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+ <title>The Project Gutenberg eBook of Des Feldpredigers Schmelzle Reise nach Flätz, by Jean Paul</title>
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+<div id="tnote">
+<p class="center"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></p>
+<p>Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden
+übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden
+korrigiert. Änderungen sind im Text <ins title="so wie hier">gekennzeichnet</ins>,
+der Originaltext erscheint beim Überfahren mit der Maus.</p>
+<p>Diese Version wurde für Internet Explorer&nbsp;6 optimiert. Falls die
+<a href="#noten">fortgehenden Noten</a> bei Ihnen nicht richtig dargestellt
+werden, verwenden Sie bitte die <a href="schmelzle-ie7.htm">andere Version</a>.</p>
+</div>
+
+<div class="figcenter" style="width: 365px; page-break-before: auto;">
+<img src="images/schmelzle.png" width="365" height="500" alt="Attila Schmelzle" title=""/>
+</div>
+
+<h1 style="line-height: 1.4em;"><small style="font-size: 0.6em;">Des</small><br/>
+<small style="font-size: 0.8em;">Feldpredigers Schmelzle</small><br/>
+<big class="gesperrt">Reise nach Flätz</big><br/>
+<small style="font-size: 0.6em;">mit fortgehenden Noten;</small></h1>
+
+<p class="center" style="line-height: 2.2em;">von<br/>
+<big class="gesperrt">Jean Paul.</big></p>
+
+
+<hr style="height: 2px; color: black; background-color: black; width: 12em; border: none; margin: 6em auto 1em auto;"/>
+
+<p class="center gesperrt" style="line-height: 1.8em;"><small>Leipzig</small><br/>
+Kurt Wolff Verlag<br/>
+1917.</p>
+
+<p class="center" style="line-height: 1.8em; margin-top: 8em;">Mit acht Kupfern<br/>
+von<br/>
+<span class="gesperrt">Karl Thylmann</span></p>
+<hr style="height: 1px; color: black; background-color: black; width: 3em; border: none; margin: auto;"/>
+<p class="center">2. Abdruck</p>
+
+
+
+
+<div class="new-h2">&nbsp;</div>
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_3">3</a></span></p>
+<h2>Vorrede des Verfassers.</h2>
+
+
+<p class="dropcap">Ich glaube, mit drei Worten ist sie gemacht,
+so wie der Mensch und seine Buße
+aus ebenso vielen Teilen.</p>
+
+<p>1) Das erste Wort ist über den Zirkelbrief
+des Feldpredigers Schmelzle zu sagen,
+worin er seinen Freunden seine Reise nach
+der Hauptstadt Flätz beschreibt, nachdem
+er in einer Einleitung einige Beweise und
+Versicherungen seines Mutes vorausgeschickt.
+<span class="pagenum"><a name="Page_4">4</a></span>Eigentlich ist selber die Reise nur
+dazu bestimmt, seine vom Gerüchte angefochtene
+Herzhaftigkeit durch lauter Tatsachen
+zu bewähren, die er darin erzählt.
+Ob es nicht inzwischen feine Nasen von
+Lesern geben dürfte, welche aus einigen darunter
+gerade umgekehrt schließen, seine
+Brust sei nicht überall bombenfest, wenigstens
+auf der linken Seite, darüber lass' ich
+mein Urteil schweben.</p>
+
+<p>Übrigens bitte ich die Kunstkenner sowie
+ihren Nachtrab, die Kunstrichter, diese Reise,
+für deren Kunstgehalt ich als Herausgeber
+verantwortlich werde, bloß für ein Porträt
+(im französischen Sinne), für ein Charakterstück
+zu halten. Es ist ein will- oder unwillkürliches
+Luststück, bei dem ich so oft gelacht,
+<span class="pagenum"><a name="Page_5">5</a></span>daß ich mir für die Zukunft ähnliche Charaktergemälde
+zu machen vorgesetzt. &ndash; Wann
+könnte indes ein solches Luststückchen schicklicher
+der Welt ausgestellt und beschert
+werden, als eben in Zeiten, wo schweres
+Geld und leichtes Gelächter fast ausgeklungen
+haben, zumal da wir jetzt wie Türken
+bloß mit Beuteln rechnen und zahlen (der
+Inhalt ist heraus) und mit Herzbeuteln
+(der Inhalt ist darin)?&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Verächtlich würde mir's vorkommen,
+wenn irgendein roher Tintenknecht rügend
+und öffentlich anfragte, auf welchen Wegen
+ich zu diesem Selbst-Kabinetts-Stücke
+Schmelzles gekommen sei. Ich weiß sie gut
+und sage sie nicht. Dieses fremde Luststück,
+wofür ich allerdings (mein Verleger bezeugt's)
+<span class="pagenum"><a name="Page_6">6</a></span>den Ehrensold selber beziehe, überkam
+ich so rechtlich, daß ich unbeschreiblich
+ruhig erwarte, was der Feldprediger gegen
+die Herausgabe sagt, falls er nicht schweigt.
+Mein Gewissen bürgt mir, daß ich wenigstens
+auf ehrlicheren Wegen zu diesem Besitztume
+gekommen, als die sind, auf denen
+Gelehrte mit den Ohren stehlen, welche als
+geistige Hörsaalshausdiebe und Kathederschnapphähne
+und Kreuzer die erbeuteten
+Vorlesungen in den Buchdruckereien ausschiffen,
+um sie im Lande als eigene Erzeugnisse
+zu verhandeln. Noch hab' ich wenig
+mehr in meinem Leben gestohlen, als jugendlich
+zuweilen &ndash; Blicke.</p>
+
+<p><a name="noten">2)</a> Das zweite Wort soll die auffallende,
+mit einem Notensouterrain durchbrochene
+<span class="pagenum"><a name="Page_7">7</a></span>Gestalt des Werkleins entschuldigen. Sie
+gefällt mir selber nicht. Die Welt schlage
+auf und schaue hinein und entscheide ebenfalls.
+Aber folgender Zufall zog diese durch
+das ganze Buch streichende Teilungslinie:
+ich hatte meine eigenen Gedanken (oder Digressionen),
+womit ich die des Feldpredigers
+nicht stören durfte, und die bloß als Noten
+hinter der Linie fechten konnten, aus Bequemlichkeit
+in ein besonderes Manuskript
+zusammengeschrieben, und jede Note ordentlich,
+wie man sieht, mit ihrer Nummer
+versehen, die sich bloß auf die Seitenzahl
+des fremden Hauptmanuskripts bezog; ich
+hatte aber bei dem Kopieren des letzteren
+vergessen, in den Text selber die entsprechende
+einzuschreiben. Daher werfe niemand, sowenig
+<span class="pagenum"><a name="Page_8">8</a></span>als ich, einen Stein auf den guten
+Setzer, daß dieser &ndash; vielleicht in der Meinung,
+es gehöre zu meiner Manier, worin ich
+etwas suchte &ndash; die Noten geradeso, wie sie
+ohne Rangordnung der Zahlen untereinander
+standen, unter den Text hinsetzte, jedoch
+durch ein sehr lobenswürdiges künstliches
+Ausrechnen wenigstens dafür sorgte, daß
+unter jede Textseite etwas von solchem glänzenden
+Notenniederschlag käme. &ndash;&nbsp;&ndash; Nun,
+die Sache ist einmal geschehen, ja verewigt,
+nämlich gedruckt. Am Ende sollte ich mich
+eigentlich darüber erfreuen. In der Tat
+&ndash; und hätt' ich jahrelang darauf gesonnen
+(wie ich's bisher seit zwanzigen getan), um
+für meine Digressionskometenkerne neue
+Lichthülsen, wenn nicht Zugsonnen, für
+<span class="pagenum"><a name="Page_9">9</a></span>meine Episoden neue Epopöen zu erdenken:
+schwerlich hätt' ich für solche Sünden einen
+besseren und geräumigeren Sündenbalg erfunden,
+als hier Zufall und Setzer fertig
+gemacht darreichen. Ich habe nur zu beklagen,
+daß die Sache gedruckt worden,
+eh' ich Gebrauch davon machen können.
+Himmel! welche fernsten Anspielungen
+(hätt' ich's vor dem Drucke gewußt) wären
+nicht in jeder Textseite und Notennummer
+zu verstecken gewesen, und welche scheinbare
+Unangemessenheit in die wirkliche Gemessenheit
+und ins Notenuntere der Karten; wie
+empfindlich und boshaft wäre nicht die
+Höhe und auf die Seite herauszuhauen
+gewesen, aus den sicheren Kasematten und
+Miniergängen unten, und welche <i lang="la" xml:lang="la">laesio</i>
+<span class="pagenum"><a name="Page_10">10</a></span><i lang="la" xml:lang="la">ultradimidium</i> (Verletzung über die Hälfte
+des Textes) wäre nicht mit satirischen Verletzungen
+zu erfüllen und zu ergänzen gewesen!</p>
+
+<p>Aber das Schicksal wollte mir nicht so
+gut; ich sollte von diesem goldenen Handwerksboden
+für Satiren erst etwas erfahren
+drei Tage vor der Vorrede.</p>
+
+<p>Vielleicht aber holt die Schreibwelt &ndash;
+bei dem Flämmchen dieses Zufalls &ndash; eine
+wichtigere Ausbeute, einen größeren unterirdischen
+Schatz herauf, als leider ich gehoben;
+denn nun ist dem Schriftsteller ein
+Weg gezeigt, in einem Marmorbande ganz
+verschiedene Werke zu geben, auf einem
+Blatte zugleich für zwei Geschlechter, ohne
+deren Vermischung, ja für fünf Fakultäten
+<span class="pagenum"><a name="Page_11">11</a></span>zugleich, ohne deren Grenzverrückung, zu
+schreiben, indem er, statt ein ekles, gärendes
+Allerlei für niemand zu brauen, bloß dahin
+arbeitet, daß er Notenlinien oder Demarkationslinien
+zieht und so auf dem nämlichen
+fünfstöckigen Blatte die unähnlichsten Köpfe
+behauset und bewirtet. Vielleicht läse dann
+mancher ein Buch zum vierten Male,
+bloß, weil er jedesmal nur ein Viertel
+gelesen.</p>
+
+<p>Wenigstens den Wert hat dieses Werk,
+daß es ein Werkchen ist, und klein genug;
+so daß es, hoff' ich, jeder Leser fast schon
+im Buchladen schnell durchlaufen und auslesen
+kann, ohne es, wie ein dickes, erst
+deshalb kaufen zu müssen. &ndash; Und warum
+soll denn überhaupt auf der Körperwelt
+<span class="pagenum"><a name="Page_12">12</a></span>etwas anderes groß sein, als nur das,
+was nicht zu ihr gehört, die Geisterwelt?&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p class="center"><span class="gesperrt">Baireuth</span>,<br/>
+im Heu- und Friedensmonat 1807.</p>
+
+<p class="right"><big class="gesperrt">Jean Paul Fr. Richter.</big></p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 301px; page-break-after: auto;">
+<img src="images/blitzschirm.png" width="301" height="500" alt="Der Blitzschirm ist nämlich ganz der Reimarus'sche" title="" />
+</div>
+
+
+
+
+<div class="new-h2">&nbsp;</div>
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_13">13</a></span></p>
+<h2 style="text-align: justify; padding-left: 1.5em; text-indent: -1.5em;">Zirkelbrief des vermutlichen katechetischen
+Professors <span class="gesperrt">Attila Schmelzle</span> an
+seine Freunde, eine Ferienreise nach
+Flätz enthaltend, samt einer Einleitung,
+sein Davonlaufen und seinen Mut
+als voriger Feldprediger betreffend.</h2>
+
+
+<p class="dropcap">Nichts ist wohl lächerlicher, meine werten
+Freunde, als wenn man einen Mann für einen
+Hasen ausgibt, der vielleicht gerade mit den
+entgegengesetzten Fehlern eines Löwen kämpft,
+wiewohl nun auch der afrikanische Leu seit
+Sparrmanns Reise als ein Feigling zirkuliert.
+Ich bin indes in diesem Falle, Freunde, wovon
+ich später reden werde, ehe ich meine
+
+<span class="sidenote-l"><sup>103</sup> Gute Fürsten bekommen leicht gute Untertanen
+(nicht so leicht diese jene); so wie Adam im Stande
+der Unschuld die Herrschaft über die Tiere hatte,
+die alle zahm waren und blieben, bis sie bloß mit
+ihm verwilderten und fielen.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_14">14</a></span>
+Reise beschreibe. Ihr freilich wißt alle, daß
+ich gerade umgekehrt den Mut und den Waghals
+(ist er nur sonst kein Grobian) vergöttere,
+zum Beispiel meinen Schwager, den Dragoner,
+der wohl nie in seinem Leben einen Menschen
+allein ausgeprügelt; sondern immer einen ganzen
+geselligen Zirkel zugleich. Wie furchtbar
+war nicht meine Phantasie schon in der Kindheit,
+wo ich, wenn der Pfarrer die stumme
+Kirche in einem fort anredete, mir oft den
+Gedanken: »wie, wenn du jetzt geradezu aus
+dem Kirchenstuhle hinauf schrieest: ich bin
+auch da, Herr Pfarrer!« so glühend ausmalte,
+daß ich vor Grausen hinaus mußte! &ndash; So
+etwas wie Rugendas' Schlachtstücke &ndash; entsetzliches
+Mordgetümmel &ndash; Seetreffen und
+Landstürme bei Toulon &ndash; auffliegende Flotten
+&ndash; und in der Kindheit Prager Schlachten
+auf Klavieren &ndash; und kurz, jede Karte von
+einem reichen Kriegsschauplatz; dies sind vielleicht
+zu sehr meine Liebhabereien und ich
+lese &ndash; und kaufe nichts lieber; es könnte
+
+<span class="sidenote-r"><sup>5</sup> Denn ein guter Arzt rettet, wenn nicht immer von
+der Krankheit, doch von einem schlechten Arzt.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_15">15</a></span>
+mich oft zu manchem versuchen, hielt mich
+nicht meine Lage aufrecht. Soll indes rechter
+Mut etwas Höheres sein, als bloßes Denken
+und Wollen: so genehmigt ihr es am ersten,
+Werteste, wenn auch der meinige einst dadurch
+in tätige Worte ausbrechen will, daß ich
+meinen künftigen Katecheten, so gut es in Vorlesungen
+möglich, zu christlichen Heroen stähle.
+&ndash; Es ist bekannt, daß ich immer, wenigstens
+zehn Acker weit, von jedem Ufer voll Badegäste
+und Wasserschwimmer fern spazieren gehe, um
+für mein Leben zu sorgen, bloß weil ich voraussehe,
+daß ich, falls einer davon ertrinken
+wollte, ohne weiteres (denn das Herz überflügelt
+den Kopf) ihm, dem Narren, rettend nachspringen
+würde, in irgendeine bodenlose Tiefe
+hinein, wo wir beide ersöffen. &ndash; Und wenn
+das Träumen der Widerschein des Wachens
+ist, so frag' ich euch, Treue, erinnert ihr euch
+nicht mehr, daß ich euch Träume von mir erzählt
+habe, deren sich kein Cäsar, Alexander und
+
+<span class="sidenote-l"><sup>100</sup> Die Bücher liegen voll Phönixasche eines tausendjährigen
+Reichs und Paradieses; aber der Krieg
+weht und viel Asche verstäubt.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_16">16</a></span>
+Luther schämen darf? Hab' ich nicht &ndash; um
+nur an einige zu erinnern &ndash; Rom gestürmt
+und mich mit dem Papste und dem Elefantenorden
+des Kardinalkollegiums zugleich duelliert?
+Bin ich nicht zu Pferde, worauf ich als
+Revuezuschauer gesessen, in ein <i lang="fr" xml:lang="fr">bataillon quarré</i>
+eingebrochen und habe in Aachen die Perücke
+Karls des Großen, wofür die Stadt jährlich
+zehn Rtlr. Frisiergeld zahlt, und darauf in
+Halberstadt von Gleim Friedrichs Hut erobert,
+und beide aufeinander aufgesetzt und
+habe mich doch noch umgekehrt, nachdem ich
+vorher auf einem erstürmten Walle die Kanone
+gegen den Kanonier selber umgekehrt? &ndash; habe
+ich nicht mich beschneiden und doch als Jude
+mich zählen lassen, und mit Schinken bewirten,
+wiewohl's Affenschinken am Orinoko waren
+(nach Humboldt)? Und tausend dergleichen;
+denn zum Beispiel den Flätzer Konsistorialpräsidenten
+hab' ich aus dem Schloßfenster
+geworfen &ndash; Knall- oder Allarmfidibus von
+
+<span class="sidenote-r"><sup>102</sup> Lieber politischer und religiöser Inquisitor! Die
+Turiner Lichtchen leuchten ja erst recht, wenn du
+sie zerbrichst, und zünden dann sogar.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_17">17</a></span>
+Heinrich Backofen in Gotha, das Dutzend zu
+6&nbsp;Gr., und jeder wie eine Kanone knallschlagend,
+hab' ich so ruhig angehört, daß die
+Fidibus mich nicht einmal aufweckten &ndash; und
+mehr.</p>
+
+<p>Doch genug! Es ist Zeit, mit wenigem die
+Verleumdung meines Feldpredigeramtes, die
+leider auch in Flätz umläuft, bloß dadurch,
+wie ein Cäsar den Alexander zu zerstäuben,
+daß ich sie berühre. Es sei daran wahr was
+wolle, es ist immer wenig oder gar nichts.
+Euer großer Minister und General in Flätz
+&ndash; vielleicht der größte überall &ndash; denn es
+gibt nicht viele Schabacker &ndash; konnte allerdings
+wie jeder große Mann gegen mich eingenommen
+werden, doch nicht mit dem Geschütz
+der Wahrheit; denn letzteres stell' ich
+euch hierher, ihr Herzen, und drückt ihr's nur
+zu meinem Besten ab! Es laufen nämlich im
+Flätzischen unsinnige Gerüchte um, daß ich
+aus bedeutenden Schlachten Reißaus genommen
+
+<span class="sidenote-l"><sup>86</sup> So wahr! In der Jugend liebt und genießt man
+unähnliche Freunde fast mehr, als im Alter die
+ähnlichsten.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_18">18</a></span>
+(so pöbelhaft spricht man), und daß
+nachher, als man Feldprediger zu Dank- und
+Siegespredigten gesucht, nichts zu haben gewesen.
+Das Lächerliche davon erhellt wohl
+am besten, wenn ich sage, daß ich in gar
+keinem Treffen gewesen bin, sondern mehrere
+Stunden vor demselben mich so viele Meilen
+rückwärts dahin gezogen habe, wo mich unsere
+Leute, sobald sie geschlagen worden, notwendig
+treffen mußten. Zu keiner Zeit, ist der
+Rückzug wohl so gut &ndash; ein guter aber wird
+für das Meisterstück der Kriegskunst gehalten
+&ndash; und mit solcher Ordnung, Stärke und
+Sicherheit zu machen, als eben vor dem Treffen,
+wo man ja nicht geschlagen ist.</p>
+
+<p>Ich könnte zwar als hoffentlicher Professor
+der Katechetik zu solchen Verumfeiungen
+meines Mutes still sitzen und lächeln &ndash; denn
+schmied' ich meine künftigen Katecheten durch
+sokratisches Fragen zum Weiterfragen zu: so
+hab' ich sie zu Helden gehärtet, da nichts
+gegen sie zu Felde zieht als Kinder &ndash; Katecheten
+
+<span class="sidenote-r"><sup>128</sup> In der Liebe gibt's Sommerferien; aber in der
+Ehe gibt's auch Winterferien, hoff' ich.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_19">19</a></span>
+dürfen ohnehin Feuer fürchten, nur
+Licht nicht, da in unseren Tagen wie in London
+die Fenster eingeworfen werden, wenn
+sie nicht erleuchtet sind, anstatt daß es sonst
+den Völkern mit dem Lichte ging wie den
+Hunden mit dem Wasser, die, wenn man
+ihnen lange keins gibt, endlich die Scheu vor
+dem Wasser bekommen &ndash; und überhaupt
+säuselt für Katecheten jeder Park lieblicher
+und wohlriechender als ein schwefelhafter
+Artilleriepark, und der Kriegsfuß, worauf die
+Zeit gesetzt wird, ist ihnen der wahre teuflische
+Pferdefuß der Menschheit.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Aber ich denke anders &ndash; ordentlich als
+wäre der Patengeist des Taufnamen <ins title="Attilla">Attila</ins>
+mehr, als sich's gehört, in mich gefahren, ist
+
+<span class="sidenote-l"><sup>143</sup> Die Weiber haben wöchentlich wenigstens einen
+aktiven und passiven <em class="gesperrt">Neids</em>tag, den heiligen, den
+Sonntag; &ndash; nur die höhern Stände haben mehr
+Sonn- als Werkeltage, so wie man in großen
+Städten seinen Sonntag schon Freitags mit einem
+Türken feiern kann, Sonnabends mit einem Juden,
+Sonntags mit sich selbst. Weiber gleichen köstlichen
+Arbeiten aus Elfenbein, nichts ist weißer und glätter
+und nichts wird leichter gelb.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_20">20</a></span>
+mir daran gelegen, immer nur meinen Mut
+zu beweisen, was ich denn hier wieder mit
+einigen Zeilen tun will, teuerste Freunde!
+Ich könnte diese Beweise schon durch bloße
+Schlüsse und gelehrte Zitate führen. Zum
+Beispiel wenn Galen bemerkt, daß Tiere mit
+großen Hinterbacken schüchtern sind: so brauch'
+ich bloß mich umzuwenden und dem Feinde
+nur den Rücken &ndash; und was darunter ist &ndash;
+zu zeigen, wenn er sehen soll, daß es mir
+nicht an Tapferkeit fehlt, sondern an Fleisch.
+&ndash; Wenn nach bekannten Erfahrungen Fleischspeisen
+herzhaft machen: so kann ich dartun,
+daß ich hierin keinem Offizier nachstehe, welcher
+bei seinem Speisewirt große Bratenrechnungen
+nicht nur machen, sondern auch
+unsaldiert bestehen läßt, um zu jeder Stunde,
+sogar bei seinem Feinde selber (dem Wirte),
+ein offenes Dokument zu haben, daß er das
+Seinige (und Fremdes dazu) gegessen, und
+gemeines Fleisch auf den Kriegsfuß gesetzt,
+
+<span class="sidenote-r"><sup>34</sup> Nur die kleinen Tapeten- und Hintertüren sind
+die Gnadentüren; das große Tor ist die Ungnadentüre,
+die Flügeltüren sind halbe Januspforten.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_21">21</a></span>
+lebend nicht, wie ein anderer, von Tapferkeit,
+sondern für Tapferkeit. Ebensowenig hab'
+ich je als Feldprediger hinter irgendeinem
+Offizier unter dem Regimente zurückstehen
+wollen, der ein Löwe ist und mithin jeden
+Raub angreift, nur daß er, wie dieser König
+der Tiere, das Feuer fürchtet &ndash; oder der,
+wie König Jakob von England, welcher davonlaufend
+vor nackten Degen, desto kühner
+vor ganz Europa dem stürmenden Luther mit
+Buch und Feder entgegenschritt, gleichfalls
+bei ähnlicher Idiosynkrasie sowohl mündlich
+als schriftlich mit jedem Kriegsheer anbindet.
