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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 02:33:27 -0700 |
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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Utopia + +Author: Thomas Morus + +Release Date: October 20, 2008 [EBook #26971] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UTOPIA *** + + + + +Produced by Norbert H. Langkau, Jana Srna and the Online +Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + +<div id="tnote"><p class="center" style="font-weight: bold;">Anmerkungen zur Transkription:</p> +<p>Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden +übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.</p> +<p>Änderungen sind im Text unterstrichen, der +<ins title="so wie hier">Originaltext</ins> erscheint beim Überfahren mit der Maus.</p></div> + +<p class="center">THOMAS MORUS</p> + +<h1>UTOPIA</h1> + +<p class="center">Verlag von Philipp Reclam jun. Leipzig</p> + + +<p class="center" lang="la" xml:lang="la" style="margin-top: 16em; page-break-before: always;"><big style="font-size: 1.4em;">LIBELLUS VERE AUREUS NEC</big><br/> +minus salutaris quam festivus de optimo reip.<br/> +statu, deque nova Insula Utopia autore clarissimo<br/> +viro Thoma Moro inclutae civitatis<br/> +Londinensis cive & vicecomite cura M. Petri<br/> +Aegidii Antverpiensis, & arte Theodorici<br/> +Martini Alustensis, Typographi almae<br/> +Lovaniensium Academiae nunc<br/> +primum accuratissime<br/> +editus.</p> + +<p class="center" lang="la" xml:lang="la" style="margin-top: 4em; margin-bottom: 8em;">Cum gratia & privilegio.</p> + +<p class="center" style="margin-bottom: 16em;"><i>Titel der Erstausgabe aus dem Jahre 1516</i></p> + + + +<div class="new-h2"> </div> +<p><span class="pagenum"><a name="Page_5">5</a></span></p> +<h2>VORREDE<br/> +<small>zu dem Werke über den besten +Zustand des Staates</small></h2> + + +<p>Thomas Morus grüßt seinen Peter Ägid aufs herzlichste.</p> + +<p>Fast schäme ich mich, mein liebster Peter Ägid, +daß ich Dir dies Büchlein über den Staat von Utopien +erst nach beinahe einem Jahre schicke. Hast +Du es doch ohne Zweifel innerhalb von anderthalb +Monaten erwartet, da mir ja, wie Du wußtest, bei +diesem Werke die Mühe der Erfindung des Stoffes +abgenommen war und ich mir auch in betreff der +Gliederung nichts auszudenken brauchte. Denn ich +hatte nur das wiederzugeben, was ich mit Dir zusammen +Raphael gerade so hatte erzählen hören. +Deshalb lag auch kein Anlaß vor, mich hinsichtlich +des Stiles abzumühen. Raphael konnte sich ja gar +nicht gesucht ausdrücken; denn erstens sprach er, +ohne daß er es vorher wußte und sich vorbereiten +konnte, sodann ist er, wie Du weißt, im Lateinischen +nicht so zu Hause wie im Griechischen, und schließlich +kommt meine Rede der Wahrheit um so näher, +je mehr sie sich seiner nachlässigen und schlichten +Ausdrucksweise nähert, und um die Wahrheit allein +muß und will ich mich bei dieser Sache kümmern.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_6">6</a></span> +Ich gebe denn auch zu, mein Peter, das, was ich +vorfand, hatte mir so viel Arbeit abgenommen, daß +fast nichts mehr zu tun übrigblieb. Andernfalls +hätte ja auch Erfindung oder Gliederung des Stoffes +nicht wenig Zeit und Studium eines nicht unbedeutenden +und recht gelehrten Geistes erfordert. Würde +man nun nicht bloß eine der Wahrheit entsprechende, +sondern auch geschmackvolle Darstellung verlangen, +so hätte ich das nicht leisten können, auch +wenn ich all meine Zeit und all meinen Eifer aufgewendet +hätte. So aber, da diese Schwierigkeiten +wegfielen, die zu bewältigen viel Schweiß gekostet +hätte, blieb einzig und allein die einfache Aufzeichnung +dessen übrig, was ich gehört hatte, und +das war wirklich keine Arbeit mehr. Aber selbst +zur Erledigung dieser so unbedeutenden Arbeit ließen +mir meine übrigen Geschäfte fast noch weniger +als keine Zeit. Nehmen mich doch dauernd meine +Gerichtssachen in Anspruch. Bald führe ich einen +Prozeß, bald bin ich Beisitzer, bald schlichte ich +einen Handel als Schiedsrichter, bald entscheide ich +einen anderen als Richter, bald besuche ich diesen +in einer amtlichen, bald jenen in einer geschäftlichen +Angelegenheit. Während ich so fast den ganzen Tag +außerhalb meines Hauses fremden Leuten und nur +den Rest meinen Angehörigen widme, kann ich für +mich, d. h. für meine Studien, nichts erübrigen. Denn +komme ich nach Hause, so muß ich mit meiner Frau +plaudern, mit den Kindern schwatzen und mit dem +Gesinde sprechen. Alles das rechne ich zu meinen +Pflichten, weil es erledigt werden muß. Es muß aber +erledigt werden, wenn man nicht in seinem eigenen +Hause ein Fremdling sein will. Man muß sich überhaupt +<span class="pagenum"><a name="Page_7">7</a></span>Mühe geben, so liebenswürdig wie möglich zu +denen zu sein, die einem die Natur als Begleiter auf +dem Lebenswege vorgesehen oder die der Zufall oder +eigene Wahl dazu gemacht hat. Nur darf man sie +nicht durch Leutseligkeit verderben und die Diener +nicht durch Nachsicht zu seinen Herren werden lassen. +Über dem, was ich angeführt habe, geht ein +Tag, geht ein Monat, geht ein Jahr hin. Wann also +komme ich da zum Schreiben? Und dabei habe ich +noch gar nicht vom Schlafen gesprochen und auch +noch nicht einmal vom Essen, das bei vielen Leuten +nicht weniger Zeit in Anspruch nimmt als der Schlaf, +der fast die Hälfte der Lebenszeit für sich beansprucht. +Aber für mich gewinne ich nur so viel Zeit, wie ich +mir vom Schlafen und Essen abstehle. Weil das nur +wenig ist, so habe ich die Utopia auch nur langsam +fertiggebracht; weil es aber immerhin etwas ist, so +ist sie doch nun endlich fertig geworden, und ich +schicke sie Dir zu, damit Du sie liest und mich darauf +aufmerksam machst, falls mir etwas entgangen +sein sollte. Nun habe ich freilich in dieser Beziehung +ziemlich viel Zutrauen zu mir – ich wollte, mit meinem +Geiste und mit meinem Wissen stünde es ebenso +wie mit meinem Gedächtnis, das mich nur manchmal +im Stiche läßt –, doch ist mein Zutrauen nicht so +groß, daß ich annehmen dürfte, mir könnte nichts +entfallen sein. Denn auch mein Famulus, Johannes +Clemens, hat mich sehr bedenklich gestimmt. Wie +Du ja wohl weißt, war er damals dabei, und ich +lasse ihn an jeder Unterhaltung teilnehmen, aus der +er etwas lernen kann; denn von diesem Schößling, +der im Lateinischen wie im Griechischen zu grünen +begonnen hat, erhoffe ich dereinst einen guten Ertrag. +<span class="pagenum"><a name="Page_8">8</a></span>Soviel ich mich nämlich erinnere, hat Hythlodeus +erzählt, jene Brücke von Amaurotum über den +Fluß Anydrus sei 500 Doppelschritte lang. Mein +Johannes aber meinte, man müsse 200 abziehen; der +Fluß sei dort nicht breiter als 300 Doppelschritte. +Besinne Dich doch bitte noch einmal darauf! Wenn +Du nämlich der gleichen Meinung bist wie Johannes, +so will auch ich zustimmen und einen Irrtum meinerseits +annehmen. Solltest Du aber selbst Dich nicht +mehr besinnen können, so bleibt stehen, worauf ich +mich selbst zu besinnen glaube. Wenn ich mich nämlich +auch vor jeder falschen Angabe in dem Buche +streng hüten will, so ziehe ich doch in Zweifelsfällen +die Unwahrheit der Lüge vor, weil ich Tugend +höher schätze als Klugheit. Freilich wäre dieser +Schaden leicht zu heilen, wenn Du Raphael selbst +mündlich oder schriftlich fragen wolltest. Das mußt +Du sowieso tun wegen eines anderen Bedenkens, das +uns gekommen ist, ich weiß nicht, ob mehr durch +meine oder Deine oder Raphaels eigene Schuld. +Denn weder ist es uns in den Sinn gekommen, danach +zu fragen, noch ihm, es uns zu sagen, in welcher +Gegend jenes neuen Erdteils Utopia liegt. +Wahrhaftig, wie gern würde ich mit etwas Geld +von mir diese Unterlassung ungeschehen machen! +Denn erstens schäme ich mich ein wenig, nicht zu +wissen, in welchem Meere die Insel liegt, von der +ich so viel zu berichten weiß; sodann aber gibt es +bei uns den einen und den anderen, vor allem aber +einen frommen Theologen von Beruf, der darauf +brennt, Utopia zu besuchen, nicht aus eitlem und +neugierigem Verlangen, Neues zu sehen, sondern um +die verheißungsvollen Keime unserer Religion dort +<span class="pagenum"><a name="Page_9">9</a></span>zu pflegen und noch zu vermehren. Um dabei ordnungsgemäß +zu verfahren, hat er beschlossen, sich +vorher einen Missionsauftrag vom Papste zu verschaffen +und sich von den Utopiern sogar zum +Bischof wählen zu lassen. Dabei stört es ihn durchaus +nicht, daß er sich um dieses Vorsteheramt erst +bewerben müßte. Allerdings ist sein Ehrgeiz, wie +er meint, deshalb gottgefällig, weil er nicht durch +Rücksicht auf Ehre oder Gewinn, sondern durch +Rücksicht auf die Religion bedingt ist.</p> + +<p>Deshalb wende Dich, mein Peter, ich bitte Dich +darum, entweder mündlich, wenn es Dir ohne Umstände +möglich ist, oder brieflich an Hythlodeus und +sorge dafür, daß in diesem meinen Werke nichts +Falsches steht oder nichts Wahres vermißt wird. +Und vielleicht ist es besser, ihm das Buch selbst zu +zeigen. Einerseits nämlich ist niemand anders ebenso +imstande, einen etwaigen Irrtum zu berichtigen, +anderseits kann er das selbst auch nur, wenn er +durchliest, was ich geschrieben habe. Außerdem +wirst Du auf diese Weise merken, ob er damit einverstanden +ist, daß ich dieses Buch schreibe, oder +ob er ärgerlich darüber ist. Falls er sich nämlich +vorgenommen hat, seine Abenteuer selbst aufzuzeichnen, +so möchte er vielleicht nicht – und ich +bestimmt auch nicht –, daß ich ihm Duft und Reiz +seiner Erzählung im voraus wegnehme, indem ich +den Staat Utopia allgemein bekanntwerden lasse. +Allerdings bin ich, wenn ich ganz offen sein soll, +auch mir selber noch nicht recht im klaren, ob ich +das Buch überhaupt erscheinen lasse. Denn der Geschmack +der Menschen ist so verschieden, und +manche sind so eigensinnig, so undankbar und so +<span class="pagenum"><a name="Page_10">10</a></span>unsinnig in ihrem Urteil, daß offenbar die Leute viel +glücklicher sind, die in Freude und Frohsinn ihr +eigenes Ich befriedigen, als diejenigen, die sich zermürben +in dem Bestreben, etwas zu veröffentlichen, +was für andere, die wählerisch oder undankbar sind, +ein Nutzen oder ein Vergnügen sein könnte. Die meisten +haben keinen Sinn für literarische Dinge; viele +verachten sie; ein Barbar lehnt alles als schwer ab, +was nicht gänzlich barbarisch ist; gelehrte Pedanten +verschmähen alles als abgegriffen, was nicht von +veralteten Ausdrücken strotzt; manchen gefällt nur +das Alte, den meisten nur das eigene Wissen. Dieser +ist so mürrisch, daß er von Scherzen nichts wissen +will, dieser wieder so fade, daß er keine Witze verträgt; +manche sind so plattnasig, daß sie jedes +Naserümpfen scheuen wie ein von einem tollen Hund +Gebissener das Wasser, andere wieder sind so wetterwendisch, +daß sie im Sitzen etwas anderes gelten +lassen als im Stehen. Manche sitzen in den Kneipen, +urteilen am Biertisch über die Talente der +Schriftsteller und verurteilen sie mit großem Nachdruck, +ganz wie es ihnen beliebt, indem sie einen +jeden in seinen Schriften gleichsam beim Schopfe +nehmen und ihn zausen, wobei sie selbst aber vor +der Hand in Sicherheit und, wie man so sagt, weit +vom Schuß sind. Denn rundum sind sie so glatt und +kahlgeschoren, daß sie auch nicht ein Härchen eines +guten Mannes an sich haben, an dem man sie fassen +könnte. Ferner gibt es Leute, die so undankbar sind, +daß sie sich zwar ausgiebig an einem Werke ergötzen, +dem Verfasser aber trotzdem keine größere +Liebe entgegenbringen. Sie ähneln den unhöflichen +Gästen, die sich mit einem üppigen Mahle bewirten +<span class="pagenum"><a name="Page_11">11</a></span>lassen und dann gesättigt heimgehen, ohne dem, der +sie eingeladen hat, ein Wort des Dankes zu sagen. +Nun geh hin und richte für Leute mit so verwöhntem +Gaumen, von so verschiedenem Geschmack und noch +dazu von so dankbarer und lieber Gesinnung auf +Deine eigenen Kosten ein Mahl her!</p> + +<p>Aber gleichwohl, mein Peter, besprich, was ich Dir +gesagt habe, mit Hythlodeus! Später aber kann man +sich ja diese Frage der Veröffentlichung noch einmal +überlegen. Sollte er indessen nichts dagegen haben, +so will ich bei dem, was die Herausgabe noch erfordert, +dem Rate meiner Freunde folgen und vor +allem Deinem, da ich nun einmal die Mühe des +Schreibens hinter mir habe und jetzt erst verspätet +zur Einsicht komme. Lebe wohl, mein liebster Peter +Ägid, nebst Deiner guten Frau und behalte mich +auch weiterhin lieb, da ja auch ich Dich noch lieber +habe, als es sonst meine Gewohnheit ist!</p> + + + +<div class="new-h2"> </div> +<p><span class="pagenum"><a name="Page_13">13</a></span></p> +<h2>ERSTES BUCH<br/> +<small>Rede des trefflichen Raphael Hythlodeus über den besten +Zustand des Staates, veröffentlicht von dem erlauchten +Thomas Morus, Bürger und Vicecomes der rühmlich bekannten +britischen Hauptstadt London.</small></h2> + + +<p>Kürzlich hatte der siegreiche König von England +Heinrich, der achte dieses Namens, ein mit allen +Tugenden eines hervorragenden Fürsten gezierter +Herrscher, einige nicht belanglose Meinungsverschiedenheiten +mit Karl, dem erhabenen König von +Kastilien. Zu den Verhandlungen darüber und zur +Beilegung dieser Streitigkeiten schickte mich König +Heinrich als Abgesandten nach Flandern, und zwar +zusammen mit dem unvergleichlichen Cuthbert Tunstall, +den der König erst kürzlich unter überaus +starkem und allgemeinem Beifall mit dem Amte des +Archivars betraut hat. Über seine Vorzüge will ich +nichts sagen, nicht als ob ich fürchtete, infolge unserer +Freundschaft könnte mein Urteil zu wenig den +Tatsachen entsprechen, sondern weil seine Tüchtigkeit +und Gelehrsamkeit größer ist, als ich sie rühmen +könnte, und außerdem überall bekannter und +berühmter, als daß sie noch gerühmt zu werden +brauchte, ich müßte denn, wie man sagt, die Sonne +mit der Laterne zeigen wollen. In Brügge trafen +wir – so war es verabredet – die Beauftragten +<span class="pagenum"><a name="Page_14">14</a></span>des Königs Karl, alles treffliche Männer. Unter +ihnen befand sich der Präfekt von Brügge, ein +hochangesehener Mann, der Führer und das Haupt +der Abordnung; ihr Sprecher und ihre Seele jedoch +war Georg Temsicius, der Propst von Cassel, ein +Redner von einer nicht nur erworbenen, sondern +auch angeborenen Beredsamkeit, außerdem ein überaus +erfahrener Jurist und im Verhandeln ein vortrefflicher +Meister durch seine Begabung und beständige +Praxis. Ein und das andere Mal kamen wir +zusammen, ohne in gewissen Fragen eine rechte +Einigung zu erzielen. Da verabschiedeten sich die +anderen für einige Tage von uns und reisten nach +Brüssel, um sich bei ihrem Fürsten Bescheid zu +holen. Inzwischen begab ich mich – die Geschäfte +brachten es so mit sich – nach Antwerpen. Während +meines Aufenthaltes dort kam häufig außer +anderen, aber immer als liebster Besucher, Peter +Ägid aus Antwerpen zu mir. Er genießt großes +Vertrauen bei seinen Landsleuten und nimmt eine +angesehene Stellung ein, verdient aber die angesehenste. +Man weiß nämlich nicht, wodurch sich der +junge Mann mehr auszeichnet, ob durch seine Bildung +oder seinen Charakter; ist er doch ein sehr +guter Mensch und zugleich ein großer Gelehrter, +außerdem ein Mann von lauterer Gesinnung gegen +alle, seinen Freunden gegenüber aber von solcher +Herzlichkeit, Liebe, Treue und aufrichtigen Neigung, +daß man kaum einen oder den anderen irgendwo +findet, den man als einen ihm in jeder Beziehung +gleichwertigen Freund bezeichnen möchte. Er besitzt +eine seltene Bescheidenheit; niemandem liegt Verstellung +so fern wie ihm; niemand ist schlichter und +<span class="pagenum"><a name="Page_15">15</a></span>zugleich klüger. Ferner kann er sich so gefällig und +harmlos-witzig unterhalten, daß der so angenehme +Umgang und die so liebe Plauderei mit ihm zu einem +großen Teile mich die Sehnsucht nach der Heimat +und dem heimischen Herd, nach meiner Frau und +meinen Kindern leichter ertragen ließ; denn schon +damals war ich über vier Monate von daheim fort, +und in überaus beängstigender Weise quälte mich +das Verlangen, sie wiederzusehen.</p> + +<p>Eines Tages hatte ich in der wunderschönen und +vielbesuchten Liebfrauenkirche am Gottesdienst teilgenommen +und schickte mich an, nach Beendigung der +Feier von dort in meine Herberge zurückzukehren, +da sehe ich Peter zufällig sich mit einem Fremden +unterhalten, einem älteren Manne mit sonnverbranntem +Gesicht und langem Bart. Der Mantel hing +ihm nachlässig von der Schulter herab, und seinem +Aussehen und seiner Kleidung nach war er ein Seemann. +Sobald mich Peter erblickte, kam er auf mich +zu und grüßte. Als ich antworten wollte, nahm er +mich ein wenig beiseite und fragte: »Siehst du den +da?« Dabei zeigte er auf den, mit dem ich ihn hatte +sprechen sehen. »Den wollte ich gerade jetzt zu dir +bringen.« – »Er wäre mir sehr willkommen gewesen«, +antwortete ich, »und zwar deinetwegen.« – +»Nein«, sagte er, »vielmehr seinetwegen, wenn du +den Mann nur schon kenntest. Denn niemand in +der ganzen Welt kann dir heutzutage so viel von unbekannten +Menschen und Ländern erzählen, und, wie +ich weiß, bist du ja ganz versessen darauf, so etwas +zu hören.« – »Also war meine Vermutung«, sagte +ich, »gar nicht so falsch. Denn gleich auf den ersten +Blick habe ich ihn als Seemann erkannt.« – »Und +<span class="pagenum"><a name="Page_16">16</a></span>doch hast du dich stark geirrt; er fährt wenigstens +nicht als Palinurus, sondern als Odysseus oder vielmehr +als Plato. Denn dieser Raphael – so heißt er +nämlich, und sein Familienname ist Hythlodeus – +ist nicht wenig bewandert im Lateinischen und sehr +bewandert im Griechischen, und zwar hat er die +griechische Sprache deshalb mehr getrieben als die +der Römer, weil er sich ganz der Philosophie gewidmet +und erkannt hatte, daß auf dem Gebiete der +Philosophie im Lateinischen nichts von irgendwelcher +Bedeutung vorhanden ist außer einigem von +Seneca und Cicero. Dann überließ er sein vom Vater +ererbtes Gut, in dem er wohnte, seinen Brüdern, +schloß sich – er ist nämlich Portugiese – dem +Amerigo Vespucci an, um sich die Welt anzusehen, +und war dessen ständiger Begleiter auf den drei +letzten seiner vier Seereisen, die man schon hier +und da gedruckt lesen kann. Von der letzten jedoch +kehrte er nicht mit ihm zurück. Er bemühte sich vielmehr +darum und erpreßte von Amerigo die Erlaubnis, +zu jenen vierundzwanzig zu gehören, die am Ende +der letzten Seereise in einem Kastell zurückgelassen +wurden. So blieb er denn dort zurück, entsprechend +seiner Sinnesart, die mehr nach einem Aufenthalte +in fremdem Lande als nach einem Grabmale +verlangt. Führt er doch dauernd solche Sprüche im +Munde wie ›Unter dem Himmelsgewölbe ruht, wer +keine Urne hat‹ und ›Zum Himmel ist es von überall +her gleich weit‹. Dieser Wagemut wäre ihm ohne +Gottes gnädigen Beistand nur allzu teuer zu stehen +gekommen. Nach Vespuccis Abreise durchstreifte er +dann zusammen mit fünf Kameraden aus dem Kastell +zahlreiche Länder und gelangte schließlich durch +<span class="pagenum"><a name="Page_17">17</a></span>einen wunderbaren Zufall nach Taprobane und von +dort nach Caliquit. Hier hatte er das Glück, portugiesische +Schiffe anzutreffen, auf denen er schließlich +wider Erwarten heimkehrte.«</p> + +<p>Als Peter mit seiner Erzählung fertig war, dankte +ich ihm für seine Gefälligkeit und seine Bemühungen, +mir die Unterhaltung mit einem Manne zu ermöglichen, +die mir seiner Meinung nach willkommen +war, und wandte mich Raphael zu. Wir begrüßten +einander, wechselten jene bei der ersten Begegnung +mit Fremden allgemein üblichen Redensarten +und gingen dann in meine Wohnung. Hier +setzten wir uns im Garten auf eine Rasenbank und +fingen an, miteinander zu plaudern.</p> + +<p>Da erzählte uns denn Raphael, wie er es zusammen +mit seinen im Kastell zurückgebliebenen Kameraden +nach Vespuccis Abreise angestellt habe, durch +Freundlichkeiten und Schmeicheleien allmählich die +Zuneigung der Eingeborenen zu gewinnen, nicht +nur ohne Gefahr, sondern auch in Freundschaft +unter ihnen zu leben und damit auch noch die Gunst +und Wertschätzung eines Fürsten – sein und seines +Landes Name sei ihm entfallen – zu erlangen. +In seiner Freigebigkeit – so erzählte er weiter – +versah dieser ihn und fünf seiner Kameraden reichlich +mit Lebensmitteln und Geld für eine Expedition, +die sie dann zu Wasser mit Fahrzeugen und zu +Lande mit Wagen unternahmen und auf der sie ein +höchst zuverlässiger Führer zu anderen Fürsten geleitete, +an die sie warme Empfehlungsschreiben mithatten. +Dann gelangten sie nach einer Reise von vielen +Tagen zu festen Plätzen, Städten und gar nicht +schlecht eingerichteten volkreichen Staaten. Zwar +<span class="pagenum"><a name="Page_18">18</a></span>liegen unter dem Äquator, wie Raphael erzählte, +und von da aus auf beiden Seiten etwa bis zur +Grenze der Sonnenbahn wüste und der dörrenden +Sonnenglut dauernd ausgesetzte Einöden: Unwirtlichkeit +ringsum und ein trostloser Anblick, abschreckend +alles und unkultiviert, Schlupfwinkel von wilden +Tieren und Schlangen oder schließlich auch +von Menschen, die Bestien weder an Wildheit noch +an Gefährlichkeit nachstehen. Fährt man aber weiter, +so wird alles allmählich milder: das Klima +weniger rauh, die Erde von einladendem Grün +schimmernd, zahmer die Natur der Lebewesen. Endlich +bekommt man Menschen, Städte und feste Plätze +zu Gesicht, und unter ihnen herrscht ein ununterbrochener +Handelsverkehr, nicht nur untereinander und +mit den Nachbarn, sondern auch mit fernen Völkern, +und zwar zu Wasser und zu Lande.</p> + +<p>Dadurch bot sich für Raphael die Gelegenheit, +viele Länder diesseits und jenseits des Meeres zu besuchen; +denn jedes Schiff, das ausgerüstet wurde, +nahm ihn und seine Begleiter sehr gern mit. Wie er +erzählte, hatten die Schiffe, die sie in den ersten +Ländern zu sehen bekamen, flache Kiele und Segel +aus zusammengenähten Papyrusblättern oder aus +Weidengeflecht, anderswo auch aus Häuten. Auf der +Weiterfahrt begegneten sie Schiffen mit spitzgeschnäbelten +Kielen und Segeln aus Hanf; am Ende +war alles so wie bei uns. Die Seeleute waren nicht +unerfahren in Meeres- und Himmelskunde. Aber +einen außerordentlichen Dank erntete Raphael dafür, +daß er sie im Gebrauch des Kompasses unterwies, +den sie bis dahin überhaupt noch nicht kannten. Deshalb +hatten sie sich auch nur zaghaft ans Meer gewöhnt +<span class="pagenum"><a name="Page_19">19</a></span>und vertrauten sich ihm nicht ohne Grund +nur im Sommer an. Jetzt aber achten die Seeleute +im Vertrauen auf den Magnetstein die Gefahren des +Winters gering, allerdings mehr sorglos als gefahrlos. +Daher besteht die Gefahr, diese Erfindung, die +ihnen, wie man glaubte, großen Vorteil bringen +werde, könne infolge ihrer Unvorsichtigkeit große +Schäden verursachen.</p> + +<p>Was Raphael an den einzelnen Orten, wie er erzählte, +gesehen hat, das alles hier mitzuteilen, würde +zu weit führen und ist auch nicht der Zweck dieses +Buches. Vielleicht werde ich es einmal an anderer +Stelle erzählen, besonders alles das, dessen Kenntnis +von Nutzen ist, wie z. B. in erster Linie die +richtigen und klugen politischen Maßnahmen, die er +bei gesitteten Völkern wahrgenommen hat. In betreff +dieser Dinge befragten wir ihn nämlich am +meisten, und über sie sprach er auch am liebsten, +während wir es vorläufig unterließen, uns nach Ungeheuern +zu erkundigen, dem Langweiligsten, das +es gibt. Denn Scyllen und räuberische Celänonen, +menschenfressende Lästrygonen und dergleichen +abscheuliche Ungeheuer sind fast überall zu finden, +aber Bürger, die in einem vernünftig und weise geleiteten +Staate leben, wohl nirgends. Wenn er nun +aber auch bei jenen unbekannten Völkern viele verkehrte +Einrichtungen wahrgenommen hat, so hat er +doch auch nicht weniges aufgezählt, was als Beispiel +dienen kann, die Fehler unserer Städte, Nationen, +Völker und Herrschaften zu verbessern, und +worüber ich, wie gesagt, an anderer Stelle einmal +sprechen muß. Jetzt will ich nur seinen Bericht +über Sitten und Einrichtungen der Utopier wiedergeben, +<span class="pagenum"><a name="Page_20">20</a></span>wobei ich jedoch das Gespräch vorausschicke, +in dessen Verlauf ihn eine Wendung dazu veranlaßte, +diesen Staat zu erwähnen.</p> + +<p>Mit großer Klugheit hatte Raphael aufgezählt, +was hier und dort falsch war – sicherlich war es +sehr viel auf beiden Seiten des Ozeans –, dann aber +auch, welche Maßnahmen bei uns und ebenso bei +jenen anderen verständiger sind. Er hatte nämlich +Sitten und Einrichtungen eines jeden Volkes so fest +im Gedächtnis, als hätte er an jedem von ihm besuchten +Orte sein ganzes Leben zugebracht. Da +staunte Peter und meinte: »Ich muß mich in der Tat +wundern, mein Raphael, daß du nicht in die Dienste +eines Königs trittst; denn das weiß ich zur Genüge: +es gibt keinen, dem du nicht sehr willkommen +wärest, da du es mit diesem deinen Wissen und +dieser deiner Kenntnis von Gegenden und Menschen +verstehst, ihn nicht bloß zu unterhalten, sondern +auch durch Beispiele zu belehren und ihm mit deinem +Rat zu helfen. Auf diese Weise könntest du für +dich selbst ausgezeichnet sorgen und zugleich allen +deinen Angehörigen sehr nützen.«</p> + +<p>»Was meine Angehörigen betrifft«, erwiderte Raphael, +»so kümmern die mich wenig; ihnen gegenüber +habe ich nämlich, wie ich glaube, meine Pflicht +so ziemlich erfüllt. Denn was andere erst, wenn sie +alt und krank sind, abtreten, ja sogar auch dann +nur ungern, wenn sie es nicht länger behalten können, +das habe ich unter meine Verwandten und +Freunde verteilt, und zwar zu einer Zeit, da ich +nicht mehr bloß gesund und frisch war, sondern sogar +schon in jungen Tagen. Sie müßten also, meine +ich, mit meiner Freigebigkeit eigentlich zufrieden +<span class="pagenum"><a name="Page_21">21</a></span>sein und dürften nicht außerdem noch verlangen und +erwarten, daß ich mich ihretwegen einem König als +Knecht verdinge.«</p> + +<p>»Halt!« sagte da Peter. »Ich meinte, du solltest +nicht ein Knecht, sondern ein Diener von Königen +werden.«</p> + +<p>»Das ist nur ein ganz kleiner Unterschied«, antwortete +Raphael.</p> + +<p>»Wie du die Sache auch nennen magst«, sagte da +Peter, »ich bin jedenfalls der Ansicht, daß das der +Weg ist, nicht nur anderen in persönlichem und +öffentlichem Interesse zu nützen, sondern auch deine +eigene Lage glücklicher zu gestalten.«</p> + +<p>»Glücklicher? auf einem Wege, vor dem mir +graut?« fragte Raphael. »Jetzt lebe ich, ganz wie +es mir beliebt, und das ist, wie ich sicher vermute, +bei den wenigsten Fürstendienern der Fall. Es gibt +ja auch genug Leute, die sich um die Freundschaft +der Mächtigen bemühen. Da sollte man es nicht für +einen großen Verlust halten, wenn diese auf mich +und den einen oder den anderen meinesgleichen verzichten +müssen.«</p> + +<p>»Es ist klar, mein Raphael«, erwiderte ich, »daß +du weder nach Reichtum noch nach Macht verlangst. +Und fürwahr, einen Mann von dieser deiner Gesinnung +verehre und achte ich nicht weniger als irgendeinen +der Mächtigsten. Indessen wirst du, wie mir +scheint, durchaus deiner selbst und deiner edlen Gesinnung, +ja eines wahren Philosophen würdig handeln, +wenn du es fertig brächtest, selbst unter Verzicht +auf etwas persönliche Bequemlichkeit, deine +Begabung und deinen Eifer dem Wohle des Gemeinwesens +zu widmen. Das könntest du aber niemals +<span class="pagenum"><a name="Page_22">22</a></span>mit so großem Erfolge tun, als wenn du zum Rate +eines großen Fürsten gehörtest und ihm richtige und +gute Ratschläge erteiltest, und das würdest du ja, +wie ich sicher weiß, tun. Denn ein Fürst ist gleichsam +ein nie versiegender Quell, von dem sich ein +Sturzbach alles Guten und Bösen auf das ganze +Volk ergießt. Dein theoretisches Wissen aber ist so +vollkommen, daß du gar keine große praktische Erfahrung +nötig hast, und deine Lebenserfahrung anderseits +so groß, daß du gar kein theoretisches Wissen +brauchst, um einen ausgezeichneten Ratgeber jedes +beliebigen Königs abzugeben.«</p> + +<p>»Da befindest du dich in einem doppelten Irrtum, +mein lieber Morus«, erwiderte Raphael, »einmal hinsichtlich +meiner und sodann hinsichtlich der Sache +selbst. Ich besitze nämlich gar nicht die Fähigkeit, +die du mir zuschreibst, und auch wenn ich sie im +höchsten Grade besäße, würde ich doch selbst durch +den Verzicht auf meine Muße den Interessen des +Staates in keinerlei Weise dienen. Erstens nämlich +beschäftigen sich die Fürsten selbst alle zumeist +lieber mit militärischen Dingen, von denen ich nichts +verstehe und auch nichts verstehen möchte, als mit +den segensreichen Künsten des Friedens, und weit +größer ist ihr Eifer, sich durch Recht oder Unrecht +neue Reiche zu erwerben als die schon erworbenen +gut zu verwalten. Ferner ist von allen Ratgebern +der Könige jeder entweder in Wahrheit so weise, +daß er den Rat eines anderen nicht braucht, oder er +dünkt sich so weise, daß er ihn nicht gutheißen +mag. Dabei pflichten sie unter schmarotzerischen +Schmeicheleien den ungereimtesten Äußerungen derer +bei, die bei dem Fürsten in höchster Gunst stehen +<span class="pagenum"><a name="Page_23">23</a></span>und die sie sich deshalb durch ihre Zustimmung +verpflichten wollen. Und gewiß ist es ganz natürlich, +daß einem jeden seine eigenen Einfälle zusagen. +So findet der Rabe ebenso wie der Affe am +eigenen Jungen seinen Gefallen. Wenn aber jemand +im Kreise jener Leute, die auf fremde Meinungen +eifersüchtig sind oder die eigenen vorziehen, etwas +vorbringen sollte, das, wie er gelesen hat, zu anderer +Zeit vorgekommen ist oder das er anderswo +gesehen hat, so benehmen sich die Zuhörer gerade +so, als ob der ganze Ruf ihrer Weisheit gefährdet +wäre und als ob man sie danach für Narren halten +müßte, wenn sie nicht imstande sind, etwas zu finden, +was sie an dem von den anderen Gefundenen +schlecht machen können. Wenn sie keinen anderen +Ausweg wissen, so nehmen sie ihre Zuflucht zu Redensarten +wie: So hat es unseren Vorfahren gefallen; +wären wir doch ebenso klug wie sie! Und nach +einem solchen Ausspruch setzen sie sich hin, als +hätten sie damit die Sache völlig und trefflich erledigt. +Gerade als ob es eine große Gefahr bedeutete, +wenn sich jemand dabei ertappen läßt, in irgend +etwas gescheiter zu sein als seine Vorfahren! +Und doch lassen wir alle ihre guten Einrichtungen +mit großem Gleichmut gelten; wenn sie aber bei +irgend etwas hätten klüger zu Werke gehen können, +so ergreifen wir sofort gierig diese Gelegenheit und +halten hartnäckig daran fest. Das ist auch die Quelle +dieser hochmütigen, sinnlosen und eigensinnigen Urteile, +auf die ich schon oft gestoßen bin, besonders +aber auch einmal in England.«</p> + +<p>»Hör einmal!« rief ich da, »du bist auch bei uns +gewesen?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_24">24</a></span> +»Allerdings«, antwortete er, »und zwar habe ich +mich dort einige Monate aufgehalten, nicht lange +nach jener Niederlage, die den Bürgerkrieg Westenglands +gegen den König durch eine beklagenswerte +Niedermetzelung der Aufständischen gewaltsam +beendete. In jener Zeit hatte ich dem ehrwürdigen +Vater Johannes Morton, dem Erzbischof von +Canterbury, Kardinal und damals auch noch Lordkanzler +von England, viel zu danken, einem Manne, +lieber Peter – dem Morus erzähle ich damit nichts +Neues –, den man nicht weniger wegen seiner Klugheit +und Tüchtigkeit als wegen seines Ansehens verehren +muß. Er war von mittlerer Statur, sein Rücken +war von seinem, wenn auch hohen Alter noch +nicht gebeugt; seine Miene flößte Ehrfurcht, nicht +Scheu ein. Im Verkehr war er nicht unzugänglich, +aber doch ernst und würdevoll. Er fand ein Vergnügen +daran, Bittsteller bisweilen etwas schroffer +anzureden, aber nicht etwa in böser Absicht, sondern +um die Sinnesart und Geistesgegenwart eines +jeden auf die Probe zu stellen. Über letztere Eigenschaft, +die ihm ja selber gleichsam angeboren war, +freute er sich stets, wofern keine Unverschämtheit +damit verbunden war, und sie schätzte er als geeignet +zu der Führung der Geschäfte. Seine Rede +zeugte von feiner Bildung und Energie; seine +Rechtserfahrung war groß, seine Begabung unvergleichlich, +sein Gedächtnis geradezu fabelhaft stark. +Diese ausgezeichneten Naturanlagen vervollkommnete +er noch durch Studium und Übung. Seinen Ratschlägen +schenkte der König, wie es schien, während +meiner Anwesenheit das größte Vertrauen, und +sie waren eine starke Stütze für den Staat. Denn in +<span class="pagenum"><a name="Page_25">25</a></span>frühester Jugend und gleich von der Schule weg an +den Hof gebracht, war er sein ganzes Leben lang +in den wichtigsten Geschäften tätig gewesen und +von mannigfachen Schicksalsstürmen beständig hin +und her geworfen worden, und dadurch hatte er sich +unter vielen großen Gefahren eine Lebensklugheit +erworben, die nur schwer wieder verlorengeht, wenn +sie auf diese Weise gewonnen wird.</p> + +<p>Als ich eines Tages an seiner Tafel saß, wollte es +der Zufall, daß einer von euren Laienjuristen zugegen +war. Dieser begann – ich weiß nicht, wie +er darauf kam –, eifrig jene strenge Justiz zu loben, +die man damals in England Dieben gegenüber übte. +Wie er erzählte, wurden allenthalben bisweilen +zwanzig an <em class="gesperrt">einem</em> Galgen aufgehängt. Da nur sehr +wenige der Todesstrafe entgingen, wundere er sich, +so meinte er, um so mehr, welch widriges Geschick +daran schuld sei, daß sich trotzdem noch überall +so viele herumtrieben. Da sagte ich – vor dem Kardinal +wagte ich es nämlich, offen meine Meinung zu +äußern –: »Da brauchst du dich gar nicht zu wundern; +denn diese Bestrafung der Diebe geht über +das, was gerecht ist, hinaus und liegt nicht im Interesse +des Staates.</p> + +<p>Als Sühne für Diebstähle ist die Todesstrafe nämlich +zu grausam, und, um vom Stehlen abzuschrecken, +ist sie trotzdem unzureichend. Denn einerseits ist +einfacher Diebstahl doch kein so schlimmes Verbrechen, +daß es mit dem Tode gebüßt werden müßte, +anderseits aber gibt es keine so harte Strafe, diejenigen +von Räubereien abzuhalten, die kein anderes +Gewerbe haben, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen. +Wie mir daher scheint, folgt ihr in dieser +<span class="pagenum"><a name="Page_26">26</a></span>Sache – wie ein guter Teil der Menschheit übrigens +auch – dem Beispiel der schlechten Lehrer, die ihre +Schüler lieber prügeln als belehren. So verhängt +man harte und entsetzliche Strafen über Diebe, während +man viel eher dafür hätte sorgen sollen, daß +sie ihren Unterhalt haben, damit sich niemand der +grausigen Notwendigkeit ausgesetzt sieht, erst zu +stehlen und dann zu sterben.«</p> + +<p>»Dafür ist ja doch zur Genüge gesorgt«, erwiderte +er. »Wir haben ja das Handwerk und den Ackerbau. +Beides würde sie ernähren, wenn sie nicht aus freien +Stücken lieber Gauner sein <em class="gesperrt">wollten</em>.«</p> + +<p>»Halt, so entschlüpfst du mir nicht!« antwortete +ich. »Zunächst wollen wir nicht von denen reden, +die, wie es häufig vorkommt, aus inneren oder auswärtigen +Kriegen als Krüppel heimkehren wie vor +einer Reihe von Jahren aus der Schlacht gegen die +Cornwaller und unlängst aus dem Kriege mit Frankreich. +Für den Staat oder für den König opfern +sie ihre gesunden Glieder und sind nun zu gebrechlich, +um ihren alten Beruf wieder auszuüben, und zu +alt, um sich für einen neuen auszubilden. Diese Leute +wollen wir also, wie gesagt, beiseite lassen, da es +nur von Zeit zu Zeit zu einem Kriege kommt, und +betrachten wir nur das, was tagtäglich geschieht!</p> + +<p>Da ist zunächst die so große Zahl der Edelleute. +Selber müßig, leben sie wie die Drohnen von der +Arbeit anderer, nämlich von der der Bauern auf +ihren Gütern, die sie bis aufs Blut aussaugen, um +ihre persönlichen Einkünfte zu erhöhen. Das ist +nämlich die einzige Art von Wirtschaftlichkeit, die +jene Menschen kennen; im übrigen sind sie Verschwender, +und sollten sie auch bettelarm dadurch +<span class="pagenum"><a name="Page_27">27</a></span>werden. Außerdem aber scharen sie einen gewaltigen +Schwarm von Tagedieben um sich, die niemals +ein Handwerk gelernt haben, mit dem sie sich ihr +Brot verdienen könnten. Diese Leute wirft man sofort +auf die Straße, sobald der Hausherr stirbt oder +sie selbst krank werden; denn lieber füttert man +Faulenzer durch als Kranke, und oft ist auch der +Erbe gar nicht in der Lage, die väterliche Dienerschaft +weiter zu halten. Inzwischen leiden jene Menschen +tapfer Hunger oder treiben tapfer Straßenraub. +Was sollten sie denn sonst auch tun? Haben +nämlich erst einmal ihre Kleider und ihre Gesundheit +durch das Herumstrolchen auch nur ein wenig +gelitten, so mag sie, die infolge ihrer Krankheit von +Schmutz starren und in Lumpen gehüllt sind, kein +Edelmann mehr in Dienst nehmen. Aber auch die +Bauern getrauen es sich nicht; denn sie wissen ganz +genau: einer, der in Nichtstun und genießerischem +Leben groß geworden und gewohnt ist, mit Schwert +und Schild einherzustolzieren, mit von Eitelkeit umnebelter +Miene auf seine gesamte Umgebung herabzublicken +und jedermann im Vergleich mit sich zu +verachten, eignet sich keineswegs dazu, einem armen +Manne mit Hacke und Spaten für geringen Lohn +und karge Kost treu zu dienen.