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+The Project Gutenberg EBook of Utopia, by Thomas Morus
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Utopia
+
+Author: Thomas Morus
+
+Release Date: October 20, 2008 [EBook #26971]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UTOPIA ***
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+
+Produced by Norbert H. Langkau, Jana Srna and the Online
+Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
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+ [ Anmerkungen zur Transkription:
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+ vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes.
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+ THOMAS MORUS
+
+ UTOPIA
+
+
+ Verlag von Philipp Reclam jun. Leipzig
+
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+
+ LIBELLUS VERE AUREUS NEC
+ minus salutaris quam festivus de optimo reip.
+ statu, deque nova Insula Utopia autore clarissimo
+ viro Thoma Moro inclutae civitatis
+ Londinensis cive & vicecomite cura M. Petri
+ Aegidii Antverpiensis, & arte Theodorici
+ Martini Alustensis, Typographi almae
+ Lovaniensium Academiae nunc
+ primum accuratissime
+ editus.
+
+
+ Cum gratia & privilegio.
+
+
+ Titel der Erstausgabe aus dem Jahre 1516
+
+
+
+
+VORREDE
+
+zu dem Werke über den besten Zustand des Staates
+
+
+Thomas Morus grüßt seinen Peter Ägid aufs herzlichste.
+
+Fast schäme ich mich, mein liebster Peter Ägid, daß ich Dir dies
+Büchlein über den Staat von Utopien erst nach beinahe einem Jahre
+schicke. Hast Du es doch ohne Zweifel innerhalb von anderthalb Monaten
+erwartet, da mir ja, wie Du wußtest, bei diesem Werke die Mühe der
+Erfindung des Stoffes abgenommen war und ich mir auch in betreff der
+Gliederung nichts auszudenken brauchte. Denn ich hatte nur das
+wiederzugeben, was ich mit Dir zusammen Raphael gerade so hatte erzählen
+hören. Deshalb lag auch kein Anlaß vor, mich hinsichtlich des Stiles
+abzumühen. Raphael konnte sich ja gar nicht gesucht ausdrücken; denn
+erstens sprach er, ohne daß er es vorher wußte und sich vorbereiten
+konnte, sodann ist er, wie Du weißt, im Lateinischen nicht so zu Hause
+wie im Griechischen, und schließlich kommt meine Rede der Wahrheit um so
+näher, je mehr sie sich seiner nachlässigen und schlichten
+Ausdrucksweise nähert, und um die Wahrheit allein muß und will ich mich
+bei dieser Sache kümmern.
+
+Ich gebe denn auch zu, mein Peter, das, was ich vorfand, hatte mir so
+viel Arbeit abgenommen, daß fast nichts mehr zu tun übrigblieb.
+Andernfalls hätte ja auch Erfindung oder Gliederung des Stoffes nicht
+wenig Zeit und Studium eines nicht unbedeutenden und recht gelehrten
+Geistes erfordert. Würde man nun nicht bloß eine der Wahrheit
+entsprechende, sondern auch geschmackvolle Darstellung verlangen, so
+hätte ich das nicht leisten können, auch wenn ich all meine Zeit und all
+meinen Eifer aufgewendet hätte. So aber, da diese Schwierigkeiten
+wegfielen, die zu bewältigen viel Schweiß gekostet hätte, blieb einzig
+und allein die einfache Aufzeichnung dessen übrig, was ich gehört hatte,
+und das war wirklich keine Arbeit mehr. Aber selbst zur Erledigung
+dieser so unbedeutenden Arbeit ließen mir meine übrigen Geschäfte fast
+noch weniger als keine Zeit. Nehmen mich doch dauernd meine
+Gerichtssachen in Anspruch. Bald führe ich einen Prozeß, bald bin ich
+Beisitzer, bald schlichte ich einen Handel als Schiedsrichter, bald
+entscheide ich einen anderen als Richter, bald besuche ich diesen in
+einer amtlichen, bald jenen in einer geschäftlichen Angelegenheit.
+Während ich so fast den ganzen Tag außerhalb meines Hauses fremden
+Leuten und nur den Rest meinen Angehörigen widme, kann ich für mich,
+d. h. für meine Studien, nichts erübrigen. Denn komme ich nach Hause, so
+muß ich mit meiner Frau plaudern, mit den Kindern schwatzen und mit dem
+Gesinde sprechen. Alles das rechne ich zu meinen Pflichten, weil es
+erledigt werden muß. Es muß aber erledigt werden, wenn man nicht in
+seinem eigenen Hause ein Fremdling sein will. Man muß sich überhaupt
+Mühe geben, so liebenswürdig wie möglich zu denen zu sein, die einem die
+Natur als Begleiter auf dem Lebenswege vorgesehen oder die der Zufall
+oder eigene Wahl dazu gemacht hat. Nur darf man sie nicht durch
+Leutseligkeit verderben und die Diener nicht durch Nachsicht zu seinen
+Herren werden lassen. Über dem, was ich angeführt habe, geht ein Tag,
+geht ein Monat, geht ein Jahr hin. Wann also komme ich da zum Schreiben?
+Und dabei habe ich noch gar nicht vom Schlafen gesprochen und auch noch
+nicht einmal vom Essen, das bei vielen Leuten nicht weniger Zeit in
+Anspruch nimmt als der Schlaf, der fast die Hälfte der Lebenszeit für
+sich beansprucht. Aber für mich gewinne ich nur so viel Zeit, wie ich
+mir vom Schlafen und Essen abstehle. Weil das nur wenig ist, so habe ich
+die Utopia auch nur langsam fertiggebracht; weil es aber immerhin etwas
+ist, so ist sie doch nun endlich fertig geworden, und ich schicke sie
+Dir zu, damit Du sie liest und mich darauf aufmerksam machst, falls mir
+etwas entgangen sein sollte. Nun habe ich freilich in dieser Beziehung
+ziemlich viel Zutrauen zu mir -- ich wollte, mit meinem Geiste und mit
+meinem Wissen stünde es ebenso wie mit meinem Gedächtnis, das mich nur
+manchmal im Stiche läßt --, doch ist mein Zutrauen nicht so groß, daß
+ich annehmen dürfte, mir könnte nichts entfallen sein. Denn auch mein
+Famulus, Johannes Clemens, hat mich sehr bedenklich gestimmt. Wie Du ja
+wohl weißt, war er damals dabei, und ich lasse ihn an jeder Unterhaltung
+teilnehmen, aus der er etwas lernen kann; denn von diesem Schößling, der
+im Lateinischen wie im Griechischen zu grünen begonnen hat, erhoffe ich
+dereinst einen guten Ertrag. Soviel ich mich nämlich erinnere, hat
+Hythlodeus erzählt, jene Brücke von Amaurotum über den Fluß Anydrus sei
+500 Doppelschritte lang. Mein Johannes aber meinte, man müsse 200
+abziehen; der Fluß sei dort nicht breiter als 300 Doppelschritte.
+Besinne Dich doch bitte noch einmal darauf! Wenn Du nämlich der gleichen
+Meinung bist wie Johannes, so will auch ich zustimmen und einen Irrtum
+meinerseits annehmen. Solltest Du aber selbst Dich nicht mehr besinnen
+können, so bleibt stehen, worauf ich mich selbst zu besinnen glaube.
+Wenn ich mich nämlich auch vor jeder falschen Angabe in dem Buche streng
+hüten will, so ziehe ich doch in Zweifelsfällen die Unwahrheit der Lüge
+vor, weil ich Tugend höher schätze als Klugheit. Freilich wäre dieser
+Schaden leicht zu heilen, wenn Du Raphael selbst mündlich oder
+schriftlich fragen wolltest. Das mußt Du sowieso tun wegen eines anderen
+Bedenkens, das uns gekommen ist, ich weiß nicht, ob mehr durch meine
+oder Deine oder Raphaels eigene Schuld. Denn weder ist es uns in den
+Sinn gekommen, danach zu fragen, noch ihm, es uns zu sagen, in welcher
+Gegend jenes neuen Erdteils Utopia liegt. Wahrhaftig, wie gern würde ich
+mit etwas Geld von mir diese Unterlassung ungeschehen machen! Denn
+erstens schäme ich mich ein wenig, nicht zu wissen, in welchem Meere die
+Insel liegt, von der ich so viel zu berichten weiß; sodann aber gibt es
+bei uns den einen und den anderen, vor allem aber einen frommen
+Theologen von Beruf, der darauf brennt, Utopia zu besuchen, nicht aus
+eitlem und neugierigem Verlangen, Neues zu sehen, sondern um die
+verheißungsvollen Keime unserer Religion dort zu pflegen und noch zu
+vermehren. Um dabei ordnungsgemäß zu verfahren, hat er beschlossen, sich
+vorher einen Missionsauftrag vom Papste zu verschaffen und sich von den
+Utopiern sogar zum Bischof wählen zu lassen. Dabei stört es ihn durchaus
+nicht, daß er sich um dieses Vorsteheramt erst bewerben müßte.
+Allerdings ist sein Ehrgeiz, wie er meint, deshalb gottgefällig, weil er
+nicht durch Rücksicht auf Ehre oder Gewinn, sondern durch Rücksicht auf
+die Religion bedingt ist.
+
+Deshalb wende Dich, mein Peter, ich bitte Dich darum, entweder mündlich,
+wenn es Dir ohne Umstände möglich ist, oder brieflich an Hythlodeus und
+sorge dafür, daß in diesem meinen Werke nichts Falsches steht oder
+nichts Wahres vermißt wird. Und vielleicht ist es besser, ihm das Buch
+selbst zu zeigen. Einerseits nämlich ist niemand anders ebenso imstande,
+einen etwaigen Irrtum zu berichtigen, anderseits kann er das selbst auch
+nur, wenn er durchliest, was ich geschrieben habe. Außerdem wirst Du auf
+diese Weise merken, ob er damit einverstanden ist, daß ich dieses Buch
+schreibe, oder ob er ärgerlich darüber ist. Falls er sich nämlich
+vorgenommen hat, seine Abenteuer selbst aufzuzeichnen, so möchte er
+vielleicht nicht -- und ich bestimmt auch nicht --, daß ich ihm Duft und
+Reiz seiner Erzählung im voraus wegnehme, indem ich den Staat Utopia
+allgemein bekanntwerden lasse. Allerdings bin ich, wenn ich ganz offen
+sein soll, auch mir selber noch nicht recht im klaren, ob ich das Buch
+überhaupt erscheinen lasse. Denn der Geschmack der Menschen ist so
+verschieden, und manche sind so eigensinnig, so undankbar und so
+unsinnig in ihrem Urteil, daß offenbar die Leute viel glücklicher sind,
+die in Freude und Frohsinn ihr eigenes Ich befriedigen, als diejenigen,
+die sich zermürben in dem Bestreben, etwas zu veröffentlichen, was für
+andere, die wählerisch oder undankbar sind, ein Nutzen oder ein
+Vergnügen sein könnte. Die meisten haben keinen Sinn für literarische
+Dinge; viele verachten sie; ein Barbar lehnt alles als schwer ab, was
+nicht gänzlich barbarisch ist; gelehrte Pedanten verschmähen alles als
+abgegriffen, was nicht von veralteten Ausdrücken strotzt; manchen
+gefällt nur das Alte, den meisten nur das eigene Wissen. Dieser ist so
+mürrisch, daß er von Scherzen nichts wissen will, dieser wieder so fade,
+daß er keine Witze verträgt; manche sind so plattnasig, daß sie jedes
+Naserümpfen scheuen wie ein von einem tollen Hund Gebissener das Wasser,
+andere wieder sind so wetterwendisch, daß sie im Sitzen etwas anderes
+gelten lassen als im Stehen. Manche sitzen in den Kneipen, urteilen am
+Biertisch über die Talente der Schriftsteller und verurteilen sie mit
+großem Nachdruck, ganz wie es ihnen beliebt, indem sie einen jeden in
+seinen Schriften gleichsam beim Schopfe nehmen und ihn zausen, wobei sie
+selbst aber vor der Hand in Sicherheit und, wie man so sagt, weit vom
+Schuß sind. Denn rundum sind sie so glatt und kahlgeschoren, daß sie
+auch nicht ein Härchen eines guten Mannes an sich haben, an dem man sie
+fassen könnte. Ferner gibt es Leute, die so undankbar sind, daß sie sich
+zwar ausgiebig an einem Werke ergötzen, dem Verfasser aber trotzdem
+keine größere Liebe entgegenbringen. Sie ähneln den unhöflichen Gästen,
+die sich mit einem üppigen Mahle bewirten lassen und dann gesättigt
+heimgehen, ohne dem, der sie eingeladen hat, ein Wort des Dankes zu
+sagen. Nun geh hin und richte für Leute mit so verwöhntem Gaumen, von so
+verschiedenem Geschmack und noch dazu von so dankbarer und lieber
+Gesinnung auf Deine eigenen Kosten ein Mahl her!
+
+Aber gleichwohl, mein Peter, besprich, was ich Dir gesagt habe, mit
+Hythlodeus! Später aber kann man sich ja diese Frage der
+Veröffentlichung noch einmal überlegen. Sollte er indessen nichts
+dagegen haben, so will ich bei dem, was die Herausgabe noch erfordert,
+dem Rate meiner Freunde folgen und vor allem Deinem, da ich nun einmal
+die Mühe des Schreibens hinter mir habe und jetzt erst verspätet zur
+Einsicht komme. Lebe wohl, mein liebster Peter Ägid, nebst Deiner guten
+Frau und behalte mich auch weiterhin lieb, da ja auch ich Dich noch
+lieber habe, als es sonst meine Gewohnheit ist!
+
+
+
+
+ERSTES BUCH
+
+Rede des trefflichen Raphael Hythlodeus über den besten Zustand des
+Staates, veröffentlicht von dem erlauchten Thomas Morus, Bürger und
+Vicecomes der rühmlich bekannten britischen Hauptstadt London.
+
+
+Kürzlich hatte der siegreiche König von England Heinrich, der achte
+dieses Namens, ein mit allen Tugenden eines hervorragenden Fürsten
+gezierter Herrscher, einige nicht belanglose Meinungsverschiedenheiten
+mit Karl, dem erhabenen König von Kastilien. Zu den Verhandlungen
+darüber und zur Beilegung dieser Streitigkeiten schickte mich König
+Heinrich als Abgesandten nach Flandern, und zwar zusammen mit dem
+unvergleichlichen Cuthbert Tunstall, den der König erst kürzlich unter
+überaus starkem und allgemeinem Beifall mit dem Amte des Archivars
+betraut hat. Über seine Vorzüge will ich nichts sagen, nicht als ob ich
+fürchtete, infolge unserer Freundschaft könnte mein Urteil zu wenig den
+Tatsachen entsprechen, sondern weil seine Tüchtigkeit und Gelehrsamkeit
+größer ist, als ich sie rühmen könnte, und außerdem überall bekannter
+und berühmter, als daß sie noch gerühmt zu werden brauchte, ich müßte
+denn, wie man sagt, die Sonne mit der Laterne zeigen wollen. In Brügge
+trafen wir -- so war es verabredet -- die Beauftragten des Königs Karl,
+alles treffliche Männer. Unter ihnen befand sich der Präfekt von Brügge,
+ein hochangesehener Mann, der Führer und das Haupt der Abordnung; ihr
+Sprecher und ihre Seele jedoch war Georg Temsicius, der Propst von
+Cassel, ein Redner von einer nicht nur erworbenen, sondern auch
+angeborenen Beredsamkeit, außerdem ein überaus erfahrener Jurist und im
+Verhandeln ein vortrefflicher Meister durch seine Begabung und
+beständige Praxis. Ein und das andere Mal kamen wir zusammen, ohne in
+gewissen Fragen eine rechte Einigung zu erzielen. Da verabschiedeten
+sich die anderen für einige Tage von uns und reisten nach Brüssel, um
+sich bei ihrem Fürsten Bescheid zu holen. Inzwischen begab ich mich --
+die Geschäfte brachten es so mit sich -- nach Antwerpen. Während meines
+Aufenthaltes dort kam häufig außer anderen, aber immer als liebster
+Besucher, Peter Ägid aus Antwerpen zu mir. Er genießt großes Vertrauen
+bei seinen Landsleuten und nimmt eine angesehene Stellung ein, verdient
+aber die angesehenste. Man weiß nämlich nicht, wodurch sich der junge
+Mann mehr auszeichnet, ob durch seine Bildung oder seinen Charakter; ist
+er doch ein sehr guter Mensch und zugleich ein großer Gelehrter,
+außerdem ein Mann von lauterer Gesinnung gegen alle, seinen Freunden
+gegenüber aber von solcher Herzlichkeit, Liebe, Treue und aufrichtigen
+Neigung, daß man kaum einen oder den anderen irgendwo findet, den man
+als einen ihm in jeder Beziehung gleichwertigen Freund bezeichnen
+möchte. Er besitzt eine seltene Bescheidenheit; niemandem liegt
+Verstellung so fern wie ihm; niemand ist schlichter und zugleich
+klüger. Ferner kann er sich so gefällig und harmlos-witzig unterhalten,
+daß der so angenehme Umgang und die so liebe Plauderei mit ihm zu einem
+großen Teile mich die Sehnsucht nach der Heimat und dem heimischen Herd,
+nach meiner Frau und meinen Kindern leichter ertragen ließ; denn schon
+damals war ich über vier Monate von daheim fort, und in überaus
+beängstigender Weise quälte mich das Verlangen, sie wiederzusehen.
+
+Eines Tages hatte ich in der wunderschönen und vielbesuchten
+Liebfrauenkirche am Gottesdienst teilgenommen und schickte mich an, nach
+Beendigung der Feier von dort in meine Herberge zurückzukehren, da sehe
+ich Peter zufällig sich mit einem Fremden unterhalten, einem älteren
+Manne mit sonnverbranntem Gesicht und langem Bart. Der Mantel hing ihm
+nachlässig von der Schulter herab, und seinem Aussehen und seiner
+Kleidung nach war er ein Seemann. Sobald mich Peter erblickte, kam er
+auf mich zu und grüßte. Als ich antworten wollte, nahm er mich ein wenig
+beiseite und fragte: »Siehst du den da?« Dabei zeigte er auf den, mit
+dem ich ihn hatte sprechen sehen. »Den wollte ich gerade jetzt zu dir
+bringen.« -- »Er wäre mir sehr willkommen gewesen«, antwortete ich, »und
+zwar deinetwegen.« -- »Nein«, sagte er, »vielmehr seinetwegen, wenn du
+den Mann nur schon kenntest. Denn niemand in der ganzen Welt kann dir
+heutzutage so viel von unbekannten Menschen und Ländern erzählen, und,
+wie ich weiß, bist du ja ganz versessen darauf, so etwas zu hören.« --
+»Also war meine Vermutung«, sagte ich, »gar nicht so falsch. Denn gleich
+auf den ersten Blick habe ich ihn als Seemann erkannt.« -- »Und doch
+hast du dich stark geirrt; er fährt wenigstens nicht als Palinurus,
+sondern als Odysseus oder vielmehr als Plato. Denn dieser Raphael -- so
+heißt er nämlich, und sein Familienname ist Hythlodeus -- ist nicht
+wenig bewandert im Lateinischen und sehr bewandert im Griechischen, und
+zwar hat er die griechische Sprache deshalb mehr getrieben als die der
+Römer, weil er sich ganz der Philosophie gewidmet und erkannt hatte, daß
+auf dem Gebiete der Philosophie im Lateinischen nichts von irgendwelcher
+Bedeutung vorhanden ist außer einigem von Seneca und Cicero. Dann
+überließ er sein vom Vater ererbtes Gut, in dem er wohnte, seinen
+Brüdern, schloß sich -- er ist nämlich Portugiese -- dem Amerigo
+Vespucci an, um sich die Welt anzusehen, und war dessen ständiger
+Begleiter auf den drei letzten seiner vier Seereisen, die man schon hier
+und da gedruckt lesen kann. Von der letzten jedoch kehrte er nicht mit
+ihm zurück. Er bemühte sich vielmehr darum und erpreßte von Amerigo die
+Erlaubnis, zu jenen vierundzwanzig zu gehören, die am Ende der letzten
+Seereise in einem Kastell zurückgelassen wurden. So blieb er denn dort
+zurück, entsprechend seiner Sinnesart, die mehr nach einem Aufenthalte
+in fremdem Lande als nach einem Grabmale verlangt. Führt er doch dauernd
+solche Sprüche im Munde wie 'Unter dem Himmelsgewölbe ruht, wer keine
+Urne hat' und 'Zum Himmel ist es von überall her gleich weit'. Dieser
+Wagemut wäre ihm ohne Gottes gnädigen Beistand nur allzu teuer zu stehen
+gekommen. Nach Vespuccis Abreise durchstreifte er dann zusammen mit fünf
+Kameraden aus dem Kastell zahlreiche Länder und gelangte schließlich
+durch einen wunderbaren Zufall nach Taprobane und von dort nach
+Caliquit. Hier hatte er das Glück, portugiesische Schiffe anzutreffen,
+auf denen er schließlich wider Erwarten heimkehrte.«
+
+Als Peter mit seiner Erzählung fertig war, dankte ich ihm für seine
+Gefälligkeit und seine Bemühungen, mir die Unterhaltung mit einem Manne
+zu ermöglichen, die mir seiner Meinung nach willkommen war, und wandte
+mich Raphael zu. Wir begrüßten einander, wechselten jene bei der ersten
+Begegnung mit Fremden allgemein üblichen Redensarten und gingen dann in
+meine Wohnung. Hier setzten wir uns im Garten auf eine Rasenbank und
+fingen an, miteinander zu plaudern.
+
+Da erzählte uns denn Raphael, wie er es zusammen mit seinen im Kastell
+zurückgebliebenen Kameraden nach Vespuccis Abreise angestellt habe,
+durch Freundlichkeiten und Schmeicheleien allmählich die Zuneigung der
+Eingeborenen zu gewinnen, nicht nur ohne Gefahr, sondern auch in
+Freundschaft unter ihnen zu leben und damit auch noch die Gunst und
+Wertschätzung eines Fürsten -- sein und seines Landes Name sei ihm
+entfallen -- zu erlangen. In seiner Freigebigkeit -- so erzählte er
+weiter -- versah dieser ihn und fünf seiner Kameraden reichlich mit
+Lebensmitteln und Geld für eine Expedition, die sie dann zu Wasser mit
+Fahrzeugen und zu Lande mit Wagen unternahmen und auf der sie ein höchst
+zuverlässiger Führer zu anderen Fürsten geleitete, an die sie warme
+Empfehlungsschreiben mithatten. Dann gelangten sie nach einer Reise von
+vielen Tagen zu festen Plätzen, Städten und gar nicht schlecht
+eingerichteten volkreichen Staaten. Zwar liegen unter dem Äquator, wie
+Raphael erzählte, und von da aus auf beiden Seiten etwa bis zur Grenze
+der Sonnenbahn wüste und der dörrenden Sonnenglut dauernd ausgesetzte
+Einöden: Unwirtlichkeit ringsum und ein trostloser Anblick, abschreckend
+alles und unkultiviert, Schlupfwinkel von wilden Tieren und Schlangen
+oder schließlich auch von Menschen, die Bestien weder an Wildheit noch
+an Gefährlichkeit nachstehen. Fährt man aber weiter, so wird alles
+allmählich milder: das Klima weniger rauh, die Erde von einladendem Grün
+schimmernd, zahmer die Natur der Lebewesen. Endlich bekommt man
+Menschen, Städte und feste Plätze zu Gesicht, und unter ihnen herrscht
+ein ununterbrochener Handelsverkehr, nicht nur untereinander und mit den
+Nachbarn, sondern auch mit fernen Völkern, und zwar zu Wasser und zu
+Lande.
+
+Dadurch bot sich für Raphael die Gelegenheit, viele Länder diesseits und
+jenseits des Meeres zu besuchen; denn jedes Schiff, das ausgerüstet
+wurde, nahm ihn und seine Begleiter sehr gern mit. Wie er erzählte,
+hatten die Schiffe, die sie in den ersten Ländern zu sehen bekamen,
+flache Kiele und Segel aus zusammengenähten Papyrusblättern oder aus
+Weidengeflecht, anderswo auch aus Häuten. Auf der Weiterfahrt begegneten
+sie Schiffen mit spitzgeschnäbelten Kielen und Segeln aus Hanf; am Ende
+war alles so wie bei uns. Die Seeleute waren nicht unerfahren in Meeres-
+und Himmelskunde. Aber einen außerordentlichen Dank erntete Raphael
+dafür, daß er sie im Gebrauch des Kompasses unterwies, den sie bis dahin
+überhaupt noch nicht kannten. Deshalb hatten sie sich auch nur zaghaft
+ans Meer gewöhnt und vertrauten sich ihm nicht ohne Grund nur im Sommer
+an. Jetzt aber achten die Seeleute im Vertrauen auf den Magnetstein die
+Gefahren des Winters gering, allerdings mehr sorglos als gefahrlos.
+Daher besteht die Gefahr, diese Erfindung, die ihnen, wie man glaubte,
+großen Vorteil bringen werde, könne infolge ihrer Unvorsichtigkeit große
+Schäden verursachen.
+
+Was Raphael an den einzelnen Orten, wie er erzählte, gesehen hat, das
+alles hier mitzuteilen, würde zu weit führen und ist auch nicht der
+Zweck dieses Buches. Vielleicht werde ich es einmal an anderer Stelle
+erzählen, besonders alles das, dessen Kenntnis von Nutzen ist, wie z. B.
+in erster Linie die richtigen und klugen politischen Maßnahmen, die er
+bei gesitteten Völkern wahrgenommen hat. In betreff dieser Dinge
+befragten wir ihn nämlich am meisten, und über sie sprach er auch am
+liebsten, während wir es vorläufig unterließen, uns nach Ungeheuern zu
+erkundigen, dem Langweiligsten, das es gibt. Denn Scyllen und
+räuberische Celänonen, menschenfressende Lästrygonen und dergleichen
+abscheuliche Ungeheuer sind fast überall zu finden, aber Bürger, die in
+einem vernünftig und weise geleiteten Staate leben, wohl nirgends. Wenn
+er nun aber auch bei jenen unbekannten Völkern viele verkehrte
+Einrichtungen wahrgenommen hat, so hat er doch auch nicht weniges
+aufgezählt, was als Beispiel dienen kann, die Fehler unserer Städte,
+Nationen, Völker und Herrschaften zu verbessern, und worüber ich, wie
+gesagt, an anderer Stelle einmal sprechen muß. Jetzt will ich nur seinen
+Bericht über Sitten und Einrichtungen der Utopier wiedergeben, wobei
+ich jedoch das Gespräch vorausschicke, in dessen Verlauf ihn eine
+Wendung dazu veranlaßte, diesen Staat zu erwähnen.
+
+Mit großer Klugheit hatte Raphael aufgezählt, was hier und dort falsch
+war -- sicherlich war es sehr viel auf beiden Seiten des Ozeans --, dann
+aber auch, welche Maßnahmen bei uns und ebenso bei jenen anderen
+verständiger sind. Er hatte nämlich Sitten und Einrichtungen eines jeden
+Volkes so fest im Gedächtnis, als hätte er an jedem von ihm besuchten
+Orte sein ganzes Leben zugebracht. Da staunte Peter und meinte: »Ich muß
+mich in der Tat wundern, mein Raphael, daß du nicht in die Dienste eines
+Königs trittst; denn das weiß ich zur Genüge: es gibt keinen, dem du
+nicht sehr willkommen wärest, da du es mit diesem deinen Wissen und
+dieser deiner Kenntnis von Gegenden und Menschen verstehst, ihn nicht
+bloß zu unterhalten, sondern auch durch Beispiele zu belehren und ihm
+mit deinem Rat zu helfen. Auf diese Weise könntest du für dich selbst
+ausgezeichnet sorgen und zugleich allen deinen Angehörigen sehr nützen.«
+
+»Was meine Angehörigen betrifft«, erwiderte Raphael, »so kümmern die
+mich wenig; ihnen gegenüber habe ich nämlich, wie ich glaube, meine
+Pflicht so ziemlich erfüllt. Denn was andere erst, wenn sie alt und
+krank sind, abtreten, ja sogar auch dann nur ungern, wenn sie es nicht
+länger behalten können, das habe ich unter meine Verwandten und Freunde
+verteilt, und zwar zu einer Zeit, da ich nicht mehr bloß gesund und
+frisch war, sondern sogar schon in jungen Tagen. Sie müßten also, meine
+ich, mit meiner Freigebigkeit eigentlich zufrieden sein und dürften
+nicht außerdem noch verlangen und erwarten, daß ich mich ihretwegen
+einem König als Knecht verdinge.«
+
+»Halt!« sagte da Peter. »Ich meinte, du solltest nicht ein Knecht,
+sondern ein Diener von Königen werden.«
+
+»Das ist nur ein ganz kleiner Unterschied«, antwortete Raphael.
+
+»Wie du die Sache auch nennen magst«, sagte da Peter, »ich bin
+jedenfalls der Ansicht, daß das der Weg ist, nicht nur anderen in
+persönlichem und öffentlichem Interesse zu nützen, sondern auch deine
+eigene Lage glücklicher zu gestalten.«
+
+»Glücklicher? auf einem Wege, vor dem mir graut?« fragte Raphael. »Jetzt
+lebe ich, ganz wie es mir beliebt, und das ist, wie ich sicher vermute,
+bei den wenigsten Fürstendienern der Fall. Es gibt ja auch genug Leute,
+die sich um die Freundschaft der Mächtigen bemühen. Da sollte man es
+nicht für einen großen Verlust halten, wenn diese auf mich und den einen
+oder den anderen meinesgleichen verzichten müssen.«
+
+»Es ist klar, mein Raphael«, erwiderte ich, »daß du weder nach Reichtum
+noch nach Macht verlangst. Und fürwahr, einen Mann von dieser deiner
+Gesinnung verehre und achte ich nicht weniger als irgendeinen der
+Mächtigsten. Indessen wirst du, wie mir scheint, durchaus deiner selbst
+und deiner edlen Gesinnung, ja eines wahren Philosophen würdig handeln,
+wenn du es fertig brächtest, selbst unter Verzicht auf etwas persönliche
+Bequemlichkeit, deine Begabung und deinen Eifer dem Wohle des
+Gemeinwesens zu widmen. Das könntest du aber niemals mit so großem
+Erfolge tun, als wenn du zum Rate eines großen Fürsten gehörtest und ihm
+richtige und gute Ratschläge erteiltest, und das würdest du ja, wie ich
+sicher weiß, tun. Denn ein Fürst ist gleichsam ein nie versiegender
+Quell, von dem sich ein Sturzbach alles Guten und Bösen auf das ganze
+Volk ergießt. Dein theoretisches Wissen aber ist so vollkommen, daß du
+gar keine große praktische Erfahrung nötig hast, und deine
+Lebenserfahrung anderseits so groß, daß du gar kein theoretisches Wissen
+brauchst, um einen ausgezeichneten Ratgeber jedes beliebigen Königs
+abzugeben.«
+
+»Da befindest du dich in einem doppelten Irrtum, mein lieber Morus«,
+erwiderte Raphael, »einmal hinsichtlich meiner und sodann hinsichtlich
+der Sache selbst. Ich besitze nämlich gar nicht die Fähigkeit, die du
+mir zuschreibst, und auch wenn ich sie im höchsten Grade besäße, würde
+ich doch selbst durch den Verzicht auf meine Muße den Interessen des
+Staates in keinerlei Weise dienen. Erstens nämlich beschäftigen sich die
+Fürsten selbst alle zumeist lieber mit militärischen Dingen, von denen
+ich nichts verstehe und auch nichts verstehen möchte, als mit den
+segensreichen Künsten des Friedens, und weit größer ist ihr Eifer, sich
+durch Recht oder Unrecht neue Reiche zu erwerben als die schon
+erworbenen gut zu verwalten. Ferner ist von allen Ratgebern der Könige
+jeder entweder in Wahrheit so weise, daß er den Rat eines anderen nicht
+braucht, oder er dünkt sich so weise, daß er ihn nicht gutheißen mag.
+Dabei pflichten sie unter schmarotzerischen Schmeicheleien den
+ungereimtesten Äußerungen derer bei, die bei dem Fürsten in höchster
+Gunst stehen und die sie sich deshalb durch ihre Zustimmung
+verpflichten wollen. Und gewiß ist es ganz natürlich, daß einem jeden
+seine eigenen Einfälle zusagen. So findet der Rabe ebenso wie der Affe
+am eigenen Jungen seinen Gefallen. Wenn aber jemand im Kreise jener
+Leute, die auf fremde Meinungen eifersüchtig sind oder die eigenen
+vorziehen, etwas vorbringen sollte, das, wie er gelesen hat, zu anderer
+Zeit vorgekommen ist oder das er anderswo gesehen hat, so benehmen sich
+die Zuhörer gerade so, als ob der ganze Ruf ihrer Weisheit gefährdet
+wäre und als ob man sie danach für Narren halten müßte, wenn sie nicht
+imstande sind, etwas zu finden, was sie an dem von den anderen
+Gefundenen schlecht machen können. Wenn sie keinen anderen Ausweg
+wissen, so nehmen sie ihre Zuflucht zu Redensarten wie: So hat es
+unseren Vorfahren gefallen; wären wir doch ebenso klug wie sie! Und nach
+einem solchen Ausspruch setzen sie sich hin, als hätten sie damit die
+Sache völlig und trefflich erledigt. Gerade als ob es eine große Gefahr
+bedeutete, wenn sich jemand dabei ertappen läßt, in irgend etwas
+gescheiter zu sein als seine Vorfahren! Und doch lassen wir alle ihre
+guten Einrichtungen mit großem Gleichmut gelten; wenn sie aber bei
+irgend etwas hätten klüger zu Werke gehen können, so ergreifen wir
+sofort gierig diese Gelegenheit und halten hartnäckig daran fest. Das
+ist auch die Quelle dieser hochmütigen, sinnlosen und eigensinnigen
+Urteile, auf die ich schon oft gestoßen bin, besonders aber auch einmal
+in England.«
+
+»Hör einmal!« rief ich da, »du bist auch bei uns gewesen?«
+
+»Allerdings«, antwortete er, »und zwar habe ich mich dort einige Monate
+aufgehalten, nicht lange nach jener Niederlage, die den Bürgerkrieg
+Westenglands gegen den König durch eine beklagenswerte Niedermetzelung
+der Aufständischen gewaltsam beendete. In jener Zeit hatte ich dem
+ehrwürdigen Vater Johannes Morton, dem Erzbischof von Canterbury,
+Kardinal und damals auch noch Lordkanzler von England, viel zu danken,
+einem Manne, lieber Peter -- dem Morus erzähle ich damit nichts
+Neues --, den man nicht weniger wegen seiner Klugheit und Tüchtigkeit
+als wegen seines Ansehens verehren muß. Er war von mittlerer Statur,
+sein Rücken war von seinem, wenn auch hohen Alter noch nicht gebeugt;
+seine Miene flößte Ehrfurcht, nicht Scheu ein. Im Verkehr war er nicht
+unzugänglich, aber doch ernst und würdevoll. Er fand ein Vergnügen
+daran, Bittsteller bisweilen etwas schroffer anzureden, aber nicht etwa
+in böser Absicht, sondern um die Sinnesart und Geistesgegenwart eines
+jeden auf die Probe zu stellen. Über letztere Eigenschaft, die ihm ja
+selber gleichsam angeboren war, freute er sich stets, wofern keine
+Unverschämtheit damit verbunden war, und sie schätzte er als geeignet zu
+der Führung der Geschäfte. Seine Rede zeugte von feiner Bildung und
+Energie; seine Rechtserfahrung war groß, seine Begabung unvergleichlich,
+sein Gedächtnis geradezu fabelhaft stark. Diese ausgezeichneten
+Naturanlagen vervollkommnete er noch durch Studium und Übung. Seinen
+Ratschlägen schenkte der König, wie es schien, während meiner
+Anwesenheit das größte Vertrauen, und sie waren eine starke Stütze für
+den Staat. Denn in frühester Jugend und gleich von der Schule weg an
+den Hof gebracht, war er sein ganzes Leben lang in den wichtigsten
+Geschäften tätig gewesen und von mannigfachen Schicksalsstürmen
+beständig hin und her geworfen worden, und dadurch hatte er sich unter
+vielen großen Gefahren eine Lebensklugheit erworben, die nur schwer
+wieder verlorengeht, wenn sie auf diese Weise gewonnen wird.
+
+Als ich eines Tages an seiner Tafel saß, wollte es der Zufall, daß einer
+von euren Laienjuristen zugegen war. Dieser begann -- ich weiß nicht,
+wie er darauf kam --, eifrig jene strenge Justiz zu loben, die man
+damals in England Dieben gegenüber übte. Wie er erzählte, wurden
+allenthalben bisweilen zwanzig an _einem_ Galgen aufgehängt. Da nur sehr
+wenige der Todesstrafe entgingen, wundere er sich, so meinte er, um so
+mehr, welch widriges Geschick daran schuld sei, daß sich trotzdem noch
+überall so viele herumtrieben. Da sagte ich -- vor dem Kardinal wagte
+ich es nämlich, offen meine Meinung zu äußern --: »Da brauchst du dich
+gar nicht zu wundern; denn diese Bestrafung der Diebe geht über das, was
+gerecht ist, hinaus und liegt nicht im Interesse des Staates.
+
+Als Sühne für Diebstähle ist die Todesstrafe nämlich zu grausam, und, um
+vom Stehlen abzuschrecken, ist sie trotzdem unzureichend. Denn
+einerseits ist einfacher Diebstahl doch kein so schlimmes Verbrechen,
+daß es mit dem Tode gebüßt werden müßte, anderseits aber gibt es keine
+so harte Strafe, diejenigen von Räubereien abzuhalten, die kein anderes
+Gewerbe haben, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen. Wie mir daher
+scheint, folgt ihr in dieser Sache -- wie ein guter Teil der Menschheit
+übrigens auch -- dem Beispiel der schlechten Lehrer, die ihre Schüler
+lieber prügeln als belehren. So verhängt man harte und entsetzliche
+Strafen über Diebe, während man viel eher dafür hätte sorgen sollen, daß
+sie ihren Unterhalt haben, damit sich niemand der grausigen
+Notwendigkeit ausgesetzt sieht, erst zu stehlen und dann zu sterben.«
+
+»Dafür ist ja doch zur Genüge gesorgt«, erwiderte er. »Wir haben ja das
+Handwerk und den Ackerbau. Beides würde sie ernähren, wenn sie nicht aus
+freien Stücken lieber Gauner sein _wollten_.«
+
+»Halt, so entschlüpfst du mir nicht!« antwortete ich. »Zunächst wollen
+wir nicht von denen reden, die, wie es häufig vorkommt, aus inneren oder
+auswärtigen Kriegen als Krüppel heimkehren wie vor einer Reihe von
+Jahren aus der Schlacht gegen die Cornwaller und unlängst aus dem Kriege
+mit Frankreich. Für den Staat oder für den König opfern sie ihre
+gesunden Glieder und sind nun zu gebrechlich, um ihren alten Beruf
+wieder auszuüben, und zu alt, um sich für einen neuen auszubilden. Diese
+Leute wollen wir also, wie gesagt, beiseite lassen, da es nur von Zeit
+zu Zeit zu einem Kriege kommt, und betrachten wir nur das, was
+tagtäglich geschieht!
+
+Da ist zunächst die so große Zahl der Edelleute. Selber müßig, leben sie
+wie die Drohnen von der Arbeit anderer, nämlich von der der Bauern auf
+ihren Gütern, die sie bis aufs Blut aussaugen, um ihre persönlichen
+Einkünfte zu erhöhen. Das ist nämlich die einzige Art von
+Wirtschaftlichkeit, die jene Menschen kennen; im übrigen sind sie
+Verschwender, und sollten sie auch bettelarm dadurch werden. Außerdem
+aber scharen sie einen gewaltigen Schwarm von Tagedieben um sich, die
+niemals ein Handwerk gelernt haben, mit dem sie sich ihr Brot verdienen
+könnten. Diese Leute wirft man sofort auf die Straße, sobald der
+Hausherr stirbt oder sie selbst krank werden; denn lieber füttert man
+Faulenzer durch als Kranke, und oft ist auch der Erbe gar nicht in der
+Lage, die väterliche Dienerschaft weiter zu halten. Inzwischen leiden
+jene Menschen tapfer Hunger oder treiben tapfer Straßenraub. Was sollten
+sie denn sonst auch tun? Haben nämlich erst einmal ihre Kleider und ihre
+Gesundheit durch das Herumstrolchen auch nur ein wenig gelitten, so mag
+sie, die infolge ihrer Krankheit von Schmutz starren und in Lumpen
+gehüllt sind, kein Edelmann mehr in Dienst nehmen. Aber auch die Bauern
+getrauen es sich nicht; denn sie wissen ganz genau: einer, der in
+Nichtstun und genießerischem Leben groß geworden und gewohnt ist, mit
+Schwert und Schild einherzustolzieren, mit von Eitelkeit umnebelter
+Miene auf seine gesamte Umgebung herabzublicken und jedermann im
+Vergleich mit sich zu verachten, eignet sich keineswegs dazu, einem
+armen Manne mit Hacke und Spaten für geringen Lohn und karge Kost treu
+zu dienen.«
+
+»Und doch müssen wir gerade diese Menschenklasse ganz besonders hegen
+und pflegen«, erwiderte der Rechtsgelehrte. »Denn gerade auf diesen
+Männern, die mehr Mut und Edelsinn besitzen als Handwerker und
+Landleute, beruht die Kraft und Stärke unseres Heeres, wenn es einmal
+nötig ist, sich im Felde zu schlagen.«
+
+»In der Tat«, antwortete ich, »ebenso gut könntest du sagen, um des
+Krieges willen müsse man die Diebe hegen und pflegen; denn an ihnen wird
+es euch ganz gewiß nie fehlen, solange ihr diese Menschenklasse noch
+habt. Und gewiß, Räuber sind keine feigen Soldaten und die Soldaten
+nicht die feigsten unter den Räubern: so gut passen diese Berufe
+zueinander. Indessen ist diese weitverbreitete Plage keine
+Eigentümlichkeit eures Volkes; sie ist nämlich fast allen Völkern
+gemeinsam. Frankreich z. B. sucht eine noch andere, verderblichere Pest
+heim: das ganze Land ist auch im Frieden -- wenn jener Zustand überhaupt
+Frieden ist -- von Söldnern überschwemmt und bedrängt. Sie sind aus
+demselben Grunde da, der euch bestimmt hat, die faulen Dienstleute
+hierzulande durchzufüttern, weil nämlich närrische Weise der Ansicht
+gewesen sind, das Staatswohl erfordere die ständige Bereitschaft einer
+starken und zuverlässigen Schutztruppe besonders altgedienter Soldaten;
+denn zu Rekruten hat man kein Vertrauen. Daher müssen sie schon deshalb
+auf einen Krieg bedacht sein, um geübte Soldaten zur Hand zu haben, und
+sie müssen sich nach Menschen umsehen, die kostenlos abgeschlachtet
+werden können, damit nicht, wie Sallust so fein sagt, Hand und Herz
+durch Untätigkeit zu erschlaffen beginnen.