+Hier entsinn' ich mich vergnügt eines wackeren
+Sous-Lieutenants, der mir beichtete &ndash; wiewohl
+er mir noch das Beichtgeld schuldig ist,
+sowie, noch besser, seinen Wirtinnen das
+Sündengeld &ndash; welcher in Rücksicht der Herzhaftigkeit
+vielleicht etwas von jenem indischen
+Hunde hatte, den Alexander geschenkt bekommen
+
+<span class="sidenote-l"><sup>21</sup> Schiller und Klopstock sind poetische Spiegel vor
+dem Sonnengotte; die Spiegel werfen so blendend
+die Sonne zurück, daß man in ihnen die Gemälde
+der Welt nicht gespiegelt sehen kann.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_22">22</a></span>
+als einen Hundsalexander. Der Makedonier
+ließ zur Probe auf den Wunderhund
+andere Helden- oder Wappentiere anlaufen
+&ndash; erstlich einen Hirschen &ndash; aber der Hund
+ruhte; &ndash; dann eine Sau &ndash; er ruhte; &ndash;
+sogar einen Bären &ndash; er ruhte: jetzt wollt'
+ihn Alexander verurteilen, als man endlich
+einen Löwen einließ; da stand der Hund auf
+und zerriß den Löwen. Ebenso der Sous-Lieutenant.
+Ein Duellant, ein Auswärtsfeind,
+ein Franzose ist ihm nur Hirsch und Sau
+und Bär, und er bleibt liegen; aber nun
+komme und klopfe an sein ältester, stärkster
+Feind, sein Gläubiger, und fordere ihm für
+verjährte Freuden jetziges Schmerzensgeld ab,
+und wollt' ihm so Vergangenheit und Zukunft
+zugleich abrauben: der Leutnant fährt auf und
+wirft den Gläubiger die Treppe hinab. Leider
+steh' ich auch erst bei der Sau und werde
+natürlich verkannt.</p>
+
+<p><i lang="la" xml:lang="la">Quo</i> &ndash; sagt Livius&nbsp;XII.&nbsp;5. mit Recht &ndash;
+
+<span class="sidenote-r"><sup>72</sup> Den Halbgelehrten betet der Viertelsgelehrte an
+&ndash; diesen der Sechzehnteilsgelehrte &ndash; und so fort;
+&ndash; aber nicht den Ganzgelehrten der Halbgelehrte.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_23">23</a></span>
+<i lang="la" xml:lang="la">quo timoris minus est, eo minus ferme periculi
+est</i>, oder zu deutsch &ndash; je weniger man
+Furcht hat, desto weniger Gefahr ist fast dabei;
+ich kehre den Satz ebenso richtig um, je
+weniger Gefahr, desto kleiner die Furcht, ja
+es kann Lagen geben, wo man ganz und gar
+von Furcht nichts weiß &ndash; worunter meine
+gehört. Um desto verhaßter muß mir jede
+Afterrede über Hasenherzigkeit erscheinen.</p>
+
+<p>Ich schicke meiner Ferienreise noch einige
+Tatsachen voraus, welche beweisen, wie leicht
+Vorsicht &ndash; das heißt wenn ein Mensch nicht
+dem dummen Hamster gleichen will, der sich
+sogar gegen einen Mann zu Pferde auflehnt
+&ndash; für Feigheit gelte. Ich wünschte übrigens
+nur, ich könnte ebenso glücklich einen ganz
+anderen Vorwurf, den eines Waghalses, ablehnen,
+wiewohl ich doch im folgenden gute
+Fakta beizubringen gedenke, die ihn entkräften.
+
+<span class="sidenote-l"><sup>35</sup> <i lang="fr" xml:lang="fr">Bien écouter c'est presque répondre</i> sagt Marivaux
+mit Recht von geselligen Zirkeln; ich dehn'
+es aber auch auf runde Sessions- und Kabinettstische
+aus, wo man referiert und der Fürst zuhört.</span></p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_24">24</a></span>
+Was hilft der Heldenarm ohne ein Heldenauge?
+Jener wächst leicht stärker und nerviger,
+dieses aber schleift sich nicht so bald
+wie Gläser schärfer. Indes aber, die Verdienste
+der Vorsicht fallen weniger ins Auge
+(ja mehr ins Lächerliche) als die des Mutes.
+Wer mich zum Beispiel bei ganz heiterem
+Himmel mit einem wachstuchenen Regenschirm
+gehen sieht: dem komm' ich wahrscheinlich so
+lange lächerlich vor, als er nicht weiß, daß
+ich ihn als Blitzschirm führe, um nicht von
+einem Wetterstrahl aus blauem Himmel (wovon
+in der mittleren Geschichte mehr als ein
+Beispiel steht) getroffen zu werden. Der Blitzschirm
+ist nämlich ganz der Reimarussche;
+ich trage auf einem langen Spazierstocke das
+wachstuchene Sturmdach, von dessen Giebel
+sich eine Goldtresse als Ableitungskette niederzieht,
+die durch einen Schlüssel, den sie
+auf dem Fußsteig nachschleift, jeden möglichen
+
+<span class="sidenote-r"><sup>17</sup> Das Bette der Ehren sollte man doch, da oft
+ganze Regimenter darauf liegen, und die letzte
+Ölung und vorletzte Ehre empfangen von Zeit zu
+Zeit weichfüllen, ausklopfen und sömmern.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_25">25</a></span>
+Blitz leicht über die ganze Erdfläche ableitet
+und verteilt. Mit diesem Paradonner (<i lang="fr" xml:lang="fr">paratonnerre
+portatif</i>) in der Hand will ich mich
+wochenlang ohne die geringste Gefahr unter
+dem blauen Himmel herumtreiben. Indes
+deckt diese Taucherglocke noch gegen etwas
+anderes &ndash; gegen Kugeln. Denn wer gibt
+mir im Herbste schwarz auf weiß, daß kein
+versteckter Narr von Jäger irgendwo, wenn
+ich die Natur genieße und durchstreife, seine
+Kugelbüchse in einem Winkel von 45&nbsp;Grad
+so abdrückt, daß sie im Herunterfallen bloß
+auf meinem Scheitel aufzuschlagen braucht,
+damit es so gut ist, als würd' ich seitwärts
+ins Gehirn geschossen?</p>
+
+<p>Es ist ohnehin schlimm genug, daß wir
+nichts gegen den Mond haben, uns zu wehren
+&ndash; der uns gegenwärtig beschießt mit Gestein,
+wie ein halber türkischer; denn dieser elende,
+
+<span class="sidenote-l"><sup>112</sup> Gewisse <ins title="Welt weiberbenutzen">Weltweiber benutzen</ins> in gewissen Fällen
+ihre körperliche Ohnmacht, wie Mohammed seine
+<em class="gesperrt">fallende</em> Sucht &ndash; auch ist jene diese &ndash; bloß
+um Offenbarungen, Himmel, Eingebungen, Heiligkeit
+und Proselyten zu erhalten.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_26">26</a></span>
+kleine Erdtrabant und Läufer und <i lang="fr" xml:lang="fr">valet de
+Fantaisie</i> glaubt in diesen rebellierenden Zeiten
+auch anfangen zu müssen, seiner großen
+Landesmutter etwas zuzuschleudern aus der
+Davidshirtentasche. Wahrhaftig, jetzt kann ja
+ein junger Katechet von Gefühl nachts mit
+geraden Gliedern in den Mondschein hinauswandeln,
+um manches zu empfinden oder zu
+bedenken, und kann (mitten im Gefühl erwirft
+ihn der absurde Satellit) als zerquetschter
+Brei wieder nach Hause gehen. &ndash;&nbsp;&ndash; Bei
+Gott! überall Klingenproben des Muts! Hat
+man mühsam Donnerkeile eingeschmolzen und
+Kometenschwänze anglisiert: so führt der Feind
+neues Geschütz im Mond auf oder sonst wo
+im Blau!</p>
+
+<p>Noch eine Geschichte sei genug, um zu beweisen,
+wie lächerlich gerade die ernsthafteste
+
+<span class="sidenote-r"><sup>120</sup> Mancher wird ein freier Diogenes, nicht wenn
+er in dem Fasse, sondern wenn dieses in ihm wohnt;
+und die gewaltige Hebkraft des <em class="gesperrt">Flaschenzugs</em> in
+der Mechanik spürt er fast von einem Flaschenzuge
+anderer Art beim Flaschenkeller wiederholt und gut
+bewährt.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_27">27</a></span>
+Vorsicht bei allem inneren Mute oft außen
+dem Pöbel erscheint. Reiter kennen die Gefahren
+auf einem durchgehenden Pferde längst.
+Mein Unstern wollte, daß ich in Wien auf
+ein Mietspferd zu sitzen kam, das zwar ein
+schöner Honigschimmel war, aber alt und
+hartmäulig wie der Satan, so daß die Bestie
+in der nächsten Gasse mit mir durchging und
+zwar &ndash; leider bloß im Schritte. Kein Halten,
+kein Lenken schlug an; ich tat endlich
+auf dem Selbststreitroß Notschuß nach Notschuß
+und schrie: »Haltet auf, ihr Leute, um
+Gottes Willen aufgehalten, mein Gaul geht
+durch!« Aber da die einfältigen Menschen das
+Pferd so langsam gehen sahen wie den Reichshofratsprozeß
+und den ordinären Postwagen:
+so konnten sie sich durchaus nicht in die Sache
+finden, bis ich in heftigster Bewegung wie
+besessen schrie: »Haltet doch auf, ihr Pinsel
+und Pensel, seht ihr denn nicht, daß ich die
+Mähre nicht mehr halten kann?« Jetzt kam
+
+<span class="sidenote-l"><sup>2</sup> Die Kultur machte ganze Länder, z.&nbsp;B. Deutschland,
+Gallien usw. physisch wärmer, aber geistig
+kälter.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_28">28</a></span>
+den Faulpelzen ein hartmäuliges, schrittlings
+ausziehendes Pferd lächerlich vor. &ndash; Halb
+Wien bekam ich dadurch wie einen Bartsternschwanz
+hinter meinem Roßschweif und Zopf
+nach. &ndash; Fürst Kaunitz, sonst der beste Reiter
+des Jahrhunderts (des vorigen), hielt an, um
+mir zu folgen. &ndash; Ich selber saß und schwamm
+als aufrechtes Treibeis auf dem Honigschimmel,
+der in einem fort Schritt für Stritt
+durchging. &ndash; Ein vieleckiger, rockschößiger
+Briefträger gab rechts und links seine Briefe
+in den Stockwerken ab und kam mir stets mit
+satirischen Gesichtszügen wieder nach, weil
+der Schimmel zu langsam auszog. &ndash; Der
+Schwanzschleuderer (bekanntlich der Mann,
+der mit einer zweispännigen Wassertonne
+
+<span class="sidenote-r"><sup>99</sup> Gleichwohl hab' ich bei allem meinen Grimm
+über Nachdruck doch nie den Ankauf eines Privilegiums
+gegen Nachdruck für etwas anderes oder
+schlechteres gehalten als für die Abgabe, die bisher
+alle christlichen Seemächte an die barbarischen
+Staaten erlegten, damit sie nicht beraubt wurden.
+Nur Frankreich hat eben der Ähnlichkeit wegen sowohl
+das Nachdrucks-Privilegium als die barbarische
+Abgabe abgeschafft.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_29">29</a></span>
+über die Straßen fährt und sie mit einem
+drei Ellen langen Schlauch aus einem blechernen
+Trichter benetzt) fuhr ungemein bequem
+den Hinterbacken meines Pferdes nach und
+feuchtete während seiner Pflicht jene und mich
+selber kühlend an, ob ich gleich kalten Schweiß
+genug hatte, um keines frischeren zu bedürfen.
+&ndash; Ich geriet auf meinem höllischen, trojanischen
+Pferd (nur war ich selber das untergehende
+Troja, das ritt) nach <ins title="Malzleinsdorf">Matzleinsdorf</ins>
+(einer Wiener Vorstadt), oder waren's für
+meine gepeinigten Sinne ganz andere Gassen.
+&ndash; Endlich mußte ich abends spät nach dem
+Reträteschuß des Praters im letzteren zu
+meinem Abscheu und gegen alle Polizeigesetze
+auf dem gesetzlosen Honigschimmel noch herumreiten,
+und ich hätte vielleicht gar auf ihm
+übernachtet, wenn nicht mein Schwager, der
+Dragoner, mich gesehen und noch fest auf
+dem durchgegangenen Gaule gefunden hätte.
+Er machte keine Umstände &ndash; fing das Vieh
+
+<span class="sidenote-l"><sup>1</sup> Je mehr Schwäche, je mehr Lüge; die Kraft geht
+gerade; jede Kanonenkugel, die Höhlen oder Gruben
+hat, geht krumm.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_30">30</a></span>
+&ndash; tat die lustige Frage: warum ich nicht
+voltigiert hätte, ob er gleich recht gut weiß,
+daß dazu ein hölzerner Gaul gehört, der steht
+&ndash; und holte mich herab &ndash; und so kamen
+alle berittenen Wesen unberitten und unbeschädigt
+nach Hause.</p>
+
+<p>Aber nun endlich einmal an meine Reise!</p>
+
+
+
+
+<h2 class="new-h2 gesperrt">Reise nach Flätz.</h2>
+
+
+<p>Ihr wißt, Freunde, daß ich die Reise nach
+Flätz gerade unter den Ferien machen mußte,
+nicht nur, weil Viehmarkt und folglich der
+Minister und General von Schabacker da war,
+sondern vornehmlich, weil er (wie ich von geheimer
+Hand sicher hatte) jährlich den 23. Juli
+am Abend vor dem Markttage um fünf Uhr
+
+<span class="sidenote-l"><sup>32</sup> Unser Zeitalter &ndash; von einigen papiernes genannt,
+als sei es aus Lumpen eines besser Bekleideten
+gemacht &ndash; bessert sich schon halb, da es die Lumpen
+jetzt mehr zu Scharpien als zu Papieren zerzupft,
+wiewohl oder weil der Lumpenhacker (oder auch
+der Holländer) eben nicht ausruht; indes, wenn
+gelehrte Köpfe sich in Bücher verwandeln, so können
+sich auch gekrönte in Staatspapiere verwandeln und
+ummünzen; &ndash; in Norwegen hat man nach dem Allg.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_31">31</a></span>
+soviel Gaudium und Gnade sich ausließ, daß
+er die meisten Menschen weniger anschnauzte
+als anhörte und &ndash; erhörte. Die Gaudiumsursache
+vertrau ich ungern dem Papier. Kurz,
+ich konnte ihm meine Bittschrift, mich als unschuldig
+vertriebener Feldprediger durch eine
+katechetische Professur zu entschädigen und zu
+besolden in keiner besseren Jahres- und Tageszeit
+überreichen, als abends um fünf Uhr
+Hundstagsanfang. Ich setzte mein Bittschreiben
+in drei Tagen auf. Da ich weder Konzepte,
+noch Abschriften desselben schonte und zählte:
+so war ich bald so weit, daß ich das relativ
+Beste ganz vollendet vor mir hatte, als ich
+erschrocken bemerkte, daß ich darin über dreißig
+Gedankenstriche in Gedanken hingeschrieben
+
+<span class="sidenote-r">Anzeiger sogar Häuser von Papier, und in manchen
+guten deutschen Staaten &ndash; hält das Kammerkollegium
+(das Justizkollegium ohnehin) seine eigenen
+Papiermühlen, um Düten genug für das Mehl
+seiner Windmühlen zu haben. Ich wünschte aber,
+unsere Kollegien nähmen sich jene Glasschneiderei
+in Madrid zum Muster, in welcher (nach Baumgärtner)
+zwar neunzehn Schreiber angestellt waren,
+aber doch auch eilf Arbeiter.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_32">32</a></span>
+hatte. Leider schießen diese Stacheln heutzutage
+wie aus Wespensteißen, unwillkürlich aus
+gebildeten Federn hervor. Ich warf es zwar
+lange in mir hin und her, ob ein Privatgelehrter
+sich einem Minister mit Gedankenstrichen
+nähern dürfe &ndash; so sehr auch dieses
+ebene Unterstreichen der Gedanken, diese wagerechten
+Taktstriche poetischer Tonstücke und
+diese Treppenstricke oder Achillessehnen philosophischer
+Sehstücke jetzt ebenso allgemein als
+nötig sind &ndash; allein ich mußte doch am Ende
+(da Ausschaben Standespersonen beleidigt)
+das beste Probstück wieder umschreiben und
+mich wieder eine halbe Stunde am Namen
+Attila Schmelzle quälen, weil ich immer
+
+<span class="sidenote-l"><sup>39</sup> Epiktet rät an zu reisen, weil die alten Bekanntschaften
+uns durch Scham und Einfluß vom Übergange
+zur hohen Tugend abhalten &ndash; so wie man
+etwa seine Provinzialmundart schamhaft lieber außer
+Lands ablegt und dann völlig geläutert zu seinen
+Landsleuten zurückkommt; noch jetzt befolgen Leute
+von Stand und Tugend diesen Rat, obwohl umgekehrt,
+und reisen, weil die alten Bekanntschaften
+sie durch Scham zu sehr von neuen Sünden abschrecken.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_33">33</a></span>
+glaube, diesen sowie die Briefadresse, die
+beiden Kardinalgegenden und Punkte der
+Briefe, nie leserlich genug zu schreiben.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 305px;">
+<img src="images/bloss_sanft.png" width="305" height="500" alt="...&nbsp;es tue ihm bloss sanft / sagt' er / wie eine gute Frostsalbe&nbsp;..." title="" />
+</div>
+
+
+
+<h3 class="new-h3 gesperrt">Erste Station, von Neusattel nach
+Vierstädten.</h3>
+
+
+<p>Der 22.&nbsp;Juli, oder Mittwochs nachmittag
+um fünf Uhr, war von der Postkarte der
+ordentlichen fahrenden Post selber zu meiner
+Abreise unwiderruflich anberaumt. Ich hatte
+also etwa einen halben Tag Zeit, mein Haus
+zu bestellen, welchem jetzt zwei Nächte und
+drittehalb Tage hindurch meine Brust als
+Brustwehr, der Verhack mit meinem Ich abgehen
+sollte. Sogar mein gutes Weib Bergelchen,
+wie ich meine Teutoberga nenne, reiste
+mir unaufhaltsam den 24. oder Freitags
+darauf nach, um den Jahrmarkt zu beschauen
+und zu benutzen; ja sie wollte schon sogleich
+mit mir ausreisen, die treue Gattin. Ich versammelte
+daher meine kleine Bedientenstube
+
+<span class="sidenote-r"><sup>2</sup> Ein Soldat huldigt und gehorcht in seinem Fürsten
+zugleich seinem Fürsten und seinem Generalissimus;
+der Zivilist bloß seinem Fürsten.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_34">34</a></span>
+und publizierte ihr die Hausgesetze und Reichsabschiede,
+die sie nach meinem Abschiede den
+Tag und die Nacht erstlich vor der Abreise
+meiner Frau und zweitens nach derselben auf
+das pünktlichste zu befolgen hatten, und alles,
+was ihnen besonders bei Feuersbrünsten,
+Diebeseinbrüchen, Donnerwettern und Durchmärschen
+vorzukehren oblag. Meiner Frau
+übergab ich ein Sachregister des Besten in
+unserem kleinen Registerschiffe, was sie, im
+Falle es in Rauch aufginge, zu retten hätte. &ndash;
+Ich befahl ihr, in stürmischer Nacht (dem
+eigentlichen Diebswetter) unsere Windharfe
+ans Fenster zu stellen, damit jeder schlechte
+Strauchdieb sich einbildete, ich phantasierte
+harmonisch und wachte; desgleichen den Kettenhund
+am Tage ins Zimmer zu nehmen, damit
+er ausschliefe, um nachts munterer zu sein.
+Ich riet ferner, auf jeden Brennpunkt der
+Glasscheiben im Stalle, ja auf jedes hingestellte
+Glas Wasser ihr Auge zu haben, da
+ich ihr schon öfter die Beispiele erzählt, daß
+
+<span class="sidenote-l"><sup>29</sup> Und wieviel ist nicht in der Jurisprudenz Jurisimprudenz,
+ausgenommen bei Unrechtsgelehrten.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_35">35</a></span>
+durch solche zufällige Brenngläser die Sonne
+ganze Häuser in Brand gesteckt. &ndash; Auch gab
+ich ihr die Morgenstunde, wo sie Freitags
+ab- und mir nachreisen sollte, sowie die Haustafeln
+schärfer an, die sie vorher dem Gesinde
+einzuschärfen hätte. Meine liebe, kerngesunde,
+blühende Honigwöchnerin Berga antwortete
+ihrem Flitterwöchner, wie es schien, sehr ernsthaft:
+»Geh nur Alterchen, es soll alles ganz
+scharmant geschehen. &ndash; Wärest du nur erst
+voraus, so könnte man doch nach! Das währt
+ja aber Ewigkeiten.« &ndash; Ihr Bruder, mein
+Schwager, der Dragoner, für den ich aus
+Gefälligkeit das Passagiergeld trug, um auf
+dem Postkissen einen an sich tapferen Degen
+und Hauinsfeld, sozusagen als körperlichen
+und geistigen Verwandten und Spillmagen
+vor mir zu haben, dieser zog über meine
+Verordnungen (was ich leicht dem Hage- und
+Kriegsstolzen vergab) sein braunes Gesicht
+
+<span class="sidenote-r"><sup>39</sup> »<em class="gesperrt">Die größere Hälfte</em>« ist ein so meßwidriger
+Ausdruck, daß ihn kein Meßkünstler anders als
+von der Ehe, ja sogar nur von der seinigen gebrauchen
+könnte.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_36">36</a></span>
+ansehnlich ins Spöttische und sagte zuletzt:
+»Schwester, an deiner Stelle täte ich, was
+mir beliebte; und dann guckte ich nach, was
+er auf seinem Reglementszettel hätte haben
+wollen.« &ndash; »O,« versetzte ich, »Unglück kann
+sich wie ein Skorpion in jede Ecke verkriechen;
+ich möchte sagen, <ins title="mir">wir</ins> sind den Kindern gleich,
+die am schön bemalten Kästchen schnell den
+Schieber aufreißen und &ndash; heraus fährt eine
+Maus, die hackt« &ndash; »Maus, Maus, Raus,
+Raus!«, versetzte er auf- und niedertrabend.
