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Eine Liste der + vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes. + ] + + + + + THOMAS MORUS + + UTOPIA + + + Verlag von Philipp Reclam jun. Leipzig + + + + + LIBELLUS VERE AUREUS NEC + minus salutaris quam festivus de optimo reip. + statu, deque nova Insula Utopia autore clarissimo + viro Thoma Moro inclutae civitatis + Londinensis cive & vicecomite cura M. Petri + Aegidii Antverpiensis, & arte Theodorici + Martini Alustensis, Typographi almae + Lovaniensium Academiae nunc + primum accuratissime + editus. + + + Cum gratia & privilegio. + + + Titel der Erstausgabe aus dem Jahre 1516 + + + + +VORREDE + +zu dem Werke über den besten Zustand des Staates + + +Thomas Morus grüßt seinen Peter Ägid aufs herzlichste. + +Fast schäme ich mich, mein liebster Peter Ägid, daß ich Dir dies +Büchlein über den Staat von Utopien erst nach beinahe einem Jahre +schicke. Hast Du es doch ohne Zweifel innerhalb von anderthalb Monaten +erwartet, da mir ja, wie Du wußtest, bei diesem Werke die Mühe der +Erfindung des Stoffes abgenommen war und ich mir auch in betreff der +Gliederung nichts auszudenken brauchte. Denn ich hatte nur das +wiederzugeben, was ich mit Dir zusammen Raphael gerade so hatte erzählen +hören. Deshalb lag auch kein Anlaß vor, mich hinsichtlich des Stiles +abzumühen. Raphael konnte sich ja gar nicht gesucht ausdrücken; denn +erstens sprach er, ohne daß er es vorher wußte und sich vorbereiten +konnte, sodann ist er, wie Du weißt, im Lateinischen nicht so zu Hause +wie im Griechischen, und schließlich kommt meine Rede der Wahrheit um so +näher, je mehr sie sich seiner nachlässigen und schlichten +Ausdrucksweise nähert, und um die Wahrheit allein muß und will ich mich +bei dieser Sache kümmern. + +Ich gebe denn auch zu, mein Peter, das, was ich vorfand, hatte mir so +viel Arbeit abgenommen, daß fast nichts mehr zu tun übrigblieb. +Andernfalls hätte ja auch Erfindung oder Gliederung des Stoffes nicht +wenig Zeit und Studium eines nicht unbedeutenden und recht gelehrten +Geistes erfordert. Würde man nun nicht bloß eine der Wahrheit +entsprechende, sondern auch geschmackvolle Darstellung verlangen, so +hätte ich das nicht leisten können, auch wenn ich all meine Zeit und all +meinen Eifer aufgewendet hätte. So aber, da diese Schwierigkeiten +wegfielen, die zu bewältigen viel Schweiß gekostet hätte, blieb einzig +und allein die einfache Aufzeichnung dessen übrig, was ich gehört hatte, +und das war wirklich keine Arbeit mehr. Aber selbst zur Erledigung +dieser so unbedeutenden Arbeit ließen mir meine übrigen Geschäfte fast +noch weniger als keine Zeit. Nehmen mich doch dauernd meine +Gerichtssachen in Anspruch. Bald führe ich einen Prozeß, bald bin ich +Beisitzer, bald schlichte ich einen Handel als Schiedsrichter, bald +entscheide ich einen anderen als Richter, bald besuche ich diesen in +einer amtlichen, bald jenen in einer geschäftlichen Angelegenheit. +Während ich so fast den ganzen Tag außerhalb meines Hauses fremden +Leuten und nur den Rest meinen Angehörigen widme, kann ich für mich, +d. h. für meine Studien, nichts erübrigen. Denn komme ich nach Hause, so +muß ich mit meiner Frau plaudern, mit den Kindern schwatzen und mit dem +Gesinde sprechen. Alles das rechne ich zu meinen Pflichten, weil es +erledigt werden muß. Es muß aber erledigt werden, wenn man nicht in +seinem eigenen Hause ein Fremdling sein will. Man muß sich überhaupt +Mühe geben, so liebenswürdig wie möglich zu denen zu sein, die einem die +Natur als Begleiter auf dem Lebenswege vorgesehen oder die der Zufall +oder eigene Wahl dazu gemacht hat. Nur darf man sie nicht durch +Leutseligkeit verderben und die Diener nicht durch Nachsicht zu seinen +Herren werden lassen. Über dem, was ich angeführt habe, geht ein Tag, +geht ein Monat, geht ein Jahr hin. Wann also komme ich da zum Schreiben? +Und dabei habe ich noch gar nicht vom Schlafen gesprochen und auch noch +nicht einmal vom Essen, das bei vielen Leuten nicht weniger Zeit in +Anspruch nimmt als der Schlaf, der fast die Hälfte der Lebenszeit für +sich beansprucht. Aber für mich gewinne ich nur so viel Zeit, wie ich +mir vom Schlafen und Essen abstehle. Weil das nur wenig ist, so habe ich +die Utopia auch nur langsam fertiggebracht; weil es aber immerhin etwas +ist, so ist sie doch nun endlich fertig geworden, und ich schicke sie +Dir zu, damit Du sie liest und mich darauf aufmerksam machst, falls mir +etwas entgangen sein sollte. Nun habe ich freilich in dieser Beziehung +ziemlich viel Zutrauen zu mir -- ich wollte, mit meinem Geiste und mit +meinem Wissen stünde es ebenso wie mit meinem Gedächtnis, das mich nur +manchmal im Stiche läßt --, doch ist mein Zutrauen nicht so groß, daß +ich annehmen dürfte, mir könnte nichts entfallen sein. Denn auch mein +Famulus, Johannes Clemens, hat mich sehr bedenklich gestimmt. Wie Du ja +wohl weißt, war er damals dabei, und ich lasse ihn an jeder Unterhaltung +teilnehmen, aus der er etwas lernen kann; denn von diesem Schößling, der +im Lateinischen wie im Griechischen zu grünen begonnen hat, erhoffe ich +dereinst einen guten Ertrag. Soviel ich mich nämlich erinnere, hat +Hythlodeus erzählt, jene Brücke von Amaurotum über den Fluß Anydrus sei +500 Doppelschritte lang. Mein Johannes aber meinte, man müsse 200 +abziehen; der Fluß sei dort nicht breiter als 300 Doppelschritte. +Besinne Dich doch bitte noch einmal darauf! Wenn Du nämlich der gleichen +Meinung bist wie Johannes, so will auch ich zustimmen und einen Irrtum +meinerseits annehmen. Solltest Du aber selbst Dich nicht mehr besinnen +können, so bleibt stehen, worauf ich mich selbst zu besinnen glaube. +Wenn ich mich nämlich auch vor jeder falschen Angabe in dem Buche streng +hüten will, so ziehe ich doch in Zweifelsfällen die Unwahrheit der Lüge +vor, weil ich Tugend höher schätze als Klugheit. Freilich wäre dieser +Schaden leicht zu heilen, wenn Du Raphael selbst mündlich oder +schriftlich fragen wolltest. Das mußt Du sowieso tun wegen eines anderen +Bedenkens, das uns gekommen ist, ich weiß nicht, ob mehr durch meine +oder Deine oder Raphaels eigene Schuld. Denn weder ist es uns in den +Sinn gekommen, danach zu fragen, noch ihm, es uns zu sagen, in welcher +Gegend jenes neuen Erdteils Utopia liegt. Wahrhaftig, wie gern würde ich +mit etwas Geld von mir diese Unterlassung ungeschehen machen! Denn +erstens schäme ich mich ein wenig, nicht zu wissen, in welchem Meere die +Insel liegt, von der ich so viel zu berichten weiß; sodann aber gibt es +bei uns den einen und den anderen, vor allem aber einen frommen +Theologen von Beruf, der darauf brennt, Utopia zu besuchen, nicht aus +eitlem und neugierigem Verlangen, Neues zu sehen, sondern um die +verheißungsvollen Keime unserer Religion dort zu pflegen und noch zu +vermehren. Um dabei ordnungsgemäß zu verfahren, hat er beschlossen, sich +vorher einen Missionsauftrag vom Papste zu verschaffen und sich von den +Utopiern sogar zum Bischof wählen zu lassen. Dabei stört es ihn durchaus +nicht, daß er sich um dieses Vorsteheramt erst bewerben müßte. +Allerdings ist sein Ehrgeiz, wie er meint, deshalb gottgefällig, weil er +nicht durch Rücksicht auf Ehre oder Gewinn, sondern durch Rücksicht auf +die Religion bedingt ist. + +Deshalb wende Dich, mein Peter, ich bitte Dich darum, entweder mündlich, +wenn es Dir ohne Umstände möglich ist, oder brieflich an Hythlodeus und +sorge dafür, daß in diesem meinen Werke nichts Falsches steht oder +nichts Wahres vermißt wird. Und vielleicht ist es besser, ihm das Buch +selbst zu zeigen. Einerseits nämlich ist niemand anders ebenso imstande, +einen etwaigen Irrtum zu berichtigen, anderseits kann er das selbst auch +nur, wenn er durchliest, was ich geschrieben habe. Außerdem wirst Du auf +diese Weise merken, ob er damit einverstanden ist, daß ich dieses Buch +schreibe, oder ob er ärgerlich darüber ist. Falls er sich nämlich +vorgenommen hat, seine Abenteuer selbst aufzuzeichnen, so möchte er +vielleicht nicht -- und ich bestimmt auch nicht --, daß ich ihm Duft und +Reiz seiner Erzählung im voraus wegnehme, indem ich den Staat Utopia +allgemein bekanntwerden lasse. Allerdings bin ich, wenn ich ganz offen +sein soll, auch mir selber noch nicht recht im klaren, ob ich das Buch +überhaupt erscheinen lasse. Denn der Geschmack der Menschen ist so +verschieden, und manche sind so eigensinnig, so undankbar und so +unsinnig in ihrem Urteil, daß offenbar die Leute viel glücklicher sind, +die in Freude und Frohsinn ihr eigenes Ich befriedigen, als diejenigen, +die sich zermürben in dem Bestreben, etwas zu veröffentlichen, was für +andere, die wählerisch oder undankbar sind, ein Nutzen oder ein +Vergnügen sein könnte. Die meisten haben keinen Sinn für literarische +Dinge; viele verachten sie; ein Barbar lehnt alles als schwer ab, was +nicht gänzlich barbarisch ist; gelehrte Pedanten verschmähen alles als +abgegriffen, was nicht von veralteten Ausdrücken strotzt; manchen +gefällt nur das Alte, den meisten nur das eigene Wissen. Dieser ist so +mürrisch, daß er von Scherzen nichts wissen will, dieser wieder so fade, +daß er keine Witze verträgt; manche sind so plattnasig, daß sie jedes +Naserümpfen scheuen wie ein von einem tollen Hund Gebissener das Wasser, +andere wieder sind so wetterwendisch, daß sie im Sitzen etwas anderes +gelten lassen als im Stehen. Manche sitzen in den Kneipen, urteilen am +Biertisch über die Talente der Schriftsteller und verurteilen sie mit +großem Nachdruck, ganz wie es ihnen beliebt, indem sie einen jeden in +seinen Schriften gleichsam beim Schopfe nehmen und ihn zausen, wobei sie +selbst aber vor der Hand in Sicherheit und, wie man so sagt, weit vom +Schuß sind. Denn rundum sind sie so glatt und kahlgeschoren, daß sie +auch nicht ein Härchen eines guten Mannes an sich haben, an dem man sie +fassen könnte. Ferner gibt es Leute, die so undankbar sind, daß sie sich +zwar ausgiebig an einem Werke ergötzen, dem Verfasser aber trotzdem +keine größere Liebe entgegenbringen. Sie ähneln den unhöflichen Gästen, +die sich mit einem üppigen Mahle bewirten lassen und dann gesättigt +heimgehen, ohne dem, der sie eingeladen hat, ein Wort des Dankes zu +sagen. Nun geh hin und richte für Leute mit so verwöhntem Gaumen, von so +verschiedenem Geschmack und noch dazu von so dankbarer und lieber +Gesinnung auf Deine eigenen Kosten ein Mahl her! + +Aber gleichwohl, mein Peter, besprich, was ich Dir gesagt habe, mit +Hythlodeus! Später aber kann man sich ja diese Frage der +Veröffentlichung noch einmal überlegen. Sollte er indessen nichts +dagegen haben, so will ich bei dem, was die Herausgabe noch erfordert, +dem Rate meiner Freunde folgen und vor allem Deinem, da ich nun einmal +die Mühe des Schreibens hinter mir habe und jetzt erst verspätet zur +Einsicht komme. Lebe wohl, mein liebster Peter Ägid, nebst Deiner guten +Frau und behalte mich auch weiterhin lieb, da ja auch ich Dich noch +lieber habe, als es sonst meine Gewohnheit ist! + + + + +ERSTES BUCH + +Rede des trefflichen Raphael Hythlodeus über den besten Zustand des +Staates, veröffentlicht von dem erlauchten Thomas Morus, Bürger und +Vicecomes der rühmlich bekannten britischen Hauptstadt London. + + +Kürzlich hatte der siegreiche König von England Heinrich, der achte +dieses Namens, ein mit allen Tugenden eines hervorragenden Fürsten +gezierter Herrscher, einige nicht belanglose Meinungsverschiedenheiten +mit Karl, dem erhabenen König von Kastilien. Zu den Verhandlungen +darüber und zur Beilegung dieser Streitigkeiten schickte mich König +Heinrich als Abgesandten nach Flandern, und zwar zusammen mit dem +unvergleichlichen Cuthbert Tunstall, den der König erst kürzlich unter +überaus starkem und allgemeinem Beifall mit dem Amte des Archivars +betraut hat. Über seine Vorzüge will ich nichts sagen, nicht als ob ich +fürchtete, infolge unserer Freundschaft könnte mein Urteil zu wenig den +Tatsachen entsprechen, sondern weil seine Tüchtigkeit und Gelehrsamkeit +größer ist, als ich sie rühmen könnte, und außerdem überall bekannter +und berühmter, als daß sie noch gerühmt zu werden brauchte, ich müßte +denn, wie man sagt, die Sonne mit der Laterne zeigen wollen. In Brügge +trafen wir -- so war es verabredet -- die Beauftragten des Königs Karl, +alles treffliche Männer. Unter ihnen befand sich der Präfekt von Brügge, +ein hochangesehener Mann, der Führer und das Haupt der Abordnung; ihr +Sprecher und ihre Seele jedoch war Georg Temsicius, der Propst von +Cassel, ein Redner von einer nicht nur erworbenen, sondern auch +angeborenen Beredsamkeit, außerdem ein überaus erfahrener Jurist und im +Verhandeln ein vortrefflicher Meister durch seine Begabung und +beständige Praxis. Ein und das andere Mal kamen wir zusammen, ohne in +gewissen Fragen eine rechte Einigung zu erzielen. Da verabschiedeten +sich die anderen für einige Tage von uns und reisten nach Brüssel, um +sich bei ihrem Fürsten Bescheid zu holen. Inzwischen begab ich mich -- +die Geschäfte brachten es so mit sich -- nach Antwerpen. Während meines +Aufenthaltes dort kam häufig außer anderen, aber immer als liebster +Besucher, Peter Ägid aus Antwerpen zu mir. Er genießt großes Vertrauen +bei seinen Landsleuten und nimmt eine angesehene Stellung ein, verdient +aber die angesehenste. Man weiß nämlich nicht, wodurch sich der junge +Mann mehr auszeichnet, ob durch seine Bildung oder seinen Charakter; ist +er doch ein sehr guter Mensch und zugleich ein großer Gelehrter, +außerdem ein Mann von lauterer Gesinnung gegen alle, seinen Freunden +gegenüber aber von solcher Herzlichkeit, Liebe, Treue und aufrichtigen +Neigung, daß man kaum einen oder den anderen irgendwo findet, den man +als einen ihm in jeder Beziehung gleichwertigen Freund bezeichnen +möchte. Er besitzt eine seltene Bescheidenheit; niemandem liegt +Verstellung so fern wie ihm; niemand ist schlichter und zugleich +klüger. Ferner kann er sich so gefällig und harmlos-witzig unterhalten, +daß der so angenehme Umgang und die so liebe Plauderei mit ihm zu einem +großen Teile mich die Sehnsucht nach der Heimat und dem heimischen Herd, +nach meiner Frau und meinen Kindern leichter ertragen ließ; denn schon +damals war ich über vier Monate von daheim fort, und in überaus +beängstigender Weise quälte mich das Verlangen, sie wiederzusehen. + +Eines Tages hatte ich in der wunderschönen und vielbesuchten +Liebfrauenkirche am Gottesdienst teilgenommen und schickte mich an, nach +Beendigung der Feier von dort in meine Herberge zurückzukehren, da sehe +ich Peter zufällig sich mit einem Fremden unterhalten, einem älteren +Manne mit sonnverbranntem Gesicht und langem Bart. Der Mantel hing ihm +nachlässig von der Schulter herab, und seinem Aussehen und seiner +Kleidung nach war er ein Seemann. Sobald mich Peter erblickte, kam er +auf mich zu und grüßte. Als ich antworten wollte, nahm er mich ein wenig +beiseite und fragte: »Siehst du den da?« Dabei zeigte er auf den, mit +dem ich ihn hatte sprechen sehen. »Den wollte ich gerade jetzt zu dir +bringen.« -- »Er wäre mir sehr willkommen gewesen«, antwortete ich, »und +zwar deinetwegen.« -- »Nein«, sagte er, »vielmehr seinetwegen, wenn du +den Mann nur schon kenntest. Denn niemand in der ganzen Welt kann dir +heutzutage so viel von unbekannten Menschen und Ländern erzählen, und, +wie ich weiß, bist du ja ganz versessen darauf, so etwas zu hören.« -- +»Also war meine Vermutung«, sagte ich, »gar nicht so falsch. Denn gleich +auf den ersten Blick habe ich ihn als Seemann erkannt.« -- »Und doch +hast du dich stark geirrt; er fährt wenigstens nicht als Palinurus, +sondern als Odysseus oder vielmehr als Plato. Denn dieser Raphael -- so +heißt er nämlich, und sein Familienname ist Hythlodeus -- ist nicht +wenig bewandert im Lateinischen und sehr bewandert im Griechischen, und +zwar hat er die griechische Sprache deshalb mehr getrieben als die der +Römer, weil er sich ganz der Philosophie gewidmet und erkannt hatte, daß +auf dem Gebiete der Philosophie im Lateinischen nichts von irgendwelcher +Bedeutung vorhanden ist außer einigem von Seneca und Cicero. Dann +überließ er sein vom Vater ererbtes Gut, in dem er wohnte, seinen +Brüdern, schloß sich -- er ist nämlich Portugiese -- dem Amerigo +Vespucci an, um sich die Welt anzusehen, und war dessen ständiger +Begleiter auf den drei letzten seiner vier Seereisen, die man schon hier +und da gedruckt lesen kann. Von der letzten jedoch kehrte er nicht mit +ihm zurück. Er bemühte sich vielmehr darum und erpreßte von Amerigo die +Erlaubnis, zu jenen vierundzwanzig zu gehören, die am Ende der letzten +Seereise in einem Kastell zurückgelassen wurden. So blieb er denn dort +zurück, entsprechend seiner Sinnesart, die mehr nach einem Aufenthalte +in fremdem Lande als nach einem Grabmale verlangt. Führt er doch dauernd +solche Sprüche im Munde wie 'Unter dem Himmelsgewölbe ruht, wer keine +Urne hat' und 'Zum Himmel ist es von überall her gleich weit'. Dieser +Wagemut wäre ihm ohne Gottes gnädigen Beistand nur allzu teuer zu stehen +gekommen. Nach Vespuccis Abreise durchstreifte er dann zusammen mit fünf +Kameraden aus dem Kastell zahlreiche Länder und gelangte schließlich +durch einen wunderbaren Zufall nach Taprobane und von dort nach +Caliquit. Hier hatte er das Glück, portugiesische Schiffe anzutreffen, +auf denen er schließlich wider Erwarten heimkehrte.« + +Als Peter mit seiner Erzählung fertig war, dankte ich ihm für seine +Gefälligkeit und seine Bemühungen, mir die Unterhaltung mit einem Manne +zu ermöglichen, die mir seiner Meinung nach willkommen war, und wandte +mich Raphael zu. Wir begrüßten einander, wechselten jene bei der ersten +Begegnung mit Fremden allgemein üblichen Redensarten und gingen dann in +meine Wohnung. Hier setzten wir uns im Garten auf eine Rasenbank und +fingen an, miteinander zu plaudern. + +Da erzählte uns denn Raphael, wie er es zusammen mit seinen im Kastell +zurückgebliebenen Kameraden nach Vespuccis Abreise angestellt habe, +durch Freundlichkeiten und Schmeicheleien allmählich die Zuneigung der +Eingeborenen zu gewinnen, nicht nur ohne Gefahr, sondern auch in +Freundschaft unter ihnen zu leben und damit auch noch die Gunst und +Wertschätzung eines Fürsten -- sein und seines Landes Name sei ihm +entfallen -- zu erlangen. In seiner Freigebigkeit -- so erzählte er +weiter -- versah dieser ihn und fünf seiner Kameraden reichlich mit +Lebensmitteln und Geld für eine Expedition, die sie dann zu Wasser mit +Fahrzeugen und zu Lande mit Wagen unternahmen und auf der sie ein höchst +zuverlässiger Führer zu anderen Fürsten geleitete, an die sie warme +Empfehlungsschreiben mithatten. Dann gelangten sie nach einer Reise von +vielen Tagen zu festen Plätzen, Städten und gar nicht schlecht +eingerichteten volkreichen Staaten. Zwar liegen unter dem Äquator, wie +Raphael erzählte, und von da aus auf beiden Seiten etwa bis zur Grenze +der Sonnenbahn wüste und der dörrenden Sonnenglut dauernd ausgesetzte +Einöden: Unwirtlichkeit ringsum und ein trostloser Anblick, abschreckend +alles und unkultiviert, Schlupfwinkel von wilden Tieren und Schlangen +oder schließlich auch von Menschen, die Bestien weder an Wildheit noch +an Gefährlichkeit nachstehen. Fährt man aber weiter, so wird alles +allmählich milder: das Klima weniger rauh, die Erde von einladendem Grün +schimmernd, zahmer die Natur der Lebewesen. Endlich bekommt man +Menschen, Städte und feste Plätze zu Gesicht, und unter ihnen herrscht +ein ununterbrochener Handelsverkehr, nicht nur untereinander und mit den +Nachbarn, sondern auch mit fernen Völkern, und zwar zu Wasser und zu +Lande. + +Dadurch bot sich für Raphael die Gelegenheit, viele Länder diesseits und +jenseits des Meeres zu besuchen; denn jedes Schiff, das ausgerüstet +wurde, nahm ihn und seine Begleiter sehr gern mit. Wie er erzählte, +hatten die Schiffe, die sie in den ersten Ländern zu sehen bekamen, +flache Kiele und Segel aus zusammengenähten Papyrusblättern oder aus +Weidengeflecht, anderswo auch aus Häuten. Auf der Weiterfahrt begegneten +sie Schiffen mit spitzgeschnäbelten Kielen und Segeln aus Hanf; am Ende +war alles so wie bei uns. Die Seeleute waren nicht unerfahren in Meeres- +und Himmelskunde. Aber einen außerordentlichen Dank erntete Raphael +dafür, daß er sie im Gebrauch des Kompasses unterwies, den sie bis dahin +überhaupt noch nicht kannten. Deshalb hatten sie sich auch nur zaghaft +ans Meer gewöhnt und vertrauten sich ihm nicht ohne Grund nur im Sommer +an. Jetzt aber achten die Seeleute im Vertrauen auf den Magnetstein die +Gefahren des Winters gering, allerdings mehr sorglos als gefahrlos. +Daher besteht die Gefahr, diese Erfindung, die ihnen, wie man glaubte, +großen Vorteil bringen werde, könne infolge ihrer Unvorsichtigkeit große +Schäden verursachen. + +Was Raphael an den einzelnen Orten, wie er erzählte, gesehen hat, das +alles hier mitzuteilen, würde zu weit führen und ist auch nicht der +Zweck dieses Buches. Vielleicht werde ich es einmal an anderer Stelle +erzählen, besonders alles das, dessen Kenntnis von Nutzen ist, wie z. B. +in erster Linie die richtigen und klugen politischen Maßnahmen, die er +bei gesitteten Völkern wahrgenommen hat. In betreff dieser Dinge +befragten wir ihn nämlich am meisten, und über sie sprach er auch am +liebsten, während wir es vorläufig unterließen, uns nach Ungeheuern zu +erkundigen, dem Langweiligsten, das es gibt. Denn Scyllen und +räuberische Celänonen, menschenfressende Lästrygonen und dergleichen +abscheuliche Ungeheuer sind fast überall zu finden, aber Bürger, die in +einem vernünftig und weise geleiteten Staate leben, wohl nirgends. Wenn +er nun aber auch bei jenen unbekannten Völkern viele verkehrte +Einrichtungen wahrgenommen hat, so hat er doch auch nicht weniges +aufgezählt, was als Beispiel dienen kann, die Fehler unserer Städte, +Nationen, Völker und Herrschaften zu verbessern, und worüber ich, wie +gesagt, an anderer Stelle einmal sprechen muß. Jetzt will ich nur seinen +Bericht über Sitten und Einrichtungen der Utopier wiedergeben, wobei +ich jedoch das Gespräch vorausschicke, in dessen Verlauf ihn eine +Wendung dazu veranlaßte, diesen Staat zu erwähnen. + +Mit großer Klugheit hatte Raphael aufgezählt, was hier und dort falsch +war -- sicherlich war es sehr viel auf beiden Seiten des Ozeans --, dann +aber auch, welche Maßnahmen bei uns und ebenso bei jenen anderen +verständiger sind. Er hatte nämlich Sitten und Einrichtungen eines jeden +Volkes so fest im Gedächtnis, als hätte er an jedem von ihm besuchten +Orte sein ganzes Leben zugebracht. Da staunte Peter und meinte: »Ich muß +mich in der Tat wundern, mein Raphael, daß du nicht in die Dienste eines +Königs trittst; denn das weiß ich zur Genüge: es gibt keinen, dem du +nicht sehr willkommen wärest, da du es mit diesem deinen Wissen und +dieser deiner Kenntnis von Gegenden und Menschen verstehst, ihn nicht +bloß zu unterhalten, sondern auch durch Beispiele zu belehren und ihm +mit deinem Rat zu helfen. Auf diese Weise könntest du für dich selbst +ausgezeichnet sorgen und zugleich allen deinen Angehörigen sehr nützen.« + +»Was meine Angehörigen betrifft«, erwiderte Raphael, »so kümmern die +mich wenig; ihnen gegenüber habe ich nämlich, wie ich glaube, meine +Pflicht so ziemlich erfüllt. Denn was andere erst, wenn sie alt und +krank sind, abtreten, ja sogar auch dann nur ungern, wenn sie es nicht +länger behalten können, das habe ich unter meine Verwandten und Freunde +verteilt, und zwar zu einer Zeit, da ich nicht mehr bloß gesund und +frisch war, sondern sogar schon in jungen Tagen. Sie müßten also, meine +ich, mit meiner Freigebigkeit eigentlich zufrieden sein und dürften +nicht außerdem noch verlangen und erwarten, daß ich mich ihretwegen +einem König als Knecht verdinge.« + +»Halt!« sagte da Peter. »Ich meinte, du solltest nicht ein Knecht, +sondern ein Diener von Königen werden.« + +»Das ist nur ein ganz kleiner Unterschied«, antwortete Raphael. + +»Wie du die Sache auch nennen magst«, sagte da Peter, »ich bin +jedenfalls der Ansicht, daß das der Weg ist, nicht nur anderen in +persönlichem und öffentlichem Interesse zu nützen, sondern auch deine +eigene Lage glücklicher zu gestalten.« + +»Glücklicher? auf einem Wege, vor dem mir graut?« fragte Raphael. »Jetzt +lebe ich, ganz wie es mir beliebt, und das ist, wie ich sicher vermute, +bei den wenigsten Fürstendienern der Fall. Es gibt ja auch genug Leute, +die sich um die Freundschaft der Mächtigen bemühen. Da sollte man es +nicht für einen großen Verlust halten, wenn diese auf mich und den einen +oder den anderen meinesgleichen verzichten müssen.« + +»Es ist klar, mein Raphael«, erwiderte ich, »daß du weder nach Reichtum +noch nach Macht verlangst. Und fürwahr, einen Mann von dieser deiner +Gesinnung verehre und achte ich nicht weniger als irgendeinen der +Mächtigsten. Indessen wirst du, wie mir scheint, durchaus deiner selbst +und deiner edlen Gesinnung, ja eines wahren Philosophen würdig handeln, +wenn du es fertig brächtest, selbst unter Verzicht auf etwas persönliche +Bequemlichkeit, deine Begabung und deinen Eifer dem Wohle des +Gemeinwesens zu widmen. Das könntest du aber niemals mit so großem +Erfolge tun, als wenn du zum Rate eines großen Fürsten gehörtest und ihm +richtige und gute Ratschläge erteiltest, und das würdest du ja, wie ich +sicher weiß, tun. Denn ein Fürst ist gleichsam ein nie versiegender +Quell, von dem sich ein Sturzbach alles Guten und Bösen auf das ganze +Volk ergießt. Dein theoretisches Wissen aber ist so vollkommen, daß du +gar keine große praktische Erfahrung nötig hast, und deine +Lebenserfahrung anderseits so groß, daß du gar kein theoretisches Wissen +brauchst, um einen ausgezeichneten Ratgeber jedes beliebigen Königs +abzugeben.« + +»Da befindest du dich in einem doppelten Irrtum, mein lieber Morus«, +erwiderte Raphael, »einmal hinsichtlich meiner und sodann hinsichtlich +der Sache selbst. Ich besitze nämlich gar nicht die Fähigkeit, die du +mir zuschreibst, und auch wenn ich sie im höchsten Grade besäße, würde +ich doch selbst durch den Verzicht auf meine Muße den Interessen des +Staates in keinerlei Weise dienen. Erstens nämlich beschäftigen sich die +Fürsten selbst alle zumeist lieber mit militärischen Dingen, von denen +ich nichts verstehe und auch nichts verstehen möchte, als mit den +segensreichen Künsten des Friedens, und weit größer ist ihr Eifer, sich +durch Recht oder Unrecht neue Reiche zu erwerben als die schon +erworbenen gut zu verwalten. Ferner ist von allen Ratgebern der Könige +jeder entweder in Wahrheit so weise, daß er den Rat eines anderen nicht +braucht, oder er dünkt sich so weise, daß er ihn nicht gutheißen mag. +Dabei pflichten sie unter schmarotzerischen Schmeicheleien den +ungereimtesten Äußerungen derer bei, die bei dem Fürsten in höchster +Gunst stehen und die sie sich deshalb durch ihre Zustimmung +verpflichten wollen. Und gewiß ist es ganz natürlich, daß einem jeden +seine eigenen Einfälle zusagen. So findet der Rabe ebenso wie der Affe +am eigenen Jungen seinen Gefallen. Wenn aber jemand im Kreise jener +Leute, die auf fremde Meinungen eifersüchtig sind oder die eigenen +vorziehen, etwas vorbringen sollte, das, wie er gelesen hat, zu anderer +Zeit vorgekommen ist oder das er anderswo gesehen hat, so benehmen sich +die Zuhörer gerade so, als ob der ganze Ruf ihrer Weisheit gefährdet +wäre und als ob man sie danach für Narren halten müßte, wenn sie nicht +imstande sind, etwas zu finden, was sie an dem von den anderen +Gefundenen schlecht machen können. Wenn sie keinen anderen Ausweg +wissen, so nehmen sie ihre Zuflucht zu Redensarten wie: So hat es +unseren Vorfahren gefallen; wären wir doch ebenso klug wie sie! Und nach +einem solchen Ausspruch setzen sie sich hin, als hätten sie damit die +Sache völlig und trefflich erledigt. Gerade als ob es eine große Gefahr +bedeutete, wenn sich jemand dabei ertappen läßt, in irgend etwas +gescheiter zu sein als seine Vorfahren! Und doch lassen wir alle ihre +guten Einrichtungen mit großem Gleichmut gelten; wenn sie aber bei +irgend etwas hätten klüger zu Werke gehen können, so ergreifen wir +sofort gierig diese Gelegenheit und halten hartnäckig daran fest. Das +ist auch die Quelle dieser hochmütigen, sinnlosen und eigensinnigen +Urteile, auf die ich schon oft gestoßen bin, besonders aber auch einmal +in England.« + +»Hör einmal!« rief ich da, »du bist auch bei uns gewesen?« + +»Allerdings«, antwortete er, »und zwar habe ich mich dort einige Monate +aufgehalten, nicht lange nach jener Niederlage, die den Bürgerkrieg +Westenglands gegen den König durch eine beklagenswerte Niedermetzelung +der Aufständischen gewaltsam beendete. In jener Zeit hatte ich dem +ehrwürdigen Vater Johannes Morton, dem Erzbischof von Canterbury, +Kardinal und damals auch noch Lordkanzler von England, viel zu danken, +einem Manne, lieber Peter -- dem Morus erzähle ich damit nichts +Neues --, den man nicht weniger wegen seiner Klugheit und Tüchtigkeit +als wegen seines Ansehens verehren muß. Er war von mittlerer Statur, +sein Rücken war von seinem, wenn auch hohen Alter noch nicht gebeugt; +seine Miene flößte Ehrfurcht, nicht Scheu ein. Im Verkehr war er nicht +unzugänglich, aber doch ernst und würdevoll. Er fand ein Vergnügen +daran, Bittsteller bisweilen etwas schroffer anzureden, aber nicht etwa +in böser Absicht, sondern um die Sinnesart und Geistesgegenwart eines +jeden auf die Probe zu stellen. Über letztere Eigenschaft, die ihm ja +selber gleichsam angeboren war, freute er sich stets, wofern keine +Unverschämtheit damit verbunden war, und sie schätzte er als geeignet zu +der Führung der Geschäfte. Seine Rede zeugte von feiner Bildung und +Energie; seine Rechtserfahrung war groß, seine Begabung unvergleichlich, +sein Gedächtnis geradezu fabelhaft stark. Diese ausgezeichneten +Naturanlagen vervollkommnete er noch durch Studium und Übung. Seinen +Ratschlägen schenkte der König, wie es schien, während meiner +Anwesenheit das größte Vertrauen, und sie waren eine starke Stütze für +den Staat. Denn in frühester Jugend und gleich von der Schule weg an +den Hof gebracht, war er sein ganzes Leben lang in den wichtigsten +Geschäften tätig gewesen und von mannigfachen Schicksalsstürmen +beständig hin und her geworfen worden, und dadurch hatte er sich unter +vielen großen Gefahren eine Lebensklugheit erworben, die nur schwer +wieder verlorengeht, wenn sie auf diese Weise gewonnen wird. + +Als ich eines Tages an seiner Tafel saß, wollte es der Zufall, daß einer +von euren Laienjuristen zugegen war. Dieser begann -- ich weiß nicht, +wie er darauf kam --, eifrig jene strenge Justiz zu loben, die man +damals in England Dieben gegenüber übte. Wie er erzählte, wurden +allenthalben bisweilen zwanzig an _einem_ Galgen aufgehängt. Da nur sehr +wenige der Todesstrafe entgingen, wundere er sich, so meinte er, um so +mehr, welch widriges Geschick daran schuld sei, daß sich trotzdem noch +überall so viele herumtrieben. Da sagte ich -- vor dem Kardinal wagte +ich es nämlich, offen meine Meinung zu äußern --: »Da brauchst du dich +gar nicht zu wundern; denn diese Bestrafung der Diebe geht über das, was +gerecht ist, hinaus und liegt nicht im Interesse des Staates. + +Als Sühne für Diebstähle ist die Todesstrafe nämlich zu grausam, und, um +vom Stehlen abzuschrecken, ist sie trotzdem unzureichend. Denn +einerseits ist einfacher Diebstahl doch kein so schlimmes Verbrechen, +daß es mit dem Tode gebüßt werden müßte, anderseits aber gibt es keine +so harte Strafe, diejenigen von Räubereien abzuhalten, die kein anderes +Gewerbe haben, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen. Wie mir daher +scheint, folgt ihr in dieser Sache -- wie ein guter Teil der Menschheit +übrigens auch -- dem Beispiel der schlechten Lehrer, die ihre Schüler +lieber prügeln als belehren. So verhängt man harte und entsetzliche +Strafen über Diebe, während man viel eher dafür hätte sorgen sollen, daß +sie ihren Unterhalt haben, damit sich niemand der grausigen +Notwendigkeit ausgesetzt sieht, erst zu stehlen und dann zu sterben.« + +»Dafür ist ja doch zur Genüge gesorgt«, erwiderte er. »Wir haben ja das +Handwerk und den Ackerbau. Beides würde sie ernähren, wenn sie nicht aus +freien Stücken lieber Gauner sein _wollten_.« + +»Halt, so entschlüpfst du mir nicht!« antwortete ich. »Zunächst wollen +wir nicht von denen reden, die, wie es häufig vorkommt, aus inneren oder +auswärtigen Kriegen als Krüppel heimkehren wie vor einer Reihe von +Jahren aus der Schlacht gegen die Cornwaller und unlängst aus dem Kriege +mit Frankreich. Für den Staat oder für den König opfern sie ihre +gesunden Glieder und sind nun zu gebrechlich, um ihren alten Beruf +wieder auszuüben, und zu alt, um sich für einen neuen auszubilden. Diese +Leute wollen wir also, wie gesagt, beiseite lassen, da es nur von Zeit +zu Zeit zu einem Kriege kommt, und betrachten wir nur das, was +tagtäglich geschieht! + +Da ist zunächst die so große Zahl der Edelleute. Selber müßig, leben sie +wie die Drohnen von der Arbeit anderer, nämlich von der der Bauern auf +ihren Gütern, die sie bis aufs Blut aussaugen, um ihre persönlichen +Einkünfte zu erhöhen. Das ist nämlich die einzige Art von +Wirtschaftlichkeit, die jene Menschen kennen; im übrigen sind sie +Verschwender, und sollten sie auch bettelarm dadurch werden. Außerdem +aber scharen sie einen gewaltigen Schwarm von Tagedieben um sich, die +niemals ein Handwerk gelernt haben, mit dem sie sich ihr Brot verdienen +könnten. Diese Leute wirft man sofort auf die Straße, sobald der +Hausherr stirbt oder sie selbst krank werden; denn lieber füttert man +Faulenzer durch als Kranke, und oft ist auch der Erbe gar nicht in der +Lage, die väterliche Dienerschaft weiter zu halten. Inzwischen leiden +jene Menschen tapfer Hunger oder treiben tapfer Straßenraub. Was sollten +sie denn sonst auch tun? Haben nämlich erst einmal ihre Kleider und ihre +Gesundheit durch das Herumstrolchen auch nur ein wenig gelitten, so mag +sie, die infolge ihrer Krankheit von Schmutz starren und in Lumpen +gehüllt sind, kein Edelmann mehr in Dienst nehmen. Aber auch die Bauern +getrauen es sich nicht; denn sie wissen ganz genau: einer, der in +Nichtstun und genießerischem Leben groß geworden und gewohnt ist, mit +Schwert und Schild einherzustolzieren, mit von Eitelkeit umnebelter +Miene auf seine gesamte Umgebung herabzublicken und jedermann im +Vergleich mit sich zu verachten, eignet sich keineswegs dazu, einem +armen Manne mit Hacke und Spaten für geringen Lohn und karge Kost treu +zu dienen.« + +»Und doch müssen wir gerade diese Menschenklasse ganz besonders hegen +und pflegen«, erwiderte der Rechtsgelehrte. »Denn gerade auf diesen +Männern, die mehr Mut und Edelsinn besitzen als Handwerker und +Landleute, beruht die Kraft und Stärke unseres Heeres, wenn es einmal +nötig ist, sich im Felde zu schlagen.