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+The Project Gutenberg EBook of Bahnwärter Thiel, by Gerhart Hauptmann
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+Title: Bahnwärter Thiel
+
+Author: Gerhart Hauptmann
+
+Release Date: July 11, 2009 [EBook #29376]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BAHNWÄRTER THIEL ***
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+Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+ [ Anmerkungen zur Transkription:
+
+ Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen;
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+ der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes.
+
+ Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _ markiert.
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+
+
+
+ Fischers Bibliothek
+ zeitgenössischer Romane
+
+
+
+
+ Bahnwärter Thiel
+ von
+ Gerhart Hauptmann
+
+
+ S. Fischer, Verlag, Berlin
+
+
+
+
+ Alle Rechte, insbesondere die der Übersetzung, vorbehalten
+
+
+
+
+Inhalt
+
+
+ Bahnwärter Thiel 7
+
+ Der Apostel 71
+
+
+
+
+Bahnwärter Thiel
+
+
+1
+
+Allsonntäglich saß der Bahnwärter Thiel in der Kirche zu Neu-Zittau,
+ausgenommen die Tage, an denen er Dienst hatte oder krank war und zu
+Bette lag. Im Verlaufe von zehn Jahren war er zweimal krank gewesen;
+das eine Mal infolge eines vom Tender einer Maschine während des
+Vorbeifahrens herabgefallenen Stückes Kohle, welches ihn getroffen
+und mit zerschmettertem Bein in den Bahngraben geschleudert hatte;
+das andere Mal einer Weinflasche wegen, die aus dem vorüberrasenden
+Schnellzuge mitten auf seine Brust geflogen war. Außer diesen beiden
+Unglücksfällen hatte nichts vermocht, ihn, sobald er frei war, von der
+Kirche fernzuhalten.
+
+Die ersten fünf Jahre hatte er den Weg von Schön-Schornstein, einer
+Kolonie an der Spree, herüber nach Neu-Zittau allein machen müssen.
+Eines schönen Tages war er dann in Begleitung eines schmächtigen und
+kränklich aussehenden Frauenzimmers erschienen, die, wie die Leute
+meinten, zu seiner herkulischen Gestalt wenig gepaßt hatte. Und wiederum
+eines schönen Sonntag Nachmittags reichte er dieser selben Person am
+Altare der Kirche feierlich die Hand zum Bunde fürs Leben. Zwei Jahre
+nun saß das junge, zarte Weib ihm zur Seite in der Kirchenbank; zwei
+Jahre blickte ihr hohlwangiges, feines Gesicht neben seinem vom Wetter
+gebräunten in das uralte Gesangbuch --; und plötzlich saß der Bahnwärter
+wieder allein wie zuvor.
+
+An einem der vorangegangenen Wochentage hatte die Sterbeglocke geläutet:
+das war das Ganze.
+
+An dem Wärter hatte man, wie die Leute versicherten, kaum eine
+Veränderung wahrgenommen. Die Knöpfe seiner sauberen Sonntagsuniform
+waren so blank geputzt als je zuvor, seine roten Haare so wohl geölt und
+militärisch gescheitelt wie immer, nur daß er den breiten, behaarten
+Nacken ein wenig gesenkt trug und noch eifriger der Predigt lauschte
+oder sang, als er es früher getan hatte. Es war die allgemeine Ansicht,
+daß ihm der Tod seiner Frau nicht sehr nahe gegangen sei; und diese
+Ansicht erhielt eine Bekräftigung, als sich Thiel nach Verlauf eines
+Jahres zum zweiten Male, und zwar mit einem dicken und starken
+Frauenzimmer, einer Kuhmagd aus Alte-Grund, verheiratete.
+
+Auch der Pastor gestattete sich, als Thiel die Trauung anmelden kam,
+einige Bedenken zu äußern:
+
+»Ihr wollt also schon wieder heiraten?«
+
+»Mit der Toten kann ich nicht wirtschaften, Herr Prediger!«
+
+»Nun ja wohl -- aber ich meine -- Ihr eilt ein wenig.«
+
+»Der Junge geht mir drauf, Herr Prediger.«
+
+Thiels Frau war im Wochenbett gestorben, und der Junge, welchen sie zur
+Welt gebracht, lebte und hatte den Namen Tobias erhalten.
+
+»Ach so, der Junge,« sagte der Geistliche und machte eine Bewegung, die
+deutlich zeigte, daß er sich des Kleinen erst jetzt erinnere. »Das ist
+etwas andres -- wo habt Ihr ihn denn untergebracht, während Ihr im
+Dienst seid?«
+
+Thiel erzählte nun, wie er Tobias einer alten Frau übergeben, die ihn
+einmal beinahe habe verbrennen lassen, während er ein anderes Mal von
+ihrem Schoß auf die Erde gekugelt sei, ohne glücklicherweise mehr als
+eine große Beule davonzutragen. Das könne nicht so weiter gehen, meinte
+er, zudem da der Junge, schwächlich wie er sei, eine ganz besondere
+Pflege benötige. Deswegen und ferner weil er der Verstorbenen in die
+Hand gelobt, für die Wohlfahrt des Jungen zu jeder Zeit ausgiebig Sorge
+zu tragen, habe er sich zu dem Schritte entschlossen. --
+
+Gegen das neue Paar, welches nun allsonntäglich zur Kirche kam, hatten
+die Leute äußerlich durchaus nichts einzuwenden. Die frühere Kuhmagd
+schien für den Wärter wie geschaffen. Sie war kaum einen halben Kopf
+kleiner wie er und übertraf ihn an Gliederfülle. Auch war ihr Gesicht
+ganz so grob geschnitten wie das seine, nur daß ihm im Gegensatz zu dem
+des Wärters die Seele abging.
+
+Wenn Thiel den Wunsch gehegt hatte, in seiner zweiten Frau eine
+unverwüstliche Arbeiterin, eine musterhafte Wirtschafterin zu haben, so
+war dieser Wunsch in überraschender Weise in Erfüllung gegangen. Drei
+Dinge jedoch hatte er, ohne es zu wissen, mit seiner Frau in Kauf
+genommen: eine harte, herrschsüchtige Gemütsart, Zanksucht und brutale
+Leidenschaftlichkeit. Nach Verlauf eines halben Jahres war es
+ortsbekannt, wer in dem Häuschen des Wärters das Regiment führte. Man
+bedauerte den Wärter.
+
+Es sei ein Glück für »das Mensch«, daß sie ein so gutes Schaf wie den
+Thiel zum Manne bekommen habe, äußerten die aufgebrachten Ehemänner; es
+gäbe welche, bei denen sie greulich anlaufen würde. So ein »Tier« müsse
+doch kirre zu machen sein, meinten sie, und wenn es nicht anders ginge,
+denn mit Schlägen. Durchgewalkt müsse sie werden, aber dann gleich so,
+daß es zöge.
+
+Sie durchzuwalken aber war Thiel trotz seiner sehnigen Arme nicht der
+Mann. Das, worüber sich die Leute ereiferten, schien ihm wenig
+Kopfzerbrechen zu machen. Die endlosen Predigten seiner Frau ließ er
+gewöhnlich wortlos über sich ergehen, und wenn er einmal antwortete, so
+stand das schleppende Zeitmaß, sowie der leise, kühle Ton seiner Rede in
+seltsamstem Gegensatz zu dem kreischenden Gekeif seiner Frau. Die
+Außenwelt schien ihm wenig anhaben zu können: es war, als trüge er etwas
+in sich, wodurch er alles Böse, was sie ihm antat, reichlich mit Gutem
+aufgewogen erhielt.
+
+Trotz seines unverwüstlichen Phlegmas hatte er doch Augenblicke, in
+denen er nicht mit sich spaßen ließ. Es war dies immer anläßlich
+solcher Dinge, die Tobiäschen betrafen. Sein kindgutes, nachgiebiges
+Wesen gewann dann einen Anstrich von Festigkeit, dem selbst ein so
+unzähmbares Gemüt wie das Lenes nicht entgegenzutreten wagte.
+
+Die Augenblicke indes, darin er diese Seite seines Wesens herauskehrte,
+wurden mit der Zeit immer seltener und verloren sich zuletzt ganz. Ein
+gewisser leidender Widerstand, den er der Herrschsucht Lenens während
+des ersten Jahres entgegengesetzt, verlor sich ebenfalls im zweiten. Er
+ging nicht mehr mit der früheren Gleichgültigkeit zum Dienst, nachdem er
+einen Auftritt mit ihr gehabt, wenn er sie nicht vorher besänftigt
+hatte. Er ließ sich am Ende nicht selten herab, sie zu bitten, doch
+wieder gut zu sein. -- Nicht wie sonst mehr war ihm sein einsamer Posten
+inmitten des märkischen Kiefernforstes sein liebster Aufenthalt. Die
+stillen, hingebenden Gedanken an sein verstorbenes Weib wurden von denen
+an die Lebende durchkreuzt. Nicht widerwillig, wie die erste Zeit, trat
+er den Heimweg an, sondern mit leidenschaftlicher Hast, nachdem er
+vorher oft Stunden und Minuten bis zur Zeit der Ablösung gezählt hatte.
+
+Er, der mit seinem ersten Weibe durch eine mehr vergeistigte Liebe
+verbunden gewesen war, geriet durch die Macht roher Triebe in die Gewalt
+seiner zweiten Frau und wurde zuletzt in allem fast unbedingt von ihr
+abhängig. -- Zuzeiten empfand er Gewissensbisse über diesen Umschwung
+der Dinge und er bedurfte einer Anzahl außergewöhnlicher Hilfsmittel, um
+sich darüber hinweg zu helfen. So erklärte er sein Wärterhäuschen und
+die Bahnstrecke, die er zu besorgen hatte, insgeheim gleichsam für
+geheiligtes Land, welches ausschließlich den Manen der Toten gewidmet
+sein sollte. Mit Hilfe von allerhand Vorwänden war es ihm in der Tat
+bisher gelungen, seine Frau davon abzuhalten, ihn dahin zu begleiten.
+
+Er hoffte es auch fernerhin tun zu können. Sie hätte nicht gewußt,
+welche Richtung sie einschlagen sollte, um seine »Bude«, deren Nummer
+sie nicht einmal kannte, aufzufinden.
+
+Dadurch, daß er die ihm zu Gebote stehende Zeit somit gewissenhaft
+zwischen die Lebende und Tote zu teilen vermochte, beruhigte Thiel sein
+Gewissen in der Tat.
+
+Oft freilich und besonders in Augenblicken einsamer Andacht, wenn er
+recht innig mit der Verstorbenen verbunden gewesen war, sah er seinen
+jetzigen Zustand im Lichte der Wahrheit und empfand davor Ekel.
+
+Hatte er Tagdienst, so beschränkte sich sein geistiger Verkehr mit der
+Verstorbenen auf eine Menge lieber Erinnerungen aus der Zeit seines
+Zusammenlebens mit ihr. Im Dunkel jedoch, wenn der Schneesturm durch die
+Kiefern und über die Strecke raste, in tiefer Mitternacht beim Scheine
+seiner Laterne, da wurde das Wärterhäuschen zur Kapelle.
+
+Eine verblichene Photographie der Verstorbenen vor sich auf dem Tisch,
+Gesangbuch und Bibel aufgeschlagen, las und sang er abwechselnd die
+lange Nacht hindurch, nur von den in Zwischenräumen vorbeitobenden
+Bahnzügen unterbrochen, und geriet hierbei in eine Ekstase, die sich zu
+Gesichten steigerte, in denen er die Tote leibhaftig vor sich sah.
+
+Der Posten, den der Wärter nun schon zehn volle Jahre ununterbrochen
+innehatte, war aber in seiner Abgelegenheit dazu angetan, seine
+mystischen Neigungen zu fördern.
+
+Nach allen vier Windrichtungen mindestens durch einen
+dreiviertelstündigen Weg von jeder menschlichen Wohnung entfernt, lag
+die Bude inmitten des Forstes dicht neben einem Bahnübergang, dessen
+Barrieren der Wärter zu bedienen hatte.
+
+Im Sommer vergingen Tage, im Winter Wochen, ohne daß ein menschlicher
+Fuß, außer denen des Wärters und seines Kollegen, die Strecke passierte.
+Das Wetter und der Wechsel der Jahreszeiten brachten in ihrer
+periodischen Wiederkehr fast die einzige Abwechslung in diese Einöde.
+Die Ereignisse, welche im übrigen den regelmäßigen Ablauf der Dienstzeit
+Thiels außer den beiden Unglücksfällen unterbrochen hatten, waren
+unschwer zu überblicken. Vor vier Jahren war der kaiserliche Extrazug,
+der den Kaiser nach Breslau gebracht hatte, vorübergejagt. In einer
+Winternacht hatte der Schnellzug einen Rehbock überfahren. An einem
+heißen Sommertage hatte Thiel bei seiner Streckenrevision eine verkorkte
+Weinflasche gefunden, die sich glühend heiß anfaßte und deren Inhalt
+deshalb von ihm für sehr gut gehalten wurde, weil er nach Entfernung des
+Korkes einer Fontäne gleich herausquoll, also augenscheinlich gegoren
+war. Diese Flasche, von Thiel in den seichten Rand eines Waldsees
+gelegt, um abzukühlen, war von dort auf irgend welche Weise abhanden
+gekommen, so daß er noch nach Jahren ihren Verlust bedauern mußte.
+
+Einige Zerstreuung vermittelte dem Wärter ein Brunnen dicht hinter
+seinem Häuschen. Von Zeit zu Zeit nahmen in der Nähe beschäftigte Bahn-
+oder Telegraphenarbeiter einen Trunk daraus, wobei natürlich ein kurzes
+Gespräch mit unterlief. Auch der Förster kam zuweilen, um seinen Durst
+zu löschen.
+
+Tobias entwickelte sich nur langsam: erst gegen Ablauf seines zweiten
+Lebensjahres lernte er notdürftig sprechen und gehen. Dem Vater bewies
+er eine ganz besondere Zuneigung. Wie er verständiger wurde, erwachte
+auch die alte Liebe des Vaters wieder. In dem Maße, wie diese zunahm,
+verringerte sich die Liebe der Stiefmutter zu Tobias und schlug sogar in
+unverkennbare Abneigung um, als Lene nach Verlauf eines neuen Jahres
+ebenfalls einen Jungen gebar.
+
+Von da ab begann für Tobias eine schlimme Zeit. Er wurde besonders in
+Abwesenheit des Vaters unaufhörlich geplagt und mußte ohne die geringste
+Belohnung dafür seine schwachen Kräfte im Dienste des kleinen
+Schreihalses einsetzen, wobei er sich mehr und mehr aufrieb. Sein Kopf
+bekam einen ungewöhnlichen Umfang; die brandroten Haare und das kreidige
+Gesicht darunter machten einen unschönen und im Verein mit der übrigen
+kläglichen Gestalt erbarmungswürdigen Eindruck. Wenn sich der
+zurückgebliebene Tobias solchergestalt, das kleine, von Gesundheit
+strotzende Brüderchen auf dem Arme, hinunter zur Spree schleppte, so
+wurden hinter den Fenstern der Hütten Verwünschungen laut, die sich
+jedoch niemals hervorwagten. Thiel aber, welchen die Sache doch vor
+allem anging, schien keine Augen für sie zu haben und wollte auch die
+Winke nicht verstehen, welche ihm von wohlmeinenden Nachbarsleuten
+gegeben wurden.
+
+
+2
+
+An einem Junimorgen gegen sieben Uhr kam Thiel aus dem Dienst. Seine
+Frau hatte nicht so bald ihre Begrüßung beendet, als sie schon in
+gewohnter Weise zu lamentieren begann. Der Pachtacker, welcher bisher
+den Kartoffelbedarf der Familie gedeckt hatte, war vor Wochen gekündigt
+worden, ohne daß es Lenen bisher gelungen war, einen Ersatz dafür
+ausfindig zu machen. Wenngleich nun die Sorge um den Acker zu ihren
+Obliegenheiten gehörte, so mußte doch Thiel einmal übers andre hören,
+daß niemand als er daran schuld sei, wenn man in diesem Jahre zehn Sack
+Kartoffeln für schweres Geld kaufen müsse. Thiel brummte nur und begab
+sich, Lenens Reden wenig Beachtung schenkend, sogleich an das Bett
+seines Ältesten, welches er in den Nächten, wo er nicht im Dienst war,
+mit ihm teilte. Hier ließ er sich nieder und beobachtete mit einem
+sorglichen Ausdruck seines guten Gesichts das schlafende Kind, welches
+er, nachdem er die zudringlichen Fliegen eine Weile von ihm abgehalten,
+schließlich weckte. In den blauen, tiefliegenden Augen des Erwachenden
+malte sich eine rührende Freude. Er griff hastig nach der Hand des
+Vaters, indes sich seine Mundwinkel zu einem kläglichen Lächeln
+verzogen. Der Wärter half ihm sogleich beim Anziehen der wenigen
+Kleidungsstücke, wobei plötzlich etwas wie ein Schatten durch seine
+Mienen lief, als er bemerkte, daß sich auf der rechten, ein wenig
+angeschwollenen Backe einige Fingerspuren weiß in rot abzeichneten.
