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diff --git a/old/schmelzle-ie6.htm b/old/schmelzle-ie6.htm new file mode 100644 index 0000000..c974260 --- /dev/null +++ b/old/schmelzle-ie6.htm @@ -0,0 +1,3644 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> + +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" lang="de" xml:lang="de"> + <head> + <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> + <title>The Project Gutenberg eBook of Des Feldpredigers Schmelzle Reise nach Flätz, by Jean Paul</title> + <style type="text/css"> +/*<![CDATA[ XML blockout */ +<!-- + body { padding-left: 22%; padding-right: 27%; } + + p { margin-top: .75em; + margin-bottom: .75em; + text-align: justify; + text-indent: 1.5em; + } + + h1, h2, h3 { text-align: center; + font-weight: normal; + clear: both; + margin-top: 0em; + } + h2, h3 { margin-bottom: 1.5em; } + + .new-h2 { margin-top: 6em; } + .new-h3 { margin-top: 4em; } + + ins { text-decoration: none; border-bottom: 1px dashed #039; } + + .gesperrt { letter-spacing: 0.2em; margin-right: -0.2em; } + em.gesperrt { font-style: normal; } + + .center { text-align: center; } + .right { text-align: right; } + + .figcenter { margin: 4em auto; text-align: center; } + + .pagenum { position: absolute; + display: inline; + right: 1.5%; + font-size: x-small; + text-align: right; + color: #808080; + font-style: normal; + border: 1px solid silver; + padding: 1px 4px 1px 4px; + font-variant: normal; + font-weight: normal; + text-decoration: none; + text-indent: 0em; + } + + .sidenote-l, + .sidenote-r { text-align: left; width: 38.5%; position: absolute; font-size: 0.9em; } + .sidenote-l { left: 1.5%; } + .sidenote-r { right: 6.5%; } + + .dropcap, + .center, + .right, + .sidenote-l, + .sidenote-r, + #tnote p { text-indent: 0em; } + + .dropcap:first-letter { font-size: 250%; } + + #tnote { width: 28em; + border: 1px dashed #808080; + background-color: #f6f6f6; + text-align: justify; + padding-left: 0.75em; + padding-right: 0.75em; + margin: 120px auto 120px auto; + } + + @page { margin: 2cm; } + + @media print { + body { margin: 2em; } + h2 { page-break-before: always; } + .figcenter { page-break-before: always; page-break-after: always; } + #tnote, pre, .pagenum { display: none; } + ins, a { text-decoration: none; border: none; color: black; } + } +// --> +/* XML end ]]>*/ + </style> + </head> +<body> + + +<div id="tnote"> +<p class="center"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></p> +<p>Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden +übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden +korrigiert. Änderungen sind im Text <ins title="so wie hier">gekennzeichnet</ins>, +der Originaltext erscheint beim Überfahren mit der Maus.</p> +<p>Diese Version wurde für Internet Explorer 6 optimiert. Falls die +<a href="#noten">fortgehenden Noten</a> bei Ihnen nicht richtig dargestellt +werden, verwenden Sie bitte die <a href="schmelzle-ie7.htm">andere Version</a>.</p> +</div> + +<div class="figcenter" style="width: 365px; page-break-before: auto;"> +<img src="images/schmelzle.png" width="365" height="500" alt="Attila Schmelzle" title=""/> +</div> + +<h1 style="line-height: 1.4em;"><small style="font-size: 0.6em;">Des</small><br/> +<small style="font-size: 0.8em;">Feldpredigers Schmelzle</small><br/> +<big class="gesperrt">Reise nach Flätz</big><br/> +<small style="font-size: 0.6em;">mit fortgehenden Noten;</small></h1> + +<p class="center" style="line-height: 2.2em;">von<br/> +<big class="gesperrt">Jean Paul.</big></p> + + +<hr style="height: 2px; color: black; background-color: black; width: 12em; border: none; margin: 6em auto 1em auto;"/> + +<p class="center gesperrt" style="line-height: 1.8em;"><small>Leipzig</small><br/> +Kurt Wolff Verlag<br/> +1917.</p> + +<p class="center" style="line-height: 1.8em; margin-top: 8em;">Mit acht Kupfern<br/> +von<br/> +<span class="gesperrt">Karl Thylmann</span></p> +<hr style="height: 1px; color: black; background-color: black; width: 3em; border: none; margin: auto;"/> +<p class="center">2. Abdruck</p> + + + + +<div class="new-h2"> </div> +<p><span class="pagenum"><a name="Page_3">3</a></span></p> +<h2>Vorrede des Verfassers.</h2> + + +<p class="dropcap">Ich glaube, mit drei Worten ist sie gemacht, +so wie der Mensch und seine Buße +aus ebenso vielen Teilen.</p> + +<p>1) Das erste Wort ist über den Zirkelbrief +des Feldpredigers Schmelzle zu sagen, +worin er seinen Freunden seine Reise nach +der Hauptstadt Flätz beschreibt, nachdem +er in einer Einleitung einige Beweise und +Versicherungen seines Mutes vorausgeschickt. +<span class="pagenum"><a name="Page_4">4</a></span>Eigentlich ist selber die Reise nur +dazu bestimmt, seine vom Gerüchte angefochtene +Herzhaftigkeit durch lauter Tatsachen +zu bewähren, die er darin erzählt. +Ob es nicht inzwischen feine Nasen von +Lesern geben dürfte, welche aus einigen darunter +gerade umgekehrt schließen, seine +Brust sei nicht überall bombenfest, wenigstens +auf der linken Seite, darüber lass' ich +mein Urteil schweben.</p> + +<p>Übrigens bitte ich die Kunstkenner sowie +ihren Nachtrab, die Kunstrichter, diese Reise, +für deren Kunstgehalt ich als Herausgeber +verantwortlich werde, bloß für ein Porträt +(im französischen Sinne), für ein Charakterstück +zu halten. Es ist ein will- oder unwillkürliches +Luststück, bei dem ich so oft gelacht, +<span class="pagenum"><a name="Page_5">5</a></span>daß ich mir für die Zukunft ähnliche Charaktergemälde +zu machen vorgesetzt. – Wann +könnte indes ein solches Luststückchen schicklicher +der Welt ausgestellt und beschert +werden, als eben in Zeiten, wo schweres +Geld und leichtes Gelächter fast ausgeklungen +haben, zumal da wir jetzt wie Türken +bloß mit Beuteln rechnen und zahlen (der +Inhalt ist heraus) und mit Herzbeuteln +(der Inhalt ist darin)? –</p> + +<p>Verächtlich würde mir's vorkommen, +wenn irgendein roher Tintenknecht rügend +und öffentlich anfragte, auf welchen Wegen +ich zu diesem Selbst-Kabinetts-Stücke +Schmelzles gekommen sei. Ich weiß sie gut +und sage sie nicht. Dieses fremde Luststück, +wofür ich allerdings (mein Verleger bezeugt's) +<span class="pagenum"><a name="Page_6">6</a></span>den Ehrensold selber beziehe, überkam +ich so rechtlich, daß ich unbeschreiblich +ruhig erwarte, was der Feldprediger gegen +die Herausgabe sagt, falls er nicht schweigt. +Mein Gewissen bürgt mir, daß ich wenigstens +auf ehrlicheren Wegen zu diesem Besitztume +gekommen, als die sind, auf denen +Gelehrte mit den Ohren stehlen, welche als +geistige Hörsaalshausdiebe und Kathederschnapphähne +und Kreuzer die erbeuteten +Vorlesungen in den Buchdruckereien ausschiffen, +um sie im Lande als eigene Erzeugnisse +zu verhandeln. Noch hab' ich wenig +mehr in meinem Leben gestohlen, als jugendlich +zuweilen – Blicke.</p> + +<p><a name="noten">2)</a> Das zweite Wort soll die auffallende, +mit einem Notensouterrain durchbrochene +<span class="pagenum"><a name="Page_7">7</a></span>Gestalt des Werkleins entschuldigen. Sie +gefällt mir selber nicht. Die Welt schlage +auf und schaue hinein und entscheide ebenfalls. +Aber folgender Zufall zog diese durch +das ganze Buch streichende Teilungslinie: +ich hatte meine eigenen Gedanken (oder Digressionen), +womit ich die des Feldpredigers +nicht stören durfte, und die bloß als Noten +hinter der Linie fechten konnten, aus Bequemlichkeit +in ein besonderes Manuskript +zusammengeschrieben, und jede Note ordentlich, +wie man sieht, mit ihrer Nummer +versehen, die sich bloß auf die Seitenzahl +des fremden Hauptmanuskripts bezog; ich +hatte aber bei dem Kopieren des letzteren +vergessen, in den Text selber die entsprechende +einzuschreiben. Daher werfe niemand, sowenig +<span class="pagenum"><a name="Page_8">8</a></span>als ich, einen Stein auf den guten +Setzer, daß dieser – vielleicht in der Meinung, +es gehöre zu meiner Manier, worin ich +etwas suchte – die Noten geradeso, wie sie +ohne Rangordnung der Zahlen untereinander +standen, unter den Text hinsetzte, jedoch +durch ein sehr lobenswürdiges künstliches +Ausrechnen wenigstens dafür sorgte, daß +unter jede Textseite etwas von solchem glänzenden +Notenniederschlag käme. – – Nun, +die Sache ist einmal geschehen, ja verewigt, +nämlich gedruckt. Am Ende sollte ich mich +eigentlich darüber erfreuen. In der Tat +– und hätt' ich jahrelang darauf gesonnen +(wie ich's bisher seit zwanzigen getan), um +für meine Digressionskometenkerne neue +Lichthülsen, wenn nicht Zugsonnen, für +<span class="pagenum"><a name="Page_9">9</a></span>meine Episoden neue Epopöen zu erdenken: +schwerlich hätt' ich für solche Sünden einen +besseren und geräumigeren Sündenbalg erfunden, +als hier Zufall und Setzer fertig +gemacht darreichen. Ich habe nur zu beklagen, +daß die Sache gedruckt worden, +eh' ich Gebrauch davon machen können. +Himmel! welche fernsten Anspielungen +(hätt' ich's vor dem Drucke gewußt) wären +nicht in jeder Textseite und Notennummer +zu verstecken gewesen, und welche scheinbare +Unangemessenheit in die wirkliche Gemessenheit +und ins Notenuntere der Karten; wie +empfindlich und boshaft wäre nicht die +Höhe und auf die Seite herauszuhauen +gewesen, aus den sicheren Kasematten und +Miniergängen unten, und welche <i lang="la" xml:lang="la">laesio</i> +<span class="pagenum"><a name="Page_10">10</a></span><i lang="la" xml:lang="la">ultradimidium</i> (Verletzung über die Hälfte +des Textes) wäre nicht mit satirischen Verletzungen +zu erfüllen und zu ergänzen gewesen!</p> + +<p>Aber das Schicksal wollte mir nicht so +gut; ich sollte von diesem goldenen Handwerksboden +für Satiren erst etwas erfahren +drei Tage vor der Vorrede.</p> + +<p>Vielleicht aber holt die Schreibwelt – +bei dem Flämmchen dieses Zufalls – eine +wichtigere Ausbeute, einen größeren unterirdischen +Schatz herauf, als leider ich gehoben; +denn nun ist dem Schriftsteller ein +Weg gezeigt, in einem Marmorbande ganz +verschiedene Werke zu geben, auf einem +Blatte zugleich für zwei Geschlechter, ohne +deren Vermischung, ja für fünf Fakultäten +<span class="pagenum"><a name="Page_11">11</a></span>zugleich, ohne deren Grenzverrückung, zu +schreiben, indem er, statt ein ekles, gärendes +Allerlei für niemand zu brauen, bloß dahin +arbeitet, daß er Notenlinien oder Demarkationslinien +zieht und so auf dem nämlichen +fünfstöckigen Blatte die unähnlichsten Köpfe +behauset und bewirtet. Vielleicht läse dann +mancher ein Buch zum vierten Male, +bloß, weil er jedesmal nur ein Viertel +gelesen.</p> + +<p>Wenigstens den Wert hat dieses Werk, +daß es ein Werkchen ist, und klein genug; +so daß es, hoff' ich, jeder Leser fast schon +im Buchladen schnell durchlaufen und auslesen +kann, ohne es, wie ein dickes, erst +deshalb kaufen zu müssen. – Und warum +soll denn überhaupt auf der Körperwelt +<span class="pagenum"><a name="Page_12">12</a></span>etwas anderes groß sein, als nur das, +was nicht zu ihr gehört, die Geisterwelt? –</p> + +<p class="center"><span class="gesperrt">Baireuth</span>,<br/> +im Heu- und Friedensmonat 1807.</p> + +<p class="right"><big class="gesperrt">Jean Paul Fr. Richter.</big></p> + +<div class="figcenter" style="width: 301px; page-break-after: auto;"> +<img src="images/blitzschirm.png" width="301" height="500" alt="Der Blitzschirm ist nämlich ganz der Reimarus'sche" title="" /> +</div> + + + + +<div class="new-h2"> </div> +<p><span class="pagenum"><a name="Page_13">13</a></span></p> +<h2 style="text-align: justify; padding-left: 1.5em; text-indent: -1.5em;">Zirkelbrief des vermutlichen katechetischen +Professors <span class="gesperrt">Attila Schmelzle</span> an +seine Freunde, eine Ferienreise nach +Flätz enthaltend, samt einer Einleitung, +sein Davonlaufen und seinen Mut +als voriger Feldprediger betreffend.</h2> + + +<p class="dropcap">Nichts ist wohl lächerlicher, meine werten +Freunde, als wenn man einen Mann für einen +Hasen ausgibt, der vielleicht gerade mit den +entgegengesetzten Fehlern eines Löwen kämpft, +wiewohl nun auch der afrikanische Leu seit +Sparrmanns Reise als ein Feigling zirkuliert. +Ich bin indes in diesem Falle, Freunde, wovon +ich später reden werde, ehe ich meine + +<span class="sidenote-l"><sup>103</sup> Gute Fürsten bekommen leicht gute Untertanen +(nicht so leicht diese jene); so wie Adam im Stande +der Unschuld die Herrschaft über die Tiere hatte, +die alle zahm waren und blieben, bis sie bloß mit +ihm verwilderten und fielen.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_14">14</a></span> +Reise beschreibe. Ihr freilich wißt alle, daß +ich gerade umgekehrt den Mut und den Waghals +(ist er nur sonst kein Grobian) vergöttere, +zum Beispiel meinen Schwager, den Dragoner, +der wohl nie in seinem Leben einen Menschen +allein ausgeprügelt; sondern immer einen ganzen +geselligen Zirkel zugleich. Wie furchtbar +war nicht meine Phantasie schon in der Kindheit, +wo ich, wenn der Pfarrer die stumme +Kirche in einem fort anredete, mir oft den +Gedanken: »wie, wenn du jetzt geradezu aus +dem Kirchenstuhle hinauf schrieest: ich bin +auch da, Herr Pfarrer!« so glühend ausmalte, +daß ich vor Grausen hinaus mußte! – So +etwas wie Rugendas' Schlachtstücke – entsetzliches +Mordgetümmel – Seetreffen und +Landstürme bei Toulon – auffliegende Flotten +– und in der Kindheit Prager Schlachten +auf Klavieren – und kurz, jede Karte von +einem reichen Kriegsschauplatz; dies sind vielleicht +zu sehr meine Liebhabereien und ich +lese – und kaufe nichts lieber; es könnte + +<span class="sidenote-r"><sup>5</sup> Denn ein guter Arzt rettet, wenn nicht immer von +der Krankheit, doch von einem schlechten Arzt.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_15">15</a></span> +mich oft zu manchem versuchen, hielt mich +nicht meine Lage aufrecht. Soll indes rechter +Mut etwas Höheres sein, als bloßes Denken +und Wollen: so genehmigt ihr es am ersten, +Werteste, wenn auch der meinige einst dadurch +in tätige Worte ausbrechen will, daß ich +meinen künftigen Katecheten, so gut es in Vorlesungen +möglich, zu christlichen Heroen stähle. +– Es ist bekannt, daß ich immer, wenigstens +zehn Acker weit, von jedem Ufer voll Badegäste +und Wasserschwimmer fern spazieren gehe, um +für mein Leben zu sorgen, bloß weil ich voraussehe, +daß ich, falls einer davon ertrinken +wollte, ohne weiteres (denn das Herz überflügelt +den Kopf) ihm, dem Narren, rettend nachspringen +würde, in irgendeine bodenlose Tiefe +hinein, wo wir beide ersöffen. – Und wenn +das Träumen der Widerschein des Wachens +ist, so frag' ich euch, Treue, erinnert ihr euch +nicht mehr, daß ich euch Träume von mir erzählt +habe, deren sich kein Cäsar, Alexander und + +<span class="sidenote-l"><sup>100</sup> Die Bücher liegen voll Phönixasche eines tausendjährigen +Reichs und Paradieses; aber der Krieg +weht und viel Asche verstäubt.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_16">16</a></span> +Luther schämen darf? Hab' ich nicht – um +nur an einige zu erinnern – Rom gestürmt +und mich mit dem Papste und dem Elefantenorden +des Kardinalkollegiums zugleich duelliert? +Bin ich nicht zu Pferde, worauf ich als +Revuezuschauer gesessen, in ein <i lang="fr" xml:lang="fr">bataillon quarré</i> +eingebrochen und habe in Aachen die Perücke +Karls des Großen, wofür die Stadt jährlich +zehn Rtlr. Frisiergeld zahlt, und darauf in +Halberstadt von Gleim Friedrichs Hut erobert, +und beide aufeinander aufgesetzt und +habe mich doch noch umgekehrt, nachdem ich +vorher auf einem erstürmten Walle die Kanone +gegen den Kanonier selber umgekehrt? – habe +ich nicht mich beschneiden und doch als Jude +mich zählen lassen, und mit Schinken bewirten, +wiewohl's Affenschinken am Orinoko waren +(nach Humboldt)? Und tausend dergleichen; +denn zum Beispiel den Flätzer Konsistorialpräsidenten +hab' ich aus dem Schloßfenster +geworfen – Knall- oder Allarmfidibus von + +<span class="sidenote-r"><sup>102</sup> Lieber politischer und religiöser Inquisitor! Die +Turiner Lichtchen leuchten ja erst recht, wenn du +sie zerbrichst, und zünden dann sogar.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_17">17</a></span> +Heinrich Backofen in Gotha, das Dutzend zu +6 Gr., und jeder wie eine Kanone knallschlagend, +hab' ich so ruhig angehört, daß die +Fidibus mich nicht einmal aufweckten – und +mehr.</p> + +<p>Doch genug! Es ist Zeit, mit wenigem die +Verleumdung meines Feldpredigeramtes, die +leider auch in Flätz umläuft, bloß dadurch, +wie ein Cäsar den Alexander zu zerstäuben, +daß ich sie berühre. Es sei daran wahr was +wolle, es ist immer wenig oder gar nichts. +Euer großer Minister und General in Flätz +– vielleicht der größte überall – denn es +gibt nicht viele Schabacker – konnte allerdings +wie jeder große Mann gegen mich eingenommen +werden, doch nicht mit dem Geschütz +der Wahrheit; denn letzteres stell' ich +euch hierher, ihr Herzen, und drückt ihr's nur +zu meinem Besten ab! Es laufen nämlich im +Flätzischen unsinnige Gerüchte um, daß ich +aus bedeutenden Schlachten Reißaus genommen + +<span class="sidenote-l"><sup>86</sup> So wahr! In der Jugend liebt und genießt man +unähnliche Freunde fast mehr, als im Alter die +ähnlichsten.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_18">18</a></span> +(so pöbelhaft spricht man), und daß +nachher, als man Feldprediger zu Dank- und +Siegespredigten gesucht, nichts zu haben gewesen. +Das Lächerliche davon erhellt wohl +am besten, wenn ich sage, daß ich in gar +keinem Treffen gewesen bin, sondern mehrere +Stunden vor demselben mich so viele Meilen +rückwärts dahin gezogen habe, wo mich unsere +Leute, sobald sie geschlagen worden, notwendig +treffen mußten. Zu keiner Zeit, ist der +Rückzug wohl so gut – ein guter aber wird +für das Meisterstück der Kriegskunst gehalten +– und mit solcher Ordnung, Stärke und +Sicherheit zu machen, als eben vor dem Treffen, +wo man ja nicht geschlagen ist.</p> + +<p>Ich könnte zwar als hoffentlicher Professor +der Katechetik zu solchen Verumfeiungen +meines Mutes still sitzen und lächeln – denn +schmied' ich meine künftigen Katecheten durch +sokratisches Fragen zum Weiterfragen zu: so +hab' ich sie zu Helden gehärtet, da nichts +gegen sie zu Felde zieht als Kinder – Katecheten + +<span class="sidenote-r"><sup>128</sup> In der Liebe gibt's Sommerferien; aber in der +Ehe gibt's auch Winterferien, hoff' ich.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_19">19</a></span> +dürfen ohnehin Feuer fürchten, nur +Licht nicht, da in unseren Tagen wie in London +die Fenster eingeworfen werden, wenn +sie nicht erleuchtet sind, anstatt daß es sonst +den Völkern mit dem Lichte ging wie den +Hunden mit dem Wasser, die, wenn man +ihnen lange keins gibt, endlich die Scheu vor +dem Wasser bekommen – und überhaupt +säuselt für Katecheten jeder Park lieblicher +und wohlriechender als ein schwefelhafter +Artilleriepark, und der Kriegsfuß, worauf die +Zeit gesetzt wird, ist ihnen der wahre teuflische +Pferdefuß der Menschheit. – –</p> + +<p>Aber ich denke anders – ordentlich als +wäre der Patengeist des Taufnamen <ins title="Attilla">Attila</ins> +mehr, als sich's gehört, in mich gefahren, ist + +<span class="sidenote-l"><sup>143</sup> Die Weiber haben wöchentlich wenigstens einen +aktiven und passiven <em class="gesperrt">Neids</em>tag, den heiligen, den +Sonntag; – nur die höhern Stände haben mehr +Sonn- als Werkeltage, so wie man in großen +Städten seinen Sonntag schon Freitags mit einem +Türken feiern kann, Sonnabends mit einem Juden, +Sonntags mit sich selbst. Weiber gleichen köstlichen +Arbeiten aus Elfenbein, nichts ist weißer und glätter +und nichts wird leichter gelb.