« + +»In der Tat«, antwortete ich, »ebenso gut könntest du sagen, um des +Krieges willen müsse man die Diebe hegen und pflegen; denn an ihnen wird +es euch ganz gewiß nie fehlen, solange ihr diese Menschenklasse noch +habt. Und gewiß, Räuber sind keine feigen Soldaten und die Soldaten +nicht die feigsten unter den Räubern: so gut passen diese Berufe +zueinander. Indessen ist diese weitverbreitete Plage keine +Eigentümlichkeit eures Volkes; sie ist nämlich fast allen Völkern +gemeinsam. Frankreich z. B. sucht eine noch andere, verderblichere Pest +heim: das ganze Land ist auch im Frieden -- wenn jener Zustand überhaupt +Frieden ist -- von Söldnern überschwemmt und bedrängt. Sie sind aus +demselben Grunde da, der euch bestimmt hat, die faulen Dienstleute +hierzulande durchzufüttern, weil nämlich närrische Weise der Ansicht +gewesen sind, das Staatswohl erfordere die ständige Bereitschaft einer +starken und zuverlässigen Schutztruppe besonders altgedienter Soldaten; +denn zu Rekruten hat man kein Vertrauen. Daher müssen sie schon deshalb +auf einen Krieg bedacht sein, um geübte Soldaten zur Hand zu haben, und +sie müssen sich nach Menschen umsehen, die kostenlos abgeschlachtet +werden können, damit nicht, wie Sallust so fein sagt, Hand und Herz +durch Untätigkeit zu erschlaffen beginnen. + +Wie verderblich es aber ist, derartige Bestien zu füttern, hat nicht +bloß Frankreich zu seinem eigenen Schaden erfahren; auch das Beispiel +der Römer, Karthager, Syrer und vieler anderer Völker beweist es. Bei +diesen allen haben die stehenden Heere bald bei dieser und bald bei +jener Gelegenheit nicht bloß die Regierung gestürzt, sondern auch das +flache Land und sogar die festen Städte zugrunde gerichtet. Aber wie +unnötig ist solch ein stehendes Heer! Das kann man schon daraus ersehen, +daß auch die französischen Söldner, die doch durch und durch geübte +Soldaten sind, sich nicht rühmen können, im Kampfe mit euren Aufgeboten +sehr oft den Sieg davongetragen zu haben. Ich will jetzt nichts weiter +sagen; es könnte sonst den Anschein erwecken, als wollte ich euch, die +ihr hier zugegen seid, schmeicheln. Aber man kann gar nicht glauben, daß +sich eure Handwerker in der Stadt und eure ungeschlachten Bauern auf dem +Lande vor dem faulen Troß der Edelleute sehr fürchten außer denjenigen, +denen es infolge ihrer körperlichen Schwäche an Kraft und Kühnheit fehlt +oder deren Energie durch häusliche Not geschwächt wird. So wenig ist +also zu befürchten, daß diese Leute etwa verweichlicht werden könnten, +wenn sie für einen nützlichen Lebensberuf ausgebildet und in +Männerarbeit geübt werden. Vielmehr erschlaffen jetzt ihre gesunden und +kräftigen Körper -- die Edelleute geruhen nämlich, nur ausgesuchte Leute +zugrunde zu richten -- durch Nichtstun, oder sie werden durch fast +weibische Beschäftigung verweichlicht. Auf keinen Fall liegt es, will +mir scheinen, -- wie es sich auch sonst mit dieser Sache verhalten mag +-- im Interesse des Staates, nur für den Kriegsfall, den ihr doch nur +habt, wenn ihr ihn haben wollt, eine unermeßliche Schar von Menschen +dieser Sorte durchzufüttern, die den Frieden so gefährden, auf den man +doch um so viel mehr bedacht sein sollte als auf den Krieg. + +Und doch ist das nicht der einzige Zwang zum Stehlen. Es gibt noch +einen anderen, der euch, wie ich meine, in höherem Grade eigentümlich +ist.« + +»Welcher ist das?« fragte der Kardinal. + +»Eure Schafe«, sagte ich. »Sie, die gewöhnlich so zahm und genügsam +sind, sollen jetzt so gefräßig und wild geworden sein, daß sie sogar +Menschen verschlingen sowie Felder, Häuser und Städte verwüsten und +entvölkern. In all den Gegenden eures Reiches nämlich, wo die feinere +und deshalb teurere Wolle gewonnen wird, genügen dem Adel und den +Edelleuten und sogar bisweilen Äbten, heiligen Männern, die jährlichen +Einkünfte und Erträgnisse nicht mehr, die ihre Vorgänger aus ihren +Gütern erzielten. Nicht zufrieden damit, daß sie mit ihrem faulen und +üppigen Leben der Allgemeinheit nichts nützen, sondern eher schaden, +lassen sie kein Ackerland übrig, zäunen alles als Viehweiden ein, reißen +die Häuser nieder, zerstören die Städte, lassen nur die Kirchen als +Schafställe stehen und, gerade als ob bei euch die Wildgehege und +Parkanlagen nicht schon genug Grund und Boden der Nutzbarmachung +entzögen, verwandeln diese braven Leute alle bewohnten Plätze und alles +sonst irgendwo angebaute Land in Einöden. + +Damit also ein einziger Verschwender, unersättlich und eine grausige +Pest seines Vaterlandes, einige tausend Morgen zusammenhängenden +Ackerlandes mit einem einzigen Zaun umgeben kann, vertreibt man Pächter +von Haus und Hof. Entweder umgarnt man sie durch Lug und Trug oder +überwältigt sie mit Gewalt; man plündert sie aus oder treibt sie, durch +Gewalttätigkeiten bis zur Erschöpfung gequält, zum Verkauf ihrer Habe. +So oder so wandern die Unglücklichen aus, Männer und Weiber, Ehemänner +und Ehefrauen, Waisen, Witwen, Eltern mit kleinen Kindern oder mit einer +Familie, weniger reich an Besitz als an Zahl der Personen, wie ja die +Landwirtschaft vieler Hände bedarf. Sie wandern aus, sage ich, aus ihren +vertrauten und gewohnten Heimstätten und finden keinen Zufluchtsort. +Ihren gesamten Hausrat, der ohnehin keinen großen Erlös bringen würde, +auch wenn er auf einen Käufer warten könnte, verkaufen sie um ein +Spottgeld, wenn sie ihn sich vom Halse schaffen müssen. Ist dann der +geringe Erlös in kurzer Zeit auf der Wanderschaft verbraucht, was bleibt +ihnen dann schließlich anderes übrig, als zu stehlen und am Galgen zu +hängen -- nach Recht und Gesetz natürlich -- oder sich herumzutreiben +und zu betteln, obgleich sie auch dann als Vagabunden eingesperrt +werden, weil sie herumlaufen, ohne zu arbeiten? Und doch will sie +niemand als Arbeiter in Dienst nehmen, so eifrig sie sich auch anbieten. +Denn mit der Landarbeit, an die sie gewöhnt sind, ist es vorbei, wo +nicht gesät wird; genügt doch ein einziger Schaf- oder Rinderhirt als +Aufsicht, um von seinen Herden ein Stück Land abweiden zu lassen, zu +dessen Bestellung als Saatfeld viele Hände notwendig waren. + +So kommt es auch, daß an vielen Orten die Lebensmittel wesentlich teurer +geworden sind. Ja, auch die Wolle ist so im Preis gestiegen, daß eure +weniger bemittelten Tuchmacher sie überhaupt nicht mehr kaufen können +und dadurch in der Mehrzahl arbeitslos werden. Nachdem man nämlich die +Weideflächen so vergrößert hatte, raffte eine Seuche eine unzählige +Menge Schafe hinweg, gleich als ob Gott die Habgier der Besitzer hätte +bestrafen wollen mit der Seuche, die er unter ihre Schafe sandte und die +-- so wäre es gerechter gewesen -- die Eigentümer selbst hätte treffen +müssen. Mag aber auch die Zahl der Schafe noch so sehr zunehmen, der +Preis der Wolle fällt nicht, weil der Handel damit, wenn man ihn auch +nicht Monopol nennen darf, da ja nicht bloß einer verkauft, sicher doch +ein Oligopol ist. Die Schafe befinden sich nämlich fast sämtlich in den +Händen einiger weniger, und zwar eben der reichen Leute, die keine +Notwendigkeit dazu drängt, eher zu verkaufen, als es ihnen beliebt, und +es beliebt ihnen nicht eher, als bis sie beliebig teuer verkaufen +können. Wenn ferner auch die übrigen Viehsorten in gleicher Weise im +Preise gestiegen sind, so ist dafür derselbe Grund maßgebend, und zwar +hierfür erst recht, weil sich nämlich nach Zerstörung der Bauernhöfe und +nach Vernichtung der Landwirtschaft niemand mehr mit der Aufzucht von +Jungvieh abgibt. Jene Reichen treiben nämlich nur Schafzucht, ziehen +aber kein Rindvieh mehr auf. Sie kaufen vielmehr anderswo Magervieh +billig auf, mästen es auf ihren Weiden und verkaufen es dann für viel +Geld weiter. Und nur deshalb empfindet man, meine ich, den ganzen +Schaden dieses Verfahrens noch nicht in vollem Umfange, weil jene bis +jetzt die Preise nur dort hochgetrieben haben, wo sie verkaufen. +Schaffen sie aber erst einmal eine Zeitlang das Vieh schneller fort, als +es nachwachsen kann, so nimmt dann schließlich auch dort, wo es +aufgekauft wird, der Bestand allmählich ab, und es entsteht dann durch +starken Mangel notwendigerweise eine Notlage. So hat die ruchlose +Habgier einiger weniger das, was das ganz besondere Glück dieser eurer +Insel zu sein schien, gerade euer Verderben werden lassen. Denn diese +Verteuerung der Lebensmittel ist für einen jeden der Anlaß, soviel +Dienerschaft wie möglich zu entlassen: wohin, so frage ich, wenn nicht +zur Bettelei oder, wozu man ritterliche Gemüter leichter überreden kann, +zur Räuberei? + +Was soll man aber dazu sagen, daß sich zu dieser elenden Verarmung und +Not noch lästige Verschwendungssucht gesellt? Denn sowohl die +Dienerschaft des Adels wie die Handwerker und fast ebenso die Bauern +selbst, ja, alle Stände überhaupt, treiben viel übermäßigen Aufwand in +Kleidung und zu großen Luxus im Essen. Denke ferner an die Kneipen, +Bordelle und an die andere Art von Bordellen, ich meine die Weinschenken +und die Bierhäuser, schließlich an die so zahlreichen nichtsnutzigen +Spiele, wie Würfelspiel, Karten, Würfelbecher, Ball-, Kugel- und +Scheibenspiel! Treibt nicht alles dies seine Anbeter geradeswegs zum +Raube auf die Straße, sobald sie ihr Geld vertan haben? + +Bekämpft diese verderblichen Seuchen! Trefft die Bestimmung, daß +diejenigen, die die Gehöfte und ländlichen Siedlungen zerstört haben, +sie wieder aufbauen oder denen abtreten, die zum Wiederaufbau bereit +sind und bauen _wollen_! Schränkt jene üblen Aufkäufe der Reichen und +die Freiheit ihres Handels ein, der einem Monopol gleichkommt! Die Zahl +derer, die vom Müßiggang leben, soll kleiner werden; der Ackerbau soll +wieder aufleben; die Wollspinnerei soll wieder in Gang kommen, damit es +eine ehrbare Beschäftigung gibt, durch die jene Schar von Tagedieben +einen nutzbringenden Erwerb findet, sie, die die Not bisher zu Dieben +gemacht hat oder die jetzt Landstreicher oder müßige Dienstmannen sind +und ohne Zweifel dereinst Diebe sein werden! Soviel steht fest: wenn ihr +diesen Übelständen nicht abhelft, so mögt ihr euch umsonst eurer +Gerechtigkeit bei der Bestrafung von Diebstählen rühmen! Eure Justiz +blendet wohl durch den Schein, aber gerecht oder nützlich ist sie nicht. +Wenn ihr den Menschen eine klägliche Erziehung zuteil werden und ihren +Charakter von zarter Jugend an allmählich verderben laßt, um sie +offenbar erst dann zu bestrafen, wenn sie als Erwachsene die Schandtaten +begehen, die man von Kindheit an bei ihnen dauernd erwartet hat, was tut +ihr da anderes, ich bitte euch, als daß ihr sie erst zu Dieben macht und +dann bestraft?« + +Schon während ich so sprach, hatte sich jener Rechtsgelehrte zum Reden +fertig gemacht und sich entschlossen, jene übliche Methode der +Schuldisputanten anzuwenden, die sorgfältiger wiederholen als antworten; +in dem Grade macht für sie ihr Gedächtnis einen guten Teil ihres Ruhmes +aus. »Was du da sagst, klingt in der Tat recht hübsch«, erwiderte er. +»Freilich darf man nicht vergessen, daß du als Fremder über diese Dinge +mehr nur etwas hast hören als genau erforschen können, was ich mit +wenigen Worten beweisen werde. Und zwar will ich zuerst deine +Ausführungen der Reihe nach durchgehen; sodann will ich zeigen, worin du +dich infolge von Unkenntnis unserer Verhältnisse getäuscht hast; zum +Schluß will ich alle deine Thesen entkräften und widerlegen. + +Um also mit dem ersten Teile meines Versprechens zu beginnen, so hast +du, wie mir scheint, ...« + +»Still!« rief da der Kardinal. »Da du nämlich so anfängst, wirst du, wie +mir scheint, nicht mit einigen wenigen Worten nur antworten wollen. +Deshalb soll dir für den Augenblick die Mühe zu antworten erspart +bleiben. Wir wollen dir jedoch diese Verpflichtung uneingeschränkt für +eure nächste Zusammenkunft aufheben, die ich schon morgen stattfinden +lassen möchte, falls ihr, du und Raphael, nichts anderes vorhaben +solltet. Inzwischen aber hätte ich von dir, mein Raphael, sehr gern +gehört, warum du der Ansicht bist, Diebstahl sei nicht mit dem Tode zu +bestrafen, und welche andere Strafe du selbst vorschlägst, die mehr dem +öffentlichen Interesse entspricht; denn dafür, den Diebstahl einfach zu +dulden, bist du doch gewiß auch nicht. Wenn man aber jetzt sogar trotz +der Lebensgefahr das Stehlen nicht läßt, welche Gewalt oder welche +Befürchtung könnte dann die Verbrecher abschrecken, nachdem ihnen erst +einmal ihr Leben gesichert ist? Würden sie es nicht so auffassen, als ob +die Milderung der Strafe sie gewissermaßen durch eine Prämie zum +Verbrechen geradezu ermuntere?« + +»Ich bin durchaus der Ansicht, gütiger Vater«, erwiderte ich, »daß es +ganz ungerecht ist, einem Menschen das Leben zu nehmen, weil er Geld +gestohlen hat; denn auch sämtliche Glücksgüter können meiner Meinung +nach ein Menschenleben nicht aufwiegen. Wollte man nun aber sagen, diese +Strafe solle die Rechtsverletzung oder die Übertretung der Gesetze, +nicht das gestohlene Geld aufwiegen, müßte man dann nicht erst recht +jenes strengste Recht als größtes Unrecht bezeichnen? Denn weder darf +man Gesetze nach Art eines Manlius billigen, so daß bei einer +Gehorsamsverweigerung auch in den leichtesten Fällen sofort das Schwert +zum Todesstreiche gezückt wird, noch so stoische Grundsätze, daß man die +Vergehen alle als gleich beurteilt und der Ansicht ist, es sei kein +Unterschied, ob einer einen Menschen tötet oder ihm nur Geld raubt, +Vergehen, zwischen denen überhaupt keine Ähnlichkeit oder Verwandtschaft +besteht, wenn Recht und Billigkeit überhaupt noch etwas gelten. Gott hat +es verboten, jemanden zu töten, und wir töten so leichten Herzens um +eines gestohlenen Sümmchens willen? Sollte es aber jemand so auffassen +wollen, als ob jenes göttliche Gebot die Tötung eines Menschen nur +insoweit verbiete, als sie nicht ein menschliches Gesetz gebietet, was +steht dann dem im Wege, daß die Menschen auf dieselbe Weise unter sich +festsetzen, inwieweit Unzucht zu dulden sei und Ehebruch und Meineid? +Gott hat einem jeden die Verfügung nicht nur über ein fremdes, sondern +sogar über das eigene Leben genommen; wenn aber menschliches +Übereinkommen, sich unter gewissen Voraussetzungen gegenseitig töten zu +dürfen, so viel gelten soll, daß es seine dienstbaren Geister von den +Bindungen jenes Gebotes befreit und diese dann ohne jede göttliche +Strafe Menschen ums Leben bringen dürfen, die Menschensatzung zu töten +befiehlt, bleibt dann nicht jenes Gottesgebot nur insoweit in Geltung, +als Menschenrecht es erlaubt? Und so wird es in der Tat dahin kommen, +daß auf dieselbe Weise die Menschen festsetzen, inwieweit Gottes Gebote +beachtet werden sollen! Und schließlich hat sogar das mosaische Gesetz, +obwohl erbarmungslos und hart, da es für Sklavenseelen, und zwar für +verstockte, erlassen war, den Diebstahl trotzdem nur mit Geld und nicht +mit dem Tode bestraft. Wir wollen doch nicht glauben, daß Gott mit dem +neuen Gesetz der Gnade, durch das er als Vater seinen Kindern gebietet, +uns größere Freiheit gewährt hat, gegeneinander zu wüten! + +Das sind die Gründe, die ich gegen die Todesstrafe vorzubringen habe. In +welchem Grade aber widersinnig und sogar verderblich für den Staat eine +gleichmäßige Bestrafung des Diebes und des Mörders ist, das weiß, meine +ich, jeder. Wenn nämlich der Räuber sieht, daß einem, der wegen bloßen +Diebstahls verurteilt ist, keine geringere Strafe droht, als wenn der +Betreffende außerdem noch des Mordes überführt wird, so veranlaßt ihn +schon diese eine Überlegung zur Ermordung desjenigen, den er andernfalls +nur beraubt hätte. Denn abgesehen davon, daß für einen, der ertappt +wird, die Gefahr nicht größer ist, gewährt ihm der Mord sogar noch +größere Sicherheit und mehr Aussicht, daß die Tat unentdeckt bleibt, da +ja der, der sie anzeigen könnte, beseitigt ist. Während wir uns also +bemühen, den Dieben durch allzu große Strenge Schrecken einzujagen, +spornen wir sie dazu an, gute Menschen umzubringen. + +Was ferner die übliche Frage nach einer besseren Art der Bestrafung +anlangt, so ist diese viel leichter zu finden als eine noch weniger +gute. Warum sollten wir denn eigentlich an der Nützlichkeit jener +Methode der Bestrafung von Verbrechen zweifeln, die, wie wir wissen, in +alten Zeiten so lange den Römern zugesagt hat, die doch so große +Erfahrung in der Staatsverwaltung besaßen? Diese pflegten nämlich +überführte Schwerverbrecher zur Arbeit in den Steinbrüchen und +Bergwerken zu verurteilen, wo sie dauernd Fesseln tragen mußten. Jedoch +habe ich in dieser Beziehung auf meinen Reisen bei keinem Volke eine +bessere Einrichtung gefunden als in Persien bei den sogenannten +Polyleriten, einem ansehnlichen Volke mit einer recht verständigen +Verfassung, das dem Perserkönig nur einen jährlichen Tribut zahlt, im +übrigen aber unabhängig ist und nach eigenen Gesetzen lebt. Sie wohnen +weitab vom Meere, sind fast ganz von Bergen eingeschlossen, begnügen +sich in jeder Beziehung durchaus mit den Erträgnissen ihres Landes und +pflegen mit anderen Völkern wenig Verkehr. Infolgedessen sind sie auch, +einem alten Herkommen ihres Volkes entsprechend, nicht auf Erweiterung +ihres Gebietes bedacht. Innerhalb dieses selbst aber bieten ihnen ihre +Berge sowie das Geld, das sie dem Eroberer zahlen, mühelos Schutz vor +jeder Gewalttat. Völlig frei vom Kriegsdienst, führen sie ein nicht +ebenso glänzendes wie bequemes Leben in mehr Glück als Vornehmheit und +Berühmtheit, ja nicht einmal dem Namen nach, meine ich, hinreichend +bekannt außer in der Nachbarschaft. Wer nun bei den Polyleriten wegen +Diebstahls verurteilt wird, gibt das Gestohlene dem Eigentümer zurück, +nicht, wie es anderswo Brauch ist, dem Landesherrn, weil dieser nach +ihrer Meinung auf das gestohlene Gut ebenso wenig Anspruch hat wie der +Dieb selbst. Ist es aber abhanden gekommen, so ersetzt und bezahlt man +seinen Wert aus dem Besitz der Diebe, den Rest behalten ihre Frauen und +Kinder unverkürzt, und die Diebe selbst verurteilt man zu Zwangsarbeit. +Nur wenn schwerer Diebstahl vorliegt, sperrt man sie ins Arbeitshaus, wo +sie Fußfesseln tragen müssen; sonst behalten sie ihre Freiheit und +verrichten ungefesselt öffentliche Arbeiten. Zeigen sie sich +widerspenstig und zu träge, so legt man sie zur Strafe nicht in Fesseln, +sondern treibt sie durch Prügel zur Arbeit an; Fleißige dagegen bleiben +von Gewalttätigkeiten verschont; nur des Nachts schließt man sie in +Schlafräume ein, nachdem man sie durch Namensaufruf kontrolliert hat. +Die dauernde Arbeit ist die einzige Unannehmlichkeit in ihrem Leben. +Ihre Verpflegung ist nämlich nicht kärglich. Für diejenigen, die +öffentliche Arbeiten verrichten, wird sie aus öffentlichen Mitteln +bestritten, und zwar in den einzelnen Gegenden auf verschiedene Weise. +Hier und da nämlich deckt man den Aufwand für sie aus Almosen; wenn +diese Methode auch unsicher ist, so bringt doch bei der mildtätigen +Gesinnung jenes Volkes keine andere einen reicheren Ertrag. Anderswo +wieder sind gewisse öffentliche Einkünfte für diesen Zweck bestimmt. In +manchen Gegenden findet dafür auch eine feste Kopfsteuer Verwendung. Ja, +an einigen Orten verrichten die Sträflinge keine Arbeit für die +Öffentlichkeit, sondern, wenn ein Privatmann Lohnarbeiter braucht, so +mietet er die Arbeitskraft eines beliebigen von ihnen auf dem Markte für +den betreffenden Tag und zahlt dafür einen festgesetzten Lohn, nur etwas +weniger, als er für freie Lohnarbeit würde zahlen müssen. Außerdem steht +ihm das Recht zu, faule Sklaven zu peitschen. Auf diese Weise haben sie +niemals Mangel an Arbeit, und außer seinem Lebensunterhalt verdient +jeder täglich noch etwas, was er an die Staatskasse abführt. Sie allein +sind alle in eine bestimmte Farbe gekleidet und tragen das Haar nicht +vollständig geschoren, sondern nur ein Stück über den Ohren +verschnitten, und das eine Ohr ist etwas gestutzt. Speise, Trank und +Kleidung von seiner Farbe darf sich jeder von seinen Freunden geben +lassen; wer dagegen ein Geldgeschenk gibt oder annimmt, wird mit dem +Tode bestraft; und nicht weniger gefährlich ist es auch für einen +Freien, aus irgendeinem Grunde von einem Sträfling Geld anzunehmen, und +ebenso für die Sklaven -- so nennt man nämlich die Sträflinge --, Waffen +anzurühren. Jede Landschaft macht ihre Sklaven durch ein eigenes, +unterscheidendes Zeichen kenntlich, das abzulegen bei Todesstrafe +verboten ist. Dieselbe Strafe trifft auch den, der sich außerhalb seines +Bezirks sehen läßt oder mit einem Sklaven eines anderen Bezirks ein Wort +spricht. Die Planung einer Flucht ist ebenso gefährlich wie ihre +Ausführung; schon von einem solchen Plane gewußt zu haben, bedeutet für +den Sklaven den Tod und für den Freien Knechtschaft. Dagegen sind auf +Anzeigen Preise ausgesetzt, und zwar erhält ein Freier Geld, ein Sklave +dagegen die Freiheit; beiden aber gewährt man Verzeihung und +Straflosigkeit, auch wenn sie von der Sache gewußt haben. Dadurch will +man verhüten, daß es mehr Sicherheit bietet, auf einem schlimmen Plane +zu beharren als ihn zu bereuen. + +So also ist diese Angelegenheit gesetzlich geregelt, wie ich es +beschrieben habe. Wie menschlich und zweckmäßig dieses Verfahren ist, +kann man leicht einsehen. Übt es doch nur insoweit Strenge aus, als die +Verbrechen beseitigt werden; dabei kostet es kein Menschenleben, und die +Übeltäter werden so behandelt, daß sie gar nicht anders können, als gut +zu sein und den Schaden, den sie vorher angerichtet haben, durch ihr +weiteres Leben wieder gutzumachen. + +Daß ferner Sträflinge in ihre alte Lebensweise verfallen könnten, ist +durchaus nicht zu befürchten. Infolgedessen halten sich auch Fremde, die +irgendwohin reisen müssen, unter keiner anderen Führung für sicherer als +unter der jener Sklaven, die dann von einer Gegend zur anderen +unmittelbar wechseln. Denn sie besitzen nichts, was sie zu einem +Raubüberfall reizen könnte: in der Hand haben sie keine Waffe, Geld +würde ihre verbrecherische Tat nur verraten, und der Ertappte müßte mit +Bestrafung und völliger Aussichtslosigkeit, irgendwohin fliehen zu +können, rechnen. Wie sollte es nämlich jemand auch fertig bringen, +völlig unbemerkt zu fliehen, wenn sich seine Kleidung in jedem Stück von +der seiner Landsleute unterscheidet? Er müßte sich denn gerade nackend +entfernen. Ja, auch in dem Falle würde den Ausreißer das Ohr verraten. +Aber könnten die Sträflinge nicht vielleicht an eine Verschwörung gegen +den Staat denken? Wäre das nicht doch eine Gefahr? Als ob irgendeine +Gruppe solch eine Hoffnung hegen dürfte, ehe nicht die Sklaven +zahlreicher Landschaften unruhig geworden und aufgewiegelt sind, denen +es nicht einmal erlaubt ist zusammenzukommen, miteinander zu sprechen +oder sich gegenseitig zu grüßen, die also noch viel weniger eine +Verschwörung anzetteln könnten! Sollte man ferner annehmen dürfen, sie +würden diesen Plan inzwischen unbesorgt ihren Anhängern anvertrauen, +während sie doch wissen, daß Verschweigen gefährlich, Verrat aber höchst +vorteilhaft ist? Und dabei hat niemand so gänzlich die Hoffnung +aufgegeben, doch irgendwann einmal die Freiheit wieder zu erlangen, wenn +er sich gehorsam zeigt und eine Besserung in der Zukunft zuversichtlich +erwarten läßt. Wird doch in jedem Jahre ein paar Sklaven zum Lohn für +geduldiges Ausharren die Freiheit wieder geschenkt.« + +So sprach ich. Als ich dann noch hinzufügte, es liege meiner Meinung +nach gar kein Grund vor, dieses Verfahren nicht auch in England +anzuwenden, und zwar mit viel größerem Erfolg als jenen Rechtsbrauch, +den der Jurist so sehr gelobt hatte, da erwiderte mir dieser sofort: +»Niemals ließe sich dieser Brauch in England einführen, ohne daß der +Staat dadurch in die größte Gefahr geriete!« Und bei diesen Worten +schüttelte er den Kopf, verzog den Mund und schwieg dann, und alle +Anwesenden stimmten ihm zu. Da meinte der Kardinal: »Man kann nicht so +leicht voraussagen, ob die Sache günstig oder ungünstig ausgeht, solange +man sie überhaupt noch nicht erprobt hat. Aber nach Verkündigung eines +Todesurteils könnte ja der Landesherr einen Aufschub der Vollstreckung +anordnen und unter Einschränkung der Privilegien der Asylstätten dieses +neue Verfahren erproben. Sollte es sich durch den Erfolg als zweckmäßig +bewähren, so wäre es wohl richtig, es zur dauernden Einrichtung zu +machen. Andernfalls könnte man ja die vorher Verurteilten auch dann noch +hinrichten, und das wäre von nicht geringem Vorteil für den Staat und +nicht ungerechter, als wenn es gleich geschähe, und auch in der Zeit +des Aufschubs könnte keine Gefahr daraus erwachsen. Ja, wie mir sicher +scheint, würde dieselbe Behandlung auch den Landstreichern gegenüber +sehr angebracht sein; denn gegen sie haben wir zwar bis jetzt eine Menge +Gesetze erlassen, aber trotzdem noch nichts erreicht.« + +Sobald der Kardinal das gesagt hatte -- dasselbe, worüber sich alle +verächtlich geäußert hatten, als sie es von mir hörten --, wetteiferte +jeder, ihm das höchste Lob zu spenden, besonders jedoch seinem Vorschlag +in betreff der Landstreicher, weil er den von sich aus hinzugefügt +hatte. + +Vielleicht wäre es besser, das, was jetzt folgte, gar nicht zu erwähnen +-- es war nämlich lächerlich --, aber ich will es doch erzählen; denn es +war nicht übel und gehörte in gewissem Sinne zu unserer Sache. Es stand +zufällig ein Schmarotzer dabei, der offenbar den Narren spielen wollte, +sich aber so schlecht verstellte, daß er mehr einem wirklichen Narren +glich, indem er mit so faden Äußerungen nach Gelächter haschte, daß man +häufiger über seine Person als über seine Worte lachte. Zuweilen jedoch +äußerte der Mensch auch etwas, was nicht ganz so albern war, so daß er +das Sprichwort bestätigte: »Wer viel würfelt, hat auch einmal Glück.« Da +meinte einer von den Tischgenossen, ich hätte mit meiner Rede gut für +die Diebe gesorgt und der Kardinal auch noch für die Landstreicher; nun +bleibe nur noch übrig, von Staats wegen auch noch die zu versorgen, die +durch Krankheit oder Alter in Not geraten und arbeitsunfähig geworden +seien. »Laß mich das machen!« rief da der Spaßvogel. »Ich will auch das +in Ordnung bringen! Denn es ist mein sehnlicher Wunsch, mich vom Anblick +dieser Sorte Menschen irgendwie zu befreien. Mehr als einmal sind sie +mir schwer zur Last gefallen, wenn sie mich mit ihrem Klagegeheul um +Geld anbettelten. Niemals jedoch konnten sie das schön genug anstimmen, +um auch nur einen Pfennig von mir zu erpressen. Es ist bei mir nämlich +immer das eine von beiden der Fall: entweder habe ich keine Lust, etwas +zu geben, oder ich habe nicht die Möglichkeit dazu, weil ich nichts zu +geben habe. Infolgedessen werden die Bettler jetzt allmählich +vernünftig. Um sich nämlich nicht unnötig anzustrengen, reden sie mich +gar nicht mehr an, wenn sie mich vorübergehen sehen. So wenig erhoffen +sie von mir noch etwas, in der Tat nicht mehr, als wenn ich ein Priester +wäre. Aber jetzt befehle ich, ein Gesetz zu erlassen, dem zufolge alle +jene Bettler ohne Ausnahme auf die Benediktinerklöster verteilt und zu +sogenannten Laienbrüdern gemacht werden; die Weiber aber, ordne ich an, +sollen Nonnen werden.« + +Da lächelte der Kardinal und stimmte im Scherz zu, die anderen dann auch +im Ernst. Indessen heiterte dieser Witz über die Priester und Mönche +einen Theologen, einen Klosterbruder, so auf, daß er, sonst ein ernster, +ja beinahe finsterer Mann, jetzt gleichfalls anfing, Spaß zu machen. +»Aber auch so«, rief er, »wirst du die Bettler nicht loswerden, wenn du +nicht auch für uns Klosterbrüder sorgst!« + +»Aber das ist doch schon geschehen«, erwiderte der Parasit. »Der +Kardinal hat ja vortrefflich für euch gesorgt, indem er für die +Tagediebe Zwangsarbeit festsetzte; denn ihr seid doch die größten +Tagediebe.« + +Da blickten alle auf den Kardinal. Als sie aber sahen, daß er auch diese +Bemerkung nicht zurückwies, fingen sie alle an, sie mit großem Vergnügen +aufzunehmen; nur der Klosterbruder machte eine Ausnahme. Der nämlich, +mit solchem Essig übergossen, geriet dermaßen in Zorn und Hitze -- +worüber ich mich auch gar nicht wundere --, daß er sich nicht mehr +beherrschen konnte und zu schimpfen anfing. Er nannte den Menschen einen +Taugenichts, einen Verleumder, einen Ohrenbläser und ein Kind der +Verdammnis und führte zwischendurch schreckliche Drohungen aus der +Heiligen Schrift an. Jetzt aber begann der Witzbold ernsthaft zu spaßen, +und da war er ganz in seinem Element. »Zürne nicht, lieber Bruder!« +sagte er. »Es steht geschrieben: 'Durch standhaftes Ausharren sollt ihr +euch das Leben gewinnen.'« Darauf erwiderte der Klosterbruder -- ich +will nämlich seine eigenen Worte wiedergeben --: »Ich zürne nicht, du +Galgenstrick, oder ich sündige wenigstens nicht damit. Denn der Psalmist +sagt: 'Zürnt und sündigt nicht!'« Darauf ermahnte der Kardinal den +Klosterbruder in sanftem Tone, sich zu mäßigen. Doch der antwortete: +»Herr, ich spreche nur in redlichem Eifer, wie ich es tun muß. Denn auch +heilige Männer haben einen redlichen Eifer bewiesen, weswegen es heißt: +'Der Eifer um dein Haus hat mich verzehrt'. Und in den Kirchen singt +man: + + 'Die Spötter Elisas, + Während er hinaufsteigt zum Hause Gottes, + Bekommen den Eifer des Kahlkopfs zu spüren', + +wie ihn vielleicht auch dieser Spötter da, dieser Possenreißer, dieser +Bruder Liederlich noch zu spüren bekommen wird.« + +»Du handelst vielleicht in ehrlicher Erregung«, sagte der Kardinal, +»aber mir will scheinen, es würde möglicherweise frömmer, bestimmt aber +klüger von dir sein, wenn du nicht mit einem törichten und lächerlichen +Menschen einen lächerlichen Streit beginnen wolltest.« + +»Nein, Herr, das würde nicht klüger von mir sein«, erwiderte er. »Sagt +doch selbst der weise Salomo: 'Antworte dem Narren gemäß seiner +Narrheit!', wie ich es jetzt tue und ihm die Grube zeige, in die er +fallen wird, wenn er nicht recht auf der Hut ist. Wenn nämlich die +vielen Spötter Elisas, der doch nur _ein_ Kahlkopf war, den Eifer des +Kahlkopfes zu spüren bekommen haben, um wieviel mehr wird ein einziger +Spötter den Eifer der vielen Klosterbrüder zu spüren bekommen, unter +denen sich doch viele Kahlköpfe befinden! Und außerdem haben wir ja noch +eine päpstliche Bulle, auf Grund deren alle, die sich über uns lustig +machen, der Kirchenbann trifft.« + +Sobald der Kardinal sah, daß der Streit kein Ende nehmen wollte, gab er +dem Schmarotzer einen Wink, sich zu entfernen, und brachte die Rede auf +ein anderes Thema, das auch Anklang fand. Bald darauf stand er von der +Tafel auf, entließ uns und widmete sich seinen Lehnsleuten, deren +Anliegen er sich anhörte. + +»Sieh da, mein lieber Morus, wie lang ist doch die Geschichte geworden, +mit der ich dich belästigt habe! Ich hätte mich entschieden geschämt, so +ausführlich zu werden, wenn du es nicht dringend zu wissen verlangt +hättest und wenn es mir nicht den Eindruck gemacht hätte, als wolltest +du auch nicht _ein_ Wort von jenem Gespräch ausgelassen wissen; mit +solcher Aufmerksamkeit hörtest du mir zu. Ich mußte dies jedoch alles +erzählen -- freilich hätte es wesentlich kürzer geschehen können --, um +die Urteilsfähigkeit dieser Leute ins rechte Licht zu rücken: wovon sie +nämlich nichts wissen wollten, als sie es aus _meinem_ Munde hörten, +eben das billigten sie auf der Stelle, als es der Kardinal billigte, und +zwar gingen sie in ihrer Lobhudelei so weit, daß sie sich sogar die +Einfälle seines Schmarotzers, die sein Herr im Scherz nicht zurückwies, +in schmeichlerischer Weise gefallen ließen und sie beinahe für Ernst +nahmen. Daraus kannst du ermessen, wie hoch die Höflinge mich mit meinen +Ratschlägen einschätzen würden.« + +»In der Tat, mein lieber Raphael«, erwiderte ich, »deine Erzählung war +ein großer Genuß für mich; so klug und treffend zugleich hast du alles +gesagt. Außerdem war es mir währenddem so, als befände ich mich wieder +in meiner Heimat, und nicht bloß dies, sondern als erlebte ich +gewissermaßen noch einmal meine Kindheit, bei der angenehmen Erinnerung +an jenen Kardinal, an dessen Hofe ich als Knabe erzogen worden bin. Lieb +und wert warst du mir ja auch sonst schon, mein Raphael, aber um wieviel +teurer du mir durch die so hohe Ehrung des Andenkens an jenen Mann +geworden bist, kannst du dir kaum vorstellen. Im übrigen kann ich bis +jetzt meine Ansicht in keinerlei Weise ändern; ich bin vielmehr +entschieden der Meinung, wenn du dich entschließen könntest, deine +Abneigung gegen die Fürstenhöfe aufzugeben, so könntest du mit deinen +Ratschlägen der Öffentlichkeit den größten Nutzen stiften. Deshalb ist +dies deine höchste Pflicht, die Pflicht eines braven Mannes. Und wenn +vollends dein Plato der Ansicht ist, die Staaten würden erst dann +glücklich sein, wenn entweder die Philosophen Könige seien oder die +Könige sich mit Philosophie befaßten, wie fern wird da das Glück noch +sein, wenn es die Philosophen sogar für unter ihrer Würde halten, den +Königen ihren guten Rat zuteil werden zu lassen.