«</p> + +<p>»Und doch müssen wir gerade diese Menschenklasse +ganz besonders hegen und pflegen«, erwiderte +der Rechtsgelehrte. »Denn gerade auf diesen Männern, +die mehr Mut und Edelsinn besitzen als Handwerker +und Landleute, beruht die Kraft und Stärke +unseres Heeres, wenn es einmal nötig ist, sich im +Felde zu schlagen.«</p> + +<p>»In der Tat«, antwortete ich, »ebenso gut könntest +<span class="pagenum"><a name="Page_28">28</a></span>du sagen, um des Krieges willen müsse man die +Diebe hegen und pflegen; denn an ihnen wird es +euch ganz gewiß nie fehlen, solange ihr diese Menschenklasse +noch habt. Und gewiß, Räuber sind +keine feigen Soldaten und die Soldaten nicht die +feigsten unter den Räubern: so gut passen diese +Berufe zueinander. Indessen ist diese weitverbreitete +Plage keine Eigentümlichkeit eures Volkes; sie ist +nämlich fast allen Völkern gemeinsam. Frankreich +z. B. sucht eine noch andere, verderblichere Pest +heim: das ganze Land ist auch im Frieden – wenn +jener Zustand überhaupt Frieden ist – von Söldnern +überschwemmt und bedrängt. Sie sind aus +demselben Grunde da, der euch bestimmt hat, die +faulen Dienstleute hierzulande durchzufüttern, weil +nämlich närrische Weise der Ansicht gewesen sind, +das Staatswohl erfordere die ständige Bereitschaft +einer starken und zuverlässigen Schutztruppe besonders +altgedienter Soldaten; denn zu Rekruten +hat man kein Vertrauen. Daher müssen sie schon +deshalb auf einen Krieg bedacht sein, um geübte +Soldaten zur Hand zu haben, und sie müssen sich +nach Menschen umsehen, die kostenlos abgeschlachtet +werden können, damit nicht, wie Sallust so fein +sagt, Hand und Herz durch Untätigkeit zu erschlaffen +beginnen.</p> + +<p>Wie verderblich es aber ist, derartige Bestien zu +füttern, hat nicht bloß Frankreich zu seinem eigenen +Schaden erfahren; auch das Beispiel der Römer, +Karthager, Syrer und vieler anderer Völker beweist +es. Bei diesen allen haben die stehenden Heere bald +bei dieser und bald bei jener Gelegenheit nicht bloß +die Regierung gestürzt, sondern auch das flache +<span class="pagenum"><a name="Page_29">29</a></span>Land und sogar die festen Städte zugrunde gerichtet. +Aber wie unnötig ist solch ein stehendes Heer! +Das kann man schon daraus ersehen, daß auch die +französischen Söldner, die doch durch und durch +geübte Soldaten sind, sich nicht rühmen können, im +Kampfe mit euren Aufgeboten sehr oft den Sieg davongetragen +zu haben. Ich will jetzt nichts weiter +sagen; es könnte sonst den Anschein erwecken, als +wollte ich euch, die ihr hier zugegen seid, schmeicheln. +Aber man kann gar nicht glauben, daß sich +eure Handwerker in der Stadt und eure ungeschlachten +Bauern auf dem Lande vor dem faulen Troß der +Edelleute sehr fürchten außer denjenigen, denen es +infolge ihrer körperlichen Schwäche an Kraft und +Kühnheit fehlt oder deren Energie durch häusliche +Not geschwächt wird. So wenig ist also zu befürchten, +daß diese Leute etwa verweichlicht werden +könnten, wenn sie für einen nützlichen Lebensberuf +ausgebildet und in Männerarbeit geübt werden. +Vielmehr erschlaffen jetzt ihre gesunden und kräftigen +Körper – die Edelleute geruhen nämlich, nur +ausgesuchte Leute zugrunde zu richten – durch +Nichtstun, oder sie werden durch fast weibische Beschäftigung +verweichlicht. Auf keinen Fall liegt es, +will mir scheinen, – wie es sich auch sonst mit +dieser Sache verhalten mag – im Interesse des +Staates, nur für den Kriegsfall, den ihr doch nur +habt, wenn ihr ihn haben wollt, eine unermeßliche +Schar von Menschen dieser Sorte durchzufüttern, +die den Frieden so gefährden, auf den man doch +um so viel mehr bedacht sein sollte als auf den +Krieg.</p> + +<p>Und doch ist das nicht der einzige Zwang zum +<span class="pagenum"><a name="Page_30">30</a></span>Stehlen. Es gibt noch einen anderen, der euch, wie +ich meine, in höherem Grade eigentümlich ist.«</p> + +<p>»Welcher ist das?« fragte der Kardinal.</p> + +<p>»Eure Schafe«, sagte ich. »Sie, die gewöhnlich so +zahm und genügsam sind, sollen jetzt so gefräßig +und wild geworden sein, daß sie sogar Menschen +verschlingen sowie Felder, Häuser und Städte verwüsten +und entvölkern. In all den Gegenden eures +Reiches nämlich, wo die feinere und deshalb teurere +Wolle gewonnen wird, genügen dem Adel und den +Edelleuten und sogar bisweilen Äbten, heiligen Männern, +die jährlichen Einkünfte und Erträgnisse nicht +mehr, die ihre Vorgänger aus ihren Gütern erzielten. +Nicht zufrieden damit, daß sie mit ihrem faulen und +üppigen Leben der Allgemeinheit nichts nützen, sondern +eher schaden, lassen sie kein Ackerland übrig, +zäunen alles als Viehweiden ein, reißen die Häuser +nieder, zerstören die Städte, lassen nur die Kirchen +als Schafställe stehen und, gerade als ob bei euch +die Wildgehege und Parkanlagen nicht schon genug +Grund und Boden der Nutzbarmachung entzögen, +verwandeln diese braven Leute alle bewohnten +Plätze und alles sonst irgendwo angebaute Land in +Einöden.</p> + +<p>Damit also ein einziger Verschwender, unersättlich +und eine grausige Pest seines Vaterlandes, +einige tausend Morgen zusammenhängenden Ackerlandes +mit einem einzigen Zaun umgeben kann, +vertreibt man Pächter von Haus und Hof. Entweder +umgarnt man sie durch Lug und Trug oder überwältigt +sie mit Gewalt; man plündert sie aus oder +treibt sie, durch Gewalttätigkeiten bis zur Erschöpfung +gequält, zum Verkauf ihrer Habe. So oder so +<span class="pagenum"><a name="Page_31">31</a></span>wandern die Unglücklichen aus, Männer und Weiber, +Ehemänner und Ehefrauen, Waisen, Witwen, +Eltern mit kleinen Kindern oder mit einer Familie, +weniger reich an Besitz als an Zahl der Personen, +wie ja die Landwirtschaft vieler Hände bedarf. Sie +wandern aus, sage ich, aus ihren vertrauten und gewohnten +Heimstätten und finden keinen Zufluchtsort. +Ihren gesamten Hausrat, der ohnehin keinen +großen Erlös bringen würde, auch wenn er auf +einen Käufer warten könnte, verkaufen sie um ein +Spottgeld, wenn sie ihn sich vom Halse schaffen müssen. +Ist dann der geringe Erlös in kurzer Zeit auf +der Wanderschaft verbraucht, was bleibt ihnen dann +schließlich anderes übrig, als zu stehlen und am Galgen +zu hängen – nach Recht und Gesetz natürlich – +oder sich herumzutreiben und zu betteln, obgleich +sie auch dann als Vagabunden eingesperrt +werden, weil sie herumlaufen, ohne zu arbeiten? +Und doch will sie niemand als Arbeiter in Dienst +nehmen, so eifrig sie sich auch anbieten. Denn mit +der Landarbeit, an die sie gewöhnt sind, ist es vorbei, +wo nicht gesät wird; genügt doch ein einziger +Schaf- oder Rinderhirt als Aufsicht, um von seinen +Herden ein Stück Land abweiden zu lassen, zu dessen +Bestellung als Saatfeld viele Hände notwendig +waren.</p> + +<p>So kommt es auch, daß an vielen Orten die +Lebensmittel wesentlich teurer geworden sind. Ja, +auch die Wolle ist so im Preis gestiegen, daß eure +weniger bemittelten Tuchmacher sie überhaupt nicht +mehr kaufen können und dadurch in der Mehrzahl +arbeitslos werden. Nachdem man nämlich die Weideflächen +so vergrößert hatte, raffte eine Seuche eine +<span class="pagenum"><a name="Page_32">32</a></span>unzählige Menge Schafe hinweg, gleich als ob Gott +die Habgier der Besitzer hätte bestrafen wollen mit +der Seuche, die er unter ihre Schafe sandte und die +– so wäre es gerechter gewesen – die Eigentümer +selbst hätte treffen müssen. Mag aber auch die Zahl +der Schafe noch so sehr zunehmen, der Preis der +Wolle fällt nicht, weil der Handel damit, wenn man +ihn auch nicht Monopol nennen darf, da ja nicht bloß +einer verkauft, sicher doch ein Oligopol ist. Die +Schafe befinden sich nämlich fast sämtlich in den +Händen einiger weniger, und zwar eben der reichen +Leute, die keine Notwendigkeit dazu drängt, eher +zu verkaufen, als es ihnen beliebt, und es beliebt +ihnen nicht eher, als bis sie beliebig teuer verkaufen +können. Wenn ferner auch die übrigen Viehsorten +in gleicher Weise im Preise gestiegen sind, so ist +dafür derselbe Grund maßgebend, und zwar hierfür +erst recht, weil sich nämlich nach Zerstörung der +Bauernhöfe und nach Vernichtung der Landwirtschaft +niemand mehr mit der Aufzucht von Jungvieh +abgibt. Jene Reichen treiben nämlich nur Schafzucht, +ziehen aber kein Rindvieh mehr auf. Sie kaufen +vielmehr anderswo Magervieh billig auf, mästen +es auf ihren Weiden und verkaufen es dann für viel +Geld weiter. Und nur deshalb empfindet man, meine +ich, den ganzen Schaden dieses Verfahrens noch +nicht in vollem Umfange, weil jene bis jetzt die +Preise nur dort hochgetrieben haben, wo sie verkaufen. +Schaffen sie aber erst einmal eine Zeitlang das +Vieh schneller fort, als es nachwachsen kann, so +nimmt dann schließlich auch dort, wo es aufgekauft +wird, der Bestand allmählich ab, und es entsteht +dann durch starken Mangel notwendigerweise eine +<span class="pagenum"><a name="Page_33">33</a></span>Notlage. So hat die ruchlose Habgier einiger weniger +das, was das ganz besondere Glück dieser eurer +Insel zu sein schien, gerade euer Verderben werden +lassen. Denn diese Verteuerung der Lebensmittel ist +für einen jeden der Anlaß, soviel Dienerschaft wie +möglich zu entlassen: wohin, so frage ich, wenn +nicht zur Bettelei oder, wozu man ritterliche Gemüter +leichter überreden kann, zur Räuberei?</p> + +<p>Was soll man aber dazu sagen, daß sich zu dieser +elenden Verarmung und Not noch lästige Verschwendungssucht +gesellt? Denn sowohl die Dienerschaft +des Adels wie die Handwerker und fast +ebenso die Bauern selbst, ja, alle Stände überhaupt, +treiben viel übermäßigen Aufwand in Kleidung und +zu großen Luxus im Essen. Denke ferner an die +Kneipen, Bordelle und an die andere Art von Bordellen, +ich meine die Weinschenken und die Bierhäuser, +schließlich an die so zahlreichen nichtsnutzigen +Spiele, wie Würfelspiel, Karten, Würfelbecher, +Ball-, Kugel- und Scheibenspiel! Treibt nicht alles +dies seine Anbeter geradeswegs zum Raube auf die +Straße, sobald sie ihr Geld vertan haben?</p> + +<p>Bekämpft diese verderblichen Seuchen! Trefft die +Bestimmung, daß diejenigen, die die Gehöfte und +ländlichen Siedlungen zerstört haben, sie wieder +aufbauen oder denen abtreten, die zum Wiederaufbau +bereit sind und bauen <em class="gesperrt">wollen</em>! Schränkt jene +üblen Aufkäufe der Reichen und die Freiheit ihres +Handels ein, der einem Monopol gleichkommt! Die +Zahl derer, die vom Müßiggang leben, soll kleiner +werden; der Ackerbau soll wieder aufleben; die +Wollspinnerei soll wieder in Gang kommen, damit +es eine ehrbare Beschäftigung gibt, durch die jene +<span class="pagenum"><a name="Page_34">34</a></span>Schar von Tagedieben einen nutzbringenden Erwerb +findet, sie, die die Not bisher zu Dieben gemacht +hat oder die jetzt Landstreicher oder müßige +Dienstmannen sind und ohne Zweifel dereinst Diebe +sein werden! Soviel steht fest: wenn ihr diesen +Übelständen nicht abhelft, so mögt ihr euch umsonst +eurer Gerechtigkeit bei der Bestrafung von Diebstählen +rühmen! Eure Justiz blendet wohl durch +den Schein, aber gerecht oder nützlich ist sie nicht. +Wenn ihr den Menschen eine klägliche Erziehung +zuteil werden und ihren Charakter von zarter Jugend +an allmählich verderben laßt, um sie offenbar erst +dann zu bestrafen, wenn sie als Erwachsene die +Schandtaten begehen, die man von Kindheit an bei +ihnen dauernd erwartet hat, was tut ihr da anderes, +ich bitte euch, als daß ihr sie erst zu Dieben macht +und dann bestraft?«</p> + +<p>Schon während ich so sprach, hatte sich jener +Rechtsgelehrte zum Reden fertig gemacht und sich +entschlossen, jene übliche Methode der Schuldisputanten +anzuwenden, die sorgfältiger wiederholen als +antworten; in dem Grade macht für sie ihr Gedächtnis +einen guten Teil ihres Ruhmes aus. »Was du da +sagst, klingt in der Tat recht hübsch«, erwiderte +er. »Freilich darf man nicht vergessen, daß du als +Fremder über diese Dinge mehr nur etwas hast +hören als genau erforschen können, was ich mit +wenigen Worten beweisen werde. Und zwar will ich +zuerst deine Ausführungen der Reihe nach durchgehen; +sodann will ich zeigen, worin du dich infolge +von Unkenntnis unserer Verhältnisse getäuscht hast; +zum Schluß will ich alle deine Thesen entkräften +und widerlegen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_35">35</a></span> +Um also mit dem ersten Teile meines Versprechens +zu beginnen, so hast du, wie mir scheint, …«</p> + +<p>»Still!« rief da der Kardinal. »Da du nämlich so +anfängst, wirst du, wie mir scheint, nicht mit einigen +wenigen Worten nur antworten wollen. Deshalb +soll dir für den Augenblick die Mühe zu antworten +erspart bleiben. Wir wollen dir jedoch diese Verpflichtung +uneingeschränkt für eure nächste Zusammenkunft +aufheben, die ich schon morgen stattfinden +lassen möchte, falls ihr, du und Raphael, +nichts anderes vorhaben solltet. Inzwischen aber +hätte ich von dir, mein Raphael, sehr gern gehört, +warum du der Ansicht bist, Diebstahl sei nicht mit +dem Tode zu bestrafen, und welche andere Strafe du +selbst vorschlägst, die mehr dem öffentlichen Interesse +entspricht; denn dafür, den Diebstahl einfach +zu dulden, bist du doch gewiß auch nicht. Wenn man +aber jetzt sogar trotz der Lebensgefahr das Stehlen +nicht läßt, welche Gewalt oder welche Befürchtung +könnte dann die Verbrecher abschrecken, nachdem +ihnen erst einmal ihr Leben gesichert ist? Würden +sie es nicht so auffassen, als ob die Milderung der +Strafe sie gewissermaßen durch eine Prämie zum +Verbrechen geradezu ermuntere?«</p> + +<p>»Ich bin durchaus der Ansicht, gütiger Vater«, erwiderte +ich, »daß es ganz ungerecht ist, einem Menschen +das Leben zu nehmen, weil er Geld gestohlen +hat; denn auch sämtliche Glücksgüter können meiner +Meinung nach ein Menschenleben nicht aufwiegen. +Wollte man nun aber sagen, diese Strafe solle die +Rechtsverletzung oder die Übertretung der Gesetze, +nicht das gestohlene Geld aufwiegen, müßte man dann +nicht erst recht jenes strengste Recht als größtes Unrecht +<span class="pagenum"><a name="Page_36">36</a></span>bezeichnen? Denn weder darf man Gesetze nach +Art eines Manlius billigen, so daß bei einer Gehorsamsverweigerung +auch in den leichtesten Fällen sofort +das Schwert zum Todesstreiche gezückt wird, noch +so stoische Grundsätze, daß man die Vergehen alle als +gleich beurteilt und der Ansicht ist, es sei kein Unterschied, +ob einer einen Menschen tötet oder ihm nur +Geld raubt, Vergehen, zwischen denen überhaupt keine +Ähnlichkeit oder Verwandtschaft besteht, wenn Recht +und Billigkeit überhaupt noch etwas gelten. Gott hat +es verboten, jemanden zu töten, und wir töten so +leichten Herzens um eines gestohlenen Sümmchens +willen? Sollte es aber jemand so auffassen wollen, +als ob jenes göttliche Gebot die Tötung eines +Menschen nur insoweit verbiete, als sie nicht ein +menschliches Gesetz gebietet, was steht dann dem im +Wege, daß die Menschen auf dieselbe Weise unter +sich festsetzen, inwieweit Unzucht zu dulden sei und +Ehebruch und Meineid? Gott hat einem jeden die +Verfügung nicht nur über ein fremdes, sondern sogar +über das eigene Leben genommen; wenn aber +menschliches Übereinkommen, sich unter gewissen +Voraussetzungen gegenseitig töten zu dürfen, so viel +gelten soll, daß es seine dienstbaren Geister von +den Bindungen jenes Gebotes befreit und diese dann +ohne jede göttliche Strafe Menschen ums Leben bringen +dürfen, die Menschensatzung zu töten befiehlt, +bleibt dann nicht jenes Gottesgebot nur insoweit in +Geltung, als Menschenrecht es erlaubt? Und so wird +es in der Tat dahin kommen, daß auf dieselbe Weise +die Menschen festsetzen, inwieweit Gottes Gebote +beachtet werden sollen! Und schließlich hat sogar +das mosaische Gesetz, obwohl erbarmungslos und +<span class="pagenum"><a name="Page_37">37</a></span>hart, da es für Sklavenseelen, und zwar für verstockte, +erlassen war, den Diebstahl trotzdem nur +mit Geld und nicht mit dem Tode bestraft. Wir wollen +doch nicht glauben, daß Gott mit dem neuen Gesetz +der Gnade, durch das er als Vater seinen Kindern +gebietet, uns größere Freiheit gewährt hat, +gegeneinander zu wüten!</p> + +<p>Das sind die Gründe, die ich gegen die Todesstrafe +vorzubringen habe. In welchem Grade aber +widersinnig und sogar verderblich für den Staat +eine gleichmäßige Bestrafung des Diebes und des +Mörders ist, das weiß, meine ich, jeder. Wenn nämlich +der Räuber sieht, daß einem, der wegen bloßen +Diebstahls verurteilt ist, keine geringere Strafe +droht, als wenn der Betreffende außerdem noch des +Mordes überführt wird, so veranlaßt ihn schon diese +eine Überlegung zur Ermordung desjenigen, den er +andernfalls nur beraubt hätte. Denn abgesehen davon, +daß für einen, der ertappt wird, die Gefahr +nicht größer ist, gewährt ihm der Mord sogar noch +größere Sicherheit und mehr Aussicht, daß die Tat +unentdeckt bleibt, da ja der, der sie anzeigen könnte, +beseitigt ist. Während wir uns also bemühen, den +Dieben durch allzu große Strenge Schrecken einzujagen, +spornen wir sie dazu an, gute Menschen umzubringen.</p> + +<p>Was ferner die übliche Frage nach einer besseren +Art der Bestrafung anlangt, so ist diese viel leichter +zu finden als eine noch weniger gute. Warum sollten +wir denn eigentlich an der Nützlichkeit jener Methode +der Bestrafung von Verbrechen zweifeln, die, +wie wir wissen, in alten Zeiten so lange den Römern +zugesagt hat, die doch so große Erfahrung in der +<span class="pagenum"><a name="Page_38">38</a></span>Staatsverwaltung besaßen? Diese pflegten nämlich +überführte Schwerverbrecher zur Arbeit in den +Steinbrüchen und Bergwerken zu verurteilen, wo sie +dauernd Fesseln tragen mußten. Jedoch habe ich in +dieser Beziehung auf meinen Reisen bei keinem +Volke eine bessere Einrichtung gefunden als in Persien +bei den sogenannten Polyleriten, einem ansehnlichen +Volke mit einer recht verständigen Verfassung, +das dem Perserkönig nur einen jährlichen +Tribut zahlt, im übrigen aber unabhängig ist und +nach eigenen Gesetzen lebt. Sie wohnen weitab vom +Meere, sind fast ganz von Bergen eingeschlossen, +begnügen sich in jeder Beziehung durchaus mit +den Erträgnissen ihres Landes und pflegen mit +anderen Völkern wenig Verkehr. Infolgedessen sind +sie auch, einem alten Herkommen ihres Volkes entsprechend, +nicht auf Erweiterung ihres Gebietes bedacht. +Innerhalb dieses selbst aber bieten ihnen ihre +Berge sowie das Geld, das sie dem Eroberer zahlen, +mühelos Schutz vor jeder Gewalttat. Völlig frei +vom Kriegsdienst, führen sie ein nicht ebenso glänzendes +wie bequemes Leben in mehr Glück als Vornehmheit +und Berühmtheit, ja nicht einmal dem Namen +nach, meine ich, hinreichend bekannt außer in +der Nachbarschaft. Wer nun bei den Polyleriten +wegen Diebstahls verurteilt wird, gibt das Gestohlene +dem Eigentümer zurück, nicht, wie es anderswo +Brauch ist, dem Landesherrn, weil dieser nach ihrer +Meinung auf das gestohlene Gut ebenso wenig Anspruch +hat wie der Dieb selbst. Ist es aber abhanden +gekommen, so ersetzt und bezahlt man seinen +Wert aus dem Besitz der Diebe, den Rest behalten +ihre Frauen und Kinder unverkürzt, und die Diebe +<span class="pagenum"><a name="Page_39">39</a></span>selbst verurteilt man zu Zwangsarbeit. Nur wenn +schwerer Diebstahl vorliegt, sperrt man sie ins Arbeitshaus, +wo sie Fußfesseln tragen müssen; sonst +behalten sie ihre Freiheit und verrichten ungefesselt +öffentliche Arbeiten. Zeigen sie sich widerspenstig +und zu träge, so legt man sie zur Strafe nicht in +Fesseln, sondern treibt sie durch Prügel zur Arbeit +an; Fleißige dagegen bleiben von Gewalttätigkeiten +verschont; nur des Nachts schließt man sie in Schlafräume +ein, nachdem man sie durch Namensaufruf +kontrolliert hat. Die dauernde Arbeit ist die einzige +Unannehmlichkeit in ihrem Leben. Ihre Verpflegung +ist nämlich nicht kärglich. Für diejenigen, die +öffentliche Arbeiten verrichten, wird sie aus öffentlichen +Mitteln bestritten, und zwar in den einzelnen +Gegenden auf verschiedene Weise. Hier und da +nämlich deckt man den Aufwand für sie aus Almosen; +wenn diese Methode auch unsicher ist, so +bringt doch bei der mildtätigen Gesinnung jenes +Volkes keine andere einen reicheren Ertrag. Anderswo +wieder sind gewisse öffentliche Einkünfte für +diesen Zweck bestimmt. In manchen Gegenden findet +dafür auch eine feste Kopfsteuer Verwendung. +Ja, an einigen Orten verrichten die Sträflinge +keine Arbeit für die Öffentlichkeit, sondern, wenn +ein Privatmann Lohnarbeiter braucht, so mietet er +die Arbeitskraft eines beliebigen von ihnen auf dem +Markte für den betreffenden Tag und zahlt dafür +einen festgesetzten Lohn, nur etwas weniger, als er +für freie Lohnarbeit würde zahlen müssen. Außerdem +steht ihm das Recht zu, faule Sklaven zu peitschen. +Auf diese Weise haben sie niemals Mangel an Arbeit, +und außer seinem Lebensunterhalt verdient +<span class="pagenum"><a name="Page_40">40</a></span>jeder täglich noch etwas, was er an die Staatskasse +abführt. Sie allein sind alle in eine bestimmte Farbe +gekleidet und tragen das Haar nicht vollständig geschoren, +sondern nur ein Stück über den Ohren verschnitten, +und das eine Ohr ist etwas gestutzt. +Speise, Trank und Kleidung von seiner Farbe darf +sich jeder von seinen Freunden geben lassen; wer +dagegen ein Geldgeschenk gibt oder annimmt, wird +mit dem Tode bestraft; und nicht weniger gefährlich +ist es auch für einen Freien, aus irgendeinem +Grunde von einem Sträfling Geld anzunehmen, und +ebenso für die Sklaven – so nennt man nämlich die +Sträflinge –, Waffen anzurühren. Jede Landschaft +macht ihre Sklaven durch ein eigenes, unterscheidendes +Zeichen kenntlich, das abzulegen bei Todesstrafe +verboten ist. Dieselbe Strafe trifft auch den, +der sich außerhalb seines Bezirks sehen läßt oder +mit einem Sklaven eines anderen Bezirks ein Wort +spricht. Die Planung einer Flucht ist ebenso gefährlich +wie ihre Ausführung; schon von einem solchen +Plane gewußt zu haben, bedeutet für den Sklaven +den Tod und für den Freien Knechtschaft. Dagegen +sind auf Anzeigen Preise ausgesetzt, und zwar erhält +ein Freier Geld, ein Sklave dagegen die Freiheit; +beiden aber gewährt man Verzeihung und +Straflosigkeit, auch wenn sie von der Sache gewußt +haben. Dadurch will man verhüten, daß es mehr +Sicherheit bietet, auf einem schlimmen Plane zu beharren +als ihn zu bereuen.</p> + +<p>So also ist diese Angelegenheit gesetzlich geregelt, +wie ich es beschrieben habe. Wie menschlich +und zweckmäßig dieses Verfahren ist, kann man +leicht einsehen. Übt es doch nur insoweit Strenge +<span class="pagenum"><a name="Page_41">41</a></span>aus, als die Verbrechen beseitigt werden; dabei +kostet es kein Menschenleben, und die Übeltäter +werden so behandelt, daß sie gar nicht anders können, +als gut zu sein und den Schaden, den sie vorher +angerichtet haben, durch ihr weiteres Leben +wieder gutzumachen.</p> + +<p>Daß ferner Sträflinge in ihre alte Lebensweise +verfallen könnten, ist durchaus nicht zu befürchten. +Infolgedessen halten sich auch Fremde, die irgendwohin +reisen müssen, unter keiner anderen Führung +für sicherer als unter der jener Sklaven, die dann +von einer Gegend zur anderen unmittelbar wechseln. +Denn sie besitzen nichts, was sie zu einem +Raubüberfall reizen könnte: in der Hand haben sie +keine Waffe, Geld würde ihre verbrecherische Tat +nur verraten, und der Ertappte müßte mit Bestrafung +und völliger Aussichtslosigkeit, irgendwohin +fliehen zu können, rechnen. Wie sollte es nämlich +jemand auch fertig bringen, völlig unbemerkt zu +fliehen, wenn sich seine Kleidung in jedem Stück +von der seiner Landsleute unterscheidet? Er müßte +sich denn gerade nackend entfernen. Ja, auch in +dem Falle würde den Ausreißer das Ohr verraten. +Aber könnten die Sträflinge nicht vielleicht an eine +Verschwörung gegen den Staat denken? Wäre das +nicht doch eine Gefahr? Als ob irgendeine Gruppe +solch eine Hoffnung hegen dürfte, ehe nicht die +Sklaven zahlreicher Landschaften unruhig geworden +und aufgewiegelt sind, denen es nicht einmal erlaubt +ist zusammenzukommen, miteinander zu sprechen +oder sich gegenseitig zu grüßen, die also noch +viel weniger eine Verschwörung anzetteln könnten! +Sollte man ferner annehmen dürfen, sie würden diesen +<span class="pagenum"><a name="Page_42">42</a></span>Plan inzwischen unbesorgt ihren Anhängern anvertrauen, +während sie doch wissen, daß Verschweigen +gefährlich, Verrat aber höchst vorteilhaft ist? +Und dabei hat niemand so gänzlich die Hoffnung +aufgegeben, doch irgendwann einmal die Freiheit +wieder zu erlangen, wenn er sich gehorsam zeigt +und eine Besserung in der Zukunft zuversichtlich +erwarten läßt. Wird doch in jedem Jahre ein paar +Sklaven zum Lohn für geduldiges Ausharren die +Freiheit wieder geschenkt.«</p> + +<p>So sprach ich. Als ich dann noch hinzufügte, es +liege meiner Meinung nach gar kein Grund vor, dieses +Verfahren nicht auch in England anzuwenden, +und zwar mit viel größerem Erfolg als jenen Rechtsbrauch, +den der Jurist so sehr gelobt hatte, da erwiderte +mir dieser sofort: »Niemals ließe sich dieser +Brauch in England einführen, ohne daß der Staat +dadurch in die größte Gefahr geriete!« Und bei diesen +Worten schüttelte er den Kopf, verzog den Mund +und schwieg dann, und alle Anwesenden stimmten +ihm zu. Da meinte der Kardinal: »Man kann +nicht so leicht voraussagen, ob die Sache günstig +oder ungünstig ausgeht, solange man sie überhaupt +noch nicht erprobt hat. Aber nach Verkündigung +eines Todesurteils könnte ja der Landesherr einen +Aufschub der Vollstreckung anordnen und unter Einschränkung +der Privilegien der Asylstätten dieses +neue Verfahren erproben. Sollte es sich durch den +Erfolg als zweckmäßig bewähren, so wäre es wohl +richtig, es zur dauernden Einrichtung zu machen. +Andernfalls könnte man ja die vorher Verurteilten +auch dann noch hinrichten, und das wäre von nicht +geringem Vorteil für den Staat und nicht ungerechter, +<span class="pagenum"><a name="Page_43">43</a></span>als wenn es gleich geschähe, und auch in der +Zeit des Aufschubs könnte keine Gefahr daraus erwachsen. +Ja, wie mir sicher scheint, würde dieselbe +Behandlung auch den Landstreichern gegenüber sehr +angebracht sein; denn gegen sie haben wir zwar bis +jetzt eine Menge Gesetze erlassen, aber trotzdem +noch nichts erreicht.«</p> + +<p>Sobald der Kardinal das gesagt hatte – dasselbe, +worüber sich alle verächtlich geäußert hatten, als +sie es von mir hörten –, wetteiferte jeder, ihm +das höchste Lob zu spenden, besonders jedoch seinem +Vorschlag in betreff der Landstreicher, weil er +den von sich aus hinzugefügt hatte.</p> + +<p>Vielleicht wäre es besser, das, was jetzt folgte, +gar nicht zu erwähnen – es war nämlich lächerlich +–, aber ich will es doch erzählen; denn es war +nicht übel und gehörte in gewissem Sinne zu unserer +Sache. Es stand zufällig ein Schmarotzer dabei, der +offenbar den Narren spielen wollte, sich aber so +schlecht verstellte, daß er mehr einem wirklichen +Narren glich, indem er mit so faden Äußerungen +nach Gelächter haschte, daß man häufiger über seine +Person als über seine Worte lachte. Zuweilen jedoch +äußerte der Mensch auch etwas, was nicht ganz so +albern war, so daß er das Sprichwort bestätigte: +»Wer viel würfelt, hat auch einmal Glück.« Da +meinte einer von den Tischgenossen, ich hätte mit +meiner Rede gut für die Diebe gesorgt und der Kardinal +auch noch für die Landstreicher; nun bleibe +nur noch übrig, von Staats wegen auch noch die zu +versorgen, die durch Krankheit oder Alter in Not +geraten und arbeitsunfähig geworden seien. »Laß +mich das machen!« rief da der Spaßvogel. »Ich will +<span class="pagenum"><a name="Page_44">44</a></span>auch das in Ordnung bringen! Denn es ist mein +sehnlicher Wunsch, mich vom Anblick dieser Sorte +Menschen irgendwie zu befreien. Mehr als einmal +sind sie mir schwer zur Last gefallen, wenn sie +mich mit ihrem Klagegeheul um Geld anbettelten. +Niemals jedoch konnten sie das schön genug anstimmen, +um auch nur einen Pfennig von mir zu erpressen. +Es ist bei mir nämlich immer das eine von +beiden der Fall: entweder habe ich keine Lust, +etwas zu geben, oder ich habe nicht die Möglichkeit +dazu, weil ich nichts zu geben habe. Infolgedessen +werden die Bettler jetzt allmählich +vernünftig. Um sich nämlich nicht unnötig anzustrengen, +reden sie mich gar nicht mehr an, wenn +sie mich vorübergehen sehen. So wenig erhoffen sie +von mir noch etwas, in der Tat nicht mehr, als +wenn ich ein Priester wäre. Aber jetzt befehle ich, +ein Gesetz zu erlassen, dem zufolge alle jene Bettler +ohne Ausnahme auf die Benediktinerklöster verteilt +und zu sogenannten Laienbrüdern gemacht +werden; die Weiber aber, ordne ich an, sollen Nonnen +werden.«</p> + +<p>Da lächelte der Kardinal und stimmte im Scherz +zu, die anderen dann auch im Ernst. Indessen heiterte +dieser Witz über die Priester und Mönche +einen Theologen, einen Klosterbruder, so auf, daß +er, sonst ein ernster, ja beinahe finsterer Mann, +jetzt gleichfalls anfing, Spaß zu machen. »Aber auch +so«, rief er, »wirst du die Bettler nicht loswerden, +wenn du nicht auch für uns Klosterbrüder sorgst!«</p> + +<p>»Aber das ist doch schon geschehen«, erwiderte +der Parasit. »Der Kardinal hat ja vortrefflich für +euch gesorgt, indem er für die Tagediebe Zwangsarbeit +<span class="pagenum"><a name="Page_45">45</a></span>festsetzte; denn ihr seid doch die größten +Tagediebe.«</p> + +<p>Da blickten alle auf den Kardinal. Als sie aber +sahen, daß er auch diese Bemerkung nicht zurückwies, +fingen sie alle an, sie mit großem Vergnügen +aufzunehmen; nur der Klosterbruder machte eine +Ausnahme. Der nämlich, mit solchem Essig übergossen, +geriet dermaßen in Zorn und Hitze – +worüber ich mich auch gar nicht wundere –, daß er +sich nicht mehr beherrschen konnte und zu schimpfen +anfing. Er nannte den Menschen einen Taugenichts, +einen Verleumder, einen Ohrenbläser und ein Kind +der Verdammnis und führte zwischendurch schreckliche +Drohungen aus der Heiligen Schrift an. Jetzt +aber begann der Witzbold ernsthaft zu spaßen, und +da war er ganz in seinem Element. »Zürne nicht, +lieber Bruder!« sagte er. »Es steht geschrieben: +›Durch standhaftes Ausharren sollt ihr euch das +Leben gewinnen.‹« Darauf erwiderte der Klosterbruder +– ich will nämlich seine eigenen Worte wiedergeben +–: »Ich zürne nicht, du Galgenstrick, +oder ich sündige wenigstens nicht damit. Denn der +Psalmist sagt: ›Zürnt und sündigt nicht!‹« Darauf +ermahnte der Kardinal den Klosterbruder in sanftem +Tone, sich zu mäßigen. Doch der antwortete: +»Herr, ich spreche nur in redlichem Eifer, wie ich es +tun muß. Denn auch heilige Männer haben einen +redlichen Eifer bewiesen, weswegen es heißt: ›Der +Eifer um dein Haus hat mich verzehrt‹. Und in den +Kirchen singt man:</p> + +<div class="poem" style="width: 22em;"> +›Die Spötter Elisas,<br /> +Während er hinaufsteigt zum Hause Gottes,<br /> +Bekommen den Eifer des Kahlkopfs zu spüren‹,<br /> +</div> + +<p class="noindent"><span class="pagenum"><a name="Page_46">46</a></span> +wie ihn vielleicht auch dieser Spötter da, dieser +Possenreißer, dieser Bruder Liederlich noch zu spüren +bekommen wird.«</p> + +<p>»Du handelst vielleicht in ehrlicher Erregung«, +sagte der Kardinal, »aber mir will scheinen, es +würde möglicherweise frömmer, bestimmt aber klüger +von dir sein, wenn du nicht mit einem törichten +und lächerlichen Menschen einen lächerlichen Streit +beginnen wolltest.«</p> + +<p>»Nein, Herr, das würde nicht klüger von mir +sein«, erwiderte er. »Sagt doch selbst der weise +Salomo: ›Antworte dem Narren gemäß seiner Narrheit!‹, +wie ich es jetzt tue und ihm die Grube zeige, +in die er fallen wird, wenn er nicht recht auf der +Hut ist. Wenn nämlich die vielen Spötter Elisas, +der doch nur <em class="gesperrt">ein</em> Kahlkopf war, den Eifer des Kahlkopfes +zu spüren bekommen haben, um wieviel mehr +wird ein einziger Spötter den Eifer der vielen Klosterbrüder +zu spüren bekommen, unter denen sich +doch viele Kahlköpfe befinden! Und außerdem +haben wir ja noch eine päpstliche Bulle, auf Grund +deren alle, die sich über uns lustig machen, der +Kirchenbann trifft.«</p> + +<p>Sobald der Kardinal sah, daß der Streit kein Ende +nehmen wollte, gab er dem Schmarotzer einen Wink, +sich zu entfernen, und brachte die Rede auf ein +anderes Thema, das auch Anklang fand. Bald darauf +stand er von der Tafel auf, entließ uns und widmete +sich seinen Lehnsleuten, deren Anliegen er sich +anhörte.</p> + +<p>»Sieh da, mein lieber Morus, wie lang ist doch die +Geschichte geworden, mit der ich dich belästigt +habe! Ich hätte mich entschieden geschämt, so ausführlich +<span class="pagenum"><a name="Page_47">47</a></span>zu werden, wenn du es nicht dringend zu +wissen verlangt hättest und wenn es mir nicht den +Eindruck gemacht hätte, als wolltest du auch nicht +<em class="gesperrt">ein</em> Wort von jenem Gespräch ausgelassen wissen; +mit solcher Aufmerksamkeit hörtest du mir zu. Ich +mußte dies jedoch alles erzählen – freilich hätte +es wesentlich kürzer geschehen können –, um die +Urteilsfähigkeit dieser Leute ins rechte Licht zu +rücken: wovon sie nämlich nichts wissen wollten, +als sie es aus <em class="gesperrt">meinem</em> Munde hörten, eben das billigten +sie auf der Stelle, als es der Kardinal billigte, +und zwar gingen sie in ihrer Lobhudelei so weit, daß +sie sich sogar die Einfälle seines Schmarotzers, die +sein Herr im Scherz nicht zurückwies, in schmeichlerischer +Weise gefallen ließen und sie beinahe für +Ernst nahmen. Daraus kannst du ermessen, wie hoch +die Höflinge mich mit meinen Ratschlägen einschätzen +würden.«</p> + +<p>»In der Tat, mein lieber Raphael«, erwiderte ich, +»deine Erzählung war ein großer Genuß für mich; +so klug und treffend zugleich hast du alles gesagt. +Außerdem war es mir währenddem so, als befände +ich mich wieder in meiner Heimat, und nicht bloß +dies, sondern als erlebte ich gewissermaßen noch +einmal meine Kindheit, bei der angenehmen Erinnerung +an jenen Kardinal, an dessen Hofe ich als +Knabe erzogen worden bin. Lieb und wert warst du +mir ja auch sonst schon, mein Raphael, aber um +wieviel teurer du mir durch die so hohe Ehrung des +Andenkens an jenen Mann geworden bist, kannst +du dir kaum vorstellen. Im übrigen kann ich bis jetzt +meine Ansicht in keinerlei Weise ändern; ich bin +vielmehr entschieden der Meinung, wenn du dich +<span class="pagenum"><a name="Page_48">48</a></span>entschließen könntest, deine Abneigung gegen die +Fürstenhöfe aufzugeben, so könntest du mit deinen +Ratschlägen der Öffentlichkeit den größten Nutzen +stiften. Deshalb ist dies deine höchste Pflicht, die +Pflicht eines braven Mannes. Und wenn vollends +dein Plato der Ansicht ist, die Staaten würden erst +dann glücklich sein, wenn entweder die Philosophen +Könige seien oder die Könige sich mit Philosophie +befaßten, wie fern wird da das Glück noch sein, +wenn es die Philosophen sogar für unter ihrer +Würde halten, den Königen ihren guten Rat zuteil +werden zu lassen.«</p> + +<p>»Sie sind nicht so ungefällig«, antwortete er, »daß +sie das nicht gern tun würden – sie haben es ja +auch schon durch die Veröffentlichung zahlreicher +Bücher getan –, wenn nur die Machthaber bereit +wären, die guten Ratschläge auch zu befolgen. Aber +ohne Zweifel hat Plato richtig vorausgesehen, daß +die Könige nur dann die Ratschläge philosophierender +Männer gutheißen werden, wenn sie sich selbst +mit Philosophie beschäftigen. Sind sie doch von +Kindheit an mit verkehrten Meinungen getränkt und +von ihnen angesteckt, was Plato in eigener Person +am Hofe des Dionysius erfahren mußte. Oder +meinst du nicht, ich würde auf der Stelle fortgejagt +oder verspottet werden, wenn ich am Hofe +irgendeines Königs gesunde Maßnahmen vorschlüge +und verderbliche Saaten schlechter Ratgeber auszureißen +versuchte?</p> + +<p>Wohlan, stelle dir vor, ich lebte am Hofe des +Königs von Frankreich und säße mit in seinem Rate, +während man in geheimster Zurückgezogenheit unter +dem Vorsitze des Königs selbst in einem Kreise der +<span class="pagenum"><a name="Page_49">49</a></span>klügsten Männer mit großem Eifer darüber verhandelt, +mit welchen Ränken und Machenschaften der +König es fertig bringen kann, Mailand zu behaupten, +jenes immer aufs neue abfallende Neapel wiederzugewinnen, +ferner Venedig zu vernichten und sich +ganz Italien zu unterwerfen, sodann Flandern, Brabant +und schließlich ganz Burgund seinem Reiche +einzuverleiben und außerdem noch andere Völker, +in deren Land der König schon längst im Geiste eingefallen +ist. Hier rät der eine, mit den Venetianern +ein Bündnis zu schließen, aber nur für so lange, als +es den Franzosen Nutzen bringt; mit ihnen gemeinschaftliche +Sache zu machen, ja auch einen Teil der +Beute ihnen anzuvertrauen und dann wieder zurückzuverlangen, +wenn alles nach Wunsch gegangen ist; +ein anderer wieder schlägt vor, deutsche Landsknechte +anzuwerben; ein dritter, Schweizer mit Geld +kirre zu machen; ein vierter, sich die Gunst der kaiserlichen +Majestät durch Gold wie durch ein Weihgeschenk +zu erkaufen. Ein anderer wieder rät dem +Fürsten, sich mit dem König von Aragonien gütlich zu +einigen und ihm gleichsam als Unterpfand des Friedens +das Königreich Navarra abzutreten, das ihm aber +gar nicht gehört. Unterdessen will ein anderer den +Prinzen von Kastilien durch eine Aussicht auf eine +Verschwägerung ins Garn locken und einige Granden +seines Hofes durch eine bestimmte Barzahlung +auf die Seite Frankreichs ziehen. Nun aber stößt +man auf die allergrößte Schwierigkeit, was man +nämlich bei alledem in betreff Englands beschließen +soll: immerhin müsse man mit ihm doch wenigstens +Friedensverhandlungen anknüpfen und das immer +unsicher bleibende Bündnis durch recht starke Bande +<span class="pagenum"><a name="Page_50">50</a></span>befestigen; die Engländer solle man zwar Freunde +nennen, ihnen aber wie Feinden mißtrauen und deshalb +die Schotten für jeden Fall schlagfertig, gleichsam +auf Posten, in Bereitschaft halten und sie sofort +auf die Engländer loslassen, sobald sich diese +irgendwie rührten. Außerdem müsse man einen +hohen, in der Verbannung lebenden Adligen unterstützen, +und zwar im geheimen – eine offene Protektion +lassen nämlich die Verträge nicht zu –, +der den englischen Thron für sich beanspruche. Das +solle für den König von Frankreich eine Handhabe +sein, den König von England im Zaume zu halten, +dem er nicht trauen dürfe.