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_20">20</a></span> +mir daran gelegen, immer nur meinen Mut +zu beweisen, was ich denn hier wieder mit +einigen Zeilen tun will, teuerste Freunde! +Ich könnte diese Beweise schon durch bloße +Schlüsse und gelehrte Zitate führen. Zum +Beispiel wenn Galen bemerkt, daß Tiere mit +großen Hinterbacken schüchtern sind: so brauch' +ich bloß mich umzuwenden und dem Feinde +nur den Rücken – und was darunter ist – +zu zeigen, wenn er sehen soll, daß es mir +nicht an Tapferkeit fehlt, sondern an Fleisch. +– Wenn nach bekannten Erfahrungen Fleischspeisen +herzhaft machen: so kann ich dartun, +daß ich hierin keinem Offizier nachstehe, welcher +bei seinem Speisewirt große Bratenrechnungen +nicht nur machen, sondern auch +unsaldiert bestehen läßt, um zu jeder Stunde, +sogar bei seinem Feinde selber (dem Wirte), +ein offenes Dokument zu haben, daß er das +Seinige (und Fremdes dazu) gegessen, und +gemeines Fleisch auf den Kriegsfuß gesetzt, + +<span class="sidenote-r"><sup>34</sup> Nur die kleinen Tapeten- und Hintertüren sind +die Gnadentüren; das große Tor ist die Ungnadentüre, +die Flügeltüren sind halbe Januspforten.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_21">21</a></span> +lebend nicht, wie ein anderer, von Tapferkeit, +sondern für Tapferkeit. Ebensowenig hab' +ich je als Feldprediger hinter irgendeinem +Offizier unter dem Regimente zurückstehen +wollen, der ein Löwe ist und mithin jeden +Raub angreift, nur daß er, wie dieser König +der Tiere, das Feuer fürchtet – oder der, +wie König Jakob von England, welcher davonlaufend +vor nackten Degen, desto kühner +vor ganz Europa dem stürmenden Luther mit +Buch und Feder entgegenschritt, gleichfalls +bei ähnlicher Idiosynkrasie sowohl mündlich +als schriftlich mit jedem Kriegsheer anbindet. +Hier entsinn' ich mich vergnügt eines wackeren +Sous-Lieutenants, der mir beichtete – wiewohl +er mir noch das Beichtgeld schuldig ist, +sowie, noch besser, seinen Wirtinnen das +Sündengeld – welcher in Rücksicht der Herzhaftigkeit +vielleicht etwas von jenem indischen +Hunde hatte, den Alexander geschenkt bekommen + +<span class="sidenote-l"><sup>21</sup> Schiller und Klopstock sind poetische Spiegel vor +dem Sonnengotte; die Spiegel werfen so blendend +die Sonne zurück, daß man in ihnen die Gemälde +der Welt nicht gespiegelt sehen kann.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_22">22</a></span> +als einen Hundsalexander. Der Makedonier +ließ zur Probe auf den Wunderhund +andere Helden- oder Wappentiere anlaufen +– erstlich einen Hirschen – aber der Hund +ruhte; – dann eine Sau – er ruhte; – +sogar einen Bären – er ruhte: jetzt wollt' +ihn Alexander verurteilen, als man endlich +einen Löwen einließ; da stand der Hund auf +und zerriß den Löwen. Ebenso der Sous-Lieutenant. +Ein Duellant, ein Auswärtsfeind, +ein Franzose ist ihm nur Hirsch und Sau +und Bär, und er bleibt liegen; aber nun +komme und klopfe an sein ältester, stärkster +Feind, sein Gläubiger, und fordere ihm für +verjährte Freuden jetziges Schmerzensgeld ab, +und wollt' ihm so Vergangenheit und Zukunft +zugleich abrauben: der Leutnant fährt auf und +wirft den Gläubiger die Treppe hinab. Leider +steh' ich auch erst bei der Sau und werde +natürlich verkannt.</p> + +<p><i lang="la" xml:lang="la">Quo</i> – sagt Livius XII. 5. mit Recht – + +<span class="sidenote-r"><sup>72</sup> Den Halbgelehrten betet der Viertelsgelehrte an +– diesen der Sechzehnteilsgelehrte – und so fort; +– aber nicht den Ganzgelehrten der Halbgelehrte.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_23">23</a></span> +<i lang="la" xml:lang="la">quo timoris minus est, eo minus ferme periculi +est</i>, oder zu deutsch – je weniger man +Furcht hat, desto weniger Gefahr ist fast dabei; +ich kehre den Satz ebenso richtig um, je +weniger Gefahr, desto kleiner die Furcht, ja +es kann Lagen geben, wo man ganz und gar +von Furcht nichts weiß – worunter meine +gehört. Um desto verhaßter muß mir jede +Afterrede über Hasenherzigkeit erscheinen.</p> + +<p>Ich schicke meiner Ferienreise noch einige +Tatsachen voraus, welche beweisen, wie leicht +Vorsicht – das heißt wenn ein Mensch nicht +dem dummen Hamster gleichen will, der sich +sogar gegen einen Mann zu Pferde auflehnt +– für Feigheit gelte. Ich wünschte übrigens +nur, ich könnte ebenso glücklich einen ganz +anderen Vorwurf, den eines Waghalses, ablehnen, +wiewohl ich doch im folgenden gute +Fakta beizubringen gedenke, die ihn entkräften. + +<span class="sidenote-l"><sup>35</sup> <i lang="fr" xml:lang="fr">Bien écouter c'est presque répondre</i> sagt Marivaux +mit Recht von geselligen Zirkeln; ich dehn' +es aber auch auf runde Sessions- und Kabinettstische +aus, wo man referiert und der Fürst zuhört.</span></p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_24">24</a></span> +Was hilft der Heldenarm ohne ein Heldenauge? +Jener wächst leicht stärker und nerviger, +dieses aber schleift sich nicht so bald +wie Gläser schärfer. Indes aber, die Verdienste +der Vorsicht fallen weniger ins Auge +(ja mehr ins Lächerliche) als die des Mutes. +Wer mich zum Beispiel bei ganz heiterem +Himmel mit einem wachstuchenen Regenschirm +gehen sieht: dem komm' ich wahrscheinlich so +lange lächerlich vor, als er nicht weiß, daß +ich ihn als Blitzschirm führe, um nicht von +einem Wetterstrahl aus blauem Himmel (wovon +in der mittleren Geschichte mehr als ein +Beispiel steht) getroffen zu werden. Der Blitzschirm +ist nämlich ganz der Reimarussche; +ich trage auf einem langen Spazierstocke das +wachstuchene Sturmdach, von dessen Giebel +sich eine Goldtresse als Ableitungskette niederzieht, +die durch einen Schlüssel, den sie +auf dem Fußsteig nachschleift, jeden möglichen + +<span class="sidenote-r"><sup>17</sup> Das Bette der Ehren sollte man doch, da oft +ganze Regimenter darauf liegen, und die letzte +Ölung und vorletzte Ehre empfangen von Zeit zu +Zeit weichfüllen, ausklopfen und sömmern.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_25">25</a></span> +Blitz leicht über die ganze Erdfläche ableitet +und verteilt. Mit diesem Paradonner (<i lang="fr" xml:lang="fr">paratonnerre +portatif</i>) in der Hand will ich mich +wochenlang ohne die geringste Gefahr unter +dem blauen Himmel herumtreiben. Indes +deckt diese Taucherglocke noch gegen etwas +anderes – gegen Kugeln. Denn wer gibt +mir im Herbste schwarz auf weiß, daß kein +versteckter Narr von Jäger irgendwo, wenn +ich die Natur genieße und durchstreife, seine +Kugelbüchse in einem Winkel von 45 Grad +so abdrückt, daß sie im Herunterfallen bloß +auf meinem Scheitel aufzuschlagen braucht, +damit es so gut ist, als würd' ich seitwärts +ins Gehirn geschossen?</p> + +<p>Es ist ohnehin schlimm genug, daß wir +nichts gegen den Mond haben, uns zu wehren +– der uns gegenwärtig beschießt mit Gestein, +wie ein halber türkischer; denn dieser elende, + +<span class="sidenote-l"><sup>112</sup> Gewisse <ins title="Welt weiberbenutzen">Weltweiber benutzen</ins> in gewissen Fällen +ihre körperliche Ohnmacht, wie Mohammed seine +<em class="gesperrt">fallende</em> Sucht – auch ist jene diese – bloß +um Offenbarungen, Himmel, Eingebungen, Heiligkeit +und Proselyten zu erhalten.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_26">26</a></span> +kleine Erdtrabant und Läufer und <i lang="fr" xml:lang="fr">valet de +Fantaisie</i> glaubt in diesen rebellierenden Zeiten +auch anfangen zu müssen, seiner großen +Landesmutter etwas zuzuschleudern aus der +Davidshirtentasche. Wahrhaftig, jetzt kann ja +ein junger Katechet von Gefühl nachts mit +geraden Gliedern in den Mondschein hinauswandeln, +um manches zu empfinden oder zu +bedenken, und kann (mitten im Gefühl erwirft +ihn der absurde Satellit) als zerquetschter +Brei wieder nach Hause gehen. – – Bei +Gott! überall Klingenproben des Muts! Hat +man mühsam Donnerkeile eingeschmolzen und +Kometenschwänze anglisiert: so führt der Feind +neues Geschütz im Mond auf oder sonst wo +im Blau!</p> + +<p>Noch eine Geschichte sei genug, um zu beweisen, +wie lächerlich gerade die ernsthafteste + +<span class="sidenote-r"><sup>120</sup> Mancher wird ein freier Diogenes, nicht wenn +er in dem Fasse, sondern wenn dieses in ihm wohnt; +und die gewaltige Hebkraft des <em class="gesperrt">Flaschenzugs</em> in +der Mechanik spürt er fast von einem Flaschenzuge +anderer Art beim Flaschenkeller wiederholt und gut +bewährt.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_27">27</a></span> +Vorsicht bei allem inneren Mute oft außen +dem Pöbel erscheint. Reiter kennen die Gefahren +auf einem durchgehenden Pferde längst. +Mein Unstern wollte, daß ich in Wien auf +ein Mietspferd zu sitzen kam, das zwar ein +schöner Honigschimmel war, aber alt und +hartmäulig wie der Satan, so daß die Bestie +in der nächsten Gasse mit mir durchging und +zwar – leider bloß im Schritte. Kein Halten, +kein Lenken schlug an; ich tat endlich +auf dem Selbststreitroß Notschuß nach Notschuß +und schrie: »Haltet auf, ihr Leute, um +Gottes Willen aufgehalten, mein Gaul geht +durch!« Aber da die einfältigen Menschen das +Pferd so langsam gehen sahen wie den Reichshofratsprozeß +und den ordinären Postwagen: +so konnten sie sich durchaus nicht in die Sache +finden, bis ich in heftigster Bewegung wie +besessen schrie: »Haltet doch auf, ihr Pinsel +und Pensel, seht ihr denn nicht, daß ich die +Mähre nicht mehr halten kann?« Jetzt kam + +<span class="sidenote-l"><sup>2</sup> Die Kultur machte ganze Länder, z. B. Deutschland, +Gallien usw. physisch wärmer, aber geistig +kälter.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_28">28</a></span> +den Faulpelzen ein hartmäuliges, schrittlings +ausziehendes Pferd lächerlich vor. – Halb +Wien bekam ich dadurch wie einen Bartsternschwanz +hinter meinem Roßschweif und Zopf +nach. – Fürst Kaunitz, sonst der beste Reiter +des Jahrhunderts (des vorigen), hielt an, um +mir zu folgen. – Ich selber saß und schwamm +als aufrechtes Treibeis auf dem Honigschimmel, +der in einem fort Schritt für Stritt +durchging. – Ein vieleckiger, rockschößiger +Briefträger gab rechts und links seine Briefe +in den Stockwerken ab und kam mir stets mit +satirischen Gesichtszügen wieder nach, weil +der Schimmel zu langsam auszog. – Der +Schwanzschleuderer (bekanntlich der Mann, +der mit einer zweispännigen Wassertonne + +<span class="sidenote-r"><sup>99</sup> Gleichwohl hab' ich bei allem meinen Grimm +über Nachdruck doch nie den Ankauf eines Privilegiums +gegen Nachdruck für etwas anderes oder +schlechteres gehalten als für die Abgabe, die bisher +alle christlichen Seemächte an die barbarischen +Staaten erlegten, damit sie nicht beraubt wurden. +Nur Frankreich hat eben der Ähnlichkeit wegen sowohl +das Nachdrucks-Privilegium als die barbarische +Abgabe abgeschafft.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_29">29</a></span> +über die Straßen fährt und sie mit einem +drei Ellen langen Schlauch aus einem blechernen +Trichter benetzt) fuhr ungemein bequem +den Hinterbacken meines Pferdes nach und +feuchtete während seiner Pflicht jene und mich +selber kühlend an, ob ich gleich kalten Schweiß +genug hatte, um keines frischeren zu bedürfen. +– Ich geriet auf meinem höllischen, trojanischen +Pferd (nur war ich selber das untergehende +Troja, das ritt) nach <ins title="Malzleinsdorf">Matzleinsdorf</ins> +(einer Wiener Vorstadt), oder waren's für +meine gepeinigten Sinne ganz andere Gassen. +– Endlich mußte ich abends spät nach dem +Reträteschuß des Praters im letzteren zu +meinem Abscheu und gegen alle Polizeigesetze +auf dem gesetzlosen Honigschimmel noch herumreiten, +und ich hätte vielleicht gar auf ihm +übernachtet, wenn nicht mein Schwager, der +Dragoner, mich gesehen und noch fest auf +dem durchgegangenen Gaule gefunden hätte. +Er machte keine Umstände – fing das Vieh + +<span class="sidenote-l"><sup>1</sup> Je mehr Schwäche, je mehr Lüge; die Kraft geht +gerade; jede Kanonenkugel, die Höhlen oder Gruben +hat, geht krumm.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_30">30</a></span> +– tat die lustige Frage: warum ich nicht +voltigiert hätte, ob er gleich recht gut weiß, +daß dazu ein hölzerner Gaul gehört, der steht +– und holte mich herab – und so kamen +alle berittenen Wesen unberitten und unbeschädigt +nach Hause.</p> + +<p>Aber nun endlich einmal an meine Reise!</p> + + + + +<h2 class="new-h2 gesperrt">Reise nach Flätz.</h2> + + +<p>Ihr wißt, Freunde, daß ich die Reise nach +Flätz gerade unter den Ferien machen mußte, +nicht nur, weil Viehmarkt und folglich der +Minister und General von Schabacker da war, +sondern vornehmlich, weil er (wie ich von geheimer +Hand sicher hatte) jährlich den 23. Juli +am Abend vor dem Markttage um fünf Uhr + +<span class="sidenote-l"><sup>32</sup> Unser Zeitalter – von einigen papiernes genannt, +als sei es aus Lumpen eines besser Bekleideten +gemacht – bessert sich schon halb, da es die Lumpen +jetzt mehr zu Scharpien als zu Papieren zerzupft, +wiewohl oder weil der Lumpenhacker (oder auch +der Holländer) eben nicht ausruht; indes, wenn +gelehrte Köpfe sich in Bücher verwandeln, so können +sich auch gekrönte in Staatspapiere verwandeln und +ummünzen; – in Norwegen hat man nach dem Allg.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_31">31</a></span> +soviel Gaudium und Gnade sich ausließ, daß +er die meisten Menschen weniger anschnauzte +als anhörte und – erhörte. Die Gaudiumsursache +vertrau ich ungern dem Papier. Kurz, +ich konnte ihm meine Bittschrift, mich als unschuldig +vertriebener Feldprediger durch eine +katechetische Professur zu entschädigen und zu +besolden in keiner besseren Jahres- und Tageszeit +überreichen, als abends um fünf Uhr +Hundstagsanfang. Ich setzte mein Bittschreiben +in drei Tagen auf. Da ich weder Konzepte, +noch Abschriften desselben schonte und zählte: +so war ich bald so weit, daß ich das relativ +Beste ganz vollendet vor mir hatte, als ich +erschrocken bemerkte, daß ich darin über dreißig +Gedankenstriche in Gedanken hingeschrieben + +<span class="sidenote-r">Anzeiger sogar Häuser von Papier, und in manchen +guten deutschen Staaten – hält das Kammerkollegium +(das Justizkollegium ohnehin) seine eigenen +Papiermühlen, um Düten genug für das Mehl +seiner Windmühlen zu haben. Ich wünschte aber, +unsere Kollegien nähmen sich jene Glasschneiderei +in Madrid zum Muster, in welcher (nach Baumgärtner) +zwar neunzehn Schreiber angestellt waren, +aber doch auch eilf Arbeiter.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_32">32</a></span> +hatte. Leider schießen diese Stacheln heutzutage +wie aus Wespensteißen, unwillkürlich aus +gebildeten Federn hervor. Ich warf es zwar +lange in mir hin und her, ob ein Privatgelehrter +sich einem Minister mit Gedankenstrichen +nähern dürfe – so sehr auch dieses +ebene Unterstreichen der Gedanken, diese wagerechten +Taktstriche poetischer Tonstücke und +diese Treppenstricke oder Achillessehnen philosophischer +Sehstücke jetzt ebenso allgemein als +nötig sind – allein ich mußte doch am Ende +(da Ausschaben Standespersonen beleidigt) +das beste Probstück wieder umschreiben und +mich wieder eine halbe Stunde am Namen +Attila Schmelzle quälen, weil ich immer + +<span class="sidenote-l"><sup>39</sup> Epiktet rät an zu reisen, weil die alten Bekanntschaften +uns durch Scham und Einfluß vom Übergange +zur hohen Tugend abhalten – so wie man +etwa seine Provinzialmundart schamhaft lieber außer +Lands ablegt und dann völlig geläutert zu seinen +Landsleuten zurückkommt; noch jetzt befolgen Leute +von Stand und Tugend diesen Rat, obwohl umgekehrt, +und reisen, weil die alten Bekanntschaften +sie durch Scham zu sehr von neuen Sünden abschrecken.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_33">33</a></span> +glaube, diesen sowie die Briefadresse, die +beiden Kardinalgegenden und Punkte der +Briefe, nie leserlich genug zu schreiben.</p> + +<div class="figcenter" style="width: 305px;"> +<img src="images/bloss_sanft.png" width="305" height="500" alt="... es tue ihm bloss sanft / sagt' er / wie eine gute Frostsalbe ..." title="" /> +</div> + + + +<h3 class="new-h3 gesperrt">Erste Station, von Neusattel nach +Vierstädten.</h3> + + +<p>Der 22. Juli, oder Mittwochs nachmittag +um fünf Uhr, war von der Postkarte der +ordentlichen fahrenden Post selber zu meiner +Abreise unwiderruflich anberaumt. Ich hatte +also etwa einen halben Tag Zeit, mein Haus +zu bestellen, welchem jetzt zwei Nächte und +drittehalb Tage hindurch meine Brust als +Brustwehr, der Verhack mit meinem Ich abgehen +sollte. Sogar mein gutes Weib Bergelchen, +wie ich meine Teutoberga nenne, reiste +mir unaufhaltsam den 24. oder Freitags +darauf nach, um den Jahrmarkt zu beschauen +und zu benutzen; ja sie wollte schon sogleich +mit mir ausreisen, die treue Gattin. Ich versammelte +daher meine kleine Bedientenstube + +<span class="sidenote-r"><sup>2</sup> Ein Soldat huldigt und gehorcht in seinem Fürsten +zugleich seinem Fürsten und seinem Generalissimus; +der Zivilist bloß seinem Fürsten.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_34">34</a></span> +und publizierte ihr die Hausgesetze und Reichsabschiede, +die sie nach meinem Abschiede den +Tag und die Nacht erstlich vor der Abreise +meiner Frau und zweitens nach derselben auf +das pünktlichste zu befolgen hatten, und alles, +was ihnen besonders bei Feuersbrünsten, +Diebeseinbrüchen, Donnerwettern und Durchmärschen +vorzukehren oblag. Meiner Frau +übergab ich ein Sachregister des Besten in +unserem kleinen Registerschiffe, was sie, im +Falle es in Rauch aufginge, zu retten hätte. – +Ich befahl ihr, in stürmischer Nacht (dem +eigentlichen Diebswetter) unsere Windharfe +ans Fenster zu stellen, damit jeder schlechte +Strauchdieb sich einbildete, ich phantasierte +harmonisch und wachte; desgleichen den Kettenhund +am Tage ins Zimmer zu nehmen, damit +er ausschliefe, um nachts munterer zu sein. +Ich riet ferner, auf jeden Brennpunkt der +Glasscheiben im Stalle, ja auf jedes hingestellte +Glas Wasser ihr Auge zu haben, da +ich ihr schon öfter die Beispiele erzählt, daß + +<span class="sidenote-l"><sup>29</sup> Und wieviel ist nicht in der Jurisprudenz Jurisimprudenz, +ausgenommen bei Unrechtsgelehrten.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_35">35</a></span> +durch solche zufällige Brenngläser die Sonne +ganze Häuser in Brand gesteckt. – Auch gab +ich ihr die Morgenstunde, wo sie Freitags +ab- und mir nachreisen sollte, sowie die Haustafeln +schärfer an, die sie vorher dem Gesinde +einzuschärfen hätte. Meine liebe, kerngesunde, +blühende Honigwöchnerin Berga antwortete +ihrem Flitterwöchner, wie es schien, sehr ernsthaft: +»Geh nur Alterchen, es soll alles ganz +scharmant geschehen. – Wärest du nur erst +voraus, so könnte man doch nach! Das währt +ja aber Ewigkeiten.