+
+Wie verderblich es aber ist, derartige Bestien zu füttern, hat nicht
+bloß Frankreich zu seinem eigenen Schaden erfahren; auch das Beispiel
+der Römer, Karthager, Syrer und vieler anderer Völker beweist es. Bei
+diesen allen haben die stehenden Heere bald bei dieser und bald bei
+jener Gelegenheit nicht bloß die Regierung gestürzt, sondern auch das
+flache Land und sogar die festen Städte zugrunde gerichtet. Aber wie
+unnötig ist solch ein stehendes Heer! Das kann man schon daraus ersehen,
+daß auch die französischen Söldner, die doch durch und durch geübte
+Soldaten sind, sich nicht rühmen können, im Kampfe mit euren Aufgeboten
+sehr oft den Sieg davongetragen zu haben. Ich will jetzt nichts weiter
+sagen; es könnte sonst den Anschein erwecken, als wollte ich euch, die
+ihr hier zugegen seid, schmeicheln. Aber man kann gar nicht glauben, daß
+sich eure Handwerker in der Stadt und eure ungeschlachten Bauern auf dem
+Lande vor dem faulen Troß der Edelleute sehr fürchten außer denjenigen,
+denen es infolge ihrer körperlichen Schwäche an Kraft und Kühnheit fehlt
+oder deren Energie durch häusliche Not geschwächt wird. So wenig ist
+also zu befürchten, daß diese Leute etwa verweichlicht werden könnten,
+wenn sie für einen nützlichen Lebensberuf ausgebildet und in
+Männerarbeit geübt werden. Vielmehr erschlaffen jetzt ihre gesunden und
+kräftigen Körper -- die Edelleute geruhen nämlich, nur ausgesuchte Leute
+zugrunde zu richten -- durch Nichtstun, oder sie werden durch fast
+weibische Beschäftigung verweichlicht. Auf keinen Fall liegt es, will
+mir scheinen, -- wie es sich auch sonst mit dieser Sache verhalten mag
+-- im Interesse des Staates, nur für den Kriegsfall, den ihr doch nur
+habt, wenn ihr ihn haben wollt, eine unermeßliche Schar von Menschen
+dieser Sorte durchzufüttern, die den Frieden so gefährden, auf den man
+doch um so viel mehr bedacht sein sollte als auf den Krieg.
+
+Und doch ist das nicht der einzige Zwang zum Stehlen. Es gibt noch
+einen anderen, der euch, wie ich meine, in höherem Grade eigentümlich
+ist.«
+
+»Welcher ist das?« fragte der Kardinal.
+
+»Eure Schafe«, sagte ich. »Sie, die gewöhnlich so zahm und genügsam
+sind, sollen jetzt so gefräßig und wild geworden sein, daß sie sogar
+Menschen verschlingen sowie Felder, Häuser und Städte verwüsten und
+entvölkern. In all den Gegenden eures Reiches nämlich, wo die feinere
+und deshalb teurere Wolle gewonnen wird, genügen dem Adel und den
+Edelleuten und sogar bisweilen Äbten, heiligen Männern, die jährlichen
+Einkünfte und Erträgnisse nicht mehr, die ihre Vorgänger aus ihren
+Gütern erzielten. Nicht zufrieden damit, daß sie mit ihrem faulen und
+üppigen Leben der Allgemeinheit nichts nützen, sondern eher schaden,
+lassen sie kein Ackerland übrig, zäunen alles als Viehweiden ein, reißen
+die Häuser nieder, zerstören die Städte, lassen nur die Kirchen als
+Schafställe stehen und, gerade als ob bei euch die Wildgehege und
+Parkanlagen nicht schon genug Grund und Boden der Nutzbarmachung
+entzögen, verwandeln diese braven Leute alle bewohnten Plätze und alles
+sonst irgendwo angebaute Land in Einöden.
+
+Damit also ein einziger Verschwender, unersättlich und eine grausige
+Pest seines Vaterlandes, einige tausend Morgen zusammenhängenden
+Ackerlandes mit einem einzigen Zaun umgeben kann, vertreibt man Pächter
+von Haus und Hof. Entweder umgarnt man sie durch Lug und Trug oder
+überwältigt sie mit Gewalt; man plündert sie aus oder treibt sie, durch
+Gewalttätigkeiten bis zur Erschöpfung gequält, zum Verkauf ihrer Habe.
+So oder so wandern die Unglücklichen aus, Männer und Weiber, Ehemänner
+und Ehefrauen, Waisen, Witwen, Eltern mit kleinen Kindern oder mit einer
+Familie, weniger reich an Besitz als an Zahl der Personen, wie ja die
+Landwirtschaft vieler Hände bedarf. Sie wandern aus, sage ich, aus ihren
+vertrauten und gewohnten Heimstätten und finden keinen Zufluchtsort.
+Ihren gesamten Hausrat, der ohnehin keinen großen Erlös bringen würde,
+auch wenn er auf einen Käufer warten könnte, verkaufen sie um ein
+Spottgeld, wenn sie ihn sich vom Halse schaffen müssen. Ist dann der
+geringe Erlös in kurzer Zeit auf der Wanderschaft verbraucht, was bleibt
+ihnen dann schließlich anderes übrig, als zu stehlen und am Galgen zu
+hängen -- nach Recht und Gesetz natürlich -- oder sich herumzutreiben
+und zu betteln, obgleich sie auch dann als Vagabunden eingesperrt
+werden, weil sie herumlaufen, ohne zu arbeiten? Und doch will sie
+niemand als Arbeiter in Dienst nehmen, so eifrig sie sich auch anbieten.
+Denn mit der Landarbeit, an die sie gewöhnt sind, ist es vorbei, wo
+nicht gesät wird; genügt doch ein einziger Schaf- oder Rinderhirt als
+Aufsicht, um von seinen Herden ein Stück Land abweiden zu lassen, zu
+dessen Bestellung als Saatfeld viele Hände notwendig waren.
+
+So kommt es auch, daß an vielen Orten die Lebensmittel wesentlich teurer
+geworden sind. Ja, auch die Wolle ist so im Preis gestiegen, daß eure
+weniger bemittelten Tuchmacher sie überhaupt nicht mehr kaufen können
+und dadurch in der Mehrzahl arbeitslos werden. Nachdem man nämlich die
+Weideflächen so vergrößert hatte, raffte eine Seuche eine unzählige
+Menge Schafe hinweg, gleich als ob Gott die Habgier der Besitzer hätte
+bestrafen wollen mit der Seuche, die er unter ihre Schafe sandte und die
+-- so wäre es gerechter gewesen -- die Eigentümer selbst hätte treffen
+müssen. Mag aber auch die Zahl der Schafe noch so sehr zunehmen, der
+Preis der Wolle fällt nicht, weil der Handel damit, wenn man ihn auch
+nicht Monopol nennen darf, da ja nicht bloß einer verkauft, sicher doch
+ein Oligopol ist. Die Schafe befinden sich nämlich fast sämtlich in den
+Händen einiger weniger, und zwar eben der reichen Leute, die keine
+Notwendigkeit dazu drängt, eher zu verkaufen, als es ihnen beliebt, und
+es beliebt ihnen nicht eher, als bis sie beliebig teuer verkaufen
+können. Wenn ferner auch die übrigen Viehsorten in gleicher Weise im
+Preise gestiegen sind, so ist dafür derselbe Grund maßgebend, und zwar
+hierfür erst recht, weil sich nämlich nach Zerstörung der Bauernhöfe und
+nach Vernichtung der Landwirtschaft niemand mehr mit der Aufzucht von
+Jungvieh abgibt. Jene Reichen treiben nämlich nur Schafzucht, ziehen
+aber kein Rindvieh mehr auf. Sie kaufen vielmehr anderswo Magervieh
+billig auf, mästen es auf ihren Weiden und verkaufen es dann für viel
+Geld weiter. Und nur deshalb empfindet man, meine ich, den ganzen
+Schaden dieses Verfahrens noch nicht in vollem Umfange, weil jene bis
+jetzt die Preise nur dort hochgetrieben haben, wo sie verkaufen.
+Schaffen sie aber erst einmal eine Zeitlang das Vieh schneller fort, als
+es nachwachsen kann, so nimmt dann schließlich auch dort, wo es
+aufgekauft wird, der Bestand allmählich ab, und es entsteht dann durch
+starken Mangel notwendigerweise eine Notlage. So hat die ruchlose
+Habgier einiger weniger das, was das ganz besondere Glück dieser eurer
+Insel zu sein schien, gerade euer Verderben werden lassen. Denn diese
+Verteuerung der Lebensmittel ist für einen jeden der Anlaß, soviel
+Dienerschaft wie möglich zu entlassen: wohin, so frage ich, wenn nicht
+zur Bettelei oder, wozu man ritterliche Gemüter leichter überreden kann,
+zur Räuberei?
+
+Was soll man aber dazu sagen, daß sich zu dieser elenden Verarmung und
+Not noch lästige Verschwendungssucht gesellt? Denn sowohl die
+Dienerschaft des Adels wie die Handwerker und fast ebenso die Bauern
+selbst, ja, alle Stände überhaupt, treiben viel übermäßigen Aufwand in
+Kleidung und zu großen Luxus im Essen. Denke ferner an die Kneipen,
+Bordelle und an die andere Art von Bordellen, ich meine die Weinschenken
+und die Bierhäuser, schließlich an die so zahlreichen nichtsnutzigen
+Spiele, wie Würfelspiel, Karten, Würfelbecher, Ball-, Kugel- und
+Scheibenspiel! Treibt nicht alles dies seine Anbeter geradeswegs zum
+Raube auf die Straße, sobald sie ihr Geld vertan haben?
+
+Bekämpft diese verderblichen Seuchen! Trefft die Bestimmung, daß
+diejenigen, die die Gehöfte und ländlichen Siedlungen zerstört haben,
+sie wieder aufbauen oder denen abtreten, die zum Wiederaufbau bereit
+sind und bauen _wollen_! Schränkt jene üblen Aufkäufe der Reichen und
+die Freiheit ihres Handels ein, der einem Monopol gleichkommt! Die Zahl
+derer, die vom Müßiggang leben, soll kleiner werden; der Ackerbau soll
+wieder aufleben; die Wollspinnerei soll wieder in Gang kommen, damit es
+eine ehrbare Beschäftigung gibt, durch die jene Schar von Tagedieben
+einen nutzbringenden Erwerb findet, sie, die die Not bisher zu Dieben
+gemacht hat oder die jetzt Landstreicher oder müßige Dienstmannen sind
+und ohne Zweifel dereinst Diebe sein werden! Soviel steht fest: wenn ihr
+diesen Übelständen nicht abhelft, so mögt ihr euch umsonst eurer
+Gerechtigkeit bei der Bestrafung von Diebstählen rühmen! Eure Justiz
+blendet wohl durch den Schein, aber gerecht oder nützlich ist sie nicht.
+Wenn ihr den Menschen eine klägliche Erziehung zuteil werden und ihren
+Charakter von zarter Jugend an allmählich verderben laßt, um sie
+offenbar erst dann zu bestrafen, wenn sie als Erwachsene die Schandtaten
+begehen, die man von Kindheit an bei ihnen dauernd erwartet hat, was tut
+ihr da anderes, ich bitte euch, als daß ihr sie erst zu Dieben macht und
+dann bestraft?«
+
+Schon während ich so sprach, hatte sich jener Rechtsgelehrte zum Reden
+fertig gemacht und sich entschlossen, jene übliche Methode der
+Schuldisputanten anzuwenden, die sorgfältiger wiederholen als antworten;
+in dem Grade macht für sie ihr Gedächtnis einen guten Teil ihres Ruhmes
+aus. »Was du da sagst, klingt in der Tat recht hübsch«, erwiderte er.
+»Freilich darf man nicht vergessen, daß du als Fremder über diese Dinge
+mehr nur etwas hast hören als genau erforschen können, was ich mit
+wenigen Worten beweisen werde. Und zwar will ich zuerst deine
+Ausführungen der Reihe nach durchgehen; sodann will ich zeigen, worin du
+dich infolge von Unkenntnis unserer Verhältnisse getäuscht hast; zum
+Schluß will ich alle deine Thesen entkräften und widerlegen.
+
+Um also mit dem ersten Teile meines Versprechens zu beginnen, so hast
+du, wie mir scheint, ...«
+
+»Still!« rief da der Kardinal. »Da du nämlich so anfängst, wirst du, wie
+mir scheint, nicht mit einigen wenigen Worten nur antworten wollen.
+Deshalb soll dir für den Augenblick die Mühe zu antworten erspart
+bleiben. Wir wollen dir jedoch diese Verpflichtung uneingeschränkt für
+eure nächste Zusammenkunft aufheben, die ich schon morgen stattfinden
+lassen möchte, falls ihr, du und Raphael, nichts anderes vorhaben
+solltet. Inzwischen aber hätte ich von dir, mein Raphael, sehr gern
+gehört, warum du der Ansicht bist, Diebstahl sei nicht mit dem Tode zu
+bestrafen, und welche andere Strafe du selbst vorschlägst, die mehr dem
+öffentlichen Interesse entspricht; denn dafür, den Diebstahl einfach zu
+dulden, bist du doch gewiß auch nicht. Wenn man aber jetzt sogar trotz
+der Lebensgefahr das Stehlen nicht läßt, welche Gewalt oder welche
+Befürchtung könnte dann die Verbrecher abschrecken, nachdem ihnen erst
+einmal ihr Leben gesichert ist? Würden sie es nicht so auffassen, als ob
+die Milderung der Strafe sie gewissermaßen durch eine Prämie zum
+Verbrechen geradezu ermuntere?«
+
+»Ich bin durchaus der Ansicht, gütiger Vater«, erwiderte ich, »daß es
+ganz ungerecht ist, einem Menschen das Leben zu nehmen, weil er Geld
+gestohlen hat; denn auch sämtliche Glücksgüter können meiner Meinung
+nach ein Menschenleben nicht aufwiegen. Wollte man nun aber sagen, diese
+Strafe solle die Rechtsverletzung oder die Übertretung der Gesetze,
+nicht das gestohlene Geld aufwiegen, müßte man dann nicht erst recht
+jenes strengste Recht als größtes Unrecht bezeichnen? Denn weder darf
+man Gesetze nach Art eines Manlius billigen, so daß bei einer
+Gehorsamsverweigerung auch in den leichtesten Fällen sofort das Schwert
+zum Todesstreiche gezückt wird, noch so stoische Grundsätze, daß man die
+Vergehen alle als gleich beurteilt und der Ansicht ist, es sei kein
+Unterschied, ob einer einen Menschen tötet oder ihm nur Geld raubt,
+Vergehen, zwischen denen überhaupt keine Ähnlichkeit oder Verwandtschaft
+besteht, wenn Recht und Billigkeit überhaupt noch etwas gelten. Gott hat
+es verboten, jemanden zu töten, und wir töten so leichten Herzens um
+eines gestohlenen Sümmchens willen? Sollte es aber jemand so auffassen
+wollen, als ob jenes göttliche Gebot die Tötung eines Menschen nur
+insoweit verbiete, als sie nicht ein menschliches Gesetz gebietet, was
+steht dann dem im Wege, daß die Menschen auf dieselbe Weise unter sich
+festsetzen, inwieweit Unzucht zu dulden sei und Ehebruch und Meineid?
+Gott hat einem jeden die Verfügung nicht nur über ein fremdes, sondern
+sogar über das eigene Leben genommen; wenn aber menschliches
+Übereinkommen, sich unter gewissen Voraussetzungen gegenseitig töten zu
+dürfen, so viel gelten soll, daß es seine dienstbaren Geister von den
+Bindungen jenes Gebotes befreit und diese dann ohne jede göttliche
+Strafe Menschen ums Leben bringen dürfen, die Menschensatzung zu töten
+befiehlt, bleibt dann nicht jenes Gottesgebot nur insoweit in Geltung,
+als Menschenrecht es erlaubt? Und so wird es in der Tat dahin kommen,
+daß auf dieselbe Weise die Menschen festsetzen, inwieweit Gottes Gebote
+beachtet werden sollen! Und schließlich hat sogar das mosaische Gesetz,
+obwohl erbarmungslos und hart, da es für Sklavenseelen, und zwar für
+verstockte, erlassen war, den Diebstahl trotzdem nur mit Geld und nicht
+mit dem Tode bestraft. Wir wollen doch nicht glauben, daß Gott mit dem
+neuen Gesetz der Gnade, durch das er als Vater seinen Kindern gebietet,
+uns größere Freiheit gewährt hat, gegeneinander zu wüten!
+
+Das sind die Gründe, die ich gegen die Todesstrafe vorzubringen habe. In
+welchem Grade aber widersinnig und sogar verderblich für den Staat eine
+gleichmäßige Bestrafung des Diebes und des Mörders ist, das weiß, meine
+ich, jeder. Wenn nämlich der Räuber sieht, daß einem, der wegen bloßen
+Diebstahls verurteilt ist, keine geringere Strafe droht, als wenn der
+Betreffende außerdem noch des Mordes überführt wird, so veranlaßt ihn
+schon diese eine Überlegung zur Ermordung desjenigen, den er andernfalls
+nur beraubt hätte. Denn abgesehen davon, daß für einen, der ertappt
+wird, die Gefahr nicht größer ist, gewährt ihm der Mord sogar noch
+größere Sicherheit und mehr Aussicht, daß die Tat unentdeckt bleibt, da
+ja der, der sie anzeigen könnte, beseitigt ist. Während wir uns also
+bemühen, den Dieben durch allzu große Strenge Schrecken einzujagen,
+spornen wir sie dazu an, gute Menschen umzubringen.
+
+Was ferner die übliche Frage nach einer besseren Art der Bestrafung
+anlangt, so ist diese viel leichter zu finden als eine noch weniger
+gute. Warum sollten wir denn eigentlich an der Nützlichkeit jener
+Methode der Bestrafung von Verbrechen zweifeln, die, wie wir wissen, in
+alten Zeiten so lange den Römern zugesagt hat, die doch so große
+Erfahrung in der Staatsverwaltung besaßen? Diese pflegten nämlich
+überführte Schwerverbrecher zur Arbeit in den Steinbrüchen und
+Bergwerken zu verurteilen, wo sie dauernd Fesseln tragen mußten. Jedoch
+habe ich in dieser Beziehung auf meinen Reisen bei keinem Volke eine
+bessere Einrichtung gefunden als in Persien bei den sogenannten
+Polyleriten, einem ansehnlichen Volke mit einer recht verständigen
+Verfassung, das dem Perserkönig nur einen jährlichen Tribut zahlt, im
+übrigen aber unabhängig ist und nach eigenen Gesetzen lebt. Sie wohnen
+weitab vom Meere, sind fast ganz von Bergen eingeschlossen, begnügen
+sich in jeder Beziehung durchaus mit den Erträgnissen ihres Landes und
+pflegen mit anderen Völkern wenig Verkehr. Infolgedessen sind sie auch,
+einem alten Herkommen ihres Volkes entsprechend, nicht auf Erweiterung
+ihres Gebietes bedacht. Innerhalb dieses selbst aber bieten ihnen ihre
+Berge sowie das Geld, das sie dem Eroberer zahlen, mühelos Schutz vor
+jeder Gewalttat. Völlig frei vom Kriegsdienst, führen sie ein nicht
+ebenso glänzendes wie bequemes Leben in mehr Glück als Vornehmheit und
+Berühmtheit, ja nicht einmal dem Namen nach, meine ich, hinreichend
+bekannt außer in der Nachbarschaft. Wer nun bei den Polyleriten wegen
+Diebstahls verurteilt wird, gibt das Gestohlene dem Eigentümer zurück,
+nicht, wie es anderswo Brauch ist, dem Landesherrn, weil dieser nach
+ihrer Meinung auf das gestohlene Gut ebenso wenig Anspruch hat wie der
+Dieb selbst. Ist es aber abhanden gekommen, so ersetzt und bezahlt man
+seinen Wert aus dem Besitz der Diebe, den Rest behalten ihre Frauen und
+Kinder unverkürzt, und die Diebe selbst verurteilt man zu Zwangsarbeit.
+Nur wenn schwerer Diebstahl vorliegt, sperrt man sie ins Arbeitshaus, wo
+sie Fußfesseln tragen müssen; sonst behalten sie ihre Freiheit und
+verrichten ungefesselt öffentliche Arbeiten. Zeigen sie sich
+widerspenstig und zu träge, so legt man sie zur Strafe nicht in Fesseln,
+sondern treibt sie durch Prügel zur Arbeit an; Fleißige dagegen bleiben
+von Gewalttätigkeiten verschont; nur des Nachts schließt man sie in
+Schlafräume ein, nachdem man sie durch Namensaufruf kontrolliert hat.
+Die dauernde Arbeit ist die einzige Unannehmlichkeit in ihrem Leben.
+Ihre Verpflegung ist nämlich nicht kärglich. Für diejenigen, die
+öffentliche Arbeiten verrichten, wird sie aus öffentlichen Mitteln
+bestritten, und zwar in den einzelnen Gegenden auf verschiedene Weise.
+Hier und da nämlich deckt man den Aufwand für sie aus Almosen; wenn
+diese Methode auch unsicher ist, so bringt doch bei der mildtätigen
+Gesinnung jenes Volkes keine andere einen reicheren Ertrag. Anderswo
+wieder sind gewisse öffentliche Einkünfte für diesen Zweck bestimmt. In
+manchen Gegenden findet dafür auch eine feste Kopfsteuer Verwendung. Ja,
+an einigen Orten verrichten die Sträflinge keine Arbeit für die
+Öffentlichkeit, sondern, wenn ein Privatmann Lohnarbeiter braucht, so
+mietet er die Arbeitskraft eines beliebigen von ihnen auf dem Markte für
+den betreffenden Tag und zahlt dafür einen festgesetzten Lohn, nur etwas
+weniger, als er für freie Lohnarbeit würde zahlen müssen. Außerdem steht
+ihm das Recht zu, faule Sklaven zu peitschen. Auf diese Weise haben sie
+niemals Mangel an Arbeit, und außer seinem Lebensunterhalt verdient
+jeder täglich noch etwas, was er an die Staatskasse abführt. Sie allein
+sind alle in eine bestimmte Farbe gekleidet und tragen das Haar nicht
+vollständig geschoren, sondern nur ein Stück über den Ohren
+verschnitten, und das eine Ohr ist etwas gestutzt. Speise, Trank und
+Kleidung von seiner Farbe darf sich jeder von seinen Freunden geben
+lassen; wer dagegen ein Geldgeschenk gibt oder annimmt, wird mit dem
+Tode bestraft; und nicht weniger gefährlich ist es auch für einen
+Freien, aus irgendeinem Grunde von einem Sträfling Geld anzunehmen, und
+ebenso für die Sklaven -- so nennt man nämlich die Sträflinge --, Waffen
+anzurühren. Jede Landschaft macht ihre Sklaven durch ein eigenes,
+unterscheidendes Zeichen kenntlich, das abzulegen bei Todesstrafe
+verboten ist. Dieselbe Strafe trifft auch den, der sich außerhalb seines
+Bezirks sehen läßt oder mit einem Sklaven eines anderen Bezirks ein Wort
+spricht. Die Planung einer Flucht ist ebenso gefährlich wie ihre
+Ausführung; schon von einem solchen Plane gewußt zu haben, bedeutet für
+den Sklaven den Tod und für den Freien Knechtschaft. Dagegen sind auf
+Anzeigen Preise ausgesetzt, und zwar erhält ein Freier Geld, ein Sklave
+dagegen die Freiheit; beiden aber gewährt man Verzeihung und
+Straflosigkeit, auch wenn sie von der Sache gewußt haben. Dadurch will
+man verhüten, daß es mehr Sicherheit bietet, auf einem schlimmen Plane
+zu beharren als ihn zu bereuen.
+
+So also ist diese Angelegenheit gesetzlich geregelt, wie ich es
+beschrieben habe. Wie menschlich und zweckmäßig dieses Verfahren ist,
+kann man leicht einsehen. Übt es doch nur insoweit Strenge aus, als die
+Verbrechen beseitigt werden; dabei kostet es kein Menschenleben, und die
+Übeltäter werden so behandelt, daß sie gar nicht anders können, als gut
+zu sein und den Schaden, den sie vorher angerichtet haben, durch ihr
+weiteres Leben wieder gutzumachen.
+
+Daß ferner Sträflinge in ihre alte Lebensweise verfallen könnten, ist
+durchaus nicht zu befürchten. Infolgedessen halten sich auch Fremde, die
+irgendwohin reisen müssen, unter keiner anderen Führung für sicherer als
+unter der jener Sklaven, die dann von einer Gegend zur anderen
+unmittelbar wechseln. Denn sie besitzen nichts, was sie zu einem
+Raubüberfall reizen könnte: in der Hand haben sie keine Waffe, Geld
+würde ihre verbrecherische Tat nur verraten, und der Ertappte müßte mit
+Bestrafung und völliger Aussichtslosigkeit, irgendwohin fliehen zu
+können, rechnen. Wie sollte es nämlich jemand auch fertig bringen,
+völlig unbemerkt zu fliehen, wenn sich seine Kleidung in jedem Stück von
+der seiner Landsleute unterscheidet? Er müßte sich denn gerade nackend
+entfernen. Ja, auch in dem Falle würde den Ausreißer das Ohr verraten.
+Aber könnten die Sträflinge nicht vielleicht an eine Verschwörung gegen
+den Staat denken? Wäre das nicht doch eine Gefahr? Als ob irgendeine
+Gruppe solch eine Hoffnung hegen dürfte, ehe nicht die Sklaven
+zahlreicher Landschaften unruhig geworden und aufgewiegelt sind, denen
+es nicht einmal erlaubt ist zusammenzukommen, miteinander zu sprechen
+oder sich gegenseitig zu grüßen, die also noch viel weniger eine
+Verschwörung anzetteln könnten! Sollte man ferner annehmen dürfen, sie
+würden diesen Plan inzwischen unbesorgt ihren Anhängern anvertrauen,
+während sie doch wissen, daß Verschweigen gefährlich, Verrat aber höchst
+vorteilhaft ist? Und dabei hat niemand so gänzlich die Hoffnung
+aufgegeben, doch irgendwann einmal die Freiheit wieder zu erlangen, wenn
+er sich gehorsam zeigt und eine Besserung in der Zukunft zuversichtlich
+erwarten läßt. Wird doch in jedem Jahre ein paar Sklaven zum Lohn für
+geduldiges Ausharren die Freiheit wieder geschenkt.«
+
+So sprach ich. Als ich dann noch hinzufügte, es liege meiner Meinung
+nach gar kein Grund vor, dieses Verfahren nicht auch in England
+anzuwenden, und zwar mit viel größerem Erfolg als jenen Rechtsbrauch,
+den der Jurist so sehr gelobt hatte, da erwiderte mir dieser sofort:
+»Niemals ließe sich dieser Brauch in England einführen, ohne daß der
+Staat dadurch in die größte Gefahr geriete!« Und bei diesen Worten
+schüttelte er den Kopf, verzog den Mund und schwieg dann, und alle
+Anwesenden stimmten ihm zu. Da meinte der Kardinal: »Man kann nicht so
+leicht voraussagen, ob die Sache günstig oder ungünstig ausgeht, solange
+man sie überhaupt noch nicht erprobt hat. Aber nach Verkündigung eines
+Todesurteils könnte ja der Landesherr einen Aufschub der Vollstreckung
+anordnen und unter Einschränkung der Privilegien der Asylstätten dieses
+neue Verfahren erproben. Sollte es sich durch den Erfolg als zweckmäßig
+bewähren, so wäre es wohl richtig, es zur dauernden Einrichtung zu
+machen. Andernfalls könnte man ja die vorher Verurteilten auch dann noch
+hinrichten, und das wäre von nicht geringem Vorteil für den Staat und
+nicht ungerechter, als wenn es gleich geschähe, und auch in der Zeit
+des Aufschubs könnte keine Gefahr daraus erwachsen. Ja, wie mir sicher
+scheint, würde dieselbe Behandlung auch den Landstreichern gegenüber
+sehr angebracht sein; denn gegen sie haben wir zwar bis jetzt eine Menge
+Gesetze erlassen, aber trotzdem noch nichts erreicht.«
+
+Sobald der Kardinal das gesagt hatte -- dasselbe, worüber sich alle
+verächtlich geäußert hatten, als sie es von mir hörten --, wetteiferte
+jeder, ihm das höchste Lob zu spenden, besonders jedoch seinem Vorschlag
+in betreff der Landstreicher, weil er den von sich aus hinzugefügt
+hatte.
+
+Vielleicht wäre es besser, das, was jetzt folgte, gar nicht zu erwähnen
+-- es war nämlich lächerlich --, aber ich will es doch erzählen; denn es
+war nicht übel und gehörte in gewissem Sinne zu unserer Sache. Es stand
+zufällig ein Schmarotzer dabei, der offenbar den Narren spielen wollte,
+sich aber so schlecht verstellte, daß er mehr einem wirklichen Narren
+glich, indem er mit so faden Äußerungen nach Gelächter haschte, daß man
+häufiger über seine Person als über seine Worte lachte. Zuweilen jedoch
+äußerte der Mensch auch etwas, was nicht ganz so albern war, so daß er
+das Sprichwort bestätigte: »Wer viel würfelt, hat auch einmal Glück.« Da
+meinte einer von den Tischgenossen, ich hätte mit meiner Rede gut für
+die Diebe gesorgt und der Kardinal auch noch für die Landstreicher; nun
+bleibe nur noch übrig, von Staats wegen auch noch die zu versorgen, die
+durch Krankheit oder Alter in Not geraten und arbeitsunfähig geworden
+seien. »Laß mich das machen!« rief da der Spaßvogel. »Ich will auch das
+in Ordnung bringen! Denn es ist mein sehnlicher Wunsch, mich vom Anblick
+dieser Sorte Menschen irgendwie zu befreien. Mehr als einmal sind sie
+mir schwer zur Last gefallen, wenn sie mich mit ihrem Klagegeheul um
+Geld anbettelten. Niemals jedoch konnten sie das schön genug anstimmen,
+um auch nur einen Pfennig von mir zu erpressen. Es ist bei mir nämlich
+immer das eine von beiden der Fall: entweder habe ich keine Lust, etwas
+zu geben, oder ich habe nicht die Möglichkeit dazu, weil ich nichts zu
+geben habe. Infolgedessen werden die Bettler jetzt allmählich
+vernünftig. Um sich nämlich nicht unnötig anzustrengen, reden sie mich
+gar nicht mehr an, wenn sie mich vorübergehen sehen. So wenig erhoffen
+sie von mir noch etwas, in der Tat nicht mehr, als wenn ich ein Priester
+wäre. Aber jetzt befehle ich, ein Gesetz zu erlassen, dem zufolge alle
+jene Bettler ohne Ausnahme auf die Benediktinerklöster verteilt und zu
+sogenannten Laienbrüdern gemacht werden; die Weiber aber, ordne ich an,
+sollen Nonnen werden.«
+
+Da lächelte der Kardinal und stimmte im Scherz zu, die anderen dann auch
+im Ernst. Indessen heiterte dieser Witz über die Priester und Mönche
+einen Theologen, einen Klosterbruder, so auf, daß er, sonst ein ernster,
+ja beinahe finsterer Mann, jetzt gleichfalls anfing, Spaß zu machen.
+»Aber auch so«, rief er, »wirst du die Bettler nicht loswerden, wenn du
+nicht auch für uns Klosterbrüder sorgst!«
+
+»Aber das ist doch schon geschehen«, erwiderte der Parasit. »Der
+Kardinal hat ja vortrefflich für euch gesorgt, indem er für die
+Tagediebe Zwangsarbeit festsetzte; denn ihr seid doch die größten
+Tagediebe.«
+
+Da blickten alle auf den Kardinal. Als sie aber sahen, daß er auch diese
+Bemerkung nicht zurückwies, fingen sie alle an, sie mit großem Vergnügen
+aufzunehmen; nur der Klosterbruder machte eine Ausnahme. Der nämlich,
+mit solchem Essig übergossen, geriet dermaßen in Zorn und Hitze --
+worüber ich mich auch gar nicht wundere --, daß er sich nicht mehr
+beherrschen konnte und zu schimpfen anfing. Er nannte den Menschen einen
+Taugenichts, einen Verleumder, einen Ohrenbläser und ein Kind der
+Verdammnis und führte zwischendurch schreckliche Drohungen aus der
+Heiligen Schrift an. Jetzt aber begann der Witzbold ernsthaft zu spaßen,
+und da war er ganz in seinem Element. »Zürne nicht, lieber Bruder!«
+sagte er. »Es steht geschrieben: 'Durch standhaftes Ausharren sollt ihr
+euch das Leben gewinnen.'« Darauf erwiderte der Klosterbruder -- ich
+will nämlich seine eigenen Worte wiedergeben --: »Ich zürne nicht, du
+Galgenstrick, oder ich sündige wenigstens nicht damit. Denn der Psalmist
+sagt: 'Zürnt und sündigt nicht!'« Darauf ermahnte der Kardinal den
+Klosterbruder in sanftem Tone, sich zu mäßigen. Doch der antwortete:
+»Herr, ich spreche nur in redlichem Eifer, wie ich es tun muß. Denn auch
+heilige Männer haben einen redlichen Eifer bewiesen, weswegen es heißt:
+'Der Eifer um dein Haus hat mich verzehrt'. Und in den Kirchen singt
+man:
+
+ 'Die Spötter Elisas,
+ Während er hinaufsteigt zum Hause Gottes,
+ Bekommen den Eifer des Kahlkopfs zu spüren',
+
+wie ihn vielleicht auch dieser Spötter da, dieser Possenreißer, dieser
+Bruder Liederlich noch zu spüren bekommen wird.«
+
+»Du handelst vielleicht in ehrlicher Erregung«, sagte der Kardinal,
+»aber mir will scheinen, es würde möglicherweise frömmer, bestimmt aber
+klüger von dir sein, wenn du nicht mit einem törichten und lächerlichen
+Menschen einen lächerlichen Streit beginnen wolltest.«
+
+»Nein, Herr, das würde nicht klüger von mir sein«, erwiderte er. »Sagt
+doch selbst der weise Salomo: 'Antworte dem Narren gemäß seiner
+Narrheit!', wie ich es jetzt tue und ihm die Grube zeige, in die er
+fallen wird, wenn er nicht recht auf der Hut ist. Wenn nämlich die
+vielen Spötter Elisas, der doch nur _ein_ Kahlkopf war, den Eifer des
+Kahlkopfes zu spüren bekommen haben, um wieviel mehr wird ein einziger
+Spötter den Eifer der vielen Klosterbrüder zu spüren bekommen, unter
+denen sich doch viele Kahlköpfe befinden! Und außerdem haben wir ja noch
+eine päpstliche Bulle, auf Grund deren alle, die sich über uns lustig
+machen, der Kirchenbann trifft.«
+
+Sobald der Kardinal sah, daß der Streit kein Ende nehmen wollte, gab er
+dem Schmarotzer einen Wink, sich zu entfernen, und brachte die Rede auf
+ein anderes Thema, das auch Anklang fand. Bald darauf stand er von der
+Tafel auf, entließ uns und widmete sich seinen Lehnsleuten, deren
+Anliegen er sich anhörte.
+
+»Sieh da, mein lieber Morus, wie lang ist doch die Geschichte geworden,
+mit der ich dich belästigt habe! Ich hätte mich entschieden geschämt, so
+ausführlich zu werden, wenn du es nicht dringend zu wissen verlangt
+hättest und wenn es mir nicht den Eindruck gemacht hätte, als wolltest
+du auch nicht _ein_ Wort von jenem Gespräch ausgelassen wissen; mit
+solcher Aufmerksamkeit hörtest du mir zu. Ich mußte dies jedoch alles
+erzählen -- freilich hätte es wesentlich kürzer geschehen können --, um
+die Urteilsfähigkeit dieser Leute ins rechte Licht zu rücken: wovon sie
+nämlich nichts wissen wollten, als sie es aus _meinem_ Munde hörten,
+eben das billigten sie auf der Stelle, als es der Kardinal billigte, und
+zwar gingen sie in ihrer Lobhudelei so weit, daß sie sich sogar die
+Einfälle seines Schmarotzers, die sein Herr im Scherz nicht zurückwies,
+in schmeichlerischer Weise gefallen ließen und sie beinahe für Ernst
+nahmen. Daraus kannst du ermessen, wie hoch die Höflinge mich mit meinen
+Ratschlägen einschätzen würden.«
+
+»In der Tat, mein lieber Raphael«, erwiderte ich, »deine Erzählung war
+ein großer Genuß für mich; so klug und treffend zugleich hast du alles
+gesagt. Außerdem war es mir währenddem so, als befände ich mich wieder
+in meiner Heimat, und nicht bloß dies, sondern als erlebte ich
+gewissermaßen noch einmal meine Kindheit, bei der angenehmen Erinnerung
+an jenen Kardinal, an dessen Hofe ich als Knabe erzogen worden bin. Lieb
+und wert warst du mir ja auch sonst schon, mein Raphael, aber um wieviel
+teurer du mir durch die so hohe Ehrung des Andenkens an jenen Mann
+geworden bist, kannst du dir kaum vorstellen. Im übrigen kann ich bis
+jetzt meine Ansicht in keinerlei Weise ändern; ich bin vielmehr
+entschieden der Meinung, wenn du dich entschließen könntest, deine
+Abneigung gegen die Fürstenhöfe aufzugeben, so könntest du mit deinen
+Ratschlägen der Öffentlichkeit den größten Nutzen stiften. Deshalb ist
+dies deine höchste Pflicht, die Pflicht eines braven Mannes. Und wenn
+vollends dein Plato der Ansicht ist, die Staaten würden erst dann
+glücklich sein, wenn entweder die Philosophen Könige seien oder die
+Könige sich mit Philosophie befaßten, wie fern wird da das Glück noch
+sein, wenn es die Philosophen sogar für unter ihrer Würde halten, den
+Königen ihren guten Rat zuteil werden zu lassen.«
+
+»Sie sind nicht so ungefällig«, antwortete er, »daß sie das nicht gern
+tun würden -- sie haben es ja auch schon durch die Veröffentlichung
+zahlreicher Bücher getan --, wenn nur die Machthaber bereit wären, die
+guten Ratschläge auch zu befolgen. Aber ohne Zweifel hat Plato richtig
+vorausgesehen, daß die Könige nur dann die Ratschläge philosophierender
+Männer gutheißen werden, wenn sie sich selbst mit Philosophie
+beschäftigen. Sind sie doch von Kindheit an mit verkehrten Meinungen
+getränkt und von ihnen angesteckt, was Plato in eigener Person am Hofe
+des Dionysius erfahren mußte. Oder meinst du nicht, ich würde auf der
+Stelle fortgejagt oder verspottet werden, wenn ich am Hofe irgendeines
+Königs gesunde Maßnahmen vorschlüge und verderbliche Saaten schlechter
+Ratgeber auszureißen versuchte?
+
+Wohlan, stelle dir vor, ich lebte am Hofe des Königs von Frankreich und
+säße mit in seinem Rate, während man in geheimster Zurückgezogenheit
+unter dem Vorsitze des Königs selbst in einem Kreise der klügsten
+Männer mit großem Eifer darüber verhandelt, mit welchen Ränken und
+Machenschaften der König es fertig bringen kann, Mailand zu behaupten,
+jenes immer aufs neue abfallende Neapel wiederzugewinnen, ferner Venedig
+zu vernichten und sich ganz Italien zu unterwerfen, sodann Flandern,
+Brabant und schließlich ganz Burgund seinem Reiche einzuverleiben und
+außerdem noch andere Völker, in deren Land der König schon längst im
+Geiste eingefallen ist. Hier rät der eine, mit den Venetianern ein
+Bündnis zu schließen, aber nur für so lange, als es den Franzosen Nutzen
+bringt; mit ihnen gemeinschaftliche Sache zu machen, ja auch einen Teil
+der Beute ihnen anzuvertrauen und dann wieder zurückzuverlangen, wenn
+alles nach Wunsch gegangen ist; ein anderer wieder schlägt vor, deutsche
+Landsknechte anzuwerben; ein dritter, Schweizer mit Geld kirre zu
+machen; ein vierter, sich die Gunst der kaiserlichen Majestät durch Gold
+wie durch ein Weihgeschenk zu erkaufen. Ein anderer wieder rät dem
+Fürsten, sich mit dem König von Aragonien gütlich zu einigen und ihm
+gleichsam als Unterpfand des Friedens das Königreich Navarra abzutreten,
+das ihm aber gar nicht gehört. Unterdessen will ein anderer den Prinzen
+von Kastilien durch eine Aussicht auf eine Verschwägerung ins Garn
+locken und einige Granden seines Hofes durch eine bestimmte Barzahlung
+auf die Seite Frankreichs ziehen. Nun aber stößt man auf die allergrößte
+Schwierigkeit, was man nämlich bei alledem in betreff Englands
+beschließen soll: immerhin müsse man mit ihm doch wenigstens
+Friedensverhandlungen anknüpfen und das immer unsicher bleibende Bündnis
+durch recht starke Bande befestigen; die Engländer solle man zwar
+Freunde nennen, ihnen aber wie Feinden mißtrauen und deshalb die
+Schotten für jeden Fall schlagfertig, gleichsam auf Posten, in
+Bereitschaft halten und sie sofort auf die Engländer loslassen, sobald
+sich diese irgendwie rührten. Außerdem müsse man einen hohen, in der
+Verbannung lebenden Adligen unterstützen, und zwar im geheimen -- eine
+offene Protektion lassen nämlich die Verträge nicht zu --, der den
+englischen Thron für sich beanspruche. Das solle für den König von
+Frankreich eine Handhabe sein, den König von England im Zaume zu halten,
+dem er nicht trauen dürfe.
