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+The Project Gutenberg EBook of Rudolph von Habsburg., by Ladislav Pyrker
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Rudolph von Habsburg.
+ Ein Heldengedicht in zwölf Gesängen.
+
+Author: Ladislav Pyrker
+
+Release Date: July 20, 2009 [EBook #29465]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RUDOLPH VON HABSBURG. ***
+
+
+
+
+Produced by Louise Hope, richyfourtytwo and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+[Dieser Text ist für Benutzer gedacht, deren Text-Anzeigeprogramm
+nicht die volle Unicode (UTF-8) Version anzeigen kann. An- und
+Abführungsstriche aus dem Original wurden durch »Guillemets«
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+ _gesperrt_
+ +antiqua+
+ =fett=
+
+Druckfehler und Unregelmässigkeiten stehen am Ende des Textes.]
+
+
+
+
+ [Abbildung:
+ Pyrker.
+ J. Bucher gez. / Stahlstich v. V. Froer.
+ Rudolph von Habsburg.]
+
+
+
+
+ Johann Ladislav Pyrker's
+
+ SÄMMTLICHE WERKE.
+
+ Neue durchaus verbesserte Ausgabe.
+
+ Zweiter Band.
+
+
+ Stuttgart und Tübingen.
+ _J. G. Cotta'scher Verlag._
+ 1855.
+
+
+
+
+ Buchdruckerei der J. G. _Cotta_'schen Buchhandlung in Stuttgart
+ und Augsburg.
+
+
+
+
+ Rudolph von Habsburg.
+
+ Ein Heldengedicht in zwölf Gesängen.
+
+
+
+
+=Inhalt der zwölf Gesänge.=
+
+
+=Erster Gesang.=
+
+Eingang. Drahomira entfährt der Hölle, sich an Ottgar zu rächen. Er
+lagert vor Dürnkrut. Aufzählung der böhmischen Völker. Ottgar im
+Kriegsrath mit seinen Feldherrn. Kunegunde, von Drahomira empört,
+erfüllt ihn mit unversöhnlicher Rachgier. Meinhard von Görz, und
+Lichtenstein, die Gesandten Rudolphs, kommen, ihm Frieden zu biethen,
+und zugleich, als sie ihn zum Turniere laden, um die Hand seiner Tochter
+für Rudolphs Sohn zu frei'n. Wallstein, Ottgars Liebling, trägt
+heimliche Liebe zu ihr. Ottgar entläßt die Gesandten mit zweifelhaften
+Worten. Beschließt den Kampf. Gesichte der Zukunft.
+
+
+=Zweiter Gesang.=
+
+Rudolph zieht seinem Sohn Albrecht bis Lilienfeld entgegen. Besteigt die
+Alpenhöhen, wo ein frommer Klausner ihm seines Hauses künftige Größe
+verkündet. Schlägt Müller, den Zürcher, zum Ritter. Sonnenaufgang, und
+herrliche Aussicht. Albrecht nah't von Zell heran, und stellt dem
+Kehrenden die Schweizer- und die schwäbischen Scharen vor. Er zieht mit
+ihnen g'en Wien. Hedwig.
+
+
+=Dritter Gesang.=
+
+Marbod, einst König der Markmannen, und ein jetzt dem Kaiser gewogener
+Geist, eröffnet dem Feldherrn Hugo von Tauffers, in einem Traum, den
+Verrath, den Waldram, Bürgermeister zu Wien, an dem Kaiser sinnt.
+Rudolph kommt mit seinen Scharen heran, und nimmt an der Wien von seiner
+Gemahlinn Abschied. Sendet Hugo von Tauffers an den König der Ungern,
+Ladislav. Ernennt an dessen Stelle seinen Sohn, Hartman, zum
+Festungsgebiether, und eilt in das Lager am Tabor. Aufzählung seiner
+Völker. Hugo von Tauffers im Lager der Kumanier und Ungern. Diese setzen
+die March herüber.
+
+
+=Vierter Gesang.=
+
+Morgen. Turnier am Tabor. Von Drahomira erregt, höhnt Wallstein Hartman,
+Rudolphs Sohn; kommt unerkannt in schwarzer Rüstung Ottgar heran;
+widersteht ihrer Einflüsterung, den Kaiser zu morden; ersticht Hartmans
+Roß; wirft den Fehdehandschuh Rudolph, zum Kampf auf Tod und Leben, hin,
+und entflieht im schrecklichen Donnergewitter.
+
+
+=Fünfter Gesang.=
+
+Ottgar gebiethet in der Nacht dem Heere den Aufbruch, dem er mit
+schwachem Geleit folgt. Aus dem Hinterhalt fallen ihn die Kumanier an.
+Er schlägt sich mit Wallstein durch. Milota führt ihn auf Irrwegen von
+dem Heer ab, und quält ihn mit Rückerinnerungen verübter Frevelthaten.
+Von Drahomira bethört, hält Wallstein um die Hand seiner Tochter an. Er
+mißhandelt ihn.
+
+
+=Sechster Gesang.=
+
+Czernin dringt, mit Waldram verstanden, in der Mitternachtsstunde, an
+der Spitze einer Schar Böhmen in die Veste Wien ein, als Hartman eben
+wegen der schwerkranken Mutter sich nach dem Kahlenberg begab. Ihm, und
+den Aufrührern, setzen sich die Schweizer standhaft entgegen. Der Kaiser
+zieht, auf Marbods Wink, mit Hugo von Tauffers vor die Thore. Hartman
+sprengt herbei, und tödtet Waldram; worauf die Böhmen sich eilig wieder
+über die Donau zurückzieh'n. Hugo abermals zum Festungsgebiether
+ernannt. Tod der Kaiserinn. Todtenfeier und Begräbniß. Der Kaiser sendet
+Albrecht nach Heunburg, eine Brücke über die Donau zu erbauen. Hartman
+eilt nach dem Rhein fort.
+
+
+=Siebenter Gesang.=
+
+Der Kaiser setzt mit dem Heere bei Heunburg über die Donau, und rückt
+g'en Marcheck vor. Wallstein, dem Wahnsinn nahe, tödtet einen seiner
+Krieger. Der Kaiser entläßt ihn schonend. Kaduscha, ein Führer der
+Kurmanier meldet ihm die Nähe des Königs, und die Sendung des Geschenks
+mit den Köpfen der, im nächtlichen Ueberfall, getödteten Böhmen. Der
+Kaiser sendet Schwarzenberg dem König entgegen, und heißt ihn, jene
+begraben zu lassen. Die Geister: Marbod und Inguiomar auf Rudolphs, und
+Katwald auf Ottgars Seite. Zusammenkunft Rudolphs mit dem König
+Ladislav. Ottgar rückt mit dem Heer' an. Der Kaiser stellt seine Völker
+in Schlachtordnung. Marbod treibt Schörlins Roß gegen die Böhmen. Der
+Kampf beginnt. Ottgar tödtet in der Vorhuth zwei Trautmansdorfe.
+Pfannberg wird verwundet. Die Steyrer weichen. Der Kaiser hält die
+Flüchtenden vor Marcheck auf.
+
+
+=Achter Gesang.=
+
+Nacht. Von Drahomira verleitet, setzt Wallstein, mit kumanischen
+Kriegern vereint, ein Städtchen in Mähren in Brand, und tödtet einige
+böhmische Reiter. Kommt zu sich. Eilt in das Lager Rudolphs, und
+erbiethet sich, Ottgarn heimlich zu tödten. Der Kaiser heißt ihn reuig
+zu Jenem zurückkehren. Drahomira drängt ihn umsonst, den schlummernden
+König zu morden. Er fällt in sein eigenes Schwert. Drahomira fährt zur
+Hölle. Wallsteins Grab. Der Kaiser stellt in der Morgendämmerung sein
+Heer in Schlachtordnung. Ottgar, in Gram versunken, säumt. Ernennt
+Milota zum Anführer des Haupttreffens. Worauf die Meißner und Thüringer
+von seinem Heer heimlich abziehen; so auch Kunring. Doch Ottgar
+gebiethet den Angriff.
+
+
+=Neunter Gesang.=
+
+Morgen. Der Kaiser verschiebt die Hauptschlacht auf den folgenden Tag.
+Sendet Trautmansdorf mit seinen Söhnen, es Ottgarn kund zu thun, und ihm
+nochmals Frieden zu biethen. Dieser wird von ihm schnöde abgefertigt.
+Von den feindlichen Reitern gehöhnt, kehren fünf seiner Söhne, kämpfen,
+und fallen. Der Kaiser stellt sein Heer dem anstürmenden Feind, vor des
+Lagers Wall, entgegen. Angriff, und hartnäckiger Kampf. Milota tödtet
+die beiden Führer Berchtold und Col von Seldenhofen. Capellen entflammt
+die Oestreicher. Die Mährer weichen. Katwald ermuntert den Herbot von
+Füllenstein, daß er vor Allen auf den Kaiser eindringe. Meinhard, Graf
+von Görz und Tyrol, ringt gegen die Bayern und Sachsen, und erlegt den
+Feldherrn Czernin; Heunburg den Markgrafen Pfeil, Feldherrn der Sachsen.
+Da dringt Herbot von Füllenstein auf den Kaiser los, und ersticht ihm
+das Pferd unter dem Leib. Sechs Trautmansdorfe kämpfen um ihn herum, und
+fallen. Der Kaiser reißt Herbot mit dem Speere von dem Pferd herunter,
+und macht ihn gefangen. Heißt dort Albrecht mit den Schweizern
+vordringen, hier Matthias von Trentschin mit den Ungern dem Feind' in
+die Seite stürmen. Lobkowitz ruft Ottgar auf, daß er mit ganzer Macht
+sich auf den Feind werfe. Er gibt ihm kein Gehör. Auf den Ruf »die
+Feinde fliehen!« weichen seine Völker, und er führt sie bis Dürnkrut
+zurück. Der Kaiser lagert vor Ebenthal. Nacht.
+
+
+=Zehnter Gesang.=
+
+Hartman ertrinkt in dem Rhein. Der Kaiser hält mit seinen Feldherrn erst
+Kriegsrath; dann die Abendmahlzeit. Horneck der Sänger tritt ein, und
+singt die fromme Handlung des Kaisers, als er dem Priester sein Roß
+both. Entläßt die Feldherrn. Dem Entschlummerten erscheint sein Sohn
+Hartman. Ottgars Abschied von Kunegunden.
+
+
+=Eilfter Gesang.=
+
+Morgen. Schlachtordnung der Böhmen. Der Kaiserlichen. Gottesdienst.
+Vorbereitung zur Schlacht. Die Ritter buhlen um die Ehre, die Sturmfahne
+zu tragen. Ottgar, von Katwald erregt, nah't mit seinem Heer. Hundert
+Zürcher erhalten vom Kaiser den Ritterschlag. Trautmansdorfs letzter
+Sohn fällt. Die Kumanier stürmen sonder Ordnung. Lobkowitz bringt sie
+und die Steyrer, zum Weichen. Verstärkter Angriff. Die Kaiserlichen
+allenthalben zurückgedrängt. Der Kaiser steigt vom Pferd, bethet zum
+Himmel, und macht ein Gelübde. Ein Unsterblicher stärkt ihn, und heißt
+die Geister entflieh'n. Erneuerter Kampf. Albrecht, sein Sohn, trägt ihm
+die Kreuzesfahne vor. Nach schrecklichem Gewürg', wo, mit den Rittern,
+die Schweizer und Schwaben entscheidend vordringen, weicht Ottgar auf
+den Spannberg zurück. Heißt Milota mit dem Nachhalt vorgeh'n. Allein
+dieser flieht, ihn höhnend, mit seinen Scharen vom Schlachtfeld. Letzter
+mörderischer Kampf. Ottgar von den Merenbergern vom Pferde gestochen.
+Sein zerstreutes Heer bis g'en Laa verfolgt.
+
+
+=Zwölfter Gesang.=
+
+Ottgars Leiche wird in der Nacht auf einen Trauerwagen gehoben. Hornecks
+Klaggesang. Des Kaisers Einzug in Wien. Dankgebeth. Der Wagen mit
+Ottgars Leiche nah't. Lobkowitz führt dessen Sohn Wenzel herbei, daß er
+um selbe flehe. Der Kaiser entläßt sie. Endet seinen Siegeseinzug in die
+Burg. Nimmt den König Ladislav, und Wenzel an Sohnes statt an, und
+verheißt diesem seine jüngste Tochter Gutha. Belehnt seinen Sohn
+Albrecht mit Oestreich, und zieht sich dann in das Trauergemach, wo die
+Kaiserinn starb, zurück.
+
+
+
+
+ Erster Gesang.
+
+
+ Tön', o Heldengesang, von den schmetternden Kriegesdrometen
+ Wieder geweckt, von Rudolph nun, dem Kaiser der Deutschen,
+ Der obsiegend der Macht des Böhmenköniges, Ottgar,
+ Wahrte die Rechte des Reich's, und, kehrend vom blutigen Schlachtfeld,
+ Gründete Habsburgs Thron an den Ufern der mächtigen Donau,
+ Seinem Geschlechte zum Ruhm, und unzähligen Völkern zum Segen!
+
+ Wer empörte sofort, nach dem jüngsterrungenen Frieden,
+ Wieder die Fehd' und das Grau'n der menschenvertilgenden Feldschlacht?
+ Ein unseliger Geist, _Drahomira_.[1] Die Herrscherinn Böhmens
+ War sie, und noch ist ihr Nahme mit Schauder genannt in dem Land dort:
+ Denn Wratislav, dem christlichen Fürsten, vermählet als Heidinn,
+ Trug sie den Christen Haß in der schrecklichen Brust, und verfolgte
+ Sie mit Feuer und Schwert. Sie waffnete selbst den Erzeugten,
+ Boleslav, daß er Wenzel ermorde, den eigenen Bruder,
+ Weil er dem Heiland getreu, festhielt an dem heiligen Glauben,
+ Und verübt' auch sonst an dem Volk' entsetzliche Frevel:
+ Zaubergewaltig, ergeben dem Trug der Hölle -- der Schwarzkunst;
+ Bis urplötzlich die berstend' Erde zu Prag, am Hradschin, sie,
+ Lebend, verschlang. Noch jüngst ausspie der klaffende Felsen
+ Dort bald finsteren Rauch, bald bläuliche Flammen: denn oft kam
+ Noch in der Neumondsnacht (so heischt' es die Sag') ihr zu opfern,
+ Mancher, vom Wege des Heils Verirrter, dahin, und Verdammniß
+ Ward ihm zu Theil. D'rum hieß, als früher geweihetes Wasser
+ Sprengte der Priester umher, und stehende Worte zu Gott rief,
+ Ottgar füllen den Zauberschlund mit dem lastenden Felsblock
+ So, daß auf immer verhüllt die Spur des unseligen Raum's sey.
+
+ Unten im Höllenpfuhl, der außer des kreisenden Weltalls
+ Gränzen sich noch unendlich erstreckt, erhob Drahomira
+ Jetzt, verwundert, ihr Haupt, und sprach wuthfunkelnden Blickes:
+ »Ha! wie kommt es, daß heut der betäubende Rauch, und die Flamme,
+ Die ich genährt in dem Schlund',
+ in welchem ich schrecklichen Tod fand,
+ Qualmend herab sich wälzt, und keiner der Sterblichen seither,
+ Opfernd vor ihm, die Schar der Unseligen mehrt in dem Pfuhl hier?
+ Meister, ist dir's genehm, daß ich eile hinauf nach des Erdballs
+ Fluren, und forsche, wie solches gescheh'n? Bald öffnet Verführten
+ Wieder der Schlund sich weit; ich sende sie, dir zu Gefallen!«
+ Sagt' es, und blickte nach Satan hin, der, riesengestaltet
+ Saß auf dem glühenden Thron', und die furchtbarn Augen zum Boden
+ Heftete, so die unendliche Qual des zerrissenen Herzens
+ Durch empörenden Trotz und erheuchelte Ruhe zu bergen;
+ Aber umsonst: denn nimmer birgt er das innere Weh' mehr,
+ Das von der finsteren Stirn' und den zuckenden Wangen sich kund thut.
+ Nicht erhob er auch jetzt den Blick von dem Boden: er winkte
+ Nur mit dem Haupt, daß die Höll' erzitterte, jener den Beifall:
+ Alsbald fuhr sie in brausender Hast von dem schrecklichen Wohnsitz
+ All der Unseligen auf, und nahte dem Lande der Böhmen.
+
+ Kaltverachtenden Blicks gewahrte sie dort auf den Fluren
+ Reiches Gedeih'n, und rings die freundlichen Städt' und die Dörfer;
+ Aber vor allen, am Moldaustrom' erglänzend die Hauptstadt,
+ Praga, im lieblichen Reiz erst jüngstentfalteter Blüthen.
+ Sieh', und ein Pilger kam vom Gelobten-Lande gezogen,
+ Der vor Jahren die Heimath verließ! Er blickte mit Staunen
+ Lang' um sich her: da naht' ihm, lächelnd, ein Greis, und im Beiseyn
+ Jener Verworf'nen zugleich, die ihm leis' aufhorchte, begann er:
+ »Fremdling, suchst du den Mann, der hier ein Eden erschaffend,
+ Wie durch Wundergewalt das Leben der Menschen verschönt hat?
+ Nun ist er fern: denn wiss' es, der Held und erhabene König,
+ Ottgar, streute mit Liebe die Saat, und ihm reifte zum Segen
+ Wohlstand unter dem Volk' in des Landes erfreuender Schönheit.
+ Auch erlagen die Gegner ihm stets, und es kündiget allwärts
+ Seines Nahmens Unsterblichkeit der herrlichste Siegsruhm.
+ Dennoch hielt er so gern in der dunkelen Scheide das Eisen,
+ Frieden ersehnend, zurück, und entblößt' es auch jetzt, nur gezwungen,
+ Gegen des streitbarn Rudolphs Macht. Er wird sie für immer
+ Bändigen: denn er zog, gar furchtbargerüstet, zum Kampf' aus.
+ Ach, ihn drängte zum Friedensbruch Kunegunde, die Gattinn!
+ Grimmvoll ist ihr Gemüth, und ihr Herz verwildert durch Herrschsucht,
+ Die ihm das Böse vergilt, das er Margarethen, der frommen,[2]
+ Einst als Gatt' erwies! Dieß Eine verdunkelt den Hochglanz
+ Seines Ruhms: ihn lenket ein Weib, das, Böhmen zum Jammer,
+ Selbst Drahomiren gleich, der Unheilstifterinn, wüthet,
+ Die für den schnöden Gewinn: zu gebiethen des Himmels Gewittern;
+ Auf den Flügeln des Sturms einher zu fahren im Luftraum,
+ Oder unsichtbar Menschen zu nah'n -- zu schau'n, und zu horchen
+ Dort in dem traulichen Kreis' der Versammelten, und zu verderben
+ Alle, die auch mit lispelndem Laut, mit umschauendem Blick nur
+ Ihrer gedacht, und tadelnde Worte gesprochen: für solches
+ Hatt' einst diese verkauft die unsterbliche Seele der Hölle;
+ D'rauf noch Schuld gehäufet auf Schuld, bis schrecklicher Tod ihr
+ Macht und Leben entriß, und die Böse dem Bösen gesellte,
+ Als urplötzlich die berstend' Erde zu Prag, am Hradschin, sie,
+ Brausend, verschlang: zur Strafe der wildumtobenden Blutgier,
+ Frevelnden Götzendienst's, und schrecklicher Christenverfolgung.
+ Aus dem furchtbarn Schlund aufquoll noch in unseren Tagen
+ Finsterer Rauch; doch Ottgar barg ihn, den Menschen zur Rettung,
+ Die, vom Satan bethört, leichtgläubigen Sinnes, ihr nächtlich
+ Opferten, dort ihr Geschick in kommender Zeit, zu erfragen,
+ Oder sich trüglichen Glücks zu erfreu'n zu unendlichem Jammer.«
+ Sagt' es, und ging. Da flog, von der Schmähung empört, Drahomira
+ Ihm auf dem Heerweg nach, und haucht' ihm Gift in das Antlitz:
+ Alsbald stand er, erbleicht, und sank, vergehend, zusammen --
+ Lag, und stöhnte vor Schmerz, bis endlich der Zauber entfloh'n war.
+
+ Aber sie starrete jetzt, tiefsinnend, und sonder Bewegung
+ Wie der Aar, der erst die mächtigen Flügel geschlagen,
+ Regungslos hinschwebt in der bläulichen Luft, in des Schlundes
+ Grauen hinab. Das Aug' ihr rollete wild in den Kreisen;
+ Knisternd sträubt' ihr Rabenhaar sich empor von der Scheitel,
+ Und voll Grimms erzitterten ihr die Lippen; sie sagte:
+ »Ottgar, Fluch sey dir! Du vernichtest des felsigen Schlundes
+ Zaubergewalt, die Viele nach mir in's Verderben hinabriß?
+ Gläubig nahten ihm oft die Verblendeten, welche, des Schicksals
+ Dunkeln Pfad zu erkunden, auf ihm, des dräuenden Himmels
+ Warnung zum Trotz, der drückenden Last des Lebens entledigt,
+ Gerne für trügliches Erdenglück das ewige böthen.
+ Aber von diesem verbannt durch eisernrichtenden Machtspruch,
+ Sollt' ich den glühenden Durst nach Rache, durch Trug und Verblendung,
+ Ich nicht löschen am Volk, das, gläubig, der Täuschung sich hingab?
+ Trost ist's, wenn in der Brust der Unseligen solchem noch Raum blieb,
+ Mit in dem ähnlichen Jammergeschick die Gefährten zu sehen.
+ Wie, du entziehst, ein Thor, durch höhnenden Frevel auch die mir?
+ Ha, dir sey jetzt Rache geschworen! Nicht will ich mehr rasten,
+ Bis dein Heldenweib -- ihr werde der Thron und die Herrschaft,
+ Ja, sie herrsche nach dir, mir ähnlich an Kraft und Gesinnung,
+ Gegen den Feind dich reizt, und du in dem Kampfe, besiegt, fällst;
+ Also büße den Ruhm, der dir Drahomiren empörte.«
+ Und sie flog nun hin, wo im weitverbreiteten Marchfeld
+ Ottgars furchtbares Heer von Dürnkruts[3] Hügeln hinunter,
+ Lagerte, dort mit höllischer Lust ihm, verderbend, zu nahen.
+
+ Leise schwebte die Nacht auf den ringsverstummenden Erdkreis
+ Nieder. Aus Süden erbraus'te der Sturm, und jagte die Wolken
+ Auf an des Himmels Zelt. Sie rissen im eilenden Zug' oft
+ Weit entzwei: da blickte der volle Mond aus des Himmels
+ Bläue so düster herab, und die Stern', in Nebel sich hüllend,
+ Trauerten: denn ein Unhold naht' auf den Flügeln der Windsbraut.
+ Jetzt, wie die ragenden Wäll' und die Häuser der mächtigen Hauptstadt,
+ Meilenlang bedecken den Plan, und oben zum Bergrand
+ Aus der Tiefe herauf dem Wanderer, düsteren Schimmers
+ Glänzet der Lampen Schein in der Nacht, unzählig und endlos:
+ Also erschien ihr das Heer des Königes, das er erst gestern,
+ Nach der Eroberung Drosendorfs, des trotzenden Städtchens,
+ Am Gestade der March, auf Dürnkruts Fluren vereinte.
+
+ Bald erspähte sie dort in des Lagers Mitte, vor allen,
+ Ottgars hochgewölbetes Zelt, das schimmernde Leinwand
+ Außen umhüllte; von innen hing, zur Erde herunter,
+ Scharlachgeröthetes Tuch, verbramt mit goldenen Fransen.
+ Sieh', in dem grasumwucherten Raum', ihm zur Linken und Rechten,
+ Ragten die Zelt', erhöht, der Kunring', tapferer Ritter,
+ Die in dem Kreis' östreichischer Herrn, wie der Mond in der Sternflur,
+ Glänzten an ad'liger Macht und weitverbreitetem Eigen:
+ Denn Hadmar, und Leutold, die Zwillinge, haus'ten zu Dürnstein
+ Bald, und bald zu Weitra und Horn; in des rollenden Jahres
+ Monden wechselnd die Burg; doch immer in trauter Gemeinschaft:
+ Sonder Gattinn und Kind, des Waffengemenges sich freuend.
