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+The Project Gutenberg EBook of Tahiti. Zweiter Band., by Friedrich Gerstäcker
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Tahiti. Zweiter Band.
+ Roman aus der Südsee
+
+Author: Friedrich Gerstäcker
+
+Release Date: July 20, 2009 [EBook #29464]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TAHITI. ZWEITER BAND. ***
+
+
+
+
+Produced by richyfourtytwo, Bernd Meyer and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+
+
+ TAHITI.
+
+
+ _Roman aus der Südsee_
+
+ von
+
+ #Friedrich Gerstäcker.#
+
+
+ Zweite unveränderte Auflage.
+
+ Zweiter Band.
+
+
+ Der Verfasser behält sich die Uebersetzung dieses Werkes vor.
+
+
+ #Leipzig,#
+
+ _Hermann Costenoble._
+
+ 1857.
+
+
+
+
+
+
+#Inhalt des zweiten Bandes.#
+
+ Seite
+ Cap. 1. Die Mädchen von Tahiti und die alten Bekannten 1
+ " 2. Sadie und René 31
+ " 3. Der Besuch -- Aumama 67
+ " 4. Die Missionaire 90
+ " 5. Die Königin Pomare 121
+ " 6. Ein Ball in Papetee 167
+ " 7. Unterwegs 235
+ " 8. Mütterchen Tot's Hotel 254
+
+
+
+
+Capitel 1.
+
+#Die Mädchen von Tahiti und die alten Bekannten.#
+
+
+Das Gebet war aus, das laute feierliche Amen schwoll durch die Wipfel
+der Palmen nach See zu, sich draußen mit der Brandung Rollen zu
+mischen. Mit dem Amen aber schien es auch, als ob der Zauber gebrochen
+wäre, der den leichten fröhlichen Sinn der Insulaner bis dahin so
+merkwürdig und außergewöhnlich fest im Zaum gehalten, und wie denn
+auch der Eingeborne nie so recht tief den Ernst einer feierlichen
+Stunde fühlt, sprang er im Nu zurück in sein alltäglich Leben.
+
+»Hierher Maïre, hierher und fort mit uns« klang der fröhliche Laut --
+»komm hinunter zum Guiavenbach; tief versteckt da in Busch und Laub
+tanzen wir. Heute sehens die Mitonares nicht, denn großes Essen ist
+immer wenn sie eine Zeitlang gebetet.«
+
+»Aber die anderen schwatzen« sagte Maïre unschlüssig zur Schwester
+aufsehend, »und nachher arme Maïre; Vater Au-e hat mir so schon die
+Hölle versprochen, und er schickte mich g'rad hinein, fänd er mich.«
+
+»Bah -- bah -- bah« lachte die Andere und schüttelte mit dem Kopf --
+»da, hier und hier« -- auf Mund und Herz zeigend -- »das ist fromm, das
+hat Religion und das ist genug -- _Alles_ andere aber ist frei, Maïre;
+und rasch nun Mädchen, denn wir versäumen den Spaß.« -- Und wie ein
+paar aufgescheuchte Rehe flohen die beiden, von vielen Anderen jetzt
+gefolgt, erst seitwärts in den Orangenhain, um dann hinter den Gärten
+weg nicht dem Blick mancher »Kirchgänger« ausgesetzt zu sein, die
+Aergerniß nehmen und die Fröhlichen verrathen könnten. -- Und wie das
+klang und sang und summte und schwirrte unter den Bäumen und Palmen --
+fröhliches Leben herrschte in den duftenden Schatten von Orange und
+Guiava und der Klang der Flöte mischte sich in lachende
+Mädchenstimmen, die sich neckten und jagten auf dem Plan, die Predigt
+nachäfften und die Reden des heutigen Tages und dann wieder plötzlich
+einfielen in die oft sehr graziösen aber noch öfter fast
+unanständiger Stellungen ihrer Tänze ~Upepehe~, ~oris~ und ~mamua~.
+
+Dort drüben der breite, halboffene Platz vor dem lang-ovalen
+Vogelkäfig ähnlichen Bambusgebäude scheint der Mittelpunkt zu sein des
+ganzen Viertels; hier wenigstens herrscht das regste ungebundenste
+Leben, und die dunklen blumendurchflochtenen Locken, ja oft die glatt
+geschorenen, aber mit bunten Kränzen fast bedeckten Köpfe der
+eingebornen Mädchen mischen sich bunt und geschäftig durch die
+bänderflatternden Strohhüte der Seeleute, an deren meisten die breite
+schwarze Seide mit goldenen Buchstaben den Namen ihres Schiffes trug,
+und sie als Leute von einem Kriegsschiff bekundete, hätte das nicht
+schon außerdem der breite weiße Hemdkragen mit dem schmalen blauen
+Streifen darum gethan.
+
+»Hallo Georg, das ist ein Hauptplatz hier für einen »Geh zu Ufer Tag,«
+rief da ein alter, wettergebräunter Seemann einem jungen Burschen zu,
+der Eines der Mädchen mit seinem linken Arm umschlungen und eine
+halbgeleerte Flasche in der rechten Hand hielt, und das Mädchen
+lachend zwingen wollte zu trinken -- »nütz deine Zeit mein Junge, wer
+weiß wie bald uns wieder so wohl wird.«
+
+»Wettermädchen das!« rief aber der junge Bursch, »sie ist wie
+Quecksilber unter den Händen, man kann sie nicht festhalten -- wirst
+Du trinken?«
+
+»~Aita, aita~!« schrie aber die trotzige Schöne, und wehrte ihn
+entschlossen ab; »pfui über das Gift, das Ihr in Euch hinein schüttet,
+bis Ihr wie das Vieh daliegt und die stieren Augen nicht mehr
+schließen könnt -- fort mit dem Zeug!« und ihm die Flasche aus der
+Hand reißend, schleuderte sie dieselbe, ehe er's hindern konnte, mit
+keckem Wurf weit ab von sich in ein Dickicht von jungen
+Brodfruchtbäumen und Bananen.
+
+»Den Teufel, Mädchen!« schrie der Matrose, der von den letzten Worten
+des braunen Kindes keine Sylbe verstanden hatte und jetzt überrascht
+seiner Flasche nachwollte, »der Stoff ist theuer hier in Papetee und
+nicht einmal so leicht zu bekommen.«
+
+»Hahahaha« lachte aber die Dirne und hielt ihn fest -- »hol sie wenn
+Du kannst, hol sie.«
+
+»Halt ihn, halt ihn,« lachten Andere und sprangen hinzu, sich der
+Beute zu bemächtigen und den auslaufenden Brandy zu retten, aber zu
+spät, und fluchend hoben sie die leere Flasche gegen das Licht.
+
+»~Damn it~!« schrie der Eine, der sie erbeutet hatte, und der zuerst
+die traurige Entdeckung machte -- »auch nicht ein Tropfen übrig
+geblieben!« und als ob er nicht einmal seinen eigenen Augen bei einer
+so wichtigen Sache traue, hob er die leere Flasche dennoch an die
+Lippen, den Zug zu prüfen, schleuderte sie dann aber mit einem
+richtigen Kernfluch so hart er konnte gegen den nächsten
+Brodfruchtbaum, daß sie in Scherben schmetternd umherspritzte. Das
+aber sollte ihm übel bekommen.
+
+»~Tam you~,« schrie da eine alte, wohlbeleibte Insulanerin, die ein
+brennend rothes Stück Kattun um die Hüften und ein anderes um die
+Schultern trug und schon lange genug mit Matrosen verkehrt haben
+mochte, ihren Lieblingsausruf oder Fluch zu verstehen -- »~tam you~,
+Ihr schmutzigen Weißen -- weil _Ihr_ zehnfache Haut unter den Füßen
+tragt, werft Ihr das Glas umher, daß es wie Dorn und Muschelbruch in
+unsere Sohlen schneidet -- ~tam you~, sag' ich noch einmal, und der
+Tag sei verflucht, der Euch zuerst an diese Küste brachte!«
+
+Die Alte blieb aber hierbei nicht ununterstützt, denn von allen Seiten
+kamen die Mädchen herbei, schimpften und schmähten in ihrer Sprache
+und begannen dabei die gefährlichen Glasscherben, die ihnen schon
+manche böse Wunde geschnitten, vom Boden aufzusuchen. Vergebens riefen
+sie die Matrosen zurück und fügten sich endlich, da Bitten wie
+Drohungen nutzlos blieben, lachend dem Unvermeidlichen, selber der
+muntern, lebendigen Schaar zu helfen und beizustehn und das Uebel so
+viel wie möglich zu heben -- all die drohenden Spitzen nämlich
+aufzusuchen oder zu entfernen, und kein Blatt blieb dabei ungewandt,
+unter dem sich noch hätte die tückische Spitze bergen können.
+
+»Hurrah, meine Jungen! wer von Euch hat sein Prisengeld da im Laub
+verloren? -- halbpart wenn ich's finde,« schrie in diesem Augenblick
+eine rauhe Stimme zwischen das Lachen und Toben der munteren Schaar
+hinein, und Einer der Seeleute richtete sich rasch empor, zu sehen wer
+der Neuangekommene sei, und ob nicht vielleicht ein alter Bekannter
+und Schiffskamerad hier zwischen ihnen auftauche.
+
+»Hallo Kamerad,« brummte aber der, als er ein völlig fremdes Gesicht
+vor sich sah, das ihm jedoch trotzdem ganz freundlich entgegennickte,
+und dessen Eigenthümer sich so bequem und ohne weitere Einladung zu
+ihnen in's Gras warf, als ob er zu ihrem »Volke« gehörte -- »~where do
+you hail from~?«[A]
+
+Der Sprecher war der Bootsmann der »~Jeanne d'Arc~,« der draußen in
+der Bai vor ihrem Anker ritt und dessen Mannschaft heute Feiertag
+bekommen hatte, der großen Volksversammlung wegen. Er schien sich auch
+hier gewissermaßen als eine Art Obrigkeit zu betrachten zwischen den
+übrigen Matrosen, und überdieß rechtfertigte das ganze Aeußere des
+Neuangekommenen, unseres alten Bekannten Jim des Iren, allerdings eine
+solche Frage, denn dem alten Matrosen überkam es, ihm gegenüber, fast
+unwillkürlich, als ob er es mit keinem rechten Seemann zu thun habe,
+und gleichwohl ließ doch auch wieder das Einzelne seines Anzugs nichts
+erkennen, was einen solchen Verdacht rechtfertigen mochte. Die blaue
+Jacke wie die weißleinene Hose hatte den richtigen Schnitt, der mit
+Wachsleinwand überzogene Strohhut saß ihm hinten auf dem krausen Haar
+und ein paar breite Streifen schwarzseiden Band fielen ihm nach
+richtiger Art vorn über das linke Auge nieder und doch lag ein gewisses
+Etwas in dem ganzen Betragen des Fremden, das den alten Burschen, der
+sich manch langes, langes Jahr auf der See und aller Länder Schiffe
+herumgeschlagen, wie eine Art Instinkt überkam, er hätte hier keinen
+geborenen Seemann vor sich, und der Bursche segele am Ende gar unter
+falscher Flagge.
+
+Der wirkliche Matrose -- nicht der, der die See einmal zeitweilig zu
+seinem Beruf wählt, ein paar Reisen macht vielleicht, und dann wieder
+Jahre lang am festen Lande bleibt -- hat auch etwas in seinem ganzen
+Wesen, das unmöglich ist sich anzueignen, wenn es eben nicht natürlich
+aus dem ganzen System unsers Körpers herauskommt und mit ihm eins
+bildet. Die Hauptsache hierbei ist der fast schlenkernde und doch auch
+wieder feste und elastische Gang von der steten Bewegung des Schiffes
+her, der er natürlich fortwährend begegnen muß, und die ihn dann auch
+zwingt, die Beine etwas weiter, wenn auch fast unmerklich, aus
+einander zu setzen, als das auf dem festen Lande nöthig wäre; die Arme
+hängen dabei, wie durch ihr eigenes Gewicht gezogen, grad am Körper
+nieder, ohne ihn aber, weder rechts noch links in drei Zoll zu
+berühren, und die halboffene harte Hand sieht gerade so aus, als ob
+sie jeden Augenblick an Segel oder Tau zufassen wolle. Der Landmann
+kann alles Andere nachahmen, dieses Tragen des Körpers wird ihm nie
+gelingen, und nur eine jahrelange Uebung ist im Stande, ihn
+zuzurichten, oder, wie die Matrosen sagen, ihn »~ship shape~« zu
+machen.
+
+»Nun Sirrah!« rief der Irländer endlich lachend, nachdem er den
+forschenden Blick des Bootsmanns, wenn auch nicht ohne ein leichtes
+kaum erkennbares Erröthen, eine ganze Weile ertragen hatte, -- »Ihr
+werdet mich nun wohl kennen wenn Ihr mich wiederseht; -- wie gefall
+ich Euch?«
+
+»Ganz und gar nicht, Kamerad,« sagte der aber trocken, und während er
+sein Primchen Kautabak im Munde aus einer Backe in die andere
+wechselte, »ganz und gar nicht, wenn Du die Wahrheit hören willst.«
+
+»Hahaha,« lachte aber der Ire, ohne sich im mindesten darüber
+beleidigt zu fühlen, »verdamme mich wenn das nicht ehrlich von der
+Leber weggesprochen ist; leid thut mir's nur bei der Sache, daß ich
+das nämliche -- nicht von Euch auch sagen kann.«
+
+»Dann werd' ich mein Möglichstes thun, das für mich so unglückliche
+Vorurtheil bei Euch zu zerstören,« antwortete der Seemann ruhig.
+
+»Donnerwetter Ihr seid grob!« rief aber der Ire, der nun einmal
+entschlossen schien jetzt Nichts übel zu nehmen, obgleich der ganze
+kräftige Bau seines Körpers wie ein ziemlich entschlossener Zug um den
+Mund, wohl glauben ließ daß er sonst eben eine wirkliche Beleidigung
+nicht so leicht einstecken würde, »aber das schadet Nichts, Kamerad,
+wir werden schon noch näher mit einander bekannt werden und ich bin
+wie der Wein -- ich gewinne durchs Liegen. Und nun Ihr da, Ihr
+Mädchen,« wandte er sich zu diesen in ihrer eigenen Sprache, »laßt das
+verdammte Suchen sein und kommt her -- morgen wird sichs schon finden
+was ihr verloren habt -- beim Auskehren vielleicht -- und wo ist
+Amiomio heute? hol der Henker die kleine Wetterhexe, sie geht immer
+fort und kommt niemals wieder.«
+
+»~Naha-hio~!« riefen da einige der Mädchen, die sich auf den Anruf
+umgedreht, erstaunt und untereinander aus -- »~O-fa-na-ga~ wieder
+hier? -- und wo hat Dich Oro's Zorn so lange umhergetrieben?«
+
+»~O-fa-na-ga~« spottete ihnen aber der Ire nach, »bei Jäsus, meine
+Herzchen, Ihr habt den Namen noch immer nicht aussprechen lernen und
+übersetzt meiner Mutter Sohn auf eine merkwürdige Weise ins
+Tahitische. Was würde ~ould father O'Flannagan~ sagen, wenn sie ihn so
+zu Tische gerufen hätten -- ha, meine ~namataruas~, Ihr beiden
+unzertrennlichen Sterne, seid Ihr auch hier? und wo ist ~ipo Anoënoë~,
+mein schlankes Mädchen von Bola-Bola, die tollste in Eurer tollen
+Schaar?«
+
+»~Anoënoë~ ist fromm geworden« lachte eines der Mädchen, die er
+~namataruas~ nach einem Zwillingsgestirn jener Zone genannt -- »sie
+lacht nicht mehr und trägt keine Blumen mehr im Haar und hinter den
+Ohren.«
+
+»Hahahaha« lachte der Ire, »~Anoënoë~ fromm geworden das ist gut, das
+ist vortrefflich, das ist -- hahahaha -- das ist beim Teufel zum
+Todtschießen komisch!«
+
+Der Bootsmann -- eine schlanke, kräftige, ja selbst edle Gestalt, mit
+ächt französischen Zügen, krausem dunkelen Barte und dunkelen Augen,
+jeder Zoll ein Seemann, der englischen Sprache übrigens vollkommen
+mächtig, hatte den Begrüßungen des Fremden mit den Mädchen und Frauen
+des Platzes, die er alle kannte und bei Namen nannte, schweigend und
+etwas erstaunt mit zugesehen, aber weiter kein Wort hineingeredet und
+schien nur etwas ungeduldig und mit untergeschlagenen Armen das Ende
+dieser Erkennungsscene zu erwarten. Er trug, trotz dem warmen Wetter,
+seine blautuchene dicht mit kleinen blanken Knöpfen besetzte Jacke,
+mit weißen Strümpfen und sauber gewichsten Schuhen und schneereinen
+segeltuchenen selbstgemachten weiten Hosen, die nur dicht über den
+Hüften fest anschlossen und auflagen; das weiße Hemd hielt ein
+schwarzseidenes Halstuch mit einem Seemannsknoten locker zusammen, und
+der leichte feine Panama Strohhut saß ihm fest und trotzig mehr nach
+vorn in der Stirn, als ihn sonst Matrosen gewöhnlich zu tragen
+pflegen.
+
+Endlich mochte ihm aber die Zeit doch zu lang währen und er unterbrach
+die weiteren freundschaftlichen Erkundigungen des Fremden mit einem
+nicht eben da einstimmenden:
+
+»~I say stranger~! -- Ihr scheint früher schon einmal auf
+Korallenboden geankert zu haben -- Euerer Physionomie verdankt Ihr die
+Vertraulichkeit doch nicht.«
+
+»Der Geschmack ist verschieden, Kamerad!« lachte der Ire dagegen, »und
+Einer liebt Bier, der Andere Milchsuppe; aber Ihr habt Recht, ich bin
+hier zu Hause, und wenn ich auch nicht gerade hier wohne, führt mich
+meine Straße oft genug vorbei -- was Wunder da, daß ich Nachbars
+Töchter kenne.«
+
+»Ei so laßt Euer In-ge-le-se-Schwatzen doch nun endlich einmal!« rief
+da eines der Mädchen, zwischen die beiden Männer springend und des
+Iren Arm ergreifend -- »Her zu mir ~O-fa-na-ga~ -- und dreh deine
+Taschen um, denn Du hast doch den Boden hier nicht wieder betreten,
+ohne deiner Maïre Schmuck und Ringe mitgebracht zu haben; wo ist der
+Ring von ~perú~, den Du mir so lange versprochen?«
+
+»Maïre!« rief der Ire erstaunt sie betrachtend -- »_das_ ist Maïre? was
+zum Wetter ist denn mit Dir vorgegangen Mädchen, ich kenne Dich ja gar
+nicht mehr, wo sind deine Locken?«
+
+»Die hat der Mitonare abgeschnitten,« sagte die Schöne, halb beschämt,
+halb unzufrieden.
+
+»Der Mitonare -- und was zum Henker hat der Mitonare in deinen Haaren
+zu suchen, Sirrah?«
+
+»Sie sollte fromm werden und keine tollen Streiche mehr treiben,«
+lachte Ate-Ate, ihr das Kinn emporhebend und zum Lichte drehend.
+
+»Unsinn!« rief aber das Mädchen, -- »das ist blos oben, ~O-fa-na-ga~
+-- kehr Dich nicht daran -- wo ist der Ring? her damit!«
+
+»Und mir auch -- mir auch!« riefen Andere, auf ihn eindrängend, »mir
+hat er Ohrgehänge versprochen -- und mir bunte Federn aus dem Osten --
+und mir Kattun zu einem neuen Kleid!«
+
+»Zurück Mädchen, zurück!« rief aber der Ire lachend, der sich nur mit
+Mühe der auf ihn Einstürmenden erwehren konnte -- »Ihr hattet recht,
+Kamerad, die Physionomie thuts bei den Dirnen hier allerdings nicht
+allein, und sie reißen Einem -- Wettermädchen Ihr, wollt Ihr Ruhe
+geben -- die Lumpen vom Leibe; würden sich auch verdammt wenig
+Gewissen daraus machen, einen armen Teufel von Matrosen gleich bei
+seinem ersten Ansprung an Land rein auszuplündern und nachher allein
+sitzen zu lassen und auszulachen. Die braune Haut versteht sich so gut
+darauf wie die weiße.«
+
+»Von welchem Schiff seid Ihr, Kamerad?« frug jetzt der Bootsmann, »Ihr
+segelt wohl unter eigener Flagge?«
+
+Der Ire lächelte leise vor sich hin, schüttelte aber mit dem Kopf und
+erwiederte schmunzelnd:
+
+»Dießmal habt Ihr vorbeigeschossen, so schmeichelhaft die Anspielung
+auch sein mochte; alt England für immer, ich möchte keine anderen
+Farben an meiner Gaffel wehen haben, -- selbst nicht die rothe;«
+setzte er mit einem halb spöttischen, halb verschmitzten Seitenblick
+auf den Bootsmann hinzu -- »Um Euch übrigens zu beruhigen kann ich Euch
+sagen daß ich Harpunier an Bord des Englischen Wallfischfängers, der
+~Kitty Clover~ bin, die hier zu ihrer Erholung in Papetee liegt, und
+auch da wohl noch eine Weile zu ihrer Erholung liegen bleiben wird,
+wenn ihr die sehr verehrte Französische Regierung nichts in den Weg zu
+legen für nöthig findet und den Aufenthalt noch länger gestattet.«
+
+Der Bootsmann unterdrückte nur mit Mühe einen Fluch auf die ironische
+Anspielung daß seine Corvette, die früher den Insulanern imponirt,
+gegenwärtig, durch die ihr überlegenen Engländer im Schach gehalten,
+Nichts mehr zu sagen und zu befehlen hatte, aber er besann sich eines
+Besseren und die Lippen nur zusammenpressend sagte er finster:
+
+»Ihr thätet wohl Euch mit der Französischen Regierung auf gutem Fuß zu
+halten -- die guten Leute in Papetee wissen heute noch gar nicht was
+für Farben _morgen_ Mode sein könnten.«
+
+»Jedenfalls die schwarze,« schmunzelte der Ire, sich die Hände
+reibend -- »jedenfalls die schwarze. Jetzt bestimmen die Missionaire
+die Moden und das sind liebe, liebe Menschen; haben uns Matrosen auch
+so gern, als ob wir ihre Brüder wären -- was wir ja doch auch
+eigentlich sind. Es klingt ordentlich erbaulich »Bruder Jim oder
+Bruder O'Flannagan.«
+
+»Daß sie uns nicht grün sind kann ich ihnen nicht verdenken,« brummte
+der Bootsmann, »sie haben alle Ursache dazu, denn unsere beiden
+Interessen laufen einander gerade schnurstracks entgegen. Also Ihr
+gehört zu dem schmutzigen Wallfischfänger da draußen -- habt Ihr
+Fische bekommen?«
+
+»Ja Mister.«
+
+»Und welchen Port seid Ihr zuletzt angelaufen?«
+
+»Genirt's Euch, wenn Ihr's _nicht_ wißt?« frug der Ire spöttisch.
+
+»Geht zum Teufel!« brummte der Franzose zwischen den Zähnen durch --
+ärgerlich sich mit dem Burschen so weit eingelassen zu haben und
+wandte ihm den Rücken.
+
+»Rrrrrrrrrr!« dröhnte in diesem Augenblick ein rascher Wirbel so dicht
+vor ihren Ohren, daß sich der Bootsmann überrascht danach umsah;
+lachende Mädchengesichter schauten ihm aber entgegen, wohin er
+blickte, und Eine von diesen hatte eine richtige französische Trommel
+umgehängt, und schlug darauf jetzt mit fertiger Hand den Takt ihres
+Inseltanzes.
+
+»Alle Wetter, Ate-Ate!« rief der vorgebliche Harpunier des ~Kitty
+Clover~, und suchte das Mädchen zu fassen, das aber rasch zur Seite
+sprang und ihn mit den Trommelschlägeln abwehrte -- »Du bist ja wohl
+gar gut französisch geworden, Mädchen, und dienst gegen deine früheren
+Geliebten -- ein eigenthümliches Mittel sich an den Treulosen zu
+rächen!«
+
+»Zurück ~O-fa-na-ga~, zurück!« rief aber diese -- »ich will die Zahl
+der Falschen nicht vermehren, und es wäre schon jetzt Wahnsinn gegen
+sie in den Kampf zu ziehen -- sie sind wie die Guiaven im Wald, und
+drücken alles Andere zu Boden -- zurück weißer Mann! -- Aber lasse das
+Schwatzen hier, wir wollen tanzen, und Ihr stört uns nur mit Euerem
+Zungen klappernden Volk. Da ~A-da~!« wie sie den Bootsmann der ~Jeanne
+d'Arc~ nach seinem nicht auszusprechenden Schiffe nannte -- »da stell
+Dich her, und nun paß auf, wir wollen den Tanz versuchen den Du uns
+gelehrt und sieh ob wir's können.« Und zurückspringend begann sie mit
+ziemlicher Genauigkeit ~Lord Howe's hornpipe~, den allbekannten
+Matrosentanz auf der Trommel zu schlagen, indeß sie die Melodie dazu
+mit klarer, ja glockenreiner Stimme sang, und die Mädchen flogen
+herbei zum Tanz. _Den_ Klängen konnten aber auch die Matrosen nicht
+widerstehen, und gegen sie antanzend stampften sie nach den raschen
+Takten den Rasen und schwenkten und warfen die Hüte in jubelnder Lust.
+
+Aber die Europäer ermüden bald; so schattig der Brodfruchtbaum auch
+seine breitfingerigen Blätter und über ihm die Palme ihre Krone
+streckt -- die Luft ist zu heiß für solche Lust, und keuchend warfen
+sie sich auf den Boden nieder, indeß sie die eingeborenen Mädchen
+lachend umsprangen und mit Blumen und Bananenschaalen warfen.
+
+Aber lauter und wilder tönt die Trommel, in deren Schlagen Ate-Ate
+Eine der Eingeborenen abgelößt und zu der sich noch eine zweite
+gefunden hat; der Takt wechselt, lachende Männer und Mädchenstimmen
+fallen ein in jubelndem Chor, und die erhitzten Tänzerinnen haben
+schon Hut und Schultertuch abgestreift der wogenden Brust und
+brennenden Stirn Luft und Kühlung zu geben. Dicht geschaart drängen
+die Zuschauer herbei aus der Nachbarschaft, und hochgeschürzte
+halbnackte Mädchen werfen sich immer aufs Neue hinein in den wilden
+Reigen. Hei wie sie fliegen herüber und hinüber in toller Lust, mit
+Armen und Knieen einfallend in den wüthenden Takt, schneller und
+schneller, mit funkelnden Augen und wogender Brust, wieder und wieder,
+auf und ab vor der Trommel und dem Jauchzen der bewundernden Schaar,
+bis sie erschöpft zusammenbrechen, und andere -- wildere ihren Platz
+ausfüllen auf dem zerstampften mißhandelten Rasen.
+
+Bunt sind die Tänzer, bunter aber fast die Zuschauer die sie jetzt
+umstehn, und die sich, durch den Ton des Instruments gelockt,
+eingefunden haben. Neben dem noch bis an die Zähne tättowirten alten
+Indianer, der mit grimmer Lust und leuchtenden Augen schon in seinem
+Geist die alte Zeit wieder aufleben sieht mit ihren Festen und Tänzen
+-- die schöne fröhliche Zeit, ehe die schwarzgekleideten Männer mit
+den finstern Gesichtern kamen und ihren sonnigen Boden betraten, steht
+die würdige Matrone, der jetzt Blume und Blüthe im Haar schon ein
+Gräuel und dem Herrn mißfällig dünkt, und sieht mit Seufzen und oft
+und oft zum Himmel geschlagenen Blick, das Entsetzliche wieder vor
+ihren Augen geschehen, dem folgend ihre Priester Pestilenz und Krieg
+und die Racheblitze ihres Gottes prophezeiht. Aber sie _sieht_ doch
+den Tanz, sie steht und zögert, und während sie seufzt und stöhnt,
+taucht die Erinnerung in ihr auf, an frühere Zeit, wo sie selber im
+wilden Sprung die Reihen der Mädchen geführt, die Fröhlichste unter
+den Fröhlichen, bei denselben entsetzlichen Klängen, -- wo sie mit
+fliegender Brust und funkelndem Auge die Tapa von Schultern und
+Hüfte, die Blumen aus den flatternden Locken riß, den Tänzer damit zu
+werfen und -- Jehovah stehe ihr bei, sie faltet erschrocken die Hände
+und flieht den Platz, denn unter dem bunten wehenden Kattun zuckt' es
+und zittert' es ihr in den Knieen und Füßen, und der Teufel war stark,
+und lockte sie zu dem Entsetzlichen.
+
+Mitten hinein aber zwischen die Reihen und Gruppen der außen Stehenden
+drängen jetzt wieder lachend und schwatzend und mit den Tänzerinnen
+scherzend Französische Seeleute und Marinesoldaten, ihren Arm um die
+nächste geschlungen, und den Takt des Tanzes mit Gesang oder
+stampfendem Fuß unterstützend, und im Taumel von Lust und Freude
+treibt sich die sorglose Schaar hier mitten zwischen dem Volk umher,
+indeß die Mündungen seiner Kanonen schon auf die armen Bambushütten
+gerichtet liegen und ein Zufall den blutigen Kampf entzünden kann.
+
+Aber was kümmerts die jungen Burschen; _der_ Tag ist noch der ihre, im
+duftenden Wald, die wilde reizende Mädchenschaar an ihrer Seite, was
+sorgen sie da um den nächsten. -- Und wenn _jetzt_, in diesem
+Augenblick die Alarmtrommel tönte? -- So unmöglich ist das nicht, denn
+der Bootsmann horchte einmal schon rasch und erschrocken auf -- aber
+bah, es ist die neue Aufforderung zum Wiederbeginnen der Lust, und
+toller und rasender als je werfen sich die Unermüdlichen hinein in den
+Tanz.
+
+Der Bootsmann oder ~contremaître~ der ~Jeanne d'Arc~ und Jim der Ire
+hatten sich zurückgezogen vom Tanz und der Franzose stand allein, an
+den Stamm eines Brodfruchtbaums gelehnt und schaute mit verschränkten
+Armen dem wilden Spiele zu.
+
+Jim war in seiner Nähe und eben im Begriff auf ihn zuzugehen, aufs
+Neue ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen, als er sich am Arme gezupft
+fühlte und rasch umschauend einen fremden Matrosen bemerkte, der ihm
+vorsichtig winkte ihm zu folgen, und dann langsam, und scheinbar
+absichtslos einem kleinen Guiavendickicht zuschlenderte, das hier den
+nicht weit von da vorbeiströmenden Bach begrenzte. Jim schaute sich
+vorsichtig um, ob er von keiner Seite beobachtet würde, blieb wohl
+noch eine Viertelstunde ruhig und regungslos in seiner Stellung, dem
+Tanze zuschauend, und folgte dann, die Hände in den Taschen und mit
+den ihm nächsten Mädchen lachend und scherzend, dem Vorangegangenen.
+Etwa zwanzig Schritt im Dickicht hörte er einen leisen Pfiff,
+antwortete ebenso vorsichtig und befand sich wenige Minuten später dem
+fremden Seemann gegenüber, der ihn ohne weiteres am Arm nahm und noch
+tiefer in den Wald von Mape und Lichtnußbäumen und Guiaven
+hineinführte.
+
+»Alle Wetter Kamerad,« sagte endlich Jim stehen bleibend und seinen
+schweigsamen Führer betrachtend, »was zum Henker schleppt Ihr mich
+denn hier in den dicksten Busch, wo man sich die Augen in den Zacken
+ausrennen kann. Was wollt Ihr von mir und wer seid Ihr selber?«
+
+»Wer ich bin, Dick Mulligan« sagte aber der Andere, »kann Dir ziemlich
+egal sein, wenn nur -- «
+
+»Dick Mulligan« wiederholte Jim und so sehr er sich auch Mühe gab
+seine Bewegung zu verbergen, war es doch leicht zu sehn, wie er über
+den Namen erschrak, »wen zum Teufel nennt Ihr Dick Mulligan?«
+
+»Pst Dick, nicht so laut,« sagte aber der Andere vorsichtig, »Du
+brauchst Dich nicht zu geniren, wir Beide kennen einander, denn so
+hab' ich mich doch Gott straf mich nicht verändert, daß Du nicht unter
+der, vielleicht ein Bischen braun gewordenen Haut deinen alten
+Gefährten Jack herausfinden solltest.«
+
+»Jack, bei Allem was da schwimmt!« rief Jim, »aber Mensch wo kommst Du
+her, und in _die_ Jacke; Matrose an Bord eines _französischen_
+Kriegsschiffs« --
+
+»Das wäre eine langweilige Geschichte, Dir das Alles
+auseinanderzusetzen, genug daß ich da bin und vielleicht Dir zum
+Glück,« entgegnete aber der Andere -- »Mensch Du hast Dich nicht im
+Geringsten verändert, siehst noch aus wie vor fünf Jahren und läufst
+hier so unbekümmert und gottvergnügt mit dem Bart und den Haaren in
+der Welt herum, als ob Du nicht den Strick um den Hals trügst, und
+jeden Augenblick gefaßt und vor Gericht geschleppt werden könntest --
+und wer Dich einmal gesehen, vergißt Dich im ganzen Leben nicht
+wieder.«
+
+»Laß die alte Geschichte,« knurrte aber der Ire -- »kein Mensch hier
+hat eine Ahnung davon als wir Beide -- weshalb das Aufheben!«
+
+»Kein Mensch, so?« -- sagte Jack, »und weißt Du, wer auf der ~Jeanne
+d'Arc~ drüben zweiter Lieutenant ist?«
+
+»Wie soll ich's wissen,« erwiederte Jim unruhig, »Du kannst Dir denken
+daß ich mit den Offizieren irgend einer Majestät so wenig wie möglich
+in Berührung komme -- wer wird's sein?«
+
+»Niemand Anderes als derselbe junge Bursch, der uns damals, in der
+Pomatu Gruppe unsern schon sicher geglaubten Fang, den kleinen
+Perlencutter abjagte und Dich dabei erwischte. Du entkamst ihm nachher
+noch, aber er hat Dich doch beinah acht Tage festgehabt und kennt Dich
+genau, ich habe ihn wenigstens die Geschichte selber zweimal an Bord
+erzählen hören und er schwört darauf daß er Dich hängen sehn will,
+wenn er Dir jemals im Leben wieder begegnet.«
+
+»Unsinn, was kann er mir thun,« brummte aber Jim (denn wir wollen den
+Namen beibehalten), »wir wurden eben von unserer Beute vertrieben,
+aber das war doch auch weiter kein Beweis gegen mich.«
+
+»Sie haben die beiden Leichen in dem Pandanusdickicht gefunden,« sagte
+Jack leise.
+
+»Den Teufel,« knirschte Jim zwischen den Zähnen durch -- »das wäre
+allerdings fatal -- aber er hat keine Zeugen.«
+
+»Mehr wie er braucht,« entgegnete Jack -- »drei von den Jungen die uns
+damals den Spaß verdarben, sind auf der ~Jeanne d'Arc~ -- und Du
+kannst Dir denken wie mir zwischen dem Gesindel zu Muthe sein muß --
+ein Glück daß sie keine Ahnung haben wie nahe wir schon einmal mit
+einander in Geschäftsverbindung gestanden haben.«
+
+»Aber wie zum Henker bist Du auf das Französische Kriegsschiff
+gekommen?« frug Jim nochmals erstaunt und vielleicht selbst
+mißtrauisch.
+
+»Lieber Gott,« lachte Jack achselzuckend, »wie man bald das bald das
+einmal in der Welt versucht, ehrlich durchzukommen. -- Ich machte in
+Marseille, an Bord eines Dampfers eine Speculation in silbernen
+Löffeln -- «
+
+»Pfui!« sagte Jim.
+
+»Pfui?« wiederholte Jack beleidigt -- »das ist mir nun einmal
+angeboren, daß ich nicht müßig gehen kann; doch um kurz zu sein
+entstand da ein Mißverständniß dem ich, als der Schwächere zum Opfer
+fiel. Sie steckten mich erst ein und schickten mich dann, zu meiner
+weiteren Ausbildung auf ein Kriegsschiff.«
+
+»Und jetzt?«
+
+»Und jetzt? -- bin ich an Bord und sehe mich nach einer passenden
+Gelegenheit um meine Situation zu verbessern.«
+
+»Warum desertirst Du nicht?« frug ihn Jim.
+
+»Das ist eine böse Sache,« sagte Jack kopfschüttelnd, »das kann gut,
+aber auch schlecht gehen -- ja wenns hier einmal zum Ausbruch käme,
+ließ ich mir's gefallen; jetzt wird aber Alles ausgeliefert was sich
+fremd am Ufer blicken läßt. Du aber kannst mir am Ende dazu helfen.«
+
+»_Ich_ Dir? -- wie mir's jetzt scheint habe ich alle Hände voll zu
+thun meine eigene Haut in Sicherheit zu bringen -- ist unser alter
+Bekannter an Land?«
+
+»Gewiß, und stöbert hier gerade in der Nachbarschaft herum, ich habe
+Dich deshalb abgerufen daß Du ihm nicht etwa in die Hände läufst -- «
+
+»Nur meinethalben?« frug Jim den Gefährten mit einem etwas
+zweifelhaften Blick.
+
+»_Nur_ deinethalben? -- nein« sagte der aufrichtige Jack -- »ich sehe
+nicht ein warum ich das Kind nicht beim rechten Namen nennen soll; mir
+war es selber nicht ganz einerlei, die alte Geschichte wieder
+aufgewärmt zu sehn, noch dazu da ich ein unfreiwilliger Zeuge des
+Ganzen hätte sein müssen. Aber wirklich Jim, wie ich da erst von
+unserem Bootsmann gehört habe, der sich gerade nicht in Dich scheint
+verliebt zu haben, gehörst Du zu dem Wallfischfänger, der unten in der
+Bai liegt -- sind die Leute an Bord gut?«
+
+Jim zögerte einen Augenblick mit der Antwort und schielte seitwärts
+nach seinem frühern Kameraden hinüber.
+
+»Du überlegst ob ich Dir da nicht etwa im Wege wäre?« sagte dieser
+lachend.
+
+»Nein, nein,« erwiederte der Ire rasch und vielleicht etwas beschämt
+seine Gedanken so schnell errathen und ausgesprochen zu sehn -- »ich
+wußte nur nicht gleich was Du damit meintest -- ja, der Capitain ist
+gut genug -- Mac Rally, Du mußt ihn ja noch von früher her kennen.«
+
+»Mac Rally, Mac Rally? -- nein, unter dem Namen nicht; wie hieß er
+sonst -- Du kannst mir trauen alter Junge,« setzte er lachend hinzu,
+als er sah das Jim mit der Antwort zögerte -- »mir liegt _Alles_
+daran sicher vom Bord der Franzosen zu kommen und wenn ich selbst -- «
+
+»Aber warum schwimmst Du nicht zu dem Engländer hinüber, der nähme
+Dich mit Vergnügen auf,« sagte Jim.
+
+»Weil ich dafür meine _sehr_ guten Gründe habe,« brummte Jack
+verdrießlich; »ich fühle eine gerade so große Abneigung gegen
+englische Offiziere wie Du, und -- habe vielleicht eben so viel
+Ursache -- also Mac Rally -- «
+
+»Erinnerst Du Dich noch auf Bill Kooney?« frug Jim.
+
+Jack pfiff leise vor sich hin und lachte verschmitzt.
+
+»Bill Kooney,« sagte er dann nach einer kurzen Pause -- »Bill Kooney
+-- aber wie zum Teufel ist der zu dem Wallfischfänger gekommen?«
+
+»Das ist eine naive Frage,« sagte Jim, »aber mein Junge, wenn dem so
+ist daß der Gesell -- wie heißt er doch gleich dein Lieutenant?«
+
+»Bertrand.«
+
+»Daß also der ~Monsieur~ hier herumschwimmt, da ist's für mich Zeit
+aus dem Cours zu gehn -- bis ich ihm vielleicht einmal richtig hinein
+kommen kann; ich muß so an Bord.«
+
+»Aber wo treffen wir uns wieder? ich möchte vorher genau wissen wann
+Ihr segelt und Bill Kooney doch auch gern einmal sehn, mit ihm meinen
+Plan zu bereden.«
+
+»Ich gehöre gar nicht mehr an Bord,« sagte Jim -- »daß ich Harpunier
+wäre hab' ich deinem neugierigen Bootsmann nur aufgebunden.«
+
+»Du gehörst nicht mehr an Bord?« frug Jack erstaunt -- »den Teufel
+auch, da hast Du wohl dein »Geschäftsbüreau« jetzt an Land?«
+
+»Zu Zeiten,« sagte Jim ausweichend.
+
+»Und gehn die Geschäfte gut? -- na hab' keine Angst,« setzte er aber
+rasch hinzu, als er sah daß den neugefundenen Kameraden die Frage
+etwas in Verlegenheit zu setzen schien, wenigstens nicht gleich und
+unbedingt von ihm beantwortet wurde -- »ich komme Dir dabei nicht in's
+Gehege, bleibe aber, aufrichtig gesagt auch lieber einmal eine
+Zeitlang auf festem Grund und Boden und in der angenehmen Gesellschaft
+hier, mich von den überstandenen Strapatzen erst ein wenig auszuruhn.
+Donnerwetter, man lebt doch nur einmal auf der Welt, und wozu sich in
+einem fort schinden und placken, wie ein Hund!«
+
+»Ich weiß gerade nicht ob es Dir hier gefallen würde,« sagte Jim.
+
+»Daß laß meine Sorge sein,« lachte der Matrose, »wenn ich nur erst
+glücklich aufgehoben wäre, eine Desertion in meinen Verhältnissen ist
+nur zu verdammt gefährlich, denn _kriegten_ sie mich wieder, möcht'
+ich in jeder anderen, nur nicht in meiner eigenen Haut stecken. Ich
+könnte Dir vielleicht hier auch in Manchem von Nutzen sein.«
+
+»Das bezweifle ich nicht im Mindesten,« entgegnete Jim ruhig, »aber
+überleg's Dir wohl; wird eine große Belohnung auf den Einfang gesetzt,
+so ist keinem von den Indianischen Schuften zu trauen. Am besten wär's
+doch wohl Du sprächst einmal mit Mac Rally.«
+
+»Hm -- ja -- vielleicht -- nun ich werde ja sehen,« sagte Jack wie
+überlegend sich das Kinn streichend und dabei verstohlen auf Jim
+hinüber schauend. -- »Und wenn man Dich einmal hier am Ufer finden
+wollte, wo bist Du da am besten zu erfragen?«
+
+»Kennst Du einen Platz hier auf der Insel, den sie »Mütterchen Tot's
+Hotel« nennen?«
+
+»Nein -- ich bin noch nie funfzig Schritt vom Strand fortgewesen.«
+
+»Du wirst ihn erfragen können -- jeder Matrose kennt ihn.«
+
+»Wohnst Du dort?«
+
+»Nein, aber es ist der einzige Platz, den ich regelmäßig besuche.«
+
+»Gut, werd' ihn mir merken, und nun ~good bye~, Dick, unser Bootsmann
+könnte mich sonst vermissen.«
+
+»Nenne mich nur nicht _Dick_,« warf der Ire ein, »der Name war mir
+unbehaglich, und ich möchte nicht gern immer wieder an jene
+unglückselige Zeit erinnert werden.«
+
+»Hast Du Gewissensbisse?« lachte Jack.
+
+»Bah Gewissensbisse -- Unsinn -- aber keine Lust eine Raanocke zu
+zieren, alter vergessener Geschichten wegen.«
+
+»Gut, gut; also Du, Jim, wenn Dir das sicherer klingt, könntest Dich
+unter der Zeit doch immer einmal nach einem Quartier oder
+Schlupfwinkel für mich umsehen -- wenn's auch nur für den Nothfall
+wäre; je weiter im Inneren, desto lieber ist mir's. So gute Nacht und
+-- hab gut Acht auf deinen Hals!« -- Und leise vor sich hinlachend
+verließ er den Freund und ging zurück, wo er die Trommeln der
+Insulaner noch hören konnte, die unermüdlich neue und frische Tänzer
+herbeilockte.
+
+»Hm,« sagte Jim leise und nachdenkend vor sich hin, als der alte
+Kamerad aus früheren Tagen in den Büschen verschwunden war, und seine
+Schritte weiter und weiter im dürren Laub verklangen -- »schön Dank für
+die Warnung; ich weiß aber eben noch nicht, ob mir mein Hals in
+_Deiner_ Gesellschaft sicher oder unsicher ist, mein alter Bursche,
+und fataler Weise ist der Versuch gerade so gefährlich. Nun,
+jedenfalls bin ich auf meiner Huth und vor Dir ziemlich sicher daß Du
+nicht selber aus der Schule schwatzest; Vielleicht kommt mir aber der
+französische Grünschnabel einmal gelegentlich unter die Finger und
+dann können wir ja unsere Rechnungen mitsammen ausgleichen. Jetzt
+übrigens, so lange es noch Tag ist, werde ich _nicht_ an Bord
+zurückgehn, sondern meine Geschäfte hier am Land besorgen; ich traue
+den Insulanern nur nicht viel zu; sie sind zu gleichgültig bei Allem
+was sie nicht unmittelbar in die Höhe schüttelt, und müßten sich sehr
+geändert haben, wenn sie überhaupt noch einmal zu einem entscheidenden
+Schlag zu bringen wären -- sei der nun hingerichtet, wohin er wolle.
+-- Hm -- ist mir aber auch wieder ungemein lieb erfahren zu haben daß
+der Gesell in einer französischen Uniform steckt und hier herumläuft
+-- werde doch zusehn daß _er mir_ zuerst vorgestellt wird, und nicht
+ich _ihm_.« -- Und mit einem vorsichtigen Blick umher, denn Jack's
+Warnung hatte seine Wirkung keineswegs verfehlt, schlug er sich, mit
+der Gegend in der er sich hier befand vollkommen gut bekannt,
+seitwärts in das Dickicht, die Stadt auf einem anderen Pfade zu
+erreichen und verschwand bald darauf in den dichten, hinter ihm sich
+wieder schließenden Guiavenbüschen.
+
+Fußnoten:
+
+[A] Ein Schiffsausdruck »wo kommt Ihr her -- von woher seid Ihr
+gesegelt?«
+
+
+
+
+Capitel 2.
+
+#Sadie und René.#
+
+
+Ah -- die Brust hebt sich ordentlich frei, wie wir dem wilden wüsten
+Treiben von Haß und Sünde, Leichtsinn und roher Sinnlichkeit den
+Rücken kehren, dem Wald, dem unentweihten Walde zuzustreben. Noch
+haben wir aber nicht all die bunten wilden Gruppen hinter uns, die
+zerstreut bei all den verschiedenen Hütten, in all den kleinen Hainen
+ihre Orgien feiern. Horch, von da drüben herüber lauter und munterer
+Trommelschlag unter den Palmen vor -- lachende Männer und
+Mädchenstimmen und jubelnder Chor; und von _dort_? tönt der scharfe
+Klang einer kleinen, in den Zweigen eines Orangenbaumes aufgehangenen
+Glocke, und der monotone Sang frommer Hymnen in Tahitischer Sprache,
+von den Ehrwürdigen Männern selbst an einem Wochentag gesungen, weil
+heute die Inseln ja dem rechten, dem »allein selig machenden
+Protestantischen Glauben« gerettet wurden.
+
+Dahinein aber kreischt der laute fröhliche Sang halbtrunkener
+Matrosen, die am Strand nieder neuen Vergnügungen zuziehen. Hier eine
+Frauengestalt in wehdurchschauerter Angst niedergeworfen vor dem
+zürnenden Gott, den Blick angstvoll nach oben gerichtet, als ob sie
+fürchte daß der rächende Strahl den Zornesworten folgen müsse, die der
+weiße fromme Mann eben niedergedonnert hatte von dem einfach hölzernen
+Kanzelstand, auf die Häupter der kleinen »auserwählten Schaar« -- dort
+ein wildes braunes halbnacktes Mädchen, den Arm leichtfertig um die
+Schulter eines französischen Soldaten gelegt, der mit ihr plaudert und
+koßt, während sie den lachenden Blick frei und ruhig zu dem blauen
+freundlichen Himmel emporhebt, und dabei mit halbem Ohr vielleicht den
+fernen wohlbekannten Glockentönen lauscht.
+
+Widersprüche wohin das Auge fällt, und nur die Natur selber ist sich
+treu geblieben in dem tollen wilden Gewirr -- nur die Natur allein,
+die Gottes Größe und Güte predigt in jeder Zeit, und ihre Gaben
+liebend ausstreut über die Kinder des Allmächtigen, gleichviel
+welcher _Sekte_ sie angehören, welchen Namen die Lippe flüstert, wenn
+das Herz, in stiller Anbetung versunken, emporstaunt zu seinen
+Wundern, und gleichgültig dabei, ob sie ihre Stirnen nach Westen oder
+Osten zum Gebet neigen -- beten sie doch _Alle_ zu _Ihm_.
+
+So, je weiter wir das wirre tolle Treiben Papetee's hinter uns lassen,
+verschwimmen die Dissonnancen von Hymne und Trommel in dem gewaltigen
+Donner der ewigen Brandung, und dem leisen flüsternden Rauschen der
+Blätter und Palmenkronen, und dort draußen, weit draußen am
+wunderschönen Strand, wohinaus kaum der donnernde Schall des
+Geschützes drang, das den Aufgang und Niedergang der Sonne kündete,
+hatte René seine Hütte gebaut. Ein wohl nicht großes aber doch
+geräumiges Haus, dicht in den Schatten von Frucht- und Blüthenbäumen
+hineingeschmiegt, diente ihm mit seiner kleinen Familie, wie dem alten
+ehrwürdigen Mr. Osborne, von dem sie sich nicht hätten trennen mögen,
+zum Aufenthalt; ja wurde ihm zur Heimath, und selbst Sadie fühlte sich
+hier wieder wohl und glücklich, so heimisch so freundlich war der
+kleine liebe Platz -- so lieb fast wie Atiu -- nur daß ihm die
+Erinnerungen fehlten.
+
+-- _Nur daß ihm die Erinnerungen fehlten_ -- es ist ein kleines,
+unbedeutendes Wort; die Erinnerung, und sie umfaßt doch, wenn wir
+erst einmal wirklich ins Leben traten, Alles fast, was das Herz je
+theuer gehalten und lieb, und dessen Klängen es mit freudigem Klopfen,
+o wie gern doch, lauscht. Was anderes giebt unserer Heimath jenen
+unendlichen Reiz, der uns nicht weilen läßt im fremden Land und uns
+zurückzieht mit festen, kaum zerreißbaren Banden? -- was anderes
+zaubert uns mit einem Schlag alle die lieben, nie vergessenen, aber
+wohl so oft und heiß ersehnten Bilder wieder herauf, die unserem Leben
+damals Licht und Farbe, unserem Blut die Wärme, unserer Brust die
+heitere Ruhe gaben? Verleih einem Platz diese Erinnerungen, und laß es
+dann die ärmlichste dürftigste Hütte in einer Wildniß sein, und jede
+Stütze ist uns theuer die noch den morschen Bau zusammenhält. Wir
+kennen da jeden Baum, jeden Stein und an jedes, das noch so
+unbedeutendste, an den schmalen Pfad der hinausführt zu dem stillen,
+Linden umlaubten Friedhof, an das Gartenpförtchen, an den Apfelbaum
+neben der Thür, an die Steinbank oder den murmelnden Bach, oder den
+moosbewachsenen Eimer des Brunnens, selbst an die lieben Sterne die
+nur _so_, wie alte liebe Bekannte über _der_ Hütte standen, knüpft
+sich eine Liebe, eine selige Erinnerung, und je älter wir dabei
+werden, je weiter uns das Schicksal und je länger es uns
+fortgetrieben aus dem Heiligthum, desto theurern Platz wahrt es sich
+in unserm Herzen.
+
+Und _ohne_ diese Erinnerungen? ja die Welt ist schön, und überall
+gründet der unstete Mensch seinen Heerd, überall deckt Gottes
+unendliche Güte den Boden für ihn mit Speise und Trank, und das
+Geschlecht treibt und gedeiht -- aber es treibt und gedeiht auch nur
+eben, und wie in der Fremde beginnt es seine Hütte zu bauen, wie in
+der Fremde siedelt es sich an und -- denkt zurück an frühere
+glücklichere Zeiten, liebere Plätze -- an die Stelle wo seine Wiege
+gestanden.
+
+Aber Sadie und René _waren_ glücklich -- über ihnen wölbten, wie auf
+Atiu wehende Cocospalmen ihre Häupter und schüttelten den Thau nieder
+auf die duftenden Blüthen der Orangen, die ihren Fuß umwuchsen; vor
+ihnen aus breiteten sich die Corallendurchzogenen Binnenwasser der
+Riffe, klar und silberrein wie an der Schwesterinsel, und Abends
+ruderte der junge Mann das Canoe hinaus, und vor ihm saß dann die
+glückliche Mutter mit dem Kind am Herzen, dem Liebesblick seines Auges
+in unendlicher Seligkeit begegnend; -- es waren das so frohe, so
+glückliche Stunden.
+
+Oh daß sie schwinden müssen, daß Alles nur auf Erden eine Spanne Zeit
+umfaßt, und während uns die Sonne fröhlich scheint, daß da schon
+düstre Wolkenschleier unterm Horizonte lagern müssen, die langsam aber
+sicher höher steigen. Es giebt kein ungetrübtes Glück auf dieser Welt,
+es kann's nicht geben, denn das Bewußtsein schon, wie nah der Wechsel
+unserm Leben liegt, wie oft an einer Faser nur das Alles hängt, was
+uns in diesem Augenblick entzückt, wirft einen trüben Schein selbst
+auf die frohste Stunde, und das, was uns gerade im Unglück stärkt, was
+den Blick vertrauend, hoffend dem Lichte zukehrt, wie trüb und traurig
+uns auch im Herzen sei, und wie die Verzweiflung an ihm nagt und
+zehrt, die Gewißheit irgend des einstigen Wechsels solcher
+Leidenszeit, die klopft dann ebenfalls als Mahner an des Glückes Thor,
+mit leisem Finger, aber still und unverdrossen fort.
+
+Nicht bei René; er war ein Kind im Glück und nahm das Alles mit so
+frohem leichten Herzen an, wie Kinder Spielzeug nehmen, lachen und
+springen damit und nicht d'ran denken daß es zerbrechen kann, sich
+nicht d'rum kümmern. Nach langer schwerer Zeit, wo er viel dulden
+mußte und ertragen, erschien das Alles hier ihm wie gehörig, wie
+gerechter Lohn nur für Bestandenes; Sorge hatte er nie gekannt, der
+Augenblick war ihm des Lebens Trieb gewesen, dem er folgte, dem
+Augenblick gehörte er auch an, und wie er ebenso im Unglück wenig nur
+gehofft, sich stets vom Schicksal ausersehn gedacht und kecken
+trotzigen Muthes darin gerade Freude fand ihm zu begegnen, es zu
+überwinden, so dachte er auch im Glück nicht oft hinaus wie's einst
+wohl werden solle, wenn der Tod vielleicht hier oder da die Stützen
+wegriß, oder and'res Leid mit kalter starrer Hand eingreifen könne in
+sein junges Glück. Er lebte, liebte, das war ihm genug.
+
+Nicht so Sadie; auf jener stillen Insel still herangewachsen, hatte
+sie kaum von einem höheren Lebensziel gewußt; der Schwestern sorglose
+Freuden sorglos theilend, war ihr auch nie ein anderer Gedanke
+gekommen, hatte sie nie einen andern Fall für möglich gehalten, als
+mit der Palme am Strand zu blühen, zu gedeihen und unter ihrem
+Schatten einst in leichter Erde, leicht und hoffend einem neuen,
+besseren Leben entgegen zu träumen. Da kam René -- mit ihm erschloß
+sich eine neue Welt für sie, mit ihm gewann sie etwas was sie nie
+geahnt -- ein _geistiges_ Leben, neben ihrer Palmenwelt, und Alles das
+was ihr die Brust von da mit solcher Seligkeit erfüllte, fand in dem
+einem Herzen nur Ursprung und Ziel -- und wenn das eine Herz ihr
+wieder schwand dann -- nein, sie dachte den Gedanken nie aus, und wenn
+er aufsteigen wollte in ihr, floh sie vor sich selbst, und das Gefühl
+gewann erst wirklich festen Grund in ihr, bekam erst Farbe und
+Gestalt, als ihr ein anderer Schmerz durchs Leben zog -- das erste
+schwere herbe Leid der jungen Brust.
+
+Der alte ehrwürdige Mr. Osborne, ein Missionair im wahren Sinn des
+Worts, der Gottes Liebe voll und wahr im Herzen trug, und Tausenden
+schon damit Trost gebracht, fand gerade da, wo er Achtung und
+Anerkennung hätte fordern dürfen, mit seinem treuen ehrlichen Herzen,
+kalten dürren Grund, und wenn nicht offenen Kampf, weit Schlimmeres --
+heimlicher Bosheit Pfeil, der oft weit tödtlicher trifft als Blei und
+Stahl. Herüber und hinüber geschickt auf der Insel, wo er kaum des
+einen Stammes Herzen sich gewonnen, und wohlthätigen Einfluß auf sie
+auszuüben begann, gekränkt und angefeindet, geärgert und betrübt,
+erkrankte er endlich, und ehe René sowohl wie Sadie sich auf den
+schmerzlichen Verlust der ihnen drohte, vorbereiten konnten, ja ehe
+selbst nur die Befürchtung solcher Gefahr in ihnen aufgestiegen war,
+machte ein Nervenschlag seinem Leben ein sanftes und nur zu rasches
+Ende.
+
+Der Schmerz traf tief in ihr junges, bis dahin ungetrübtes Glück, und
+Sadie besonders hatte viel, unendlich viel durch ihn verloren. Auch
+René schmerzte der Verlust des alten wackern Mannes, der ihm ein
+zweiter Vater geworden, und ja auch eigentlich viel mit seinetwegen
+ertragen und geduldet.
