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+The Project Gutenberg EBook of Briefe aus dem Gefängnis, by Rosa Luxemburg
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+
+Title: Briefe aus dem Gefängnis
+
+Author: Rosa Luxemburg
+
+Release Date: October 19, 2008 [EBook #26964]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BRIEFE AUS DEM GEFÄNGNIS ***
+
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+
+Produced by Norbert H. Langkau, Jana Srna and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+ [ Anmerkungen zur Transkription:
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+ Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _ markiert.
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+ Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden
+ übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden
+ korrigiert. Eine Liste der vorgenommenen Änderungen findet
+ sich am Ende des Textes.
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+ Inkonsistente oder falsche Schreibweisen von Eigennamen
+ (Wolf/Wolff, Hoffmannsthal) wurden beibehalten.
+ ]
+
+
+
+
+ ROSA LUXEMBURG
+
+ BRIEFE AUS DEM GEFÄNGNIS
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+
+
+
+ INTERNATIONALE JUGENDBIBLIOTHEK
+ Nr. 10
+
+
+ ROSA LUXEMBURG
+
+ Briefe aus dem Gefängnis
+
+ Mit einem Bild und einem Faksimile
+
+
+ 1922
+
+ VERLAG DER JUGENDINTERNATIONALE
+ BERLIN-SCHÖNEBERG
+
+
+
+
+ Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung
+ Copyright by
+ Verlag der _Jugendinternationale_, Berlin-Schöneberg
+
+ 21. BIS 40. TAUSEND
+
+ Herausgegeben vom
+ Exekutivkomitee der Kommunistischen Jugendinternationale
+
+ Druck von Walter Grützmacher, Berlin SW 61, Blücherstr. 22
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+ [Illustration: Rosa Luxemburg]
+
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+
+Zur Einführung
+
+
+Drei Jahre und vier Monate hat Rosa Luxemburg während des Krieges im
+Gefängnis verbracht, ein Jahr (vom Februar 1915 bis Februar 1916) im
+Berliner Weibergefängnis (Barnimstraße) für eine in Frankfurt a. M.
+gehaltene Rede über die Soldatenmißhandlungen, dann zwei Jahre und vier
+Monate (vom 10. Juli 1916 bis zum 10. November 1918) in »Schutzhaft« in
+Berlin, Wronke und Breslau. Sie war ganz von der Außenwelt abgeschnitten,
+nur Bücher und Briefe, die strenge Zensur passiert hatten, durften sie
+erreichen. Einmal im Monat war Besuch unter strenger Aufsicht gestattet.
+
+Die Kraft der mutigsten Vorkämpferin des Proletariats sollte gebrochen
+und ihre weckende, die Lüge geißelnde, die Wahrheit wissende Stimme
+sollte zum Schweigen gebracht werden. Beides mißlang. Dieser stählerne
+Wille erschlaffte nicht. Rosa Luxemburg hat in diesen Gefängnisjahren
+unermüdlich gearbeitet. -- Die unsagbare Einsamkeit endloser Tage
+und Nächte sammelte alle Kräfte ihres Geistes und ihrer Seele. Die
+Leidenschaft der Erkenntnis ließ ihre Stimme zu Fanfarentönen anschwellen:
+die berühmte »Junius-Broschüre«, die hinter Gittern entstand, war nicht
+der einzige Weckruf, der den Weg aus dem Gefängnis fand. Flugblätter,
+Aufrufe und wesentliche Beiträge zu den »Spartakus-Briefen« wußte Rosa
+Luxemburg ihren politischen Freunden zu übermitteln. Durch aufreibende
+illegale Korrespondenz und Arbeit suchte sie von ihrer Zelle aus die
+revolutionäre Entwicklung der deutschen Arbeiter zu lenken.
+
+Doch weder ihre wissenschaftliche noch ihre agitatorische Arbeit aus
+diesen furchtbaren Jahren soll hier gewürdigt werden. Hier gilt es, der
+Jugend, den Arbeitern, all denen, für deren Wohl und Freiheit sie
+kämpfte, litt und starb -- durch feige Verbrecherhände starb -- die
+ganze Seele der Vielverleumdeten zu zeigen. Hier schwindet die Scheu
+vor Preisgabe persönlichen Lebens. Diese privaten Briefe sind keine
+Privatbriefe mehr. Wer die Wissenschaftlerin und Kämpferin Rosa Luxemburg
+kennt, kennt noch nicht alle Seiten ihres Wesens. Die Briefe aus dem
+Gefängnis runden das Bild. Die Anhänger und Mitkämpfer Rosa Luxemburgs
+haben ein Recht darauf, den Reichtum ihres unermüdlich quellenden
+Herzens zu kennen. Sie sollen sehen, wie diese Frau, über ihren eigenen
+Leiden stehend, alle Wesen der Schöpfung mit verstehender Liebe und
+dichterischer Kraft umfängt, wie ihr Herz in Vogelrufen erzittert, wie
+Verse beschwingter Sprache in ihr widerklingen, wie Schicksal und
+tägliches Tun der Freunde in ihr geborgen sind. So stellen wir das
+Denkmal auf, das die Tote sich selbst errichtet hat.
+
+Berlin, August 1920
+
+ Die Herausgeber
+
+
+
+
+ Die in dieser Sammlung enthaltenen Briefe
+ sind an Frau Sophie Liebknecht gerichtet
+
+
+
+
+ [Illustration: Aus dem Briefe vom 20. Juli 1917]
+
+
+
+
+AUS LEIPZIG
+
+
+_Postkarte._[1]
+
+ Leipzig, 7. 7. 16.
+
+ Meine liebe kleine Sonja!
+
+Es ist heute eine drückende feuchte Hitze, wie meist in Leipzig -- ich
+vertrage so schlecht die Luft hier. Ich saß vormittag 2 Stunden in den
+Anlagen am Teich und las im »Reichen Mann«.[2] Die Sache ist brillant.
+Ein altes Mütterchen setzte sich neben mich, tat einen Blick auf das
+Titelblatt und lächelte: »Das muß ein feines Buch sein. Ich lese auch
+gern Bücher«. Bevor ich mich zum Lesen hinsetzte, prüfte ich natürlich
+die Anlagen auf Bäume und Sträucher hin -- alles bekannte Gestalten, was
+ich mit Befriedigung feststellte. Die Berührung mit Menschen befriedigt
+mich dagegen immer weniger; ich glaube, ich werde mich doch bald ins
+Anachoretentum zurückziehen, wie der hl. Antonius, aber -- sans
+tentations mehr. Seien Sie heiter und ruhig.
+
+ Herzliche Grüße
+
+ Rosa.
+
+Den Kindern viele Grüße.
+
+
+
+
+AUS BERLIN
+
+
+_Postkarte._
+
+ Berlin, den 5. 8. 1916.
+ (Gefängnis in der Barnimstraße.)
+
+ Meine liebe kleine Sonja!
+
+Heute, am 5. August, erhalte ich soeben Ihre beiden Briefe zusammen:
+den vom 11. Juli (!!) und den vom 23. Juli. Sie sehen, die Post zu mir
+geht länger als nach New York. Inzwischen habe ich auch die Bücher
+gekriegt, die Sie mir geschickt hatten und ich danke Ihnen für alles aufs
+herzlichste. Es tut mir sehr weh, daß ich Sie in Ihrer Lage verlassen
+mußte; wie gern möchte ich mit Ihnen im Feld wieder ein wenig schlendern
+oder im Erker in der Küche auf den Sonnenuntergang blicken .... Von Helmi
+hatte ich eine ausführliche Karte mit der Reisebeschreibung. Vielen,
+vielen Dank auch für Hoelderlin. Aber Sie müssen nicht so mit dem Geld
+für mich schmeißen, das ist mir eine Pein. Auch für alle guten Sachen
+und die Wicken herzlichen Dank. Schreiben Sie bald, dann kriege ich es
+vielleicht noch in diesem Monat. Ich drücke Ihnen fest und warm die
+Hand. Bleiben Sie tapfer und lassen Sie sich nicht niederdrücken. Ich
+bin in Gedanken bei Ihnen. Grüßen Sie vielmals Karl und die Kinder.
+
+ Ihre Rosa.
+
+Pierre Loti ist wunderbar, die andern habe ich noch nicht gelesen.
+
+
+
+
+AUS WRONKE
+
+
+_Postkarte._[3]
+
+ Wronke, 24. 8. 1916.
+
+Liebe Sonitschka, daß ich jetzt nicht bei Ihnen sein kann! Die Sache
+trifft mich schwer. Aber, bitte, behalten Sie den Kopf oben, manches
+wird schon anders, als es jetzt aussieht. _Jetzt müssen Sie aber fort_
+-- irgendwo aufs Land, ins Grüne, wo es schön ist und wo Sie Pflege
+finden. Es hat keinen Sinn und Zweck, daß Sie jetzt weiter hier sitzen
+und immer mehr herunterkommen. Bis zur letzten Instanz können wieder
+Wochen vergehen. Bitte, gehen Sie sobald wie irgend möglich.... Für Karl
+wird es sicher auch eine Erleichterung sein, wenn er Sie auf Erholung
+weiß. Tausend Dank für Ihre lieben Zeilen vom 10. und für die guten
+Gaben. Sicher werden wir nächstes Frühjahr zusammen im Feld und im
+Botanischen herumstreifen, ich freue mich jetzt schon darauf. Aber jetzt
+gehen Sie fort von hier, Sonitschka! Können Sie nicht zum Bodensee,
+damit Sie ein bißchen den Süden spüren!? Bevor Sie gehen, möchte ich Sie
+unbedingt sehen, machen Sie eine Eingabe in der Kommandantur. Schreiben
+Sie bald wieder eine Zeile. Bleiben Sie ruhig und heiter trotz alledem!
+Ich umarme Sie.
+
+ R.
+
+Für Karl tausend herzliche Grüße.
+
+Die beiden Karten von Helmi und Bobbi habe ich erhalten und mich sehr
+gefreut.
+
+
+ Wronke, 21. 11. 16.
+
+ Meine geliebte kleine Sonitschka,
+
+ich erfuhr von Mathilde, daß Ihr Bruder gefallen ist, und bin ganz
+erschüttert von diesem Schlag, der Sie wieder traf. Was müssen Sie
+alles in der letzten Zeit ertragen! Und ich kann nicht einmal bei Ihnen
+sein, um Sie ein wenig zu erwärmen und aufzuheitern!... Auch bin ich
+unruhig um Ihre Mutter, wie sie dieses neue Leid ertragen wird. Das
+sind böse Zeiten, und wir haben alle eine lange Verlustliste im Leben zu
+verzeichnen. Jeder Monat kann jetzt wahrhaftig wie bei Sebastopol für
+ein Jahr zählen. Hoffentlich kann ich Sie recht bald sehen, ich sehne
+mich danach von ganzem Herzen. Wie haben Sie die Nachricht von Ihrem
+Bruder erhalten, durch die Mutter oder direkt? Und was hören Sie von
+dem anderen Bruder? Ich wollte Ihnen so gern durch die Mathilde etwas
+schicken, habe aber hier leider gar nichts, als das kleine bunte
+Tüchlein; lachen Sie's nicht aus; es sollte Ihnen nur sagen, daß ich
+Sie sehr liebe. Schreiben Sie bald eine Zeile, damit ich sehe, in
+welcher Verfassung Sie sind. Grüßen Sie tausendmal Karl. Ich umarme
+Sie herzlichst
+
+ Ihre Rosa.
+
+Den Kindern viele Grüße!
+
+
+ Wronke, 15. 1. 17.
+
+.... Ach, heute gab es einen Augenblick, da ich's bitter spürte. Der
+Pfiff der Lokomotive um 3,19 sagte mir, daß Mathilde abdampft, und ich
+lief gerade wie ein Tier im Käfig den gewohnten »Spaziergang« an meiner
+Mauer entlang, hin und zurück, und mein Herz krampfte sich zusammen vor
+Schmerz, daß ich nicht auch fort von hier kann, o, nur fort von hier!
+Aber das macht nichts, mein Herz kriegte gleich darauf einen Klaps und
+mußte kuschen; es ist schon gewöhnt, zu parieren wie ein gut dressierter
+Hund. Reden wir nicht von mir.
+
+Sonitschka, wissen Sie noch, was wir uns vorgenommen haben, wenn der
+Krieg vorbei ist? Eine Reise zusammen nach dem Süden. Und wir tun das!
+Ich weiß, Sie träumen davon, mit mir nach Italien zu gehen, das Ihnen das
+Höchste ist. Ich plane hingegen, Sie nach Korsika zu schleppen. Das ist
+noch mehr als Italien. Dort vergißt man Europa, wenigstens das moderne
+Europa. Denken Sie sich eine breite heroische Landschaft mit strengen
+Konturen der Berge und Täler, oben nichts als kahle Felsklumpen von edlem
+Grau, unten üppige Oliven, Lorbeerkirschen und uralte Kastanienbäume.
+Und über allem eine vorweltliche Stille -- keine Menschenstimme, kein
+Vogelruf, nur ein Flüßchen schlickert irgendwo zwischen Steinen, oder
+in der Höhe raunt zwischen Felsklippen der Wind -- noch derselbe, der
+Odysseus' Segel schwellte. Und was Sie an Menschen treffen, stimmt genau
+zur Landschaft. Plötzlich erscheint z. B. hinter einer Biegung des
+Bergpfades eine Karawane -- die Korsen gehen immer hintereinander in
+gestreckter Karawane, nicht im Haufen wie unsere Bauern. Vorne läuft
+gewöhnlich ein Hund, dann schreitet langsam etwa eine Ziege oder ein mit
+Säcken voller Kastanien beladenes Eselchen, dann folgt ein großes
+Maultier, auf dem eine Frau im Profil zum Tiere mit gerade herabhängenden
+Beinen sitzt, ein Kind in den Armen. Sie sitzt hoch aufgerichtet, schlank
+wie eine Zypresse, unbeweglich; daneben schreitet ein bärtiger Mann in
+ruhiger fester Haltung, beide schweigen. Sie würden schwören: es ist die
+heilige Familie. Und solche Szenen treffen Sie dort auf jeden Schritt.