+
+Und nun denke dir, hier, bei einem solchen Drange der Geschäfte, wenn so
+viele ausgezeichnete Männer um die Wette Ratschläge für den Krieg
+erteilen, stünde ich armseliges Menschenkind auf und hieße plötzlich den
+Kurs ändern, schlüge vor, Italien aufzugeben, und behauptete, man müsse
+im Lande bleiben; das eine Königreich Frankreich sei schon fast zu groß,
+als daß es ein einziger gut verwalten könne; der König solle doch nicht
+glauben, er dürfe noch an die Einverleibung anderer Reiche denken; und
+ich riete ihnen dann weiter, dem Beispiele der Achorier zu folgen, eines
+Volkes, das der Insel Utopia im Südosten gegenüberliegt. In alten Zeiten
+hatten sie einmal einen Krieg geführt, um ihrem König den Besitz eines
+zweiten Reiches zu sichern, das er auf Grund einer alten Verwandtschaft
+als sein Erbe beanspruchte. Als sie endlich ihr Ziel erreicht hatten,
+mußten sie jedoch einsehen, daß die Behauptung des Landes keineswegs
+leichter war als seine Eroberung, daß vielmehr ohne Unterlaß
+Auflehnungen im Inneren oder Überfälle auf die Unterworfenen von außen
+daraus entstanden, daß sie so dauernd entweder für oder gegen jene
+kämpfen mußten, daß sich niemals die Möglichkeit bot, das Heer zu
+entlassen, daß sie selber inzwischen ausgebeutet wurden, daß ihr Geld
+ins Ausland ging, daß sie ihr Blut für ein wenig Ruhm eines Fremden
+vergossen, daß der Friede im Inneren durchaus nicht gesicherter war, daß
+der Krieg die Moral verdarb, daß die Raubsucht den Menschen gleichsam in
+Fleisch und Blut überging, daß die Rauflust infolge der Metzeleien
+zunahm und daß man die Gesetze nicht mehr achtete. Und das alles, weil
+der König sein Interesse, das durch die Sorge für zwei Reiche
+zersplittert wurde, jedem einzelnen nicht nachdrücklich genug zuwenden
+konnte. Da nun die Achorier sahen, diese so schlimmen Zustände würden
+auf andere Weise kein Ende nehmen, faßten sie endlich einen Entschluß
+und ließen ihrem Fürsten in überaus höflicher Form die Wahl, welches
+Reich von beiden er behalten wolle; beide könne er nämlich nicht länger
+behalten; sie seien ein zu großes Volk, um von einem 'halbierten' König
+regiert zu werden, wie sich ja auch niemand gern mit einem anderen
+seinen Maultiertreiber würde teilen wollen. So sah sich denn jener brave
+Fürst gezwungen, sein neues Reich einem seiner Freunde zu überlassen --
+der übrigens bald darauf gleichfalls verjagt wurde -- und sich mit dem
+alten zu begnügen. Ferner würde ich darauf hinweisen, daß alle diese
+kriegerischen Versuche, die um des Königs willen so viele Völker in
+Unruhe versetzen würden, durch irgendein Mißgeschick schließlich doch
+ohne Erfolg enden könnten, nachdem seine Geldmittel erschöpft und sein
+Volk ruiniert seien. Ich würde ihm deshalb raten, sein ererbtes Reich
+nach Möglichkeit zu pflegen und zu fördern und es zu höchster Blüte zu
+bringen, seine Untertanen zu lieben und sich von ihnen lieben zu lassen,
+mit ihnen zusammen zu leben, sie mit Milde zu regieren und andere Reiche
+in Frieden zu lassen, da ihm ja schon genug und übergenug zugefallen
+sei. Mit was für Ohren, meinst du, mein Morus, müßte man da wohl meine
+Rede aufnehmen?«
+
+»Wahrhaftig, nicht mit sehr geneigten«, erwiderte ich.
+
+»Fahren wir also fort!« sagte er. »Die Ratgeber irgendeines Königs
+debattieren und klügeln mit ihm aus, mit welchen Schelmenstreichen sie
+Gelder für ihn aufhäufen können. Einer rät dazu, den Geldwert zu
+erhöhen, wenn der König selber eine Zahlung zu leisten hat, ihn aber
+anderseits unter das rechte Maß zu senken, wenn ihm eine Zahlung zu
+leisten ist. Auf diese Weise bezahlt er eine große Schuld mit wenig Geld
+und erhält für eine kleine ausstehende Forderung viel. Ein anderer
+wieder schlägt vor, eine Kriegsgefahr vorzutäuschen, unter diesem
+Vorwand Geld aufzubringen und dann zum geeignet erscheinenden Zeitpunkt
+Frieden zu schließen, und zwar unter feierlichen Zeremonien; dadurch
+solle der breiten Masse des dummen Volkes vorgegaukelt werden, der
+fromme Fürst habe offenbar aus Mitleid kein Menschenblut vergießen
+wollen. Ein dritter ruft ihm gewisse alte, von Motten angefressene und
+längst nicht mehr angewendete Gesetze ins Gedächtnis, nach denen sich
+kein Mensch mehr richte, weil sich niemand besinnen könne, daß sie
+überhaupt jemals erlassen worden seien, und er fordert ihn auf,
+Strafgelder für diese Nichtbefolgung einzuziehen: kein Ertrag sei
+ergiebiger und zugleich ehrenhafter, da er ja die Maske der
+Gerechtigkeit zur Schau trage. Ein vierter wieder fordert den König auf,
+unter Androhung hoher Geldstrafen eine Menge Verbote zu erlassen,
+zumeist von Handlungen, die nicht den Interessen des Volkes dienen,
+gegen Geld aber Leuten Dispens zu erteilen, deren Privatinteressen ein
+Verbot im Wege steht. Auf diese Weise ernte er den Dank des Volkes und
+habe doppelten Gewinn, einmal aus der Bestrafung der Leute, die ihre
+Erwerbsgier ins Netz lockt, und sodann aus dem Verkauf der Vorrechte an
+andere, für um so mehr Geld natürlich, je gewissenhafter der Fürst ist;
+denn ein guter Herrscher begünstigt nur ungern einen Privatmann zum
+Nachteile seines Volkes und deshalb nur für viel Geld. Wieder ein
+anderer sucht den König zu überreden, Richter anzustellen, die in jeder
+beliebigen Sache zu seinen Gunsten entscheiden; außerdem solle er sie
+einladen, in seinem Palaste und in seiner Gegenwart über seine
+Angelegenheiten zu verhandeln; dann werde keiner seiner Prozesse so
+offensichtlich faul sein, daß nicht einer der Richter, sei es aus Lust
+am Widerspruch oder aus Scheu vor Wiederholung von schon Gesagtem oder
+im Haschen nach der königlichen Gunst irgendeinen Ritz entdecken würde,
+in den man eine Rechtsverdrehung einklemmen könne. Wenn dann erst einmal
+bei Meinungsverschiedenheit der Richter über die an sich völlig klare
+Sache debattiert und die Wahrheit in Frage gestellt werde, so biete sich
+dem König die günstige Gelegenheit, das Recht zu seinem eigenen Vorteil
+auszulegen, und die anderen würden sich aus Hochachtung oder aus Furcht
+seiner Meinung anschließen. Und in diesem Sinne fällt dann später der
+Gerichtshof unbedenklich das Urteil; denn es kann ja niemandem an einem
+Vorwand fehlen, sich zugunsten des Fürsten zu entscheiden. Genügt es ihm
+doch, daß entweder die Billigkeit für ihn spricht oder der Wortlaut des
+Gesetzes oder die gewaltsam verdrehte Auslegung des Sinnes eines
+Schriftstückes oder, was gewissenhaften Richtern schließlich mehr gilt
+als alle Gesetze, des Fürsten unbestreitbares Recht der obersten
+Entscheidung. Kurz, alle Ratgeber sind der gleichen Ansicht und wirken
+zusammen im Sinne jenes Wortes des Crassus, keine Menge Gold sei groß
+genug für einen Fürsten, der ein Heer unterhalten müsse. Außerdem kann
+nach ihrer Meinung ein König gar kein Unrecht tun, mag er es auch noch
+so sehr wünschen; denn der gesamte Besitz aller seiner Untertanen wie
+auch diese selbst sind, so glauben sie, sein Eigentum, und jedem
+einzelnen gehört nur so viel, wie ihm seines Königs Gnade noch läßt. Der
+aber muß großen Wert darauf legen, daß dieser Rest möglichst gering ist;
+denn seine Sicherheit beruht darauf, daß sein Volk nicht durch Reichtum
+oder Freiheit übermütig wird, weil beides eine harte und ungerechte
+Herrschaft weniger geduldig ertragen läßt, während anderseits Armut und
+Not abstumpfen, geduldig machen und den Untertanen in ihrer Bedrängnis
+den großzügigen Geistesschwung der Empörung nehmen.
+
+Nun stelle dir wieder vor, ich stünde jetzt noch einmal auf und
+behauptete, alle diese Pläne seien für den König unehrenhaft und
+verderblich; denn nicht nur seine Ehre, sondern auch seine Sicherheit
+beruhe weniger auf seinem eigenen Reichtum als auf dem seiner
+Untertanen. Ich würde dann weiter ausführen, daß sich diese einen König
+nicht in dessen, sondern in ihrem eigenen Interesse wählen, um nämlich,
+dank seiner eifrigen Bemühung, selber in Ruhe und Sicherheit vor
+Gewalttaten zu leben. Deshalb hat der Fürst, so würde ich weiter sagen,
+die Pflicht, mehr auf seines Volkes Wohlergehen als auf sein eigenes
+bedacht zu sein, genau so wie es die Pflicht eines Hirten ist, mehr für
+die Ernährung seiner Schafe als für seine eigene zu sorgen, wenigstens
+in seiner Eigenschaft als Schafhirt. Denn in der Armut des Volkes einen
+Schutz zu sehen, ist, wie schon die Erfahrung lehrt, ein gewaltiger
+Irrtum. Wo könnte man nämlich mehr Zank und Streit finden als unter
+Bettlern? Und wer ist eifriger auf Umsturz bedacht als der, dem seine
+augenblickliche Lage so gar nicht gefallen will? Oder wen beseelt
+schließlich ein kühneres Verlangen nach einem allgemeinen Durcheinander,
+in der Hoffnung auf irgend welchen Gewinn, als den, der nichts mehr zu
+verlieren hat? Sollte nun aber wirklich ein König von seinen Untertanen
+so sehr verachtet oder gehaßt werden, daß er sie nicht anders im Zaume
+halten kann, als indem er mit Mißhandlungen, Ausplünderung und
+Güterparzellierung gegen sie vorgeht und sie an den Bettelstab bringt,
+dann wäre es wirklich besser für ihn, er legte seine Herrschaft nieder,
+als daß er sie mit Hilfe solcher Künste behauptet; sie retten ihm wohl
+den Namen seiner Herrschaft, aber ihrer Erhabenheit geht er bestimmt
+verlustig. Denn es ist eines Königs nicht würdig, über Bettler zu
+herrschen, sondern vielmehr über reiche und glückliche Menschen. Eben
+das meint sicherlich der hochgemute und geistig überlegene Fabricius mit
+der Antwort, er wolle lieber Reichen gebieten als selber reich sein. Und
+in der Tat! Als einzelner in Vergnügen und Genüssen schwimmen, während
+ringsherum andere seufzen und jammern, das heißt nicht Hüter eines
+Thrones, sondern eines Kerkers sein. Kurzum: wie es demjenigen Arzte an
+jeder Erfahrung fehlt, der eine Krankheit nur durch eine andere zu
+heilen versteht, so mag der seine völlige Unfähigkeit zur Herrschaft
+über Freie ruhig eingestehen, der das Leben der Staatsbürger nur dadurch
+zu bessern weiß, daß er ihnen nimmt, was das Leben lebenswert macht. Ja
+wahrhaftig, er soll doch lieber seine Trägheit oder seinen Stolz
+aufgeben; denn diese Laster ziehen ihm in der Regel die Verachtung oder
+den Haß seines Volkes zu. Er soll rechtschaffen von seinen Mitteln leben
+und seine Ausgaben den Einnahmen anpassen. Er soll ferner die Missetaten
+einschränken und lieber durch richtige Belehrung seiner Untertanen
+verhüten, als sie erst anwachsen zu lassen und dann zu bestrafen.
+Gesetze, die gewohnheitsmäßig aus der Übung gekommen sind, soll er nicht
+aufs Geratewohl erneuern, zumal wenn sie schon lange nicht mehr
+angewendet und niemals vermißt worden sind. Er soll auch niemals für ein
+derartiges Vergehen eine Geldstrafe einziehen, was der Richter auch
+einem Privatmanne als unbillig und unlauter untersagen würde. Ferner
+würde ich jenen Ratgebern ein Gesetz der Macarenser mitteilen, die
+gleichfalls nicht eben weit von Utopia entfernt wohnen. An dem Tage
+seiner Regierungsübernahme verpflichtet sich nämlich ihr König unter
+Darbringung feierlicher Opfer eidlich, nie auf einmal mehr als tausend
+Pfund Gold oder den entsprechenden Wert in Silber in seinen Kassen zu
+haben. Diese Bestimmung soll ein vortrefflicher König getroffen haben,
+dem das Wohl seines Landes mehr als sein persönlicher Reichtum am Herzen
+lag. Mit dieser Maßnahme wollte er in seinem Volke einer Geldknappheit
+infolge Anhäufung einer zu großen Geldsumme vorbeugen. Er sah nämlich
+ein, dieser Betrag werde für den Monarchen groß genug sein zum Kampfe
+gegen die Rebellen und groß genug für die Monarchie zur Abwehr
+feindlicher Angriffe; dagegen sei er nicht groß genug, um zu Einfällen
+in fremdes Gebiet Lust zu machen. Das war der hauptsächlichste Grund für
+den Erlaß des genannten Gesetzes. Der nächste Grund aber war, daß jener
+König glaubte, auf diese Weise einen Mangel an den Zahlungsmitteln
+verhütet zu haben, die täglich im Handelsverkehr der Bürger im Umlauf
+waren. Auch war er der Ansicht, ein König werde bei allen
+unvermeidlichen Ausgaben, die den Staatsschatz über das gesetzliche Maß
+hinaus belasten, keine Möglichkeiten zu einer gewaltsamen Maßnahme
+suchen. Einen solchen König werden die Bösen fürchten und die Guten
+lieben. Würde ich also dies und noch mehr dergleichen bei Leuten
+vorbringen, die leidenschaftlich den entgegengesetzten Grundsätzen
+huldigen, was für tauben Ohren würde ich da wohl predigen?«
+
+»Stocktauben, ohne Zweifel«, erwiderte ich. »Und in der Tat, darüber
+wundere ich mich auch gar nicht. Auch will es mir, um die Wahrheit zu
+sagen, nicht angebracht erscheinen, derartige Reden zu halten und solche
+Ratschläge zu erteilen, die, wie man sicher weiß, niemals befolgt
+werden. Was könnte denn auch der Nutzen einer so ungewöhnlichen Rede
+sein, oder wie sollte sie überhaupt eine Wirkung ausüben auf Leute, die
+von einer ganz anderen Überzeugung voreingenommen und tief durchdrungen
+sind? Unter lieben Freunden, im vertraulichen Gespräch, ist solches
+theoretisches Philosophieren nicht ohne Reiz, aber in einem Rate von
+Fürsten, wo mit gewichtiger Autorität über Fragen von Bedeutung
+verhandelt wird, ist für so etwas kein Platz.«
+
+»Da haben wir ja«, rief er, »was ich immer sagte: An Fürstenhöfen will
+man eben von Philosophie nichts wissen.«
+
+»Gewiß«, erwiderte ich, »es ist wahr: nichts von dieser rein
+theoretischen Philosophie, die da meint, jeder beliebige Satz sei
+überall am Platze. Aber es gibt ja noch eine andere Art von Philosophie,
+die die besonderen Bedingungen ihres Landes und ihrer Zeit besser kennt.
+Ihr ist die Bühne, auf der sie zu spielen hat, bekannt, sie paßt sich
+ihr an und führt ihre Rolle in dem Stück, das gerade gegeben wird,
+gefällig und mit Anstand durch. Das ist die Philosophie, die für dich in
+Betracht kommt. Wie wäre es übrigens, wenn du bei der Aufführung einer
+Komödie des Plautus, gerade während die Haussklaven untereinander Possen
+treiben, in der Tracht eines Philosophen auf der Bühne erschienest und
+aus der Octavia die Stelle hersagtest, in der Seneca mit Nero
+disputiert? Wäre es da nicht besser, du trätest nur als Statist auf,
+anstatt Unpassendes zu deklamieren und dadurch eine solche Tragikomödie
+vorzuführen? Du würdest ja das Stück, das man gerade spielt, verderben
+und über den Haufen werfen, indem du so ganz Verschiedenartiges
+durcheinandermengst, selbst wenn das, was du bringst, der wertvollere
+Beitrag wäre. Was für ein Stück gerade aufgeführt wird, darin mußt du so
+gut wie möglich mitspielen, und du darfst das ganze Stück nicht deshalb
+in Unordnung bringen, weil dir ein hübscheres von einem anderen
+Verfasser in den Sinn gekommen ist.
+
+So ist es im Staate, so bei den Beratungen der Fürsten. Kann man
+verkehrte Meinungen nicht mit der Wurzel ausrotten und kann man Übeln,
+die sich durch lange Gewohnheit eingenistet haben, nicht nach seiner
+innersten Überzeugung abhelfen, so darf man deshalb doch nicht gleich
+den Staat im Stiche lassen und im Sturme das Schiff nicht deshalb
+preisgeben, weil man den Winden nicht Einhalt gebieten kann. Man darf
+auch nicht den Menschen eine ungewöhnliche und lästige Rede aufdrängen,
+die, wie man weiß, auf Leute, die entgegengesetzter Meinung sind, gar
+keinen Eindruck machen wird. Man muß es lieber auf einem Umwege
+versuchen und sich bemühen, an seinem Teile alles geschickt zu behandeln
+und, was man nicht zum Guten wenden kann, wenigstens zu einem möglichst
+kleinen Übel werden zu lassen. Denn unmöglich können alle Verhältnisse
+gut sein, solange nicht alle Menschen gut sind. Darauf aber werde ich
+wohl noch manches Jahr warten müssen.«
+
+»Dieses Verhalten«, meinte er, »hätte nichts anderes zur Folge, als daß
+ich, in dem Bestreben, die Raserei anderer zu heilen, selber mit ihnen
+zu rasen anfinge. Denn wenn ich die Wahrheit sagen will, so muß ich so
+reden; ob es dagegen eines Philosophen würdig ist, die Unwahrheit zu
+sagen, weiß ich nicht. Mir wenigstens widerstrebt es. Es mag schon sein,
+daß meine Rede jenen Leuten vielleicht unwillkommen und lästig ist.
+Trotzdem aber sehe ich nicht ein, warum sie ihnen bis zur
+Unschicklichkeit ungewöhnlich erscheinen sollte. Wenn ich nun entweder
+das anführte, was Plato in seinem Staate fingiert, oder das, was die
+Utopier in ihrem Staate tun, so könnte das, obgleich es an sich das
+Bessere wäre -- und das ist es auch wirklich --, doch unpassend
+erscheinen, weil es hier Privatbesitz der einzelnen gibt, dort aber
+alles gemeinsamer Besitz aller ist.
+
+Wie ist es denn nun aber eigentlich mit _meiner_ Rede? Abgesehen davon,
+daß den Leuten, die auf einem anderen Wege kopfüber vorwärtsstürzen
+wollen, ein Mann nicht lieb sein kann, der sie zurückruft und auf
+Gefahren aufmerksam macht, was enthielt sie denn sonst, das nicht
+überall gesagt werden dürfte oder sogar gesagt werden sollte? Müßte man
+freilich alles als unerhört und widersinnig beiseite lassen, was
+verkehrter menschlicher Anschauung zufolge als seltsam erscheint, dann
+müßten wir unter den Christen das meiste von allem geheimhalten, was
+Christus gelehrt und uns so streng zu verleugnen verboten hat, daß er
+uns sogar geboten hat, auch das, was er seinen Jüngern nur ins Ohr
+geflüstert hatte, öffentlich auf den Dächern zu verkünden. Steht doch
+diese Lehre zum größten Teile weit weniger im Einklang mit unseren
+heutigen Sitten als meine Rede, nur daß die Volksredner in ihrer
+Schlauheit, wie mir scheint, deinen Rat befolgt haben. Als sie nämlich
+sahen, daß die Menschen nur ungern ihr Verhalten der Vorschrift Christi
+anpaßten, paßten sie umgekehrt seine Lehre, als wäre sie biegsam wie ein
+Richtmaß aus Blei, den herrschenden Sitten an, damit beides einigermaßen
+wenigstens in Übereinstimmung miteinander gebracht würde. Ich kann aber
+nicht einsehen, welchen Nutzen sie damit gestiftet haben, außer daß die
+Bosheit größere Sicherheit genießt, und ich selbst würde in der Tat in
+dem Rate eines Fürsten ebensowenig Nutzen stiften. Entweder nämlich
+würde ich eine abweichende Meinung äußern -- das wäre dann genau so, als
+wenn ich gar nichts sagte --, oder eine zustimmende, und damit würde ich
+zum Helfershelfer ihres Wahnsinns, wie Micio bei Terenz sagt. Denn was
+jenen von dir erwähnten Umweg anlangt, so kann ich nicht einsehen, was
+für eine Bewandtnis es damit haben soll. Du meinst, man müsse auf ihm zu
+erreichen suchen, daß die Verhältnisse, wenn man sie nun einmal nicht
+gründlich bessern kann, wenigstens geschickt behandelt werden und sich,
+soweit das geht, möglichst wenig schlecht gestalten. Denn von Vertuschen
+kann hier keine Rede sein, und die Augen darf man nicht zudrücken. Die
+schlechtesten Ratschläge sollen offen gebilligt und die verderblichsten
+Verfügungen unterschrieben werden. Ein Schurke, ja fast ein Hochverräter
+würde sein, wer unheilvolle Beschlüsse in arglistiger Weise doch
+guthieße.
+
+Ferner bietet sich einem gar keine Gelegenheit, sich irgendwie nützlich
+zu machen, wenn man unter solche Amtsgenossen gerät, die auch den
+besten Mann verderben, anstatt sich selbst durch ihn bessern zu lassen.
+Der Umgang mit diesen verdorbenen Menschen wird dich entweder auch
+verderben, oder, wenn du auch selbst unbescholten und ohne Schuld
+bleibst, so wirst du doch fremder Bosheit und Torheit zum Deckmantel
+dienen. So viel fehlt also daran, daß du mit jenem deinen Umwege etwas
+zum Besseren wenden könntest.
+
+Deshalb erklärt auch Plato mit einem wunderschönen Gleichnis, warum sich
+die Weisen mit Fug und Recht von politischer Betätigung fernhalten
+sollen. Sie sehen nämlich, wie das Volk auf die Straßen strömt und
+ununterbrochen von Regengüssen durchnäßt wird, können es aber nicht dazu
+bewegen, sich vor dem Regen in Sicherheit zu bringen und in die Häuser
+zu gehen. Weil sie aber wissen, daß sie, wenn sie auch auf die Straße
+gehen, nichts weiter erreichen, als daß sie selbst mit einregnen, so
+bleiben sie im Hause und sind damit zufrieden, wenigstens selber in
+Sicherheit zu sein, wenn sie schon fremder Torheit nicht steuern können.
+
+Wenn ich freilich ganz offen meine Meinung kundgeben soll, mein lieber
+Morus, so muß ich sagen: ich bin in der Tat der Ansicht, überall, wo es
+noch Privateigentum gibt, wo alle an alles das Geld als Maßstab anlegen,
+wird kaum jemals eine gerechte und glückliche Politik möglich sein, es
+sei denn, man will dort von Gerechtigkeit sprechen, wo gerade das Beste
+immer den Schlechtesten zufällt, oder von Glück, wo alles unter ganz
+wenige verteilt wird und wo es auch diesen nicht in jeder Beziehung gut
+geht, der Rest aber ein elendes Dasein führt.
+
+So erwäge ich denn oft die so klugen und ehrwürdigen Einrichtungen der
+Utopier, die so wenig Gesetze und trotzdem eine so ausgezeichnete
+Verfassung haben, daß das Verdienst belohnt wird und trotz gleichmäßiger
+Verteilung des Besitzes allen alles reichlich zur Verfügung steht. Und
+dann vergleiche ich im Gegensatz dazu mit ihren Gebräuchen die so vieler
+anderer Nationen, die nicht aufhören zu ordnen, von denen allen aber
+auch nicht eine jemals so richtig in Ordnung ist. Bei ihnen bezeichnet
+jeder, was er erwirbt, als sein Privateigentum; aber ihre so zahlreichen
+Gesetze, die sie tagtäglich erlassen, reichen nicht aus, jemandem den
+Erwerb dessen, was er sein Privateigentum nennt, oder seine Erhaltung
+oder seine Unterscheidung von fremdem Besitz zu sichern, was jene
+zahllosen Prozesse deutlich beweisen, die ebenso ununterbrochen
+entstehen, wie sie niemals aufhören. Wenn ich mir das so überlege, werde
+ich Plato doch besser gerecht und wundere mich weniger darüber, daß er
+es verschmäht hat, für jene Leute irgendwelche Gesetze zu erlassen, die
+eine auf Gesetzen beruhende gleichmäßige Verteilung aller Güter unter
+alle ablehnen. In seiner großen Klugheit erkannte er offensichtlich ohne
+weiteres, daß es nur einen einzigen Weg zum Wohle des Staates gibt: die
+Einführung der Gleichheit des Besitzes. Diese ist aber wohl niemals dort
+möglich, wo die einzelnen ihr Hab und Gut noch als Privateigentum
+besitzen. Denn, wo jeder auf Grund gewisser Rechtsansprüche an sich
+bringt, soviel er nur kann, teilen nur einige wenige die gesamte Menge
+der Güter unter sich, mag sie auch noch so groß sein, und lassen den
+anderen nur Mangel und Not übrig. Und in der Regel ist es so, daß die
+einen in höchstem Grade das Los der anderen verdienen; denn die Reichen
+sind habgierige, betrügerische und nichtsnutzige Menschen, die Armen
+dagegen bescheidene und schlichte Männer, die durch ihre tägliche Arbeit
+dem Gemeinwesen mehr als sich selbst nützen. Ich bin daher der festen
+Überzeugung, das einzige Mittel, auf irgendeine gleichmäßige und
+gerechte Weise den Besitz zu verteilen und die Sterblichen glücklich zu
+machen, ist die gänzliche Aufhebung des Privateigentums. Solange es das
+noch gibt, wird der weitaus größte und beste Teil der Menschheit die
+beängstigende und unvermeidliche Last der Armut und der Kümmernisse
+dauernd weiterzutragen haben. Sie kann wohl ein wenig erleichtert
+werden, das gebe ich zu; aber sie völlig zu beseitigen, das ist, so
+behaupte ich, unmöglich. Man könnte ja für den Besitz des einzelnen an
+Grund und Boden ein bestimmtes Höchstmaß festsetzen und ebenso eine
+bestimmte Grenze für das Barvermögen; man könnte auch durch Gesetze
+einer zu großen Macht des Fürsten und einer zu großen Anmaßung des
+Volkes vorbeugen. Ferner könnte man die Erlangung von Ämtern durch
+allerlei Schliche oder durch Bestechung und die Forderung von Aufwand
+während der Amtstätigkeit unterbinden. Andernfalls nämlich bietet sich
+Gelegenheit, sich das verausgabte Geld durch Betrug und Raub wieder zu
+verschaffen, und man sieht sich gezwungen, reichen Leuten _die_ Ämter zu
+geben, die man lieber Fähigen hätte geben sollen. Durch solche Gesetze
+kann man die erwähnten Übelstände wohl mildern und abschwächen, ebenso
+wie man kranke Körper in hoffnungslosem Zustande durch unablässige warme
+Umschläge zu stärken pflegt. Aber auf eine vollständige Behebung der
+Übelstände und auf den Eintritt eines erfreulichen Zustandes darf man
+ganz und gar nicht hoffen, solange jeder noch Privateigentum besitzt.
+Ja, während man an der einen Stelle zu heilen sucht, verschlimmert man
+die Wunde an anderen Stellen. So entsteht abwechselnd aus der Heilung
+des einen die Krankheit des anderen; denn niemandem kann man etwas
+zulegen, was man einem anderen nicht erst weggenommen hat.«
+
+»Aber ich bin gerade der entgegengesetzten Meinung«, erwiderte ich, »daß
+man sich nämlich niemals dort wohl fühlen kann, wo Gütergemeinschaft
+herrscht. Denn wie könnte die Menge der Güter ausreichen, wenn jeder
+sich um die Arbeit drückt, weil ihn ja keine Rücksicht auf Erwerb zur
+Arbeit anspornt und weil ihn die Möglichkeit, sich auf den Fleiß anderer
+zu verlassen, träge werden läßt? Aber wenn auch die Not die Menschen zur
+Arbeit anstacheln sollte, würde man da nicht dauernd durch Mord und
+Aufruhr in Gefahr schweben, falls niemand auf Grund irgendeines Gesetzes
+das, was er erwirbt, als sein Eigentum schützen könnte? Zumal wenn die
+Autorität der Behörden und die Achtung vor ihnen geschwunden ist, wie
+könnte dann für beides Platz sein bei Menschen, zwischen denen keinerlei
+Unterschied besteht? Das kann ich mir nicht einmal vorstellen.«
+
+»Über diese deine Ansichten wundere ich mich gar nicht«, erwiderte
+Raphael; »denn von einem solchen Staate hast du entweder gar keine
+Anschauung oder nur eine falsche. Wärest du jedoch mit mir in Utopien
+gewesen und hättest du dort mit eigenen Augen die Sitten und
+Einrichtungen kennengelernt, wie ich es getan habe, der ich über fünf
+Jahre dort gelebt habe und gar nicht wieder hätte fortgehen mögen, außer
+um die Kenntnis von dieser neuen Welt zu verbreiten, so würdest du
+entschieden zugeben, du habest nirgends anderswo ein Volk mit einer
+guten Verfassung gesehen außer dort.«
+
+»Und doch«, sagte Peter Ägid, »wirst du mich in der Tat nur schwer davon
+überzeugen können, daß es in jener neuen Welt ein Volk mit besserer
+Verfassung gibt als in dieser uns bekannten. Haben wir doch hier ebenso
+kluge Köpfe, und die Staatswesen sind, meine ich, älter als dort; auch
+verdanken unsere Kulturgüter ihre Entstehung zum größten Teile langer
+Erfahrung, wobei ich nicht unerwähnt lassen will, daß bei uns manches
+durch Zufall entdeckt worden ist, was zu erdenken kein Scharfsinn
+ausgereicht hätte.«
+
+»Über das Alter der Staaten würdest du richtiger urteilen können«,
+erwiderte jener, »wenn du die Geschichtswerke über jene Welt genau
+gelesen hättest. Darf man ihnen glauben, so hat es dort früher Städte
+gegeben als bei uns Menschen. Alles aber, was bis heute der Scharfsinn
+erfunden oder der Zufall entdeckt hat, konnte hier wie dort vorhanden
+sein. Im übrigen ist es meine feste Überzeugung: Mögen wir jenen Leuten
+auch an Gaben des Geistes voraussein, an Eifer und Fleiß bleiben wir
+trotzdem weit hinter ihnen zurück. Wie nämlich aus ihren Chroniken
+hervorgeht, hatten sie vor unserer Landung dort niemals etwas von
+unserer Welt gehört -- sie nennen uns Ultraäquinoktialen --, außer daß
+in alten Zeiten, vor nunmehr 1200 Jahren, in der Nähe der Insel Utopia
+ein vom Sturm dorthin verschlagenes Schiff durch Schiffbruch unterging.
+Dabei warfen die Wellen etliche Römer und Ägypter an den Strand, die
+dann nie wieder fortgingen.
+
+Und nun sieh, wie die Utopier in ihrem Fleiße diese in ihrer Art einzige
+Gelegenheit ausnutzten! Es gab im ganzen römischen Reiche keine
+irgendwie nützliche Kunstfertigkeit, die sie nicht von den gestrandeten
+Fremdlingen erlernt oder die sie nicht, im Besitze der Keime ihrer
+Kenntnis, weiter ausgebildet hätten. Von solchem Vorteil war es für sie,
+daß auch nur ein einziges Mal ein paar Leute von hier dorthin
+verschlagen wurden. Sollte aber ein ähnlicher glücklicher Zufall früher
+einmal jemanden von dort hierher gebracht haben, so ist das heute ebenso
+gänzlich vergessen, wie sich vielleicht spätere Geschlechter auch meines
+Aufenthaltes dort nicht mehr erinnern werden. Und während sich die
+Utopier schon bei der ersten Berührung mit uns alle unsere nützlichen
+Erfindungen aneigneten, wird es dagegen lange dauern, bis _wir_
+irgendeine Einrichtung übernehmen, die bei ihnen besser ist als bei uns.
+Dies halte ich auch für den Hauptgrund dafür, daß trotz unserer
+geistigen und materiellen Überlegenheit ihr Staat dennoch klüger
+verwaltet wird und glücklicher aufblüht.«
+
+»Also, mein lieber Raphael«, sagte ich, »so bitte ich dich dringend, gib
+uns eine Beschreibung der Insel und fasse dich nicht zu kurz, sondern
+erläutere uns der Reihe nach Landschaft, Flüsse, Städte, Menschen,
+Sitten, Einrichtungen, Gesetze, kurz alles, was wir, wie du meinst,
+gern kennenlernen wollen! Du kannst aber annehmen, daß wir alles wissen
+möchten, was wir bis jetzt nicht wissen.«
+
+»Nichts werde ich lieber tun«, erwiderte er; »denn das habe ich noch
+frisch im Gedächtnis. Aber die Sache erfordert Zeit.«
+
+»So wollen wir denn hineingehen«, sagte ich, »und frühstücken; dann
+nehmen wir uns Zeit, ganz wie es uns beliebt!«
+
+»Einverstanden!« erwiderte er.
+
+Und so gingen wir ins Haus und frühstückten. Danach kehrten wir an den
+alten Platz zurück und nahmen auf derselben Bank Platz. Den Dienern
+sagte ich, wir wollten von niemandem gestört werden. Dann erinnerten
+Peter Ägid und ich den Raphael an sein Versprechen. Als er uns nun in
+solcher Spannung und Erwartung sah, saß er erst eine Weile schweigend
+und nachdenklich da, dann begann er folgendermaßen.
+
+(Ende des ersten Buches. Es folgt das zweite.)
+
+
+
+
+ZWEITES BUCH
+
+Des Raphael Hythlodeus Rede über den besten Zustand des Staates
+
+Von Thomas Morus
+
+
+Die Insel der Utopier hat in der Mitte -- da ist sie nämlich am
+breitesten -- eine Ausdehnung von 200 Meilen, ist über eine große
+Strecke hin nicht viel schmäler und nimmt nach den beiden Enden zu
+allmählich ab. Diese runden die ganze Insel zu einem Halbkreise von 500
+Meilen Umfang ab und geben ihr die Gestalt des zunehmenden Mondes.
+Zwischen den beiden Hörnern befindet sich eine Meeresbucht von etwa elf
+Meilen Breite. Land umgibt diese gewaltige Wasserfläche auf allen Seiten
+und schützt sie vor Winden. Sie ist weniger stürmisch bewegt und gleicht
+mehr einem ruhigen See von ungeheurer Ausdehnung, macht fast die ganze
+Ausbuchtung des Landes zu einem Hafen und ermöglicht den Schiffsverkehr
+nach allen Richtungen.
+
+Die Einfahrt in den Hafen gefährden auf der einen Seite Untiefen und auf
+der anderen Klippen. Etwa in der Mitte ragt ein einzelner Felsen empor,
+der aber ungefährlich ist. Auf ihm steht ein Turm, in den die Utopier
+eine Besatzung gelegt haben. Die übrigen Klippen sind unsichtbar und
+deshalb gefährlich. Die Fahrstraßen kennen nur die Eingeborenen, und so
+kann ein Ausländer ohne einen Lotsen aus Utopien nur schwer in diese
+Bucht eindringen; könnten doch die Utopier selber kaum ohne Gefahr dort
+einlaufen, wenn nicht gewisse Seezeichen vom Strande aus die Richtung
+angäben, und durch ihre Umsetzung wären sie imstande, jeder auch noch so
+großen feindlichen Flotte den Untergang zu bereiten.
+
+Auf der anderen Seite liegen gut besuchte Häfen. Aber überall ist der
+Zugang zum Lande so stark durch Natur oder Kunst befestigt, daß auch nur
+eine Handvoll Verteidiger selbst gewaltige Truppenmassen abwehren
+könnte. Übrigens war dieses Land, wie man berichtet und wie der
+Augenschein deutlich zeigt, vor Zeiten noch keine Insel. Vielmehr hat
+erst Utopus, der als Eroberer die Insel nach sich benannt hat -- bis
+dahin hieß sie Abraxa -- und der den rohen und unkultivierten Volksstamm
+in Kultur und Gesittung auf eine solche Höhe gebracht hat, daß er die
+übrigen Völker übertrifft, das Land zur Insel gemacht. Kaum war er
+nämlich dort gelandet und Herr des Landes geworden, so ließ er eine
+Strecke von 15 Meilen auf der Seite, wo die Halbinsel mit dem Festlande
+zusammenhing, ausstechen und führte so das Meer ringsherum. Da er zu
+dieser Arbeit, um sie nicht als Schmach empfinden zu lassen, nicht nur
+die Eingeborenen zwang, sondern außerdem alle seine Soldaten hinzuzog,
+verteilte sie sich auf eine gewaltige Menge Menschen, und so wurde das
+Werk mit unglaublicher Schnelligkeit vollendet. Bei den Nachbarvölkern
+aber, die es anfangs als ein aussichtsloses Beginnen ins Lächerliche
+gezogen hatten, erregte der Erfolg Staunen und Schrecken.
+
+Die Insel hat 54 Städte, alle geräumig und prächtig, in Sprache, Sitten,
+Einrichtungen und Gesetzen einander völlig gleich. Sie sind alle in
+derselben Weise angelegt und haben, soweit das bei der Verschiedenheit
+des Geländes möglich ist, dasselbe Aussehen. Die geringste Entfernung
+zwischen ihnen beträgt 24 Meilen; anderseits wieder ist keine so
+abgelegen, daß man nicht von ihr aus eine andere an _einem_ Tage zu Fuß
+erreichen könnte.
+
+Aus jeder Stadt kommen alljährlich drei erfahrene Greise in Amaurotum
+zusammen, um sich über gemeinsame Angelegenheiten der Insel zu beraten.
+Diese Stadt wird nämlich als erste und als Hauptstadt betrachtet, weil
+sie gleichsam im Herzen des Landes und somit für die Abgeordneten aller
+Landesteile bequem liegt.
+
+Ackerland ist den Städten planmäßig zugeteilt, und zwar so, daß einer
+jeden nach jeder Richtung hin mindestens 12 Meilen Anbaufläche zur
+Verfügung stehen, nach manchen Richtungen hin jedoch noch viel mehr,
+nämlich dort, wo die Städte weiter auseinanderliegen. Keine Stadt ist
+auf Erweiterung ihres Gebietes bedacht; denn die Einwohner betrachten
+sich mehr als seine Bebauer denn als seine Besitzer.
+
+Auf dem flachen Lande haben die Utopier Höfe, die zweckmäßig über die
+ganze Anbaufläche verteilt und mit landwirtschaftlichen Geräten versehen
+sind; in ihnen wohnen Bürger, die abwechselnd dorthin ziehen. Jeder
+ländliche Haushalt zählt an Männern und Frauen mindestens 40 Köpfe, wozu
+noch zwei zur Scholle gehörige Knechte kommen. Einem Haushalte stehen
+ein Hausvater und eine Hausmutter vor, gesetzte und an Erfahrung reiche
+Personen, und an der Spitze von je 30 Familien steht ein Phylarch.
+
+Aus jeder Familie wandern jährlich 20 Personen in die Stadt zurück,
+nachdem sie zwei ganze Jahre auf dem Lande zugebracht haben, und werden
+durch ebensoviel neue aus der Stadt ersetzt. Diese werden dann von
+denen, die schon ein Jahr dort gewesen sind und deshalb größere
+Erfahrung in der Landwirtschaft besitzen, angelernt, um ihrerseits
+wiederum im folgenden Jahre andere zu unterweisen. Dadurch will man
+Fehler in der Getreideversorgung verhüten, die infolge Mangels an
+Erfahrung gemacht werden könnten, wenn alle dort zu gleicher Zeit
+unerfahrene Neulinge wären. Diese Sitte, mit den Bebauern zu wechseln,
+ist zwar die gewöhnliche, weil niemand gegen seinen Willen und nur unter
+Zwang das mühsamere Leben auf dem Lande länger ohne Unterbrechung
+zubringen soll; viele jedoch, denen die Landwirtschaft von Natur Freude
+macht, erwirken sich einen Aufenthalt von mehr Jahren.
+
+Die Ackerbauer bestellen das Land, treiben Viehzucht, beschaffen Holz
+und fahren es bei Gelegenheit zu Wasser oder zu Lande nach der Stadt.