+
+Viele Monate vergingen denn auch, ehe sich Beide von dem Verlust
+erholen, an die Trennung von ihm gewöhnen konnten, und selbst dann
+noch wollte das Gefühl der Leere nicht ganz weichen -- es fehlte ihnen
+ein Theil ihrer selbst, und der Alles lindernden Zeit mußte es
+vorbehalten bleiben sie vollständig dafür zu trösten.
+
+Dieser Todesfall war aber auch für René zum Trieb geworden, sich
+irgend nach einer Thätigkeit umzuschauen, nach der auch, besonders
+jetzt allein auf sich selbst angewiesen und in der lebendigeren
+Ansiedlung mit neuen Bedürfnissen erwachsend, sein lebenskräftiger
+Geist sich sehnte und drängte. Eine solche Beschäftigung wurde ihm
+aber auch zuletzt zur Nothwendigkeit, wenn er nicht untergehen sollte
+in dem müßigen, dem Insulaner wohl zusagenden, dem gebildeten Europäer
+aber auf die Länge der Zeit nicht genügenden Leben.
+
+Kurz vor Mr. Osbornes Tode war ein Theil des Capitals, das René in
+Frankreich stehen hatte, für ihn auf Tahiti eingetroffen, und er
+beschloß jetzt dasselbe in kaufmännischen Speculationen anzulegen, und
+sich außerdem mit dem Handel und Betrieb dieser Inseln bekannt zu
+machen. Er bedurfte dessen allerdings nicht seine Lage zu verbessern
+oder seine Existenz zu sichern, denn wenig genügte hier seinem
+einfachen Leben, aber er wollte einen Antrieb haben, der ihn irgend
+einem gestellten Ziel entgegen führte, und das zog ihn dann nicht
+allein nicht von seinem häuslichen Leben ab, sondern mußte diesem
+sogar einen noch höheren Reiz verleihen.
+
+Seine kleine freundliche Wohnung lag vielleicht eine halbe Meile
+unterhalb Papetee, dicht am Meeresstrand, von hohen Wi- und Mapebäumen
+umgeben, und die freie Aussicht nach dem reizenden Imeo hinüber
+gewährend. Dort, schon mit mancher Europäischen Bequemlichkeit
+ausgestattet, hatte er sich sein Nest gebaut, und zog ihn auch über
+Tag dann und wann theils die Anknüpfung seiner Geschäfte, theils das
+rege politische Treiben dieser lebendigen Zeit für Tahiti, nach der
+Stadt, so fand ihn der Abend doch stets mit raschen Schritten
+heimwärts, in die Arme seines trauten Weibes eilend, und schmiegte
+sich dann das liebe holde Kind, dem die Mutterwürde einen fast noch
+höheren Reiz verliehen, kosend an seine Seite, dann segnete er wohl
+oft, in der Fülle seines Glücks, das Schiff, das ihn an diese
+gastliche Küste geführt, und mehr noch den Entschluß Freiheit und
+Leben daran gesetzt zu haben den Boden zu betreten, zu dem es ihn,
+wie mit einer höheren inneren Stimme unaufhaltsam getrieben.
+
+Wie es dabei oft jungen Leuten geht, denen das Schicksal, und wie
+häufig ihnen zum Heil, in ihrer ersten Liebe, bei ihren ersten
+ehrgeizigen Plänen, den schon zum Genuß gehobenen Becher von den
+Lippen reißt, und die dann plötzlich ihre Rechnung mit der Welt
+abgeschlossen, ihre Ansprüche an das Leben und sein Glück vernichtet
+glauben und gar nicht einsehen wollen, daß ihnen die Welt erst jetzt
+so voll und weit die Arme öffnet, fand er Alles, Alles gerade in dem
+Augenblick erfüllt, wo er sich schon an Abgrunds Rande wähnte, und den
+Schritt für unvermeidlich, für unabwendbar hielt, der ihn
+zerschmettert in die Tiefe senden mußte.
+
+Und wenn er dann wieder im Anfang, von einem Extrem zum andern
+überspringend, jeder Gefahr entrissen, mit jedem Wunsch erfüllt, in
+einem förmlichen Taumel von Wonne und Seligkeit der neu gefundenen
+Rettungsbahn, die ihn nun durch blumige Auen führte, wie im Traume
+folgte, verlor sich doch endlich dieses Gefühl, das ihn auch wirklich
+sein Glück nur halb empfinden ließ, und mit dem vollen Bewußtsein
+dessen was er sich hier, in dieser wunderherrlichen Welt gewonnen,
+kehrte auch unendliche Ruhe und Seligkeit ein in sein Herz -- eine
+Ruhe die sein Weib unsagbar glücklich machte und ihrer Brust letzte,
+durch die anderen Protestantischen Geistlichen wachgerufenen Zweifel
+und Befürchtungen beschwichtigte und widerlegte, daß sich der unstete
+Geist des jungen Mannes so leicht und vollständig dem doch ganz neuen
+ungewohnten, und gewissermaßen abgeschlossenen Leben dieser Inseln
+fügen werde.
+
+Wie aber der Wirkungskreis ein weiterer war, den er hier fand, so
+zeigte sich auch bald das Leben ein ganz anderes, als in dem stillen,
+abgeschlossenen Atiu. Tahiti, und auf ihm Papetee schien der
+Mittelpunkt des Handels und Verkehrs für die südlich vom Aequator
+gelegenen Inselgruppen werden zu wollen, und gerade in letzter Zeit
+hatten sich mehre Amerikanische wie Französische Familien hier
+niedergelassen, die den gesellschaftlichen Verhältnissen dieses
+kleinen Inselstaates einen neuen, bis dahin noch nicht gekannten
+Aufschwung zu geben versprachen. René dessen liebenswürdiges Benehmen
+ihm leicht die Herzen derer gewann, mit denen er in Berührung kam,
+trat bald darauf mit einem der Amerikaner sowohl wie den Franzosen in
+Geschäftsverbindung, und fand sich auf das Herzlichste bei ihnen
+eingeführt. Den Frauen besonders lag daran einen geselligen Verkehr
+auf diesem abgelegenen Punkt zu eröffnen und zu erhalten, und sie
+hörten kaum daß René verheirathet sei, als sie auch fest entschlossen
+waren ihn aufzusuchen und mehr an sich und ihr Haus zu fesseln.
+
+René, der recht wohl fühlte daß er sich mit der stärkeren Bevölkerung
+der Insel, wenn sich besonders noch mehr Europäer herüber zogen, einem
+mehr geselligen Leben nicht ganz würde verschließen können, ja
+verschließen mochte, hatte schon seit einiger Zeit angefangen Sadie
+darauf vorzubereiten, und zum ersten Mal störte ihn hierin ihre
+ungezwungene Tracht, die dem Klima wie der freien Bewegung des Körpers
+doch so angemessen war. In den Kreisen in denen er sich aber in einem
+mehr geselligen Leben bewegen mußte, wäre dieselbe jedenfalls, wenn
+nicht geradezu ein Hinderniß, doch oft ein Stein des Anstoßes
+geworden. Allerdings fürchtete er im Anfang diesen Punkt bei Sadie zu
+berühren -- es konnte sie kränken wenn sie glauben möchte sie gefiele
+ihm weniger jetzt in dem bunten flatternden Tuch, als früher in der
+ersten Liebe Zeit; aber Sadie war viel zu vernünftig nicht einzusehen,
+wie sie mit dem Gatten in einen anderen Wirkungskreis getreten wäre
+und sich dem anzuschmiegen hätte. Die liebe kleine Frau schüttelte
+wohl anfangs darüber lächelnd den Kopf, aber die neuen Kleider standen
+ihr vortrefflich, und mit dem, ihren Landsleuten eigenen Scharfblick
+fügte sie sich so leicht nicht allein in die Tracht, sondern auch in
+das ganze Neue und Fremde, das dieselbe mit sich brachte, als ob sie
+von Kindheit an darin aufgezogen gewesen wäre, und nicht erst hätte
+Alles abwerfen müssen was uns durch Gewohnheit und Sitte aus unserer
+Jugend noch fast zur andern Natur geworden, und mit unserm inneren
+Selbst verwachsen ist.
+
+Störend allein griffen manchmal, wenn auch selten, die kirchlichen und
+dadurch wieder politischen Verhältnisse der Inseln in das Leben der
+Glücklichen ein, denen sich René selber am liebsten ganz entzogen
+hätte, wenn ihn eben die Geistlichen in Frieden gelassen. Die
+Protestantischen Missionaire _hielten es aber für ihre Pflicht_ (ein
+entsetzliches Wort solcher Herren) die junge, im rechten Glauben
+erzogene und unglücklicherweise in die Hände eines Ungläubigen
+gerathene junge Frau, unaufhörlich vor dem Abgrund zu warnen an dem
+sie stehe, und ihr alle die Schrecknisse vor zu halten die sie
+erwarteten, wenn sie dem von ihrem Gatten betretenen Pfade folge. Auch
+das Kind mußte ja dem rechten Glauben erhalten werden, und so
+bereitwillig sich René, um nur Ruhe von Außen und Frieden im Hause zu
+haben, allen verlangten Ceremonien fügte, die für unumgänglich nöthig
+gehalten wurden dem kleinen unschuldigen Erdenbürger eine einstige
+Seligkeit zu sichern, so mußte er doch zuletzt entschieden gegen
+einen Theil dieser Menschen auftreten, die in seinem Haus anfingen wie
+in einem Taubenschlag aus und ein zu fliegen, und auf dem besten Weg
+waren der armen Frau den Kopf zu verdrehen, und sie melancholisch und
+unglücklich zu machen.
+
+Von den Geistlichen war nur Einer, mit dem er sich gewissermaßen
+befreundete, und zwar eigenthümlicher Weise gerade Einer der
+eifrigsten und entschiedensten der ganzen Gesellschaft. Bruder Nelson
+lebte und webte nur in seiner Mission und behandelte seinen Beruf mit
+einer Aufopferung, die ihn stets zuletzt an sich denken ließ, und
+Belohnung nur wieder allein in dem Erfolg suchte und fand, den er dem
+alleinigen Gott, seiner Meinung und Ueberzeugung nach, errang. Ruhig
+und fest arbeitete er aber auch ohne Uebertreibung, ohne jenen
+_blinden_ Eifer an der Besserung und Bekehrung seiner Mitmenschen, und
+gehörte vor allen Dingen nicht zu jener tollen Schaar die mit dem
+Wahlspruch »ein Tröpfchen _Glaube_ sei besser wie ein ganzes Meer voll
+_Wissen_« das Volk nur für ihre Worte und Formeln fanatisiren wollen,
+und Sinn und Verstand dabei, mit einem verklärten Blick nach oben,
+unter die Füße treten.
+
+René unterhielt sich gern und oft mit ihm, selbst über religiöse
+Punkte und noch mehr und gewaltigern Stoff zur Unterhaltung, aber
+auch zugleich dabei zu einer neuen Besorgniß, die seinen Eifer ihr zu
+begegnen nur noch mehr anstachelte, erhielt der ehrwürdige Mr. Nelson
+in einem neuen Gast des Hauses, der anfangs nur selten kam, sich aber
+bald dort wohler fühlte und häufiger da gesehen wurde als den übrigen
+Missionairen, die schon das Schlimmste fürchteten, lieb sein mochte.
+
+Es war dies Einer der Katholischen Priester, denen natürlich daran
+gelegen sein mußte vor allen Dingen unter ihren Landsleuten festen Fuß
+zu fassen, von denen aus sie ihre Lehre verbreiten und den Ketzern den
+schon fast sicher geglaubten Sieg entreißen konnten. Vater Conet hatte
+den jungen Franzosen und Landsmann aufgesucht, und trotzdem daß er von
+diesem, der nicht mit Unrecht dadurch den religiösen Kampf über seine
+eigene Schwelle zu ziehen fürchtete, im Anfang etwas kalt empfangen
+und aufgenommen wurde, sich so liebenswürdig betragen, und sich so
+fern auch selbst von jedem Schein eines Bekehrungsversuches gehalten,
+daß René bald in ihm nur den lieben, ihm herzlich willkommenen
+Landsmann sah. Selbst Bruder Nelson, der mit ihm einige Male da
+zusammentraf und es zuletzt unmöglich fand im Gespräch das was ihnen
+beiden so nahe lag, die Religion ganz zu vermeiden, lernte ihn mit
+jedem Tage mehr als einen durchaus gebildeten, anständigen Mann
+kennen, daß er nicht allein Nichts mehr gegen seine Besuche des Hauses
+einzuwenden hatte, sondern sie im Gegentheil anfing gern zu sehn und
+absichtlich ein und dieselbe Stunde mit dem katholischen Priester
+wählte, ihn dort zu treffen.
+
+Unter den übrigen Geistlichen hatte aber, nichtsdestoweniger daß
+Bruder Nelson das Haus besuchte, der überhaupt lange nicht als
+entschieden und orthodox genug unter ihnen galt, mehr und mehr der
+Verdacht Wurzel geschlagen, daß der katholische Priester wirklich die
+heimliche Absicht habe, die junge Frau schon aus den Armen der
+rechtgläubigen Kirche herauszureißen und der seinigen zuzuführen, und
+der Ehrwürdige Bruder Dennis, der fanatischeste unter den Fanatikern,
+fühlte sich vor allen anderen dazu berufen, für die junge Christin wie
+ihr Kind als Kämpfer aufzutreten.
+
+Mehrmals trafen sich hierauf die beiden Geistlichen, Bruder Dennis und
+Conet in René's Wohnung, selbst während dessen Abwesenheit; Bruder
+Conet fand aber bald welch ein anderer Geist diesen Mann beherrsche
+wie den ehrwürdigen Nelson, und vermied sorgfältig auch nur die
+mindeste Begegnung mit ihm auf geistlichen Gebiet unter dem, ihm
+befreundeten Dach. Artig aber entschieden wieß er den wieder und
+wieder gebotenen Kampf zurück. René erfuhr das auch, und gewann ihn
+dadurch um so lieber; vergebens bat er aber den frommen Mr. Dennis
+dagegen, von solchen Versuchen bei ihm abzustehn, da erstens nicht
+einmal die geringste Gefahr irgend eines Glaubenswechsels für Sadie
+vorhanden sei, ja die Frau sogar viel schwärmerischere Ideen bekam,
+als ihm schon lieb war, und er auch nicht gern sein häusliches Glück
+dem Zwiespalt opfern wollte, der die ganze Nation zu verschlingen
+drohte. Der fromme Geistliche hatte höhere Pflichten als gegen die
+Menschen und ihr häusliches Glück -- er hatte Pflichten gegen _Gott_
+und denen mußte er folgen, gleichviel wohinaus sein Weg ihn führte.
+Der Allmächtige hatte ihn und seine Brüder jenem glorreichen Beruf
+erwählt, Sein Wort, Seine Lehre, den Heiland der Welt und den Heiligen
+Geist den Heiden dieser Seeen zu bringen und jubelnd in dem Gefühl --
+jubelnd in der Seligkeit der Ueberbringer so froher Botschaft für die
+Verlorenen zu sein, schritt er vorwärts, das Kreuz in der gehobenen
+Rechten. Wohl lauerte der Feind jetzt mit einem trügerischen Schatten
+desselben Kreuzes die schon fast Geretteten von der richtigen Bahn
+wieder abzulenken; schon streckte er die gierige Teufelsfaust aus, und
+Gefahr drohte der kleinen Schaar der Rechtgläubigen von _allen_
+Seiten; aber fest und unerschrocken wandelten sie, die von Gott
+Beauftragten, ihre Bahn. Ihr Loos war ein schweres, ihr Ausgang ein
+zweifelhafter, aber sie zögerten nicht in dem begonnenen guten Werk,
+und Gott, der die Herzen der Menschen sah und ihre innersten Thaten,
+würde sie einst richten, ob sie recht gehandelt hätten vor Seinem
+Angesicht.
+
+Bruder Nelson fühlte und achtete den Grund, der den französischen
+Priester bewog mit dem fanatischen Geistlichen keinen religiösen Kampf
+zu beginnen, was nur in offener Feindseligkeit enden konnte, ja diesen
+Weg schon mehremal, selbst ohne Entgegnung, durch des frommen Mannes
+Heftigkeit zu nehmen gedroht hatte. Er machte auch seinem Collegen
+darüber mehrmals freundliche Vorstellungen, die dieser aber nur heftig
+erwiederte, und in René's Wohnung war es solcher Art schon mehrmals
+zwischen den beiden befreundeten Geistlichen selbst, was der Katholik
+stets vermieden hatte, zu, wenn nicht feindlichen, doch sehr lebhaften
+und jedenfalls für die Zuhörer unangenehmen Auftritten gekommen.
+
+René hätte sich Sorgen machen können, des aufsteigenden Wetters wegen,
+aber sein leichter fröhlicher Sinn ließ das auch leicht an sich
+vorübergehn, und zog's ihm auch manchmal die Stirne kraus, ein Blick
+auf sein trautes Weib, glättete sie rasch wieder, und ein Lächeln
+ihres Mundes trieb ihm wie fröhlicher Sonnenschein durch's Herz.
+
+Die ehrwürdigen Herren Nelson und Dennis hatten denn auch, nur wenige
+Tage nach der Versammlung, wieder einmal in René's Wohnung eine sehr
+ernste Debatte gehabt, in der der letztere, wie gewöhnlich, Sieger
+geblieben, das heißt das letzte Wort behalten, und Sadie war zum
+ersten Mal traurig geworden daß René über Beide lachte, und überhaupt
+die Sache, die doch auch _seinen_ Gott betraf, so entsetzlich leicht
+nehmen wollte. Die Geistlichen hatten lange das Haus verlassen, der,
+schon vorher beschriebenen Versammlung beizuwohnen, und René und Sadie
+saßen jetzt, Hand in Hand, die junge Frau das wirklich sorgenschwere
+Haupt an des Gatten Schulter gelehnt, vor ihrem Haus, während die
+kleine Sadie in dem Schooß der Mutter lachte und strampelte, und des
+Himmels Blau in ihren klaren großen Augen wiederspiegelte.
+
+»Und bist Du noch bös auf mich, Sadie?« flüsterte René nach einer
+langen langen Pause, in der er seine Lippen an ihre Stirn gepreßt
+gehalten.
+
+»_Bös_, auf _Dich_, René?« sagte die Frau, und schüttelte wehmüthig
+lächelnd mit dem Kopf -- »ich glaube nicht daß ich bös auf Dich werden
+könnte. -- Das ist auch ein gar trauriges schmerzliches Wort; nur ein
+wenig -- nur ein ganz klein wenig weh hast Du mir gethan -- aber es
+gereut mich schon daß ich Dir Vorwürfe darüber gemacht. Du hattest es
+sicher nicht so gemeint, wie ich thörichtes Kind es aufgenommen; --
+ich muß Dir auch gestehen -- «
+
+»Und was, meine Sadie?«
+
+»Schilt mich eine Thörin,« sagte Sadie, »ich hab' es verdient, aber --
+mir war es immer als ob Du auf Seiten der fremden Priester ständest,
+wie Du lachtest, und das, das gerade gab mir einen ordentlichen Stich
+durch das Herz, und das -- das glaub' ich auch, war, was mir
+eigentlich weh dabei gethan.«
+
+»Das sollte es wahrlich nicht, Du treues Herz,« sagte René gutmüthig,
+»aber komisch ist es doch wahrlich manchmal, daß Menschen, sonst ganz
+vernünftige mit ihren fünf Sinnen begabte Menschen wie unser Freund
+Dennis zum Beispiel, in mir unbegreiflicher Verblendung nicht allein
+behaupten können, nein auch fest davon überzeugt sind, daß nur sie
+allein den »schmalen dornenvollen Pfad« gefunden haben und wandeln,
+der direkt zu Gottes Seligkeit führt.«
+
+»Und wenn sie recht hätten?«
+
+»Liebes Herz!«
+
+»Nein René, nein!« sagte Sadie rasch, sich fester an ihn schmiegend,
+»ich will nicht streiten mit Dir über den Weg des Heils, aber Du mußt
+auch nachsichtig mit mir sein, denn _wenn_ ich mich ängstige und
+sorge ist es ja doch nur Deines, des Kindes wegen.«
+
+»Sieh nun, Sadie,« sagte René nach einer kleinen Pause, in der er sie
+fest in seinen Arm geschlossen, »Ihr zürnt den fremden Priestern
+meiner, oder vielmehr der Römisch katholischen Religion, daß sie den
+Streit und Unfrieden auf Euere Insel gebracht hätten, und zum Theil
+hast Du recht; aber wäre es möglich gewesen die katholische Religion
+ganz fern von diesen Gruppen zu halten, wo mehr und mehr Fremde sich
+ansiedelten, deren Religion allein doch kein Grund sein konnte sie
+zurückzuweisen? ja hatten die Protestantischen Missionaire vor Gott
+ein Recht _ihr_ Sektenthum allein als das wahre und richtige
+hinzustellen?«
+
+»Vor Gott und den Menschen, _ja_!« sagte rasch und eifrig Sadie, »denn
+ihr Leben haben sie daran gesetzt diesen Inseln die wahre Religion zu
+bringen, und würden sie das gethan haben, wenn sie gerade ihre
+Religion nicht für die wahre, allein wahre hielten, ja wenn sie nicht
+_fest überzeugt_ gewesen wären daß sie es sei? -- Welchen bessern
+Beweis konnten jene Männer geben, als daß sie Gut und Blut für ihren
+Glauben einsetzten?«
+
+»_Gut_ und _Blut_,« sagte René achselzuckend, »das klingt wie viel
+und ist wenig, dasselbe thut der gewöhnlichste Matrose auf jeder Reise
+-- wir wollen Alle leben. Aber wir haben darüber schon gesprochen
+meine Sadie, und gerathen da auf ein gefährliches, viel viel lieber zu
+vermeidendes Feld. Der _Einzelne_ kann mir auch lieb und werth sein,
+ohne daß ich gerade das Princip des Ganzen anerkenne, wie Du ja selber
+auch den würdigen Vater Conet seines achtungswerthen Betragens, wie
+seiner gesellschaftlichen Tugenden wegen lieb gewonnen hast, während
+Du doch sonst gewiß in jeder Hinsicht seine Gegnerin bist.«
+
+»Ich begreife das überhaupt nicht,« sagte Sadie leise -- »er ist auch
+gar nicht wie ein katholischer Priester -- «
+
+»Weil Du Dir diese Klasse Menschen eben gedacht hast wie sie Dir von
+Bruder Rowe und Consorten geschildert wurde. Bei vielen trifft deren
+Bild, ich habe Nichts dagegen, aber nicht bei Allen, nicht bei der
+Mehrzahl, und -- wir sollen nie von einem Menschen das Schlechteste
+denken, Sadie. Doch guter Gott, wohin verirren wir uns? -- ist das ein
+Gespräch für Mann und Weib mit _dieser_ Welt um uns her, und dem
+herzigen süßen Wesen da zwischen uns, daß Dich zupft und ruft und die
+Mutter schon lange ablenken will von den düsteren Gedanken, die ihr
+so nutzlos die Seele umlagern und -- so nutzlos hineingepflanzt sind
+in den reinen treuen Boden? Wetter noch einmal Sadie, Bruder Dennis
+ist mir ein lieber seelensguter Mann, ein Mann den ich achte und
+verehre, weil ich fühle wie eben Alles bei ihm feste innige
+Ueberzeugung ist, was er spricht -- selbst wenn er Unsinn -- nein mein
+Lieb, ich meine es ja nicht so schlimm, er soll mir Dir nur nicht
+solche Grillen und Gedanken in's Herz pressen, und zwingt er Dir noch
+einmal die Thräne in's Auge, dann -- dann -- «
+
+»Und dann?« frug Sadie, und unter Thränen vor schaute ihr Blick
+lächelnd zu ihm empor -- »und dann?«
+
+»Wettermädchen, Du machst mit mir doch was Du willst!« rief René, sie
+an sich ziehend und küssend -- »ich verlange ja auch Nichts mehr auf
+der weiten Gottes Welt, als daß sie uns unsern Frieden lassen,
+ungestört und heilig, wie wir ihn -- «
+
+»Hahahahaha,« klang in diesem Augenblick eine silberreine Stimme zu
+ihnen herüber, und als sie überrascht aufschauten, sprang eines der
+eingeborenen Mädchen, das sie hier auf Tahiti kennen gelernt, und
+trotz ihres wilden Wesens, in dem ein treues Herz verborgen lag, lieb
+gewonnen, über die niedere Umzäunung, die den Nachbargarten von ihnen
+trennte, und kam auf sie zu.
+
+Es war ein junges Ding von siebzehn Jahren vielleicht, und ganz in die
+dünne luftige Tracht jener Mädchen gekleidet, mit kurzem ~pareu~ oder
+Lendentuch, und leichtem Kattun-Ueberwurf über die Schultern, gerade
+wie René Sadien zum ersten Mal gesehen. -- Aber die dunklen, mit
+wohlriechendem Oel reich getränkten Locken schmückte ein künstlich
+geflochtener Kranz von rothen Blüthen, mit den schneeigen Fasern der
+Arrowroot durchwebt, und der Blick mit dem sie das junge Paar begrüßte
+ruhte keck, ja fast höhnisch auf der liebenden Gruppe.
+
+Aia war schön, schön wie die Palme ihrer Wälder, die lichtbronzene
+Haut in ihrer Färbung eher eine Zierde zu nennen, und die Gestalt voll
+und üppig, und doch schlank und elastisch; aber die weiche
+schwärmerische Gluth fehlte ihr, die den Zügen ihrer Landsmänninnen
+einen so eigenthümlichen Reiz verleiht, und auch das Mädchenhafte,
+ohne die der Schmelz abgestreift ist von jeder weiblichen Schönheit.
+Keck und zuversichtlich blitzte ihr Auge umher, den begegnenden Blick
+ertragend und besiegend, und ein eigenes bitteres, fast verächtliches
+Lächeln, das ihre Lippen dabei umspielte, diente nicht dazu dessen
+Ausdruck zu mildern.
+
+»Joranna Sadie -- Joranna René,« lachte sie, mit verschränkten Armen
+vor der Gruppe stehen bleibend und sie betrachtend -- »Joranna Ihr
+Beiden -- hahahaha -- sitzt Ihr nicht da, als ob Dir René erst vor kaum
+einer Stunde seine tollen Liebeslügen in's Ohr geflüstert, und Ihr nun
+alle Beide die Ueberzeugung hättet, Ihr könntet nicht leben ohne
+einander? -- bah, bah, wie lange wird's noch dauern? -- Aber wundern
+soll's mich doch, und hätt' ich früher daran gedacht, Sadie, hättest
+Du mir auch von dem Pulver geben müssen, das Du ihm in die Cocosmilch
+geschüttet -- vielleicht löge mir jener falsche Wi-wi jetzt auch noch
+vor, daß ich die Schönste sei auf den weiten Inseln, und er sterben
+müsse, wenn ich ihn nicht mehr lieben wolle. Hahahahaha, s'ist
+wahrhaftig zum toll werden wenn man an solche Zeit zurückdenkt, und
+sich das Alles dann immer und immer wieder vor den eigenen Augen
+erneuen sieht; ja und immer und immer wieder Thörinnen findet, denen
+der Hochmuthsteufel tief genug im Herzen steckt sich allein für
+unverlaßbar zu halten. -- Aber Joranna; Ihr seid unverbesserlich, und
+wenn er erst fort ist, Sadie, will ich Dich auslachen, wie Du es
+verdienst.«
+
+Sie warf die Locken von den Schläfen zurück, und wollte nach dem
+Strand hinunter eilen, als René's Entgegnung sie zurückhielt.
+
+»Du hast unrecht, Aia,« rief er ihr nach, »doppelt Unrecht, hier
+gerade in beiden Nachbarhäusern. Sieh Lefevre an und Aumama, länger
+noch als wir sind sie verheirathet mitsammen, haben zwei liebe Kinder
+und denken gar nicht daran sich zu trennen.«
+
+»Denken nicht daran sich zu trennen?« rief Aia, die bei den ersten
+Lauten schon stehen geblieben war, und den Kopf mit einem spöttischen,
+fast feindlichen Lächeln dem Redner zugewandt hatte -- »denken nicht
+daran sich zu trennen? ja Du hast recht -- wer weiß ob _Du_ nicht noch
+früher dein Canoe wieder aus den Riffen steuerst als er -- aber
+Le-fe-ve hat sich schon blind gesehen in ein paar andere Augen.
+Schüttle nicht mit dem Kopf, Wi-wi wenn Du mir nicht widersprechen
+kannst; reiß ihm das Kleid auf und lege dein Ohr an sein Herz -- für
+wen schlägt's? -- bah -- so viel für Euch!« und sie schlug trotzig mit
+der flachen Hand ihre Lende.
+
+»Aia -- komm her zu mir und setze Dich zu mir,« sagte Sadie jetzt mit
+leiser, bittender Stimme. »Sei nicht so bös und ärgerlich, wir haben
+Dich lieb hier, und Du meinst es doch nicht so arg, wie Du es
+sprichst.«
+
+»Mein ich nicht?« sagte das Mädchen noch immer halb trotzig und
+abgewandt, aber doch schon mit viel leiserer, milderer Stimme, als die
+sanften, bittenden Laute ihr Ohr trafen -- »mein ich nicht? und woher
+weißt Du's, Sadie? -- ich hasse Euch Alle miteinander, und wohl, oh
+entsetzlich wohl soll mir's thun, wenn Ihr Alle -- Alle so unglücklich
+werdet -- so -- wie -- « sie wandte rasch den Kopf ab von Sadie, aber
+es war nur ein Moment --
+
+»Aia!« rief Sadie, so bittend, so herzlich -- Aia stand zögernd, Trotz
+und Zorn und Schaam hielten noch die Oberhand in ihrem Herzen, aber
+nicht im Stand sich zu verstellen, gewann das bessere Gefühl, mit dem
+einmal aufgerüttelten Schmerz die Oberhand, und mit wenigen Schritten
+an ihrer Seite, kauerte sie neben ihr nieder, barg das Antlitz an
+ihrem Schooß und flüsterte leise unter ausbrechenden Thränen:
+
+»Du bist gut, Sadie, gut wie -- wie -- ich habe keinen Vergleich mehr,
+denn unsere Götter haben sie uns auch genommen und die ihrigen sind
+falsch -- falsch wie sie selber. Aber ich bin viel zu schlecht für
+Dich, viel zu schlecht; Aia darf Dir nicht mehr in's Auge sehen -- und
+doch hatten Deine Lippen noch nie einen Vorwurf für sie.«
+
+»Armes Mädchen,« sagte die junge Frau leise und theilnehmend, und
+suchte ihr Haupt zu sich aufzuheben, aber die Weinende wehrte sie ab,
+und schlang den Arm nur fester um ihren Leib, sich ihre Stellung zu
+wahren.
+
+René hatte sie mitleidig eine Zeitlang betrachtet, dann legte er seine
+Hand auf ihre Schulter und sagte leise:
+
+»Bleibe bei uns, Aia, gehe nicht wieder nach Papetee, sondern bleibe
+bei Sadie. Wir haben Brodfrucht und Fisch für Dich, und eine Matte
+darauf zu schlafen, und Dein Kleid soll nicht schlechter sein, als Du
+es bis jetzt getragen -- Sadie braucht eine Hülfe« fuhr er freundlich
+fort, als er sah wie diese den Kopf der vor ihr Knieenden streichelte,
+und sie liebkosend an sich zog, »und Du wirst recht, recht willkommen
+sein, hier im Haus.«
+
+»René hat recht,« unterstützte die Bitte sein Weib, »geh nicht wieder
+nach Papetee -- deine Mutter ist todt und dein Vater weit auf den
+Inseln zu Leewärts drüben; meide die Stadt, die Dir nur Unheil bringt
+und Fluch und Leid, und bleibe bei mir. Es wird Dich nicht gereuen und
+Du wirst wieder froh und glücklich werden unter uns.«
+
+»Und die Mi-to-na-res?« sagte das Mädchen leise.
+
+»Werden die Reuige gern und liebend in ihren Schutz und Schirm nehmen
+und ihr die Sünden vergeben, wie Gott einst gnädig auf uns
+niederschauen möge,« sagte Sadie rasch und freudig, denn in der Frage
+schon lag eine Zusage ihrer Bitte. Aia lag noch lange an der Gespielin
+Schooß und ihre Thränen schienen rascher zu fließen, als eine laute
+Männerstimme fröhlichen Gruß durch die Hecke blühender Akazien rief,
+die den Garten von der Straße trennte.
+
+»Ah Lefevre,« antwortete René, »wie geht es Euch, Nachbar, und kommt
+Ihr nicht herüber?«
+
+»Gleich, gleich,« lautete die Antwort, und sie hörten wie der junge
+Franzose draußen noch mit Jemanden sprach und ihm Aufträge gab.
+
+Aber auch Aia hatte sich rasch und wie erschreckt emporgerichtet, und
+die Locken aus der Stirn, die Thränen aus dem Auge werfend wandte sie
+sich, als ob sie den Platz fliehen wollte; Sadie aber ergriff rasch
+ihre Hand und sagte leise und bittend:
+
+»Gehe nicht fort von hier, Aia, bleibe bei uns.«
+
+»Nein nein,« rief aber das Mädchen und Sadie konnte sehen welchen
+Seelenkampf es ihr kostete die Bitte auszuschlagen, den stillen
+Frieden ihrer Wohnung zu verschmähn und allein und freundlos in dem
+_wilden_ Leben fortzustürmen, »nein ich kann -- ich darf nicht bei Dir
+bleiben -- ich verdiene es nicht -- ich bin bös und schlecht geworden,
+und deines Gottes Fluch würde mich von der Schwelle treiben, auf der
+jetzt noch Dein Glück und Frieden weilt -- aber« setzte sie wilder
+hinzu, und ihr Auge blitzte in unheimlicher Gluth nach René hinüber,
+»wenn sie Dich _Alle_ verlassen haben, und Du allein und freundlos in
+der Welt stehst -- wie ich jetzt -- dann wird Aia an deiner Seite
+sein, und Dir für das freundliche Wort danken, das Du heute zu ihr
+gesprochen. Dann wollen wir lachen und tanzen und _zusammen_ in's
+Leben stürmen, aber nicht mehr klagen und weinen. -- Den ~faï~ über die
+Thränen -- sie waschen den Schaum von der Seele des Menschen, daß man
+hinunter sehen kann bis auf den Grund -- und der Fischer lacht doch
+nur, der darüber hinfährt.«
+
+»Du hast vielleicht Ursache Einem von uns zu zürnen, Aia,« sagte aber
+René, der wohl sah welchen schmerzlichen, ja peinlichen Eindruck die
+Worte auf seiner Sadie Seele machten, »und schmähst jetzt ungerecht
+das ganze Geschlecht. Du wirst uns in späteren Jahren Abbitte thun.«
+
+»Werd' ich -- ha? und Le-fe-ve auch, wie?« -- lachte das Mädchen zornig
+und deutete mit dem ausgestreckten Arm nach dem, eben den Garten
+betretenden Franzosen.
+
+»Hallo Aia!« rief ihr dieser zu, »summt die wilde Hummel auch wieder
+ihr Lied auf unserer Flur? -- ha, Du hast Thränen im Auge Mädchen? --
+geh, Du bist ein schwarzer Vogel und prophezeihst nur Unheil.«
+
+»Es bedarf keines Propheten,« sagte aber das Mädchen zürnend, indem
+sie sich abwandte und das Schultertuch fester um sich zog -- »Jeder
+von uns kann leicht vorhersagen daß die Sonne morgen früh wieder über
+die Berge kommt, wenn sie am Abend hinter Morea[B] in die See
+gesunken. -- Fort mit Euch, Ihr habt süße Worte auf der Zunge, und
+Gift, tödtliches Gift im Herzen -- fort, Aia kennt Euch -- fort!« --
+und ohne Gruß noch Blick zurückzuwerfen, schritt sie den schmalen Pfad
+hinab, der nach dem unteren Pförtchen führte und war bald in der
+sogenannten ~broomroad~, dem gebahnten Weg nach Papetee, verschwunden.
+
+Sadie sah ihr seufzend nach und auch René konnte sich eines
+unheimlichen Gefühls nicht ganz erwehren.
+
+»Joranna René, -- ~ah bon jour Madame~,« rief aber Lefevre der wohl
+den peinlichen Eindruck zu verwischen wünschte, den die Worte des
+wunderlichen Mädchens unverkennbar besonders auf Sadie gemacht, »hat
+Ihnen Aia den schönen Abend verderben wollen? -- es ist ein albernes
+Ding, und darf _mir_ gar nicht mehr über die Schwelle, denn Aumama
+weint jedes Mal, wenn sie nur den Fuß unter das Dach gesetzt.«
+
+»Sie ist arm und unglücklich,« sagte Sadie.
+
+»Ach -- sie verstellt sich,« entgegnete mürrisch Lefevre -- »und trägt
+wahrscheinlich selber mit die größte Schuld ihres Leid's. Wir armen
+Teufel sollen's dann immer allein verbrochen haben, nicht wahr René?
+-- Doch, was ich gleich sagen wollte; gehen Sie mit nach Papetee? --
+die ehrwürdigen Protestantischen Herren haben da wieder eine
+Zusammenkunft, heut Nachmittag, und wie das Gerücht geht beabsichtigen
+sie den Beschluß ernster Maßregeln, jeden Französischen Einfluß, und
+mit ihm vielleicht auch gleich wieder die Französischen Priester, die
+ihnen ein Dorn im Auge sind, von sich abzuschütteln.«
+
+»Die Missionaire« -- sagte René rasch, fuhr aber gleich darauf
+langsamer fort, »sind wackere und brave, aber kurzsichtige Männer, sie
+glauben das Heft jetzt in Händen zu haben und spielen so lange damit
+bis es ihnen unter den Fingern wegschlüpft -- sie sollten sich nicht
+in die Politik mischen.«
+
+»Was sagt Mr. Nelson dazu?« frug Lefevre.
+
+»Er hält die Ankunft der Katholiken auch für ein Unglück für die
+Inseln, ist aber mit den Gewaltsmaßregeln unzufrieden die man dagegen
+ergreifen will; doch was kann der Einzelne gegen die ganze Schaar
+ausrichten.«
+
+»Und gehen Sie mit nach Papetee?«
+
+»Was sollen wir dort? -- herbe Reden hören, die uns vielleicht ärgern
+und zu Gegenreden treiben? -- ich habe keine Freude an der Sache, und
+sehe das Leid und Elend schon vor Augen das daraus entspringen wird
+und muß.«
+
+»Aber wir mögen vielleicht noch Manches mildern was geschehen könnte.
+Mörenhout ist ein vernünftiger Mann, und wird nicht zu weit gehn.«
+
+»Was kann Mörenhout _thun_?« sagte René achselzuckend -- »so wie die
+Missionaire unter dem Schutz eines Englischen Kriegsschiffes stehn,
+und so lange das im Hafen liegt, daß sie sich sicher fühlen, haben sie
+das Wort, und wir kennen sie doch dahin gut genug, zu wissen, wie sie
+das gebrauchen. -- Aber ich gehe mit, wir haben dann wenigstens unsere
+Pflicht gethan, und uns selber nichts vorzuwerfen. Ich komme bald
+wieder zurück, Sadie,« sagte er sich niederbeugend und ihre Stirn
+küssend.
+
+»Bleibe nicht so gar lange aus heut',« bat die junge Frau ihn, leise
+flüsternd, und die Kleine noch auf dem Knie haltend, die erst die
+Aermchen um den von ihr Abschied nehmenden Vater geschlungen, sah sie
+den Männern lange und schweigend nach.
+
+Aber Aia's Worte hatten doch trübe und schmerzliche Gedanken in ihrer
+Seele wach gerufen. Nicht für das eigene Glück fürchtete sie dabei; so
+keck und leicht René auch immer in das Leben stürmte, so treu war er
+sich geblieben, was _sie_ betraf, von erster Stunde an wo er sie
+gesehen, und das Kind, das er mit unendlicher Zärtlichkeit liebte,
+schlang die Bande des Herzens ja noch fester um sie. Aber das wilde
+Leben der Insel selber; die ihr feindlich dünkende Religion, die
+weiter und weiter um sich zu greifen drohte, und viel, so entsetzlich
+viel von dem verwarf, was ihr bis dahin der Seele Heiligstes gegolten;
+der Unfrieden dabei zwischen den eigenen Lehrern, die Vorwürfe, die
+von den Missionairen ihrem alten Vater o so ungerecht gemacht wurden,
+der Römischen Kirche mehr als mit seiner Stellung verträglich zugethan
+zu sein, wie er denn auch selbst das einzige Wesen das ihm näher
+stand, einem Katholiken zur Frau gegeben; ja selbst René's
+Gleichgültigkeit gegen einen Kampf, der doch die heiligsten Interessen
+ihrer einstigen Seligkeit betraf, das Alles zog ihr in trüben
+ängstigenden Bildern an der Seele vorüber. -- Und dabei hatte ja die
+arme Aia recht mit so vielen Anderen; wohin sie dachte schrak sie vor
+dem wilden Treiben zurück, das lockere Bande schlang um Europäer und
+Insulanerinnen, und sie losließ, wie es dem Augenblick gefiel. Ob das
+Herz darüber brach, oder die Verlassene in Schmerz und Trotz
+Entschädigung, Vergessen suchte in wilder lasterhafter Lust; die Welle
+des flüchtigen Tages schlug über ihr zusammen, und die nächste Sonne
+hatte vergessen was sie gestern beschien in Lieb und Treue.
+
+»Mein schönes Atiu,« seufzte sie da leise vor sich hin -- »Du lieber,
+lieber Platz an dem freundlichen Strand -- Deine Palmen so grün, Deine
+Früchte so süß -- Atiu. Und der alte kleine Mi-to-na-re da am Haus,
+der so oft hier herüberdenkt an seine kleine Pu-de-ni-a, die jetzt --
+aber nein, nein, nein, René fühlt sich wohl hier und glücklich in der,
+seine Thätigkeit fordernden Welt, und einst kommt denn doch wohl die
+Zeit, wo er sich wieder zurücksehnt nach jenem stillen Ort unseres
+ersten, seligsten Glücks -- nach Atiu. -- Und die Zeit _wird_ wieder
+kommen,« setzte sie nach einer kleinen Pause zuversichtlich hinzu,
+»noch hab' ich nicht für immer Abschied genommen von all den
+liebgewonnenen Stellen, von den guten Menschen -- ich weiß nur nicht
+ob ich mich so recht herzlich darauf freuen soll -- oder davor
+fürchten. Ach es ist ein recht recht böses Ding um das arme
+Menschenherz!«
+
+FOOTNOTES:
+
+[B] Die Indianer nennen die Insel Imeo meist Morea.
+
+
+
+
+Capitel 3.
+
+#Der Besuch -- Aumama.#
+
+
+Sadie saß noch lange träumend da, und ihrem regen Geist tauchten bunte
+und oft wunderliche Bilder auf, wie sie das Herz sich wohl ausmalt in
+müßigen Stunden, sinnend und grübelnd ihre Farben schaut, und sich
+vorspricht daß sie leben und sind -- bis sie in Dunst zerfließen,
+anderen, bunteren vielleicht, Raum zu geben. Aber die Kleine scheuchte
+ihr bald die Wolken von der Stirn -- wenn es wirklich Wolken gewesen,
+die ihrem sonst so heiteren Antlitz jenen ernsten Schatten gegeben --
+und mit dem Kinde kosend und spielend kehrte das Lächeln auf ihre
+Lippen zurück, und sie war bald wieder das heitere frohe Kind des
+Waldes, dem Gott in seiner unendlichen Vaterhuld alle Wünsche
+erfüllt, alle Tage gesegnet hatte, und das sich nun auch des heiteren
+Sonnenlichts freute, in Glück und Dankbarkeit.
+
+»Hat mir das böse arme Mädchen doch selber fast das Herz schwer
+gemacht eine ganze Stunde lang,« sagte sie lachend, und das Kind dabei
+herzend, -- »hat uns Steine in den klaren See geworfen, meine Sadie,
+und das Wasser getrübt, bis an den Rand hinauf. Aber nun wollen wir
+auch wieder lachen und singen und fröhlich sein, bis Papa zurückkommt
+und sich freut mit mir, an meinem kleinen lieben Töchterchen. Horch,
+was ist das? -- hörst Du mein Kindchen, wie das trappelt und trappelt
+da draußen? -- das ~buaa a fai tatatu~[C] klappert vorbei und Sadie --
+aber was ist das?« unterbrach sie sich rasch und fast erschreckt, als
+näher und näher gekommenes Pferdegetrappel plötzlich an ihrer Pforte
+hielt, und sie Stimmen vernahm -- »Fremde hier draußen bei uns? -- Was
+für ein wildes reges Leben diese fremden Männer doch auf unsere
+stillen Inseln gebracht haben,« setzte sie dann langsamer und
+kopfschüttelnd hinzu, »und lärmend und lachend sprengen sie Wochentag
+wie Sabbath die Straßen entlang, sich nicht mehr um den heiligen Tag
+ihres eigenen Gottes kümmernd, als ob das Glockengeläute dem Oro oder
+Taua gälte. Auf Atiu war es doch stiller und friedlicher, und wenn wir
+dort -- ha, ich glaube wahrhaftig die Leute wollen hier herein.«
+
+»Dieß _muß_ der Ort sein,« sagte jetzt plötzlich eine Frauenstimme
+draußen auf der Straße, in Französischer Sprache, die Sadie hatte,
+selbst in der kurzen Zeit, vollkommen gut und fließend von René
+sprechen lernen -- »wären Sie meinem Rath vorhin gefolgt, ~Monsieur
+Belard~, so hätten wir nicht ein paar Miles ins Blaue hinein zu
+galoppiren brauchen -- steigen wir ab?«
+
+»Jedenfalls, wenn es den Damen gefällig ist,« erwiederte eine
+Männerstimme, »er kann kaum irgend wo anders wohnen.«
+
+Sadie die, ihr Kind auf dem Arm, auf einen kleinen Ausbau getreten
+war, von dem aus sie, durch einen dichten Busch des Cap-Jasmins
+verdeckt, die Straße vor der Thür gerade überschauen konnte, erkannte
+drei Damen und zwei Herren, alle zu Pferde, die an der Pforte hielten,
+jetzt abstiegen und den kleinen Hofraum, der zwischen der blühenden
+Akazienhecke und dem Hause lag, betraten.
+
+Die Fremden suchten jedenfalls René, und Auskunft zu geben trat sie
+ihnen, das Kind nach dortiger Sitte auf ihrer linken Hüfte reitend,
+mit freundlichem Joranna entgegen.
+
+»Ah, da ist ein Mädchen,« rief die eine Dame, die, das lange Reitkleid
+emporhaltend, nahe am Hause stehen geblieben war, und sich nach irgend
+einem lebenden Wesen, das ihr Rede zu stehen vermochte, schien
+umgesehen zu haben, »aber lieber Gott, Lucie, es ist eine Eingeborene,
+und mit meinem Tahitisch sieht es noch windig aus -- ich kann noch
+weiter Nichts als ~Joranna~ und ~aita~.«
+
+»Ich spreche französisch, meine Damen,« unterbrach sie die junge Frau,
+leicht erröthend und die Kleine, die sich ängstlich an sie klammerte,
+der fremden Gesichter wegen, mit ein paar freundlichen Worten auf den
+Boden niedersetzend.
+
+»Ah, Du sprichst in der That Französisch, Kind?« sagte die andere
+Dame, die von der ersten Lucie genannt war, erstaunt -- »und noch dazu
+mit vortrefflicher Aussprache; sehr schön, dann kannst Du uns auch
+sagen ob Monsieur René Delavigne hier wohnt und Madame Delavigne zu
+sprechen ist.«
+
+Sadie lächelte, denn sie fühlte recht gut wie sie die Fremden in ihrem
+einfachen Gewand für irgend ein Mädchen des Hauses hielten, und sagte
+mit einer leisen Neigung des Kopfes, während aber ein höheres Roth
+ihre Wangen und Schläfe bis auf den Nacken färbte und das liebe
+Antlitz noch reizender machte:
+
+»Monsieur Delavigne wohnt hier allerdings, und Madame, oder Sadie
+Delavigne -- «
+
+»Ah, dann ist dieß wohl seine Tochter? -- ein reizendes Kind!«
+unterbrach sie Madame Belard und kniete bei der Kleinen nieder.
+
+»Und Madame Delavigne?« frug Mad. Brouard.
+
+»Bin ich selber,« flüsterte Sadie mehr als sie sprach.
+
+»Ah -- ~mon Dieu~ -- ~est il possible~? -- ~bless me~!« waren die
+ersten erstaunten Ausrufe der Damen und Herren, denn so unerwartet kam
+ihnen die Entdeckung, daß René eine Eingeborene »zur Frau hielt,«
+selbst jeden schuldigen Anstand in diesen Ausrufungen zu vergessen,
+und Sadie fühlte das mehr, als sie es verstand, denn das Blut drohte
+ihr in diesem Augenblick die Adern der Schläfe zu zersprengen, und sie
+bog sich zu dem Kind nieder ihre Verlegenheit -- wenigstens ihr
+Erröthen zu verbergen.
+
+Die beiden Französinnen faßten sich aber rasch wieder, und wohl
+einsehend, welchen Verstoß gegen jede gute Sitte sie hier, allerdings
+nur in der ersten Ueberraschung, gemacht, traten sie auf Sadie zu, und
+begrüßten sie, ihr die Hände entgegenstreckend, in fast herzlicher
+Weise.
+
+»Ah, da hat uns Freund Delavigne eine Ueberraschung aufgespart,« rief
+die erste Sprecherin, Madame Belard, lachend -- »wir haben natürlich
+nicht vermuthen können, daß er schon _so_ heimisch auf den Inseln
+geworden wäre. -- So sein Sie uns herzlich gegrüßt, Madame und
+versichert dabei, daß wir trotzdem keine Unbekannte in Ihnen
+aufsuchten. Ihr Herr Gemahl hat uns schon so viel Liebes und Gutes von
+Ihnen erzählt -- nur Ihrer Abstammung erwähnte er nicht,
+wahrscheinlich nur uns Ihre Liebenswürdigkeit so viel lebhafter
+empfinden zu lassen.«
+
+Sadie athmete leichter auf; die freundlichen Worte, wenn sie ihren
+Sinn auch nicht gleich vollkommen faßte, thaten ihr wohl. Sie hatte
+sich vor einem ersten Zusammenkommen mit jenen fremden Frauen, von
+denen ihr René schon erzählt, und in deren Haus sie einzuführen er
+gewünscht hatte, schon lange gefürchtet; deren erstes Betragen hatte
+dann ebenfalls nicht dazu gedient sie zu beruhigen, und um so
+wohlthuender kam ihr jetzt die herzliche Anrede. Ihr einfach treues
+Herz kannte auch weder Falsch noch Verstellung, und die Worte nehmend
+wie sie ihr geboten wurden sagte sie, den Frauen beide Hände
+entgegenstreckend, und ihnen offen und freundlich dabei in's Auge
+schauend:
+
+»René wird es recht recht leid thun daß Sie ihn nicht hier gefunden
+haben, aber sein Sie mir _herzlich_ willkommen und ruhen Sie sich ein
+wenig aus bei mir, von Ihrem Ritt. Ich will die Kleine nur indessen
+unter Aufsicht geben, und bin dann rasch wieder bei Ihnen.«
+
+Die Damen wollten erst höfliche Einreden machen, und sprachen von
+»stören« und »beunruhigen«, Sadie führte sie aber lächelnd zu dem
+freundlichen Sitz am Strand, und bat sie dort niederzusitzen, während
+sie rasch mit dem Kind in das Haus eilte.
+
+»Ein reizendes Frauchen,« sagte Monsieur Belard schmunzelnd, als sie
+in der Thür verschwunden war, und die Damen einiges zusammen
+flüsterten; »Delavigne hat wahrhaftig keinen schlechten Geschmack; und
+spricht vortrefflich Französisch -- vortrefflich.«
+
+»Mr. Delavigne hätte uns aber doch auch wohl vorher einen Wink über
+seine Familienverhältnisse geben können,« meinte Mrs. Noughton, eine
+Amerikanerin, die bis jetzt noch kein Wort mit Sadie gesprochen hatte
+-- »er würde dadurch beiden Theilen eine Verlegenheit erspart haben.«
+
+»Lieber Gott, Verehrteste,« vertheidigte diesen die lebendige Madame
+Belard, »die Verhältnisse auf den Inseln hier sind von den unsrigen so
+sehr verschieden, daß man schon wirklich bei Manchem ein Auge
+zudrücken muß, und nicht gar so entsetzlich streng sein darf. Es
+bestehen übrigens auch wirkliche Verbindungen zwischen Europäern und
+Insulanerinnen, und Monsieur Delavigne hat nur von seiner _Frau_
+gesprochen.«
+
+»Liebe Kinder, was zerbrecht Ihr Euch darüber den Kopf,« fiel ihnen
+hier der andere, ältere Herr, ein Monsieur Brouard und der Gemahl der
+viel jüngeren Lucie Brouard, in die Rede, »wenn Ihr in Rom seid müßt
+Ihr leben wie die Römer,« sagt ein altes gutes Sprichwort. Madame
+Delavigne ist ein reizendes junges Frauchen, und wohl im Stande einen
+Mann zu fesseln.«
+
+»Und auf wie lange?« unterbrach ihn, mit einem fast boshaften Lächeln,
+Madame Belard.
+
+»Auf wie lange, Madame?« wiederholte mit einem etwas frivolen
+Achselzucken der Gefragte -- »ich bin kein Prophet oder Sterndeuter;
+aber das sind Familienverhältnisse, und mancher Indianer hätte
+vielleicht eben so gut ein Recht dieselbe Frage an uns Europäer zu
+richten -- auf wie lange? ~mon Dieu~, wir sollten diesen wichtigen
+Punkt überhaupt etwas genauer in unserem Trauungs-Ceremoniell
+berücksichtigen; _auf wie lange_? -- wir müssen uns damit begnügen zu
+wissen, daß wir _sind_, und eine Frage was wir einst _werden_,
+geschieht wohl immer nur in's Blaue hinein.«
+
+»Es ist aber doch nur eine Indianerin,« bemerkte, mit einem
+keineswegs zufrieden gestellten Blick, Mrs. Noughton, die aus den
+Vereinigten Staaten von Nord-Amerika ein nicht leicht zu besiegendes
+Vorurtheil gegen jede farbige Race, sie mochte einen Namen oder Stamm
+haben welchen sie wollte, mitgebracht hatte, und sich immer des
+Gedankens nicht erwehren konnte, daß solche Leute am Ende gar
+_schwarzes_ Blut in ihren Adern haben könnten, oder mit anderen Worten
+in zweiter oder dritter Generation von _Negern_ abstammten, mit denen
+natürlich jeder vertrauliche, selbst freundschaftliche Verkehr außer
+Frage gewesen wäre -- »und hätte ich das früher gewußt, würde ich ihr
+wenigstens nicht zuerst meine Visite gemacht haben.«
+
+»Sie müssen aber bedenken, Mrs. Noughton,« sagte etwas eifrig Madame
+Belard dagegen, »daß uns Monsieur Delavigne gar nicht zu sich
+eingeladen, also auch keine Schuld hat an dem Besuch. Wir sind aus
+freien Stücken hergekommen, und wenn ich auch gestehen muß daß ein
+derartiges Verhältniß immer sein Unangenehmes, Störendes hat und uns
+bei größeren Gesellschaften vielleicht auch dann und wann in
+Verlegenheit bringen könnte, so -- «
+
+»Attention meine Damen,« unterbrach sie hier Mr. Brouard, mit etwas
+gedämpfter Stimme, denn Sadie erschien in diesem Augenblick wieder auf
+der Schwelle des Hauses, und hinter ihr ein Knabe, der einen großen
+Präsentirteller mit Wein und Früchten trug.
+
+»So Mataoti,« rief sie diesem in seiner Sprache zu, »bediene die
+Frauen und sei ein flinker Bursch,« sich dann aber zu ihren Gästen
+wendend fügte sie herzlich hinzu: »aber Sie haben sich ja noch nicht
+einmal gesetzt, in der ganzen langen Zeit -- bitte geben Sie mir Ihre
+Hüte und machen Sie es sich bequem, René dürfen Sie doch nicht so bald
+zurück erwarten, denn er und Monsieur Lefevre sind der politischen
+Verhältnisse wegen nach Papetee gegangen, dort noch Manches vielleicht
+mit ihren Freunden zu besprechen.«
+
+»Hahaha, das ist vortrefflich!« lachte Mr. Belard, »und denen zu
+entgehen sind wir gerade ausgeritten; es wird förmlich Comödie
+gespielt heute in der Residenz, und da die Missionaire Hauptrollen
+dabei haben, fürchteten wir die Sache möchte doch am Ende zu
+langweilig werden.«
+
+»So essen und trinken Sie nur wenigstens,« bat Sadie, die nicht ohne
+Grund fürchtete das Gespräch könnte sich hier auf religiöse Bahn
+lenken und das unter jeder Bedingung zu vermeiden wünschte -- »René
+würde sich herzlich freuen wenn er hörte, daß es Ihnen bei uns
+gefallen hat.«
+
+Die Damen zögerten noch unschlüssig was zu thun -- sie schienen sich
+eine vor der andern zu geniren; Sadie bewegte sich aber mit solcher
+Leichtigkeit in dem, ihr doch fremden Kreis, und ihre Bitte kam so
+frisch und unverstellt aus dem Herzen, daß sie in ihrer Natürlichkeit
+jede leere Höflichkeitsformel schon von vornherein unmöglich machte,
+und selbst Mrs. Noughton mußte sich zuletzt gestehen, daß diese
+Insulanerin ein ungewöhnlich liebenswürdiges Wesen sei, dem man wohl
+gewogen sein könne -- wenn sie eben nicht die fatale broncefarbene
+Haut gehabt hätte.