+
+Als Lene beim Frühstück mit vergrößertem Eifer auf vorberegte
+Wirtschaftsangelegenheit zurückkam, schnitt er ihr das Wort ab mit der
+Nachricht, daß ihm der Bahnmeister ein Stück Land längs des Bahndammes
+in unmittelbarer Nähe des Wärterhauses umsonst überlassen habe,
+angeblich weil es ihm, dem Bahnmeister, zu abgelegen sei.
+
+Lene wollte das anfänglich nicht glauben. Nach und nach wichen jedoch
+ihre Zweifel, und nun geriet sie in merklich gute Laune. Ihre Fragen
+nach Größe und Güte des Ackers sowie andre mehr verschlangen sich
+förmlich, und als sie erfuhr, daß bei alledem noch zwei Zwergobstbäume
+darauf stünden, wurde sie rein närrisch. Als nichts mehr zu erfragen
+übrigblieb, zudem die Türglocke des Krämers, die man, beiläufig gesagt,
+in jedem einzelnen Hause des Ortes vernehmen konnte, unaufhörlich
+anschlug, schoß sie davon, um die Neuigkeit im Örtchen auszusprengen.
+
+Während Lene in die dunkle, mit Waren überfüllte Kammer des Krämers kam,
+beschäftigte sich der Wärter daheim ausschließlich mit Tobias. Der Junge
+saß auf seinen Knien und spielte mit einigen Kieferzapfen, die Thiel mit
+aus dem Walde gebracht hatte.
+
+»Was willst du werden?« fragte ihn der Vater, und diese Frage war
+stereotyp wie die Antwort des Jungen: »ein Bahnmeister.« Es war keine
+Scherzfrage, denn die Träume des Wärters verstiegen sich in der Tat in
+solche Höhen, und er hegte allen Ernstes den Wunsch und die Hoffnung,
+daß aus Tobias mit Gottes Hilfe etwas Außergewöhnliches werden sollte.
+Sobald die Antwort »ein Bahnmeister« von den blutlosen Lippen des
+Kleinen kam, der natürlich nicht wußte, was sie bedeuten sollte, begann
+Thiels Gesicht sich aufzuhellen, bis es förmlich strahlte von innerer
+Glückseligkeit.
+
+»Geh, Tobias, geh spielen!« sagte er kurz darauf, indem er eine Pfeife
+Tabak mit einem im Herdfeuer entzündeten Span in Brand steckte, und der
+Kleine drückte sich alsbald in scheuer Freude zur Türe hinaus. Thiel
+entkleidete sich, ging zu Bett und entschlief, nachdem er geraume Zeit
+gedankenvoll die niedrige und rissige Stubendecke angestarrt hatte.
+Gegen zwölf Uhr mittags erwachte er, kleidete sich an und ging, während
+seine Frau in ihrer lärmenden Weise das Mittagbrot bereitete, hinaus auf
+die Straße, wo er Tobiäschen sogleich aufgriff, der mit den Fingern Kalk
+aus einem Loche in der Wand kratzte und in den Mund steckte. Der Wärter
+nahm ihn bei der Hand und ging mit ihm an den etwa acht Häuschen des
+Ortes vorüber bis hinunter zur Spree, die schwarz und glasig zwischen
+schwach belaubten Pappeln lag. Dicht am Rande des Wassers befand sich
+ein Granitblock, auf welchen Thiel sich niederließ.
+
+Der ganze Ort hatte sich gewöhnt, ihn bei nur irgend erträglichem Wetter
+an dieser Stelle zu erblicken. Die Kinder besonders hingen an ihm,
+nannten ihn »Vater Thiel« und wurden von ihm besonders in mancherlei
+Spielen unterrichtet, deren er sich aus seiner Jugendzeit erinnerte. Das
+Beste jedoch von dem Inhalt seiner Erinnerungen war für Tobias. Er
+schnitzelte ihm Fitschepfeile, die höher flogen wie die aller anderen
+Jungen. Er schnitt ihm Weidenpfeifchen und ließ sich sogar herbei, mit
+seinem verrosteten Baß das Beschwörungslied zu singen, während er mit
+dem Horngriff seines Taschenmessers die Rinde leise klopfte.
+
+Die Leute verübelten ihm seine Läppschereien; es war ihnen unerfindlich,
+wie er sich mit den Rotznasen so viel abgeben konnte. Im Grunde durften
+sie jedoch damit zufrieden sein, denn die Kinder waren unter seiner
+Obhut gut aufgehoben. Überdies nahm Thiel auch ernste Dinge mit ihnen
+vor, hörte den Großen ihre Schulaufgaben ab, half ihnen beim Lernen der
+Bibel- und Gesangbuchverse und buchstabierte mit den Kleinen »a« -- »b«
+-- »ab«, »d« -- »u« -- »du« und so fort.
+
+Nach dem Mittagessen legte sich der Wärter abermals zu kurzer Ruhe
+nieder. Nachdem sie beendigt war, trank er den Nachmittagskaffee und
+begann gleich darauf sich für den Gang in den Dienst vorzubereiten. Er
+brauchte dazu, wie zu allen seinen Verrichtungen, viel Zeit; jeder
+Handgriff war seit Jahren geregelt; in stets gleicher Reihenfolge
+wanderten die sorgsam auf der kleinen Nußbaumkommode ausgebreiteten
+Gegenstände: Messer, Notizbuch, Kamm, ein Pferdezahn, die alte
+eingekapselte Uhr in die Taschen seiner Kleider. Ein kleines, in rotes
+Papier eingeschlagenes Büchelchen wurde mit besonderer Sorgfalt
+behandelt. Es lag während der Nacht unter dem Kopfkissen des Wärters und
+wurde am Tage von ihm stets in der Brusttasche des Dienstrockes
+herumgetragen. Auf der Etikette unter dem Umschlag stand in
+unbeholfenen, aber verschnörkelten Schriftzügen, von Thiels Hand
+geschrieben: Sparkassenbuch des Tobias Thiel.
+
+Die Wanduhr mit dem langen Pendel und dem gelbsüchtigen Zifferblatt
+zeigte dreiviertel fünf, als Thiel fortging. Ein kleiner Kahn, sein
+Eigentum, brachte ihn über den Fluß. Am jenseitigen Spreeufer blieb er
+einige Male stehen und lauschte nach dem Ort zurück. Endlich bog er in
+einen breiten Waldweg und befand sich nach wenigen Minuten inmitten des
+tiefaufrauschenden Kiefernforstes, dessen Nadelmassen einem
+schwarzgrünen, wellenwerfenden Meere glichen. Unhörbar wie auf Filz
+schritt er über die feuchte Moos- und Nadelschicht des Waldbodens. Er
+fand seinen Weg ohne aufzublicken, hier durch die rostbraunen Säulen des
+Hochwaldes, dort weiterhin durch dicht verschlungenes Jungholz, noch
+weiter über ausgedehnte Schonungen, die von einzelnen hohen und
+schlanken Kiefern überschattet wurden, welche man zum Schutze für den
+Nachwuchs aufbehalten hatte. Ein bläulicher, durchsichtiger, mit
+allerhand Düften geschwängerter Dunst stieg aus der Erde auf und ließ
+die Formen der Bäume verwaschen erscheinen. Ein schwerer, milchiger
+Himmel hing tief herab über die Baumwipfel. Krähenschwärme badeten
+gleichsam im Grau der Luft, unaufhörlich ihre knarrenden Rufe
+ausstoßend. Schwarze Wasserlachen füllten die Vertiefungen des Weges und
+spiegelten die trübe Natur noch trüber wider.
+
+»Ein furchtbares Wetter,« dachte Thiel, als er aus tiefem Nachdenken
+erwachte und aufschaute.
+
+Plötzlich jedoch bekamen seine Gedanken eine andere Richtung. Er fühlte
+dunkel, daß er etwas daheim vergessen haben müsse, und wirklich vermißte
+er beim Durchsuchen seiner Taschen das Butterbrot, welches er der langen
+Dienstzeit halber stets mitzunehmen genötigt war. Unschlüssig blieb er
+eine Weile stehen, wandte sich dann aber plötzlich und eilte in der
+Richtung des Dorfes zurück.
+
+In kurzer Zeit hatte er die Spree erreicht, setzte mit wenigen kräftigen
+Ruderschlägen über und stieg gleich darauf, am ganzen Körper schwitzend,
+die sanft ansteigende Dorfstraße hinauf. Der alte, schäbige Pudel des
+Krämers lag mitten auf der Straße. Auf dem geteerten Plankenzaune eines
+Kossätenhofes saß eine Nebelkrähe. Sie spreizte die Federn, schüttelte
+sich, nickte, stieß ein ohrenzerreißendes »krä«, »krä« aus und erhob
+sich mit pfeifendem Flügelschlag, um sich vom Winde in der Richtung des
+Forstes davontreiben zu lassen.
+
+Von den Bewohnern der kleinen Kolonie, etwa zwanzig Fischern und
+Waldarbeitern mit ihren Familien, war nichts zu sehen.
+
+Der Ton einer kreischenden Stimme unterbrach die Stille so laut und
+schrill, daß der Wärter unwillkürlich mit Laufen innehielt. Ein Schwall
+heftig herausgestoßener, mißtönender Laute schlug an sein Ohr, die aus
+dem offenen Giebelfenster eines niedrigen Häuschens zu kommen schienen,
+welches er nur zu wohl kannte.
+
+Das Geräusch seiner Schritte nach Möglichkeit dämpfend, schlich er sich
+näher und unterschied nun ganz deutlich die Stimme seiner Frau. Nur noch
+wenige Bewegungen, und die meisten ihrer Worte wurden ihm verständlich.
+
+»Was, du unbarmherziger, herzloser Schuft! Soll sich das elende Wurm die
+Plautze ausschreien vor Hunger? -- wie? Na wart nur, wart, ich will
+dich lehren aufpassen! -- Du sollst dran denken.« Einige Augenblicke
+blieb es still; dann hörte man ein Geräusch, wie wenn Kleidungsstücke
+ausgeklopft würden; unmittelbar darauf entlud sich ein neues Hagelwetter
+von Schimpfworten.
+
+»Du erbärmlicher Grünschnabel,« scholl es im schnellsten Tempo herunter,
+»meinst du, ich sollte mein leibliches Kind wegen solch einem
+Jammerlappen, wie du bist, verhungern lassen?« »Halts Maul!« schrie es,
+als ein leises Wimmern hörbar wurde, »oder du sollst eine Portion
+kriegen, an der du acht Tage zu fressen hast.«
+
+Das Wimmern verstummte nicht.
+
+Der Wärter fühlte, wie sein Herz in schweren, unregelmäßigen Schlägen
+ging. Er begann leise zu zittern. Seine Blicke hingen wie abwesend am
+Boden fest, und die plumpe und harte Hand strich mehrmals ein Büschel
+nasser Haare zur Seite, das immer von neuem in die sommersprossige
+Stirne hinein fiel.
+
+Einen Augenblick drohte es ihn zu überwältigen. Es war ein Krampf, der
+die Muskeln schwellen machte und die Finger der Hand zur Faust
+zusammenzog. Es ließ nach, und dumpfe Mattigkeit blieb zurück.
+
+Unsicheren Schrittes trat der Wärter in den engen, ziegelgepflasterten
+Hausflur. Müde und langsam erklomm er die knarrende Holzstiege.
+
+»Pfui, pfui, pfui!« hob es wieder an; dabei hörte man, wie jemand
+dreimal hintereinander mit allen Zeichen der Wut und Verachtung ausspie.
+»Du erbärmlicher, niederträchtiger, hinterlistiger, hämischer, feiger,
+gemeiner Lümmel.« Die Worte folgten einander in steigender Betonung, und
+die Stimme, welche sie herausstieß, schnappte zuweilen über vor
+Anstrengung. »Meinen Buben willst du schlagen, was? Du elende Göre
+unterstehst dich, das arme, hilflose Kind aufs Maul zu schlagen? -- wie?
+-- he, wie? -- Ich will mich nur nicht dreckig machen an dir, sonst ...«
+
+In diesem Augenblick öffnete Thiel die Tür des Wohnzimmers, weshalb der
+erschrockenen Frau das Ende des begonnenen Satzes in der Kehle stecken
+blieb. Sie war kreidebleich vor Zorn; ihre Lippen zuckten bösartig; sie
+hatte die Rechte erhoben, senkte sie und griff nach dem Milchtopf, aus
+dem sie ein Kinderfläschchen voll zu füllen versuchte. Sie ließ jedoch
+diese Arbeit, da der größte Teil der Milch über den Flaschenhals auf den
+Tisch rann, halb verrichtet, griff vollkommen fassungslos vor Erregung
+bald nach diesem, bald nach jenem Gegenstand, ohne ihn länger als einige
+Augenblicke festhalten zu können und ermannte sich endlich soweit, ihren
+Mann heftig anzulassen: was es denn heißen solle, daß er um diese
+ungewöhnliche Zeit nach Hause käme, er würde sie doch nicht etwa gar
+belauschen wollen; »das wäre noch das Letzte,« meinte sie, und gleich
+darauf: sie habe ein reines Gewissen und brauche vor niemand die Augen
+niederzuschlagen.
+
+Thiel hörte kaum, was sie sagte. Seine Blicke streiften flüchtig das
+heulende Tobiäschen. Einen Augenblick schien es, als müsse er gewaltsam
+etwas Furchtbares zurückhalten, was in ihm aufstieg; dann legte sich
+über die gespannten Mienen plötzlich das alte Phlegma, von einem
+verstohlnen begehrlichen Aufblitzen der Augen seltsam belebt.
+Sekundenlang spielte sein Blick über den starken Gliedmaßen seines
+Weibes, das, mit abgewandtem Gesicht herumhantierend, noch immer nach
+Fassung suchte. Ihre vollen, halbnackten Brüste blähten sich vor
+Erregung und drohten das Mieder zu sprengen, und ihre aufgerafften Röcke
+ließen die breiten Hüften noch breiter erscheinen. Eine Kraft schien von
+dem Weibe auszugehen, unbezwingbar, unentrinnbar, der Thiel sich nicht
+gewachsen fühlte.
+
+Leicht gleich einem feinen Spinngewebe und doch fest wie ein Netz von
+Eisen legte es sich um ihn, fesselnd, überwindend, erschlaffend. Er
+hätte in diesem Zustand überhaupt kein Wort an sie zu richten vermocht,
+am allerwenigsten ein hartes, und so mußte Tobias, der in Tränen gebadet
+und verängstet in einer Ecke hockte, sehen, wie der Vater, ohne sich
+auch nur weiter nach ihm umzuschauen, das vergessene Brot von der
+Ofenbank nahm, es der Mutter als einzige Erklärung hinhielt und mit
+einem kurzen, zerstreuten Kopfnicken sogleich wieder verschwand.
+
+
+3
+
+Obgleich Thiel den Weg in seine Waldeinsamkeit mit möglichster Eile
+zurücklegte, kam er doch erst fünfzehn Minuten nach der ordnungsmäßigen
+Zeit an den Ort seiner Bestimmung.
+
+Der Hilfswärter, ein infolge des bei seinem Dienst unumgänglichen,
+schnellen Temperaturwechsels schwindsüchtig gewordener Mensch, der mit
+ihm im Dienst abwechselte, stand schon fertig zum Aufbruch auf der
+kleinen, sandigen Plattform des Häuschens, dessen große Nummer schwarz
+auf weiß weithin durch die Stämme leuchtete.