+Ich war jedesmal so ergriffen, daß ich unwillkürlich in die Knie sinken
+wollte, wie ich's immer vor vollendeter Schönheit muß. Dort ist noch die
+Bibel lebendig und die Antike. Wir müssen hin, und so wie ich's getan:
+zu Fuß die ganze Insel durchqueren, jede Nacht an einem anderen Ort
+ruhen, jeden Sonnenaufgang schon im Wandern begrüßen. Lockt Sie das? Ich
+wäre glücklich, Ihnen diese Welt vorzuführen...
+
+Lesen Sie viel, Sie müssen auch geistig vorwärts kommen, und Sie können
+das -- Sie sind noch frisch und biegsam. Und nun muß ich schließen.
+Seien Sie heiter und ruhig an diesem Tage.
+
+ Ihre Rosa.
+
+
+ Wronke, 18. 2. 17.
+
+.... Seit langem hat mich nichts so erschüttert, wie der kurze Bericht
+Marthas über Ihren Besuch bei Karl, wie Sie ihn hinter dem Gitter fanden
+und wie das auf Sie wirkte. Weshalb haben Sie mir das verschwiegen? Ich
+habe ein Anrecht, an allem, was Ihnen weh tut, teilzunehmen, und lasse
+meine Besitzrechte nicht kürzen! Die Sache hat mich übrigens lebhaft
+an mein erstes Wiedersehen mit den Geschwistern vor 10 Jahren in der
+Warschauer Zitadelle erinnert. Dort wird man in einem förmlichen
+Doppelkäfig aus Drahtgeflecht vorgeführt, d. h. ein kleinerer Käfig
+steht frei in einem größeren, und durch das flimmernde Geflecht der
+beiden muß man sich unterhalten. Da es dazu just nach einem 6tägigen
+Hungerstreik war, war ich so schwach, daß mich der Rittmeister (unser
+Festungskommandant) ins Sprechzimmer fast tragen mußte und ich mich im
+Käfig mit beiden Händen am Draht festhielt, was wohl den Eindruck eines
+wilden Tieres im Zoo verstärkte. Der Käfig stand in einem ziemlich
+dunklen Winkel des Zimmers und mein Bruder drückte sein Gesicht ziemlich
+dicht an den Draht. »Wo bist Du?« frug er immer und wischte sich vom
+Zwicker die Tränen, die ihn am Sehen hinderten. -- Wie gern und freudig
+würde ich jetzt dort im Luckauer Käfig sitzen, um es Karl abzunehmen!
+
+Richten Sie an Pfemfert meinen herzl. Dank für den Galsworthy aus. Ich
+habe ihn gestern zu Ende gelesen und freue mich sehr darüber. Dieser
+Roman hat mir freilich viel weniger gefallen als »Der reiche Mann«,
+nicht trotzdem, sondern weil die soziale Tendenz dort mehr überwiegt.
+Im Roman schaue ich nicht nach der Tendenz, sondern nach künstlerischem
+Wert. Und in dieser Beziehung stört mich in den »Weltbrüdern«, daß
+Galsworthy zu _geistreich_ ist. Das wird Sie wundern. Aber es ist
+derselbe Typ wie Bernard Shaw und auch wie Oskar Wilde, ein jetzt in
+der englischen Intelligenz wohl stark verbreiteter Typus: eines sehr
+gescheiten, verfeinerten, aber blasierten Menschen, der alles in
+der Welt mit lächelnder Skepsis betrachtet. Die feinen ironischen
+Bemerkungen, die Galsworthy über seine eigenen personae dramatis mit
+dem ernstesten Gesicht macht, lassen mich oft laut auflachen. Aber wie
+wirklich wohlerzogene und vornehme Menschen nie oder selten über ihre
+Umgebung spötteln, wenn sie auch alles Lächerliche bemerken, so
+ironisiert ein wirklicher Künstler nie über seine eigenen Geschöpfe.
+Wohlverstanden, Sonitschka, das schließt die Satyre großen Stils
+nicht aus! Zum Beispiel »Emanuel Quint« von Gerhart Hauptmann ist die
+blutigste Satyre auf die moderne Gesellschaft, die seit hundert Jahren
+geschrieben worden ist. Aber Hauptmann selbst grinst dabei nicht;
+er steht zum Schluß mit bebenden Lippen und weit offenen Augen, in
+denen Tränen schimmern. Galsworthy dagegen wirkt auf mich mit seinen
+geistreichen Zwischenbemerkungen wie ein Tischnachbar, der mir auf einer
+Soiree beim Eintreten jedes neuen Gastes in den Salon eine Malice über
+ihn ins Ohr flüstert.....
+
+... Heute ist wieder Sonntag, der tötlichste Tag für Gefangene und
+Einsame. Ich bin traurig, wünsche aber sehnlichst, daß Sie es nicht sind
+und Karl auch nicht. Schreiben Sie bald, wann und wohin Sie endlich zur
+Erholung gehen.
+
+Ich umarme Sie herzlichst und grüße die Kinder
+
+ Ihre Rosa.
+
+Kann Pf. mir nicht noch etwas Gutes schicken? Vielleicht etwas von Th.
+Mann? Ich kenne noch nichts von ihm. Noch eine Bitte: die Sonne fängt
+an, mich im Freien zu blenden; vielleicht schicken Sie mir im Briefcouvert
+1 Meter dünnen schwarzen Schleier mit zerstreuten schwarzen Pünktchen!
+Vielen Dank im voraus.
+
+
+ Wronke, 19. 4. 17.
+
+Ich habe mich gestern über Ihren Kartengruß herzlich gefreut, obwohl er
+so traurig klang. Wie möchte ich jetzt bei Ihnen sein, um Sie wieder zum
+Lachen zu bringen, wie damals nach Karls Verhaftung, als wir Beide --
+wissen Sie noch? -- im Café Fürstenhof durch unsere übermütigen Lachsalven
+einiges Aufsehen erregten. Wie war das damals schön -- trotz alledem!
+Unsere tägliche Jagd am frühen Morgen auf ein Automobil auf dem Potsdamer
+Platz, dann die Fahrt zum Gefängnis durch den blühenden Tiergarten in
+die stille Lehrter Straße mit den hohen Rüstern, dann auf dem Rückweg
+das obligate Absteigen im Fürstenhof, dann Ihr obligater Besuch bei mir
+in Südende, wo alles in der Maipracht stand, die gemütlichen Stunden in
+meiner Küche, wo Sie und Mimi am weißgedeckten Tischchen geduldig auf
+die Erzeugnisse meiner Kochkunst warten (wissen Sie noch die feinen
+haricots verts à la Parisienne?...). Zu alledem habe ich die lebhafte
+Erinnerung eines unveränderlich strahlenden heißen Wetters, und nur bei
+einem solchen hat man ja das richtige freudige Frühlingsgefühl. Dann
+abends meine obligaten Besuche bei Ihnen, in Ihrem lieben Zimmerchen --
+ich habe Sie so gern als Hausfrau, das steht Ihnen so besonders lieb,
+wenn Sie mit Ihrem Backfischfigürchen am Tisch stehend, Tee einschenken
+-- und schließlich um Mitternacht unsere gegenseitige Begleiterei nach
+Hause durch die duftenden dunklen Straßen! Erinnern Sie sich noch der
+fabelhaften Mondnacht in Südende, in der ich Sie heimbegleitete und uns
+die Häusergiebel mit ihren schroffen schwarzen Konturen auf dem
+Hintergrund der süßen Himmelsbläue wie alte Ritterburgen vorkamen?
+
+Sonjuscha, so möchte ich ständig um Sie sein, Sie zerstreuen, mit Ihnen
+plaudern oder schweigen, damit Sie nicht in Ihr düsteres verzweifeltes
+Brüten verfallen. Sie fragen in Ihrer Karte: »warum ist alles so?« Sie
+Kind, »so« ist eben das Leben seit jeher, alles gehört dazu: Leid und
+Trennung und Sehnsucht. Man muß es immer mit allem nehmen und _alles_
+schön und gut finden. Ich tue es wenigstens so. Nicht durch ausgeklügelte
+Weisheit, sondern einfach so aus meiner Natur. Ich fühle instinktiv, daß
+das die einzige richtige Art ist, das Leben zu nehmen und fühle mich
+deshalb wirklich glücklich in jeder Lage. Ich möchte auch _nichts_ aus
+meinem Leben missen und nichts anders haben, als es war und ist. Wenn
+ich Sie doch zu dieser Lebensauffassung bringen könnte!...
+
+Ich habe Ihnen noch nicht für das Bild Karls gedankt. Wie haben Sie mich
+damit erfreut! Es war wirklich das schönste Geburtstagsgeschenk, das Sie
+mir geben konnten. Es steht im guten Rahmen auf dem Tisch vor mir und
+verfolgt mich überall mit seinen Blicken (Sie wissen, es gibt Bilder,
+die einen anzuschauen scheinen, wo man sie auch hinstellt). Das Bild ist
+ausgezeichnet getroffen. Wie muß Karl sich jetzt über die Nachrichten
+aus Rußland freuen! Aber auch Sie persönlich haben Grund, fröhlich zu
+sein: nun wird ja der Reise Ihrer Mutter zu Ihnen wohl nichts im Wege
+stehen! Haben Sie das schon ins Auge gefaßt? Ihretwegen wünsche ich
+dringend Sonne und Wärme herbei. Hier steht noch alles erst in Knospen
+und gestern hatten wir Schneegraupen. Wie mag es wohl in meiner
+»südlichen Landschaft« in Südende aussehen? Voriges Jahr standen wir
+beide dort vor dem Gitter und Sie bewunderten die Fülle des Flors....
+
+Sie sollen sich nicht mit Briefen abquälen. Ich will Ihnen häufig
+schreiben, mir genügt aber vollkommen, wenn Sie einen kurzen Gruß auf
+einer Postkarte schicken! Seien Sie viel im Freien, botanisieren Sie
+viel. Haben Sie den kleinen Blumenatlas von mir mit? Seien Sie ruhig und
+heiter, Liebste, alles wird gut gehen! Sie werden sehen!
+
+Ich umarme Sie vielmals und herzlich
+
+ stets Ihre
+
+ Rosa.
+
+
+ Wronke, 2. 5. 17.
+
+....... Vorigen April rief ich Euch einmal Beide, wenn Sie sich
+erinnern, telephonisch dringend um 10 Uhr früh in den Botanischen, um
+mit mir die Nachtigall zu hören, die ein ganzes Konzert gab. Wir saßen
+dann still versteckt im dichten Gebüsch auf Steinen an einem kleinen
+sickernden Wasser; nach der Nachtigall hörten wir aber plötzlich so einen
+eintönigen klagenden Ruf, der etwa so lautete: »Gligligligligliglick!«
+Ich sagte, das klinge wie irgend ein Sumpf- oder Wasservogel, und Karl
+stimmte dem bei, aber wir konnten absolut nicht herausfinden, wer's war.
+Denken Sie, denselben Klageruf hörte ich plötzlich _hier_ in der Nähe
+vor einigen Tagen in der Frühe, so daß mir das Herz vor Ungeduld pochte,
+endlich zu erfahren, wer das sei. Ich hatte keine Ruhe, bis ich's heute
+herausfand: es ist kein Wasservogel, sondern der _Wendehals_, eine graue
+Spechtart. Er ist nur ein wenig größer als der Sperling und hat seinen
+Namen daher, weil er in Gefahr die Feinde durch komische Gebärden und
+Kopfverrenkungen zu schrecken sucht. Er lebt nur von Ameisen, die er an
+seiner klebrigen Zunge ansammelt, wie der Ameisenbär. Die Spanier nennen
+ihn deshalb Hormiguero -- der Ameisenvogel. Mörike hat übrigens auf
+diesen Vogel ein sehr hübsches Scherzgedicht gemacht, das Hugo Wolf
+auch vertont hat. Mir ist, als hätte ich ein Geschenk gekriegt, seit ich
+weiß, wer der Vogel mit der klagenden Stimme ist. Vielleicht schreiben
+Sie es auch Karl, es würde ihn freuen.
+
+Was ich lese? Hauptsächlich Naturwissenschaftliches: Pflanzengeographie
+und Tiergeographie. Gestern las ich gerade über die Ursache des
+Schwindens der Singvögel in Deutschland: es ist die zunehmende rationelle
+Forstkultur, Gartenkultur und der Ackerbau, die ihnen alle natürlichen
+Nist- und Nahrungsbedingungen: hohle Bäume, Ödland, Gestrüpp, welkes
+Laub auf dem Gartenboden -- Schritt für Schritt vernichten. Mir war es
+so sehr weh, als ich das las. Nicht um den Gesang für die Menschen ist
+es mir, sondern das Bild des stillen unaufhaltsamen Untergangs dieser
+wehrlosen kleinen Geschöpfe schmerzt mich so, daß ich weinen mußte. Es
+erinnerte mich an ein russisches Buch von Prof. Sieber über den
+Untergang der Rothäute in Nordamerika, das ich noch in Zürich gelesen
+habe: sie werden genau so Schritt für Schritt durch die Kulturmenschen
+von ihrem Boden verdrängt und einem stillen grausamen Untergang
+preisgegeben.