</p> + +<p>Und nun denke dir, hier, bei einem solchen Drange +der Geschäfte, wenn so viele ausgezeichnete Männer +um die Wette Ratschläge für den Krieg erteilen, +stünde ich armseliges Menschenkind auf und hieße +plötzlich den Kurs ändern, schlüge vor, Italien aufzugeben, +und behauptete, man müsse im Lande bleiben; +das eine Königreich Frankreich sei schon fast +zu groß, als daß es ein einziger gut verwalten +könne; der König solle doch nicht glauben, er dürfe +noch an die Einverleibung anderer Reiche denken; +und ich riete ihnen dann weiter, dem Beispiele der +Achorier zu folgen, eines Volkes, das der Insel +Utopia im Südosten gegenüberliegt. In alten Zeiten +hatten sie einmal einen Krieg geführt, um ihrem +König den Besitz eines zweiten Reiches zu sichern, +das er auf Grund einer alten Verwandtschaft als sein +Erbe beanspruchte. Als sie endlich ihr Ziel erreicht +hatten, mußten sie jedoch einsehen, daß die Behauptung +des Landes keineswegs leichter war als seine +Eroberung, daß vielmehr ohne Unterlaß Auflehnungen +<span class="pagenum"><a name="Page_51">51</a></span>im Inneren oder Überfälle auf die Unterworfenen +von außen daraus entstanden, daß sie so +dauernd entweder für oder gegen jene kämpfen +mußten, daß sich niemals die Möglichkeit bot, das +Heer zu entlassen, daß sie selber inzwischen ausgebeutet +wurden, daß ihr Geld ins Ausland ging, +daß sie ihr Blut für ein wenig Ruhm eines Fremden +vergossen, daß der Friede im Inneren durchaus +nicht gesicherter war, daß der Krieg die Moral verdarb, +daß die Raubsucht den Menschen gleichsam +in Fleisch und Blut überging, daß die Rauflust infolge +der Metzeleien zunahm und daß man die Gesetze +nicht mehr achtete. Und das alles, weil der +König sein Interesse, das durch die Sorge für zwei +Reiche zersplittert wurde, jedem einzelnen nicht +nachdrücklich genug zuwenden konnte. Da nun die +Achorier sahen, diese so schlimmen Zustände würden +auf andere Weise kein Ende nehmen, faßten sie +endlich einen Entschluß und ließen ihrem Fürsten +in überaus höflicher Form die Wahl, welches Reich +von beiden er behalten wolle; beide könne er nämlich +nicht länger behalten; sie seien ein zu großes +Volk, um von einem ›halbierten‹ König regiert zu +werden, wie sich ja auch niemand gern mit einem +anderen <ins title="in seinen">seinen</ins> Maultiertreiber würde teilen wollen. +So sah sich denn jener brave Fürst gezwungen, +sein neues Reich einem seiner Freunde zu überlassen +– der übrigens bald darauf gleichfalls verjagt +wurde – und sich mit dem alten zu begnügen. +Ferner würde ich darauf hinweisen, daß alle diese +kriegerischen Versuche, die um des Königs willen +so viele Völker in Unruhe versetzen würden, durch +irgendein Mißgeschick schließlich doch ohne Erfolg +<span class="pagenum"><a name="Page_52">52</a></span>enden könnten, nachdem seine Geldmittel erschöpft +und sein Volk ruiniert seien. Ich würde ihm deshalb +raten, sein ererbtes Reich nach Möglichkeit zu pflegen +und zu fördern und es zu höchster Blüte zu +bringen, seine Untertanen zu lieben und sich von +ihnen lieben zu lassen, mit ihnen zusammen zu leben, +sie mit Milde zu regieren und andere Reiche in +Frieden zu lassen, da ihm ja schon genug und übergenug +zugefallen sei. Mit was für Ohren, meinst du, +mein Morus, müßte man da wohl meine Rede aufnehmen?«</p> + +<p>»Wahrhaftig, nicht mit sehr geneigten«, erwiderte +ich.</p> + +<p>»Fahren wir also fort!« sagte er. »Die Ratgeber +irgendeines Königs debattieren und klügeln mit ihm +aus, mit welchen Schelmenstreichen sie Gelder für +ihn aufhäufen können. Einer rät dazu, den Geldwert +zu erhöhen, wenn der König selber eine Zahlung zu +leisten hat, ihn aber anderseits unter das rechte Maß +zu senken, wenn ihm eine Zahlung zu leisten ist. Auf +diese Weise bezahlt er eine große Schuld mit wenig +Geld und erhält für eine kleine ausstehende Forderung +viel. Ein anderer wieder schlägt vor, eine +Kriegsgefahr vorzutäuschen, unter diesem Vorwand +Geld aufzubringen und dann zum geeignet erscheinenden +Zeitpunkt Frieden zu schließen, und zwar +unter feierlichen Zeremonien; dadurch solle der +breiten Masse des dummen Volkes vorgegaukelt +werden, der fromme Fürst habe offenbar aus Mitleid +kein Menschenblut vergießen wollen. Ein dritter +ruft ihm gewisse alte, von Motten angefressene und +längst nicht mehr angewendete Gesetze ins Gedächtnis, +nach denen sich kein Mensch mehr richte, weil +<span class="pagenum"><a name="Page_53">53</a></span>sich niemand besinnen könne, daß sie überhaupt +jemals erlassen worden seien, und er fordert ihn auf, +Strafgelder für diese Nichtbefolgung einzuziehen: +kein Ertrag sei ergiebiger und zugleich ehrenhafter, +da er ja die Maske der Gerechtigkeit zur Schau +trage. Ein vierter wieder fordert den König auf, +unter Androhung hoher Geldstrafen eine Menge Verbote +zu erlassen, zumeist von Handlungen, die nicht +den Interessen des Volkes dienen, gegen Geld aber +Leuten Dispens zu erteilen, deren Privatinteressen +ein Verbot im Wege steht. Auf diese Weise ernte er +den Dank des Volkes und habe doppelten Gewinn, +einmal aus der Bestrafung der Leute, die ihre Erwerbsgier +ins Netz lockt, und sodann aus dem Verkauf +der Vorrechte an andere, für um so mehr Geld +natürlich, je gewissenhafter der Fürst ist; denn ein +guter Herrscher begünstigt nur ungern einen Privatmann +zum Nachteile seines Volkes und deshalb nur +für viel Geld. Wieder ein anderer sucht den König +zu überreden, Richter anzustellen, die in jeder beliebigen +Sache zu seinen Gunsten entscheiden; +außerdem solle er sie einladen, in seinem Palaste +und in seiner Gegenwart über seine Angelegenheiten +zu verhandeln; dann werde keiner seiner Prozesse +so offensichtlich faul sein, daß nicht einer der Richter, +sei es aus Lust am Widerspruch oder aus Scheu +vor Wiederholung von schon Gesagtem oder im Haschen +nach der königlichen Gunst irgendeinen Ritz +entdecken würde, in den man eine Rechtsverdrehung +einklemmen könne. Wenn dann erst einmal bei Meinungsverschiedenheit +der Richter über die an sich +völlig klare Sache debattiert und die Wahrheit in +Frage gestellt werde, so biete sich dem König die +<span class="pagenum"><a name="Page_54">54</a></span>günstige Gelegenheit, das Recht zu seinem eigenen +Vorteil auszulegen, und die anderen würden sich aus +Hochachtung oder aus Furcht seiner Meinung anschließen. +Und in diesem Sinne fällt dann später der +Gerichtshof unbedenklich das Urteil; denn es kann +ja niemandem an einem Vorwand fehlen, sich zugunsten +des Fürsten zu entscheiden. Genügt es ihm +doch, daß entweder die Billigkeit für ihn spricht +oder der Wortlaut des Gesetzes oder die gewaltsam +verdrehte Auslegung des Sinnes eines Schriftstückes +oder, was gewissenhaften Richtern schließlich mehr +gilt als alle Gesetze, des Fürsten unbestreitbares +Recht der obersten Entscheidung. Kurz, alle Ratgeber +sind der gleichen Ansicht und wirken zusammen +im Sinne jenes Wortes des Crassus, keine +Menge Gold sei groß genug für einen Fürsten, der +ein Heer unterhalten müsse. Außerdem kann nach +ihrer Meinung ein König gar kein Unrecht tun, mag +er es auch noch so sehr wünschen; denn der gesamte +Besitz aller seiner Untertanen wie auch diese selbst +sind, so glauben sie, sein Eigentum, und jedem einzelnen +gehört nur so viel, wie ihm seines Königs +Gnade noch läßt. Der aber muß großen Wert +darauf legen, daß dieser Rest möglichst gering +ist; denn seine Sicherheit beruht darauf, daß sein +Volk nicht durch Reichtum oder Freiheit übermütig +wird, weil beides eine harte und ungerechte Herrschaft +weniger geduldig ertragen läßt, während +anderseits Armut und Not abstumpfen, geduldig +machen und den Untertanen in ihrer Bedrängnis den +großzügigen Geistesschwung der Empörung nehmen.</p> + +<p>Nun stelle dir wieder vor, ich stünde jetzt noch +einmal auf und behauptete, alle diese Pläne seien für +<span class="pagenum"><a name="Page_55">55</a></span>den König unehrenhaft und verderblich; denn nicht +nur seine Ehre, sondern auch seine Sicherheit beruhe +weniger auf seinem eigenen Reichtum als auf +dem seiner Untertanen. Ich würde dann weiter ausführen, +daß sich diese einen König nicht in dessen, +sondern in ihrem eigenen Interesse wählen, um nämlich, +dank seiner eifrigen Bemühung, selber in Ruhe +und Sicherheit vor Gewalttaten zu leben. Deshalb +hat der Fürst, so würde ich weiter sagen, die +Pflicht, mehr auf seines Volkes Wohlergehen als +auf sein eigenes bedacht zu sein, genau so wie es die +Pflicht eines Hirten ist, mehr für die Ernährung +seiner Schafe als für seine eigene zu sorgen, wenigstens +in seiner Eigenschaft als Schafhirt. Denn in +der Armut des Volkes einen Schutz zu sehen, ist, wie +schon die Erfahrung lehrt, ein gewaltiger Irrtum. +Wo könnte man nämlich mehr Zank und Streit finden +als unter Bettlern? Und wer ist eifriger auf Umsturz +bedacht als der, dem seine augenblickliche +Lage so gar nicht gefallen will? Oder wen beseelt +schließlich ein kühneres Verlangen nach einem allgemeinen +Durcheinander, in der Hoffnung auf irgend +welchen Gewinn, als den, der nichts mehr zu verlieren +hat? Sollte nun aber wirklich ein König von +seinen Untertanen so sehr verachtet oder gehaßt +werden, daß er sie nicht anders im Zaume halten +kann, als indem er mit Mißhandlungen, Ausplünderung +und Güterparzellierung gegen sie vorgeht +und sie an den Bettelstab bringt, dann wäre es wirklich +besser für ihn, er legte seine Herrschaft nieder, +als daß er sie mit Hilfe solcher Künste behauptet; +sie retten ihm wohl den Namen seiner +Herrschaft, aber ihrer Erhabenheit geht er bestimmt +<span class="pagenum"><a name="Page_56">56</a></span>verlustig. Denn es ist eines Königs nicht würdig, +über Bettler zu herrschen, sondern vielmehr über +reiche und glückliche Menschen. Eben das meint +sicherlich der hochgemute und geistig überlegene +Fabricius mit der Antwort, er wolle lieber Reichen +gebieten als selber reich sein. Und in der Tat! +Als einzelner in Vergnügen und Genüssen schwimmen, +während ringsherum andere seufzen und jammern, +das heißt nicht Hüter eines Thrones, sondern +eines Kerkers sein. Kurzum: wie es demjenigen Arzte +an jeder Erfahrung fehlt, der eine Krankheit nur +durch eine andere zu heilen versteht, so mag der +seine völlige Unfähigkeit zur Herrschaft über Freie +ruhig eingestehen, der das Leben der Staatsbürger +nur dadurch zu bessern weiß, daß er ihnen nimmt, +was das Leben lebenswert macht. Ja wahrhaftig, +er soll doch lieber seine Trägheit oder seinen Stolz +aufgeben; denn diese Laster ziehen ihm in der Regel +die Verachtung oder den Haß seines Volkes zu. Er +soll rechtschaffen von seinen Mitteln leben und seine +Ausgaben den Einnahmen anpassen. Er soll ferner +die Missetaten einschränken und lieber durch richtige +Belehrung seiner Untertanen verhüten, als sie +erst anwachsen zu lassen und dann zu bestrafen. +Gesetze, die gewohnheitsmäßig aus der Übung gekommen +sind, soll er nicht aufs Geratewohl erneuern, +zumal wenn sie schon lange nicht mehr angewendet +und niemals vermißt worden sind. Er soll +auch niemals für ein derartiges Vergehen eine Geldstrafe +einziehen, was der Richter auch einem Privatmanne +als unbillig und unlauter untersagen +würde. Ferner würde ich jenen Ratgebern ein Gesetz +der Macarenser mitteilen, die gleichfalls nicht +<span class="pagenum"><a name="Page_57">57</a></span>eben weit von Utopia entfernt wohnen. An dem Tage +seiner Regierungsübernahme verpflichtet sich nämlich +ihr König unter Darbringung feierlicher Opfer +eidlich, nie auf einmal mehr als tausend Pfund Gold +oder den entsprechenden Wert in Silber in seinen +Kassen zu haben. Diese Bestimmung soll ein vortrefflicher +König getroffen haben, dem das Wohl +seines Landes mehr als sein persönlicher Reichtum +am Herzen lag. Mit dieser Maßnahme wollte er in +seinem Volke einer Geldknappheit infolge Anhäufung +einer zu großen Geldsumme vorbeugen. Er sah +nämlich ein, dieser Betrag werde für den Monarchen +groß genug sein zum Kampfe gegen die Rebellen +und groß genug für die Monarchie zur Abwehr +feindlicher Angriffe; dagegen sei er nicht groß genug, +um zu Einfällen in fremdes Gebiet Lust zu +machen. Das war der hauptsächlichste Grund für +den Erlaß des genannten Gesetzes. Der nächste +Grund aber war, daß jener König glaubte, auf diese +Weise einen Mangel an den Zahlungsmitteln verhütet +zu haben, die täglich im Handelsverkehr der +Bürger im Umlauf waren. Auch war er der Ansicht, +ein König werde bei allen unvermeidlichen Ausgaben, +die den Staatsschatz über das gesetzliche +Maß hinaus belasten, keine Möglichkeiten zu einer +gewaltsamen Maßnahme suchen. Einen solchen König +werden die Bösen fürchten und die Guten lieben. +Würde ich also dies und noch mehr dergleichen +bei Leuten vorbringen, die leidenschaftlich den +entgegengesetzten Grundsätzen huldigen, was für +tauben Ohren würde ich da wohl predigen?«</p> + +<p>»Stocktauben, ohne Zweifel«, erwiderte ich. »Und +in der Tat, darüber wundere ich mich auch gar nicht. +<span class="pagenum"><a name="Page_58">58</a></span>Auch will es mir, um die Wahrheit zu sagen, nicht +angebracht erscheinen, derartige Reden zu halten +und solche Ratschläge zu erteilen, die, wie man +sicher weiß, niemals befolgt werden. Was könnte +denn auch der Nutzen einer so ungewöhnlichen Rede +sein, oder wie sollte sie überhaupt eine Wirkung ausüben +auf Leute, die von einer ganz anderen Überzeugung +voreingenommen und tief durchdrungen +sind? Unter lieben Freunden, im vertraulichen Gespräch, +ist solches theoretisches Philosophieren nicht +ohne Reiz, aber in einem Rate von Fürsten, wo mit +gewichtiger Autorität über Fragen von Bedeutung +verhandelt wird, ist für so etwas kein Platz.«</p> + +<p>»Da haben wir ja«, rief er, »was ich immer sagte: +An Fürstenhöfen will man eben von Philosophie +nichts wissen.«</p> + +<p>»Gewiß«, erwiderte ich, »es ist wahr: nichts von +dieser rein theoretischen Philosophie, die da meint, +jeder beliebige Satz sei überall am Platze. Aber es +gibt ja noch eine andere Art von Philosophie, die +die besonderen Bedingungen ihres Landes und ihrer +Zeit besser kennt. Ihr ist die Bühne, auf der sie +zu spielen hat, bekannt, sie paßt sich ihr an und +führt ihre Rolle in dem Stück, das gerade gegeben +wird, gefällig und mit Anstand durch. Das +ist die Philosophie, die für dich in Betracht kommt. +Wie wäre es übrigens, wenn du bei der Aufführung +einer Komödie des Plautus, gerade während die +Haussklaven untereinander Possen treiben, in der +Tracht eines Philosophen auf der Bühne erschienest +und aus der Octavia die Stelle hersagtest, in der +Seneca mit Nero disputiert? Wäre es da nicht +besser, du trätest nur als Statist auf, anstatt Unpassendes +<span class="pagenum"><a name="Page_59">59</a></span>zu deklamieren und dadurch eine solche +Tragikomödie vorzuführen? Du würdest ja das +Stück, das man gerade spielt, verderben und über +den Haufen werfen, indem du so ganz Verschiedenartiges +durcheinandermengst, selbst wenn das, was +du bringst, der wertvollere Beitrag wäre. Was für +ein Stück gerade aufgeführt wird, darin mußt du so +gut wie möglich mitspielen, und du darfst das ganze +Stück nicht deshalb in Unordnung bringen, weil dir +ein hübscheres von einem anderen Verfasser in den +Sinn gekommen ist.</p> + +<p>So ist es im Staate, so bei den Beratungen der +Fürsten. Kann man verkehrte Meinungen nicht mit +der Wurzel ausrotten und kann man Übeln, die sich +durch lange Gewohnheit eingenistet haben, nicht +nach seiner innersten Überzeugung abhelfen, so darf +man deshalb doch nicht gleich den Staat im Stiche +lassen und im Sturme das Schiff nicht deshalb preisgeben, +weil man den Winden nicht Einhalt gebieten +kann. Man darf auch nicht den Menschen eine ungewöhnliche +und lästige Rede aufdrängen, die, wie +man weiß, auf Leute, die entgegengesetzter Meinung +sind, gar keinen Eindruck machen wird. Man +muß es lieber auf einem Umwege versuchen und +sich bemühen, an seinem Teile alles geschickt zu +behandeln und, was man nicht zum Guten wenden +kann, wenigstens zu einem möglichst kleinen Übel +werden zu lassen. Denn unmöglich können alle Verhältnisse +gut sein, solange nicht alle Menschen gut +sind. Darauf aber werde ich wohl noch manches +Jahr warten müssen.«</p> + +<p>»Dieses Verhalten«, meinte er, »hätte nichts anderes +zur Folge, als daß ich, in dem Bestreben, die Raserei +<span class="pagenum"><a name="Page_60">60</a></span>anderer zu heilen, selber mit ihnen zu rasen anfinge. +Denn wenn ich die Wahrheit sagen will, so muß ich so +reden; ob es dagegen eines Philosophen würdig ist, +die Unwahrheit zu sagen, weiß ich nicht. Mir wenigstens +widerstrebt es. Es mag schon sein, daß meine +Rede jenen Leuten vielleicht unwillkommen und +lästig ist. Trotzdem aber sehe ich nicht ein, warum +sie ihnen bis zur Unschicklichkeit ungewöhnlich erscheinen +sollte. Wenn ich nun entweder das anführte, +was Plato in seinem Staate fingiert, oder +das, was die Utopier in ihrem Staate tun, so könnte +das, obgleich es an sich das Bessere wäre – und +das ist es auch wirklich –, doch unpassend erscheinen, +weil es hier Privatbesitz der einzelnen +gibt, dort aber alles gemeinsamer Besitz aller ist.</p> + +<p>Wie ist es denn nun aber eigentlich mit <em class="gesperrt">meiner</em> +Rede? Abgesehen davon, daß den Leuten, die auf +einem anderen Wege kopfüber vorwärtsstürzen wollen, +ein Mann nicht lieb sein kann, der sie zurückruft +und auf Gefahren aufmerksam macht, was enthielt +sie denn sonst, das nicht überall gesagt werden +dürfte oder sogar gesagt werden sollte? Müßte +man freilich alles als unerhört und widersinnig +beiseite lassen, was verkehrter menschlicher Anschauung +zufolge als seltsam erscheint, dann müßten +wir unter den Christen das meiste von allem geheimhalten, +was Christus gelehrt und uns so streng +zu verleugnen verboten hat, daß er uns sogar geboten +hat, auch das, was er seinen Jüngern nur ins +Ohr geflüstert hatte, öffentlich auf den Dächern zu +verkünden. Steht doch diese Lehre zum größten +Teile weit weniger im Einklang mit unseren heutigen +Sitten als meine Rede, nur daß die Volksredner +<span class="pagenum"><a name="Page_61">61</a></span>in ihrer Schlauheit, wie mir scheint, deinen +Rat befolgt haben. Als sie nämlich sahen, daß die +Menschen nur ungern ihr Verhalten der Vorschrift +Christi anpaßten, paßten sie umgekehrt seine Lehre, +als wäre sie biegsam wie ein Richtmaß aus Blei, +den herrschenden Sitten an, damit beides einigermaßen +wenigstens in Übereinstimmung miteinander +gebracht würde. Ich kann aber nicht einsehen, welchen +Nutzen sie damit gestiftet haben, außer daß +die Bosheit größere Sicherheit genießt, und ich +selbst würde in der Tat in dem Rate eines Fürsten +ebensowenig Nutzen stiften. Entweder nämlich +würde ich eine abweichende Meinung äußern – +das wäre dann genau so, als wenn ich gar nichts +sagte –, oder eine zustimmende, und damit würde +ich zum Helfershelfer ihres Wahnsinns, wie Micio +bei Terenz sagt. Denn was jenen von dir erwähnten +Umweg anlangt, so kann ich nicht einsehen, was +für eine Bewandtnis es damit haben soll. Du meinst, +man müsse auf ihm zu erreichen suchen, daß die +Verhältnisse, wenn man sie nun einmal nicht gründlich +bessern kann, wenigstens geschickt behandelt +werden und sich, soweit das geht, möglichst wenig +schlecht gestalten. Denn von Vertuschen kann hier +keine Rede sein, und die Augen darf man nicht zudrücken. +Die schlechtesten Ratschläge sollen offen +gebilligt und die verderblichsten Verfügungen unterschrieben +werden. Ein Schurke, ja fast ein Hochverräter +würde sein, wer unheilvolle Beschlüsse in +arglistiger Weise doch guthieße.</p> + +<p>Ferner bietet sich einem gar keine Gelegenheit, +sich irgendwie nützlich zu machen, wenn man unter +solche Amtsgenossen gerät, die auch den besten +<span class="pagenum"><a name="Page_62">62</a></span>Mann verderben, anstatt sich selbst durch ihn bessern +zu lassen. Der Umgang mit diesen verdorbenen +Menschen wird dich entweder auch verderben, oder, +wenn du auch selbst unbescholten und ohne Schuld +bleibst, so wirst du doch fremder Bosheit und Torheit +zum Deckmantel dienen. So viel fehlt also daran, +daß du mit jenem deinen Umwege etwas zum +Besseren wenden könntest.</p> + +<p>Deshalb erklärt auch Plato mit einem wunderschönen +Gleichnis, warum sich die Weisen mit Fug +und Recht von politischer Betätigung fernhalten sollen. +Sie sehen nämlich, wie das Volk auf die Straßen +strömt und ununterbrochen von Regengüssen +durchnäßt wird, können es aber nicht dazu bewegen, +sich vor dem Regen in Sicherheit zu bringen und in +die Häuser zu gehen. Weil sie aber wissen, daß sie, +wenn sie auch auf die Straße gehen, nichts weiter +erreichen, als daß sie selbst mit einregnen, so bleiben +sie im Hause und sind damit zufrieden, wenigstens +selber in Sicherheit zu sein, wenn sie schon +fremder Torheit nicht steuern können.</p> + +<p>Wenn ich freilich ganz offen meine Meinung +kundgeben soll, mein lieber Morus, so muß ich +sagen: ich bin in der Tat der Ansicht, überall, wo +es noch Privateigentum gibt, wo alle an alles das +Geld als Maßstab anlegen, wird kaum jemals eine +gerechte und glückliche Politik möglich sein, es sei +denn, man will dort von Gerechtigkeit sprechen, wo +gerade das Beste immer den Schlechtesten zufällt, +oder von Glück, wo alles unter ganz wenige verteilt +wird und wo es auch diesen nicht in jeder Beziehung +gut geht, der Rest aber ein elendes Dasein +führt.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_63">63</a></span> +So erwäge ich denn oft die so klugen und ehrwürdigen +Einrichtungen der Utopier, die so wenig Gesetze +und trotzdem eine so ausgezeichnete Verfassung +haben, daß das Verdienst belohnt wird und +trotz gleichmäßiger Verteilung des Besitzes allen +alles reichlich zur Verfügung steht. Und dann vergleiche +ich im Gegensatz dazu mit ihren Gebräuchen +die so vieler anderer Nationen, die nicht aufhören +zu ordnen, von denen allen aber auch nicht +eine jemals so richtig in Ordnung ist. Bei ihnen bezeichnet +jeder, was er erwirbt, als sein Privateigentum; +aber ihre so zahlreichen Gesetze, die sie tagtäglich +erlassen, reichen nicht aus, jemandem den +Erwerb dessen, was er sein Privateigentum nennt, +oder seine Erhaltung oder seine Unterscheidung von +fremdem Besitz zu sichern, was jene zahllosen Prozesse +deutlich beweisen, die ebenso ununterbrochen +entstehen, wie sie niemals aufhören. Wenn ich mir +das so überlege, werde ich Plato doch besser gerecht +und wundere mich weniger darüber, daß er +es verschmäht hat, für jene Leute irgendwelche Gesetze +zu erlassen, die eine auf Gesetzen beruhende +gleichmäßige Verteilung aller Güter unter alle ablehnen. +In seiner großen Klugheit erkannte er offensichtlich +ohne weiteres, daß es nur einen einzigen +Weg zum Wohle des Staates gibt: die Einführung +der Gleichheit des Besitzes. Diese ist aber wohl niemals +dort möglich, wo die einzelnen ihr Hab und +Gut noch als Privateigentum besitzen. Denn, wo +jeder auf Grund gewisser Rechtsansprüche an sich +bringt, soviel er nur kann, teilen nur einige +wenige die gesamte Menge der Güter unter sich, +mag sie auch noch so groß sein, und lassen den +<span class="pagenum"><a name="Page_64">64</a></span>anderen nur Mangel und Not übrig. Und in der +Regel ist es so, daß die einen in höchstem Grade +das Los der anderen verdienen; denn die Reichen +sind habgierige, betrügerische und nichtsnutzige +Menschen, die Armen dagegen bescheidene und +schlichte Männer, die durch ihre tägliche Arbeit +dem Gemeinwesen mehr als sich selbst nützen. Ich +bin daher der festen Überzeugung, das einzige Mittel, +auf irgendeine gleichmäßige und gerechte Weise +den Besitz zu verteilen und die Sterblichen glücklich +zu machen, ist die gänzliche Aufhebung des +Privateigentums. Solange es das noch gibt, wird der +weitaus größte und beste Teil der Menschheit die +beängstigende und unvermeidliche Last der Armut +und der Kümmernisse dauernd weiterzutragen haben. +Sie kann wohl ein wenig erleichtert werden, das +gebe ich zu; aber sie völlig zu beseitigen, das ist, +so behaupte ich, unmöglich. Man könnte ja für den +Besitz des einzelnen an Grund und Boden ein bestimmtes +Höchstmaß festsetzen und ebenso eine bestimmte +Grenze für das Barvermögen; man könnte +auch durch Gesetze einer zu großen Macht des Fürsten +und einer zu großen Anmaßung des Volkes +vorbeugen. Ferner könnte man die Erlangung von +Ämtern durch allerlei Schliche oder durch Bestechung +und die Forderung von Aufwand während +der Amtstätigkeit unterbinden. Andernfalls nämlich +bietet sich Gelegenheit, sich das verausgabte Geld +durch Betrug und Raub wieder zu verschaffen, und +man sieht sich gezwungen, reichen Leuten <em class="gesperrt">die</em> Ämter +zu geben, die man lieber Fähigen hätte geben sollen. +Durch solche Gesetze kann man die erwähnten +Übelstände wohl mildern und abschwächen, ebenso +<span class="pagenum"><a name="Page_65">65</a></span>wie man kranke Körper in hoffnungslosem Zustande +durch unablässige warme Umschläge zu stärken +pflegt. Aber auf eine vollständige Behebung der +Übelstände und auf den Eintritt eines erfreulichen +Zustandes darf man ganz und gar nicht hoffen, solange +jeder noch Privateigentum besitzt. Ja, während +man an der einen Stelle zu heilen sucht, verschlimmert +man die Wunde an anderen Stellen. So +entsteht abwechselnd aus der Heilung des einen die +Krankheit des anderen; denn niemandem kann man +etwas zulegen, was man einem anderen nicht erst +weggenommen hat.«</p> + +<p>»Aber ich bin gerade der entgegengesetzten Meinung«, +erwiderte ich, »daß man sich nämlich niemals +dort wohl fühlen kann, wo Gütergemeinschaft herrscht. +Denn wie könnte die Menge der Güter ausreichen, +wenn jeder sich um die Arbeit drückt, weil ihn ja +keine Rücksicht auf Erwerb zur Arbeit anspornt +und weil ihn die Möglichkeit, sich auf den Fleiß +anderer zu verlassen, träge werden läßt? Aber wenn +auch die Not die Menschen zur Arbeit anstacheln +sollte, würde man da nicht dauernd durch Mord +und Aufruhr in Gefahr schweben, falls niemand auf +Grund irgendeines Gesetzes das, was er erwirbt, als +sein Eigentum schützen könnte? Zumal wenn die +Autorität der Behörden und die Achtung vor ihnen +geschwunden ist, wie könnte dann für beides Platz +sein bei Menschen, zwischen denen keinerlei Unterschied +besteht? Das kann ich mir nicht einmal vorstellen.«</p> + +<p>»Über diese deine Ansichten wundere ich mich +gar nicht«, erwiderte Raphael; »denn von einem solchen +Staate hast du entweder gar keine Anschauung +<span class="pagenum"><a name="Page_66">66</a></span>oder nur eine falsche. Wärest du jedoch mit mir in +Utopien gewesen und hättest du dort mit eigenen +Augen die Sitten und Einrichtungen kennengelernt, +wie ich es getan habe, der ich über fünf Jahre dort +gelebt habe und gar nicht wieder hätte fortgehen +mögen, außer um die Kenntnis von dieser neuen +Welt zu verbreiten, so würdest du entschieden zugeben, +du habest nirgends anderswo ein Volk mit +einer guten Verfassung gesehen außer dort.«</p> + +<p>»Und doch«, sagte Peter Ägid, »wirst du mich +in der Tat nur schwer davon überzeugen können, +daß es in jener neuen Welt ein Volk mit besserer +Verfassung gibt als in dieser uns bekannten. Haben +wir doch hier ebenso kluge Köpfe, und die Staatswesen +sind, meine ich, älter als dort; auch verdanken +unsere Kulturgüter ihre Entstehung zum +größten Teile langer Erfahrung, wobei ich nicht +unerwähnt lassen will, daß bei uns manches durch +Zufall entdeckt worden ist, was zu erdenken kein +Scharfsinn ausgereicht hätte.«</p> + +<p>»Über das Alter der Staaten würdest du richtiger +urteilen können«, erwiderte jener, »wenn du +die Geschichtswerke über jene Welt genau gelesen +hättest. Darf man ihnen glauben, so hat es dort +früher Städte gegeben als bei uns Menschen. Alles +aber, was bis heute der Scharfsinn erfunden oder +der Zufall entdeckt hat, konnte hier wie dort vorhanden +sein. Im übrigen ist es meine feste Überzeugung: +Mögen wir jenen Leuten auch an Gaben des +Geistes voraussein, an Eifer und Fleiß bleiben wir +trotzdem weit hinter ihnen zurück. Wie nämlich aus +ihren Chroniken hervorgeht, hatten sie vor unserer +Landung dort niemals etwas von unserer Welt <ins title="gegehört">gehört</ins> +<span class="pagenum"><a name="Page_67">67</a></span>– sie nennen uns Ultraäquinoktialen –, +außer daß in alten Zeiten, vor nunmehr 1200 Jahren, +in der Nähe der Insel Utopia ein vom Sturm dorthin +verschlagenes Schiff durch Schiffbruch unterging. +Dabei warfen die Wellen etliche Römer und Ägypter +an den Strand, die dann nie wieder fortgingen.</p> + +<p>Und nun sieh, wie die Utopier in ihrem Fleiße +diese in ihrer Art einzige Gelegenheit ausnutzten! +Es gab im ganzen römischen Reiche keine irgendwie +nützliche Kunstfertigkeit, die sie nicht von den +gestrandeten Fremdlingen erlernt oder die sie nicht, +im Besitze der Keime ihrer Kenntnis, weiter ausgebildet +hätten. Von solchem Vorteil war es für sie, +daß auch nur ein einziges Mal ein paar Leute von +hier dorthin verschlagen wurden. Sollte aber ein +ähnlicher glücklicher Zufall früher einmal jemanden +von dort hierher gebracht haben, so ist das +heute ebenso gänzlich vergessen, wie sich vielleicht +spätere Geschlechter auch meines Aufenthaltes dort +nicht mehr erinnern werden. Und während sich die +Utopier schon bei der ersten Berührung mit uns alle +unsere nützlichen Erfindungen aneigneten, wird es +dagegen lange dauern, bis <em class="gesperrt">wir</em> irgendeine Einrichtung +übernehmen, die bei ihnen besser ist als bei +uns. Dies halte ich auch für den Hauptgrund dafür, +daß trotz unserer geistigen und materiellen Überlegenheit +ihr Staat dennoch klüger verwaltet wird +und glücklicher aufblüht.«</p> + +<p>»Also, mein lieber Raphael«, sagte ich, »so bitte +ich dich dringend, gib uns eine Beschreibung der +Insel und fasse dich nicht zu kurz, sondern erläutere +uns der Reihe nach Landschaft, Flüsse, Städte, +Menschen, Sitten, Einrichtungen, Gesetze, kurz alles, +<span class="pagenum"><a name="Page_68">68</a></span>was wir, wie du meinst, gern kennenlernen wollen! +Du kannst aber annehmen, daß wir alles wissen +möchten, was wir bis jetzt nicht wissen.«</p> + +<p>»Nichts werde ich lieber tun«, erwiderte er; »denn +das habe ich noch frisch im Gedächtnis. Aber die +Sache erfordert Zeit.«</p> + +<p>»So wollen wir denn hineingehen«, sagte ich, »und +frühstücken; dann nehmen wir uns Zeit, ganz wie +es uns beliebt!«</p> + +<p>»Einverstanden!« erwiderte er.</p> + +<p>Und so gingen wir ins Haus und frühstückten. +Danach kehrten wir an den alten Platz zurück und +nahmen auf derselben Bank Platz. Den Dienern +sagte ich, wir wollten von niemandem gestört werden. +Dann erinnerten Peter Ägid und ich den +Raphael an sein Versprechen. Als er uns nun in +solcher Spannung und Erwartung sah, saß er erst +eine Weile schweigend und nachdenklich da, dann +begann er folgendermaßen.</p> + +<p>(Ende des ersten Buches. Es folgt das zweite.)</p> + + + +<div class="new-h2"> </div> +<h2>ZWEITES BUCH<br/> +<small>Des Raphael Hythlodeus Rede +über den besten Zustand des Staates<br/> +Von Thomas Morus</small></h2> + + +<p>Die Insel der Utopier hat in der Mitte – da ist +sie nämlich am breitesten – eine Ausdehnung von +200 Meilen, ist über eine große Strecke hin nicht +viel schmäler und nimmt nach den beiden Enden zu +allmählich ab. Diese runden die ganze Insel zu einem +Halbkreise von 500 Meilen Umfang ab und geben ihr +<span class="pagenum"><a name="Page_69">69</a></span>die Gestalt des zunehmenden Mondes. Zwischen den +beiden Hörnern befindet sich eine Meeresbucht von +etwa elf Meilen Breite. Land umgibt diese gewaltige +Wasserfläche auf allen Seiten und schützt sie +vor Winden. Sie ist weniger stürmisch bewegt und +gleicht mehr einem ruhigen See von ungeheurer Ausdehnung, +macht fast die ganze Ausbuchtung des +Landes zu einem Hafen und ermöglicht den Schiffsverkehr +nach allen Richtungen.</p> + +<p>Die Einfahrt in den Hafen gefährden auf der +einen Seite Untiefen und auf der anderen Klippen. +Etwa in der Mitte ragt ein einzelner Felsen empor, +der aber ungefährlich ist. Auf ihm steht ein Turm, +in den die Utopier eine Besatzung gelegt haben. Die +übrigen Klippen sind unsichtbar und deshalb gefährlich. +Die Fahrstraßen kennen nur die Eingeborenen, +und so kann ein Ausländer ohne einen Lotsen +aus Utopien nur schwer in diese Bucht eindringen; +könnten doch die Utopier selber kaum ohne Gefahr +dort einlaufen, wenn nicht gewisse Seezeichen vom +Strande aus die Richtung angäben, und durch ihre +Umsetzung wären sie imstande, jeder auch noch so +großen feindlichen Flotte den Untergang zu bereiten.</p> + +<p>Auf der anderen Seite liegen gut besuchte Häfen. +Aber überall ist der Zugang zum Lande so stark +durch Natur oder Kunst befestigt, daß auch nur eine +Handvoll Verteidiger selbst gewaltige Truppenmassen +abwehren könnte. Übrigens war dieses Land, +wie man berichtet und wie der Augenschein deutlich +zeigt, vor Zeiten noch keine Insel. Vielmehr hat +erst Utopus, der als Eroberer die Insel nach sich +benannt hat – bis dahin hieß sie Abraxa – und +der den rohen und unkultivierten Volksstamm in +<span class="pagenum"><a name="Page_70">70</a></span>Kultur und Gesittung auf eine solche Höhe gebracht +hat, daß er die übrigen Völker übertrifft, das Land +zur Insel gemacht. Kaum war er nämlich dort gelandet +und Herr des Landes geworden, so ließ er +eine Strecke von 15 Meilen auf der Seite, wo die +Halbinsel mit dem Festlande zusammenhing, ausstechen +und führte so das Meer ringsherum. Da er +zu dieser Arbeit, um sie nicht als Schmach empfinden +zu lassen, nicht nur die Eingeborenen zwang, +sondern außerdem alle seine Soldaten hinzuzog, verteilte +sie sich auf eine gewaltige Menge Menschen, +und so wurde das Werk mit unglaublicher Schnelligkeit +vollendet. Bei den Nachbarvölkern aber, die +es anfangs als ein aussichtsloses Beginnen ins +Lächerliche gezogen hatten, erregte der Erfolg Staunen +und Schrecken.</p> + +<p>Die Insel hat 54 Städte, alle geräumig und prächtig, +in Sprache, Sitten, Einrichtungen und Gesetzen +einander völlig gleich. Sie sind alle in derselben +Weise angelegt und haben, soweit das bei der Verschiedenheit +des Geländes möglich ist, dasselbe +Aussehen. Die geringste Entfernung zwischen ihnen +beträgt 24 Meilen; anderseits wieder ist keine so +abgelegen, daß man nicht von ihr aus eine andere +an <em class="gesperrt">einem</em> Tage zu Fuß erreichen könnte.</p> + +<p>Aus jeder Stadt kommen alljährlich drei erfahrene +Greise in Amaurotum zusammen, um sich über gemeinsame +Angelegenheiten der Insel zu beraten. +Diese Stadt wird nämlich als erste und als Hauptstadt +betrachtet, weil sie gleichsam im Herzen des +Landes und somit für die Abgeordneten aller Landesteile +bequem liegt.</p> + +<p>Ackerland ist den Städten planmäßig zugeteilt, +<span class="pagenum"><a name="Page_71">71</a></span>und zwar so, daß einer jeden nach jeder Richtung +hin mindestens 12 Meilen Anbaufläche zur Verfügung +stehen, nach manchen Richtungen hin jedoch +noch viel mehr, nämlich dort, wo die Städte weiter +auseinanderliegen. Keine Stadt ist auf Erweiterung +ihres Gebietes bedacht; denn die Einwohner betrachten +sich mehr als seine Bebauer denn als seine Besitzer.</p> + +<p>Auf dem flachen Lande haben die Utopier Höfe, +die zweckmäßig über die ganze Anbaufläche verteilt +und mit landwirtschaftlichen Geräten versehen sind; +in ihnen wohnen Bürger, die abwechselnd dorthin +ziehen. Jeder ländliche Haushalt zählt an Männern +und Frauen mindestens 40 Köpfe, wozu noch zwei +zur Scholle gehörige Knechte kommen. Einem +Haushalte stehen ein Hausvater und eine Hausmutter +vor, gesetzte und an Erfahrung reiche Personen, und +an der Spitze von je 30 Familien steht ein Phylarch.