+
+Die beiden Männer reichten sich die Hände, machten sich einige kurze
+Mitteilungen und trennten sich. Der eine verschwand im Innern der Bude,
+der andere ging quer über die Strecke, die Fortsetzung jener Straße
+benutzend, welche Thiel gekommen war. Man hörte sein krampfhaftes Husten
+erst näher, dann ferner durch die Stämme, und mit ihm verstummte der
+einzige menschliche Laut in dieser Einöde. Thiel begann wie immer so
+auch heute damit, das enge, viereckige Steingebauer der Wärterbude auf
+seine Art für die Nacht herzurichten. Er tat es mechanisch, während sein
+Geist mit dem Eindruck der letzten Stunden beschäftigt war. Er legte
+sein Abendbrot auf den schmalen, braungestrichenen Tisch an einem der
+beiden schlitzartigen Seitenfenster, von denen aus man die Strecke
+bequem übersehen konnte. Hierauf entzündete er in dem kleinen, rostigen
+Öfchen ein Feuer und stellte einen Topf kalten Wassers darauf. Nachdem
+er schließlich noch in die Gerätschaften Schaufel, Spaten, Schraubstock
+usw. einige Ordnung gebracht hatte, begab er sich ans Putzen seiner
+Laterne, die er zugleich mit frischem Petroleum versorgte.
+
+Als dies geschehen war, meldete die Glocke mit drei schrillen Schlägen,
+die sich wiederholten, daß ein Zug in der Richtung von Breslau her aus
+der nächstliegenden Station abgelassen sei. Ohne die mindeste Hast zu
+zeigen, blieb Thiel noch eine gute Weile im Innern der Bude, trat
+endlich, Fahne und Patronentasche in der Hand, langsam ins Freie und
+bewegte sich trägen und schlürfenden Ganges über den schmalen Sandpfad,
+dem etwa zwanzig Schritt entfernten Bahnübergang zu. Seine Barrieren
+schloß und öffnete Thiel vor und nach jedem Zuge gewissenhaft, obgleich
+der Weg nur selten von jemand passiert wurde.
+
+Er hatte seine Arbeit beendet und lehnte jetzt wartend an der
+schwarzweißen Sperrstange.
+
+Die Strecke schnitt rechts und links gradlinig in den unabsehbaren,
+grünen Forst hinein; zu ihren beiden Seiten stauten die Nadelmassen
+gleichsam zurück, zwischen sich eine Gasse freilassend, die der
+rötlichbraune, kiesbestreute Bahndamm ausfüllte. Die schwarzen
+parallellaufenden Geleise darauf glichen in ihrer Gesamtheit einer
+ungeheuren, eisernen Netzmasche, deren schmale Strähne sich im äußersten
+Süden und Norden in einem Punkte des Horizontes zusammenzogen.
+
+Der Wind hatte sich erhoben und trieb leise Wellen den Waldrand hinunter
+und in die Ferne hinein. Aus den Telegraphenstangen, die die Strecke
+begleiteten, tönten summende Akkorde. Auf den Drähten, die sich wie das
+Gewebe einer Riesenspinne von Stange zu Stange fortrankten, klebten in
+dichten Reihen Scharen zwitschernder Vögel. Ein Specht flog lachend über
+Thiels Kopf weg, ohne daß er eines Blickes gewürdigt wurde.
+
+Die Sonne, welche soeben unter dem Rande mächtiger Wolken herabhing, um
+in das schwarzgrüne Wipfelmeer zu versinken, goß Ströme von Purpur über
+den Forst. Die Säulenarkaden der Kiefernstämme jenseit des Dammes
+entzündeten sich gleichsam von innen heraus und glühten wie Eisen.
+
+Auch die Geleise begannen zu glühen, feurigen Schlangen gleich, aber sie
+erloschen zuerst. Und nun stieg die Glut langsam vom Erdboden in die
+Höhe, erst die Schäfte der Kiefern, weiter den größten Teil ihrer Kronen
+in kaltem Verwesungslichte zurücklassend, zuletzt nur noch den äußersten
+Rand der Wipfel mit einem rötlichen Schimmer streifend. Lautlos und
+feierlich vollzog sich das erhabene Schauspiel. Der Wärter stand noch
+immer regungslos an der Barriere. Endlich trat er einen Schritt vor. Ein
+dunkler Punkt am Horizonte, da wo die Geleise sich trafen, vergrößerte
+sich. Von Sekunde zu Sekunde wachsend, schien er doch auf einer Stelle
+zu stehen. Plötzlich bekam er Bewegung und näherte sich. Durch die
+Geleise ging ein Vibrieren und Summen, ein rhythmisches Geklirr, ein
+dumpfes Getöse, das, lauter und lauter werdend, zuletzt den Hufschlägen
+eines heranbrausenden Reitergeschwaders nicht unähnlich war.
+
+Ein Keuchen und Brausen schwoll stoßweise fernher durch die Luft. Dann
+plötzlich zerriß die Stille. Ein rasendes Tosen und Toben erfüllte den
+Raum, die Geleise bogen sich, die Erde zitterte -- ein starker Luftdruck
+-- eine Wolke von Staub, Dampf und Qualm, und das schwarze, schnaubende
+Ungetüm war vorüber. So wie sie anwuchsen, starben nach und nach die
+Geräusche. Der Dunst verzog sich. Zum Punkte eingeschrumpft, schwand der
+Zug in der Ferne, und das alte heilge Schweigen schlug über dem
+Waldwinkel zusammen.
+
+ * * * * *
+
+»Minna,« flüsterte der Wärter wie aus einem Traum erwacht und ging nach
+seiner Bude zurück. Nachdem er sich einen dünnen Kaffee aufgebrüht, ließ
+er sich nieder und starrte, von Zeit zu Zeit einen Schluck zu sich
+nehmend, auf ein schmutziges Stück Zeitungspapier, das er irgendwo an
+der Strecke aufgelesen.
+
+Nach und nach überkam ihn eine seltsame Unruhe. Er schob es auf die
+Backofenglut, welche das Stübchen erfüllte, und riß Rock und Weste auf,
+um sich zu erleichtern. Wie das nichts half, erhob er sich, nahm einen
+Spaten aus der Ecke und begab sich auf das geschenkte Äckerchen.
+
+Es war ein schmaler Streifen Sandes, von Unkraut dicht überwuchert. Wie
+schneeweißer Schaum lag die junge Blütenpracht auf den Zweigen der
+beiden Zwergobstbäumchen, welche darauf standen.
+
+Thiel wurde ruhig und ein stilles Wohlgefallen beschlich ihn.
+
+Nun also an die Arbeit.
+
+Der Spaten schnitt knirschend in das Erdreich; die nassen Schollen
+fielen dumpf zurück und bröckelten auseinander.
+
+Eine Zeitlang grub er ohne Unterbrechung. Dann hielt er plötzlich inne
+und sagte laut und vernehmlich vor sich hin, indem er dazu bedenklich
+den Kopf hin und her wiegte: »Nein, nein, das geht ja nicht,« und
+wieder: »nein, nein, das geht ja gar nicht.«
+
+Es war ihm plötzlich eingefallen, daß ja nun Lene des öftern
+herauskommen würde, um den Acker zu bestellen, wodurch dann die
+hergebrachte Lebensweise in bedenkliche Schwankungen geraten mußte. Und
+jäh verwandelte sich seine Freude über den Besitz des Ackers in
+Widerwillen. Hastig, wie wenn er etwas Unrechtes zu tun im Begriff
+gestanden hätte, riß er den Spaten aus der Erde und trug ihn nach der
+Bude zurück. Hier versank er abermals in dumpfe Grübelei. Er wußte kaum
+warum, aber die Aussicht, Lene ganze Tage lang bei sich im Dienst zu
+haben, wurde ihm, so sehr er auch versuchte, sich damit zu versöhnen,
+immer unerträglicher. Es kam ihm vor, als habe er etwas ihm Wertes zu
+verteidigen, als versuchte jemand sein Heiligstes anzutasten, und
+unwillkürlich spannten sich seine Muskeln in gelindem Krampfe, während
+ein kurzes herausforderndes Lachen seinen Lippen entfuhr. Vom Widerhall
+dieses Lachens erschreckt, blickte er auf und verlor dabei den Faden
+seiner Betrachtungen. Als er ihn wiedergefunden, wühlte er sich
+gleichsam in den alten Gegenstand.
+
+Und plötzlich zerriß etwas wie ein dichter, schwarzer Vorhang in zwei
+Stücke, und seine umnebelten Augen gewannen einen klaren Ausblick. Es
+war ihm auf einmal zumute, als erwache er aus einem zweijährigen
+totenähnlichen Schlaf und betrachte nun mit ungläubigem Kopfschütteln
+all das Haarsträubende, welches er in diesem Zustand begangen haben
+sollte. Die Leidensgeschichte seines Ältesten, welche die Eindrücke der
+letzten Stunden nur noch hatten besiegeln können, trat deutlich vor
+seine Seele. Mitleid und Reue ergriff ihn, sowie auch eine tiefe Scham
+darüber, daß er diese ganze Zeit in schmachvoller Duldung hingelebt
+hatte, ohne sich des lieben, hilflosen Geschöpfes anzunehmen, ja, ohne
+nur die Kraft zu finden, sich einzugestehen, wie sehr dieses litt.
+
+Über den selbstquälerischen Vorstellungen all seiner Unterlassungssünden
+überkam ihn eine schwere Müdigkeit, und so entschlief er mit gekrümmtem
+Rücken, die Stirn auf die Hand, diese auf den Tisch gelegt.
+
+Eine Zeitlang hatte er so gelegen, als er mit erstickter Stimme mehrmals
+den Namen »Minna« rief.
+
+Ein Brausen und Sausen füllte sein Ohr, wie von unermeßlichen
+Wassermassen; es wurde dunkel um ihn, er riß die Augen auf und erwachte.
+Seine Glieder flogen, der Angstschweiß drang ihm aus allen Poren, sein
+Puls ging unregelmäßig, sein Gesicht war naß von Tränen.
+
+Es war stockdunkel. Er wollte einen Blick nach der Tür werfen, ohne zu
+wissen, wohin er sich wenden sollte. Taumelnd erhob er sich, noch immer
+währte seine Herzensangst. Der Wald draußen rauschte wie Meeresbrandung,
+der Wind warf Hagel und Regen gegen die Fenster des Häuschens. Thiel
+tastete ratlos mit den Händen umher. Einen Augenblick kam er sich vor
+wie ein Ertrinkender -- da plötzlich flammte es bläulich blendend auf,
+wie wenn Tropfen überirdischen Lichtes in die dunkle Erdatmosphäre
+herabsänken, um sogleich von ihr erstickt zu werden.
+
+Der Augenblick genügte, um den Wärter zu sich selbst zu bringen. Er
+griff nach seiner Laterne, die er auch glücklich zu fassen bekam, und in
+diesem Augenblick erwachte der Donner am fernsten Saume des märkischen
+Nachthimmels. Erst dumpf und verhalten grollend, wälzte er sich näher in
+kurzen, brandenden Erzwellen, bis er, zu Riesenstößen anwachsend, sich
+endlich, die ganze Atmosphäre überflutend, dröhnend, schütternd und
+brausend entlud.
+
+Die Scheiben klirrten, die Erde erbebte.
+
+Thiel hatte Licht gemacht. Sein erster Blick, nachdem er die Fassung
+wieder gewonnen, galt der Uhr. Es lagen kaum fünf Minuten zwischen jetzt
+und der Ankunft des Schnellzuges. Da er glaubte, das Signal überhört zu
+haben, begab er sich, so schnell als Sturm und Dunkelheit erlaubten,
+nach der Barriere. Als er noch damit beschäftigt war, diese zu
+schließen, erklang die Signalglocke. Der Wind zerriß ihre Töne und warf
+sie nach allen Richtungen auseinander. Die Kiefern bogen sich und rieben
+unheimlich knarrend und quietschend ihre Zweige aneinander. Einen
+Augenblick wurde der Mond sichtbar, wie er gleich einer blaßgoldenen
+Schale zwischen den Wolken lag. In seinem Lichte sah man das Wühlen des
+Windes in den schwarzen Kronen der Kiefern. Die Blattgehänge der Birken
+am Bahndamm wehten und flatterten wie gespenstige Roßschweife. Darunter
+lagen die Linien der Geleise, welche, vor Nässe glänzend, das blasse
+Mondlicht in einzelnen Flecken aufsogen.
+
+Thiel riß die Mütze vom Kopfe. Der Regen tat ihm wohl und lief vermischt
+mit Tränen über sein Gesicht. Es gärte in seinem Hirn; unklare
+Erinnerungen an das, was er im Traum gesehen, verjagten einander. Es war
+ihm gewesen, als würde Tobias von jemand mißhandelt und zwar auf eine so
+entsetzliche Weise, daß ihm noch jetzt bei dem Gedanken daran das Herz
+stille stand. Einer anderen Erscheinung erinnerte er sich deutlicher. Er
+hatte seine verstorbene Frau gesehen. Sie war irgendwoher aus der Ferne
+gekommen, auf einem der Bahngeleise. Sie hatte recht kränklich
+ausgesehen und statt der Kleider hatte sie Lumpen getragen. Sie war an
+Thiels Häuschen vorübergekommen, ohne sich danach umzuschauen und
+schließlich -- hier wurde die Erinnerung undeutlich -- war sie aus
+irgend welchem Grunde nur mit großer Mühe vorwärts gekommen und sogar
+mehrmals zusammengebrochen.
+
+Thiel dachte weiter nach, und nun wußte er, daß sie sich auf der Flucht
+befunden hatte. Es lag außer allem Zweifel, denn weshalb hätte sie sonst
+diese Blicke voll Herzensangst nach rückwärts gesandt und sich weiter
+geschleppt, obgleich ihr die Füße den Dienst versagten. O diese
+entsetzlichen Blicke!
+
+Aber es war etwas, das sie mit sich trug, in Tücher gewickelt, etwas
+Schlaffes, Blutiges, Bleiches, und die Art, mit der sie darauf
+niederblickte, erinnerte ihn an Szenen der Vergangenheit.
+
+Er dachte an eine sterbende Frau, die ihr kaum geborenes Kind, das sie
+zurücklassen mußte, unverwandt anblickte, mit einem Ausdruck tiefsten
+Schmerzes, unfaßbarer Qual, jenem Ausdruck, den Thiel ebensowenig
+vergessen konnte, als daß er einen Vater und eine Mutter habe.
+
+Wo war sie hingekommen? Er wußte es nicht. Das aber trat ihm klar vor
+die Seele: sie hatte sich von ihm losgesagt, ihn nicht beachtet, sie
+hatte sich fortgeschleppt immer weiter und weiter durch die stürmische,
+dunkle Nacht. Er hatte sie gerufen: »Minna, Minna,« und davon war er
+erwacht.
+
+Zwei rote, runde Lichter durchdrangen wie die Glotzaugen eines riesigen
+Ungetüms die Dunkelheit. Ein blutiger Schein ging vor ihnen her, der die
+Regentropfen in seinem Bereich in Blutstropfen verwandelte. Es war, als
+fiele ein Blutregen vom Himmel.
+
+Thiel fühlte ein Grauen, und je näher der Zug kam, eine um so größere
+Angst; Traum und Wirklichkeit verschmolzen ihm in eins. Noch immer sah
+er das wandernde Weib auf den Schienen, und seine Hand irrte nach der
+Patronentasche, als habe er die Absicht, den rasenden Zug zum Stehen zu
+bringen. Zum Glück war es zu spät, denn schon flirrte es vor Thiels
+Augen von Lichtern, und der Zug raste vorüber.
+
+Den übrigen Teil der Nacht fand Thiel wenig Ruhe mehr in seinem Dienst.
+Es drängte ihn daheim zu sein. Er sehnte sich, Tobiäschen wiederzusehen.
+Es war ihm zumute, als sei er durch Jahre von ihm getrennt gewesen.
+Zuletzt war er in steigender Bekümmernis um das Befinden des Jungen
+mehrmals versucht, den Dienst zu verlassen.
+
+Um die Zeit hinzubringen beschloß Thiel, sobald es dämmerte, seine
+Strecke zu revidieren. In der Linken einen Stock, in der Rechten einen
+langen, eisernen Schraubschlüssel schritt er denn auch alsbald auf dem
+Rücken einer Bahnschiene in das schmutzig graue Zwielicht hinein.
+
+Hin und wieder zog er mit dem Schraubschlüssel einen Bolzen fest oder
+schlug an eine der runden Eisenstangen, welche die Geleise untereinander
+verbanden.
+
+Regen und Wind hatten nachgelassen, und zwischen zerschlissenen
+Wolkenschichten wurden hie und da Stücke eines blaßblauen Himmels
+sichtbar.
+
+Das eintönige Klappen der Sohlen auf dem harten Metall, verbunden mit
+dem schläfrigen Geräusch der tropfenschüttelnden Bäume beruhigte Thiel
+nach und nach.
+
+Um sechs Uhr früh wurde er abgelöst und trat ohne Verzug den Heimweg an.
+
+Es war ein herrlicher Sonntagmorgen.