« – Ihr Bruder, mein +Schwager, der Dragoner, für den ich aus +Gefälligkeit das Passagiergeld trug, um auf +dem Postkissen einen an sich tapferen Degen +und Hauinsfeld, sozusagen als körperlichen +und geistigen Verwandten und Spillmagen +vor mir zu haben, dieser zog über meine +Verordnungen (was ich leicht dem Hage- und +Kriegsstolzen vergab) sein braunes Gesicht + +<span class="sidenote-r"><sup>39</sup> »<em class="gesperrt">Die größere Hälfte</em>« ist ein so meßwidriger +Ausdruck, daß ihn kein Meßkünstler anders als +von der Ehe, ja sogar nur von der seinigen gebrauchen +könnte.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_36">36</a></span> +ansehnlich ins Spöttische und sagte zuletzt: +»Schwester, an deiner Stelle täte ich, was +mir beliebte; und dann guckte ich nach, was +er auf seinem Reglementszettel hätte haben +wollen.« – »O,« versetzte ich, »Unglück kann +sich wie ein Skorpion in jede Ecke verkriechen; +ich möchte sagen, <ins title="mir">wir</ins> sind den Kindern gleich, +die am schön bemalten Kästchen schnell den +Schieber aufreißen und – heraus fährt eine +Maus, die hackt« – »Maus, Maus, Raus, +Raus!«, versetzte er auf- und niedertrabend. +»Herr Schwager, aber es ist fünf Uhr; und +Sie werden schon finden, wenn Sie wiederkommen, +daß alles so aussieht wie heute, +die Hunde wie die Hunde, und meine Schwester +wie eine hübsche Frau: <i lang="fr" xml:lang="fr">allons donc!</i>« – +Er war eigentlich schuld, daß ich aus Besorgnis +seines Mißdeutens nicht vorher eine +Art von Testament gemacht.</p> + +<p>Ich packte noch entgegengesetzte Arzneien, +sowohl temperierende als erhitzende, gegen + +<span class="sidenote-l"><sup>45</sup> Die jetzigen Schriftsteller zucken die Achseln am +meisten über die, auf deren Achseln sie stehen; und +erheben die am meisten, die an ihnen hinaufkriechen.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_37">37</a></span> +zwei Möglichkeiten ein – ferner meine alten +Schienen gegen Arm- und Beinbrüche bei Wagenumstürzen +– und (aus Vorsicht) noch einmal +so viel Geldwechsel, als ich eigentlich nötig +hatte. Nur wünschte ich dabei wegen der Mißlichkeit +des Aufbewahrens, ich wär' ein Affe mit +Backentaschen, oder ein Beuteltier, damit ich +in mehr sichere und empfindungsvolle Taschen +und Beutel solche Lebenspreziosen verschanzte. +Rasieren lasse ich mich sonst stets vor Abreisen +aus Mißtrauen gegen fremde, mordsüchtige +Bartputzer; aber diesmal behielt ich den Bart +bei, weil er doch unterwegs, auch geschoren, +so reich wieder getrieben hätte, daß mit ihm +vor keinem Minister wäre zu erscheinen gewesen.</p> + +<p>Ich warf mich heftig ans Kraftherz meiner +Berga an und riß mich noch heftiger ab, +aber sie schien über unsere erste Ehetrennung +weniger in Jammer als in Jubel zu sein, + +<span class="sidenote-r"><sup>14</sup> Manche Dichter geraten unter dem Malen schlechter +Charaktere oft so ins Nachahmen derselben hinein, +wie Kinder, wenn sie so träumen, wirklich ihr +Wasser lassen.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_38">38</a></span> +viel weniger bestürzt als seelenvergnügt, bloß +weil sie auf das Scheiden nicht halb so sehr +als auf das Wiedersehen und Nachreisen, und +die Jahrmarktsschau ihr Augenmerk hatte; +doch warf und hing sie sich an meinen etwas +dünnen und langen Hals und Körper fast +schmerzhaft als eine zu fleischige, derbe Last +und sagte: »Fege nur frisch davon, mein +scharmanter Attel (Attila) – und mache dir +unterwegs keine Gedanken, du aparter Mensch! +– Haben wir denn zu klagen? Einen oder +ein paar Püffe halten wir mit Gottes Hilfe +schon aus, solange mein Vater kein Bettelmann +ist. – Und dir aber, Franz,« fuhr sie +gegen ihren Bruder ordentlich zornig fort, +»bind' ich meinen Attel auf die Seele, du +weißt recht gut, du wüste Fliege, was ich tue, +wenn du ein Narr bist und ihn wo im Stiche +lässest.« Ich verzieh ihr hier manches Gutgemeinte; + +<span class="sidenote-l"><sup>103</sup> Die Großen sorgen vielleicht so emsig für ihre +Nachkommen wie die Ameisen; sind die Eier gelegt, +so fliegen die männlichen und weiblichen Ameisen +davon und vertrauen sie den treuen <em class="gesperrt">Arbeitsameisen</em> +an.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_39">39</a></span> +und euch, Freunden, ist ihr Reichtum +und ihre Freigebigkeit auch nichts Neues.</p> + +<p>Gerührt sagt' ich: »Nun, Berga, gibt's +ein Wiedersehen für uns, so ist's gewiß entweder +im Himmel oder in Flätz; und ich +hoffe zu Gott, das letztere.« – Stracks ging's +rüstig davon. Ich sah mich durch das Kutschenrückfenster +um nach meinem guten Städtchen +Neusattel; und es kam mir gerührt vor, als +richte sich dessen Sturmspitze ordentlich als +ein Epitaphium über meinem Leben oder +meinem vielleicht tot zurückreisenden Leichnam +in die Höhe: – »wie wird alles sein,« dacht' +ich, »wenn du nun endlich nach zwei oder +drei Tagen wiederkommst?« Jetzt sah ich mein +Bergelchen uns aus dem Mansardenfenster +nachschauen; ich legte mich weit aus dem +Kutschenschlage hinaus, und ihr Falkenauge +erkannte sofort meinen Kopf; Küsse über +Küsse warf sie mir mit beiden Händen herab, +dem ins Tal rollenden Wagen nach. »Du + +<span class="sidenote-r"><sup>10</sup> Und liefert das Leben von unsern idealen Hoffnungen +und Vorsätzen etwas anderes als eine prosaische, +unmetrische, ungereimte Übersetzung?</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_40">40</a></span> +herziges Weib,« dacht' ich, »wie machst du +deine niedrige Geburt durch die geistige Wiedergeburt +vergeßlich, ja merkwürdig!«</p> + +<p>Freilich, das <ins title="Postkutschen gelag'">Postkutschengelag'</ins> und Picknick +wollte mir weniger schmecken; lauter verdächtiges, +unbekanntes Gesindel, welches (wie gewöhnlich +die Märkte tun) der Flätzer durch +seine Witterung einlockte. Ungern werd' ich +Unbekannten ein Bekannter; aber mein Schwager, +der Dragoner, war wie immer schon mit +allem, mit Himmel und Hölle herausgeplatzt. +Neben mir saß eine höchstwahrscheinliche Hure. +– Auf ihrem Schoße ein Zwerg, der sich auf +dem Jahrmarkte wollte sehen lassen. – Mir +gegenüber blickte ein Kammerjäger mich an – +und unten im Tale stieg noch ein blinder Passagier +mit einem roten Mantel ein. Mir gefiel gar +niemand, ausgenommen mein Schwager. Ob +nicht die Hure meine Bekanntschaft zu einer + +<span class="sidenote-l"><sup>78</sup> Die Weiber halten alles Weißzeug weiß, <em class="gesperrt">nur</em> +kein Buch, ob sie gleich vielleicht manchen polemischen +Folianten, eh' er in die Papiermühle gekommen, +als Brauthemde am Leibe mögen getragen +haben. Die Männer kehren es nur um.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_41">41</a></span> +eidlichen Angabe benützen, ob nicht Spitzbuben +unter den Passagieren mich und meine Eigenheiten +und Zufälle studieren würden, um auf +der Tortur mich in ihre Bande zu flechten +– dafür konnte sich mir niemand verpfänden. +An fremden Orten schau ich schon ungern +– und aus Vorsicht – an irgendein Kerkergitter +lange empor, weil ein schlechter Kerl +dahinter sitzen kann, der eilig herunterschreit +aus bloßer Bosheit: »Drunten steht mein +Spießkamerad, der Schmelzle!« – oder auch +weil ein vernagelter Scherge sich denken kann, +ich suchte meinen Konföderierten oben zu entsetzen. +Aus einer wenig davon verschiedenen +Vorsicht dreh' ich mich daher niemals um, +wenn ein Star mir nachruft: Dieb!</p> + +<p>Was den Zwerg selber anlangt, so konnt' +er meinetwegen mitfahren, wohin er wollte; +aber er glaubte ein besonderes Frohleben in + +<span class="sidenote-r"><sup>7</sup> Der geharnischte deutsche Reichskörper konnte sich +darum schwer bewegen, weshalb die Käfer nicht +fliegen können, deren <em class="gesperrt">Flügel</em> recht gut durch <em class="gesperrt">Flügeldecken</em> +– und zwar durch zusammengewachsene +– verschanzt sind.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_42">42</a></span> +uns zu bringen, wenn er uns verhieße, daß +sein Pollux und Amtsbruder, ein seltener Riese, +der ebenfalls der Messe zur Anschau zuzog, +gegen Mitternacht uns unfehlbar mit seinem +Elefantenschritte nachkommen und sich einsetzen +<ins title="ober">oder</ins> hinten aufstellen würde. Beide +Narren beziehen nämlich gemeinschaftlich die +Messen als gegenseitige Meßhelfer zu entgegengesetzten +Größen; der Zwerg ist das erhabene +Vergrößerungsglas des Riesen, der Riese das +hohle Verkleinerungsglas des Zwergs. Niemand +bezeugte große Freude an der Aussicht +der Nachkunft des Maßkopisten des Zwergs, +ausgenommen mein Schwager, der (ist das +Wortspiel erlaubt) wie eine Uhr bloß zum +Schlagen gemacht zu sein glaubt, und mir +wirklich sagte: »Könn' er einmal oben in der +ewigen Seligkeit keine Seele zuweilen wamsen + +<span class="sidenote-l"><sup>8</sup> Mit Staatseinrichtungen ist's wie mit Kunststraßen; +auf einer ganz neuen, unbefahrenen, wo +jeder Wagen am Straßenbau mitarbeiten und zerklopfen +hilft, man wird ebenso gestoßen und geworfen, +als auf einer ganz alten, ausgefahrenen voll Löcher. +Was ist also hier zu tun? Man fahre fort.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_43">43</a></span> +und koram nehmen, so fahr' er lieber in die +Hölle, wo gewiß des Guten und der Händel +eher zu viel sein werden.« – Der Kammerjäger +im Postwagen hatte, außerdem schon, +daß uns niemand sehr einnimmt, der bloß +vom Vergiften lebt, wie dieser Freund Hain +der Ratten und die Mäuseparze, und daß +ein solcher Kerl, was noch schlimmer, sogleich +ein Mehrer des Ungezieferreiches zu werden +droht, sobald er nicht dessen Minderer sein +darf – dieser hatte überhaupt soviel Fatales +an sich, zuerst den Stechblick wie eines Stiletts +– dann das hagere, scharfe Knochengesicht +in Verbindung mit seinem Vorrechnen +seines ansehnlichen Giftsortiments – dann +(denn ich haßte ihn immer heißer) seine geheime +Stille, sein geheimes Lächeln, als seh' +er in irgendeiner Schlupfecke eine Maus, ähnlich +einem Menschen. – Wahrlich, mir, der ich +sonst ganz anderen Leuten stehe, kam endlich +sein Rachen als eine Hundsgrotte vor, seine + +<span class="sidenote-r"><sup>3</sup> Vor Gericht werden oft ermordete Geburten für +totgeborene ausgegeben, in Antikritiken totgeborene +für ermordete.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_44">44</a></span> +Backenknochen als Untiefen und Klippen, sein +heißer Atem als Kalzinierofen und die schwarzhaarige +Brust als Welk- und Darrofen – –</p> + +<p>Ich hatte mich auch – glaub' ich – nicht +viel versehen; denn bald darauf fing er an, +der Gesellschaft, worin ein Zwerg und ein +Mädchen war, ganz kalt zu berichten, er habe +schon zehn Leiber mit dem Dolch nicht ohne +Lust durchstoßen – habe gemächlich ein Dutzend +Menschenarme abgehauen, vier Köpfe langsam +gespalten, zwei Herzen ausgerissen und +mehr dergleichen – und keiner davon, sonst +Leute von Mut, hab' ihm im geringsten widerstanden +– »aber warum?« setzt' er giftig +hinzu, und nahm den Hut vom häßlichen +Glatzkopf – »ich bin unverwundbar. – Wer +von der Gesellschaft will, lege auf meiner +Glatze soviel Feuer an, als er will, ich lass' +es ausbrennen.«</p> + +<p>Mein Schwager, der Dragoner, setzte sogleich +einen brennenden Tabaksschwamm auf + +<span class="sidenote-l"><sup>101</sup> Nicht nur die Rhodier hießen von ihrem Koloß +Kolosser, sondern auch unzählige Deutsche heißen +von Luther Lutheraner.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_45">45</a></span> +den Schädel, aber der Jäger stand es so ruhig +aus, als wär' es ein kalter Brand, und er +und der Dragoner sahen einander wartend +an, und jeder lächelte sehr närrisch – es +tue ihm bloß sanft, sagt' er, wie eine gute +Frostsalbe, denn dies sei überhaupt die Winterseite +an seinem Leibe. Hier griff mein Schwager +ein wenig auf dem nackten Schädel umher +und rief verwundert: er fühle sich so kalt an +wie eine Kniescheibe. Nun hob der Kerl auf +einmal nach einigen Vorrüstungen zu unserem +Entsetzen den Viertelsschädel ab und hielt +ihn uns hin, sagend, er habe ihn einem Mörder +abgesägt, als ihm zufällig der eigene eingeschlagen +gewesen; und erklärte nun, <ins title="das">daß</ins> man + +<span class="sidenote-r"><sup>88</sup> Bis hierher hab' ich immer die Streitschriften +der jetzigen philosophischen und ästhetischen idealen +Streitflegel, worin allerdings einige Schimpfworte +und Trug- und Lugschlüsse vorkommen, mehr von +der schönen Seite genommen, indem ich sie bloß +als eine Nachahmung des klassischen Altertums, und +zwar der Ringer desselben angesehen, welche (nach +Schöttchen) ihren Leib mit <em class="gesperrt">Kot</em> bestrichen, um nicht +gefaßt zu werden, und ihre Hände mit <em class="gesperrt">Staub</em> +anfüllten, um den fremden zu fassen.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_46">46</a></span> +das erzählte Durchstechen und Armabhauen +mehr als Scherz zu nehmen habe, indem er's +lediglich getan als Famulus auf dem anatomischen +Theater. – Inzwischen wollte der +Scherztreiber doch keinem von uns sehr schmecken +und zu Hals, so daß ich, als er den Kapselkopf, +den Repräsentationsschädel, wieder aufsetzte, +schweigend dachte: diese Mistbeetglocke +hat gewiß nur den Ort, nicht die Giftzwiebel +verändert, die sie zudeckt.</p> + +<p>Am Ende wurde mir's überhaupt verdächtig, +daß er, sowie sämtliche Gesellschaft (auch der +blinde Passagier), gerade demselben Flätz zuschifften, +wohin ich selber gedachte; besonderes +Glück brauchte ich mir davon nicht zu versprechen; +und mir wäre in der Tat das Umkehren +so lieb gewesen als das Fortfahren, +hätt' ich nicht lieber der Zukunft getrotzt.</p> + +<p>Ich komme endlich auch auf den rot gemantelten +blinden Passagier, wahrscheinlich + +<span class="sidenote-l"><sup>103</sup> Oder sind alle Moscheen, Episkopalkirchen, Pagoden, +Filialkirchen, Stiftshütten und Panthea +etwas anderes als der Heidenvorhof zum unsichtbaren +Tempel und zu dessen Allerheiligsten?</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_47">47</a></span> +ein <i lang="fr" xml:lang="fr">Emigré</i> oder ein <i lang="fr" xml:lang="fr">Refugié</i> (denn er spricht +das deutsche nicht schlechter als das Französische), +entweder namens Jean Pierre oder +Jean Paul ungefähr, oder ganz namenlos. +Sein roter Mantel wäre mir ungeachtet dieser +Farbenverschmelzung mit dem Scharfrichter +– der in vielen Gegenden trefflich Angstmann +heißt – an sich herzlich gleichgültig +geblieben, wäre nicht der besondere Umstand +eingetreten, daß er mir schon fünfmal in fünf +Städten (im großen Berlin, im kleinen Hof, +Koburg, Meiningen und Baireuth) wider alle +Wahrscheinlichkeit aufgestoßen, wobei er mich +jedesmal bedeutend genug angesehen, und dann +seines Weges gegangen. Ob er mir feindlich +nachsetzt oder nicht, weiß ich nicht; nur ist +auf alle Fälle der Phantasie kein Objekt erfreulich, +das mit Observationskorps oder aus + +<span class="sidenote-r"><sup>40</sup> Das Volk ist nur im Erzählen, nicht im Räsonieren +weitläufig; der Gelehrte ist nur in jenem, +nicht in diesem kurz; eben weil das Volk seine +Gründe nur als Empfindungen so wie die Gegenwart +bloß anschauet, der Gelehrte hingegen beide +mehr nur denkt.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_48">48</a></span> +Schießscharten vielleicht mit Flinten hält und +zielt, die es jahrelang bewegt, ohne daß man +weiß, in welchem es abdrückt. – Noch anstößiger +wurde mir der Rotmantel dadurch, daß er +auffallend seine weiche Seelenmilde pries; +dies schien beinah' auf Ausholen oder Sichermachen +zu deuten. Ich erwiderte: »Mein Herr, +ich komme eben, wie hier mein Schwager, +vom Schlachtfeld her (die letzte Affäre war +bei Pimpelstadt), und stimme vielleicht deshalb +zu stark für Markkraft, Bruststurm, Stoßglut, +und es mag für manchen, der eine brausende +Wasserhose, eigentlich Landhose von +Herz hat, gut sein, wenn seine geistliche Lage +(ich bin darin) ihn mehr mildert als wildert. +Indes gehört jeder Milde ihr eisernes Schrankengitter. +Fällt mich irgendein unbesonnener +Hund bedeutend an, so tret' ich ihn freilich +im ersten Zorn entzwei, und nachher hinter + +<span class="sidenote-l"><sup>9</sup> Die Ägypter nahmen bei einem Landesunglück +dadurch am Gott Typhon, dem sie es zuschrieben, +Rache, daß sie seine Lieblinge von Felsen stürzten, +die Esel. Ähnlicherweise haben sich in der Geschichte +auch Staaten anderer Religion gerächt.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_49">49</a></span> +mir treibt's mein guter Schwager vielleicht +noch zweimal weiter, denn er ist der Mann +dazu. Vielleicht ist's Eigenliebe, aber ich beklag's +(gesteh' ich) noch heute, daß ich als +Knabe einmal einem anderen Knaben drei +erhaltene Ohrfeigen nicht derb zurückgereicht, +und mir ist oft, als müßt' ich sie seinen +Enkeln nachzahlen. Wahrlich, wenn ich auch +nur einen Jungen vor den schwachen Kräften +eines ähnlichen Jungen feig entlaufen sehe, +so kann ich das Laufen nicht lassen und will +ihn ordentlich durch einen Machtschlag erretten.« +Der Passagier lächelte indes nicht +zum besten. Er gab sich zwar für einen Legationsrat +aus und schien Fuchs genug zu +sein, aber ein tollgewordener Fuchs beißt mich +am Ende so wasserscheu als ein toller Wolf. +Übrigens fuhr ich unbekümmert mit meinem + +<span class="sidenote-r"><sup>70</sup> In die Philosophie verhülle sich die Dichtkunst +nur so, wie in diese sich jene; Philosophie aber in +poetischer Prosa gleicht jenen Trinkgläsern in +Schenken, welche mit bunten Bilderschnörkeln umzogen, +zugleich im Genusse des Getränks und des +Bildwerks, die oft widrig sich decken, stören.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_50">50</a></span> +Anpreisen des Mutes fort, nur daß ich absichtlich +statt des lächerlichen Bramarbasierens, +welches gerade den Feigen recht verrät, fest, +still, klar sprach. »Ich bin«, sagt' ich, »bloß +für Montaignes Rat: man trage nur Furcht +vor der Furcht.«</p> + +<p>»Ich würde,« versetzte der Legationsrat +unnütz spitzfindig, »wieder fürchten, daß ich +mich nicht genug vor der Furcht fürchtete, +sondern zu feig bliebe.«</p> + +<p>»Auch dieser Furcht«, erwidert' ich kalt, +»steck' ich Grenzen. Ein Mann kann zum Beispiel +nicht im geringsten Gespenster glauben +und fürchten; gleichwohl kann er nachts sich +in Todesschweiß baden, und zwar bloß vor +Angst, wie sehr er sich entsetzen würde (besonders +mit welchen Nachwehen von Schlagflüssen, + +<span class="sidenote-l"><sup>158</sup> Der Staat sollte öfter die Maul- und Kindertrommeln +der Dichter nicht mit Regiments- und +Feuertrommeln verwechseln; wieder umgekehrt sollte +der Bürger manche fürstliche Trommelsucht nur für +eine Krankheit nehmen, worin der Patient bloß +durch die unter die Haut eingedrungene Luft sehr +aufgeschwollen ist.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_51">51</a></span> +fallenden Suchten und so weiter), +falls nichts als bloß seine so lebhafte Phantasie +irgendein Fieber und Vexierbild vor +ihn in die Lüfte hineinhinge.« – – »Man +sollte daher«, fiel mein Schwager, wider Gewohnheit +moralisierend, ein, »das so arme +Schaf von Mann auch gar mit keinem Geisterspuk +foppen, der Hase kann ja auf der Stelle +auf dem Platze bleiben.