+Kücken ziehen sie in gewaltiger Menge auf, und zwar mit Hilfe einer
+wunderbaren Vorrichtung. Sie lassen nämlich die Hühnereier nicht von den
+Hennen ausbrüten, sondern setzen sie in großer Zahl einer gleichmäßigen
+Wärme aus, erwecken sie dadurch zum Leben und ziehen dann die Kücken
+groß. Kaum sind diese ausgeschlüpft, so laufen sie den Menschen wie
+ihren Müttern nach und erkennen sie immer wieder. Pferde ziehen die
+Utopier in ganz geringer Zahl auf, und zwar nur sehr feurige Tiere; sie
+sind einzig und allein für Übungen der Jugend in der Reitkunst bestimmt.
+Denn alle Arbeit bei der Feldbestellung oder beim Transport verrichten
+Ochsen. Sie sind zwar, wie die Utopier offen zugeben, nicht so feurig
+wie die Pferde, besitzen aber dafür ihrer Meinung nach mehr Ausdauer und
+eine größere Widerstandsfähigkeit gegen Krankheiten. Außerdem erfordert
+ihr Unterhalt weniger Aufwand an Mühe und Kosten, und zuletzt sind sie,
+wenn sie ausgedient haben, doch noch für die Ernährung zu gebrauchen.
+
+Getreide verwenden die Utopier nur zur Brotbereitung; denn als Getränk
+dient ihnen Wein von Trauben oder Äpfeln oder Birnen oder schließlich
+auch Wasser, das sie bisweilen unvermischt trinken, oft aber auch mit
+Honig oder Süßholz verkocht, das es bei ihnen in nicht geringer Menge
+gibt. Den Verbrauch von Lebensmitteln durch die Stadt und ihre Umgebung
+haben sie zwar ermittelt und kennen ihn ganz genau, trotzdem bauen sie
+viel mehr Getreide an und ziehen auch viel mehr Vieh auf, als für den
+Eigenbedarf nötig ist, um dann den Überschuß an ihre Nachbarn abzugeben.
+Alles, was sie an Hausrat brauchen, den es auf dem Lande nicht gibt,
+verlangen sie von der Stadt und erhalten es auch ohne jede Gegenleistung
+bereitwillig von den Behörden; denn die meisten von ihnen kommen sowieso
+in jedem Monat an einem Feiertage in der Stadt zusammen. Wenn die
+Erntezeit naht, melden die Phylarchen der Ackerbauer den städtischen
+Behörden, wieviel Bürger sie ihnen schicken sollen. Diese Schar
+Erntearbeiter trifft am festgesetzten Tage rechtzeitig ein, und bei
+gutem Wetter erledigt man dann so ziemlich an einem einzigen Tage die
+gesamte Erntearbeit.
+
+
+Die Städte, namentlich Amaurotum
+
+Wer _eine_ Stadt kennt, kennt _alle_: so völlig ähnlich sind sie
+einander, soweit nicht die Beschaffenheit des Geländes dem
+entgegensteht. Ich will deshalb irgendeine beschreiben; es kommt nämlich
+wirklich nicht viel darauf an, welche. Aber welche lieber als Amaurotum?
+Denn keine verdient es mehr, da dieser Stadt die übrigen die Würde als
+Sitz des Senats übertragen haben und da ich sie infolge meines
+ununterbrochenen fünfjährigen Aufenthaltes dort besser als jede andere
+kenne.
+
+Amaurotum also liegt am flachen Abhange eines Berges und ist fast
+quadratisch angelegt. Denn in voller Breite beginnt die Stadt ein wenig
+unterhalb des Gipfels und erstreckt sich etwa zwei Meilen weit bis zum
+Flusse Anydrus, wobei sie sich längs des Ufers beträchtlich länger
+hinzieht. Der Anydrus entspringt aus einer schwachen Quelle 80 Meilen
+oberhalb Amaurotums, wird dann durch den Zufluß anderer Wasserläufe,
+darunter zweier von mittlerer Größe, wasserreicher und breiter und ist
+vor der Stadt selbst eine halbe Meile breit. Bald darauf nimmt er an
+Breite noch mehr zu und mündet dann 60 Meilen weiter in den Ozean. Auf
+dieser ganzen Strecke zwischen der Stadt und dem Meere sowie noch ein
+paar Meilen oberhalb der Stadt hemmen Ebbe und Flut in ihrem
+sechsstündigen Wechsel den schnellen Lauf des Flusses. Wenn die
+Meeresflut 30 Meilen tief eindringt, drängt sie das Wasser des Flusses
+zurück und füllt sein Bett vollständig mit ihren Wellen. Das Flußwasser
+nimmt dann noch ein ganzes Stück weiter stromaufwärts den Salzgeschmack
+des Meeres an; von da ab wird es allmählich wieder süß, fließt klar
+durch die Stadt und drängt der bei Ebbe zurückströmenden Flut fast bis
+zur Mündung rein und unvermischt nach.
+
+Die Brücke, die Amaurotum mit dem gegenüberliegenden Ufer verbindet,
+besteht nicht aus hölzernen Pfeilern und Balken, sondern ist ein
+Steinbau mit einem wunderschönen Brückenbogen. Sie befindet sich an der
+Stelle, die vom Meere am weitesten entfernt ist, damit die Schiffe an
+dieser ganzen Seite der Stadt ungehindert entlangfahren können.
+
+Es gibt dort noch einen anderen Wasserlauf, der zwar nur klein, aber
+recht ruhig und erfreulich ist. Er entspringt auf demselben Berge, auf
+dem die Stadt liegt, fließt mitten durch sie und mündet in den Anydrus.
+Weil seine Quelle ein Stück außerhalb der Stadt liegt, haben sie die
+Amaurotaner ringsum mit Befestigungen umgeben, die bis zur Stadt
+reichen. So gehört die Quelle zur Stadt, und beim Einbruch einer
+feindlichen Macht kann das Wasser nicht abgefangen und abgelenkt oder
+verdorben werden. Von dort aus leitet man es in Röhren aus gebranntem
+Stein in verschiedenen Richtungen zu den unteren Stadtteilen. Läßt das
+irgendwo die Beschaffenheit des Geländes nicht zu, so sammelt man in
+geräumigen Zisternen das Regenwasser, das dann den gleichen Dienst
+leistet.
+
+Eine hohe und breite Mauer mit zahlreichen Türmen und Schutzwehren
+umgibt die Stadt auf allen Seiten; ein trockener, aber tiefer, breiter
+und durch Dorngestrüpp unwegsamer Graben umzieht die Stadtmauer auf drei
+Seiten; auf der vierten dient der Fluß selbst als Wehrgraben.
+
+Die Straßen sind ebenso zweckmäßig für den Wagenverkehr wie für den
+Windschutz angelegt. Die Häuser sind keineswegs unansehnlich; man
+übersieht ihre lange und längs der ganzen Straße ununterbrochene Reihe
+von der gegenüberliegenden Häuserfront aus. Der Weg zwischen diesen
+beiden Fronten ist 30 Fuß breit. An der Rückseite der Häuser zieht sich
+die ganze Straße entlang eine breite Gartenanlage hin, die von der
+Rückseite anderer Häuserreihen eingezäunt ist.
+
+Jedes Haus hat einen Eingang von der Straße her und eine Hintertür, die
+in den Garten führt. Die Türen haben zwei Flügel, lassen sich durch
+einen leisen Druck mit der Hand öffnen und schließen sich dann von
+selbst wieder, so daß ein jeder ins Haus hinein kann: so wenig ist
+irgendwo etwas Eigentum eines einzelnen; denn sogar die Häuser wechselt
+man alle zehn Jahre, und zwar verlost man sie.
+
+Auf die erwähnten Gärten halten die Utopier große Stücke. In ihnen haben
+sie Wein, Obst, Gemüse und Blumen in solcher Pracht und Pflege, daß es
+alles übertrifft, was ich irgendwo an Fruchtbarkeit und gutem Geschmack
+gesehen habe. Ihren Eifer dabei spornt nicht bloß ihr Vergnügen an der
+Gartenarbeit an, sondern auch der Wettstreit der Straßenzüge in der
+Pflege der einzelnen Gärten. Und sicherlich wird man nicht leicht in der
+ganzen Stadt etwas finden, was für die Bürger nützlicher oder
+unterhaltsamer wäre, und, wie es scheint, hat deshalb auch der Gründer
+des Reiches auf nichts größere Sorgfalt verwendet als auf derartige
+Gärten.
+
+Wie es nämlich heißt, hat Utopus selber gleich von Anfang an diesen
+ganzen Plan der Stadt festgelegt. Die Ausschmückung jedoch und den
+weiteren Ausbau überließ er den Nachkommen in der Erkenntnis, daß _ein_
+Menschenalter dazu nicht ausreichen werde. Daher steht in den
+Geschichtsbüchern der Utopier, die die Geschichte von 1760 Jahren seit
+Eroberung der Insel umfassen, fleißig und gewissenhaft geschrieben sind
+und von ihnen aufbewahrt werden, die Häuser seien im Anfang niedrig
+gewesen, eine Art Baracken und Hütten, ohne Sorgfalt aus irgendwelchem
+Holz errichtet, die Wände mit Lehm verschmiert, mit spitzen Giebeln und
+Strohdächern. Aber heutzutage ist jedes Haus ein stattlicher Bau von
+drei Stockwerken; die Außenseite der Wände besteht aus Granit oder einer
+anderen harten oder auch gebrannten Steinmasse, die inwendig mit Schutt
+ausgefüllt wird. Die Dächer sind flach und mit einer gewissen Stuckmasse
+belegt, die nicht teuer, aber so zusammengesetzt ist, daß sie nicht
+brennt und noch wetterfester als Blei ist. Vor den Winden schützen sich
+die Utopier durch Fenster aus Glas, das dort sehr viel verwendet wird;
+bisweilen benutzen sie auch an dessen Stelle dünne Leinwand, die sie mit
+durchsichtigem Öl oder einer Bernsteinmasse bestreichen. Das hat den
+doppelten Vorteil, daß mehr Licht und weniger Wind durchgelassen wird.
+
+
+Die Obrigkeiten
+
+Je dreißig Familien wählen sich alljährlich einen Vorsteher; in der
+alten Landessprache heißt er Syphogrant, in der jüngeren Phylarch. Zehn
+Syphogranten mit ihren Familien unterstehen einem Vorgesetzten, der
+jetzt Protophylarch genannt wird, in alten Zeiten aber Tranibore hieß.
+Schließlich ernennen die Syphogranten in ihrer Gesamtheit, zweihundert
+an der Zahl, auch den Bürgermeister. Nachdem sie sich eidlich
+verpflichtet haben, den nach ihrer Ansicht Tüchtigsten zu wählen,
+ernennen sie auf Grund geheimer Abstimmung einen der vier Bürger, die
+ihnen das Volk namhaft macht, zum Bürgermeister; jedes Stadtviertel
+wählt nämlich einen und schlägt ihn dem Senat vor. Das Amt wird auf
+Lebenszeit verliehen, wenn dem nicht der Verdacht entgegensteht, es
+gelüste den Inhaber nach Alleinherrschaft. Die Traniboren wählt man
+jährlich, doch wechselt man mit ihnen nicht ohne triftige Gründe. Die
+übrigen Beamten werden alle auf ein Jahr gewählt. Alle drei Tage, im
+Bedarfsfalle bisweilen auch öfter, kommen die Traniboren mit dem
+Bürgermeister zu einer Beratung zusammen, besprechen Stadtangelegenheiten
+und entscheiden rasch etwa vorliegende Privatstreitigkeiten, die
+übrigens ganz selten sind. Zu den Senatssitzungen werden regelmäßig zwei
+Syphogranten hinzugezogen, die jeden Tag wechseln; dabei ist vorgesehen,
+daß keine städtische Angelegenheit entschieden wird, über die nicht drei
+Tage vor der Beschlußfassung im Senat verhandelt worden ist. Außerhalb
+des Senats oder der Volksversammlungen über allgemeine Angelegenheiten
+zu beraten, ist bei Todesstrafe verboten. Diese Bestimmung soll eine
+tyrannische Unterdrückung des Volkes und eine Änderung der Verfassung
+durch eine Verschwörung des Bürgermeisters und der Traniboren
+erschweren. Und eben deshalb wird auch jede wichtige Angelegenheit vor
+die Versammlungen der Syphogranten gebracht; diese besprechen sie mit
+den Familien, beraten dann unter sich und teilen ihre Entscheidung dem
+Senat mit. Zuweilen kommt die Sache vor den Rat der ganzen Insel. Auch
+ist es eine Gewohnheit des Senats, über einen Antrag nicht gleich an dem
+Tage zu beraten, an dem er zum ersten Male eingebracht wird, sondern die
+Verhandlung auf die nächste Sitzung zu verschieben. Es soll nämlich
+niemand unbedachtsam mit dem herausplatzen, was ihm zuerst auf die Zunge
+kommt, und dann mehr auf die Verteidigung seiner Ansicht als auf das
+Interesse der Stadt bedacht sein. Auch soll niemand das Gemeinwohl der
+Erhaltung der guten Meinung von seiner Person opfern, in einer Art
+sinnloser und verkehrter Scham, weil er sich nicht merken lassen will,
+daß er es im Anfang an der nötigen Voraussicht hat fehlen lassen,
+während er doch von vornherein darauf hätte bedacht sein müssen, lieber
+überlegt als rasch zu sprechen.
+
+
+Die Handwerke
+
+_Ein_ Gewerbe betreiben alle, Männer und Frauen ohne Unterschied: den
+Ackerbau, und auf ihn versteht sich jedermann. Von Jugend auf werden sie
+darin unterwiesen, zum Teil durch Unterricht in den Schulen, zum Teil
+auch auf den Feldern in der Nähe der Stadt, wohin man sie wie zu einem
+Spiele führt. Hier sehen sie der Arbeit nicht bloß zu, sondern üben sie
+auch aus und stärken bei dieser Gelegenheit zugleich ihre Körperkräfte.
+
+Neben der Landwirtschaft, die, wie gesagt, alle betreiben, erlernt jeder
+noch irgendein Handwerk als seinen besonderen Beruf. Das ist in der
+Regel entweder die Tuchmacherei oder die Leineweberei oder das Maurer-
+oder das Zimmermanns- oder das Schmiedehandwerk. In keinem anderen
+Berufe nämlich ist dort eine nennenswerte Anzahl Menschen beschäftigt.
+Denn der Schnitt der Kleidung ist, abgesehen davon, daß sich die
+Geschlechter sowie die Ledigen und die Verheirateten in der Tracht
+voneinander unterscheiden, auf der ganzen Insel einheitlich und stets
+der gleiche in jedem Lebensalter, wohlgefällig fürs Auge, bequem für die
+Körperbewegung und vor allem für Kälte und Hitze berechnet. Diese
+Kleidung fertigt sich jede Familie selber an. Von den obenerwähnten
+anderen Gewerben aber erlernt jeder eins, und zwar nicht nur die Männer,
+sondern auch die Frauen. Letztere jedoch, als die körperlich
+Schwächeren, üben nur die leichteren Gewerbe aus; in der Regel
+verarbeiten sie Wolle und Flachs; den Männern weist man die übrigen,
+mühsameren Beschäftigungen zu. Meistenteils erlernt jeder das väterliche
+Handwerk; denn dazu neigen die meisten von Natur. Hat aber jemand zu
+einem anderen Berufe Neigung, so nimmt ihn durch Adoption eine Familie
+auf, die dasjenige Gewerbe betreibt, zu dem er Lust hat. Dabei sorgen
+nicht nur sein Vater, sondern auch die Behörden dafür, daß er zu einem
+würdigen und ehrbaren Familienvater kommt. Ja, wenn jemand _ein_
+Handwerk gründlich erlernt hat und noch ein anderes dazu erlernen will,
+so ist ihm das auf demselben Wege möglich. Versteht er dann beide, so
+übt er aus, welches er will, es sei denn, daß die Stadt eins von beiden
+nötiger braucht.
+
+Die besondere und beinahe einzige Aufgabe der Syphogranten ist es, sich
+angelegentlich darum zu kümmern, daß niemand untätig herumsitzt, sondern
+daß jeder sein Gewerbe mit Fleiß betreibt, ohne sich jedoch, gleich
+einem Lasttiere, in ununterbrochener Arbeit vom frühesten Morgen an bis
+in die tiefe Nacht abzumühen; denn das wäre eine mehr als sklavische
+Plackerei. Und doch ist das fast überall das Los der Arbeiter, außer bei
+den Utopiern. Diese teilen nämlich den Tag mitsamt der Nacht in
+vierundzwanzig gleiche Stunden ein und kennen eine Arbeitszeit von nur
+sechs Stunden. Drei Stunden arbeiten sie am Vormittag; danach essen sie
+zu Mittag und halten eine Rast von zwei Stunden. Dann arbeiten sie
+wieder drei Stunden und beschließen den Tag mit dem Abendessen. Da sie
+die erste Stunde von Mittag an rechnen, gehen sie gegen acht Uhr zu
+Bett; acht Stunden brauchen sie zum Schlafen.
+
+Über all die Zeit zwischen den Stunden der Arbeit, des Schlafes und des
+Essens darf ein jeder nach seinem Belieben verfügen, nicht etwa um sie
+durch Schwelgerei und Trägheit schlecht auszunützen, sondern um die
+arbeitsfreie Zeit nach Herzenslust auf irgendeine andere Beschäftigung
+nutzbringend zu verwenden. Die meisten treiben in diesen Pausen
+literarische Studien. Es herrscht nämlich der Brauch, täglich in den
+frühen Morgenstunden öffentliche Vorlesungen zu halten; zu ihrem Besuche
+sind diejenigen verpflichtet, die zu wissenschaftlicher Arbeit
+namentlich ausgewählt sind. Aus jedem Stande aber strömt eine gewaltige
+Menge Hörer, Männer wie Frauen, zu den Vorlesungen, die einen zu diesen,
+die anderen zu jenen, je nach ihren persönlichen Neigungen. Wenn jedoch
+einer auch diese Zeit lieber auf seine berufliche Tätigkeit verwenden
+will, was bei vielen der Fall ist, deren Geist sich nicht zur Höhe
+wissenschaftlicher Betrachtung erhebt, so hindert man ihn nicht daran;
+er erntet vielmehr sogar noch Lob, weil er sich dem Staate nützlich
+macht.
+
+Nach dem Abendessen verbringen die Utopier noch eine Stunde mit Spielen,
+während des Sommers in ihren Gärten, während des Winters aber in jenen
+Sälen, in denen sie gemeinsam essen. Entweder treiben sie dort Musik,
+oder sie erholen sich in der Unterhaltung. Das Würfeln und andere solche
+ungehörige und verderbliche Spiele sind ihnen nicht einmal bekannt;
+üblich jedoch sind bei ihnen zwei dem Schach nicht unähnliche Spiele.
+Das eine ist der Zahlenkampf, bei dem die Zahlen einander stechen; bei
+dem anderen kämpfen, in Schlachtreihe aufgestellt, die Tugenden mit den
+Lastern. In diesem Spiele zeigt sich sehr hübsch der Streit der Laster
+untereinander und ihre einmütige Verbundenheit gegen die Tugenden,
+ebenso welche Laster und Tugenden einander entgegengesetzt sind, mit
+welchen Kräften ferner die Laster offen gegen die Tugenden kämpfen und
+mit welchen Ränken und Listen sie versteckt angreifen, mit welchen
+Hilfsmitteln anderseits die Tugenden die Kräfte des Lasters brechen, mit
+welchen Künsten sie ihre Versuchungen vereiteln und auf welche Weise
+endlich die eine oder die andere Partei den Sieg davonträgt.
+
+Um aber einer irrtümlichen Auffassung eurerseits vorzubeugen, müssen wir
+an dieser Stelle einen Punkt genauer betrachten. Wenn die Utopier
+nämlich nur sechs Stunden arbeiten, könnte man vielleicht meinen, es
+müsse das einen Mangel an den notwendigen Gütern zur Folge haben. Aber
+gerade das Gegenteil ist der Fall. Diese Arbeitszeit genügt nicht nur,
+sondern wird nicht einmal ganz gebraucht zur Produktion eines Vorrats an
+allem, was zu den Bedürfnissen oder Annehmlichkeiten des Lebens gehört.
+Das werdet auch ihr einsehen, wenn ihr euch überlegt, ein wie großer
+Teil des Volkes in anderen Ländern untätig dahinlebt: erstens fast alle
+Frauen, also die Hälfte der Gesamtheit, oder wenn irgendwo die Frauen
+arbeiten, schnarchen dort meistens an ihrer Stelle die Männer; außerdem
+dann die Priester und die sogenannten frommen Männer, was für eine
+große und faule Schar ist das! Nimm noch all die Reichen und besonders
+die Grundbesitzer dazu, die man allgemein als Standespersonen und
+Edelleute bezeichnet! Zu ihnen rechne noch ihre Dienerschaft, jenen
+ganzen zusammengespülten Haufen von Raufbolden und Windbeuteln! Vergiß
+schließlich auch die kräftigen und gesunden Bettler nicht, die ihren
+Müßiggang mit irgendeinem Gebrechen bemänteln, und die Zahl der Leute,
+die durch ihre Tätigkeit für die gesamten Bedürfnisse der Sterblichen
+sorgen, wirst du dann viel geringer finden, als du angenommen hast. Und
+nun überlege dir, wie wenige von diesen selbst mit wirklich notwendigen
+Arbeiten beschäftigt sind! Da nämlich bei uns das Geld der Maßstab für
+alles ist, müssen wir viele völlig unnütze und überflüssige Gewerbe
+betreiben, die bloß der Verschwendung und der Genußsucht dienen. Würde
+man nämlich diese ganze Masse, die jetzt im Arbeitsprozeß steht, nur auf
+die so wenigen Gewerbe verteilen, die ein angemessener natürlicher
+Bedarf erfordert, so würde ein großer Überfluß an Waren entstehen, und
+die Preise würden notwendigerweise zu tief sinken, als daß die
+Handwerker ihren Lebensunterhalt davon bestreiten könnten. Aber wenn
+alle die, die jetzt ihre Kräfte in nutzloser Tätigkeit verzetteln, und
+wenn noch dazu der ganze Schwarm derer, die jetzt in Nichtstun und
+Trägheit erschlaffen und von denen jeder einzelne so viel von den
+Produkten verbraucht, die die Arbeitskraft anderer liefert, wie zwei der
+Arbeiter, wenn man also alle diese zu Arbeiten, und zwar zu nützlichen,
+verwendete, so würde, wie leicht einzusehen ist, ungemein wenig Zeit
+mehr als reichlich genügen, um alles zu beschaffen, was zum Leben
+notwendig oder nützlich ist; du kannst auch noch hinzusetzen, zum
+Vergnügen, soweit es echt und natürlich ist. Und das bestätigen in
+Utopien die Tatsachen selber. Denn dort sind in einer ganzen Stadt
+einschließlich ihrer nächsten Umgebung aus der Gesamtzahl der nach Alter
+und Kräften zur Arbeit tauglichen Männer und Frauen kaum fünfhundert von
+ihr befreit. Unter ihnen sind die Syphogranten zwar nach dem Gesetz zur
+Arbeit nicht verpflichtet, sie machen aber von dieser Bestimmung keinen
+Gebrauch, um die anderen durch ihr Beispiel um so leichter zur Arbeit
+anzuspornen. Dieselbe Vergünstigung genießen diejenigen, denen das Volk
+auf Vorschlag der Priester und auf Grund geheimer Abstimmung der
+Syphogranten dauernde Arbeitsbefreiung zur Durchführung ihrer Studien
+bewilligt. Erfüllt einer von ihnen die auf ihn gesetzte Hoffnung nicht,
+so stößt man ihn wieder unter die Handarbeiter zurück. Nicht selten
+tritt aber auch das Gegenteil ein, daß nämlich ein Handwerker jene
+freien Stunden so eifrig auf das Studium verwendet und durch seinen
+Fleiß so große Fortschritte macht, daß man ihn von der Handarbeit
+befreit und in die Klasse der Gebildeten aufrücken läßt. Aus deren
+Stande nimmt man die Gesandten, Priester, Traniboren und schließlich den
+Bürgermeister selber, den die Utopier in ihrer alten Sprache Barzanes
+und in ihrer jüngeren Ademus nennen. Da nun fast die ganze übrige Masse
+des Volkes weder untätig noch mit unnützen Gewerben beschäftigt ist,
+kann man leicht ermessen, in wie wenigen Stunden viel nützliche Arbeit
+geleistet wird.
+
+Zu dem von mir Erwähnten kommt für die Utopier noch die Erleichterung
+hinzu, daß bei ihnen die meisten unentbehrlichen Gewerbe weniger Arbeit
+als bei anderen Völkern erfordern. Erstens nämlich ist bei diesen zum
+Bau oder zur Ausbesserung von Gebäuden deshalb so vieler Hände Arbeit
+dauernd notwendig, weil der zu wenig wirtschaftliche Erbe das Haus, das
+sein Vater erbaut bat, allmählich verfallen läßt. Was er mit ganz
+geringen Kosten hätte erhalten können, muß sein Nachfolger mit großen
+Kosten erneuern. Ja, häufig sagt auch ein Haus, das dem einen ungeheuer
+viel Geld gekostet hat, dem verwöhnten Geschmack des anderen nicht zu.
+Da sich dieser nicht darum kümmert, verfällt es in kurzer Zeit, und sein
+Besitzer baut sich an anderer Stelle ein neues Haus für nicht weniger
+Geld. Aber bei den Utopiern kommt es, dank der allgemeinen Ordnung und
+dank ihrer Verfassung, nur ganz selten vor, daß man einen neuen Platz
+für den Bau eines Hauses sucht. Und sie beheben nicht nur rasch die
+vorhandenen Schäden, sondern beugen auch drohenden vor. Infolgedessen
+bleiben ihre Gebäude bei ganz geringem Aufwand an Arbeit überaus lange
+erhalten, und die Bauhandwerker haben bisweilen kaum etwas zu tun, außer
+daß sie angewiesen werden, daheim Bauholz zu bearbeiten und bisweilen
+Steine quadratisch zu behauen und fertigzumachen, damit gegebenenfalls
+ein Haus schneller hochkommt.
+
+Beachte ferner, wie wenig Arbeit zur Anfertigung der Kleidung der
+Utopier erforderlich ist! Zunächst tragen sie bei der Arbeit einfach
+Leder oder Felle, die bis zu sieben Jahren halten. Beim Ausgehen ziehen
+sie einen mantelähnlichem Rock über, der jene gröberen Unterkleider
+verdeckt. Diese Röcke haben auf der ganzen Insel die gleiche Farbe, und
+zwar die Naturfarbe des Stoffes. Die Utopier verbrauchen also nicht bloß
+viel weniger wollenes Tuch, als das anderswo der Fall ist, sondern der
+Stoff kostet ihnen auch viel weniger. Aber noch weniger Arbeit macht die
+Herstellung von Leinwand, und deshalb trägt man sie auch noch mehr. Beim
+Leinen sieht man nur auf Weiße, bei der Wolle nur auf Sauberkeit;
+feinere Webart wird gar nicht bezahlt. Und während sonst nirgends
+_einer_ Person vier oder fünf wollene Oberkleider von verschiedener
+Farbe und ebenso viele Untersachen aus Seide genügen -- etwas
+eleganteren Leuten nicht einmal zehn --, begnügt sich hier in Utopien
+ein jeder mit nur einem Anzug, und zwar zumeist für zwei Jahre. Warum
+sollte sich dort jemand auch mehr Kleidung wünschen? Wenn er sie nämlich
+bekäme, wäre er weder besser vor der Kälte geschützt, noch würde er in
+seiner Kleidung auch nur um ein Haar hübscher aussehen.
+
+Da die Utopier also alle in nützlichen Gewerben beschäftigt sind und
+diese selbst auch eine geringere Arbeitszeit erfordern, braucht man sich
+nicht zu wundern, daß bisweilen alle Erzeugnisse im Überfluß vorhanden
+sind. Dann führt man eine ungeheure Menge Arbeiter zur Ausbesserung
+öffentlicher Straßen, die schadhaft geworden sind, aus der Stadt hinaus;
+sehr oft setzt man aber auch, wenn sich keinerlei Arbeit der Art nötig
+macht, die Arbeitszeit von Staats wegen herab. Die Behörden zwingen
+nämlich die Bürger nicht zu unnötiger Arbeit; denn die Einrichtung
+dieses Staates hat das eine Hauptziel im Auge, soweit es die dringenden
+Bedürfnisse des Staates erlauben, den Sklavendienst des Körpers nach
+Möglichkeit einzuschränken, damit die dadurch gewonnene Zeit auf die
+freie Ausbildung des Geistes verwendet werden kann. Darin liegt nämlich
+nach ihrer Ansicht das Glück das Lebens.
+
+
+Der Verkehr der Utopier miteinander
+
+Doch glaube ich nunmehr darlegen zu müssen, auf welche Weise die Bürger
+miteinander verkehren, welche inneren wirtschaftlichen Beziehungen
+bestehen und wie die Verteilung der Güter vor sich geht.
+
+Die Bürgerschaft besteht also aus Familien, die zumeist aus Verwandten
+zusammengesetzt sind. Denn sobald die Frauen körperlich reif sind,
+werden sie verheiratet und ziehen dann in die Wohnungen ihrer Männer.
+Dagegen verbleiben die Söhne und deren männliche Nachkommen in ihren
+Familien und unterstehen der Gewalt des Familienältesten, soweit dieser
+nicht infolge seines Alters kindisch geworden ist; dann tritt der
+Nächstälteste an seine Stelle. Um aber eine zu starke Abnahme oder eine
+übermäßig große Zunahme der Bevölkerung zu verhindern, darf keine
+Familie, deren es in jeder Stadt -- die in dem zugehörigen Landbezirk
+nicht mitgerechnet -- 6000 gibt, weniger als zehn und mehr als sechzehn
+Erwachsene haben; die Zahl der Kinder kann man ja nicht im voraus
+festsetzen. Diese Bestimmung läßt sich mit Leichtigkeit
+aufrechterhalten, indem man die überzähligen Mitglieder der übergroßen
+Familien in zu kleine versetzt.
+
+Sollte aber einmal eine ganze Stadt mehr Einwohner haben, als sie haben
+darf, so füllt man mit dem Überschuß die Einwohnerzahl geringer
+bevölkerter Städte des Landes auf. Wenn aber etwa die Menschenmasse der
+ganzen Insel mehr als billig anschwellen sollte, so bestimmt man aus
+jeder Stadt ohne Ausnahme Bürger, die auf dem nächstgelegenen Festlande
+überall da, wo viel überflüssiges Ackerland der Eingeborenen brachliegt,
+eine Kolonie nach ihren heimischen Gesetzen einrichten unter
+Hinzuziehung der Einwohner des Landes, falls sie mit ihnen zusammenleben
+wollen. Mit diesen zu gleicher Lebensweise und zu gleichen Sitten
+vereint, verwachsen sie dann leicht miteinander, und das ist für beide
+Völker von Vorteil. Sie erreichen es nämlich durch ihre Einrichtungen,
+daß ein Land, das vorher dem einen Volke zu klein und unergiebig
+erschien, jetzt für beide Völker mehr als genug hervorbringt. Diejenigen
+Eingeborenen aber, die es ablehnen, nach den Gesetzen der Kolonisten zu
+leben, vertreiben diese aus dem Gebiet, das sie selber für sich in
+Anspruch nehmen, und gegen die, die Widerstand leisten, greifen sie zu
+den Waffen. Denn das ist nach Ansicht der Utopier der gerechteste
+Kriegsgrund, wenn irgendein Volk die Nutznießung und den Besitz eines
+Stückes Land, das es selbst nicht nutzt, sondern gleichsam zwecklos und
+unbebaut in Besitz hat, anderen untersagt, denen es nach dem Willen der
+Natur ihren Lebensunterhalt liefern soll. Wenn aber einmal infolge eines
+Unglücksfalles die Einwohnerzahl einiger ihrer Städte so sehr sinken
+sollte, daß sie aus anderen Teilen der Insel unter Wahrung der Größe
+einer jeden Stadt nicht wieder ergänzt werden kann -- wie es heißt, ist
+das seit Menschengedenken nur zweimal infolge einer heftig wütenden
+Seuche der Fall gewesen --, so läßt man die Bürger aus der Kolonie
+zurückkommen und füllt mit ihnen die Einwohnerzahl der Städte wieder
+auf. Die Utopier sehen es nämlich lieber, daß ihre Kolonien eingehen,
+als daß die Einwohnerzahl einer der Städte ihrer Insel zurückgeht.
+
+Doch ich komme auf das Zusammenleben der Bürger zurück. Der Älteste ist,
+wie gesagt, das Oberhaupt der Familie. Die Frauen dienen ihren Männern,
+die Kinder ihren Eltern und so überhaupt die Jüngeren den Älteren.
+
+Jede Stadt zerfällt in vier gleiche Teile. In der Mitte eines jeden
+befindet sich ein Markt für alle Arten von Waren. Dorthin schafft man
+die Arbeitserzeugnisse einer jeden Familie in bestimmte Häuser, und die
+einzelnen Warengattungen sind gesondert auf Speicher verteilt. Jeder
+Familienvater verlangt dort, was er selbst und die Seinen brauchen, und
+nimmt alles, was er haben will, mit, und zwar ohne Bezahlung und
+überhaupt ohne jede Gegenleistung. Warum sollte man ihm nämlich auch
+etwas verweigern? Alles ist ja im Überfluß vorhanden, und man braucht
+nicht zu befürchten, daß jemand die Absicht hat, mehr zu verlangen, als
+er braucht. Denn warum sollte man annehmen, es werde jemand über seinen
+Bedarf hinaus fordern, wenn er sicher ist, daß es ihm niemals an etwas
+fehlen wird? Werden doch bei jedem Lebewesen Habsucht und Raubgier durch
+die Furcht vor Mangel hervorgerufen und beim Menschen allein außerdem
+noch durch Stolz, da er es sich zum Ruhme anrechnet, durch ein Prahlen
+mit überflüssigen Dingen die anderen zu übertreffen; für diese Art
+Fehler ist in den Einrichtungen der Utopier überhaupt kein Platz.
+
+Mit den erwähnten Märkten sind andere für Lebensmittel verbunden; auf
+diese bringt man außer Gemüse, Obst und Brot auch Fische und Fleisch.
+Die Tiere sind außerhalb der Stadt auf geeigneten Plätzen, wo man Blut
+und Schmutz in fließendem Wasser abwaschen kann, von Sklaven getötet und
+gereinigt worden. Die Bürger sollen sich nämlich nicht an das Schlachten
+von Tieren gewöhnen, weil man der Ansicht ist, die Gewöhnung an diese
+Tätigkeit ertöte allmählich das Mitleid, den edelsten Zug unseres
+Wesens. Auch soll nichts Schmutziges und Unreines in die Stadt gebracht
+werden, dessen Fäulnis die Luft verpesten und eine Krankheit
+einschleppen könnte.
+
+Außerdem stehen in jeder Straße, gleichweit voneinander entfernt, einige
+geräumige Hallen, von denen jede ihren eigenen Namen hat. Hier wohnen
+die Syphogranten, und jeder dieser Hallen sind dreißig Familien
+zugeteilt, auf jeder Seite fünfzehn, die dort ihre Mahlzeiten
+einzunehmen haben. Die Kücheneinkäufer einer jeden Halle finden sich zu
+einer bestimmten Stunde auf dem Markte ein, melden die Zahl der Esser
+und fordern die Lebensmittel an. In erster Linie berücksichtigt man bei
+dieser Verteilung die Kranken, die in den öffentlichen Krankenhäusern
+gepflegt werden. Im Stadtbezirk gibt es nämlich vier, ein Stück von der
+Stadt entfernt; sie sind so geräumig, daß man sie für ebenso viele
+kleine Städte halten könnte. Dadurch ist es möglich, eine auch noch so
+große Zahl Kranker ohne Mangel an Raum und deshalb bequem unterzubringen
+sowie die an ansteckenden Krankheiten Leidenden von den anderen recht
+weit zu entfernen. Diese Krankenhäuser sind so eingerichtet und mit
+allem, was zur Gesundheitspflege gehört, so reichlich ausgestattet, die
+Pflege ist so rücksichtsvoll und gewissenhaft, und die erfahrensten
+Ärzte sind so unermüdlich tätig, daß, wenn auch niemand gegen seinen
+Willen dort Aufnahme findet, doch wohl jeder in der Stadt im
+Krankheitsfalle lieber im Krankenhaus als daheim liegt.
+
+Nachdem der Einkäufer für die Kranken die Lebensmittel nach ärztlicher
+Vorschrift empfangen hat, verteilt man weiterhin das Beste gleichmäßig
+auf die Hallen je nach deren Kopfzahl. Nur auf den Bürgermeister, den
+Oberpriester und die Traniboren nimmt man besondere Rücksicht sowie auf
+Gesandte und alle etwa anwesenden Ausländer. Doch sind letztere nur
+vereinzelt und selten zu sehen; aber auch für sie stehen, wenn sie sich
+im Lande aufhalten, bestimmte Wohnungen eingerichtet bereit.
+
+In den erwähnten Hallen findet sich die gesamte Syphograntie, durch den
+Klang einer ehernen Trompete aufgefordert, zu den festgesetzten Stunden
+des Mittags- und Abendessens ein, mit Ausnahme der in den Hospitälern
+oder daheim liegenden Kranken. Indes darf sich jedermann, wenn der
+Bedarf der Hallen gedeckt ist, Lebensmittel vom Markt mit nach Hause
+geben lassen; man weiß nämlich, daß das niemand ohne Grund tun wird.
+Denn wenn es auch keinem verwehrt ist, zu Hause zu essen, so tut das
+doch niemand gern, da es für unanständig gilt und töricht wäre, sich
+mühsam ein schlechtes Mahl zuzubereiten, während in der Halle ganz in
+der Nähe ein reichliches und ausgezeichnetes Essen zu haben ist. In
+einer solchen Halle verrichten Sklaven alle schmutzigeren und mühsameren
+Arbeiten, dagegen besorgen das Kochen und Zubereiten der Speisen sowie
+die Vorbereitung des ganzen Mahles ausschließlich die Frauen der
+einzelnen Familien, und zwar abwechselnd.
+
+Je nach der Zahl der Esser speist man an drei oder mehr Tischen. Die
+Männer haben ihre Plätze an der Wand, die Frauen dagegen an der
+Außenseite der Tische. So können sie, wenn es ihnen plötzlich übel wird,
+was bei Schwangeren bisweilen vorkommt, ohne Störung der Tischordnung
+aufstehen und zu den stillenden Müttern gehen. Diese sitzen nämlich mit
+ihren Säuglingen für sich in einem besonders zu diesem Zweck bestimmten
+Speiseraum, wo es nie an Feuer und reinem Wasser fehlt; auch sind dort
+Wiegen vorhanden, so daß die Mütter ihre Kleinen niederlegen oder, wenn
+sie wollen, am Feuer aus den Windeln nehmen, sich frei bewegen lassen
+und mit ihnen spielen können, damit sie wieder frisch und munter werden.
+Jede Mutter stillt ihr Kind selber, soweit das nicht Tod oder Krankheit
+unmöglich macht. Tritt dieser Fall ein, so besorgen die Frauen der
+Syphogranten rasch eine Amme; und das ist bald geschehen; denn die
+Frauen, die dazu imstande sind, bieten sich zu keiner Verrichtung lieber
+an, da solches Mitleid allgemeines Lob findet und der Säugling später in
+der Amme seine Mutter sieht.
+
+In der Ammenstube sitzen auch alle Kinder unter fünf Jahren; die übrigen
+Unmündigen -- dazu rechnet man die noch nicht Heiratsfähigen beiderlei
+Geschlechts -- bedienen entweder bei Tisch oder, soweit sie noch zu jung
+dazu sind, stehen sie doch dabei, und zwar in tiefstem Schweigen. Sie
+essen, was ihnen die am Tische Sitzenden reichen, und haben keine
+besondere Tischzeit. Am ersten Tisch in der Mitte sitzen der Syphogrant
+und seine Frau. Das ist der oberste Platz, von dem aus man die gesamte
+Gesellschaft übersieht; denn dieser Tisch steht im obersten Teile des
+Speisesaales quer. An den Syphogranten und seine Frau schließen sich
+zwei der Ältesten an; an allen Tischen sitzt man nämlich zu viert. Falls
+aber ein Tempel in der betreffenden Syphograntie liegt, sitzen der
+Priester und seine Frau so mit dem Syphogranten zusammen, daß sie den
+Vorsitz führen. Auf beiden Seiten folgen dann Jüngere, danach wieder
+Greise; auf diese Weise sitzen im ganzen Saale die Gleichaltrigen
+nebeneinander und doch auch mit anderen Altersstufen zusammen. Wie es
+heißt, hat man diese Einrichtung deshalb getroffen, damit die Würde der
+Alten und die Ehrfurcht vor ihnen die Jüngeren von ungehöriger
+Ausgelassenheit in Rede und Benehmen abhält; denn nichts, was bei Tische
+gesprochen oder getan wird, kann den Nachbarn ringsum entgehen. Die
+einzelnen Gänge werden nicht vom ersten Platze aus der Reihe nach
+gereicht, sondern die besten Gerichte werden immer zuerst allen Älteren
+vorgesetzt, deren Plätze besonders kenntlich sind; danach bedient man
+die übrigen ohne Unterschied. Jedoch geben die Greise von ihren
+Leckerbissen ganz nach Belieben den Umsitzenden ab; um sie nämlich im
+ganzen Saale in genügender Menge zu verteilen, sind es nicht genug. Auf
+diese Weise bleibt den Älteren die ihnen zukommende Ehre gewahrt, und
+trotzdem wird der Allgemeinheit die gleiche Bevorzugung zuteil.