+
+Die Wolken hatten sich zerteilt und waren mittlerweile hinter den
+Umkreis des Horizontes hinabgesunken. Die Sonne goß, im Aufgehen gleich
+einem ungeheuren blutroten Edelstein funkelnd, wahre Lichtmassen über
+den Forst.
+
+In scharfen Linien schossen die Strahlenbündel durch das Gewirr der
+Stämme, hier eine Insel zarter Farnkräuter, deren Wedel feingeklöppelten
+Spitzen glichen, mit Glut behauchend, dort die silbergrauen Flechten
+des Waldgrundes zu roten Korallen umwandelnd.
+
+Von Wipfeln, Stämmen und Gräsern floß der Feuertau. Eine Sintflut von
+Licht schien über die Erde ausgegossen. Es lag eine Frische in der Luft,
+die bis ins Herz drang, und auch hinter Thiels Stirn mußten die Bilder
+der Nacht allmählich verblassen.
+
+Mit dem Augenblick jedoch, wo er in die Stube trat und Tobiäschen
+rotwangiger als je im sonnenbeschienenen Bette liegen sah, waren sie
+ganz verschwunden.
+
+Wohl wahr! Im Verlauf des Tages glaubte Lene mehrmals etwas
+Befremdliches an ihm wahrzunehmen; so im Kirchstuhl, als er, statt ins
+Buch zu schauen, sie selbst von der Seite betrachtete, und dann auch um
+die Mittagszeit, als er, ohne ein Wort zu sagen, das Kleine, welches
+Tobias wie gewöhnlich auf die Straße tragen sollte, aus dessen Arm nahm
+und ihr auf den Schoß setzte. Sonst aber hatte er nicht das geringste
+Auffällige an sich.
+
+Thiel, der den Tag über nicht dazu gekommen war, sich niederzulegen,
+kroch, da er die folgende Woche Tagdienst hatte, bereits gegen neun Uhr
+abends ins Bett. Gerade als er im Begriff war einzuschlafen, eröffnete
+ihm die Frau, daß sie am folgenden Morgen mit nach dem Walde gehen
+werde, um das Land umzugraben und Kartoffeln zu stecken.
+
+Thiel zuckte zusammen; er war ganz wach geworden, hielt jedoch die Augen
+fest geschlossen.
+
+Es sei die höchste Zeit, meinte Lene, wenn aus den Kartoffeln noch etwas
+werden sollte, und fügte bei, daß sie die Kinder werde mitnehmen müssen,
+da vermutlich der ganze Tag draufgehen würde. Der Wärter brummte einige
+unverständliche Worte, die Lene weiter nicht beachtete. Sie hatte ihm
+den Rücken gewandt und war beim Scheine eines Talglichtes damit
+beschäftigt, das Mieder aufzunesteln und die Röcke herabzulassen.
+
+Plötzlich fuhr sie herum, ohne selbst zu wissen aus welchem Grunde, und
+blickte in das von Leidenschaften verzerrte, erdfarbene Gesicht ihres
+Mannes, der sie, halb aufgerichtet, die Hände auf der Bettkante, mit
+brennenden Augen anstarrte.
+
+»Thiel!« -- schrie die Frau halb zornig, halb erschreckt, und wie ein
+Nachtwandler, den man bei Namen ruft, erwachte er aus seiner Betäubung,
+stotterte einige verwirrte Worte, warf sich in die Kissen zurück und zog
+das Deckbett über die Ohren.
+
+Lene war die erste, welche sich am folgenden Morgen vom Bett erhob. Ohne
+dabei Lärm zu machen, bereitete sie alles Nötige für den Ausflug vor.
+Der Kleinste wurde in den Kinderwagen gelegt, darauf Tobias geweckt und
+angezogen. Als er erfuhr, wohin es gehen sollte, mußte er lächeln.
+Nachdem alles bereit war und auch der Kaffee fertig auf dem Tisch stand,
+erwachte Thiel. Mißbehagen war sein erstes Gefühl beim Anblick all der
+getroffenen Vorbereitungen. Er hätte wohl gern ein Wort dagegen gesagt,
+aber er wußte nicht, womit beginnen. Und welche für Lene stichhaltigen
+Gründe hätte er auch angeben sollen?
+
+Allmählich begann dann das mehr und mehr strahlende Gesichtchen seinen
+Einfluß auf Thiel zu üben, so daß er schließlich schon um der Freude
+willen, welche dem Jungen der Ausflug bereitete, nicht daran denken
+konnte, Widerspruch zu erheben. Nichtsdestoweniger blieb Thiel während
+der Wanderung durch den Wald nicht frei von Unruhe. Er stieß das
+Kinderwägelchen mühsam durch den tiefen Sand und hatte allerhand Blumen
+darauf liegen, die Tobias gesammelt hatte.
+
+Der Junge war ausnehmend lustig. Er hüpfte in seinem braunen
+Plüschmützchen zwischen den Farnkräutern umher und suchte auf eine
+freilich etwas unbeholfene Art die glasflügligen Libellen zu fangen, die
+darüber hingaukelten. Sobald man angelangt war, nahm Lene den Acker in
+Augenschein. Sie warf das Säckchen mit Kartoffelstücken, welches sie zur
+Saat mitgebracht hatte, auf den Grasrand eines kleinen Birkengehölzes,
+kniete nieder und ließ den etwas dunkel gefärbten Sand durch ihre harten
+Finger laufen.
+
+Thiel beobachtete sie gespannt: »Nun, wie ist er?«
+
+»Reichlich so gut wie die Spree-Ecke!« Dem Wärter fiel eine Last von der
+Seele. Er hatte gefürchtet, sie würde unzufrieden sein, und kratzte
+beruhigt seine Bartstoppeln.
+
+Nachdem die Frau hastig eine dicke Brotkante verzehrt hatte, warf sie
+Tuch und Jacke fort und begann zu graben, mit der Geschwindigkeit und
+Ausdauer einer Maschine. In bestimmten Zwischenräumen richtete sie sich
+auf und holte in tiefen Zügen Luft, aber es war jeweilig nur ein
+Augenblick, wenn nicht etwa das Kleine gestillt werden mußte, was mit
+keuchender, schweißtropfender Brust hastig geschah.
+
+»Ich muß die Strecke belaufen, ich werde Tobias mitnehmen,« rief der
+Wärter nach einer Weile von der Plattform vor der Bude aus zu ihr
+herüber.
+
+»Ach was -- Unsinn!« schrie sie zurück, »wer soll bei dem Kleinen
+bleiben?« -- »Hierher kommst du!« setzte sie noch lauter hinzu, während
+der Wärter, als ob er sie nicht hören könne, mit Tobiäschen davonging.
+
+Im ersten Augenblick erwog sie, ob sie nicht nachlaufen solle, und nur
+der Zeitverlust bestimmte sie, davon abzustehen. Thiel ging mit Tobias
+die Strecke entlang. Der Kleine war nicht wenig erregt; alles war ihm
+neu, fremd. Er begriff nicht, was die schmalen, schwarzen, vom
+Sonnenlicht erwärmten Schienen zu bedeuten hatten. Unaufhörlich tat er
+allerhand sonderbare Fragen. Vor allem verwunderlich war ihm das Klingen
+der Telegraphenstangen. Thiel kannte den Ton jeder einzelnen seines
+Reviers, so daß er mit geschlossenen Augen stets gewußt haben würde, in
+welchem Teil der Strecke er sich gerade befand.
+
+Oft blieb er, Tobiäschen an der Hand, stehen, um den wunderbaren Lauten
+zu lauschen, die aus dem Holze wie sonore Choräle aus dem Innern einer
+Kirche hervorströmten. Die Stange am Südende des Reviers hatte einen
+besonders vollen und schönen Akkord. Es war ein Gewühl von Tönen in
+ihrem Innern, die ohne Unterbrechung gleichsam in einem Atem
+fortklangen, und Tobias lief rings um das verwitterte Holz, um, wie er
+glaubte, durch eine Öffnung die Urheber des lieblichen Getöns zu
+entdecken. Der Wärter wurde weihevoll gestimmt, ähnlich wie in der
+Kirche. Zudem unterschied er mit der Zeit eine Stimme, die ihn an seine
+verstorbene Frau erinnerte. Er stellte sich vor, es sei ein Chor seliger
+Geister, in den sie ja auch ihre Stimme mische, und diese Vorstellung
+erweckte in ihm eine Sehnsucht, eine Rührung bis zu Tränen.
+
+Tobias verlangte nach den Blumen, die seitab standen, und Thiel wie
+immer gab ihm nach.
+
+Stücke blauen Himmels schienen auf den Boden des Haines herabgesunken,
+so wunderbar dicht standen kleine, blaue Blüten darauf. Farbigen Wimpeln
+gleich flatterten und gaukelten die Schmetterlinge lautlos zwischen dem
+leuchtenden Weiß der Stämme, indes durch die zartgrünen Blätterwolken
+der Birkenkronen ein sanftes Rieseln ging.
+
+Tobias rupfte Blumen und der Vater schaute ihm sinnend zu. Zuweilen auch
+erhob sich der Blick des letzteren und suchte durch die Lücken der
+Blätter den Himmel, der wie eine riesige, makellos blaue Kristallschale
+das Goldlicht der Sonne auffing.
+
+»Vater, ist das der liebe Gott?« fragte der Kleine plötzlich, auf ein
+braunes Eichhörnchen deutend, das unter kratzenden Geräuschen am Stamme
+einer alleinstehenden Kiefer hinanhuschte.
+
+»Närrischer Kerl,« war alles, was Thiel erwidern konnte, während
+losgerissene Borkenstückchen den Stamm herunter vor seine Füße fielen.
+
+Die Mutter grub noch immer, als Thiel und Tobias zurückkamen. Die Hälfte
+des Ackers war bereits umgeworfen.
+
+Die Bahnzüge folgten einander in kurzen Zwischenräumen, und Tobias sah
+sie jedesmal mit offenem Munde vorübertoben.
+
+Die Mutter selbst hatte ihren Spaß an seinen drolligen Grimassen.
+
+Das Mittagessen, bestehend aus Kartoffeln und einem Restchen kalten
+Schweinebraten, verzehrte man in der Bude. Lene war aufgeräumt, und auch
+Thiel schien sich in das Unvermeidliche mit gutem Anstand fügen zu
+wollen. Er unterhielt seine Frau während des Essens mit allerlei Dingen,
+die in seinen Beruf schlugen. So fragte er sie, ob sie sich denken
+könne, daß in einer einzigen Bahnschiene sechsundvierzig Schrauben
+säßen und anderes mehr.
+
+Am Vormittage war Lene mit Umgraben fertig geworden; am Nachmittag
+sollten die Kartoffeln gesteckt werden. Sie bestand darauf, daß Tobias
+jetzt das Kleine warte und nahm ihn mit sich.
+
+»Paß auf ...« rief Thiel ihr nach, von plötzlicher Besorgnis ergriffen,
+»paß auf, daß er den Geleisen nicht zu nahe kommt.«
+
+Ein Achselzucken Lenes war die Antwort.
+
+ * * * * *
+
+Der schlesische Schnellzug war gemeldet und Thiel mußte auf seinen
+Posten. Kaum stand er dienstfertig an der Barriere, so hörte er ihn auch
+schon heranbrausen.
+
+Der Zug wurde sichtbar -- er kam näher -- in unzählbaren, sich
+überhastenden Stößen fauchte der Dampf aus dem schwarzen
+Maschinenschlote. Da: ein -- zwei -- drei milchweiße Dampfstrahlen
+quollen kerzengrade empor, und gleich darauf brachte die Luft den Pfiff
+der Maschine getragen. Dreimal hintereinander, kurz, grell,
+beängstigend. Sie bremsen, dachte Thiel, warum nur? Und wieder gellten
+die Notpfiffe schreiend, den Widerhall weckend, diesmal in langer,
+ununterbrochener Reihe.
+
+Thiel trat vor, um die Strecke überschauen zu können. Mechanisch zog er
+die rote Fahne aus dem Futteral und hielt sie gerade vor sich hin über
+die Geleise. -- Jesus Christus! war er blind gewesen? »Jesus Christus --
+o Jesus, Jesus, Jesus Christus! was war das? Dort! -- dort zwischen den
+Schienen ... Ha--alt!« schrie der Wärter aus Leibeskräften. Zu spät.
+Eine dunkle Masse war unter den Zug geraten und wurde zwischen den
+Rädern wie ein Gummiball hin und her geworfen. Noch einige Augenblicke,
+und man hörte das Knarren und Quietschen der Bremsen. Der Zug stand.
+
+Die einsame Strecke belebte sich. Zugführer und Schaffner rannten über
+den Kies nach dem Ende des Zuges. Aus jedem Fenster blickten neugierige
+Gesichter und jetzt -- die Menge knäulte sich und kam nach vorn.
+
+Thiel keuchte; er mußte sich festhalten, um nicht umzusinken wie ein
+gefällter Stier. Wahrhaftig, man winkt ihm -- »nein!«
+
+Ein Aufschrei zerreißt die Luft von der Unglücksstelle her, ein Geheul
+folgt, wie aus der Kehle eines Tieres kommend. Wer war das?! Lene?! Es
+war nicht ihre Stimme und doch ...
+
+Ein Mann kommt in Eile die Strecke herauf.
+
+»Wärter!!«
+
+»Was gibt's?«
+
+»Ein Unglück!« ... Der Bote schrickt zurück, denn des Wärters Augen
+spielen seltsam. Die Mütze sitzt schief, die roten Haare scheinen sich
+aufzubäumen.
+
+»Er lebt noch, vielleicht ist noch Hilfe.«
+
+Ein Röcheln ist die einzige Antwort.
+
+»Kommen Sie schnell, schnell!«
+
+Thiel reißt sich auf mit gewaltiger Anstrengung. Seine schlaffen Muskeln
+spannen sich; er richtet sich hoch auf, sein Gesicht ist blöd und tot.
+
+Er rennt mit dem Boten, er sieht nicht die todbleichen, erschreckten
+Gesichter der Reisenden in den Zugfenstern. Eine junge Frau schaut
+heraus, ein Handlungsreisender im Fes, ein junges Paar, anscheinend auf
+der Hochzeitsreise. Was geht's ihn an? Er hat sich nie um den Inhalt
+dieser Polterkasten gekümmert; -- sein Ohr füllt das Geheul Lenens. Vor
+seinen Augen schwimmt es durcheinander, gelbe Punkte, Glühwürmchen
+gleich, unzählig. Er schrickt zurück -- er steht. Aus dem Tanze der
+Glühwürmchen tritt es hervor, blaß, schlaff, blutrünstig. Eine Stirn,
+braun und blau geschlagen, blaue Lippen, über die schwarzes Blut
+tröpfelt. Er ist es.
+
+Thiel spricht nicht. Sein Gesicht nimmt eine schmutzige Blässe an. Er
+lächelt wie abwesend; endlich beugt er sich; er fühlt die schlaffen,
+toten Gliedmaßen schwer in seinen Armen; die rote Fahne wickelt sich
+darum.
+
+Er geht.
+
+Wohin?
+
+»Zum Bahnarzt, zum Bahnarzt,« tönt es durcheinander.
+
+»Wir nehmen ihn gleich mit,« ruft der Packmeister und macht in seinem
+Wagen aus Dienströcken und Büchern ein Lager zurecht. »Nun also?«
+
+Thiel macht keine Anstalten, den Verunglückten loszulassen. Man drängt
+in ihn. Vergebens. Der Packmeister läßt eine Bahre aus dem Packwagen
+reichen und beordert einen Mann, dem Vater beizustehen.
+
+Die Zeit ist kostbar. Die Pfeife des Zugführers trillert. Münzen regnen
+aus den Fenstern.
+
+Lene gebärdet sich wie wahnsinnig. »Das arme, arme Weib,« heißt es in
+den Kupees, »die arme, arme Mutter.«
+
+Der Zugführer trillert abermals -- ein Pfiff -- die Maschine stößt
+weiße, zischende Dämpfe aus ihren Zylindern und streckt ihre eisernen
+Sehnen; einige Sekunden und der Kurierzug braust mit wehender Rauchfahne
+in doppelter Geschwindigkeit durch den Forst.
+
+Der Wärter, anderen Sinnes geworden, legt den halbtoten Jungen auf die
+Bahre. Da liegt er da in seiner verkommenen Körpergestalt, und hin und
+wieder hebt ein langer, rasselnder Atemzug die knöcherne Brust, welche
+unter dem zerfetzten Hemd sichtbar wird. Die Ärmchen und Beinchen, nicht
+nur in den Gelenken gebrochen, nehmen die unnatürlichsten Stellungen
+ein. Die Ferse des kleinen Fußes ist nach vorn gedreht. Die Arme
+schlottern über den Rand der Bahre.