+»Herr Schwager, aber es ist fünf Uhr; und
+Sie werden schon finden, wenn Sie wiederkommen,
+daß alles so aussieht wie heute,
+die Hunde wie die Hunde, und meine Schwester
+wie eine hübsche Frau: <i lang="fr" xml:lang="fr">allons donc!</i>« &ndash;
+Er war eigentlich schuld, daß ich aus Besorgnis
+seines Mißdeutens nicht vorher eine
+Art von Testament gemacht.</p>
+
+<p>Ich packte noch entgegengesetzte Arzneien,
+sowohl temperierende als erhitzende, gegen
+
+<span class="sidenote-l"><sup>45</sup> Die jetzigen Schriftsteller zucken die Achseln am
+meisten über die, auf deren Achseln sie stehen; und
+erheben die am meisten, die an ihnen hinaufkriechen.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_37">37</a></span>
+zwei Möglichkeiten ein &ndash; ferner meine alten
+Schienen gegen Arm- und Beinbrüche bei Wagenumstürzen
+&ndash; und (aus Vorsicht) noch einmal
+so viel Geldwechsel, als ich eigentlich nötig
+hatte. Nur wünschte ich dabei wegen der Mißlichkeit
+des Aufbewahrens, ich wär' ein Affe mit
+Backentaschen, oder ein Beuteltier, damit ich
+in mehr sichere und empfindungsvolle Taschen
+und Beutel solche Lebenspreziosen verschanzte.
+Rasieren lasse ich mich sonst stets vor Abreisen
+aus Mißtrauen gegen fremde, mordsüchtige
+Bartputzer; aber diesmal behielt ich den Bart
+bei, weil er doch unterwegs, auch geschoren,
+so reich wieder getrieben hätte, daß mit ihm
+vor keinem Minister wäre zu erscheinen gewesen.</p>
+
+<p>Ich warf mich heftig ans Kraftherz meiner
+Berga an und riß mich noch heftiger ab,
+aber sie schien über unsere erste Ehetrennung
+weniger in Jammer als in Jubel zu sein,
+
+<span class="sidenote-r"><sup>14</sup> Manche Dichter geraten unter dem Malen schlechter
+Charaktere oft so ins Nachahmen derselben hinein,
+wie Kinder, wenn sie so träumen, wirklich ihr
+Wasser lassen.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_38">38</a></span>
+viel weniger bestürzt als seelenvergnügt, bloß
+weil sie auf das Scheiden nicht halb so sehr
+als auf das Wiedersehen und Nachreisen, und
+die Jahrmarktsschau ihr Augenmerk hatte;
+doch warf und hing sie sich an meinen etwas
+dünnen und langen Hals und Körper fast
+schmerzhaft als eine zu fleischige, derbe Last
+und sagte: »Fege nur frisch davon, mein
+scharmanter Attel (Attila) &ndash; und mache dir
+unterwegs keine Gedanken, du aparter Mensch!
+&ndash; Haben wir denn zu klagen? Einen oder
+ein paar Püffe halten wir mit Gottes Hilfe
+schon aus, solange mein Vater kein Bettelmann
+ist. &ndash; Und dir aber, Franz,« fuhr sie
+gegen ihren Bruder ordentlich zornig fort,
+»bind' ich meinen Attel auf die Seele, du
+weißt recht gut, du wüste Fliege, was ich tue,
+wenn du ein Narr bist und ihn wo im Stiche
+lässest.« Ich verzieh ihr hier manches Gutgemeinte;
+
+<span class="sidenote-l"><sup>103</sup> Die Großen sorgen vielleicht so emsig für ihre
+Nachkommen wie die Ameisen; sind die Eier gelegt,
+so fliegen die männlichen und weiblichen Ameisen
+davon und vertrauen sie den treuen <em class="gesperrt">Arbeitsameisen</em>
+an.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_39">39</a></span>
+und euch, Freunden, ist ihr Reichtum
+und ihre Freigebigkeit auch nichts Neues.</p>
+
+<p>Gerührt sagt' ich: »Nun, Berga, gibt's
+ein Wiedersehen für uns, so ist's gewiß entweder
+im Himmel oder in Flätz; und ich
+hoffe zu Gott, das letztere.« &ndash; Stracks ging's
+rüstig davon. Ich sah mich durch das Kutschenrückfenster
+um nach meinem guten Städtchen
+Neusattel; und es kam mir gerührt vor, als
+richte sich dessen Sturmspitze ordentlich als
+ein Epitaphium über meinem Leben oder
+meinem vielleicht tot zurückreisenden Leichnam
+in die Höhe: &ndash; »wie wird alles sein,« dacht'
+ich, »wenn du nun endlich nach zwei oder
+drei Tagen wiederkommst?« Jetzt sah ich mein
+Bergelchen uns aus dem Mansardenfenster
+nachschauen; ich legte mich weit aus dem
+Kutschenschlage hinaus, und ihr Falkenauge
+erkannte sofort meinen Kopf; Küsse über
+Küsse warf sie mir mit beiden Händen herab,
+dem ins Tal rollenden Wagen nach. »Du
+
+<span class="sidenote-r"><sup>10</sup> Und liefert das Leben von unsern idealen Hoffnungen
+und Vorsätzen etwas anderes als eine prosaische,
+unmetrische, ungereimte Übersetzung?</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_40">40</a></span>
+herziges Weib,« dacht' ich, »wie machst du
+deine niedrige Geburt durch die geistige Wiedergeburt
+vergeßlich, ja merkwürdig!«</p>
+
+<p>Freilich, das <ins title="Postkutschen gelag'">Postkutschengelag'</ins> und Picknick
+wollte mir weniger schmecken; lauter verdächtiges,
+unbekanntes Gesindel, welches (wie gewöhnlich
+die Märkte tun) der Flätzer durch
+seine Witterung einlockte. Ungern werd' ich
+Unbekannten ein Bekannter; aber mein Schwager,
+der Dragoner, war wie immer schon mit
+allem, mit Himmel und Hölle herausgeplatzt.
+Neben mir saß eine höchstwahrscheinliche Hure.
+&ndash; Auf ihrem Schoße ein Zwerg, der sich auf
+dem Jahrmarkte wollte sehen lassen. &ndash; Mir
+gegenüber blickte ein Kammerjäger mich an &ndash;
+und unten im Tale stieg noch ein blinder Passagier
+mit einem roten Mantel ein. Mir gefiel gar
+niemand, ausgenommen mein Schwager. Ob
+nicht die Hure meine Bekanntschaft zu einer
+
+<span class="sidenote-l"><sup>78</sup> Die Weiber halten alles Weißzeug weiß, <em class="gesperrt">nur</em>
+kein Buch, ob sie gleich vielleicht manchen polemischen
+Folianten, eh' er in die Papiermühle gekommen,
+als Brauthemde am Leibe mögen getragen
+haben. Die Männer kehren es nur um.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_41">41</a></span>
+eidlichen Angabe benützen, ob nicht Spitzbuben
+unter den Passagieren mich und meine Eigenheiten
+und Zufälle studieren würden, um auf
+der Tortur mich in ihre Bande zu flechten
+&ndash; dafür konnte sich mir niemand verpfänden.
+An fremden Orten schau ich schon ungern
+&ndash; und aus Vorsicht &ndash; an irgendein Kerkergitter
+lange empor, weil ein schlechter Kerl
+dahinter sitzen kann, der eilig herunterschreit
+aus bloßer Bosheit: »Drunten steht mein
+Spießkamerad, der Schmelzle!« &ndash; oder auch
+weil ein vernagelter Scherge sich denken kann,
+ich suchte meinen Konföderierten oben zu entsetzen.
+Aus einer wenig davon verschiedenen
+Vorsicht dreh' ich mich daher niemals um,
+wenn ein Star mir nachruft: Dieb!</p>
+
+<p>Was den Zwerg selber anlangt, so konnt'
+er meinetwegen mitfahren, wohin er wollte;
+aber er glaubte ein besonderes Frohleben in
+
+<span class="sidenote-r"><sup>7</sup> Der geharnischte deutsche Reichskörper konnte sich
+darum schwer bewegen, weshalb die Käfer nicht
+fliegen können, deren <em class="gesperrt">Flügel</em> recht gut durch <em class="gesperrt">Flügeldecken</em>
+&ndash; und zwar durch zusammengewachsene
+&ndash; verschanzt sind.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_42">42</a></span>
+uns zu bringen, wenn er uns verhieße, daß
+sein Pollux und Amtsbruder, ein seltener Riese,
+der ebenfalls der Messe zur Anschau zuzog,
+gegen Mitternacht uns unfehlbar mit seinem
+Elefantenschritte nachkommen und sich einsetzen
+<ins title="ober">oder</ins> hinten aufstellen würde. Beide
+Narren beziehen nämlich gemeinschaftlich die
+Messen als gegenseitige Meßhelfer zu entgegengesetzten
+Größen; der Zwerg ist das erhabene
+Vergrößerungsglas des Riesen, der Riese das
+hohle Verkleinerungsglas des Zwergs. Niemand
+bezeugte große Freude an der Aussicht
+der Nachkunft des Maßkopisten des Zwergs,
+ausgenommen mein Schwager, der (ist das
+Wortspiel erlaubt) wie eine Uhr bloß zum
+Schlagen gemacht zu sein glaubt, und mir
+wirklich sagte: »Könn' er einmal oben in der
+ewigen Seligkeit keine Seele zuweilen wamsen
+
+<span class="sidenote-l"><sup>8</sup> Mit Staatseinrichtungen ist's wie mit Kunststraßen;
+auf einer ganz neuen, unbefahrenen, wo
+jeder Wagen am Straßenbau mitarbeiten und zerklopfen
+hilft, man wird ebenso gestoßen und geworfen,
+als auf einer ganz alten, ausgefahrenen voll Löcher.
+Was ist also hier zu tun? Man fahre fort.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_43">43</a></span>
+und koram nehmen, so fahr' er lieber in die
+Hölle, wo gewiß des Guten und der Händel
+eher zu viel sein werden.« &ndash; Der Kammerjäger
+im Postwagen hatte, außerdem schon,
+daß uns niemand sehr einnimmt, der bloß
+vom Vergiften lebt, wie dieser Freund Hain
+der Ratten und die Mäuseparze, und daß
+ein solcher Kerl, was noch schlimmer, sogleich
+ein Mehrer des Ungezieferreiches zu werden
+droht, sobald er nicht dessen Minderer sein
+darf &ndash; dieser hatte überhaupt soviel Fatales
+an sich, zuerst den Stechblick wie eines Stiletts
+&ndash; dann das hagere, scharfe Knochengesicht
+in Verbindung mit seinem Vorrechnen
+seines ansehnlichen Giftsortiments &ndash; dann
+(denn ich haßte ihn immer heißer) seine geheime
+Stille, sein geheimes Lächeln, als seh'
+er in irgendeiner Schlupfecke eine Maus, ähnlich
+einem Menschen. &ndash; Wahrlich, mir, der ich
+sonst ganz anderen Leuten stehe, kam endlich
+sein Rachen als eine Hundsgrotte vor, seine
+
+<span class="sidenote-r"><sup>3</sup> Vor Gericht werden oft ermordete Geburten für
+totgeborene ausgegeben, in Antikritiken totgeborene
+für ermordete.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_44">44</a></span>
+Backenknochen als Untiefen und Klippen, sein
+heißer Atem als Kalzinierofen und die schwarzhaarige
+Brust als Welk- und Darrofen&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Ich hatte mich auch &ndash; glaub' ich &ndash; nicht
+viel versehen; denn bald darauf fing er an,
+der Gesellschaft, worin ein Zwerg und ein
+Mädchen war, ganz kalt zu berichten, er habe
+schon zehn Leiber mit dem Dolch nicht ohne
+Lust durchstoßen &ndash; habe gemächlich ein Dutzend
+Menschenarme abgehauen, vier Köpfe langsam
+gespalten, zwei Herzen ausgerissen und
+mehr dergleichen &ndash; und keiner davon, sonst
+Leute von Mut, hab' ihm im geringsten widerstanden
+&ndash; »aber warum?« setzt' er giftig
+hinzu, und nahm den Hut vom häßlichen
+Glatzkopf &ndash; »ich bin unverwundbar. &ndash; Wer
+von der Gesellschaft will, lege auf meiner
+Glatze soviel Feuer an, als er will, ich lass'
+es ausbrennen.«</p>
+
+<p>Mein Schwager, der Dragoner, setzte sogleich
+einen brennenden Tabaksschwamm auf
+
+<span class="sidenote-l"><sup>101</sup> Nicht nur die Rhodier hießen von ihrem Koloß
+Kolosser, sondern auch unzählige Deutsche heißen
+von Luther Lutheraner.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_45">45</a></span>
+den Schädel, aber der Jäger stand es so ruhig
+aus, als wär' es ein kalter Brand, und er
+und der Dragoner sahen einander wartend
+an, und jeder lächelte sehr närrisch &ndash; es
+tue ihm bloß sanft, sagt' er, wie eine gute
+Frostsalbe, denn dies sei überhaupt die Winterseite
+an seinem Leibe. Hier griff mein Schwager
+ein wenig auf dem nackten Schädel umher
+und rief verwundert: er fühle sich so kalt an
+wie eine Kniescheibe. Nun hob der Kerl auf
+einmal nach einigen Vorrüstungen zu unserem
+Entsetzen den Viertelsschädel ab und hielt
+ihn uns hin, sagend, er habe ihn einem Mörder
+abgesägt, als ihm zufällig der eigene eingeschlagen
+gewesen; und erklärte nun, <ins title="das">daß</ins> man
+
+<span class="sidenote-r"><sup>88</sup> Bis hierher hab' ich immer die Streitschriften
+der jetzigen philosophischen und ästhetischen idealen
+Streitflegel, worin allerdings einige Schimpfworte
+und Trug- und Lugschlüsse vorkommen, mehr von
+der schönen Seite genommen, indem ich sie bloß
+als eine Nachahmung des klassischen Altertums, und
+zwar der Ringer desselben angesehen, welche (nach
+Schöttchen) ihren Leib mit <em class="gesperrt">Kot</em> bestrichen, um nicht
+gefaßt zu werden, und ihre Hände mit <em class="gesperrt">Staub</em>
+anfüllten, um den fremden zu fassen.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_46">46</a></span>
+das erzählte Durchstechen und Armabhauen
+mehr als Scherz zu nehmen habe, indem er's
+lediglich getan als Famulus auf dem anatomischen
+Theater. &ndash; Inzwischen wollte der
+Scherztreiber doch keinem von uns sehr schmecken
+und zu Hals, so daß ich, als er den Kapselkopf,
+den Repräsentationsschädel, wieder aufsetzte,
+schweigend dachte: diese Mistbeetglocke
+hat gewiß nur den Ort, nicht die Giftzwiebel
+verändert, die sie zudeckt.</p>
+
+<p>Am Ende wurde mir's überhaupt verdächtig,
+daß er, sowie sämtliche Gesellschaft (auch der
+blinde Passagier), gerade demselben Flätz zuschifften,
+wohin ich selber gedachte; besonderes
+Glück brauchte ich mir davon nicht zu versprechen;
+und mir wäre in der Tat das Umkehren
+so lieb gewesen als das Fortfahren,
+hätt' ich nicht lieber der Zukunft getrotzt.</p>
+
+<p>Ich komme endlich auch auf den rot gemantelten
+blinden Passagier, wahrscheinlich
+
+<span class="sidenote-l"><sup>103</sup> Oder sind alle Moscheen, Episkopalkirchen, Pagoden,
+Filialkirchen, Stiftshütten und Panthea
+etwas anderes als der Heidenvorhof zum unsichtbaren
+Tempel und zu dessen Allerheiligsten?</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_47">47</a></span>
+ein <i lang="fr" xml:lang="fr">Emigré</i> oder ein <i lang="fr" xml:lang="fr">Refugié</i> (denn er spricht
+das deutsche nicht schlechter als das Französische),
+entweder namens Jean Pierre oder
+Jean Paul ungefähr, oder ganz namenlos.
+Sein roter Mantel wäre mir ungeachtet dieser
+Farbenverschmelzung mit dem Scharfrichter
+&ndash; der in vielen Gegenden trefflich Angstmann
+heißt &ndash; an sich herzlich gleichgültig
+geblieben, wäre nicht der besondere Umstand
+eingetreten, daß er mir schon fünfmal in fünf
+Städten (im großen Berlin, im kleinen Hof,
+Koburg, Meiningen und Baireuth) wider alle
+Wahrscheinlichkeit aufgestoßen, wobei er mich
+jedesmal bedeutend genug angesehen, und dann
+seines Weges gegangen. Ob er mir feindlich
+nachsetzt oder nicht, weiß ich nicht; nur ist
+auf alle Fälle der Phantasie kein Objekt erfreulich,
+das mit Observationskorps oder aus
+
+<span class="sidenote-r"><sup>40</sup> Das Volk ist nur im Erzählen, nicht im Räsonieren
+weitläufig; der Gelehrte ist nur in jenem,
+nicht in diesem kurz; eben weil das Volk seine
+Gründe nur als Empfindungen so wie die Gegenwart
+bloß anschauet, der Gelehrte hingegen beide
+mehr nur denkt.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_48">48</a></span>
+Schießscharten vielleicht mit Flinten hält und
+zielt, die es jahrelang bewegt, ohne daß man
+weiß, in welchem es abdrückt. &ndash; Noch anstößiger
+wurde mir der Rotmantel dadurch, daß er
+auffallend seine weiche Seelenmilde pries;
+dies schien beinah' auf Ausholen oder Sichermachen
+zu deuten. Ich erwiderte: »Mein Herr,
+ich komme eben, wie hier mein Schwager,
+vom Schlachtfeld her (die letzte Affäre war
+bei Pimpelstadt), und stimme vielleicht deshalb
+zu stark für Markkraft, Bruststurm, Stoßglut,
+und es mag für manchen, der eine brausende
+Wasserhose, eigentlich Landhose von
+Herz hat, gut sein, wenn seine geistliche Lage
+(ich bin darin) ihn mehr mildert als wildert.
+Indes gehört jeder Milde ihr eisernes Schrankengitter.
+Fällt mich irgendein unbesonnener
+Hund bedeutend an, so tret' ich ihn freilich
+im ersten Zorn entzwei, und nachher hinter
+
+<span class="sidenote-l"><sup>9</sup> Die Ägypter nahmen bei einem Landesunglück
+dadurch am Gott Typhon, dem sie es zuschrieben,
+Rache, daß sie seine Lieblinge von Felsen stürzten,
+die Esel. Ähnlicherweise haben sich in der Geschichte
+auch Staaten anderer Religion gerächt.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_49">49</a></span>
+mir treibt's mein guter Schwager vielleicht
+noch zweimal weiter, denn er ist der Mann
+dazu. Vielleicht ist's Eigenliebe, aber ich beklag's
+(gesteh' ich) noch heute, daß ich als
+Knabe einmal einem anderen Knaben drei
+erhaltene Ohrfeigen nicht derb zurückgereicht,
+und mir ist oft, als müßt' ich sie seinen
+Enkeln nachzahlen. Wahrlich, wenn ich auch
+nur einen Jungen vor den schwachen Kräften
+eines ähnlichen Jungen feig entlaufen sehe,
+so kann ich das Laufen nicht lassen und will
+ihn ordentlich durch einen Machtschlag erretten.«
+Der Passagier lächelte indes nicht
+zum besten. Er gab sich zwar für einen Legationsrat
+aus und schien Fuchs genug zu
+sein, aber ein tollgewordener Fuchs beißt mich
+am Ende so wasserscheu als ein toller Wolf.
+Übrigens fuhr ich unbekümmert mit meinem
+
+<span class="sidenote-r"><sup>70</sup> In die Philosophie verhülle sich die Dichtkunst
+nur so, wie in diese sich jene; Philosophie aber in
+poetischer Prosa gleicht jenen Trinkgläsern in
+Schenken, welche mit bunten Bilderschnörkeln umzogen,
+zugleich im Genusse des Getränks und des
+Bildwerks, die oft widrig sich decken, stören.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_50">50</a></span>
+Anpreisen des Mutes fort, nur daß ich absichtlich
+statt des lächerlichen Bramarbasierens,
+welches gerade den Feigen recht verrät, fest,
+still, klar sprach. »Ich bin«, sagt' ich, »bloß
+für Montaignes Rat: man trage nur Furcht
+vor der Furcht.«</p>
+
+<p>»Ich würde,« versetzte der Legationsrat
+unnütz spitzfindig, »wieder fürchten, daß ich
+mich nicht genug vor der Furcht fürchtete,
+sondern zu feig bliebe.«</p>
+
+<p>»Auch dieser Furcht«, erwidert' ich kalt,
+»steck' ich Grenzen. Ein Mann kann zum Beispiel
+nicht im geringsten Gespenster glauben
+und fürchten; gleichwohl kann er nachts sich
+in Todesschweiß baden, und zwar bloß vor
+Angst, wie sehr er sich entsetzen würde (besonders
+mit welchen Nachwehen von Schlagflüssen,
+
+<span class="sidenote-l"><sup>158</sup> Der Staat sollte öfter die Maul- und Kindertrommeln
+der Dichter nicht mit Regiments- und
+Feuertrommeln verwechseln; wieder umgekehrt sollte
+der Bürger manche fürstliche Trommelsucht nur für
+eine Krankheit nehmen, worin der Patient bloß
+durch die unter die Haut eingedrungene Luft sehr
+aufgeschwollen ist.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_51">51</a></span>
+fallenden Suchten und so weiter),
+falls nichts als bloß seine so lebhafte Phantasie
+irgendein Fieber und Vexierbild vor
+ihn in die Lüfte hineinhinge.« &ndash;&nbsp;&ndash; »Man
+sollte daher«, fiel mein Schwager, wider Gewohnheit
+moralisierend, ein, »das so arme
+Schaf von Mann auch gar mit keinem Geisterspuk
+foppen, der Hase kann ja auf der Stelle
+auf dem Platze bleiben.«</p>
+
+<p>Ein lautes Gewitter, das dem Postwagen
+nachfuhr, veränderte den Diskurs. Ihr,
+Freunde, erratet wohl alle &ndash; da ihr mich
+nicht als einen Mann ohne alle Physik kennen
+lernen &ndash; meine Maßregeln gegen Gewitter:
+
+<span class="sidenote-r"><sup>89</sup> In großen Städten lebt der Fremde die ersten
+Tage nach seiner Ankunft bloß von seinem Gelde
+im Gasthofe, erst darauf in den Häusern seiner
+Freunde umsonst; langt man hingegen auf der Erde
+an, wie z.&nbsp;B. ich, so wird man gerade die ersten
+Jahre hindurch höflich freigehalten, in den andern
+und längern aber &ndash; denn man bleibt oft sechzig
+Jahre &ndash; muß man wahrhaftig (ich habe die Dokumente
+in Händen) jeden Tropfen und Bissen bezahlen,
+als wäre man im großen Gasthofe zur Erde,
+was noch dazu wahr ist.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_52">52</a></span>
+ich setze mich nämlich auf einen Sessel mitten
+in der Stube (oft bleib' ich bei bedenklichem
+Gewölk ganze Nächte auf ihm), und decke
+mich durch mein Reinigen von allen Leitern,
+Ringen, Schnallen und so weiter und durch
+mein Absitzen von allen Blitzabsprüngen immer
+so, daß ich kaltblütig die Sphärenmusik der
+Donnerpauke vernehme. &ndash; Diese Vorsicht hat
+mir nie geschadet, da ich ja dato noch lebe;
+und ich wünsche mir noch heute Glück, daß
+ich einmal aus der Stadtkirche, ob ich gleich
+tags vorher gebeichtet hatte, ohne weiteres
+und ohne vorher das Abendmahl zu nehmen,
+ins Gebeinhaus hinausgelaufen, weil ein
+schweres Gewitter (was wirklich in die Kirchhofslinde
+einschlug) darüber stand; &ndash; ich
+kam auch sogleich nach der Entladung der
+Wolke aus dem Gebeinhaus in die Kirche
+zurück und war so glücklich, noch hinter dem
+
+<span class="sidenote-l"><sup>112</sup> Ich sage aber nein. Der Mensch stelle sich
+so wie seinen Hut &ndash; wenn er sich und diesen
+nicht gerade gebraucht &ndash; beide, um sie zu
+schonen, so lange auf den <em class="gesperrt">Kopf</em>, bis <ins title="fehlt im Original">er</ins> wieder
+getragen wird.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_53">53</a></span>
+Henker (als dem letzten) zu kommen und das
+Liebesmahl zu genießen.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 301px;">
+<img src="images/flucht.png" width="301" height="500" alt="und floh dann mit vollen Segeln auf geradewohl und geradeaus den Kürzesten Weg hindurch&nbsp;..." title="" />
+</div>
+
+<p>So denk' ich für meine Person; aber leider,
+im vollen Postwagen traf ich Menschen, denen
+Physik wahre Narretei ist. Denn als die Gewitter
+sich fürchterlich über unsern Kutschenhimmel
+versammelten und prasselnde Feuerklumpen,
+als wären's Johanniswürmchen, im
+Himmel umherspielten; und als ich endlich
+ersuchen mußte, das schwitzende Postkonklave
+möchte nur wenigstens Uhren, Ringe, Gelder
+und dergleichen zusammenwerfen, etwa in die
+Wagentaschen, damit kein Mensch einen Leiter
+am Leibe hätte: so tat's nicht nur keiner,
+sondern mein eigener Schwager, der Dragoner,
+stieg gar mit gezogenem nackten Degen auf
+den Bock hinaus und schwur, er leite ab.