+
+Die Frauen hatten sich denn auch bald um den runden, mit einem
+reinlichen Tuch bedeckten Tisch gesetzt, Monsieur Belard wurde hinaus
+nach den Pferden geschickt, zu sehen ob diese ruhig stünden und
+Mataoti von jetzt beordert bei ihnen zu bleiben, und wenige Minuten
+später saß die Gesellschaft ganz traulich beisammen, und Madame Belard
+und Brouard hatten -- sie wußten gar nicht wie sie dazu gekommen, der
+kleinen Insulanerin, die mit ihrem reinen Französisch die Eingeborene
+vollkommen vergessen machte, so viel vorzuplaudern und zu erzählen,
+als ob sie sich schon seit langen Monaten gekannt, und nicht eben erst
+heute, vor Minuten fast, zusammengekommen wären. Die Männer blieben
+darin natürlich nicht zurück, besonders Mr. Brouard, der seinen Sitz
+neben Sadie genommen, thaute ordentlich auf, und war von einer
+Aufmerksamkeit gegen die kleine Insulanerin, daß er seine Nachbarin
+zur Linken, Mrs. Noughton, total darüber vernachlässigte, die denn
+auch der ganzen Unterhaltung -- der Französischen Sprache ohnedieß nur
+oberflächlich mächtig -- mehr beobachtend als theilnehmend, und
+ziemlich kalt und ernsthaft folgte.
+
+Eine volle Stunde hatten sie so gesessen und geplaudert, und Früchte
+gegessen und Französischen Claret dazu getrunken, und Mataoti war
+draußen bei den Pferden schon ganz ungeduldig geworden, als Madame
+Brouard, die zuletzt ebenfalls stiller und einsylbiger wurde, und die
+Unterhaltung ihrer Freundin und den Herren fast allein überließ,
+endlich zum Aufbruch mahnte. Monsieur Brouard wollte noch gar nicht
+fort, so vortrefflich hatte er sich amüsirt, und die Damen begannen
+jetzt Abschied zu nehmen von ihrer neuen Bekanntschaft.
+
+Sadie sagte ihnen mit einfachen Worten wie es sie freue daß es ihnen
+bei ihr gefallen hätte, und wie glücklich es René machen würde, wenn
+er höre daß sie hier gewesen und gegessen und getrunken hätten -- »wir
+können recht gute Nachbarschaft halten, hier auf Tahiti,« setzte sie
+hinzu, und mit freundlichem Händedruck und Joranna, von Madame Belard
+und Brouard ebenfalls eingeladen sie wieder zu besuchen, verließ die
+kleine Gesellschaft den Garten, bestieg draußen die scharrenden
+tanzenden Pferde wieder, und galoppirte wenige Minuten später mit
+klappernden Hufen die Straße entlang nach Papetee nieder.
+
+»Sadie!« flüsterte da eine leise Stimme, als der Schall der Hufe auf
+der harten Straße noch nicht verklungen war, und die junge Frau, die
+noch lauschend stand, und in tiefem Nachdenken den mehr und mehr
+verschwimmenden Tönen zu horchen schien, wandte sich rasch, und fast
+wie erschreckt dem Rufe zu, der von der Nachbarhecke kam.
+
+»Aumama? -- und warum kommst Du nicht herüber?«
+
+»Ist die Luft rein?« frug eine klare, lachende Stimme.
+
+»Meinst Du die Fremden? -- sie sind fort; aber ich glaubte Du wärest
+mit Lefevre nach Papetee gegangen?«
+
+Die junge Frau an der Hecke schüttelte mit dem Kopf und sagte lachend:
+
+»Ich wollte erst, wie aber René mitging blieb ich daheim; denen
+schließen sich dann mehr und mehr Männer an und -- das Treiben in
+ihrer Gesellschaft gefällt mir nicht; auch mit der Sprache kann ich
+nicht so gut fertig werden wie Du. Aber ich komme hinüber -- « und ein
+kleines Pförtchen öffnend, das zwischen einer blühenden und Frucht
+tragenden Orangenhecke hindurchführte, trat Aumama, Sadiens
+freundliche Nachbarin, in den Garten und küßte sie, ihren Arm um sie
+schlagend auf die Lippen.
+
+Sie war in die einfache indianische Tracht gekleidet, mit dem langen
+losen, bis auf die Knöchel niederfallenden Oberrock, der nur vorn am
+Handgelenk zugeknöpft wird, ohne Schuh und Strümpfe, den Kopf mit
+einem leichten Panama Männerstrohhut bedeckt, unter dem nur ein paar
+große tiefdunkelrothe Blüthen der ~rosa sinensis~ hervorschauten, und
+von dem vollen, mit wohlriechendem Oel getränkten rabenschwarzen
+Lockenhaar fast wieder versteckt wurden.
+
+Ihre Gestalt war schlank und üppig, aber mit dem, den dortigen
+Insulanern eigenen Bau breiter Schultern, auch die sonst kleinen und
+zierlichen Füße nach _unseren_ Begriffen von Schönheit ein wenig zu
+sehr einwärts gebogen; die Form des Gesichts jedoch dabei voll und
+edel und die Augen mit einem eigenen Feuer unter den feingeschnittenen
+Brauen hervorglühend. Aumama war überhaupt der vollkommene Typus eines
+Tahitischen Weibes, dem trotz den lebendigen Augen selbst das sinnlich
+Weiche in den Zügen nicht fehlte, und als die beiden jungen Frauen so
+freundlich umschlungen, und von den wehenden Palmen überragt und
+beschattet, zwischen den Blüthenbüschen standen, hätte man sich kaum
+etwas Lieblicheres denken können auf der Welt.
+
+»Du hast vornehmen Besuch gehabt,« sagte Aumama endlich lächelnd,
+nachdem die erste Begrüßung vorüber war.
+
+»Ja,« erwiederte Sadie, leicht erröthend, »und zwar unerwarteten; aber
+warum kamst Du nicht herüber?«
+
+Aumama schüttelte, etwas ernsteren Ausdruck in den Zügen mit dem Kopf.
+
+»Nein,« sagte sie, »ich passe nicht zu den Leuten -- wir überhaupt
+nicht -- und sie nicht zu uns -- es ist besser wir bleiben aus
+einander.«
+
+»Aber Du närrisches Kind,« rief Sadie, »hast Du Dich denn nicht, so
+wie ich gerade, mit Einem von ihnen für das ganze Leben verbunden, und
+willst Du denn auch von ihm sagen, daß Ihr nicht zu einander paßt?«
+
+Aumama seufzte tief auf, und wandte das Köpfchen leicht zur Seite; sie
+war jetzt recht ernst geworden, und der ganze frühere Frohsinn schien
+verschwunden.
+
+»Ich _hoffe_ daß wir zu einander passen -- für das ganze Leben;« sagte
+sie endlich leise, »es wäre wenigstens _recht_ traurig, wenn wir es je
+anders finden sollten. Aber« setzte sie rascher, und wieder in den
+leichteren Ton übergehend hinzu, »in unseren Familien ist das auch
+etwas anderes; mit dem Mann den wir lieben, stehn wir in einem Rang;
+er versteht _uns_, wir verstehen _ihn_ und in unserem Vaterland
+schmiegt er sich leichter unseren Sitten an, oder lehrt uns allmählich
+die seinen, beider Eigenthümlichkeiten in einander verschmelzend. Mit
+den Gesellschaften jedoch ist das etwas anderes, besonders mit fremden
+_Frauen_, und glaube mir, Sadie -- ich habe darin Erfahrung. Die
+Weißen« fügte sie leiser hinzu, »halten uns für einen untergeordneten
+Stamm, weil wir früher zu Götzen gebetet haben vielleicht -- «
+
+»Aber das haben sie auch gethan, ihre Vorväter wenigstens,« unterbrach
+sie Sadie rasch, »Vater Osborne hat mir das selbst erzählt.«
+
+»Haben sie?« sagte Aumama erstaunt, »das ist das erste Mal, daß _ich_
+davon höre; aber auch vielleicht noch weil wir nicht so klug sind wie
+sie, und so geschickt im Lesen und Schreiben. Auch unsere dunkle
+Hautfarbe kommt ihnen nicht so schön vor -- den Frauen wenigstens, und
+_Eifersucht_ mag oft gleichfalls, und gar nicht selten, die Ursache
+sein, daß sie uns zurücksetzen und -- kränken. Ausnahmen mag es dabei
+unter uns geben; so glaub' ich, Sadie, daß _Du_ Dich vielleicht wohl
+unter ihnen fühlen wirst, weil ich einsehe, daß Du uns eingeborenen
+und wild aufgewachsenen Mädchen in vielen vielen Stücken überlegen und
+den weißen Frauen _fast_ gleichstehend bist; aber für mich paßt es
+nicht -- mir schnürt es die Brust zusammen, wenn ich bei ihnen bin,
+und die kalten vornehmen Blicke sehen muß, die sie auf mich werfen,
+als ob es blos eine Gnade von ihnen wäre, daß sie mich zwischen sich
+dulden. Da ist es mir weit weit wohler bei meinen Kindern am
+freundlichen Strand, im Rauschen meiner Bäume, und vor mir die weite,
+herrliche See -- ich halte es auch für gar kein Glück für uns, etwa«
+setzte sie langsam und wie in recht ernstem Sinnen hinzu, »daß die
+weißen Frauen in den letzten Monaten zu uns gekommen sind. Das Leben
+auf Tahiti ist seitdem ein anderes geworden, und ich selbst fühle mich
+nicht so wohl mehr in der neuen Umgebung -- habe mich auch selber
+vielleicht geändert, oder -- Andere haben.«
+
+»Aia hat Dich traurig und ernst gemacht,« sagte Sadie, freundlich ihre
+Hand ergreifend, »sie war auch hier bei mir, und ich -- «
+
+»Aia!« unterbrach sie rasch und heftig Aumama, aber mit weicherer
+Stimme fuhr sie fort, »Aia ist ein armes, armes Mädchen und sie kann
+mich nicht böse machen, aber« -- und ihre Augen funkelten in einem
+eigenen wilden, fast unheimlichen Feuer -- »nicht ertrüg ich es auch
+wie sie, und was sie ertragen hat. Bei jenem weißen Gott, der Oro's
+Bilder zertrümmerte und unsere Tempel niederbrach, bei jenen Tempeln
+selbst -- « Aumama schwieg, aber die Hand noch, wie zum Schwur
+emporgereckt, die Locken, von denen der Strohhut abgefallen war, wild
+ihre Stirn umflatternd, das Auge glühend in einem eigenen Licht, stand
+sie wohl eine halbe Minute schweigend da, selber ein Bild der
+zürnenden Gottheit ihres Landes. Da, wie unwillig mit sich selber,
+schüttelte sie plötzlich den Kopf, strich sich die Locken aus der
+Stirn und sagte, jeden unmuthigen Gedanken gewaltsam bannend. »Ich bin
+ein Kind, Sadie, ein launisches Kind, und seit einigen Wochen komme
+ich mir selber manchmal wie umgetauscht vor, so tolle Träume und
+Bilder zwing' ich mir ordentlich selbst herauf, mich zu quälen und --
+ärgern auch. -- Aber fort fort mit ihnen, fröhlich wollen wir sein und
+uns des Lebens freuen, denn der Himmel lacht noch rein und blau über
+uns und die Götter, die in früheren Zeiten den Tisch unserer Väter mit
+ihren Speisen deckten, haben uns auch jetzt noch ihre Gaben nicht
+entzogen.«
+
+»Aumama,« sagte da Sadie, mehr herzlich als vorwurfsvoll, »Du sprichst
+noch immer von den _Göttern_, und bist doch lange, lange schon eine
+Christin, ja wie ich hoffen will eine gute Christin geworden. Sündige
+nicht, denn der Gott der Gnade ist auch ein Gott der Rache und der
+Strafe, und Vater Osborne würde es unendlich weh gethan haben, wenn er
+Dich hätte je so reden hören.«
+
+»Und nicht um Alles in der Welt hätte ich _ihn_ kränken mögen,« rief
+Aumama rasch, »er war der Einzige auch, der mich an Gott gehalten, der
+Einzige, der mich die Möglichkeit eines solchen Wesens ahnen und
+begreifen ließ, an das uns ja sonst die Uneinigkeit und der Haß der
+anderen Priester zwingen mußte zu verzweifeln. Er war ein guter Mann
+und die Feranis hatten ihn auch lieb, trotzdem daß er auf andere Weise
+zu seinem Gott betete, als sie es thun; aber -- Sadie« -- fuhr sie
+langsam und wie zögernd fort, »bist Du dennoch so -- so fest überzeugt
+-- daß er recht hatte?«
+
+»Aumama?« rief Sadie erschreckt, und sah staunend die Freundin an.
+
+»Hast Du von dem alten Mann gehört?« sagte aber diese mit leiser
+Stimme sich zu ihr überbeugend, und den Blick fragend auf sie
+geheftet, »der drüben auf Bola Bola lebt, lange lange Jahre schon, und
+der so wunderliche Sachen von dem Gott der Christen erzählt?«
+
+»Von dem Gott der _Christen_? -- ist er denn nicht selbst ein
+Christ?«
+
+»Nein,« sagte Aumama rasch -- »nein -- er selber hat es versichert --
+er ist von dem Stamm die den Christengott gekreuzigt haben, und soll
+behaupten Jener sei gar nicht der Messias gewesen.«
+
+»Das waren die Juden,« rief Sadie überrascht, »aber ich wußte gar
+nicht, daß von jenem Stamm noch Leute lebten?«
+
+»Viele, viele sollen noch davon in dem fernen Lande der Weißen sein
+und der alte Mann behauptet jener Gekreuzigte sei nicht Gottes Sohn
+gewesen, und habe nicht die rechte Lehre gebracht, denn die Christen
+unter einander wüßten es nicht einmal und stritten und kämpften
+deshalb gegen einander, und hätten schon viele viele Tausend unter
+sich erschlagen, zu beweisen wer recht und den rechten Gott und
+Erlöser habe.«
+
+»Und wenn der Mann nun nicht die Wahrheit sagt?«
+
+»Nicht die Wahrheit? -- es soll ein alter alter Mann sein, und graue
+Haare und grauen Bart haben; und streiten sie sich hier nicht etwa
+auch um ihren Gott? -- Wer _hat_ recht? und wie jener Mann von Bola
+Bola sagt giebt es in seinem Vaterland unter den Christen noch viele
+andere Sekten, die alle einander hassen und gegen einander predigen.
+Ist das ihre Religion des Friedens?«
+
+»Aumama, Du sprichst entsetzlich,« sagte Sadie schaudernd, »wer um des
+Himmels Willen hat Dein Herz mit solchem Trug erfüllt?«
+
+»Trug?« wiederholte die Indianerin, und ihr Blick haftete fest auf
+Sadie -- »gebe Gott daß es Trug wäre und Lüge, aber wer giebt uns
+_Wahrheit_?«
+
+»Gott selber,« sagte da Sadie mit jenem kindlichen Vertrauen, das in
+dem Schöpfer wirklich seinen Vater sieht, und in reiner,
+ungeheuchelter Frömmigkeit am Throne des Höchsten sein Gebet, seinen
+Dank niederlegt -- »Gott selber, Aumama; er hat uns die Wahrheit in
+das Herz gelegt, und seine Boten schon vor langen Jahren gesandt, sie
+uns hier zu lehren. Bete, bete mit voller Inbrunst und das Herz wird
+Dir aufgehen, wenn Du Dich zu Gott wendest.«
+
+»Aber Le-fe-ve betet gar nicht,« warf das Mädchen wieder ein, dem
+Gedanken folgend daß die Europäer selber, in verschiedene Religionen
+getrennt, kein Vertrauen auf den Gott hätten, den sie den Inseln
+gebracht -- »er ist ein guter Mann, aber er lacht, wenn man ihn an
+seine Pflicht als Christ will mahnen; thut das René nicht auch?«
+
+»Nein,« rief Sadie schnell, aber doch nicht im Stand eine gewisse
+Verlegenheit zu verbergen -- »er lacht mich niemals aus.«
+
+»Aber er betet auch nicht.«
+
+»Gott wird ihn schon erleuchten,« sagte die junge Frau, und barg ihre
+Stirn einen Augenblick in den Händen, »ach es ist wahr,« fuhr sie dann
+leiser fort, »und hat mir schon manche bittere Stunde, manche
+schlaflose Nacht gemacht, wie wenig _er_ an seinen Gott denkt, und wie
+viel gerade Gott für ihn doch eigentlich gethan.«
+
+»Und Mr. Osborne? hat er Dir nie an's Herz gelegt ihn deiner Kirche
+zuzuführen? -- mir ist das oft und oft zur Pflicht gemacht, aber --
+wie bald hab' ich _den_ Versuch aufgegeben.«
+
+»René geht seinen eigenen Weg,« seufzte Sadie, »und Vater Osborne sah
+das wohl und fühlte es, aber er hat mir nie ein Wort davon gesagt, ja
+er warnte mich sogar vor religiösen Streitigkeiten mit dem Gatten. Auf
+Atiu war auch Alles gut, aber hier in Tahiti, wo die Priester selber
+einander feindlich gegenüber stehen, und seit Vater Osbornes Tod hat
+sich René ganz von jeder Andacht abgewandt.«
+
+»Weißt Du wie Du jetzt aussiehst, Sadie?« rief da Aumama plötzlich,
+den Ton wechselnd, und der Freundin Hand ergreifend.
+
+Sadie schaute überrascht empor, Aumama aber fuhr lächelnd fort --
+»scheuche die trüben Gedanken fort von der Stirn, sie passen nicht für
+uns. Was kümmern uns die Streitigkeiten jener Priester, noch ist die
+Banane so süß, die Cocosnuß so saftig als je und der Himmel lacht blau
+und heiter auf uns nieder und unser schönes Land. Sieh da kommt deine
+Sadie,« unterbrach sie sich plötzlich als das Kind, von einem jungen
+vierzehnjährigen Mädchen getragen, in der Thür erschien -- »her zu mir
+Herz, her zu mir mein süßes Kind, und Du sollst mir helfen der Mama
+Züge wieder aufzuheitern. Und nun sollen auch Scha-lie und Ro-sy
+herüber und mit Dir spielen, mein Herz, und froh und munter wollen wir
+sein, und tanzen und springen.«
+
+Die Kleine aufgreifend, die ihr schon von Weitem lachend die Aermchen
+entgegenstreckte, sprang sie mit ihr, wieder ganz das fröhliche
+ausgelassene Kind dieser Inseln, singend und trällernd am Strand
+umher, und rief die eigenen Kinder herüber mit ihr zu spielen und zu
+tollen. Und selbst Sadie, wenn auch nicht im Stande so rasch die
+quälenden Gedanken abzuschütteln vom Herzen, vergaß doch ebenfalls
+bald bei dem Lachen und Jauchzen der Kleinen Alles, was sie noch
+vorher mit Angst vielleicht und Sorge erfüllte, und das Herz ging ihr
+wieder auf voll Lust und Glück in dem einen reinen und seligen Gefühl
+der Mutter Lust.
+
+FOOTNOTES:
+
+[C] »Das Schwein das Menschen trägt« wie die Insulaner zuerst das
+Pferd nannten, für das sie keinen Namen hatten.
+
+
+
+
+Capitel 4.
+
+#Die Missionaire.#
+
+
+Ueber die See brauste es daher, wild und stürmisch in furchtbar
+entsetzlicher Wuth; an den Riffen schäumte und kochte die Brandung in
+milchweißem Gischt, und warf ihre Wogen selbst in die sonst stillen
+Binnenwasser, weiter und weiter wallend, bis zu dem weißen
+Corallensand des Strandes und den freigespühlten Wurzeln der
+Cocospalmen, die ihre Wipfel über dem Meere schaukelten und jetzt, wie
+entsetzt über die Entweihung, die weiten, armartigen Blätter
+emporwarfen und sich zurückbogen vor der anstürmenden Bö. Hei wie der
+Sturmvogel so scharf und gellend pfeift wenn er über die aufgewühlte
+See streicht, und seine langen elastischen Flügelspitzen auf die
+glatte Woge preßt, von der die Windsbraut schon den schäumenden Kamm
+geraubt und als Perlen hinausgestreut hat weit weit über das Meer; hei
+wie die Brandung da kracht und tobt, und sich bäumt und reckt und mit
+den weißen Armen hinüberlangt über den Korallendamm, und doch wieder
+und immer wieder zurückgeworfen wird von dem gewaltigen Bollwerk, das
+Jahrtausende gebaut. Und der Sturm, der machtlos seine Kraft brechen
+sieht an diesem Damm, und seine Wellen, die er sich aufgerüttelt hat,
+nicht hinüber bringen kann, so viel er auch hebt und drängt, und die
+Schulter stemmt gegen die gewaltigen, wirft sich endlich selbst mit
+dem flatternden Bart an das grüne Land, und die Palmen fassend in
+tollem Spiel biegt und schaukelt er sie, wie er das Spiel sonst
+vielleicht mit Halm oder Blüthe getrieben, im weit und straff
+gespannten Bogen nieder, nieder bis ihre Kronen das Laubdach berühren
+das sie stützt und hemmt und mit wildem eifrigen Rascheln die
+auszweigenden Arme fest fest zusammenstreckt und sich hält und
+gegenseitig hilft gegen den wilden ungestümen Feind.
+
+Gewaltig und furchtbar ist ein Sturm auf offener See, wo er die Wogen
+aufwühlt und gräbt, und die bergwichtigen Massen wie spielend und in
+entsetzlicher Schnelle vor sich her jagt; aber frei und ungehindert
+rast er dort sich aus, keine Grenze hemmt ihn und selbst das schwanke
+Schiff das er trifft auf seiner Bahn wirft er herum, taucht es und
+schleudert es empor, reißt und splittert was er daran gerade fassen
+und halten kann und -- jagt vorüber, müde solch unwürdigen Spiels.
+Anders aber und grauenhaft furchtbarer ist er dort wo die bergige
+Küste den Anprall hemmt, und dem Rasenden die Stirn bietet in
+kräftigem Trotz.
+
+Nicht nur den neuen Grimm hat der Wüthende da auszulassen an der
+starren hartnäckigen Wand, die sich ihm eisern entgegenstellt, nein
+auch alte Unbill zu rächen, seit Jahrhunderten her, und seit manchem
+furchtbaren Strauß, bei dem er sich wieder und wieder vergebens in die
+Schluchten wühlte und bohrte, und die Grundfesten seines Feindes zu
+untergraben suchte. Von der See führt er die Wogen heran zum
+gemeinsamen Kampf, und sich selber wirft er wild und toll gegen die
+Brustwehr von Baum und Gebüsch, das sich ihm zäh und unverdrossen
+entgegenlegt; was hilft es ihm daß er die starren hartnäckigen Stämme
+faßt und bricht und die schweren Kronen zu Boden schmettert, oder als
+Widder braucht, gegen andere anzustürmen -- die elastische Palme biegt
+und legt sich der Uebermacht, folgt aber dem Feind auf dem Fuß bei
+jedem Zollbreit Weichen, und schüttelt ihm die Federkronen zornig in's
+Angesicht. Wild heult und braust sie da auf, die tobende tolle
+Windsbraut; bis hoch in die Lüfte hinauf pfeift es und zieht's und
+dröhnt's, und wieder und wieder prasselt's an gegen Halde und Hang,
+wieder und wieder reißt es und bricht und schmettert und stöhnt, ein
+Opfer suchend in unsagbarem Grimm, bis die Kraft auf's Neue erschöpft
+ist wie seit Jahrhunderten, und der Orkan jetzt weichend, seine Wuth
+mit neuer Hoffnung beschwichtigen muß für den nächsten Tanz, sich
+dennoch immer auf's Neue getäuscht zu sehn. Grollend und innerlich
+gährend und kochend zieht er sich dann zurück, weit weit über die See,
+in der Ferne dröhnt es und braust es noch, wie schwer athmend aus der
+Tiefe auf -- bläulich schwarz liegt die See, einzelne Sturzwellen in
+sich selbst zusammenbrechend und weiße weite Flächen, förmliche Thäler
+bildend von milchigem Schaum, der zischend zerfließt, neu
+aufquellender Woge zum Mantel zu dienen mit dem sie sich schmückt und
+tanzt und ihn abwirft, der Schwester zu. Hu, wie das hohl geht da
+unten und braust und murmelt -- aber die Sturmmöve zieht jetzt mit
+klappendem Flügelschlag, nicht mehr regungslos kreisend, über das
+stillere Wasser, das im wilden Unmuth noch nicht einmal den Strahl der
+vorbrechenden Sonne wiedergeben mag, und faden matten Bleiglanz über
+seine Fläche deckt.
+
+Auf dem Land aber, dem natürlichen Feind des Orkans, der ihm so starr
+die Faust entgegenstreckt, wie die Fluth ihm jeder Zeit willige Hülfe
+bietet und mit ihm tobt und rast, entfaltet der siegende Sonnenschein
+schon wieder sein Panier, während die grollende See noch gegen die
+Riffe pocht, und jeder niedergeschleuderte Tropfen wird zur Perle, die
+blitzend und jubelnd im Lichte funkelt. Noch erzürnt, aber doch schon
+wieder den warmen Strahl auf den Wangen fühlend, schütteln die Bäume
+ihr Laub, und rauschen und rascheln, Blatt und Zweiglein wieder in die
+alte Form zu bringen, aus der sie der ungestüme Störenfried
+herausgerissen, und der warme Duft der aus den Thälern steigt wird zum
+Nebelschleier, den sich der Berg wie Silberfäden durch die Krone
+flicht, und dem das sinkende Tagsgestirn noch seinen schönsten
+herrlichsten Farbenschmelz verleiht.
+
+Es war zur Zeit solcher Stürme, die sich besonders im Herbst und
+Frühjahr zeigen unter dieser Breite, und der Orkan brauste noch in all
+seiner furchtbaren Kraft über die Wasser, und schien die Riffe hinein
+drängen zu wollen gegen das Land, solche berghohe Wogen thürmte er
+auf, und schleuderte sie von Westen herbei, der Passat Strömung gerad
+in die Zähne. Nur der fluthende Regen hatte nachgelassen und der Wind
+fegte nur noch das Firmament rein, von widerspenstischen Wolken und
+Schwaden, die wieder und wieder, jetzt aber machtlos und zu spät, zum
+neuen Kampfe herbei wollten.
+
+In der Hauptstraße von Papetee, auf dem breiten Strand der die erste
+Häuser- und Gartenreihe vom Meere trennte, und von den lebenslustigen
+Tahitiern besonders Abends zum Sammelplatz benutzt wurde, blieben
+jetzt Einzelne stehen und schauten auf das Meer hinaus, denen bald
+Andere folgten; die Thüren der nächsten Häuser wurden geöffnet, die
+Eigenthümer standen darin mit Telescopen und um diese wogte und preßte
+bald das Volk in mächtiger Schaar, bald die Gläser, bald das weite
+Meer betrachtend, und dem Wort der Ausschauenden wie einem Orakel
+lauschend.
+
+Der Gegenstand aber um den es sich hier handelte war ein Schiff -- ein
+großes Schiff das von Point Venus aus schon vor einer halben Stunde
+etwa und noch im vollen Sturm, der Königin gemeldet worden, wo es,
+weit draußen in Sicht, versucht hatte beizulegen und von den Inseln
+abzukommen, der Wind war aber zu heftig gewesen solches Maneuver zu
+gestatten. Die Fregatte -- denn daß jenes fremde Segel ein großes
+Kriegsschiff sei unterlag schon gar keinem Zweifel mehr -- mußte vor
+dem Wind abfallen, und kam jetzt unter dicht gereeftem Vormars- und
+Vorstengenstagsegel um die Spitze herum jedenfalls bestimmt nach
+Papetee einzulaufen, was aber jetzt, bei dem gewaltigen Seegang und
+der schmalen Einfahrt durch die schäumenden Riffe nicht möglich war,
+und nur bemüht nun, so wenig Fortgang als möglich zu machen um erst
+einmal von den nächsten Riffen frei, wieder aufzubrassen und das
+Beruhigen der Wasser abwartend, gegen den Wind anzukreuzen.
+
+Es war eine Fregatte, aber von welchem Land? Diese Frage beschäftigte
+jetzt Alle in ängstlicher Spannung, und wie die meisten der
+Eingeborenen gerade jetzt, nach ihrer vorhergegangenen Demonstration
+das Erscheinen des ihnen nur zu gut bekannten ~Du Petit Thouars~ mit
+seinem Fahrzeug fürchteten, so ängstlich waren sie, sich zu früh der
+freudigen Hoffnung hinzugeben daß es noch ein Englisches Kriegsschiff
+sein könne, ihre erstrebte Unabhängigkeit zu bestätigen.
+
+Die Meinungen über das Aussehen des Schiffes waren dabei getheilt,
+während es Einzelne der Europäer nach dem Bau der Masten, denn von den
+Segeln war gar Nichts zu erkennen, für einen Franzosen hielten,
+behaupteten Andere den Amerikanischen Zuschnitt daran zu erkennen und
+nur ein kleiner Theil beharrte auf seinem Ausspruch England sei nicht
+zu verkennen und die Englische Flagge würde sich zeigen, so bald die
+Fregatte den Eingang passire.
+
+Selbst die gerade in Papetee anwesenden, und gerade heute zu einer
+vertraulichen Sitzung berufenen Missionaire standen auf der Verandah
+des, in Papetee ansässigen Bruder Dennis versammelt, und blickten mit
+etwas ängstlicher Spannung der Entfaltung der Flagge entgegen, die
+besonders auf ihre Wirksamkeit einen entschiedenen Einfluß ausüben
+mußte.
+
+Noch vor dem Sturm hatte ihre Sitzung begonnen, und während die
+Windsbraut heulend an den Pfosten des Hauses rüttelte, die Palmen wie
+Weidenruthen niederbog, und die reifen Früchte von den Bäumen riß, den
+Boden zu streuen mit Orange und Brodfrucht, die saftigen Stiele der
+Banane umknickte und duftige Blüthen weit und hoch hinaus in die Berge
+führte, lagen die schwarz gekleideten Männer in dem langen luftigen
+Gebäude auf den Knieen; und mischten ihre Hymnen und Sänge mit dem
+Gebrüll des Orkans, ein Preislied dem Herrn der Stärke und
+Barmherzigkeit.
+
+Es waren die Brüder Rowe, Dennis und Nelson, Mc. Kean, Smith und
+Brower, zusammengekommen zu vertraulicher Berathung in so schwerer
+Zeit, und die eigentlichen Vertreter auch, wenigstens die wichtigsten,
+die sich gegenwärtig in der Südsee befanden, der Evangelischen Lehre
+nicht mehr nur Bahn zu brechen unter den Heiden, obgleich auch jetzt
+noch ganze Gruppen von Inseln ihren Göttern treu geblieben waren und
+den neuen Glauben mistrauisch von sich wiesen, sondern sich zu wahren
+und schützen gegen den Katholicismus, der ihren Fußtapfen gefolgt war
+und die Flügel jetzt ausbreitete, ihr eigenes Licht zu verdunkeln.
+
+Bruder Dennis war unter diesen, und besonders in seinem Charakter als
+Missionair, jedenfalls der bedeutenste, und wenn auch nicht einer der
+ältesten, doch jedenfalls der eifrigsten Lehrer der Inseln, wo es nur
+galt dem einen heiligen Ziel entgegenzustreben, den Heiland zu
+verkünden und seiner Wunden Blut zu predigen in der Wüste. Er auch war
+Einer der Wenigen, die mit Hintansetzung jedes Gedankens an sich
+selbst in die Fremde zogen, die Bibel im Arm, das gehobene Kreuz, ja
+das Schwert in der rechten, wenn gereizt seinen Schatz zu
+vertheidigen, und rücksichtslos weiter schreitend dabei, welchen
+Glauben, welche Familienverhältnisse er unter die Füße trat, wenn er
+nur die Seelen der Verdammten rettete, und ihnen das Heil kündete, das
+ihnen Gott geboten, und das den Weg um die ganze Erde genommen, zu
+ihnen zu gelangen.
+
+Eigennutz, Ehrgeiz war ihm fremd, keine Familienbande fesselten ihn,
+nicht Freundschaft, nicht Liebe hatten sein Herz auch nur für eine
+Stunde dem einen hohen Zweck seines Lebens abwendig machen können, und
+er hielt den Tag für verloren, an dem er nicht wenigstens einen,
+seinem Verderben entgegengehenden Sünder wach gerüttelt, und ihm den
+Abgrund gezeigt an dem er wandele, oder geduldet und gelitten hatte in
+der Verbreitung jenes Glaubens, der ihm Licht und Seligkeit und Luft
+und Liebe war.
+
+Von schmächtigem aber nicht schwächlichem Körperbau, zäh bis zum
+äußersten und an Entbehrungen und Strapatzen gewohnt, die er eher
+aufsuchte als vermied, hatte er schon den größten Theil der Inseln
+durchstreift, den feindlichsten Stämmen dort mit »christlicher
+Demuth«, wie er's nannte, getrotzt, und ihren Hohen Priestern in den
+Bart die Machtlosigkeit und Nichtigkeit ihrer Götzen verkündet. Die
+Indianer achten den Muthigen, wo sie ihn auch finden, und muthig
+wahrlich mußte der sein, der allein und unbewaffnet in einem
+feindlichen Gebiet wahrhaft tollkühn das angriff, was der Gegner am
+theuersten hielt, und wofür er sein Leben eingesetzt hätte es zu
+bewahren; ja unter den Opferkeulen selbst hatte ihn schon dieser
+starre fanatische Trotz gerettet, und ihm die Achtung seiner
+bisherigen Feinde, ja oft den späteren Sieg über sie, gesichert.
+
+Hier nun schon den Sieg in Händen, läßt es sich denken, mit welchem
+Schmerz und Zorn der »Diener des Herren« _fremde_ Priester eindringen
+sah in sein Heiligthum, und den Bau untergraben, an dem seine Kirche
+schon Jahrzehende gebaut, und der ein Tempel Zions zu werden versprach
+in Pracht und Herrlichkeit. Mit zagender Hoffnung wohl, aber auch mit
+Furcht und Mißtrauen sah er deshalb dem Entfalten jener Flagge
+entgegen, die ihnen entweder die frohe Hülfe vom Mutterlande brachte,
+nach der sie sogar schon einen der Ihrigen, den ehrwürdigen Mr.
+Pritchard, zugleich Consul Ihrer Britannischen Majestät abgesandt
+hatten, oder neue Schwierigkeiten und Verlegenheiten bereiten konnte,
+den gierigen Forderungen Französischer Capitaine gegenüber.
+
+Die Brüder Rowe und Nelson in ihrem so verschiedenartigen Charakter
+kennen wir schon.
+
+Zwei Andere, Mc. Kean und Brower waren einfache Leute, Menschen, die
+ihre Lebenszeit in der Bibel gegraben, das edle Metall mit dem tauben
+Gestein mühsam und unverdrossen heraufgeschafft, ohne im Stande zu
+sein es zu schmelzen und zu scheiden, und es nun Bergehoch um sich
+aufgeschichtet hatten, eine treffliche Wehr wenigstens, nach Jedem zu
+schleudern, der ihnen nahe kommen und ihre Stellung ihnen streitig
+machen oder bekritisiren wollte.
+
+Bruder Smith zeigte sich als eine von diesen ganz verschiedene
+Persönlichkeit; klein und geschmeidig hatte er sich dem Missionswesen
+gewidmet, wie er sich irgend einem andern Stand oder Geschäft gewidmet
+haben würde. Von Enthusiasmus war bei ihm keine Rede, von Schwärmerei
+noch weniger. Er betrachtete das ganze innere Sein der Mission auf
+eine ächt irdische und praktische Art als ein _Geschäft_, das ihm
+durch die Missionsgesellschaft vom lieben Gott übertragen worden, und
+auf diesem entlegenen Winkel schien er nun vollkommen bereit alle
+solche Pflichten, die ihm vorgeschriebener Weise oblagen, auch
+getreulich zu erfüllen, vorausgesetzt jedoch, daß ihm dann der liebe
+Gott, neben anderen Kleinigkeiten, auch noch die Bitte des täglichen
+Brodes mit seinen verschiedenen Variationen erfülle. Ein
+ausgezeichneter Geschäftsmann außerdem, war eine seiner
+Hauptbeschäftigungen die, von England zur Unterstützung der Mission
+eingegangenen Waaren, die natürlich einen größeren Werth hatten als
+Geld selber, gegen Roh-Produkte oder Fabrikate der Indianer, soweit
+sie deren herstellten, ja gegen Arbeitskraft selbst und geleistete
+Dienste anzubringen, und einen besseren Mann hierzu hätte sich die
+Gesellschaft nicht wählen können. Schicklicher wäre es jedenfalls
+gewesen hierzu einen besonderen Mann engagirt zu haben, der dann
+weiter Nichts mit dem geistlichen Theil des »Geschäfts« hätte zu thun
+haben dürfen; das Lehrergeschäft leidet, wo der Lehrer zu gleicher
+Zeit neben seinen geistigen Ausgaben seine weltlichen Einnahmen
+berechnen muß. Bruder Smith wußte aber Beides auf so geschickte Art zu
+vereinigen, und die Waare mit solcher Salbung, die Lehre mit solcher
+berechnenden Klugheit auszugeben, daß die Insulaner zuletzt nicht
+selten beides Empfangene gar nicht mehr von einander zu unterscheiden
+vermochten und in Zweifel waren, für was von den beiden Sachen sie ihr
+Cocosnußöl und ihre Perlen und Muschelschalen eigentlich zu Markt
+gebracht, und ob sie ein gutes oder schlechtes Geschäft dabei gemacht.
+
+Bruder Smith hatte auch lange nicht das Schroffe, Abstoßende des
+finsteren Rowe, ja selbst des schwärmerischen Dennis. Bei dem Gebet
+stand besonders der Letztere wie ein zürnender Geist, bereit Gottes
+Zorn auf Jeden niederzudonnern, der anders dachte oder sprach als er,
+während Bruder Smith mit ruhiger Ueberlegung die praktische Seite des
+Christlichen Glaubens nicht allein nicht versäumte, sondern sogar nach
+außen drehte. Der Eine gewann, der Zweite erhielt die Heiden dem
+Christenthum.
+
+Brower und Mc. Kean waren ein Mittelding der Beiden, mehr an der Form
+wie dem Sinne des Ganzen hängend; Smith wand sich zwischen Allen
+durch. Mit einem anerkennungswerthen Scharfblick der Charaktere,
+zwischen denen er sich befand, war er Schwärmer oder Enthusiast, Mann
+der Form oder des einfachen Glaubens, der in dem Glauben gerade den
+Formen blindlings folgt, aber diese nur eben vom Glauben abhängig
+macht, nicht diesen ihnen unterwirft. Nie jedoch verlor er den Nutzen
+irgend einer Stunde aus dem Auge und unermüdlich im Sammeln für seinen
+heiligen Zweck, wuchsen ihm die Bedürfnisse aus dem Boden, und wurden
+zu Bäumen, die ihre Früchte im reichen vollen Maaß auf ihn zurück und
+nieder schüttelten.
+
+Auch er war der gedrohten Oberherrschaft Frankreichs in innerster
+Seele abgeneigt, aber nicht ganz allein mit jener geistigen
+Ueberzeugung, mit der Bruder Dennis den Untergang der Gerechten vorher
+kündete, wenn sie sich durch die Irrlehren verführen ließen vom
+rechten Pfade abzuweichen, sondern mehr fast im merkantilischen
+Interesse. Die Franzosen hatten nämlich unter dem Schutz ihrer Kanonen
+angefangen, eine Quantität der verschiedensten, bis jetzt von ihm mit
+Vortheil abgesetzten Waaren, auf die Insel geworfen, deren Preise _er_
+früher allein bestimmen konnte, während sich ihm jetzt dadurch eine in
+der That nicht unbedeutende Concurrenz eröffnete. Bunt und ordinär
+gedruckte Kattune, für die er bis jetzt mit Leichtigkeit einen halben
+Dollar per Yard erhalten, verschleuderten leichtsinnig junge Franzosen
+um die Hälfte, und das Volk hätte von einem _Heiden_ gekauft, wenn es
+die Waare billiger bekommen, wie viel mehr nicht von den »neuen
+Christen«. Die Eindringlinge bezahlten außerdem für die Produkte der
+Indianer weit mehr, als sie vernünftiger Weise hätten zahlen sollen,
+wenn sie sich nicht den Markt für spätere Zeiten verderben wollten. Es
+war keine Ordnung in der Sache, und der Kaufmann ging mit dem Christen
+Hand in Hand, der Evangelischen Kirche den Sieg zu erflehen über die
+»Baalspriester« wie sie gewöhnlich von den Kanzeln genannt wurden.
+
+Doch zurück zu unserem Schiff, das die Aufmerksamkeit der am Strand
+Stehenden auf das Peinlichste spannte, und immer noch mit den kahlen
+Masten gesonnen schien vorbei zu streichen, ohne auch nur einmal die
+Farbe seiner Flagge zu zeigen.
+
+»Segne meine Seele!« rief ein dicht am Strand stehender Neger, der
+früher einmal von einem Wallfischfänger auf irgend einer Insel
+entsprungen war und seinen Weg nach Tahiti gefunden hatte, wo er jetzt
+bei den Eingeborenen, theils seiner außerordentlich glänzenden
+schwarzen Farbe, theils seiner Wohlbeleibtheit wegen als eine Art
+Autorität in Seemännischen Fällen galt -- »segne meine Seele, wenn
+ich nicht glaube der Bursche will einlaufen. Wenn er das bei _der_ See
+versucht kann er sich darauf verlassen daß er heute in ~Davys locker~
+(Seeausdruck für Unterwelt) zu Nacht speist, denn kein Dampfschiff
+könnte sich frei von den Leeriffen halten.«
+
+»Und was für ein Segel glaubst Du daß es ist, Pompey?« frug ihn Tati,
+der Häuptling, der unfern von ihm stand und das Fahrzeug mit finsterem
+Blick betrachtet hatte.
+
+»Englisch, ~by God~ Massa,« rief der Neger rasch, der den Häuptling
+kannte -- »englisch, jeder Zoll von ihr[D] -- und ein Dorn
+wahrscheinlich in Massa Gumbo's[E] Augen da drüben, der jetzt zwischen
+zwei Feuer kommt, wenn er den Schwarz-Röcken einheizen und Land
+pachten will von Königin Pomare, haw, haw, haw. Nun sollte noch ein
+Franzmann dazu kommen, dann giebt's Spaß; aber dies Kind ging in die
+Berge, Massa, denn wenn sie hier mit den eisernen Bällen an zu spielen
+fingen, würd' es Manchem zu warm in seinem Rocke werden.«
+
+»Die ~Reine blanche~ ist's,« lautete aber eine andere Meinung, die
+bald wie ein Lauffeuer durch die Menschenmasse lief, denn der
+gefürchtete Admiral ~Du Petit Thouars~ war schon lange wieder im Hafen
+erwartet worden, und trotz den zuversichtlichen Behauptungen der
+Missionaire daß England ihnen jedenfalls Schutz und Hülfe senden
+werde, gegen den Römischen Feind, traute man doch den Kanonen des
+Letzteren nicht, der die Stadt jetzt schon zwei Mal mit seinen
+eisernen Flanken bedroht und sie gezwungen hatte, seine Bedingungen
+anzunehmen.
+
+Der Französische Consul hatte gegen die letzte Verhandlung protestirt
+und war zornig fortgegangen; welchen Bericht würde er dem
+Französischen Admiral machen? -- und die Königin mußte es dann wieder
+entgelten, wie schon früher.
+
+»Da -- dort geht die Flagge vom Talbot!« rief da Pompey plötzlich --
+»und da die Privatsignale -- er wird den Andern vorm Einlaufen warnen
+wollen.«
+
+»Dort kommt was Buntes an Bord draußen!« schrie ein Eingeborener, der
+trotz dem noch heftigen Wehen und Schaukeln des Baumes auf eine Palme
+geklettert war, einen bessern Ueberblick zu gewinnen -- »gleich wird's
+heraus sein!«
+
+»Da kommt die Flagge -- alt England für immer!« jubelte ein junger
+Bursch, ein Seecadet des Talbot der auf Urlaub an Land gewesen war,
+wie der Sturm begonnen -- »dort weht der ~Union Jack~ und Monsiehr
+Crapo hat sich zu früh gefreut wenn er glaubte es käme ein Landsmann.«
+
+»Englische Flagge -- Englische Fregatte!« schrie und wogte es aber
+auch jetzt am Land durcheinander, die Missionaire auf der Verandah
+drückten einander die Hand, und ein großer Theil der Insulaner jubelte
+allerdings dem fremden Schiffe entgegen, Manche aber auch von Tati's
+Anhang schauten gar zornig drein, und sahen die Parthei schon wieder
+Sieger, die ihnen bis dahin immer störend und hemmend im Weg
+gestanden.
+
+Die beiden Englischen Kriegsschiffe hatten indessen rasch
+verschiedene, nur ihnen bekannte Signale gewechselt, und die fremde
+Fregatte hielt noch fortwährend auf die Mündung des Hafens zu, als ob
+sie die Einfahrt, trotz Wind, Wogen und Coralle, erzwingen wolle; wenn
+aber auch der wirkliche Sturm nachgelassen hatte, wehte der Westwind
+doch noch viel zu stark das Einlaufen in den Hafen, wären selbst die
+furchtbaren Brandungswellen nicht gewesen, wagen zu dürfen und die
+Fregatte, die auch vielleicht nur diese Stellung angenommen ihre
+Signale ordentlich und deutlich auswehen zu lassen, fiel wieder vor
+dem Winde ab, braßte ihre Marssegel vierkant und flog, fast vor Top
+und Takel nur, aus dem Bereich der gefährlichen Klippen, draußen
+vielleicht wieder beizudrehen und das Rückwechseln des Windes in den
+gewöhnlichen Passat, der gar nicht lange mehr ausbleiben konnte,
+abzuwarten.
+
+So lange die Signale noch dauerten, hatten sich die Eingeborenen
+ziemlich ruhig gehalten; nur einige der der Königin und den
+Missionairen ergebenen Häuptlinge, besonders Aonui und Potowai waren
+hinauf in das Haus gegangen, wo sie die frommen Männer versammelt
+sahen, deren Meinung über das Englische Kriegsschiff, das jedenfalls
+einzukommen beabsichtigte, zu hören. Die Missionaire hatten nur eine
+Stimme darüber; sie hofften daß es ihnen günstig lautende Nachrichten
+von England bringen würde, ja daß vielleicht Bruder Pritchard selber
+an Bord sei, die Rechte der Insulaner zu bestätigen und mit der
+gesandten Macht zu beschützen.
+
+Das war genug, wie ein Lauffeuer zog sich die frohe Botschaft durch
+die einzeln am Strand zerstreuten Gruppen: »Das Kriegsschiff ist für
+uns gekommen; die Franzosen haben Nichts mehr auf den Inseln zu
+befehlen -- der Vertrag den sie abgeschlossen haben, und der nur dahin
+berechnet war uns zu ihren Sclaven zu machen und das Götzenthum wieder
+einzuführen, ist vernichtet und keine Flagge soll hier mehr wehen als
+die Tahitische und Englische!«
+
+Aonui war der Wildeste zwischen ihnen.
+
+»Brüder, der Tag der Vergeltung ist erschienen!« schrie er, auf einen
+Haufen dort aufgefahrenen und zum Ausarbeiten von Canoes bestimmten
+Holzes springend, von dem aus er die unter ihm Stehenden leicht
+übersehen konnte, »die Beretanis kommen -- die uns die Bibel gebracht
+haben, bringen uns jetzt auch Kanonen unsere Bibel zu vertheidigen --
+die Beretanis sind gut -- wir wollen Nichts weiter -- wir haben die
+Bibel und die Feranis können gehen, wir halten sie nicht -- wir wollen
+ihnen Freude wünschen -- aber nicht hier, irgend wo anders. -- Wir
+haben die Feranis lieb -- sehr lieb -- es sind auch unsere Brüder --
+aber nicht so Brüder wie die Beretanis; andere Art. Die Beretanis
+haben uns die Bibel gebracht, die Feranis wollen sie wieder nehmen. --
+Feranis haben viel Platz wo anders -- wir wollen ihnen Freude
+wünschen.«
+
+Das etwa war der Sinn der Rede, die der Häuptling, die einzelnen Sätze
+immer auf's Neue wiederholend, seinen Landsleuten vorschrie, denn der
+um ihn wogende Tumult dauerte indessen fort und er konnte ihn mit
+seiner Stimme nicht beschwichtigen, er mußte ihn selbst übertönen;
+aber den Sinn verstanden sie doch, den ungefähren Sinn des Ganzen
+wenigstens, und von Mund zu Mund lief der Ruf: »Fort mit den Feranis,
+fort mit der Flagge, wieder an Bord mit den Priestern die uns die
+neuen Götzen auf die Berge gestellt haben, den alten zum Trotz, und
+uns unseren Glauben nehmen wollen und unser Land und die Bibel. Wir
+haben die Bibel wir verlangen nicht mehr!«
+
+»Bin nur neugierig« sagte Pompey, der Neger, zu einem zufällig neben
+ihm stehenden Seemann, unserm alten Bekannten, dem Iren Jim -- »was
+sie heute wieder für Dummheiten anrichten werden, Mister -- seht nur
+einmal wie die schwarz gekleideten Gentlemen da hinten so eifrig gegen
+einander die Hände und Arme werfen, und streiten -- sie hacken Alle
+auf den Einen ein mit den weißen Haaren, der wird wohl der einzige
+Vernünftige unter ihnen sein.«
+
+»Und wie so, mein Bursche?« frug Jim O'Flannagan der mit den Augen der
+Richtung gefolgt war, die ihm der Neger angab, und den Blick jetzt
+forschend auf den allerdings sehr heftig mit einander gesticulirenden
+Missionairen weilen ließ -- »es geht ja Alles so hübsch und trefflich
+wie es nur gehen kann.«
+
+»Hübsch und trefflich? -- hm, ja, -- Manchem gefällt's so,« sagte der
+Neger und betrachtete sich den Fremden etwas genauer, ohne daß Jim
+etwa darauf geachtet hätte -- »aber hallo Mister,« setzte er
+plötzlich hinzu, »haben wir nicht einander schon einmal da drüben bei
+Mütterchen Tot getroffen?« Der Ire lachte.
+
+»Ich bin überall zu finden wo es gute Gesellschaft giebt,« sagte er
+mit einem etwas zweideutigen Blick auf seinen schwarzen Gefährten,
+»aber Freund, habt Ihr eine Idee wo die Geschichte hier hinaus will?
+-- wie mir scheint wollen die guten Leute alle Franzosen ohne weitere
+Säumniß aufpacken, und an Bord der ~Jeanne d'Arc~ schicken?«
+
+»Toll genug wären sie dazu,« brummte der Schwarze, »und das hier wär'
+auch nicht der erste derartige dumme Streich, den sie machten; wenn's
+Jemand gut mit ihnen meinte, sollt' er's verhindern.«
+
+»Wen geht's denn 'was an?« lachte der Ire, »dafür haben sie auch ihre
+Seelsorger ihnen den richtigen Weg zu zeigen -- hallo, kennt Ihr die
+Beiden da, die scheinen's eilig zu haben.«
+
+»Das sind die beiden ersten Häuptlinge der Insel, Tati und Utami,«
+sagte der Neger schnell, »wenn die ihren Weg hätten, wüßt' ich _wen_
+sie vor allen Dingen auf das erste beste Schiff packten und nach
+Leewärts schickten.«
+
+»Kann mir's denken,« sagte der Ire trocken, »'s kommt nur darauf an
+jetzt, wer zuerst ein Schiff frei hat, Engländer oder Franzose, und
+dem lieben Gott bleibt jetzt die Wahl vollkommen offen, wen er hier
+behalten will, Katholiken oder Protestanten.«
+
+»Wenn sie den Feranis hier was zu Leid thun, schießt ihnen der
+Franzose den ganzen Bettel zusammen -- und ich habe da drüben auch ein
+kleines Häuschen stehn,« meinte der Neger.
+
+»Wenn's hinter dem Berge läge könnt' er aber anfangen wann er wollte?«
+frug Jim, mit einem Seitenblick auf den Neger, den dieser mit einem
+breiten Grinsen, das zwei Reihen prachtvoller Zähne aufdeckte,
+beantwortete.
+
+Die Aufmerksamkeit der Beiden wurde aber bald für das Haus in Anspruch
+genommen, in dem sich die Missionaire befanden, denn dorthin drängte
+das Volk und schien von diesen eine bestimmte Leitung ihres Unmuths,
+dem sie selber eigentlich noch nicht recht Ausdruck zu geben wußten,
+zu verlangen.
+
+»Nieder mit der Flagge der Feranis!« tönte der Schrei -- »fort mit den
+Priestern -- England hat seine Schiffe zu uns geschickt uns zu
+beschützen, wir wollen nichts weiter mit den Wi-Wis zu thun haben --
+fort mit ihnen -- fort!«
+
+»Das thut kein Gut,« sagte da, in der Sprache der Insel, ein schlanker
+Mann mit starkem Backen- und Schnurrbart, der an dem Iren und Neger
+mit den, schon vorher von ihnen bemerkten Häuptlingen rasch
+vorbeischritt -- »das thut wahrlich kein gut, und sie werden sich die
+Folgen ihres thörichten Handelns später selber zuzuschreiben haben.«
+
+»Die Missionaire treiben's zum Aeußersten in ihrem stolzen Wahn,«
+sagte Tati.
+
+»Und ihre kurzsichtige Politik wird ihnen das geistliche wie ihrer
+armen Königin das weltliche Regiment rauben,« sagte der erste
+Sprecher; »die einzige Rettung die dem Lande noch blieb, war eine
+vernünftige Mäßigung, die Missionair wie Franzose zugleich im Zaum
+gehalten hätte.«
+
+»Sagt das den Priestern, Consul Mörenhout, und sie zucken die Achseln
+und bedauern bei der Sache nichts thun zu können, da sie sich _nie_ in
+die Politik dieses Landes mischten.«
+
+»Heuchler!« zischte der Consul zwischen den Zähnen durch und schritt
+jetzt, die Häuptlinge verlassend, rasch der Verandah zu, an deren
+Treppe er eben den beiden Missionairen Dennis und Rowe begegnete, die,
+von Nelson und Smith gefolgt, gerade niederstiegen. Als Mr. Rowe den
+Französischen Consul auf sich zukommen sah, blieb er stehen und sagte,
+noch ein paar Stufen höher als dieser, mit unendlicher Milde und
+Freundlichkeit auf ihn niederblickend:
+
+»Und was führt unseren sehr ehrenwerthen Freund in solcher Aufregung
+zu uns?«
+
+»Mr. Rowe,« erwiederte aber der Consul, ohne auf Ton oder Bemerkung
+der Frage einzugehen, und rasch die Stufen, selbst an dem Geistlichen
+vorbei, hinaufsteigend -- »ich möchte ein paar Worte mit Ihnen und den
+übrigen Herren sprechen; aber augenblicklich sprechen« -- setzte er
+rasch und ungeduldig hinzu, als er sah wie die geistlichen Herren noch
+unschlüssig zögerten. »Es gilt auch jetzt nicht die Privat-Interessen
+eines Protestantischen oder Katholischen Priesters,« fuhr er gereizt
+und heftig fort, »es gilt die Interessen, das Wohl dieses Landes,
+dessen Entscheidung Sie nun einmal -- mit welchem Rechte soll hier
+unerörtert bleiben -- in die Hand genommen. Ihnen allein ist es jetzt
+überlassen Alles noch friedlich zu Ende zu führen, oder auch einen
+Krieg heraufzubeschwören, der die traurigsten furchtbarsten Folgen
+haben müßte.«
+
+Die Missionaire blieben erst stehn und drehten dann mit dem
+aufgeregten und gereizten Mann um, blieben aber oben auf der Verandah,
+wo sich die übrigen bald um Mr. Rowe und den Französischen Consul
+sammelten, und der Erstere sagte freundlich:
+
+»Sie scheinen sich in der Person zu irren, verehrter Herr; wir Alle
+sind Männer des Friedens, denen es wahrlich nicht einfallen wird
+muthwillig, wie Sie meinen, einen Krieg heraufzubeschwören. Greift das
+Volk zu den Waffen, ein ihm unerträglich werdendes Joch abzuschütteln,
+oder selbst erst der Gefahr auszuweichen, seinen Nacken darunter
+gebeugt zu bekommen, was können _wir_, einzelne und unbewaffnete
+Männer dafür oder dawider thun? ja _dürften_ wir das Volk
+zurückhalten, selbst _wenn_ wir könnten, wo wir es auf der einen Seite
+von einer Religion bedroht sehen, die unserer schwachen Meinung nach
+zu ihrem jetzigen und späteren Verderben führen müßte, während wir es
+in Händen haben, sie wenigstens auf ein einstiges Heil vorzubereiten.«
+
+Der Consul schritt rasch und ärgerlich auf der Verandah auf und ab,
+erwiederte aber kein Wort -- er fühlte daß ihm bei der ersten Sylbe die
+er laut spräche, die Galle überlaufen _müsse_, und wollte jetzt in
+diesem, vielleicht für spätere Zeiten höchst wichtigen Augenblick
+Alles vermeiden, was ihm später vielleicht als Uebereilung oder Hitze
+hätte können zur Last gelegt werden.
+
+»Und weigern Sie sich wirklich?« sagte er endlich nach einer längeren
+Pause, und in der That erst, als der Ehrwürdige Mr. Rowe schon wieder
+Miene machte die Verandah zu verlassen -- »das blinde, mit allen
+Europäischen Verhältnissen unbekannte Volk von einem übereilten
+Schritt, wie das Niederreißen der Französischen Flagge zurückzuhalten?