« + +»Sie sind nicht so ungefällig«, antwortete er, »daß sie das nicht gern +tun würden -- sie haben es ja auch schon durch die Veröffentlichung +zahlreicher Bücher getan --, wenn nur die Machthaber bereit wären, die +guten Ratschläge auch zu befolgen. Aber ohne Zweifel hat Plato richtig +vorausgesehen, daß die Könige nur dann die Ratschläge philosophierender +Männer gutheißen werden, wenn sie sich selbst mit Philosophie +beschäftigen. Sind sie doch von Kindheit an mit verkehrten Meinungen +getränkt und von ihnen angesteckt, was Plato in eigener Person am Hofe +des Dionysius erfahren mußte. Oder meinst du nicht, ich würde auf der +Stelle fortgejagt oder verspottet werden, wenn ich am Hofe irgendeines +Königs gesunde Maßnahmen vorschlüge und verderbliche Saaten schlechter +Ratgeber auszureißen versuchte? + +Wohlan, stelle dir vor, ich lebte am Hofe des Königs von Frankreich und +säße mit in seinem Rate, während man in geheimster Zurückgezogenheit +unter dem Vorsitze des Königs selbst in einem Kreise der klügsten +Männer mit großem Eifer darüber verhandelt, mit welchen Ränken und +Machenschaften der König es fertig bringen kann, Mailand zu behaupten, +jenes immer aufs neue abfallende Neapel wiederzugewinnen, ferner Venedig +zu vernichten und sich ganz Italien zu unterwerfen, sodann Flandern, +Brabant und schließlich ganz Burgund seinem Reiche einzuverleiben und +außerdem noch andere Völker, in deren Land der König schon längst im +Geiste eingefallen ist. Hier rät der eine, mit den Venetianern ein +Bündnis zu schließen, aber nur für so lange, als es den Franzosen Nutzen +bringt; mit ihnen gemeinschaftliche Sache zu machen, ja auch einen Teil +der Beute ihnen anzuvertrauen und dann wieder zurückzuverlangen, wenn +alles nach Wunsch gegangen ist; ein anderer wieder schlägt vor, deutsche +Landsknechte anzuwerben; ein dritter, Schweizer mit Geld kirre zu +machen; ein vierter, sich die Gunst der kaiserlichen Majestät durch Gold +wie durch ein Weihgeschenk zu erkaufen. Ein anderer wieder rät dem +Fürsten, sich mit dem König von Aragonien gütlich zu einigen und ihm +gleichsam als Unterpfand des Friedens das Königreich Navarra abzutreten, +das ihm aber gar nicht gehört. Unterdessen will ein anderer den Prinzen +von Kastilien durch eine Aussicht auf eine Verschwägerung ins Garn +locken und einige Granden seines Hofes durch eine bestimmte Barzahlung +auf die Seite Frankreichs ziehen. Nun aber stößt man auf die allergrößte +Schwierigkeit, was man nämlich bei alledem in betreff Englands +beschließen soll: immerhin müsse man mit ihm doch wenigstens +Friedensverhandlungen anknüpfen und das immer unsicher bleibende Bündnis +durch recht starke Bande befestigen; die Engländer solle man zwar +Freunde nennen, ihnen aber wie Feinden mißtrauen und deshalb die +Schotten für jeden Fall schlagfertig, gleichsam auf Posten, in +Bereitschaft halten und sie sofort auf die Engländer loslassen, sobald +sich diese irgendwie rührten. Außerdem müsse man einen hohen, in der +Verbannung lebenden Adligen unterstützen, und zwar im geheimen -- eine +offene Protektion lassen nämlich die Verträge nicht zu --, der den +englischen Thron für sich beanspruche. Das solle für den König von +Frankreich eine Handhabe sein, den König von England im Zaume zu halten, +dem er nicht trauen dürfe. + +Und nun denke dir, hier, bei einem solchen Drange der Geschäfte, wenn so +viele ausgezeichnete Männer um die Wette Ratschläge für den Krieg +erteilen, stünde ich armseliges Menschenkind auf und hieße plötzlich den +Kurs ändern, schlüge vor, Italien aufzugeben, und behauptete, man müsse +im Lande bleiben; das eine Königreich Frankreich sei schon fast zu groß, +als daß es ein einziger gut verwalten könne; der König solle doch nicht +glauben, er dürfe noch an die Einverleibung anderer Reiche denken; und +ich riete ihnen dann weiter, dem Beispiele der Achorier zu folgen, eines +Volkes, das der Insel Utopia im Südosten gegenüberliegt. In alten Zeiten +hatten sie einmal einen Krieg geführt, um ihrem König den Besitz eines +zweiten Reiches zu sichern, das er auf Grund einer alten Verwandtschaft +als sein Erbe beanspruchte. Als sie endlich ihr Ziel erreicht hatten, +mußten sie jedoch einsehen, daß die Behauptung des Landes keineswegs +leichter war als seine Eroberung, daß vielmehr ohne Unterlaß +Auflehnungen im Inneren oder Überfälle auf die Unterworfenen von außen +daraus entstanden, daß sie so dauernd entweder für oder gegen jene +kämpfen mußten, daß sich niemals die Möglichkeit bot, das Heer zu +entlassen, daß sie selber inzwischen ausgebeutet wurden, daß ihr Geld +ins Ausland ging, daß sie ihr Blut für ein wenig Ruhm eines Fremden +vergossen, daß der Friede im Inneren durchaus nicht gesicherter war, daß +der Krieg die Moral verdarb, daß die Raubsucht den Menschen gleichsam in +Fleisch und Blut überging, daß die Rauflust infolge der Metzeleien +zunahm und daß man die Gesetze nicht mehr achtete. Und das alles, weil +der König sein Interesse, das durch die Sorge für zwei Reiche +zersplittert wurde, jedem einzelnen nicht nachdrücklich genug zuwenden +konnte. Da nun die Achorier sahen, diese so schlimmen Zustände würden +auf andere Weise kein Ende nehmen, faßten sie endlich einen Entschluß +und ließen ihrem Fürsten in überaus höflicher Form die Wahl, welches +Reich von beiden er behalten wolle; beide könne er nämlich nicht länger +behalten; sie seien ein zu großes Volk, um von einem 'halbierten' König +regiert zu werden, wie sich ja auch niemand gern mit einem anderen +seinen Maultiertreiber würde teilen wollen. So sah sich denn jener brave +Fürst gezwungen, sein neues Reich einem seiner Freunde zu überlassen -- +der übrigens bald darauf gleichfalls verjagt wurde -- und sich mit dem +alten zu begnügen. Ferner würde ich darauf hinweisen, daß alle diese +kriegerischen Versuche, die um des Königs willen so viele Völker in +Unruhe versetzen würden, durch irgendein Mißgeschick schließlich doch +ohne Erfolg enden könnten, nachdem seine Geldmittel erschöpft und sein +Volk ruiniert seien. Ich würde ihm deshalb raten, sein ererbtes Reich +nach Möglichkeit zu pflegen und zu fördern und es zu höchster Blüte zu +bringen, seine Untertanen zu lieben und sich von ihnen lieben zu lassen, +mit ihnen zusammen zu leben, sie mit Milde zu regieren und andere Reiche +in Frieden zu lassen, da ihm ja schon genug und übergenug zugefallen +sei. Mit was für Ohren, meinst du, mein Morus, müßte man da wohl meine +Rede aufnehmen?« + +»Wahrhaftig, nicht mit sehr geneigten«, erwiderte ich. + +»Fahren wir also fort!« sagte er. »Die Ratgeber irgendeines Königs +debattieren und klügeln mit ihm aus, mit welchen Schelmenstreichen sie +Gelder für ihn aufhäufen können. Einer rät dazu, den Geldwert zu +erhöhen, wenn der König selber eine Zahlung zu leisten hat, ihn aber +anderseits unter das rechte Maß zu senken, wenn ihm eine Zahlung zu +leisten ist. Auf diese Weise bezahlt er eine große Schuld mit wenig Geld +und erhält für eine kleine ausstehende Forderung viel. Ein anderer +wieder schlägt vor, eine Kriegsgefahr vorzutäuschen, unter diesem +Vorwand Geld aufzubringen und dann zum geeignet erscheinenden Zeitpunkt +Frieden zu schließen, und zwar unter feierlichen Zeremonien; dadurch +solle der breiten Masse des dummen Volkes vorgegaukelt werden, der +fromme Fürst habe offenbar aus Mitleid kein Menschenblut vergießen +wollen. Ein dritter ruft ihm gewisse alte, von Motten angefressene und +längst nicht mehr angewendete Gesetze ins Gedächtnis, nach denen sich +kein Mensch mehr richte, weil sich niemand besinnen könne, daß sie +überhaupt jemals erlassen worden seien, und er fordert ihn auf, +Strafgelder für diese Nichtbefolgung einzuziehen: kein Ertrag sei +ergiebiger und zugleich ehrenhafter, da er ja die Maske der +Gerechtigkeit zur Schau trage. Ein vierter wieder fordert den König auf, +unter Androhung hoher Geldstrafen eine Menge Verbote zu erlassen, +zumeist von Handlungen, die nicht den Interessen des Volkes dienen, +gegen Geld aber Leuten Dispens zu erteilen, deren Privatinteressen ein +Verbot im Wege steht. Auf diese Weise ernte er den Dank des Volkes und +habe doppelten Gewinn, einmal aus der Bestrafung der Leute, die ihre +Erwerbsgier ins Netz lockt, und sodann aus dem Verkauf der Vorrechte an +andere, für um so mehr Geld natürlich, je gewissenhafter der Fürst ist; +denn ein guter Herrscher begünstigt nur ungern einen Privatmann zum +Nachteile seines Volkes und deshalb nur für viel Geld. Wieder ein +anderer sucht den König zu überreden, Richter anzustellen, die in jeder +beliebigen Sache zu seinen Gunsten entscheiden; außerdem solle er sie +einladen, in seinem Palaste und in seiner Gegenwart über seine +Angelegenheiten zu verhandeln; dann werde keiner seiner Prozesse so +offensichtlich faul sein, daß nicht einer der Richter, sei es aus Lust +am Widerspruch oder aus Scheu vor Wiederholung von schon Gesagtem oder +im Haschen nach der königlichen Gunst irgendeinen Ritz entdecken würde, +in den man eine Rechtsverdrehung einklemmen könne. Wenn dann erst einmal +bei Meinungsverschiedenheit der Richter über die an sich völlig klare +Sache debattiert und die Wahrheit in Frage gestellt werde, so biete sich +dem König die günstige Gelegenheit, das Recht zu seinem eigenen Vorteil +auszulegen, und die anderen würden sich aus Hochachtung oder aus Furcht +seiner Meinung anschließen. Und in diesem Sinne fällt dann später der +Gerichtshof unbedenklich das Urteil; denn es kann ja niemandem an einem +Vorwand fehlen, sich zugunsten des Fürsten zu entscheiden. Genügt es ihm +doch, daß entweder die Billigkeit für ihn spricht oder der Wortlaut des +Gesetzes oder die gewaltsam verdrehte Auslegung des Sinnes eines +Schriftstückes oder, was gewissenhaften Richtern schließlich mehr gilt +als alle Gesetze, des Fürsten unbestreitbares Recht der obersten +Entscheidung. Kurz, alle Ratgeber sind der gleichen Ansicht und wirken +zusammen im Sinne jenes Wortes des Crassus, keine Menge Gold sei groß +genug für einen Fürsten, der ein Heer unterhalten müsse. Außerdem kann +nach ihrer Meinung ein König gar kein Unrecht tun, mag er es auch noch +so sehr wünschen; denn der gesamte Besitz aller seiner Untertanen wie +auch diese selbst sind, so glauben sie, sein Eigentum, und jedem +einzelnen gehört nur so viel, wie ihm seines Königs Gnade noch läßt. Der +aber muß großen Wert darauf legen, daß dieser Rest möglichst gering ist; +denn seine Sicherheit beruht darauf, daß sein Volk nicht durch Reichtum +oder Freiheit übermütig wird, weil beides eine harte und ungerechte +Herrschaft weniger geduldig ertragen läßt, während anderseits Armut und +Not abstumpfen, geduldig machen und den Untertanen in ihrer Bedrängnis +den großzügigen Geistesschwung der Empörung nehmen. + +Nun stelle dir wieder vor, ich stünde jetzt noch einmal auf und +behauptete, alle diese Pläne seien für den König unehrenhaft und +verderblich; denn nicht nur seine Ehre, sondern auch seine Sicherheit +beruhe weniger auf seinem eigenen Reichtum als auf dem seiner +Untertanen. Ich würde dann weiter ausführen, daß sich diese einen König +nicht in dessen, sondern in ihrem eigenen Interesse wählen, um nämlich, +dank seiner eifrigen Bemühung, selber in Ruhe und Sicherheit vor +Gewalttaten zu leben. Deshalb hat der Fürst, so würde ich weiter sagen, +die Pflicht, mehr auf seines Volkes Wohlergehen als auf sein eigenes +bedacht zu sein, genau so wie es die Pflicht eines Hirten ist, mehr für +die Ernährung seiner Schafe als für seine eigene zu sorgen, wenigstens +in seiner Eigenschaft als Schafhirt. Denn in der Armut des Volkes einen +Schutz zu sehen, ist, wie schon die Erfahrung lehrt, ein gewaltiger +Irrtum. Wo könnte man nämlich mehr Zank und Streit finden als unter +Bettlern? Und wer ist eifriger auf Umsturz bedacht als der, dem seine +augenblickliche Lage so gar nicht gefallen will? Oder wen beseelt +schließlich ein kühneres Verlangen nach einem allgemeinen Durcheinander, +in der Hoffnung auf irgend welchen Gewinn, als den, der nichts mehr zu +verlieren hat? Sollte nun aber wirklich ein König von seinen Untertanen +so sehr verachtet oder gehaßt werden, daß er sie nicht anders im Zaume +halten kann, als indem er mit Mißhandlungen, Ausplünderung und +Güterparzellierung gegen sie vorgeht und sie an den Bettelstab bringt, +dann wäre es wirklich besser für ihn, er legte seine Herrschaft nieder, +als daß er sie mit Hilfe solcher Künste behauptet; sie retten ihm wohl +den Namen seiner Herrschaft, aber ihrer Erhabenheit geht er bestimmt +verlustig. Denn es ist eines Königs nicht würdig, über Bettler zu +herrschen, sondern vielmehr über reiche und glückliche Menschen. Eben +das meint sicherlich der hochgemute und geistig überlegene Fabricius mit +der Antwort, er wolle lieber Reichen gebieten als selber reich sein. Und +in der Tat! Als einzelner in Vergnügen und Genüssen schwimmen, während +ringsherum andere seufzen und jammern, das heißt nicht Hüter eines +Thrones, sondern eines Kerkers sein. Kurzum: wie es demjenigen Arzte an +jeder Erfahrung fehlt, der eine Krankheit nur durch eine andere zu +heilen versteht, so mag der seine völlige Unfähigkeit zur Herrschaft +über Freie ruhig eingestehen, der das Leben der Staatsbürger nur dadurch +zu bessern weiß, daß er ihnen nimmt, was das Leben lebenswert macht. Ja +wahrhaftig, er soll doch lieber seine Trägheit oder seinen Stolz +aufgeben; denn diese Laster ziehen ihm in der Regel die Verachtung oder +den Haß seines Volkes zu. Er soll rechtschaffen von seinen Mitteln leben +und seine Ausgaben den Einnahmen anpassen. Er soll ferner die Missetaten +einschränken und lieber durch richtige Belehrung seiner Untertanen +verhüten, als sie erst anwachsen zu lassen und dann zu bestrafen. +Gesetze, die gewohnheitsmäßig aus der Übung gekommen sind, soll er nicht +aufs Geratewohl erneuern, zumal wenn sie schon lange nicht mehr +angewendet und niemals vermißt worden sind. Er soll auch niemals für ein +derartiges Vergehen eine Geldstrafe einziehen, was der Richter auch +einem Privatmanne als unbillig und unlauter untersagen würde. Ferner +würde ich jenen Ratgebern ein Gesetz der Macarenser mitteilen, die +gleichfalls nicht eben weit von Utopia entfernt wohnen. An dem Tage +seiner Regierungsübernahme verpflichtet sich nämlich ihr König unter +Darbringung feierlicher Opfer eidlich, nie auf einmal mehr als tausend +Pfund Gold oder den entsprechenden Wert in Silber in seinen Kassen zu +haben. Diese Bestimmung soll ein vortrefflicher König getroffen haben, +dem das Wohl seines Landes mehr als sein persönlicher Reichtum am Herzen +lag. Mit dieser Maßnahme wollte er in seinem Volke einer Geldknappheit +infolge Anhäufung einer zu großen Geldsumme vorbeugen. Er sah nämlich +ein, dieser Betrag werde für den Monarchen groß genug sein zum Kampfe +gegen die Rebellen und groß genug für die Monarchie zur Abwehr +feindlicher Angriffe; dagegen sei er nicht groß genug, um zu Einfällen +in fremdes Gebiet Lust zu machen. Das war der hauptsächlichste Grund für +den Erlaß des genannten Gesetzes. Der nächste Grund aber war, daß jener +König glaubte, auf diese Weise einen Mangel an den Zahlungsmitteln +verhütet zu haben, die täglich im Handelsverkehr der Bürger im Umlauf +waren. Auch war er der Ansicht, ein König werde bei allen +unvermeidlichen Ausgaben, die den Staatsschatz über das gesetzliche Maß +hinaus belasten, keine Möglichkeiten zu einer gewaltsamen Maßnahme +suchen. Einen solchen König werden die Bösen fürchten und die Guten +lieben. Würde ich also dies und noch mehr dergleichen bei Leuten +vorbringen, die leidenschaftlich den entgegengesetzten Grundsätzen +huldigen, was für tauben Ohren würde ich da wohl predigen?« + +»Stocktauben, ohne Zweifel«, erwiderte ich. »Und in der Tat, darüber +wundere ich mich auch gar nicht. Auch will es mir, um die Wahrheit zu +sagen, nicht angebracht erscheinen, derartige Reden zu halten und solche +Ratschläge zu erteilen, die, wie man sicher weiß, niemals befolgt +werden. Was könnte denn auch der Nutzen einer so ungewöhnlichen Rede +sein, oder wie sollte sie überhaupt eine Wirkung ausüben auf Leute, die +von einer ganz anderen Überzeugung voreingenommen und tief durchdrungen +sind? Unter lieben Freunden, im vertraulichen Gespräch, ist solches +theoretisches Philosophieren nicht ohne Reiz, aber in einem Rate von +Fürsten, wo mit gewichtiger Autorität über Fragen von Bedeutung +verhandelt wird, ist für so etwas kein Platz.« + +»Da haben wir ja«, rief er, »was ich immer sagte: An Fürstenhöfen will +man eben von Philosophie nichts wissen.« + +»Gewiß«, erwiderte ich, »es ist wahr: nichts von dieser rein +theoretischen Philosophie, die da meint, jeder beliebige Satz sei +überall am Platze. Aber es gibt ja noch eine andere Art von Philosophie, +die die besonderen Bedingungen ihres Landes und ihrer Zeit besser kennt. +Ihr ist die Bühne, auf der sie zu spielen hat, bekannt, sie paßt sich +ihr an und führt ihre Rolle in dem Stück, das gerade gegeben wird, +gefällig und mit Anstand durch. Das ist die Philosophie, die für dich in +Betracht kommt. Wie wäre es übrigens, wenn du bei der Aufführung einer +Komödie des Plautus, gerade während die Haussklaven untereinander Possen +treiben, in der Tracht eines Philosophen auf der Bühne erschienest und +aus der Octavia die Stelle hersagtest, in der Seneca mit Nero +disputiert? Wäre es da nicht besser, du trätest nur als Statist auf, +anstatt Unpassendes zu deklamieren und dadurch eine solche Tragikomödie +vorzuführen? Du würdest ja das Stück, das man gerade spielt, verderben +und über den Haufen werfen, indem du so ganz Verschiedenartiges +durcheinandermengst, selbst wenn das, was du bringst, der wertvollere +Beitrag wäre. Was für ein Stück gerade aufgeführt wird, darin mußt du so +gut wie möglich mitspielen, und du darfst das ganze Stück nicht deshalb +in Unordnung bringen, weil dir ein hübscheres von einem anderen +Verfasser in den Sinn gekommen ist. + +So ist es im Staate, so bei den Beratungen der Fürsten. Kann man +verkehrte Meinungen nicht mit der Wurzel ausrotten und kann man Übeln, +die sich durch lange Gewohnheit eingenistet haben, nicht nach seiner +innersten Überzeugung abhelfen, so darf man deshalb doch nicht gleich +den Staat im Stiche lassen und im Sturme das Schiff nicht deshalb +preisgeben, weil man den Winden nicht Einhalt gebieten kann. Man darf +auch nicht den Menschen eine ungewöhnliche und lästige Rede aufdrängen, +die, wie man weiß, auf Leute, die entgegengesetzter Meinung sind, gar +keinen Eindruck machen wird. Man muß es lieber auf einem Umwege +versuchen und sich bemühen, an seinem Teile alles geschickt zu behandeln +und, was man nicht zum Guten wenden kann, wenigstens zu einem möglichst +kleinen Übel werden zu lassen. Denn unmöglich können alle Verhältnisse +gut sein, solange nicht alle Menschen gut sind. Darauf aber werde ich +wohl noch manches Jahr warten müssen.« + +»Dieses Verhalten«, meinte er, »hätte nichts anderes zur Folge, als daß +ich, in dem Bestreben, die Raserei anderer zu heilen, selber mit ihnen +zu rasen anfinge. Denn wenn ich die Wahrheit sagen will, so muß ich so +reden; ob es dagegen eines Philosophen würdig ist, die Unwahrheit zu +sagen, weiß ich nicht. Mir wenigstens widerstrebt es. Es mag schon sein, +daß meine Rede jenen Leuten vielleicht unwillkommen und lästig ist. +Trotzdem aber sehe ich nicht ein, warum sie ihnen bis zur +Unschicklichkeit ungewöhnlich erscheinen sollte. Wenn ich nun entweder +das anführte, was Plato in seinem Staate fingiert, oder das, was die +Utopier in ihrem Staate tun, so könnte das, obgleich es an sich das +Bessere wäre -- und das ist es auch wirklich --, doch unpassend +erscheinen, weil es hier Privatbesitz der einzelnen gibt, dort aber +alles gemeinsamer Besitz aller ist. + +Wie ist es denn nun aber eigentlich mit _meiner_ Rede? Abgesehen davon, +daß den Leuten, die auf einem anderen Wege kopfüber vorwärtsstürzen +wollen, ein Mann nicht lieb sein kann, der sie zurückruft und auf +Gefahren aufmerksam macht, was enthielt sie denn sonst, das nicht +überall gesagt werden dürfte oder sogar gesagt werden sollte? Müßte man +freilich alles als unerhört und widersinnig beiseite lassen, was +verkehrter menschlicher Anschauung zufolge als seltsam erscheint, dann +müßten wir unter den Christen das meiste von allem geheimhalten, was +Christus gelehrt und uns so streng zu verleugnen verboten hat, daß er +uns sogar geboten hat, auch das, was er seinen Jüngern nur ins Ohr +geflüstert hatte, öffentlich auf den Dächern zu verkünden. Steht doch +diese Lehre zum größten Teile weit weniger im Einklang mit unseren +heutigen Sitten als meine Rede, nur daß die Volksredner in ihrer +Schlauheit, wie mir scheint, deinen Rat befolgt haben. Als sie nämlich +sahen, daß die Menschen nur ungern ihr Verhalten der Vorschrift Christi +anpaßten, paßten sie umgekehrt seine Lehre, als wäre sie biegsam wie ein +Richtmaß aus Blei, den herrschenden Sitten an, damit beides einigermaßen +wenigstens in Übereinstimmung miteinander gebracht würde. Ich kann aber +nicht einsehen, welchen Nutzen sie damit gestiftet haben, außer daß die +Bosheit größere Sicherheit genießt, und ich selbst würde in der Tat in +dem Rate eines Fürsten ebensowenig Nutzen stiften. Entweder nämlich +würde ich eine abweichende Meinung äußern -- das wäre dann genau so, als +wenn ich gar nichts sagte --, oder eine zustimmende, und damit würde ich +zum Helfershelfer ihres Wahnsinns, wie Micio bei Terenz sagt. Denn was +jenen von dir erwähnten Umweg anlangt, so kann ich nicht einsehen, was +für eine Bewandtnis es damit haben soll. Du meinst, man müsse auf ihm zu +erreichen suchen, daß die Verhältnisse, wenn man sie nun einmal nicht +gründlich bessern kann, wenigstens geschickt behandelt werden und sich, +soweit das geht, möglichst wenig schlecht gestalten. Denn von Vertuschen +kann hier keine Rede sein, und die Augen darf man nicht zudrücken. Die +schlechtesten Ratschläge sollen offen gebilligt und die verderblichsten +Verfügungen unterschrieben werden. Ein Schurke, ja fast ein Hochverräter +würde sein, wer unheilvolle Beschlüsse in arglistiger Weise doch +guthieße. + +Ferner bietet sich einem gar keine Gelegenheit, sich irgendwie nützlich +zu machen, wenn man unter solche Amtsgenossen gerät, die auch den +besten Mann verderben, anstatt sich selbst durch ihn bessern zu lassen. +Der Umgang mit diesen verdorbenen Menschen wird dich entweder auch +verderben, oder, wenn du auch selbst unbescholten und ohne Schuld +bleibst, so wirst du doch fremder Bosheit und Torheit zum Deckmantel +dienen. So viel fehlt also daran, daß du mit jenem deinen Umwege etwas +zum Besseren wenden könntest. + +Deshalb erklärt auch Plato mit einem wunderschönen Gleichnis, warum sich +die Weisen mit Fug und Recht von politischer Betätigung fernhalten +sollen. Sie sehen nämlich, wie das Volk auf die Straßen strömt und +ununterbrochen von Regengüssen durchnäßt wird, können es aber nicht dazu +bewegen, sich vor dem Regen in Sicherheit zu bringen und in die Häuser +zu gehen. Weil sie aber wissen, daß sie, wenn sie auch auf die Straße +gehen, nichts weiter erreichen, als daß sie selbst mit einregnen, so +bleiben sie im Hause und sind damit zufrieden, wenigstens selber in +Sicherheit zu sein, wenn sie schon fremder Torheit nicht steuern können. + +Wenn ich freilich ganz offen meine Meinung kundgeben soll, mein lieber +Morus, so muß ich sagen: ich bin in der Tat der Ansicht, überall, wo es +noch Privateigentum gibt, wo alle an alles das Geld als Maßstab anlegen, +wird kaum jemals eine gerechte und glückliche Politik möglich sein, es +sei denn, man will dort von Gerechtigkeit sprechen, wo gerade das Beste +immer den Schlechtesten zufällt, oder von Glück, wo alles unter ganz +wenige verteilt wird und wo es auch diesen nicht in jeder Beziehung gut +geht, der Rest aber ein elendes Dasein führt. + +So erwäge ich denn oft die so klugen und ehrwürdigen Einrichtungen der +Utopier, die so wenig Gesetze und trotzdem eine so ausgezeichnete +Verfassung haben, daß das Verdienst belohnt wird und trotz gleichmäßiger +Verteilung des Besitzes allen alles reichlich zur Verfügung steht. Und +dann vergleiche ich im Gegensatz dazu mit ihren Gebräuchen die so vieler +anderer Nationen, die nicht aufhören zu ordnen, von denen allen aber +auch nicht eine jemals so richtig in Ordnung ist. Bei ihnen bezeichnet +jeder, was er erwirbt, als sein Privateigentum; aber ihre so zahlreichen +Gesetze, die sie tagtäglich erlassen, reichen nicht aus, jemandem den +Erwerb dessen, was er sein Privateigentum nennt, oder seine Erhaltung +oder seine Unterscheidung von fremdem Besitz zu sichern, was jene +zahllosen Prozesse deutlich beweisen, die ebenso ununterbrochen +entstehen, wie sie niemals aufhören. Wenn ich mir das so überlege, werde +ich Plato doch besser gerecht und wundere mich weniger darüber, daß er +es verschmäht hat, für jene Leute irgendwelche Gesetze zu erlassen, die +eine auf Gesetzen beruhende gleichmäßige Verteilung aller Güter unter +alle ablehnen. In seiner großen Klugheit erkannte er offensichtlich ohne +weiteres, daß es nur einen einzigen Weg zum Wohle des Staates gibt: die +Einführung der Gleichheit des Besitzes. Diese ist aber wohl niemals dort +möglich, wo die einzelnen ihr Hab und Gut noch als Privateigentum +besitzen. Denn, wo jeder auf Grund gewisser Rechtsansprüche an sich +bringt, soviel er nur kann, teilen nur einige wenige die gesamte Menge +der Güter unter sich, mag sie auch noch so groß sein, und lassen den +anderen nur Mangel und Not übrig. Und in der Regel ist es so, daß die +einen in höchstem Grade das Los der anderen verdienen; denn die Reichen +sind habgierige, betrügerische und nichtsnutzige Menschen, die Armen +dagegen bescheidene und schlichte Männer, die durch ihre tägliche Arbeit +dem Gemeinwesen mehr als sich selbst nützen. Ich bin daher der festen +Überzeugung, das einzige Mittel, auf irgendeine gleichmäßige und +gerechte Weise den Besitz zu verteilen und die Sterblichen glücklich zu +machen, ist die gänzliche Aufhebung des Privateigentums. Solange es das +noch gibt, wird der weitaus größte und beste Teil der Menschheit die +beängstigende und unvermeidliche Last der Armut und der Kümmernisse +dauernd weiterzutragen haben. Sie kann wohl ein wenig erleichtert +werden, das gebe ich zu; aber sie völlig zu beseitigen, das ist, so +behaupte ich, unmöglich. Man könnte ja für den Besitz des einzelnen an +Grund und Boden ein bestimmtes Höchstmaß festsetzen und ebenso eine +bestimmte Grenze für das Barvermögen; man könnte auch durch Gesetze +einer zu großen Macht des Fürsten und einer zu großen Anmaßung des +Volkes vorbeugen. Ferner könnte man die Erlangung von Ämtern durch +allerlei Schliche oder durch Bestechung und die Forderung von Aufwand +während der Amtstätigkeit unterbinden. Andernfalls nämlich bietet sich +Gelegenheit, sich das verausgabte Geld durch Betrug und Raub wieder zu +verschaffen, und man sieht sich gezwungen, reichen Leuten _die_ Ämter zu +geben, die man lieber Fähigen hätte geben sollen. Durch solche Gesetze +kann man die erwähnten Übelstände wohl mildern und abschwächen, ebenso +wie man kranke Körper in hoffnungslosem Zustande durch unablässige warme +Umschläge zu stärken pflegt. Aber auf eine vollständige Behebung der +Übelstände und auf den Eintritt eines erfreulichen Zustandes darf man +ganz und gar nicht hoffen, solange jeder noch Privateigentum besitzt. +Ja, während man an der einen Stelle zu heilen sucht, verschlimmert man +die Wunde an anderen Stellen. So entsteht abwechselnd aus der Heilung +des einen die Krankheit des anderen; denn niemandem kann man etwas +zulegen, was man einem anderen nicht erst weggenommen hat.« + +»Aber ich bin gerade der entgegengesetzten Meinung«, erwiderte ich, »daß +man sich nämlich niemals dort wohl fühlen kann, wo Gütergemeinschaft +herrscht. Denn wie könnte die Menge der Güter ausreichen, wenn jeder +sich um die Arbeit drückt, weil ihn ja keine Rücksicht auf Erwerb zur +Arbeit anspornt und weil ihn die Möglichkeit, sich auf den Fleiß anderer +zu verlassen, träge werden läßt? Aber wenn auch die Not die Menschen zur +Arbeit anstacheln sollte, würde man da nicht dauernd durch Mord und +Aufruhr in Gefahr schweben, falls niemand auf Grund irgendeines Gesetzes +das, was er erwirbt, als sein Eigentum schützen könnte? Zumal wenn die +Autorität der Behörden und die Achtung vor ihnen geschwunden ist, wie +könnte dann für beides Platz sein bei Menschen, zwischen denen keinerlei +Unterschied besteht? Das kann ich mir nicht einmal vorstellen.« + +»Über diese deine Ansichten wundere ich mich gar nicht«, erwiderte +Raphael; »denn von einem solchen Staate hast du entweder gar keine +Anschauung oder nur eine falsche. Wärest du jedoch mit mir in Utopien +gewesen und hättest du dort mit eigenen Augen die Sitten und +Einrichtungen kennengelernt, wie ich es getan habe, der ich über fünf +Jahre dort gelebt habe und gar nicht wieder hätte fortgehen mögen, außer +um die Kenntnis von dieser neuen Welt zu verbreiten, so würdest du +entschieden zugeben, du habest nirgends anderswo ein Volk mit einer +guten Verfassung gesehen außer dort.« + +»Und doch«, sagte Peter Ägid, »wirst du mich in der Tat nur schwer davon +überzeugen können, daß es in jener neuen Welt ein Volk mit besserer +Verfassung gibt als in dieser uns bekannten. Haben wir doch hier ebenso +kluge Köpfe, und die Staatswesen sind, meine ich, älter als dort; auch +verdanken unsere Kulturgüter ihre Entstehung zum größten Teile langer +Erfahrung, wobei ich nicht unerwähnt lassen will, daß bei uns manches +durch Zufall entdeckt worden ist, was zu erdenken kein Scharfsinn +ausgereicht hätte.« + +»Über das Alter der Staaten würdest du richtiger urteilen können«, +erwiderte jener, »wenn du die Geschichtswerke über jene Welt genau +gelesen hättest. Darf man ihnen glauben, so hat es dort früher Städte +gegeben als bei uns Menschen. Alles aber, was bis heute der Scharfsinn +erfunden oder der Zufall entdeckt hat, konnte hier wie dort vorhanden +sein. Im übrigen ist es meine feste Überzeugung: Mögen wir jenen Leuten +auch an Gaben des Geistes voraussein, an Eifer und Fleiß bleiben wir +trotzdem weit hinter ihnen zurück. Wie nämlich aus ihren Chroniken +hervorgeht, hatten sie vor unserer Landung dort niemals etwas von +unserer Welt gehört -- sie nennen uns Ultraäquinoktialen --, außer daß +in alten Zeiten, vor nunmehr 1200 Jahren, in der Nähe der Insel Utopia +ein vom Sturm dorthin verschlagenes Schiff durch Schiffbruch unterging. +Dabei warfen die Wellen etliche Römer und Ägypter an den Strand, die +dann nie wieder fortgingen. + +Und nun sieh, wie die Utopier in ihrem Fleiße diese in ihrer Art einzige +Gelegenheit ausnutzten! Es gab im ganzen römischen Reiche keine +irgendwie nützliche Kunstfertigkeit, die sie nicht von den gestrandeten +Fremdlingen erlernt oder die sie nicht, im Besitze der Keime ihrer +Kenntnis, weiter ausgebildet hätten. Von solchem Vorteil war es für sie, +daß auch nur ein einziges Mal ein paar Leute von hier dorthin +verschlagen wurden. Sollte aber ein ähnlicher glücklicher Zufall früher +einmal jemanden von dort hierher gebracht haben, so ist das heute ebenso +gänzlich vergessen, wie sich vielleicht spätere Geschlechter auch meines +Aufenthaltes dort nicht mehr erinnern werden. Und während sich die +Utopier schon bei der ersten Berührung mit uns alle unsere nützlichen +Erfindungen aneigneten, wird es dagegen lange dauern, bis _wir_ +irgendeine Einrichtung übernehmen, die bei ihnen besser ist als bei uns. +Dies halte ich auch für den Hauptgrund dafür, daß trotz unserer +geistigen und materiellen Überlegenheit ihr Staat dennoch klüger +verwaltet wird und glücklicher aufblüht.« + +»Also, mein lieber Raphael«, sagte ich, »so bitte ich dich dringend, gib +uns eine Beschreibung der Insel und fasse dich nicht zu kurz, sondern +erläutere uns der Reihe nach Landschaft, Flüsse, Städte, Menschen, +Sitten, Einrichtungen, Gesetze, kurz alles, was wir, wie du meinst, +gern kennenlernen wollen! Du kannst aber annehmen, daß wir alles wissen +möchten, was wir bis jetzt nicht wissen.« + +»Nichts werde ich lieber tun«, erwiderte er; »denn das habe ich noch +frisch im Gedächtnis. Aber die Sache erfordert Zeit.« + +»So wollen wir denn hineingehen«, sagte ich, »und frühstücken; dann +nehmen wir uns Zeit, ganz wie es uns beliebt!« + +»Einverstanden!« erwiderte er. + +Und so gingen wir ins Haus und frühstückten. Danach kehrten wir an den +alten Platz zurück und nahmen auf derselben Bank Platz. Den Dienern +sagte ich, wir wollten von niemandem gestört werden. Dann erinnerten +Peter Ägid und ich den Raphael an sein Versprechen. Als er uns nun in +solcher Spannung und Erwartung sah, saß er erst eine Weile schweigend +und nachdenklich da, dann begann er folgendermaßen. + +(Ende des ersten Buches. Es folgt das zweite.) + + + + +ZWEITES BUCH + +Des Raphael Hythlodeus Rede über den besten Zustand des Staates + +Von Thomas Morus + + +Die Insel der Utopier hat in der Mitte -- da ist sie nämlich am +breitesten -- eine Ausdehnung von 200 Meilen, ist über eine große +Strecke hin nicht viel schmäler und nimmt nach den beiden Enden zu +allmählich ab. Diese runden die ganze Insel zu einem Halbkreise von 500 +Meilen Umfang ab und geben ihr die Gestalt des zunehmenden Mondes. +Zwischen den beiden Hörnern befindet sich eine Meeresbucht von etwa elf +Meilen Breite. Land umgibt diese gewaltige Wasserfläche auf allen Seiten +und schützt sie vor Winden. Sie ist weniger stürmisch bewegt und gleicht +mehr einem ruhigen See von ungeheurer Ausdehnung, macht fast die ganze +Ausbuchtung des Landes zu einem Hafen und ermöglicht den Schiffsverkehr +nach allen Richtungen. + +Die Einfahrt in den Hafen gefährden auf der einen Seite Untiefen und auf +der anderen Klippen. Etwa in der Mitte ragt ein einzelner Felsen empor, +der aber ungefährlich ist. Auf ihm steht ein Turm, in den die Utopier +eine Besatzung gelegt haben. Die übrigen Klippen sind unsichtbar und +deshalb gefährlich. Die Fahrstraßen kennen nur die Eingeborenen, und so +kann ein Ausländer ohne einen Lotsen aus Utopien nur schwer in diese +Bucht eindringen; könnten doch die Utopier selber kaum ohne Gefahr dort +einlaufen, wenn nicht gewisse Seezeichen vom Strande aus die Richtung +angäben, und durch ihre Umsetzung wären sie imstande, jeder auch noch so +großen feindlichen Flotte den Untergang zu bereiten. + +Auf der anderen Seite liegen gut besuchte Häfen. Aber überall ist der +Zugang zum Lande so stark durch Natur oder Kunst befestigt, daß auch nur +eine Handvoll Verteidiger selbst gewaltige Truppenmassen abwehren +könnte. Übrigens war dieses Land, wie man berichtet und wie der +Augenschein deutlich zeigt, vor Zeiten noch keine Insel. Vielmehr hat +erst Utopus, der als Eroberer die Insel nach sich benannt hat -- bis +dahin hieß sie Abraxa -- und der den rohen und unkultivierten Volksstamm +in Kultur und Gesittung auf eine solche Höhe gebracht hat, daß er die +übrigen Völker übertrifft, das Land zur Insel gemacht. Kaum war er +nämlich dort gelandet und Herr des Landes geworden, so ließ er eine +Strecke von 15 Meilen auf der Seite, wo die Halbinsel mit dem Festlande +zusammenhing, ausstechen und führte so das Meer ringsherum. Da er zu +dieser Arbeit, um sie nicht als Schmach empfinden zu lassen, nicht nur +die Eingeborenen zwang, sondern außerdem alle seine Soldaten hinzuzog, +verteilte sie sich auf eine gewaltige Menge Menschen, und so wurde das +Werk mit unglaublicher Schnelligkeit vollendet. Bei den Nachbarvölkern +aber, die es anfangs als ein aussichtsloses Beginnen ins Lächerliche +gezogen hatten, erregte der Erfolg Staunen und Schrecken. + +Die Insel hat 54 Städte, alle geräumig und prächtig, in Sprache, Sitten, +Einrichtungen und Gesetzen einander völlig gleich. Sie sind alle in +derselben Weise angelegt und haben, soweit das bei der Verschiedenheit +des Geländes möglich ist, dasselbe Aussehen. Die geringste Entfernung +zwischen ihnen beträgt 24 Meilen; anderseits wieder ist keine so +abgelegen, daß man nicht von ihr aus eine andere an _einem_ Tage zu Fuß +erreichen könnte. + +Aus jeder Stadt kommen alljährlich drei erfahrene Greise in Amaurotum +zusammen, um sich über gemeinsame Angelegenheiten der Insel zu beraten. +Diese Stadt wird nämlich als erste und als Hauptstadt betrachtet, weil +sie gleichsam im Herzen des Landes und somit für die Abgeordneten aller +Landesteile bequem liegt. + +Ackerland ist den Städten planmäßig zugeteilt, und zwar so, daß einer +jeden nach jeder Richtung hin mindestens 12 Meilen Anbaufläche zur +Verfügung stehen, nach manchen Richtungen hin jedoch noch viel mehr, +nämlich dort, wo die Städte weiter auseinanderliegen. Keine Stadt ist +auf Erweiterung ihres Gebietes bedacht; denn die Einwohner betrachten +sich mehr als seine Bebauer denn als seine Besitzer. + +Auf dem flachen Lande haben die Utopier Höfe, die zweckmäßig über die +ganze Anbaufläche verteilt und mit landwirtschaftlichen Geräten versehen +sind; in ihnen wohnen Bürger, die abwechselnd dorthin ziehen. Jeder +ländliche Haushalt zählt an Männern und Frauen mindestens 40 Köpfe, wozu +noch zwei zur Scholle gehörige Knechte kommen. Einem Haushalte stehen +ein Hausvater und eine Hausmutter vor, gesetzte und an Erfahrung reiche +Personen, und an der Spitze von je 30 Familien steht ein Phylarch. + +Aus jeder Familie wandern jährlich 20 Personen in die Stadt zurück, +nachdem sie zwei ganze Jahre auf dem Lande zugebracht haben, und werden +durch ebensoviel neue aus der Stadt ersetzt. Diese werden dann von +denen, die schon ein Jahr dort gewesen sind und deshalb größere +Erfahrung in der Landwirtschaft besitzen, angelernt, um ihrerseits +wiederum im folgenden Jahre andere zu unterweisen. Dadurch will man +Fehler in der Getreideversorgung verhüten, die infolge Mangels an +Erfahrung gemacht werden könnten, wenn alle dort zu gleicher Zeit +unerfahrene Neulinge wären. Diese Sitte, mit den Bebauern zu wechseln, +ist zwar die gewöhnliche, weil niemand gegen seinen Willen und nur unter +Zwang das mühsamere Leben auf dem Lande länger ohne Unterbrechung +zubringen soll; viele jedoch, denen die Landwirtschaft von Natur Freude +macht, erwirken sich einen Aufenthalt von mehr Jahren. + +Die Ackerbauer bestellen das Land, treiben Viehzucht, beschaffen Holz +und fahren es bei Gelegenheit zu Wasser oder zu Lande nach der Stadt. +Kücken ziehen sie in gewaltiger Menge auf, und zwar mit Hilfe einer +wunderbaren Vorrichtung. Sie lassen nämlich die Hühnereier nicht von den +Hennen ausbrüten, sondern setzen sie in großer Zahl einer gleichmäßigen +Wärme aus, erwecken sie dadurch zum Leben und ziehen dann die Kücken +groß. Kaum sind diese ausgeschlüpft, so laufen sie den Menschen wie +ihren Müttern