</p> + +<p>Aus jeder Familie wandern jährlich 20 Personen +in die Stadt zurück, nachdem sie zwei ganze Jahre +auf dem Lande zugebracht haben, und werden durch +ebensoviel neue aus der Stadt ersetzt. Diese werden +dann von denen, die schon ein Jahr dort gewesen +sind und deshalb größere Erfahrung in der +Landwirtschaft besitzen, angelernt, um ihrerseits +wiederum im folgenden Jahre andere zu unterweisen. +Dadurch will man Fehler in der Getreideversorgung +verhüten, die infolge Mangels an Erfahrung +gemacht werden könnten, wenn alle dort zu gleicher +Zeit unerfahrene Neulinge wären. Diese Sitte, mit +den Bebauern zu wechseln, ist zwar die gewöhnliche, +weil niemand gegen seinen Willen und nur +unter Zwang das mühsamere Leben auf dem Lande +länger ohne Unterbrechung zubringen soll; viele +<span class="pagenum"><a name="Page_72">72</a></span>jedoch, denen die Landwirtschaft von Natur Freude +macht, erwirken sich einen Aufenthalt von mehr Jahren.</p> + +<p>Die Ackerbauer bestellen das Land, treiben Viehzucht, +beschaffen Holz und fahren es bei Gelegenheit +zu Wasser oder zu Lande nach der Stadt. +Kücken ziehen sie in gewaltiger Menge auf, und +zwar mit Hilfe einer wunderbaren Vorrichtung. Sie +lassen nämlich die Hühnereier nicht von den Hennen +ausbrüten, sondern setzen sie in großer Zahl +einer gleichmäßigen Wärme aus, erwecken sie dadurch +zum Leben und ziehen dann die Kücken groß. +Kaum sind diese ausgeschlüpft, so laufen sie den +Menschen wie ihren Müttern nach und erkennen +sie immer wieder. Pferde ziehen die Utopier in ganz +geringer Zahl auf, und zwar nur sehr feurige Tiere; +sie sind einzig und allein für Übungen der Jugend +in der Reitkunst bestimmt. Denn alle Arbeit bei der +Feldbestellung oder beim Transport verrichten +Ochsen. Sie sind zwar, wie die Utopier offen zugeben, +nicht so feurig wie die Pferde, besitzen aber +dafür ihrer Meinung nach mehr Ausdauer und eine +größere Widerstandsfähigkeit gegen Krankheiten. +Außerdem erfordert ihr Unterhalt weniger Aufwand +an Mühe und Kosten, und zuletzt sind sie, wenn sie +ausgedient haben, doch noch für die Ernährung zu +gebrauchen.</p> + +<p>Getreide verwenden die Utopier nur zur Brotbereitung; +denn als Getränk dient ihnen Wein von +Trauben oder Äpfeln oder Birnen oder schließlich +auch Wasser, das sie bisweilen unvermischt trinken, +oft aber auch mit Honig oder Süßholz verkocht, +das es bei ihnen in nicht geringer Menge gibt. Den +Verbrauch von Lebensmitteln durch die Stadt und +<span class="pagenum"><a name="Page_73">73</a></span>ihre Umgebung haben sie zwar ermittelt und kennen +ihn ganz genau, trotzdem bauen sie viel mehr Getreide +an und ziehen auch viel mehr Vieh auf, als +für den Eigenbedarf nötig ist, um dann den Überschuß +an ihre Nachbarn abzugeben. Alles, was sie +an Hausrat brauchen, den es auf dem Lande nicht +gibt, verlangen sie von der Stadt und erhalten es +auch ohne jede Gegenleistung bereitwillig von den +Behörden; denn die meisten von ihnen kommen sowieso +in jedem Monat an einem Feiertage in der +Stadt zusammen. Wenn die Erntezeit naht, melden +die Phylarchen der Ackerbauer den städtischen Behörden, +wieviel Bürger sie ihnen schicken sollen. +Diese Schar Erntearbeiter trifft am festgesetzten +Tage rechtzeitig ein, und bei gutem Wetter erledigt +man dann so ziemlich an einem einzigen Tage die +gesamte Erntearbeit.</p> + + +<h3>Die Städte, namentlich Amaurotum</h3> + +<p>Wer <em class="gesperrt">eine</em> Stadt kennt, kennt <em class="gesperrt">alle</em>: so völlig ähnlich +sind sie einander, soweit nicht die Beschaffenheit +des Geländes dem entgegensteht. Ich will deshalb +irgendeine beschreiben; es kommt nämlich wirklich +nicht viel darauf an, welche. Aber welche lieber als +Amaurotum? Denn keine verdient es mehr, da dieser +Stadt die übrigen die Würde als Sitz des Senats +übertragen haben und da ich sie infolge meines ununterbrochenen +fünfjährigen Aufenthaltes dort besser +als jede andere kenne.</p> + +<p>Amaurotum also liegt am flachen Abhange eines +Berges und ist fast quadratisch angelegt. Denn in +<span class="pagenum"><a name="Page_74">74</a></span>voller Breite beginnt die Stadt ein wenig unterhalb +des Gipfels und erstreckt sich etwa zwei Meilen +weit bis zum Flusse Anydrus, wobei sie sich längs +des Ufers beträchtlich länger hinzieht. Der Anydrus +entspringt aus einer schwachen Quelle 80 Meilen +oberhalb Amaurotums, wird dann durch den Zufluß +anderer Wasserläufe, darunter zweier von mittlerer +Größe, wasserreicher und breiter und ist vor der +Stadt selbst eine halbe Meile breit. Bald darauf +nimmt er an Breite noch mehr zu und mündet dann +60 Meilen weiter in den Ozean. Auf dieser ganzen +Strecke zwischen der Stadt und dem Meere sowie +noch ein paar Meilen oberhalb der Stadt hemmen +Ebbe und Flut in ihrem sechsstündigen Wechsel den +schnellen Lauf des Flusses. Wenn die Meeresflut +30 Meilen tief eindringt, drängt sie das Wasser des +Flusses zurück und füllt sein Bett vollständig mit +ihren Wellen. Das Flußwasser nimmt dann noch +ein ganzes Stück weiter stromaufwärts den Salzgeschmack +des Meeres an; von da ab wird es allmählich +wieder süß, fließt klar durch die Stadt und +drängt der bei Ebbe zurückströmenden Flut fast bis +zur Mündung rein und unvermischt nach.</p> + +<p>Die Brücke, die Amaurotum mit dem gegenüberliegenden +Ufer verbindet, besteht nicht aus hölzernen +Pfeilern und Balken, sondern ist ein Steinbau +mit einem wunderschönen Brückenbogen. Sie befindet +sich an der Stelle, die vom Meere am weitesten +entfernt ist, damit die Schiffe an dieser ganzen +Seite der Stadt ungehindert entlangfahren können.</p> + +<p>Es gibt dort noch einen anderen Wasserlauf, der +zwar nur klein, aber recht ruhig und erfreulich ist. +Er entspringt auf demselben Berge, auf dem die +<span class="pagenum"><a name="Page_75">75</a></span>Stadt liegt, fließt mitten durch sie und mündet +in den Anydrus. Weil seine Quelle ein Stück außerhalb +der Stadt liegt, haben sie die Amaurotaner +ringsum mit Befestigungen umgeben, die bis zur +Stadt reichen. So gehört die Quelle zur Stadt, und +beim Einbruch einer feindlichen Macht kann das +Wasser nicht abgefangen und abgelenkt oder verdorben +werden. Von dort aus leitet man es in +Röhren aus gebranntem Stein in verschiedenen Richtungen +zu den unteren Stadtteilen. Läßt das irgendwo +die Beschaffenheit des Geländes nicht zu, so +sammelt man in geräumigen Zisternen das Regenwasser, +das dann den gleichen Dienst leistet.</p> + +<p>Eine hohe und breite Mauer mit zahlreichen Türmen +und Schutzwehren umgibt die Stadt auf allen +Seiten; ein trockener, aber tiefer, breiter und durch +Dorngestrüpp unwegsamer Graben umzieht die +Stadtmauer auf drei Seiten; auf der vierten dient +der Fluß selbst als Wehrgraben.</p> + +<p>Die Straßen sind ebenso zweckmäßig für den Wagenverkehr +wie für den Windschutz angelegt. Die +Häuser sind keineswegs unansehnlich; man übersieht +ihre lange und längs der ganzen Straße ununterbrochene +Reihe von der gegenüberliegenden Häuserfront +aus. Der Weg zwischen diesen beiden Fronten +ist 30 Fuß breit. An der Rückseite der Häuser zieht +sich die ganze Straße entlang eine breite Gartenanlage +hin, die von der Rückseite anderer Häuserreihen +eingezäunt ist.</p> + +<p>Jedes Haus hat einen Eingang von der Straße her +und eine Hintertür, die in den Garten führt. Die +Türen haben zwei Flügel, lassen sich durch einen +leisen Druck mit der Hand öffnen und schließen sich +<span class="pagenum"><a name="Page_76">76</a></span>dann von selbst wieder, so daß ein jeder ins Haus +hinein kann: so wenig ist irgendwo etwas Eigentum +eines einzelnen; denn sogar die Häuser wechselt +man alle zehn Jahre, und zwar verlost man sie.</p> + +<p>Auf die erwähnten Gärten halten die Utopier +große Stücke. In ihnen haben sie Wein, Obst, Gemüse +und Blumen in solcher Pracht und Pflege, daß +es alles übertrifft, was ich irgendwo an Fruchtbarkeit +und gutem Geschmack gesehen habe. Ihren Eifer +dabei spornt nicht bloß ihr Vergnügen an der Gartenarbeit +an, sondern auch der Wettstreit der Straßenzüge +in der Pflege der einzelnen Gärten. Und +sicherlich wird man nicht leicht in der ganzen Stadt +etwas finden, was für die Bürger nützlicher oder +unterhaltsamer wäre, und, wie es scheint, hat deshalb +auch der Gründer des Reiches auf nichts größere +Sorgfalt verwendet als auf derartige Gärten.</p> + +<p>Wie es nämlich heißt, hat Utopus selber gleich +von Anfang an diesen ganzen Plan der Stadt festgelegt. +Die Ausschmückung jedoch und den weiteren +Ausbau überließ er den Nachkommen in der Erkenntnis, +daß <em class="gesperrt">ein</em> Menschenalter dazu nicht ausreichen +werde. Daher steht in den Geschichtsbüchern +der Utopier, die die Geschichte von 1760 Jahren seit +Eroberung der Insel umfassen, fleißig und gewissenhaft +geschrieben sind und von ihnen aufbewahrt +werden, die Häuser seien im Anfang niedrig gewesen, +eine Art Baracken und Hütten, ohne Sorgfalt +aus irgendwelchem Holz errichtet, die Wände mit +Lehm verschmiert, mit spitzen Giebeln und Strohdächern. +Aber heutzutage ist jedes Haus ein stattlicher +Bau von drei Stockwerken; die Außenseite +der Wände besteht aus Granit oder einer anderen +<span class="pagenum"><a name="Page_77">77</a></span>harten oder auch gebrannten Steinmasse, die inwendig +mit Schutt ausgefüllt wird. Die Dächer +sind flach und mit einer gewissen Stuckmasse belegt, +die nicht teuer, aber so zusammengesetzt ist, +daß sie nicht brennt und noch wetterfester als Blei +ist. Vor den Winden schützen sich die Utopier durch +Fenster aus Glas, das dort sehr viel verwendet wird; +bisweilen benutzen sie auch an dessen Stelle dünne +Leinwand, die sie mit durchsichtigem Öl oder einer +Bernsteinmasse bestreichen. Das hat den doppelten +Vorteil, daß mehr Licht und weniger Wind durchgelassen +wird.</p> + + +<h3>Die Obrigkeiten</h3> + +<p>Je dreißig Familien wählen sich alljährlich einen +Vorsteher; in der alten Landessprache heißt er +Syphogrant, in der jüngeren Phylarch. Zehn Syphogranten +mit ihren Familien unterstehen einem +Vorgesetzten, der jetzt Protophylarch genannt wird, +in alten Zeiten aber Tranibore hieß. Schließlich ernennen +die Syphogranten in ihrer Gesamtheit, zweihundert +an der Zahl, auch den Bürgermeister. Nachdem +sie sich eidlich verpflichtet haben, den nach +ihrer Ansicht Tüchtigsten zu wählen, ernennen sie +auf Grund geheimer Abstimmung einen der vier Bürger, +die ihnen das Volk namhaft macht, zum Bürgermeister; +jedes Stadtviertel wählt nämlich einen und +schlägt ihn dem Senat vor. Das Amt wird auf +Lebenszeit verliehen, wenn dem nicht der Verdacht +entgegensteht, es gelüste den Inhaber nach Alleinherrschaft. +Die Traniboren wählt man jährlich, doch +wechselt man mit ihnen nicht ohne triftige Gründe. +<span class="pagenum"><a name="Page_78">78</a></span>Die übrigen Beamten werden alle auf ein Jahr gewählt. +Alle drei Tage, im Bedarfsfalle bisweilen auch +öfter, kommen die Traniboren mit dem Bürgermeister +zu einer Beratung zusammen, besprechen Stadtangelegenheiten +und entscheiden rasch etwa vorliegende +Privatstreitigkeiten, die übrigens ganz selten +sind. Zu den Senatssitzungen werden regelmäßig +zwei Syphogranten hinzugezogen, die jeden Tag +wechseln; dabei ist vorgesehen, daß keine städtische +Angelegenheit entschieden wird, über die nicht drei +Tage vor der Beschlußfassung im Senat verhandelt +worden ist. Außerhalb des Senats oder der Volksversammlungen +über allgemeine Angelegenheiten zu +beraten, ist bei Todesstrafe verboten. Diese Bestimmung +soll eine tyrannische Unterdrückung des +Volkes und eine Änderung der Verfassung durch eine +Verschwörung des Bürgermeisters und der Traniboren +erschweren. Und eben deshalb wird auch jede wichtige +Angelegenheit vor die Versammlungen der Syphogranten +gebracht; diese besprechen sie mit den +Familien, beraten dann unter sich und teilen ihre +Entscheidung dem Senat mit. Zuweilen kommt die +Sache vor den Rat der ganzen Insel. Auch ist es +eine Gewohnheit des Senats, über einen Antrag nicht +gleich an dem Tage zu beraten, an dem er zum +ersten Male eingebracht wird, sondern die Verhandlung +auf die nächste Sitzung zu verschieben. +Es soll nämlich niemand unbedachtsam mit dem herausplatzen, +was ihm zuerst auf die Zunge kommt, +und dann mehr auf die Verteidigung seiner Ansicht +als auf das Interesse der Stadt bedacht sein. +Auch soll niemand das Gemeinwohl der Erhaltung +der guten Meinung von seiner Person opfern, in +<span class="pagenum"><a name="Page_79">79</a></span>einer Art sinnloser und verkehrter Scham, weil er +sich nicht merken lassen will, daß er es im Anfang +an der nötigen Voraussicht hat fehlen lassen, während +er doch von vornherein darauf hätte bedacht +sein müssen, lieber überlegt als rasch zu sprechen.</p> + + +<h3>Die Handwerke</h3> + +<p><em class="gesperrt">Ein</em> Gewerbe betreiben alle, Männer und Frauen +ohne Unterschied: den Ackerbau, und auf ihn versteht +sich jedermann. Von Jugend auf werden sie +darin unterwiesen, zum Teil durch Unterricht in den +Schulen, zum Teil auch auf den Feldern in der Nähe +der Stadt, wohin man sie wie zu einem Spiele führt. +Hier sehen sie der Arbeit nicht bloß zu, sondern +üben sie auch aus und stärken bei dieser Gelegenheit +zugleich ihre Körperkräfte.</p> + +<p>Neben der Landwirtschaft, die, wie gesagt, alle +betreiben, erlernt jeder noch irgendein Handwerk +als seinen besonderen Beruf. Das ist in der Regel +entweder die Tuchmacherei oder die Leineweberei +oder das Maurer- oder das Zimmermanns- oder das +Schmiedehandwerk. In keinem anderen Berufe nämlich +ist dort eine nennenswerte Anzahl Menschen +beschäftigt. Denn der Schnitt der Kleidung ist, abgesehen +davon, daß sich die Geschlechter sowie die Ledigen +und die Verheirateten in der Tracht voneinander +unterscheiden, auf der ganzen Insel einheitlich und +stets der gleiche in jedem Lebensalter, wohlgefällig +fürs Auge, bequem für die Körperbewegung und vor +allem für Kälte und Hitze berechnet. Diese Kleidung +fertigt sich jede Familie selber an. Von den +<span class="pagenum"><a name="Page_80">80</a></span>obenerwähnten anderen Gewerben aber erlernt jeder +eins, und zwar nicht nur die Männer, sondern auch +die Frauen. Letztere jedoch, als die körperlich +Schwächeren, üben nur die leichteren Gewerbe aus; +in der Regel verarbeiten sie Wolle und Flachs; den +Männern weist man die übrigen, mühsameren Beschäftigungen +zu. Meistenteils erlernt jeder das +väterliche Handwerk; denn dazu neigen die meisten +von Natur. Hat aber jemand zu einem anderen Berufe +Neigung, so nimmt ihn durch Adoption eine +Familie auf, die dasjenige Gewerbe betreibt, zu dem +er Lust hat. Dabei sorgen nicht nur sein Vater, sondern +auch die Behörden dafür, daß er zu einem +würdigen und ehrbaren Familienvater kommt. Ja, +wenn jemand <em class="gesperrt">ein</em> Handwerk gründlich erlernt hat +und noch ein anderes dazu erlernen will, so ist ihm +das auf demselben Wege möglich. Versteht er dann +beide, so übt er aus, welches er will, es sei denn, +daß die Stadt eins von beiden nötiger braucht.</p> + +<p>Die besondere und beinahe einzige Aufgabe der +Syphogranten ist es, sich angelegentlich darum zu +kümmern, daß niemand untätig herumsitzt, sondern +daß jeder sein Gewerbe mit Fleiß betreibt, ohne sich +jedoch, gleich einem Lasttiere, in ununterbrochener +Arbeit vom frühesten Morgen an bis in die tiefe +Nacht abzumühen; denn das wäre eine mehr als +sklavische Plackerei. Und doch ist das fast überall +das Los der Arbeiter, außer bei den Utopiern. Diese +teilen nämlich den Tag mitsamt der Nacht in vierundzwanzig +gleiche Stunden ein und kennen eine +Arbeitszeit von nur sechs Stunden. Drei Stunden +arbeiten sie am Vormittag; danach essen sie zu Mittag +und halten eine Rast von zwei Stunden. Dann +<span class="pagenum"><a name="Page_81">81</a></span>arbeiten sie wieder drei Stunden und beschließen den +Tag mit dem Abendessen. Da sie die erste Stunde +von Mittag an rechnen, gehen sie gegen acht Uhr zu +Bett; acht Stunden brauchen sie zum Schlafen.</p> + +<p>Über all die Zeit zwischen den Stunden der Arbeit, +des Schlafes und des Essens darf ein jeder +nach seinem Belieben verfügen, nicht etwa um sie +durch Schwelgerei und Trägheit schlecht auszunützen, +sondern um die arbeitsfreie Zeit nach Herzenslust +auf irgendeine andere Beschäftigung nutzbringend +zu verwenden. Die meisten treiben in diesen +Pausen literarische Studien. Es herrscht nämlich +der Brauch, täglich in den frühen Morgenstunden +öffentliche Vorlesungen zu halten; zu ihrem Besuche +sind diejenigen verpflichtet, die zu wissenschaftlicher +Arbeit namentlich ausgewählt sind. Aus jedem +Stande aber strömt eine gewaltige Menge Hörer, +Männer wie Frauen, zu den Vorlesungen, die einen +zu diesen, die anderen zu jenen, je nach ihren persönlichen +Neigungen. Wenn jedoch einer auch diese +Zeit lieber auf seine berufliche Tätigkeit verwenden +will, was bei vielen der Fall ist, deren Geist +sich nicht zur Höhe wissenschaftlicher Betrachtung +erhebt, so hindert man ihn nicht daran; er erntet +vielmehr sogar noch Lob, weil er sich dem Staate +nützlich macht.</p> + +<p>Nach dem Abendessen verbringen die Utopier noch +eine Stunde mit Spielen, während des Sommers in +ihren Gärten, während des Winters aber in jenen +Sälen, in denen sie gemeinsam essen. Entweder treiben +sie dort Musik, oder sie erholen sich in der +Unterhaltung. Das Würfeln und andere solche ungehörige +und verderbliche Spiele sind ihnen nicht +<span class="pagenum"><a name="Page_82">82</a></span>einmal bekannt; üblich jedoch sind bei ihnen zwei +dem Schach nicht unähnliche Spiele. Das eine ist +der Zahlenkampf, bei dem die Zahlen einander +stechen; bei dem anderen kämpfen, in Schlachtreihe +aufgestellt, die Tugenden mit den Lastern. In diesem +Spiele zeigt sich sehr hübsch der Streit der +Laster untereinander und ihre einmütige Verbundenheit +gegen die Tugenden, ebenso welche Laster und +Tugenden einander entgegengesetzt sind, mit welchen +Kräften ferner die Laster offen gegen die Tugenden +kämpfen und mit welchen Ränken und Listen +sie versteckt angreifen, mit welchen Hilfsmitteln +anderseits die Tugenden die Kräfte des Lasters brechen, +mit welchen Künsten sie ihre Versuchungen +vereiteln und auf welche Weise endlich die eine oder +die andere Partei den Sieg davonträgt.</p> + +<p>Um aber einer irrtümlichen Auffassung eurerseits +vorzubeugen, müssen wir an dieser Stelle einen +Punkt genauer betrachten. Wenn die Utopier nämlich +nur sechs Stunden arbeiten, könnte man vielleicht +meinen, es müsse das einen Mangel an den +notwendigen Gütern zur Folge haben. Aber gerade +das Gegenteil ist der Fall. Diese Arbeitszeit genügt +nicht nur, sondern wird nicht einmal ganz gebraucht +zur Produktion eines Vorrats an allem, was zu den +Bedürfnissen oder Annehmlichkeiten des Lebens gehört. +Das werdet auch ihr einsehen, wenn ihr euch +überlegt, ein wie großer Teil des Volkes in anderen +Ländern untätig dahinlebt: erstens fast alle Frauen, +also die Hälfte der Gesamtheit, oder wenn irgendwo +die Frauen arbeiten, schnarchen dort meistens an +ihrer Stelle die Männer; außerdem dann die Priester +und die sogenannten frommen Männer, was für +<span class="pagenum"><a name="Page_83">83</a></span>eine große und faule Schar ist das! Nimm noch all +die Reichen und besonders die Grundbesitzer dazu, +die man allgemein als Standespersonen und Edelleute +bezeichnet! Zu ihnen rechne noch ihre Dienerschaft, +jenen ganzen zusammengespülten Haufen +von Raufbolden und Windbeuteln! Vergiß schließlich +auch die kräftigen und gesunden Bettler nicht, +die ihren Müßiggang mit irgendeinem Gebrechen +bemänteln, und die Zahl der Leute, die durch ihre +Tätigkeit für die gesamten Bedürfnisse der Sterblichen +sorgen, wirst du dann viel geringer finden, +als du angenommen hast. Und nun überlege dir, +wie wenige von diesen selbst mit wirklich notwendigen +Arbeiten beschäftigt sind! Da nämlich bei uns +das Geld der Maßstab für alles ist, müssen wir viele +völlig unnütze und überflüssige Gewerbe betreiben, +die bloß der Verschwendung und der Genußsucht +dienen. Würde man nämlich diese ganze Masse, +die jetzt im Arbeitsprozeß steht, nur auf die +so wenigen Gewerbe verteilen, die ein angemessener +natürlicher Bedarf erfordert, so würde ein +großer Überfluß an Waren entstehen, und die +Preise würden notwendigerweise zu tief sinken, +als daß die Handwerker ihren Lebensunterhalt davon +bestreiten könnten. Aber wenn alle die, die +jetzt ihre Kräfte in nutzloser Tätigkeit verzetteln, +und wenn noch dazu der ganze Schwarm derer, +die jetzt in Nichtstun und Trägheit erschlaffen +und von denen jeder einzelne so viel von den +Produkten verbraucht, die die Arbeitskraft anderer +liefert, wie zwei der Arbeiter, wenn man also alle +diese zu Arbeiten, und zwar zu nützlichen, verwendete, +so würde, wie leicht einzusehen ist, ungemein +<span class="pagenum"><a name="Page_84">84</a></span>wenig Zeit mehr als reichlich genügen, um alles zu +beschaffen, was zum Leben notwendig oder nützlich +ist; du kannst auch noch hinzusetzen, zum Vergnügen, +soweit es echt und natürlich ist. Und das bestätigen +in Utopien die Tatsachen selber. Denn dort +sind in einer ganzen Stadt einschließlich ihrer nächsten +Umgebung aus der Gesamtzahl der nach Alter +und Kräften zur Arbeit tauglichen Männer und +Frauen kaum fünfhundert von ihr befreit. Unter +ihnen sind die Syphogranten zwar nach dem Gesetz +zur Arbeit nicht verpflichtet, sie machen aber von +dieser Bestimmung keinen Gebrauch, um die anderen +durch ihr Beispiel um so leichter zur Arbeit anzuspornen. +Dieselbe Vergünstigung genießen diejenigen, +denen das Volk auf Vorschlag der Priester und auf +Grund geheimer Abstimmung der Syphogranten +dauernde Arbeitsbefreiung zur Durchführung ihrer +Studien bewilligt. Erfüllt einer von ihnen die auf +ihn gesetzte Hoffnung nicht, so stößt man ihn wieder +unter die Handarbeiter zurück. Nicht selten tritt +aber auch das Gegenteil ein, daß nämlich ein Handwerker +jene freien Stunden so eifrig auf das Studium +verwendet und durch seinen Fleiß so große +Fortschritte macht, daß man ihn von der Handarbeit +befreit und in die Klasse der Gebildeten aufrücken +läßt. Aus deren Stande nimmt man die Gesandten, +Priester, Traniboren und schließlich den Bürgermeister +selber, den die Utopier in ihrer alten Sprache +Barzanes und in ihrer jüngeren Ademus nennen. +Da nun fast die ganze übrige Masse des Volkes +weder untätig noch mit unnützen Gewerben beschäftigt +ist, kann man leicht ermessen, in wie wenigen +Stunden viel nützliche Arbeit geleistet wird.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_85">85</a></span> +Zu dem von mir Erwähnten kommt für die Utopier +noch die Erleichterung hinzu, daß bei ihnen die +meisten unentbehrlichen Gewerbe weniger Arbeit als +bei anderen Völkern erfordern. Erstens nämlich ist +bei diesen zum Bau oder zur Ausbesserung von Gebäuden +deshalb so vieler Hände Arbeit dauernd notwendig, +weil der zu wenig wirtschaftliche Erbe das +Haus, das sein Vater erbaut bat, allmählich verfallen +läßt. Was er mit ganz geringen Kosten hätte erhalten +können, muß sein Nachfolger mit großen Kosten +erneuern. Ja, häufig sagt auch ein Haus, das +dem einen ungeheuer viel Geld gekostet hat, dem +verwöhnten Geschmack des anderen nicht zu. Da +sich dieser nicht darum kümmert, verfällt es in kurzer +Zeit, und sein Besitzer baut sich an anderer +Stelle ein neues Haus für nicht weniger Geld. Aber +bei den Utopiern kommt es, dank der allgemeinen +Ordnung und dank ihrer Verfassung, nur ganz selten +vor, daß man einen neuen Platz für den Bau eines +Hauses sucht. Und sie beheben nicht nur rasch die +vorhandenen Schäden, sondern beugen auch drohenden +vor. Infolgedessen bleiben ihre Gebäude bei +ganz geringem Aufwand an Arbeit überaus lange +erhalten, und die Bauhandwerker haben bisweilen +kaum etwas zu tun, außer daß sie angewiesen werden, +daheim Bauholz zu bearbeiten und bisweilen +Steine quadratisch zu behauen und fertigzumachen, +damit gegebenenfalls ein Haus schneller +hochkommt.</p> + +<p>Beachte ferner, wie wenig Arbeit zur Anfertigung +der Kleidung der Utopier erforderlich ist! Zunächst +tragen sie bei der Arbeit einfach Leder oder Felle, +die bis zu sieben Jahren halten. Beim Ausgehen +<span class="pagenum"><a name="Page_86">86</a></span>ziehen sie einen mantelähnlichem Rock über, der +jene gröberen Unterkleider verdeckt. Diese Röcke +haben auf der ganzen Insel die gleiche Farbe, und +zwar die Naturfarbe des Stoffes. Die Utopier verbrauchen +also nicht bloß viel weniger wollenes +Tuch, als das anderswo der Fall ist, sondern der +Stoff kostet ihnen auch viel weniger. Aber noch weniger +Arbeit macht die Herstellung von Leinwand, und +deshalb trägt man sie auch noch mehr. Beim Leinen +sieht man nur auf Weiße, bei der Wolle nur auf +Sauberkeit; feinere Webart wird gar nicht bezahlt. +Und während sonst nirgends <em class="gesperrt">einer</em> Person vier oder +fünf wollene Oberkleider von verschiedener Farbe +und ebenso viele Untersachen aus Seide genügen – +etwas eleganteren Leuten nicht einmal zehn –, begnügt +sich hier in Utopien ein jeder mit nur einem +Anzug, und zwar zumeist für zwei Jahre. Warum +sollte sich dort jemand auch mehr Kleidung wünschen? +Wenn er sie nämlich bekäme, wäre er weder +besser vor der Kälte geschützt, noch würde er in +seiner Kleidung auch nur um ein Haar hübscher +aussehen.</p> + +<p>Da die Utopier also alle in nützlichen Gewerben +beschäftigt sind und diese selbst auch eine geringere +Arbeitszeit erfordern, braucht man sich nicht zu +wundern, daß bisweilen alle Erzeugnisse im Überfluß +vorhanden sind. Dann führt man eine ungeheure +Menge Arbeiter zur Ausbesserung öffentlicher +Straßen, die schadhaft geworden sind, aus +der Stadt hinaus; sehr oft setzt man aber auch, wenn +sich keinerlei Arbeit der Art nötig macht, die Arbeitszeit +von Staats wegen herab. Die Behörden +zwingen nämlich die Bürger nicht zu unnötiger Arbeit; +<span class="pagenum"><a name="Page_87">87</a></span>denn die Einrichtung dieses Staates hat das +eine Hauptziel im Auge, soweit es die dringenden +Bedürfnisse des Staates erlauben, den Sklavendienst +des Körpers nach Möglichkeit einzuschränken, damit +die dadurch gewonnene Zeit auf die freie Ausbildung +des Geistes verwendet werden kann. Darin +liegt nämlich nach ihrer Ansicht das Glück das +Lebens.</p> + + +<h3>Der Verkehr der Utopier miteinander</h3> + +<p>Doch glaube ich nunmehr darlegen zu müssen, auf +welche Weise die Bürger miteinander verkehren, +welche inneren wirtschaftlichen Beziehungen bestehen +und wie die Verteilung der Güter vor sich +geht.</p> + +<p>Die Bürgerschaft besteht also aus Familien, die +zumeist aus Verwandten zusammengesetzt sind. Denn +sobald die Frauen körperlich reif sind, werden sie +verheiratet und ziehen dann in die Wohnungen ihrer +Männer. Dagegen verbleiben die Söhne und deren +männliche Nachkommen in ihren Familien und unterstehen +der Gewalt des Familienältesten, soweit dieser +nicht infolge seines Alters kindisch geworden +ist; dann tritt der Nächstälteste an seine Stelle. Um +aber eine zu starke Abnahme oder eine übermäßig +große Zunahme der Bevölkerung zu verhindern, darf +keine Familie, deren es in jeder Stadt – die in dem +zugehörigen Landbezirk nicht mitgerechnet – 6000 +gibt, weniger als zehn und mehr als sechzehn Erwachsene +haben; die Zahl der Kinder kann man ja +nicht im voraus festsetzen. Diese Bestimmung läßt +sich mit Leichtigkeit aufrechterhalten, indem man +<span class="pagenum"><a name="Page_88">88</a></span>die überzähligen Mitglieder der übergroßen Familien +in zu kleine versetzt.</p> + +<p>Sollte aber einmal eine ganze Stadt mehr Einwohner +haben, als sie haben darf, so füllt man mit +dem Überschuß die Einwohnerzahl geringer bevölkerter +Städte des Landes auf. Wenn aber etwa die +Menschenmasse der ganzen Insel mehr als billig +anschwellen sollte, so bestimmt man aus jeder Stadt +ohne Ausnahme Bürger, die auf dem nächstgelegenen +Festlande überall da, wo viel überflüssiges +Ackerland der Eingeborenen brachliegt, eine Kolonie +nach ihren heimischen Gesetzen einrichten +unter Hinzuziehung der Einwohner des Landes, falls +sie mit ihnen zusammenleben wollen. Mit diesen zu +gleicher Lebensweise und zu gleichen Sitten vereint, +verwachsen sie dann leicht miteinander, und +das ist für beide Völker von Vorteil. Sie erreichen +es nämlich durch ihre Einrichtungen, daß ein Land, +das vorher dem einen Volke zu klein und unergiebig +erschien, jetzt für beide Völker mehr als genug hervorbringt. +Diejenigen Eingeborenen aber, die es ablehnen, +nach den Gesetzen der Kolonisten zu leben, +vertreiben diese aus dem Gebiet, das sie selber für +sich in Anspruch nehmen, und gegen die, die Widerstand +leisten, greifen sie zu den Waffen. Denn +das ist nach Ansicht der Utopier der gerechteste +Kriegsgrund, wenn irgendein Volk die Nutznießung +und den Besitz eines Stückes Land, das es selbst +nicht nutzt, sondern gleichsam zwecklos und unbebaut +in Besitz hat, anderen untersagt, denen es nach +dem Willen der Natur ihren Lebensunterhalt liefern +soll. Wenn aber einmal infolge eines Unglücksfalles +die Einwohnerzahl einiger ihrer Städte so +<span class="pagenum"><a name="Page_89">89</a></span>sehr sinken sollte, daß sie aus anderen Teilen der +Insel unter Wahrung der Größe einer jeden Stadt +nicht wieder ergänzt werden kann – wie es heißt, +ist das seit Menschengedenken nur zweimal infolge +einer heftig wütenden Seuche der Fall gewesen –, +so läßt man die Bürger aus der Kolonie zurückkommen +und füllt mit ihnen die Einwohnerzahl der +Städte wieder auf. Die Utopier sehen es nämlich +lieber, daß ihre Kolonien eingehen, als daß die Einwohnerzahl +einer der Städte ihrer Insel zurückgeht.</p> + +<p>Doch ich komme auf das Zusammenleben der Bürger +zurück. Der Älteste ist, wie gesagt, das Oberhaupt +der Familie. Die Frauen dienen ihren Männern, +die Kinder ihren Eltern und so überhaupt die +Jüngeren den Älteren.</p> + +<p>Jede Stadt zerfällt in vier gleiche Teile. In der +Mitte eines jeden befindet sich ein Markt für alle +Arten von Waren. Dorthin schafft man die Arbeitserzeugnisse +einer jeden Familie in bestimmte Häuser, +und die einzelnen Warengattungen sind gesondert +auf Speicher verteilt. Jeder Familienvater verlangt +dort, was er selbst und die Seinen brauchen, +und nimmt alles, was er haben will, mit, und zwar +ohne Bezahlung und überhaupt ohne jede Gegenleistung. +Warum sollte man ihm nämlich auch etwas +verweigern? Alles ist ja im Überfluß vorhanden, +und man braucht nicht zu befürchten, daß jemand +die Absicht hat, mehr zu verlangen, als er braucht. +Denn warum sollte man annehmen, es werde jemand +über seinen Bedarf hinaus fordern, wenn er sicher +ist, daß es ihm niemals an etwas fehlen wird? Werden +doch bei jedem Lebewesen Habsucht und Raubgier +durch die Furcht vor Mangel hervorgerufen +<span class="pagenum"><a name="Page_90">90</a></span>und beim Menschen allein außerdem noch durch +Stolz, da er es sich zum Ruhme anrechnet, durch +ein Prahlen mit überflüssigen Dingen die anderen +zu übertreffen; für diese Art Fehler ist in den Einrichtungen +der Utopier überhaupt kein Platz.</p> + +<p>Mit den erwähnten Märkten sind andere für Lebensmittel +verbunden; auf diese bringt man außer +Gemüse, Obst und Brot auch Fische und Fleisch. +Die Tiere sind außerhalb der Stadt auf geeigneten +Plätzen, wo man Blut und Schmutz in fließendem +Wasser abwaschen kann, von Sklaven getötet und +gereinigt worden. Die Bürger sollen sich nämlich +nicht an das Schlachten von Tieren gewöhnen, weil +man der Ansicht ist, die Gewöhnung an diese Tätigkeit +ertöte allmählich das Mitleid, den edelsten +Zug unseres Wesens. Auch soll nichts Schmutziges +und Unreines in die Stadt gebracht werden, dessen +Fäulnis die Luft verpesten und eine Krankheit einschleppen +könnte.</p> + +<p>Außerdem stehen in jeder Straße, gleichweit voneinander +entfernt, einige geräumige Hallen, von +denen jede ihren eigenen Namen hat. Hier wohnen +die Syphogranten, und jeder dieser Hallen sind +dreißig Familien zugeteilt, auf jeder Seite fünfzehn, +die dort ihre Mahlzeiten einzunehmen haben. Die +Kücheneinkäufer einer jeden Halle finden sich zu +einer bestimmten Stunde auf dem Markte ein, melden +die Zahl der Esser und fordern die Lebensmittel +an. In erster Linie berücksichtigt man bei dieser Verteilung +die Kranken, die in den öffentlichen Krankenhäusern +gepflegt werden. Im Stadtbezirk gibt es +nämlich vier, ein Stück von der Stadt entfernt; sie +sind so geräumig, daß man sie für ebenso viele +<span class="pagenum"><a name="Page_91">91</a></span>kleine Städte halten könnte. Dadurch ist es möglich, +eine auch noch so große Zahl Kranker ohne +Mangel an Raum und deshalb bequem unterzubringen +sowie die an ansteckenden Krankheiten Leidenden +von den anderen recht weit zu entfernen. Diese +Krankenhäuser sind so eingerichtet und mit allem, +was zur Gesundheitspflege gehört, so reichlich ausgestattet, +die Pflege ist so rücksichtsvoll und gewissenhaft, +und die erfahrensten Ärzte sind so unermüdlich +tätig, daß, wenn auch niemand gegen +seinen Willen dort Aufnahme findet, doch wohl jeder +in der Stadt im Krankheitsfalle lieber im Krankenhaus +als daheim liegt.</p> + +<p>Nachdem der Einkäufer für die Kranken die Lebensmittel +nach ärztlicher Vorschrift empfangen hat, +verteilt man weiterhin das Beste gleichmäßig auf +die Hallen je nach deren Kopfzahl. Nur auf den +Bürgermeister, den Oberpriester und die Traniboren +nimmt man besondere Rücksicht sowie auf Gesandte +und alle etwa anwesenden Ausländer. Doch +sind letztere nur vereinzelt und selten zu sehen; +aber auch für sie stehen, wenn sie sich im Lande +aufhalten, bestimmte Wohnungen eingerichtet bereit.</p> + +<p>In den erwähnten Hallen findet sich die gesamte +Syphograntie, durch den Klang einer ehernen Trompete +aufgefordert, zu den festgesetzten Stunden des +Mittags- und Abendessens ein, mit Ausnahme der +in den Hospitälern oder daheim liegenden Kranken. +Indes darf sich jedermann, wenn der Bedarf +der Hallen gedeckt ist, Lebensmittel vom Markt mit +nach Hause geben lassen; man weiß nämlich, daß +das niemand ohne Grund tun wird. Denn wenn es +auch keinem verwehrt ist, zu Hause zu essen, so +<span class="pagenum"><a name="Page_92">92</a></span>tut das doch niemand gern, da es für unanständig +gilt und töricht wäre, sich mühsam ein schlechtes +Mahl zuzubereiten, während in der Halle ganz in +der Nähe ein reichliches und ausgezeichnetes Essen +zu haben ist. In einer solchen Halle verrichten Sklaven +alle schmutzigeren und mühsameren Arbeiten, +dagegen besorgen das Kochen und Zubereiten der +Speisen sowie die Vorbereitung des ganzen Mahles +ausschließlich die Frauen der einzelnen Familien, +und zwar abwechselnd.</p> + +<p>Je nach der Zahl der Esser speist man an drei +oder mehr Tischen. Die Männer haben ihre Plätze +an der Wand, die Frauen dagegen an der Außenseite +der Tische. So können sie, wenn es ihnen plötzlich +übel wird, was bei Schwangeren bisweilen vorkommt, +ohne Störung der Tischordnung aufstehen +und zu den stillenden Müttern gehen. Diese sitzen +nämlich mit ihren Säuglingen für sich in einem +besonders zu diesem Zweck bestimmten Speiseraum, +wo es nie an Feuer und reinem Wasser fehlt; auch +sind dort Wiegen vorhanden, so daß die Mütter ihre +Kleinen niederlegen oder, wenn sie wollen, am +Feuer aus den Windeln nehmen, sich frei bewegen +lassen und mit ihnen spielen können, damit sie wieder +frisch und munter werden. Jede Mutter stillt ihr +Kind selber, soweit das nicht Tod oder Krankheit +unmöglich macht. Tritt dieser Fall ein, so besorgen +die Frauen der Syphogranten rasch eine Amme; +und das ist bald geschehen; denn die Frauen, die +dazu imstande sind, bieten sich zu keiner Verrichtung +lieber an, da solches Mitleid allgemeines Lob +findet und der Säugling später in der Amme seine +Mutter sieht.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_93">93</a></span> +In der Ammenstube sitzen auch alle Kinder unter +fünf Jahren; die übrigen Unmündigen – dazu rechnet +man die noch nicht Heiratsfähigen beiderlei +Geschlechts – bedienen entweder bei Tisch oder, +soweit sie noch zu jung dazu sind, stehen sie doch +dabei, und zwar in tiefstem Schweigen. Sie essen, +was ihnen die am Tische Sitzenden reichen, und +haben keine besondere Tischzeit. Am ersten Tisch +in der Mitte sitzen der Syphogrant und seine Frau. +Das ist der oberste Platz, von dem aus man die gesamte +Gesellschaft übersieht; denn dieser Tisch steht +im obersten Teile des Speisesaales quer. An den Syphogranten +und seine Frau schließen sich zwei +der Ältesten an; an allen Tischen sitzt man nämlich +zu viert. Falls aber ein Tempel in der betreffenden +Syphograntie liegt, sitzen der Priester und +seine Frau so mit dem Syphogranten zusammen, +daß sie den Vorsitz führen. Auf beiden Seiten folgen +dann Jüngere, danach wieder Greise; auf diese +Weise sitzen im ganzen Saale die Gleichaltrigen +nebeneinander und doch auch mit anderen Altersstufen +zusammen. Wie es heißt, hat man diese Einrichtung +deshalb getroffen, damit die Würde der +Alten und die Ehrfurcht vor ihnen die Jüngeren von +ungehöriger Ausgelassenheit in Rede und Benehmen +abhält; denn nichts, was bei Tische gesprochen oder +getan wird, kann den Nachbarn ringsum entgehen. +Die einzelnen Gänge werden nicht vom ersten Platze +aus der Reihe nach gereicht, sondern die besten +Gerichte werden immer zuerst allen Älteren vorgesetzt, +deren Plätze besonders kenntlich sind; danach +bedient man die übrigen ohne Unterschied. +Jedoch geben die Greise von ihren Leckerbissen +<span class="pagenum"><a name="Page_94">94</a></span>ganz nach Belieben den Umsitzenden ab; um sie +nämlich im ganzen Saale in genügender Menge zu +verteilen, sind es nicht genug. Auf diese Weise bleibt +den Älteren die ihnen zukommende Ehre gewahrt, +und trotzdem wird der Allgemeinheit die gleiche +Bevorzugung zuteil.