+-- bedenken Sie nicht, daß sich dieselben traurigen Scenen der
+Französischen Fregatte in Monaten vielleicht schon wiederholen, und
+Sie selbst dann in die mißlichste Lage der Welt bringen können?«
+
+Der Ehrwürdige Mr. Rowe warf den Kopf stolz empor, und sagte mit
+vielleicht absichtlich sehr lauter Stimme:
+
+»Weder Ihre Ueberredung Herr Consul, noch Ihre _Drohungen_ können uns
+zu einem Schritt bewegen, den wir für unverträglich mit unserem Amte
+halten. Nicht die Politik, sondern die Religion dieses Landes brachte
+uns an diese Küste, und Frankreich hatte vielleicht einmal die Absicht
+den Protestantismus, da es ihm nicht durch die Lehre seiner Priester
+gelang, mit Feuer und Schwert auszurotten; aber die Zeit ist Gott sei
+Dank vorbei. Der Englische Consul ist, wie Sie wissen schon vor
+längerer Zeit nach Großbritannien gegangen, dort den Schutz unserer
+Confession, die Erhaltung unserer schwer erworbenen und verdienten
+Rechte zu sichern, und Sie sehen da draußen in See in jenem
+hellblinkenden Segel die Antwort unserer Nation. ~Monsieur Du Petit
+Thouars~ wird sich einen andern Wirkungskreis für seine Heldenthaten
+suchen müssen, denn nicht mehr blos mit wehrlosen Indianern und ihren
+friedlichen Lehrern und Fürsten hat er es von jetzt an hier zu thun.«
+
+Mörenhout biß sich auf die Lippen, blieb einen Augenblick, wie noch
+etwas überdenkend, stehen, und wollte dann, ohne weiteres Wort, die
+Treppe wieder niedersteigen, als der alte ehrwürdige Mr. Nelson seinen
+Arm ergriff und freundlich sagte:
+
+»Gehen Sie noch nicht, Consul Mörenhout; ein gutes Werk darf nicht so
+leicht aufgegeben werden, und ich halte die Absicht dafür, in der Sie
+hergekommen.«
+
+»Mr. Nelson spricht als ob dieses sogenannte »gute Werk« in unseren
+Händen läge,« sagte Mr. Rowe gereizt.
+
+»Und das ist wahr!« rief aber der alte Mann in edlem Eifer erglühend,
+und die Hand ausstreckend gegen die unten tobende Schaar. »Sündlich
+wäre es von uns behaupten zu wollen, daß wir die Macht _nicht_ haben
+das Volk zum Guten zu leiten und in den Schranken der Mäßigung zu
+halten; ebenso wie es, in der jetzt überdieß gereizten Stimmung, einem
+leichtsinnigen unglückseligen Schritt entgegen zu treiben. Wir als die
+Lehrer des Volkes _dürfen_ nicht entscheiden ob Englische ob
+Französische Flagge das Recht habe hier zu wehen -- unser Ziel ist,
+die Eingeborenen zu Christen, nicht zu Engländern oder Franzosen zu
+machen, und ihren Häuptlingen, von unseren Consuln aber nicht von
+unseren Kanzeln unterstützt, bleibt es dann überlassen, sich die
+Unabhängigkeit ihres Landes zu wahren.«
+
+»Es giebt Verhältnisse,« fiel ihm hier Bruder Rowe in's Wort, der den
+aufsteigenden Grimm nicht länger bemeistern konnte, »bei denen ein
+solches Zaudern in der guten Sache, das die Eingeborenen ihrem bösen
+Geschick und den Gräueln des Pabstthums überließe, _Verrath_ genannt
+werden könnte.«
+
+»Wir haben den fremden Priestern vorgeworfen« entgegnete Nelson ruhig,
+»daß sie uns geschimpft und unsere Religion geschmäht haben; machen
+wir es besser, wenn wir von Gräueln des Pabstthums reden? Ich bedauere
+das Eindringen jener fremden Lehre, die unsere Beichtkinder irre
+machen, und Zweifel bei ihnen erwecken muß, aber ich möchte sie nicht
+mit dem Schwert bekämpft, möchte das Schwert nicht in unserer eigenen
+Mitte geschliffen sehen.«
+
+»Daß Bruder Nelson die neue Lehre nicht mit dem Schwert bekämpft sehen
+möchte, hat er allerdings schon bewiesen,« sagte Mr. Rowe.
+
+»In dem was ich gethan, steh' ich vor meinem Gott gerechtfertigt,«
+erwiederte Nelson, ohne ein Zeichen von Bitterkeit, »der Menschen
+Urtheil muß ich mich unterwerfen.«
+
+»Wehe über Israel!« seufzte da der ehrwürdige Mr. Brower und
+schüttelte trauernd mit dem Kopf, »das ist die kalte Gluth, die fremde
+Herzen erwärmen will, und nicht einmal im Stande ist, das eigene Feuer
+hell und lohend anzufachen. Wehe über die Säumigen, die da zögern und
+die Stunden zählen zum Tag, und nicht wirken wollen so lang es noch
+Nacht ist; wehe über die Zaghaften am Tage des Gerichts, und wie
+Gottes Donner noch mahnend an der Erde Vesten rüttelt, wird er ihnen
+ein Zornesruf in den Ohren sein!«
+
+Mr. Mörenhout der das Gespräch, oder vielmehr den Streit der
+Geistlichen mit kaum zu zähmender Ungeduld bis jetzt angehört, und
+sich gewaltsam hatte zurückhalten müssen, seinem Unwillen nicht Luft
+zu machen, dabei aber noch immer hoffte eine vernünftigere Ueberlegung
+doch Raum gewinnen zu sehen, mußte nach den letzten Worten des
+fanatischen Priesters jeden solchen Glauben schwinden lassen, und nur
+noch einen letzten Versuch zu machen sagte er mit gezwungener Ruhe,
+der man aber das Gewaltsame wohl anmerken konnte:
+
+»Und so weigern Sie sich denn, meine Herren, den Frieden mit
+Frankreich aufrecht zu erhalten? -- weigern sich dem Volk das
+Gefährliche, ja das Wahnsinnige solcher Handlung vorzustellen?«
+
+»Weigern, Herr Consul,« unterbrach ihn Rowe entrüstet, »wir haben
+Nichts mit der Politik dieses Landes zu thun -- mit jedem derartigen
+Antrag muß ich Sie an die Königin selber weisen.«
+
+Mörenhout wollte noch etwas erwiedern -- er öffnete schon den Mund und
+that einen Schritt auf den Missionair zu, der sich dem gereizten Blick
+des Mannes mißtrauisch aber doch muthig entgegenstellte; dann aber,
+wie sich eines Besseren besinnend, drehte er sich scharf auf seinem
+Absatz herum, blieb einen Moment, den vorn ausdehnenden Platz mit den
+Blicken überfliegend stehen, winkte nach einer Stelle hinüber, wo Tati
+und Utami mit dem jetzt zu ihnen gekommenen Paofai standen, und
+schritt dann, während sich ihm die drei Häuptlinge anschlossen, rasch
+und heftig mit ihnen gesticulirend, am Strand hinauf.
+
+FOOTNOTES:
+
+[D] Die Engländer und Amerikaner nennen alle Arten von Fahrzeugen
+_weiblich_ und wie der Matrose behauptet aus einem allerdings nicht
+gerade schmeichelhaften Grund für das schöne Geschlecht: weil die
+Takelage, Segel etc. mehr koste als alles Uebrige.
+
+[E] Gumbo's, der Spottname der Franzosen in Louisiana, nach einem dort
+bereiteten Lieblingsgericht derselben.
+
+
+
+
+Capitel 5.
+
+#Die Königin Pomare.#
+
+
+Der Sturm hatte nachgelassen, aber noch schleuderte der West den
+Wellenschaum gegen das Leeufer[F] der Insel, und die schweren
+Palmenwipfel, die den Palast Aimatas, der vierten der Pomaren,
+umgaben, schwankten herüber und hinüber und schüttelten die schweren
+Tropfen aus der Fruchtgeschmückten Krone.
+
+_Der Palast der Pomaren_ -- ein Zauber lag sonst auf dem Heiligthum,
+das ein frohes gutmüthiges und deshalb auch leichtgläubiges Volk mit
+allem ausgeschmückt, was seine Phantasie nur Großes und Erhabenes zu
+erfinden vermochte.
+
+Was lag daran ob nur Bambusstäbe das leichte Dach von Pandanusblättern
+stützten, nur feingeflochtene Matten und selbstgewebte Tapa den
+inneren Raum zierten und verhingen -- was lag daran ob die Häuptlinge
+aus einfachen Calebassen ihren Brodfruchtpoe verzehrten und den Saft
+der Cocosnuß dazu tranken, sie waren die von Oro beschützten Fürsten,
+und der Grund schon heilig, den ihr Fuß betrat.
+
+Und jetzt? -- Der Verkehr mit den Europäern hatte die alten einfachen
+Sitten der Insulaner verdrängt -- die Missionaire, anstatt sich ihrem
+einfachen Leben anzupassen, lenkten die Gier dieser sonst so
+anspruchslosen bescheidenen Wesen auf die fremden Sachen die sie in
+Masse mitgebracht; der Schutz der Könige selber ward durch Geschenke
+-- tolles Zeug das nur bunt drein schaute und zu weiter Nichts diente
+als den Platz ungemüthlich, unheimlich zu machen auf dem es stand --
+zu erhalten gesucht, und wie sich die Fürsten mehr den Fremden
+hingaben, deren eigenthümliche Geschenke sie gewannen, wie sie von
+ihrer Höhe niederstiegen und ihre Götter selbst zuletzt gegen
+Glasperlen und andere bunte Sachen eintauschten, einen anderen _Gott_
+anzuerkennen, den ihnen jene schwarzen finsteren Männer brachten, da
+war die königliche Macht dahin, wenn auch der äußerliche Prunk noch
+blieb, ja für den Augenblick, wie das letzte Aufflackern einer Lampe,
+vielleicht noch auf kurze Zeit erhöht und verstärkt wurde.
+
+Was die Königliche Majestät auf den Sandwichs Inseln, wo
+Republikanische Missionaire zuerst Gottes Wort hinüberbrachten, erhob,
+daß nämlich die Glieder der Königlichen Familie, besonders die
+Frauen[G] der Christlichen Religion anhingen, und sie mit dieser Macht
+auch das Volk dahin brachten sich zuletzt, wenigstens äußerlich, dem
+neuen Cultus zu unterwerfen, das hatte auf den Gesellschaftsinseln, wo
+die Priester einer Monarchie zuerst mit dem Kreuz und der Bibel
+landeten, die entgegengesetzte Wirkung in dem starren Trotz den die
+Pomaren, in ihren Herzen wenigstens, von je der Christlichen Religion
+entgegensetzten, bis in späteren Jahren, und auch eigentlich erst
+durch Krankheit geknickt und in der Hoffnung mit Hülfe der Weißen die
+Zügel seiner Regierung wieder fester in die Hand nehmen zu können, der
+zweite Pomare zur christlichen Religion übertrat, sonst aber seine
+Sitten, und sehr wahrscheinlich auch im Inneren seinen alten Glauben,
+ziemlich beibehielt.
+
+Die Fürsten, die man bis dahin für übernatürliche Wesen gehalten,
+wurden _Menschen_, die Götter, die bis dahin die Schicksale der Völker
+regiert und die Hand gehalten hatten über Land und See, wurden zu
+Stücken Cocosholz, -- der Glaube, die Furcht, ja das Schlimmste von
+Allem, die _Liebe_ des Volkes war ein Wahn, ein schöner Traum gewesen,
+und daß eben das Volk dann zu Extremen übersprang, läßt sich denken.
+
+Das schlichte Bambushaus, zu dem der Tahitier sonst als dem
+Herrschersitz seiner Könige mit scheuer Ehrfurcht aber auch mit Liebe
+aufgeblickt, war verschwunden, und an dessen Statt stand ein
+Europäisches Gebäude mit Schindeln gedeckt, mit Verandah und Treppe,
+mit Thüren und Glasfenstern da, die Wände dicht und der kühlen
+Seebrise undurchdringlich, das Dach fremd und unnatürlich in die
+schlanken Palmen hineinstarrend -- das Innere dabei wild und
+geschmacklos mit bunt und toll durch einander geworfenen Geschenken
+verschiedener Schiffe und Länder ausgeschmückt oder eher verstellt,
+mit Porcellan und Glas, mit Bronze und Messing, versilberten
+Leuchtern, vergoldetem Schmuck, mit Servicen und Geschirren, so
+geschmacklos als verwirrt geordnet oder besser gesagt aus dem Weg
+gestellt.
+
+Die natürliche Majestät des Ganzen war gewichen und eine gezwungen
+gekünstelte jetzt nicht mehr im Stande selbst in den Augen des
+Eingeborenen zu imponiren. Die Ehrfurcht deshalb, die er dem
+schlichten Bambus und der einfachen Tapa gezollt, und die sich selbst
+auf die Pandanus-Matte erstreckte die der Fuß berührte, weigerte er
+dem kostbaren Teppich und all jenen tausend und tausend
+»Kostbarkeiten,« die er staunend anstarrte, an denen er aber kalt, ja
+nicht selten mit einem Lächeln auf den Lippen, vorüberging. Er kannte
+die Quelle aus der es floß, Pomare ging nicht mehr mit Oro Hand in
+Hand und vor dem _neuen Gott_, wie ihnen die fremden Lehrer oft und
+oft gesagt, _waren ja alle Menschen gleich_ -- das Bischen Staat dabei
+hatten die Fremden mitgebracht, als Geschenke festen Fuß auf den
+Inseln zu fassen, es war Nichts darunter, vor dem man hätte Ehrfurcht
+haben können.
+
+Und rücksichtslos wie der Menschen Hand an dem Hermelin der Majestät
+gerissen, und nach der Krone schon die Faust ausgestreckt, die Aimatas
+Stirn umzog, so hatte der Sturm in seiner tobenden Lust auch seinen
+Muth an dem geweihten Platz gekühlt und hineingegriffen in das
+Heiligthum.
+
+Wo eine Anzahl dichter herrlicher Palmen auf etwas offener Stelle
+wachsend, früher das Bambushaus der Königin überschattet, und einander
+dabei zugleich Schutz und Schirm bieten konnten gegen die tollen
+Windgeister, die zu Zeiten über die Berge rasten, da hatten die
+meisten dieser stattlichen Bäume, dem größeren Gebäude Raum zu geben,
+weggeschlagen werden müssen, und die einzelnen, zurückgebliebenen,
+waren nicht mehr im Stande dem wilden West zu trotzen, wenn er den
+rasenden Ansprung nahm gegen sie, die wehenden Blätter ihrer Krone
+faßte und die Wipfel niederbog, scharf und gewaltig, bis fast zum
+Boden hin. Hei wie sie da oft zurückschnellten, in Grimm und Unmuth,
+dem tobenden Sturm gerad' in die Zähne, und die wehende Krone
+schüttelnd in zornigem Trotz; vergebens -- wieder und wieder sauste
+die Windsbraut heran, faßte die mächtigen Bäume und drückte sie in
+ihrem tollen Spiel zur Erde nieder bis sie die herrlichste geknickt
+und mit schwerem Fall zu Boden geschmettert, weit und zerstörend
+hinein in Banane und Brodfruchtgarten. Und dann, wie ein unartig Kind,
+das sein Spielzeug zerbrochen und bei dem Fall schon die Strafe
+fürchtet, brauste der Sturm und tobte dahin, über die mächtigen
+Waldeswipfel, daß sein Rauschen und Donnern weit hinein drang in
+Berges Schlucht und Hang; aber am Boden lag die Palme zerknickt und
+todt, der starre aufgespaltene Stamm kahl und vorwurfsvoll zum Himmel
+deutend, und der Wipfel selbst ein traurig Bild zertrümmerter,
+königlicher Kraft -- so viel sprechender hier, an der Schwelle der
+Pomaren.
+
+Und wie der Sturm schwieg, wogte und drängte draußen das Volk in
+wilderem unaufhaltsamerem Schwarm, zum ersten Mal wieder eine Macht
+fühlend, die ihm bis jetzt genommen, zum ersten Mal wieder von denen
+aufgefordert _selbstständig_ zu handeln, die bis jetzt mit ängstlicher
+Sorgfalt jeden ihrer Schritte überwacht, und die Bibel drohend
+entgegengehalten jedem freieren, kraftbewußten Wort.
+
+Das Volk _sprach_, und der Palast lag _verödet_; die Thüren standen
+offen, oder schlugen im Zug hin und wieder, die im Inneren
+angebrachten Europäischen Vorhänge und Gardinen flatterten und wehten
+unordentlich aus, und die ~Eïnanas~ Pomares, die dienstthuenden
+Hoffräulein der Fürstin selber hatten sich in Furcht und Neugierde
+theils mit hinaus an den Strand gedrängt, das fremde Schiff und das
+erregte Volk zu sehen, theils standen sie mit flatternden Locken und
+Gewändern über die Verandah zerstreut, ihrer Pflichten nicht weiter
+achtend, sich ihre Hoffnungen und Befürchtungen mitzutheilen.
+
+Pomare war in ihrem Gemach allein und die Königin stand, an ein
+Fenster gelehnt, die linke Hand auf eine geöffnete Bibel, die neben
+ihr auf einem kleinen Tischchen lag, die Stirn sinnend in die rechte
+Hand gestützt, regungslos und schaute in tiefem Brüten hinaus über die
+zerschüttelten Baumwipfel, die ihre Zweige noch nicht wieder
+zurechtgefunden aus dem kaum vorübergebrausten Sturm, und wie
+ängstlich die weiten grünen Arme ineinander rankten, einem noch immer
+mißtrauisch befürchteten neuen Anprall zu begegnen.
+
+Es war eine schlanke edle Gestalt, mit nicht gerade schönen aber doch
+wohlthuenden Zügen, und besonders feurigem lebendigem Auge, dessen
+Brauen sich nur jetzt, in Sinnen und Unmuth vielleicht, fester und
+härter zusammengezogen wie es sich sonst mit den voll und freundlich
+geschnittenen Lippen vertrug. Sie ging ganz in die Landestracht
+gekleidet, nur daß kostbarere Stoffe ihre Gestalt umschlossen, -- der
+~pareu~ war von feinem gelb und roth gestreiften und mit kleinen
+Silberblumen durchzogenem Gewebe, und der obere, erst nach der
+Bekanntschaft mit den Europäern angenommene weite und vorn bis zum
+Gürtel offene Rock, der nur am Handgelenk durch zwei Perlmutterknöpfe
+zusammengehalten wurde, war von schwerer blaßrother Seide, um die
+Hüften durch eine goldene emaillirte Spange zusammengehalten. Die
+Haare trug sie in natürlichen Locken, durch die aber, vielleicht ein
+wenig kokett auf die Krone anspielend, ein schmaler goldener Reif
+gezogen war, vortrefflich gegen die rabenschwarze Fülle der Locken
+abstechend, die ihre Stirn umspielten. An den Fingern blitzten zwei
+etwas starke, goldene Ringe, der den Eingeborenen überhaupt liebste
+und ehrenvollste Schmuck; ihre Füße aber waren nackt.
+
+Viele Minuten lang blieb sie in der beschriebenen Stellung, starr und
+regungslos und nur manchmal war es, als ob sie ungeduldig hinaushorche
+nach dem dumpf selbst bis zu ihr herüberwogenden Lärm, indeß die
+Finger der linken Hand bewußtlos in dem heiligen Buche blätterten.
+
+»Sie kommen, Pomare, sie kommen,« rief da plötzlich Eines der Mädchen,
+den Kopf eben nur zur Thür hereinsteckend und dann wieder, gerad so
+rasch verschwindend.
+
+»~Aramai~, ~Eina~!« rief aber die Königin, sich zornig nach der Thür
+herumdrehend, in der jetzt, etwas beschämt, das junge schöne Mädchen
+wieder erschien und schüchtern stehen blieb -- »ist das jetzt Sitte
+hier bei mir geworden, daß Ihr draußen herumlauft, Ihr Tollen, und
+eben zu mir hereinstürmt und mir Euere Botschaft unter das Dach ruft,
+als ob ich herübergeweht wäre von den Inseln zu windwärts? -- wer
+kommt? ~waihine~ und wo sind Deine Gefährtinnen?«
+
+»Tati, der Häuptling, Pomare, mit dem weißen bösen Ferani,« sagte das
+Mädchen etwas ängstlich -- »und noch viele viele andere Tanatas.«
+
+»Und die Eïnanas?«
+
+»Stehen draußen und sehen hinaus.«
+
+»Was will Tati von _mir_?« frug die Königin finster, mehr mit sich
+selbst redend als zu dem Mädchen gewandt.
+
+»Böse Ferani ist bei Mitonares gewesen,« sagte da das Mädchen leise
+und schnell -- »hat sich gezankt mit Mitonares und kommt jetzt zornig
+und bös zu Pomare.«
+
+Ein verächtliches Lächeln zuckte um Pomares Lippen, daß die Eïnana den
+Ferani fürchtete, aber die Botschaft selber beunruhigte sie doch. Der
+Französische Consul verkehrte nie mit den Protestantischen
+Geistlichen, die ihn, wie er recht gut wußte, haßten und verabscheuten
+-- was hatte er dort zu thun, wenn nicht jene etwas gegen ihn, gegen
+seine Nation unternommen, und warum wußte _sie_ noch Nichts davon?
+
+»Die Mitonares haben das Englische Schiff gesehen und glauben sich nun
+Herren dieses Landes,« murmelte sie leise vor sich hin -- »aber noch
+nicht -- noch nicht -- und das Alles sagt die Bibel, Alles, Alles was
+sie wollen.«
+
+Lautes Sprechen auf der Verandah drang von dort herein, und die
+Eïnanas, die bis jetzt draußen herum gestanden, schlichen leise in's
+Zimmer, während Eine von ihnen die Ankunft des »Ferani ~Me-re-hu~« mit
+Tati dem Häuptling meldete. Noch ehe aber Pomare nur die Erlaubniß
+seiner Einführung geben konnte, wurde die Thür wieder, mehr
+aufgerissen als geöffnet, und der Consul betrat rasch von Tati langsam
+und wie scheu gefolgt, das Gemach.
+
+»Habt Ihr die Sitte verlernt, Consul Me-re-hu!« rief ihm aber Pomare
+gereizt entgegen, noch ehe er den Mund öffnen konnte zu seiner
+Vertheidigung, »daß Ihr zu einer Frau -- daß Ihr zu Pomaren in das
+Haus dringt, als ob Ihr daheim wäret in Eurer eigenen Hütte? -- noch
+haben Euere Kriegsschiffe meinen armen Thron nicht umgeworfen, und
+Euere Soldaten mein Volk erschlagen, oder Euere Priester es bethört --
+geht fort von hier, Ihr seid ein unruhiger böser Mann -- und was will
+Tati von seiner Königin, daß er mit dem Fremden über ihre Schwelle
+bricht, wie ein Dieb bei Nacht?«
+
+»Nicht meinetwegen komme ich, kommt Tati hier zu Dir, Pomare!«
+unterbrach sie hier Mörenhout, ohne Tati Zeit zu geben, sich selber zu
+vertheidigen -- »Deinet-, Deines Reiches wegen sind wir hier, das
+Deine tollen Priester im Begriff sind zu verderben.«
+
+»Consul Me-re-hu!« rief Pomare entrüstet.
+
+»Ja Pomare!« fuhr aber der Franzose in zornigem Eifer fort, »und
+wiederholen muß ich's Dir, daß Deine Priester in diesem Augenblick
+selbst daran arbeiten den Bruch unheilbar zu machen, den sie zwischen
+diesem Land und Frankreich reißen. Auf die Bibel gestützt, der sie in
+blindem Eifer, nicht rechts nicht links sehend, anhängen, predigen und
+schreien sie daß sie dieser folgen, während es im Grund nur ihre
+eigene starrköpfige Meinung ist, der sie das Banner vorantragen.
+Gottes Zorn wollen sie dabei in ihrer Macht haben, während in ihrem
+eigenen Lager Unfriede, Streit und Feindschaft, Neid und Habsucht
+herrschen.«
+
+»Und seid Ihr nur hier hergekommen meine Prediger und Gottes Wort zu
+lästern, Consul?« frug die Königin kalt.
+
+»Hierher gekommen Dich zu _bitten_ ihren Uebermuth zu steuern!« rief
+Mörenhout, »Dich zu _warnen_ ihrem Einfluß, der der Französischen
+Nation ein durchaus feindlicher ist, gerade jetzt, wo sie in
+kurzsichtigem Triumph den Sieg in Händen zu haben glauben, nicht zu
+viel Raum zu geben.«
+
+»Warnen,« wiederholte Pomare verächtlich, und drehte dem Consul halb
+den Rücken -- »und was sagt Tati? hat der erste Häuptling Tahitis dem
+Fremden das Wort überlassen?« fuhr sie aber rascher fort als sie
+diesen mit verschränkten Armen und finsterem Blick still zur Seite
+stehen sah.
+
+»So lang er das rechte spricht, warum nicht?« sagte der Häuptling
+ernst -- »es ist dasselbe um das ich Pomare bitten wollte -- er hat es
+Dir kund gethan.«
+
+»Und was _wollt_ Ihr von mir?« rief die Königin, jetzt wirklich
+beunruhigt durch das ernste Aussehen der Männer, »was ist geschehen,
+was haben die Mi-to-na-res gethan?«
+
+»Die Mi-to-na-res thun nie etwas,« sagte der Consul, aber jetzt weit
+ruhiger als vorher, »sie stecken sich nur hinter die Masse, reizen mit
+ihren Reden das Volk auf, und sind dann unschuldig wie die Kinder,
+wenn der Saame aufgeht, den sie erst selbst gepflanzt.«
+
+Die Königin machte eine ungeduldige Bewegung und Tati, der wohl sah
+daß der Consul, in seinem Zorn über die Missionaire gar nicht zum
+Hauptpunkt kam, fiel da ein:
+
+»Sie sind unklug genug das Volk dazu zu treiben, daß es die
+Französische Flagge niederreißt.«
+
+»Und welches Recht hat sie, hier zu wehen?« frug Pomare rasch.
+
+»Dem mit Dir selbst geschlossenen Vertrage nach!« rief der Consul.
+
+Tati biß sich auf die Lippen und entgegnete nur trocken:
+
+»Das Recht des Stärkeren, ich weiß von keinem anderen.«
+
+»Von keinem anderen?« frug der Consul erstaunt, und drehte sich rasch
+nach dem Häuptling um -- »habt Ihr nicht selber mit den Vertrag
+unterschrieben, der ihm es sichert?«
+
+»Eben weil Ihr die Stärkeren seid habt Ihr das Recht,« sagte der
+Häuptling finster, »denn der Vertrag war in anderem Sinne, als Ihr ihn
+auszubeuten wünscht, und wäret Ihr ein kleines Reich wie wir, würde
+die Frage gar nicht sein um ja und nein, die Kriegskeule möchte dann
+entscheiden welches Landes Flagge in der Brise flattern dürfte. So
+aber, und weil mir ahnt _was_ Ihr begehrt, nicht etwa weil ich ein
+Freund des Königs der Feranis bin, komme ich hierher und verlange von
+Dir, Pomare, das Volk zurückzuhalten, daß es nicht muthwillig wieder
+fremden Schiffen die willkommene Gelegenheit bietet die Hand nach
+diesem Reiche auszustrecken. Die Priester tanzen um ihr Heiligthum und
+sehen in die Flamme -- bis sie eben nichts weiter sehen und für alles
+Andere, was außer ihnen vorgeht, blind sind; was kümmert sie Pomare
+oder Tahiti, wenn sie Leute finden die in ihrem großen Buch lesen und
+ihnen Früchte und Cocosöl bringen. Kaufleute von dem Lande der Feranis
+sind gekommen und sie haben Nichts gesagt -- Priester kommen jetzt von
+dort, und sie schreien daß Gott das Land mit Feuer und Schwefel
+ausrotten würde; warum? weil die anderen Priester auch Ferkel haben
+wollen zum Backen, und Brodfrucht zum Rösten -- weil sie auch _Worte_
+eintauschen wollen gegen Körbe voll Früchte und Hühner und Schweine.«
+
+»Aber wie kann ich's hindern?« sagte Pomare unschlüssig -- »Ihr wilden
+Männer selber habt mich in ihre Hände gegeben, mit Euerem Zorn und
+Ehrgeiz, und ich _will_ mich dem Ferani nicht beugen.«
+
+»Und wer sagt daß Du es sollst?« rief Tati schnell -- »aber eben so
+wenig der Flagge der Beretanier.«
+
+»Die frommen Männer künden das Wort Gottes, nicht Beretaniens,«
+entgegnete Pomare.
+
+»Ei beim Donner, laß sie das denen sagen die es glauben!« trotzte der
+Häuptling -- »ihr eigener Bauch ist ihr Gott, und die Bibel halten sie
+vor, ihn zu verstecken. Waren die Häuptlinge in alten Zeiten den
+Göttern oder den Priestern unterthan? und wäre der neue Gott so wenig
+mächtig, daß wir vor seinen Dienern nur allein die Furcht und
+Ehrfurcht haben sollten?«
+
+Die Königin wollte reden, aber das Wort gebrach ihr in dem Augenblick,
+dem zu erwiedern, und der Häuptling fuhr mit ruhiger, ja fast bewegter
+Stimme fort:
+
+»Ich weiß daß sie alle Deine guten Eigenschaften, aber auch all Deine
+Schwächen in das Feld gerufen haben, ihnen zu dienen; Dein gutes Herz
+gewann Dich ihrem Gott, Dein Stolz, das Erbtheil Deines Stammes
+unterstützte sie in dem Kampf mit Deinen Feinden. -- Sieh mich nicht
+so an, Pomare, ich gehörte nie dazu, und wenn auch das Blut meiner
+Väter, der alten und rechtmäßigen Fürsten dieser Inseln in meinen
+Adern rollt, und mich Deinem _Stamm_ gegenüberstellte, hab ich Dich
+selber stets geachtet und -- verehrt; aber weh, tief im Herzen weh thut
+es mir den Häuptlingsstab aus unserer Faust gerissen zu sehen, nicht
+eine andere würdige Hand zu schmücken, sondern einer Schaar Fremder
+zum Stock zu dienen, mit dem sie ihre Heerde zusammentreiben. Mit Zorn
+und Schmerz füllt mich der Gedanke jene finsteren Priester in unserem
+schönen Lande herrschen zu sehen, weil wir selber nicht einmal den
+Muth hatten, uns nur einander die Hand zu reichen.«
+
+»Aber ihre Religion ist die des Friedens,« sagte Pomare.
+
+»Und ihre Worte, ihre Lehre die des Kriegs!« rief der Häuptling mit
+wieder zusammengezogenen Brauen -- »was auch stehen sie zwischen uns,
+wer gab ihnen das Recht zu entscheiden und zu richten in diesem Land?
+-- die Bibel? -- wir haben sie jetzt selber, nicht _ihr_ Verdienst ist
+es _daß_ sie hier hergekommen, wenn sie selber überhaupt Wahrheit ist,
+denn die Priester beweisen aus ihr, daß sie Gott selbst gesandt. So
+nimm die Zügel wieder in die Hand, Pomare, wähle die, so es gut und
+redlich mit dem Lande meinen, die aber auch an dieser Küste geboren
+sind, zu seinen Richtern, und hier mein Wort, meine Hand, daß Tati nie
+ein Korn von Eifersucht mehr in seinem Herzen nähren und Dir treu und
+ehrlich zur Seite stehen wird mit besten Kräften.«
+
+»Sag es ihm zu, Pomare, er meint es gut mit Dir,« bestätigte hier der
+Franzose des Häuptlings Worte, die Königin aber, die schon halb
+unschlüssig gestanden, und den Blick, wie im inneren Kampf an den
+Boden geheftet hielt, sah plötzlich zu dem Fremden auf und sagte
+finster:
+
+»Dein Rath, Me-re-hu, hat noch nie diesem Lande gut gethan; Du
+sprichst nicht mit Tati, indem Du für ihn sprichst.«
+
+»Ich verstehe Euere Wortspiele nicht,« sagte der Consul unwillig, den
+die Zurückweisung der Indianerin verdrossen -- »aber ich weiß daß es
+Tati gut mit Dir meint, und daß ich selber in diesem Augenblick
+weniger im Interesse Frankreichs als dem Deinigen spreche -- willst Du
+Nichts wissen davon, so thue meinetwegen was Du nicht lassen kannst,
+schreib Dir dann aber auch selber die Folgen zu.«
+
+»Ich habe bei dem was ich je beschloß noch nie die Folgen gefürchtet,«
+sagte Pomare ruhig -- »aber was wollt Ihr daß ich thue, was ich
+verhindern soll? -- Ihr sprecht Beide wild auf mich ein und macht mich
+irre, anstatt mich aufzuklären.«
+
+»Verhindern sollst Du,« rief der Consul da, »daß Deine Leute, in
+Deinem Namen die Flagge Frankreichs niederreißen und die Deinige dafür
+wehen lassen.«
+
+»Und wessen Flagge hat das meiste Recht dazu?« frug Pomare, dem
+Französischen Consul fest in's Auge sehend.
+
+»Das meiste Recht die Deine, allerdings,« fiel aber hier Tati ein, ehe
+Mörenhout etwas darauf erwiedern konnte, »aber nicht die meiste
+Gewalt, Pomare, und nicht muthwillig sollst Du Dir einen Feind
+schaffen, wo Du Dir keinen Freund dafür gewinnst, Dir beizustehen.«
+
+»Habt Ihr das Englische Schiff gesehen?« frug Pomare rasch und mit
+triumphirendem Lächeln -- »habt Ihr gesehen, wie es hier einlaufen
+wollte und nur durch den Westwind und die Brandung daran verhindert
+wurde? -- wißt Ihr was es bringt?«
+
+»Nein, so wenig wie die Mitonares,« sagte Tati unwirsch, »die
+Schwarzröcke behaupten freilich es brächte mit seinen Kanonen Frieden
+für diese Inseln, aber ihre Köpfe reichen auch nicht höher als die
+unseren, und sie können nicht sehen was im Bauch des Schiffes liegt,
+ob Frieden, ob Krieg, oder wahrscheinlicher noch volle
+Gleichgültigkeit wie wir es treiben hier auf den Inseln. Was wissen
+die Capitaine solcher Schiffe von der Politik unseres oder ihres
+Landes, wenn sie nicht ganz besonders abgeschickt werden? so wenig wie
+unsere Fischercanoes wissen, was Pomare denkt oder thut.«
+
+»Aber wenn die Mitonares nun doch recht hätten?« sagte Pomare, mit
+einem halb triumphirenden Seitenblick auf den Französischen Consul.
+
+»Du zögerst hier mit solchen Vermuthungen,« rief aber dieser jetzt
+ungeduldig, »bis draußen _geschehen_ ist, was wir hier verhindern
+wollen; hörst Du den Lärm, das Toben Deiner frommen christlichen
+Unterthanen? -- wenn die französischen Kugeln hier herüberschmettern,
+wirst Du zu spät bereuen unsere Bitten nicht erhört zu haben.«
+
+»Nennt Ihr das bitten, wenn Ihr mit Kanonen droht?« rief unwillig
+Pomare.
+
+»Und weisest Du uns ab?« frug Tati leise.
+
+»Nein Tati, nein,« sagte Pomare schnell, sich zu ihm wendend und seine
+Hand ergreifend, »gehe Du nicht fort im Unmuth von hier, denn ich
+fühle wie schwer es _Dir_ geworden zu mir zu kommen. Ach wenn wir
+selber unter einander einig wären, wenn nicht Neid, Haß und Eifersucht
+uns entzweite, wir könnten ein festes Reich bilden, selbst gegen den
+stärksten Feind. Unsere Berge sind hoch, unsere Schluchten steil, und
+daß unsere jungen Leute kämpfen können haben sie in früheren
+Schlachten bewiesen; aber wie die Religion unsere Familien entzweite,
+und den Bruder gegen den Bruder in den Kampf rief, so hat ein
+Mißverständniß jetzt vielleicht auch die Stämme selber einander
+entfremdet, und Pomare wird nimmer die Hand zurückstoßen, die sich ihr
+_freundlich_ entgegenstreckt -- nur der Drohung kann ich nicht
+weichen, vielleicht _weil_ ich eine Frau bin, und mache Du mir denn
+Vorschläge, wie wir am Besten einig und friedlich zusammen stehen,
+ohne aber auch dem Ferani einen Rang zu gönnen der ihm nicht gebührt,
+den ich nicht von ihm gefordert habe -- unser _Beschützer_ zu sein.«
+
+»Der da oben im Himmel wohnt, wie auch sein Name sein mag,« sagte Tati
+ernst, »weiß daß ich dem Ferani nicht seiner selbst wegen die Hand
+geboten, die stolzen Mitonares trieben mich dazu; aber willst Du mit
+Deinem Volk Hand in Hand gehen, so laß jetzt kein eigenmächtig tolles
+Handeln den Fremden beleidigen, bis wir uns friedlich mit ihm
+verstanden. Was unsere Eifersucht hier gefehlt, kann jetzt noch die
+Eifersucht der beiden fremden Nationen, der Beretanis und Feranis,
+wieder ausgleichen, wir haben beider Gierde gleich zu fürchten.«
+
+»Die Beretanis haben uns noch nie gedroht,« sagte Pomare.
+
+»Ich will nicht urtheilen über sie -- ich kenne sie nicht,« sagte der
+Häuptling finster, »aber je mächtiger sie sind, desto mehr entfernt
+haben wir uns von ihnen zu halten -- der Hai theilt keine Beute mit
+dem Delphin.«
+
+»Ich habe nicht befohlen der Fremden Flagge niederzureißen,« sagte
+Pomare nach kurzem Sinnen -- »sprich mit den Mitonares, Tati, sie
+werden es nicht dulden.«
+
+»Die Mitonares,« sagte der Häuptling höhnisch, »und zu ihnen schickst
+Du mich, Dein Reich zu regieren, vielleicht bei ihnen anzufragen, was
+sie für gut finden zu thun, ob Pomare herrschen soll oder ein Priester
+auf Tahiti? eher möge die Zunge hier verdorren.«
+
+Wilder tobender Lärm und lautes Jauchzen scholl in diesem Augenblick
+zu ihnen herein, und ein Läufer der Königin, der oben über Papetee
+postirt gewesen, den Lauf des fremden Schiffes zu bewachen, kam,
+unterwegs schon die frohe Nachricht verbreitend, jetzt zurück, Pomaren
+zu melden daß das fremde Kriegsschiff, von den Riffen frei, gewendet
+habe, und nun Segel setze den Hafen, so wie der Westwind nachlasse, zu
+erreichen. Zugleich aber wurden auch draußen Stimmen laut und der
+ehrwürdige Mr. Rowe, von dem Bruder Brower gefolgt, öffnete, ohne
+vorher eine Meldung für nöthig zu halten, rasch die Thür, auf deren
+Schwelle er jedoch überrascht stehen blieb als er die beiden, seinen
+Interessen so feindlichen Männer hier erblickte.
+
+»Pomare mag der freudigen Botschaft verzeihen,« sagte rasch gefaßt und
+mit einem freundlich demüthigen Ausdruck in den Zügen, trotzdem aber
+auch mit einem rasch vorübergehenden, aber doch scharfen und etwas
+boshaften Seitenblick auf den Consul Frankreichs, der ehrwürdige Mr.
+Rowe, indem er nach den vorn hinausführenden und jetzt verhangenen
+Fenstern zeigte, »da draußen wogt und drängt ein fröhliches,
+glückliches Volk, ein Volk dem heute sein bedrängter Glaube
+wiedergegeben.«
+
+»Was giebts, was ist es?« frug die Königin schnell.
+
+»Einzelne wollen auf dem Englischen Kriegsschiff das wieder gewendet
+hat und hier her zu steht,« fiel Bruder Brower in die Rede, »neben der
+Englischen die Tahitische Flagge erkannt haben.«
+
+Der Königin Augen glänzten in befriedigter Eitelkeit, und ihr Blick
+flog rasch von Tati auf den Consul Frankreichs hinüber, der aber nur
+den Missionair scharf beobachtete und aus dessen Zügen die Wahrheit
+oder versteckte List herauszulesen suchte -- es war ihm
+unwahrscheinlich daß ein Englisches Kriegsschiff, noch Meilen weit vom
+Hafen entfernt, die Landesflagge eines so kleinen Inselstaates neben
+der eigenen Flagge hissen sollte, -- und was dann war der Zweck einer
+solchen _Erfindung_?
+
+»_Einzelne_?« wiederholte er fragend, das Wort scharf betont, »und
+darüber erheben die Kanakas draußen einen solchen Lärm, daß _Einzelne_
+irgend ein Privatsignal des Kriegsschiffes für die Tahitische Flagge
+genommen haben?«
+
+»Das Volk begrüßt den Freund und Beschützer seines Glaubens,«
+erwiederte der Geistliche, halb abgewendet von dem Consul, dem
+eigentlich die Erwiederung galt -- »es weiß sich jetzt frei von jeder
+Angst und Besorgniß, und hat keinen Feind weiter zu fürchten.«
+
+»Gott schütze es vor seinen _Freunden_!« sagte Mörenhout finster.
+
+»Wir können gehen, Me-re-hu!« sagte Tati, der indessen an die
+verhangenen Fenster getreten war, und den Vorhang zurückgeschoben
+hatte, während er nach außen deutete, »da seht.«
+
+Alle wandten sich dorthin, wo am Strand ein bunter Zug von Männern und
+Mädchen, hie und da mit englischen Matrosen gemischt, niederwogte,
+voran dem Zuge aber sprang ein halbnackter Bursche, jubelnd und
+jauchzend die zerrissene Französische Flagge tragend, die er um den
+Kopf schwenkte und mit wilden Gesticulationen, denen das
+Beifallsgetobe der Menge nicht fehlte, eine ihrer gewöhnlichen Hymnen,
+die natürlich zu Volksmelodieen geworden waren, sang, und sich nur
+dazu seine eigenen Worte extemporirte.
+
+»Ich glaube fast daß die Leute Herrn Mörenhout suchen,« sagte der
+ehrwürdige Bruder Rowe mit einem nichts weniger als ehrwürdigen
+Lächeln, »ihm die Reste seines Reiches zuzustellen.«
+
+»Alles Blut das dieser Handlung folgt komme über Sie und Ihre
+Genossen!« rief aber der Consul mit zornblitzenden Augen, und verließ
+rasch das Gemach.
+
+Tati zögerte noch, er sah nach der Königin hinüber, aber Pomare hielt,
+in Schaam und Unmuth, den Blick an den Boden geheftet, und sah nicht
+zu ihm auf: da seufzte der Häuptling tief tief auf, und verließ, ohne
+den Priester auch nur eines Blickes zu würdigen, langsam das Haus. Der
+Prediger aber faltete die Hände, und die Augen zur Decke erhebend
+begann er, ohne die Gegenwart Pomares weiter zu beachten, mit lauter
+und brünstiger Stimme ein Dankgebet, des Inhalts, daß Gott die
+Götzenbilder nun zerstöret hätte mit mächtiger Hand, den Feind
+ausgetrieben, der seinen Namen verleugnet, und Hülfe gesandt habe
+seinem Volke in der Noth, es zu erlösen von der Gefahr und frei und
+glücklich zu machen in Seinem Glauben.
+
+Pomare unterbrach ihn mit keiner Sylbe, und während sich die mit den
+Missionairen hereingekommenen Eïnanas leise und geräuschlos der Thür
+zuschoben und durch dieselbe verschwanden, den lärmenden Zug draußen
+mit anzusehen, der ihnen interessanter war, als das Gebet des
+finsteren Mannes, stand Pomare still und regungslos und nur ihr Blick
+hob sich endlich langsam und scheu zu dem Antlitz des fanatischen
+trotzigen Priesters, der hier Demuth gegen Gott heuchelte, dessen
+eigene Gebote der Liebe und des Friedens er eben mit Füßen getreten.
+
+»Wer gab den Befehl, die fremde Flagge niederzureißen?« sagte sie
+endlich mit leiser, vor innerer Bewegung zitternder Stimme, als der
+Betende schwieg und die Blicke nur noch wie in Verzückung an der Decke
+haften ließ.
+
+»Der Herr,« antwortete der Geistliche mit vertrauungsvoller Stimme,
+ohne den Blick zu der Fragenden niederzusenken -- »Deine Feinde sind
+geworfen, Pomare, denn der Herr ist mit Dir!«
+
+Pomare biß sich auf die Lippen, sie rang mit sich dem Priester
+gegenüber als Königin aufzutreten, den Fremden fühlen zu lassen daß er
+mit der Fürstin dieses Landes spräche, in deren Zimmer er sich
+gedrängt und deren Reich er nicht der Bibel, nein sich selber und
+seinen Genossen unterworfen hatte; aber die alte Scheu vor dem
+Uebernatürlichen, als dessen Vertreter sie die finsteren Fremden sah,
+war auch selbst jetzt zu stark, und sich abwendend sagte sie nur mit
+zitternder, tief erregter Stimme:
+
+»Gott gebe es; aber ich fürchte Ihr habt nicht gut gethan. Mein Volk
+ist entzweit, mein Reich bedroht, und was bin ich selber schon, wenn
+erst fremde Kriegsschiffe sich um die Oberherrschaft dieser Insel
+streiten? -- Nein, nein,« rief sie rasch, als der Geistliche schon die
+Hand zu neuer Rede hob, »sprich mir nicht jetzt wieder all Deine schon
+so oft gehörten Klagen und Drohungen -- sage mir jetzt nicht die
+Verse Deines Buchs, das Du bis auf den letzten Buchstaben auswendig
+kannst; ich begreife Dich doch nicht und mein Herz ist jetzt recht
+voll und schwer -- ich fürchte mir ist heute ein großes Leid
+geschehen, und hättest Du mich mit Tati versöhnen lassen, es wäre
+besser für Tahiti gewesen. Geh jetzt, da draußen seh' ich Deine Brüder
+-- ich glaube sie wollen zu mir, aber ich will sie jetzt nicht
+sprechen, die Zeit muß entscheiden ob Ihr bös gethan habt oder übel,
+aber mir ist recht traurig zu Sinn. -- Geh' jetzt, sag' ich,« rief sie
+entschiedener, als der geistliche Herr sich noch immer nicht abweisen
+lassen wollte, und ihr Fuß stampfte zornig den Boden -- das Blut der
+Pomaren gewann die Oberhand.
+
+»So möge Dich der Herr erleuchten,« sagte der fromme Mann, »möge Dir
+seinen Frieden geben und Seine Sanftmuth und Dich erkennen lassen was
+er an Dir gethan in Seiner Liebe und Herrlichkeit -- Amen.« Und mit
+gefalteten Händen und vorwärts geneigtem Haupt verließ er langsam das
+Gemach. Pomare aber schloß die Thür, stützte die Stirn in ihren Arm
+und weinte bitterlich.
+
+ * * * * *
+
+Draußen indessen hatte ein wilderes Spiel stattgefunden, als selbst
+Mörenhout vermuthet; von den Missionairen war nämlich der ehrwürdige
+Bruder Smith mit nach der über Papetee ausstreckenden Landzunge
+gegangen, dort die Bewegungen des fremden Kriegsschiffes rascher und
+deutlicher übersehen zu können. Mit einem guten Glas bewaffnet
+erkannte er denn auch bald daß das Schiff plötzlich wieder beidrehte
+und trotz des noch hohen Seegangs, und nur erst einmal von den Klippen
+frei, wieder Segel auf Segel setzte, nicht einen Fußbreit mehr
+aufzugeben, als es gezwungen war. Jedenfalls schien es nach Papetee
+bestimmt, dem es auch wieder zuhielt, und neben der noch wehenden
+Flagge stiegen jetzt mehre Signale auf, von denen eines allerdings der
+Tahitischen Flagge glich, auf die Entfernung hier aber kaum genau
+bestimmt werden konnte.
+
+Die Missionaire sind von je her nicht ihrer nautischen Kenntnisse
+wegen berühmt gewesen, wie sie denn auch, um das Kap der guten
+Hoffnung die Inseln erreichend, den Tag nicht zählten den sie auf dem
+180sten Grad von Greenwich aus gen Osten segelnd, gewannen, und den
+Insulanern den Sonnabend für den Sabbath brachten, wodurch später eine
+heillose Confusion entstand. Ob nun Bruder Smith auch hier die
+Tahitische Flagge wirklich zu erkennen glaubte, oder ob er seine
+sonstigen Absichten dabei hatte den ihn umstehenden Insulanern eine,
+wie er sich wohl denken konnte, freudige Nachricht mitzutheilen, kurz
+von ihm zuerst ging das Gerücht aus, das Englische Kriegsschiff das
+wieder auf den Hafen zu halte, zeige die Tahitischen Farben, und das
+genügte natürlich, dem jauchzenden Volk die frohe Kunde zu bringen daß
+die Schiffe der Beretanier ihnen beistehen würden gegen den jetzt
+gebrochenen Uebermuth der Wi-Wis -- wie sie nun wieder trotzig und
+lachend genannt wurden.
+
+Von Mund zu Mund lief die Mähr, und wie das mit allen derartigen
+Gerüchten ist, wurde bald übertrieben in's Unmögliche. Nicht mehr blos
+ihre Flagge, ihre Religion zu schützen gegen die Uebergriffe der
+Papisten, nein auch frühere Unbilden sollte sie rächen. Die Wi-Wis
+mußten jetzt das Geld wieder herausgeben, daß sie erpreßt, und Pomare
+bekam von den Beretanis, als Schadenersatz, das Französische
+Kriegsschiff, die ~Jeanne d'Arc~ geschenkt, die gerade im Hafen vor
+Anker lag. Wie Kinder lachten und schwatzten die Insulaner
+durcheinander, träumten sich ihre Lieblingsbilder herauf, am hellen
+Tag und bauten sich Schlösser so bunt und farbenreich in die Luft, daß
+sie die Zukunft darüber vergaßen und Vergangenheit und, überhaupt nur
+gewohnt den Augenblick zu benutzen, dem nach auch handelten.
+
+Während ein Theil anfing eine alte Tahitische Hymne nach dem Takte
+eines weit älteren Englischen Liedes »~old hundred~« abzusingen,
+sprang eine andere Gruppe, in ihrer Herzensfreude selbst die Gefahr
+nicht achtend von den Missionairen dabei überrascht zu werden, zu
+ihrem Nationaltanz an, und der Klang der Trommel mischte sich mit dem
+frommen Lied der Singenden in wunderlicher, eigenthümlicher Weise.
+
+Anders aber und wilder gestaltete sich die Versammlung am unteren
+Theil von Papetee; etwa zweihundert Schritt von da entfernt, wo die
+Französische Flagge, vor dem Hause des Consul Mörenhout, zwischen
+einer kleinen Gruppe hochstämmiger Cocospalmen und über ein Dickicht
+dunkelgrüner Brodfruchtbäume auswehte, hatten sich Einzelne der
+Missionaire, unter ihnen Dennis und Brower, gesammelt, und sprachen
+auf dem offenen Platz in lautem Gebet ihren Jubel aus über den Sieg
+der Bibel gegen das Pabstthum. Viele der angesehensten Häuptlinge
+standen in ihrer Nähe, unter ihnen Aonui und Teraitane, wie der noch
+immer halb wilde und trotzige Fanue, und wenn Einzelne auch gern in
+ihren Jubel mit einstimmten, fraß es Andere wieder am Herzen _daß_
+eben fremde Schiffe bei ihnen den Ausschlag geben sollten, und nicht
+mit Unrecht sahen sie die Priester als die gerade an, die fremden
+Einfluß herbeigezogen hatten ihre Privatangelegenheiten zu regeln,
+ihre Gesetze zu bestimmen, und mit einem Wort, ihr Land zu regieren.
+
+»Auf's Neue!« rief da der ehrwürdige Bruder Dennis in seinem glühenden
+Eifer für das Wohl seiner Kirche, »auf's Neue hat der Herr der
+Heerschaaren seine Hand ausgestreckt über die Häupter der Gläubigen,
+und er wird die zum zweiten Mal in diesen Bergen aufgerichteten Götzen
+zu Boden schleudern, wie er sie das erste Mal seine Macht und
+Allgewalt hat fühlen lassen. _Noch_ weht da drüben die dreifarbige
+Fahne der Papisten, noch flattern die feindlichen Farben in der
+scharfen Brise, aber wie der stürmische West in kurzen Stunden dem
+stillen herrschenden Passat weichen wird und muß, so wird auch jenes
+Schiff da, dessen weiße Segel unserer gastlichen Küste jetzt
+entgegenblähen, unser Land von dem Schimpf reinigen, einer anderen
+Macht zu gehorchen als der Bibel, einer andern Gewalt unterthan zu
+sein, als dem Lamm Gottes und dessen unendlicher Huld.«
+
+»Wenn denn das Wehen jener Flagge Euch so entsetzlich härmt,« rief da
+Fanue, der jetzt bis dicht hinan zu dem Betenden getreten war und mit
+untergeschlagenen Armen und fest auf einander gebissenen Zähnen den
+Gesticulationen des frommen begeisterten Redners zugeschaut hatte,
+»ei zum Wetter, warum faßt Ihr sie nicht und werft sie zu Boden?«
+
+»Das ist _unsere_ Pflicht!« rief aber da, dazwischentretend, der den
+Missionairen ganz ergebene Aonui -- »nur eine Pflicht der Dankbarkeit
+war es, an die uns die Rede des würdigen Mannes mahnt, England nicht
+durch das stolze Wehen jener Flagge länger beschimpft zu sehen.«
+
+»England?« rief Fanue laut und trotzig, den Häuptling mit zürnendem
+Staunen betrachtend.
+
+»Ja England!« wiederholte aber dieser, unbekümmert um den Zorn seines
+Landsmannes, »England, das uns zu Menschen gemacht, das unsere Seelen
+ewiger Qual entriß, und uns die _Bibel_ sandte, die heilige Schrift,
+das Buch Gottes, Freunde, das Wort von Seinem eigenen Mund diktirt.
+Wir haben _Alles_ damit erlangt was wir brauchen, und in uns selber
+zurückgezogen, kann die feindliche Macht unsere Körper tödten, aber
+unsere Seelen sind unsterblich, und liegen außer ihrem Bereich.
+Deshalb aber schon wäre es schlecht, wäre es undankbar von uns, das
+Land, was uns so reich, so glorreich beschenkt, auf unserem Grund und
+Boden, vor unserer Thüre beleidigt zu sehen, und im Vertrauen auf
+Jehovas Schutz bin ich bereit, die stolze Flagge, die über Baals
+Götzendienste weht in den Staub zu werfen.«
+
+»Halt Aonui!« fiel ihm hier, seinen Arm ergreifend, der schon dem
+Worte die That wollte folgen lassen, der bedächtigere Teraitane in die
+Rede, »das wäre voreilig und -- unvorsichtig gehandelt. Ich schütze
+den Freund, wenn er abwesend ist und sich nicht selber schützen kann,
+weshalb jetzt? -- England hat seinen Vertreter hier -- eine eigene
+Flagge und zwei große Schiffe, und wenn es sich beleidigt glaubt, mag
+es selbst die fremde Flagge niederwerfen.«
+
+»Und seine eigene dafür aufpflanzen, nicht wahr?« rief rasch Fanue.
+
+»Die Englische Flagge ist noch stets eine Flagge der Liebe und des
+Friedens gewesen,« fiel hier freundlich, den Streit der Insulaner zu
+beschwichtigen, der ruhigere Missionair Brower in die Rede.
+
+»Aber dieß ist Tahitischer Grund und Boden,« zürnte Fanue, »was würde
+die Königin der Beretanis sagen, wenn wir hinüberkommen wollten in ihr
+Land, und Pomares Flagge aufpflanzen, auf ihren Wällen? -- Sie würde
+sagen: was wollen die fremden Männer hier in _meinem_ Land? schickt
+sie fort denn ich habe selber eine Flagge.«
+
+»England hat uns die Bibel gebracht,« sagte aber auch Potowai, ein
+anderer Häuptling, der hinzutrat, »und wenn ich je ein anderes Land
+als über uns stehend anerkennen werde, so kann und soll das immer nur
+England sein.«
+
+»Aber Brüder, liebe Brüder,« rief da Dennis in frommer Begeisterung,
+»wohin verirren wir uns? -- und glaubt Ihr daß wir, Euere Lehrer, etwas
+anderes wollen können als Euer Wohl? -- Handelt es sich denn hier
+darum, der Englischen Flagge Euch unterthan zu machen, oder Euere
+eigene von Schmach und Knechtschaft zu retten? -- wollen wir Euch denn
+England unterwerfen, und nicht vielmehr Euch frei machen, im Geist und
+in der Wahrheit, und keinen Zwang dulden, weder auf Euerer Seele, noch
+auf Eueren Körpern, als den, den Euch Gottes Liebe selber auferlegt,
+»denn mein Joch ist leicht,« sagt der Herr. Mit der Einführung aber
+der fremden Baalsdiener, mit ihren Rauchpfannen und ihrem
+Bilderdienst, der sich nicht halten konnte hier auf den Inseln,
+zwischen den frommen Bewohnern, die ihren Gott erst einmal erkannt,
+ist jene feindliche Flagge aufgerichtet, und nur erst wieder mit ihrer
+Wegnahme können wir, Euere Lehrer, je wieder hoffen Eueren Geist all
+jenen feindlichen Eindrücken fern zu halten, der sich jetzt in so
+gewaltiger Kraft geltend macht.«
+
+»Nun dann werft sie selber nieder!« brummte Fanue trotzig -- »weshalb
+uns dazu brauchen wollen?«
+
+»Das ist kein Amt der Diener Gottes!« sagte da Bruder Brower schnell
+-- »wir haben es stets vermieden uns in die politischen Verhältnisse
+dieses Reiches einzumischen, und werden jetzt nicht -- «
+
+»Das _lügst_ Du stolzer Priester,« schrie ihm aber da der Häuptling
+entgegen, mit glühenden Augen den trotzig emporfahrenden Missionair
+messend, während seine Freunde auf einer, die dem Geistlichen
+anhängenden Eingeborenen auf der anderen Seite dazwischen traten,
+Frieden zu halten unter den beiden Streitenden.