+ Aber mit feindlichem Sinn, von dem Kaiser gewendet, vereinten
+ Sie mit des Königs Panier jetzt zwanzig flatternde Fähnlein.
+ Jeglichem folgte die Zahl von fünfzig bepanzerten Reitern,
+ Die mit dem Schild' und dem Helme bewehrt, und der Lanze bewaffnet,
+ Feurige Rosse zum Kampf vortummelten, siegenden Muths voll.
+
+ D'rauf g'en Idungsbeug, auf dem sandumhülleten Blachfeld,
+ Welchen die schwellende Fluth der March seit Jahren gehäuft hat,
+ War des Fußvolks Macht, zehntausend tapferer Männer --
+ Waren die Reiter gestellt, an der Zahl zweitausend und fünfzig,
+ Die sich der König in Böhmen erlas, und mit trefflichen Waffen
+ So, wie jene, versah. Die muthigen, löwenbeherzten,
+ Lenkten die Rosse mit Kraft und Geschick, die, feurigen Blutes,
+ Wild umtobten im Kampf', und die Reihen der Feinde zerstampften.
+ Lobkowitz führte sie an, der ruhmgekrönete Feldherr.
+
+ Aber vor Ebenthal, der freundlichen Burg, an des Hügels
+ Abhang, lagerten sich des vielbevölkerten Mährens
+ Tapfere Söhn': an der Zahl achttausend erlesenes Fußvolk,
+ Die, mit dem Panzerhemd' und der eisernen Haube bewehret,
+ Führten im Kampfe den Speer und den breitgehämmerten Säbel.
+ Milota rief sie in's Feld, ein Ritter, der Ersten des Landes.
+ Sonst zur Freude gestimmt, als liebender Vater und Gatte,
+ Sah er des Lebens Blüthenjahr' und die reifere Mannszeit
+ Schwinden im Glück. Nur als ihm die zarteste Tochter, Ludwinen,
+ Sie mit täuschender Huld in den Schimmer des Hofes verlockend,
+ Ottgar schnöde verführt', und der Schmach die gefallene Preis gab:
+ Da verscheuchte der Menschenhaß und die brütende Rachgier
+ Jegliche Freude vor ihm. Nur Weniges sprach er, und das noch
+ Sprach er mit bitterem Hohn' und wildauflachendem Ingrimm;
+ Aber nicht mied er des Herrschers Näh', und harrte des Tages,
+ Der ihm den Durst nach Rach' einst kühlete schrecklich und furchtbar.
+
+ Dort dem König zur Linken, hinab sich dehnend bis Stillfried,
+ Stand Klein-Reussens Volk, das jüngst an den Ufern des Peltew,
+ Lembergs Mauern nicht fern, zu Fuß und zu Pferd sich vereinte:
+ Jenes, geübt, von der Armbrust, schnellvorschreitend im Schlachtfeld,
+ Mitten in Feindes Brust den schwirrenden Pfeil zu entsenden;
+ Dieses, im Waffengemeng' schnellfußige, hurtige Rosse
+ Spornend, vorzusenken den Speer aus der Röhre des Bügels:
+ Dann mit des Fußes Druck und dem Stoße der nervigen Rechten
+ Einzustürmen im sausenden Flug' in die feindlichen Reihen.
+ Beide, gleich an der Zahl, dreitausend tapfere Mannen,
+ Folgeten Herbot von Füllenstein, der riesengestaltet,
+ Ragte vor allen hervor in dem Heer', und rühmlich bekannt war
+ Ob des unbändigen Muths, und der ritterlichsiegenden Thatkraft.
+
+ Doch auch der Meißner kam und der Thüringer jüngst aus der Heimath,
+ Ottgars Recht zu verfechten im Kampf', als Bundesgenoß her!
+ Muth in der Brust, und Kraft in der Rechten, die Lanze zu schwingen
+ Brachten sie mit, und beiden geboth der tapfere Markgraf
+ Dietrich, Heinrichs Sohn, des Erleuchteten, mächtigen Ansehn's.
+ Jenen vereint, stand auch des korngesegneten Bayerns,
+ Also auch Sachsens Volk in dem Vorderzuge geordnet:
+ Gierig des Kampfs, und geübt, die tödlichen Lanzen zu schwingen.
+ Heinrichs schaltendem Wink, des Herzogs, folgten die Bayern;
+ Markgraf Pfeils die Sachsen mit Lust in die furchtbare Feldschlacht.
+ Gegen den Weidenbach, in des weitgedehneten Thalbrunns
+ Niederung hin, erhöht auf vierzig ragenden Schaften,
+ Flatterten hoch in der Luft, verschieden an Farb' und an Zeichen,
+ All des erlesenen Vorderzugs kampfdrohende Fähnlein.
+ Jeglichem waren gesellt fünfhundert tapfere Krieger,
+ Welche das Panzerhemd, und der Helm im Felde beschirmte.
+ Aber im Rücken des Heers, nicht ferne dem schimmernden Marchfluß,
+ War noch die Wagenburg, Feldzeug, und Geräthe des Lagers
+ Aufgehäuft, wie auch Mundvorrath für die dauernde Kriegszeit.
+ Also lagerten dort des Königs versammelte Scharen.
+
+ All' umhüllete jetzt der Schlaf mit bleiernem Fittig
+ Schon. Sie errangen zuvor, nach schrecklichem Kampfe, die Mauern
+ Drosendorfs, von dem Hohenberger, dem tapferen Feldherrn
+ Rudolphs, der sie mit Macht und entflammendem Muthe beschirmte.
+ Aber noch wacht' im Gezelt der König der Böhmen. Zum Kriegsrath
+ Rief er um Mitternacht die Feldherrn: denn von dem Kaiser
+ Waren die Friedensbothen zu ihm, in das Lager gesendet:
+ Meinhard, Graf von Tyrol, und Lichtenstein: in den Waffen
+ Beide berühmt. Nicht dacht' er zwar, den friedlichen Oehlzweig,
+ Den sein Gegner ihm both, mit versöhnlicher Rechten zu fassen:
+ Denn er sann nur blutigen Kampf, nur Tod, und Verderben
+ Ueber Rudolphs Haupt zu wälzen im Felde der Waffen;
+ Aber es sollte der Helden Verein, was er in dem Busen
+ Heimlich beschloß, nun künden mit lautentscheidendem Ausspruch.
+ Siehe, vor allen kam der Führer des reisigen Volkes,
+ Lobkowitz, ein gewaltiger Greis, deß' leuchtender Aarblick
+ Unter den buschigen Brau'n den Muth im Herzen verkündet,
+ Der auf die Waffenbahn ihn schon als blühenden Jüngling
+ Trieb, und das Herz ihm gewann des schlachtruhmdürstenden Königs!
+ Doch umwölkt war jetzt ihm die Stirne von inniger Trauer,
+ Und zur Erde geheftet sein Aug', da er dort vor dem Herrscher,
+ Schweigend, stand. Alsbald, obgleich von heimlichem Unmuth
+ Selber gebeugt, begann, mit erzwungenem Lächeln der König:
+ »Wahrlich, nicht wirst du den Feldherrn heut,
+ mit dem Gram in den Augen,
+ Muth einflößen im Rath! Hat dir das treffliche Streitroß,
+ Das zum Siege dich schon in zwanzig Schlachten getragen,
+ Und aus Feindes Gedräng' oft rettete, heute das Futter,
+ Aechzend, verschmäht, und du sorgest vielleicht
+ um den Liebling im Herzen?
+ Wie, verfehlte der Spürer im Wald des flüchtigen Rehbocks,
+ Oder des Hirsches Spur, mit dem sechzehnendigen Hauptschmuck?
+ Fasse dich, tapferer Greis! Bald wird der Braune genesen;
+ Bald erfreut uns der Fried', und du streckst in fröhlichen Stunden,
+ Draußen am Rasengrund der waldumränderten Hügel,
+ Wieder im Hörnerklang' und Gebell verfolgender Spürer
+ Raschanstürmendes Wild mit sausenden Lanzen zu Boden.
+ Denke des Worts: bald sind wir heimisch im Lande von Oestreich.«
+ »Herr,« sprach jener bewegt, »gewartet mit emsiger Sorgfalt
+ Wiehert das Roß, das mich in zwanzig Schlachten getragen,
+ Und aus dräuender Todesgefahr oft rettete, muthig
+ Drüben im Zelt! Nicht denk' ich des Weidwerks jetzt in den Tagen
+ Ernsten Kriegs, deß' Bild uns jenes, im sanfteren Frieden
+ Oft ergetzt, und die Kraft uns stählt in erhöhter Gesundheit.
+ Ja, du sprachst es im Scherz nur, o Herr! Doch dünkt es mich selber:
+ Nicht wohnt Heiterkeit dir in den tieferglühenden Augen.
+ Möge die dunkle Nacht verborgenen Strebens enthüllen
+ Jetzo der Wahrheit leuchtender Strahl! Zum wichtigen Kriegsrath
+ Riefst du die Feldherrn: denn die Friedensbothen des Kaisers
+ Harren der Antwort im fernen Gezelt. Des Friedens erwähnst du?
+ Heischest Rath, und ach, beschlossen im heimlichen Busen
+ Hast du den Krieg auf Leben und Tod! O, möchte des Friedens
+ Freundlicher Ruf den Haß aus deinem empöreten Herzen
+ Nun verscheuchen, und dir und dem Volk die Fülle des Segens
+ Schaffen hinfort! Erfüllt hast du mit unendlichem Kriegsruhm
+ Weithin die Erd' umher; allüberall preisen die Völker
+ Deine Weisheit und Kraft. Zieh' heim nach dem herrlichen Erbreich,
+ Das dir gehorcht -- nach Böhmen und Mähren: die trefflichsten Völker
+ Nährt es im blühenden Schooß. Dort lebe dem Glücke der Deinen,
+ Und unsterblicher Ruhm harrt dein, in der spätesten Zeit noch.
+ Hast du nicht jüngst mit Siegel und Schrift
+ und mit heiligem Eidschwur,
+ Oestreich, Kärnthen, und Krain, als Lehen, entsagt vor dem Kaiser
+ Selber, auf Glauben und Treu', und im Treubruch hoffst du zu siegen?
+ Bebe der That: schwer rächte den Bruch geschworenen Eides
+ Stets an den Sterblichen noch die ewigwaltende Vorsicht.«
+
+ Ottgar stand, erschüttert im Geist vor dem Schreckensgedanken;
+ Sprechen wollt' er schnell, und es bebten die Lippen ihm leis' nur.
+ Doch nun drang ihm das Wort aus den festgeklammerten Zähnen:
+ »Ha, sey nun, und auf immerhin, der Leib und die Seel' auch
+ Mit in dem Spiele gewagt! Nicht kann ich mehr weichen: die Gattinn --
+ Ja, das schreckliche Weib, hat mich zu dem Schritte gezwungen.
+ Da ist kein Rückgang mehr: ich folg', ein Opfer des Schicksals!«
+ »Wie,« so sprach, ihm freundlicher nahend, der Greis,
+ »um die Herrschaft
+ Stritten des Reiches Hort und der König von Böhmen; im Frieden
+ Schieden sie erst, und die rach'empörende Zunge der Gattinn
+ Drängte sie wieder zum Würgen zurück? Nicht mühen die Frau'n sich
+ Ab in dem Feld. Wenn wir erlagen, erkiesen sie wieder
+ Sich den neuen Gemahl, und erfreu'n sich im Kreise des Lebens;
+ Doch uns lass' das Wohl und das Wehe des Landes bedenken.
+ Ottgar, stolz und tapfergesinnt, gehorchte dem Weib' nun?«[4]
+
+ Also der Greis; doch, da er es sprach, entflammte des Königs
+ Niedergeheftetes Auge sich stets zu größerer Wuth noch.
+ Wie der Drache mit glühendem Blick von dem finsteren Felsschlund
+ Aufschaut, wenn ein Ruf ihn empört; dann zischend dem Eingang
+ Nah't, und, das Haupt zum Boden krümmend, den furchtbaren Rachen
+ Weit vorstreckt, den Feind zu verschlingen, begierig: so sah er
+ Jetzo dem Greis' in das Aug', und stöhnte vor heimlichem Ingrimm.
+ Endlich rief er, bewegt: »Halt ein! O tadle den Gatten
+ Nicht, der solchem Weibe gehorcht: Margarethen, der Frauen
+ Sanfteste, stieß ich von mir: da sandte der Rächer im Himmel
+ Mir Kunegunde. Sie hat, ja, bebe dem schrecklichen Wort nur,
+ Ueber mich Macht und Gewalt. Wie ein Geist des ewigen Abgrunds
+ Steht sie vor mir ... mich schrecken entsetzliche Träume. Verschließe
+ Das in der redlichen Brust. Sieh', hätt' ich auch tausend und tausend
+ Eide geschworen: umsonst! Nicht kann ich zurück in dem Kampf mehr
+ Weichen: ich muß ihn mit Habsburgs Leu'n nun enden für immer.«
+ Jetzo winkt' er dem Greis': denn, eilenden Schrittes, genahet
+ Waren die Feldherrn all', und einten sich ihm in dem Kriegsrath.
+ Neben ihm saß zur Rechten der Hort und Gebiether der Bayern,
+ Heinrich; zur Linken ihm Pfeil, der Markgraf; d'rauf um den Tisch her,
+ Der, nach Lagers Gebrauch, von niederen Bänken umstellt war,
+ Lobkowitz, Czernin, Zierotin; dann Milota, Dietrich,
+ Herbot von Füllenstein, und die Kunring', tapfere Helden.
+ Doch von der Mitte herab des hochgespannten Gezeltes
+ Hing die flammende Lamp', endlos vom Oehle genähret,
+ Und erhellte den Tisch in des Zeltraums düsterem Schimmer.
+
+ Eben hatt' er die Helden begrüßt, und wollte beginnen:
+ Sieh', da scholl's von Hufen der Roß' in der nächtlichen Stille
+ Näher und näher, und jetzt absaßen die Reiter am Zeltthor.
+ Ottgar winkte sogleich dem blühenden Jünglinge, Wallstein,
+ Der ein Liebling ihm war, schon seit der zartesten Kindheit.
+ Alsbald eilt' er hinaus, und faßte vom niederen Gluthherd
+ Einen leuchtenden Span, den dort ein Krieger entflammte:
+ Schürend die Gluth, und häufend zugleich das harzige Kienholz.
+ Mächtiger flammte der Span, da ihn über dem Haupt in die Graunnacht
+ Wallstein hob, und schauete: wer die Versammelten störe?
+ Staunend, sah er die Königinn selbst, Kunegunde, sich schwingen
+ Aus dem Sattel, im Kreis' erlesenen Reitergefolges;
+ D'rauf durcheilte sie rasch den Zelteingang, und, den Vorhang
+ Schleudernd entzwei, schritt sie, mit stolzer Geberde, zum Sitz hin,
+ Den der Jüngling verließ, an der Seite des Königes selber.
+
+ Ueber ihr schwebte mit grimmerfülletem Blick Drahomira
+ Leise herein. Sie trieb die Königinn eilig von Drösing
+ Her in der dunkelen Nacht, daß sie erst durch schmähende Reden
+ Reize den Gatten, und dann entflamme zur Gier nach des Krieges
+ Schrecknissen, mehr denn je, in des Raths entscheidendem Zeitraum.
+ Wehe, sie forscht', auf Arges bedacht, im Kreise der Helden
+ Gierig herum, wie die Schlange verhüllt in dem laubigen Zweig lauscht:
+ Ob ein Vögelchen ihr zur Beute sich bieth'? -- und sie fand noch
+ Dort den Ersehneten nicht; doch, als der blühende Jüngling
+ Eintrat, dachte sie schnell dieß Herz zu berücken durch Ehrsucht,
+ Und zu verderben mit ihm den, ihr verhaßten Beherrscher!
+
+ Als der König die Gattinn ersah, da erblaßten die Wangen
+ Ihm vor Zorn; doch schwieg er, und ließ die Stolze gewähren,
+ Auf daß keiner im Rath' ihn verachtete -- jeglicher dachte:
+ Jetzt erschiene sie hier, ersehnet von ihm, und gerufen.
+ Rasch war ihr Drahomira genaht: in dem Hauche des Unholds
+ Ward ihr Busen empört, und alsbald rief sie verhöhnend:
+ »Ha! welch' Wunder geschah? Schon heut erfreuen die Böhmen
+ Sich der Eroberung Drosendorfs, der mächtigen Festung,
+ Nach den Tagen unendlichen Müh'ns? O, schändliche Thorheit
+ War es: vor ihr die goldene Zeit zu vergeuden -- zu harren,
+ Bis der klügere Feind, noch arm an Kriegern und Waffen,
+ Sich verstärket', und euch des Eisens Spitze wohl biethet!
+ Schnell, mit würgender Hand euch bahnend den Weg in die Hauptstadt,
+ Mußtet ihr folgen der Stimme des Ruhms, und dem dringenden Aufruf
+ Rüdiger Waldrams[5] dort, des muthigen Meisters der Bürger,
+ Der nun bald, ein schmähliches Opfer, dem Feinde verrathen,
+ Fällt durch euere Schuld, durch eure Verblendung, und Feigheit.«
+ Siehe, da grins'te vor Lust Drahomira den Helden in's Antlitz;
+ Doch jetzt fuhren empor von dem Sitz die Versammelten alle;
+ Ballten die Faust vor Zorn, und wollten enteilen: nur einer,
+ Milota, regte sich nicht, und lächelt' unheimlich für sich hin.
+ »Faßt euch,« rief der König, bewegt, »die Königinn duldet
+ Schon seit jenem unseligen Tag, der uns, und die Völker
+ Böhmens beschimpft -- dem Tage der Huldigung,[6] nagenden Kummer
+ Und zerrüttendes Weh' in den Tiefen des Herzens. Ihr Helden,
+ Dessen gedenkt, und achtet den Schmerz des unglücklichen Weibes:
+ Denn nicht wägt er genau das raschverwundende Wort oft,
+ Das der Zung' entflieh't im Sturm der empörten Empfindung.
+ Aber vernehmt es, was ihr in der Stille der nächtlichen Stunden
+ Jetzo mit uns erwägen soll't nach euerer Weisheit:
+ Rudolph sandte zuvor zwei tapfere Ritter in's Lager
+ Her, uns dringender noch als jüngst, die Hand zur Versöhnung
+ Biethend. Erneuend sodann den Wunsch: durch unserer Kinder
+ Wechselheirath das Band der Freundschaft für immer zu gründen,
+ Ladet er uns g'en Wien, zu turnei'n; die Speere zum Scherz nur,
+ Nicht zum Ernst zu versuchen, und dann die ersehnte Verlobung
+ Durch ein gastlich Mahl zu feiern im schimmernden Prunksaal.
+ Solches verkündete heut' in geheim uns Rüdiger Waldram;
+ Aber zugleich: g'en Lilienfeld[7] hin ziehe der Kaiser
+ Albrecht, seinem Erzeugten, mit hundert Reitern entgegen,
+ Der in den schwäbischen Gau'n die Krieger ihm warb, und vom Aargau
+ Her die tapfersten führt, die ihm oft errangen den Lorber,
+ Altgedient, und versucht im Grau'n der eisernen Feldschlacht.
+ Soll mein Volk vorstürmen bis Wien, daß unser Vertrauter,
+ Waldram, ihm eröffne das Thor in der nächtlichen Stille,
+ Wie er es eben verhieß, mit den treuen Bürgern verstanden?
+ Ist's wohl räthlicher noch, mit Kunrings Reitergeschwadern
+ Ueberzusetzen in Fähren den Strom der mächtigen Donau,
+ Und aus dem Hinterhalt den Kaiser zu fah'n in der Waldschlucht,
+ Welche sich links und rechts an dem Kaumberg, trüglich herumschlingt?
+ Nie versagt' ich das Ohr dem Rathe der Männer: was dünkt euch?«
+ Herbot schrie zugleich mit dem Kunring, lärmend, und laut auf:
+ »Fort nach Wien! Bald sinkt mit der kühnerrungenen Hauptstadt
+ Rudolphs Macht in den Staub: wir bürgen für herrlichen Sieg dir!«
+
+ Lobkowitz fuhr von dem Sitz', des Friedens Ruf zu erneuern;
+ Aber ihm kam Kunegunde zuvor, und sagte dem König:
+ »Wie, du spähest noch jetzt nach schlauverhülleten Pfaden,
+ Thöricht verlassend die kühnere Bahn, die schnell zu dem Ziel führt?
+ Ist denn völlig gewichen von dir der Muth und die Kühnheit,
+ Die von Siegen zum Sieg dich leitete, Schlachtenberühmten?
+ Zahllos warben die Freier um mich. Masowiens[8] Herzog
+ Ließ auf dem glänzenden Thron mir Macht und Reichthum zur Erbschaft;
+ Aber ich achtete keinen Mann, im stolzen Bewußtseyn
+ Herrschender Geisteskraft, und lautgepriesener Schönheit.
+ Auch du bothst mir die Hand. Der Ruf erscholl in den Ländern:
+ Ottgar trug des Sieges Panier zu dem Belt hin; erbaute
+ Dort noch Königsberg,[9] und schlug, heimkehrend, die Scharen
+ Ungerns im Feld auf das Haupt. Er einte die Steyer- und Ostmark
+ Dann, als Sieger, mit Kärnthen und Krain dem böhmischen Erbreich,
+ Und errang die Bewunderung so der entlegensten Völker.
+ Ha, da sank mein Stolz, beschämt, vor dem Helden! Ich gab mich
+ Eiteler Täuschung dahin: mit der königlichsieghaften Rechten
+ Würd' er auch mich erheben im Glanz' unsterblichen Ruhmes.
+ Weh', nun steh' ich gebeugt, entehrt, und fruchtlos geopfert!
+ Aber, denkst du der Ehre nicht mehr, so gedenke der Schmach doch!
+ Soll ich den Mann, den König, und ach, den Gatten noch mahnen
+ Dort an den graunerregenden Tag, wo gegen den Eidschwur,
+ Der dich bewog, dem Kaiser zu huldigen heimlich im Zeltraum,
+ Er, o schreckliche Schau! auf des Eilands ragendem Hügel,
+ Das die Donau umschlingt mit weitgedehneten Armen,
+ Plötzlich am listiggestalteten Zelt den rauschenden Vorhang
+ Fallen hieß, und dich vor den Augen unzähliger Krieger,
+ Die an dem Strom sich dieß- und jenseits, feindlichgesondert,
+ Lagerten, wies zum Hohn' -- auf die Kniee gesunken, o schändlich,
+ Ottgar, dich, dem er an dem Hof' einst dienet', als Marschalk,[10]
+ Huldigend dort, in dem Staub'! O, könntest du solches vergessen?«
+ Ottgar preßte die Stirn' in die Fläche der Linken, und glühend
+ Rann ihm die Thrän' an der Wange herab. Er sucht', es zu bergen;
+ Blickte grimmiger auf, und rief: »Nicht werd' ich's vergessen!«
+ Doch nun drang Drahomira noch mehr in die Fürstinn. Sie hob sich
+ Eilig vom Stuhl' empor, und sagte mit leuchtenden Augen:
+ »Ha, die Dromet' erklinge dem Volk', und gebiethe den Aufbruch
+ Nach den Mauern von Wien; in die Luft hoch flatt're die Sturmfahn'
+ Vor den Scharen einher, und leite sie glücklich zum Sieg' hin!«
+ Rief's; doch Ottgar sprach nun so zu dem tapferen Helden,
+ Lobkowitz: »Wie, du schweigst mein sieggekröneter Feldherr?
+ Nie ermangelt' ich deines Raths, und deiner Erfahrung,
+ Weisheit, Treue und Kraft verdank' ich, was rühmlich gescheh'n ist.«
+ Lobkowitz wiegte das Haupt, und sprach eintönig und trocken:
+ »Haben doch and're vor mir, dem wankenden Greise, gesprochen,
+ Die das heißere Blut, wie im Sturm, fortreißt auf des Ruhmes
+ Glänzender Bahn -- weit blieb ich zurück', und bin es zufrieden.