+
+Zu Beginn einer jeden Mittags- und Abendmahlzeit wird ein Text
+moralischen Inhalts vorgelesen, der jedoch nur kurz ist, damit man der
+Sache nicht überdrüssig wird. Im Anschluß daran führen die Älteren
+ehrbare Gespräche, die weder trocken noch ohne Witz sind. Indessen
+halten sie nicht etwa während des ganzen Essens lange Reden; sie hören
+vielmehr auch den jungen Leuten gern zu. Ja, sie veranlassen sie
+absichtlich zum Reden, um von dem Charakter und Geist eines jeden einen
+Begriff zu bekommen, wenn er sich in der bei einem Mahle herrschenden
+Ungebundenheit offenbart. Die Mittagsmahlzeiten sind ziemlich schlicht,
+die Abendmahlzeiten dagegen reichlicher; denn auf jene folgt Arbeit, auf
+diese Schlaf und nächtliche Ruhe, und diese hilft nach Ansicht der
+Utopier besser verdauen. Bei keinem Abendessen fehlt es an Musik, und
+bei jedem Nachtisch gibt es allerlei Leckereien. Auch verbrennt man
+Räucherwerk, verspritzt wohlriechendes Salböl und bietet alles auf, um
+die Tischgenossen zu erheitern. Die Utopier neigen nämlich viel zu sehr
+zu solcher Fröhlichkeit, um ein Vergnügen, das keinen Schaden anrichtet,
+für verboten zu halten.
+
+Derart also ist das gesellige Leben in der Stadt; auf dem Lande dagegen,
+wo man weiter auseinander wohnt, ißt jeder für sich zu Hause. Dort fehlt
+es nämlich keiner Familie an irgend etwas zum Leben; denn die Leute auf
+dem Lande sind es ja, die alles das liefern, wovon die Städter leben.
+
+
+Die Reisen der Utopier
+
+Wer das Verlangen haben sollte, seine Freunde in einer anderen Stadt zu
+besuchen oder sich auch nur den Ort selbst anzusehen, erhält von seinem
+Syphogranten und Traniboren mit Leichtigkeit die Erlaubnis dazu, wenn er
+irgendwie abkömmlich ist. Man schickt dann eine gewisse Anzahl Urlauber
+zusammen ab und gibt ihnen ein Schreiben des Bürgermeisters mit, in dem
+die Reisegenehmigung bestätigt und der Tag der Rückkehr vorgeschrieben
+ist. Die Reisenden bekommen einen Wagen mit einem staatlichen Sklaven
+gestellt, der das Ochsengespann führen und besorgen muß; wenn sie aber
+nicht gerade Frauen bei sich haben, weisen sie den Wagen als lästig und
+hinderlich zurück. Obgleich sie auf der ganzen Reise nichts mit sich
+führen, fehlt es ihnen doch an nichts; sie sind ja überall zu Hause.
+Sollten sie sich irgendwo länger als einen Tag aufhalten, so übt jeder
+daselbst sein Gewerbe aus und wird von seinen Handwerksgenossen aufs
+freundlichste behandelt.
+
+Wenn sich aber jemand außerhalb seines Wohnbezirks eigenmächtig
+herumtreiben und ohne amtlichen Urlaubsschein aufgegriffen werden
+sollte, so betrachtet man ihn als Ausreißer, bringt ihn mit Schimpf und
+Schande in die Stadt zurück und züchtigt ihn streng; im
+Wiederholungsfalle büßt er mit dem Verlust seiner Freiheit. Wenn aber
+jemanden die Lust anwandeln sollte, auf seinen heimatlichen Fluren
+spazierenzugehen, so hindert ihn niemand daran, vorausgesetzt, daß er
+die Erlaubnis seines Hausvaters und die Einwilligung seiner Frau hat.
+Wohin er aber auch aufs Land kommt, nirgends gibt man ihm etwas zu
+essen, ehe er nicht das dort vor dem Mittags- oder Abendessen übliche
+Arbeitspensum erledigt hat; unter dieser Bedingung kann er ganz nach
+Belieben innerhalb des Gebietes seiner Stadt spazierengehen. Wird er
+sich doch auf diese Weise der Stadt ebenso nützlich machen, als wenn er
+sich in ihr selber aufhielte.
+
+Ihr seht schon, in Utopien gibt es nirgends eine Möglichkeit zum
+Müßiggang oder einen Vorwand zur Trägheit. Keine Weinschenken, keine
+Bierhäuser, nirgends ein Bordell, keine Gelegenheit zur Verführung,
+keine Schlupfwinkel, keine Stätten der Liederlichkeit; jeder ist
+vielmehr den Blicken der Allgemeinheit ausgesetzt, die ihn entweder zur
+gewohnten Arbeit zwingt oder ihm nur ein ehrbares Vergnügen gestattet.
+
+Diese Lebensführung des Volkes hat notwendig einen Überfluß an jeglichem
+Lebensbedarf zur Folge, und da alle gleichmäßig daran teilhaben, ist es
+ganz natürlich, daß es Arme oder gar Bettler überhaupt nicht geben kann.
+Im Senat von Mentiranum, wo sich, wie erwähnt, alljährlich drei
+Abgeordnete aus jeder Stadt einfinden, stellt man zunächst fest, wovon
+es in den einzelnen Bezirken einen Überschuß gibt und worin irgendwo der
+Ertrag zu gering gewesen ist. Dann gleicht man alsbald den Mangel der
+einen Bezirke durch den Überfluß der anderen aus, und zwar geschieht
+das unentgeltlich, ohne daß die Geber von den Empfängern eine
+Entschädigung erhalten. Dafür aber, daß eine Stadt irgendeiner anderen
+aus ihren Beständen ohne Gegenforderung liefert, erhält sie auch wieder,
+was sie braucht, von einer Stadt, der sie nichts gegeben hat. So bildet
+die ganze Insel gleichsam eine einzige Familie.
+
+Nachdem aber die Utopier sich selbst zur Genüge mit Vorräten versorgt
+haben, was nach ihrer Ansicht erst dann der Fall ist, wenn sie wegen der
+Unsicherheit des Ertrags im darauffolgenden Jahre für einen Zeitraum von
+zwei Jahren vorgesorgt haben, führen sie aus dem Überschuß eine große
+Menge Getreide, Honig, Wolle, Leinen, Holz, Scharlach- und Purpurfarben,
+Felle, Wachs, Seife, Leder sowie außerdem Vieh in andere Länder aus. Von
+dem allen schenken sie ein Siebentel den Armen des betreffenden Landes,
+den Rest aber verkaufen sie zu mäßigem Preise. Dieser Handel bringt
+ihnen nicht nur diejenigen Waren ins Land, an denen es ihnen fehlt --
+das ist aber fast nichts weiter als Eisen --, sondern außerdem eine
+große Menge Silber und Gold. Weil sie das schon lange so halten, haben
+sie an diesen Metallen überall einen unglaublich großen Überfluß. Daher
+legen sie jetzt auch nicht sonderlich viel Gewicht darauf, ob sie gegen
+bar oder auf Kredit verkaufen und den bei weitem größten Teil ihrer
+Forderungen als Außenstände haben. Doch lehnen sie bei der Ausstellung
+von Schuldscheinen die Bürgschaft von Privatpersonen regelmäßig ab und
+verlangen immer auf Grund formell ausgestellter Scheine die Bürgschaft
+der Stadt. Diese zieht dann am Zahltage den Betrag von den
+Privatschuldnern ein, legt ihn in die Stadtkasse und hat bis zu seiner
+Anforderung durch die Utopier den Zinsgenuß. Diese verlangen aber
+niemals den größten Teil zurück; nach ihrer Ansicht ist es nämlich eine
+Ungerechtigkeit, anderen etwas wegzunehmen, was für sie von Nutzen ist,
+ihnen selbst aber keinen Nutzen bringt. Wenn sie dagegen
+erforderlichenfalls einen Teil des betreffenden Geldes einem anderen
+Volke leihen wollen, so verlangen sie es dann erst zurück oder auch,
+wenn sie selbst Krieg führen müssen. Für diesen einen Zweck nämlich
+heben sie jenen gesamten Schatz, den sie im Lande haben, auf, um an ihm
+in äußerster oder plötzlicher Gefahr einen Rückhalt zu haben, vor allem
+aber, um damit für unmäßig hohen Sold ausländische Soldaten anzuwerben;
+denn diese setzen sie lieber der Gefahr aus als ihre eigenen Bürger.
+Außerdem wissen sie, daß in der Regel die Feinde selber mit viel Geld
+sich kaufen und gegeneinander hetzen lassen, sei es durch Verrat oder
+auch durch Entzweiung. Aus diesem Grunde sorgen die Utopier für einen
+Staatsschatz von unermeßlichem Werte. Er ist aber in ihren Augen kein
+eigentlicher Schatz; sie halten es damit vielmehr so, daß ich mich in
+der Tat schäme, es zu erzählen, weil ich fürchten muß, man wird meinen
+Worten nicht glauben. Und meine Befürchtung ist um so berechtigter, je
+mehr ich mir bewußt bin, wie schwer man mich selbst dazu hätte bringen
+können, es einem anderen zu glauben, wenn ich es nicht persönlich erlebt
+hätte. Es kann ja gar nicht anders sein, als daß etwas um so weniger
+Glauben findet, je mehr es von den Bräuchen der Zuhörer abweicht. Da
+freilich auch die übrigen Einrichtungen der Utopier so wesentlich
+anders als die unsrigen sind, wird sich ein kluger Beurteiler der Dinge
+vielleicht weniger wundern, wenn sie auch Gold und Silber auf eine Weise
+benutzen, die mehr ihrem eigenen als unserem Brauche entspricht. Da die
+Utopier nämlich selber kein Geld verwenden, sondern es nur für einen
+Fall aufsparen, der ebensogut eintreten wie nicht eintreten kann, so
+schätzt niemand von ihnen Gold und Silber, woraus das Geld gemacht wird,
+höher, als es ihrem natürlichen Werte angemessen ist. Wer sieht da
+nicht, wie weit dort Gold und Silber unter dem Eisen stehen! Und in der
+Tat ist Eisen für die Menschheit ebenso lebensnotwendig wie Wasser und
+Feuer, während weder Gold noch Silber von Natur einen Vorzug besitzt,
+den wir nicht mit Leichtigkeit entbehren könnten; nur halten es die
+Menschen in ihrer Torheit wegen seines seltenen Vorkommens für so
+besonders wertvoll. Und dabei hat doch im Gegenteil die Natur, wie eine
+überaus gütige Mutter, uns gerade ihre besten Gaben offen und frei vor
+Augen gestellt, wie die Luft, das Wasser und die Erde selbst, das
+Nichtige und Unnütze dagegen sehr weit entrückt. Würde nun Gold und
+Silber bei den Utopiern in irgendeinem Turme versteckt, so könnte der
+törichte Argwohn der großen Masse den Bürgermeister und den Senat
+verdächtigen, sie wollten das Volk auf hinterlistige Weise betrügen, um
+selber irgendwelchen Vorteil daraus zu ziehen. Wenn sie ferner Schalen
+und andere derartige Schmiedearbeiten aus Gold und Silber herstellen
+ließen, so könnte einmal der Fall eintreten, daß man sie wieder
+einschmelzen und zur Soldzahlung an die Truppen verwenden müßte, und
+natürlich würden dann die Besitzer der Gegenstände, das sehen sie ein,
+sich nur ungern wieder entreißen lassen, woran sie allmählich Freude
+gefunden haben. Um es zu alledem nicht kommen zu lassen, haben sich die
+Utopier ein Mittel ausgedacht, das mit ihren übrigen Einrichtungen
+ebenso übereinstimmt, wie es von den unsrigen stark abweicht, da ja bei
+uns Gold so hoch geschätzt und so sorgfältig aufbewahrt wird, und das
+deshalb nur denen, die es aus Erfahrung kennen, glaubhaft erscheint.
+Während sie nämlich zum Essen und Trinken nur Gefäße aus Ton und Glas
+benutzen, die zwar sehr hübsch aussehen, aber trotzdem billig sind,
+fertigen sie aus Gold und Silber nicht bloß für die Gemeinschaftshallen,
+sondern auch für die Privathäuser allenthalben Nachtgeschirre und
+sonstige zu ganz gewöhnlichem Gebrauch bestimmte Gefäße an. Außerdem
+stellen sie aus denselben Metallen Ketten und starke Fußfesseln zur
+Bestrafung der Sklaven her, und schließlich hängen von den Ohren derer,
+die durch irgendein Verbrechen ihre Ehre verloren haben, goldene Ringe
+herab; man steckt ihnen goldene Ringe an die Finger, hängt ihnen eine
+goldene Halskette um und legt einen goldenen Reif um ihren Kopf. So
+sorgen die Utopier mit allen Mitteln dafür, daß Gold und Silber bei
+ihnen in Verruf kommt, und so erklärt es sich auch, daß in Utopien bei
+einer sich etwa nötig machenden Ablieferung alles Goldes und Silbers,
+dessen gewaltsame Wegnahme den anderen Völkern fast ebensolche Schmerzen
+bereitet, als wenn man ihnen die Eingeweide auseinanderrisse, niemand
+glauben würde, auch nur einen Heller einzubüßen.
+
+Außerdem sammeln die Utopier an den Küsten Perlen, in gewissen Felsen
+sogar Diamanten und Karfunkel. Doch suchen sie nicht danach, sondern
+nur, was sie zufällig finden, schleifen sie. Damit putzen sie ihre
+kleinen Kinder. In ihren ersten Lebensjahren prahlen diese gern mit
+solchem Schmuck und sind stolz darauf; sobald sie aber ein wenig älter
+werden und merken, daß sich nur Kinder mit derartigem Tand abgeben,
+legen sie diesen Schmuck ab, und zwar ohne besondere Ermahnung von
+seiten ihrer Eltern, sondern einfach, weil sie sich seiner schämen,
+genau so wie bei uns die Kinder, wenn sie erst größer werden, von ihren
+Nüssen, Knöpfen und Puppen nichts mehr wissen wollen.
+
+Wie stark aber diese Lebensgewohnheiten der Utopier, die von denen der
+übrigen Völker so sehr abweichen, ihr ganzes Empfinden verändern, ist
+mir niemals so klar zum Bewußtsein gekommen wie bei einer Gesandtschaft
+der Anemolier. Diese kam nach Amaurotum, als ich gerade dort war, und da
+wichtige Fragen zur Verhandlung standen, waren schon vor ihr jene früher
+erwähnten drei Abgeordneten aus jeder Stadt eingetroffen. Nun waren
+allen Gesandten der Nachbarvölker, die schon früher dorthin gekommen
+waren, die Sitten der Utopier bekannt. Sie wußten, daß prunkvolle
+Kleidung dort durchaus nicht angesehen war, daß man Seide geradezu
+verachtete und daß Goldschmuck sogar in üblen Ruf brachte. Deshalb
+hatten sie sich daran gewöhnt, in möglichst bescheidener Kleidung zu
+erscheinen. Die Anemolier aber wohnten weiter entfernt von den Utopiern
+und hatten deshalb weniger Verkehr mit ihnen unterhalten. Als sie nun
+hörten, die Utopier trügen alle die gleiche grobe Tracht, waren sie
+überzeugt, sie trieben deshalb keinen Aufwand, weil es ihnen an den
+nötigen Mitteln dazu fehle, und beschlossen daher, mehr eitel als klug,
+prächtig wie Götter herausgeputzt aufzutreten und die Augen der
+armseligen Utopier durch den Glanz ihrer prunkvollen Kleidung zu
+blenden. So zogen denn die drei Gesandten an der Spitze eines Gefolges
+von dreihundert Mann in die Stadt ein, alle in bunter, die meisten in
+seidener Kleidung, die Gesandten selbst -- sie gehörten nämlich daheim
+zum Adel -- in golddurchwirkten Gewändern, mit großen Halsketten und
+Ohrringen aus Gold, an den Fingern goldene Ringe, die Filzkappen mit
+Bändern geschmückt, die von Perlen und Edelsteinen funkelten, kurz, mit
+all den Dingen geputzt, die bei den Utopiern Strafen für Sklaven oder
+Schandmale Ehrloser oder Spielzeug kleiner Kinder sind. Und so lohnte es
+sich der Mühe zu sehen, wie den Anemoliern der Kamm schwoll, als sie
+ihren Prunk mit der Kleidung der Utopier verglichen; die Bevölkerung war
+nämlich in Menge auf die Straßen geströmt. Anderseits aber machte es
+nicht weniger Spaß zu beobachten, wie gründlich sie sich in ihrer
+Hoffnung und Erwartung getäuscht sahen und wie wenig sie den Eindruck
+machten, mit dem sie gerechnet hatten. Denn in den Augen aller Utopier,
+nur einige ganz wenige ausgenommen, die bei irgendeiner passenden
+Gelegenheit ins Ausland gekommen waren, war jener ganze glänzende
+Aufwand eine Schmach. Sie grüßten gerade die Niedrigsten an Stelle ihrer
+Herren mit Ehrerbietung, die Gesandten selbst aber hielten sie wegen
+ihrer goldenen Ketten für Sklaven und ließen sie vorübergehen, ohne
+ihnen überhaupt eine Ehrenbezeigung zu erweisen. Ja, auch die Knaben
+hättest du sehen sollen, die ihre Edelsteine und Perlen schon längst
+weggeworfen hatten. Beim Anblick der Edelsteine an den Filzkappen der
+Gesandten riefen und stießen sie ihre Mütter an und sagten: »Sieh doch,
+Mutter, was für ein großer Schelm da noch die Perlen und Edelsteinchen
+trägt, als wenn er ein kleines Kind wäre!« Und die Mutter erwiderte
+gleichfalls ganz ernsthaft: »Sei still, mein Junge! Das wird einer von
+den Narren der Gesandten sein.« Andere wieder bemängelten die goldenen
+Ketten: sie seien zu nichts zu brauchen, weil sie so dünn seien, daß der
+Sklave sie mit Leichtigkeit zerbrechen könne; anderseits wieder seien
+sie so locker, daß er sie, wenn er Lust habe, abschütteln und
+ungehindert und frei ausreißen könne, wohin er wolle.
+
+Die Gesandten hatten sich erst ein paar Tage in Amaurotum aufgehalten
+und schon eine Unmenge Gold in niedrigster Verwendung gesehen; auch
+hatten sie gemerkt, daß das Gold hier ebenso gering wie bei ihnen daheim
+hochgeschätzt wurde; außerdem sahen sie in den Ketten und Fußfesseln
+eines einzigen Sklaven, der flüchtig geworden war, mehr Gold und Silber
+zusammen verarbeitet, als die gesamte Ausstattung der drei Gesandten
+wert war. Da ließen sie die Flügel hängen und legten beschämt jenen
+ganzen Aufputz ab, mit dem sie sich in so anmaßender Weise gebrüstet
+hatten, vor allem aber, nachdem sie durch vertrautere Unterhaltung mit
+den Utopiern ihre Sitten und Anschauungen kennengelernt hatten. Sind
+doch diese ganz verwundert darüber, wie einem Menschen das unsichere
+Gefunkel eines dürftigen Juwels oder Edelsteinchens überhaupt Freude
+machen kann, während er irgendeinen Stern und schließlich die Sonne
+selbst anschauen darf, und wie jemand so albern sein kann, daß er sich
+selber wegen eines Gewebes aus feinerer Wolle vornehmer dünkt, wenn
+diese Wolle selbst, mag der Faden auch noch so fein sein, früher einmal
+auf dem Rücken eines Schafes gesessen hat und inzwischen doch auch
+nichts anderes als Wolle gewesen ist. Ebenso wundern sich die Utopier
+darüber, daß das Gold, das seiner Natur nach so unnütz ist, jetzt
+überall in der Welt so hoch geschätzt wird, daß der Mensch selbst, durch
+den und vor allem zu dessen Nutzen es diesen Wert erlangt hat, viel
+weniger gilt als das Gold selber, und zwar so viel weniger, daß
+irgendein Dämlack, geistlos wie ein Holzklotz und ebenso schlecht wie
+dumm, trotzdem eine Menge kluger und braver Diener hat, allein deshalb,
+weil er zufällig einen großen Haufen Goldstücke sein eigen nennt. Wenn
+nun irgendeine Fügung des Geschicks oder ein Trick der Gesetze, der,
+ebenso wie das Schicksal, das Unterste zu oberst kehrt, dieses Gold dem
+Herrn des Hauses nimmt und es dem allerschlimmsten Taugenichts seines
+Gesindes zukommen läßt, so würde jener ohne Zweifel bald darauf wie ein
+Anhängsel und eine Zugabe seiner Münzen unter die Dienerschaft seines
+ehemaligen Dieners geraten. Und noch mehr ist man erstaunt, ja geradezu
+empört über das unsinnige Gebaren der Leute, die jene Reichen, denen sie
+nichts schuldig und denen sie nicht verpflichtet sind, aus keinem
+anderen Grunde, als weil sie reich sind, wie Götter anbeten, und zwar
+auch dann, wenn sie ihren schmutzigen Geiz zu genau kennen, um nicht mit
+tödlicher Sicherheit zu wissen, daß sie bei deren Lebzeiten von dem
+großen Geldhaufen auch nicht einen roten Heller bekommen.
+
+Diese und andere derartige Ansichten der Utopier sind das Ergebnis teils
+ihrer Erziehung in einem Staate, dessen Einrichtungen von den Torheiten
+der geschilderten Art weit entfernt sind, teils ihrer Beschäftigung mit
+Wissenschaft und Literatur. Allerdings sind in jeder Stadt nur wenige
+von den anderen Arbeiten befreit, um sich ausschließlich der Ausbildung
+ihres Geistes zu widmen, nämlich diejenigen, bei denen man von Kind auf
+hervorragende Anlagen, ausgezeichnete Begabung und Neigung zu
+wissenschaftlicher Beschäftigung beobachtet hat. Trotzdem aber genießen
+alle Kinder Unterricht, und ein guter Teil des Volkes, Männer und
+Frauen, beschäftigt sich das ganze Leben hindurch in den erwähnten
+arbeitsfreien Stunden mit den Wissenschaften.
+
+Der Unterricht wird in der Landessprache erteilt; sie verfügt nämlich
+über einen reichen Wortschatz, zeichnet sich durch Wohllaut aus und ist
+wie keine andere zur Wiedergabe von Gedanken geeignet. In annähernd
+derselben Art, jedoch überall auf verschiedene Weise etwas zu ihrem
+Nachteil verändert, ist sie über einen großen Strich jenes Erdteils
+verbreitet.
+
+Von allen unseren Philosophen, deren Namen in dieser uns bekannten Welt
+berühmt sind, war den Utopiern vor unserer Ankunft auch nicht ein
+einziger, nicht einmal gerüchtweise, bekannt geworden; und doch haben
+sie in Musik, Dialektik, Arithmetik und Geometrie etwa dieselben
+Entdeckungen gemacht wie unsere alten Meister. Wenn sie aber auch die
+Alten beinahe in allem erreicht haben, so sind sie allerdings hinter den
+Erfindungen der modernen Dialektiker weit zurückgeblieben; sie haben
+nämlich auch nicht eine einzige der in der »Kleinen Logik« so
+scharfsinnig ausgedachten Regeln über Restriktion, Amplifikation und
+Supposition erfunden, die hierzulande allenthalben schon die Kinder
+auswendig lernen. Wie sie ferner keineswegs den »zweiten Intentionen«
+nachzuforschen vermochten, so war auch nicht einer von ihnen imstande,
+den sogenannten »Menschen überhaupt« zu sehen, der doch, wie ihr wißt,
+ein wahrer Koloß und größer als jeder Riese ist und auf den wir damals
+auch noch mit den Fingern gezeigt haben.
+
+Dagegen kennen sie ganz genau den Lauf der Gestirne und die Bewegung der
+Himmelskreise. Ja, sie haben sich auch Instrumente von verschiedener
+Gestalt mit Kunst und Geschick ausgedacht, mit deren Hilfe sie die
+Bewegungen und Stellungen der Sonne, des Mondes und ebenso der übrigen
+bei ihnen sichtbaren Gestirne aufs genaueste erfaßt haben. Aber von
+Gunst und Mißgunst der Planeten und von jenem ganzen Schwindel der
+Prophezeiung aus den Sternen lassen sie sich nicht einmal etwas träumen.
+Regen, Wind und die übrigen Wetterveränderungen sagen sie aus gewissen
+Anzeichen voraus, die sie aus langer Erfahrung kennen. Über die Ursachen
+all dieser Erscheinungen aber, über Ebbe und Flut sowie über den
+Salzgehalt des Meeres und schließlich über den Ursprung und die Natur
+des Himmels und der Erde lehren sie zum Teil dasselbe wie unsere alten
+Philosophen. Wie diese aber schon untereinander verschiedener Meinung
+sind, so stimmen auch die Utopier mit ihren neuen Erklärungen für die
+Naturerscheinungen mit ihnen allen zum Teil nicht überein, sind aber
+auch untereinander nicht in jeder Beziehung derselben Ansicht.
+
+In der Moralphilosophie behandeln die Utopier dieselben Fragen wie wir.
+Sie stellen Erörterungen an über die Güter des Geistes und des Körpers
+sowie über die äußeren Güter, ferner ob diese alle oder nur die Gaben
+des Geistes als Güter bezeichnet werden dürfen; auch untersuchen sie das
+Wesen der Tugend und der Lust. Aber die erste und wichtigste aller
+Streitfragen ist die, worin wohl die Glückseligkeit des Menschen
+besteht, ob in _einem_ Dinge oder in mehreren. In diesem Punkte aber
+neigen sie, wie es scheint, mehr als billig zu der Ansicht derer, die
+für das Vergnügen eintreten, worin sie entweder das menschliche Glück
+überhaupt oder doch wenigstens seinen wesentlichsten Bestandteil
+erblicken. Und worüber man sich noch mehr wundern muß, sie stützen ihre
+so sinnenfreudige Ansicht auch mit Beweisgründen, die sie ihrer Religion
+entnehmen, einer ernsten und strengen, ja fast düsteren und harten
+Lehre. Wenn sie nämlich über die Glückseligkeit verhandeln, so verbinden
+sie stets gewisse Grundsätze ihrer Religion mit der Philosophie, die mit
+Vernunftgründen arbeitet; denn ohne diese Grundsätze ist die Vernunft
+nach Ansicht der Utopier zu ungenügend und zu schwach, um für sich
+allein die wahre Glückseligkeit zu erforschen.
+
+Diese Grundsätze sind folgende: Die Seele ist unsterblich und durch die
+Güte Gottes zur Glückseligkeit geschaffen; für unsere Tugenden und
+guten Werke erwarten uns nach diesem Leben Belohnungen, für unsere
+Missetaten aber Strafen. Diese Anschauungen sind zwar religiöser Natur,
+aber nach Ansicht der Utopier führt schon die Vernunft dazu, an sie zu
+glauben und sie zu billigen. Nach Beseitigung dieser Grundsätze, so
+erklären sie ohne jedes Bedenken, wird niemand so töricht sein zu
+meinen, er dürfe dem Vergnügen nicht auf jede Weise, auf rechte und
+unrechte, nachjagen. Nur müsse man sich, so erklären sie weiter, davor
+hüten, ein größeres Vergnügen durch ein kleineres beeinträchtigen zu
+lassen oder einem Vergnügen mit schmerzhaften Rückwirkungen nachzugehen.
+Denn den dornenvollen und beschwerlichen Pfad der Tugend zu wandeln und
+dabei nicht bloß auf des Lebens Annehmlichkeiten zu verzichten, sondern
+auch den Schmerz freiwillig zu ertragen, und zwar ohne Aussicht auf
+irgendwelchen Gewinn -- was könnte nämlich wohl auch der Gewinn sein,
+wenn man nach dem Tode nichts erreichen soll, nachdem man dieses ganze
+Leben freudlos, also jämmerlich, zugebracht hat? -- das ist in den Augen
+der Utopier das Sinnloseste, was es geben kann. Nun liegt aber nach
+ihrer Meinung das Glück nicht in jeder Art von Vergnügen, sondern nur in
+einem rechtschaffenen und ehrbaren; zu diesem nämlich, als zu dem
+höchsten Gut, zieht, so sagen sie, die Tugend selbst unsere Natur hin,
+während nach Ansicht der Gegenpartei einzig und allein die Tugend unser
+Glück bedingt. Die Tugend besteht nämlich, wie die Utopier meinen, in
+einem naturgemäßen Leben, sofern uns Gott dazu geschaffen hat;
+naturgemäß aber lebt der, der in allem, was er begehrt und meidet, den
+Geboten der Vernunft gehorcht. Die Vernunft entfacht ferner im Menschen
+vor allem anderen die ehrfurchtsvolle Liebe zur göttlichen Majestät, und
+dieser verdanken wir es ja, daß wir sind und an der Glückseligkeit
+teilnehmen dürfen. Sodann mahnt uns die Tugend und regt uns dazu an, ein
+möglichst sorgenfreies und frohes Leben zu führen und allen unseren
+Mitmenschen, entsprechend unserer natürlichen Gemeinschaft mit ihnen,
+zur Erreichung des gleichen Zieles zu verhelfen. Denn noch nie ist
+jemand ein so finsterer und strenger Anhänger der Tugend und
+entschiedener Feind des Vergnügens gewesen, daß er von dir
+Anstrengungen, Nachtwachen und Kasteiungen verlangte, ohne nicht
+gleichzeitig dir aufzugeben, die Not und das Ungemach anderer nach
+Kräften zu lindern, und ohne es nicht im Namen der Menschlichkeit für
+lobenswert zu halten, daß ein Mensch dem anderen Heil und Trost spendet.
+Wenn nun die höchste Menschlichkeit darin besteht -- und keine Tugend
+ist dem Menschen eigentümlicher --, den Kummer der Mitmenschen zu
+lindern, ihre Traurigkeit zu beheben und in ihr Leben wieder die Freude,
+das heißt das Vergnügen, zu bringen, wie sollte da nicht die Natur einen
+jeden anspornen, die gleiche Wohltat auch sich selber zuteil werden zu
+lassen? Denn entweder ist ein angenehmes, das heißt dem Vergnügen
+gewidmetes Leben verwerflich, dann darfst du nicht bloß niemandem zu
+einem Vergnügen verhelfen, sondern mußt es sogar von allen nach
+Möglichkeit fernhalten, da es ihnen ja schädlich ist und den Tod bringt.
+Oder aber, wenn du anderen ein Vergnügen als etwas Gutes nicht bloß
+verschaffen darfst, sondern sogar verschaffen sollst, warum dann nicht
+vor allem dir selbst, dem du doch nicht weniger als anderen gewogen sein
+solltest? Denn wenn die Natur dich zur Güte gegen andere mahnt, verlangt
+sie doch nicht gleichzeitig von dir schonungslose Strenge gegen dich
+selbst.
+
+Ein angenehmes Leben also, das heißt eben das Vergnügen, sagen die
+Utopier, stellt uns die Natur selbst gleichsam als Ziel aller unserer
+Handlungen hin, und ein Leben nach ihrer Vorschrift ist in ihren Augen
+Tugend. Die Natur aber ruft auch die Menschen auf, sich gegenseitig zu
+einem Leben in größter Fröhlichkeit zu verhelfen. Und das tut sie
+sicherlich mit Fug und Recht; denn keiner ist so erhaben über das
+allgemeine Menschenschicksal, daß die Natur für ihn allein sorgen müßte,
+sie, die alle, die sie durch die Gleichheit der Gestalt zu einer
+Gemeinschaft zusammenfaßt, in gleicher Weise hegt und pflegt. Und eben
+darum heißt sie dich auch immer wieder darauf achten, auf deinen eigenen
+Vorteil nicht so bedacht zu sein, daß du anderen dabei schadest.
+
+Deshalb dürfen auch nach Ansicht der Utopier nicht bloß die Verträge
+zwischen Privatpersonen nicht verletzt werden, sondern auch die
+öffentlichen Bestimmungen über die Teilung der Lebensgüter, das heißt
+der materiellen Grundlage des Vergnügens, Bestimmungen, die entweder ein
+guter Fürst auf gesetzlichem Wege erlassen oder die ein Volk auf Grund
+einer allgemeinen Übereinkunft getroffen hat, ohne durch Tyrannei in
+seiner Willensäußerung beschränkt oder durch Betrug umgarnt zu sein.
+Ohne Verletzung dieser Gesetze für dein persönliches Wohlergehen zu
+sorgen, erfordert die Klugheit, außerdem das allgemeine Wohl im Auge zu
+haben, das Pflichtgefühl; aber darauf auszugehen, einem anderen sein
+Vergnügen zu rauben, wofern man nur sein eigenes erjagt, das ist in der
+Tat Unrecht. Sich selber dagegen etwas zu nehmen, um es anderen zu dem,
+was sie haben, noch dazuzugeben, das eben ist eine Pflicht der
+Menschlichkeit und Güte und bringt einem stets mehr Glück wieder ein,
+als es einem nimmt. Denn die Wohltaten anderer vergelten als
+Gegenleistung das gute Werk, und das bloße Bewußtsein, etwas Gutes getan
+zu haben, sowie die Erinnerung an die wohlwollende Liebe derer, denen
+man Gutes getan hat, bereiten dem Herzen eine Freude, die größer ist,
+als es jenes Vergnügen des Körpers gewesen wäre, auf das man verzichtet
+hat. Und endlich vergilt Gott, wovon sich ein gläubiges Gemüt mit
+Leichtigkeit aus der Religion überzeugt, ein kurzes und geringes
+Vergnügen dereinst mit unermeßlicher und ewig währender Freude. So sind
+denn die Utopier nach sorgfältiger Untersuchung und genauer Erwägung der
+Sache zu der Ansicht gekommen, daß alle unsere Handlungen, und darunter
+auch die tugendhaften selbst, letzten Endes auf das Vergnügen und damit
+auf die Glückseligkeit abzielen.
+
+Vergnügen nennen die Utopier jede Bewegung und jeden Zustand des Körpers
+und des Geistes, worin wir unter Anleitung der Natur mit Behagen
+verweilen. Nicht ohne Grund fügen sie hinzu, daß die Natur es so haben
+will. Denn von Natur bereitet alles das Wohlbehagen, was man nicht auf
+dem Wege des Unrechts begehrt oder wodurch nichts anderes Angenehmeres
+verlorengeht oder was keine Mühe und Arbeit im Gefolge hat; und danach
+verlangt nicht bloß das sinnliche Begehren, sondern auch die gesunde
+Vernunft. Anderseits aber gibt es Dinge, die die Menschen gegen die
+Ordnung der Natur fälschlich als angenehm bezeichnen, und zwar auf Grund
+eines ganz törichten Sprachgebrauchs, gerade als ob wir es in der Hand
+hätten, mit den Worten auch die Dinge zu ändern. Alle diese Dinge sind
+nach Ansicht der Utopier wertlos für die Glückseligkeit, ja sogar ihr im
+höchsten Grade hinderlich, und zwar deshalb, weil sie die ganze Seele
+des Menschen, in der sie sich einmal festgesetzt haben, mit einer
+verkehrten Meinung über das Vergnügen im voraus erfüllen, um für wahre
+und reine Freuden nirgends Platz zu lassen. Es gibt nämlich sehr viele
+Dinge, die zwar ihrer eigentlichen Natur nach durchaus nicht anziehend,
+sondern im Gegenteil sogar meist recht unangenehm sind, die aber
+trotzdem infolge der törichten Lockung ruchloser Begierden nicht bloß
+für die höchsten Genüsse gehalten, sondern auch sogar zu den wichtigsten
+Angelegenheiten des Lebens gerechnet werden.
+
+Zu denen, die den falschen Vergnügen dieser Art nachgehen, zählen die
+Utopier diejenigen, die sich selber, wie früher erwähnt, um so besser
+dünken, je besser sie angezogen sind; dabei irren sie sich in diesem
+einen Punkte zweifach. Denn sie sind nicht weniger im Irrtum, wenn sie
+ihren Anzug, als wenn sie sich selbst für etwas Besseres halten. Warum
+sollte nämlich im Hinblick auf die Brauchbarkeit der Kleidung ein Tuch
+aus feinerem Gewebe besser sein als eins aus gröberem? Und doch ist
+jenen Leuten der Kamm geschwollen, als ob sie von Natur und nicht durch
+einen bloßen Irrtum etwas Besseres wären, und sie meinen, sie gewännen
+auch dadurch etwas an Wert. Deshalb beanspruchen sie auch, gleich als
+sei das ihr gutes Recht, für ihren eleganteren Anzug eine
+Ehrenbezeigung, auf die sie in einfacherer Kleidung gar nicht wagen
+würden zu hoffen, und sind unwillig, wenn sie beim Vorübergehen nicht
+weiter beachtet werden. Aber ist nicht gerade auch dieses Verlangen nach
+eitlen und nutzlosen Ehrenbezeigungen ebenso unvernünftig? Denn wie kann
+wohl der entblößte Scheitel oder das gebeugte Knie eines anderen ein
+natürliches und wahres Vergnügen bereiten? Wird das vielleicht einen
+Schmerz in deinen eigenen Knien heilen? Oder wird es das hitzige Fieber
+in deinem eigenen Kopfe lindern? In der Vorstellung eines solchen
+Scheinvergnügens schmeicheln sie sich und klatschen sie sich Beifall,
+weil sie zufällig von Vorfahren abstammen, von denen eine lange Reihe
+für reich gegolten hat -- einen anderen Adel gibt es ja heutzutage
+nicht --, für reich besonders an Landgütern, und sie dünken sich nicht
+um ein Haar weniger vornehm, wenn ihnen auch ihre Vorfahren von ihrem
+Reichtum nichts hinterlassen oder wenn sie ihr Erbe selber verpraßt
+haben.
+
+Zu den Leuten dieser Art rechnen die Utopier auch die schon erwähnten
+Liebhaber von Gemmen und Edelsteinen, und sie kommen sich gewissermaßen
+wie Götter vor, wenn sie einmal einen ausnehmend wertvollen Stein
+erwerben, zumal wenn er von der zu ihrer Zeit und in ihrem Lande
+besonders geschätzten Art ist; denn nicht überall und nicht zu jeder
+Zeit behalten die gleichen Arten ihren Wert. Sie kaufen aber einen
+Edelstein nur ohne Goldfassung und Umhüllung, und auch dann nur, wenn
+der Verkäufer einen Eid und Bürgschaft dafür leistet, daß die Gemme und
+der Juwel echt sind; solche Angst haben sie, daß der Augenschein sie
+täuschen könnte. Warum aber sollte dir, der du den Edelstein nur
+betrachten willst, ein künstlicher weniger Vergnügen machen, den dein
+Auge von einem echten nicht zu unterscheiden vermag? Beide müßten
+eigentlich den gleichen Wert haben, für dich, bei Gott, genau so wie für
+einen Blinden.
+
+Was soll man ferner von denen sagen, die überflüssige Schätze
+aufbewahren, nicht um sich über die Verwendung des Haufens Geld, sondern
+nur über seinen Anblick zu freuen? Genießen sie etwa eine echte Freude,
+oder narrt sie nicht vielmehr nur ein Scheinvergnügen? Oder wie steht es
+mit denen, die den entgegengesetzten Fehler begehen und das Gold, das
+sie niemals verwenden, ja vielleicht auch niemals wieder zu Gesicht
+bekommen werden, vergraben und aus Angst vor seinem Verlust es wirklich
+verlieren? Denn verlierst du dein Gold nicht, wenn du es der Verwendung
+durch dich selbst und vielleicht durch die Menschen überhaupt entziehst
+und der Erde zurückgibst? Und doch bist du ausgelassen froh darüber, daß
+du deinen Schatz versteckt hast, als brauchtest du nun keine Sorge mehr
+zu haben. Sollte dir aber jemand den Schatz stehlen, ohne daß du etwas
+von diesem Diebstahl merkst, und solltest du zehn Jahre danach sterben,
+was macht es dir da in dem ganzen Zeitraum von zehn Jahren, um den du
+den Verlust deines Geldes überlebt hast, aus, ob es gestohlen oder noch
+vorhanden war? Sicherlich hast du in beiden Fällen den gleichen Nutzen
+davon gehabt.
+
+Zu diesen so unpassenden Freuden rechnen die Utopier auch die der
+Glücksspieler, deren unsinniges Gebaren ihnen nur vom Hörensagen, nicht
+aus Erfahrung bekannt ist, und außerdem die der Jäger und Vogelsteller.
+Denn was ist das für ein Vergnügen, so sagen sie, die Würfel auf das
+Spielbrett zu werfen? Und dabei tut man das so oft, daß schon aus der
+häufigen Wiederholung ein Überdruß entstehen könnte, wenn wirklich ein
+Vergnügen damit verbunden wäre. Oder wie könnte es angenehm sein und
+nicht vielmehr Widerwillen erregen, das Gebell und Geheul der Hunde zu
+hören? Oder inwiefern macht es mehr Vergnügen, wenn ein Hund einem Hasen
+als wenn er einem anderen Hunde nachjagt? Denn in beiden Fällen handelt
+es sich doch um den gleichen Vorgang: es wird gelaufen -- wenn dir das
+Laufen Freude machen sollte. Wenn dich aber die Aussicht auf Mord
+fesselt oder wenn du auf die Zerfleischung wartest, die sich vor deinen
+Augen abspielen soll, so müßte es doch eher dein Mitleid erregen, wenn
+du mit ansehen mußt, wie das arme Häslein von dem Hunde zerrissen wird,
+der Schwache von dem Stärkeren, der Scheue und Furchtsame von dem
+Wilden, der Harmlose schließlich von dem Grausamen. Die Utopier haben
+deshalb dieses ganze Geschäft des Jagens als eine der Freien unwürdige
+Beschäftigung den Metzgern zugewiesen, deren Handwerk sie, wie oben
+erwähnt, von Sklaven ausüben lassen. Ihrer Anschauung nach ist nämlich
+die Jagd die niedrigste Verrichtung dieses Handwerks, die übrigen sind
+in ihren Augen nützlicher und ehrbarer, weil sie die Tiere weit mehr
+schonen und nur aus Notwendigkeit töten, während der Jäger einzig und
+allein im Morden und Zerfleischen des armen Tieres sein Vergnügen sucht.
