bedeutende Fachmänner philosophischer
+wie musikalischer Disziplin davon Akt nahmen, mich überzeugt, daß meine
+Ideen, auch in der etwas scharfen und rhapsodischen Weise ihres
+ursprünglichen Auftretens, auf gutes Erdreich gefallen sind. Eine
+merkwürdige Übereinstimmung mit diesen Anschauungen fand ich, aufs
+freudigste überrascht, in den erst nach dem Tode des Dichters
+erschienenen kleinen Aufsätzen und Aphorismen über Musik von
+_Grillparzer_. Einige der wertvollsten dieser Aussprüche habe ich in
+dieser neuen Auflage zu zitieren mir nicht versagen können;
+ausführlicher davon ist in meinem Essay: »_Grillparzer und die Musik_«
+gehandelt.[2]
+
+ [2] »Musikalische Stationen« von Ed. Hanslick. Berlin, Verein f. dt.
+ Lit. 1885. 5. Aufl.
+
+Leidenschaftliche Gegner haben mir mitunter eine vollständige Polemik
+gegen alles, was Gefühl heißt, aufgedichtet, während jeder unbefangene
+und aufmerksame Leser doch unschwer erkennt, daß ich nur gegen die
+falsche Einmischung der Gefühle in die _Wissenschaft_ protestiere, also
+gegen jene ästhetischen Schwärmer kämpfe, die mit der Prätension, den
+Musiker zu belehren, nur ihre klingenden Opiumträume auslegen. Ich teile
+vollkommen die Ansicht, daß der letzte Wert des Schönen immer auf
+unmittelbarer Evidenz des Gefühls beruhen wird. Aber ebenso fest halte
+ich an der Überzeugung, daß man aus all den üblichen Appellationen an
+das Gefühl nicht ein einziges musikalisches Gesetz ableiten kann.
+
+Diese Überzeugung bildet den einen, den _negativen Hauptsatz_ dieser
+Untersuchung. Er wendet sich zuerst und vornehmlich gegen die allgemein
+verbreitete Ansicht, die Musik habe »Gefühle darzustellen«. Es ist nicht
+einzusehen, wie man daraus die »Forderung einer absoluten
+Gefühllosigkeit der Musik« herleiten will. Die Rose duftet, aber ihr
+»Inhalt« ist doch nicht »die Darstellung des Duftes«; der Wald
+verbreitet schattige Kühle, allein er _stellt_ doch nicht »das Gefühl
+schattiger Kühle _dar_«. Es ist kein müßiges Wortgefecht, wenn
+ausdrücklich gegen den Begriff »darstellen« vorgegangen wird; denn aus
+ihm sind die größten Irrtümer der musikalischen Ästhetik entsprungen.
+Etwas »darstellen« involviert immer die Vorstellung von zwei getrennten,
+verschiedenen Dingen, deren eines erst ausdrücklich durch einen
+besonderen Akt auf das andere bezogen wird.
+
+_Emanuel Geibel_ hat durch ein glückliches Bild dies Verhältnis
+anschaulicher und erfreulicher ausgedrückt, als philosophische Analyse
+es vermochte, und zwar in den Distichen:[3]
+
+ »Warum glückt es dir nie, Musik mit Worten zu schildern?
+ Weil sie, ein rein Element, Bild und Gedanken verschmäht.
+ Selbst das Gefühl ist nur wie ein sanft durchscheinender Flußgrund,
+ Drauf ihr klingender Strom schwellend und sinkend entrollt.«
+
+ [3] Neue Gedichte.
+
+Wenn dies schöne Sinngedicht obendrein unter dem nachhallenden Eindruck
+dieser Schrift entstand, wie ich zu vermuten Anlaß habe, so muß sich
+meine, von poetischen Gemütern zumeist verketzerte, Anschauung doch auch
+mit wahrer Poesie leidlich vertragen.
+
+Jenem _negativen_ Hauptsatz steht korrespondierend der _positive_
+gegenüber: die Schönheit eines Tonstücks ist _spezifisch musikalisch_,
+d. h. den Tonverbindungen ohne Bezug auf einen fremden,
+außermusikalischen Gedankenkreis innewohnend. Es lag in der redlichen
+Absicht des Verfassers, das »Musikalisch-Schöne« als Lebensfrage unserer
+Kunst und oberste Norm ihrer Ästhetik vollständig zu beleuchten. Wenn
+trotzdem das polemische, negierende Element in der Ausführung ein
+Übergewicht erlangt, so wird man dieses in Erwägung der besonderen
+Zeitumstände hoffentlich entschuldigen. Als ich diese Abhandlung
+schrieb, waren die Wortführer der Zukunftsmusik eben am lautesten bei
+Stimme und mußten wohl Leute von meinem Glaubensbekenntnis zur Reaktion
+reizen. Als ich die zweite Auflage veranstaltete, waren eben _Liszts_
+Programm-Symphonien hinzugekommen, welche vollständiger, als es bisher
+gelungen ist, die selbständige Bedeutung der Musik abdanken, und diese
+dem Hörer nur mehr als gestaltentreibendes Mittel eingeben. Seither
+besitzen wir nun auch _Richard Wagners_ »Tristan«, »Nibelungenring« und
+seine Lehre von der »_unendlichen Melodie_«, d. h. die zum Prinzip
+erhobene Formlosigkeit, den gesungenen und gegeigten Opiumrausch, für
+dessen Kultus ja in Bayreuth ein eigener Tempel eröffnet worden ist.
+
+Man möge es mir zugute halten, wenn ich angesichts solcher Zeichen keine
+Neigung fühlte, den polemischen Teil meiner Schrift zu kürzen oder
+abzuschwächen, sondern im Gegenteil noch dringender auf das Eine und
+Unvergängliche in der Tonkunst, auf die _musikalische Schönheit_ hinwies,
+wie sie unsere großen Meister verkörperten und echt musikalische Erfinder
+auch in aller Zukunft pflegen werden.
+
+ Ed. H.
+
+
+
+
+I.
+
+Die Gefühlsästhetik.
+
+
+Die bisherige Behandlungsweise der musikalischen Ästhetik leidet fast
+durchaus an dem empfindlichen Mißgriff, daß sie sich nicht sowohl mit
+der Ergründung dessen, was in der Musik schön ist, als vielmehr mit der
+Schilderung der Gefühle abgibt, die sich unser dabei bemächtigen. Diese
+Untersuchungen entsprechen vollständig dem Standpunkt jener älteren
+ästhetischen Systeme, welche das Schöne nur in bezug auf die dadurch
+wachgerufenen Empfindungen betrachteten und bekanntlich auch die
+Philosophie des _Schönen_ als eine Tochter der Empfindung (aisthêsis)
+aus der Taufe hoben.
+
+An und für sich unphilosophisch, bekommen solche Ästhetiken in ihrer
+Anwendung auf die ätherischeste aller Künste geradezu etwas
+Sentimentales; das, so erquickend als möglich für schöne Seelen, dem
+Lernbegierigen äußerst wenig Aufklärung bietet. Wer über das Wesen der
+Tonkunst Belehrung sucht, der wünscht eben aus der dunklen Herrschaft
+des Gefühls herauszukommen, und nicht -- wie ihm in den meisten
+Handbüchern geschieht -- fortwährend auf das Gefühl verwiesen zu
+werden.
+
+Der Drang nach einer möglichst objektiven Erkenntnis der Dinge, wie er
+in unserer Zeit alle Gebiete des Wissens bewegt, muß notwendig auch an
+die Erforschung des _Schönen_ rühren. Diese wird ihm nur dadurch genügen
+können, daß sie mit einer Methode bricht, welche vom subjektiven Gefühl
+ausgeht, um nach einem poetischen Spaziergang über die ganze Peripherie
+des Gegenstandes wieder zum Gefühl zurückzukehren. Sie wird, will sie
+nicht ganz illusorisch werden, sich der naturwissenschaftlichen Methode
+wenigstens so weit nähern müssen, daß sie versucht, den Dingen selbst an
+den Leib zu rücken, und zu forschen, was in diesen, losgelöst von den
+tausendfältig wechselnden Eindrücken, das Bleibende, Objektive sei.
+
+Die Poesie und die bildenden Künste sind in ihrer ästhetischen
+Erforschung und Begründung dem gleichen Erwerb der Tonkunst weit voraus.
+Ihre Gelehrten haben größtenteils den Wahn abgelegt, es könne die
+Ästhetik einer bestimmten Kunst durch bloßes Anpassen des allgemeinen,
+metaphysischen Schönheitsbegriffs (der doch in jeder Kunst eine Reihe
+neuer Unterschiede eingeht) gewonnen werden. Die knechtische
+Abhängigkeit der Spezial-Ästhetiken von dem obersten metaphysischen
+Prinzip einer allgemeinen Ästhetik weicht immer mehr der Überzeugung,
+daß jede Kunst in ihren eigenen technischen Bestimmungen gekannt, aus
+sich selbst heraus begriffen sein will. Das »System« macht allmählich
+der »Forschung« Platz, und diese hält fest an dem Grundsatz, daß die
+Schönheitsgesetze jeder Kunst untrennbar sind von den Eigentümlichkeiten
+ihres Materials, ihrer Technik.[4]
+
+ [4] R. Schumann hat viel Unheil angestiftet mit seinem Satz (I, 43 der
+ Gesammelten Schriften): »Die Ästhetik der einen Kunst ist die der
+ andern, nur das Material ist verschieden.«
+
+ Ganz anders urteilt Grillparzer und trifft das Richtige mit folgendem
+ Ausspruch (IX, 142 der sämtl. Werke): »Der übelste Dienst, den man in
+ Deutschland den Künsten erweisen konnte, war wohl der, sie sämtlich
+ unter den Namen der Kunst zusammenzufassen. So viel Berührungspunkte
+ sie unter sich allerdings wohl haben, so unendlich verschieden sind
+ sie in den Mitteln, ja in den Grundbedingungen ihrer Ausübung. Wenn
+ man den Grundunterschied der Musik und der Dichtkunst schlagend
+ charakterisieren wollte, so müßte man darauf aufmerksam machen, wie
+ die Wirkung der Musik vom Sinnenreiz, vom Nervenspiel beginnt und,
+ nachdem das Gefühl angeregt worden, höchstens in letzter Instanz an
+ das Geistige gelangt, indes die Dichtkunst zuerst den Begriff erweckt,
+ nur durch ihn auf das Gefühl wirkt und als äußerste Stufe der
+ Vollendung oder der Erniedrigung erst das Sinnliche teilnehmen läßt;
+ der Weg beider ist daher gerade der umgekehrte. Die eine Vergeistigung
+ des Körperlichen, die andere Verkörperung des Geistigen.«
+
+Sodann pflegen die Ästhetiken der redenden und der bildenden Künste,
+sowie ihre praktischen Ausläufer, die Kunstkritiken, bereits die Regel
+festzuhalten, daß in ästhetischen Untersuchungen vorerst das schöne
+Objekt und nicht das empfindende Subjekt zu erforschen ist.
+
+Die _Tonkunst_ allein scheint diesen sachlichen Standpunkt noch immer nicht
+erringen zu können. Sie scheidet streng ihre theoretisch-grammatikalischen
+Regeln von den ästhetischen Untersuchungen und liebt es, erstere so
+trocken verständig, letztere so lyrisch-sentimental als möglich zu
+halten. Sich ihren Inhalt als eine selbständige Art des Schönen klar und
+scharf gegenüberzustellen, war der musikalischen Ästhetik bisher eine
+unerschwingliche Anstrengung. Statt dessen treiben da die »Empfindungen«
+den alten Spuk bei hellichtem Tage fort. Das musikalisch Schöne wird
+nach wie vor nur von Seite seines subjektiven Eindrucks angesehen, und
+in Büchern, Kritiken und Gesprächen täglich bekräftigt, daß die
+_Affekte_ die einzige ästhetische Grundlage der Tonkunst und allein
+berechtigt seien, die Grenzen des Urteils über dieselbe abzustecken.
+
+Die Musik -- so wird uns gelehrt -- kann nicht durch Begriffe den
+Verstand unterhalten, wie die Dichtkunst, ebensowenig durch sichtbare
+Formen das Auge, wie die bildenden Künste, also muß sie den Beruf haben,
+auf die _Gefühle_ des Menschen zu wirken. »Die Musik hat es mit den
+Gefühlen zu tun.« Dieses »zu tun haben« ist einer der charakteristischen
+Ausdrücke der bisherigen musikalischen Ästhetik. _Worin_ der
+Zusammenhang der Musik mit den Gefühlen, bestimmter Musikstücke mit
+bestimmten Gefühlen bestehe, nach welchen Naturgesetzen er wirke, nach
+welchen Kunstgesetzen er zu gestalten sei, darüber ließen uns diejenigen
+vollkommen im Dunkeln, die eben damit »zu tun« hatten. Erst wenn man
+sein Auge ein wenig an dieses Dunkel gewöhnt hat, gelangt man dahin, zu
+entdecken, daß in der herrschenden musikalischen Anschauung die Gefühle
+eine doppelte Rolle spielen.
+
+Fürs erste wird als _Zweck_ und _Bestimmung_ der Musik aufgestellt, sie
+solle Gefühle oder »schöne Gefühle« erwecken. Fürs zweite bezeichnet man
+die Gefühle als den _Inhalt_, welchen die Tonkunst in ihren Werken
+darstellt.
+
+Beide Sätze haben das Ähnliche, daß der eine genau so falsch ist, wie
+der andere.
+
+Die Widerlegung des ersteren, die meisten musikalischen Handbücher
+einleitenden Satzes darf uns nicht lange aufhalten. Das Schöne hat
+überhaupt keinen _Zweck_; denn es ist bloße _Form_, welche zwar nach dem
+_Inhalt_, mit dem sie erfüllt wird, zu den verschiedensten Zwecken
+verwandt werden kann, aber selbst keinen andern hat, als sich selbst.
+Wenn aus der Betrachtung des Schönen angenehme Gefühle für den
+Betrachter entstehen, so gehen diese das Schöne als solches nichts an.
+Ich kann wohl dem Betrachter Schönes vorführen in der bestimmten
+Absicht, daß er daran Vergnügen finde, allein diese Absicht hat mit der
+Schönheit des Vorgeführten selbst nichts zu schaffen. Das Schöne ist und
+bleibt schön, auch wenn es keine Gefühle erzeugt, ja wenn es weder
+geschaut noch betrachtet wird; also zwar nur _für_ das Wohlgefallen
+eines anschauenden Subjekts, aber nicht _durch_ dasselbe.
+
+Von einem _Zweck_ kann also in diesem Sinn auch bei der Musik nicht
+gesprochen werden, und die Tatsache, daß diese Kunst in einem lebhaften
+Zusammenhang mit unseren Gefühlen steht, rechtfertigt keineswegs die
+Behauptung, es liege in diesem Zusammenhange ihre ästhetische Bedeutung.
+
+Um dieses Verhältnis näher zu untersuchen, müssen wir vorerst die
+Begriffe »Gefühl« und »Empfindung« -- gegen deren Verwechselung im
+gewöhnlichen Sprachgebrauch nichts einzuwenden ist -- hier streng
+unterscheiden.
+
+_Empfindung_ ist das Wahrnehmen einer bestimmten Sinnesqualität: eines
+Tons, einer Farbe. _Gefühl_ das Bewußtwerden einer Förderung oder
+Hemmung unseres Seelenzustandes, also eines Wohlseins oder Mißbehagens.
+Wenn ich den Geruch oder Geschmack eines Dinges, dessen Form, Farbe oder
+Ton mit meinen Sinnen einfach wahrnehme (perzipiere), so _empfinde_ ich
+diese Qualitäten; wenn Wehmut, Hoffnung, Frohsinn oder Haß mich
+bemerkbar über den gewöhnlichen Seelenzustand emporheben oder unter
+denselben herabdrücken, _so fühle ich_.[5]
+
+ [5] In dieser Begriffsbezeichnung stimmen die älteren Philosophen mit
+ den neueren Physiologen überein, und wir mußten sie unbedingt den
+ Benennungen der _Hegel_schen Schule vorziehen, welche bekanntlich
+ innere und äußere Empfindung unterscheidet.
+
+Das Schöne trifft zuerst unsere Sinne. Dieser Weg ist ihm nicht
+eigentümlich, es teilt ihn mit allem überhaupt Erscheinenden. Die
+Empfindung ist Anfang und Bedingung des ästhetischen Gefallens und
+bildet erst die Basis des _Gefühls_, welches stets ein Verhältnis und
+oft die kompliziertesten Verhältnisse voraussetzt. _Empfindungen_ zu
+erregen bedarf es nicht der Kunst; ein einzelner Ton, eine einzelne
+Farbe kann das. Wie gesagt, werden beide Ausdrücke willkürlich
+vertauscht, meistens aber in älteren Werken »Empfindung« genannt, was
+wir als »Gefühl« bezeichnen. Unsere _Gefühle_ also, meinen jene
+Schriftsteller, solle die Musik erregen und uns abwechselnd mit Andacht,
+Liebe, Jubel, Wehmut erfüllen.
+
+Solche Bestimmung hat aber in Wahrheit weder diese noch eine andere
+Kunst. Die Kunst hat vorerst ein _Schönes_ darzustellen. Das Organ,
+womit das Schöne aufgenommen wird, ist nicht das Gefühl,[6] sondern die
+_Phantasie_, als die Tätigkeit des reinen Schauens.
+
+ [6] _Hegel_ hat gezeigt, wie die Untersuchung der »Empfindungen« (nach
+ unserer Terminologie: der Gefühle), welche eine Kunst erweckt, ganz im
+ Unbestimmten stehen bleibt und gerade vom eigentlichen konkreten
+ Inhalt absieht. »Was empfunden wird«, sagt er, »bleibt eingehüllt in
+ der Form abstraktester, einzelner Subjektivität, und deshalb sind auch
+ die Unterschiede der Empfindung ganz abstrakte, keine Unterschiede der
+ Sache selbst« (Ästhetik I, 42).
+
+Merkwürdig ist es, wie die Musiker und älteren Ästhetiker sich nur in
+dem Kontrast von »Gefühl« und »Verstand« bewegen, als läge nicht die
+Hauptsache gerade _inmitten_ dieses angeblichen Dilemmas. Aus der
+Phantasie des Künstlers entsteigt das Tonstück für die Phantasie des
+Hörers. Freilich ist die Phantasie gegenüber dem Schönen nicht bloß ein
+_Schauen_, sondern ein Schauen mit _Verstand_, d. i. Vorstellen und
+Urteilen, letzteres natürlich mit solcher Schnelligkeit, daß die
+einzelnen Vorgänge uns gar nicht zum Bewußtsein kommen, und die
+Täuschung entsteht, es geschehe _unmittelbar_, was doch in Wahrheit von
+vielfach vermittelnden Geistesprozessen abhängt. Das Wort »Anschauung«,
+längst von den Gesichtsvorstellungen auf alle Sinneserscheinungen
+übertragen, entspricht überdies trefflich dem Akte des aufmerksamen
+Hörens, welches ja in einem sukzessiven Betrachten der Tonformen
+besteht. Die Phantasie ist dabei keineswegs ein abgeschlossenes Gebiet:
+so wie sie ihren Lebensfunken aus den Sinnesempfindungen zog, sendet sie
+wiederum ihre Radien schnell an die Tätigkeit des Verstandes und des
+Gefühls aus. Dies sind für die echte Auffassung des Schönen jedoch nur
+Grenzgebiete.
+
+In reiner Anschauung genießt der Hörer das erklingende Tonstück, jedes
+stoffliche Interesse muß ihm fern liegen. Ein solches ist aber die
+Tendenz, Affekte in sich erregen zu lassen. Ausschließliche Betätigung
+des _Verstandes_ durch das Schöne verhält sich _logisch_ anstatt
+ästhetisch, eine vorherrschende Wirkung auf das _Gefühl_ ist noch
+bedenklicher, nämlich gerade _pathologisch_.
+
+Alles das, von der allgemeinen Ästhetik längst entwickelt, gilt
+gleichmäßig für das Schöne aller Künste. Behandelt man also die _Musik_
+als _Kunst_, so muß man die Phantasie und nicht das Gefühl als die
+ästhetische Instanz derselben erkennen. Der bescheidene Vordersatz
+scheint uns darum rätlich, weil bei dem wichtigen Nachdruck, welcher
+unermüdlich auf die durch Musik zu erzielende Sänftigung der
+menschlichen Leidenschaften gelegt wird, man in der Tat oft nicht weiß,
+ob von der Tonkunst als von einer polizeilichen, einer pädagogischen
+oder medizinischen Maßregel die Rede ist.
+
+Die Musiker sind aber weniger in dem Irrtume befangen, _alle_ Künste
+gleichmäßig den Gefühlen vindizieren zu wollen, als sie darin vielmehr
+etwas spezifisch der _Tonkunst_ Eigentümliches sehen. Die Macht und
+Tendenz, beliebige Affekte im Hörer zu erwecken, sei es eben, was die
+_Musik_ vor den übrigen Künsten charakterisiere.[7]
+
+ [7] Wo »Gefühl« nicht einmal von »Empfindung« getrennt wurde, da kann
+ von einem tieferen Eingehen in die Unterschiede des ersteren um so
+ weniger die Rede sein; sinnliche und intellektuelle Gefühle, die
+ chronische Form der _Stimmung_, die akute des _Affektes_, Neigung und
+ Leidenschaft, sowie die eigentümlichen Färbungen dieser als »pathos«
+ der Griechen und »passio« der neueren Lateiner wurden in bunter
+ Mischung nivelliert, und von der Musik lediglich ausgesagt, sie sei
+ speziell die Kunst, Gefühle zu erregen.
+
+Allein so wenig wir diese Wirkung als die Aufgabe der Künste überhaupt
+anerkannten, so wenig können wir in ihr das spezifische Wesen der
+_Musik_ erblicken. Einmal festgehalten, daß die _Phantasie_ das
+eigentliche Organ des Schönen ist, wird eine sekundäre Wirkung auf das
+Gefühl in _jeder_ Kunst vorkommen. Bewegt uns nicht ein großes
+Geschichtsbild mit der Kraft eines Erlebnisses? Stimmen uns Raphaels
+Madonnen nicht zur Andacht, Poussins Landschaften nicht zu sehnsüchtiger
+Wanderlust? Bleibt etwa der Anblick des Straßburger Doms ohne Wirkung
+auf unser Gemüt? Die Antwort kann nicht zweifelhaft sein. Sie gilt
+ebenso von der Poesie, ja von mancher außerästhetischen Tätigkeit, z. B.
+religiöser Erbauung, Eloquenz u. a. Wir sehen, daß die übrigen Künste
+ebenfalls stark genug auf das Gefühl einwirken. Den angeblichen
+prinzipiellen Unterschied derselben von der Musik müßte man daher auf
+ein Mehr oder Weniger dieser Wirkung basieren. Ganz unwissenschaftlich
+an sich, hätte dieser Ausweg obendrein die Entscheidung, ob man stärker
+und tiefer fühle bei einer Mozartschen Symphonie oder bei einem
+Trauerspiele Shakespeares, bei einem Gedicht von Uhland oder einem
+Hummelschen Rondo, füglich jedermann selbst zu überlassen. Meint man
+aber, die Musik wirke »unmittelbar« auf das Gefühl, die andern Künste
+erst durch die Vermittlung von Begriffen, so fehlt man nur mit andern
+Worten, weil, wie wir gesehen, die Gefühle auch von dem
+Musikalisch-Schönen nur in zweiter Linie beschäftigt werden sollen,
+_unmittelbar_ nur die Phantasie. Unzähligemal wird in musikalischen
+Abhandlungen die Analogie herbeigerufen, die zweifellos zwischen der
+Musik und der _Baukunst_ besteht. Ist aber je einem vernünftigen
+Architekten beigefallen, die Baukunst habe den _Zweck_, Gefühle zu
+erregen, oder es seien diese der _Inhalt_ derselben?
+
+_Jedes_ wahre Kunstwerk wird sich in irgendeine Beziehung zu unserm
+Fühlen setzen, _keines_ in eine ausschließliche. Man sagt also gar
+nichts für das ästhetische Prinzip der Musik Entscheidendes, wenn man
+sie nur ganz allgemein durch ihre Wirkung auf das Gefühl
+charakterisiert. Ebensowenig etwa, als man das Wesen des Weins
+ergründet, indem man sich betrinkt. Es wird einzig auf die _spezifische_
+Art ankommen, wie solche Affekte _durch Musik_ hervorgerufen werden.
+Statt also an der sekundären und unbestimmten Gefühlswirkung
+musikalischer Erscheinungen zu kleben, gilt es, in das Innere der Werke
+zu dringen und die spezifische Kraft ihres Eindrucks aus den Gesetzen
+ihres eigenen Organismus zu erklären. Ein Maler oder ein Poet überredet
+sich kaum mehr, Rechenschaft von dem Schönen seiner Kunst abgelegt zu
+haben, wenn er untersuchte, welche »Gefühle« seine Landschaft oder sein
+Drama hervorruft: er wird der zwingenden Macht nachspüren, _warum_ das
+Werk gefällt und weshalb gerade in dieser und keiner andern Weise. Daß
+diese Untersuchung, wie wir später sehen werden, in der Tonkunst viel
+schwieriger ist als in den andern Künsten, ja daß das Erforschliche in
+ihr nur bis zu einer gewissen Tiefe hinabreicht, berechtigt ihre
+Kritiker noch lange nicht, Gefühlsaffektionen und musikalische Schönheit
+unmittelbar zu vermengen, statt sie in wissenschaftlicher Methode
+möglichst getrennt darzustellen.
+
+Kann überhaupt das Gefühl keine Basis für ästhetische Gesetze sein, so
+ist obendrein gegen die Sicherheit des musikalischen Fühlens
+Wesentliches zu bemerken. Wir meinen hier nicht bloß die konventionelle
+Befangenheit, die es ermöglicht, daß unser Fühlen und Vorstellen oft
+durch Texte, Überschriften und andere bloß gelegentliche
+Gedankenverbindungen, besonders in Kirchen-, Kriegs- und
+Theaterkompositionen eine Richtung erhält, welche wir fälschlich dem
+Charakter der Musik an sich zuzuschreiben geneigt sind. Vielmehr ist
+überhaupt der Zusammenhang eines Tonstückes mit der dadurch
+hervorgerufenen Gefühlsbewegung kein unbedingt kausaler, sondern es
+wechselt diese Stimmung mit dem wechselnden Standpunkt unserer
+musikalischen Erfahrungen und Eindrücke. Wir begreifen heute oft kaum,
+wie unsere Großeltern _diese_ Tonreihe für einen entsprechenden Ausdruck
+gerade _dieses_ Affekts ansehen konnten. Dafür ist z. B. die
+außerordentliche Verschiedenheit ein Beweis, mit der viele Mozartsche,
+Beethovensche und Webersche Kompositionen zur Zeit ihrer Neuheit im
+Gegensatz zu heute auf die Herzen der Hörer wirkten. Wie viele Werke von
+Mozart erklärte man zu ihrer Zeit für das Leidenschaftlichste, Feurigste
+und Kühnste, was überhaupt an musikalischen Stimmungsbildern möglich
+schien. Der Behaglichkeit und dem reinen Wohlsein, welches aus Haydns
+Symphonien ausströme, stellte man die Ausbrüche heftiger Leidenschaft,
+ernstester Kämpfe, bitterer, schneidender Schmerzen in Mozarts[8] Musik
+gegenüber. Zwanzig bis dreißig Jahre später entschied man genau so
+zwischen Beethoven und Mozart. Die Stelle Mozarts als Repräsentanten der
+heftigen, hinreißenden Leidenschaft nahm Beethoven ein, und Mozart war
+zu der olympischen Klassizität Haydns avanciert. Ähnliche Wandlungen
+seiner Anschauung erfährt jeder aufmerksame Musiker im Laufe eines
+längeren Lebens an sich selbst. Durch diese Verschiedenheit der
+Gefühlswirkung ist jedoch die _musikalische_ Schätzung vieler einst so
+aufregend wirkender Werke, der ästhetische Genuß, den ihre Originalität
+und _Schönheit_ uns heute noch bereitet, an und für sich nicht
+alteriert. Der Zusammenhang musikalischer Werke mit gewissen Stimmungen
+besteht also nicht immer, überall, notwendig, als ein absolut
+Zwingendes, er ist vielmehr unvergleichlich wandelbarer als in jeder
+andern Kunst.
+
+ [8] Namentlich von _Rochlitz_ existieren manche solcher für uns heute
+ sehr verwunderlichen Aussprüche über Mozarts Instrumentalmusiken.
+ Derselbe Rochlitz bezeichnet das reizende Menuetto capriccio in Webers
+ As-dur-Sonate als einen »ununterbrochen fortströmenden Erguß einer
+ leidenschaftlichen, heftig aufgeregten Seele, und doch mit
+ bewunderungswürdiger Festigkeit zusammengehalten«.
+
+So besitzt denn die Wirkung der Musik auf das Gefühl weder die
+Notwendigkeit, noch die Ausschließlichkeit, noch die Stetigkeit, welche
+eine Erscheinung aufweisen müßte, um ein ästhetisches Prinzip begründen
+zu können.
+
+Die starken Gefühle selbst, welche die Musik aus ihrem Schlummer
+wachsingt, und all die süßen wie schmerzlichen Stimmungen, in die sie
+uns Halbträumende einlullt: wir möchten sie nicht durchaus
+unterschätzen. Zu den schönsten, heilsamsten Mysterien gehört es ja, daß
+die Kunst solche Bewegungen ohne irdischen Anlaß, recht von Gottes
+Gnaden hervorzurufen vermag. Nur gegen die unwissenschaftliche
+Verwertung dieser Tatsachen für _ästhetische Prinzipien_ legen wir
+Verwahrung ein. Lust und Trauer können durch Musik in hohem Grade
+erweckt werden; das ist richtig. Nicht in noch höherem vielleicht durch
+den Gewinnst des großen Treffers, oder durch die Todeskrankheit eines
+Freundes? Solange man Anstand nimmt, deshalb ein Lotterielos den
+Symphonien, oder ein ärztliches Bulletin den Ouvertüren beizuzählen, so
+lange darf man auch faktisch erzeugte Affekte nicht als eine ästhetische
+Spezialität der Tonkunst oder eines bestimmten Tonstücks behandeln. Es
+wird einzig auf die _spezifische Art_ ankommen, _wie_ solche Affekte
+_durch Musik_ hervorgerufen werden. Wir werden im IV. und V. Kapitel den
+Einwirkungen der Musik auf das Gefühl die aufmerksamste Betrachtung
+widmen, und die _positiven_ Seiten dieses merkwürdigen Verhältnisses
+untersuchen. Hier, am Eingang unserer Schrift, konnte die negative
+Seite, als Protest gegen ein unwissenschaftliches Prinzip, nicht zu
+scharf hervorgekehrt werden.
+
+Der erste, der meines Wissens diese Gefühlsästhetik in der Musik
+angegriffen hat, ist _Herbart_ (im 9. Kapitel seiner Enzyklopädie).
+Nachdem er sich gegen die »Deutelei« von Kunstwerken erklärt hat, sagt
+er: »Die Traumdeuter und Astrologen haben sich Jahrtausende nicht wollen
+sagen lassen, daß ein Mensch träume, weil er schläft, und daß die
+Gestirne sich bald da, bald dort zeigen, weil sie sich bewegen. So
+wiederholen bis auf den heutigen Tag selbst gute Musikkenner den Satz,
+die Musik drücke Gefühle aus, als ob das Gefühl, das etwa durch sie
+erregt wird, und zu dessen Ausdruck sie eben deshalb, wenn man will,
+sich gebrauchen läßt, den allgemeinen Regeln des einfachen und doppelten
+Kontrapunktes zugrunde läge, auf denen ihr wahres Wesen beruht. Was
+mögen doch die alten Künstler, welche die möglichen Formen der Fuge
+entwickelten, auszudrücken beabsichtigt haben? Gar nichts wollen sie
+_ausdrücken_; ihre Gedanken gingen nicht hinaus, sondern in das innere
+Wesen der Kunst hinein; diejenigen aber, die sich auf Bedeutungen
+_legen_, verraten ihre Scheu vor dem innern und ihre Vorliebe für den
+äußern Schein.« Leider hat Herbart diese gelegentliche Opposition im
+einzelnen nicht näher begründet, und neben dieser glänzenden finden sich
+bei ihm auch manche schiefe Bemerkungen über Musik. Jedenfalls haben
+seine obigen Worte, wie wir sogleich sehen werden, nicht die verdiente
+Beachtung gefunden.
+
+ _Anmerkung._ Es dünkt uns für den vorliegenden Zweck kaum notwendig,
+ den Ansichten, deren Bekämpfung uns beschäftigt, die Namen ihrer
+ Autoren beizusetzen, da diese Ansichten weniger die Blüte
+ eigentümlicher Überzeugungen, als vielmehr der Ausdruck einer
+ allgemein gewordenen traditionellen Denkweise sind. Nur um einen
+ Einblick in die ausgebreitete Herrschaft dieser Grundsätze zu
+ gewähren, mögen einige Zitate älterer und neuerer Musikschriftsteller
+ aus der großen Menge derer, welche dafür zu Gebote stehen, hier
+ Platz finden.
+
+ _Mattheson_: »Wir müssen bei jeder Melodie uns eine _Gemütsbewegung_
+ (wo nicht mehr als eine) zum Hauptzweck setzen.« (Vollkomm.
+ Kapellmeister. S. 143.)
+
+ _Neidhardt_: »Der Musik Endzweck ist, _alle Affekte_ durch die
+ bloßen Töne und deren Rhythmum, trotz dem besten Redner, rege zu
+ machen.« (Vorrede zur »Temperatur«.)
+
+ _J. N. Forkel_ versteht unter den »Figuren in der Musik« »dasselbe,
+ was sie in der Dichtkunst und Redekunst sind, nämlich der Ausdruck
+ der unterschiedenen Arten, nach welchen sich _Empfindungen_ und
+ _Leidenschaften_ äußern«. (Über die Theorie der Musik. Göttingen
+ 1777. S. 26.)
+
+ _J. Mosel_ definiert die Musik als »die Kunst, _bestimmte
+ Empfindungen_ durch geregelte Töne auszudrücken«.
+
+ _C. F. Michaelis_: »Musik ist die Kunst des Ausdrucks von
+ _Empfindungen_ durch Modulation der Töne. Sie ist die Sprache der
+ Affekte« usw. (Über den Geist der Tonkunst, 2. Versuch. 1800.
+ S. 29.)
+
+ _Marburg_: »Der Zweck, den der Komponist sich in seiner Arbeit
+ vorsetzen soll, ist, die Natur nachzuahmen ... die Leidenschaften
+ nach seinem Willen zu regen ... die Bewegungen der Seele, die
+ Neigungen des Herzens nach dem Leben zu schildern.« (Krit. Musikus,
+ 1. Band. 1750. 40. Stück.)
+
+ _W. Heinse_: »Der Hauptendzweck der Musik ist die Nachahmung oder
+ vielmehr Erregung von _Leidenschaften_.« (Musikal. Dialoge. 1805.
+ S. 30.)
+
+ _J. J. Engel_: »Eine Sinfonie, eine Sonate usw. muß die Ausführung
+ einer Leidenschaft, die aber in mannigfaltige Empfindungen ausbeugt,
+ enthalten.« (Über musikal. Malerei. 1780. S. 29.)
+
+ _J. Ph. Kirnberger_: »Ein melodischer Satz (Thema) ist ein
+ verständlicher Satz aus der Sprache der Empfindung, der einen
+ empfindsamen Zuhörer die Gemütslage, die ihn hervorgebracht hat,
+ fühlen läßt.« (Kunst des reinen Satzes, II. Teil, S. 152.)
+
+ _Pierers_ Universallexikon (2. Auflage): »_Musik_ ist die Kunst,
+ durch schöne Töne Empfindungen und Seelenzustände auszudrücken. Sie
+ steht höher als die _Dichtkunst_, welche nur (!) mit dem Verstande
+ erkennbare Stimmungen darzustellen vermag, da die Musik ganz
+ unerklärliche Empfindungen und Ahnungen ausdrückt.«
+
+ _G. Schillings_ Universallexikon der Tonkunst bringt unter dem
+ Artikel »Musik« die gleiche Erklärung.
+
+ _Koch_ definiert die Musik als die »Kunst, ein angenehmes Spiel der
+ Empfindungen durch Töne auszudrücken«. (Musik. Lexikon: »Musik«.)
+
+ _A. André_: »Musik ist die Kunst, Töne hervorzubringen, welche
+ Empfindungen und Leidenschaften schildern, erregen und unterhalten.«
+ (Lehrbuch der Tonkunst I.)
+
+ _Sulzer_: »Musik ist die Kunst, durch Töne unsere Leidenschaften
+ auszudrücken, wie in der Sprache durch Worte.« (Theorie der schönen
+ Künste.)
+
+ _J. W. Böhm_: »Nicht den Verstand, nicht die Vernunft, sondern nur
+ das _Gefühlsvermögen_ beschäftigen der Saiten harmonische Töne.«
+ (Analyse des Schönen der Musik. Wien 1830. S. 62.)
+
+ _Gottfried Weber_: »Die Tonkunst ist die Kunst, durch Töne
+ _Empfindungen_ auszudrücken.« (Theorie der Tonsetzkunst, 2. Aufl.
+ I. Bd. S. 15.)
+
+ _F. Hand_: »Die Musik stellt _Gefühle_ dar. _Jedes Gefühl und jeder
+ Gemütszustand_ hat an sich und so auch in der Musik seinen besonderen
+ Ton und Rhythmus.« (Ästhetik der Tonkunst, I. Bd. 1837. § 24.)
+
+ _Amadeus Autodidaktus_: »Die Tonkunst entquillt und wurzelt nur in
+ der Welt der geistigen _Gefühle_ und _Empfindungen_. Musikalisch
+ melodische Töne (!) erklingen nicht dem Verstande, welcher
+ Empfindungen ja nur beschreibt und zergliedert, ... sie sprechen zu
+ dem _Gemüt_« usw. (Aphorismen über Musik. Leipzig 1857. S. 329.)
+
+ _Fermo Bellini_: »Musica è l'arte, che esprime i sentimenti e le
+ passioni col mezzo di suoni.« (Manuale di Musica. Milano, Ricordi.
+ 1853.)
+
+ _Friedrich Thiersch_: Allgemeine Ästhetik (Berlin 1846) § 18.
+ S. 101: »Die Musik ist die Kunst, durch Wahl und Verbindung der Töne
+ Gefühle und Stimmungen des Gemütes auszudrücken oder zu erregen.«
+
+ _A. v. Dommer_: Elemente der Musik (Leipzig 1862): »_Aufgabe der
+ Tonkunst_: Die Tonkunst soll _Gefühle_ und durch das Gefühl
+ _Vorstellungen_ in uns erregen.« (S. 174.)
+
+ _Rich. Wagner_, »Das Kunstwerk der Zukunft« (1850. Gesamm.
+ Schr. III, 99 und ähnlich sonst): »Das Organ des _Herzens_ ist der
+ _Ton_, seine künstlerisch bewußte Sprache die Tonkunst.« In den
+ späteren Schriften freilich werden Wagners Definitionen noch
+ nebelhafter; da ist ihm Musik gleich »Kunst des Ausdrucks« überhaupt
+ (in »Oper und Drama«, Ges. Schriften III, 343), die ihm als »Idee
+ der Welt« befähigt scheint, »das Wesen der Dinge in seiner
+ unmittelbarsten Kundgebung zu erfassen« usw. (»Beethoven«. 1870.
+ S. 6 ff.).
+
+
+
+
+II.
+
+Die »Darstellung von Gefühlen« ist nicht der Inhalt der Musik.