+
+Aber ich bin ja natürlich krank, daß mich jetzt alles so tief
+erschüttert. Oder wissen Sie? ich habe manchmal das Gefühl, ich bin kein
+richtiger Mensch, sondern auch irgend ein Vogel oder ein anderes Tier in
+Menschengestalt; innerlich fühle ich mich in so einem Stückchen Garten
+wie hier oder im Feld unter Hummeln und Gras viel mehr in meiner Heimat
+als -- auf einem Parteitag. Ihnen kann ich ja wohl das alles sagen: Sie
+werden nicht gleich Verrat am Sozialismus wittern. Sie wissen, ich werde
+trotzdem hoffentlich auf dem Posten sterben: in einer Straßenschlacht
+oder im Zuchthaus. Aber mein innerstes Ich gehört mehr meinen Kohlmeisen
+als den »Genossen«. Und nicht etwa, weil ich in der Natur, wie so viele,
+innerlich bankerotte Politiker ein Refugium, ein Ausruhen finde. Im
+Gegenteil, ich finde auch in der Natur auf Schritt und Tritt so viel
+Grausames, daß ich sehr leide. Denken Sie z. B., daß mir das folgende
+kleine Erlebnis nicht aus dem Sinn kommt. Vorigen Frühling ging ich in
+meiner stillen leeren Straße von einem Feldspaziergang heim, als mir auf
+dem Boden ein dunkler kleiner Fleck auffiel. Ich bückte mich und sah ein
+lautloses Trauerspiel: ein großer Mistkäfer lag auf dem Rücken und
+wehrte sich hilflos mit den Beinen, während ein ganzer Haufen winziger
+Ameisen auf ihm herumwimmelten und ihn -- bei lebendigem Leibe verzehrten!
+Mich schauerte es, ich nahm mein Taschentuch heraus und fing an, die
+brutalen Bestien wegzujagen. Sie waren aber so frech und hartnäckig, daß
+ich einen langen Kampf mit ihnen ausfechten mußte, und als ich endlich
+den armen Dulder befreit und weit aufs Gras gelegt hatte, waren ihm
+schon zwei Beine abgefressen.... Ich lief fort mit dem peinigenden
+Gefühl, daß ich ihm schließlich eine sehr zweifelhafte Wohltat erwiesen
+habe.
+
+Jetzt gibt es schon so lange Dämmerung abends. Wie liebe ich sonst
+diese Stunde! In Südende hatte ich viele Amseln, hier sehe und höre ich
+jetzt keine. Den ganzen Winter fütterte ich ein Paar und nun ist es
+verschwunden. In Südende pflegte ich um diese Zeit abends in der Straße
+herumzuschlendern; es ist so schön, wenn noch im letzten violetten
+Tageslicht plötzlich die rosigen Gasflammen an den Laternen aufzucken
+und noch so fremd in der Dämmerung aussehen, als schämten sie sich
+selbst ein wenig. Durch die Straße huscht dann geschäftig die undeutliche
+Gestalt irgend einer verspäteten Portierfrau oder eines Dienstmädchens,
+die noch schnell zum Bäcker oder Krämer laufen, um etwas zu holen. Die
+Schusterkinder, mit denen ich befreundet bin, pflegten noch in der
+Straße im Dunkeln zu spielen, bis sie von der Ecke aus energisch nach
+Hause gerufen wurden. Um diese Stunde gab es immer noch irgend eine
+Amsel, die keine Ruhe finden konnte und plötzlich wie ein ungezogenes
+Kind kreischte oder plapperte aus dem Schlaf und geräuschvoll von einem
+Baum zum andern flog. Und ich stand da mitten in der Straße, zählte die
+ersten Sterne und mochte gar nicht heim aus der linden Luft und der
+Dämmerung, in der sich der Tag und die Nacht so weich
+aneinanderschmiegten.
+
+Sonjuscha, ich schreibe Ihnen bald wieder. Seien Sie ruhig und heiter,
+alles wird gut werden, auch mit Karl. Auf Wiedersehen bis zum nächsten
+Brief.
+
+Ich umarme Sie.
+
+ Ihre Rosa.
+
+
+ Wronke, 19. 5. 17.
+
+....... Wie schön ist es jetzt hier! Alles grünt und blüht. Die
+Kastanienbäume sind in frischem herrlichen Laubschmuck, die
+Zierjohannisbeeren haben gelbe Sternchen, die Zierkirsche mit dem
+rötlichen Laub blüht auch schon und der Faulbaum wird nächstens blühen.
+Ich habe heute von Luise Kautsky, die mich besucht hat, zum Abschied
+einen Haufen Vergißmeinnicht und Stiefmütterchen gekriegt und sie selbst
+eingepflanzt! Zwei runde Klümbchen und eine gerade Linie dazwischen,
+immer abwechselnd Vergißmeinnicht und Stiefmütterchen, -- alles steht so
+fest; ich traue kaum meinen Augen, denn ich habe zum ersten Mal im Leben
+gepflanzt und alles ist gleich so gelungen. Gerade zu Pfingsten werde
+ich so viel Blumen vor dem Fenster haben!
+
+Vögel gibt es jetzt hier eine Menge neue, jeden Tag lerne ich wieder
+einen kennen, den ich nie gesehen hatte. Ach, wissen Sie noch, damals im
+Botanischen mit Karl in der Frühe, als wir die Nachtigall hörten, da
+sahen wir auch einen so großen Baum, der noch ganz ohne Laub, aber
+massenhaft mit kleinen leuchtend weißen Blüten bedeckt war; wir
+zerbrachen uns den Kopf, was denn das sei, denn es war klar, daß es kein
+Obstbaum war und die Blüten waren auch etwas seltsam. Jetzt weiß ich!
+Das ist eine Silberpappel und diese Blüten sind keine Blüten, sondern
+junge Blättchen. Das erwachsene Blatt der Silberpappel ist nämlich nur
+unten weiß, oben dunkelgrün, die jungen aber sind noch beiderseits mit
+weißem Flaum bedeckt und leuchten in der Sonne wie weiße Blüten. Solch
+eine große Pappel steht hier in meinem Gärtlein und auf ihr sitzen mit
+Vorliebe alle Singvögel. Damals, am gleichen Tage, wart Ihr Beide bei
+mir abends, erinnern Sie sich noch? Es war so schön; wir lasen uns etwas
+vor, und um Mitternacht, als wir stehend Abschied nahmen -- durch die
+offene Balkontür floß himmlische Luft mit Jasminduft herein --, trug ich
+Euch noch jenes spanische Lied vor, das ich so gern habe:
+
+ Gepriesen sei, durch wen die Welt entstund,
+ Wie trefflich schuf er sie nach allen Seiten,
+ Er schuf das Meer mit endlos tiefem Grund,
+ Er schuf die Schiffe, die hinübergleiten.
+ Er schuf das Paradies mit ewigem Licht,
+ Er schuf die Erde -- und Dein Angesicht!....
+
+Ach Sonitschka, wenn Sie das nicht in Wolfscher Musik gehört haben, dann
+wissen Sie nicht, wieviel glühende Leidenschaft in diesen schlichten
+zwei Schlußworten liegt.
+
+Jetzt, während ich das schreibe, ist eine große Hummel ins Zimmer
+geflogen und füllt es mit tiefem Brummen. Wie schön das ist, welche
+tiefe Lebensfreude liegt in diesem satten Ton, der von Fleiß und
+Sommerhitze und Blumenduft vibriert.
+
+Sonitschka, seien Sie heiter und schreiben Sie bald, bald, ich habe
+Sehnsucht.
+
+ Ihre Rosa.
+
+
+ Wronke, den 23. 5. 17.
+
+... Ihr letzter Brief vom 14. war schon hier, als ich den meinigen
+abschickte. Ich bin sehr froh, wieder in Fühlung mit Ihnen zu sein und
+möchte Ihnen heute einen warmen Pfingstgruß senden! »Pfingsten, das
+liebliche Fest, war gekommen«, so beginnt der Goethesche Reineke Fuchs.
+Hoffentlich werden Sie es einigermaßen heiter verleben. Voriges Jahr
+haben wir ja zu Pfingsten mit Mathilde den schönen Ausflug nach
+Lichtenrade gemacht, wo ich die Ähren für Karl pflückte und den
+wundervollen Zweig mit Birkenkätzchen. Am Abend gingen wir dann noch als
+die »drei edlen Frauen aus Ravenna« mit Rosen in der Hand auf dem
+Südender Feld spazieren.... Hier blüht jetzt auch schon der Flieder,
+heute ist er aufgegangen; es ist so warm, daß ich mein leichtestes
+Mousselinkleid anziehen mußte. Trotz Sonne und Wärme sind aber meine
+Vöglein nach und nach fast ganz verstummt. Sie sind offenbar alle vom
+Brutgeschäft sehr in Anspruch genommen; die Weibchen sitzen im Nest, und
+die Männchen haben alle Schnabel voll zu tun, um für sich und die
+Gattinnen Nahrung zu suchen. Auch nisten sie wohl mehr draußen im Feld
+oder auf größeren Bäumen, wenigstens ist es jetzt in meinem Gärtlein
+still; nur hie und da schlägt kurz die Nachtigall, oder der Grünling
+macht seine klopfenden Tritte, oder spät abends schmettert noch einmal
+der Buchfink, meine Meisen lassen sich gar nicht mehr blicken. Nur einen
+kurzen Gruß bekam ich plötzlich gestern von weitem von einer Blaumeise,
+und das hat mich ganz erschüttert. Die Blaumeise ist nämlich nicht wie
+die Kohlmeise Standvogel, sondern sie kommt erst Ende März wieder zu
+uns. Sie hielt sich auch zuerst immer in der Nähe meiner Fenster, kam
+mit den anderen zum Fenster und sang fleißig ihr drolliges »Zizi bä«,
+aber so ganz gedehnt, daß es wie ungezogenes Kindernecken klang. Ich
+mußte jedesmal lachen und ihr ebenso antworten. Dann verschwand sie
+anfangs Mai mit den anderen, um irgendwo draußen zu brüten. Ich sah und
+hörte sie wochenlang nicht mehr. Gestern höre ich plötzlich von drüben
+über die Mauer, die unseren Hof von einem anderen Gefängnisterrain
+trennt, den bekannten Gruß, aber so ganz verändert, nur ganz kurz und
+eilig dreimal hintereinander »Zizi bä -- Zizi bä -- Zizi bä«, dann wurde
+es still. Mir zuckte das Herz zusammen, so viel lag in diesem eiligen,
+fernen Ruf, eine ganze kleine Vogelgeschichte. Das war nämlich eine
+Erinnerung der Blaumeise an die schöne Zeit des Liebeswerbens im
+Vorfrühling, wo man den ganzen Tag sang und lockte; jetzt aber heißt es
+den ganzen Tag fliegen und Mücken sammeln für sich und die Familie, also
+nur kurz eine Reminiszenz: »Ich habe keine Zeit -- ach ja, es war schön
+-- Frühling ist bald zu Ende -- Zizi bä -- Zizi bä -- Zizi bä --!
+-- -- --« Glauben Sie mir, Sonjuscha, daß mich ein solcher kleiner
+Vogelruf, in dem so viel Ausdruck liegt, tief ergreifen kann. Meine
+Mutter, die nebst Schiller die Bibel für der höchsten Weisheit Quell
+hielt, glaubte steif und fest, daß König Salomo die Sprache der Vögel
+verstand. Ich lächelte damals mit der ganzen Überlegenheit meiner
+14 Jahre und einer modernen naturwissenschaftlichen Bildung über diese
+mütterliche Naivität. Jetzt bin ich selbst wie König Salomo: ich verstehe
+auch die Sprache der Vögel und der Tiere. Natürlich nicht, als ob sie
+menschliche Worte gebrauchten, sondern ich verstehe die verschiedensten
+Nuancen und Empfindungen, die sie in ihre Laute legen. Nur dem rohen
+Ohr eines gleichgültigen Menschen ist ein Vogelgesang immer ein und
+dasselbe. Wenn man die Tiere liebt und für sie Verständnis hat, findet
+man große Mannigfaltigkeit des Ausdrucks, eine ganze Sprache. Auch das
+allgemeine Verstummen jetzt nach dem Lärm des Vorfrühlings, und ich
+weiß, wenn ich noch im Herbst hier bin, was aller Wahrscheinlichkeit
+nach der Fall sein wird, dann werden alle meine Freunde wieder
+zurückkehren und an meinem Fenster Futter suchen; ich freue mich schon
+jetzt auf die eine Kohlmeise, mit der ich besonders befreundet bin.
+
+Sonjuscha, Sie sind erbittert über meine lange Haft und fragen: »Wie
+kommt es, daß Menschen über andere Menschen entscheiden dürfen. Wozu ist
+das alles?« Verzeihen Sie, aber ich mußte beim Lesen laut herauslachen.
+Bei Dostojewski, in den Brüdern Karamasoff, gibt es eine Madame
+Chochlakowa, die genau solche Fragen zu stellen pflegte, wobei sie ratlos
+von einem zum andern in der Gesellschaft herumblickte, ehe aber auch nur
+einer zu antworten versuchte, schon auf etwas anderes herübersprang.
+Mein Vöglein, die ganze Kulturgeschichte der Menschheit, die nach
+bescheidenen Schätzungen einige zwanzig Jahrtausende dauert, basiert
+auf der »Entscheidung von Menschen über andere Menschen«, was in den
+materiellen Lebensbedingungen tiefe Wurzeln hat. Erst eine weitere
+qualvolle Entwicklung vermag dies zu ändern, wir sind ja gerade jetzt
+Zeugen einer dieser qualvollen Kapitel, und Sie fragen, wozu das Alles?
+»Wozu« -- -- ist überhaupt kein Begriff für die Gesamtheit des Lebens
+und seine Formen. Wozu gibt es Blaumeisen auf der Welt? Ich weiß es
+wirklich nicht, aber ich freue mich, daß es welche gibt und empfinde als
+süßen Trost, wenn mir plötzlich über die Mauer ein eiliges Zizi bä aus
+der Ferne herübertönt.