nach und erkennen sie immer wieder. Pferde ziehen die +Utopier in ganz geringer Zahl auf, und zwar nur sehr feurige Tiere; sie +sind einzig und allein für Übungen der Jugend in der Reitkunst bestimmt. +Denn alle Arbeit bei der Feldbestellung oder beim Transport verrichten +Ochsen. Sie sind zwar, wie die Utopier offen zugeben, nicht so feurig +wie die Pferde, besitzen aber dafür ihrer Meinung nach mehr Ausdauer und +eine größere Widerstandsfähigkeit gegen Krankheiten. Außerdem erfordert +ihr Unterhalt weniger Aufwand an Mühe und Kosten, und zuletzt sind sie, +wenn sie ausgedient haben, doch noch für die Ernährung zu gebrauchen. + +Getreide verwenden die Utopier nur zur Brotbereitung; denn als Getränk +dient ihnen Wein von Trauben oder Äpfeln oder Birnen oder schließlich +auch Wasser, das sie bisweilen unvermischt trinken, oft aber auch mit +Honig oder Süßholz verkocht, das es bei ihnen in nicht geringer Menge +gibt. Den Verbrauch von Lebensmitteln durch die Stadt und ihre Umgebung +haben sie zwar ermittelt und kennen ihn ganz genau, trotzdem bauen sie +viel mehr Getreide an und ziehen auch viel mehr Vieh auf, als für den +Eigenbedarf nötig ist, um dann den Überschuß an ihre Nachbarn abzugeben. +Alles, was sie an Hausrat brauchen, den es auf dem Lande nicht gibt, +verlangen sie von der Stadt und erhalten es auch ohne jede Gegenleistung +bereitwillig von den Behörden; denn die meisten von ihnen kommen sowieso +in jedem Monat an einem Feiertage in der Stadt zusammen. Wenn die +Erntezeit naht, melden die Phylarchen der Ackerbauer den städtischen +Behörden, wieviel Bürger sie ihnen schicken sollen. Diese Schar +Erntearbeiter trifft am festgesetzten Tage rechtzeitig ein, und bei +gutem Wetter erledigt man dann so ziemlich an einem einzigen Tage die +gesamte Erntearbeit. + + +Die Städte, namentlich Amaurotum + +Wer _eine_ Stadt kennt, kennt _alle_: so völlig ähnlich sind sie +einander, soweit nicht die Beschaffenheit des Geländes dem +entgegensteht. Ich will deshalb irgendeine beschreiben; es kommt nämlich +wirklich nicht viel darauf an, welche. Aber welche lieber als Amaurotum? +Denn keine verdient es mehr, da dieser Stadt die übrigen die Würde als +Sitz des Senats übertragen haben und da ich sie infolge meines +ununterbrochenen fünfjährigen Aufenthaltes dort besser als jede andere +kenne. + +Amaurotum also liegt am flachen Abhange eines Berges und ist fast +quadratisch angelegt. Denn in voller Breite beginnt die Stadt ein wenig +unterhalb des Gipfels und erstreckt sich etwa zwei Meilen weit bis zum +Flusse Anydrus, wobei sie sich längs des Ufers beträchtlich länger +hinzieht. Der Anydrus entspringt aus einer schwachen Quelle 80 Meilen +oberhalb Amaurotums, wird dann durch den Zufluß anderer Wasserläufe, +darunter zweier von mittlerer Größe, wasserreicher und breiter und ist +vor der Stadt selbst eine halbe Meile breit. Bald darauf nimmt er an +Breite noch mehr zu und mündet dann 60 Meilen weiter in den Ozean. Auf +dieser ganzen Strecke zwischen der Stadt und dem Meere sowie noch ein +paar Meilen oberhalb der Stadt hemmen Ebbe und Flut in ihrem +sechsstündigen Wechsel den schnellen Lauf des Flusses. Wenn die +Meeresflut 30 Meilen tief eindringt, drängt sie das Wasser des Flusses +zurück und füllt sein Bett vollständig mit ihren Wellen. Das Flußwasser +nimmt dann noch ein ganzes Stück weiter stromaufwärts den Salzgeschmack +des Meeres an; von da ab wird es allmählich wieder süß, fließt klar +durch die Stadt und drängt der bei Ebbe zurückströmenden Flut fast bis +zur Mündung rein und unvermischt nach. + +Die Brücke, die Amaurotum mit dem gegenüberliegenden Ufer verbindet, +besteht nicht aus hölzernen Pfeilern und Balken, sondern ist ein +Steinbau mit einem wunderschönen Brückenbogen. Sie befindet sich an der +Stelle, die vom Meere am weitesten entfernt ist, damit die Schiffe an +dieser ganzen Seite der Stadt ungehindert entlangfahren können. + +Es gibt dort noch einen anderen Wasserlauf, der zwar nur klein, aber +recht ruhig und erfreulich ist. Er entspringt auf demselben Berge, auf +dem die Stadt liegt, fließt mitten durch sie und mündet in den Anydrus. +Weil seine Quelle ein Stück außerhalb der Stadt liegt, haben sie die +Amaurotaner ringsum mit Befestigungen umgeben, die bis zur Stadt +reichen. So gehört die Quelle zur Stadt, und beim Einbruch einer +feindlichen Macht kann das Wasser nicht abgefangen und abgelenkt oder +verdorben werden. Von dort aus leitet man es in Röhren aus gebranntem +Stein in verschiedenen Richtungen zu den unteren Stadtteilen. Läßt das +irgendwo die Beschaffenheit des Geländes nicht zu, so sammelt man in +geräumigen Zisternen das Regenwasser, das dann den gleichen Dienst +leistet. + +Eine hohe und breite Mauer mit zahlreichen Türmen und Schutzwehren +umgibt die Stadt auf allen Seiten; ein trockener, aber tiefer, breiter +und durch Dorngestrüpp unwegsamer Graben umzieht die Stadtmauer auf drei +Seiten; auf der vierten dient der Fluß selbst als Wehrgraben. + +Die Straßen sind ebenso zweckmäßig für den Wagenverkehr wie für den +Windschutz angelegt. Die Häuser sind keineswegs unansehnlich; man +übersieht ihre lange und längs der ganzen Straße ununterbrochene Reihe +von der gegenüberliegenden Häuserfront aus. Der Weg zwischen diesen +beiden Fronten ist 30 Fuß breit. An der Rückseite der Häuser zieht sich +die ganze Straße entlang eine breite Gartenanlage hin, die von der +Rückseite anderer Häuserreihen eingezäunt ist. + +Jedes Haus hat einen Eingang von der Straße her und eine Hintertür, die +in den Garten führt. Die Türen haben zwei Flügel, lassen sich durch +einen leisen Druck mit der Hand öffnen und schließen sich dann von +selbst wieder, so daß ein jeder ins Haus hinein kann: so wenig ist +irgendwo etwas Eigentum eines einzelnen; denn sogar die Häuser wechselt +man alle zehn Jahre, und zwar verlost man sie. + +Auf die erwähnten Gärten halten die Utopier große Stücke. In ihnen haben +sie Wein, Obst, Gemüse und Blumen in solcher Pracht und Pflege, daß es +alles übertrifft, was ich irgendwo an Fruchtbarkeit und gutem Geschmack +gesehen habe. Ihren Eifer dabei spornt nicht bloß ihr Vergnügen an der +Gartenarbeit an, sondern auch der Wettstreit der Straßenzüge in der +Pflege der einzelnen Gärten. Und sicherlich wird man nicht leicht in der +ganzen Stadt etwas finden, was für die Bürger nützlicher oder +unterhaltsamer wäre, und, wie es scheint, hat deshalb auch der Gründer +des Reiches auf nichts größere Sorgfalt verwendet als auf derartige +Gärten. + +Wie es nämlich heißt, hat Utopus selber gleich von Anfang an diesen +ganzen Plan der Stadt festgelegt. Die Ausschmückung jedoch und den +weiteren Ausbau überließ er den Nachkommen in der Erkenntnis, daß _ein_ +Menschenalter dazu nicht ausreichen werde. Daher steht in den +Geschichtsbüchern der Utopier, die die Geschichte von 1760 Jahren seit +Eroberung der Insel umfassen, fleißig und gewissenhaft geschrieben sind +und von ihnen aufbewahrt werden, die Häuser seien im Anfang niedrig +gewesen, eine Art Baracken und Hütten, ohne Sorgfalt aus irgendwelchem +Holz errichtet, die Wände mit Lehm verschmiert, mit spitzen Giebeln und +Strohdächern. Aber heutzutage ist jedes Haus ein stattlicher Bau von +drei Stockwerken; die Außenseite der Wände besteht aus Granit oder einer +anderen harten oder auch gebrannten Steinmasse, die inwendig mit Schutt +ausgefüllt wird. Die Dächer sind flach und mit einer gewissen Stuckmasse +belegt, die nicht teuer, aber so zusammengesetzt ist, daß sie nicht +brennt und noch wetterfester als Blei ist. Vor den Winden schützen sich +die Utopier durch Fenster aus Glas, das dort sehr viel verwendet wird; +bisweilen benutzen sie auch an dessen Stelle dünne Leinwand, die sie mit +durchsichtigem Öl oder einer Bernsteinmasse bestreichen. Das hat den +doppelten Vorteil, daß mehr Licht und weniger Wind durchgelassen wird. + + +Die Obrigkeiten + +Je dreißig Familien wählen sich alljährlich einen Vorsteher; in der +alten Landessprache heißt er Syphogrant, in der jüngeren Phylarch. Zehn +Syphogranten mit ihren Familien unterstehen einem Vorgesetzten, der +jetzt Protophylarch genannt wird, in alten Zeiten aber Tranibore hieß. +Schließlich ernennen die Syphogranten in ihrer Gesamtheit, zweihundert +an der Zahl, auch den Bürgermeister. Nachdem sie sich eidlich +verpflichtet haben, den nach ihrer Ansicht Tüchtigsten zu wählen, +ernennen sie auf Grund geheimer Abstimmung einen der vier Bürger, die +ihnen das Volk namhaft macht, zum Bürgermeister; jedes Stadtviertel +wählt nämlich einen und schlägt ihn dem Senat vor. Das Amt wird auf +Lebenszeit verliehen, wenn dem nicht der Verdacht entgegensteht, es +gelüste den Inhaber nach Alleinherrschaft. Die Traniboren wählt man +jährlich, doch wechselt man mit ihnen nicht ohne triftige Gründe. Die +übrigen Beamten werden alle auf ein Jahr gewählt. Alle drei Tage, im +Bedarfsfalle bisweilen auch öfter, kommen die Traniboren mit dem +Bürgermeister zu einer Beratung zusammen, besprechen Stadtangelegenheiten +und entscheiden rasch etwa vorliegende Privatstreitigkeiten, die +übrigens ganz selten sind. Zu den Senatssitzungen werden regelmäßig zwei +Syphogranten hinzugezogen, die jeden Tag wechseln; dabei ist vorgesehen, +daß keine städtische Angelegenheit entschieden wird, über die nicht drei +Tage vor der Beschlußfassung im Senat verhandelt worden ist. Außerhalb +des Senats oder der Volksversammlungen über allgemeine Angelegenheiten +zu beraten, ist bei Todesstrafe verboten. Diese Bestimmung soll eine +tyrannische Unterdrückung des Volkes und eine Änderung der Verfassung +durch eine Verschwörung des Bürgermeisters und der Traniboren +erschweren. Und eben deshalb wird auch jede wichtige Angelegenheit vor +die Versammlungen der Syphogranten gebracht; diese besprechen sie mit +den Familien, beraten dann unter sich und teilen ihre Entscheidung dem +Senat mit. Zuweilen kommt die Sache vor den Rat der ganzen Insel. Auch +ist es eine Gewohnheit des Senats, über einen Antrag nicht gleich an dem +Tage zu beraten, an dem er zum ersten Male eingebracht wird, sondern die +Verhandlung auf die nächste Sitzung zu verschieben. Es soll nämlich +niemand unbedachtsam mit dem herausplatzen, was ihm zuerst auf die Zunge +kommt, und dann mehr auf die Verteidigung seiner Ansicht als auf das +Interesse der Stadt bedacht sein. Auch soll niemand das Gemeinwohl der +Erhaltung der guten Meinung von seiner Person opfern, in einer Art +sinnloser und verkehrter Scham, weil er sich nicht merken lassen will, +daß er es im Anfang an der nötigen Voraussicht hat fehlen lassen, +während er doch von vornherein darauf hätte bedacht sein müssen, lieber +überlegt als rasch zu sprechen. + + +Die Handwerke + +_Ein_ Gewerbe betreiben alle, Männer und Frauen ohne Unterschied: den +Ackerbau, und auf ihn versteht sich jedermann. Von Jugend auf werden sie +darin unterwiesen, zum Teil durch Unterricht in den Schulen, zum Teil +auch auf den Feldern in der Nähe der Stadt, wohin man sie wie zu einem +Spiele führt. Hier sehen sie der Arbeit nicht bloß zu, sondern üben sie +auch aus und stärken bei dieser Gelegenheit zugleich ihre Körperkräfte. + +Neben der Landwirtschaft, die, wie gesagt, alle betreiben, erlernt jeder +noch irgendein Handwerk als seinen besonderen Beruf. Das ist in der +Regel entweder die Tuchmacherei oder die Leineweberei oder das Maurer- +oder das Zimmermanns- oder das Schmiedehandwerk. In keinem anderen +Berufe nämlich ist dort eine nennenswerte Anzahl Menschen beschäftigt. +Denn der Schnitt der Kleidung ist, abgesehen davon, daß sich die +Geschlechter sowie die Ledigen und die Verheirateten in der Tracht +voneinander unterscheiden, auf der ganzen Insel einheitlich und stets +der gleiche in jedem Lebensalter, wohlgefällig fürs Auge, bequem für die +Körperbewegung und vor allem für Kälte und Hitze berechnet. Diese +Kleidung fertigt sich jede Familie selber an. Von den obenerwähnten +anderen Gewerben aber erlernt jeder eins, und zwar nicht nur die Männer, +sondern auch die Frauen. Letztere jedoch, als die körperlich +Schwächeren, üben nur die leichteren Gewerbe aus; in der Regel +verarbeiten sie Wolle und Flachs; den Männern weist man die übrigen, +mühsameren Beschäftigungen zu. Meistenteils erlernt jeder das väterliche +Handwerk; denn dazu neigen die meisten von Natur. Hat aber jemand zu +einem anderen Berufe Neigung, so nimmt ihn durch Adoption eine Familie +auf, die dasjenige Gewerbe betreibt, zu dem er Lust hat. Dabei sorgen +nicht nur sein Vater, sondern auch die Behörden dafür, daß er zu einem +würdigen und ehrbaren Familienvater kommt. Ja, wenn jemand _ein_ +Handwerk gründlich erlernt hat und noch ein anderes dazu erlernen will, +so ist ihm das auf demselben Wege möglich. Versteht er dann beide, so +übt er aus, welches er will, es sei denn, daß die Stadt eins von beiden +nötiger braucht. + +Die besondere und beinahe einzige Aufgabe der Syphogranten ist es, sich +angelegentlich darum zu kümmern, daß niemand untätig herumsitzt, sondern +daß jeder sein Gewerbe mit Fleiß betreibt, ohne sich jedoch, gleich +einem Lasttiere, in ununterbrochener Arbeit vom frühesten Morgen an bis +in die tiefe Nacht abzumühen; denn das wäre eine mehr als sklavische +Plackerei. Und doch ist das fast überall das Los der Arbeiter, außer bei +den Utopiern. Diese teilen nämlich den Tag mitsamt der Nacht in +vierundzwanzig gleiche Stunden ein und kennen eine Arbeitszeit von nur +sechs Stunden. Drei Stunden arbeiten sie am Vormittag; danach essen sie +zu Mittag und halten eine Rast von zwei Stunden. Dann arbeiten sie +wieder drei Stunden und beschließen den Tag mit dem Abendessen. Da sie +die erste Stunde von Mittag an rechnen, gehen sie gegen acht Uhr zu +Bett; acht Stunden brauchen sie zum Schlafen. + +Über all die Zeit zwischen den Stunden der Arbeit, des Schlafes und des +Essens darf ein jeder nach seinem Belieben verfügen, nicht etwa um sie +durch Schwelgerei und Trägheit schlecht auszunützen, sondern um die +arbeitsfreie Zeit nach Herzenslust auf irgendeine andere Beschäftigung +nutzbringend zu verwenden. Die meisten treiben in diesen Pausen +literarische Studien. Es herrscht nämlich der Brauch, täglich in den +frühen Morgenstunden öffentliche Vorlesungen zu halten; zu ihrem Besuche +sind diejenigen verpflichtet, die zu wissenschaftlicher Arbeit +namentlich ausgewählt sind. Aus jedem Stande aber strömt eine gewaltige +Menge Hörer, Männer wie Frauen, zu den Vorlesungen, die einen zu diesen, +die anderen zu jenen, je nach ihren persönlichen Neigungen. Wenn jedoch +einer auch diese Zeit lieber auf seine berufliche Tätigkeit verwenden +will, was bei vielen der Fall ist, deren Geist sich nicht zur Höhe +wissenschaftlicher Betrachtung erhebt, so hindert man ihn nicht daran; +er erntet vielmehr sogar noch Lob, weil er sich dem Staate nützlich +macht. + +Nach dem Abendessen verbringen die Utopier noch eine Stunde mit Spielen, +während des Sommers in ihren Gärten, während des Winters aber in jenen +Sälen, in denen sie gemeinsam essen. Entweder treiben sie dort Musik, +oder sie erholen sich in der Unterhaltung. Das Würfeln und andere solche +ungehörige und verderbliche Spiele sind ihnen nicht einmal bekannt; +üblich jedoch sind bei ihnen zwei dem Schach nicht unähnliche Spiele. +Das eine ist der Zahlenkampf, bei dem die Zahlen einander stechen; bei +dem anderen kämpfen, in Schlachtreihe aufgestellt, die Tugenden mit den +Lastern. In diesem Spiele zeigt sich sehr hübsch der Streit der Laster +untereinander und ihre einmütige Verbundenheit gegen die Tugenden, +ebenso welche Laster und Tugenden einander entgegengesetzt sind, mit +welchen Kräften ferner die Laster offen gegen die Tugenden kämpfen und +mit welchen Ränken und Listen sie versteckt angreifen, mit welchen +Hilfsmitteln anderseits die Tugenden die Kräfte des Lasters brechen, mit +welchen Künsten sie ihre Versuchungen vereiteln und auf welche Weise +endlich die eine oder die andere Partei den Sieg davonträgt. + +Um aber einer irrtümlichen Auffassung eurerseits vorzubeugen, müssen wir +an dieser Stelle einen Punkt genauer betrachten. Wenn die Utopier +nämlich nur sechs Stunden arbeiten, könnte man vielleicht meinen, es +müsse das einen Mangel an den notwendigen Gütern zur Folge haben. Aber +gerade das Gegenteil ist der Fall. Diese Arbeitszeit genügt nicht nur, +sondern wird nicht einmal ganz gebraucht zur Produktion eines Vorrats an +allem, was zu den Bedürfnissen oder Annehmlichkeiten des Lebens gehört. +Das werdet auch ihr einsehen, wenn ihr euch überlegt, ein wie großer +Teil des Volkes in anderen Ländern untätig dahinlebt: erstens fast alle +Frauen, also die Hälfte der Gesamtheit, oder wenn irgendwo die Frauen +arbeiten, schnarchen dort meistens an ihrer Stelle die Männer; außerdem +dann die Priester und die sogenannten frommen Männer, was für eine +große und faule Schar ist das! Nimm noch all die Reichen und besonders +die Grundbesitzer dazu, die man allgemein als Standespersonen und +Edelleute bezeichnet! Zu ihnen rechne noch ihre Dienerschaft, jenen +ganzen zusammengespülten Haufen von Raufbolden und Windbeuteln! Vergiß +schließlich auch die kräftigen und gesunden Bettler nicht, die ihren +Müßiggang mit irgendeinem Gebrechen bemänteln, und die Zahl der Leute, +die durch ihre Tätigkeit für die gesamten Bedürfnisse der Sterblichen +sorgen, wirst du dann viel geringer finden, als du angenommen hast. Und +nun überlege dir, wie wenige von diesen selbst mit wirklich notwendigen +Arbeiten beschäftigt sind! Da nämlich bei uns das Geld der Maßstab für +alles ist, müssen wir viele völlig unnütze und überflüssige Gewerbe +betreiben, die bloß der Verschwendung und der Genußsucht dienen. Würde +man nämlich diese ganze Masse, die jetzt im Arbeitsprozeß steht, nur auf +die so wenigen Gewerbe verteilen, die ein angemessener natürlicher +Bedarf erfordert, so würde ein großer Überfluß an Waren entstehen, und +die Preise würden notwendigerweise zu tief sinken, als daß die +Handwerker ihren Lebensunterhalt davon bestreiten könnten. Aber wenn +alle die, die jetzt ihre Kräfte in nutzloser Tätigkeit verzetteln, und +wenn noch dazu der ganze Schwarm derer, die jetzt in Nichtstun und +Trägheit erschlaffen und von denen jeder einzelne so viel von den +Produkten verbraucht, die die Arbeitskraft anderer liefert, wie zwei der +Arbeiter, wenn man also alle diese zu Arbeiten, und zwar zu nützlichen, +verwendete, so würde, wie leicht einzusehen ist, ungemein wenig Zeit +mehr als reichlich genügen, um alles zu beschaffen, was zum Leben +notwendig oder nützlich ist; du kannst auch noch hinzusetzen, zum +Vergnügen, soweit es echt und natürlich ist. Und das bestätigen in +Utopien die Tatsachen selber. Denn dort sind in einer ganzen Stadt +einschließlich ihrer nächsten Umgebung aus der Gesamtzahl der nach Alter +und Kräften zur Arbeit tauglichen Männer und Frauen kaum fünfhundert von +ihr befreit. Unter ihnen sind die Syphogranten zwar nach dem Gesetz zur +Arbeit nicht verpflichtet, sie machen aber von dieser Bestimmung keinen +Gebrauch, um die anderen durch ihr Beispiel um so leichter zur Arbeit +anzuspornen. Dieselbe Vergünstigung genießen diejenigen, denen das Volk +auf Vorschlag der Priester und auf Grund geheimer Abstimmung der +Syphogranten dauernde Arbeitsbefreiung zur Durchführung ihrer Studien +bewilligt. Erfüllt einer von ihnen die auf ihn gesetzte Hoffnung nicht, +so stößt man ihn wieder unter die Handarbeiter zurück. Nicht selten +tritt aber auch das Gegenteil ein, daß nämlich ein Handwerker jene +freien Stunden so eifrig auf das Studium verwendet und durch seinen +Fleiß so große Fortschritte macht, daß man ihn von der Handarbeit +befreit und in die Klasse der Gebildeten aufrücken läßt. Aus deren +Stande nimmt man die Gesandten, Priester, Traniboren und schließlich den +Bürgermeister selber, den die Utopier in ihrer alten Sprache Barzanes +und in ihrer jüngeren Ademus nennen. Da nun fast die ganze übrige Masse +des Volkes weder untätig noch mit unnützen Gewerben beschäftigt ist, +kann man leicht ermessen, in wie wenigen Stunden viel nützliche Arbeit +geleistet wird. + +Zu dem von mir Erwähnten kommt für die Utopier noch die Erleichterung +hinzu, daß bei ihnen die meisten unentbehrlichen Gewerbe weniger Arbeit +als bei anderen Völkern erfordern. Erstens nämlich ist bei diesen zum +Bau oder zur Ausbesserung von Gebäuden deshalb so vieler Hände Arbeit +dauernd notwendig, weil der zu wenig wirtschaftliche Erbe das Haus, das +sein Vater erbaut bat, allmählich verfallen läßt. Was er mit ganz +geringen Kosten hätte erhalten können, muß sein Nachfolger mit großen +Kosten erneuern. Ja, häufig sagt auch ein Haus, das dem einen ungeheuer +viel Geld gekostet hat, dem verwöhnten Geschmack des anderen nicht zu. +Da sich dieser nicht darum kümmert, verfällt es in kurzer Zeit, und sein +Besitzer baut sich an anderer Stelle ein neues Haus für nicht weniger +Geld. Aber bei den Utopiern kommt es, dank der allgemeinen Ordnung und +dank ihrer Verfassung, nur ganz selten vor, daß man einen neuen Platz +für den Bau eines Hauses sucht. Und sie beheben nicht nur rasch die +vorhandenen Schäden, sondern beugen auch drohenden vor. Infolgedessen +bleiben ihre Gebäude bei ganz geringem Aufwand an Arbeit überaus lange +erhalten, und die Bauhandwerker haben bisweilen kaum etwas zu tun, außer +daß sie angewiesen werden, daheim Bauholz zu bearbeiten und bisweilen +Steine quadratisch zu behauen und fertigzumachen, damit gegebenenfalls +ein Haus schneller hochkommt. + +Beachte ferner, wie wenig Arbeit zur Anfertigung der Kleidung der +Utopier erforderlich ist! Zunächst tragen sie bei der Arbeit einfach +Leder oder Felle, die bis zu sieben Jahren halten. Beim Ausgehen ziehen +sie einen mantelähnlichem Rock über, der jene gröberen Unterkleider +verdeckt. Diese Röcke haben auf der ganzen Insel die gleiche Farbe, und +zwar die Naturfarbe des Stoffes. Die Utopier verbrauchen also nicht bloß +viel weniger wollenes Tuch, als das anderswo der Fall ist, sondern der +Stoff kostet ihnen auch viel weniger. Aber noch weniger Arbeit macht die +Herstellung von Leinwand, und deshalb trägt man sie auch noch mehr. Beim +Leinen sieht man nur auf Weiße, bei der Wolle nur auf Sauberkeit; +feinere Webart wird gar nicht bezahlt. Und während sonst nirgends +_einer_ Person vier oder fünf wollene Oberkleider von verschiedener +Farbe und ebenso viele Untersachen aus Seide genügen -- etwas +eleganteren Leuten nicht einmal zehn --, begnügt sich hier in Utopien +ein jeder mit nur einem Anzug, und zwar zumeist für zwei Jahre. Warum +sollte sich dort jemand auch mehr Kleidung wünschen? Wenn er sie nämlich +bekäme, wäre er weder besser vor der Kälte geschützt, noch würde er in +seiner Kleidung auch nur um ein Haar hübscher aussehen. + +Da die Utopier also alle in nützlichen Gewerben beschäftigt sind und +diese selbst auch eine geringere Arbeitszeit erfordern, braucht man sich +nicht zu wundern, daß bisweilen alle Erzeugnisse im Überfluß vorhanden +sind. Dann führt man eine ungeheure Menge Arbeiter zur Ausbesserung +öffentlicher Straßen, die schadhaft geworden sind, aus der Stadt hinaus; +sehr oft setzt man aber auch, wenn sich keinerlei Arbeit der Art nötig +macht, die Arbeitszeit von Staats wegen herab. Die Behörden zwingen +nämlich die Bürger nicht zu unnötiger Arbeit; denn die Einrichtung +dieses Staates hat das eine Hauptziel im Auge, soweit es die dringenden +Bedürfnisse des Staates erlauben, den Sklavendienst des Körpers nach +Möglichkeit einzuschränken, damit die dadurch gewonnene Zeit auf die +freie Ausbildung des Geistes verwendet werden kann. Darin liegt nämlich +nach ihrer Ansicht das Glück das Lebens. + + +Der Verkehr der Utopier miteinander + +Doch glaube ich nunmehr darlegen zu müssen, auf welche Weise die Bürger +miteinander verkehren, welche inneren wirtschaftlichen Beziehungen +bestehen und wie die Verteilung der Güter vor sich geht. + +Die Bürgerschaft besteht also aus Familien, die zumeist aus Verwandten +zusammengesetzt sind. Denn sobald die Frauen körperlich reif sind, +werden sie verheiratet und ziehen dann in die Wohnungen ihrer Männer. +Dagegen verbleiben die Söhne und deren männliche Nachkommen in ihren +Familien und unterstehen der Gewalt des Familienältesten, soweit dieser +nicht infolge seines Alters kindisch geworden ist; dann tritt der +Nächstälteste an seine Stelle. Um aber eine zu starke Abnahme oder eine +übermäßig große Zunahme der Bevölkerung zu verhindern, darf keine +Familie, deren es in jeder Stadt -- die in dem zugehörigen Landbezirk +nicht mitgerechnet -- 6000 gibt, weniger als zehn und mehr als sechzehn +Erwachsene haben; die Zahl der Kinder kann man ja nicht im voraus +festsetzen. Diese Bestimmung läßt sich mit Leichtigkeit +aufrechterhalten, indem man die überzähligen Mitglieder der übergroßen +Familien in zu kleine versetzt. + +Sollte aber einmal eine ganze Stadt mehr Einwohner haben, als sie haben +darf, so füllt man mit dem Überschuß die Einwohnerzahl geringer +bevölkerter Städte des Landes auf. Wenn aber etwa die Menschenmasse der +ganzen Insel mehr als billig anschwellen sollte, so bestimmt man aus +jeder Stadt ohne Ausnahme Bürger, die auf dem nächstgelegenen Festlande +überall da, wo viel überflüssiges Ackerland der Eingeborenen brachliegt, +eine Kolonie nach ihren heimischen Gesetzen einrichten unter +Hinzuziehung der Einwohner des Landes, falls sie mit ihnen zusammenleben +wollen. Mit diesen zu gleicher Lebensweise und zu gleichen Sitten +vereint, verwachsen sie dann leicht miteinander, und das ist für beide +Völker von Vorteil. Sie erreichen es nämlich durch ihre Einrichtungen, +daß ein Land, das vorher dem einen Volke zu klein und unergiebig +erschien, jetzt für beide Völker mehr als genug hervorbringt. Diejenigen +Eingeborenen aber, die es ablehnen, nach den Gesetzen der Kolonisten zu +leben, vertreiben diese aus dem Gebiet, das sie selber für sich in +Anspruch nehmen, und gegen die, die Widerstand leisten, greifen sie zu +den Waffen. Denn das ist nach Ansicht der Utopier der gerechteste +Kriegsgrund, wenn irgendein Volk die Nutznießung und den Besitz eines +Stückes Land, das es selbst nicht nutzt, sondern gleichsam zwecklos und +unbebaut in Besitz hat, anderen untersagt, denen es nach dem Willen der +Natur ihren Lebensunterhalt liefern soll. Wenn aber einmal infolge eines +Unglücksfalles die Einwohnerzahl einiger ihrer Städte so sehr sinken +sollte, daß sie aus anderen Teilen der Insel unter Wahrung der Größe +einer jeden Stadt nicht wieder ergänzt werden kann -- wie es heißt, ist +das seit Menschengedenken nur zweimal infolge einer heftig wütenden +Seuche der Fall gewesen --, so läßt man die Bürger aus der Kolonie +zurückkommen und füllt mit ihnen die Einwohnerzahl der Städte wieder +auf. Die Utopier sehen es nämlich lieber, daß ihre Kolonien eingehen, +als daß die Einwohnerzahl einer der Städte ihrer Insel zurückgeht. + +Doch ich komme auf das Zusammenleben der Bürger zurück. Der Älteste ist, +wie gesagt, das Oberhaupt der Familie. Die Frauen dienen ihren Männern, +die Kinder ihren Eltern und so überhaupt die Jüngeren den Älteren. + +Jede Stadt zerfällt in vier gleiche Teile. In der Mitte eines jeden +befindet sich ein Markt für alle Arten von Waren. Dorthin schafft man +die Arbeitserzeugnisse einer jeden Familie in bestimmte Häuser, und die +einzelnen Warengattungen sind gesondert auf Speicher verteilt. Jeder +Familienvater verlangt dort, was er selbst und die Seinen brauchen, und +nimmt alles, was er haben will, mit, und zwar ohne Bezahlung und +überhaupt ohne jede Gegenleistung. Warum sollte man ihm nämlich auch +etwas verweigern? Alles ist ja im Überfluß vorhanden, und man braucht +nicht zu befürchten, daß jemand die Absicht hat, mehr zu verlangen, als +er braucht. Denn warum sollte man annehmen, es werde jemand über seinen +Bedarf hinaus fordern, wenn er sicher ist, daß es ihm niemals an etwas +fehlen wird? Werden doch bei jedem Lebewesen Habsucht und Raubgier durch +die Furcht vor Mangel hervorgerufen und beim Menschen allein außerdem +noch durch Stolz, da er es sich zum Ruhme anrechnet, durch ein Prahlen +mit überflüssigen Dingen die anderen zu übertreffen; für diese Art +Fehler ist in den Einrichtungen der Utopier überhaupt kein Platz. + +Mit den erwähnten Märkten sind andere für Lebensmittel verbunden; auf +diese bringt man außer Gemüse, Obst und Brot auch Fische und Fleisch. +Die Tiere sind außerhalb der Stadt auf geeigneten Plätzen, wo man Blut +und Schmutz in fließendem Wasser abwaschen kann, von Sklaven getötet und +gereinigt worden. Die Bürger sollen sich nämlich nicht an das Schlachten +von Tieren gewöhnen, weil man der Ansicht ist, die Gewöhnung an diese +Tätigkeit ertöte allmählich das Mitleid, den edelsten Zug unseres +Wesens. Auch soll nichts Schmutziges und Unreines in die Stadt gebracht +werden, dessen Fäulnis die Luft verpesten und eine Krankheit +einschleppen könnte. + +Außerdem stehen in jeder Straße, gleichweit voneinander entfernt, einige +geräumige Hallen, von denen jede ihren eigenen Namen hat. Hier wohnen +die Syphogranten, und jeder dieser Hallen sind dreißig Familien +zugeteilt, auf jeder Seite fünfzehn, die dort ihre Mahlzeiten +einzunehmen haben. Die Kücheneinkäufer einer jeden Halle finden sich zu +einer bestimmten Stunde auf dem Markte ein, melden die Zahl der Esser +und fordern die Lebensmittel an. In erster Linie berücksichtigt man bei +dieser Verteilung die Kranken, die in den öffentlichen Krankenhäusern +gepflegt werden. Im Stadtbezirk gibt es nämlich vier, ein Stück von der +Stadt entfernt; sie sind so geräumig, daß man sie für ebenso viele +kleine Städte halten könnte. Dadurch ist es möglich, eine auch noch so +große Zahl Kranker ohne Mangel an Raum und deshalb bequem unterzubringen +sowie die an ansteckenden Krankheiten Leidenden von den anderen recht +weit zu entfernen. Diese Krankenhäuser sind so eingerichtet und mit +allem, was zur Gesundheitspflege gehört, so reichlich ausgestattet, die +Pflege ist so rücksichtsvoll und gewissenhaft, und die erfahrensten +Ärzte sind so unermüdlich tätig, daß, wenn auch niemand gegen seinen +Willen dort Aufnahme findet, doch wohl jeder in der Stadt im +Krankheitsfalle lieber im Krankenhaus als daheim liegt. + +Nachdem der Einkäufer für die Kranken die Lebensmittel nach ärztlicher +Vorschrift empfangen hat, verteilt man weiterhin das Beste gleichmäßig +auf die Hallen je nach deren Kopfzahl. Nur auf den Bürgermeister, den +Oberpriester und die Traniboren nimmt man besondere Rücksicht sowie auf +Gesandte und alle etwa anwesenden Ausländer. Doch sind letztere nur +vereinzelt und selten zu sehen; aber auch für sie stehen, wenn sie sich +im Lande aufhalten, bestimmte Wohnungen eingerichtet bereit. + +In den erwähnten Hallen findet sich die gesamte Syphograntie, durch den +Klang einer ehernen Trompete aufgefordert, zu den festgesetzten Stunden +des Mittags- und Abendessens ein, mit Ausnahme der in den Hospitälern +oder daheim liegenden Kranken. Indes darf sich jedermann, wenn der +Bedarf der Hallen gedeckt ist, Lebensmittel vom Markt mit nach Hause +geben lassen; man weiß nämlich, daß das niemand ohne Grund tun wird. +Denn wenn es auch keinem verwehrt ist, zu Hause zu essen, so tut das +doch niemand gern, da es für unanständig gilt und töricht wäre, sich +mühsam ein schlechtes Mahl zuzubereiten, während in der Halle ganz in +der Nähe ein reichliches und ausgezeichnetes Essen zu haben ist. In +einer solchen Halle verrichten Sklaven alle schmutzigeren und mühsameren +Arbeiten, dagegen besorgen das Kochen und Zubereiten der Speisen sowie +die Vorbereitung des ganzen Mahles ausschließlich die Frauen der +einzelnen Familien, und zwar abwechselnd. + +Je nach der Zahl der Esser speist man an drei oder mehr Tischen. Die +Männer haben ihre Plätze an der Wand, die Frauen dagegen an der +Außenseite der Tische. So können sie, wenn es ihnen plötzlich übel wird, +was bei Schwangeren bisweilen vorkommt, ohne Störung der Tischordnung +aufstehen und zu den stillenden Müttern gehen. Diese sitzen nämlich mit +ihren Säuglingen für sich in einem besonders zu diesem Zweck bestimmten +Speiseraum, wo es nie an Feuer und reinem Wasser fehlt; auch sind dort +Wiegen vorhanden, so daß die Mütter ihre Kleinen niederlegen oder, wenn +sie wollen, am Feuer aus den Windeln nehmen, sich frei bewegen lassen +und mit ihnen spielen können, damit sie wieder frisch und munter werden. +Jede Mutter stillt ihr Kind selber, soweit das nicht Tod oder Krankheit +unmöglich macht. Tritt dieser Fall ein, so besorgen die Frauen der +Syphogranten rasch eine Amme; und das ist bald geschehen; denn die +Frauen, die dazu imstande sind, bieten sich zu keiner Verrichtung lieber +an, da solches Mitleid allgemeines Lob findet und der Säugling später in +der Amme seine Mutter sieht. + +In der Ammenstube sitzen auch alle Kinder unter fünf Jahren; die übrigen +Unmündigen -- dazu rechnet man die noch nicht Heiratsfähigen beiderlei +Geschlechts -- bedienen entweder bei Tisch oder, soweit sie noch zu jung +dazu sind, stehen sie doch dabei, und zwar in tiefstem Schweigen. Sie +essen, was ihnen die am Tische Sitzenden reichen, und haben keine +besondere Tischzeit. Am ersten Tisch in der Mitte sitzen der Syphogrant +und seine Frau. Das ist der oberste Platz, von dem aus man die gesamte +Gesellschaft übersieht; denn dieser Tisch steht im obersten Teile des +Speisesaales quer. An den Syphogranten und seine Frau schließen sich +zwei der Ältesten an; an allen Tischen sitzt man nämlich zu viert. Falls +aber ein Tempel in der betreffenden Syphograntie liegt, sitzen der +Priester und seine Frau so mit dem Syphogranten zusammen, daß sie den +Vorsitz führen. Auf beiden Seiten folgen dann Jüngere, danach wieder +Greise; auf diese Weise sitzen im ganzen Saale die Gleichaltrigen +nebeneinander und doch auch mit anderen Altersstufen zusammen. Wie es +heißt, hat man diese Einrichtung deshalb getroffen, damit die Würde der +Alten und die Ehrfurcht vor ihnen die Jüngeren von ungehöriger +Ausgelassenheit in Rede und Benehmen abhält; denn nichts, was bei Tische +gesprochen oder getan wird, kann den Nachbarn ringsum entgehen. Die +einzelnen Gänge werden nicht vom ersten Platze aus der Reihe nach +gereicht, sondern die besten Gerichte werden immer zuerst allen Älteren +vorgesetzt, deren Plätze besonders kenntlich sind; danach bedient man +die übrigen ohne Unterschied. Jedoch geben die Greise von ihren +Leckerbissen ganz nach Belieben den Umsitzenden ab; um sie nämlich im +ganzen Saale in genügender Menge zu verteilen, sind es nicht genug. Auf +diese Weise bleibt den Älteren die ihnen zukommende Ehre gewahrt, und +trotzdem wird der Allgemeinheit die gleiche Bevorzugung zuteil. + +Zu Beginn einer jeden Mittags- und Abendmahlzeit wird ein Text +moralischen Inhalts vorgelesen, der jedoch nur kurz ist, damit man der +Sache nicht überdrüssig wird. Im Anschluß daran führen die Älteren +ehrbare Gespräche, die weder trocken noch ohne Witz sind. Indessen +halten sie nicht etwa während des ganzen Essens lange Reden; sie hören +vielmehr auch den jungen Leuten gern zu. Ja, sie veranlassen sie +absichtlich zum Reden, um von dem Charakter und Geist eines jeden einen +Begriff zu bekommen, wenn er sich in der bei einem Mahle herrschenden +Ungebundenheit offenbart. Die Mittagsmahlzeiten sind ziemlich schlicht, +die Abendmahlzeiten dagegen reichlicher; denn auf jene folgt Arbeit, auf +diese Schlaf und nächtliche Ruhe, und diese hilft nach Ansicht der +Utopier besser verdauen. Bei keinem Abendessen fehlt es an Musik, und +bei jedem Nachtisch gibt es allerlei