+
+Der beleidigte Missionair wollte im Anfang, und vielleicht auch mit
+gereizter Rede etwas darauf erwiedern, Dennis aber ergriff seinen Arm
+und flüsterte ihm leise einige Worte zu, und selbst wohl das
+Unschickliche heftiger Worte einsehend, sagte er gleich darauf ruhig
+und mit milder Stimme:
+
+»Herr vergieb ihm, denn er weiß nicht was er thut!«
+
+Eben diese Ruhe aber reizte den alten greisen Häuptling, und Aonui und
+Potowai, die ihn zu besänftigen suchten, von sich werfend, rief er
+laut und trotzig:
+
+»Rolle nur Deine Augen, und wirf Dich in den Staub vor Deinem Gott;
+mache das Volk dabei glauben daß Du vom Geist erleuchtet, und Dein
+Mund ein Orakel seines Willens sei -- spiele Dein Spiel, wie es Dich
+freut, aber wolle nicht _Männer_ kirren mit falschem Trug. Dein Gott
+hat gedonnert und geblitzt, wie es _unsere_ Götter thaten vor ihm,
+aber er schleuderte seine Donnerkeile zwischen die ~feis~ in den
+Bergen, und die Du seine Feinde nennst, blieben unberührt -- sollen
+_wir_ unser Blut daran setzen, wo er selber seine Waffen nur im
+Scherze braucht? -- _wenn_ wir die Streitaxt aufgreifen, die begraben
+sein müßte für immer, wenigstens zwischen _Euch_, wäre Euere ganze
+Religion nicht eine Lüge, so geschieht es für unser _Land_, nicht für
+Eueren Glauben, und Gottes Zorn, ich mag über dem weder die Flagge
+Beretanis noch der Feranis wehen sehen! Ihr aber« -- sich jetzt zu
+seinen Landsleuten wendend, von denen Einige im stummen Entsetzen und
+mit emporgehobenen Händen standen, zürnte er laut -- »ruft mich, wenn
+Ihr mich braucht, nur nicht zum Singen und Beten, sondern wenn es
+gilt, das Vaterland wieder rein zu fegen, von Allem was fremd und
+feindlich ist, und Fanue ist Euer Mann; aber hierher taugt er
+_nicht_!« und mit den Worten, den Tapamantel fester um sich ziehend,
+verließ er rasch und zornigen Schrittes den Trupp.
+
+»Ein wilder Geist, ein unbändiger Geist, den der Herr erleuchten, und
+auf ihn das Licht Seiner Gnade recht bald ausgießen möge,« sagte
+Brower mit einem frommen Blick nach oben, »ich will recht warm und
+brünstig für ihn beten.«
+
+»So Dich Dein Auge ärgert, reiß es aus!« zürnte aber Dennis, mit dem
+linken Arm die Bibel, die er damit hielt, fester an sich ziehend, die
+Rechte dorthin gestreckt, wo der zornige Indianer eben verschwunden
+war, und die Zurückgebliebenen noch standen ihm nachzuschauen, »und
+wie der dürre Feigenbaum aus dem Boden gehoben, und in's Feuer
+geworfen werden muß, so sollen die Glieder dieser Kirche gerichtet
+werden, die abtrünnig und dürr am Stamm stehen.«
+
+»Und glaubt Ihr, Brüder, daß wir Anderen eben so denken wie Fanue?«
+schrie Aonui jetzt in wilder Begeisterung -- »glaubt Ihr, daß _wir_
+nicht sterben könnten für den Glauben, für den Jesus Christus vor uns
+gestorben ist? -- Jene Flagge da weht feindlich auf uns herüber,
+feindlich auf die Bibel, die wir als Gottes Wort erkennen, und an
+_uns_ ist es, nicht an den Beretanis, das zu entfernen, das uns
+störend hier in den Weg tritt. Wer nicht mit mir ist, der ist wider
+mich! sagt Christus -- Aonui fürchtet keinen Gegner, so lange er für
+den Herrn streitet. So wer die Bibel liebt, der folge mir!« und mit
+den zuletzt wild gejubelten Worten durchbrach er die Menge, die ihm
+willig Raum gab, und sich ihm auch zum großen Theil anschloß, und
+eilte raschen Schrittes dem Hause des Französischen Consuls zu, in
+dessen Garten, auf einer dort aufgerichteten Stange die dreifarbige
+Fahne lustig in der scharfen Brise flatterte und schlug.
+
+Der Consul war nicht im Haus, aber zwei Männer hatten kurz vorher den
+Platz von einer anderen Seite betreten, Mr. Mörenhout aufzusuchen --
+René Delavigne und der Häuptling Paofai, und standen noch an der
+verschlossenen Thür unweit des Flaggenstocks, als sie den
+herantosenden Lärm der Masse hörten.
+
+»Hallo Paofai,« sagte René zu dem Häuptling, »der Specktakel kommt
+näher, und es sollte mich am Ende gar nicht wundern, wenn sie unserem
+Freund Mörenhout einen, vielleicht nichts weniger als
+freundschaftlichen Besuch abstatten wollten.«
+
+»Sie sind zu Allem fähig,« sagte der Häuptling verächtlich; »ihre
+Bibel tragen sie voraus, wie wir Oro früher in die Schlacht trugen,
+und dann rennen sie blind und toll hinterdrein, und singen und beten
+und treiben, wer weiß was sonst noch für Unsinn -- wenn Tahiti nicht
+mein Vaterland wäre, ich setzte mich noch heute in mein Canoe, und
+ließ mich nach leewärts treiben soweit es dem Wind gefiele -- bin es
+fast müde hier das Spielwerk bald der Missionaire, bald der Franzosen
+oder Engländer zu sein.«
+
+»Sie kommen wahrhaftig hierher zu!« rief René jetzt, der die Worte
+seines Gefährten wenig beachtet und nur dem rasch näher kommenden Lärm
+gelauscht hatte; »was _können_ sie wollen?«
+
+»Alles was toll und unklug ist,« sagte Paofai achselzuckend -- »sie
+werden das Haus stürmen wollen und die Flagge niederreißen.«
+
+»Die Französische Flagge?« rief René, mit rasch aufblitzendem Zorn,
+»das sollen sie beim Teufel lassen, so lange _ich's_ hindern kann.«
+
+»Wirst's eben nicht lange hindern können, Freund,« lachte der
+Insulaner -- »aber -- gern leid' ich's auch nicht.«
+
+»Nieder mit der Flagge! nieder mit den drei Farben!« tobte jetzt der
+Haufen heran, »sie gehört auch mit zu den Götzenbildern und muß
+fallen!«
+
+»Das wird Ernst,« rief René, »herbei Paofai!« und ohne weiter
+abzuwarten ob ihm der Häuptling folge, warf er sich mit dem ihm
+eigenen tollkühnen Muth allein und unbewaffnet dem jetzt gegen den
+Flaggenstock anstürmenden Haufen entgegen. Paofai zögerte dabei noch
+einen Augenblick -- er sah das Hoffnungslose einer Vertheidigung,
+solcher Uebermacht gegenüber, und wenn er auch mit zu der Parthei
+seiner Landsleute gehörte, von der ein Theil jenen Vertrag mit den
+Franzosen unterschrieben, betrachtete er die Feranis eben nur als
+Mittel zum Zweck, seinen eigenen Rang wieder auf den Inseln zu
+erlangen, den er durch die Macht der Pomaren theilweis verloren, und
+nicht etwa dem Fremden Rechte einzuräumen, die seinem Stolz gerad'
+entgegenliefen. Das edle Gefühl aber, das noch in seiner Brust
+schlummerte, trieb ihn auch, dem Einzelnen gegen die Masse
+beizustehen, und langsamer zwar, als ihm der junge Franzose
+vorangegangen, und dabei lachend mit dem Kopf schüttelnd, als ob er
+wisse daß er jetzt einen unüberlegten Streich begehe, folgte er dem
+Fremden zur Fahnenstange, wo er eben zeitig genug ankam Zeuge zu sein
+wie René, ohne ein Wort weiter zu verlieren, den voranstürmenden Aonui
+aufgriff und mit solcher Kraft gegen den ihm nächst Folgenden warf,
+das Beide zurücktaumelten, und die Bibel des frommen Häuptlings Hand
+entfiel.
+
+»Zurück!« donnerte des jungen Mannes Stimme zu gleicher Zeit -- »das
+hier ist fremdes Eigenthum, und keinem von Euch ist das Recht gegeben
+es anzutasten!«
+
+»Nieder mit dem Wi-Wi!« schrieen dagegen von hinten vor Andere,
+während sich Aonui, der hier keineswegs Widerstand zu finden
+erwartet, erschreckt vom Boden aufraffte, und seinem Gegner in's Auge
+sah. Er hatte gar nicht daran gedacht mit irgend einem Menschen hier
+in Berührung kommen zu können, und nur durch fanatischen Eifer dahin
+getrieben eine Holzstange umzuwerfen, und ein Stück Zeug
+herunterzuholen, wußte er noch gar nicht, ob er seinen eigenen Leib in
+eine vielleicht thörichte Gefahr dabei bringen solle oder nicht. -- Wo
+kam der Wi-Wi auf einmal her?
+
+Aber auch Paofai trat jetzt hinzu, und die Nächsten mit dem Arm
+langsam von der Stange zurückschiebend, sagte er mit seiner weichen
+melodischen und zugleich so klangvollen Stimme:
+
+»Wißt Ihr was Ihr thun wollt, Ihr Männer von Tahiti? -- Ihr wollt eine
+Nation beleidigen, mit der Ihr in diesem Augenblick auf
+freundschaftlichem Fuße steht; Ihr wollt Euch einen Feind machen, der
+mit seinen eisernen Kugeln Euere Hütten und Palmen und Brodfruchtbäume
+niederwerfen und Euch verderben kann. Seid Ihr von einem bösen Geist
+besessen daß Ihr so tobt?«
+
+»Er hat meine Bibel niedergeworfen!« rief in diesem Augenblick Aonui
+mit zornfunkelnden Augen, erst jetzt das Entsetzliche bemerkend --
+»der Wi-Wi hat die Bibel in den Schmutz geworfen.«
+
+»Nieder mit dem Wi-Wi, nieder mit der Flagge!« schrie und brüllte da
+die Schaar wild durcheinander -- »sie haben die Bibel geschändet --
+nieder mit den Feranis und ihren Götzen -- wir wollen keinen Vertrag,
+wir wollen keine Freundschaft mit ihnen!«
+
+»Auch gut,« brummte René vor sich hin, und ein Stück Holz aufgreifend
+das dort zufällig lag, schlug er den Ersten der Hand an das Seil legen
+wollte die Flagge niederzuziehen, ohne weiter einen Ruf zu thun, damit
+zu Boden. Andere aber drängten nach und obgleich er, ohne Rücksicht
+auf sich selbst zu nehmen, blind und wild um sich herschlug, fand er
+sich doch bald von der Masse überwältigt, zu Boden geworfen, und aus
+dem Weg geschleppt, während Paofai selber, der sonst so geachtete und
+gefürchtete Häuptling, kaum glimpflicher behandelt wurde.
+
+»Fort mit Dir Paofai!« schrie eine Stimme aus der Menge, und Hände
+streckten sich drohend nach ihm aus -- »Du bist ein Freund der Wi-Wis
+-- Du bist auch Einer von denen die uns an sie verrathen wollen -- fort
+mit Dir. Dein Platz wäre neben der Bibel und nicht neben dem Hause von
+Me-re-hu, dem Feinde Tahitis -- fort mit Dir!«
+
+»Aonui -- _Du_ haftest mir für die Sicherheit dieser Flagge!« rief da
+Paofai, den Arm des Häuptlings ergreifend, als er fühlte wie er
+ebenfalls durch den andrängenden Schwarm unwiderstehlich zurückgepreßt
+wurde und dem Volk den Platz räumen mußte -- »von Dir wird sie
+Frankreich wieder fordern.«
+
+»Frankreich soll zu Grase gehen,« brummte da eine Stimme in breitem
+Irisch, dicht neben dem Häuptling, und die Flaggenlinie fassend zog
+unser alter Bekannter, Jim, die wehende Flagge unter dem Jubelruf und
+Jauchzen der Masse, von denen gleich zehn hinzusprangen ihm zu helfen,
+nieder, und im Triumph wurde die erbeutete jetzt durch die Stadt
+getragen.
+
+Kaum senkte sich die Flagge, als ein Boot von der ~Jeanne d'Arc~
+abstieß, an Land ruderte, die Ursache zu erfahren, und dort drohte die
+Corvette würde die Stadt beschießen, wenn die Flagge nicht
+augenblicklich wieder gehißt und mit der üblichen Ehrensalve von
+Tahitischer Seite begrüßt werde. Der Capitain des Talbot aber, dem die
+Drohung hinterbracht wurde, erklärte, in dem Augenblick wo der erste
+Schuß aus dem Französischen Kriegsschiff auf die Stadt fiel,
+seinerseits sein Feuer auf die Corvette zu eröffnen, und der Jubel
+Papetees bei dieser Erklärung überstieg alle Grenzen.
+
+Die Missionaire sagten gleich, während der Talbot zum Gefecht
+trommelte, und Alles an Deck klar machte, Kirche an, die Indianer
+tanzten, ein kleiner Theil ausgenommen, dem diese Wendung der Dinge
+nicht behagte, und die Prophezeihungen der Missionaire, was Englands
+Beistand betraf, schienen allerdings Wahrheit werden zu wollen; Pomare
+stand nicht mehr allein, eine arme verlassene Frau, und die
+Geistlichen selber, als die jedenfalls indirekte, ja vielleicht sogar
+direkte Ursache dieser so zeitgemäßen Hülfe, stiegen bei dem Volk, das
+sich dem Mächtigen am liebsten unterwirft, bedeutend an Achtung.
+
+Die angeborene Gutmüthigkeit der Insulaner ließ sie aber auch ihren
+Sieg nicht weiter treiben, und René wie Paofai blieben, nur erst aus
+dem Weg geschafft, vollkommen unbelästigt. Am anderen Morgen jedoch,
+mit dem wieder eingetroffenen Passatwind lief, unter dem Donner der
+Tahitischen, etwas mittelmäßigen Geschützstücke, und den
+Begrüßungsschüssen des Talbot, die Englische Fregatte der Vindictive
+ein, und der Jubel erreichte hier seinen höchsten Grad, als die
+freudige Botschaft von Mund zu Mund lief, der erwartete Geistliche
+Pi-ri-ta-ti (Pritchard) sei wieder mit zurückgekehrt, der ja nur
+deshalb nach England gegangen war, der Königin der Beretanis ihren
+Streit mit den Feranis vorzulegen und Hülfe von dort zu bringen. Und
+hatte er das nicht jetzt gethan?
+
+Mit einem wahren Triumphgeschrei wurde er empfangen, und unter dem
+Jauchzen und Jubeln, ja unter den Segensrufen Tausender an Land
+geführt, so daß der Ehrwürdige Mann dadurch wirklich in nicht geringe
+Verlegenheit gerieth. Weder er noch das Kriegsschiff brachte nämlich
+direkt ausgesprochene Hülfe von England, sondern nur, als Geschenk,
+einen Wagen für die Königin Pomare, und Zeug zu einer rothen Uniform
+für ihren Gemahl, den jetzt eine Zeitlang auf Imeo gewesenen jungen
+Häuptling.
+
+Graf Aberdeen hatte sich damit begnügt dem jungen Staat seine
+freundlichen Gesinnungen zu bekunden, und die Häuptlinge erschraken
+allerdings als ihnen dieß endlich begreiflich gemacht wurde. Pomare
+schloß sich einen ganzen Tag in ihr Haus ein, denn eine neue
+Besitzergreifung Tahitis durch die Franzosen war nun allerdings nicht
+unmöglich, und ihre Sicherheit ihnen keineswegs gewährleistet worden.
+Was aber kümmerte das das Volk, die fröhlichen, gutmüthigen Kinder
+dieser Inseln? Für den Augenblick waren sie jeder weiteren
+Unannehmlichkeit überhoben, für den Augenblick lagen die Englischen
+Kriegsschiffe drohend und ihnen Schutz gewährend in ihrer Bai, und
+ihre Königin konnte in dem wunderlichsten Ding spatzieren fahren, das
+ihre kühnste Phantasie sich je gedacht -- das Uebrige brachte die Zeit
+-- weshalb sich vorher grämen? und die Predigten ihrer Geistlichen
+bestärkten sie bald in der frohen Hoffnung daß kein Franzose es je
+wieder wagen würde ihre Rechte anzutasten, ihre Religion ihnen zu
+nehmen, oder sie mit seinen Kanonen zu zwingen seinem Willen Folge zu
+leisten; was wollten sie mehr.
+
+FOOTNOTES:
+
+[F] Das westliche Ufer dieser Inseln wird stets das Leeufer genannt,
+da der Wind, mit nur seltenen Ausnahmen, immer von Osten kommt.
+
+[G] Missionair Bingham spricht mit besonderer Ehrfurcht von dem
+würdigen ~»Matriarchen« Kaahumanu~, der Gattin Kamehamea des Ersten --
+eine Frau von beinah dreihundert Pfund Gewicht.
+
+
+
+
+Capitel 6.
+
+#Ein Ball in Papetee.#
+
+
+Es läßt sich denken, in welche Aufregung die kleine Colonie durch die
+erst beschriebenen Vorfälle gebracht wurde, denn während die
+Insulaner, viel zu sehr dem Frieden geneigt, bei weitem in der
+Majorität den Engländern zuhielten, und eine neue Religion wie ein
+neues Regiment schon deshalb fürchteten, als es wieder auf's Neue eine
+Umwälzung in ihren kaum regulirten Sitten und Gebräuchen hervorrufen
+mußte, bestand der größte Theil der in Papetee selber angesiedelten
+Fremden aus Franzosen, und deren heißes Blut revoltirte in Feuer und
+Flamme gegen einen Zwang, der ihnen plötzlich aufgelegt werden sollte,
+und um so drückender war, da sie die Hoffnung nicht einen Augenblick
+aufgaben, durch das nächst einkommende Kriegsschiff -- und die von den
+Insulanern so gefürchtete ~Reine blanche~ kreuzte in diesen Gewässern
+-- das ganze, durch die Missionaire jetzt nur künstlich aufgebaute
+System wieder umgeworfen zu sehen.
+
+Es versteht sich übrigens von selbst, daß während dieser Zeit der von
+~Du Petit Thouars~ allerdings nicht ganz auf rechtlichem Wege
+hergestellte und von den Häuptlingen gezeichnete Vertrag, zu dessen
+Unterschrift man selbst Pomare zwang, nicht allein nicht mehr
+beachtet, sondern vollständig anullirt wurde. Frei und offen predigten
+die Protestanten gegen das Pabstthum und die beabsichtigte Occupation
+der Franzosen, und die Römischen Priester, die ihre Kapelle auf einem
+kleinen reizenden Hügel in Mativaibai errichtet hatten, konnten sich
+in dieser Zeit nur auf einen sehr kleinen Kreis ihnen ergebener oder
+doch wenigstens nicht feindlich gesinnter Insulaner verlassen. Im
+Allgemeinen fürchteten die Indianer den Platz, der in seinen
+Ceremonieen etwas Geheimnißvolles für sie hatte, und ihnen von ihren
+Geistlichen in solchen Farben geschildert war, daß sie sich scheuten
+ihn nach Dunkelwerden zu passiren. Ja sie würden ihn zerstört und jene
+Priester wieder gewaltsam von dort vertrieben haben, hätten nicht Mr.
+Nelson vorzüglich wie auch die Brüder Smith, Brower und Mc. Kean ihr
+Möglichstes gethan sie von einem so unüberlegten und bösen Schritt
+zurückzuhalten, zu dem sie der Feuereifer des frommen Dennis, wie der
+unersättliche Ehrgeiz Rowes unaufhaltsam trieben.
+
+Der Französische Theil der Bewohner hielt sich indessen vollkommen
+ruhig, und wenn auch Consul Mörenhout, in dem Gefühl seiner
+beleidigten Würde, im Anfang René antreiben wollte der
+Gewaltthätigkeit wegen Klage auf Schadenersatz einzureichen, die er,
+bei Vertheidigung der Französischen Flagge gelitten, weigerte sich
+dieser auf das Bestimmteste dagegen.
+
+»Ich bin von den Indianern freundlich aufgenommen,« sagte er, »und
+wäre der Letzte einer einfachen Schlägerei wegen, bei der ich eben so
+viel, vielleicht mehr, ausgetheilt habe als bekommen, neuen Grund zu
+Streitigkeiten und Ursache zu späteren Forderungen meiner Landsleute
+zu geben. Ich hätte gescheuter sein sollen als mich in Sachen zu
+mengen die mich Nichts angehen.«
+
+Die Franzosen in Papetee waren damit nicht ganz einverstanden -- sie
+wollten vor allen Dingen wieder neue Haltpunkte für unter Englischem
+Einfluß ausgeübten Uebergriffe, und auch die Eingeborenen schienen
+mißtrauisch gegen den Fremden geworden zu sein, den sie, als den
+Gatten einer ihrer eingeborenen Mädchen, und in dem früheren Hause
+des alten Mr. Osborne wohnend, schon gewissermaßen als einen der
+ihrigen, gar nicht mehr als einen Wi-Wi betrachtet hatten, und der
+doch jetzt feindlich und gewaltthätig gegen sie aufgetreten war. Das
+so sehr freundliche Verhältniß, in dem er bis dahin mit ihnen
+gestanden, schien jedenfalls gelockert, wenn auch nicht ganz gelöst.
+
+René hatte aber viel zu guten und leichten Muth, sich etwas derartiges
+groß zu Herzen zu nehmen; wie er auf der einen Seite fest gegen seine
+Landsleute blieb, und sich auf der anderen nichts Böses gegen die
+Insulaner bewußt war, verkehrte er nach wie vor mit beiden Theilen,
+und wußte sie beide wieder für sich zu gewinnen. Solche kleine
+Neckereien und Mißverständnisse dienten aber keineswegs dazu, ihn
+manches Andere was ihm störend in den Weg trat, übersehen zu lassen,
+und nur die Heimath, seine Sadie, sein kleines herziges Mädchen
+konnten ihm manchmal ganz jenen frohen fast wilden Uebermuth
+wiedergeben, mit dem er sich einem drückenden Verhältniß damals
+entzogen, und einem neuen Leben förmlich in die Arme geworfen hatte.
+
+Nichts destoweniger blieb das gesellschaftliche Leben der Inseln unter
+den verschiedenen und so wenigen Franzosen, ein höchst
+freundschaftliches; eigene Interessen, ja eigene Gefahr verband die
+Leute auch schon fester mit einander, als es irgend etwas anderes im
+Stande gewesen wäre zu thun, und das leichte französische Blut schwamm
+überhaupt oben auf.
+
+Besonders viel trug hierzu die Belardsche Familie bei, die sich
+wirklich unendliche und anerkennenswerthe Mühe gab in Papetee einen
+freundschaftlichen Ton zu erhalten, ja eigentlich erst zu schaffen, wo
+schon die Mischung der verschiedenen Racen etwas derartiges unendlich
+schwierig machte. Die Europäer hatten meistens all ihre alten
+Gewohnheiten, aber auch ihre Vorurtheile herübergebracht in eine ganz
+neue Welt, in die weder die einen, noch die anderen passen wollten,
+und konnten nur durch unermüdliche Ausdauer Einzelner, die sich der
+letzteren wenigstens entledigt hatten, dazu gebracht werden sich
+gemeinschaftlich zu amüsiren -- man wollte weiter Nichts von ihnen.
+
+Ein wirkliches Hinderniß aber für größere Gesellschaften blieb der
+Mangel an Europäischen oder vielmehr weißen Damen, von denen sich nur
+sehr wenige auf der Insel befanden, und zu einem wirklich
+gesellschaftlichen Leben doch unumgänglich nöthig, ja unentbehrlich
+waren. Mit den eingeborenen und mit Europäern fast durchschnittlich
+nur »oberflächlich getrauten« Frauen konnte man auch in solcher Art
+nicht gut verkehren; die Indianerinnen waren hübsch und lebendig, auch
+gutmüthig und liebenswürdig, paßten aber nirgends weniger hin als in
+Gesellschaft gebildeter _Frauen_, während mit der Protestantischen
+Bevölkerung, die in dieser Hinsicht fast nur aus den Familien der
+Missionaire bestand, ein näherer Verkehr ganz außer Frage blieb.
+Selbst den feindlichen Stand abgerechnet, den diese beiden Theile der
+Gesellschaft gegenwärtig einnahmen, hätten sie sich nie in dieser
+Beziehung vereinigen können, da die strengen orthodoxen Geistlichen
+jede Art von Spiel und Tanz schon als eine Sünde des Fleisches gegen
+den Geist ansahen, nur in ihrer zurückgezogen ernst gehaltenen
+Lebensart den Pfad zum Himmel zu finden glaubten, und von den, darin
+viel zuversichtlicheren Franzosen häufig verspottet, aber gewiß nie
+aufgesucht wurden.
+
+Nun lag diesen aber auch daran den Eingeborenen sowohl, wie vorzüglich
+den Missionairen zu beweisen, daß sie keineswegs durch die im
+Englischen Interesse geschehenen Schritte eingeschüchtert, sondern im
+Gegentheil noch voll frischen Muthes wären, und noch mochten kaum
+vierzehn Tage nach den vorherbeschriebenen Vorfällen vergangen sein,
+als Mrs. Belard, von ihren Landsleuten dabei unterstützt, fest darauf
+bestand, allen politischen wie gesellschaftlichen Hindernissen zum
+Trotz, einen _Ball_ zu geben, und allerdings blieb ihr dabei Nichts
+übrig, als sich über das, wogegen sie sich lange gesträubt,
+wegzusetzen und eingeborene Frauen, von denen man sich ja die
+geachtetsten aussuchen konnte, wirklich mit dazu zu ziehen; wenn auch
+der Ball dadurch einen etwas wilden Charakter bekam.
+
+Aber die Missionaire traten ihnen selbst hierbei störend in den Weg,
+denn diese hatten zu großen Einfluß auf den wirklich anständigen Theil
+der weiblichen Bevölkerung Tahitis, auf die Frauen und Töchter der
+ersten Häuptlinge, denen der Tanz als etwas rein sündliches, von ihren
+finsteren Lehrern streng verboten und mit strengeren Strafen, wo sie
+im Stande waren die in Kraft treten zu lassen, belegt war. Selbst
+Sadie fürchtete nicht allein den Unwillen der Geistlichen zu erregen,
+sondern ihr religiöser Sinn, vielleicht mit einer Art Scheu vor den
+fremden Menschen verbunden, hielt sie zurück selbst von dem Gedanken
+an solche Vergnügungen.
+
+René wollte sich aber daran nicht binden, doch erst als Sadie sah und
+fühlte, daß sie ihm mit einer längeren Weigerung weh thun, ja
+vielleicht auch Unfrieden im Hause anstiften würde, fügte sie sich
+endlich seinem Wunsch; aber das Herz schlug ihr dabei, als sie ihm
+ihre Einwilligung gab, und es war, als ob sie eine unrechte Handlung
+begehen solle. Aengstlich suchte sie dabei nach Entschuldigungen für
+ihre Zusage, und ihr gutes Herz ließ sie deren bald genug finden. René
+war ja doch nun einmal Europäer und er mußte gewiß gern bei seinen
+Landsleuten sein -- wußte Sadie doch selber wie glücklich es sie
+machte, manchmal einen Bewohner von Atiu bei sich zu sehen, und das
+lag doch nur solch kleine kleine Strecke von Tahiti entfernt, und die
+Feranis wohnten so entsetzlich weit, sollte sie da die Ursache sein,
+die ihn zurückhielt?
+
+Bei Brouards war sie deshalb auch schon, und bei Belards einmal mit
+René gewesen; nur noch nicht bei Mrs. Noughton, der Amerikanerin,
+deren kalt abstoßendes Benehmen ihrem ganzen Wesen weh that; auch René
+fühlte kein Bedürfniß die Leute aufzusuchen, wenn ihn nicht gerade
+eine Geschäftssache in ihr Haus führte.
+
+Trotz allen ihnen in den Weg gelegten Hindernissen wußten Belards
+jedoch jede Schwierigkeit zu überwinden -- die Franzosen wollten
+tanzen, und es bedurfte stärkerer Sachen als der Predigt eines
+Missionairs, sie daran zu verhindern. Mr. Belard gab deshalb einen
+Ball, und alle Franzosen Papetees wie die Officiere der noch im Hafen
+liegenden ~Jeanne d'Arc~ waren eingeladen.
+
+Sadie fürchtete sich vor dem Abend, sie wußte selbst nicht warum,
+aber sie durfte sich nicht weigern zu gehen, denn erstlich hatte
+selbst Mr. Nelson seine Einwilligung gegeben, daß sie wenigstens Theil
+an der Gesellschaft nehmen dürfe, und dann war sogar Lefevre mit
+Aumama eingeladen -- Monsieur Belard _mußte_ Damen zum Tanzen haben --
+sie konnte sich da nicht ausschließen, _durfte_ René nicht so kränken.
+
+Der Vorbereitungen bedurfte es dabei nicht viele -- ihre Tracht, wenn
+auch nach Europäischem Schnitt, war so schlicht und einfach wie nur
+möglich, und frische Blumen im Haar schmückten das liebreizende
+Antlitz der jungen Frau schöner als es Diamanten und Perlen vermocht
+hätten -- vielleicht wußte sie das auch.
+
+Monsieur Belard wohnte in einem reizenden kleinen Gartenhaus in der
+~Broomroad~, der nächsten Querstraße vom Strand ab, tief versteckt
+zwischen breitblättrigen Brodfrucht und Papayas, von Palmen das Dach
+überrauscht, und den Vorhof dicht bepflanzt mit Orangen und Bananen,
+des Schattens wegen. Das Haus selber war leicht und luftig gebaut,
+hatte aber doch schon Glasfenster und grüne Jalousieen, mit breiter
+hoher Verandah und einen ziemlich großen bequemen Saal, der zu dem
+heutigen Feste mit Blumen und Palmzweigen ganz einfach, aber höchst
+geschmackvoll decorirt war. Wunderlich stachen dagegen freilich
+einzelne Stücken aus einer civilisirten Welt ab, die ihren Weg nach
+der Südsee gefunden, und zu den einfach hölzernen Wänden und der
+tropischen Vegetation nicht so recht passen wollten. Auch die Meublen
+waren zusammengewürfelt, wie Glück und Zufall einzelne Stücke nach
+diesem entlegenen Theil der Welt herübergeführt, oder auch schon des
+Tischlers Hand in neuerer Zeit sie aus einheimischem Holze gefertigt
+hatte. So stand auf einer gelbgebeitzten Kommode eine Alabasteruhr
+zwischen Manila Perlmuttermuscheln und blank polirten Zähnen der
+Spermacetifische -- einen kleinen Mahagoni-Eckschrank schmückten ein
+paar allerliebste französische Porcellanvasen voll duftender
+Orangenblüthen, und längs der einen Wand standen zwei vortrefflich
+gepolsterte und mit Damast überzogene Sophas, mit denen wieder ein
+schmaler und langer, von Tannenholz aufgeschlagener Tisch nicht
+harmoniren wollte, der die eine Ecke füllte, aber mit den kostbarsten
+Produkten dieses an Früchten erfüllten Landes bedeckt war.
+
+Doch wunderlicher und bunter als die Geräthschaften war die
+Gesellschaft selbst gemischt.
+
+Der wirklich gebildete Kreis von Bekannten reichte nämlich zu einem
+solchen Fest nicht aus, die Linie mußte weiter gezogen werden und in
+so engen Raum beschränkt auf der kleinen Insel, war man nicht einmal
+im Stande noch unter den Wenigen die sich hier befanden, auszuscheiden
+-- es müßten denn _sehr_ triftige Gründe dazu vorgelegen haben. Alles
+deshalb, was nur einigermaßen auf Bildung Anspruch machte und aus dem
+Mutterland oder überhaupt der civilisirten Welt stammte, die
+protestantische Geistlichkeit ausgenommen, _war_ eingeladen, und die
+kleine Villa versammelte in den eigenthümlichsten Trachten dabei, ein
+so wunderlich gemischtes Völkchen wie sich wohl noch je, seit Papetee
+stand, auf einem so kleinen Raum zusammengefunden hatte.
+
+Als René mit Sadie den Saal betrat, wo sie Mad. Belard in ihrer
+lebendigen aber doch herzlichen Weise empfing, waren eben die
+Officiere der ~Jeanne d'Arc~ eingetroffen. Das Vorstellen ging rasch
+und ungezwungen genug vorüber; René hatte schon einige von diesen
+vorher kennen gelernt und wurde auf das freundlichste von ihnen
+begrüßt.
+
+Madame Brouard war noch nicht erschienen, und da Mad. Belard
+anderweitig und in der That überall in Anspruch genommen wurde, und
+René viel mit den Officieren zu sprechen hatte, blieb Sadie allein,
+und sah sich eben etwas verlegen nach irgend einem Bekannten um, nicht
+so ganz verlassen in dem fremden Zimmer zu stehen, als Mr. und Mrs.
+Noughton den Saal betraten, und nach der üblichen Einführung an Sadie
+vorüber gehen wollten.
+
+Mrs. Noughton wandte den Kopf nach der andern Seite und sah Sadie
+nicht, und die arme kleine Frau stand einen Augenblick schüchtern und
+unschlüssig da, ob sie die, stets etwas kalt gegen sie gewesene Fremde
+anreden solle oder nicht; aber René ging gerade mit zweien der
+Officiere den Saal hinunter und ließ sie da _ganz_ allein.
+
+»Madame Noughton,« sagte sie leise, und berührte mit ihrer
+Fingerspitze den Arm der jetzt dicht an ihr Vorbeigehenden.
+
+Mrs. Noughton drehte langsam den Kopf nach ihr um und sah sie an.
+
+»Ich freue mich Sie auch hier zu treffen,« sagte Sadie.
+
+Mrs. Noughton neigte höflich das Haupt gegen sie, Mr. Noughton machte
+eine etwas steife Verbeugung, und die beiden Gatten gingen, ohne
+weiter ein Wort mit ihr zu wechseln, vorbei, dem andern Ende des
+Saales zu.
+
+Sadie stand wie in den Boden gewurzelt, und das Herz schlug ihr
+ängstlich und verlassen in der Brust.
+
+»Sie haben Dich gar nicht erkannt in den fremden Kleidern,« murmelte
+sie endlich leise und halb lächelnd vor sich hin -- »sie haben
+geglaubt es wäre Jemand ganz Anderes, Fremdes -- oder -- « das Blut
+stieg ihr in vollem Strome in die Schläfe und von da zum Herzen
+zurück, und sie hätte in diesem Augenblick Gott weiß was darum gegeben
+zu Hause, bei ihrer kleinen Sadie sein und die fremde kalte
+Gesellschaft verlassen zu können. Aber das ging nicht, und als sie
+sich, wieder etwas mehr gefaßt, nun im Saale umschaute, sah sie wie
+Mr. und Mrs. Noughton ganz allein und steif auf zwei Stühlen saßen und
+Jedes starr vor sich niedersahen. In diesem Augenblick begann das in
+dem Nebenzimmer aufgestellte und von der ~Jeanne d'Arc~ mit
+herübergebrachte Musikcorps seine fröhlichen Weisen zu spielen; mehr
+und mehr Gäste traten zugleich in den Saal, unter ihnen mehre bekannte
+Gesichter -- eine Hand legte sich ihr plötzlich auf die Schulter -- es
+war Aumama, die ihr lachend in's Auge schaute, und der trübe Schatten
+der sich eben angefangen über Sadies Seele zu legen, wich dem ersten
+freundlichen Eindruck der ihr entgegen trat.
+
+»Was sitzen die Beiden da drüben so ganz allein und steif?« flüsterte
+dabei Aumama, die bemerkt hatte daß Sadie nach ihnen hinüberschaute.
+»Segne mich, wie still und ehrbar sie sind, als ob sie in der Kirche
+wären -- Mr. Aue könnte nicht steifer sitzen.«
+
+Sadie lächelte, aber sie wandte den Kopf ab von der Gruppe -- es war
+ihr als ob sich die beiden Leute nur so steif und abgeschlossen dort
+hinten hingesetzt hätten, nicht mit ihr zu sprechen -- und was hatte
+sie ihnen gethan? -- »Und Aumama, Du bist auch hierhergekommen zu den
+Fremden?« sagte sie endlich leise -- »ich glaubte Du fühltest Dich
+nicht wohl zwischen ihnen?« --
+
+»Nein, das thu' ich auch nicht,« erwiederte rasch und flüsternd die
+junge Frau -- »ich habe zu Hause geweint und gezankt -- ich wollte
+fort bleiben, aber Lefevre -- « sie wandte den Kopf ab und schwieg, und
+setzte endlich langsam hinzu -- »es ging nicht anders.«
+
+»Ich wäre auch lieber daheim geblieben,« sagte Sadie treuherzig.
+
+»Und ich weiß nicht,« fuhr Aumama, auf sich selber niedersehend fort,
+»mir ist meine Tracht bis jetzt noch nie aufgefallen, ja im Gegentheil
+hab' ich das lange weite Oberkleid oft weit eher für überflüssig
+gehalten, nur heute -- « und sie schaute halb verlegen umher -- »komme
+ich mir hier so sonderbar so fremd selber und unbedeutend vor, als ob
+ich nicht hergehöre zwischen die geputzten Leute -- sie mit allem um
+sich hergehangen was nur die fremden Kaufleute in ihren Läden haben,
+ich barfuß und nicht einmal ihre Sprache redend. Ob ihnen denn auch
+wohl so zu Muth gewesen ist, als sie zuerst unser Land betreten? Bei
+Dir ist es wohl anders -- Du hast Dich schon ganz ihrer Tracht
+angepaßt.«
+
+»Wohl ist mir's auch nicht darin,« sagte Sadie kopfschüttelnd, »aber
+ich fühle daß es nun einmal nicht anders geht; vielleicht fügst Du
+Dich auch hinein.«
+
+»Nein,« erwiederte Aumama rasch -- »nie im Leben; je mehr ich mit den
+Fremden in Berührung komme, desto mehr fühl' ich daß wir nicht für
+einander gemacht sind. Sie sind stolz dabei, und worauf? -- sie tragen
+Schuhe, weil sie nicht mit ihren unbehülflichen dünnen Sohlen unsere
+Korallen betreten können -- ich hab' es neulich gesehen, wie sich die
+Frauen badeten und nicht einen Schritt auf dem scharfen Boden zu thun
+vermochten. Also deshalb stecken sie die Füße in solche Hülsen, und
+soll ich dann mich schämen daß ich sie nicht trage, weil ich da eben
+gehen kann, wo sie es nicht im Stande sind?«
+
+»Und doch thust Du es,« sagte Sadie lächelnd.
+
+»Weil wir eben Thörinnen sind, und das Fremde höher achten wie unsere
+eigenen heimischen Sitten. -- Aber sieh was für goldblitzende Kleider
+die Feranis von dem Schiff draußen tragen,« unterbrach sie sich jetzt
+selber, als ihr die blitzenden Uniformen der Officiere des
+Kriegsschiffs in's Auge fielen. »Und das sind doch nun auch Christen,
+Sadie, und gute Menschen vielleicht und tragen so bunten Staat, und
+uns verbieten die Mitonares jeden Schmuck.
+
+»Wir wissen auch nicht ob es nicht sündhaft ist so eitel Gold und Putz
+zu tragen,« sagte leise Sadie -- »wenigstens nicht wenn wir zu Gottes
+Altar gehn -- die Männer dort beten vielleicht nie, da können sie dann
+freilich tragen was sie wollen. Aber sie drehen wieder hierher um, und
+dort kommt auch Mad. Belard -- sie ist die freundlichste von allen
+fremden Frauen.«
+
+Das Gespräch der beiden Frauen wurde hier unterbrochen, und in der
+That betraten auch jetzt rasch nach einander mehre andere Gäste den
+Saal, von denen Einige, ebenfalls mit eingeborenen Frauen, die beiden
+Freundinnen herzlich begrüßten, und jedes weitere Gespräch zwischen
+ihnen unterbrachen.
+
+Und was für bunte Gesellschaft war da versammelt.
+
+Die Officiere der Corvette erschienen natürlich in ihrer Uniform, und
+Mr. Noughton, Mr. Belard und Brouard wie René und einige Andere waren
+in schwarzem Frack, wie überhaupt in dem Europäischen Ballcostüm
+gekommen. Das besonders kam übrigens den inländischen Frauen und
+Mädchen wunderlich vor, und sobald es nur heimlicher Weise geschehen
+konnte, kicherten und flüsterten sie nicht wenig darüber.
+
+Ein großer Theil der anderen Gäste ging jedoch in die leichte und
+bequeme Tracht gekleidet, die das Klima eigentlich bedingt und
+fordert; helle Sommerstoffe, weit und luftig gearbeitet und den
+Gliedern vor allen Dingen Freiheit der Bewegung lassend. Strenge
+Etikette konnte überhaupt an einem Ort nicht stattfinden, wo diese
+schon zwei Dritttheile des schönen Geschlechts unrettbar
+ausgeschlossen hätte, und mehr als zwei Dritttheile gehörten der
+eingeborenen Race an, die nur zum Theil hatte bewogen werden können
+Schuhe und Strümpfe anzuziehen, sonst aber nur über dem ~pareu~ das
+weite loose Obergewand, und darunter die nackten Füße trug.
+
+Aumama bildete den Typus dieser, aus den schönsten Mädchen jenes
+wunderschönen Stammes ausgewählten Schaar. Der Pareu den sie trug
+bestand aus einem halbseidenen mattgrünen mit tiefrothen Fäden
+durchzogenen und gemusterten Stoff, in der That nur ein einfaches
+Stück Zeug, das um die Lenden geschlagen und an der linken Seite
+eingesteckt wurde; über dieses aber trug sie das, erst durch die
+Europäer und wahrscheinlich durch die Missionaire eingeführte
+Obergewand, das vorn offen, und mit langen Aermeln an den Handgelenken
+geknöpft, bis etwas über die Knie herunterfiel, und aus feinem
+französischem Stoff bestand, der durch einen rothseidenen dünnen
+Chinesischen Shawl im Gürtel zusammengehalten wurde, und die Formen
+des Körpers mehr verrieth als verhüllte. Durch das schwarze lockige
+und seidenweiche, mit wohlriechendem Cocosnußöl getränkte Haar wand
+sich ihr, von Orangenblüthen durchflochten, das Gewebe eines reizenden
+grünen und rothen Schlinggewächses, und die goldenen Ohrringe waren
+fast von den darüber niederhängenden Knospen des ~cape Jasmin~
+überdeckt. Aumama, die Behende, wie sie in der bilderreichen Sprache
+ihres Landes hieß, war eine der schönsten Frauen der Insel, und wie
+bei den meisten ihres Alters, stand ihr die etwas dunklere Hautfarbe
+nur zu ihrem Vortheil, während die großen lichtklaren und doch so
+tiefschwarzen Augen Diamanten gleich, rein und feurig über den von
+zartem Roth angehauchten, lichtbronzenen Wangen glühten.
+
+Mehrere andere Indianerinnen waren ähnlich wie Aumama gekleidet,
+wenigstens mit demselben Schnitt des Gewandes und ähnlichen Stoffen,
+die Capitaine von Wallfischfängern in letzterer Zeit auf Speculation,
+theils von Frankreich, Deutschland oder England mitgebracht. Zwei der
+Frauen nur hatten sich so weit civilisirt, Strümpfe und Schuhe zu
+tragen; aber die neue Tracht saß ihnen nicht bequem, sie scharrten
+beim Gehen fortwährend mit den Füßen; sie waren noch nicht gewohnt
+diese hoch genug zu heben die Sohlen auch frei vom Boden zu bringen,
+und die Strumpfbänder mochten sie auch wohl drücken, denn wie sie sich
+nur unbemerkt glaubten, faßten sie da hinunter den, solchen Zwanges
+ungewohnten Blutgefäßen Luft zu geben.
+
+Sadie vielleicht allein von allen übrigen eingeborenen Mädchen schien
+sich in die fremde Tracht vollkommen gut gefunden zu haben, und
+bewegte sich mit solcher Leichtigkeit darin, als ob sie von Jugend auf
+daran gewöhnt gewesen wäre. Nichts desto weniger ging sie fast so
+einfach gekleidet als ihre früheren Gespielinnen, in einem schlichten
+Oberkleid von ungebleichter Seide, die rothe Schärpe ebenso geknüpft
+wie Aumama, nur anders den Schnitt des Kleides selbst, das bis auf die
+Knöchel hinunterging und die niedlichen in weißen Strümpfen und feinen
+dünnen Lederschuhen steckenden Füße eben sichtbar werden ließ. In den
+Haaren trug sie einen zierlich geflochtenen Kranz von Mandelblüthen,
+und um den Hals eine einfache Schnur rother Korallen.
+
+Von den Officieren der ~Jeanne d'Arc~ waren bis jetzt nur der Capitain
+mit dem ersten Lieutenant und einigen Seecadetten anwesend; der zweite
+Lieutenant, den Geschäfte länger an Bord hielten, wie mehre andere
+Marine-Officiere wurden aber auch noch erwartet, und René ging eben
+mit dem Capitain der Corvette, mit dem er schon vor einiger Zeit
+bekannt und gewissermaßen befreundet geworden, im Saal auf und ab, als
+Monsieur Bertrand, der Name des Seconde-Lieutenants erschien und
+augenblicklich auf den Capitain zuging, ihm irgend eine Meldung zu
+machen. René trat ein paar Schritte abseits, den Rapport, der
+vielleicht geheim war, nicht zu überhören, aber sein Auge haftete
+unwillkürlich auf dem jungen Mann, dessen Züge ihm so bekannt
+vorkamen, und dessen er sich doch, trotz alle dem nicht deutlicher
+erinnern konnte.
+
+In diesem Augenblick drehten sich die Officiere nach ihm um, und der
+Capitain war eben im Begriff die jungen Leute einander vorzustellen,
+als Beide auch fast zu gleicher Zeit, »Delavigne«, »Bertrand« riefen
+und einander fest umschlangen und küßten.
+
+Schulkameraden waren es aus frühster Jugendzeit, und es läßt sich
+denken, mit welchem Jubel sie Beide hier, fast bei den Antipoden, die
+Erinnerung an die Heimath, an das Vaterland, nach so vieljähriger
+Abwesenheit begrüßten.
+
+Wir mögen uns losgerissen haben von Allem was uns einst lieb und
+theuer gewesen, zerrissen mag das Band sein, das uns an die
+verlassene Küste, wo unsere Wiege gestanden, fesselte; gleichgültig
+hören wir wohl von fremden Menschen darüber sprechen, hören selbst
+ungerührt den Ort nennen der unserer Kinderspiele Zeuge war, Zeuge der
+heranwachsenden Kraft. Im Herzen zittert's und zuckt's dann vielleicht
+nur ein wenig; lang verklungene Saiten wurden berührt, und sie
+_wollten_ rauschen in der alten Weise, als sich noch eben zeitig genug
+die Hand des Menschen stark und kräftig darauf legte, und sie
+verstummen machte mit dem festen Willen. Unsere Nerven mögen von Eisen
+sein, und das Unglaubliche ertragen, aber laß ein Bild selber
+auftauchen aus jener Zeit, laß uns die Züge wieder vor uns sehen, mit
+denen wir Freud und Leid getheilt, denen wir unsere Lust und Seligkeit
+entgegenjubelten, denen wir den ersten Schmerz klagten und uns
+ausweinten an seiner Brust, und die Hülle springt, die unsere Brust
+umschloß, die erstarrte Thräne schmilzt und das Heimweh rüttelt zum
+ersten Mal an den Stäben unserer Herzenskammer, und streckt die
+scharfe entsetzliche Kralle aus nach dem Heiligthum, das wir von da an
+wahren müssen wie unseren Augapfel, wenn sie nicht Halt gewinnen soll
+daran, zu unserem Leid.
+
+Die beiden jungen Leute schienen auch in der That Alles um sich her
+vergessen zu haben, in dem einen seligen Gefühl des Wiederfindens,
+nach so langer, langer Zeit, hätte sie nicht des Capitains Stimme
+wieder zu sich selbst und dem Bewußtsein des Platzes gebracht, an dem
+sie sich befanden.
+
+»Hallo,« lachte dieser, »wie mir scheint mag ich da die Introduction
+sparen, denn die Herren sind jedenfalls genauer mit einander bekannt,
+wie ich vermuthen durfte.«
+
+»Das in der That,« sagte Bertrand, der sich überhaupt auch zuerst von
+den Beiden wieder sammelte, indem er des Freundes Hand ergriff und
+fest in der seinen hielt -- »nicht hoffen konnt' ich, hier an der
+fremden Küste einen so alten lieben Jugendgefährten, ja Spielkameraden
+aus der Knabenzeit zu treffen, und die Ueberraschung ist um so größer,
+je größer die Freude ist.«
+
+»~Eh bien~, Bertrand, dann unterhalten sie auch Ihren Freund ein
+wenig,« sagte der Capitain, »aber vergessen Sie nicht um 11 Uhr --
+bekommen Sie vorher Nachricht wenn er etwa noch bis dahin eingefangen
+sein sollte?«
+
+»Ich erwarte den Führer der Patrouille selber hier, sobald er
+zurückkehrt.«
+
+»Um so viel besser -- aber da drüben sehe ich ein paar Damen
+eintreten, denen ich guten Abend sagen muß -- ich werde Sie nachher
+bitten mir das Nähere dieses freudigen Wiedersehens mitzutheilen« --
+und mit einer leichten und freundlichen Verbeugung verließ er die
+jungen Leute, die jetzt Arm in Arm, kaum noch ihrer Umgebung bewußt,
+an eines der Fenster traten, dort erst dem ersten glücklichen Gefühl
+des Wiedersehens auch Worte zu leihen.
+
+»Und so halt ich Dich denn wieder, René, nach so langer Trennung, Dich
+den Flüchtigen eigentlich, der uns unter den Augen fort entschwand,
+und keinem Freundesruf achten wollte der ihn zurückhalten sollte mit
+seinem wilden ungestümen Sinn. Und wo hast Du Dich nun so lange
+herumgetrieben? Mensch Du bist braun geworden wie ein Indianer.«
+
+»Ich weiß nicht wo ich da anfangen soll zu erzählen,« sagte René, dem
+Blick in herzlicher Liebe begegnend, den jener fest auf ihn geheftet
+hielt, »und wahrlich, ich hatte es schon fast aufgegeben je im Leben
+einen Freund von über dem Wasser drüben wieder zu finden in der
+fremden Welt. Die Zeit die ich hier verlebt, dünkt mich in diesem
+Augenblick so entsetzlich lang, und ist mir doch auch wieder so rasch
+so unglaublich rasch verflogen. Oh Bertrand, Du mußt mir viel, viel
+von daheim erzählen; wie Ihr dort gelebt, wie Ihr -- oder nein --
+nein, auch lieber nicht; die Heimath liegt hinter mir, auf nimmer
+Wiedersehn, und es ist vielleicht besser ich löse die Schlösser nicht
+muthwillig, die mir das alte Bilderbuch meiner Jugend so freundlich
+und fest verschlossen halten. Ich bin fertig mit _Frankreich_; aber
+von _Dir_ möcht ich hören, wie es Dir geht, was Du treibst, was Du
+_hoffst_, denn nach der Hoffnung eines Menschen beurtheilt sich der
+Mensch selber meist am besten und leichtesten.«
+
+»Und weshalb auf nimmer Wiedersehn?« sagte Bertrand erstaunt, »unsere
+Schiffe haben sich jetzt die Bahn gebrochen nach diesem fernen Punkt,
+und wenige Monden können uns wieder in der Schallweite unserer alten
+Kirchenglocken landen. Es mag ein Paradies sein das uns hier umgiebt,
+kann es uns aber je der Heimath Reiz ersetzen? Du bist unstät, ein
+Flüchtling auf fremdem Boden so lange Du Dich gewaltsam fern von ihm
+hältst, und wie das Vaterhaus dem wegemüden Wanderer als theures Ziel
+den langen schweren Pfad wohl vorgeschwebt, so öffnet Dir die Heimath
+die Arme, und grüßt Dich, ja hält Dich, mit all ihrem unendlichen
+Zauber, sobald Du nur erst einmal wieder das schöne Land betreten.
+Sieh ich bin Seemann, René, und das _Meer_ sollte meine Heimath sein;
+ich weiß auch ich gehöre eigentlich nicht auf's feste Land, und die
+Zeit die ich dort zubringe, ist meiner Pflicht meist abgestohlen, und
+dennoch hängt das Herz mit allen Fasern an jenem Fleck der mir das
+Leben gab, und wenn ich auch, doch einmal draußen, vernünftig genug
+bin solchen Gedanken keinen Raum zu gönnen, ist es, als ob mir das
+Herz aus der Brust herausspringen wolle, sobald wir den Bug unseres
+Schiffes einmal heimwärts kehren. Ich habe das im Anfang für eine
+Krankheit gehalten und unseren Doktor gefragt, und der hat mir eine
+Masse unsinniges Zeug dagegen verschrieben, aber es half Nichts; das
+Uebel saß tief im Herzen und war im Nu gehoben sobald ich an Land
+sprang.«
+
+»Und doch hab' ich recht, Bertrand,« sagte René, der mit einem leisen,
+fast wehmüthigen Lächeln den Worten des Freundes gelauscht hatte. »So
+lange Du noch frei und unstät in der Welt umherstreifst zeigt der
+Compaß Deines Herzens dem einen heiligen Magnet, dem Vaterlande zu,
+mag Dir dort Leid geblüht haben, oder Lust, aber -- es giebt einen
+Fall, wo der Mensch selbst die Heimath vergessen kann und -- glücklich
+sein.«
+
+»Nie, nie!« rief Bertrand rasch.
+
+»Ich bin verheirathet!« sagte René leise.
+
+»_Du?_ -- verheirathet?« sagte der Freund erstaunt -- »und mit wem? --
+wo? -- wann?«
+
+»Zuerst zeig ich Dir meine kleine Frau,« lächelte René, »ich brauche
+vielleicht nur des einen Beweises, Dich zu überzeugen daß Du Unrecht
+hast; dann erzähle ich Dir meinen -- Lebenslauf kann ich wohl kaum
+sagen, eher meine Abenteuer, denn das Schicksal hat mich im tollen
+Spiel einem entzogen mich muthwillig einem anderen in die Arme zu
+werfen, bis mein schwanker Kahn den Hafen fand, der ihm Glück und Ruhe
+brachte, und den verlaß ich nicht wieder. Ich kenne die Stürme die
+draußen toben und bin es müde geworden ihnen wieder und wieder die
+Stirn zu bieten.«
+
+»Und Deine Frau?« frug Bertrand, »warum will sie nicht mit Dir
+zurück?«
+
+Die Trompeten schmetterten in diesem Augenblick den Beginn des Tanzes,
+und René schaute umher nach Sadie. Schon wirbelten die Paare vorüber
+und die junge Frau stand an der anderen Seite des Saales, noch neben
+Aumama, an ihrer Seite aber jetzt Monsieur Brouard, seinen rechten
+Arm, von dem sie sich leise zu befreien suchte, um ihre Taille gelegt,
+und augenscheinlich bemüht sie zum Tanz zu nöthigen, den sie ihm
+weigerte.
+
+Wie ein Stich zuckte es durch René's Herz -- er wußte selbst nicht
+weshalb, und das Blut schoß ihm in die Schläfe; Bertrand aber, der
+seinem Blick gefolgt war, schaute überrascht, und wie von einem
+plötzlichen Gedanken erfaßt, zu ihm auf.
+
+»Und Deine Frau?« wiederholte er leise.
+
+»Siehst Du sie nicht da drüben, wie sie sich ziert,« lachte René
+jetzt, die Hand auf des Freundes Achsel legend.
+
+»Die Insulanerin?« rief der Officier fast wie erschreckt, und so laut,
+daß die ihm nächsten Paare nach ihm umschauten, und selbst Sadie
+ängstlich nach René herüber blickte.
+
+»Die Missionaire stecken ihr noch etwas in den Füßen,« fuhr René, wie
+entschuldigend gegen den Freund gewendet fort, »aber -- gefällt sie
+Dir nicht?«
+
+»Es ist ein liebes, holdes Kind,« sagte der junge Mann, plötzlich ganz
+still und ernst werdend -- »so hold und schön wie der sonnige Himmel
+ihres Heimathslandes.«
+
+»Und weshalb seufzest Du da so schwer?« lachte René.
+
+»Aber weshalb befreist Du sie nicht von dem alten Gecken, der sie da
+quält und peinigt?« sagte Bertrand rasch -- »sie hat ihm schon zehnmal
+den Tanz abgeschlagen, und er läßt immer nicht nach -- er würde sich
+das bei einer _weißen_ Dame nicht unterstehen.«
+
+»Du hast recht,« sagte René schnell, und that einen Schritt nach vorn,
+setzte aber plötzlich langsamer und lächelnd hinzu: »es ist Einer
+meiner Freunde und kennt Sadie, wie den etwas puritanischen Geist,
+der sie manchmal noch von unsern Sitten und Gebräuchen als etwas,
+ihrer eigenen Religion widerstrebendem, zurückschrecken läßt. Doch
+komm Bertrand, wir dürfen uns der Gesellschaft nicht so lange
+entziehen, Madame Belard da drüben -- ha wer ist jene junge Dame die
+dort mit Deinem Capitain jetzt tanzt? -- ich habe sie noch nicht auf
+Tahiti gesehen.«
+
+»Sie kommt von der Südseite der Insel, wie ich heute gehört,«
+erwiederte Bertrand, »wo sie in der Familie eines dort angesiedelten
+Franzosen gelebt. -- Aber Deine _Frau_ winkt Dir da drüben.«
+
+»Monsieur Brouard wird zudringlich, wie mir scheint,« entgegnete René
+mit einem halb spöttischen Lächeln die Unterlippe beißend -- »komm mit
+mir Bertrand, und ich zeige Dir mein Weib,« und den Arm des Freundes
+fassend, ging er mit ihm, die Tänzer vermeidend, zu der anderen Seite
+des Saales hinüber, wo ihm Sadie, sich jetzt ernstlich von dem alten
+Herrn losmachend, rasch entgegen kam.
+
+»Ihre kleine Frau ist entsetzlich spröde,« rief ihm hier Monsieur
+Brouard mit einem etwas verlegenen Lächeln entgegen -- »sie will unter
+keiner Bedingung mit mir den ersten Walzer tanzen.«
+
+Sadie sah bittend zu dem Gatten auf, und René, ihren Arm lächelnd in
+den seinen ziehend, sagte mit einer leichten etwas kalten Verbeugung
+zu Herrn Brouard:
+
+»Ich habe Sie bis jetzt für unwiderstehlich gehalten, Monsieur,
+verzeihen Sie dem noch rohen Geschmack der Insulanerin, die selbst
+Ihren _unausgesetzten_ Bemühungen gegenüber ihr Recht zu wahren
+suchte. Ich hatte schon den ersten Tanz vorher engagirt.«
+
+»Ah, dann bitte ich tausendmal um Vergebung,« sagte der Kaufmann, sich
+verlegen, aber auch jedenfalls pikirt über die etwas kurze Abfertigung
+zurückziehend, während René, ohne sich weiter um Herrn Brouard zu
+kümmern, Sadiens Hand ergriff und sie mit herzlichen Worten dem
+Jugendfreund als sein liebes, braves Weib, als seine Sadie jetzt
+vorstellte.