+
+Sie überschätzen übrigens meine »Abgeklärtheit«. Mein inneres
+Gleichgewicht und meine Glückseligkeit können leider schon beim
+leisesten Schatten, der auf mich fällt, aus den Fugen gehen, und ich
+leide dann unaussprechlich, nur daß ich die Eigentümlichkeit besitze,
+dann zu verstummen. Buchstäblich, Sonitschka, ich kann dann kein Wort
+über die Lippen bringen. Zum Beispiel in diesen letzten Tagen, ich war
+schon so heiter und selig, freute mich der Sonne, da erfaßte mich
+plötzlich am Montag ein eisiger Sturmwind, und auf einmal wandelte sich
+meine strahlende Heiterkeit in tiefsten Jammer. Und wenn meiner Seele
+Glück in Person plötzlich vor mir stände, ich brächte keinen Ton über
+die Lippen und könnte höchstens mit stummem Blick meine Verzweiflung
+klagen. Freilich komme ich selten genug in die Versuchung zu reden, ich
+höre ja wochenlang meine eigene Stimme nicht, dies ist übrigens der
+Grund, weshalb ich den heroischen Entschluß gefaßt habe, meine Mimi doch
+nicht herkommen zu lassen. Das Tierchen ist gewöhnt an Munterkeit und
+Leben, sie hat es gern, wenn ich singe, lache und mit ihr durch alle
+Zimmer Haschen spiele, sie würde mir ja hier trübsinnig werden. Ich
+lasse sie also bei Mathilde. Mathilde kommt zu mir in den nächsten Tagen
+und ich hoffe mich dann wieder aufzurappeln. Vielleicht wird Pfingsten
+auch für mich »das liebliche Fest« sein. Sonitschka, seien Sie mir
+heiter und ruhig, alles wird doch noch gut werden, glauben Sie mir,
+grüßen Sie herzlichst Karl, ich umarme Sie vielmals
+
+ Ihre Rosa.
+
+Vielen Dank für das schöne Bildchen.
+
+
+ Wronke, Ende Mai 1917.
+
+Sonjuscha, wissen Sie, wo ich bin, wo ich Ihnen diesen Brief schreibe?
+Im Garten! Ich habe mir ein kleines Tischchen herausgeschleppt und sitze
+nun versteckt zwischen grünen Sträuchern. Rechts von mir die gelbe
+Zierjohannisbeere, die nach Gewürznelken duftet, links ein Ligusterstrauch,
+über mir reichen ein Spitzahorn und ein junger, schlanker Kastanienbaum
+einander ihre breiten, grünen Hände, und vor mir rauscht langsam mit
+ihren weißen Blättern die große, ernste und milde Silberpappel. Auf dem
+Papier, auf dem ich schreibe, tanzen leichte Schatten der Blätter mit
+hellen Lichtkringeln der Sonne, und von dem regenfeuchten Laub fällt mir
+auf Gesicht und Hände ab und zu ein Tropfen. In der Gefängniskirche ist
+Gottesdienst; dumpfes Orgelspiel dringt undeutlich heraus, gedeckt vom
+Rauschen der Bäume und dem hellen Chor der Vögel, die heute alle munter
+sind; aus der Ferne ruft der Kuckuck. Wie ist es schön, wie bin ich
+glücklich, man spürt schon beinahe die Johannisstimmung -- die volle,
+üppige Reife des Sommers und den Lebensrausch; kennen Sie die Szene in
+den Wagnerschen Meistersingern, die Volksszene, wo eine bunte Menge in
+die Hände klatscht: Johannistag! Johannistag! und alles plötzlich
+anfängt, einen Biedermeierwalzer zu tanzen? In diese Stimmung könnte man
+in diesen Tagen kommen. -- Was habe ich alles gestern erlebt!! Das muß
+ich Ihnen erzählen. Vormittag fand ich im Baderaum am Fenster ein großes
+Pfauenauge. Es war wohl schon ein paar Tage drin und hatte sich an der
+harten Scheibe zu Tode mattgeflattert; es gab nur noch schwache
+Lebenszeichen mit den Flügeln. Als ich es bemerkte, zog ich mich
+zitternd vor Ungeduld wieder an, kletterte aufs Fenster und nahm es
+behutsam in die Hände, -- es wehrte sich nicht mehr, und ich dachte, es
+sei wohl schon tot. Ich setzte es bei mir auf das Gesims vor dem
+Fenster, damit es zu sich käme, und da regte sich noch schwach das
+Lebensflämmchen, aber es blieb still sitzen; dann legte ich ihm vor die
+Fühler ein paar offene Blüten, damit es was zu essen habe; gerade sang
+vor dem Fenster hell und übermütig der Gartenspötter, daß es hallte; ich
+sagte unwillkürlich laut: hör zu, wie das Vöglein lustig singt, da muß
+dir doch auch das bißchen Leben zurückkehren! Ich mußte selbst lachen
+über diese Ansprache an das halbtote Pfauenauge und dachte mir:
+verlorene Worte! Aber nein -- nach einer halben Stunde erholte sich das
+Tierchen, rutschte erst ein bißchen hin und her und flog endlich langsam
+fort! Wie freute ich mich über diese Rettung! Das war ein Erlebnis.
+
+Nachmittags ging ich natürlich wieder in den Garten, in dem ich von
+8 Uhr früh bis 12 bin (wo man mich zum Essen ruft) und wieder von 3 bis
+6. Ich wartete auf die Sonne, ich hatte das Empfinden, sie müsse, sie
+_müsse_ sich noch gestern zeigen. Aber sie zeigte sich nicht, und ich
+wurde traurig. Ich ging im Garten umher und sah bei dem leichten Winde
+etwas Merkwürdiges: an der Silberpappel zerflatterten die überreifen
+Kätzchen und ihr Samenflaum flog rings umher, füllte die ganze Luft wie
+mit Schneeflocken, bedeckte die Erde und den ganzen Hof; das sah so
+geisterhaft aus, wie der Silberflaum herumflatterte! Die Silberpappel
+blüht später als alle anderen Kätzchenträger, und dank dieser üppigen
+Samenausstreuung verbreitet sie sich sehr weit, ihre kleinen Schößlinge
+sprießen wie Unkraut aus allen Ritzen an der Mauer und zwischen
+Steinen.
+
+Dann wurde ich um 6, wie immer, wieder eingesperrt, saß traurig mit
+einem dumpfen Druck im Kopf am Fenster, denn es war schwül, und blickte
+hinauf, wo unter weißen, flockigen Wolken auf pastellblauem Grund in
+schwindelnder Höhe die Schwalben munter herumschossen und mit ihren
+spitzen Flügeln die Luft wie mit Scherchen zu zerschneiden schienen.
+Bald verdunkelte sich aber der Himmel, alles verstummte, und es gab ein
+Gewitter mit heftigem Platzregen und zwei krachenden Donnerschlägen, bei
+denen alles erbebte. Daraus folgte ein Bild, das mir unvergeßlich bleibt.
+Das Gewitter hatte sich bald weiter verzogen, der Himmel wurde dick
+einfarbig grau, eine stumpfe, fahle, gespenstische Dämmerung senkte
+sich plötzlich auf die Erde, es war, wie wenn dichte graue Schleier
+herabhingen; der Regen rieselte ganz leise und gleichmäßig auf die
+Blätter, das Wetterleuchten flammte einmal über das andere purpurrot in
+das bleierne Grau auf, und ein fernes Grollen des Donners rollte immer
+wieder wie letzte schwache Wellen einer Brandung heran. Und mitten in
+all dieser gespenstischen Stimmung schlug plötzlich vor meinem Fenster
+auf dem Ahorn die Nachtigall! Mitten in all dem Regen, im Wetterleuchten,
+im Donner schmetterte sie wie eine helle Glocke, sie sang wie berauscht,
+wie besessen, wollte den Donner übertönen, die Dämmerung erhellen --
+ich habe nie so Schönes gehört. Ihr Gesang wirkte auf dem Hintergrund
+des abwechselnd bleiernen und purpurnen Himmels wie leuchtendes
+Silbergeflimmer. Das war so geheimnisvoll, so unbegreiflich schön,
+und ich wiederholte unwillkürlich den letzten Vers jenes Goetheschen
+Gedichts: »O wärst Du da!« ...
+
+ Stets Ihre
+
+ Rosa.
+
+
+ Wronke, den 1. 6. 1917.
+
+... die Orchideen überhaupt kenne ich gut; in dem wundervollen
+Gewächshaus in Frankfurt a. M., wo eine ganze Abteilung mit ihnen
+angefüllt ist, habe ich sie damals nach meinem Prozeß, wo ich das Jahr
+gekriegt habe, mehrere Tage fleißig studiert. Ich finde, sie haben in
+ihrer leichten Grazie und den phantastischen, unnatürlichen Formen etwas
+so Raffiniertes, Dekadentes. Sie wirken auf mich, wie die zierlichen
+gepuderten Marquisen des Rokoko. Ich bewundere sie mit einem inneren
+Widerstreben und einer gewissen Unruhe, wie meiner Natur überhaupt alles
+Dekadente und Perverse zuwider ist. Viel mehr Freude habe ich z. B. an
+dem einfachen Löwenzahn, der so viel Sonne in seiner Farbe hat und so
+ganz wie ich dem Sonnenschein sich voll und dankbar öffnet, beim
+geringsten Schatten aber wieder scheu verschließt.
+
+Was für Abende jetzt und was für Nächte! Gestern lag ein unbeschreiblicher
+Zauber auf allem. Der Himmel war spät nach Sonnenuntergang von leuchtender
+Opalfarbe mit Streifen von unbestimmter Farbe verschmiert, ganz wie eine
+große Palette, auf der der Maler nach fleißiger Tagesarbeit seine Pinsel
+mit breiter Geste abgewischt hat, um zur Ruhe zu gehen. In der Luft lag
+ein bißchen Gewitterschwüle, eine leichte herzbeklemmende Spannung; die
+Sträucher standen völlig regungslos, die Nachtigall ließ sich nicht
+hören, aber der unermüdliche »Gartenspötter« mit dem schwarzen Köpfchen
+hupfte noch in den Ästen herum und rief schrill. Alles schien auf etwas
+zu warten. Ich stand am Fenster und wartete gleichfalls -- weiß Gott auf
+was. Nach »Einschluß« um sechs habe ich ja zwischen Himmel und Erde auf
+nichts mehr zu warten....
+
+
+ Wronke, den 20. Juli 1917.
+
+Sonitschka, mein Liebling, da mein Ableben hier sich doch länger
+hinzieht, als ich ursprünglich annahm, sollen Sie noch einen letzten
+Gruß aus Wronke kriegen. Wie konnten Sie denken, ich würde Ihnen keine
+Briefe mehr schreiben! In meiner Gesinnung Ihnen gegenüber hat sich
+nichts geändert, konnte sich nichts ändern. Ich schrieb nicht, weil ich
+Sie seit der Abreise von Ebenhausen im Trubel von tausenderlei Dingen
+wußte, zum Teil wohl auch, weil ich vorübergehend nicht in Stimmung war.
+
+Daß es mit mir nach Breslau geht, wissen Sie wohl schon. Hier habe ich
+heute früh von meinem Gärtlein Abschied genommen. Das Wetter ist grau,
+stürmisch und regnerisch, am Himmel jagen zerfetzte Wolken, und doch
+habe ich meinen üblichen Frühspaziergang heute in vollen Zügen genossen.
+Ich nahm Abschied von dem gepflasterten, schmalen Weg an der Mauer
+entlang, auf dem ich nun fast neun Monate hin- und hergelaufen bin, in
+dem ich nun schon jeden Stein und jedes Unkräutlein, das zwischen den
+Steinen wächst, genau kenne. An den Pflastersteinen interessieren mich
+die bunten Farben: rötlich, bläulich, grün, grau. Namentlich in dem
+langen Winter, der so sehr auf ein bißchen lebendiges Grün warten ließ,
+haben meine farbenhungrigen Augen sich an den Steinen ein wenig Buntheit
+und Anregung zu schafften gesucht. Und jetzt im Sommer erst, da gab es
+zwischen den Steinen so viel Eigenartiges und Interessantes zu sehen!
+Hier hausen nämlich massenhaft wilde Bienen und Wespen. Sie bohren
+zwischen den Steinen nußgroße, runde Löcher und weiter tiefe Gänge
+hinein, schaffen dabei die Erde von innen an die Oberfläche und schichten
+sie zu ganz hübschen Häuflein auf. Drinnen legen sie ihre Eier und
+arbeiten Wachs und wilden Honig; es ist ein beständiges Hineinschlüpfen
+und Herausfliegen und ich mußte beim Spazierengehen sehr aufpassen, um
+die unterirdischen Wohnungen nicht zu verschütten. Dann ziehen an
+mehreren Stellen die Ameisen quer über den Weg gerade ihre Pfade, auf
+denen sie beständig hin- und herlaufen, so auffallend gradlinig, wie
+wenn sie den mathematischen Satz im Leibe hätten, daß die gerade Linie
+die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten ist (was zum Beispiel
+primitiven Völkern völlig unbekannt ist). Dann wuchert das üppigste
+Unkraut an der Mauer; die einen Pflänzlein schon verblüht und in Flocken
+zerflatternd, die anderen unermüdlich weiter knospend. Dann gibt es eine
+ganze Generation junger Bäumchen, die in diesem Frühjahr, unter meinen
+Augen, auf der Erde mitten am Weg oder an der Mauer emporgesprossen
+sind; eine kleine Akazie, offenbar von einer heruntergefallenen Schote
+des alten Baumes heuer aufgekeimt. Mehrere kleine Silberpappeln,
+gleichfalls erst seit Mai auf der Welt, aber schon im üppigen Schmuck
+weißgrüner Blätter, die sie im Sturme zierlich wiegen, ganz wie die
+alten. Wievielmal habe ich ihren Weg durchmessen, wie Verschiedenes
+dabei innerlich erlebt und gedacht! Im strengen Winter, nach frischem
+Schneefall, habe ich oft erst mit meinen Füßen mir einen Pfad gebahnt,
+dabei begleitet von meiner geliebten, kleinen Kohlmeise, die ich im
+Herbst wiederzusehen hoffte und die mich nicht mehr finden wird, wenn
+sie an den bekannten Futterplatz am Fenster kommt. Im März, als wir
+mitten unter hartem Frost ein paar Tage Tauwetter kriegten, verwandelte
+sich mein Weg in ein Flüßchen. Ich weiß noch, wie unter dem lauen Wind
+sich auf der Wasserfläche kleine Wellchen kräuselten, und die Backsteine
+der Mauer sich darauf lebhaft und blank spiegelten, Dann kam endlich der
+Mai und das erste Veilchen an der Mauer, das ich Ihnen schickte.