+
+Lene wimmert in einem fort; jede Spur ihres einstigen Trotzes ist aus
+ihrem Wesen gewichen. Sie wiederholt fortwährend eine Geschichte, die
+sie von jeder Schuld an dem Vorfall reinwaschen soll.
+
+Thiel scheint sie nicht zu beachten; mit entsetzlich bangem Ausdruck
+haften seine Augen an dem Kinde.
+
+Es ist still ringsum geworden, totenstill; schwarz und heiß ruhen die
+Geleise auf dem blendenden Kies. Der Mittag hat die Winde erstickt, und
+regungslos wie aus Stein steht der Forst.
+
+Die Männer beraten sich leise. Man muß, um auf dem schnellsten Wege nach
+Friedrichshagen zu kommen, nach der Station zurück, die nach der
+Richtung Breslau liegt, da der nächste Zug, ein beschleunigter
+Personenzug, auf der Friedrichshagen nähergelegenen nicht anhält.
+
+Thiel scheint zu überlegen, ob er mitgehen solle. Augenblicklich ist
+niemand da, der den Dienst versteht. Eine stumme Handbewegung bedeutet
+seiner Frau, die Bahre aufzunehmen; sie wagt nicht, sich zu widersetzen,
+obgleich sie um den zurückbleibenden Säugling besorgt ist. Sie und der
+fremde Mann tragen die Bahre. Thiel begleitet den Zug bis an die Grenze
+seines Reviers, dann bleibt er stehen und schaut ihm lange nach.
+Plötzlich schlägt er sich mit der flachen Hand vor die Stirn, daß es
+weithin schallt.
+
+Er meint sich zu erwecken, »denn es wird ein Traum sein, wie der
+gestern,« sagt er sich. -- Vergebens. -- Mehr taumelnd als laufend
+erreichte er sein Häuschen. Drinnen fiel er auf die Erde, das Gesicht
+voran. Seine Mütze rollte in die Ecke, seine peinlich gepflegte Uhr fiel
+aus der Tasche, die Kapsel sprang, das Glas zerbrach. Es war, als hielt
+ihn eine eiserne Faust im Nacken gepackt, so fest, daß er sich nicht
+bewegen konnte, so sehr er auch unter Ächzen und Stöhnen sich frei zu
+machen suchte. Seine Stirn war kalt, seine Augen trocken, sein Schlund
+brannte.
+
+Die Signalglocke weckte ihn. Unter dem Eindruck jener sich
+wiederholenden drei Glockenschläge ließ der Anfall nach. Thiel konnte
+sich erheben und seinen Dienst tun. Zwar waren seine Füße bleischwer,
+zwar kreiste um ihn die Strecke wie die Speiche eines ungeheuren Rades,
+dessen Achse sein Kopf war; aber er gewann doch wenigstens so viel
+Kraft, sich für einige Zeit aufrechtzuerhalten.
+
+Der Personenzug kam heran. Tobias mußte darin sein. Je näher er rückte,
+um so mehr verschwammen die Bilder vor Thiels Augen. Am Ende sah er nur
+noch den zerschlagenen Jungen mit dem blutigen Munde. Dann wurde es
+Nacht.
+
+Nach einer Weile erwachte er aus einer Ohnmacht. Er fand sich dicht an
+der Barriere im heißen Sande liegen. Er stand auf, schüttelte die
+Sandkörner aus seinen Kleidern und spie sie aus seinem Munde. Sein Kopf
+wurde ein wenig freier, er vermochte ruhiger zu denken.
+
+In der Bude nahm er sogleich seine Uhr vom Boden auf und legte sie auf
+den Tisch. Sie war trotz des Falles nicht stehengeblieben. Er zählte
+während zweier Stunden die Sekunden und Minuten, indem er sich
+vorstellte, was indes mit Tobias geschehen mochte: Jetzt kam Lene mit
+ihm an; jetzt stand sie vor dem Arzte. Dieser betrachtete und betastete
+den Jungen und schüttelte den Kopf.
+
+»Schlimm, sehr schlimm -- aber vielleicht ... wer weiß?« Er untersuchte
+genauer. »Nein,« sagte er dann, »nein, es ist vorbei.«
+
+»Vorbei, vorbei,« stöhnte der Wärter. Dann aber richtete er sich hoch
+auf und schrie, die rollenden Augen an die Decke geheftet, die erhobenen
+Hände unbewußt zur Faust ballend und mit einer Stimme, als müsse der
+enge Raum davon zerbersten: »Er muß, muß leben, ich sage dir, er muß,
+muß leben.« Und schon stieß er die Tür des Häuschens von neuem auf,
+durch die das rote Feuer des Abends hereinbrach, und rannte mehr als er
+ging nach der Barriere zurück. Hier blieb er eine Weile wie betroffen
+stehen und schritt dann plötzlich, beide Arme ausbreitend, bis in die
+Mitte des Dammes, als wenn er etwas aufhalten wollte, das aus der
+Richtung des Personenzuges kam. Dabei machten seine weit offenen Augen
+den Eindruck der Blindheit.
+
+Während er, rückwärts schreitend, vor etwas zu weichen schien, stieß er
+in einem fort halbverständliche Worte zwischen den Zähnen hervor: »Du --
+hörst du -- bleib doch -- du -- hör doch -- bleib -- gib ihn wieder --
+er ist braun und blau geschlagen -- ja ja -- gut -- ich will sie wieder
+braun und blau schlagen -- hörst du? bleib doch -- gib ihn mir wieder.«
+
+Es schien, als ob etwas an ihm vorüberwandle, denn er wandte sich und
+bewegte sich, wie um es zu verfolgen, nach der anderen Richtung.
+
+»Du, Minna« -- seine Stimme wurde weinerlich, wie die eines kleinen
+Kindes. »Du, Minna, hörst du? -- gib ihn wieder -- ich will ...« Er
+tastete in die Luft, wie um jemand festzuhalten. »Weibchen -- ja -- und
+da will ich sie ... und da will ich sie auch schlagen -- braun und blau
+-- auch schlagen -- und da will ich mit dem Beil -- siehst du? --
+Küchenbeil -- mit dem Küchenbeil will ich sie schlagen, und da wird sie
+verrecken.«
+
+»Und da ... ja mit dem Beil -- Küchenbeil ja -- schwarzes Blut!« Schaum
+stand vor seinem Munde, seine gläsernen Pupillen bewegten sich
+unaufhörlich.
+
+Ein sanfter Abendhauch strich leis und nachhaltig über den Forst, und
+rosaflammiges Wolkengelock hing über dem westlichen Himmel.
+
+Etwa hundert Schritt hatte er so das unsichtbare Etwas verfolgt, als er
+anscheinend mutlos stehenblieb, und mit entsetzlicher Angst in den
+Mienen streckte der Mann seine Arme aus, flehend, beschwörend. Er
+strengte seine Augen an und beschattete sie mit der Hand, wie um noch
+einmal in weiter Ferne das Wesenlose zu entdecken. Schließlich sank die
+Hand, und der gespannte Ausdruck seines Gesichts verkehrte sich in
+stumpfe Ausdruckslosigkeit; er wandte sich und schleppte sich den Weg
+zurück, den er gekommen.
+
+Die Sonne goß ihre letzte Glut über den Forst, dann erlosch sie. Die
+Stämme der Kiefern streckten sich wie bleiches, verwestes Gebein
+zwischen die Wipfel hinein, die wie grauschwarze Moderschichten auf
+ihnen lasteten. Das Hämmern eines Spechtes durchdrang die Stille. Durch
+den kalten, stahlblauen Himmelsraum ging ein einziges verspätetes
+Rosengewölk. Der Windhauch wurde kellerkalt, so daß es den Wärter
+fröstelte. Alles war ihm neu, alles fremd. Er wußte nicht, was das war,
+worauf er ging, oder das, was ihn umgab. Da huschte ein Eichhorn über
+die Strecke, und Thiel besann sich. Er mußte an den lieben Gott denken,
+ohne zu wissen warum. »Der liebe Gott springt über den Weg, der liebe
+Gott springt über den Weg.« Er wiederholte diesen Satz mehrmals,
+gleichsam um auf etwas zu kommen, das damit zusammenhing. Er unterbrach
+sich, ein Lichtschein fiel in sein Hirn, »aber mein Gott, das ist ja
+Wahnsinn.« Er vergaß alles und wandte sich gegen diesen neuen Feind. Er
+suchte Ordnung in seine Gedanken zu bringen, vergebens! Es war ein
+haltloses Streifen und Schweifen. Er ertappte sich auf den unsinnigsten
+Vorstellungen und schauderte zusammen im Bewußtsein seiner
+Machtlosigkeit.
+
+Aus dem nahen Birkenwäldchen kam Kindergeschrei. Es war das Signal zur
+Raserei. Fast gegen seinen Willen mußte er darauf zueilen und fand das
+Kleine, um welches sich niemand mehr gekümmert hatte, weinend und
+strampelnd ohne Bettchen im Wagen liegen. Was wollte er tun? Was trieb
+ihn hierher? Ein wirbelnder Strom von Gefühlen und Gedanken verschlang
+diese Fragen.
+
+»Der liebe Gott springt über den Weg,« jetzt wußte er, was das bedeuten
+wollte. »Tobias« -- sie hatte ihn gemordet -- Lene -- ihr war er
+anvertraut -- »Stiefmutter, Rabenmutter,« knirschte er, »und ihr Balg
+lebt.« Ein roter Nebel umwölkte seine Sinne, zwei Kinderaugen
+durchdrangen ihn; er fühlte etwas Weiches, Fleischiges zwischen seinen
+Fingern. Gurgelnde und pfeifende Laute, untermischt mit heiseren
+Ausrufen, von denen er nicht wußte, wer sie ausstieß, trafen sein Ohr.
+
+Da fiel etwas in sein Hirn wie Tropfen heißen Siegellacks, und es hob
+sich wie eine Starre von seinem Geist. Zum Bewußtsein kommend, hörte er
+den Nachhall der Meldeglocke durch die Luft zittern.
+
+Mit eins begriff er, was er hatte tun wollen: seine Hand löste sich von
+der Kehle des Kindes, welches sich unter seinem Griffe wand. -- Es rang
+nach Luft, dann begann es zu husten und zu schreien.
+
+»Es lebt! Gott sei Dank, es lebt!« Er ließ es liegen und eilte nach dem
+Übergange. Dunkler Qualm wälzte sich fernher über die Strecke, und der
+Wind drückte ihn zu Boden. Hinter sich vernahm er das Keuchen einer
+Maschine, welches wie das stoßweise gequälte Atmen eines kranken Riesen
+klang.
+
+Ein kaltes Zwielicht lag über der Gegend.
+
+Nach einer Weile, als die Rauchwolken auseinandergingen, erkannte Thiel
+den Kieszug, der mit geleerten Loren zurückging und die Arbeiter mit
+sich führte, welche tagsüber auf der Strecke gearbeitet hatten.
+
+Der Zug hatte eine reichbemessene Fahrzeit und durfte überall anhalten,
+um die hie und da noch beschäftigten Arbeiter aufzunehmen, andere
+hingegen abzusetzen. Ein gutes Stück vor Thiels Bude begann man zu
+bremsen. Ein lautes Quietschen, Schnarren, Rasseln und Klirren
+durchdrang weithin die Abendstille, bis der Zug unter einem einzigen
+schrillen, langgedehnten Ton stillstand.
+
+Etwa fünfzig Arbeiter und Arbeiterinnen waren in den Loren verteilt.
+Fast alle standen aufrecht, einige unter den Männern mit entblößtem
+Kopfe. In ihrer aller Wesen lag eine rätselhafte Feierlichkeit. Als sie
+des Wärters ansichtig wurden, erhob sich ein Flüstern unter ihnen. Die
+Alten zogen die Tabakspfeifen zwischen den gelben Zähnen hervor und
+hielten sie respektvoll in den Händen. Hie und da wandte sich ein
+Frauenzimmer, um sich zu schneuzen. Der Zugführer stieg auf die Strecke
+herunter und trat auf Thiel zu. Die Arbeiter sahen, wie er ihm feierlich
+die Hand schüttelte, worauf Thiel mit langsamem, fast militärisch-steifem
+Schritt auf den letzten Wagen zuschritt.
+
+Keiner der Arbeiter wagte ihn anzureden, obgleich sie ihn alle kannten.
+
+Aus dem letzten Wagen hob man soeben das kleine Tobiäschen.
+
+Es war tot.
+
+Lene folgte ihm; ihr Gesicht war bläulich-weiß, braune Kreise lagen um
+ihre Augen.
+
+Thiel würdigte sie keines Blickes; sie aber erschrak beim Anblick ihres
+Mannes. Seine Wangen waren hohl, Wimpern und Barthaare verklebt, der
+Scheitel, so schien es ihr, ergrauter als bisher. Die Spuren
+vertrockneter Tränen überall auf dem Gesicht; dazu ein unstetes Licht in
+seinen Augen, davor sie ein Grauen ankam.
+
+Auch die Tragbahre hatte man wieder mitgebracht, um die Leiche
+transportieren zu können.
+
+Eine Weile herrschte unheimliche Stille. Eine tiefe, entsetzliche
+Versonnenheit hatte sich Thiels bemächtigt. Es wurde dunkler. Ein Rudel
+Rehe setzte seitab auf den Bahndamm. Der Bock blieb stehen mitten
+zwischen den Geleisen. Er wandte seinen gelenken Hals neugierig herum,
+da pfiff die Maschine, und blitzartig verschwand er samt seiner Herde.
+
+In dem Augenblick, als der Zug sich in Bewegung setzen wollte, brach
+Thiel zusammen.
+
+Der Zug hielt abermals, und es entspann sich eine Beratung über das, was
+nun zu tun sei. Man entschied sich dafür, die Leiche des Kindes
+einstweilen im Wärterhaus unterzubringen und statt ihrer den durch kein
+Mittel wieder ins Bewußtsein zu rufenden Wärter mittelst der Bahre nach
+Hause zu bringen.
+
+Und so geschah es. Zwei Männer trugen die Bahre mit dem Bewußtlosen,
+gefolgt von Lene, die, fortwährend schluchzend, mit tränenüberströmtem
+Gesicht den Kinderwagen mit dem Kleinsten durch den Sand stieß.
+
+Wie eine riesige purpurglühende Kugel lag der Mond zwischen den
+Kieferschäften am Waldesgrund. Je höher er rückte um so kleiner schien
+er zu werden, um so mehr verblaßte er. Endlich hing er, einer Ampel
+vergleichbar, über dem Forst, durch alle Spalten und Lücken der Kronen
+einen matten Lichtdunst drängend, welcher die Gesichter der
+Dahinschreitenden leichenhaft anmalte.
+
+Rüstig, aber vorsichtig schritt man vorwärts, jetzt durch enggedrängtes
+Jungholz, dann wieder an weiten hochwaldumstandenen Schonungen entlang,
+darin sich das bleiche Licht wie in großen, dunklen Becken angesammelt
+hatte.
+
+Der Bewußtlose röchelte von Zeit zu Zeit oder begann zu phantasieren.
+Mehrmals ballte er die Fäuste und versuchte mit geschlossenen Augen sich
+emporzurichten.
+
+Es kostete Mühe, ihn über die Spree zu bringen; man mußte ein zweites
+Mal übersetzen, um die Frau und das Kind nachzuholen.
+
+Als man die kleine Anhöhe des Ortes emporstieg, begegnete man einigen
+Einwohnern, welche die Botschaft des geschehenen Unglücks sofort
+verbreiteten.
+
+Die ganze Kolonie kam auf die Beine.
+
+Angesichts ihrer Bekannten brach Lene in erneutes Klagen aus.
+
+Man beförderte den Kranken mühsam die schmale Stiege hinauf in seine
+Wohnung und brachte ihn sogleich zu Bett. Die Arbeiter kehrten sogleich
+um, um Tobiäschens Leiche nachzuholen.
+
+Alte erfahrene Leute hatten kalte Umschläge angeraten, und Lene befolgte
+ihre Weisung mit Eifer und Umsicht. Sie legte Handtücher in eiskaltes
+Brunnenwasser und erneuerte sie, sobald die brennende Stirn des
+Bewußtlosen sie durchhitzt hatte. Ängstlich beobachtete sie die Atemzüge
+des Kranken, welche ihr mit jeder Minute regelmäßiger zu werden
+schienen.