+
+»Euch Beiden erzähl' ich nachher von einander,« setzte er dann lachend
+hinzu, »und nun Sadie, darfst Du es mir nicht machen, wie Brouard --
+nicht wahr ich bekomme keinen Korb, wenn ich Dich jetzt um den Walzer
+bitte?«
+
+»Aber René« sagte, leise sich zu ihm biegend, und hoch erröthend die
+junge Frau, »was wird Mr. Nelson, was Mr. Dennis sagen, wenn sie
+erfahren daß ich hier _getanzt_ -- ich thue doch wohl nicht recht
+damit, und möchte Dir aber auch noch viel weniger weh thun, mit einer
+Weigerung.«
+
+»Thorheit, Sadie, haben wir nicht zusammen die Tänze meines Vaterlands
+vor Mr. Osbornes Augen getanzt auf Atiu?« frug René, mit einem leisen
+Vorwurf in dem Klang der Stimme.
+
+»Auf Atiu,« wiederholte Sadie leise und das Wort rief liebe liebe
+Bilder wach in ihrer Seele -- »auf Atiu!«
+
+»Der alte Mann hatte seine Freude daran, wenn wir fröhlich waren.«
+
+»Aber Mr. Dennis,« sagte Sadie schüchtern.
+
+René zog die Brauen zusammen und sah einen Augenblick finster vor sich
+nieder; aber Sadie legte ihre Hand auf seinen Arm und schaute ihm mit
+ihrem bittenden herzlichen Blick ins Auge. Er sah auf zu ihr, sah das
+halbe Lächeln in ihren Zügen, und rasch seinen Arm um sie schlingend,
+flog er mit ihr den früher oft und gern geübten Tanz dahin in den
+Reihen der fröhlichen schwingenden Paare.
+
+Sadie tanzte mit unendlicher Grazie und Leichtigkeit, aber ihr Herz
+war nicht bei dem Fest; in ihrer Brust wogte und stach es mit
+vorwurfsvoller Stimme und quälte das arme unschuldsvolle Herz mit
+trüben, ängstlichen Bildern. »Du sündigst jetzt« sagte sie sich leise
+und immer und immer wieder vor, und des ehrwürdigen Bruder Dennis
+Stimme klang dabei fortwährend in ihrem Ohr -- »Du hast Dich dem
+wilden sündhaften Tanz ergeben, und der böse Feind greift schon nach
+dem Arm, wo ihm der Finger kaum geboten in Lust und Leichtsinn.«
+
+»An was denkst Du Sadie?« flüsterte ihr René zu, wie er mit ihr
+wirbelnd und sie fest in seinem Arm dahin flog, während die
+eingeborenen Frauen besonders, Sadiens leichtem Tanze bewundernd mit
+den Augen folgten.
+
+Sadie schüttelte leicht und erröthend mit dem Kopf, und zwang sich
+fröhlich zu sein, aber die mahnende Stimme in ihr wurde stärker und
+stärker, und wie schwindelnd lehnte sie sich endlich an Renés Schulter
+und bat ihn sie zu einem Stuhl zu führen.
+
+»Du kannst das rasche Drehen noch nicht vertragen,« lachte der junge
+Mann, sie dort hin geleitend wo Bertrand mit untergeschlagenen Armen
+stand und keinen Blick bis jetzt verwandt hatte von dem Paar -- »nur
+erst ein paar Tänze aber Dich munter im Kreis gedreht, und der
+Schwindel verliert sich schon von selber. Es ist eine Art Seekrankheit
+die wohl die meisten Menschen überstehen müssen.«
+
+»Ah Monsieur Delavigne -- hierher, wenn ich bitten darf, für einen
+Moment nur,« rief in diesem Augenblick die fröhliche Stimme der Mad.
+Belard, die ihm freundlich und dringend winkte zu ihr hin zu kommen.
+Sadie deshalb dem Freunde übergebend, folgte er dem Ruf.
+
+»Monsieur,« rief ihm aber die lebendige kleine Frau schon von weitem
+entgegen, »ich habe Ihnen eine sehr angenehme Nachricht mitzutheilen;
+dort drüben, und ich werde indessen die Sorge für Ihre kleine Frau
+übernehmen, ist eine junge Dame die den Augenblick nicht erwarten kann
+Ihre Bekanntschaft zu machen, und sich schon nach allen Ihren
+Verhältnissen auf das Genaueste und Peinlichste erkundigt hat. Soviel
+rath' ich Ihnen, wahren Sie Ihr Herz.«
+
+»Sie sind zu gütig, Madame,« lachte René, »wenn dem wirklich so ist,
+scheint die Sache in der That gefährlich zu werden.«
+
+»Spotten Sie nicht vor der Zeit,« warnte Madame Belard -- »Sie
+bekommen es mit keinem gewöhnlichen Mädchen zu thun, und werden einem
+Paar Augen Stand halten müssen, denen schon stärkere Herzen erlegen
+sind als ein junger leichtsinniger Franzose wahrscheinlich in seiner
+Brust mit herum trägt.«
+
+»Und die Dame?«
+
+»Warten Sie, dort drüben spricht sie noch mit Madame Choupin, der
+Stiefmutter von Brouards Frau, der möchte ich nicht gerne in die Hände
+laufen.«
+
+»Die junge Dame dort?« rief René rasch, »ah ich habe sie schon vorher
+bemerkt: sie kommt von Papara, wenn ich nicht irre.«
+
+»Das Alles wird sie Ihnen gleich selber mittheilen, Monsieur; aber
+aufrichtig gesagt,« setzte sie schelmisch hinzu, »bin ich selber
+neugierig welch Interesse sie in so auffallender Weise an Ihnen nehmen
+kann. Sie _müssen_ ihr doch fremd sein.«
+
+»Sympathie,« lachte René, »lieb ist mir's aber dabei daß gerade ein so
+reizendes Wesen sich für mich interessirt.«
+
+»Sie müßte denn im Auftrag von Madame Choupin« -- sagte Mad. Belard,
+Renés Arm ergreifend und mit einer komischen Mischung von Besorgniß
+und Schadenfreude zu ihm aufschauend.
+
+»Um der heiligen Jungfrau Willen, Madame,« sagte aber René rasch und
+mit komischer Angst, »schon der Gedanke ist grausam -- oder -- gönnen
+Sie mir mein Glück nicht?«
+
+»_Gönnen_? was wollen Sie damit sagen, Monsieur, -- oder woher wissen
+Sie überhaupt daß Ihnen ein Glück bevorsteht? eitles Männervolk; Ihr
+Herren der Schöpfung werdet aber hier auf den Inseln viel zu sehr
+verwöhnt, und hätte ich früher gewußt was ich jetzt weiß, nie im Leben
+würde ich meine Einwilligung zu einem Umzug nach Tahiti gegeben
+haben.«
+
+»Da kommt Mad. Choupin,« sagte René leise, und Madame Belard erschrak
+und wandte sich rasch ab, den Platz zu verlassen, als sie das boshafte
+Lächeln auf Renés Lippen bemerkte, und sich nun umdrehend sah wie Mad.
+Choupin die andere Richtung eingeschlagen, und die junge Dame im
+Gespräch mit Mad. Brouard zurückgelassen hatte. Madame Belard drohte
+ihm lächelnd mit dem Finger und sagte leise:
+
+»Wenn Sie jenen alten Drachen näher kennten, würden Sie mir vollkommen
+recht geben, und ihn fürchten wie ich, aber -- die Luft ist rein, so
+kommen Sie, denn ich muß mich auch noch um meine anderen Gäste
+bekümmern, und habe nicht Zeit hier Stundenlang mit Ihnen zu
+plaudern.« -- Und seine Hand ergreifend führte sie ihn der Stelle zu,
+wo die junge Fremde mit Madame Brouard, anscheinend in tiefem
+Gespräche stand, behielt aber kaum Zeit für die ersten Worte,
+»Monsieur Delavigne, Mademoiselle Susanne Lewis,« als die Instrumente
+auf's Neue begannen und sich die Paare zur Française anstellten.
+
+»Desto besser, unter dem Tanz werden Sie noch schneller mit einander
+bekannt,« rief die kleine muntere Frau, von dem Paar zurücktretend;
+»dort aber kommt auch _mein_ Tänzer, ~Monsieur le capitain~, und ich
+muß Sie für jetzt Ihrem Schicksal überlassen; doch -- unsere
+Verabredung Monsieur, um die Auflösung dieses Räthsels wünsch' ich
+nicht zu kommen.« Und ohne weiter den beiden jungen Leuten eine
+Antwort zu gestatten, trat sie mit dem ihr jetzt den Arm reichenden
+Capitain zum Tanze an, und Delavigne konnte ebenfalls nichts anderes
+thun, als der schönen Fremden den Arm bieten, den sie auch mit einer
+freundlichen Verneigung und einem eigenen schelmischen Lächeln dabei,
+annahm.
+
+Die ersten Minuten gingen so mit der Anordnung des Tanzes vorüber,
+ohne daß er im Stand gewesen wäre ein Wort weiter mit seiner schönen
+Unbekannten zu wechseln, die erste Gelegenheit aber die sich ihm bot
+ergreifend, sagte er leise:
+
+»Madame Belard hatte mich durch einige freundliche, aber jedenfalls
+nur in Neckerei und Spott hingeworfene Worte ermuthigt zu glauben, daß
+Sie, mein Fräulein, _wünschten_ mich kennen zu lernen; da ich aber gar
+nicht weiß womit ich solch ein Glück verdient hätte -- «
+
+»Sie wissen noch nicht ob das ein Glück für Sie werden wird,
+Monsieur,« lachte aber die Schöne schelmisch, und René sah wirklich
+etwas überrascht zu ihr auf, denn die nämlichen Worte hatte Madame
+Belard kurz vor ihr gebraucht, und konnten die beiden Damen mit
+einander im Einverständniß sein? -- aber weshalb? --
+
+»Es ist jedenfalls schon ein Glück in diese schönen Augen schauen zu
+dürfen,« sagte er jedoch, sich rasch sammelnd -- »und Böses kann da
+wahrlich nicht geschehen.«
+
+»Haben Sie ein gutes Gewissen?« frug die junge Dame.
+
+René lachte -- »Ja und nein, wenn Sie wollen; nicht schwerer zu
+tragen, wie wir Sterblichen überhaupt und durchschnittlich, und auch
+nicht leicht genug um zu befürchten, daß mir das Herz davonflöge über
+Nacht.«
+
+»Sie sind ein weggelaufener Matrose,« sagte die junge Dame jetzt
+lachend und sah neckend zu ihm auf. René erröthete; da aber seine
+Geschichte, wie er diese Inseln betreten, auf Tahiti gar kein
+Geheimniß war, sagte er ruhig:
+
+»Hat man schon versucht, mich Ihnen von der schlimmsten Seite
+vorzuführen?«
+
+»Ob _man_ versucht hat?« lachte die Schöne, »Sie mögen selber
+urtheilen. Uebrigens bin ich bei der Sache näher interessirt, als Sie
+vielleicht glauben -- Sie sind mein Gefangener.«
+
+»Auf Gnade und Ungnade,« lachte René, gern in den leichten Ton des
+wirklich wunderschönen Mädchens eingehend, dessen Reize erst jetzt wie
+es schien, nach und nach seinem Auge sichtbar wurden. »Aber tausend
+solche Gefangene haben Sie wohl schon solcher Art gemacht, und werden
+uns deshalb auch wohl auf unser Ehrenwort entlassen müssen, Ihrem
+Triumphwagen scheinbar frei zu folgen.«
+
+»Auf Ehrenwort? -- geben Sie kein leichtsinniges Versprechen, ehe Sie
+wissen _wem_?«
+
+»Wem?« sagte René erstaunt, aber ihr Gespräch wurde hier durch den
+Tanz unterbrochen, der die Paare vor rief und trennte, und es bot sich
+von jetzt an keine Gelegenheit wieder auch nur ein Wort weiter zu
+wechseln, bis die Française beendet war. René nahm jetzt seiner
+Tänzerin Arm, und sie den Saal niederführend sagte er fragend:
+
+»Und nun, mein Fräulein, lösen Sie mir das Räthsel -- Sie tragen eine
+Maske, legen die Hand daran sie zu lüften, und ziehen sie neckisch
+wieder zurück. Ihr Spiegel sagt Ihnen schon, daß der Allmächtige Ihnen
+einen gewaltigen Zauber in's Auge gelegt über uns arme Sterbliche;
+mißbrauchen Sie die Macht nicht die Ihnen also gegeben -- Sie bedürfen
+dessen nicht.«
+
+»Ein Wallfischfänger ist doch wahrlich nicht der Ort Schmeicheleien zu
+lernen,« lachte die Schöne laut auf, »und dennoch scheint es fast als
+ob Sie selbst dort einen wesentlichen Theil Ihrer Zeit dazu benutzt
+hätten, nicht außer Uebung zu kommen. Oder haben Sie das Alles schon
+wieder hier auf den Inseln profitirt?«
+
+»Mein Fräulein,« bat der junge Mann.
+
+»Sie haben recht,« sagte die junge Dame da plötzlich ernster werdend,
+»es wird Zeit daß wir unsere beiderseitigen Stellungen einnehmen, die
+uns gebühren; also nochmals Monsieur, Sie sind mein Gefangener, René
+Delavigne!«
+
+»Von Herzen gern.«
+
+»Halt -- nicht für mich etwa, Monsieur, sondern für meinen Vater,
+_Jonathan Lewis_, Capitain des dreimastigen Wallfischfängers ~»the
+_Delaware_,«~ gut gekupfertes Schiff erster Klasse A, und derzeit -- «
+
+»Miß Lewis? -- aber wie ist das möglich?« unterbrach sie René in
+vollem, unbegrenzten Erstaunen.
+
+»Derzeit« fuhr aber das schöne muthwillige Mädchen ernsthaft fort,
+»wahrscheinlich und mit Gottes Hülfe schon zu Hause, in Bedford, von
+seinem Kreuzzug heimgekehrt.«
+
+»Aber Sie, eine Französin, des alten durch und durch Jankee Capitains
+Tochter?« rief René, immer noch ungläubig.
+
+»Weigern Sie sich mir zu gehorchen, weil mir der schriftliche
+Verhaftsbefehl gebricht?« frug Miß Susanne.
+
+»Sie sind grausam, Miß.«
+
+»Nun denn, so will ich Ihnen mit zwei Worten das scheinbar
+unerklärliche Räthsel lösen. Erstlich bin ich keine Französin, sondern
+im New-York Staat in Nord-Amerika geboren, früh aber meiner Mutter
+durch den Tod beraubt schickte mich der Vater -- wie Sie mir bezeugen
+werden, ein etwas rauher Seemann -- nach Louisiana hinunter, wo seine
+Schwester an einen französischen Pflanzer verheirathet war. Ist Ihnen
+das nun klar?«
+
+»Ja, aber _jetzt_?«
+
+»Aber _jetzt_? ah, wie ich _hierher_ gerade komme?« lachte die
+Jungfrau -- »Sie verlangen also in der That meine Legitimation? Ist
+das auch etwas ungalant, will ich es doch den außerordentlichen
+Umständen zu Gute halten. Schwächlich von Gesundheit, und von den
+Sümpfen Louisianas mit wirklicher Gefahr für mein Leben bedroht,
+schien es, als ob mir der rauhe Nord dafür keine Linderung bieten
+sollte, denn dort hinauf zurückgekehrt, verschlimmerte sich mein Uebel
+eher, als daß es sich gehoben hätte. Die Aerzte dort verordneten mir
+daher eine Luftveränderung nach irgend einem milderen aber auch
+gesunden tropischen Klima, und mein Vater, damals gerade im Begriff
+ein Schiff zum Wallfischfang auszurüsten, sandte mich mit einem
+Jugendfreund von sich voraus nach Tahiti, mich hier dann später zu
+besuchen und vielleicht wieder abzuholen.«
+
+»Und war der Delaware hier?«
+
+»Nicht wahr _das_ interessirt Sie?« lachte Susanne.
+
+»Der Delaware interessirt mich allerdings,« lächelte René, »und Sie
+werden mir den Grund nicht streitig machen.«
+
+»Nicht ich, Monsieur -- Sie haben volle Ursache, aber ich gebe Ihnen
+auch mein Wort, daß sich der Delaware damals für _Sie_ interessirte,«
+fuhr Susanne fort, »denn mein Vater landete gerade auf Tahiti, als Sie
+von ihm entsprungen waren, und eilte deshalb wieder besonders von hier
+fort den »entsprungenen Matrosen«, wie er mir erzählte, auf jener
+Insel wieder »abzuholen«. Wer mir damals gesagt hätte daß _ich_ so
+glücklich sein sollte ihn wieder einzufangen.«
+
+»Warum waren Sie nicht früher an Bord,« sagte René, »ich wäre nie
+davongelaufen.«
+
+»Trau' Jemand Euch Männern,« rief Susanne abwehrend -- »kaum auf
+festem Land, und mit keiner Sylbe mehr all jener heiligen Bande
+gedenkend die den Flüchtigen jedenfalls noch im alten Vaterland
+fesselten, hat er nichts Eiligeres zu thun als dem Beispiel seiner
+Landsleute zu folgen, und sich ein armes Mädchen zu beschwatzen, das
+ihm die Dauer seines Aufenthaltes hier die Zeit vertreibt.«
+
+»Sie thun mir Unrecht, Mademoiselle.«
+
+»Oh? -- Ihnen sind die gemachten Contrakte wohl stets heilig?«
+
+René biß sich auf die Lippen und sagte nach kleiner Pause:
+
+»Also tadeln sie mich, daß ich mich dem Leben an Bord eines
+Wallfischfängers, dem ich nicht anders hätte für Jahre vielleicht
+entgehen können, durch die Flucht entzogen habe.«
+
+»Nein,« sagte Susanne lachend, und das große schwarze seelenvolle Auge
+zu ihm aufhebend begegnete sie einen Moment seinem Blick, und glitt
+dann wie musternd und mit kaum unterdrücktem Muthwillen an seinem
+Anzug nieder -- »ich begreife nur nicht,« fuhr sie dabei fort, »wie
+Sie je den unglückseligen Gedanken gefaßt haben konnten _an Bord_ zu
+gehen. Hahaha, wenn ich Sie jetzt so vor mir sehe, und Sie dann mir
+als gewöhnlicher Matrose, in all dem Schmutz und entsetzlichen Leben
+eines »~Whalers~« unter dem wüsten rohen Volk denke -- die
+Glacéhandschuh trugen Sie damals noch nicht, wie? -- und auch wohl
+nicht den Frack? -- Und wenn Sie nun damals wieder eingefangen wären?
+aber die Einzelheiten müssen Sie mir nächstens einmal erzählen,
+versprechen Sie mir das?«
+
+»Mit Vergnügen.«
+
+»Und _aufrichtig_?«
+
+»Wie meinem Beichtvater.«
+
+»Hm, ich weiß nicht ob ich mich _damit_ gerade begnügen möchte -- doch
+wir werden ja sehen. Und Ihre -- _Frau_?«
+
+»Steht dort drüben mit jenem Französischen Officier -- darf ich Sie zu
+ihr führen?«
+
+»Ich danke,« sagte die junge Dame mit etwas kalter Höflichkeit -- »ich
+komme aus Louisiana -- und Sie dürfen mir nicht verargen, daß ich
+gerade kein günstiges Vorurtheil habe für -- braune Haut.«
+
+René sah erstaunt, ja beleidigt zu ihr auf, und Susanne begegnete fest
+dem Blick, der in seiner innersten Seele zu wurzeln schien, dort die
+geheimsten Gedanken errathen zu wollen.
+
+Es war ein wunderschönes Mädchen wie sie da vor ihm stand; die volle
+üppige Gestalt doch so zart und schlank in dem elastischen Reiz der
+Jugend; das edle Antlitz mit jenem weichen Zauber blühender Frische
+übergossen, der unsere Sinne auf den ersten Blick gefangen nimmt; die
+Augen voll Gluth und Feuer, und doch wieder eines so sanften Ausdrucks
+fähig daß sie den ernsten Schatten Lügen straften, wenn er streng und
+zürnend daraus hervorblitzen wollte, aber einen Himmel öffnend wenn
+ihr Glanz in milder Ruhe strahlte.
+
+René schaute in diese Sterne voll Gluth und Leben, bis er fast vergaß
+weshalb er zu ihr aufgeblickt, und wie bittere Worte die süßen vollen
+Lippen erst gesprochen; denn wie ein leises Lächeln über die ernsten
+Züge glitt, war es wie spielendes Sonnenlicht auf der murmelnden
+Quelle im Waldesdunkel, mit tausend blitzenden funkelnden Lichtern
+tief hinableuchtend bis auf den reinen Grund.
+
+»Sie sind beleidigt,« sagte sie endlich leise -- »Sie hätten lieber
+gehabt, daß ich eine Unwahrheit gesagt, der Gegenwart zu schmeicheln.«
+
+»Sie bringen ein Vorurtheil mit aus einer fernen Welt,« erwiederte
+René, »und doch verzeih' ich Ihnen gern; Sie kennen Sadie noch nicht.«
+
+»_Sadie_ -- ein schöner, klangvoller Name -- ich wollte ich hieße
+Sadie,« sagte Susanne -- »wir in Nord-Amerika wählen unsere Namen fast
+nur aus der Bibel.«
+
+»Ah, schon wieder einen alten Bekannten getroffen?« unterbrach in
+diesem Augenblick die Stimme des Capitains der ~Jeanne d'Arc~, das
+Gespräch, und zwar gerade zu einer Zeit wo Susanna, mit feiner Hand
+eben wieder eingelenkt hatte in ein milderes Gleis. »Sie haben Glück,
+Monsieur Delavigne -- aber für jetzt möchte ich die Dame wenigstens um
+den mir versprochenen Tanz bitten.«
+
+Miß Lewis nahm, mit einer leisen dankenden Neigung des Kopfes seinen
+Arm, und René freundlich zunickend sagte sie:
+
+»Ich muß sie nachher noch einmal sprechen -- werden Sie kommen?«
+
+René verbeugte sich, aber Sadiens Bild stand in diesem Augenblick vor
+seiner Seele, und er erwiederte das Lächeln nicht.
+
+Als er zurückschritt, sein Weib aufzusuchen, war Sadie eben mit
+Bertrand, der mit der Hand nach ihm hinübergrüßte, zum Tanze
+angetreten, und an dem nächsten Fenster bleibend, lehnte er dort mit
+untergeschlagenen Armen, dem Tanze, an dem er dießmal keinen Theil
+nehmen wollte, zuzuschauen. Im Anfang schwammen ihm aber die Gruppen
+vor den Augen, ohne daß er im Stande gewesen wäre ein einziges Bild
+aufzufassen und zu halten. Vor seiner inneren Seele zog wieder und
+wieder die schöne Fremde -- zogen die kalten Worte, die sie
+gesprochen, vorüber, und ein eigenes Weh, ein Gefühl dem er nicht
+Worte, nicht Ausdruck zu geben vermochte, zuckte ihm durch das Herz.
+Weshalb hatte sie ihn aufgesucht, weshalb sich ihm so freundlich
+zugewandt; um ihn nur wieder zurückzustoßen? -- war das Ganze eine
+gewöhnliche Koketterie gewesen, ihn nur die _Macht_ fühlen zu lassen,
+die sie über Männerherzen auszuüben gewohnt sei, und ihm dann lachend
+die Kluft zu zeigen die zwischen ihnen liege? »Bah -- « um seine Lippen
+zuckte ein verächtliches Lächeln, als ihm der Gedanke aufstieg daß sie
+sich _ihn_ zum Spiel ihrer Laune ersehen haben könnte -- und was sonst
+war ihr Zweck? »Thörichtes Mädchen«, murmelte er leise vor sich hin,
+»Deine Schönheit vermag wohl das Auge zu blenden für kurze Zeit, aber
+den Mangel an Herz kann sie nicht ersetzen; geh und suche Dir ein
+anderes Spiel, bei mir hast Du Deine Zeit verloren.«
+
+Und wieder wechselten die Bilder in Zauberschnelle vor seinem inneren
+Auge -- die liebliche Gestalt in dem prächtigen Ballstaat -- die
+vorüberschwirrenden Paare, deren einzelne Umrisse er schon nicht mehr
+sah; dazu die Musik, alte bekannte, lange lange nicht mehr gehörte
+Töne aus der Heimath -- Weisen nach denen er selbst in schönerer Zeit
+-- heiliger Gott _die_ Erinnerung -- -- Er barg die Augen mit der
+linken Hand, aber nur wilder und unermüdlicher stürmten die Gedanken
+auf ihn ein, und nicht mehr entgehen konnte er den unabweisbaren.
+
+Mehre Minuten mußte er so gestanden haben, als eine leichte Hand
+seinen Arm berührte, und fast erschreckt blickte er empor.
+
+»Bist Du krank?« sagte eine leise, liebe Stimme, und Sadies treue
+seelenvolle Augen schauten bang und sorgend zu ihm empor; aber er
+bedurfte Secunden sich zu sammeln, sich zurückzurufen aus den Scenen
+in denen er jetzt -- zum ersten Mal wieder nach langen Jahren --
+geweilt, und die er bis dahin mit fester Willenskraft
+zurückgeschleudert hatte wohin sie gehörten -- in die Vergangenheit.
+Heute zum ersten Mal wieder, geweckt durch den Jugendgespielen
+vielleicht -- vielleicht durch jenes schöne, kalte Bild, das ihn anzog
+und abstieß zugleich in wunderbarer Kraft, waren sie in altem Grimm
+und Schmerz erwacht, und es bedurfte wahrlich eines anderen, kaum
+minder starken Zaubers ihre Gewalt zu brechen, oder doch zu mildern.
+
+Sadie -- wie ein Sonnenstrahl der Wolken Nacht durchbricht, und Licht
+und Leben über die noch vor wenig Augenblicken nur mit Nebelschatten
+gedeckten Fluren wirft, so tauchte plötzlich das holde Bild in all
+seiner Milde und Lieblichkeit vor ihm auf, und Harfentönen gleich, die
+mit den weichen vollen quellenden Tönen nicht mehr allein durch das
+Ohr, nein durch alle Poren unseres Körpers in die Seele dringen und
+die Nerven nachklingen machen ihre Harmonie, in dem Vibriren ihrer
+feinsten Fasern, so sah er nicht allein das holde Kind in all seiner
+Lieblichkeit vor sich stehen, nein so fühlte er auch das Wohlthuende
+ihrer Nähe, das den bösen Geist zurückdrängte der ihn beschlich, und
+leise ihre Hand ergreifend, die in der seinen zitterte flüsterte er
+das Zauberwort, das sich ihm selber retten sollte -- »Sadie!«
+
+»Du bist krank, René,« sagte aber die junge Frau, ihn zum Fenster
+drehend -- »Du siehst bleich und angegriffen aus -- laß uns zu Hause
+gehen« -- setzte sie dann rasch und leiser hinzu -- »Dir wird wohler
+dort, viel wohler, und -- mir auch.«
+
+»Mir fehlt Nichts, Du holdes Kind,« erwiederte René lächelnd -- ein
+eigenes Gefühl trieb ihn seine jetzige Bewegung wie deren Ursache vor
+dem Weibe zu verbergen, aber es lag etwas Gezwungenes in den Worten,
+und das Auge der Liebe täuschte es nicht. René fühlte das auch wohl,
+und jeden weiteren Verdacht zu beschwichtigen, vielleicht weiteren
+Fragen zu entgehen, die er fürchtete, setzte er mit lauter fröhlicher
+Stimme hinzu: »nein Kind, mir ist sogar heut' Abend recht froh und
+leicht zu Sinn, und ich will noch recht viel tanzen. Verschmähte
+Freude kehrt nimmermehr zurück und es wär' Sünde sie von der Thür zu
+weisen.«
+
+»Ich weiß nicht von wem Sie sprechen,« sagte in diesem Augenblick eine
+lachende Stimme an seiner Seite, und die muntere Madame Belard trat
+zu ihnen hinan -- »aber nicht mehr wie schuldige Artigkeit wär' es,
+sollt ich denken, die Wirthin, wenigstens zu einem einzigen Tanz zu
+engagiren, daß sie nicht den _ganzen_ Abend auch nur zusehen muß, wie
+sich ihre Gäste amüsiren.«
+
+René hätte in diesem Augenblick keine erwünschtere Entschuldigung
+finden können, einer ihm jedenfalls peinlichen Besorgniß, ja mehr
+noch, weiteren Fragen auszuweichen, und Sadie freundlich zunickend,
+bot er der Frau Belard den Arm. Diese aber, die ihm noch scherzend den
+Text las über seine für sie keineswegs schmeichelhafte Unhöflichkeit,
+bat er jetzt mit all jenem liebenswürdigen Leichtsinn, der ihm so gut
+stand vielleicht weil er ihm so ganz natürlich war, um Verzeihung, des
+begangenen Fehlers wegen, den er schon wieder gut machen wolle, wenn
+sie nur eben freundlich genug sein würde ihm Gelegenheit dazu zu
+gönnen.
+
+»Hallo Sadie,« sagte in diesem Augenblick Aumama, die an ihre Seite
+trat, »Du machst ja ein merkwürdig ernstes Gesicht -- bist Du schon
+müde?«
+
+Sadie schüttelte lächelnd mit dem Kopf.
+
+»So leicht nicht, Aumama,« sagte sie leise, ihren Arm um der Freundin
+Schulter legend, »und mir gefällt das Tanzen wundergut, wenn ich nur
+wüßte« setzte sie wieder ernster werdend und leiser hinzu -- »ob wir
+auch recht thun mit solcher Lust, und vielleicht nicht gar eine Sünde
+begehen, von der wir uns selber vorlügen, daß das Ganze ja doch nur
+eine unschuldige Freude sei.«
+
+»Und was ist's sonst?« lachte Aumama, »nimm mir den Tanz, und ich geb'
+Dir mein Leben in den Kauf. -- Nur die Gesellschaft -- und die Art
+hier _wie_ sie's treiben gefällt mir nicht. -- Das Umfassen hemmt die
+freie fröhliche Bewegung der Glieder, das Drehen treibt mich
+schwindlich, daß sich die Stube mit mir im Kreise wirbelt. Auch die
+Wände, der Boden hier machen mich irr und unbehaglich; mir wird als ob
+ich draußen im Canoe in offener See triebe und die Wellen mich auf und
+nieder würfen. Nein, gieb mir den freien offenen Plan, die blühenden
+Zweige und blinkenden Sterne über uns, die lustige Trommel zum
+Einschlag in Tritt und Sprung, und ich bin Dein mit Leib und Seele,
+wie Du mich willst. Hei wie die Tapa im Winde flattert und die Locke
+Dir um die Schläfe jagt, wie das Blut da durch die Adern schießt, und
+zu flüssigem Feuer wird, eh' es zum Herzen zurückkehrt. Bah, hier der
+Tanz ist kalt -- kalt wie das Land aus dem er kommt, und es kann mir
+das Herz nicht erwärmen, ob sie auch blasen und Specktakel machen mit
+ihren wunderlichen Instrumenten, aus Leibeskräften. Nicht einmal eine
+Trommel haben sie dabei, und das nennen sie Musik.«
+
+»Du bist ein wunderliches Mädchen,« lächelte Sadie -- »fremde Völker
+haben doch auch fremde Sitten.«
+
+»Eben deshalb sollen sie uns die unseren lassen,« trotzte Aumama --
+»aber, was ich Dich fragen wollte,« setzte sie ernster hinzu -- »wer
+ist das weiße Mädchen das mit René so lange tanzte, und so viel mit
+ihm zu sprechen hatte?«
+
+»Ich weiß es nicht,« sagte Sadie -- »eine Fremde, glaub' ich, die von
+Papara oder dessen Nachbarschaft kommt, und wohl hier wohnen bleiben
+wird; -- warum?«
+
+»Mir gefiele das nicht, wär' ich wie Du,« sagte die Freundin mit dem
+Kopfe schüttelnd -- »sie hat ein glattes listiges Gesicht und ihr
+Blick -- ich konnte ihre Sprache nicht verstehen, aber das ist oft
+nicht nöthig wenn die Augen so deutlich reden wie die Lippen.«
+
+»Und was haben die Dir gesagt?« frug Sadie.
+
+»Nichts was mich freute,« antwortete Aumama, »aber auch Nichts was ich
+wieder erzählen möchte; man soll keinem Menschen etwas Uebles
+nachreden, noch dazu auf den bloßen Verdacht hin.«
+
+»Du bist ärgerlich auf die fremden Frauen,« sagte Sadie lächelnd,
+»weil Du nicht mit ihnen umgehen kannst wie wir es gewohnt sind unter
+einander; es ist wohl möglich daß Du ihnen dabei unrecht thust. Aber
+René hat seitdem gar nicht wieder mit ihr gesprochen.«
+
+»Aber auch mit Niemand Anderem,« sagte Aumama schnell -- »er stand da
+am Fenster und stützte den Kopf in die Hand, bis Du zu ihm kamst.«
+
+Sadie schwieg und sah sinnend vor sich nieder; ihr Blick haftete aber
+nicht lange am Boden, sondern suchte den Gatten, in dem wilden Gewirr
+des Tanzes, dem sich René wieder mit vollem Eifer hingegeben. Aber
+die, nach der ihr Blick dann umherschweifte, fand sie nicht; Miß Lewis
+hatte den Saal verlassen und René lachte und plauderte noch immer mit
+seiner lebendigen Tänzerin, der Frau Belard.
+
+Doch neue Gäste kamen zum Tanz, in dem jetzt gerade eine kurze Pause
+eintrat, den Tänzern Gelegenheit zu geben sich an den hie und da
+angebrachten und mit Früchten, Kuchen und Wein bedeckten Tafeln zu
+erfrischen, und kaum schwieg die Musik, als Manche der wilden Mädchen,
+froh eines lästigen Zwanges enthoben zu sein, in die Mitte des Saales
+sprangen und sich dort bald von einem großen Theil der Männer umgeben
+fanden.
+
+»Kommt!« rief Eine der fröhlichen Schaar, sich jetzt wenig an die
+geputzten Fremden kehrend, deren unbekannte Weisen und monotones
+Drehen im Ring herum sie schon lange geärgert und ermüdet hatte,
+
+ »Komm! denn der scharfe Ton
+ Hat mich gelangweilt schon,
+ Komm!
+ Zuckt mir's durch Fuß und Knie,
+ Zuckt mir's im Herzen hie!
+ Komm!«
+
+»Frieden, Wahine -- gieb Ruhe -- fort mit Dir, Mädchen!« riefen
+einzelne lachende Stimmen dazwischen -- »hier ist kein Platz für Euere
+wilden Tänze, wo fremde Frauen sind -- auseinander mit Euch!«
+
+»Fort?« riefen aber Andere dazwischen, denen der wilde bekannte Laut
+die Pulse schon rascher klopfen machte --
+
+ »Fort? laß sie schwatzen da,
+ Herzchen wir kommen ja,
+ Fort --
+ Rasch nur die Trommel her,
+ Stehn wir nicht müßig mehr.
+ Fort!«
+
+und den Takt auf den Lenden schlagend mit ihren flachen Händen, und
+singend und lachend begann die muntere Schaar, trotz dem Einspringen
+einzelner Männer, die vielleicht nicht mit Unrecht fürchteten daß der
+Tanz in dem Uebermuth des jubelnden Schwarmes ausarten könnte, den
+wilden ~Upepehe~, den Lieblingstanz ihres Stammes.
+
+Die neuangekommenen Gäste, zwei Marine-Officiere der ~Jeanne d'Arc~,
+mischten sich gleich lachend unter die jubelnden Dirnen, die sie fast
+Alle kannten, und Mad. Belard beschwor jetzt René, seinen Einfluß
+aufzubieten das zügellose Volk wieder zur Ordnung zurückzubringen, was
+aber mit nicht wenig Schwierigkeiten verbunden war. In der Mitte
+gestört, stoben sie nach allen Seiten hinaus, jede auf eigene Hand den
+begonnenen Tanz auszuführen, und es wurde auch in der That erst dann
+möglich sie wieder zu vollkommener Ordnung zu bringen, als die
+Trompeten, auf Renés Zeichen, von Neuem zu einem Tanze einsetzten und
+dadurch die Mädchen, die denen entgegen nicht ihren eigenen Takt
+beibehalten konnten, zwangen aufzuhören.
+
+Als die Musik nun aber, nicht wieder durch eine neue Pause neue
+Störung zu verursachen, in dem begonnenen Stücke blieb, sahen sich die
+letztgekommenen Officiere ebenfalls nach Tänzerinnen um. Von weißen
+Damen schien aber nur noch Mrs. Noughton übrig geblieben zu sein, die
+trotz allen Aufforderungen auch noch nicht einen Schritt heut' Abend
+getanzt, sondern wacker an der Seite ihres eben so langweiligen
+Gatten auf dem einen Canape ausgehalten hatte. Madame Belard war mit
+Monsieur Brouard angetreten, Madame Brouard mit dem Capitain, und
+Fräulein Susanne blieb verschwunden. Mrs. Noughton weigerte sich aber
+auch dießmal mit einer steifen Verbeugung an dem Tanze Theil zu nehmen
+und Einer der neugekommenen Officiere schaute eben, leicht getröstet,
+im Saal umher, sich unter den anwesenden Insulanerinnen Eine
+herauszusuchen, mit der er möglicher Weise im Walzer fortkäme, als er
+Sadie bemerkte, deren Europäische Tracht ihm gerade nicht besonders
+auffiel. Rasch auf sie zu tretend, legte er seinen Arm um ihre Taille
+und sagte:
+
+»Komm Wahine, dann wollen wir einmal versuchen wie wir herum kommen,
+und halt das Köpfchen steif, daß Du mir nicht schwindlich wirst; ich
+drehe Dich schon.«
+
+René hatte sich mit Bertrand wieder zusammengefunden, und schritt eben
+langsam der Stelle zu wo Sadie stand, als er sah wie sie sich in dem
+Arm des Fremden sträubte und sich ihm zu entwinden suchte; der junge
+Officier aber, schon seit Monden langem Aufenthalt auf den Inseln
+gewohnt mit den Frauen Tahitis umzugehen, glaubte nur hier eine etwas
+spröder als gewöhnliche Schöne gefunden zu haben, und rief lachend:
+
+»Zum Teufel, mein Mädchen, stemme Dich nur nicht, ich thue Dir
+Nichts;« Sadie aber war so erschreckt, daß sie nicht vermochte einen
+Laut über die Lippen zu bringen und sich von dem starken Manne schon
+emporgehoben fühlte, als René mit einem Sprung an ihrer Seite war, und
+seine Hand mit einem Eisengriff in des Soldaten Schulter heftend, mit
+vor Zorn bebender und kaum hörbarer Stimme sagte:
+
+»Zurück da, Monsieur -- das ist mein Weib.«
+
+»Sollst sie behalten, Kamerad,« lachte der junge, etwas rohe
+Marine-Officier, »aber ein Tänzchen muß sie erst mit mir machen, davon
+hilft ihr kein Gott.«
+
+»Lassen Sie mich los, Monsieur!« rief auch in diesem Augenblick Sadie,
+die durch Renés Gegenwart ermuthigt, ihre Sprache wieder gewann, und
+der Officier, durch das flüssige Französisch der Insulanerin
+überrascht, ließ kaum in seinem Griff um ihre Taille nach, als er sich
+auch schon von dem, kaum seiner Sinne mehr mächtigen René gefaßt und
+mehre Schritte zurückgeschleudert fand.
+
+»Teufel!« schrie er, und die Hand fuhr fast unwillkührlich nach dem
+leeren Degenkoppel, Bertrand sprang aber dazwischen, und der Officier
+auch, sich rasch besinnend wo er sich befand, und daß er hier das Fest
+nicht stören durfte, biß nur die Zähne auf einander und winkte dem,
+trotzig zu ihm hinüberschauenden René ihm zu folgen. Aber andere Augen
+hatten ebenfalls den Wink gesehen und verstanden, und ehe René im
+Stande war sich von Sadie frei zu machen, und dem stillen aber wohl
+begriffenen, ja erwarteten Ruf zu folgen, fühlte er eine Hand auf
+seiner Schulter, und der Capitain der ~Jeanne d'Arc~, der gerade
+zufällig mit seiner Tänzerin dort stehen geblieben, und Zeuge des
+ganzen blitzesschnell in einandergreifenden Vorfalls gewesen war, bat
+ihn, nur wenige Minuten auf seiner Stelle zu bleiben, bis er ihm
+Antwort bringe von draußen. Dann ohne weiteres dem Officier folgend,
+erreichte er diesen gerade an der Thür, faßte seinen Arm und führte
+ihn mit sich hinaus.
+
+In dem Saal war indessen für den Augenblick Todtenstille eingetreten;
+die Musici, vor denen der Streit stattgefunden, hatten auch fast wie
+verabredet, aufgehört zu blasen so wie die Tänzer stockten. Auch die
+übrigen Gäste, wenn auch nur wenige von ihnen die Ursache des so
+plötzlich aufgetauchten Streites kannten, sahen daß er schon zu weit
+gegangen war, anders als mit Blut wieder gesühnt zu werden, und
+standen in jener peinlichen Erwartung, dem Ausgang des Ganzen
+entgegenzusehen, die wir uns wohl stets bei irgend einer nahenden
+Gefahr, mag sie uns oder einen Andern bedrohen, beschleichen fühlen.
+Nur die eingeborenen Mädchen, denen nicht entgangen war daß Einer der
+Betheiligten den Saal verlassen hatte, glaubten damit natürlich Alles
+beigelegt, und zuerst die feierliche und so plötzliche Stille um sich
+her einen Augenblick erstaunt beobachtend, gewann das leichte Element
+bei ihnen doch nur zu bald wieder die Oberhand.
+
+»Hierher Waihines!« rief plötzlich die lachende Stimme Nahuihuas,
+der Schwester Aumamas, mit der Lefevre schon fast den ganzen Abend
+getanzt --
+
+ Schnell!
+ Schnell wie der gier'ge Hai
+ Schneidet die Fluth entzwei,
+ Schnell --
+
+»Ruhe Wahine!« flüsterte es rasch um sie her, und das Mädchen schwieg
+erschreckt, mitten in ihrem Gesang, als sie die ernsten finstern
+Gesichter all' erblickte, die sich rasch und bestürzt auf sie
+richteten.
+
+Madame Belard wußte aber wie dieser böse Geist zu bannen sei, und dem
+Orchester ein Zeichen gebend, daß jetzt rasch wieder in den
+unterbrochenen Tanz einfiel, ergriff sie den Arm Renés und den halb
+Widerstrebenden mit sich fortziehend, flüsterte sie leise und
+dringend:
+
+»Ei, Sie ungezogener Mensch, den eine Dame zum Tanz förmlich mit
+Gewalt _zwingen_ muß. Sie haben mir meinen Tänzer fortgejagt, und sind
+jetzt auch verpflichtet dessen Stelle zu übernehmen. Ueberdieß fühlen
+Sie denn nicht daß Alles auf Sie achtet?« setzte sie leiser hinzu.
+»Machen Sie wieder gut was Sie verdorben haben, und zeigen Sie den
+Leuten daß Sie gar nicht daran denken Skandal anzufangen!«
+
+René fühlte mehr wie er verstand, daß sie recht hatte; einen Blick
+nach Sadie zurückwerfend, die er jetzt in Bertrands Schutz sah, kam
+ihm auch die Erinnerung an das Vergangene, und sich zu seiner
+liebenswürdigen Tänzerin niederbiegend bat er leise:
+
+»Vergebung, theuerste Frau, Vergebung für den fatalen Auftritt den
+ihnen hier meine Hitze bereitet, aber -- «
+
+»Ich weiß Alles,« beruhigte ihn Madame Belard, »ein Mißverständniß nur
+-- ruhig Monsieur, Sie sollen mir nicht wieder hitzig werden und
+aufbrausen, so lange _ich_ jetzt in Ihrem Schutze bin -- ein
+Mißverständniß war die ganze Ursache, der junge Officier, der Sie gar
+nicht kannte, kann nicht die Absicht gehabt haben Sie oder Sadie
+wissentlich beleidigen zu wollen, und würde vielleicht eben so leicht
+daran denken sich einen Finger abzuschneiden, als Streit zu suchen
+hier bei mir.«
+
+»Aber er hat -- «
+
+»Ich weiß ja Alles,« unterbrach ihn wieder Madame Belard, in
+gutmüthiger Ungeduld mit dem Kopf schüttelnd, als sie zum Ausruhen
+abgetreten waren und Nichts als eingeborene Frauen um sich sahen, die
+nicht verstanden was sie sprachen. »Er hat Ihre Frau nach _unseren_
+Begriffen von dem was sich schickt und gehört, beleidigt, und wäre das
+auf einem Europäischen Ball vorgefallen, so könnte nichts anderes als
+Degen oder Pistol den Streit entscheiden; hab' ich recht?«
+
+»_Wäre_ das?« wiederholte René erstaunt -- »und ist das nicht hier, bei
+_meiner_ Frau genau dasselbe?«
+
+»Nein, nein und abermals nein!« sagte aber Madame Belard ungeduldig;
+»nach Insulanischen Begriffen von Ehre und Schicklichkeit -- «
+
+»Aber meine Frau ist -- «
+
+»Eine Insulanerin, Sie mögen's drehen und wenden wie Sie wollen; und
+wenn sie eine Ausnahme macht von den übrigen, von denen sie allerdings
+wie Tag und Nacht verschieden ist, so liegt der doch nicht auf der
+_Haut_ zu Tage, und das junge fröhliche Stück von einem Officier, das
+in seinem Uebermuth, von den Schiffsbanden auf einen Abend frei zu
+sein, nur hier herein springt, sich, wie es keine weiße Tänzerin
+bekommen kann, nach dem schönsten Indianischen Gesicht umschaut und
+da aus Versehen gerad' auf _Ihre_ Frau trifft, hätte eben so gut
+vermuthen können einen Neger in weißer Haut zu finden, als eine
+Indianerin, die sich so ganz ihrer eigenen Sitten entschlagen, und
+Europäischen Gebräuchen mit ihrer Sprache und Haltung zugewandt hat.«
+
+»Aber ihre ganze Kleidung mußte ihm das schon von vorn herein
+verrathen.«
+
+»Als ob Ihr Männer überhaupt je sähet womit sich eine arme Frau
+herausgeputzt hat, diesen Herren der Schöpfung zu gefallen,« spottete
+die junge Frau halb im Scherz halb im Ernst; »entweder Ihr mustert
+ganz genau und auf das peinlichste, immer dabei Eueren schlechten
+Geschmack bewährend, oder Ihr wißt nicht einmal ob wir Seide oder
+Cattun getragen, wenn wir Stunden lang in Euerer Gesellschaft gewesen
+sind -- Gott ist der Mensch grob,« seufzte sie dann nach einer kleinen
+Pause, als René schwieg und vor sich nieder schaute, mit komischem
+Ernst; »handgreiflich leg' ich's ihm in den Weg, und nicht eine kleine
+unbedeutende Schmeichelei sagt er mir dafür.«
+
+»Liebe Madame Belard,« bat René.
+
+»Ich bin schon wieder gut,« lachte die kleine Frau, »aber René,«
+setzte sie ernster, und einen Blick umherwerfend ob sie Niemand
+überhöre, hinzu -- »seien Sie auch vernünftig, setzen Sie sich über
+eine kleine Vernachlässigung Ihres sonst so lieben Weibchens eher
+einmal hinweg, als Sie es nöthig hätten wenn sie -- eben von --
+unserer Farbe wäre. Der Fremde kann nun einmal unsere
+Privatverhältnisse nicht so leicht durchschauen, und wird der
+_farbigen Eingeborenen_ nie eine solche Achtung und Aufmerksamkeit
+zollen, als ob sie ihm ebenbürtig wäre.«
+
+»Und ist sie das nicht?« rief René erstaunt, und Madame Belard biß
+sich auf die Lippen; sie zögerte augenscheinlich mit einer Antwort,
+die sie sich scheute gerade auszusprechen.
+
+»Lieber René,« sagte sie endlich nach einer kleinen Pause mit
+wirklicher Herzlichkeit im Ton, wie sie bis jetzt noch nie zu ihm
+gesprochen, »Sadie ist ein liebes herziges Kind, eine Frau die man
+lieber gewinnt mit jedem Tag, und ihre ganze Seele liegt in ihrem
+Blick, aber -- «
+
+»Aber? Madame Belard?«
+
+»Sie haben sich mit ihr die Rückkehr in die Heimath abgeschlossen,«
+setzte die kleine Frau endlich entschlossen hinzu -- »Sie haben sich
+auf Ihre Bambushütte und den Meeresstrand beschränkt, und -- ich weiß
+nicht ob Sie daran gut gethan haben.«
+
+»Und paßt Sadie nicht in jede Gesellschaft?«
+
+»Ja -- aber die Gesellschaft paßt nicht für sie;« lautete die rasche
+Antwort; »wenn sie von der Gesellschaft als das aufgenommen würde was
+sie wirklich ist, in all' ihrer Anmuth und holden Weiblichkeit, keine
+andere Frau könnte höher stehen, aber wir leben nun einmal in einer
+Welt von Vorurtheilen, und -- können nicht durch die Wand mit dem
+Kopf.«
+
+»Aber ich will von der Welt Nichts mehr -- mir genügt das Glück das
+ich besitze -- sie sollen mir das nur unverkümmert lassen.«
+
+Madame Belard schüttelte mit dem Kopf und sagte ernst:
+
+»Sie kennen sich selber nicht, Delavigne, und sind hier in
+Verhältnisse gekommen, die Sie noch nicht übersehen können; gebe Gott
+daß ich unrecht habe, aber Sie passen so wenig zu dem thatenlosen
+Leben dieser Inseln wie -- ich, und ich will auch meinem Gott danken,
+wenn Monsieur Belard einmal ebenso denken lernt und die Segel wieder
+heimwärts setzt.«
+
+»Und was sollte mich hindern ebenfalls nach Hause zurückzukehren?«
+frug René, doch sein Auge suchte dabei den Boden als er sprach, und
+nur als Madame Belard gar nicht antwortete sah er auf, und vor ihm
+stand, mit einem eigenen Lächeln auf den zarten Lippen, _Susanne_;
+aber ohne ihn anzureden schüttelte sie nur leise und wie mißbilligend
+mit dem Kopf und schritt langsam der Stelle zu, auf welcher sich Herr
+und Madame Brouard eben zum Fortgehen anschickten. Ihm blieb jedoch
+keine Zeit weiter, denn durch die Tänzer schritt der Capitain der
+~Jeanne d'Arc~, und mit einer entschuldigenden Verbeugung gegen Madame
+Belard René's Arm ergreifend, führte er ihn mit hinaus in's Freie, wo
+die kühle Seeluft seine heiße Stirn fächelte, und die Sterne gar
+freundlich und traut auf sie herniederschienen.
+
+»Mr. Delavigne,« begann er hier, freundlich des jungen Mannes Hand
+fassend und drückend, »es ist zwischen Ihnen und einem meiner
+Officiere ein mir höchst fataler, ja schmerzlicher Fall vorgekommen.«
+
+»Ich stehe dem Herrn mit Vergnügen jeden Augenblick zu seiner
+Genugthuung bereit,« erwiederte René ruhig.
+
+»Ich weiß das, ich weiß das,« beseitigte es der Capitain -- »aber die
+Sache ist, daß Sie Beide recht und Beide unrecht haben.«
+
+»Ich verstehe Sie nicht,« sagte René.
+
+»Ich will mich deutlicher erklären,« fuhr der Capitain fort; »Sie sind
+selber zu gut mit den hiesigen Verhältnissen bekannt, als daß ich
+nöthig hätte Ihnen den Standpunkt anzugeben, auf dem die Indianischen
+Mädchen den Europäern gegenüber stehen; Sie müssen den geringen
+moralischen Zwang kennen, den sich beide Theile hier auferlegen, und
+Monsieur Rodolphe konnte keine Ahnung haben, daß Eine von Tausenden
+eine solche Ausnahme ihres Geschlechts hier machte.«
+
+»Er ist vollkommen gerechtfertigt Genugthuung zu verlangen,«
+erwiederte René, dem es weh that das Geschlecht der Indianer so
+herabgewürdigt zu sehen; doppelt weh vielleicht weil er fühlte wie
+viel Wahrheit das Gesagte enthalte.
+
+»Tollköpfiges Geschlecht,« murmelte der Capitain, den Kopf ärgerlich
+herüber und hinüber werfend, »aber Ihr sollt Euch nicht schießen,
+Mann, Ihr sollt Euch mit einander vertragen, und einsehen daß Euch
+Gott Euere gesunden Glieder gegeben hat, sie zur Ehre Eueres
+Vaterlandes einzusetzen, wenn's Noth thut, aber nicht da in die
+Schanze zu schlagen, wo es nur eines offenen Wortes zwischen beiden
+Theilen bedarf, sich zu überzeugen daß Beide unrecht hatten.«
+
+»Monsieur Rodolphe wird schwerlich, nach dem Vorhergegangenen, das
+erste Wort zum Frieden bieten,« sagte René vor sich hin.
+
+»So thun _Sie_ es, Delavigne,« rief der Capitain.
+
+»Ich? -- nie« -- zischte René zwischen den zusammengebissenen Zähnen
+durch -- »er hat mein Weib beleidigt und jeder Andere hätte wie ich
+gehandelt. Aber trotzdem will ich die Hand zur Versöhnung reichen,«
+setzte er finster hinzu, »wenn Monsieur Rodolphe mit mir zu Madame
+Delavigne geht, und die Dame dort, der begangenen Rohheit wegen, um
+Entschuldigung bittet. Sie wissen selber Capitain, daß nach unseren
+Begriffen von Ehre keine weitere Wahl mir oder ihm bleibt.«
+
+»Aber Delavigne, das würde bei -- das würde bei -- das würde in Europa
+nöthig sein, aber hier -- «
+
+»Und sind unsere Gesetze der Ehre hier anderer Art?« frug René ihm
+scharf dabei in's Auge schauend.
+
+Capitain Sinclair biß sich auf die Lippen -- er konnte Nichts darauf
+erwiedern wenn er René nicht kränken und einen zarten, höchst
+schwierigen Punkt berühren wollte; aber er wußte auch daß sich
+Rodolphe gerade wieder _seinen_ Begriffen von Ehre nach, einer
+Insulanerin gegenüber, deren Ehen mit den Weißen als viel zu leicht
+und zu wenig bindend angenommen wurden, nie dazu verstehen würde.
+
+Es blieb da weiter keine Wahl, und tief aufseufzend und ärgerlich sich
+abdrehend sagte der Capitain, der gern das Aeußerste vermieden hätte,
+aber die Unmöglichkeit auch einsah:
+
+»So macht was Ihr wollt; schießt Euch beide ein paar Kugeln durch die
+Jacken -- so sind ein paar Tollköpfe weniger auf der Welt -- aber ich
+will mit der ganzen Sache Nichts weiter zu thun haben -- Nichts davon
+wissen -- die Folgen über Euch!«
+
+Er kehrte raschen Schrittes in das Haus zurück, von der anderen Seite
+aber näherte sich dem jungen Mann ein Marineofficier und sagte
+höflich:
+
+»Monsieur Delavigne, wenn ich recht bin?«
+
+»So ist mein Name.«
+
+»Sie wissen, was -- «
+
+»Ich stehe Ihnen mit Vergnügen zu Diensten.«
+
+»An wen wünschen Sie daß ich mich wende?«
+
+»Lieutenant Bertrand wird so freundlich sein -- «
+
+»Ah -- besten Dank, Monsieur, und guten Abend.«
+
+Mit höflichem Gruß trennten sich die beiden Männer, und René folgte
+dem vorangegangenen Capitain, Bertrand in Kenntniß zu setzen und um
+seinen Beistand zu bitten, und seine Frau nach Hause abzuholen. Der
+Abend war ihm verleidet worden gegen weitere Lust und Freude.
+Unbemerkt, wenigstens unbeachtet hatte er dabei gehofft den Saal
+wieder betreten zu können, Madame Belard schien ihn aber schon in
+Angst und Sorge erwartet zu haben, und seinen Arm ergreifend führte
+sie ihn den Saal entlang.
+
+»Was haben Sie gethan?« flüsterte sie dabei, »Sie wilder Mann; und die
+arme Frau sitzt da drin und weint und sorgt und grämt sich, und weiß
+-- ahnt noch nicht einmal das Schlimmste.«
+
+»Wo ist Sadie?« frug René leise, sich im ganzen Saal vergebens nach
+ihr umschauend.
+
+»Auf meinem eigenen Zimmer -- ich führe Sie dorthin.«
+
+»Nur einen Augenblick, Madame,« bat René, »ich habe nur einem Herrn da
+drüben zwei Worte zu sagen; entschuldigen Sie mich nur einen Moment,
+ich bin gleich wieder bei Ihnen.«
+
+»Und so soll es doch zum Aeußersten getrieben werden?« flüsterte
+erbleichend Madame Belard.
+
+René zuckte die Achseln -- aber Bertrand, ebenfalls im Begriff den
+Saal zu verlassen, stand nur wenige Schritte von ihm entfernt --
+wenige Worte leise geflüstert, genügten -- sie drückten einander die
+Hand, und René eilte rasch zu seiner ihn ängstlich erwartenden
+Führerin zurück.