Leckereien. Auch verbrennt man +Räucherwerk, verspritzt wohlriechendes Salböl und bietet alles auf, um +die Tischgenossen zu erheitern. Die Utopier neigen nämlich viel zu sehr +zu solcher Fröhlichkeit, um ein Vergnügen, das keinen Schaden anrichtet, +für verboten zu halten. + +Derart also ist das gesellige Leben in der Stadt; auf dem Lande dagegen, +wo man weiter auseinander wohnt, ißt jeder für sich zu Hause. Dort fehlt +es nämlich keiner Familie an irgend etwas zum Leben; denn die Leute auf +dem Lande sind es ja, die alles das liefern, wovon die Städter leben. + + +Die Reisen der Utopier + +Wer das Verlangen haben sollte, seine Freunde in einer anderen Stadt zu +besuchen oder sich auch nur den Ort selbst anzusehen, erhält von seinem +Syphogranten und Traniboren mit Leichtigkeit die Erlaubnis dazu, wenn er +irgendwie abkömmlich ist. Man schickt dann eine gewisse Anzahl Urlauber +zusammen ab und gibt ihnen ein Schreiben des Bürgermeisters mit, in dem +die Reisegenehmigung bestätigt und der Tag der Rückkehr vorgeschrieben +ist. Die Reisenden bekommen einen Wagen mit einem staatlichen Sklaven +gestellt, der das Ochsengespann führen und besorgen muß; wenn sie aber +nicht gerade Frauen bei sich haben, weisen sie den Wagen als lästig und +hinderlich zurück. Obgleich sie auf der ganzen Reise nichts mit sich +führen, fehlt es ihnen doch an nichts; sie sind ja überall zu Hause. +Sollten sie sich irgendwo länger als einen Tag aufhalten, so übt jeder +daselbst sein Gewerbe aus und wird von seinen Handwerksgenossen aufs +freundlichste behandelt. + +Wenn sich aber jemand außerhalb seines Wohnbezirks eigenmächtig +herumtreiben und ohne amtlichen Urlaubsschein aufgegriffen werden +sollte, so betrachtet man ihn als Ausreißer, bringt ihn mit Schimpf und +Schande in die Stadt zurück und züchtigt ihn streng; im +Wiederholungsfalle büßt er mit dem Verlust seiner Freiheit. Wenn aber +jemanden die Lust anwandeln sollte, auf seinen heimatlichen Fluren +spazierenzugehen, so hindert ihn niemand daran, vorausgesetzt, daß er +die Erlaubnis seines Hausvaters und die Einwilligung seiner Frau hat. +Wohin er aber auch aufs Land kommt, nirgends gibt man ihm etwas zu +essen, ehe er nicht das dort vor dem Mittags- oder Abendessen übliche +Arbeitspensum erledigt hat; unter dieser Bedingung kann er ganz nach +Belieben innerhalb des Gebietes seiner Stadt spazierengehen. Wird er +sich doch auf diese Weise der Stadt ebenso nützlich machen, als wenn er +sich in ihr selber aufhielte. + +Ihr seht schon, in Utopien gibt es nirgends eine Möglichkeit zum +Müßiggang oder einen Vorwand zur Trägheit. Keine Weinschenken, keine +Bierhäuser, nirgends ein Bordell, keine Gelegenheit zur Verführung, +keine Schlupfwinkel, keine Stätten der Liederlichkeit; jeder ist +vielmehr den Blicken der Allgemeinheit ausgesetzt, die ihn entweder zur +gewohnten Arbeit zwingt oder ihm nur ein ehrbares Vergnügen gestattet. + +Diese Lebensführung des Volkes hat notwendig einen Überfluß an jeglichem +Lebensbedarf zur Folge, und da alle gleichmäßig daran teilhaben, ist es +ganz natürlich, daß es Arme oder gar Bettler überhaupt nicht geben kann. +Im Senat von Mentiranum, wo sich, wie erwähnt, alljährlich drei +Abgeordnete aus jeder Stadt einfinden, stellt man zunächst fest, wovon +es in den einzelnen Bezirken einen Überschuß gibt und worin irgendwo der +Ertrag zu gering gewesen ist. Dann gleicht man alsbald den Mangel der +einen Bezirke durch den Überfluß der anderen aus, und zwar geschieht +das unentgeltlich, ohne daß die Geber von den Empfängern eine +Entschädigung erhalten. Dafür aber, daß eine Stadt irgendeiner anderen +aus ihren Beständen ohne Gegenforderung liefert, erhält sie auch wieder, +was sie braucht, von einer Stadt, der sie nichts gegeben hat. So bildet +die ganze Insel gleichsam eine einzige Familie. + +Nachdem aber die Utopier sich selbst zur Genüge mit Vorräten versorgt +haben, was nach ihrer Ansicht erst dann der Fall ist, wenn sie wegen der +Unsicherheit des Ertrags im darauffolgenden Jahre für einen Zeitraum von +zwei Jahren vorgesorgt haben, führen sie aus dem Überschuß eine große +Menge Getreide, Honig, Wolle, Leinen, Holz, Scharlach- und Purpurfarben, +Felle, Wachs, Seife, Leder sowie außerdem Vieh in andere Länder aus. Von +dem allen schenken sie ein Siebentel den Armen des betreffenden Landes, +den Rest aber verkaufen sie zu mäßigem Preise. Dieser Handel bringt +ihnen nicht nur diejenigen Waren ins Land, an denen es ihnen fehlt -- +das ist aber fast nichts weiter als Eisen --, sondern außerdem eine +große Menge Silber und Gold. Weil sie das schon lange so halten, haben +sie an diesen Metallen überall einen unglaublich großen Überfluß. Daher +legen sie jetzt auch nicht sonderlich viel Gewicht darauf, ob sie gegen +bar oder auf Kredit verkaufen und den bei weitem größten Teil ihrer +Forderungen als Außenstände haben. Doch lehnen sie bei der Ausstellung +von Schuldscheinen die Bürgschaft von Privatpersonen regelmäßig ab und +verlangen immer auf Grund formell ausgestellter Scheine die Bürgschaft +der Stadt. Diese zieht dann am Zahltage den Betrag von den +Privatschuldnern ein, legt ihn in die Stadtkasse und hat bis zu seiner +Anforderung durch die Utopier den Zinsgenuß. Diese verlangen aber +niemals den größten Teil zurück; nach ihrer Ansicht ist es nämlich eine +Ungerechtigkeit, anderen etwas wegzunehmen, was für sie von Nutzen ist, +ihnen selbst aber keinen Nutzen bringt. Wenn sie dagegen +erforderlichenfalls einen Teil des betreffenden Geldes einem anderen +Volke leihen wollen, so verlangen sie es dann erst zurück oder auch, +wenn sie selbst Krieg führen müssen. Für diesen einen Zweck nämlich +heben sie jenen gesamten Schatz, den sie im Lande haben, auf, um an ihm +in äußerster oder plötzlicher Gefahr einen Rückhalt zu haben, vor allem +aber, um damit für unmäßig hohen Sold ausländische Soldaten anzuwerben; +denn diese setzen sie lieber der Gefahr aus als ihre eigenen Bürger. +Außerdem wissen sie, daß in der Regel die Feinde selber mit viel Geld +sich kaufen und gegeneinander hetzen lassen, sei es durch Verrat oder +auch durch Entzweiung. Aus diesem Grunde sorgen die Utopier für einen +Staatsschatz von unermeßlichem Werte. Er ist aber in ihren Augen kein +eigentlicher Schatz; sie halten es damit vielmehr so, daß ich mich in +der Tat schäme, es zu erzählen, weil ich fürchten muß, man wird meinen +Worten nicht glauben. Und meine Befürchtung ist um so berechtigter, je +mehr ich mir bewußt bin, wie schwer man mich selbst dazu hätte bringen +können, es einem anderen zu glauben, wenn ich es nicht persönlich erlebt +hätte. Es kann ja gar nicht anders sein, als daß etwas um so weniger +Glauben findet, je mehr es von den Bräuchen der Zuhörer abweicht. Da +freilich auch die übrigen Einrichtungen der Utopier so wesentlich +anders als die unsrigen sind, wird sich ein kluger Beurteiler der Dinge +vielleicht weniger wundern, wenn sie auch Gold und Silber auf eine Weise +benutzen, die mehr ihrem eigenen als unserem Brauche entspricht. Da die +Utopier nämlich selber kein Geld verwenden, sondern es nur für einen +Fall aufsparen, der ebensogut eintreten wie nicht eintreten kann, so +schätzt niemand von ihnen Gold und Silber, woraus das Geld gemacht wird, +höher, als es ihrem natürlichen Werte angemessen ist. Wer sieht da +nicht, wie weit dort Gold und Silber unter dem Eisen stehen! Und in der +Tat ist Eisen für die Menschheit ebenso lebensnotwendig wie Wasser und +Feuer, während weder Gold noch Silber von Natur einen Vorzug besitzt, +den wir nicht mit Leichtigkeit entbehren könnten; nur halten es die +Menschen in ihrer Torheit wegen seines seltenen Vorkommens für so +besonders wertvoll. Und dabei hat doch im Gegenteil die Natur, wie eine +überaus gütige Mutter, uns gerade ihre besten Gaben offen und frei vor +Augen gestellt, wie die Luft, das Wasser und die Erde selbst, das +Nichtige und Unnütze dagegen sehr weit entrückt. Würde nun Gold und +Silber bei den Utopiern in irgendeinem Turme versteckt, so könnte der +törichte Argwohn der großen Masse den Bürgermeister und den Senat +verdächtigen, sie wollten das Volk auf hinterlistige Weise betrügen, um +selber irgendwelchen Vorteil daraus zu ziehen. Wenn sie ferner Schalen +und andere derartige Schmiedearbeiten aus Gold und Silber herstellen +ließen, so könnte einmal der Fall eintreten, daß man sie wieder +einschmelzen und zur Soldzahlung an die Truppen verwenden müßte, und +natürlich würden dann die Besitzer der Gegenstände, das sehen sie ein, +sich nur ungern wieder entreißen lassen, woran sie allmählich Freude +gefunden haben. Um es zu alledem nicht kommen zu lassen, haben sich die +Utopier ein Mittel ausgedacht, das mit ihren übrigen Einrichtungen +ebenso übereinstimmt, wie es von den unsrigen stark abweicht, da ja bei +uns Gold so hoch geschätzt und so sorgfältig aufbewahrt wird, und das +deshalb nur denen, die es aus Erfahrung kennen, glaubhaft erscheint. +Während sie nämlich zum Essen und Trinken nur Gefäße aus Ton und Glas +benutzen, die zwar sehr hübsch aussehen, aber trotzdem billig sind, +fertigen sie aus Gold und Silber nicht bloß für die Gemeinschaftshallen, +sondern auch für die Privathäuser allenthalben Nachtgeschirre und +sonstige zu ganz gewöhnlichem Gebrauch bestimmte Gefäße an. Außerdem +stellen sie aus denselben Metallen Ketten und starke Fußfesseln zur +Bestrafung der Sklaven her, und schließlich hängen von den Ohren derer, +die durch irgendein Verbrechen ihre Ehre verloren haben, goldene Ringe +herab; man steckt ihnen goldene Ringe an die Finger, hängt ihnen eine +goldene Halskette um und legt einen goldenen Reif um ihren Kopf. So +sorgen die Utopier mit allen Mitteln dafür, daß Gold und Silber bei +ihnen in Verruf kommt, und so erklärt es sich auch, daß in Utopien bei +einer sich etwa nötig machenden Ablieferung alles Goldes und Silbers, +dessen gewaltsame Wegnahme den anderen Völkern fast ebensolche Schmerzen +bereitet, als wenn man ihnen die Eingeweide auseinanderrisse, niemand +glauben würde, auch nur einen Heller einzubüßen. + +Außerdem sammeln die Utopier an den Küsten Perlen, in gewissen Felsen +sogar Diamanten und Karfunkel. Doch suchen sie nicht danach, sondern +nur, was sie zufällig finden, schleifen sie. Damit putzen sie ihre +kleinen Kinder. In ihren ersten Lebensjahren prahlen diese gern mit +solchem Schmuck und sind stolz darauf; sobald sie aber ein wenig älter +werden und merken, daß sich nur Kinder mit derartigem Tand abgeben, +legen sie diesen Schmuck ab, und zwar ohne besondere Ermahnung von +seiten ihrer Eltern, sondern einfach, weil sie sich seiner schämen, +genau so wie bei uns die Kinder, wenn sie erst größer werden, von ihren +Nüssen, Knöpfen und Puppen nichts mehr wissen wollen. + +Wie stark aber diese Lebensgewohnheiten der Utopier, die von denen der +übrigen Völker so sehr abweichen, ihr ganzes Empfinden verändern, ist +mir niemals so klar zum Bewußtsein gekommen wie bei einer Gesandtschaft +der Anemolier. Diese kam nach Amaurotum, als ich gerade dort war, und da +wichtige Fragen zur Verhandlung standen, waren schon vor ihr jene früher +erwähnten drei Abgeordneten aus jeder Stadt eingetroffen. Nun waren +allen Gesandten der Nachbarvölker, die schon früher dorthin gekommen +waren, die Sitten der Utopier bekannt. Sie wußten, daß prunkvolle +Kleidung dort durchaus nicht angesehen war, daß man Seide geradezu +verachtete und daß Goldschmuck sogar in üblen Ruf brachte. Deshalb +hatten sie sich daran gewöhnt, in möglichst bescheidener Kleidung zu +erscheinen. Die Anemolier aber wohnten weiter entfernt von den Utopiern +und hatten deshalb weniger Verkehr mit ihnen unterhalten. Als sie nun +hörten, die Utopier trügen alle die gleiche grobe Tracht, waren sie +überzeugt, sie trieben deshalb keinen Aufwand, weil es ihnen an den +nötigen Mitteln dazu fehle, und beschlossen daher, mehr eitel als klug, +prächtig wie Götter herausgeputzt aufzutreten und die Augen der +armseligen Utopier durch den Glanz ihrer prunkvollen Kleidung zu +blenden. So zogen denn die drei Gesandten an der Spitze eines Gefolges +von dreihundert Mann in die Stadt ein, alle in bunter, die meisten in +seidener Kleidung, die Gesandten selbst -- sie gehörten nämlich daheim +zum Adel -- in golddurchwirkten Gewändern, mit großen Halsketten und +Ohrringen aus Gold, an den Fingern goldene Ringe, die Filzkappen mit +Bändern geschmückt, die von Perlen und Edelsteinen funkelten, kurz, mit +all den Dingen geputzt, die bei den Utopiern Strafen für Sklaven oder +Schandmale Ehrloser oder Spielzeug kleiner Kinder sind. Und so lohnte es +sich der Mühe zu sehen, wie den Anemoliern der Kamm schwoll, als sie +ihren Prunk mit der Kleidung der Utopier verglichen; die Bevölkerung war +nämlich in Menge auf die Straßen geströmt. Anderseits aber machte es +nicht weniger Spaß zu beobachten, wie gründlich sie sich in ihrer +Hoffnung und Erwartung getäuscht sahen und wie wenig sie den Eindruck +machten, mit dem sie gerechnet hatten. Denn in den Augen aller Utopier, +nur einige ganz wenige ausgenommen, die bei irgendeiner passenden +Gelegenheit ins Ausland gekommen waren, war jener ganze glänzende +Aufwand eine Schmach. Sie grüßten gerade die Niedrigsten an Stelle ihrer +Herren mit Ehrerbietung, die Gesandten selbst aber hielten sie wegen +ihrer goldenen Ketten für Sklaven und ließen sie vorübergehen, ohne +ihnen überhaupt eine Ehrenbezeigung zu erweisen. Ja, auch die Knaben +hättest du sehen sollen, die ihre Edelsteine und Perlen schon längst +weggeworfen hatten. Beim Anblick der Edelsteine an den Filzkappen der +Gesandten riefen und stießen sie ihre Mütter an und sagten: »Sieh doch, +Mutter, was für ein großer Schelm da noch die Perlen und Edelsteinchen +trägt, als wenn er ein kleines Kind wäre!« Und die Mutter erwiderte +gleichfalls ganz ernsthaft: »Sei still, mein Junge! Das wird einer von +den Narren der Gesandten sein.« Andere wieder bemängelten die goldenen +Ketten: sie seien zu nichts zu brauchen, weil sie so dünn seien, daß der +Sklave sie mit Leichtigkeit zerbrechen könne; anderseits wieder seien +sie so locker, daß er sie, wenn er Lust habe, abschütteln und +ungehindert und frei ausreißen könne, wohin er wolle. + +Die Gesandten hatten sich erst ein paar Tage in Amaurotum aufgehalten +und schon eine Unmenge Gold in niedrigster Verwendung gesehen; auch +hatten sie gemerkt, daß das Gold hier ebenso gering wie bei ihnen daheim +hochgeschätzt wurde; außerdem sahen sie in den Ketten und Fußfesseln +eines einzigen Sklaven, der flüchtig geworden war, mehr Gold und Silber +zusammen verarbeitet, als die gesamte Ausstattung der drei Gesandten +wert war. Da ließen sie die Flügel hängen und legten beschämt jenen +ganzen Aufputz ab, mit dem sie sich in so anmaßender Weise gebrüstet +hatten, vor allem aber, nachdem sie durch vertrautere Unterhaltung mit +den Utopiern ihre Sitten und Anschauungen kennengelernt hatten. Sind +doch diese ganz verwundert darüber, wie einem Menschen das unsichere +Gefunkel eines dürftigen Juwels oder Edelsteinchens überhaupt Freude +machen kann, während er irgendeinen Stern und schließlich die Sonne +selbst anschauen darf, und wie jemand so albern sein kann, daß er sich +selber wegen eines Gewebes aus feinerer Wolle vornehmer dünkt, wenn +diese Wolle selbst, mag der Faden auch noch so fein sein, früher einmal +auf dem Rücken eines Schafes gesessen hat und inzwischen doch auch +nichts anderes als Wolle gewesen ist. Ebenso wundern sich die Utopier +darüber, daß das Gold, das seiner Natur nach so unnütz ist, jetzt +überall in der Welt so hoch geschätzt wird, daß der Mensch selbst, durch +den und vor allem zu dessen Nutzen es diesen Wert erlangt hat, viel +weniger gilt als das Gold selber, und zwar so viel weniger, daß +irgendein Dämlack, geistlos wie ein Holzklotz und ebenso schlecht wie +dumm, trotzdem eine Menge kluger und braver Diener hat, allein deshalb, +weil er zufällig einen großen Haufen Goldstücke sein eigen nennt. Wenn +nun irgendeine Fügung des Geschicks oder ein Trick der Gesetze, der, +ebenso wie das Schicksal, das Unterste zu oberst kehrt, dieses Gold dem +Herrn des Hauses nimmt und es dem allerschlimmsten Taugenichts seines +Gesindes zukommen läßt, so würde jener ohne Zweifel bald darauf wie ein +Anhängsel und eine Zugabe seiner Münzen unter die Dienerschaft seines +ehemaligen Dieners geraten. Und noch mehr ist man erstaunt, ja geradezu +empört über das unsinnige Gebaren der Leute, die jene Reichen, denen sie +nichts schuldig und denen sie nicht verpflichtet sind, aus keinem +anderen Grunde, als weil sie reich sind, wie Götter anbeten, und zwar +auch dann, wenn sie ihren schmutzigen Geiz zu genau kennen, um nicht mit +tödlicher Sicherheit zu wissen, daß sie bei deren Lebzeiten von dem +großen Geldhaufen auch nicht einen roten Heller bekommen. + +Diese und andere derartige Ansichten der Utopier sind das Ergebnis teils +ihrer Erziehung in einem Staate, dessen Einrichtungen von den Torheiten +der geschilderten Art weit entfernt sind, teils ihrer Beschäftigung mit +Wissenschaft und Literatur. Allerdings sind in jeder Stadt nur wenige +von den anderen Arbeiten befreit, um sich ausschließlich der Ausbildung +ihres Geistes zu widmen, nämlich diejenigen, bei denen man von Kind auf +hervorragende Anlagen, ausgezeichnete Begabung und Neigung zu +wissenschaftlicher Beschäftigung beobachtet hat. Trotzdem aber genießen +alle Kinder Unterricht, und ein guter Teil des Volkes, Männer und +Frauen, beschäftigt sich das ganze Leben hindurch in den erwähnten +arbeitsfreien Stunden mit den Wissenschaften. + +Der Unterricht wird in der Landessprache erteilt; sie verfügt nämlich +über einen reichen Wortschatz, zeichnet sich durch Wohllaut aus und ist +wie keine andere zur Wiedergabe von Gedanken geeignet. In annähernd +derselben Art, jedoch überall auf verschiedene Weise etwas zu ihrem +Nachteil verändert, ist sie über einen großen Strich jenes Erdteils +verbreitet. + +Von allen unseren Philosophen, deren Namen in dieser uns bekannten Welt +berühmt sind, war den Utopiern vor unserer Ankunft auch nicht ein +einziger, nicht einmal gerüchtweise, bekannt geworden; und doch haben +sie in Musik, Dialektik, Arithmetik und Geometrie etwa dieselben +Entdeckungen gemacht wie unsere alten Meister. Wenn sie aber auch die +Alten beinahe in allem erreicht haben, so sind sie allerdings hinter den +Erfindungen der modernen Dialektiker weit zurückgeblieben; sie haben +nämlich auch nicht eine einzige der in der »Kleinen Logik« so +scharfsinnig ausgedachten Regeln über Restriktion, Amplifikation und +Supposition erfunden, die hierzulande allenthalben schon die Kinder +auswendig lernen. Wie sie ferner keineswegs den »zweiten Intentionen« +nachzuforschen vermochten, so war auch nicht einer von ihnen imstande, +den sogenannten »Menschen überhaupt« zu sehen, der doch, wie ihr wißt, +ein wahrer Koloß und größer als jeder Riese ist und auf den wir damals +auch noch mit den Fingern gezeigt haben. + +Dagegen kennen sie ganz genau den Lauf der Gestirne und die Bewegung der +Himmelskreise. Ja, sie haben sich auch Instrumente von verschiedener +Gestalt mit Kunst und Geschick ausgedacht, mit deren Hilfe sie die +Bewegungen und Stellungen der Sonne, des Mondes und ebenso der übrigen +bei ihnen sichtbaren Gestirne aufs genaueste erfaßt haben. Aber von +Gunst und Mißgunst der Planeten und von jenem ganzen Schwindel der +Prophezeiung aus den Sternen lassen sie sich nicht einmal etwas träumen. +Regen, Wind und die übrigen Wetterveränderungen sagen sie aus gewissen +Anzeichen voraus, die sie aus langer Erfahrung kennen. Über die Ursachen +all dieser Erscheinungen aber, über Ebbe und Flut sowie über den +Salzgehalt des Meeres und schließlich über den Ursprung und die Natur +des Himmels und der Erde lehren sie zum Teil dasselbe wie unsere alten +Philosophen. Wie diese aber schon untereinander verschiedener Meinung +sind, so stimmen auch die Utopier mit ihren neuen Erklärungen für die +Naturerscheinungen mit ihnen allen zum Teil nicht überein, sind aber +auch untereinander nicht in jeder Beziehung derselben Ansicht. + +In der Moralphilosophie behandeln die Utopier dieselben Fragen wie wir. +Sie stellen Erörterungen an über die Güter des Geistes und des Körpers +sowie über die äußeren Güter, ferner ob diese alle oder nur die Gaben +des Geistes als Güter bezeichnet werden dürfen; auch untersuchen sie das +Wesen der Tugend und der Lust. Aber die erste und wichtigste aller +Streitfragen ist die, worin wohl die Glückseligkeit des Menschen +besteht, ob in _einem_ Dinge oder in mehreren. In diesem Punkte aber +neigen sie, wie es scheint, mehr als billig zu der Ansicht derer, die +für das Vergnügen eintreten, worin sie entweder das menschliche Glück +überhaupt oder doch wenigstens seinen wesentlichsten Bestandteil +erblicken. Und worüber man sich noch mehr wundern muß, sie stützen ihre +so sinnenfreudige Ansicht auch mit Beweisgründen, die sie ihrer Religion +entnehmen, einer ernsten und strengen, ja fast düsteren und harten +Lehre. Wenn sie nämlich über die Glückseligkeit verhandeln, so verbinden +sie stets gewisse Grundsätze ihrer Religion mit der Philosophie, die mit +Vernunftgründen arbeitet; denn ohne diese Grundsätze ist die Vernunft +nach Ansicht der Utopier zu ungenügend und zu schwach, um für sich +allein die wahre Glückseligkeit zu erforschen. + +Diese Grundsätze sind folgende: Die Seele ist unsterblich und durch die +Güte Gottes zur Glückseligkeit geschaffen; für unsere Tugenden und +guten Werke erwarten uns nach diesem Leben Belohnungen, für unsere +Missetaten aber Strafen. Diese Anschauungen sind zwar religiöser Natur, +aber nach Ansicht der Utopier führt schon die Vernunft dazu, an sie zu +glauben und sie zu billigen. Nach Beseitigung dieser Grundsätze, so +erklären sie ohne jedes Bedenken, wird niemand so töricht sein zu +meinen, er dürfe dem Vergnügen nicht auf jede Weise, auf rechte und +unrechte, nachjagen. Nur müsse man sich, so erklären sie weiter, davor +hüten, ein größeres Vergnügen durch ein kleineres beeinträchtigen zu +lassen oder einem Vergnügen mit schmerzhaften Rückwirkungen nachzugehen. +Denn den dornenvollen und beschwerlichen Pfad der Tugend zu wandeln und +dabei nicht bloß auf des Lebens Annehmlichkeiten zu verzichten, sondern +auch den Schmerz freiwillig zu ertragen, und zwar ohne Aussicht auf +irgendwelchen Gewinn -- was könnte nämlich wohl auch der Gewinn sein, +wenn man nach dem Tode nichts erreichen soll, nachdem man dieses ganze +Leben freudlos, also jämmerlich, zugebracht hat? -- das ist in den Augen +der Utopier das Sinnloseste, was es geben kann. Nun liegt aber nach +ihrer Meinung das Glück nicht in jeder Art von Vergnügen, sondern nur in +einem rechtschaffenen und ehrbaren; zu diesem nämlich, als zu dem +höchsten Gut, zieht, so sagen sie, die Tugend selbst unsere Natur hin, +während nach Ansicht der Gegenpartei einzig und allein die Tugend unser +Glück bedingt. Die Tugend besteht nämlich, wie die Utopier meinen, in +einem naturgemäßen Leben, sofern uns Gott dazu geschaffen hat; +naturgemäß aber lebt der, der in allem, was er begehrt und meidet, den +Geboten der Vernunft gehorcht. Die Vernunft entfacht ferner im Menschen +vor allem anderen die ehrfurchtsvolle Liebe zur göttlichen Majestät, und +dieser verdanken wir es ja, daß wir sind und an der Glückseligkeit +teilnehmen dürfen. Sodann mahnt uns die Tugend und regt uns dazu an, ein +möglichst sorgenfreies und frohes Leben zu führen und allen unseren +Mitmenschen, entsprechend unserer natürlichen Gemeinschaft mit ihnen, +zur Erreichung des gleichen Zieles zu verhelfen. Denn noch nie ist +jemand ein so finsterer und strenger Anhänger der Tugend und +entschiedener Feind des Vergnügens gewesen, daß er von dir +Anstrengungen, Nachtwachen und Kasteiungen verlangte, ohne nicht +gleichzeitig dir aufzugeben, die Not und das Ungemach anderer nach +Kräften zu lindern, und ohne es nicht im Namen der Menschlichkeit für +lobenswert zu halten, daß ein Mensch dem anderen Heil und Trost spendet. +Wenn nun die höchste Menschlichkeit darin besteht -- und keine Tugend +ist dem Menschen eigentümlicher --, den Kummer der Mitmenschen zu +lindern, ihre Traurigkeit zu beheben und in ihr Leben wieder die Freude, +das heißt das Vergnügen, zu bringen, wie sollte da nicht die Natur einen +jeden anspornen, die gleiche Wohltat auch sich selber zuteil werden zu +lassen? Denn entweder ist ein angenehmes, das heißt dem Vergnügen +gewidmetes Leben verwerflich, dann darfst du nicht bloß niemandem zu +einem Vergnügen verhelfen, sondern mußt es sogar von allen nach +Möglichkeit fernhalten, da es ihnen ja schädlich ist und den Tod bringt. +Oder aber, wenn du anderen ein Vergnügen als etwas Gutes nicht bloß +verschaffen darfst, sondern sogar verschaffen sollst, warum dann nicht +vor allem dir selbst, dem du doch nicht weniger als anderen gewogen sein +solltest? Denn wenn die Natur dich zur Güte gegen andere mahnt, verlangt +sie doch nicht gleichzeitig von dir schonungslose Strenge gegen dich +selbst. + +Ein angenehmes Leben also, das heißt eben das Vergnügen, sagen die +Utopier, stellt uns die Natur selbst gleichsam als Ziel aller unserer +Handlungen hin, und ein Leben nach ihrer Vorschrift ist in ihren Augen +Tugend. Die Natur aber ruft auch die Menschen auf, sich gegenseitig zu +einem Leben in größter Fröhlichkeit zu verhelfen. Und das tut sie +sicherlich mit Fug und Recht; denn keiner ist so erhaben über das +allgemeine Menschenschicksal, daß die Natur für ihn allein sorgen müßte, +sie, die alle, die sie durch die Gleichheit der Gestalt zu einer +Gemeinschaft zusammenfaßt, in gleicher Weise hegt und pflegt. Und eben +darum heißt sie dich auch immer wieder darauf achten, auf deinen eigenen +Vorteil nicht so bedacht zu sein, daß du anderen dabei schadest. + +Deshalb dürfen auch nach Ansicht der Utopier nicht bloß die Verträge +zwischen Privatpersonen nicht verletzt werden, sondern auch die +öffentlichen Bestimmungen über die Teilung der Lebensgüter, das heißt +der materiellen Grundlage des Vergnügens, Bestimmungen, die entweder ein +guter Fürst auf gesetzlichem Wege erlassen oder die ein Volk auf Grund +einer allgemeinen Übereinkunft getroffen hat, ohne durch Tyrannei in +seiner Willensäußerung beschränkt oder durch Betrug umgarnt zu sein. +Ohne Verletzung dieser Gesetze für dein persönliches Wohlergehen zu +sorgen, erfordert die Klugheit, außerdem das allgemeine Wohl im Auge zu +haben, das Pflichtgefühl; aber darauf auszugehen, einem anderen sein +Vergnügen zu rauben, wofern man nur sein eigenes erjagt, das ist in der +Tat Unrecht. Sich selber dagegen etwas zu nehmen, um es anderen zu dem, +was sie haben, noch dazuzugeben, das eben ist eine Pflicht der +Menschlichkeit und Güte und bringt einem stets mehr Glück wieder ein, +als es einem nimmt. Denn die Wohltaten anderer vergelten als +Gegenleistung das gute Werk, und das bloße Bewußtsein, etwas Gutes getan +zu haben, sowie die Erinnerung an die wohlwollende Liebe derer, denen +man Gutes getan hat, bereiten dem Herzen eine Freude, die größer ist, +als es jenes Vergnügen des Körpers gewesen wäre, auf das man verzichtet +hat. Und endlich vergilt Gott, wovon sich ein gläubiges Gemüt mit +Leichtigkeit aus der Religion überzeugt, ein kurzes und geringes +Vergnügen dereinst mit unermeßlicher und ewig währender Freude. So sind +denn die Utopier nach sorgfältiger Untersuchung und genauer Erwägung der +Sache zu der Ansicht gekommen, daß alle unsere Handlungen, und darunter +auch die tugendhaften selbst, letzten Endes auf das Vergnügen und damit +auf die Glückseligkeit abzielen. + +Vergnügen nennen die Utopier jede Bewegung und jeden Zustand des Körpers +und des Geistes, worin wir unter Anleitung der Natur mit Behagen +verweilen. Nicht ohne Grund fügen sie hinzu, daß die Natur es so haben +will. Denn von Natur bereitet alles das Wohlbehagen, was man nicht auf +dem Wege des Unrechts begehrt oder wodurch nichts anderes Angenehmeres +verlorengeht oder was keine Mühe und Arbeit im Gefolge hat; und danach +verlangt nicht bloß das sinnliche Begehren, sondern auch die gesunde +Vernunft. Anderseits aber gibt es Dinge, die die Menschen gegen die +Ordnung der Natur fälschlich als angenehm bezeichnen, und zwar auf Grund +eines ganz törichten Sprachgebrauchs, gerade als ob wir es in der Hand +hätten, mit den Worten auch die Dinge zu ändern. Alle diese Dinge sind +nach Ansicht der Utopier wertlos für die Glückseligkeit, ja sogar ihr im +höchsten Grade hinderlich, und zwar deshalb, weil sie die ganze Seele +des Menschen, in der sie sich einmal festgesetzt haben, mit einer +verkehrten Meinung über das Vergnügen im voraus erfüllen, um für wahre +und reine Freuden nirgends Platz zu lassen. Es gibt nämlich sehr viele +Dinge, die zwar ihrer eigentlichen Natur nach durchaus nicht anziehend, +sondern im Gegenteil sogar meist recht unangenehm sind, die aber +trotzdem infolge der törichten Lockung ruchloser Begierden nicht bloß +für die höchsten Genüsse gehalten, sondern auch sogar zu den wichtigsten +Angelegenheiten des Lebens gerechnet werden. + +Zu denen, die den falschen Vergnügen dieser Art nachgehen, zählen die +Utopier diejenigen, die sich selber, wie früher erwähnt, um so besser +dünken, je besser sie angezogen sind; dabei irren sie sich in diesem +einen Punkte zweifach. Denn sie sind nicht weniger im Irrtum, wenn sie +ihren Anzug, als wenn sie sich selbst für etwas Besseres halten. Warum +sollte nämlich im Hinblick auf die Brauchbarkeit der Kleidung ein Tuch +aus feinerem Gewebe besser sein als eins aus gröberem? Und doch ist +jenen Leuten der Kamm geschwollen, als ob sie von Natur und nicht durch +einen bloßen Irrtum etwas Besseres wären, und sie meinen, sie gewännen +auch dadurch etwas an Wert. Deshalb beanspruchen sie auch, gleich als +sei das ihr gutes Recht, für ihren eleganteren Anzug eine +Ehrenbezeigung, auf die sie in einfacherer Kleidung gar nicht wagen +würden zu hoffen, und sind unwillig, wenn sie beim Vorübergehen nicht +weiter beachtet werden. Aber ist nicht gerade auch dieses Verlangen nach +eitlen und nutzlosen Ehrenbezeigungen ebenso unvernünftig? Denn wie kann +wohl der entblößte Scheitel oder das gebeugte Knie eines anderen ein +natürliches und wahres Vergnügen bereiten? Wird das vielleicht einen +Schmerz in deinen eigenen Knien heilen? Oder wird es das hitzige Fieber +in deinem eigenen Kopfe lindern? In der Vorstellung eines solchen +Scheinvergnügens schmeicheln sie sich und klatschen sie sich Beifall, +weil sie zufällig von Vorfahren abstammen, von denen eine lange Reihe +für reich gegolten hat -- einen anderen Adel gibt es ja heutzutage +nicht --, für reich besonders an Landgütern, und sie dünken sich nicht +um ein Haar weniger vornehm, wenn ihnen auch ihre Vorfahren von ihrem +Reichtum nichts hinterlassen oder wenn sie ihr Erbe selber verpraßt +haben. + +Zu den Leuten dieser Art rechnen die Utopier auch die schon erwähnten +Liebhaber von Gemmen und Edelsteinen, und sie kommen sich gewissermaßen +wie Götter vor, wenn sie einmal einen ausnehmend wertvollen Stein +erwerben, zumal wenn er von der zu ihrer Zeit und in ihrem Lande +besonders geschätzten Art ist; denn nicht überall und nicht zu jeder +Zeit behalten die gleichen Arten ihren Wert. Sie kaufen aber einen +Edelstein nur ohne Goldfassung und Umhüllung, und auch dann nur, wenn +der Verkäufer einen Eid und Bürgschaft dafür leistet, daß die Gemme und +der Juwel echt sind; solche Angst haben sie, daß der Augenschein sie +täuschen könnte. Warum aber sollte dir, der du den Edelstein nur +betrachten willst, ein künstlicher weniger Vergnügen machen, den dein +Auge von einem echten nicht zu unterscheiden vermag? Beide müßten +eigentlich den gleichen Wert haben, für dich, bei Gott, genau so wie für +einen Blinden. + +Was soll man ferner von denen sagen, die überflüssige Schätze +aufbewahren, nicht um sich über die Verwendung des Haufens Geld, sondern +nur über seinen Anblick zu freuen? Genießen sie etwa eine echte Freude, +oder narrt sie nicht vielmehr nur ein Scheinvergnügen? Oder wie steht es +mit denen, die den entgegengesetzten Fehler begehen und das Gold, das +sie niemals verwenden, ja vielleicht auch niemals wieder zu Gesicht +bekommen werden, vergraben und aus Angst vor seinem Verlust es wirklich +verlieren? Denn verlierst du dein Gold nicht, wenn du es der Verwendung +durch dich selbst und vielleicht durch die Menschen überhaupt entziehst +und der Erde zurückgibst? Und doch bist du ausgelassen froh darüber, daß +du deinen Schatz versteckt hast, als brauchtest du nun keine Sorge mehr +zu haben. Sollte dir aber jemand den Schatz stehlen, ohne daß du etwas +von diesem Diebstahl merkst, und solltest du zehn Jahre danach sterben, +was macht es dir da in dem ganzen Zeitraum von zehn Jahren, um den du +den Verlust deines Geldes überlebt hast, aus, ob es gestohlen oder noch +vorhanden war? Sicherlich hast du in beiden Fällen den gleichen Nutzen +davon gehabt. + +Zu diesen so unpassenden Freuden rechnen die Utopier auch die der +Glücksspieler, deren unsinniges Gebaren ihnen nur vom Hörensagen, nicht +aus Erfahrung bekannt ist, und außerdem die der Jäger und Vogelsteller. +Denn was ist das für ein Vergnügen, so sagen sie, die Würfel auf das +Spielbrett zu werfen? Und dabei tut man das so oft, daß schon aus der +häufigen Wiederholung ein Überdruß entstehen könnte, wenn wirklich ein +Vergnügen damit verbunden wäre. Oder wie könnte es angenehm sein und +nicht vielmehr Widerwillen erregen, das Gebell und Geheul der Hunde zu +hören? Oder inwiefern macht es mehr Vergnügen, wenn ein Hund einem Hasen +als wenn er einem anderen Hunde nachjagt? Denn in beiden Fällen handelt +es sich doch um den gleichen Vorgang: es wird gelaufen -- wenn dir das +Laufen Freude machen sollte. Wenn dich aber die Aussicht auf Mord +fesselt oder wenn du auf die Zerfleischung wartest, die sich vor deinen +Augen abspielen soll, so müßte es doch eher dein Mitleid erregen, wenn +du mit ansehen mußt, wie das arme Häslein von dem Hunde zerrissen wird, +der Schwache von dem Stärkeren, der Scheue und Furchtsame von dem +Wilden, der Harmlose schließlich von dem Grausamen. Die Utopier haben +deshalb dieses ganze Geschäft des Jagens als eine der Freien unwürdige +Beschäftigung den Metzgern zugewiesen, deren Handwerk sie, wie oben +erwähnt, von Sklaven ausüben lassen. Ihrer Anschauung nach ist nämlich +die Jagd die niedrigste Verrichtung dieses Handwerks, die übrigen sind +in ihren Augen nützlicher und ehrbarer, weil sie die Tiere weit mehr +schonen und nur aus Notwendigkeit töten, während der Jäger einzig und +allein im Morden und Zerfleischen des armen Tieres sein Vergnügen sucht. +Dieses Lustgefühl beim Anblick des Mordens hat nach Ansicht der Utopier +sogar beim Morden der Tiere seinen Ursprung in einer grausamen +Gemütsstimmung oder artet schließlich infolge ständiger Wiederholung des +so rohen Vergnügens in Grausamkeit aus. Diese und alle sonstigen Genüsse +derart -- es gibt nämlich deren unzählige -- hält zwar die große Masse +der Menschen für Vergnügen, die Utopier dagegen erklären rund heraus, +mit dem wahren Vergnügen habe das alles gar nichts zu tun, da ihm von +Natur alles Erfreuliche fehle. Denn wenn es auch für gewöhnlich den Sinn +mit Wohlbehagen erfüllt, was ja die Aufgabe des Vergnügens zu sein +scheint, so gehen die Utopier doch nicht von ihrer Meinung ab. Der Grund +dafür ist nämlich nicht die Natur der Sache selbst, sondern die üble +Gewohnheit der Menschen. Sie ist schuld daran, daß man Bitteres als süß +hinnimmt, genau so wie schwangere Frauen, deren