+
+
+Teils als Konsequenz dieser Theorie, welche die Gefühle für das
+_Endziel_ musikalischer Wirkung erklärt, teils als Korrektiv derselben,
+wird der Satz aufgestellt: die _Gefühle_ seien der _Inhalt_, welchen die
+Tonkunst darzustellen habe.
+
+Die philosophische Untersuchung einer Kunst drängt zu der Frage nach dem
+_Inhalt_ derselben. Die Verschiedenheit des Inhalts der Künste
+(untereinander) und die damit zusammenhängende Grundverschiedenheit
+ihrer Gestaltung folgt mit Notwendigkeit aus der Verschiedenheit der
+_Sinne_, an welche sie gebunden sind. Jeder Kunst eignet ein Kreis von
+Ideen, welche sie mit ihren Ausdrucksmitteln als Ton, Wort, Farbe, Stein
+darstellt. Das einzelne Kunstwerk verkörpert demnach eine bestimmte Idee
+als Schönes in sinnlicher Erscheinung. Diese bestimmte Idee, die sie
+verkörpernde Form, und die Einheit beider sind Bedingungen des
+Schönheitsbegriffs, von welchen keine wissenschaftliche Ergründung
+irgend einer Kunst sich mehr trennen kann.
+
+_Was_ Inhalt eines Werks der dichtenden oder bildenden Kunst sei, läßt
+sich mit Worten ausdrücken und auf Begriffe zurückführen. Wir sagen:
+dies Bild stellt ein Blumenmädchen vor, diese Statue einen Gladiator,
+jenes Gedicht eine Tat Rolands. Das mehr oder minder vollkommene
+Aufgehen des so bestimmten Inhalts in der künstlerischen Erscheinung
+begründet dann unser Urteil über die Schönheit des Kunstwerks.
+
+Als _Inhalt der Musik_ hat man ziemlich einverständlich die ganze
+Stufenleiter menschlicher _Gefühle_ genannt, weil man in diesen den
+Gegensatz zu begrifflicher Bestimmtheit und daher die richtige
+Unterscheidung von dem Ideal der bildenden und dichtenden Kunst gefunden
+glaubte. Demnach seien die Töne und ihr kunstreicher Zusammenhang bloß
+Material, Ausdrucksmittel, wodurch der Komponist die Liebe, den Mut, die
+Andacht, das Entzücken darstellt. Diese Gefühle in ihrer reichen
+Mannigfaltigkeit seien die Idee, welche den irdischen Leib des Klanges
+angetan, um als musikalisches Kunstwerk auf Erden zu wandeln. Was uns an
+einer reizenden Melodie, einer sinnigen Harmonie ergötzt und erhebt, sei
+nicht diese selbst, sondern was sie bedeutet: das Flüstern der
+Zärtlichkeit, das Stürmen der Kampflust.
+
+Um auf festen Boden zu gelangen, müssen wir vorerst solche altverbundene
+Metaphern schonungslos trennen: Das _Flüstern_? Ja; -- aber keineswegs
+der »Sehnsucht«; das _Stürmen_? Allerdings, doch nicht der »Kampflust«.
+In der Tat besitzt die Musik das eine oder das andere; sie kann
+flüstern, stürmen, rauschen, -- das Lieben und Zürnen aber trägt nur
+unser eigenes Herz in sie hinein.
+
+Die Darstellung eines bestimmten Gefühls oder Affektes liegt gar nicht
+in dem eigenen Vermögen der Tonkunst.
+
+Es stehen nämlich die Gefühle in der Seele nicht isoliert da, so daß sie
+sich aus ihr gleichsam herausheben ließen von einer Kunst, welcher die
+Darstellung der übrigen Geistestätigkeiten verschlossen ist. Sie sind im
+Gegenteil abhängig von physiologischen und pathologischen
+Voraussetzungen, sind bedingt durch Vorstellungen, Urteile, kurz durch
+eben das ganze Gebiet verständigen und vernünftigen Denkens, welchem man
+das Gefühl so gern als ein Gegensätzliches gegenüberstellt.
+
+Was macht denn ein Gefühl zu _diesem bestimmten_ Gefühl? Zur Sehnsucht,
+Hoffnung, Liebe? Etwa die bloße Stärke oder Schwäche, das Wogen der
+inneren Bewegung? Gewiß nicht. Diese kann bei verschiedenen Gefühlen
+gleich sein und auch wieder bei demselben Gefühl, in mehreren
+Individuen, zu andern Zeiten, verschieden. Nur auf Grundlage einer
+Anzahl -- im Momente starken Fühlens vielleicht unbewußter --
+Vorstellungen und Urteile kann unser Seelenzustand sich zu eben diesem
+bestimmten Gefühl verdichten. Das Gefühl der Hoffnung ist untrennbar von
+der Vorstellung eines glücklicheren Zustandes, welcher kommen soll und
+mit dem gegenwärtigen verglichen wird. Die Wehmut vergleicht ein
+vergangenes Glück mit der Gegenwart. Das sind ganz bestimmte
+Vorstellungen, Begriffe, _ohne sie_, ohne diesen _Gedanken_apparat, kann
+man das gegenwärtige Fühlen nicht »Hoffnung«, nicht »Wehmut« nennen, er
+macht sie dazu. Abstrahiert man von ihm, so bleibt eine unbestimmte
+Bewegung, allenfalls die Empfindung allgemeinen Wohlbefindens oder
+Mißbehagens. Die _Liebe_ kann ohne die Vorstellung einer geliebten
+Persönlichkeit, ohne den Wunsch und das Streben nach der Beglückung,
+Verherrlichung, dem Besitz dieses Gegenstandes nicht gedacht werden.
+Nicht die Art der bloßen Seelenbewegung, sondern ihr begrifflicher Kern,
+ihr wirklicher, historischer Inhalt macht sie zur _Liebe_. Ihrer
+_Dynamik_ nach kann diese ebensogut sanft als stürmisch, ebensowohl froh
+als schmerzlich auftreten und bleibt doch immer Liebe. Diese Betrachtung
+allein reicht hin, zu zeigen, daß Musik nur jene verschiedenen
+begleitenden Adjektiva ausdrücken könne, nie das Substantivum, die Liebe
+selbst. Ein bestimmtes Gefühl (eine Leidenschaft, ein Affekt) existiert
+als solches niemals ohne einen wirklichen historischen Inhalt, der eben
+nur in Begriffen dargelegt werden kann. Begriffe kann die Musik als
+»unbestimmte Sprache« zugestandenerweise nicht wiedergeben -- ist da
+nicht die Folgerung psychologisch unablehnbar, daß sie auch bestimmte
+Gefühle nicht auszudrücken vermag? Die _Bestimmtheit_ der Gefühle ruht
+ja gerade in deren begrifflichem Kern.
+
+Wie es komme, daß Musik dennoch Gefühle, wie Wehmut, Frohsinn u. dgl.
+_erregen kann_ (nicht _muß_), das wollen wir später, wo vom subjektiven
+Eindruck der Musik die Rede sein wird, untersuchen. Hier mußte bloß
+theoretisch festgestellt werden, ob die Musik fähig sei, ein bestimmtes
+Gefühl _darzustellen_. Die Frage war zu verneinen, da die Bestimmtheit
+der Gefühle von konkreten Vorstellungen und Begriffen nicht getrennt
+werden kann, welche letztere außer dem Gestaltungsbereich der Musik
+liegen. -- Einen gewissen Kreis von _Ideen_ hingegen kann die Musik mit
+ihren eigensten Mitteln reichlichst darstellen. Dies sind, entsprechend
+dem sie aufnehmenden Organ, unmittelbar alle diejenigen Ideen, welche
+auf hörbare Veränderungen der Kraft, der Bewegung, der Proportionen sich
+beziehen, also die Idee des Anschwellenden, des Absterbenden, des
+Eilens, Zögerns, des künstlich Verschlungenen, des einfach
+Fortschreitenden u. dgl. -- Es kann ferner der ästhetische Ausdruck
+einer Musik anmutig genannt werden, sanft, heftig, kraftvoll, zierlich,
+frisch: lauter Ideen, welche in Tonverbindungen eine entsprechende
+sinnliche Erscheinung finden. Wir können diese Eigenschaftswörter daher
+unmittelbar von _musikalischen_ Bildungen gebrauchen, ohne an die
+ethische Bedeutung zu denken, welche sie für das menschliche Seelenleben
+haben, und die eine geläufige Ideenverbindung so schnell zur Musik
+heranbringt, ja mit den rein musikalischen Eigenschaften unter der Hand
+zu verwechseln pflegt.
+
+Die Ideen, welche der Komponist darstellt, sind vor allem und zuerst
+rein _musikalische_. Seiner Phantasie erscheint eine bestimmte schöne
+Melodie. Sie soll nichts anderes sein als sie selbst. Wie aber jede
+konkrete Erscheinung auf ihren höheren Gattungsbegriff, auf die sie
+zunächst erfüllende Idee hinweist, und so fort immer höher und höher bis
+zur absoluten Idee, so geschieht es auch mit den musikalischen Ideen. So
+wird z. B. _dieses_ sanfte, harmonisch ausklingende Adagio die Idee des
+Sanften, Harmonischen _überhaupt_ zur schönen Erscheinung bringen. Die
+allgemeine Phantasie, welche gern die Ideen der Kunst in bezug zum
+eigenen, menschlichen Seelenleben setzt, wird dies Ausklingen noch
+höher, z. B. als den Ausdruck milder Resignation eines in sich
+versöhnten Gemütes auffassen, und _kann_ vielleicht sofort bis zur
+Ahnung eines ewigen jenseitigen Friedens aufsteigen.
+
+Auch die Poesie und bildende Kunst stellen vorerst ein Konkretes dar.
+Erst mittelbar kann das Bild eines Blumenmädchens auf die allgemeinere
+Idee mädchenhafter Zufriedenheit und Anspruchslosigkeit, ein beschneiter
+Kirchhof auf die Idee der irdischen Vergänglichkeit hinweisen. Geradeso,
+nur mit ungleich unsicherer und willkürlicher Deutung, kann der Hörer in
+diesem Musikstück die Idee jugendlichen Genügens, in jenem die Idee der
+Vergänglichkeit heraushören; allein ebensowenig als in den genannten
+Bildern sind diese abstrakten _Ideen_ der Inhalt des musikalischen
+Werkes: von einer Darstellung des »_Gefühls_ der Vergänglichkeit«, des
+»_Gefühls_ der jugendlichen Genügsamkeit« kann nun vollends keine Rede
+sein.
+
+Es gibt Ideen, welche durch die Tonkunst vollkommen repräsentiert werden
+und trotzdem nicht als _Gefühl_ vorkommen, sowie umgekehrt _Gefühle_ von
+solcher Mischung das Gemüt bewegen können, daß sie in keiner durch Musik
+darstellbaren Idee ihre entsprechende Bezeichnung finden.
+
+_Was_ kann also die Musik von den Gefühlen darstellen, wenn nicht deren
+Inhalt?
+
+Nur das _Dynamische_ derselben. Sie vermag die Bewegung eines physischen
+Vorganges nach den Momenten: schnell, langsam, stark, schwach, steigend,
+fallend nachzubilden. Bewegung ist aber nur eine Eigenschaft, ein Moment
+des Gefühls, nicht dieses selbst. Gemeiniglich glaubt man, das
+darstellende Vermögen der Musik genügend zu begrenzen, wenn man
+behauptet, sie könne keineswegs den _Gegenstand_ eines Gefühls
+bezeichnen, wohl aber das Gefühl selbst, z. B. nicht das Objekt einer
+bestimmten Liebe, wohl aber »Liebe«. Sie kann dies in Wahrheit
+ebensowenig. Nicht Liebe, sondern nur eine Bewegung kann sie schildern,
+welche bei der Liebe oder auch einem andern Affekt vorkommen kann, immer
+jedoch das Unwesentliche seines Charakters ist. »Liebe« ist ein
+abstrakter Begriff, so gut wie »Tugend« und »Unsterblichkeit«. Die
+Versicherung der Theoretiker, Musik habe keine abstrakten Begriffe
+darzustellen, ist überflüssig; denn _keine_ Kunst kann dies. Daß nur
+_Ideen_, d. i. lebendig gewordene Begriffe Inhalt künstlerischer
+Verkörperung sind, versteht sich von selbst.[9] Aber auch die _Ideen_
+der Liebe, des Zornes, der Furcht können Instrumentalwerke nicht zur
+Erscheinung bringen, weil zwischen jenen Ideen und schönen
+Tonverbindungen kein notwendiger Zusammenhang besteht. Welches Moment
+dieser Ideen ist's denn also, dessen die Musik sich in der Tat so
+wirksam zu bemächtigen weiß? Es ist die _Bewegung_ (natürlich in dem
+weiteren Sinne, der auch das Anschwellen und Abschwächen des einzelnen
+Tones oder Akkordes als »Bewegung« auffaßt). Sie bildet das Element,
+welches die Tonkunst mit den Gefühlszuständen gemeinschaftlich hat, und
+das sie schöpferisch in tausend Abstufungen und Gegensätzen zu gestalten
+vermag.
+
+ [9] Vischer (Ästh. § 11 Anmerkung) definiert die bestimmten Ideen als
+ die Reiche des Lebens, sofern ihre Wirklichkeit als ihrem Begriff
+ entsprechend gedacht wird. Denn _Idee_ bezeichnet immer den in seiner
+ Wirklichkeit rein und mangellos gegenwärtigen Begriff.
+
+Der Begriff der _Bewegung_ ist bisher in den Untersuchungen des Wesens
+und der Wirkung der Musik auffallend vernachlässigt worden; er dünkt uns
+der wichtigste und fruchtbarste.
+
+Was uns außerdem in der Musik bestimmte Seelenzustände zu malen scheint,
+ist _symbolisch_.
+
+Wie die Farben, so besitzen nämlich die Töne schon von Haus aus und in
+ihrer Vereinzelung symbolische Bedeutung, welche außerhalb und vor
+aller künstlerischen Absicht wirkt. Jede Farbe atmet eigentümlichen
+Charakter: sie ist uns keine bloße Ziffer, welche durch den Künstler
+lediglich eine Stellung erhält, sondern eine Kraft, schon von Natur aus
+in sympathetischen Zusammenhang mit gewissen Stimmungen gesetzt. Wer
+kennt nicht die Farbendeutungen, wie sie in ihrer Einfachheit gang und
+gäbe, oder durch feinere Geister zu poetischem Raffinement gehoben
+werden? Wir verbinden Grün mit dem Gefühl der Hoffnung, Blau mit der
+Treue. _Rosenkranz_ erkennt in Rotgelb »anmutige Würde«, in Violett
+»philisterhafte Freundlichkeit« usw. (Psychologie, 2. Aufl. S. 102.)
+
+In ähnlicher Weise sind uns die elementaren Stoffe der Musik: Tonarten,
+Akkorde und Klangfarben schon an sich _Charaktere_. Wir haben auch eine
+nur zu geschäftige Auslegekunst für die Bedeutung musikalischer
+Elemente; _Schubarts_ Symbolik der Tonarten bietet in ihrer Art ein
+Seitenstück zu _Goethes_ Deutung der Farben. Es folgen jedoch diese
+Elemente (Töne, Farben) in ihrer künstlerischen Verwendung ganz andern
+Gesetzen, als jene Wirkung ihrer isolierten Erscheinung. So wenig auf
+einem Historienbild jedes Rot uns Freude, jedes Weiß Unschuld bedeutet,
+ebensowenig wird in einer Symphonie alles As-dur uns eine schwärmerische,
+alles H-moll eine menschenfeindliche Stimmung erwecken, oder jeder
+Dreiklang Befriedigung, jeder verminderte Septakkord Verzweiflung. Auf
+ästhetischem Boden neutralisieren sich derlei elementare Selbständigkeiten
+unter der Gemeinsamkeit höherer Gesetze. Von einem _Ausdrücken_ oder
+_Darstellen_ ist solche Naturbeziehung weit entfernt. »Symbolisch«
+nannten wir sie, indem sie den Inhalt keineswegs unmittelbar darstellt,
+sondern eine von diesem wesentlich verschiedene Form bleibt. Wenn wir im
+Gelben Eifersucht, in G-dur Heiterkeit, in der Zypresse Trauer sehen, so
+hat diese Deutung einen physiologisch-psychologischen Zusammenhang mit
+Bestimmtheiten dieser Gefühle, allein es hat ihn eben nur unsere
+Deutung, nicht die Farbe, der Ton, die Pflanze an und für sich. Man kann
+daher weder von einem Akkord an sich sagen, er stelle ein bestimmtes
+Gefühl dar, noch weniger tut er das im Zusammenhang des Kunstwerkes.
+
+Ein anderes Mittel für den angeblichen Zweck, außer der Analogie der
+Bewegung und der Symbolik der Töne, hat die Musik nicht.
+
+Läßt sich somit ihr Unvermögen, bestimmte Gefühle darzustellen, leicht
+aus der Natur der Töne ableiten, so scheint es fast unbegreiflich, daß
+es auf dem Erfahrungswege nicht noch viel schneller ins allgemeine
+Bewußtsein gedrungen ist. Versuche jemand, dem noch so viele
+Gefühlssaiten aus einem Instrumentalstück anklingen, mit klaren Gründen
+nachzuweisen, _welcher_ Affekt den Inhalt desselben bilde. Die Probe ist
+unerläßlich. -- Hören wir z. B. Beethovens Ouvertüre zu »Prometheus«.
+Was das aufmerksame Ohr des Kunstfreundes in stetiger Folge aus ihr
+vernimmt, ist ungefähr folgendes: Die Töne des ersten Taktes perlen nach
+einem Fall in die Unterquarte rasch und leise aufwärts, wiederholen sich
+genau im zweiten; der dritte und vierte Takt führen denselben Gang in
+größerem Umfang weiter, die Tropfen des in die Höhe getriebenen
+Springbrunnens perlen herab, um in den nächsten vier Takten dieselbe
+Figur und dasselbe Figurenbild auszuführen. Vor dem geistigen Sinn des
+Hörers erbaut sich also in der _Melodie_ die Symmetrie zwischen dem
+ersten und dem zweiten Takte, dann dieser beiden Takte zu den zwei
+folgenden, endlich der vier ersten Takte als eines großen Bogens gegen
+den gleich großen korrespondierenden der folgenden vier Takte. Der den
+_Rhythmus_ markierende Baß bezeichnet den Anfang der ersten drei Takte
+mit je einem Schlag, den vierten mit zwei Schlägen; in gleicher Weise
+bei den folgenden vier Takten. Hier ist also der vierte Takt gegen die
+drei ersten eine Verschiedenheit, welche durch die Wiederholung in den
+nächsten vier Takten symmetrisch wird und das Ohr als ein Zug der
+Neuheit im alten Gleichgewicht erfreut. Die _Harmonie_ in dem Thema
+zeigt uns wieder das Korrespondieren eines großen und zweier kleinen
+Bogen: dem C-dur-Dreiklang in den vier ersten Takten entspricht der
+Sekundakkord im fünften und sechsten, dann der Quintsextakkord im
+siebenten und achten Takt. Dieses wechselseitige Korrespondieren
+zwischen Melodie, Rhythmus und Harmonie erzeugt ein symmetrisches und
+doch abwechslungsvolles Bild, welches durch die Klangfarben der
+verschiedenen Instrumente und den Wechsel der Tonstärke noch reichere
+Lichter und Schatten erhält.
+
+[Musikbeispiel]
+
+Einen weiteren _Inhalt_ als den eben angedeuteten vermögen wir durchaus
+nicht in dem Thema zu erkennen, am wenigsten ein _Gefühl_ zu nennen,
+welches es darstellte oder im Hörer erwecken müßte. Solche Zergliederung
+macht freilich ein Gerippe aus blühendem Körper, geeignet, alle
+Schönheit, aber auch alle falsche Deutelei zu zerstören.
+
+Wie mit diesem ganz zufällig gewählten Motiv geht es mit jedem andern
+Instrumentalthema. Eine große Klasse von Musikfreunden hält es bloß für
+ein Charakteristikum der älteren »klassischen« Musik, den Affekten
+abhold zu sein, und gibt von vornherein zu, daß niemand in einer der 48
+Fugen und Präludien aus J. S. Bachs »wohltemperiertem Klavier« ein
+Gefühl werde nachweisen können, das den Inhalt derselben bilde. So
+dilettantisch und willkürlich diese Unterscheidung auch ist, welche in
+dem Umstand, daß in der älteren Musik der Selbstzweck noch
+unverkennbarer, die Deutbarkeit schwieriger und weniger verlockend
+erscheint, ihre Erklärung findet, -- der Beweis wäre dadurch schon
+hergestellt, daß die Musik nicht Gefühle erwecken und zum Gegenstand
+haben _muß_. Das ganze Gebiet der Figuralmusik fiele hinweg. Müssen aber
+große, historisch wie ästhetisch begründete Kunstgattungen ignoriert
+werden, um einer Theorie Haltbarkeit zu erschleichen,[10] dann ist diese
+falsch. Ein Schiff muß untergehen, sobald es auch nur _ein_ Leck hat.
+Wem dies nicht genügt, der mag ihr immerhin den ganzen Boden
+ausschlagen. Er spiele das Thema irgend einer Mozartschen oder
+Haydnschen Symphonie, eines Beethovenschen Adagios, eines
+Mendelssohnschen Scherzos, eines Schumannschen oder Chopinschen
+Klavierstückes, den Stamm unserer gehaltvollsten Musik; oder auch die
+populärsten Ouvertürenmotive von Auber, Donizetti, Flotow. Wer tritt
+hinzu und getraut sich, ein bestimmtes Gefühl als Inhalt dieser Themen
+aufzuzeigen? Der eine wird »Liebe« sagen. Möglich. Der andere meint
+»Sehnsucht«. Vielleicht. Der dritte fühlt »Andacht«. Niemand kann das
+widerlegen. Und so fort. Heißt dies nun ein bestimmtes Gefühl
+_darstellen_, wenn niemand weiß, _was_ eigentlich dargestellt wird? Über
+die Schönheit und Schönheiten des Musikstückes werden wahrscheinlich
+alle übereinstimmend denken, von dem Inhalt jeder verschieden.
+_Darstellen_ heißt aber einen Inhalt klar, anschaulich produzieren, ihn
+uns vor Augen »daher stellen«. Wie mag man nun dasjenige als das von
+einer Kunst _Dargestellte_ bezeichnen, welches, das ungewisseste,
+vieldeutigste Element derselben, einem ewigen Streit unterworfen ist?
+
+ [10] Bachianer wie _Spitta_ freilich erstreben dies umgekehrt, indem
+ sie, statt zugunsten ihres Meisters die Theorie selbst zu bestreiten,
+ die Fugen und Suiten desselben mit ebenso beredten und positiven
+ Gefühlsergüssen interpretieren, wie nur ein subtiler Beethovenianer
+ seines Meisters Sonaten.
+
+Wir haben absichtlich _Instrumentalsätze_ zu Beispielen gewählt. Denn
+nur was von der Instrumentalmusik behauptet werden kann, gilt von der
+Tonkunst als solcher. Wenn irgendeine allgemeine Bestimmtheit der Musik
+untersucht wird, etwas so ihr Wesen und ihre Natur kennzeichnen, ihre
+Grenzen und Richtung feststellen soll, so kann nur von der
+Instrumentalmusik die Rede sein. Was die _Instrumentalmusik_ nicht kann,
+von dem darf nie gesagt werden, die _Musik_ könne es; denn nur sie ist
+reine, absolute _Tonkunst_. Ob man nun die Vokal- oder die
+Instrumentalmusik an Wert und Wirkung vorziehen wolle, -- eine
+unwissenschaftliche Prozedur, bei der meist dilettantische Einseitigkeit
+das Wort führt, -- man wird stets einräumen müssen, daß der Begriff
+»Tonkunst« in einem auf Textworte komponierten Musikstück nicht rein
+aufgehe. In einer Vokalkomposition kann die Wirksamkeit der Töne nie so
+genau von jener der Worte, der Handlung, der Dekoration getrennt werden,
+daß die Rechnung der verschiedenen Künste sich streng sondern ließe.
+Sogar Tonstücke mit bestimmten Überschriften oder Programmen müssen wir
+ablehnen, wo es sich um den »Inhalt« der Musik handelt. Die Vereinigung
+mit der Dichtkunst erweitert die Macht der Musik, aber nicht ihre
+Grenzen.[11]
+
+ [11] _Gervinus_ hat den Rangstreit zwischen der Vokal- und
+ Instrumentalmusik in seinem »Händel und Shakespeare« (1868) wieder
+ aufgenommen; aber indem er die »Sangkunst« für echte und wahre Musik,
+ die »Spielkunst« für »ein von allem Innerlichen auf das Äußerliche
+ herabgekommenes Kunstwerk«, für ein physikalisches Mittel zu
+ physiologischen Reizen erklärt, beweist er mit allem Aufwand seines
+ Scharfsinnes doch nur, daß man ein gelehrter Händel-Enthusiast und
+ dennoch in wunderlichen Irrtümern über das Wesen der Musik befangen
+ sein kann. Niemand hat diese Irrtümer schlagender widerlegt, als
+ _Ferdinand Hiller_, dessen Kritik des Buches von Gervinus wir
+ nachstehende treffende Stellen entnehmen: »Die Verbindungen des Wortes
+ mit dem Tone sind von der mannigfachsten Art. Von dem einfachsten, in
+ Tönen noch halb gesprochenen Rezitativ bis zu einem Chore von Bach
+ oder einem Opernfinale von Mozart -- welch eine Reihe von
+ Zusammensetzungen! Aber nur im Rezitativischen, mag es selbständig
+ auftreten oder den Gang eines Gesangstückes auch nur durch einen
+ Ausruf unterbrechen, kann der Text mit der Musik in _gleicher_ Kraft
+ den Hörer ergreifen. Sobald die Musik in ihrer vollständigen Wesenheit
+ auftritt, läßt sie das Wort, das sonst omnipotente Wort, weit hinter
+ sich zurück. Der Beweis liegt, _leider_ möchte man sagen, allzu nahe.
+ Schön komponiert, kann das schlechteste Gedicht die Freude an der
+ Komposition kaum schmälern, das größte poetische Meisterwerk aber kann
+ eine langweilige Musik nicht einmal stützen. Welch geringes Interesse
+ erregt der Text eines Oratoriums bei der Lektüre; man begreift es
+ kaum, daß er dem genialen Tondichter den Stoff geben konnte zu einer
+ stundenlangen, Ohr, Herz und Seele erfüllenden Musik. Ja, mehr noch,
+ es ist in den meisten Fällen dem Hörer gar nicht möglich, Worte und
+ Melodie gleichzeitig zu erfassen. Die konventionellen Klänge, aus
+ welchen sich ein Satz in der Sprache zusammensetzt, müssen ziemlich
+ rasch miteinander verbunden werden, damit sie, vom Gedächtnisse
+ zusammengehalten, im Geiste zum Verständnisse gelangen. Die Musik aber
+ erfaßt den Hörer mit dem ersten Tone und führt ihn mit sich fort, ohne
+ ihm die Zeit, ja nur die Möglichkeit zu lassen, auf das Gehörte
+ zurückzukommen.... Mögen wir«, fährt Hiller weiter fort, »dem naivsten
+ Volksliede lauschen, mag uns Händels Halleluja, von tausend Stimmen
+ getragen, entgegenklingen, so wird es im ersteren Falle der Reiz einer
+ kaum entfalteten Melodienknospe, im letzteren die Kraft und Pracht der
+ vereinigten Elemente der ganzen Tonwelt sein, was uns reizt oder
+ begeistert. Das dort vom Feinsliebchen, hier vom Himmelreich die Rede,
+ trägt zu jener ersteren, unmittelbaren Wirkung nichts bei; diese ist
+ rein musikalischer Natur und würde nicht ausbleiben, auch wenn man die
+ Worte weder verstände, noch verstehen könnte.« (Aus dem Tonleben
+ unserer Zeit. Neue Folge. Leipzig 1871. S. 40 ff.)
+
+Wir haben in der Vokalkomposition ein untrennbar verschmolzenes Produkt
+vor uns, aus dem es nicht mehr möglich ist, die Größe der einzelnen
+Faktoren zu bestimmen. Wenn es sich um die Wirkung der _Dichtkunst_
+handelt, so wird es niemand einfallen, die _Oper_ als Beleg
+hervorzuheben; es braucht größerer Verleugnung, aber nur derselben
+Einsicht, um bei den Grundbestimmungen _musikalischer_ Ästhetik ein
+Gleiches zu tun.
+
+Die Vokalmusik illuminiert die Zeichnung des Gedichtes.[12] Wir haben in
+den musikalischen Elementen Farben von größter Pracht und Zartheit
+erkannt, von symbolischer Bedeutsamkeit obendrein. Sie werden vielleicht
+ein mittelmäßiges Gedicht zur innigsten Offenbarung des Herzens
+umwandeln. Trotzdem sind es die Töne nicht, welche in einem Gesangstücke
+_darstellen_, sondern der Text. Die Zeichnung, nicht das Kolorit,
+bestimmt den dargestellten Gegenstand. Wir appellieren an das
+Abstraktionsvermögen des Hörers, das sich irgendeine dramatisch wirksame
+Melodie _abgelöst_ von aller dichterischen Bestimmung rein musikalisch
+vorstellen wolle. Man wird z. B. in einer sehr wirksamen dramatischen
+Melodie, welche _Zorn_ auszudrücken hat, an und für sich keinen weiteren
+psychischen Ausdruck finden, als den einer raschen, leidenschaftlichen
+Bewegung. Worte einer leidenschaftlich bewegten _Liebe_, also das gerade
+Gegenteil, werden vielleicht gleich richtig durch dieselbe Melodie
+interpretiert sein.
+
+ [12] Diesen bekannten bildlichen Ausdruck können wir hier als
+ zutreffend gebrauchen, wo es sich noch, abgesehen von jeder
+ _ästhetischen_ Forderung, bloß um das abstrakte Verhalten der Musik zu
+ Textworten überhaupt und damit um die Entscheidung handelt, von
+ welchem dieser beiden Faktoren die selbständige, maßgebende Bestimmung
+ des _Inhaltes_ (Gegenstandes) ausgehe. Sobald es sich aber nicht mehr
+ um das _Was_, sondern um das _Wie_ der musikalischen Leistungen
+ handelt, hört der Satz freilich auf, passend zu sein. Nur im
+ _logischen_ (wir hätten beinahe gesagt im »juristischen«) Sinn ist der
+ Text Hauptsache, die Musik Akzessorium, die _ästhetische_ Anforderung
+ an den Komponisten geht viel höher, sie verlangt selbständige
+ (zugleich natürlich textentsprechende) _musikalische Schönheit_. Fragt
+ es sich also nicht mehr abstrakt, was die Musik, indem sie Textworte
+ behandelt, tut, sondern wie sie es im wirklichen Falle _tun soll_, so
+ darf man ihre Abhängigkeit vom Gedicht nicht in gleich enge Schranken
+ bannen, wie sie der Zeichner dem Koloristen zieht. Seit _Gluck_ in der
+ großen, notwendigen Reaktion gegen die melodischen Übergriffe der
+ Italiener nicht _auf_, sondern _hinter_ die rechte Mitte zurückschritt
+ (genau wie in unsern Tagen Richard Wagner), wird der in der Dedikation
+ zur »Alceste« ausgesprochene Satz, es sei der Text die »richtige und
+ wohlangelegte Zeichnung«, welche die Musik lediglich zu kolorieren
+ habe, unablässig nachgebetet. Wenn die Musik nicht in viel
+ großartigerem, als bloß kolorierendem Sinne das Gedicht behandelt,
+ wenn sie nicht -- selbst Zeichnung und Farbe zugleich -- etwas ganz
+ Neues hinzubringt, das in ureigener Schönheitskraft blättertreibend
+ die Worte zum bloßen Epheuspalier umschafft: dann hat sie höchstens
+ die Staffel der Schülerübung oder Dilettantenfreude erklommen, die
+ reine Höhe der Kunst nimmermehr.
+
+Als die Arie des Orpheus:
+
+ »J'ai perdu mon Euridice,
+ Rien n'égale mon malheur«
+
+
+Tausende (und darunter Männer wie J. J. Rousseau) zu Tränen rührte,
+bemerkte ein Zeitgenosse Glucks, _Boyé_, daß man dieser Melodie
+ebensogut, ja weit richtiger die entgegengesetzten Worte unterlegen
+könnte:
+
+ »J'ai trouvé mon Euridice,
+ Rien n'égale mon bonheur.«
+
+Wir setzen den Anfang der Arie, der Kürze wegen mit Klavierbegleitung,
+doch genau nach der italienischen Originalpartitur her:
+
+[Musikbeispiel]
+
+Wir sind zwar durchaus nicht der Meinung, daß in diesem Falle der
+Komponist ganz freizusprechen sei, indem die Musik für den Ausdruck
+schmerzlichster Traurigkeit gewiß weit bestimmtere Töne besitzt. Allein
+wir wählen aus Hunderten gerade dies Beispiel, einmal weil es den
+Meister trifft, dem die größte Genauigkeit im dramatischen Ausdruck
+zugeschrieben wird, sodann weil mehrere Generationen an dieser _Melodie_
+das Gefühl höchsten Schmerzes bewunderten, welchen die mit ihr
+verbundenen _Worte_ aussprechen.
+
+Allein auch weit bestimmtere und ausdrucksvollere Gesangsstellen werden,
+losgelöst von ihrem Text, uns höchstens _raten_ lassen, welches Gefühl
+sie ausdrücken. Sie gleichen Silhouetten, deren Original wir meistens
+erst erkennen, wenn man uns gesagt hat, wer das sei.
+
+Was hier an einzelnem gezeigt wurde, erweist sich ebenso an Werken von
+größerem und größtem Umfang. Man hat ganzen Gesangstücken oft andere
+Texte untergelegt. Wenn man in Wien Meyerbeers »Hugenotten« mit
+Veränderung des Schauplatzes, der Zeit, der Personen, der Begebenheit
+und der Worte als »Ghibellinen in Pisa« aufführt, so stört ohne Zweifel
+die ungeschickte Mache einer solchen Umarbeitung, allein der rein
+musikalische Ausdruck wird nicht im mindesten beleidigt. Und doch soll
+das religiöse Gefühl, der Glaubensfanatismus geradezu die Springfeder
+der »Hugenotten« bilden, welche in den »Ghibellinen« ganz entfällt. Der
+Choral Luthers darf hier nicht eingewendet werden; er ist ein _Zitat_.
+Als Musik paßt er zu jeder Konfession. -- Hat der Leser nie das fugierte
+Allegro aus der Ouvertüre zur »Zauberflöte« als Vokalquartett sich
+zankender Handelsjuden gehört? Mozarts Musik, an der nicht eine Note
+geändert ist, paßt zum Entsetzen gut auf den niedrigkomischen Text, und
+man kann sich in der Oper nicht herzlicher an dem Ernst der Komposition
+erfreuen, als man hier über die Komik derselben lachen muß. Derlei
+Belege für das weite Gewissen jedes musikalischen Motivs und jedes
+menschlichen Affektes ließen sich zahllos vorbringen. Die Stimmung
+religiöser Andacht gilt mit Recht für eine der musikalisch am wenigsten
+vergreifbaren. Nun gibt es unzählige deutsche Dorf- oder Marktkirchen,
+wo zur heiligen Wandlung das »Alphorn« von Proch oder die Schlußarie aus
+der »Sonnambula« (mit dem koketten Dezimensprung »in meine Arme«) oder
+ähnliches auf der Orgel vorgetragen wird. Jeder Deutsche, der nach
+Italien kommt, hört mit Staunen in den Kirchen die bekanntesten
+Opernmelodien von Rossini, Bellini, Donizetti und Verdi. Diese und noch
+weltlichere Stücke, wenn sie nur halbwegs sanften Charakters klingen,
+sind weit entfernt, die Gemeinde in ihrer Andacht zu stören, im
+Gegenteil pflegt alles aufs äußerste erbaut zu sein. Wäre die Musik an
+sich imstande, religiöse Andacht als Inhalt darzustellen, so würde solch
+ein quid pro quo ebenso unmöglich sein, als daß der Prediger statt
+seiner Exhorte eine Tiecksche Novelle oder einen Parlamentsakt von der
+Kanzel rezitierte. Unsere größten Meister geistlicher Tonkunst bieten
+Beispiele in Fülle für unsern Satz. Namentlich _Händel_ verfuhr hierin
+mit großartiger Ungeniertheit. _Winterfeld_ hat nachgewiesen, daß viele
+der berühmtesten und ob ihres frommen Ausdrucks bewundertsten Stücke im
+»Messias« aus den weltlichen, meist erotischen Duetten herübergenommen
+sind, welche Händel (1711 bis 1712) für die Kurprinzessin Caroline von
+Hannover auf _Madrigale_ von _Mauro Ortensio_ gesetzt hatte. Die Musik
+zu dem zweiten Duett:
+
+ »Nò, di voi non uo' fidarmi,
+ Cieco amor, crudel beltà;
+ Troppo siete menzognere
+ Lusinghiere deità!«[13]
+
+verwendete Händel unverändert in Tonart und Melodie für den Chor im
+ersten Teil des Messias: »Denn uns ist ein Kind geboren.« -- Der dritte
+Satz desselben Duetts »Sò per prova i vostri inganni« hat dieselben
+Motive wie der Chor im zweiten Teil des Messias »Wie Schafe gehen«. Das
+Madrigal Nr. 16 (Duett für Sopran und Alt) ist im wesentlichen ganz
+übereinstimmend mit dem Duett im dritten Teil des Messias: »O Tod, wo
+ist dein Stachel«; -- dort lautet der Text:
+
+ »Si tu non lasci amore
+ Mio cor, ti pentirai,
+ Lo so ben io!«
+
+ [13] »Nein, ich will euch nicht trauen, blinder Amor, grausame
+ Schönheit, ihr seid zu lügenhafte, schmeichlerische Gottheiten!«
+
+Von den zahlreichen anderen Beispielen bei Seb. _Bach_ sei nur an
+sämtliche madrigalische Stücke des »Weihnachts-Oratoriums« erinnert, die
+bekanntlich aus ganz verschiedenen _weltlichen_ Gelegenheitskantaten
+arglos herübergenommen sind. Und _Gluck_, von dem uns gelehrt wird, er
+habe die hohe dramatische Wahrheit seiner Musik nur dadurch erreicht,
+daß er jede Note genau der bestimmten Situation anpaßte, ja seine
+Melodie aus dem Tonfall der Verse selbst zog, -- _Gluck_ hat in die
+»Armida« nicht weniger als fünf Musikstücke aus seinen älteren
+italienischen Opern herübergenommen. (Vgl. m. »Moderne Oper« S. 16.) Man
+sieht, daß die _Vokalmusik_, deren Theorie niemals das Wesen der
+Tonkunst bestimmen kann, auch praktisch nicht imstande ist, die aus dem
+Begriff der Instrumentalmusik gewonnenen Grundsätze Lügen zu strafen.
+
+Der von uns bekämpfte Satz ist übrigens so in Fleisch und Blut der
+gangbaren ästhetisch-musikalischen Anschauung eingedrungen, daß auch
+alle seine Deszendenten und Seitenverwandten sich gleicher
+Unantastbarkeit erfreuen. Dazu gehört die Theorie von der Nachahmung
+sichtbarer oder unmusikalisch hörbarer Gegenstände durch die Tonkunst.