«</p> + +<p>Ein lautes Gewitter, das dem Postwagen +nachfuhr, veränderte den Diskurs. Ihr, +Freunde, erratet wohl alle – da ihr mich +nicht als einen Mann ohne alle Physik kennen +lernen – meine Maßregeln gegen Gewitter: + +<span class="sidenote-r"><sup>89</sup> In großen Städten lebt der Fremde die ersten +Tage nach seiner Ankunft bloß von seinem Gelde +im Gasthofe, erst darauf in den Häusern seiner +Freunde umsonst; langt man hingegen auf der Erde +an, wie z. B. ich, so wird man gerade die ersten +Jahre hindurch höflich freigehalten, in den andern +und längern aber – denn man bleibt oft sechzig +Jahre – muß man wahrhaftig (ich habe die Dokumente +in Händen) jeden Tropfen und Bissen bezahlen, +als wäre man im großen Gasthofe zur Erde, +was noch dazu wahr ist.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_52">52</a></span> +ich setze mich nämlich auf einen Sessel mitten +in der Stube (oft bleib' ich bei bedenklichem +Gewölk ganze Nächte auf ihm), und decke +mich durch mein Reinigen von allen Leitern, +Ringen, Schnallen und so weiter und durch +mein Absitzen von allen Blitzabsprüngen immer +so, daß ich kaltblütig die Sphärenmusik der +Donnerpauke vernehme. – Diese Vorsicht hat +mir nie geschadet, da ich ja dato noch lebe; +und ich wünsche mir noch heute Glück, daß +ich einmal aus der Stadtkirche, ob ich gleich +tags vorher gebeichtet hatte, ohne weiteres +und ohne vorher das Abendmahl zu nehmen, +ins Gebeinhaus hinausgelaufen, weil ein +schweres Gewitter (was wirklich in die Kirchhofslinde +einschlug) darüber stand; – ich +kam auch sogleich nach der Entladung der +Wolke aus dem Gebeinhaus in die Kirche +zurück und war so glücklich, noch hinter dem + +<span class="sidenote-l"><sup>112</sup> Ich sage aber nein. Der Mensch stelle sich +so wie seinen Hut – wenn er sich und diesen +nicht gerade gebraucht – beide, um sie zu +schonen, so lange auf den <em class="gesperrt">Kopf</em>, bis <ins title="fehlt im Original">er</ins> wieder +getragen wird.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_53">53</a></span> +Henker (als dem letzten) zu kommen und das +Liebesmahl zu genießen.</p> + +<div class="figcenter" style="width: 301px;"> +<img src="images/flucht.png" width="301" height="500" alt="und floh dann mit vollen Segeln auf geradewohl und geradeaus den Kürzesten Weg hindurch ..." title="" /> +</div> + +<p>So denk' ich für meine Person; aber leider, +im vollen Postwagen traf ich Menschen, denen +Physik wahre Narretei ist. Denn als die Gewitter +sich fürchterlich über unsern Kutschenhimmel +versammelten und prasselnde Feuerklumpen, +als wären's Johanniswürmchen, im +Himmel umherspielten; und als ich endlich +ersuchen mußte, das schwitzende Postkonklave +möchte nur wenigstens Uhren, Ringe, Gelder +und dergleichen zusammenwerfen, etwa in die +Wagentaschen, damit kein Mensch einen Leiter +am Leibe hätte: so tat's nicht nur keiner, +sondern mein eigener Schwager, der Dragoner, +stieg gar mit gezogenem nackten Degen auf +den Bock hinaus und schwur, er leite ab. +Ich weiß nicht, war der desperate Mensch +ein gescheiter oder keiner; kurz, unsere Lage + +<span class="sidenote-r"><sup>10</sup> Die Weltepochen feiern – wie die spanischen +Könige – Regierungsantritt, Volljährigkeit, Vermählung +– gern mit Scheiterhaufen (Autodafés, +Tressenausbrennungen der Weisen oder auch der +Irrgläubigen).</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_54">54</a></span> +war fürchterlich, und jeder konnte ein gelieferter +Mann sein. Zuletzt bekam ich gar +einen halben Zank mit zweien von der rohen +Menschenfracht der Kutsche, dem Vergifter +und der Hure, weil sie fragend fast zu verstehen +gaben, ich hätte vielleicht bei dem angepriesenen +Preziosenpicknick nicht die ehrlichsten +Anschläge gehabt. So etwas verwundet +die Ehre mit Gewalt, und in mir donnerte +es nun stärker als oben; dennoch mußt' +ich den ganzen nötigen Erbitterungswortwechsel +so leise und langsam als möglich +führen und haderte sanft, damit nicht am +Ende eine ganz in Harnisch gebrachte Kutsche +in Hitze und Schweiß geriete, und in unsere +Mitte so den nahen Donnerkeil auf Ausdünstungen +durch den Kutschenhimmel herabfahren + +<span class="sidenote-l"><sup>144</sup> Der Rezensent gebraucht seine Feder eigentlich +nicht zum Schreiben, sondern er weckt mit deren +Brandgeruch Ohnmächtige auf, kitzelt mit ihr den +Schlund des Plagarius zum Wiedergeben, und +stochert mit ihr seine Zähne aus. Er ist der einzige +im ganzen gelehrten Lexikon, der sich nie ausschreiben +und ausschöpfen kann, er mag ein Jahrhundert oder +ein Jahrtausend vor dem Tintenfasse sitzen. Denn</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_55">55</a></span> +ließe. Zuletzt setzt' ich der Gesellschaft +das ganze elektrische Kapitel deutlich, aber +leise und langsam – ich wollte nicht ausdampfen +– auseinander und suchte besonders +von der Furcht abzuschrecken. Denn, in der +Tat, vor Furcht konnte jeden der Schlag – ja +ein doppelter, mit dem elektrischen ein apoplektischer +– treffen, da aus Erxleben und +Reimarus genug bewiesen ist, daß starkes +Fürchten durch Dünsten den Strahl zulockt; +ich stellte daher in ordentlicher Angst vor +meiner und fremder Furcht den Passagieren +vor, daß sie jetzt durchaus bei unserer schwülen +Menge, bei dem die Blitze spießenden Degen +auf dem Kutschbock, <ins title="unb">und</ins> bei dem Überhang +der Wetterwolke, und selber bei so vielen +Ausdünstungen anfangender Furcht, kurz, bei + +<span class="sidenote-r">indes der Gelehrte, der Philosoph und der Dichter +das neue Buch nur aus neuem Stoff und Zuwachs +schaffen, legt der Rezensent bloß sein altes Maß +von Einsicht und Geschmack an tausend neue Werke +an, und sein altes Licht bricht sich an der vorbeiziehenden, +stets verschieden geschliffenen Gläserwelt, +die er beleuchtet, in neue Farben.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_56">56</a></span> +so augenscheinlicher Gefahr nichts fürchten +dürften, wollten sie nicht samt und sonders +erschlagen sein. »O, Gott,« rief ich, »nur +Mut! Keine Furcht! Nicht einmal Furcht vor +der Furcht! – Wollen wir denn als zusammengetriebene +Hasen hier seßhaft, von unserem +Herrgott erschossen sein? – Fürchte sich +meinetwegen jeder, wenn er aus der Kutsche +heraus ist, nach Belieben an anderen Orten, +wo weniger zu besorgen ist, nur aber nicht +hier.«</p> + +<p>Ich kann nicht entscheiden – da unter +Millionen kaum ein Mensch an der Gewitterwolke +stirbt, aber vielleicht Millionen an +Schnee- und Regenwolken und dünnen Nebeln +– ob meine Kutschenpredigt auf Menschenrettungspreise +Anspruch zu machen hatte, als +wir sämtlich unbeschädigt, einem Regenbogen +entgegen, in das Städtchen Vierstädten einfuhren, +wo ein Posthalter in der einzigen +Gasse wohnte, die der Ort hatte. + +<span class="sidenote-l"><sup>107</sup> Deutschland ist ein langes, erhabenes Gebirge +– unter dem Meer.</span></p> + +<div class="figcenter" style="width: 300px;"> +<img src="images/riese.png" width="300" height="500" alt="Aus der hohen Posthauspforte trat / tief sich bückend / der Riese heraus" title="" /> +</div> + + + + +<div class="new-h3"> </div> +<p><span class="pagenum"><a name="Page_57">57</a></span></p> +<h3 class="gesperrt">Zweite Station, von Vierstädten nach +Niederschöna.</h3> + + +<p>Der Posthalter war ein grober Patron und +ein Schläger; eine Gattung von Menschen, die +ich unaussprechlich hasse, weil meine Phantasie +mir immer vorspiegelt, ich könnte vielleicht +aus Zufall oder Widerwillen ihnen ein recht +höhnisches und impertinentes Gesicht schneiden, +und mir solche Gesellen auf den Hals hetzen, +und darauf spür' ich schon Ziehen von Mienen. +Zum Glück konnt' ich diesmal (gesetzt, ich +hätte ein Fehlgesicht geschnitten) mich mit +meinem Schwager, dem Dragoner, bewaffnen, +für dessen Riesenmacht dergleichen ein Leckerbissen +ist. Denn er kann zum Beispiel vor +keinem Wirtshause, worin eine Schlägerei +laut wird, vorbeigehen, ohne hineinzutreten +und sogleich unter der Türe zu schreien: +»Macht Friede, ihr Hunde!« darauf unter + +<span class="sidenote-r"><sup>18</sup> Unter Selbststillen versteht man nicht, wie beim +tatzensaugenden Bären, daß man sich selber an die +eigene Brust lege, sondern daß man andere nicht +durch andere säugen lasse: so aber sollte auch das +Wort Selbstliebe im Gebrauche sein.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_58">58</a></span> +seinem Schein von Friedensdeputation nimmt +er ohne Verzug, als wär' es eine amerikanische +Friedenspfeife, das nächste Stuhlbein +in die Hand und deckt damit das schlagende +Personal hinüber und herüber zu, oder er +nähert die harten Köpfe der Parteien (er +schlägt sich zu keiner) einander mit Gewalt, +indem er in jede Hand einen am Hinterkopfe +faßt; dann ist der Kauz im Himmel.</p> + +<p>Ich für meine Person vermeide diskrepante +Zirkel mehr, als daß ich sie aufsuche, sowie +auch jeden toten oder totgemachten Menschen; +– der vorsichtige Mann sieht leicht voraus, +was davon zu holen ist, entweder verdrießliches +und mißliches Zeugschaftgeben, oder oft +gar (wenn die Umstände sich verschwören) +peinliches Nachfragen über Mitschuld. + +<span class="sidenote-l"><sup>97</sup> Daher schließ' ich, daß Schmelzle gut predigt, +schon aus seinen vielen Kenntnissen und Wortspielen. +Die theologische Welt auf Kathedern, noch +mehr die auf Kanzeln, verdient das Lob, daß sie +gleichsam der Lichtsammler oder Lichtfang oder +Lichtmagnet der besten Strahlen und Entdeckungen +ist, die aus andern Wissenschaften ausgehen, besonders +derer aus der Philosophie und Dichtkunst:</span></p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_59">59</a></span> +In Vierstädten stieß mir nichts von Wichtigkeit +auf als – zu meinem Grausen – ein +Hund ohne Schwanz, der durch die Stadt +oder Gasse lief. Ich zeigte erbittert im ersten +Feuer den Passagieren den Hund und legte +ihnen die Frage vor, ob sie denn eine medizinische +Polizei für trefflich bestellt ansähen, +welche, wie die Vierstädter es zuließe, daß +Hunde öffentlich herumsprängen, denen der +Schwanz fehlte. »An was«, sagt' ich, »halt' +ich mich denn, wenn dieser weggeschnitten, +und mir jede solche Bestie entgegenrennen, +und ich weder aus dem eingezogenen noch +aufgerichteten Schwanze, da der ganze weggehackt +ist, einen Schluß ziehen kann, ob das +Vieh toll ist oder nicht. So wird der gescheiteste + +<span class="sidenote-r">sie selber entdeckt eigentlich nichts als eben die +passiven Diebsinseln, wo sie ihre Gewürze abholt. +So findet man in Predigten, z. B. in Marezolls +Kanzelstücken einen reichen Fund fremder Erfindungen; +und überhaupt gibt's wenige Entdeckungen +in der Philosophie und Moral, welche ein Jahrfünft +oder Jahrzehnt später, nachdem sie ihren +Schöpfer berühmt gemacht, nicht den Nachschöpfer +in der theologischen Welt – diese Erbin ihrer</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_60">60</a></span> +Mann wütig und gebissen und scheitert +bloß aus Mangel eines Schweifkompasses.« +Der nachkommende blinde Passagier (er ließ +sich jetzt als sehender einschreiben, Gott weiß +zu welchen Endzwecken) spann vor mir meinen +eigenen Satz, dem er zugehört, fast bis ins +Komische aus, und erregte zuletzt in mir den +Verdacht, er mache durch eine, aber sehr starke +Schmeichelnachahmung meines Sprechstils +Jagd auf mich. »Der Hundeschwanz«, sagt' +er, »ist wohl für uns Alarmstange und Irrenanstalt, +damit man in keine komme, gleichsam +die äußeren Vorposten der Wut – man +schneide den Kometen den Schwanz, den Bassen +den Roßschweif, den Krebsen den ihrigen (denn +ausgestreckter bedeutet krepierte) ab: so ist man + +<span class="sidenote-l">Magd, der Philosophie – noch zehnmal größer und +reicher gemacht hätten, sobald er nur Kanzelwasser +genug zum Einflößen der fremden Bissen (<i>boli</i>) +aufgegossen hatte. Aber hier möcht' ich gern auf +einen Unterschied der meisten lutherischen Prediger +von den Mönchen zeigen, der nicht ganz zum +Nachteil der ersteren ausschlägt. Der Mönch darf +(<i lang="la" xml:lang="la">C. Q. X. de stat. monach.</i>) nichts Eigenes haben, +bei Strafe unehrlichen Begräbnisses, und jedes</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_61">61</a></span> +in den gefährlichen Angelegenheiten des Lebens +ohne Leitseil, ohne Avertisseur, ohne Hand in +<i lang="la" xml:lang="la">margine</i> – und man kommt um, ohne vorher +zu wissen wie.«</p> + +<p>Übrigens lief diese Station ohne Zank und +Not vorüber. Alles schlief gegen zehn Uhr +ein, sogar der Postillion, außer ich. Ich stellte +mich zwar schlafend, um zu beobachten, wer +sich etwa aus guten Gründen nur schlafend +stelle; aber alles schnarchte fort, der Mond +warf seine verklärenden Strahlen nur auf +herabgesunkene Augenlider.</p> + +<p>Herrlich konnt' ich jetzt Lavaters Rat befolgen, +an Schlafende vorzüglich die physiognomische +Elle anzusetzen, weil der Schlaf +wie der Tod die echte Form gröber ausprägt. + +<span class="sidenote-r">Eigentum wird ihm als Kirchenraub <ins title="angerechent">angerechnet</ins>. +Mich dünkt aber, der lutherische Kanzelredner +demütigt und entäußert sich weit mehr, wenn er +auch, im höheren Geistigen, wo er noch schön und +frei zu wählen hat – da über das Eigentum des +körperlichen ohnehin in seinem Namen das Kammerkollegium +das Armutsgelübde ablegt – kurz, wenn +er, was Gedanken anlangt, gar nichts Eigenes hat +und haben will.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_62">62</a></span> +Andere Schläfer außerhalb der Postkutsche +würd' ich mit gedachter Elle weniger auszumessen +raten, immer in einiger Besorgnis +bleibend, daß etwa ein Kerl, der sich nur +schlafend stellte, sogleich, als ich nahe genug +stände, wie im Traume aufspränge, und dem +physiognomischen Meßkünstler in die eigene +Gesichtsbildung einen so hinterlistigen Fauststreich +versetzte, daß sie in keinem physiognomischen +Fragmente, weil sie selber eines geworden, +mehr florieren könnte, weder in punktierter +Manier, noch in geschabter. Und kann +denn nicht der ehrlichste Schläfer von der +Welt, eben während ihr über dessen physiognomische +Leichenöffnung her seid, losschlagen, +von der Ehre in einem Prügeltraume angehetzt, +und euch vielleicht mit wenigen Handgriffen +und Fußtritten in einen viel ewigeren +Schlaf einwiegen, als der gewesen, woraus +er aufgefahren?</p> + +<p>In meinem sogenannten silhouettierenden + +<span class="sidenote-l"><sup>71</sup> Der Jüngling ist aus Willkür sonderbar und +freuet sich; der Mann ist's unabsichtlich und gezwungen +und ärgert sich.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_63">63</a></span> +Schattenspiele kommt der Gesichterinhalt der +schlafenden Postkutsche selber vor; erst darin +werde ich euch breit belegen, warum mir der +Giftträger mit der Mordkuppel teuflisch erschienen +– der Zwerg altkindisch – die Hure +matt- und schlafffrech – mein Schwager +ruhiggesättigt von Rache oder von Essen – +der Legationsrat Jean Pierre aber, Gott weiß +warum, als ein halber Engel, wiewohl er sich +denken läßt, der halbe Engel, da nur der +schöne Körper, nicht die andere im Schlaf +vergangene Hälfte, die Seele, vor mir wirkte.</p> + +<p>Beinahe vergäß' ich's, daß ich doch in +meinem Dörfchen, während beide Schwäger, +der Dragoner und der Postillion, tranken, +eine kleine Furcht glücklich bestanden, weil +das Schicksal zweimal auf meiner Seite gewesen. +Ich sah unweit eines Jagdschlosses +neben einem schönen Baumklumpen eine weiße +Tafel mit schwarzer Inschrift schimmern. Dies +ließ mich hoffen, daß mich dort ein kleines +Sargkunstwerk, ein Ehrenpfahl, irgendein + +<span class="sidenote-r"><sup>198</sup> Der Pöchel und das Vieh schwindeln auf keinem +Abgrundsabhang, aber wohl der Mensch.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_64">64</a></span> +Treff-, Zier- und Spießdank für einen Toten +erwarte. Auf einem unbetretenen blumigen +Gewinde lang' ich vor dem Schwarz auf +Weiß an und lese im Mondschein mit Entsetzen: +»Jedermann wird hier vor dem Selbstschuß +gewarnt!« So stand ich also vielleicht +einen Fußzehennagel breit von dem Büchsenhahn, +womit ich, wenn ich die Ferse rückte, +mich selber als einen verblüfften Stocknarren +und Ladstock in die andere Welt, unter die +Seligen hineinschoß. Ich suchte vor allen +Dingen mich mit den Fußnägeln in den Boden +wie einzubeißen und einzufressen – weil +ich wenigstens so lange am holden Leben +bleiben konnte, als ich mich fest pflöckte neben +der daliegenden Atroposschere und Henkersbühne; +– darauf wünscht' ich mich zu entsinnen, +auf welchen Steigen der Teufel mich +unerschossen herbeigeführt. Aber vor Angst +hatt' ich alles ausgeschwitzt und wußte gar +nichts, – im nahen Höllendorf war kein + +<span class="sidenote-l"><sup>11</sup> Das goldene Kalb der Selbstsucht wächst bald +zum glühenden Phalarisochsen, der seinen Vater +und Anbeter einäschert.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_65">65</a></span> +Hund zu ersehen und zu erschreien, der mich +etwa aus dem Wasser hätte holen können, +und die beiden Schwäger soffen selig. Indes, +ich faßte Mut und Entschluß – schrieb auf +einem Pergamentblatte meinen letzten Willen +sowie meine zufällige Sterbart nieder, und +meinen Todesdank ans Bergelchen – und +flog dann mit vollen Segeln auf Geratewohl +und geradeaus den kürzesten Weg hindurch, +unter der Voraussetzung, mich bei jedem +Schritte niederzuschießen und mir so mit +eigener Hand auf mein noch langes Lebenslicht +den <i lang="fr" xml:lang="fr">Bonsoir</i> oder Lichttöter zu setzen. +Aber ohne Schuß kam ich an. In der Schenke +lachte freilich mehr als ein Narr über mich, +weil, was nur ein Narr wissen konnte, die +Warnungstafel schon seit zehn Jahren ohne +Schüsse dageblieben, wie oft diese ohne jene. + +<span class="sidenote-r"><sup>103</sup> Das männliche Schmarotzergewächs an den +weiblichen Rosen und Lilien muß (wenn ich dessen +Schmeicheln recht fasse) wahrscheinlich bei den +Schönen die Sitte der Italiener und Spanier +voraussetzen, welche jede Kostbarkeit dem zum Geschenk +anbieten, der solche sehr lobt.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_66">66</a></span> +So aber steht's, ihr Freunde, mit unserer +Jagdpolizei, die gegen alles warnt, nur nicht +gegen Warnungstafeln.</p> + +<p>Übrigens hatt' ich auf der ganzen Station +leichte Händel mit dem Postillion, weil er +nicht von Viertelstunde zu Viertelstunde halten +wollte, wenn ich ausstieg, um zu ...... +Leider sind freilich von Postknechten keine +Urinpropheten zu erwarten, da so selten Gelehrte +aus Hallers großer Physiologie es +wissen, daß Aufschieben der gedachten Sache +teuflisches Steingut niederschlägt und zuletzt +den Inhaber selber, weil diese Steingrube +seltener der Blasenschneider als der Tod mit +einem Grabe schließt. Hätten Postknechte gelesen, +daß Tycho de Brahe wie eine Bombe +am Zerspringen starb: sie hielten lieber an; +sie fänden bei solchen, mir so unerwarteten +Kenntnissen es vernünftig, daß ein Mann + +<span class="sidenote-l"><sup>199</sup> Aber wenige gegenwärtige Staaten, glaub' ich, +köpfen unter dem Vorwande, zu trepanieren – +oder heften (in einer gesuchtern Allegorie) die Lippen +zusammen unter dem Vorwand, deren Hasenscharten +zuzunähen.