Geschmack gestört ist, +Pech und Talg für süßer als Honig halten. Aber das Urteil eines +einzelnen, das durch Krankheit oder Gewöhnung getrübt ist, kann die +Natur nicht ändern, die des Vergnügens ebensowenig wie die anderer +Dinge. + +Von den nach ihrer Ansicht echten Vergnügen unterscheiden die Utopier +verschiedene Arten, und zwar weisen sie die einen der Seele und die +anderen dem Leibe zu. Zu den Vergnügen der Seele zählen sie die geistige +Betätigung sowie das Wohlbehagen, das die Betrachtung der Wahrheit +hervorruft. Dazu kommt das angenehme Bewußtsein eines untadeligen +Lebenswandels und die sichere Hoffnung auf die Glückseligkeit nach dem +Tode. Die körperliche Lust zerfällt in zwei Arten. Die erste ist die, +die unsere Sinne mit einem deutlichen Wohlbehagen erfüllt. Das geschieht +zum Teil durch die Erneuerung derjenigen Bestandteile unseres Körpers, +die durch die Wärmeerzeugung in unserem Inneren verbraucht sind -- diese +führt uns nämlich Essen und Trinken wieder zu --, zum Teil auch durch +Ausscheidung der in unserem Körper überflüssigen Stoffe. Das wird +erreicht durch Reinigung der Eingeweide von den Exkrementen oder durch +Zeugung von Kindern oder wenn das Jucken eines Körperteils durch Reiben +oder Kratzen gelindert wird. Bisweilen aber entsteht auch ein Vergnügen, +das unserem Körper weder etwas zuführt, wonach die Organe verlangen, +noch diese von etwas Lästigem befreit. Es ist aber eine Lustempfindung, +die unsere Sinne trotzdem mit einer Art geheimer Gewalt, aber in einer +deutlich sichtbaren Erregung zu kitzeln, anzuregen und an sich zu ziehen +vermag; ein solches Vergnügen bereitet die Musik. Die zweite Art des +körperlichen Vergnügens erblicken die Utopier in einem ruhigen und +gleichmäßigen Zustand des Körpers, das heißt also in der durch keinerlei +Unbehagen gestörten Gesundheit des einzelnen. Diese ruft ja, falls kein +Schmerz sie beeinträchtigt, schon an und für sich Wohlbehagen hervor, +selbst wenn keine von außen kommende Lust auf den Körper einwirken +sollte. Zwar tritt sie weniger hervor und reizt die Sinne weniger als +jene ungestüme Lust an Essen und Trinken; nichtsdestoweniger jedoch +gilt sie vielen in Utopien als das größte, fast allen aber als ein +großes Vergnügen und gleichsam als die Grundlage und der Grundstein +aller Vergnügen. Denn sie allein macht unser Leben ruhig und lebenswert, +und ohne sie ist bei keinem und nirgends noch Raum für irgendein +Vergnügen. Denn auch wenn man gar keine Schmerzen hat, dabei aber nicht +gesund ist, so ist doch dieser Zustand in den Augen der Utopier kein +Vergnügen, sondern Stumpfheit. Schon längst gilt bei ihnen die Lehre der +Philosophen nicht mehr, die da meinten, man dürfe eine beständige und +ungestörte Gesundheit deshalb nicht für ein Vergnügen halten, weil das +Vorhandensein eines solchen nur infolge einer Erregung von außen her zu +merken sei; auch diese Frage ist nämlich eifrig bei den Utopiern +erörtert worden. Vielmehr sind sie jetzt im Gegenteil fast alle darin +einig, daß die Gesundheit sogar ganz besonders als ein Vergnügen +anzusehen ist. Da nämlich mit der Krankheit, so sagen sie, der Schmerz +verbunden ist, der der unversöhnliche Feind des Vergnügens ist, ebenso +wie die Krankheit der Feind der Gesundheit, warum sollte dann nicht +anderseits mit einer ungestörten Gesundheit das Vergnügen verbunden +sein? Dabei ist es nach ihrer Ansicht ohne Belang, ob man die Krankheit +selber als Schmerz oder den Schmerz nur als Begleiterscheinung der +Krankheit bezeichnet; die Wirkung sei ja in beiden Fällen gleich stark. +Mag nun die Gesundheit entweder ein Vergnügen an und für sich oder nur +seine notwendige Ursache sein, wie das Feuer die Ursache der Hitze ist, +ohne Zweifel ist die Wirkung in beiden Fällen die, daß ein Mensch, der +sich einer eisernen Gesundheit erfreut, ein Vergnügen empfinden muß. +Außerdem, so sagen sie, wenn wir essen, was geschieht da anderes, als +daß die Gesundheit, die allmählich erschüttert worden war, im Bunde mit +der Speise gegen den Hunger ankämpft? Während der betreffende Mensch +selbst dabei wieder erstarkt und seine gewohnte Kraft wiedererlangt, +bereitet ihm die Gesundheit jenes Vergnügen, das uns so erquickt. Wird +nun aber die Gesundheit, die sich schon während des Kampfes freut, nicht +erst recht froh sein, wenn sie den Sieg errungen hat? Ist sie endlich +wieder glücklich im Besitze ihrer alten Stärke, um die allein sie den +ganzen Kampf geführt hat, wird sie dann etwa gefühllos werden und ihr +Glück nicht erkennen und keinen großen Wert darauf legen? Daß man +nämlich sagt, man könne die Gesundheit nicht empfinden, ist nach Meinung +der Utopier ganz falsch. Wer empfindet denn nicht, so sagen sie, wenn er +nicht gerade schläft, daß er gesund ist, außer dem, der es eben nicht +ist? Wer liegt in so festen Banden des Stumpfsinns oder der Lethargie, +daß er nicht zugeben sollte, die Gesundheit bereite ihm Freude und +Genuß? Was ist aber Genuß anderes als eine andere Bezeichnung für +Vergnügen? + +Nach alledem schätzen die Utopier besonders die geistigen Vergnügen; sie +halten sie nämlich für die ersten und wesentlichsten von allen, und in +der Hauptsache entstehen sie nach ihrer Meinung aus der Übung der Tugend +und dem Bewußtsein eines rechtschaffenen Lebenswandels. Unter den +körperlichen Vergnügen stellen sie die Gesundheit an erste Stelle; denn +die Annehmlichkeit des Essens und Trinkens und alle anderen +Ergötzlichkeiten der Art betrachten sie zwar als erstrebenswert, aber +nur um der Gesundheit willen. Solcherlei nämlich sei nicht an und für +sich erfreulich, sondern nur insofern, als es einer sich heimlich +einschleichenden Krankheit entgegenwirke. Wie deshalb der Verständige +eher Krankheiten vorbeugen als nach Arznei verlangen und lieber die +Schmerzen beseitigen als zu Trostmitteln greifen müsse, so sei es +besser, man habe diese Art Vergnügen gar nicht nötig, als daß man darin +ein Linderungsmittel erblicke. Sollte wirklich jemand in dieser Art +Vergnügen sein Glück sehen, so müsse er notwendig zugeben, er werde dann +erst am glücklichsten sein, wenn ihm ein Leben in beständigem Hunger, +Durst, Jucken, Essen, Trinken, Kratzen und Reiben beschieden sei. Daß +ein solches Leben aber nicht bloß häßlich, sondern auch jämmerlich wäre, +sieht jeder ein. Diese Genüsse sind in der Tat die niedrigsten, weil sie +keineswegs reiner Natur sind; denn immer sind sie von den +entgegengesetzten Schmerzen begleitet. So ist mit dem Genuß des Essens +der Hunger verbunden, und zwar in einem recht ungleichen Verhältnis. +Denn der Schmerz ist nicht nur heftiger, sondern hält auch länger an, da +er ja eher als das Vergnügen entsteht und erst zusammen mit ihm vergeht. + +Vergnügen dieser Art also sind nach Ansicht der Utopier nicht zu +schätzen, soweit sie nicht zum Leben notwendig sind. Doch haben sie auch +an ihnen ihre Freude und erkennen dankbar die Liebe der Mutter Natur an, +die ihre Kinder mit den verlockendsten Lustgefühlen zu den für sie immer +wieder lebensnotwendigen Verrichtungen anspornt. Wie würde uns nämlich +unser Leben anekeln, wenn wir ebenso wie die übrigen Krankheiten, die +uns seltener befallen, auch diese täglichen Erkrankungen an Hunger und +Durst durch Gifte und bittere Arzneien bekämpfen müßten! Was dagegen +Schönheit, Stärke und Gewandtheit anlangt, so hegen und pflegen die +Utopier sie mit Vorliebe als eigentliche und willkommene Gaben der +Natur. Als eine Art angenehme Würze des Lebens schätzen sie auch +diejenigen Genüsse, die uns Auge, Ohr und Nase vermitteln und die die +Natur ausschließlich für den Menschen, und zwar in besonderer Weise, +geschaffen hat; denn keine andere Gattung von Lebewesen hat ein Auge für +die Schönheit des Weltgebäudes oder wird irgendwie von Wohlgerüchen +angenehm berührt, soweit sie nicht ihre Nahrung danach unterscheiden, +oder hat ein Gehör für die verschiedenen Abstände harmonischer und +dissonierender Töne. Bei allen diesen Genüssen aber sehen die Utopier +darauf, daß nicht ein kleinerer einem größeren im Wege ist und daß +niemals ein Vergnügen den Schmerz im Gefolge hat, was, wie sie meinen, +notwendig bei einem nicht ehrbaren Vergnügen der Fall ist. Den Reiz der +Schönheit dagegen zu verachten, die Kräfte zu schwächen, die +Beweglichkeit zu Trägheit werden zu lassen, seinen Körper durch Fasten +zu erschöpfen, seiner Gesundheit Gewalt anzutun und auch sonst von den +Lockungen der Natur nichts wissen zu wollen, es sei denn, daß man sein +Glück nur deshalb nicht wahrnimmt, um desto eifriger für das Wohl seiner +Mitmenschen oder für das des Staates besorgt zu sein -- eine Mühe, für +die man als Entschädigung eine größere Freude von Gott erwartet --, +aber sich zu kasteien, ohne jemandem zu nützen, sondern lediglich um +eines nichtigen Schattens von Tugend willen oder um Mißgeschick, das +einem aber vielleicht niemals widerfährt, leichter zu ertragen: das ist, +so meinen die Utopier, ganz widersinnig, eine Grausamkeit gegen sich +selbst und der bitterste Undank gegen die Natur; denn dadurch verzichtet +man auf alle ihre Wohltaten, gleich als ob man es verschmähte, ihr +irgendwie zu Dank verpflichtet zu sein. + +Das ist die Ansicht der Utopier über die Tugend und das Vergnügen, und, +wie sie glauben, kann man keine finden, mit der menschliche Vernunft der +Wahrheit näher kommt, es müßte denn sein, daß eine vom Himmel gesandte +Religion einem Menschen noch frömmere Gedanken eingibt. Ob sie damit +recht oder unrecht haben, können wir aus Mangel an Zeit nicht genau +untersuchen, auch ist das gar nicht nötig; denn wir haben es ja nur +unternommen, von ihren Einrichtungen zu erzählen, nicht aber diese in +Schutz zu nehmen. Wie es sich aber auch mit den angeführten Grundsätzen +der Utopier verhalten mag, davon bin ich fest überzeugt: nirgends ist +das Volk tüchtiger, und nirgends ist der Staat glücklicher als in +Utopien. + +Die Utopier sind körperlich gewandt und rüstig; auch besitzen sie mehr +Kräfte, als ihre Statur erwarten läßt; doch ist diese nicht +unansehnlich. Der Boden ist zwar nicht überall fruchtbar und das Klima +nicht besonders gesund, aber sie härten sich gegen die Witterung durch +eine mäßige Lebensweise so sehr ab und verbessern die Beschaffenheit des +zu bestellenden Landes mit solchem Eifer, daß nirgends in der Welt der +Ertrag an Feldfrucht und Vieh reicher ist und nirgends die Menschen +langlebiger und widerstandsfähiger gegen Krankheiten sind. Deshalb kann +man in Utopien die Landleute nicht nur die üblichen Arbeiten verrichten +sehen, wie sie die von Natur geringere Fruchtbarkeit des Bodens durch +Kunst und Fleiß steigern, sondern man kann auch beobachten, wie irgendwo +ein Wald vollständig ausgerodet und anderswo wieder angepflanzt wird. +Dabei gibt nicht die Rücksicht auf den Ertrag, sondern auf den Transport +den Ausschlag; das Holz soll sich nämlich in größerer Nähe des Meeres +oder der Flüsse oder der Städte selbst befinden, weil sein Transport von +weither auf dem Landwege beschwerlicher ist als der des Getreides. Die +Utopier sind ein gewandtes, witziges und kunstfertiges Volk. Es genießt +gern seine Muße, besitzt aber auch nötigenfalls genügend Ausdauer in +körperlicher Arbeit. Sonst ist es in der Tat keineswegs arbeitswütig, +doch kennt es keine Ermüdung, wenn es sich um geistige Interessen +handelt. + +Als wir den Utopiern von der griechischen Literatur und Wissenschaft +erzählten -- über die Lateiner sprachen wir nicht, weil von ihnen, wie +wir meinten, höchstens die Historiker und Dichter ihren lebhaften +Beifall finden würden --, staunten wir, mit welchem Eifer sie darauf +bestanden, unter unserer Anleitung Griechisch gründlich lernen zu +dürfen. So begannen wir denn mit dem Unterricht, anfangs mehr deshalb, +um nicht den Anschein zu erwecken, als wollten wir uns nicht der Mühe +unterziehen, als weil wir mit irgendeinem Erfolg gerechnet hätten. +Sobald wir aber ein kleines Stück vorangekommen waren, ließ uns ihr +Fleiß erkennen, daß wir unseren Eifer nicht umsonst aufwenden würden; +denn die Utopier begannen, die Buchstaben so mühelos nachzuschreiben, +die Worte so geläufig auszusprechen, so schnell sich einzuprägen und so +getreu zu wiederholen, daß es uns wie ein Wunder vorkam. Allerdings +gehörten die Leute, die nicht bloß aus freien Stücken und aus +Begeisterung, sondern auch auf Grund einer Verfügung des Senats das +Studium des Griechischen begannen, zu den erlesensten Geistern der +Gebildeten und standen in reifem Alter. Und so hatten sie denn noch vor +Ablauf von drei Jahren in ihrer sprachlichen Ausbildung keine Lücken +mehr und konnten gute Schriftsteller, abgesehen von Schwierigkeiten +infolge einer fehlerhaften Textstelle, ohne Anstoß lesen und verstehen. +Wie ich wenigstens vermute, eigneten sie sich die Kenntnis der +griechischen Sprache auch wegen ihrer teilweisen Verwandtschaft mit der +Landessprache leichter an. Ich nehme nämlich an, die Utopier stammen von +den Griechen ab; denn in ihrer fast persisch klingenden Sprache haben +sich noch in den Orts- und Amtsnamen Spuren des Griechischen erhalten. + +Im Begriff, meine vierte Seereise nach Utopien anzutreten, nahm ich an +Stelle von Waren einen ziemlich großen Packen Bücher mit an Bord, weil +ich fest entschlossen war, lieber gar nicht statt nach kurzer Zeit schon +heimzukehren. So besitzen denn die Utopier folgendes von mir: die +meisten Werke Platos, mehrere Schriften des Aristoteles, sodann +Theophrasts Buch über die Pflanzen, das aber leider an mehreren Stellen +lückenhaft ist. Während der Seefahrt hatte ich nämlich auf das Buch +weniger Obacht gegeben, und so hatte sich eine Meerkatze seiner +bemächtigt und, ausgelassen und spielig, hier und da ein paar Blätter +herausgerissen und zerfetzt. Von den Grammatikern haben sie nur den +Lascaris; den Theodorus habe ich nämlich gar nicht mitgenommen, ebenso +kein Wörterbuch, außer Hesych und Dioscorides. Plutarchs kleine +Schriften haben sie sehr gern, und auch Lucians Witz und Anmut fesseln +sie. Von den Dichtern besitzen sie Aristophanes, Homer und Euripides, +ferner Sophocles in den kleinen Typen des Aldus, von den Historikern +Thucydides, Herodot sowie Herodian. Sogar aus dem Gebiet der Medizin +hatte mein Reisegefährte Tricius Apinatus etwas mitgebracht, nämlich +einige kleine Schriften des Hippocrates und die Mikrotechne Galens. +Gerade auf diese beiden Bücher legen die Utopier großen Wert; denn wenn +sie die Heilkunde auch wohl weniger als alle anderen Völker brauchen, so +steht sie doch nirgends in größerer Achtung, und zwar schon deshalb, +weil man in Utopien ihre Kenntnis zu den schönsten und nützlichsten +Teilen der Philosophie rechnet. Mit ihrer Hilfe erforscht man nämlich +die Geheimnisse der Natur, und man glaubt, nicht bloß einen wunderbaren +Genuß davon zu haben, sondern auch die höchste Gunst des Schöpfers und +Werkmeisters der Natur zu gewinnen. Man ist ja der Meinung, er habe nach +Art der übrigen Künstler den sehenswerten Mechanismus dieser Welt für +den Menschen zur Betrachtung ausgestellt und ihn allein in seinem +Inneren für eine so gewaltige Schöpfung aufnahmefähig gemacht, und +deshalb sei ihm ein wißbegieriger und achtsamer Betrachter und +Bewunderer seines Werkes lieber als einer, der ein so erhabenes und +wundervolles Schauspiel stumpf und unerschüttert nicht beachtet. + +So sind denn die Utopier infolge ihrer wissenschaftlichen Ausbildung +erstaunlich begabt für technische Erfindungen, die etwas dazu beitragen, +das Leben angenehm und bequem zu machen. Zwei Erfindungen jedoch +verdanken sie uns, die Buchdruckerkunst und die Herstellung des Papiers, +aber doch nicht uns allein, sondern zu einem guten Teile auch sich +selber. Als wir ihnen nämlich die Bücher zeigten, die Aldus auf Papier +gedruckt hatte, und ihnen von dem zur Papierfabrikation notwendigen +Material und von den Druckverfahren mehr bloß etwas erzählten, statt +ihnen die Sache zu erklären -- keiner von uns besaß nämlich in einer der +beiden Künste praktische Erfahrung --, errieten sie sogleich äußerst +scharfsinnig das Verfahren, und, während sie bis dahin nur auf Häuten, +Rinde und Papyrusbast schrieben, versuchten sie nunmehr sofort, Papier +herzustellen und zu drucken. Im Anfang wollte es ihnen nicht so recht +gelingen, aber durch häufigere Versuche kamen sie bald dahinter und +brachten es dann in beiden Künsten so weit, daß es keinen Mangel an +Exemplaren griechischer Autoren geben könnte, wenn anders Handschriften +vorhanden wären. Zur Zeit aber steht den Utopiern nichts weiter zur +Verfügung, als was ich erwähnt habe; das aber haben sie bereits in +vielen tausend Exemplaren durch den Druck vervielfältigt. + +Wer aus Schaulust nach Utopien kommt, wird mit offenen Armen +aufgenommen, wenn er sich durch eine besondere Begabung oder durch +Kenntnis vieler Länder auszeichnet, die er sich auf langen Reisen im +Ausland erworben hat, und wenn sich seine Aufnahme dadurch empfiehlt. +Aus diesem Grunde war den Utopiern auch unsere Landung willkommen; denn +sie hören gern von dem Geschehen überall in der Welt. Zu Handelszwecken +dagegen kommen Fremde nicht gerade häufig hin. Was sollte man denn auch +dort einführen außer Eisen oder Gold und Silber, das aber jeder doch +lieber mit heimbringen möchte? Was sie aber aus ihrem eigenen Lande +auszuführen haben, das verschiffen sie auf Grund reiflicher Überlegung +lieber selber, als daß sie es von anderen holen lassen, einmal, um die +Völker des Auslands ringsum genauer kennenzulernen, und sodann, um nicht +ihrer nautischen Übung und Erfahrung verlustig zu gehen. + + +Die Sklaven + +Als Sklaven verwenden die Utopier weder Kriegsgefangene, außer wenn sie +selber den Krieg geführt haben, noch Söhne von Sklaven noch schließlich +jemanden, den sie bei anderen Völkern als Sklaven kaufen können. Ihre +Sklaven sind vielmehr Mitbürger, die wegen eines Verbrechens zu Sklaven +gemacht, oder, was weit häufiger der Fall ist, Leute, die in Städten des +Auslands wegen irgendeiner Missetat zum Tode verurteilt wurden. Von +letzteren holen sich die Utopier einen großen Teil ins Land; bisweilen +zahlen sie für sie nur einen geringen Preis, noch öfter auch gar nichts. +Diese beiden Arten von Sklaven müssen nicht nur dauernd arbeiten, +sondern auch Fesseln tragen. Ihre eigenen Landsleute aber behandeln die +Utopier noch härter; denn sie sind in ihren Augen deshalb noch +verworfener und verdienen deshalb noch schwerere Strafen, weil sie sich +trotz der vortrefflichen Anleitung zur Tugend, die sie durch eine +ausgezeichnete Erziehung gehabt haben, dennoch nicht von einem +Verbrechen haben abhalten lassen. + +Eine andere Klasse von Sklaven bilden diejenigen, die es als arbeitsame +und arme Tagelöhner eines fremden Volkes vorziehen, aus freien Stücken +bei den Utopiern Sklavendienste zu leisten. Diese behandeln sie +anständig und nicht viel weniger gut als ihre Mitbürger; nur haben sie +ein klein wenig mehr Arbeit zu leisten, da sie ja daran gewöhnt sind. +Will einer von ihnen wieder fort, was aber nur selten der Fall ist, so +hält man ihn weder wider seinen Willen zurück, noch läßt man ihn ohne +irgendein Geschenk ziehen. + +Die Kranken pflegt man, wie erwähnt, mit großer Liebe, und man tut +unbedingt alles, um sie durch eine gewissenhafte Behandlung mit Arznei +oder Diät wieder gesund zu machen. Sogar die, die an unheilbaren +Krankheiten leiden, sucht man zu trösten, indem man sich zu ihnen setzt, +sich mit ihnen unterhält und ihnen schließlich alle möglichen +Erleichterungen schafft. Ist jedoch die Krankheit nicht bloß unheilbar, +sondern quält und martert sie den Patienten auch noch dauernd, dann +stellen ihm die Priester und obrigkeitlichen Personen vor, er sei allen +Ansprüchen, die das Leben an ihn stelle, nicht mehr gewachsen, falle +anderen nur zur Last und überlebe, sich selber zur Qual, bereits seinen +eigenen Tod. Er solle deshalb nicht darauf bestehen, seiner Krankheit +noch länger Gelegenheit zu geben, ihn zu verzehren; er möge vielmehr +ohne Zögern seinem Leben ein Ende machen, da es ja für ihn nur noch eine +Qual sei, und sich in Zuversicht und guten Mutes von diesem traurigen +Leben wie von einem Kerker oder einer quälenden Sorge entweder selbst +frei machen oder sich mit seinem Einverständnis von anderen seiner Pein +entreißen lassen. Das werde klug sein, da er durch seinen Tod nicht das +Glück, sondern nur die Qual seines Lebens vorzeitig beende; zugleich +aber werde er ein frommes und heiliges Werk vollbringen, da er ja in +diesem Falle nur den Rat der Priester, der Deuter des göttlichen +Willens, befolge. Wer sich nun dadurch überreden läßt, stirbt entweder +freiwillig den Hungertod oder läßt sich betäuben und wird so ohne eine +Todesempfindung erlöst. Gegen seinen Willen aber bringen die Utopier +niemanden ums Leben; auch lassen sie es keinem trotz seiner Weigerung, +freiwillig aus dem Leben zu scheiden, an irgendeinem Liebesdienst +fehlen. Sich überreden zu lassen und so zu sterben, gilt als ehrenvoll. +Wer sich aber das Leben nimmt aus einem Grunde, den Priester und Senat +nicht billigen, den hält man weder der Beerdigung noch der Verbrennung +für würdig; zu seiner Schande läßt man ihn unbestattet und wirft ihn in +irgendeinen Sumpf. + +Das Weib heiratet nicht vor dem 18., der Mann aber erst nach erfülltem +22. Lebensjahre. Wenn ein Mann oder ein Weib vor der Ehe geheimen +Geschlechtsverkehrs überführt wird, so trifft ihn oder sie strenge +Strafe, und beide dürfen überhaupt nicht heiraten, es sei denn, daß der +Bürgermeister Gnade für Recht ergehen läßt. Aber auch der Hausvater und +die Hausmutter, in deren Hause die Schandtat begangen wurde, sind in +hohem Maße übler Nachrede ausgesetzt, da sie, wie man meint, ihre +Pflicht nicht gewissenhaft genug erfüllt haben. Die Utopier ahnden +dieses Vergehen deshalb so streng, weil sich, wie sie voraussehen, nur +selten zwei Leute zu ehelicher Gemeinschaft vereinigen würden, wenn man +den zügellosen Geschlechtsverkehr nicht energisch unterbände; denn in +der Ehe muß man sein ganzes Leben mit nur einer Person zusammen +verbringen und außerdem so mancherlei Beschwernis geduldig mit in Kauf +nehmen. + +Ferner beobachten sie bei der Auswahl der Ehegatten mit Ernst und +Strenge einen Brauch, der uns jedoch höchst unschicklich und überaus +lächerlich vorkam. Eine gesetzte, ehrbare Matrone zeigt nämlich dem +Freier das Weib, sei es ein Mädchen oder eine Witwe, nackt; und ebenso +zeigt anderseits ein sittsamer Mann den Freier nackt dem Mädchen. Diese +Sitte fanden wir lächerlich, und wir tadelten sie als anstößig; die +Utopier dagegen konnten sich nicht genug über die auffallende Torheit +all der anderen Völker wundern. Wenn dort, so sagten sie, jemand ein +Füllen kauft, wobei es sich nur um einige wenige Geldstücke handelt, ist +er so vorsichtig, daß er sich trotz der fast völligen Nacktheit des +Tieres nicht eher zum Kaufe entschließt, als bis der Sattel und alle +Reitdecken abgenommen sind; denn unter diesen Hüllen könnte ja +irgendeine schadhafte Stelle verborgen sein. Gilt es aber, eine Ehefrau +auszuwählen, eine Angelegenheit, die Genuß oder Ekel fürs ganze Leben +zur Folge hat, so geht man mit solcher Nachlässigkeit zu Werke, daß man +das ganze Weib kaum nach einer Handbreit seines Körpers beurteilt. Man +sieht sich nichts weiter als das Gesicht an -- der übrige Körper ist ja +von der Kleidung verhüllt --, und so bindet man sich an die Frau und +setzt sich dabei der großen Gefahr aus, daß der Ehebund keinen rechten +Halt hat, wenn später etwas Anstoß erregen sollte. Denn einerseits sind +nicht alle Männer so klug, nur auf den Charakter zu sehen, anderseits +aber ist auch in den Ehen kluger Männer Schönheit des Körpers eine nicht +unwesentliche Zugabe zu den Vorzügen des Geistes. Auf jeden Fall aber +können jene Kleiderhüllen eine Häßlichkeit verbergen, die so abstoßend +wirkt, daß sie imstande ist, Herz und Sinn eines Mannes seiner Frau +völlig zu entfremden, da eine körperliche Trennung nicht mehr möglich +ist. Wenn nun solch ein häßliches Aussehen die Folge irgendeines +Unglücksfalles erst nach der Heirat ist, so muß sich jedes in sein +Schicksal fügen; dagegen ist durch gesetzliche Bestimmungen zu verhüten, +daß jemand vor der Eheschließung einer Täuschung zum Opfer fällt. Die +Utopier mußten das um so angelegentlicher ihre Sorge sein lassen, weil +sie allein von den Völkern jener Himmelstriche sich mit nur einer Gattin +begnügen und weil eine Ehe dort nur selten anders als durch den Tod +gelöst wird, wenn nicht gerade Ehebruch oder unerträglich schlechte +Aufführung die Scheidung veranlassen. Wird nämlich einer von beiden +Teilen auf diese Weise beleidigt, so erhält er vom Senat die Erlaubnis +zu einer neuen Ehe; der schuldige Teil dagegen lebt ehrlos bis an sein +Ende und darf keine neue Ehe eingehen. Daß aber jemand seine Frau, die +nichts verbrochen hat, wider ihren Willen nur deshalb verstößt, weil sie +einen körperlichen Unfall erlitten hat, duldet man allerdings auf keinen +Fall; denn man hält es für eine Grausamkeit, jemanden gerade dann im +Stiche zu lassen, wenn er des Trostes am meisten bedarf, und man ist der +Meinung, der alternde Gatte werde dann nicht mehr sicher und fest darauf +vertrauen können, daß ihm die eheliche Treue gehalten wird, da das Alter +Krankheiten mit sich bringt und schon an und für sich eine Krankheit +ist. Zuweilen jedoch kommt es vor, daß die Ehegatten charakterlich nicht +recht miteinander harmonieren. Wenn dann beide jemand anders finden, mit +dem sie glücklicher zu leben hoffen, so trennen sie sich in gütlicher +Vereinbarung und gehen eine neue Ehe ein, allerdings nicht ohne +Genehmigung des Senats, der Scheidungen erst nach sorgfältiger +Untersuchung der Sache durch seine Mitglieder und deren Ehefrauen +zuläßt. Aber auch dann machen die Senatoren die Scheidung nicht leicht, +weil sie wissen, daß die Aussicht, ohne Schwierigkeit eine neue Ehe +eingehen zu können, keineswegs dazu dient, die Liebe der Ehegatten zu +festigen. + +Ehebrecher bestraft man mit äußerst harter Sklaverei. Waren beide Teile +verheiratet, so können die Gatten, denen das Unrecht widerfährt, ihre +schuldigen Ehepartner verstoßen und, wenn sie Lust haben, sich +gegenseitig oder, wen sie sonst wollen, heiraten. Wenn dagegen der eine +beleidigte Teil den anderen noch weiter liebt, obgleich er es so wenig +verdient, so kann die Ehe gesetzlich fortbestehen, falls der beleidigte +Teil gewillt ist, dem zur Zwangsarbeit verurteilten in die Sklaverei zu +folgen. Bisweilen erregen auch die Reue des einen und die pflichteifrige +Zuneigung des anderen Teiles das Mitleid des Bürgermeisters, so daß er +dem schuldigen Gatten wieder die Freiheit erwirkt. Wer aber dann +rückfällig wird, muß mit dem Leben büßen. + +Für die übrigen Verbrechen sieht das Gesetz keine bestimmten Strafen +vor, sondern der Senat setzt in jedem Falle, je nachdem ihm das Vergehen +schwer erscheint oder nicht, die Strafe fest. Die Männer züchtigen ihre +Frauen und die Eltern ihre Kinder, wenn die Missetat nicht so schlimm +ist, daß das Interesse der Moral eine öffentliche Bestrafung verlangt. +In der Regel ahndet man die schwersten Verbrechen mit Zwangsarbeit; denn +man ist der Meinung, das sei für die Verbrecher nicht weniger hart und +zugleich für den Staat nicht weniger vorteilhaft, als wenn man die +Schuldigen schleunigst abschlachte und stracks aus dem Wege schaffe. +Einmal nämlich bringt ihre Arbeit mehr Nutzen als ihre Hinrichtung, und +sodann schrecken sie durch ihr warnendes Beispiel für längere Zeit +andere von ähnlicher Untat ab. Sollten sie sich aber in solcher Lage +widersetzlich und aufsässig benehmen, so schlägt man sie schließlich tot +wie wilde Tiere, die weder Kerker noch Ketten bändigen können. Denen +aber, die sich geduldig fügen, nimmt man nicht gänzlich jede Hoffnung. +Wenn nämlich eine lange Leidenszeit ihren Widerstand gebrochen hat und +wenn sie eine Reue zur Schau tragen, die bekundet, daß sie ihre Schuld +mehr drückt als ihre Strafe, so wird ihre Zwangsarbeit bisweilen durch +ein Wort des Bürgermeisters, bisweilen aber auch durch Volksbeschluß +entweder erleichtert oder erlassen. + +Wer zur Unzucht verleitet, setzt sich ebenso großer Gefahr aus wie der, +der sie begeht. Bei jeder Schandtat kommt nämlich in den Augen der +Utopier der bestimmte und wohlüberlegte Versuch der Tat selbst gleich; +denn, so meinen sie, was den Versuch nicht zur Tat werden ließ, darf dem +nicht zum Vorteil gereichen, an dem es gar nicht gelegen hat, daß der +Versuch nicht zur Tat wurde. -- Possenreißer machen den Utopiern viel +Spaß. Sie zu beleidigen ist in ihren Augen eine große Ungehörigkeit. +Doch finden sie nichts dabei, wenn man sich mit ihrer Torheit einen Spaß +macht; denn das ist nach ihrer Meinung für die Possenreißer selber von +größtem Vorteil. Ist aber jemand so ernst und finster, daß er über +nichts, was ein Narr tut oder spricht, lacht, so darf man ihrer Ansicht +nach einen Narren seiner Obhut nicht anvertrauen; sie fürchten nämlich, +er werde ihn nicht nachsichtig genug behandeln, weil er von ihm nicht +nur keinen Nutzen, sondern nicht einmal Erheiterung haben werde, und +diese Begabung ist ja seine einzige Stärke. + +Einen Mißgestalteten und Krüppel zu verlachen, ist nach Meinung der +Utopier schimpflich und häßlich, und zwar nicht für den, der verspottet +wird, sondern für den Spötter; denn dieser ist so töricht, jemandem +etwas als Fehler zum Vorwurf zu machen, was zu vermeiden gar nicht in +seiner Macht lag. Wie es nämlich in den Augen der Utopier einerseits +eine Nachlässigkeit und Trägheit ist, sich seine körperliche Schönheit +nicht zu erhalten, so ist es anderseits eine Schande und +Unverschämtheit, die Schminke zu Hilfe zu nehmen. Wissen sie doch aus +persönlicher Erfahrung, daß eine Frau die Achtung und Liebe ihres Mannes +durch keinerlei Aufputz des Äußeren in gleicher Weise wie durch +Sittsamkeit und Ehrerbietung gewinnt. Wenn sich nämlich auch manche +Männer durch bloße Schönheit fangen lassen, so ist doch keiner ohne +Tugend und Gehorsam auf die Dauer festzuhalten. + +Die Utopier schrecken nicht bloß durch Strafen von Schandtaten ab, +sondern geben auch durch die Aussicht auf Ehrungen einen Anreiz zur +Tugendhaftigkeit. Zu diesem Zweck errichten sie berühmten und um den +Staat besonders verdienten Männern auf dem Markte Standbilder zur +Erinnerung an ihre Taten; zugleich aber soll der Ruhm der Vorfahren ihre +Nachkommen mit Nachdruck zur Tugend anspornen. + +Wer sich ein Amt zu erschleichen sucht, geht der Aussicht verlustig, +überhaupt ein Amt zu erlangen. + +Die Utopier verkehren in liebevoller Weise miteinander, und auch die +obrigkeitlichen Personen sind weder anmaßend noch schroff. Sie heißen +Väter, und als solche zeigen sie sich auch. Aus freien Stücken erweist +man ihnen die gebührende Ehre, und man läßt sich nicht dazu zwingen. +Nicht einmal den Bürgermeister macht eine besondere Tracht oder ein +Diadem kenntlich, sondern nur ein Büschel Ähren, das er trägt, wie das +Kennzeichen des Oberpriesters eine Wachskerze ist, die ihm vorangetragen +wird. + +Gesetze haben die Utopier in ganz geringer Zahl; für Leute von solcher +Disziplin genügen ja auch überaus wenige. Ja, das mißbilligen sie vor +allem anderen bei fremden Völkern, daß dort nicht einmal eine Flut von +Gesetzbüchern und Kommentaren ausreicht. Ihnen selbst aber kommt es +höchst unbillig vor, wenn sich jemand durch Gesetze verpflichten soll, +die entweder zu zahlreich sind, als daß er sie durchlesen könnte, oder +zu dunkel, als daß sie jedermann verständlich wären. Ferner wollen sie +von Advokaten überhaupt nichts wissen, weil diese die Prozesse so +gerissen führen und über die Gesetze so spitzfindig disputieren. Nach +Ansicht der Utopier ist es nämlich von Vorteil, wenn jeder seine Sache +selber vertritt und das, was er seinem Anwalt erzählen würde, dem +Richter mitteilt; auf diese Weise werde es, so sagen sie, weniger +Winkelzüge geben und die Wahrheit komme eher ans Licht. Wenn nämlich +jemand spricht, den kein Anwalt Falschheit gelehrt hat, so wägt der +Richter das einzelne, was er vorbringt, geschickt und klug ab und steht +Leuten von harmloserem Charakter gegen die Verleumdungen verschlagener +Gegner bei. Das läßt sich bei anderen Völkern wegen der Riesenmenge +höchst verwickelter Gesetze nur schwer durchführen, bei den Utopiern +dagegen ist jeder einzelne gesetzeskundig. Einmal nämlich ist die Zahl +ihrer Gesetze, wie gesagt, sehr gering, und sodann halten sie die am +wenigsten gekünstelte Auslegung für die gegebenste. Denn wenn alle +Gesetze, so sagen sie, nur dazu erlassen werden, jedermann an seine +Pflicht zu erinnern, so wird dieser Zweck durch eine feinere Auslegung, +die nur wenige verstehen, auch nur bei sehr wenigen erreicht; dagegen +ist eine einfachere und näherliegende Erklärung der Gesetze einem jeden +verständlich. Was aber nun die große Masse anlangt, die an Zahl stärkste +Klasse, die der Ermahnung am meisten bedarf, was macht es der aus, ob +man überhaupt kein Gesetz gibt oder ob man ein schon bestehendes Gesetz +in einem Sinne auslegt, den jemand nur mit viel Geist und in langer +Erörterung herausfinden kann? Damit kann sich weder der hausbackene +Verstand des gemeinen Mannes befassen, noch läßt ihm sein Leben, das von +der Beschaffung des Unterhaltes ausgefüllt ist, die Zeit dazu. + +Diese Vorzüge der Utopier veranlassen ihre Nachbarn, obwohl sie frei und +selbständig sind -- viele von ihnen sind durch die Utopier schon vor +alters von der Tyrannei befreit worden --, sich von ihnen ihre +obrigkeitlichen Personen, teils auf je ein Jahr, teils auf fünf Jahre, +zu erbitten. Nach Ablauf ihrer Amtszeit geleiten die Fremden sie mit +Ehre und Lob nach Utopien zurück und nehmen wieder neue Leute in die +Heimat mit. Und diese Völker sorgen in der Tat aufs beste für das +Wohlergehen ihres Staates. Da nämlich dessen Heil und Verderben von der +Führung der Beamten abhängt, hätten sie keine klügere Wahl treffen +können. Denn einerseits sind diese Fremden durch keinerlei Bestechung +vom Wege der Tugend abzubringen, da sie ja bei ihrer bald wieder +erfolgenden Heimkehr nicht lange Nutzen von dem Gelde haben würden; +anderseits sind ihnen die fremden Bürger unbekannt, und so lassen sie +sich nicht von unangebrachter Zuneigung oder Abneigung gegen irgend +jemand leiten. Wo aber diese beiden Übel, Parteilichkeit und Geldgier, +die Urteile beeinflussen, da ertöten sie sogleich alle Gerechtigkeit, +den Lebensnerv des staatlichen Lebens. Diese Völker, die sich von den +Utopiern ihre Obrigkeiten erbitten, werden von ihnen Genossen genannt, +die übrigen aber, denen sie Wohltaten erwiesen haben, Freunde. + +Bündnisse, wie sie die übrigen Völker so oft untereinander abschließen, +brechen und wieder erneuern, gehen die Utopier mit keinem Volke ein. +Wozu denn ein Bündnis? sagen sie. Genügen nicht die natürlichen Bande +der Menschen untereinander? Wer diese nicht achtet, sollte der sich etwa +durch Worte gebunden fühlen? Zu dieser Ansicht kommen die Utopier wohl +besonders dadurch, daß in jenen Ländern Bündnisse und Verträge der +Fürsten in der Regel zu wenig gewissenhaft gehalten werden. Und in der +Tat ist in Europa, und zwar vor allem in den Teilen, wo christlicher +Glaube und christliche Religion herrschen, die Majestät der Verträge +überall heilig und unverletzlich, teils infolge der Gerechtigkeit und +Redlichkeit der Fürsten selbst, teils infolge der Ehrerbietung und Scheu +der Geistlichkeit gegenüber, die selber keine Verpflichtung auf sich +nimmt, ohne