+Ich weiß nicht, war der desperate Mensch
+ein gescheiter oder keiner; kurz, unsere Lage
+
+<span class="sidenote-r"><sup>10</sup> Die Weltepochen feiern &ndash; wie die spanischen
+Könige &ndash; Regierungsantritt, Volljährigkeit, Vermählung
+&ndash; gern mit Scheiterhaufen (Autodafés,
+Tressenausbrennungen der Weisen oder auch der
+Irrgläubigen).</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_54">54</a></span>
+war fürchterlich, und jeder konnte ein gelieferter
+Mann sein. Zuletzt bekam ich gar
+einen halben Zank mit zweien von der rohen
+Menschenfracht der Kutsche, dem Vergifter
+und der Hure, weil sie fragend fast zu verstehen
+gaben, ich hätte vielleicht bei dem angepriesenen
+Preziosenpicknick nicht die ehrlichsten
+Anschläge gehabt. So etwas verwundet
+die Ehre mit Gewalt, und in mir donnerte
+es nun stärker als oben; dennoch mußt'
+ich den ganzen nötigen Erbitterungswortwechsel
+so leise und langsam als möglich
+führen und haderte sanft, damit nicht am
+Ende eine ganz in Harnisch gebrachte Kutsche
+in Hitze und Schweiß geriete, und in unsere
+Mitte so den nahen Donnerkeil auf Ausdünstungen
+durch den Kutschenhimmel herabfahren
+
+<span class="sidenote-l"><sup>144</sup> Der Rezensent gebraucht seine Feder eigentlich
+nicht zum Schreiben, sondern er weckt mit deren
+Brandgeruch Ohnmächtige auf, kitzelt mit ihr den
+Schlund des Plagarius zum Wiedergeben, und
+stochert mit ihr seine Zähne aus. Er ist der einzige
+im ganzen gelehrten Lexikon, der sich nie ausschreiben
+und ausschöpfen kann, er mag ein Jahrhundert oder
+ein Jahrtausend vor dem Tintenfasse sitzen. Denn</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_55">55</a></span>
+ließe. Zuletzt setzt' ich der Gesellschaft
+das ganze elektrische Kapitel deutlich, aber
+leise und langsam &ndash; ich wollte nicht ausdampfen
+&ndash; auseinander und suchte besonders
+von der Furcht abzuschrecken. Denn, in der
+Tat, vor Furcht konnte jeden der Schlag &ndash; ja
+ein doppelter, mit dem elektrischen ein apoplektischer
+&ndash; treffen, da aus Erxleben und
+Reimarus genug bewiesen ist, daß starkes
+Fürchten durch Dünsten den Strahl zulockt;
+ich stellte daher in ordentlicher Angst vor
+meiner und fremder Furcht den Passagieren
+vor, daß sie jetzt durchaus bei unserer schwülen
+Menge, bei dem die Blitze spießenden Degen
+auf dem Kutschbock, <ins title="unb">und</ins> bei dem Überhang
+der Wetterwolke, und selber bei so vielen
+Ausdünstungen anfangender Furcht, kurz, bei
+
+<span class="sidenote-r">indes der Gelehrte, der Philosoph und der Dichter
+das neue Buch nur aus neuem Stoff und Zuwachs
+schaffen, legt der Rezensent bloß sein altes Maß
+von Einsicht und Geschmack an tausend neue Werke
+an, und sein altes Licht bricht sich an der vorbeiziehenden,
+stets verschieden geschliffenen Gläserwelt,
+die er beleuchtet, in neue Farben.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_56">56</a></span>
+so augenscheinlicher Gefahr nichts fürchten
+dürften, wollten sie nicht samt und sonders
+erschlagen sein. »O, Gott,« rief ich, »nur
+Mut! Keine Furcht! Nicht einmal Furcht vor
+der Furcht! &ndash; Wollen wir denn als zusammengetriebene
+Hasen hier seßhaft, von unserem
+Herrgott erschossen sein? &ndash; Fürchte sich
+meinetwegen jeder, wenn er aus der Kutsche
+heraus ist, nach Belieben an anderen Orten,
+wo weniger zu besorgen ist, nur aber nicht
+hier.«</p>
+
+<p>Ich kann nicht entscheiden &ndash; da unter
+Millionen kaum ein Mensch an der Gewitterwolke
+stirbt, aber vielleicht Millionen an
+Schnee- und Regenwolken und dünnen Nebeln
+&ndash; ob meine Kutschenpredigt auf Menschenrettungspreise
+Anspruch zu machen hatte, als
+wir sämtlich unbeschädigt, einem Regenbogen
+entgegen, in das Städtchen Vierstädten einfuhren,
+wo ein Posthalter in der einzigen
+Gasse wohnte, die der Ort hatte.
+
+<span class="sidenote-l"><sup>107</sup> Deutschland ist ein langes, erhabenes Gebirge
+&ndash; unter dem Meer.</span></p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 300px;">
+<img src="images/riese.png" width="300" height="500" alt="Aus der hohen Posthauspforte trat / tief sich bückend / der Riese heraus" title="" />
+</div>
+
+
+
+
+<div class="new-h3">&nbsp;</div>
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_57">57</a></span></p>
+<h3 class="gesperrt">Zweite Station, von Vierstädten nach
+Niederschöna.</h3>
+
+
+<p>Der Posthalter war ein grober Patron und
+ein Schläger; eine Gattung von Menschen, die
+ich unaussprechlich hasse, weil meine Phantasie
+mir immer vorspiegelt, ich könnte vielleicht
+aus Zufall oder Widerwillen ihnen ein recht
+höhnisches und impertinentes Gesicht schneiden,
+und mir solche Gesellen auf den Hals hetzen,
+und darauf spür' ich schon Ziehen von Mienen.
+Zum Glück konnt' ich diesmal (gesetzt, ich
+hätte ein Fehlgesicht geschnitten) mich mit
+meinem Schwager, dem Dragoner, bewaffnen,
+für dessen Riesenmacht dergleichen ein Leckerbissen
+ist. Denn er kann zum Beispiel vor
+keinem Wirtshause, worin eine Schlägerei
+laut wird, vorbeigehen, ohne hineinzutreten
+und sogleich unter der Türe zu schreien:
+»Macht Friede, ihr Hunde!« darauf unter
+
+<span class="sidenote-r"><sup>18</sup> Unter Selbststillen versteht man nicht, wie beim
+tatzensaugenden Bären, daß man sich selber an die
+eigene Brust lege, sondern daß man andere nicht
+durch andere säugen lasse: so aber sollte auch das
+Wort Selbstliebe im Gebrauche sein.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_58">58</a></span>
+seinem Schein von Friedensdeputation nimmt
+er ohne Verzug, als wär' es eine amerikanische
+Friedenspfeife, das nächste Stuhlbein
+in die Hand und deckt damit das schlagende
+Personal hinüber und herüber zu, oder er
+nähert die harten Köpfe der Parteien (er
+schlägt sich zu keiner) einander mit Gewalt,
+indem er in jede Hand einen am Hinterkopfe
+faßt; dann ist der Kauz im Himmel.</p>
+
+<p>Ich für meine Person vermeide diskrepante
+Zirkel mehr, als daß ich sie aufsuche, sowie
+auch jeden toten oder totgemachten Menschen;
+&ndash; der vorsichtige Mann sieht leicht voraus,
+was davon zu holen ist, entweder verdrießliches
+und mißliches Zeugschaftgeben, oder oft
+gar (wenn die Umstände sich verschwören)
+peinliches Nachfragen über Mitschuld.
+
+<span class="sidenote-l"><sup>97</sup> Daher schließ' ich, daß Schmelzle gut predigt,
+schon aus seinen vielen Kenntnissen und Wortspielen.
+Die theologische Welt auf Kathedern, noch
+mehr die auf Kanzeln, verdient das Lob, daß sie
+gleichsam der Lichtsammler oder Lichtfang oder
+Lichtmagnet der besten Strahlen und Entdeckungen
+ist, die aus andern Wissenschaften ausgehen, besonders
+derer aus der Philosophie und Dichtkunst:</span></p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_59">59</a></span>
+In Vierstädten stieß mir nichts von Wichtigkeit
+auf als &ndash; zu meinem Grausen &ndash; ein
+Hund ohne Schwanz, der durch die Stadt
+oder Gasse lief. Ich zeigte erbittert im ersten
+Feuer den Passagieren den Hund und legte
+ihnen die Frage vor, ob sie denn eine medizinische
+Polizei für trefflich bestellt ansähen,
+welche, wie die Vierstädter es zuließe, daß
+Hunde öffentlich herumsprängen, denen der
+Schwanz fehlte. »An was«, sagt' ich, »halt'
+ich mich denn, wenn dieser weggeschnitten,
+und mir jede solche Bestie entgegenrennen,
+und ich weder aus dem eingezogenen noch
+aufgerichteten Schwanze, da der ganze weggehackt
+ist, einen Schluß ziehen kann, ob das
+Vieh toll ist oder nicht. So wird der gescheiteste
+
+<span class="sidenote-r">sie selber entdeckt eigentlich nichts als eben die
+passiven Diebsinseln, wo sie ihre Gewürze abholt.
+So findet man in Predigten, z.&nbsp;B. in Marezolls
+Kanzelstücken einen reichen Fund fremder Erfindungen;
+und überhaupt gibt's wenige Entdeckungen
+in der Philosophie und Moral, welche ein Jahrfünft
+oder Jahrzehnt später, nachdem sie ihren
+Schöpfer berühmt gemacht, nicht den Nachschöpfer
+in der theologischen Welt &ndash; diese Erbin ihrer</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_60">60</a></span>
+Mann wütig und gebissen und scheitert
+bloß aus Mangel eines Schweifkompasses.«
+Der nachkommende blinde Passagier (er ließ
+sich jetzt als sehender einschreiben, Gott weiß
+zu welchen Endzwecken) spann vor mir meinen
+eigenen Satz, dem er zugehört, fast bis ins
+Komische aus, und erregte zuletzt in mir den
+Verdacht, er mache durch eine, aber sehr starke
+Schmeichelnachahmung meines Sprechstils
+Jagd auf mich. »Der Hundeschwanz«, sagt'
+er, »ist wohl für uns Alarmstange und Irrenanstalt,
+damit man in keine komme, gleichsam
+die äußeren Vorposten der Wut &ndash; man
+schneide den Kometen den Schwanz, den Bassen
+den Roßschweif, den Krebsen den ihrigen (denn
+ausgestreckter bedeutet krepierte) ab: so ist man
+
+<span class="sidenote-l">Magd, der Philosophie &ndash; noch zehnmal größer und
+reicher gemacht hätten, sobald er nur Kanzelwasser
+genug zum Einflößen der fremden Bissen (<i>boli</i>)
+aufgegossen hatte. Aber hier möcht' ich gern auf
+einen Unterschied der meisten lutherischen Prediger
+von den Mönchen zeigen, der nicht ganz zum
+Nachteil der ersteren ausschlägt. Der Mönch darf
+(<i lang="la" xml:lang="la">C.&nbsp;Q.&nbsp;X. de stat.&nbsp;monach.</i>) nichts Eigenes haben,
+bei Strafe unehrlichen Begräbnisses, und jedes</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_61">61</a></span>
+in den gefährlichen Angelegenheiten des Lebens
+ohne Leitseil, ohne Avertisseur, ohne Hand in
+<i lang="la" xml:lang="la">margine</i> &ndash; und man kommt um, ohne vorher
+zu wissen wie.«</p>
+
+<p>Übrigens lief diese Station ohne Zank und
+Not vorüber. Alles schlief gegen zehn Uhr
+ein, sogar der Postillion, außer ich. Ich stellte
+mich zwar schlafend, um zu beobachten, wer
+sich etwa aus guten Gründen nur schlafend
+stelle; aber alles schnarchte fort, der Mond
+warf seine verklärenden Strahlen nur auf
+herabgesunkene Augenlider.</p>
+
+<p>Herrlich konnt' ich jetzt Lavaters Rat befolgen,
+an Schlafende vorzüglich die physiognomische
+Elle anzusetzen, weil der Schlaf
+wie der Tod die echte Form gröber ausprägt.
+
+<span class="sidenote-r">Eigentum wird ihm als Kirchenraub <ins title="angerechent">angerechnet</ins>.
+Mich dünkt aber, der lutherische Kanzelredner
+demütigt und entäußert sich weit mehr, wenn er
+auch, im höheren Geistigen, wo er noch schön und
+frei zu wählen hat &ndash; da über das Eigentum des
+körperlichen ohnehin in seinem Namen das Kammerkollegium
+das Armutsgelübde ablegt &ndash; kurz, wenn
+er, was Gedanken anlangt, gar nichts Eigenes hat
+und haben will.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_62">62</a></span>
+Andere Schläfer außerhalb der Postkutsche
+würd' ich mit gedachter Elle weniger auszumessen
+raten, immer in einiger Besorgnis
+bleibend, daß etwa ein Kerl, der sich nur
+schlafend stellte, sogleich, als ich nahe genug
+stände, wie im Traume aufspränge, und dem
+physiognomischen Meßkünstler in die eigene
+Gesichtsbildung einen so hinterlistigen Fauststreich
+versetzte, daß sie in keinem physiognomischen
+Fragmente, weil sie selber eines geworden,
+mehr florieren könnte, weder in punktierter
+Manier, noch in geschabter. Und kann
+denn nicht der ehrlichste Schläfer von der
+Welt, eben während ihr über dessen physiognomische
+Leichenöffnung her seid, losschlagen,
+von der Ehre in einem Prügeltraume angehetzt,
+und euch vielleicht mit wenigen Handgriffen
+und Fußtritten in einen viel ewigeren
+Schlaf einwiegen, als der gewesen, woraus
+er aufgefahren?</p>
+
+<p>In meinem sogenannten silhouettierenden
+
+<span class="sidenote-l"><sup>71</sup> Der Jüngling ist aus Willkür sonderbar und
+freuet sich; der Mann ist's unabsichtlich und gezwungen
+und ärgert sich.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_63">63</a></span>
+Schattenspiele kommt der Gesichterinhalt der
+schlafenden Postkutsche selber vor; erst darin
+werde ich euch breit belegen, warum mir der
+Giftträger mit der Mordkuppel teuflisch erschienen
+&ndash; der Zwerg altkindisch &ndash; die Hure
+matt- und schlafffrech &ndash; mein Schwager
+ruhiggesättigt von Rache oder von Essen &ndash;
+der Legationsrat Jean Pierre aber, Gott weiß
+warum, als ein halber Engel, wiewohl er sich
+denken läßt, der halbe Engel, da nur der
+schöne Körper, nicht die andere im Schlaf
+vergangene Hälfte, die Seele, vor mir wirkte.</p>
+
+<p>Beinahe vergäß' ich's, daß ich doch in
+meinem Dörfchen, während beide Schwäger,
+der Dragoner und der Postillion, tranken,
+eine kleine Furcht glücklich bestanden, weil
+das Schicksal zweimal auf meiner Seite gewesen.
+Ich sah unweit eines Jagdschlosses
+neben einem schönen Baumklumpen eine weiße
+Tafel mit schwarzer Inschrift schimmern. Dies
+ließ mich hoffen, daß mich dort ein kleines
+Sargkunstwerk, ein Ehrenpfahl, irgendein
+
+<span class="sidenote-r"><sup>198</sup> Der Pöchel und das Vieh schwindeln auf keinem
+Abgrundsabhang, aber wohl der Mensch.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_64">64</a></span>
+Treff-, Zier- und Spießdank für einen Toten
+erwarte. Auf einem unbetretenen blumigen
+Gewinde lang' ich vor dem Schwarz auf
+Weiß an und lese im Mondschein mit Entsetzen:
+»Jedermann wird hier vor dem Selbstschuß
+gewarnt!« So stand ich also vielleicht
+einen Fußzehennagel breit von dem Büchsenhahn,
+womit ich, wenn ich die Ferse rückte,
+mich selber als einen verblüfften Stocknarren
+und Ladstock in die andere Welt, unter die
+Seligen hineinschoß. Ich suchte vor allen
+Dingen mich mit den Fußnägeln in den Boden
+wie einzubeißen und einzufressen &ndash; weil
+ich wenigstens so lange am holden Leben
+bleiben konnte, als ich mich fest pflöckte neben
+der daliegenden Atroposschere und Henkersbühne;
+&ndash; darauf wünscht' ich mich zu entsinnen,
+auf welchen Steigen der Teufel mich
+unerschossen herbeigeführt. Aber vor Angst
+hatt' ich alles ausgeschwitzt und wußte gar
+nichts, &ndash; im nahen Höllendorf war kein
+
+<span class="sidenote-l"><sup>11</sup> Das goldene Kalb der Selbstsucht wächst bald
+zum glühenden Phalarisochsen, der seinen Vater
+und Anbeter einäschert.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_65">65</a></span>
+Hund zu ersehen und zu erschreien, der mich
+etwa aus dem Wasser hätte holen können,
+und die beiden Schwäger soffen selig. Indes,
+ich faßte Mut und Entschluß &ndash; schrieb auf
+einem Pergamentblatte meinen letzten Willen
+sowie meine zufällige Sterbart nieder, und
+meinen Todesdank ans Bergelchen &ndash; und
+flog dann mit vollen Segeln auf Geratewohl
+und geradeaus den kürzesten Weg hindurch,
+unter der Voraussetzung, mich bei jedem
+Schritte niederzuschießen und mir so mit
+eigener Hand auf mein noch langes Lebenslicht
+den <i lang="fr" xml:lang="fr">Bonsoir</i> oder Lichttöter zu setzen.
+Aber ohne Schuß kam ich an. In der Schenke
+lachte freilich mehr als ein Narr über mich,
+weil, was nur ein Narr wissen konnte, die
+Warnungstafel schon seit zehn Jahren ohne
+Schüsse dageblieben, wie oft diese ohne jene.
+
+<span class="sidenote-r"><sup>103</sup> Das männliche Schmarotzergewächs an den
+weiblichen Rosen und Lilien muß (wenn ich dessen
+Schmeicheln recht fasse) wahrscheinlich bei den
+Schönen die Sitte der Italiener und Spanier
+voraussetzen, welche jede Kostbarkeit dem zum Geschenk
+anbieten, der solche sehr lobt.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_66">66</a></span>
+So aber steht's, ihr Freunde, mit unserer
+Jagdpolizei, die gegen alles warnt, nur nicht
+gegen Warnungstafeln.</p>
+
+<p>Übrigens hatt' ich auf der ganzen Station
+leichte Händel mit dem Postillion, weil er
+nicht von Viertelstunde zu Viertelstunde halten
+wollte, wenn ich ausstieg, um zu&nbsp;......
+Leider sind freilich von Postknechten keine
+Urinpropheten zu erwarten, da so selten Gelehrte
+aus Hallers großer Physiologie es
+wissen, daß Aufschieben der gedachten Sache
+teuflisches Steingut niederschlägt und zuletzt
+den Inhaber selber, weil diese Steingrube
+seltener der Blasenschneider als der Tod mit
+einem Grabe schließt. Hätten Postknechte gelesen,
+daß Tycho de Brahe wie eine Bombe
+am Zerspringen starb: sie hielten lieber an;
+sie fänden bei solchen, mir so unerwarteten
+Kenntnissen es vernünftig, daß ein Mann
+
+<span class="sidenote-l"><sup>199</sup> Aber wenige gegenwärtige Staaten, glaub' ich,
+köpfen unter dem Vorwande, zu trepanieren &ndash;
+oder heften (in einer gesuchtern Allegorie) die Lippen
+zusammen unter dem Vorwand, deren Hasenscharten
+zuzunähen.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_67">67</a></span>
+seinen Leichenstein zwar einmal auf sich, aber
+nicht in sich tragen will. Bin ich denn nicht
+sogar in Weimar oft aus den längsten Abschiedsauftritten
+Schillers mit Tränen in den
+Augen hinausgelaufen, bloß um (während
+seine Minerva mich im ganzen erweichte)
+nicht von deren Medusenkopf auf der Brust
+partiell versteinert zu werden? Und kam ich
+nicht ins weinende Komödienhaus zurück und
+viel munterer in die allgemeine Rührung ein,
+weil ich dann nichts mehr zu erleichtern
+brauchte als mein Herz?</p>
+
+<p>Sehr im Finstern kamen wir in Niederschöna
+an.</p>
+
+
+
+
+<h3 class="new-h3 gesperrt">Dritte Station, von Niederschöna
+nach Flätz.</h3>
+
+
+<p>Als ich am Posthause, mit den Augen auf
+meinen Mantelsack geheftet, in Gedanken dastehe:
+schmettert und schnaubt ein Vieh von
+Nachtwächter mir so nahe und unversehens
+
+<span class="sidenote-r"><sup>12</sup> Die Einzelwesen haben Lehrjahre, die Staaten
+Lehrjahrhunderte; &ndash; aber sind beide freigesprochen,
+so sind doch wieder Lehrstunden und Sonntagsschulen
+nachzuholen.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_68">68</a></span>
+mit seiner Nachttuba ins Ohr, daß ich ordentlich
+zurückspringe, ich, den schon jede heftig-schnelle
+Anrede verdrießt. Gibt's denn keine
+medizinische Polizei gegen solche geblasene
+Stundenlärmfidibus und -Lärmkanonen, durch
+welche doch keine knallenden entbehrlich
+werden? Eigentlich sollte niemand mit dem
+Nachtwächterhorne investieret werden als
+ein vernünftiger Mann, der sich schon einen
+Bruch geblasen oder gehoben hätte und der
+imstande wäre, seinen Stundenvers so leise
+abzusingen, daß man gar nichts hörte.</p>
+
+<p>Was ich längst erwartet und der Zwerg
+vorausgesagt, traf jetzt ein: aus der hohen
+Posthauspforte trat tief sich bückend der Riese
+heraus und hob im Freien eine unvernünftig
+große Statur und dito Kopf mit der ellenhohen
+
+<span class="sidenote-l"><sup>67</sup> Gastfreiheitswirt, willst du deinen Gast erforschen?