+
+»Was Ihr für entsetzliche Männer seid,« sagte sie dabei, als sie den
+Saal verlassen hatten und die Treppe hinaufstiegen, der höher
+gelegenen Wohnung zu -- »mit kaltem Blut verabreden sie da einander zu
+morden oder zu verstümmeln, und machen sich weiß dabei daß es nöthig,
+unumgänglich nöthig wäre. Guter Gott wie wird das jetzt enden. -- Aber
+da gehen Sie hinein, und gehen Sie zu Haus mit ihr, so rasch Sie
+können -- sie sehnt sich zu ihrem Kind, und ich möchte mich selber
+hinsetzen und weinen, wenn ich daran denke wie das arme süße Wesen,
+das hier Kummer und Sorge trägt unverschuldet, von mir eingeladen war
+sich zu amüsiren, und jetzt zu Hause geht, das Herz voll zum
+Ueberlaufen von Wehmuth und Leid. Sie dürfen mit ihr hier auf Papetee
+nicht mehr unter weiße Männer gehen, René, oder Sie können der armen
+Frau noch selber das Grab hier graben auf der fremden Insel.«
+
+Und damit, ohne weiter eine Antwort von ihm abzuwarten, öffnete sie
+die Thür ihres Zimmers, ließ René eintreten und kehrte dann selbst zu
+ihren Gästen zurück, dort keinen Verdacht zu erwecken daß irgend etwas
+Außerordentliches vorgefallen sei, was den Frohsinn hätte stören
+dürfen.
+
+
+
+
+Capitel 7.
+
+#Unterwegs.#
+
+
+René betrat rasch das kleine sonst so freundliche jetzt aber nur von
+einer einzigen düster brennenden Lampe kaum erleuchtete Gemach -- eine
+eigene Angst, über die er sich eigentlich keine Rechenschaft zu geben
+wußte, preßte ihm das Herz zusammen, und nur zum Theil beruhigte es
+ihn, als ihm Sadie entgegen kam und beide Hände für ihn ausstreckte.
+Er zog sie leise an sich, und sie schmiegte ihr Köpfchen fest, fest an
+seine Schulter, ohne ein einziges Wort zu sagen, ohne einen Laut
+auszustoßen.
+
+»Arme Sadie,« flüsterte er leise, und küßte sie auf die heiße glühende
+Stirn -- fester drückte sie sich an ihn, aber sie athmete kaum, und
+René fühlte wie sie in seinem Arm zitterte.
+
+»Wir wollen zu Hause gehen, mein süßes Lieb,« sagte er flüsternd zu
+ihr niedergebeugt, und sie nickte heftig an seiner Brust, aber ohne zu
+reden -- das Herz war ihr so voll -- so voll und so weh. Schweigend
+nahm er seinen Hut, den Madame Belard schon für ihn zurechtgestellt,
+und seinen Arm um ihre Schulter legend, sie zu stützen zugleich und zu
+führen, verließ er mit ihr das erleuchtete, Luft und Leben athmende
+Haus, durch eine Hinterthür das Freie suchend, da vorn, den hellen
+Fenstern gegenüber, hundert von Eingeborenen standen und lagen, den
+Tönen der Instrumente, den wunderlichen Melodien lauschend, bis hie
+und da eine Aehnlichkeit im Takt durch die Glieder Einzelner zuckte,
+und sie zum Tanz antrieb aus freier Hand, mitten auf der Straße
+draußen.
+
+Durch den Garten, unter den thauigen Bananen und Orangen schritten sie
+hin, langsam und schweigend den schmalen Pfad entlang, auf den der
+Mond nur mühsam durch Palmenkrone und Brodfruchtwipfel einzelne seiner
+Strahlen konnte niederwerfen. Eine schmale Pforte führte auf die
+äußere Straße, und dieser folgend erreichten sie bald den düsteren
+Palmenhain, der vom Fuß der Hügel ab bis dicht an den Strand reichte
+und von dessen Wellen selbst seine Wurzeln bespühlen ließ.
+
+»Du solltest Dich freuen an unseren Sitten und Vergnügungen,« sagte
+endlich René leise, als sie schon lange schweigend neben einander
+hingeschritten und René nur ängstlich bemüht gewesen war, die dicht an
+ihn angeschmiegte Gestalt des jungen Weibes vor allen Unebenheiten des
+Weges zu bewahren. »Du solltest tanzen und fröhlich sein, und hast nur
+Schmerz dort gefunden und Herzeleid.«
+
+Sadie wollte sprechen; René fühlte wie sie sich von seinem Herzen halb
+emporrichtete, aber es war auch als ob ihr die Kraft oder das Wort
+dazu fehle.
+
+»Bist Du mir böse, Sadie?« sagte René endlich nach langer Pause, und
+suchte dabei ihr Antlitz zu sich emporzuheben.
+
+»Nein René,« flüsterte die Frau leise und schüttelte langsam den Kopf
+-- »nein, nicht böse -- aber -- aber eine Bitte hätte ich an Dich.«
+
+»Und nenne sie mein Herz.«
+
+»Du warst so glücklich in Atiu« -- fuhr Sadie nach kurzem Zögern fort,
+-- »kein Schmerz, kein Weh drohte unseren Frieden zu stören. Dort --
+waren keine weißen Männer und Frauen weiter,« fuhr sie mehr Muth
+gewinnend, aber doch immer noch schüchtern fort, »dort warst Du Einer
+der Unseren geworden, Alle hatten Dich lieb, und ich selbst -- war ein
+Kind des Bodens und fand dort meine Heimath. Hier sind wir fremd, und
+der Charakter des Landes ist, durch _Deine_ Landsleute, wie auch
+durch die Engländer ein anderer geworden. Die weißen Menschen dünken
+sich besser in ihrer Farbe,« fuhr sie wieder leiser fort, »als wir,
+denen die Sonne dunklere Haut gegeben. Sage mir Nichts dagegen, René,
+ich _weiß_ es, und so weh es mir thut, ich wollte es gern ertragen um
+_Deinetwillen_ -- wenn ich nicht eben _Deinet_willen Dich bitten müßte
+wieder mit mir fort von hier zu ziehen.«
+
+»Meinetwillen, Sadie?« sagte René, aber es war ihm nicht Ernst mit der
+Frage und Sadie wußte es.
+
+»Wenn Du es nicht selber _fühlst_, René,« sagte sie traurig, »mit
+Worten kann ich es Dir nicht beschreiben; ich kann Dich auch nur
+versichern daß ich die Ueberzeugung habe wie wir Beide recht, recht
+unglücklich werden würden, wenn wir hier blieben.«
+
+»Aber mein Geschäft,« sagte René.
+
+»Trägt nicht die Cocospalme Milch im Ueberfluß,« bat Sadie, sich
+fester an ihn schmiegend, »hängt nicht die Brodfrucht voll und reif am
+Zweig, und die Orange bietet Dir die Frucht, indem sie ihre duftenden
+Blüthen auf Dich niederschüttelt; hast Du nicht mich -- Dein Kind? --
+liegt nicht der Frieden Gottes auf jenem stillen kleinen Inselreich,
+das Seine Huld mit Allem ausgestattet was lieb und schön und gut und
+fruchtbar ist? Sieh René,« setzte sie lauter, fester hinzu, »ich habe
+Alles gethan was Du von mir verlangt; ich habe mir Deine Sitten
+angeeignet, so weit es in meiner Macht stand, ich trage Euere
+Kleidung, ich spreche Euere Sprache, ich habe mein Herz Dir gegeben,
+Dir, nur Dir allein -- und meinem Kind. Nur -- nur die Farbe konnt'
+ich nicht ändern, die Gott meiner Haut gegeben -- ich bin ein Kind
+dieser Inseln, und als solches hast Du mich lieben gelernt, und zu
+Deinem Weib genommen. Aber meine Schwestern hier auf Tahiti sind
+anderer Art -- nicht mit so treuer Sorgfalt erzogen wie ich, leben sie
+meist wüst und wild in den Tag hinein -- und Deine Landsleute tragen
+viel die Schuld. Du hast heute erfahren in welcher Achtung die
+Insulanerin bei ihnen steht -- willst Du noch länger Zeuge sein wie
+sie mich kränken und niederdrücken? -- und doch hast Du nicht den
+zehnten Theil von dem gesehen was mir wie Messer in die Seele schnitt,
+nicht die kalten verächtlichen Blicke einzelner Frauen -- nicht die
+leichtfertigen Worte gehört, die mir, heimlich oft, oft ohne Furcht
+und Scheu in die Ohren geflüstert wurden, und das Blut in die Wangen
+jagten. _Ich_ gehöre nicht unter jene Menschen, ich passe auch nicht
+für sie, sie nicht für mich, und willst Du hier bleiben auf Tahiti,
+magst Du Dich nicht trennen von dem jetzt vielleicht lieb gewonnenen
+Leben, so laß mich daheim bei meinem Kind, René, dorthin gehör' ich,
+den Platz füll' ich aus, und unsere Hütte mag Dir selber eine Heimath
+werden -- aber Atiu wird es uns doch nie ersetzen. -- O zögest Du
+zurück, René.«
+
+René erwiederte Nichts; schweigend schritten sie neben einander hin,
+und tolle Bilder zuckten ihm durch Sinn und Hirn, denen er nicht Form,
+nicht Deutung zu geben vermochte. Das geschäftige, wenn nicht
+gesellige Leben Papetees war ihm schon theilweis zum Bedürfniß
+geworden, dem er nicht gern entsagen, das er sich aber noch weit
+weniger gestehen mochte, und doch auch wieder fühlte er in
+unbestimmter Ahnung die Gefahr, die seiner häuslichen Glückseligkeit
+hier drohen könne. Er sah sich in Kampf und Streit mit Europäern, von
+den Indianern angefeindet seiner Religion und Abstammung, von den
+Europäern verachtet seiner Heirath wegen, und durch das Alles, wie ein
+blendender neckischer Strahl, zuckte das weiße, wunderschöne Antlitz
+des fremden Mädchens, das kalt und höhnisch auf ihn niedersah und
+seiner Angst und Qual da unten nur zu spotten schien. _Jetzt_ gerade
+sollte er Papetee verlassen, wo sie hier erschienen war, daß sie wohl
+gar nachher sich rühmte, er sei vor ihr geflohen? -- bah -- was war
+sie ihm? -- ihre Schönheit konnte ihn nicht locken, Sadie war schöner
+-- und ihr Geist? -- ihr fehlte die milde Weiblichkeit die der
+Geliebten jenen unendlichen Reiz verlieh. -- Und ihre Farbe -- blindes
+thörichtes Menschenvolk, den Werth eines Herzens nach der Schaale oder
+Farbe zu schätzen, und die süße Frucht gar deshalb zu verachten, weil
+sie von der Sonne etwas mehr gebräunt. Und doch war gerade das jetzt
+dem jungen ehrgeizigen Mann ein bitteres schmerzliches Gefühl, _daß_
+sie mit jenem kalten Lächeln auf ihn niedersehen _konnte_; der Gedanke
+wurde ihm zur Qual, und ein Seufzer hob seine Brust. Es war zum
+_ersten_ Mal der Wunsch daß die Geliebte seiner Farbe wäre, und Sadie
+hörte und verstand den Seufzer, denn sie senkte das Köpfchen und
+schritt lautlos neben ihm hin.
+
+So erreichten sie den stillen freundlichen Platz der ihre Heimath war,
+das matte gedämpfte Licht das aus dem einen verhangenen Fenster quoll,
+beleuchtete den Schlaf ihres Kindes, die Palme die ihren breiten
+Wipfel darüber hing, rauschte leise und feierlich, und es war als ob
+sie dem Schlaf des Lieblings lausche und ihm bunte freundliche Träume
+zuflüstere über sein kleines Bett.
+
+Fast unwillkürlich blieben die beiden Gatten stehen, und wie ihr Blick
+auf dem friedlichen Dache ruhte, das ihnen das Theuerste umschloß, als
+René der tausend glücklichen, seligen Stunden gedachte, die er schon
+dort mit seinem trauten Weib verlebt, und nun auch die frühere Zeit
+-- die erste Zeit seiner Liebe, seiner Hoffnungen, des errungenen, so
+schwer errungenen Glücks in vollen lebendigen Farben emporstieg vor
+seinem inneren Geist, wie er damals den Augenblick gesegnet in dem er
+dieses Paradies zuerst betrat, da überkam ihn ein recht weiches,
+reuiges Gefühl, und sein Weib, sein treues braves Weib fest an sich
+ziehend, preßte er seine Lippen an ihre glühende Stirn, und das
+Liebeswort »Sadie« erstarb in dem langen, heißen Kuß.
+
+»Komm,« flüsterte sie endlich, und entzog sich leise seiner Umarmung
+-- »komm!« und seine Hand ergreifend, führte sie den Gatten an das
+Bett des Kindes.
+
+Oh wie so süß der kleine Liebling ruhte; die Lampe, von einem breiten
+Bananenblatt verdeckt, warf nur den matten grünen Schein über den
+schlummernden Engel hin; die langen seidenen Wimpern lagen voll und
+dicht auf den von Schlaf gerötheten blühenden Wangen, und ein liebes
+herziges Lächeln spielte um die fein und zart geschnittenen Lippen.
+Engel flüstern mit dem Kind, wenn es im Schlafe lächelt, und das
+Mutterherz sieht des Schutzgeistes Fittiche ausgebreitet über dem
+Liebling.
+
+Komm lieber Leser, komm -- siehst Du die Gruppe dort, das Herz des
+Weibes an des Mannes Brust, Mutter- und Vaterliebe dem Schlaf der
+Unschuld lauschend und Gottes Segen niederflehend auf das Haupt des
+schlummernden Kindes? -- Und darüber die rauschende Palme, das Bild
+des Friedens? um sie her aber den stillen rauschenden Wald, und der
+Sterne blitzende Schaar die Zeugen des erneuten Bundes? -- komm,
+leise, leise daß Du es mir nicht störst, das freundliche Bild. --
+Wohin? -- nach dem Strand führ' ich Dich -- hörst Du die Brandung
+rauschen über die Riffe hin? -- sie donnert ihre alte ewige Weise
+unverdrossen fort, aber doch heimlicher, ruhiger heut' Nacht, als ob
+sie selber sich scheue den heiligen Frieden zu stören, der auf der
+wunderschönen Insel ruht, und wie des Mondes Scheibe dort oben über
+den Gebirgshang herübersteigt und sein Licht über die See gießt,
+blitzt ihm die Brandungswelle im weiten silbernen Streif den Strahl
+zurück. Komm, dort unten liegt mein Canoe, und jenes freundliche Licht
+leuchtet uns auf unserer Bahn. So, steig nur ein und fürchte sein
+Schwanken nicht, der Luvbaum schützt es vollkommen vor jedem
+Umschlagen, jeder weiteren Gefahr, und durch die Corallenriffe hin
+steuere ich Dich in dem scharfgebauten Kahn über das Mond beleuchtete
+Wasser anderen, wenn auch nicht so friedlichen Scenen zu.
+
+Klares Wasser unter uns -- tief, tief liegt es dort unten in
+»purpurner Finsterniß« und lichte glühende Punkte ziehen und blitzen
+durch die geheimnißvolle, dem Menschenauge noch unerschlossene Welt.
+Dort unten baut der Korallenbaum nach rechts und links hinüber seine
+Wälle und Dämme, gegen die Jahrtausende die wilde Brandung schlägt,
+und im Innern dort hat er sich sein stilles Haus gebaut und sein
+cristallenes Dach gewölbt, und jetzt bei Nacht entzündet er die grünen
+Lichter alle, und wie ein Feeendom blitzt es und strahlt's zu Dir
+hinauf.
+
+»Die Sterne, wenn sie alt werden und sterben, fallen sie in's Meer,«
+sagt Dir der Indianer, »und dort feiern sie ihre Wiedergeburt und
+tanzen und werden wieder jung« -- aber glaub's ihm nicht; tief unten
+in dem Corallenwald, dessen eng und dicht verschlungene Zweige
+neidisch das ihnen anvertraute Geheimniß wahren wollen, tanzt das
+fröhliche Nixenvolk, das eigene Haar von blitzendem Licht
+durchflochten, den frohen Reigen, huscht unter den Bäumen hin, herüber
+und hinüber, und fährt hinauf und hinunter oft wie ein zündender
+leuchtender Strahl. Und der träumende Fischer oben, der in seinem
+Canoe liegt und staunend niederschaut in die ihm fremde wunderbare
+Welt, sieht die Lichter und folgt ihrem Zucken und Schießen mit den
+Augen, und glaubt auch manchmal daß er unter, neben sich -- doch nein,
+hätt' er die Geister wirklich je belauscht, er würde nie zum Strande
+wiederkehren; nur an der Schwelle darf er stehen, wie die Natur uns
+Alle auf der Schwelle läßt, und keinen Blick erlaubt in ihr geheimes
+wunderbares Wirken.
+
+Weiter -- schau nicht zu lang hinab, Dich schwindelt; und siehst Du
+den lichten Streif da drüben, der schon zweimal herüber und
+hinüberschoß, und dort zu Hause scheint, wo der Corallenhang die
+weiten Arme aufwärts wirft -- das ist ein Hai, der unserem Kahne
+lauernd folgt -- ein Wächter seinen Gebietern da unten.
+
+Sieh, am Bug kräuselt und zischt die Fluth und aus dem silberglühenden
+Schaum blitzt sie Diamanten gleich funkelnde knisternde Lichter aus
+über das ruhige Wasser, auf dem sie eine Weile rasten und dann
+zerfließen. Mehr und mehr schwindet das Ufer zurück, und wir sehen den
+Schatten der Palme nicht mehr in der klaren Fluth, wie sie den Wipfel
+weit weit hinüberreicht sich zu spiegeln, und Morgens die Thautropfen
+niederzuwerfen in ihr eigenes Bild. Der Berg mit seinen gewaltigen
+Umrissen tritt massenhaft hervor, und links von uns donnert und
+schäumt die Brandung und springt höher empor, und rollt lauter und
+heftiger, als ob sie sich unserem Nahen widersetzen und uns
+zurückscheuchen wolle aus ihrer Nähe.
+
+Dicht an der Corallenbank hin gleiten wir -- so dicht, daß wir mit dem
+Ruder die hochaufzackenden starren Zweige berühren und Seeigel und
+Stachelei in ihren schimmernden strahligen Betten im matten
+Phosphorschein können liegen sehen -- schärfer kräuselt das Wasser am
+Bug und einen Gluthstreifen zieht hinter dem Canoe die aufgerührte
+Welle. Weiter -- von düsterer Nacht gedeckt, auf dem der Mond wie ein
+Silberschleier liegt, und nur den eigenen Strahl zurückzublitzen
+scheint, dehnt sich das waldbewachsene Ufer aus an unserer Rechten,
+mit seinen dunklen Orangen- und Guiavenschatten, seinen
+fächerblätterigen Pandanus und wehenden Palmen.
+
+Weiter -- die aufgescheuchte Möve, die im raschen Kreisschwung über
+die Fluth streicht stößt nieder nach dem dunklen Schatten des Canoes,
+flattert zurück, kehrt wieder, und abschweifend in weitem gewaltigen
+Bogen verschwindet sie in dem dämmernden Zwitterlicht, und nur der
+scharfe Schrei tönt noch aus dunkler Ferne zu uns her, die Bahn
+verrathend der sie jetzt folgt.
+
+Sieh wie düster das Vorgebirge sich da hinauslagert in See, einem
+riesigen Ungeheuer gleich das vom Gebirge niedergestiegen und sich
+hier hineingeworfen in die klare Fluth, die heißen Flanken zu kühlen
+und den lechzenden Schlund -- und das Brausen des Wassers -- ist es
+doch fast als ob das schwere Athmen des Kolosses herübertöne in langen
+gewaltigen Pausen.
+
+Daran hin gleitet der Kahn; so dicht -- durch die Palmen am Ufer
+kannst Du das südliche Kreuz erkennen, wie es sich um des Südpols Axe
+dreht -- und dort drüben die Lichter? dort liegt die Grenze unserer
+Poesie -- die Compaßlichter sind's der im Hafen ankernden Schiffe, und
+in den offenen Luken liegen eherne Feuerschlünde, wie schlafend jetzt
+im Bau, jeden Augenblick aber bereit die eisernen Todesboten
+hinüberzusenden an diese stillen Ufer.
+
+Unter jenem stolzen Schiff fahren wir hin -- der Talbot ist's -- und
+der Mann dort, der das Kinn auf den Arm gestützt, träumend nach uns
+herüberschaut der wachthabende Matrose, der schon lange das nahende
+Boot beobachtet hat, und heimlich den Kopf schüttelt was die stillen
+Ruderer hier draußen in der Bai thun so spät in der Nacht. Wie stolz
+und symmetrisch die Masten, mit ihrem spinnewebartigen Gewirr von
+Tauen und Stagen scharf und klar abzeichnen gegen das hellere
+Firmament, und wie leicht und elastisch der stattliche Bau auf dem
+Wasser ruht, der Möve gleich die schlummernd die weiche Woge gesucht,
+sich in Schlaf zu schaukeln durch die stille Nacht.
+
+Und da drüben? -- der schlanke wespenartige Bau kündet ein anderes
+Kriegsschiff, die ~Jeanne d'Arc~, bedroht wie es fast scheint von dem
+Talbot hier und dem Vindictive da drüben, jenem gewaltigen Koloß, der
+die Mündungen seiner Kanonen auch hier herüber gerichtet hält; aber
+die Zähne gerade so weisend wie der stärkere Feind und mit
+entschlossenem Trotz liegt die Corvette still und ruhig in so
+gefährlicher Nachbarschaft, und mit der Morgensonne grüßt nicht
+rascher der erste Strahl die stolzen Flaggen Albions, als ihre drei
+Farben lustig im Winde flattern.
+
+Welch ein eigenes wunderliches Bild in der Fluth da unten, wie die
+Schatten der dunklen Raaen herüber und hinüberziehen, und die Sterne
+ihr Bild daneben suchen in dem unheimlich düsteren Wasserspiegel.
+
+Horch auf dem Kriegsschiff tönen die Schläge einer Glocke, »sechs
+Glasen« schlägts, es ist elf Uhr, und kaum hat die Glocke der
+Ankerwinde, vorn auf dem Vorcastle des Vindictive dem Compaßschlag
+geantwortet, als in rascher Reihenfolge, die ~Jeanne d'Arc~ mit dem
+Talbot zu gleicher Zeit, und nach ihnen alle Schiffe in der Bai die
+Stunde schlagen. Alles ist wieder still und ruhig wie vorher, so
+lautlos liegt die Nacht auf dem kaum athmenden Meer, daß man den
+Schritt der einzelnen Wache auf dem nächsten Deck des französischen
+Kriegsschiffs deutlich hört, und das leichte Summen einer heimischen
+Melodie tönt leise, mit dem regelmäßigen Gang, zum Takt über das
+Wasser. Da beginnt noch ein Schiff die versäumte Zeit langsam
+nachzuschlagen -- die französische Schildwacht lacht, und zählt, mit
+Singen einhaltend, die schläfrigen rauhen Schläge einer gesprungenen
+Glocke.
+
+Von dort her kommen sie, von dem Wallfischfänger der gerade in unserer
+Bahn liegt, und der Mann der die Wacht hatte schlief so sanft in Lee
+vom Boot und träumte so süß, als das Schlagen der Glocken wieder und
+immer wieder zu ihm herübertönte. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs
+-- erst fein und dann tief -- er zählte sie von _allen_ Schiffen, und
+als wieder Alles still und ruhig geworden, und er in seinem Halbschlaf
+lange gewartet hatte daß die klappernden Töne seines eigenen faulen
+Schiffes, der einst so rüstigen ~Kitty Clover~, wie immer den Nachtrab
+aufbringen sollte, da erst fiel es ihm ein daß er selber heute das Amt
+habe die alte lebensmüde Glocke sprechen zu machen, und mit einem
+leise gemurmelten Fluch suchte er sich zusammen, stand auf und den
+Klöppel anziehend daß er im Mißton sechsmal gegen die geborstene Seite
+dröhnte, brummte er bei jedem traurigen Schlag:
+
+»Verdamme Dich -- altes -- geborstenes -- klapperndes -- schnarrendes
+-- Lärmeisen Du! S'ist ein Skandal für die ganze Nachbarschaft,«
+setzte er dann knurrend hinzu, als er den Lagerplatz wieder suchte
+unter dem Boot, den Mondstrahlen wenigstens aus dem Weg zu gehen, und
+nicht aufzuwachen am andern Morgen mit geschwollener Physionomie.
+
+Der Mond fällt jetzt voll und licht gegen die Flanke des schmutzigen,
+von Rauch und Theer geschwärzten, thranigen Fahrzeugs der ~_Kitty
+Clover_~ -- die Segel die gestern zum Trocknen gelöst worden, hängen
+halbaufgegeit, die breiten Theerstreifen der Reefer zeigend[H] an den
+Raaen; die kurzen Masten mit dem breiten Sitz für den Ausguck darauf,
+die Boote aufgezogen und mit Cocosblattmatten dicht bedeckt, die heiße
+Sonne über Tag davon abzuhalten, das zerfetzte Kupfer am Bug, das
+Zeichen einer langen Reise, Alles kündet das Geschäft des
+Wallfischfängers, und doch liegt er hier träge und faul, mitten fast
+in der guten Jahreszeit, zu ruhen und träumen, statt im Norden oben
+den Fischen aufzulauern und seinen Rumpf zu füllen.
+
+Dicht unter seinen Krahnen gleiten wir hin, und freier dehnt sich die
+Bai hier vor uns aus. -- Siehst Du da drüben die kleine Palmen
+bewachsene Insel, links der Einfahrt zu? -- ~Motuuta~ ist's, der
+Königssitz der Pomaren, der stille Zeuge ihrer früheren Macht und
+häuslichen Glückseligkeit. -- Vorbei; so ist die Zeit der Pomaren,
+vorbei; ihre Macht ist zum Spott geworden zwischen Engländern und
+Franzosen; zum Spiel, um das beide Nationen vielleicht mit
+Kanonenkugeln würfeln, oder es auch dem einen Gegner, als nicht der
+Mühe werth des Streits, freiwillig überlassen.
+
+Weiter -- aus den dunklen Schiffen heraus, deren düstere Rumpfe lange
+Schatten werfen, und das weiche Mondlicht um sich her einzusaugen
+scheinen, gleiten wir vor. Funken sprühend ordentlich in der
+elektrischen Fluth, schießen wir dahin, das leichte Ruder den
+scharfgebauten Kahn fast über die Welle hebend die ihn trägt. Da
+drüben liegt der Strand -- weit und silbern dehnt sich der
+mondbeschienene Muschelkies und blitzt und funkelt, und die Woge
+quillt auf dagegen und saugt und breitet darüber hin, zurückweichend
+nur den funkelnden Schaum ihm lassend, der in Atome auseinanderfließt.
+
+Erreicht haben wir jetzt das lange niedere, palmenbewachsene Land, den
+rechten Arm der Bai, die ihn schützend vorhält gegen den Passat, und
+kleine hochgebaute Gerüste laufen ein Stück hier in See hinaus, von
+dem sandigen Strand ab, Seebooten auch bei niederem Wasserstand die
+Anfahrt zu gestatten.
+
+Aber was braucht das Canoe solcher Hülfe, das schattige Ufer zu
+erreichen? -- risch hin, mehr über wie durch das Wasser schießt's auf
+der klaren Fluth, und das Ruder das es vorwärts treibt, hebt es und
+zwingt es, selbst über Coralle und Sandbank fort, dem weißen
+Muschelkies entgegen. Bambusstäbe sind hier überall dem Grund
+eingestoßen, ein Zeichen für Fischer und Boote von tieferem Wasser;
+mitten zwischen ihnen durch springt das Canoe, und wie die aufgebogene
+Spitze in vier Zoll Wasser den Sand berührt, hebt sich das schlanke
+Boot und sitzt fest. -- Nur hinaus, ob uns das warme salzige Naß den
+Fuß auch netzt, am Cocosbasttau ziehen wir den Kahn hoch hinauf auf's
+trockene Land, daß ihn die rückkehrende Fluth nicht hebt und
+fortführt, und durch der Gärten schattiges Grün, durch die der
+Mondenstrahl nicht einmal zur Erde dringt, führe ich Dich einen
+Schleichweg hinauf zu heimlichem Platz.
+
+Reich' mir die Hand hier, denn der Pfad ist schmal, und dort gleich
+hinter der Bananen letzte Reihe, denen der Brodfruchtbaum noch
+Schatten giebt, beginnt das Dickicht der Guiaven, und über dem Pfad
+reichen die niederen Büsche sich die Zweige traulich herüber und
+schlingen die Arme fest in einander, tiefer und tiefer niederdrückend
+in den Weg, bis des Menschen Hand, mit scharfem Stahl bewehrt, wieder
+eine neue Bahn abzwingt den zudringlichen. Weiter -- halte Dich fest an
+mich und hebe den Fuß, denn alte niedergebrochene Cocosnüsse und
+Hülsen decken den Boden und -- was Du zertratst, und was unter Deinem
+Fuße wich? -- reife Guiaven sind's, die den Boden hier decken, kehre
+Dich nicht an sie, über und neben Dir wachsen mehr, und jetzt --
+siehst Du das Licht dort durch die Zweige blitzen? hörst Du die
+gellenden Töne keifender Menschenstimmen? -- wir sind am Ziel und ich
+führe Dich jetzt ein bei _Mütterchen Tot_.
+
+FOOTNOTES:
+
+[H] Die Wallfischfänger, um Nachts nicht zu viel Fortgang mit ihren
+Schiffen zu machen, und Fischen vielleicht vorbeizulaufen, reefen
+meist Abends ihre Segel, und da die Leute den Tag über Thran auskochen
+und voll Fett sind, so machen sie auch Fettflecke in die Segel, auf
+denen sie zum Einbinden liegen.
+
+
+
+
+Capitel 8.
+
+#Mütterchen Tot's Hotel.#
+
+
+Tief in den Guiaven versteckt, und etwa nur vier-oder fünfhundert
+Schritte von den äußersten Häusern von Papetee entfernt, lag eine der
+gewöhnlichen lang-ovalen niederen Bambushütten dieser Inseln, mit
+Pandanusblättern gedeckt, und wenig mehr anderem Hausgeräth, als ein
+paar eisernen Kesseln und einem Dutzend oder mehr niederer, halb
+ausgehöhlter Schemel, die den Eingeborenen über Tag zum Sitz, und über
+Nacht zum Kopfkissen dienen.
+
+Die Wände waren übrigens, statt dem Luftzug freien Raum zu gönnen wie
+in den gewöhnlichen Indianischen Häusern, mit dünnen Bastmatten fast
+überall verhangen, und der Wärme wegen konnte das nicht gut geschehen
+sein, denn gerade dieser Platz hätte einer frischen Zugluft eher
+bedurft, wo das Guiavendickicht wie eine Mauer fast den engen, darin
+ausgehauenen Hof und Hausraum umschloß; aber der Besitzerin dieses
+Platzes lag mehr daran ungestört und von neugierigen unberufenen Augen
+nicht belästigt zu sein, als frische Luft zu haben -- obgleich sie
+deren Wohlthat wohl auch zu schätzen verstand.
+
+Die Wände, wenn man das mit Bast überhangene Gatterwerk überhaupt so
+nennen darf, waren auch weiter durch Nichts belästigt was etwa einen
+besonderen Reichthum der Inwohner hätte anzeigen können; an der einen
+Seite hingen nur ein paar alte Kattun-Ueberwürfe, abgenutzt und
+geschwärzt durch die Jahre sowohl wie auch vielleicht den Rauch der
+Hütte, neben diesen aber und unter einer langen Reihe ausgeschliffener
+Cocosnußschalen, die die Stelle von Trinkbechern versahen, paradierte
+ein alter, einst weiß gewesener, aber jetzt in jede mögliche, wie
+unmögliche Form hineingedrückter Filzhut, der in besseren Tagen
+vielleicht einmal den pomadisirten Kopf eines Dandy im lustigen alten
+England geziert, jetzt aber verdammt war, seine Tage in
+Cocosnußölqualm und Guiavenholzrauch in einer Tahitischen Hütte zu
+verträumen.
+
+So kahl übrigens die Wände dreinschauten, so toll und wild stand alles
+mögliche Geschirr und Geräth in den Ecken herum. Kalebassen, die auf
+diesen Inseln den Bewohnern gewöhnlich zu Kommoden, Koffern,
+Hutschachteln, Arbeitskörben, Speisekammern, Toiletten und Gott weiß
+was sonst noch dienten, waren in Masse vorhanden, und hie und da eine
+über die andere geschichtet; dabei lehnte, zwischen ein paar Besen,
+einer Harpune und einem Ruder, eine alte rostige Flinte mit
+Feuerschloß, und darüber, aber so versteckt hinter den Matten, daß es
+nur von einzelnen Theilen der Hütte aus gesehen werden konnte, war ein
+schmales kleines Bret befestigt, auf dem ein paar Bücher, und oben auf
+eine dickleibige abgegriffene Bibel lagen.
+
+Interessanter und mannichfaltiger erwiesen sich aber jedenfalls die
+Bewohner wie gegenwärtigen Insassen dieses abgelegenen Platzes, den
+viele der Indianer sogar in abergläubischer Furcht mieden, weil sie
+»Mütterchen Tot«, wie die Eigenthümerin von den Matrosen gewöhnlich
+nur schlichtweg genannt wurde, in dem Besitz übernatürlicher Kräfte
+glaubten, und allerdings rechtfertigte ihr Ansehen eine solche
+Vermuthung, wenn überhaupt auf irgend ein menschliches Wesen
+anzuwenden, vollkommen.
+
+»Mütterchen Tot« war ein Charakter, und Niemand betrat ihr Heiligthum
+zum ersten Mal, ohne eine gewisse Scheu und Ehrfurcht zu empfinden,
+die selbst den Rohsten beschlich -- aber ihr ehrwürdiges Aussehen trug
+wahrlich nicht die Schuld dabei.
+
+Mütterchen Tot war übrigens -- ehe ich den Leser mit ihrem
+_äußerlichen_ Menschen, dem Anzug, bekannt mache -- in Europa und zwar
+in dem Reiche ihrer Großbritannischen Majestät vor langen, langen
+Jahren geboren, Niemand aber konnte mehr an ihrem Dialekt erkennen ob
+in dem bevorzugten England selber, dem ~»bonnie«~ Schottland oder der
+»grünen Insel«, wie Irland von seinen poetischen Kindern genannt wird.
+Sie mischte Alles durcheinander und ihre Sprache hatte dabei, durch
+den langen Aufenthalt auf den Inseln, fast eben so viel Worte von
+diesen angenommen, daß, wer nicht Tahitisch oder wenigstens eine der
+Polynesischen Sprachen verstand, den Schlüssel zu all' den
+wunderlichen Ausdrücken zu haben, kaum im Stande gewesen wäre Sinn
+oder Verstand in ihre Rede zu bringen. Die Indianer und Fremden kamen
+noch am leichtesten darüber hin, die ersteren glaubten sie spräche
+Englisch, die anderen hielten es für Indianisch.
+
+In ihrer Jugend nun aus ihrem Vaterland, wie die böse Welt behaupten
+wollte, nach Sydney deportirt, war sie von dort auf einem Englischen
+Wallfischfänger entwichen, oder eigentlich von dem Capitain
+desselben, den ihre Reize bestrickt haben mochten (denn Leute die
+Jahrelang draußen in See herumfahren sind nicht immer wählerisch)
+entführt worden. Der Capitain riskirte damals Zuchthaus, aber was
+riskirt die Liebe _nicht_, und setzte später die junge Dame, als er
+heimwärts fuhr und in solcher Begleitung doch nicht in einen
+Englischen Hafen wieder einzulaufen wünschte, auf den Sandwichs-Inseln
+ab, dort ihr Fortkommen, was ihr auch vollkommen gelang, weiter zu
+suchen.
+
+Mütterchen Tot's Memoiren würden jedenfalls höchst interessante Daten
+liefern, könnte sie nur eben veranlaßt werden näher auf sie einzugehn;
+sie sprach aber nie über ihre Vergangenheit, und das einzige
+Individuum, das vielleicht noch darüber, wenigstens über einen Theil
+derselben, Auskunft hätte geben können, und auf das ich gleich nachher
+zurückkommen werde, durfte nicht.
+
+Soviel ist gewiß, in der Gruppe der Sandwichs-Inseln hatte sie sich
+lange Zeit aufgehalten, und bald auf Oahu bald auf Hawai, gehaust, war
+dann mit einem Sandelholzfahrzeug nach den Freundlichen und
+Navigators-Inseln gegangen, und hatte dort zuerst angefangen eine
+kleine Wirthschaft zu gründen, in der sie besonders Matrosen
+beherbergte, und ihnen berauschende Getränke verkaufte, um die sie,
+wie um manches Andere, bei ihr würfeln konnten. Von dort streifte sie
+nach Neu-Seeland hinüber, wo sie wieder lange Jahre blieb, sich aber
+von hier eine »Stütze ihres Alters«, wie sie einen kleinen einäugigen
+Irischen Schuhflicker nannte, der von jetzt ab bei ihr blieb,
+mitbrachte.
+
+In Neu-Seeland hatten sie die Missionaire vertrieben und auf ein
+Schiff gepackt, das sie Beide in der Samoagruppe landete, und hier
+bewogen die Missionaire ebenfalls wieder einen Capitain das, ihnen
+keineswegs freundlich gesinnte Wesen an Bord zu nehmen und dießmal,
+aus ihrem Bereich ganz und gar hinaus, den Gambiers-Inseln zuzuführen,
+wo sich die Katholiken schon seit längeren Jahren festgesetzt hatten.
+Ein Typhoon aber, der das Schiff faßte und entmastete, strandete es an
+Raivavai, und Mütterchen Tot fand wieder mit ihrem getreuen Begleiter
+den Weg nach Tahiti, das ihr, als Mittelpunkt aller Europäer fast in
+der Südsee, die besten Geschäfte und durch den Zwiespalt der
+Protestantischen Missionaire mit den Katholiken, auch jedenfalls eher
+eine sichere Ruhestätte wie irgend eine andere Insel versprach, wo nur
+eine oder die andere Sekte allein gehaust, und dann auch geherrscht
+hätte.
+
+Dem kleinen Irischen Schuster war das Alles gleichgültig; auch er
+hatte übrigens eine Vergangenheit, die in Sydney ihren
+Culminationspunkt, den Felsen gefunden, zu dem hingetrieben das
+Bächlein seines Lebens wild und toll genug gesprudelt hatte, bis es
+mit dem gewaltigen Sturz in die Tiefe, die ersten Convulsionen nur
+einmal vorüber, wieder seine völlige Ruhe, wenn auch nicht Klarheit
+erlangt hatte.
+
+Murphy -- er wußte selber nicht ob er je noch einen anderen Namen
+gehabt -- war ebenfalls Einer jener wahren Patrioten die ~»had left
+their country for their country's good«~ (zum Besten der Heimath, die
+Heimath gemieden). _Wie_ er damals seine Freiheit wieder erlangt blieb
+sein Geheimniß, soviel aber ist gewiß, daß er in dieser Zeit gerade
+aufhörte ein Katholik zu sein, und das Studium der Bibel mit einem
+Eifer begann, der ihm die Bewunderung der Protestantischen
+Geistlichen, in deren Wirkungskreis er kam, hätte sichern müssen,
+hätten diese nur eben zu ihm gelangen können, Zeuge seiner wirklich
+angestrengten Thätigkeit zu sein. Wunderbarer Weise benahm er sich
+aber bei diesem Studium fortwährend als ob er irgend ein entsetzliches
+Verbrechen beginge, und in steter Furcht und Todesangst lebe dabei
+ertappt zu werden. Witterte er einen Geistlichen in seiner Nähe (und
+die frommen Männer machten sich manchmal die Freude ihn und seine
+Gefährtin aufzusuchen, obgleich sie Beide lieber gehen als kommen
+sahen, denn sie verzehrten nicht allein Nichts, sondern suchten nur
+umher, Grund zur Anklage zu finden) so konnte Mütterchen Tot nicht
+rascher bei der Hand sein eine vereinzelte Branntweinflasche zu
+verbergen, die sich vielleicht in zu unerlaubter Nähe bei einem
+Eingeborenen befand, als Murphy auch mit seiner Bibel in die nächste
+Kalebasse hineinfuhr, und Alles darüber deckte, was ihm gerade unter
+die Hände kam. Wenn er dabei die ganze Woche nicht an Arbeit gedacht,
+faßte er jetzt gewiß den ersten besten Schuh auf, der ihm unter die
+Hände kam, und fing an daran herum zu schneiden und zu stechen und zu
+nähen, als ob sein Leben an seiner Eile hinge.
+
+Mütterchen Tot behandelte ihn dabei auf das Herabwürdigenste, und kein
+Schimpfwort gab es auf Englisch, Irisch, Gälisch oder Schottisch, wie
+in irgend einer der bekannten Polynesischen Sprachen und Dialekte, das
+sie nicht schon an ihm abgestumpft, kein Geräth in ihrem ganzen Haus,
+das sie nicht schon, bei irgend einer feierlichen oder unfeierlichen
+Gelegenheit, nach seinem Kopf geschleudert hätte. Vor allen andern
+aber war es die heilige Schrift selber auf die sie es in ihrem
+schlimmsten und gefährlichsten Zorn abgesehen, und die sie dann im
+Fall eines Streites mit ihrem höchst sanftmüthigen _Gatten_ (wenn ich
+diesen ungerechtfertigten Namen überhaupt gebrauchen darf) häufig aus
+der Hand riß und an den Kopf warf. Ja sie hatte schon mehrmals gedroht
+das ganze heilige Buch bei der nächsten passenden Gelegenheit -- und
+die Gelegenheit war eigentlich immer passend -- zu verbrennen;
+wunderbarer Weise hielt sie aber immer eine eigene Scheu, die sie sich
+aber nie selber eingestehen mochte, und jedenfalls mehr in einer
+abergläubischen Furcht wie irgend einem religiösen Sinn wurzelte,
+davon ab ihre Drohung auszuführen, während Murphy, der ihr doch nicht
+so recht trauen mochte, seinerseits Alles that ihr das Buch, wenn er
+ja einmal die Hütte verließ, aus den Augen zu bringen, und Kalebassen
+und Ecken unaufhörlich damit wechselte. Nur bei vollkommenem
+Waffenstillstand lag es, wenn nicht gebraucht, auf dem kleinen
+Bücherbret auf einem Haufen verschiedener Traktätchen von Mäßigkeits-
+und Bibelverbreitungsvereinen in Tahitischer Sprache, und Murphy hatte
+seinen Sitz so gestellt, daß er das Buch fortwährend dabei im Auge
+behielt.
+
+Ich sagte vorhin daß Mütterchen Tots Aeußeres gerade nicht dazu dienen
+konnte besondere Ehrfurcht einzuflößen, und allerdings war sie, was
+ihre äußere Erscheinung betraf, nichts weniger als eitel. Zwischen 50
+und 70 Jahren, denn wunderbarer Weise hielten Schmutz und Runzeln
+ihre Züge mit einem solchen Schleier überzogen, daß man sie bald dem
+einen, bald dem andern näher glaubte, hatte sie einen gewöhnlichen
+~pareu~ von einst grellrothem aber jetzt verblichenen Kattun, mit
+breiten hochgelben Streifen, um die Hüften geschlagen, und am Tag trug
+sie ein dem ähnliches Obergewand, das ihre dürre Gestalt in weiten
+Falten umhing; Abends aber, wenn die kühle Seebrise über die Küste
+strich, obgleich sie die, von den Guiaven förmlich eingeschlossene
+Hütte doch nicht erreichen konnte, wurde es dem ein heißes Klima
+gewöhnten Mütterchen zu kühl, und sie zog einen alten erbsgelben
+schmutzigen Männer-Oberrock, der früher einmal lange Haare gehabt
+haben mochte, über ihr Kattunkleid, und knüpfte die zwei Knöpfe, die
+ihm noch geblieben, fest zu bis unter den Hals. Der Rock ging ihr
+dabei bis tief über die Knie nieder, und da seine Taschen ebenfalls
+tief saßen, in deren einer sie den einzigen Genuß aufbewahrte, den sie
+sich außer dem Brandy gönnte, ihre Schnupftabaksdose, so hatte sie nur
+mit dieser Unannehmlichkeit zu kämpfen, daß sie so tief nach der ihr
+unter den Händen fortweichenden Tasche niedertauchen mußte, und sich
+gewöhnlich endlich gezwungen sah, ihre andere Hand auch noch mit zu
+Hülfe zu nehmen, das scheue Taschenfutter zurückzuhalten.
+
+Den Hals trug sie blos, und auf dem Kopf einen alten Strohhut, wie er
+in ihrer Jugend wahrscheinlich einmal das Ziel ihrer Wünsche gewesen
+-- das Alter hatte sich daran festgeklammert, und unter den breiten,
+wunderlich geformten und mit ein paar künstlichen, aber selbst in der
+Kunst verblichenen und zerdrückten Blumen geschmückten Seitenwänden
+desselben hingen die grauen langen Haare wirr hervor.
+
+Der Hut diente ihr gegen Sonnenbrand und Zugluft, am Tag wie Abends,
+bis sie ihr Mattenlager in einem Winkel der Hütte suchte, über das sie
+jedoch ein weites und gut in Stand gehaltenes Mosquitonetz gespannt
+ließ; der Rock jedoch war unstreitig nicht ihr Eigenthum, oder wenn
+doch, jedenfalls nur getheiltes, und Murphy, der wahrscheinlich
+frühere Besitzer schien seine Ansprüche daran keineswegs aufgegeben zu
+haben. Abends oder in Zeit der Kühle, bei Regenwetter oder sonstigen
+Witterungsfällen, wo überhaupt das Tragen eines solchen Rocks unter
+dieser Breite eine Entschuldigung fand, und nur den geringsten Grad
+von Befriedigung gewähren konnte, hatte sich freilich Mütterchen Tot
+darin eingeknöpft, und wollte Murphy dem Rechte des Besitzes nicht
+ganz entsagen, so mußte er den Sonnenschein benutzen -- und das that
+er auch. -- Jeden Tag wenigstens einmal, machte er den verzweifelten
+Versuch in den Rock einzufahren, und darin auszuhalten, und blieb
+darin zum Erstaunen aller, etwa in der Zeit eintreffenden Gäste, bis
+ihm das Wasser am ganzen Körper herunter lief, und er das nutzlose
+Kleidungsstück von den Schultern riß, aufpackte, zusammenrollte und
+versuchte in eine Kalebasse zu zwingen, was er nach einer Weile
+ebenfalls wieder aufgab, und sich dann seufzend an seine Bibel setzte
+-- und der Rock blieb in der Ecke so lange liegen bis es Abends kühl
+wurde und ihn Mütterchen Tot wieder brauchte.
+
+Außerdem trug Murphy ein paar sehr abgenutzte Sommerhosen, von irgend
+einem farblosen dünnen Stoff, ein baumwollenes Hemd, eine
+gelbgestreifte Weste, statt der fehlenden Knöpfe an den betreffenden
+Stellen mit Bast zugebunden, und eine durch den Jahrelangen Gebrauch
+schon total schwarz gebrannte Thonpfeife, die aber gewissermaßen mit
+zu seinem Anzug gehörte, und ohne die er eben so leicht erschienen
+wäre, wie ohne die Hosen oder die Weste. Nur der alte Filzhut schien
+zum Staat an der Bambuswand zu hängen, und obgleich er ihn regelmäßig
+abwischte, den Staub davon zu entfernen, erinnerte sich noch Niemand
+ihn je darunter gesehen zu haben. Bei Murphy waren die Kleidungsstücke
+alle in der Mitte, an Kopf und Beinen ging er barfuß.
+
+Murphy war Schuhmacher, aber natürlich nur für Europäer, denen er
+altes Schuhwerk ausbesserte oder, wenn sie ihm das Leder dazu
+lieferten, auch Neues fertigte, und wenn die Missionaire ihn und seine
+Begleiterin schon gewiß lange, des unerlaubten Verkaufs spirituoser
+Getränke wegen, weiter geschickt, es wenigstens nicht so unter ihren
+Augen geduldet hätten, so erwies sich der kleine einäugige Irländer
+doch auch wieder so nützlich, ja manchmal sogar unentbehrlich in
+_dieser_ Hinsicht, daß sie das andere Auge zudrückten und ihn lieber
+duldeten als sich in den Fall gesetzt sehen wollten ihre Kundschaft
+einem dort kürzlich hingezogenen _katholischen_ Schuhmacher
+zuzuwenden. Murphy fühlte auch eine gewisse Verehrung für diese
+Männer, die ihm, weniger vielleicht durch ihr sonstiges Wesen und ihre
+Predigten, als durch ihre fabelhafte Kenntniß der Bibel imponirten,
+und bediente sie stets auf das prompteste. Da aber geschah es -- wie
+überhaupt bei vielen anderen Gelegenheiten -- wo er mit Mütterchen Tot
+auf das bösartigste zusammenkam, denn wenn sie irgend etwas haßte auf
+der Welt, so war es, ihren eigenen Worten nach, ein »schwarzröckiger
+Missionair«. Oeffentlich durfte sie aber freilich Nichts gegen sie
+unternehmen, als höchstens schimpfen wenn sie sich unter ihren
+Freunden befand, aber heimlich ließ sie auch dafür keine Gelegenheit
+verstreichen ihnen irgend einen Schabernak zu spielen, und die
+zerbrochenen Brandyflaschen welche die frommen Männer nicht selten
+Morgens in ihrem Garten fanden, waren Kleinigkeit gegen die scharfen
+Zwecken die sie ihnen sicher irgendwo in die Sohlen trieb, wenn Murphy
+nur die Augen von einem fertigen Schuh verwandte. Nur der alleinige
+Mangel an Concurrenz war im Stande gewesen, dem kleinen Iren die
+Kundschaft bis jetzt zu erhalten.
+
+Mütterchen Tot's Hauptgeschäft war eigentlich der _verbotene_
+Brandyverkauf an die Indianer, den sie, trotz Consuln und
+Missionairen, trotz Spioniren und Wachen der »Kirchenvorstände« in
+vollem ununterbrochenen Gang zu halten wußte, und dabei eine Menge
+Geld verdiente, von dem kein Mensch wußte wohin es kam, und dessen
+Versteck aufzufinden selbst Murphys Scharfsinn bis jetzt entgangen
+war. Von den Indianern bekam sie nur theilweise baar Geld, das jene
+von den Europäern für Produkte gelöst, aber sie nahm auch alles
+Andere, Cocosnüsse und Früchte, süße Kartoffeln, Hühner, Ferkel,
+Matten, Tapa, Cocosöl, Perlmutterschaalen, Perlen; was ihr gebracht
+wurde, es war einerlei, und sie wußte es wieder zu den höchsten
+Preisen an die Schiffe, von denen sie ihre Spirituosen bezog,
+abzusetzen. Auch zu dem Schmuggeln derselben hatte sie wieder ihre
+besonderen Leute, großentheils unter den Europäern, und diese gerade
+waren wiederum mit ihre beste Kundschaft. Doch wir finden noch eine
+hübsche Gesellschaft in »Mütterchen Tot's Hotel«, wie die Bambushütte
+von ihren Gästen sowohl wie ganz Papetee genannt wurde, versammelt,
+und die alte Dame selber in bester Laune, denn gerade heute war ihr
+wieder ein guter Wurf gelungen, und eine ganze Parthie neu
+eingeführten Rum und Brandys glücklich in ihrem »Versteck« geborgen
+worden, was sie auch wohl mit der klug benutzten politischen Aufregung
+zu danken hatte, die beide Partheien zu viel beschäftigte ihre
+Aufmerksamkeit so vollkommen dem sonst scharf genug bewachten Strande
+zuzuwenden.
+
+In der Mitte des Hauses stand auf einem leichten Bambusgestell eine
+ziemlich tiefe kleine eiserne Pfanne in der, aus dem flüssigen
+Cocosnußöl heraus, ein riesiger Docht flammte; auf dem nackten Boden
+aber umher waren verschiedene kleine Feuer angemacht und mit faulem
+Holz oder feuchtem Laub beworfen, nur um Qualm zu erzeugen und die
+Abends ziemlich lästigen Mosquitos fern zu halten. In diesem Rauch,
+und bei dem ungewissen Licht des flackernden Dochts saßen, oder
+kauerten vielmehr auf den niederen Sesseln, zehn oder zwölf Männer,
+Weiße und Indianer, mit drei oder vier Indianischen Mädchen zwischen
+sich, in buntem Gemisch zusammen, während im Kreis zwischen ihnen eine
+noch halb volle Flasche herumging, aus der sich Jeder, wenn er Bedarf
+fühlte, die vor ihm stehende Cocosschale füllte und die Flasche dann
+weiter schickte. Mrs. Tot saß unfern davon, wieder in Murphys weißen
+Rock eingeknöpft, auf einem ordentlichen Rohrstuhl, der sie den ganzen
+Kreis bequem überschauen ließ, und Murphy selber lehnte in seinem
+gewöhnlichen Winkel, wo er ein besonderes Licht in einer
+Cocosnußschale brennen hatte, drückte den Kopf an die Wand und schlief
+-- in wiefern das Schlaf genannt werden konnte, wenn sich Jemand mit
+geschlossenen Augen, nur blindlings, aber ununterbrochen, der auf ihn
+einstürmenden Mosquitos zu erwehren suchte.
+
+Die Unterhaltung war indessen lebendig genug geführt worden, hatte
+aber meist gleichgültigen Gegenständen gegolten, in die die Mädchen
+hinein lachten und tollten, den Männern die Flasche wegnahmen und sie
+versteckten, und sogar Murphy in seiner Ecke mit einer Feder unter der
+Nase kitzelten, was ihn zwang entsetzliche Gesichter zu schneiden und
+mit den Händen, zu ihrem unbeschreiblichen Ergötzen, rasch und heftig
+nach dem angegriffenen Theil zu fahren. Sie blieben dabei immer »zu
+windwärts von ihm«, wie sie's in ihrer Sprache nannten, d. h. an
+seiner blinden Seite, an der sie am wenigsten eine rasche Entdeckung
+zu fürchten hatten, und trieben es so arg mit ihm, bis er zuletzt,
+ohne jedoch seine listigen wie boshaften Quälerinnen zu entdecken,
+munter wurde, sich die Augen (selbst das blinde dieser Operation
+unterwerfend) ausrieb, und mit einem halblaut gemurmelten Fluch auf
+die Mosquitos seine Lampe wieder ein wenig auffrischte, daß sie heller
+brannte.
+
+»Und Ihr, O'Flannagan, mein Juwel,« mischte sich jetzt die Alte
+hinein, die auf dem Stuhl zusammengekauert, die Füße halb
+heraufgezogen und die zusammengeschlagenen Arme gegen die Knie
+gelehnt, dem Gespräch theils behaglich zugehört, theils das Kreisen
+der Flasche beobachtet, auch wohl einmal aufmerksam über den Lärm
+hinübergehorcht hatte, ob sie draußen kein verdächtiges Geräusch
+vernehme -- »Ihr wollt jetzt wieder eine Zeitlang auf der süßen Insel
+bleiben? -- segne Euere Augen Kind, Ihr hättet zu keiner gelegneren
+Zeit herüber kommen können, im ganzen gebenedeiten Kalenderjahr --
+laßt mir jetzt den Narren da drüben zufrieden, Ihr Dirnen, oder ich
+hetze ihn über Euch, g'rad wenn er aufwacht -- Wespenzeug.«
+
+»Hallo Mutter Tot ist heute Abend böser Laune,« rief Eine der Mädchen
+trotzig -- »sollen wohl ruhig hier sitzen im qualmigen Nest -- ehrbar
+wie in der Predigt? Kommt Waihines, draußen im Freien ist's besser,
+laßt sich die Schildkröte am Feuer räuchern.« Und lachend, die Melodie
+ihres Tanzes trällernd, zu dem sie mit den Füßen den Takt schlug,
+sprang sie, von den übrigen begleitet, denen der größte Theil der
+Matrosen ebenfalls, theils fluchend theils lachend folgte, hinaus in's
+Freie.
+
+»Das glaub' ich, Mütterchen;« brummte indeß unser alter Bekannter vom
+Strande, ohne sich weiter um den Lärm der Fortspringenden zu kehren,
+»natürlich, um gleich wieder die paar kaum verdienten Schillinge, und
+wer weiß was sonst noch, zu riskiren, Dir Deinen Wintervorrath an
+»Bergthau« einzulegen?«
+
+»Bah, Mann, es war keine Kunst den Branntwein an Land zu schaffen,«
+brummte aber die Alte kopfschüttelnd, »und das Geld dießmal mit Sünden
+verdient -- kein Mensch schaute danach, und ich hätte ihn selber
+wollen im Canoe an Land und hier herauf bringen, wenn der Narr von
+einem Schuster da in der Ecke nur für irgend was anderes noch, als
+auseinandergegangenes Leder zu flicken, gut wäre.«
+
+Murphy, der munter genug geworden war die letzten Worte wie ihre
+schmerzhafte Anspielung zu verstehen, knurrte nur etwas in den Bart,
+erwiederte aber Nichts, und fing sich an seine Pfeife zu stopfen, mit
+der er von da an langsam aber sicher der Nähe der Flasche zu
+arbeitete, vor allen Dingen einmal in Armes Länge von ihr zu kommen,
+und das Weitere dann seinem guten Glück zu überlassen, denn die Alte
+gönnte ihm keinen Tropfen ihres Getränks, daß sie als ihre
+Privatspeculation betrachtete, wenn er nicht eben so gut wie jeder
+Andere dafür bezahlte.