+ Sieh', ich wähnte, wir lieh'n ein Ohr des Kaisers Gesandten?
+ Doch vor dem zürnenden Blick der Königinn? Sey es denn morgen!«
+ Also der Held. Da sprach Kunegunde voll Wuth zu dem König:
+ »Wohl, ich weiche zurück bis Drösing. Sinnst du auf Frieden
+ Noch mit dem Kaiser, so sey's; doch nimmer siehst du mich lebend
+ Wieder: nur mord' ich zuvor mit Freuden die blühende Tochter,
+ Eh' ein schmählicher Bund dem verhaßtesten Feind sie vereine.«
+ Rief's hinschreitend; erhob sich auf's Roß, und eilte nach Drösing,
+ Das sie den Abend zuvor mit ihren Erzeugten bezogen.
+
+ Jetzt ließ Ottgar schnell die Gesandten des Kaisers entbiethen,
+ Die schon lange voll Gier in dem fernen Gezelte des Rufes
+ Harrten. Meinhard, Graf von Tyrol, erschien, und zur Seit' ihm
+ Nahete Lichtenstein: des Heer's erlesene Zierden.
+ Stattlich traten sie ein, und setzten sich würdig zum Tisch hin,
+ Grüßend den König zuvor, und d'rauf, die versammelten Feldherrn.
+ Meinhard neigte das Haupt, und begann mit edelem Anstand:
+ »Rudolph, mein erlauchtester Herr, und Kaiser der Deutschen,
+ Sendet uns, Meinhard und Lichtenstein, nicht unwürdige Bothen,
+ Freundlich zu dir, erhabener Herr, und König der Böhmen!
+ Wollest darum uns hören mit Huld, und unsere Reden
+ Nicht verachten, da wir, nur arm an zierlichen Worten,
+ Stets mit dem rauheren so, wie mit unserem blinkenden Eisen,
+ Das wir zu führen gelernt, zum Ziel vorstreben, und treffen.
+ Frieden beut er dir mit leichtversöhnlichem Herzen;
+ Doch er beut ihn im Augenblick, wo er völlig gerüstet,
+ Nicht, wie jüngst in dem Land', entblößt von Kriegern und Waffen,
+ Sollte schon fast ihn erflehen von dir -- nein, wo er im Kriegsbund,
+ Mächtige Völker vereint, und der Treue der Völker gewiß ist.
+ Daß du, als Kaiser ihn anerkenn'st; ihm Böhmen und Mähren
+ Tragest zu Leh'n; auf die ost- und die steyrische Mark,
+ so auf Kärnthen,
+ Krain, entsag'st: das ist des Friedens enthüllte Bedingniß.
+ Drei gewaltige Vesten im Land: hier Drösing im Marchfeld,
+ Dort Pöchlarn, und Enns sollst du mit starker Besatzung
+ Halten zum Unterpfand durch drei der Jahre, von heut' an.
+ Ha! du erstaunest? So ist's; ihr sollt euch finden in Freundschaft.
+ Heilig ist Rudolphs Wort, du kannst ihm sicher vertrauen.«
+
+ Als er die Rede voll Kraft jetzt endete, herrscht' in dem Zeltraum
+ Stille umher: doch Lichtenstein, gewahrend den Vortheil,
+ Grüßte den König zuvor, und begann mit heiterem Blick so:
+ »Ernstes sagte der Graf. Mit Gott und eurem Gewissen
+ Werdet ihr solches erwägen zum Glück und zum Segen der Völker,
+ Die ihr beherrscht; doch leiht auch mir ein günstiges Ohr noch.
+ Nicht vom blutigen Kampf: von der Minne ersehneten Freuden,
+ Von Turnei'n, und dem festlichen Mahl gedenk' ich, zu sprechen.
+ Allwärts ist es bekannt, daß Herr Rudolphus, der Kaiser,
+ Ein Turnei, bei'm Tabor,[11] am kommenden Donnererstag schon,
+ Der Sanct Rochus geheiliget wird, zu halten, gesinnt ist:
+ Denn nach Frieden verlangt sein Herz, und er hat dich geladen.
+ Solcher Ehre Gewinn verschmäht kein tapferer Mann je.
+ Sieh', d'rum harret er dein und deines so edeln Gefolges,
+ Das den Herrscher umglänzt, wie die Stern' umglänzen den Vollmond!
+ Aber noch höhere Freuden gedenkt, nach vollendetem Festmahl,
+ Oben im prunkenden Saal der Kaiser mit dir zu bestellen:
+ Lieblich erblüheten dir die schönsten der Töchter -- in Söhnen
+ Ihm sein Glück: zum Bund der Einigung beut er die Hand dar:
+ Hartmann führ' als Braut sich Hedwig, voll siegender Schönheit,
+ Thekla, voll zartester Huld, sein Rudolph heim. So ersehnt er's.«
+
+ Als er gesprochen das Wort, und noch weiter gedachte zu reden:
+ Sieh', da warf sich in brausender Hast der muthige Jüngling,
+ Wallstein vor! Er stand, und hielt sich die Brust mit der Rechten;
+ Athmete tiefer, begann zu sprechen, vermocht's nicht; er stürzte
+ Dann zum Gezelte hinaus, und verschwand im nächtlichen Dunkel.
+ Ottgar blickt' ihm, erstaunt, jetzt nach. Er wähnte: sein Liebling
+ Sey urplötzlich erkrankt, und von wüthenden Schmerzen befallen;
+ Doch Drahomira durchschaute sein Herz; sie lächelte grimmig;
+ Jubelte dann laut auf, und folgte dem fliehenden Jüngling:
+ Ihm für Hedwig die liebende Brust noch mehr zu entflammen,
+ Und zu verderben mit ihm den, ihr verhaßten Beherrscher.
+
+ Im erleuchteten Zelt verstummten von neuem die Helden;
+ Gar nicht wollten von Ottgars Mund' die Worte sich lösen.
+ Endlich hob er sich auf, und sagte den Beiden zum Abschied:
+ »Wahrlich, nicht ahnete mir's, so glühend verlange der Kaiser
+ Uns bei festlichem Turnkampf, Tanz, und Gelagen zu sehen!
+ Aber wohlan -- das kündet ihm nur, so er etwa daheim ist:
+ Ottgar werdet ihr schau'n im Gefolge der Edeln, und hören,
+ Was er vom Frieden gedacht, und der Kinder ersehnter Verlobung!
+ Aber, ihr Herrn, gehabt euch wohl; der Himmel geleit' euch!«
+ Beid' erstaunten der Red', und eilten unmuthig von dannen.
+ Draußen sagte zu Lichtenstein der tapfere Meinhard:
+ »Ritter, sprecht, was dünkt euch? Nicht einmal die Krume zum Imbis,
+ Nicht des Weines so viel, das unsere Lippen benetzte,
+ Reicht' er zum Trunk' uns dar. Ich meine: von Heirathsgedanken
+ Ist er so fern, wie dort von mir Veiths glänzender Wagen,
+ Der an des Himmels Rand zum eisigen Norden hinabsinkt.
+ Ha! und merktet ihr nicht, wie schnell der arge Verräther
+ Rudolphs nächtlichen Ritt g'en Lilienfeld ihm enthüllte?
+ Ach, er zog nur mit schwachem Geleit! Kommt: gut ist die Vorsicht!«
+ Rasch aufschwangen sie sich in den Sattel, und flogen nach Wien hin.
+
+ Aber der König entließ die Versammelten. Jetzo noch einmal
+ Blickt' er Jedem in's Aug', und sagte mit rauherer Stimme:
+ »Mir zerwühlet die Wuth das Herz. Wie kecklich die Ritter
+ Sprachen, als sey ich im Feld nicht fürder zu scheu'n,
+ und, dem Ball gleich,
+ Nun rechts hin, dann links im schwebenden Fluge zu wenden;
+ Aber es zehr' ihr Hort sich zu Tod' an seinen Gelüsten.
+ Mein Entschluß ist gefaßt: am Morgen gebiethet den Aufbruch
+ Euerem Volk. Wir ziehen entlang den schlängelnden Marchfluß
+ Bis an den Weidenbach, wo, erhöht, des räumigen Lagers
+ Wall uns schirmt g'en List und Gewalt. Verstanden mit Waldram,
+ Sey in dem Ueberfall nur »Rache« der Würgenden Schlachtruf!
+ Ruhet ein Weniges noch: bald rufen euch laut die Drometen.«
+ Jene gehorchten dem Wort', und eilten nach ihren Gezelten.
+ Aber der König ging noch lang' im Schimmer des Nachtlichts,
+ Sinnend umher. Oft seufzt' er laut; er ballte die Faust oft
+ Vor Erbitterung; stand, ging wieder, und hatte nicht Frieden.
+ Endlich warf er sich hin auf das Lager, und schlummerte leis' ein.
+
+ Ueber dem Haupt des Schlummernden hing sein schützender Engel,
+ Trauernd. Verglommen war sein Glanz. Wie auf thürmender Alpen
+ Ewigbeschneiten Höh'n der rosigglühende Schimmer
+ In ätherischer Bläue verglimmt in der sinkenden Dämm'rung:
+ Also auch er, den Schwermuthsblick auf den armen gerichtet,
+ Den ein furchtbarer Traum umfing. Margarethe, die Gattinn,
+ Welch' er schnöde verstieß, naht' ihm, und sah ihn so trauernd
+ An, aus dem hüllenden Leichentuch: er wandte sich, schaudernd,
+ Weg, und hieß sie entflieh'n. Nicht lang', und in hoher Verklärung
+ Schwebt' auf schimmernden Au'n, und bekränzt mit himmlischen Rosen,
+ Sie vor ihm hin. Er folgte -- sie floh; doch jetzt, an dem Ufer
+ Eines unendlichen Stroms hielt sie den eilenden Flug an;
+ Sah, huldflehenden Blicks, zu dem Himmel empor, und entschwand ihm,
+ Schatten gleich, wenn Nebelgewölk umhüllet die Sonne.
+ Wieder umfing ihn des Todes Nacht. Um sich her auf dem Schlachtfeld
+ Sah er unzählige Leichen gehäuft: bis endlich ihm selber
+ Dort zwei Würger genah't, mit rach'ausblitzenden Augen,
+ Tief in die Brust einstürmten den Speer, und höhnten im Tod noch.
+ Stöhnend wand er sich dann im Schlaf, und in mächtigen Tropfen
+ Stand ihm der Schweiß auf der Stirn' und den hochgerötheten Wangen.
+
+ Doch nicht völlig verhüllt den Augen des Himmelsbewohners
+ War des schlummernden Königs Geschick. Er sah Drahomira
+ Walten um ihn, und Gefahr ihm bereiten auf schlüpfrigem Pfad hier,
+ Der zum Verderben führt, und zu nieversiegendem Jammer.
+ Flehend faltet' er jetzo die Händ', und blickte mit Ehrfurcht
+ Auf zu dem Thron des Ewigen, der in des kreisenden Weltalls
+ Hehrstem Raum', auf lichtausströmenden Sonnen erhöht steht.
+ Dorthin drang sein Blick, wo Cherub- und Seraphim selber
+ Sich in der Nähe des Throns mit den Fittigen hüllen die Augen,
+ Dreimal Heilig singend dem Herrn, der herrscht von dem Thron dort,
+ Hehr, allmächtig, weis', und gerecht, barmherzig und gnädig!
+ Ueber die Himmel hinauf erhebt er das Haupt; auf dem Abgrund
+ Ruht sein Fuß, und sein Arm umfaßt das kreisende Weltall.
+ Als er gewürdigt ward, die Blicke zum Thron zu erheben,
+ Sah er, schauernd vor Ehrfurcht, dort enthüllet die Zukunft:
+ »Ottgar, der nun bald mit reuigem Sinn um Erbarmen
+ Fleh'n wird, büßet die Schuld vergangener Jahre: den Feinden
+ Fällt er besiegt in dem Kampf', und verlieret das Reich und das Leben;
+ Aber sein Gegner wird ein Vater des Herrschergeschlechtes,
+ Das in die fernste Zukunft hinab unzähliger Völker
+ Glück zu fördern, erwählt, im Segen der Erde genannt sey.«
+ D'rauf gewahrt' er den Wink des Herrn: »daß es also gescheh'n wird!«
+ Sieh', da flammten, und floh'n, und kehrten in Eile die Sonnen
+ Wieder zur Bahn! Der Donner rollte hinunter am Weltrand,
+ Kreisende Monden und Sterne vorbei; die Vesten des Erdballs
+ Zitterten; hoch aufrauschte das Meer, und die Ström' und die Flüsse
+ Braus'ten wirbelnd zurück, und schäumten empor in den Luftraum.
+
+ Aber die Himmlischen feierten nun der unendlichen Allmacht
+ Huldausstrahlenden Wink. Auf Erden erglühte das Frühroth.
+
+
+
+
+ Zweiter Gesang.
+
+
+ Siehe, wer reitet den Wald entlang? Vom felsigen Boden
+ Tönet der eiserne Huf. Wer zieht im Schatten der Thäler
+ Fort im eilenden Trab? Doch dort, wo am lichteren Waldsaum
+ Weitgesondert, die Tannen steh'n, und der sonnige Bergpfad
+ Schlängelnd sich hebt, erblitzt es von hellgeglätteten Waffen
+ Quer in die Eb'ne herab. Jetzt näher und näher erschallet
+ Munterer Reiter Gespräch, und das Schnauben und Wiehern der Rosse.
+ Doch wer ist's, der allen voran den feurigen Rappen
+ Reitet, so freundlich und mild, so bar all' prunkenden Schmuckes?
+ Zwar erhellt die, in Rosengluth versinkende Sonne
+ Kein' unedele Stirn', und Ehrfurcht heischen die Augen
+ Dieses Gewaltigen, der ein Fürst, ein Kaiser von Anseh'n
+ Scheinet? Er ist's -- ha, Rudolph ist's, der Kaiser der Deutschen!
+
+ Gestern zog er im Abendlicht mit hundert Erwählten
+ Eilig zum Kärnthnerthore hinaus nach dem herrschenden Hügel,
+ Wo (so kündet die Sag') in grau'numhülleter Vorzeit
+ Eine Spinnerinn saß, und bettelte, reichliche Spenden
+ Sammelnd: ein Kreuz zu erbau'n von zartdurchlichtetem Stein dort,
+ Wo das hölzerne, morsch, zerfiel, an welchem sie lebte.
+ Aber es wurde zugleich ihr Grab, von dem Fremdling bewundert:
+ Denn erblickt er die Stadt, die weit auf Erden gerühmt wird,
+ Vor sich in schimmernder Pracht der Thürm' und unzähliger Häuser,
+ Zollt er vor allem der sinnigen Wahl der Spinnerinn Beifall,
+ Und erquickt sein Aug' an dem wunderherrlichen Anblick.
+ D'rauf einlenkt' er zum Fuß' der traubengesegneten Hügel:
+ Petersdorf, und Brunn am Gebirg, wo der emsige Winzer
+ Keltert den kräftigen Most für die spätnachfolgende Zeit noch,
+ Und durchtrabte die Stadt von Mödeling.[1] Mächtigen Anseh'ns,
+ Schaut in das düstere Felsenthal, durch welches der Waldbach,
+ Eingezwängt, sich windet, und rauscht, die ragende Felsburg,
+ Mödling herab (ein Eigen des babenbergischen Herzogs,
+ Heinrich) und lieh auch zugleich dem Städtchen den Nahmen.
+ Die Nacht hing
+ Dunkel herab; nicht erspähte der Wart von dem ragenden Wartthurm
+ Rudolphs hohe Gestalt: d'rum scholl die Dromete zum Gruß nicht.
+ Doch jetzt zog er am Tannberg fort,[2] wo im ruhigen Thalgrund
+ Schimmert das Gotteshaus zum Heiligen-Kreuz mit dem Kloster.
+ Herzog Leopold baut' es, der Heilige. Mönche von Cisterz
+ Rief er dahin, daß dies' in Saatengefilde die Wildniß
+ Wandelten, und im Gesange des Chors lobpriesen den Schöpfer.
+ Manches Helden Gebein', auch Friedrichs, des streitbaren Herzogs,
+ Letzten seines Geschlechts, deckt dort der ehrende Denkstein.
+ Aber es sandte darauf vom Heiligen-Kreuze der Stiftsabt
+ Auch nach Lilienfeld die Brüder: so wollt' es der Herzog
+ Leupold, der Glorreiche, selbst, als er an dem Fuße der Alpen
+ Im bezaubernden Thal das Gotteshaus und das Kloster
+ Stiftete, dem jetzt Rudolph naht'. Schon ließ er auch Kaumbergs
+ Marken zurück, und als die Sonne im rosigen Schimmer
+ Sich in Osten erhob, da zog er durch's liebliche Hainthal,
+ Und erkor's in des Mittags Stunde zur Rast. An dem Göls'bach
+ Weideten frei die Rosse hinab. Die tapferen Krieger
+ Saßen im Kreise herum: sie sättigten sich an des Weizens
+ Goldener Frucht, zum nährenden Brote gebacken, und löschten
+ Dann an der Quelle den Durst. Inmitten der fröhlichen Männer
+ Saß der Kaiser im Gras'; er rief den Einen und Andern
+ Auf zu ergetzlichem Schwank', und zuletzt den redlichen Knappen
+ Müller, den Zürcher, der ihm das Leben gerettet, und seither
+ Stets zu getreulichem Dienst' ihm stand, im Krieg' und im Frieden.
+ »Künde«, so sprach er zu ihm, »den Kriegern das lustige Mährchen:
+ Wie du mich, den Zürnenden, einst auf der Straße begegnend,
+ Sühntest, listengeübt: denn manchen von meinen Getreuen
+ Hast du niedergeworfen zuvor, ein frevelnder Raufbold.«
+ »Mit Vergunst, Herr Kaiser,« begann der fröhliche Kriegsmann,
+ Schlaugewendeten Blicks, »so ich ruhmbegierig, und eitel,
+ Meinen Gefährten des Zugs verkünde zuvor, daß ich Habsburgs
+ Grafen im Kampf mit dem Regensberg das Leben gerettet!
+ Edle von Toggenburg, und Homburg; jene von Nidov,
+ Palm, und Warth mit Eschenbach vereinten dem Ritter
+ Regensberg, den er gewaltig bedrängte, die Scharen;
+ Doch er dachte der List, kriegskundig, dem Feinde zu schaden.
+ Oft ritt Regensberg mit zwölf weißschimmernden Rossen,
+ Welchen voran mit lautem Gebell zwölf ähnliche Doggen
+ Sprangen, zur Jagd, von dem Uttliberg, stolzirend, herunter.
+ Rudolph lag in dem Hinterhalt: die Ross' und die Doggen
+ Hatt' er, wie jener gewählt. Mein Volk, die muthigen Zürcher
+ Brachen hervor, mit ihm in dem Handel verstanden, und als er
+ Nahte der Burg in verstellter Flucht, da meinte der Wächter,
+ Oeffnend das Thor voll Hast, sein feindbedroheter Herr sey's
+ Alsbald ward erobert die Burg, und zerstöret von Grund aus.
+ Ist's nicht also gescheh'n, mein hocherlauchter Gebiether?
+ Aber da stellten sie euch, auf offnen und heimlichen Wegen
+ Nach. So geschah's, daß einst, auf einsamer Fährt' in dem Wald ihr,
+ Nur mit schwachem Geleit dem Feind' in die Hände gefallen,
+ Rang't auf Leben und Tod, als bügellos in den Staub euch
+ Warf das getödtete Roß. Ihr waret erlegen der Mehrzahl;
+ Doch der Seinen gedenket der Herr: er sandte den Müller
+ Euch zu Hülf'. Er kam auf dem Pfade geritten, und sah euch
+ Kämpfen, ähnlich dem Leu'n, den wüthende Tiger umringen;
+ Naht' im Flug, und ihr, in den Sattel gehoben, entrannet
+ So der Gefahr. Doch Müller ist euer getreuester Jünger
+ Seitdem -- rühmt sich denn auch des edelsten Meisters auf Erden.
+ Ihr erlaßt mir vielleicht für heute das lustige Mährchen:[3]
+ Denn, mich dünkt, es entfielen, wie Perlen gestaltete Tropfen
+ Eueren Wangen. Mich drängte früher die Noth, und euch später:
+ Alles auf Erden eint der Liebe geschäftige Sorgfalt.«
+ Innig gerührt ergriff ihm der Kaiser die Hand, und begann so:
+ »Edel hast gehandelt an mir, mein trefflicher Jünger!
+ Doch die Capelle winkt auf den Alphöh'n: heute noch sollst du
+ Ernten herrlichen Lohn, der Heldenthaten gebühret.
+ Jetzt rasch auf, ihr Reisigen: rasch zu dem winkenden Ziel hin!«
+ All' erhoben sich nun voll Muths; sie zäumten die Rosse,
+ Jauchzend, auf, und es ging dann weiter der fröhliche Zug fort.
+
+ Siehe, nicht lang', und sie sah'n jetzt schon
+ die bläulichen Alphöh'n
+ Oben, und tiefer den _Kulm_ und den kegelgestalteten _Spitzbrand_,
+ Freudigen Blicks, als unter dem Huf der gewaltigen Rosse,
+ Drönend, die Brück' erscholl, die, stets von den Fluthen der Traisen
+ Unten durchrauscht, im Grund die rasche Forelle beschattet.
+ Weit gerühmt ist die Traisen im Land (daß beide den Ursprung
+ Sich bestreiten, die Hohenberg-, und die Lilienfelder)
+ Sprudelnd hervor aus dem Schooß des Traisenberges im Waldthal,
+ Und enteilend voll Hast, sich dem Donaustrome zu einen.[4]
+ Freundlich blickten die Sterne bereits vom Gewölbe des Himmels,
+ Wieder zur Erde herab; schon hauchten die würzigen Matten
+ Kühlung umher; es verglommen die ragenden Höh'n, und die Fluthen
+ Dampften im Thal, als jetzt mit seinem Gefolge der Kaiser
+ Nahe vorüber an Lilienfeld, dem herrlichen Kloster,[5]
+ Eilete: denn zum Abendgebeth' ertönte das Glöckchen
+ Schon von dem Thurm'; es lud zu des Chors Vollendung die Brüder,
+ Und erweckte zugleich, mildklagend, die Wonne der Wehmuth
+ Tief in der fühlenden Brust, die leise nach Ruhe sich sehnet
+ Nach den verschollenen Stürmen des Tags, auf irdischer Wand'rung.
+
+ Nahend dem Ziele, durch's _Thal_, geboth der Herrscher den Reitern,
+ Längs dem Bach zu erringen den Kulm, auf dem breiteren Saumpfad;
+ Aber er selber klomm, des Weg's wohlkundig, mit Müllern
+ Dort, wo ein lieblicher Wasserfall, von schroffer Gebirgswand
+ Plätschernd herab, zerstäubt die silbernblinkenden Fluthen,
+ Schweigend, die Höhen empor. Er sah nach den lichten Gefilden
+ Ferner Ebenen, jetzt aus der nächtlichdämmernden Waldung,
+ Jetzt vom schwindligen Fels mit thauendem Blick', und errang so
+ Früher den Kulm; doch dort, vereint mit seinen Erwählten
+ Wieder, rastet' er nicht, und stieg, stets höher und höher,
+ Bis er, den dunkelen Wald entlang, auf blühenden Matten
+ Wandelnd, schimmern sah im Schooße der luftigen Alphöh'n,
+ Aus dem Gezweig umhüllender Tannen der kleinen Capelle
+ Heiligthum, wo das Licht, in der Lampe genährt von dem Klausner,
+ Sandte die fächelnde Flamm' empor aus goldenem Oehlduft.
+ Dorthin wies ein Gesicht, im mitternächtlichen Grauen
+ Ihm aufsträubend das Haar vor Furcht und Erstaunen, ihn heut' erst.