+Dieses Lustgefühl beim Anblick des Mordens hat nach Ansicht der Utopier
+sogar beim Morden der Tiere seinen Ursprung in einer grausamen
+Gemütsstimmung oder artet schließlich infolge ständiger Wiederholung des
+so rohen Vergnügens in Grausamkeit aus. Diese und alle sonstigen Genüsse
+derart -- es gibt nämlich deren unzählige -- hält zwar die große Masse
+der Menschen für Vergnügen, die Utopier dagegen erklären rund heraus,
+mit dem wahren Vergnügen habe das alles gar nichts zu tun, da ihm von
+Natur alles Erfreuliche fehle. Denn wenn es auch für gewöhnlich den Sinn
+mit Wohlbehagen erfüllt, was ja die Aufgabe des Vergnügens zu sein
+scheint, so gehen die Utopier doch nicht von ihrer Meinung ab. Der Grund
+dafür ist nämlich nicht die Natur der Sache selbst, sondern die üble
+Gewohnheit der Menschen. Sie ist schuld daran, daß man Bitteres als süß
+hinnimmt, genau so wie schwangere Frauen, deren Geschmack gestört ist,
+Pech und Talg für süßer als Honig halten. Aber das Urteil eines
+einzelnen, das durch Krankheit oder Gewöhnung getrübt ist, kann die
+Natur nicht ändern, die des Vergnügens ebensowenig wie die anderer
+Dinge.
+
+Von den nach ihrer Ansicht echten Vergnügen unterscheiden die Utopier
+verschiedene Arten, und zwar weisen sie die einen der Seele und die
+anderen dem Leibe zu. Zu den Vergnügen der Seele zählen sie die geistige
+Betätigung sowie das Wohlbehagen, das die Betrachtung der Wahrheit
+hervorruft. Dazu kommt das angenehme Bewußtsein eines untadeligen
+Lebenswandels und die sichere Hoffnung auf die Glückseligkeit nach dem
+Tode. Die körperliche Lust zerfällt in zwei Arten. Die erste ist die,
+die unsere Sinne mit einem deutlichen Wohlbehagen erfüllt. Das geschieht
+zum Teil durch die Erneuerung derjenigen Bestandteile unseres Körpers,
+die durch die Wärmeerzeugung in unserem Inneren verbraucht sind -- diese
+führt uns nämlich Essen und Trinken wieder zu --, zum Teil auch durch
+Ausscheidung der in unserem Körper überflüssigen Stoffe. Das wird
+erreicht durch Reinigung der Eingeweide von den Exkrementen oder durch
+Zeugung von Kindern oder wenn das Jucken eines Körperteils durch Reiben
+oder Kratzen gelindert wird. Bisweilen aber entsteht auch ein Vergnügen,
+das unserem Körper weder etwas zuführt, wonach die Organe verlangen,
+noch diese von etwas Lästigem befreit. Es ist aber eine Lustempfindung,
+die unsere Sinne trotzdem mit einer Art geheimer Gewalt, aber in einer
+deutlich sichtbaren Erregung zu kitzeln, anzuregen und an sich zu ziehen
+vermag; ein solches Vergnügen bereitet die Musik. Die zweite Art des
+körperlichen Vergnügens erblicken die Utopier in einem ruhigen und
+gleichmäßigen Zustand des Körpers, das heißt also in der durch keinerlei
+Unbehagen gestörten Gesundheit des einzelnen. Diese ruft ja, falls kein
+Schmerz sie beeinträchtigt, schon an und für sich Wohlbehagen hervor,
+selbst wenn keine von außen kommende Lust auf den Körper einwirken
+sollte. Zwar tritt sie weniger hervor und reizt die Sinne weniger als
+jene ungestüme Lust an Essen und Trinken; nichtsdestoweniger jedoch
+gilt sie vielen in Utopien als das größte, fast allen aber als ein
+großes Vergnügen und gleichsam als die Grundlage und der Grundstein
+aller Vergnügen. Denn sie allein macht unser Leben ruhig und lebenswert,
+und ohne sie ist bei keinem und nirgends noch Raum für irgendein
+Vergnügen. Denn auch wenn man gar keine Schmerzen hat, dabei aber nicht
+gesund ist, so ist doch dieser Zustand in den Augen der Utopier kein
+Vergnügen, sondern Stumpfheit. Schon längst gilt bei ihnen die Lehre der
+Philosophen nicht mehr, die da meinten, man dürfe eine beständige und
+ungestörte Gesundheit deshalb nicht für ein Vergnügen halten, weil das
+Vorhandensein eines solchen nur infolge einer Erregung von außen her zu
+merken sei; auch diese Frage ist nämlich eifrig bei den Utopiern
+erörtert worden. Vielmehr sind sie jetzt im Gegenteil fast alle darin
+einig, daß die Gesundheit sogar ganz besonders als ein Vergnügen
+anzusehen ist. Da nämlich mit der Krankheit, so sagen sie, der Schmerz
+verbunden ist, der der unversöhnliche Feind des Vergnügens ist, ebenso
+wie die Krankheit der Feind der Gesundheit, warum sollte dann nicht
+anderseits mit einer ungestörten Gesundheit das Vergnügen verbunden
+sein? Dabei ist es nach ihrer Ansicht ohne Belang, ob man die Krankheit
+selber als Schmerz oder den Schmerz nur als Begleiterscheinung der
+Krankheit bezeichnet; die Wirkung sei ja in beiden Fällen gleich stark.
+Mag nun die Gesundheit entweder ein Vergnügen an und für sich oder nur
+seine notwendige Ursache sein, wie das Feuer die Ursache der Hitze ist,
+ohne Zweifel ist die Wirkung in beiden Fällen die, daß ein Mensch, der
+sich einer eisernen Gesundheit erfreut, ein Vergnügen empfinden muß.
+Außerdem, so sagen sie, wenn wir essen, was geschieht da anderes, als
+daß die Gesundheit, die allmählich erschüttert worden war, im Bunde mit
+der Speise gegen den Hunger ankämpft? Während der betreffende Mensch
+selbst dabei wieder erstarkt und seine gewohnte Kraft wiedererlangt,
+bereitet ihm die Gesundheit jenes Vergnügen, das uns so erquickt. Wird
+nun aber die Gesundheit, die sich schon während des Kampfes freut, nicht
+erst recht froh sein, wenn sie den Sieg errungen hat? Ist sie endlich
+wieder glücklich im Besitze ihrer alten Stärke, um die allein sie den
+ganzen Kampf geführt hat, wird sie dann etwa gefühllos werden und ihr
+Glück nicht erkennen und keinen großen Wert darauf legen? Daß man
+nämlich sagt, man könne die Gesundheit nicht empfinden, ist nach Meinung
+der Utopier ganz falsch. Wer empfindet denn nicht, so sagen sie, wenn er
+nicht gerade schläft, daß er gesund ist, außer dem, der es eben nicht
+ist? Wer liegt in so festen Banden des Stumpfsinns oder der Lethargie,
+daß er nicht zugeben sollte, die Gesundheit bereite ihm Freude und
+Genuß? Was ist aber Genuß anderes als eine andere Bezeichnung für
+Vergnügen?
+
+Nach alledem schätzen die Utopier besonders die geistigen Vergnügen; sie
+halten sie nämlich für die ersten und wesentlichsten von allen, und in
+der Hauptsache entstehen sie nach ihrer Meinung aus der Übung der Tugend
+und dem Bewußtsein eines rechtschaffenen Lebenswandels. Unter den
+körperlichen Vergnügen stellen sie die Gesundheit an erste Stelle; denn
+die Annehmlichkeit des Essens und Trinkens und alle anderen
+Ergötzlichkeiten der Art betrachten sie zwar als erstrebenswert, aber
+nur um der Gesundheit willen. Solcherlei nämlich sei nicht an und für
+sich erfreulich, sondern nur insofern, als es einer sich heimlich
+einschleichenden Krankheit entgegenwirke. Wie deshalb der Verständige
+eher Krankheiten vorbeugen als nach Arznei verlangen und lieber die
+Schmerzen beseitigen als zu Trostmitteln greifen müsse, so sei es
+besser, man habe diese Art Vergnügen gar nicht nötig, als daß man darin
+ein Linderungsmittel erblicke. Sollte wirklich jemand in dieser Art
+Vergnügen sein Glück sehen, so müsse er notwendig zugeben, er werde dann
+erst am glücklichsten sein, wenn ihm ein Leben in beständigem Hunger,
+Durst, Jucken, Essen, Trinken, Kratzen und Reiben beschieden sei. Daß
+ein solches Leben aber nicht bloß häßlich, sondern auch jämmerlich wäre,
+sieht jeder ein. Diese Genüsse sind in der Tat die niedrigsten, weil sie
+keineswegs reiner Natur sind; denn immer sind sie von den
+entgegengesetzten Schmerzen begleitet. So ist mit dem Genuß des Essens
+der Hunger verbunden, und zwar in einem recht ungleichen Verhältnis.
+Denn der Schmerz ist nicht nur heftiger, sondern hält auch länger an, da
+er ja eher als das Vergnügen entsteht und erst zusammen mit ihm vergeht.
+
+Vergnügen dieser Art also sind nach Ansicht der Utopier nicht zu
+schätzen, soweit sie nicht zum Leben notwendig sind. Doch haben sie auch
+an ihnen ihre Freude und erkennen dankbar die Liebe der Mutter Natur an,
+die ihre Kinder mit den verlockendsten Lustgefühlen zu den für sie immer
+wieder lebensnotwendigen Verrichtungen anspornt. Wie würde uns nämlich
+unser Leben anekeln, wenn wir ebenso wie die übrigen Krankheiten, die
+uns seltener befallen, auch diese täglichen Erkrankungen an Hunger und
+Durst durch Gifte und bittere Arzneien bekämpfen müßten! Was dagegen
+Schönheit, Stärke und Gewandtheit anlangt, so hegen und pflegen die
+Utopier sie mit Vorliebe als eigentliche und willkommene Gaben der
+Natur. Als eine Art angenehme Würze des Lebens schätzen sie auch
+diejenigen Genüsse, die uns Auge, Ohr und Nase vermitteln und die die
+Natur ausschließlich für den Menschen, und zwar in besonderer Weise,
+geschaffen hat; denn keine andere Gattung von Lebewesen hat ein Auge für
+die Schönheit des Weltgebäudes oder wird irgendwie von Wohlgerüchen
+angenehm berührt, soweit sie nicht ihre Nahrung danach unterscheiden,
+oder hat ein Gehör für die verschiedenen Abstände harmonischer und
+dissonierender Töne. Bei allen diesen Genüssen aber sehen die Utopier
+darauf, daß nicht ein kleinerer einem größeren im Wege ist und daß
+niemals ein Vergnügen den Schmerz im Gefolge hat, was, wie sie meinen,
+notwendig bei einem nicht ehrbaren Vergnügen der Fall ist. Den Reiz der
+Schönheit dagegen zu verachten, die Kräfte zu schwächen, die
+Beweglichkeit zu Trägheit werden zu lassen, seinen Körper durch Fasten
+zu erschöpfen, seiner Gesundheit Gewalt anzutun und auch sonst von den
+Lockungen der Natur nichts wissen zu wollen, es sei denn, daß man sein
+Glück nur deshalb nicht wahrnimmt, um desto eifriger für das Wohl seiner
+Mitmenschen oder für das des Staates besorgt zu sein -- eine Mühe, für
+die man als Entschädigung eine größere Freude von Gott erwartet --,
+aber sich zu kasteien, ohne jemandem zu nützen, sondern lediglich um
+eines nichtigen Schattens von Tugend willen oder um Mißgeschick, das
+einem aber vielleicht niemals widerfährt, leichter zu ertragen: das ist,
+so meinen die Utopier, ganz widersinnig, eine Grausamkeit gegen sich
+selbst und der bitterste Undank gegen die Natur; denn dadurch verzichtet
+man auf alle ihre Wohltaten, gleich als ob man es verschmähte, ihr
+irgendwie zu Dank verpflichtet zu sein.
+
+Das ist die Ansicht der Utopier über die Tugend und das Vergnügen, und,
+wie sie glauben, kann man keine finden, mit der menschliche Vernunft der
+Wahrheit näher kommt, es müßte denn sein, daß eine vom Himmel gesandte
+Religion einem Menschen noch frömmere Gedanken eingibt. Ob sie damit
+recht oder unrecht haben, können wir aus Mangel an Zeit nicht genau
+untersuchen, auch ist das gar nicht nötig; denn wir haben es ja nur
+unternommen, von ihren Einrichtungen zu erzählen, nicht aber diese in
+Schutz zu nehmen. Wie es sich aber auch mit den angeführten Grundsätzen
+der Utopier verhalten mag, davon bin ich fest überzeugt: nirgends ist
+das Volk tüchtiger, und nirgends ist der Staat glücklicher als in
+Utopien.
+
+Die Utopier sind körperlich gewandt und rüstig; auch besitzen sie mehr
+Kräfte, als ihre Statur erwarten läßt; doch ist diese nicht
+unansehnlich. Der Boden ist zwar nicht überall fruchtbar und das Klima
+nicht besonders gesund, aber sie härten sich gegen die Witterung durch
+eine mäßige Lebensweise so sehr ab und verbessern die Beschaffenheit des
+zu bestellenden Landes mit solchem Eifer, daß nirgends in der Welt der
+Ertrag an Feldfrucht und Vieh reicher ist und nirgends die Menschen
+langlebiger und widerstandsfähiger gegen Krankheiten sind. Deshalb kann
+man in Utopien die Landleute nicht nur die üblichen Arbeiten verrichten
+sehen, wie sie die von Natur geringere Fruchtbarkeit des Bodens durch
+Kunst und Fleiß steigern, sondern man kann auch beobachten, wie irgendwo
+ein Wald vollständig ausgerodet und anderswo wieder angepflanzt wird.
+Dabei gibt nicht die Rücksicht auf den Ertrag, sondern auf den Transport
+den Ausschlag; das Holz soll sich nämlich in größerer Nähe des Meeres
+oder der Flüsse oder der Städte selbst befinden, weil sein Transport von
+weither auf dem Landwege beschwerlicher ist als der des Getreides. Die
+Utopier sind ein gewandtes, witziges und kunstfertiges Volk. Es genießt
+gern seine Muße, besitzt aber auch nötigenfalls genügend Ausdauer in
+körperlicher Arbeit. Sonst ist es in der Tat keineswegs arbeitswütig,
+doch kennt es keine Ermüdung, wenn es sich um geistige Interessen
+handelt.
+
+Als wir den Utopiern von der griechischen Literatur und Wissenschaft
+erzählten -- über die Lateiner sprachen wir nicht, weil von ihnen, wie
+wir meinten, höchstens die Historiker und Dichter ihren lebhaften
+Beifall finden würden --, staunten wir, mit welchem Eifer sie darauf
+bestanden, unter unserer Anleitung Griechisch gründlich lernen zu
+dürfen. So begannen wir denn mit dem Unterricht, anfangs mehr deshalb,
+um nicht den Anschein zu erwecken, als wollten wir uns nicht der Mühe
+unterziehen, als weil wir mit irgendeinem Erfolg gerechnet hätten.
+Sobald wir aber ein kleines Stück vorangekommen waren, ließ uns ihr
+Fleiß erkennen, daß wir unseren Eifer nicht umsonst aufwenden würden;
+denn die Utopier begannen, die Buchstaben so mühelos nachzuschreiben,
+die Worte so geläufig auszusprechen, so schnell sich einzuprägen und so
+getreu zu wiederholen, daß es uns wie ein Wunder vorkam. Allerdings
+gehörten die Leute, die nicht bloß aus freien Stücken und aus
+Begeisterung, sondern auch auf Grund einer Verfügung des Senats das
+Studium des Griechischen begannen, zu den erlesensten Geistern der
+Gebildeten und standen in reifem Alter. Und so hatten sie denn noch vor
+Ablauf von drei Jahren in ihrer sprachlichen Ausbildung keine Lücken
+mehr und konnten gute Schriftsteller, abgesehen von Schwierigkeiten
+infolge einer fehlerhaften Textstelle, ohne Anstoß lesen und verstehen.
+Wie ich wenigstens vermute, eigneten sie sich die Kenntnis der
+griechischen Sprache auch wegen ihrer teilweisen Verwandtschaft mit der
+Landessprache leichter an. Ich nehme nämlich an, die Utopier stammen von
+den Griechen ab; denn in ihrer fast persisch klingenden Sprache haben
+sich noch in den Orts- und Amtsnamen Spuren des Griechischen erhalten.
+
+Im Begriff, meine vierte Seereise nach Utopien anzutreten, nahm ich an
+Stelle von Waren einen ziemlich großen Packen Bücher mit an Bord, weil
+ich fest entschlossen war, lieber gar nicht statt nach kurzer Zeit schon
+heimzukehren. So besitzen denn die Utopier folgendes von mir: die
+meisten Werke Platos, mehrere Schriften des Aristoteles, sodann
+Theophrasts Buch über die Pflanzen, das aber leider an mehreren Stellen
+lückenhaft ist. Während der Seefahrt hatte ich nämlich auf das Buch
+weniger Obacht gegeben, und so hatte sich eine Meerkatze seiner
+bemächtigt und, ausgelassen und spielig, hier und da ein paar Blätter
+herausgerissen und zerfetzt. Von den Grammatikern haben sie nur den
+Lascaris; den Theodorus habe ich nämlich gar nicht mitgenommen, ebenso
+kein Wörterbuch, außer Hesych und Dioscorides. Plutarchs kleine
+Schriften haben sie sehr gern, und auch Lucians Witz und Anmut fesseln
+sie. Von den Dichtern besitzen sie Aristophanes, Homer und Euripides,
+ferner Sophocles in den kleinen Typen des Aldus, von den Historikern
+Thucydides, Herodot sowie Herodian. Sogar aus dem Gebiet der Medizin
+hatte mein Reisegefährte Tricius Apinatus etwas mitgebracht, nämlich
+einige kleine Schriften des Hippocrates und die Mikrotechne Galens.
+Gerade auf diese beiden Bücher legen die Utopier großen Wert; denn wenn
+sie die Heilkunde auch wohl weniger als alle anderen Völker brauchen, so
+steht sie doch nirgends in größerer Achtung, und zwar schon deshalb,
+weil man in Utopien ihre Kenntnis zu den schönsten und nützlichsten
+Teilen der Philosophie rechnet. Mit ihrer Hilfe erforscht man nämlich
+die Geheimnisse der Natur, und man glaubt, nicht bloß einen wunderbaren
+Genuß davon zu haben, sondern auch die höchste Gunst des Schöpfers und
+Werkmeisters der Natur zu gewinnen. Man ist ja der Meinung, er habe nach
+Art der übrigen Künstler den sehenswerten Mechanismus dieser Welt für
+den Menschen zur Betrachtung ausgestellt und ihn allein in seinem
+Inneren für eine so gewaltige Schöpfung aufnahmefähig gemacht, und
+deshalb sei ihm ein wißbegieriger und achtsamer Betrachter und
+Bewunderer seines Werkes lieber als einer, der ein so erhabenes und
+wundervolles Schauspiel stumpf und unerschüttert nicht beachtet.
+
+So sind denn die Utopier infolge ihrer wissenschaftlichen Ausbildung
+erstaunlich begabt für technische Erfindungen, die etwas dazu beitragen,
+das Leben angenehm und bequem zu machen. Zwei Erfindungen jedoch
+verdanken sie uns, die Buchdruckerkunst und die Herstellung des Papiers,
+aber doch nicht uns allein, sondern zu einem guten Teile auch sich
+selber. Als wir ihnen nämlich die Bücher zeigten, die Aldus auf Papier
+gedruckt hatte, und ihnen von dem zur Papierfabrikation notwendigen
+Material und von den Druckverfahren mehr bloß etwas erzählten, statt
+ihnen die Sache zu erklären -- keiner von uns besaß nämlich in einer der
+beiden Künste praktische Erfahrung --, errieten sie sogleich äußerst
+scharfsinnig das Verfahren, und, während sie bis dahin nur auf Häuten,
+Rinde und Papyrusbast schrieben, versuchten sie nunmehr sofort, Papier
+herzustellen und zu drucken. Im Anfang wollte es ihnen nicht so recht
+gelingen, aber durch häufigere Versuche kamen sie bald dahinter und
+brachten es dann in beiden Künsten so weit, daß es keinen Mangel an
+Exemplaren griechischer Autoren geben könnte, wenn anders Handschriften
+vorhanden wären. Zur Zeit aber steht den Utopiern nichts weiter zur
+Verfügung, als was ich erwähnt habe; das aber haben sie bereits in
+vielen tausend Exemplaren durch den Druck vervielfältigt.
+
+Wer aus Schaulust nach Utopien kommt, wird mit offenen Armen
+aufgenommen, wenn er sich durch eine besondere Begabung oder durch
+Kenntnis vieler Länder auszeichnet, die er sich auf langen Reisen im
+Ausland erworben hat, und wenn sich seine Aufnahme dadurch empfiehlt.
+Aus diesem Grunde war den Utopiern auch unsere Landung willkommen; denn
+sie hören gern von dem Geschehen überall in der Welt. Zu Handelszwecken
+dagegen kommen Fremde nicht gerade häufig hin. Was sollte man denn auch
+dort einführen außer Eisen oder Gold und Silber, das aber jeder doch
+lieber mit heimbringen möchte? Was sie aber aus ihrem eigenen Lande
+auszuführen haben, das verschiffen sie auf Grund reiflicher Überlegung
+lieber selber, als daß sie es von anderen holen lassen, einmal, um die
+Völker des Auslands ringsum genauer kennenzulernen, und sodann, um nicht
+ihrer nautischen Übung und Erfahrung verlustig zu gehen.
+
+
+Die Sklaven
+
+Als Sklaven verwenden die Utopier weder Kriegsgefangene, außer wenn sie
+selber den Krieg geführt haben, noch Söhne von Sklaven noch schließlich
+jemanden, den sie bei anderen Völkern als Sklaven kaufen können. Ihre
+Sklaven sind vielmehr Mitbürger, die wegen eines Verbrechens zu Sklaven
+gemacht, oder, was weit häufiger der Fall ist, Leute, die in Städten des
+Auslands wegen irgendeiner Missetat zum Tode verurteilt wurden. Von
+letzteren holen sich die Utopier einen großen Teil ins Land; bisweilen
+zahlen sie für sie nur einen geringen Preis, noch öfter auch gar nichts.
+Diese beiden Arten von Sklaven müssen nicht nur dauernd arbeiten,
+sondern auch Fesseln tragen. Ihre eigenen Landsleute aber behandeln die
+Utopier noch härter; denn sie sind in ihren Augen deshalb noch
+verworfener und verdienen deshalb noch schwerere Strafen, weil sie sich
+trotz der vortrefflichen Anleitung zur Tugend, die sie durch eine
+ausgezeichnete Erziehung gehabt haben, dennoch nicht von einem
+Verbrechen haben abhalten lassen.
+
+Eine andere Klasse von Sklaven bilden diejenigen, die es als arbeitsame
+und arme Tagelöhner eines fremden Volkes vorziehen, aus freien Stücken
+bei den Utopiern Sklavendienste zu leisten. Diese behandeln sie
+anständig und nicht viel weniger gut als ihre Mitbürger; nur haben sie
+ein klein wenig mehr Arbeit zu leisten, da sie ja daran gewöhnt sind.
+Will einer von ihnen wieder fort, was aber nur selten der Fall ist, so
+hält man ihn weder wider seinen Willen zurück, noch läßt man ihn ohne
+irgendein Geschenk ziehen.
+
+Die Kranken pflegt man, wie erwähnt, mit großer Liebe, und man tut
+unbedingt alles, um sie durch eine gewissenhafte Behandlung mit Arznei
+oder Diät wieder gesund zu machen. Sogar die, die an unheilbaren
+Krankheiten leiden, sucht man zu trösten, indem man sich zu ihnen setzt,
+sich mit ihnen unterhält und ihnen schließlich alle möglichen
+Erleichterungen schafft. Ist jedoch die Krankheit nicht bloß unheilbar,
+sondern quält und martert sie den Patienten auch noch dauernd, dann
+stellen ihm die Priester und obrigkeitlichen Personen vor, er sei allen
+Ansprüchen, die das Leben an ihn stelle, nicht mehr gewachsen, falle
+anderen nur zur Last und überlebe, sich selber zur Qual, bereits seinen
+eigenen Tod. Er solle deshalb nicht darauf bestehen, seiner Krankheit
+noch länger Gelegenheit zu geben, ihn zu verzehren; er möge vielmehr
+ohne Zögern seinem Leben ein Ende machen, da es ja für ihn nur noch eine
+Qual sei, und sich in Zuversicht und guten Mutes von diesem traurigen
+Leben wie von einem Kerker oder einer quälenden Sorge entweder selbst
+frei machen oder sich mit seinem Einverständnis von anderen seiner Pein
+entreißen lassen. Das werde klug sein, da er durch seinen Tod nicht das
+Glück, sondern nur die Qual seines Lebens vorzeitig beende; zugleich
+aber werde er ein frommes und heiliges Werk vollbringen, da er ja in
+diesem Falle nur den Rat der Priester, der Deuter des göttlichen
+Willens, befolge. Wer sich nun dadurch überreden läßt, stirbt entweder
+freiwillig den Hungertod oder läßt sich betäuben und wird so ohne eine
+Todesempfindung erlöst. Gegen seinen Willen aber bringen die Utopier
+niemanden ums Leben; auch lassen sie es keinem trotz seiner Weigerung,
+freiwillig aus dem Leben zu scheiden, an irgendeinem Liebesdienst
+fehlen. Sich überreden zu lassen und so zu sterben, gilt als ehrenvoll.
+Wer sich aber das Leben nimmt aus einem Grunde, den Priester und Senat
+nicht billigen, den hält man weder der Beerdigung noch der Verbrennung
+für würdig; zu seiner Schande läßt man ihn unbestattet und wirft ihn in
+irgendeinen Sumpf.
+
+Das Weib heiratet nicht vor dem 18., der Mann aber erst nach erfülltem
+22. Lebensjahre. Wenn ein Mann oder ein Weib vor der Ehe geheimen
+Geschlechtsverkehrs überführt wird, so trifft ihn oder sie strenge
+Strafe, und beide dürfen überhaupt nicht heiraten, es sei denn, daß der
+Bürgermeister Gnade für Recht ergehen läßt. Aber auch der Hausvater und
+die Hausmutter, in deren Hause die Schandtat begangen wurde, sind in
+hohem Maße übler Nachrede ausgesetzt, da sie, wie man meint, ihre
+Pflicht nicht gewissenhaft genug erfüllt haben. Die Utopier ahnden
+dieses Vergehen deshalb so streng, weil sich, wie sie voraussehen, nur
+selten zwei Leute zu ehelicher Gemeinschaft vereinigen würden, wenn man
+den zügellosen Geschlechtsverkehr nicht energisch unterbände; denn in
+der Ehe muß man sein ganzes Leben mit nur einer Person zusammen
+verbringen und außerdem so mancherlei Beschwernis geduldig mit in Kauf
+nehmen.
+
+Ferner beobachten sie bei der Auswahl der Ehegatten mit Ernst und
+Strenge einen Brauch, der uns jedoch höchst unschicklich und überaus
+lächerlich vorkam. Eine gesetzte, ehrbare Matrone zeigt nämlich dem
+Freier das Weib, sei es ein Mädchen oder eine Witwe, nackt; und ebenso
+zeigt anderseits ein sittsamer Mann den Freier nackt dem Mädchen. Diese
+Sitte fanden wir lächerlich, und wir tadelten sie als anstößig; die
+Utopier dagegen konnten sich nicht genug über die auffallende Torheit
+all der anderen Völker wundern. Wenn dort, so sagten sie, jemand ein
+Füllen kauft, wobei es sich nur um einige wenige Geldstücke handelt, ist
+er so vorsichtig, daß er sich trotz der fast völligen Nacktheit des
+Tieres nicht eher zum Kaufe entschließt, als bis der Sattel und alle
+Reitdecken abgenommen sind; denn unter diesen Hüllen könnte ja
+irgendeine schadhafte Stelle verborgen sein. Gilt es aber, eine Ehefrau
+auszuwählen, eine Angelegenheit, die Genuß oder Ekel fürs ganze Leben
+zur Folge hat, so geht man mit solcher Nachlässigkeit zu Werke, daß man
+das ganze Weib kaum nach einer Handbreit seines Körpers beurteilt. Man
+sieht sich nichts weiter als das Gesicht an -- der übrige Körper ist ja
+von der Kleidung verhüllt --, und so bindet man sich an die Frau und
+setzt sich dabei der großen Gefahr aus, daß der Ehebund keinen rechten
+Halt hat, wenn später etwas Anstoß erregen sollte. Denn einerseits sind
+nicht alle Männer so klug, nur auf den Charakter zu sehen, anderseits
+aber ist auch in den Ehen kluger Männer Schönheit des Körpers eine nicht
+unwesentliche Zugabe zu den Vorzügen des Geistes. Auf jeden Fall aber
+können jene Kleiderhüllen eine Häßlichkeit verbergen, die so abstoßend
+wirkt, daß sie imstande ist, Herz und Sinn eines Mannes seiner Frau
+völlig zu entfremden, da eine körperliche Trennung nicht mehr möglich
+ist. Wenn nun solch ein häßliches Aussehen die Folge irgendeines
+Unglücksfalles erst nach der Heirat ist, so muß sich jedes in sein
+Schicksal fügen; dagegen ist durch gesetzliche Bestimmungen zu verhüten,
+daß jemand vor der Eheschließung einer Täuschung zum Opfer fällt. Die
+Utopier mußten das um so angelegentlicher ihre Sorge sein lassen, weil
+sie allein von den Völkern jener Himmelstriche sich mit nur einer Gattin
+begnügen und weil eine Ehe dort nur selten anders als durch den Tod
+gelöst wird, wenn nicht gerade Ehebruch oder unerträglich schlechte
+Aufführung die Scheidung veranlassen. Wird nämlich einer von beiden
+Teilen auf diese Weise beleidigt, so erhält er vom Senat die Erlaubnis
+zu einer neuen Ehe; der schuldige Teil dagegen lebt ehrlos bis an sein
+Ende und darf keine neue Ehe eingehen. Daß aber jemand seine Frau, die
+nichts verbrochen hat, wider ihren Willen nur deshalb verstößt, weil sie
+einen körperlichen Unfall erlitten hat, duldet man allerdings auf keinen
+Fall; denn man hält es für eine Grausamkeit, jemanden gerade dann im
+Stiche zu lassen, wenn er des Trostes am meisten bedarf, und man ist der
+Meinung, der alternde Gatte werde dann nicht mehr sicher und fest darauf
+vertrauen können, daß ihm die eheliche Treue gehalten wird, da das Alter
+Krankheiten mit sich bringt und schon an und für sich eine Krankheit
+ist. Zuweilen jedoch kommt es vor, daß die Ehegatten charakterlich nicht
+recht miteinander harmonieren. Wenn dann beide jemand anders finden, mit
+dem sie glücklicher zu leben hoffen, so trennen sie sich in gütlicher
+Vereinbarung und gehen eine neue Ehe ein, allerdings nicht ohne
+Genehmigung des Senats, der Scheidungen erst nach sorgfältiger
+Untersuchung der Sache durch seine Mitglieder und deren Ehefrauen
+zuläßt. Aber auch dann machen die Senatoren die Scheidung nicht leicht,
+weil sie wissen, daß die Aussicht, ohne Schwierigkeit eine neue Ehe
+eingehen zu können, keineswegs dazu dient, die Liebe der Ehegatten zu
+festigen.
+
+Ehebrecher bestraft man mit äußerst harter Sklaverei. Waren beide Teile
+verheiratet, so können die Gatten, denen das Unrecht widerfährt, ihre
+schuldigen Ehepartner verstoßen und, wenn sie Lust haben, sich
+gegenseitig oder, wen sie sonst wollen, heiraten. Wenn dagegen der eine
+beleidigte Teil den anderen noch weiter liebt, obgleich er es so wenig
+verdient, so kann die Ehe gesetzlich fortbestehen, falls der beleidigte
+Teil gewillt ist, dem zur Zwangsarbeit verurteilten in die Sklaverei zu
+folgen. Bisweilen erregen auch die Reue des einen und die pflichteifrige
+Zuneigung des anderen Teiles das Mitleid des Bürgermeisters, so daß er
+dem schuldigen Gatten wieder die Freiheit erwirkt. Wer aber dann
+rückfällig wird, muß mit dem Leben büßen.
+
+Für die übrigen Verbrechen sieht das Gesetz keine bestimmten Strafen
+vor, sondern der Senat setzt in jedem Falle, je nachdem ihm das Vergehen
+schwer erscheint oder nicht, die Strafe fest. Die Männer züchtigen ihre
+Frauen und die Eltern ihre Kinder, wenn die Missetat nicht so schlimm
+ist, daß das Interesse der Moral eine öffentliche Bestrafung verlangt.
+In der Regel ahndet man die schwersten Verbrechen mit Zwangsarbeit; denn
+man ist der Meinung, das sei für die Verbrecher nicht weniger hart und
+zugleich für den Staat nicht weniger vorteilhaft, als wenn man die
+Schuldigen schleunigst abschlachte und stracks aus dem Wege schaffe.
+Einmal nämlich bringt ihre Arbeit mehr Nutzen als ihre Hinrichtung, und
+sodann schrecken sie durch ihr warnendes Beispiel für längere Zeit
+andere von ähnlicher Untat ab. Sollten sie sich aber in solcher Lage
+widersetzlich und aufsässig benehmen, so schlägt man sie schließlich tot
+wie wilde Tiere, die weder Kerker noch Ketten bändigen können. Denen
+aber, die sich geduldig fügen, nimmt man nicht gänzlich jede Hoffnung.
+Wenn nämlich eine lange Leidenszeit ihren Widerstand gebrochen hat und
+wenn sie eine Reue zur Schau tragen, die bekundet, daß sie ihre Schuld
+mehr drückt als ihre Strafe, so wird ihre Zwangsarbeit bisweilen durch
+ein Wort des Bürgermeisters, bisweilen aber auch durch Volksbeschluß
+entweder erleichtert oder erlassen.
+
+Wer zur Unzucht verleitet, setzt sich ebenso großer Gefahr aus wie der,
+der sie begeht. Bei jeder Schandtat kommt nämlich in den Augen der
+Utopier der bestimmte und wohlüberlegte Versuch der Tat selbst gleich;
+denn, so meinen sie, was den Versuch nicht zur Tat werden ließ, darf dem
+nicht zum Vorteil gereichen, an dem es gar nicht gelegen hat, daß der
+Versuch nicht zur Tat wurde. -- Possenreißer machen den Utopiern viel
+Spaß. Sie zu beleidigen ist in ihren Augen eine große Ungehörigkeit.
+Doch finden sie nichts dabei, wenn man sich mit ihrer Torheit einen Spaß
+macht; denn das ist nach ihrer Meinung für die Possenreißer selber von
+größtem Vorteil. Ist aber jemand so ernst und finster, daß er über
+nichts, was ein Narr tut oder spricht, lacht, so darf man ihrer Ansicht
+nach einen Narren seiner Obhut nicht anvertrauen; sie fürchten nämlich,
+er werde ihn nicht nachsichtig genug behandeln, weil er von ihm nicht
+nur keinen Nutzen, sondern nicht einmal Erheiterung haben werde, und
+diese Begabung ist ja seine einzige Stärke.
+
+Einen Mißgestalteten und Krüppel zu verlachen, ist nach Meinung der
+Utopier schimpflich und häßlich, und zwar nicht für den, der verspottet
+wird, sondern für den Spötter; denn dieser ist so töricht, jemandem
+etwas als Fehler zum Vorwurf zu machen, was zu vermeiden gar nicht in
+seiner Macht lag. Wie es nämlich in den Augen der Utopier einerseits
+eine Nachlässigkeit und Trägheit ist, sich seine körperliche Schönheit
+nicht zu erhalten, so ist es anderseits eine Schande und
+Unverschämtheit, die Schminke zu Hilfe zu nehmen. Wissen sie doch aus
+persönlicher Erfahrung, daß eine Frau die Achtung und Liebe ihres Mannes
+durch keinerlei Aufputz des Äußeren in gleicher Weise wie durch
+Sittsamkeit und Ehrerbietung gewinnt. Wenn sich nämlich auch manche
+Männer durch bloße Schönheit fangen lassen, so ist doch keiner ohne
+Tugend und Gehorsam auf die Dauer festzuhalten.
+
+Die Utopier schrecken nicht bloß durch Strafen von Schandtaten ab,
+sondern geben auch durch die Aussicht auf Ehrungen einen Anreiz zur
+Tugendhaftigkeit. Zu diesem Zweck errichten sie berühmten und um den
+Staat besonders verdienten Männern auf dem Markte Standbilder zur
+Erinnerung an ihre Taten; zugleich aber soll der Ruhm der Vorfahren ihre
+Nachkommen mit Nachdruck zur Tugend anspornen.
+
+Wer sich ein Amt zu erschleichen sucht, geht der Aussicht verlustig,
+überhaupt ein Amt zu erlangen.
+
+Die Utopier verkehren in liebevoller Weise miteinander, und auch die
+obrigkeitlichen Personen sind weder anmaßend noch schroff. Sie heißen
+Väter, und als solche zeigen sie sich auch. Aus freien Stücken erweist
+man ihnen die gebührende Ehre, und man läßt sich nicht dazu zwingen.
+Nicht einmal den Bürgermeister macht eine besondere Tracht oder ein
+Diadem kenntlich, sondern nur ein Büschel Ähren, das er trägt, wie das
+Kennzeichen des Oberpriesters eine Wachskerze ist, die ihm vorangetragen
+wird.
+
+Gesetze haben die Utopier in ganz geringer Zahl; für Leute von solcher
+Disziplin genügen ja auch überaus wenige. Ja, das mißbilligen sie vor
+allem anderen bei fremden Völkern, daß dort nicht einmal eine Flut von
+Gesetzbüchern und Kommentaren ausreicht. Ihnen selbst aber kommt es
+höchst unbillig vor, wenn sich jemand durch Gesetze verpflichten soll,
+die entweder zu zahlreich sind, als daß er sie durchlesen könnte, oder
+zu dunkel, als daß sie jedermann verständlich wären. Ferner wollen sie
+von Advokaten überhaupt nichts wissen, weil diese die Prozesse so
+gerissen führen und über die Gesetze so spitzfindig disputieren. Nach
+Ansicht der Utopier ist es nämlich von Vorteil, wenn jeder seine Sache
+selber vertritt und das, was er seinem Anwalt erzählen würde, dem
+Richter mitteilt; auf diese Weise werde es, so sagen sie, weniger
+Winkelzüge geben und die Wahrheit komme eher ans Licht. Wenn nämlich
+jemand spricht, den kein Anwalt Falschheit gelehrt hat, so wägt der
+Richter das einzelne, was er vorbringt, geschickt und klug ab und steht
+Leuten von harmloserem Charakter gegen die Verleumdungen verschlagener
+Gegner bei. Das läßt sich bei anderen Völkern wegen der Riesenmenge
+höchst verwickelter Gesetze nur schwer durchführen, bei den Utopiern
+dagegen ist jeder einzelne gesetzeskundig. Einmal nämlich ist die Zahl
+ihrer Gesetze, wie gesagt, sehr gering, und sodann halten sie die am
+wenigsten gekünstelte Auslegung für die gegebenste. Denn wenn alle
+Gesetze, so sagen sie, nur dazu erlassen werden, jedermann an seine
+Pflicht zu erinnern, so wird dieser Zweck durch eine feinere Auslegung,
+die nur wenige verstehen, auch nur bei sehr wenigen erreicht; dagegen
+ist eine einfachere und näherliegende Erklärung der Gesetze einem jeden
+verständlich. Was aber nun die große Masse anlangt, die an Zahl stärkste
+Klasse, die der Ermahnung am meisten bedarf, was macht es der aus, ob
+man überhaupt kein Gesetz gibt oder ob man ein schon bestehendes Gesetz
+in einem Sinne auslegt, den jemand nur mit viel Geist und in langer
+Erörterung herausfinden kann? Damit kann sich weder der hausbackene
+Verstand des gemeinen Mannes befassen, noch läßt ihm sein Leben, das von
+der Beschaffung des Unterhaltes ausgefüllt ist, die Zeit dazu.
+
+Diese Vorzüge der Utopier veranlassen ihre Nachbarn, obwohl sie frei und
+selbständig sind -- viele von ihnen sind durch die Utopier schon vor
+alters von der Tyrannei befreit worden --, sich von ihnen ihre
+obrigkeitlichen Personen, teils auf je ein Jahr, teils auf fünf Jahre,
+zu erbitten. Nach Ablauf ihrer Amtszeit geleiten die Fremden sie mit
+Ehre und Lob nach Utopien zurück und nehmen wieder neue Leute in die
+Heimat mit. Und diese Völker sorgen in der Tat aufs beste für das
+Wohlergehen ihres Staates. Da nämlich dessen Heil und Verderben von der
+Führung der Beamten abhängt, hätten sie keine klügere Wahl treffen
+können. Denn einerseits sind diese Fremden durch keinerlei Bestechung
+vom Wege der Tugend abzubringen, da sie ja bei ihrer bald wieder
+erfolgenden Heimkehr nicht lange Nutzen von dem Gelde haben würden;
+anderseits sind ihnen die fremden Bürger unbekannt, und so lassen sie
+sich nicht von unangebrachter Zuneigung oder Abneigung gegen irgend
+jemand leiten. Wo aber diese beiden Übel, Parteilichkeit und Geldgier,
+die Urteile beeinflussen, da ertöten sie sogleich alle Gerechtigkeit,
+den Lebensnerv des staatlichen Lebens. Diese Völker, die sich von den
+Utopiern ihre Obrigkeiten erbitten, werden von ihnen Genossen genannt,
+die übrigen aber, denen sie Wohltaten erwiesen haben, Freunde.
+
+Bündnisse, wie sie die übrigen Völker so oft untereinander abschließen,
+brechen und wieder erneuern, gehen die Utopier mit keinem Volke ein.