+Mit besonderer Wohlweisheit wird uns bei der Frage von der »Tonmalerei«
+immer wieder versichert, die Musik könne keineswegs die außer ihrem
+Bereich liegende _Erscheinung_ selbst malen, sondern nur das _Gefühl_,
+welches dadurch in uns erzeugt wird. Gerade umgekehrt. Die Musik kann
+nur die äußere Erscheinung nachzuahmen trachten, niemals aber das durch
+sie bewirkte, spezifische Fühlen. Das Fallen der Schneeflocken, das
+Flattern der Vögel, den Aufgang der Sonne kann ich nur dadurch
+musikalisch malen, daß ich analoge, diesen Phänomenen dynamisch
+verwandte Gehörseindrücke hervorbringe. In Höhe, Stärke, Schnelligkeit,
+Rhythmus der Töne bietet sich dem Ohr eine _Figur_, deren Eindruck jene
+Analogie mit der bestimmten Gesichtswahrnehmung hat, welche
+Sinnesempfindungen verschiedener Gattung gegeneinander erreichen können.
+Wie es physiologisch ein »Vikarieren« eines Sinnes für den andern bis zu
+einer gewissen Grenze gibt, so auch ästhetisch ein gewisses Vikarieren
+eines Sinneseindruckes für den andern. Da zwischen der Bewegung im Raume
+und jener in der Zeit, zwischen der Farbe, Feinheit, Größe eines
+Gegenstandes und der Höhe, Klangfarbe, Stärke eines Tones wohlbegründete
+Analogie herrscht, so kann man in der Tat einen Gegenstand musikalisch
+malen, das »Gefühl« aber in Tönen schildern zu wollen, das der fallende
+Schnee, der krähende Hahn, der zuckende Blitz in uns hervorbringt, ist
+einfach lächerlich.
+
+Obgleich, meines Erinnerns, alle musikalischen Theoretiker auf dem
+Grundsatz, die Musik könnte bestimmte Gefühle darstellen,
+stillschweigend folgern und weiter bauen, so hinderte doch manche ein
+richtiges Gefühl, ihn geradezu anzuerkennen. Der Mangel _begrifflicher_
+Bestimmtheit in der Musik störte sie und ließ sie den Satz dahin ändern:
+die Tonkunst habe nicht etwa bestimmte, wohl aber »_unbestimmte
+Gefühle_« zu erwecken und darzustellen. Vernünftigerweise kann man damit
+nur meinen, die Musik solle die _Bewegung_ des Fühlens, abgezogen von
+dem Inhalt desselben, dem Gefühlten, enthalten; das also, was wir das
+_Dynamische_ der Affekte genannt und der Musik vollständig eingeräumt
+haben. Dies Element der Tonkunst ist aber kein »Darstellen unbestimmter
+Gefühle«. Denn »Unbestimmtes« »darstellen« ist ein Widerspruch.
+Seelenbewegungen als Bewegungen an sich, ohne Inhalt, sind kein
+Gegenstand künstlerischer Verkörperung, weil diese ohne die Frage: was
+bewegt sich oder wird bewegt, nirgend Hand anlegen kann. Das Richtige an
+dem Satz, nämlich die involvierte Forderung, Musik solle kein
+_bestimmtes_ Gefühl schildern, ist ein lediglich negatives Moment. Was
+aber ist das Positive, das Schöpferische im musikalischen Kunstwerk?
+Ein unbestimmtes Fühlen als solches ist kein _Inhalt_; soll eine Kunst
+sich dessen bemächtigen, so kommt alles darauf an, _wie_ es _geformt_
+wird. Jede Kunsttätigkeit besteht aber im _Individualisieren_, in dem
+Prägen des Bestimmten aus dem Unbestimmten, des Besondern aus dem
+Allgemeinen. Die Theorie der »unbestimmten Gefühle« verlangt das gerade
+Gegenteil. Man ist hier noch schlimmer daran, als bei dem früheren Satz,
+man soll glauben, daß die Musik etwas darstelle, und weiß doch niemals,
+was. Sehr einfach ist von hier der kleine Schritt zu der Erkenntnis, daß
+die Musik _gar keine_, weder bestimmte noch unbestimmte, Gefühle
+schildert. Welcher Musiker hätte aber diese durch unvordenklichen Besitz
+ersessene Reichsdomäne seiner Kunst aufgeben wollen?[14]
+
+ [14] Zu welchen Absurditäten das falsche Prinzip führt, in jedem
+ Musikstück die Darstellung eines bestimmten Gefühles zu finden, und
+ das noch falschere: für jede Gattung musikalischer Kunstformen ein
+ spezielles _Gefühl_ als notwendigen Inhalt zu diktieren, -- ersieht
+ man aus den Werken geistreicher Männer wie _Mattheson_. Getreu seinem
+ Grundsatz: »Wir müssen bei jeder Melodie uns eine Gemütsbewegung zum
+ Hauptzweck setzen«, lehrt er in seinem »Vollkommenen Kapellmeister«
+ (S. 230 ff.): »Die Leidenschaft, welche in einer Kurrende vorgetragen
+ werden soll, ist die Hoffnung.« »Die Sarabande hat keine andere
+ Leidenschaft auszudrücken, als die _Ehrsucht_.« »Im Concerto grosso
+ führt die _Wollust_ das Regiment.« Die _Chaconne_ habe »Ersättigung«
+ auszudrücken, die _Ouvertüre_ »Edelmut«.
+
+Unser Resultat ließe vielleicht noch der Meinung Raum, daß die
+Darstellung bestimmter Gefühle für die Musik zwar ein Ideal sei, das
+sie niemals ganz erreichen, dem sie sich aber immer mehr nähern könne
+und solle. Die vielen großsprechenden Redensarten von der Tendenz der
+Musik, die Schranken ihrer Unbestimmtheit zu durchbrechen und konkrete
+Sprache zu werden, die beliebten Lobpreisungen solcher Kompositionen, an
+welchen man dies Bestreben wahrnimmt oder wahrzunehmen vermeint, zeugen
+von der wirklichen Verbreitung solcher Ansicht.
+
+Allein noch entschiedener, als wir die Möglichkeit musikalischer
+Gefühlsdarstellung bekämpften, haben wir die Meinung abzuwehren, als
+könne diese jemals das _ästhetische Prinzip_ der Tonkunst abgeben.
+
+Das _Schöne_ in der Musik würde mit der Genauigkeit der
+Gefühlsdarstellung auch dann nicht kongruieren, wenn diese _möglich_
+wäre. Nehmen wir diese Möglichkeit für einen Moment an, um uns praktisch
+zu überzeugen.
+
+Offenbar können wir diese Fiktion nicht an der _Instrumentalmusik_
+versuchen, welche die Nachweisung bestimmter Affekte von selbst
+verwehrt, sondern nur an der _Vokalmusik_, der das Betonen
+vorgezeichneter Seelenzustände zukommt.[15]
+
+ [15] In Kritiken von Vokalmusik hat der Verfasser (und andere seinen
+ Grundsätzen beistimmende Kritiker) der Kürze und Bequemlichkeit halber
+ häufig die Worte »Ausdrücken«, »Schildern«, »Darstellen« von den Tönen
+ u. dgl. arglos gebraucht, und man darf sie wohl gebrauchen, wenn man
+ sich ihrer Uneigentlichkeit streng bewußt bleibt, d. h. ihrer
+ Beschränktheit auf symbolischen und dynamischen Ausdruck.
+
+Hier bestimmen die dem Komponisten vorliegenden _Worte_ das zu
+schildernde Objekt; die Musik hat die Macht, es zu beleben, zu
+kommentieren, ihm in mehr oder weniger hohem Grade den Ausdruck
+individueller Innerlichkeit zu verleihen. Sie tut dies durch möglichste
+Charakteristik der Bewegung und durch Verwertung der den Tönen
+innewohnenden Symbolik. Faßt sie als Hauptgesichtspunkt den Text ins
+Auge, und nicht die eigene ausgeprägte Schönheit, so kann sie es zu
+hoher Individualisierung, ja zu dem Scheine bringen, sie allein stelle
+wirklich das Gefühl dar, welches in den Worten bereits unverrückbar,
+wenngleich steigerungsfähig vorlag. Diese Tendenz erreicht in der
+Wirkung etwas Ähnliches mit dem vorgeblichen »_Darstellen_ eines
+Affektes als Inhalt des bestimmten Musikstücks«. Gesetzt den Fall, jene
+wirkliche und diese angebliche Kraft der Tonkunst wären kongruent, die
+Gefühlsdarstellung möglich und Inhalt der Musik, so würden wir
+folgerichtig solche Kompositionen die vollkommensten nennen, welche die
+Aufgabe _am bestimmtesten lösen_. Allein wer kennt nicht Tonwerke von
+höchster Schönheit _ohne_ solchen Inhalt? (Wir erinnern an Bachs Fugen
+und Präludien.) Umgekehrt gibt es Vokalkompositionen, welche ein
+bestimmtes Gefühl aufs genauste, innerhalb der eben erklärten Grenzen,
+abzukonterfeien suchen, und welchen die _Wahrheit_ dieses Schilderns
+über jedes andere Prinzip geht. Bei näherer Betrachtung gelangen wir zu
+dem Ergebnis, daß das rücksichtslose Anschmiegen solcher musikalischen
+Schilderung meist in umgekehrtem Verhältnis steht zu ihrer selbständigen
+Schönheit, daß also die deklamatorisch-_dramatische Genauigkeit_ und die
+_musikalische Vollendung_ nur die Hälfte Weges miteinander
+fortschreiten, dann aber sich trennen.
+
+Am deutlichsten zeigt dies das _Rezitativ_, als diejenige Form, welche
+am unmittelbarsten und bis auf den Akzent des einzelnen Wortes sich dem
+deklamatorischen Ausdruck anschmiegt, nicht mehr anstrebend, als einen
+getreuen Abguß bestimmter, meist rasch wechselnder Gemütszustände. Dies
+müßte, als wahre Verkörperung jener Lehre, die höchste, vollkommenste
+Musik sein; in der Tat aber sinkt diese im Rezitativ ganz zur Dienerin
+herab und verliert ihre selbständige Bedeutung. Ein Beweis, daß der
+Ausdruck bestimmter Seelenvorgänge mit der Aufgabe der Musik nicht
+kongruiert, sondern in letzter Konsequenz derselben hemmend
+entgegensteht. Man spiele ein längeres Rezitativ mit Hinweglassung der
+Worte und frage dann nach seinem musikalischen Wert und Bedeuten. Diese
+Probe aber muß _jede Musik_ aushalten, welcher _allein_ wir die
+hervorgebrachte Wirkung zuschreiben sollen.
+
+Keineswegs auf das Rezitativ beschränkt, können wir vielmehr an den
+höchsten und erfülltesten Kunstformen dieselbe Bestätigung finden, wie
+die _musikalische Schönheit_ stets geneigt sei, dem _speziell
+Ausdrückenden_ zu weichen, weil jene ein selbständiges Entfalten, dieses
+ein dienendes Verleugnen erheischt.
+
+Steigen wir empor vom deklamatorischen Prinzip im Rezitativ zum
+dramatischen in der Oper. Die Musikstücke in _Mozarts_ Opern stehen im
+vollen Einklang mit ihrem Text. Hört man selbst die kompliziertesten,
+die Finales, ohne Text, so werden Mittelglieder etwa unklar bleiben, die
+Hauptpartien und deren Ganzes aber an sich schöne Musik sein. Das
+gleichmäßige Genügen an die musikalischen und die dramatischen
+Anforderungen gilt bekanntlich darum mit Recht für das Ideal der Oper.
+Daß jedoch das Wesen derselben eben dadurch ein steter _Kampf_ ist
+zwischen dem Prinzip der dramatischen Genauigkeit und dem der
+musikalischen Schönheit, ein unaufhörliches Konzedieren des einen an das
+andere, dies ist meines Wissens nie erschöpfend entwickelt worden. Nicht
+die Unwahrheit, daß sämtliche handelnde Personen _singen_, macht das
+Prinzip der Oper schwankend und schwierig -- solche Illusionen geht die
+Phantasie mit großer Leichtigkeit ein -- die unfreie Stellung aber,
+welche Musik und Text zu einem fortwährenden Überschreiten oder
+Nachgeben zwingt, macht, daß die Oper wie ein konstitutioneller Staat
+auf einem steten Kampfe zweier berechtigter Gewalten beruht. Dieser
+Kampf, in dem der Künstler bald das eine, bald das andere Prinzip muß
+siegen lassen, ist der Punkt, aus welchem alle Unzulänglichkeiten der
+Oper entspringen und alle Kunstregeln auszugehen haben, welche eben für
+die _Oper_ Entscheidendes sagen wollen. In ihre Konsequenzen verfolgt,
+müssen das musikalische und das dramatische Prinzip einander notwendig
+durchschneiden. Nur sind die beiden Linien lang genug, um dem
+menschlichen Auge eine beträchtliche Strecke hindurch _parallel_ zu
+scheinen.
+
+Ähnliches gilt vom _Tanze_, wie wir in jedem Ballett beobachten können.
+Je mehr er die schöne Rhythmik seiner Formen verläßt, um mit
+Gestikulation und Mimik _sprechend_ zu werden, bestimmte Gedanken und
+Gefühle auszudrücken, desto mehr nähert er sich der formlosen
+Bedeutsamkeit der bloßen Pantomime. Die Steigerung des dramatischen
+Prinzips im Tanze wird im selben Maß eine Verletzung seiner
+plastisch-rhythmischen Schönheit. _Ganz_ wie ein gesprochenes Drama oder
+ein reines Instrumentalwerk vermag eine Oper nicht dazustehen. Darum
+wird das Augenmerk des echten Opernkomponisten wenigstens ein stetes
+Verbinden und Vermitteln sein, niemals ein prinzipielles
+verhältnismäßiges Vorherrschen des einen oder des andern Moments. Im
+Zweifel wird er sich aber für die Bevorzugung der _musikalischen_
+Forderung entscheiden; denn die Oper ist vorerst Musik, nicht Drama. Man
+kann dies leicht an der eigenen, sehr verschiedenen Intention ermessen,
+mit der man ein Drama besucht, oder aber eine Oper derselben Handlung.
+Die Vernachlässigung des musikalischen Teils wird uns immer weit
+empfindlicher treffen.[16]
+
+ [16] Ungemein charakteristisch ist, was Mozart _über die Stellung der
+ Musik zur Poesie_ in der Oper sagt. Ganz im Gegensatz zu _Gluck_, der
+ die Musik der Poesie untergeordnet wissen will, meint Mozart, daß die
+ Poesie der Musik gehorsame Tochter sein solle. Er weist in der Oper
+ der Musik, wo sie zum Ausdruck der Stimmung verwandt wird, entschieden
+ die Herrschaft zu. Er beruft sich auf das Faktum, daß gute Musik die
+ elendesten Texte vergessen lasse, -- ein Fall, wo das Umgekehrte
+ stattfand, dürfte kaum anzuführen sein --; es folgt aber auch
+ unwidersprechlich aus dem Wesen und der _Natur der Musik_. Schon
+ dadurch, daß sie unmittelbar und mächtiger als jede andere Kunst die
+ Sinne ergreift und ganz in Anspruch nimmt, macht sie den Eindruck,
+ welchen die poetische Darstellung durch die Sprache hervorbringen
+ kann, für den Augenblick zurücktreten; sie wirkt ferner durch den Sinn
+ des Gehörs in einer, wie es scheint, noch nicht aufgeklärten Weise
+ unmittelbar auf die Phantasie und das Gefühl mit einer erregenden
+ Kraft ein, welche ebenfalls die der Poesie momentan überflügelt (O.
+ Jahn, »Mozart«, III. 91).
+
+Die größte kunstgeschichtliche Bedeutung des berühmten Streites zwischen
+den _Gluckisten_ und den _Piccinisten_ liegt für uns darin, daß dabei
+der innere Konflikt der _Oper_ durch den Widerstreit ihrer beiden
+Faktoren, des musikalischen und des dramatischen, zum erstenmal
+ausführlich zur Sprache kam. Freilich geschah dies ohne ein
+wissenschaftliches Bewußtsein von der unermeßlichen prinzipiellen
+Bedeutung des Entscheides. Wer sich die lohnende Mühe nicht gereuen
+läßt, auf die Quellen jenes Musikstreites selbst zurückzugehen,[17]
+wird wahrnehmen, wie darin auf der reichen Skala zwischen Grobheit und
+Schmeichelei die ganze witzige Fechtergewandtheit französischer Polemik
+herrscht, zugleich aber eine solche Unmündigkeit in der Auffassung des
+prinzipiellen Teiles, ein solcher Mangel an tieferem Wissen, daß für die
+musikalische Ästhetik _ein Resultat_ aus diesen langjährigen Debatten
+nicht zutage steht. -- Die bevorzugtesten Köpfe: _Suard_ und _Abbé
+Arnaud_ auf Glucks Seite, _Marmontel_ und _La Harpe_ wider ihn, gingen
+zwar wiederholt über die Kritik Glucks hinaus zu einer Beleuchtung des
+_dramatischen_ Prinzips in der Oper und seines Verhältnisses zum
+_musikalischen_; allein sie behandelten dieses Verhältnis wie eine
+Eigenschaft der Oper unter vielen, nicht aber als das innerste
+Lebensprinzip derselben. Sie hatten keine Ahnung, daß von der
+Entscheidung dieses Verhältnisses die ganze Existenz der Oper abhänge.
+Merkwürdig ist, wie ganz nahe insbesondere Glucks Gegner einigemal dem
+Punkte sind, von dem aus der Irrtum des dramatischen Prinzips vollkommen
+erschaut und besiegt werden mag. So sagt _de la Harpe_ im Journal de
+Politique et de Littérature vom 5. Oktober 1777: »On objecte, qu'il
+n'est pas naturel, de chanter un air de cette nature dans une situation
+passionée, que c'est un moyen d'arrêter la scène et de nuir à l'effet.
+Je trouve ces objections absolument illusoires. D'abord dès qu'on admet
+le chant, il faut l'admettre le plus beau possible, et il n'est pas plus
+naturel de chanter mal, que de chanter bien. Tous les arts sont fondées
+sur des conventions, sur des données. Quand je viens à l'opéra, c'est
+pour entendre la musique. Je n'ignore pas, qu'_Alceste_ ne faisait ses
+Adieux à _Admète_ en chantant un air; mais comme Alceste est sur le
+théâtre pour chanter, si je retrouve sa douleur et son amour dans un air
+bien melodieux, je jouirai de son chant en m'intéressant à son
+infortune.« Sollte man glauben, daß de la Harpe selbst nicht erkannte,
+wie prächtig er da auf festem Boden stand? Denn bald darauf läßt er sich
+beikommen, das Duo zwischen Agamemnon und Achilles in der »Iphigenia«
+aus dem Grunde zu bekämpfen, »weil es sich durchaus nicht mit der Würde
+dieser beiden Helden vertrage, daß sie zu gleicher Zeit redeten«. Damit
+hatte er jenen festen Boden, das Prinzip der _musikalischen_ Schönheit,
+verlassen und verraten, das Prinzip des Gegners stillschweigend,
+unbewußt anerkennend.
+
+ [17] Die wichtigsten dieser Streitschriften finden sich in der
+ Sammlung: »Mémoires pour servir à l'histoire de la Révolution opérée
+ dans la musique par Mr. le chevalier _Gluck_.« Naples et Paris 1781.
+
+Je konsequenter man das _dramatische_ Prinzip in der Oper rein halten
+will, ihr die Lebensluft der musikalischen Schönheit entziehend, desto
+siecher schwindet sie dahin, wie ein Vogel unter der Luftpumpe. Man muß
+notwendig bis zum rein _gesprochenen_ Drama zurückkommen, womit man
+wenigstens den Beweis hat, daß die Oper wirklich _unmöglich_ ist, wenn
+man nicht dem _musikalischen_ Prinzip (mit vollem Bewußtsein seiner
+realitätfeindlichen Natur) die Oberherrschaft in der Oper einräumt. In
+der wirklichen künstlerischen Ausübung ist diese Wahrheit auch niemals
+geleugnet worden, und selbst der strengste Dramatiker, Gluck, stellt
+zwar die falsche Theorie auf, die Opernmusik habe nichts anderes zu sein
+als eine gesteigerte Deklamation -- in der Ausübung bricht aber die
+_musikalische_ Natur des Mannes oft genug durch, und stets zum großen
+Vorteil seines Werkes. Dasselbe gilt von _Richard Wagner_. Für unseren
+Zusammenhang ist nur scharf hervorzuheben, daß der Hauptgrundsatz
+_Wagners_, wie er ihn im ersten Band von »Oper und Drama« ausspricht:
+»Der Irrtum der Oper als Kunstgenre besteht darin, daß ein Mittel (die
+Musik) zum Zweck, der Zweck (das Drama) aber zum Mittel gemacht wird«,
+-- auf falschem Boden steht. Denn eine Oper, in der die Musik immer und
+wirklich _nur als Mittel_ zum dramatischen Ausdruck gebracht wird, ist
+ein musikalisches Unding.[18]
+
+ [18] Ich kann mir nicht versagen, hier einige treffende Aussprüche von
+ Grillparzer und M. Hauptmann zu zitieren:
+
+»Unsinnig« nennt es Grillparzer, »die Musik bei der Oper zur bloßen
+Sklavin der Poesie zu machen«, und fährt weiter fort: »_wäre die Musik
+in der Oper nur da, um das noch einmal auszudrücken, was der Dichter
+schon ausgedrückt hat, dann laßt mir die Töne weg_... Wer deine Kraft
+kennt, Melodie! die du, ohne der Worterklärung eines Begriffes zu
+bedürfen, unmittelbar aus dem Himmel durch die Brust wieder zum Himmel
+zurückziehst, wer deine Kraft kennt, wird die Musik nicht zur
+Nachtreterin der Poesie machen: er mag der letzteren den Vorrang geben
+(und ich glaube, sie verdient ihn auch, wie ihn das Mannesalter verdient
+vor der Kindheit), aber er wird auch der ersteren ihr eigenes,
+unabhängiges Reich zugestehen, beide wie Geschwister betrachten, und
+nicht wie Herrn und Knecht oder auch nur wie Vormund und Mündel.« Als
+Grundsatz will er festgehalten wissen: »Keine Oper soll vom
+Gesichtspunkte der Poesie betrachtet werden -- von diesem aus ist jede
+_dramatisch_-musikalische Komposition Unsinn --, sondern vom
+Gesichtspunkte der Musik.«
+
+Eine andere Stelle bei Grillparzer lautet: »Es wird keinem
+Opernkompositeur leichter sein, genau auf die Worte des Textes zu
+setzen, als dem, der seine Musik mechanisch zusammensetzt; da hingegen
+der, dessen Musik ein organisches Leben, eine in sich selbst gegründete
+Notwendigkeit hat, leicht mit den Worten in Kollision kommt. Jedes
+eigentlich melodische Thema hat nämlich sein inneres Gesetz der Bildung
+und Entwicklung, das dem eigentlich musikalischen Genie heilig und
+unantastbar ist, und das er den Worten zu Gefallen nicht aufgeben kann.
+Der musikalische Prosaist kann überall anfangen und überall aufhören,
+weil Stücke und Teile sich leicht versetzen und anders ordnen lassen;
+wer aber Sinn für ein Ganzes hat, kann es nur entweder ganz geben oder
+ganz bleiben lassen. Das soll nicht der Vernachlässigung des Textes das
+Wort reden, sondern sie nur in einzelnen Fällen entschuldigen, ja
+rechtfertigen. Daher ist _Rossinis_ kindisches Getändel doch mehr wert,
+als _Mosels_ prosaische Verstandesnachäffung, welche das Wesen der Musik
+zerreißt, um den hohlen Worten des Dichters nachzustottern, daher kann
+man _Mozarten_ häufig Verstöße gegen den Text vorwerfen, _Glucken_ nie;
+daher ist das so gepriesene Charakteristische der Musik häufig ein sehr
+negatives Verdienst, das sich meistens darauf beschränkt, daß die Freude
+durch Nicht-Traurigkeit, der Schmerz durch Nicht-Lustigkeit, die Milde
+durch Nicht-Härte, der Zorn durch Nicht-Milde, die Liebe durch Flöten
+und die Verzweiflung durch Trompeten und Pauken mit Kontrabässen
+ausgedrückt wird. Der _Situation_ muß der Tonsetzer treu bleiben, den
+_Worten_ nicht; wenn er bessere in seiner Musik findet, so mag er immer
+die des Textes übergehen.« Klingt nicht vieles in diesen, vor Dezennien
+geschriebenen Aphorismen wie eine Polemik gegen Wagners Theorien und den
+Walkürenstil? Einen tiefen Blick in die Natur des Publikums wirft
+Grillparzer mit dem Ausspruch: »Die von einer _Oper_ eine _rein
+dramatische_ Wirkung fordern, sind gewöhnlich jene, die dagegen auch von
+einem _dramatischen_ Gedicht eine _musikalische_ Wirkung begehren, d. i.
+Wirkung mit blinder Gewalt.« IX, 144 ff.
+
+Ähnlich _M. Hauptmann_ an O. Jahn: »Mir war's (beim Hören Gluckscher
+Opern) so oft wie Absicht des Komponisten wahr zu sein, _aber nicht
+musikwahr, nur wortwahr_, und dadurch wird's nicht selten musikunwahr;
+das Wort schließt kurz ab, die Musik will ausklingen. Die Musik bleibt
+doch immer der Vokal, zu dem das Wort nur der Konsonant ist, und den
+Akzent wird hier wie sonst immer nur der Vokal haben können, das
+Lautende, nicht das Mitlautende. _Man hört doch immer die Musik, wenn
+sie noch so wortgetreu ist, auch für sich; so muß sie also auch für sich
+zu hören sein._« (Briefe an Spohr usw. ed. F. Hiller. Leipzig 1867.
+S. 106.)
+
+Eine Konsequenz des _Wagner_schen Satzes (von Mittel und Zweck) wäre
+u. a. auch, daß alle Komponisten schweres Unrecht getan haben, wenn sie
+zu mittelmäßigen Texten und Situationen mehr als mittelmäßige Musik zu
+machen suchten, und wir ebenso schweres Unrecht begehen, jene Musik zu
+lieben.
+
+Die Verbindung der Poesie mit der Musik und der Oper ist eine Ehe zur
+linken Hand. Je näher wir diese morganatische Ehe betrachten, welche die
+musikalische Schönheit mit dem ihr bestimmt vorgeschriebenen Inhalt
+eingeht, desto trügerischer dünkt uns ihre Unauflöslichkeit.
+
+Wie kommt es, daß wir in jedem Gesangstück manche kleine Änderung
+vornehmen können, welche, die Richtigkeit des Gefühlsausdrucks nicht im
+mindesten schwächend, doch die Schönheit des Motivs sogleich vernichtet?
+Das wäre unmöglich, wenn die letztere in der ersten läge. Wie kommt es,
+daß manches Gesangstück, welches seinen Text tadellos ausdrückt, uns
+unleidlich schlecht erscheint? Vom Standpunkt des Gefühlsprinzips kann
+man ihm nicht beikommen. Was bleibt also das Prinzip des Schönen in der
+Tonkunst, nachdem wir die Gefühle, als dafür unzureichend, abgelehnt?
+
+Ein ganz anderes selbständiges Element, das wir sogleich näher
+betrachten wollen.
+
+
+
+
+III.
+
+Das Musikalisch-Schöne.
+
+
+Wir sind bisher negativ zu Werke gegangen und haben lediglich die irrige
+Voraussetzung abzuwehren gesucht, daß das Schöne der Musik in dem
+Darstellen von Gefühlen bestehen könne.
+
+Nun haben wir den positiven Gehalt zu jenem Umriß hinzuzubringen, indem
+wir die Frage beantworten, welcher Natur das Schöne der Tondichtung sei.
+
+_Es ist ein spezifisch Musikalisches._ Darunter verstehen wir ein
+Schönes, das unabhängig und unbedürftig eines von außen her kommenden
+Inhalts, einzig in den Tönen und ihrer künstlerischen Verbindung liegt.
+Die sinnvollen Beziehungen in sich reizvoller Klänge, ihr
+Zusammenstimmen und Widerstreben, ihr Fliehen und sich Erreichen, ihr
+Aufschwingen und Ersterben, -- dies ist, was in freien Formen vor unser
+geistiges Anschauen tritt und als schön gefällt.
+
+Das Urelement der Musik ist _Wohllaut_, ihr Wesen _Rhythmus_. Rhythmus
+im Großen, als die Übereinstimmung eines symmetrischen Baues, und
+Rhythmus im Kleinen, als die wechselnd-gesetzmäßige Bewegung einzelner
+Glieder im Zeitmaß. Das Material, aus dem der Tondichter schafft, und
+dessen Reichtum nicht verschwenderisch genug gedacht werden kann, sind
+die gesamten _Töne_, mit der in ihnen ruhenden Möglichkeit zu
+verschiedener Melodie, Harmonie und Rhythmisierung. Unausgeschöpft und
+unerschöpflich waltet vor allem die _Melodie_, als Grundgestalt
+musikalischer Schönheit; mit tausendfachem Verwandeln, Umkehren,
+Verstärken bietet die _Harmonie_ immer neue Grundlagen; beide vereint
+bewegt der _Rhythmus_, die Pulsader musikalischen Lebens, und färbt der
+Reiz mannigfaltiger _Klangfarben_.
+
+Fragt es sich nun, was mit diesem Tonmaterial ausgedrückt werden soll,
+so lautet die Antwort: _Musikalische Ideen_. Eine vollständig zur
+Erscheinung gebrachte musikalische Idee aber ist bereits selbständiges
+Schöne, ist Selbstzweck und keineswegs erst wieder Mittel oder Material
+der Darstellung von Gefühlen und Gedanken.
+
+Der Inhalt der Musik sind _tönend bewegte Formen_.
+
+In welcher Weise uns die Musik _schöne Formen_ ohne den Inhalt eines
+bestimmten Affektes bringen kann, zeigt uns entfernt bereits ein Zweig
+der Ornamentik in der bildenden Kunst: _die Arabeske_. Wir erblicken
+geschwungene Linien, hier sanft sich neigend, dort kühn emporstrebend,
+sich findend und loslassend, in kleinen und großen Bogen
+korrespondierend, scheinbar inkommensurabel, doch immer wohlgegliedert,
+überall ein Gegen- oder Seitenstück begrüßend, eine Sammlung kleiner
+Einzelheiten und doch ein Ganzes. Denken wir uns nun eine Arabeske
+nicht tot und ruhend, sondern in fortwährender Selbstbildung vor unsern
+Augen entstehend. Wie die starken und feinen Linien einander verfolgen,
+aus kleiner Biegung zu prächtiger Höhe sich heben, dann wieder senken,
+sich erweitern, zusammenziehen und in sinnigem Wechsel von Ruhe und
+Anspannung das Auge stets neu überraschen! Da wird das Bild schon höher
+und würdiger. Denken wir uns vollends diese lebendige Arabeske als
+tätige Ausströmung eines künstlerischen Geistes, der die ganze Fülle
+seiner Phantasie unablässig in die Adern dieser Bewegung ergießt, --
+wird dieser Eindruck dem _musikalischen_ nicht einigermaßen nahekommend
+sein?
+
+Jeder von uns hat als Kind sich wohl an dem wechselnden Farben- und
+Formenspiel eines _Kaleidoskops_ ergötzt. Ein solches Kaleidoskop,
+jedoch auf unmeßbar höherer idealer Erscheinungsstufe, ist Musik. Sie
+bringt in stets sich entwickelnder Abwechselung schöne Formen und Farben,
+sanft übergehend, scharf kontrastierend, immer zusammenhängend und doch
+immer neu, in sich abgeschlossen und von sich selbst erfüllt. Der
+Hauptunterschied ist, daß solch unserm Ohr vorgeführtes _Ton_kaleidoskop
+sich als unmittelbare Emanation eines künstlerisch schaffenden Geistes
+gibt, jenes sichtbare aber als ein sinnreich-mechanisches Spielzeug.
+Will man nicht bloß in Gedanken, sondern in Wirklichkeit die Erhebung
+der Farbe zur Musik vollziehen, und die Mittel der einen Kunst in die
+Wirkungen der andern einbetten, so gerät man auf die abgeschmackte
+Spielerei des »Farbenklaviers« oder der »Augenorgel«, deren Erfindung
+jedoch beweist, wie die formelle Seite beider Erscheinungen auf gleicher
+Basis ruht.
+
+Sollte irgend ein gefühlvoller Musikfreund unsere Kunst durch Analogien
+wie die obige herabgewürdigt finden, so entgegnen wir, es handle sich
+bloß darum, ob die Analogien _richtig_ seien oder nicht. Herabgewürdigt
+wird nichts dadurch, daß man es besser kennen lernt. Will man auf die
+Eigenschaft der Bewegung, der zeitlichen Entwicklung, wodurch das
+Beispiel vom Kaleidoskop besonders treffend wird, verzichten, so kann
+man allerdings für das Musikalisch-Schöne eine höhere Analogie etwa in
+der Architektur, dem menschlichen Körper, oder einer Landschaft finden,
+die auch eine primitive Schönheit der Umrisse und Farben (abgesehen von
+der Seele, dem geistigen Ausdruck) haben.
+
+Wenn man die Fülle von Schönheit nicht zu erkennen verstand, die im rein
+Musikalischen lebt, so trägt die _Unterschätzung des Sinnlichen_ viel
+Schuld, welcher wir in älteren Ästhetiken zugunsten der Moral und des
+Gemüts, in Hegel zugunsten der »Idee« begegnen. Jede Kunst geht vom
+Sinnlichen aus und webt darin. Die »Gefühlstheorie« verkennt dies, sie
+übersieht das _Hören_ gänzlich und geht unmittelbar ans _Fühlen_. Die
+Musik schaffe für das Herz, meinen sie, das Ohr sei ein triviales Ding.
+
+Ja, was sie eben Ohr nennen -- für das »Labyrinth« oder »Trommelfell«
+dichtet kein Beethoven. Aber die _Phantasie_, die auf Gehörsempfindungen
+organisiert ist, und welcher der _Sinn_ etwas ganz anderes bedeutet, als
+ein bloßer Trichter an die Oberfläche der Erscheinungen, _sie_ genießt
+in bewußter Sinnlichkeit die klingenden Figuren, die sich aufbauenden
+Töne, und lebt frei und unmittelbar in deren Anschauung.
+
+Es ist von außerordentlicher Schwierigkeit, dies selbständige Schöne in
+der Tonkunst, dies spezifisch Musikalische zu schildern. Da die Musik
+kein Vorbild in der Natur besitzt und keinen begrifflichen Inhalt
+ausspricht, so läßt sich von ihr nur mit trocknen technischen
+Bestimmungen, oder mit poetischen Fiktionen erzählen. Ihr Reich ist in
+der Tat »nicht von dieser Welt«. All die phantasiereichen Schilderungen,
+Charakteristiken, Umschreibungen eines Tonwerks sind bildlich oder
+irrig. Was bei jeder andern Kunst noch Beschreibung, ist bei der
+Tonkunst schon Metapher. Die Musik will nun einmal als Musik aufgefaßt
+sein und kann nur aus sich selbst verstanden, in sich selbst genossen
+werden.
+
+Keineswegs ist das »Spezifisch-Musikalische« als bloß akustische
+Schönheit oder proportionale Symmetrie zu verstehen, -- Zweige, die es
+als untergeordnet in sich begreift, -- noch weniger kann von einem
+»ohrenkitzelnden Spiel in Tönen« die Rede sein und ähnlichen
+Bezeichnungen, womit der Mangel an geistiger Beseelung hervorgehoben zu
+werden pflegt. Dadurch, daß wir auf musikalische Schönheit dringen,
+haben wir den geistigen Gehalt nicht ausgeschlossen, sondern ihn
+vielmehr bedingt. Denn wir anerkennen keine Schönheit ohne jeglichen
+Anteil von Geist. Indem wir aber das Schöne in der Musik wesentlich in
+_Formen_ verlegt haben, ist schon angedeutet, daß der geistige Gehalt in
+engstem Zusammenhange mit diesen Tonformen steht. Der Begriff der »Form«
+findet in der Musik eine ganz eigentümliche Verwirklichung. Die Formen,
+welche sich aus _Tönen_ bilden, sind nicht leer, sondern erfüllte, nicht
+bloße Linienbegrenzung eines Vakuums, sondern sich von innen heraus
+gestaltender Geist. Der Arabeske gegenüber ist demnach die Musik in der
+Tat ein _Bild_, allein ein solches, dessen Gegenstand wir nicht in Worte
+fassen und unsern Begriffen unterordnen können. In der Musik ist Sinn
+und Folge, aber _musikalische_; sie ist eine Sprache, die wir sprechen
+und verstehen, jedoch zu _übersetzen_ nicht imstande sind. Es liegt eine
+tiefsinnige Erkenntnis darin, daß man auch in Tonwerken von »Gedanken«
+spricht, und wie in der Rede unterscheidet da das geübte Urteil leicht
+echte Gedanken von bloßen Redensarten. Ebenso erkennen wir das
+vernünftig Abgeschlossene einer Tongruppe, indem wir sie einen »_Satz_«
+nennen. Fühlen wir doch so genau wie bei jeder logischen Periode, wo ihr
+Sinn zu Ende ist, obgleich die Wahrheit beider ganz inkommensurabel
+dasteht.
+
+Das befriedigend Vernünftige, das an und für sich in musikalischen
+Formbildungen liegen kann, beruht in gewissen primitiven Grundgesetzen,
+welche die Natur in die Organisation des Menschen und in die äußeren
+Lauterscheinungen gelegt hat. Das Urgesetz der »harmonischen
+Progression« ist es vorzugsweise, welches, analog der Kreisform bei den
+bildenden Künsten, den Keim der wichtigsten Weiterbildung und die --
+leider fast unerklärte -- Erklärung der verschiedenen musikalischen
+Verhältnisse in sich trägt.
+
+Alle musikalischen Elemente stehen unter sich in geheimen, auf
+Naturgesetze gegründeten Verbindungen und Wahlverwandtschaften. Diese
+den Rhythmus, die Melodie und Harmonie unsichtbar beherrschenden
+Wahlverwandtschaften verlangen in der menschlichen Musik ihre Befolgung
+und stempeln jede ihnen widersprechende Verbindung zu Willkür und
+Häßlichkeit. Sie leben, wenngleich nicht in der Form wissenschaftlichen
+Bewußtseins, instinktiv in jedem gebildeten Ohr, welches demnach das
+Organische, Vernunftgemäße einer Tongruppe, oder das Widersinnige,
+Unnatürliche derselben durch bloße Anschauung empfindet, ohne daß ein
+logischer Begriff den Maßstab oder das tertium comparationis hierzu
+abgäbe.[19]
+
+ [19] »Die Poesie darf das Häßliche (Unschöne) schon einigermaßen
+ freigebig anwenden. Denn da die Wirkung der Poesie nur durch das
+ Medium der unmittelbar von ihr erweckten Begriffe an das Gefühl
+ gelangt, so wird die Vorstellung der Zweckmäßigkeit den Eindruck des
+ Häßlichen (Unschönen) von vornherein insoweit mildern, daß es als
+ Reizmittel und Gegensatz sogar die höchste Wirkung hervorbringen kann.
+ Der Eindruck der Musik aber wird unmittelbar vom Sinn empfangen und
+ genossen, die Billigung des Verstandes kommt zu spät, um die Störungen
+ des Mißfälligen wieder auszugleichen. Daher darf Shakespeare bis zum
+ Gräßlichen gehen, Mozarts Grenze war das Schöne.« (_Grillparzer_, IX.
+ 142.)
+
+In dieser negativen, inneren Vernünftigkeit, welche dem Tonsystem durch
+Naturgesetze innewohnt, wurzelt dessen weitere Fähigkeit zur Aufnahme
+_positiven_ Schönheitsgehalts.
+
+Das Komponieren ist ein Arbeiten des Geistes in geistfähigem Material.
+So reichhaltig wir dies musikalische Material befunden haben, so
+elastisch und durchdringbar erweist es sich für die künstlerische
+Phantasie. Diese baut nicht wie der Architekt aus rohem, schwerfälligem
+Gestein, sondern auf der Nachwirkung vorher verklungener Töne.