+Begleite ihn zu einem andern Wirte und höre zu!
+&ndash; Ebenso: willst du deine Geliebte in einer Stunde
+besser kennen lernen als in einem Monat Zusammenlebens?
+Sieh ihr eine Stunde lang unter
+Freundinnen und Feindinnen (wenn dies kein Pleonasmus
+ist) zu!</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_69">69</a></span>
+Mütze und Feder empor; mein Schwager
+ihm zur Seite schien nur sein vierzehnjähriger
+Sohn zu sein, und der Zwerg gar sein auf
+zwei Beinen aufwartendes Schoßhündchen.
+»Lieber Freund,« sagte mein neckender Schwager,
+der ihn an mich und die Postkutsche geleitete,
+»steig' Er ruhig ein, wir machen Ihm
+sämtlich gern Platz. Kremp' Er sich nur recht
+zusammen, und leg' Er den Kopf aufs Knie;
+so geht's.« Der unnütze Necker hätte so gern
+den fast einfältigen Giganten &ndash; dem er's
+bald abgemerkt, daß dessen Gehirn kein schlauer
+Gast, sondern die negative Größe seines
+Rumpfes war &ndash; unter uns im bangen Postschrank
+und Notstall vor sich gesehen zu einem
+Giespuckel eingeknüllt und krumm geschlossen.
+»Giht doch nit! Giht gar nit!« sagte der
+Riese, als er hineinsah. »Der Herr Soldat
+wissen vielleicht nicht,« versetzte der Zwerg,
+»wie groß ein Riese ist; und Er denken, weil
+
+<span class="sidenote-r"><sup>80</sup> Im Sommer des Lebens graben und statten die
+Menschen Eisgruben so gut als möglich aus, um
+sich doch für ihren Winter etwas aufzuheben, was
+fortkühlt.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_70">70</a></span>
+ich hineingehe. &ndash; Aber das ist ein anderes
+Loch. &ndash; Ich will überall hineinpassen, man
+sage mir nur wo.«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Kurz, es war kein Ausweg für den Postmeister
+und den Riesen, als daß sich dieser
+hinten auf das Passagierwarenlager stellte
+und setzte, sich als eine Tränenweide herüberbeugend
+über den ganzen Kutschkasten. Mich
+selber konnte ein solcher Rückenwind und
+Rückhalt nicht außerordentlich ergötzen; und
+ich traue (hoff' ich) jedem von euch, ihr
+Freunde, zu, daß er hinter einem Rückendekret
+so gut und so hell wie ich überschlagen
+hätte, was ein Kerl und Riese hinter ihm,
+ein Nachfahrer in allerlei Sinne, etwa Mordendes,
+probieren könne, es sei nun, daß er
+durch das Rückenfenster des Wagens einbräche
+und angreife oder sich überhaupt mit
+Titanenmacht oben über den Kutschenhimmel
+hermache. Indessen fing der oben mit gekreuzten
+
+<span class="sidenote-l"><sup>28</sup> Es ist mir unmöglich, sogleich auf der Stelle
+unter dem Wasserästen-Wald von Anspielungen in
+meinen Werken &ndash; sogar diese ist wieder ein Ast
+&ndash; herauszubringen und darauf zu fallen, ob ich je</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_71">71</a></span>
+Armen auf dem Kasten liegende Elefant
+&ndash; der aber von seinem Gleichnis mehr
+die drückende Masse als das fliegende Geisteslicht
+zu haben schien &ndash; bald zu schlafen und
+zu schnarchen an; ein Elefant, wovon (wie
+ich immer froher einsah) mein Schwager, der
+Dragoner, leicht der Kornak und Bändiger
+sein konnte, ja schon gewesen war.</p>
+
+<p>Da jetzt mehr als eine Person schlafen
+wollte, aber (mit Recht) ich hingegen wachen:
+so bot ich gern meinen Fahrehrensitz, den
+Vordersitz (auch um manchen Neid der Passagiere
+zu tilgen), solchen Personen an, die auf
+ihm ein wenig schlummern wollten. Der Legationsmann
+ergriff das Anerbieten und den
+Lehnpolster mit Hast und entschlief an der
+Rücklehne des Titans hinter ihm. Etwas unbegreiflich
+blieb mir dergleichen Postschlaf
+von einem diplomatischen <i lang="fr" xml:lang="fr">Chargé d'affaires</i>.
+Ein Mann, der so mitten unter einer blutfremden,
+
+<span class="sidenote-r">die sämtlichen Höfe oder Höhen die (Bouguersche)
+Schneelinie Europas genannt habe oder nicht, ich
+wünschte aber Belehrung darüber, um es im widrigen
+Falle etwa noch zu tun.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_72">72</a></span>
+oft blutdürstigen Genossenschaft entschläft,
+kann ja, wenn er im Schlummer und
+Wagen spricht (denkt nur alle an den sächsischen
+Minister vor dem Siebenjährigen Kriege!)
+hundert Geheimnisse, tausend Schandtaten
+herausstoßen, die er kaum verübt hat. Sollte
+nicht jedem Minister, Gesandten oder anderen
+Mann von Ehre oder Stand ordentlich grausen
+vor Tollwerden oder hitzigen Fiebern, da
+ihm kein Mensch dafür steht, daß er nicht
+darin mit den größten Skandalen herausfährt,
+wovon vielleicht die Hälfte Lügen sind?</p>
+
+<p>Endlich, nach der langen Juliusnacht, kamen
+wir Passagiere samt der Aurora vor Flätz an.
+Ich sah scharf und weich nach den Turmspitzen;
+ich glaube, daß jeder Mensch, der in
+einer Stadt etwas Entscheidendes zu suchen
+
+<span class="sidenote-l"><sup>36</sup> Und so wünscht' ich überall der erste zu sein, besonders
+im Betteln; der erste Kriegsgefangene, der
+erste Krüppel, der erste Abgebrannte (ähnlich dem,
+der die erste Feuerspritze anführt) erbeutet die
+Hauptsumme und das Herz; der Nachkömmling
+spricht die Pflicht nur an; und endlich geht es mit
+dem melodischen Mancando des Mitleids soweit</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_73">73</a></span>
+hat, und dem sie entweder ein Richtplatz seiner
+Hoffnungen oder deren Ankerplatz, entweder
+Schlacht- oder Zuckerfeld wird, sein Auge am
+ersten und längsten auf die Türme der Stadt
+als auf die Zeigefinger und Züngelchen seiner
+Zukunftswage heftet; gleichsam architektonische
+Berge, welche wie die natürlichen die Thronen
+unserer Zukunft sind. Als ich mich damit zu
+dichterisch gegen Jean Pierre herausließ, so
+antwortete er geschmacklos genug: »Die Türme
+solcher Städte sind ja die Alpenspitzen, worauf
+wir den Alpenkäse unserer Zukunft suchen
+und melken.« Mochte der Legations-Peter mit
+diesem Stile mich lächerlich machen oder nur
+sich? &ndash; Entscheidet!</p>
+
+<p>»Hier ist der Ort, die Stadt,« sagt' ich
+heimlich zu mir, »wo heute viel und über
+
+<span class="sidenote-r">herunter, daß der letzte &ndash; wenn der vorletzte wenigstens
+noch mit einem reichen »Gotthelf« beschwert
+abzieht &ndash; nichts von der mildtätigen Hand mehr
+erhält als deren Faust. Wie nun im Betteln der
+erste, so möcht' ich im Geben der letzte sein; einer
+löscht den andern aus, besonders der letzte den
+ersten; so aber ist die Welt bestellt.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_74">74</a></span>
+Zukünfte entschieden wird, wo du diesen
+Abend um fünf Uhr deine Bittschrift und
+halb dich selber übergibst; &ndash; geh' es doch
+gut! geh' es herrlich! Werde Flätz, dieser
+Waffenplatz deiner kleinen Bestrebungen, zugleich
+die Baustelle von Lust- und Luftschlössern
+zweier Herzen, des deinigen und des weiblichen!«</p>
+
+<p>Im Gasthofe zum Tiger stieg ich ab.</p>
+
+
+
+
+<h3 class="new-h3 gesperrt">Erster Tag in Flätz.</h3>
+
+
+<p>Kein Mensch wird sich anfangs in meiner
+Tigerhotelslage stark enthusiasmieren über die
+nächsten Aussichten. Ich, als der einzige mir
+bekannte Mensch, besonders von der Seite
+der Liebe (vom abgehenden Dragoner nachher!),
+sah aus den Fenstern des mit Marktgästen
+sich vollstopfenden Gasthofes heraus
+und auf das Nachströmen des Marktheeres
+
+<span class="sidenote-l"><sup>136</sup> Übersteigt ihr eure Zeit zu hoch, so geht es euren
+Ohren (von seiten der Fama) nicht viel besser,
+als sinkt ihr unter solche zu tief, wirklich ganz
+ähnlicherweise spürte <em class="gesperrt">Charles</em> oben in der Luftkugel,
+und <em class="gesperrt">Halley</em> unten in der Taucherglocke
+gleichen besonderen Schmerz in den Ohren.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_75">75</a></span>
+hernieder und konnte sehr bald bedenken, daß
+eigentlich niemand als Gott und die Spitzbuben
+und Mörder genau wußten, wieviel
+von beiden letzteren darunter mit einschwämmen,
+um vielleicht die unschuldigsten Marktgäste
+teils zu enthülsen, teils zu enthalsen.
+Meine Lage hatte etwas gegen sich &ndash; mein
+Schwager hatte, weil er alles blind herausschlägt,
+es fallen lassen, daß ich im Tiger
+abstiege &ndash; (o Gott, wann lernen solche
+Menschen geheimnisreich bleiben und auch
+den elendesten Bettel des Lebens unter Deckmänteln
+und Schleiern bloß deshalb zu tragen,
+weil so oft eine lausige Maus einen Eis- und
+Golgathaberg gebiert als ein Berg eine Maus?).
+Sämtliches Postgesindel saß sämtlich im Tiger
+ab &ndash; die Hure &ndash; der Kammerjäger &ndash;
+Jean Pierre &ndash; der Riese, der schon am
+Stadttore ausstieg und den Großkopf des
+
+<span class="sidenote-r"><sup>25</sup> In der Jugend sieht man eben wie ein operierter
+Blindgeborener &ndash; und was tut auch der Geburtshelfer
+oder die Geburtshelferin anders als operieren
+&ndash; die Ferne für die Nähe an, den Sternenhimmel
+für greifbares Stubengeräte, die Gemälde für Gegenstände,</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_76">76</a></span>
+Zwergs als eigenen Kopf durch Mantelbemäntelung
+über die Straßen trug, damit er
+um einen halben Zwerg gratis riesenhafter
+erschiene, als er eigentlich für Geld zu sehen
+war.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Es kam nun auf jeden ausgestiegenen Passagier
+an, ob er zum Tiger, dem Wappentiere
+des Gasthofs, den Prototypus machen, und
+welches Lamm er dann fressen, aussaugen,
+abrupfen wollte. Auch mein Schwager verließ
+mich, um einem Roßtäuscher nachzuziehen,
+behielt aber für seine Schwester sein Zimmer
+neben meinem; dies sollte, wie es schien, Aufmerksamkeit
+für sie verraten. Ich blieb einsam
+meiner Tatkraft überlassen.</p>
+
+<p>Gleichwohl dacht' ich unter so vielen Spitzbuben,
+die mich umzingelten, wenn nicht gar
+belagerten, warm an eine ferne, redliche
+Seele, an meine Berga in Neusattel, ein
+Mark- und Kraftherz, das vielleicht manchem
+
+<span class="sidenote-l">und die ganze Welt sitzt dem Jüngling
+auf der Nase, bis ihn, wie den Blinden, mehrmaliges
+Auf- und Zubinden endlich Schein und
+Ferne schätzen lehrt.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_77">77</a></span>
+schwachen Ehebündner mehr Schutz gewähren,
+als verdanken würde. »Erscheine nur morgen
+mittags recht bald, Berga,« sagte mein Herz,
+»und womöglich noch vormittags, damit ich
+dein Jahrmarktsparadies um so viele Stunden
+länger ausdehne, als du um frühere anlangst!«</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 299px;">
+<img src="images/bartscheerer.png" width="299" height="500" alt="...&nbsp;so gab ich dem Feld- und Bartscheerer einen so plötzlichen Stoss auf den Nabel&nbsp;.." title="" />
+</div>
+
+<p>Ein Geistlicher läuft mitten im Weltsturm
+leicht in einen Freihafen ein, in die Kirche;
+die Kirchenmauer ist seine Schießhausmauer
+und Fortifikation; und dahinter sitzen gleichergestimmte
+und friedlichere Seelen beisammen
+als auf dem Marktplatz &ndash; kurz, ich ging in
+die Hofkirche. Inzwischen wurde ich in meiner
+Liederandacht ein wenig verrückt durch einen
+Heiducken, der einem wohlgekleideten, jungen
+Herrn mir gegenüber die Doppellorgnette von
+der Nase abriß, weil in Flätz sowie in Dresden
+
+<span class="sidenote-r"><sup>125</sup> Am Ende muß man noch aus Angst und Not
+der wärmste Weltbürger werden, den ich kenne;
+so sehr schießen die Schiffe als Weberschiffchen hin
+und her und weben Weltteile und Inseln aneinander.
+Denn es falle heute das politische Wetterglas
+in Südamerika; so haben wir morgen in
+Europa Gewitter und Sturm.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_78">78</a></span>
+Gläser, die verkleinern und nähern, gegen
+den Hof verstoßen; ich hatte zwar selber eins
+aufgesetzt, aber es vergrößerte. Ich konnte
+mich unmöglich dahin bringen, die Brille abzunehmen,
+und ich werde hier, fürcht' ich,
+wieder als Starrkopf und Waghals aussehen;
+bloß dies hielt ich für schicklich, in einem fort
+mit ihr ins Gesangbuch zu blicken und nicht
+einmal, da der Hof einrauschte, aufzuschauen,
+um Winke zu geben, daß sie erhaben geschliffen.
+&ndash; Die Predigt übrigens war gut,
+wenn auch nicht immer fein bedacht für eine
+Hofkirche; denn sie mahnte von unzähligen
+Lastern ab, zu deren Widerspielen, den Tugenden,
+ein anderer Prediger zu leicht hätte ermahnen
+können! Unter dem ganzen Gottesdienste
+trachtete ich, wahre, tiefe Ehrerbietung
+
+<span class="sidenote-l"><sup>19</sup> Leichter, hat man bemerkt, ersteigt man einen
+Berg, wenn man rückwärts hinaufgeht. Dies ließe
+sich vielleicht auch auf Staatshöhen anwenden,
+wenn man ihnen immer nur das Glied wiese, womit
+man sich darauf setzt, und das Gesicht gegen
+das Volk unten gerichtet hielte, indes man in einem
+fort sich entfernte und höbe.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_79">79</a></span>
+an den Tag zu legen, sowohl gegen Gott als
+gegen meinen erhabenen Landesherrn. Zur
+letzteren Ehrerbietung hatte ich noch meinen
+Privatgrund; ich wollte solche nämlich recht
+öffentlich und stark mit erhabenen Schriftpunzen
+auf meinem Gesicht ausprägen, um
+irgendeinen eingefleischten Schadenfroh am
+Hofe Lügen zu strafen, der etwa meine neuliche
+Widerlegung von Linguets Lob auf Nero
+und meine deutsche freie Satire auf diesen
+wahren Tyrannen selber, die ich ins Flätzische
+Wochenblatt eingeschickt, möchte zu einem
+heimlichen Charaktergemälde meines Fürsten
+umzudrehen beliebt haben. Leider kann man
+jetzt kaum auf den höllischen Teufel selber
+eine Stachelschrift abfassen, ohne daß irgendein
+menschlicher sie auf einen Engel appliziert.</p>
+
+<p>Als endlich der Hof aus der Kirche in den
+
+<span class="sidenote-r"><sup>26</sup> Wenige deutsche Gelehrte sind nicht originell,
+wenn man anders (wenigstens aller Länder Sprachgebrauch
+ist) jedem Originalität zusprechen darf,
+der bloß seine eignen Gedanken auftischt und keine
+fremden. Denn da zwischen ihrem Gedächtnis, wo
+das Gelesene oder Fremde wohnt, und zwischen</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_80">80</a></span>
+Wagen stieg, hielt ich mich in solcher Entfernung,
+daß mein Gesicht unmöglich wäre
+zu sehen gewesen, falls ich etwa in der Nähe
+kein ehrerbietiges, sondern ein zu stolzes gezogen
+hätte. Gott weiß, wer mir allein jene
+tollkecken Phantasien und Gelüste eingeknetet
+hat, die vielleicht einem Helden Schabacker
+mehr anständen als einem Feldprediger unter
+ihm. Ich kann hier nicht umhin, eine der
+frechsten, euch, meinen Freunden, zu vertrauen,
+würfe sie auch anfangs ein zu grelles Licht
+auf mich. Es war bei meiner Ordination
+zum Feldprediger, als ich zum heiligen Abendmahle
+ging am ersten Ostertag. Während ich
+nun so dastand, weich bewegt vor dem Altargeländer
+mit der ganzen Männergemeinde
+&ndash; ja, ich vielleicht stärker gerührt, als einer
+darunter, weil ich als ein in den Krieg Ziehender
+
+<span class="sidenote-l">ihrer Phantasie oder Erzeugungskraft, wo das Geschriebene
+und Eigene entsteht, ein hinlänglicher
+Zwischenraum und die Grenzsteine so gewissenhaft
+und fest gesetzet sind, daß nichts Fremde ins Eigne
+und umgekehrt herüber kann, so daß sie wirklich
+hundert Werke lesen können, ohne den Erdgeschmack</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_81">81</a></span>
+mich ja halb als einen Sterbenden betrachten
+durfte, der nun wie ein zu Henkender
+die letzte Seelenmahlzeit empfängt &ndash; so
+warf in mir, mitten in die Rührung von
+Orgel und Sang, etwas &ndash; sei es nun der
+erste Osterfeiertag gewesen, der mich auf
+das sogenannte alte christliche Ostergelächter
+brachte, oder der bloße Abstich teuflischer
+Lagen gegen die gerührtesten &ndash; kurz, etwas
+in mir (weswegen ich seitdem jeden Einfältigeren
+in Schutz nehme, der sonst dergleichen
+dem Teufel anschrieb!) &ndash; dies Etwas warf
+die Frage in mir auf: »gäb' es denn etwas
+Höllischeres, als wenn du mitten im Empfange
+des heiligen Abendmahls verrucht und spöttisch
+zu lachen anfingest?« Sogleich rang ich
+mich mit diesem Höllenhund von Einfall herum
+&ndash; versäumte die stärksten Rührungen,
+
+<span class="sidenote-r">des eignen einzubüßen oder dasselbe sonst zu ändern:
+so ist, glaub' ich, ihre Eigenheit bewährt; und ihre
+geistigen Nahrungsmittel, ihre Plinsen, Laibe,
+Krapfen, Kaviare und Suppenkugeln werden nicht,
+wie nach Büffon die körperlichen, zu organischen
+Kügelchen der Erzeugung, sondern erscheinen rein</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_82">82</a></span>
+um nur den Hund im Gesichte zu behalten,
+und abzutreiben &ndash; kam aber von ihm abgemattet
+und begleitet vor dem Altarschemel
+mit der jammervollen Gewißheit an, daß ich
+nun in kurzem ohne weiteres zu lachen anfangen
+würde, ich möchte innen weinen und
+stöhnen, wie ich wollte. Als daher ich und
+ein sehr würdiger alter Bürgermeister uns
+miteinander vor dem langen Geistlichen verbeugten
+und letzterer mir (vielleicht kam er
+mir auf dem niedrigen Kniepolster zu lang
+vor) die Oblate in den klemmen Mund steckte:
+so spürt' ich schon, daß an den Mundwinkeln
+alle Lachmuskeln sardonisch zu ziehen anfingen,
+die auch nicht lange an der unschuldigen Gesichtshaut
+arbeiteten, als schon ein wirkliches
+Lächeln darauf erschien &ndash; und als wir uns
+gar zum zweiten Male verneigten, so grinste
+
+<span class="sidenote-l">und unverändert wieder. Oft denk' ich mir solche
+Gelehrte als lebendige, aber tausendmal künstlichere
+Entriche von Vaukansons Kunstente aus Holz.
+Denn in der Tat sind sie nicht weniger künstlich
+zusammengefugt als diese, welche frißt und den
+Fraß hinten wiederzugeben scheint &ndash; zarte Nachspiele</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_83">83</a></span>
+ich wie ein Affe. Mein Nebenmann, der
+Bürgermeister, redete ganz mit Recht, als
+wir hinter den Altar umgingen, mich leise
+an: »Um Gottes willen, sind Sie ein ordinierter
+Prediger oder ein Pritschenmeister?
+&ndash; Lacht denn der lebendige Gottseibeiuns
+aus Ihnen?« &ndash; »Ach, Gott! wer denn sonst?«
+sagt' ich; erst nachher bracht' ich meine Andacht
+ernsthafter zu Ende.</p>
+
+<p>Aus der Kirche &ndash; (ich komme wieder in
+die Flätzer) &ndash; ging ich in den Gasthof zum
+Tiger und aß an der Wirtstafel, weil ich
+nie menschenscheu bin. Vor dem zweiten Gerichte
+reichte mir der Kellner einen leeren
+Teller, worauf ich zu meinem Erstaunen einen
+französischen Vers mit der Gabel eingekratzt
+erblickte, der nichts Geringeres enthielt als
+ein Pasquill auf den Kommandanten von
+
+<span class="sidenote-r">der Ente, welche unter dem Schein, die Kost
+in Blut und Saft verwandelt zu haben, bloß einen,
+vom Künstler im Hinterleibe trefflich vorgerüsteten
+Auswurf, der mit Speise und Verdauung gar nicht
+zusammenhängt, illusorisch in die Welt setzt und
+drückt.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_84">84</a></span>
+Flätz. Ohne Umstände bot ich den Teller der
+Tischgesellschaft hin und sagte, ich hätte
+das pasquillantische Geschirr, wie sie sähen,
+eben bekommen, und bäte sie zu bezeugen,
+daß der Handel mich nichts angehe. Ein
+Offizier wechselte sogleich mit mir Teller.
