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+The Project Gutenberg EBook of Die Theorie des Romans, by Georg Lukács
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+
+Title: Die Theorie des Romans
+ Ein geschichtsphilosophischer Versuch über die Formen der großen Epik
+
+Author: Georg Lukács
+
+Release Date: October 20, 2008 [EBook #26972]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE THEORIE DES ROMANS ***
+
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+Produced by Jana Srna and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net
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+ [ Anmerkungen zur Transkription:
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+ sich am Ende des Textes.
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+ Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Ende des Buches an den
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+
+
+
+
+ Georg Lukács
+
+ DIE THEORIE DES ROMANS
+
+ Ein geschichtsphilosophischer Versuch
+ über die Formen der großen Epik
+
+
+
+
+ 1920
+
+ Verlegt bei Paul Cassirer in Berlin
+
+
+
+
+ Alle Rechte vorbehalten
+ Copyright 1920 by Paul Cassirer, Berlin
+
+
+
+
+ Jeljena Andrejewna Grabenko
+ zu eigen
+
+
+
+
+Inhalt.
+
+
+ I.
+
+ Die Formen der großen Epik in ihrer Beziehung zur
+ Geschlossenheit oder Problematik der Gesamtkultur.
+
+ Seite
+
+ =1. Geschlossene Kulturen= 9
+
+ Die Struktur des Griechentums. -- Sein geschichtsphilosophischer
+ Entwicklungsgang. -- Das Christentum.
+
+ =2. Das Problem der Geschichtsphilosophie der Formen= 22
+
+ Allgemeine Prinzipien. -- Die Tragödie. -- Die epischen Formen.
+
+ =3. Epopöe und Roman= 44
+
+ Vers und Prosa als Ausdrucksmittel. -- Gegebene und aufgegebene
+ Totalität. -- Die Welt der objektiven Gebilde. -- Der Heldentypus.
+
+ =4. Die innere Form des Romans= 61
+
+ Sein abstrakter Grundzug und die Gefahren, die daraus entstehen.
+ -- Das Prozeßartige seines Wesens. -- Die Ironie als Formprinzip.
+ -- Die kontingente Struktur der Romanwelt und die biographische
+ Form. -- Die Darstellbarkeit der Romanwelt und die Mittel ihrer
+ Darstellung. -- Der innere Umfang des Romans.
+
+ =5. Geschichtsphilosophische Bedingtheit und Bedeutung des Romans= 79
+
+ Die Gesinnung des Romans. -- Das Dämonische. -- Die
+ geschichtsphilosophische Stelle des Romans. -- Die Ironie als
+ Mystik.
+
+
+ II.
+
+ Versuch einer Typologie der Romanform.
+
+ Seite
+
+ =1. Der abstrakte Idealismus= 95
+
+ Die beiden Haupttypen. -- Don Quixote. -- Seine Beziehung zur
+ Ritterepik. -- Die Nachfolge des Don Quixote: a) die Tragödie des
+ abstrakten Idealismus; b) der moderne humoristische Roman und
+ seine Problematik. -- Balzac. -- Pontoppidans »Hans im Glück«.
+
+ =2. Die Desillusionsromantik= 116
+
+ Das Problem der Desillusionsromantik und seine Bedeutung für die
+ Form des Romans. -- Jacobsens und Gontscharows Lösungsversuche. --
+ Die »_Education sentimentale_« und das Problem der Zeit im Roman.
+ -- Rückblick auf das Zeitproblem im Roman des abstrakten
+ Idealismus.
+
+ =3. »Wilhelm Meisters Lehrjahre« als Versuch einer Synthese= 140
+
+ Das Problem. -- Die Idee der gesellschaftlichen Gemeinschaft und
+ die Formen ihrer Gestaltung. -- Die Welt des Erziehungsromans und
+ die Romantisierung der Wirklichkeit. -- Novalis. -- Goethes
+ Versuch der Lösung und das Transzendieren des Romans zur Epopöe.
+
+ =4. Tolstoj und das Hinausgehen über die gesellschaftlichen Formen
+ des Lebens= 156
+
+ Die gestaltete Polemik gegen die Konvention. -- Tolstojs
+ Naturbegriff und seine problematischen Folgen für die Form des
+ Romans. -- Tolstojs doppelte Stellung in der Geschichtsphilosophie
+ der epischen Formen: Ausblick auf Dostojewsky.
+
+
+
+
+I.
+
+Die Formen der großen Epik in ihrer Beziehung zur Geschlossenheit oder
+Problematik der Gesamtkultur
+
+
+1.
+
+Selig sind die Zeiten, für die der Sternenhimmel die Landkarte der
+gangbaren und zu gehenden Wege ist und deren Wege das Licht der Sterne
+erhellt. Alles ist neu für sie und dennoch vertraut, abenteuerlich und
+dennoch Besitz. Die Welt ist weit und doch wie das eigene Haus, denn das
+Feuer, das in der Seele brennt, ist von derselben Wesensart wie die
+Sterne; sie scheiden sich scharf, die Welt und das Ich, das Licht und
+das Feuer, und werden doch niemals einander für immer fremd; denn Feuer
+ist die Seele eines jeden Lichts und in Licht kleidet sich ein jedes
+Feuer. So wird alles Tun der Seele sinnvoll und rund in dieser Zweiheit:
+vollendet in dem Sinn und vollendet für die Sinne; rund, weil die Seele
+in sich ruht während des Handelns; rund, weil ihre Tat sich von ihr
+ablöst und selbstgeworden einen eigenen Mittelpunkt findet und einen
+geschlossenen Umkreis um sich zieht. »Philosophie ist eigentlich
+Heimweh,« sagt Novalis, »der Trieb überall zu Hause zu sein.« Deshalb
+ist Philosophie als Lebensform sowohl wie als das Formbestimmende und
+das Inhaltgebende der Dichtung immer ein Symptom des Risses zwischen
+Innen und Außen, ein Zeichen der Wesensverschiedenheit von Ich und Welt,
+der Inkongruenz von Seele und Tat. Deshalb haben die seligen Zeiten
+keine Philosophie, oder, was dasselbe besagt, alle Menschen dieser
+Zeiten sind Philosophen, Inhaber des utopischen Zieles jeder
+Philosophie. Denn was ist die Aufgabe der wahren Philosophie, wenn nicht
+das Aufzeichnen jener urbildlichen Landkarte; was ist das Problem des
+transzendentalen Ortes, wenn nicht die Bestimmung des Zugeordnetseins
+jeder aus dem tiefsten Innern quellenden Regung zu einer ihr
+unbekannten, ihr aber von Ewigkeit her zugemessenen, sie in erlösender
+Symbolik einhüllenden Form? Dann ist die Leidenschaft der von der
+Vernunft vorherbestimmte Weg zur vollendeten Selbstheit, und aus dem
+Wahnsinn sprechen rätselvolle, aber enthüllbare Zeichen einer sonst zum
+Stummsein verurteilten transzendenten Macht. Dann gibt es noch keine
+Innerlichkeit, denn es gibt noch kein Außen, kein Anderes für die Seele.
+Indem diese auf Abenteuer ausgeht und sie besteht, ist ihr die wirkliche
+Qual des Suchens und die wirkliche Gefahr des Findens unbekannt: sich
+selbst setzt diese Seele nie aufs Spiel; sie weiß noch nicht, daß sie
+sich verlieren kann und denkt nie daran, daß sie sich suchen muß. Es ist
+das Weltzeitalter des Epos. Nicht Leidlosigkeit oder Gesichertheit des
+Seins kleiden hier Menschen und Taten in fröhlich-strenge Umrisse (das
+Sinnlose und Trauervolle des Weltgeschehens ist nicht gewachsen seit
+Beginn der Zeiten, nur die Trostgesänge klingen heller oder gedämpfter),
+sondern diese Angemessenheit der Taten an die inneren Anforderungen der
+Seele: an Größe, an Entfaltung, an Ganzheit. Wenn die Seele noch keinen
+Abgrund in sich kennt, der sie zum Absturz locken oder auf wegelose
+Höhen treiben könnte, wenn die Gottheit, die die Welt verwaltet und die
+unbekannten und ungerechten Gaben des Geschickes austeilt, unverstanden
+aber bekannt und nahe den Menschen gegenübersteht, wie der Vater dem
+kleinen Kinde, dann ist jede Tat nur ein gutsitzendes Gewand der Seele.
+Sein und Schicksal, Abenteuer und Vollendung, Leben und Wesen sind dann
+identische Begriffe. Denn die Frage, als deren gestaltende Antwort das
+Epos entsteht, ist: wie kann das Leben wesenhaft werden? Und das
+Unnahbare und Unerreichbare Homers -- und streng genommen sind nur seine
+Gedichte Epen -- stammt daher, daß er die Antwort gefunden hat, bevor
+der Gang des Geistes in der Geschichte die Frage laut werden ließ.
+
+Wenn man will, so kann man hier dem Geheimnis des Griechentums
+entgegengehen: seiner von uns aus undenkbaren Vollendung und seiner
+unüberbrückbaren Fremdheit zu uns: der Grieche kennt nur Antworten, aber
+keine Fragen, nur Lösungen (wenn auch rätselvolle), aber keine Rätsel,
+nur Formen, aber kein Chaos. Er zieht den gestaltenden Kreis der Formen
+noch diesseits der Paradoxie, und alles, was seit dem Aktuellwerden
+der Paradoxie zur Flachheit führen müßte, führt ihn zur Vollendung. Man
+vermischt, wenn von den Griechen die Rede ist, immer Geschichtsphilosophie
+und Ästhetik, Psychologie und Metaphysik und dichtet ihren Formen eine
+Beziehung zu unserem Weltalter zu. Schöne Seelen suchen die eigenen,
+flüchtig vorbeihuschenden, nie erfaßbaren höchsten Augenblicke einer
+erträumten Ruhe hinter diesen schweigsamen, für immer verstummten
+Masken, vergessend, daß der Wert dieser Augenblicke ihre Flüchtigkeit
+ist, daß das, wovor sie zu den Griechen flüchten, ihre eigene Tiefe und
+Größe ist. Tiefere Geister, die ihr entströmendes Blut zu purpurnem
+Stahl zu erstarren und zum Panzer zu schmieden versuchen, damit ihre
+Wunden ewig verborgen bleiben und ihre Gebärde des Heldentums zum
+Paradigma des kommenden, wirklichen Heldentums werde, damit es das neue
+Heldentum auferwecke, vergleichen die Brüchigkeit ihrer Formung mit der
+griechischen Harmonie und die eigenen Leiden, aus denen ihre Formen
+entsprossen sind, mit erträumten Qualen, die griechische Reinheit
+zur Bändigung brauchten. Sie wollen -- die Vollendung der Form in
+eigensinnig solipsistischer Weise als Funktion des inneren Zerstörtseins
+fassend -- aus den Gebilden der Griechen die Stimme einer Qual
+vernehmen, die um so viel an Intensität die ihre übertrifft, wie die
+griechische Kunst das, was sie gestalten. Es handelt sich aber hier
+um eine vollkommene Umwandlung der transzendentalen Topographie des
+Geistes, die in ihrem Wesen und ihren Folgen wohl beschrieben, in ihrer
+metaphysischen Bedeutsamkeit wohl ausgelegt und begriffen werden kann,
+für die es jedoch immer unmöglich sein wird, eine wenn auch noch so
+einfühlende oder bloß begreifende Psychologie zu finden. Denn jedes
+psychologische Begreifen setzt bereits einen bestimmten Stand der
+transzendentalen Orte voraus und funktioniert nur innerhalb deren
+Bereich. Statt das Griechentum in dieser Weise verstehen zu wollen,
+also letzten Endes unbewußt zu fragen: wie könnten wir diese Formen
+hervorbringen? oder: wie würden wir uns verhalten, wenn wir diese Formen
+hätten? wäre es fruchtbarer, nach der, von uns wesensverschiedenen,
+transzendentalen Topographie des griechischen Geistes, die diese Formen
+möglich und auch notwendig gemacht hat, zu fragen.
+
+Wir sagten: der Grieche hat seine Antworten früher als seine
+Fragen. Auch dies ist nicht psychologisch, sondern (höchstens)
+transzendentalpsychologisch zu verstehen. Es bedeutet, daß in dem
+letzten Strukturverhältnis, das alle Erlebnisse und Gestaltungen
+bedingt, keine qualitativen, mithin unaufhebbaren und bloß durch
+den Sprung überwindbaren Unterschiede der transzendentalen Orte
+untereinander und zu dem a priori zugeordneten Subjekte gegeben sind;
+daß der Aufstieg zum Höchsten und der Abstieg zum Sinnlosesten auf Wegen
+der Adäquation, also schlimmstenfalls durch einen graduell abgemessenen,
+übergangreichen Stufengang vollzogen wird. Das Verhalten des Geistes in
+dieser Heimat ist deshalb das passiv-visionäre Hinnehmen eines fertig
+daseienden Sinnes. Die Welt des Sinnes ist greifbar und übersichtlich,
+es kommt nur darauf an, in ihr den Einem zubestimmten Ort zu finden. Das
+Irren kann hier nur ein Zuviel oder ein Zuwenig sein, nur ein Mangel an
+Maß oder Einsicht. Denn Wissen ist nur ein Aufheben trübender Schleier,
+Schaffen ein Abzeichen sichtbar-ewiger Wesenheiten, Tugend eine
+vollendete Kenntnis der Wege; und das Sinnesfremde stammt nur aus der
+allzu großen Ferne vom Sinn. Es ist eine homogene Welt, und auch die
+Trennung von Mensch und Welt, von Ich und Du vermag ihre Einstoffigkeit
+nicht zu stören. Wie jedes andere Glied dieser Rhythmik, steht die Seele
+inmitten der Welt; die Grenze, die ihre Umrisse erschafft, ist im Wesen
+von den Konturen der Dinge nicht unterschieden: sie zieht scharfe und
+sichere Linien, trennt aber doch nur relativ; trennt nur in bezug auf
+und für ein in sich homogenes System des adäquaten Gleichgewichts. Denn
+nicht einsam steht der Mensch, als alleiniger Träger der Substantialität,
+inmitten reflexiver Formungen: seine Beziehungen zu den anderen und
+die Gebilde, die daraus entstehen, sind geradezu substanzvoll, wie
+er selbst, ja wahrhafter von Substanz erfüllt, weil allgemeiner,
+»philosophischer«, der urbildlichen Heimat näher und verwandter: Liebe,
+Familie, Staat. Das Sollen ist für ihn nur eine pädagogische Frage,
+ein Ausdruck für das Noch-nicht-heimgekehrt-sein, es drückt noch nicht
+die einzige und unaufhebbare Beziehung zur Substanz aus. Und auch im
+Menschen selbst ist kein Zwang zum Sprung: er ist befleckt von der
+Substanzferne der Materie, er soll rein werden in der Substanznähe des
+stofflosen Emporschwebens; es liegt ein weiter Weg vor ihm, aber kein
+Abgrund in ihm.
+
+Solche Grenzen schließen notwendigerweise eine abgerundete Welt ein.
+Wenn auch jenseits des Kreises, den die Sternenbilder des gegenwärtigen
+Sinnes um das erlebbare und zu formende Kosmos ziehen, drohende und
+unverständliche Mächte fühlbar werden, die Gegenwart des Sinnes vermögen
+sie doch nicht zu verdrängen; sie können das Leben vernichten, aber
+niemals das Sein verwirren; sie können schwarze Schatten auf die geformte
+Welt werfen, aber auch diese werden von den Formen, als schärfer betonende
+Kontraste, einbezogen. Der Kreis, in dem die Griechen metaphysisch leben,
+ist kleiner als der unsrige: darum können wir uns niemals in ihn lebendig
+hineinversetzen; besser gesagt: der Kreis, dessen Geschlossenheit die
+transzendentale Wesensart ihres Lebens ausmacht, ist für uns gesprengt;
+wir können in einer geschlossenen Welt nicht mehr atmen. Wir haben die
+Produktivität des Geistes erfunden: darum haben die Urbilder für uns
+ihre gegenständliche Selbstverständlichkeit unwiederbringlich verloren
+und unser Denken geht einen unendlichen Weg der niemals voll geleisteten
+Annäherung. Wir haben das Gestalten erfunden: darum fehlt allem, was
+unsere Hände müde und verzweifelt fahren lassen, immer die letzte
+Vollendung. Wir haben in uns die allein wahre Substanz gefunden: darum
+mußten wir zwischen Erkennen und Tun, zwischen Seele und Gebilde,
+zwischen Ich und Welt unüberbrückbare Abgründe legen und jede
+Substantialität jenseits des Abgrunds in Reflexivität zerflattern
+lassen; darum mußte unser Wesen für uns zum Postulat werden und zwischen
+uns und uns selbst einen noch tieferen und gefahrdrohenderen Abgrund
+legen. Unsere Welt ist unendlich groß geworden und in jedem Winkel
+reicher an Geschenken und Gefahren als die griechische, aber dieser
+Reichtum hebt den tragenden und positiven Sinn ihres Lebens auf: die
+Totalität. Denn Totalität als formendes Prius jeder Einzelerscheinung
+bedeutet, daß etwas Geschlossenes vollendet sein kann; vollendet, weil
+alles in ihm vorkommt, nichts ausgeschlossen wird und nichts auf ein
+höheres Außen hinweist; vollendet, weil alles in ihm zur eigenen
+Vollkommenheit reift und sich erreichend sich der Bindung fügt.
+Totalität des Seins ist nur möglich, wo alles schon homogen ist, bevor
+es von den Formen umfaßt wird; wo die Formen kein Zwang sind, sondern
+nur das Bewußtwerden, nur das Auf-die-Oberfläche-Treten von allem, was
+im Inneren des zu Formenden als unklare Sehnsucht geschlummert hat; wo
+das Wissen die Tugend ist und die Tugend das Glück, wo die Schönheit
+den Weltsinn sichtbar macht.
+
+Das ist die Welt der griechischen Philosophie. Aber dieses Denken
+entstand, als die Substanz bereits zu verblassen begann. Wenn es,
+eigentlich gesprochen keine griechische Ästhetik gibt, weil die
+Metaphysik alles Ästhetische vorweggenommen hat, so gibt es für
+Griechenland auch keinen eigentlichen Gegensatz von Geschichte und
+Geschichtsphilosophie: die Griechen durchlaufen in der Geschichte selbst
+alle Stadien, die den großen Formen _a priori_ entsprechen; ihre
+Kunstgeschichte ist eine metaphysisch-genetische Ästhetik, ihre
+Kulturentwicklung eine Philosophie der Geschichte. In diesem Gang
+vollzieht sich das Entweichen der Substanz von der absoluten
+Lebensimmanenz Homers bis zur absoluten, aber greifbaren und
+ergreifbaren Transzendenz Platons; und seine sich klar und scharf
+voneinander abhebenden Stadien (hier kennt das Griechentum keine
+Übergänge), in denen sich sein Sinn wie in ewigen Hieroglyphen
+niedergelegt hat, sind die großen, die zeitlos paradigmatischen Formen
+des Weltgestaltens: Epos, Tragödie und Philosophie. Die Welt des Epos
+beantwortet die Frage: wie kann das Leben wesenhaft werden? Aber zur
+Frage gereift ist die Antwort erst, wenn die Substanz schon aus weiterer
+Ferne lockt. Erst wenn die Tragödie die Frage: wie kann das Wesen
+lebendig werden? gestaltend beantwortet hat, ist es bewußt geworden,
+daß das Leben, so wie es ist (und jedes Sollen hebt das Leben auf), die
+Immanenz des Wesens verloren hat. Im formenden Schicksal und im Helden,
+der sich schaffend sich findet, erwacht das reine Wesen zum Leben, das
+bloße Leben versinkt zum Nichtsein vor der allein wahren Wirklichkeit
+des Wesens; es ist eine Seinshöhe jenseits des Lebens voll reich
+blühender Fülle erreicht worden, der gegenüber das gewöhnliche Leben
+nicht einmal als Gegensatz gebraucht werden kann. Auch diese Existenz
+des Wesens ist nicht aus dem Bedürfnis, aus dem Problem geboren: die
+Geburt der Pallas ist das Prototypon für die Entstehung griechischer
+Formen. So wie die sich ins Leben entladende, lebengebärende
+Wirklichkeit des Wesens den Verlust seiner reinen Lebensimmanenz verrät,
+so wird dieser problematische Untergrund der Tragödie erst in der
+Philosophie sichtbar und zum Problem: erst wenn das ganz lebensfern
+gewordene Wesen zur absolut alleinigen, transzendenten Wirklichkeit
+geworden ist, wenn auch das Schicksal der Tragödie als rohe und sinnlose
+Willkür der Empirie und des Helden Leidenschaft als Erdgebundenheit,
+seine Selbstvollendung als Beschränktheit des zufälligen Subjekts durch
+die gestaltende Tat der Philosophie enthüllt ist, erscheint die Antwort
+auf das Sein, das die Tragödie gibt, nicht mehr als blos gewachsene
+Selbstverständlichkeit, sondern als Wunder, als schlanke und
+festgeschwungene Regenbogenbrücke über bodenlose Tiefen. Der Held der
+Tragödie löst den lebenden Menschen Homers ab und erklärt und verklärt
+ihn gerade dadurch, daß er seine erlöschende Fackel von ihm abnimmt und
+zum neuen Leuchten entzündet. Und der neue Mensch Platons, der Weise,
+mit seiner handelnden Erkenntnis und seinem wesenschaffenden Schauen,
+entlarvt nicht bloß den Helden, sondern durchleuchtet die dunkle Gefahr,
+die er besiegt hat und verklärt ihn, indem er ihn überwindet. Aber der
+Weise ist der letzte Menschentypus und seine Welt die letzte
+paradigmatische Lebensgestaltung, die dem griechischen Geist gegeben
+war. Das Klarwerden der Fragen, die Platons Vision bedingen und tragen,
+hat keine neuen Früchte mehr gezeitigt: die Welt ist griechisch geworden
+in der Folge der Zeiten, aber der griechische Geist, in diesem Sinne,
+immer ungriechischer; er hat unvergängliche neue Probleme (und auch
+Lösungen), doch das eigenst Griechische des τόπος νοητός ist für
+immer versunken. Und das Losungswort des kommenden, neu schicksalhaften
+Geistes ist: den Griechen eine Torheit.
+
+Wahrlich eine Torheit für den Griechen! Kants Sternenhimmel glänzt nur
+mehr in der dunklen Nacht der reinen Erkenntnis und erhellt keinem der
+einsamen Wanderer -- und in der neuen Welt heißt Mensch-sein: einsam
+sein -- mehr die Pfade. Und das innere Licht gibt nur dem nächsten
+Schritt die Evidenz der Sicherheit oder -- ihren Schein. Von innen
+strahlt kein Licht mehr in die Welt der Geschehnisse und in ihre
+seelenfremde Verschlungenheit. Und ob die Angemessenheit der Tat an das
+Wesen des Subjektes, der einzige Wegweiser, der übrig blieb, wirklich
+das Wesen trifft, wer kann es wissen, wenn das Subjekt für sich selbst
+zur Erscheinung, zum Objekt geworden ist; wenn seine innerste und
+eigenste Wesenheit nur als unendliche Forderung auf einem imaginären
+Himmel des Seinsollenden ihm entgegengestellt ist; wenn sie aus einem
+unermeßlichen Abgrund, der im Subjekt selbst liegt, heraustreten muß,
+wenn nur das aus dieser tiefsten Tiefe Emporsteigende das Wesen ist und
+niemand jemals ihren Grund zu betreten und zu erschauen vermag? Die
+visionäre Wirklichkeit der uns angemessenen Welt, die Kunst, ist damit
+selbständig geworden: sie ist kein Abbild mehr, denn alle Vorbilder sind
+versunken; sie ist eine erschaffene Totalität, denn die naturhafte
+Einheit der metaphysischen Sphären ist für immer zerrissen.
+
+Es soll und kann hier keine Geschichtsphilosophie über die Verwandlung
+im Aufbau der transzendentalen Orte gegeben werden. Ob hier unser
+Weitergehen (als Steigen oder als Sinken: gleichviel) der Grund des
+Wechsels ist, oder ob die Götter Griechenlands von anderen Mächten
+vertrieben wurden: nicht hier ist der Ort darüber zu sprechen. Und nicht
+einmal andeutend soll der ganze Weg, der zu unserer Wirklichkeit führt,
+aufgezeichnet werden: die verführerische Kraft, die noch im toten
+Griechentum lag, dessen luciferisch blendender Glanz die unheilbaren
+Risse der Welt immer wieder vergessen und neue, aber dem neuen Wesen der
+Welt widersprechende und darum immer wieder zerfallende, Einheiten
+erträumen ließ. So ward aus der Kirche eine neue Polis; aus der
+paradoxen Verbundenheit der in unrettbarer Sünde verlorenen Seele mit
+der absurden, aber gewissen Erlösung ein beinahe platonisches
+Hineinleuchten des Himmels in die irdische Wirklichkeit; aus dem Sprung
+die Stufenleiter der irdischen und himmlischen Hierarchien. Und bei
+Giotto und Dante, bei Wolfram und Pisano, bei Thomas und Franciscus
+wurde die Welt wieder rund, übersichtlich und zur Totalität: der Abgrund
+verlor die Gefahr der tatsächlichen Tiefe, aber sein ganzes Dunkel ward,
+ohne an schwarzleuchtender Kraft etwas einzubüßen, zur reinen Oberfläche
+und fügte sich so in eine abgeschlossene Einheit der Farben zwanglos
+ein; der Schrei nach Erlösung ward zur Dissonanz im vollendeten
+rhythmischen System der Welt und machte ein neues, aber nicht minder
+farbiges und vollendetes Gleichgewicht möglich als das griechische: das
+der inadäquaten, der heterogenen Intensitäten. Das Unbegreifbare und
+ewig Unerreichbare der erlösten Welt ward so nahe gebracht: bis zur
+sichtbaren Ferne. Das jüngste Gericht ward gegenwärtig und ein Glied
+bloß der bereits als geleistet gedachten Harmonie der Sphären; seine
+wahre Wesenheit, die die Welt zur philoktetischen Wunde, deren Heilung
+dem Parakleten vorbehalten ist, verwandelt, mußte vergessen werden. Es
+ist ein neues, paradoxes Griechentum entstanden: die Ästhetik ist wieder
+zur Metaphysik geworden.
+
+Zum ersten, aber auch zum letzten Male. Nachdem diese Einheit zerfallen
+ist, gibt es keine spontane Seinstotalität mehr. Die Quellen, deren
+Gewässer die alte Einheit auseinandergerissen haben, sind zwar versiegt,
+aber die hoffnungslos ausgetrockneten Strombetten haben das Antlitz der
+Welt für immer zerklüftet. Jede Auferstehung des Griechentums ist
+nunmehr eine mehr oder weniger bewußte Hypostasis der Ästhetik zur
+alleinigen Metaphysik; ein Vergewaltigen und ein Vernichtenwollen der
+Wesenheit von allem, was außerhalb des Bereichs der Kunst liegt, ein
+Versuch zu vergessen, daß die Kunst nur eine Sphäre von vielen ist, daß
+sie das Auseinanderfallen und das Nichtausreichen der Welt zur
+Voraussetzung ihrer Existenz und ihres Bewußtwerdens hat. Diese
+Überspannung der Substantialität der Kunst muß aber auch ihre Formen
+belasten und überladen: sie müssen alles selbst hervorbringen, was sonst
+einfach hingenommene Gegebenheit war; sie müssen also, bevor ihre
+eigentliche, apriorische Wirksamkeit beginnen könnte, deren Bedingungen,
+den Gegenstand und seine Umwelt, aus eigener Kraft herbeischaffen. Eine
+nur hinzunehmende Totalität ist für die Formen nicht mehr gegeben: darum
+müssen sie das zu Gestaltende entweder so weit verengen und
+verflüchtigen, daß es von ihnen getragen werden kann, oder es entsteht
+für sie der Zwang, die Unrealisierbarkeit ihres notwendigen Gegenstandes
+und die innere Nichtigkeit des einzig möglichen polemisch darzutun und
+so die Brüchigkeit des Weltaufbaus dennoch in die Formenwelt
+hineinzutragen.
+
+
+2.
+
+Dieses Anderswerden der transzendentalen Orientierungspunkte unterwirft
+die Kunstformen einer geschichtsphilosophischen Dialektik, die aber je
+nach der apriorischen Heimat der einzelnen Gattungen für jede Form
+anders ausfallen muß. Es kann geschehen, daß die Umwandlung nur den
+Gegenstand und die Bedingungen seines Gestaltens trifft und die letzte
+Beziehung der Form auf ihre transzendentale Existenzberechtigung
+unberührt läßt; dann entstehen bloß Formveränderungen, die zwar in allen
+technischen Einzelheiten auseinandergehen, das Urprinzip des Gestaltens
+jedoch nicht umstoßen. Es ist aber möglich, daß der Wechsel sich gerade
+im alles bestimmenden _principium stilisationis_ der Gattung vollzieht
+und dadurch notwendig macht, daß demselben Kunstwollen --
+geschichtsphilosophisch bedingt -- verschiedene Kunstformen entsprechen.
+Dies ist kein gattungschaffender Wandel der Gesinnung; solche sind schon
+in der griechischen Entwicklung sichtbar geworden, wenn etwa das
+Problematischwerden von Held und Schicksal das untragische Drama von
+Euripides ins Leben rief. Da herrscht ein völliges Entsprechen zwischen
+der apriorischen Bedürftigkeit und dem metaphysischen Leiden des
+Subjektes, die zum Schaffen treiben und zwischen dem prästabilierten,
+ewigen Ort der Form, auf den die vollendete Gestaltung auftrifft. Das
+gattungsschaffende Prinzip aber, das hier gemeint ist, fordert keinen
+Wandel der Gesinnung; es nötigt vielmehr dieselbe Gesinnung, sich auf
+ein neues, vom alten wesensverschiedenes Ziel zu richten. Es bedeutet,
+daß auch die alte Parallelität der transzendentalen Struktur im
+gestaltenden Subjekt und in der herausgesetzten Welt der geleisteten
+Formen zerrissen ist, daß die letzten Grundlagen des Gestaltens
+heimatlos geworden sind.
+
+Die deutsche Romantik hat den Begriff des Romans, wenn auch nicht
+immer bis ins letzte geklärt, mit dem des Romantischen in enge
+Beziehungen gebracht. Mit großem Recht, denn die Form des Romans ist,
+wie keine andere, ein Ausdruck der transzendentalen Obdachlosigkeit.
+Das Zusammenfallen von Geschichte und Geschichtsphilosophie hatte für
+Griechenland die Folge, daß jede Kunstart erst dann geboren ward, wenn
+auf der Sonnenuhr des Geistes abzulesen war, daß gerade ihre Stunde
+gekommen ist und jede mußte verschwinden, wenn die Urbilder ihres Seins
+nicht mehr am Horizonte standen. Für die nachgriechische Zeit ist
+diese philosophische Periodizität verloren. In einer unentwirrbaren
+Verschlungenheit kreuzen sich hier die Gattungen als Zeichen des echten
+und des unechten Suchens nach dem nicht mehr klar und eindeutig
+gegebenen Ziele; ihre Summe ergibt bloß eine geschichtliche Totalität
+der Empirie, wo man für die einzelnen Formen wohl nach empirischen
+(soziologischen) Bedingungen ihrer Entstehungsmöglichkeit suchen mag und
+sie eventuell auch finden kann, wo aber der geschichtsphilosophische
+Sinn der Periodizität sich niemals mehr auf die symbolisch gewordenen
+Gattungen konzentriert und auch aus den Gesamtheiten der Zeitalter mehr
+entziffert und herausgedeutet als in ihnen selbst aufgefunden werden
+kann. Während aber bei dem kleinsten Erbeben der transzendentalen
+Bezogenheiten die Lebensimmanenz des Sinnes unrettbar versinken muß,
+vermag das lebensferne und lebensfremde Wesen sich mit der eigenen
+Existenz in solcher Weise zu krönen, daß diese Weihe selbst bei größeren
+Erschütterungen nur verblassen, aber niemals ganz verflattern wird.
+Darum hat sich die Tragödie, wenn auch verwandelt, so doch in ihrer
+Essenz unberührt in unsere Zeit herübergerettet, während die Epopöe
+verschwinden und einer ganz neuen Form, dem Roman, weichen mußte.
+
+Freilich die vollkommene Wandlung des Lebensbegriffes und seiner
+Beziehung zum Wesen hat auch die Tragödie verändert. Etwas anderes
+ist es, wenn die Lebensimmanenz des Sinnes mit katastrophaler Klarheit
+verschwindet und eine durch nichts verworrene, reine Welt dem Wesen
+überläßt, als wenn diese Immanenz wie durch allmähliges Verzaubertwerden
+aus dem Kosmos verbannt wird; wenn die Sehnsucht nach ihrem
+Wiedererscheinen ungestillt und niemals in zweifelsfreier
+Hoffnungslosigkeit lebendig bleibt; wenn man das Verlorene in jeder
+jetzt so ungefügen und wirren Erscheinung, des Lösungswortes harrend,
+vermuten muß; wenn das Wesen deshalb keine tragische Bühne aus den
+gefällten Stämmen des Lebenswaldes aufschlagen kann, sondern entweder
+in dem Brande aller toten Überreste eines verfallenen Lebens zum kurzen
+Flammendasein erwachen oder diesem ganzen Chaos schroff ablehnend
+den Rücken kehren und in eine abstrakte Sphäre der ganz reinen
+Wesenhaftigkeit flüchten muß. Es ist die Beziehung des Wesens zu dem an
+sich außerdramatischen Leben, die die Stilzweiheit der neueren Tragödie,
+deren Pole Shakespeare und Alfieri bezeichnen, notwendig macht. Die
+griechische Tragödie stand jenseits des Dilemmas von Lebensnähe oder
+Abstraktion, weil für sie die Fülle keine Frage der Annäherung an das
+Leben, die Transparenz des Dialogs keine Aufhebung seiner Unmittelbarkeit
+war. Aus welchen geschichtlichen Zufällen oder Notwendigkeiten der Chor
+auch entstanden sein mag, sein künstlerischer Sinn ist: das Wesen, in
+einem Jenseits von jedwedem Leben, zur Lebendigkeit und Fülle zu führen.
+Er konnte deshalb einen Hintergrund abgeben, der geradeso nur die
+Funktion des Abschließens erfüllt wie die marmorne Atmosphäre zwischen
+den Reliefgestalten, der aber dennoch voll von Bewegung ist und sich
+sämtlichen scheinbaren Schwankungen einer nicht aus abstraktem Schema
+geborenen Handlung anschmiegen, sie in sich aufnehmen und aus eigenem
+bereichert dem Drama zurückgeben kann. Er kann den lyrischen Sinn des
+ganzen Dramas in weiten Worten ertönen lassen, er kann, ohne in sich zu
+zerfallen, sowohl die niederen, der tragischen Widerlegung bedürftigen
+Stimmen der kreatürlichen Vernunft, wie die der hohen Übervernünftigkeit
+des Schicksals in sich vereinen. Sprecher und Chor sind in der
+griechischen Tragödie aus demselben Wesensgrunde entstiegen, sie sind
+einander völlig homogen und können deshalb, ohne den Bau zu zerreißen,
+gänzlich getrennte Funktionen erfüllen; im Chor kann sich die ganze
+Lyrik der Situation und des Schicksals stauen und den Spielern die
+alles aussagenden Worte und die alles umfassenden Gebärden der nackt
+gewordenen tragischen Dialektik überlassen; und sie werden doch niemals
+anders als durch sanfte Übergänge voneinander geschieden sein. Für
+keines von beiden ist die Gefahr einer die dramatische Form sprengender
+Lebensnähe auch nur als ferne Möglichkeit eigen: darum können sich beide
+zur unschematischen, aber apriorisch vorgezeichneten Fülle ausbreiten.