+
+Wie ich so heute hinüber wanderte, betrachtete und sann, summte mir im
+Kopf immerzu der Vers von Goethe:
+
+ »Merlin der Alte im leuchtenden Grabe
+ wo ich als Jüngling gesprochen ihn habe ...«
+
+Sie kennen das ja weiter. Das Gedicht stand natürlich in gar keinem
+Zusammenhang mit meiner Stimmung und dem, was mich innerlich beschäftigte.
+Es war nur die Musik der Worte und der seltsame Zauber des Gedichtes,
+was mich in Ruhe wiegte. Ich weiß selbst nicht, woher es kommt, daß
+ein schönes Gedicht, besonders Goethe, bei jeder starken Erregung
+oder Erschütterung auf mich so tief einwirkt. Es ist schon fast eine
+physiologische Wirkung, als wenn ich ein köstliches Getränk mit durstenden
+Lippen schlürfte, das mich innerlich kühlt und Leib und Seele gesund
+macht. Das Gedicht aus dem westöstlichen Divan, das Sie in Ihrem letzten
+Brief erwähnen, kenne ich nicht; schreiben Sie es mir bitte ab. Und noch
+eins möchte ich seit langem haben, das in meinem hiesigen Goethebändchen
+fehlt, »Blumengruß«. Das ist ein kleines Gedichtlein von vier bis sechs
+Zeilen, ich kenne es aus einem Wolffschen Lied, das unbeschreiblich
+schön ist. Namentlich der Schlußvers, etwa so:
+
+ »Ich habe sie gepflücket
+ In heißer Sehnsuchtsqual,
+ Ich habe sie ans Herz gedrücket,
+ Ach, wohl eintausendmal!«
+
+Das klingt in der Musik so heilig, zart und keusch, wie ein Niederknien
+in stummer Anbetung. Aber ich weiß den Text nicht mehr und möchte ihn
+haben.
+
+Gestern abend, so um neun, habe ich noch ein herrliches Schauspiel
+gehabt. Ich bemerkte von meinem Sofa aus in der Fensterscheibe den
+leuchtenden Reflex einer Rosafarbe, die mich überraschte, da der Himmel
+ganz grau war. Ich lief zum Fenster und blieb wie gebannt stehen. Auf
+dem völlig grauen Einerlei des Himmels türmte sich im Osten eine große
+Wolke von so überirdisch schöner rosa Farbe, so allein für sich losgelöst
+von allem, daß sie wie ein Lächeln aussah, wie ein Gruß aus unbekannter
+Ferne. Ich atmete wie befreit auf und streckte unwillkürlich beide Hände
+dem zauberhaften Bild entgegen. Wenn es solche Farben, solche Formen
+gibt, dann ist das Leben schön und lebenswert, nicht wahr? Ich sog mich
+mit den Blicken fest an das leuchtende Bild und verschlang jeden rosigen
+Strahl aus ihm, bis ich plötzlich selbst über mich auflachen mußte. Herr
+Gott, der Himmel und die Wolken und die ganze Schönheit des Lebens bleiben
+doch nicht in Wronke, daß ich von ihnen Abschied zu nehmen brauchte; nein,
+sie gehen mit mir fort und bleiben mit mir, wo ich auch bin und so lange
+ich lebe.
+
+Bald berichte ich Ihnen von Breslau, besuchen Sie mich dort, sobald Sie
+können. Grüßen Sie herzlich Karl.
+
+Ich umarme Sie vielmals. Auf Wiedersehen in meinem neunten Gefängnis.
+
+ Ihre treue
+
+ Rosa.
+
+
+
+
+AUS BRESLAU
+
+
+ Breslau, den 2. 8. 1917.
+
+Meine liebe Sonitschka, Ihr Brief, den ich am 28. erhielt, war die erste
+Nachricht, die mich hier von der Außenwelt erreichte, und Sie können
+sich leicht denken, wie sehr ich mich darüber freute. Meine Übersiedlung
+nehmen Sie, in Ihrer liebevollen Sorge um mich, entschieden zu tragisch
+... Ich nehme, wie Sie wissen, alle Wendungen des Schicksals mit dem
+nötigen, heiteren Gleichmut hin. Ich habe mich schon hier gut eingelebt,
+heute sind meine Kisten mit Büchern aus Wronke angekommen, bald werden
+also meine zwei Zellen hier mit den Büchern und Bildchen und dem
+bescheidenen Zierrat, den ich sonst mit herumschleppe, wieder so
+anheimelnd und behaglich aussehen, wie in Wronke, und ich werde mit
+doppelter Lust an die Arbeit gehen. Was mir hier fehlt, ist natürlich
+die relative Bewegungsfreiheit, die ich dort hatte, wo die Festung den
+ganzen Tag offen stand, während ich hier einfach eingesperrt bin, dann
+die herrliche Luft, der Garten und vor allem die Vögel! Sie haben keine
+Ahnung, wie ich an dieser kleinen Gesellschaft hänge. Aber das alles
+kann man natürlich entbehren, und bald werde ich vergessen, daß ich es
+je besser hatte als hier. Die ganze Situation hier ist so ziemlich genau
+wie in der Barnimstraße, nur der hübsche, grüne Lazaretthof fehlt, in
+dem ich doch jeden Tag irgendeine kleine botanische oder zoologische
+Entdeckung machen konnte. Hier gibt es auf dem großen, gepflasterten
+Wirtschaftshof, der mir zum Spaziergang dient, nichts »zu entdecken«.
+Und ich hefte krampfhaft meine Blicke beim Wandeln auf die grauen
+Pflastersteine, um dem Anblick der im Hofe beschäftigten Gefangenen zu
+entgehen, die mir stets in ihrer diffamierenden Tracht eine Pein sind
+und unter denen sich immer ein paar finden, bei denen Alter, Geschlecht,
+individuelle Züge unter dem Stempel der tiefsten menschlichen Degradation
+verwischt sind, ja aber gerade durch einen schmerzlichen Magnetismus
+immer wieder meine Blicke anziehen. Freilich gibt es auch überall
+einzelne Gestalten, denen sogar die Gefängnistracht nichts anhaben kann
+und die ein Malerauge erfreuen würden. So entdeckte ich schon hier eine
+junge Arbeiterin im Hofe, deren schlanke, knappe Formen, sowie der
+tuchumwundene Kopf mit dem strengen Profil, direkt eine Millet-Gestalt
+abgäbe; es ist ein Genuß zu sehen, mit welchem Adel der Bewegungen sie
+Lasten schleppt, und das magere Gesicht mit der straff anliegenden Haut
+und dem gleichmäßig kreideweißen Teint erinnert an eine tragische
+Pierrotmaske. Aber gewitzigt durch traurige Erfahrungen suche ich
+solchen vielversprechenden Erscheinungen weit aus dem Wege zu gehen.
+In der Barnimstraße hatte ich nämlich auch eine Gefangene entdeckt von
+wahrhaft königlicher Gestalt und Haltung und dachte mir ein entsprechendes
+»Interieur« dazu. Dann kam sie als Kalfaktrice auf meine Station, und es
+zeigte sich nach zwei Tagen, daß unter dieser schönen Maske ein solches
+Maß von Dummheit und niedriger Gesinnung steckte, daß ich fortan die
+Blicke immer abwendete, wenn sie mir in den Weg lief. Ich dachte mir
+damals, daß die Venus von Milo am Ende nur deshalb ihre Reputation als
+schönste der Frauen durch Jahrhunderte hat bewahren können, weil sie
+schweigt. Würde sie den Mund auftun, wäre vielleicht der ganze Charme
+zum Teufel.
+
+Mein vis-à-vis ist das Männergefängnis, der übliche düstere rote
+Backsteinbau. Aber quer über die Mauer sehe ich die grünen Baumwipfel
+irgendeiner Anlage; eine große Schwarzpappel, die bei stärkerem Luftzug
+vernehmlich rauscht und eine Reihe viel hellerer Edeleschen, die mit
+gelben Schotenbündeln behängt sind. Die Fenster geben auf Nordwest
+Aussicht, so daß ich manchmal schöne Abendwolken sehe, und Sie wissen,
+daß mich eine solche rosige Wolke allein entzücken und für alles
+entschädigen kann. In diesem Augenblicke, 8 Uhr abends (in Wirklichkeit
+also 7), ist die Sonne kaum hinter den Giebeln des Männergefängnisses
+gesunken, sie scheint noch grell durch die Glasbodenluke im Dache und
+der ganze Himmel leuchtet goldig. Ich fühle mich sehr wohl und muß --
+ich weiß selbst nicht warum -- das Ave Maria von Gounod leise vor mich
+hinsingen (Sie kennen es wohl).
+
+Vielen Dank für die abgeschriebenen Goethesachen. »Die berechtigten
+Männer« sind in der Tat schön, obschon sie mir von selbst nicht
+aufgefallen wären; man läßt sich ja auch manchmal die Schönheit eines
+Dinges suggerieren. Ich möchte Sie noch bitten, mir gelegentlich
+»Anakreons Grab« abzuschreiben. Kennen Sie es gut? Ich habe es natürlich
+erst durch Hugo Wolffsche Musik richtig verstanden; im Lied macht es
+geradezu einen architektonischen Eindruck; man meint einen griechischen
+Tempel vor sich zu sehen.
+
+Jetzt eben -- ich habe eine kleine Pause gemacht, um den Himmel zu
+beobachten -- ist die Sonne schon viel tiefer hinter dem Gebäude
+versunken und hoch oben schweben -- weiß Gott woher -- lautlos
+zusammengelaufene Myriaden kleiner Wölkchen, die am Rande silbrig
+leuchten, in der Mitte zart grau sind und alle ihre zerfetzten Umrisse
+nach dem Norden steuern. Es liegt so viel Unbekümmertheit und kühles
+Lächeln in diesem Wolkenflug, daß ich mitlächeln muß, wie ich immer den
+Rhythmus des umgebenden Lebens mitmachen muß. Wie könnte man bei solchem
+Himmel »bös« oder kleinlich sein? Vergessen Sie bloß nie, um sich zu
+blicken, dann werden Sie immer wieder »gut« sein.
+
+Daß Karl ein Buch speziell über den Vogelgesang will, wundert mich ein
+wenig. Für mich ist die Stimme der Vögel untrennbar von ihrem ganzen
+Habitus und ihrem Leben, nur das Ganze interessiert mich, nicht irgendein
+losgerissenes Detail. Geben Sie ihm ein gutes Buch über Tiergeographie,
+das wird ihm sicher viel Anregung geben. Hoffentlich kommen Sie bald zu
+Besuch zu mir. Sobald Sie Erlaubnis haben, telegraphieren Sie mir.
+
+Ich umarme Sie vielmals
+
+ Ihre Rosa.
+
+Gott, Gnade mir. 8 Seiten sinds geworden, nun, für diesmal mags hingehen.
+Dank für die Bücher.
+
+
+ Mitte November 1917.
+
+ Meine geliebte Sonitschka,
+
+ich hoffe, bald Gelegenheit zu haben, Ihnen endlich wieder diesen Brief
+zu schicken, und greife mit Sehnsucht zur Feder. Wie lange mußte ich
+jetzt die liebe Gewohnheit entbehren, mit Ihnen wenigstens auf dem
+Papier zu plaudern! Aber es ging nicht, die wenigen Briefe, die ich
+schreiben durfte, mußte ich für Hans D. aufsparen, der ja darauf wartete.
+Nun ist es damit vorbei, meine zwei letzten Briefe waren schon an einen
+Toten geschrieben, einen habe ich schon zurückgekriegt. Unfaßbar bleibt
+mir die Tatsache immer noch. Doch reden wir lieber nicht darüber, ich
+mache solche Sachen am liebsten mit mir allein ab, und wenn man mich
+»schonend« auf die schlimme Nachricht vorzubereiten und durch eigenes
+Wehklagen »trösten« will, wie N. es tat, so irritiert mich das unsagbar.
+Daß mich meine nächsten Freunde immer noch so wenig kennen und so
+unterschätzen, daß sie nicht begreifen: das beste und feinste in solchen
+Fällen ist, mir schleunigst aber kurz und einfach die zwei Worte zu
+sagen: er ist tot -- -- -- das kränkt mich, doch Schluß damit.
+
+.... Wie schade um die Monate und Jahre, die jetzt vergehen und in
+denen wir zusammen so viel schöne Stunden verleben könnten, trotz all
+dem Schrecklichen, was in der Welt vorgeht. Wissen Sie, Sonitschka, je
+länger das dauert und je mehr das Niederträchtige und Ungeheuerliche,
+das jeden Tag passiert, alle Grenzen und Maße übersteigt, um so ruhiger
+und fester werde ich, wie man gegenüber einem Element, einem Buran,
+einer Wasserflut, einer Sonnenfinsternis, nicht sittliche Maßstäbe
+anwenden kann, sondern sie nur als etwas Gegebenes, als Gegenstand der
+Forschung und Erkenntnis betrachten muß.
+
+Dies sind offenbar die objektiv einzig möglichen Wege der Geschichte und
+man muß ihr folgen, ohne sich an der Hauptrichtung beirren zu lassen.