+ Wichtiges sollt' ihm, dort enthüllt nach des Ewigen Rathschluß,
+ Mächtig erheben das Herz in der Stunde des nahenden Kampfes.
+
+ Jetzt verließen auf seinen Wink die Reiter den Sattel,
+ Daß, freiweidend im Feld, die Pferde sich letzten. Des Zaumes
+ Ledig, sprangen sie wiehernd davon, und wälzten im Gras' sich
+ Links und rechts, die Gluth des gepreßten Rückens zu kühlen.
+ Auch die Reiter gesammt ausruheten dort von der Wand'rung.
+ Aber der Klausner, ein Greis, von neunzig entflohenen Jahren,
+ Trat aus der Hütt', im barnen Gewand', und führte den Kaiser,
+ Schweigender Ehrfurcht voll, zur Capelle. Der silberne Bart floß
+ Ihm zu dem hanfenen Gürtel herab. Von den lastenden Jahren
+ Wenig gebeugt, sah noch aus seinen erglühenden Augen
+ Jugendkraft, die manchmal in sinnender Trauer am Boden
+ Hafteten. Doch jetzt traten sie ein, und beugten die Knie' dort,
+ Wo gesegnetes Brot, der Seelen Speise, verwahrt war;
+ Wo das Bild des Gekreuzigten stand, und die Mutter das Kindlein
+ Wies in dem hehren Gemähld', voll Lieb' an den Busen es drückend,
+ Und, den wonn'ausstrahlenden Blick auf die Menschen gerichtet,
+ Allen zu rufen schien: »O liebt den Liebenden mir gleich!«
+ Aber der Greis, als wär' es zum legten Male hienieden,
+ Sah zu ihr lang' empor, und wandte sich dann zu dem Pilger:
+ »Herr«, sprach er, »blick' auf zu der Himmlischen! Früh in des Lebens
+ Blüthenzeit hast du die Verehrung der seligsten Jungfrau
+ Dir erkoren zum wahrenden Schild', und dem Schiffer nicht ungleich,
+ Der in der Sturmnacht fest aufschaut zu dem rettenden Leuchtthurm,
+ Dadurch bewahrt im reinen Gemüth Vertrauen und Demuth:
+ Jenes zu Gott und auf Menschenwerth, und dies' auch im Glück' noch.
+ Also wandeltest du, ein Seliger, fort auf des Lebens
+ Dornenpfad mit heiterem Muth: der göttliche Sohn hört
+ Gerne der Mutter Fleh'n, in ihrem Schutze geborgen.
+ Jetzt auch wirst du gewiß, in dem furchtbarn Kampf der Entscheidung,
+ Huldbeglückt, erringen den Sieg, wenn dir auf dem Schlachtfeld,
+ In umdrängender Noth vom Munde des Herzens Gelübd' tönt:
+ »Fromme Jungfrau'n einst zu versammeln zum Zeichen des Kreuzes.«[6]
+ Höre, demnach was mir mein Meister und Herr in Gesichten
+ Dunkeler Zukunft wies: Ein Vater unzähliger Fürsten
+ Wirst du seyn, und so oft auch hier auf irdischer Laufbahn
+ Wechselt des Menschen Geschick vom Guten zum Schlimmen: so wird doch
+ Treu', und Redlichkeit stets in deinem Geschlechte noch dauern.«[7]
+
+ »Ernsten Gemüths, herrscht einst dein ältester über die Völker,
+ Die dein heitres gewann, und fesselte. Ob er auch mannhaft
+ Steht in der Männerschlacht, und vor ihm die Feinde, besiegt, flieh'n;
+ Ob er auch ehret das Recht, und Gerechtigkeit übet als Richter,
+ So auch die Wissenschaften, die Kunst', und den frohen Gewerbsfleiß
+ Blühen heißt mit dem Ackerbau, ein sorgsamer Herrscher:
+ Dennoch mißt er die Liebe. Die Hand der ewigen Vorsicht
+ Waltet über des Menschen Geschick'. In Dunkel gehüllet
+ Möge sein Ende dir seyn. Ihn rächen entsetzlich die Seinen.«
+
+ »Schön an Gemüth und Körper, die Lust des Menschengeschlechtes,
+ Faßt mit unstraflicher Hand die Kaiserkrone dein Enkel.
+ Aber, ihm gleich, ein Held, vom feindlichen Schicksal zum Feind' ihm
+ Auserkoren, entwindet sie ihr auf dem rauchenden Blutfeld
+ Mühldorfs; doch entreißt er, erst nur der Rache gedenkend,
+ Auch in der Kerkerluft der Trausnitz dem edelsten Manne
+ Nicht den unsterblichen Kranz, der, lohnend, dem Guten zu Theil wird.
+ Sieh', er steht, erschütternd, vor ihm, da er Ehre viel höher,
+ Denn des Lebens erlesenstes Glück, die goldene Freiheit,
+ Achtet, und wiedergekehrt, die Hände noch selber den Fesseln
+ Beut: ein Muster der deutschen Treu' auf Wort und auf Handschlag!
+ Innig ehrt er ihn d'rauf, und theilt das nächtliche Lager,
+ Ja, auch den Purpurthron mit dem Freund, der Erde zum Staunen.«
+
+ »Ha, schon winket des Theuerdanks unsterblicher Held mir
+ Aus dem strahlenden Licht des thatenverherrlichten Lebens!
+ Sein erbarmt sich der Herr, und rettet ihn, wunderbar oft so,
+ Wie auf der Martinswand, aus unsäglicher Noth und Gefahren,
+ Welch' ihm fortan drau'n auf des Herrschers dornigen Pfaden.
+ Hoch erhebt er den Ruhm von Oestreich: kühn auf dem Schlachtfeld,
+ Weis' im Rath; ein Liedergewaltiger, Held, und Beherrscher.«
+
+ »Aber ihm folgt, o Habsburgs Stolz, sein größerer Enkel!
+ Sein Zeitalter leuchtet in wunderherrlichem Glanz' auf.
+ Jugendlich regt sich die Erd', und treibt den erfreuenden Keim schon
+ Jedes Großen und Schönen hervor. Erhabene Geister
+ Wandeln auf ihr zum Ziel -- der Höchst' er unter den Hohen!
+ Ha, wie würdig er herrscht, wie kraftvoll! Fern in die Zukunft
+ Schaut sein Blick: er sinnt auf Deutschlands Größe durch Einung,
+ Auf Hispania's Macht, und Italia's, daß er die Rettung
+ Schaffe dem Christenvolk g'en wildempörter Osmanen
+ Allverheerende Wuth, die er tapfer bekämpft, und besieget.
+ Auch jenseits dem unendlichen Meer' erbeben die Völker
+ Seiner Gewalt: nie geht die freundlichleuchtende Sonne
+ Unter in seines umuferten Reichs endlosen Bezirken.
+ Also die alt' und die jüngere Welt im Segen zu einen,
+ Strebt sein hohes Gemüth. Wie dunkel die Wege der Vorsicht!
+ Deutschlands Gau'n durchtobt die Neuerung. Feindlichgeschieden,
+ Schaut urplötzlich der Mensch dem Menschen in's Aug: ihn verwildert
+ Schrecklicher Sectenhaß: denn Mord, und Brand, und Empörung
+ Würgt Jahrhunderte fort, und verscheucht bald jegliche Hoffnung,
+ Die so herrliche Früchte verhieß. Vergeblich versucht er,
+ Heimzuführen den scheuentflohenen Frieden: auf immer
+ Scheint er entfloh'n. Ihn ergreift unendlicher Schmerz, und er endet,
+ Freientsagend dem Thron, in einsamer Zelle sein Leben.«
+
+ »Ha, nach neun, durch Weisheit, Mild', und Gerechtigkeit ruhmvoll
+ Herrschenden Männern deines Stamms, erseh' ich im Thronsaal
+ Eine gewaltige Frau, die im Sturm umdrauender Nöthen,
+ Gottvertrauenden Muths, die Lieb' und Bewunderung aller,
+ Eintritt dort, mit dem Sohn' auf dem Arm, in die hohe Versammlung
+ Eines edelen Volks, und tausend Stimmen erschallen,
+ Als der ehernen Scheid' entrissen der blitzende Stahl fleugt:
+ »Laßt uns sterben für Sie, die, als Königinn, uns ist ein König!«
+ Glücklich als Gattinn und Mutter zugleich, und als Herrscherinn würdig
+ Ewigen Ruhms, entschlummert sie sanft in den Armen des Todes.«
+
+ »Lange zum Manne gereift, nachfolgt ihr spät ihr Erzeugter:
+ Herrschend des Volks Abgott, dem er nur Gutes gewillt ist.
+ Aber ihm stürmts in der Brust: was kommenden Zeiten noch dau're,
+ Müsse sorgsam gepflegt, und festgegründet der Bau seyn,
+ Das bedenket er nicht, und sieht noch sterbend, verwelket
+ Was er gepflanzt, und im Sand, sturzdrohend, was er gebaut hat;
+ Dennoch beut ihm die Liebe den Kranz niewelkenden Nachruhms.«
+
+ »Siehe den Weisen, in dessen Hand dann erglänzet der Zepter,
+ Reißt des Todes Geschick aus der Zahl der Lebenden schnell fort!
+ Wohl ihm: denn früher erringt er das Ziel der herrlichsten Laufbahn
+ Auf hesperischer Flur, wo er Glück ausspendet, und Segen!«
+
+ »Jetzt entschwinden die hehren Gesichte vor mir wie in Nebeln.
+ Furchtbar steigt Geschrei in die Luft. Des alternden Erdballs
+ Vesten wanken; es scheint, als sollt' ein neues Geschlecht sich
+ Heben empor aus dem gährenden Grund, doch früher die alten
+ Ganz hinschwinden in Nichts: so entsetzlich schwelgt die Empörung
+ Fort an den Strömen vergossenen Bluts. Der tauschenden Gleichheit
+ Mordruf schallt: hinschwindelt das Volk, und reißt mit des Thrones
+ Stürzendem Heiligthum' auch sich selber hinunter zum Abgrund,
+ Wo in dem nächtlichen Grau'n sein Wuthgestöhne verhallet.
+ Aber ich sehe den Schiffer im Sturm, der, blickend zum Himmel,
+ Unerschütterten Muths, durchfleugt die empörten Gewässer;
+ Sehe den Sohn vor mir des Verblichenen, wie er im Nachtgrau'n
+ Fortgewogt auf der Fluth, nun sinkt, nun steigt, bis er endlich,
+ Lautumjauchzt, einfährt in den volkerfülleten Hafen,
+ Und noch höher als erst, nach zwei Jahrzehenden aufragt:
+ Denn ihn lenkt in den Tagen der Noth stets sicher der Tugend
+ Heiliger Wink, und sein ist die Lieb' und die Treue der Völker,
+ Die er, ein Vater, beherrscht mit mildvorsorgender Weisheit.
+ Heißt auch mancher Gewaltige »Groß« in Geschichten der Menschen,
+ Ihn wird einst die Nachwelt laut den _Edelsten_ nennen.«
+
+ »Dunkler ward's ... mir schwand in verworrenen Bildern die Zukunft.
+ Doch nun hast du vernommen, was mir, unwürdigem Diener
+ Heute der Herr enthüllt'. Leb' wohl! Vollbracht ist des Lebens
+ Weitumirrender Lauf -- er endete, deiner gewärtig.
+ Denk' auch mein im Gebeth. Stets sey der Himmel dir gnädig!«
+ Sagt' es, und wankte hinaus, der Klaus' entgegen. Er warf sich
+ Dort auf die Knie', und bethete leis' mit erblassenden Wangen.
+
+ Aber auch Rudolph lag mit tiefgesunkenem Antlitz
+ So, daß die stürzende Thrän' auf die Marmorstufe hinunter
+ Ihm aus den Wimpern sank, mit hörbarem Laut in der Stille,
+ Vor dem Altar auf den Knie'n. Sein Dank auf den Fittigen tiefer,
+ Inniger Andacht flog empor zu dem Vater im Himmel.
+ Als er den Blick zu dem Bild' erhob, und das Aug' auf die Augen
+ Heftete, die so mild den frommhinwandernden Pilger
+ Wecken zur Liebe des Sohn's, da erblaßt' er betroffen. Ihn dauchte:
+ Daß sie in himmlischem Glanz' erglühten, und schaudernder Angst voll,
+ Wich er zurück vom Altar -- bis jetzt in der Lampe der Lichtdocht
+ Hell aufflammt', und sanft, wie zuvor, die Mutter ihn ansah.
+
+ Jetzo rief er Müllern herbei, der draußen im Vorhof
+ Harrte; legte die Hand ihm fest auf die Schulter, und sagt' ihm:
+ »Hole die Waffen schnell: den Degen, den Helm, und den Harnisch;
+ Auch die Spor'n, die wir mitführeten: leg' sie in Demuth
+ Auf den Altar; dann fasse den Speer, die Wache zu halten,
+ Bis zum Morgen. Ich geh', ein Weniges draußen zu schlummern.«
+ Also geschah's. Der Knappe ging, und holte, verwundert,
+ Alles und Jedes herbei; dann faßt' er den Speer, und erging sich
+ Dort, gemessenen Schritts, die Wach' an dem Heiligthum haltend.
+ Doch als jetzt an des Himmels Rand der erwachende Morgen
+ Wie der purpurne Kelch der frischentfalteten Rosen
+ Glühete, hieß der Kaiser sein Volk der kleinen Capelle
+ Nahen, und dort im Kreis' umgeben den heiligen Altar.
+ Anbethend stand er selber vor ihm; dann wandt' er sich freundlich
+ Gegen den Kreis; rief laut dem Knappen Müller, und winkt' ihm,
+ Niederzuknieen vor Gott auf die Marmorstufe. Den Wammsrock
+ Nahm er ihm erst von dem Leib', und umgab mit dem glänzenden Harnisch
+ Ihm die Brust: er reicht' ihm die Sporn' und den trefflichen Degen
+ Dar mit dem Wehrgehang; bedeckte sein Haupt mit dem Festhelm,
+ Riß dann schnell das Eisen hervor aus der Scheid', und begann so:
+ »Weil du, tapfergesinnt, obgleich als Bürger geboren,
+ Habsburgs Herrn, der jetzt des heiligen, römischen Reiches
+ Kaiser sich rühmt, das Leben gerettet, und stets auf dem Schlachtfeld
+ Ritterlich' Ehre gewannst durch heldenmütige Thaten:
+ Will ich dich hier, vor Gottes Altare, den Edeln gesellen.
+ Aber bedenke denn auch, daß dir hinfort auf des Ritters
+ Ehrenbahn gezieme, zu schirmen das Recht und die Unschuld;
+ Schützer zu seyn des zarten Geschlechts in Zucht und in Ehren;
+ Nie zu meiden den Kampf, in die Schranken durch Edle gefordert;
+ Nie zu dulden die Schmach, und zu rächen erlittenes Unrecht,
+ Kräftig und ohne Verzug, so dir's nicht wehrt das Bewußtseyn:
+ Hierauf schlag' ich dich Gott, und Maria, der heiligen Jungfrau,
+ Auch Sanct Görgen, des Ritters Patron, zu Ehren, zum Ritter.«[8]
+ Sagt' es, und führte den Streich
+ kreuzweis mit dem tönenden Schwertstahl
+ Ihm die Schulter hinab, erhob den Edeln, und küßt' ihn.
+ Laut aufschrie die Schar der Versammelten. Jeglicher staunte,
+ Forschte zuvor, wohin sich wende das ernste Beginnen?
+ Doch, nun schüttelt' ihm jeder die Hand, und lächelt' ihm Beifall.
+
+ Schon erglühte das zarte Gewölk im lichteren Osten,
+ Das dem erwachenden Tag das Nahen der herrlichen Sonne
+ Kündete: sieh', da führte sein treues Gefolge der Kaiser
+ Schnell zum ersehneten Alpenrand, wo jetzo die Aussicht
+ Unermeßlich groß, vor den Augen der Männer sich aufthat!
+ Aber sie bebten zurück vor freudigem Schreck und Erstaunen:
+ Erst zur Tiefe hinab, wo auf duftigen Schwingen die Nebel,
+ Zögernden Flugs, bald hier, bald dort nach entfernteren Thälern
+ Flatterten, sank ihr Blick. Wie staunt' er: gewaltige Berghöh'n
+ Nun zu Hügeln versunken, zu schau'n, und auf jeglichem ringsher
+ Wiesen, und Ackergründ', und waldumsäumtes Gehöftland;
+ Unten am hellen Teich das Gotteshaus, und des Klosters
+ Riesengebäude; das Thal entlang, an der schimmernden Traisen
+ Hin, aufwirbelnden Rauch von den Eisenhämmern und Hütten -- Dann
+ unendlich hinaus vom Gebirg verbreitet die Fluren;
+ Doch als jetzt aus dem Nebelmeer ihr breiteres Antlitz,
+ Dunkelgeröthet, die Sonn' erhob, und ringsum der Erdkreis
+ Jubelte: reich mit Perlen geschmückt, und begrüßt von den Scharen
+ Zahlloser Vögel im Wald', in den Thälern, und hoch in den Lüften,
+ Wo sich empor unsichtbar schwangen die wirbelnden Lerchen:
+ Ha, da erglühte die Brust der Männer vor tiefem Entzücken!
+ Mancher faltete, bethend, die Händ', und blickte hinunter,
+ Rings umher, dann himmelwärts, mit Thränen der Wonne.
+ Keiner hatte zuvor erstiegen die Höh'n, und gesehen
+ Dorther tausendfaltig besä't mit schimmernden Städten,
+ Dörfern, und Klöstern das Land, und hochaufragenden Burgen;
+ Nur der erhabene Kaiser allein erlabte schon oft sich
+ Dort an der seligen Schau, und begann jetzt freudigen Blickes:
+ »Seht, wo nördlich hinaus sich die Straße, wie schimmernde Leinwand,
+ Dehnt, Sanct-Pölten, die Stadt voll trefflicher Bürger und d'rüben
+ Herzogburg mit dem Gotteshaus' im lieblichen Aufeld.
+ Seht dort links, erbaut auf dem weitgesehenen Berggrath,
+ Göttweih herrschen im Donauthal, das herrliche Kloster;
+ Doch, nicht ferne der Burg des Hoheneckers am Wald dort,
+ Herrlicher Mölk: bewohnt von Benedicts Söhnen die beiden;
+ D'rauf die Stadt' auch: Krems, Und, Stein, von Traubengebirgen
+ Rings umgrünt, an dem Ufer der hellerglänzenden Donau.
+ Doch, o! wer erspäht', auch schärferen Blickes, noch jenseits,
+ Bis zu dem bläulichen Kranz der Karpathen hin, und den Marken
+ Mährens der Menschen Wohnungen all' in unendlicher Landschaft?
+ Seh't, g'en Westen, den Traunstein dort: er senket den Felsfuß
+ Tief in den Gmundner See: die Zierde des Oberen-Oestreichs.
+ Näher erglänzet die Tillisburg, die im ruhigen Thalgrund
+ Birgt Sanct Florians Stift, das Haus ruhmwürdiger Chorherrn.
+ Dann erhebt der mächtige Briel, und drüben der Oetscher
+ Noch das Haupt zum Gewölk, und rings bis zum östlichen Schneeberg,
+ Der nach der Wiener-Neustadt schaut, der _Immer-Getreuen_,[9]
+ Sehet ihr Berg' auf Berge gethürmt, erschütternden Anblicks.
+ Nur verhüllt uns der Kahlenberg mit seiner Karthause
+ Wien, die Kaiserstadt, und das weitverbreitete Marchfeld,
+ Wo jetzt Ottgar lagert, und dort auf blutigen Kampf sinnt;
+ Doch wir biethen ihm lieber die Hand mit dem friedlichen Oehlzweig,
+ Als daß er fühle den Schlag der eisernen, niedergeschmettert.
+ Ha, dieß Bild entschwind' euch nie, das heute so wonnig
+ Uns enthüllten die Höh'n des Lilienfelder-Gebirges!«
+
+ Eiliger wandt' er jetzt die Schritte zurück, in der Hütte
+ Noch dem frommen Klausner zu nah'n -- zu vernehmen des Segens
+ Laute von ihm, und ach, wie ergriff ihn Angst und Entsetzen,
+ Als er geöffnet die Thür', und ihn, vor dem Bild des Erlösers
+ Auf den Knie'n, im Gebeth, mit gesunkenem Haupt und zum Boden
+ Starrendem Aug', ersah -- doch stumm, und erblasset im Tod schon!
+ Lange staunt' er, bewegt, den Verblichenen an, und enteilte
+ Dann der Hütt'. In des Augenblicks entschwindendem Zeitraum
+ Schwangen die Reiter sich all' in den Sattel,
+ und trabten ihm, schweigend,
+ Nach, zum Kloster hinab, wo er, tieferschüttert im Geist noch,
+ Anbethend, weilt in dem Gotteshaus', und dann in dem Kreuzgang
+ Wandelnd, hinauf in das Schlafhaus stieg in der Stunde des Mittags.
+ Hundert Schritt' entlang, auf mächtige Säulen gegründet,
+ Wölbete dreifach die Halle sich auf: nur dämmerndes Zwielicht
+ Brach durch farbiges Glas der zierlichgestalteten Fenster.
+ Ernst ergriff ihn das Bild der Vergänglichkeit, als er mit Ehrfurcht
+ Staunte dem Bau. »Du sollst«, so lispelt' er leise für sich hin,
+ »Eiserngefügt, mit Stolz auf die wechselnden Zeiten herabschau'n;
+ Aber vielleicht, daß nach sechs Jahrhunderten, oder nach sieben
+ Du in dem Schutte versinkst, wenn dort die prasselnde Flamme
+ Ueber dir braust, und vergeblich des Wanderers Auge dich suchet!«[10]
+
+ Sieh', da nahte des Klosters Abt mit den Brüdern, und sagte:
+ »Herr, du zürnest uns wohl? Wir säumten den Herrscher zu grüßen!«
+ Doch der Kaiser begann: »Nicht euere Schuld ist es, wahrlich:
+ Denn ich schlich gar leise herein, als käm' ich, ein Späher.
+ Jetzo gedenkt, Herr Abt, mit sorglicher Liebe zu einen
+ Staub dem Staub', aus welchem er kam: die Leiche des Klausners,
+ Der in dem Herrn entschlief, in der einsamen Hütte der Alphöh'n.«
+ »Weh',« entgegnete jener bestürzt, »so schwand auch der Segen
+ Von den Alpen mit ihm: denn seinen erhörten Gebethen
+ Dankten sie ihr Gedeih'n, und des Segens Fülle die Hirten!
+ Aber nicht zeitlichen nur, auch ewigen wußt' er zu spenden.
+ Liebend brach er das Brot den Großen und Kleinen -- versteht mich
+ Wohl, erlauchtester Herr: das Brot des göttlichen Wortes,
+ Das die Seel' ernährt, und stärket für immer und ewig!
+ Aber woher er kam; weß' Landes und Stamm's er gewesen,
+ Hat noch keiner enthüllt. Versenkt in düstere Schwermuth,
+ Kam er in frühester Jugendzeit auf die Alp', und erbaute
+ Dort die Capelle, geweiht dem Dienste der seligsten Jungfrau.
+ Weniges sprach er nur, mit den Worten geizend -- mit Werken
+ Himmlischen Wohlthuns nicht: ein Heiliger allen verehret.
+ Morgen wollen wir ihn mit der Seelenmeß' und dem Bußpsalm
+ Würdig zur Erde bestatten, und ihm erhöhen den Denkstein.«
+
+ Jetzo erscholl mit freudigem Ruf Drometengeschmetter
+ Von dem Wege heran, der Zell' entgegen -- der Jungfrau
+ Gnaden-Zelle, führt, wohin, wie der Hirsch nach dem Bronnen
+ Schmachtet, unzählige Pilger zieh'n mit sehnendem Herzen
+ Nach dem Segens-Born der göttlichen Huld und Erbarmung.
+ Hell erglänzte das Aug' und die Wange des Kaisers. Er eilte
+ Rasch die Stufen herab: denn Albrecht, sein ältester, kam jetzt
+ Her aus den rheinischen Gau'n mit tapferen Scharen gezogen.