+Geistigerer, feinerer Natur als jeder andere Kunststoff, nehmen die Töne
+willig jedwede Idee des Künstlers in sich auf. Da nun die
+Tonverbindungen, in deren Verhältnissen das musikalisch Schöne ruht,
+nicht durch mechanisches Aneinanderreihen, sondern durch freies Schaffen
+der Phantasie gewonnen werden, so prägt sich die geistige Kraft und
+Eigentümlichkeit dieser bestimmten Phantasie dem Erzeugnis als
+_Charakter_ auf. Als Schöpfung eines denkenden und fühlenden Geistes hat
+demnach eine musikalische Komposition in hohem Grade die Fähigkeit,
+selbst geist- und gefühlvoll zu sein. Diesen geistigen Gehalt werden wir
+in jedem musikalischen Kunstwerk fordern, doch darf er in kein anderes
+Moment desselben verlegt werden, als in die _Tonbildungen selbst_.
+Unsere Ansicht über den Sitz des Geistes und Gefühls einer Komposition
+verhält sich zu der gewöhnlichen Meinung wie die Begriffe _Immanenz_
+und _Transscendenz_. Jede Kunst hat zum Ziel, eine in der Phantasie des
+Künstlers lebendig gewordene Idee zur äußeren Erscheinung zu bringen.
+Dies Ideelle in der Musik ist ein _tonliches_, nicht ein begriffliches,
+welches erst in Töne zu übersetzen wäre. Nicht der Vorsatz, eine
+bestimmte Leidenschaft musikalisch zu schildern, sondern die Erfindung
+einer bestimmten Melodie ist der springende Punkt, aus welchem jedes
+weitere Schaffen des Komponisten seinen Ausgang nimmt. Durch jene
+primitive, geheimnisvolle Macht, in deren Werkstätte das Menschenauge
+nun und nimmermehr dringen wird, erklingt in dem Geist des Komponisten
+ein Thema, ein Motiv. Hinter die Entstehung dieses _ersten_ Samenkorns
+können wir nicht zurückgehen, wir müssen es als einfache Tatsache
+hinnehmen. Ist es einmal in die Phantasie des Künstlers gefallen, so
+beginnt sein Schaffen, welches, von diesem Hauptthema ausgehend und sich
+stets darauf beziehend, das Ziel verfolgt, es in allen seinen
+Beziehungen darzustellen. Das Schöne eines selbständigen einfachen
+Themas kündigt sich in dem ästhetischen Gefühl mit jener Unmittelbarkeit
+an, welche keine andere Erklärung duldet, als höchstens die innere
+Zweckmäßigkeit der Erscheinung, die Harmonie ihrer Teile, ohne Beziehung
+auf ein außerhalb existierendes Drittes. Es gefällt uns an sich, wie die
+Arabeske, die Säule, oder wie Produkte des Naturschönen, wie Blatt und
+Blume.
+
+Nichts irriger und häufiger, als die Anschauung, welche »schöne Musik«
+mit und ohne geistigen Gehalt unterscheidet. Sie faßt den Begriff des
+Schönen in der Musik viel zu eng und stellt sich die kunstreich
+zusammengefügte Form als etwas für sich selbst Bestehendes, die
+hineingegossene Seele gleichfalls als etwas Selbständiges vor und teilt
+nun konsequent die Kompositionen in gefüllte und leere Champagnerflaschen.
+Der musikalische Champagner hat aber das Eigentümliche, er wächst _mit_
+der Flasche.
+
+Ein bestimmter musikalischer Gedanke ist ohne weiteres durch sich
+geistvoll, der andere gemein; diese abschließende Kadenz klingt würdig,
+durch Veränderung von zwei Noten wird sie platt. Mit voller Richtigkeit
+bezeichnen wir ein musikalisches Thema als großartig, graziös, innig,
+geistlos, trivial; all diese Ausdrücke bezeichnen aber den
+_musikalischen_ Charakter der Stelle. Zur Charakterisierung dieses
+musikalischen Ausdrucks eines Motivs wählen wir häufig Begriffe aus
+unserem _Gemütsleben_, als »stolz, mißmutig, zärtlich, beherzt,
+sehnend«. Wir können die Bezeichnungen aber auch aus anderen
+Erscheinungskreisen nehmen und eine Musik: »duftig, frühlingsfrisch,
+nebelhaft, frostig« nennen, Gefühle sind also zur Bezeichnung
+musikalischen Charakters nur _Phänomene_ wie andere, welche
+Ähnlichkeiten dafür bieten. Derlei Epitheta mag man im Bewußtsein ihrer
+Bildlichkeit brauchen, ja man kann ihrer nicht entraten, nur hüte man
+sich zu sagen: diese Musik _schildert_ Stolz usf.
+
+Die genaue Betrachtung aller musikalischen Bestimmtheiten eines Themas
+überzeugt uns aber, daß es -- bei aller Unerforschlichkeit der letzten,
+ontologischen Gründe -- doch eine Anzahl näherliegender Ursachen gibt,
+mit welchen der geistige Ausdruck einer Musik in genauem Zusammenhang
+steht. Jedes einzelne musikalische Element (d. h. jedes Intervall, jede
+Klangfarbe, jeder Akkord, jeder Rhythmus usf.) hat seine eigentümliche
+Physiognomie, seine bestimmte Art zu wirken. Unerforschlich ist der
+Künstler, erforschlich das Kunstwerk.
+
+Dasselbe Thema klingt anders über dem Dreiklang, als über einem
+Sextakkord; ein Melodienschritt in die Septime trägt ganz anderen
+Charakter als in die Sexte, der Rhythmus, der ein Motiv begleitet, ob
+laut oder leise, von dieser oder jener Klanggattung, ändert dessen
+spezifische Färbung: kurz jeder einzelne Faktor einer Stelle trägt dazu
+mit Notwendigkeit bei, daß sie gerade _diesen_ geistigen Ausdruck
+annimmt, so und nicht anders auf den Hörer wirkt. Was die _Halévy_sche
+Musik bizarr, die _Auber_sche graziös macht, was die Eigentümlichkeit
+bewirkt, an der wir sogleich _Mendelssohn_, _Spohr_ erkennen, dies alles
+läßt sich auf rein _musikalische_ Bestimmungen zurückführen, ohne
+Berufung auf das rätselhafte _Gefühl_.
+
+_Warum_ die häufigen Quintsext-Akkorde, die engen, diatonischen Themen
+bei _Mendelssohn_, die Chromatik und Enharmonik bei _Spohr_, die kurzen,
+zweiteiligen Rhythmen bei _Auber_ usw. gerade diesen bestimmten,
+unvermischbaren Eindruck erzeugen -- dies kann freilich weder die
+Psychologie noch die Physiologie beantworten.
+
+Wenn man jedoch nach der _nächsten_ bestimmenden Ursache fragt, -- und
+darauf kommt es ja in der Kunst vorzüglich an, -- so liegt die
+leidenschaftliche Einwirkung eines Themas nicht in dem vermeintlich
+übermäßigen Schmerz des Komponisten, sondern in dessen übermäßigen
+Intervallen, nicht in dem Zittern seiner Seele, sondern im Tremolo der
+Pauken, nicht in seiner Sehnsucht, sondern in der Chromatik. Der
+_Zusammenhang_ beider soll keineswegs ignoriert, vielmehr bald näher
+betrachtet werden; festzuhalten ist aber, daß der wissenschaftlichen
+Untersuchung über die Wirkung eines Themas nur jene _musikalischen_
+Faktoren unwandelbar und objektiv vorliegen, niemals die vermutliche
+Stimmung, welche den Komponisten dabei erfüllte. Will man von dieser
+unmittelbar auf die Wirkung des Werkes folgern, oder diese aus jener
+erklären, so kann der Schlußsatz _vielleicht_ richtig ausfallen, aber
+das wichtigste Mittelglied der Deduktion, nämlich die _Musik_ selbst,
+wurde übersprungen.
+
+Die _praktische_ Kenntnis des Charakters jedes musikalischen Elements
+hat der tüchtige Komponist, sei es in mehr instinktiver oder bewußter
+Weise, inne. Zur wissenschaftlichen Erklärung der verschiedenen
+musikalischen Wirkungen und Eindrücke gehört jedoch eine _theoretische_
+Kenntnis der genannten Charaktere, von ihrer reichsten Zusammensetzung
+bis in das letzte unterscheidbare Element. Der bestimmte Eindruck, mit
+welchem eine Melodie Macht über uns gewinnt, ist nicht schlechthin
+»rätselhaftes, geheimnisvolles Wunder«, das wir nur »fühlen und ahnen«
+dürfen, sondern unausbleibliche Konsequenz der musikalischen Faktoren,
+welche in dieser bestimmten Verbindung wirken. Ein knapper oder weiter
+Rhythmus, diatonische oder chromatische Fortschreitung, -- alles hat
+seine charakteristische Physiognomie und besondere Art uns anzusprechen;
+darum wird es dem gebildeten Musiker eine ungleich deutlichere
+Vorstellung von dem Ausdruck eines ihm fremden Tonstückes geben, daß
+z. B. zuviel verminderte Septakkorde und Tremolo darin vorherrschen, als
+die poetischeste Schilderung der Gefühlskrisen, welche der Referent
+dabei durchgemacht.
+
+Die Erforschung der Natur jedes einzelnen musikalischen Elementes,
+seines Zusammenhanges mit einem bestimmten Eindruck, -- nur der
+Tatsache, nicht des letzten Grundes, -- endlich die Zurückführung dieser
+speziellen Beobachtungen auf allgemeine Gesetze: das wäre jene
+»philosophische Begründung der Musik«, welche so viele Autoren ersehnen,
+ohne uns nebenbei mitzuteilen, was sie darunter eigentlich verstehen.
+Die psychische und physische Einwirkung jedes Akkords, jedes Rhythmus,
+jedes Intervalls wird aber nimmermehr erklärt, indem man sagt: dieser
+ist Rot, jener Grün, oder dieser Hoffnung, jener Mißmut, sondern nur
+durch Subsumierung der spezifisch musikalischen Eigenschaften unter
+allgemeine ästhetische Kategorien und dieser unter Ein oberstes Prinzip.
+Wären dergestalt die einzelnen Faktoren in ihrer Isolierung erklärt, so
+müßte weiter gezeigt werden, wie sie einander in den verschiedensten
+Kombinationen bestimmen und modifizieren. Der _Harmonie_ und der
+_kontrapunktischen_ Begleitung haben die meisten Tongelehrten eine
+vorzügliche Stellung zu dem geistigen _Gehalt_ der Komposition
+eingeräumt. Nur ging man in dieser Vindikation viel zu oberflächlich und
+atomistisch zu Werke. Man bestimmte die _Melodie_ als Eingebung des
+Genies, als Trägerin der Sinnlichkeit und des Gefühls -- bei dieser
+Gelegenheit erhielten die Italiener ein gnädiges Lob; im _Gegensatz_ zur
+Melodie wurde die _Harmonie_ als Trägerin des gediegenen Gehalts
+aufgeführt, als erlernbar und Produkt des Nachdenkens. Es ist seltsam,
+wie lange man sich mit einer so dürftigen Anschauungsweise zufrieden
+stellen konnte. Beiden Behauptungen liegt ein Richtiges zugrunde, doch
+gelten sie weder in dieser Allgemeinheit, noch kommen sie in solcher
+Isolierung vor. Der Geist ist Eins und die musikalische Erfindung eines
+Künstlers gleichfalls. Melodie und Harmonie eines Themas entspringen
+zugleich in _einer_ Rüstung aus dem Haupt des Tondichters. Weder das
+Gesetz der Unterordnung noch des Gegensatzes trifft das _Wesen_ des
+Verhältnisses der Harmonie zur Melodie. Beide können hier gleichzeitige
+Entfaltungskraft ausüben, dort sich einander freiwillig unterordnen, --
+in dem einen wie dem andern Fall kann die höchste geistige Schönheit
+erreicht werden. Ist's etwa die (ganz fehlende) _Harmonie_ in den
+Hauptmotiven zu Beethovens Coriolan- und Mendelssohns Hebriden-Ouvertüre,
+was ihnen den Ausdruck gedankenreichen Tiefsinns verleiht? Wird man
+_Rossinis_ Thema »O, Mathilde« oder ein neapolitanisches Volkslied mit
+mehr Geist erfüllen, wenn man einen basso continuo oder komplizierte
+Akkordenfolgen an die Stellen des notdürftigen Harmoniegeländes setzt?
+_Diese_ Melodie mußte mit _dieser_ Harmonie zugleich erdacht werden, mit
+_diesem_ Rhythmus und _dieser_ Klanggattung. Der geistige Gehalt kommt
+nur dem Verein _aller_ zu, und die Verstümmlung eines Gliedes verletzt
+den Ausdruck auch der übrigen. Das _Vorherrschen_ der Melodie oder der
+Harmonie oder des Rhythmus kommt dem Ganzen zugute, und hier allen Geist
+in den Akkorden, dort alle Trivialität in deren Mangel zu finden, ist
+bare Schulmeisterei. Die Kamelie kommt duftlos zutage, die Lilie
+farblos, die Rose prangt für beide Sinne -- da läßt sich nichts
+übertragen, und ist doch jede von ihnen schön!
+
+So hätte die »philosophische Begründung der Musik« vorerst zu
+erforschen, welche notwendigen geistigen Bestimmtheiten mit jedem
+musikalischen Element verbunden sind, und wie sie miteinander
+zusammenhängen. Die doppelte Forderung eines streng wissenschaftlichen
+Gerippes und einer höchst reichhaltigen Kasuistik machen die Aufgabe zu
+einer sehr schwierigen, aber kaum unüberwindlichen, es wäre denn, daß
+man das Ideal einer »exakten« Musikwissenschaft, nach dem Muster der
+Chemie oder Physiologie, erstrebte!
+
+Die Art, wie der Akt des Schaffens im instrumentalen Tondichter vorgeht,
+gibt uns den sichersten Einblick in das Eigentümliche des musikalischen
+Schönheitsprinzips. Eine _musikalische_ Idee entspringt primitiv in des
+Tondichters Phantasie, er spinnt sie weiter, -- es schießen immer mehr
+und mehr Kristalle an, bis unmerklich die Gestalt des ganzen Gebildes in
+ihren Hauptformen vor ihm steht und nur die künstlerische Ausführung,
+prüfend, messend, abändernd, hinzuzutreten hat. An die Darstellung eines
+bestimmten Inhaltes denkt der instrumentale Tonsetzer nicht. Tut er es,
+so stellt er sich auf einen falschen Standpunkt, mehr neben als in der
+Musik. Seine Komposition wird die Übersetzung eines _Programms_ in Töne,
+welche dann ohne jenes Programm unverständlich bleiben. Wir verkennen
+weder, noch unterschätzen wir _Berlioz_' glänzendes Talent, wenn wir an
+dieser Stelle seinen Namen nennen. Ihm ist _Liszt_ mit seinen weit
+schwächeren »symphonischen Dichtungen« nachgefolgt.
+
+Wie aus dem gleichen Marmor der eine Bildhauer bezaubernde Formen, der
+andere eckiges Ungeschick heraushaut, so gestaltet sich die Tonleiter
+unter verschiedenen Händen zur Beethovenschen Ouvertüre, oder zur
+Verdischen. Was unterscheidet die beiden? Etwa, daß die eine höhere
+Gefühle, oder dieselben Gefühle richtiger darstellt? Nein, sondern daß
+sie schönere Tonformen bildet. Nur dies macht eine Musik gut oder
+schlecht, daß ein Komponist ein geistsprühendes Thema einsetzt, der
+andere ein gemeines, daß der erstere es nach allen Beziehungen immer neu
+und bedeutend entwickelt, der letztere seines womöglich immer schlechter
+macht, die Harmonie des einen wechselvoll und originell sich entfaltet,
+während die zweite vor Armut nicht vom Flecke kommt, der Rhythmus hier
+ein lebenswarm hüpfender Puls ist, dort ein Zapfenstreich.
+
+Es gibt keine Kunst, welche so bald und so viele Formen verbraucht, wie
+die Musik. Modulationen, Kadenzen, Intervallenfortschreitungen,
+Harmonienfolgen nutzen sich in fünfzig, ja dreißig Jahren dergestalt ab,
+daß der geistvolle Komponist sich deren nicht mehr bedienen kann und
+fortwährend zur Erfindung neuer, rein musikalischer Züge gedrängt wird.
+Man kann von einer Menge Kompositionen, die hoch über dem Alltagstand
+ihrer Zeit stehen, ohne Unrichtigkeit sagen, daß sie einmal schön
+_waren_. Die Phantasie des geistreichen Künstlers wird aus den
+geheim-ursprünglichen Beziehungen der musikalischen Elemente und ihrer
+unzählbar möglichen Kombinationen die feinsten, verborgensten entdecken,
+sie wird Tonformen bilden, die aus freiester Willkür erfunden und doch
+zugleich durch ein unsichtbar feines Band mit der Notwendigkeit
+verknüpft erscheinen. Solche Werke oder Einzelheiten derselben werden
+wir ohne Bedenken »geistreich« nennen. Hiermit berichtigt sich leicht
+_Oulibicheffs_ mißverständliche Ansicht, eine Instrumentalmusik könne
+nicht geistreich sein, indem »für einen Komponisten der Geist einzig und
+allein in einer gewissen _Anwendung_ seiner Musik auf ein direktes oder
+indirektes Programm bestehe«. Es wäre unserer Ansicht nach ganz richtig,
+das berühmte dis in dem Allegro der »Don Juan«-Ouvertüre oder den
+absteigenden Unisonogang darin einen geistreichen Zug zu nennen, -- nun
+und nimmermehr hat aber das erstere (wie Oulibicheff meint) »die
+feindliche Stellung Don Juans gegen das Menschengeschlecht«, und
+letzterer die Väter, Gatten, Brüder und Liebhaber der von Don Juan
+verführten Frauen vorgestellt. Sind alle diese Deutungen an sich schon
+vom Übel, so werden sie es doppelt bei _Mozart_, welcher -- die
+musikalischste Natur, welche die Kunstgeschichte aufweist -- alles, was
+er nur berührt hat, in Musik verwandelte. _Oulibicheff_ sieht auch in
+der G-moll-Symphonie die Geschichte einer leidenschaftlichen Liebe in
+vier verschiedenen Phasen genau ausgedrückt. Die G-moll-Symphonie ist
+Musik und weiter nichts. Das ist jedenfalls genug. Man suche nicht die
+Darstellung bestimmter Seelenprozesse oder Ereignisse in Tonstücken,
+sondern vor allem _Musik_, und man wird rein genießen, was sie
+vollständig gibt. Wo das Musikalisch-Schöne fehlt, wird das
+Hineinklügeln einer großartigen Bedeutung es nie ersetzen; und dies ist
+unnütz, wo jenes existiert. Auf alle Fälle bringt es die musikalische
+Auffassung in eine ganz falsche Richtung. Dieselben Leute, welche der
+Musik eine vorragende Stellung unter den Offenbarungen des menschlichen
+Geistes vindizieren wollen, welche sie nicht hat und nie erlangen wird,
+weil sie nicht imstande ist, _Überzeugungen_ mitzuteilen, -- dieselben
+Leute haben auch den Ausdruck »Intention« in Schwang gebracht. In der
+Tonkunst gibt's keine »Intention«, welche die fehlende »Invention«
+ersetzen könnte. Was nicht zur Erscheinung kommt, ist in der Musik gar
+nicht da, was aber zur Erscheinung gekommen ist, hat aufgehört, bloße
+Intention zu sein. Der Ausspruch: »Er hat Intentionen«, wird meist in
+lobender Absicht angewandt, -- mir scheint er eher ein Tadel, welcher in
+trockenes Deutsch übersetzt etwa lauten würde: der Künstler möchte wohl,
+allein er kann nicht. _Kunst_ kommt aber von _Können_; wer nichts kann,
+-- hat »Intentionen«.
+
+Wie das Schöne eines Tonstücks lediglich in dessen musikalischen
+Bestimmungen wurzelt, so folgen auch die Gesetze seiner Konstruktion nur
+diesen. Es herrschen darüber eine Menge schwankender, irriger Ansichten,
+von welchen hier nur eine angeführt werden mag.
+
+Dies ist nämlich die aus der Gefühlsanschauung hervorgegangene
+landläufige Theorie der _Sonate_ und _Symphonie_. Der Tonsetzer, heißt
+es, habe vier voneinander verschiedene _Seelenzustände_, die aber
+miteinander (wie?) zusammenhängen, in den einzelnen Sätzen der Sonate
+darzustellen. Um den unleugbaren Zusammenhang der Sätze zu rechtfertigen
+und ihre verschiedene Wirkung zu erklären, zwingt man ordentlich den
+Zuhörer, ihnen bestimmte Gefühle als Inhalt unterzulegen. Die Deutung
+paßt manchmal, öfter auch nicht, niemals mit Notwendigkeit. Dies aber
+wird immer mit Notwendigkeit passen, daß vier Tonsätze zu einem Ganzen
+verbunden sind, welche nach _musikalisch_-ästhetischen Gesetzen sich
+abzuheben und zu steigern haben.
+
+Wir verdanken dem phantasiereichen Maler _M. v. Schwind_ eine sehr
+anziehende Illustration der Klavierphantasie op. 80 von _Beethoven_,
+deren einzelne Sätze der Künstler als zusammenhängende Ereignisse
+derselben Hauptpersonen auffaßte und bildlich darstellte. Geradeso wie
+der Maler Szenen und Gestalten aus den Tönen heraussieht, so legt der
+Zuhörer Gefühle und Ereignisse hinein. Beides hat damit einen gewissen
+Zusammenhang, aber keinen _notwendigen_, und nur mit diesem haben es
+wissenschaftliche Gesetze zu tun.
+
+Man pflegt oft anzuführen, daß Beethoven beim Entwurf mancher seiner
+Kompositionen sich bestimmte Ereignisse oder Seelenzustände gedacht
+haben soll. Wo Beethoven oder irgend ein anderer Tonsetzer diesen
+Vorgang beobachtet hat, benützte er ihn bloß als Hilfsmittel, sich durch
+den Zusammenhang eines objektiven Ereignisses das Festhalten der
+musikalischen Einheit zu erleichtern. Wenn Berlioz, Liszt u. a. _mehr_
+als dies an der Dichtung, dem Titel oder dem Erlebnis zu haben glaubten,
+so ist es eine Selbsttäuschung. Die Einheit der _musikalischen
+Stimmung_ ist's, was die vier Sätze einer Sonate als organisch verbunden
+charakterisiert, nicht aber der Zusammenhang mit dem vom Komponisten
+gedachten _Objekte_. Wo sich dieser solch poetisches Gängelband versagte
+und rein musikalisch erfand, da wird man keine andere Einheit der Teile
+finden, als eine musikalische. Es ist ästhetisch gleichgültig, ob sich
+Beethoven allenfalls bei seinen sämtlichen Kompositionen bestimmte
+Vorwürfe gewählt; wir kennen sie nicht, sie sind daher für das Werk
+nicht existierend. Dieses selbst, ohne allen Kommentar, ist's, was
+vorliegt, und wie der Jurist aus der Welt hinausfingiert, was nicht in
+den Akten liegt, so ist für die ästhetische Beurteilung nicht vorhanden,
+was außerhalb des Kunstwerks lebt. Erscheinen uns die Sätze einer
+Komposition als einheitlich, so muß diese Zusammengehörigkeit in
+_musikalischen_ Bestimmungen ihren Grund haben.[20]
+
+ [20] Diese Zeilen haben Beethoven-Auguren wie Herrn _Lobe_ u. a. sehr
+ entsetzt. Wir können ihnen nicht besser antworten als mit folgender,
+ unserer Ansicht vollkommen zustimmenden Ausführung _Otto Jahns_ in
+ seinem Aufsatz über die neue Beethoven-Ausgabe von Breitkopf & Härtel
+ (»Ges. Aufsätze über Musik«). Jahn knüpft an _Schindlers_ bekannte
+ Mitteilung an, Beethoven habe, um die Bedeutung seiner D-moll- und
+ F-moll-Sonate befragt, geantwortet: »Lesen Sie nur Shakespeares
+ _Sturm_.« Vermutlich, sagt _Jahn_, wird der Frager von seiner Lektüre
+ die sichere Überzeugung mitbringen, daß Shakespeares Sturm auf ihn
+ anders wirke, als auf Beethoven und keine D-moll- und F-moll-Sonaten
+ in ihm erzeuge. Daß gerade dieses Drama Beethoven zu solchen
+ Schöpfungen anregen konnte, ist freilich nicht ohne Interesse zu
+ erfahren; aus dem Shakespeare das Verständnis derselben herholen
+ wollen, hieße nur die Unfähigkeit der musikalischen Auffassung
+ bezeugen. Bei dem Adagio des F-dur-Quartetts (op. 18 Nr. 1) _soll_
+ Beethoven die Grabesszene aus Romeo und Julie vorgeschwebt haben; wer
+ nun etwa diese in seinem Shakespeare aufmerksam nachliest und dann
+ beim Anhören des Adagio sich zu vergegenwärtigen sucht, wird der sich
+ den wahren Genuß des Musikstücks erhöhen oder stören? Überschriften
+ und Notizen, auch authentische, von Beethoven selbst herrührende,
+ würden das Eindringen in Sinn und Bedeutung des Kunstwerks nicht
+ wesentlich fördern, es ist vielmehr zu fürchten, daß sie ebensowohl
+ Mißverständnisse und Verkehrtheiten hervorrufen würden, wie die,
+ welche Beethoven veröffentlicht hat. Die schöne Sonate in Es-dur
+ (op. 81) trägt bekanntlich die Überschriften »Les adieux, l'absence,
+ le retour« und wird daher als zuverlässiges Beispiel von Programm-Musik
+ mit Sicherheit interpretiert. »Daß es Momente aus dem Leben eines
+ liebenden Paares sind«, sagt _Marx_, der es dahingestellt sein läßt,
+ ob die Liebenden verheiratet sind, oder nicht, »setzt man schon
+ voraus, aber die Komposition bringt auch den _Beweis_.« »Die Liebenden
+ öffnen ihre Arme, wie Zugvögel ihre Flügel«, sagt _Lenz_ vom Schluß
+ der Sonate. Nun hat Beethoven auf das Original der ersten Abteilung
+ geschrieben: »Das Lebewohl bei der Abreise Sr. Kais. Hoheit des
+ _Erzherzogs Rudolf_, d. 4. Mai 1809« und auf den Titel der zweiten:
+ »Die Ankunft Sr. Kais. Hoheit des _Erzherzogs Rudolf_, d. 30. Januar
+ 1810.« Wie würde er protestiert haben, daß er dem Erzherzoge gegenüber
+ diese »in schmeichelndem Kosen beseligter Lust« flügelschlagende Sie
+ vorstellen sollte! -- »Darum können wir zufrieden sein«, schließt
+ _Jahn_, »daß Beethoven (in der Regel) solche Worte nicht ausgesprochen
+ hat, welche nur zu viele zu dem Irrtum verleitet haben würden, wer die
+ Überschrift verstehe, der verstehe auch das Kunstwerk. Seine _Musik
+ sagt alles, was er sagen wollte_«.
+
+Einem möglichen Mißverstehen wollen wir schließlich dadurch begegnen,
+daß wir unsern Begriff des »Musikalisch-Schönen« nach drei Seiten
+feststellen. Das »Musikalisch-Schöne« in dem von uns angenommenen
+spezifischen Sinn beschränkt sich nicht auf das »Klassische«, noch
+enthält es eine Bevorzugung desselben vor dem »Romantischen«. Es gilt
+sowohl in der einen als der andern Richtung, beherrscht Bach so gut wie
+Beethoven, Mozart so gut wie Schumann. Unsere Thesis also enthält auch
+nicht die Andeutung einer Parteinahme. Der ganze Verlauf der
+gegenwärtigen Untersuchung spricht überhaupt kein _Sollen_ aus, sondern
+betrachtet nur ein _Sein_; kein bestimmtes musikalisches Ideal läßt sich
+daraus als das wahrhaft Schöne deduzieren, sondern bloß nachweisen, was
+in jeder, auch in den entgegengesetztesten Schulen in gleicher Weise das
+Schöne ist.
+
+Es ist nicht lange her, seit man angefangen hat, Kunstwerke im
+Zusammenhang mit den Ideen und Ereignissen der Zeit zu betrachten,
+welche sie erzeugte. Dieser unleugbare Zusammenhang besteht wohl auch
+für die Musik. Eine Manifestation des menschlichen Geistes, muß sie wohl
+auch in Wechselbeziehung zu dessen übrigen Tätigkeiten stehen: zu den
+gleichzeitigen Schöpfungen der dichtenden und bildenden Kunst, den
+poetischen, sozialen, wissenschaftlichen Zuständen ihrer Zeit, endlich
+den individuellen Erlebnissen und Überzeugungen des Autors. Die
+Betrachtung und Nachweisung dieses Zusammenhangs an einzelnen
+Tonkünstlern und Tonwerken ist demnach wohl berechtigt und dankenswert.
+Doch muß man dabei sich stets in Erinnerung halten, daß ein solches
+Parallelisieren künstlerischer Spezialitäten mit bestimmten historischen
+Zuständen ein _kunstgeschichtlicher_, keineswegs ein rein _ästhetischer_
+Vorgang ist. So notwendig die Verbindung der Kunstgeschichte mit der
+Ästhetik von methodologischem Standpunkt erscheint, so muß doch jede
+dieser beiden Wissenschaften ihr eigenstes Wesen von einer unfreien
+Verwechselung mit der andern rein erhalten. Mag der Historiker, eine
+künstlerische Erscheinung im großen und ganzen auffassend, in _Spontini_
+den »Ausdruck des französischen Kaiserreichs«, in _Rossini_ die
+»politische Restauration« erblicken, -- der Ästhetiker hat sich
+lediglich an die Werke dieser Männer zu halten, zu untersuchen, was
+daran schön sei und warum. Die ästhetische Untersuchung weiß nichts und
+mag nichts wissen von den persönlichen Verhältnissen und der
+geschichtlichen Umgebung des Komponisten; nur was das Kunstwerk selbst
+ausspricht, wird sie hören und glauben. Sie wird demnach in _Beethovens_
+Symphonien, auch ohne Namen und Biographie des Autors zu kennen, ein
+Stürmen, Ringen, unbefriedigtes Sehnen, kraftbewußtes Trotzen
+herausfinden, allein daß der Komponist republikanisch gesinnt,
+unverheiratet, taub gewesen, und all die andern Züge, welche der
+Kunsthistoriker beleuchtend hinzuhält, wird jene nimmermehr aus den
+Werken lesen und zur Würdigung derselben verwerten dürfen. Die
+Verschiedenheit der Weltanschauung eines _Bach_, _Mozart_, _Haydn_ zu
+vergleichen und den Kontrast ihrer Kompositionen darauf zurückzuführen,
+mag für eine höchst anziehende, verdienstliche Unternehmung gelten, doch
+sie ist unendlich kompliziert und wird Fehlschlüssen um so ausgesetzter
+sein, je strenger sie den Kausalnexus darlegen will. Die Gefahr der
+Übertreibung ist bei Annahme dieses Prinzips außerordentlich groß. Man
+kann da leicht den losesten Einfluß der Gleichzeitigkeit als eine innere
+Notwendigkeit darstellen und die ewig unübersetzbare Tonsprache deuten,
+wie man's eben braucht. Es wird rein auf die schlagfertige Durchführung
+desselben Paradoxons ankommen, daß es im Munde des geistreichen Mannes
+eine Weisheit, in jenem des schlichten ein Unsinn erscheint.
+
+Auch _Hegel_ hat in Besprechung der Tonkunst oft irregeführt, indem er
+seinen vorwiegend _kunstgeschichtlichen_ Standpunkt unmerklich mit dem
+rein ästhetischen verwechselt und in der Musik Bestimmtheiten nachweist,
+die sie an sich niemals hatte. »Einen Zusammenhang« hat der Charakter
+jedes Tonstückes mit dem seines Autors gewiß, allein er steht für den
+Ästhetiker nicht zutage; -- die Idee des notwendigen Zusammenhangs
+_aller_ Erscheinungen kann in ihrer konkreten Nachweisung bis zur
+Karikatur übertrieben werden. Es gehört heutzutage ein wahrer Heroismus
+dazu, dieser pikanten, geistreich repräsentierten Richtung
+entgegenzutreten und auszusprechen, daß das »historische Begreifen« und
+das »ästhetische Beurteilen« verschiedene Dinge sind.[21] Objektiv aber
+steht fest: _erstens_, daß die Verschiedenartigkeit des Ausdrucks der
+verschiedenen Werke und Schulen auf einer durchgreifend verschiedenen
+Stellung der _musikalischen_ Elemente beruhe, und _zweitens_, daß, was
+an einer Komposition, sei es die strengste _Bach_sche Fuge, oder das
+träumerischste Notturno von _Chopin_, mit Recht gefällt, _musikalisch_
+schön ist.
+
+ [21] Wenn wir hier die »Musikalischen Charakterköpfe« von _Riehl_
+ nennen, so geschieht dies gleichwohl mit dankbarer Anerkennung dieses
+ geistreich anregenden Buches.
+
+Noch weniger als mit dem Klassischen kann das »Musikalisch-Schöne« mit
+dem _Architektonischen_ zusammenfallen, das jenes als Zweig in sich
+faßt. Die starre Erhabenheit übereinander getürmter Figuration, die
+kunstreiche Verschlingung vieler Stimmen, von denen _keine_ frei und
+selbständig ist, weil es _alle_ sind, haben ihre unvergängliche
+Berechtigung. Doch sind jene großartig düstern Stimmpyramiden der alten
+Italiener und Niederländer ebensosehr nur ein kleiner Bezirk auf dem
+Gebiete der musikalischen Schönheit, als die vielen zierlich
+ausgearbeiteten Gestalten in den Suiten und Konzerten von Sebastian
+Bach.
+
+Viele Ästhetiker halten den musikalischen Genuß durch das Wohlgefallen
+am _Regelmäßigen_ und _Symmetrischen_ für ausreichend erklärt, worin
+doch niemals ein Schönes, vollends ein Musikalisch-Schönes bestand. Das
+abgeschmackteste Thema kann vollkommen symmetrisch gebaut sein.
+»Symmetrie« ist ja nur ein Verhältnisbegriff und läßt die Frage offen:
+_Was_ ist es denn, das hier symmetrisch erscheint? -- Die regelmäßige
+Anordnung geistloser, abgenützter Teilchen wird sich gerade in den
+allerschlechtesten Kompositionen nachweisen lassen. Der musikalische
+Sinn verlangt immer _neue_ symmetrische Bildungen.[22]
+
+ [22] Ich erlaube mir, zur Erläuterung hier eine Stelle aus meinem Buch
+ »_Die Moderne Oper_« (Vorwort S. VI) anzuführen:
+
+ »Das berühmte Axiom, es könne das 'wahrhaft Schöne' (-- wer ist
+ Richter über diese Eigenschaft? --) niemals, auch nach längstem
+ Zeitverlauf, seinen Zauber einbüßen, ist für die Musik wenig mehr, als
+ eine schöne Redensart. Die Tonkunst macht es wie die Natur, welche mit
+ jedem Herbst eine Welt voll Blumen zu Moder werden läßt, aus dem neue
+ Blüten entstehen. Alle Tondichtung ist Menschenwerk, Produkt einer
+ bestimmten Individualität, Zeit, Kultur und darum stets durchzogen von
+ Elementen schnellerer oder langsamerer Sterblichkeit. Unter den großen
+ Musikformen ist wieder die Oper die zusammengesetzteste,
+ konventionellste und daher vergänglichste. Es mag traurig stimmen, daß
+ selbst neuere Opern von edelster und glänzender Bildung (Spohr,
+ Spontini) schon vom Theater zu verschwinden beginnen. Aber die
+ Tatsache ist unanfechtbar und der Prozeß nicht aufzuhalten durch das
+ in allen Perioden stereotype Schelten auf den bösen 'Zeitgeist'. Die
+ Zeit ist auch ein Geist und schafft ihren Körper. Die Bühne
+ repräsentiert das Forum für die tatsächlichen Bedürfnisse des
+ Publikums, im Gegensatz zu der Studierstube des stillen
+ Partiturenlesers. Die Bühne bedeutet das Leben des Dramas, der Kampf
+ um ihren Besitz den Kampf um sein Dasein. In diesem Kampf siegt gar
+ häufig ein geringeres Kunstwerk über seine besseren Vorfahren, wenn
+ dasselbe den Atem der Gegenwart, den Pulsschlag _unseres_ Empfindens
+ und Begehrens uns entgegenbringt. Publikum wie Künstler fühlen einen
+ berechtigten Trieb nach Neuem in der Musik, und eine Kritik, welche
+ nur Bewunderung für das Alte hat und nicht auch den Mut der
+ Anerkennung für das Neue, untergräbt die Produktion. Dem schönen
+ Unsterblichkeitsglauben müssen wir entsagen, -- hat doch jede Zeit mit
+ demselben getäuschten Vertrauen die Unvergänglichkeit _ihrer_ besten
+ Opern proklamiert. Noch Adam Hiller in Leipzig behauptete, daß, wenn
+ jemals die Opern _Hasses_ nicht mehr entzücken sollten, die allgemeine
+ Barbarei hereinbrechen müßte. Noch _Schubart_, der Musikästhetiker vom
+ Hohenasperg, versicherte von _Jomelli_, es sei gar nicht denkbar, daß
+ dieser Tondichter jemals in Vergessenheit geraten könne. Und was sind
+ uns heute Hasse und Jomelli?«
+
+Zuletzt hat für die Musik die Platonische Ansicht _Oerstedt_ an dem
+Beispiel des Kreises entwickelt, dem er positive Schönheit vindiziert.
+Sollte er niemals die Entsetzlichkeit einer ganz kreisrunden Komposition
+an sich erlebt haben?
+
+Vorsichtiger vielleicht als notwendig, sei endlich noch hinzugefügt, daß
+die musikalische Schönheit mit dem _Mathematischen_ nichts zu tun hat.
+Die Vorstellung, welche Laien (darunter auch gefühlvolle Schriftsteller)
+von der Rolle hegen, welche die Mathematik in der musikalischen
+Komposition spielt, ist eine merkwürdig vage. Nicht zufrieden damit, daß
+die Schwingungen der Töne, der Abstand der Intervalle, das Konsonieren
+und Dissonieren sich auf mathematische Verhältnisse zurückführen lassen,
+sind sie überzeugt, auch das _Schöne_ einer Tondichtung gründe sich auf
+Zahlen. Das Studium der Harmonielehre und des Kontrapunkts gilt für eine
+Art Kabbala, welche die »Berechnung« der Komposition lehre.
+
+Wenn für die Erforschung des physikalischen Teils der Tonkunst die
+Mathematik einen unentbehrlichen Schlüssel liefert, so möge im fertigen
+Tonwerk hingegen ihre Bedeutung nicht überschätzt werden. In einer
+Tondichtung, sei sie die schönste oder die schlechteste, ist gar nichts
+mathematisch berechnet. Schöpfungen der Phantasie sind keine
+Rechenexempel. Alle Monochordexperimente, Klangfiguren,
+Intervallproportionen u. dgl. gehören nicht hierher, der _ästhetische_
+Bereich fängt erst an, wo jene Elementarverhältnisse in ihrer Bedeutung
+aufgehört haben. Die Mathematik regelt bloß den elementaren Stoff zu
+geistfähiger Behandlung und spielt verborgen in den einfachsten
+Verhältnissen, aber der musikalische Gedanke kommt ohne sie ans Licht.