+Ich habe das Gefühl, daß dieser ganze moralische Schlamm, durch den wir
+waten, dieses große Irrenhaus, in dem wir leben, auf ein Mal, so von
+heute auf morgen wie durch einen Zauberstab ins Gegenteil umschlagen, in
+ungeheuer Großes und Heldenhaftes umschlagen kann, und -- -- wenn der
+Krieg noch ein paar Jahre dauern wird -- -- umschlagen _muß_.... Lesen
+Sie mal »Les dieux ont soif« von An. France. Ich halte das Werk für
+so groß hauptsächlich deshalb, weil es mit genialem Blick für das
+Allmenschliche zeigt: Seht, aus solchen Jammergestalten und solcher
+alltäglichen Kleinlichkeit werden in entsprechenden Momenten der
+Geschichte die riesenhaftesten Ereignisse und die monumentalsten Gesten
+gemacht. Man muß alles im gesellschaftlichen Geschehen wie im Privatleben
+nehmen: ruhig, großzügig und mit einem milden Lächeln. Ich glaube fest
+daran, daß sich schließlich alles nach dem Kriege oder zum Schluß des
+Krieges zum Richtigen wendet, aber wir müssen offenbar erst durch eine
+Periode der schlimmsten menschlichen Leiden waten.
+
+ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
+
+Apropos, meine letzten Worte wecken in mir eine andere Vorstellung, eine
+Tatsache, die ich Ihnen mitteilen möchte, weil sie mir so poetisch und
+so rührend vorkam. Ich las neulich in einem wissenschaftlichen Werk über
+den Vogelzug, der ja bis jetzt ein ziemlich rätselhaftes Phänomen
+darstellt, daß dabei beobachtet worden ist, wie verschiedene Arten, die
+sich sonst als Todfeinde befehden und auffressen, friedlich nebeneinander
+die große Reise südwärts übers Meer machen: nach Ägypten kommen zum
+Winter gewaltige Scharen von Vögeln, die wie Wolken in der Höhe
+schwirren und den Himmel verdunkeln, und in diesen Scharen fliegen
+mitten unter Raubvögeln, Habichten, Adlern, Falken, Eulen, tausende von
+kleinen Singvögeln, wie Lerchen, Goldhähnchen, Nachtigallen, ohne jede
+Angst mitten unter Raubvögeln, die ihnen sonst nachstellen. Auf der
+Reise scheint also stillschweigend eine trève de dieu zu herrschen, alle
+streben dem gemeinsamen Ziel zu, und fallen halbtot vor Erschöpfung am
+Nil auf die Erde, um sich nach Arten und Landsmannschaften zu sondern.
+Ja, noch mehr, man hat beobachtet, daß auf dieser Reise »über den großen
+Teich« große Vögel viele kleine auf ihrem Rücken transportieren, so hat
+man Scharen von Kranichen vorüberziehen sehen, auf deren Rücken winzige
+Zugvögelchen lustig zwitscherten! Ist das nicht reizend?
+
+..... Ich habe neulich in einer sonst geschmacklosen und kunterbunten
+Sammlung von Gedichten eins von Hugo v. Hoffmannsthal entdeckt.[4] Ich
+mag ihn sonst gar nicht, finde ihn gesucht, raffiniert, unklar, ich
+verstehe ihn einfach gar nicht. Dieses Gedicht aber gefiel mir sehr und
+hat auf mich einen starken poetischen Eindruck gemacht. Ich lege es
+Ihnen anbei, vielleicht macht es Ihnen auch Vergnügen.
+
+Ich bin jetzt tief in der Geologie. Sie wird Ihnen wohl als eine sehr
+trockene Wissenschaft vorkommen, das ist aber ein Irrtum. Ich lese sie
+mit fieberhaftem Interesse und leidenschaftlicher Befriedigung, sie
+erweitert kolossal den geistigen Horizont und verschafft eine so
+einheitliche allumfassende Vorstellung von der Natur, wie keine
+Wissenschaft es vermag. Ich möchte Ihnen eine Menge davon erzählen,
+aber dazu müßten wir uns _sprechen_ können, zusammen an einem Vormittag
+am Südender Feld schlendern oder einander an einer stillen Mondnacht
+ein paarmal gegenseitig nach Hause hinüber begleiten. Was lesen Sie?
+Wie stehts mit der Lessing-Legende? Ich will von Ihnen alles wissen!
+Schreiben Sie -- wenn es geht -- _sofort_ auf demselben Wege, oder
+wenigstens auf dem offiziellen Wege, ohne diesen Brief zu erwähnen.
+Ich zähle auch schon im stillen die Wochen, bis ich Sie wieder hier
+sehen werde. Das wird doch wohl bald nach Neujahr sein, nicht wahr?
+
+Was schreibt Karl? Wann werden Sie ihn wieder sehen? Grüßen Sie ihn
+tausendmal von mir. Ich umarme Sie und drücke Ihnen fest die Hand,
+meine liebe, liebe Sonitschka! Schreiben Sie bald und viel.
+
+ Ihre Rosa.
+
+
+ Breslau, 24. 11. 17.
+
+... Sie irren sich, daß ich von vornherein gegen die modernen Dichter
+bin. Vor etwa 15 Jahren habe ich Dehmel mit Begeisterung gelesen --
+irgendeine Prosasache von ihm -- am Sterbelager einer geliebten Frau
+-- ich habe eine dunkle Erinnerung -- hat mich entzückt. Arno Holz'
+Phantasus kann ich jetzt noch auswendig. Johann Schlaf's »Frühling« hat
+mich damals hingerissen. Dann bin ich abgekommen und zu Goethe und
+Mörike zurückgekehrt, Hoffmannsthal verstehe ich nicht, George kenn ich
+nicht. Es ist wahr: ich fürchte bei ihnen allen ein wenig die meisterhafte
+vollendete Beherrschung der Form, des poetischen Ausdrucksmittels und
+das Fehlen einer großen, edlen Weltanschauung dabei. Dieser Zwiespalt
+klingt mir so hohl in der Seele, daß mir dadurch die schöne Form zur
+Fratze wird. Sie geben gewöhnlich wunderbare Stimmungen wieder. Aber
+Stimmungen machen noch keinen Menschen.
+
+Sonitschka, es sind so zauberhafte Abende jetzt, wie im Frühling. Ich
+gehe um 4 Uhr herunter in den Hof, es dämmert schon, dann sehe ich die
+scheußliche Umgebung in geheimnisvolle Schleier der Dunkelheit gehüllt,
+dafür leuchtet in heller Bläue der Himmel und ein silberner, klarer Mond
+schwimmt darauf. Um diese Stunde ziehen jeden Tag quer über dem Hof
+hoch oben Hunderte von Krähen im lockeren, weiten Band nach den Feldern
+hinaus, zu ihrem »Schlafbaum«, wo sie zur Nacht rasten. Sie ziehen mit
+gemächlichem Flügelschlag und tauschen merkwürdige Rufe aus -- ganz
+anders als das scharfe »krah«, mit dem sie bei Tag raubgierig nach Beute
+jagen. Jetzt klingt das gedämpft und weich, ein tiefer Kehllaut, der auf
+mich wirkt wie eine kleine Metallkugel. Und wenn mehrere abwechselnd
+dieses »kau--kau« gurgelnd ausstoßen, ist mir, als ob sie spielend
+einander Metallkügelchen zuwerfen, die in der Luft im Bogen schweben.
+Es ist ein richtiges Geplauder von dem Erleben »vom Tage, vom heute
+gewesenen Tage« ... Sie kommen mir so ernst und wichtig vor, wie sie so
+jeden Abend ihrer Sitte und vorgezeichneten Bahn folgen, ich empfinde
+wie Ehrfurcht für diese großen Vögel, denen ich mit gehobenem Kopf
+nachschaue, bis zum letzten. Dann wandle ich in der Dunkelheit hin und
+her und sehe die Gefangenen, die eilig ihre Arbeiten noch im Hofe
+verrichten, wie undeutliche Schatten herumhuschen und freue mich, daß
+ich selbst unsichtbar bin -- so allein, so frei mit meinen Träumereien
+und den verstohlenen Grüßen zwischen mir und dem Krähenzug droben -- mir
+ist so wohl bei dem linden, frühlingsmäßigen Luftzug. Dann gehen die
+Gefangenen mit den schweren Kesseln (Abendsuppe!) durch den Hof ins
+Haus, zwei und zwei, marschmäßig, zehn Paar hintereinander; ich folge
+als letzte; im Hof, in den Wirtschaftsgebäuden verlöschen allmählich die
+Lichter, ich trete ins Haus und die Türen werden zweimal verschlossen
+und zugeriegelt -- der Tag ist aus. Ich fühle mich so wohl, trotz des
+Schmerzes um Hans (Dr. Hans Dieffenbach, einer der besten Freunde
+R. L., ist im Kriege gefallen. Die Herausgeber). Ich lebe nämlich in
+einer Traumwelt, in der er gar nicht gestorben ist. Für mich lebt er
+weiter und ich lächle ihm oft zu, wenn ich an ihn denke.
+
+Sonitschka, leben Sie wohl. Ich freue mich so auf Ihr Kommen. Schreiben
+Sie bald wieder -- vorläufig offiziell -- das geht ja auch -- und dann
+durch Gelegenheit.
+
+Ich umarme Sie.
+
+ Ihre Rosa.
+
+
+ Breslau, Mitte Dezember 1917.
+
+... Jetzt ist es ein Jahr, daß Karl in Luckau sitzt. Ich habe in diesem
+Monat oft daran gedacht und genau vor einem Jahr waren Sie bei mir in
+Wronke, haben mir den schönen Weihnachtsbaum beschert ... Heuer habe ich
+mir hier einen besorgen lassen, aber man brachte mir einen ganz schäbigen,
+mit fehlenden Ästen -- kein Vergleich mit dem vorjährigen. Ich weiß nicht,
+wie ich darauf die acht Lichtlein anbringe, die ich erstanden habe. Es
+ist mein drittes Weihnachten im Kittchen, aber nehmen Sie es ja nicht
+tragisch. Ich bin so ruhig und heiter wie immer. Gestern lag ich lange
+wach -- ich kann jetzt nie vor ein Uhr einschlafen, muß aber schon um
+zehn ins Bett -- dann träume ich verschiedenes im Dunkeln. Gestern dachte
+ich also: Wie merkwürdig das ist, daß ich ständig in einem freudigen
+Rausch lebe -- ohne jeden besonderen Grund. So liege ich zum Beispiel
+hier in der dunklen Zelle auf einer steinharten Matratze, um mich im
+Hause herrscht die übliche Kirchhofsstille, man kommt sich vor wie im
+Grabe; vom Fenster her zeichnet sich auf der Decke der Reflex der Laterne,
+die vor dem Gefängnis die ganze Nacht brennt. Von Zeit zu Zeit hört man
+nur ganz dumpf das ferne Rattern eines vorbeigehenden Eisenbahnzuges
+oder ganz in der Nähe unter den Fenstern das Räuspern der Schildwache,
+die in ihren schweren Stiefeln ein paar Schritte langsam macht, um die
+steifen Beine zu bewegen. Der Sand knirscht so hoffnungslos unter diesen
+Schritten, daß die ganze Öde und Ausweglosigkeit des Daseins daraus klingt
+in die feuchte dunkle Nacht. Da liege ich still allein, gewickelt in diese
+vielfachen schwarzen Tücher der Finsternis, Langeweile, Unfreiheit, des
+Winters -- und dabei klopft mein Herz von einer unbegreiflichen,
+unbekannten inneren Freude, wie wenn ich im strahlenden Sonnenschein
+über eine blühende Wiese gehen würde. Und ich lächle im Dunkeln dem
+Leben, wie wenn ich irgendein zauberhaftes Geheimnis wüßte, das alles
+Böse und Traurige Lügen straft und in lauter Helligkeit und Glück
+wandelt. Und dabei suche ich selbst nach einem Grund zu dieser Freude,
+finde nichts und muß wieder lächeln über mich selbst. Ich glaube, das
+Geheimnis ist nichts anderes, als das Leben selbst; die tiefe nächtliche
+Finsternis ist so schön und weich wie Sammet, wenn man nur richtig
+schaut. Und in dem Knirschen des feuchten Sandes unter den langsamen
+schweren Schritten der Schildwache singt auch ein kleines schönes Lied
+vom Leben -- wenn man nur richtig zu hören weiß. In solchen Augenblicken
+denke ich an Sie und möchte Ihnen so gern diesen Zauberschlüssel
+mitteilen, damit Sie immer, und in allen Lagen das Schöne und Freudige
+des Lebens wahrnehmen, damit Sie auch im Rausch leben und wie über eine
+bunte Wiese gehen. Ich denke ja nicht daran, Sie mit Asketentum, mit
+eingebildeten Freuden abzuspeisen. Ich gönne Ihnen alle reellen
+Sinnesfreuden. Ich möchte Ihnen nur noch dazu meine unerschöpfliche
+innere Heiterkeit geben, damit ich um Sie ruhig bin, daß Sie in einem
+sternbestickten Mantel durchs Leben gehen, der Sie vor allem Kleinen,
+Trivialen und Beängstigenden schützt.
+
+Sie haben im Steglitzer Park einen schönen Strauß aus schwarzen und
+rosavioletten Beeren gepflückt. Für die schwarzen Beeren kommen in
+Betracht entweder Hollunder -- seine Beeren hängen in schweren dichten
+Trauben zwischen großen gefiederten Blattwedeln, sicher kennen Sie sie,
+oder, wahrscheinlicher, Liguster; schlanke zierliche aufrechte Rispen
+von Beeren und schmale, längliche grüne Blättchen. Die rosigvioletten
+unter kleinen Blättchen versteckten Beeren können die der Zwergmispel
+sein; sie sind zwar eigentlich rot, aber in dieser späten Jahreszeit ein
+bißchen schon überreif und angefault, erscheinen sie oft violettrötlich;
+die Blättchen sehen der Myrthe ähnlich, klein, spitz am Ende, dunkelgrün
+und lederig oben, unten rauh.