</p> + +<p>Zu Beginn einer jeden Mittags- und Abendmahlzeit +wird ein Text moralischen Inhalts vorgelesen, +der jedoch nur kurz ist, damit man der Sache nicht +überdrüssig wird. Im Anschluß daran führen die Älteren +ehrbare Gespräche, die weder trocken noch ohne +Witz sind. Indessen halten sie nicht etwa während +des ganzen Essens lange Reden; sie hören vielmehr +auch den jungen Leuten gern zu. Ja, sie veranlassen +sie absichtlich zum Reden, um von dem Charakter +und Geist eines jeden einen Begriff zu bekommen, +wenn er sich in der bei einem Mahle herrschenden +Ungebundenheit offenbart. Die Mittagsmahlzeiten +sind ziemlich schlicht, die Abendmahlzeiten +dagegen reichlicher; denn auf jene folgt Arbeit, auf +diese Schlaf und nächtliche Ruhe, und diese hilft +nach Ansicht der Utopier besser verdauen. Bei keinem +Abendessen fehlt es an Musik, und bei jedem +Nachtisch gibt es allerlei Leckereien. Auch verbrennt +man Räucherwerk, verspritzt wohlriechendes +Salböl und bietet alles auf, um die Tischgenossen +zu erheitern. Die Utopier neigen nämlich viel zu +sehr zu solcher Fröhlichkeit, um ein Vergnügen, +das keinen Schaden anrichtet, für verboten zu +halten.</p> + +<p>Derart also ist das gesellige Leben in der Stadt; +auf dem Lande dagegen, wo man weiter auseinander +wohnt, ißt jeder für sich zu Hause. Dort fehlt es +<span class="pagenum"><a name="Page_95">95</a></span>nämlich keiner Familie an irgend etwas zum Leben; +denn die Leute auf dem Lande sind es ja, die alles +das liefern, wovon die Städter leben.</p> + + +<h3>Die Reisen der Utopier</h3> + +<p>Wer das Verlangen haben sollte, seine Freunde +in einer anderen Stadt zu besuchen oder sich auch +nur den Ort selbst anzusehen, erhält von seinem +Syphogranten und Traniboren mit Leichtigkeit die +Erlaubnis dazu, wenn er irgendwie abkömmlich ist. +Man schickt dann eine gewisse Anzahl Urlauber +zusammen ab und gibt ihnen ein Schreiben des Bürgermeisters +mit, in dem die Reisegenehmigung bestätigt +und der Tag der Rückkehr vorgeschrieben ist. +Die Reisenden bekommen einen Wagen mit einem +staatlichen Sklaven gestellt, der das Ochsengespann +führen und besorgen muß; wenn sie aber nicht gerade +Frauen bei sich haben, weisen sie den Wagen +als lästig und hinderlich zurück. Obgleich sie auf der +ganzen Reise nichts mit sich führen, fehlt es ihnen +doch an nichts; sie sind ja überall zu Hause. Sollten +sie sich irgendwo länger als einen Tag aufhalten, so +übt jeder daselbst sein Gewerbe aus und wird von +seinen Handwerksgenossen aufs freundlichste behandelt.</p> + +<p>Wenn sich aber jemand außerhalb seines Wohnbezirks +eigenmächtig herumtreiben und ohne amtlichen +Urlaubsschein aufgegriffen werden sollte, +so betrachtet man ihn als Ausreißer, bringt ihn +mit Schimpf und Schande in die Stadt zurück und +züchtigt ihn streng; im Wiederholungsfalle büßt +<span class="pagenum"><a name="Page_96">96</a></span>er mit dem Verlust seiner Freiheit. Wenn aber +jemanden die Lust anwandeln sollte, auf seinen heimatlichen +Fluren spazierenzugehen, so hindert ihn +niemand daran, vorausgesetzt, daß er die Erlaubnis +seines Hausvaters und die Einwilligung seiner Frau +hat. Wohin er aber auch aufs Land kommt, nirgends +gibt man ihm etwas zu essen, ehe er nicht das +dort vor dem Mittags- oder Abendessen übliche +Arbeitspensum erledigt hat; unter dieser Bedingung +kann er ganz nach Belieben innerhalb des Gebietes +seiner Stadt spazierengehen. Wird er sich doch auf +diese Weise der Stadt ebenso nützlich machen, als +wenn er sich in ihr selber aufhielte.</p> + +<p>Ihr seht schon, in Utopien gibt es nirgends eine +Möglichkeit zum Müßiggang oder einen Vorwand +zur Trägheit. Keine Weinschenken, keine Bierhäuser, +nirgends ein Bordell, keine Gelegenheit zur Verführung, +keine Schlupfwinkel, keine Stätten der Liederlichkeit; +jeder ist vielmehr den Blicken der Allgemeinheit +ausgesetzt, die ihn entweder zur gewohnten +Arbeit zwingt oder ihm nur ein ehrbares +Vergnügen gestattet.</p> + +<p>Diese Lebensführung des Volkes hat notwendig +einen Überfluß an jeglichem Lebensbedarf zur Folge, +und da alle gleichmäßig daran teilhaben, ist es +ganz natürlich, daß es Arme oder gar Bettler überhaupt +nicht geben kann. Im Senat von Mentiranum, +wo sich, wie erwähnt, alljährlich drei Abgeordnete +aus jeder Stadt einfinden, stellt man zunächst +fest, wovon es in den einzelnen Bezirken +einen Überschuß gibt und worin irgendwo der Ertrag +zu gering gewesen ist. Dann gleicht man alsbald +den Mangel der einen Bezirke durch den Überfluß +<span class="pagenum"><a name="Page_97">97</a></span>der anderen aus, und zwar geschieht das unentgeltlich, +ohne daß die Geber von den Empfängern +eine Entschädigung erhalten. Dafür aber, daß eine +Stadt irgendeiner anderen aus ihren Beständen ohne +Gegenforderung liefert, erhält sie auch wieder, was +sie braucht, von einer Stadt, der sie nichts gegeben +hat. So bildet die ganze Insel gleichsam eine einzige +Familie.</p> + +<p>Nachdem aber die Utopier sich selbst zur Genüge +mit Vorräten versorgt haben, was nach ihrer Ansicht +erst dann der Fall ist, wenn sie wegen der Unsicherheit +des Ertrags im darauffolgenden Jahre für +einen Zeitraum von zwei Jahren vorgesorgt haben, +führen sie aus dem Überschuß eine große Menge +Getreide, Honig, Wolle, Leinen, Holz, Scharlach- +und Purpurfarben, Felle, Wachs, Seife, Leder sowie +außerdem Vieh in andere Länder aus. Von dem +allen schenken sie ein Siebentel den Armen des betreffenden +Landes, den Rest aber verkaufen sie zu +mäßigem Preise. Dieser Handel bringt ihnen nicht nur +diejenigen Waren ins Land, an denen es ihnen fehlt – +das ist aber fast nichts weiter als Eisen –, sondern +außerdem eine große Menge Silber und Gold. Weil sie +das schon lange so halten, haben sie an diesen Metallen +überall einen unglaublich großen Überfluß. Daher +legen sie jetzt auch nicht sonderlich viel Gewicht darauf, +ob sie gegen bar oder auf Kredit verkaufen und +den bei weitem größten Teil ihrer Forderungen als +Außenstände haben. Doch lehnen sie bei der Ausstellung +von Schuldscheinen die Bürgschaft von Privatpersonen +regelmäßig ab und verlangen immer auf +Grund formell ausgestellter Scheine die Bürgschaft +der Stadt. Diese zieht dann am Zahltage den Betrag +<span class="pagenum"><a name="Page_98">98</a></span>von den Privatschuldnern ein, legt ihn in die Stadtkasse +und hat bis zu seiner Anforderung durch die Utopier +den Zinsgenuß. Diese verlangen aber niemals den +größten Teil zurück; nach ihrer Ansicht ist es nämlich +eine Ungerechtigkeit, anderen etwas wegzunehmen, +was für sie von Nutzen ist, ihnen selbst aber +keinen Nutzen bringt. Wenn sie dagegen erforderlichenfalls +einen Teil des betreffenden Geldes einem +anderen Volke leihen wollen, so verlangen sie es +dann erst zurück oder auch, wenn sie selbst Krieg +führen müssen. Für diesen einen Zweck nämlich +heben sie jenen gesamten Schatz, den sie im Lande +haben, auf, um an ihm in äußerster oder plötzlicher +Gefahr einen Rückhalt zu haben, vor allem aber, um +damit für unmäßig hohen Sold ausländische Soldaten +anzuwerben; denn diese setzen sie lieber der +Gefahr aus als ihre eigenen Bürger. Außerdem wissen +sie, daß in der Regel die Feinde selber mit viel +Geld sich kaufen und gegeneinander hetzen lassen, +sei es durch Verrat oder auch durch Entzweiung. Aus +diesem Grunde sorgen die Utopier für einen Staatsschatz +von unermeßlichem Werte. Er ist aber in +ihren Augen kein eigentlicher Schatz; sie halten es +damit vielmehr so, daß ich mich in der Tat schäme, +es zu erzählen, weil ich fürchten muß, man wird +meinen Worten nicht glauben. Und meine Befürchtung +ist um so berechtigter, je mehr ich mir bewußt +bin, wie schwer man mich selbst dazu hätte +bringen können, es einem anderen zu glauben, wenn +ich es nicht persönlich erlebt hätte. Es kann ja gar +nicht anders sein, als daß etwas um so weniger +Glauben findet, je mehr es von den Bräuchen der +Zuhörer abweicht. Da freilich auch die übrigen Einrichtungen +<span class="pagenum"><a name="Page_99">99</a></span>der Utopier so wesentlich anders als die +unsrigen sind, wird sich ein kluger Beurteiler der +Dinge vielleicht weniger wundern, wenn sie auch +Gold und Silber auf eine Weise benutzen, die +mehr ihrem eigenen als unserem Brauche entspricht. +Da die Utopier nämlich selber kein Geld verwenden, +sondern es nur für einen Fall aufsparen, der ebensogut +eintreten wie nicht eintreten kann, so schätzt +niemand von ihnen Gold und Silber, woraus das +Geld gemacht wird, höher, als es ihrem natürlichen +Werte angemessen ist. Wer sieht da nicht, wie weit +dort Gold und Silber unter dem Eisen stehen! Und +in der Tat ist Eisen für die Menschheit ebenso +lebensnotwendig wie Wasser und Feuer, während +weder Gold noch Silber von Natur einen Vorzug besitzt, +den wir nicht mit Leichtigkeit entbehren könnten; +nur halten es die Menschen in ihrer Torheit +wegen seines seltenen Vorkommens für so besonders +wertvoll. Und dabei hat doch im Gegenteil die Natur, +wie eine überaus gütige Mutter, uns gerade ihre +besten Gaben offen und frei vor Augen gestellt, wie +die Luft, das Wasser und die Erde selbst, das Nichtige +und Unnütze dagegen sehr weit entrückt. Würde +nun Gold und Silber bei den Utopiern in irgendeinem +Turme versteckt, so könnte der törichte Argwohn +der großen Masse den Bürgermeister und den +Senat verdächtigen, sie wollten das Volk auf hinterlistige +Weise betrügen, um selber irgendwelchen Vorteil +daraus zu ziehen. Wenn sie ferner Schalen und andere +derartige Schmiedearbeiten aus Gold und Silber +herstellen ließen, so könnte einmal der Fall eintreten, +daß man sie wieder einschmelzen und zur Soldzahlung +an die Truppen verwenden müßte, und +<span class="pagenum"><a name="Page_100">100</a></span>natürlich würden dann die Besitzer der Gegenstände, +das sehen sie ein, sich nur ungern wieder +entreißen lassen, woran sie allmählich Freude gefunden +haben. Um es zu alledem nicht kommen zu +lassen, haben sich die Utopier ein Mittel ausgedacht, +das mit ihren übrigen Einrichtungen ebenso +übereinstimmt, wie es von den unsrigen stark abweicht, +da ja bei uns Gold so hoch geschätzt und +so sorgfältig aufbewahrt wird, und das deshalb nur +denen, die es aus Erfahrung kennen, glaubhaft erscheint. +Während sie nämlich zum Essen und Trinken +nur Gefäße aus Ton und Glas benutzen, die zwar +sehr hübsch aussehen, aber trotzdem billig sind, +fertigen sie aus Gold und Silber nicht bloß für die +Gemeinschaftshallen, sondern auch für die Privathäuser +allenthalben Nachtgeschirre und sonstige zu +ganz gewöhnlichem Gebrauch bestimmte Gefäße an. +Außerdem stellen sie aus denselben Metallen Ketten +und starke Fußfesseln zur Bestrafung der Sklaven +her, und schließlich hängen von den Ohren derer, +die durch irgendein Verbrechen ihre Ehre verloren +haben, goldene Ringe herab; man steckt ihnen goldene +Ringe an die Finger, hängt ihnen eine goldene +Halskette um und legt einen goldenen Reif um ihren +Kopf. So sorgen die Utopier mit allen Mitteln dafür, +daß Gold und Silber bei ihnen in Verruf kommt, +und so erklärt es sich auch, daß in Utopien bei einer +sich etwa nötig machenden Ablieferung alles Goldes +und Silbers, dessen gewaltsame Wegnahme den +anderen Völkern fast ebensolche Schmerzen bereitet, +als wenn man ihnen die Eingeweide auseinanderrisse, +niemand glauben würde, auch nur einen Heller +einzubüßen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_101">101</a></span> +Außerdem sammeln die Utopier an den Küsten +Perlen, in gewissen Felsen sogar Diamanten und +Karfunkel. Doch suchen sie nicht danach, sondern +nur, was sie zufällig finden, schleifen sie. Damit +putzen sie ihre kleinen Kinder. In ihren ersten Lebensjahren +prahlen diese gern mit solchem Schmuck +und sind stolz darauf; sobald sie aber ein wenig +älter werden und merken, daß sich nur Kinder mit +derartigem Tand abgeben, legen sie diesen Schmuck +ab, und zwar ohne besondere Ermahnung von seiten +ihrer Eltern, sondern einfach, weil sie sich seiner +schämen, genau so wie bei uns die Kinder, wenn sie +erst größer werden, von ihren Nüssen, Knöpfen und +Puppen nichts mehr wissen wollen.</p> + +<p>Wie stark aber diese Lebensgewohnheiten der +Utopier, die von denen der übrigen Völker so sehr +abweichen, ihr ganzes Empfinden verändern, ist mir +niemals so klar zum Bewußtsein gekommen wie bei +einer Gesandtschaft der Anemolier. Diese kam nach +Amaurotum, als ich gerade dort war, und da wichtige +Fragen zur Verhandlung standen, waren schon +vor ihr jene früher erwähnten drei Abgeordneten +aus jeder Stadt eingetroffen. Nun waren allen Gesandten +der Nachbarvölker, die schon früher dorthin +gekommen waren, die Sitten der Utopier bekannt. +Sie wußten, daß prunkvolle Kleidung dort +durchaus nicht angesehen war, daß man Seide geradezu +verachtete und daß Goldschmuck sogar in +üblen Ruf brachte. Deshalb hatten sie sich daran +gewöhnt, in möglichst bescheidener Kleidung zu erscheinen. +Die Anemolier aber wohnten weiter entfernt +von den Utopiern und hatten deshalb weniger +Verkehr mit ihnen unterhalten. Als sie nun hörten, +<span class="pagenum"><a name="Page_102">102</a></span>die Utopier trügen alle die gleiche grobe Tracht, +waren sie überzeugt, sie trieben deshalb keinen Aufwand, +weil es ihnen an den nötigen Mitteln dazu +fehle, und beschlossen daher, mehr eitel als klug, +prächtig wie Götter herausgeputzt aufzutreten und +die Augen der armseligen Utopier durch den Glanz +ihrer prunkvollen Kleidung zu blenden. So zogen +denn die drei Gesandten an der Spitze eines Gefolges +von dreihundert Mann in die Stadt ein, alle in +bunter, die meisten in seidener Kleidung, die Gesandten +selbst – sie gehörten nämlich daheim zum +Adel – in golddurchwirkten Gewändern, mit großen +Halsketten und Ohrringen aus Gold, an den +Fingern goldene Ringe, die Filzkappen mit Bändern +geschmückt, die von Perlen und Edelsteinen funkelten, +kurz, mit all den Dingen geputzt, die bei +den Utopiern Strafen für Sklaven oder Schandmale +Ehrloser oder Spielzeug kleiner Kinder sind. Und +so lohnte es sich der Mühe zu sehen, wie den Anemoliern +der Kamm schwoll, als sie ihren Prunk mit +der Kleidung der Utopier verglichen; die Bevölkerung +war nämlich in Menge auf die Straßen geströmt. +Anderseits aber machte es nicht weniger +Spaß zu beobachten, wie gründlich sie sich in ihrer +Hoffnung und Erwartung getäuscht sahen und wie +wenig sie den Eindruck machten, mit dem sie gerechnet +hatten. Denn in den Augen aller Utopier, +nur einige ganz wenige ausgenommen, die bei +irgendeiner passenden Gelegenheit ins Ausland gekommen +waren, war jener ganze glänzende Aufwand +eine Schmach. Sie grüßten gerade die Niedrigsten +an Stelle ihrer Herren mit Ehrerbietung, +die Gesandten selbst aber hielten sie wegen ihrer +<span class="pagenum"><a name="Page_103">103</a></span>goldenen Ketten für Sklaven und ließen sie vorübergehen, +ohne ihnen überhaupt eine Ehrenbezeigung zu +erweisen. Ja, auch die Knaben hättest du sehen sollen, +die ihre Edelsteine und Perlen schon längst weggeworfen +hatten. Beim Anblick der Edelsteine an +den Filzkappen der Gesandten riefen und stießen sie +ihre Mütter an und sagten: »Sieh doch, Mutter, was +für ein großer Schelm da noch die Perlen und Edelsteinchen +trägt, als wenn er ein kleines Kind wäre!« +Und die Mutter erwiderte gleichfalls ganz ernsthaft: +»Sei still, mein Junge! Das wird einer von den +Narren der Gesandten sein.« Andere wieder bemängelten +die goldenen Ketten: sie seien zu nichts zu +brauchen, weil sie so dünn seien, daß der Sklave sie +mit Leichtigkeit zerbrechen könne; anderseits wieder +seien sie so locker, daß er sie, wenn er Lust +habe, abschütteln und ungehindert und frei ausreißen +könne, wohin er wolle.</p> + +<p>Die Gesandten hatten sich erst ein paar Tage in +Amaurotum aufgehalten und schon eine Unmenge +Gold in niedrigster Verwendung gesehen; auch hatten +sie gemerkt, daß das Gold hier ebenso gering +wie bei ihnen daheim hochgeschätzt wurde; außerdem +sahen sie in den Ketten und Fußfesseln eines +einzigen Sklaven, der flüchtig geworden war, mehr +Gold und Silber zusammen verarbeitet, als die gesamte +Ausstattung der drei Gesandten wert war. +Da ließen sie die Flügel hängen und legten beschämt +jenen ganzen Aufputz ab, mit dem sie sich +in so anmaßender Weise gebrüstet hatten, vor allem +aber, nachdem sie durch vertrautere Unterhaltung +mit den Utopiern ihre Sitten und Anschauungen kennengelernt +hatten. Sind doch diese ganz verwundert +<span class="pagenum"><a name="Page_104">104</a></span>darüber, wie einem Menschen das unsichere Gefunkel +eines dürftigen Juwels oder Edelsteinchens +überhaupt Freude machen kann, während er irgendeinen +Stern und schließlich die Sonne selbst anschauen +darf, und wie jemand so albern sein kann, +daß er sich selber wegen eines Gewebes aus feinerer +Wolle vornehmer dünkt, wenn diese Wolle +selbst, mag der Faden auch noch so fein sein, +früher einmal auf dem Rücken eines Schafes gesessen +hat und inzwischen doch auch nichts anderes +als Wolle gewesen ist. Ebenso wundern sich die +Utopier darüber, daß das Gold, das seiner Natur +nach so unnütz ist, jetzt überall in der Welt so +hoch geschätzt wird, daß der Mensch selbst, durch +den und vor allem zu dessen Nutzen es diesen Wert +erlangt hat, viel weniger gilt als das Gold selber, +und zwar so viel weniger, daß irgendein Dämlack, +geistlos wie ein Holzklotz und ebenso schlecht wie +dumm, trotzdem eine Menge kluger und braver Diener +hat, allein deshalb, weil er zufällig einen großen +Haufen Goldstücke sein eigen nennt. Wenn nun +irgendeine Fügung des Geschicks oder ein Trick der +Gesetze, der, ebenso wie das Schicksal, das Unterste +zu oberst kehrt, dieses Gold dem Herrn des Hauses +nimmt und es dem allerschlimmsten Taugenichts +seines Gesindes zukommen läßt, so würde jener +ohne Zweifel bald darauf wie ein Anhängsel und +eine Zugabe seiner Münzen unter die Dienerschaft +seines ehemaligen Dieners geraten. Und noch mehr +ist man erstaunt, ja geradezu empört über das +unsinnige Gebaren der Leute, die jene Reichen, +denen sie nichts schuldig und denen sie nicht verpflichtet +sind, aus keinem anderen Grunde, als weil +<span class="pagenum"><a name="Page_105">105</a></span>sie reich sind, wie Götter anbeten, und zwar auch +dann, wenn sie ihren schmutzigen Geiz zu genau +kennen, um nicht mit tödlicher Sicherheit zu wissen, +daß sie bei deren Lebzeiten von dem großen +Geldhaufen auch nicht einen roten Heller bekommen.</p> + +<p>Diese und andere derartige Ansichten der Utopier +sind das Ergebnis teils ihrer Erziehung in einem +Staate, dessen Einrichtungen von den Torheiten der +geschilderten Art weit entfernt sind, teils ihrer Beschäftigung +mit Wissenschaft und Literatur. Allerdings +sind in jeder Stadt nur wenige von den anderen +Arbeiten befreit, um sich ausschließlich der Ausbildung +ihres Geistes zu widmen, nämlich diejenigen, +bei denen man von Kind auf hervorragende Anlagen, +ausgezeichnete Begabung und Neigung zu wissenschaftlicher +Beschäftigung beobachtet hat. Trotzdem +aber genießen alle Kinder Unterricht, und ein guter +Teil des Volkes, Männer und Frauen, beschäftigt +sich das ganze Leben hindurch in den erwähnten +arbeitsfreien Stunden mit den Wissenschaften.</p> + +<p>Der Unterricht wird in der Landessprache erteilt; +sie verfügt nämlich über einen reichen Wortschatz, +zeichnet sich durch Wohllaut aus und ist wie keine +andere zur Wiedergabe von Gedanken geeignet. In +annähernd derselben Art, jedoch überall auf verschiedene +Weise etwas zu ihrem Nachteil verändert, +ist sie über einen großen Strich jenes Erdteils verbreitet.</p> + +<p>Von allen unseren Philosophen, deren Namen in +dieser uns bekannten Welt berühmt sind, war den +Utopiern vor unserer Ankunft auch nicht ein einziger, +nicht einmal gerüchtweise, bekannt geworden; +und doch haben sie in Musik, Dialektik, Arithmetik +<span class="pagenum"><a name="Page_106">106</a></span>und Geometrie etwa dieselben Entdeckungen +gemacht wie unsere alten Meister. Wenn sie aber +auch die Alten beinahe in allem erreicht haben, so +sind sie allerdings hinter den Erfindungen der +modernen Dialektiker weit zurückgeblieben; sie +haben nämlich auch nicht eine einzige der in der +»Kleinen Logik« so scharfsinnig ausgedachten Regeln +über Restriktion, Amplifikation und Supposition +erfunden, die hierzulande allenthalben schon +die Kinder auswendig lernen. Wie sie ferner keineswegs +den »zweiten Intentionen« nachzuforschen +vermochten, so war auch nicht einer von ihnen imstande, +den sogenannten »Menschen überhaupt« +zu sehen, der doch, wie ihr wißt, ein wahrer Koloß +und größer als jeder Riese ist und auf den wir damals +auch noch mit den Fingern gezeigt haben.</p> + +<p>Dagegen kennen sie ganz genau den Lauf der Gestirne +und die Bewegung der Himmelskreise. Ja, sie +haben sich auch Instrumente von verschiedener Gestalt +mit Kunst und Geschick ausgedacht, mit deren +Hilfe sie die Bewegungen und Stellungen der Sonne, +des Mondes und ebenso der übrigen bei ihnen sichtbaren +Gestirne aufs genaueste erfaßt haben. Aber +von Gunst und Mißgunst der Planeten und von jenem +ganzen Schwindel der Prophezeiung aus den Sternen +lassen sie sich nicht einmal etwas träumen. +Regen, Wind und die übrigen Wetterveränderungen +sagen sie aus gewissen Anzeichen voraus, die sie aus +langer Erfahrung kennen. Über die Ursachen all +dieser Erscheinungen aber, über Ebbe und Flut sowie +über den Salzgehalt des Meeres und schließlich +über den Ursprung und die Natur des Himmels +und der Erde lehren sie zum Teil dasselbe wie +<span class="pagenum"><a name="Page_107">107</a></span>unsere alten Philosophen. Wie diese aber schon +untereinander verschiedener Meinung sind, so stimmen +auch die Utopier mit ihren neuen Erklärungen +für die Naturerscheinungen mit ihnen allen zum Teil +nicht überein, sind aber auch untereinander nicht +in jeder Beziehung derselben Ansicht.</p> + +<p>In der Moralphilosophie behandeln die Utopier +dieselben Fragen wie wir. Sie stellen Erörterungen +an über die Güter des Geistes und des Körpers sowie +über die äußeren Güter, ferner ob diese alle oder +nur die Gaben des Geistes als Güter bezeichnet werden +dürfen; auch untersuchen sie das Wesen der +Tugend und der Lust. Aber die erste und wichtigste +aller Streitfragen ist die, worin wohl die Glückseligkeit +des Menschen besteht, ob in <em class="gesperrt">einem</em> Dinge +oder in mehreren. In diesem Punkte aber neigen sie, +wie es scheint, mehr als billig zu der Ansicht derer, +die für das Vergnügen eintreten, worin sie entweder +das menschliche Glück überhaupt oder doch wenigstens +seinen wesentlichsten Bestandteil erblicken. +Und worüber man sich noch mehr wundern muß, sie +stützen ihre so sinnenfreudige Ansicht auch mit Beweisgründen, +die sie ihrer Religion entnehmen, einer +ernsten und strengen, ja fast düsteren und harten +Lehre. Wenn sie nämlich über die Glückseligkeit +verhandeln, so verbinden sie stets gewisse Grundsätze +ihrer Religion mit der Philosophie, die mit +Vernunftgründen arbeitet; denn ohne diese Grundsätze +ist die Vernunft nach Ansicht der Utopier zu +ungenügend und zu schwach, um für sich allein die +wahre Glückseligkeit zu erforschen.</p> + +<p>Diese Grundsätze sind folgende: Die Seele ist unsterblich +und durch die Güte Gottes zur Glückseligkeit +<span class="pagenum"><a name="Page_108">108</a></span>geschaffen; für unsere Tugenden und guten +Werke erwarten uns nach diesem Leben Belohnungen, +für unsere Missetaten aber Strafen. Diese Anschauungen +sind zwar religiöser Natur, aber nach +Ansicht der Utopier führt schon die Vernunft dazu, +an sie zu glauben und sie zu billigen. Nach Beseitigung +dieser Grundsätze, so erklären sie ohne jedes +Bedenken, wird niemand so töricht sein zu meinen, +er dürfe dem Vergnügen nicht auf jede Weise, auf +rechte und unrechte, nachjagen. Nur müsse man sich, +so erklären sie weiter, davor hüten, ein größeres +Vergnügen durch ein kleineres beeinträchtigen zu +lassen oder einem Vergnügen mit schmerzhaften +Rückwirkungen nachzugehen. Denn den dornenvollen +und beschwerlichen Pfad der Tugend zu wandeln +und dabei nicht bloß auf des Lebens Annehmlichkeiten +zu verzichten, sondern auch den Schmerz +freiwillig zu ertragen, und zwar ohne Aussicht auf +irgendwelchen Gewinn – was könnte nämlich wohl +auch der Gewinn sein, wenn man nach dem Tode +nichts erreichen soll, nachdem man dieses ganze Leben +freudlos, also jämmerlich, zugebracht hat? – +das ist in den Augen der Utopier das Sinnloseste, +was es geben kann. Nun liegt aber nach ihrer Meinung +das Glück nicht in jeder Art von Vergnügen, +sondern nur in einem rechtschaffenen und ehrbaren; +zu diesem nämlich, als zu dem höchsten Gut, zieht, +so sagen sie, die Tugend selbst unsere Natur hin, +während nach Ansicht der Gegenpartei einzig und +allein die Tugend unser Glück bedingt. Die Tugend +besteht nämlich, wie die Utopier meinen, in einem +naturgemäßen Leben, sofern uns Gott dazu geschaffen +hat; naturgemäß aber lebt der, der in +<span class="pagenum"><a name="Page_109">109</a></span>allem, was er begehrt und meidet, den Geboten der +Vernunft gehorcht. Die Vernunft entfacht ferner im +Menschen vor allem anderen die ehrfurchtsvolle +Liebe zur göttlichen Majestät, und dieser verdanken +wir es ja, daß wir sind und an der Glückseligkeit +teilnehmen dürfen. Sodann mahnt uns die Tugend +und regt uns dazu an, ein möglichst sorgenfreies +und frohes Leben zu führen und allen unseren Mitmenschen, +entsprechend unserer natürlichen Gemeinschaft +mit ihnen, zur Erreichung des gleichen Zieles +zu verhelfen. Denn noch nie ist jemand ein so +finsterer und strenger Anhänger der Tugend und +entschiedener Feind des Vergnügens gewesen, daß +er von dir Anstrengungen, Nachtwachen und Kasteiungen +verlangte, ohne nicht gleichzeitig dir aufzugeben, +die Not und das Ungemach anderer nach +Kräften zu lindern, und ohne es nicht im Namen der +Menschlichkeit für lobenswert zu halten, daß ein +Mensch dem anderen Heil und Trost spendet. Wenn +nun die höchste Menschlichkeit darin besteht – und +keine Tugend ist dem Menschen eigentümlicher –, +den Kummer der Mitmenschen zu lindern, ihre Traurigkeit +zu beheben und in ihr Leben wieder die +Freude, das heißt das Vergnügen, zu bringen, wie +sollte da nicht die Natur einen jeden anspornen, die +gleiche Wohltat auch sich selber zuteil werden zu +lassen? Denn entweder ist ein angenehmes, das heißt +dem Vergnügen gewidmetes Leben verwerflich, dann +darfst du nicht bloß niemandem zu einem Vergnügen +verhelfen, sondern mußt es sogar von allen +nach Möglichkeit fernhalten, da es ihnen ja schädlich +ist und den Tod bringt. Oder aber, wenn du +anderen ein Vergnügen als etwas Gutes nicht bloß +<span class="pagenum"><a name="Page_110">110</a></span>verschaffen darfst, sondern sogar verschaffen sollst, +warum dann nicht vor allem dir selbst, dem du doch +nicht weniger als anderen gewogen sein solltest? +Denn wenn die Natur dich zur Güte gegen andere +mahnt, verlangt sie doch nicht gleichzeitig von dir +schonungslose Strenge gegen dich selbst.</p> + +<p>Ein angenehmes Leben also, das heißt eben das +Vergnügen, sagen die Utopier, stellt uns die Natur +selbst gleichsam als Ziel aller unserer Handlungen +hin, und ein Leben nach ihrer Vorschrift ist +in ihren Augen Tugend. Die Natur aber ruft auch +die Menschen auf, sich gegenseitig zu einem Leben +in größter Fröhlichkeit zu verhelfen. Und das tut sie +sicherlich mit Fug und Recht; denn keiner ist so +erhaben über das allgemeine Menschenschicksal, daß +die Natur für ihn allein sorgen müßte, sie, die alle, +die sie durch die Gleichheit der Gestalt zu einer +Gemeinschaft zusammenfaßt, in gleicher Weise hegt +und pflegt. Und eben darum heißt sie dich auch immer +wieder darauf achten, auf deinen eigenen Vorteil +nicht so bedacht zu sein, daß du anderen dabei +schadest.</p> + +<p>Deshalb dürfen auch nach Ansicht der Utopier +nicht bloß die Verträge zwischen Privatpersonen +nicht verletzt werden, sondern auch die öffentlichen +Bestimmungen über die Teilung der Lebensgüter, +das heißt der materiellen Grundlage des Vergnügens, +Bestimmungen, die entweder ein guter Fürst +auf gesetzlichem Wege erlassen oder die ein Volk +auf Grund einer allgemeinen Übereinkunft getroffen +hat, ohne durch Tyrannei in seiner Willensäußerung +beschränkt oder durch Betrug umgarnt zu sein. Ohne +Verletzung dieser Gesetze für dein persönliches +<span class="pagenum"><a name="Page_111">111</a></span>Wohlergehen zu sorgen, erfordert die Klugheit, +außerdem das allgemeine Wohl im Auge zu haben, +das Pflichtgefühl; aber darauf auszugehen, einem +anderen sein Vergnügen zu rauben, wofern man nur +sein eigenes erjagt, das ist in der Tat Unrecht. Sich +selber dagegen etwas zu nehmen, um es anderen zu +dem, was sie haben, noch dazuzugeben, das eben ist +eine Pflicht der Menschlichkeit und Güte und bringt +einem stets mehr Glück wieder ein, als es einem +nimmt. Denn die Wohltaten anderer vergelten als +Gegenleistung das gute Werk, und das bloße Bewußtsein, +etwas Gutes getan zu haben, sowie die Erinnerung +an die wohlwollende Liebe derer, denen man Gutes +getan hat, bereiten dem Herzen eine Freude, die +größer ist, als es jenes Vergnügen des Körpers gewesen +wäre, auf das man verzichtet hat. Und endlich +vergilt Gott, wovon sich ein gläubiges Gemüt +mit Leichtigkeit aus der Religion überzeugt, ein +kurzes und geringes Vergnügen dereinst mit unermeßlicher +und ewig währender Freude. So sind denn +die Utopier nach sorgfältiger Untersuchung und genauer +Erwägung der Sache zu der Ansicht gekommen, +daß alle unsere Handlungen, und darunter +auch die tugendhaften selbst, letzten Endes auf das +Vergnügen und damit auf die Glückseligkeit abzielen.</p> + +<p>Vergnügen nennen die Utopier jede Bewegung +und jeden Zustand des Körpers und des Geistes, +worin wir unter Anleitung der Natur mit Behagen +verweilen. Nicht ohne Grund fügen sie hinzu, daß +die Natur es so haben will. Denn von Natur bereitet +alles das Wohlbehagen, was man nicht auf dem +Wege des Unrechts begehrt oder wodurch nichts +<span class="pagenum"><a name="Page_112">112</a></span>anderes Angenehmeres verlorengeht oder was keine +Mühe und Arbeit im Gefolge hat; und danach verlangt +nicht bloß das sinnliche Begehren, sondern +auch die gesunde Vernunft. Anderseits aber gibt es +Dinge, die die Menschen gegen die Ordnung der +Natur fälschlich als angenehm bezeichnen, und zwar +auf Grund eines ganz törichten Sprachgebrauchs, +gerade als ob wir es in der Hand hätten, mit den +Worten auch die Dinge zu ändern. Alle diese Dinge +sind nach Ansicht der Utopier wertlos für die Glückseligkeit, +ja sogar ihr im höchsten Grade hinderlich, +und zwar deshalb, weil sie die ganze Seele des +Menschen, in der sie sich einmal festgesetzt haben, +mit einer verkehrten Meinung über das Vergnügen +im voraus erfüllen, um für wahre und reine Freuden +nirgends Platz zu lassen. Es gibt nämlich sehr viele +Dinge, die zwar ihrer eigentlichen Natur nach +durchaus nicht anziehend, sondern im Gegenteil sogar +meist recht unangenehm sind, die aber trotzdem +infolge der törichten Lockung ruchloser Begierden +nicht bloß für die höchsten Genüsse gehalten, sondern +auch sogar zu den wichtigsten Angelegenheiten +des Lebens gerechnet werden.</p> + +<p>Zu denen, die den falschen Vergnügen dieser Art +nachgehen, zählen die Utopier diejenigen, die sich +selber, wie früher erwähnt, um so besser dünken, +je besser sie angezogen sind; dabei irren sie sich in +diesem einen Punkte zweifach. Denn sie sind nicht +weniger im Irrtum, wenn sie ihren Anzug, als wenn +sie sich selbst für etwas Besseres halten. Warum +sollte nämlich im Hinblick auf die Brauchbarkeit +der Kleidung ein Tuch aus feinerem Gewebe besser +sein als eins aus gröberem? Und doch ist jenen Leuten +<span class="pagenum"><a name="Page_113">113</a></span>der Kamm geschwollen, als ob sie von Natur +und nicht durch einen bloßen Irrtum etwas Besseres +wären, und sie meinen, sie gewännen auch dadurch +etwas an Wert. Deshalb beanspruchen sie auch, +gleich als sei das ihr gutes Recht, für ihren eleganteren +Anzug eine Ehrenbezeigung, auf die sie in +einfacherer Kleidung gar nicht wagen würden zu +hoffen, und sind unwillig, wenn sie beim Vorübergehen +nicht weiter beachtet werden. Aber ist nicht +gerade auch dieses Verlangen nach eitlen und nutzlosen +Ehrenbezeigungen ebenso unvernünftig? Denn +wie kann wohl der entblößte Scheitel oder das gebeugte +Knie eines anderen ein natürliches und wahres +Vergnügen bereiten? Wird das vielleicht einen +Schmerz in deinen eigenen Knien heilen? Oder wird +es das hitzige Fieber in deinem eigenen Kopfe lindern? +In der Vorstellung eines solchen Scheinvergnügens +schmeicheln sie sich und klatschen sie sich +Beifall, weil sie zufällig von Vorfahren abstammen, +von denen eine lange Reihe für reich gegolten +hat – einen anderen Adel gibt es ja heutzutage +nicht –, für reich besonders an Landgütern, und sie +dünken sich nicht um ein Haar weniger vornehm, +wenn ihnen auch ihre Vorfahren von ihrem Reichtum +nichts hinterlassen oder wenn sie ihr Erbe selber +verpraßt haben.</p> + +<p>Zu den Leuten dieser Art rechnen die Utopier +auch die schon erwähnten Liebhaber von Gemmen +und Edelsteinen, und sie kommen sich gewissermaßen +wie Götter vor, wenn sie einmal einen ausnehmend +wertvollen Stein erwerben, zumal wenn er +von der zu ihrer Zeit und in ihrem Lande besonders +geschätzten Art ist; denn nicht überall und nicht zu +<span class="pagenum"><a name="Page_114">114</a></span>jeder Zeit behalten die gleichen Arten ihren Wert. +Sie kaufen aber einen Edelstein nur ohne Goldfassung +und Umhüllung, und auch dann nur, wenn +der Verkäufer einen Eid und Bürgschaft dafür leistet, +daß die Gemme und der Juwel echt sind; solche +Angst haben sie, daß der Augenschein sie täuschen +könnte. Warum aber sollte dir, der du den Edelstein +nur betrachten willst, ein künstlicher weniger Vergnügen +machen, den dein Auge von einem echten +nicht zu unterscheiden vermag? Beide müßten +eigentlich den gleichen Wert haben, für dich, bei +Gott, genau so wie für einen Blinden.</p> + +<p>Was soll man ferner von denen sagen, die überflüssige +Schätze aufbewahren, nicht um sich über +die Verwendung des Haufens Geld, sondern nur +über seinen Anblick zu freuen? Genießen sie etwa +eine echte Freude, oder narrt sie nicht vielmehr nur +ein Scheinvergnügen? Oder wie steht es mit denen, +die den entgegengesetzten Fehler begehen und das +Gold, das sie niemals verwenden, ja vielleicht auch +niemals wieder zu Gesicht bekommen werden, vergraben +und aus Angst vor seinem Verlust es wirklich +verlieren? Denn verlierst du dein Gold nicht, wenn +du es der Verwendung durch dich selbst und vielleicht +durch die Menschen überhaupt entziehst und +der Erde zurückgibst? Und doch bist du ausgelassen +froh darüber, daß du deinen Schatz versteckt +hast, als brauchtest du nun keine Sorge mehr zu +haben. Sollte dir aber jemand den Schatz stehlen, +ohne daß du etwas von diesem Diebstahl merkst, +und solltest du zehn Jahre danach sterben, was +macht es dir da in dem ganzen Zeitraum von zehn +Jahren, um den du den Verlust deines Geldes überlebt +<span class="pagenum"><a name="Page_115">115</a></span>hast, aus, ob es gestohlen oder noch vorhanden +war? Sicherlich hast du in beiden Fällen den gleichen +Nutzen davon gehabt.</p> + +<p>Zu diesen so unpassenden Freuden rechnen die +Utopier auch die der Glücksspieler, deren unsinniges +Gebaren ihnen nur vom Hörensagen, nicht aus +Erfahrung bekannt ist, und außerdem die der Jäger +und Vogelsteller. Denn was ist das für ein Vergnügen, +so sagen sie, die Würfel auf das Spielbrett zu +werfen? Und dabei tut man das so oft, daß schon +aus der häufigen Wiederholung ein Überdruß entstehen +könnte, wenn wirklich ein Vergnügen damit +verbunden wäre. Oder wie könnte es angenehm sein +und nicht vielmehr Widerwillen erregen, das Gebell +und Geheul der Hunde zu hören? Oder inwiefern +macht es mehr Vergnügen, wenn ein Hund +einem Hasen als wenn er einem anderen Hunde +nachjagt? Denn in beiden Fällen handelt es sich doch +um den gleichen Vorgang: es wird gelaufen – wenn +dir das Laufen Freude machen sollte. Wenn dich aber +die Aussicht auf Mord fesselt oder wenn du auf die +Zerfleischung wartest, die sich vor deinen Augen +abspielen soll, so müßte es doch eher dein Mitleid +erregen, wenn du mit ansehen mußt, wie das arme +Häslein von dem Hunde zerrissen wird, der +Schwache von dem Stärkeren, der Scheue und +Furchtsame von dem Wilden, der Harmlose schließlich +von dem Grausamen. Die Utopier haben deshalb +dieses ganze Geschäft des Jagens als eine der +Freien unwürdige Beschäftigung den Metzgern zugewiesen, +deren Handwerk sie, wie oben erwähnt, +von Sklaven ausüben lassen. Ihrer Anschauung nach +ist nämlich die Jagd die niedrigste Verrichtung dieses +<span class="pagenum"><a name="Page_116">116</a></span>Handwerks, die übrigen sind in ihren Augen +nützlicher und ehrbarer, weil sie die Tiere weit +mehr schonen und nur aus Notwendigkeit töten, während +der Jäger einzig und allein im Morden und Zerfleischen +des armen Tieres sein Vergnügen sucht. Dieses +Lustgefühl beim Anblick des Mordens hat nach Ansicht +der Utopier sogar beim Morden der Tiere seinen +Ursprung in einer grausamen Gemütsstimmung oder +artet schließlich infolge ständiger Wiederholung des +so rohen Vergnügens in Grausamkeit aus. Diese und +alle sonstigen Genüsse derart – es gibt nämlich +deren unzählige – hält zwar die große Masse der +Menschen für Vergnügen, die Utopier dagegen erklären +rund heraus, mit dem wahren Vergnügen +habe das alles gar nichts zu tun, da ihm von Natur +alles Erfreuliche fehle. Denn wenn es auch für gewöhnlich +den Sinn mit Wohlbehagen erfüllt, was +ja die Aufgabe des Vergnügens zu sein scheint, so +gehen die Utopier doch nicht von ihrer Meinung ab. +Der Grund dafür ist nämlich nicht die Natur der +Sache selbst, sondern die üble Gewohnheit der Menschen. +Sie ist schuld daran, daß man Bitteres als +süß hinnimmt, genau so wie schwangere Frauen, +deren Geschmack gestört ist, Pech und Talg für +süßer als Honig halten. Aber das Urteil eines einzelnen, +das durch Krankheit oder Gewöhnung getrübt +ist, kann die Natur nicht ändern, die des Vergnügens +ebensowenig wie die anderer Dinge.