+Bei dem fünften Gericht durft' ich mich über
+die chemisch-medizinischen Unkenntnisse der
+Tischgesellschaft verwundern, indem ein Hase,
+aus welchem ein Herr mehrere Schrotkörner,
+das heißt also ein mit Arsenik versetztes und
+durch den warmen Essig nun aufgelöstes Blei,
+öffentlich herausgezogen und vorgezeigt hatte,
+von den Zuschauern (mich ausgenommen)
+lustig fortgespeist wurde.</p>
+
+<p>Unter den Tischgesprächen faßte mich eins
+gewaltig bei meiner schwachen Seite, bei
+meiner Ehre. Es wurde nämlich der Gerichtsgebrauch
+der Residenz erzählt, daß ein unzüchtiges
+Mädchen jeden, wen eine Dirne
+dazu wähle, in den Vater ihres Wurms verkehren
+
+<span class="sidenote-l"><sup>15</sup> Nach Ähnlichkeit der schön polierten englischen
+Einlegmesser gibt's auch Einlegkriegsschwerter, oder
+&ndash; mit andern Worten &ndash; Friedensschlüsse.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_85">85</a></span>
+könne bloß durch ihr Eidwort. »Schrecklich!«
+sagt' ich, und mir stand das Haar zu
+Berg. &ndash; »Auf diese Weise kann sich ja der
+erste beste Hausvater mit Frau und Kindern,
+oder ein Geistlicher, der im Tiger logiert,
+von der ersten <ins title="schimmsten">schlimmsten</ins> Aufwärterin, die
+er oder die ihn leider abends zufällig kennen
+lernen, um Ehre und Unschuld gebracht sehen?«
+Ein ältlicher Offizier fragte: »Soll denn aber
+das Mädchen sich lieber zum Teufel schwören?«
+Welche Logik! &ndash; »Oder gesetzt,« fuhr ich
+ohne Antwort fort, »ein Mann reist mit
+jenem Wiener Schlossergesellen, der nachher
+Mutter wurde und mit einem Söhnchen niederkam,
+oder mit irgendeinem verkleideten
+Ritter d'Eon, mit dem er häufig übernachtet;
+und der Schlossergeselle oder der Ritter dürfen
+dann ihre Beilager beeidigen: so kann ja kein
+zarter Mann zuletzt mehr mit einem anderen
+reiten und fahren, weil er nicht weiß, wann
+dieser die Stiefel auszieht und die Weiberschuhe
+an, und ihn dann zum Vater schwört
+und sich zum Teufel?«</p>
+
+<p>Aber einige von der Tischgesellschaft vergriffen
+<span class="pagenum"><a name="Page_86">86</a></span>sich in meinem Kanzelfeuer so sehr,
+daß sie schafsmäßig zu glauben andeuteten:
+ich selber sei in diesem Punkt nicht richtig,
+sondern lax. Beim Himmel! ich wußte da
+nicht mehr, was ich fraß und sprach. Zum
+Glücke wurde mir gegenüber eben die Lüge
+irgendeiner französischen Niederlage ausgesagt;
+da ich nun an den Straßenecken die
+französische und deutsche Proklamation angesehen,
+welche jeden, der Kriegsberichte &ndash;
+nämlich nachteilige &ndash; anhört, ohne sie anzuzeigen,
+vor das Kriegsgericht bestellt: so
+konnt' ich als ein Mann, der sich nie gern
+vergessen will, wohl nichts Klügeres tun,
+als davongehen mit leeren Ohren und nur
+dem Wirte rapportieren warum.</p>
+
+<p>Es war keine unrechte Zeit, denn absichtlich
+um viereinhalb Uhr wollt' ich mir den Bart
+scheren lassen, um gegen fünf so recht mit einem
+vom Balbiermesserglättzahn geleckten Kinn,
+wie glattes Velinpapier, ohne Wurzelstöcke vom
+Kinnhaare (Barthaare ist Pleonasmus) auf-
+und vorzutreten. Vorher goß ich, wie Pitt vor
+Parlamentssitzungen, verdammt viel Pontak
+<span class="pagenum"><a name="Page_87">87</a></span>mit wahrem Ekel in meinen Magen hinunter
+gegen jede Heillehre und Sperrordnung desselben,
+nicht sowohl um den leichten, fremden
+Bartputzer zu bestehen, als den Ministergeneral
+Schabacker, mit welchem ich eines und
+das andere Feuerwort zu wechseln vorhatte.</p>
+
+<p>Es kam der gewöhnliche Fremdenbalbier
+des Hotels, hatte aber sogleich in seinem
+viellinigen ausgezackten Gesichte mehr von
+einem endlich toll werdenden, als von einem
+weiser werdenden Manne an sich. Tolle nun
+hass' ich unglaublich und bin daher in kein
+Tollhaus zu bringen, weil da der erste beste
+Wütige mich mit Riesenfäusten erschnappt,
+wenn er mag, und weil ich überhaupt der
+Ansteckung wegen nicht weiß, ob ich wieder
+mit dem Verstande herauskomme, den ich hineintrage.
+&ndash; Gewöhnlich sitz' ich (bin ich eingeseift)
+dergestalt auf dem Stuhle, daß ich,
+beide Hände (den Blick spann' ich scharf gegen
+das balbierende Gesicht) auf den Schenkeln,
+dem Zwerchfell des Balbiers gegenüber schlagfertig
+liegen habe, um ihn bei der kleinsten
+zweideutigen Bewegung wie wütig umzustoßen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_88">88</a></span>
+Ich weiß kaum recht, wie es zuging, aber
+indes ich mich ins närrisch-gewundene Gesicht
+des Bartputzers vertiefe und da er eben
+das lang' gewetzte Schlachtmesser etwas vorschnell
+gegen meine entblößte Gurgel führte:
+so gab ich dem Feld- und Bartscherer einen
+so plötzlichen Stoß auf den Nabel, daß der
+Mann sich im Fallen bald selber selbstmörderisch
+die Gurgel abgeschnitten hätte. Mir
+blieb freilich nichts davon als Gutmachungen
+und eine gegen meine sonstigen Grundsätze
+umgebundene geschwollene Kravatte als Deckmantel
+dessen, was unbeschoren geblieben.</p>
+
+<p>Jetzt brach ich denn endlich zum General
+auf und trank die Pontaksreste noch unter
+der Schwelle aus. Ich hoffe, in mir lagen
+Pläne fertig, richtig zu antworten, ja zu
+fragen. Das Bittschreiben hatt' ich in der
+Tasche und in der rechten Hand. In der
+linken hatt' ich dessen Duplikat. Mein Feuer
+half mir leicht über alle ministeriellen lebendigen
+Zäune hinüber, und ich befand bald
+mich unverhofft im Vorzimmer unter seinen
+vornehmsten Lakaien, die, soviel ich merkte,
+<span class="pagenum"><a name="Page_89">89</a></span>nichts verpassen sollten. Ich überreichte dem
+Ansehnlichsten meine papierne Bitte mit der
+mündlichen, sie seinerseits zu überreichen. Er
+nahm sie, aber unverbindlich. Ich wartete
+tief in die Stunde sechs Uhr hinein vergeblich,
+worin allein dem frohen Generale manches
+vorzutragen ist. Endlich erseh' ich einen
+Stief- oder Duzbruder des vorigen Lakaien
+und wiederhole mein Gesuch; dieser rennt
+umsonst umher, um Bruder oder Schreiben
+zu suchen &ndash; nichts war zu finden: &ndash; wie
+glücklich war ich, daß ich das Duplikat der
+Bittschrift mitten im Pontak vor dem Rasieren
+mir wieder abgeschrieben, und also &ndash; bloß
+aus dem Grundsatz, daß man immer ein
+zweites hölzernes Bein im Mantelsack eingepackt
+haben müsse, wenn man ein erstes
+am Leibe habe &ndash; und aus der Furcht, daß,
+wenn mir das Urschreiben auf dem Wege
+
+<span class="sidenote-r"><sup>13</sup> <i lang="la" xml:lang="la">Omnibus una salus sanctis, sed gloria dispar</i>;
+das heißt &ndash; schreiben sonst die Gottesgelehrten &ndash;
+nach Paulus haben wir im Himmel alle dieselbe
+Seligkeit, aber verschiedene Ruhmstufen. Schon
+auf der Erde finden wir im Himmel der Schriftstellerwelt</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_90">90</a></span>
+vom Tiger zu Schabacker verloren ginge,
+meine ganze Reise und Hoffnung zu Wasser
+müßte werden &ndash; dies, sag' ich, war gut, daß
+ich das Repetierwerk des Urschreibens eingesteckt
+hatte, und folglich in jedem Falle
+etwas, und zwar ein detto, einzuhändigen
+vermochte. Ich händigte dasselbe ein.</p>
+
+<p>Leider nur war schon sechs Uhr vorbei.
+Der Lakei aber blieb nicht lange aus, sondern
+brachte mir bald &ndash; ich möchte sagen den
+Predigttext dieses Zirkelbriefes &ndash; die fast
+rohe Antwort (die ihr, Freunde, aber aus
+Achtung für mich und Schabacker geheim zu
+halten habt): falls ich der Attila Schmelzle
+beim Schabackerschen Regiment wäre, so möcht'
+ich mich nur mit meinem Hasenpanier wieder
+zum Teufel scheren, wie ich bei Pimpelstadt
+getan. Ein anderer wäre auf dem Platze geblieben;
+ich aber ging ganz derb davon und
+
+<span class="sidenote-l">ein Vorbild davon. Nämlich die Seligkeit
+der von der Kritik seliggesprochenen Autoren der
+genialen, der guten, der mittelmäßigen, der geistesarmen,
+ist bei allen die nämliche, sie machen sämtlich
+im ganzen fast einerlei Kameralglück, denselben</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_91">91</a></span>
+versetzte dem Kerl: »Ich schere mich auch
+willig zum Teufel, und schere mich den Teufel
+darum.« Unterwegs untersucht' ich mich selber,
+ob nicht etwa der Pontak aus mir gesprochen
+&ndash; wiewohl schon die Untersuchung widerspricht,
+da kein Pontak untersucht; &ndash; aber
+ich fand, daß nur ich, mein Herz, vielleicht
+mein Mut etwas gesprochen: und wozu denn
+überhaupt Kleinmut, da das Vermögen meiner
+guten Frau mich ja besser besoldet als zehn
+katechetische Professuren, und da sie alle Ecken
+meines Buches des Lebens mit so viel goldenen
+Beschlägen versieht, daß ich es, ohne
+es abzunützen, immer aufschlagen kann? &ndash;
+Schwangere mögen bei Schrecken an den
+Hintern greifen, um das Muttermal des Versehens
+dorthin zu verstecken; ich griff bei dem
+Mute ans Herz und sagte: »Schlage dich
+nur tapfer durch, wer auch dabei geschlagen
+
+<span class="sidenote-r">schwachen Profit. Aber Himmel, was hingegen
+Nachruhmsstaffeln anlangt, wie tief wird nicht &ndash;
+ungeachtet des nämlichen Honorars und Absatzes &ndash;
+schon bei Lebzeiten ein sogenannter Duns unter
+ein Genie hinabgestellt! &ndash; Wird nicht oft ein</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_92">92</a></span>
+werde!« Ich fühlte mich ganz erhoben und
+erhitzt &ndash; ich dachte mir Republiken, wo ich
+als Held nach Hause kommen könnte &ndash; ich
+sehnte mich in jene heroischen Griechenzeiten
+hinein, wo ein Held vom andern Prügel
+gern einsteckte und sagte: schlage nur, aber
+höre mich! und aus unseren feigen heraus,
+wo man kaum Schimpfworte aushält, geschweige
+mehr &ndash; ich malte mir es aus, wie
+ich mich fühlen würde, wenn ich in glücklichere
+Umgebungen Afterthronen umwürfe
+und vor ganzen Völkern auf Großtaten wie
+auf Tempelstufen unsterblich aufstiege und in
+gigantischen Zeiten ganz andere und größere
+Männer zu übermannen und zu übertreffen
+fände als jetzt den Milbenpöbel um mich her
+und höchstens den einen und den anderen
+Vulcanello. Ich dachte &ndash; und machte mich
+immer wilder und ich selber berauschte mich
+
+<span class="sidenote-l">geistesarmer Autor in einer Messe vergessen, indes
+ein geistreicher oder gar ein genialer durch fünfzig
+Messen durchblüht und so erst sein 25&nbsp;jähriges
+Jubiläum feiert, bevor er spät vergessen untergeht
+und im deutschen Ruhmtempel eingesenkt wird, der</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_93">93</a></span>
+(also kein Pontaksrausch, der bekanntlich mehr
+durch als ohne Trinken wächst), und gestikulierte
+öffentlich &ndash; als ich mich fragte:
+»Willst du ein bloßer Staatsschoßhund werden
+&ndash; ein Hunds-Hund &ndash; ein <i lang="la" xml:lang="la">pium desiderium</i>
+eines <i lang="la" xml:lang="la">impii desiderii</i> &ndash; ein Ex-Ex &ndash;
+ein Nichts-Nichts? &ndash;&nbsp;&ndash; O Sackerment!«
+Darüber stieß ich mir aber meinen Hut in
+den Marktkot. Da ich ihn aufhob und säuberte,
+sah ich überall, wie verschossen er
+war, und entschloß mich sogleich, einen neuen
+zu kaufen und anfangs selber zu tragen in
+der Hand.</p>
+
+<p>Ich vollzog's und erhandelte einen vom
+feinsten Kaliber. Sonderbar, durch diesen
+Hut, als wär's ein Magisterhut, wurde in
+der Ziegengasse ordentlich mein Kopf geprüft
+und examiniert. Da nämlich der General
+Schabacker darin daherfuhr, und ich (wie sich
+wohl von selber versteht) mich nicht durch
+
+<span class="sidenote-r">die bekannte Eigenheit der Kirche des Ordens der
+Padri Lucchesi in Neapel nachahmt, welche bekanntlich
+(nach Volkmann) unter ihrem Dache eine
+Begräbnisstätte, aber kein Denkmal darauf verstatten.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_94">94</a></span>
+gemeine Grobheit, sondern durch Höflichkeit
+rächen wollte: so bekam ich eine der kitzlichsten
+Aufgaben zu lösen vor. Schwenkt'
+ich nämlich bloß den feinen Filz, den ich
+schon in der Hand trug, behielt aber den
+verschossenen auf dem Kopfe: so konnt' ich
+einem Grobian von Haus aus ähnlich sehen,
+der nichts abzieht; zog ich hingegen den
+alten vom Kopfe und hofierte damit: so
+spielten zwei Filze auf einmal (ich mochte
+nun den anderen mitbewegen oder nicht)
+die Sache ins Lächerliche. Nun, stimmt
+doch ab, ihr Freunde, eh' ihr weiter leset,
+wie man sich hier herauszuziehen hätte, ohne
+den Kopf zu verlieren!.... Ich glaube
+vielleicht dadurch, daß man bloß den Hut
+verliert; kurz und gut, ich ließ eben geradezu
+den Putzhut aus der Hand in den Kot fallen,
+um mich in den Stand zu setzen, den Sudelhut
+einsam abzunehmen und mit nötiger Höflichkeit
+zu schwenken ohne einen Anstrich von
+Lächerlichkeit.</p>
+
+<p>Im Tiger ließ ich &ndash; um etwas schließen
+zu lassen &ndash; den brillantierten Fein-Fein-Fein-Filz
+<span class="pagenum"><a name="Page_95">95</a></span>früher ausbürsten als den Kotsassen-
+oder Schartekenhut.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 306px;">
+<img src="images/knecht.png" width="306" height="500" alt="...&nbsp;und betete laut: Dir übergeb' ich mich ganz / Du allein sorgtest ja bisher für mich schwachen Knecht" title="" />
+</div>
+
+<p>Nun ging ich, meine wichtige Vergangenheit
+in der Adjustier- und Probierwage tragend,
+feurig auf und nieder. Der Pontak mußte &ndash;
+ich weiß wohl, daß es hinieden nur unechten
+gibt &ndash; ein noch unechterer gewesen sein; so
+sehr jagte er meine Phantasie in ein Feuer
+nach dem anderen. Ich sah jetzt in ein weites,
+glänzendes Leben hinein, wo ich ohne Amt
+lebte, bloß von Geld; und das ich gleichsam
+mit den delphischen Höhlen und Zenonischen
+Gängen und Musenbergen aller der Wissenschaften
+übersäet sah, die ich ruhig treiben
+konnte. Besonders konnte ich mich mehr auf
+Preisschriften bei Akademien legen, deren
+(nämlich der Schriften) sich kein Urheber
+jemals zu schämen braucht, weil eine ganze
+krönende Akademie in jedem Falle für den
+Koronanden steht und errötet. Schießt auch
+der Preiswerber neben der Krone vorbei, so
+bleibt er doch stets unbekannter und anonymer
+(da man seine Devise nicht entsiegelt)
+als ein anderer Autor, der zwar namenlos
+<span class="pagenum"><a name="Page_96">96</a></span>ein Langohr von Buch ediert, den aber doch
+bald ein literarisches Eselbegräbnis (<i lang="la" xml:lang="la">sepultura
+asinina</i>) öffentlich vor der halben Welt einsenkt.</p>
+
+<p>Nur etwas dauerte mich voraus, das Leid
+meiner Berga, welcher ich morgen, der lieben
+Müdegereisten, die Ankunft und die abgekürzte
+Marktschau mit meiner abschlägigen
+Nachricht versalzen mußte. Sie wollte so
+gern in Neusattel &ndash; und wer verübelt's
+einer reichen Pächterstochter &ndash; etwas vorstellen
+und manche Honoratiorin ausstechen. &ndash;
+Jeder Mensch verlangt sein Paradeplätzchen
+und eine frühere lebendigere Ehre, als die
+letzte Ehre. &ndash; Besonders will eine so gute
+Niedriggeborene, sich vielleicht mehr ihres
+metallischen als ihres geistigen Schatzes und
+Tilgungsfonds bewußt, doch bei Ehrengelagen
+Meisterin von irgendeinem Stuhl oder Stühlchen
+sein und über die erste beste dumme
+Gans <i lang="la" xml:lang="la">loci</i> hinaufsitzen.</p>
+
+<p>Dazu sind nun Ehemänner so unentbehrlich.
+Ich nahm mir daher vor, mir und folglich
+ihr einen der besten Titel, womit die Höfe in
+<span class="pagenum"><a name="Page_97">97</a></span>Deutschland (gleichsam wie in einem Auerbachshof
+in Leipzig) vom Adel und Halbadel an
+bis zum Rate herunter in einem fort feilstehen,
+anzukaufen und dieser geadelten Seele durch
+meinen Viertelsadel einen solchen Achtelsadel
+zuzuspielen, daß (hoff' ich) manche gemeine
+nebenbuhlerische Neusattlerin vom
+Neide halb geborsten sagen und rufen soll:
+»Ei du dummes Pächtersding! Seht doch,
+wie das schwänzelt und wedelt! Es denkt
+nicht daran, was es mit ihm wäre, wenn es
+keinen Geldsack und keinen Hofrat hätte;&nbsp;&ndash;«
+Denn letzteres nämlich müßt' ich etwa vorher
+geworden sein.</p>
+
+<p>Aber ich sehnte mich in der kalten Einsamkeit
+meines Zimmers und im Feuer meiner
+Erinnerungen unbeschreiblich nach dem Bergelchen
+&ndash; ich und mein Herz waren müde
+vom fremden treibenden Tage &ndash; niemand
+um mich her sagte mir ein gutes Wort, das
+er nicht in die Wirtsrechnung zu bringen
+verhoffte. &ndash; Freunde, ich schmachtete nach
+der Freundin, deren Herz gern das Blut
+zum Balsam für ein zweites vergießt &ndash; ich
+<span class="pagenum"><a name="Page_98">98</a></span>verfluchte meine überklugen Maßregeln, daß
+ich nicht, um die Gute sogleich mit mir zu
+nehmen, lieber das dumme Hauswesen allen
+Spitzbuben und Feuerschäden preisgegeben.
+&ndash; Im Auf- und Abgehen ward es mir
+immer leichter, alles zu werden, jeder Kammerrat,
+Akzisrat, anderer Rat, und wie sie nur
+befahl, wenn sie ankäme.</p>
+
+<p>»Mach dir nur einen guten Tag in der
+Stadt!« sagte Bergelchen diese ganze Woche
+hindurch. Aber wie ist einer ohne sie zu
+machen? Unsere Trauertränen trocknen auch
+Freunde ab und begleiten sie mit eigenen;
+aber unsere Freudentränen finden wir am
+leichtesten in den Augen unserer Frauen
+wieder. &ndash; Verzeiht, Freunde, diese Libationen
+meiner Rührung &ndash; ich zeig' euch nur mein
+Herz und meine Berga. &ndash; Bedarf ich eines
+Ablaßkrämers, so nehmt den Pontakskrämer
+dazu.
+
+<span class="sidenote-l"><sup>79</sup> Schwache und verschobene Köpfe verschieben und
+verändern sich am wenigsten wieder, und ihr innerer
+Mensch kleidet sich sparsam um; ebenso mausern
+Kapaune sich nie.</span></p>
+
+
+
+
+<div class="new-h3">&nbsp;</div>
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_99">99</a></span></p>
+<h3 class="gesperrt">Erste Nacht in Flätz.</h3>
+
+
+<p>Gleichwohl nahm mir der Wein die Besonnenheit
+nicht, vor dem Bettegehen unter
+das Bett zu sehen, ob jemand darunter lauere,
+zum Beispiel die Hure, der Zwerg oder
+der Legationsrat, ferner den Schlüssel unter
+den Türdrücker (die beste Sperrordnung unter
+allen) zu schieben, dann zum Überflusse meine
+Nachtschraube an die Türe einzubohren und
+endlich davor noch die Sessel übereinander
+zu bauen und Beinkleider und Schuhe anzubehalten,
+weil ich durchaus nichts besorgen
+wollte.</p>
+
+<p>Ich hatte aber noch andere Sachen des
+Nachtwandels wegen abzutun. Mir war's
+überhaupt von jeher unbegreiflich, wie so
+viele Menschen zu Bette gehen und darin
+gesetzt liegen können, ohne zu bedenken, daß
+sie vielleicht im ersten Schlafe sich aufmachen
+
+<span class="sidenote-r"><sup>89</sup> Die Alten heilten sich im Zeitenunglück mit
+Philosophie oder mit Christentum; die Neueren
+aber z.&nbsp;B. in der Schreckenszeit griffen zur Wollust,
+wie etwa der verwundete Büffel sich zur Kur und
+zum Verband im Schlamme wälzt.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_100">100</a></span>
+als Nachtwandler und auf Dächer hinauskriechen
+und irgendwo erwachen, wo sie den
+Hals brechen und den Rest. Ja, es wäre
+mir schon Gefahr genug, wenn ein unbescholtener
+Mann, ein Feldprediger, im eigenen
+Bette einschliefe und etwa auf den Seidenpolstern
+im Schlafgemache der vornehmsten
+Dame in der Stadt aufwachte, von der er
+vielleicht sein Glück erwartet. Bin ich zu
+Hause, so wag' ich wenig mit Schlaf; &ndash;
+weil ich, da meine rechte Fußzehe jede Nacht
+mit einem drei Ellen langen Wickelbande
+(ich nenn' es scherzend unser eheliches Band)
+an die linke Hand meiner Frau angeschlungen
+wird, die Gewißheit habe, daß ich, falls ich
+aus dem Bettarrest herausginge, mit dem
+Sperrstrick sie wecken und ich folglich von
+ihr, als meinem lebendigen Zaun, an der
+Nachtschnur wieder ins Bett würde zurückgezogen
+werden. Im Gasthof aber konnt' ich
+nichts tun, als mich einige Male an den
+Bettfuß schnüren, um nicht zu wandern; obgleich
+alsdann einbrechende Spitzbuben neue
+Not mitbringen konnten. Ach, so gefährlich
+<span class="pagenum"><a name="Page_101">101</a></span>ist alles Schlafen, daß leider jeder, der nicht
+auf dem Rücken wie ein Leichnam daliegt,
+besorgen muß, mit dem Ganzen schlafe auch
+ein oder das andere Gliedmaß, ein Fuß,
+ein Arm ein; und dann kann das entschlummerte
+Glied &ndash; da es in der medizinischen
+Geschichte gar nicht daran an Exempeln fehlt
+&ndash; am Morgen zum Amputieren gereift daliegen.