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_67">67</a></span> +seinen Leichenstein zwar einmal auf sich, aber +nicht in sich tragen will. Bin ich denn nicht +sogar in Weimar oft aus den längsten Abschiedsauftritten +Schillers mit Tränen in den +Augen hinausgelaufen, bloß um (während +seine Minerva mich im ganzen erweichte) +nicht von deren Medusenkopf auf der Brust +partiell versteinert zu werden? Und kam ich +nicht ins weinende Komödienhaus zurück und +viel munterer in die allgemeine Rührung ein, +weil ich dann nichts mehr zu erleichtern +brauchte als mein Herz?</p> + +<p>Sehr im Finstern kamen wir in Niederschöna +an.</p> + + + + +<h3 class="new-h3 gesperrt">Dritte Station, von Niederschöna +nach Flätz.</h3> + + +<p>Als ich am Posthause, mit den Augen auf +meinen Mantelsack geheftet, in Gedanken dastehe: +schmettert und schnaubt ein Vieh von +Nachtwächter mir so nahe und unversehens + +<span class="sidenote-r"><sup>12</sup> Die Einzelwesen haben Lehrjahre, die Staaten +Lehrjahrhunderte; – aber sind beide freigesprochen, +so sind doch wieder Lehrstunden und Sonntagsschulen +nachzuholen.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_68">68</a></span> +mit seiner Nachttuba ins Ohr, daß ich ordentlich +zurückspringe, ich, den schon jede heftig-schnelle +Anrede verdrießt. Gibt's denn keine +medizinische Polizei gegen solche geblasene +Stundenlärmfidibus und -Lärmkanonen, durch +welche doch keine knallenden entbehrlich +werden? Eigentlich sollte niemand mit dem +Nachtwächterhorne investieret werden als +ein vernünftiger Mann, der sich schon einen +Bruch geblasen oder gehoben hätte und der +imstande wäre, seinen Stundenvers so leise +abzusingen, daß man gar nichts hörte.</p> + +<p>Was ich längst erwartet und der Zwerg +vorausgesagt, traf jetzt ein: aus der hohen +Posthauspforte trat tief sich bückend der Riese +heraus und hob im Freien eine unvernünftig +große Statur und dito Kopf mit der ellenhohen + +<span class="sidenote-l"><sup>67</sup> Gastfreiheitswirt, willst du deinen Gast erforschen? +Begleite ihn zu einem andern Wirte und höre zu! +– Ebenso: willst du deine Geliebte in einer Stunde +besser kennen lernen als in einem Monat Zusammenlebens? +Sieh ihr eine Stunde lang unter +Freundinnen und Feindinnen (wenn dies kein Pleonasmus +ist) zu!</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_69">69</a></span> +Mütze und Feder empor; mein Schwager +ihm zur Seite schien nur sein vierzehnjähriger +Sohn zu sein, und der Zwerg gar sein auf +zwei Beinen aufwartendes Schoßhündchen. +»Lieber Freund,« sagte mein neckender Schwager, +der ihn an mich und die Postkutsche geleitete, +»steig' Er ruhig ein, wir machen Ihm +sämtlich gern Platz. Kremp' Er sich nur recht +zusammen, und leg' Er den Kopf aufs Knie; +so geht's.« Der unnütze Necker hätte so gern +den fast einfältigen Giganten – dem er's +bald abgemerkt, daß dessen Gehirn kein schlauer +Gast, sondern die negative Größe seines +Rumpfes war – unter uns im bangen Postschrank +und Notstall vor sich gesehen zu einem +Giespuckel eingeknüllt und krumm geschlossen. +»Giht doch nit! Giht gar nit!« sagte der +Riese, als er hineinsah. »Der Herr Soldat +wissen vielleicht nicht,« versetzte der Zwerg, +»wie groß ein Riese ist; und Er denken, weil + +<span class="sidenote-r"><sup>80</sup> Im Sommer des Lebens graben und statten die +Menschen Eisgruben so gut als möglich aus, um +sich doch für ihren Winter etwas aufzuheben, was +fortkühlt.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_70">70</a></span> +ich hineingehe. – Aber das ist ein anderes +Loch. – Ich will überall hineinpassen, man +sage mir nur wo.« –</p> + +<p>Kurz, es war kein Ausweg für den Postmeister +und den Riesen, als daß sich dieser +hinten auf das Passagierwarenlager stellte +und setzte, sich als eine Tränenweide herüberbeugend +über den ganzen Kutschkasten. Mich +selber konnte ein solcher Rückenwind und +Rückhalt nicht außerordentlich ergötzen; und +ich traue (hoff' ich) jedem von euch, ihr +Freunde, zu, daß er hinter einem Rückendekret +so gut und so hell wie ich überschlagen +hätte, was ein Kerl und Riese hinter ihm, +ein Nachfahrer in allerlei Sinne, etwa Mordendes, +probieren könne, es sei nun, daß er +durch das Rückenfenster des Wagens einbräche +und angreife oder sich überhaupt mit +Titanenmacht oben über den Kutschenhimmel +hermache. Indessen fing der oben mit gekreuzten + +<span class="sidenote-l"><sup>28</sup> Es ist mir unmöglich, sogleich auf der Stelle +unter dem Wasserästen-Wald von Anspielungen in +meinen Werken – sogar diese ist wieder ein Ast +– herauszubringen und darauf zu fallen, ob ich je</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_71">71</a></span> +Armen auf dem Kasten liegende Elefant +– der aber von seinem Gleichnis mehr +die drückende Masse als das fliegende Geisteslicht +zu haben schien – bald zu schlafen und +zu schnarchen an; ein Elefant, wovon (wie +ich immer froher einsah) mein Schwager, der +Dragoner, leicht der Kornak und Bändiger +sein konnte, ja schon gewesen war.</p> + +<p>Da jetzt mehr als eine Person schlafen +wollte, aber (mit Recht) ich hingegen wachen: +so bot ich gern meinen Fahrehrensitz, den +Vordersitz (auch um manchen Neid der Passagiere +zu tilgen), solchen Personen an, die auf +ihm ein wenig schlummern wollten. Der Legationsmann +ergriff das Anerbieten und den +Lehnpolster mit Hast und entschlief an der +Rücklehne des Titans hinter ihm. Etwas unbegreiflich +blieb mir dergleichen Postschlaf +von einem diplomatischen <i lang="fr" xml:lang="fr">Chargé d'affaires</i>. +Ein Mann, der so mitten unter einer blutfremden, + +<span class="sidenote-r">die sämtlichen Höfe oder Höhen die (Bouguersche) +Schneelinie Europas genannt habe oder nicht, ich +wünschte aber Belehrung darüber, um es im widrigen +Falle etwa noch zu tun.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_72">72</a></span> +oft blutdürstigen Genossenschaft entschläft, +kann ja, wenn er im Schlummer und +Wagen spricht (denkt nur alle an den sächsischen +Minister vor dem Siebenjährigen Kriege!) +hundert Geheimnisse, tausend Schandtaten +herausstoßen, die er kaum verübt hat. Sollte +nicht jedem Minister, Gesandten oder anderen +Mann von Ehre oder Stand ordentlich grausen +vor Tollwerden oder hitzigen Fiebern, da +ihm kein Mensch dafür steht, daß er nicht +darin mit den größten Skandalen herausfährt, +wovon vielleicht die Hälfte Lügen sind?</p> + +<p>Endlich, nach der langen Juliusnacht, kamen +wir Passagiere samt der Aurora vor Flätz an. +Ich sah scharf und weich nach den Turmspitzen; +ich glaube, daß jeder Mensch, der in +einer Stadt etwas Entscheidendes zu suchen + +<span class="sidenote-l"><sup>36</sup> Und so wünscht' ich überall der erste zu sein, besonders +im Betteln; der erste Kriegsgefangene, der +erste Krüppel, der erste Abgebrannte (ähnlich dem, +der die erste Feuerspritze anführt) erbeutet die +Hauptsumme und das Herz; der Nachkömmling +spricht die Pflicht nur an; und endlich geht es mit +dem melodischen Mancando des Mitleids soweit</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_73">73</a></span> +hat, und dem sie entweder ein Richtplatz seiner +Hoffnungen oder deren Ankerplatz, entweder +Schlacht- oder Zuckerfeld wird, sein Auge am +ersten und längsten auf die Türme der Stadt +als auf die Zeigefinger und Züngelchen seiner +Zukunftswage heftet; gleichsam architektonische +Berge, welche wie die natürlichen die Thronen +unserer Zukunft sind. Als ich mich damit zu +dichterisch gegen Jean Pierre herausließ, so +antwortete er geschmacklos genug: »Die Türme +solcher Städte sind ja die Alpenspitzen, worauf +wir den Alpenkäse unserer Zukunft suchen +und melken.« Mochte der Legations-Peter mit +diesem Stile mich lächerlich machen oder nur +sich? – Entscheidet!</p> + +<p>»Hier ist der Ort, die Stadt,« sagt' ich +heimlich zu mir, »wo heute viel und über + +<span class="sidenote-r">herunter, daß der letzte – wenn der vorletzte wenigstens +noch mit einem reichen »Gotthelf« beschwert +abzieht – nichts von der mildtätigen Hand mehr +erhält als deren Faust. Wie nun im Betteln der +erste, so möcht' ich im Geben der letzte sein; einer +löscht den andern aus, besonders der letzte den +ersten; so aber ist die Welt bestellt.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_74">74</a></span> +Zukünfte entschieden wird, wo du diesen +Abend um fünf Uhr deine Bittschrift und +halb dich selber übergibst; – geh' es doch +gut! geh' es herrlich! Werde Flätz, dieser +Waffenplatz deiner kleinen Bestrebungen, zugleich +die Baustelle von Lust- und Luftschlössern +zweier Herzen, des deinigen und des weiblichen!«</p> + +<p>Im Gasthofe zum Tiger stieg ich ab.</p> + + + + +<h3 class="new-h3 gesperrt">Erster Tag in Flätz.</h3> + + +<p>Kein Mensch wird sich anfangs in meiner +Tigerhotelslage stark enthusiasmieren über die +nächsten Aussichten. Ich, als der einzige mir +bekannte Mensch, besonders von der Seite +der Liebe (vom abgehenden Dragoner nachher!), +sah aus den Fenstern des mit Marktgästen +sich vollstopfenden Gasthofes heraus +und auf das Nachströmen des Marktheeres + +<span class="sidenote-l"><sup>136</sup> Übersteigt ihr eure Zeit zu hoch, so geht es euren +Ohren (von seiten der Fama) nicht viel besser, +als sinkt ihr unter solche zu tief, wirklich ganz +ähnlicherweise spürte <em class="gesperrt">Charles</em> oben in der Luftkugel, +und <em class="gesperrt">Halley</em> unten in der Taucherglocke +gleichen besonderen Schmerz in den Ohren.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_75">75</a></span> +hernieder und konnte sehr bald bedenken, daß +eigentlich niemand als Gott und die Spitzbuben +und Mörder genau wußten, wieviel +von beiden letzteren darunter mit einschwämmen, +um vielleicht die unschuldigsten Marktgäste +teils zu enthülsen, teils zu enthalsen. +Meine Lage hatte etwas gegen sich – mein +Schwager hatte, weil er alles blind herausschlägt, +es fallen lassen, daß ich im Tiger +abstiege – (o Gott, wann lernen solche +Menschen geheimnisreich bleiben und auch +den elendesten Bettel des Lebens unter Deckmänteln +und Schleiern bloß deshalb zu tragen, +weil so oft eine lausige Maus einen Eis- und +Golgathaberg gebiert als ein Berg eine Maus?). +Sämtliches Postgesindel saß sämtlich im Tiger +ab – die Hure – der Kammerjäger – +Jean Pierre – der Riese, der schon am +Stadttore ausstieg und den Großkopf des + +<span class="sidenote-r"><sup>25</sup> In der Jugend sieht man eben wie ein operierter +Blindgeborener – und was tut auch der Geburtshelfer +oder die Geburtshelferin anders als operieren +– die Ferne für die Nähe an, den Sternenhimmel +für greifbares Stubengeräte, die Gemälde für Gegenstände,</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_76">76</a></span> +Zwergs als eigenen Kopf durch Mantelbemäntelung +über die Straßen trug, damit er +um einen halben Zwerg gratis riesenhafter +erschiene, als er eigentlich für Geld zu sehen +war. – –</p> + +<p>Es kam nun auf jeden ausgestiegenen Passagier +an, ob er zum Tiger, dem Wappentiere +des Gasthofs, den Prototypus machen, und +welches Lamm er dann fressen, aussaugen, +abrupfen wollte. Auch mein Schwager verließ +mich, um einem Roßtäuscher nachzuziehen, +behielt aber für seine Schwester sein Zimmer +neben meinem; dies sollte, wie es schien, Aufmerksamkeit +für sie verraten. Ich blieb einsam +meiner Tatkraft überlassen.</p> + +<p>Gleichwohl dacht' ich unter so vielen Spitzbuben, +die mich umzingelten, wenn nicht gar +belagerten, warm an eine ferne, redliche +Seele, an meine Berga in Neusattel, ein +Mark- und Kraftherz, das vielleicht manchem + +<span class="sidenote-l">und die ganze Welt sitzt dem Jüngling +auf der Nase, bis ihn, wie den Blinden, mehrmaliges +Auf- und Zubinden endlich Schein und +Ferne schätzen lehrt.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_77">77</a></span> +schwachen Ehebündner mehr Schutz gewähren, +als verdanken würde. »Erscheine nur morgen +mittags recht bald, Berga,« sagte mein Herz, +»und womöglich noch vormittags, damit ich +dein Jahrmarktsparadies um so viele Stunden +länger ausdehne, als du um frühere anlangst!«</p> + +<div class="figcenter" style="width: 299px;"> +<img src="images/bartscheerer.png" width="299" height="500" alt="... so gab ich dem Feld- und Bartscheerer einen so plötzlichen Stoss auf den Nabel .." title="" /> +</div> + +<p>Ein Geistlicher läuft mitten im Weltsturm +leicht in einen Freihafen ein, in die Kirche; +die Kirchenmauer ist seine Schießhausmauer +und Fortifikation; und dahinter sitzen gleichergestimmte +und friedlichere Seelen beisammen +als auf dem Marktplatz – kurz, ich ging in +die Hofkirche. Inzwischen wurde ich in meiner +Liederandacht ein wenig verrückt durch einen +Heiducken, der einem wohlgekleideten, jungen +Herrn mir gegenüber die Doppellorgnette von +der Nase abriß, weil in Flätz sowie in Dresden + +<span class="sidenote-r"><sup>125</sup> Am Ende muß man noch aus Angst und Not +der wärmste Weltbürger werden, den ich kenne; +so sehr schießen die Schiffe als Weberschiffchen hin +und her und weben Weltteile und Inseln aneinander. +Denn es falle heute das politische Wetterglas +in Südamerika; so haben wir morgen in +Europa Gewitter und Sturm.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_78">78</a></span> +Gläser, die verkleinern und nähern, gegen +den Hof verstoßen; ich hatte zwar selber eins +aufgesetzt, aber es vergrößerte. Ich konnte +mich unmöglich dahin bringen, die Brille abzunehmen, +und ich werde hier, fürcht' ich, +wieder als Starrkopf und Waghals aussehen; +bloß dies hielt ich für schicklich, in einem fort +mit ihr ins Gesangbuch zu blicken und nicht +einmal, da der Hof einrauschte, aufzuschauen, +um Winke zu geben, daß sie erhaben geschliffen. +– Die Predigt übrigens war gut, +wenn auch nicht immer fein bedacht für eine +Hofkirche; denn sie mahnte von unzähligen +Lastern ab, zu deren Widerspielen, den Tugenden, +ein anderer Prediger zu leicht hätte ermahnen +können! Unter dem ganzen Gottesdienste +trachtete ich, wahre, tiefe Ehrerbietung + +<span class="sidenote-l"><sup>19</sup> Leichter, hat man bemerkt, ersteigt man einen +Berg, wenn man rückwärts hinaufgeht. Dies ließe +sich vielleicht auch auf Staatshöhen anwenden, +wenn man ihnen immer nur das Glied wiese, womit +man sich darauf setzt, und das Gesicht gegen +das Volk unten gerichtet hielte, indes man in einem +fort sich entfernte und höbe.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_79">79</a></span> +an den Tag zu legen, sowohl gegen Gott als +gegen meinen erhabenen Landesherrn. Zur +letzteren Ehrerbietung hatte ich noch meinen +Privatgrund; ich wollte solche nämlich recht +öffentlich und stark mit erhabenen Schriftpunzen +auf meinem Gesicht ausprägen, um +irgendeinen eingefleischten Schadenfroh am +Hofe Lügen zu strafen, der etwa meine neuliche +Widerlegung von Linguets Lob auf Nero +und meine deutsche freie Satire auf diesen +wahren Tyrannen selber, die ich ins Flätzische +Wochenblatt eingeschickt, möchte zu einem +heimlichen Charaktergemälde meines Fürsten +umzudrehen beliebt haben. Leider kann man +jetzt kaum auf den höllischen Teufel selber +eine Stachelschrift abfassen, ohne daß irgendein +menschlicher sie auf einen Engel appliziert.</p> + +<p>Als endlich der Hof aus der Kirche in den + +<span class="sidenote-r"><sup>26</sup> Wenige deutsche Gelehrte sind nicht originell, +wenn man anders (wenigstens aller Länder Sprachgebrauch +ist) jedem Originalität zusprechen darf, +der bloß seine eignen Gedanken auftischt und keine +fremden. Denn da zwischen ihrem Gedächtnis, wo +das Gelesene oder Fremde wohnt, und zwischen</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_80">80</a></span> +Wagen stieg, hielt ich mich in solcher Entfernung, +daß mein Gesicht unmöglich wäre +zu sehen gewesen, falls ich etwa in der Nähe +kein ehrerbietiges, sondern ein zu stolzes gezogen +hätte. Gott weiß, wer mir allein jene +tollkecken Phantasien und Gelüste eingeknetet +hat, die vielleicht einem Helden Schabacker +mehr anständen als einem Feldprediger unter +ihm. Ich kann hier nicht umhin, eine der +frechsten, euch, meinen Freunden, zu vertrauen, +würfe sie auch anfangs ein zu grelles Licht +auf mich. Es war bei meiner Ordination +zum Feldprediger, als ich zum heiligen Abendmahle +ging am ersten Ostertag. Während ich +nun so dastand, weich bewegt vor dem Altargeländer +mit der ganzen Männergemeinde +– ja, ich vielleicht stärker gerührt, als einer +darunter, weil ich als ein in den Krieg Ziehender + +<span class="sidenote-l">ihrer Phantasie oder Erzeugungskraft, wo das Geschriebene +und Eigene entsteht, ein hinlänglicher +Zwischenraum und die Grenzsteine so gewissenhaft +und fest gesetzet sind, daß nichts Fremde ins Eigne +und umgekehrt herüber kann, so daß sie wirklich +hundert Werke lesen können, ohne den Erdgeschmack</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_81">81</a></span> +mich ja halb als einen Sterbenden betrachten +durfte, der nun wie ein zu Henkender +die letzte Seelenmahlzeit empfängt – so +warf in mir, mitten in die Rührung von +Orgel und Sang, etwas – sei es nun der +erste Osterfeiertag gewesen, der mich auf +das sogenannte alte christliche Ostergelächter +brachte, oder der bloße Abstich teuflischer +Lagen gegen die gerührtesten – kurz, etwas +in mir (weswegen ich seitdem jeden Einfältigeren +in Schutz nehme, der sonst dergleichen +dem Teufel anschrieb!) – dies Etwas warf +die Frage in mir auf: »gäb' es denn etwas +Höllischeres, als wenn du mitten im Empfange +des heiligen Abendmahls verrucht und spöttisch +zu lachen anfingest?« Sogleich rang ich +mich mit diesem Höllenhund von Einfall herum +– versäumte die stärksten Rührungen, + +<span class="sidenote-r">des eignen einzubüßen oder dasselbe sonst zu ändern: +so ist, glaub' ich, ihre Eigenheit bewährt; und ihre +geistigen Nahrungsmittel, ihre Plinsen, Laibe, +Krapfen, Kaviare und Suppenkugeln werden nicht, +wie nach Büffon die körperlichen, zu organischen +Kügelchen der Erzeugung, sondern erscheinen rein</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_82">82</a></span> +um nur den Hund im Gesichte zu behalten, +und abzutreiben – kam aber von ihm abgemattet +und begleitet vor dem Altarschemel +mit der jammervollen Gewißheit an, daß ich +nun in kurzem ohne weiteres zu lachen anfangen +würde, ich möchte innen weinen und +stöhnen, wie ich wollte. Als daher ich und +ein sehr würdiger alter Bürgermeister uns +miteinander vor dem langen Geistlichen verbeugten +und letzterer mir (vielleicht kam er +mir auf dem niedrigen Kniepolster zu lang +vor) die Oblate in den klemmen Mund steckte: +so spürt' ich schon, daß an den Mundwinkeln +alle Lachmuskeln sardonisch zu ziehen anfingen, +die auch nicht lange an der unschuldigen Gesichtshaut +arbeiteten, als schon ein wirkliches +Lächeln darauf erschien – und als wir uns +gar zum zweiten Male verneigten, so grinste + +<span class="sidenote-l">und unverändert wieder. Oft denk' ich mir solche +Gelehrte als lebendige, aber tausendmal künstlichere +Entriche von Vaukansons Kunstente aus Holz. +Denn in der Tat sind sie nicht weniger künstlich +zusammengefugt als diese, welche frißt und den +Fraß hinten wiederzugeben scheint – zarte Nachspiele</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_83">83</a></span> +ich wie ein Affe. Mein Nebenmann, der +Bürgermeister, redete ganz mit Recht, als +wir hinter den Altar umgingen, mich leise +an: »Um Gottes willen, sind Sie ein ordinierter +Prediger oder ein Pritschenmeister? +– Lacht denn der lebendige Gottseibeiuns +aus Ihnen?