+
+Die Aufregungen des Tages hatten sie doch stark mitgenommen und sie
+beschloß, ein wenig zu schlafen, fand jedoch keine Ruhe. Gleichviel ob
+sie die Augen öffnete oder schloß, unaufhörlich zogen die Ereignisse der
+Vergangenheit daran vorüber. Das Kleine schlief. Sie hatte sich entgegen
+ihrer sonstigen Gewohnheit wenig darum bekümmert. Sie war überhaupt eine
+andere geworden. Nirgend eine Spur des früheren Trotzes. Ja, dieser
+kranke Mann mit dem farblosen, schweißglänzenden Gesicht regierte sie im
+Schlaf.
+
+Eine Wolke verdeckte die Mondkugel, es wurde finster im Zimmer, und Lene
+hörte nur noch das schwere, aber gleichmäßige Atemholen ihres Mannes.
+Sie überlegte, ob sie Licht machen sollte. Es wurde ihr unheimlich im
+Dunkeln. Als sie aufstehen wollte, lag es ihr bleiern in allen Gliedern,
+die Lider fielen ihr zu, sie entschlief.
+
+Nach Verlauf von einigen Stunden, als die Männer mit der Kindesleiche
+zurückkehrten, fanden sie die Haustüre weit offen. Verwundert über
+diesen Umstand stiegen sie die Treppe hinauf, in die obere Wohnung,
+deren Tür ebenfalls weit geöffnet war.
+
+Man rief mehrmals den Namen der Frau, ohne eine Antwort zu erhalten.
+Endlich strich man ein Schwefelholz an der Wand, und der aufzuckende
+Lichtschein enthüllte eine grauenvolle Verwüstung.
+
+»Mord, Mord!«
+
+Lene lag in ihrem Blut, das Gesicht unkenntlich, mit zerschlagener
+Hirnschale.
+
+»Er hat seine Frau ermordet, er hat seine Frau ermordet!«
+
+Kopflos lief man umher. Die Nachbarn kamen, einer stieß an die Wiege.
+»Heiliger Himmel« und er fuhr zurück, bleich, mit entsetzensstarrem
+Blick. Da lag das Kind mit durchschnittenem Halse.
+
+Der Wärter war verschwunden; die Nachforschungen, welche man noch in
+derselben Nacht anstellte, blieben erfolglos. Den Morgen darauf fand ihn
+der diensttuende Wärter zwischen den Bahngeleisen und an der Stelle
+sitzend, wo Tobiäschen überfahren worden war.
+
+Er hielt das braune Pudelmützchen im Arm und liebkoste es ununterbrochen
+wie etwas, das Leben hat.
+
+Der Wärter richtete einige Fragen an ihn, bekam jedoch keine Antwort und
+bemerkte bald, daß er es mit einem Irrsinnigen zu tun habe.
+
+Der Wärter am Block, davon in Kenntnis gesetzt, erbat telegraphische
+Hilfe.
+
+Nun versuchten mehrere Männer ihn durch gutes Zureden von den Geleisen
+fortzulocken; jedoch vergebens.
+
+Der Schnellzug, der um diese Zeit passierte, mußte anhalten, und erst
+der Übermacht seines Personales gelang es, den Kranken, der alsbald
+furchtbar zu toben begann, mit Gewalt von der Strecke zu entfernen.
+
+Man mußte ihm Hände und Füße binden, und der inzwischen requirierte Gendarm
+überwachte seinen Transport nach dem Berliner Untersuchungsgefängnisse,
+von wo aus er jedoch schon am ersten Tage nach der Irrenabteilung der
+Charité überführt wurde. Noch bei der Einlieferung hielt er das braune
+Mützchen in Händen und bewachte es mit eifersüchtiger Sorgfalt und
+Zärtlichkeit.
+
+
+
+
+Der Apostel
+
+
+Spät am Abend war er in Zürich angelangt. Eine Dachkammer in der
+»Taube«, ein wenig Brot und klares Wasser, bevor er sich niederlegte:
+das genügte ihm.
+
+Er schlief unruhig wenige Stunden. Schon kurz nach vier erhob er sich.
+Der Kopf schmerzte ihn. Er schob es auf die lange Eisenbahnfahrt vom
+gestrigen Tage. Um so etwas auszuhalten mußte man Nerven wie Seile
+haben. Er haßte diese Bahnen mit ihrem ewigen Gerüttel, Gestampf und
+Gepolter, mit ihren jagenden Bildern; -- er haßte sie und mit ihnen die
+meisten anderen der sogenannten Errungenschaften dieser sogenannten
+Kultur.
+
+Durch den Gotthard allein ... es war wirklich eine Tortur, durch den
+Gotthard zu fahren: dazusitzen, beim Scheine eines zuckenden Lämpchens,
+mit dem Bewußtsein, diese ungeheure Steinmasse über sich zu haben. Dazu
+dieses markerschütternde Konzert von Geräuschen im Ohr. Es war eine
+Tortur, es war zum Verrücktwerden! In einen Zustand war er
+hineingeraten, in eine Angst, kaum zu glauben. Wenn das nahe Rauschen so
+zurücksank und dann wieder daherkam, daherfuhr wie die ganze Hölle und
+so tosend wurde, daß es alles in einem förmlich zerschlug ... nie und
+nimmer würde er nochmals durch den Gotthard fahren!
+
+Man hatte nur einen Kopf. Wenn der einmal aufgestört war -- der
+Bienenschwarm da drinnen -- da mochte der Teufel wieder Ruhe schaffen:
+alles brach durch seine Grenzen, verlor die natürlichen Dimensionen,
+dehnte sich hoch auf und hatte einen eigenen Willen.
+
+Die Nacht hatte es ihn noch geplagt, nun sollte es damit ein Ende haben.
+Der kalte, klare Morgen mußte das seinige tun. Übrigens würde er von
+hier ab nach Deutschland hinein zu Fuße reisen.
+
+Er wusch sich und zog die Kleider über. Als er die Sandalen unterband,
+tauchte ihm flüchtig auf, wie er zu dem Kostüm, das er trug und das ihn
+von allen übrigen Menschen unterschied, gekommen war: die Gestalt
+Meister Diefenbachs ging vorüber. -- Dann war es ein Sprung in frühe
+Jahre: er sah sich selbst in der sogenannten Normaltracht zur Schule
+gehen -- der Glatzkopf des Vaters blickte hinter dem Ladentische der
+Apotheke hervor, die Tracht des Sohnes milde bespöttelnd. Die Mutter
+hatte doch immer gesagt, er sei kein Hypochonder. Der Glatzkopf und das
+junge Frauengesicht schoben sich nebeneinander. Welch ein ungeheurer
+Unterschied! Daß er das früher nie bemerkt hatte.
+
+Die Sandalen saßen fest. Er legte den Strick, der die weiße Frieskutte
+zusammenhielt, um die Hüften und eine Schnur rund um den Kopf.
+
+Auf dem Hausflur der Herberge war ein alter Spiegel angebracht. Einen
+Augenblick im Vorübergehen hielt er inne, um sich zu mustern. Wirklich!
+-- er sah aus wie ein Apostel. Das heilige Blond der langen Haare, der
+starke, rote, keilförmige Bart, das kühne, feste und doch so unendlich
+milde Gesicht, die weiße Mönchskutte, die seine schöne, straffe Gestalt,
+seinen elastischen, soldatisch geschulten Körper zu voller Geltung
+brachte.
+
+Mit Wohlgefallen spiegelte er sich. Warum sollte er es auch nicht? Warum
+sollte er sich selbst nicht bewundern, da er doch nicht aufhörte, die
+Natur zu bestaunen in allem, was sie hervorbrachte? Er lief ja durch
+die Welt von Wunder zu Wunder, und Dinge, von anderen nicht beachtet,
+erzeugten in ihm religiöse Schauer. Übrigens nahm sie sich gut aus --
+die Neuerung dieses Morgens: man konnte ja denken, diese Schnur um den
+Kopf habe den Zweck, das Haar zusammenzuhalten. Daß sie einem
+Heiligenscheine ähnelte, hatte nichts auf sich. Heilige gab es nicht
+mehr, oder besser: der Heiligenschein kam jedem Naturerzeugnis, auch dem
+kleinsten Blümchen oder Käferchen zu, und dessen Auge war ein profanes
+Auge, der nicht über allem solche Heiligenscheine schweben sah. -- --
+
+Auf der Straße war noch niemand: einsamer Sonnenschein lag darauf; hie
+und da der lange, ein wenig schräge Schatten eines Hauses. Er bog in ein
+Seitengäßchen, das bergan stieg, und klomm bald zwischen Wiesen und
+Obstgärten hin aufwärts.
+
+Bisweilen ein hochgiebliges, altväterisches Häuschen, ein enges, mit
+Blumen vollgepfropftes Hausgärtchen, dann wieder eine Wiese oder ein
+Weinberg. Der Ruch des weißen Jasmins, des blauen Flieders und des
+dunkelbrennenden Goldlacks erfüllte stellenweise die reine und starke
+Luft, daß er sie wohlig in sich sog wie einen gewürzten Wein.
+
+Er fühlte sich freier nach jedem Schritt.
+
+Wie wenn ein Dorn aus seinem Herzen sich löste, war ihm zu Sinn, als es
+ihm das Auge so still und unwiderstehlich nach außen zog. Das Dunkel in
+ihm ward aufgesogen von all dem Licht. Die Köpfchen des gelben
+Löwenzahns, gleich unzähligen, kleinen Sonnen in das sprießende Grün des
+Wegrandes gelegt, blendeten ihn fast. Durch den schweren Blütenregen der
+Obstbäume schossen die Sonnenstrahlen schräg in den wiesigen Grund, ihn
+mit goldigen Tupfen überdeckend. So honigsüß dufteten die Birken. Und so
+viel Leben, Behaglichkeit und Fleiß sprach aus dem verlorenen Sumsen
+früher Bienen.
+
+Sorgfältig vermied er im Aufsteigen irgend etwas zu beschädigen oder gar
+zu vernichten, was Leben hatte. Das kleinste Käferchen wurde umgangen,
+die zudringliche Wespe vorsichtig verscheucht. Er liebte die Mücken und
+Fliegen brüderlich, und zu töten, -- auch nur den allergewöhnlichsten
+Kohlweißling -- schien ihm das schwerste aller Verbrechen.
+
+Blumen, halbwelk, von Kinderhänden ausgerauft, hob er vom Wege auf, um
+sie irgendwo ins Wasser zu werfen. Er selbst pflückte niemals Veilchen
+oder Rosen, um sich damit zu schmücken. Er verabscheute Sträuße und
+Kränze; er wollte alles an seinem Ort.
+
+Ihm war wohl und zufrieden. Nur, daß er sich selbst nicht sehen konnte,
+bedauerte er. Er selbst mit seinem edlen Gange, einsam in der Frühe auf
+die Berge steigend: das hätte ein Motiv abgegeben für einen großen
+Maler --: und das Bild stand vor seiner Phantasie.
+
+Dann sah er sich um, ob nicht doch vielleicht irgendeine menschliche
+Seele bereits wach sei und ihn sehen könne. Niemand war zu erblicken.
+
+Übrigens fing das merkwürdige Schwatzen -- im Ohr oder gar im Kopf
+drinnen, er wußte nicht wo -- wieder an. Seit einigen Wochen plagte es
+ihn. Sicherlich waren es Blutstockungen. Man mußte laufen, sich
+anstrengen, das Blut in schnelleren Umlauf versetzen --
+
+Und er beschleunigte seine Schritte.
+
+Allmählich war er so über die Dächer der Häuser hinausgekommen. Er stand
+ruhend still und hatte alle Pracht unter sich. Eine Erschütterung
+überkam ihn. Ein Gefühl tiefer Zerknirschung brannte in ihm angesichts
+dieser wundervollen Tiefe. -- Lange ließ er das verzückte Auge
+umherschwelgen: -- über alles hin, zu der Spitze des jenseitigen
+Berges, dessen schründige Hänge zartes, wolliges Grün umzog. --
+Hinunter, wo die veilchenfarbne Fläche des Sees den Talgrund ausfüllte,
+wo die weichen, grasigen Uferhügel daraus hervorstiegen, grüne Polster,
+überschüttet, soweit die Sehkraft reichte, mit Blüten und wieder Blüten.
+Dazwischen Häuschen, Villen und Dörfer, deren Fenster elektrisch
+aufblitzten, deren rote Dächer und Türme leuchteten.
+
+Nur im Süden, fern, verband ein grauer, silberiger Duft See und Himmel
+und verdeckte die Landschaft; aber über ihm, fein und weiß leuchtend,
+auf das blasse Blau der Luft gelegt, schemenhaft tauchten sie auf --
+einem ungeheuren Silberschatz vergleichbar -- in langer sich
+verlierender Reihe: die Spitzen der Schneeberge.
+
+Dort haftete sein Blick -- starr -- lange. Als es ihn los ließ, blieb
+nichts Festes mehr in ihm. Alles weich, aufgelöst. Tränen und
+Schluchzen.
+
+Er ging weiter.
+
+Von oben her, wo die Buchen anfingen, traf das Geschrei des Kuckucks
+sein Ohr: jene zwei Noten, die sich wiederholen, aussetzen, um dann
+wieder und wieder zu beginnen. Er ging weiter, nunmehr für sich und
+grüblerisch.
+
+Mysteriöse Rührungen waren ihm angesichts der Natur nichts
+Ungewöhnliches, so stark und jäh wie diesmal indes hatten sie ihn noch
+niemals befallen. -- Es war eben sein Naturgefühl, das stärker und
+tiefer wurde. Nichts war begreiflicher, und es tat nicht not, sich
+darüber hypochondrische Gedanken zu machen. Übrigens fing es an, sich in
+ihm zu verdichten, zu gestalten, zu erbauen. Kaum daß Minuten vergingen,
+und alles in ihm war gebunden und fest.
+
+Er stand still, wieder schauend. Nun war es die Stadt unten, die ihn
+anzog und abstieß. Wie ein grauer, widerlicher Schorf erschien sie ihm,
+wie ein Grind, der weiter fressen würde, in dies Paradies hineingeimpft:
+Steinhaufen an Steinhaufen, spärliches Grün dazwischen. Er begriff, daß
+der Mensch das allergefährlichste Ungeziefer sei. Jawohl, das stand
+außer Zweifel: Städte waren nicht besser als Beulen, Auswüchse der
+Kultur. Ihr Anblick verursachte ihm Ekel und Weh.
+
+Zwischen den Buchen angelangt, ließ er sich nieder. Lang ausgestreckt,
+den Kopf dicht an der Erde, Humus- und Grasgeruch einziehend, die
+transparenten, grünen Halme dicht vor den Augen, lag er da. Ein Behagen
+erfüllte ihn so, eine schwellende Liebe, eine taumelnde Glückseligkeit.
+Wie Silbersäulen die Buchenstämme. Der wogende und rauschende,
+sonnengolddurchschlagene, grüne Baldachin darüber, der Gesang, die
+Freude, der eifrige und lachende Jubel der Vögel. Er schloß die Augen,
+er gab sich ganz hin. -- --
+
+Dabei stieg ihm der Traum der Nacht auf: eine fremde Stimmung zuerst,
+ein Herzklopfen, eine Gehobenheit, die eine Vorstellung mitbrachte, über
+deren Ursprung er grübeln mußte. Endlich kam die Erinnerung --: zwischen
+Tag und Abend. Eine endlose, staubige, italienische Landstraße, noch
+erhitzt, flimmernde Wärme ausströmend. Landleute kommen vom Felde,
+braun, bunt, zerlumpt. Männer, Weiber und Kinder mit schwarzen,
+stechenden und glaubenskranken Augen. Ärmliche Hütten schräg drüben.
+Über sie her einfältiges, katholisches Aveglockengebimmel. Er selbst
+bestaubt, müde, hungernd, dürstend. Er schreitet langsam, die Leute
+knien am Wegrand, sie falten die Hände, sie beten ihn an. Ihm ist weich,
+ihm ist groß.
+
+Er lag und hing an dem Bilde. Fieber, Wollust, göttliche Hoheitsschauer
+wühlten in ihm. Er erhob sich Gott gleich.
+
+Nun war er bestürzt, als er die Augen auftat. Wie eine Säule aus Wasser
+brach es zusammen und verrann.
+
+Sich selbst fragend und zur Rede stellend, drang er ins Waldinnere. Er
+machte sich Vorwürfe über sein verzücktes Träumen; es kam wider seinen
+Willen und Entschluß. Die Wucht seiner Gefühle machte ihm bange, dennoch
+aber: es konnte sein, daß seine nagende Angst ohne Grund war.
+
+Übrigens wuchs die Angst, obgleich es ihm jetzt gerade ganz klar wurde,
+daß sie grundlos war.