+
+Sonjuscha, kennen Sie Platens: »Verhängnisvolle Gabel?« Könnten Sie es
+mir schicken oder bringen? Karl hat einmal erwähnt, daß er sie zu Hause
+gelesen hat. Die Gedichte Georges sind schön; jetzt weiß ich, woher der
+Vers: »Und unterm Rauschen rötlichen Getreides!« ... stammt, den Sie
+gewöhnlich hersagten, wenn wir im Felde spazieren gingen. Können Sie mir
+gelegentlich den neuen »Amadis« abschreiben, ich liebe das Gedicht so
+sehr -- natürlich dank Hugo Wolffs Lied -- habe es aber nicht hier. Lesen
+Sie weiter die Lessing-Legende? Ich habe wieder zu Langes Geschichte des
+Materialismus gegriffen, die mich stets anregt und erfrischt. Ich möchte
+so sehr, daß Sie sie mal lesen.
+
+Ach, Sonitschka, ich habe hier einen scharfen Schmerz erlebt; auf dem
+Hof, wo ich spaziere, kommen oft Wagen vom Militär, voll bepackt mit
+Säcken oder alten Soldatenröcken und Hemden, oft mit Blutflecken ...,
+die werden hier abgeladen, in die Zellen verteilt, geflickt, dann
+wieder aufgeladen und ans Militär abgeliefert. Neulich kam so ein Wagen,
+bespannt, statt mit Pferden, mit Büffeln. Ich sah die Tiere zum ersten
+Mal in der Nähe. Sie sind kräftiger und breiter gebaut als unsere
+Rinder, mit flachen Köpfen und flach abgebogenen Hörnern, die Schädel
+also unseren Schafen ähnlicher, ganz schwarz mit großen sanften Augen.
+Sie stammen aus Rumänien, sind Kriegstrophäen ... die Soldaten, die den
+Wagen führen, erzählen, daß es sehr mühsam war, diese wilden Tiere zu
+fangen und noch schwerer, sie, die an die Freiheit gewöhnt waren, zum
+Lastdienst zu benutzen. Sie wurden furchtbar geprügelt, bis daß für sie
+das Wort gilt »vae victis« ... An hundert Stück der Tiere sollen in
+Breslau allein sein; dazu bekommen sie, die an die üppige rumänische
+Weide gewöhnt waren, elendes und karges Futter. Sie werden schonungslos
+ausgenutzt, um alle möglichen Lastwagen zu schleppen und gehen dabei
+rasch zugrunde. -- Vor einigen Tagen kam also ein Wagen mit Säcken
+hereingefahren, die Last war so hoch aufgetürmt, daß die Büffel nicht
+über die Schwelle bei der Toreinfahrt konnten. Der begleitende Soldat,
+ein brutaler Kerl, fing an, derart auf die Tiere mit dem dicken Ende des
+Peitschenstieles loszuschlagen, daß die Aufseherin ihn empört zur Rede
+stellte, ob er denn kein Mitleid mit den Tieren hätte! »Mit uns Menschen
+hat auch niemand Mitleid«, antwortete er mit bösem Lächeln und hieb noch
+kräftiger ein ... Die Tiere zogen schließlich an und kamen über den Berg,
+aber eins blutete ... Sonitschka, die Büffelhaut ist sprichwörtlich an
+Dicke und Zähigkeit, und die war zerrissen. Die Tiere standen dann beim
+Abladen ganz still erschöpft und eins, das, welches blutete, schaute
+dabei vor sich hin mit einem Ausdruck in dem schwarzen Gesicht und den
+sanften schwarzen Augen, wie ein verweintes Kind. Es war direkt der
+Ausdruck eines Kindes, das hart bestraft worden ist und nicht weiß,
+wofür, weshalb, nicht weiß, wie es der Qual und der rohen Gewalt
+entgehen soll ... ich stand davor und das Tier blickte mich an, mir
+rannen die Tränen herunter -- es waren _seine_ Tränen, man kann um den
+liebsten Bruder nicht schmerzlicher zucken, als ich in meiner Ohnmacht
+um dieses stille Leid zuckte. Wie weit, wie unerreichbar, verloren die
+freien, saftigen, grünen Weiden Rumäniens! Wie anders schien dort die
+Sonne, blies der Wind, wie anders waren die schönen Laute der Vögel oder
+das melodische Rufen der Hirten. Und hier -- diese fremde schaurige
+Stadt, der dumpfe Stall, das ekelerregende, muffige Heu mit faulem Stroh
+gemischt, die fremden furchtbaren Menschen, und -- die Schläge, das
+Blut, das aus der frischen Wunde rinnt ... O, mein armer Büffel, mein
+armer, geliebter Bruder, wir stehen hier beide so ohnmächtig und stumpf
+und sind nur eins in Schmerz, in Ohnmacht, in Sehnsucht. -- Derweil
+tummelten sich die Gefangenen geschäftig um den Wagen, luden die
+schweren Säcke ab und schleppten sie ins Haus; der Soldat aber steckte
+beide Hände in die Hosentaschen, spazierte mit großen Schritten über den
+Hof, lächelte und pfiff leise einen Gassenhauer. Und der ganze herrliche
+Krieg zog an mir vorbei ...
+
+Schreiben Sie schnell, ich umarme Sie, Sonitschka.
+
+ Ihre Rosa.
+
+Sonjuscha, Liebste, seien Sie trotz alledem ruhig und heiter. So ist das
+Leben und so muß man es nehmen, tapfer, unverzagt und lächelnd -- trotz
+alledem.
+
+
+ Breslau, den 14. 1. 1918.
+
+Meine liebste Sonitschka, wie lange habe ich Ihnen nicht geschrieben!
+Ich glaube, es sind Monate her. Und auch heute weiß ich nicht einmal, ob
+Sie schon in Berlin sind, will aber hoffen, daß diese Zeilen Sie noch
+rechtzeitig zu Ihrem Geburtstag erreichen. Ich bat Mathilde, Ihnen von
+mir einen Orchideenstrauß zu schicken, nun liegt die Ärmste im Krankenhaus
+und wird wohl kaum meinen Auftrag ausführen können. Doch Sie wissen, daß
+ich in Gedanken und mit ganzem Herzen bei Ihnen bin und Sie an Ihrem
+Geburtstage ganz mit Blumen umgeben möchte: mit lila Orchideen, mit
+weißen Iris, mit stark duftenden Hyazinthen, mit allem, was zu haben
+ist. Vielleicht wird es mir wenigstens im nächsten Jahr[5] vergönnt
+sein, Ihnen an diesem Tage selbst Blumen zu bringen und mit Ihnen
+zusammen einen Spaziergang im Botanischen Garten und im Feld zu machen.
+Wie herrlich wäre das! Heute haben wir hier 0 Grad. Zugleich aber liegt
+in der Luft ein so linder erfrischender Frühlingshauch und oben schimmert
+zwischen dicken milchweißen Wolken ein so tiefer blauer Himmel, dazu
+schilpen die Spatzen ganz fröhlich, man könnte denken, es sei Ende März.
+Ich freue mich schon so auf den Frühling, das Einzige, was man nie satt
+kriegt, so lange man lebt, was man im Gegenteil mit jedem Jahr mehr zu
+würdigen und zu lieben versteht. Wissen Sie, Sonitschka, daß der Anfang
+des Frühlings in der organischen Welt, d. h. das Erwachen zum Leben
+_jetzt_ beginnt, Anfang Januar, ohne auf den Kalenderfrühling zu warten.
+Während nämlich nach dem Kalender erst der Winter beginnt, befinden wir
+uns in der größten, astronomischen Sonnennähe, und dies hat eine so
+geheimnisvolle Wirkung auf alles Leben, daß auch auf unserer nördlichen
+Halbkugel, die in Winterschnee eingehüllt ist, zu Beginn des Januar wie
+mit einem Zauberstab die Pflanzen- und Tierwelt erweckt wird. Die Knospen
+fangen jetzt an zu treiben, viele Tiere fangen die Fortpflanzung schon
+an. Neulich las ich bei Francé die Beobachtung, daß die hervorragendsten,
+wissenschaftlichen und literarischen Produktionen berühmter Männer in
+die Monate Januar-Februar fallen. Auch im Menschenleben soll also die
+Sonnenwende nach Weihnachten ein kritischer Moment sein und einen neuen
+Zustrom aller Lebenskräfte verursachen. Auch Sie, Sonitschka, sind so
+ein frühes Blümchen, das noch mitten im Schnee und Eis aufgesprossen ist
+und deshalb sein Lebenlang ein bißchen fröstelt, sich im Leben nicht
+heimisch fühlt und zarte Treibhauspflege braucht.
+
+Über Ihren Rodin zu Weihnachten habe ich mich mächtig gefreut und hätte
+Ihnen gleich gedankt, wenn mir Mathilde nicht gesagt hätte, daß Sie
+in Frankfurt sind. Was mich besonders angenehm berührt hat, ist der
+Natursinn Rodins, seine Ehrfurcht vor jedem Gräslein im Felde. Das
+muß ein Prachtmensch gewesen sein: offen, natürlich, überströmend von
+innerer Wärme und Intelligenz; er erinnert mich entschieden an Jaurès.
+Mögen Sie meinen Broodcoorens? Oder kannten Sie ihn schon? Mich hatte
+dieser Roman sehr ergriffen; namentlich die landschaftlichen Schilderungen
+sind von höchster poetischer Kraft. Dem Broodcoorens scheint offenbar,
+genau wie dem De Coster, daß »über dem Lande Flandern« die Sonne viel
+herrlicher auf- und untergeht als über der sonstigen Erde. Ich finde,
+daß die Flamen alle in ihr Ländchen förmlich verliebt sind, sie
+beschreiben es nicht wie ein Stück schöne Erde, sondern wie eine
+strahlende junge Braut. Und auch in dem düster-tragischen Ende finde
+ich eine Verwandtschaft der Farben mit den grandiosen Bildern im Till
+Eulenspiegel, z. B. mit der Demolierung des öffentlichen Hauses. Finden
+Sie nicht auch, daß diese Bücher im Kolorit ganz an Rembrandt erinnern:
+das Dunkle der ganzen Bilder, gemischt mit einem funkelnden Altgoldton;
+der verblüffendste Realismus aller Details und doch das Ganze in eine
+märchenhafte Phantasieregion entrückt.
+
+Im »Berl. Tageblatt« las ich, daß im Friedrich-Museum ein neuer großer
+Tizian hängt. Haben Sie ihn schon besucht? Ich gestehe, daß Tizian
+eigentlich nicht mein Freund ist, er ist mir zu geleckt und kalt, zu
+virtuos -- verzeihen Sie, wenn das vielleicht eine Majestätsbeleidigung
+ist, aber ich kann nicht anders als meiner unmittelbaren Empfindung
+folgen. Trotzdem wäre ich glücklich, wenn ich jetzt ins Friedrich-Museum
+könnte, um den neuen Gast zu besichtigen. Haben Sie auch den Kaufmannschen
+Nachlaß gesehen, von dem man so viel Wesens gemacht hat?
+
+Meine Lektüre sind jetzt verschiedene ältere Studien über Shakespeare
+aus den 60er und 70er Jahren, als man noch in Deutschland lebhaft über
+das Problem Shakespeare debattierte. Könnten Sie mir nicht aus der Kgl.
+Bibliothek oder aus der Reichstagsbibliothek beschaffen: Klein, Geschichte
+des italienischen Dramas; Schack, Geschichte der dramatischen Literatur
+in Spanien; Gervinus und Ulrici über Shakespeare? Wie stehen Sie selbst
+zu Shakespeare? Schreiben Sie bald! Ich umarme Sie und drücke Ihnen warm
+die Hand. Seien Sie ruhig und heiter, trotz alledem. Liebste Sonitschka,
+auf Wiedersehen!
+
+Wann wollen Sie kommen?!
+
+Sonjuscha, wollen Sie mir die Liebe tun: schicken Sie der Mathilde J.
+Hyazinthen von mir. Ich erstatte es Ihnen, wenn Sie hier sind.
+
+ Ihre Rosa.
+
+
+ Breslau, den 24. 3. 1918.
+
+Meine geliebte Sonitschka, wie lange habe ich Ihnen nicht mehr geschrieben
+und wie oft habe ich in dieser Zeit an Sie gedacht! Die »Zeitläufte«
+benehmen sogar mir zeitweilig die Lust zum Schreiben.... Wenn man jetzt
+zusammensein und, im Feld schlendernd, de omnibus rebus plaudern könnte,
+wäre es eine Wohltat, aber darauf ist gar keine Aussicht zur Zeit. Meine
+Beschwerde ist mit gründlicher Schilderung meiner Schlechtigkeit und
+Unverbesserlichkeit abgewiesen und ein Antrag, wenigstens auf kurzen
+Urlaub, desgleichen. Ich muß also wohl warten, bis wir die ganze Welt
+besiegen.
+
+Sonjuscha, wenn ich längere Zeit von Ihnen keine Nachricht habe, lebe
+ich in dem Gefühl, daß Sie dort einsam, unruhig, verdrossen und
+verzweifelt herumflattern, wie ein vom Baume losgelöstes Blatt im
+Winde, und das tut mir sehr weh. Schauen Sie, jetzt beginnt wieder der
+Frühling, die Tage werden schon so hell und lang, und im Feld gibt es
+sicherlich schon viel zu sehen und zu hören! Gehen Sie doch viel hinaus,
+der Himmel ist jetzt so interessant und mannigfaltig mit den jagenden
+unruhigen Wolken, die noch nackte Kalkerde muß in dieser wechselnden
+Beleuchtung schön sein. Sehen Sie sich für mich an alledem satt.... Es
+ist das Einzige, was man nie im Leben überkriegt, was stets denselben
+Reiz der Neuheit hat und einem immer treu bleibt. Sie müssen auch
+unbedingt für mich in den Botanischen Garten gehen, um mir genau über
+etwas zu berichten. Es geht nämlich in diesem Frühjahr etwas Merkwürdiges
+vor. Die Vögel sind alle um 1-1½ Monate zu früh angekommen. Die
+Nachtigall war schon am 10. März hier, der Wendehals, der erst Ende
+April kommt, lachte schon am 15. und sogar der Pirol, den man den
+»Pfingstvogel« nennt und der nie vor Mai kommt, flötet hier schon seit
+einer Woche vor Sonnenaufgang im Morgengrauen! Ich höre sie alle von
+weitem aus der Anlage des Irrenhauses. Ich weiß mir diesen verfrühten
+Heimgang gar nicht zu deuten und möchte wissen, ob dasselbe anderswo zu
+beobachten ist oder nur auf die Wirkung des hiesigen Irrenhauses
+zurückzuführen ist. Gehen Sie also in den Botanischen, Sonitschka, aber
+so in den Mittagsstunden bei sonnigem Tag, und belauschen Sie alles, um
+mir zu berichten. Das ist mir ja, neben dem Ausgang der Schlacht bei
+Cambrai, das Wichtigste auf Erden, eine wahre Herzensangelegenheit.