+ Laut begrüßt' er den nahenden Sohn, und both ihm die Hand dar,
+ Freundlich und mild; doch warm erwiedert' es dieser, und innig,
+ Obschon er düstern Gemüths nie lächelte. Siehe, zur Heerschau
+ Hatt' er die Krieger in Reihen gestellt! Mit stolzem Vertrauen
+ Wies er ihm erst fünfhundert aus Zürch, die im Kampfe der Markgraf
+ Hochberg lenkt; dann jene von Kyburg, Salm und Luzern her:
+ Dreimal so viel' an der Zahl, die Nürnbergs tapferer Burggraf,
+ Friedrich, erkiesend, im Felde beherrscht, und wies ihm dann endlich
+ Jene, den ersteren gleich an der Zahl, die er selber in Schwabens
+ Heiteren Gau'n jüngst warb, und jetzo zum Kampf und zum Sieg führt:
+ Lanzengewaltiges Volk, mit Helmen bewehrt und mit Schilden.
+ Aber hinab und herauf vor den Reih'n erging sich der Kaiser
+ Dort mit zögerndem Schritt'. Er sah mit freundlichen Blicken
+ Jedem Krieger in's Aug'; erzwang ihm ein Lächeln, und fragt' ihn:
+ Wie's ihm erging seither? -- bei'm Nahmen die Tapferen rufend.
+ Manchem strich er das rauhe Gesicht mit der Rechten; dem andern
+ Faßt' er die Hand, und verhieß ihm des Kampfs Arbeiten die Fülle:
+ Da er schon alle zuvor im furchtbarn Felde der Waffen
+ Sah, und erprobte den Muth und die Kraft des einen und andern.
+
+ Jetzo begann der Sohn dem herrschenden Vater zu künden:
+ Wie er das Kriegsvolk warb in der Heimath -- d'rauf an den Marken
+ Schwabens vereinte zum Heer'; wie er schnell g'en Ulm an der Donau
+ Zog, wo zuerst der Strom den breiteren Rücken zur Fahrt beut;
+ Dann' in Schiffen herab, durch Bayerns gesegnete Fluren,
+ Also durch Oestreichs obere Gau'n nach Enns, und gelandet,
+ Nach Stadt-Steyer geeilt, die am hellerglänzenden Waldstrom
+ Vielfach den Wand'rer ergetzt durch eisengestaltender Meister
+ Sinnigen Fleiß, und jetzt unwegsame Schluchten durchirrend,
+ Kam nach Zell, wo sich an der Gnadenquelle die Krieger
+ Alle reinten von Schuld, und des himmlischen Brotes genossen.
+ »Doch,« so erzählt' er fort, »wie erhob mich,
+ nicht ferne dem Ziel mehr,
+ Heut' in dem dunkeln Oetscherthal' ein Wunder der Allmacht!
+ Vor mir sprang ein flüchtiger Gemsbock fort in des Weges
+ Krümmungen. Ich, von Jagdlust heiß, verfolgte den Kühnen
+ Seitab, bis er vom Rand der steilabgleitenden Felswand
+ Stürzte zur Tiefe hinab, und zerschmetterte dort die Gebein' all'.
+ Aber der Rückgang schien auch mir versagt, und ich wand mich
+ Mühesam nur, die Schluchten entlang, zu lichteren Stellen.
+ Plötzlich ergriff mein Ohr ein Donnergetümmel: die Felsen
+ Drönten umher; stets furchtbarer scholl aus der Schlucht,
+ wie ich nahte,
+ Stürzender Fluthen Gerausch', und erfüllte die Thäler mit Schauder.
+ Doch nun war errungen der Stand. Von des schwindligen Felsens
+ Schmalvorragendem Riff' ersah ich, vor freudigem Schrecken
+ Selber zum Stein erstarrt, des Waldstroms Fall in den Abgrund:
+ Denn vor mir aufthürmte sich hoch der gespaltene Felsberg
+ Oben am Rand nur sanft zur Rechten gebogen, und dorther
+ Stürzt, ein raschvorstürmendes Ungethüm, nieder die Lasing.[11]
+ Ha, wie Fluth auf Fluth und Wog' auf Woge sich dränget,
+ Rastlos; dann, erbebend dem Sturz', aufheult, und die Stimme
+ Aller, vereint, zum furchtbarn, schrecklichen Donnergetös' wird!
+ Wie sie sich fassen im Flug, mit eh'rnem Geprassel die Klippen
+ Schlagen, und schäumen vor Wuth; wie sie von dem Felsen herunter
+ Fort und fort, den jähabrollenden Schnee-Lawinen
+ Gleich, im kreisenden Schwung sich wälzen, und stürzen, und ewig
+ Rauschen, und brausen, daß rings die waldigen Höhen erzittern.
+ Ueber die Berg' empor, in die hehren Gefilde der Wolken
+ Fleugt der glänzende Staub zerschellter Gewässer, und dreht sich,
+ Wirbelnd, im eisigen Hauch des stromgeborenen Windes.
+ Doch als dort in die Felsenschlucht, am glänzenden Mittag,
+ Freundlich die Sonne schaut, da haucht sie in vielfacher Wölbung
+ Hin auf das wirbelnde Naß den siebenfarbigen Bogen,
+ Der die stürmende Brust mild sänftiget: so wie er Noah
+ Einst erquickte das Herz, ein Zeichen der hohen Verheißung.
+ Wahrlich, entzückend schön, und erhebend dem fühlenden Menschen,
+ Pranget der Lasingfall in Oestreichs hehrem Gebirgsthal!«
+ Aber er horchte den Worten des Sohn's mit Lust, und geboth dann,
+ Laut, dem Volke zu Fuß und den Reitern den eiligen Aufbruch.
+
+ Staunend ersah'n die Krieger zuvor, an der Seite des Kaisers
+ Müllern im Ritterschmuck -- den ebenbürtigen Bürger
+ Zürcher Stadt; sie sah'n es, und lispelten, wiegend das Haupt noch,
+ Einer dem andern die Frag' in's Ohr: »was solches bedeute?«
+ Jener gewahrt' es, und, sich im kreisenden Schwung in den Sattel
+ Hebend, lenkte den Rappen herbei; dann heischt' er von Diesem,
+ Jenem die Rechte zum Gruß, und preßte sie, heiß in der seinen.
+ Aber da kam, erglühenden Blicks, der Kaiser, und sagte:
+ »Staunt nicht fürder, daß ihr im Ritterschmucke den Bürger
+ Euerer Stadt erblickt. Allmänniglich ist es bekannt ja,
+ Wie er in großer Gefahr mit tapferem Muth mir das Leben
+ Rettete: d'rum auch werth und würdig des Standes der Edeln;
+ Aber nicht Müllern nur, auch jeglichem steh' ich als Schuldner,
+ Der so, wie er dem Kaiser und Reich sich verdingte: Rudolphus,
+ Kaiser des Reichs, wird ihm die Schuld mit Wucher bezahlen.«
+ Sagt' es, und schwang sich auf's wiehernde Roß. Zum freudigen Aufbruch
+ Scholl die Dromet', und schnell g'en Wien bewegte der Zug sich.
+
+ Sieh', in des Abends Grau'n, gewiegt von gaukelnden Lüftchen,
+ Rauschte das Laub in dem Weidenhain, der nahe den Mauern
+ Drösings, am Hügel empor sich hob, und im schlängelnden Waldbach,
+ Längs dem duftenden Thal sich spiegelte! Völlig verhallt war
+ Nun des Kampfes Getös' -- erstürmt die Veste. Die Gegner
+ Wichen, bezwungen, zurück, und Ottgars furchtbare Gattinn
+ Sah schon stolz auf das Land, das bald (so wähnte sie thöricht)
+ Oestreichs Aar' entrissen, dem Leu'n von Böhmen zu Theil wird.
+ Doch wer ist die holde Gestalt, die, zögernden Schrittes,
+ Drüben, den Bach entlang, hinwandelt in sinniger Schwermuth?
+ Hedwig, ihr' Erzeugte, die Wonne des herrschenden Vaters,
+ Und der Liebling des Volks, geliebt, und bewundert von allen.
+ Aber warum erbebt ihr hochgesinnetes Herz nun
+ Unter der sanftvorwölbenden Brust? Entlockte der Thränen
+ Hellerglänzendes Paar, das über die rosige Wang' ihr
+ Träufelte, tiefverborgener Gram, und die Einsame geht nun
+ Solches dem spähenden Blick der furchtbarn Mutter zu bergen?
+ Ach, nicht der Mutter allein -- auch allen den Sterblichen ringsum,
+ Ja, sich selbst, und sogar dem Allerforscher im Himmel,
+ Bärge sie gerne den Gram, dem heute die Thränen geflossen!
+ Doch nun hemmt sie den Schritt. An den Stamm des schattenden Baumes
+ Stützend den Arm, und pressend die Wang' in die Höhle der Linken,
+ Hebt sie das Aug', voll Himmelsbläu', empor zu den Sternen.
+ Seitwärts sank von der hellen Stirn' ihr des bräunlichen Haupthaars
+ Ringelnde Meng', und hing von den Schultern zugleich, und des Nackens
+ Schöner Säul' an dem schneeigen Faltengewande hinunter,
+ Das dicht unter der schwebenden Brust der goldene Gürtel
+ Lieblich umfing. Nicht kam von den funkelnden Sternen ein Lichtstrahl
+ Ihr in die grau'numnachtete Brust. Sie starrte, verstummend,
+ Lange vergeblich empor; doch jetzt mit lispelndem Laut nur,
+ Und umschauend mit Angst, begann das jammernde Fräulein:
+ »Ha, vernichtendes Bild -- entsetzlich, und furchtbar, und dennoch
+ Himmlisch zugleich aufschwebst du vor mir, umgaukelst mich rastlos,
+ Und bethörst mir den Geist mit tiefverwirrendem Schwindel!
+ Wallstein -- Gott! Wen nannt' ich? Sein Nahm' entriß sich den Lippen
+ Mir, der Unglücklichen jetzt, und ach, der holdeste Laut wär's;
+ Süßer als Harfengetön' in des Mondlichts freundlichem Schimmer,
+ Klang' er mir in dem Ohr', dürft' ich ihn nennen -- ich darf nicht!
+ Glückliche Menschen ihr, die ihr dort in der niedrigen Hütte
+ Wohnt, wo des Throns augblendender Glanz nicht das Herz von dem Herzen
+ Trennt, dem ihr's auf immer geweiht: wie zög ich so freudig
+ Hin den dunkeln Pfad, der euch beglückend zum Ziel führt!
+ Weh', wie sprach ich? Wohin entschwand mir jede Besinnung!
+ Grünende Matten, du murmelnder Bach, und ihr Sterne da oben
+ Sagt es nicht, was ihr gehört. Du Mutter des Heiligsten, Besten,
+ Huldvolle Maid, nah' mir, der armen Verirrten, zur Rettung!
+ Billig haßt' ich ihn. Ha, wie verwegen er jüngst zu den Knie'n mir
+ Sank -- ich bebte vor Angst, in des Gartens umschattendem Laubgang;
+ Wie er mir faßte die Hand, an die glühenden Lippen sie pressend,
+ Bleich aufstarrte zu mir! Nicht soll er fürder mir nahen.
+ Doch wer eilt im Dunkel daher? Ich stürbe vor ihm jetzt.«
+
+ Sagt' es, und wollt' entflieh'n: da trat ein edeler Ritter,
+ Schimmernd im tönenden Waffenschmuck', in der Stille des Abends
+ Ihr in den Weg, und sprach: »Gönnt mir, holdseliges Fräulein,
+ Freundlich Gehör! Von Eginhards Geschlechte geboren,
+ Folg' ich, ein Rittersmann, der Fahne des Königs von Böhmen,
+ Eures Erzeugers, und doch, erschrecket nicht, steh' ich, ein Anwald
+ Seines Gegners, vor euch. Ich komme, gesendet von Hartmann,
+ Rudolphs Sohn', der euch schon lange zum Gatten erwählt ist:
+ Denn in dem rosigdämmernden Licht unschuldiger Kindheit
+ Wollten zu eh'lichem Bund' euch die liebenden Aeltern vereinen,
+ Ehe des schrecklichen Jammers Grund, die Krone der Kaiser,
+ Feindlich die Fürsten schied, und her auf das eiserne Schlachtfeld
+ Zog. Doch hört: mich hob er zuvor mit dem Speer' aus dem Sattel,
+ Als ich die flüchtende Schar aus den kühneroberten Mauern
+ Drosendorfs verfolgt', und ihn selber bestand auf dem Heerweg.
+ Aber er schenkte das Leben mir, und die Freiheit -- auf Ritters
+ Redliches Wort d'rob heischend die Pflicht:
+ daß ich brächte die Bothschaft
+ Her, und zurück, wie es euch Bescheid zu geben, genehm ist.
+ Ach, er hat euch jüngst, so sprach er mit leuchtenden Augen,
+ Wiedergeseh'n nach Jahren voll Grams, und nimmer entschwindet
+ Mehr ihm das Bild der holderblüheten Jugendgefährtinn!
+ Nicht entfloh ihm die Hoffnung noch des ersehneten Friedens.
+ Mild schlägt Rudolphs Herz: er biethet dem tapferen Ottgar
+ Freundlich die Hand. Vielleicht, daß bald die gesonderten Krieger,
+ Die jetzt noch, blutdürstenden Blicks, nach den Lagern hinüber
+ Schau'n, und, geballt, erheben die Faust: voll dräuenden Ingrimms
+ Gegen einander zu wüthen bereit, vernehmend des Friedens
+ Fröhlichdrometenden Ruf, in die Scheid' ihr blitzendes Eisen
+ Bergen, und mitten im Feld mit lautem Gejauchz' sich die Rechten
+ Schütteln, und ganz vergessen des Grimms in froher Umarmung.
+ D'rauf zerstreuen sich all'. Auf den stäubenden Straßen erschallet
+ Sang und Klang. Bekränzt mit grünenden Reisern, enteilen
+ Sie zur heimischen Flur, um dort in den Blicken der Lieben
+ Jetzo des Wiedersehn's erschütternde Wonne zu lesen.
+ Dann aufdämmert auch ihm, dem euch die liebenden Aeltern
+ Einst verlobten, der Tag ersehnter, unendlicher Wonne.
+ Doch so ihn tröge der Hoffnungs-Strahl, und die waltenden Herrscher
+ Sich bekämpften mit eisernem Trotz' -- o, hört ihn! Er frägt euch:
+ Wollt ihr auch dann noch treu dem geschlossenen Bund euch erweisen?
+ Fromm, und gut ist des Kaisers Erzeugter gesinnt: auf dem Schlachtfeld
+ Hob sich sein Ruhm, und Deutschlands throngeborene Jungfrau'n
+ Schau'n mit sehnlichem Blick nach dem herrlichgestalteten Mann hin.
+ Nur kargt er mit den Worten: es wohnt stets düstere Schwermuth
+ Ihm auf der Stirn' -- und im Herzen nach euch unendliche Sehnsucht.«
+ Also sprach er, und harrte, bewegt, der entscheidenden Antwort.
+
+ Hedwig sann für sich hin; nach dauerndem Schweigen begann sie:
+ »Wohl ist Rudolphs trefflicher Sohn, der tapfere Hartmann,
+ Mir bekannt -- ich ehre den edelgesinnten Jüngling;
+ Aber getrennt hat uns des Schicksals eherner Rathschluß,
+ Wandelnd in Haß, und nieversöhnliche Feindschaft der Aeltern
+ Herzen um uns: ich steh', entledigt der frühen Verlobung.
+ Ach, und sollt' in dem Kampf auch mein Erzeuger dem seinen
+ Unterliegen, und ich, die Tochter des mächtigen Ottgar,
+ Dem Europa's Völker umher sich beugen, voll Ehrfurcht,
+ Stürzen hinab in den Staub der schmachbelasteten Armuth:
+ Dennoch würd' ich nicht Rudolphs Sohn zum Gatten mir kiesen!
+ Und, da nur ein einziges Wort entscheidet für immer,
+ Künd' ihm: ich hätte gewählt -- für den Einen gelobt' ich zu leben.«
+ Also floh ihr das Wort von den zitternden Lippen. Sie wandte
+ Heim nach der Stadt die furchtbeflügelten Schritt', und der Ritter
+ Eilte davon, beschwert mit der trauererregenden Bothschaft.
+
+
+
+
+ Dritter Gesang.
+
+
+ Ha, schon lockte der Kampf des Geisterreiches Bewohner
+ Aus dem übersinnlichen Raum', und den Tiefen des Erdballs,
+ Mächtigen Zaubers herbei! Auch _Marbod_,[1] der edele Markmann,
+ Kam. Nicht im übersinnlichen Raum ergetzte das Licht ihn
+ Seither: denn er saß, versunken in düstere Schwermuth,
+ Dort in des Erdballs Schooß wohl zwölf Jahrhunderte lang schon,
+ Seit er getrennt sich sah von der liebenden Gattinn, Erwine,
+ Die, in dem Todeskampf', ihm die Hände mit weinenden Blicken
+ Reichte zum letzten Mal', und dann, viel reineren Herzens
+ Denn ihr Gemahl, empor zu glänzenden Räumen sich aufschwang.
+
+ Marbod herrschte, von Kraft und glühendem Muthe beseelet,
+ Ueber ein tapferes Volk: Markmannen genannt in den Reihen
+ Mächtiger Stämme des deutschen Vereins. Von Schwabens Gefilden
+ Her, die norischen Alpen entlang, Pannonien nahend,
+ Wo in der Ostmark sich am Ufer der mächtigen Donau
+ Vindobona erhebt, bis hin zu den Höhen der Heünburg[2]
+ Schirmten gegen den Feind, im Rücken der Berge, die Marken,
+ Sie des gemeinsamen Vaterlands, als mannhafte Streiter.
+ Aber dem schrecklichsten dort, der allzermalmenden Roma,
+ Ferne zu stehen, und ihm einst kühn zu begegnen im Schlachtfeld,
+ Zog er nach Bojenheim; verjagte den Gothen-Beherrscher
+ Katwald; gründete sich ein Reich und die Stadt an der Moldau,
+ Marobud,[3] und ward gefürchtet umher in den Ländern.
+ Inguiomar, der Ohm des tapfern, cheruskischen Hermann,
+ Floh, von diesem gehaßt, zu Marbod. Sie kämpften im Marchfeld
+ Lange die blutige Schlacht, und es rühmten sich beide des Sieges.
+ Aber an Hermanns Macht, des glücklichen, schlossen die Scharen
+ Marbods sich an. Da entriß, mit den Römern verbündet, ihm Katwald,
+ Stürmend, die Burg Mar'bud, und entthront' ihn. Ach, er vertraute
+ Roma's täuschender Huld, und starb in den Mauern Ravenna's
+ Arm -- ein Zeuge des wechselnden Glücks auf irdischer Laufbahn!
+ Doch nun kam er herauf, und wandte sich rasch nach den Fluren
+ Oestreichs, das er mit Bojenheim sein nannt' in der Vorzeit.
+ Bald gewahrte sein Aug' auf des Lilienfelder Gebirgs Höh'n
+ Drüben die Ritterschar blondhaariger Deutschen. Er schwebte
+ Jetzt in sausender Eile dahin, und so, wie der Geier
+ Schnell von dem Felsenhorst nach dem dunkeln Thale herabfährt,
+ Weil er im Laub hellschwirrende Vögel erspähte: so blitzschnell
+ Fuhr er herab. Er staunte: wie hier die ermüdeten Krieger
+ Schlummerten; dort, zu dem Bild des Gekreuzigten, einer der Helden
+ Flehend rang, und ein Greis ihm naht' in erschütternder Hoheit;
+ Hörte: wie jenem der Greis der tiefverborgenen Zukunft
+ Dunkel enthüllt', und Habsburgs Ruhm mit unzähliger Völker
+ Glück in seinem Geschlecht verkündete: schauend im Geist dort
+ Oestreichs Größ', und in Wonn' erbebend den hehren Gesichten.
+ Aber vor allem ergriff des stattlichragenden Herrschers
+ Näh' ihn, der, entsprossen aus seinem Stamm', in des Aargau's
+ Thälern die Burge der Ahnen bewohnt', und von allen gepriesen
+ Als der Schirmer des Rechts, zum erhabenen Kaiser der Deutschen
+ Jauchzenden Rufes erwählet ward. »Doch biethet ihm jetzo,«
+ Also sagte zuvor der Greis auf den luftigen Alphöh'n,
+ »Ottgar furchtbarn Kampf, und er soll in dem Waffengefild nur
+ Dann erringen den Sieg, wenn ihm« -- welch' dunkele Reden! -- »In
+ umdrängender Noth vom Munde des Herzens Gelübd' tönt?«
+ Dacht' es, und eilte, die Heeresmacht des gewaltigen Königs
+ Drüben am Ufer der March, durchdringenden Blick's, zu erforschen;
+ Rudolph helfend zur Seite zu steh'n; in dem Seelenverein ihm
+ Stets zu erregen das Herz zu ruhmverherrlichten Thaten,
+ Und zu enthüllen die List auflauernder Feind' in dem Feldzug.
+
+ Dort, wo im schimmernden Zelt', umfangen von nächtlichen Schatten,
+ Ottgar eben, vereint mit den tapferen Helden, zu Rath saß,
+ Hielt er, schwebend, und sank, wie der Aar, der hoch aus dem Luftraum
+ Auf die kreischenden Jungen sich senkt, vor dem Zelte herunter;
+ Doch wie erwachte sein Zorn, als jetzt Drahomira die Recht' ihm
+ Lächelnd both, im Wahn: er nah' als Verbündeter Freund ihr.
+ Grimmig sah er sie an; sie lächelte wieder, und sagte:
+ »Ha, nicht hast du die Knie' vor des Menschen-Sohne gebeugt einst,
+ Du, in dem Lande der Frei'n Geborener: hast in des Eichwalds
+ Schauriger Nacht, noch triefend von Blut, geopfert den Göttern --
+ Zwar erschuf sie der Wahn, doch hatten wir Schuld an dem Irrwahn
+ Dort? Jetzt nähr' ich ihn kühn -- will nie dem stolzen Gewaltspruch
+ Huldigen. Komm, und stehe mit mir im Bund des Verderbens.
+ Stark ist mein unbändig Gemüth: dir will ich auf immer
+ Thatengenossinn seyn auf der Bahn, die Empörung genannt wird
+ Von dem Beherrscher des All's. Wir wandeln sie muthig und kühn fort,
+ Wie er es will, uns fern von des Lichtreichs Gränze verbannend.
+ Uns vereine das gleiche Geschick und die gleiche Gesinnung:
+ Ottgar falle besiegt; Kunegund' sey Herrscherinn! Mir gleich
+ Trägt sie im Busen ein Herz, voll Kraft, und unbändiger Kühnheit.«
+ Aber sie lockt' ihn umsonst: aus der Bläue der trotzigen Augen,
+ Die, vom röthlichen Haar umwallt, einst, Gegnern zum Schrecken,
+ Glüheten, sah er, verachtenden Blicks, auf die Zauberinn nieder;
+ Wandt' ihr den Rücken, und fuhr in den Raum des Zeltes herunter:
+ Denn ihm schwebt' Erwinens Bild vor den Augen, und Thränen
+ Trübten sie schnell, da er jetzo, bewegt, der Sanften gedachte.
+ Doch als sie in dem Kreis' der Versammelten hier Kunegundens
+ Herz mit verblendendem Zorn und Haß zu erfüllen bedacht war;
+ Ottgar selbst, von dem Weib' empört, dem Herrscher der Deutschen
+ Grause Vernichtung sann; Verrath in den Mauern der Hauptstadt
+ Gegen ihn dräuend sich hob, und, »Rache,« die Losung des Heers war:
+ Ha, da flog der entrüstete Geist in Eile von dannen!