</p> + +<p>Von den nach ihrer Ansicht echten Vergnügen +unterscheiden die Utopier verschiedene Arten, und +zwar weisen sie die einen der Seele und die anderen +dem Leibe zu. Zu den Vergnügen der Seele zählen +sie die geistige Betätigung sowie das Wohlbehagen, +<span class="pagenum"><a name="Page_117">117</a></span>das die Betrachtung der Wahrheit hervorruft. Dazu +kommt das angenehme Bewußtsein eines untadeligen +Lebenswandels und die sichere Hoffnung auf +die Glückseligkeit nach dem Tode. Die körperliche +Lust zerfällt in zwei Arten. Die erste ist die, die +unsere Sinne mit einem deutlichen Wohlbehagen +erfüllt. Das geschieht zum Teil durch die Erneuerung +derjenigen Bestandteile unseres Körpers, die +durch die Wärmeerzeugung in unserem Inneren verbraucht +sind – diese führt uns nämlich Essen und +Trinken wieder zu –, zum Teil auch durch Ausscheidung +der in unserem Körper überflüssigen +Stoffe. Das wird erreicht durch Reinigung der Eingeweide +von den Exkrementen oder durch Zeugung +von Kindern oder wenn das Jucken eines Körperteils +durch Reiben oder Kratzen gelindert wird. Bisweilen +aber entsteht auch ein Vergnügen, das unserem +Körper weder etwas zuführt, wonach die Organe +verlangen, noch diese von etwas Lästigem befreit. +Es ist aber eine Lustempfindung, die unsere Sinne +trotzdem mit einer Art geheimer Gewalt, aber in +einer deutlich sichtbaren Erregung zu kitzeln, anzuregen +und an sich zu ziehen vermag; ein solches +Vergnügen bereitet die Musik. Die zweite Art des +körperlichen Vergnügens erblicken die Utopier in +einem ruhigen und gleichmäßigen Zustand des Körpers, +das heißt also in der durch keinerlei Unbehagen +gestörten Gesundheit des einzelnen. Diese +ruft ja, falls kein Schmerz sie beeinträchtigt, schon +an und für sich Wohlbehagen hervor, selbst wenn +keine von außen kommende Lust auf den Körper einwirken +sollte. Zwar tritt sie weniger hervor und +reizt die Sinne weniger als jene ungestüme Lust an +<span class="pagenum"><a name="Page_118">118</a></span>Essen und Trinken; nichtsdestoweniger jedoch gilt +sie vielen in Utopien als das größte, fast allen aber +als ein großes Vergnügen und gleichsam als die +Grundlage und der Grundstein aller Vergnügen. +Denn sie allein macht unser Leben ruhig und lebenswert, +und ohne sie ist bei keinem und nirgends noch +Raum für irgendein Vergnügen. Denn auch wenn +man gar keine Schmerzen hat, dabei aber nicht gesund +ist, so ist doch dieser Zustand in den Augen +der Utopier kein Vergnügen, sondern Stumpfheit. +Schon längst gilt bei ihnen die Lehre der Philosophen +nicht mehr, die da meinten, man dürfe eine +beständige und ungestörte Gesundheit deshalb nicht +für ein Vergnügen halten, weil das Vorhandensein +eines solchen nur infolge einer Erregung von außen +her zu merken sei; auch diese Frage ist nämlich +eifrig bei den Utopiern erörtert worden. Vielmehr +sind sie jetzt im Gegenteil fast alle darin einig, daß +die Gesundheit sogar ganz besonders als ein Vergnügen +anzusehen ist. Da nämlich mit der Krankheit, +so sagen sie, der Schmerz verbunden ist, der +der unversöhnliche Feind des Vergnügens ist, ebenso +wie die Krankheit der Feind der Gesundheit, warum +sollte dann nicht anderseits mit einer ungestörten +Gesundheit das Vergnügen verbunden sein? Dabei +ist es nach ihrer Ansicht ohne Belang, ob man die +Krankheit selber als Schmerz oder den Schmerz nur +als Begleiterscheinung der Krankheit bezeichnet; die +Wirkung sei ja in beiden Fällen gleich stark. Mag +nun die Gesundheit entweder ein Vergnügen an und +für sich oder nur seine notwendige Ursache sein, +wie das Feuer die Ursache der Hitze ist, ohne Zweifel +ist die Wirkung in beiden Fällen die, daß ein +<span class="pagenum"><a name="Page_119">119</a></span>Mensch, der sich einer eisernen Gesundheit erfreut, +ein Vergnügen empfinden muß. Außerdem, so sagen +sie, wenn wir essen, was geschieht da anderes, als +daß die Gesundheit, die allmählich erschüttert worden +war, im Bunde mit der Speise gegen den Hunger +ankämpft? Während der betreffende Mensch +selbst dabei wieder erstarkt und seine gewohnte +Kraft wiedererlangt, bereitet ihm die Gesundheit +jenes Vergnügen, das uns so erquickt. Wird nun +aber die Gesundheit, die sich schon während des +Kampfes freut, nicht erst recht froh sein, wenn sie +den Sieg errungen hat? Ist sie endlich wieder glücklich +im Besitze ihrer alten Stärke, um die allein sie +den ganzen Kampf geführt hat, wird sie dann etwa +gefühllos werden und ihr Glück nicht erkennen und +keinen großen Wert darauf legen? Daß man nämlich +sagt, man könne die Gesundheit nicht empfinden, +ist nach Meinung der Utopier ganz falsch. Wer empfindet +denn nicht, so sagen sie, wenn er nicht gerade +schläft, daß er gesund ist, außer dem, der es +eben nicht ist? Wer liegt in so festen Banden des +Stumpfsinns oder der Lethargie, daß er nicht zugeben +sollte, die Gesundheit bereite ihm Freude und +Genuß? Was ist aber Genuß anderes als eine +andere Bezeichnung für Vergnügen?</p> + +<p>Nach alledem schätzen die Utopier besonders die +geistigen Vergnügen; sie halten sie nämlich für die +ersten und wesentlichsten von allen, und in der +Hauptsache entstehen sie nach ihrer Meinung aus +der Übung der Tugend und dem Bewußtsein eines +rechtschaffenen Lebenswandels. Unter den körperlichen +Vergnügen stellen sie die Gesundheit an erste +Stelle; denn die Annehmlichkeit des Essens und +<span class="pagenum"><a name="Page_120">120</a></span>Trinkens und alle anderen Ergötzlichkeiten der Art +betrachten sie zwar als erstrebenswert, aber nur um +der Gesundheit willen. Solcherlei nämlich sei nicht +an und für sich erfreulich, sondern nur insofern, als +es einer sich heimlich einschleichenden Krankheit +entgegenwirke. Wie deshalb der Verständige eher +Krankheiten vorbeugen als nach Arznei verlangen +und lieber die Schmerzen beseitigen als zu Trostmitteln +greifen müsse, so sei es besser, man habe +diese Art Vergnügen gar nicht nötig, als daß man +darin ein Linderungsmittel erblicke. Sollte wirklich +jemand in dieser Art Vergnügen sein Glück sehen, +so müsse er notwendig zugeben, er werde dann erst +am glücklichsten sein, wenn ihm ein Leben in beständigem +Hunger, Durst, Jucken, Essen, Trinken, +Kratzen und Reiben beschieden sei. Daß ein solches +Leben aber nicht bloß häßlich, sondern auch jämmerlich +wäre, sieht jeder ein. Diese Genüsse sind +in der Tat die niedrigsten, weil sie keineswegs reiner +Natur sind; denn immer sind sie von den entgegengesetzten +Schmerzen begleitet. So ist mit dem +Genuß des Essens der Hunger verbunden, und zwar +in einem recht ungleichen Verhältnis. Denn der +Schmerz ist nicht nur heftiger, sondern hält auch +länger an, da er ja eher als das Vergnügen entsteht +und erst zusammen mit ihm vergeht.</p> + +<p>Vergnügen dieser Art also sind nach Ansicht der +Utopier nicht zu schätzen, soweit sie nicht zum Leben +notwendig sind. Doch haben sie auch an ihnen +ihre Freude und erkennen dankbar die Liebe der +Mutter Natur an, die ihre Kinder mit den verlockendsten +Lustgefühlen zu den für sie immer wieder +lebensnotwendigen Verrichtungen anspornt. Wie +<span class="pagenum"><a name="Page_121">121</a></span>würde uns nämlich unser Leben anekeln, wenn wir +ebenso wie die übrigen Krankheiten, die uns seltener +befallen, auch diese täglichen Erkrankungen +an Hunger und Durst durch Gifte und bittere Arzneien +bekämpfen müßten! Was dagegen Schönheit, +Stärke und Gewandtheit anlangt, so hegen und pflegen +die Utopier sie mit Vorliebe als eigentliche und +willkommene Gaben der Natur. Als eine Art angenehme +Würze des Lebens schätzen sie auch diejenigen +Genüsse, die uns Auge, Ohr und Nase vermitteln +und die die Natur ausschließlich für den +Menschen, und zwar in besonderer Weise, geschaffen +hat; denn keine andere Gattung von Lebewesen +hat ein Auge für die Schönheit des Weltgebäudes +oder wird irgendwie von Wohlgerüchen angenehm +berührt, soweit sie nicht ihre Nahrung danach unterscheiden, +oder hat ein Gehör für die verschiedenen +Abstände harmonischer und dissonierender Töne. +Bei allen diesen Genüssen aber sehen die Utopier +darauf, daß nicht ein kleinerer einem größeren im +Wege ist und daß niemals ein Vergnügen den +Schmerz im Gefolge hat, was, wie sie meinen, notwendig +bei einem nicht ehrbaren Vergnügen der +Fall ist. Den Reiz der Schönheit dagegen zu verachten, +die Kräfte zu schwächen, die Beweglichkeit +zu Trägheit werden zu lassen, seinen Körper durch +Fasten zu erschöpfen, seiner Gesundheit Gewalt anzutun +und auch sonst von den Lockungen der Natur +nichts wissen zu wollen, es sei denn, daß man sein +Glück nur deshalb nicht wahrnimmt, um desto +eifriger für das Wohl seiner Mitmenschen oder für +das des Staates besorgt zu sein – eine Mühe, für die +man als Entschädigung eine größere Freude von +<span class="pagenum"><a name="Page_122">122</a></span>Gott erwartet –, aber sich zu kasteien, ohne jemandem +zu nützen, sondern lediglich um eines nichtigen +Schattens von Tugend willen oder um Mißgeschick, +das einem aber vielleicht niemals widerfährt, leichter +zu ertragen: das ist, so meinen die Utopier, ganz +widersinnig, eine Grausamkeit gegen sich selbst und +der bitterste Undank gegen die Natur; denn dadurch +verzichtet man auf alle ihre Wohltaten, gleich als +ob man es verschmähte, ihr irgendwie zu Dank verpflichtet +zu sein.</p> + +<p>Das ist die Ansicht der Utopier über die Tugend +und das Vergnügen, und, wie sie glauben, kann man +keine finden, mit der menschliche Vernunft der +Wahrheit näher kommt, es müßte denn sein, daß +eine vom Himmel gesandte Religion einem Menschen +noch frömmere Gedanken eingibt. Ob sie damit +recht oder unrecht haben, können wir aus Mangel +an Zeit nicht genau untersuchen, auch ist das +gar nicht nötig; denn wir haben es ja nur unternommen, +von ihren Einrichtungen zu erzählen, nicht +aber diese in Schutz zu nehmen. Wie es sich aber +auch mit den angeführten Grundsätzen der Utopier +verhalten mag, davon bin ich fest überzeugt: nirgends +ist das Volk tüchtiger, und nirgends ist der +Staat glücklicher als in Utopien.</p> + +<p>Die Utopier sind körperlich gewandt und rüstig; +auch besitzen sie mehr Kräfte, als ihre Statur erwarten +läßt; doch ist diese nicht unansehnlich. Der +Boden ist zwar nicht überall fruchtbar und das +Klima nicht besonders gesund, aber sie härten sich +gegen die Witterung durch eine mäßige Lebensweise +so sehr ab und verbessern die Beschaffenheit des +zu bestellenden Landes mit solchem Eifer, daß nirgends +<span class="pagenum"><a name="Page_123">123</a></span>in der Welt der Ertrag an Feldfrucht und +Vieh reicher ist und nirgends die Menschen langlebiger +und widerstandsfähiger gegen Krankheiten +sind. Deshalb kann man in Utopien die Landleute +nicht nur die üblichen Arbeiten verrichten sehen, +wie sie die von Natur geringere Fruchtbarkeit des +Bodens durch Kunst und Fleiß steigern, sondern man +kann auch beobachten, wie irgendwo ein Wald vollständig +ausgerodet und anderswo wieder angepflanzt +wird. Dabei gibt nicht die Rücksicht auf den Ertrag, +sondern auf den Transport den Ausschlag; das Holz +soll sich nämlich in größerer Nähe des Meeres oder +der Flüsse oder der Städte selbst befinden, weil +sein Transport von weither auf dem Landwege beschwerlicher +ist als der des Getreides. Die Utopier +sind ein gewandtes, witziges und kunstfertiges +Volk. Es genießt gern seine Muße, besitzt aber auch +nötigenfalls genügend Ausdauer in körperlicher Arbeit. +Sonst ist es in der Tat keineswegs arbeitswütig, +doch kennt es keine Ermüdung, wenn es sich +um geistige Interessen handelt.</p> + +<p>Als wir den Utopiern von der griechischen Literatur +und Wissenschaft erzählten – über die Lateiner +sprachen wir nicht, weil von ihnen, wie wir +meinten, höchstens die Historiker und Dichter ihren +lebhaften Beifall finden würden –, staunten wir, +mit welchem Eifer sie darauf bestanden, unter unserer +Anleitung Griechisch gründlich lernen zu dürfen. +So begannen wir denn mit dem Unterricht, +anfangs mehr deshalb, um nicht den Anschein zu +erwecken, als wollten wir uns nicht der Mühe unterziehen, +als weil wir mit irgendeinem Erfolg gerechnet +hätten. Sobald wir aber ein kleines Stück +<span class="pagenum"><a name="Page_124">124</a></span>vorangekommen waren, ließ uns ihr Fleiß erkennen, +daß wir unseren Eifer nicht umsonst aufwenden +würden; denn die Utopier begannen, die Buchstaben +so mühelos nachzuschreiben, die Worte so geläufig +auszusprechen, so schnell sich einzuprägen und so +getreu zu wiederholen, daß es uns wie ein Wunder +vorkam. Allerdings gehörten die Leute, die nicht +bloß aus freien Stücken und aus Begeisterung, sondern +auch auf Grund einer Verfügung des Senats +das Studium des Griechischen begannen, zu den erlesensten +Geistern der Gebildeten und standen in reifem +Alter. Und so hatten sie denn noch vor Ablauf +von drei Jahren in ihrer sprachlichen Ausbildung +keine Lücken mehr und konnten gute Schriftsteller, +abgesehen von Schwierigkeiten infolge einer fehlerhaften +Textstelle, ohne Anstoß lesen und verstehen. +Wie ich wenigstens vermute, eigneten sie sich die +Kenntnis der griechischen Sprache auch wegen ihrer +teilweisen Verwandtschaft mit der Landessprache +leichter an. Ich nehme nämlich an, die Utopier stammen +von den Griechen ab; denn in ihrer fast persisch +klingenden Sprache haben sich noch in den Orts- und +Amtsnamen Spuren des Griechischen erhalten.</p> + +<p>Im Begriff, meine vierte Seereise nach Utopien +anzutreten, nahm ich an Stelle von Waren einen +ziemlich großen Packen Bücher mit an Bord, weil ich +fest entschlossen war, lieber gar nicht statt nach +kurzer Zeit schon heimzukehren. So besitzen denn +die Utopier folgendes von mir: die meisten Werke +Platos, mehrere Schriften des Aristoteles, sodann +Theophrasts Buch über die Pflanzen, das aber leider +an mehreren Stellen lückenhaft ist. Während der +Seefahrt hatte ich nämlich auf das Buch weniger +<span class="pagenum"><a name="Page_125">125</a></span>Obacht gegeben, und so hatte sich eine Meerkatze +seiner bemächtigt und, ausgelassen und spielig, hier +und da ein paar Blätter herausgerissen und zerfetzt. +Von den Grammatikern haben sie nur den +Lascaris; den Theodorus habe ich nämlich gar +nicht mitgenommen, ebenso kein Wörterbuch, außer +Hesych und Dioscorides. Plutarchs kleine Schriften +haben sie sehr gern, und auch Lucians Witz +und Anmut fesseln sie. Von den Dichtern besitzen +sie Aristophanes, Homer und Euripides, ferner +Sophocles in den kleinen Typen des Aldus, von +den Historikern Thucydides, Herodot sowie Herodian. +Sogar aus dem Gebiet der Medizin hatte +mein Reisegefährte Tricius Apinatus etwas mitgebracht, +nämlich einige kleine Schriften des Hippocrates +und die Mikrotechne Galens. Gerade auf +diese beiden Bücher legen die Utopier großen Wert; +denn wenn sie die Heilkunde auch wohl weniger als +alle anderen Völker brauchen, so steht sie doch nirgends +in größerer Achtung, und zwar schon deshalb, +weil man in Utopien ihre Kenntnis zu den schönsten +und nützlichsten Teilen der Philosophie rechnet. Mit +ihrer Hilfe erforscht man nämlich die Geheimnisse +der Natur, und man glaubt, nicht bloß einen wunderbaren +Genuß davon zu haben, sondern auch die +höchste Gunst des Schöpfers und Werkmeisters der +Natur zu gewinnen. Man ist ja der Meinung, er +habe nach Art der übrigen Künstler den sehenswerten +Mechanismus dieser Welt für den Menschen +zur Betrachtung ausgestellt und ihn allein in seinem +Inneren für eine so gewaltige Schöpfung aufnahmefähig +gemacht, und deshalb sei ihm ein wißbegieriger +und achtsamer Betrachter und Bewunderer seines +<span class="pagenum"><a name="Page_126">126</a></span>Werkes lieber als einer, der ein so erhabenes +und wundervolles Schauspiel stumpf und unerschüttert +nicht beachtet.</p> + +<p>So sind denn die Utopier infolge ihrer wissenschaftlichen +Ausbildung erstaunlich begabt für technische +Erfindungen, die etwas dazu beitragen, das +Leben angenehm und bequem zu machen. Zwei Erfindungen +jedoch verdanken sie uns, die Buchdruckerkunst +und die Herstellung des Papiers, aber +doch nicht uns allein, sondern zu einem guten Teile +auch sich selber. Als wir ihnen nämlich die Bücher +zeigten, die Aldus auf Papier gedruckt hatte, +und ihnen von dem zur Papierfabrikation notwendigen +Material und von den Druckverfahren mehr +bloß etwas erzählten, statt ihnen die Sache zu erklären +– keiner von uns besaß nämlich in einer der +beiden Künste praktische Erfahrung –, errieten sie +sogleich äußerst scharfsinnig das Verfahren, und, +während sie bis dahin nur auf Häuten, Rinde und +Papyrusbast schrieben, versuchten sie nunmehr sofort, +Papier herzustellen und zu drucken. Im Anfang +wollte es ihnen nicht so recht gelingen, aber +durch häufigere Versuche kamen sie bald dahinter +und brachten es dann in beiden Künsten so weit, +daß es keinen Mangel an Exemplaren griechischer +Autoren geben könnte, wenn anders Handschriften +vorhanden wären. Zur Zeit aber steht den Utopiern +nichts weiter zur Verfügung, als was ich erwähnt +habe; das aber haben sie bereits in vielen tausend +Exemplaren durch den Druck vervielfältigt.</p> + +<p>Wer aus Schaulust nach Utopien kommt, wird mit +offenen Armen aufgenommen, wenn er sich durch +eine besondere Begabung oder durch Kenntnis vieler +<span class="pagenum"><a name="Page_127">127</a></span>Länder auszeichnet, die er sich auf langen Reisen +im Ausland erworben hat, und wenn sich seine Aufnahme +dadurch empfiehlt. Aus diesem Grunde war +den Utopiern auch unsere Landung willkommen; +denn sie hören gern von dem Geschehen überall in +der Welt. Zu Handelszwecken dagegen kommen +Fremde nicht gerade häufig hin. Was sollte man +denn auch dort einführen außer Eisen oder Gold +und Silber, das aber jeder doch lieber mit heimbringen +möchte? Was sie aber aus ihrem eigenen +Lande auszuführen haben, das verschiffen sie auf +Grund reiflicher Überlegung lieber selber, als daß +sie es von anderen holen lassen, einmal, um die +Völker des Auslands ringsum genauer kennenzulernen, +und sodann, um nicht ihrer nautischen Übung +und Erfahrung verlustig zu gehen.</p> + + +<h3>Die Sklaven</h3> + +<p>Als Sklaven verwenden die Utopier weder Kriegsgefangene, +außer wenn sie selber den Krieg geführt +haben, noch Söhne von Sklaven noch schließlich +jemanden, den sie bei anderen Völkern als Sklaven +kaufen können. Ihre Sklaven sind vielmehr Mitbürger, +die wegen eines Verbrechens zu Sklaven gemacht, +oder, was weit häufiger der Fall ist, Leute, +die in Städten des Auslands wegen irgendeiner +Missetat zum Tode verurteilt wurden. Von letzteren +holen sich die Utopier einen großen Teil ins Land; +bisweilen zahlen sie für sie nur einen geringen Preis, +noch öfter auch gar nichts. Diese beiden Arten von +Sklaven müssen nicht nur dauernd arbeiten, sondern +<span class="pagenum"><a name="Page_128">128</a></span>auch Fesseln tragen. Ihre eigenen Landsleute aber +behandeln die Utopier noch härter; denn sie sind in +ihren Augen deshalb noch verworfener und verdienen +deshalb noch schwerere Strafen, weil sie sich +trotz der vortrefflichen Anleitung zur Tugend, die +sie durch eine ausgezeichnete Erziehung gehabt +haben, dennoch nicht von einem Verbrechen haben +abhalten lassen.</p> + +<p>Eine andere Klasse von Sklaven bilden diejenigen, +die es als arbeitsame und arme Tagelöhner eines +fremden Volkes vorziehen, aus freien Stücken bei +den Utopiern Sklavendienste zu leisten. Diese behandeln +sie anständig und nicht viel weniger gut als +ihre Mitbürger; nur haben sie ein klein wenig mehr +Arbeit zu leisten, da sie ja daran gewöhnt sind. Will +einer von ihnen wieder fort, was aber nur selten der +Fall ist, so hält man ihn weder wider seinen Willen +zurück, noch läßt man ihn ohne irgendein Geschenk +ziehen.</p> + +<p>Die Kranken pflegt man, wie erwähnt, mit großer +Liebe, und man tut unbedingt alles, um sie durch +eine gewissenhafte Behandlung mit Arznei oder Diät +wieder gesund zu machen. Sogar die, die an unheilbaren +Krankheiten leiden, sucht man zu trösten, indem +man sich zu ihnen setzt, sich mit ihnen unterhält +und ihnen schließlich alle möglichen Erleichterungen +schafft. Ist jedoch die Krankheit nicht bloß +unheilbar, sondern quält und martert sie den Patienten +auch noch dauernd, dann stellen ihm die +Priester und obrigkeitlichen Personen vor, er sei +allen Ansprüchen, die das Leben an ihn stelle, nicht +mehr gewachsen, falle anderen nur zur Last und +überlebe, sich selber zur Qual, bereits seinen eigenen +<span class="pagenum"><a name="Page_129">129</a></span>Tod. Er solle deshalb nicht darauf bestehen, +seiner Krankheit noch länger Gelegenheit zu geben, +ihn zu verzehren; er möge vielmehr ohne Zögern +seinem Leben ein Ende machen, da es ja für ihn +nur noch eine Qual sei, und sich in Zuversicht und +<ins title="gutes Mutes">guten Mutes</ins> von diesem traurigen Leben wie von +einem Kerker oder einer quälenden Sorge entweder +selbst frei machen oder sich mit seinem Einverständnis +von anderen seiner Pein entreißen lassen. +Das werde klug sein, da er durch seinen Tod nicht +das Glück, sondern nur die Qual seines Lebens vorzeitig +beende; zugleich aber werde er ein frommes +und heiliges Werk vollbringen, da er ja in diesem +Falle nur den Rat der Priester, der Deuter des +göttlichen Willens, befolge. Wer sich nun dadurch +überreden läßt, stirbt entweder freiwillig den Hungertod +oder läßt sich betäuben und wird so ohne +eine Todesempfindung erlöst. Gegen seinen Willen +aber bringen die Utopier niemanden ums Leben; +auch lassen sie es keinem trotz seiner Weigerung, +freiwillig aus dem Leben zu scheiden, an irgendeinem +Liebesdienst fehlen. Sich überreden zu lassen +und so zu sterben, gilt als ehrenvoll. Wer sich aber +das Leben nimmt aus einem Grunde, den Priester +und Senat nicht billigen, den hält man weder der +Beerdigung noch der Verbrennung für würdig; zu +seiner Schande läßt man ihn unbestattet und wirft +ihn in irgendeinen Sumpf.</p> + +<p>Das Weib heiratet nicht vor dem 18., der Mann +aber erst nach erfülltem 22. Lebensjahre. Wenn ein +Mann oder ein Weib vor der Ehe geheimen Geschlechtsverkehrs +überführt wird, so trifft ihn oder +sie strenge Strafe, und beide dürfen überhaupt nicht +<span class="pagenum"><a name="Page_130">130</a></span>heiraten, es sei denn, daß der Bürgermeister Gnade +für Recht ergehen läßt. Aber auch der Hausvater und +die Hausmutter, in deren Hause die Schandtat begangen +wurde, sind in hohem Maße übler Nachrede +ausgesetzt, da sie, wie man meint, ihre Pflicht nicht +gewissenhaft genug erfüllt haben. Die Utopier ahnden +dieses Vergehen deshalb so streng, weil sich, +wie sie voraussehen, nur selten zwei Leute zu ehelicher +Gemeinschaft vereinigen würden, wenn man +den zügellosen Geschlechtsverkehr nicht energisch +unterbände; denn in der Ehe muß man sein ganzes +Leben mit nur einer Person zusammen verbringen +und außerdem so mancherlei Beschwernis geduldig +mit in Kauf nehmen.</p> + +<p>Ferner beobachten sie bei der Auswahl der Ehegatten +mit Ernst und Strenge einen Brauch, der uns +jedoch höchst unschicklich und überaus lächerlich +vorkam. Eine gesetzte, ehrbare Matrone zeigt +nämlich dem Freier das Weib, sei es ein Mädchen +oder eine Witwe, nackt; und ebenso zeigt anderseits +ein sittsamer Mann den Freier nackt dem Mädchen. +Diese Sitte fanden wir lächerlich, und wir +tadelten sie als anstößig; die Utopier dagegen konnten +sich nicht genug über die auffallende Torheit +all der anderen Völker wundern. Wenn dort, so sagten +sie, jemand ein Füllen kauft, wobei es sich nur +um einige wenige Geldstücke handelt, ist er so vorsichtig, +daß er sich trotz der fast völligen Nacktheit +des Tieres nicht eher zum Kaufe entschließt, als bis +der Sattel und alle Reitdecken abgenommen sind; +denn unter diesen Hüllen könnte ja irgendeine +schadhafte Stelle verborgen sein. Gilt es aber, eine +Ehefrau auszuwählen, eine Angelegenheit, die Genuß +<span class="pagenum"><a name="Page_131">131</a></span>oder Ekel fürs ganze Leben zur Folge hat, so +geht man mit solcher Nachlässigkeit zu Werke, daß +man das ganze Weib kaum nach einer Handbreit +seines Körpers beurteilt. Man sieht sich nichts weiter +als das Gesicht an – der übrige Körper ist ja +von der Kleidung verhüllt –, und so bindet man sich +an die Frau und setzt sich dabei der großen Gefahr +aus, daß der Ehebund keinen rechten Halt hat, +wenn später etwas Anstoß erregen sollte. Denn +einerseits sind nicht alle Männer so klug, nur auf +den Charakter zu sehen, anderseits aber ist auch +in den Ehen kluger Männer Schönheit des Körpers +eine nicht unwesentliche Zugabe zu den Vorzügen +des Geistes. Auf jeden Fall aber können jene Kleiderhüllen +eine Häßlichkeit verbergen, die so abstoßend +wirkt, daß sie imstande ist, Herz und Sinn +eines Mannes seiner Frau völlig zu entfremden, da +eine körperliche Trennung nicht mehr möglich ist. +Wenn nun solch ein häßliches Aussehen die Folge +irgendeines Unglücksfalles erst nach der Heirat ist, +so muß sich jedes in sein Schicksal fügen; dagegen +ist durch gesetzliche Bestimmungen zu verhüten, daß +jemand vor der Eheschließung einer Täuschung zum +Opfer fällt. Die Utopier mußten das um so angelegentlicher +ihre Sorge sein lassen, weil sie allein +von den Völkern jener Himmelstriche sich mit nur +einer Gattin begnügen und weil eine Ehe dort +nur selten anders als durch den Tod gelöst wird, +wenn nicht gerade Ehebruch oder unerträglich +schlechte Aufführung die Scheidung veranlassen. +Wird nämlich einer von beiden Teilen auf diese +Weise beleidigt, so erhält er vom Senat die Erlaubnis +zu einer neuen Ehe; der schuldige Teil dagegen +<span class="pagenum"><a name="Page_132">132</a></span>lebt ehrlos bis an sein Ende und darf keine neue +Ehe eingehen. Daß aber jemand seine Frau, die +nichts verbrochen hat, wider ihren Willen nur deshalb +verstößt, weil sie einen körperlichen Unfall erlitten +hat, duldet man allerdings auf keinen Fall; +denn man hält es für eine Grausamkeit, jemanden +gerade dann im Stiche zu lassen, wenn er des Trostes +am meisten bedarf, und man ist der Meinung, +der alternde Gatte werde dann nicht mehr sicher +und fest darauf vertrauen können, daß ihm die eheliche +Treue gehalten wird, da das Alter Krankheiten +mit sich bringt und schon an und für sich eine +Krankheit ist. Zuweilen jedoch kommt es vor, daß +die Ehegatten charakterlich nicht recht miteinander +harmonieren. Wenn dann beide jemand anders finden, +mit dem sie glücklicher zu leben hoffen, so +trennen sie sich in gütlicher Vereinbarung und gehen +eine neue Ehe ein, allerdings nicht ohne Genehmigung +des Senats, der Scheidungen erst nach sorgfältiger +Untersuchung der Sache durch seine Mitglieder +und deren Ehefrauen zuläßt. Aber auch dann +machen die Senatoren die Scheidung nicht leicht, +weil sie wissen, daß die Aussicht, ohne Schwierigkeit +eine neue Ehe eingehen zu können, keineswegs +dazu dient, die Liebe der Ehegatten zu festigen.</p> + +<p>Ehebrecher bestraft man mit äußerst harter Sklaverei. +Waren beide Teile verheiratet, so können die +Gatten, denen das Unrecht widerfährt, ihre schuldigen +Ehepartner verstoßen und, wenn sie Lust +haben, sich gegenseitig oder, wen sie sonst wollen, +heiraten. Wenn dagegen der eine beleidigte Teil den +anderen noch weiter liebt, obgleich er es so wenig +verdient, so kann die Ehe gesetzlich fortbestehen, +<span class="pagenum"><a name="Page_133">133</a></span>falls der beleidigte Teil gewillt ist, dem zur +Zwangsarbeit verurteilten in die Sklaverei zu folgen. +Bisweilen erregen auch die Reue des einen und die +pflichteifrige Zuneigung des anderen Teiles das +Mitleid des Bürgermeisters, so daß er dem schuldigen +Gatten wieder die Freiheit erwirkt. Wer aber +dann rückfällig wird, muß mit dem Leben büßen.</p> + +<p>Für die übrigen Verbrechen sieht das Gesetz keine +bestimmten Strafen vor, sondern der Senat setzt in +jedem Falle, je nachdem ihm das Vergehen schwer +erscheint oder nicht, die Strafe fest. Die Männer +züchtigen ihre Frauen und die Eltern ihre Kinder, +wenn die Missetat nicht so schlimm ist, daß das +Interesse der Moral eine öffentliche Bestrafung verlangt. +In der Regel ahndet man die schwersten Verbrechen +mit Zwangsarbeit; denn man ist der Meinung, +das sei für die Verbrecher nicht weniger hart +und zugleich für den Staat nicht weniger vorteilhaft, +als wenn man die Schuldigen schleunigst abschlachte +und stracks aus dem Wege schaffe. Einmal nämlich +bringt ihre Arbeit mehr Nutzen als ihre Hinrichtung, +und sodann schrecken sie durch ihr warnendes +Beispiel für längere Zeit andere von ähnlicher +Untat ab. Sollten sie sich aber in solcher Lage +widersetzlich und aufsässig benehmen, so schlägt +man sie schließlich tot wie wilde Tiere, die weder +Kerker noch Ketten bändigen können. Denen aber, +die sich geduldig fügen, nimmt man nicht gänzlich +jede Hoffnung. Wenn nämlich eine lange Leidenszeit +ihren Widerstand gebrochen hat und wenn sie +eine Reue zur Schau tragen, die bekundet, daß sie +ihre Schuld mehr drückt als ihre Strafe, so wird ihre +Zwangsarbeit bisweilen durch ein Wort des Bürgermeisters, +<span class="pagenum"><a name="Page_134">134</a></span>bisweilen aber auch durch Volksbeschluß +entweder erleichtert oder erlassen.</p> + +<p>Wer zur Unzucht verleitet, setzt sich ebenso großer +Gefahr aus wie der, der sie begeht. Bei jeder +Schandtat kommt nämlich in den Augen der Utopier +der bestimmte und wohlüberlegte Versuch der Tat +selbst gleich; denn, so meinen sie, was den Versuch +nicht zur Tat werden ließ, darf dem nicht zum Vorteil +gereichen, an dem es gar nicht gelegen hat, daß +der Versuch nicht zur Tat wurde. – Possenreißer +machen den Utopiern viel Spaß. Sie zu beleidigen ist +in ihren Augen eine große Ungehörigkeit. Doch +finden sie nichts dabei, wenn man sich mit ihrer +Torheit einen Spaß macht; denn das ist nach ihrer +Meinung für die Possenreißer selber von größtem +Vorteil. Ist aber jemand so ernst und finster, daß er +über nichts, was ein Narr tut oder spricht, lacht, +so darf man ihrer Ansicht nach einen Narren seiner +Obhut nicht anvertrauen; sie fürchten nämlich, er +werde ihn nicht nachsichtig genug behandeln, weil +er von ihm nicht nur keinen Nutzen, sondern nicht +einmal Erheiterung haben werde, und diese Begabung +ist ja seine einzige Stärke.</p> + +<p>Einen Mißgestalteten und Krüppel zu verlachen, +ist nach Meinung der Utopier schimpflich und +häßlich, und zwar nicht für den, der verspottet +wird, sondern für den Spötter; denn dieser ist so +töricht, jemandem etwas als Fehler zum Vorwurf zu +machen, was zu vermeiden gar nicht in seiner Macht +lag. Wie es nämlich in den Augen der Utopier einerseits +eine Nachlässigkeit und Trägheit ist, sich seine +körperliche Schönheit nicht zu erhalten, so ist es +anderseits eine Schande und Unverschämtheit, die +<span class="pagenum"><a name="Page_135">135</a></span>Schminke zu Hilfe zu nehmen. Wissen sie doch aus +persönlicher Erfahrung, daß eine Frau die Achtung +und Liebe ihres Mannes durch keinerlei Aufputz des +Äußeren in gleicher Weise wie durch Sittsamkeit +und Ehrerbietung gewinnt. Wenn sich nämlich auch +manche Männer durch bloße Schönheit fangen lassen, +so ist doch keiner ohne Tugend und Gehorsam +auf die Dauer festzuhalten.</p> + +<p>Die Utopier schrecken nicht bloß durch Strafen +von Schandtaten ab, sondern geben auch durch die +Aussicht auf Ehrungen einen Anreiz zur Tugendhaftigkeit. +Zu diesem Zweck errichten sie berühmten +und um den Staat besonders verdienten Männern +auf dem Markte Standbilder zur Erinnerung an +ihre Taten; zugleich aber soll der Ruhm der Vorfahren +ihre Nachkommen mit Nachdruck zur Tugend +anspornen.</p> + +<p>Wer sich ein Amt zu erschleichen sucht, geht +der Aussicht verlustig, überhaupt ein Amt zu erlangen.</p> + +<p>Die Utopier verkehren in liebevoller Weise miteinander, +und auch die obrigkeitlichen Personen sind +weder anmaßend noch schroff. Sie heißen Väter, +und als solche zeigen sie sich auch. Aus freien +Stücken erweist man ihnen die gebührende Ehre, +und man läßt sich nicht dazu zwingen. Nicht einmal +den Bürgermeister macht eine besondere Tracht oder +ein Diadem kenntlich, sondern nur ein Büschel +Ähren, das er trägt, wie das Kennzeichen des +Oberpriesters eine Wachskerze ist, die ihm vorangetragen +wird.</p> + +<p>Gesetze haben die Utopier in ganz geringer Zahl; +für Leute von solcher Disziplin genügen ja auch +<span class="pagenum"><a name="Page_136">136</a></span>überaus wenige. Ja, das mißbilligen sie vor allem +anderen bei fremden Völkern, daß dort nicht einmal +eine Flut von Gesetzbüchern und Kommentaren +ausreicht. Ihnen selbst aber kommt es höchst unbillig +vor, wenn sich jemand durch Gesetze verpflichten +soll, die entweder zu zahlreich sind, als +daß er sie durchlesen könnte, oder zu dunkel, als +daß sie jedermann verständlich wären. Ferner wollen +sie von Advokaten überhaupt nichts wissen, weil +diese die Prozesse so gerissen führen und über die +Gesetze so spitzfindig disputieren. Nach Ansicht der +Utopier ist es nämlich von Vorteil, wenn jeder seine +Sache selber vertritt und das, was er seinem Anwalt +erzählen würde, dem Richter mitteilt; auf diese +Weise werde es, so sagen sie, weniger Winkelzüge +geben und die Wahrheit komme eher ans Licht. +Wenn nämlich jemand spricht, den kein Anwalt +Falschheit gelehrt hat, so wägt der Richter das +einzelne, was er vorbringt, geschickt und klug ab +und steht Leuten von harmloserem Charakter gegen +die Verleumdungen verschlagener Gegner bei. Das +läßt sich bei anderen Völkern wegen der Riesenmenge +höchst verwickelter Gesetze nur schwer +durchführen, bei den Utopiern dagegen ist jeder +einzelne gesetzeskundig. Einmal nämlich ist die Zahl +ihrer Gesetze, wie gesagt, sehr gering, und sodann +halten sie die am wenigsten gekünstelte Auslegung +für die gegebenste. Denn wenn alle Gesetze, so +sagen sie, nur dazu erlassen werden, jedermann +an seine Pflicht zu erinnern, so wird dieser Zweck +durch eine feinere Auslegung, die nur wenige verstehen, +auch nur bei sehr wenigen erreicht; dagegen +ist eine einfachere und näherliegende Erklärung der +<span class="pagenum"><a name="Page_137">137</a></span>Gesetze einem jeden verständlich. Was aber nun die +große Masse anlangt, die an Zahl stärkste Klasse, +die der Ermahnung am meisten bedarf, was macht +es der aus, ob man überhaupt kein Gesetz gibt oder +ob man ein schon bestehendes Gesetz in einem Sinne +auslegt, den jemand nur mit viel Geist und in langer +Erörterung herausfinden kann? Damit kann sich +weder der hausbackene Verstand des gemeinen Mannes +befassen, noch läßt ihm sein Leben, das von der +Beschaffung des Unterhaltes ausgefüllt ist, die Zeit +dazu.</p> + +<p>Diese Vorzüge der Utopier veranlassen ihre Nachbarn, +obwohl sie frei und selbständig sind – viele +von ihnen sind durch die Utopier schon vor alters +von der Tyrannei befreit worden –, sich von ihnen +ihre obrigkeitlichen Personen, teils auf je ein Jahr, +teils auf fünf Jahre, zu erbitten. Nach Ablauf ihrer +Amtszeit geleiten die Fremden sie mit Ehre und Lob +nach Utopien zurück und nehmen wieder neue Leute +in die Heimat mit. Und diese Völker sorgen in der +Tat aufs beste für das Wohlergehen ihres Staates. +Da nämlich dessen Heil und Verderben von der Führung +der Beamten abhängt, hätten sie keine klügere +Wahl treffen können. Denn einerseits sind diese +Fremden durch keinerlei Bestechung vom Wege der +Tugend abzubringen, da sie ja bei ihrer bald wieder +erfolgenden Heimkehr nicht lange Nutzen von dem +Gelde haben würden; anderseits sind ihnen die fremden +Bürger unbekannt, und so lassen sie sich nicht +von unangebrachter Zuneigung oder Abneigung gegen +irgend jemand leiten. Wo aber diese beiden Übel, +Parteilichkeit und Geldgier, die Urteile beeinflussen, +da ertöten sie sogleich alle Gerechtigkeit, den +<span class="pagenum"><a name="Page_138">138</a></span>Lebensnerv des staatlichen Lebens. Diese Völker, +die sich von den Utopiern ihre Obrigkeiten erbitten, +werden von ihnen Genossen genannt, die übrigen +aber, denen sie Wohltaten erwiesen haben, Freunde.