+
+»Haha Mütterchen,« lachte aber sein Landsmann, ohne sich die Mühe zu
+nehmen nach dem bezeichneten Individuum umzuschauen -- »nun die Arbeit
+gethan ist wollt Ihr sie herunter setzen, ich sage Euch aber daß Ihr
+Euch bald die Zeit wieder herbeiwünschen werdet wo sie Euch aufpassen
+bis unter Euer Mosquitonetz, denn wenn die Franzosen hier doch noch
+die Ueberhand kriegen, wird der Branntwein so billig wie der
+Limonensaft, und der Kanaka kann ihn am Strand trinken, im offenen
+Tageslicht.«
+
+»Wenn die Wi-Wis nur der Henker holen wollte,« knurrte die Alte, die
+heimlich diese Besorgniß schon lange theilte, »aber die Englischen
+»Eisenseiten« halten ihnen den Daumen auf's Auge, und ich werde ja den
+Tag noch erleben, wo wir sie hinaustreiben sehen aus der Bai, wie eine
+Schaar räudiger Hunde.«
+
+»Puh,« lachte Einer der schon halb angetrunkenen Indianer, indem er
+von seinem Sitz hinunterrutschte, und sich, den Schemel unter den Kopf
+schiebend, lang ausstreckte und dehnte zwischen die Trinker -- »puh,
+die Beretanis nehmen den Mund voll -- sie sind lauter Worte und kein
+Brandy -- morgen früh kein Schießcanoe mehr im Hafen.«
+
+»Unsinn, Du Saufaus,« schimpfte aber die Alte, einen mürrischen Blick
+nach ihm hinüberwerfend, »was weißt _Du_ von den Schießcanoes, daß Du
+Deine Zunge mit hineinhängst wenn vernünftige Leute reden.«
+
+»Was ich von den Schießcanoes weiß?« lallte aber der Insulaner -- »bin
+d'ran vorbeigefahren heut Abend -- Toatiti ist nicht blind.«
+
+»Der Bursche hat am Ende nicht so ganz Unrecht,« meinte O'Flannagan
+kopfschüttelnd -- »der ehrwürdige Mr. Pritchard muß gar nicht so
+vortreffliche Nachrichten mitgebracht haben, sonst hätten seine
+Kameraden hier, schon einen ganz anderen Lärm geschlagen, und
+bestätigt sich jetzt das, daß die Engländer segeln, dann haben wir
+auch in acht Tagen die Franzosen wieder über dem Hals. Ich weiß nur
+jetzt nicht recht was man sich wünschen soll.«
+
+»Daß sie Beide der Teufel hole!« knurrte die Alte mürrisch in ihrem
+wunderlichen Dialekt, »Einer ist so sehr darauf versessen einer armen
+alten Frau das Bischen Lebensunterhalt zu entziehen, wie der Andere,
+und wo die Einen Alles verbieten, erlauben die Andern Alles -- sie
+geben sich ordentlich die größte Mühe die Inseln nur so schnell wie
+möglich zu ruiniren. Aber hab' ich die Wahl, will ich doch noch lieber
+die Franzosen als Herren wissen, denn Handel treiben die Missionaire
+auch, und wer von ihnen ungeschoren bleiben will, muß ihnen dann ihre
+Kattune und Bibeln abkaufen für gutes Cocosnußöl und
+Perlmutterschaale; anstatt solch Eigenthum hier ansässigen Leuten zu
+gönnen, klappert's in ihren eigenen Geldsäcken weiter.«
+
+»Oh laßt Euer nichtsnutziges Indianisches Gewäsch, und redet daß es
+ein anderer ordentlicher Mensch auch verstehen kann,« rief aber hier
+Einer der Englischen Matrosen, der Zimmermann der ~Kitty Clover~
+dazwischen, der mit der größten Aufmerksamkeit Mütterchen Tots Rede
+gefolgt war, und um's Leben nicht herausbekommen konnte was sie
+eigentlich gesprochen -- »wer ist todt und wo brennt's?«
+
+»Laßt's gut sein, Mütterchen,« beschwichtigte diese O'Flannagan, des
+Engländers Einrede jedoch soweit beachtend, daß er in seiner
+Muttersprache die Unterhaltung weiter führte, »durch ihr Verbot des
+Brandy wiegen sie das Alles wieder auf, und Ihr bleibt noch immer in
+ihrer Schuld. -- Wie viel rechnet Ihr etwa, daß Ihr jährlich an
+heimlichem Grogverkauf verdient?«
+
+»Zählt einer armen Wittwe die Bissen die sie in den Mund steckt,
+heh?« fuhr ihn aber die Alte an -- »daß ich zu leben habe an
+Brodfrucht und Cocoswasser ist's eben genug, gönnt Ihr mir das etwa
+auch nicht? -- Ihr verdient in einer Nacht mehr durch mich, wie ich
+durch Euch das ganze Jahr.«
+
+»Haha Mütterchen,« lachte aber der Ire -- »Ihr lernt das Prahlen wohl
+von den Franzosen, und dabei riskirt Ihr ohnedieß auch nicht Euere
+Haut, und sitzt wohl und sicher hier in Euerem behaglichen Haus,
+während sie unsereinem, wenn sie ihn faßten, vielleicht kurzen Proceß
+machten, statt aller Weitläufigkeit.«
+
+»Bah, was riskirt _Ihr_,« brummte die Alte verächtlich -- »daß sie
+Euch einstecken für ein paar Wochen, oder von der Insel verweisen dann
+schifft Ihr Euch in Papetee ein, und steigt in Papara wieder an Land
+-- es ist ordentlich erstaunlich, daß Ihr es unter den Umständen
+wirklich wagt, einmal nach Dunkelwerden noch eine halbe Stunde für
+funfzig schwere silberne Dollar zu arbeiten.«
+
+»Ihr redet wie Ihr's versteht,« brummte Jim finster in den Bart --
+»und ich habe auch gerade keine besondere Lust Euch das Ganze hier
+weitläufig aus einander zu setzen; soviel aber kann ich Euch
+versichern, ich wollte lieber zehntausendmal mit Eueren glattrasirten
+Methodisten zusammenrennen, wie mit den großmäuligen Burschen, den
+Franzosen, und -- habe dazu meine ganz absonderlichen Gründe, die eben
+Niemand weiter etwas angehen, wie mich selber. Wenn das übrigens wahr
+wird, was Taotiti da vermuthet, und die Engländer hier wieder klar
+Fahrwasser machen, in das die Franzmänner nachher mit fliegenden
+Fahnen einziehen, dann weiß meiner Mutter Sohn was er zu thun hat, und
+jede andere Insel ist dann für mich bequemer wie Tahiti -- Ihr könnt
+mir vielleicht eine Empfehlung nach Neu-Seeland mitgeben Mütterchen,
+wie?«
+
+Murphy verzog bei diesen Worten das Gesicht zu einem breiten Grinsen,
+Mütterchen Tot wurde aber böse, und begann eben mit einer vollen
+Ladung Schimpfwörter gegen den heimlichen, aber desto boshafteren
+Angriff des Iren, als draußen ein leises Pfeifen gehört wurde, und
+Mrs. Tot sowohl, wie Jim alles Andere in dem einen Gefühl größter
+Wachsamkeit vergaßen.
+
+»Hallo was ist das,« sagte Jim, stand auf von seinem Sitz, und zog
+sich langsam nach einem entlegeneren Theil der Hütte hin, während
+Toatiti die gerade vor ihm stehende Flasche zustöpselte, und unter
+sich schob, von wo sie Murphy, der jetzt recht gut den passendsten
+Zeitpunkt wußte, eben so rasch wieder entfernte, und damit auf seinen
+Platz zurückglitt -- »da kommt Jemand.«
+
+»Das war To-to's Zeichen,« flüsterte die Alte, vorsichtig die Hand vor
+die Flamme haltend, darüber hinwegschauen und den gleich erkennen zu
+können der ihre Hütte noch zu dieser späten Stunde betreten würde --
+»Toatiti, wahr' Deine Flasche.«
+
+»Wahr meine Flasche?« knurrte der Indianer, auf dem Platz herumfühlend
+wo er sie verborgen -- »das haben Andere gethan -- Oro's Zorn über
+sie.«
+
+In diesem Augenblick öffnete sich aber die niedere Bambusthür, und von
+dem auf Wacht draußen postirten Insulaner dicht gefolgt, betrat, den
+Hut tief in die Augen gedrückt, ein Matrose den inneren Raum, blieb in
+der Thüre stehen, sich erst zu orientiren in was für Gesellschaft er
+eigentlich kam, und schritt dann, wie mit einem Blick um sich her
+vollkommen zufriedengestellt, zur Flamme. Hier warf er den Hut ab,
+setzte sich auf einen der leeren Schemel nieder, und fing an seine
+Thonpfeife so ruhig zu stopfen, als ob er von klein auf hierher gehört
+hätte, und gar nicht beabsichtigte je wieder einen so angenehmen Platz
+zu verlassen.
+
+Niemand in der Hütte war übrigens mit größerem Erstaunen diesen
+Bewegungen des Besuchs -- der für ihn kein fremder schien -- gefolgt,
+als Mr. O'Flannagan, der in dem späten Wanderer mit einer keineswegs
+freudigen Ueberraschung seinen früheren alten Spießgesellen, Jack, von
+der ~Jeanne d'Arc~, erkannte, und sich dabei recht gut bewußt war, daß
+er ihn halb und halb selber eingeladen, an Land zu kommen.
+
+»Well Jim,« begann dieser würdige Mann, nachdem er sich die Pfeife
+angebrannt, während die Anderen ihm schweigend, und durch seine
+Kaltblütigkeit wirklich überrascht, zuschauten -- »wie geht's heut'
+Abend, was stehst Du denn dahinten in der Ecke? -- habt Ihr Nichts zu
+trinken hier?«
+
+»Hol mich dieser und Jener« brummte aber Jim, der jetzt langsam
+vorkam, und seinen alten Platz wieder einnahm, »wenn das nicht Jack
+ist von der ~Jeanne~, nun mein Junge, hast Du den Platz hier wirklich
+aufgefunden, und wo willst Du hin?«
+
+»Freundlicher Empfang das, bei Jingo,« lachte Jack -- »hallo Mate da
+drüben, wenn Du mit der Flasche fertig bist, lang' sie mir einmal
+herüber.«
+
+Die Anrede galt Murphy, der sich in diesem Augenblick unbeobachtet
+genug geglaubt, einen heimlichen Angriff auf die erbeutete Flasche
+wagen zu dürfen, und jetzt erschreckt absetzte und eine fast
+unwillkürliche Bewegung machte das ~corpus delicti~ rasch wieder, und
+bis zu geeigneterer Zeit zu verbergen, Toatiti war aber indessen auch
+aufmerksam geworden, und in die Höh springend und mit dem Rufe:
+»Hallo, weißer Mann -- hat meine Flasche,« holte er sich sein
+Eigenthum wieder, mit dem er jedoch die gefährliche Nachbarschaft des
+neugekommenen Fremden ebenfalls mied, und sich seinen Platz am anderen
+Ende der Hütte suchte. Jim reichte Jack indessen eine andere Flasche
+hinüber.
+
+»Und wer seid _Ihr_, wenn man fragen darf, mein feiner Herr?« sagte
+aber jetzt Mütterchen Tot, mit noch immer etwas vorsichtig gedämpfter
+Stimme, als ob sie nicht recht traue daß nicht vielleicht noch eine
+andere Gesellschaft draußen an der Hütte stehen könne -- »Ihr kommt
+hier gerade so breitbeinig herein, als ob Ihr mit zum Haus gehörtet,
+und müßt doch wissen daß ich, den streng gehaltenen Gesetzen der Insel
+nach, keinen Fremden über Nacht bei mir beherbergen darf, selbst wenn
+ich ihn kenne, was bei Euch aber nicht einmal der Fall ist.«
+
+»Wer ich bin? -- hm, Jim da drüben wird Euch das am besten erzählen
+können, wenn er sonst Lust dazu hat,« lachte der Matrose, zum ersten
+Mal wieder absetzend mit der Flasche, und sich das Naß aus dem Bart
+streichend.
+
+»Aber wo kommst Du noch her so spät in der Nacht,« frug jetzt Jim
+selber, »und wie in der Welt hast Du den schmalen Pfad durch die
+Guiaven verfolgen können?«
+
+»Verdammt wenig hab' ich überhaupt von einem Pfad gespürt,« lachte der
+Seemann, »nein Kamerad, einen nichtswürdigen Kreuzzug habe ich durch
+das niederträchtige Buschwerk hier gemacht nach allen Strichen und
+Himmelsgegenden zu, und bin auf und ab lavirt, bis ich mich eben
+bereit machte die Nacht unter Gottes freiem Himmel zuzubringen, als
+ich noch zum guten Glück Euer freundliches Licht durch die Büsche
+schimmern sah, und nun vor dem Wind Cours halten konnte, bis ich das
+leise Pfeifen des Burschen da hörte, der mich noch immer so verstört
+und mißtrauisch ansieht, als ob ich ihm alle Augenblicke wieder davon
+laufen wolle. Hab' keine Angst, mein Junge, der Brandy ist
+vortrefflich, und hier sucht mich doch kein Teufel, wenigstens nicht
+bis es Tag wird, und man sich nicht mehr in den stachlichen
+Orangengebüschen die Fetzen vom Leib, ja die Haut von den Knochen
+reißt.«
+
+»Du bist desertirt?« frug O'Flannagan rasch.
+
+»Desertirt?« schrie die Alte, von ihrem Sitz aufspringend -- »und
+halt' ich ein Versteck hier, für entlaufene Matrosen? was wollt Ihr da
+hier? -- weshalb seid Ihr _hier_hergekommen?«
+
+»Pst, pst Alte,« suchte sie Jack aber wieder zu beruhigen, und die
+Flasche vorher noch einmal gegen das Licht haltend, that er einen
+zweiten Zug, der eben nicht viel für einen dritten übrig ließ -- »nur
+nicht solchen Lärm einer Kleinigkeit wegen; das haben bessere Männer
+vor mir gethan -- Wetter noch einmal, der Brandy ist famos, und ich
+wollte die Flasche hier hätte eine Schwester.«
+
+»Aber sie haben Dich noch nicht vermißt?« sagte Jim, ihn über das
+Licht aufmerksam betrachtend, »denn ich will doch nicht hoffen daß Du
+eben, von den Spürhunden gehetzt, hier nur so zu Bau gekrochen bist.«
+
+»Der Vergleich könnte passen,« schmunzelte Jack, wie mit sich selber
+zufrieden; »erst mit Dunkelwerden haben sie meine Spur in den Guiaven
+verloren, und ich kann's ihnen nicht übel nehmen, denn ich wußte
+selber nicht mehr wo ich war -- wie sollten sie's.«
+
+»Da haben wir's!« rief aber die Alte in Zorn und Grimm mit der rechten
+Faust in ihre linke offene Hand schlagend; »wegen dem fortgelaufenen
+Lump soll ich mir hier das Dach über dem Kopf niederreißen und mich
+wieder hinaus in alle Welt jagen lassen? weiter fehlte mir Nichts --
+hinaus mit Dir mein Bursche, hinaus so schnell Du gekommen bist, oder
+ich lasse Dich binden und knebeln und selber wieder auf Dein Schiff
+zurückliefern, wohin Du gehörst, und das Du im Leben nicht hättest
+verlassen sollen.
+
+»Herrliche Gastfreundschaft hier auf der Insel,« lachte Jack, ohne
+aber auch nur die mindeste Bewegung zu machen, als ob er dem Befehl
+Folge leisten wolle -- »patriarchalische Freundschaft das, hol' mich
+der Böse -- sie sagen's Einem doch erst ganz höflich, ehe sie Einen
+wieder hinauswerfen. Nun Jim, wie ist's? -- willst Du mich nicht
+lieber wieder an Bord zurückschicken lassen? -- Du weißt, _ich_ könnte
+nachher gar keine Geschichte erzählen, Gott bewahre, nicht die
+mindeste.«
+
+»Unsinn,« knurrte der Ire, »es wäre mir verdammt egal was Du, einmal
+erst wieder an Bord, erzählen oder erfinden könntest -- na, ich weiß
+schon was Du sagen willst; die Alte hat aber in einer Hinsicht recht,
+_hier_ kannst Du nicht bleiben, und _ich_ auch nicht, wenn sie Dich
+wirklich bis an die Guiaven verfolgt haben, denn dann stöbern sie
+auch, von ein oder dem andern _frommen_ Indianer geführt, die dabei
+ein gutes Werk zu thun glauben, diese Hütte noch vor Tagesanbruch auf,
+und könnten uns dabei im besten Schlaf erwischen.«
+
+»Hol sie der Teufel!« rief Jack finster -- »sie mögen thun was sie
+nicht lassen können, aber meiner Mutter Sohn geht heute Nacht nicht
+wieder allein in die Guiaven hinaus, und wenn ich die ganze
+Mannschaft der ~Jeanne d'Arc~ hinter mir wüßte. -- Wenn Ihr mich aus
+dem Weg haben wollt, versteckt mich hier irgendwo, ich bin müde wie
+ein gehetzter Wolf und will schlafen; kommen die Monsieurs nachher
+wirklich noch hierher, was ich aber doch stark bezweifeln möchte, so
+kann sie die alte würdige Dame da, mit dem allerliebsten Hut auf und
+dem gewiß höchst modernen Anzug, leicht genug auf eine falsche Fährte
+bringen -- so, jetzt wißt Ihr das Kurze und Lange davon.«
+
+Mütterchen Tot, der vielleicht in ihrer ganzen jahrzehnte langen
+Praxis ein solches Beispiel von keckem Trotz, _ihr_ gegenüber noch
+nicht vorgekommen war, stand im ersten Augenblick wirklich starr vor
+Ueberraschung -- jedenfalls sprachlos, dann aber war sie eben im
+Begriff wie Gottes Zorn über den Unverschämten hereinzubrechen, der
+ihr hier in ihrer eigenen Hütte zu trotzen, ja sie zu verhöhnen wagte,
+als Jim dazwischen trat, und sie zurückhaltend den Arm des Matrosen
+faßte und diesen bei Seite zog.
+
+»Was _will_ der Mensch hier?« kreischte jetzt aber das gereizte Weib
+mit lauter, gellender Stimme, ziemlich unbekümmert wie es schien, wie
+viel Specktakel sie mache -- »was thut er hier, was sucht er bei mir,
+daß er -- «
+
+»Halt Mütterchen,« rief aber Jim rasch und heftig sie unterbrechend,
+und den Arm drohend gegen sie aufgehoben -- »halt, oder Du schreist
+Dich selber um den Hals -- der hier ist ein alter Kamerad von mir, und
+ich werde ihn nicht in der Patsche sitzen lassen.«
+
+»Aber hier in meinem Hause -- «
+
+»Ruhig Mütterchen -- hier im Haus soll und kann er auch nicht bleiben
+-- Du brauchst Dir deshalb keine Sorge zu machen; und Du, Jack,«
+wandte sich Jim jetzt gegen diesen, der ziemlich geduldig das Ende der
+Unterhaltung zu erwarten schien -- »Du stehst hier auf gefährlicherem
+Boden als Du wahrscheinlich vermuthest, und je eher Du aus dem Schein
+dieses Lichts kommst, desto besser für Dich -- vielleicht für uns alle
+Beide.«
+
+»Aber wie zum Teufel _kann_ ich fort?« rief der Matrose ärgerlich,
+»das Dickicht draußen ist ordentlich zugewachsen, und mit dem Licht
+schon in Sicht, habe ich meinen Weg noch gewiß eine halbe Stunde
+förmlich durcharbeiten müssen, nur den Platz hier zu erreichen.«
+
+»Du sollst auch nicht allein gehen,« unterbrach ihn Jim, »denn wir
+müssen Dich eine ganze Strecke weit inland bringen, wenn Du es nicht
+lieber vorziehst in der Nähe vom Strand zu bleiben und mit erster
+Gelegenheit in einem Canoe nach irgend einer anderen Insel
+überzusetzen.«
+
+»Nein nein -- danke,« sagte Jack nach kurzem Ueberlegen -- »draußen in
+See ist langsames und unsicheres Fortkommen, und der Henker traue den
+verschiedenen Fregatten die jetzt im Ein- oder Auslaufen sind; sie
+könnten Einem jeden Augenblick über den Hals kommen, und -- neugierig
+sind sie alle. Nein, ich will's jedenfalls erst einmal eine kurze Zeit
+hier in den Bergen versuchen -- auf Salzwasser komme ich noch immer
+zeitig genug.«
+
+»Gut, dann soll Dich Toatiti in die Berge bringen,« sagte Jim nach
+einigem Nachdenken, und zwar in Tahitischer Sprache, mehr zu dem
+Indianer selber, als zu Jack gewandt.
+
+»Toatiti wird sich hüten,« knurrte aber dieser, seine Stellung
+beibehaltend und sich nur etwas mehr auf die Seite hinüberdrehend,
+»Toatiti liegt hier ausgezeichnet und ist sehr durstig.«
+
+»Schwamm!« zischte der Ire zwischen den zusammengebissenen Zähnen
+durch, aber er wußte auch daß mit den Insulanern, wenn sie einmal
+keine Lust hatten, Nichts zu machen war, weder in Gutem noch Bösen,
+und deshalb den anderen jungen Burschen zu sich winkend, flüsterte er
+ihm etwas in's Ohr -- irgend ein Versprechen, seine Faulheit zu
+beschwören, und mußte ihm dabei so dringend zugeredet haben, daß er
+wirklich seine Tapa fester um sich her zog, die Haare aus dem Gesicht
+schüttelte und sich bereit zeigte den Weißen »aus dem Weg« zu führen.
+
+Der Insulaner der Südsee ist eigentlich nicht faul -- wir haben
+wenigstens kein Recht für ihn, dem die Natur Alles gegeben was er
+braucht, wenn er nur die Hand danach ausstreckt, eine eben solche
+Thätigkeit zu verlangen, wie sie unser ganzes Klima, unser Boden,
+unser übervölkerter Staat schon zur Bedingung unserer Existenz
+gemacht, und uns also auch damit jedes Verdienst genommen hat, sie uns
+angeeignet zu haben -- wir können einmal nicht ohne sie leben, und
+deshalb auch nicht mit ihr prahlen. Es würde ebenso wenig Einem
+unserer reichen Leute, unserer Rentiers und Capitalisten einfallen
+Holz zu hacken oder Straßen zu bauen mit Schaufel und Spitzhacke --
+»wir brauchen es nicht« sagen sie achselzuckend, »dafür haben wir
+unsere Leute.« Dasselbe sagt der Insulaner -- »ich brauche es nicht«,
+oder wenn er's nicht sagt liegt es in jeder Muskel seines Gesichts, in
+jedem Nerv seines Körpers. Der Brodfruchtbaum ernährt ihn, und tausend
+andere Fruchtbäume schütteln ihm selber das luxuriöseste Mahl auf den
+Boden nieder; nur die Kleidung wurde früher von den Frauen und Mädchen
+aus der Rinde gewisser Bäume herausgeschlagen, und dieser einzig
+nöthigen Beschäftigung widmete wenigstens der weibliche Theil der
+Bevölkerung einige Zeit; aber selbst das ist jetzt, sehr zum Schaden
+der Insulaner, durch die erst von den Missionairen und später von
+anderen Europäern eingeführten Cattune unnöthig gemacht und
+aufgehoben, und die Missionaire selber verkauften ihnen die
+Europäischen Stoffe, die ihnen durch ihre bunten Farben gefielen, um
+einen Tauschartikel zu haben, für den sie ihren eigenen
+Lebensunterhalt, wie anderes was sie zur Bequemlichkeit ihrer Existenz
+gebrauchten, bekommen konnten. Den Frauen wurde damit die letzte
+nützliche Beschäftigung genommen, und Bibellesen, das ihnen dafür
+Ersatz geben sollte, konnte sie natürlich nur so lange fesseln, als es
+eben den Reiz der Neuheit für sie hatte. Was kümmerten sie die Sagen
+eines Volks von dem sie nicht einmal einen Begriff hatten wo und wann
+es existirt, und jetzt gerade, wo das Glauben an die Wunder ihrer
+eigenen Götter durch die fremden Männer erschüttert, ja über den
+Haufen geworfen worden, sollten sie da gleich gläubig und
+vertrauungsvoll zu noch viel wunderbareren Sachen aufschauen? --
+
+Ach was -- die Sonne reifte ihre Früchte noch wie je -- im Schatten
+ihrer wundervollen Wälder ruhte sich's so kühl wie sonst, und der
+Zukunft _träumte_ es sich viel eher, wenigstens viel leichter
+entgegen, als daß sie die Hand hätten »an den Pflug« legen sollen, wie
+es die Missionaire fortwährend von ihnen verlangten. Wer etwas von
+ihnen haben wollte mußte es gut bezahlen -- dann thaten sie es
+vielleicht; aber gezwungen wollten sie noch immer nicht dazu werden.
+
+»Und wo führt er mich hin?« sagte Jack mit einem leisen Anflug von
+Mißtrauen als er sah, wie sich der Indianer fertig machte ihn zu
+begleiten, »hab ich weit zu gehen?«
+
+»Zu einem Haus in den Bergen,« erwiederte Jim, ihm die Worte leise
+zuflüsternd -- »selbst Mütterchen Tot braucht den Ort nicht zu wissen,
+obgleich sie Keinen verrathen würde, von dem sie nicht selber gleichen
+Liebesdienst fürchten müßte -- der Platz liegt kaum eine halbe Meile
+von hier entfernt, aber sicher versteckt, und ist wenigstens nicht,
+wie der hier, als heimlicher Schlupfwinkel entlaufener Matrosen in
+ganz Papetee, ja auf der ganzen Insel, berüchtigt -- bist Du fertig?«
+
+»Brauch' ich etwa andere Vorbereitungen,« lachte Jack, »als meine
+Jacke wieder zuzuknöpfen? -- aber die Flasche hier nehme ich mit, es
+ist immer noch ein Tropfen darin, und der Nebel liegt dicht auf den
+Bergen. Und nun ade, Mütterchen, und vergelt' Dir Gott die
+freundliche Bewirthung -- bis _ich's_ vielleicht einmal im Stande bin.
+Und Du, Kamerad?« wandte er sich plötzlich noch gegen den Mann von der
+~Kitty Clover~, der die ganze Zeit, seit Jack die Hütte betreten,
+keine Sylbe gesprochen, und den fremden Gesellen nur manchmal, wenn
+das unbemerkt geschehen konnte, unter seinem Hutrand vor beobachtet
+hatte, »hast Du nicht vielleicht Lust einen Abendspatziergang
+mitzumachen? -- s'ist verdammt langweilige Arbeit so allein mit einer
+Rothhaut draußen in den Büschen herumzukriechen.«
+
+»Danke,« brummte aber der Matrose ohne aufzusehen -- »befinde mich
+g'rade hier wohl wo ich bin.«
+
+»Auch gut,« brummte der Andere finster -- »besser keine Gesellschaft
+wie schlechte,« und mit einem kurzen Gruß nach Jim hinüber, winkte er
+seinem Führer und verließ rasch und mürrisch das Haus.
+
+Nicht ein Wort wurde gesprochen, als sich die leichte Bambusthür
+wieder hinter den Beiden schloß, und die Zurückbleibenden horchten
+viele Minuten lang lautlos und aufmerksam den, bald in der Ferne
+verhallenden Schritten. Der Mann von der ~Kitty Clover~, Bob mit
+Namen, brach zuerst das Schweigen wieder, und sich mit finster
+zusammengezogenen Brauen den Hut aus der Stirn rückend brummte er,
+mehr mit sich selbst als zu den Anderen redend, und die letzten Worte
+des wunderlichen Burschen wiederholend, der hier so plötzlich zwischen
+ihnen aufgetaucht und verschwunden war:
+
+»Besser keine Gesellschaft wie schlechte? -- Wetter Kamerad, Du
+würdest weit in der Welt herumsuchen müssen, wenn Du schlechtere
+finden wolltest wie Dein eigenes süßes Ich.«
+
+»Kennt Ihr ihn?« frug Jim rasch, sich zugleich nach dem Sprecher
+umdrehend.
+
+»Vielleicht nicht so gut wie Ihr,« lachte dieser trocken, »aber immer
+doch gut genug froh zu sein, daß ihm _mein_ Gesicht nicht gerade alte
+Scenen in's Gedächtniß zurückrief. Wir waren vor gar nicht so langen
+Jahren Schiffskameraden, ja Vortopgäste zusammen, und er wurde
+gepeitscht und später in Ketten an Land geschafft, weil er das M. und
+D. nicht von einander zu unterscheiden wußte.«
+
+»Das M. und D.?« sagte Jim erstaunt.
+
+»Nun das Mein und Dein,« lachte der Wallfischfänger, »aber noch
+schlimmere Sachen wurden ihm zur Last gelegt, und ein halbes Wunder
+nur rettete ihn damals von der Raanocke -- verdient hatte er sie schon
+zehnmal.«
+
+»Aufgepaßt!« flüsterte da die Stimme der Alten rasch und vorsichtig
+dazwischen -- »aufgepaßt, draußen sind wieder Schritte die da nicht
+hingehören -- und der faule Gauch von einem Schuster kauert da
+wahrhaftig wieder hinter seiner dickleibigen Bibel und schmiert die
+Seiten voll Cocosöl -- hinaus mit Dir, Menschenkind, wohin Du gehörst,
+und daß doch der Böse mit Dir und dem Buch davonflöge.«
+
+Murphy schien allerdings vollständig ausgeschlafen zu haben, und hatte
+sich, da ihm die Flasche wieder abhanden gekommen, seinen
+allnächtlichen Tröster, die Bibel, vom Gesims geholt, über der er bei
+dem matten Licht der unsteten Flamme brütete. Mütterchen Tot's
+Zornrede störte ihn nun allerdings etwas in dieser löblichen
+Beschäftigung, aber theils ärgerlich gemacht durch den Verlust des
+Brandy, theils durch die unermüdlichen Angriffe der Mosquiten, derer
+er sich heute Abend kaum erwehren konnte, war ein sonst an ihm kaum
+denkbarer Geist, der Geist des Widerspruchs, in ihn gefahren, und
+mürrisch über das Buch und das Licht wegsehend rief er mit seiner
+feinen, jetzt ärgerlich erregten Stimme:
+
+»Ach zum Henker, ich habe draußen Nichts zu suchen, und wenn man Einen
+wie einen Menschen behandelte, könnte man auch wie ein Mensch
+existiren. Laß die aufpassen die sich vor was zu fürchten haben;
+Murphy hat ein gutes Gewissen und sitzt hier lange gut.«
+
+»Nun _das_ hat mir noch gefehlt!« schrie Mütterchen Tot, von ihrem
+Sitz empor und auf den Rebellen zufahrend, der nur eben Zeit genug
+behielt das Gestell mit der Lampe zwischen sich und die Megäre zu
+bringen. Mütterchen Tot schien aber seine Taktik schon zu kennen, und
+mit einem Griff ihrer langen Arme um die Flamme herumgreifend
+erwischte sie das Buch, hob es mit beiden Armen auf und schleuderte es
+blitzesschnell und mit einem ingrimmigen Fluch nach dem Kopf des
+kleinen Schusters, der nur durch rasches Untertauchen dem nicht
+unbeträchtlichen Gewicht des Bandes entgehen konnte. »_Da_,« schrie
+sie dabei, kirschroth vor Wuth -- »da Du Lump, da nimm das und
+studier's, und nun hinaus mit Dir, oder so wahr da oben der Mond am
+Himmel steht, ich gieße Dir das heiße Cocosöl über den Leib, und brühe
+Dich wie ein unreines Schwein das Du bist -- Du -- Du Lederstecher
+Du.«
+
+»Zum Teufel noch einmal, Mütterchen,« rief aber Jim jetzt dazwischen,
+der sich indessen ebenfalls zum Fortgehen bereit gemacht, und seine
+Jacke zugeknöpft, seinen Hut aufgesetzt hatte -- »laßt den Lärm hier,
+Ihr macht ja einen Skandal, daß die Hunde am Strand an zu bellen
+fangen. Mir wird's unheimlich hier drin, und ich suche mir lieber ein
+stilleres Quartier. Komm Kamerad, ich will Dich noch in gute
+Gesellschaft bringen, heut' Abend, und morgen früh dann -- Teufel!«
+unterbrach er sich aber rasch und erschreckt, denn draußen rasselten
+plötzlich, wie auf ein gegebenes Kommando, eine Anzahl Gewehrkolben
+auf den Boden, dicht an dem Eingang der Hütte nieder, und die Stimme
+eines Befehlenden in Französischer Sprache wurde laut:
+
+»Zwei von Euch um das Haus herum, ob es noch einen anderen Eingang
+hat, und Ihr hier bleibt an der Thür; was mit Gewalt hindurch will den
+stoßt Ihr nieder -- Feuer auf jeden Flüchtling.«
+
+»Alle Wetter,« brummte Bob, jetzt ebenfalls aufspringend, und seine
+Segeltuch-Hosen nach Art der Seeleute in die Höhe zerrend -- »Jack ist
+ihnen zur rechten Zeit aus den Klauen gerutscht.«
+
+Es blieb ihm keine Zeit zu weiteren Bemerkungen, denn die Thür wurde
+in diesem Augenblick aufgerissen, und sich bückend trat ein
+Französischer See-Officier ein, dem eine Anzahl Marinesoldaten mit
+aufgepflanztem Bajonett folgten, und somit ein Verlassen der Hütte,
+die keine Fenster hatte, unmöglich machte.
+
+Der Officier, dessen Blick den inneren Raum, soweit das nämlich das
+ungewisse Licht der Cocosflamme erlaubte, überflog, haftete zuerst auf
+Murphy selber der, sich wenig um die Patrouille oder Haussuchung
+kümmernd, an die er durch eine lange Reihe von Jahren auch wohl schon
+gewöhnt sein mochte, nur rasch und bestürzt seine Bibel aufgegriffen
+hatte, und mit dem dicken Buch jetzt gar nicht schnell genug in seine
+Hülfskalebasse hineinfahren konnte.
+
+»Hallo Sir -- was habt _Ihr_ da so Kostbares zu verstecken he?« rief
+er in Englischer Sprache, und ging langsam auf den kleinen Mann zu,
+der fast instinktartig das erst halb hineingezwängte Buch bei Seite
+und in den Schatten drückte, und nach einem angefangenen Schuh griff,
+als ob er mitten in der Nacht seine mit Dunkelwerden aufgegebene
+Arbeit wieder beginnen wolle.
+
+»Und seid Ihr hierhergekommen, Sirrah, unsere Taschen zu visitiren?«
+knurrte aber unwirsch der kleine Ire, der schon einen tückischen
+Seitenblick nach der ihm verhaßten Uniform warf, und seinen ganzen
+trotzköpfigen Muth oder eher Widerspruchsgeist zurückbekommen hatte,
+als er fand daß der nächtliche Besuch _nur_ Soldaten und keine
+Missionaire waren, »wenn's _mir_ Vergnügen macht, kann ich meine
+Kalebassen und Taschen so voll stopfen wie und mit was ich will -- was
+geht's Euch an?«
+
+»Langsam mein Bursche, langsam,« lachte der Officier, unser alter
+Bekannter Bertrand, durch die mürrische Antwort keineswegs böse
+gemacht -- »wenn ich nachher neugierig werden sollte, wirst Du mir's
+doch noch zeigen müssen, jetzt aber vor allen Dingen wollen wir Deine
+Wohnung einmal etwas genauer besehen, ob wir nicht einen alten Freund
+und Schiffskameraden darin entdecken können, der sich wahrscheinlich
+von Bord verlaufen hat, und in der dunklen Nacht nicht wieder dorthin
+zurückfinden kann. Die Guiaven stehen gar zu dicht um Euer Haus -- Ihr
+solltet sie ein wenig lichten.«
+
+»Wie ich merke stehen sie doch noch immer nicht dicht genug;« brummte
+Murphy halblaut vor sich hin, Mütterchen Tot nahm aber für ihn die
+Unterhaltung auf, und mit ihrer schrillen Stimme kreischte sie dem
+Officier entgegen:
+
+»_Deine_ Wohnung, _Deine_ Wohnung? wessen Wohnung habt Ihr hier anders
+als _meine_? und glaubt Ihr daß der schmutzige Schuster da eine
+Wohnung für sich selber hat? -- Ist das auch eine Manier einer armen
+alleinstehenden Frau bei Nacht und Nebel in's Haus zu fallen, und sie
+zu erschrecken, daß sie den Tod davon haben könnte? was wollt Ihr? wer
+seid Ihr? wen sucht Ihr? nun, habt Ihr die Sprache verloren daß Ihr
+dasteht wie von Gott verlassen?«
+
+»Alle Wetter,« lachte Bertrand, der sich erst jetzt von seinem Staunen
+über die wunderbare, vor ihm aufsteigende und von der Flamme
+phantastisch genug beschienene Gestalt erholen konnte -- »das ist
+eine _Dame_; bei Allem was da schwimmt, ich hatte keine Ahnung daß
+sich das schöne Geschlecht auch in solch alte Ueberröcke zurückziehen
+könnte.«
+
+»Ach was _schöne Geschlecht -- Dame_,« knurrte die Megäre, »was wollt
+Ihr, wen sucht Ihr? und ein Bischen rasch, denn es ist Schlafenszeit,
+und ich möchte meine Ruhe haben wie ich's verlangen kann.«
+
+Der Officier hörte schon kaum mehr auf sie, sondern näher zum Licht
+tretend, und seine Augen mit der linken ausgestreckten Hand dagegen
+schützend suchte er vor allen Dingen herauszubekommen, ob außer den,
+neben der Lampe sitzenden Individuen noch Andere vielleicht in der
+Hütte befindlich, oder gar versteckt wären, einer eben nur
+oberflächlichen Untersuchung auf bequeme Art auszuweichen.
+
+Jim hatte erst wirklich, und wie er das erste Niederstoßen der
+Gewehrkolben hörte, eine Bewegung gemacht, als ob er sich in den
+hinteren und dunkleren Theil der Hütte zurückziehen wolle, als aber
+sein scharfes Ohr auch dort draußen Schritte hörte, blieb er ruhig
+stehen und ließ sich dann sogar, als eben der Officier die Hütte
+betrat, wieder auf seinen alten Platz nieder, wo er, den Kopf in die
+Hände gestützt, und den breiträndigen Wachstuchhut nur etwas tiefer in
+die Augen gezogen, ruhig sitzen blieb, und das Ganze mit vollkommen
+gutem Gewissen schien abwarten zu wollen. Nur der mißtrauische und
+finstere Blick, den er heimlich, unter dem Schatten seiner Hutkrempe
+vor, nach dem Officier hinüberschoß, wie die fest zusammengebissenen
+Zähne hätten können ahnen lassen, daß doch nicht Alles mit ihm so gut
+und richtig sei, und er vielleicht gegenwärtig lieber den von
+Mosquitos am meisten heimgesuchten Guiavensumpf, als gerade diesen
+behaglichen Platz auf dem er sich befand, inne haben möchte.
+
+»Was oder wen ich suche, Madame?« wiederholte Bertrand langsam und
+fast wie mit sich selber redend -- »hm, Jack scheint sich richtig aus
+dem Staub gemacht oder doch einen sichereren Platz aufgefunden zu
+haben. Ihr, da, zwei von Euch« wandte er sich dann in französischer
+Sprache an die Soldaten, »sucht einmal an der Wand hin, ob Ihr nicht
+irgendwo noch Jemand entdeckt, und wenn so, bringt ihn her zum Licht;
+vielleicht können mir indessen diese beiden Burschen, die da so
+schweigsam sitzen, etwas nähere Auskunft über den Gesuchten geben.
+Heda Gentlemen,« wandte er sich jetzt an die beiden Leute, von denen
+Bob nicht als Matrose zu verkennen war, während selbst Jim einen
+ziemlich seemännischen Anstrich hatte, und hier auf Tahiti, wo man
+kaum Leute anderen Berufs vermuthen konnte, recht gut für zu
+Salzwasser gehörig gelten konnte -- »ich suche einen entsprungenen
+Mann von der ~Jeanne d'Arc~, der auf den Namen Jack hört, und sonst
+ein so durchtriebener nichtsnutziger Schuft ist, wie nur je Einer
+Schuhleder zertreten oder das Deck eines Schiffes gewaschen hat. Kann
+mich Einer von Euch auf die Spur bringen?«
+
+»Spur bringen?« brummte aber Bob dagegen -- »wenn's auf See wäre, aber
+hier an Land bin ich immer froh wenn ich das Ufer selber wiederfinde,
+mich nicht zwischen den verdammten Bäumen zu verlaufen -- da müßt Ihr
+Euch schon einen Anderen suchen.«
+
+»Aber hast Du den Burschen nicht irgendwo gesichtet, Kamerad?« frug
+der Officier wieder, der aus dem ganzen Wesen der Alten etwas
+Aehnliches fast vermuthen wollte. »Er heißt Jack.«
+
+»So heißen wir ziemlich Alle,« knurrte der Seemann -- »wenn man Eines
+Namen nicht weiß auf Englischen Schiffen, nennt man ihn Jack -- jeder
+Matrose ist eigentlich ein geborener Jack, und kriegt den anderen
+Namen, wie das Frauensvolk bei der Heirath, mit dem ersten
+Salzwasser-Grog ohne Zucker und Rum, den sie ihm über den Schädel
+gießen.«
+
+Bertrand hatte, während Bob sprach, zuerst Jim oberflächlich
+betrachtet, und sich dann wieder in der Hütte umgesehen, in seiner
+Erinnerung wurden aber andere Bilder wach, und wieder und wieder
+kehrte sein Blick zu den halbbeschatteten Zügen des Mannes zurück, der
+am Feuer mit zusammengezogenen Brauen saß und jetzt anfing in seiner
+Tasche nach Tabak zu suchen, sich eine Pfeife zu stopfen.
+
+»Hallo Kamerad,« sagte er endlich, als die beiden Soldaten
+zurückgekommen waren und gemeldet hatten daß sich Niemand weiter in
+der Hütte befinde, »wo haben wir Beide denn schon einmal unser
+Fahrwasser gekreuzt? -- Du bist ein Engländer?«
+
+»Wenigstens nicht weit davon,« brummte Jim, sich noch mehr in seine
+Pfeife vertiefend, und jetzt halb vom Lichte abgewandt -- »habe aber
+nicht die Ehre -- Menschen gleichen sich wie Blätter und Eier --
+tragen Alle die Nase mitten im Gesichte.«
+
+Bertrand barg einen Augenblick die Augen in der Hand, wie um durch
+keine äußeren Eindrücke sein Gedächtniß zu beirren -- ein
+thatenreiches Leben flog ihm in wirren Bildern vor dem inneren Geist
+vorüber; aber zu viel der Scenen, zu viel der Gestalten wechselten und
+schwammen da durcheinander, als ihm so rasch zu gestatten daß er sich
+den einen, verlangten herausgriffe aus der Masse, und nur den Kopf
+schüttelnd, schritt er mit verschränkten Armen ein paar Mal auf und ab
+in der Hütte, ohne, wie es schien, auf die Inwohner viel zu achten,
+ja fast vergessend, weshalb er eigentlich hierhergekommen.
+
+Jim war dabei diese höchst unnöthige Aufmerksamkeit, die der Officier,
+den er selber recht gut wiedererkannte, auf ihn wandte, nichts weniger
+als angenehm, und er fing an sich eben nicht mehr so sicher auf seinem
+Platz zu fühlen. Er stand langsam auf und zog sich dem Hintergrund der
+Hütte zu.
+
+Bertrand stampfte ungeduldig mit dem Fuß.
+
+»Weiß der Teufel,« murmelte er dabei leise vor sich hin, »wo mir die
+Galgenphysionomie schon einmal vorgekommen, aber nichts Unbedeutendes
+war's das ist sicher -- nun vielleicht fällt's mir wieder ein -- ha
+-- « sagte er, emporsehend, als er den Seemann nicht mehr auf seinem
+Sitz erblickte -- »ah, der Herr schläft wohl hier, und will sich sein
+Lager zurechtmachen? -- habt Ihr Erlaubniß an Lande zu bleiben, und
+auf welches Schiff gehört Ihr?«
+
+»Ich gehöre auf gar kein's,« entgegnete Jim finster aus dem Halbdunkel
+der Hütte vor -- »die Insel hier ist meine Heimath, und ich werde
+d'rauf schlafen können, denk' ich.«
+
+»Und Du, mein Bursche, auf welches Schiff gehörst Du?« wandte er sich
+jetzt zu Bob -- »oder rechnest Du Dich etwa auch zu den Eingeborenen,
+mit Deiner Furcht vor den Bäumen?«
+
+»Verdamm es, nein,« brummte der Seemann, »ich gehöre zur ~Kitty
+Clover~.«
+
+»Dem Wallfischfänger?«
+
+»Ja.«
+
+»Und weshalb bist Du da nicht an Bord, Sirrah?« frug der Officier
+scharf -- »die ~Kitty Clover~ steht überhaupt in dem Verdacht andere
+Ladung als Thran an Bord zu führen, und wenn ich nicht irre haben die
+Missionaire schon Klage eingereicht, daß Ihr den ganzen Ort mit Brandy
+überschwemmt.«
+
+»Die Missionaire können zu Grase gehen,« erwiederte Bob gleichgültig,
+»die schwatzen viel wenn der Tag lang ist. Was übrigens die ~Kitty
+Clover~ thut geht _mich_ nichts an -- die ~Kitty Clover~ ist ein ganz
+selbstständiges Frauenzimmer.«
+
+Bertrand lachte. »Doch apropos,« rief er plötzlich, sich zu Murphy
+wendend, der noch immer auf seinem niederen Schemel saß, und den in
+der Eile aufgegriffenen Schuh wie mißtrauisch betrachtete, »was war's
+denn was der Bursche da vorhin versteckte? seh doch einmal Einer von
+Euch nach -- in der Kalebasse da drüben muß es sein, vielleicht daß
+uns das auf Jacks Spur bringt.«
+
+»Und was habt Ihr Euch um anderer Leute Kalebassen zu bekümmern?« rief
+aber die Frau jetzt, zum ersten Mal des Schusters Parthei ergreifend,
+der nur mit finster trotzigem Blick vor sein Eigenthum trat, und
+nicht übel Willens schien es zum Aeußersten zu vertheidigen -- »hab
+ich Euch nicht gesagt daß ich Nichts von Euerem ganzen Gesindel weiß,
+und mir noch weniger daraus mache, und überhaupt wünsche die
+gottvergessenen Wi-Wis in meinem ganzen Leben nicht gesehen zu haben?
+-- ist das jetzt Zeit, mitten in der Nacht bei einer armen alten Frau
+einzubrechen, das Unterste zu oberst zu kehren, und unschuldige Leute
+mit geladenen Gewehren und Bajonetten zu erschrecken? Fort mit Euch
+wohin Ihr selber gehört, was wollt Ihr von uns? -- was steht Ihr noch
+da?«
+
+»Komm hier Mütterchen,« lachte aber der eine Soldat, ein riesiger
+Bursche, sie und Murphy zu gleicher Zeit aber sanft bei Seite
+schiebend, während der Andere, unter Murphys Armen fort, die fragliche
+Kalebasse mit dem Bajonnet anspießte und nach vorn zog, wo das
+allerdings höchst unverdächtige Buch zu Lichte rollte.
+
+»Eine Bibel,« lachte der Officier, »und weshalb versteckst Du die vor
+_mir_? -- hab' keine Furcht mein frommer Bursche, ich wäre der Letzte
+der Dich in Deiner Andacht störte -- laßt sie los.«
+
+»Gottes Fluch über Euch!« schrie aber jetzt die Alte, durch das ruhige
+Verhalten der Leute nur noch mehr in Wuth gebracht. »Pest und Gift in
+Euere Knochen, und faulende Krankheit, daß Ihr eine arme Frau
+mißhandelt und drückt in ihrem eigenen Haus!« und zufällig vielleicht,
+oder auch mit Absicht das heiße Cocosöl über die Eindringlinge
+auszuschütten, stieß sie zu gleicher Zeit das hohe und leichte
+Bambusgestell, auf dem Murphys Cocosschale mit dem darin brennenden
+Docht stand, um, und die Soldaten konnten auch wirklich eben nur unter
+laut ausgestoßenen Flüchen zur Seite springen, dem drohenden Oel, das
+sich jetzt entzündete, zu entgehen. Auf dem Boden aber schlug es in
+heller Flamme empor, den Platz mit seinem Lichte übergießend.
+
+»Alle Wetter Madonna,« rief Bertrand, der lachend zurücksprang, »Du
+wirst Dir selber das Haus über dem Kopf anzünden, und da hinten -- «
+sein Blick fiel in diesem Moment auf das, ihm fast unwillkürlich
+zugewandte Antlitz des Iren, der sich überrascht nach der hellen
+Flamme umschaute, und wie ein zündender Blitz sprang zu gleicher Zeit
+die Erinnerung an jene Nacht in ihm auf, die Jack schon früher gegen
+Jim erwähnt, seinem Gedächtniß mit Zauberschnelle das Wo und Wie jener
+Züge in die Seele rufend.
+
+»~Sapristi~,« schrie er, den Degen mit dem Wort aus der Scheide
+reißend und gegen den Iren anspringend -- »hab' ich Dich, Kamerad --
+ergieb Dich Schuft! hierher Ihr Leute!«
+
+»Verdammt!« knirrschte Jim zwischen den Zähnen durch, »aber noch habt
+Ihr mich nicht!« und einen Sessel der dort stand aufgreifend, und dem
+Franzosen vor die Füße schleudernd, daß dieser auf die Seite springen
+mußte nicht darüber zu fallen, warf er sich, ehe die Soldaten
+herbeieilen oder selbst Bertrand ihn erreichen konnte, mit aller
+Gewalt gegen einen der Bambusstäbe an, der, jedenfalls schon zu einem
+heimlichen Ausgang, einer Art Nothröhre benutzt, seinem Gewicht
+nachgab und sich nach außen bog. Der Körper des Flüchtigen war im Nu
+dahinter verschwunden, und als der Officier vorspringend mit seinem
+Degen einen Stoß nach dem Entsprungenen führte, traf der
+zurückschnellende Bambus die Klinge, und brach sie in der Mitte, wie
+Glas entzwei.
+
+»Feuer! beim Teufel -- Feuer!« schrie Bertrand, wüthend gemacht, und
+dem Knacken der Hähne folgte mit Blitzesschnelle eine Salve, mit wenig
+mehr Erfolg aber wohl, als den Bambus an einigen Stellen zu
+zersplittern und die Hütte mit Pulverrauch zu füllen.
+
+Der einzige Ruhige während der ganzen wilden Scene schien Bob, der
+regungslos auf seinem Platz sitzen geblieben war, und nur nach dem
+Verschwinden Jims und der rasch gefeuerten Salven wie spöttisch mit
+dem Kopf schüttelte. »Hm, möchte wissen was da im Winde ist --
+verteufelter Kerl, wie fix er durch die Wand war,« murmelte er vor
+sich hin; »sein Hals kann auch seinen Beinen dankbar sein, mein' ich,
+denn auf einen bloßen Deserteur wird doch nicht gleich geschossen --
+hab's mir aber etwa gedacht, daß der Bursche wohl was erzählen könnte
+-- wenn er nur wollte.«
+
+Ein paar Soldaten wollten jetzt rasch zur Thür hinaus, dem Flüchtigen
+nachzusetzen, Bertrand rief sie aber zurück.
+
+»Laßt ihn heute, in dem Unterholz ist er schon lange in Sicherheit,«
+sagte er seine Klinge vom Boden aufhebend und den Sprung, mit einem
+leise gemurmelten Fluch wieder zusammenpassend -- »wart' aber
+Canaille; also hier nach Tahiti her hast Du Dich gefunden? -- nun
+hoffentlich war das nicht das letzte Mal daß wir einander begegnet
+sind, und das nächste Mal _kenn'_ ich Dich, darauf kannst Du Dich
+verlassen. Und Du Mütterchen,« wandte er sich plötzlich an die alte
+Frau, die knurrend und keifend neben dem qualmenden brennenden Oele
+stand, und giftige Blicke bald nach der Ursache dieser Ueberstürzung
+ihres Hausstandes, bald nach dem unglücklichen Schuster hinüber warf,
+an dem sie nur noch nicht recht wußte, wie sie einen Halt bekommen
+sollte, ihren Grimm auszulassen -- »Du kannst mir vielleicht sagen wie
+der Bursche, der da eben durch Deine Wand sprang, heißt, was er treibt
+und wo er wohnt.«
+
+Mütterchen Tot war aber keineswegs in der Laune irgend eine Auskunft
+zu geben, und ihren vollen Grimm gegen den Frager kehrend, überhäufte
+sie ihn mit einer wahren Fluth von Schimpfreden und Zornesworten, daß
+er verlange sie solle alles Gesindel kennen, das sich auf der Insel
+herumtriebe, und die Wohnung von Leuten angeben die zu ihr in's Haus
+kämen einen Dollar zu verzehren, wovon sie leben müsse in ihren alten
+Tagen.
+
+Bob wollte ebenfalls von Nichts wissen, und Bertrand sah wohl ein daß
+er hier nur seine, jetzt weit kostbarere Zeit vergeuden würde, aus den
+hier Anwesenden durch Drohungen oder Bitten etwas herauszulocken.
+Vielleicht aber vermochte ihm ihr Eigennutz, dieser gewaltige Hebel
+der Menschheit mehr zu nützen, und sich an die Alte wendend da der
+Matrose wohl schwerlich einen Kameraden verrathen würde, sagte er
+ruhig:
+
+»Frieden Mütterchen, eben weil Ihr eine arme verlassene Wittwe seid,
+red' ich zu Euerem Besten, und wollt Ihr einen Haufen Geld mit einem
+Schlag verdienen, so habt Ihr weiter Nichts zu thun als Ja zu sagen.«
+
+»Haufen Geld,« mumpelte die Alte mürrisch, aber auf einmal merkwürdig
+besänftigt, in ihrem zahnlosen Mund -- »Haufen Geld, ja mit der Zunge,
+da versprecht Ihr Wi-Wis das Blaue vom Himmel herunter -- Haufen Geld
+-- wie soll eine arme verlassene Wittwe einen Haufen Geld verdienen in
+dieser schweren, drückenden Zeit? -- fort mit Euch, ich kenne Euch
+schon von alten Zeiten her.«
+
+»Schon gut, Madonna, also Du weißt nicht wo jener Bursche, der da eben
+durch die Bambuswand sprang, und mit der Gelegenheit dieses Hauses
+_außerordentlich_ vertraut scheint, sich über Tag aufhält, und wo er
+wohnt?«
+
+»Nein -- Nichts,« brummte die Alte mürrisch.
+
+»Weißt auch nicht wie er heißt?«
+
+Die Alte zögerte und sah halb unschlüssig Bob an, der aber sog ruhig
+an seiner Pfeife und schaute still und heimlich lächelnd vor sich
+nieder -- sie schüttelte trotzig mit dem Kopf.
+
+»Gut,« sagte Bertrand, sich die Lippen beißend, »vielleicht fällt
+Dir's später ein; frischt sich aber Dein Gedächtniß, so kannst Du 500
+Frank -- verstehst Du? -- 500 Frank verdienen, wenn Du mir
+Gelegenheit giebst des Schuftes habhaft zu werden.«
+
+»Fünfhundert Frank?« sagte die Alte ungläubig.
+
+»Auf der Stelle ausgezahlt, sobald wir den Burschen in unsere Gewalt
+bekommen -- und selbst für den Anderen sollst Du zweihundert haben,
+wenn Du uns zu seiner Ergreifung behülflich bist.«
+
+Bob hob jetzt zum ersten Mal den Blick vom Boden auf, und sah die Alte
+lauernd an -- Mütterchen Tot schien aber in der That in tiefem
+Nachdenken verloren über den Vorschlag, und es bedurfte einiger
+Minuten, ehe sie die Versuchung von sich abschütteln konnte -- wenn
+sie sich nicht etwa gar vor den Zeugen genirte.
+
+»Ich will Nichts mit der Sache zu thun haben,« brummte sie
+kopfschüttelnd -- »hat O'Flannagan sich -- «
+
+»O'Flannagan?« frug Bertrand rasch.
+
+»Ach zum Teufel!« rief die Alte, jetzt selber ärgerlich werdend --
+»lauert Einem nicht das Wort von den Lippen, eh' es gesprochen ist --
+was weiß ich wie Einer heißt der bei mir aus und ein geht, und sich so
+oder so nennen kann -- wen kümmerts. Es ist Nachtschlafenszeit, und
+ich will meine Ruhe haben in meinem eigenen Haus -- versteht Ihr
+das?«
+
+»Ich versteh' Euch, Mütterchen,« lachte aber Bertrand -- »danke
+übrigens für den Wink, und -- vergeßt die 500 Frank nicht. -- Doch
+jetzt: Achtung. Ihr Leute rechts umkehrt und vorwärts marsch!« und den
+Soldaten voran schreitend, die ihm durch die niedere Thür mit
+gebückten Köpfen folgten, verließ er rasch das Haus, und bald verklang
+der letzte Schritt der bewaffneten Männer in der Ferne.
+
+Bob war aufgestanden und lauschte dem weiter und weiter
+verschwimmenden Geräusch der ihm genug verhaßten Franzosen. Dann sich
+den Hosengürtel nach Seemannsart in die Höhe rückend und den Hut etwas
+weiter aus dem Gesicht schiebend, drückte er beide Hände neben den
+Hüften in den Bund und drehte sich ab, ohne weiteres Wort oder Gruß
+das Haus zu verlassen.
+
+Die Alte sah ihm finster und schweigend nach, ohne ihn aufzuhalten, in
+der Thür aber blieb er plötzlich noch einmal stehen, drehte sich um,
+nahm mit der linken Hand die Pfeife aus dem Munde, und sagte:
+
+»_Mein_ Name ist Bob Candy,« und sich dann auf dem Absatz
+herumschwingend, verschwand er durch die noch offene Thür.
+
+Mütterchen Tot aber löschte die Lichter aus, ohne auf Murphy oder den
+jetzt wieder zum Feuer niedergekauerten Indianer irgend eine
+Rücksicht zu nehmen, und drückte sich mürrisch und knurrend auf ihr
+Lager in der Ecke nieder. Sie hatte den Kopf voll, und selbst der
+kleine Schuster konnte sich heut Abend unbelästigt auf sein Lager
+werfen, den Mosquitos ein paar Stunden Schlaf abzuringen.
+
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Die Schreibweise einiger Wörter ist im
+Originalbuch inkonsistent. Im vorliegenden ebook wurden lediglich
+offensichtliche Druck- und Zeichensetzungsfehler korrigiert.
+
+Das Buch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen wurden
+folgendermaßen ersetzt:
+
+Sperrung: _gesperrter Text_ Antiquaschrift: ~Antiquatext~ Fettdruck:
+#fetter Text# ]
+
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Tahiti. Zweiter Band., by Friedrich Gerstäcker
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TAHITI. ZWEITER BAND. ***
+
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+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
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+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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