+Wozu denn ein Bündnis? sagen sie. Genügen nicht die natürlichen Bande
+der Menschen untereinander? Wer diese nicht achtet, sollte der sich etwa
+durch Worte gebunden fühlen? Zu dieser Ansicht kommen die Utopier wohl
+besonders dadurch, daß in jenen Ländern Bündnisse und Verträge der
+Fürsten in der Regel zu wenig gewissenhaft gehalten werden. Und in der
+Tat ist in Europa, und zwar vor allem in den Teilen, wo christlicher
+Glaube und christliche Religion herrschen, die Majestät der Verträge
+überall heilig und unverletzlich, teils infolge der Gerechtigkeit und
+Redlichkeit der Fürsten selbst, teils infolge der Ehrerbietung und Scheu
+der Geistlichkeit gegenüber, die selber keine Verpflichtung auf sich
+nimmt, ohne sie aufs gewissenhafteste einzuhalten, die aber auch
+sämtlichen übrigen Fürsten befiehlt, ihre Versprechen auf alle Weise zu
+erfüllen, dagegen diejenigen, die sich weigern, mit strenger
+Kirchenstrafe dazu zwingt. Mit Recht fürwahr meinen sie, es müßte höchst
+schimpflich erscheinen, wenn die Bündnisse jener Männer Treu und Glauben
+vermissen ließen, die in besonderem Sinne »Gläubige« heißen. In jener
+neuen Welt dagegen, die von der unsrigen fast weniger noch durch den
+Äquator als durch Lebensweise und Sitten geschieden ist, kann man sich
+auf Verträge überhaupt nicht verlassen. Je zahlreicher und feierlicher
+die Formalitäten sind, mit denen ein Vertrag gleichsam verknotet ist, um
+so schneller wird er gebrochen, weil es keine Mühe macht, seinen
+Wortlaut zu verdrehen. Die Leute dort setzen nämlich einen Vertrag
+bisweilen ganz verzwickt auf. Infolgedessen sind sie auch niemals auf
+Grund so fester Bindungen zu fassen, daß sie nicht durch irgendeine
+Masche entschlüpfen und in gleicher Weise mit der Vertragstreue Spott
+und Hohn treiben könnten. Wenn sie solch eine hinterlistige Gesinnung,
+ja solch einen Lug und Trug in einem Vertrag von Privatleuten fänden, so
+würden sie unter starkem Stirnrunzeln laut schreien, das sei ein
+Verbrechen, das den Galgen verdiene, und natürlich gerade die Leute, die
+sich rühmen, ihren Fürsten selber dazu geraten zu haben. Die Folge davon
+ist, daß entweder die gesamte Gerechtigkeit nur als eine niedrige Tugend
+des gemeinen Mannes erscheint, die sich tief unter den Thron des Königs
+duckt, oder daß es zum mindesten zwei Arten von Gerechtigkeit gibt. Die
+eine kommt dem gemeinen Manne zu, geht zu Fuß, kriecht am Boden und ist
+ringsum von zahlreichen Fesseln gehemmt, um nirgends eine Umzäunung
+überspringen zu können. Die andere ist die Tugend der Fürsten, erhabener
+als die des Volkes, aber in ebenso weitem Abstand auch freier, die sich
+alles erlauben darf, was ihr gefällt.
+
+Diese Treulosigkeit der Fürsten in jenen Ländern, die ihre Verträge so
+schlecht halten, ist meiner Meinung nach auch der Grund, daß die Utopier
+grundsätzlich keine abschließen; möglicherweise aber würden sie ihre
+Ansicht ändern, wenn sie hier lebten. Freilich erscheint es ihnen
+überhaupt als ein unheilvoller Brauch, ein Bündnis einzugehen, mag es
+auch noch so gewissenhaft gehalten werden. Denn es veranlaßt die Völker
+zu der Annahme, daß sie zu gegenseitiger Feindschaft im öffentlichen wie
+im privaten Leben geschaffen seien und daß sie mit Fug und Recht
+gegeneinander wüten, falls nicht Bündnisse dem im Wege stehen, gerade
+als ob keinerlei natürliche Gemeinschaft zwei Völker miteinander
+verbände, die nur ein winziger Zwischenraum, sei es ein Hügel oder ein
+Bach, trennt. Ja, selbst wenn Verträge abgeschlossen sind, so erwächst
+daraus nach ihrer Ansicht noch keine Freundschaft; es bleibt vielmehr
+immer noch die Möglichkeit, den anderen zu übervorteilen, soweit man es
+aus Unbedachtsamkeit bei der Festsetzung des Wortlauts unterlassen hat,
+mit genügender Vorsicht eine Bestimmung mit aufzunehmen, die jene
+Möglichkeit ausschließt. Die Utopier aber sind im Gegenteil der Meinung,
+man dürfe niemanden als Feind betrachten, der einem kein Unrecht getan
+hat. In ihren Augen ist die Gemeinschaft der Natur so gut wie ein
+Bündnis und bindet die Menschen durch gegenseitiges Wohlwollen stärker
+und fester aneinander als durch Verträge, durch die Gesinnung stärker
+und fester als durch Worte.
+
+
+Das Kriegswesen
+
+Den Krieg verabscheuen die Utopier als etwas ganz Bestialisches mehr als
+alles andere, und doch gibt sich mit ihm keine Art von Bestien so
+dauernd ab wie der Mensch. Der Anschauung fast aller Völker zuwider
+halten die Utopier nichts für so unrühmlich wie den Ruhm, den man im
+Kriege gewinnt. Mögen sie sich nun auch beständig an dafür festgesetzten
+Tagen in der Kriegskunst üben, und zwar nicht bloß die Männer, sondern
+auch die Frauen, um im Bedarfsfalle kriegstüchtig zu sein, so beginnen
+sie einen Krieg doch nicht ohne weiteres, sondern nur zum Schutze ihrer
+eigenen Grenzen oder zur Vertreibung der ins Land ihrer Freunde
+eingedrungenen Feinde oder aus Mitleid mit irgendeinem Volk, das unter
+dem Drucke der Tyrannei leidet, um es mit ihrer eigenen Macht vom
+Sklavenjoch des Tyrannen zu befreien, und das tun sie lediglich aus
+Menschenliebe. Ihren Freunden indessen leisten sie ihre Hilfe nicht
+immer nur zur Verteidigung, sondern bisweilen auch, damit diese ein
+Unrecht, das man ihnen zugefügt hat, vergelten und rächen können. Jedoch
+greifen die Utopier erst dann ein, wenn man sie noch vor Beginn der
+Feindseligkeiten um Rat fragt, wenn sie den Kriegsgrund billigen, wenn
+das, worum der Streit geht, zwar zurückgefordert, aber noch nicht
+zurückgegeben ist, und wenn auf ihre Veranlassung hin der Krieg begonnen
+wird. Dazu entschließen sie sich nicht nur dann, wenn ihren Freunden bei
+einem feindlichen Einfall Beute geraubt wird, sondern auch dann, und
+zwar mit noch weit größerer Erbitterung, wenn sich deren Kaufleute
+irgendwo in der Welt unter dem Scheine des Rechts eine Rechtsverdrehung
+gefallen lassen müssen indem man entweder unbillige Gesetze zum Vorwand
+nimmt oder gute verkehrt auslegt. Und so kam es auch zu dem Kriege, den
+die Utopier kurz vor unserer Zeit für die Nephelogeten gegen die
+Alaopoliten führten, aus keinem anderen Grunde, als weil den Kaufleuten
+der Nephelogeten im Lande der Alaopoliten unter dem Scheine des Rechts
+Unrecht getan worden war, wenigstens wie es den Utopiern schien. Mochte
+es sich nun in diesem Falle um Recht oder Unrecht handeln, jedenfalls
+kam es zu einem Rachekrieg, in dem sich zu den Streitkräften und dem Haß
+beider Parteien auch noch die Leidenschaften und Hilfsmittel der
+Nachbarvölker gesellten und der dadurch so blutig wurde, daß die
+blühendsten Völker zum Teil stark erschüttert, zum Teil schwer
+heimgesucht wurden und immer ein Übel aus dem anderen entstand. Das
+Unglück endete schließlich mit der Versklavung und Unterwerfung der
+Alaopoliten, die so unter die Herrschaft der Nephelogeten kamen -- die
+Utopier kämpften nämlich nicht für ihre eigenen Interessen --, die
+Nephelogeten aber waren in der Blütezeit der Alaopoliten keineswegs mit
+diesen zu vergleichen gewesen.
+
+Mit solchem Nachdruck rächen die Utopier ein ihren Freunden zugefügtes
+Unrecht, auch wenn es sich dabei nur um Geld handelt; in ihren eigenen
+Angelegenheiten dagegen zeigen sie nicht den gleichen Eifer. Wenn sie
+nämlich einmal irgendwo betrogen werden und eine Einbuße an Geld und Gut
+dabei erleiden, so gehen sie in ihrem Zorn, vorausgesetzt, daß mit dem
+Verlust kein Schaden an Leib und Seele verbunden ist, nur so weit, daß
+sie bis zur Leistung von Genugtuung mit dem betreffenden Volke keinen
+Handel mehr treiben. Dabei liegen ihnen die Interessen ihrer Mitbürger
+nicht etwa weniger am Herzen als die ihrer Genossen; über deren
+Geldverlust aber sind sie trotzdem deshalb aufgebrachter, weil die
+Kaufleute ihrer Freunde unter der Einbuße schwer zu leiden haben, da
+diese etwas von ihrem Privatbesitz verlieren, ihren Mitbürgern dagegen
+nur etwas auf Rechnung des Staates verlorengeht, überdies nur von daheim
+reichlich vorhandenem und in gewissem Sinne überflüssigem Gut -- sonst
+könnte man es ja nicht ins Ausland ausführen --, so daß der einzelne den
+Verlust gar nicht so empfindet. Deshalb ist es in den Augen der Utopier
+auch eine zu große Grausamkeit, durch den Tod vieler einen Schaden zu
+rächen, dessen nachteilige Folgen keiner von ihnen weder am Leben noch
+am Lebensbedarf deutlich zu spüren bekommt. Wird jedoch einer ihrer
+Landsleute irgendwo auf ungerechte Weise mißhandelt oder gar getötet, so
+lassen die Utopier den Tatbestand durch ihre Gesandten ermitteln, ganz
+gleich, ob der Anschlag vom Staat oder von einer Privatperson
+ausgegangen ist, und sind nur durch Auslieferung der Schuldigen von
+einer sofortigen Kriegserklärung abzuhalten. Die Ausgelieferten
+bestrafen sie für ihr Vergehen entweder mit dem Tode oder mit
+Sklavenarbeit.
+
+Ein blutiger Sieg bereitet den Utopiern nicht nur Verdruß, sondern sie
+schämen sich sogar seiner, weil sie sich sagen, es sei eine Torheit,
+auch noch so kostbare Waren zu teuer zu kaufen. Haben sie aber durch
+Geschick und List den Sieg errungen und den Feind bezwungen, so prahlen
+sie laut damit, feiern aus diesem Anlaß von Staats wegen einen Triumph
+und errichten ein Siegesdenkmal, als hätten sie eine Heldentat
+vollbracht. Ihrer Mannhaftigkeit und Tapferkeit rühmen sie sich nämlich
+immer erst dann, wenn sie so gesiegt haben, wie es kein Lebewesen außer
+dem Menschen vermocht hätte, das heißt mit den Kräften des Geistes. Denn
+mit den Kräften des Körpers, so sagen sie, führen Bären, Löwen, Eber,
+Wölfe, Hunde und die übrigen wilden Tiere den Kampf; die meisten von
+ihnen sind uns zwar an Kraft und Wildheit überlegen, aber alle zusammen
+übertreffen wir an Geist und Vernunft.
+
+Nur das eine haben die Utopier bei einem Kriege im Auge: das zu
+erreichen, was sie schon früher hätten erreichen müssen, um sich den
+Krieg zu ersparen; oder wenn das sachlich unmöglich ist, so nehmen sie
+an denen, die sie für schuldig halten, eine so grimmige Rache, daß der
+Schrecken Leute, die dasselbe wagen wollten, in Zukunft davon abhält.
+Das sind die Ziele, die sie sich für ihr Vorhaben stecken und die sie
+rasch zu erreichen suchen, aber so, daß sie mehr darauf bedacht sind,
+die Gefahr zu vermeiden, als Lob und Ruhm zu ernten. Deshalb lassen sie
+sogleich nach der Kriegserklärung heimlich und zu gleicher Zeit an den
+Punkten des feindlichen Landes, die am besten zu sehen sind,
+Proklamationen, die das Siegel ihres Staates tragen, in großer Zahl
+anschlagen. In ihnen versprechen sie dem, der den gegnerischen Fürsten
+umbringt, riesige Belohnungen; sodann setzen sie geringere, aber
+gleichwohl noch recht ansehnliche Preise auf die Köpfe einzelner
+Personen, die sie in denselben Anschlägen namentlich anführen. Das sind
+die Männer, die sie nächst dem Fürsten selber für die Urheber des Planes
+halten, den man gegen sie geschmiedet hat. Welchen Betrag sie aber auch
+für den Mörder aussetzen, sie zahlen ihn in doppelter Höhe dem, der
+ihnen einen von den Geächteten lebend bringt, und ebenso suchen sie die
+Geächteten selbst durch die gleichen Belohnungen und außerdem durch die
+Zusicherung von Straflosigkeiten gegen ihre Genossen aufzuhetzen. So
+kommt es schnell dahin, daß jene auch die anderen Menschen mit Argwohn
+betrachten, sich einander selbst kein rechtes Vertrauen mehr schenken
+und auch keine rechte Treue mehr halten und daher in größter Furcht und
+nicht geringerer Gefahr leben. Denn, wie bekannt, ist es schon mehr als
+einmal vorgekommen, daß die Geächteten zu einem großen Teil und vor
+allem der Fürst selber von denen verraten wurden, auf die sie die größte
+Hoffnung setzten. So leicht verleiten Belohnungen zu jedem beliebigen
+Verbrechen. Für diese Prämien setzen die Utopier auch keine bestimmte
+Höhe fest. Indem sie vielmehr die Größe der Gefahr bedenken, zu der sie
+verleiten, bemühen sie sich, sie durch die Höhe der Belohnungen
+aufzuwiegen, und aus diesem Grunde stellen sie nicht nur eine
+unermeßliche Menge Gold in Aussicht, sondern auch recht ertragreiche
+Landgüter an ganz sicheren Orten in den Ländern ihrer Freunde, und zwar
+als dauernden Besitz, und halten ihr Versprechen mit gewissenhafter
+Treue. Dieser Brauch, den Feind gegen Gebot zu kaufen, den andere Völker
+als Beweis einer entarteten Gesinnung und als grausame Untat verwerfen,
+ist in den Augen der Utopier ein hohes Lob. Ja, sie dünken sich auch
+klug, weil sie auf diese Weise die größten Kriege ohne jeden Kampf
+völlig zu Ende bringen, und sogar human und mitleidsvoll, weil sie mit
+dem Tode einiger weniger Schuldiger das Leben zahlreicher Unschuldiger
+erkaufen, die sonst im Kampfe gefallen wären, teils aus den Reihen der
+Ihrigen, teils aus denen der Feinde, deren Menge und Masse sie fast
+ebenso bedauern wie ihre eigenen Landsleute; wissen sie doch recht wohl,
+daß jene einen Krieg nicht aus freien Stücken anfangen, sondern weil die
+blinde Leidenschaft ihrer Fürsten sie dazu treibt. Kommen sie auf diese
+Weise nicht weiter, so säen und nähren sie Zwietracht, indem sie dem
+Bruder des Fürsten oder sonst einem aus dem Adel Hoffnung auf den Thron
+machen. Wenn die Parteien im Inneren versagen, so wiegeln die Utopier
+die Nachbarvölker des Feindes auf und verwickeln sie in einen Krieg mit
+ihm, indem sie irgendeinen alten Vorwand hervorsuchen, woran es ja
+Königen niemals fehlt.
+
+Haben sie diesen Völkern ihren Beistand im Kriege versprochen, so
+stellen sie ihnen reichlich Geld zur Verfügung, Hilfskräfte aus den
+Reihen ihrer Bürger jedoch nur ganz spärlich; denn diese sind ihnen so
+außerordentlich lieb und wert, und sie schätzen sich gegenseitig so
+hoch, daß sie einen ihrer Landsleute nur ungern gegen den feindlichen
+Fürsten austauschen würden. Gold und Silber dagegen, dessen gesamte
+Menge sie einzig und allein für diesen Zweck aufbewahren, geben sie von
+Herzen gern hin; sie könnten ja ebenso bequem leben, auch wenn sie es
+vollständig aufbrauchten. Denn außer dem Reichtum im Inland besitzen sie
+ja noch, wie früher erwähnt, bei den meisten Völkern des Auslands einen
+unermeßlichen Schatz von Guthaben. So werben sie denn überall Söldner
+an, vornehmlich aus dem Volk der Zapoleten, und lassen sie in den Krieg
+ziehen.
+
+Diese wohnen 500 Meilen östlich von Utopien. Unkultiviert, roh und wild,
+wie sie sind, lassen sie deutlich merken, daß sie inmitten von Wäldern
+und rauhen Bergen aufgewachsen sind. Sie sind ein kräftiger Volksstamm,
+unempfindlich gegen Hitze, Kälte und Anstrengung, unbekannt mit allen
+Annehmlichkeiten des Lebens, nicht begeistert für den Ackerbau,
+nachlässig in Wohnung und Kleidung und nur für die Viehzucht
+interessiert. Zu einem großen Teile leben sie von Jagd und Raub. Einzig
+und allein zum Krieg geboren, suchen die Zapoleten eifrig nach einer
+Gelegenheit zur Teilnahme an einem solchen, und finden sie eine, so
+ergreifen sie sie mit Leidenschaft, ziehen in großer Zahl außer Landes
+und bieten sich für wenig Geld dem ersten besten an, der Soldaten sucht.
+Dies Handwerk, den Tod zu suchen, ist das einzige ihres Lebens, das sie
+verstehen. Für ihren Dienstherrn schlagen sie sich mit Hingebung und
+unbestechlicher Treue. Doch verpflichten sie sich nicht bis zu einem
+bestimmten Termin, sondern wenn sie Partei ergreifen, so tun sie das nur
+unter der Bedingung, daß sie am nächsten Tage auf seiten des Feindes
+stehen dürfen, falls dieser ihnen höheren Sold bietet; ebenso kehren sie
+dann am übernächsten Tage, durch eine Kleinigkeit Geld mehr verlockt,
+wieder zurück. Nur selten kommt es zu einem Kriege, in dem sie nicht zu
+einem großen Teile auf beiden Seiten kämpfen. So werden täglich
+Blutsverwandte, bisher Söldner der gleichen Partei und einander die
+besten Kameraden, bald darauf auseinandergerissen, geraten in
+feindliche Heere, treffen als Gegner aufeinander und metzeln sich
+gegenseitig nieder wie erbitterte Feinde, die ihre Abstammung vergessen
+haben und nicht mehr an ihre frühere Freundschaft denken. Dabei
+veranlaßt sie kein anderer Grund zur gegenseitigen Vernichtung, als daß
+zwei feindliche Fürsten sie für ein paar lumpige Geldstücke gemietet
+haben. Dieses Geld berechnen sie sich so genau, daß sie sich durch die
+Erhöhung des täglichen Soldes um nur einen Heller zu einem Wechsel der
+Partei verleiten lassen. So hat sich in ihren Herzen rasch die Habgier
+eingenistet, von der sie jedoch keinen Vorteil haben; was sie nämlich
+mit ihrem Blute gewinnen, verbrauchen sie alsbald wieder mit einer
+Verschwendung, die gleichwohl armselig ist.
+
+Dieses Volk kämpft für die Utopier gegen alle Welt, weil niemand
+anderswo seine Dienstleistung so gut bezahlt wie diese. Wie sich nämlich
+die Utopier nach guten Menschen umsehen, um sie in ihrem Dienst nützlich
+zu verwenden, so werben sie auch diese Schurken an, um sie zu
+mißbrauchen. Nötigenfalls machen sie ihnen lockende Versprechungen und
+setzen sie an den gefährlichsten Punkten ein. Meist kommt dann ein
+großer Teil von ihnen niemals wieder zurück und kann die versprochenen
+Belohnungen gar nicht anfordern. Den Überlebenden aber zahlen die
+Utopier gewissenhaft aus, was sie versprochen haben, um sie zu ähnlichen
+Wagnissen anzuspornen. Sie fragen nämlich nicht danach, wie viele von
+ihnen durch ihre Schuld ums Leben kommen, weil sie sich, wie sie meinen,
+das größte Verdienst um die Menschheit erwerben würden, wenn sie den
+Erdkreis von jenem Abschaum eines so greulichen und ruchlosen Volkes
+gründlich säubern könnten.
+
+Nächst den Zapoleten verwenden die Utopier auch die Streitkräfte
+desjenigen Volkes, für das sie zu den Waffen greifen, und die
+Hilfsscharen ihrer anderen Freunde; an letzter Stelle erst ziehen sie
+ihre Mitbürger heran. Aus deren Mitte nehmen sie einen Mann von
+erprobter Tapferkeit und stellen ihn an die Spitze des gesamten Heeres.
+Ihm ordnen sie zwei Mann unter in der Art, daß beide nur als Privatleute
+gelten, solange der Oberbefehlshaber dienstfähig ist; wird er jedoch
+gefangengenommen oder fällt er, so tritt der eine von jenen beiden
+gleichsam sein Erbe an, und ihn ersetzt gegebenenfalls der andere, damit
+nicht in den bunten Wechselfällen der Kriege infolge einer Gefährdung
+des Führers das ganze Heer in Unordnung gerät. In jeder Stadt hebt man
+Freiwillige aus; man preßt nämlich niemanden wider seinen Willen zum
+Kriegsdienst außerhalb der Grenzen seiner Heimat, weil man der
+Überzeugung ist, daß einer, der von Natur etwas furchtsam ist, nicht nur
+selbst sich nicht tapfer zeigen, sondern auch seine Kameraden mit seiner
+Angst anstecken wird. Bricht aber der Feind ins Land ein, so steckt man
+die Feiglinge dieser Art im Falle körperlicher Tauglichkeit auf die
+Schiffe unter bessere Soldaten oder verteilt sie auf die einzelnen
+Festungen, von wo sie nicht ausreißen können. Sie müssen sich vor ihren
+Kameraden schämen, haben den Feind unmittelbar vor sich und sehen keine
+Möglichkeit zur Flucht: so vergessen sie ihre Furcht und werden oft
+durch höchste Not zu mutigen Männern. So wenig aber einerseits ein
+Utopier wider seinen Willen zu einem auswärtigen Kriege fortgeschleppt
+wird, so wenig hindert man anderseits die Frauen, mit ihren Männern ins
+Feld zu ziehen; ja, man fordert sie dazu noch auf und spornt sie dazu
+an, indem man sie lobt. Die Frauen, die mitausrücken, stellt man an der
+Front mit ihren Männern in eine Reihe; außerdem hat ein jeder Kämpfer
+seine Kinder, Verwandten und Angehörigen um sich, damit sich diejenigen
+einander aus nächster Nähe beistehen können, die die Natur am stärksten
+zu gegenseitiger Hilfe anspornt. Die höchste Schmach ist es für einen
+Gatten, ohne den anderen heimzukommen, oder für einen Sohn, seinen Vater
+zu überleben. Infolgedessen kämpft man, wenn es zum Handgemenge kommt
+und die Feinde standhalten, in einem langen und unheilvollen Ringen bis
+zur Vernichtung. Zwar suchen die Utopier mit allen Mitteln zu verhüten,
+in eigener Person kämpfen zu müssen, wofern sie nur den Krieg mit Hilfe
+einer Schar gemieteter Stellvertreter zu Ende bringen können; wenn es
+sich jedoch nicht vermeiden läßt, daß sie selber mitkämpfen, so nehmen
+sie den Kampf ebenso unerschrocken auf, wie sie sich vorher klug
+zurückgehalten haben, solange es möglich war. Und beim ersten Angriff
+gehen sie nicht mit wildem Ungestüm vor; vielmehr wächst ihre Stärke
+langsam und allmählich und je länger der Kampf dauert. Dabei sind sie so
+unbeugsamen Sinnes, daß sie sich eher niedermetzeln als in die Flucht
+schlagen lassen; denn das beruhigende Bewußtsein, daß ein jeder daheim
+zu leben hat, sowie die Befreiung von der quälenden Sorge um das Los
+ihrer Nachkommen -- eine Besorgnis, die sonst überall einen tapferen
+Sinn lähmt, -- machen die Kämpfer hochgemut, so daß sie den Gedanken,
+sich besiegen zu lassen, als unwürdig von sich weisen. Außerdem flößt
+ihnen ihre militärische Erfahrung Zuversicht ein, und schließlich spornt
+sie die gute Erziehung, die sie in der Schule und durch die trefflichen
+Einrichtungen ihres Staates von Kind auf genossen haben, noch mehr zur
+Tapferkeit an. Infolgedessen ist in ihren Augen das Leben weder so
+wertlos, daß sie es blindlings vergeuden, noch so übertrieben wertvoll,
+daß sie damit geizen und sich in schimpflicher Weise daran klammern,
+wenn die Ehre dazu rät, es hinzugeben. Wenn der Kampf allerorten am
+wildesten tobt, nehmen sich die auserlesensten Jünglinge, die sich dazu
+verschworen und geweiht haben, den feindlichen Führer zum Gegner; auf
+ihn dringen sie offen ein, ihn greifen sie aus dem Hinterhalt an, und
+aus der Ferne wie aus der Nähe gehen sie auf ihn los, und in einem
+langen und lückenlosen Keil -- denn die wegen Ermüdung ausfallenden
+Kämpfer werden beständig durch frische ersetzt -- stürmen sie gegen ihn
+an. Nur selten kommt es vor, daß er nicht niedergestochen wird oder daß
+er nicht lebendig in die Gewalt seiner Feinde gerät, es sei denn, daß er
+sich durch die Flucht rettet.
+
+Ist der Sieg auf seiten der Utopier, so metzeln sie nicht wild darauf
+los; statt die Geschlagenen umzubringen, nehmen sie sie lieber gefangen.
+Auch verfolgen sie die Fliehenden niemals so blindlings, daß sie bei
+alledem nicht wenigstens noch eine geordnete und kampfbereite Schar
+zurückbehielten. Wenn daher ihre übrigen Verbände geschlagen sind und
+sie erst mit dem letzten den Sieg errungen haben, so lassen sie die
+Feinde lieber ganz und gar entfliehen, als daß sie sich dazu
+entschließen, die Fliehenden mit ungeordneten Verbänden ihrer Truppen zu
+verfolgen. Sie vergessen nämlich nicht, was ihnen selbst mehr als einmal
+widerfahren ist. Die Masse ihres gesamten Heeres war völlig besiegt; die
+Feinde jubelten über ihren Sieg und zerstreuten sich hier und da auf der
+Verfolgung. Die Utopier dagegen hatten einige wenige ihrer Leute im
+Hinterhalt aufgestellt, die auf günstige Gelegenheiten lauerten. Sie
+griffen die Feinde, die vereinzelt umherschwärmten und es in voreiliger
+Sorglosigkeit an der nötigen Vorsicht fehlen ließen, plötzlich an und
+veränderten das Ergebnis der ganzen Schlacht. Sie wanden den Feinden den
+Sieg, der ihnen schon sicher war und an dem sie nicht mehr gezweifelt
+hatten, aus den Händen und besiegten als Besiegte wiederum die Sieger.
+
+Es ist schwer zu sagen, ob die Utopier einen Hinterhalt mit größerer
+Schlauheit zu legen oder mit größerer Vorsicht zu vermeiden wissen. Man
+könnte meinen, sie träfen Vorbereitungen zur Flucht, wenn sie alles
+andere eher im Sinne haben, und umgekehrt, wenn sie die Absicht haben zu
+fliehen, könnte man meinen, sie dächten an nichts weniger. Fühlen sie
+sich nämlich hinsichtlich ihrer Zahl oder Stellung zu sehr im Nachteil,
+so ziehen sie bei Nacht in aller Stille ab oder täuschen den Feind durch
+irgendeine Kriegslist, oder sie gehen bei Tage so allmählich und in so
+guter Ordnung zurück, daß es ebenso gefährlich ist, sie während des
+Abrückens anzugreifen wie während des Anstürmens. Ihr Lager befestigen
+sie überaus sorgfältig mit einem sehr tiefen und breiten Graben, wobei
+sie die ausgehobene Erde nach innen werfen. Dazu verwenden sie keine
+Tagelöhner, sondern die Soldaten selbst besorgen die Arbeit, und das
+gesamte Heer hilft dabei mit, ausgenommen die Posten, die bewaffnet vor
+dem Wall Wache halten, um plötzliche Überfälle abzuwehren. Und so legen
+die Utopier bei so zahlreicher Mitarbeit starke und weitausgedehnte
+Befestigungen wider alles Erwarten in kurzer Zeit an.
+
+Die Waffen, die die Utopier verwenden, sind stark genug zur Abwehr von
+Angriffen, ohne jedoch jede Art von Bewegung oder Haltung zu hindern; ja
+nicht einmal beim Schwimmen empfindet man sie als lästig. Denn in voller
+Ausrüstung schwimmen zu lernen, gehört zu den Anfangsgründen der
+militärischen Ausbildung der Utopier. Im Kampf aus der Ferne benutzen
+sie Pfeile, die sie mit großer Kraft und zugleich mit bester
+Treffsicherheit abschießen, und zwar nicht bloß zu Fuß, sondern sogar
+vom Pferde aus. Im Nahkampf aber führen sie keine Schwerter, sondern
+Äxte, die durch ihre Schärfe oder Schwere tödlich verwunden, je nachdem
+man sie zum Hieb oder Stich verwendet. In der Erfindung von
+Kriegsmaschinen beweisen die Utopier ganz besonderen Scharfsinn; die
+fertigen Maschinen halten sie mit größter Sorgfalt geheim, damit sie
+nicht bekannt werden, ehe man sie braucht, und nicht mehr Spott und Hohn
+erregen als Nutzen stiften. Bei ihrer Herstellung achtet man besonders
+darauf, daß sie leicht zu fahren und bequem zu lenken sind. Einen
+Waffenstillstand, den die Utopier mit dem Feind abschließen, halten sie
+so gewissenhaft, daß sie ihn nicht einmal dann verletzen, wenn sie
+gereizt werden. Im Feindesland richten sie keine Verwüstungen an; auch
+brennen sie die Saaten nicht nieder. Ja, sie sorgen sogar dafür, daß
+nach Möglichkeit weder Menschen noch Pferde die Saaten zertreten, weil
+sie der Ansicht sind, daß sie zu ihrem eigenen Vorteil wachsen. Einem
+Wehrlosen tun sie nichts zuleide, wenn er nicht gerade ein Spion ist.
+Städte, die sich ihnen ergeben, schonen sie; aber auch solche, die sie
+erst erobern müssen, plündern sie nicht; wohl aber lassen sie diejenigen
+Bürger, die die Übergabe zu verhindern gesucht haben, erwürgen, während
+sie die anderen Verteidiger zu Sklaven machen. Der gesamten Bevölkerung,
+die nicht mitgekämpft hat, wird kein Haar gekrümmt. Wenn die Utopier
+erfahren, daß einige Bürger zur Übergabe geraten haben, so machen sie
+ihnen einen Teil von dem Hab und Gut der Verurteilten zum Geschenk; den
+Rest geben sie ihren Hilfstruppen: denn von ihnen selbst begehrt niemand
+einen Anteil an der Beute. Nach Beendigung des Krieges aber legen sie
+die Kosten nicht ihren Freunden auf, für die sie sie aufgewendet haben,
+sondern den Besiegten und fordern auf Grund dessen zum Teil bares Geld,
+das sie dann für ähnliche Kriegszwecke aufsparen, zum Teil Grund und
+Boden, der ihnen im Lande der Besiegten dauernd gehört und einen nicht
+geringen Ertrag bringt.
+
+Derartige Einkünfte haben die Utopier jetzt bei vielen Völkern; sie sind
+aus verschiedenen Ursachen im Laufe der Zeit entstanden und bis auf mehr
+als 700000 Dukaten im Jahr angewachsen. Zu ihrer Erhebung entsenden sie
+einige von ihren Mitbürgern als sogenannte Quästoren, die in dem fremden
+Lande prächtig leben und in der Art großer Herren auftreten. Aber
+trotzdem bleibt noch viel Geld übrig, das in die Staatskasse fließt,
+soweit es die Quästoren nicht lieber dem betreffenden Volke leihen
+wollen, was sie häufig so lange tun, bis sie es notwendig brauchen. Und
+kaum jemals kommt es vor, daß sie den ganzen Betrag zurückverlangen. Von
+dem erwähnten Grund und Boden übereignen die Utopier einen Teil
+denjenigen, die sich auf ihre Veranlassung einer so großen Gefahr
+aussetzten, wie ich sie weiter oben geschildert habe.
+
+Greift irgendein Fürst zu den Waffen gegen die Utopier und schickt er
+sich an, in ihr Gebiet einzufallen, so treten sie ihm sogleich mit
+starken Kräften außerhalb ihres Landes entgegen; denn weder führen sie
+ohne Not im eigenen Lande Krieg, noch ist irgendeine Not jemals so
+schlimm, daß sie die Utopier zwingen könnte, fremde Hilfstruppen auf
+ihre Insel zu lassen.
+
+
+Die Religion der Utopier
+
+Die religiösen Vorstellungen sind nicht nur in den einzelnen Teilen der
+Insel, sondern auch in den einzelnen Städten verschieden, indem die
+einen die Sonne, die andern den Mond und wieder andere diesen oder jenen
+Planeten als Gottheit anbeten. Einige verehren auch einen beliebigen
+Menschen, der vor alters durch Tugend oder Ruhm geglänzt hat, nicht bloß
+als Gott, sondern sogar als höchsten Gott. Aber der weit größte und
+zugleich weitaus klügere Teil glaubt an nichts von alledem, sondern nur
+an ein einziges, unerkanntes, ewiges, unendliches und unerforschliches
+göttliches Wesen, das über menschliches Begriffsvermögen erhaben ist und
+dieses ganze Weltall erfüllt, und zwar als tätige Kraft, nicht als
+körperliche Masse; man nennt es Vater. Ihm schreibt man Ursprung,
+Wachstum, Fortschritt, Wandel und Ende aller Dinge zu, und ihm allein
+erweist man göttliche Ehren. Mit den Anhängern dieser Lehre stimmen auch
+alle anderen trotz aller Glaubensunterschiede in diesem einen Punkte
+überein, daß sie an _ein_ höchstes Wesen glauben, dem die Erschaffung
+der Welt und die Vorsehung zu verdanken ist, und dieses göttliche Wesen
+nennen sie alle ohne Unterschied in ihrer heimischen Sprache Mythras.
+Aber insofern sind sie verschiedener Ansicht, daß die einzelnen ihn
+verschieden auffassen. Dabei glaubt aber jeder, was es auch sein möge,
+das er persönlich für das Höchste hält, es sei doch durchaus dasselbe
+Wesen, dessen göttliche Macht und Majestät allein nach der
+übereinstimmenden Überzeugung aller Völker der Inbegriff aller Dinge
+ist. Indessen machen sie sich alle im Laufe der Zeit von der
+Mannigfaltigkeit abergläubischer Vorstellungen frei und lassen ihre
+Anschauungen zu jener einen Religion verschmelzen, die, wie es scheint,
+vernünftiger ist als die anderen. Und ohne Zweifel wären die übrigen
+religiösen Vorstellungen schon längst nicht mehr vorhanden, wenn nicht
+alles Ungemach, das jemandem bei dem Vorhaben, seine Religion zu
+wechseln, zufällig widerfährt, von ihm aus Furcht als eine Schickung des
+Himmels aufgefaßt würde, gleich als ob die Gottheit, deren Verehrung
+aufgegeben werden sollte, den gottlosen und gegen sie gerichteten Plan
+ahnden wolle. Nachdem die Utopier jedoch durch uns von Christi Namen,
+Lehre, Art und Wundern gehört hatten und ebenso von der
+staunenerregenden Standhaftigkeit der zahlreichen Märtyrer, deren
+freiwillig vergossenes Blut so zahlreiche Völker weit und breit zu
+Christus bekehrt hat, da nahmen auch sie mit einem kaum glaublichen
+Verlangen seine Lehre an, sei es nun, weil es Gott ihnen mehr im
+geheimen eingab, oder sei es, weil das Christentum, wie es schien, der
+bei ihnen selbst am weitesten verbreiteten Lehre am nächsten kam.
+Gleichwohl möchte ich auch dem Umstand nicht wenig Gewicht beimessen,
+daß sie gehört hatten, Christus habe an der gemeinschaftlichen
+Lebensweise seiner Jünger Gefallen gefunden und sie sei bei den
+Zusammenkünften der echten Christen noch heutigestags üblich. Von
+welcher Bedeutung das nun auch gewesen sein mag, jedenfalls traten nicht
+wenige zu unserem Glauben über und ließen sich mit dem geweihten Wasser
+taufen. Leider war unter uns vieren -- nur so viele waren wir noch, da
+zwei gestorben waren -- kein Priester. Infolgedessen müssen die Utopier,
+wenn sie auch im übrigen eingeweiht sind, dennoch bis heute auf den
+Genuß der Sakramente verzichten, da diese bei uns nur die Priester
+spenden dürfen. Doch sind sie sich über deren Wert und Bedeutung klar
+und haben keinen sehnlicheren Wunsch; ja, sie erörtern bereits lebhaft
+die Frage, ob nicht auch ohne Auftrag des Papstes der Christenheit einer
+aus ihren Reihen gewählt und zum Priester ernannt werden kann. Und es
+schien so, als hätten sie die Absicht, einen zu wählen, aber bei meiner
+Abreise war das noch nicht geschehen.
+
+Auch die, die vom Christentum nichts wissen wollen, machen trotzdem
+niemanden abspenstig und lassen jeden, der dazu übertritt, unbehelligt.
+Nur einer aus unserer Gemeinschaft wurde während meiner Anwesenheit
+verhaftet. Als Neugetaufter redete er, obgleich wir ihm davon abrieten,
+öffentlich über die Verehrung Christi mit mehr Eifer als Klugheit. Dabei
+geriet er allmählich so in Hitze, daß er sich bald nicht mehr damit
+begnügte, das, was nur uns heilig ist, über alles andere zu stellen. Er
+verurteilte vielmehr ohne weiteres alle anderen Lehren, nannte sie
+unheilig und bezeichnete ihre Anhänger als ruchlose Gotteslästerer, die
+es verdienten, in die Hölle zu kommen. Wenn einer lange öffentlich so
+redet, nehmen ihn die Utopier fest und stellen ihn vor Gericht, aber
+nicht wegen Religionsverletzung, sondern wegen Volksverhetzung, und,
+wenn er für schuldig befunden wird, bestrafen sie ihn mit Verbannung;
+denn unter ihre ältesten Bestimmungen rechnen sie die, daß niemand von
+seiner Religion Schaden haben darf. Utopus hatte nämlich gleich anfangs
+erfahren, daß die Eingeborenen vor seiner Ankunft beständig
+Religionskämpfe miteinander geführt hatten; er hatte auch beobachtet,
+daß bei der allgemeinen Uneinigkeit die Sekten einzeln für das Vaterland
+kämpften und daß ihm dieser Umstand Gelegenheit bot, sie insgesamt zu
+besiegen. Als er dann den Sieg errungen hatte, setzte er
+Religionsfreiheit für jedermann fest und bestimmte außerdem, wenn jemand
+auch andere zu seinem Glauben bekehren wolle, so dürfe er es nur in der
+Weise betreiben, daß er seine Ansicht ruhig und bescheiden auf
+Vernunftgründen aufbaue, die anderen aber nicht mit bitteren Worten
+zerpflücke. Gelinge es ihm nicht, durch Zureden zu überzeugen, so solle
+er keinerlei Gewalt anwenden und sich nicht zu Schimpfworten hinreißen
+lassen. Geht aber jemand in dieser Sache zu ungestüm vor, so bestrafen
+ihn die Utopier mit Verbannung oder Sklavendienst. Diese Bestimmung traf
+Utopus nicht bloß im Interesse des Friedens, den, wie er sah,
+beständiger Kampf und unversöhnlicher Haß von Grund aus zerstörten,
+sondern weil er der Ansicht war, damit sei auch der Religion gedient. Er
+wagte es auch nicht, über die Religion so ohne weiteres eine
+Entscheidung zu treffen, gleichsam in Ungewißheit darüber, ob Gott nicht
+doch einen mannigfaltigen und vielseitigen Kult haben wolle und deshalb
+die einzelnen auf verschiedene Weise inspiriere. Jedenfalls hielt er es
+für eine Anmaßung und Torheit, wenn jemand mit Gewalt und Drohungen
+verlangte, daß alle seine persönliche Ansicht über die Wahrheit teilten.
+Sollte aber wirklich nur einer Religion die meiste Wahrheit zukommen und
+sollten alle anderen wertlos sein, so würde sich dann schließlich
+einmal, das sah Utopus sicher voraus, die Macht der Wahrheit schon von
+selbst Bahn brechen und sich deutlich offenbaren, wenn man ihre Sache
+nur mit Vernunft und Mäßigung betreibe. Kämpfe man aber mit Waffen und
+Aufruhr um die Religion, so werde die beste und erhabenste zwischen den
+nichtigsten Wahnvorstellungen der Streitenden erstickt werden wie die
+Saaten zwischen Dornen und Gestrüpp, da gerade die schlechtesten
+Menschen am hartnäckigsten seien. Daher ließ Utopus diese ganze Frage
+unentschieden und stellte es einem jeden anheim, was er glauben wollte.