+
+Aus dem neueren Drama ist das Leben nicht organisch verschwunden, es
+kann höchstens aus ihm verbannt werden. Aber die Verbannung, die die
+Klassizisten vollziehen, bedeutet das Anerkennen nicht nur des Seins,
+sondern auch der Macht des Verbannten: er ist in jedem Wort und jeder
+Gebärde, die in angstvoller Selbstüberspannung sich überbieten, um sich
+von ihm in unbefleckter Ferne zu halten, gegenwärtig; er ist es, der die
+kahle und berechnete Strenge des aus abstrakter Apriorität erzeugten
+Aufbaus unsichtbar und ironisch leitet: verengt oder verwirrt,
+überdeutlich oder abstrus macht. Die andere Tragödie verzehrt das Leben.
+Sie stellt ihre Helden als lebendige Menschen, inmitten einer bloß
+lebenhaften Masse auf die Szene und aus der Verworrenheit einer von
+Lebensschwere beladenen Handlung soll das klare Schicksal allmählich
+erglühen; soll durch sein Feuer alles bloß Menschliche zu Asche
+verbrennen, auf daß das nichtige Leben der bloßen Menschen in
+Nichtigkeit zerfalle, die Affekte der Heldenhaften aber zu tragischen
+Leidenschaften erbrennen und diese zu schlackenlosen Helden umschmelzen.
+Damit ist das Heldentum polemisch und problematisch geworden: Heldsein
+ist nicht mehr die naturhafte Existenzform der Wesenssphäre, sondern ein
+Sicherheben über das bloß menschliche sowohl der Masse, wie der eigenen
+Instinkte. Das hierarchische Problem von Leben und Wesen, das für
+das griechische Drama ein formendes Apriori war und deshalb nie als
+Gegenstand zur Gestalt ward, wird so in den tragischen Prozeß selbst
+hineingezogen; es zerreißt das Drama in einander völlig heterogene
+Hälften, die nur durch ihr gegenseitiges Negieren und Sichausschließen
+miteinander verbunden sind: also polemisch und -- die Grundlagen gerade
+dieses Dramas störend -- intellektualistisch. Und die Breite des
+Fundamentes, das so aufgezwungen ist, und die Weite des Weges, den der
+Held in seiner eigenen Seele zurücklegen muß, bis er sich als Helden
+findet, widerstreiten der formgeforderten Schlankheit des dramatischen
+Aufbaus, nähern es den epischen Formen an; geradeso wie der polemische
+Akzent des Heldentums (auch in der abstrakten Tragödie) eine
+Überwucherung von rein lyrischer Lyrik zur notwendigen Folge hat.
+
+Diese Lyrik hat aber noch eine andere Quelle, die ebenfalls aus der
+verschobenen Beziehung von Wesen und Leben entspringt. Für die Griechen
+hat das Versinken des Lebens als Sinnesträger die Nähe und die
+Verwandtschaft der Menschen untereinander nur in eine andere Atmosphäre
+übertragen, aber nicht vernichtet: jede Gestalt, die hier vorkommt, ist
+dennoch in gleicher Entfernung vom Allerhalter, vom Wesen, ist also
+jeder anderen in ihren tiefsten Wurzeln verwandt; alle verstehen
+einander, denn alle sprechen die gleiche Sprache, alle vertrauen
+einander, wenn auch als Todfeinde, denn alle streben in gleicher Weise
+dem gleichen Zentrum zu und bewegen sich auf der gleichen Höhe einer
+innerlich wesensgleichen Existenz. Wenn aber das Wesen, wie im neueren
+Drama, nur nach hierarchischem Wettkampf mit dem Leben sich offenbaren
+und zu behaupten vermag, wenn jede Gestalt diesen Wettstreit als
+Voraussetzung ihrer Existenz oder als bewegendes Element ihres Daseins
+in sich trägt, dann muß jede der _dramatis personae_ mit nur ihr eigenem
+Faden an ihr gebärendes Schicksal gebunden sein; dann muß jede aus der
+Einsamkeit stammen und in unaufhebbarer Einsamkeit inmitten der anderen
+Einsamen dem letzten tragischen Alleinsein zueilen; darin muß jedes
+tragische Wort unverstanden verklingen und keine tragische Tat wird eine
+adäquat aufnehmende Resonanz finden können. Die Einsamkeit ist aber etwas
+Paradox-Dramatisches: sie ist die eigentliche Essenz des Tragischen, denn
+die im Schicksal selbstgewordene Seele kann Sternenbrüder haben, aber
+keinen Gefährten. Die dramatische Äußerungsform jedoch -- der Dialog --
+setzt eine hohe Gemeinsamkeit dieser Einsamen voraus, um mehrstimmig,
+um wirklich dialogisch, dramatisch zu bleiben. Die Sprache des absolut
+Einsamen ist lyrisch, ist monologisch, im Zwiegespräch tritt das
+Inkognito seiner Seele zu stark zutage und überflutet und belastet
+die Eindeutigkeit und die Schärfe von Rede und Widerrede. Und diese
+Einsamkeit ist tiefer als die von der tragischen Form, der Beziehung zum
+Schicksal, erforderte (in der ja auch die griechischen Helden gelebt
+haben): sie muß sich selbst zum Problem werden und das tragische Problem
+vertiefend und verwirrend an seine Stelle treten. Diese Einsamkeit ist
+nicht bloß der Rausch der vom Schicksal erfaßten, zum Gesang gewordenen
+Seele, sie ist zugleich die Qual der zum Alleinsein verdammten, sich
+nach Gemeinschaft verzehrenden Kreatur. Diese Einsamkeit entläßt
+aus sich neue tragische Probleme, das eigentliche Problem der neuen
+Tragödie: das Vertrauen. Die in Leben gehüllte, aber wesenserfüllte
+Seele des neuen Helden wird niemals begreifen können, daß unter dem
+gleichen Mantel des Lebens nicht auch die gleiche Wesenhaftigkeit wohnen
+muß; sie weiß von einer Gleichheit aller, die sich gefunden haben und
+kann nicht begreifen, daß dies ihr Wissen nicht aus dieser Welt stammt,
+daß die innere Zweifelsfreiheit dieses Wissens keine Gewähr dafür bieten
+kann, daß es für dieses Leben konstitutiv sei; sie weiß von der Idee
+ihres Selbst, die, sie bewegend, in ihr lebendig ist, sie muß daher
+daran glauben, daß das Menschengewühl des Lebens, das sie umgibt, nur
+ein verwirrter Fastnachtsscherz ist, in dem, bei dem ersten Wort aus dem
+Wesen, die Masken fallen und unbekannte Brüder einander umarmen müssen.
+Sie weiß es und sucht es und findet sich selbst, allein, im Schicksal. Und
+in ihre Ekstase des Sich-gefunden-habens mischt sich anklagend-elegisch
+die Trauer des Weges, der hierher geführt hat: die Enttäuschung über
+das Leben, das nicht einmal eine Karikatur dessen war, was ihre
+Schicksalsweisheit so hellseherisch klar verkündet hat, dessen Glaube
+ihr die Kraft gab, den Weg im Dunkeln allein zu gehen. Diese Einsamkeit
+ist nicht nur dramatisch, sondern auch psychologisch, denn sie ist nicht
+allein die Apriorität aller _dramatis personae_, sondern zugleich das
+Erleben des zum Helden werdenden Menschen; und wenn die Psychologie im
+Drama nicht unverarbeiteter Rohstoff bleiben soll, so kann sie sich nur
+als Seelenlyrik äußern.
+
+Die große Epik gestaltet die extensive Totalität des Lebens, das Drama
+die intensive Totalität der Wesenhaftigkeit. Darum kann das Drama, wenn
+das Sein die sich spontan abrundende und sinnlich gegenwärtige Totalität
+verloren hat, in seiner Formapriorität dennoch eine vielleicht
+problematische, aber trotzdem alles enthaltende und in sich abschließende
+Welt finden. Für die große Epik ist dies unmöglich. Für sie ist die
+jeweilige Gegebenheit der Welt ein letztes Prinzip, sie ist in ihrem
+entscheidenden und alles bestimmenden transzendentalen Grunde empirisch;
+sie kann das Leben manchmal beschleunigen, kann Verstecktes oder
+Verkümmertes zu einem ihm immanenten utopischen Ende führen, aber Weite
+und Tiefe, Abrundung und Versinnlichung, Reichtum und Geordnetsein des
+geschichtlich gegebenen Lebens wird sie niemals aus der Form heraus
+überwinden können. Jeder Versuch einer wahrhaft utopischen Epik wird
+scheitern müssen, denn sie muß subjektiv oder objektiv über die Empirie
+hinausgehen und deshalb ins Lyrische oder Dramatische transzendieren.
+Und diese Transzendenz kann für die Epik niemals fruchtbar werden. Es
+hat vielleicht Zeiten gegeben -- vereinzelte Märchen bewahren Fragmente
+dieser verschollenen Welten -- wo das jetzt nur utopisch Erlangbare
+in visionärer Sichtbarkeit gegenwärtig war; und Epiker solcher Zeiten
+hatten die Empirie nicht verlassen müssen, um die transzendente
+Wirklichkeit als allein seiende darzustellen; ja, sie konnten einfache
+Erzähler von Begebenheiten sein, so wie die Schöpfer der beflügelten
+assyrischen Urwesen sich gewiß -- und mit Recht -- für Naturalisten
+hielten. Doch schon für Homer ist das Transzendente unlösbar in das
+irdische Dasein verwoben, und seine Unnachahmlichkeit beruht gerade
+auf dem restlosen Gelingen dieses Immanentwerdens.
+
+Diese unzerreißbare Gebundenheit an das Dasein und das Sosein der
+Wirklichkeit, die entscheidende Grenze zwischen Epik und Dramatik, ist
+eine notwendige Folge des Gegenstandes der Epik: des Lebens. Während der
+Begriff des Wesens schon durch sein einfaches Setzen zur Transzendenz
+führt, sich aber dort zu einem neuen höheren Sein kristallisiert
+und so durch seine Form ein sollendes Sein ausdrückt, das in seiner
+formgeborenen Realität von den inhaltlichen Gegebenheiten des bloß
+Seienden unabhängig bleibt, schließt der Begriff des Lebens eine solche
+Gegenständlichkeit der aufgefangenen und geronnenen Transzendenz aus.
+Die Welten des Wesens sind durch der Formen Kraft über das Dasein
+gespannt und ihre Art und ihre Inhalte werden nur durch die inneren
+Möglichkeiten dieser Kraft bedingt. Die Welten des Lebens verharren
+hier, sie werden von den Formen nur aufgenommen und gestaltet, nur auf
+ihren eingeborenen Sinn gebracht. Und die Formen, die hier nur die Rolle
+des Sokrates bei der Geburt der Gedanken spielen dürfen, werden niemals
+aus eigenem etwas ins Leben zaubern können, was nicht bereits in ihm
+gelegen ist. Der Charakter, den das Drama schafft -- dies ist nur ein
+anderer Ausdruck für dasselbe Verhältnis --, ist das intelligible Ich
+des Menschen, der der Epik das empirische Ich. Das Sollen, in dessen
+verzweifelte Intensität das auf der Erde vogelfrei gewordene Wesen
+flüchtet, kann sich im intelligiblen Ich als normative Psychologie des
+Helden objektivieren, im empirischen Ich bleibt es ein Sollen. Seine
+Kraft ist eine bloß psychologische, gleichartig den anderen Elementen
+der Seele; sein Zielsetzen ist ein empirisches, gleichartig den anderen
+vom Menschen oder seiner Umwelt gegebenen möglichen Bestrebungen; seine
+Inhalte sind geschichtliche, gleichartig den anderen, vom Lauf der
+Zeiten hervorgebrachten und sind von dem Boden, auf dem sie gewachsen
+sind, nicht loszureißen: sie können verwelken, aber niemals zu neuem
+ätherischen Dasein erwachen. Das Sollen tötet das Leben, und der
+dramatische Held umgürtet sich mit den symbolischen Attributen der
+sinnfälligen Erscheinung des Lebens nur deshalb, um die symbolische
+Zeremonie des Sterbens als Sichtbarwerden der seienden Transzendenz
+sinnfällig vollziehen zu können; die Menschen der Epik müssen aber
+leben, sonst zerreißen oder verkümmern sie das Element, das sie trägt,
+umgibt und erfüllt. (Das Sollen tötet das Leben, und jeder Begriff
+drückt ein Sollen des Gegenstandes aus: darum kann das Denken niemals
+zu einer wirklichen Definition des Lebens kommen, und vielleicht darum
+ist die Kunstphilosophie der Tragödie so viel adäquater als der Epik.)
+Das Sollen tötet das Leben und ein aus sollendem Sein erbauter Held
+der Epopöe wird immer nur ein Schatten des lebenden Menschen der
+geschichtlichen Wirklichkeit sein; sein Schatten, aber niemals sein
+Urbild, und die Welt, die ihm als Erleben und Abenteuer aufgegeben ist,
+nur ein verdünnter Abguß des Tatsächlichen und niemals ihr Kern und ihre
+Essenz. Die utopische Stilisierung der Epik kann nur Distanzen schaffen,
+aber auch diese Distanzen bleiben die zwischen Empirie und Empirie,
+und der Abstand und seine Trauer und seine Hoheit verwandeln nur den
+Ton in einen rhetorischen und können zwar die schönsten Früchte einer
+elegischen Lyrik tragen, aber niemals kann aus dem bloßen Distanzsetzen
+ein über das Sein hinausgehender Inhalt zum lebendigen Leben erwachen
+und zu selbstherrlicher Wirklichkeit werden. Ob diese Distanz vorwärts
+oder zurück weist, ob sie ein Hinauf oder ein Herunter dem Leben
+gegenüber bezeichnet: es ist niemals das Schaffen einer neuen Realität,
+sondern immer nur ein subjektives Spiegeln der bereits daseienden. Die
+Helden Vergils leben ein kühles und gemessenes Schattendasein, gespeist
+vom Blut einer schönen Inbrunst, die sich geopfert hat, um das für
+immer Entschwundene heraufzubeschwören, und die Zolasche Monumentalität
+ist nur die monotone Ergriffenheit vor der vielfältigen und doch
+übersichtlichen Verzweigung eines soziologischen Kategoriensystems,
+das das Leben seiner Gegenwart vollständig zu begreifen sich anmaßt.
+
+Es gibt eine große Epik, aber das Drama bedarf niemals dieses
+Attributes und muß sich seiner stets erwehren. Denn das aus sich heraus
+substanzvolle und aus Substantialität runde Kosmos des Dramas kennt
+keinen Kontrast von Ganzheit und Ausschnitt, keine Entgegensetzung von
+Fall und Symptom: existieren bedeutet Kosmossein für das Drama, das
+Erfassen des Wesens, den Besitz seiner Totalität. Mit dem Begriff des
+Lebens ist jedoch die Notwendigkeit seiner Totalität nicht mitgesetzt,
+es enthält geradeso die relative Unabhängigkeit jedes in sich
+selbständigen Lebewesens von jeglicher, darüber hinausweisender Bindung,
+wie die ebenfalls relative Unvermeidlichkeit und Unentbehrlichkeit
+solcher Bindungen. Darum kann es epische Formen geben, deren Gegenstand
+nicht die Totalität des Lebens ist, sondern ein Ausschnitt, ein in sich
+lebensfähiger Bruchteil des Daseins. Darum aber ist der Begriff der
+Totalität für die Epik kein aus den gebärenden Formen geborener, kein
+transzendentaler, wie im Drama, sondern ein empirisch-metaphysischer,
+der Transzendenz und Immanenz untrennbar in sich vereinigt. Denn Subjekt
+und Objekt fallen in der Epik nicht zusammen, wie im Drama, wo die
+gestaltende Subjektivität -- aus der Werkperspektive gesehen -- nur ein
+Grenzbegriff ist, eine Art von Bewußtsein überhaupt, sondern sind klar
+und deutlich im Werke selbst vorhanden und voneinander geschieden; und
+da aus der formgewollten Empirität des Gegenstandes ein empirisches,
+gestaltendes Subjekt folgt, kann dieses niemals der Grund und die Gewähr
+der Totalität der herausgestellten Welt sein. Die Totalität kann sich
+nur aus der Inhaltlichkeit des Objekts mit wahrer Evidenz ergeben: sie
+ist metasubjektiv, transzendent, eine Offenbarung und eine Gnade. Das
+Subjekt der Epik ist immer der empirische Mensch des Lebens, aber
+seine schaffende, das Leben meisternde Anmaßung verwandelt sich in der
+großen Epik in Demut, in Schauen, in stummes Erstaunen vor dem hell
+heranleuchtenden Sinn, der ihm, dem einfachen Menschen des gewöhnlichen
+Daseins, so unerwartet selbstverständlich im Leben selbst sichtbar
+geworden ist.
+
+Das Subjekt der kleineren epischen Formen steht beherrschender und
+selbstherrlicher seinem Objekte gegenüber. Mag der Erzähler -- es kann und
+soll hier kein System der epischen Formen, nicht einmal andeutungsweise
+gegeben werden -- mit kühler und überlegener Chronistengebärde dem
+merkwürdigen Walten des Zufalls, der die Geschicke der Menschen für sie
+sinnlos und vernichtend, für uns Abgründe aufdeckend und ergötzlich
+durcheinanderwirft, zusehen; mag er einen kleinen Winkel der Welt als
+geordnet blühenden Garten, umgeben von den grenzenlosen und chaotischen
+Wüsten des Lebens, gerührt zur alleinigen Wirklichkeit erheben; mag er
+ergriffen und gefaßt das seltsame und tiefe Welterleben eines Menschen
+in ein stark geformtes und objektiviertes Schicksal gerinnen lassen;
+immer ist es seine Subjektivität, die aus der maßlosen Unendlichkeit
+des Weltgeschehens ein Stück herausreißt, ihm ein selbständiges Leben
+verleiht und das Ganze, aus dem es entnommen wurde, nur als Empfindung
+und Denken der Gestalten, nur als unwillkürliches Weiterspinnen
+abgerissener Kausalreihen, nur als Spiegelung einer an sich seienden
+Wirklichkeit in die Welt des Werks hineinscheinen läßt. Die Abrundung
+dieser epischen Formen ist deshalb eine subjektive: ein Lebensstück wird
+vom Dichter in eine sie heraushebende, betonende, und vom Lebensganzen
+abhebende Umwelt versetzt; und Auswahl und Abgrenzung tragen im Werk
+selbst den Stempel ihres Ursprungs aus Willen und Wissen des Subjektes:
+sie sind mehr oder weniger lyrischer Natur. Die Relativität von
+Selbständigkeit und Allgebundenheit der Lebewesen und ihrer -- organisch
+auf sich gestellten -- ebenfalls lebendigen Vereinigungen kann
+aufgehoben, zur Form gehoben werden, wenn eine bewußte Setzung des
+schaffenden Werksubjekts einen immanent herausstrahlenden Sinn in dem
+isolierten Dasein gerade dieses Lebensstückes zur Evidenz bringt.
+Die formende, Gestalt und Grenze gebietende, Tat des Subjekts, diese
+Souveränität im beherrschenden Schaffen des Gegenstandes ist die Lyrik
+der epischen Formen ohne Totalität. Diese Lyrik ist hier die letzte
+epische Einheit; sie ist kein Schwelgen eines vereinsamten Ichs in
+der gegenstandsfreien Kontemplation seines Selbst, keine Auflösung
+des Objekts in Sensationen und Stimmungen, sondern normgeboren und
+formschaffend, trägt sie die Existenz alles Gestalteten. Doch mit der
+Bedeutsamkeit und Schwere des Lebensausschnitts muß die unmittelbar
+strömende Wucht dieser Lyrik wachsen; das Gleichgewicht des Werks
+ist das des setzenden Subjekts und des von ihm herausgestellten und
+emporgehobenen Gegenstandes. In der Form der isolierten Merkwürdigkeit
+und Fragwürdigkeit des Lebens, in der Novelle, muß sich diese Lyrik
+noch ganz hinter den harten Linien der vereinzelt herausgemeißelten
+Begebenheit verstecken: die Lyrik ist hier noch reine Auswahl: die
+schreiende Willkür des beglückenden und vernichtenden, aber immer
+grundlos darniederfahrenden Zufalls kann nur durch sein klares,
+kommentarloses, rein gegenständliches Erfassen balanciert werden. Die
+Novelle ist die am reinsten artistische Form; der letzte Sinn alles
+künstlerischen Formens wird von ihr als Stimmung, als inhaltlicher Sinn
+des Gestaltens, wenn auch eben deshalb abstrakt, ausgesprochen. Indem
+die Sinnlosigkeit in unverschleierter, nichts beschönigender Nacktheit
+erblickt wird, gibt ihr die bannende Macht dieses furchtlosen und
+hoffnungslosen Blickes die Weihe der Form: die Sinnlosigkeit wird, als
+Sinnlosigkeit, zur Gestalt: sie ist ewig geworden, von der Form bejaht,
+aufgehoben und erlöst. Zwischen der Novelle und den lyrisch-epischen
+Formen ist ein Sprung. Sobald das von der Form zum Sinn Erhobene auch
+seinem Inhalte nach, wenn auch nur relativ, sinnvoll ist, muß das stumm
+gewordene Subjekt nach eigenen Worten ringen, die vom relativen Sinn der
+gestalteten Begebenheit eine Brücke zum Absoluten bauen. In der Idylle
+verschmilzt diese Lyrik noch fast vollständig mit den Umrissen der
+Menschen und der Dinge; sie ist es ja, die diesen Umrissen das
+Weiche und das Luftige der friedevollen Abgeschiedenheit, die selige
+Getrenntheit von den Stürmen, die draußen wüten, verleiht. Nur wo die
+Idylle zur Epopöe transzendiert, wie in Goethes und Hebbels »großen
+Idyllen«, wo das Ganze des Lebens mit allen seinen Gefahren, wenn auch
+von weiten Fernen gedämpft und gebändigt, in die Geschehnisse selbst
+hineinspielt, muß die Stimme des Dichters selbst ertönen, muß seine Hand
+die heilsamen Distanzen schaffen: damit weder das siegende Glück seiner
+Helden zur unwürdigen Genügsamkeit derer werde, die vor einer allzu
+gegenwärtigen Nähe des nicht überwundenen, sondern bloß für sie
+beseitigten Elends feig abrücken, noch die Gefahren und das Erbeben der
+Lebenstotalität, das diese verursacht, zu blassen Schemen werden, den
+Jubel der Rettung zur nichtigen Farce erniedrigend. Und zum klaren und
+breit strömenden Allesaussagen erwächst diese Lyrik, wo das Geschehnis
+in seiner episch objektivierten Gegenständlichkeit der Träger und das
+Symbol eines unendlichen Gefühls wird; wo eine Seele der Held ist und
+ihre Sehnsucht die Handlung -- Chantefable nannte ich einmal von Ch. L.
+Philippe sprechend diese Form --; wo der Gegenstand, das gestaltete
+Ereignis etwas Vereinzeltes bleibt und bleiben soll, wo aber in dem
+Erlebnis, das das Ereignis aufnimmt und ausstrahlt, der letzte Sinn des
+ganzen Lebens, die sinngebende und lebenbezwingende Macht des Dichters
+niedergelegt ist. Doch auch diese Macht ist eine lyrische: es ist die
+Persönlichkeit des Dichters, die in bewußter Selbstherrlichkeit die
+eigene Deutung des Weltsinnes -- die Ereignisse als Instrumente
+meisternd -- ertönen läßt, nicht aber ihnen als Hütern des geheimen
+Wortes den Sinn ablauscht; es ist nicht die Totalität des Lebens, die
+gestaltet wird, sondern die Beziehung, die wertende oder verwerfende
+Stellung des Dichters, der als empirisches Subjekt in seiner ganzen
+Größe, aber auch in seiner ganzen kreatürlichen Begrenztheit die Bühne
+der Gestaltung betritt, zu dieser Totalität des Lebens.
+
+Und auch das Vernichten des Objekts durch das zum Alleinherrscher des
+Seins gewordene Subjekt vermag keine Totalität des Lebens, die ihrem
+Begriffe gemäß eine extensive ist, aus sich zu entlassen: wie hoch es
+sich auch über seine Objekte erhebt, immer sind es nur einzelne Objekte,
+die es in dieser Weise als souveränen Besitz erwirbt und eine solche
+Summe wird niemals eine wirkliche Totalität ergeben. Denn auch dieses
+erhaben-humoristische Subjekt bleibt ein empirisches, seine Gestaltung
+eine Stellungnahme zu seinen, ihm dem Wesen nach dennoch gleichgearteten
+Objekten; und der Kreis, den es um das von ihm als Welt Ausgeschiedene
+und Abgerundete zieht, bezeichnet nur die Grenze des Subjekts und keine
+eines irgendwie in sich kompletten Kosmos. Die Seele des Humoristen
+dürstet nach einer echteren Substanzialität als ihm das Leben bieten
+könnte; deshalb zerschlägt er alle Formen und Grenzen der zerbrechlichen
+Totalität des Lebens, um zur einzig wahren Quelle des Lebens, zum
+reinen, weltbeherrschenden Ich zu gelangen. Aber mit dem Zusammenbrechen
+der Objektswelt ist auch das Subjekt zum Fragment geworden; nur das Ich
+ist seiend geblieben, doch auch seine Existenz zerrinnt in der
+Substanzlosigkeit der selbstgeschaffenen Trümmerwelt. Diese
+Subjektivität will alles gestalten und kann gerade deshalb nur einen
+Ausschnitt spiegeln.
+
+Dies ist das Paradoxon der Subjektivität der großen Epik, ihr »wirf
+weg, damit du gewinnst«: jede schöpferische Subjektivität wird lyrisch
+und nur die bloß hinnehmende, die sich in Demut zum reinen Aufnahmeorgan
+der Welt verwandelnde vermag der Gnade: der Offenbarung des Ganzen,
+teilhaftig zu werden. Es ist der Sprung von der »_Vita nuova_« zur
+»_Divina Commedia_«, vom »Werther« zum »Wilhelm Meister«; es ist der
+Sprung, den Cervantes vollzogen hat, der, selbst verstummend, den
+Welthumor des »Don Quixote« laut werden läßt, während Sternes und Jean
+Pauls herrlich laute Stimmen bloß subjektive Spiegelungen eines bloß
+subjektiven und darum begrenzten, engen und willkürlichen Weltbruchstückes
+bieten. Dies ist kein Werturteil, sondern ein gattungbestimmendes
+Apriori: das Ganze des Lebens läßt keinen transzendentalen Mittelpunkt
+in sich aufweisen und duldet es nicht, daß eine seiner Zellen sich zu
+seiner Beherrscherin erhebe. Nur wenn ein Subjekt, weit abgetrennt von
+jeglichem Leben und seiner notwendig mitgesetzten Empirie, in der reinen
+Höhe der Wesenhaftigkeit thront, wenn es nichts mehr ist als der Träger
+der transzendentalen Synthesis, vermag es in seiner Struktur alle
+Bedingungen der Totalität zu bergen und seine Grenze zur Grenze der
+Welt zu verwandeln. Ein solches Subjekt kann aber in der Epik nicht
+vorkommen: Epik ist Leben, Immanenz Empirie, und Dantes »Paradiso« ist
+dem Leben wesensverwandter als die strotzende Fülle Shakespeares.
+
+Die synthetische Macht der Wesenssphäre verdichtet sich in der
+konstruktiven Totalität des dramatischen Problems: das vom Problem aus
+Notwendige, sei es Seele oder Begebenheit, gewinnt Dasein aus seinen
+Beziehungen zum Zentrum; die immanente Dialektik dieser Einheit verleiht
+jeder Einzelerscheinung das ihr -- je nach der Entfernung vom Zentrum
+und dem Gewicht für das Problem -- zukommende Sein. Das Problem ist
+hier unaussprechbar, weil es die konkrete Idee des Ganzen ist, weil nur
+das Zusammenklingen aller Stimmen den Reichtum an Inhalt, der darin
+verborgen ist, zu heben vermag. Für das Leben ist aber das Problem eine
+Abstraktion; die Beziehung einer Gestalt auf ein Problem kann niemals
+deren ganze Lebensfülle in sich aufnehmen, und jedes Ereignis der
+Lebenssphäre muß sich zum Problem allegorisch verhalten. Wohl vermag die
+hohe Kunst Goethes in den von Hebbel mit Recht »dramatisch« genannten
+»Wahlverwandtschaften« alles in Bezug auf das zentrale Problem abzutönen
+und abzuwägen, aber selbst die von vorneherein in die engen Kanäle des
+Problems geleiteten Seelen können sich hier nicht zum wirklichen Dasein
+ausleben; selbst die auf das Problem hin engbeschnittene Handlung rundet
+sich nicht zur Ganzheit ab; selbst um das zierlich schmale Gehäuse
+dieser kleinen Welt zu füllen, ist der Dichter gezwungen, fremde
+Elemente mit hinein zu beziehen, und wenn dies auch überall so geglückt
+wäre, wie in einzelnen Momenten des äußersten Taktes an Arrangement,
+könnte es keine Totalität ergeben. Und die »dramatische« Konzentration
+des Nibelungenliedes ist ein schöner, _pro domo_ entstandener Irrtum
+Hebbels: die verzweifelte Anstrengung eines großen Dichters, die in der
+veränderten Welt zerfallende epische Einheit eines wirklich epischen
+Stoffes zu retten. Die übermenschliche Gestalt Brunhilds ist bereits zur
+Mischung von Weib und Walküre gesunken, den schwachen Freier Gunther
+zur haltlosen Fragwürdigkeit erniedrigend, und aus dem Drachentöter
+Siegfried haben sich nur vereinzelte Märchenmotive in die Rittergestalt
+hinübergerettet. Hier ist das Problem von Treue und Rache, von Hagen und
+Kriemhild freilich die Rettung. Aber ein verzweifelter, ein rein
+artistischer Versuch: mit den Mitteln der Komposition, mit Aufbau und
+Organisation eine Einheit herzustellen, die gewächsmäßig nicht mehr
+gegeben ist. Ein verzweifelter Versuch und ein heldenhaftes Scheitern.
+Denn eine Einheit kann wohl zustande kommen, aber niemals eine wirkliche
+Ganzheit. In der Handlung der Ilias -- ohne Anfang und ohne Abschluß --
+erblüht ein geschlossener Kosmos zu alles umfassendem Leben; die klar
+komponierte Einheit des Nibelungenliedes birgt Leben und Verwesung,
+Schlösser und Ruinen hinter ihrer kunstvoll gegliederten Fassade.
+
+
+3.
+
+Epopöe und Roman, die beiden Objektivationen der großen Epik, trennen
+sich nicht nach den gestaltenden Gesinnungen, sondern nach den
+geschichtsphilosophischen Gegebenheiten, die sie zur Gestaltung
+vorfinden. Der Roman ist die Epopöe eines Zeitalters, für das die
+extensive Totalität des Lebens nicht mehr sinnfällig gegeben ist, für
+das die Lebensimmanenz des Sinnes zum Problem geworden ist, und das
+dennoch die Gesinnung zur Totalität hat. Es wäre oberflächlich und
+nur artistisch, in Vers und Prosa die einzigen und entscheidenden
+gattungsbestimmenden Kennzeichen zu suchen. Sowohl für die Epik, wie für
+die Tragödie ist der Vers kein letztes Konstituens, wohl aber ein tiefes
+Symptom, ein Scheidewasser, das ihr eigentliches Wesen am eigentlichsten
+und echtesten zur Erscheinung bringt. Der tragische Vers ist scharf und
+hart, isolierend und Distanzen schaffend. Er umkleidet die Helden mit
+der ganzen Tiefe ihrer formgeborenen Einsamkeit, läßt keine anderen
+Beziehungen als die des Kampfes und der Vernichtung zwischen ihnen
+aufkommen; in seiner Lyrik kann Verzweiflung und Rausch des Weges und
+des Endes ertönen, kann das Unermeßliche des Abgrunds, über dem diese
+Wesenhaftigkeit schwebt, erglänzen, aber niemals wird -- was die Prosa
+zuweilen zuläßt -- ein bloß seelisch-menschliches Einverständnis
+zwischen den Gestalten durchbrechen, niemals wird die Verzweiflung zur
+Elegie und der Rausch zur Sehnsucht nach den eigenen Höhen werden,
+niemals kann die Seele ihren Abgrund in psychologistischer Eitelkeit zu
+ermessen suchen und sich im Spiegel der eigenen Tiefe selbstgefällig
+bewundern. Der dramatische Vers -- so ungefähr schrieb es Schiller an
+Goethe -- entlarvt jede Trivialität der tragischen Erfindung, er besitzt
+eine spezifische Schärfe und Schwere, vor der nichts bloß Lebenhaftes,
+ein anderer Ausdruck nur für das dramatisch Triviale, bestehen kann: an
+dem Gewichtsgegensatz zwischen Sprache und Gehalt muß sich die triviale
+Gesinnung verheben. Auch der epische Vers schafft Distanzen, aber
+Distanzen bedeuten in der Lebenssphäre eine Beseligung und eine
+Leichtigkeit, ein Lockererwerden der Bande, die Dinge und Menschen
+unwürdig umschlingen, ein Aufheben jener Dumpfheit und Gedrücktheit, die
+an dem Leben, an und für sich genommen, haftet, die nur in einzelnen
+glücklichen Augenblicken sich zerstreut; und gerade diese sollen durch
+das Distanzieren des epischen Verses zum Lebensniveau werden. Die
+Wirkung des Verses ist also hier eine entgegengesetzte, gerade weil
+seine unmittelbaren Folgen die gleichen sind: Vertilgung der Trivialität
+und Näherkommen dem eigenen Wesen. Denn das Triviale ist für die Sphäre
+des Lebens, für die Epik: die Schwere, so wie es für die Tragödie die
+Leichtigkeit war. Die gegenständliche Gewähr dafür, daß die völlige
+Entfernung alles Lebenhaften keine leere Abstraktion vom Leben ist,
+sondern ein Existentwerden des Wesens, kann nur in der Konsistenz
+liegen, die diese lebensfernen Gestaltungen erhalten: nur wenn ihr Sein,
+über allen Vergleich mit dem Leben hinaus, erfüllter, gerundeter und
+gewichtiger geworden ist, als jede Sehnsucht nach Erfüllung es zu
+wünschen vermag, erscheint es in abtastbarer Evidenz, daß die tragische
+Stilisierung geleistet ist; und jede Leichtigkeit oder Blässe, die
+freilich nichts mit dem banausischen Begriff von Unlebendigsein zu tun
+hat, zeigt, daß die normativ tragische Gesinnung nicht vorhanden war,
+zeigt, bei aller psychologischen Feinheit und lyrischen Sorgfalt der
+Einzelerfindung, die Trivialität des Werkes auf.
+
+Für das Leben bedeutet aber Schwere: die Abwesenheit des gegenwärtigen
+Sinnes, die unauflösbare Befangenheit in sinnlosen Kausalverknüpfungen,
+das Verkümmern in unfruchtbarer Erdennähe und Himmelsferne, das
+Beharrenmüssen und Sichnichtbefreienkönnen aus den Fesseln der bloßen
+brutalen Stofflichkeit, das, was für die besten immanenten Kräfte des
+Lebens das stete Ziel der Überwindung ist; mit dem Wertbegriff der Form
+ausgedrückt: Trivialität. Die selig daseiende Totalität des Lebens ist
+in prästabilierter Harmonie dem epischen Verse zugeordnet: schon der
+vordichterische Prozeß einer mythologischen Umspannung alles Lebens hat
+das Sein von jeder trivialen Schwere gereinigt, und in den Versen Homers
+öffnen sich bloß die zum Aufblühen bereiten Knospen dieses Frühlings.
+Aber der Vers kann nur den leisen Anstoß zum Aufspringen herbeiführen,
+nur das aus allen Fesseln Gelöste mit dem Kranze der Freiheit umwinden.