« – »Ach, Gott! wer denn sonst?« +sagt' ich; erst nachher bracht' ich meine Andacht +ernsthafter zu Ende.</p> + +<p>Aus der Kirche – (ich komme wieder in +die Flätzer) – ging ich in den Gasthof zum +Tiger und aß an der Wirtstafel, weil ich +nie menschenscheu bin. Vor dem zweiten Gerichte +reichte mir der Kellner einen leeren +Teller, worauf ich zu meinem Erstaunen einen +französischen Vers mit der Gabel eingekratzt +erblickte, der nichts Geringeres enthielt als +ein Pasquill auf den Kommandanten von + +<span class="sidenote-r">der Ente, welche unter dem Schein, die Kost +in Blut und Saft verwandelt zu haben, bloß einen, +vom Künstler im Hinterleibe trefflich vorgerüsteten +Auswurf, der mit Speise und Verdauung gar nicht +zusammenhängt, illusorisch in die Welt setzt und +drückt.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_84">84</a></span> +Flätz. Ohne Umstände bot ich den Teller der +Tischgesellschaft hin und sagte, ich hätte +das pasquillantische Geschirr, wie sie sähen, +eben bekommen, und bäte sie zu bezeugen, +daß der Handel mich nichts angehe. Ein +Offizier wechselte sogleich mit mir Teller. +Bei dem fünften Gericht durft' ich mich über +die chemisch-medizinischen Unkenntnisse der +Tischgesellschaft verwundern, indem ein Hase, +aus welchem ein Herr mehrere Schrotkörner, +das heißt also ein mit Arsenik versetztes und +durch den warmen Essig nun aufgelöstes Blei, +öffentlich herausgezogen und vorgezeigt hatte, +von den Zuschauern (mich ausgenommen) +lustig fortgespeist wurde.</p> + +<p>Unter den Tischgesprächen faßte mich eins +gewaltig bei meiner schwachen Seite, bei +meiner Ehre. Es wurde nämlich der Gerichtsgebrauch +der Residenz erzählt, daß ein unzüchtiges +Mädchen jeden, wen eine Dirne +dazu wähle, in den Vater ihres Wurms verkehren + +<span class="sidenote-l"><sup>15</sup> Nach Ähnlichkeit der schön polierten englischen +Einlegmesser gibt's auch Einlegkriegsschwerter, oder +– mit andern Worten – Friedensschlüsse.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_85">85</a></span> +könne bloß durch ihr Eidwort. »Schrecklich!« +sagt' ich, und mir stand das Haar zu +Berg. – »Auf diese Weise kann sich ja der +erste beste Hausvater mit Frau und Kindern, +oder ein Geistlicher, der im Tiger logiert, +von der ersten <ins title="schimmsten">schlimmsten</ins> Aufwärterin, die +er oder die ihn leider abends zufällig kennen +lernen, um Ehre und Unschuld gebracht sehen?« +Ein ältlicher Offizier fragte: »Soll denn aber +das Mädchen sich lieber zum Teufel schwören?« +Welche Logik! – »Oder gesetzt,« fuhr ich +ohne Antwort fort, »ein Mann reist mit +jenem Wiener Schlossergesellen, der nachher +Mutter wurde und mit einem Söhnchen niederkam, +oder mit irgendeinem verkleideten +Ritter d'Eon, mit dem er häufig übernachtet; +und der Schlossergeselle oder der Ritter dürfen +dann ihre Beilager beeidigen: so kann ja kein +zarter Mann zuletzt mehr mit einem anderen +reiten und fahren, weil er nicht weiß, wann +dieser die Stiefel auszieht und die Weiberschuhe +an, und ihn dann zum Vater schwört +und sich zum Teufel?«</p> + +<p>Aber einige von der Tischgesellschaft vergriffen +<span class="pagenum"><a name="Page_86">86</a></span>sich in meinem Kanzelfeuer so sehr, +daß sie schafsmäßig zu glauben andeuteten: +ich selber sei in diesem Punkt nicht richtig, +sondern lax. Beim Himmel! ich wußte da +nicht mehr, was ich fraß und sprach. Zum +Glücke wurde mir gegenüber eben die Lüge +irgendeiner französischen Niederlage ausgesagt; +da ich nun an den Straßenecken die +französische und deutsche Proklamation angesehen, +welche jeden, der Kriegsberichte – +nämlich nachteilige – anhört, ohne sie anzuzeigen, +vor das Kriegsgericht bestellt: so +konnt' ich als ein Mann, der sich nie gern +vergessen will, wohl nichts Klügeres tun, +als davongehen mit leeren Ohren und nur +dem Wirte rapportieren warum.</p> + +<p>Es war keine unrechte Zeit, denn absichtlich +um viereinhalb Uhr wollt' ich mir den Bart +scheren lassen, um gegen fünf so recht mit einem +vom Balbiermesserglättzahn geleckten Kinn, +wie glattes Velinpapier, ohne Wurzelstöcke vom +Kinnhaare (Barthaare ist Pleonasmus) auf- +und vorzutreten. Vorher goß ich, wie Pitt vor +Parlamentssitzungen, verdammt viel Pontak +<span class="pagenum"><a name="Page_87">87</a></span>mit wahrem Ekel in meinen Magen hinunter +gegen jede Heillehre und Sperrordnung desselben, +nicht sowohl um den leichten, fremden +Bartputzer zu bestehen, als den Ministergeneral +Schabacker, mit welchem ich eines und +das andere Feuerwort zu wechseln vorhatte.</p> + +<p>Es kam der gewöhnliche Fremdenbalbier +des Hotels, hatte aber sogleich in seinem +viellinigen ausgezackten Gesichte mehr von +einem endlich toll werdenden, als von einem +weiser werdenden Manne an sich. Tolle nun +hass' ich unglaublich und bin daher in kein +Tollhaus zu bringen, weil da der erste beste +Wütige mich mit Riesenfäusten erschnappt, +wenn er mag, und weil ich überhaupt der +Ansteckung wegen nicht weiß, ob ich wieder +mit dem Verstande herauskomme, den ich hineintrage. +– Gewöhnlich sitz' ich (bin ich eingeseift) +dergestalt auf dem Stuhle, daß ich, +beide Hände (den Blick spann' ich scharf gegen +das balbierende Gesicht) auf den Schenkeln, +dem Zwerchfell des Balbiers gegenüber schlagfertig +liegen habe, um ihn bei der kleinsten +zweideutigen Bewegung wie wütig umzustoßen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_88">88</a></span> +Ich weiß kaum recht, wie es zuging, aber +indes ich mich ins närrisch-gewundene Gesicht +des Bartputzers vertiefe und da er eben +das lang' gewetzte Schlachtmesser etwas vorschnell +gegen meine entblößte Gurgel führte: +so gab ich dem Feld- und Bartscherer einen +so plötzlichen Stoß auf den Nabel, daß der +Mann sich im Fallen bald selber selbstmörderisch +die Gurgel abgeschnitten hätte. Mir +blieb freilich nichts davon als Gutmachungen +und eine gegen meine sonstigen Grundsätze +umgebundene geschwollene Kravatte als Deckmantel +dessen, was unbeschoren geblieben.</p> + +<p>Jetzt brach ich denn endlich zum General +auf und trank die Pontaksreste noch unter +der Schwelle aus. Ich hoffe, in mir lagen +Pläne fertig, richtig zu antworten, ja zu +fragen. Das Bittschreiben hatt' ich in der +Tasche und in der rechten Hand. In der +linken hatt' ich dessen Duplikat. Mein Feuer +half mir leicht über alle ministeriellen lebendigen +Zäune hinüber, und ich befand bald +mich unverhofft im Vorzimmer unter seinen +vornehmsten Lakaien, die, soviel ich merkte, +<span class="pagenum"><a name="Page_89">89</a></span>nichts verpassen sollten. Ich überreichte dem +Ansehnlichsten meine papierne Bitte mit der +mündlichen, sie seinerseits zu überreichen. Er +nahm sie, aber unverbindlich. Ich wartete +tief in die Stunde sechs Uhr hinein vergeblich, +worin allein dem frohen Generale manches +vorzutragen ist. Endlich erseh' ich einen +Stief- oder Duzbruder des vorigen Lakaien +und wiederhole mein Gesuch; dieser rennt +umsonst umher, um Bruder oder Schreiben +zu suchen – nichts war zu finden: – wie +glücklich war ich, daß ich das Duplikat der +Bittschrift mitten im Pontak vor dem Rasieren +mir wieder abgeschrieben, und also – bloß +aus dem Grundsatz, daß man immer ein +zweites hölzernes Bein im Mantelsack eingepackt +haben müsse, wenn man ein erstes +am Leibe habe – und aus der Furcht, daß, +wenn mir das Urschreiben auf dem Wege + +<span class="sidenote-r"><sup>13</sup> <i lang="la" xml:lang="la">Omnibus una salus sanctis, sed gloria dispar</i>; +das heißt – schreiben sonst die Gottesgelehrten – +nach Paulus haben wir im Himmel alle dieselbe +Seligkeit, aber verschiedene Ruhmstufen. Schon +auf der Erde finden wir im Himmel der Schriftstellerwelt</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_90">90</a></span> +vom Tiger zu Schabacker verloren ginge, +meine ganze Reise und Hoffnung zu Wasser +müßte werden – dies, sag' ich, war gut, daß +ich das Repetierwerk des Urschreibens eingesteckt +hatte, und folglich in jedem Falle +etwas, und zwar ein detto, einzuhändigen +vermochte. Ich händigte dasselbe ein.</p> + +<p>Leider nur war schon sechs Uhr vorbei. +Der Lakei aber blieb nicht lange aus, sondern +brachte mir bald – ich möchte sagen den +Predigttext dieses Zirkelbriefes – die fast +rohe Antwort (die ihr, Freunde, aber aus +Achtung für mich und Schabacker geheim zu +halten habt): falls ich der Attila Schmelzle +beim Schabackerschen Regiment wäre, so möcht' +ich mich nur mit meinem Hasenpanier wieder +zum Teufel scheren, wie ich bei Pimpelstadt +getan. Ein anderer wäre auf dem Platze geblieben; +ich aber ging ganz derb davon und + +<span class="sidenote-l">ein Vorbild davon. Nämlich die Seligkeit +der von der Kritik seliggesprochenen Autoren der +genialen, der guten, der mittelmäßigen, der geistesarmen, +ist bei allen die nämliche, sie machen sämtlich +im ganzen fast einerlei Kameralglück, denselben</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_91">91</a></span> +versetzte dem Kerl: »Ich schere mich auch +willig zum Teufel, und schere mich den Teufel +darum.« Unterwegs untersucht' ich mich selber, +ob nicht etwa der Pontak aus mir gesprochen +– wiewohl schon die Untersuchung widerspricht, +da kein Pontak untersucht; – aber +ich fand, daß nur ich, mein Herz, vielleicht +mein Mut etwas gesprochen: und wozu denn +überhaupt Kleinmut, da das Vermögen meiner +guten Frau mich ja besser besoldet als zehn +katechetische Professuren, und da sie alle Ecken +meines Buches des Lebens mit so viel goldenen +Beschlägen versieht, daß ich es, ohne +es abzunützen, immer aufschlagen kann? – +Schwangere mögen bei Schrecken an den +Hintern greifen, um das Muttermal des Versehens +dorthin zu verstecken; ich griff bei dem +Mute ans Herz und sagte: »Schlage dich +nur tapfer durch, wer auch dabei geschlagen + +<span class="sidenote-r">schwachen Profit. Aber Himmel, was hingegen +Nachruhmsstaffeln anlangt, wie tief wird nicht – +ungeachtet des nämlichen Honorars und Absatzes – +schon bei Lebzeiten ein sogenannter Duns unter +ein Genie hinabgestellt! – Wird nicht oft ein</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_92">92</a></span> +werde!« Ich fühlte mich ganz erhoben und +erhitzt – ich dachte mir Republiken, wo ich +als Held nach Hause kommen könnte – ich +sehnte mich in jene heroischen Griechenzeiten +hinein, wo ein Held vom andern Prügel +gern einsteckte und sagte: schlage nur, aber +höre mich! und aus unseren feigen heraus, +wo man kaum Schimpfworte aushält, geschweige +mehr – ich malte mir es aus, wie +ich mich fühlen würde, wenn ich in glücklichere +Umgebungen Afterthronen umwürfe +und vor ganzen Völkern auf Großtaten wie +auf Tempelstufen unsterblich aufstiege und in +gigantischen Zeiten ganz andere und größere +Männer zu übermannen und zu übertreffen +fände als jetzt den Milbenpöbel um mich her +und höchstens den einen und den anderen +Vulcanello. Ich dachte – und machte mich +immer wilder und ich selber berauschte mich + +<span class="sidenote-l">geistesarmer Autor in einer Messe vergessen, indes +ein geistreicher oder gar ein genialer durch fünfzig +Messen durchblüht und so erst sein 25 jähriges +Jubiläum feiert, bevor er spät vergessen untergeht +und im deutschen Ruhmtempel eingesenkt wird, der</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_93">93</a></span> +(also kein Pontaksrausch, der bekanntlich mehr +durch als ohne Trinken wächst), und gestikulierte +öffentlich – als ich mich fragte: +»Willst du ein bloßer Staatsschoßhund werden +– ein Hunds-Hund – ein <i lang="la" xml:lang="la">pium desiderium</i> +eines <i lang="la" xml:lang="la">impii desiderii</i> – ein Ex-Ex – +ein Nichts-Nichts? – – O Sackerment!« +Darüber stieß ich mir aber meinen Hut in +den Marktkot. Da ich ihn aufhob und säuberte, +sah ich überall, wie verschossen er +war, und entschloß mich sogleich, einen neuen +zu kaufen und anfangs selber zu tragen in +der Hand.</p> + +<p>Ich vollzog's und erhandelte einen vom +feinsten Kaliber. Sonderbar, durch diesen +Hut, als wär's ein Magisterhut, wurde in +der Ziegengasse ordentlich mein Kopf geprüft +und examiniert. Da nämlich der General +Schabacker darin daherfuhr, und ich (wie sich +wohl von selber versteht) mich nicht durch + +<span class="sidenote-r">die bekannte Eigenheit der Kirche des Ordens der +Padri Lucchesi in Neapel nachahmt, welche bekanntlich +(nach Volkmann) unter ihrem Dache eine +Begräbnisstätte, aber kein Denkmal darauf verstatten.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_94">94</a></span> +gemeine Grobheit, sondern durch Höflichkeit +rächen wollte: so bekam ich eine der kitzlichsten +Aufgaben zu lösen vor. Schwenkt' +ich nämlich bloß den feinen Filz, den ich +schon in der Hand trug, behielt aber den +verschossenen auf dem Kopfe: so konnt' ich +einem Grobian von Haus aus ähnlich sehen, +der nichts abzieht; zog ich hingegen den +alten vom Kopfe und hofierte damit: so +spielten zwei Filze auf einmal (ich mochte +nun den anderen mitbewegen oder nicht) +die Sache ins Lächerliche. Nun, stimmt +doch ab, ihr Freunde, eh' ihr weiter leset, +wie man sich hier herauszuziehen hätte, ohne +den Kopf zu verlieren!.... Ich glaube +vielleicht dadurch, daß man bloß den Hut +verliert; kurz und gut, ich ließ eben geradezu +den Putzhut aus der Hand in den Kot fallen, +um mich in den Stand zu setzen, den Sudelhut +einsam abzunehmen und mit nötiger Höflichkeit +zu schwenken ohne einen Anstrich von +Lächerlichkeit.</p> + +<p>Im Tiger ließ ich – um etwas schließen +zu lassen – den brillantierten Fein-Fein-Fein-Filz +<span class="pagenum"><a name="Page_95">95</a></span>früher ausbürsten als den Kotsassen- +oder Schartekenhut.</p> + +<div class="figcenter" style="width: 306px;"> +<img src="images/knecht.png" width="306" height="500" alt="... und betete laut: Dir übergeb' ich mich ganz / Du allein sorgtest ja bisher für mich schwachen Knecht" title="" /> +</div> + +<p>Nun ging ich, meine wichtige Vergangenheit +in der Adjustier- und Probierwage tragend, +feurig auf und nieder. Der Pontak mußte – +ich weiß wohl, daß es hinieden nur unechten +gibt – ein noch unechterer gewesen sein; so +sehr jagte er meine Phantasie in ein Feuer +nach dem anderen. Ich sah jetzt in ein weites, +glänzendes Leben hinein, wo ich ohne Amt +lebte, bloß von Geld; und das ich gleichsam +mit den delphischen Höhlen und Zenonischen +Gängen und Musenbergen aller der Wissenschaften +übersäet sah, die ich ruhig treiben +konnte. Besonders konnte ich mich mehr auf +Preisschriften bei Akademien legen, deren +(nämlich der Schriften) sich kein Urheber +jemals zu schämen braucht, weil eine ganze +krönende Akademie in jedem Falle für den +Koronanden steht und errötet. Schießt auch +der Preiswerber neben der Krone vorbei, so +bleibt er doch stets unbekannter und anonymer +(da man seine Devise nicht entsiegelt) +als ein anderer Autor, der zwar namenlos +<span class="pagenum"><a name="Page_96">96</a></span>ein Langohr von Buch ediert, den aber doch +bald ein literarisches Eselbegräbnis (<i lang="la" xml:lang="la">sepultura +asinina</i>) öffentlich vor der halben Welt einsenkt.</p> + +<p>Nur etwas dauerte mich voraus, das Leid +meiner Berga, welcher ich morgen, der lieben +Müdegereisten, die Ankunft und die abgekürzte +Marktschau mit meiner abschlägigen +Nachricht versalzen mußte. Sie wollte so +gern in Neusattel – und wer verübelt's +einer reichen Pächterstochter – etwas vorstellen +und manche Honoratiorin ausstechen. – +Jeder Mensch verlangt sein Paradeplätzchen +und eine frühere lebendigere Ehre, als die +letzte Ehre. – Besonders will eine so gute +Niedriggeborene, sich vielleicht mehr ihres +metallischen als ihres geistigen Schatzes und +Tilgungsfonds bewußt, doch bei Ehrengelagen +Meisterin von irgendeinem Stuhl oder Stühlchen +sein und über die erste beste dumme +Gans <i lang="la" xml:lang="la">loci</i> hinaufsitzen.</p> + +<p>Dazu sind nun Ehemänner so unentbehrlich. +Ich nahm mir daher vor, mir und folglich +ihr einen der besten Titel, womit die Höfe in +<span class="pagenum"><a name="Page_97">97</a></span>Deutschland (gleichsam wie in einem Auerbachshof +in Leipzig) vom Adel und Halbadel an +bis zum Rate herunter in einem fort feilstehen, +anzukaufen und dieser geadelten Seele durch +meinen Viertelsadel einen solchen Achtelsadel +zuzuspielen, daß (hoff' ich) manche gemeine +nebenbuhlerische Neusattlerin vom +Neide halb geborsten sagen und rufen soll: +»Ei du dummes Pächtersding! Seht doch, +wie das schwänzelt und wedelt! Es denkt +nicht daran, was es mit ihm wäre, wenn es +keinen Geldsack und keinen Hofrat hätte; –« +Denn letzteres nämlich müßt' ich etwa vorher +geworden sein.</p> + +<p>Aber ich sehnte mich in der kalten Einsamkeit +meines Zimmers und im Feuer meiner +Erinnerungen unbeschreiblich nach dem Bergelchen +– ich und mein Herz waren müde +vom fremden treibenden Tage – niemand +um mich her sagte mir ein gutes Wort, das +er nicht in die Wirtsrechnung zu bringen +verhoffte. – Freunde, ich schmachtete nach +der Freundin, deren Herz gern das Blut +zum Balsam für ein zweites vergießt – ich +<span class="pagenum"><a name="Page_98">98</a></span>verfluchte meine überklugen Maßregeln, daß +ich nicht, um die Gute sogleich mit mir zu +nehmen, lieber das dumme Hauswesen allen +Spitzbuben und Feuerschäden preisgegeben. +– Im Auf- und Abgehen ward es mir +immer leichter, alles zu werden, jeder Kammerrat, +Akzisrat, anderer Rat, und wie sie nur +befahl, wenn sie ankäme.</p> + +<p>»Mach dir nur einen guten Tag in der +Stadt!« sagte Bergelchen diese ganze Woche +hindurch. Aber wie ist einer ohne sie zu +machen? Unsere Trauertränen trocknen auch +Freunde ab und begleiten sie mit eigenen; +aber unsere Freudentränen finden wir am +leichtesten in den Augen unserer Frauen +wieder. – Verzeiht, Freunde, diese Libationen +meiner Rührung – ich zeig' euch nur mein +Herz und meine Berga. – Bedarf ich eines +Ablaßkrämers, so nehmt den Pontakskrämer +dazu. + +<span class="sidenote-l"><sup>79</sup> Schwache und verschobene Köpfe verschieben und +verändern sich am wenigsten wieder, und ihr innerer +Mensch kleidet sich sparsam um; ebenso mausern +Kapaune sich nie.</span></p> + + + + +<div class="new-h3"> </div> +<p><span class="pagenum"><a name="Page_99">99</a></span></p> +<h3 class="gesperrt">Erste Nacht in Flätz.</h3> + + +<p>Gleichwohl nahm mir der Wein die Besonnenheit +nicht, vor dem Bettegehen unter +das Bett zu sehen, ob jemand darunter lauere, +zum Beispiel die Hure, der Zwerg oder +der Legationsrat, ferner den Schlüssel unter +den Türdrücker (die beste Sperrordnung unter +allen) zu schieben, dann zum Überflusse meine +Nachtschraube an die Türe einzubohren und +endlich davor noch die Sessel übereinander +zu bauen und Beinkleider und Schuhe anzubehalten, +weil ich durchaus nichts besorgen +wollte.