+Wenn _Oerstedt_ fragt: »Sollte wohl die Lebenszeit mehrerer Mathematiker
+hinreichen, alle Schönheiten einer _Mozart_schen Symphonie zu
+berechnen?«[23], so bekenne ich, daß ich das nicht verstehe. _Was_ soll
+denn oder kann berechnet werden? Etwa das Schwingungsverhältnis jedes
+Tones zum nächstfolgenden, oder die Längen der einzelnen Perioden
+gegeneinander? Was eine Musik zur Tondichtung macht und sie aus der
+Reihe physikalischer Experimente hebt, ist ein Freies, Geistiges, daher
+unberechenbar. Am musikalischen _Kunstwerk_ hat die Mathematik einen
+ebenso kleinen oder ebenso großen Anteil wie an den Hervorbringungen
+der übrigen Künste. Denn Mathematik muß am Ende auch die Hand des Malers
+und Bildhauers führen, Mathematik webt im Gleichmaß der Vers- und
+Strophenlängen, Mathematik im Bau des Architekten, in den Figuren des
+Tänzers. In jeder genauen Kenntnis muß die Anwendung der Mathematik, als
+Vernunfttätigkeit, eine Stelle finden. Nur eine wirklich positive,
+schaffende Kraft muß man ihr nicht einräumen wollen, wie dies manche
+Musiker, diese Konservativen der Ästhetik, gern möchten. Es ist mit der
+Mathematik ähnlich, wie mit der Erzeugung der Gefühle im Zuhörer, -- sie
+findet bei allen Künsten statt, aber großer Lärm darüber ist bloß bei
+der Musik.
+
+ [23] »Geist in der Natur«, 3. Band, deutsch von Kannegießer. S. 32.
+
+Auch mit der _Sprache_ hat man die Musik häufig zu parallelisieren und
+die Gesetze der ersteren für die letztere aufzustellen versucht. Die
+Verwandtschaft des _Gesanges_ mit der Sprache lag nahe genug, mochte man
+sich nun an die Gleichheit der physiologischen Bedingungen halten oder
+an den gemeinsamen Charakter als Entäußerung des Innern durch die
+menschliche Stimme. Die analogen Beziehungen sind zu auffällig, als daß
+wir hier darauf einzugehen hätten; es sei demnach nur ausdrücklich
+eingeräumt, daß, wo es sich bei der Musik wirklich bloß um die
+subjektive Entäußerung eines inneren Dranges handelt, in der Tat die
+Gesetzlichkeit des _sprechenden_ Menschen teilweise maßgebend für den
+_singenden_ sein wird. Daß der in Leidenschaft Geratende mit der Stimme
+steigt, während die Stimme des sich beruhigenden Redners fällt; daß
+Sätze besonderen Gewichtes langsam, gleichgültige Nebensachen schnell
+gesprochen werden: dies und ähnliches wird der Gesangskomponist,
+insbesondere der _dramatische_, nicht unbeachtet lassen dürfen. Allein
+man hat sich mit diesen begrenzten Analogien nicht begnügt, _sondern_
+die _Musik selbst_ als eine (unbestimmtere oder feinere) _Sprache_
+aufgefaßt und nun ihre Schönheitsgesetze aus der Natur der Sprache
+abstrahieren wollen. Jede Eigenschaft und Wirkung der Musik wurde auf
+Ähnlichkeiten mit der Sprache zurückgeführt. Wir sind der Ansicht, daß,
+wo es sich um das Spezifische einer Kunst handelt, ihre Unterschiede von
+verwandten Gebieten wichtiger sind als die Ähnlichkeiten. Unbeirrt durch
+diese oft verlockenden, aber das eigentliche Wesen der Musik gar nicht
+treffenden Analogien muß die ästhetische Untersuchung unablässig zu dem
+Punkte vordringen, wo Sprache und Musik sich unversöhnlich scheiden. Nur
+aus diesem Punkte werden der Tonkunst wahrhaft fruchtbringende
+Bestimmungen sprießen können. Der wesentliche Grundunterschied besteht
+aber darin, daß in der Sprache der _Ton_ nur ein Zeichen, d. h. _Mittel_
+zum Zweck eines diesem Mittel ganz fremden Auszudrückenden ist, während
+in der _Musik_ der _Ton_ eine Sache ist, d. h. als _Selbstzweck_
+auftritt. Die selbständige Schönheit der Tonformen hier und die absolute
+Herrschaft des Gedankens über den Ton als bloßes Ausdrucksmittel dort
+stehen sich so ausschließend gegenüber, daß eine Vermischung der beiden
+Prinzipe eine logische Unmöglichkeit ist.
+
+Der Schwerpunkt des Wesens liegt also ganz wo anders bei der Sprache und
+bei der Musik, und um diesen Schwerpunkt gruppieren sich alle übrigen
+Eigentümlichkeiten. Alle spezifisch _musikalischen_ Gesetze werden sich
+um die selbständige Bedeutung und Schönheit der Töne drehen, alle
+_sprachlichen_ Gesetze um die korrekte Verwendung des Lautes zum Zweck
+des Ausdrucks.
+
+Die schädlichsten und verwirrendsten Anschauungen sind aus dem Bestreben
+hervorgegangen, die Musik als eine Art Sprache aufzufassen; sie weisen
+uns täglich praktische Folgen auf. So mußte es hauptsächlich Komponisten
+von schwacher Schöpferkraft geeignet erscheinen, die ihnen unerreichbare
+selbständige musikalische Schönheit als ein falsches, sinnliches Prinzip
+anzusehen, und die charakteristische Bedeutsamkeit der Musik dafür auf
+den Schild zu heben. Ganz abgesehen von Richard Wagners Opern, findet
+man in den kleinsten Instrumentalsächelchen oft Unterbrechungen des
+melodischen Flusses durch abgerissene Kadenzen, rezitativische Sätze
+u. dgl., welche, den Hörer befremdend, sich anstellen, als _bedeuteten_
+sie etwas Besonderes, während sie in der Tat nichts bedeuten als
+Unschönheit. Von modernen Kompositionen, welche fortwährend den großen
+Rhythmus durchbrechen, um mysteriöse Zusätze oder gehäufte Kontraste
+vorzudrängen, pflegt man zu rühmen, es strebe darin die Musik, ihre
+engen Grenzen zu durchbrechen und zur _Sprache_ sich zu erheben. Uns
+ist ein solches Lob immer sehr zweideutig erschienen. Die Grenzen der
+Musik sind durchaus nicht eng, aber recht genau festgesteckt. Die Musik
+kann sich niemals »zur Sprache erheben« -- herablassen müßte man
+eigentlich vom musikalischen Standpunkt sagen --, indem die Musik ja
+offenbar eine _gesteigerte_ Sprache sein müßte.[24]
+
+ [24] Es darf nicht verschwiegen werden, daß eines der genialsten,
+ großartigsten Werke aller Zeiten durch seinen Glanz beitrug zu dieser
+ Lieblingslüge der modernen Musikkritik von dem »inneren Drängen der
+ Musik zur Bestimmtheit der Wortsprache« und »zur Abwerfung der
+ eurhythmischen Fesseln«. Wir meinen _Beethovens_ »_Neunte_«. Sie ist
+ eine jener geistigen Wasserscheiden, die weithin sichtbar und
+ unübersteiglich sich zwischen die Strömung entgegengesetzter
+ Überzeugungen legen.
+
+ Die Musiker, welchen die Großartigkeit der »Intention«, die geistige
+ Bedeutung der abstrakten Aufgabe über alles geht, stellen die neunte
+ Symphonie an die Spitze aller Musik; während die kleine Schar, welche,
+ an dem überwundenen Standpunkt der Schönheit festhaltend, für rein
+ ästhetische Forderungen kämpft, ihrer Bewunderung einige
+ Einschränkungen setzt. Wie zu erraten, handelt es sich vorzugsweise um
+ das Finale, da über die hohe Schönheit der ersten drei Sätze unter
+ aufmerksamen und vorbereiteten Hörern kaum ein Streit entstehen wird.
+ In diesem letzten Satz vermochten wir nie mehr als den Riesenschatten
+ zu sehen, den ein Riesenkörper wirft. Die Größe der Idee, das bis zur
+ Verzweiflung vereinsamte Gemüt zuletzt in der Freude aller zur
+ Versöhnung zu bringen, kann man vollkommen verstehen und erkennen, und
+ dennoch die Musik des letzten Satzes (bei all' ihrer genialen
+ Eigentümlichkeit) unschön finden. Das allgemeine Verdammungsurteil,
+ dem solche Sondermeinung verfällt, kennen wir recht wohl. Einer der
+ geistvollsten und vielseitigsten Gelehrten Deutschlands, der 1853 in
+ der »A. Allgemeinen Zeitung« den formellen Grundgedanken der neunten
+ Symphonie anzufechten unternahm, erkannte deshalb die humoristische
+ Notwendigkeit, sich gleich auf dem Titel für einen »beschränkten Kopf«
+ zu erklären. Er beleuchtete die ästhetische Ungeheuerlichkeit, welche
+ das Ausmünden eines mehrsätzigen Instrumentalwerks in einen _Chor_
+ involviert, und vergleicht _Beethoven_ mit einem Bildhauer, der Beine,
+ Leib, Brust, Arme einer Figur aus farblosem Marmor fertigte, den Kopf
+ aber koloriert. Man sollte glauben, daß jeden feinfühlenden Hörer beim
+ Eintritt der Menschenstimme das gleiche Unbehagen überkommen müsse,
+ »weil hier das Kunstwerk mit Einem Ruck seinen Schwerpunkt verändert
+ und dadurch auch den Hörer umzuwerfen droht«. Fast ein Dezennium
+ später erlebten wir die Freude, daß der »beschränkte Kopf« sich als
+ _David Strauß_ demaskierte.
+
+ Hingegen nennt Dr. _Becher_, der hier als Repräsentant einer ganzen
+ Klasse erscheinen möge, in einer 1843 gedruckten Abhandlung über die
+ neunte Symphonie den _vierten Satz_ »den mit jedem andern bestehenden
+ Tonwerke an Eigentümlichkeit der Gestaltung wie an Großartigkeit der
+ Komposition und kühnstem Aufschwung der einzelnen Gedanken völlig
+ inkommensurabeln Ausfluß von _Beethovens_ Genialität« und versichert,
+ dies Werk stehe ihm »mit Shakespeares König Lear und etwa einem
+ Dutzend anderer Emanationen des Menschengeistes in seiner höchsten
+ poetischen Potenz im Himalayagebirge der Kunst als Dhawalagirispitze,
+ selbst seine ebenbürtigen Genossen überragend«. Wie fast alle seine
+ Meinungsgenossen gibt Becher eine ausführliche _Schilderung der
+ Bedeutung_ des »Inhalts« jedes der vier Sätze und ihrer tiefen
+ Symbolik, -- der _Musik_ geschieht auch nicht mit Einer Silbe
+ Erwähnung. Das ist höchst charakteristisch für eine ganze Schule
+ musikalischer Kritik, welche der Frage, ob eine _Musik_ schön sei, mit
+ der tiefsinnigen Erörterung auszuweichen liebt, was sie Großes
+ _bedeute_.
+
+Das vergessen auch unsere Sänger, welche in Momenten größten Affekts
+Worte, ja Sätze _sprechend_ herausstoßen und damit die höchste
+Steigerung der Musik gegeben zu haben glauben. Sie übersehen, daß der
+Übergang vom Singen zum Sprechen stets ein Sinken ist, so wie der
+höchste normale Sprechton noch immer tiefer klingt als selbst die
+tieferen Gesangstöne desselben Organes. Ebenso schlimm als diese
+praktischen Folgen, ja noch schlimmer, weil nicht allsogleich durch das
+Experiment geschlagen, sind die _Theorien_, welche der Musik die
+Entwickelungs- und Konstruktionsgesetze der Sprache aufdringen wollen,
+wie es in älterer Zeit zum Teil von _Rousseau_ und _Rameau_, in neuerer
+Zeit von den Jüngern _R. Wagners_ versucht wird. Es wird dabei das
+wahrhafte Herz der Musik, die in sich selbst befriedigte Formschönheit,
+durchstoßen und dem Phantom der »Bedeutung« nachgejagt. Eine Ästhetik
+der Tonkunst müßte es daher zu ihren wichtigsten Aufgaben zählen, die
+Grundverschiedenheit zwischen dem Wesen der Musik und dem der Sprache
+unerbittlich darzulegen, und in allen Folgerungen das Prinzip
+festzuhalten, daß, wo es sich um Spezifisch-Musikalisches handelt, die
+Analogien mit der Sprache jede Anwendung verlieren.
+
+
+
+
+IV.
+
+Analyse des subjektiven Eindruckes der Musik.
+
+
+Erachten wir es auch als Prinzip und erste Aufgabe der musikalischen
+Ästhetik, daß sie die usurpierte Herrschaft des Gefühls unter die
+berechtigte der Schönheit stelle -- da nicht das Gefühl, sondern die
+Phantasie, als Tätigkeit des reinen Schauens, das Organ ist, aus welchem
+und für welches alles Kunstschöne zunächst entsteht -- so behaupten doch
+die affirmativen Äußerungen des Fühlens im praktischen Musikleben eine
+zu auffallende und wichtige Rolle, um durch bloße Unterordnung abgetan
+zu werden.
+
+So sehr die ästhetische Betrachtung sich nur an das Kunstwerk selbst zu
+halten hat, so erweist sich doch in der Wirklichkeit dieses selbständige
+Kunstwerk als wirksame Mitte zwischen zwei lebendigen Kräften: seinem
+_Woher_ und seinem _Wohin_, d. i. dem Komponisten und dem Hörer. In dem
+Seelenleben dieser beiden kann die künstlerische Tätigkeit der
+_Phantasie_ nicht so zu reinem Metall ausgeschieden sein, wie sie in dem
+fertigen, unpersönlichen Kunstwerk vorliegt -- vielmehr wirkt sie dort
+stets in enger Wechselbeziehung mit Gefühlen und Empfindungen. Das
+Fühlen wird somit _vor_ und _nach_ dem fertigen Kunstwerk, vorerst im
+Tondichter, dann im Hörer, eine Bedeutung behaupten, der wir unsere
+Aufmerksamkeit nicht entziehen dürfen.
+
+Betrachten wir den _Komponisten_. Ihn wird während des Schaffens eine
+gehobene Stimmung erfüllen, wie sie zur Befreiung des Schönen aus dem
+Schacht der Phantasie kaum entbehrlich gedacht werden kann. Daß diese
+gehobene Stimmung, nach der Individualität des Künstlers, mehr oder
+minder die Färbung des werdenden Kunstwerkes annehmen, daß sie bald
+hoch, bald mäßiger fluten wird, nie aber bis zum überwältigenden
+Affekte, der das künstlerische Hervorbringen vereitelt, daß die klare
+Besinnung hierbei wenigstens gleiche Wichtigkeit behauptet mit der
+Begeisterung, -- das sind bekannte, der allgemeinen Kunstlehre
+angehörige Bestimmungen. Was speziell das Schaffen des _Tonsetzers_
+betrifft, so muß festgehalten werden, daß es ein stetes _Bilden_ ist,
+ein Formen in Tonverhältnissen. Nirgend erscheint die Souveränität des
+Gefühls, welche man so gern der Musik andichtet, schlimmer angebracht,
+als wenn man sie im Komponisten während des Schaffens voraussetzt und
+dieses als ein begeistertes Extemporieren auffaßt. Die schrittweis
+vorgehende Arbeit, durch welche ein Musikstück, das dem Tondichter
+anfangs nur in Umrissen vorschwebte, bis in die einzelnen Takte zur
+bestimmten Gestalt ausgemeißelt wird, allenfalls gleich in der
+empfindlichen vielgestaltigen Form des Orchesters, ist so besonnen und
+kompliziert, daß sie kaum verstehen kann, wer nicht selbst einmal Hand
+daran gelegt. Nicht bloß etwa fugierte oder kontrapunktische Sätze, in
+welchen wir abmessend Note gegen Note halten, auch das fließendste
+Rondo, die melodiöseste Arie erfordert, wie es unsere Sprache bedeutsam
+nennt, ein »Ausarbeiten« ins kleinste. Die Tätigkeit des Komponisten ist
+eine in ihrer Art _plastische_ und jener des bildenden Künstlers
+vergleichbar. Ebensowenig als dieser darf der Tondichter seinem Stoff
+unfrei verwachsen sein; denn gleich ihm hat er ja sein (musikalisches)
+Ideal objektiv hinzustellen, zur reinen Form zu gestalten.
+
+Das dürfte von _Rosenkranz_ vielleicht übersehen worden sein, wenn er
+den Widerspruch bemerkt, aber ungelöst läßt, warum die _Frauen_, welche
+doch von Natur vorzugsweise auf das Gefühl angewiesen sind, in der
+Komposition nichts leisten?[25] Der Grund liegt -- außer den allgemeinen
+Bedingungen, welche Frauen von geistigen Hervorbringungen ferner halten
+-- eben in dem plastischen Moment des Komponierens, das eine
+_Entäußerung_ der Subjektivität nicht minder, wenngleich in
+verschiedener Richtung erheischt, als die bildenden Künste. Wenn die
+Stärke und Lebendigkeit des Fühlens wirklich maßgebend für das
+Tondichten wäre, so würde der gänzliche Mangel an Komponistinnen neben
+so zahlreichen Schriftstellerinnen und Malerinnen schwer zu erklären
+sein. Nicht das Gefühl komponiert, sondern die speziell musikalische,
+künstlerisch geschulte Begabung. Ergötzlich klingt es daher, wenn _F. L.
+Schubart_ die »meisterhaften Andantes« des Komponisten _Stamitz_ ganz
+ernsthaft als eine natürliche »Folge seines gefühlvollen Herzens«
+hinstellt,[26] oder Christian _Rolle_ uns versichert, »ein leutseliger,
+zärtlicher Charakter mache uns geschickt, langsame Sätze zu
+Meisterstücken zu bilden«.[27]
+
+ [25] _Rosenkranz_, Psychologie. 2. Aufl. S. 60.
+
+ [26] _Schubart_, »Ideen zur Ästhetik der Tonkunst«. 1806.
+
+ [27] »Neue Wahrnehmungen zur Aufnahme der Musik.« Berlin 1784. S. 102.
+
+Ohne innere Wärme ist nichts Großes noch Schönes im Leben vollbracht
+worden. Das Gefühl wird beim Tondichter, wie bei jedem Poeten, sich
+reich entwickelt vorfinden, nur ist es nicht der schaffende Faktor in
+ihm. Selbst wenn ein starkes, bestimmtes Pathos ihn gänzlich erfüllt, so
+wird dasselbe Anlaß und Weihe manches Kunstwerks werden, allein -- wie
+wir aus der Natur der Tonkunst wissen, welche einen bestimmten Affekt
+darzustellen weder die Fähigkeit noch den Beruf hat -- niemals dessen
+Gegenstand.
+
+Ein inneres _Singen_, nicht ein bloßes inneres Fühlen treibt den
+musikalisch Talentierten zur Erfindung eines Tonstücks.
+
+Wir haben die Tätigkeit des Komponierens als ein _Bilden_ aufgefaßt; als
+solches ist sie durchaus _objektiv_. Der Tonsetzer formt ein
+selbständiges Schöne. Der unendlich ausdrucksfähige, geistige Stoff der
+Töne läßt es zu, daß die Subjektivität des in ihnen Bildenden sich in
+der Art seines Formens auspräge. Da schon den einzelnen musikalischen
+Elementen ein charakteristischer Ausdruck eignet, so werden
+vorherrschende Charakterzüge des Komponisten: Sentimentalität, Energie,
+Heiterkeit usw. sich durch die konsequente Bevorzugung gewisser
+Tonarten, Rhythmen, Übergänge recht wohl nach den _allgemeinen_ Momenten
+ausdrücken, welche die Musik wiederzugeben fähig ist. Einmal vom
+Kunstwerk aufgesogen, interessieren aber diese Charakterzüge nunmehr als
+musikalische Bestimmtheiten, als Charakter der Komposition, nicht des
+Komponisten.[28] Was der gefühlvolle und was der geistreiche Komponist
+bringt, der graziöse oder der erhabene, ist zuerst und vor allem
+_Musik_, objektives Gebilde. Ihre Werke werden sich voneinander durch
+unverkennbare Eigentümlichkeiten unterscheiden und als Gesamtbild die
+Individualität ihrer Schöpfer abspiegeln; doch wurden sie alle, die
+einen wie die andern, als selbständiges Schöne rein musikalisch um
+ihretwillen erschaffen.
+
+ [28] Welche Vorsicht bei Rückschlüssen von den Kompositionen auf den
+ menschlichen Charakter des Komponisten notwendig ist, und wie groß
+ dabei die Gefahr, daß die Phantasie die nüchterne Untersuchung zum
+ Nachteil der Wahrheit beeinflußt, das hat neuerdings u. a. die
+ Beethoven-Biographie von _A. B. Marx_ gezeigt, deren musikalisch
+ voreingenommene Panegyrik einer sorgfältigen Untersuchung der
+ Tatsachen überhoben zu sein glaubte und daher durch _Thayers_ genaue
+ Quellenforschungen in vielen Punkten drastisch berichtigt worden ist.
+
+Nicht das tatsächliche Gefühl des Komponisten, als eine bloß subjektive
+Affektion, ist es, was die gleiche Stimmung in den Hörern wachruft.
+Räumt man der Musik solch eine zwingende Macht ein, so anerkennt man
+dadurch deren Ursache als etwas Objektives in ihr; denn nur dieses
+_zwingt_ in allem Schönen. Dies Objektive sind hier die _musikalischen_
+Bestimmtheiten eines Tonstücks. Streng ästhetisch können wir von
+irgendeinem Thema sagen, es _klinge_ stolz oder trübe, nicht aber, es
+sei ein Ausdruck der stolzen oder der trüben Gefühle des Komponisten.
+Noch ferner liegen dem Charakter eines Tonwerkes als solchem die
+sozialen und politischen Verhältnisse, welche seine Zeit beherrschen.
+Jener _musikalische_ Ausdruck des Themas ist notwendige Folge seiner so
+und nicht anders gewählten Tonfaktoren; daß diese Wahl aus
+psychologischen oder kulturgeschichtlichen Ursachen hervorging, müßte an
+dem bestimmten Werke (nicht bloß aus Jahreszahl und Geburtsort)
+nachgewiesen werden, und nachgewiesen wäre dieser Zusammenhang, wie
+interessant auch immer, zunächst eine lediglich historische oder
+biographische Tatsache. Die _ästhetische_ Betrachtung kann sich auf
+keine Umstände stützen, die außerhalb des Kunstwerks selbst liegen.
+
+So gewiß die Individualität des Komponisten in seinen Schöpfungen einen
+symbolischen Ausdruck finden wird, so irrig wäre es, aus diesem
+persönlichen Moment Begriffe ableiten zu wollen, die ihre wahrhafte
+Begründung nur in der Objektivität des künstlerischen Bildens finden.
+Dahin gehört der Begriff des _Stils_.[29]
+
+ [29] Irrig ist deshalb _Forkels_ Ableitung der verschiedenen
+ musikalischen Schreibarten aus »den Verschiedenheiten zu denken«,
+ wonach der Stil jedes Komponisten darin seinen Grund hat, daß »der
+ schwärmerische, der aufgeblasene, der kalte, kindische und pedantische
+ Mann in den Zusammenhang seiner Gedanken Schwulst und unerträgliche
+ Emphasis bringt, oder frostig und affektiert ist«. (Theorie der Musik.
+ 1777. S. 23.)
+
+Wir möchten den Stil in der Tonkunst von seiten seiner _musikalischen_
+Bestimmtheiten aufgefaßt wissen, als die vollendete Technik, wie sie im
+Ausdruck des schöpferischen Gedankens als Gewöhnung erscheint. Der
+Meister bewährt »Stil«, indem er, die klar erfaßte Idee verwirklichend,
+alles Kleinliche, Unpassende, Triviale wegläßt und so in jeder
+technischen Einzelheit die künstlerische Haltung des Ganzen
+übereinstimmend wahrt. Mit Vischer (Ästhetik § 527) würden wir das Wort
+»Stil« auch in der Musik absolut gebrauchen und, absehend von den
+historischen oder individuellen Einteilungen, sagen: dieser Komponist
+_hat Stil_, in dem Sinne wie man von jemand sagt: er hat _Charakter_.
+
+Die _architektonische_ Seite des Musikalisch-Schönen tritt bei der
+Stilfrage recht deutlich in den Vordergrund. Eine höhere Gesetzlichkeit,
+als die der bloßen Proportion, wird der _Stil_ eines Tonstücks durch
+einen einzigen Takt verletzt, der, an sich untadelhaft, nicht zum
+Ausdruck des Ganzen stimmt. Genau so wie eine unpassende Arabeske im
+Bauwerk, nennen wir stillos eine Kadenz oder Modulation, welche als
+Inkonsequenz aus der einheitlichen Durchführung des Grundgedankens
+abspringt. Natürlich ist diese Einheit im weiteren, höheren Sinne zu
+nehmen, wonach sie unter Umständen den Kontrast, die Episode und manche
+Freiheiten in sich begreift.
+
+In der _Komposition_ eines Musikstückes findet daher eine Entäußerung
+des eigenen persönlichen Affektes nur insoweit statt, als es die Grenzen
+einer vorherrschend objektiven, formenden Tätigkeit zulassen.
+
+Der Akt, in welchem die unmittelbare Ausströmung eines Gefühls in Tönen
+vor sich gehen kann, ist nicht sowohl die _Erfindung_ eines Tonwerkes,
+als vielmehr die _Reproduktion_, die Aufführung, desselben. Daß für den
+philosophischen Begriff das komponierte Tonstück, ohne Rücksicht auf
+dessen Aufführung, das _fertige_ Kunstwerk ist, darf uns nicht hindern,
+die Spaltung der Musik in Komposition und Reproduktion, eine der
+folgenreichsten Spezialitäten unserer Kunst, überall zu beachten, wo sie
+zur Erklärung eines Phänomens beiträgt.
+
+In der Untersuchung des subjektiven Eindrucks der Musik macht sie sich
+ganz vorzugsweise geltend. Dem _Spieler_ ist es gegönnt, sich von dem
+Gefühl, das ihn eben beherrscht, unmittelbar durch sein Instrument zu
+befreien und in seinen Vortrag das wilde Stürmen, das sehnliche Glühen,
+die heitere Kraft und Freude seines Innern zu hauchen. Schon das
+_körperlich_ Innige, das durch meine Fingerspitzen die innere Bebung
+unvermittelt an die Saite drückt oder den Bogen reißt oder gar im
+Gesange selbsttönend wird, macht den persönlichsten Erguß der Stimmung
+im Musizieren recht eigentlich möglich. Eine Subjektivität wird hier
+unmittelbar in Tönen _tönend_ wirksam, nicht bloß stumm in ihnen
+formend. Der Komponist schafft langsam, unterbrochen, der Spieler in
+unaufhaltsamem Flug; der Komponist für das Bleiben, der Spieler für den
+erfüllten Augenblick. Das Tonwerk wird geformt, die Aufführung _erleben_
+wir. So liegt denn das gefühlsentäußernde und erregende Moment der Musik
+im Reproduktionsakt, welcher den elektrischen Funken aus dunkelm
+Geheimnis lockt und in das Herz der Zuhörer überspringen macht. Freilich
+kann der Spieler nur das bringen, was die Komposition enthält, allein
+diese erzwingt wenig mehr als die Richtigkeit der Noten. »Der Geist des
+_Tondichters_ sei es ja nur, den der Spieler errate und offenbare« --
+wohl, aber eben diese Aneignung im Moment des Wiederschaffens ist sein,
+des Spielers, Geist. Dasselbe Stück belästigt oder entzückt, je nachdem
+es zu tönender Wirklichkeit belebt wird. Es ist, wie derselbe Mensch,
+einmal in seiner verklärendsten Begeisterung, das andere Mal in
+mißmutiger Alltäglichkeit aufgefaßt. Die künstliche Spieluhr kann das
+Gefühl des Hörers nicht bewegen, doch der einfachste Musikant wird es,
+wenn er mit voller Seele bei seinem Liede ist.
+
+Zur höchsten Unmittelbarkeit befreit sich die Offenbarung eines
+Seelenzustandes durch Musik, wo Schöpfung und Ausführung in einen Akt
+zusammenfallen. Dies geschieht in der _freien Phantasie_. Wo diese nicht
+mit formell künstlerischer, sondern mit vorwiegend subjektiver Tendenz
+(pathologisch in höherem Sinn) auftritt, da kann der Ausdruck, welchen
+der Spieler den Tasten entlockt, ein wahres Sprechen werden. Wer dies
+zensurfreie Sprechen, dies entfesselte Sichselbstgeben mitten in
+strengem Bannkreise je an sich selbst erlebt hat, der wird ohne weiteres
+wissen, wie da Liebe, Eifersucht, Wonne und Leid unverhüllt und doch
+unfahndbar hinausrauschen aus ihrer Nacht, ihre Feste feiern, ihre Sagen
+singen, ihre Schlachten schlagen, bis der Meister sie zurückruft,
+beruhigt, beunruhigend.
+
+Durch die entbundene Bewegung des Spielens teilt sich der Ausdruck des
+Gespielten dem _Hörer_ mit. Wenden wir uns zu diesem.
+
+Wir sehen ihn oft von einer Musik ergriffen, froh oder wehmütig bewegt,
+weit über das bloß ästhetische Wohlgefallen hinaus im Innersten
+emporgetragen oder erschüttert. Die Existenz dieser Wirkungen ist
+unleugbar, wahrhaft und echt, oft die höchsten Grade erreichend, zu
+bekannt endlich, als daß wir ihr ein beschreibendes Verweilen zu widmen
+brauchten. Es handelt sich hier nur um zweierlei: -- worin im
+Unterschied von andern Gefühlsbewegungen der spezifische Charakter
+dieser Gefühlserregung durch _Musik_ liege, und wieviel von dieser
+Wirkung _ästhetisch_ sei.
+
+Müssen wir auch das Vermögen, auf die Gefühle zu wirken, _allen_ Künsten
+ausnahmslos zuerkennen, so ist doch der Art und Weise, wie die _Musik_
+es ausübt, etwas Spezifisches, nur _ihr_ Eigentümliches nicht
+abzusprechen. Musik wirkt auf den Gemütszustand rascher und intensiver
+als irgend ein anderes Kunstschöne. Mit wenigen Akkorden können wir
+einer Stimmung überliefert sein, welche ein Gedicht erst durch längere
+Exposition, ein Bild durch anhaltendes Hineindenken erreichen würde,
+obgleich diesen beiden, im Vorteil gegen die Tonkunst, der ganze Kreis
+der Vorstellungen dienstbar ist, von welchen unser Denken die Gefühle
+von Lust und Schmerz abhängig weiß. Nicht nur rascher, auch
+unmittelbarer und intensiver ist die Einwirkung der Töne. Die andern
+Künste überreden, die Musik überfällt uns. Diese ihre eigentümliche
+Gewalt auf unser Gemüt erfahren wir am stärksten, wenn wir uns in einem
+Zustand größerer Aufregung oder Herabstimmung befinden.
+
+In Gemütszuständen, wo weder Gemälde noch Gedichte, weder Statuen noch
+Bauten mehr imstande sind, uns zu teilnehmender Aufmerksamkeit zu
+reizen, wird _Musik_ noch Macht über uns haben, ja gerade heftiger als
+sonst. Wer in schmerzhaft aufgeregter Stimmung Musik hören oder machen
+muß, dem schwingt sie wie Essig in der Wunde. Keine Kunst kann da so
+tief und scharf in unsere Seele schneiden. Form und Charakter des
+Gehörten verlieren dann ganz ihre Bedeutung, sei es nächtigtrübes
+Adagio oder ein hellfunkelnder Walzer, wir können uns nicht loswinden
+von seinen Klängen, -- nicht mehr das Tonstück fühlen wir, sondern die
+Töne selbst, die Musik als gestaltlos dämonische Gewalt, wie sie glühend
+an die Nerven unseres ganzen Leibes rückt.
+
+Als _Goethe_ in hohem Alter noch einmal die Gewalt der Liebe erfuhr, da
+erwachte in ihm zugleich eine nie gekannte Empfänglichkeit für Musik. Er
+schreibt über jene wunderbaren Marienbader Tage (1823) an _Zelter_: »Die
+ungeheure Gewalt der Musik auf mich in diesen Tagen! Die Stimme der
+Milder, das Klangreiche der Szymanowska, ja sogar die öffentliche
+Exhibition des hiesigen Jägerkorps falten mich auseinander, wie man eine
+geballte Faust freundlich flach läßt. Ich bin völlig überzeugt, daß ich
+im ersten Takte Deiner Singakademie den Saal verlassen müßte.« Zu
+einsichtsvoll, um nicht den großen Anteil _nervöser_ Aufregung in dieser
+Erscheinung zu erkennen, schließt Goethe mit den Worten: »Du würdest
+mich von einer krankhaften Reizbarkeit heilen, die denn doch eigentlich
+als die Ursache jenes Phänomens anzusehen ist.«[30] Diese Beobachtungen
+müssen uns schon aufmerksam machen, daß in den musikalischen Wirkungen
+auf das Gefühl häufig ein fremdes, nicht rein ästhetisches Element mit
+im Spiele sei. Eine rein ästhetische Wirkung wendet sich an die volle
+Gesundheit des Nervenlebens und zählt auf kein krankhaftes Mehr oder
+Weniger desselben.
+
+ [30] Briefwechsel zwischen Goethe und Zelter. 3. Band, S. 332.
+
+Die intensivere Einwirkung der Musik auf unser Nervensystem vindiziert
+ihr in der Tat einen Machtüberschuß vor den anderen Künsten. Wenn wir
+aber die Natur dieses Machtüberschusses untersuchen, so erkennen wir,
+daß er ein _qualitativer sei_, und daß die eigentümliche Qualität auf
+_physiologischen_ Bedingungen ruhe. Der sinnliche Faktor, der bei jedem
+Schönheitsgenuß den geistigen trägt, ist bei der Tonkunst größer als in
+den andern Künsten. Die Musik, durch ihr körperloses Material die
+geistigste, von seiten ihres gegenstandlosen Formspiels die sinnlichste
+Kunst, zeigt in dieser geheimnisvollen Vereinigung zweier Gegensätze ein
+lebhaftes Assimilationsbestreben mit den _Nerven_, diesen nicht minder
+rätselhaften Organen des unsichtbaren Telegraphendienstes zwischen Leib
+und Seele.
+
+Die intensive Wirkung der Musik auf das Nervenleben ist als Tatsache von
+der Psychologie wie von der Physiologie vollständig anerkannt. Leider
+fehlt noch eine ausreichende Erklärung derselben. Es vermag die
+_Psychologie_ nimmermehr das Magnetisch-Zwingende des Eindrucks zu
+ergründen, den gewisse Akkorde, Klangfarben und Melodien auf den ganzen
+Organismus des Menschen üben, weil es dabei zuvörderst auf eine
+spezifische Reizung der Nerven ankommt. Ebensowenig hat die im Triumph
+fortschreitende Wissenschaft der _Physiologie_ etwas Entscheidendes über
+unser Problem gebracht.
+
+Was die musikalischen Monographien dieses Zwittergegenstandes betrifft,
+so ziehen sie es fast durchgängig vor, die Tonkunst durch Ausbreitung
+glänzender Schaustücke in einen imposanten Nimbus von Wundertätigkeit zu
+bringen, als in wissenschaftlicher Forschung den Zusammenhang der Musik
+mit unserm Nervenleben auf sein Wahres und Notwendiges zurückzuführen.
+Dies allein aber tut uns not, und weder die Überzeugungstreue eines
+Doktor _Albrecht_, welcher seinen Patienten Musik als schweißtreibendes
+Mittel verschrieb, noch der Unglaube _Oerstedts_, der das Heulen eines
+Hundes bei gewissen Tonarten durch rationelle Prügel erklärt, mittelst
+welcher derselbe zum Heulen abgerichtet worden sei.[31]
+
+ [31] »Der Geist der Natur.« III, 9.
+
+Manchem Musikfreunde dürfte es unbekannt sein, daß wir eine ganze
+Literatur über die körperlichen Wirkungen der Musik und deren Anwendung
+zu Heilzwecken besitzen. An interessanten Kuriositäten reich, doch in
+der Beobachtung unzuverlässig, in der Erklärung unwissenschaftlich,
+suchen die meisten dieser Musiko-Mediziner eine sehr zusammengesetzte
+und beiläufige Eigenschaft der Tonkunst zu selbständiger Wirksamkeit
+aufzustelzen.
+
+Von _Pythagoras_, der zuerst Wunderkuren durch Musik verrichtet haben
+soll, bis auf unsere Tage taucht zeitweilig immer wieder, mehr durch
+neue Beispiele als durch neue Ideen bereichert, die Lehre auf, man könne
+die aufregende oder lindernde Wirkung der Töne auf den körperlichen
+Organismus als Heilmittel gegen zahlreiche Krankheiten in Anwendung
+bringen. Peter _Lichtenthal_ erzählt uns ausführlich in seinem
+»Musikalischen Arzt«, wie durch die Macht der Töne _Gicht_, _Hüftweh_,
+_Epilepsie_, _Starrsucht_, _Pest_, _Fieberwahnsinn_, _Konvulsionen_,
+_Nervenfieber_, ja sogar »_Dummheit_« (stupiditas) geheilt worden
+sei.[32]
+
+ [32] Die höchste Konfusion erreichte diese Lehre bei dem berühmten
+ Arzt _Baptista Porta_, welcher die Begriffe von Medizinalpflanze und
+ Musikinstrument kombinierte und die Wassersucht mit einer Flöte
+ heilte, die aus den Stengeln des _Helleborus_ verfertigt war. Ein aus
+ dem _populus_ verfertigtes Musikinstrument sollte Hüftschmerzen, ein
+ aus _Zimtrohr_ geschnitztes Ohnmachten heilen. (Encyclopédie, article
+ »musique«.)
+
+Rücksichtlich der _Begründung_ dieser Theorie lassen sich diese
+Schriftsteller in zwei Klassen teilen.
+
+Die einen argumentieren vom _Körper_ aus und gründen die Heilkraft der
+Musik auf die physische Einwirkung der Schallwellen, welche sich durch
+den Gehörnerv den übrigen Nerven mitteile und durch solch allgemeine
+Erschütterung eine heilsame Reaktion des gestörten Organismus
+hervorrufe. Die Affekte, welche zugleich sich bemerkbar machten, seien
+nur eine Folge dieser nervösen Erschütterung, indem Leidenschaften nicht
+bloß gewisse körperliche Veränderungen hervorrufen, sondern diese auch
+ihrerseits die ihnen entsprechenden Leidenschaften zu erzeugen vermögen.
+
+Nach dieser Theorie, welcher (unter dem Vortritt des Engländers _Webb_)
+_Nikolai_, _Schneider_, _Lichtenthal_, _J. J. Engel_, _Sulzer_ u. a.
+anhängen, würden wir durch die Tonkunst nicht anders bewegt, als etwa
+unsere Fenster und Türen, die bei einer starken Musik zu zittern
+beginnen. Als unterstützend werden Beispiele angeführt, wie der Bediente
+_Boyles_, dem die Zähne zu bluten anfingen, sobald er eine Säge wetzen
+hörte, oder viele Personen, welche beim Kratzen einer Messerspitze auf
+Glas Konvulsionen bekommen.
+
+Das ist nur keine _Musik_. Daß Musik mit jenen so heftig auf die Nerven
+wirkenden Erscheinungen dasselbe Substrat, den Schall, teilt, wird uns
+für spätere Folgerungen wichtig genug werden, hier ist -- einer
+materialistischen Ansicht gegenüber -- lediglich hervorzuheben, daß die
+Tonkunst erst da anfange, wo jene isolierten Klangwirkungen aufhören,
+übrigens auch die Wehmut, in welche ein Adagio den Hörer versetzen kann,
+mit der körperlichen Empfindung eines schrillen Mißklangs gar nicht zu
+vergleichen ist.