+Wenn die Tat des Dichters ein Ausgraben des verschütteten Sinnes ist,
+wenn seine Helden erst ihre Kerker sprengen und ihre erträumte Heimat
+der ersehnten Freiheit von Erdenschwere erst in schweren Kämpfen erobern
+oder auf mühseligen Irrfahrten suchen müssen, dann reicht die Macht
+des Verses nicht aus, um diesen Abstand -- den Abgrund mit einem
+Blütenteppich verdeckend -- zum gangbaren Weg zu verwandeln. Denn die
+Leichtigkeit der großen Epik ist nur die konkret immanente Utopie
+der geschichtlichen Stunde, und die formende Entrücktheit, die der
+Vers allem, was er trägt, verleiht, muß dann der Epik ihre große
+Subjektslosigkeit und Totalität rauben: sie zur Idylle oder zum
+lyrischen Spiel verwandeln. Denn die Leichtigkeit der großen Epik ist
+nur durch ein wirkliches Abwerfen der niederziehenden Fesseln ein Wert
+und eine wirklichkeitsschaffende Macht. Das Vergessen der Sklaverei in
+schönen Spielen der freigewordenen Phantasie oder im gefaßten Flüchten
+auf selige Inseln, unauffindbar auf der Landkarte der Welt der trivialen
+Gebundenheit, kann niemals zur großen Epik führen. In Zeiten, denen
+diese Leichtigkeit nicht mehr gegeben ist, ist der Vers aus der großen
+Epik verbannt, oder er verwandelt sich unversehens und unbeabsichtigt in
+einen lyrischen. Nur die Prosa kann dann das Leiden und den Lorbeer, den
+Kampf und die Krönung, den Weg und die Weihe gleich stark umfassen; nur
+ihre ungebundene Schmiegsamkeit und ihre rhythmenlose Bindung treffen
+mit gleicher Kraft die Fesseln und die Freiheit, die gegebene Schwere
+und die erkämpfte Leichtigkeit der vom gefundenen Sinn nunmehr
+immanent erstrahlenden Welt. Es ist kein Zufall, daß das Zerfallen der
+liedgewordenen Wirklichkeit in Cervantes' Prosa zur leiderfüllten
+Leichtigkeit der großen Epik erwuchs, wo der heitere Tanz von Ariostos
+Vers ein Spiel, eine Lyrik blieb; es ist kein Zufall, daß der Epiker
+Goethe seine Idylle in Verse goß und für die Totalität des Meisterromans
+die Prosa erwählte. In der Welt des Abstandes wird jeder epische Vers
+zur Lyrik -- die Verse »Don Juans« und »Onegins« gesellen sich den
+großen Humoristen zu --, denn im Vers wird alles Verborgene offenbar,
+und der Abstand, den der bedächtige Schritt der Prosa kunstvoll durch
+den sich allmählich nähernden Sinn überwindet, tritt nackt, verhöhnt,
+mit Füßen getreten oder als vergessener Traum im schnellen Flug der
+Verse zutage.
+
+Auch Dantes Verse sind lyrischer als die von Homer, aber doch nicht
+lyrisch: sie verdichten und vereinen den Balladenton zur Epopöe. Die
+Immanenz des Lebenssinnes ist für Dantes Welt da und gegenwärtig, aber
+im Jenseits: sie ist die vollendete Immanenz des Transzendenten. Der
+Abstand in der gewöhnlichen Welt des Lebens ist zur Unüberwindbarkeit
+gesteigert, aber jenseits dieser Welt findet jeder Verirrte seine auf
+ihn von Ewigkeit her wartende Heimat; jeder hier einsam verklingenden
+Stimme harrt dort der Chorgesang, der ihren Ton aufnimmt, zur Harmonie
+führt und durch sie zur Harmonie wird. Die abstandsvolle Welt liegt weit
+ausgebreitet und chaotisch sich ballend unterhalb der strahlenden
+Himmelsrose des sinnfällig gewordenen Sinnes und ist in jedem
+Augenblicke sichtbar und unverhüllt. Jeder Bewohner der jenseitigen
+Heimat stammt aus ihr, jeder ist mit des Schicksals unlösbarer Macht
+an sie gebunden, aber jeder erkennt sie und überblickt sie in ihrer
+Brüchigkeit und Schwere erst, wenn sein sinnvoll gewordener Weg zu Ende
+gelaufen ist; jede Gestalt singt ihr vereinzeltes Schicksal, besingt
+die isolierte Begebenheit, in der das ihr Zubestimmte klargeworden ist:
+eine Ballade. Und so wie die Totalität des transzendenten Weltaufbaus
+für jedes Einzelgeschick das vorbestimmte, sinngebende und umfassende
+Apriori ist, so umhüllt das steigende Begreifen dieses Gebäudes, seiner
+Struktur und seiner Schönheit -- das große Erlebnis des irrenden Dante
+-- alles mit der Einheit seines nunmehr geoffenbarten Sinnes: Die
+Erkenntnis Dantes verwandelt das Einzelne zum Baustein des Ganzen, die
+Balladen werden zu Gesängen einer Epopöe. Doch nur im Jenseits ist der
+Sinn dieser Welt abstandslos sichtbar und immanent geworden. In dieser
+Welt ist die Totalität eine brüchige oder ersehnte, und die Verse
+Wolframs oder Gottfrieds sind nur lyrischer Schmuck ihrer Romane, und
+die Balladenhaftigkeit des Nibelungenliedes kann nur kompositionell
+verdeckt, aber nicht zur weltumfassenden Totalität abgerundet werden.
+
+Die Epopöe gestaltet eine von sich aus geschlossene Lebenstotalität,
+der Roman sucht gestaltend die verborgene Totalität des Lebens
+aufzudecken und aufzubauen. Die gegebene Struktur des Gegenstandes --
+das Suchen ist nur der vom Subjekt aus gesehene Ausdruck dafür, daß
+sowohl das objektive Lebensganze wie seine Beziehung zu den Subjekten
+nichts selbstverständlich Harmonisches an sich hat -- gibt die Gesinnung
+zur Gestaltung an: Alle Risse und Abgründe, die die geschichtliche
+Situation in sich trägt, müssen in die Gestaltung einbezogen und können
+und sollen nicht mit Mitteln der Komposition verdeckt werden. So
+objektiviert sich die formbestimmende Grundgesinnung des Romans als
+Psychologie der Romanhelden: sie sind Suchende. Die einfache Tatsache
+des Suchens zeigt an, daß weder Ziele noch Wege unmittelbar gegeben sein
+können, oder daß ihr psychologisch unmittelbares und unerschütterliches
+Gegebensein keine evidente Erkenntnis wahrhaft seiender Zusammenhänge
+oder ethischer Notwendigkeiten ist, sondern nur eine seelische Tatsache,
+der weder in der Welt der Objekte noch in der der Normen etwas
+entsprechen muß. Anders ausgedrückt: es kann Verbrechen oder Wahnsinn
+sein; und die Grenzen, die das Verbrechen von dem bejahten Heldentum,
+den Wahnsinn von der das Leben meisternden Weisheit trennen, sind
+gleitende, bloß psychologische Grenzen, wenn das erreichte Ende sich
+auch in der schrecklichen Klarheit des offensichtlich gewordenen,
+hoffnungslosen Verirrtseins von der gewöhnlichen Wirklichkeit abhebt.
+Epopöe und Tragödie kennen in diesem Sinn kein Verbrechen und keinen
+Wahnsinn. Das, was vom Alltagsgebrauch der Begriffe Verbrechen genannt
+wird, ist für sie entweder überhaupt nicht da, oder ist nichts anderes,
+als der symbolisch geknüpfte, sinnlich weithin leuchtende Punkt, wo die
+Beziehung der Seele zu ihrem Schicksal, dem Vehikel ihres metaphysischen
+Heimatsdranges, sichtbar wird. Die Epopöe ist entweder die reine
+Kinderwelt, in der das Übertreten feststehend übernommener Normen
+notwendig eine Rache nach sich zieht, die wieder, und so ins Unendliche
+fort, gerächt werden muß, oder sie ist die vollendete Theodizee, wo
+Verbrechen und Strafe als gleich schwere, einander homogene Gewichte in
+der Wage des Weltgerichts liegen. Und in der Tragödie ist das Verbrechen
+ein Nichts oder ein Symbol; ein bloßes Element der Handlung, von
+technischen Gesetzmäßigkeiten erfordert und bestimmt, oder das
+Zerbrechen der wesensdiesseitigen Formen, die Pforte, durch die die
+Seele zu sich selbst eintritt. Den Wahnsinn kennt die Epopöe gar nicht,
+es wäre denn eine allgemein unverständliche Sprache einer nur so
+deutlich werdenden Überwelt; für die unproblematische Tragödie kann er
+der symbolische Ausdruck für das Ende sein, gleichwertig dem leiblichen
+Tode oder dem lebenden Abgestorbensein der im Wesensfeuer der Selbstheit
+verbrannten Seele. Denn Verbrechen und Wahnsinn sind Objektivation
+der transzendentalen Heimatlosigkeit; der Heimatlosigkeit einer Tat
+in der menschlichen Ordnung der gesellschaftlichen Zusammenhänge und
+der Heimatlosigkeit einer Seele in der seinsollenden Ordnung des
+überpersönlichen Wertsystems. Jede Form ist die Auflösung einer
+Grunddissonanz des Daseins, eine Welt, in der das Widersinnige an seine
+richtige Stelle gerückt, als Träger, als notwendige Bedingung des Sinnes
+erscheint. Wenn also in einer Form der Gipfel des Widersinnes, das ins
+Leere Hinauslaufen tiefer und echter menschlicher Bestrebungen oder die
+Möglichkeit einer letzten menschlichen Nichtigkeit, als tragende
+Tatsache aufgenommen und das an sich Widersinnige erklärt und zerlegt,
+mithin als seiend und unaufhebbar daseiend anerkannt werden muß, dann
+können in dieser Form zwar einige Ströme ins Meer der Erfüllung münden,
+aber das Verschwundensein der offenbaren Ziele, die entscheidende
+Richtungslosigkeit des ganzen Lebens muß dennoch allen Gestalten und
+Begebenheiten als Fundament des Aufbaus, als konstituitives Apriori
+zugrunde gelegt werden.
+
+Wo keine Ziele unmittelbar gegeben sind, verlieren die Gebilde, die
+die Seele bei ihrer Menschwerdung als Schauplatz und Substrat ihrer
+Tätigkeit unter den Menschen vorfindet, ihr evidentes Wurzeln in
+überpersönlichen, seinsollenden Notwendigkeiten; sie sind etwas einfach
+Seiendes, vielleicht Machtvolles, vielleicht Morsches, tragen aber weder
+die Weihe des Absoluten an sich, noch sind sie die naturhaften Behälter
+für die überströmende Innerlichkeit der Seele. Sie bilden die Welt der
+Konvention: eine Welt, deren Allgewalt nur das Innerste der Seele
+entzogen ist; die in unübersichtlicher Mannigfaltigkeit überall
+gegenwärtig ist; deren strenge Gesetzlichkeit, sowohl im Werden wie im
+Sein, für das erkennende Subjekt notwendig evident wird, die aber bei
+all dieser Gesetzmäßigkeit sich weder als Sinn für das zielsuchende
+Subjekt noch in sinnlicher Unmittelbarkeit als Stoff für das handelnde
+darbietet. Sie ist eine zweite Natur; wie die erste nur als der
+Inbegriff von erkannten, sinnesfremden Notwendigkeiten bestimmbar und
+deshalb in ihrer wirklichen Substanz unerfaßbar und unerkennbar. Für die
+Dichtung hat aber nur die Substanz Dasein und nur einander innerlichst
+homogene Substanzen können in die kampfvolle Verbundenheit der
+kompositionellen Beziehungen zueinander geraten. Die Lyrik kann das
+Phänomenalwerden der ersten Natur ignorieren und aus der konstituitiven
+Kraft dieses Ignorierens heraus eine proteische Mythologie der
+substantiellen Subjektivität schaffen: für sie ist nur der große
+Augenblick da, und in diesem ist die sinnvolle Einheit von Natur und
+Seele oder ihr sinnvolles Getrenntsein, die notwendige und bejahte
+Einsamkeit der Seele ewig geworden: losgerissen von der wahllos
+abfließenden Dauer, herausgehoben aus der trüb bedingten Vielheit der
+Dinge, gerinnt im lyrischen Augenblick die reinste Innerlichkeit der
+Seele zur Substanz, und die fremde und unerkennbare Natur ballt sich von
+innen getrieben zum durch und durch erleuchteten Symbol. Aber nur in
+den lyrischen Augenblicken ist diese Beziehung zwischen Seele und
+Natur herstellbar. Sonst verwandelt sich die Natur wegen dieser ihrer
+Sinnesferne in eine Art malerischer Rumpelkammer sinnfälliger Symbole
+für die Dichtung, die in verhexter Beweglichkeit erstarrt zu sein
+scheint und nur vom Zauberwort der Lyrik zur sinnvoll bewegten Ruhe
+besänftigt werden kann. Denn diese Augenblicke sind nur für die Lyrik
+konstitutiv und formbestimmend; nur in der Lyrik wird dieses unvermittelte
+Aufblitzen der Substanz zu einem plötzlichen Ablesbarwerden verschollener
+Urschriften; nur in der Lyrik wird das Subjekt, das dieses Erlebnis
+trägt, zum alleinigen Träger des Sinnes, zur einzig wahren Wirklichkeit.
+Das Drama spielt in einer Sphäre, die jenseits dieser Realität liegt,
+und für die epischen Formen bleibt das subjektive Erlebnis im Subjekt:
+es wird zur Stimmung. Und die Natur wird -- ihres sinnesfremden
+Eigenlebens sowohl wie ihrer sinnerfüllten Symbolik entkleidet
+-- zum Hintergrund, zur Kulisse, zur Begleitstimme: sie hat ihre
+Selbständigkeit verloren und ist nur die mit den Sinnen ergreifbare
+Projektion des Wesentlichen, der Innerlichkeit.
+
+Die zweite Natur der Menschengebilde hat keine lyrische Substantialität:
+ihre Formen sind zu starr, um sich dem symbolschaffenden Augenblick
+anzuschmiegen; der inhaltliche Niederschlag ihrer Gesetze ist zu
+bestimmt, um die Elemente, die in der Lyrik zu essayistischen
+Veranlassungen werden müssen, je verlassen zu können; diese Elemente
+aber leben so ausschließlich von der Gnade der Gesetzlichkeiten, haben
+so gar keine von ihnen unabhängige sinnliche Valenz des Daseins, daß
+sie ohne sie in Nichts zerfallen müssen. Diese Natur ist nicht stumm,
+sinnfällig und sinnesfremd, wie die erste: sie ist ein erstarrter,
+fremdgewordener, die Innerlichkeit nicht mehr erweckender Sinneskomplex;
+sie ist eine Schädelstätte vermoderter Innerlichkeiten und wäre deshalb
+-- wenn dies möglich wäre -- nur durch den metaphysischen Akt einer
+Wiedererweckung des Seelischen, das sie in ihrem früheren oder sollenden
+Dasein erschuf oder erhielt, erweckbar, nie aber von einer anderen
+Innerlichkeit belebbar. Sie ist dem, was die Seele erstrebt, zu
+verwandt, um von ihr als bloßer Rohstoff zu Stimmungen behandelt zu
+werden und doch zu fremd, um der angemessene Ausdruck dafür zu sein.
+Die Fremdheit der Natur, der ersten Natur gegenüber, das moderne
+sentimentalische Naturgefühl ist nur die Projektion des Erlebnisses,
+daß die selbstgeschaffene Umwelt für den Menschen kein Vaterhaus mehr
+ist, sondern ein Kerker. Solange die von den Menschen für den Menschen
+gebauten Gebilde ihm wahrhaft angemessen sind, sind sie seine notwendige
+und eingeborene Heimat; keine Sehnsucht kann in ihm entstehen, die sich,
+als Gegenstand des Suchens und des Findens, die Natur setzt und erlebt.
+Die erste Natur, die Natur als Gesetzmäßigkeit für das reine Erkennen
+und die Natur als das Trostbringende für das reine Gefühl, ist nichts
+als die geschichtsphilosophische Objektivation der Entfremdung zwischen
+dem Menschen und seinen Gebilden. Wenn das Seelische der Gebilde nicht
+mehr unmittelbar zur Seele werden kann, wenn die Gebilde nicht mehr nur
+wie Ballung und Stauung von Innerlichkeiten erscheinen, die jeden
+Augenblick in Seele rückverwandelt werden können, müssen sie eine die
+Menschen wahllos, blind und ausnahmslos beherrschende Macht erlangen, um
+bestehen zu können. Und die Erkenntnis der Macht, die sie knechtet,
+nennen die Menschen Gesetze, und die Trostlosigkeit ihrer Allmacht und
+ihres Allbereichs wird für die Erkenntnis im Begriff des Gesetzes zur
+erhabenen und erhebenden Logizität einer menschenfernen, ewigen und
+unwandelbaren Notwendigkeit. Die Natur der Gesetze und die Natur der
+Stimmungen stammen aus demselben Ort in der Seele: sie setzen die
+Unmöglichkeit einer erreichten und sinnvollen Substanz voraus, die
+Unmöglichkeit für das konstitutive Subjekt ein angemessenes
+konstitutives Objekt zu finden. Im Naturerlebnis löst das allein reale
+Subjekt die ganze Außenwelt in Stimmung auf und wird, ob der
+unerbittlichen Wesensgleichung des kontemplativen Subjekts mit seinem
+Objekte, selbst zur Stimmung; und das reine Erkennenwollen einer vom
+Wollen und Wünschen reingewordenen Welt verwandelt das Subjekt zum
+asubjektiven, konstruktiven und konstruierten Inbegriff erkennender
+Funktionen. Es muß so kommen. Denn konstitutiv ist das Subjekt nur, wenn
+es von innen handelt, nur das ethische Subjekt; es muß dem Gesetz und
+der Stimmung nur dann nicht verfallen, wenn der Schauplatz seiner Taten,
+das normative Objekt seiner Handlung aus dem Stoffe der reinen Ethik
+geformt ist: wenn Recht und Sitte mit Sittlichkeit identisch sind, wenn
+in die Gebilde nicht mehr Seelisches hineingetragen werden muß, um an
+ihnen zur Tat zu kommen, als aus ihnen handelnd herausgelöst werden
+kann. Die Seele einer solchen Welt sucht keine Gesetze zu erkennen, denn
+die Seele selbst ist das Gesetz für den Menschen; in jeder Materie
+seiner Bewährung wird er das nämliche Antlitz der nämlichen Seele
+erblicken. Und es würde für ihn wie ein kleinliches und überflüssiges
+Spiel erscheinen, die Fremdheit der nichtmenschlichen Umwelt durch die
+stimmungerweckende Kraft des Subjektes zu überwinden: die Welt des
+Menschen, die in Betracht kommt, ist die, wo die Seele, als Mensch, Gott
+oder Dämon, zu Hause ist; in ihr findet die Seele alles was nottut, sie
+braucht nichts aus sich heraus zu schaffen oder zu beleben, denn ihre
+Existenz ist überreichlich erfüllt mit dem Finden, Sammeln und Formen
+dessen, was ihr unmittelbar, als Seelenverwandtes, gegeben ist.
+
+Das epische Individuum, der Held des Romans, entsteht aus dieser
+Fremdheit zur Außenwelt. Solange die Welt innerlich gleichartig ist,
+unterscheiden sich auch die Menschen nicht qualitativ voneinander: es
+gibt wohl Helden und Schurken, Fromme und Verbrecher, aber der größte
+Held hebt sich auch nur um Haupteslänge aus der Schar seinesgleichen,
+und die würdevollen Worte der Weisesten werden selbst von den Törichten
+vernommen. Das Eigenleben der Innerlichkeit ist nur dann möglich
+und notwendig, wenn das Unterscheidende zwischen den Menschen zur
+unüberbrückbaren Kluft geworden ist; wenn die Götter stumm sind und
+weder Opfer noch Ekstase die Zunge ihrer Geheimnisse zu lösen vermag;
+wenn die Welt der Taten sich von den Menschen ablöst und ob dieser
+Selbständigkeit hohl wird und unvermögend, den wahren Sinn der Taten
+in sich aufzunehmen, an ihnen zum Symbol zu werden und sie in Symbole
+aufzulösen: wenn die Innerlichkeit und das Abenteuer für immer
+voneinander abgetrennt sind.
+
+Der Held der Epopöe ist, streng genommen, niemals ein Individuum.
+Es ist von alters her als Wesenszeichen des Epos betrachtet worden,
+daß sein Gegenstand kein persönliches Schicksal, sondern das einer
+Gemeinschaft ist. Mit Recht, denn die Abrundung und die Geschlossenheit
+des Wertsystems, das den epischen Kosmos bestimmt, schafft ein zu
+organisches Ganze, als daß darin ein Teil sich so weit in sich
+abschließen, so stark auf sich gestellt sein könnte, um sich als
+Innerliches zu finden, um zur Persönlichkeit zu werden. Die Allgewalt
+der Ethik, die jede Seele als eigene und unvergleichliche setzt, ist
+dieser Welt noch fremd und fern. Wenn das Leben als Leben einen
+immanenten Sinn in sich findet, so sind die Kategorien der Organik die
+alles bestimmenden: die individuelle Struktur und Physiognomie entsteht
+aus dem Gleichgewicht in dem wechselseitigen Bedingtsein von Teil und
+Ganzheit, nicht aus dem polemischen Sich-auf-sich-selbst-Besinnen der
+einsamen und verirrten Persönlichkeit. Die Bedeutung, die eine
+Begebenheit in einer derart geschlossenen Welt erhalten kann, ist
+deshalb immer eine quantitative: die Abenteuerreihe, in der sich die
+Begebenheit versinnbildlicht, erhält ihr Gewicht von der Wichtigkeit,
+die sie für das Wohl und Wehe eines großen, organischen Lebenskomplexes,
+eines Volkes oder Geschlechts besitzt. Daß also die Helden der Epopöe
+Könige sein müssen, hat andere, wenn auch ebenfalls formelle Ursachen
+wie die gleiche Forderung für die Tragödie. Dort ist sie nur aus der
+Notwendigkeit der Wegschaffung aller kleinlichen Lebenskausalitäten
+aus dem Wege der Schicksalsontologie entstanden: weil die soziale
+Gipfelgestalt die einzige ist, deren Konflikte, bei Beibehaltung des
+sinnlichen Scheines einer symbolischen Existenz, nur aus dem tragischen
+Problem heraus erwachsen; weil bloß sie bereits in ihrer äußeren
+Erscheinungsform die erforderliche Atmosphäre von isolierter
+Bedeutsamkeit haben kann. Was dort Symbol war, wird hier zur
+Wirklichkeit: das Gewicht der Verknüpftheit eines Schicksals mit einer
+Ganzheit. Das Weltschicksal, das in der Tragödie nur die nötige Anzahl
+von Nullen war, die an eine Eins angehängt sie zur Million verwandelt,
+ist hier das Inhaltgebende der Ereignisse; und das Tragen dieses
+Schicksals schafft keine Einsamkeit um ihren Träger, knüpft ihn vielmehr
+mit unlösbaren Fäden an die Gemeinschaft, deren Geschick sich in seinem
+Leben krystallisiert.
+
+Und die Gemeinschaft ist eine organische -- und darum in sich sinnvolle
+-- konkrete Totalität: darum ist die Abenteuermasse einer Epopöe immer
+gegliedert und niemals streng geschlossen: sie ist ein Lebewesen von
+innerlich unendlicher Lebensfülle, das gleiche oder ähnliche Lebewesen
+als Brüder oder Nachbarn besitzt. Das In-der-Mitte-Anfangen und
+Nicht-mit-dem-Ende-Schließen der Homerischen Epen hat seinen Grund in
+der begründeten Gleichgültigkeit der wahrhaft epischen Gesinnung gegen
+jeden architektonischen Aufbau, und das Hineinspielen fremder
+Stoffmassen -- wie Dietrich von Bern im Nibelungenlied -- wird dieses
+Gleichgewicht nie stören können: denn alles lebt sein eigenes Leben im
+Epos und schafft seine Abrundung aus der eigenen inneren Bedeutsamkeit.
+Fremdes kann hier dem Zentralen ruhig die Hände reichen, die bloße
+Berührung von Konkreta untereinander läßt konkrete Beziehungen
+entstehen, und das Fremde wird infolge seiner perspektivischen Ferne
+und seiner unentfalteten Fülle die Einheitlichkeit nicht gefährden und
+dennoch die Evidenz des organischen Daseins haben. Dante ist das einzige
+große Beispiel, wo die Architektur über die Organik eindeutig siegt:
+deshalb ein geschichtsphilosophischer Übergang von der reinen Epopöe zum
+Roman. Er hat noch die vollendete immanente Abstandslosigkeit und
+Abgeschlossenheit der wahren Epopöe, aber seine Gestalten sind schon
+Individuen, die sich bewußt und energisch einer ihnen gegenüber sich
+abschließenden Wirklichkeit entgegenstellen und in diesem Widerstand
+zu wirklichen Persönlichkeiten werden. Und auch das konstituierende
+Prinzip von Dantes Totalität ist ein systematisches, das die epische
+Selbständigkeit der organischen Teileinheiten aufhebt und sie in
+hierarchisch eingeordnete, eigentliche Teile verwandelt. Freilich
+findet sich diese Individualität der Gestalten mehr bei den Nebenfiguren
+als beim Helden, und die Intensität dieser Tendenz nimmt gegen die
+Peripherie und mit der Entfernung vom Ziele zu; jede Teileinheit bewahrt
+ihr lyrisches Eigenleben, eine Kategorie, die das alte Epos nicht kannte
+und nicht kennen konnte. Diese Vereinigung der Voraussetzungen von Epos
+und Roman und ihre Synthese zur Epopöe beruht auf der Zweiweltenstruktur
+der Danteschen Welt: die diesseitige Zerrissenheit von Leben und Sinn
+wird durch ein Zusammenfallen von Leben und Sinn in der gegenwärtigen
+und erlebten Transzendenz überboten und aufgehoben: der postulatslosen
+Organik des älteren Epos stellt Dante die Hierarchie erfüllter Postulate
+gegenüber, geradeso wie er, als einziger, die sichtbar gesellschaftliche
+Höhe des Helden und sein die Gemeinschaft mitbestimmendes Geschick
+entbehren kann, weil das Erlebnis seines Helden die symbolische Einheit
+des Menschenschicksals überhaupt ist.
+
+
+4.
+
+Die Totalität der Danteschen Welt ist die des sichtbaren Begriffssystems.
+Gerade diese sinnliche Dinghaftigkeit und Substantialität sowohl der
+Begriffe selbst, wie ihrer hierarchischen Ordnung im System ermöglicht,
+daß die Geschlossenheit und die Totalität zu konstitutiven und nicht zu
+regulativen Aufbaukategorien werden; daß der Gang durch das Ganze eine
+an Spannungen reiche, aber wohlgeleitete und ungefährdete Reise und
+nicht eine nach dem Ziele tastende Wanderung sei; es ermöglicht das
+Epos, wo die geschichtsphilosophische Situation die Probleme schon hart
+an die Grenze des Romans drängt. Die Totalität des Romans ließe sich
+nur abstrakt systematisieren, weshalb auch ein hier erreichbares System
+-- die einzig mögliche Form der abgeschlossenen Totalität nach dem
+endgültigen Entschwinden der Organik -- nur ein System abgezogener
+Begriffe sein kann und deshalb in seiner Unmittelbarkeit für die
+ästhetische Gestaltung nicht in Betracht kommt. Freilich ist gerade
+dieses abstrakte System die letzte Grundlage, auf der sich alles
+aufbaut, aber in der gegebenen und gestalteten Wirklichkeit wird nur
+sein Abstand vom konkreten Leben sichtbar, als Konventionalität der
+objektiven und als überspannte Innerlichkeit der subjektiven Welt. So
+sind die Elemente des Romans, im Hegelschen Sinn, durchwegs abstrakt;
+abstrakt ist die auf utopische Vollendung hinstrebende, nur sich und ihr
+Begehren als wahre Realität empfindende Sehnsucht der Menschen; abstrakt
+ist das nur auf Tatsächlichkeit und Macht des Bestehens beruhende Dasein
+der Gebilde; und abstrakt ist die gestaltende Gesinnung, die den Abstand
+zwischen den beiden abstrakten Gruppen der Gestaltungselemente
+unaufgehoben bestehen läßt, ihn als Erlebnis des Romanmenschen
+unüberwunden versinnlicht, zur Verbindung der beiden Gruppen verwendet
+und so zum Vehikel der Komposition macht. Die Gefahr, die aus diesem
+abstrakten Grundcharakter des Romans entsteht, ist bereits erkannt
+worden: als Transzendieren ins Lyrische oder Dramatische, oder als
+Verengerung der Totalität ins Idyllenhafte, oder endlich als Herabsinken
+auf das Niveau der bloßen Unterhaltungslektüre. Und bekämpft
+kann sie nur werden, indem das Unabgeschlossene, Brüchige und
+Übersichhinausweisende der Welt bewußt und konsequent als letzte
+Wirklichkeit gesetzt wird.
+
+Jede Kunstform ist durch die metaphysische Lebensdissonanz definiert,
+die sie als Grundlage einer in sich vollendeten Totalität bejaht und
+gestaltet; der Stimmungscharakter der hieraus entspringenden Welt, die
+Atmosphäre der Menschen und Begebenheiten ist durch die Gefahr bestimmt,
+die, die Form bedrohend, aus der nicht absolut aufgelösten Dissonanz
+entsteigt. Die Dissonanz der Romanform, das Nicht-eingehen-Wollen der
+Sinnesimmanenz in das empirische Leben gibt ein Formproblem auf, dessen
+formeller Charakter viel verdeckter ist, als der anderer Kunstformen,
+das wegen dieser seiner scheinbaren Inhaltlichkeit ein vielleicht noch
+ausgesprocheneres und entschiedeneres Zusammenwirken von ethischen und
+ästhetischen Kräften erfordert, als es bei evident reinen Formproblemen
+der Fall ist. Der Roman ist die Form der gereiften Männlichkeit im
+Gegensatz zur normativen Kindlichkeit der Epopöe; die lebensseitige Form
+des Dramas steht jenseits selbst der -- als apriorische Kategorien, als
+normative Stadien gefaßten -- Lebensaltern. Der Roman ist die Form der
+gereiften Männlichkeit; das bedeutet, daß das Abschließen seiner Welt
+objektiv gesehen etwas Unvollkommenes, subjektiv erlebt eine Resignation
+ist. Die Gefahr, von der diese Gestaltung bedingt ist, ist deshalb eine
+doppelte: es ist die Gefahr da, daß entweder die Brüchigkeit der Welt
+kraß und die formgeforderte Sinnesimmanenz aufhebend zutage tritt und
+die Resignation in quälende Trostlosigkeit umschlägt, oder daß die allzu
+starke Sehnsucht, die Dissonanz aufgelöst, bejaht und in der Form
+geborgen zu wissen, zu einem voreiligen Schließen verführt, das die Form
+in disparater Heterogenität zergehen läßt, weil die Brüchigkeit nur
+oberflächlich verdeckt, aber nicht aufgehoben werden kann und so die
+schwächlichen Bindungen zerbrechend als unverarbeiteter Rohstoff
+sichtbar werden muß. In beiden Fällen aber bleibt das Gebilde abstrakt:
+das Formwerden der abstrakten Grundlage des Romans ist die Folge des
+Selbstdurchschauens der Abstraktion; die formgeforderte Immanenz des
+Sinnes entsteht gerade aus dem rücksichtslosen Zu-Ende-Gehen im
+Aufdecken ihrer Abwesenheit.
+
+Die Kunst ist -- im Verhältnis zum Leben -- immer ein Trotzdem; das
+Formschaffen ist die tiefste Bestätigung des Daseins der Dissonanz,
+die zu denken ist. Aber in jeder anderen Form, aus jetzt schon
+selbstverständlichen Gründen auch in der Epopöe, ist diese Bejahung
+etwas der Formung Vorangehendes, während sie für den Roman die Form
+selbst ist. Darum ist hier das Verhältnis von Ethik und Ästhetik im
+formenden Prozeß ein anderes, als in den übrigen Dichtungsarten. Dort
+ist die Ethik eine rein formelle Voraussetzung, die durch ihre Tiefe ein
+Vordringen bis zum formbedingten Wesen, durch ihre Weite die ebenfalls
+formbedingte Totalität ermöglicht und die durch ihr Umfassen das
+Gleichgewicht der konstituierenden Elemente -- wofür Gerechtigkeit nur
+ein Ausdruck in der Sprache der reinen Ethik ist -- zustande bringt.
+Hier ist die Ethik, die Gesinnung im Gestalten jeder Einzelheit
+sichtbar, ist also in ihrer konkretesten Inhaltlichkeit ein wirksames
+Aufbauelement der Dichtung selbst. So erscheint der Roman im Gegensatz
+zu dem in der fertigen Form ruhenden Sein anderer Gattungen als etwas
+Werdendes, als ein Prozeß. Es ist deshalb die künstlerisch am meisten
+gefährdete Form und wurde von vielen, aus Gleichsetzung von Problematik
+und Problematisch-Sein, als Halbkunst bezeichnet. Mit einem bestechenden
+Schein von Recht, denn nur der Roman besitzt eine, ihm in allem
+unwesentlich Formellen fast bis zur Verwechslung gleichende Karikatur;
+die Unterhaltungslektüre, die alle äußerlichen Kennzeichen des Romans
+aufweist, die aber in ihrem Wesen an nichts gebunden und nichts treffend
+aufgebaut, also völlig sinnlos ist. Während also in den Formen des als
+erreicht geleisteten Seins solche Karikaturen unmöglich sind, weil das
+Außerkünstlerische der Formung keinen Augenblick verdeckt werden kann,
+ist hier eine -- scheinbare -- Annäherung fast bis zur Verwechselbarkeit
+möglich; wegen des regulativen, versteckten Charakters der wirkenden,
+bindenden und formenden Ideen, wegen der -- scheinbaren -- Verwandtschaft
+einer leeren Bewegtheit mit einem Prozeß, dessen letzter Inhalt nicht
+rationalisierbar ist. Aber dieses Angenähertsein muß in jedem konkreten
+Fall vor jedem genauen Blick sich doch als Karikatur enthüllen, und
+auch die von anders her geholten Beweise gegen die echt künstlerische
+Wesensart des Romans haben nur einen Schein des Rechts. Nicht nur
+weil die normative Unvollendung und Problematik des Romans eine
+geschichtsphilosophisch echtgeborene Form ist und als Zeichen ihrer
+Legitimität ihr Substrat, den wahren Zustand des gegenwärtigen Geistes,
+erreicht, sondern weil seine Prozeßartigkeit nur inhaltlich die
+Abgeschlossenheit ausschließt, als Form jedoch ein schwebendes, aber
+sicher schwebendes Gleichgewicht von Werden und Sein repräsentiert, als
+Idee des Werdens zum Zustand wird und sich so zum normativen Sein des
+Werdens verwandelnd aufhebt; »begonnen ist der Weg, vollendet die
+Reise«.