</p> + +<p>Ich hatte aber noch andere Sachen des +Nachtwandels wegen abzutun. Mir war's +überhaupt von jeher unbegreiflich, wie so +viele Menschen zu Bette gehen und darin +gesetzt liegen können, ohne zu bedenken, daß +sie vielleicht im ersten Schlafe sich aufmachen + +<span class="sidenote-r"><sup>89</sup> Die Alten heilten sich im Zeitenunglück mit +Philosophie oder mit Christentum; die Neueren +aber z. B. in der Schreckenszeit griffen zur Wollust, +wie etwa der verwundete Büffel sich zur Kur und +zum Verband im Schlamme wälzt.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_100">100</a></span> +als Nachtwandler und auf Dächer hinauskriechen +und irgendwo erwachen, wo sie den +Hals brechen und den Rest. Ja, es wäre +mir schon Gefahr genug, wenn ein unbescholtener +Mann, ein Feldprediger, im eigenen +Bette einschliefe und etwa auf den Seidenpolstern +im Schlafgemache der vornehmsten +Dame in der Stadt aufwachte, von der er +vielleicht sein Glück erwartet. Bin ich zu +Hause, so wag' ich wenig mit Schlaf; – +weil ich, da meine rechte Fußzehe jede Nacht +mit einem drei Ellen langen Wickelbande +(ich nenn' es scherzend unser eheliches Band) +an die linke Hand meiner Frau angeschlungen +wird, die Gewißheit habe, daß ich, falls ich +aus dem Bettarrest herausginge, mit dem +Sperrstrick sie wecken und ich folglich von +ihr, als meinem lebendigen Zaun, an der +Nachtschnur wieder ins Bett würde zurückgezogen +werden. Im Gasthof aber konnt' ich +nichts tun, als mich einige Male an den +Bettfuß schnüren, um nicht zu wandern; obgleich +alsdann einbrechende Spitzbuben neue +Not mitbringen konnten. Ach, so gefährlich +<span class="pagenum"><a name="Page_101">101</a></span>ist alles Schlafen, daß leider jeder, der nicht +auf dem Rücken wie ein Leichnam daliegt, +besorgen muß, mit dem Ganzen schlafe auch +ein oder das andere Gliedmaß, ein Fuß, +ein Arm ein; und dann kann das entschlummerte +Glied – da es in der medizinischen +Geschichte gar nicht daran an Exempeln fehlt +– am Morgen zum Amputieren gereift daliegen. +Deshalb lass' ich mich häufig wecken, +damit nichts einschläft.</p> + +<p>Als ich an den Bettpfosten gut angebunden +und endlich unter die Bettdecke gekommen +war, wurde ich wegen meines Pontaks Feuertaufe +aufs neue bedenklich und furchtsam vor +meinen zu erwartenden Kraft- und Sturmträumen +– welche leider nachher auch nichts +Besseres wurden als <ins title="Helden">Helden-</ins> und Potentatentaten, +Festungsstürme, Felsenwürfe; – noch +aber seh' ich wenig diesen Punkt ärztlich beherzigt. + +<span class="sidenote-l"><sup>108</sup> Verwundert las ich, der Gruß im Gotthardstal +sei: <i lang="it" xml:lang="it">Allegro!</i> – Denn nie wurd' ich in Wetzlar, +in Regensburg oder Wien anders gegrüßt als: +<i lang="it" xml:lang="it">Andante di molto!</i> – zuweilen jedoch: <i lang="it" xml:lang="it">Allegro, +ma non troppo!</i> – Ja, alte Generale grüßten sich</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_102">102</a></span> +Medizinalräte und ihre Kunden strecken +sich alle ruhig in ihren Betten aus, ohne +daß nur einer von ihnen befürchtet oder +untersucht, ob ihm ein wütiger Zorn (zumal +wenn er schnell darauf kalt säuft im Traum), +oder ein herzzerreißender Harm, was er alles +in den Träumen erleben kann, am Leben +schade oder nicht. Wär' ich, ich bekenn' es, +eine Frau und mithin weiblich-furchtsam zumal +in guter Hoffnung, ich würd' in letzter +über die Frucht meines Schoßes in Verzweiflung +sein, wenn ich schliefe und folglich +im Traum alle die von medizinischen Polizeien +verbotenen Ungeheuer, wilden Bestien, Mißgeburten +und dergleichen zu Gesicht bekäme, +wovon eine ausreicht (sobald die bestätigte +Lehre des Versehens wahr bleibt), daß ich +Kreißende mit einem elenden Kinde niederkäme, +das ganz aussähe wie ein Hase und +voll Hasenscharten dazu, oder das eine Löwenmähne + +<span class="sidenote-r">oft: <i lang="it" xml:lang="it">Poco vivace</i>. – Ich erkläre mir es daher, daß +der Deutsche, wenn alle Völker, die Füße und +Schuhe zu ihren Maßen nehmen, lieber mit Sessions-Steißen +und Hosen abmißt.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_103">103</a></span> +hinten hätte oder Teufelsklauen an +den Händen, oder was sonst noch Mißgeburten +an sich haben. Vielleicht wurden manche +Mißgeburten von solchem Versehen in Träumen +gezeugt.</p> + +<p>Nachts kurz vor zwölf Uhr erwacht' ich +aus einem schweren Traum, um eine für +meine Phantasie zu geisterhafte Geistergeschichte +zu erleben. Mein Schwager, der sie +mir eingebrockt, verdient für seine ungesalzene +Kocherei, daß ich ihn euch als den Braumeister +des schalen Gebräues ohne Schonen +nenne. Wäre Argwohn mit Unerschrockenheit +verträglicher, so hätte ich vielleicht schon aus +seinem Sittenspruche über dergleichen unterwegs +sowie aus dem Fortbehalten seines +Nebenzimmers, an dessen Mitteltüre mein +Lager stand, leicht alles geschlossen. Mir war +nämlich, als würd' ich angeblasen von einem +kalten Geisteratem, den ich auf keine Weise + +<span class="sidenote-l"><sup>181</sup> Gott sei Dank, daß wir nirgends ewig leben +als in der Hölle oder im Himmel; auf der Erde +würden sonst wahre Spitzbuben aus uns, und die +Welt ein Haus von Unheilbaren, aus Mangel der</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_104">104</a></span> +aus den entfernten und versperrten Fenstern +herzuleiten vermochte; – worin ich's denn +auch traf, denn der Schwager hatt' ihn aus +einem Blasebalg durchs Schlüsselloch eingeschickt. +Alles Kalte bringt in der Nacht auf +Todes- oder Geisterkälte. Ich ermannte mich +aber und harrte – nun fing gar das Deckbette +an, sich in Bewegung zu setzen – ich +zog es an mich – es wollte wieder weiter – +behend' setz' ich mich plötzlich im Bette auf +und rufe: »Was ist das?« – Keine Antwort, +überall Stille im Gasthof – das ganze Zimmer +voll Mondschein –. Jetzt hob sich mein +Zugpflaster, das Deckbett, gar empor und +luftete mich, wobei mir war wie einem, von +dem man ein Pflaster schnell abhebt. Nun +tat ich den Rittersprung aus dem Teufelstorus +und zersprengte springend mein Nachtwandlersleitseil. +»Wo ist der dumme Menschennarr,« +rief ich, »der die erhabene unsichtbare + +<span class="sidenote-r">Kurschmiede (der Scharfrichter) und der ableitenden +Haarseile (am Galgen) und der Ekel- und Eisenkuren +(auf Richtstätten). So daß wir also wirklich +unsre sittliche Riesenkraft gerade so auf der Schuld</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_105">105</a></span> +Geisterwelt nachäfft, die ihm ja auf +der Stelle erscheinen kann?« – Aber an, über, +unter dem Bette war nichts zu hören und +zu sehen. Ich schaute zum Fenster hinaus; +überall geisterhaftes Mondlicht und Straßenstille, +und nichts bewegte sich, als (wahrscheinlich +vom Winde) auf dem fernen Galberg +ein Neugehenkter.</p> + +<p>Jeder andere hätt' es so gut für Selbsttäuschung +gehalten als ich; daher wickelte ich +mich wieder in mein passives <i lang="fr" xml:lang="fr">lit de justice</i> +und Luftbette ein, darin erwartend, inwiefern +ich an Erschrecken erkalten sollte oder nicht.</p> + +<p>Nach einigen Minuten fing das Deckbette, +der teuflische Faustsmantel, sein Fliegen und +Schiffsziehen (ich allein war der Verurteilte) +wieder an, der Abwechslung wegen hob auch +wieder der unsichtbare Bettaufhelfer empor. +Verfluchte Stunde! – Ich möchte wissen, ob +es im ganzen gebildeten Europa einen gebildeten + +<span class="sidenote-l">der Natur, die wir zu bezahlen haben, beruhend, +finden, als die Politiker (z. B. der Verfasser des +neuen Leviathans) die Übermacht der Engländer, +auf deren Nationalschuld gestützt, erweisen.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_106">106</a></span> +oder ungebildeten Menschen gäbe, +der bei so etwas nicht auf Geisterteufeleien +verfallen wäre; – ich verfiel darauf, unter +der (sich selber) fahrenden Habe des Deckbettes, +und dachte, Berga sei Todes verfahren +und fasse nun noch geistig mein Bette. Dennoch +konnt' ich sie nicht anreden, sowenig als +den Teufel, der hier einspielen konnte, sondern +ich wandte mich bloß an Gott und betete +laut: »Dir übergeb' ich mich ganz, du +allein sorgtest ja bisher für mich schwachen +Knecht – und ich schwöre, daß ich anders +werde.« – Ein Versprechen, das dennoch von +mir soll gehalten werden, so sehr auch alles +nur dummer Lug und Trug gewesen ist.</p> + +<p>Mein Gebet verfing nichts bei dem unchristlichen +Dragoner, der mich einmal im +Zuggarn des Deckbetts gefangen hielt – unbekümmert, +ob er ein Gastbett zum Parade- + +<span class="sidenote-r"><sup>63</sup> Die, welche vom Völkerlichte Gefahren befürchten, +gleichen denen, die besorgen, der Blitz schlag' ins +Haus, weil es Fenster hat; da er doch nie durch +diese, sondern durch deren Beeinflussung fährt oder +an der Rauchwolke des Schornsteins herab.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_107">107</a></span> +und Totenbette mache oder nicht. – Er spann +meine Nerven wie Golddraht durch engere +Löcher hindurch immer dünner bis zum Verschwenden +und Verschwinden, denn das Bette +marschierte endlich gar herab bis an die +Mitteltüre. –</p> + +<div class="figcenter" style="width: 302px;"> +<img src="images/liedchen.png" width="302" height="500" alt="Ich pfiff frisch ein gas Konisches Liedchen darunterhinein ..." title="" /> +</div> + +<p>Jetzt war es Zeit, ohne Umstände erhaben +zu werden und mich um nichts mehr hienieden +zu scheren, sondern mich dem Tode schlicht +zu widmen: »Rafft mich nur weg,« rief ich +und schlug unbedenklich drei Kreuze, »macht +mich nur schnell nieder, ihr Geister; ich sterbe +doch unschuldiger als tausend Tyrannen und +Gottesleugner, denen ihr leider weniger erscheint +als mir Unbeflecktem.« Hier vernahm +ich eine Art von Lachen, entweder auf der +Gasse oder im Nebenzimmer; vor diesem warmen +Menschenton blüht' ich plötzlich wie vor +einem Frühling an allen Spitzen wieder auf. +Ich verschmähte gänzlich die weggehaspelte + +<span class="sidenote-l"><sup>76</sup> Die ökonomische predigende Poesie glaubt wahrscheinlich, +ein chirurgischer Steinschneider sei ein +artistischer; und eine Kanzel oder ein Sinai sei +ein Musenberg.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_108">108</a></span> +Decke, die jetzt von der Türe nicht mehr weg +konnte; ich legte mich unbedeckt, doch warm +und schwitzend genug, bald in den Schlaf. +Übrigens schäm' ich mich nicht im geringsten +vor allen aufgeklärten Hauptstädten – und +ständen sie vor mir –, daß ich durch meinen +Teufelsglauben und meine Teufelsanrede +einige Ähnlichkeit mit dem größten deutschen +Löwen bekommen, mit Luther.</p> + + + + +<h3 class="new-h3 gesperrt">Zweiter Tag in Flätz.</h3> + + +<p>Am Frühmorgen spürt' ich mich aufgeweckt +durch das bekannte Zudeckbett; es hatte sich +wie ein Inkube auf mich gesetzt; ich gaffte +auf; in einem Winkel saß still ein rotes, rundes, +kernhaftes, aufgeputztes Mädchen wie +eine volle Tulpe von Lebensfrische aufgebläht +und leise flatternd mit bunten Bändern gleichsam + +<span class="sidenote-r"><sup>415</sup> Nach Smith ist die Arbeit der allgemeine Maßstab +des kameralen Werts. Dies haben aber, wenigstens +in bezug auf geistigen und poetischen Wert, +die Deutschen noch früher eingesehen und meines +Wissens stets den gelehrten Dichter über den genialen +und das schwere Buch der Arbeit über das +flatternde voll Spiel gesetzt.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_109">109</a></span> +als mit Blättern. »Wer ist dort, wie +kommt man herein?« rief ich halbblind. – +»Ich habe dich nur leise zugedeckt, und du +solltest erst ausschlafen,« sagte Bergelchen, +»ich bin die ganze Nacht gegangen, damit +ich recht früh käme; sieh nur her!« Sie zeigte +mir ihre Stiefel, das einzige Reisestück (die +Achillesferse), das sie vor dem Tore, als sie +in der Mauser der Toilette war, nicht hatte +abstreifen können. – »Brach,« fragt' ich, über +ihre um sechs Stunden beschleunigte Nachkunft +um so mehr bestürzt, da ich es die ganze +Nacht und selber jetzt über ihr unbegreifliches +Hereinkommen gewesen, »brach etwa +frischer Jammer über uns aus und ein, Brand, +Mord, Raub?« – Sie versetzte: »Der Ratz«, +sie wollte sagen die Ratte, »ist gestern verreckt, +dem du so lange nachgestellt; weiter +passierte eben nichts.« – »Und auch alles +ist richtig nach meinem Ordnungszettel zu +Hause besorgt?« fragt' ich. »Jawohl,« versetzte + +<span class="sidenote-l"><sup>4</sup> Der Heuchler kehret die alte Methode, wonach +man mit einem nur an einer Schneidenseite vergifteten +Messer die Frucht zerschnitt und die damit</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_110">110</a></span> +sie, »ich hab' ihn aber gar nicht gelesen, +er ist mir weggekommen, du hast ihn wohl +mit eingepackt.« –</p> + +<p>Indes, ich verzieh alles der blühenden, kecken +Ritterin oder Fußgängerin. – Ihr Auge, +dann ihr Herz brachte mir ja frisches, kühles +Morgenwehen mit Morgenrot in meine schwülen +Vorstunden. Auch mußt' ich ja ohnehin +nachher der freundlichen, ins Leben hineinhoffenden +und hineinliebenden Seele den verdienten +Himmel des heutigen Tages mit der +trüben Nachricht der fehlgeschlagenen Professur +verfinstern. Daher vergab und verschob +ich möglichst. Ich fragte, wie sie hereingekommen, +da noch das ganze spanische Reiterwerk +von Sesseln an der Türe feststehe. Sie +lachte, sich dabei nach Dorfsitte bückend, stark +und sagte: sie hätte es vorgestern mit ihrem +Bruder verabredet, daß er sie durch seine +Stube, da sie meine Sperrvorrichtung kennte, +in meines einließe, damit sie mich heimlich + +<span class="sidenote-r">geätzte Hälfte dem Opfer hinreichte und die gesunde +zweite selber aß, so uneigennützig gegen sich +selber um, daß er gerade die gute moralische Hälfte</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_111">111</a></span> +wecken könnte. Jetzt fuhr der Dragoner laut +lachend ins Zimmer und sagte: »Wie geschlafen, +Herr Schwager?«</p> + +<p>Aber auf diese Weise war mir freilich +die halbe Gespenstergeschichte wie von einem +Biester und Hennings aufgelöst und aufgedeckt; +und ich durchschaute sogleich des Dragoners +ganzen Gespensterplan, den er ausgeführt. +Etwas bitter sagte ich ihm meine +Vermutung und der Schwester meine Geschichte. +Aber er log und lachte, ja er versuchte, +noch frech genug, mir am hellen Morgen +Geister zum zweiten Male weiszumachen +und aufzuhalsen. Ich versetzte kalt, an mir +find' er hierin sehr den unrechten Mann; +gesetzt auch, ich wäre einem Luther, Hobbes, +Brutus ähnlicher, die sämtlich Geister gesehen +und gefürchtet. Er erwiderte – und riß die +Tatsachen aus ihrer Motivierung: – er sage +ja weiter nichts, als daß er nachts irgendeinen +armen Sünder ganz erbärmlich habe + +<span class="sidenote-l">und Seite dem andern zeigt und gibt und nur sich +die giftige vorbehält. Himmel, wie schlecht erscheint +einem solchen Manne gegenüber der Teufel!</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_112">112</a></span> +krächzen und lamentieren hören; und daraus +habe er geschlossen, es sei eine arme, desperate +Nachtmütze von Mann, der ein Gespenst +zusetze. Endlich gingen auch seiner Schwester +die Augen über die gemeine Rolle auf, die +er mit mir zu spielen vorgehabt; sie fuhr ihn +derb an, schob ihn mit zwei Händen aus +meiner und seiner Türe schnell hinaus und +rief nach: »Warte, du Schadenfroh, ich gedenk' +dir's!« Darauf kehrte sie schnell sich +um und fiel mir um den Hals und dabei +am falschen Ort ins Lachen und sagte: »Der +dumme Junge! Aber ich konnte das Lachen +nicht mehr verbeißen; und der Narr soll doch +nichts merken. Vergib dem Pinsel, du als +ein gelehrter Mann, seine Eselei.«</p> + +<p>Ich fragte sie, ob sie auf ihrer Nachreise +auf keine Geisterwelt gestoßen sei – wiewohl +ich wußte, daß ihr Tiere, ein Wasser, ein +halber Abgrund nichts sind; – »nein, aber +vor den geputzten Stadtleuten«, sagte sie, +»habe ich mich am Morgen gescheut«. O wie +lieb' ich diese weichen Harmonikasbebungen +weiblicher Furcht!</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_113">113</a></span> +Endlich mußt' ich den Koloquintenapfel +anbeißen oder anschneiden und ihr die Hälfte +davon zureichen, nämlich die Nachricht der +Fehlbitte um die Professur. Da ich aber das +freudige Herz mit der vollständigen rohen +Wahrheit verschonen und einer schweren Fracht +etwas abschneiden mußte, die sich besser Männerschultern +aufpackt, so begann ich: »Bergelchen, +die Professorssache geht einen anderen, +aber an sich guten Gang – der General, +nach welchem ich den Teufel und seine Großmutter +frage, legt es auf einen Generalsturm +an – und den soll er haben, so gewiß, als +ich die Nachtmütze aufhabe.« – »So bist du +also noch nichts geworden?« fragte sie. »Vorderhand +zwar nicht!« versetzt' ich. »Aber doch +bis Sonnabend abend?« sagte sie. »Das <ins title="nicht,">nicht,«</ins> +sagt' ich. »Nun, so bin ich hart geschlagen, +und ich möchte zum Fenster hinausspringen,« +sagte sie und drehte das Rosen- und Morgengesicht + +<span class="sidenote-r"><sup>66</sup> Wenn die Bemerkung des Verfassers der Glossen +richtig ist, daß die Postmeister in den größern +Ländern zugleich auch die gröbern sind: so hat +Napoleon, der viele kleine Länder zu einem großen</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_114">114</a></span> +weg, um die feuchten Augen darin +mir nicht zuzukehren, und schwieg sehr lange. +Dann fing sie mit schmerzhaft zitternder +Stimme an: »Du großer Heiland, stehe mir +am Sonntag in Neusattel bei, wenn mich +die hochtrabenden, vornehmen Weiber in der +Kirche sehen und ich blutrot werde aus Scham!«</p> + +<p>Jetzt sprang ich im Mitjammer aus dem +Bette vor die liebe Seele hin, der die hellen +Zähren über die schönblühenden Wangen +flossen und rief: »Du treues Herz, zermartre +mich doch nicht so ganz! Gott soll mich strafen, +wenn ich nicht noch in den Hundstagen alles +werde, was du nur willst. – Sprich, willst +du Bergrätin werden, oder Baurätin, oder +Hofrätin, Kriegsrätin, Kammerrätin, Kommerzienrätin, +Legationsrätin, oder des Henkers- und +Teufelsrätin: ich bin dabei und +werd' es und such' an. Morgen schick' ich +reitende Boten nach Hessen und Sachsen, + +<span class="sidenote-l">korinthischen Erze zusammenschmolz und brannte, +die Postmeister und Posthalter, z. B. im höflichen +Sachsen, gewiß nicht noch höflicher gemacht, sondern +sie eher aus der Komplimentierschule herausgeschickt.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_115">115</a></span> +nach Preußen und Reußen, nach Friesland +und Katzenellenbogen und begehre Patente. +Ja, ich treib's weiter als einer und werde +zugleich alles, Flachsenfinger Hofrat, Scheerauer +Akzisrat, Haar-Haarer Baurat, Pestitzer +Kammerrat (denn wir haben das Geld), und +stelle dann allein und eigenhändig mit einem +einzigen <i lang="la" xml:lang="la">Podex</i> und <i lang="la" xml:lang="la">Corpus</i> eine ganze Ratssitzung +von auserlesenen Räten vor – und +stehe als eine ganze Ehrenlegion und ein +Ehrengelag, bloß auf zwei Beinen da – dergleichen +hat noch kein Mensch getan.«</p> + +<p>»O! Nun, du bist ja engelgut!« sagte sie +und frohere Zähren rollten, »du sollst mir +selber raten, was die vornehmsten Räte sind, +damit wir's werden.