+ Eben erglühte das Morgenroth, erneut, wie der Hoffnung
+ Herzerheiternder Strahl, an dem östlichen Himmel. Er fühlte
+ Ruh' in der stürmischen Brust, und schwebte hinan zu den Zinnen
+ Wiens, wo er bald mit ringsumspähendem Blick im Gebein-Haus,
+ Unter der wölbenden Gruft der Kirche Maria-Stiegen,
+ Rüdiger Waldram fand, der dort mit den Bürgern zu Rath saß:
+ Rudolphs Feinden die Veste noch heut zu verrathen, entschlossen.
+ »Seht,« so sprach er, »uns frommt's des ruhmverherrlichten Ottgars
+ Herrscherthron zu erhöhen in Oestreichs blühender Hauptstadt.
+ Wir sind Bürger der Stadt, und erfuhren es all' in der Wahrheit,
+ Daß uns Rudolphs Macht, des stolzaufstrebenden Fremdlings,
+ Schon in dem früheren Völkerkampf nicht zu schirmen vermochte.
+ Seine Heimath ist fern -- ein Aargau'r bleibt er noch immer.
+ Flieht den Leu'n im güldenen Feld: _roth_ glüht er vor Ingrimm;[4]
+ Aber euch sey in dem Purpurfeld der _weiße_[5] willkommen,
+ Selbst vor dem Doppelaar, den Kaiser Friedrich, der And're,[6]
+ Hier zum Wapen uns gab. Nun hört', ihr Getreuen! Erschallen
+ Wird vor dem Stubenthor im mitternächtlichen Grauen
+ Dreimal ein Glöckchen. Es ruft uns zur That: denn kühne Gesellen,
+ Von dem König der Böhmen gesandt, durcheilen den Wehr-Gang
+ Außer der Veste, wo ich in Menge die tödlichen Waffen
+ Heute gehäuft. Wir öffnen das Thor, und, wißt es: verrathen,
+ Oder errungen im Blut -- uns gleich! wir biethen die Stadt ihm
+ Morgen zum Unterpfand des jüngstbeschworenen Bundes.
+ Eilt nun heim, und gedenket des Muths,
+ und des herrlichsten Lohn's nur!«
+ Schweigend reichten ihm jene die Hand, und eilten von dannen.
+
+ Aber mit Schrecken vernahm den schnöden Verrath an dem Kaiser
+ Marbod im schwebenden Flug', und sann, wie er solchen vereitle.
+ Jetzt entschloß er sich rasch, zu nah'n im warnenden Traumbild
+ Hugo von Tauffers, dem Greis' unbändigen Muthes im Schlachtfeld,
+ Dessen gewaltiger Feldherrnkraft die Veste vertraut war.
+ Wie sich ein Nebelgewölk hersenkt auf die dämmernden Berghöh'n:
+ Also nahet' er ihm, und wies in der Tiefe des Grabens,
+ Außer dem Stubenthor', ein Heer von Wölfen: sie folgten
+ Eilig dem Weidmann nach, der wildanlockenden Köder
+ Trug in der Hand, und Waldram glich, voll triegender Arglist.
+ D'rauf durchstürmten sie das eröffnete Thor, und erwürgten
+ Ringsum Kinder und Greis', und lautaufheulende Mütter
+ So, daß das Blut durchwogte die Stadt, wie ein brausender Gießbach,
+ Der im regnigen Herbst mit schäumenden Fluthen daherfleugt.
+ Stöhnend entwand sich der Held dem Traum', und sagte, verwundert:
+ »Wahrlich, mir führte die Nacht noch nie so klar und lebendig
+ Gaukelgebilde des Schlafs an der Seele vorüber. Mich dünket,
+ So ich es recht erwäg' im Gemüth: ein warnender Traum seys!«
+ Und er erhob sich behend', um die Veste besorgt in dem Herzen.
+
+ Jetzt erscholl ringsher von den hochaufragenden Wällen,
+ Mächtiger stets Drometengetön', und unzählige Glocken
+ Weckten mit ehernem Schall des Volks unendlichen Jubel:
+ Denn von des Berges Höh'n, wo die Spinnerinn saß an dem Kreuzbild,
+ Kam Kriegsvolk, und vor ihm der erhabene Kaiser. Die Sonne,
+ Die sich im rosigen Osten erhob, sog blitzende Strahlen
+ Aus dem stählernen Kleid der Gewaffneten, herrlich zu schauen!
+ Rührend zugleich, und herrlicher noch: wie, inmitten des Volkes,
+ Das entgegen ihm zog, im Geleit zwo lieblicher Töchter,
+ Agnes und Adelheid, und Hartmann, ihres Erzeugten,
+ Man die Kaiserinn trug in der Sänfte. Die Mutter der Armen
+ Hieß sie dem Volk', und hieß die trefflichste Mutter und Gattinn:
+ Mild sich bewährend an allen zugleich, ein Engel an Sanftmuth;
+ Doch sie naht', abzehrend, des Lebens Ziel', und auf einmal
+ Welket sie hin wie die Blume, versengt vom giftigen Mehlthau.
+
+ Draußen in Matzleinsdorf, wo fromme Verehrer ein Standbild
+ Weihten dem Sankt Florian, dort hob Jahrhunderte lang schon
+ Eine Linde sich auf, die mächtigen Zweige verbreitend
+ Rings, und biethend in Sommers Zeit umschattende Kühlung
+ So dem Pilger zugleich, wie dem schwerarbeitenden Löhner.
+ Dort geboth er die Rast, und grüßte die nahende Volksschar
+ Freundlichen Blicks. Doch jetzt, die treffliche Gattinn gewahrend,
+ Trat er zu ihr, und führte sie sanft zum beschatteten Sitz hin.
+ Wie ihm die liebende Brust auch blutete, sie an des Lebens
+ Kraft so erschöpft, und ach, dem Tode verfallen zu schauen;
+ Dennoch bezwang er den Schmerz, und sah ihr noch heiter in's Antlitz!
+ Aber das liebliche Paar der Töchterchen legt' ihr das Kissen,
+ Unter den Füßen zurecht, und wand das Tuch ihr mit Sorgfalt,
+ Um die erschütterte Brust: der dräuenden Kühle gedenkend.
+ Doch sie sprach zu dem trauten Gemahl, verweisend mit Sanftmuth:
+ »Gar nicht erwägest du, ach, wie des Vaters die Kinder bedürfen --
+ Meiner, der Mutter, nicht mehr: denn schon gewahr' ich sie mündig
+ Alle vor mir, und bewahrt, mit Gott, in jeglichem Guten!
+ Rastlos sucht dein Geist nur Müh' und Arbeit: die Tag all'
+ Schwinden dir hin, und die Nächte, gesammt, in ewigem Streben
+ Nach dem erkorenen Ziel', und die Ruh' erquicket dich nimmer.
+ Auch bestehst du zu oft und zu kühn die Gefahren, als Herrscher;
+ Zogst auch jetzo hinauf g'en Lilienfeld in dem Waldthal
+ Nur mit schwachem Geleit, und leicht wohl hätte die Heimkehr
+ Dir der Böhme verwehrt, so ein arger Verräther es kund that.
+ Weh', und neu entflammt sich der Krieg! Von neuem beginnst du
+ Wieder den blutigen Lauf, und, ob auch die liebende Gattinn,
+ Ob die Mutter vergehe vor Angst, und die Kinder, verwaiset,
+ Schreien nach dir -- umsonst: du kennst, Tollkühner, die Furcht nicht!
+ Ach, erhob dich die Huld der ewigwaltenden Vorsicht
+ Nicht auf den Thron, daß du beglückest unzählige Völker;
+ Führest den Frieden zurück' in die sturmerschütterten Gauen
+ Deutschlands, unseres Vaterlands, und erhebest die Ostmark,
+ Deinem Geschlechte zum Ruhm -- zum Sitz' unendlichen Segens?«
+ Jener entgegnet' ihr sanft: »Nicht also gedacht, und gesprochen
+ Hast du, Theure, zuvor in den blühendentfalteten Jahren,
+ Als in den Kampf dein Held auszog. Du reichtest die Waffen
+ Selber ihm dort, vom Staub sie reinigend, oder vom Blutrost
+ Oft mit dem Hauche des Mund's und den zartgestalteten Fingern,
+ Und umgürtetest ihn mit dem Schwert, nach ad'liger Sitte.
+ Zwar dir pochte die Brust, und die rosigerglühenden Lippen
+ Zitterten ob den Gefahren des Kampfs; doch immer bezwangst du,
+ Schweigend, die Angst, und theiltest die Freude des kehrenden Siegers:
+ Denn nicht eitelen Ruhm, nicht schnöden Besitz zu erjagen,
+ Lag ich draußen im Feld; nie schaffte mein Eisen das Eigen
+ Armer und Waisen mir heim: nur diese zu schirmen -- zu rächen
+ Unterdrückung und Schmach der Unschuldigen, zog ich mit Macht aus,
+ Wie es die Ritterehre geboth. Auch jetzo, gezwungen
+ Nur, entreiß' ich das Schwert der rostenden Scheide. Des Friedens
+ Bothen, erhaben an Rang und Verdienst, entsandt' ich in's Lager
+ Ottgars erst: wohl mir, so er beiden ein günstiges Ohr leiht!
+ Doch so er taub verschmäht den ein- und den anderen: dann sey
+ Gott befohlen mein Haupt. Ich muß ja leben, und sterben,
+ Wie es der Völker Wohl und des Herrschers heilige Pflicht heischt.
+ Mög' er Tröster dir seyn, und das Leben noch lange dir fristen
+ Mir zur Freud', und den Kindern zum Glück', auf immer und ewig!«
+ Jetzo erhob er sich rasch von der steinernen Bank mit der Gattinn;
+ Winkt', und reicht' ihr, zum Scheiden, die Hand.
+ Durch quellende Zähren
+ Sah'n sie lang' einander in's Aug': die Zitternde sank ihm
+ Dann, voll Hast, an die Brust, und küßte das pochende Herz ihm.
+ Angst ergriff das Volk, und ihr' Erzeugten verhüllten,
+ Weinend, das Aug': sie kehrete heim nach der einsamen Hofburg.
+ Ach, nicht sieht er sie mehr, die holde Geliebte der Jugend,
+ Nicht die erlesenste Gattinn mehr, nicht die beste der Mütter:
+ Denn ihr Lebenslicht soll nun, wie die Lampe verlöschen,
+ Die, des Oehles beraubt, nur matt aufflimmert noch einmal!
+
+ D'rauf an der Wien, die träg in den buschigen Ufern sich fortwälzt,
+ Führt' er die Heerschar schnell den Mauern der Veste vorüber:
+ Denn nicht wollt' er die Burg in den Tagen des Kampfes beschreiten,
+ Wählend das Zelt zur Wohnung im Kreise der tapferen Krieger.
+ Außer dem Stubenthor naht' ihm mit eilenden Schritten
+ Hugo von Tauffers, er, des treuen, tyrolischen Berglands
+ Heldensohn, der, jüngst erkoren zum Schirmer der Festung
+ Tausend trefflichen Schützen geboth, die er warb in der Heimath.
+ »Herr,« so sprach er ihm leis' in das Ohr, »nicht wollest du Hugo's,
+ Deines Getreu'n, der lange, fürwahr, den Schuhen des Jünglings
+ Schon entwuchs, jetzt höhnen, als aberwitzigen Träumers!
+ Wohl ist des Menschen Geschick, zu spielen als Kind an dem Morgen;
+ D'rauf an dem Mittag ernst zu wandeln als Mann, -- wie ein Kind fast
+ Sich zu geberden als Greis, an dem Abend des wechselnden Lebens;
+ Doch, getrost: noch sitzet das Haupt mir fest auf den Schultern;
+ Schaue noch scharf in die Fern', und mir entgehet der Laut nicht,
+ Der zu Thaten mich ruft im rühmlichen Felde der Waffen!
+ So verkünd' ich dir jetzt, wie heute am dämmernden Morgen
+ Mir ein Wundertraum das Geheimniß enthüllte, daß Gegner
+ Drinnen im Schooße der Stadt gehägt, gleich giftigen Nattern,
+ Sinnen auf Mord und Verrath. Ich sah an dem heimlichen Wehr-Gang,
+ Der, verborgen im dichten Gesträuch, vom Ufer der Donau,
+ Vielverschlungenen Zugs, zu dem inneren Graben heraufführt,
+ Listigeröffnet die Thür', und gehäuft unzählig die Waffen:
+ Sie zu vertrau'n der würgenden Faust verruchter Gesellen.
+ Auch entnahm ich zuvor aus dunkelen Zeilen, daß Waldram,
+ Gestern um Mitternacht Rath hielt im grausen Gebeinhaus
+ Unter der wölbenden Gruft der Kirche Maria-Stiegen.
+ Solches erwäg', o Herr, und begegne dem schnöden Verrath jetzt!«
+ »Horch,« so gab ihm der Kaiser zurück, »der Huth in der Festung
+ Eine sich hier die Schar zweitausend gewaltiger Schweizer
+ Heute noch, die, so heiß' es, erschlaffte die dauernde Heersfahrt!
+ Hartmanns Muthe vertraut sey dann die Vest' und die Hofburg;
+ Doch du schwinge dich hurtig auf's Roß, und reite g'en Theben,
+ Wo schon Ladislav, mit der Krone des heiligen Königs
+ Jüngst geschmückt, als Freund und verbündeter Kriegesgenosse,
+ Unser mit Sehnsucht harrt im Kreise der tapfer'n Magyaren.
+ Ihm entbiethe denn unsern Gruß: er solle bereit steh'n,
+ Bis von dem Kahlenberg', in dem mitternächtlichen Grauen
+ Hoch die Lohe sich hebt: des Kampfs bedeutender Wink; dann
+ Eil' er herüber die March mit den schrecklichen Reitern, und berge
+ Sie in dem trocknen Geröhr', an dem Weidenbache vor Marchek.
+ Auch ich werde nicht fern mehr seyn, und ihm einen die Scharen
+ Dort zu gemeinsamer That in des blutigen Kampfes Entscheidung.«
+ Hugo vernahm das Wort -- nicht zweimal braucht' er's zu hören:
+ Denn er hob sich, behend', im kreisenden Schwung in den Sattel,
+ Jagte davon -- ihm nach der rüstige Knapp', und in Säulen
+ Hob sich der Staub empor in die Luft vom schimmernden Heerweg.
+
+ Doch nun theilten die Schützen Tyrols mit den tapferen Schweizern
+ Wiens ruhmwürdige Huth, wie solches der Kaiser gebothen,
+ Der das Schwert von der Hüfte sich nahm, und dem tapferen Hartmann,
+ Seinem Erzeugten, es gab mit sanftermahnenden Worten:
+ »Deinem Muthe vertraut sey jetzo die Burg und die Festung
+ Wiens, der herrlichen Stadt. Ein rettender Schild der Bedrängten
+ Mögest du seyn, und den Ruhm von deinem Geschlechte bewahren,
+ Das von der Habsburg kam, und Oestreich, liebend, zur Heimath
+ Sich erkor: ihr Glück auf immer zu gründen, entschlossen!«
+ Sagt' es, und Hartmann trat mit schweigendem Ernst in die Vest' ein,
+ Dort zu gebiethen der Schar wallschirmender, muthiger Völker.
+ Trauer umwölkte sein stilles Gemüth. Von den Sterblichen einer,
+ Die, durch Prüfung bewährt, des Herrn verborgener Rathschluß
+ Wandeln heißt auf der Dornenbahn in die ewige Heimath,
+ Wuchs er in Schwermuth auf. Den Gegnern gefürchtet im Schlachtfeld,
+ Und von Jeglichem ob des Wissens Reichthum bewundert,
+ War er der Aeltern Stolz, und die Freude der edelsten Menschen;
+ Doch mißlang ihm oft sein Müh'n und Streben, und ach, erst
+ Kündet' ihm Eginhard des stolzgesinneten Fräuleins
+ Liebeverschmähendes Wort. Er hielt sich die Brust mit der Rechten,
+ Wo das Herz empörter ihm schlug, und sah zu dem Himmel
+ Düsteren Blicks, empor; doch bald bezwang er sich wieder:
+ Mit Ergebung vor Gott, und den Menschen zu wandeln, entschlossen.
+ Jetzt, so hoch ihn der Ruf des Heldenvaters auch ehrte,
+ Inner den ragenden Mauern Wiens dem Feinde zu trotzen,
+ Und zu entreißen den Sieg, nicht weckt' er ihm Freud' in dem Herzen:
+ Denn ihn hieß auf den Kahlenberg zur stillen Karthause
+ Pilgern ein frommes Gelübd', und, wie es nun lösen?
+ -- nicht wußt' er's.
+
+ Aber es zog auf der Brücke dort, die, einigend Leupold's
+ Außen- und Inselstadt[7] mit dem Land' und der Vest',
+ in dem Grund fußt,
+ Eilig der stattliche Kaiser einher vor den muthigen Scharen.
+ Schmal, und getrennt von dem Riesenarm der herrschenden Donau,
+ Wogt in der Tiefe der Strom, und umfaßt ein mächtiges Eiland,
+ Das im Schooße die Außenstadt und umschattende Auen
+ Lieblich vereint, zur Lust des wandelnden Städtebewohners.
+ D'rauf im Eilschritt ritt er hinaus auf den schwankenden Bohlen,
+ Wo auf dem Riesenstrom sich die Fähren an Fähren, im Halbkreis
+ Reihten, dem wachsenden Mond' an dem Sternenhimmel nicht ungleich,
+ Wenn er auf dunkeles Nebelgewölk im Westen hinabsinkt.
+ Angelangt an der Spitze, vom Tabor hinaus, wo im Aufeld
+ Links an der Straß', und rechts sein Heer das Lager bezogen,
+ Sah er zum Ehrenempfang die Scharen geordnet, und winkte
+ Beifall den Amtnern[8] zugleich, und den muthbegeisterten Kriegern:
+ Denn schon hob sich ihr Freuden-Geschrei die Reihen hinunter,
+ Endlosdauernd im Ruf: »Hoch lebe der Kaiser Rudolphus!«
+
+ Allen voran stand dort der Hauf' östreichischer Krieger,
+ Ober'n und unteren Lands; die letzteren führte Capellen,
+ Jene Dietrichstein in das Feld: zehntausend der Männer,
+ Die mit dem Panzerhemd, mit dem Helm', und dem Schilde bewehret,
+ Kämpfend zu Fuß, aufschwangen im Feld die tödlichen Lanzen.
+ Aber das muthige Volk der Steyrer, der Krainer, und Kärnthner
+ Stand an jene gereiht, und, wahrt' auch der Helm nicht das Haupt ihm,
+ Nicht der eiserne Harnisch die Brust; doch würd' es, den Degen
+ Schwingend, durchbrechen im Sturm,
+ und erringen den blutigen Kampfpreis.
+ Pfannberg, Meinhard, und Ortenburg die untad'ligen Feldherrn,
+ Riefen die Völker in's Feld: dreitausend erlesene Reiter.
+ Auch der Schweizer gewaltiges Volk, und der heiteren Schwaben
+ Heldenschar stand dort, gesellet der lagernden Heersmacht;
+ Dies' empörte zur Schlacht der Burggraf, Friedrich von Nürnberg,
+ Rudolphs Schwestersohn, und ein tapferer Degen im Schlachtfeld,
+ Albrecht jene, der edele Sohn des edelsten Kaisers;
+ Doch den beiden vereinten sich noch tyrolische Schützen,
+ Die, gerufen erst jüngst aus den Thälern der Heimath, die Armbrust
+ Auf der Schulter -- die Pfeil', im Bündel geschnürt, auf dem Rücken
+ Trugen; umspähenden Blicks, wie dem Wild' auf der Fährte die Jäger,
+ Fernhin sah'n, und, kühn, nicht in Stahl und Eisen sich hüllten.
+ Tauffers war ihr Hort im Gewühle der Schlachten. Er flog jetzt
+ Unaufhaltsam dahin, des Kaisers erlesener Herold.
+
+ Sieh', und schon gewahrt' er das Ziel! Die sinkende Sonne
+ Stand an dem Abendthor', umhüllt von rosigem Schimmer.
+ Heller glüht' ihr scheidender Blick; ihr goldenes Haupthaar
+ Flammt' empor, da in hehrem Glanz sie noch einmal herüber
+ Winkt' ihr Lebewohl! dem sanft entschlummerten Erdkreis.
+ Aber die Kühlung sank auf den Fittigen schmeichelnder Lüftchen
+ Leise herab, und erquickte die schweraufathmende Schöpfung.
+ Jetzt vollbrachte den Ritt sein feuriger Renner; es flogen
+ Dampfend und triefend von Schweiß ihm die Seiten;
+ der Hals und der Rücken
+ Schäumt', und ihm wankten die Füß',
+ da er stand vor dem Zelte des Königs.
+
+ Dort den Hügel empor, wo jetzt nur Trümmer des Schlosses
+ Weitumkreisenden Hof bezeichneten, das in der Vorzeit
+ Herrschend hinuntersah auf das Land, aus dem in die Donau
+ Drüben die March sich ergießt, und, von ihren gewaltigen Fluthen
+ Stolz zurückgedrängt, seegleich bedecket die Fluren:
+ Dort, auf Pfähle gespannt, erhoben sich tausend und tausend
+ Schimmernde Zelte des Volks der Kumanier und der Magyaren.[9]
+ Jene rühmten sich gleichen Geschlechts und Ursprungs mit diesen;
+ Doch der edlere Stamm der ahnenstolzen Magyaren
+ Hielt Jahrhunderte schon, aus Scythiens grasiger Steppe
+ Kommend (Tanfu, Zuard, Lehel, und der tapfere Almus,
+ Waren die Führer des Volks) Pannoniens herrliche Fluren
+ Im Besitz', errungen im Sieg ruhmdürstender Ahnen.
+ Jüngst erst kam der Kune heran, dem wilden Tartaren
+ Folgend im Schreckenszug, und, als er, verwilderter heimzog,[10]
+ Nach entsetzlichem Mord' und Gewürg' unzähliger Christen,
+ Blieb er im Lande zurück: inmitten der Theyß und der Donau,
+ Sich erwählend ein Sandgefild zum dauernden Wohnsitz,
+ Welches der Steppe gleich, unendlicher Fläche sich ausdehnt,
+ Und Kumanien heißt. Ihn nennt der Unger den Kun nur.
+ Eisern hielt er noch fest an der Sitte der Heimath; auch Götzen
+ Dienet' er, so vermengend das Wort der ewigen Wahrheit
+ Mit entehrendem Wahn: denn kaum erkannte des Heilands
+ Rettenden Weg sein Geist, und roh bewahrt' er das Herz noch.
+ Aber entsetzlich wüthet der grimmige Kun' in der Feldschlacht.
+ Ordnungslos, bald links, bald rechts sich wendend, im Eilflug,
+ Braus't er heran wie der Sturm. Er schnellt von dem tönenden Bogen
+ Durch die heulende Luft den befiederten Pfeil, und verfehlt nie,
+ So er den Gegner in's Auge gefaßt, in die Brust ihn zu treffen.
+ Aber von diesem bedrängt, entflieht, und kehret er wieder,
+ Listengeübt; läßt oft dem fliehenden Rosse den Zügel;
+ Wendet sich hurtig im Sattel herum, und schleudert des Tschakans
+ Eisengewichtige Last dem Nahenden mächtig entgegen.
+ Sieh', und hatt' er ihn etwa verfehlt, da setzt er sich wieder
+ Rasch, im Schwunge, zurecht in dem Sattel; ergreifet die Zügel;
+ Lenkt im kreisenden Lauf mit eisernem Drucke der Schenkel
+ Eilig den Renner heran, und so der entflogenen Waffe
+ Nahend, schwebt er mit einem Fuß noch im Riemen des Bügels;
+ Beugt sich nieder im Flug', und hebt sie empor von dem Boden,
+ Ehe der Feind sich gestellt, und des Fliehenden Jauchzen vernommen.
+
+ Dort schwang Hugo sich jetzt mit forschendem Blick' aus dem Sattel,
+ Und vertraute das Roß dem redlichen Knappen zur Pfleg' an.
+ Fernher scholl an sein Ohr des Lagers Getöse: dem Meersturm
+ Gleich, der himmelan braus't, erfüllt' ein dumpfes Gemurmel
+ Drüben die Nacht. Stets glühender schien der wolkige Himmel
+ Ueber dem Lager, erhellt von unzählbarlodernden Feuern.