+
+Diese »Halbkunst« schreibt also eine noch strengere und unfehlbarere
+künstlerische Gesetzlichkeit vor, als die »geschlossenen Formen«,
+und diese Gesetze sind desto bindender, je mehr sie ihrem Wesen nach
+undefinierbar und unformulierbar sind: es sind Gesetze des Taktes. Takt
+und Geschmack, an und für sich untergeordnete Kategorien, die durchaus
+der bloßen Lebensphäre angehören und selbst einer wesentlichen ethischen
+Welt gegenüber belanglos sind, gewinnen hier eine große und konstitutive
+Bedeutung: bloß durch sie ist die Subjektivität von Anfang und Abschluß
+der Romantotalität imstande, sich im Gleichgewicht zu halten, sich als
+episch normative Objektivität zu setzen und so die Abstraktheit, die
+Gefahr dieser Form, zu überwinden. Denn die Gefahr läßt sich auch so
+aussprechen: wo die Ethik, inhaltlich und nicht als bloß formales
+Apriori, den Aufbau einer Form zu tragen hat, und wo nicht, wie in den
+epischen Zeitaltern, ein Zusammenfallen oder wenigstens eine deutliche
+Konvergenz zwischen Ethik als innerlichem Lebensfaktor und ihrem
+Handlungssubstrat in den Gebilden gegeben ist, ist die Gefahr da, daß
+statt einer daseienden Totalität ein subjektiver Aspekt derselben, die
+von der großen Epik geforderte Gesinnung zur hinnehmenden Objektivität
+trübend oder gar zerstörend, gestaltet wird. Diese Gefahr ist nicht zu
+umgehen, sondern bloß von innen zu überwinden. Denn diese Subjektivität
+ist nicht beseitigt, wenn sie unausgesprochen bleibt, oder wenn sie in
+einen Willen zur Objektivität verwandelt wird: dieses Verschweigen und
+dieses Streben sind noch subjektiver, als das offene Hervortreten einer
+klarbewußten Subjektivität und darum, wieder im Hegelschen Sinn, noch
+abstrakter.
+
+Die Selbsterkenntnis und damit die Selbstaufhebung der Subjektivität
+wurde von den ersten Theoretikern des Romans, den Ästhetikern der
+Frühromantik, Ironie genannt. Sie bedeutet, als formelles Konstituens
+der Romanform, eine innere Spaltung des normativ dichterischen Subjekts
+in eine Subjektivität als Innerlichkeit, die fremden Machtkomplexen
+gegenübersteht und der fremden Welt die Inhalte ihrer Sehnsucht
+aufzuprägen bestrebt ist, und in eine Subjektivität, die die
+Abstraktheit und mithin die Beschränktheit der einander fremden
+Subjekts- und Objektswelten durchschaut, diese in ihren, als
+Notwendigkeiten und Bedingungen ihrer Existenz begriffenen, Grenzen
+versteht und durch dieses Durchschauen die Zweiheit der Welt zwar
+bestehen läßt, aber zugleich in der wechselseitigen Bedingtheit der
+einander wesensfremden Elemente eine einheitliche Welt erblickt und
+gestaltet. Diese Einheit ist jedoch eine rein formale; die Fremdheit und
+die Feindlichkeit der innerlichen und der äußerlichen Welten ist nicht
+aufgehoben, sondern nur als notwendig erkannt, und das Subjekt dieser
+Erkenntnis ist geradeso ein empirisches, also weltbefangenes und in der
+Innerlichkeit beschränktes Subjekt, wie jene, die zu seinen Objekten
+geworden sind. Das nimmt der Ironie jede kalte und abstrakte
+Ueberlegenheit, die die objektive Form zur subjektiven, zur Satire und
+die Totalität zum Aspekt verengen würde, denn es zwingt das schauende
+und schaffende Subjekt, seine Welterkenntnis auf sich selbst anzuwenden,
+sich selbst, geradeso wie seine Geschöpfe, als freies Objekt der freien
+Ironie zu nehmen; kurz gefaßt: sich in ein rein aufnehmendes, in das für
+die große Epik normativ vorgeschriebene Subjekt zu verwandeln.
+
+Diese Ironie ist die Selbstkorrektur der Brüchigkeit: die inadäquaten
+Beziehungen können sich zu einem phantastischen und wohlgeordneten
+Reigen von Mißverständnissen und Vorbeigehen aneinander verwandeln, wo
+alles von vielen Seiten gesehen wird; als Isoliertes und Verbundenes,
+als Träger des Wertes und als Nichtigkeit, als abstrakte Absonderung
+und als konkretestes Eigenleben, als Verkümmern und als Blühen, als
+Leidenmachen und als Leiden.
+
+Es ist auf einer qualitativ völlig neuen Grundlage wieder ein Standpunkt
+des Lebens erreicht, der der unauflösbaren Verschlungenheit von der
+relativen Selbständigkeit der Teile und ihrer Gebundenheit an das Ganze.
+Nur daß die Teile trotz dieser Bindung niemals die Härte ihres abstrakten
+Auf-sich-Gestelltseins verlieren können und ihre Beziehung zur Totalität
+eine zwar dem Organischen möglichst angenäherte, aber doch immer wieder
+aufgehobene begriffliche Beziehung ist und keine echtgeborene Organik.
+Das hat kompositionell betrachtet zur Folge, daß die Menschen und
+Handlungsmaße zwar die Grenzenlosigkeit des echt epischen Stoffes
+besitzen, ihre Struktur jedoch von der der Epopöe wesentlich verschieden
+ist. Die Strukturdifferenz, in der diese im Grunde begriffliche
+Pseudoorganik des Romanstoffes zum Ausdruck kommt, ist die zwischen
+einer homogen-organischen Stätigkeit und einem heterogen-kontingenten
+Diskretum. Wegen dieser Kontingenz sind die relativ selbständigen Teile
+selbständiger, in sich abgerundeter, als die der Epopöe und müssen
+deshalb durch Mittel, die ihr einfaches Dasein transzendieren, ins Ganze
+eingefügt werden, um es nicht zu sprengen. Sie müssen, anders wie in der
+Epopöe, eine strenge, kompositionell-architektonische Bedeutung haben,
+sei es als Gegenbeleuchtung des Problems, wie die Novellen in »Don
+Quixote«, sei es als präludierendes Einsetzen verborgener, aber für
+das Ende entscheidender Motive, wie die »Bekenntnisse einer schönen
+Seele«; ihre Existenz ist jedoch niemals durch ihr einfaches Dasein
+gerechtfertigt. Diese Möglichkeit zum diskreten Eigenleben der nur
+kompositionell vereinigten Teile ist freilich nur als Symptom bedeutsam,
+indem darin die Struktur der Romantotalität am deutlichsten sichtbar
+wird, es ist an und für sich durchaus nicht notwendig, daß jeder
+vorbildliche Roman diese äußerste Konsequenz seiner Struktur
+aufweise; und der Versuch, die Problematik der Romanform durch ihre
+ausschließliche Orientierung auf diese ihre Eigenart zu überwinden,
+muß sogar zu Künstlichkeiten, zur Überdeutlichkeit der Komposition
+führen, wie in der Romantik oder in Paul Ernsts erstem Roman.
+
+Denn für die Kontingenz ist dies nur Symptom; es erhellt bloß einen
+Tatbestand, der notwendigerweise immer und überall vorhanden ist, aber
+durch den kunstvoll ironischen Takt der Komposition mit einem immer
+wieder enthüllten Schein der Organik verdeckt wird: die äußere Form des
+Romans ist eine wesentlich biographische. Das Schweben zwischen einem
+Begriffssystem, dem das Leben immer entgleitet, und einem Lebenskomplex,
+der niemals zur Ruhe seiner immanent-utopischen Vollendung zu gelangen
+vermag, kann sich nur in der erstrebten Organik der Biographie
+objektivieren. Für eine Weltlage, wo das Organische die alles
+beherrschende Kategorie des gesamten Seins ist, würde es als eine
+törichte Vergewaltigung gerade seines organischen Charakters erscheinen,
+wenn man die Individualität eines Lebewesens in ihrer begrenzenden
+Begrenztheit zum Ausgangspunkt der Stilisierung und zum Mittelpunkt des
+Gestaltens machen wollte. Und für ein Weltalter der konstitutiven
+Systeme ist die vorbildliche Bedeutung eines Einzellebens niemals mehr
+als ein Beispiel: es als Träger und nicht als Substrat der Werte
+darzustellen, wenn ein solcher Plan überhaupt auftauchen könnte, müßte
+zur lächerlichsten Anmaßung werden. In der biographischen Form hat das
+Einzelne, das gestaltete Individuum, ein Eigengewicht, das für die
+Allherrschaft des Lebens zu schwer, für die des Systems zu leicht wäre;
+einen Grad der Isolation, der für diese zu groß, für jene bedeutungslos
+wäre; eine Beziehung auf das von ihm getragene und verwirklichte Ideal,
+die für diese zu stark betont, für jene ungenügend untergeordnet wäre.
+In der biographischen Form wird das unerreichbare, sentimentalische
+Streben sowohl nach der unmittelbaren Lebenseinheit, wie nach der alles
+abschließenden Architektonik des Systems zur Ruhe und zum Gleichgewicht
+gebracht, zum Sein verwandelt. Denn die Zentralgestalt der Biographie
+ist nur durch ihre Beziehung auf eine sich über sie erhebende Welt der
+Ideale bedeutsam, aber diese wird zugleich einzig durch ihr Leben in
+diesem Individuum und durch das Auswirken dieses Erlebens realisiert.
+So entsteht in der biographischen Form aus dem Gleichgewicht der beiden
+nicht verwirklichten und in ihrer Isoliertheit der Verwirklichung nicht
+fähigen Lebenssphären ein neues und eigenes, in sich -- wenn auch
+paradoxerweise -- vollendetes und immanent sinnvolles Leben: das Leben
+des problematischen Individuums.
+
+Kontingente Welt und problematisches Individuum sind einander
+wechselseitig bedingende Wirklichkeiten. Wenn das Individuum
+unproblematisch ist, so sind ihm seine Ziele in unmittelbarer Evidenz
+gegeben, und die Welt, deren Aufbau dieselben realisierten Ziele
+geleistet haben, kann ihm für ihre Verwirklichung nur Schwierigkeiten
+und Hindernisse bereiten, aber niemals eine innerlich ernsthafte Gefahr.
+Die Gefahr entsteht erst, wenn die Außenwelt nicht mehr in bezug auf die
+Ideen angelegt ist, wenn diese im Menschen zu subjektiven seelischen
+Tatsachen, zu Idealen werden. Durch das als Unerreichbar- und -- im
+empirischen Sinn -- als Unwirklich-Setzen der Ideen, durch ihre
+Verwandlung in Ideale, ist die unmittelbare, problemlose Organik der
+Individualität zerrissen. Sie ist für sich selbst zum Ziel geworden,
+weil sie das, was ihr wesentlich ist, was ihr Leben zum eigentlichen
+Leben macht, zwar in sich, aber nicht als Besitz und Grundlage des
+Lebens, sondern als zu Suchendes vorfindet. Die Umwelt des Individuums
+ist aber nur ein inhaltlich anderes Substrat und Material derselben
+kategorialen Formen, die seine Innenwelt begründen: die unüberbrückbare
+Kluft zwischen seiender Wirklichkeit und seinsollendem Ideal muß also,
+dem verschiedenen Material bloß in der strukturellen Verschiedenheit
+entsprechend, das Wesen der Außenwelt ausmachen. Diese Verschiedenheit
+zeigt sich am klarsten in der reinen Negativität des Ideals. Während in
+der subjektiven Welt der Seele das Ideal geradeso einheimisch ist wie
+die anderen seelischen Wirklichkeiten, wenn es auch auf deren Niveau,
+auf das des Erlebnisses herabgedrückt erscheint, und deshalb unmittelbar
+und auch inhaltlich positiv hervortreten kann, zeigt sich das
+Auseinanderklaffen von Wirklichkeit und Ideal in der Umwelt des Menschen
+nur in der Abwesenheit des Ideals und in der hierdurch verursachten
+immanenten Selbstkritik der bloßen Wirklichkeit: in der Selbstenthüllung
+ihrer Nichtigkeit ohne immanentes Ideal.
+
+Die Erscheinungsform dieser Selbstvernichtung, die in ihrem einfachen
+Gegebensein eine durchaus gedankliche Dialektik und keine unmittelbare,
+dichterisch-sinnliche Evidenz aufweist, ist eine zweifache. Erstens der
+Mangel an Übereinstimmung zwischen der Innerlichkeit und ihrem
+Handlungssubstrat, der um so schärfer hervortreten muß, je echter die
+Innerlichkeit ist, je näher ihre Quellen den in der Seele zu Idealen
+gewordenen Ideen des Seins liegen. Zweitens die Unfähigkeit dieser Welt,
+sich in ihrer idealfremden Feindlichkeit der Innerlichkeit gegenüber
+wirklich abzurunden; die Unfähigkeit, sowohl für sich als Ganzes die
+Form der Totalität, wie für die Beziehung zu ihren Elementen und für
+deren Beziehungen untereinander die der Kohärenz zu finden. Anders
+ausgedrückt: die Undarstellbarkeit. Die Teile sowohl wie das Ganze einer
+solchen Außenwelt entziehen sich den Formen der unmittelbar sinnlichen
+Gestaltung. Sie gewinnen erst ein Leben, wenn sie entweder zu der
+erlebenden Innerlichkeit der in ihnen verirrten Menschen, oder zu dem
+schauend-schöpferischen Blick der darstellenden Subjektivität des
+Dichters in Beziehung gebracht werden können; wenn sie zu Gegenständen
+der Stimmung oder der Reflexion werden. Dies ist der formale Grund und
+die dichterische Rechtfertigung der romantischen Anforderung an den
+Roman, daß er alle Formen in sich vereinigend reine Lyrik und reinen
+Gedanken in seinen Aufbau aufnehmen soll. Der diskrete Charakter
+dieser Wirklichkeit erfordert, paradoxerweise, gerade um der epischen
+Bedeutsamkeit und der sinnlichen Valenz willen diese Einbeziehung an
+und für sich teils der Epik, teils der Dichtung überhaupt wesensfremder
+Elemente. Und ihre Rolle erschöpft sich nicht in der lyrischen
+Atmosphäre und der begriffenen Bedeutsamkeit, die sie sonst prosaischen,
+vereinzelten und wesenlosen Begebenheiten verleihen, sondern die letzte,
+alles zusammenhaltende Basis des Ganzen kann nur in ihnen sichtbar
+werden: das die Totalität konstituierende System der regulativen Ideen.
+Die diskrete Struktur der Außenwelt beruht ja letzten Endes darauf, daß
+das Ideensystem der Wirklichkeit gegenüber nur eine regulative Macht
+hat. Das Nicht-hineindringen-Können der Ideen in das Innere der
+Wirklichkeit macht diese zum heterogenen Diskretum und schafft aus
+eben demselben Verhältnis eine noch tiefere Bedürftigkeit der
+Wirklichkeitselemente nach betonter Beziehung zum Ideensystem als dies
+in der Welt Dantes der Fall war. Dort war jeder Erscheinung durch die
+Zuweisung ihres Ortes in der Weltarchitektonik geradeso unmittelbar das
+Leben und der Sinn verliehen, wie diese in der homerischen Welt der
+Organik in jeder Lebensäußerung in vollendeter Immanenz gegenwärtig
+waren.
+
+Der Prozeß, als welcher die innere Form des Romans begriffen wurde,
+ist die Wanderung des problematischen Individuums zu sich selbst, der
+Weg von der trüben Befangenheit in der einfach daseienden, in sich
+heterogenen, für das Individuum sinnlosen Wirklichkeit zur klaren
+Selbsterkenntnis. Nach dem Erringen dieser Selbsterkenntnis scheint zwar
+das gefundene Ideal als Sinn des Lebens in die Lebensimmanenz hinein,
+aber der Zwiespalt von Sein und Sollen ist nicht aufgehoben und kann
+auch in der Sphäre, wo dies sich abspielt, in der Lebensphäre des Romans
+nicht aufgehoben werden; nur ein Maximum an Annäherung, ein ganz tiefes
+und intensives Durchleuchtetsein des Menschen vom Sinn seines Lebens ist
+erreichbar. Die formgeforderte Immanenz des Sinnes wird durch sein
+Erlebnis geleistet, daß dieses bloße Erblicken des Sinnes das Höchste
+ist, was das Leben zu geben hat, das einzige, was des Einsetzens von
+einem ganzen Leben würdig ist, das einzige, wofür sich dieser Kampf
+gelohnt hat. Dieser Prozeß umfaßt ein Menschenleben und mit seinem
+normativen Inhalt, dem Weg zur Selbsterkenntnis eines Menschen, ist
+zugleich seine Richtung und sein Umfang gegeben. Die innere Form des
+Prozesses und ihre adäquateste Gestaltungsmöglichkeit, die biographische
+Form zeigen am schärfsten den großen Unterschied zwischen der diskreten
+Grenzenlosigkeit des Romanstoffes und der kontinuumartigen Unendlichkeit
+des Stoffes der Epopöe. Diese Grenzenlosigkeit hat eine schlechte
+Unendlichkeit und bedarf deshalb der Grenzen, um zur Form zu werden,
+während die Unendlichkeit des rein epischen Stoffes eine innere,
+organische, an sich werttragende und wertbetonte ist, die sich ihre
+Grenzen selbst und von innen heraus setzt, für die die äußere
+Unendlichkeit des Umfangs fast gleichgültig, nur eine Folge und
+höchstens ein Symptom ist. Die biographische Form vollbringt für den
+Roman die Überwindung der schlechten Unendlichkeit: einerseits wird der
+Umfang der Welt durch den Umfang der möglichen Erlebnisse des Helden
+begrenzt und ihre Masse durch die Richtung, die sein Werdegang auf das
+Finden des Lebenssinnes in der Selbsterkenntnis nimmt, organisiert;
+andererseits erhält die diskret-heterogene Masse von isolierten
+Menschen, sinnesfremden Gebilden und sinnlosen Begebenheiten eine
+einheitliche Gliederung durch das Beziehen jedes einzelnen Elementes
+auf die Zentralgestalt und das von ihrem Lebenslauf versinnbildlichte
+Lebensproblem.
+
+Anfang und Ende der Romanwelt, die von Beginn und Ende des Prozesses,
+der den Inhalt des Romans erfüllt, bestimmt sind, werden dadurch zu
+sinnesbetonten Marksteinen eines klar abgemessenen Weges. So wenig der
+Roman an und für sich an das naturhafte Beginnen und Enden des Lebens,
+an Geburt und Tod gebunden ist, zeigt er doch gerade durch den Punkt,
+wo er einsetzt und den, wo er aufhört, die problembestimmte, allein
+wesentliche Strecke an, alles was davor und dahinter liegt bloß in
+perspektivischer Abbildung und reiner Problembezogenheit berührend --,
+so hat er dennoch die Tendenz, seine ganze epische Totalität im Ablauf
+des für ihn wesentlichen Lebens zu entfalten. Daß Anfang und Ende dieses
+Lebens nicht mit denen des Menschenlebens zusammenfallen, zeigt den auf
+die Ideen orientierten Charakter dieser biographischen Form: es ist
+wahr, daß die Entwicklung eines Menschen der Faden ist, auf den die
+ganze Welt aufgeknüpft und durch den sie abgerollt wird, aber dieses
+Leben gewinnt einzig dadurch diese Bedeutsamkeit, daß es der typische
+Repräsentant jenes Systems von Ideen und erlebten Idealen ist, das die
+Innen- und Außenwelt des Romans regulativ bestimmt. Wenn das dichterische
+Dasein Wilhelm Meisters sich von seiner akut gewordenen Krise mit seinen
+gegebenen Lebensumständen bis zum Finden des wesenhaft zugemessenen
+Lebensberufs ausdehnt, so hat diese biographische Gestaltung dieselben
+Prinzipien wie der Lebenslauf in Pontoppidans Roman, der von dem ersten
+wichtigen Kindheitserlebnis bis zum Tode des Helden dauert. Und in allen
+Fällen weicht diese Stilisierung schroff von der der Epopöe ab: dort
+sind die Zentralgestalt und ihre wichtigen Abenteuer eine an und für
+sich organisierte Masse, so daß Anfang und Ende für sie etwas ganz
+anderes und wesentlich unwichtigeres bedeuten: es sind Momente großer
+Intensität, gleichartig den anderen, die die Höhepunkte des Ganzen
+ausmachen, und bedeuten niemals mehr als ein Ansetzen oder ein Auflösen
+großer Spannungen. Dante nimmt hier, wie überall, eine eigenartige
+Stellung ein, indem bei ihm Gestaltungsprinzipien, die zum Roman
+hinstreben, in die Epopöe zurückverwandelt werden. Anfang und Ende sind
+bei ihm die Entscheidung des wesenhaften Lebens und alles, was als
+sinngebend bedeutsam werden kann, spielt sich zwischen ihnen ab; vor
+dem Anfang lag ein unerlösbares Chaos, nach dem Ende eine nunmehr
+ungefährdete Sicherheit der Erlösung. Aber was Anfang und Ende umfassen,
+entzieht sich gerade den biographischen Kategorien des Prozesses: es
+ist ein ewig-seiendes Werden der Entrücktheit; und das, was für die
+Romanform erfaßbar und gestaltbar wäre, ist von der Allbedeutung dieses
+Erlebnisses zur absoluten Unwesenhaftigkeit verurteilt. Der Roman
+schließt zwischen Anfang und Ende das Wesentliche seiner Totalität ein,
+erhebt damit ein Individuum auf die unendliche Höhe dessen, der durch
+seine Erlebnisse eine ganze Welt zu schaffen und das Geschaffene in
+Gleichgewicht zu halten hat; auf eine Höhe, die das epische Individuum
+niemals erreichen kann, selbst das Dantesche nicht, das diese
+seine Bedeutung der ihm zugemessenen Gnade und nicht seiner reinen
+Individualität verdankt. Durch dieses selbe Abschließen wird aber das
+Individuum zum bloßen Instrument, dessen Zentralstellung darauf beruht,
+daß es geeignet ist, eine bestimmte Problematik der Welt aufzuzeigen.
+
+
+5.
+
+Die Komposition des Romans ist ein paradoxes Verschmelzen heterogener
+und diskreter Bestandteile zu einer immer wieder gekündigten Organik.
+Die zusammenhaltenden Beziehungen der abstrakten Bestandteile sind in
+abstrakter Reinheit formell: darum muß das letzte vereinigende Prinzip
+die inhaltlich deutlich gewordene Ethik der schöpferischen Subjektivität
+sein. Weil aber diese sich selbst wieder aufheben muß, damit die
+normative Objektivität des epischen Schöpfers realisiert werde; und weil
+sie die Objekte ihrer Gestaltung doch nie ganz zu durchdringen und
+deshalb nie ihre Subjektivität gänzlich abzulegen und als immanenter
+Sinn der Objektswelt zu erscheinen vermag, bedarf sie selbst einer
+neuerlichen, wieder inhaltlich bestimmten, ethischen Selbstkorrektur, um
+den Gleichgewicht schaffenden Takt zu erreichen. Dieses Ineinanderwirken
+von zwei ethischen Komplexen, ihre Zweiheit im Formen und ihre Einheit
+in der Formung, ist der Inhalt der Ironie, der normativen Gesinnung
+des Romans, die durch die Struktur ihrer Gegebenheit zur größten
+Kompliziertheit verurteilt ist. Für jede Form, in der die Idee als
+Wirklichkeit gestaltet wird, braucht das Schicksal der Idee in der
+Wirklichkeit nicht zum Gegenstand einer dialektischen Reflexion zu
+werden. Die Beziehung von Idee und Wirklichkeit wird in der rein
+sinnlichen Gestaltung erledigt, es bleibt kein leerer Raum des Abstands
+zwischen ihnen, der von der bewußten und hervortretenden Weisheit des
+Dichters ausgefüllt werden müßte; diese Weisheit kann sich also vor der
+Gestaltung erledigen, sich hinter den Formen verbergen und ist nicht
+dazu gezwungen, sich in der Dichtung selbst -- als Ironie -- aufzuheben.
+Denn die Reflexion des schaffenden Individuums, die inhaltliche
+Ethik des Dichters, ist eine doppelte: sie geht vor allem auf die
+reflektierende Gestaltung des Schicksals, das dem Ideal im Leben
+zukommt, auf die Tatsächlichkeit dieser Schicksalsbeziehung und auf die
+wertende Betrachtung ihrer Realität. Diese Reflexion wird aber nochmals
+zum Gegenstand des Nachdenkens: sie selbst ist bloß ein Ideal, etwas
+Subjektives, bloß Postulatives, auch ihr steht ein Schicksal in einer
+ihr fremden Wirklichkeit bevor, das, diesmal jedoch rein reflektiert,
+nur im Erzähler bleibend, gestaltet werden muß.
+
+Dieses Reflektieren müssen ist die tiefste Melancholie jedes echten
+und großen Romans. Die Naivität des Dichters -- ein positiver Ausdruck
+bloß für das innerlichst Unkünstlerische des reinen Nachdenkens -- wird
+hier vergewaltigt, ins Entgegengesetzte umgebogen; und der verzweifelt
+errungene Ausgleich, das freischwebende Gleichgewicht voneinander
+aufhebenden Reflexionen, die zweite Naivität, die Objektivität des
+Romandichters ist dafür nur ein formeller Ersatz: sie ermöglicht die
+Gestaltung und schließt die Form, aber die Art des Schließens selbst
+weist mit beredter Gebärde auf das Opfer hin, das gebracht werden mußte,
+auf das ewig verlorene Paradies, das gesucht und nicht gefunden wurde,
+dessen vergebliches Suchen und resigniertes Aufgeben den Kreis der Form
+abgerundet hat. Der Roman ist die Form der gereiften Männlichkeit: sein
+Dichter hat den strahlenden Jugendglauben aller Poesie, »daß Schicksal
+und Gemüt Namen eines Begriffes seien«, verloren; und je schmerzlicher
+und tiefer die Notwendigkeit in ihm wurzelt, dieses wesentlichste
+Glaubensbekenntnis jeder Dichtung dem Leben als Forderung
+entgegenzuhalten, desto schmerzlicher und tiefer muß er begreifen
+lernen, daß es nur eine Forderung, keine wirkende Wirklichkeit ist.
+Und diese Einsicht, seine Ironie, wendet sich sowohl gegen seine Helden,
+die in poetisch notwendiger Jugendlichkeit an der Verwirklichung
+dieses Glaubens zugrunde gehen, wie gegen die eigene Weisheit, die die
+Vergeblichkeit dieses Kampfes und den endgültigen Sieg der Wirklichkeit
+einzusehen gezwungen wurde. Ja, die Ironie verdoppelt sich in beiden
+Richtungen. Sie erfaßt nicht nur die tiefe Hoffnungslosigkeit dieses
+Kampfes, sondern auch die noch tiefere Hoffnungslosigkeit seines
+Aufgebens; das niedrige Scheitern einer gewollten Anpassung an die
+idealfremde Welt, eines Aufgebens der irrealen Idealität der Seele um
+einer Bezwingung der Realität willen. Und indem die Ironie die
+Wirklichkeit als Siegerin gestaltet, enthüllt sie nicht bloß ihre
+Nichtigkeit vor dem Besiegten, nicht nur, daß dieser Sieg niemals ein
+endgültiger sein kann und immer wieder von neuen Aufständen der Idee
+erschüttert werden wird, sondern auch, daß die Welt ihr Übergewicht
+weniger der eigenen Kraft verdankt, deren rohe Richtungslosigkeit
+selbst dazu nicht ausreicht, als einer inneren, wenn auch notwendigen,
+Problematik der idealbelasteten Seele.
+
+Die Melancholie des Erwachsenseins entsteht aus dem zwiespältigen
+Erlebnis, daß das absolute, jugendliche Vertrauen auf die innere Stimme
+des Berufenseins aufhört oder abnimmt, daß es aber unmöglich ist, der
+Außenwelt, der man sich nunmehr in gelehriger Herrschsucht hingibt, eine
+eindeutig wegweisende und zielbestimmende Stimme abzulauschen. Die
+Helden der Jugend werden auf ihren Wegen von den Göttern geleitet: ob
+Glanz des Unterganges, ob Glück des Gelingens am Ende des Weges winkt
+oder beides in einem, niemals gehen sie allein, sie sind immer geführt.
+Daher die tiefe Sicherheit ihres Ganges; sie mögen von allen verlassen
+auf einsamen Inseln trauernd weinen, sie mögen in der tiefsten Verirrung
+der Blindheit bis an die Pforten der Hölle taumeln, immer umgibt sie
+diese Atmosphäre des Gesichertseins: des Gottes, der die Wege des Helden
+vorzeichnet und auf den Wegen dem Helden voranschreitet.
+
+Die vertriebenen und die noch nicht zur Herrschaft gelangten Götter
+werden Dämonen: ihre Macht ist wirksam und lebendig, aber sie
+durchdringt die Welt nicht mehr oder noch nicht: die Welt hat einen
+Sinneszusammenhang und eine Kausalverknüpftheit erhalten, die der
+lebendig wirkenden Kraft des zum Dämon gewordenen Gottes unverständlich
+ist und aus deren Augenpunkt gesehen sein Treiben als reine
+Sinnlosigkeit erscheint. Die Kraft seiner Wirksamkeit bleibt aber
+unaufgehoben, weil sie unaufhebbar ist, weil das Sein des neuen Gottes
+von dem Vergehen des alten getragen ist; und aus diesem Grund besitzt
+der eine -- in der Sphäre des einzig wesentlichen, des metaphysischen
+Seins -- dieselbe Valenz von Wirklichkeit wie der andere. »Es war nicht
+göttlich,« sagte Goethe vom Dämon, »denn es schien unvernünftig; nicht
+menschlich, denn es hatte keinen Verstand; nicht teuflisch, denn es war
+wohltätig; nicht engelisch, denn es ließ oft Schadenfreude merken. Es
+glich dem Zufall, denn es bewies keine Folge; es ähnelte der Vorsehung,
+denn es deutete auf Zusammenhang. Alles was uns begrenzt, schien für
+dasselbe durchdringbar; es schien mit den notwendigen Elementen unseres
+Daseins willkürlich zu schalten; es zog die Zeit zusammen und dehnte den
+Raum aus. Nur im Unmöglichen schien es sich zu gefallen, und das
+Mögliche mit Verachtung von sich zu stoßen.«
+
+Aber es gibt eine wesenhafte Bestrebung der Seele, der es nur um das
+Wesenhafte zu tun ist, einerlei woher es kommt, einerlei was seine Ziele
+sind; es gibt eine Sehnsucht der Seele, wo der Heimatsdrang so heftig
+ist, daß die Seele den ersten Pfad, der heimzuführen scheint, in blindem
+Ungestüm betreten muß; und so groß ist diese Inbrunst, daß sie ihren Weg
+zu Ende zu gehen vermag: für diese Seele führt jeder Weg zum Wesen, nach
+Hause, denn für diese Seele ist ihre Selbstheit die Heimat. Darum kennt
+die Tragödie keinen wirklichen Unterschied zwischen Gott und Dämon,
+während für die Epopöe, wenn überhaupt ein Dämon ihre Gefilde betritt,
+er ein machtloses, ein unterliegendes höheres Wesen ist, eine
+schwächliche Gottheit. Die Tragödie zerbricht die Hierarchie der oberen
+Welten; es gibt in ihr keinen Gott und keinen Dämon, denn die äußere
+Welt ist nur eine Veranlassung zum Sichfinden der Seele, zum Heldsein;
+an und für sich ist sie nicht vollendet oder mangelhaft vom Sinn
+durchdrungen, sondern gleichgültig objektiven, seienden Sinnesformungen
+gegenüber, eine Wirrnis von blindem Geschehen, aber die Seele verwandelt
+jedes Geschehnis in Schicksal und sie allein tut es mit jedem. Erst wenn
+die Tragödie vergangen ist, wenn die dramatische Gesinnung transzendent
+wird, erscheinen die Götter und Dämonen auf der Szene, erst im
+Gnadendrama erfüllt sich die _tabula rasa_ der oberen Welt wieder mit
+über- und untergeordneten Gestalten.
+
+Der Roman ist die Epopöe der gottverlassenen Welt; die Psychologie
+des Romanhelden ist das Dämonische; die Objektivität des Romans die
+männlich reife Einsicht, daß der Sinn die Wirklichkeit niemals ganz
+zu durchdringen vermag, daß aber diese ohne ihn ins Nichts der
+Wesenlosigkeit zerfallen würde: alles dies besagt eins und dasselbe.
+Es bezeichnet die produktiven, von innen gezogenen Grenzen der
+Gestaltungsmöglichkeiten des Romans und weist zugleich eindeutig auf den
+geschichtsphilosophischen Augenblick hin, in dem große Romane möglich
+sind, in dem sie zum Sinnbild des Wesentlichen, was zu sagen ist,
+erwachsen. Die Gesinnung des Romans ist die gereifte Männlichkeit und
+die charakteristische Struktur seines Stoffes ist seine diskrete Art,
+das Auseinanderklaffen von Innerlichkeit und Abenteuer. »_I go to prove
+my soul_«, sagt Brownings Paracelsus und die Unangemessenheit des
+wundervollen Wortes liegt nur darin, daß es ein dramatischer Held sagt.
+Der Held des Dramas kennt kein Abenteuer, denn das Geschehnis, das
+für ihn zum Abenteuer werden sollte, wird an der schicksalgeweihten
+Kraft seiner erreichten Seele bei der bloßen Berührung mit ihr zum
+Schicksal, zur bloßen Gelegenheit der Bewährung, zur Veranlassung des
+Offenbarwerdens dessen, was im Akt der Erreichung der Seele vorgebildet
+lag. Der Held des Dramas kennt keine Innerlichkeit, denn die
+Innerlichkeit entsteht aus der feindlichen Zweiheit von Seele und Welt,
+aus dem peinvollen Abstand zwischen Psyche und Seele; und der tragische
+Held hat seine Seele erreicht und kennt deshalb keine ihm fremde
+Wirklichkeit: alles Äußere wird ihm zur Gelegenheit des vorbestimmten
+und angemessenen Schicksals. Der Held des Dramas zieht darum nicht
+aus, um sich zu prüfen: er ist Held, weil seine innere Sicherheit
+jenseits von jedem Geprüftwerden _a priori_ gewährleistet ist; das
+schicksalgestaltende Geschehnis ist für ihn nur eine symbolische
+Objektivation, eine tiefe und würdevolle Zeremonie. (Es ist die
+wesentlichste innere Stillosigkeit des modernen Dramas, Ibsens vor
+allem, daß seine Gipfelgestalten geprüft werden müssen, daß sie den
+Abstand zu ihrer Seele in sich fühlen und ihn in dem verzweifelten
+Bestehenwollen der Probe, vor die die Ereignisse sie stellen, überwinden
+wollen; die Helden der modernen Dramen erleben die Voraussetzungen des
+Dramas: das Drama selbst durchläuft den Stilisierungsprozeß, den der
+Dichter -- als phänomenologische Voraussetzung seines Schaffens -- vor
+dem Drama hätte leisten müssen.)
+
+Der Roman ist die Form des Abenteuers, des Eigenwertes der Innerlichkeit;
+sein Inhalt ist die Geschichte der Seele, die da auszieht, um sich
+kennenzulernen, die die Abenteuer aufsucht, um an ihnen geprüft zu
+werden, um an ihnen sich bewährend ihre eigene Wesenheit zu finden. Die
+innere Gesichertheit der epischen Welt schließt die Abenteuer in diesem
+eigentlichen Sinne aus: die Helden der Epopöe durchlaufen eine bunte
+Reihe von Abenteuern, daß sie sie aber innerlich wie äußerlich bestehen
+werden, steht nie in Frage; die weltbeherrschenden Götter müssen immer
+über die Dämonen (die Gottheit der Hindernisse nennt sie die indische
+Mythologie) triumphieren. Daher die von Goethe und Schiller geforderte
+Passivität des epischen Helden: der Abenteuerreigen, der sein Leben
+ziert und erfüllt, ist die Gestaltung der objektiven und extensiven
+Totalität der Welt, er selbst ist nur der leuchtende Mittelpunkt, um
+den sich diese Entfaltung dreht, der innerlich unbeweglichste Punkt der
+rhythmischen Bewegung der Welt. Die Passivität der Romanhelden ist aber
+keine formale Notwendigkeit, sondern es bezeichnet das Verhältnis des
+Helden zu seiner Seele und sein Verhältnis zu seiner Umwelt. Er muß
+nicht passiv sein, darum hat jede Passivität bei ihm eine eigene
+psychologische und soziologische Qualität und bestimmt einen bestimmten
+Typus in den Aufbaumöglichkeiten des Romans.