+
+Die andere Hälfte unserer Autoren (unter ihnen _Kausch_ und die meisten
+Ästhetiker) erklärt die heilkräftigen Wirkungen der Musik von der
+_psychologischen_ Seite aus. Musik -- so argumentieren sie -- erzeugt
+Affekte und Leidenschaften in der Seele, Affekte haben heftige
+Bewegungen im Nervensystem zur Folge, heftige Bewegungen im Nervensystem
+verursachen eine heilsame Reaktion im kranken Organismus. Dieses
+Raisonnement, auf dessen Sprünge gar nicht erst hingedeutet zu werden
+braucht, wird von der genannten idealen »psychologischen« Schule gegen
+die frühere materielle so standhaft verfochten, daß sie, unter der
+Autorität des Engländers _Whytt_, sogar aller Physiologie zu Trotz den
+Zusammenhang des Gehörnervs mit den übrigen Nerven leugnet, wonach eine
+_körperliche_ Übertragung des durch das Ohr empfangenen Reizes auf den
+Gesamtorganismus freilich unmöglich wird.
+
+Der Gedanke, durch Musik bestimmte Affekte als Liebe, Wehmut, Zorn,
+Entzücken, in der Seele zu erregen, welche den Körper durch wohltätige
+Aufregung heilen, klingt so übel nicht. Uns fällt dabei stets das
+köstliche Parere ein, welches einer unserer berühmtesten Naturforscher
+über die sogenannten »_Goldberger_schen elektromagnetischen Ketten«
+abgab. Er sagte: es sei nicht ausgemacht, ob ein elektrischer Strom
+gewisse Krankheiten zu heilen vermöge, -- das aber sei ausgemacht, daß
+die »_Goldberger_schen Ketten« keinen elektrischen Strom zu erzeugen
+imstande sind. Auf unsere Tondoktoren angewandt, heißt dies: Es ist
+_möglich_, daß bestimmte Gemütsaffekte eine glückliche Krisis in
+leiblichen Krankheiten herbeiführen, -- allein es ist nicht möglich,
+durch Musik jederzeit beliebige Gemütsaffekte hervorzubringen.
+
+Darin kommen beide Theorien, die psychologische und die physiologische,
+überein, daß sie aus bedenklichen Voraussetzungen noch bedenklichere
+Ableitungen folgern und endlich die bedenklichste _praktische_
+Schlußfolgerung daraus ziehen. Logische Ausstellungen mag sich eine
+Heilmethode etwa gefallen lassen, aber daß sich bis jetzt noch immer
+kein Arzt bewogen findet, seine Typhuskranken in Meyerbeers »Propheten«
+zu schicken, oder statt der Lanzette ein Waldhorn herauszuziehen, ist
+unangenehm.
+
+Die körperliche Wirkung der Musik ist weder an sich so stark, noch so
+sicher, noch von psychischen und ästhetischen Voraussetzungen so
+unabhängig, noch endlich so willkürlich behandelbar, daß sie als
+wirkliches Heilmittel in Betracht kommen könnte.
+
+Jede mit Beihilfe von Musik vollführte Kur trägt den Charakter eines
+Ausnahmefalles, dessen Gelingen niemals der Musik allein zuzuschreiben
+war, sondern zugleich von speziellen, vielleicht von ganz individuellen
+körperlichen und geistigen Bedingungen abhing. Es ist sehr
+bemerkenswert, daß die einzige Anwendung von Musik, welche wirklich in
+der Medizin vorkommt, nämlich in der Behandlung von Irrsinnigen,
+vorzugsweise auf die geistige Seite der musikalischen Wirkung
+reflektiert. Die moderne Psychiatrie verwendet bekanntlich Musik in
+vielen Fällen und mit glücklichem Erfolge. Dieser beruht aber weder auf
+der materiellen Erschütterung des Nervensystems, noch auf der Erregung
+der Leidenschaften, sondern auf dem besänftigend aufheiternden Einfluß,
+welchen das halb zerstreuende, halb fesselnde Tonspiel auf ein
+verdüstertes oder überreiztes Gemüt auszuüben vermag. Lauscht der
+Geisteskranke auch dem Sinnlichen, nicht dem Künstlerischen des
+Tonstücks, so steht er doch, wenn er mit Aufmerksamkeit hört, schon auf
+einer, wenngleich untergeordneten Stufe ästhetischer Auffassung.
+
+Was nun alle diese musikalisch-medizinischen Werke für die richtige
+Erkenntnis der Tonkunst beitragen? Die Bestätigung einer von jeher
+beobachteten starken physischen Erregung bei allen durch Musik
+hervorgerufenen »Affekten« und »Leidenschaften«. Steht einmal fest, daß
+ein integrierender Teil der durch Musik erzeugten Gemütsbewegung
+_physisch_ ist, so folgt weiter, daß dies Phänomen, als wesentlich in
+unserm Nervenleben vorkommend, auch von dieser seiner körperlichen Seite
+erforscht werden müsse. Es kann demnach der Musiker über dies Problem
+sich keine wissenschaftliche Überzeugung bilden, ohne sich mit den
+Ergebnissen bekannt zu machen, bei welchen der gegenwärtige Standpunkt
+der _Physiologie_ in Untersuchung des Zusammenhangs der Musik mit den
+Gefühlen hält.
+
+Verfolgen wir den Gang, welchen eine Melodie nehmen muß, um auf unsere
+Gemütsstimmung zu wirken, so finden wir ihren Weg vom vibrierenden
+Instrument bis zum Gehörnerv, besonders nach den epochemachenden
+Bereicherungen dieses Gebiets durch _Helmholtz_' »_Lehre von den
+Tonempfindungen_« hinreichend aufgeklärt. Die Akustik weist genau die
+äußeren Bedingungen nach, unter welchen wir einen Ton überhaupt, unter
+welchen wir diesen oder jenen bestimmten Ton vernehmen; die Anatomie
+deckt uns unter Mithilfe des Mikroskops den Bau des Gehörorgans bis ins
+Innerste und Feinste auf; die Physiologie endlich kann zwar an diesem
+überaus kleinen und zarten, tief verborgenen Wunderbau keine direkten
+Versuche anstellen, hat aber doch dessen Wirkungsweise zum Teil mit
+Sicherheit ermittelt, zum Teil durch eine, von Helmholtz aufgestellte
+Hypothese so klargelegt, daß uns jetzt der ganze Vorgang der
+Tonempfindung physiologisch verständlich ist. Selbst darüber hinaus, auf
+dem Gebiete, in dem sich bereits die Naturwissenschaft eng mit der
+Ästhetik berührt, haben uns die Forschungen von Helmholtz über die
+Konsonanz und die Verwandtschaft der Töne viel Licht gegeben, wo noch
+bis vor kurzem viel Dunkel herrschte. Aber damit freilich stehen wir
+auch am Ende unserer Kenntnis. Das für uns Wichtigste ist und bleibt
+unerklärt: der Nervenprozeß, durch welchen nun die _Empfindung_ des
+Tones zum _Gefühl_, zur _Gemütsstimmung_ wird. Die Physiologie weiß, daß
+das, was wir als Ton empfinden, eine Molekularbewegung in der
+Nervensubstanz ist, und zwar wenigstens ebensogut als im Akustikus in
+den Centralorganen. Sie weiß, daß die Fasern des Gehörnervs mit den
+anderen Nerven zusammenhängen und seine Reize auf sie übertragen, daß
+das Gehör namentlich mit dem kleinen und großen Gehirn, dem Kehlkopf,
+der Lunge, dem Herzen in Verbindung steht. Unbekannt ist ihr aber die
+spezifische Art, wie Musik auf diese Nerven wirkt, noch mehr die
+Verschiedenheit, mit welcher bestimmte musikalische Faktoren, Akkorde,
+Rhythmen, Instrumente auf verschiedene Nerven wirken. Verteilt sich
+eine musikalische Gehörsempfindung auf alle mit dem Akustikus
+zusammenhängende Nerven oder nur auf einige? Mit welcher Intensität? Von
+welchen musikalischen Elementen wird das Gehirn, von welchen werden die
+zum Herzen oder zur Lunge führenden Nerven am meisten affiziert?
+Unleugbar ist, daß Tanzmusik in jungen Leuten, deren natürliches
+Temperament nicht durch die Zivilisation ganz zurückgehalten wird, ein
+Zucken im Körper, namentlich in den Füßen, hervorruft. Es wäre
+einseitig, den _physiologischen_ Einfluß von Marsch- und Tanzmusik zu
+leugnen; und ihn lediglich auf _psychologische_ Ideenassoziation
+reduzieren zu wollen. Was daran psychologisch ist, -- die wachgerufene
+Erinnerung an das schon bekannte Vergnügen des Tanzes, -- entbehrt nicht
+der Erklärung, allein diese reicht für sich keineswegs aus. Nicht weil
+sie Tanzmusik ist, hebt sie die Füße, sondern sie ist Tanzmusik, weil
+sie die Füße hebt. Wer in der Oper ein wenig um sich blickt, wird bald
+bemerken, wie bei lebhaften, faßlichen Melodien die Damen unwillkürlich
+mit dem Kopfe hin- und herschaukeln, nie wird man dies aber bei einem
+Adagio sehen, sei es noch so ergreifend oder melodisch. Läßt sich daraus
+schließen, daß gewisse musikalische, namentlich rhythmische Verhältnisse
+auf motorische Nerven wirken, andere nur auf Empfindungsnerven? Wann
+ist das erstere, wann das letztere der Fall?[33] Erleidet das
+Solargeflecht, welches traditionell für einen vorzugsweisen Sitz des
+Empfindens gilt, bei der Musik eine besondere Affektion? Erleiden sie
+etwa die »sympathischen Nerven« -- an denen, wie _Purkinje_ mir einst
+bemerkte, ihr Name das Schönste ist --? Warum ein Klang schrillend,
+widerwärtig, ein anderer rein und wohllautend erscheine, das wird auf
+akustischem Wege durch die Gleichförmigkeit und Ungleichförmigkeit der
+aufeinanderfolgenden Luftstöße -- warum mehrere zusammenklingende Töne
+konsonieren oder dissonieren, wird durch ihren ungestörten, gleichmäßigen
+oder gestörten, ungleichmäßigen Abfluß erklärt.[34] Diese Erklärungen
+mehr oder minder einfacher _Gehörsempfindungen_ können aber dem
+Ästhetiker nicht genügen; er verlangt nach der Erklärung des _Gefühls_
+und fragt: wie kommt es, daß die eine Reihe von wohlklingenden Tönen
+den Eindruck der Trauer, eine zweite von gleichfalls wohlklingenden den
+Eindruck der Freude macht? Woher die entgegengesetzten, oft mit
+zwingender Kraft auftretenden Stimmungen, welche verschiedene Akkorde
+oder Instrumente von gleich reinem, wohlklingendem Ton dem Hörer
+unmittelbar einflößen?
+
+ [33] Wenn _Carus_ den Reiz zur Bewegung damit erklärt, daß er den
+ Hörnerv im kleinen Gehirn entspringen läßt, in dieses den Sitz des
+ Willens verlegt und aus beiden die eigentümlichen Wirkungen der
+ Gehörseindrücke auf Handlungen des Mutes u. a. ableitet, so ist das
+ eine sehr unsichere Hypothese; denn nicht einmal die Abstammung des
+ Gehörnervs aus dem _kleinen_ Gehirn ist eine wissenschaftlich
+ ausgemachte Tatsache.
+
+ _Harleß_ (in _R. Wagners_ Handwörterbuch der Physiologie, Artikel
+ »Hören«) vindiziert der bloßen _Wahrnehmung_ des Rhythmus, ohne allen
+ Gehörseindruck, denselben Trieb zu Bewegungen wie der rhythmischen
+ Musik.
+
+ [34] Helmholtz, Lehre von den Tonempfindungen. 2. Aufl. 1870. S. 319.
+
+Dies alles kann -- soweit unser Wissen und Urteil reicht -- die
+Physiologie nicht beantworten. Wie sollte sie auch? Weiß sie doch nicht,
+wie der Schmerz die Träne erzeugt, wie die Freude das Lachen, -- weiß
+sie doch nicht, was Schmerz und Freude _sind_! Hüte sich deshalb jeder,
+von einer Wissenschaft Aufschlüsse zu verlangen, die sie nicht geben
+kann.[35]
+
+ [35] Einer unserer geistvollsten Physiologen, _Lotze_, sagt in seiner
+ »medizinischen Psychologie« (S. 237): »Die Betrachtungen der
+ _Melodien_ würde zu dem Geständnis führen, daß _wir gar nichts über
+ die Bedingungen_ wissen, unter denen ein Übergang der Nerven aus einer
+ Form der Erregung in die andere eine physische Grundlage für die
+ kraftvollen ästhetischen Gefühle bietet, die der Abwechslung der Töne
+ folgen.« Ferner über den Eindruck von Lust und Unlust, den selbst ein
+ einfacher Ton auf das Gefühl ausüben kann (S. 236): »Es ist uns völlig
+ unmöglich, gerade für diese Eindrücke einfacher Empfindungen einen
+ physiologischen Grund anzugeben, da uns die Richtung, in welcher sie
+ die Nerventätigkeit verändern, zu unbekannt ist, als daß wir aus ihr
+ die Größe der Begünstigung oder Störung, die sie erfährt, abzuleiten
+ vermöchten.«
+
+Freilich muß der Grund jedes durch Musik hervorgerufenen Gefühls vorerst
+in einer bestimmten Affektionsweise der Nerven durch einen
+Gehörseindruck liegen. Wie aber eine Reizung des Gehörnervs, die wir
+nicht einmal bis zu dessen Ursprungsstelle verfolgen können, als
+bestimmte Empfindungsqualität ins Bewußtsein fällt, wie der körperliche
+Eindruck zum Seelenzustand, die Empfindung endlich zum Gefühle wird, --
+das liegt jenseits der dunkeln Brücke, die von keinem Forscher
+überschritten ward. Es sind tausendfältige Umschreibungen des einen
+Urrätsels: vom Zusammenhang des Leibes mit der Seele. Diese Sphinx wird
+sich niemals vom Felsen stürzen.[36]
+
+ [36] Eine neue wertvolle Bestätigung dieser Ansicht enthält _Du
+ Bois-Reymonds_ Rede auf der Naturforscherversammlung in Leipzig 1872:
+ »Über die Grenzen des Naturerkennens.«
+
+Was die Physiologie der Musikwissenschaft bietet, ist von höchster
+Wichtigkeit für unsere Erkenntnis der Gehörseindrücke als solcher; in
+dieser Beziehung kann durch sie noch mancher Fortschritt geschehen: in
+der musikalischen Hauptfrage wird dies kaum je der Fall sein.
+
+Aus diesem Resultate ergibt sich für die Ästhetik der Tonkunst die
+Betrachtung, daß diejenigen Theoretiker, welche das Prinzip des Schönen
+in der Musik auf Gefühlswirkungen bauen, wissenschaftlich verloren sind,
+weil sie über das Wesen dieses Zusammenhanges nichts wissen können, also
+bestenfalls nur darüber zu raten oder zu phantasieren vermögen. Vom
+Standpunkte des Gefühls wird eine künstlerische oder wissenschaftliche
+Bestimmung der Musik niemals ausgehen können. Mit der Schilderung der
+subjektiven Bewegungen, welche den Kritiker bei Anhörung einer
+Symphonie überkommen, wird er deren Wert und Bedeutung nicht begründen,
+ebensowenig kann er von den Affekten ausgehend den Kunstjünger etwas
+lehren. Letzteres ist wichtig. Denn stünde der Zusammenhang bestimmter
+Gefühle mit gewissen musikalischen Ausdrucksweisen so zuverlässig da,
+als man geneigt ist zu glauben, und als er dastehen müßte, um die ihm
+vindizierte Bedeutung zu behaupten, so wäre es ein leichtes, den
+angehenden Komponisten bald zur Höhe ergreifendster Kunstwirkung zu
+leiten. Man wollte dies auch wirklich. _Mattheson_ lehrt im dritten
+Kapitel seines »vollkommenen Kapellmeisters«, wie Stolz, Demut und alle
+Leidenschaften zu komponieren seien, indem er z. B. sagt, die
+»Erfindungen zur _Eifersucht_ müssen alle was Verdrießliches, Grimmiges
+und Klägliches haben«. Ein anderer Meister des vorigen Jahrhunderts,
+_Heinchen_, gibt in seinem »Generalbaß« acht Bogen Notenbeispiele, wie
+die Musik »rasende, zankende, prächtige, ängstliche oder verliebte
+Empfindungen« ausdrücken sollte.[37] Es fehlt nur noch, daß derlei
+Vorschriften mit der Kochbuchformel »Man nehme« anhüben, oder mit der
+medizinischen Signatur m. d. s. endigten. Es holt sich aus solchen
+Bestrebungen die lehrreichste Überzeugung, wie spezielle Kunstregeln
+immer zugleich zu eng und zu weit sind.
+
+ [37] Köstlich sind die Belehrungen des Herrn geheimen Rats und Doktors
+ der Philosophie _v. Böcklin_, welcher S. 34 seiner »Fragmente zur
+ höheren Musik« (1811) unter anderem sagt: »Angenommen, der Komponist
+ wollte einen _Beleidigten_ darstellen, so muß in dieser Musik ganz
+ ästhetische Wärme auf Wärme, Schlag auf Schlag, ein _erhabener_ Gesang
+ mit äußerster Lebhaftigkeit hervorspringen, die Mittelstimmen _rasen_
+ und schaudervolle Stöße den erwartungsvollen Zuhörer schrecken.«
+
+Diese an sich bodenlosen Regeln für die musikalische Erweckung
+bestimmter Gefühle gehören aber um so weniger in die Ästhetik, als die
+erstrebte Wirkung keine rein ästhetische, sondern ein unausscheidbarer
+Anteil daran _körperlich_ ist. Das _ästhetische_ Rezept müßte lehren,
+wie der Tonkünstler das Schöne in der Musik erzeuge, nicht aber
+beliebige Affekte im Auditorium. Wie ganz ohnmächtig diese Regeln
+wirklich _sind_, das zeigt am schönsten die Erwägung, wie zaubermächtig
+sie sein _müßten_. Denn wäre die Gefühlswirkung jedes musikalischen
+Elements eine notwendige und erforschbare, so könnte man auf dem Gemüt
+des Hörers, wie auf einer Klaviatur, spielen. Und falls man es vermöchte
+-- würde die Aufgabe der Kunst dadurch gelöst? So nur lautet die
+berechtigte Frage und verneint sich von selbst. _Musikalische Schönheit_
+allein ist die wahre Kraft des Tonkünstlers. Auf ihren Schultern
+schreitet er sicher durch die reißenden Wogen der Zeit, in denen das
+Gefühlsmoment ihm keinen Strohhalm bietet vor dem Ertrinken.
+
+Man sieht, unsere beiden Fragen -- nämlich, welches spezifische Moment
+die Gefühlswirkung durch _Musik_ auszeichne, und ob dies Moment
+wesentlich ästhetischer Natur sei -- erledigen sich durch die Erkenntnis
+ein und desselben Faktors: der intensiven Einwirkung auf das
+_Nervensystem_. Auf dieser beruht die eigentümliche Stärke und
+Unmittelbarkeit, mit welcher die Musik im Vergleich mit jeder andern
+nicht durch _Töne_ wirkenden Kunst Affekte aufzuregen vermag.
+
+Je stärker aber eine Kunstwirkung körperlich überwältigend, also
+pathologisch auftritt, desto geringer ist ihr _ästhetischer_ Anteil; ein
+Satz, der sich freilich nicht umkehren läßt. Es muß darum in der
+musikalischen Hervorbringung und Auffassung ein anderes Element
+hervorgehoben werden, welches das unvermischt Ästhetische dieser Kunst
+repräsentiert und als Gegenbild zu der spezifisch musikalischen
+Gefühlserregung sich den allgemeinen Schönheitsbedingungen der übrigen
+Künste annähert. Dies ist die _reine Anschauung_. Ihre besondere
+Erscheinungsform in der Tonkunst, sowie die vielgestaltigen
+Verhältnisse, welche sie in der Wirklichkeit zum Gefühlsleben eingeht,
+wollen wir im folgenden Abschnitt betrachten.
+
+
+
+
+V.
+
+Das ästhetische Aufnehmen der Musik gegenüber dem pathologischen.
+
+
+Nichts hat die wissenschaftliche Entwicklung der musikalischen Ästhetik
+so empfindlich gehemmt als der übermäßige Wert, welchen man den
+Wirkungen der Musik auf die Gefühle beilegte. Je auffallender sich diese
+Wirkungen zeigten, desto höher pries man sie als Herolde musikalischer
+Schönheit. Wir haben im Gegenteil gesehen, daß gerade den
+überwältigendsten Eindrücken der Musik ein stärkster Anteil
+_körperlicher_ Erregung von seiten des Hörers beigemischt ist. Von
+seiten der Musik liegt diese heftige Eindringlichkeit in das
+Nervensystem nicht sowohl in ihrem _künstlerischen_ Moment, das ja aus
+dem Geiste kommt und an den Geist sich wendet, als vielmehr in ihrem
+_Material_, dem die Natur jene unergründliche physiologische
+Wahlverwandtschaft eingeboren hat. Das _Elementarische_ der Musik, der
+_Klang_ und die _Bewegung_ ist es, was die wehrlosen Gefühle so vieler
+Musikfreunde in Ketten schlägt, mit denen sie gar gerne klirren. Weit
+sei es von uns, die Rechte des Gefühls an die Musik verkürzen zu wollen.
+Allein dies Gefühl, welches sich tatsächlich mehr oder minder mit der
+reinen Anschauung paart, kann nur dann als künstlerisch gelten, wenn es
+sich seiner ästhetischen Herkunft bewußt bleibt, d. h. der Freude an
+einem und zwar gerade diesem bestimmten _Schönen_.
+
+Fehlt dies Bewußtsein, fehlt die freie Anschauung des bestimmten
+Kunstschönen, und fühlt das Gemüt sich nur von der Naturgewalt der Töne
+befangen, so kann die _Kunst_ sich solchen Eindruck um so weniger zugute
+schreiben, je stärker er auftritt. Die Zahl derer, welche auf solche Art
+Musik hören oder eigentlich fühlen, ist sehr bedeutend. Indem sie das
+Elementarische der Musik in passiver Empfänglichkeit auf sich wirken
+lassen, geraten sie in eine vage, nur durch den ganz allgemeinen
+Charakter des Tonstücks bestimmte übersinnlich sinnliche Erregung. Ihr
+Verhalten gegen die Musik ist nicht anschauend, sondern _pathologisch_;
+ein stetes Dämmern, Fühlen, Schwärmen, ein Hangen und Bangen in
+klingendem Nichts. Lassen wir an dem Gefühlsmusiker mehrere Tonstücke
+gleichen, etwa rauschend fröhlichen Charakters, vorbeiziehen, so wird er
+in dem Banne desselben Eindrucks verbleiben. Nur was diesen Stücken
+gleichartig ist, also die Bewegung des rauschend Fröhlichen, assimiliert
+sich seinem Fühlen, während das Besondere jeder Tondichtung, das
+künstlerisch Individuelle, seiner Auffassung entschwindet. Gerade
+umgekehrt wird der musikalische Zuhörer verfahren. Die eigentümliche
+künstlerische Gestaltung einer Komposition, das, was sie unter einem
+Dutzend ähnlich wirkender zum selbständigen Kunstwerk stempelt, erfüllt
+sein Aufmerken so vorherrschend, daß er ihrem gleichen oder
+verschiedenen Gefühlsausdruck nur geringes Gewicht beilegt. Das
+isolierte Aufnehmen eines abstrakten Gefühlsinhalts anstatt der
+konkreten Kunsterscheinung ist in solcher Ausbildung der Musik ganz
+eigentümlich. Nur die Gewalt einer besonderen Beleuchtung erscheint ihr
+nicht selten analog, wenn sie manchen so ergreift, daß er über die
+beleuchtete Landschaft selbst sich gar keine Rechenschaft zu geben
+vermag. Eine unmotivierte und darum desto eindringlichere
+Totalempfindung wird in Bausch und Bogen eingesaugt.[38]
+
+ [38] Der verliebte Herzog in Shakespeares »Twelfth night« ist eine
+ poetische Personifikation solchen Musikhörens. Er sagt:
+
+ »If music be the food of love, play on
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+ O, it came o'er my ear _like the sweet south_,
+ _That breathes upon a bank of violets_,
+ Stealing and giving odour.«
+
+ Und später, im 2. Akt, ruft er:
+
+ »Give me some music. -- --
+ Me thought _it did relieve my passion much_« etc.
+
+Halbwach in ihren Fauteuil geschmiegt, lassen jene Enthusiasten von den
+Schwingungen der Töne sich tragen und schaukeln, statt sie scharfen
+Blickes zu betrachten. Wie das stark und stärker anschwillt, nachläßt,
+aufjauchzt oder auszittert, das versetzt sie in einen unbestimmten
+Empfindungszustand, den sie für rein geistig zu halten so unschuldig
+sind. Sie bilden das »dankbarste« Publikum und dasjenige, welches
+geeignet ist, die Würde der Musik am sichersten zu diskreditieren. Das
+ästhetische Merkmal des _geistigen_ Genusses geht ihrem Hören ab; eine
+feine Zigarre, ein pikanter Leckerbissen, ein laues Bad leistet ihnen
+unbewußt, was eine Symphonie. Vom gedankenlos gemächlichen Dasitzen der
+einen bis zur tollen Verzückung der andern ist das Prinzip dasselbe: die
+Lust am _Elementarischen_ der Musik. Die neue Zeit hat übrigens eine
+herrliche Entdeckung gebracht, welche für Hörer, die ohne alle
+Geistesbetätigung nur den Gefühlsniederschlag der Musik suchen, diese
+Kunst weit überbietet. Wir meinen den Schwefeläther, das Chloroform. In
+der Tat zaubern uns diese Mittel einen, den ganzen Organismus
+süßtraumhaft durchbebenden Rausch -- ohne die Gemeinheit des
+Weintrinkens, welches auch nicht ohne musikalische Wirkung ist.
+
+Die Werke der Tonkunst reihen sich für solche Auffassung zu den
+_Naturprodukten_, deren Genuß uns entzücken, aber nicht zwingen kann zu
+denken, einem bewußt schaffenden Geiste nachzudenken. Der süße Atem
+eines Akazienbaumes läßt sich auch geschlossenen Auges, träumend
+einsaugen. Hervorbringungen menschlichen Geistes verwehren das durchaus,
+wenn sie nicht eben auf die Stufe sinnlicher Naturreize herabsinken
+sollen.
+
+In keiner andern Kunst ist dies so hohen Grades möglich, wie in der
+Musik, deren sinnliche Seite einen geistlosen Genuß wenigstens zuläßt.
+Schon das _Verrauschen_ derselben, während die Werke der übrigen Künste
+_bleiben_, gleicht in bedenklicher Weise dem Akt des Verzehrens.
+
+Ein Bild, eine Kirche, ein Drama lassen sich nicht schlürfen, eine Arie
+sehr wohl. Darum gibt auch der Genuß keiner andern Kunst sich zu solch
+akzessorischem Dienst her. Die besten Kompositionen können als
+_Tafelmusik_ gespielt werden und die Verdauung der Fasane erleichtern.
+Musik ist die zudringlichste und auch wieder die nachsichtigste Kunst.
+Die jämmerlichste Drehorgel, so sich vor unser Haus postiert, muß man
+_hören_, aber _zuhören_ braucht man selbst einer Mendelssohnschen
+Symphonie nicht.
+
+Die gerügte Art des Musikhörens ist übrigens nicht etwa identisch mit
+der in jeder Kunst vorkommenden Freude des naiven Publikums an dem bloß
+sinnlichen Teil derselben, während der ideale Gehalt nur von dem
+gebildeten Verständnis erkannt wird. Diese unkünstlerische Auffassung
+eines Musikstückes zieht nicht den eigentlich sinnlichen Teil, die
+reiche Mannigfaltigkeit der Tonreihen an sich, sondern deren abstrakte,
+als bloßes Gefühl empfundene Totalidee. Dadurch wird die höchst
+eigentümliche Stellung ersichtlich, welche in der Musik der geistige
+_Gehalt_ zu den Kategorien der _Form_ und des _Inhalts_ einnimmt. Man
+pflegt nämlich das ein Tonstück durchwehende Gefühl als den Inhalt, die
+Idee, den geistigen Gehalt desselben anzusehen; die künstlerisch
+geschaffenen, bestimmten _Tonfolgen_ hingegen als die bloße Form, das
+Bild, die sinnliche Einkleidung jenes Übersinnlichen. Allein gerade der
+»spezifisch-musikalische« Teil ist die Schöpfung des künstlerischen
+Geistes, mit welchem der anschauende Geist sich verständnisvoll
+vereinigt. In diesen konkreten Tonbildungen liegt der geistige Gehalt
+der Komposition, nicht in dem vagen Totaleindruck eines abstrahierten
+Gefühls. Die dem Gefühl, als vermeintlichem Inhalt, gegenübergestellte
+bloße Form (das Tongebilde) ist gerade der wahre _Inhalt_ der Musik, ist
+die Musik selbst, während das erzeugte Gefühl weder Inhalt noch Form
+heißen kann, sondern faktische Wirkung. Ebenso ist das vermeintliche
+_Materielle_, Darstellende, gerade das vom Geiste Gebildete, während das
+angeblich Dargestellte, die Gefühlswirkung, der _Materie_ des Tons
+innewohnt und zur guten Hälfte _physiologischen_ Gesetzen folgt.
+
+Aus den obigen Betrachtungen ergibt sich leicht die richtige
+Wertschätzung für die sogenannten »_moralischen Wirkungen_« der Musik,
+die als glänzendes Seitenstück zu den vorher erwähnten »physischen« von
+älteren Autoren mit so viel Vorliebe herausgestrichen werden. Da hierbei
+die Musik nicht im entferntesten als ein Schönes genossen, sondern als
+rohe Naturgewalt empfunden wird, die bis zu besinnungslosem Handeln
+treibt, so stehen wir an dem geraden Widerspiel alles Ästhetischen.
+Überdies liegt das Gemeinschaftliche dieser angeblich »moralischen«
+Wirkungen mit den anerkannt physischen zutage.
+
+Der drängende Gläubiger, der durch die Töne seines Schuldners bewogen
+wird, ihm die ganze Summe zu schenken,[39] ist dazu nicht anders
+angetrieben als der Ruhende, den ein Walzermotiv plötzlich zum Tanz
+begeistert. Der erstere wird mehr durch die geistigeren Elemente:
+Harmonie und Melodie, der zweite durch den sinnlicheren Rhythmus bewegt.
+Keiner von beiden handelt aber aus freier Selbstbestimmung, keiner
+überwältigt durch geistige Überlegenheit oder ethische Schönheit,
+sondern infolge befördernder Nervenreize. Die Musik löst ihm die Füße
+oder das Herz, geradeso wie der Wein die Zunge. Solche Siege predigen
+nur die Schwäche des Besiegten. Ein Erleiden unmotivierter ziel- und
+stoffloser Affekte durch eine Macht, die in keinem Rapport zu unserem
+Wollen und Denken steht, ist des Menschengeistes unwürdig. Wenn vollends
+Menschen in so hohem Grade von dem Elementarischen einer Kunst sich
+hinreißen lassen, daß sie ihres freien Handelns nicht mehr mächtig sind,
+so scheint uns dies weder ein Ruhm für die Kunst, noch viel weniger für
+die Helden selbst.
+
+ [39] Wird von dem neapolitanischen Sänger _Palma_ und von anderen
+ erzählt (Anecdotes on music, by A. Burgh, 1814).
+
+Die Musik hat diese Bestimmung keineswegs, allein ihr intensives
+Gefühlsmoment macht es möglich, daß sie in solcher Tendenz genossen
+werde. Dies ist der Punkt, in welchem die ältesten Anklagen gegen die
+Tonkunst ihre Wurzel haben; daß sie entnerve, verweichliche,
+erschlaffe.
+
+Wo man Musik macht als ein Erregungsmittel »unbestimmter Affekte«, als
+Nahrung des »Fühlens« an sich, da wird jener Vorwurf nur zu wahr.
+_Beethoven_ verlangte, die Musik solle dem Mann »Feuer aus dem Geiste
+schlagen«. Wohlgemerkt: »soll«. Ob aber nicht selbst ein Feuer, das
+durch _Musik_ erzeugt und genährt wird, die willensstarke, denkkräftige
+Entwickelung des Mannes hemmend zurückhält?
+
+Jedenfalls scheint uns diese Anklage des musikalischen Einflusses
+würdiger als dessen übermäßige Lobpreisung. Sowie die _physischen_
+Wirkungen der Musik im geraden Verhältnis stehen zu der krankhaften
+Gereiztheit des ihnen entgegenkommenden Nervensystems, so wächst der
+_moralische_ Einfluß der Töne mit der Unkultur des Geistes und
+Charakters. Je kleiner der Widerhall der Bildung, desto gewaltiger das
+Dreinschlagen solcher Macht. Die stärkste Wirkung übt Musik bekanntlich
+auf Wilde.
+
+Das schreckt unsere Musik-Ethiker nicht ab. Sie beginnen, gleichsam
+präludierend, am liebsten mit zahlreichen Beispielen, »wie sogar die
+Tiere« sich der Macht der Tonkunst beugen. Es ist wahr, der Ruf der
+Trompete erfüllt das Pferd mit Mut und Schlachtbegier, die Geige
+begeistert den Bären zu Ballettversuchen, die zarte Spinne und der
+plumpe Elefant bewegen sich horchend bei den geliebten Klängen. Ist es
+denn aber wirklich so ehrenvoll, in _solcher_ Gesellschaft
+Musikenthusiast zu sein?
+
+Auf die Tierproduktionen folgen die menschlichen Kabinettstücke. Sie
+sind meist im Geschmack Alexanders des Großen, welcher durch das
+Flötenspiel des _Timotheus_ zuerst wütend gemacht, hierauf durch Gesang
+wieder besänftigt wurde. So ließ der minder bekannte König von Dänemark
+Ericus bonus, um sich von der gepriesenen Gewalt der Musik zu
+überzeugen, einen berühmten Musikus spielen und zuvor alles Gewehr
+entfernen. Der Künstler versetzte durch die Wahl seiner Modulationen
+alle Gemüter zuerst in Traurigkeit, dann in Frohsinn. Letzteren wußte er
+bis zur Raserei zu steigern. »Selbst der König brach durch die Tür,
+griff zum Degen und brachte von den Umstehenden _vier_ ums Leben.«
+(Albert Krantzius, Dan. lib. V., cap. 3.) Und das war noch der »_gute
+Erich_«.
+
+Wären solche »moralische _Wirkungen_« der Musik noch an der
+Tagesordnung, so käme man wahrscheinlich vor innerer Empörung gar nicht
+dazu, sich über die Hexenmacht vernünftig auszusprechen, welche in
+souveräner Exterritorialität den Menschengeist unbekümmert um dessen
+Gedanken und Entschlüsse bezwingt und verwirrt.
+
+Die Betrachtung jedoch, daß die berühmtesten dieser musikalischen
+Trophäen dem grauen Altertum angehören, macht wohl geneigt, der Sache
+einen historischen Standpunkt abzugewinnen.
+
+Es leidet gar keinen Zweifel, daß die Musik bei den alten Völkern eine
+weit unmittelbarere Wirkung äußerte als gegenwärtig; weil die Menschheit
+eben in ihren primitiven Bildungsstufen dem _Elementarischen_ viel
+verwandter und preisgegebener ist als später, wo Bewußtsein und
+Selbstbestimmung in ihr Recht treten. Dieser natürlichen Empfänglichkeit
+kam der eigentümliche Zustand der Musik im griechischen Altertum
+hilfreich entgegen. Sie war nicht _Kunst_ in unserem Sinn. _Klang_ und
+_Rhythmus_ wirkten in fast vereinzelter Selbständigkeit und vertraten in
+dürftigem Vordrängen die Stelle der reichen, geisterfüllten Formen,
+welche die gegenwärtige Tonkunst bilden. Alles, was von der Musik jener
+Zeiten bekannt ist, läßt mit Gewißheit auf ein bloß sinnliches, dafür
+aber in dieser Beschränkung verfeinertes Wirken derselben schließen.
+Musik in der modernen, künstlerischen Bedeutung gab's nicht im
+klassischen Altertum, sonst hätte sie für die spätere Entwickelung
+ebensowenig verloren gehen können, als die klassische Dichtkunst,
+Plastik und Architektur verloren gegangen sind. Die Vorliebe der
+Griechen für ein gründliches Studium ihrer ins Subtilste zugespitzten
+Tonverhältnisse gehört als rein wissenschaftliche nicht hierher.
+
+Der Mangel an Harmonie, die Befangenheit der Melodie in den engsten
+Grenzen rezitativischen Ausdrucks, endlich die Entwickelungsunfähigkeit
+des alten Tonsystems zu wahrhaft musikalischem Gestaltenreichtum machten
+eine absolute Bedeutung der Musik als Tonkunst im musikalischen Sinne
+unmöglich; sie ward auch fast niemals selbständig, sondern stets in
+Verbindung mit Poesie, Tanz und Mimik angewendet, mithin als eine
+Ergänzung der andern Künste. Musik hatte nur den Beruf, durch
+rhythmischen Pulsschlag und Verschiedenheit der Klangfarben zu beleben;
+endlich als intensive Steigerung rezitierender _Deklamation_ Worte und
+Gefühle zu kommentieren. Die Tonkunst wirkte daher hauptsächlich nach
+ihrer _sinnlichen_ und ihrer _symbolischen_ Seite. Auf diese Faktoren
+hingedrängt, mußte sie dieselben durch solche Konzentration zu großer,
+ja raffinierter Wirksamkeit ausbilden. Die Zuspitzung des melodischen
+Materials bis zur Anwendung der Vierteltöne und des »enharmonischen
+Tongeschlechts« hat die heutige Tonkunst ebensowenig mehr aufzuweisen,
+als den charakteristischen Sonderausdruck der Tonarten und ihr enges
+Anschmiegen an das gesprochene oder gesungene Wort.
+
+Diese gesteigerten tonlichen Verhältnisse fanden für ihren engen Kreis
+überdies eine viel größere Empfänglichkeit in den _Hörern_ vor. Wie das
+griechische Ohr unendlich feinere Intervallenunterschiede zu fassen
+fähig war, als es das unsere in der schwebenden Temperatur auferzogene
+ist, so war auch das Gemüt jener Völker der wechselnden Umstimmung durch
+Musik weit zugänglicher und begehrlicher als wir, die an dem
+künstlerischen Bilden der Tonkunst ein kontemplatives Gefallen hegen,
+das deren elementarischen Einfluß paralysiert. So erscheint denn eine
+intensivere Wirkung der Musik im Altertum wohl begreiflich.