+ Dorther kam auftobender Männer Geschrei, und der Weiber
+ Lautes Kreischen, vermengt dem Gebrüll'
+ und dem Wiehern des Lastthiers:
+ Denn von den Zelten hinaus umgrasete rings in dem Blachfeld
+ Breitgehörnetes Rind und der Ross' unendliche Mehrzahl,
+ Die nur klein von Gestalt, und unscheinbar dünken dem Fremdling,
+ Aber, von feurigem Muth' erfüllt, und dauernder Kraft voll,
+ Tragen den Reiter so schnell wie der Blitz an den Feind, und erretten
+ Oft ihn im Schlachtengemeng, schnellfüßig zum Sprung und zum Laufen.
+ Also lagerten hier die Kumanier. Doch in des Heeres
+ Rücken ruhte das Reitervolk der edelen Ungern,
+ Kummererfüllt: denn Ladislav, der König, erkor sich
+ Jene zu Lieblingen, so der Ahnenehre vergessend.
+
+ Als nun Hugo dem Zelt des Königes nahte, vermeint' er,
+ Zithergetöne zu hören; ihm schien: kumanische Mädchen
+ Sangen dazu, nach Heidenbrauch, unziemliche Weisen.
+ Ach, und so war's! Doch bald verstummte der Sang und die Zither,
+ Als der Fremdling, in Eisen gehüllt, ihm näher getreten.
+ All' erhoben sich schnell von dem Boden -- die bärtigen Männer
+ Und die rosigen Mädchen, und jetzt der fürstliche Jüngling,
+ Anmuthstrahlenden Blicks, an dem Haupte von bräunlichen Haaren
+ Lieblich umlockt, voll Jugendkraft und blühender Schönheit.
+ Aber er stand verwirrt, und wußte nicht, wie er beginne,
+ Bis er sich wieder ermannt', und d'rauf mit kräftigem Laut rief:
+ »Sprich: weß' Landes du bist, o Fremdling? Triegt uns die Ahnung
+ Nicht, so kommst du gesandt von dem Kaiser der Deutschen, Rudolphus,
+ Der uns vielleicht des Saumsals zeiht, und unrühmlicher Trägheit,
+ Weil wir ruhen dahier, bei Saitenspiel und Gesängen
+ Uns ergetzend, und sein', des feindbedrängten nicht achten?
+ Doch wir harreten nur des Winks, den er uns verheißen,
+ Und gedenken, ihm treu und redlich zu Hülfe zu stehen!«
+ Hugo beugte das Haupt, und sagte mit edelem Anstand:
+ »Herr, du ahnetest recht! Hier steht des Kaisers Gesandter,
+ Hugo von Tauffers genannt, vor dir, und, wahrlich, ein Krieger,
+ Seit er der Schul' entlief: ein Taug'nichts ist er am Schreibtisch!
+ Aber nicht rostete noch in der Scheide sein trefflicher Degen;
+ Gerne stellt er sich ein, wo es gilt ihm Ruhm zu gewinnen,
+ Und hoch ehrt ihn die Sendung auch jetzt: denn Wichtiges soll er
+ Dir kund thun; doch, Herr, verzeih' -- in dieser Gesellschaft?«
+ Sagt' es, und lächelte fast; der König entgegnete leiser:
+ »Ritter, mir scheint dein lächelndstrafendes Auge zu sagen,
+ Was dem Könige ziemt, was nicht! Erfahrenes Alter
+ Richtet streng; doch sieh', noch blüht mir der fröhlichen Jugend
+ Rosenhain, und ich wandle in ihm mit heiterem Sinn fort;
+ Weile so gerne dahier im Kreis' des unschuldigen Volkes,
+ Das, von der Urzeit her die ererbeten Sitten bewahrend,
+ Frei, die Fessel nicht kennt, die uns engt im verfeinerten Leben!
+ Aber tritt in mein Zelt, und vergnüge dein Herz an dem Spätmahl,
+ Das ich dir biethe nach Lagers Brauch; dann will ich dich hören.«
+
+ Eilig traten sie ein. Die finsteren Scharengebiether
+ Folgten dem Könige nach, und setzten sich rings um den Tisch her,
+ Sonder Ordnung, noch Wahl. In zottige Pelze gehüllet,
+ Sah'n sie stolz aus den tiefvergrabenen Augen dem Fremdling
+ Jetzt in das heitre Gesicht, und strichen den Bart an der Lippe.
+ Bald erschienen im Zelt' auch die rosigblühenden Mädchen,
+ Tragend in Körben Pferdfleisch auf, das unter dem Sattel
+ Barg der Reiter, und dann hinflog, bis solches im Ritte
+ Heiß geworden, und mürb', des Volks ersehntes Gericht war;
+ Auch gebratenes Fleisch vließtragender Lämmer, mit Knoblauch
+ Vielgewürzt; dann Brot aus dem feinsten Mehle gebacken,
+ Hochgewölbet und weiß, nach Art magyarischer Backkunst,
+ Und die mächtigen Krüge, gefüllt mit den edelsten Weinen.
+ Alle schmaus'ten nach Lust; doch Hugo verschmähte des Kunen
+ Lieblingsgericht -- nicht des Weins,
+ des trefflichen, schonend: unendlich
+ Gab er bei Humpen Bescheid, und blieb stets seiner noch Meister.
+
+ Siehe, von neuem erscholl der Zither Getön', und der Herrscher
+ Mahnte die Männer und Mädchen zum Tanz', dem Gaste zu Ehren!
+ Jene stellten sich ernsten Blicks, dem König gehorchend,
+ Draußen in Doppelreih'n, und hoben den werbenden Tanz an,
+ Der in das Feld den Jüngling ruft, und Gefühle der Wehmuth,
+ Ihm in der Brust aufregt, an die Zeiten der Väter ihn mahnend,
+ Mit wehklagenden, tief das Herz bestürmenden Weisen.
+ Aber sie schlugen die Hand an die Hand, und die Sporn' an die Spornen;
+ Stampften zugleich, rasch hin und daher sich wendend, den Boden;
+ Stöhnend vor Lust, und ihr Aug' erfüllten oft schimmernde Thränen,
+ Plötzlich geweckt von dem Sturm der empörten Herzensempfindung.
+ Doch als d'rauf zu dem Wechseltanz der erfahrene Künstler
+ Rasch in die Saiten griff, mit dem Fuße der schnelleren Weisen
+ Zeitmaß schlug: da faßte die Tänzerinn jeglicher Tänzer
+ Um den blühenden Leib, und schwang sie umher an der Stelle,
+ Bald mit dem linken, und bald mit dem rechten Arme sie drehend
+ Fort im verengenden Kreis'. Dann riß er sich wieder von ihr los;
+ Hüpfte schnell vor ihr hin, und schlug die klingenden Spornen,
+ Jauchzend, zusammen, und schlug die Wade mit wechselnden Händen.
+ Aber sie folgt' ihm entfernt. Die Recht' an die Seite sich stemmend,
+ Hielt sie die Schürze am Saum' sich stolz vom Leib' mit der Linken,
+ Wandte sich links und rechts, mit niedlichen Sprüngen, und mied ihn
+ Scheinbar, bis sie, ersehnt, urschnell in die Arme des Tänzers
+ Flog, und von neuem das Paar in schwindelnden Kreisen sich drehte.
+ Doch nun winkte der König zum Schluß: die Saiten verstummten;
+ Hoch erhob der Tänzer die Tänzerinn noch, und entließ sie;
+ Kam dann, triefend von Schweiß, und setzte sich wieder zum Tisch hin.
+ Jene entfloh'n, und der König sprach, mildlächelnd, zu Hugo:
+ »Ritter, du hast magyarische Tänze geseh'n, und ergetzet
+ Dich bei'm fröhlichen Mahl', obgleich du ein nüchterner Gast bist!
+ Nun ersehnte mein Geist zu vernehmen, wie Kaiser Rudolphus,
+ Unser Bundesgenoß' und Freund, zum Throne gelangt ist --
+ Er, einst Habsburgs Graf? Doch künde zuvor uns die Abkunft
+ Und die muthigen Thaten des huldbeseligten Herrschers,
+ Die mit unsterblichem Ruhm' ihm zieren die Stirne. Der Morgen
+ Graut: bald steht ihm Ungerns Macht zu Geboth' in der Feldschlacht.«
+ »Zwar verweigerst du noch,« so entgegnete jener, »des Kaisers
+ Herold' ein willig Gehör, und lullst ihn bei Tänzen und Mahlen,
+ Zaubernd, ein, daß er ganz vergesse der wichtigen Sendung.
+ Aber, weil dich verlangt, von meines erlauchten Gebiethers
+ Abkunft, Muth und Heldenkraft, die Carol des Großen
+ Glänzenden Thron ihm errang, zu hören, so will ich mich fügen
+ In Geduld, und harren: es gilt ja die Ehre des Kaisers!«
+
+ »Wisse demnach! Stolz hebt sich vom Fels die mächtige Habsburg
+ Aus umdämmerndem Wald, an der Aar in die bläuliche Luft auf.
+ Dort, so kündet die Sag', erschien in grauender Vorzeit
+ Rudolphs edles Geschlecht, aus fränkischem Stamm, und erbaute
+ Jene, wie auch Aarburg, und Brugg, die gewaltigen Vesten.
+ Aber vor allen hieß die »Herrliche« jene von Habsburg:
+ Denn mildherzige That an den Dürftigen, eisernes Schirmrecht
+ Gegen die freche Gewalt des Unterdrückers der Schwachen,
+ Uebten aus ihr, gebührend, die weitgerühmten Gebiether.
+ Dort erwuchs, entflammt von dem Ruhm gefeierter Ahnen,
+ Rudolph, Albrechts Sohn, des Weisen, und Hedwig, der Frommen,
+ Lernend durch Gottesfurcht und Weisheit frühe des Lebens
+ Höchstes Glück in der eigenen Brust zu gründen für immer.
+ Doch wo wäre Beginn und Ende? so Alles und Jedes
+ Ich dir kündete: wie an den Hof ihn Friedrich, der Kaiser,
+ Der zu der heiligen Tauf', als Path' ihn führte, gerufen,
+ Daß er ihn lehrte mit Rittersmuth nach rühmlichen Thaten
+ Streben; wie er im sicilischen Krieg', und in jenem von Oestreich,
+ Gegen den Streitbar'n focht, und miterstürmte die Stadt Wien,
+ Die, vor allen beglückt, ihn einst als Herrscher begrüßet;
+ D'rauf in der Ahnen-Burg[11] zugleich mit dem Vater das Kreuz nahm;
+ Nach dem Gelobten-Land, die Feinde des Kreuzes bekämpfend,
+ Wallete; dort den Vater begrub, und, als er zur Habsburg
+ Heimzog, freudig zu eh'lichem Bund sich Annen erkies'te,
+ Hochbergs Kind, voll Huld, und die tugendreichste der Frauen --
+ Auch, allmänniglich werth, ein trefflicher Ritter und Herr war.
+ Wohl gebräch' es mir auch an der Zeit und an Odem, geziemend
+ Nun zu schildern die sieg- und ruhmverherrlichten Krieg' all',
+ Die er geführt in den zweimal eilf unseligen Jahren,
+ Wo das verwaisete Reich nach Friedrichs Tode, des Kaisers,
+ Voll von Mord und Plünderung war, da in grauser Verwild'rung
+ Aus der thürmenden Burg ein jeglicher Ritter, nach Willkühr
+ Schaltend, Sitten, Gesetz', und allem Heiligen Hohn sprach;
+ Wie er beschirmte das Recht und die Unschuld stets, und das Banner
+ Habsburgs ward dem Schwachen zum Trost',
+ und den Räubern zum Schrecken.
+ Aber vernimm dieß einzige nur, wie kühn, wie entschlossen,
+ Und wie edel er ist! Ihm stand der Abt zu Sanct-Gallen,
+ Der, ein Falkensteiner, das Schwert und den hirtlichen Krummstab
+ Kundig zu führen gelernt, gar feindlich entgegen; sie quälten
+ Tapfer sich ab. Da brach sein Zorn auf die Baseler Bürger
+ Los, die ihm, wildempört, erschlugen die Freund' und Verwandten:
+ Denn mit wenigen Reisigen hielt er still vor den Thoren
+ Wyls, des Städtchens, und heischte noch Einlaß dort zu dem Stiftsabt,
+ Der bei dem nächtlichen Imbiß saß, und, erstaunet, ihn ansah.
+ Aber er both ihm die Hand, und sprach: »Daß ich also zu dir kam,
+ Diene zum Zeichen dir: ich achte dich, redlichgesinnet,
+ Wie ich es bin, und vertraue dir kühn so Leben und Freiheit.
+ Höre, viel besser wär's, daß wir uns in Rechten vertrügen,
+ Heute noch; dann die Waffen vereint, nach den Baselern kehrten,
+ Die mir erschlugen die Freund', und erwürgten die theuern Verwandten!«
+ Also geschah's: sie schmaus'ten versöhnt. Am kommenden Abend
+ Zogen sie rasch auf die Baseler los, und fürchterlich brannt' es
+ Bald von der Stadt auf; bald versöhnete Blut die Erschlag'nen,
+ Und die Gegner umfing der Friede mit traulichen Armen.
+ D'rauf durchschwamm er die Furt, die noch »habsburger« im Land dort
+ Heißet, des mächtigen Rheins mit reisigem Volk', und erstürmte
+ Breisach kühn, mit dem Stahl in der Faust, ein trefflicher Stürmer!«
+
+ Laut aufjubelten jetzt die Kumanier, preisend des Ritters
+ Heldenmuth, und, ergreifend, voll Hast, den irdenen Weinkrug,
+ Der vor jeglichem stand, mit edelem Moste gefüllet,
+ Leerten sie ihn bis zum Boden hinab auf seine Gesundheit
+ Aus, auf einen Zug: daß ihr Haupt mit dem steigenden Weinkrug
+ Weit zurücke sich bog, und stellten ihn dann auf den Tisch dort
+ Nieder mit ohrerschütterndem Schlag. Doch wieder begann er:
+ »Also erscholl sein Ruhm zu den fernentlegensten Ländern
+ So, daß der Böhmen-König sogar, der jetzt in dem Feld uns
+ Biethet die Fehd' auf Leben und Tod, mit schimmernder Goldschrift
+ Ihn an den Hof zu sich lud, und zum Marschalk, ehrend, ernannte.
+ Ha, nicht reut' ihn die Wahl! Er focht ihm zur Seite mit Siegsruhm,
+ Gegen die Heiden im Preußenland', und errang ihm den Lorber
+ Auch im Vernichtungskampf g'en Bela's schreckliche Heersmacht.
+ D'rum kein Wunder, daß er, nach dem Wink der erbarmenden Vorsicht,
+ Die des gemeinsamen Vaterlands unendlichem Jammer
+ Setzen wollt' ein Ziel, von den _sieben_ glänzenden Sternen
+ Unser's heiligen Reichs zur herrschenden Sonne gewählt ward:
+ Daß er im goldenen Schmuck der Kaiserkrone des Segens
+ Strahlen über die Gau'n des deutschen Landes versende.
+ Sieh' er lag vor Basel mit Macht; da brachte die Bothschaft
+ Ihm der Pappenheimer! Er stand, und wankt', und besann sich;
+ Aber, auf Gott vertrauend, geboth ihm das Herz in dem Busen
+ Freudigen Muth. Er ging, und bald vereinte der Krönung
+ Allerfreuendes Fest die Völker der Deutschen zu Aachen.
+ Dort heischt' er, im Dome gekrönt, den Eid von den Fürsten:
+ Daß sie verschafften nach _Recht_
+ dem heiligen, römischen Reich' jetzt,
+ Was ihm die Faust entriß.[12] Sie ersannen, zaudernd, die Ausflucht:
+ »Noch vermiss' er zum Königseid' den Zepter der Ahnen.«
+ Doch er wandte sich schnell; hob selbst das Kreuz von dem Altar;
+ Hielt es empor, und rief: »Wer kennt ein schöneres Zeichen,
+ Kraft zu verleihen dem Eid', denn dieses, woran der Erlöser
+ Sterbend hing, und uns errettete, heilig und wahrhaft?«
+ Und sie schwuren darauf: erbebend dem herrschenden Manne,
+ Der so kräftig gesprochen -- so fest- und so muthiggesinnt war.
+ Dir, und manniglich ist es bekannt, wie der Kaiser, Rudolphus,
+ Redlich gehalten sein Wort, und treu gelöset den Schwur hat:
+ Bannend den Uebermuth, und des Faustrechts wildes Gewaltreich
+ Muthig aus Deutschlands Gau'n --
+ an Leib und an Seel', er, ein Deutscher,
+ Der bald unserer geist- und herzerhebenden Sprach' auch
+ Sinnig zu Ehren half: in den Kanzeleien den Vorzug
+ Ihr vor dem todten Latein, dem schwerverständlichen, gönnend.[13]
+ Also geschah es, daß, dankerfüllt, ein jegliches Herz ihm
+ Huldigte: denn ihm zürnet allein der König der Böhmen,
+ Weil er, thörichten Sinns, die Kaiserkrone verschmähend,
+ Sie auf dem Haupte des Mannes sah, der einst ihm als Marschalk
+ Dienete. Doch umsonst bestürmt er die Erd' und den Himmel,
+ Sie zu entreißen dem Haupt, dem Gott sie gegeben, zum Segen
+ Gegenwärtiger Zeit und endlos dauernder Zukunft.
+ Ha, schon winket das Morgenroth! So höre mit Huld nun,
+ Was mein Kaiser und Herr zum freundlichen Gruß dir entbiethet:
+ Wenn von dem Kahlenberg in dem mitternächtlichen Grauen
+ Hoch die Loh' auffleugt: dann eil' aus dem schirmenden Lager
+ Schnell hinüber die March mit den schrecklichen Reitern, und berge
+ Sie in dem trocknen Geröhr' an dem Weidenbache bei Marcheck:
+ Denn auch er wird also dir nah'n, und die Hände dir reichen
+ Dort zu gemeinsamer That in des blutigen Kampfes Entscheidung.«
+ Und er erhob sich nun, schnell heimzukehren, entschlossen.
+
+ Glühenden Blickes sah aus dem schimmernden Thore des Morgens
+ Nach dem Zelteingang die Sonne herüber, und hauchte
+ Hüpfende Funken in's bleiche Gesicht der schläfrigen Krieger,
+ Die um den König herum sich lagerten. Aber er hob jetzt,
+ Stillhinbrütend, vom Stuhle sich auf. Zur glänzenden Heerschau
+ Dacht' er zu wecken sein Volk, dem scheidenden Fremdling zum Staunen.
+ »Gern,« so entgegnet' er, »will ich mich ganz dem Winke des Kaisers
+ Fügen, und eilen in's Feld, sein redlicher Bundesgenosse;
+ Aber nicht wollest du scheiden zuvor, eh' dir nicht zur Heerschau
+ Draußen mein Volk sich wies: nicht soll sich's lange verziehen.«
+ Sagt' es; riß sich das Schwert von der Hüft', und schlug in die Tafel
+ Dann mit der Klinge so stark, daß die ird'nen Gefäße zum Boden
+ Taumelten: ein's das and're im Flug zu Scherben zerschmetternd.
+ Wunder zu schau'n! Da fuhr in brausender Eile der Feldherrn
+ Leise zum Schlaf hinnickende Schar von den Sitzen, und leer war's
+ Bald in dem weiten Gezelt. Dem Könige folgte der Ritter
+ Staunend nach. Doch jetzt erschollen von grausem Gebrülle
+ Tausend Hörner, die einst die mächtige Stirne des Pflugstiers
+ Ziereten, breitgestellt, daß kaum der größte der Männer
+ Sie mit den Armen ermaß von einer Spitze zur andern.
+ Schon erhob sich Geschrei und Getös', und das Wiehern der Rosse
+ Rings in dem Lager, und füllte mit Angst und Entsetzen die Umwelt.
+ Hoch auf fuhr der finstere Staub, und dicht, wie der Krähen
+ Wimmelnde Schar durchstürmt den nebligen Himmel, so flogen,
+ Schnell gewahrend den Wink des Königs, unzählige Haufen,
+ Sich in den Sattel schwingend, voll Hast, nach dem Ufer der March hin.
+
+ Dort, auf dem sandigen Feld', in fernhinschwindenden langen,
+ Drei Mann tief, geordneten-Reih'n aufritten die Kunen:
+ Lenkend hurtige Rosse vor und zurück mit des Schenkels
+ Mächtigem Druck, den, weitumflatternd, das leinene Beinkleid
+ Hüllete bis zu der Ferse hinab, und den ledernen Bundschuh'n.
+ Sonst ihr Kleid: ein Pelz von dem zottigen Vließe des Widders,
+ Ueber dem kürzeren Hemd', das halb des Niedergebeugten
+ Rücken entblößt -- doch weit die Arme umwallt, und, der Scheitel
+ Zur Bedeckung, die Mütze von Filz, mit der wallenden Feder.
+ Zehnmal tausend' erhoben zur Luft den blitzenden Säbel,
+ Der der Sichel des Neumonds glich in der Krümm', und es führten,
+ Eben so viele den Bogen und Pfeil mit dem hämmernden Tschakan.
+ Diese lenkte Suhol, der Eber genannt von den Seinen,
+ Ob des unbändigen Muths, und der Blitzstrahl, Kaduscha, jene:
+ Denn er flog so schnell wie der Blitz im Sturme der Schlacht hin.
+ Aber der Ungern edeles Volk beherrschte Matthias
+ Von Trentschin, der schlachterfahrene, tapfere Feldherr,
+ Dessen gewaltige Burg an den schimmernden Fluthen des Waagstroms,
+ Dräuend, in's Waag-Thal schaut, und Schrecken gebiethet den Feinden.
+ Auch er führte heran zehntausend muthige Reiter,
+ Welchen der Kalpag zierte das Haupt mit des Reihers Gefieder;
+ Aber der Pelz, am Rücken hinab an goldenen Schnüren
+ Hängend, von hellblau'm Tuch, verbrämt mit schwärzlichem Lammsfell,
+ Und gelbschimmernden Knöpfen besetzt; dann, ähnlich, der Dolman,
+ Schimmernd von Gold an der Brust, vom seidenen Gürtel umfangen,
+ Ziert' ihm den Leib, und der Bein' anschmiegende, gleiche Bekleidung
+ Zierte die Füße zugleich mit den spornenbewaffneten Tschismen.
+ Jeglicher hielt in der Faust, an die Schulter gelehnet, des Säbels
+ Krummgehämmerten Stahl, der, sausend, die Feinde zerschmettert.
+
+ Als nun Hugo die Völker geseh'n, da sprach zu Matthias
+ Von Trentschin der König, ihm selbst und den Seinen zur Trauer:
+ »Tapferer, weile dahier mit deinen Geschwadern, des Lagers
+ Mächtiger Hort: denn bald, erbaut auf schwankende Fähren,
+ Einet die Brücke des Flusses Gestad', und all das Geräth hier
+ Schaffest du dann noch heute hinüber, dem Heere zum Vortheil!
+ Aber, o freundlicher Greis, du, Hugo von Tauffers, der Ritter
+ Edelster, folg' mir nach, und künde dem mächtigen Herrscher,
+ Heimgekehrt in die Kaiserburg, was du an der March hier,
+ Staunend, gewahren wirst; künd' ihm: wir stehen den Feinden
+ Jenseits nahe genug; zum würgenden Kampfe gerüstet!«
+ Sagt' es, und sprengte voraus: ihm nach die Kumanier alle,
+ Mitten hinein in den Fluß, hinüber zu schwimmen, entschlossen.