+Nur sollte niemand, das gebot er feierlich und streng, die Würde der
+menschlichen Natur so weit vergessen, daß er annehme, die Seele gehe
+zugleich mit dem Körper zugrunde oder im Laufe der Welt walte der blinde
+Zufall und nicht die göttliche Vorsehung. Und deshalb erwarten den
+Menschen, wie die Utopier glauben, nach diesem Leben Strafen für seine
+Missetaten und Belohnungen für seine Tugenden. Wer das Gegenteil
+annimmt, ist in ihren Augen nicht einmal ein Mensch, weil er die
+menschliche Seele in ihrer Erhabenheit in den niedrigen Zustand
+tierischer Körperlichkeit herunterdrückt; weit weniger noch rechnen sie
+ihn zu ihren Mitbürgern. Denn um all ihre Einrichtungen und Sitten würde
+er sich nicht im geringsten kümmern, wenn ihn nicht die Furcht davon
+abhielte. Wer sollte nämlich daran zweifeln, daß ein solcher Mensch
+danach trachten würde, die Staatsgesetze seines Landes entweder im
+geheimen mit List zu umgehen oder mit Gewalt zu verletzen, sofern er
+dadurch seine persönlichen Wünsche befriedigen kann, da er ja über die
+Gesetze hinaus nichts mehr fürchtet und über den Tod hinaus nichts mehr
+erhofft? Deshalb erweist man einem, der so gesinnt ist, keine Ehre und
+überträgt ihm auch kein öffentliches Amt. So wird er allenthalben als
+ein unbrauchbarer Mensch von niedrigem Charakter verachtet. Aber eine
+wirkliche Strafe erleidet er nicht, weil es die Überzeugung der Utopier
+ist, daß es nicht im Belieben des Menschen steht zu glauben, was er
+will. Sie zwingen ihn auch weder mit irgendwelchen Drohungen, seine
+wahre Gesinnung zu verheimlichen, noch lassen sie Heuchelei und Lügen
+zu, die in ihren Augen an Betrug grenzen und ihnen deshalb überaus
+verhaßt sind. Wohl aber verbieten sie ihm, seine Meinung zu verteidigen,
+jedoch nur vor der großen Masse. Sonst nämlich, in einem geschlossenen
+Kreise von Priestern und ernsten Männern, lassen sie es nicht bloß zu,
+sondern fordern auch noch dazu auf, weil sie zuversichtlich damit
+rechnen, sein Wahnsinn werde doch noch endlich einmal der Vernunft
+weichen.
+
+Andere, und zwar gar nicht wenige, begehen den gerade entgegengesetzten
+Fehler -- man macht ihnen keine Schwierigkeiten, da ihre Ansicht nicht
+ganz unbegründet ist und sie selbst nicht bösartig sind -- und meinen,
+auch die Tierseelen seien unsterblich, jedoch nicht vergleichbar an
+Würde mit unseren Menschenseelen und auch nicht zu gleicher
+Glückseligkeit geschaffen. Die Utopier sind nämlich fast alle fest davon
+überzeugt, daß den Menschen eine unbegrenzte Glückseligkeit bevorsteht.
+Infolgedessen wehklagen sie stets, wenn jemand krank ist, niemals aber,
+wenn jemand stirbt; sie müßten denn gerade sehen, wie sich der Sterbende
+nur mit Angst und Widerwillen vom Leben losreißt. Das halten sie nämlich
+für ein ganz schlimmes Vorzeichen, gleich als ob die Seele ohne Hoffnung
+und mit schlechtem Gewissen in irgendeiner dunklen Ahnung drohender
+Strafe vor dem Ende zurückschaudere. Außerdem wird sich nach ihrer
+Meinung Gott nicht über die Ankunft eines Menschen freuen, der auf
+seinen Ruf nicht bereitwillig herbeieilt, sondern sich nur ungern und
+widerstrebend hinschleppen läßt. Vor einem solchen Sterben entsetzen
+sich denn auch die, die es mit ansehen, und wer so stirbt, wird in
+Trauer und aller Stille aus der Stadt getragen; dann betet man zu dem
+den Seelen der Verstorbenen gnädigen Gott, er möge dem Heimgegangenen
+seine Sünden aus Gnaden vergeben, und setzt die Leiche bei. Wer dagegen
+freudig und voll Zuversicht stirbt, wird von niemandem betrauert,
+sondern unter Gesang gibt man ihm das letzte Geleit und empfiehlt seine
+Seele liebevoll dem großen Gott. Schließlich verbrennt man den Leichnam
+mehr in Ehrfurcht als in Trauer und errichtet an Ort und Stelle eine
+Denksäule, in die die Ehrentitel des Toten eingemeißelt sind. Nach der
+Rückkehr von der Beisetzung unterhält man sich über Lebenswandel und
+Taten des Heimgegangenen, und kein Abschnitt seines Lebens wird dabei
+häufiger oder lieber besprochen als sein seliges Ende.
+
+Dieses ehrende Gedenken rechtschaffener Menschen ist in den Augen der
+Utopier für die Lebenden ein überaus wirksamer Anreiz zur Tugend und
+zugleich für die Verstorbenen eine höchst willkommene Verehrung. Sie
+denken sich nämlich, daß die Heimgegangenen bei den Gesprächen über sie
+zugegen sind, wenn auch unsichtbar für das schwache Auge der
+Sterblichen. Einerseits nämlich würde es gar nicht mit ihrer
+Glückseligkeit vereinbar sein, wenn sie in ihrer Bewegungsfreiheit
+beschränkt wären, und anderseits wäre es undankbar von ihnen, wenn sie
+überhaupt keine Sehnsucht mehr empfänden, ihre Lieben wiederzusehen, mit
+denen sie bei Lebzeiten durch gegenseitige Liebe und Hochschätzung
+verbunden waren, Neigungen, die bei guten Menschen, so vermutet man, wie
+die übrigen trefflichen Eigenschaften nach dem Tode eher noch zu- als
+abnehmen. Die Utopier glauben demnach, daß die Toten unter den Lebenden
+weilen als Ohren- und Augenzeugen ihrer Worte und Taten, und
+infolgedessen gehen sie mit größerer Zuversicht an ihre Geschäfte,
+gleichsam im Vertrauen auf solchen Schutz; auch lassen sie sich durch
+den Glauben an die Anwesenheit ihrer Vorfahren von geheimer Schandtat
+abschrecken.
+
+Auf Weissagungen und die sonstigen Prophezeiungen eines hohlen
+Aberglaubens, die andere Völker gewissenhaft beachten, legen die Utopier
+gar keinen Wert, ja sie machen sich sogar darüber lustig. Wunder
+dagegen, soweit sie ohne jede natürliche Veranlassung geschehen,
+verehren sie als Taten und Zeugnisse der anwesenden Gottheit. Solche
+Wunder kommen in Utopien, wie es heißt, häufig vor, und in wichtigen und
+zweifelhaften Fragen flehen sie bisweilen darum mit großer Zuversicht
+und unter Veranstaltung eines großen Betfestes und erwirken auch ein
+Wunder.
+
+Für eine Gott wohlgefällige Verehrung halten die Utopier die Betrachtung
+der Natur sowie das Lob, das man Gott als ihrem Schöpfer spendet. Doch
+gibt es auch Leute, und zwar keineswegs wenige, die unter Berufung auf
+ihren Glauben von den Wissenschaften nichts wissen wollen, sich um
+keinerlei Erkenntnis der Natur bemühen und Muße überhaupt nicht kennen:
+nur durch Betätigung und gute Dienste, die man den Mitmenschen erweist,
+erwirbt man sich nach ihrer Meinung Anspruch auf die Glückseligkeit nach
+dem Tode. Daher widmen sich die einen der Krankenpflege, die anderen
+bessern Wege aus, reinigen Gräben, bringen Brücken in Ordnung, stechen
+Rasen aus, schaufeln Sand und graben Steine aus, fällen und zersägen
+Bäume, fahren auf Zweigespannen Holz, Feldfrüchte und andere Dinge in
+die Städte und benehmen sich nicht nur in der Tätigkeit für die
+Allgemeinheit, sondern auch in der für Privatleute wie Diener und sind
+noch arbeitsamer als Sklaven. Denn jede mühsame, schwierige und
+schmutzige Arbeit, die es irgendwo gibt und von der Anstrengung,
+Widerwille und Verzweiflung die meisten zurückschrecken, nehmen sie
+willig und fröhlich ganz auf sich. Den anderen verschaffen sie Muße, sie
+selber aber arbeiten und plagen sich ohne Unterlaß, ohne jedoch Dank
+dafür zu beanspruchen; auch tadeln sie die Lebensweise anderer nicht, um
+ihre eigene dafür zu rühmen. Je mehr sich die Leute als Sklaven zeigen,
+desto größere Ehre erweist ihnen jedermann. Unter ihnen gibt es nun zwei
+Sekten. Die eine ist die der Ledigen. Diese enthalten sich völlig des
+Geschlechtsverkehrs; auch essen sie kein Fleisch, einige sogar, ohne mit
+irgendeinem Tier eine Ausnahme zu machen. Alle Freuden dieses Lebens
+verwerfen sie als schädlich, und in der Hoffnung auf einen baldigen Tod
+trachten sie leidenschaftlich danach, durch Nachtwachen und mühselige
+Arbeit nur die Freuden des künftigen Lebens zu erlangen. Die Anhänger
+der anderen Sekte sind nicht weniger auf Arbeit erpicht, ziehen es aber
+dabei vor, zu heiraten; denn sie verschmähen die Kräfte nicht, die von
+der Ehe ausgehen, und glauben der Natur ihren Zoll entrichten zu müssen
+und dem Vaterlande Kinder schuldig zu sein. Jedes Vergnügen, das sie in
+keiner Beziehung von der Arbeit abhält, ist ihnen willkommen. Das
+Fleisch vierfüßiger Tiere schätzen sie schon aus dem Grunde, weil sie
+von einer solchen Nahrung eine bessere Kräftigung zu jeder Arbeit
+erwarten. Die Anhänger dieser Sekte sind in den Augen der Utopier
+klüger, die der anderen dagegen frömmer. Die letzteren würde man
+auslachen, wenn sie sich bei der Bevorzugung der Ehelosigkeit und eines
+beschwerlichen Lebens auf Gründe der Vernunft stützen wollten; so aber
+betrachtet man sie wegen ihrer religiösen Beweggründe mit Ehrfurcht und
+Hochachtung. Vor nichts scheuen sie sich nämlich ängstlicher als vor
+irgendeiner unbedachten Äußerung über die Religion. Derart also sind die
+Leute, die die Utopier mit einem besonderen Namen in ihrer Landessprache
+als »Buthresken« bezeichnen, was etwa unserem Worte »Mönche« entspricht.
+
+Die Priester der Utopier sind außerordentlich fromm und deshalb sehr
+gering an Zahl. Es gibt nämlich in jeder Stadt nicht mehr als dreizehn,
+entsprechend der Zahl der Gotteshäuser, außer in Kriegszeiten. Dann aber
+ziehen sieben von ihnen mit dem Heere ins Feld und werden in der
+Zwischenzeit durch eine gleiche Anzahl ersetzt. Kommen dann die anderen
+zurück, so nimmt jeder von ihnen wieder seine alte Stelle ein. Die
+Überzähligen treten der Reihe nach an die Stelle der mit Tod Abgehenden;
+bis dahin sind sie Gehilfen des Oberpriesters, und einer wird an ihre
+Spitze gestellt. Die Priester werden vom Volke gewählt, und zwar wie die
+übrigen Beamten in geheimer Abstimmung, wodurch man Begünstigungen
+vermeiden will; die Weihe der Gewählten vollzieht dann ihr eigenes
+Kollegium. Die Priester leiten den Gottesdienst, besorgen die
+Angelegenheiten des Kultus und sind eine Art Sittenrichter, und es gilt
+als eine große Schande, wenn jemand von ihnen wegen seines schlechten
+Lebenswandels vorgeladen und zur Rede gestellt wird. Wenn auch die
+Priester das Recht haben zu ermahnen und zu warnen, so steht doch die
+Befugnis zu einer Maßregelung und Bestrafung von Übeltätern nur dem
+Bürgermeister und den übrigen Amtspersonen zu, nur daß die Priester
+ihrerseits diejenigen, die sie als schlimme Sünder kennenlernen, vom
+Gottesdienst ausschließen. Und es gibt kaum eine Strafe, die man mehr
+fürchtet; denn sie macht völlig ehrlos und erweckt eine geheime
+religiöse Furcht, die den Sinn zerrüttet, da die so Bestraften auch
+nicht hinsichtlich ihres Körpers lange ohne Sorge sein können. Wenn sie
+nämlich die Priester nicht schnell von ihrer Reue überzeugen, werden sie
+festgenommen und vom Senat wegen Gottlosigkeit bestraft.
+
+Der Unterricht der Kinder und Jugendlichen liegt in den Händen der
+Priester, und diese lassen sich mehr die Erziehung zu Sitte und Tugend
+als die wissenschaftliche Ausbildung angelegen sein. Sie verwenden
+nämlich den größten Fleiß darauf, den noch zarten und empfänglichen
+Kinderherzen von Anfang an gesunde und der Erhaltung ihres Staates
+dienliche Anschauungen einzupflanzen. Wenn diese erst einmal im Kinde
+festsitzen, begleiten sie den Erwachsenen durchs ganze Leben und sind
+von großem Nutzen für die Erhaltung des Staates; denn was einen Staat
+zerfallen läßt, sind einzig und allein die Laster, die ihrerseits wieder
+aus verkehrten Anschauungen entstehen.
+
+Die Priester sind mit den erlesensten Frauen ihres Volkes verheiratet,
+soweit sie nicht selbst Frauen sind; denn auch die Frauen sind vom
+Priestertum nicht ausgeschlossen; aber eine Frau wird seltener gewählt
+und auch dann nur, wenn sie verwitwet und betagt ist. Keine Behörde
+genießt nämlich bei den Utopiern größere Ehre, und zwar in dem Ausmaße,
+daß ein Priester, der sich etwas hat zuschulden kommen lassen, keinem
+öffentlichen Gericht untersteht: Gott allein und sich selbst ist er
+überlassen. Die Utopier halten es nämlich für Sünde, den mit
+Menschenhand zu berühren, und wäre er auch ein noch so schlimmer
+Verbrecher, der Gott auf eine so einzigartige Weise gleichsam als Opfer
+geweiht ist. Diesen Brauch können sie leichter einhalten, weil ihre
+Priester so gering an Zahl sind und mit so großer Sorgfalt ausgewählt
+werden. Kommt es doch nur selten vor, daß ein Mann, der, aus der Zahl
+der Guten als Bester ausgesucht, allein wegen seiner Tüchtigkeit zu so
+hoher Würde erhoben wird, zu Verderbtheit und Lasterhaftigkeit entartet.
+Sollte es aber bei der Unbeständigkeit der menschlichen Natur immerhin
+einmal vorkommen, so braucht man davon für die Allgemeinheit durchaus
+keinen Schaden von großer Bedeutung zu befürchten, da die Zahl der
+Priester nur gering ist und sie außer ihrem Ansehen keinerlei Macht
+besitzen. Die Utopier beschränken aber die Zahl ihrer Priester deshalb
+so stark, weil das Ansehen des Standes, dem sie jetzt so große Verehrung
+erweisen, nicht dadurch an Bedeutung verlieren soll, daß sie seine Ehre
+vielen zuteil werden lassen, zumal da sie es für schwierig halten, viele
+Leute zu finden, die tugendhaft genug zur Bekleidung eines Amtes sind,
+für dessen Würde eine nur mittelmäßige Tugendhaftigkeit nicht ausreicht.
+
+Die Wertschätzung der Priester ist bei den auswärtigen Völkern nicht
+geringer als bei ihren Landsleuten. Das geht deutlich aus einem Brauche
+hervor, den ich auch für den Ursprung dieser Wertschätzung halte.
+Während nämlich die Truppen in der Schlacht um die Entscheidung kämpfen,
+halten sich die Priester abseits, aber nicht weit entfernt, und liegen
+in ihren geweihten Gewändern auf den Knien. Die Hände zum Himmel
+erhoben, beten sie zu allererst um Frieden, sodann um Sieg für ihr Volk,
+aber um einen Sieg, der für beide Teile nicht blutig ist. Im Falle des
+Sieges ihres Volkes eilen sie in den Kampf und gebieten dem Wüten gegen
+die Geschlagenen Einhalt. Wer sie nur sieht und anruft, wenn sie da
+sind, sichert sich sein Leben; wer ihre wallenden Gewänder berührt,
+schützt auch, was ihm sonst noch gehört, vor jeder kriegerischen
+Gewalttat. Infolgedessen genießen die Priester bei allen Völkern ringsum
+eine so große Verehrung und so viel wirklich majestätisches Ansehen, daß
+die Schonung, die sie vom Feinde für ihre Mitbürger erwirkten, oft nicht
+geringer war als die, die sie bei diesen für den Feind erreicht hatten.
+So viel steht jedenfalls fest: schon manchmal, wenn die Front ihrer
+Landsleute ins Wanken geraten war, wenn diese in ihrer verzweifelten
+Lage zu fliehen begannen und der Feind zu Gemetzel und Plünderung
+heranstürmte, traten die Priester dazwischen, unterbrachen das
+Blutvergießen, trennten die Truppen voneinander, brachten unter
+gerechten Bedingungen einen Frieden zustande und schlossen ihn ab. Denn
+noch niemals ist ein Volk so wild, so grausam und so barbarisch gewesen,
+daß es ihre Person nicht für heilig und unverletzlich gehalten hätte.
+
+Als Festtage begehen die Utopier den ersten und letzten Tag eines jeden
+Monats und Jahres. Dieses teilen sie in Monate ein, die der Umlauf des
+Mondes abgrenzt, wie der Kreislauf der Sonne das Jahr rundet. Alle
+Anfangstage heißen auf utopisch »Cynemerner« und die Schlußtage
+»Trapemerner«, was etwa soviel wie Anfangs- und Schlußfeste bedeutet.
+
+Man sieht in Utopien prachtvolle Tempel, die nicht bloß mit großer Kunst
+gebaut sind, sondern auch eine gewaltige Menschenmenge fassen, was ja
+bei ihrer geringen Anzahl auch unbedingt notwendig ist. Gleichwohl sind
+sie alle halbdunkel, und zwar soll das nicht auf mangelhafte Kenntnis in
+der Baukunst zurückgehen, sondern auf einen Rat der Priester. Nach deren
+Meinung nämlich lenkt zuviel Licht die Gedanken ab, sparsameres und
+gleichsam unsicheres Licht dagegen trägt zur Sammlung des Geistes und
+zur Vertiefung der Andacht bei. Zwar ist in Utopien die Religion nicht
+überall die gleiche, aber all ihre, wenn auch verschiedenen und
+vielfältigen Formen kommen trotz Verschiedenheit der Wege in einem
+einheitlichen Ziele zusammen, in der Verehrung eines göttlichen Wesens.
+Infolgedessen ist in den Tempeln nichts zu sehen oder zu hören, was
+nicht für alle Religionsformen ohne Unterschied passend erschiene. Einen
+seiner Sekte etwa eigentümlichen Brauch vollzieht ein jeder innerhalb
+seiner vier Wände; den öffentlichen Kult dagegen führt man in einer Form
+durch, die keiner Religion etwas von ihren Besonderheiten nimmt. Daher
+ist auch kein Götterbild im Tempel zu sehen, so daß es jedem freisteht,
+unter welcher Gestalt er sich die Gottheit seinem persönlichen Glauben
+gemäß vorstellen will. Sie rufen Gott unter keinem besonderen Namen an,
+sondern nur als Mythras, ein Wort, mit dem sie alle übereinstimmend das
+eine Wesen göttlicher Majestät bezeichnen, welcher Art es auch sein mag.
+Die Gebete, die in Utopien abgefaßt werden, sind auch alle derart, daß
+sich jeder ihrer bedienen kann, ohne gegen seinen persönlichen Glauben
+zu verstoßen.
+
+Im Tempel kommen die Utopier an den Schlußfesttagen abends zusammen,
+ohne noch etwas zu sich genommen zu haben, um Gott für den Segen zu
+danken, den er in dem Jahre oder Monat, dessen letzter Tag dieser
+Festtag ist, gespendet hat. In der Frühe des nächsten Tages -- denn das
+ist dann ein Anfangsfesttag -- strömt das Volk in den Tempeln zusammen,
+um für das folgende Jahr oder den folgenden Monat, den sie mit dieser
+Feier beginnen wollen, Glück und Segen zu erbitten. Ehe man aber an den
+Schlußfesttagen in den Tempel geht, werfen sich daheim die Frauen ihren
+Männern und die Kinder ihren Eltern zu Füßen und bekennen ihnen ihre
+Verfehlungen, mag es sich nun um eine Missetat oder um eine mangelhafte
+Pflichterfüllung handeln, und bitten um Vergebung ihrer Schuld. So wird
+jedes Wölkchen häuslicher Zwietracht, das etwa aufsteigt, durch solche
+Abbitte verscheucht, und man nimmt reinen Herzens und unbeschwerten
+Sinnes am Gottesdienst teil. Man scheut sich nämlich, mit verstörtem
+Sinn dem Gottesdienst beizuwohnen. Ist man sich deshalb bewußt, Haß oder
+Zorn gegen jemand zu hegen, so geht man erst dann wieder zum
+Gottesdienst, wenn man sich versöhnt und von den Leidenschaften
+gereinigt hat, weil man sonst eine schnelle und schwere Strafe
+fürchtet. Im Tempel angekommen, gehen die Männer auf die rechte und die
+Frauen gesondert auf die linke Seite. Dann nehmen sie in der Weise
+Platz, daß die männlichen Mitglieder eines jeden Hauses vor dem
+Familienvater sitzen, die Familienmutter aber die Reihe der weiblichen
+Mitglieder schließt. Auf diese Weise können sämtliche Bewegungen aller
+Hausgenossen außerhalb des Hauses von denen beobachtet werden, deren
+Autorität und Zucht sie auch innerhalb des Hauses unterstehen. Ja, die
+Utopier sehen auch gewissenhaft darauf, daß im Tempel immer ein Jüngerer
+mit einem Älteren zusammensitzt, damit nicht die Kinder sich selbst
+überlassen bleiben und sich nicht während des Gottesdienstes kindisch
+und albern benehmen. Denn gerade in dieser Zeit sollten sie es lernen,
+fromme Scheu vor den Himmlischen zu hegen, die ja der stärkste und
+beinahe der einzige Ansporn zur Tugend ist. Wenn die Utopier opfern, so
+schlachten sie kein Tier, und sie können nicht glauben, daß sich Gott in
+seiner Güte über Blutvergießen und Morden freut; hat er doch den
+Lebewesen das Leben zu dem Zwecke geschenkt, daß sie leben. Sie
+verbrennen Weihrauch und ebenso anderes Räucherwerk; auch stecken sie
+zahlreiche Wachskerzen auf, nicht als ob sie nicht wüßten, daß das Wesen
+Gottes dieser Dinge nicht bedarf, ebensowenig wie ja auch der Gebete der
+Menschen, aber sie finden Gefallen an dieser harmlosen Art
+Gottesverehrung, und die Menschen fühlen, daß diese Düfte, Lichter und
+sonstigen Feierlichkeiten sie irgendwie innerlich aufrichten und zur
+Verehrung Gottes freudiger stimmen. Im Tempel trägt das Volk weiße
+Gewänder, der Priester dagegen buntfarbige, die nach Arbeit und Form
+Bewunderung verdienen; nur ist der Stoff nicht ebenso wertvoll. Die
+Gewänder sind nämlich nicht mit Gold gestickt oder mit seltenen Steinen
+besetzt, sondern aus einzelnen Vogelfedern so geschickt und kunstvoll
+gearbeitet, daß auch der kostbarste Stoff dieser Arbeit an Wert nicht
+gleichkommen würde. Wie es außerdem heißt, sind in jenen Schwung- und
+Flaumfedern sowie in ihrer bestimmten Anordnung, durch die sie auf dem
+Priestergewande unterschieden werden, gewisse geheime Mysterien
+verborgen. Ihre Auslegung ist den Priestern bekannt und wird von ihnen
+gewissenhaft weiter überliefert; die Menschen sollen dadurch an die
+Wohltaten erinnert werden, die ihnen Gott erweist, an den Dank, den sie
+ihm dafür schulden, und an die Pflichten, die sie gegenseitig zu
+erfüllen haben.
+
+Sobald sich der Priester in diesem Ornat vor dem Allerheiligsten zeigt,
+werfen sich alle sofort voll Ehrfurcht zu Boden unter so allgemeinem und
+tiefen Schweigen, daß schon der bloße Anblick dieses Vorgangs eine Art
+Schauer einflößt, als wenn eine Gottheit zugegen wäre. Sie bleiben eine
+Weile liegen und erheben sich erst, wenn ihnen der Priester ein Zeichen
+gibt. Dann singen sie Gott zu Ehren Hymnen, wozu sie zwischendurch auf
+Musikinstrumenten spielen. Diese haben zu einem großen Teile eine andere
+Gestalt als die, die man in unserem Erdteil zu sehen bekommt. Die
+meisten von ihnen übertreffen zwar die bei uns gebräuchlichen wesentlich
+an Wohlklang, doch sind einige mit den unsrigen nicht einmal zu
+vergleichen. In einer Beziehung jedoch sind uns die Utopier
+unzweifelhaft weit voraus, darin nämlich, daß all ihre Musik, und zwar
+die Instrumentalmusik ebenso wie die Vokalmusik, die natürlichen
+Seelenzustände deutlich nachahmt und widerspiegelt, daß der Klang sich
+dem Inhalt des Musikstückes treffend anpaßt, mag es sich um Worte eines
+Betenden oder um den Ausdruck der Freude, der Sanftmut, der Aufregung,
+der Trauer oder des Zornes handeln, und daß die Art der Melodie den Sinn
+eines jeden Textes so lebendig veranschaulicht, daß sie die Herzen der
+Zuhörer in wunderbarer Weise ergreift, erschüttert und entflammt.
+Zuletzt sprechen Priester und Volk zusammen feierliche Gebete in
+bestimmten Fassungen, die so gehalten sind, daß jeder einzelne auf sich
+beziehen kann, was alle zusammen hersagen. In diesen Gebeten ruft sich
+jeder Gott als den Schöpfer und Lenker des Weltalls und als den Geber
+all der anderen Güter wieder ins Gedächtnis, dankt ihm für die zahllosen
+Wohltaten, die er empfangen hat, besonders aber dafür, daß ihn Gottes
+Güte und Gnade im glücklichsten Staat leben und an einer Religion
+teilnehmen läßt, die, wie er hofft, der Wahrheit am nächsten kommt.
+Sollte er sich darin irren oder sollte es einen besseren Staat oder eine
+bessere Religion geben, die auch Gott genehmer wäre, so bitte er darum,
+seine Güte möge es ihn erkennen lassen; er wolle ihm bereitwillig
+folgen, wohin er ihn auch führe. Sollte aber diese Staatsform die beste
+und seine Religionsauffassung die richtigste sein, so möge ihm Gott
+Beständigkeit verleihen und die anderen Menschen alle zu denselben
+Lebensgrundsätzen und zu derselben Vorstellung von Gott bekehren, falls
+er nicht in seinem unerforschlichen Willen auch an dieser
+Mannigfaltigkeit der Bekenntnisse Gefallen finde. Endlich bittet er noch
+darum, Gott möge ihn nach einem leichten Tode in sein Reich aufnehmen;
+wie bald oder wie spät, das wage er nicht im voraus zu bestimmen.
+Immerhin werde es ihm, soweit es ohne Verletzung der göttlichen Majestät
+möglich sei, viel lieber sein, auch den schwersten Tod zu erleiden, um
+eher zu Gott zu kommen, als durch das glücklichste Leben länger von ihm
+ferngehalten zu werden. Nach diesem Gebet werfen sich alle abermals zu
+Boden und erheben sich bald darauf wieder, um zum Essen zu gehen; den
+Rest des Tages verbringen sie mit Spielen und militärischer Ausbildung.
+
+ * * * * *
+
+Ich habe euch so wahrheitsgemäß wie möglich die Form dieses Staates
+beschrieben, den ich bestimmt nicht nur für den besten, sondern auch für
+den einzigen halte, der mit vollem Recht die Bezeichnung »Gemeinwesen«
+für sich beanspruchen darf. Wenn man nämlich anderswo von Gemeinwohl
+spricht, hat man überall nur sein persönliches Wohl im Auge; hier, in
+Utopien, dagegen, wo es kein Privateigentum gibt, kümmert man sich
+ernstlich nur um das Interesse der Allgemeinheit, und beide Male
+geschieht es mit Fug und Recht. Denn wie wenige in anderen Ländern
+wissen nicht, daß sie trotz noch so großer Blüte ihres Staates Hungers
+sterben würden, wenn sie nicht auf einen Sondernutzen bedacht wären! Und
+deshalb zwingt sie die Not, eher an sich als an ihr Volk, das heißt an
+andere, zu denken. Dagegen hier, in Utopien, wo alles allen gehört, ist
+jeder ohne Zweifel fest davon überzeugt, daß niemand etwas für seinen
+Privatbedarf vermissen wird, wofern nur dafür gesorgt wird, daß die
+staatlichen Speicher gefüllt sind. Denn hier werden die Güter reichlich
+verteilt, und es gibt keine Armen und keine Bettler, und obgleich
+niemand etwas besitzt, sind doch alle reich. Könnte es nämlich einen
+größeren Reichtum geben, als völlig frei von jeder Sorge, heiteren
+Sinnes und ruhigen Herzens zu leben, nicht um seinen eigenen
+Lebensunterhalt ängstlich besorgt, nicht gequält von der Geldforderung
+der jammernden Gattin, ohne Furcht, der Sohn könne in Not geraten, ohne
+Angst und Bange um die Mitgift der Tochter, sondern unbesorgt um den
+eigenen Lebensunterhalt und um den der Seinen, der Gattin, der Söhne,
+der Enkel, Urenkel und Ururenkel und der ganzen Reihe von Nachkommen, so
+lang, wie sie ein Ehrenmann erwartet? Ja, diese Fürsorge erstreckt sich
+sogar in demselben Umfange auf die, die früher gearbeitet haben, jetzt
+aber nicht mehr dazu imstande sind, wie auf die, die jetzt noch
+arbeiten. Da wünschte ich, es wagte jemand, mit dieser Billigkeit die
+Gerechtigkeit anderer Völker zu vergleichen, und ich will des Todes
+sein, wenn ich bei ihnen auch nur die geringste Spur von Gerechtigkeit
+und Billigkeit finde! Oder ist das etwa Gerechtigkeit, wenn jeder
+beliebige Edelmann oder Goldschmied oder Wucherer oder schließlich
+irgendein anderer von denen, die entweder überhaupt nichts tun oder
+deren Tätigkeit für den Staat nicht dringend notwendig ist, ein
+prächtiges und glänzendes Leben führen darf auf Grund eines Verdienstes,
+den ihm sein Nichtstun oder seine überflüssige Tätigkeit einbringt,
+während zu gleicher Zeit der Tagelöhner, der Fuhrmann, der Schmied und
+der Bauer mit seiner harten und ununterbrochenen Arbeit, wie sie kaum
+ein Zugtier aushalten würde, die aber so unentbehrlich ist, daß ohne sie
+kein Gemeinwesen auch nicht ein Jahr bloß auskommen könnte, einen nur so
+geringen Lebensunterhalt verdient und ein so elendes Leben führt, daß
+einem die Lage der Zugochsen weit besser vorkommen könnte, weil sie
+nicht so dauernd arbeiten müssen, weil ihre Nahrung nicht viel
+schlechter ist und ihnen sogar besser schmeckt und weil sie bei alledem
+wegen der Zukunft keine Angst zu haben brauchen? Aber diese Menschen
+quält eine erfolglose und undankbare Arbeit in der Gegenwart, auch
+peinigt sie der Gedanke an ein hilfloses Alter. Denn wenn ihr täglicher
+Verdienst zu kärglich ist, um auch nur für denselben Tag auszureichen,
+kann auf keinen Fall etwas herausspringen und übrigbleiben, um täglich
+für die Verwendung im Alter zurückgelegt zu werden. Ist das nicht eine
+ungerechte und undankbare Gemeinschaft, die den sogenannten Edelleuten,
+den Goldschmieden und den übrigen Leuten dieser Art, die weiter nichts
+als Müßiggänger oder Schmarotzer sind und nur unnütze Luxusdinge
+herstellen, in so verschwenderischer Weise ihre Gunst bezeugt, die
+dagegen für die Bauern, Köhler, Tagelöhner, Fuhrleute und Schmiede, ohne
+die überhaupt kein Staat bestehen könnte, in keinerlei Weise sorgt? Sie
+nutzt die Arbeitskraft ihrer besten Lebensjahre aus und vergilt ihnen
+dann, wenn sie schließlich, von Alter und Krankheit beschwert, an allem
+Mangel leiden, auf höchst undankbare Weise, indem sie sie, uneingedenk
+so vieler Nächte, die sie durchwacht, und so vieler und wichtiger
+Dienste, die sie geleistet haben, auf ganz elende Weise sterben läßt.
+Was soll man gar noch dazu sagen, daß die Reichen Tag für Tag von dem
+täglichen Verdienst der Armen nicht nur durch privaten Betrug, sondern
+sogar auf Grund staatlicher Gesetze etwas abzwacken? So haben diese
+Menschen das, was früher als ungerecht galt: die höchsten Verdienste um
+den Staat mit dem schnödesten Undank zu lohnen, in seiner Geltung
+entstellt und sogar noch in Gerechtigkeit verwandelt, indem sie es durch
+Gesetze sanktionierten. Wenn ich daher alle unsere Staaten, die heute
+irgendwo in Blüte stehen, im Geiste betrachte und über sie nachdenke, so
+stoße ich, so wahr mir Gott helfe, einzig und allein auf eine Art
+Verschwörung der Reichen, die unter Mißbrauch des Namens- und
+Rechtstitels eines Staates nur auf ihre persönlichen Interessen bedacht
+sind. Sie ersinnen und denken sich alle möglichen Mittel und Ränke aus,
+zunächst, um ihren unrechtmäßig erworbenen Besitz zu behalten, ohne
+fürchten zu müssen, ihn zu verlieren, und sodann, um sich die
+angestrengte Arbeit aller Armen so billig wie möglich zu erkaufen und zu
+ihrem Vorteil zu mißbrauchen. Sobald nun die Reichen erst einmal im
+Namen des Staates, also auch im Namen der Armen, beschlossen haben,
+diese Machenschaften durchzuführen, erhalten sie sofort Gesetzeskraft.
+Aber selbst wenn diese so schlechten Menschen alle diese Güter, die für
+alle gereicht hätten, in unersättlicher Habgier untereinander aufteilen,
+wieviel fehlt ihnen trotzdem noch an dem Glück des utopischen Staates!
+Hier ist mit dem Gebrauch des Geldes selbst zugleich jede Geldgier aus
+der Welt geschafft. Welch schwere Last von Verdrießlichkeiten ist
+dadurch abgewälzt, welch reiche Saat von Verbrechen mitsamt der Wurzel
+ausgerissen! Wer weiß nämlich nicht, daß Betrug, Diebstahl, Raub,
+Streit, Unruhe, Zank, Aufstand, Mord, Verrat und Giftmischerei, die
+jetzt durch tägliche Bestrafungen mehr geahndet als eingeschränkt
+werden, mit der Beseitigung des Geldes absterben müssen und daß außerdem
+Furcht, Unruhe, Sorgen, Anstrengungen und durchwachte Nächte in
+demselben Augenblick wie das Geld verschwinden werden? Ja, die Armut
+selbst, der einzige Zustand, wie es scheint, in dem Geld gebraucht wird,
+würde augenblicklich abnehmen, wenn man das Geld überall völlig
+abschaffte. Wenn du dir das noch deutlicher machen willst, mußt du dir
+einmal ein dürres und unfruchtbares Jahr vorstellen, in dem der Hunger
+viele Tausende von Menschen dahingerafft hat. Nun behaupte ich ganz
+bestimmt: hätte man am Ende dieser Hungersnot die Speicher der Reichen
+durchsucht, so wäre so viel Getreide zu finden gewesen, daß überhaupt
+niemand jene Ungunst des Wetters und jenen geringen Ertrag des Bodens
+hätte zu spüren brauchen, wenn man die Vorräte unter die verteilt hätte,
+die in der Tat Opfer der Abmagerung und Auszehrung geworden sind. So
+leicht könnte man beschaffen, was man zum Leben braucht, wenn nicht
+jenes herrliche Geld, ganz offenbar dazu erfunden, den Zugang zum
+Lebensunterhalt zu erschließen, allein es wäre, das ihn uns verschließt.
+Das merken ohne Zweifel auch die Reichen, und sie wissen ganz genau,
+wieviel besser jener Zustand wäre, nichts Notwendiges zu entbehren als
+an vielerlei Überflüssigem Überfluß zu haben, und wieviel besser es
+wäre, von so zahlreichen Übeln befreit als von so großem Reichtum
+beschwert zu sein. Ich mag auch gar nicht daran zweifeln, daß die Sorge
+für das persönliche Wohl jedes einzelnen oder die Autorität Christi,
+unseres Heilands, der bei seiner so großen Weisheit wissen mußte, was
+das Beste sei, und bei seiner so großen Güte nur zu dem raten konnte,
+was er als das Beste erkannt hatte, die ganze Welt ohne Mühe schon
+längst für die Gesetze des utopischen Staates gewonnen hätte, wenn nicht
+eine einzige Bestie, das Haupt und der Ursprung alles Unheils, die
+Hoffart, dagegen ankämpfte. Sie mißt ihr Glück nicht am eigenen Nutzen,
+sondern am fremden Unglück. Sie möchte nicht einmal Göttin werden, wenn
+dann keine Unglücklichen mehr übrigblieben, über die sie herrschen und
+die sie verhöhnen könnte, im Vergleich zu deren Elend ihr eigenes Glück
+in besonderem Glanze erstrahlen soll und die sie in ihrer Not durch
+Entfaltung ihres eigenen Reichtums quälen und aufbringen möchte. Die
+Hoffart, eine Schlange der Hölle, nistet sich in die Herzen der Menschen
+ein, hält sie wie ein Hemmschuh zurück und hindert sie, einen besseren
+Lebensweg einzuschlagen. Dieses Gewürm hat sich zu tief ins Menschenherz
+eingefressen, als daß es sich ohne Mühe wieder herausreißen ließe. Und
+deshalb freue ich mich, daß wenigstens den Utopiern diese Staatsform
+zuteil geworden ist, die ich von Herzen gern überall sehen möchte. Sie
+haben sich Lebenseinrichtungen geschaffen, mit denen sie das Fundament
+eines Staates legten, dem nicht nur das höchste Glück, sondern, nach
+menschlicher Voraussicht wenigstens, auch ewige Dauer beschieden ist.
+Seitdem sie nämlich im Inneren Ehrgeiz und Parteisucht ebenso wie die
+anderen Laster mit Stumpf und Stiel ausgerottet haben, droht keine
+Gefahr mehr, daß sie unter innerem Zwist zu leiden haben, der schon
+vielfach die alleinige Ursache des Unterganges von Städten gewesen ist,
+deren Macht und Wohlstand trefflich gesichert war. Solange jedoch die
+Eintracht im Inneren und die gesunde Verfassung erhalten bleiben, ist
+der Neid auch aller benachbarten Fürsten nicht imstande, das Reich zu
+zerrütten oder zu erschüttern, was er vor langer Zeit zwar schon zu
+wiederholten Malen, aber immer ohne Erfolg versucht hat.«
+
+Als Raphael mit seinem Bericht zu Ende war, fiel mir gar mancherlei ein,
+was mir an den Sitten und Gesetzen jenes Volkes überaus sonderbar
+vorkam, nicht nur an der Art und Weise seiner Kriegführung, an seinem
+Gottesdienst und seiner Religion und an noch anderen seiner
+Einrichtungen, sondern auch ganz besonders an dem eigentlichen Fundament
+seiner ganzen Verfassung, nämlich an seinem gemeinschaftlichen Leben und
+der gemeinschaftlichen Beschaffung des Lebensunterhalts, und zwar unter
+Ausschaltung jedes Geldverkehrs. Beseitigt doch schon diese letzte
+Bestimmung für sich allein von Grund aus jeden Adel, jede Pracht, jeden
+Glanz, jede Würde, also den der öffentlichen Meinung nach wahren Glanz
+und Schmuck eines Staates. Ich wußte jedoch, daß Raphael vom Erzählen
+müde war, und ich war nicht ganz sicher, ob er einen Widerspruch gegen
+seine Meinung vertragen würde, zumal da ich daran dachte, wie er gewisse
+Leute deshalb getadelt hatte, weil sie nach seiner Ansicht Angst
+hatten, nicht für klug genug zu gelten, wenn sie nicht an den Einfällen
+anderer Leute etwas fänden, woran sie herumzausen könnten. Deshalb lobte
+ich nur die Verfassung jenes Volkes und die Erzählung Raphaels, nahm ihn
+bei der Hand und führte ihn ins Haus zum Essen; doch sagte ich vorher
+noch, wir würden wohl noch ein anderes Mal Zeit finden, über die
+gleichen Dinge tiefer nachzudenken und uns ausführlicher mit ihm zu
+unterhalten. Ich wollte nur, es käme noch einmal dazu! Bis dahin kann
+ich zwar nicht allem zustimmen, was dieser übrigens unbestritten
+hochgelehrte Mann von reifer Lebenserfahrung gesagt hat, doch gestehe
+ich ohne weiteres, daß ich sehr vieles von der Verfassung der Utopier in
+unseren Staaten eingeführt sehen möchte. Allerdings muß ich das wohl
+mehr wünschen, als daß ich es hoffen dürfte.
+
+Ende.
+
+Ende der Nachmittagserzählung des Raphael Hythlodeus über die Gesetze
+und Einrichtungen der bisher nur wenigen bekannten Insel Utopia, durch
+den hochberühmten und hochgelehrten Herrn Thomas Morus, Bürger und
+Vicecomes von London, bekanntgegeben.
+
+[ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei
+ jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile
+ steht.
+
+unserer Welt gegehört -- sie nennen uns Ultraäquinoktialen --, außer daß
+unserer Welt gehört -- sie nennen uns Ultraäquinoktialen --, außer daß
+
+regiert zu werden, wie sich ja auch niemand gern mit einem anderen in
+regiert zu werden, wie sich ja auch niemand gern mit einem anderen
+
+Qual sei, und sich in Zuversicht und gutes Mutes von diesem traurigen
+Qual sei, und sich in Zuversicht und guten Mutes von diesem traurigen
+
+]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Utopia, by Thomas Morus
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UTOPIA ***
+
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+Produced by Norbert H. Langkau, Jana Srna and the Online
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+Creating the works from public domain print editions means that no
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+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
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+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
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+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
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+
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+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
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+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
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+approach us with offers to donate.
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+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
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+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
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+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
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+
+
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