+
+Wie schön sind die Bilder, die Sie mir schickten! Von Rembrandt braucht
+man ja kein Wort zu sagen. Bei Tizian war ich von dem Pferd noch mehr
+überwältigt als von dem Reiter; so viel wahrhaft königliche Macht und
+Vornehmheit in einem Tier ausgedrückt, hätte ich nicht für möglich
+gehalten, Aber das aller-, allerschönste ist das Frauenbildnis von
+Bartolomeo da Venezia (den ich übrigens gar nicht kannte). Welcher Rausch
+in den Farben, welche Feinheit der Zeichnung, welcher geheimnisvolle
+Zauber des Ausdrucks! Sie erinnert mich darin in irgendeiner unbestimmten
+Weise an die Mona Lisa. Sie haben mir mit diesen Bildern eine Fülle der
+Freude und des Lichts in die Zelle gebracht.
+
+Das Buch von Hänschen (Hans Dieffenbach. Die Herausgeber) müssen Sie
+natürlich behalten; es schmerzt mich, daß alle seine Bücher nicht in
+_unsere_ Hände kommen. Ich hätte sie Ihnen lieber als sonst wem gegeben.
+Haben Sie den Shakespeare einigermaßen zur Zeit erhalten? Was schreibt
+Karl, wann sehen Sie ihn wieder? Grüßen Sie ihn tausendmal von mir und
+sagen Sie ihm von mir: Ça ira -- trotz alledem. Und seien Sie frisch und
+munter, freuen Sie sich über den Frühling: den nächsten werden wir schon
+zusammen verleben. Ich umarme Sie, Liebste. Fröhliche Ostern! Auch den
+Kindern viele Grüße!
+
+ Ihre Rosa.
+
+
+ Breslau, 2. 5. 18.
+
+... Ich habe den Candide und die Gräfin Ulfeldt gelesen und mich über
+beides gefreut. Candide ist eine so köstliche Ausgabe, daß ich es nicht
+übers Herz bringen konnte, das Buch aufzuschneiden und es so gelesen
+habe; da es in halben Bogen gefaßt ist, ging das sehr gut. Diese boshafte
+Zusammenstellung aller menschlichen Erbärmlichkeiten hätte auf mich vor
+dem Kriege wahrscheinlich den Eindruck eines Zerrbildes gemacht, jetzt
+wirkt sie durchaus realistisch ... Zum Schluß erfuhr ich endlich, woher
+die Redensart stammt: »mais il faut cultiver notre jardin«, die ich
+selbst schon gelegentlich gebrauchte. Die Gräfin Ulfeldt ist ein
+interessantes Kulturdokument, eine Ergänzung Grimmelshausens.... Was
+machen Sie? Genießen Sie nicht den herrlichen Frühling?
+
+ Stets Ihre
+
+ Rosa.
+
+
+ Breslau, den 12. 5. 1918.
+
+Sonitschka, Ihr Brieflein hat mich so erfreut, daß ich es gleich
+beantworten will. Sehen Sie, wieviel Genuß und Begeisterung Ihnen ein
+Besuch im Botanischen Garten verschafft! Warum gönnen Sie sich das nicht
+öfters?! Und auch ich habe etwas davon, wenn Sie mir Ihre Eindrücke
+gleich so warm und farbenreich schildern, ich versichere Sie! Ja, ich
+kenne die wunderbaren, rubinroten Kätzchen der blühenden Fichte. Sie
+sind so unwahrscheinlich schön, wie übrigens das meiste andere, wenn es
+in voller Blüte steht, daß man jedesmal den eigenen Augen nicht traut.
+Diese roten Kätzchen sind weibliche Blüten, aus denen dann die großen,
+schweren Zapfen werden, die sich umdrehen und nach unten hängen; daneben
+gibt es unscheinbare, fahlgelbe, männliche Kätzchen der Fichte, die den
+goldigen Staub verbreiten, -- »Pettoria« kenne ich nicht, Sie schreiben
+eine Akazienart. Meinen Sie, daß sie ähnlich gefiederte Blättchen und
+Schmetterlingsblüten hat, wie die sogenannte »Akazie«? Sie wissen
+wahrscheinlich, daß der Baum, den man so landläufig nennt, gar keine
+Akazie sondern »_Robinia_« ist; eine wirkliche Akazie ist z. B. die
+Mimose; diese blüht allerdings schwefelgelb und duftet berauschend, aber
+ich kann mir nicht denken, daß sie im Freien in Berlin wächst, da es
+eine tropische Pflanze ist. In Ajaccio auf Korsika sah ich im Dezember
+auf dem Platz in der Stadt herrlich blühende Mimosen, riesige Bäume ...
+Hier kann ich leider nur von weitem aus meinem Fenster das Grünen der
+Bäume beobachten, deren Spitzen ich über der Mauer sehe; ich suche meist
+nach dem Habitus und dem Farbenton die Baumarten zu erraten und, wie es
+scheint, meist richtig. Neulich wurde hier ein gefundener, abgebrochener
+Ast ins Haus gebracht, und hat durch sein bizarres Aussehen allgemeine
+Aufregung hervorgerufen; jedermann frug, was das sei. Es war eine Rüster
+(Ulme); erinnern Sie sich noch, wie ich sie Ihnen zeigte in der Straße in
+meinem Südende, vollbeladen mit duftigen Paketen der fahl-rosig-grünlichen
+Früchtchen; es war auch im Mai, und Sie waren ganz hingerissen von dem
+phantastischen Anblick. Hier wohnen die Leute jahrzehntelang in der
+Straße, die mit Rüstern bepflanzt ist, und haben noch nicht »bemerkt«,
+wie eine blühende Rüster aussieht.... Und derselbe Stumpfsinn ist ja
+allgemein Tieren gegenüber. Die meisten Städter sind doch wirklich rohe
+Barbaren, im Grunde genommen....
+
+Bei mir nimmt, umgekehrt, das innere Verwachsen mit der organischen
+Natur -- en defrit de l'humanité -- beinahe krankhafte Formen an, was
+wohl mit meinem Nervenzustand zusammenhängt. Da unten hat ein Paar
+Haubenlerchen ein Junges ausgebrütet -- die übrigen drei sind wohl
+kaputt gegangen. Und dieses eine kann schon sehr gut laufen -- Sie haben
+vielleicht bemerkt, wie drollig die Haubenlerchen laufen, mit kleinen
+behenden Schrittchen, trippelnd, wie der Spatz mit beiden Beinchen
+hüpfend, es kann auch schon gut fliegen, findet wohl aber noch nicht
+selbst genug Nahrung: Insekten, Räupchen usw. -- zumal bei diesen kalten
+Tagen. So erscheint es jeden Abend unten im Hof vor meinem Fenster und
+piept ganz laut, schrill und kläglich, worauf auch gleich die beiden
+Alten erscheinen und mit ängstlichem, bekümmerten »Huid--huid« halblaut
+Antwort geben, dann schnell herumlaufen, verzweifelt suchend, um noch in
+der Dämmerung und Kälte etwas Eßbares zu finden, und dann kommen sie an
+den klagenden Balg heran und stecken ihm das Gefundene in den Schnabel.
+Das wiederholt sich jetzt jeden Abend um ½9 Uhr, und wenn dies schrille,
+klagende Piepen unter meinem Fenster beginnt, und ich die Unruhe und
+Sorge der beiden kleinen Eltern sehe, bekomme ich buchstäblich einen
+Herzkrampf. Dabei kann ich nichts helfen, denn die Haubenlerchen sind
+sehr scheu, und wenn man ihnen Brot hinwirft, fliegen sie weg, nicht
+so wie die Tauben und Spatzen, die mir schon wie Hunde nachlaufen. Ich
+sage mir vergeblich, daß es lächerlich ist, daß ich ja nicht für alle
+hungrigen Haubenlerchen der Welt verantwortlich bin und nicht um alle
+geschlagenen Büffel -- wie die, die hier täglich mit Säcken in den Hof
+kommen -- weinen kann. Das hilft mir nichts und ich bin förmlich krank,
+wenn ich solches höre und sehe. Und wenn der Star, der bis zum Überdruß
+den ganzen, lieben Tag, irgendwo in der Nähe sein aufgeregtes Geschwätz
+wiederholt, wenn er für einige Tage verstummt, habe ich wieder keine
+Ruhe, daß ihm was Böses zugestoßen sein mag und warte gequält, daß er
+seinen Unsinn nur weiter pfeift, damit ich weiß, daß es ihm wohlergeht.
+So bin ich aus meiner Zelle nach allen Seiten durch unmittelbare, feine
+Fäden an tausend kleine und große Kreaturen geknüpft, und reagiere auf
+alles mit Unruhe, Schmerz, Selbstvorwürfen.... _Sie_ gehören auch zu all
+diesen Vögeln und Kreaturen, um die ich von weitem innerlich vibriere.
+Ich fühle, wie Sie darunter leiden, daß Jahre unwiederbringlich vergehen,
+ohne daß man »lebt«. Aber Geduld und Mut! Wir werden noch leben und Großes
+erleben. Jetzt sehen wir vorerst, wie eine ganze alte Welt versinkt, jeden
+Tag ein Stück, ein neuer Abrutsch, ein neuer Riesensturz.... Und das
+Komischste ist, daß die meisten es gar nicht merken und glauben, noch auf
+festem Boden zu wandeln....
+
+Sonitschka, haben Sie vielleicht oder könnten Sie beschaffen den Gil
+Blas und den hinkenden Teufel? Ich kenne Lesage gar nicht und wollte ihn
+schon längst lesen. Kennen Sie ihn? Schlimmstenfalls kaufe ich mir ihn
+in der Reclam-Ausgabe.
+
+ Ich umarme Sie herzlich
+
+ Ihre Rosa.
+
+Schreiben Sie bald, wie es Karl geht.
+
+Vielleicht hat Pfemfert den »Flachsacker« von Stijn Streuvels, das ist
+wieder ein Flame; erschienen im Inselverlag, soll sehr gut sein.
+
+
+ Breslau, den 18. 10. 1918.
+
+Liebste Sonitschka, ich schrieb Ihnen vorgestern. Bis heute habe ich
+noch keinen Bescheid auf mein Telegramm an den Reichskanzler, es kann
+vielleicht noch einige Tage dauern. Jedenfalls steht aber eins fest:
+meine Stimmung ist schon derart, daß mir ein Besuch meiner Freunde unter
+Aufsicht zur Unmöglichkeit geworden ist. Ich ertrug alles ganz geduldig
+die Jahre hindurch und wäre unter anderen Umständen noch weitere Jahre
+ebenso geduldig geblieben. Nachdem aber der allgemeine Umschwung in der
+Lage kam, gab es auch in meiner Psychologie einen Knick. Die Unterredungen
+unter Aufsicht, die Unmöglichkeit, darüber zu reden, was mich wirklich
+interessiert, sind mir schon so lästig, daß ich lieber auf jeden Besuch
+verzichte, bis wir uns als freie Menschen sehn.
+
+Lange kann es ja nicht mehr dauern. Wenn Dittmann und Kurt Eisner frei
+gelassen sind, können sie mich nicht länger im Gefängnis halten und auch
+Karl wird bald frei sein. Warten wir also lieber auf das Wiedersehen in
+Berlin.
+
+Bis dahin tausend Grüße.
+
+ Stets Ihre
+
+ Rosa.
+
+
+
+
+Anmerkungen
+
+
+[1] Diese Karte ist die einzige Karte aus der Freiheit. Am 10. 7. 16
+erfolgte Rosa Luxemburgs Verhaftung.
+
+[2] »Der reiche Mann«, von Galsworthy.
+
+[3] Diese Karte wurde geschrieben an dem Tag, an dem Karl Liebknecht
+in zweiter Instanz zu 4 Jahren Zuchthaus verurteilt wurde.
+
+[4] »Vor Tag« von Hugo v. Hoffmannsthal.
+
+[5] Im nächsten Jahre, am 15. Januar 1919, war Rosa Luxemburg in
+Gemeinschaft mit Karl Liebknecht, von der unter dem Protektorate der
+Ebert-Noske, Stampfer und Konsorten an der Wiederaufrichtung des alten
+Regimes arbeitenden Mörderzentrale gemordet.
+
+
+[ Die folgende Textzeile wurde geändert; es ist zuerst die Zeile wie im
+ Original, danach die geänderte Zeile angeführt.
+
+Ich fühle, wie Sie darunter leiden, daß Jahre unwiderbringlich
+Ich fühle, wie Sie darunter leiden, daß Jahre unwiederbringlich
+]
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Briefe aus dem Gefängnis, by Rosa Luxemburg
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BRIEFE AUS DEM GEFÄNGNIS ***
+
+***** This file should be named 26964-8.txt or 26964-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
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+
+Produced by Norbert H. Langkau, Jana Srna and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
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+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
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+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
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+ of receipt of the work.
+
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+
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+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
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+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
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+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
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+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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