+
+Desgleichen ein bescheidener Teil der Historien, die uns von der
+spezifischen Wirkung der verschiedenen _Tonarten_ bei den Alten
+überliefert sind. Sie gewinnen einen Erklärungsgrund in der strengen
+Scheidung, mit welcher die einzelnen Tonarten zu bestimmten Zwecken
+gewählt und unvermischt erhalten wurden. Die dorische Tonart brauchten
+die Alten für ernste, namentlich religiöse Anlässe; mit der phrygischen
+feuerten sie die Heere an; die lydische bedeutete Trauer und Wehmut, und
+die äolische erklang, wo es in Liebe oder Wein lustig herging. Durch
+diese strenge, bewußte Trennung von vier Haupttonarten für ebensoviele
+Klassen von Seelenzuständen, sowie durch ihre konsequente Verbindung
+_mit nur zu dieser Tonart_ passenden Gedichten mußten Ohr und Gemüt
+unwillkürlich eine entschiedene Tendenz gewinnen, beim Erklingen einer
+Musik gleich das ihrer Tonart entsprechende Gefühl zu reproduzieren. Auf
+der Grundlage dieser einseitigen Ausbildung war nun die Musik
+unentbehrliche, fügsame Begleiterin aller Künste, war Mittel zu
+pädagogischen, politischen und anderen Zwecken, sie war alles, nur keine
+selbständige _Kunst_. Wenn es bloß einiger phrygischen Klänge bedurfte,
+um den Soldaten mutig gegen den Feind zu treiben, und die Treue der
+Strohwitwen durch dorische Lieder gesichert war, so mag der Untergang
+des griechischen Tonsystems von Feldherren und Ehegatten betrauert
+werden, -- der Ästhetiker und der Komponist werden es sich nicht
+zurückwünschen.
+
+Wir setzen jenem pathologischen Ergriffenwerden das _bewußte_ reine
+Anschauen eines Tonwerks entgegen. Diese kontemplative ist die einzig
+künstlerische, wahre Form des Hörens; ihr gegenüber fällt der rohe
+Affekt des Wilden und der schwärmende des Musik-Enthusiasten in Eine
+Klasse. Dem Schönen entspricht ein _Genießen, kein Erleiden_, wie ja das
+Wort »Kunstgenuß« sinnig ausdrückt. Die Gefühlvollen halten es freilich
+für Ketzerei gegen die Allmacht der Musik, wenn jemand von den
+Herzens-Revolutionen und -Krawallen Umgang nimmt, welche sie in jedem
+Tonstück antreffen und redlich mitmachen. Man ist dann offenbar »kalt«,
+»gemütlos«, »Verstandesnatur«. Immerhin. Edel und bedeutend wirkt es,
+dem schaffenden Geist zu folgen, wie er zauberisch eine neue Welt von
+Elementen vor uns aufschließt, diese in alle denkbaren Beziehungen
+zueinander lockt, und so fortan aufbaut, niederreißt, hervorbringt und
+vernichtet, den ganzen Reichtum eines Gebietes beherrschend, welches das
+Ohr zum feinsten und ausgebildetsten Sinneswerkzeug adelt. Nicht eine
+angeblich geschilderte Leidenschaft reißt uns in Mitleidenschaft.
+Freudigen Geistes, in affektlosem, doch innig-hingebendem Genießen sehen
+wir das Kunstwerk an uns vorüberziehen und feiner erkennend, was
+_Schelling_ so schön »die erhabene Gleichgültigkeit des Schönen«
+nennt.[40] Dieses Sich-Erfreuen mit wachem Geiste ist die würdigste,
+heilvollste und nicht die leichteste Art, Musik zu hören.
+
+ [40] »Über das Verhältnis der bildenden Künste zur Natur.«
+
+Der wichtigste Faktor in dem Seelenvorgang, welcher das Auffassen eines
+Tonwerks begleitet und zum Genusse macht, wird am häufigsten übersehen.
+Es ist die geistige Befriedigung, die der Hörer darin findet, den
+Absichten des Komponisten fortwährend zu folgen und voranzueilen, sich
+in seinen Vermutungen hier bestätigt, dort angenehm getäuscht zu finden.
+Es versteht sich, daß dieses intellektuelle Hinüber- und Herüberströmen,
+dieses fortwährende Geben und Empfangen, unbewußt und blitzschnell vor
+sich geht. Nur solche Musik wird vollen künstlerischen Genuß bieten,
+welche dies geistige Nachfolgen, welches ganz eigentlich ein _Nachdenken
+der Phantasie_ genannt werden könnte, hervorruft und lohnt. Ohne
+geistige Tätigkeit gibt es überhaupt keinen ästhetischen Genuß. Der
+_Musik_ aber ist _diese_ Form von Geistestätigkeit darum vorzüglich
+eigen, weil ihre Werke nicht unverrückbar und mit Einem Schlag dastehen,
+sondern sich sukzessiv am Hörer abspinnen, daher sie von diesem kein,
+ein beliebiges Verweilen und Unterbrechen zulassendes _Betrachten_,
+sondern ein in schärfster Wachsamkeit unermüdliches _Begleiten_ fordern.
+Diese Begleitung kann bei verwickelten Kompositionen sich bis zur
+geistigen Arbeit steigern. Wie viele einzelne _Individuen_, so können
+auch manche _Nationen_ sich ihr nur sehr schwer unterziehen. Die
+singende Alleinherrschaft der Oberstimme bei den Italienern hat einen
+Hauptgrund in der geistigen Bequemlichkeit dieses Volkes, welchem das
+ausdauernde Durchdringen unerreichbar ist, womit der Nordländer einem
+künstlichen Gewebe von harmonischen und kontrapunktischen
+Verschlingungen zu folgen liebt. Dafür wird Hörern, deren geistige
+Tätigkeit gering ist, der Genuß _leichter_, und solche Musikbolde können
+Massen von Musik verzehren, vor welchen der künstlerische Geist
+zurückbebt.
+
+Das bei jedem Kunstgenuß notwendige _geistige_ Moment wird sich bei
+Zuhörern desselben Tonwerks in sehr verschiedener Abstufung tätig
+erweisen; es kann in sinnlichen und gefühlvollen Naturen auf ein Minimum
+sinken, in vorherrschend geistigen Persönlichkeiten das geradezu
+Entscheidende werden. Die wahre »_rechte_ Mitte« muß sich, nach unserer
+Meinung, hier eher etwas nach rechts neigen. Zum Berauschtwerden
+braucht's nur der Schwäche, aber wirklich ästhetisches _Hören_ ist eine
+_Kunst_.[41]
+
+ [41] _W. Heinses_ schwärmerisch-dissolutem Temperament mußte es
+ vollkommen entsprechen, von der bestimmten musikalischen Schönheit
+ zugunsten des vagen Gefühlseindruckes abzusehen. Er geht (in der
+ »Hildegard von Hohenthal«) so weit, zu sagen: »Die wahre Musik ...
+ geht überall auf den Zweck los, den Sinn der Worte und der Empfindung
+ in die Zuhörer zu übertragen, so leicht und angenehm, daß man sie (die
+ Musik) nicht merkt. Solche Musik dauert ewig, sie ist gerade so
+ natürlich, daß man _sie nicht merkt_, sondern nur der Sinn der Worte
+ übergeht.«
+
+ Ein ästhetisches Aufnehmen der Musik findet aber gerade im Gegenteil
+ da statt, wo man sie vollkommen »_merkt_«, ihr _aufmerkt_ und jeder
+ ihrer Schönheiten sich unmittelbar bewußt wird. _Heinse_, dessen
+ genialem Naturalismus wir den Zoll einer angemessenen Bewunderung
+ nicht versagen, ist in poetischer, noch mehr in musikalischer Hinsicht
+ sehr überschätzt worden. Bei der Armut an geistreichen Schriften über
+ Musik hat man sich gewöhnt, Heinse als einen vorzüglichen
+ musikalischen Ästhetiker zu behandeln und zu zitieren. Konnte man
+ dabei wirklich übersehen, wie nach einigen treffenden Aperçus meist
+ eine Flut von Plattheiten und offenbaren Irrtümern hereinstürzt, daß
+ man über solche Unbildung geradezu erschrickt? Überdies geht Hand in
+ Hand mit technischer Unkenntnis Heinses schiefes ästhetisches Urteil,
+ wie seine Analysen der Opern von _Gluck_, _Jomelli_, _Traëtta_ u. a.
+ dartun, in welchen man anstatt künstlerischer Belehrung fast nur
+ enthusiastische Ausrufungen erhält.
+
+Das Gefühlsschwelgen ist meist Sache jener Hörer, welche für die
+künstlerische Auffassung des _Musikalisch-Schönen_ keine Ausbildung
+besitzen. Der Laie »fühlt« bei Musik am meisten, der gebildete Künstler
+am wenigsten. Je bedeutender nämlich das _ästhetische_ Moment im Hörer
+(gerade wie im Kunstwerk), desto mehr nivelliert es das bloß
+elementarische. Darum ist das ehrwürdige Axiom der Theoretiker: »Eine
+düstere Musik erregt Gefühle der Trauer in uns, eine heitere erweckt
+Fröhlichkeit« -- in dieser Ausdehnung nicht immer richtig. Wenn jedes
+hohle Requiem, jeder lärmende Trauermarsch, jedes winselnde Adagio die
+Macht haben sollte, uns traurig zu machen -- wer möchte dann länger so
+leben? Blickt eine Tondichtung uns an mit klaren Augen der Schönheit, so
+erfreuen wir uns inniglich daran, und wenn sie alle Schmerzen des
+Jahrhunderts zum Gegenstand hätte. Der lauteste Jubel aber eines
+Verdischen Finales oder einer Musardschen Quadrille hat uns nicht immer
+froh gemacht.
+
+Der Laie und Gefühlsmensch fragt gerne, ob eine Musik lustig sei oder
+traurig -- der Musiker, ob sie gut sei oder schlecht. Dieser kurze
+Schlagschatten weist deutlich, auf welch verschiedener Seite beide
+Parteien gegen die Sonne stehen.
+
+Wenn wir sagten, daß unser ästhetisches Wohlgefallen an einem Tonstück
+sich nach dessen künstlerischem Wert richte, so hindert dies nicht, daß
+ein einfacher Hornruf, ein Jodler im Gebirg uns mitunter zu größerem
+Entzücken anrufen kann, als die vortrefflichste Symphonie. In diesem
+Fall _tritt aber die Musik in die Reihe des Naturschönen_. Nicht als
+_dieses bestimmte Gebilde_ in Tönen, sondern als diese bestimmte Art von
+_Naturwirkung_ kommt uns das Gehörte entgegen und kann übereinstimmend
+mit dem landschaftlichen Charakter der Umgebung und der persönlichen
+Stimmung jeden Kunstgenuß an Macht hinter sich zurücklassen. Es gibt
+also ein Übergewicht an Eindruck, welches das Elementarische über das
+Artistische erreichen kann, allein die Ästhetik, als Lehre vom
+Kunstschönen, hat die Musik lediglich von ihrer _künstlerischen_ Seite
+aufzufassen, also auch nur jene ihrer Wirkungen anzuerkennen, welche sie
+als menschliches Geistesprodukt, durch eine bestimmte Gestaltung jener
+elementarischen Faktoren, auf die reine Anschauung hervorbringt.
+
+Die notwendigste Forderung einer ästhetischen Aufnahme der Musik ist
+aber, daß man ein Tonstück um _seiner selbst willen höre_, welches es
+nun immer sei und mit welcher Auffassung immer. Sobald die Musik nur als
+Mittel angewandt wird, eine gewisse Stimmung in uns zu fördern,
+akzessorisch, dekorativ, da hört sie auf, als reine Kunst zu wirken. Das
+_Elementarische_ der Musik wird unendlich oft mit der _künstlerischen_
+Schönheit derselben verwechselt, also ein Teil für das Ganze genommen
+und dadurch namenlose Verwirrung verursacht. Hundert Aussprüche, die
+über »die Tonkunst« gefällt werden, gelten nicht von dieser, sondern von
+der sinnlichen Wirkung ihres Materials.
+
+Wenn _Heinrich der Vierte_ bei Shakespeare (II. Teil. IV. 4.) sich
+sterbend Musik machen läßt, so geschieht es wahrlich nicht, um die
+vorgetragene Komposition anzuhören, sondern um träumend in deren
+gegenstandlosem Element sich zu wiegen. Ebensowenig werden _Porzia_ und
+_Bassanio_ (im »Kaufmann von Venedig«) gestimmt sein, während der
+verhängnisvollen Kästchenwahl der bestellten Musik Aufmerksamkeit zu
+schenken. _J. Strauß_ hat reizende, ja geistreiche Musik in seinen
+bessern Walzern niedergelegt, -- sie hört auf, es zu sein, sobald man
+lediglich dabei im Takt tanzen will. In allen diesen Fällen ist es ganz
+gleichgültig, _welche_ Musik gemacht wird, wenn sie nur den verlangten
+Grundcharakter hat. Wo aber Gleichgültigkeit gegen das Individuelle
+eintritt, da herrscht _Klangwirkung_, nicht _Tonkunst_. Nur derjenige,
+welcher nicht bloß die allgemeine Nachwirkung des Gefühls, sondern die
+unvergeßliche, bestimmte Anschauung eben _dieses_ Tonstücks mit sich
+nimmt, hat es gehört und genossen. Jene erhebenden Eindrücke auf unser
+Gemüt und ihre hohe psychische wie physiologische Bedeutung dürfen nicht
+hindern, daß die Kritik überall unterscheide, was bei einer vorhandenen
+Wirkung künstlerisch, was elementarisch sei. Eine ästhetische Anschauung
+hat Musik nicht sowohl als Ursache, denn als Wirkung aufzufassen, nicht
+als Produzierendes, sondern als Produkt.
+
+Ebenso häufig als die elementarische Wirkung der Musik wird deren
+maßhaltendes, Ruhe und Bewegung, Dissonanz und Konkordanz vermittelndes,
+allgemein harmonisches Wesen mit der Tonkunst selbst verwechselt. Bei
+dem gegenwärtigen Stand der Tonkunst und Philosophie dürfen wir uns im
+Interesse beider die altgriechische Ausdehnung des Begriffs »Musik« auf
+_alle_ Wissenschaft und Kunst, sowie auf die Bildung sämtlicher
+Seelenkräfte nicht gestatten. Die berühmte Apologie der Tonkunst im
+»Kaufmann von Venedig« (V. I.)[42] beruht auf solcher Verwechselung der
+Tonkunst selbst mit dem sie beherrschenden Geist des Wohlklangs, der
+Übereinstimmung, des Maßes. Man könnte in ähnlichen Stellen ohne viel
+Änderung statt »Musik« auch »Poesie«, »Kunst«, ja »Schönheit« überhaupt
+setzen. Daß aus der Reihe der Künste gerade die _Musik_ hervorgeholt zu
+werden pflegt, verdankt sie der zweideutigen Macht ihrer Popularität.
+Gleich die weiteren Verse der angeführten Rede bezeugen dies, wo die
+zähmende Wirkung der Töne auf Bestien sehr gerühmt wird, die Musik also
+wieder einmal als Tierbändiger erscheint.
+
+ [42]
+ »The man that has no music in himself,
+ Nor is not moved with concord of sweet sounds,
+ Is fit for treasons, stratagems and spoils;« etc.
+
+Die lehrreichsten Beispiele bieten _Bettinas_ »musikalische
+Explosionen«, wie Goethe ihre Briefe über Musik galant bezeichnete. Als
+der wahrhafte Prototyp aller vagen Schwärmerei über Musik, zeigt
+Bettina, wie ungebührlich man den Begriff dieser Kunst ausdehnen kann,
+um sich bequem darum zu tummeln. Mit der Prätension, von der Musik
+selbst zu sprechen, redet sie stets von der dunklen Einwirkung, welche
+diese auf ihr Gemüt übt, und deren üppige Traumseligkeit sie absichtlich
+von jedem forschenden Denken absperrt. In einer Komposition sieht sie
+immer ein unerforschliches Naturerzeugnis, nicht ein menschliches
+Kunstwerk, und begreift daher Musik nie anders als rein phänomenologisch.
+»Musik«, »musikalisch« nennt Bettina unzählige Erscheinungen, die
+lediglich ein oder das andere Element der Tonkunst: Wohlklang, Rhythmus,
+Gefühlserregung mit ihr gemein haben. Auf diese Faktoren kommt es aber
+gar nicht an, sondern auf die spezifische Art, wie sie in künstlerischer
+Gestaltung als _Tonkunst_ erscheinen. Es versteht sich von selbst, daß
+die musiktrunkene Dame in _Goethe_, ja in _Christus_ große Musiker
+sieht, obwohl von letzterem niemand weiß, daß er einer, von ersterem
+jedermann, daß er keiner gewesen.
+
+Das Recht historischer Bildungen und poetischer Freiheit halten wir in
+Ehren. Wir begreifen, warum _Aristophanes_ in den »Wespen« einen
+feingebildeten Geist »den Weisen und Musikalischen« (sophon kai mousikon)
+nennt, und finden den Ausdruck Graf _Reinhardts_ sinnig, _Oehlenschläger_
+habe »musikalische Augen«. Wissenschaftliche Betrachtungen jedoch dürfen
+der Musik nie einen andern Begriff beilegen oder voraussetzen, als den
+_ästhetischen_, wenn nicht alle Hoffnung zur einstigen Feststellung
+dieser zitternden Wissenschaft aufgegeben werden soll.
+
+
+
+
+VI.
+
+Die Beziehungen der Tonkunst zur Natur.
+
+
+Das Verhältnis zur Natur ist für jedes Ding das Erste, das Ehrwürdigste
+und das Einflußreichste. Wer auch nur flüchtig an den Puls der Zeit
+gefühlt, der weiß, wie die Herrschaft dieser Erkenntnis in mächtigem
+Anwachsen begriffen ist. Durch die moderne Forschung geht ein so starker
+Zug nach der Naturseite aller Erscheinungen, daß selbst die
+abstraktesten Untersuchungen merklich gegen die Methode der
+Naturwissenschaften gravitieren. Auch die _Ästhetik_, will sie kein
+bloßes Scheinleben führen, muß die knorrige Wurzel kennen, wie die zarte
+Faser, an welcher jede einzelne Kunst mit dem Naturgrunde zusammenhängt.
+Und gerade für die musikalische Ästhetik erschließt das Verhältnis der
+Tonkunst zur Natur die wichtigsten Folgerungen. Die Stellung ihrer
+schwierigsten Materien, die Lösung ihrer kontroversesten Fragen hängt
+von der richtigen Würdigung dieses Zusammenhanges ab.
+
+Die Künste, -- vorerst als empfangend, noch nicht als rückwirkend
+betrachtet -- stehen zu der umgebenden Natur in einer doppelten
+Beziehung. Erstens durch das rohe, körperliche Material, aus welchem
+sie schaffen, dann durch den schönen Inhalt, den sie für künstlerische
+Behandlung vorfinden. In beiden Punkten verhält sich die Natur zu den
+Künsten als mütterliche Spenderin der ersten und wichtigsten Mitgift. Es
+gilt den Versuch, diese Ausstattung im Interesse der musikalischen
+Ästhetik rasch zu besichtigen und zu prüfen, was die vernünftig und
+darum ungleich schenkende Natur für die Tonkunst getan hat.
+
+Untersucht man, inwiefern die Natur _Stoff_ für die Musik biete, so
+ergibt sich, daß sie dies nur in dem Sinn des rohen Materials tut,
+welches der Mensch zum Tönen zwingt. Das stumme Erz der Berge, das Holz
+des Waldes, der Tiere Fell und Gedärm sind alles, was wir vorfinden, um
+den eigentlichen Baustoff für die Musik, den _reinen_ Ton, zu bereiten.
+Wir erhalten also vorerst nur Material zum Material, dies letztere ist
+der reine, nach Höhe und Tiefe bestimmte, d. i. meßbare Ton. Er ist
+erste und unumgängliche Bedingung jeder Musik. Diese gestaltet ihn zu
+_Melodie_ und _Harmonie_, den zwei Hauptfaktoren der Tonkunst. Beide
+finden sich in der Natur nicht vor, sie sind Schöpfungen des
+Menschengeistes.
+
+Das geordnete Nacheinanderfolgen meßbarer Töne, welches wir _Melodie_
+nennen, vernehmen wir in der Natur auch nicht in den dürftigsten
+Anfängen; ihre sukzessiven Schallerscheinungen entbehren der
+verständlichen Proportion und entziehen sich der Reduktion auf unsere
+Skala. Die Melodie aber ist »der springende Punkt«, das Leben, die
+erste Kunstgestalt des Tonreichs, an sie ist jede weitere Bestimmtheit,
+alle Erfassung des Inhalts geknüpft.
+
+Ebensowenig wie Melodie kennt die Natur, diese großartige Harmonie aller
+Erscheinungen, _Harmonie_ im musikalischen Sinn, als Zusammenklingen
+bestimmter Töne. Hat jemand in der Natur einen Dreiklang gehört, einen
+Sext- oder Septimakkord? Wie die Melodie, so war auch (nur in viel
+langsamerem Fortschreiten) die Harmonie ein Erzeugnis menschlichen
+Geistes.
+
+Die Griechen kannten keine Harmonie, sondern sangen in der Oktave oder
+im Einklang, wie noch heutzutage jene asiatischen Völkerschaften, bei
+welchen überhaupt Gesang angetroffen wird. Der Gebrauch der
+_Dissonanzen_ (wozu auch _Terz_ und _Sext_ gehörten) begann allmählich
+vom 12. Jahrhundert an, und bis ins 15. beschränkte man sich bei
+Ausweichungen auf die Oktave. Jedes der Intervalle, die jetzt unserer
+Harmonie dienstbar sind, mußte einzeln gewonnen werden, und oft reichte
+ein Jahrhundert nicht hin für solch kleine Errungenschaft. Das
+kunstgebildetste Volk des Altertums sowie die gelehrtesten Tonsetzer des
+früheren Mittelalters konnten nicht, was unsere Hirtinnen auf der
+entlegensten Alp: in Terzen singen. Durch die Harmonie aber ist der
+Tonkunst nicht etwa ein neues Licht aufgegangen, sondern es ist zum
+erstenmal Tag geworden. »Die ganze Tonschöpfung wurde von dieser Zeit an
+erst ausgeboren.« (Nägeli.)
+
+Harmonie und Melodie fehlen also in der Natur. Nur ein drittes Element
+in der Musik, dasjenige, von dem die beiden ersten getragen werden,
+existiert schon vor und außer dem Menschen: der _Rhythmus_. Im Galopp
+des Pferdes, dem Klappern der Mühle, dem Gesang der Amsel und Wachtel
+äußert sich eine Einheit, zu welcher aufeinander folgende Zeitteilchen
+sich zusammenfassen und ein anschauliches Ganze bilden. Nicht alle, aber
+viele Lautäußerungen der Natur sind rhythmisch. Und zwar herrscht in ihr
+das Gesetz des _zweiteiligen_ Rhythmus, als Hebung und Senkung, Anlauf
+und Auslauf. Was diesen Naturrhythmus von der menschlichen Musik trennt,
+muß alsbald auffallen. In der _Musik_ gibt es nämlich keinen isolierten
+Rhythmus als solchen, sondern nur Melodie und Harmonie, welche
+rhythmisch sich äußert. In der Natur dagegen trägt der Rhythmus weder
+Melodie noch Harmonie, sondern nur unmeßbare Luftschwingungen. Der
+Rhythmus, das einzige musikalische Urelement in der Natur, ist auch das
+erste, so im Menschen erwacht, im Kinde, im Wilden am frühesten sich
+entwickelt. Wenn die Südsee-Insulaner mit Metallstücken und Holzstäben
+rhythmisch klappern und dazu ein unfaßliches Geheul ausstoßen, so ist
+das _natürliche_ Musik; denn es ist eben _keine Musik_. Was wir aber
+einen Tiroler Bauer singen hören, zu welchem anscheinend keine Spur von
+Kunst gedrungen, ist durchaus _künstliche Musik_. Der Mann meint
+freilich, er singe, wie ihm der Schnabel gewachsen ist: aber damit dies
+möglich wurde, mußte die Saat von Jahrhunderten wachsen.
+
+Wir hätten somit die notwendigen Elementarbestandteile unserer Musik
+betrachtet und gefunden, daß der Mensch von der ihn umgebenden Natur
+nicht musizieren lernte. In welcher Art und Folge sich unser heutiges
+Tonsystem ausgebildet hat, lehrt die Geschichte der Tonkunst. Wir haben
+diese Nachweisung vorauszusetzen und nur ihr Ergebnis festzuhalten, daß
+Melodie und Harmonie, daß unsere Intervallenverhältnisse und Tonleiter,
+die Teilung von Dur und Moll nach der verschiedenen Stellung des
+Halbtons, endlich die schwebende Temperatur, ohne welche unsere
+(europäisch-abendländische) Musik unmöglich wäre, langsam und allmählich
+entstandene Schöpfungen des menschlichen Geistes sind. Die Natur hat dem
+Menschen nur die Organe und die Lust zum Singen mitgegeben, dazu die
+Fähigkeit, sich auf Grundlage der einfachsten Verhältnisse nach und nach
+ein Tonsystem zu bilden. Nur diese einfachsten Verhältnisse (Dreiklang,
+harmonische Progression) werden als unwandelbare Grundpfeiler jedem
+künftigen Weiterbau bleiben. -- Man hüte sich vor der Verwechselung, als
+_ob dieses_ (gegenwärtige) _Tonsystem selbst_ notwendig in der Natur
+läge. Die Erfahrung, daß selbst Naturalisten heutzutage mit den
+musikalischen Verhältnissen unbewußt und leicht hantieren wie mit
+angeborenen Kräften, die sich von selbst verstehen, stempelt die
+herrschenden Tongesetze keineswegs zu Naturgesetzen; es ist dies
+bereits Folge der unendlich verbreiteten musikalischen Kultur. _Hand_
+bemerkt ganz richtig, daß darum auch unsere Kinder in der Wiege schon
+besser singen als erwachsene Wilde. »Läge die Tonfolge der Musik in der
+Natur fertig vor, so sänge auch jeder Mensch immer rein.«[43]
+
+ [43] _Hand_, Ästh. d. T. I. 50. Ebendaselbst wird passend angeführt,
+ daß die Gälen in Schottland mit den indischen Völkerstämmen den Mangel
+ der Quart und Septime teilen, die Folge ihrer Töne also _cdegac_
+ lautet. Bei den körperlich sehr ausgebildeten Patagoniern im südlichen
+ Amerika findet sich keine Spur von Musik oder Gesang. -- Sehr
+ gründlich und im Resultat ganz übereinstimmend mit dem Obigen ist die
+ Entwickelung unseres Tonsystems neuerdings von _Helmholtz_ (»Lehre von
+ den Tonempfindungen«) dargelegt worden.
+
+Wenn man unser Tonsystem ein »künstliches« nennt, so gebraucht man dies
+Wort nicht in dem raffinierten Sinn einer willkürlichen konventionellen
+Erfindung. Es bezeichnet bloß ein Gewordenes im Gegensatz zum
+Erschaffenen.
+
+Dies übersieht _Hauptmann_, wenn er den Begriff eines künstlichen
+Tonsystems einen »durchaus nichtigen« nennt, »indem die Musiker
+ebensowenig haben Intervalle bestimmen und ein Tonsystem erfinden
+können, als die Sprachgelehrten die Worte der Sprache und die
+Sprachfügung erfunden haben«.[44] Gerade die Sprache ist in demselben
+Sinne wie die Musik ein künstliches Erzeugnis, indem beide nicht in der
+äußeren Natur vorgebildet liegen, sondern allmählich geworden sind und
+erlernt werden müssen. Nicht die Sprachgelehrten, aber die Nationen
+bilden sich ihre Sprache nach ihrem Charakter und ändern sie
+vervollkommnend immerfort. So haben auch die »Tongelehrten« unsere Musik
+nicht »errichtet«, sondern lediglich das fixiert und begründet, was der
+allgemeine, musikalisch befähigte Geist mit Vernünftigkeit, aber nicht
+mit Notwendigkeit unbewußt ersonnen hatte.[45] Aus diesem Prozeß ergibt
+sich, daß auch unser Tonsystem im Zeitverlauf neue Bereicherungen und
+Veränderungen erfahren wird. Doch sind innerhalb der gegenwärtigen
+Gesetze noch so vielfache und große Evolutionen möglich, daß eine
+Änderung im _Wesen_ des Systems sehr fernliegend erscheinen dürfte.
+Bestände z. B. die Bereicherung in der »Emanzipation der Vierteltöne«,
+wovon eine moderne Schriftstellerin schon Andeutungen bei _Chopin_
+finden will,[46] so würden Theorie, Kompositionslehre und Ästhetik der
+Musik eine total andere. Der musikalische Theoretiker kann daher
+gegenwärtig den Ausblick auf diese Zukunft noch kaum anders frei lassen,
+als durch die einfache Anerkennung ihrer Möglichkeit.
+
+ [44] _M. Hauptmann_, Die Natur der Harmonik und Metrik. 1853. S. 7.
+
+ [45] Unsere Ansicht stimmt mit den Forschungen _Jacob Grimms_ überein,
+ welcher u. a. andeutet: »Wer nun die Überzeugung gewonnen hat, daß die
+ Sprache freie Menschenerfindung war, wird auch nicht zweifeln über die
+ Quelle der Poesie und _Tonkunst_.« (Ursprung der Sprache. 1852.)
+
+ [46] _Johanna Kinkel_, Acht Briefe über Klavierunterricht. 1852,
+ Cotta.
+
+Unserem Ausspruch, es gebe keine Musik in der Natur, wird man den
+Reichtum mannigfaltiger Stimmen einwenden, welche die Natur so wunderbar
+beleben. Sollte das Rieseln des Baches, das Klatschen der Meereswellen,
+der Donner der Lawinen, das Stürmen der Windsbraut nicht Anlaß und
+Vorbild der menschlichen Musik gewesen sein? Hatten all' die lispelnden,
+pfeifenden, schmetternden Laute mit unserem Musikwesen nichts zu
+schaffen? Wir müssen in der Tat mit Nein antworten. Alle diese
+Äußerungen der Natur sind lediglich _Schall_ und _Klang_, d. h. in
+ungleichen Zeitteilen aufeinander folgende Luftschwingungen. Höchst
+selten und dann nur isoliert bringt die Natur einen _Ton_ hervor, d. i.
+einen Klang von bestimmter, meßbarer Höhe und Tiefe. Töne sind aber die
+Grundbedingungen aller Musik. Mögen diese Klangäußerungen der Musik noch
+so mächtig oder reizend das Gemüt anregen, sie sind keine Stufe zur
+menschlichen Musik, sondern lediglich elementarische Andeutungen einer
+solchen, welche allerdings später für die ausgebildete menschliche Musik
+oft sehr kräftige Anregungen bieten. Selbst die reinste Erscheinung des
+natürlichen Tonlebens, der Vogelgesang, steht zur menschlichen Musik in
+keinem Bezug, da er unserer Skala nicht angepaßt werden kann. Auch das
+Phänomen der Naturharmonie -- jedenfalls die einzige und unumstößliche
+Naturgrundlage, auf welcher die Hauptverhältnisse unserer Musik beruhen
+-- ist auf seine richtige Bedeutung zurückzuführen. Die harmonische
+Progression erzeugt sich auf der gleichbesaiteten Äolsharfe von selbst,
+gründet also auf einem Naturgesetz, allein das Phänomen selbst hört man
+nirgend von der Natur unmittelbar erzeugt. Sobald nicht auf einem
+musikalischen Instrument ein bestimmter, meßbarer Grundton angeschlagen
+wird, erscheinen auch keine sympathischen Nebentöne, keine harmonische
+Progression. Der Mensch muß also fragen, damit die Natur Antwort gebe.
+Die Erscheinung des Echo erklärt sich noch einfacher. Es ist merkwürdig,
+wie selbst tüchtige Schriftsteller sich von dem Gedanken einer
+eigentlichen »Musik« in der Natur nicht losmachen können. Selbst _Hand_,
+von dem wir absichtlich früher Beispiele zitierten, welche seine
+richtige Einsicht in das inkommensurable, kunstunfähige Wesen der
+natürlichen Schallerscheinungen dartun, bringt ein eigenes Kapitel »von
+der Musik der Natur«, deren Schallerscheinungen »gewissermaßen« auch
+Musik genannt werden müssen. Ebenso Krüger.[47] Wo es sich aber um
+Prinzipienfragen handelt, da gibt es kein »gewissermaßen«; was wir in
+der Natur vernehmen, _ist_ entweder Musik, oder es ist _keine_ Musik.
+Das entscheidende Moment kann nur in die Meßbarkeit des Tons gelegt
+werden. _Hand_ legt den Nachdruck überall auf die »geistige Beseelung«,
+»den Ausdruck inneren Lebens, innerer Empfindung«, »die Kraft der
+Selbsttätigkeit, wodurch unmittelbar ein Inneres zur Aussprache
+gelangt«. Nach diesem Prinzip müßte der Vogelgesang Musik genannt
+werden, die mechanische Spieluhr hingegen nicht; während gerade das
+Entgegengesetzte wahr ist.
+
+ [47] Beiträge für Leben und Wissenschaft der Tonkunst, S. 149 ff.
+
+Die »Musik« der Natur und die Tonkunst des Menschen sind zwei
+verschiedene Gebiete. Der Übergang von der ersten zur zweiten geht durch
+die _Mathematik_. Ein wichtiger, folgenreicher Satz. Freilich darf man
+ihn nicht so denken, als hätte der Mensch seine Töne durch absichtlich
+angestellte Berechnungen geordnet; es geschah dies vielmehr durch
+unbewußte Anwendung ursprünglicher Größen- und Verhältnisvorstellungen
+durch ein verborgenes Messen und Zählen, dessen Gesetzmäßigkeit erst
+später die Wissenschaft konstatierte.
+
+Dadurch, daß in der Musik alles kommensurabel sein muß, in den
+Naturlauten aber nichts kommensurabel ist, stehen diese beiden
+Schallreiche fast unvermittelt nebeneinander. Die Natur gibt uns nicht
+das künstlerische Material eines fertigen, vorgebildeten Tonsystems,
+sondern nur den rohen Stoff der Körper, die wir der Musik dienstbar
+machen. Nicht die Stimmen der Tiere, sondern ihre Gedärme sind uns
+wichtig, und das Tier, dem die Musik am meisten verdankt, ist nicht die
+Nachtigall, sondern das Schaf.
+
+Nach dieser Untersuchung, welche für das Verhältnis des
+Musikalisch-Schönen nur ein Unterbau, aber ein notwendiger, war, heben
+wir uns eine Stufe höher, auf ästhetisches Gebiet.
+
+Der meßbare Ton und das geordnete Tonsystem sind erst, _womit_ der
+Komponist schafft, nicht, _was_ er schafft. Wie Holz und Erz nur
+»Stoff« waren für den Ton, so ist der Ton nur »Stoff« (Material) für die
+Musik. Es gibt noch eine dritte und höhere Bedeutung von »Stoff«: Stoff
+im Sinne des behandelten Gegenstandes, der dargestellten Idee, des
+Sujets. Woher nimmt der Komponist _diesen_ Stoff? Woher erwächst einer
+bestimmten Tondichtung der Inhalt, der Gegenstand, welcher sie als
+Individuum hinstellt und von andern unterscheidet?
+
+Die _Poesie_, die _Malerei_, die _Skulptur_ haben ihren unerschöpflichen
+Quell von Stoffen in der uns umgebenden Natur. Der Künstler findet sich
+durch irgendein _Naturschönes_ angeregt, es wird ihm Stoff zu eigner
+Hervorbringung.
+
+In den _bildenden_ Künsten ist das Vorschaffen der Natur am
+auffallendsten. Der Maler könnte keinen Baum, keine Blume zeichnen, wenn
+sie nicht schon in der äußeren Natur vorgebildet wären; der Bildhauer
+keine Statue, ohne die wirkliche Menschengestalt zu kennen und zum
+Muster zu nehmen. Dasselbe gilt von erfundenen Stoffen. Sie können nie
+im strengen Sinn »erfunden« sein. Besteht nicht die »ideale« Landschaft
+aus Felsen, Bäumen, Wasser und Wolkenzügen, lauter Dingen, die in der
+Natur vorgebildet sind? Der Maler kann nichts malen, was er nicht
+_gesehen_ und genau beobachtet hat. Gleichviel ob er eine Landschaft
+malt oder ein Genrebild, ein Historiengemälde erfindet. Wenn uns
+Zeitgenossen einen »Huß«, »Luther«, »Egmont« malen, so haben sie ihren
+Gegenstand nie wirklich gesehen, aber für jeden Bestandteil desselben
+müssen sie das Vorbild genau der Natur entnommen haben. Der Maler muß
+nicht _diesen_ Mann, aber er muß viele Männer gesehen haben, wie sie
+sich bewegen, stehen, gehen, beleuchtet werden, Schatten werfen; der
+gröbste Vorwurf wäre gewiß die Unmöglichkeit oder Naturwidrigkeit seiner
+Figuren.
+
+Dasselbe gilt von der _Dichtkunst_, welche ein noch weit größeres Feld
+naturschöner Vorbilder hat. Die Menschen und ihre Handlungen, Gefühle,
+Schicksale, wie sie uns durch eigene Wahrnehmungen oder durch Tradition
+-- denn auch diese gehört zu dem Vorgefundenen, dem Dichter Dargebotenen
+-- gebracht werden, sind Stoff für das Gedicht, die Tragödie, den Roman.
+Der Dichter kann keinen Sonnenaufgang, kein Schneefeld beschreiben,
+keinen Gefühlszustand schildern, keinen Bauer, Soldaten, Geizigen,
+Verliebten auf die Bühne bringen, wenn er nicht die Vorbilder dazu in
+der Natur gesehen und studiert oder durch richtige Traditionen so in
+seiner Phantasie belebt hat, daß sie die unmittelbare Anschauung
+ersetzen.
+
+Stellen wir nun diesen Künsten die _Musik_ entgegen, so erkennen wir,
+daß sie ein Vorbild, einen Stoff für ihre Werke nirgend vorfindet.
+
+_Es gibt kein Naturschönes für die Musik._
+
+Dieser Unterschied zwischen der Musik und den übrigen Künsten (nur die
+_Baukunst_ findet gleichfalls kein Vorbild in der Natur) ist tiefgehend
+und folgenschwer.
+
+Das Schaffen des Malers, des Dichters ist ein stetes (inneres oder
+wirkliches) Nachzeichnen, Nachformen, -- etwas _nachzumusizieren_ gibt
+es in der Natur nicht. Die Natur kennt keine Sonate, keine Ouvertüre,
+kein Rondo. Wohl aber Landschaften, Genrebilder, Idyllen, Trauerspiele.
+Der aristotelische Satz von der Naturnachahmung in der Kunst, welcher
+noch bei den Philosophen des vorigen Jahrhunderts gang und gäbe war, ist
+längst berichtigt und bedarf, bis zum Überdruß abgedroschen, hier keiner
+weiteren Erörterung. Nicht sklavisch nachbilden soll die Kunst die
+Natur, sie hat sie _umzubilden_. Der Ausdruck zeigt schon, daß _vor_ der
+Kunst etwas da sein mußte, was umgebildet wird. Dies ist eben das von
+der Natur dargebotene Vorbild, das Naturschöne. Der Maler findet sich
+von einer reizenden Landschaft, einer Gruppe, einem Gedicht, der Dichter
+von einer historischen Begebenheit, einem Erlebnis, zur künstlichen
+Darstellung des Vorgefundenen veranlaßt. Bei welcher Naturbetrachtung
+könnte aber der _Tonsetzer_ jemals ausrufen: das ist ein prächtiges
+Vorbild für eine Ouvertüre, eine Symphonie! Der Komponist kann gar
+nichts _umbilden_, er muß alles _neu erschaffen_. Was der Maler, der
+Dichter in Betrachtung des Naturschönen findet, das muß der Komponist
+durch Konzentration seines Innern herausarbeiten. Er muß der guten
+Stunde warten, wo es in ihm anfängt zu singen und zu klingen: da wird er
+sich versenken und aus sich heraus etwas schaffen, was in der Natur
+nicht seinesgleichen hat und daher auch, ungleich den andern Künsten,
+geradezu nicht von dieser Welt ist.