sie aufs gewissenhafteste einzuhalten, die aber auch +sämtlichen übrigen Fürsten befiehlt, ihre Versprechen auf alle Weise zu +erfüllen, dagegen diejenigen, die sich weigern, mit strenger +Kirchenstrafe dazu zwingt. Mit Recht fürwahr meinen sie, es müßte höchst +schimpflich erscheinen, wenn die Bündnisse jener Männer Treu und Glauben +vermissen ließen, die in besonderem Sinne »Gläubige« heißen. In jener +neuen Welt dagegen, die von der unsrigen fast weniger noch durch den +Äquator als durch Lebensweise und Sitten geschieden ist, kann man sich +auf Verträge überhaupt nicht verlassen. Je zahlreicher und feierlicher +die Formalitäten sind, mit denen ein Vertrag gleichsam verknotet ist, um +so schneller wird er gebrochen, weil es keine Mühe macht, seinen +Wortlaut zu verdrehen. Die Leute dort setzen nämlich einen Vertrag +bisweilen ganz verzwickt auf. Infolgedessen sind sie auch niemals auf +Grund so fester Bindungen zu fassen, daß sie nicht durch irgendeine +Masche entschlüpfen und in gleicher Weise mit der Vertragstreue Spott +und Hohn treiben könnten. Wenn sie solch eine hinterlistige Gesinnung, +ja solch einen Lug und Trug in einem Vertrag von Privatleuten fänden, so +würden sie unter starkem Stirnrunzeln laut schreien, das sei ein +Verbrechen, das den Galgen verdiene, und natürlich gerade die Leute, die +sich rühmen, ihren Fürsten selber dazu geraten zu haben. Die Folge davon +ist, daß entweder die gesamte Gerechtigkeit nur als eine niedrige Tugend +des gemeinen Mannes erscheint, die sich tief unter den Thron des Königs +duckt, oder daß es zum mindesten zwei Arten von Gerechtigkeit gibt. Die +eine kommt dem gemeinen Manne zu, geht zu Fuß, kriecht am Boden und ist +ringsum von zahlreichen Fesseln gehemmt, um nirgends eine Umzäunung +überspringen zu können. Die andere ist die Tugend der Fürsten, erhabener +als die des Volkes, aber in ebenso weitem Abstand auch freier, die sich +alles erlauben darf, was ihr gefällt. + +Diese Treulosigkeit der Fürsten in jenen Ländern, die ihre Verträge so +schlecht halten, ist meiner Meinung nach auch der Grund, daß die Utopier +grundsätzlich keine abschließen; möglicherweise aber würden sie ihre +Ansicht ändern, wenn sie hier lebten. Freilich erscheint es ihnen +überhaupt als ein unheilvoller Brauch, ein Bündnis einzugehen, mag es +auch noch so gewissenhaft gehalten werden. Denn es veranlaßt die Völker +zu der Annahme, daß sie zu gegenseitiger Feindschaft im öffentlichen wie +im privaten Leben geschaffen seien und daß sie mit Fug und Recht +gegeneinander wüten, falls nicht Bündnisse dem im Wege stehen, gerade +als ob keinerlei natürliche Gemeinschaft zwei Völker miteinander +verbände, die nur ein winziger Zwischenraum, sei es ein Hügel oder ein +Bach, trennt. Ja, selbst wenn Verträge abgeschlossen sind, so erwächst +daraus nach ihrer Ansicht noch keine Freundschaft; es bleibt vielmehr +immer noch die Möglichkeit, den anderen zu übervorteilen, soweit man es +aus Unbedachtsamkeit bei der Festsetzung des Wortlauts unterlassen hat, +mit genügender Vorsicht eine Bestimmung mit aufzunehmen, die jene +Möglichkeit ausschließt. Die Utopier aber sind im Gegenteil der Meinung, +man dürfe niemanden als Feind betrachten, der einem kein Unrecht getan +hat. In ihren Augen ist die Gemeinschaft der Natur so gut wie ein +Bündnis und bindet die Menschen durch gegenseitiges Wohlwollen stärker +und fester aneinander als durch Verträge, durch die Gesinnung stärker +und fester als durch Worte. + + +Das Kriegswesen + +Den Krieg verabscheuen die Utopier als etwas ganz Bestialisches mehr als +alles andere, und doch gibt sich mit ihm keine Art von Bestien so +dauernd ab wie der Mensch. Der Anschauung fast aller Völker zuwider +halten die Utopier nichts für so unrühmlich wie den Ruhm, den man im +Kriege gewinnt. Mögen sie sich nun auch beständig an dafür festgesetzten +Tagen in der Kriegskunst üben, und zwar nicht bloß die Männer, sondern +auch die Frauen, um im Bedarfsfalle kriegstüchtig zu sein, so beginnen +sie einen Krieg doch nicht ohne weiteres, sondern nur zum Schutze ihrer +eigenen Grenzen oder zur Vertreibung der ins Land ihrer Freunde +eingedrungenen Feinde oder aus Mitleid mit irgendeinem Volk, das unter +dem Drucke der Tyrannei leidet, um es mit ihrer eigenen Macht vom +Sklavenjoch des Tyrannen zu befreien, und das tun sie lediglich aus +Menschenliebe. Ihren Freunden indessen leisten sie ihre Hilfe nicht +immer nur zur Verteidigung, sondern bisweilen auch, damit diese ein +Unrecht, das man ihnen zugefügt hat, vergelten und rächen können. Jedoch +greifen die Utopier erst dann ein, wenn man sie noch vor Beginn der +Feindseligkeiten um Rat fragt, wenn sie den Kriegsgrund billigen, wenn +das, worum der Streit geht, zwar zurückgefordert, aber noch nicht +zurückgegeben ist, und wenn auf ihre Veranlassung hin der Krieg begonnen +wird. Dazu entschließen sie sich nicht nur dann, wenn ihren Freunden bei +einem feindlichen Einfall Beute geraubt wird, sondern auch dann, und +zwar mit noch weit größerer Erbitterung, wenn sich deren Kaufleute +irgendwo in der Welt unter dem Scheine des Rechts eine Rechtsverdrehung +gefallen lassen müssen indem man entweder unbillige Gesetze zum Vorwand +nimmt oder gute verkehrt auslegt. Und so kam es auch zu dem Kriege, den +die Utopier kurz vor unserer Zeit für die Nephelogeten gegen die +Alaopoliten führten, aus keinem anderen Grunde, als weil den Kaufleuten +der Nephelogeten im Lande der Alaopoliten unter dem Scheine des Rechts +Unrecht getan worden war, wenigstens wie es den Utopiern schien. Mochte +es sich nun in diesem Falle um Recht oder Unrecht handeln, jedenfalls +kam es zu einem Rachekrieg, in dem sich zu den Streitkräften und dem Haß +beider Parteien auch noch die Leidenschaften und Hilfsmittel der +Nachbarvölker gesellten und der dadurch so blutig wurde, daß die +blühendsten Völker zum Teil stark erschüttert, zum Teil schwer +heimgesucht wurden und immer ein Übel aus dem anderen entstand. Das +Unglück endete schließlich mit der Versklavung und Unterwerfung der +Alaopoliten, die so unter die Herrschaft der Nephelogeten kamen -- die +Utopier kämpften nämlich nicht für ihre eigenen Interessen --, die +Nephelogeten aber waren in der Blütezeit der Alaopoliten keineswegs mit +diesen zu vergleichen gewesen. + +Mit solchem Nachdruck rächen die Utopier ein ihren Freunden zugefügtes +Unrecht, auch wenn es sich dabei nur um Geld handelt; in ihren eigenen +Angelegenheiten dagegen zeigen sie nicht den gleichen Eifer. Wenn sie +nämlich einmal irgendwo betrogen werden und eine Einbuße an Geld und Gut +dabei erleiden, so gehen sie in ihrem Zorn, vorausgesetzt, daß mit dem +Verlust kein Schaden an Leib und Seele verbunden ist, nur so weit, daß +sie bis zur Leistung von Genugtuung mit dem betreffenden Volke keinen +Handel mehr treiben. Dabei liegen ihnen die Interessen ihrer Mitbürger +nicht etwa weniger am Herzen als die ihrer Genossen; über deren +Geldverlust aber sind sie trotzdem deshalb aufgebrachter, weil die +Kaufleute ihrer Freunde unter der Einbuße schwer zu leiden haben, da +diese etwas von ihrem Privatbesitz verlieren, ihren Mitbürgern dagegen +nur etwas auf Rechnung des Staates verlorengeht, überdies nur von daheim +reichlich vorhandenem und in gewissem Sinne überflüssigem Gut -- sonst +könnte man es ja nicht ins Ausland ausführen --, so daß der einzelne den +Verlust gar nicht so empfindet. Deshalb ist es in den Augen der Utopier +auch eine zu große Grausamkeit, durch den Tod vieler einen Schaden zu +rächen, dessen nachteilige Folgen keiner von ihnen weder am Leben noch +am Lebensbedarf deutlich zu spüren bekommt. Wird jedoch einer ihrer +Landsleute irgendwo auf ungerechte Weise mißhandelt oder gar getötet, so +lassen die Utopier den Tatbestand durch ihre Gesandten ermitteln, ganz +gleich, ob der Anschlag vom Staat oder von einer Privatperson +ausgegangen ist, und sind nur durch Auslieferung der Schuldigen von +einer sofortigen Kriegserklärung abzuhalten. Die Ausgelieferten +bestrafen sie für ihr Vergehen entweder mit dem Tode oder mit +Sklavenarbeit. + +Ein blutiger Sieg bereitet den Utopiern nicht nur Verdruß, sondern sie +schämen sich sogar seiner, weil sie sich sagen, es sei eine Torheit, +auch noch so kostbare Waren zu teuer zu kaufen. Haben sie aber durch +Geschick und List den Sieg errungen und den Feind bezwungen, so prahlen +sie laut damit, feiern aus diesem Anlaß von Staats wegen einen Triumph +und errichten ein Siegesdenkmal, als hätten sie eine Heldentat +vollbracht. Ihrer Mannhaftigkeit und Tapferkeit rühmen sie sich nämlich +immer erst dann, wenn sie so gesiegt haben, wie es kein Lebewesen außer +dem Menschen vermocht hätte, das heißt mit den Kräften des Geistes. Denn +mit den Kräften des Körpers, so sagen sie, führen Bären, Löwen, Eber, +Wölfe, Hunde und die übrigen wilden Tiere den Kampf; die meisten von +ihnen sind uns zwar an Kraft und Wildheit überlegen, aber alle zusammen +übertreffen wir an Geist und Vernunft. + +Nur das eine haben die Utopier bei einem Kriege im Auge: das zu +erreichen, was sie schon früher hätten erreichen müssen, um sich den +Krieg zu ersparen; oder wenn das sachlich unmöglich ist, so nehmen sie +an denen, die sie für schuldig halten, eine so grimmige Rache, daß der +Schrecken Leute, die dasselbe wagen wollten, in Zukunft davon abhält. +Das sind die Ziele, die sie sich für ihr Vorhaben stecken und die sie +rasch zu erreichen suchen, aber so, daß sie mehr darauf bedacht sind, +die Gefahr zu vermeiden, als Lob und Ruhm zu ernten. Deshalb lassen sie +sogleich nach der Kriegserklärung heimlich und zu gleicher Zeit an den +Punkten des feindlichen Landes, die am besten zu sehen sind, +Proklamationen, die das Siegel ihres Staates tragen, in großer Zahl +anschlagen. In ihnen versprechen sie dem, der den gegnerischen Fürsten +umbringt, riesige Belohnungen; sodann setzen sie geringere, aber +gleichwohl noch recht ansehnliche Preise auf die Köpfe einzelner +Personen, die sie in denselben Anschlägen namentlich anführen. Das sind +die Männer, die sie nächst dem Fürsten selber für die Urheber des Planes +halten, den man gegen sie geschmiedet hat. Welchen Betrag sie aber auch +für den Mörder aussetzen, sie zahlen ihn in doppelter Höhe dem, der +ihnen einen von den Geächteten lebend bringt, und ebenso suchen sie die +Geächteten selbst durch die gleichen Belohnungen und außerdem durch die +Zusicherung von Straflosigkeiten gegen ihre Genossen aufzuhetzen. So +kommt es schnell dahin, daß jene auch die anderen Menschen mit Argwohn +betrachten, sich einander selbst kein rechtes Vertrauen mehr schenken +und auch keine rechte Treue mehr halten und daher in größter Furcht und +nicht geringerer Gefahr leben. Denn, wie bekannt, ist es schon mehr als +einmal vorgekommen, daß die Geächteten zu einem großen Teil und vor +allem der Fürst selber von denen verraten wurden, auf die sie die größte +Hoffnung setzten. So leicht verleiten Belohnungen zu jedem beliebigen +Verbrechen. Für diese Prämien setzen die Utopier auch keine bestimmte +Höhe fest. Indem sie vielmehr die Größe der Gefahr bedenken, zu der sie +verleiten, bemühen sie sich, sie durch die Höhe der Belohnungen +aufzuwiegen, und aus diesem Grunde stellen sie nicht nur eine +unermeßliche Menge Gold in Aussicht, sondern auch recht ertragreiche +Landgüter an ganz sicheren Orten in den Ländern ihrer Freunde, und zwar +als dauernden Besitz, und halten ihr Versprechen mit gewissenhafter +Treue. Dieser Brauch, den Feind gegen Gebot zu kaufen, den andere Völker +als Beweis einer entarteten Gesinnung und als grausame Untat verwerfen, +ist in den Augen der Utopier ein hohes Lob. Ja, sie dünken sich auch +klug, weil sie auf diese Weise die größten Kriege ohne jeden Kampf +völlig zu Ende bringen, und sogar human und mitleidsvoll, weil sie mit +dem Tode einiger weniger Schuldiger das Leben zahlreicher Unschuldiger +erkaufen, die sonst im Kampfe gefallen wären, teils aus den Reihen der +Ihrigen, teils aus denen der Feinde, deren Menge und Masse sie fast +ebenso bedauern wie ihre eigenen Landsleute; wissen sie doch recht wohl, +daß jene einen Krieg nicht aus freien Stücken anfangen, sondern weil die +blinde Leidenschaft ihrer Fürsten sie dazu treibt. Kommen sie auf diese +Weise nicht weiter, so säen und nähren sie Zwietracht, indem sie dem +Bruder des Fürsten oder sonst einem aus dem Adel Hoffnung auf den Thron +machen. Wenn die Parteien im Inneren versagen, so wiegeln die Utopier +die Nachbarvölker des Feindes auf und verwickeln sie in einen Krieg mit +ihm, indem sie irgendeinen alten Vorwand hervorsuchen, woran es ja +Königen niemals fehlt. + +Haben sie diesen Völkern ihren Beistand im Kriege versprochen, so +stellen sie ihnen reichlich Geld zur Verfügung, Hilfskräfte aus den +Reihen ihrer Bürger jedoch nur ganz spärlich; denn diese sind ihnen so +außerordentlich lieb und wert, und sie schätzen sich gegenseitig so +hoch, daß sie einen ihrer Landsleute nur ungern gegen den feindlichen +Fürsten austauschen würden. Gold und Silber dagegen, dessen gesamte +Menge sie einzig und allein für diesen Zweck aufbewahren, geben sie von +Herzen gern hin; sie könnten ja ebenso bequem leben, auch wenn sie es +vollständig aufbrauchten. Denn außer dem Reichtum im Inland besitzen sie +ja noch, wie früher erwähnt, bei den meisten Völkern des Auslands einen +unermeßlichen Schatz von Guthaben. So werben sie denn überall Söldner +an, vornehmlich aus dem Volk der Zapoleten, und lassen sie in den Krieg +ziehen. + +Diese wohnen 500 Meilen östlich von Utopien. Unkultiviert, roh und wild, +wie sie sind, lassen sie deutlich merken, daß sie inmitten von Wäldern +und rauhen Bergen aufgewachsen sind. Sie sind ein kräftiger Volksstamm, +unempfindlich gegen Hitze, Kälte und Anstrengung, unbekannt mit allen +Annehmlichkeiten des Lebens, nicht begeistert für den Ackerbau, +nachlässig in Wohnung und Kleidung und nur für die Viehzucht +interessiert. Zu einem großen Teile leben sie von Jagd und Raub. Einzig +und allein zum Krieg geboren, suchen die Zapoleten eifrig nach einer +Gelegenheit zur Teilnahme an einem solchen, und finden sie eine, so +ergreifen sie sie mit Leidenschaft, ziehen in großer Zahl außer Landes +und bieten sich für wenig Geld dem ersten besten an, der Soldaten sucht. +Dies Handwerk, den Tod zu suchen, ist das einzige ihres Lebens, das sie +verstehen. Für ihren Dienstherrn schlagen sie sich mit Hingebung und +unbestechlicher Treue. Doch verpflichten sie sich nicht bis zu einem +bestimmten Termin, sondern wenn sie Partei ergreifen, so tun sie das nur +unter der Bedingung, daß sie am nächsten Tage auf seiten des Feindes +stehen dürfen, falls dieser ihnen höheren Sold bietet; ebenso kehren sie +dann am übernächsten Tage, durch eine Kleinigkeit Geld mehr verlockt, +wieder zurück. Nur selten kommt es zu einem Kriege, in dem sie nicht zu +einem großen Teile auf beiden Seiten kämpfen. So werden täglich +Blutsverwandte, bisher Söldner der gleichen Partei und einander die +besten Kameraden, bald darauf auseinandergerissen, geraten in +feindliche Heere, treffen als Gegner aufeinander und metzeln sich +gegenseitig nieder wie erbitterte Feinde, die ihre Abstammung vergessen +haben und nicht mehr an ihre frühere Freundschaft denken. Dabei +veranlaßt sie kein anderer Grund zur gegenseitigen Vernichtung, als daß +zwei feindliche Fürsten sie für ein paar lumpige Geldstücke gemietet +haben. Dieses Geld berechnen sie sich so genau, daß sie sich durch die +Erhöhung des täglichen Soldes um nur einen Heller zu einem Wechsel der +Partei verleiten lassen. So hat sich in ihren Herzen rasch die Habgier +eingenistet, von der sie jedoch keinen Vorteil haben; was sie nämlich +mit ihrem Blute gewinnen, verbrauchen sie alsbald wieder mit einer +Verschwendung, die gleichwohl armselig ist. + +Dieses Volk kämpft für die Utopier gegen alle Welt, weil niemand +anderswo seine Dienstleistung so gut bezahlt wie diese. Wie sich nämlich +die Utopier nach guten Menschen umsehen, um sie in ihrem Dienst nützlich +zu verwenden, so werben sie auch diese Schurken an, um sie zu +mißbrauchen. Nötigenfalls machen sie ihnen lockende Versprechungen und +setzen sie an den gefährlichsten Punkten ein. Meist kommt dann ein +großer Teil von ihnen niemals wieder zurück und kann die versprochenen +Belohnungen gar nicht anfordern. Den Überlebenden aber zahlen die +Utopier gewissenhaft aus, was sie versprochen haben, um sie zu ähnlichen +Wagnissen anzuspornen. Sie fragen nämlich nicht danach, wie viele von +ihnen durch ihre Schuld ums Leben kommen, weil sie sich, wie sie meinen, +das größte Verdienst um die Menschheit erwerben würden, wenn sie den +Erdkreis von jenem Abschaum eines so greulichen und ruchlosen Volkes +gründlich säubern könnten. + +Nächst den Zapoleten verwenden die Utopier auch die Streitkräfte +desjenigen Volkes, für das sie zu den Waffen greifen, und die +Hilfsscharen ihrer anderen Freunde; an letzter Stelle erst ziehen sie +ihre Mitbürger heran. Aus deren Mitte nehmen sie einen Mann von +erprobter Tapferkeit und stellen ihn an die Spitze des gesamten Heeres. +Ihm ordnen sie zwei Mann unter in der Art, daß beide nur als Privatleute +gelten, solange der Oberbefehlshaber dienstfähig ist; wird er jedoch +gefangengenommen oder fällt er, so tritt der eine von jenen beiden +gleichsam sein Erbe an, und ihn ersetzt gegebenenfalls der andere, damit +nicht in den bunten Wechselfällen der Kriege infolge einer Gefährdung +des Führers das ganze Heer in Unordnung gerät. In jeder Stadt hebt man +Freiwillige aus; man preßt nämlich niemanden wider seinen Willen zum +Kriegsdienst außerhalb der Grenzen seiner Heimat, weil man der +Überzeugung ist, daß einer, der von Natur etwas furchtsam ist, nicht nur +selbst sich nicht tapfer zeigen, sondern auch seine Kameraden mit seiner +Angst anstecken wird. Bricht aber der Feind ins Land ein, so steckt man +die Feiglinge dieser Art im Falle körperlicher Tauglichkeit auf die +Schiffe unter bessere Soldaten oder verteilt sie auf die einzelnen +Festungen, von wo sie nicht ausreißen können. Sie müssen sich vor ihren +Kameraden schämen, haben den Feind unmittelbar vor sich und sehen keine +Möglichkeit zur Flucht: so vergessen sie ihre Furcht und werden oft +durch höchste Not zu mutigen Männern. So wenig aber einerseits ein +Utopier wider seinen Willen zu einem auswärtigen Kriege fortgeschleppt +wird, so wenig hindert man anderseits die Frauen, mit ihren Männern ins +Feld zu ziehen; ja, man fordert sie dazu noch auf und spornt sie dazu +an, indem man sie lobt. Die Frauen, die mitausrücken, stellt man an der +Front mit ihren Männern in eine Reihe; außerdem hat ein jeder Kämpfer +seine Kinder, Verwandten und Angehörigen um sich, damit sich diejenigen +einander aus nächster Nähe beistehen können, die die Natur am stärksten +zu gegenseitiger Hilfe anspornt. Die höchste Schmach ist es für einen +Gatten, ohne den anderen heimzukommen, oder für einen Sohn, seinen Vater +zu überleben. Infolgedessen kämpft man, wenn es zum Handgemenge kommt +und die Feinde standhalten, in einem langen und unheilvollen Ringen bis +zur Vernichtung. Zwar suchen die Utopier mit allen Mitteln zu verhüten, +in eigener Person kämpfen zu müssen, wofern sie nur den Krieg mit Hilfe +einer Schar gemieteter Stellvertreter zu Ende bringen können; wenn es +sich jedoch nicht vermeiden läßt, daß sie selber mitkämpfen, so nehmen +sie den Kampf ebenso unerschrocken auf, wie sie sich vorher klug +zurückgehalten haben, solange es möglich war. Und beim ersten Angriff +gehen sie nicht mit wildem Ungestüm vor; vielmehr wächst ihre Stärke +langsam und allmählich und je länger der Kampf dauert. Dabei sind sie so +unbeugsamen Sinnes, daß sie sich eher niedermetzeln als in die Flucht +schlagen lassen; denn das beruhigende Bewußtsein, daß ein jeder daheim +zu leben hat, sowie die Befreiung von der quälenden Sorge um das Los +ihrer Nachkommen -- eine Besorgnis, die sonst überall einen tapferen +Sinn lähmt, -- machen die Kämpfer hochgemut, so daß sie den Gedanken, +sich besiegen zu lassen, als unwürdig von sich weisen. Außerdem flößt +ihnen ihre militärische Erfahrung Zuversicht ein, und schließlich spornt +sie die gute Erziehung, die sie in der Schule und durch die trefflichen +Einrichtungen ihres Staates von Kind auf genossen haben, noch mehr zur +Tapferkeit an. Infolgedessen ist in ihren Augen das Leben weder so +wertlos, daß sie es blindlings vergeuden, noch so übertrieben wertvoll, +daß sie damit geizen und sich in schimpflicher Weise daran klammern, +wenn die Ehre dazu rät, es hinzugeben. Wenn der Kampf allerorten am +wildesten tobt, nehmen sich die auserlesensten Jünglinge, die sich dazu +verschworen und geweiht haben, den feindlichen Führer zum Gegner; auf +ihn dringen sie offen ein, ihn greifen sie aus dem Hinterhalt an, und +aus der Ferne wie aus der Nähe gehen sie auf ihn los, und in einem +langen und lückenlosen Keil -- denn die wegen Ermüdung ausfallenden +Kämpfer werden beständig durch frische ersetzt -- stürmen sie gegen ihn +an. Nur selten kommt es vor, daß er nicht niedergestochen wird oder daß +er nicht lebendig in die Gewalt seiner Feinde gerät, es sei denn, daß er +sich durch die Flucht rettet. + +Ist der Sieg auf seiten der Utopier, so metzeln sie nicht wild darauf +los; statt die Geschlagenen umzubringen, nehmen sie sie lieber gefangen. +Auch verfolgen sie die Fliehenden niemals so blindlings, daß sie bei +alledem nicht wenigstens noch eine geordnete und kampfbereite Schar +zurückbehielten. Wenn daher ihre übrigen Verbände geschlagen sind und +sie erst mit dem letzten den Sieg errungen haben, so lassen sie die +Feinde lieber ganz und gar entfliehen, als daß sie sich dazu +entschließen, die Fliehenden mit ungeordneten Verbänden ihrer Truppen zu +verfolgen. Sie vergessen nämlich nicht, was ihnen selbst mehr als einmal +widerfahren ist. Die Masse ihres gesamten Heeres war völlig besiegt; die +Feinde jubelten über ihren Sieg und zerstreuten sich hier und da auf der +Verfolgung. Die Utopier dagegen hatten einige wenige ihrer Leute im +Hinterhalt aufgestellt, die auf günstige Gelegenheiten lauerten. Sie +griffen die Feinde, die vereinzelt umherschwärmten und es in voreiliger +Sorglosigkeit an der nötigen Vorsicht fehlen ließen, plötzlich an und +veränderten das Ergebnis der ganzen Schlacht. Sie wanden den Feinden den +Sieg, der ihnen schon sicher war und an dem sie nicht mehr gezweifelt +hatten, aus den Händen und besiegten als Besiegte wiederum die Sieger. + +Es ist schwer zu sagen, ob die Utopier einen Hinterhalt mit größerer +Schlauheit zu legen oder mit größerer Vorsicht zu vermeiden wissen. Man +könnte meinen, sie träfen Vorbereitungen zur Flucht, wenn sie alles +andere eher im Sinne haben, und umgekehrt, wenn sie die Absicht haben zu +fliehen, könnte man meinen, sie dächten an nichts weniger. Fühlen sie +sich nämlich hinsichtlich ihrer Zahl oder Stellung zu sehr im Nachteil, +so ziehen sie bei Nacht in aller Stille ab oder täuschen den Feind durch +irgendeine Kriegslist, oder sie gehen bei Tage so allmählich und in so +guter Ordnung zurück, daß es ebenso gefährlich ist, sie während des +Abrückens anzugreifen wie während des Anstürmens. Ihr Lager befestigen +sie überaus sorgfältig mit einem sehr tiefen und breiten Graben, wobei +sie die ausgehobene Erde nach innen werfen. Dazu verwenden sie keine +Tagelöhner, sondern die Soldaten selbst besorgen die Arbeit, und das +gesamte Heer hilft dabei mit, ausgenommen die Posten, die bewaffnet vor +dem Wall Wache halten, um plötzliche Überfälle abzuwehren. Und so legen +die Utopier bei so zahlreicher Mitarbeit starke und weitausgedehnte +Befestigungen wider alles Erwarten in kurzer Zeit an. + +Die Waffen, die die Utopier verwenden, sind stark genug zur Abwehr von +Angriffen, ohne jedoch jede Art von Bewegung oder Haltung zu hindern; ja +nicht einmal beim Schwimmen empfindet man sie als lästig. Denn in voller +Ausrüstung schwimmen zu lernen, gehört zu den Anfangsgründen der +militärischen Ausbildung der Utopier. Im Kampf aus der Ferne benutzen +sie Pfeile, die sie mit großer Kraft und zugleich mit bester +Treffsicherheit abschießen, und zwar nicht bloß zu Fuß, sondern sogar +vom Pferde aus. Im Nahkampf aber führen sie keine Schwerter, sondern +Äxte, die durch ihre Schärfe oder Schwere tödlich verwunden, je nachdem +man sie zum Hieb oder Stich verwendet. In der Erfindung von +Kriegsmaschinen beweisen die Utopier ganz besonderen Scharfsinn; die +fertigen Maschinen halten sie mit größter Sorgfalt geheim, damit sie +nicht bekannt werden, ehe man sie braucht, und nicht mehr Spott und Hohn +erregen als Nutzen stiften. Bei ihrer Herstellung achtet man besonders +darauf, daß sie leicht zu fahren und bequem zu lenken sind. Einen +Waffenstillstand, den die Utopier mit dem Feind abschließen, halten sie +so gewissenhaft, daß sie ihn nicht einmal dann verletzen, wenn sie +gereizt werden. Im Feindesland richten sie keine Verwüstungen an; auch +brennen sie die Saaten nicht nieder. Ja, sie sorgen sogar dafür, daß +nach Möglichkeit weder Menschen noch Pferde die Saaten zertreten, weil +sie der Ansicht sind, daß sie zu ihrem eigenen Vorteil wachsen. Einem +Wehrlosen tun sie nichts zuleide, wenn er nicht gerade ein Spion ist. +Städte, die sich ihnen ergeben, schonen sie; aber auch solche, die sie +erst erobern müssen, plündern sie nicht; wohl aber lassen sie diejenigen +Bürger, die die Übergabe zu verhindern gesucht haben, erwürgen, während +sie die anderen Verteidiger zu Sklaven machen. Der gesamten Bevölkerung, +die nicht mitgekämpft hat, wird kein Haar gekrümmt. Wenn die Utopier +erfahren, daß einige Bürger zur Übergabe geraten haben, so machen sie +ihnen einen Teil von dem Hab und Gut der Verurteilten zum Geschenk; den +Rest geben sie ihren Hilfstruppen: denn von ihnen selbst begehrt niemand +einen Anteil an der Beute. Nach Beendigung des Krieges aber legen sie +die Kosten nicht ihren Freunden auf, für die sie sie aufgewendet haben, +sondern den Besiegten und fordern auf Grund dessen zum Teil bares Geld, +das sie dann für ähnliche Kriegszwecke aufsparen, zum Teil Grund und +Boden, der ihnen im Lande der Besiegten dauernd gehört und einen nicht +geringen Ertrag bringt. + +Derartige Einkünfte haben die Utopier jetzt bei vielen Völkern; sie sind +aus verschiedenen Ursachen im Laufe der Zeit entstanden und bis auf mehr +als 700000 Dukaten im Jahr angewachsen. Zu ihrer Erhebung entsenden sie +einige von ihren Mitbürgern als sogenannte Quästoren, die in dem fremden +Lande prächtig leben und in der Art großer Herren auftreten. Aber +trotzdem bleibt noch viel Geld übrig, das in die Staatskasse fließt, +soweit es die Quästoren nicht lieber dem betreffenden Volke leihen +wollen, was sie häufig so lange tun, bis sie es notwendig brauchen. Und +kaum jemals kommt es vor, daß sie den ganzen Betrag zurückverlangen. Von +dem erwähnten Grund und Boden übereignen die Utopier einen Teil +denjenigen, die sich auf ihre Veranlassung einer so großen Gefahr +aussetzten, wie ich sie weiter oben geschildert habe. + +Greift irgendein Fürst zu den Waffen gegen die Utopier und schickt er +sich an, in ihr Gebiet einzufallen, so treten sie ihm sogleich mit +starken Kräften außerhalb ihres Landes entgegen; denn weder führen sie +ohne Not im eigenen Lande Krieg, noch ist irgendeine Not jemals so +schlimm, daß sie die Utopier zwingen könnte, fremde Hilfstruppen auf +ihre Insel zu lassen. + + +Die Religion der Utopier + +Die religiösen Vorstellungen sind nicht nur in den einzelnen Teilen der +Insel, sondern auch in den einzelnen Städten verschieden, indem die +einen die Sonne, die andern den Mond und wieder andere diesen oder jenen +Planeten als Gottheit anbeten. Einige verehren auch einen beliebigen +Menschen, der vor alters durch Tugend oder Ruhm geglänzt hat, nicht bloß +als Gott, sondern sogar als höchsten Gott. Aber der weit größte und +zugleich weitaus klügere Teil glaubt an nichts von alledem, sondern nur +an ein einziges, unerkanntes, ewiges, unendliches und unerforschliches +göttliches Wesen, das über menschliches Begriffsvermögen erhaben ist und +dieses ganze Weltall erfüllt, und zwar als tätige Kraft, nicht als +körperliche Masse; man nennt es Vater. Ihm schreibt man Ursprung, +Wachstum, Fortschritt, Wandel und Ende aller Dinge zu, und ihm allein +erweist man göttliche Ehren. Mit den Anhängern dieser Lehre stimmen auch +alle anderen trotz aller Glaubensunterschiede in diesem einen Punkte +überein, daß sie an _ein_ höchstes Wesen glauben, dem die Erschaffung +der Welt und die Vorsehung zu verdanken ist, und dieses göttliche Wesen +nennen sie alle ohne Unterschied in ihrer heimischen Sprache Mythras. +Aber insofern sind sie verschiedener Ansicht, daß die einzelnen ihn +verschieden auffassen. Dabei glaubt aber jeder, was es auch sein möge, +das er persönlich für das Höchste hält, es sei doch durchaus dasselbe +Wesen, dessen göttliche Macht und Majestät allein nach der +übereinstimmenden Überzeugung aller Völker der Inbegriff aller Dinge +ist. Indessen machen sie sich alle im Laufe der Zeit von der +Mannigfaltigkeit abergläubischer Vorstellungen frei und lassen ihre +Anschauungen zu jener einen Religion verschmelzen, die, wie es scheint, +vernünftiger ist als die anderen. Und ohne Zweifel wären die übrigen +religiösen Vorstellungen schon längst nicht mehr vorhanden, wenn nicht +alles Ungemach, das jemandem bei dem Vorhaben, seine Religion zu +wechseln, zufällig widerfährt, von ihm aus Furcht als eine Schickung des +Himmels aufgefaßt würde, gleich als ob die Gottheit, deren Verehrung +aufgegeben werden sollte, den gottlosen und gegen sie gerichteten Plan +ahnden wolle. Nachdem die Utopier jedoch durch uns von Christi Namen, +Lehre, Art und Wundern gehört hatten und ebenso von der +staunenerregenden Standhaftigkeit der zahlreichen Märtyrer, deren +freiwillig vergossenes Blut so zahlreiche Völker weit und breit zu +Christus bekehrt hat, da nahmen auch sie mit einem kaum glaublichen +Verlangen seine Lehre an, sei es nun, weil es Gott ihnen mehr im +geheimen eingab, oder sei es, weil das Christentum, wie es schien, der +bei ihnen selbst am weitesten verbreiteten Lehre am nächsten kam. +Gleichwohl möchte ich auch dem Umstand nicht wenig Gewicht beimessen, +daß sie gehört hatten, Christus habe an der gemeinschaftlichen +Lebensweise seiner Jünger Gefallen gefunden und sie sei bei den +Zusammenkünften der echten Christen noch heutigestags üblich. Von +welcher Bedeutung das nun auch gewesen sein mag, jedenfalls traten nicht +wenige zu unserem Glauben über und ließen sich mit dem geweihten Wasser +taufen. Leider war unter uns vieren -- nur so viele waren wir noch, da +zwei gestorben waren -- kein Priester. Infolgedessen müssen die Utopier, +wenn sie auch im übrigen eingeweiht sind, dennoch bis heute auf den +Genuß der Sakramente verzichten, da diese bei uns nur die Priester +spenden dürfen. Doch sind sie sich über deren Wert und Bedeutung klar +und haben keinen sehnlicheren Wunsch; ja, sie erörtern bereits lebhaft +die Frage, ob nicht auch ohne Auftrag des Papstes der Christenheit einer +aus ihren Reihen gewählt und zum Priester ernannt werden kann. Und es +schien so, als hätten sie die Absicht, einen zu wählen, aber bei meiner +Abreise war das noch nicht geschehen. + +Auch die, die vom Christentum nichts wissen wollen, machen trotzdem +niemanden abspenstig und lassen jeden, der dazu übertritt, unbehelligt. +Nur einer aus unserer Gemeinschaft wurde während meiner Anwesenheit +verhaftet. Als Neugetaufter redete er, obgleich wir ihm davon abrieten, +öffentlich über die Verehrung Christi mit mehr Eifer als Klugheit. Dabei +geriet er allmählich so in Hitze, daß er sich bald nicht mehr damit +begnügte, das, was nur uns heilig ist, über alles andere zu stellen. Er +verurteilte vielmehr ohne weiteres alle anderen Lehren, nannte sie +unheilig und bezeichnete ihre Anhänger als ruchlose Gotteslästerer, die +es verdienten, in die Hölle zu kommen. Wenn einer lange öffentlich so +redet, nehmen ihn die Utopier fest und stellen ihn vor Gericht, aber +nicht wegen Religionsverletzung, sondern wegen Volksverhetzung, und, +wenn er für schuldig befunden wird, bestrafen sie ihn mit Verbannung; +denn unter ihre ältesten Bestimmungen rechnen sie die, daß niemand von +seiner Religion Schaden haben darf. Utopus hatte nämlich gleich anfangs +erfahren, daß die Eingeborenen vor seiner Ankunft beständig +Religionskämpfe miteinander geführt hatten; er hatte auch beobachtet, +daß bei der allgemeinen Uneinigkeit die Sekten einzeln für das Vaterland +kämpften und daß ihm dieser Umstand Gelegenheit bot, sie insgesamt zu +besiegen. Als er dann den Sieg errungen hatte, setzte er +Religionsfreiheit für jedermann fest und bestimmte außerdem, wenn jemand +auch andere zu seinem Glauben bekehren wolle, so dürfe er es nur in der +Weise betreiben, daß er seine Ansicht ruhig und bescheiden auf +Vernunftgründen aufbaue, die anderen aber nicht mit bitteren Worten +zerpflücke. Gelinge es ihm nicht, durch Zureden zu überzeugen, so solle +er keinerlei Gewalt anwenden und sich nicht zu Schimpfworten hinreißen +lassen. Geht aber jemand in dieser Sache zu ungestüm vor, so bestrafen +ihn die Utopier mit Verbannung oder Sklavendienst. Diese Bestimmung traf +Utopus nicht bloß im Interesse des Friedens, den, wie er sah, +beständiger Kampf und unversöhnlicher Haß von Grund aus zerstörten, +sondern weil er der Ansicht war, damit sei auch der Religion gedient. Er +wagte es auch nicht, über die Religion so ohne weiteres eine +Entscheidung zu treffen, gleichsam in Ungewißheit darüber, ob Gott nicht +doch einen mannigfaltigen und vielseitigen Kult haben wolle und deshalb +die einzelnen auf verschiedene Weise inspiriere. Jedenfalls hielt er es +für eine Anmaßung und Torheit, wenn jemand mit Gewalt und Drohungen +verlangte, daß alle seine persönliche Ansicht über die Wahrheit teilten. +Sollte aber wirklich nur einer Religion die meiste Wahrheit zukommen und +sollten alle anderen wertlos sein, so würde sich dann schließlich +einmal, das sah Utopus sicher voraus, die Macht der Wahrheit schon von +selbst Bahn brechen und sich deutlich offenbaren, wenn man ihre Sache +nur mit Vernunft und Mäßigung betreibe. Kämpfe man aber mit Waffen und +Aufruhr um die Religion, so werde die beste und erhabenste zwischen den +nichtigsten Wahnvorstellungen der Streitenden erstickt werden wie die +Saaten zwischen Dornen und Gestrüpp, da gerade die schlechtesten +Menschen am hartnäckigsten seien. Daher ließ Utopus diese ganze Frage +unentschieden und stellte es einem jeden anheim, was er glauben wollte. +Nur sollte niemand, das gebot er feierlich und streng, die Würde der +menschlichen Natur so weit vergessen, daß er annehme, die Seele gehe +zugleich mit dem Körper zugrunde oder im Laufe der Welt walte der blinde +Zufall und nicht die göttliche Vorsehung. Und deshalb erwarten den +Menschen, wie die Utopier glauben, nach diesem Leben Strafen für seine +Missetaten und Belohnungen für seine Tugenden. Wer das Gegenteil +annimmt, ist in ihren Augen nicht einmal ein Mensch, weil er die +menschliche Seele in ihrer Erhabenheit in den niedrigen Zustand +tierischer Körperlichkeit herunterdrückt; weit weniger noch rechnen sie +ihn zu ihren Mitbürgern. Denn um all ihre Einrichtungen und Sitten würde +er sich nicht im geringsten kümmern, wenn ihn nicht die Furcht davon +abhielte. Wer sollte nämlich daran zweifeln, daß ein solcher Mensch +danach trachten würde, die Staatsgesetze seines Landes entweder im +geheimen mit List zu umgehen oder mit Gewalt zu verletzen, sofern er +dadurch seine persönlichen Wünsche befriedigen kann, da er ja über die +Gesetze hinaus nichts mehr fürchtet und über den Tod hinaus nichts mehr +erhofft? Deshalb erweist man einem, der so gesinnt ist, keine Ehre und +überträgt ihm auch kein öffentliches Amt. So wird er allenthalben als +ein unbrauchbarer Mensch von niedrigem Charakter verachtet. Aber eine +wirkliche Strafe erleidet er nicht, weil es die Überzeugung der Utopier +ist, daß es nicht im Belieben des Menschen steht zu glauben, was er +will. Sie zwingen ihn auch weder mit irgendwelchen Drohungen, seine +wahre Gesinnung zu verheimlichen, noch lassen sie Heuchelei und Lügen +zu, die in ihren Augen an Betrug grenzen und ihnen deshalb überaus +verhaßt sind. Wohl aber verbieten sie ihm, seine Meinung zu verteidigen, +jedoch nur vor der großen Masse. Sonst nämlich, in einem geschlossenen +Kreise von Priestern und ernsten Männern, lassen sie es nicht bloß zu, +sondern fordern auch noch dazu auf, weil sie zuversichtlich damit +rechnen, sein Wahnsinn werde doch noch endlich einmal der Vernunft +weichen. + +Andere, und zwar gar nicht wenige, begehen den gerade entgegengesetzten +Fehler -- man macht ihnen keine Schwierigkeiten, da ihre Ansicht nicht +ganz unbegründet ist und sie selbst nicht bösartig sind -- und meinen, +auch die Tierseelen seien unsterblich, jedoch nicht vergleichbar an +Würde mit unseren Menschenseelen und auch nicht zu gleicher +Glückseligkeit geschaffen. Die Utopier sind nämlich fast alle fest davon +überzeugt, daß den Menschen eine unbegrenzte Glückseligkeit bevorsteht. +Infolgedessen wehklagen sie stets, wenn jemand krank ist, niemals aber, +wenn jemand stirbt; sie müßten denn gerade sehen, wie sich der Sterbende +nur mit Angst und Widerwillen vom Leben losreißt. Das halten sie nämlich +für ein ganz schlimmes Vorzeichen, gleich als ob die Seele ohne Hoffnung +und mit schlechtem Gewissen in irgendeiner dunklen Ahnung drohender +Strafe vor dem Ende zurückschaudere. Außerdem wird sich nach ihrer +Meinung Gott nicht über die Ankunft eines Menschen freuen, der auf +seinen Ruf nicht bereitwillig herbeieilt, sondern sich nur ungern und +widerstrebend hinschleppen läßt. Vor einem solchen Sterben entsetzen +sich denn auch die, die es mit ansehen, und wer so stirbt, wird in +Trauer und aller Stille aus der Stadt getragen; dann betet man zu dem +den Seelen der Verstorbenen gnädigen Gott, er möge dem Heimgegangenen +seine Sünden aus Gnaden vergeben, und setzt die Leiche bei. Wer dagegen +freudig und voll Zuversicht stirbt, wird von niemandem betrauert, +sondern unter Gesang gibt man ihm das letzte Geleit und empfiehlt seine +Seele liebevoll dem großen Gott. Schließlich verbrennt man den Leichnam +mehr in Ehrfurcht als in Trauer und errichtet an Ort und Stelle eine +Denksäule, in die die Ehrentitel des Toten eingemeißelt sind. Nach der +Rückkehr von der Beisetzung unterhält man sich über Lebenswandel und +Taten des Heimgegangenen, und kein Abschnitt seines Lebens wird dabei +häufiger oder lieber besprochen als sein seliges Ende. + +Dieses ehrende Gedenken rechtschaffener Menschen ist in den Augen der +Utopier für die Lebenden ein überaus wirksamer Anreiz zur Tugend und +zugleich für die Verstorbenen eine höchst willkommene Verehrung. Sie +denken sich nämlich, daß die Heimgegangenen bei den Gesprächen über sie +zugegen sind, wenn auch unsichtbar für das schwache Auge der +Sterblichen. Einerseits nämlich würde es gar nicht mit ihrer +Glückseligkeit vereinbar sein, wenn sie in ihrer Bewegungsfreiheit +beschränkt wären, und anderseits wäre es undankbar von ihnen, wenn sie +überhaupt keine Sehnsucht mehr empfänden, ihre Lieben wiederzusehen, mit +denen sie bei Lebzeiten durch gegenseitige Liebe und Hochschätzung +verbunden waren, Neigungen, die bei guten Menschen, so vermutet man, wie +die übrigen trefflichen Eigenschaften nach dem Tode eher noch zu- als +abnehmen. Die Utopier glauben demnach, daß die Toten unter den Lebenden +weilen als Ohren- und Augenzeugen ihrer Worte und Taten, und +infolgedessen gehen sie mit größerer Zuversicht an ihre Geschäfte, +gleichsam im Vertrauen auf solchen Schutz; auch lassen sie sich durch +den Glauben an die Anwesenheit ihrer Vorfahren von geheimer Schandtat +abschrecken. + +Auf Weissagungen und die sonstigen Prophezeiungen eines hohlen +Aberglaubens, die andere Völker gewissenhaft beachten, legen die Utopier +gar keinen Wert, ja sie machen sich sogar darüber lustig. Wunder +dagegen, soweit sie ohne jede natürliche Veranlassung geschehen, +verehren sie als Taten und Zeugnisse der anwesenden Gottheit. Solche +Wunder kommen in Utopien, wie es heißt, häufig vor, und in wichtigen und +zweifelhaften Fragen flehen sie bisweilen darum mit großer Zuversicht +und unter Veranstaltung eines großen Betfestes und erwirken auch ein +Wunder. + +Für eine Gott wohlgefällige Verehrung halten die Utopier die Betrachtung +der Natur sowie das Lob, das man Gott als ihrem Schöpfer spendet. Doch +gibt es auch Leute, und zwar keineswegs wenige, die unter Berufung auf +ihren Glauben von den Wissenschaften nichts wissen wollen, sich um +keinerlei Erkenntnis der Natur bemühen und Muße überhaupt nicht kennen: +nur durch Betätigung und gute Dienste, die man den Mitmenschen erweist, +erwirbt man sich nach ihrer Meinung Anspruch auf die Glückseligkeit nach +dem Tode. Daher widmen sich die einen der Krankenpflege, die anderen +bessern Wege aus, reinigen Gräben, bringen Brücken in Ordnung, stechen +Rasen aus, schaufeln Sand und graben Steine aus, fällen und zersägen +Bäume, fahren auf Zweigespannen Holz, Feldfrüchte und andere Dinge in +die Städte und benehmen sich nicht nur in der Tätigkeit für die +Allgemeinheit, sondern auch in der für Privatleute wie Diener und sind +noch arbeitsamer als Sklaven. Denn jede mühsame, schwierige und +schmutzige Arbeit, die es irgendwo gibt und von der Anstrengung, +Widerwille und Verzweiflung die meisten zurückschrecken, nehmen sie +willig und fröhlich ganz auf sich. Den anderen verschaffen sie Muße, sie +selber aber arbeiten und plagen sich ohne Unterlaß, ohne jedoch Dank +dafür zu beanspruchen; auch tadeln sie die Lebensweise anderer nicht, um +ihre eigene dafür zu rühmen. Je mehr sich die Leute als Sklaven zeigen, +desto größere Ehre erweist ihnen jedermann. Unter ihnen gibt es nun zwei +Sekten. Die eine ist die der Ledigen. Diese enthalten sich völlig des +Geschlechtsverkehrs; auch essen sie kein Fleisch, einige sogar, ohne mit +irgendeinem Tier eine Ausnahme zu machen. Alle Freuden dieses Lebens +verwerfen sie als schädlich, und in der Hoffnung auf einen baldigen Tod +trachten sie leidenschaftlich danach, durch Nachtwachen und mühselige +Arbeit nur die Freuden des künftigen Lebens zu erlangen. Die Anhänger +der anderen Sekte sind nicht weniger auf Arbeit erpicht, ziehen es aber +dabei vor, zu heiraten; denn sie verschmähen die Kräfte nicht, die von +der Ehe ausgehen, und glauben der Natur ihren Zoll entrichten zu müssen +und dem Vaterlande Kinder schuldig zu sein. Jedes Vergnügen, das sie in +keiner Beziehung von der Arbeit abhält, ist ihnen willkommen. Das +Fleisch vierfüßiger Tiere schätzen sie schon aus dem Grunde, weil sie +von einer solchen Nahrung eine bessere Kräftigung zu jeder Arbeit +erwarten. Die Anhänger dieser Sekte sind in den Augen der Utopier +klüger, die der anderen dagegen frömmer. Die letzteren würde man +auslachen, wenn sie sich bei der Bevorzugung der Ehelosigkeit und eines +beschwerlichen Lebens auf Gründe der Vernunft stützen wollten; so aber +betrachtet man sie wegen ihrer religiösen Beweggründe mit Ehrfurcht und +Hochachtung. Vor nichts scheuen sie sich nämlich ängstlicher als vor +irgendeiner unbedachten Äußerung über die Religion. Derart also sind die +Leute, die die Utopier mit einem besonderen Namen in ihrer Landessprache +als »Buthresken« bezeichnen, was etwa unserem Worte »Mönche« entspricht. + +Die Priester der Utopier sind außerordentlich fromm und deshalb sehr +gering an Zahl. Es gibt nämlich in jeder Stadt nicht mehr als dreizehn, +entsprechend der Zahl der Gotteshäuser, außer in Kriegszeiten. Dann aber +ziehen sieben von ihnen mit dem Heere ins Feld und werden in der +Zwischenzeit durch eine gleiche Anzahl ersetzt. Kommen dann die anderen +zurück, so nimmt jeder von ihnen wieder seine alte Stelle ein. Die +Überzähligen treten der Reihe nach an die Stelle der mit Tod Abgehenden; +bis dahin sind sie Gehilfen des Oberpriesters, und einer wird an ihre +Spitze gestellt. Die Priester werden vom Volke gewählt, und zwar wie die +übrigen Beamten in geheimer Abstimmung, wodurch man Begünstigungen +vermeiden will; die Weihe der Gewählten vollzieht dann ihr eigenes +Kollegium. Die Priester leiten den Gottesdienst, besorgen die +Angelegenheiten des Kultus und sind eine Art Sittenrichter, und es gilt +als eine große Schande, wenn jemand von ihnen wegen seines schlechten +Lebenswandels vorgeladen und zur Rede gestellt wird. Wenn auch die +Priester das Recht haben zu ermahnen und zu warnen, so steht doch die +Befugnis zu einer Maßregelung und Bestrafung von Übeltätern nur dem +Bürgermeister und den übrigen Amtspersonen zu, nur daß die Priester +ihrerseits diejenigen, die sie als schlimme Sünder kennenlernen, vom +Gottesdienst ausschließen. Und es gibt kaum eine Strafe, die man mehr +fürchtet; denn sie macht völlig ehrlos und erweckt eine geheime +religiöse Furcht, die den Sinn zerrüttet, da die so Bestraften auch +nicht hinsichtlich ihres Körpers lange ohne Sorge sein können. Wenn sie +nämlich die Priester nicht schnell von ihrer Reue überzeugen, werden sie +festgenommen und vom Senat wegen Gottlosigkeit bestraft. + +Der Unterricht der Kinder und Jugendlichen liegt in den Händen der +Priester, und diese lassen sich mehr die Erziehung zu Sitte und Tugend +als die wissenschaftliche Ausbildung angelegen sein. Sie verwenden +nämlich den größten Fleiß darauf, den noch zarten und empfänglichen +Kinderherzen von Anfang an gesunde und der Erhaltung ihres Staates +dienliche Anschauungen einzupflanzen. Wenn diese erst einmal im Kinde +festsitzen, begleiten sie den Erwachsenen durchs ganze Leben und sind +von großem Nutzen für die Erhaltung des Staates; denn was einen Staat +zerfallen läßt, sind einzig und allein die Laster, die ihrerseits wieder +aus verkehrten Anschauungen entstehen. + +Die Priester sind mit den erlesensten Frauen ihres Volkes verheiratet, +soweit sie nicht selbst Frauen sind; denn auch die Frauen sind vom +Priestertum nicht ausgeschlossen; aber eine Frau wird seltener gewählt +und auch dann nur, wenn sie verwitwet und betagt ist. Keine Behörde +genießt nämlich bei den Utopiern größere Ehre, und zwar in dem Ausmaße, +daß ein Priester, der sich etwas hat zuschulden kommen lassen, keinem +öffentlichen Gericht untersteht: Gott allein und sich selbst ist er +überlassen. Die Utopier halten es nämlich für Sünde, den mit +Menschenhand zu berühren, und wäre er auch ein noch so schlimmer +Verbrecher, der Gott auf eine so einzigartige Weise gleichsam als Opfer +geweiht ist. Diesen Brauch können sie leichter einhalten, weil ihre +Priester so gering an Zahl sind und mit so großer Sorgfalt ausgewählt +werden. Kommt es doch nur selten vor, daß ein Mann, der, aus der Zahl +der Guten als Bester ausgesucht, allein wegen seiner Tüchtigkeit zu so +hoher Würde erhoben wird, zu Verderbtheit und Lasterhaftigkeit entartet. +Sollte es aber bei der Unbeständigkeit der menschlichen Natur immerhin +einmal vorkommen, so braucht man davon für die Allgemeinheit durchaus +keinen Schaden von großer Bedeutung zu befürchten, da die Zahl der +Priester nur gering ist und sie außer ihrem Ansehen keinerlei Macht +besitzen. Die Utopier beschränken aber die Zahl ihrer Priester deshalb +so stark, weil das Ansehen des Standes, dem sie jetzt so große Verehrung +erweisen, nicht dadurch an Bedeutung verlieren soll, daß sie seine Ehre +vielen zuteil werden lassen, zumal da sie es für schwierig halten, viele +Leute zu finden, die tugendhaft genug zur Bekleidung eines Amtes sind, +für dessen Würde eine nur mittelmäßige Tugendhaftigkeit nicht ausreicht. + +Die Wertschätzung der Priester ist bei den auswärtigen Völkern nicht +geringer als bei ihren Landsleuten. Das geht deutlich aus einem Brauche +hervor, den ich auch für den Ursprung dieser Wertschätzung halte. +Während nämlich die Truppen in der Schlacht um die Entscheidung kämpfen, +halten sich die Priester abseits, aber nicht weit entfernt, und liegen +in ihren geweihten Gewändern auf den Knien. Die Hände zum Himmel +erhoben, beten sie zu allererst um Frieden, sodann um Sieg für ihr Volk, +aber um einen Sieg, der für beide Teile nicht blutig ist. Im Falle des +Sieges ihres Volkes eilen sie in den Kampf und gebieten dem Wüten gegen +die Geschlagenen Einhalt. Wer sie nur sieht und anruft, wenn sie da +sind, sichert sich sein Leben; wer ihre wallenden Gewänder berührt, +schützt auch, was ihm sonst noch gehört, vor jeder kriegerischen +Gewalttat. Infolgedessen genießen die Priester bei allen Völkern ringsum +eine so große Verehrung und so viel wirklich majestätisches Ansehen, daß +die Schonung, die sie vom Feinde für ihre Mitbürger erwirkten, oft nicht +geringer war als die, die sie bei diesen für den Feind erreicht hatten. +So viel steht jedenfalls fest: schon manchmal, wenn die Front ihrer +Landsleute ins Wanken geraten war, wenn diese in ihrer verzweifelten +Lage zu fliehen begannen und der Feind zu Gemetzel und Plünderung +heranstürmte, traten die Priester dazwischen, unterbrachen das +Blutvergießen, trennten die Truppen voneinander, brachten unter +gerechten Bedingungen einen Frieden zustande und schlossen ihn ab. Denn +noch niemals ist ein Volk so wild, so grausam und so barbarisch gewesen, +daß es ihre Person nicht für heilig und unverletzlich gehalten hätte. + +Als Festtage begehen die Utopier den ersten und letzten Tag eines jeden +Monats und Jahres. Dieses teilen sie in Monate ein, die der Umlauf des +Mondes abgrenzt, wie der Kreislauf der Sonne das Jahr rundet. Alle +Anfangstage heißen auf utopisch »Cynemerner« und die Schlußtage +»Trapemerner«, was etwa soviel wie Anfangs- und Schlußfeste bedeutet. + +Man sieht in Utopien prachtvolle Tempel, die nicht bloß mit großer Kunst +gebaut sind, sondern auch eine gewaltige Menschenmenge fassen, was ja +bei ihrer geringen Anzahl auch unbedingt notwendig ist. Gleichwohl sind +sie alle halbdunkel, und zwar soll das nicht auf mangelhafte Kenntnis in +der Baukunst zurückgehen, sondern auf einen Rat der Priester. Nach deren +Meinung nämlich lenkt zuviel Licht die Gedanken ab, sparsameres und +gleichsam unsicheres Licht dagegen trägt zur Sammlung des Geistes und +zur Vertiefung der Andacht bei. Zwar ist in Utopien die Religion nicht +überall die gleiche, aber all ihre, wenn auch verschiedenen und +vielfältigen Formen kommen trotz Verschiedenheit der Wege in einem +einheitlichen Ziele zusammen, in der Verehrung eines göttlichen Wesens. +Infolgedessen ist in den Tempeln nichts zu sehen oder zu hören, was +nicht für alle Religionsformen ohne Unterschied passend erschiene. Einen +seiner Sekte etwa eigentümlichen Brauch vollzieht ein jeder innerhalb +seiner vier Wände; den öffentlichen Kult dagegen führt man in einer Form +durch, die keiner Religion etwas von ihren Besonderheiten nimmt. Daher +ist auch kein Götterbild im Tempel zu sehen, so daß es jedem freisteht, +unter welcher Gestalt er sich die Gottheit seinem persönlichen Glauben +gemäß vorstellen will. Sie rufen Gott unter keinem besonderen Namen an, +sondern nur als Mythras, ein Wort, mit dem sie alle übereinstimmend das +eine Wesen göttlicher Majestät bezeichnen, welcher Art es auch sein mag. +Die Gebete, die in Utopien abgefaßt werden, sind auch alle derart, daß +sich jeder ihrer bedienen kann, ohne gegen seinen persönlichen Glauben +zu verstoßen. + +Im Tempel kommen die Utopier an den Schlußfesttagen abends zusammen, +ohne noch etwas zu sich genommen zu haben, um Gott für den Segen zu +danken, den er in dem Jahre oder Monat, dessen letzter Tag dieser +Festtag ist, gespendet hat. In der Frühe des nächsten Tages -- denn das +ist dann ein Anfangsfesttag -- strömt das Volk in den Tempeln zusammen, +um für das folgende Jahr oder den folgenden Monat, den sie mit dieser +Feier beginnen wollen, Glück und Segen zu erbitten. Ehe man aber an den +Schlußfesttagen in den Tempel geht, werfen sich daheim die Frauen ihren +Männern und die Kinder ihren Eltern zu Füßen und bekennen ihnen ihre +Verfehlungen, mag es sich nun um eine Missetat oder um eine mangelhafte +Pflichterfüllung handeln, und bitten um Vergebung ihrer Schuld. So wird +jedes Wölkchen häuslicher Zwietracht, das etwa aufsteigt, durch solche +Abbitte verscheucht, und man nimmt reinen Herzens und unbeschwerten +Sinnes am Gottesdienst teil. Man scheut sich nämlich, mit verstörtem +Sinn dem Gottesdienst beizuwohnen. Ist man sich deshalb bewußt, Haß oder +Zorn gegen jemand zu hegen, so geht man erst dann wieder zum +Gottesdienst, wenn man sich versöhnt und von den Leidenschaften +gereinigt hat, weil man sonst eine schnelle und schwere Strafe +fürchtet. Im Tempel angekommen, gehen die Männer auf die rechte und die +Frauen gesondert auf die linke Seite. Dann nehmen sie in der Weise +Platz, daß die männlichen Mitglieder eines jeden Hauses vor dem +Familienvater sitzen, die Familienmutter aber die Reihe der weiblichen +Mitglieder schließt. Auf diese Weise können sämtliche Bewegungen aller +Hausgenossen außerhalb des Hauses von denen beobachtet werden, deren +Autorität und Zucht sie auch innerhalb des Hauses unterstehen. Ja, die +Utopier sehen auch gewissenhaft darauf, daß im Tempel immer ein Jüngerer +mit einem Älteren zusammensitzt, damit nicht die Kinder sich selbst +überlassen bleiben und sich nicht während des Gottesdienstes kindisch +und albern benehmen. Denn gerade in dieser Zeit sollten sie es lernen, +fromme Scheu vor den Himmlischen zu hegen, die ja der stärkste und +beinahe der einzige Ansporn zur Tugend ist. Wenn die Utopier opfern, so +schlachten sie kein Tier, und sie können nicht glauben, daß sich Gott in +seiner Güte über Blutvergießen und Morden freut; hat er doch den +Lebewesen das Leben zu dem Zwecke geschenkt, daß sie leben. Sie +verbrennen Weihrauch und ebenso anderes Räucherwerk; auch stecken sie +zahlreiche Wachskerzen auf, nicht als ob sie nicht wüßten, daß das Wesen +Gottes dieser Dinge nicht bedarf, ebensowenig wie ja auch der Gebete der +Menschen, aber sie finden Gefallen an dieser harmlosen Art +Gottesverehrung, und die Menschen fühlen, daß diese Düfte, Lichter und +sonstigen Feierlichkeiten sie irgendwie innerlich aufrichten und zur +Verehrung Gottes freudiger stimmen. Im Tempel trägt das Volk weiße +Gewänder, der Priester dagegen buntfarbige, die nach Arbeit und Form +Bewunderung verdienen; nur ist der Stoff nicht ebenso wertvoll. Die +Gewänder sind nämlich nicht mit Gold gestickt oder mit seltenen Steinen +besetzt, sondern aus einzelnen Vogelfedern so geschickt und kunstvoll +gearbeitet, daß auch der kostbarste Stoff dieser Arbeit an Wert nicht +gleichkommen würde. Wie es außerdem heißt, sind in jenen Schwung- und +Flaumfedern sowie in ihrer bestimmten Anordnung, durch die sie auf dem +Priestergewande unterschieden werden, gewisse geheime Mysterien +verborgen. Ihre Auslegung ist den Priestern bekannt und wird von ihnen +gewissenhaft weiter überliefert; die Menschen sollen dadurch an die +Wohltaten erinnert werden, die ihnen Gott erweist, an den Dank, den sie +ihm dafür schulden, und an die Pflichten, die sie gegenseitig zu +erfüllen haben. + +Sobald sich der Priester in diesem Ornat vor dem Allerheiligsten zeigt, +werfen sich alle sofort voll Ehrfurcht zu Boden unter so allgemeinem und +tiefen Schweigen, daß schon der bloße Anblick dieses Vorgangs eine Art +Schauer einflößt, als wenn eine Gottheit zugegen wäre. Sie bleiben eine +Weile liegen und erheben sich erst, wenn ihnen der Priester ein Zeichen +gibt. Dann singen sie Gott zu Ehren Hymnen, wozu sie zwischendurch auf +Musikinstrumenten spielen. Diese haben zu einem großen Teile eine andere +Gestalt als die, die man in unserem Erdteil zu sehen bekommt. Die +meisten von ihnen übertreffen zwar die bei uns gebräuchlichen wesentlich +an Wohlklang, doch sind einige mit den unsrigen nicht einmal zu +vergleichen. In einer Beziehung jedoch sind uns die Utopier +unzweifelhaft weit voraus, darin nämlich, daß all ihre Musik, und zwar +die Instrumentalmusik ebenso wie die Vokalmusik, die natürlichen +Seelenzustände deutlich nachahmt und widerspiegelt, daß der Klang sich +dem Inhalt des Musikstückes treffend anpaßt, mag es sich um Worte eines +Betenden oder um den Ausdruck der Freude, der Sanftmut, der Aufregung, +der Trauer oder des Zornes handeln, und daß die Art der Melodie den Sinn +eines jeden Textes so lebendig veranschaulicht, daß sie die Herzen der +Zuhörer in wunderbarer Weise ergreift, erschüttert und entflammt. +Zuletzt sprechen Priester und Volk zusammen feierliche Gebete in +bestimmten Fassungen, die so gehalten sind, daß jeder einzelne auf sich +beziehen kann, was alle zusammen hersagen. In diesen Gebeten ruft sich +jeder Gott als den Schöpfer und Lenker des Weltalls und als den Geber +all der anderen Güter wieder ins Gedächtnis, dankt ihm für die zahllosen +Wohltaten, die er empfangen hat, besonders aber dafür, daß ihn Gottes +Güte und Gnade im glücklichsten Staat leben und an einer Religion +teilnehmen läßt, die, wie er hofft, der Wahrheit am nächsten kommt. +Sollte er sich darin irren oder sollte es einen besseren Staat oder eine +bessere Religion geben, die auch Gott genehmer wäre, so bitte er darum, +seine Güte möge es ihn erkennen lassen; er wolle ihm bereitwillig +folgen, wohin er ihn auch führe. Sollte aber diese Staatsform die beste +und seine Religionsauffassung die richtigste sein, so möge ihm Gott +Beständigkeit verleihen und die anderen Menschen alle zu denselben +Lebensgrundsätzen und zu derselben Vorstellung von Gott bekehren, falls +er nicht in seinem unerforschlichen Willen auch an dieser +Mannigfaltigkeit der Bekenntnisse Gefallen finde. Endlich bittet er noch +darum, Gott möge ihn nach einem leichten Tode in sein Reich aufnehmen; +wie bald oder wie spät, das wage er nicht im voraus zu bestimmen. +Immerhin werde es ihm, soweit es ohne Verletzung der göttlichen Majestät +möglich sei, viel lieber sein, auch den schwersten Tod zu erleiden, um +eher zu Gott zu kommen, als durch das glücklichste Leben länger von ihm +ferngehalten zu werden. Nach diesem Gebet werfen sich alle abermals zu +Boden und erheben sich bald darauf wieder, um zum Essen zu gehen; den +Rest des Tages verbringen sie mit Spielen und militärischer Ausbildung. + + * * * * * + +Ich habe euch so wahrheitsgemäß wie möglich die Form dieses Staates +beschrieben, den ich bestimmt nicht nur für den besten, sondern auch für +den einzigen halte, der mit vollem Recht die Bezeichnung »Gemeinwesen« +für sich beanspruchen darf. Wenn man nämlich anderswo von Gemeinwohl +spricht, hat man überall nur sein persönliches Wohl im Auge; hier, in +Utopien, dagegen, wo es kein Privateigentum gibt, kümmert man sich +ernstlich nur um das Interesse der Allgemeinheit, und beide Male +geschieht es mit Fug und Recht. Denn wie wenige in anderen Ländern +wissen nicht, daß sie trotz noch so großer Blüte ihres Staates Hungers +sterben würden, wenn sie nicht auf einen Sondernutzen bedacht wären! Und +deshalb zwingt sie die Not, eher an sich als an ihr Volk, das heißt an +andere, zu denken. Dagegen hier, in Utopien, wo alles allen gehört, ist +jeder ohne Zweifel fest davon überzeugt, daß niemand etwas für seinen +Privatbedarf vermissen wird, wofern nur dafür gesorgt wird, daß die +staatlichen Speicher gefüllt sind. Denn hier werden die Güter reichlich +verteilt, und es gibt keine Armen und keine Bettler, und obgleich +niemand etwas besitzt, sind doch alle reich. Könnte es nämlich einen +größeren Reichtum geben, als völlig frei von jeder Sorge, heiteren +Sinnes und ruhigen Herzens zu leben, nicht um seinen eigenen +Lebensunterhalt ängstlich besorgt, nicht gequält von der Geldforderung +der jammernden Gattin, ohne Furcht, der Sohn könne in Not geraten, ohne +Angst und Bange um die Mitgift der Tochter, sondern unbesorgt um den +eigenen Lebensunterhalt und um den der Seinen, der Gattin, der Söhne, +der Enkel, Urenkel und Ururenkel und der ganzen Reihe von Nachkommen, so +lang, wie sie ein Ehrenmann erwartet? Ja, diese Fürsorge erstreckt sich +sogar in demselben Umfange auf die, die früher gearbeitet haben, jetzt +aber nicht mehr dazu imstande sind, wie auf die, die jetzt noch +arbeiten. Da wünschte ich, es wagte jemand, mit dieser Billigkeit die +Gerechtigkeit anderer Völker zu vergleichen, und ich will des Todes +sein, wenn ich bei ihnen auch nur die geringste Spur von Gerechtigkeit +und Billigkeit finde! Oder ist das etwa Gerechtigkeit, wenn jeder +beliebige Edelmann oder Goldschmied oder Wucherer oder schließlich +irgendein anderer von denen, die entweder überhaupt nichts tun oder +deren Tätigkeit für den Staat nicht dringend notwendig ist, ein +prächtiges und glänzendes Leben führen darf auf Grund eines Verdienstes, +den ihm sein Nichtstun oder seine überflüssige Tätigkeit einbringt, +während zu gleicher Zeit der Tagelöhner, der Fuhrmann, der Schmied und +der Bauer mit seiner harten und ununterbrochenen Arbeit, wie sie kaum +ein Zugtier aushalten würde, die aber so unentbehrlich ist, daß ohne sie +kein Gemeinwesen auch nicht ein Jahr bloß auskommen könnte, einen nur so +geringen Lebensunterhalt verdient und ein so elendes Leben führt, daß +einem die Lage der Zugochsen weit besser vorkommen könnte, weil sie +nicht so dauernd arbeiten müssen, weil ihre Nahrung nicht viel +schlechter ist und ihnen sogar besser schmeckt und weil sie bei alledem +wegen der Zukunft keine Angst zu haben brauchen? Aber diese Menschen +quält eine erfolglose und undankbare Arbeit in der Gegenwart, auch +peinigt sie der Gedanke an ein hilfloses Alter. Denn wenn ihr täglicher +Verdienst zu kärglich ist, um auch nur für denselben Tag auszureichen, +kann auf keinen Fall etwas herausspringen und übrigbleiben, um täglich +für die Verwendung im Alter zurückgelegt zu werden. Ist das nicht eine +ungerechte und undankbare Gemeinschaft, die den sogenannten Edelleuten, +den Goldschmieden und den übrigen Leuten dieser Art, die weiter nichts +als Müßiggänger oder Schmarotzer sind und nur unnütze Luxusdinge +herstellen, in so verschwenderischer Weise ihre Gunst bezeugt, die +dagegen für die Bauern, Köhler, Tagelöhner, Fuhrleute und Schmiede, ohne +die überhaupt kein Staat bestehen könnte, in keinerlei Weise sorgt? Sie +nutzt die Arbeitskraft ihrer besten Lebensjahre aus und vergilt ihnen +dann, wenn sie schließlich, von Alter und Krankheit beschwert, an allem +Mangel leiden, auf höchst undankbare Weise, indem sie sie, uneingedenk +so vieler Nächte, die sie durchwacht, und so vieler und wichtiger +Dienste, die sie geleistet haben, auf ganz elende Weise sterben läßt. +Was soll man gar noch dazu sagen, daß die Reichen Tag für Tag von dem +täglichen Verdienst der Armen nicht nur durch privaten Betrug, sondern +sogar auf Grund staatlicher Gesetze etwas abzwacken? So haben diese +Menschen das, was früher als ungerecht galt: die höchsten Verdienste um +den Staat mit dem schnödesten Undank zu lohnen, in seiner Geltung +entstellt und sogar noch in Gerechtigkeit verwandelt, indem sie es durch +Gesetze sanktionierten. Wenn ich daher alle unsere Staaten, die heute +irgendwo in Blüte stehen, im Geiste betrachte und über sie nachdenke, so +stoße ich, so wahr mir Gott helfe, einzig und allein auf eine Art +Verschwörung der Reichen, die unter Mißbrauch des Namens- und +Rechtstitels eines Staates nur auf ihre persönlichen Interessen bedacht +sind. Sie ersinnen und denken sich alle möglichen Mittel und Ränke aus, +zunächst, um ihren unrechtmäßig erworbenen Besitz zu behalten, ohne +fürchten zu müssen, ihn zu verlieren, und sodann, um sich die +angestrengte Arbeit aller Armen so billig wie möglich zu erkaufen und zu +ihrem Vorteil zu mißbrauchen. Sobald nun die Reichen erst einmal im +Namen des Staates, also auch im Namen der Armen, beschlossen haben, +diese Machenschaften durchzuführen, erhalten sie sofort Gesetzeskraft. +Aber selbst wenn diese so schlechten Menschen alle diese Güter, die für +alle gereicht hätten, in unersättlicher Habgier untereinander aufteilen, +wieviel fehlt ihnen trotzdem noch an dem Glück des utopischen Staates! +Hier ist mit dem Gebrauch des Geldes selbst zugleich jede Geldgier aus +der Welt geschafft. Welch schwere Last von Verdrießlichkeiten ist +dadurch abgewälzt, welch reiche Saat von Verbrechen mitsamt der Wurzel +ausgerissen! Wer weiß nämlich nicht, daß Betrug, Diebstahl, Raub, +Streit, Unruhe, Zank, Aufstand, Mord, Verrat und Giftmischerei, die +jetzt durch tägliche Bestrafungen mehr geahndet als eingeschränkt +werden, mit der Beseitigung des Geldes absterben müssen und daß außerdem +Furcht, Unruhe, Sorgen, Anstrengungen und durchwachte Nächte in +demselben Augenblick wie das Geld verschwinden werden? Ja, die Armut +selbst, der einzige Zustand, wie es scheint, in dem Geld gebraucht wird, +würde augenblicklich abnehmen, wenn man das Geld überall völlig +abschaffte. Wenn du dir das noch deutlicher machen willst, mußt du dir +einmal ein dürres und unfruchtbares Jahr vorstellen, in dem der Hunger +viele Tausende von Menschen dahingerafft hat. Nun behaupte ich ganz +bestimmt: hätte man am Ende dieser Hungersnot die Speicher der Reichen +durchsucht, so wäre so viel Getreide zu finden gewesen, daß überhaupt +niemand jene Ungunst des Wetters und jenen geringen Ertrag des Bodens +hätte zu spüren brauchen, wenn man die Vorräte unter die verteilt hätte, +die in der Tat Opfer der Abmagerung und Auszehrung geworden sind. So +leicht könnte man beschaffen, was man zum Leben braucht, wenn nicht +jenes herrliche Geld, ganz offenbar dazu erfunden, den Zugang zum +Lebensunterhalt zu erschließen, allein es wäre, das ihn uns verschließt. +Das merken ohne Zweifel auch die Reichen, und sie wissen ganz genau, +wieviel besser jener Zustand wäre, nichts Notwendiges zu entbehren als +an vielerlei Überflüssigem Überfluß zu haben, und wieviel besser es +wäre, von so zahlreichen Übeln befreit als von so großem Reichtum +beschwert zu sein. Ich mag auch gar nicht daran zweifeln, daß die Sorge +für das persönliche Wohl jedes einzelnen oder die Autorität Christi, +unseres Heilands, der bei seiner so großen Weisheit wissen mußte, was +das Beste sei, und bei seiner so großen Güte nur zu dem raten konnte, +was er als das Beste erkannt hatte, die ganze Welt ohne Mühe schon +längst für die Gesetze des utopischen Staates gewonnen hätte, wenn nicht +eine einzige Bestie, das Haupt und der Ursprung alles Unheils, die +Hoffart, dagegen ankämpfte. Sie mißt ihr Glück nicht am eigenen Nutzen, +sondern am fremden Unglück. Sie möchte nicht einmal Göttin werden, wenn +dann keine Unglücklichen mehr übrigblieben, über die sie herrschen und +die sie verhöhnen könnte, im Vergleich zu deren Elend ihr eigenes Glück +in besonderem Glanze erstrahlen soll und die sie in ihrer Not durch +Entfaltung ihres eigenen Reichtums quälen und aufbringen möchte. Die +Hoffart, eine Schlange der Hölle, nistet sich in die Herzen der Menschen +ein, hält sie wie ein Hemmschuh zurück und hindert sie, einen besseren +Lebensweg einzuschlagen. Dieses Gewürm hat sich zu tief ins Menschenherz +eingefressen, als daß es sich ohne Mühe wieder herausreißen ließe. Und +deshalb freue ich mich, daß wenigstens den Utopiern diese Staatsform +zuteil geworden ist, die ich von Herzen gern überall sehen möchte. Sie +haben sich Lebenseinrichtungen geschaffen, mit denen sie das Fundament +eines Staates legten, dem nicht nur das höchste Glück, sondern, nach +menschlicher Voraussicht wenigstens, auch ewige Dauer beschieden ist. +Seitdem sie nämlich im Inneren Ehrgeiz und Parteisucht ebenso wie die +anderen Laster mit Stumpf und Stiel ausgerottet haben, droht keine +Gefahr mehr, daß sie unter innerem Zwist zu leiden haben, der schon +vielfach die alleinige Ursache des Unterganges von Städten gewesen ist, +deren Macht und Wohlstand trefflich gesichert war. Solange jedoch die +Eintracht im Inneren und die gesunde Verfassung erhalten bleiben, ist +der Neid auch aller benachbarten Fürsten nicht imstande, das Reich zu +zerrütten oder zu erschüttern, was er vor langer Zeit zwar schon zu +wiederholten Malen, aber immer ohne Erfolg versucht hat.« + +Als Raphael mit seinem Bericht zu Ende war, fiel mir gar mancherlei ein, +was mir an den Sitten und Gesetzen jenes Volkes überaus sonderbar +vorkam, nicht nur an der Art und Weise seiner Kriegführung, an seinem +Gottesdienst und seiner Religion und an noch anderen seiner +Einrichtungen, sondern auch ganz besonders an dem eigentlichen Fundament +seiner ganzen Verfassung, nämlich an seinem gemeinschaftlichen Leben und +der gemeinschaftlichen Beschaffung des Lebensunterhalts, und zwar unter +Ausschaltung jedes Geldverkehrs. Beseitigt doch schon diese letzte +Bestimmung für sich allein von Grund aus jeden Adel, jede Pracht, jeden +Glanz, jede Würde, also den der öffentlichen Meinung nach wahren Glanz +und Schmuck eines Staates. Ich wußte jedoch, daß Raphael vom Erzählen +müde war, und ich war nicht ganz sicher, ob er einen Widerspruch gegen +seine Meinung vertragen würde, zumal da ich daran dachte, wie er gewisse +Leute deshalb getadelt hatte, weil sie nach seiner Ansicht Angst +hatten, nicht für klug genug zu gelten, wenn sie nicht an den Einfällen +anderer Leute etwas fänden, woran sie herumzausen könnten. Deshalb lobte +ich nur die Verfassung jenes Volkes und die Erzählung Raphaels, nahm ihn +bei der Hand und führte ihn ins Haus zum Essen; doch sagte ich vorher +noch, wir würden wohl noch ein anderes Mal Zeit finden, über die +gleichen Dinge tiefer nachzudenken und uns ausführlicher mit ihm zu +unterhalten. Ich wollte nur, es käme noch einmal dazu! Bis dahin kann +ich zwar nicht allem zustimmen, was dieser übrigens unbestritten +hochgelehrte Mann von reifer Lebenserfahrung gesagt hat, doch gestehe +ich ohne weiteres, daß ich sehr vieles von der Verfassung der Utopier in +unseren Staaten eingeführt sehen möchte. Allerdings muß ich das wohl +mehr wünschen, als daß ich es hoffen dürfte. + +Ende. + +Ende der Nachmittagserzählung des Raphael Hythlodeus über die Gesetze +und Einrichtungen der bisher nur wenigen bekannten Insel Utopia, durch +den hochberühmten und hochgelehrten Herrn Thomas Morus, Bürger und +Vicecomes von London, bekanntgegeben. + +[ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei + jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile + steht. + +unserer Welt gegehört -- sie nennen uns Ultraäquinoktialen --, außer daß +unserer Welt gehört -- sie nennen uns Ultraäquinoktialen --, außer daß + +regiert zu werden, wie sich ja auch niemand gern mit einem anderen in +regiert zu werden, wie sich ja auch niemand gern mit einem anderen + +Qual sei, und sich in Zuversicht und gutes Mutes von diesem traurigen +Qual sei, und sich in Zuversicht und guten Mutes von diesem traurigen + +] + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Utopia, by Thomas Morus + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UTOPIA *** + +***** This file should be named 26971-8.txt or 26971-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/2/6/9/7/26971/ + +Produced by Norbert H. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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