</p> + +<p>Bündnisse, wie sie die übrigen Völker so oft +untereinander abschließen, brechen und wieder erneuern, +gehen die Utopier mit keinem Volke ein. +Wozu denn ein Bündnis? sagen sie. Genügen nicht +die natürlichen Bande der Menschen untereinander? +Wer diese nicht achtet, sollte der sich +etwa durch Worte gebunden fühlen? Zu dieser Ansicht +kommen die Utopier wohl besonders dadurch, +daß in jenen Ländern Bündnisse und Verträge der +Fürsten in der Regel zu wenig gewissenhaft gehalten +werden. Und in der Tat ist in Europa, und zwar +vor allem in den Teilen, wo christlicher Glaube und +christliche Religion herrschen, die Majestät der Verträge +überall heilig und unverletzlich, teils infolge +der Gerechtigkeit und Redlichkeit der Fürsten selbst, +teils infolge der Ehrerbietung und Scheu der Geistlichkeit +gegenüber, die selber keine Verpflichtung +auf sich nimmt, ohne sie aufs gewissenhafteste einzuhalten, +die aber auch sämtlichen übrigen Fürsten +befiehlt, ihre Versprechen auf alle Weise zu erfüllen, +dagegen diejenigen, die sich weigern, mit strenger +Kirchenstrafe dazu zwingt. Mit Recht fürwahr +meinen sie, es müßte höchst schimpflich erscheinen, +wenn die Bündnisse jener Männer Treu und Glauben +vermissen ließen, die in besonderem Sinne +»Gläubige« heißen. In jener neuen Welt dagegen, +die von der unsrigen fast weniger noch durch den +Äquator als durch Lebensweise und Sitten geschieden +ist, kann man sich auf Verträge überhaupt nicht +<span class="pagenum"><a name="Page_139">139</a></span>verlassen. Je zahlreicher und feierlicher die Formalitäten +sind, mit denen ein Vertrag gleichsam verknotet +ist, um so schneller wird er gebrochen, weil +es keine Mühe macht, seinen Wortlaut zu verdrehen. +Die Leute dort setzen nämlich einen Vertrag bisweilen +ganz verzwickt auf. Infolgedessen sind sie auch +niemals auf Grund so fester Bindungen zu fassen, +daß sie nicht durch irgendeine Masche entschlüpfen +und in gleicher Weise mit der Vertragstreue Spott +und Hohn treiben könnten. Wenn sie solch eine hinterlistige +Gesinnung, ja solch einen Lug und Trug +in einem Vertrag von Privatleuten fänden, so würden +sie unter starkem Stirnrunzeln laut schreien, +das sei ein Verbrechen, das den Galgen verdiene, +und natürlich gerade die Leute, die sich rühmen, +ihren Fürsten selber dazu geraten zu haben. Die +Folge davon ist, daß entweder die gesamte Gerechtigkeit +nur als eine niedrige Tugend des gemeinen +Mannes erscheint, die sich tief unter den Thron des +Königs duckt, oder daß es zum mindesten zwei Arten +von Gerechtigkeit gibt. Die eine kommt dem gemeinen +Manne zu, geht zu Fuß, kriecht am Boden und +ist ringsum von zahlreichen Fesseln gehemmt, um +nirgends eine Umzäunung überspringen zu können. +Die andere ist die Tugend der Fürsten, erhabener +als die des Volkes, aber in ebenso weitem Abstand +auch freier, die sich alles erlauben darf, was ihr +gefällt.</p> + +<p>Diese Treulosigkeit der Fürsten in jenen Ländern, +die ihre Verträge so schlecht halten, ist meiner Meinung +nach auch der Grund, daß die Utopier grundsätzlich +keine abschließen; möglicherweise aber +würden sie ihre Ansicht ändern, wenn sie hier lebten. +<span class="pagenum"><a name="Page_140">140</a></span>Freilich erscheint es ihnen überhaupt als ein +unheilvoller Brauch, ein Bündnis einzugehen, mag +es auch noch so gewissenhaft gehalten werden. +Denn es veranlaßt die Völker zu der Annahme, daß +sie zu gegenseitiger Feindschaft im öffentlichen wie +im privaten Leben geschaffen seien und daß sie mit +Fug und Recht gegeneinander wüten, falls nicht +Bündnisse dem im Wege stehen, gerade als ob keinerlei +natürliche Gemeinschaft zwei Völker miteinander +verbände, die nur ein winziger Zwischenraum, +sei es ein Hügel oder ein Bach, trennt. Ja, selbst +wenn Verträge abgeschlossen sind, so erwächst daraus +nach ihrer Ansicht noch keine Freundschaft; +es bleibt vielmehr immer noch die Möglichkeit, den +anderen zu übervorteilen, soweit man es aus Unbedachtsamkeit +bei der Festsetzung des Wortlauts +unterlassen hat, mit genügender Vorsicht eine Bestimmung +mit aufzunehmen, die jene Möglichkeit +ausschließt. Die Utopier aber sind im Gegenteil der +Meinung, man dürfe niemanden als Feind betrachten, +der einem kein Unrecht getan hat. In ihren +Augen ist die Gemeinschaft der Natur so gut wie +ein Bündnis und bindet die Menschen durch gegenseitiges +Wohlwollen stärker und fester aneinander +als durch Verträge, durch die Gesinnung stärker und +fester als durch Worte.</p> + + +<h3>Das Kriegswesen</h3> + +<p>Den Krieg verabscheuen die Utopier als etwas +ganz Bestialisches mehr als alles andere, und doch +gibt sich mit ihm keine Art von Bestien so dauernd +<span class="pagenum"><a name="Page_141">141</a></span>ab wie der Mensch. Der Anschauung fast aller Völker +zuwider halten die Utopier nichts für so unrühmlich +wie den Ruhm, den man im Kriege gewinnt. +Mögen sie sich nun auch beständig an dafür +festgesetzten Tagen in der Kriegskunst üben, und +zwar nicht bloß die Männer, sondern auch die +Frauen, um im Bedarfsfalle kriegstüchtig zu sein, +so beginnen sie einen Krieg doch nicht ohne weiteres, +sondern nur zum Schutze ihrer eigenen +Grenzen oder zur Vertreibung der ins Land ihrer +Freunde eingedrungenen Feinde oder aus Mitleid +mit irgendeinem Volk, das unter dem Drucke der +Tyrannei leidet, um es mit ihrer eigenen Macht +vom Sklavenjoch des Tyrannen zu befreien, und das +tun sie lediglich aus Menschenliebe. Ihren Freunden +indessen leisten sie ihre Hilfe nicht immer nur +zur Verteidigung, sondern bisweilen auch, damit +diese ein Unrecht, das man ihnen zugefügt hat, +vergelten und rächen können. Jedoch greifen die +Utopier erst dann ein, wenn man sie noch vor Beginn +der Feindseligkeiten um Rat fragt, wenn sie +den Kriegsgrund billigen, wenn das, worum der +Streit geht, zwar zurückgefordert, aber noch nicht +zurückgegeben ist, und wenn auf ihre Veranlassung +hin der Krieg begonnen wird. Dazu entschließen sie +sich nicht nur dann, wenn ihren Freunden bei +einem feindlichen Einfall Beute geraubt wird, sondern +auch dann, und zwar mit noch weit größerer +Erbitterung, wenn sich deren Kaufleute irgendwo +in der Welt unter dem Scheine des Rechts eine +Rechtsverdrehung gefallen lassen müssen indem +man entweder unbillige Gesetze zum Vorwand +nimmt oder gute verkehrt auslegt. Und so kam es +<span class="pagenum"><a name="Page_142">142</a></span>auch zu dem Kriege, den die Utopier kurz vor unserer +Zeit für die Nephelogeten gegen die Alaopoliten +führten, aus keinem anderen Grunde, als +weil den Kaufleuten der Nephelogeten im Lande der +Alaopoliten unter dem Scheine des Rechts Unrecht +getan worden war, wenigstens wie es den Utopiern +schien. Mochte es sich nun in diesem Falle um Recht +oder Unrecht handeln, jedenfalls kam es zu einem +Rachekrieg, in dem sich zu den Streitkräften und +dem Haß beider Parteien auch noch die Leidenschaften +und Hilfsmittel der Nachbarvölker gesellten +und der dadurch so blutig wurde, daß die blühendsten +Völker zum Teil stark erschüttert, zum +Teil schwer heimgesucht wurden und immer ein +Übel aus dem anderen entstand. Das Unglück endete +schließlich mit der Versklavung und Unterwerfung +der Alaopoliten, die so unter die Herrschaft der +Nephelogeten kamen – die Utopier kämpften nämlich +nicht für ihre eigenen Interessen –, die Nephelogeten +aber waren in der Blütezeit der Alaopoliten +keineswegs mit diesen zu vergleichen gewesen.</p> + +<p>Mit solchem Nachdruck rächen die Utopier ein +ihren Freunden zugefügtes Unrecht, auch wenn es +sich dabei nur um Geld handelt; in ihren eigenen +Angelegenheiten dagegen zeigen sie nicht den gleichen +Eifer. Wenn sie nämlich einmal irgendwo betrogen +werden und eine Einbuße an Geld und Gut +dabei erleiden, so gehen sie in ihrem Zorn, vorausgesetzt, +daß mit dem Verlust kein Schaden an Leib +und Seele verbunden ist, nur so weit, daß sie bis zur +Leistung von Genugtuung mit dem betreffenden +Volke keinen Handel mehr treiben. Dabei liegen +ihnen die Interessen ihrer Mitbürger nicht etwa +<span class="pagenum"><a name="Page_143">143</a></span>weniger am Herzen als die ihrer Genossen; über +deren Geldverlust aber sind sie trotzdem deshalb aufgebrachter, +weil die Kaufleute ihrer Freunde unter +der Einbuße schwer zu leiden haben, da diese etwas +von ihrem Privatbesitz verlieren, ihren Mitbürgern +dagegen nur etwas auf Rechnung des Staates verlorengeht, +überdies nur von daheim reichlich vorhandenem +und in gewissem Sinne überflüssigem +Gut – sonst könnte man es ja nicht ins Ausland +ausführen –, so daß der einzelne den Verlust +gar nicht so empfindet. Deshalb ist es in den Augen +der Utopier auch eine zu große Grausamkeit, durch +den Tod vieler einen Schaden zu rächen, dessen +nachteilige Folgen keiner von ihnen weder am Leben +noch am Lebensbedarf deutlich zu spüren bekommt. +Wird jedoch einer ihrer Landsleute irgendwo +auf ungerechte Weise mißhandelt oder gar getötet, +so lassen die Utopier den Tatbestand durch +ihre Gesandten ermitteln, ganz gleich, ob der Anschlag +vom Staat oder von einer Privatperson ausgegangen +ist, und sind nur durch Auslieferung der +Schuldigen von einer sofortigen Kriegserklärung abzuhalten. +Die Ausgelieferten bestrafen sie für ihr +Vergehen entweder mit dem Tode oder mit Sklavenarbeit.</p> + +<p>Ein blutiger Sieg bereitet den Utopiern nicht nur +Verdruß, sondern sie schämen sich sogar seiner, +weil sie sich sagen, es sei eine Torheit, auch noch +so kostbare Waren zu teuer zu kaufen. Haben sie +aber durch Geschick und List den Sieg errungen +und den Feind bezwungen, so prahlen sie laut damit, +feiern aus diesem Anlaß von Staats wegen einen +Triumph und errichten ein Siegesdenkmal, als hätten +<span class="pagenum"><a name="Page_144">144</a></span>sie eine Heldentat vollbracht. Ihrer Mannhaftigkeit +und Tapferkeit rühmen sie sich nämlich immer +erst dann, wenn sie so gesiegt haben, wie es kein +Lebewesen außer dem Menschen vermocht hätte, +das heißt mit den Kräften des Geistes. Denn mit den +Kräften des Körpers, so sagen sie, führen Bären, +Löwen, Eber, Wölfe, Hunde und die übrigen wilden +Tiere den Kampf; die meisten von ihnen sind uns +zwar an Kraft und Wildheit überlegen, aber alle zusammen +übertreffen wir an Geist und Vernunft.</p> + +<p>Nur das eine haben die Utopier bei einem Kriege +im Auge: das zu erreichen, was sie schon früher +hätten erreichen müssen, um sich den Krieg zu ersparen; +oder wenn das sachlich unmöglich ist, so +nehmen sie an denen, die sie für schuldig halten, +eine so grimmige Rache, daß der Schrecken Leute, +die dasselbe wagen wollten, in Zukunft davon abhält. +Das sind die Ziele, die sie sich für ihr Vorhaben +stecken und die sie rasch zu erreichen suchen, +aber so, daß sie mehr darauf bedacht sind, die Gefahr +zu vermeiden, als Lob und Ruhm zu ernten. +Deshalb lassen sie sogleich nach der Kriegserklärung +heimlich und zu gleicher Zeit an den Punkten +des feindlichen Landes, die am besten zu sehen +sind, Proklamationen, die das Siegel ihres Staates +tragen, in großer Zahl anschlagen. In ihnen versprechen +sie dem, der den gegnerischen Fürsten umbringt, +riesige Belohnungen; sodann setzen sie geringere, +aber gleichwohl noch recht ansehnliche +Preise auf die Köpfe einzelner Personen, die sie in +denselben Anschlägen namentlich anführen. Das +sind die Männer, die sie nächst dem Fürsten selber +für die Urheber des Planes halten, den man gegen +<span class="pagenum"><a name="Page_145">145</a></span>sie geschmiedet hat. Welchen Betrag sie aber auch +für den Mörder aussetzen, sie zahlen ihn in doppelter +Höhe dem, der ihnen einen von den Geächteten +lebend bringt, und ebenso suchen sie die Geächteten +selbst durch die gleichen Belohnungen und außerdem +durch die Zusicherung von Straflosigkeiten gegen +ihre Genossen aufzuhetzen. So kommt es schnell dahin, +daß jene auch die anderen Menschen mit Argwohn +betrachten, sich einander selbst kein rechtes +Vertrauen mehr schenken und auch keine rechte +Treue mehr halten und daher in größter Furcht und +nicht geringerer Gefahr leben. Denn, wie bekannt, +ist es schon mehr als einmal vorgekommen, daß die +Geächteten zu einem großen Teil und vor allem der +Fürst selber von denen verraten wurden, auf die sie +die größte Hoffnung setzten. So leicht verleiten +Belohnungen zu jedem beliebigen Verbrechen. Für +diese Prämien setzen die Utopier auch keine bestimmte +Höhe fest. Indem sie vielmehr die Größe +der Gefahr bedenken, zu der sie verleiten, bemühen +sie sich, sie durch die Höhe der Belohnungen aufzuwiegen, +und aus diesem Grunde stellen sie nicht +nur eine unermeßliche Menge Gold in Aussicht, sondern +auch recht ertragreiche Landgüter an ganz +sicheren Orten in den Ländern ihrer Freunde, und +zwar als dauernden Besitz, und halten ihr Versprechen +mit gewissenhafter Treue. Dieser Brauch, den +Feind gegen Gebot zu kaufen, den andere Völker als +Beweis einer entarteten Gesinnung und als grausame +Untat verwerfen, ist in den Augen der Utopier +ein hohes Lob. Ja, sie dünken sich auch klug, weil +sie auf diese Weise die größten Kriege ohne jeden +Kampf völlig zu Ende bringen, und sogar human +<span class="pagenum"><a name="Page_146">146</a></span>und mitleidsvoll, weil sie mit dem Tode einiger +weniger Schuldiger das Leben zahlreicher Unschuldiger +erkaufen, die sonst im Kampfe gefallen wären, +teils aus den Reihen der Ihrigen, teils aus denen der +Feinde, deren Menge und Masse sie fast ebenso bedauern +wie ihre eigenen Landsleute; wissen sie doch +recht wohl, daß jene einen Krieg nicht aus freien +Stücken anfangen, sondern weil die blinde Leidenschaft +ihrer Fürsten sie dazu treibt. Kommen sie +auf diese Weise nicht weiter, so säen und nähren sie +Zwietracht, indem sie dem Bruder des Fürsten oder +sonst einem aus dem Adel Hoffnung auf den Thron +machen. Wenn die Parteien im Inneren versagen, +so wiegeln die Utopier die Nachbarvölker des Feindes +auf und verwickeln sie in einen Krieg mit ihm, +indem sie irgendeinen alten Vorwand hervorsuchen, +woran es ja Königen niemals fehlt.</p> + +<p>Haben sie diesen Völkern ihren Beistand im +Kriege versprochen, so stellen sie ihnen reichlich +Geld zur Verfügung, Hilfskräfte aus den Reihen +ihrer Bürger jedoch nur ganz spärlich; denn diese +sind ihnen so außerordentlich lieb und wert, und +sie schätzen sich gegenseitig so hoch, daß sie einen +ihrer Landsleute nur ungern gegen den feindlichen +Fürsten austauschen würden. Gold und Silber dagegen, +dessen gesamte Menge sie einzig und allein +für diesen Zweck aufbewahren, geben sie von Herzen +gern hin; sie könnten ja ebenso bequem leben, +auch wenn sie es vollständig aufbrauchten. Denn +außer dem Reichtum im Inland besitzen sie ja noch, +wie früher erwähnt, bei den meisten Völkern des +Auslands einen unermeßlichen Schatz von Guthaben. +So werben sie denn überall Söldner an, vornehmlich +<span class="pagenum"><a name="Page_147">147</a></span>aus dem Volk der Zapoleten, und lassen sie in den +Krieg ziehen.</p> + +<p>Diese wohnen 500 Meilen östlich von Utopien. Unkultiviert, +roh und wild, wie sie sind, lassen sie +deutlich merken, daß sie inmitten von Wäldern und +rauhen Bergen aufgewachsen sind. Sie sind ein kräftiger +Volksstamm, unempfindlich gegen Hitze, Kälte +und Anstrengung, unbekannt mit allen Annehmlichkeiten +des Lebens, nicht begeistert für den Ackerbau, +nachlässig in Wohnung und Kleidung und nur +für die Viehzucht interessiert. Zu einem großen Teile +leben sie von Jagd und Raub. Einzig und allein zum +Krieg geboren, suchen die Zapoleten eifrig nach +einer Gelegenheit zur Teilnahme an einem solchen, +und finden sie eine, so ergreifen sie sie mit Leidenschaft, +ziehen in großer Zahl außer Landes und bieten +sich für wenig Geld dem ersten besten an, der +Soldaten sucht. Dies Handwerk, den Tod zu suchen, +ist das einzige ihres Lebens, das sie verstehen. Für +ihren Dienstherrn schlagen sie sich mit Hingebung +und unbestechlicher Treue. Doch verpflichten sie +sich nicht bis zu einem bestimmten Termin, sondern +wenn sie Partei ergreifen, so tun sie das nur unter +der Bedingung, daß sie am nächsten Tage auf seiten +des Feindes stehen dürfen, falls dieser ihnen höheren +Sold bietet; ebenso kehren sie dann am übernächsten +Tage, durch eine Kleinigkeit Geld mehr +verlockt, wieder zurück. Nur selten kommt es zu +einem Kriege, in dem sie nicht zu einem großen +Teile auf beiden Seiten kämpfen. So werden täglich +Blutsverwandte, bisher Söldner der gleichen +Partei und einander die besten Kameraden, bald +darauf auseinandergerissen, geraten in feindliche +<span class="pagenum"><a name="Page_148">148</a></span>Heere, treffen als Gegner aufeinander und metzeln +sich gegenseitig nieder wie erbitterte Feinde, die +ihre Abstammung vergessen haben und nicht mehr +an ihre frühere Freundschaft denken. Dabei veranlaßt +sie kein anderer Grund zur gegenseitigen +Vernichtung, als daß zwei feindliche Fürsten sie +für ein paar lumpige Geldstücke gemietet haben. +Dieses Geld berechnen sie sich so genau, daß sie +sich durch die Erhöhung des täglichen Soldes um +nur einen Heller zu einem Wechsel der Partei verleiten +lassen. So hat sich in ihren Herzen rasch die +Habgier eingenistet, von der sie jedoch keinen Vorteil +haben; was sie nämlich mit ihrem Blute gewinnen, +verbrauchen sie alsbald wieder mit einer +Verschwendung, die gleichwohl armselig ist.</p> + +<p>Dieses Volk kämpft für die Utopier gegen alle +Welt, weil niemand anderswo seine Dienstleistung +so gut bezahlt wie diese. Wie sich nämlich die Utopier +nach guten Menschen umsehen, um sie in ihrem +Dienst nützlich zu verwenden, so werben sie auch +diese Schurken an, um sie zu mißbrauchen. Nötigenfalls +machen sie ihnen lockende Versprechungen und +setzen sie an den gefährlichsten Punkten ein. Meist +kommt dann ein großer Teil von ihnen niemals +wieder zurück und kann die versprochenen Belohnungen +gar nicht anfordern. Den Überlebenden aber +zahlen die Utopier gewissenhaft aus, was sie versprochen +haben, um sie zu ähnlichen Wagnissen anzuspornen. +Sie fragen nämlich nicht danach, wie +viele von ihnen durch ihre Schuld ums Leben kommen, +weil sie sich, wie sie meinen, das größte Verdienst +um die Menschheit erwerben würden, wenn +sie den Erdkreis von jenem Abschaum eines so greulichen +<span class="pagenum"><a name="Page_149">149</a></span>und ruchlosen Volkes gründlich säubern +könnten.</p> + +<p>Nächst den Zapoleten verwenden die Utopier auch +die Streitkräfte desjenigen Volkes, für das sie zu +den Waffen greifen, und die Hilfsscharen ihrer +anderen Freunde; an letzter Stelle erst ziehen sie +ihre Mitbürger heran. Aus deren Mitte nehmen sie +einen Mann von erprobter Tapferkeit und stellen ihn +an die Spitze des gesamten Heeres. Ihm ordnen sie +zwei Mann unter in der Art, daß beide nur als +Privatleute gelten, solange der Oberbefehlshaber +dienstfähig ist; wird er jedoch gefangengenommen +oder fällt er, so tritt der eine von jenen beiden +gleichsam sein Erbe an, und ihn ersetzt gegebenenfalls +der andere, damit nicht in den bunten Wechselfällen +der Kriege infolge einer Gefährdung des +Führers das ganze Heer in Unordnung gerät. In +jeder Stadt hebt man Freiwillige aus; man preßt +nämlich niemanden wider seinen Willen zum Kriegsdienst +außerhalb der Grenzen seiner Heimat, weil +man der Überzeugung ist, daß einer, der von Natur +etwas furchtsam ist, nicht nur selbst sich nicht tapfer +zeigen, sondern auch seine Kameraden mit seiner +Angst anstecken wird. Bricht aber der Feind ins +Land ein, so steckt man die Feiglinge dieser Art im +Falle körperlicher Tauglichkeit auf die Schiffe unter +bessere Soldaten oder verteilt sie auf die einzelnen +Festungen, von wo sie nicht ausreißen können. Sie +müssen sich vor ihren Kameraden schämen, haben +den Feind unmittelbar vor sich und sehen keine +Möglichkeit zur Flucht: so vergessen sie ihre Furcht +und werden oft durch höchste Not zu mutigen Männern. +So wenig aber einerseits ein Utopier wider seinen +<span class="pagenum"><a name="Page_150">150</a></span>Willen zu einem auswärtigen Kriege fortgeschleppt +wird, so wenig hindert man anderseits die Frauen, +mit ihren Männern ins Feld zu ziehen; ja, man fordert +sie dazu noch auf und spornt sie dazu an, indem +man sie lobt. Die Frauen, die mitausrücken, +stellt man an der Front mit ihren Männern in eine +Reihe; außerdem hat ein jeder Kämpfer seine Kinder, +Verwandten und Angehörigen um sich, damit +sich diejenigen einander aus nächster Nähe beistehen +können, die die Natur am stärksten zu gegenseitiger +Hilfe anspornt. Die höchste Schmach ist es +für einen Gatten, ohne den anderen heimzukommen, +oder für einen Sohn, seinen Vater zu überleben. +Infolgedessen kämpft man, wenn es zum Handgemenge +kommt und die Feinde standhalten, in +einem langen und unheilvollen Ringen bis zur Vernichtung. +Zwar suchen die Utopier mit allen Mitteln +zu verhüten, in eigener Person kämpfen zu +müssen, wofern sie nur den Krieg mit Hilfe einer +Schar gemieteter Stellvertreter zu Ende bringen +können; wenn es sich jedoch nicht vermeiden läßt, +daß sie selber mitkämpfen, so nehmen sie den Kampf +ebenso unerschrocken auf, wie sie sich vorher klug +zurückgehalten haben, solange es möglich war. Und +beim ersten Angriff gehen sie nicht mit wildem Ungestüm +vor; vielmehr wächst ihre Stärke langsam und +allmählich und je länger der Kampf dauert. Dabei +sind sie so unbeugsamen Sinnes, daß sie sich eher +niedermetzeln als in die Flucht schlagen lassen; +denn das beruhigende Bewußtsein, daß ein jeder +daheim zu leben hat, sowie die Befreiung von der +quälenden Sorge um das Los ihrer Nachkommen – +eine Besorgnis, die sonst überall einen tapferen +<span class="pagenum"><a name="Page_151">151</a></span>Sinn lähmt, – machen die Kämpfer hochgemut, so +daß sie den Gedanken, sich besiegen zu lassen, +als unwürdig von sich weisen. Außerdem flößt ihnen +ihre militärische Erfahrung Zuversicht ein, und +schließlich spornt sie die gute Erziehung, die sie in +der Schule und durch die trefflichen Einrichtungen +ihres Staates von Kind auf genossen haben, noch +mehr zur Tapferkeit an. Infolgedessen ist in ihren +Augen das Leben weder so wertlos, daß sie es +blindlings vergeuden, noch so übertrieben wertvoll, +daß sie damit geizen und sich in schimpflicher Weise +daran klammern, wenn die Ehre dazu rät, es hinzugeben. +Wenn der Kampf allerorten am wildesten +tobt, nehmen sich die auserlesensten Jünglinge, die +sich dazu verschworen und geweiht haben, den +feindlichen Führer zum Gegner; auf ihn dringen sie +offen ein, ihn greifen sie aus dem Hinterhalt an, +und aus der Ferne wie aus der Nähe gehen sie auf +ihn los, und in einem langen und lückenlosen Keil +– denn die wegen Ermüdung ausfallenden Kämpfer +werden beständig durch frische ersetzt – stürmen +sie gegen ihn an. Nur selten kommt es vor, daß er +nicht niedergestochen wird oder daß er nicht lebendig +in die Gewalt seiner Feinde gerät, es sei denn, +daß er sich durch die Flucht rettet.</p> + +<p>Ist der Sieg auf seiten der Utopier, so metzeln sie +nicht wild darauf los; statt die Geschlagenen umzubringen, +nehmen sie sie lieber gefangen. Auch verfolgen +sie die Fliehenden niemals so blindlings, daß +sie bei alledem nicht wenigstens noch eine geordnete +und kampfbereite Schar zurückbehielten. +Wenn daher ihre übrigen Verbände geschlagen sind +und sie erst mit dem letzten den Sieg errungen +<span class="pagenum"><a name="Page_152">152</a></span>haben, so lassen sie die Feinde lieber ganz und gar +entfliehen, als daß sie sich dazu entschließen, die +Fliehenden mit ungeordneten Verbänden ihrer Truppen +zu verfolgen. Sie vergessen nämlich nicht, was +ihnen selbst mehr als einmal widerfahren ist. Die +Masse ihres gesamten Heeres war völlig besiegt; +die Feinde jubelten über ihren Sieg und zerstreuten +sich hier und da auf der Verfolgung. Die Utopier +dagegen hatten einige wenige ihrer Leute im Hinterhalt +aufgestellt, die auf günstige Gelegenheiten +lauerten. Sie griffen die Feinde, die vereinzelt umherschwärmten +und es in voreiliger Sorglosigkeit +an der nötigen Vorsicht fehlen ließen, plötzlich an +und veränderten das Ergebnis der ganzen Schlacht. +Sie wanden den Feinden den Sieg, der ihnen schon +sicher war und an dem sie nicht mehr gezweifelt +hatten, aus den Händen und besiegten als Besiegte +wiederum die Sieger.</p> + +<p>Es ist schwer zu sagen, ob die Utopier einen Hinterhalt +mit größerer Schlauheit zu legen oder mit +größerer Vorsicht zu vermeiden wissen. Man könnte +meinen, sie träfen Vorbereitungen zur Flucht, wenn +sie alles andere eher im Sinne haben, und umgekehrt, +wenn sie die Absicht haben zu fliehen, +könnte man meinen, sie dächten an nichts weniger. +Fühlen sie sich nämlich hinsichtlich ihrer Zahl oder +Stellung zu sehr im Nachteil, so ziehen sie bei Nacht +in aller Stille ab oder täuschen den Feind durch +irgendeine Kriegslist, oder sie gehen bei Tage so +allmählich und in so guter Ordnung zurück, daß es +ebenso gefährlich ist, sie während des Abrückens +anzugreifen wie während des Anstürmens. Ihr Lager +befestigen sie überaus sorgfältig mit einem sehr +<span class="pagenum"><a name="Page_153">153</a></span>tiefen und breiten Graben, wobei sie die ausgehobene +Erde nach innen werfen. Dazu verwenden sie +keine Tagelöhner, sondern die Soldaten selbst besorgen +die Arbeit, und das gesamte Heer hilft dabei +mit, ausgenommen die Posten, die bewaffnet vor dem +Wall Wache halten, um plötzliche Überfälle abzuwehren. +Und so legen die Utopier bei so zahlreicher +Mitarbeit starke und weitausgedehnte Befestigungen +wider alles Erwarten in kurzer Zeit an.</p> + +<p>Die Waffen, die die Utopier verwenden, sind +stark genug zur Abwehr von Angriffen, ohne jedoch +jede Art von Bewegung oder Haltung zu hindern; +ja nicht einmal beim Schwimmen empfindet man sie +als lästig. Denn in voller Ausrüstung schwimmen zu +lernen, gehört zu den Anfangsgründen der militärischen +Ausbildung der Utopier. Im Kampf aus der +Ferne benutzen sie Pfeile, die sie mit großer Kraft +und zugleich mit bester Treffsicherheit abschießen, +und zwar nicht bloß zu Fuß, sondern sogar vom +Pferde aus. Im Nahkampf aber führen sie keine +Schwerter, sondern Äxte, die durch ihre Schärfe +oder Schwere tödlich verwunden, je nachdem man +sie zum Hieb oder Stich verwendet. In der Erfindung +von Kriegsmaschinen beweisen die Utopier +ganz besonderen Scharfsinn; die fertigen Maschinen +halten sie mit größter Sorgfalt geheim, damit sie +nicht bekannt werden, ehe man sie braucht, und +nicht mehr Spott und Hohn erregen als Nutzen stiften. +Bei ihrer Herstellung achtet man besonders darauf, +daß sie leicht zu fahren und bequem zu lenken +sind. Einen Waffenstillstand, den die Utopier mit +dem Feind abschließen, halten sie so gewissenhaft, +daß sie ihn nicht einmal dann verletzen, wenn sie +<span class="pagenum"><a name="Page_154">154</a></span>gereizt werden. Im Feindesland richten sie keine +Verwüstungen an; auch brennen sie die Saaten nicht +nieder. Ja, sie sorgen sogar dafür, daß nach Möglichkeit +weder Menschen noch Pferde die Saaten +zertreten, weil sie der Ansicht sind, daß sie zu +ihrem eigenen Vorteil wachsen. Einem Wehrlosen +tun sie nichts zuleide, wenn er nicht gerade ein +Spion ist. Städte, die sich ihnen ergeben, schonen sie; +aber auch solche, die sie erst erobern müssen, plündern +sie nicht; wohl aber lassen sie diejenigen Bürger, +die die Übergabe zu verhindern gesucht haben, erwürgen, +während sie die anderen Verteidiger zu Sklaven +machen. Der gesamten Bevölkerung, die nicht +mitgekämpft hat, wird kein Haar gekrümmt. Wenn +die Utopier erfahren, daß einige Bürger zur Übergabe +geraten haben, so machen sie ihnen einen Teil +von dem Hab und Gut der Verurteilten zum Geschenk; +den Rest geben sie ihren Hilfstruppen: +denn von ihnen selbst begehrt niemand einen Anteil +an der Beute. Nach Beendigung des Krieges aber +legen sie die Kosten nicht ihren Freunden auf, für +die sie sie aufgewendet haben, sondern den Besiegten +und fordern auf Grund dessen zum Teil bares +Geld, das sie dann für ähnliche Kriegszwecke aufsparen, +zum Teil Grund und Boden, der ihnen im +Lande der Besiegten dauernd gehört und einen nicht +geringen Ertrag bringt.</p> + +<p>Derartige Einkünfte haben die Utopier jetzt bei +vielen Völkern; sie sind aus verschiedenen Ursachen +im Laufe der Zeit entstanden und bis auf mehr als +700000 Dukaten im Jahr angewachsen. Zu ihrer Erhebung +entsenden sie einige von ihren Mitbürgern +als sogenannte Quästoren, die in dem fremden Lande +<span class="pagenum"><a name="Page_155">155</a></span>prächtig leben und in der Art großer Herren auftreten. +Aber trotzdem bleibt noch viel Geld übrig, +das in die Staatskasse fließt, soweit es die Quästoren +nicht lieber dem betreffenden Volke leihen wollen, +was sie häufig so lange tun, bis sie es notwendig +brauchen. Und kaum jemals kommt es vor, daß +sie den ganzen Betrag zurückverlangen. Von dem +erwähnten Grund und Boden übereignen die Utopier +einen Teil denjenigen, die sich auf ihre Veranlassung +einer so großen Gefahr aussetzten, wie ich +sie weiter oben geschildert habe.</p> + +<p>Greift irgendein Fürst zu den Waffen gegen die +Utopier und schickt er sich an, in ihr Gebiet einzufallen, +so treten sie ihm sogleich mit starken +Kräften außerhalb ihres Landes entgegen; denn +weder führen sie ohne Not im eigenen Lande Krieg, +noch ist irgendeine Not jemals so schlimm, daß sie +die Utopier zwingen könnte, fremde Hilfstruppen +auf ihre Insel zu lassen.</p> + + +<h3>Die Religion der Utopier</h3> + +<p>Die religiösen Vorstellungen sind nicht nur in den +einzelnen Teilen der Insel, sondern auch in den einzelnen +Städten verschieden, indem die einen die +Sonne, die andern den Mond und wieder andere +diesen oder jenen Planeten als Gottheit anbeten. +Einige verehren auch einen beliebigen Menschen, +der vor alters durch Tugend oder Ruhm geglänzt hat, +nicht bloß als Gott, sondern sogar als höchsten Gott. +Aber der weit größte und zugleich weitaus klügere +Teil glaubt an nichts von alledem, sondern nur an +<span class="pagenum"><a name="Page_156">156</a></span>ein einziges, unerkanntes, ewiges, unendliches und +unerforschliches göttliches Wesen, das über menschliches +Begriffsvermögen erhaben ist und dieses ganze +Weltall erfüllt, und zwar als tätige Kraft, nicht als +körperliche Masse; man nennt es Vater. Ihm schreibt +man Ursprung, Wachstum, Fortschritt, Wandel und +Ende aller Dinge zu, und ihm allein erweist man +göttliche Ehren. Mit den Anhängern dieser Lehre +stimmen auch alle anderen trotz aller Glaubensunterschiede +in diesem einen Punkte überein, daß sie an +<em class="gesperrt">ein</em> höchstes Wesen glauben, dem die Erschaffung +der Welt und die Vorsehung zu verdanken ist, und +dieses göttliche Wesen nennen sie alle ohne Unterschied +in ihrer heimischen Sprache Mythras. Aber +insofern sind sie verschiedener Ansicht, daß die einzelnen +ihn verschieden auffassen. Dabei glaubt aber +jeder, was es auch sein möge, das er persönlich für +das Höchste hält, es sei doch durchaus dasselbe Wesen, +dessen göttliche Macht und Majestät allein nach +der übereinstimmenden Überzeugung aller Völker +der Inbegriff aller Dinge ist. Indessen machen sie +sich alle im Laufe der Zeit von der Mannigfaltigkeit +abergläubischer Vorstellungen frei und lassen ihre +Anschauungen zu jener einen Religion verschmelzen, +die, wie es scheint, vernünftiger ist als die anderen. +Und ohne Zweifel wären die übrigen religiösen Vorstellungen +schon längst nicht mehr vorhanden, wenn +nicht alles Ungemach, das jemandem bei dem Vorhaben, +seine Religion zu wechseln, zufällig widerfährt, +von ihm aus Furcht als eine Schickung des +Himmels aufgefaßt würde, gleich als ob die Gottheit, +deren Verehrung aufgegeben werden sollte, den +gottlosen und gegen sie gerichteten Plan ahnden +<span class="pagenum"><a name="Page_157">157</a></span>wolle. Nachdem die Utopier jedoch durch uns von +Christi Namen, Lehre, Art und Wundern gehört hatten +und ebenso von der staunenerregenden Standhaftigkeit +der zahlreichen Märtyrer, deren freiwillig +vergossenes Blut so zahlreiche Völker weit und breit +zu Christus bekehrt hat, da nahmen auch sie mit +einem kaum glaublichen Verlangen seine Lehre an, +sei es nun, weil es Gott ihnen mehr im geheimen +eingab, oder sei es, weil das Christentum, wie es +schien, der bei ihnen selbst am weitesten verbreiteten +Lehre am nächsten kam. Gleichwohl möchte ich +auch dem Umstand nicht wenig Gewicht beimessen, +daß sie gehört hatten, Christus habe an der gemeinschaftlichen +Lebensweise seiner Jünger Gefallen gefunden +und sie sei bei den Zusammenkünften der +echten Christen noch heutigestags üblich. Von welcher +Bedeutung das nun auch gewesen sein mag, +jedenfalls traten nicht wenige zu unserem Glauben +über und ließen sich mit dem geweihten Wasser taufen. +Leider war unter uns vieren – nur so viele +waren wir noch, da zwei gestorben waren – kein +Priester. Infolgedessen müssen die Utopier, wenn sie +auch im übrigen eingeweiht sind, dennoch bis heute +auf den Genuß der Sakramente verzichten, da diese +bei uns nur die Priester spenden dürfen. Doch sind +sie sich über deren Wert und Bedeutung klar und +haben keinen sehnlicheren Wunsch; ja, sie erörtern +bereits lebhaft die Frage, ob nicht auch ohne Auftrag +des Papstes der Christenheit einer aus ihren +Reihen gewählt und zum Priester ernannt werden +kann. Und es schien so, als hätten sie die Absicht, +einen zu wählen, aber bei meiner Abreise war das +noch nicht geschehen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_158">158</a></span> +Auch die, die vom Christentum nichts wissen wollen, +machen trotzdem niemanden abspenstig und +lassen jeden, der dazu übertritt, unbehelligt. Nur +einer aus unserer Gemeinschaft wurde während meiner +Anwesenheit verhaftet. Als Neugetaufter redete +er, obgleich wir ihm davon abrieten, öffentlich über +die Verehrung Christi mit mehr Eifer als Klugheit. +Dabei geriet er allmählich so in Hitze, daß er sich +bald nicht mehr damit begnügte, das, was nur uns +heilig ist, über alles andere zu stellen. Er verurteilte +vielmehr ohne weiteres alle anderen Lehren, nannte +sie unheilig und bezeichnete ihre Anhänger als ruchlose +Gotteslästerer, die es verdienten, in die Hölle zu +kommen. Wenn einer lange öffentlich so redet, nehmen +ihn die Utopier fest und stellen ihn vor Gericht, +aber nicht wegen Religionsverletzung, sondern +wegen Volksverhetzung, und, wenn er für schuldig +befunden wird, bestrafen sie ihn mit Verbannung; +denn unter ihre ältesten Bestimmungen rechnen sie +die, daß niemand von seiner Religion Schaden haben +darf. Utopus hatte nämlich gleich anfangs erfahren, +daß die Eingeborenen vor seiner Ankunft beständig +Religionskämpfe miteinander geführt hatten; er +hatte auch beobachtet, daß bei der allgemeinen +Uneinigkeit die Sekten einzeln für das Vaterland +kämpften und daß ihm dieser Umstand Gelegenheit +bot, sie insgesamt zu besiegen. Als er dann den Sieg +errungen hatte, setzte er Religionsfreiheit für jedermann +fest und bestimmte außerdem, wenn jemand +auch andere zu seinem Glauben bekehren wolle, so +dürfe er es nur in der Weise betreiben, daß er seine +Ansicht ruhig und bescheiden auf Vernunftgründen +aufbaue, die anderen aber nicht mit bitteren Worten +<span class="pagenum"><a name="Page_159">159</a></span>zerpflücke. Gelinge es ihm nicht, durch Zureden +zu überzeugen, so solle er keinerlei Gewalt anwenden +und sich nicht zu Schimpfworten hinreißen lassen. +Geht aber jemand in dieser Sache zu ungestüm +vor, so bestrafen ihn die Utopier mit Verbannung +oder Sklavendienst. Diese Bestimmung traf Utopus +nicht bloß im Interesse des Friedens, den, wie er +sah, beständiger Kampf und unversöhnlicher Haß +von Grund aus zerstörten, sondern weil er der Ansicht +war, damit sei auch der Religion gedient. Er +wagte es auch nicht, über die Religion so ohne weiteres +eine Entscheidung zu treffen, gleichsam in Ungewißheit +darüber, ob Gott nicht doch einen mannigfaltigen +und vielseitigen Kult haben wolle und deshalb +die einzelnen auf verschiedene Weise inspiriere. +Jedenfalls hielt er es für eine Anmaßung und Torheit, +wenn jemand mit Gewalt und Drohungen verlangte, +daß alle seine persönliche Ansicht über die +Wahrheit teilten. Sollte aber wirklich nur einer Religion +die meiste Wahrheit zukommen und sollten +alle anderen wertlos sein, so würde sich dann +schließlich einmal, das sah Utopus sicher voraus, +die Macht der Wahrheit schon von selbst Bahn brechen +und sich deutlich offenbaren, wenn man ihre +Sache nur mit Vernunft und Mäßigung betreibe. +Kämpfe man aber mit Waffen und Aufruhr um die +Religion, so werde die beste und erhabenste zwischen +den nichtigsten Wahnvorstellungen der Streitenden +erstickt werden wie die Saaten zwischen +Dornen und Gestrüpp, da gerade die schlechtesten +Menschen am hartnäckigsten seien. Daher ließ Utopus +diese ganze Frage unentschieden und stellte es +einem jeden anheim, was er glauben wollte. Nur +<span class="pagenum"><a name="Page_160">160</a></span>sollte niemand, das gebot er feierlich und streng, die +Würde der menschlichen Natur so weit vergessen, +daß er annehme, die Seele gehe zugleich mit dem +Körper zugrunde oder im Laufe der Welt walte der +blinde Zufall und nicht die göttliche Vorsehung. +Und deshalb erwarten den Menschen, wie die Utopier +glauben, nach diesem Leben Strafen für seine +Missetaten und Belohnungen für seine Tugenden. +Wer das Gegenteil annimmt, ist in ihren Augen +nicht einmal ein Mensch, weil er die menschliche +Seele in ihrer Erhabenheit in den niedrigen Zustand +tierischer Körperlichkeit herunterdrückt; weit weniger +noch rechnen sie ihn zu ihren Mitbürgern. Denn +um all ihre Einrichtungen und Sitten würde er sich +nicht im geringsten kümmern, wenn ihn nicht die +Furcht davon abhielte. Wer sollte nämlich daran +zweifeln, daß ein solcher Mensch danach trachten +würde, die Staatsgesetze seines Landes entweder +im geheimen mit List zu umgehen oder mit Gewalt +zu verletzen, sofern er dadurch seine persönlichen +Wünsche befriedigen kann, da er ja über die Gesetze +hinaus nichts mehr fürchtet und über den Tod +hinaus nichts mehr erhofft? Deshalb erweist man +einem, der so gesinnt ist, keine Ehre und überträgt +ihm auch kein öffentliches Amt. So wird er allenthalben +als ein unbrauchbarer Mensch von niedrigem +Charakter verachtet. Aber eine wirkliche Strafe erleidet +er nicht, weil es die Überzeugung der Utopier +ist, daß es nicht im Belieben des Menschen steht +zu glauben, was er will. Sie zwingen ihn auch +weder mit irgendwelchen Drohungen, seine wahre +Gesinnung zu verheimlichen, noch lassen sie Heuchelei +und Lügen zu, die in ihren Augen an Betrug +<span class="pagenum"><a name="Page_161">161</a></span>grenzen und ihnen deshalb überaus verhaßt sind. +Wohl aber verbieten sie ihm, seine Meinung zu verteidigen, +jedoch nur vor der großen Masse. Sonst +nämlich, in einem geschlossenen Kreise von Priestern +und ernsten Männern, lassen sie es nicht bloß +zu, sondern fordern auch noch dazu auf, weil sie +zuversichtlich damit rechnen, sein Wahnsinn werde +doch noch endlich einmal der Vernunft weichen.