+Deshalb lass' ich mich häufig wecken,
+damit nichts einschläft.</p>
+
+<p>Als ich an den Bettpfosten gut angebunden
+und endlich unter die Bettdecke gekommen
+war, wurde ich wegen meines Pontaks Feuertaufe
+aufs neue bedenklich und furchtsam vor
+meinen zu erwartenden Kraft- und Sturmträumen
+&ndash; welche leider nachher auch nichts
+Besseres wurden als <ins title="Helden">Helden-</ins> und Potentatentaten,
+Festungsstürme, Felsenwürfe; &ndash; noch
+aber seh' ich wenig diesen Punkt ärztlich beherzigt.
+
+<span class="sidenote-l"><sup>108</sup> Verwundert las ich, der Gruß im Gotthardstal
+sei: <i lang="it" xml:lang="it">Allegro!</i> &ndash; Denn nie wurd' ich in Wetzlar,
+in Regensburg oder Wien anders gegrüßt als:
+<i lang="it" xml:lang="it">Andante di molto!</i> &ndash; zuweilen jedoch: <i lang="it" xml:lang="it">Allegro,
+ma non troppo!</i> &ndash; Ja, alte Generale grüßten sich</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_102">102</a></span>
+Medizinalräte und ihre Kunden strecken
+sich alle ruhig in ihren Betten aus, ohne
+daß nur einer von ihnen befürchtet oder
+untersucht, ob ihm ein wütiger Zorn (zumal
+wenn er schnell darauf kalt säuft im Traum),
+oder ein herzzerreißender Harm, was er alles
+in den Träumen erleben kann, am Leben
+schade oder nicht. Wär' ich, ich bekenn' es,
+eine Frau und mithin weiblich-furchtsam zumal
+in guter Hoffnung, ich würd' in letzter
+über die Frucht meines Schoßes in Verzweiflung
+sein, wenn ich schliefe und folglich
+im Traum alle die von medizinischen Polizeien
+verbotenen Ungeheuer, wilden Bestien, Mißgeburten
+und dergleichen zu Gesicht bekäme,
+wovon eine ausreicht (sobald die bestätigte
+Lehre des Versehens wahr bleibt), daß ich
+Kreißende mit einem elenden Kinde niederkäme,
+das ganz aussähe wie ein Hase und
+voll Hasenscharten dazu, oder das eine Löwenmähne
+
+<span class="sidenote-r">oft: <i lang="it" xml:lang="it">Poco vivace</i>. &ndash; Ich erkläre mir es daher, daß
+der Deutsche, wenn alle Völker, die Füße und
+Schuhe zu ihren Maßen nehmen, lieber mit Sessions-Steißen
+und Hosen abmißt.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_103">103</a></span>
+hinten hätte oder Teufelsklauen an
+den Händen, oder was sonst noch Mißgeburten
+an sich haben. Vielleicht wurden manche
+Mißgeburten von solchem Versehen in Träumen
+gezeugt.</p>
+
+<p>Nachts kurz vor zwölf Uhr erwacht' ich
+aus einem schweren Traum, um eine für
+meine Phantasie zu geisterhafte Geistergeschichte
+zu erleben. Mein Schwager, der sie
+mir eingebrockt, verdient für seine ungesalzene
+Kocherei, daß ich ihn euch als den Braumeister
+des schalen Gebräues ohne Schonen
+nenne. Wäre Argwohn mit Unerschrockenheit
+verträglicher, so hätte ich vielleicht schon aus
+seinem Sittenspruche über dergleichen unterwegs
+sowie aus dem Fortbehalten seines
+Nebenzimmers, an dessen Mitteltüre mein
+Lager stand, leicht alles geschlossen. Mir war
+nämlich, als würd' ich angeblasen von einem
+kalten Geisteratem, den ich auf keine Weise
+
+<span class="sidenote-l"><sup>181</sup> Gott sei Dank, daß wir nirgends ewig leben
+als in der Hölle oder im Himmel; auf der Erde
+würden sonst wahre Spitzbuben aus uns, und die
+Welt ein Haus von Unheilbaren, aus Mangel der</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_104">104</a></span>
+aus den entfernten und versperrten Fenstern
+herzuleiten vermochte; &ndash; worin ich's denn
+auch traf, denn der Schwager hatt' ihn aus
+einem Blasebalg durchs Schlüsselloch eingeschickt.
+Alles Kalte bringt in der Nacht auf
+Todes- oder Geisterkälte. Ich ermannte mich
+aber und harrte &ndash; nun fing gar das Deckbette
+an, sich in Bewegung zu setzen &ndash; ich
+zog es an mich &ndash; es wollte wieder weiter &ndash;
+behend' setz' ich mich plötzlich im Bette auf
+und rufe: »Was ist das?« &ndash; Keine Antwort,
+überall Stille im Gasthof &ndash; das ganze Zimmer
+voll Mondschein&nbsp;&ndash;. Jetzt hob sich mein
+Zugpflaster, das Deckbett, gar empor und
+luftete mich, wobei mir war wie einem, von
+dem man ein Pflaster schnell abhebt. Nun
+tat ich den Rittersprung aus dem Teufelstorus
+und zersprengte springend mein Nachtwandlersleitseil.
+»Wo ist der dumme Menschennarr,«
+rief ich, »der die erhabene unsichtbare
+
+<span class="sidenote-r">Kurschmiede (der Scharfrichter) und der ableitenden
+Haarseile (am Galgen) und der Ekel- und Eisenkuren
+(auf Richtstätten). So daß wir also wirklich
+unsre sittliche Riesenkraft gerade so auf der Schuld</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_105">105</a></span>
+Geisterwelt nachäfft, die ihm ja auf
+der Stelle erscheinen kann?« &ndash; Aber an, über,
+unter dem Bette war nichts zu hören und
+zu sehen. Ich schaute zum Fenster hinaus;
+überall geisterhaftes Mondlicht und Straßenstille,
+und nichts bewegte sich, als (wahrscheinlich
+vom Winde) auf dem fernen Galberg
+ein Neugehenkter.</p>
+
+<p>Jeder andere hätt' es so gut für Selbsttäuschung
+gehalten als ich; daher wickelte ich
+mich wieder in mein passives <i lang="fr" xml:lang="fr">lit de justice</i>
+und Luftbette ein, darin erwartend, inwiefern
+ich an Erschrecken erkalten sollte oder nicht.</p>
+
+<p>Nach einigen Minuten fing das Deckbette,
+der teuflische Faustsmantel, sein Fliegen und
+Schiffsziehen (ich allein war der Verurteilte)
+wieder an, der Abwechslung wegen hob auch
+wieder der unsichtbare Bettaufhelfer empor.
+Verfluchte Stunde! &ndash; Ich möchte wissen, ob
+es im ganzen gebildeten Europa einen gebildeten
+
+<span class="sidenote-l">der Natur, die wir zu bezahlen haben, beruhend,
+finden, als die Politiker (z.&nbsp;B. der Verfasser des
+neuen Leviathans) die Übermacht der Engländer,
+auf deren Nationalschuld gestützt, erweisen.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_106">106</a></span>
+oder ungebildeten Menschen gäbe,
+der bei so etwas nicht auf Geisterteufeleien
+verfallen wäre; &ndash; ich verfiel darauf, unter
+der (sich selber) fahrenden Habe des Deckbettes,
+und dachte, Berga sei Todes verfahren
+und fasse nun noch geistig mein Bette. Dennoch
+konnt' ich sie nicht anreden, sowenig als
+den Teufel, der hier einspielen konnte, sondern
+ich wandte mich bloß an Gott und betete
+laut: »Dir übergeb' ich mich ganz, du
+allein sorgtest ja bisher für mich schwachen
+Knecht &ndash; und ich schwöre, daß ich anders
+werde.« &ndash; Ein Versprechen, das dennoch von
+mir soll gehalten werden, so sehr auch alles
+nur dummer Lug und Trug gewesen ist.</p>
+
+<p>Mein Gebet verfing nichts bei dem unchristlichen
+Dragoner, der mich einmal im
+Zuggarn des Deckbetts gefangen hielt &ndash; unbekümmert,
+ob er ein Gastbett zum Parade-
+
+<span class="sidenote-r"><sup>63</sup> Die, welche vom Völkerlichte Gefahren befürchten,
+gleichen denen, die besorgen, der Blitz schlag' ins
+Haus, weil es Fenster hat; da er doch nie durch
+diese, sondern durch deren Beeinflussung fährt oder
+an der Rauchwolke des Schornsteins herab.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_107">107</a></span>
+und Totenbette mache oder nicht. &ndash; Er spann
+meine Nerven wie Golddraht durch engere
+Löcher hindurch immer dünner bis zum Verschwenden
+und Verschwinden, denn das Bette
+marschierte endlich gar herab bis an die
+Mitteltüre.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 302px;">
+<img src="images/liedchen.png" width="302" height="500" alt="Ich pfiff frisch ein gas Konisches Liedchen darunterhinein&nbsp;..." title="" />
+</div>
+
+<p>Jetzt war es Zeit, ohne Umstände erhaben
+zu werden und mich um nichts mehr hienieden
+zu scheren, sondern mich dem Tode schlicht
+zu widmen: »Rafft mich nur weg,« rief ich
+und schlug unbedenklich drei Kreuze, »macht
+mich nur schnell nieder, ihr Geister; ich sterbe
+doch unschuldiger als tausend Tyrannen und
+Gottesleugner, denen ihr leider weniger erscheint
+als mir Unbeflecktem.« Hier vernahm
+ich eine Art von Lachen, entweder auf der
+Gasse oder im Nebenzimmer; vor diesem warmen
+Menschenton blüht' ich plötzlich wie vor
+einem Frühling an allen Spitzen wieder auf.
+Ich verschmähte gänzlich die weggehaspelte
+
+<span class="sidenote-l"><sup>76</sup> Die ökonomische predigende Poesie glaubt wahrscheinlich,
+ein chirurgischer Steinschneider sei ein
+artistischer; und eine Kanzel oder ein Sinai sei
+ein Musenberg.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_108">108</a></span>
+Decke, die jetzt von der Türe nicht mehr weg
+konnte; ich legte mich unbedeckt, doch warm
+und schwitzend genug, bald in den Schlaf.
+Übrigens schäm' ich mich nicht im geringsten
+vor allen aufgeklärten Hauptstädten &ndash; und
+ständen sie vor mir&nbsp;&ndash;, daß ich durch meinen
+Teufelsglauben und meine Teufelsanrede
+einige Ähnlichkeit mit dem größten deutschen
+Löwen bekommen, mit Luther.</p>
+
+
+
+
+<h3 class="new-h3 gesperrt">Zweiter Tag in Flätz.</h3>
+
+
+<p>Am Frühmorgen spürt' ich mich aufgeweckt
+durch das bekannte Zudeckbett; es hatte sich
+wie ein Inkube auf mich gesetzt; ich gaffte
+auf; in einem Winkel saß still ein rotes, rundes,
+kernhaftes, aufgeputztes Mädchen wie
+eine volle Tulpe von Lebensfrische aufgebläht
+und leise flatternd mit bunten Bändern gleichsam
+
+<span class="sidenote-r"><sup>415</sup> Nach Smith ist die Arbeit der allgemeine Maßstab
+des kameralen Werts. Dies haben aber, wenigstens
+in bezug auf geistigen und poetischen Wert,
+die Deutschen noch früher eingesehen und meines
+Wissens stets den gelehrten Dichter über den genialen
+und das schwere Buch der Arbeit über das
+flatternde voll Spiel gesetzt.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_109">109</a></span>
+als mit Blättern. »Wer ist dort, wie
+kommt man herein?« rief ich halbblind.&nbsp;&ndash;
+»Ich habe dich nur leise zugedeckt, und du
+solltest erst ausschlafen,« sagte Bergelchen,
+»ich bin die ganze Nacht gegangen, damit
+ich recht früh käme; sieh nur her!« Sie zeigte
+mir ihre Stiefel, das einzige Reisestück (die
+Achillesferse), das sie vor dem Tore, als sie
+in der Mauser der Toilette war, nicht hatte
+abstreifen können. &ndash; »Brach,« fragt' ich, über
+ihre um sechs Stunden beschleunigte Nachkunft
+um so mehr bestürzt, da ich es die ganze
+Nacht und selber jetzt über ihr unbegreifliches
+Hereinkommen gewesen, »brach etwa
+frischer Jammer über uns aus und ein, Brand,
+Mord, Raub?« &ndash; Sie versetzte: »Der Ratz«,
+sie wollte sagen die Ratte, »ist gestern verreckt,
+dem du so lange nachgestellt; weiter
+passierte eben nichts.« &ndash; »Und auch alles
+ist richtig nach meinem Ordnungszettel zu
+Hause besorgt?« fragt' ich. »Jawohl,« versetzte
+
+<span class="sidenote-l"><sup>4</sup> Der Heuchler kehret die alte Methode, wonach
+man mit einem nur an einer Schneidenseite vergifteten
+Messer die Frucht zerschnitt und die damit</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_110">110</a></span>
+sie, »ich hab' ihn aber gar nicht gelesen,
+er ist mir weggekommen, du hast ihn wohl
+mit eingepackt.«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Indes, ich verzieh alles der blühenden, kecken
+Ritterin oder Fußgängerin. &ndash; Ihr Auge,
+dann ihr Herz brachte mir ja frisches, kühles
+Morgenwehen mit Morgenrot in meine schwülen
+Vorstunden. Auch mußt' ich ja ohnehin
+nachher der freundlichen, ins Leben hineinhoffenden
+und hineinliebenden Seele den verdienten
+Himmel des heutigen Tages mit der
+trüben Nachricht der fehlgeschlagenen Professur
+verfinstern. Daher vergab und verschob
+ich möglichst. Ich fragte, wie sie hereingekommen,
+da noch das ganze spanische Reiterwerk
+von Sesseln an der Türe feststehe. Sie
+lachte, sich dabei nach Dorfsitte bückend, stark
+und sagte: sie hätte es vorgestern mit ihrem
+Bruder verabredet, daß er sie durch seine
+Stube, da sie meine Sperrvorrichtung kennte,
+in meines einließe, damit sie mich heimlich
+
+<span class="sidenote-r">geätzte Hälfte dem Opfer hinreichte und die gesunde
+zweite selber aß, so uneigennützig gegen sich
+selber um, daß er gerade die gute moralische Hälfte</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_111">111</a></span>
+wecken könnte. Jetzt fuhr der Dragoner laut
+lachend ins Zimmer und sagte: »Wie geschlafen,
+Herr Schwager?«</p>
+
+<p>Aber auf diese Weise war mir freilich
+die halbe Gespenstergeschichte wie von einem
+Biester und Hennings aufgelöst und aufgedeckt;
+und ich durchschaute sogleich des Dragoners
+ganzen Gespensterplan, den er ausgeführt.
+Etwas bitter sagte ich ihm meine
+Vermutung und der Schwester meine Geschichte.
+Aber er log und lachte, ja er versuchte,
+noch frech genug, mir am hellen Morgen
+Geister zum zweiten Male weiszumachen
+und aufzuhalsen. Ich versetzte kalt, an mir
+find' er hierin sehr den unrechten Mann;
+gesetzt auch, ich wäre einem Luther, Hobbes,
+Brutus ähnlicher, die sämtlich Geister gesehen
+und gefürchtet. Er erwiderte &ndash; und riß die
+Tatsachen aus ihrer Motivierung: &ndash; er sage
+ja weiter nichts, als daß er nachts irgendeinen
+armen Sünder ganz erbärmlich habe
+
+<span class="sidenote-l">und Seite dem andern zeigt und gibt und nur sich
+die giftige vorbehält. Himmel, wie schlecht erscheint
+einem solchen Manne gegenüber der Teufel!</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_112">112</a></span>
+krächzen und lamentieren hören; und daraus
+habe er geschlossen, es sei eine arme, desperate
+Nachtmütze von Mann, der ein Gespenst
+zusetze. Endlich gingen auch seiner Schwester
+die Augen über die gemeine Rolle auf, die
+er mit mir zu spielen vorgehabt; sie fuhr ihn
+derb an, schob ihn mit zwei Händen aus
+meiner und seiner Türe schnell hinaus und
+rief nach: »Warte, du Schadenfroh, ich gedenk'
+dir's!« Darauf kehrte sie schnell sich
+um und fiel mir um den Hals und dabei
+am falschen Ort ins Lachen und sagte: »Der
+dumme Junge! Aber ich konnte das Lachen
+nicht mehr verbeißen; und der Narr soll doch
+nichts merken. Vergib dem Pinsel, du als
+ein gelehrter Mann, seine Eselei.«</p>
+
+<p>Ich fragte sie, ob sie auf ihrer Nachreise
+auf keine Geisterwelt gestoßen sei &ndash; wiewohl
+ich wußte, daß ihr Tiere, ein Wasser, ein
+halber Abgrund nichts sind; &ndash; »nein, aber
+vor den geputzten Stadtleuten«, sagte sie,
+»habe ich mich am Morgen gescheut«. O wie
+lieb' ich diese weichen Harmonikasbebungen
+weiblicher Furcht!</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_113">113</a></span>
+Endlich mußt' ich den Koloquintenapfel
+anbeißen oder anschneiden und ihr die Hälfte
+davon zureichen, nämlich die Nachricht der
+Fehlbitte um die Professur. Da ich aber das
+freudige Herz mit der vollständigen rohen
+Wahrheit verschonen und einer schweren Fracht
+etwas abschneiden mußte, die sich besser Männerschultern
+aufpackt, so begann ich: »Bergelchen,
+die Professorssache geht einen anderen,
+aber an sich guten Gang &ndash; der General,
+nach welchem ich den Teufel und seine Großmutter
+frage, legt es auf einen Generalsturm
+an &ndash; und den soll er haben, so gewiß, als
+ich die Nachtmütze aufhabe.« &ndash; »So bist du
+also noch nichts geworden?« fragte sie. »Vorderhand
+zwar nicht!« versetzt' ich. »Aber doch
+bis Sonnabend abend?« sagte sie. »Das <ins title="nicht,">nicht,«</ins>
+sagt' ich. »Nun, so bin ich hart geschlagen,
+und ich möchte zum Fenster hinausspringen,«
+sagte sie und drehte das Rosen- und Morgengesicht
+
+<span class="sidenote-r"><sup>66</sup> Wenn die Bemerkung des Verfassers der Glossen
+richtig ist, daß die Postmeister in den größern
+Ländern zugleich auch die gröbern sind: so hat
+Napoleon, der viele kleine Länder zu einem großen</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_114">114</a></span>
+weg, um die feuchten Augen darin
+mir nicht zuzukehren, und schwieg sehr lange.
+Dann fing sie mit schmerzhaft zitternder
+Stimme an: »Du großer Heiland, stehe mir
+am Sonntag in Neusattel bei, wenn mich
+die hochtrabenden, vornehmen Weiber in der
+Kirche sehen und ich blutrot werde aus Scham!«</p>
+
+<p>Jetzt sprang ich im Mitjammer aus dem
+Bette vor die liebe Seele hin, der die hellen
+Zähren über die schönblühenden Wangen
+flossen und rief: »Du treues Herz, zermartre
+mich doch nicht so ganz! Gott soll mich strafen,
+wenn ich nicht noch in den Hundstagen alles
+werde, was du nur willst. &ndash; Sprich, willst
+du Bergrätin werden, oder Baurätin, oder
+Hofrätin, Kriegsrätin, Kammerrätin, Kommerzienrätin,
+Legationsrätin, oder des Henkers- und
+Teufelsrätin: ich bin dabei und
+werd' es und such' an. Morgen schick' ich
+reitende Boten nach Hessen und Sachsen,
+
+<span class="sidenote-l">korinthischen Erze zusammenschmolz und brannte,
+die Postmeister und Posthalter, z.&nbsp;B. im höflichen
+Sachsen, gewiß nicht noch höflicher gemacht, sondern
+sie eher aus der Komplimentierschule herausgeschickt.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_115">115</a></span>
+nach Preußen und Reußen, nach Friesland
+und Katzenellenbogen und begehre Patente.