+
+Die Psychologie des Romanhelden ist das Wirksamkeitsgebiet des
+Dämonischen. Das biologische und soziologische Leben hat eine tiefe
+Neigung, in seiner eigenen Immanenz zu verharren: die Menschen wollen
+bloß leben und die Gebilde wollen unangetastet bleiben; und die Ferne
+und die Abwesenheit des wirkenden Gottes würde der Trägheit und der
+Selbstgenügsamkeit dieses still verfaulenden Lebens die Alleinherrschaft
+verleihen, wenn die Menschen nicht manchmal von der Macht des Dämons
+ergriffen in grundloser und nicht begründbarer Weise über sich
+hinausgingen und alle psychologischen oder soziologischen Grundlagen
+ihres Daseins kündigten. Dann enthüllt sich plötzlich das Gottverlassene
+der Welt als Substanzlosigkeit, als irrationale Mischung von Dichtigkeit
+und Durchdringbarkeit: was früher als das Festeste erschien, zerfällt
+wie vertrockneter Lehm bei der ersten Berührung des vom Dämon Besessenen
+und eine leere Durchsichtigkeit, hinter der lockende Landschaften
+sichtbar waren, wird auf einmal zur Glaswand, an der man sich vergeblich
+und verständnislos -- wie die Biene am Fenster -- abquält, ohne
+durchbrechen zu können, ohne selbst zur Erkenntnis gelangen zu können,
+daß es hier keinen Weg gibt.
+
+Die Ironie des Dichters ist die negative Mystik der gottlosen Zeiten:
+eine _docta ignorantia_ dem Sinn gegenüber; ein Aufzeigen des gütigen
+und des böswilligen Wirkens der Dämonen; der Verzicht, mehr als die
+Tatsache dieses Wirkens begreifen zu können, und die tiefe, nur
+gestaltend ausdrückbare Gewißheit: in diesem Nicht-wissen-Wollen und
+Nicht-wissen-Können das Letzte, die wahre Substanz, den gegenwärtigen,
+nichtseienden Gott in Wahrheit getroffen, erblickt und ergriffen zu
+haben. Deshalb ist die Ironie die Objektivität des Romans.
+
+»Wie weit sind die Gestalten des Dichters objektiv?« fragt Hebbel.
+»Soweit der Mensch in seinem Verhältnis zu Gott frei ist.« Der Mystiker
+ist frei, wenn er sich aufgegeben hat und ganz in Gott aufgegangen ist;
+der Held ist frei, wenn er in luziferischem Trotz sich in sich und aus
+sich vollendet hat, wenn er -- für die Tat seiner Seele -- jede Halbheit
+aus der von seinem Untergang beherrschten Welt verbannt hat. Der
+normative Mensch hat die Freiheit Gott gegenüber errungen, weil die
+hohen Normen der Werke und der substantiellen Ethik in dem Sein des
+Alles vollendenden Gottes, in der Idee der Erlösung wurzeln; weil sie in
+ihrem innersten Wesen von dem Beherrscher der Gegenwart, sei es Gott
+oder Dämon, unberührt bleiben. Aber die Verwirklichung des Normativen in
+der Seele oder im Werk kann sich von ihrem Substrat, vom Gegenwärtigen
+(im geschichtsphilosophischen Sinn) nicht ablösen, ohne ihre eigenste
+Kraft, ihr konstitutives Auftreffen auf ihren Gegenstand zu gefährden.
+Auch der Mystiker, der über die geformten Götter hinaus zum Erleben der
+endgültigen und einzigen Gottheit strebt und der es erreicht, ist in
+diesem seinem Erleben doch an den gegenwärtigen Gott gebunden; und
+insofern sein Erleben sich zum Werk vollendet, vollendet es sich in
+den Kategorien, die der geschichtsphilosophische Stand der Weltuhr
+vorschreibt. Diese Freiheit ist also einer doppelten, einer
+sphärentheoretischen und einer geschichtsphilosophischen kategorialen
+Dialektik unterworfen; was an ihr das eigenste Wesen der Freiheit ist,
+bleibt unaussprechbar: die konstitutive Bezogenheit auf die Erlösung;
+alles was ausgesprochen und gestaltet werden kann, spricht die Sprache
+dieses doppelten Dienens.
+
+Aber dieser Umweg über das Sprechen zum Schweigen, über die Kategorie
+zum Wesen, über den Gott zur Gottheit, ist nicht zu überspringen:
+ein direktes Schweigenwollen muß zu einem reflexiven Stammeln in
+unausgereiften historischen Kategorien werden. So ist in der vollendet
+geleisteten Form der Dichter frei Gott gegenüber, denn in ihr und nur
+in ihr wird Gott selbst zum Gestaltungssubstrat, gleichartig und
+gleichwertig allen anderen normativ gegebenen Materien der Form und
+wird vollständig von deren Kategoriensystem umfaßt: sein Dasein und die
+Qualität dieses Daseins sind von der normativen Beziehung bedingt, die
+er -- als Gestaltungsmöglichkeit -- zu den bauenden Formen hat; von dem
+Wert, der ihm für Aufbau und Gliederung des Werkes technisch zukommt.
+Aber diese Subsumierung Gottes unter den technischen Begriff der
+Materialechtheit der einzelnen Formen zeigt das doppelte Antlitz
+des künstlerischen Schließens und seine Einordnung in die Reihe der
+metaphysisch bedeutsamen Werke auf: diese vollendete technische Immanenz
+hat eine -- normativ und nicht psychologisch -- vorangehende konstitutive
+Beziehung auf das endgültige transzendente Sein zur Voraussetzung: die
+wirklichkeitschaffende, transzendentale Werkform kann nur entstehen,
+wenn in ihr eine wahre Transzendenz immanent geworden ist. Die leere
+Immanenz, die nur im Erlebnis des Dichters und nicht zugleich in dessen
+Einkehr in die Heimat aller Dinge verankert ist, ist nur die Immanenz
+einer die Risse zudeckenden Oberfläche, die aber nicht einmal als Fläche
+diese Immanenz halten kann und auch als solche löcherig werden muß.
+
+Für den Roman ist die Ironie diese Freiheit des Dichters Gott gegenüber,
+die transzendentale Bedingung der Objektivität der Gestaltung. Die
+Ironie, die das von Gott Erfüllte der von Gott verlassenen Welt in
+intuitiver Doppelsichtigkeit zu erblicken vermag; die die verlorene
+utopische Heimat der zum Ideal gewordenen Idee sieht und dieses doch
+gleichzeitig in seiner subjektiv-psychologischen Bedingtheit, in
+seiner einzig möglichen Existenzform erfaßt; die Ironie, die -- selbst
+dämonisch -- den Dämon im Subjekt als metasubjektive Wesenheit begreift
+und dadurch, ahnend und unausgesprochen, von vergangenen und kommenden
+Göttern spricht, wenn sie von Abenteuern verirrter Seelen in einer
+wesenlosen und leeren Wirklichkeit redet; die Ironie, die in dem
+Leidensgang der Innerlichkeit, die eine ihr angemessene Welt suchen muß
+und nicht finden kann, zugleich die Schadenfreude des Schöpfergottes
+über das Scheitern aller schwachen Aufstände gegen sein mächtiges
+und nichtiges Machwerk und das über allen Ausdruck hohe Leiden des
+Erlöser-Gottes über sein Noch-nicht-kommen-Können in diese Welt
+gestaltet. Die Ironie als Selbstaufhebung der zu Ende gegangenen
+Subjektivität ist die höchste Freiheit, die in einer Welt ohne Gott
+möglich ist. Darum ist sie nicht bloß die einzig mögliche apriorische
+Bedingung einer wahrhaften, Totalität schaffenden Objektivität, sondern
+erhebt auch diese Totalität, den Roman, zur repräsentativen Form des
+Zeitalters, indem die Aufbaukategorien des Romans auf den Stand der
+Welt konstitutiv auftreffen.
+
+
+
+
+II.
+
+Versuch einer Typologie der Romanform.
+
+
+1.
+
+Die Verlassenheit der Welt von Gott zeigt sich in der Unangemessenheit
+von Seele und Werk, von Innerlichkeit und Abenteuer; in dem Fehlen des
+transzendentalen Zugeordnetseins für die menschlichen Bestrebungen.
+Diese Unangemessenheit hat roh ausgedrückt zwei Typen: die Seele ist
+entweder schmäler oder breiter als die Außenwelt, die ihr als Schauplatz
+und Substrat ihrer Taten aufgegeben ist.
+
+Im ersten Fall ist der dämonische Charakter des streitbar ausziehenden,
+problematischen Individuums klarer sichtbar als im zweiten Fall,
+zugleich aber tritt seine innere Problematik weniger kraß zutage; sein
+Scheitern an der Wirklichkeit hat auf den ersten Blick mehr den Anschein
+eines bloß äußeren Scheiterns. Die Dämonie der Verengerung der Seele ist
+die Dämonie des abstrakten Idealismus. Es ist die Gesinnung, die den
+direkten, ganz geraden Weg zur Verwirklichung des Ideals einschlagen
+muß; die in dämonischer Verblendung jeden Abstand zwischen Ideal und
+Idee, zwischen Psyche und Seele vergißt; die mit dem echtesten und
+unerschütterlichsten Glauben aus dem Sollen der Idee auf ihre notwendige
+Existenz schließt und das Nichtentsprechen der Wirklichkeit dieser
+apriorischen Anforderung als ihr Verzaubertsein ansieht, das von bösen
+Dämonen vollbracht, durch das Finden des lösenden Wortes oder durch das
+mutige Bekämpfen der Zaubermächte zur Entzauberung und Erlösung geführt
+werden kann.
+
+Die strukturbestimmende Problematik dieses Heldentypus besteht also in
+einem vollständigen Mangel an innerer Problematik und als Folge dieses
+Mangels in einem vollständigen Fehlen an transzendentalem Raumgefühl,
+an der Fähigkeit, Abstände als Wirklichkeiten zu erleben. Achilles oder
+Odysseus, Dante oder Arjuna -- gerade weil sie auf ihren Wegen von
+Göttern geführt werden -- wissen, daß diese Führung auch ausbleiben
+könnte; wissen, daß sie ohne solche Hilfe machtlos und hilflos
+übermächtigen Feinden gegenüberstehen würden. Die Beziehung von
+objektiver und subjektiver Welt ist deshalb adäquat im Gleichgewicht
+gehalten: in richtiger Stärke wird vom Helden die Überlegenheit der ihm
+gegenüberstehenden Außenwelt empfunden; er kann aber trotz dieser
+innersten Bescheidenheit am Ende doch triumphieren, denn seine an sich
+schwächere Kraft wird von der höchsten Macht der Welt zum Siege geführt;
+so daß nicht nur die vorgestellten und wahrhaften Kräfteverhältnisse
+einander entsprechen, sondern auch die Siege und die Niederlagen weder
+der tatsächlichen noch der seinsollenden Ordnung der Welt widersprechen.
+Sobald dieses instinktive Abstandsgefühl -- dessen Stärke sehr wesentlich
+zur vollständigen Lebensimmanenz, zur »Gesundheit« der Epopöe beiträgt
+-- fehlt, wird die Beziehung der subjektiven Welt zur objektiven
+paradox; wegen der Verengerung der handelnden, der episch in Betracht
+kommenden Seele, wird für diese die Welt, als Substrat ihrer Taten,
+ebenfalls eine engere, als sie in Wirklichkeit ist. Da aber einerseits
+diese Umformung der Welt und jede aus ihr folgende, nur auf die
+umgeformte Welt gerichtete Tat nicht das wirkliche Zentrum der Außenwelt
+treffen kann, und da anderseits diese Haltung notwendigerweise eine rein
+subjektive ist, die das Wesen der Welt unberührt läßt und bloß ein
+verzerrtes Abbild von ihr bietet, kommt die Reaktion auf die Seele aus
+ihr vollkommen heterogenen Quellen. Tat und Widerstand haben also weder
+Umfang noch Qualität, weder Wirklichkeit noch Gerichtetsein des Objekts
+gemein. Ihre Beziehung aufeinander kann deshalb niemals ein wahrhaftiger
+Kampf, sondern nur ein groteskes Vorbeigehen aneinander oder ein
+ebenfalls groteskes, von gegenseitigen Mißverständnissen bedingtes
+Aufeinanderprallen sein. Dieser groteske Charakter wird durch Inhalt
+und Intensität der Seele teils ausgeglichen, teils gesteigert. Denn
+diese Verengerung der Seele ist ja ihr dämonisches Besessensein von der
+seienden, von der als alleinigen und gewöhnlichen Wirklichkeit gesetzten
+Idee. Der Inhalt und die Intensität dieser Handlungsart müssen deshalb
+die Seele zugleich in die Region der echtesten Erhabenheit erheben
+und zugleich den grotesken Widerspruch zwischen vorgestellter und
+tatsächlicher Wirklichkeit -- die Handlung des Romans -- in ihrem
+grotesken Charakter bestärken und befestigen. Die diskret-heterogene
+Wesensart des Romans erfährt hier die stärkste Steigerung: die Sphären
+der Seele und der Taten, Psychologie und Handlung haben gar nichts
+mehr miteinander gemein.
+
+Dazu kommt, daß keines von beiden Prinzipien weder in sich, noch aus
+der Beziehung mit den anderen ein Moment der immanenten Fortbewegung
+und Entwicklung besitzt. Die Seele ist etwas in dem für sie erreichten,
+transzendenten Sein problemjenseitig Ruhendes; kein Zweifel, kein
+Suchen, keine Verzweiflung kann in ihr auftauchen, um sie aus sich
+herauszubringen und in Bewegung zu setzen, und die vergeblich grotesken
+Kämpfe um ihre Verwirklichung in der Außenwelt können der Seele auch
+nichts anhaben: sie kann in ihrer inneren Gewißheit durch nichts
+erschüttert werden, jedoch nur, weil sie in diese gesicherte Welt
+eingesperrt ist, weil sie nichts zu erleben vermag. Das vollständige
+Fehlen einer innerlich erlebten Problematik verwandelt die Seele in
+reine Aktivität. Weil sie in ihrem essentiellen Sein von allem unberührt
+in sich ruht, muß jede ihrer Regungen eine Handlung nach außen sein. Das
+Leben eines solchen Menschen muß also zu einer ununterbrochenen Reihe
+selbstgewählter Abenteuer werden. Er stürzt sich in diese, denn
+Leben kann für ihn nur so viel bedeuten wie: Abenteuer bestehen. Die
+problemlose Konzentration seiner Innerlichkeit zwingt ihn, diese, die er
+für das durchschnittliche und alltägliche Wesen der Welt hält, in Taten
+umsetzen; es fehlt ihm in bezug auf diese Seite seiner Seele jede Art
+von Kontemplation, jede Neigung und Möglichkeit zu einem nach innen
+gekehrten Handeln. Er muß Abenteurer sein. Aber die Welt, die er zum
+Schauplatz seiner Taten erwählen muß, ist eine merkwürdige Mischung von
+ideenfremd blühender Organik und erstarrter Konvention derselben Ideen,
+die in seiner Seele ihr rein transzendentes Leben leben. Daraus folgt
+die Möglichkeit seines zugleich spontanen und ideologischen Handelns:
+die Welt, die er vorfindet, ist nicht nur voll von Leben, sondern auch
+von dem Schein gerade jenes Lebens, das in ihm als das einzig Wesentliche
+lebendig ist. Aus dieser Mißverstehbarkeit der Welt folgt aber auch die
+Intensität seines grotesken Vorbeihandelns an ihr, sobald er an sie
+herantritt: der Schein der Idee verflattert vor dem wahnsinnigen Antlitz
+des in sich erstarrten Ideals, und das wirkliche Wesen der seienden
+Welt, die sich selbst erhaltende, ideenlose Organik nimmt ihre, ihr
+zukommende, alles beherrschende Stellung ein.
+
+Hier offenbart sich am deutlichsten der ungöttliche, der dämonische
+Charakter dieses Besessenseins, zugleich aber seine, ebenfalls
+dämonische, verwirrende und faszinierende Ähnlichkeit mit dem
+Göttlichen: die Seele des Helden ist ruhend, geschlossen und in sich
+vollendet, wie ein Kunstwerk oder wie eine Gottheit; diese Wesensart
+kann sich aber in der Außenwelt nur in inadäquaten Abenteuern, die nur
+für die eigene, maniakalische Abgesperrtheit in sich keine widerlegende
+Kraft haben, äußern; und ihre kunstwerkhafte Isolation trennt die Seele
+nicht nur von jeder äußeren Wirklichkeit, sondern auch von allen, vom
+Dämon nicht ergriffenen Gebieten in der Seele selbst. So wird das
+Maximum an erlebt erreichtem Sinn zum Maximum an Sinnlosigkeit: die
+Erhabenheit zum Wahnsinn, zur Monomanie. Und diese Seelenstruktur muß
+die mögliche Handlungsmasse vollständig atomisieren. Wenn auch, wegen
+des rein reflexiven Charakters dieser Innerlichkeit, die äußere
+Wirklichkeit von ihr ganz unberührt bleibt und »ganz so wie sie ist« bei
+jeder Handlung des Helden als Gegenschlag in Erscheinung tritt, so ist
+sie eben deshalb eine an sich vollkommen träge, formlose und sinnlose
+Masse, der jede Fähigkeit zum planvollen und einheitlichen Gegenspiel
+ganz abgeht, aus der die dämonische Abenteuerlust des Helden willkürlich
+und zusammenhanglos jene Momente auswählt, an denen sie sich bewähren
+will. So bedingen sich die Starrheit der Psychologie und der in
+isolierten Abenteuern atomisierte Charakter der Handlung wechselseitig
+und lassen die Gefahr dieses Romantypus, schlechte Unendlichkeit und
+Abstraktheit, ganz klar hervortreten.
+
+Und es ist nicht nur der geniale Takt des Cervantes, dessen Werk die
+ewige Objektivation dieser Struktur ist, der diese Gefahr mit seinem
+undurchdringbar tiefen und leuchtend sinnlichen Verweben von Göttlichkeit
+und Wahnsinn in der Seele des Don Quixote überwunden hat, sondern auch
+der geschichtsphilosophische Augenblick, in dem sein Werk geschaffen
+wurde. Es ist mehr als ein historischer Zufall, daß der »Don Quixote«
+als Parodie auf die Ritterromane gemeint war und seine Beziehung zu
+ihnen ist eine mehr als essayistische. Der Ritterroman war dem Schicksal
+jeder Epik verfallen, die rein aus dem Formalen heraus eine Form
+aufrechterhalten und fortsetzen wollte, nachdem die transzendentalen
+Bedingungen ihrer Existenz von der geschichtsphilosophischen Dialektik
+bereits gerichtet waren; er verlor seine Wurzeln im transzendenten
+Sein und die Formen, die nichts mehr immanent zu machen hatten, mußten
+verkümmern, abstrakt werden, weil ihre zum Gegenstandschaffen bestimmte
+Kraft sich an der eigenen Gegenstandslosigkeit verheben mußte; es
+entstand an Stelle einer großen Epik eine Unterhaltungslektüre. Aber
+hinter dem leeren Gehäuse dieser toten Formen stand einst eine reine
+und echte, wenn auch problematische große Form: die Ritterepik des
+Mittelalters. Diese ist der merkwürdige Fall für die Möglichkeit einer
+Romanform in einem Zeitalter, dessen Gottgesichertheit eine Epopöe
+möglich gemacht und gefordert hat. Die große Paradoxie des christlichen
+Kosmos ist, daß der Zerrissenheit und der normativen Unvollendung der
+diesseitigen Welt, ihrem Verfallensein an Verirrung und Sünde die ewig
+seiende Erlöstheit, die ewig gegenwärtige Theodizee im jenseitigen Leben
+gegenübersteht. Dante gelang es, diese Zweiwelten-Totalität in die rein
+eposartige Form der »Divina Commedia« aufzufangen, die anderen Epiker,
+die im Diesseits blieben, mußten das Transzendente in künstlerisch
+unberührter Transzendenz verharren lassen, konnten also bloß
+sentimentalisch gefaßte, bloß gesuchte und die seiende Sinnesimmanenz
+entbehrende Lebenstotalitäten -- Romane und nicht Epopöen -- schaffen.
+Das einzigartige dieser Romane, ihre Traumschönheit und Zaubergrazie,
+besteht darin, daß alles Suchen in ihnen doch nur der Schein eines
+Suchens ist, daß jede Verirrung ihrer Helden von einer unfaßlichen
+metaformellen Gnade geführt und gesichert wird, daß in ihnen der Abstand,
+seine gegenständliche Realität verlierend, zum dunkel-schönen Ornament
+und der ihn überwindende Sprung zur tanzartigen Gebärde wird, beide
+also zu rein dekorativen Elementen. Diese Romane sind eigentlich große
+Märchen, denn die Transzendenz ist in ihnen nicht aufgefangen, immanent
+gemacht und in die gegenstandschaffende, transzendentale Form aufgenommen,
+sondern verharrt in ihrer ungeschwächten Transzendenz; nur ihr Schatten
+füllt dekorativ die Risse und Abgründe des diesseitigen Lebens aus und
+verwandelt dessen Materie -- wegen der dynamischen Homogeneität jedes
+wahren Kunstwerks -- in eine ebenfalls aus Schatten gewobene Substanz.
+In den homerischen Epen umfaßte die Allherrschaft der rein menschlichen
+Kategorie des Lebens sowohl die Menschen wie die Götter und machte aus
+diesen rein menschliche Wesen. Mit der gleichen Allgewalt beherrscht
+hier das unfaßbare, göttliche Prinzip das Menschenleben und seine über
+sich hinausweisende Ergänzungsbedürftigkeit, diese Flächenhaftigkeit
+nimmt den Menschen das Relief, verwandelt sie in reine Oberfläche.
+
+Diese gesicherte und abgerundete Irrationalität des ganzen gestalteten
+Kosmos läßt den durchscheinenden Schatten Gottes als etwas Dämonisches
+erscheinen: aus der Perspektive dieses Lebens kann er nicht begriffen
+und eingeordnet werden, kann sich also nicht als Gott offenbaren; und
+wegen der auf das diesseitige Leben angelegten Gestaltung ist es nicht
+möglich, wie bei Dante, von Gott aus die konstitutive Einheit des
+gesamten Seins aufzufinden und aufzuzeigen. Die Ritterromane, gegen die
+der »Don Quixote« als Polemik und Parodie entstanden ist, haben diese
+transzendente Beziehung verloren, und nach dem Verlust dieser Gesinnung
+-- sofern aus der ganzen Welt, wie bei Ariosto, nicht ein ironisch
+schönes, reines Spiel geworden ist -- mußte aus der geheimnisvollen
+und märchenhaften Oberfläche etwas banal Oberflächliches werden.
+Cervantes' gestaltende Kritik dieser Trivialität findet den Weg zu den
+geschichtsphilosophischen Quellen dieses Formtypus wieder: das subjektiv
+nicht erfaßbare, objektiv gesicherte Sein der Idee hat sich in ein
+subjektiv klares und fanatisch festgehaltenes, aber die objektive
+Beziehung entbehrendes Sein verwandelt; aus dem Gott, der wegen der
+Unangemessenheit des ihn aufnehmenden Materials nur wie ein Dämon
+erscheinen konnte, ist in Wahrheit ein Dämon geworden, der in der von
+der Vorsehung verlassenen, die transzendentale Orientierung entbehrenden
+Welt die Rolle Gottes zu spielen sich anmaßt. Und die Welt, die er
+meint, ist dieselbe, die früher von Gott zum gefährlichen aber
+wundervollen Zaubergarten verwandelt wurde, nur daß sie von bösen
+Dämonen in Prosa verzaubert die Rückverwandlung durch das glaubende
+Heldentum ersehnt; wovor man sich in der Märchenwelt nur hüten mußte,
+um die gütige Verzauberung nicht aufzuheben, ist hier zur positiven
+Tat, zum Kampf um das daseiende, nur eines erlösenden Wortes harrende
+Paradies der Märchenwirklichkeit geworden.
+
+So steht dieser erste große Roman der Weltliteratur am Anfang der Zeit,
+wo der Gott des Christentums die Welt zu verlassen beginnt; wo der
+Mensch einsam wird und nur in seiner, nirgends beheimateten Seele den
+Sinn und die Substanz zu finden vermag; wo die Welt aus ihrem paradoxen
+Verankertsein im gegenwärtigen Jenseits losgelassen, ihrer immanenten
+Sinnlosigkeit preisgegeben wird; wo die Macht des Bestehenden --
+verstärkt durch die nunmehr zum bloßen Sein degradierten utopischen
+Bindungen -- zu unerhörter Größe erwächst und einen rasenden und
+anscheinend ziellosen Kampf gegen die aufsteigenden, noch unfaßlichen,
+zur Selbstenthüllung und zum Weltdurchdringen unfähigen Kräfte führt.
+Cervantes lebt in der Periode der letzten, großen und verzweifelten
+Mystik, des fanatischen Versuchs einer Erneuerung der versinkenden
+Religion aus sich selbst; in der Periode der in mystischen Formen
+aufsteigenden neuen Welterkenntnis; in der letzten Periode von wahrhaft
+erlebten aber bereits zielverlorenen, suchenden und versucherischen,
+okkulten Bestrebungen. Es ist die Periode der freigelassenen Dämonie,
+die Periode der großen Verwirrung der Werte bei noch bestehendem
+Wertsystem. Und Cervantes, der gläubige Christ und der naiv-loyale
+Patriot, hat gestaltend das tiefste Wesen dieser dämonischen Problematik
+getroffen: daß das reinste Heldentum zur Groteske, der festeste Glauben
+zum Wahnsinn werden muß, wenn die Wege zu seiner transzendentalen
+Heimat ungangbar geworden sind; daß der echtesten und heldenhaftesten,
+subjektiven Evidenz keine Wirklichkeit entsprechen muß. Es ist die tiefe
+Melancholie des historischen Ablaufs, des Vergehens der Zeit, die daraus
+spricht, daß ewige Inhalte und ewige Haltungen ihren Sinn verlieren,
+wenn ihre Zeit vorbei ist; daß die Zeit über ein Ewiges hinweggehen
+kann. Es ist der erste große Kampf der Innerlichkeit gegen die
+prosaische Niedertracht des äußeren Lebens und der einzige Kampf, in dem
+es ihr gelungen ist, nicht nur unbefleckt aus dem Kampf herauszugehen,
+sondern selbst ihren siegreichen Gegner mit dem Glanz ihrer siegreichen,
+wenn auch freilich selbstironischen Poesie zu umgeben.
+
+»Don Quixote« mußte, wie übrigens fast jeder wahrhaft große Roman, die
+einzige bedeutende Objektivation seines Typus bleiben. Dieses Ineinander
+von Poesie und Ironie, von Erhabenheit und Groteske, von Göttlichkeit
+und Monomanie war so stark an den damals vorgefundenen Stand des Geistes
+gebunden, daß derselbe Typus von Geistesstruktur sich in anderen
+Zeitaltern anders und niemals mehr mit derselben epischen Bedeutsamkeit
+zeigen mußte. Die Abenteuerromane, die seine rein künstlerische
+Form übernommen haben, sind gerade so ideenlos geworden, wie seine
+unmittelbaren Vorgänger, die Ritterromane. Auch sie haben die einzig
+fruchtbare Spannung, die transzendentale verloren und sie entweder durch
+eine rein gesellschaftliche ersetzt oder in einer Abenteuerlust um der
+Abenteuer willen das bewegende Prinzip der Handlung gefunden. In beiden
+Fällen war, trotz der wirklich großen Begabung mancher dieser Dichter,
+einer letzthinigen Trivialität, einer immer stärkeren Annäherung des
+großen Romans an die Unterhaltungslektüre und dem schließlichen Ankommen
+in ihr doch nicht zu entgehen. Mit dem immer zunehmenden Prosaisch-Werden
+der Welt, mit dem Entweichen der aktiven Dämonen, die immer mehr dem
+dumpfen Widerstand einer ungeformten Masse gegen jede Innerlichkeit die
+Szene der Kämpfe überlassen, entsteht das Dilemma für die dämonische
+Verengerung der Seele: entweder jede Beziehung zu dem Komplex »Leben«
+oder das unmittelbare Gewurzeltsein in der wahrhaften Ideenwelt
+aufzugeben.
+
+Den ersten Weg ist das große Drama des deutschen Idealismus gegangen.
+Der abstrakte Idealismus hat jede, wenn auch noch so inadäquate
+Beziehung zum Leben verloren; um aus seiner Subjektivität herauszukommen
+und sich an Kampf und Untergang zu bewähren, bedurfte er der reinen
+Wesenssphäre des Dramas: für Innerlichkeit und Welt ist das Vorbeihandeln
+aneinander so groß geworden, daß es sich nur in einer eigens für ihre
+Zusammenfügung angelegten und konstruierten, dramatischen Wirklichkeit
+als Totalität gestalten ließ. Der künstlerisch so bedeutende Versuch
+Kleists im »Michael Kohlhaas« zeigt, wie sehr für die damalige Weltlage
+die Psychologie des Helden zur rein individuellen Pathologie, die
+epische Form zur novellistischen werden mußte. In dieser, wie in jeder
+dramatischen Formung muß das tiefe Ineinander von Erhabenheit und
+Groteske verschwinden und einer reinen Erhabenheit Platz machen: die
+Zuspitzung auf Monomanie und die Übersteigerung der Abstraktion -- der
+Idealismus wird notwendig immer dünner, inhaltsloser, immer stärker ein
+Idealismus »überhaupt« -- ist so groß, daß die Gestalten ganz an der
+Grenze der unfreiwilligen Komik wandeln und der kleinste Versuch,
+sie ironisch zu nehmen, müßte, die Erhabenheit aufhebend, sie in
+unerfreulich komische Figuren verwandeln. (Brand, Stockmann und Gregers
+Werle sind erschreckende Beispiele dieser Möglichkeit.) Darum lebt der
+echtest geborene Enkel Don Quixotes, der Marquis Posa in einer ganz
+anderen Form als sein Ahnherr, und die künstlerischen Schicksalsprobleme
+dieser so tief verwandten Seelen haben miteinander gar nichts mehr
+gemein.
+
+Wenn aber die Verengerung der Seele etwas rein Psychologisches ist,
+wenn sie jede sichtbare Beziehung zum Sein der Ideenwelt verloren hat,
+so ist ihr auch die Fähigkeit, tragender Mittelpunkt einer epischen
+Totalität zu werden, abhanden gekommen; die Unangemessenheit der
+Beziehung zwischen Mensch und Außenwelt steigert sich noch an
+Intensität, aber zu der tatsächlichen Unangemessenheit, die im »Don
+Quixote« nur das groteske Gegenstück einer stetig geforderten und zu
+fordernden seinsollenden Angemessenheit war, tritt noch die ideelle
+hinzu: die Berührung ist eine rein peripherische geworden und der so
+angelegte Mensch zur notwendigen Nebenfigur, der die Totalität ziert,
+auszubauen hilft, aber immer nur Baustein ist, nie Mittelpunkt. Die
+künstlerische Gefahr, die sich aus dieser Lage ergibt, liegt darin, daß
+das nun zu suchende Zentrum etwas Wertbetontes und Sinnvolles aber die
+Lebensimmanenz doch nicht Transzendierendes sein muß. Die Veränderung
+der transzendentalen Einstellung hat also zur künstlerischen Folge, daß
+die Quelle des Humors nicht mehr dieselbe ist, wie die der Poesie und
+Erhabenheit. Die grotesk gestalteten Menschen werden entweder zur
+harmlosen Komik erniedrigt oder die Verengerung ihrer Seele, ihre alles
+andere vertilgende Konzentration auf einen Punkt des Daseins, der aber
+nichts mehr mit der Ideenwelt zu tun hat, muß sie zur reinen Dämonie
+führen; aus ihnen, wenn auch humoristisch behandelte, Vertreter des
+schlechten Prinzips oder der reinen Ideenlosigkeit machen. Diese
+Negativität der künstlerisch wichtigsten Gestalten erfordert ein
+positives Gegengewicht und -- zum tiefen Unglück des modernen
+humoristischen Romans -- konnte dieses »Positive« nur die Objektivation
+einer bürgerlichen Wohlanständigkeit sein. Denn eine wirkliche Beziehung
+dieses »Positiven« auf die Ideenwelt müßte die Lebensimmanenz des Sinnes
+und damit die Romanform sprengen; konnte doch auch Cervantes (und
+von seinen Nachfolgern etwa Sterne) gerade nur durch die Einheit von
+Erhabenheit und Humor, von Verengerung der Seele und Beziehung zur
+Transzendenz die Immanenz herstellen. Hier ist der künstlerische Grund,
+der die an humoristischen Gestalten so unendlich reichen Romane von
+Dickens letzten Endes so flach und spießbürgerlich erscheinen läßt:
+die Notwendigkeit, als Helden Idealtypen einer sich mit der heutigen
+bürgerlichen Gesellschaft innerlich konfliktlos abfindenden
+Menschlichkeit zu gestalten, und um ihrer poetischen Wirkung willen, die
+hierzu erforderlichen Eigenschaften mit dem zweifelhaften, erzwungenen
+oder für sie inadäquaten Glanz der Poesie zu umhüllen. Darum sind aller
+Wahrscheinlichkeit nach Gogols »Tote Seelen« ein Fragment geblieben: es
+war von vornherein unmöglich für die künstlerisch so glückliche und
+fruchtbare aber »negative« Gestalt Tschitschikows ein »positives«
+Gegengewicht zu finden; und für das Schaffen einer wahrhaften Totalität,
+die die echt epische Gesinnung Gogols erfordert hat, war ein solcher
+Ausgleich unbedingt notwendig: ohne ihn hätte sein Roman keine epische
+Objektivität, keine epische Wirklichkeit erlangen können, hätte ein
+subjektiver Aspekt, eine Satire oder ein Pamphlet bleiben müssen.
+
+Die äußere Welt ist so ausschließlich konventionell geworden, daß sich
+alles, das Positive wie das Verneinte, das Humorvolle wie das Poetische,
+nur innerhalb dieser Sphäre abspielt. Das dämonisch Humorvolle ist nichts
+anderes als die verzerrte Übersteigerung von gewissen Seiten der
+Konvention oder ihre immanent und darum ebenfalls konventionell bleibende
+Verneinung oder Bekämpfung; und das »Positive« ist ein sich Abfindenkönnen
+mit ihr, der Anschein eines organischen Lebens innerhalb der von der
+Konvention genau bestimmten Grenzen. (Man verwechsle nicht mit dieser
+geschichtsphilosophisch-materiell bedingten Konventionalität des
+modernen humoristischen Romans die formgeforderte und darum zeitlose
+Bedeutung der Konvention in der dramatischen Komödie. Konventionelle
+Formen des gesellschaftlichen Lebens sind für diese nur formell-symbolische
+Abschlüsse der intensiv gerundeten, dramatischen Wesenssphäre. Das
+Heiraten sämtlicher Hauptpersonen, mit Ausnahme der entlarvten Heuchler
+und Verbrecher, das die großen Komödien abschließt, ist geradeso eine
+rein symbolische Zeremonie wie der Tod der Helden am Schluß der
+Tragödie: beide sind nichts als sinnfällige Marksteine der Grenze, die
+scharfen Konturen, die die statuenhafte Wesenhaftigkeit der dramatischen
+Form erfordert. Es ist bezeichnend, daß mit dem Erstarken der Konvention
+im Leben und in der Epik die Komödien immer unkonventionellere Schlüsse
+erhalten. »Der zerbrochene Krug« und der »Revisor« können noch die alte
+Form der Entlarvung gebrauchen, die »Parisienne« -- von Hauptmanns oder
+Shaws Komödien ganz zu schweigen -- ist schon gerade so umrißlos und
+unabgeschlossen, wie die zeitgenössischen, ohne Tod schließenden
+Tragödien.)