+
+Es unterliegt keineswegs eine parteiische Begriffsbestimmung, wenn wir
+zu dem »Naturschönen« für den Maler und Dichter den _Menschen_
+hinzurechneten, für den Musiker hingegen den kunstvoll aus der
+Menschenbrust quellenden Gesang verschwiegen. Der singende Hirt ist
+nicht Objekt, sondern schon Subjekt der Kunst. Besteht sein Lied aus
+meßbaren, geordneten, wenn noch so einfachen Tonfolgen, so ist's ein
+Produkt des Menschengeistes, ob es nun ein Hirtenjunge erfunden hat oder
+Beethoven.
+
+Wenn daher ein Komponist wirkliche Nationalmelodien benützt, so ist dies
+kein Naturschönes; denn man muß bis zu einem zurückgehen, der sie
+erfunden hat, -- woher hatte sie dieser? Fand _er_ ein Vorbild dafür in
+der Natur? Dies ist die berechtigte Frage. Die Antwort kann nur
+verneinend lauten. Der Volksgesang ist kein Vorgefundenes, kein
+Naturschönes, sondern die erste Stufe wirklicher Kunst, _naive Kunst_.
+Er ist für die Tonkunst ebensowenig ein von der Natur erzeugtes Vorbild,
+wie die mit Kohle an Wachtstuben und Schuttböden geschmierten Blumen und
+Soldaten natürliche Vorbilder für die Malerei sind. Beides ist
+menschliches Kunstprodukt. Für die Kohlenfiguren lassen die Vorbilder in
+der Natur sich nachweisen, für den Volksgesang nicht; man kann nicht
+_hinter_ ihn zurückgehen.
+
+Zu einer sehr gangbaren Verwirrung gelangt man, wenn man den Begriff des
+»Stoffs« für die Musik in einem angewandten, höheren Sinne nimmt und
+darauf hinweist, daß Beethoven wirklich eine Ouvertüre zu Egmont, --
+oder damit das Wörtchen »zu« nicht an dramatische Zwecke mahne, -- eine
+Musik »Egmont« geschrieben hat, Berlioz einen »König Lear«, Mendelssohn
+eine »Melusina«. Haben diese Erzählungen, fragt man, dem Tondichter
+nicht ebenso den Stoff geliefert wie dem Dichter? Keineswegs. Dem
+Dichter sind diese Gestalten wirkliches Vorbild, das er umbildet, dem
+Komponisten bieten sie bloß _Anregung_, und zwar _poetische_ Anregung.
+Das Naturschöne für den Tondichter müßte ein _Hörbares_ sein, wie es für
+den Maler ein Sichtbares, für den Bildhauer ein Greifbares ist. Nicht
+die Gestalt Egmonts, nicht seine Taten, Erlebnisse, Gesinnungen sind
+Inhalt der Beethovenschen Ouvertüre, wie dies im _Bilde_ »Egmont«, im
+_Drama_ »Egmont« der Fall ist. Der Inhalt der Ouvertüre sind
+_Tonreihen_, welche der Komponist vollkommen frei nach musikalischen
+Denkgesetzen aus sich erschuf. Sie sind für die ästhetische Betrachtung
+ganz unabhängig und selbständig von der Vorstellung »Egmont«, mit
+welcher sie lediglich die poetische Phantasie des Tonsetzers in
+Zusammenhang gebracht hat, sei es, daß diese Vorstellung auf eine
+unerforschliche Weise den Keim zur Erfindung jener Tonreihen gelegt hat,
+sei es, daß er diese nachträglich seinem Vorwurf entsprechend fand.
+Dieser Zusammenhang ist so lose und willkürlich, daß niemals ein Hörer
+des Musikstückes auf dessen angeblichen Gegenstand verfallen würde, wenn
+nicht der Autor durch die _ausdrückliche Benennung_ unserer Phantasie im
+vorhinein die bestimmte Richtung oktroyierte. _Berlioz_' düstere
+Ouvertüre hängt an und für sich mit der Vorstellung »König Lear«
+ebensowenig zusammen, als ein Straußscher Walzer. Man kann das nicht
+scharf genug aussprechen, da hierüber die irrigsten Ansichten allgemein
+sind. Erst mit dem Augenblick erscheint der Straußsche Walzer der
+Vorstellung »König Lear« widersprechend, die Berliozsche Ouvertüre
+hingegen entsprechend, wo wir diese Musiken mit jener Vorstellung
+_vergleichen_. Allein eben zu dieser Vergleichung existiert kein innerer
+Anlaß, sondern nur eine ausdrückliche Nötigung vom Autor. Durch eine
+bestimmte Überschrift werden wir zur Vergleichung des Musikstückes mit
+einem außer ihm stehenden Objekt genötigt, wir müssen es mit einem
+bestimmten Maßstab messen, welcher _nicht der musikalische_ ist.
+
+Man darf dann vielleicht sagen, Beethovens Ouvertüre »Prometheus« sei zu
+wenig großartig für diesen Vorwurf. Allein nirgend kann man ihr von
+innen her beikommen, nirgend ihr eine musikalische Lücke oder
+Mangelhaftigkeit nachweisen. Sie ist vollkommen, weil sie ihren
+_musikalischen_ Inhalt vollständig ausführt; ihr _dichterisches_ Thema
+analog auszuführen ist eine zweite, ganz verschiedene Forderung. Diese
+entsteht und verschwindet mit dem Titel. Überdies kann ein solcher
+Anspruch an ein Tonwerk mit bestimmter Überschrift nur auf gewisse
+charakteristische Eigenschaften lauten: daß die Musik erhaben oder
+niedlich, düster oder froh klinge, von einfacher Exposition zu betrübtem
+Abschluß sich entwickle usw. An die Dichtkunst oder Malerei stellt der
+Stoff die Forderung einer bestimmten konkreten _Individualität_, nicht
+bloßer Eigenschaften. Darum wäre es recht wohl denkbar, daß Beethovens
+Ouvertüre zu »Egmont« ebenfalls »Wilhelm Tell« oder »Jeanne d'Arc«
+überschrieben sein könnte. Das _Drama_ Egmont, das _Bild_ Egmont lassen
+höchstens die Verwechslung zu, daß dies ein anderes Individuum in den
+gleichen Verhältnissen, nicht aber, daß es ganz andere Verhältnisse
+sind.
+
+Man sieht, wie eng das Verhältnis der Musik zum Naturschönen mit der
+ganzen Frage von ihrem _Inhalt_ zusammenhängt.
+
+Noch einen Einwand wird man aus der musikalischen Literatur herholen, um
+der Musik ein Naturschönes zu vindizieren. Beispiele nämlich, daß
+Tonsetzer aus der Natur nicht bloß den poetischen Anlaß geschöpft (wie
+in obigen Historien), sondern wirklich hörbare Äußerungen ihres
+Tonlebens direkt nachgebildet haben: der Hahnenruf in _Haydns_
+Jahreszeiten, Kuckuck, Nachtigall- und Wachtelschlag in _Spohrs_ »Weihe
+der Töne« und in _Beethovens_ Pastoralsymphonie. Allein wenn wir gleich
+diese Nachahmung _hören_ und in einem _musikalischen_ Kunstwerk hören,
+so haben sie doch darin keine musikalische Bedeutung, sondern eine
+poetische. Es soll uns der Hahnenschrei alsdann nicht als _schöne_ Musik
+oder überhaupt als Musik vorgeführt, sondern nur der Eindruck
+zurückgerufen werden, welcher mit jener Naturerscheinung zusammenhängt.
+»Ich habe Haydns Schöpfung -- gesehen beinahe«, schreibt _Jean Paul_
+nach einer Aufführung dieses Tonwerks an _Thieriot_. Allgemein bekannte
+Stichwörter, Zitate sind es, welche uns erinnern: es ist früher Morgen,
+laue Sommernacht, Frühling. Ohne diese bloß beschreibende Tendenz hat
+nie ein Komponist Naturstimmen direkt zu wirklichen musikalischen
+Zwecken verwenden können. Ein _Thema_ können alle Naturstimmen der Erde
+zusammen nicht hervorbringen, eben weil sie _keine Musik_ sind,[48] und
+bedeutungsvoll erscheint es, daß die Tonkunst von der Natur nur Gebrauch
+machen kann, wenn sie in die Malerei pfuscht.
+
+ [48] Von diesem Mißverständnis, den Naturlaut unmittelbar realistisch
+ in das Kunstwerk zu übertragen -- was, wie O. Jahn treffend bemerkt,
+ nur in seltenen Fällen als Scherz zugestanden werden kann, ist es ja
+ gänzlich verschieden und sollte eigentlich nicht Malerei genannt
+ werden, wenn gewisse in der Natur gegebene, durch ihren rhythmischen
+ oder klanglichen Charakter halb musikalisch wirkende Elemente, wie sie
+ im Rauschen und Plätschern des Wassers, im Vogelgesang, in Wind und
+ Wetter, im Schwirren der Pfeile, im Schnurren des Spinnrads u. dgl.
+ enthalten sind, von den Komponisten -- nicht etwa »nachgeahmt« werden,
+ sondern ihnen Impulse zu Motiven von selbständiger Schönheit hergeben,
+ welche sie künstlerisch frei konzipieren und durchführen. »Dieses
+ Rechts bedient sich der Dichter in der Sprache wie im Rhythmus; in der
+ Musik greift es aber noch viel weiter, weil der musikalischen Elemente
+ viele durch die ganze Natur zerstreut sind«, und herrliche Beispiele
+ aus unseren klassischen nicht minder wie aus unseren modernen
+ Komponisten (die nur ungleich raffinierter verfahren als jene) sind
+ jedem in Fülle gegenwärtig.
+
+
+
+
+VII.
+
+Die Begriffe »Inhalt« und »Form« in der Musik.
+
+
+_Hat die Musik einen Inhalt?_
+
+So lautet, seit man gewohnt ist, über unsere Kunst nachzudenken, ihre
+hitzigste Streitfrage. Sie wurde für und wider entschieden. Gewichtige
+Stimmen behaupten die Inhaltslosigkeit der Musik, sie gehören beinahe
+durchaus den _Philosophen_: _Rousseau_, _Kant_, _Hegel_, _Herbart_,[49]
+_Kahlert_ u. a. Von den zahlreichen Physiologen, welche diese
+Überzeugungen unterstützen, sind uns die durch musikalische Bildung
+hervorragenden Denker _Lotze_ und _Helmholtz_ die wichtigsten. Die
+ungleich zahlreicheren Kämpfer fechten für den _Inhalt_ der Tonkunst! es
+sind die eigentlichen _Musiker_ unter den Schriftstellern, und das Gros
+der allgemeinen Überzeugung steht zu ihnen.
+
+ [49] Auf _Herbart_schen Grundlagen hat in neuester Zeit _Robert
+ Zimmermann_ in seiner »_Allgemeinen Ästhetik als Formwissenschaft_«
+ (Wien 1865) das formale Prinzip in strenger Konsequenz in allen
+ Künsten, somit auch in der Musik, durchgeführt.
+
+Fast mag es seltsam erscheinen, daß gerade diejenigen, welchen die
+technischen Bestimmungen der Musik vertraut sind, sich nicht von dem
+Irrtum einer diesen Bedingungen widersprechenden Ansicht lossagen
+mögen, die man eher den abstrakten Philosophen verzeihen könnte. Das
+kommt daher, weil es vielen Musikschriftstellern in diesem Punkt mehr um
+die vermeintliche Ehre ihrer Kunst, als um die Wahrheit zu tun ist. Sie
+befehden die Lehre von der Inhaltlosigkeit der Musik nicht wie Meinung
+gegen Meinung, sondern wie Ketzerei gegen Dogma. Die gegnerische Ansicht
+erscheint ihnen als unwürdiges Mißverstehen, als grober, frevelnder
+Materialismus. »Wie, die Kunst, die uns hoch erhebt und begeistert, der
+so viele edle Geister ihr Leben gewidmet, die den höchsten Ideen
+dienstbar werden kann, sie sollte mit dem Fluch der Inhaltlosigkeit
+beladen sein, bloßes Spielwerk der Sinne, leeres Geklingel!?« Mit derlei
+vielgehörten Ausrufungen, wie sie meist koppelweise losgelassen werden,
+obwohl ein Satz zum andern nicht gehört, wird nichts widerlegt noch
+bewiesen. Es handelt sich hier um keinen Ehrenpunkt, kein Parteizeichen,
+sondern einfach um die Erkenntnis des Wahren, und zu dieser zu gelangen,
+muß man sich vor allem über die Begriffe klar sein, die man bestreitet.
+
+Die Verwechslung der Begriffe: _Inhalt_, _Gegenstand_, _Stoff_ ist es,
+was in der Materie so viel Unklarheit verursacht hat und noch immer
+veranlaßt, da jeder für denselben Begriff eine andere Bezeichnung
+gebraucht, oder mit dem gleichen Wort verschiedene Vorstellungen
+verbindet. »_Inhalt_« im ursprünglichen und eigentlichen Sinne ist: was
+ein Ding _enthält_, in sich hält. In dieser Bedeutung sind die _Töne_,
+aus welchen ein Musikstück besteht, welche als dessen Teile es zum
+Ganzen bilden, der Inhalt desselben. Daß sich mit dieser Antwort niemand
+zufriedenstellen mag, sie als etwas ganz Selbstverständliches
+abfertigend, hat seinen Grund darin, daß man gemeiniglich den »Inhalt«
+mit »Gegenstand« verwechselt. Bei der Frage nach dem »Inhalt« der Musik
+hat man die Vorstellung von »_Gegenstand_« (Stoff, Sujet) im Sinne,
+welchen man als die Idee, das Ideale, den Tönen als »materiellen
+Bestandteilen« geradezu entgegengesetzt. Einen Inhalt in dieser
+Bedeutung, einen _Stoff_ im Sinne des behandelten Gegenstandes hat die
+Tonkunst in der Tat nicht. _Kahlert_ stützt sich mit Recht nachdrücklich
+darauf, daß sich von der Musik nicht, wie vom Gemälde, eine
+»Wortbeschreibung« liefern läßt (Ästh. 380), wenngleich seine weitere
+Annahme irrig ist, daß solche Wortbeschreibung jemals eine »Abhilfe für
+den fehlenden Kunstgenuß« bieten könne. Aber eine erklärende
+Verständigung, um was es sich handelt, kann sie bieten. Die Frage nach
+dem »Was« des musikalischen Inhaltes müßte sich notwendig in Worten
+beantworten lassen, wenn das Musikstück wirklich einen »Inhalt« (einen
+_Gegenstand_) hätte. Denn ein »unbestimmter Inhalt«, den sich jedermann
+als etwas anderes denken kann, der sich nur fühlen, nicht in Worten
+wiedergeben läßt, ist eben kein Inhalt in der genannten Bedeutung.
+
+Die Musik besteht aus Tonreihen, Tonformen, diese haben keinen andern
+Inhalt als sich selbst. Sie erinnern abermals an die Baukunst und den
+Tanz, die uns gleichfalls schöne Verhältnisse ohne bestimmten Inhalt
+entgegenbringen. Mag nun die Wirkung eines Tonstücks jeder nach seiner
+Individualität anschlagen und benennen, der _Inhalt_ desselben ist
+keiner, als eben die gehörten Tonformen; denn die Musik spricht nicht
+bloß _durch_ Töne, sie spricht auch _nur_ Töne.
+
+_Krüger_, wohl der kenntnisreichste Verfechter des musikalischen
+»Inhalts« gegen Hegel und Kahlert, behauptet, die Musik gebe bloß eine
+andere _Seite_ desselben Inhalts, welcher den übrigen Künsten, z. B. der
+Malerei, zusteht. »Jede plastische Gestalt«, sagt er (Beiträge, 131),
+»ist eine ruhende: sie gibt nicht die Handlung, sondern die gewesene
+Handlung oder das Seiende. Also nicht: Apollo überwindet, sagt das
+Gemälde aus, sondern es zeigt den Überwinder, den zornigen Kämpfer« usw.
+Hingegen »die Musik gibt zu jenen stillstehenden plastischen
+Substantiven das Verbum, die Tätigkeit, das innere Wogen hinzu, und wenn
+wir dort als den wahren ruhenden Inhalt erkannt haben: zürnend, liebend,
+so erkennen wir hier nicht minder den wahren bewegenden Inhalt: zürnt,
+liebt, rauscht, wogt, stürmt.« Letzteres ist nur bis zur Hälfte richtig:
+»rauschen, wogen und stürmen« kann die Musik, aber »zürnen« und »lieben«
+kann sie nicht. Das sind schon hineingefühlte Leidenschaften. Wir müssen
+hier auf unser zweites Kapitel zurückweisen. _Krüger_ fährt fort, der
+Bestimmtheit des _gemalten_ Inhalts die des _musizierten_ an die Seite
+zu stellen. Er sagt: »Der _Bildner_ stellt Orest von Furien verfolgt
+dar: es erscheint auf der Außenfläche seines Leibes, in Auge, Mund,
+Stirn und Haltung der Ausdruck des Flüchtigen, Düstern, Verzweifelten,
+neben ihm die Gestalten des Fluchs, die ihn beherrschen, in gebietender,
+furchtbarer Hoheit, ebenfalls äußerlich in verharrenden Umrissen,
+Gesichtszügen, Stellungen. Der _Tondichter_ stellt Orest den Verfolgten
+nicht im beruhenden Umriß hin, sondern nach der Seite, die dem Bildner
+fehlt: er singt das Grausen und Beben seiner Seele, die fliehend
+kämpfende Regung« usf. Dies ist meines Erachtens ganz falsch. Der
+Tonkünstler kann den _Orestes_ weder so noch so, er kann ihn _gar nicht_
+darstellen.
+
+Man wende nicht ein, daß ja auch die bildenden Künste uns die bestimmte,
+historische Person nicht zu geben vermögen, und wir die gemalte Gestalt
+nicht als _dieses_ Individuum erkennen würden, brächten wir nicht die
+Kenntnis des Historisch-Tatsächlichen hinzu. Freilich ist es nicht
+_Orest_, der Mann mit _diesen_ Erlebnissen und bestimmten biographischen
+Momenten; diesen kann nur der _Dichter_ darstellen, weil nur er zu
+erzählen vermag. Allein das _Bild_ »Orest« zeigt uns doch unverkennbar
+einen Jüngling mit edlen Zügen, in griechischem Gewand, Angst und
+Seelenpein in den Mienen und Bewegungen, es zeigt uns die furchtbaren
+Gestalten der Rachegöttinnen, ihn verfolgend und quälend. Dies alles
+ist klar, unzweifelhaft, sichtlich erzählbar -- ob nun der Mann Orest
+heiße oder anders. Nur die Motive: daß der Jüngling einen Muttermord
+begangen usw., sind nicht ausdrückbar. Was kann die Tonkunst jenem
+sichtbaren (vom Historischen abstrahierten) Inhalt des Gemäldes an
+Bestimmtheit entgegensetzen? Verminderte Septimakkorde, Mollthemen,
+wogende Bässe u. dgl., kurz musikalische Formen, welche ebensogut ein
+Weib, anstatt eines Jünglings, einen von Häschern anstatt von Furien
+Verfolgten, einen Eifersüchtigen, Rachesinnenden, einen von körperlichem
+Schmerz Gequälten, kurz alles Erdenkliche bedeuten können, wenn man
+schon das Tonstück etwas will bedeuten lassen.
+
+Es bedarf wohl auch nicht der ausdrücklichen Berufung auf den früher
+begründeten Satz, daß, wenn vom Inhalt und der Darstellungsfähigkeit der
+Tonkunst die Rede ist, nur von der reinen _Instrumentalmusik_
+ausgegangen werden darf. Niemand wird dies so weit vergessen, uns z. B.
+den Orestes in Glucks »Iphigenia« einzuwenden. Diesen »Orestes« gibt ja
+nicht der _Komponist_; die Worte des Dichters, Gestalt und Mimik des
+Darstellers, Kostüm und Dekorationen des Malers -- dies ist's, was den
+Orestes fertig hinstellt. Was der Musiker hinzugibt, ist vielleicht das
+_Schönste_ von allem, aber es ist gerade das Einzige, was nichts mit dem
+wirklichen Orest zu schaffen hat: Gesang.
+
+_Lessing_ hat mit wunderbarer Klarheit auseinandergesetzt, was der
+Dichter und was der bildende Künstler aus der Geschichte des Laokoon zu
+machen vermag. Der Dichter, durch das Mittel der Sprache, gibt den
+historischen, individuell bestimmten Laokoon, der Maler und Bildhauer
+hingegen einen Greis mit zwei Knaben (von _diesem_ bestimmten Alter,
+Aussehen, Kostüm usf.), von den furchtbaren Schlangen umwunden, in
+Mienen, Stellung und Gebärden die Qual des nahenden Todes ausdrückend.
+Vom _Musiker_ sagt Lessing nichts. Ganz begreiflich; denn nichts ist es
+eben, was dieser aus dem Laokoon machen kann.
+
+Wir haben bereits angedeutet, wie eng die Frage nach dem _Inhalt_ der
+Tonkunst mit deren Stellung zum _Naturschönen_ zusammenhängt. Der
+Musiker findet nirgend das Vorbild für seine Kunst, welches den anderen
+Künsten die Bestimmtheit und Erkennbarkeit ihres Inhalts gewährleistet.
+Eine Kunst, der das vorbildende Naturschöne abgeht, wird im eigentlichen
+Sinne körperlos sein. Das Urbild ihrer Erscheinungsform begegnet uns
+nirgend, fehlt daher in dem Kreis unserer gesammelten Begriffe. Es
+wiederholt keinen bereits bekannten, benannten Gegenstand, darum hat
+Musik für unser in bestimmte Begriffe gefaßtes Denken keinen nennbaren
+Inhalt.
+
+Vom _Inhalt_ eines Kunstwerkes kann eigentlich nur da die Rede sein, wo
+man diesen Inhalt einer _Form_ entgegenhält. Die Begriffe »Inhalt« und
+»Form« bedingen und ergänzen einander. Wo nicht eine Form von einem
+Inhalt dem Denken trennbar erscheint, da existiert auch kein
+selbständiger Inhalt. In der Musik aber sehen wir Inhalt und Form,
+Stoff und Gestaltung, Bild und Idee in dunkler, untrennbarer Einheit
+verschmolzen. Dieser Eigentümlichkeit der Tonkunst, Form und Inhalt
+ungetrennt zu besitzen, stehen die dichtenden und bildenden Künste
+schroff gegenüber, welche denselben Gedanken, dasselbe Ereignis in
+verschiedener Form darstellen können. Aus der Geschichte des Wilhelm
+Tell machte _Florian_ einen historischen Roman, _Schiller_ ein Drama,
+_Goethe_ begann sie als Epos zu bearbeiten. Der Inhalt ist überall
+derselbe, in Prosa aufzulösende, erzählbare, erkennbare; die Form ist
+verschieden. Die dem Meer entsteigende Aphrodite ist der gleiche Inhalt
+unzähliger gemalter und gemeißelter Kunstwerke, die durch die
+verschiedene Form nicht zu verwechseln sind. Bei der Tonkunst gibt es
+keinen Inhalt gegenüber der Form, weil sie keine Form hat außerhalb des
+Inhalts. Betrachten wir dies näher.
+
+Die selbständige, ästhetisch nicht weiter teilbare, musikalische
+Gedankeneinheit ist in jeder Komposition das _Thema_. Die primitiven
+Bestimmungen, die man der _Musik_ als solcher zuschreibt, müssen sich
+immer schon am _Thema_, dem musikalischen Mikrokosmus, nachweisbar
+finden. Hören wir irgendein Hauptthema, z. B. zu Beethovens
+B-dur-Symphonie. Was ist dessen Inhalt? Was seine Form? Wo fängt diese
+an, wo hört jener auf? Daß ein bestimmtes Gefühl nicht Inhalt des Satzes
+sei, hoffen wir dargetan zu haben, und wird in diesem wie in jedem
+andern konkreten Fall nur immer einleuchtender erscheinen. Was also will
+man den _Inhalt_ nennen? Die Töne selbst? Gewiß; allein sie sind eben
+schon geformt. Was die _Form_? Wieder die Töne selbst, -- sie aber sind
+schon _erfüllte_ Form.
+
+Jeder praktische Versuch, in einem Thema Form von Inhalt trennen zu
+wollen, führt auf Widerspruch oder Willkür. Zum Beispiel: wechselt ein
+Motiv, das von einem andern Instrument oder in einer höheren Oktave
+wiederholt wird, seinen Inhalt oder seine _Form_? Behauptet man, wie
+zumeist geschieht, das letztere, so bliebe als _Inhalt_ des Motivs bloß
+die Intervallenreihe als solche, als Schema der Notenköpfe, wie sie in
+der Partitur dem Auge sich darstellt. Dies ist aber keine _musikalische_
+Bestimmtheit, sondern ein Abstraktum. Es verhält sich damit, wie mit den
+gefärbten Glasfenstern eines Pavillons, durch welche man dieselbe Gegend
+rot, blau, gelb erblicken kann. Diese ändert hierdurch weder ihren
+_Inhalt_, noch ihre _Form_, sondern lediglich die _Färbung_. Solch
+zahlloser Farbenwechsel derselben Formen vom grellsten Kontrast bis zur
+feinsten Schattierung ist der Musik ganz eigentümlich und macht eine der
+reichsten und ausgebildetsten Seiten ihrer Wirksamkeit aus.
+
+Eine für Klavier entworfene Melodie, die ein zweiter später
+instrumentiert, bekommt durch ihn ebenfalls eine _neue_ Form, aber nicht
+erst _Form_; sie ist schon geformter Gedanke. Noch weniger wird man
+behaupten wollen, ein Thema ändere durch Transposition seinen _Inhalt_
+und behalte die Form, da sich bei dieser Ansicht die Widersprüche
+verdoppeln und der Hörer augenblicklich erwidern muß, er erkenne einen
+ihm bekannten Inhalt, nur »klinge er verändert«.
+
+Bei ganzen Kompositionen, namentlich größerer Ausdehnung, pflegt man
+freilich von deren Form und Inhalt zu sprechen. Dann gebraucht man aber
+diese Begriffe nicht in ihrem ursprünglichen logischen Sinne, sondern
+schon in einer spezifisch _musikalischen_ Bedeutung. Die »Form« einer
+Symphonie, Ouvertüre, Sonate, Arie, eines Chors usw. nennt man die
+Architektonik der verbundenen Einzelteile und Gruppen, aus welchen das
+Tonstück besteht, näher also: die Symmetrie dieser Teile in ihrer
+Reihenfolge, Kontrastierung, Wiederkehr und Durchführung. Als den Inhalt
+begreift man aber dann die zu solcher Architektonik verarbeiteten
+_Themen_. Hier ist also von einem Inhalt als »Gegenstand« keine Rede
+mehr, sondern lediglich von einem musikalischen. Bei ganzen Tonstücken
+wird daher »Inhalt« und »Form« in einer künstlerisch angewandten, nicht
+in der rein logischen Bedeutung gebraucht; wollen wir _diese_ an den
+Begriff der Musik legen, so müssen wir nicht an einem ganzen, daher
+zusammengesetzten Kunstwerk operieren, sondern an dessen letztem,
+ästhetisch nicht weiter teilbarem Kerne. Dies ist das _Thema_ oder die
+Themen. Bei diesen läßt sich in gar keinem Sinne Form und Inhalt
+trennen. Will man jemand den »Inhalt« eines Motivs namhaft machen, so
+muß man ihm das _Motiv selbst vorspielen_. So kann also der Inhalt
+eines Tonwerks niemals gegenständlich, sondern nur musikalisch aufgefaßt
+werden, nämlich als das in jedem Musikstück konkret Erklingende. Da die
+Komposition formellen Schönheitsgesetzen folgt, so improvisiert sich ihr
+Verlauf nicht in willkürlich planlosem Schweifen, sondern entwickelt
+sich in organisch übersichtlicher Allmählichkeit wie reiche Blüten aus
+Einer Knospe.
+
+Dies ist das _Hauptthema_, -- der wahre Stoff und Inhalt (Gegenstand)
+des ganzen Tongebildes. Alles darin ist freie Folge und Wirkung des
+Themas, durch dieses bedingt und gestaltet, von ihm beherrscht und
+erfüllt. Es ist das selbständige Axiom, das zwar augenblicklich
+befriedigt, aber von unserm Geist bestritten und entwickelt gesehen
+werden will, was dann in der musikalischen Durchführung, analog einer
+logischen Entwickelung, stattfindet. Wie die Hauptfigur eines Romans
+bringt der Komponist das Thema in die verschiedensten Lagen und
+Umgebungen, in die wechselndsten Erfolge und Stimmungen, -- alles
+andere, wenn noch so kontrastierend, ist in bezug darauf gedacht und
+gestaltet.
+
+_Inhaltlos_ werden wir demnach etwa jenes freieste Präludieren nennen,
+bei welchem der Spieler, mehr ausruhend als schaffend, sich bloß in
+Akkorden, Arpeggios, Rosalien ergeht, ohne eine selbständige Tongestalt
+bestimmt hervortreten zu lassen. Solch freie Präludien werden als
+Individuen nicht erkennbar oder unterscheidbar sein, wir werden sagen
+dürfen, sie haben (im weiteren Sinne) keinen Inhalt, weil kein Thema.
+
+Das Thema resp. die Themen eines Tonstückes sind also sein wesentlicher
+Inhalt.
+
+In Ästhetik und Kritik wird auf das _Hauptthema_ einer Komposition lange
+nicht das gehörige Gewicht gelegt. Das Thema allein offenbart schon den
+Geist, der das ganze Werk geschaffen. Wenn ein Beethoven die Ouvertüre
+zur »Leonore« so anfängt, oder ein Mendelssohn die Ouvertüre zur
+»Fingalshöhle« so, da wird jeder Musiker, ohne von der weiteren
+Durchführung noch eine Note zu wissen, ahnen, vor welchem Palast er
+steht. Klingt uns aber ein Thema entgegen, wie das zur Fausta-Ouvertüre
+von Donizetti oder »Louise Miller« von Verdi, so bedarf es ebenfalls
+keines weiteren Eindringens in das Innere, um uns zu überzeugen, daß wir
+in der Kneipe sind. In Deutschland legt Theorie und Praxis einen
+überwiegenden Wert auf die musikalische Durchführung gegenüber dem
+thematischen Gehalt. Was aber nicht (offenkundig oder versteckt) im
+Thema ruht, kann später nicht organisch entwickelt werden, und weniger
+vielleicht in der Kunst der Entwickelung, als in der symphonischen Kraft
+und Fruchtbarkeit der _Themen_ liegt es, daß unsere Zeit keine
+Beethovenschen Orchesterwerke mehr aufweist.
+
+Bei der Frage nach dem _Inhalt_ der Tonkunst muß man sich insbesondere
+hüten, das Wort in lobender Bedeutung zu nehmen. Daraus, daß die Musik
+keinen Inhalt (Gegenstand) hat, folgt nicht, daß sie des _Gehalts_
+entbehre. »Geistigen Gehalt« meinen offenbar diejenigen, welche mit dem
+Eifer einer Partei für den »Inhalt« der Musik fechten. Wir müssen hier
+auf das im 3. Kapitel Gesagte verweisen. Die Musik ist ein Spiel, aber
+keine Spielerei. Gedanken und Gefühle rinnen wie Blut in den Adern des
+ebenmäßig schönen Tonkörpers; sie sind nicht _er_, sind auch nicht
+_sichtbar_, aber sie beleben ihn. Der Komponist _dichtet_ und _denkt_.
+Nur dichtet und denkt er, entrückt aller gegenständlichen Realität, in
+_Tönen_. Muß doch diese Trivialität hier ausdrücklich wiederholt sein,
+weil sie selbst von denjenigen, die sie prinzipiell anerkennen, in den
+Konsequenzen allzuhäufig verleugnet und verletzt wird. Sie denken sich
+das Komponieren als Übersetzung eines gedachten Stoffs in Töne, während
+doch die Töne selbst die unübersetzbare Ursprache sind. Daraus, daß der
+Tondichter gezwungen ist, in Tönen zu denken, folgt ja schon die
+Inhaltlosigkeit der Tonkunst, indem jeder begriffliche Inhalt in
+_Worten_ müßte gedacht werden können.
+
+So strenge wir bei der Untersuchung des _Inhalts_ alle Musik über
+gegebene Texte, als dem reinen Begriff der Tonkunst widersprechend,
+ausschließen mußten, so unentbehrlich sind die Meisterwerke der
+Vokalmusik bei der Würdigung des _Gehaltes_ der Tonkunst. Vom einfachen
+Lied bis zur gestaltenreichen Oper und der altehrwürdigen Gottesfeier
+durch Kirchenmusik hat die Tonkunst nie aufgehört, die teuersten und
+wichtigsten Bewegungen des Menschengeistes zu begleiten und somit
+indirekt zu verherrlichen.
+
+Nebst der Vindikation des geistigen _Gehaltes_ muß noch eine zweite
+Konsequenz nachdrücklich hervorgehoben werden. Die gegenstandlose
+Formschönheit der Musik hindert sie nicht, ihren Schöpfungen
+_Individualität_ aufprägen zu können. Die Art der künstlerischen
+Bearbeitung, sowie die Erfindung gerade dieses Themas ist in jedem Fall
+eine so einzige, daß sie niemals in einer höheren Allgemeinheit
+zerfließen kann, sondern als _Individuum_ dasteht. Eine Melodie von
+Mozart oder Beethoven ruht so fest und unvermischt auf eigenen Füßen,
+wie ein Vers _Goethes_, ein Ausspruch _Lessings_, eine Statue
+_Thorwaldsens_, ein Bild _Overbecks_. Die selbständigen musikalischen
+Gedanken (Themen) haben die Sicherheit eines Zitats und die
+Anschaulichkeit eines Gemäldes; sie sind individuell, persönlich, ewig.
+
+Wenn wir daher schon _Hegels_ Ansicht von der Gehaltlosigkeit der
+Tonkunst nicht teilen können, so scheint es uns noch irrtümlicher, daß
+er dieser Kunst nur die Aussprache des »individualitätslosen Innern«
+zuweist. Selbst von _Hegels_ musikalischem Standpunkt, welcher die
+wesentlich formende, objektive Tätigkeit des Komponisten übersieht, die
+Musik rein als freie Entäußerung der _Subjektivität_ auffassend, folgt
+nicht die »Individualitätslosigkeit« derselben, da ja der subjektiv
+produzierende Geist wesentlich individuell erscheint.
+
+Wie die Individualität sich in der Wahl und Bearbeitung der
+verschiedenen musikalischen Elemente ausprägt, haben wir im 3. Kapitel
+berührt. Gegenüber dem _Vorwurf_ der Inhaltlosigkeit also hat die Musik
+Inhalt, allein musikalischen, welcher ein nicht geringerer Funke des
+göttlichen Feuers ist, als das Schöne jeder andern Kunst. Nur dadurch
+aber, daß man jeden andern »Inhalt« der Tonkunst unerbittlich negiert,
+rettet man deren »Gehalt«. Denn aus dem unbestimmten Gefühle, worauf
+sich jener Inhalt im besten Fall zurückführt, ist ihr eine geistige
+Bedeutung nicht abzuleiten, wohl aber aus der bestimmten schönen
+Tongestaltung als der freien Schöpfung des Geistes aus geistfähigem
+Material.
+
+[ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei
+ jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile
+ steht.
+
+ Ton und Rhythmus.« (Ästhethik der Tonkunst, I. Bd. 1837. § 24.)
+ Ton und Rhythmus.« (Ästhetik der Tonkunst, I. Bd. 1837. § 24.)
+
+angetan, um als musikalisches Kunstwerk zuf Erden zu wandeln. Was uns an
+angetan, um als musikalisches Kunstwerk auf Erden zu wandeln. Was uns an
+
+_erregen kann_ (nicht _muß_), daß wollen wir später, wo vom subjektiven
+_erregen kann_ (nicht _muß_), das wollen wir später, wo vom subjektiven
+
+wiederlegen. Und so fort. Heißt dies nun ein bestimmtes Gefühl
+widerlegen. Und so fort. Heißt dies nun ein bestimmtes Gefühl
+
+Abstraktionsvermögen des Hörers, daß sich irgendeine dramatisch wirksame
+Abstraktionsvermögen des Hörers, das sich irgendeine dramatisch wirksame
+
+ Neues hinzubringt, daß in ureigener Schönheitskraft blättertreibend
+ Neues hinzubringt, das in ureigener Schönheitskraft blättertreibend
+
+Mit besonderer Wohlweisheit wird uns bei der Frage von der »Tonmalerei»
+Mit besonderer Wohlweisheit wird uns bei der Frage von der »Tonmalerei«
+
+malen, das »Gefühl« aber in Tönen schildern zu wollen, daß der fallende
+malen, das »Gefühl« aber in Tönen schildern zu wollen, das der fallende
+
+Schnee, der krähende Hahn, der zuckende Blitz in uns hervorbringt; ist
+Schnee, der krähende Hahn, der zuckende Blitz in uns hervorbringt, ist
+
+Politique et de Littérature vom 5. Oktober 1777: «On objecte, qu'il
+Politique et de Littérature vom 5. Oktober 1777: »On objecte, qu'il
+
+ Sammlung: »Mémoires pour servir à l'histoire de la Revolution opérée
+ Sammlung: »Mémoires pour servir à l'histoire de la Révolution opérée
+
+Grillparzer mit dem Auspruch: »Die von einer _Oper_ eine _rein
+Grillparzer mit dem Ausspruch: »Die von einer _Oper_ eine _rein
+
+Ein ganz anderes selbständiges Element, daß wir sogleich näher
+Ein ganz anderes selbständiges Element, das wir sogleich näher
+
+ausspricht, so läßt sich von ihr nur mir trocknen technischen
+ausspricht, so läßt sich von ihr nur mit trocknen technischen
+
+ (op. 81) trägt bekanntlich die Überschriften »Les adieux, l'abscence,
+ (op. 81) trägt bekanntlich die Überschriften »Les adieux, l'absence,
+
+ mit Sicherheit interpretiert. »Das es Momente aus dem Leben eines
+ mit Sicherheit interpretiert. »Daß es Momente aus dem Leben eines
+
+schließen, das gewisse musikalische, namentlich rhythmische Verhältnisse
+schließen, daß gewisse musikalische, namentlich rhythmische Verhältnisse
+
+ [34] Helmholz, Lehre von den Tonempfindungen. 2. Aufl. 1870. S. 319.
+ [34] Helmholtz, Lehre von den Tonempfindungen. 2. Aufl. 1870. S. 319.
+
+ O, it came o er my ear _like the sweet south_,
+ O, it came o'er my ear _like the sweet south_,
+
+ enthusiastische Ausrufungen erhält
+ enthusiastische Ausrufungen erhält.
+
+Kunstwerk, und bebegreift daher Musik nie anders als rein phänomenologisch.
+Kunstwerk, und begreift daher Musik nie anders als rein phänomenologisch.
+
+und Auslauf Was diesen Naturrhythmus von der menschlichen Musik trennt,
+und Auslauf. Was diesen Naturrhythmus von der menschlichen Musik trennt,
+
+ [45] Unsere Ansicht stimmt mit den Forschungen _Jacob Grimms_,
+ [45] Unsere Ansicht stimmt mit den Forschungen _Jacob Grimms_ überein,
+
+Diesen Unterschied zwischen der Musik und den übrigen Künsten (nur die
+Dieser Unterschied zwischen der Musik und den übrigen Künsten (nur die
+
+sind
+sind.
+]
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Vom Musikalisch-Schönen, by Eduard Hanslick
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VOM MUSIKALISCH-SCHÖNEN ***
+
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+Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online
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+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
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+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
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+subject to the trademark license, especially commercial
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+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
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+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
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+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
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+1.E.9.
+
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+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
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+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
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+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
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+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
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+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
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+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
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+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
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+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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