</p> + +<p>Andere, und zwar gar nicht wenige, begehen den +gerade entgegengesetzten Fehler – man macht +ihnen keine Schwierigkeiten, da ihre Ansicht nicht +ganz unbegründet ist und sie selbst nicht bösartig +sind – und meinen, auch die Tierseelen seien unsterblich, +jedoch nicht vergleichbar an Würde mit +unseren Menschenseelen und auch nicht zu gleicher +Glückseligkeit geschaffen. Die Utopier sind +nämlich fast alle fest davon überzeugt, daß den +Menschen eine unbegrenzte Glückseligkeit bevorsteht. +Infolgedessen wehklagen sie stets, wenn jemand +krank ist, niemals aber, wenn jemand stirbt; +sie müßten denn gerade sehen, wie sich der Sterbende +nur mit Angst und Widerwillen vom Leben +losreißt. Das halten sie nämlich für ein ganz +schlimmes Vorzeichen, gleich als ob die Seele ohne +Hoffnung und mit schlechtem Gewissen in irgendeiner +dunklen Ahnung drohender Strafe vor dem +Ende zurückschaudere. Außerdem wird sich nach +ihrer Meinung Gott nicht über die Ankunft eines +Menschen freuen, der auf seinen Ruf nicht bereitwillig +herbeieilt, sondern sich nur ungern und +widerstrebend hinschleppen läßt. Vor einem solchen +Sterben entsetzen sich denn auch die, die es mit ansehen, +und wer so stirbt, wird in Trauer und aller +<span class="pagenum"><a name="Page_162">162</a></span>Stille aus der Stadt getragen; dann betet man zu dem +den Seelen der Verstorbenen gnädigen Gott, er möge +dem Heimgegangenen seine Sünden aus Gnaden vergeben, +und setzt die Leiche bei. Wer dagegen freudig +und voll Zuversicht stirbt, wird von niemandem +betrauert, sondern unter Gesang gibt man ihm das +letzte Geleit und empfiehlt seine Seele liebevoll dem +großen Gott. Schließlich verbrennt man den Leichnam +mehr in Ehrfurcht als in Trauer und errichtet +an Ort und Stelle eine Denksäule, in die die Ehrentitel +des Toten eingemeißelt sind. Nach der Rückkehr +von der Beisetzung unterhält man sich über +Lebenswandel und Taten des Heimgegangenen, und +kein Abschnitt seines Lebens wird dabei häufiger +oder lieber besprochen als sein seliges Ende.</p> + +<p>Dieses ehrende Gedenken rechtschaffener Menschen +ist in den Augen der Utopier für die Lebenden +ein überaus wirksamer Anreiz zur Tugend und zugleich +für die Verstorbenen eine höchst willkommene +Verehrung. Sie denken sich nämlich, daß die Heimgegangenen +bei den Gesprächen über sie zugegen +sind, wenn auch unsichtbar für das schwache Auge der +Sterblichen. Einerseits nämlich würde es gar nicht mit +ihrer Glückseligkeit vereinbar sein, wenn sie in ihrer +Bewegungsfreiheit beschränkt wären, und anderseits +wäre es undankbar von ihnen, wenn sie überhaupt +keine Sehnsucht mehr empfänden, ihre Lieben +wiederzusehen, mit denen sie bei Lebzeiten durch +gegenseitige Liebe und Hochschätzung verbunden +waren, Neigungen, die bei guten Menschen, so vermutet +man, wie die übrigen trefflichen Eigenschaften +nach dem Tode eher noch zu- als abnehmen. Die Utopier +glauben demnach, daß die Toten unter den Lebenden +<span class="pagenum"><a name="Page_163">163</a></span>weilen als Ohren- und Augenzeugen ihrer Worte +und Taten, und infolgedessen gehen sie mit größerer +Zuversicht an ihre Geschäfte, gleichsam im Vertrauen +auf solchen Schutz; auch lassen sie sich durch den +Glauben an die Anwesenheit ihrer Vorfahren von +geheimer Schandtat abschrecken.</p> + +<p>Auf Weissagungen und die sonstigen Prophezeiungen +eines hohlen Aberglaubens, die andere Völker +gewissenhaft beachten, legen die Utopier gar +keinen Wert, ja sie machen sich sogar darüber +lustig. Wunder dagegen, soweit sie ohne jede natürliche +Veranlassung geschehen, verehren sie als Taten +und Zeugnisse der anwesenden Gottheit. Solche +Wunder kommen in Utopien, wie es heißt, häufig +vor, und in wichtigen und zweifelhaften Fragen +flehen sie bisweilen darum mit großer Zuversicht +und unter Veranstaltung eines großen Betfestes und +erwirken auch ein Wunder.</p> + +<p>Für eine Gott wohlgefällige Verehrung halten die +Utopier die Betrachtung der Natur sowie das Lob, +das man Gott als ihrem Schöpfer spendet. Doch gibt +es auch Leute, und zwar keineswegs wenige, die +unter Berufung auf ihren Glauben von den Wissenschaften +nichts wissen wollen, sich um keinerlei Erkenntnis +der Natur bemühen und Muße überhaupt +nicht kennen: nur durch Betätigung und gute Dienste, +die man den Mitmenschen erweist, erwirbt man sich +nach ihrer Meinung Anspruch auf die Glückseligkeit +nach dem Tode. Daher widmen sich die einen +der Krankenpflege, die anderen bessern Wege aus, +reinigen Gräben, bringen Brücken in Ordnung, stechen +Rasen aus, schaufeln Sand und graben Steine +aus, fällen und zersägen Bäume, fahren auf Zweigespannen +<span class="pagenum"><a name="Page_164">164</a></span>Holz, Feldfrüchte und andere Dinge in +die Städte und benehmen sich nicht nur in der Tätigkeit +für die Allgemeinheit, sondern auch in der +für Privatleute wie Diener und sind noch arbeitsamer +als Sklaven. Denn jede mühsame, schwierige +und schmutzige Arbeit, die es irgendwo gibt und +von der Anstrengung, Widerwille und Verzweiflung +die meisten zurückschrecken, nehmen sie willig und +fröhlich ganz auf sich. Den anderen verschaffen sie +Muße, sie selber aber arbeiten und plagen sich ohne +Unterlaß, ohne jedoch Dank dafür zu beanspruchen; +auch tadeln sie die Lebensweise anderer nicht, um +ihre eigene dafür zu rühmen. Je mehr sich die Leute +als Sklaven zeigen, desto größere Ehre erweist +ihnen jedermann. Unter ihnen gibt es nun zwei +Sekten. Die eine ist die der Ledigen. Diese enthalten +sich völlig des Geschlechtsverkehrs; auch essen +sie kein Fleisch, einige sogar, ohne mit irgendeinem +Tier eine Ausnahme zu machen. Alle Freuden dieses +Lebens verwerfen sie als schädlich, und in der Hoffnung +auf einen baldigen Tod trachten sie leidenschaftlich +danach, durch Nachtwachen und mühselige +Arbeit nur die Freuden des künftigen Lebens +zu erlangen. Die Anhänger der anderen Sekte sind +nicht weniger auf Arbeit erpicht, ziehen es aber dabei +vor, zu heiraten; denn sie verschmähen die +Kräfte nicht, die von der Ehe ausgehen, und glauben +der Natur ihren Zoll entrichten zu müssen und +dem Vaterlande Kinder schuldig zu sein. Jedes Vergnügen, +das sie in keiner Beziehung von der Arbeit +abhält, ist ihnen willkommen. Das Fleisch vierfüßiger +Tiere schätzen sie schon aus dem Grunde, +weil sie von einer solchen Nahrung eine bessere +<span class="pagenum"><a name="Page_165">165</a></span>Kräftigung zu jeder Arbeit erwarten. Die Anhänger +dieser Sekte sind in den Augen der Utopier klüger, +die der anderen dagegen frömmer. Die letzteren +würde man auslachen, wenn sie sich bei der Bevorzugung +der Ehelosigkeit und eines beschwerlichen +Lebens auf Gründe der Vernunft stützen wollten; so +aber betrachtet man sie wegen ihrer religiösen Beweggründe +mit Ehrfurcht und Hochachtung. Vor +nichts scheuen sie sich nämlich ängstlicher als vor +irgendeiner unbedachten Äußerung über die Religion. +Derart also sind die Leute, die die Utopier +mit einem besonderen Namen in ihrer Landessprache +als »Buthresken« bezeichnen, was etwa unserem +Worte »Mönche« entspricht.</p> + +<p>Die Priester der Utopier sind außerordentlich +fromm und deshalb sehr gering an Zahl. Es gibt +nämlich in jeder Stadt nicht mehr als dreizehn, +entsprechend der Zahl der Gotteshäuser, außer in +Kriegszeiten. Dann aber ziehen sieben von ihnen mit +dem Heere ins Feld und werden in der Zwischenzeit +durch eine gleiche Anzahl ersetzt. Kommen dann die +anderen zurück, so nimmt jeder von ihnen wieder +seine alte Stelle ein. Die Überzähligen treten der +Reihe nach an die Stelle der mit Tod Abgehenden; +bis dahin sind sie Gehilfen des Oberpriesters, und +einer wird an ihre Spitze gestellt. Die Priester werden +vom Volke gewählt, und zwar wie die übrigen +Beamten in geheimer Abstimmung, wodurch man +Begünstigungen vermeiden will; die Weihe der Gewählten +vollzieht dann ihr eigenes Kollegium. Die +Priester leiten den Gottesdienst, besorgen die Angelegenheiten +des Kultus und sind eine Art Sittenrichter, +und es gilt als eine große Schande, wenn jemand +<span class="pagenum"><a name="Page_166">166</a></span>von ihnen wegen seines schlechten Lebenswandels +vorgeladen und zur Rede gestellt wird. Wenn auch +die Priester das Recht haben zu ermahnen und zu +warnen, so steht doch die Befugnis zu einer Maßregelung +und Bestrafung von Übeltätern nur dem +Bürgermeister und den übrigen Amtspersonen zu, nur +daß die Priester ihrerseits diejenigen, die sie als +schlimme Sünder kennenlernen, vom Gottesdienst +ausschließen. Und es gibt kaum eine Strafe, die man +mehr fürchtet; denn sie macht völlig ehrlos und erweckt +eine geheime religiöse Furcht, die den Sinn +zerrüttet, da die so Bestraften auch nicht hinsichtlich +ihres Körpers lange ohne Sorge sein können. +Wenn sie nämlich die Priester nicht schnell von +ihrer Reue überzeugen, werden sie festgenommen +und vom Senat wegen Gottlosigkeit bestraft.</p> + +<p>Der Unterricht der Kinder und Jugendlichen liegt +in den Händen der Priester, und diese lassen sich +mehr die Erziehung zu Sitte und Tugend als die +wissenschaftliche Ausbildung angelegen sein. Sie +verwenden nämlich den größten Fleiß darauf, den +noch zarten und empfänglichen Kinderherzen von +Anfang an gesunde und der Erhaltung ihres Staates +dienliche Anschauungen einzupflanzen. Wenn +diese erst einmal im Kinde festsitzen, begleiten sie +den Erwachsenen durchs ganze Leben und sind von +großem Nutzen für die Erhaltung des Staates; denn +was einen Staat zerfallen läßt, sind einzig und allein +die Laster, die ihrerseits wieder aus verkehrten Anschauungen +entstehen.</p> + +<p>Die Priester sind mit den erlesensten Frauen ihres +Volkes verheiratet, soweit sie nicht selbst Frauen sind; +denn auch die Frauen sind vom Priestertum nicht ausgeschlossen; +<span class="pagenum"><a name="Page_167">167</a></span>aber eine Frau wird seltener gewählt und +auch dann nur, wenn sie verwitwet und betagt ist. +Keine Behörde genießt nämlich bei den Utopiern größere +Ehre, und zwar in dem Ausmaße, daß ein Priester, +der sich etwas hat zuschulden kommen lassen, keinem +öffentlichen Gericht untersteht: Gott allein und +sich selbst ist er überlassen. Die Utopier halten es +nämlich für Sünde, den mit Menschenhand zu berühren, +und wäre er auch ein noch so schlimmer +Verbrecher, der Gott auf eine so einzigartige Weise +gleichsam als Opfer geweiht ist. Diesen Brauch können +sie leichter einhalten, weil ihre Priester so gering +an Zahl sind und mit so großer Sorgfalt ausgewählt +werden. Kommt es doch nur selten vor, daß +ein Mann, der, aus der Zahl der Guten als Bester +ausgesucht, allein wegen seiner Tüchtigkeit zu so +hoher Würde erhoben wird, zu Verderbtheit und +Lasterhaftigkeit entartet. Sollte es aber bei der Unbeständigkeit +der menschlichen Natur immerhin einmal +vorkommen, so braucht man davon für die Allgemeinheit +durchaus keinen Schaden von großer Bedeutung +zu befürchten, da die Zahl der Priester nur +gering ist und sie außer ihrem Ansehen keinerlei +Macht besitzen. Die Utopier beschränken aber die +Zahl ihrer Priester deshalb so stark, weil das Ansehen +des Standes, dem sie jetzt so große Verehrung +erweisen, nicht dadurch an Bedeutung verlieren soll, +daß sie seine Ehre vielen zuteil werden lassen, zumal +da sie es für schwierig halten, viele Leute zu +finden, die tugendhaft genug zur Bekleidung eines +Amtes sind, für dessen Würde eine nur mittelmäßige +Tugendhaftigkeit nicht ausreicht.</p> + +<p>Die Wertschätzung der Priester ist bei den auswärtigen +<span class="pagenum"><a name="Page_168">168</a></span>Völkern nicht geringer als bei ihren Landsleuten. +Das geht deutlich aus einem Brauche hervor, +den ich auch für den Ursprung dieser Wertschätzung +halte. Während nämlich die Truppen in +der Schlacht um die Entscheidung kämpfen, halten +sich die Priester abseits, aber nicht weit entfernt, +und liegen in ihren geweihten Gewändern auf den +Knien. Die Hände zum Himmel erhoben, beten sie +zu allererst um Frieden, sodann um Sieg für ihr +Volk, aber um einen Sieg, der für beide Teile nicht +blutig ist. Im Falle des Sieges ihres Volkes eilen sie +in den Kampf und gebieten dem Wüten gegen die +Geschlagenen Einhalt. Wer sie nur sieht und anruft, +wenn sie da sind, sichert sich sein Leben; wer ihre +wallenden Gewänder berührt, schützt auch, was ihm +sonst noch gehört, vor jeder kriegerischen Gewalttat. +Infolgedessen genießen die Priester bei allen +Völkern ringsum eine so große Verehrung und so +viel wirklich majestätisches Ansehen, daß die Schonung, +die sie vom Feinde für ihre Mitbürger erwirkten, +oft nicht geringer war als die, die sie +bei diesen für den Feind erreicht hatten. So viel +steht jedenfalls fest: schon manchmal, wenn die +Front ihrer Landsleute ins Wanken geraten war, +wenn diese in ihrer verzweifelten Lage zu fliehen +begannen und der Feind zu Gemetzel und Plünderung +heranstürmte, traten die Priester dazwischen, +unterbrachen das Blutvergießen, trennten die Truppen +voneinander, brachten unter gerechten Bedingungen +einen Frieden zustande und schlossen ihn +ab. Denn noch niemals ist ein Volk so wild, so grausam +und so barbarisch gewesen, daß es ihre Person +nicht für heilig und unverletzlich gehalten hätte.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_169">169</a></span> +Als Festtage begehen die Utopier den ersten und +letzten Tag eines jeden Monats und Jahres. Dieses +teilen sie in Monate ein, die der Umlauf des Mondes +abgrenzt, wie der Kreislauf der Sonne das Jahr +rundet. Alle Anfangstage heißen auf utopisch »Cynemerner« +und die Schlußtage »Trapemerner«, was +etwa soviel wie Anfangs- und Schlußfeste bedeutet.</p> + +<p>Man sieht in Utopien prachtvolle Tempel, die nicht +bloß mit großer Kunst gebaut sind, sondern auch +eine gewaltige Menschenmenge fassen, was ja bei +ihrer geringen Anzahl auch unbedingt notwendig +ist. Gleichwohl sind sie alle halbdunkel, und zwar +soll das nicht auf mangelhafte Kenntnis in der Baukunst +zurückgehen, sondern auf einen Rat der Priester. +Nach deren Meinung nämlich lenkt zuviel Licht +die Gedanken ab, sparsameres und gleichsam unsicheres +Licht dagegen trägt zur Sammlung des Geistes und +zur Vertiefung der Andacht bei. Zwar ist in Utopien +die Religion nicht überall die gleiche, aber all ihre, +wenn auch verschiedenen und vielfältigen Formen +kommen trotz Verschiedenheit der Wege in einem +einheitlichen Ziele zusammen, in der Verehrung +eines göttlichen Wesens. Infolgedessen ist in den +Tempeln nichts zu sehen oder zu hören, was nicht +für alle Religionsformen ohne Unterschied passend +erschiene. Einen seiner Sekte etwa eigentümlichen +Brauch vollzieht ein jeder innerhalb seiner vier +Wände; den öffentlichen Kult dagegen führt man +in einer Form durch, die keiner Religion etwas von +ihren Besonderheiten nimmt. Daher ist auch kein +Götterbild im Tempel zu sehen, so daß es jedem +freisteht, unter welcher Gestalt er sich die Gottheit +seinem persönlichen Glauben gemäß vorstellen will. +<span class="pagenum"><a name="Page_170">170</a></span>Sie rufen Gott unter keinem besonderen Namen an, +sondern nur als Mythras, ein Wort, mit dem sie +alle übereinstimmend das eine Wesen göttlicher +Majestät bezeichnen, welcher Art es auch sein mag. +Die Gebete, die in Utopien abgefaßt werden, sind +auch alle derart, daß sich jeder ihrer bedienen kann, +ohne gegen seinen persönlichen Glauben zu verstoßen.</p> + +<p>Im Tempel kommen die Utopier an den Schlußfesttagen +abends zusammen, ohne noch etwas zu +sich genommen zu haben, um Gott für den Segen +zu danken, den er in dem Jahre oder Monat, dessen +letzter Tag dieser Festtag ist, gespendet hat. In +der Frühe des nächsten Tages – denn das ist dann +ein Anfangsfesttag – strömt das Volk in den Tempeln +zusammen, um für das folgende Jahr oder den +folgenden Monat, den sie mit dieser Feier beginnen +wollen, Glück und Segen zu erbitten. Ehe man aber +an den Schlußfesttagen in den Tempel geht, werfen +sich daheim die Frauen ihren Männern und die Kinder +ihren Eltern zu Füßen und bekennen ihnen ihre +Verfehlungen, mag es sich nun um eine Missetat +oder um eine mangelhafte Pflichterfüllung handeln, +und bitten um Vergebung ihrer Schuld. So wird +jedes Wölkchen häuslicher Zwietracht, das etwa +aufsteigt, durch solche Abbitte verscheucht, und man +nimmt reinen Herzens und unbeschwerten Sinnes +am Gottesdienst teil. Man scheut sich nämlich, mit +verstörtem Sinn dem Gottesdienst beizuwohnen. Ist +man sich deshalb bewußt, Haß oder Zorn gegen +jemand zu hegen, so geht man erst dann wieder zum +Gottesdienst, wenn man sich versöhnt und von den +Leidenschaften gereinigt hat, weil man sonst eine +<span class="pagenum"><a name="Page_171">171</a></span>schnelle und schwere Strafe fürchtet. Im Tempel angekommen, +gehen die Männer auf die rechte und +die Frauen gesondert auf die linke Seite. Dann +nehmen sie in der Weise Platz, daß die männlichen +Mitglieder eines jeden Hauses vor dem +Familienvater sitzen, die Familienmutter aber die +Reihe der weiblichen Mitglieder schließt. Auf diese +Weise können sämtliche Bewegungen aller Hausgenossen +außerhalb des Hauses von denen beobachtet +werden, deren Autorität und Zucht sie auch +innerhalb des Hauses unterstehen. Ja, die Utopier +sehen auch gewissenhaft darauf, daß im Tempel +immer ein Jüngerer mit einem Älteren zusammensitzt, +damit nicht die Kinder sich selbst überlassen +bleiben und sich nicht während des Gottesdienstes +kindisch und albern benehmen. Denn gerade in dieser +Zeit sollten sie es lernen, fromme Scheu vor den +Himmlischen zu hegen, die ja der stärkste und beinahe +der einzige Ansporn zur Tugend ist. Wenn die +Utopier opfern, so schlachten sie kein Tier, und sie +können nicht glauben, daß sich Gott in seiner Güte +über Blutvergießen und Morden freut; hat er doch +den Lebewesen das Leben zu dem Zwecke geschenkt, +daß sie leben. Sie verbrennen Weihrauch und ebenso +anderes Räucherwerk; auch stecken sie zahlreiche +Wachskerzen auf, nicht als ob sie nicht wüßten, daß +das Wesen Gottes dieser Dinge nicht bedarf, ebensowenig +wie ja auch der Gebete der Menschen, aber +sie finden Gefallen an dieser harmlosen Art Gottesverehrung, +und die Menschen fühlen, daß diese +Düfte, Lichter und sonstigen Feierlichkeiten sie +irgendwie innerlich aufrichten und zur Verehrung +Gottes freudiger stimmen. Im Tempel trägt das Volk +<span class="pagenum"><a name="Page_172">172</a></span>weiße Gewänder, der Priester dagegen buntfarbige, +die nach Arbeit und Form Bewunderung verdienen; +nur ist der Stoff nicht ebenso wertvoll. Die Gewänder +sind nämlich nicht mit Gold gestickt oder mit +seltenen Steinen besetzt, sondern aus einzelnen +Vogelfedern so geschickt und kunstvoll gearbeitet, +daß auch der kostbarste Stoff dieser Arbeit an Wert +nicht gleichkommen würde. Wie es außerdem heißt, +sind in jenen Schwung- und Flaumfedern sowie in +ihrer bestimmten Anordnung, durch die sie auf dem +Priestergewande unterschieden werden, gewisse geheime +Mysterien verborgen. Ihre Auslegung ist den +Priestern bekannt und wird von ihnen gewissenhaft +weiter überliefert; die Menschen sollen dadurch an +die Wohltaten erinnert werden, die ihnen Gott erweist, +an den Dank, den sie ihm dafür schulden, und +an die Pflichten, die sie gegenseitig zu erfüllen +haben.</p> + +<p>Sobald sich der Priester in diesem Ornat vor dem +Allerheiligsten zeigt, werfen sich alle sofort voll +Ehrfurcht zu Boden unter so allgemeinem und tiefen +Schweigen, daß schon der bloße Anblick dieses Vorgangs +eine Art Schauer einflößt, als wenn eine Gottheit +zugegen wäre. Sie bleiben eine Weile liegen +und erheben sich erst, wenn ihnen der Priester ein +Zeichen gibt. Dann singen sie Gott zu Ehren Hymnen, +wozu sie zwischendurch auf Musikinstrumenten +spielen. Diese haben zu einem großen Teile eine +andere Gestalt als die, die man in unserem Erdteil +zu sehen bekommt. Die meisten von ihnen übertreffen +zwar die bei uns gebräuchlichen wesentlich an +Wohlklang, doch sind einige mit den unsrigen nicht +einmal zu vergleichen. In einer Beziehung jedoch +<span class="pagenum"><a name="Page_173">173</a></span>sind uns die Utopier unzweifelhaft weit voraus, darin +nämlich, daß all ihre Musik, und zwar die Instrumentalmusik +ebenso wie die Vokalmusik, die natürlichen +Seelenzustände deutlich nachahmt und widerspiegelt, +daß der Klang sich dem Inhalt des Musikstückes +treffend anpaßt, mag es sich um Worte eines +Betenden oder um den Ausdruck der Freude, der +Sanftmut, der Aufregung, der Trauer oder des Zornes +handeln, und daß die Art der Melodie den Sinn +eines jeden Textes so lebendig veranschaulicht, daß +sie die Herzen der Zuhörer in wunderbarer Weise +ergreift, erschüttert und entflammt. Zuletzt sprechen +Priester und Volk zusammen feierliche Gebete in bestimmten +Fassungen, die so gehalten sind, daß jeder +einzelne auf sich beziehen kann, was alle zusammen +hersagen. In diesen Gebeten ruft sich jeder Gott als +den Schöpfer und Lenker des Weltalls und als den +Geber all der anderen Güter wieder ins Gedächtnis, +dankt ihm für die zahllosen Wohltaten, die er empfangen +hat, besonders aber dafür, daß ihn Gottes +Güte und Gnade im glücklichsten Staat leben und +an einer Religion teilnehmen läßt, die, wie er hofft, +der Wahrheit am nächsten kommt. Sollte er sich +darin irren oder sollte es einen besseren Staat +oder eine bessere Religion geben, die auch Gott +genehmer wäre, so bitte er darum, seine Güte möge +es ihn erkennen lassen; er wolle ihm bereitwillig +folgen, wohin er ihn auch führe. Sollte aber +diese Staatsform die beste und seine Religionsauffassung +die richtigste sein, so möge ihm Gott Beständigkeit +verleihen und die anderen Menschen alle +zu denselben Lebensgrundsätzen und zu derselben +Vorstellung von Gott bekehren, falls er nicht in seinem +<span class="pagenum"><a name="Page_174">174</a></span>unerforschlichen Willen auch an dieser Mannigfaltigkeit +der Bekenntnisse Gefallen finde. Endlich +bittet er noch darum, Gott möge ihn nach einem +leichten Tode in sein Reich aufnehmen; wie bald +oder wie spät, das wage er nicht im voraus zu bestimmen. +Immerhin werde es ihm, soweit es ohne +Verletzung der göttlichen Majestät möglich sei, viel +lieber sein, auch den schwersten Tod zu erleiden, +um eher zu Gott zu kommen, als durch das glücklichste +Leben länger von ihm ferngehalten zu werden. +Nach diesem Gebet werfen sich alle abermals +zu Boden und erheben sich bald darauf wieder, um +zum Essen zu gehen; den Rest des Tages verbringen +sie mit Spielen und militärischer Ausbildung.</p> + +<hr/> + +<p>Ich habe euch so wahrheitsgemäß wie möglich die +Form dieses Staates beschrieben, den ich bestimmt +nicht nur für den besten, sondern auch für den einzigen +halte, der mit vollem Recht die Bezeichnung +»Gemeinwesen« für sich beanspruchen darf. Wenn +man nämlich anderswo von Gemeinwohl spricht, hat +man überall nur sein persönliches Wohl im Auge; +hier, in Utopien, dagegen, wo es kein Privateigentum +gibt, kümmert man sich ernstlich nur um das +Interesse der Allgemeinheit, und beide Male geschieht +es mit Fug und Recht. Denn wie wenige in +anderen Ländern wissen nicht, daß sie trotz noch +so großer Blüte ihres Staates Hungers sterben würden, +wenn sie nicht auf einen Sondernutzen bedacht +wären! Und deshalb zwingt sie die Not, eher an +sich als an ihr Volk, das heißt an andere, zu denken. +Dagegen hier, in Utopien, wo alles allen gehört, +ist jeder ohne Zweifel fest davon überzeugt, daß +<span class="pagenum"><a name="Page_175">175</a></span>niemand etwas für seinen Privatbedarf vermissen +wird, wofern nur dafür gesorgt wird, daß die staatlichen +Speicher gefüllt sind. Denn hier werden die +Güter reichlich verteilt, und es gibt keine Armen und +keine Bettler, und obgleich niemand etwas besitzt, +sind doch alle reich. Könnte es nämlich einen größeren +Reichtum geben, als völlig frei von jeder +Sorge, heiteren Sinnes und ruhigen Herzens zu +leben, nicht um seinen eigenen Lebensunterhalt +ängstlich besorgt, nicht gequält von der Geldforderung +der jammernden Gattin, ohne Furcht, der Sohn +könne in Not geraten, ohne Angst und Bange um +die Mitgift der Tochter, sondern unbesorgt um den +eigenen Lebensunterhalt und um den der Seinen, +der Gattin, der Söhne, der Enkel, Urenkel und Ururenkel +und der ganzen Reihe von Nachkommen, so +lang, wie sie ein Ehrenmann erwartet? Ja, diese Fürsorge +erstreckt sich sogar in demselben Umfange auf +die, die früher gearbeitet haben, jetzt aber nicht +mehr dazu imstande sind, wie auf die, die jetzt noch +arbeiten. Da wünschte ich, es wagte jemand, mit +dieser Billigkeit die Gerechtigkeit anderer Völker +zu vergleichen, und ich will des Todes sein, wenn +ich bei ihnen auch nur die geringste Spur von Gerechtigkeit +und Billigkeit finde! Oder ist das etwa +Gerechtigkeit, wenn jeder beliebige Edelmann oder +Goldschmied oder Wucherer oder schließlich irgendein +anderer von denen, die entweder überhaupt +nichts tun oder deren Tätigkeit für den Staat nicht +dringend notwendig ist, ein prächtiges und glänzendes +Leben führen darf auf Grund eines Verdienstes, +den ihm sein Nichtstun oder seine überflüssige Tätigkeit +einbringt, während zu gleicher Zeit der Tagelöhner, +<span class="pagenum"><a name="Page_176">176</a></span>der Fuhrmann, der Schmied und der Bauer +mit seiner harten und ununterbrochenen Arbeit, wie +sie kaum ein Zugtier aushalten würde, die aber so +unentbehrlich ist, daß ohne sie kein Gemeinwesen +auch nicht ein Jahr bloß auskommen könnte, einen +nur so geringen Lebensunterhalt verdient und ein so +elendes Leben führt, daß einem die Lage der Zugochsen +weit besser vorkommen könnte, weil sie nicht +so dauernd arbeiten müssen, weil ihre Nahrung nicht +viel schlechter ist und ihnen sogar besser schmeckt +und weil sie bei alledem wegen der Zukunft keine +Angst zu haben brauchen? Aber diese Menschen +quält eine erfolglose und undankbare Arbeit in der +Gegenwart, auch peinigt sie der Gedanke an ein +hilfloses Alter. Denn wenn ihr täglicher Verdienst +zu kärglich ist, um auch nur für denselben Tag auszureichen, +kann auf keinen Fall etwas herausspringen +und übrigbleiben, um täglich für die Verwendung +im Alter zurückgelegt zu werden. Ist das nicht +eine ungerechte und undankbare Gemeinschaft, die +den sogenannten Edelleuten, den Goldschmieden und +den übrigen Leuten dieser Art, die weiter nichts als +Müßiggänger oder Schmarotzer sind und nur unnütze +Luxusdinge herstellen, in so verschwenderischer +Weise ihre Gunst bezeugt, die dagegen für die +Bauern, Köhler, Tagelöhner, Fuhrleute und Schmiede, +ohne die überhaupt kein Staat bestehen könnte, in +keinerlei Weise sorgt? Sie nutzt die Arbeitskraft +ihrer besten Lebensjahre aus und vergilt ihnen dann, +wenn sie schließlich, von Alter und Krankheit beschwert, +an allem Mangel leiden, auf höchst undankbare +Weise, indem sie sie, uneingedenk so vieler +Nächte, die sie durchwacht, und so vieler und wichtiger +<span class="pagenum"><a name="Page_177">177</a></span>Dienste, die sie geleistet haben, auf ganz +elende Weise sterben läßt. Was soll man gar noch +dazu sagen, daß die Reichen Tag für Tag von dem +täglichen Verdienst der Armen nicht nur durch privaten +Betrug, sondern sogar auf Grund staatlicher +Gesetze etwas abzwacken? So haben diese Menschen +das, was früher als ungerecht galt: die höchsten +Verdienste um den Staat mit dem schnödesten Undank +zu lohnen, in seiner Geltung entstellt und sogar +noch in Gerechtigkeit verwandelt, indem sie es +durch Gesetze sanktionierten. Wenn ich daher alle +unsere Staaten, die heute irgendwo in Blüte stehen, +im Geiste betrachte und über sie nachdenke, so stoße +ich, so wahr mir Gott helfe, einzig und allein auf +eine Art Verschwörung der Reichen, die unter Mißbrauch +des Namens- und Rechtstitels eines Staates +nur auf ihre persönlichen Interessen bedacht sind. +Sie ersinnen und denken sich alle möglichen Mittel +und Ränke aus, zunächst, um ihren unrechtmäßig +erworbenen Besitz zu behalten, ohne fürchten zu +müssen, ihn zu verlieren, und sodann, um sich die +angestrengte Arbeit aller Armen so billig wie möglich +zu erkaufen und zu ihrem Vorteil zu mißbrauchen. +Sobald nun die Reichen erst einmal im Namen +des Staates, also auch im Namen der Armen, beschlossen +haben, diese Machenschaften durchzuführen, +erhalten sie sofort Gesetzeskraft. Aber selbst +wenn diese so schlechten Menschen alle diese Güter, +die für alle gereicht hätten, in unersättlicher Habgier +untereinander aufteilen, wieviel fehlt ihnen +trotzdem noch an dem Glück des utopischen Staates! +Hier ist mit dem Gebrauch des Geldes selbst zugleich +jede Geldgier aus der Welt geschafft. Welch +<span class="pagenum"><a name="Page_178">178</a></span>schwere Last von Verdrießlichkeiten ist dadurch abgewälzt, +welch reiche Saat von Verbrechen mitsamt +der Wurzel ausgerissen! Wer weiß nämlich nicht, +daß Betrug, Diebstahl, Raub, Streit, Unruhe, Zank, +Aufstand, Mord, Verrat und Giftmischerei, die jetzt +durch tägliche Bestrafungen mehr geahndet als eingeschränkt +werden, mit der Beseitigung des Geldes +absterben müssen und daß außerdem Furcht, Unruhe, +Sorgen, Anstrengungen und durchwachte +Nächte in demselben Augenblick wie das Geld verschwinden +werden? Ja, die Armut selbst, der einzige +Zustand, wie es scheint, in dem Geld gebraucht wird, +würde augenblicklich abnehmen, wenn man das Geld +überall völlig abschaffte. Wenn du dir das noch deutlicher +machen willst, mußt du dir einmal ein dürres +und unfruchtbares Jahr vorstellen, in dem der Hunger +viele Tausende von Menschen dahingerafft hat. +Nun behaupte ich ganz bestimmt: hätte man am +Ende dieser Hungersnot die Speicher der Reichen +durchsucht, so wäre so viel Getreide zu finden gewesen, +daß überhaupt niemand jene Ungunst des +Wetters und jenen geringen Ertrag des Bodens hätte +zu spüren brauchen, wenn man die Vorräte unter die +verteilt hätte, die in der Tat Opfer der Abmagerung +und Auszehrung geworden sind. So leicht könnte +man beschaffen, was man zum Leben braucht, wenn +nicht jenes herrliche Geld, ganz offenbar dazu erfunden, +den Zugang zum Lebensunterhalt zu erschließen, +allein es wäre, das ihn uns verschließt. +Das merken ohne Zweifel auch die Reichen, und sie +wissen ganz genau, wieviel besser jener Zustand +wäre, nichts Notwendiges zu entbehren als an vielerlei +Überflüssigem Überfluß zu haben, und wieviel +<span class="pagenum"><a name="Page_179">179</a></span>besser es wäre, von so zahlreichen Übeln befreit als +von so großem Reichtum beschwert zu sein. Ich mag +auch gar nicht daran zweifeln, daß die Sorge für +das persönliche Wohl jedes einzelnen oder die Autorität +Christi, unseres Heilands, der bei seiner so +großen Weisheit wissen mußte, was das Beste sei, +und bei seiner so großen Güte nur zu dem raten +konnte, was er als das Beste erkannt hatte, die ganze +Welt ohne Mühe schon längst für die Gesetze des +utopischen Staates gewonnen hätte, wenn nicht eine +einzige Bestie, das Haupt und der Ursprung alles +Unheils, die Hoffart, dagegen ankämpfte. Sie mißt +ihr Glück nicht am eigenen Nutzen, sondern am +fremden Unglück. Sie möchte nicht einmal Göttin +werden, wenn dann keine Unglücklichen mehr übrigblieben, +über die sie herrschen und die sie verhöhnen +könnte, im Vergleich zu deren Elend ihr eigenes +Glück in besonderem Glanze erstrahlen soll und +die sie in ihrer Not durch Entfaltung ihres eigenen +Reichtums quälen und aufbringen möchte. Die +Hoffart, eine Schlange der Hölle, nistet sich in die +Herzen der Menschen ein, hält sie wie ein Hemmschuh +zurück und hindert sie, einen besseren Lebensweg +einzuschlagen. Dieses Gewürm hat sich zu tief +ins Menschenherz eingefressen, als daß es sich ohne +Mühe wieder herausreißen ließe. Und deshalb freue +ich mich, daß wenigstens den Utopiern diese Staatsform +zuteil geworden ist, die ich von Herzen gern +überall sehen möchte. Sie haben sich Lebenseinrichtungen +geschaffen, mit denen sie das Fundament +eines Staates legten, dem nicht nur das höchste +Glück, sondern, nach menschlicher Voraussicht wenigstens, +auch ewige Dauer beschieden ist. Seitdem +<span class="pagenum"><a name="Page_180">180</a></span>sie nämlich im Inneren Ehrgeiz und Parteisucht +ebenso wie die anderen Laster mit Stumpf und Stiel +ausgerottet haben, droht keine Gefahr mehr, daß sie +unter innerem Zwist zu leiden haben, der schon vielfach +die alleinige Ursache des Unterganges von +Städten gewesen ist, deren Macht und Wohlstand +trefflich gesichert war. Solange jedoch die Eintracht +im Inneren und die gesunde Verfassung erhalten +bleiben, ist der Neid auch aller benachbarten +Fürsten nicht imstande, das Reich zu zerrütten oder +zu erschüttern, was er vor langer Zeit zwar schon +zu wiederholten Malen, aber immer ohne Erfolg versucht +hat.«</p> + +<p>Als Raphael mit seinem Bericht zu Ende war, fiel +mir gar mancherlei ein, was mir an den Sitten und +Gesetzen jenes Volkes überaus sonderbar vorkam, +nicht nur an der Art und Weise seiner Kriegführung, +an seinem Gottesdienst und seiner Religion und an +noch anderen seiner Einrichtungen, sondern auch +ganz besonders an dem eigentlichen Fundament +seiner ganzen Verfassung, nämlich an seinem gemeinschaftlichen +Leben und der gemeinschaftlichen +Beschaffung des Lebensunterhalts, und zwar +unter Ausschaltung jedes Geldverkehrs. Beseitigt +doch schon diese letzte Bestimmung für sich allein +von Grund aus jeden Adel, jede Pracht, jeden Glanz, +jede Würde, also den der öffentlichen Meinung nach +wahren Glanz und Schmuck eines Staates. Ich wußte +jedoch, daß Raphael vom Erzählen müde war, und +ich war nicht ganz sicher, ob er einen Widerspruch +gegen seine Meinung vertragen würde, zumal da ich +daran dachte, wie er gewisse Leute deshalb getadelt +hatte, weil sie nach seiner Ansicht Angst hatten, +<span class="pagenum"><a name="Page_181">181</a></span>nicht für klug genug zu gelten, wenn sie nicht +an den Einfällen anderer Leute etwas fänden, woran +sie herumzausen könnten. Deshalb lobte ich nur die +Verfassung jenes Volkes und die Erzählung Raphaels, +nahm ihn bei der Hand und führte ihn ins +Haus zum Essen; doch sagte ich vorher noch, wir +würden wohl noch ein anderes Mal Zeit finden, über +die gleichen Dinge tiefer nachzudenken und uns +ausführlicher mit ihm zu unterhalten. Ich wollte nur, +es käme noch einmal dazu! Bis dahin kann ich zwar +nicht allem zustimmen, was dieser übrigens unbestritten +hochgelehrte Mann von reifer Lebenserfahrung +gesagt hat, doch gestehe ich ohne weiteres, +daß ich sehr vieles von der Verfassung der Utopier +in unseren Staaten eingeführt sehen möchte. Allerdings +muß ich das wohl mehr wünschen, als daß ich +es hoffen dürfte.</p> + +<p class="center gesperrt" style="margin: 1em auto 3em auto;">Ende.</p> + +<p style="margin-bottom: 120px;">Ende der Nachmittagserzählung des Raphael Hythlodeus +über die Gesetze und Einrichtungen der +bisher nur wenigen bekannten Insel Utopia, durch +den hochberühmten und hochgelehrten Herrn Thomas +Morus, Bürger und Vicecomes von London, bekanntgegeben.</p> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Utopia, by Thomas Morus + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UTOPIA *** + +***** This file should be named 26971-h.htm or 26971-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/2/6/9/7/26971/ + +Produced by Norbert H. Langkau, Jana Srna and the Online +Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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