+
+Balzac hat einen völlig anderen Weg zur rein epischen Immanenz
+eingeschlagen. Für ihn ist die hier bezeichnende, subjektiv-psychologische
+Dämonie etwas schlechthin Letztes: sie ist das Prinzip jedes
+wesentlichen, sich in epischen Taten objektivierenden, menschlichen
+Handelns; ihre inadäquate Beziehung zur objektiven Welt ist zur
+äußersten Intensität gesteigert, aber diese Steigerung erfährt einen
+rein immanenten Gegenschlag: die Außenwelt ist eine rein menschliche
+und ist im wesentlichen von Menschen, die eine ähnliche Geistesstruktur,
+wenn auch mit ganz anderen Richtungen und Inhalten aufweisen, bevölkert.
+Dadurch wird diese dämonische Inadäquatheit, diese endlose Reihe von
+schicksalschweren Vorbeihandeln der Seelen aneinander, zum Wesen der
+Wirklichkeit; es entsteht jenes merkwürdige, unendliche und
+unübersichtliche Gewühl von Verflochtenheit der Schicksale und der
+einsamen Seelen, das das Einzigartige dieser Romane ausmacht. Durch
+diese paradoxe Homogeneität des Stoffes, die aus der extremen
+Heterogeneität seiner Elemente entstanden ist, wird die Sinnesimmanenz
+gerettet. Die Gefahr einer abstrakten, schlechten Unendlichkeit wird
+durch die große novellistische Konzentration der Begebenheiten und
+ihre derart erreichte, echt epische Bedeutsamkeit aufgehoben.
+
+Dieser endgültige Sieg der Form ist aber nur für jede einzelne
+Erzählung und nicht für das Ganze der »_Comédie humaine_« errungen. Es
+ist wahr, seine Voraussetzungen sind da: die großartige Einheit ihres
+allesumfassenden Stoffes. Auch ist diese Einheit durch das immer erneute
+Auftreten und Untertauchen der Gestalten im unendlichen Chaos dieser
+Erzählungen nicht nur verwirklicht, sondern hat eine Erscheinungsart
+gefunden, die dem innersten Wesen dieses Stoffes vollständig angemessen
+ist: die der chaotischen, der dämonischen Irrationalität; und die
+inhaltliche Erfüllung dieser Einheit ist die der echten, großen Epik:
+die Totalität einer Welt. Aber diese Einheit ist letzten Endes doch
+keine rein aus der Form geborene: das, was das Ganze wirklich zum Ganzen
+macht, ist doch nur das stimmungsmäßige Erleben eines gemeinsamen
+Lebensgrundes und die Erkenntnis, daß dieses Erleben auf das Wesenhafte
+des heutigen Lebens auftrifft. Episch gestaltet ist doch nur das
+einzelne, das Ganze ist nur zusammengefügt; die schlechte Unendlichkeit,
+die in jedem Teil überwunden wurde, kehrt sich gegen das Ganze als
+einheitliche epische Gestaltung: ihre Totalität beruht auf Prinzipien,
+die der epischen Form transzendent sind, auf Stimmung und Erkenntnis,
+nicht auf Handlung und auf Helden, und kann deshalb nicht in sich
+vollendet und abgerundet sein. Kein Teil hat vom Ganzen aus gesehen eine
+wirkliche, organische Notwendigkeit der Existenz, es könnte fehlen und
+dem Ganzen würde nichts abgehen, unzählige neue Teile könnten noch
+hinzukommen und keine innere Vollständigkeit würde sie als nunmehr
+überflüssige von sich weisen. Diese Totalität ist die Ahnung eines
+Lebenszusammenhanges, der hinter jeder einzelnen Erzählung als großer
+lyrischer Hintergrund fühlbar wird; er ist nicht problematisch und in
+schweren Kämpfen erfochten, wie der der großen Romane, sondern ist --
+in seiner lyrischen, das Epische transzendierenden Wesensart -- naiv
+und unproblematisch, aber das, was ihn zur Romantotalität unausreichend
+macht, gestattet ihm noch viel weniger seine Welt als Epopöe zu
+konstituieren.
+
+Allen diesen Formungsversuchen ist das Statische der Psychologie
+gemeinsam, die Verengerung der Seele ist als abstraktes Apriori
+unveränderlich gegeben. Darum war es natürlich, daß der Roman des
+neunzehnten Jahrhunderts, mit seinen Tendenzen zu psychologischer
+Bewegtheit und psychologistischer Auflösung, immer mehr von diesem Typus
+abkam und die Ursache der Unangemessenheit von Seele und Wirklichkeit in
+entgegengesetzten Richtungen suchte. Nur ein großer Roman, Pontoppidans
+»Hans im Glück« stellt den Versuch dar, diese Seelenstruktur zentral zu
+nehmen und in Bewegung und Entwicklung darzustellen. Durch diese
+Problemstellung ist eine völlig neue Kompositionsart gegeben: der
+Ausgangspunkt, das völlig sichere Gebundensein des Subjekts an das
+transzendente Wesen ist zum Endziel, die dämonische Tendenz der
+Seele, sie von allem, was dieser Apriorität nicht entspricht, völlig
+abzutrennen, zur wirklichen Tendenz geworden. Während im »Don Quixote«
+der Grund aller Abenteuer die innere Sicherheit des Helden und die
+inadäquate Haltung der Welt ihr gegenüber war, so daß dem Dämonischen
+eine positive, treibende Rolle zukam, liegt hier die Einheit von Grund
+und Ziel verborgen, das Nicht-Entsprechen von Seele und Wirklichkeit
+wird rätselhaft und scheinbar völlig irrationell, denn die dämonische
+Verengerung der Seele zeigt sich nur negativ, im Fallen-lassen-Müssen
+jedes Errungenen, weil es doch nicht »das« ist, was nottut, weil es
+breiter, empirischer, lebenhafter ist, als was die Seele zu suchen
+auszog. Während dort die Vollendung des Lebenskreislaufs die bunte
+Wiederholung desselben Abenteuers und sein Sich-Ausbreiten zum
+allesenthaltenden Mittelpunkt der Totalität war, hat hier die Bewegung
+des Lebens eine eindeutige und bestimmte Richtung: zur Reinheit der rein
+zu sich gekommenen Seele, die aus ihren Abenteuern gelernt hat, daß nur
+sie selbst -- in einer starren Abgeschlossenheit in sich selbst -- ihrem
+tiefsten, alles beherrschenden Instinkte entsprechen kann; daß jeder
+Sieg über die Wirklichkeit eine Niederlage für die Seele ist, denn er
+verstrickt sie immer, bis zum Untergang, im Wesensfremden; daß jeder
+Verzicht auf ein erobertes Stück Wirklichkeit in Wahrheit ein Sieg ist,
+ein Schritt zur Eroberung des illusionsfrei gewordenen Selbst. Darum
+steckt die Ironie Pontoppidans darin, daß er seinen Helden überall
+siegen läßt, daß aber eine dämonische Gewalt ihn zwingt, alles Errungene
+als wertlos und uneigentlich anzusehen und es augenblicklich, sobald er
+es besitzt, fahren zu lassen. Und die merkwürdige innere Spannung
+entsteht daraus, daß der Sinn dieser negativen Dämonie sich erst am
+Schluß, bei erreichter Resignation des Helden, zu enthüllen vermag, um
+dem ganzen Leben eine retrospektive Klarheit der Sinnesimmanenz zu
+verleihen. Die deutlich gewordene Transzendenz dieses Abschlusses und
+ihre hier sichtbar werdende prästabilierte Harmonie zu der Seele werfen
+einen Schein der Notwendigkeit auf jede vorangegangene Verirrung, ja von
+ihnen aus gesehen, dreht sich die Bewegungsbeziehung von Seele und Welt
+um: es scheint als ob der Held immer derselbe geblieben wäre und als
+solcher ruhig in sich ruhend dem Vorbeiziehen der Ereignisse zugesehen
+hätte; als ob die ganze Handlung nur darin bestanden wäre, daß die
+Schleier, die diese Seele verhüllten, weggezogen wurden. Der dynamische
+Charakter der Psychologie wird als bloß scheinbare Dynamik enthüllt,
+jedoch -- und darin liegt die große Meisterschaft Pontoppidans -- erst
+nachdem sie mit ihrem Schein der Bewegung die Reise durch eine bewegte
+und lebendige Lebenstotalität ermöglicht hat. Daraus entsteht die
+isolierte Stellung dieses Werkes inmitten der modernen Romane: seine an
+die Alten gemahnende strenge Handlungsmäßigkeit, seine Abstinenz von
+jeder bloßen Psychologie; und stimmungsgemäß: die weite Entfernung, die
+die Resignation als Endgefühl dieses Romans von der enttäuschten
+Romantik anderer gleichzeitiger Werke besitzt.
+
+
+2.
+
+Für den Roman des neunzehnten Jahrhunderts ist der andere Typus der
+notwendig inadäquaten Beziehung zwischen Seele und Wirklichkeit
+wichtiger geworden: die Unangemessenheit, die daraus entsteht, daß die
+Seele breiter und weiter angelegt ist als die Schicksale, die ihr das
+Leben zu bieten vermag. Der entscheidende Strukturunterschied, der sich
+daraus ergibt, ist, daß es sich hier nicht um ein abstraktes Apriori dem
+Leben gegenüber handelt, das sich in Taten realisieren will und dessen
+Konflikte mit der Außenwelt die Fabel ergeben, sondern um eine in sich
+mehr oder weniger vollendete, inhaltlich erfüllte, rein innerliche
+Wirklichkeit, die mit der äußeren in Wettbewerb tritt, ein eigenes,
+reiches und bewegtes Leben hat, das sich in spontaner Selbstsicherheit
+für die einzig wahre Realität, für die Essenz der Welt hält, und dessen
+gescheiterter Versuch diese Gleichsetzung zu verwirklichen den Gegenstand
+der Dichtung abgibt. Es handelt sich hier also um ein konkretes,
+qualitatives und inhaltliches Apriori der Außenwelt gegenüber, um den
+Kampf zweier Welten, nicht um den der Wirklichkeit mit dem Apriori
+überhaupt. Das Auseinanderfallen von Innerlichkeit und Welt wird aber
+dadurch noch stärker. Das Kosmosartige der Innerlichkeit macht sie in
+sich ruhend und selbstgenügsam: während der abstrakte Idealismus, um
+überhaupt existieren zu können, sich in Handlung umsetzen, mit der
+Außenwelt in Konflikt geraten mußte, scheint hier die Möglichkeit eines
+Ausweichens nicht von vornherein ausgeschlossen. Denn ein Leben, das
+alle Lebensinhalte aus Eigenem hervorzubringen vermag, kann rund und
+vollendet sein, auch wenn es sich niemals mit der äußeren, der fremden
+Wirklichkeit berührt. Während also für die psychische Struktur des
+abstrakten Idealismus eine übermäßige und durch nichts gehemmte
+Aktivität nach außen hin bezeichnend war, ist hier mehr eine Tendenz zur
+Passivität vorhanden, die Tendenz äußeren Konflikten und Kämpfen eher
+auszuweichen, als sie aufzunehmen; die Tendenz alles, was die Seele
+betrifft, rein in der Seele zu erledigen.
+
+Freilich: in dieser Möglichkeit liegt die entscheidende Problematik
+dieser Romanform, der Verlust der epischen Versinnbildlichung, die
+Auflösung der Form in ein nebelhaftes und ungestaltetes Nacheinander von
+Stimmungen und Reflexionen über Stimmungen, der Ersatz der sinnlich
+gestalteten Fabel durch psychologische Analyse. Diese Problematik wird
+noch dadurch gesteigert, daß die Außenwelt, die mit dieser Innerlichkeit
+in Berührung kommt, dem Verhältnis der beiden entsprechend, vollständig
+atomisiert oder amorph, jedenfalls aber jedes Sinnes bar sein muß.
+Sie ist eine ganz von der Konvention beherrschte Welt, die wirkliche
+Erfüllung des Begriffs der zweiten Natur: ein Inbegriff sinnesfremder
+Gesetzlichkeiten, von denen aus keine Beziehung zur Seele gefunden
+werden kann. Damit müssen aber alle gebildeartigen Objektivationen des
+sozialen Lebens jede Bedeutung für die Seele verlieren. Selbst ihre
+paradoxe Bedeutung, als notwendiger Schauplatz und Versinnlichung der
+Begebenheiten, bei einer Wesenlosigkeit im letzten Wesenskerne, können
+sie nicht beibehalten; der Beruf verliert jede Wichtigkeit für das
+innere Geschick des einzelnen Menschen; Ehe, Familie und Klasse für
+das ihrer Beziehungen untereinander. Don Quixote wäre undenkbar
+ohne seine Zugehörigkeit zum Ritterstande und seine Liebe ohne die
+Anbetungskonvention der Troubadoure; in der »_Comédie humaine_«
+konzentriert sich und objektiviert sich die dämonische Besessenheit
+aller Menschen in die Gebilde des gesellschaftlichen Lebens, und selbst
+wenn diese in Pontoppidans Roman als für die Seele unwesentlich entlarvt
+werden, so macht gerade der Kampf um sie -- die Einsicht ihrer
+Unwesentlichkeit und der Kampf um ihr Verwerfen -- den Lebensprozeß
+aus, der die Handlung des Werks erfüllt. Hier aber hat jede dieser
+Beziehungen von vornherein aufgehört. Denn die Erhebung der
+Innerlichkeit zu einer völlig selbständigen Welt ist nicht bloß
+eine seelische Tatsache, sondern ein entscheidendes Werturteil über
+die Wirklichkeit: diese Selbstgenügsamkeit der Subjektivität ist
+ihre verzweifelteste Notwehr, das Aufgeben jedes bereits a priori
+als aussichtslos und nur als Erniedrigung angesehenen Kampfes um
+ihre Realisierung in der Welt außer ihr.
+
+Diese Stellungnahme ist eine so extreme Steigerung des Lyrischen, daß
+sie nicht einmal mehr eines rein lyrischen Ausdrucks fähig ist. Denn
+auch die lyrische Subjektivität erobert für ihre Symbole die Außenwelt;
+wenn diese auch eine selbstgeschaffene ist, so ist sie die einzig
+mögliche, sie steht, als Innerlichkeit, nie polemisch-ablehnend der ihr
+zugeordneten Außenwelt gegenüber, nie flüchtet sie in sich selbst, um
+diese zu vergessen, sondern willkürlich erobernd greift sie Bruchstücke
+aus diesem atomisierten Chaos heraus und verschmilzt sie -- alle
+Ursprünge vergessen machend -- in das neu entstandene, lyrische Kosmos
+der reinen Innerlichkeit. Die epische Innerlichkeit ist aber immer
+reflektiert, sie realisiert sich in einer bewußten und abstandsvollen
+Weise, im Gegensatz zur naiven Abstandslosigkeit der echten Lyrik.
+Darum sind ihre Ausdrucksmittel sekundäre: Stimmung und Reflexion;
+Ausdrucksmittel, die den scheinbaren Ähnlichkeiten vom Trotz dem Wesen
+der reinen Lyrik völlig fremd sind. Es ist wahr: Stimmung und Reflexion
+sind konstitutive Aufbauelemente der Romanform, ihre formelle Bedeutung
+ist aber gerade dadurch bestimmt, daß in ihnen das regulative Ideensystem,
+das der ganzen Wirklichkeit zugrunde liegt, offenbar werden kann und
+durch ihre Vermittlung gestaltet wird; also darin, daß sie eine
+positive, wenn auch problematische und paradoxe Beziehung auf die
+Außenwelt haben. Zum Selbstzweck geworden muß ihr undichterischer
+Charakter kraß und jede Form zersetzend auftreten.
+
+Dieses ästhetische Problem ist jedoch in seinen letzten Wurzeln ein
+ethisches; seine künstlerische Lösung hat deshalb -- den Formgesetzen des
+Romans entsprechend -- das Überwinden der ethischen Problematik, die es
+verursacht, zur Voraussetzung. Die hierarchische Frage von Über- und
+Unterordnungsverhältnis zwischen innerer und äußerer Wirklichkeit ist das
+ethische Problem der Utopie; die Frage, inwiefern ein Besserdenkenkönnen
+der Welt sich ethisch rechtfertigen läßt, inwiefern darauf, als
+Ausgangspunkt der Lebensgestaltung, sich ein Leben aufbauen läßt, das
+rund in sich ist und nicht, wie Hamann sagt, ein Loch bekam, statt ein
+Ende zu nehmen. Vom Standpunkt der epischen Form ist dieses Problem so
+zu stellen: kann diese abgeschlossene Korrektur der Wirklichkeit sich in
+Taten umsetzen, die, unabhängig vom äußeren Gelingen oder Versagen, das
+Recht des Individuums auf diese Selbstherrlichkeit beweisen; die die
+Gesinnung, aus der sie getan wurden, nicht kompromittieren? Das rein
+künstlerische Schaffen einer Wirklichkeit, die dieser Traumwelt
+entspricht oder ihr wenigstens angemessener ist als die tatsächlich
+vorgefundene, ist nur eine scheinbare Lösung. Denn die utopische
+Sehnsucht der Seele ist nur dann eine echtgeborene, nur dann würdig,
+Mittelpunkt einer Weltgestaltung zu werden, wenn sie bei dem
+gegenwärtigen Stand des Geistes, oder, was dasselbe besagt, in einer
+gegenwärtig vorstellbaren und gestaltbaren, vergangenen oder mythischen
+Welt überhaupt unerfüllbar ist. Ist eine Welt der Erfüllung zu finden,
+so beweist dies, daß die Unzufriedenheit mit der Gegenwart ein
+artistisches Mäkeln an dessen äußeren Formen war, eine dekorative
+Hingezogenheit zu Zeiten, die ein großzügigeres Linienziehen oder
+eine buntere Farbenpracht ermöglichen. Diese Sehnsucht ist freilich
+erfüllbar, aber ihre Erfüllung zeigt ihre innere Leere in der
+Ideenlosigkeit der Gestaltung auf, wie sie etwa in den so gut erzählten
+Romanen Walter Scotts zutage tritt. Sonst hilft die Flucht vor der
+Gegenwart für das entscheidende Problem gar nichts; in der monumentalen
+oder dekorativen, distanzierten Gestaltung werden dieselben Probleme --
+oft tiefe und künstlerisch unlösbare Dissonanzen zwischen Gebärde und
+Seele, zwischen äußerem Geschick und innerem Schicksal schaffend --
+sichtbar. Salambo oder C. F. Meyers allerdings novellistisch angelegte
+Romane sind hierfür bezeichnende Beispiele. Das ästhetische Problem, die
+Verwandlung von Stimmung und Reflexion, von Lyrismus und Psychologie in
+echt epische Ausdrucksmittel, konzentriert sich deshalb um das ethische
+Grundproblem, um die Frage der notwendigen und möglichen Tat. Der
+Menschentypus dieser Seelenstruktur ist seinem Wesen nach eher ein
+kontemplativer als ein aktiver: seine epische Gestaltung ist also
+vor das Problem gestellt, wie sich dieses In-sich-Zurückziehen oder
+zögerndes, rhapsodisches Handeln doch in Taten umzusetzen vermag; ihre
+Aufgabe ist, den Einheitspunkt von dem notwendigen Dasein und Sosein
+dieses Typus und von seinem notwendigen Scheitern gestaltend
+aufzudecken.
+
+Das Vorherbestimmteste des Versagens ist das andere, objektive Hindernis
+der rein epischen Gestaltung: ob diese Schicksalsbestimmung bejaht oder
+verneint, beweint oder verhöhnt wird, immer ist die Gefahr einer
+subjektiv-lyrischen Stellungnahme zu den Geschehnissen an Stelle des
+normativ-epischen reinen Aufnehmens und Wiedergebens viel näherliegend,
+als es bei einem innerlich weniger von vornherein entschiedenen Kampf
+der Fall ist. Es ist die Stimmung der Desillusionsromantik, die diesen
+Lyrismus trägt und ernährt. Eine übersteigerte und überbestimmte
+Begehrlichkeit des Seinsollenden dem Leben gegenüber und eine
+verzweifelte Einsicht in die Vergeblichkeit dieser Sehnsucht; eine
+Utopie, die von vornherein ein schlechtes Gewissen und die Gewißheit
+der Niederlage hat. Und das Entscheidende an dieser Gewißheit ist ihre
+unlösbare Verknüpftheit mit dem Gewissen; die Evidenz, daß das Scheitern
+eine notwendige Folge ihrer eigenen, inneren Struktur ist, daß sie in
+ihrem besten Wesen und höchsten Werte zu Tode verurteilt ist. Darum
+ist die Stellungnahme sowohl zu dem Helden wie zu der Außenwelt eine
+lyrische: die Liebe und die Anklage, die Trauer, das Mitleid und der
+Hohn.
+
+Die innere Wichtigkeit des Individuums hat den geschichtlichen
+Gipfelpunkt erreicht: es ist nicht mehr, wie im abstrakten Idealismus,
+als Träger von transzendenten Welten bedeutsam, sondern trägt
+ausschließlich in sich selbst seinen Wert, ja die Werte des Seins
+scheinen die Rechtfertigung ihres Geltens erst aus ihrer subjektiven
+Erlebtheit, aus ihrer Bedeutung für die Seele des Individuums zu
+schöpfen.
+
+ Si l'arche est vide où tu pensais trouver ta loi,
+ Rien n'est réel que ta danse:
+ Puisqu' elle n'a pas d'objet, elle est impérissable.
+ Danse pour le désert et danse l'espace.
+
+ (Henri Franck.)
+
+Die Voraussetzung und der Preis dieser maßlosen Erhöhung des Subjekts
+ist jedoch der Verzicht auf jedwede Rolle in der Gestaltung der äußeren
+Welt. Die Desillusionsromantik folgt nicht nur zeitlich-geschichtlich
+auf den abstrakten Idealismus, sie ist auch begrifflich sein Erbe, die
+geschichtsphilosophisch auf ihn folgende Stufe im apriorischen Utopismus:
+dort wurde das Individuum, der Träger der utopischen Forderung an die
+Wirklichkeit, von ihrer rohen Kraft erdrückt; hier ist diese Niederlage
+die Voraussetzung der Subjektivität. Dort erwuchs aus der Subjektivität
+das Heldentum der streitbaren Innerlichkeit; hier erhält der Mensch
+infolge seiner inneren Möglichkeit zum dichterähnlichen Erleben und
+Lebengestalten die Befähigung zum Helden, zur Zentralgestalt der
+Dichtung zu werden. Dort sollte die äußere Welt nach dem Vorbilde der
+Ideale neu geschaffen werden; hier fordert eine sich als Dichtung
+vollendende Innerlichkeit von der Außenwelt, daß sie sich ihr als
+geeignetes Material der Selbstgestaltung hingebe. In der Romantik wird
+der dichterische Charakter jeder Apriorität der Wirklichkeit gegenüber
+bewußt: das von der Transzendenz abgeschnittene Ich erkennt in sich
+die Quelle von allem Seinsollenden und -- als notwendige Folge -- sich
+als das einzig würdige Material seiner Verwirklichung. Das Leben wird
+zur Dichtung, aber damit wird der Mensch zugleich der Dichter seines
+eigenen Lebens und der Zuschauer dieses Lebens als eines geschaffenen
+Kunstwerks. Diese Doppeltheit kann nur lyrisch gestaltet werden. Sobald
+sie in eine zusammenhängende Totalität eingestellt ist, wird das
+Versagenmüssen offenbar: die Romantik wird skeptisch, enttäuscht und
+grausam sich selbst und der Welt gegenüber: der Roman des romantischen
+Lebensgefühls ist der der Desillusionsdichtung. Die Innerlichkeit, der
+jeder Weg zum Sichauswirken versagt ist, staut sich nach innen, kann
+aber dennoch niemals endgültig auf das für immer Verlorene Verzicht
+leisten; denn wenn sie es auch wollte, das Leben versagt ihr jede
+Erfüllung dieser Art: es zwingt ihr Kämpfe und mit ihnen unabwendbare,
+vom Dichter vorausgesehene, vom Helden vorher empfundene Niederlagen
+auf.
+
+Aus dieser Sachlage erwächst eine romantische Maßlosigkeit in allen
+Richtungen. Maßlos wird der innere Reichtum des rein Seelischen zur
+alleinigen Wesenhaftigkeit erhoben und mit einer gleich maßlosen
+Unerbittlichkeit das Belanglose seines Daseins im Ganzen der Welt
+aufgezeigt; die Vereinsamung der Seele, ihr Abgeschnittensein von jedem
+Halt und jeder Bindung wird ins Maßlose gesteigert und zugleich die
+Abhängigkeit dieses Seelenzustandes von gerade dieser Weltlage mit
+schonungslosen Lichtern beleuchtet. Es ist, kompositionell, ein
+Maximum an Kontinuität erstrebt, denn nur in der durch nichts Äußeres
+durchbrochenen Subjektivität gibt es eine Existenz; die Wirklichkeit
+zerfällt jedoch in einander vollkommen heterogene Bruchstücke, die
+nicht einmal isoliert, wie die Abenteuer in »Don Quixote« eine sinnlich
+selbständige Valenz des Daseins besitzen. Sie leben alle nur von der
+erlebenden Stimmung Gnaden, aber diese selbe Stimmung wird durch das
+Ganze in ihrer reflexiven Nichtigkeit enthüllt. So muß hier alles
+verneint werden, denn jede Bejahung hebt das schwebende Gleichgewicht
+der Kräfte auf: die Bejahung der Welt gäbe dem ideenlosen Philistertum,
+dem stumpfen Sichabfindenkönnen mit dieser Wirklichkeit recht und ließe
+eine wohlfeile und glatte Satire entstehen; und die eindeutige Bejahung
+der romantischen Innerlichkeit müßte ein formloses Schwelgen in sich
+eitel bespiegelndem, sich frivol anbetendem, lyrischen Psychologisieren
+hervorbringen. Aber die beiden Prinzipien der Weltgestaltung sind
+einander zu feindlich heterogen, um gleichzeitig bejaht zu werden, wie
+dies in Romanen, die eine Möglichkeit zum Transzendieren auf die Epopöe
+hin besitzen, der Fall sein kann; und eine Verneinung beider, der einzig
+gegebene Weg der Gestaltung, erneuert und potenziert die Grundgefahr
+dieses Romantypus: Selbstauflösung der Form in einen trostlosen
+Pessimismus. Die notwendige Folge der als Ausdrucksmittel herrschenden
+Psychologie: die Zersetzung jedes voraussetzungslos-gewissen,
+menschlichen Wertes, die Aufdeckung seiner letzthinigen Nichtigkeit; und
+die ebenso notwendige Folge der Herrschaft der Stimmung: die ohnmächtige
+Trauer über eine an sich wesenlose Welt, das unwirksame und monotone
+Glänzen einer verwesenden Oberfläche, sind die rein artistischen Seiten
+dieser Sachlage.
+
+Jede Form muß irgendwo positiv sein, um als Form Substanz zu bekommen.
+Die Paradoxie des Romans zeigt ihre große Fragwürdigkeit darin, daß die
+Weltlage und die Menschenart, die seinen formellen Anforderungen am
+meisten entgegenkommen, für die er die einzig angemessene Form ist,
+die Gestaltung vor fast unlösbare Aufgaben stellen. Jacobsens
+Desillusionsroman, der die Trauer darüber, daß »es so viel sinnlose
+Feinheit in der Welt gibt« in wundervollen, lyrischen Bildern
+ausspricht, zerfällt und zerflattert; und der Versuch des Dichters in
+dem heldenhaften Atheismus Niels Lyhnes, in dem kühnen Aufsichnehmen
+seiner notwendigen Einsamkeit, eine verzweifelte Positivität zu finden,
+wirkt als eine von außerhalb der eigentlichen Dichtung herbeigeholte
+Hilfe. Denn dieses Leben, das zur Dichtung werden sollte und zum
+schlechten Fragment wurde, wird in der Gestaltung wirklich zu einem
+Scherbenberg; die Grausamkeit der Desillusion kann nur den Lyrismus der
+Stimmungen entwerten, den Menschen und den Geschehnissen kann sie doch
+keine Substanz und Schwere des Daseins verleihen. Es bleibt eine schöne
+aber schattenhafte Mischung von Schwelgen und Bitterkeit, von Trauer und
+Hohn, aber keine Einheit; Bilder und Aspekte, aber keine Lebenstotalität.
+Und Gontscharows Versuch durch eine positive Kontrastgestalt, die
+großartig, richtig und tief erschaute Figur Oblomows in eine Totalität
+einzustellen, mußte ebenfalls mißlingen. Vergebens fand der Dichter für
+die Passivität dieser Menschenart ein sinnlich so schlagend kräftiges
+Bild wie das ewige, hilflose Liegenbleiben Oblomows. Vor der Tiefe der
+Oblomowschen Tragik, der direkt und nur das Eigentliche im Innersten
+erlebt, jedoch an der kleinsten äußeren Wirklichkeit kläglich scheitern
+muß, wird das sieghafte Glück seines starken Freundes Stolz platt und
+trivial, aber er hat dennoch genügend Kraft und Gewicht um Oblomows
+Geschick ins Mesquine herabzuziehen: die schauererregende Komik dieser
+Heterogeneität von Innerem und Äußerem, die der im Bette liegende
+Oblomow offenbart, verliert mit dem Beginn der eigentlichen Handlung,
+dem Erziehungswerk des Freundes und dessen Mißlingen immer stärker
+ihre gestaltete Tiefe und Größe, sie wird immer mehr das gleichgültige
+Geschick eines von vornherein verlorenen Menschen.
+
+Die größte Diskrepanz zwischen Idee und Wirklichkeit ist die Zeit:
+der Ablauf der Zeit als Dauer. Das tiefste und erniedrigendste
+Sich-nicht-bewähren-Können der Subjektivität besteht weniger in dem
+vergeblichen Kampfe gegen ideenlose Gebilde und deren menschliche
+Vertreter, als darin, daß sie dem träg-stetigen Ablauf nicht standhalten
+kann, daß sie von mühsam errungenen Gipfeln langsam aber unaufhaltsam
+herabgleiten muß, daß dieses unfaßbare, unsichtbar-bewegliche Wesen ihr
+allen Besitz allmählich entwindet und ihr -- unbemerkt -- fremde
+Inhalte aufzwingt. Darum ist es, daß nur die Form der transzendentalen
+Heimatlosigkeit der Idee, der Roman die wirkliche Zeit, Bergsons »durée«
+in die Reihe seiner konstitutiven Prinzipien aufnimmt. Daß das Drama den
+Begriff der Zeit nicht kennt, daß jedes Drama den richtig verstandenen
+drei Einheiten -- wobei Einheit der Zeit Herausgehobensein aus dem
+Ablauf bedeutet -- unterworfen ist, habe ich in anderen Zusammenhängen
+dargelegt. Die Epopöe kennt allerdings scheinbar die Dauer der Zeit, man
+denke nur an die zehn Jahre der Ilias und an die der Odyssee. Doch diese
+Zeit hat ebensowenig eine Realität, eine wirkliche Dauer; die Menschen
+und die Schicksale bleiben von ihr unberührt; sie hat keine eigene
+Bewegtheit, und ihre Funktion ist nur die Größe eines Unternehmens oder
+einer Spannung sinnfällig auszudrücken. Damit der Zuhörer erlebe, was
+die Einnahme Trojas, was die Wanderungen des Odysseus bedeuten, sind
+die Jahre notwendig, geradeso wie die große Zahl der Streiter, wie
+die Erdoberfläche, die durchirrt werden mußte. Aber die Helden erleben
+die Zeit innerhalb der Dichtung nicht, an ihre innere Wandlung oder
+Unveränderlichkeit reicht die Zeit nicht heran; ihr Alter haben sie in
+ihren Charakter aufgenommen, und Nestor ist alt, so wie Helena schön
+und Agamemnon mächtig ist. Altwerden und Sterben, die schmerzliche
+Erkenntnis jedes Lebens, besitzen freilich auch die Menschen der Epopöe,
+aber nur als Erkenntnis; was sie erleben und wie sie es erleben, hat die
+selige Zeitentrücktheit der Götterwelt. Die normative Einstellung zur
+Epopöe ist, nach Goethe und Schiller, die zu etwas ganz Vergangenem;
+eine Zeit also, die hier gegeben ist, ist stillstehend und auf einen
+Blick zu übersehen. Dichter und Gestalten können sich in ihr nach jeder
+Richtung hin frei bewegen, sie hat, wie jeder Raum, mehrere Dimensionen
+und keine Richtung. Und die ebenfalls von Goethe und Schiller statuierte
+normative Gegenwärtigkeit des Dramas verwandelt auch nach Gurnemanz'
+Worten die Zeit in Raum, und erst die vollständige Desorientiertheit
+der modernen Literatur stellte die unmögliche Aufgabe, Entwicklungen,
+allmähliche Zeitabläufe dramatisch darstellen zu wollen.
+
+Die Zeit kann erst dann konstitutiv werden, wenn die Verbundenheit mit
+der transzendentalen Heimat aufgehört hat. So wie die Ekstase den
+Mystiker in eine Sphäre erhebt, wo jede Dauer und jeder Ablauf aufgehört
+hat, aus der er nur wegen seiner kreatürlich-organischen Beschränktheit
+in die Zeitwelt herabsinken muß, so schafft jede Form der innig-sichtbaren
+Wesensgebundenheit einen Kosmos, der dieser Notwendigkeit a priori
+entzogen ist. Nur im Roman, dessen Stoff das Suchenmüssen und das
+Nicht-finden-Können des Wesens ausmacht, ist die Zeit mit der Form
+mitgesetzt: die Zeit ist das Sichsträuben der bloß lebenhaften Organik
+wider den gegenwärtigen Sinn, das Verharrenwollen des Lebens in
+der eigenen, völlig geschlossenen Immanenz. In der Epopöe ist die
+Lebensimmanenz des Sinnes so stark, daß die Zeit von ihr aufgehoben
+wird: das Leben zieht als Leben in die Ewigkeit ein, die Organik hat
+aus der Zeit nur das Blühen mitgenommen und alles Verwelken und Sterben
+vergessen und hinter sich gelassen. Im Roman trennen sich Sinn und Leben
+und damit das Wesenhafte und Zeitliche; man kann fast sagen: die ganze
+innere Handlung des Romans ist nichts als ein Kampf gegen die Macht
+der Zeit. In der Desillusionsromantik ist die Zeit das depravierende
+Prinzip: die Poesie, das Wesentliche muß vergehen, und die Zeit ist es,
+die dieses Dahinsiechen letzten Endes verursacht. Darum ist hier jeder
+Wert auf der Seite des unterliegenden Teiles, der, weil er dahinschwindet,
+den Charakter der verwelkenden Jugend erhält, und alle Roheit und
+ideenlose Härte sind auf der Seite der Zeit. Und nur als nachträgliche
+Korrektur dieser einseitig lyrischen Bekämpfung der siegenden Macht
+wendet sich die Selbstironie gegen das versinkende Wesen: in einem
+neuen, nunmehr verwerflichen Sinn erhält es nochmals das Attribut der
+Jugendlichkeit: das Ideal erscheint als konstitutiv nur für den Zustand
+der seelischen Unreife. Aber die Gesamtanlage des Romans muß schief
+werden, wenn in diesem Kampf Wert und Unwert so scharf getrennt zwischen
+den beiden Seiten verteilt werden. Die Form kann ein Lebensprinzip
+nur dann wirklich verneinen, wenn sie es apriorisch aus ihrem Bereich
+auszuschließen vermag; muß sie es in sich aufnehmen, so ist es für sie
+positiv geworden: die Verwirklichung des Wertes hat es dann nicht nur
+in seinem Widerstand, sondern auch in seiner eigentlichen Existenz zur
+Voraussetzung.