+Ja, ich treib's weiter als einer und werde
+zugleich alles, Flachsenfinger Hofrat, Scheerauer
+Akzisrat, Haar-Haarer Baurat, Pestitzer
+Kammerrat (denn wir haben das Geld), und
+stelle dann allein und eigenhändig mit einem
+einzigen <i lang="la" xml:lang="la">Podex</i> und <i lang="la" xml:lang="la">Corpus</i> eine ganze Ratssitzung
+von auserlesenen Räten vor &ndash; und
+stehe als eine ganze Ehrenlegion und ein
+Ehrengelag, bloß auf zwei Beinen da &ndash; dergleichen
+hat noch kein Mensch getan.«</p>
+
+<p>»O! Nun, du bist ja engelgut!« sagte sie
+und frohere Zähren rollten, »du sollst mir
+selber raten, was die vornehmsten Räte sind,
+damit wir's werden.« &ndash; »Nein,« fuhr ich
+befeuert fort, »dabei bleib' ich nicht einmal;
+mir ist's nicht genug, daß du dich ordentlich
+bei der Kaplänin kannst als Baurätin melden
+lassen, bei der Stadtpredigerin als Legationsrätin,
+
+<span class="sidenote-r">Was sie indes an Höflichkeit verloren,
+gewinnen sie vielleicht an Briefporto wieder, da
+ich mir nicht denken kann, daß der Kardinal
+<i lang="it" xml:lang="it">Pretettore del S. Imperio</i>, dessen Briefe bekanntlich</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_116">116</a></span>
+bei der regierenden Bürgermeisterin
+als Hofrätin, bei der Chausseeeinnehmerin
+als Kommerzienrätin, oder wie
+du wo willst.« &ndash; »Ach du mein gar zu gutes
+Attelchen!« sagte sie. »Sondern,« fuhr ich fort,
+»ich werde auch korrespondierendes Mitglied
+verschiedener besten gelehrten Gesellschaften
+in verschiedenen besten Hauptstädten (worunter
+ich bloß zu wählen habe), und zwar
+kein gemeines wirkliches Mitglied, sondern
+ein ganzes Ehrenmitglied; und dann streck'
+ich wieder dich als ein auf mir Ehrenmitglied
+wachsendes Ehrenmitglied aus.«</p>
+
+<p>Verzeiht, Freunde, diesen Breiumschlag
+oder Täuschungsbalsam für eine verwundete
+Brust, deren Blut zu rein und köstlich ist, als
+daß man es nicht mit allen möglichen Stillungsmitteln
+aus Spinnweben ins schöne
+Herz zurückzuschließen trachten sollte.</p>
+
+<p>Jetzt kamen schöne, schönste Stunden. Ich
+hatte die Zeit besiegt, wie mich Berga; selten
+
+<span class="sidenote-l">sonst alle postfrei durch das heilige römische
+Reich gelaufen, nicht jetzt alles frankieren sollte
+was er etwa zu melden hat.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_117">117</a></span>
+beseligt, so wie ich, ein Sieger, zugleich die
+überwindende und die überwundene Partei.
+Berga holte ihren alten Himmel zurück und
+zog die staubigen Stiefel aus und blumige
+Schuhe an. Köstlicher Morgentrunk! Wie
+berauscht ein liebendes Herz! Ich spürte ordentlich
+(ist die niedere Redeblume erlaubt)
+ein Doppelbier von Mut in mir, seitdem ich
+ein Wesen mehr um mich zu beschirmen hatte.
+Überhaupt werd' ich &ndash; was der treffliche
+General nicht ganz zu wissen scheint &ndash; nicht
+wie andere Mutige mutiger, sondern am
+stärksten durch Hasen, weil an mir das schlechte
+Beispiel sich zum Widerspiel umdreht. Kleine
+Pinselstriche mögen hier Mann und Frau
+mehr abschatten als verschatten! Als der
+nette Kellner mit der grünseidenen Schürze
+
+<span class="sidenote-r"><sup>67</sup> Einzelne Seelen, ja Staatskörper gleichen organischen
+Körpern; man zieht aus ihnen die innere
+Luft heraus, so erquetscht sie der Dunstkreis; pumpt
+man unter der Glocke die äußere widerstehende
+hinweg, so schwellen sie von innerer über und zerplatzen.
+Demnach behalte jeder Staat inneren und
+äußeren Widerstand zugleich.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_118">118</a></span>
+Morgenbrezeln heraufbrachte &ndash; weil ich gesagt
+hatte: »Johann, zwei Portionen!« &ndash; so
+sagte sie zu ihm: er verbände sie sehr damit,
+und hieß ihn Herr Johann.</p>
+
+<p>Bergelchen &ndash; mehr in Marktflecken als
+Hauptstädten aufgewachsen &ndash; wurde ordentlich
+bestürzt über die Kaffeebretter, Waschtische,
+Papiertapeten, Wandleuchter, alabasterne
+Schreibzeuge mit ägyptischen Sinnbildern
+und über den vergoldeten Klingeldrahtsknopf,
+den ja jeder abdrehen und einstecken
+konnte. Daher hatte sie nicht den Mut,
+durch den Saal voll Kronleuchter zu gehen,
+bloß weil ein pfeifender, vornehmer Federhut
+darin auf- und abspazierte. Ja, ihrem armen
+Herzen wurde ordentlich die Brust zur Schnürbrust,
+wenn sie zum Fenster hinaus auf so
+viele geputzte und fahrende Städter guckte
+(ich pfiff frisch ein gaskonisches Liedchen darunter
+hinein) &ndash; und wenn sie daran dachte,
+
+<span class="sidenote-l"><sup>19</sup> Mehr als ein Schriftsteller hat es hinter Hermes
+nachversucht, das Beispiel der Gattinnen und Ärzte,
+welche einem Trunkenbold das Lieblingsgetränk auf
+immer durch einen eingeschwärzten, krepierten Frosch</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_119">119</a></span>
+wie sie nachher samt mir mitten durch dieses
+blendende Vorzimmergewühl brechen müßte.
+Hier verfangen Schlüsse noch weniger als
+Beispiele. Ich wollte mein Bergelchen durch
+einige meiner nächtlichen Traumgigantesken
+heben &ndash; z.&nbsp;B. durch die, daß ich auf einem
+Walfisch reitend mit einer Dreizacksgabel drei
+Adler gespießet und gespeiset, und durch dergleichen;
+aber ich machte keinen Effekt, vielleicht,
+weil ich eben dadurch dem furchtsamen
+Frauenherzen das Schlachtfeld näher als den
+Sieger, den Abgrund näher als den Springer
+darüber vor das Auge geschoben.</p>
+
+<p>Jetzt wurde mir ein Pack Zeitungen gebracht,
+voll lauter kräftigster Siege. Obgleich
+diese nur auf der einen Seite vorfallen und
+auf der anderen ebenso viele Niederlagen
+vorkommen: so verquicken doch jene sich mehr
+mit meinen Blute als diese, und flößen mir
+&ndash; wie sonst Schillers Räuber &ndash; eine wunderbare
+
+<span class="sidenote-r">oder durch Brechweinstein zu verleiden wußten,
+nachzuahmen und auf ähnliche Weise dem heißhungrigen
+Romanenleser den Roman durch häufige
+in denselben eingebrockte Predigten, Moralien und</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_120">120</a></span>
+Neigung ein, irgend jemand auf der
+Stelle zu dreschen und zu fegen. Unglücklicherweise
+für den Kellner hatte dieser sich eben
+wie ein Herr dreimalige Klingelorder zum
+Marsche geben lassen, bevor er sich mobil und
+herauf gemacht. »Herr,« &ndash; fing ich an, den
+Kopf voll Schlachtfelder und den Arm voll
+Triebe ihn abzuklopfen, und Berga fürchtete
+alles, da ich das ihr bekannte Zorn- und
+Alarmzeichen gab, nämlich die Mütze hinten
+am Hinterkopfe in die Höhe stieß &ndash; »ist das
+Manier gegen Gäste? Warum kommt Er
+nicht prompt? Komm' Er mir nicht wieder
+so und geh' Er, Freund!« &ndash; Ungeachtet sein
+Rückzug mein Sieg war, so kanonierte ich
+doch noch auf der Wahlstatt lebhaft fort und
+feuerte desto lauter (er sollt' es hören), je
+mehr Treppen er hinuntergeflogen. Bergelchen
+&ndash; die sich ganz entsetzte über mein Ergrimmen,
+zumal in einem ganz fremden Hause
+
+<span class="sidenote-l">Langweilen (dergleichen sollte krepierte Frösche vorstellen)
+dermaßen zu versalzen und zu verekeln, daß
+er dann nach keinem Romane mehr griffe. &ndash;&nbsp;&ndash;
+Aber der Ekel verfing wenig; und Hermesen selber</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_121">121</a></span>
+und über einen vornehmen Putzbengel mit
+Seidenschurz &ndash; suchte alle ihre sanften Worte
+hervor gegen wilde einer Kriegsgurgel und
+gab mir Gefahren zu bedenken. »Gefahren«,
+versetzt' ich, »wünscht' ich ja eben, nur gibt's
+keine für den Mann, stets wird er ihnen entweder
+obsiegen oder entspringen, entweder die
+Stirn bieten oder den Rücken.«</p>
+
+<p>Ich konnte kaum aufhören mich zu erbittern,
+so süß war mir's, und so sehr fühlt' ich mich
+vom Zornfeuer erfrischt und in der Brust
+wie von einem Geierfelle lind geheizt. Es
+gehört auch allerdings unter die unerkannten
+Wohltaten &ndash; worüber man sonst predigte,
+daß man nie mehr in seinem Himmel und
+<i lang="fr" xml:lang="fr">monplaisir</i> (ein Lustschloß) ist, als so recht im
+Toben und Grimm.</p>
+
+<p>Und wurde der ganze Vormittagsmorgen
+mit Beschauen und Behandeln verbracht; und
+zwar am längsten in der breiten Gasse unseres
+
+<span class="sidenote-r">glückt es am wenigsten, eher noch seinen Nachfolgern,
+bei denen der Wein sich weniger im Geschmacke
+von dem Brechwein unterschied, den sie
+dazu gegossen.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_122">122</a></span>
+Hotels. Berga sollte sich erst ins Marktgedränge
+einschießen; sie sollte erst einsehen,
+daß sie mehr »nach der Modi«, mit ihr zu
+reden, aufgeschmückt sei, als hundert andere
+ihres Ungleichen. Aber bald vergaß sie über
+den Haushalt den Aufputz und auf dem
+Töpfermarkte den Nachttisch.</p>
+
+<p>Nach dem Mittagsessen (auf unserem Zimmer)
+kamen wir aus dem Fegfeuer des Meßgetümmels,
+wo Berga an jeder Bude etwas
+zu bestellen und ihrer Nachtreterin etwas aufzuladen
+hatte, endlich im Himmel an, in der
+sogenannten Hundewirtschaft, wie das beste
+Flätzer Wirts- und Lusthaus außer der Stadt
+sich nennt, wo Messenszeiten Hunderte einkehren,
+um Tausende vorbeigehen zu sehen.
+Schon unterwegs wuchs meinem Weibchen
+als meinem Ellenbogenefeu dermaßen der Mut,
+daß sie unter dem Tore, wo ich mich, da nach
+der bekannten militärischen Prozeßordnung
+nicht nahe an der Schildwache vorübergegangen
+werden darf, deshalb auf die entgegengesetzte
+Seite hinwarf, ruhig dicht am
+Schieß- und Stechgewehr der Torwache vorüberstrich.
+<span class="pagenum"><a name="Page_123">123</a></span>Draußen konnt' ich ihr den umketteten,
+vergitterten, riesenhaften, schon außen mit
+Treppen aufsteigenden Schabackerpalast mit
+Fingern zeigen, worin ich gestern gehaust und
+(vielleicht) gestürmt; »lieber den Riesen möcht'
+ich begucken,« sagte sie, »und den Zwergen;
+zu was sind wir denn mit ihnen unter einem
+Dach?«</p>
+
+<p>Im Lusthause selber fanden wir hinlängliche
+Lust, umrungen von blühenden Gesichtern
+und Auen. Da setzt' ich mich heimlich in einem
+fort über Schabackers Refus mit Erfolg hinweg
+und machte mir überhaupt bis gegen
+Mitternacht einen guten Tag; ich hatt' ihn
+verdient, Berga noch mehr. Gleichwohl sollt'
+ich noch nachts um ein Uhr eine <ins title="Winmühle">Windmühle</ins>
+zu berennen bekommen, die freilich mit etwas
+längeren, stärkeren und mehreren Armen
+schlägt als ein Riese, wofür Don Quixote
+eine solche Mühle gern angesehen hätte. Ich
+
+<span class="sidenote-l"><sup>8</sup> In großen Sälen wird der wahre Ofen in einen
+zierlichen Scheinofen entlarvt; so ist es schicklich
+und zierlich, daß sich die jungfräuliche <em class="gesperrt">Liebe</em> immer
+in eine schöne, jungfräuliche Freundschaft verberge.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_124">124</a></span>
+lasse nämlich auf dem Marktplatz aus Gründen,
+die sich leichter denken als sagen, Bergelchen
+um einige zwanzig vorausgehen, und
+begebe mich aus gedachten Gründen ohne
+Arg hinter eine versteckte Bude, die wohl die
+Silberhütte und der Silberschrank eines rohen
+Krämers sein mochte, und verweile davor
+natürlich nach Umständen: &ndash; sieh, kommt
+dahergerudert mit Spieß und Speer der
+Budenwächter und münzt und prägt mich so
+unversehens und unbesehen zu einem Schnapphahn
+und Raubfisch seiner Budengassen aus,
+obgleich der schwache Kopf nichts weiter sieht,
+als daß ich in einer Ecke stehe und nichts
+weniger tue als &ndash; nehmen. Ein Ehrgefühl
+ohne Tallus ist für solche Angriffe niemals
+abgestumpft. Nur aber, wie war einem Manne,
+der nichts im Kopfe hat &ndash; höchstens jetzt
+Bier statt Hirn &ndash; in der Nachmitternacht
+Licht zu geben?&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Ich verhehle mein Wagmittel nicht; ich
+griff zum Fuchsschwanz, ich spiegelte ihm
+nämlich vor, ich hätte einen sogenannten
+Hieb, und wüßte in der Betrunkenheit mich
+<span class="pagenum"><a name="Page_125">125</a></span>schlecht zu finden und zu halten &ndash; ich spielte
+daher alles nach, was mir aus diesem Fache
+zu Gesicht gekommen, schwankte hin und her,
+setzte die Füße tanzmeisterlich auswärts, geriet
+in Zickzacke hinein bei allem Aussegeln
+nach gerader Linie, ja ich stieß meinen guten
+Kopf (vielleicht einen der hellsten und leersten
+der Nacht) als einen vollen gegen wahre
+Pfosten.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Gleichwohl sah der Budenvogt, der vielleicht
+öfter betrunken gewesen als ich, und
+die Zeichen besser kannte, oder der es gar
+selber in dieser Stunde war, die ganze Verstellung
+für bloßes Blendwerk an und schrie
+entsetzlich. »Halt, Strauchdieb, du hast keinen
+Haarbeutel, du Windbeutel bist ja noch weniger
+besoffen als ich! &ndash; Wir kennen uns
+wohl länger. Steh! Ich komm dir nach.
+
+<span class="sidenote-r"><sup>12</sup> Die Völker lassen &ndash; als Widerspiele der Ströme,
+die in der Ebene und Ruhe am meisten das Unreine
+niederschlagen &ndash; gerade nur im stärksten Bewegen
+das Schlechte fallen, und sie werden desto
+schmutziger, je länger sie in trägen, platten Flächen
+weiterschleichen.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_126">126</a></span>
+Willst du im Markt deine Diebesfinger haben?
+&ndash; Steh, Hund, oder ich forciere dich!«</p>
+
+<p>Man sieht hier seinen ganzen Zustand; ich
+entsprang zickzackig zwischen den Buden diesem
+rohen Trunkenbolde so eilig, als ich konnte;
+dennoch humpelte er mir nach. Aber meine
+Teutoberga, die einiges gehört, rannte zurück,
+faßte den betrunkenen Marktportier beim
+Kragen und sagte, obwohl (nach Dorfweise)
+zuschreiend: »Dummer Mann, schlaf' Er seinen
+Rausch aus, oder ich zeig's Ihm! Weiß Er
+denn, wen Er vor sich hat? Meinen Mann,
+den Feldprediger Schmelzle unter dem Herrn
+General und Minister von Schabacker bei
+Pimpelstadt, Er Narr! Pfui, schäm' Er sich,
+Kerl!« Der Wächter brummte: »Nichts für
+ungut!« und taumelte davon. »O du Löwin,«
+sagt' ich im Liebesrausch, »warum bist du
+in keiner Todesgefahr, damit ich dir nur den
+Löwen zeige als Gemahl?«</p>
+
+<p>So gelangten wir beide liebend nach Hause;
+
+<span class="sidenote-l"><sup>23</sup> Wenn die Natur das alte große Erdenrund, den
+Erdenlaib von neuem durchknetet, um unter diesem
+Pastetendeckel neue Gefüllsel und Zwerge hineinzubacken;</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_127">127</a></span>
+und ich hätte vielleicht zum schönen Tage noch
+den Nachsommer einer herrlichen Nachmitternacht
+erlebt, hätte mich nicht der Teufel über
+Lichtenbergs neunten Band, und zwar auf
+die 206.&nbsp;Seite geführt, wo dieses steht: »Es
+wäre doch möglich, daß einmal unsere Chemiker
+auf ein Mittel gerieten, unsere Luft
+plötzlich zu zersetzen, durch eine Art von Ferment.
+So könnte die Welt untergehen.« Ach,
+ja, wahrlich! Da die Erdkugel in der größeren
+Luftkugel eingekapselt steckt: so erfinde
+bloß ein chemischer Spitzbube auf irgendeiner
+fernsten Spitzbubeninsel oder in Neuholland,
+ein Zersetzmittel für die Luft, dem ähnlich,
+was etwa ein Feuerfunke für einen Pulverkarren
+ist: in wenig Stunden packt mich und
+uns in Flätz der ungeheure, herschnaubende
+Weltsturm bei der Gurgel, mein Atemholen
+und dergleichen ist in Erstickluft vorbei, und
+alles überhaupt vorbei.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Indes verbarg ich der treuen Seele jeden
+
+<span class="sidenote-r">so gibt sie meistens wie eine backende
+Mutter ihrem Töchterchen zum Scherze etwas
+weniges Pastetenteig davon (ein paar tausend Quadratmeilen</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_128">128</a></span>
+Todesnachtgedanken, da sie mich doch entweder
+nur schmerzlich nachempfunden oder
+gar lustig ausgelacht hätte. Ich befahl bloß,
+daß sie am Morgen (des Sonnabends) für
+die zurückkehrende Landkutsche fertig und gestiefelt
+dastände, sollt' ich anders ihren Wünschen
+gemäß an die Überschwängerung mit
+Räten, die ihr so am Herzen lag, früh genug
+kommen. Sie war so freudig meiner Meinung,
+daß sie gern den Jahrmarkt aufgab. Auch
+ruht' ich ruhig, mit der Fußzehe an ihre
+Finger geknüpft, die ganze Nacht hindurch.</p>
+
+<p>Der Dragoner nahm und zupfte mich am
+Morgen heimlich beim Ohre und sagte mir
+in dasselbe hinein, er habe ein lustiges Meßgeschenk
+für seine Schwester vor und reite
+deshalb auf seinem gestern vom Roßtäuscher
+eingetauschten Rappen etwas früh voraus.
+Ich bot ihm meinen Vordank.</p>
+
+<p>Am Morgen lief jeder lustig vom Stapel,
+
+<span class="sidenote-l">solchen Teigs sind genug für ein Kind)
+irgendeiner Dichter-, oder Weisen-, oder Heldenseele
+ab, damit das kleine Ding doch auch etwas
+auszuformen und aufzustellen habe neben der Mutter.</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_129">129</a></span>
+ausgenommen ich; denn ich behielt noch immer,
+auch vor dem besten Morgenrote das nächtliche
+Teufelsferment und Zersetzmittel, meiner
+Gehirnkugel sowohl als der Erdkugel, gärend
+im Kopf; ein Beweis, daß die Nacht mich
+und meine Furcht gar nichts hatte übertreiben
+lassen. Der mir verdrießliche blinde
+Passagier setzte sich auch wieder ein und sah
+mich wie gewöhnlich an, doch ohne Effekt,
+denn diesmal, wo ich Weltumwälzungen, nicht
+bloß die meinigen, im Kopfe hatte, war mir
+der Passagier mehr ein Spaß und Spuk;
+da niemand unter Fußabsägen das Herzgespann
+verspürt, oder unter dem Summen
+der Kanonen sich gegen das der Wespen
+wehrt, ebenso konnte mir ein Passagier mit
+allen Brandbriefen, die etwa sein verdächtiges
+Gesicht in meine noch späte Zukunft
+wirft, bloß lächerlich zu einer Zeit vorkommen,
+wo ich bedachte, das »Ferment« könne
+
+<span class="sidenote-r">Bekommen dann die Geschwister etwas von dem
+Gebäcke des Schwesterchens, so klopfen sie alle in
+die Hände und rufen: »Mutter, kannst du auch
+so backen wie Viktoriechen?«</span>
+
+<span class="pagenum"><a name="Page_130">130</a></span>
+ja mitten auf meinem Wege von Flätz nach
+Neusattel von irgendeinem Amerikas, Europas
+Manne, der ganz unschuldig versucht
+und zersetzt, zufällig erfunden und losgelassen
+werden. Die Frage, ja Preisfrage wäre aber
+nun, inwiefern es seit Lichtenbergs Drohung
+nicht etwa welt- und selbstmörderisch aussieht,
+wenn aufgeklärte Potentaten scheidekünstlerischer
+Völker es nicht ihren Scheidekünstlern,
+die so leicht Leib von Seele scheiden
+und Erde mit Himmel gatten, auferlegen,
+keine andere chemische Versuche zu machen,
+als die schon gemachten, die doch bisher den
+Staaten weit mehr genützt als geschadet.</p>
+
+<p>Leider blieb ich in diesen jüngsten Tag
+des Ferments mit allen Sinnen versunken,
+ohne auf der ganzen Rückreise nach Neusattel
+mehr zu erleben und zu bemerken, als daß
+ich daselbst ankam, wo ich zugleich wieder den
+blinden Passagier seines Weges gehen sah.</p>
+
+<p>Nur mein Bergelchen schaute ich in einem
+fort unterwegs an, teils um sie noch solange
+zu sehen, als Leben und Augen dauern, teils
+um auch bei kleinster Gefahr derselben, es
+<span class="pagenum"><a name="Page_131">131</a></span>sei nun eine große oder gar ein ganzes hereinstürzendes
+Goldau und verzehrendes Weltgericht,
+wenn nicht für sie, doch an ihr zu
+sterben, und so, verknüpft mit ihr, ein geplagtes
+und plagendes Leben hinzuwerfen,
+worin ihr ohnehin nicht die Hälfte meiner
+Wünsche für sie erfüllt worden.</p>
+
+<p>So wäre denn meine Reise an sich vollendet
+&ndash; gekrönt mit einigen Historiolen &ndash;
+vielleicht künftig noch belohnter durch euch,
+ihr Freunde um Flätz herum, wenn ihr darin
+etwa einige gutgeschliffene Jätemesser finden
+solltet, womit ihr leichter das Lügenunkraut
+ausreutet, das mich bis jetzt dem wackeren
+Schabacker verbauet. &ndash; Nur sitzt mir noch
+das verfluchte Ferment im Kopfe. Lebt denn
+wohl, solange es noch Atmosphären einzuatmen
+gibt. Ich wollt', ich hätte mir das
+Ferment aus dem Kopfe geschlagen.</p>
+
+<p class="right"><span style="margin-right: 6em;">Euer</span><br/>
+Attila Schmelzle.</p>
+
+<p>NS. Mein Schwager hat seine Sache
+gut gemacht und Berga tanzt. Künftig das
+Nähere!&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+
+
+
+<div class="figcenter" style="width: 43px; margin: 8em auto 1em auto; page-break-after: auto;">
+<img src="images/emblem.png" width="43" height="68" alt="" title="" />
+</div>
+<p class="center" style="font-size: 0.9em; margin: 1em auto 120px auto;">
+Gedruckt bei<br/>
+Poeschel &amp; Trepte<br/>
+in Leipzig</p>
+
+</body>
+</html>