« – »Nein,« fuhr ich +befeuert fort, »dabei bleib' ich nicht einmal; +mir ist's nicht genug, daß du dich ordentlich +bei der Kaplänin kannst als Baurätin melden +lassen, bei der Stadtpredigerin als Legationsrätin, + +<span class="sidenote-r">Was sie indes an Höflichkeit verloren, +gewinnen sie vielleicht an Briefporto wieder, da +ich mir nicht denken kann, daß der Kardinal +<i lang="it" xml:lang="it">Pretettore del S. Imperio</i>, dessen Briefe bekanntlich</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_116">116</a></span> +bei der regierenden Bürgermeisterin +als Hofrätin, bei der Chausseeeinnehmerin +als Kommerzienrätin, oder wie +du wo willst.« – »Ach du mein gar zu gutes +Attelchen!« sagte sie. »Sondern,« fuhr ich fort, +»ich werde auch korrespondierendes Mitglied +verschiedener besten gelehrten Gesellschaften +in verschiedenen besten Hauptstädten (worunter +ich bloß zu wählen habe), und zwar +kein gemeines wirkliches Mitglied, sondern +ein ganzes Ehrenmitglied; und dann streck' +ich wieder dich als ein auf mir Ehrenmitglied +wachsendes Ehrenmitglied aus.«</p> + +<p>Verzeiht, Freunde, diesen Breiumschlag +oder Täuschungsbalsam für eine verwundete +Brust, deren Blut zu rein und köstlich ist, als +daß man es nicht mit allen möglichen Stillungsmitteln +aus Spinnweben ins schöne +Herz zurückzuschließen trachten sollte.</p> + +<p>Jetzt kamen schöne, schönste Stunden. Ich +hatte die Zeit besiegt, wie mich Berga; selten + +<span class="sidenote-l">sonst alle postfrei durch das heilige römische +Reich gelaufen, nicht jetzt alles frankieren sollte +was er etwa zu melden hat.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_117">117</a></span> +beseligt, so wie ich, ein Sieger, zugleich die +überwindende und die überwundene Partei. +Berga holte ihren alten Himmel zurück und +zog die staubigen Stiefel aus und blumige +Schuhe an. Köstlicher Morgentrunk! Wie +berauscht ein liebendes Herz! Ich spürte ordentlich +(ist die niedere Redeblume erlaubt) +ein Doppelbier von Mut in mir, seitdem ich +ein Wesen mehr um mich zu beschirmen hatte. +Überhaupt werd' ich – was der treffliche +General nicht ganz zu wissen scheint – nicht +wie andere Mutige mutiger, sondern am +stärksten durch Hasen, weil an mir das schlechte +Beispiel sich zum Widerspiel umdreht. Kleine +Pinselstriche mögen hier Mann und Frau +mehr abschatten als verschatten! Als der +nette Kellner mit der grünseidenen Schürze + +<span class="sidenote-r"><sup>67</sup> Einzelne Seelen, ja Staatskörper gleichen organischen +Körpern; man zieht aus ihnen die innere +Luft heraus, so erquetscht sie der Dunstkreis; pumpt +man unter der Glocke die äußere widerstehende +hinweg, so schwellen sie von innerer über und zerplatzen. +Demnach behalte jeder Staat inneren und +äußeren Widerstand zugleich.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_118">118</a></span> +Morgenbrezeln heraufbrachte – weil ich gesagt +hatte: »Johann, zwei Portionen!« – so +sagte sie zu ihm: er verbände sie sehr damit, +und hieß ihn Herr Johann.</p> + +<p>Bergelchen – mehr in Marktflecken als +Hauptstädten aufgewachsen – wurde ordentlich +bestürzt über die Kaffeebretter, Waschtische, +Papiertapeten, Wandleuchter, alabasterne +Schreibzeuge mit ägyptischen Sinnbildern +und über den vergoldeten Klingeldrahtsknopf, +den ja jeder abdrehen und einstecken +konnte. Daher hatte sie nicht den Mut, +durch den Saal voll Kronleuchter zu gehen, +bloß weil ein pfeifender, vornehmer Federhut +darin auf- und abspazierte. Ja, ihrem armen +Herzen wurde ordentlich die Brust zur Schnürbrust, +wenn sie zum Fenster hinaus auf so +viele geputzte und fahrende Städter guckte +(ich pfiff frisch ein gaskonisches Liedchen darunter +hinein) – und wenn sie daran dachte, + +<span class="sidenote-l"><sup>19</sup> Mehr als ein Schriftsteller hat es hinter Hermes +nachversucht, das Beispiel der Gattinnen und Ärzte, +welche einem Trunkenbold das Lieblingsgetränk auf +immer durch einen eingeschwärzten, krepierten Frosch</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_119">119</a></span> +wie sie nachher samt mir mitten durch dieses +blendende Vorzimmergewühl brechen müßte. +Hier verfangen Schlüsse noch weniger als +Beispiele. Ich wollte mein Bergelchen durch +einige meiner nächtlichen Traumgigantesken +heben – z. B. durch die, daß ich auf einem +Walfisch reitend mit einer Dreizacksgabel drei +Adler gespießet und gespeiset, und durch dergleichen; +aber ich machte keinen Effekt, vielleicht, +weil ich eben dadurch dem furchtsamen +Frauenherzen das Schlachtfeld näher als den +Sieger, den Abgrund näher als den Springer +darüber vor das Auge geschoben.</p> + +<p>Jetzt wurde mir ein Pack Zeitungen gebracht, +voll lauter kräftigster Siege. Obgleich +diese nur auf der einen Seite vorfallen und +auf der anderen ebenso viele Niederlagen +vorkommen: so verquicken doch jene sich mehr +mit meinen Blute als diese, und flößen mir +– wie sonst Schillers Räuber – eine wunderbare + +<span class="sidenote-r">oder durch Brechweinstein zu verleiden wußten, +nachzuahmen und auf ähnliche Weise dem heißhungrigen +Romanenleser den Roman durch häufige +in denselben eingebrockte Predigten, Moralien und</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_120">120</a></span> +Neigung ein, irgend jemand auf der +Stelle zu dreschen und zu fegen. Unglücklicherweise +für den Kellner hatte dieser sich eben +wie ein Herr dreimalige Klingelorder zum +Marsche geben lassen, bevor er sich mobil und +herauf gemacht. »Herr,« – fing ich an, den +Kopf voll Schlachtfelder und den Arm voll +Triebe ihn abzuklopfen, und Berga fürchtete +alles, da ich das ihr bekannte Zorn- und +Alarmzeichen gab, nämlich die Mütze hinten +am Hinterkopfe in die Höhe stieß – »ist das +Manier gegen Gäste? Warum kommt Er +nicht prompt? Komm' Er mir nicht wieder +so und geh' Er, Freund!« – Ungeachtet sein +Rückzug mein Sieg war, so kanonierte ich +doch noch auf der Wahlstatt lebhaft fort und +feuerte desto lauter (er sollt' es hören), je +mehr Treppen er hinuntergeflogen. Bergelchen +– die sich ganz entsetzte über mein Ergrimmen, +zumal in einem ganz fremden Hause + +<span class="sidenote-l">Langweilen (dergleichen sollte krepierte Frösche vorstellen) +dermaßen zu versalzen und zu verekeln, daß +er dann nach keinem Romane mehr griffe. – – +Aber der Ekel verfing wenig; und Hermesen selber</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_121">121</a></span> +und über einen vornehmen Putzbengel mit +Seidenschurz – suchte alle ihre sanften Worte +hervor gegen wilde einer Kriegsgurgel und +gab mir Gefahren zu bedenken. »Gefahren«, +versetzt' ich, »wünscht' ich ja eben, nur gibt's +keine für den Mann, stets wird er ihnen entweder +obsiegen oder entspringen, entweder die +Stirn bieten oder den Rücken.«</p> + +<p>Ich konnte kaum aufhören mich zu erbittern, +so süß war mir's, und so sehr fühlt' ich mich +vom Zornfeuer erfrischt und in der Brust +wie von einem Geierfelle lind geheizt. Es +gehört auch allerdings unter die unerkannten +Wohltaten – worüber man sonst predigte, +daß man nie mehr in seinem Himmel und +<i lang="fr" xml:lang="fr">monplaisir</i> (ein Lustschloß) ist, als so recht im +Toben und Grimm.</p> + +<p>Und wurde der ganze Vormittagsmorgen +mit Beschauen und Behandeln verbracht; und +zwar am längsten in der breiten Gasse unseres + +<span class="sidenote-r">glückt es am wenigsten, eher noch seinen Nachfolgern, +bei denen der Wein sich weniger im Geschmacke +von dem Brechwein unterschied, den sie +dazu gegossen.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_122">122</a></span> +Hotels. Berga sollte sich erst ins Marktgedränge +einschießen; sie sollte erst einsehen, +daß sie mehr »nach der Modi«, mit ihr zu +reden, aufgeschmückt sei, als hundert andere +ihres Ungleichen. Aber bald vergaß sie über +den Haushalt den Aufputz und auf dem +Töpfermarkte den Nachttisch.</p> + +<p>Nach dem Mittagsessen (auf unserem Zimmer) +kamen wir aus dem Fegfeuer des Meßgetümmels, +wo Berga an jeder Bude etwas +zu bestellen und ihrer Nachtreterin etwas aufzuladen +hatte, endlich im Himmel an, in der +sogenannten Hundewirtschaft, wie das beste +Flätzer Wirts- und Lusthaus außer der Stadt +sich nennt, wo Messenszeiten Hunderte einkehren, +um Tausende vorbeigehen zu sehen. +Schon unterwegs wuchs meinem Weibchen +als meinem Ellenbogenefeu dermaßen der Mut, +daß sie unter dem Tore, wo ich mich, da nach +der bekannten militärischen Prozeßordnung +nicht nahe an der Schildwache vorübergegangen +werden darf, deshalb auf die entgegengesetzte +Seite hinwarf, ruhig dicht am +Schieß- und Stechgewehr der Torwache vorüberstrich. +<span class="pagenum"><a name="Page_123">123</a></span>Draußen konnt' ich ihr den umketteten, +vergitterten, riesenhaften, schon außen mit +Treppen aufsteigenden Schabackerpalast mit +Fingern zeigen, worin ich gestern gehaust und +(vielleicht) gestürmt; »lieber den Riesen möcht' +ich begucken,« sagte sie, »und den Zwergen; +zu was sind wir denn mit ihnen unter einem +Dach?«</p> + +<p>Im Lusthause selber fanden wir hinlängliche +Lust, umrungen von blühenden Gesichtern +und Auen. Da setzt' ich mich heimlich in einem +fort über Schabackers Refus mit Erfolg hinweg +und machte mir überhaupt bis gegen +Mitternacht einen guten Tag; ich hatt' ihn +verdient, Berga noch mehr. Gleichwohl sollt' +ich noch nachts um ein Uhr eine <ins title="Winmühle">Windmühle</ins> +zu berennen bekommen, die freilich mit etwas +längeren, stärkeren und mehreren Armen +schlägt als ein Riese, wofür Don Quixote +eine solche Mühle gern angesehen hätte. Ich + +<span class="sidenote-l"><sup>8</sup> In großen Sälen wird der wahre Ofen in einen +zierlichen Scheinofen entlarvt; so ist es schicklich +und zierlich, daß sich die jungfräuliche <em class="gesperrt">Liebe</em> immer +in eine schöne, jungfräuliche Freundschaft verberge.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_124">124</a></span> +lasse nämlich auf dem Marktplatz aus Gründen, +die sich leichter denken als sagen, Bergelchen +um einige zwanzig vorausgehen, und +begebe mich aus gedachten Gründen ohne +Arg hinter eine versteckte Bude, die wohl die +Silberhütte und der Silberschrank eines rohen +Krämers sein mochte, und verweile davor +natürlich nach Umständen: – sieh, kommt +dahergerudert mit Spieß und Speer der +Budenwächter und münzt und prägt mich so +unversehens und unbesehen zu einem Schnapphahn +und Raubfisch seiner Budengassen aus, +obgleich der schwache Kopf nichts weiter sieht, +als daß ich in einer Ecke stehe und nichts +weniger tue als – nehmen. Ein Ehrgefühl +ohne Tallus ist für solche Angriffe niemals +abgestumpft. Nur aber, wie war einem Manne, +der nichts im Kopfe hat – höchstens jetzt +Bier statt Hirn – in der Nachmitternacht +Licht zu geben? –</p> + +<p>Ich verhehle mein Wagmittel nicht; ich +griff zum Fuchsschwanz, ich spiegelte ihm +nämlich vor, ich hätte einen sogenannten +Hieb, und wüßte in der Betrunkenheit mich +<span class="pagenum"><a name="Page_125">125</a></span>schlecht zu finden und zu halten – ich spielte +daher alles nach, was mir aus diesem Fache +zu Gesicht gekommen, schwankte hin und her, +setzte die Füße tanzmeisterlich auswärts, geriet +in Zickzacke hinein bei allem Aussegeln +nach gerader Linie, ja ich stieß meinen guten +Kopf (vielleicht einen der hellsten und leersten +der Nacht) als einen vollen gegen wahre +Pfosten. –</p> + +<p>Gleichwohl sah der Budenvogt, der vielleicht +öfter betrunken gewesen als ich, und +die Zeichen besser kannte, oder der es gar +selber in dieser Stunde war, die ganze Verstellung +für bloßes Blendwerk an und schrie +entsetzlich. »Halt, Strauchdieb, du hast keinen +Haarbeutel, du Windbeutel bist ja noch weniger +besoffen als ich! – Wir kennen uns +wohl länger. Steh! Ich komm dir nach. + +<span class="sidenote-r"><sup>12</sup> Die Völker lassen – als Widerspiele der Ströme, +die in der Ebene und Ruhe am meisten das Unreine +niederschlagen – gerade nur im stärksten Bewegen +das Schlechte fallen, und sie werden desto +schmutziger, je länger sie in trägen, platten Flächen +weiterschleichen.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_126">126</a></span> +Willst du im Markt deine Diebesfinger haben? +– Steh, Hund, oder ich forciere dich!«</p> + +<p>Man sieht hier seinen ganzen Zustand; ich +entsprang zickzackig zwischen den Buden diesem +rohen Trunkenbolde so eilig, als ich konnte; +dennoch humpelte er mir nach. Aber meine +Teutoberga, die einiges gehört, rannte zurück, +faßte den betrunkenen Marktportier beim +Kragen und sagte, obwohl (nach Dorfweise) +zuschreiend: »Dummer Mann, schlaf' Er seinen +Rausch aus, oder ich zeig's Ihm! Weiß Er +denn, wen Er vor sich hat? Meinen Mann, +den Feldprediger Schmelzle unter dem Herrn +General und Minister von Schabacker bei +Pimpelstadt, Er Narr! Pfui, schäm' Er sich, +Kerl!« Der Wächter brummte: »Nichts für +ungut!« und taumelte davon. »O du Löwin,« +sagt' ich im Liebesrausch, »warum bist du +in keiner Todesgefahr, damit ich dir nur den +Löwen zeige als Gemahl?«</p> + +<p>So gelangten wir beide liebend nach Hause; + +<span class="sidenote-l"><sup>23</sup> Wenn die Natur das alte große Erdenrund, den +Erdenlaib von neuem durchknetet, um unter diesem +Pastetendeckel neue Gefüllsel und Zwerge hineinzubacken;</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_127">127</a></span> +und ich hätte vielleicht zum schönen Tage noch +den Nachsommer einer herrlichen Nachmitternacht +erlebt, hätte mich nicht der Teufel über +Lichtenbergs neunten Band, und zwar auf +die 206. Seite geführt, wo dieses steht: »Es +wäre doch möglich, daß einmal unsere Chemiker +auf ein Mittel gerieten, unsere Luft +plötzlich zu zersetzen, durch eine Art von Ferment. +So könnte die Welt untergehen.« Ach, +ja, wahrlich! Da die Erdkugel in der größeren +Luftkugel eingekapselt steckt: so erfinde +bloß ein chemischer Spitzbube auf irgendeiner +fernsten Spitzbubeninsel oder in Neuholland, +ein Zersetzmittel für die Luft, dem ähnlich, +was etwa ein Feuerfunke für einen Pulverkarren +ist: in wenig Stunden packt mich und +uns in Flätz der ungeheure, herschnaubende +Weltsturm bei der Gurgel, mein Atemholen +und dergleichen ist in Erstickluft vorbei, und +alles überhaupt vorbei. –</p> + +<p>Indes verbarg ich der treuen Seele jeden + +<span class="sidenote-r">so gibt sie meistens wie eine backende +Mutter ihrem Töchterchen zum Scherze etwas +weniges Pastetenteig davon (ein paar tausend Quadratmeilen</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_128">128</a></span> +Todesnachtgedanken, da sie mich doch entweder +nur schmerzlich nachempfunden oder +gar lustig ausgelacht hätte. Ich befahl bloß, +daß sie am Morgen (des Sonnabends) für +die zurückkehrende Landkutsche fertig und gestiefelt +dastände, sollt' ich anders ihren Wünschen +gemäß an die Überschwängerung mit +Räten, die ihr so am Herzen lag, früh genug +kommen. Sie war so freudig meiner Meinung, +daß sie gern den Jahrmarkt aufgab. Auch +ruht' ich ruhig, mit der Fußzehe an ihre +Finger geknüpft, die ganze Nacht hindurch.</p> + +<p>Der Dragoner nahm und zupfte mich am +Morgen heimlich beim Ohre und sagte mir +in dasselbe hinein, er habe ein lustiges Meßgeschenk +für seine Schwester vor und reite +deshalb auf seinem gestern vom Roßtäuscher +eingetauschten Rappen etwas früh voraus. +Ich bot ihm meinen Vordank.</p> + +<p>Am Morgen lief jeder lustig vom Stapel, + +<span class="sidenote-l">solchen Teigs sind genug für ein Kind) +irgendeiner Dichter-, oder Weisen-, oder Heldenseele +ab, damit das kleine Ding doch auch etwas +auszuformen und aufzustellen habe neben der Mutter.</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_129">129</a></span> +ausgenommen ich; denn ich behielt noch immer, +auch vor dem besten Morgenrote das nächtliche +Teufelsferment und Zersetzmittel, meiner +Gehirnkugel sowohl als der Erdkugel, gärend +im Kopf; ein Beweis, daß die Nacht mich +und meine Furcht gar nichts hatte übertreiben +lassen. Der mir verdrießliche blinde +Passagier setzte sich auch wieder ein und sah +mich wie gewöhnlich an, doch ohne Effekt, +denn diesmal, wo ich Weltumwälzungen, nicht +bloß die meinigen, im Kopfe hatte, war mir +der Passagier mehr ein Spaß und Spuk; +da niemand unter Fußabsägen das Herzgespann +verspürt, oder unter dem Summen +der Kanonen sich gegen das der Wespen +wehrt, ebenso konnte mir ein Passagier mit +allen Brandbriefen, die etwa sein verdächtiges +Gesicht in meine noch späte Zukunft +wirft, bloß lächerlich zu einer Zeit vorkommen, +wo ich bedachte, das »Ferment« könne + +<span class="sidenote-r">Bekommen dann die Geschwister etwas von dem +Gebäcke des Schwesterchens, so klopfen sie alle in +die Hände und rufen: »Mutter, kannst du auch +so backen wie Viktoriechen?«</span> + +<span class="pagenum"><a name="Page_130">130</a></span> +ja mitten auf meinem Wege von Flätz nach +Neusattel von irgendeinem Amerikas, Europas +Manne, der ganz unschuldig versucht +und zersetzt, zufällig erfunden und losgelassen +werden. Die Frage, ja Preisfrage wäre aber +nun, inwiefern es seit Lichtenbergs Drohung +nicht etwa welt- und selbstmörderisch aussieht, +wenn aufgeklärte Potentaten scheidekünstlerischer +Völker es nicht ihren Scheidekünstlern, +die so leicht Leib von Seele scheiden +und Erde mit Himmel gatten, auferlegen, +keine andere chemische Versuche zu machen, +als die schon gemachten, die doch bisher den +Staaten weit mehr genützt als geschadet.</p> + +<p>Leider blieb ich in diesen jüngsten Tag +des Ferments mit allen Sinnen versunken, +ohne auf der ganzen Rückreise nach Neusattel +mehr zu erleben und zu bemerken, als daß +ich daselbst ankam, wo ich zugleich wieder den +blinden Passagier seines Weges gehen sah.</p> + +<p>Nur mein Bergelchen schaute ich in einem +fort unterwegs an, teils um sie noch solange +zu sehen, als Leben und Augen dauern, teils +um auch bei kleinster Gefahr derselben, es +<span class="pagenum"><a name="Page_131">131</a></span>sei nun eine große oder gar ein ganzes hereinstürzendes +Goldau und verzehrendes Weltgericht, +wenn nicht für sie, doch an ihr zu +sterben, und so, verknüpft mit ihr, ein geplagtes +und plagendes Leben hinzuwerfen, +worin ihr ohnehin nicht die Hälfte meiner +Wünsche für sie erfüllt worden.</p> + +<p>So wäre denn meine Reise an sich vollendet +– gekrönt mit einigen Historiolen – +vielleicht künftig noch belohnter durch euch, +ihr Freunde um Flätz herum, wenn ihr darin +etwa einige gutgeschliffene Jätemesser finden +solltet, womit ihr leichter das Lügenunkraut +ausreutet, das mich bis jetzt dem wackeren +Schabacker verbauet. – Nur sitzt mir noch +das verfluchte Ferment im Kopfe. Lebt denn +wohl, solange es noch Atmosphären einzuatmen +gibt. Ich wollt', ich hätte mir das +Ferment aus dem Kopfe geschlagen.</p> + +<p class="right"><span style="margin-right: 6em;">Euer</span><br/> +Attila Schmelzle.</p> + +<p>NS. Mein Schwager hat seine Sache +gut gemacht und Berga tanzt. Künftig das +Nähere! – –</p> + + + + +<div class="figcenter" style="width: 43px; margin: 8em auto 1em auto; page-break-after: auto;"> +<img src="images/emblem.png" width="43" height="68" alt="" title="" /> +</div> +<p class="center" style="font-size: 0.9em; margin: 1em auto 120px auto;"> +Gedruckt bei<br/> +Poeschel & Trepte<br/> +in Leipzig</p> + +</body> +</html> |