+
+Denn die Zeit ist die Fülle des Lebens, wenn auch die Fülle der Zeit das
+Sichaufheben des Lebens und mit ihm der Zeit ist. Und das Positive, die
+Bejahung, die die Form des Romans, jenseits von aller Trostlosigkeit und
+Trauer seiner Inhalte ausspricht, ist nicht nur der ferne dämmernde Sinn,
+der sich hinter dem gescheiterten Suchen in mattem Glanze erhellt, sondern
+die Fülle des Lebens, die gerade in der vielfältigen Vergeblichkeit des
+Suchens und des Kämpfens offenbar wird. Der Roman ist die Form der
+gereiften Männlichkeit: sein Trostgesang erklingt aus der ahnenden
+Einsicht, daß überall Keime und Fußspuren des verlorenen Sinnes sichtbar
+werden; daß der Widersacher aus der selben verlorenen Heimat stammt, wie
+der Ritter des Wesens; daß dem Leben deshalb die Immanenz des Sinnes
+verlorengehen mußte, damit sie überall gleich gegenwärtig sei. So wird
+die Zeit zum Träger der hohen, epischen Poesie des Romans: sie ist
+unerbittlich existent geworden, und niemand vermag der eindeutigen
+Richtung ihres Stromes nunmehr entgegenzuschwimmen, noch seinen
+unvorhergesehenen Lauf mit den Dämmen der Aprioritäten zu regeln.
+Aber es bleibt ein resigniertes Gefühl lebendig: dies alles muß von
+irgendwoher kommen und es muß nach irgendwohin gehen; mag die Richtung
+auch keinen Sinn verraten, immerhin ist es eine Richtung. Und aus diesem
+resigniert-mannbaren Gefühl entsteigen die episch echtgeborenen, weil
+Taten erweckenden und aus Taten entsprossenen Zeiterlebnisse: die
+Hoffnung und die Erinnerung; Zeiterlebnisse, die zugleich Überwindungen
+der Zeit sind: ein Zusammensehen des Lebens als geronnene Einheit
+_ante rem_ und sein zusammensehendes Erfassen _post rem_. Und wenn das
+naiv-selige Erlebnis des _in re_ dieser Form und ihren gebärenden Zeiten
+versagt sein muß, wenn diese Erlebnisse auch zur Subjektivität und zum
+Reflexivbleiben verurteilt sind, das gestaltende Gefühl des Sinnerfassens
+kann ihnen nicht genommen werden; sie sind die Erlebnisse der größten
+Wesensnähe, die dem Leben einer von Gott verlassenen Welt gegeben sein
+können.
+
+Ein solches Zeiterlebnis liegt Flauberts »_Education sentimentale_«
+zugrunde, und sein Fehlen, das einseitig negative Fassen der Zeit
+ließ letzten Endes die anderen, großangelegten Romane der Desillusion
+scheitern. Von allen großen Werken dieses Typus ist die »_Education
+sentimentale_« scheinbar am wenigsten komponiert, es wird hier gar
+kein Versuch gemacht, das Zerfallen der äußeren Wirklichkeit in
+heterogene, morsche und fragmentarische Teile durch irgendeinen Prozeß
+der Vereinheitlichung zu überwinden, noch die fehlende Verbindung und
+die sinnliche Valenz durch lyrische Stimmungsmalerei zu ersetzen:
+hart, abgebrochen und isoliert stehen die einzelnen Bruchstücke der
+Wirklichkeit nebeneinander da. Und die Zentralgestalt wird weder
+durch Beschränkung der Personenzahl und straffe Komposition auf
+den Mittelpunkt hin, noch durch das Hervorheben ihrer die anderen
+überragenden Persönlichkeit bedeutsam gemacht: das innere Leben des
+Helden ist gerade so brüchig wie seine Umwelt, und seine Innerlichkeit
+besitzt keine lyrische oder hohnvolle Macht des Pathos, die sie dieser
+Geringfügigkeit entgegensetzen könnte. Und dennoch ist dieser für alle
+Problematik der Romanform typischste Roman des neunzehnten Jahrhunderts,
+in der durch nichts gemilderten Trostlosigkeit seines Stoffes, der
+einzige, der die wahre epische Objektivität und durch sie die Positivität
+und bejahende Energie einer geleisteten Form erreicht hat.
+
+Es ist die Zeit, die diese Überwindung möglich macht. Ihr ungehemmtes und
+ununterbrochenes Strömen ist das vereinigende Prinzip der Homogeneität,
+das alle heterogenen Stücke abschleift und miteinander in eine --
+freilich irrationale und unaussprechliche -- Beziehung bringt. Sie ist
+es, die die planlose Wirrnis der Menschen ordnet und ihr den Anschein
+einer aus sich blühenden Organik verleiht: ohne sonst sichtbaren Sinn
+tauchen Gestalten auf und ohne einen Sinn sichtbar zu machen, tauchen
+sie wieder unter, knüpfen Beziehungen mit den anderen an und brechen
+diese wieder ab. Aber in dieses sinnesfremde Werden und Vergehen, das
+vor den Menschen da war und sie überdauert, sind die Gestalten nicht
+einfach eingebettet. Jenseits von Geschehnissen oder Psychologie gibt
+es ihnen die eigentliche Qualität ihres Daseins: wie zufällig immer das
+Auftreten einer Gestalt pragmatisch und psychologisch sei, sie taucht
+aus einer existenten und erlebten Kontinuität auf, und die Atmosphäre
+dieses Getragenseins vom einmaligen und einzigen Lebensstrom hebt die
+Zufälligkeit ihrer Erlebnisse und die Isoliertheit der Geschehnisse, in
+denen sie figuriert, auf. Das Lebensganze, das alle Menschen trägt, wird
+dadurch etwas Dynamisches und Lebendiges: die große Zeiteinheit, die
+dieser Roman umfaßt, die die Menschen in Generationen gliedert und ihre
+Taten einem geschichtlich-sozialen Komplex zuweist, ist nicht ein
+abstrakter Begriff, nicht eine gedanklich nachkonstruierte Einheit, wie
+die des Ganzen der »_Comédie humaine_«, sondern etwas an und für sich
+Existentes, ein konkretes und organisches Kontinuum. Nur ist dieses
+Ganze insofern ein wahres Abbild des Lebens, daß auch ihm gegenüber
+jedes Wertsystem der Ideen regulativ bleibt, daß die Idee, die ihm
+immanent innewohnt, nur die der eigenen Existenz, die des Lebens
+überhaupt ist. Aber diese Idee, die die Ferne der wahren, im Menschen
+zum Ideal gewordenen Ideensysteme noch krasser aufzeigt, nimmt dem
+Scheitern aller Bestrebungen ihre trockene Trostlosigkeit: alles was
+geschieht ist sinnlos, brüchig und trauervoll, es ist aber immer
+durchstrahlt von der Hoffnung oder von der Erinnerung. Und die Hoffnung
+ist hier kein vom Leben isoliertes, abstraktes Kunstwerk, das durch sein
+Scheitern am Leben entweiht und beschmutzt wird; sie ist selbst ein Teil
+des Lebens, das sie, sich daran anschmiegend, und es schmückend, zu
+meistern versucht, wovon sie jedoch immer abgleiten muß. Und in der
+Erinnerung verwandelt sich dieser stete Kampf zu einem interessanten
+und unbegreiflichen Weg, der jedoch mit unzerreißbaren Fäden an den
+gegenwärtigen, an den erlebten Augenblick gebunden ist. Und dieser
+Augenblick ist so reich von der zugleitenden und hinweggleitenden Dauer,
+als deren Stauung er einen Moment des bewußten Schauens bietet, daß sich
+dieser Reichtum auch dem Vergangenen und Verlorenen mitteilt, ja damals
+unbemerkt Vorbeigegangenes mit dem Wert des Erlebens ziert. So ist, in
+merkwürdiger und melancholischer Paradoxie, das Gescheitertsein das
+Moment des Werts; das Denken und Erleben dessen, was das Leben versagt
+hat, die Quelle, der die Fülle des Lebens zu entströmen scheint. Es
+ist die völlige Abwesenheit jeder Sinneserfüllung gestaltet, aber
+die Gestaltung erhebt sich zur reichen und runden Erfülltheit einer
+wirklichen Lebenstotalität.
+
+Das ist das wesentlich epische dieses Gedächtnisses. Im Drama (und
+in der Epopöe) existiert das Vergangene nicht oder ist vollkommen
+gegenwärtig. Da diese Formen den Zeitablauf nicht kennen, gibt es in
+ihnen keinen Qualitätsunterschied des Erlebens zwischen Vergangenem und
+Gegenwärtigem; die Zeit besitzt keine wandelschaffende Macht, nichts
+wird von ihr in seiner Bedeutung verstärkt oder abgeschwächt. Das ist
+der formelle Sinn der von Aristoteles aufgezeigten, typischen Szenen
+der Enthüllungen und der Erkennungen: etwas ist den Helden des Dramas
+pragmatisch unbekannt, nun tritt es in ihren Gesichtskreis ein und
+sie müssen in der dadurch veränderten Welt anders handeln, als sie es
+wollten. Aber das neu Hinzutretende ist durch keine Zeitperspektive
+blasser geworden, es ist dem gegenwärtigen völlig gleichartig und
+gleichwertig. So verändert der Zeitablauf auch in der Epopöe nichts:
+Hebbel konnte das rein dramatische Nicht-vergessen-Können, die
+Vorbedingung der Rache bei Kriemhild und Hagen, unverändert aus dem
+Nibelungenlied übernehmen, und jeder Gestalt der »_Divina Commedia_«
+steht das in ihr Lebendige ihres irdischen Lebens so gegenwärtig vor der
+Seele, wie der mit ihr sprechende Dante, wie der Ort der Strafe oder der
+Gnade, wohin sie heimgelangt ist. Für das lyrische Vergangenheitserlebnis
+ist nur die Veränderung wesentlich. Die Lyrik kennt kein als Gegenstand
+gestaltetes Objekt, das entweder in dem luftleeren Raum der Zeitlosigkeit
+oder in der Atmosphäre des Ablaufs stehen könnte: sie gestaltet den
+Prozeß des Erinnerns oder des Vergessens, und das Objekt ist nur eine
+Veranlassung für das Erlebnis.
+
+Nur in dem Roman und in einzelnen, ihm angenäherten, epischen Formen
+kommt eine schöpferische, den Gegenstand treffende und ihn umwandelnde
+Erinnerung vor. Das echt Epische dieses Gedächtnisses ist die erlebende
+Bejahung des Lebensprozesses. Die Dualität von Innerlichkeit und
+Außenwelt kann hier für das Subjekt aufgehoben werden, wenn es die
+organische Einheit seines ganzen Lebens als das Gewachsensein seiner
+lebendigen Gegenwart aus dem, in der Erinnerung zusammengedrängten,
+vergangenen Lebensstrome erblickt. Die Überwindung der Dualität, also
+das Treffen und Einbeziehen des Objekts, macht dieses Erlebnis zum
+Element einer echt epischen Form. Die stimmungshafte Pseudolyrik des
+Desillusionsromans zeigt sich vor allem darin, daß im erinnernden
+Erleben Objekt und Subjekt deutlich geschieden sind: die Erinnerung
+erfaßt vom Standpunkt der gegenwärtigen Subjektivität die Diskrepanz,
+die zwischen dem Objekt, wie es in Wirklichkeit war, und zwischen seinem
+vom Subjekte als Ideal erhofften Vorbild gesetzt ist. Das Spitze und
+Unerfreuliche einer solchen Gestaltung stammt also nicht so sehr aus der
+Trostlosigkeit des gestalteten Inhalts, wie aus der stehengelassenen
+Dissonanz in der Form; daraus, daß das Objekt des Erlebnisses sich
+nach den Formgesetzen des Dramas aufbaut, während die es erlebende
+Subjektivität eine lyrische ist. Drama, Lyrik und Epik stehen aber nicht
+-- in welcher Hierarchie immer gedacht -- als Thesis, Antithesis und
+Synthesis in einem dialektischen Prozesse, sondern jedes von ihnen ist
+eine, jeder anderen qualitativ völlig heterogene Art der Weltgestaltung.
+Die Positivität jeder Form ist also die Erfüllung ihrer eigenen
+Strukturgesetze; die Lebensbejahung, die als Stimmung von ihr auszugehen
+scheint, ist nichts anderes als die Auflösung ihrer formgeforderten
+Dissonanzen, die Bejahung ihrer eigenen, formgeschaffenen Substanz.
+Die objektive Struktur der Romanwelt zeigt eine heterogene, nur von
+regulativen Ideen geregelte Totalität, deren Sinn nur aufgegeben
+aber nicht gegeben ist. Darum ist die in der Erinnerung aufdämmernde
+aber erlebte Einheit von Persönlichkeit und Welt, in ihrer
+subjektiv-konstitutiven, objektiv-reflexiven Wesensart das tiefste
+und echteste Mittel, die von der Romanform geforderte Totalität zu
+leisten. Es ist die Heimkehr des Subjekts in sich selbst, die in diesem
+Erlebnis offenbar wird, so wie die Ahnung und die Forderung dieser
+Heimkehr den Hoffnungserlebnissen zugrunde liegt. Diese Heimkehr ist es,
+die alles Angefangene, Abgebrochene und Fallengelassene nachträglich zu
+Taten rundet; in der Stimmung ihres Erlebens wird der lyrische Charakter
+der Stimmung überwunden, weil auf die Außenwelt, auf die Lebenstotalität
+bezogen; und die Einsicht, die diese Einheit erfaßt, erhebt sich, wegen
+dieser Objektsbeziehung, aus ihrer zersetzenden Analytik: sie wird das
+ahnend-intuitive Erfassen des unerreichten und darum unaussprechbaren
+Lebenssinnes, der deutlich gewordene Kern aller Taten.
+
+Es ist eine natürliche Folge der Paradoxie dieser Kunstart, daß die
+ganz großen Romane eine gewisse Tendenz zum Transzendieren auf die
+Epopöe hin haben. Die »_Education sentimentale_« ist hier die einzige,
+wirkliche Ausnahme und ist darum für die Form des Romans am meisten
+vorbildlich. In der Gestaltung des Zeitablaufs und seiner Beziehung zum
+künstlerischen Zentrum des ganzen Werkes zeigt sich diese Tendenz am
+deutlichsten. Pontoppidans »Hans im Glück«, der vielleicht von allen
+Romanen des neunzehnten Jahrhunderts dem großen Gelingen Flauberts am
+nächsten steht, bestimmt das Ziel, dessen Erreichen seine Lebenstotalität
+begründet und abrundet, zu inhaltlich konkretisiert und zu wertbetont,
+als daß vom Ende aus diese vollendete, wirklich epische Einheit entstehen
+könnte. Zwar ist auch für ihn der Weg mehr als eine unumgängliche
+Erschwerung des Ideals; er ist der notwendige Umweg, ohne dessen
+Durchschreiten das Ziel leer und abstrakt bliebe und das Erreichen
+darum seinen Wert verlöre. Aber er hat seinen Wert doch nur in Bezug auf
+dieses bestimmte Ziel, und der Wert, der so entsteht, ist doch nur der
+des Gewachsenseins und nicht der des Wachstums selbst. Sein Zeiterleben
+hat also eine leise Neigung zum Transzendieren auf das Dramatische, auf
+das richtende Scheiden vom Wertgetragenen und Sinnverlassenen, das zwar
+mit bewundernswertem Takt überwunden wird, dessen Spuren, jedoch als
+nicht ganz aufgehobene Dualitäten, doch nicht vertilgt werden können.
+
+Der abstrakte Idealismus und seine innige Beziehung zur zeitjenseitigen,
+transzendenten Heimat machen diese Gestaltungsart notwendig. Darum muß
+das größte Werk dieses Typus, der »Don Quixote« noch stärker, und zwar
+seinen formellen und geschichtsphilosophischen Grundlagen nach, zur
+Epopöe transzendieren. Die Geschehnisse im »Don Quixote« sind fast
+zeitlos, eine bunte Reihe von isolierten und in sich vollendeten
+Abenteuern, und das Ende vollendet zwar das Ganze dem Prinzip und dem
+Problem nach, krönt aber doch nur das Ganze und nicht die konkrete
+Gesamtheit der Teile. Das ist das Eposartige des »Don Quixote«, seine
+wundervolle, atmosphärenfreie Härte und Heiterkeit. Es ist freilich nur
+das Gestaltete selbst, das in dieser Weise aus dem Zeitablauf in reinere
+Gegenden emporragt, der Lebensgrund selbst, der es trägt, ist nicht
+zeitlos-mythisch, sondern aus dem Ablauf der Zeit entstanden und
+vermittelt die Spuren dieser Abstammung jeder Einzelheit. Nur daß
+die Strahlen des wahnsinnig dämonischen Gesichertseins in der nicht
+existenten, transzendenten Heimat die Schatten und die Abschattungen
+dieser Geburt auffangen, und alles mit den scharfen Konturen ihres
+Lichts umreißen. Vergessen machen können sie es aber nicht, denn
+diesem einmaligen und einzigen Überwinden der Zeitenschwere verdankt
+ja das Werk seine unwiederholbare Mischung von herbster Heiterkeit und
+mächtiger Melancholie. Wie in allen anderen Punkten hat nicht der naive
+Dichter Cervantes die ihm unbekannten Gefahren seiner Form überwunden
+und eine unwahrscheinliche Vollendung gefunden, sondern der intuitive
+Visionär des nicht wiederkehrenden geschichtsphilosophischen Augenblicks.
+Seine Vision erwuchs an dem Punkt, wo zwei Weltepochen sich schieden,
+erkannte und begriff sie und erhob die verworrenste und verlorenste
+Problematik in die Lichtsphäre der ganz aufgegangenen, ganz zur Form
+gewordenen Transzendenz. Die Vorfahren und die Erben seiner Form, der
+Ritterepik und des Abenteuerromans, zeigen die Gefahr dieser Form, die
+aus ihrem Transzendieren zur Epopöe, aus ihrem Nichtgestaltenkönnen der
+_durée_ entspringt: die Trivialität, die Tendenz zur Unterhaltungslektüre.
+Es ist dies die notwendige Problematik dieses Romantypus, so wie das
+Zerfallen, die Formlosigkeit, wegen des Nicht-bewältigen-Könnens der
+überschweren und überstark existenten Zeit die Gefahr der anderen Art,
+des Desillusionsromans ist.
+
+
+3.
+
+»Wilhelm Meister« steht ästhetisch wie geschichtsphilosophisch
+zwischen diesen beiden Typen der Gestaltung: sein Thema ist die
+Versöhnung des problematischen, vom erlebten Ideal geführten Individuums
+mit der konkreten, gesellschaftlichen Wirklichkeit. Diese Versöhnung
+kann und darf nicht ein Sichabfinden, noch eine von vornherein
+bestehende Harmonie sein, die würde ja zu dem bereits charakterisierten
+Typus des modernen humoristischen Romans führen, nur daß dabei dem dort
+notwendigen Übel die Hauptrolle zufiele. (Freytags »Soll und Haben« ist
+ein Schulbeispiel für diese Objektivation der Ideenlosigkeit und des
+antipoetischen Prinzips.) Menschentypus und Handlungsstruktur sind also
+hier von der formalen Notwendigkeit bedingt, daß die Versöhnung von
+Innerlichkeit und Welt problematisch aber möglich ist; daß sie in
+schweren Kämpfen und Irrfahrten gesucht werden muß, aber doch gefunden
+werden kann. Darum steht die hier in Betracht kommende Innerlichkeit
+zwischen beiden vorher analysierten Typen: ihre Beziehung zur
+transzendenten Ideenwelt ist eine lose, subjektiv wie objektiv
+gelockerte, aber die rein auf sich gestellte Seele rundet ihre Welt
+nicht zu einer in sich vollendeten oder vollendet sein sollenden
+Wirklichkeit ab, die als Postulat und wetteifernde Macht der äußeren
+gegenüber auftritt, sondern trägt als Zeichen der entfernteren aber
+noch nicht erloschenen Verknüpftheit mit der transzendentalen Ordnung
+eine Sehnsucht nach einer diesseitigen Heimat in sich, die dem -- im
+Positiven unklaren, im Ablehnen eindeutigen -- Ideal entspricht. Diese
+Innerlichkeit ist also einerseits ein breiter und deshalb milder,
+schmiegsamer, konkreter gewordener Idealismus und anderseits eine
+solche Erweiterung der Seele, die sich handelnd, auf die Wirklichkeit
+einwirkend und nicht kontemplativ ausleben will. So steht diese
+Innerlichkeit in der Mitte zwischen Idealismus und Romantik und wird,
+in sich eine Synthese und Überwindung beider versuchend, von beiden
+als Kompromiß abgelehnt.
+
+Aus dieser durch das Thema gegebenen Möglichkeit, in der sozialen
+Realität handelnd zu wirken, folgt, daß die Gliederung der Außenwelt,
+Beruf, Stand, Klasse usw. als Substrat des sozialen Handelns für den
+hier in Betracht kommenden Menschentypus von entscheidender Bedeutung
+ist. Das Ideal, das in diesen Menschen lebt und ihre Taten bestimmt, hat
+deshalb zum Inhalt und Ziel: in den Gebilden der Gesellschaft Bindungen
+und Erfüllungen für das Innerlichste der Seele zu finden. Damit ist
+aber, wenigstens postulativ, die Einsamkeit der Seele aufgehoben. Diese
+Wirksamkeit setzt eine menschliche und innerliche Gemeinschaft, ein
+Verständnis und ein Zusammenwirkenkönnen in bezug auf das Wesentliche
+zwischen den Menschen voraus. Diese Gemeinschaft ist jedoch weder das
+naiv-selbstverständliche Gewurzeltsein in gesellschaftlichen Bindungen
+und die naturhafte Solidarität des Zusammengehörens, die daraus entsteht
+(wie in den alten Epopöen), noch ein mystisches Gemeinschaftserlebnis,
+das die einsame Individualität als etwas Vorläufiges, Erstarrtes und
+Sündhaftes vor dem plötzlich aufzuckenden Licht dieser Erleuchtung
+vergißt und hinter sich läßt, sondern ein gegenseitiges Sichabschleifen
+und Aneinandergewöhnen von früher einsamen und eigensinnig auf sich
+beschränkten Persönlichkeiten; die Frucht einer reichen und bereichernden
+Resignation, die Krönung eines Erziehungsprozesses, eine errungene und
+erkämpfte Reife. Der Inhalt dieser Reife ist ein Ideal der freien
+Menschlichkeit, die alle Gebilde des gesellschaftlichen Lebens als
+notwendige Formen menschlicher Gemeinschaft begreift und bejaht,
+zugleich jedoch in ihnen nur die Veranlassung zum Auswirken dieser
+wesentlichen Substanz des Lebens erblickt, sie also nicht in ihrem
+staatlich-rechtlichen, starren Fürsichsein, sondern als notwendige
+Instrumente über sie hinausgehender Ziele sich aneignet. Das Heldentum
+des abstrakten Idealismus und die reine Innerlichkeit der Romantik
+werden deshalb als relativ berechtigte, aber nur als zu überwindende
+und der verinnerlichten Ordnung eingefügte Tendenzen zugelassen; an und
+für sich erscheinen sie als geradeso verwerflich und zum Untergange
+verurteilt, wie das Sichabfinden mit jeder noch so ideenlosen äußeren
+Ordnung, nur weil sie die gegebene Ordnung ist: wie das Philistertum.
+
+Eine solche Struktur der Beziehung zwischen Ideal und Seele relativiert
+die Zentralstellung des Helden: sie ist eine zufällige; der Held wird
+aus der unbegrenzten Zahl der Gleichstrebenden nur darum herausgegriffen
+und in den Mittelpunkt gestellt, weil gerade sein Suchen und Finden die
+Gesamtheit der Welt am deutlichsten offenlegt. Aber in dem Turm, wo
+Wilhelm Meisters Lehrjahre aufgezeichnet sind, stehen -- unter sehr vielen
+anderen -- auch die von Jarno und Lothario und weiteren Mitgliedern des
+Bundes, und der Roman selbst enthält, in den Erinnerungen der Stiftsdame,
+eine ausgeführte Parallele des Erziehungsschicksals. Freilich kennt
+auch der Desillusionsroman diese zufällige Zentralität der Hauptgestalt
+(während der abstrakte Idealismus notwendigerweise mit einem, von seiner
+Einsamkeit gekennzeichneten und in den Mittelpunkt gestellten Helden
+arbeiten muß), dies ist jedoch nur ein Mittel mehr für das Aufzeigen der
+depravierenden Wirklichkeit: in dem Scheiternmüssen jeder Innerlichkeit
+ist jedes Einzelschicksal nur eine Episode, und die Welt stellt sich
+aus der unendlichen Anzahl von solchen, einander heterogen, einsamen
+Episoden zusammen, die nur das Scheiternmüssen als gemeinsames Schicksal
+miteinander teilen. Hier jedoch ist die weltanschauliche Grundlage
+dieser Relativität das Gelingenkönnen der auf ein gemeinsames Ziel
+gerichteten Bestrebungen; die einzelnen Gestalten werden durch diese
+Gemeinschaft des Schicksals innig miteinander verbunden, während im
+Desillusionsroman die Parallelität der Lebenskurve die Einsamkeit der
+Menschen nur noch steigern mußte.
+
+Darum wird hier auch zwischen dem ganz auf das Handeln Gerichtetsein
+des abstrakten Idealismus und der zur Kontemplation gewordenen, rein
+inneren Handlung der Romantik ein Mittelweg gesucht. Die Humanität,
+als Grundgesinnung dieses Gestaltungstypus, erfordert ein Gleichgewicht
+von Aktivität und Kontemplation, von Einwirkenwollen auf die Welt und
+Aufnahmefähigkeit ihr gegenüber. Man hat diese Form Erziehungsroman
+genannt. Mit Recht, denn seine Handlung muß ein auf ein bestimmtes Ziel
+gerichteter, bewußter und geleiteter Prozeß sein, die Entwicklung von
+Eigenschaften in den Menschen, die ohne ein derartiges, tätiges
+Eingreifen von Menschen und glücklichen Zufällen, niemals in ihnen zur
+Blüte gekommen wären; denn das auf diese Weise Erreichte ist selbst
+etwas für andere Bildendes und Förderndes, selbst ein Erziehungsmittel.
+Die Handlung, die von diesem Ziel bestimmt ist, hat eine gewisse Ruhe
+des Gesichertseins. Aber es ist nicht die aprioristische Ruhe einer
+gebundenen Welt; es ist der zielbewußte und zielsichere Wille zur
+Bildung, der diese Atmosphäre der letzten Gefahrlosigkeit schafft. An
+und für sich ist diese Welt durchaus nicht frei von Gefahr. Man muß
+ganze Reihen von Menschen, wegen ihrer Unfähigkeit zur Anpassung,
+untergehen und andere, wegen ihres vorschnellen und bedingungslosen
+Kapitulierens vor jeder Wirklichkeit, verdorren und vertrocknen sehen,
+um die Gefahr, der jeder ausgesetzt ist und gegen die es wohl für
+jeden einen Weg der individuellen Rettung, nicht aber der apriorischen
+Erlöstheit gibt, zu ermessen. Aber es gibt solche Wege, und man sieht
+eine ganze Gemeinschaft von Menschen -- einander helfend, wenn auch
+dabei mitunter Irrtümer und Verwirrungen stiftend -- diese Wege
+siegreich zu Ende gehen. Und was für viele wirklich geworden ist, muß
+für alle, wenigstens der Möglichkeit nach, offen stehen.
+
+So stammt das kräftige und gesicherte Grundgefühl dieser Romanform
+aus dem Relativieren ihrer Zentralgestalt, das wieder von dem Glauben an
+die Möglichkeit gemeinsamer Schicksale und Lebensgestaltungen bedingt
+ist. Sobald dieser Glaube verschwindet -- was formal ausgedrückt soviel
+bedeutet: sobald die Handlung sich aus den Schicksalen eines einsamen
+Menschen aufbaut, der durch die, scheinbaren oder wirklichen,
+Gemeinschaften nur hindurchgeht, aber dessen Geschick nicht in sie
+mündet -- muß sich die Art der Gestaltung wesentlich ändern und sich dem
+Typus des Desillusionsromans nähern. Denn die Einsamkeit ist hier weder
+zufällig noch gegen das Individuum zeugend, sie bedeutet vielmehr, daß
+der Wille zum Wesentlichen aus der Welt der Gebilde und der Gemeinschaften
+hinausführt, daß eine Gemeinschaft nur auf der Oberfläche und auf dem
+Boden des Kompromisses möglich ist. Wird hierdurch zwar auch die
+Zentralgestalt problematisch, so liegt ihre Problematik nicht in
+ihren sogenannten »falschen Tendenzen«, sondern eben darin, daß
+sie ihr Innerlichstes in der Welt überhaupt realisieren wollte.
+Das Erziehungsmäßige, das dieser Form doch bleibt und das sie vom
+Desillusionsroman scharf unterscheidet, ist, daß das schließliche
+Ankommen des Helden in eine resignierte Einsamkeit nicht einen völligen
+Zusammenbruch oder ein Beschmutztwerden aller Ideale bedeutet, sondern
+die Einsicht in die Diskrepanz zwischen Innerlichkeit und Welt,
+eine handelnde Verwirklichung der Einsicht in diese Dualität: das
+Sichabfinden mit der Gesellschaft im resignierten Aufsichnehmen ihrer
+Lebensformen und das Insichabschließen und Fürsichbewahren der nur in
+der Seele realisierbaren Innerlichkeit. Die Gebärde des Ankommens drückt
+den gegenwärtigen Weltzustand aus, ist aber weder ein Protest dagegen
+noch seine Bejahung: nur ein verstehendes Erleben; ein Erleben, das
+gegen beide Seiten gerecht zu werden bestrebt ist und das in dem
+Sich-nicht-auswirken-Können der Seele in der Welt nicht nur die
+Wesenlosigkeit dieser, sondern auch die innere Schwäche jener erblickt.
+Freilich sind in den meisten Einzelfällen die Grenzen zwischen
+diesem nachgoetheschen Typus des Erziehungsromans und dem der
+Desillusionsromantik oft gleitend. Die erste Fassung des »Grünen
+Heinrich« zeigt dies vielleicht am deutlichsten, während die endgültige
+klar und bestimmt diesen formgeforderten Weg einschlägt. Aber die, wenn
+auch überwindbare, Möglichkeit eines solchen Gleitens zeigt die eine
+große Gefahr auf, die diese Form von ihrer geschichtsphilosophischen
+Grundlage aus bedroht: die Gefahr einer nicht vorbildlichen, nicht zum
+Symbol gewordenen Subjektivität, die die epische Form sprengen muß. Denn
+bei dieser Voraussetzung sind möglicherweise sowohl Held wie Schicksal
+etwas bloß Persönliches, und das Ganze wird zu einem memoirenartig
+erzählten Privatgeschick, wie es einem bestimmten Menschen gelungen
+ist, sich mit der ihm gegebenen Umwelt auseinanderzusetzen. (Der
+Desillusionsroman gleicht die gesteigerte Subjektivität der Menschen
+durch die erdrückend-gleichmachende Allgemeinheit des Schicksals aus.)
+Und diese Subjektivität ist unaufhebbarer als die des erzählenden Tones:
+sie gibt allem Dargestellten -- selbst wenn die technische Gestaltung
+aufs vollendetste objektiviert ist -- den fatalen, belanglosen und
+kleinlichen Charakter des bloß Privaten; es bleibt ein Aspekt, der um so
+unangenehmer die Totalität vermissen läßt, weil er in jedem Moment mit
+dem Anspruch eine solche zu gestalten, auftritt. Der weitaus größte Teil
+der modernen Erziehungsromane ist dieser Gefahr rettungslos verfallen.
+
+Die Struktur der Menschen und Schicksale im »Wilhelm Meister« bestimmt
+den Aufbau ihrer sozialen Umwelt. Auch hier handelt es sich um einen
+Zwischenzustand: die Gebilde des gesellschaftlichen Lebens sind nicht
+Abbilder einer feststehenden und sicheren, transzendenten Welt, noch in
+sich selbst eine abgeschlossene und klar gegliederte Ordnung, die sich
+zum Selbstzweck substanziert; denn dann wäre ja das Suchen und die
+Möglichkeit der Verirrung aus dieser Welt ausgeschlossen. Aber sie
+bilden auch keine amorphe Masse, denn sonst müßte die auf Ordnung
+gerichtete Innerlichkeit in ihrem Bereich immer heimatlos bleiben und
+das Erreichen des Zieles wäre von vornherein undenkbar. Die soziale
+Welt muß deshalb zu einer Welt der Konvention werden, die aber eine
+Durchdringung von dem lebendigen Sinn teilweise zugänglich ist.
+
+Damit tritt ein neues Prinzip der Heterogeneität in die Außenwelt ein:
+die irrationale und nicht rationalisierbare Hierarchie der verschiedenen
+Gebilde und Schichten von Gebilden nach ihrer Durchdringbarkeit von
+dem Sinn, der in diesem Fall nicht etwas Objektives bedeutet, sondern
+die Möglichkeit einer Auswirkung der Persönlichkeit. Die Ironie als
+Gestaltungsfaktor wächst hier zu ganz entscheidender Bedeutung, da an
+und für sich keinem Gebilde der Sinn weder zugesagt noch abgesprochen
+werden kann, da diese ihre Eignung oder Untauglichkeit von vornherein
+gar nicht deutlich zu machen ist, sondern nur in der Wechselwirkung mit
+dem Individuum hervortreten darf; diese notwendige Zweideutigkeit wird
+noch dadurch gesteigert, daß es bei den einzelnen Wechselwirkungen gar
+nicht feststellbar ist, ob die Angemessenheit oder Unangemessenheit der
+Gebilde an das Individuum ein Sieg oder ein Scheitern von diesem ist
+oder gar ein Gericht über das Gebilde. Aber diese ironische Bejahung der
+Wirklichkeit -- denn dieses Schweben ergießt einen Glanz selbst über das
+Ideenverlassenste -- ist doch nur ein Zwischenstadium: die Vollendung
+des Erziehungswerkes muß notwendigerweise bestimmte Teile der
+Wirklichkeit idealisieren, romantisieren und andere, als des Sinnes bar,
+der Prosa verfallen lassen. Anderseits aber kann die ironische Haltung
+auch dieser Heimkehr und ihren Vehikeln gegenüber nicht aufgegeben
+werden und einer bedingungslosen Bejahung den Platz überlassen. Denn
+diese Objektivationen des gesellschaftlichen Lebens sind ja auch nur
+Veranlassungen des sichtbaren und fruchtbaren Tätigwerdens von etwas,
+was jenseits von ihnen liegt, und die vorangegangene, ironische
+Homogeneisierung der Wirklichkeit, der sie ihren Wirklichkeitscharakter
+-- ihr, für die subjektiven Aspekte und Tendenzen nicht durchschaubares
+Wesen, ihre selbständige Existenz ihnen gegenüber -- verdanken, kann
+auch hier nicht aufgehoben werden, ohne die Einheit des Ganzen zu
+gefährden. Die erreichte, sinnvolle und harmonische Welt ist also
+gerade so wirklich und hat dieselben Merkmale der Wirklichkeit wie
+die verschiedenen Abstufungen der Sinnesverlassenheit und des brüchigen
+Sinnesdurchdringens, die ihr im Gang der Handlung vorangehen.
+
+In diesem ironischen Takt der romantischen Wirklichkeitsgestaltung
+liegt die andere große Gefahr dieser Romanform, der zu entgehen nur
+Goethe, und auch ihm nur teilweise, gelungen ist. Es ist die Gefahr
+der Romantisierung der Wirklichkeit bis in ein Gebiet des vollends
+Wirklichkeitsjenseitigen oder, was die eigentliche, künstlerische Gefahr
+deutlicher aufzeigt, in eine völlig problemfreie, problemjenseitige
+Sphäre, für die die gestaltenden Formen des Romans nicht mehr ausreichen.