+
+Sie hatten ihn wirklich verehrt, die Italiener, deren Dörfer er zu Fuß
+durchzogen hatte. Sie waren gekommen, um ihre Kinder von ihm segnen zu
+lassen. Warum sollte er nicht segnen, wenn andere Priester segnen
+durften? Er hatte etwas -- er hatte mehr mitzuteilen als sie. Es gab ein
+Wort, ein einziges wundervolles Wortjuwel: Friede! Darin lag es, was er
+brachte, darin lag alles verschlossen -- alles -- alles.
+
+Blutgeruch lag über der Welt. Das fließende Blut war das Zeichen des
+Kampfes. Diesen Kampf hörte er toben, unaufhörlich, im Wachen und
+Schlafen. Es waren Brüder und Brüder, Schwestern und Schwestern, die
+sich erschlugen. Er liebte sie alle, er sah ihr Wüten und rang die
+Hände in Schmerz und Verzweiflung.
+
+Mit der Stimme des Donners reden zu können wünschte er glühend.
+Angesichts der tosenden Schlacht, auf einem Felsblock, allen sichtbar,
+stehend, mußte man rufen und winken. Zu warnen vor dem Bruder- und
+Schwestermord, hinzuweisen auf den Weg zum Frieden war eine Forderung
+des Gewissens.
+
+Er kannte diesen Weg. Man betrat ihn durch ein Tor mit der Aufschrift:
+Natur.
+
+Mut und Eifer hatte die Angst seiner Seele allmählich wieder verdrängt.
+Er ging, nicht wissend wohin, predigend im Geiste und bei sich selbst zu
+allem Volke redend: ihr seid Fresser und Weinsäufer. Auf euren Tafeln
+prangen kannibalisch Tierkadaver. Laßt ab vom Schlemmen! Laßt ab vom
+ruchlosen Morde der Kreaturen! Früchte des Feldes seien eure Nahrung!
+Eure seidnen Betten, eure Polster, eure kostbaren Möbel und Kleider,
+tragt alles zusammen, werft die Fackeln hinein, daß die Flamme himmelan
+schlage und es verzehre! Habt ihr das getan, dann kommt -- kommt alle,
+die ihr mühselig und beladen seid und folgt mir nach! In ein Land will
+ich euch führen, wo Tiger und Büffel nebeneinander weiden, wo die
+Schlangen ohne Gift und die Bienen ohne Stachel sind. Dort wird der Haß
+in euch sterben und die ewige Liebe lebendig werden.
+
+Ihm schwoll das Herz. Wie ein reißender Strom stürzte der Schwall
+strafender, tröstender und ermahnender Worte. Sein ganzer Körper bebte
+in Leidenschaft. Mit hinreißender Stärke überkam ihn der Drang, seine
+ganze Liebe und Sehnsucht auszuströmen. Als müsse er den Bäumen und
+Vögeln predigen, war ihm zumut. Die Kraft seiner Rede mußte
+unwiderstehlich sein. Er hätte das Eichhorn, welches in Bogensprüngen
+zwischen den Stämmen hinhuschte, mit einem einzigen Worte bannen und zu
+sich rufen können. Er wußte es, wußte es sicher, wie man weiß, daß der
+Stein fällt. Eine Allmacht war in ihm: die Allmacht der Wahrheit.
+
+Plötzlich hörte der Wald auf. Fast erschreckt, geblendet, wie jemand,
+der aus einem tiefen Schacht aufsteigt, sah er die Welt. Aber es hörte
+nicht auf in ihm zu wirken. Mit eins kam Richtung in seine Schritte. Er
+stieg niederwärts, den abschüssigen Weg laufend und springend.
+
+Wie ein Soldat, der stürmt, das Ziel im Auge, kam er sich nun vor.
+Einmal im Laufen, war es schwer sich aufzuhalten. Die schnelle, heftige
+Bewegung aber weckte etwas: eine Lust, eine Art Begeisterung, eine
+Tollheit.
+
+Das Bewußtsein kam, und mit Grausen sah er sich selbst in großen Sätzen
+bergab eilen. Etwas in ihm wollte hastig hemmen, Einhalt tun, aber schon
+war es ein Meer, das die Dämme durchbrochen hatte. Ein lähmender Schreck
+blieb geduckt im Grunde seiner Seele und ein entsetztes, namenloses
+Staunen dazu.
+
+Sein Körper indes, wie etwas Fremdes, tobte entfesselt. Er schlug mit
+den Händen, knirschte mit den Zähnen und stampfte den Boden. Er lachte
+-- lachte lauter und lauter, ohne daß es abriß.
+
+Als er zu sich kam, zitterte er. Fast gelähmt vor Entsetzen, hielt er
+den Stamm einer jungen Linde umklammert. Nur mit Vorsicht und stets in
+Angst vor der Wiederkehr des Unbekannten, Fürchterlichen ging er dann
+weiter. Aber er wurde doch wieder frei und sicher, so daß er am Ende
+über seine Angst lächeln konnte.
+
+Nun, unter dem festen Gleichmaß seiner Schritte, angesichts der ersten
+Häuser, kam die Erinnerung seiner Soldatenzeit. Wie oft, das Herz mit
+dem tauben Hochgefühl befriedigter Eitelkeit zum Bersten gefüllt, hatte
+er als Leutnant, an der Seite der Truppe, unter klingendem Spiele Einzug
+gehalten. Er dachte es kaum, und schon hatte in seinem Kopfe die
+markige, feurige Marschmusik eingesetzt, durch die er so oft fanatisiert
+worden war. Sie klang in seinem Ohr und bewirkte, daß er die Füße in
+Takt setzte und Kopf und Brust ungewöhnlich stolz trug. Sie legte das
+sieghafte Lächeln um seine Lippen und den lebendigen Glanz in seine
+Augen. So marschierend lauschte er zugleich in sich hinein, verwundert,
+daß er so jeden Ton, jeden Akkord, jedes Instrument scharf unterschied,
+bis auf das Nachschüttern des Zusammenschlags von Pauke und Becken. Er
+wußte nicht, sollte ihn die Stärke seiner Vorstellungskraft beunruhigen
+oder erfreuen. Ohne Zweifel war es eine Fähigkeit. Er hatte die
+Fähigkeit zur Musik. Er würde sicher große Kompositionen geschaffen
+haben. Wie viele Fähigkeiten mochten überhaupt in ihm erstickt worden
+sein! Übrigens war das gleichgültig. Alle Kunst war Unsinn, Gift. Es gab
+andere, wichtigere Dinge für ihn zu tun.
+
+Ein Mädchen in blauem Kattun, mit einem rosa Brusttuch, eine Kanne aus
+Blech in der Hand, welches augenscheinlich Milch austrug, kam ihm
+entgegen. Er hatte sie mit dem Blick gestreift und bemerkt, wie sie
+erstaunt über seinen Anblick still stand und groß auf ihn blickte. Sie
+grüßte dann kleinlaut mit ehrfürchtiger Betonung, und er ging gemessen
+und ernst dankend an ihr vorüber.
+
+Sofort war alles in ihm verstummt. Weit hinaus wuchs er im Augenblick
+über seine bisherigen kleinen Vorstellungen. Wenn er noch etwas wie
+Musik in seinem Ohre trug, so war es jedenfalls keine irdische Melodie.
+Mit einer Empfindung schritt er, wie wenn er trockenen Fußes über Wasser
+ginge. So hehr und groß kam er sich vor, daß er sich selbst zur Demut
+ermahnte. Und wie er das tat, mußte er sich an Christi Einzug in
+Jerusalem erinnern und schließlich der Worte: Siehe, dein König kommt zu
+dir, sanftmütig.
+
+Noch eine Zeitlang fühlte er den Blick des Mädchens sich nachfolgen. Aus
+irgendwelchem Grunde hielt er im Gehen möglichst genau die Mitte des
+Fahrdamms inne, auch als er eine Biegung machte in eine breite, weiße,
+sich abwärts senkende Straße hinein. Dabei wie unter einem Zwange
+stehend, mußte er immer und immer wiederholen: Dein König kommt zu dir.
+
+Kinderstimmen sangen diese Worte. Sie lagen ihm noch ungeformt zwischen
+Gaumen und Zunge. Aus dem unartikulierten Geräusch seines Atems konnte
+er sie heraushören. Dazwischen Hosianna, rauschende Palmenwedel,
+Jauchzen, bleiche, verzückte Gesichter. Dann wieder jähe Stille --
+Einsamkeit.
+
+Er sah auf, voll Verwunderung. Wie leere Kulissen alles. Häuser aus
+Stein rechts und links, stumm, nüchtern, schläfrig. Nachdenklich prüfte
+er. Allmählich, da es feststand, begann sein Inneres sich daran zu
+ordnen. So wurde er klein, einfach, und fing an nüchtern zu schauen.
+
+Hier und da war ein Fenster geöffnet. Der Kopf eines Hausmädchens wurde
+sichtbar, man klopfte einen Betteppich aus. Ein Student, schwarzhaarig,
+mit wulstigen Lippen, augenscheinlich ein Russe, drehte auf dem
+Fensterbrett seine Frühstückszigarette. Und schon wurde es lebendiger
+auf der Straße. Die Augen auf den Boden geheftet, unterließ er es doch
+nicht, verstohlen zu beobachten. Oft sah er mitten hinein in ein
+breites, freches Lachen. Oft bemerkte er, wie Staunen den Spott bannte.
+Aber hinter seinem Rücken befreite sich dann der Spott, und dreiste
+Reden, spitz und beißend, flogen ihm nach.
+
+Mit jedem Schritt unter so viel Stichen und Schlägen wurde ihm
+alltäglicher zu Sinn. Ein Krampf saß ihm in der Kehle. Der alte bittere,
+hoffnungslose Gram trat hervor. Wie eine Mauer, dick, unübersteiglich,
+richtete sie sich auf vor ihm, die grausame Blindheit der Menschen.
+
+Nun schien es ihm auf einmal, als ob alles Leugnen unnütz sei. Er war
+doch wohl nur eine eitle, kleine, flache Natur. Ihm geschah doch wohl
+recht, wenn man ihn verhöhnte und verspottete. So empfand er minutenlang
+die Pein und Scham eines entlarvten Hochstaplers und den Wunsch, von
+aller Welt fortzulaufen, sich zu verkriechen, zu verstecken, oder auf
+irgendeine Weise seinem Leben überhaupt ein Ende zu machen.
+
+Wäre er jetzt allein gewesen, würde er den Strick um seinen Kopf, der
+wie ein Heiligenschein aussah, heruntergerissen und verbrannt haben. Wie
+unter einer Narrenkrone aus Papier, halb vernichtet vor Scham, ging er
+darunter.
+
+In enge, labyrinthische Gäßchen ohne Sonne hatte er eingelenkt. Ein
+kleines Fensterchen voller Backware zog ihn an. Er öffnete die Glastür
+und trat in den Laden. Der Bäcker sah ihn an -- die Bäckersfrau -- er
+wählte ein kleines Brot, sagte nichts und ging.
+
+Vor der Tür hatte sich eine Schar Neugieriger angesammelt: eine alte
+Frau, Kinder, ein Schlächtergesell, die Mulde mit roten Fleischstücken
+auf der Schulter. Er überflog ihre Gesichter, es war nichts Freches
+darin, und ging mitten durch sie hin seines Weges.
+
+Mit welchem Ausdruck sie ihn alle angeblickt hatten! Erst die
+Bäckersleute. Als ob er des kleinen Brotes nicht zum Essen bedürfe,
+sondern vielmehr, um damit ein Wunder zu tun. Und weshalb warteten die
+Leute auf ihn vor den Türen? Es mußte doch einen Grund haben. Und nun
+gar das Getrappel und Geflüster hinter ihm drein. Weshalb lief man ihm
+nach? Weshalb verfolgte man ihn?
+
+Er horchte gespannt und wurde bald inne, daß er ein Gefolge von Kindern
+hinter sich hatte. Durch Kreuz- und Quergehen über kleine Plätze mit
+alten Brunnen darauf, absichtlich umkehrend und die Richtung wechselnd,
+vergewisserte er sich, daß der kleine Trupp nicht von ihm abließ.
+
+Warum verfolgten sie ihn und ließen sich nicht genügen an seinem
+Anblick? Erwarteten sie mehr von ihm? Hofften sie in der Tat von ihm
+etwas Neues, Außergewöhnliches, Wundervolles zu sehen? Es kam ihm vor,
+als spräche aus der eintönigen Hast der Geräusche ihrer Füße ein starker
+Glaube, ja mehr als dies: eine Gewißheit. Und plötzlich ging es ihm hell
+auf, weshalb Propheten, wahrhaftige Menschen voll Größe und Reinheit, so
+oft am Schluß zu gemeinen Betrügern werden. Er empfand auf einmal eine
+brennende Sucht, einen unwiderstehlichen Trieb, etwas Wundervolles zu
+verrichten, und die größte Schmach würde ihm klein erschienen sein im
+Vergleiche zu dem Eingeständnis seiner Unkraft.
+
+Bis an den Limmatquai war er inzwischen gelangt, und noch immer folgten
+ihm die Kleinen. Einige trabten, die größeren machten unmäßig lange
+Schritte, um ihm nachzukommen. In abgebrochenen Worten, mit dem
+feierlichen Flüsterton der Kirche vorgebracht, bestand ihre
+Unterhaltung. Es war ihm bisher nicht gelungen, etwas von dem, was sie
+sprachen, zu verstehen. Plötzlich aber -- er hatte es ganz deutlich
+gehört -- wurden die Worte »Herr Jesus« ausgesprochen.
+
+Die Wirkung eines Zaubers lag in diesen Worten. Er fühlte sich
+aufgehoben durch sie, gestärkt, wiederhergestellt.
+
+Jesus war verhöhnt worden: man hatte ihn geschlagen, angespien und ans
+Kreuz genagelt. In Verachtung und Spott bestand der Lohn aller
+Propheten. Sein eigenes bißchen Leiden kam nicht in Betracht. Kleine,
+feige Nadelstiche hatte man ihm versetzt. Ein Zärtling, der daran
+zugrunde ging!
+
+Zum Kampf war man da. Wunden bewiesen den Krieger. Spott und Hohn der
+Menge ... wo gab es höhere Ehrenzeichen?! Die Brust damit geschmückt,
+durfte man stolz und frei blicken. Und überdies: aus dem Munde der
+Unmündigen und Säuglinge hast du dir dein Lob zugerichtet.
+
+Vor einer Frau, die Orangen feilbot, blieb er stehen. Sogleich hielten
+auch die Kleinen im Laufen inne, und ein Haufe Neugieriger staute sich
+auf dem Bürgersteig. Er hätte seine Früchte gern ohne alles Reden
+gekauft. Mit einer Spannung warteten die Leute auf sein erstes Wort, die
+ihn befangen und scheu machte. Ein sicheres Gefühl sagte ihm, daß er
+eine Illusion zu schonen hatte, daß es von der Art, wie er sprach,
+abhing, ob seine Hörer ihm weiter folgten oder enttäuscht
+davonschlichen. Aber es war nicht zu vermeiden, die Hökerfrau fragte und
+schwatzte zu viel, und so mußte er endlich reden.
+
+Er war beruhigt und zufrieden, sobald er seine eigene Stimme vernahm;
+etwas Singendes und Getragenes lag darin, eine feierliche und gleichsam
+melancholische Würde, die, wie er überzeugt war, Eindruck machen mußte.
+Er hatte sich kaum je so reden hören, und indem er sprach, wurde ihm das
+Reden selbst zum Genuß, wie dem Sänger der Gesang. Auf der Brücke, unter
+die hinein der blaugrüne See seine Wellen schlug, hielt er abermals an.
+Über das Geländer gebeugt, nahm er aufs neue Licht, Farbe und Frische
+des Morgens in sich auf. Der ungestüme, stärkende Wind, der den See
+herauffuhr, wehte ihm den Bart über die Schulter und umspülte ihm Stirn
+und Brust wie ein kaltes Bad.
+
+Und nun aus der mutigen Aufwallung seines Innern stieg es auf als ein
+fester Entschluß. Die Zeit war gekommen. Etwas mußte geschehen. In ihm
+war eine Kraft, die Menschheit aufzurütteln. Jawohl! und sie mochten
+lachen, spotten und ihn verhöhnen, er würde sie dennoch erlösen, alle,
+alle!
+
+Nun fing er an, tief und verschlossen zu grübeln. _Daß_ es geschehen
+würde, stand nun fest; _wie_ es geschehen würde, mußte erwogen werden.