+Novalis, der gerade in diesem Punkte Goethes Schöpfung als prosaisch
+und antipoetisch abgelehnt hat, setzt die im Wirklichen realisierte
+Transzendenz, das Märchen, als Ziel und als Kanon der epischen Poesie
+der Gestaltungsart des »Wilhelm Meister« entgegen. »Wilhelm Meisters
+Lehrjahre sind«, schreibt er, »gewissermaßen durchaus prosaisch und
+modern. Das Romantische geht darin zugrunde, auch die Naturpoesie, das
+Wunderbare. Er handelt bloß von gewöhnlichen, menschlichen Dingen, die
+Natur und der Mystizism sind ganz vergessen. Es ist eine poetisierte
+bürgerliche und häusliche Geschichte. Das Wunderbare darin wird
+ausdrücklich als Poesie und Schwärmerei behandelt. Künstlerischer
+Atheismus ist der Geist des Buches ... Es ist im Grunde ... undichterisch
+im höchsten Grade, so poetisch auch die Darstellung ist.« Und es
+ist wiederum kein Zufall, sondern die rätselhafte und doch so tief
+rationelle Wahlverwandtschaft zwischen Gesinnung und Stoff, daß Novalis
+mit solchen Tendenzen auf die Zeit der ritterlichen Epik zurückgriff.
+Auch er will wie diese (es ist hier freilich von einer apriorischen
+Gemeinschaft der Bestrebungen und nicht von einem direkten oder
+indirekten »Einfluß« irgendwelcher Art die Rede) eine diesseitig
+abgeschlossene Totalität der offenbar gewordenen Transzendenz gestalten.
+Darum muß diese seine Stilisierung, so gut wie die ihre, das Märchen
+zum Ziel haben. Während aber die Epiker des Mittelalters in
+naiv-selbstverständlicher, epischer Gesinnung geradezu auf die
+Gestaltung der diesseitigen Welt ausgingen und die hineinscheinende
+Gegenwart der Transzendenz und mit ihr die Verklärung der Wirklichkeit
+zum Märchen nur als Geschenk ihrer geschichtsphilosophischen Situation
+erhielten, wird für Novalis diese Märchenwirklichkeit, als Herstellung
+einer zerrissenen Einheit von Realität und Transzendenz, zum bewußten
+Gestaltungsziel. Deshalb kann aber die hier alles entscheidende,
+restlose Synthese nicht vollzogen werden. Die Wirklichkeit ist allzu
+belastet und beladen von der Erdenschwere ihrer Ideenverlassenheit, und
+die transzendente Welt ist zu luftig und inhaltlos wegen ihrer allzu
+direkten Abstammung aus der philosophisch-postulativen Sphäre des
+abstrakten Überhaupt, als daß sie sich zur Gestaltung einer lebendigen
+Totalität organisch vereinigen könnten. So ist der künstlerische Riß,
+den Novalis scharfsinnig bei Goethe aufdeckt, in seinem Werke noch
+größer, ganz unüberbrückbar geworden: der Sieg der Poesie, ihre
+verklärende und erlösende Herrschaft über das gesamte Universum, besitzt
+nicht die konstitutive Kraft, alles sonst Irdische und Prosaische in
+dieses Paradies nach sich zu ziehen; das Romantisieren der Wirklichkeit
+überzieht diese nur mit einem lyrischen Schein der Poesie, der sich
+nicht in Begebenheiten, in Epik umsetzen läßt, so daß die wirkliche,
+epische Gestaltung entweder die Goethesche Problematik, aber
+noch verschärft, aufweist, oder durch lyrische Reflexionen und
+Stimmungsbilder umgangen wird. Die Stilisierung von Novalis bleibt
+deshalb eine rein reflexive, die die Gefahr auf der Oberfläche
+zwar verdeckt, im wesentlichen jedoch nur verschärft. Denn das
+lyrisch-stimmungshafte Romantisieren der Gebilde der gesellschaftlichen
+Welt kann sich unmöglich auf ihre bei dem gegenwärtigen Stand des
+Geistes nicht vorhandene prästabilierte Harmonie zu dem wesenhaften
+Leben der Innerlichkeit beziehen, und da Goethes Weg, hier ein ironisch
+schwebendes, vom Subjekt aus geschaffenes und die Gebilde möglichst
+nicht antastendes Gleichgewicht zu finden, von Novalis verworfen wurde,
+blieb ihm kein anderer Weg frei, als die Gebilde in ihrem objektiven
+Dasein lyrisch zu poetisieren und so eine schöne, harmonische, aber in
+sich bleibende, beziehungslose Welt zu schaffen, die sowohl mit der
+endgültigen real-gewordenen Transzendenz, wie mit der problematischen
+Innerlichkeit nur reflexiv, nur stimmungshaft aber nicht episch
+zusammenhängt und so nicht zur wahren Totalität werden kann.
+
+Die Überwindung dieser Gefahr ist aber auch bei Goethe nicht ohne
+Problematik. So stark auch die bloß potentielle und subjektive Wesensart
+des Sinnesdurchdringens für die gesellschaftliche Sphäre des Ankommens
+betont wird, der Gemeinschaftsgedanke, der den ganzen Bau trägt,
+erfordert, daß die Gebilde hier eine größere, objektivere
+Substanzialität und damit eine echtere Angemessenheit an die
+seinsollenden Subjekte besitzen, als es den überwundenen Sphären gegeben
+war. Diese objektivistische Aufhebung der Grundproblematik muß aber den
+Roman der Epopöe annähern; es ist jedoch gerade so unmöglich, das als
+Roman Begonnene als Epopöe zu schließen, wie dieses Transzendieren durch
+neuerliche, ironische Gestaltung aufzufangen und der übrigen Romanmasse
+völlig homogen zu machen. Darum muß der wunderbar einheitlichen, aus
+dem wahren Geiste der Romanform geborenen Theateratmosphäre die
+transzendierende und deshalb brüchige Welt des Adels, als Symbol
+der tätigen Lebensbeherrschung gegenüberstehen. Es ist wahr: das
+Verinnerlichen des Standes ist durch die Art der Ehen, die den Roman
+beschließen, in größter Kraft sinnlich-episch gestaltet; weshalb auch
+die objektive Überlegenheit des Standes zu einer bloß günstigeren
+Gelegenheit für ein freieres und großzügigeres Leben herabgesetzt wird,
+die aber jedem, der die dazu notwendigen, inneren Voraussetzungen
+besitzt, offensteht. Trotz dieses ironischen Vorbehalts ist aber der
+Stand doch auf eine Höhe der Substantialität gehoben, der er innerlich
+nicht gewachsen sein kann: es soll sich in seinem Rahmen, wenn auch
+auf einen begrenzten Kreis beschränkt, eine allgemeine und umfassende
+kulturelle Blüte entfalten, die die Lösung der verschiedensten,
+individuellen Geschicke in sich aufzunehmen vermag; es muß sich also
+über die Welt, die vom Adelsstand umgrenzt und aufgebaut wird, etwas
+von einem problemjenseitigen Glanz der Epopöe ergießen. Und dieser
+immanenten Konsequenz der Endsituation kann selbst Goethes klügster
+künstlerischer Takt, sein Dazwischenschieben und Auftauchenlassen neuer
+Probleme nicht ausweichen. In dieser Welt selbst aber, in ihrer bloß
+relativen Angemessenheit an das wesentliche Leben, liegt kein Element,
+das die Möglichkeit zu einer solchen Stilisierung darbieten würde. Dazu
+war der vielgerügte, phantastische Apparat der letzten Bücher, der
+geheimnisvolle Turm, die vorsehungsartig waltenden, allwissenden
+Eingeweihten usw. notwendig. Goethe griff hier zu Gestaltungsmitteln
+der (romantischen) Epopöe, und wenn er diese Mittel, die ihm für die
+Gestaltung der sinnlichen Bedeutsamkeit und Schwere des Schlusses
+unbedingt nötig waren, durch ihre leichte und ironische Behandlung
+wieder herabzusetzen, ihres Eposcharakters zu entkleiden und sie zu
+Elementen der Romanform umzuwandeln versuchte, so mußte er hier
+scheitern. Seine gestaltende Ironie, die sonst überall das der Formung
+Unwürdige mit ausreichender Substanz versah und jede transzendierende
+Bewegung mit der Immanenz der Form auffing, kann hier nur das Wunderbare
+-- seinen spielerischen, willkürlichen und für das Letzte unwesentlichen
+Charakter aufdeckend -- entwerten, aber doch nicht verhindern, daß
+es die Toneinheit des Ganzen dissonierend zerreiße: es wird zu einer
+Geheimnistuerei ohne verborgenen Tiefsinn, zu einem stark betonten
+Handlungsmotiv ohne wirkliche Wichtigkeit, zu einem spielerischen Zierat
+ohne schmückende Grazie. Und dennoch ist es mehr als ein Zugeständnis an
+den Zeitgeschmack (wie es manche entschuldigend auffassen), und es ist
+trotz allem vollkommen unmöglich, dieses so unorganische »Wunderbare«
+irgendwie aus dem »Wilhelm Meister« wegzudenken. Es war eine wesentliche,
+formale Notwendigkeit, die Goethe zwang, es zu benutzen; und seine
+Anwendung mußte nur darum mißglücken, weil es, der Weltgesinnung des
+Dichters entsprechend, auf eine weniger problematische Form intendiert,
+als es sein Substrat, das zu gestaltende Zeitalter, gestattet. Auch hier
+ist es die utopische Gesinnung des Dichters, die es nicht aushält, bei
+dem Abzeichnen der zeitgegebenen Problematik stehenzubleiben und sich
+mit dem Erblicken und dem subjektiven Erleben eines nicht realisierbaren
+Sinnes zu beruhigen; die ihn dazu zwingt, ein rein individuelles
+Erlebnis, das postulativ allgemeingültig sein mag, als seienden und
+konstitutiven Sinn der Wirklichkeit zu setzen. Jedoch die Wirklichkeit
+ist auf dieses Sinnesniveau nicht heraufzuzwingen und -- wie in allen
+entscheidenden Problemen großer Formen -- gibt es keine noch so große
+und noch so meisterhaft reife Kunst des Gestaltens, die diesen Abgrund
+zu überbrücken vermöchte.
+
+
+4.
+
+Immerhin verbleibt dieses Transzendieren zur Epopöe innerhalb des
+gesellschaftlichen Lebens und es zerreißt die Formimmanenz nur insofern,
+als es an der entscheidenden Stelle der zu gestaltenden Welt eine
+Substantialität zumutet, die diese in keiner, wenn auch noch so
+abgeschwächten, Weise zu ertragen und im Gleichgewicht zu halten fähig
+ist. Die Gesinnung zum Problemjenseitigen, zur Epopöe intendiert hier
+doch nur auf ein immanent-utopisches Ideal der gesellschaftlichen Formen
+und Gebilde, sie transzendiert deshalb nicht diese Formen und Gebilde
+überhaupt, sondern nur ihre geschichtlich gegebenen, konkreten
+Möglichkeiten, was freilich zum Zerbrechen der Formimmanenz ausreicht.
+Eine solche Stellungnahme entsteht erst im Desillusionsroman, wo die
+Inkongruenz von Innerlichkeit und konventioneller Welt zu einem völligen
+Verneinen der letzteren führen muß. Solange aber diese Verneinung bloß
+eine innere Stellungnahme bedeutet, bleibt, bei geleisteter Form, die
+Immanenz des Romanes bewahrt und bei Verfehlen des Gleichgewichts ist
+eher von einem lyrisch psychologischen Zersetzungsprozeß der Form
+überhaupt die Rede, als von einem Transzendieren des Romans zur Epopöe.
+(Die eigenartige Stellung Novalis' wurde bereits analysiert.) Das
+Transzendieren ist aber unvermeidlich, wenn die utopische Ablehnung der
+konventionellen Welt sich in einer, ebenfalls existenten Wirklichkeit
+objektiviert und die polemische Abwehr so die Form der Gestaltung
+erhält. Eine solche Möglichkeit war der westeuropäischen Entwicklung
+nicht gegeben. Hier richtet sich die utopische Forderung der Seele auf
+etwas von vornherein Unerfüllbares: auf eine Außenwelt, die einer aufs
+äußerste differenzierten und verfeinerten, zur Innerlichkeit gewordenen
+Seele angemessen wäre. Das Verwerfen der Konvention geht aber nicht auf
+die Konventionalität selbst aus, sondern teils auf ihre Seelenfremdheit,
+teils auf ihren Mangel an Verfeinerung; teils auf ihre kulturfremde,
+bloß zivilisationshafte Wesensart, teils auf ihre trockene und dürre
+Geistlosigkeit. Es ist aber -- abgesehen von reinen, fast mystisch zu
+nennenden anarchistischen Tendenzen -- immer eine sich in Gebilden
+objektivierende Kultur gemeint, die der Innerlichkeit angemessen wäre.
+(Das ist der Punkt, wo Goethes Roman sich mit dieser Entwicklung
+berührt, nur daß bei ihm diese Kultur gefunden wird, woraus der
+eigentümliche Rhythmus des »Wilhelm Meister« entsteht: das steigende
+Übertreffen der Erwartung durch die immer wesentlicher werdenden
+Gebildeschichten, die der Held mit zunehmender Reife -- mit zunehmendem
+Verzicht auf abstrakten Idealismus und utopische Romantik -- erreicht.)
+Diese Kritik kann sich deshalb nur lyrisch äußern. Selbst bei Rousseau,
+dessen romantische Weltanschauung eine Abkehr von jeder kulturellen
+Gebildewelt zum Inhalt hat, gestaltet sich die Polemik rein polemisch,
+d. h. rhetorisch, lyrisch, reflexionsmäßig; die westeuropäische
+Kulturwelt wurzelt so stark in der Unentrinnbarkeit der sie aufbauenden
+Gebilde, daß sie niemals fähig sein kann, sich anders als polemisierend
+ihr entgegenzustellen.
+
+Erst die größere Nähe zu den organisch-naturhaften Urzuständen, die der
+russischen Literatur des neunzehnten Jahrhunderts als Gesinnungs- und
+Gestaltungssubstrate gegeben waren, machen eine solche schaffende Polemik
+möglich. Nach dem wesentlich »europäischen« Desillusionsromantiker
+Turgenjew hat Tolstoi diese Form des Romans mit der stärksten
+Transzendenz zur Epopöe geschaffen. Die große, wahrhaft epische und
+von jeder Romanform entfernte Gesinnung Tolstois strebt einem Leben
+zu, das auf die Gemeinschaft gleichempfindender, einfacher, der Natur
+innig verbundener Menschen gegründet ist, das sich dem großen Rhythmus
+der Natur anschmiegt, sich in ihrem Takt von Geburt und Vergehen bewegt
+und alles Kleinliche und Trennende, Zersetzende und Erstarrende der nicht
+naturhaften Formen aus sich ausschließt. »Der Muschik stirbt ruhig«,
+schreibt er über seine Novelle »Drei Tode« an die Gräfin A. A. Tolstoi.
+»Seine Religion ist die Natur, mit der er gelebt hat. Er fällte Bäume,
+säte Roggen, mähte ihn, er schlachtete Hämmel, Hämmel wurden bei ihm
+geboren und Kinder kamen zur Welt, Greise starben und er kennt dieses
+Gesetz, von dem er sich nie abgewendet hat, wie die Barinja, genau und
+hat ihm direkt und einfach ins Auge geschaut ... Der Baum stirbt ruhig,
+einfach und schön. Schön, weil er nicht lügt, weil er nicht grimmassiert,
+nichts fürchtet und nichts bedauert.«
+
+Die Paradoxie seiner geschichtlichen Stellung, die mehr als alles
+andere beweist, wie sehr der Roman die notwendige epische Form unserer
+Tage ist, zeigt sich darin, daß diese Welt, selbst bei ihm, der sie
+nicht nur ersehnt, sondern auch konkret, klar und reich erblickt und
+gestaltet, sich nicht in Bewegung, in Handlung umsetzen läßt; daß sie
+nur ein Element der epischen Gestaltung bleibt, nicht aber die epische
+Wirklichkeit selbst ist. Denn die naturhaft-organische Welt der alten
+Epopöe war eben doch eine Kultur, deren spezifische Qualität ihr
+organischer Charakter war, während die von Tolstoi als Ideal gesetzte
+und als seiend erlebte Natur in ihrem innersten Wesen als Natur gemeint
+ist und als solche der Kultur gegenübergestellt wird. Daß eine solche
+Entgegensetzung notwendig ist, ist die unauflösbare Problematik der
+Romane Tolstois. Also: nicht weil er die Kultur nicht wirklich in sich
+überwunden hat und seine Beziehung zu dem, was er als Natur erlebt und
+gestaltet, eine bloß sentimentalische ist, nicht aus psychologischen
+Ursachen mußte seine Gesinnung zur Epopöe bei einer problematischen
+Romanform landen, sondern aus Gründen der Form und ihrer Beziehung zu
+ihrem geschichtsphilosophischen Substrat.
+
+Eine Totalität von Menschen und Begebenheiten ist nur auf dem Boden
+der Kultur, wie immer man sich auch zu ihr stellen mag, möglich. Das
+Entscheidende sowohl als Gerippe wie als inhaltlich-konkrete Erfüllung
+von Tolstois epischen Werken gehört deshalb der von ihm als problematisch
+verworfenen Welt der Kultur an. Da aber die Natur, wenn sie sich zwar
+nicht zur immanent abgeschlossenen und vollendeten Totalität abrunden
+kann, doch etwas ebenfalls objektiv Existentes ist, entstehen im Werk
+zwei Schichten von Realitäten, die nicht nur im Gewertetsein, sondern
+auch in der Qualität ihres Seins einander völlig heterogen sind. Und
+ihr Beziehen aufeinander, das erst den Aufbau einer Werktotalität
+ermöglicht, kann nur der erlebte Weg von der einen zu der anderen sein;
+oder bestimmter: da die Richtung mit dem Resultat des Wertens gegeben
+ist, der Weg von der Kultur zu der Natur. Hierdurch wird -- als paradoxe
+Folge der paradoxen Beziehung zwischen der Gesinnung des Dichters
+und dem Zeitalter, das er vorfindet -- doch ein sentimentalisches,
+romantisches Erlebnis zum Zentrum der ganzen Gestaltung: das
+Unbefriedigtsein der wesentlichen Menschen von allem, was ihnen die sie
+umgebende Welt der Kultur zu bieten vermag, und das aus ihrem Verwerfen
+folgende Suchen und Finden der anderen, der wesensvolleren Wirklichkeit
+der Natur. Die Paradoxie, die sich aus diesem Thema ergibt, wird noch
+gesteigert dadurch, daß diese »Natur« Tolstois nicht die Fülle und die
+Rundung besitzt, die es ermöglichen würde, daß sie, wie die relativ
+substantiellste Abschlußwelt Goethes, zu einer Heimat für das Erreichen
+und das Zur-Ruhe-Kommen werde. Sie ist vielmehr bloß die tatsächliche
+Gewähr dafür, daß es jenseits der Konventionalität ein wesentliches
+Leben wirklich gibt; ein Leben, das in den Erlebnissen der vollen und
+echten Selbstheit, in dem Selbsterleben der Seele zwar erreicht werden
+kann, aus dem man jedoch rettungslos in die andere Welt wieder
+herabsinken muß.
+
+Diesen trostlosen Konsequenzen seiner Weltansicht, die er mit der
+heroischen Unerbittlichkeit eines welthistorischen Dichters zieht, kann
+Tolstoi auch durch die eigentümliche Stellung, die er Liebe und Ehe,
+zwischen Natur und Kultur -- in beiden beheimatet und in beiden fremd
+-- zuweist, nicht entgehen. In dem Rhythmus des naturhaften Lebens, dem
+Rhythmus des unpathetischen, selbstverständlichen Werdens und Vergehens
+ist die Liebe der Punkt, wo die das Leben meisternden Mächte sich am
+konkretesten und sinnfälligsten gestalten. Aber die Liebe als reine
+Naturmacht, als Leidenschaft gehört doch nicht der Tolstoischen Welt der
+Natur an: sie ist dazu zu sehr an die Beziehung von Individuum an
+Individuum gebunden und deshalb zu sehr isolierend, zu sehr Abstufungen
+und Verfeinerungen schaffend: zu kulturell. Die Liebe, die in dieser
+Welt die wahrhaft zentrale Stelle einnimmt, ist die Liebe als Ehe, die
+Liebe als Vereinigung -- wobei die Tatsache des Vereinigtseins und des
+Einswerdens wichtiger ist, als wer sich darin findet -- die Liebe als
+Mittel der Geburt; die Ehe und die Familie als Vehikel der naturhaften
+Kontinuität des Lebens. Daß dadurch eine gedankliche Zwiespältigkeit in
+den Bau hineinkommt, würde künstlerisch wenig bedeuten, wenn dieses
+Schwanken nicht noch eine, den anderen heterogene Wirklichkeitsschicht
+schaffen würde, die mit den an und für sich heterogenen beiden Sphären
+in keine kompositionelle Verbundenheit gebracht werden kann; die deshalb,
+je echter sie gestaltet ist, desto stärker in das Entgegengesetzte des
+Beabsichtigten umschlagen muß: der Triumph dieser Liebe über die Kultur
+soll ein Sieg des Ursprünglichen über das falsch Verfeinerte sein, er
+wird jedoch zu einem trostlosen Verschlucktwerden alles menschlich Hohen
+und Großen von der Natur, die im Menschen lebt, die sich aber, indem sie
+sich wirklich auslebt -- in unserer Welt der Kultur -- nur als Anpassung
+an die niedrigste, geistloseste, ideenverlassenste Konvention ausleben
+kann. Darum ist die Stimmung des Epiloges von »Krieg und Frieden«, die
+beruhigte Kinderstubenatmosphäre, in der alles Suchen ein Ende gefunden
+hat, von einer tieferen Trostlosigkeit, als das Ende des problematischsten
+Desillusionsromans. Hier ist von allem, was früher da war, nichts
+übriggeblieben; wie der Sand der Wüste die Pyramiden bedeckt, ist alles
+Seelische vom animalisch Naturhaften aufgesogen und zu nichts gemacht.
+
+Dieser ungewollten Trostlosigkeit des Schlusses reiht sich eine
+gewollte an: die Schilderung der konventionellen Welt. Tolstois wertende
+und verwerfende Stellungnahme reicht in jedes Detail der Darstellung
+herunter. Die Ziellosigkeit und Substanzlosigkeit dieses Lebens äußert
+sich nicht nur objektiv, für den Leser, der es so durchschaut, auch
+nicht nur als Erlebnis des allmählichen Enttäuschtwerdens, sondern als
+eine apriorische und feststehende, bewegliche Leere und ruhelose
+Langeweile. Jedes Gespräch und jede Begebenheit erhält hiermit den
+Stempel dieses Gerichts, das der Dichter über sie vollzogen hat.
+
+Diesen beiden Erlebensgruppen steht das Wesenserleben der Natur
+gegenüber. In ganz seltenen großen Augenblicken -- zumeist sind es
+Augenblicke des Todes -- öffnet sich dem Menschen eine Wirklichkeit, in
+der er das über ihn und zugleich in ihm waltende Wesen, den Sinn seines
+Lebens, mit einer alles durchleuchtenden Plötzlichkeit erblickt und
+erfaßt. Das ganze frühere Leben versinkt in ein Nichts vor diesem
+Erleben, alle seine Konflikte und die Leiden und Qualen und Irrungen,
+die sie verursacht haben, erscheinen kleinlich und wesenlos. Der Sinn
+ist erschienen und die Wege ins lebendige Leben stehen der Seele offen.
+Und wieder deckt hier Tolstoi mit der paradoxen Unerbittlichkeit des
+wahren Genies die tiefste Problematik seiner Form und ihrer Grundlage
+auf: es sind die großen Augenblicke des Sterbens, die diese entscheidende
+Seligkeit spenden -- es ist das Erlebnis des zu Tode verwundeten Andrej
+Bolkonsky am Schlachtfeld von Austerlitz, das Einheitserlebnis von
+Karenin und Wronsky am Sterbebette Annas -- und die wahre Seligkeit
+wäre, jetzt zu sterben, so sterben zu können. Aber Anna wird gesund und
+Andrej kehrt ins Leben zurück, und der große Augenblick ist spurlos
+verschwunden. Man lebt wieder in der Welt der Konventionen, man lebt
+wieder ein zielloses und wesenloses Leben. Die Wege, die der große
+Augenblick gezeigt hat, haben mit seinem Vergehen ihre richtungweisende
+Substantialität und Realität verloren; man kann sie nicht gehen, und
+wenn man auf ihnen zu wandeln meint, so ist diese Wirklichkeit eine
+bittere Karikatur dessen, was die Offenbarung des großen Erlebens
+gezeigt hat. (Ljewins Gotteserlebnis und das darauffolgende Festhalten
+des Errungenen -- trotz des stetigen psychischen Herabgleitens -- stammt
+mehr aus dem Willen und der Theorie des Denkers, als aus der Vision des
+Gestalters. Es ist programmatisch und besitzt nicht die unmittelbare
+Evidenz der anderen großen Augenblicke.) Und die wenigen Menschen, die
+ihr Erleben wirklich zu leben fähig sind -- vielleicht ist Platon
+Karatajew die einzige solche Gestalt --, sind notwendige Nebengestalten:
+jedes Ereignis gleitet von ihnen ab, nie werden sie mit ihrem Wesen in
+die Begebenheiten verstrickt, ihr Leben objektiviert sich nicht, ist
+nicht gestaltbar, nur andeutbar, nur als Gegensatz zu den anderen
+künstlerisch-konkret bestimmbar. Sie sind ästhetische Grenzbegriffe
+und keine Realitäten.
+
+Diesen drei Wirklichkeitsschichten entsprechen die drei Zeitbegriffe
+der Welt Tolstois, und ihre Unvereinbarkeit weist am stärksten die
+innere Problematik dieser so reichen und innerlich gestalteten
+Werke auf. Die Welt der Konvention ist eigentlich zeitlos: ein ewig
+wiederkehrendes und sich wiederholendes Einerlei rollt sich nach
+sinnesfremden Eigengesetzlichkeiten ab; eine ewige Bewegtheit ohne
+Richtung, ohne Wachstum, ohne Vergehen. Die Figuren werden ausgetauscht,
+aber mit ihrem Wechsel ist nichts geschehen, denn eine jede ist
+gleich wesenlos, an die Stelle einer jeden kann eine beliebige andere
+eingesetzt werden. Und wann immer man diese Bühne betritt und wann immer
+man sie wieder verläßt; immer ist es dieselbe bunte Wesenlosigkeit, die
+man findet oder von der man sich abkehrt. Darunter rauscht der Fluß
+der Tolstoischen Natur: die Stetigkeit und das Einerlei eines ewigen
+Rhythmus. Und was sich hierbei verändert, ist auch nur etwas Wesenloses:
+das individuelle Geschick, das darin verflochten ist, das auftaucht und
+untergeht, dessen Existenz keine Bedeutung besitzt, die in ihm selbst
+gegründet wäre, dessen Beziehung zum Ganzen seine Persönlichkeit nicht
+aufnimmt, sondern vernichtet, das für das Ganze -- als individuelles
+Geschick, nicht als ein Element der Rhythmik neben zahllosen gleichartigen
+und gleichwertigen anderen -- vollständig belanglos ist. Und die großen
+Augenblicke, die eine Ahnung eines wesentlichen Lebens, eines sinnhaften
+Ablaufs aufleuchten lassen, bleiben Augenblicke: isoliert von den beiden
+anderen Welten, ohne konstitutive Bezogenheit auf sie. Die drei Begriffe
+der Zeit sind also nicht nur einander heterogen und miteinander
+unvereinbar, sondern keiner von ihnen drückt eine wirkliche Dauer, die
+wirkliche Zeit, das Lebenselement des Romans aus. Das Hinausgehen über
+die Kultur hat nur die Kultur verbrannt, kein gesichertes, wesenhafteres
+Leben an seine Stelle gesetzt; das Transzendieren der Romanform macht
+sie noch problematischer -- rein künstlerisch sind Tolstois Romane
+übersteigerte Typen der Desillusionsromantik, ein Barock der Form
+Flauberts -- ohne dem ersehnten Ziel, der problemjenseitigen Wirklichkeit
+der Epopöe in konkreter Gestaltung näher zu kommen als andere. Denn die
+ahnend erblickte Welt der wesenhaften Natur bleibt Ahnung und Erlebnis,
+also subjektiv und für die gestaltete Wirklichkeit reflexiv; sie ist --
+rein künstlerisch -- jeder Sehnsucht nach einer angemesseneren Realität
+dennoch gleichartig.
+
+Über den Typus des Desillusionsromans ist die Entwicklung nicht
+hinausgekommen und die Literatur der allerletzten Zeit zeigt keine
+wesentlich schöpferische, neue Typen bildende Möglichkeit: es ist ein
+eklektisches Epigonentum früherer Gestaltungsarten da, das nur im
+formell Unwesentlichen -- im Lyrischen und im Psychologischen --
+produktive Kräfte zu haben scheint.
+
+Tolstoi selbst nimmt freilich eine doppelte Stellung ein. In einer
+rein auf die Form gerichteten Betrachtung -- die jedoch gerade bei
+ihm unmöglich das Entscheidende seiner Gesinnung und selbst seiner
+gestalteten Welt treffen kann -- muß er als Abschluß der europäischen
+Romantik begriffen werden. In den wenigen ganz großen Momenten seiner
+Werke jedoch, die nur formell, nur in bezug auf das im Werk gestaltete
+Ganze, als subjektiv-reflexiv aufgefaßt werden mußten, ist eine deutlich
+differenzierte, konkrete und existente Welt aufgezeigt, die, wenn sie
+sich zur Totalität ausbreiten könnte, den Kategorien des Romans völlig
+unzugänglich wäre und einer neuen Form der Gestaltung bedürfte: der
+erneuerten Form der Epopöe.
+
+Es ist die Sphäre einer reinen Seelenwirklichkeit, in der der Mensch
+als Mensch -- und nicht als Gesellschaftswesen, aber auch nicht als
+isolierte und unvergleichliche, reine und darum abstrakte Innerlichkeit --
+vorkommt, in der, wenn sie einmal als naiv erlebte Selbstverständlichkeit,
+als die einzig wahre Wirklichkeit da sein wird, sich eine neue und
+abgerundete Totalität aller in ihr möglichen Substanzen und Beziehungen
+aufbauen kann, die unsere gespaltene Realität gerade so weit
+hinter sich läßt und nur als Hintergrund benützt, wie unsere
+gesellschaftlich-»innerliche« Dualitätswelt die Welt der Natur hinter
+sich gelassen hat. Aber diese Wandlung kann niemals von der Kunst
+aus vollzogen werden: die große Epik ist eine an die Empirie des
+geschichtlichen Augenblicks gebundene Form und jeder Versuch, das
+Utopische als seiend zu gestalten, endet nur formzerstörend, aber nicht
+wirklichkeitschaffend. Der Roman ist die Form der Epoche der vollendeten
+Sündhaftigkeit, nach Fichtes Worten, und muß die herrschende Form
+bleiben, solange die Welt unter der Herrschaft dieser Gestirne steht.
+Bei Tolstoi waren Ahnungen eines Durchbruchs in eine neue Weltepoche
+sichtbar: sie sind aber polemisch, sehnsuchtsvoll und abstrakt
+geblieben.
+
+Erst in den Werken Dostojewskys wird diese neue Welt, fern von jedem
+Kampf gegen das Bestehende, als einfach geschaute Wirklichkeit
+abgezeichnet. Darum steht er und steht seine Form außerhalb von diesen
+Betrachtungen: Dostojewsky hat keine Romane geschrieben, und die
+gestaltende Gesinnung, die in seinen Werken sichtbar wird, hat weder
+bejahend noch verneinend etwas mit der europäischen Romantik des
+neunzehnten Jahrhunderts und mit den mannigfaltigen, ebenfalls
+romantischen Reaktionen gegen sie zu tun. Er gehört der neuen Welt an.
+Ob er bereits der Homer oder der Dante dieser Welt ist oder bloß die
+Gesänge liefert, die spätere Dichter, zusammen mit anderen Vorläufern,
+zur großen Einheit verflechten werden, ob er nur ein Anfang, oder schon
+eine Erfüllung ist: das kann nur die Formanalyse seiner Werke aufzeigen.
+Und es kann erst dann Aufgabe einer geschichtsphilosophischen
+Zeichendeuterei sein, auszusprechen, ob wir wirklich im Begriffe sind,
+den Stand der vollendeten Sündhaftigkeit zu verlassen, oder ob erst
+bloße Hoffnungen die Ankunft des Neuen verkündigen; Anzeichen eines
+Kommenden, das noch so schwach ist, daß es von der unfruchtbaren Macht
+des bloß Seienden wann immer spielend erdrückt werden kann.
+
+
+[ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei
+ jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile
+ steht.
+
+ die Romantisierung der Wirklichkeit. Novalis. -- Goethes
+ die Romantisierung der Wirklichkeit. -- Novalis. -- Goethes
+
+identische Begriffe. Denn die Frage, als deren gestaltende Anwort das
+identische Begriffe. Denn die Frage, als deren gestaltende Antwort das
+
+Metaphysik alles Asthetische vorweggenommen hat, so gibt es für
+Metaphysik alles Ästhetische vorweggenommen hat, so gibt es für
+
+Held in seiner eigenen Seele zurückerlegen muß, bis er sich als Helden
+Held in seiner eigenen Seele zurücklegen muß, bis er sich als Helden
+
+der gegenstands,freien Kontemplation seines Selbst, keine Auflösung
+der gegenstandsfreien Kontemplation seines Selbst, keine Auflösung
+
+»_Divina comedia_«, vom »Werther« zum »Wilhelm Meister«; es ist der
+»_Divina Commedia_«, vom »Werther« zum »Wilhelm Meister«; es ist der
+
+aus dem Gleichgewicht in dem wechselseitigen Bedingstein von Teil und
+aus dem Gleichgewicht in dem wechselseitigen Bedingtsein von Teil und
+
+deshalb ein geschichts-philosophischer Übergang von der reinen Epopöe zum
+deshalb ein geschichtsphilosophischer Übergang von der reinen Epopöe zum
+
+an Geburt und Tod gebunden ist zeigt er doch gerade durch den Punkt,
+an Geburt und Tod gebunden ist, zeigt er doch gerade durch den Punkt,
+
+einer die Risse zudeckender Oberfläche, die aber nicht einmal als Fläche
+einer die Risse zudeckenden Oberfläche, die aber nicht einmal als Fläche
+
+In den homerischen Epen umfaßte die Allherschaft der rein menschlichen
+In den homerischen Epen umfaßte die Allherrschaft der rein menschlichen
+
+ist wahr, seine Vorraussetzungen sind da: die großartige Einheit ihres
+ist wahr, seine Voraussetzungen sind da: die großartige Einheit ihres
+
+Dieses ästetische Problem ist jedoch in seinen letzten Wurzeln ein
+Dieses ästhetische Problem ist jedoch in seinen letzten Wurzeln ein
+
+bewußt: das von der Transzendenz abgeschnittene Ich erkennt in sich
+ Das »n« in »von« war im Original auf den Kopf gestellt.
+
+kein Versuch gemacht, daß Zerfallen der äußeren Wirklichkeit in
+kein Versuch gemacht, das Zerfallen der äußeren Wirklichkeit in
+
+Die Posivität jeder Form ist also die Erfüllung ihrer eigenen
+Die Positivität jeder Form ist also die Erfüllung ihrer eigenen
+
+direkten Abstammung aus der philosopisch-postulativen Sphäre des
+direkten Abstammung aus der philosophisch-postulativen Sphäre des
+
+eigentümliche Rhytmus des »Wilhelm Meister« entsteht: das steigende
+eigentümliche Rhythmus des »Wilhelm Meister« entsteht: das steigende
+
+Rythmus des unpathetischen, selbstverständlichen Werdens und Vergehens
+Rhythmus des unpathetischen, selbstverständlichen Werdens und Vergehens
+]
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+End of the Project Gutenberg EBook of Die Theorie des Romans, by Georg Lukács
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE THEORIE DES ROMANS ***
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+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
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+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
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+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
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