+Man feierte heute Pfingsten, und das war gut. Um Pfingsten hatten die
+Jünger Jesu mit feurigen Zungen geredet. Die Feierstimmung bedeutete
+Empfänglichkeit. Einem erschlossenen Acker gleichen die Seelen der
+Menschen an Feiertagen.
+
+Tiefer und tiefer ging er in sich hinein, bis er in Räume eindrang,
+weit, hoch, unendlich. Und so ganz versunken war er mit allen Sinnen in
+diese zweite Welt, daß er wie ein Schlafender nur willenlos sich
+fortbewegte. Von allem, was ihn umgab, drang nichts mehr in sein
+Bewußtsein außer dem Getrappel der Kinderfüßchen hinter ihm.
+
+Gleichmäßig eine Zeitlang, schwoll es allmählich an, wie wenn den
+Wenigen, die ihm folgten, andere sich angeschlossen hätten. Und stärker
+und stärker immer, als ob aus Einzelnen Hunderte, aus Hunderten Tausende
+geworden wären.
+
+Ganz plötzlich wurde er aufmerksam, und nun war es, als ob hinter ihm
+drein Heeresmassen sich wälzten.
+
+In seinen Füßen bis in die Knöchel hinauf spürte er ein Erzittern des
+Erdreiches. Er vernahm hinter sich starkes Atmen, heißes, hastiges
+Geflüster. Er vernahm Frohlocken, kurz abgerissen, halb unterdrückt, das
+sich weit zurück fortpflanzte und erst in tiefen Fernen echohaft
+erstarb.
+
+Was das bedeutete, wußte er wohl. Daß es so überraschend schnell kam,
+hatte er nicht erwartet. Durch seine Glieder brannte der Stolz eines
+Feldherrn, und das Bewußtsein einer unerhörten Verantwortung lastete
+nicht schwerer auf ihm wie der Strick auf seinem Kopfe. Er war ja der,
+der er war. Er wußte ja den Weg, den er sie führen mußte. Er spürte ja
+aus dem Lachen und Drängen seiner Seele, daß es ihm nahe war, jenes
+Endglück der Welt, wonach die blinden Menschen mit blutenden Augen und
+Händen so viele Jahrtausende vergebens gesucht hatten.
+
+So schritt er voran -- er -- er -- also doch er! und in die Stapfen
+seiner Füße stürzten die Völker wie Meereswogen. Zu ihm blickten sie
+auf, die Milliarden. Der letzte Spötter war längst verstummt. Der letzte
+Verächter war eine Mythe geworden.
+
+So schritt er voran, dem Gebirge entgegen. Dort oben war die Grenze,
+dahinter lag das Land, wo das Glück im Arme des Friedens ewig ruhte. Und
+schon jetzt durchdrang ihn das Glück mit einer Wucht und Gewalt, die ihm
+bewies, daß man athletische Muskeln nötig hatte, um es zu ertragen.
+
+Er hatte sie, er hatte athletische Muskeln. Sein Leben, sein Dasein war
+jetzt nur ein wollüstiges, spielendes Kraftentfalten.
+
+Eine Lust kam ihn an, mit Felsen und Bäumen Fangball zu spielen. Aber
+hinter ihm rauschten die seidenen Banner, drängte und dröhnte
+unaufhaltsam die ungeheure Wallfahrt der Menschen.
+
+Man rief, man lockte, man winkte; schwarze, blaue, rote Schleier
+flatterten; blonde offene Frauenhaare; graue und weiße Köpfe nickten;
+Fleisch bloßer, nerviger Arme leuchtete auf; begeisterte Augen, zum
+Himmel blickend, oder flammend auf ihn gerichtet, voll reinen Glaubens:
+auf ihn, der voranschritt.
+
+Und nun sprach er es aus, ganz leise, kaum hörbar, das heilige
+Kleinodwort: -- Weltfriede! Aber es lebte und flog zurück von einem zum
+andern. Es war ein Gemurmel der Ergriffenheit und Feierlichkeit. Von
+ferne her kam der Wind und brachte weiche Akkorde beginnender Choräle.
+Gedämpfte Posaunenklänge, Menschenstimmen, welche zaghaft und rein
+sangen; bis etwas brach, wie das Eis eines Stromes, und ein Gesang
+emporschwoll wie von tausend brausenden Orgeln. Ein Gesang, der ganz
+Seele und Sturm war und eine alte Melodie hatte, die er kannte: »Nun
+danket alle Gott.«
+
+Er kam zu sich. Sein Herz hämmerte. Er war nahe am Weinen. Vor seinen
+Augen schwammen weiße Punkte durcheinander. Seine Glieder waren wie
+zerschlagen.
+
+Er setzte sich auf eine Bank nieder, die am See stand, und fing an, das
+Brot zu essen, das er sich gekauft hatte. Dann schälte er die Orange und
+drückt die kalte Schale an seine Stirn. Mit Andacht, wie der Christ die
+Hostie, genoß er die Frucht. Noch war er damit nicht zu Ende, als er
+müde zurücksank. Ein wenig Schlaf würde ihm willkommen gewesen sein. Ja,
+wenn das so leicht wäre: ausruhen. Wie soll man ruhen, wenn es im Kopfe
+drinnen endlos wühlt und gärt? Wenn das Herz heraus will, wenn es einen
+zieht ins Unbestimmte, -- wenn man eine Mission hat, die verlangt, daß
+man sich ihr unterziehe -- wenn die Menschen draußen warten und sich die
+Köpfe zerbrechen? Wie soll man ruhen und schlafen, wo es not tut zu
+handeln?
+
+Es war ein peinigender Zustand, wie er so dalag. Fragen und Fragen und
+nie eine Antwort. Graue, quälende Leere, mitunter schmerzende
+Stockungen. An einen Ziehbrunnen mußte er denken. Man steht, zieht mit
+aller Kraft am Seil, aber das Rad, worüber es geht, dreht sich nicht
+mehr. Man läßt nicht nach mit Zerren und Stemmen. Der Eimer soll herauf.
+Man dürstet zum Verschmachten. Das Rad gibt nicht nach. Weder vor- noch
+rückwärts schiebt sich das Seil. -- Eine Plage war das, eine Qual --
+beinahe ein physisches Leiden. Als er Schritte vernahm, freute er sich
+der Ablenkung. Ja, du lieber Gott! Was war das überhaupt für ein Gedanke
+gewesen, jetzt schlafen zu wollen! Er stand auf, verwundert, daß er sich
+in seiner Kammer befand, und öffnete die Tür nach dem Flur. Seine
+Mutter, wie er wußte, stand auf dem Gange, und er mußte sie
+hereinlassen. Sie kam, sah ihn an mit strahlender Bewunderung, ihre
+Lippen zitterten, und sie faltete in Ehrfurcht ihre Hände. Er legte ihr
+die Hände aufs Haupt und sprach: stehe auf! -- und -- die Kranke erhob
+sich und konnte gehen. Und wie sie sich aufrichtete, erkannte er, daß es
+nicht seine Mutter war, sondern er, der Dulder von Nazareth. Nicht nur
+geheilt hatte er ihn; er hatte ihn lebendig gemacht. Noch wehten die
+Grabtücher um Jesu Leib. Er kam auf ihn zu und schritt in ihn hinein.
+Und eine unbeschreibliche Musik tönte, als er so in ihn hineinging. Den
+ganzen geheimnisvollen Vorgang als die Gewalt Jesu in der seinigen sich
+auflöste, empfand er genau. Er sah nun die Jünger, die den Meister
+suchten. Aus ihnen trat Petrus auf ihn zu und sagte: Rabbi! -- »Ich bin
+es,« gab er zur Antwort. Und Petrus kam näher, ganz nahe, berührte
+seinen Augapfel und begann ihn zu drehen: der Jünger drehte den Erdball.
+Die Stunde war da, sich dem Volke zu zeigen. Auf den Balkon des Saales,
+den er bewohnte, trat er hinaus. Unten wogte die Menge, und in das
+Brausen und Wogen sang eine einzige dünne Kinderstimme: »Christ ist
+erstanden.«
+
+Sie hatte kaum begonnen, als das Eisen des Balkons nachgab. Er erschrak
+heftig, wachte auf, rieb sich die Augen und wurde inne, daß er auf der
+Bank eingeschlafen war. --
+
+Gegen Mittag mochte es sein. Er wollte wieder hinauf in den Buchenwald,
+um seine Zeit abzuwarten Die Sonne sollte ihn weihen, dort oben.
+
+Noch immer kühle und reine Luft, wie er den Berg hinanstieg. Hymnen der
+Vögel. Der Himmel wie eine blaßblaue, leere Kristallschale. Alles so
+makellos. Alles so neu.
+
+Auch er selbst war neu. Er betrachtete seine Hand, es war die Hand eines
+Gottes; und wie frei und rein war sein Geist! Und diese Ungebundenheit
+der Glieder, diese völlige innere Sicherheit und Skrupellosigkeit.
+Grübeln und Denken lag ihm nun weltfern. Er lächelte voll Mitleid, wenn
+er an die Philosophen dieser Welt zurückdachte. Daß sie mit ihrem
+Grübeln etwas ergründen wollten, war so rührend, wie wenn etwa ein Kind
+sich abmüht, mit seinen zwei bloßen Ärmchen in die Luft zu fliegen.
+
+Nein, nein -- dazu gehören Flügel, breite Riesenschwingen eines Adlers
+-- Kraft eines Gottes!
+
+Er trug etwas wie einen ungeheuren Diamanten in seinem Kopfe, dessen
+Licht alle schwarzen Tiefen und Abgründe hell machte: da war kein Dunkel
+mehr in seinem Bereich ... Das große Wissen war angebrochen. --
+
+Die Glocken der Kirchen begannen zu läuten. Ein Gewühl und Gebrause von
+Tönen erfüllte das Tal. Mit einer erznen Zunge schien die Luft zu
+sprechen.
+
+Er beugte sich vor und lauschte, als es zu ihm heraufkam. Er senkte das
+Haupt nicht, er kniete nicht nieder. Er horchte lächelnd wie auf eines
+alten Freundes Stimme, und doch war es Gottvater, der mit seinem Sohne
+redete.
+
+ Ende
+
+
+
+
+Werke von Gerhart Hauptmann:
+
+
+ Vor Sonnenaufgang. Bühnendichtung. 13. Auflage.
+ Das Friedensfest. Soziales Drama. 8. Auflage.
+ Einsame Menschen. Drama. 30. Auflage.
+ Die Weber. Schauspiel. 46. Auflage.
+ Kollege Crampton. Komödie. 9. Auflage.
+ Der Biberpelz. Eine Diebskomödie. 16. Auflage.
+ Hanneles Himmelfahrt. Eine Traumdichtung. 26. Auflage.
+ Florian Geyer. 10. Auflage.
+ Die versunkene Glocke. Ein deutsches Märchendrama. 85. Auflage.
+ Fuhrmann Henschel. Schauspiel. (Originalausg.) 16. Auflage.
+ Fuhrmann Henschel. Schauspiel. (Übertragung.) 18. Auflage.
+ Schluck und Jau. Spiel zu Scherz und Schimpf. 10. Auflage.
+ Michael Kramer. Drama. 11. Auflage.
+ Der rote Hahn. Tragikomödie. 8. Auflage.
+ Der arme Heinrich. Dramatische Dichtung. 23. Auflage.
+ Rose Bernd. Schauspiel. 18. Auflage.
+ Elga. 8. Auflage.
+ Und Pippa tanzt! Ein Glashüttenmärchen. 10. Auflage.
+ Die Jungfern vom Bischofsberg. Lustspiel. 4. Auflage.
+ Kaiser Karls Geisel. Drama. 6. Auflage.
+ Griechischer Frühling. 7. Auflage.
+ Griselda. 6. Auflage.
+ Der Narr in Christo Emanuel Quint. Roman. 18. Auflage.
+ Die Ratten. Berliner Tragikomödie. 7. Auflage.
+ Gabriel Schillings Flucht. Drama. 10. Auflage.
+ Atlantis. Roman. 27. Auflage.
+ Festspiel. 32. Auflage.
+ Der Bogen des Odysseus. 7. Auflage.
+
+
+
+
+Gesamtausgaben moderner Dichter
+
+
+Björnstjerne Björnson
+
+Gesammelte Werke. Volksausgabe in fünf Bänden. In Leinen 15 Mark.
+
+
+Richard Dehmel
+
+Gesammelte Werke in zehn Bänden. Geheftet 30 Mark, in Halbpergament
+40 Mark, in Ganzpergament 50 Mark.
+
+Gesammelte Werke in drei Bänden. In Leinen 12 Mark 50 Pfennig, in
+Halbleder 16 Mark.
+
+
+Theodor Fontane
+
+Gesammelte Werke. Auswahl in fünf Bänden. In Leinen 20 Mark.
+
+
+Gustaf af Geijerstam
+
+Gesammelte Romane in fünf Bänden. Geheftet 12 Mark, in Leinen 15 Mark.
+
+
+Otto Erich Hartleben
+
+Ausgewählte Werke in drei Bänden. Geheftet 8 Mark, in Pappbänden
+10 Mark, in Ganzpergament 15 Mark.
+
+
+Gerhart Hauptmann
+
+Gesammelte Werke. Gesamtausgabe in sechs Bänden. In Leinen 24 Mark, in
+Halbleder 30 Mark.
+
+
+Henrik Ibsen
+
+Sämtliche Werke in deutscher Sprache. Zehn Bände. Geheftet 35 Mark, in
+Leinen 45 Mark.
+
+
+Henrik Ibsen
+
+Sämtliche Werke. Volksausgabe in fünf Bänden. In Leinen gebunden
+15 Mark.
+
+
+Peter Nansen
+
+Ausgewählte Werke in drei Bänden. In Leinen gebunden 12 Mark.
+
+
+Arthur Schnitzler
+
+Gesammelte Werke. I. Die erzählenden Schriften in drei Bänden. In Leinen
+10 Mark, in Halbleder 13 Mark, in Ganzleder 17 Mark.
+
+II. Die Theaterstücke in vier Bänden. In Leinen 12 Mark, in Halbleder
+16 Mark, in Ganzleder 21 Mark.
+
+
+Bernard Shaw
+
+Dramatische Werke. Auswahl in drei Bänden. In Leinen 12 Mark.
+
+
+
+
+Sammlung von Schriften zur Zeitgeschichte
+
+Jeder Band gebunden 1 Mark
+
+
+1. Band: Aus den Kämpfen um Lüttich. Von einem Sanitätssoldaten.
+
+2. Band: Weltwirtschaft und Nationalwirtschaft. Von Franz Oppenheimer.
+
+3. Band: Der englische Charakter, heute wie gestern. Von Theodor Fontane.
+
+4. Band: Preußische Prägung. Von Lucia Dora Frost.
+
+5. Band: Friedrich und die große Koalition. Von Thomas Mann.
+
+6. Band: Die Fahrten der Emden und der Ayesha. Mit 20 Abbildungen. Von
+Emil Ludwig.
+
+7. Band: In England -- Ostpreußen -- Südösterreich. Von Arthur Holitscher.
+
+8. Band: Der deutsche Mensch. Von Leopold Ziegler.
+
+9. Band: Russischer Volksimperialismus. Von Karl Leuthner.
+
+10. Band: Die Flüchtlinge. Von einer Reise durch Holland hinter die
+belgische Front. Von Norbert Jacques.
+
+11. Band: Zwischen Lindau und Memel während des Krieges. Von Paul
+Schlenther.
+
+12. Band: Deutsche Kunst. Von Karl Scheffler.
+
+13. Band: Gedanken zur deutschen Sendung. Von Alfred Weber.
+
+
+
+
+ S. Fischer · Verlag · Berlin
+
+
+
+
+ [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei
+ jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile
+ steht.
+
+ die Straße, wo er Tobiaschen sogleich aufgriff, der mit den Fingern Kalk
+ die Straße, wo er Tobiäschen sogleich aufgriff, der mit den Fingern Kalk
+
+ spiegelten die trübe Natur noch trüber wieder.
+ spiegelten die trübe Natur noch trüber wider.
+
+ »Ein fruchtbares Wetter,« dachte Thiel, als er aus tiefem Nachdenken
+ »Ein furchtbares Wetter,« dachte Thiel, als er aus tiefem Nachdenken
+
+ Charite überführt wurde. Noch bei der Einlieferung hielt er das braune
+ Charité überführt wurde. Noch bei der Einlieferung hielt er das braune
+
+ ]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Bahnwärter Thiel, by Gerhart Hauptmann
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BAHNWÄRTER THIEL ***
+
+***** This file should be named 29376-8.txt or 29376-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/2/9/3/7/29376/
+
+Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online
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+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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