+ Hochaufspritzte die Fluth dem gewaltigen Drange; die Wässer
+ Brauseten laut von unzähligen Hufen der Rosse geschlagen;
+ Brandend flogen die Wellen zum Land', und schäumten, und zischten
+ Endlos. Wie in dem eisigen Belt keckmuthige Fischer,
+ Eilend zum Wallfischfang' in schaukelnden Booten, auf einmal
+ Nahe des Unthiers Riesengestalt, das Heere der Fischchen
+ Vor sich jagt, erseh'n: da werfen sie schnell die Harpun' aus,
+ Die zweizackig gespitzt, einstürmt in die Weiche des Bauches,
+ Oder in's breite Genick des riesigen Fisches, und Blut färbt
+ Alsbald ringsum das Meer: denn eilig hinunter zum Abgrund
+ Fährt er, und eilig herauf,
+ und peitscht mit dem Schweife die Meerfluth,
+ Daß sie himmelan fleugt, und röchelt mit dumpfem Gebrülle
+ Durch den schrecklichen Sturm der empörten Gewässer: so wogte,
+ Schäumt', und braus'te die March, als jetzo die Kunen hinüber
+ Mit gewaltigem Lärm und Geschrei, die wiehernden Rosse
+ Spornten, und all' das Heer errang, durchschwimmend, das Ufer.
+ Hugo saß in dem Sattel, und schwieg; doch jetzo besann er
+ Sich nicht lang', und schwamm (ihm folgte der redliche Knappe)
+ Eisenbewehrt, wie er war, auf dem mächtigen Gaule hinüber;
+ Schwang das Schwert in die Luft, und flog entgegen der Hauptstadt.
+
+
+
+
+ Vierter Gesang.
+
+
+ Leis' entschwebte die Nacht; aus dem hehren Gewölbe des Himmels
+ Schwanden die Sternenheere dahin, und auf gaukelnden Lüftchen
+ Schien ein freundlicher Tag sich herab auf die Fluren zu senken:
+ Doch, es erhob vor dem Morgenroth am östlichen Erdrand
+ Sich ein Nebelgewölk, das, eiligen Flugs, sich verbreitend,
+ Mehr und mehr den hochaufwölbenden Himmel befleckte.
+ Sieh', als jetzo dem Saum der lichtergewordenen Höhen
+ Näher die Sonne kam: da erglühten im bläulichen Luftraum
+ Rings die zerrissenen Wolken umher, blutröthlichen Schimmers.
+ Jetzt erhob sie das Haupt; nur sparsam scholl aus den Lüften
+ Und aus dem Wald, der Morgengruß der befiederten Sänger
+ Ihr entgegen: sie sah mit trauerndem Blicke herüber.
+ Schwül umwogte die Luft; erboßter quälten die Fliegen
+ Menschen und Thiere zugleich; dumpf klang der wechselnde Windstoß
+ Ueber die Heid': er kräuselte weit den Rücken des Stroms hin,
+ Und erhob in Wirbeln den Staub. Kein kühlender Nachtthau
+ Hatte die Fluren erquickt, und die Schöpfung trauerte ringsum:
+ Zeichen all' annähernden Sturms und gewaltigen Regens.
+ Aber im Zelteingang, verlassend das nächtliche Lager,
+ Saß der Kaiser, und sah mit düsterem Blick' in des Morgens
+ Dräuende Gluth. Er dacht' im Geiste das dunkele Schicksal
+ Tausender, bis zu dem Abendlicht' entschieden zum Leben,
+ Oder zum Tode, mit Angst! Bald sollten die Lose, so grau'nvoll,
+ Fallen des blutigen Kriegs -- des holdumlächelnden Friedens,
+ Wie es dem mächtigen Feinde gefiel, dem er ihn gebothen.
+ Ach, der Jammer des Volks durchdrang ihm die Seele! Zum Himmel
+ Hob er den Blick, und lispelte so mit gefalteten Händen:
+ »Laß den Frieden, o Herr, ihm mild erscheinen im Frühroth,
+ Und erwärmen sein Herz mit den huldausspendenden Strahlen,
+ Daß er erkenne die eigene Schuld, entsage der Rachgier,
+ Und, als Herrscher versöhnt, heimkehre den Seinen zum Segen!«
+ Aber mit Staunen vernahm's der, einst kampfdürstende Marbod,
+ Als er umschwebte das Haupt des Bethenden, wie er dem Gegner
+ Frieden gelobte, versöhnlich und mild, und konnt' es nicht fassen --
+ Er, der stets nur Schlachten ersehnt', und glühenden Muths voll,
+ Selber aufreizte den Feind auf den Pfaden des irdischen Lebens.
+ Zweifelnd stand er lange vor ihm. Er wähnte, bekümmert:
+ Ihm gebrech' es an Kraft und an raschvordringender Kühnheit
+ (Nicht begreifend sein Herz, ein Irrender, Lichtesberaubter)
+ Wiegte das Haupt, und fuhr, verstört, zu dem Morgengewölk auf.
+
+ Siehe, der Kaiser trat alsbald erheiterten Blickes
+ Aus dem Gezelt, und hörte mit Lust, unferne dem Lager,
+ Walten geschäftig das Volk der Zimmerer, Schmied', und der Schreiner.
+ All' die Nacht forthämmerten sie bei dem Scheine der Kesseln,
+ Die mit schwärzlichem Pech und duftendem Harze genähret,
+ Weit erhellten die Au an des Heerwegs schlängelndem Zug hin.
+ Draußen bei Floridsdorf am Donaustrande, wo dreifach,
+ Strahlen gleich, fortzieh'n die länderverbindenden Straßen:
+ Diese nach Ungerland -- nach Böhmen und Mähren die andern,
+ Eileten sie, zu erbau'n die Gerüst' und die Schranken der Turnbahn.
+ Hundert Schritte, die Straß' entlang, und der Breite nach fünfzig,
+ Ebneten sie den Grund schnurgleich, und bestreuten ihn zolltief
+ Dann mit dem schimmernden Sand, der drüben am Ufer gehäuft lag;
+ Fügten auf Säulen die Balken umher, und trennten mit Absicht
+ So von dem Wiesengrund das langgedehnete Viereck.
+ Aber es wich an dem unteren Rand des umschrankten Gebiethes
+ Quer ein Balken zurück, so er Einlaß both den Erwählten,
+ Und an dem oberen stand, gar herrlich gestaltet, die Prachtlug[1]
+ Oben verziert mit dem Doppelaar, mit der Kron' und dem Zepter,
+ Und von Innen geschmückt mit Sammtvorhängen von Purpur,
+ Die an dem Saum' umher von goldnen Blumen erglänzten.
+ Dort dem Herrscher und seinem Gefolg', erles'nen Geschlechtes,
+ Standen die Sitz' erhöht, und emporgereihet im Halbkreis';
+ Doch ein breites Gerüst, entlang die Schranken der Turnbahn,
+ Bauten sie auch; versahn's mit emporgereiheten Sitzen
+ Für schaulustiges Volk aus den nahen und fernen Gefilden,
+ Und erhöhten die luftigen Zelt', entgegen der Prachtlug:
+ Tapferen Rittern zur Rast, die her zu turneien gekommen.
+ Als der Krieger dem Zelt' enteilete, stand er, vor Staunen,
+ Plötzlich verstummt; er rieb sich die Augen im dämmernden Frühroth;
+ Sann: ob Träume der Nacht ihn äfften, oder von fern her
+ Irgend ein Zauberer kam, und die Luftgebilde zur Schau gab?
+ Doch bald lacht' er des eitelen Wahns: hochrühmend die Meister
+ Des, mit Geschick und regsamer Kraft geförderten Werkes;
+ Eilte hinaus, sein Roß an dem Standpfahl, wo es die Nacht durch
+ Ruhete, jetzt mit sorglicher Treue zu warten, und klopft' erst
+ Selbes am mähnigen Hals' mit der Hand, im freundlichen Zuruf;
+ Aber es scharrt' in dem Grund', und wieherte, gierig des Futters.
+ Rings erwachte Getös' und unendlicher Lärm in dem Lager.
+
+ Jetzo erscholl Getrab anstürmender Rosse, den Ohren
+ Hörbarer stets; dann sah das Aug', umspähend, von fern her
+ Blitzen die Harnisch und Helm', und endlich erkannte der Kaiser
+ Meinhard, und Lichtenstein, die er, Frieden zu biethen, gesendet.
+ Angelangt im Gewölk' umwirbelnden Staubs vor dem Herrscher
+ Rissen die beiden das Roß am Zügel zurücke. Sie sprangen
+ Aus dem Sattel behend', und nahten ihm, grüßend mit Ehrfurcht.
+ Aber er rief erstaunt: »Wie, Meinhard kehrt uns, empört heim?
+ Lichtenstein, was bringt ihr zurück aus dem böhmischen Lager?
+ Sanft ist des Friedens Hand: sie streut in des Lebens Gefilden
+ Blumen umher -- die in Eisen gehüllete Rechte des Krieges
+ Trieft vom Blut der Erschlagenen; doch, wenn eben dem Unhold
+ Heiliges Recht das Schwert vertraut, da bringt er vom Schlachtfeld
+ Muth, selbstständige Kraft, und Sicherheit unter die Völker:
+ D'rum auch der Krieg erwünscht, wenn nur das Recht ihn gebiethet.
+ Jetzt, fürwahr ersehnte mein Herz den Frieden, und wohl mir,
+ Wenn der König, versöhnt, zum gebothenen selber die Hand reicht!«
+ Meinhard sagte darauf: »Nicht hat uns der König von Böhmen
+ Ritterlich' Ehre gewährt -- gastfreundlich das Herz uns erheitert:
+ Grimm bewölkte sein Aug', da er sprach, und finster uns ansah.
+ Wie der furchtbare Leu' mit glühenden Blicken des Gegners
+ Harrt auf dem Plan, daß er ihm zermalme die Knochen: so dünkt mich
+ Sah der König uns an, und schwerlich sinnt er auf Frieden.
+ Aber vielleicht, daß Lichtenstein, der glückliche Freier,
+ Frohere Kunde gebracht: deß' will ich mich gerne bescheiden.«
+ »Zwar,« so begann jetzt Lichtenstein, »versprach uns des Königs
+ Zornumwölketer Blick des Guten nicht viel, und ich bürgte
+ Für den Frieden nicht mehr mit dem Kopf: er möchte nicht fest steh'n;
+ Aber noch stehet das Spiel, und es fällt der entscheidende Würfel
+ Heute noch nicht. Ich sehe dahier mit unsäglicher Hochlust
+ Schon die Schranken gefügt zum Turnei, und bald, in dem Prunksaal,
+ Den von der Decke herab unzählige Kerzen erleuchten,
+ Minniglich schöne Frau'n und Fräulein, an gastlichen Tafeln
+ Würdiggepaart umher mit den sieggekröneten Rittern.
+ Welche Beseligung, mich in dem lärmenden Kreise zu treffen:
+ Denn auch trägere Zungen bewegt die fröhliche Mahlzeit!
+ Höre mich Jung und Alt; nicht spricht ein faselnder Seher!
+ Daß des Königs verdüsterter Geist noch heute sich aufhellt,
+ Künd' ich zuvor: denn wißt es, er kommt, und nah' ist die Zeit schon,
+ Zum dankbiethenden Turnkampf her, mit erlesenen Rittern.
+ »Dort,« so sprach er vor uns, »soll's bald allmänniglich kund seyn,
+ Was er vom Krieg und Frieden gedacht, und der Kinder Verlobung.«
+ »Gott befohlen das Ein' und das Andere!« sagte, gen Himmel
+ Schauend, der Kaiser, und wandte sich; dann begann er von neuem
+ Wieder, mit sorglichem Blick: »Wo weilt mein tapferer Hugo?
+ Das sey ferne, daß ihm was Leides geschehen: mir bräche
+ Wahrlich vor Kummer das Herz um den treugesinneten Helden.«
+
+ Kaum entfloh ihm das Wort, da tönte von ferne der Hufschlag
+ Brausender Rosse die Straße heran, die entgegen den Marken
+ Ungerns führt am linken Gestad der mächtigen Donau.
+ Hugo war's, der kam (weit hinter ihm folgte der Knappe,
+ Schlechter beritten, denn er) die stäubende Straße herüber;
+ Doch nun hemmt' er das Roß, und die Wange, wie Flammen geröthet,
+ Lächelt' ihm, als er gegrüßt. Er schwang sich vom Sattel, und sagte:
+ »Herr, nicht hast du umsonst die Gäste geladen: erhellt sind
+ Weit die Straßen hinaus von schimmernden Kleidern und Waffen.
+ Trog nicht der Schein, so trabt von dem Bisamberg an der Donau,
+ Deß' unendlicher Ruhm an köstlichem Moste bewährt ist,
+ Ein gar stattlicher Haufe heran: die flatternden Fähnlein,
+ Weiß, wie des Schneebergs Haupt, verkünden uns böhmische Kämpen.
+ Aber, als sie dahier zum Scherz nur brechen die Lanzen,
+ Harren ihrer im Hinterhalt gar ernste Gesellen,
+ Und ersehnen den Kampf. Der Ungern blühender König --
+ Blühend, und jung fürwahr! verhieß dir Hülf', und gewährt sie:
+ Denn vor mir durchschwamm sein furchtbares Reitergeschwader,
+ Jauchzend, die March, und steht auf Oestreichs Erde, vor Marcheck
+ In dem Geröhr', längs hin dem Weidenbache, verborgen.
+ Zürne nicht, daß ich zu kommen verzog. Viel hatt' ich zu reden, --
+ Von dem Kaiser zumal, und dem Greif', wenn alles ihm abstirbt,
+ Wird die Zung' allein stets rühriger noch mit den Jahren.
+ Auch gebrach's nicht an köstlichem Trank', an magyarischer Tänzer
+ Fröhlichem Lärm, und du weißt, dein Haug ist freudig gestimmet,
+ Sieht er die Humpen gefüllt, und um ihn lebendig die Jugend:
+ Dennoch stellt er sich ein, wo es gilt, und die Klingen entscheiden.«
+ »Ruhe,« so sprach mit lächelndem Blick der erhabene Kaiser,
+ »Raschvorstürmender Greis, in dem Zelt' auf das Lager gesunken!
+ Aber euch beid', obgleich ermüdet vom dauernden Ritte,
+ Lockt, deß' bin ich gewiß, Drometengeschmetter zur Turnbahn,
+ Rüstet euch denn. Mir ziemt, hausväterlich sorgend, im Lugsaal
+ Fertig zu stehen, und dort die Gäste mit Huld zu begrüßen.
+ Meinhard, zieh' im festlichen Schmuck, mit flatternden Fähnlein,
+ Zinken, und Paukengetön', und hundert erlesenen Reitern
+ Bis zu des Lagers Rand' entgegen dem Herrscher von Böhmen:
+ Ihn zu begrüßen nach Würd', und des Turnspiels Sitte geziemend!«
+
+ Also entließ er mit heiterem Muth die gewaltigen Helden.
+ Aber er stieg die Stufen empor in die herrliche Prachtlug,
+ Eilete vor, und sieh', ihm nahten die theuren Erzeugten
+ Albrecht, Hartmann, und Adelheid: nur blieb in der Hofburg
+ Agnes, die holde, daheim, die leidende Mutter zu pflegen.
+ Alsbald scholl aufjubelnder Pauken Getön', und Drometen
+ Schmetterten laut in des wimmelnden Volks unendliches Jauchzen:
+ Denn, wie der Bienen unzähliger Schwarm in des kehrenden Frühlings
+ Milderem Hauch, fortzieht in die lieblichduftenden Fluren,
+ Gierig des Honigseims, und rings umsummet die Blüthen:
+ Also zog aus der Stadt, von dem nahen und fernen Gebieth her,
+ Zahllos, Jung und Alt, im Schmucke der festlichen Kleider,
+ Und erfüllte die hohen Gerüst', augblendenden Schimmers.
+ Mitten im dichten Gedräng' erglänzten, vor allen, die Edeln,
+ Die im glühenden Muth vortummelten feurige Rosse:
+ Herrlich geschmückt der Reiter zugleich,
+ und das wiehernde Schlachtroß.
+ Doch wer könnte die Zahl, und den Ruhm der Tapferen künden?
+
+ Otto von Meißau kam: Feldoberster war er des Kaisers,
+ Reich in dem Land umher an Gütern und Mannen, und reicher
+ Noch an errungenem Ruhm' im dräuenden Felde der Waffen.
+ Blau, wie des Himmels Zelt, mit Gold umrändert, und seiden,
+ Floß ihm der Mantel am Rücken hinab von dem Harnisch, und blau war
+ Auch sein Wehrgehäng mit der seidenen Schärp' und dem Helmbusch;
+ Also des Rosses Hauptzier, Zaum, und die schuppigen Decken
+ Vorn an der Brust und den Seiten herum, von Eisen gefüget.
+ Aber das Einhorn wies sein Schild im goldenen Feldraum,
+ Wie es zum muthigen Kampf von dem schroffen Felsen sich aufbäumt.
+ Solchen trug ein Knapp ihm nach, und der andere folgt' ihm,
+ Haltend die zween hochragenden Speer' in der nervigen Rechten.
+ Pauk' und Dromet' erklang, da er jetzt vor den rühmlichen Schranken
+ Hemmte sein feuriges Roß, absaß, und in's dunkele Zelt ging.
+
+ Bald nachfolgte dem Helden zuerst der kühne Capellen:
+ Oberster Führer auch er im Heere des Kaisers, und werth ihm
+ Ob der beständigen Treu', und des nie zu erschütternden Muthes.
+ Meergrün hatt' er zur Farbe gewählt, und verzieret mit Silber
+ Seine Rüstung zugleich, und des Rosses herrliches Reitzeug.
+ Aber den Schild, wo ein Wehrgehäng den silbernen Feldraum
+ Dreimal durchschlingt, und vom Helm sich des Adlers Fittig erhebet,
+ Trug ihm der Knappe nach, und ein anderer brachte die Waffen.
+ Freudig ersah ihn das Volk, und als er mit edelem Anstand
+ Sich vor dem Schrankenthor von dem schnaubenden Rosse herabschwang,
+ Rief erneueten Gruß der Klang der Drometen und Pauken.
+
+ Nun kam Trautmansdorf, von acht selbst-eigenen Söhnen --
+ Angeeigneten sechs, umringt, vor die Schranken. Des Bruders
+ Ehrenreich, den einst ein wüthender Eber zerrissen,
+ Als er im Walde des Weidwerks pflog, verlassene Waisen
+ Waren die sechs, und er, ein liebender Vater den einen,
+ Wie den andern; doch sie lohnten ihm herrlich die Sorgfalt:
+ Wohlgesittet, fromm, und im blühendentfalteten Leben
+ Alle, voll Heldenmuths, nachfolgend dem edelsten Vater.
+ Nicht entbehrt' er im Krieg, nicht daheim, nicht an heiliger Stätte
+ Selber ihres Gefolg's, und lächelte, stolz in dem Herzen
+ Seines Glücks, das höher denn all' sein Reichthum ihn dünkte,
+ Wenn ihm das Volk, erstaunt, nachsah, und den Segen ihm zurief.
+ Aber nicht lang', da sinkt, wie, vom sausenden Hagel zerschmettert,
+ Halmfrucht draußen im Feld, die herrliche Schar in das Grab hin --
+ All', erschlagen vom Feind, und einsam kehret der Vater
+ Heim in die Ahnen-Burg: ihn tröstet ihr rühmlicher Tod nur.
+ Doch jetzt naht' er vor seinen, ihm gleich gerüsteten Söhnen:
+ Denn von Silber blank war Harnisch, und Helm, und der Helmbusch;
+ Also das Wehrgehäng, die Schärpe, der seidene Mantel,
+ Und der glänzende Schild, (den, goldengehörnet, ein Widder
+ Zierete) weiß wie der Schnee, mit der Wehre des stattlichen Rosses.
+ Jubelnd im Paukenklang', erschollen die eh'rnen Drometen.
+
+ Doch jetzt naht' ein Paar der Edelgestein' in dem Adel
+ Oestreichs: Lichten- und Dietrichstein.
+ Aus der steyrischen Mark stammt
+ Jener (Ulrichs Sohn, des trefflichen Ritters und Sängers,
+ Der sein Leben der _Frauen-Ehr'_ und dem Degen verschrieben)[2]
+ Dieser aus Oesterreich, ein Sohn ruhmwürdiger Aeltern:
+ Er, stets düstern Gemüths, da jener des heiteren Vaters
+ Frohsinn geerbt; doch einte schon frühe der trautesten Freundschaft
+ Unauflösliches Band die Herzen der tapferen Ritter.
+ Hochroth zierte des Lichtenstein, und seines Gefährten
+ Waffengeschmeid Kornblumenblau. Im grünlichen Feldraum
+ Wies des Winzers Messer sein Schild, und im goldenen zeigte
+ Jener des Lichtenstein zwei schrägablaufende Balken.
+ Schmetternd klang die Dromet', und die Pauken donnerten laut auf.
+
+ Sieh' auch die beiden Demantberg', auf welche sich Oestreich
+ Ruhig stützt: der Schwarzen- und Stahrenberg (in des Ruhmes
+ Ehernen Tafeln genannt, und hochgepriesen für immer)
+ Sprengten eilig heran! In des Schildes goldenem Feldraum
+ Führete jener den Aar und das Hüfthorn; dieser im lichtblau'n
+ Einen geschnabelten Wolf, und kor sich zur Farbe der Ehren
+ Blaßgelb, silbergeschmückt, da jener mit goldenem Zierrath
+ Wählte das dunkele Kirschenroth, erfreulich zu schauen.
+ Mächtiger hob sich zur Luft der Pauk' und Dromete Getön' auf.
+
+ Kurd von Haselau, der achtzigjährige Ritter,
+ Naht' im Fluge heran. Noch rüstig und Kampfes begierig,
+ Stieg er vom Roß, und ging, den ehrenden Sitz an der Prachtlug
+ Einzunehmen: erwählt zum Turnvogt heut von dem Kaiser.
+ Ihm nachfolgten zugleich der Seldenhofer, der Pfannberg,
+ Hardeg, Hohenberg, und der Wildon: treffliche Kämpen!
+
+ Jetzt anlangten im Ehrengeleit die böhmischen Ritter:
+ Lobkowitz, Czernin, Zierotin; dann Milota, Wallstein,
+ Dann auch Herbot von Füllenstein, der reußische Kampfheld,
+ Riesengestaltet, im Trotz allbeugender Stärke sich rühmend,
+ Den sich Ottgar jüngst zum Feldherrn kor, und als Herrscher
+ Einst in der steyrischen Mark dem Volk aufstellte zum Zwingherrn.
+ Sieh', gar herrlich geschmückt erschienen die Ritter, als sollte
+ Oestreichs ad'ligen Glanz heut jener von Böhmen verdunkeln!
+ Tausende wandten den Blick nach den Fremdlingen, alle voll Sehnsucht:
+ Ottgarn dort zu schau'n, als Freund: er säumte zu kommen.
+ Dreimal, und lauter stets erhob sich der donnernden Pauken
+ Und Drometen Getön, den nahenden Fremden zu Ehren.
+ Doch, vernehmend den jubelnden Schall, enteilten die Helden
+ Oestreichs hurtig dem Zelt', und schwangen sich auf in den Sattel.
+
+ Meinhard, führend die Böhmen heran, verlangte vom Thorwart,
+ Da er den Degen erhob, Einlaß in die rühmlichen Schranken.
+ Alsbald wich der Riegel zurück, und in Reihen geordnet
+ (Jene zuerst, und drauf die Heldensöhne des Landes)
+ Ritten entlang die Turnbahn all', in der nervigen Rechten
+ Hebend den Speer in die Luft,
+ mit zögerndem Schritt nach der Prachtlug,
+ Wo der erhabene Kaiser saß, und der Kommenden harrte.
+ Als sie gegrüßt -- er gedankt, da sprach der tapfere Meinhard:
+ »Mein durchlauchtigster Kaiser, und Herr! Des böhmischen Reiches
+ König entbiethet dir Gruß und Freundschaft zuvor, und erkläret:
+ Ihm selbst wehrt es ein böses Geschick des fröhlichen Turnspiels
+ Zeuge zu seyn; doch sendet er dir die tapfersten Ritter,
+ Hier den Ruhm des Vaterlands zu erhöhen als Sieger!«
+ »Wahrlich,« so rief der Kaiser ihm zu, »nicht dacht' ich: entrissen
+ Werde mir heut' ein Glück, das ich ersehnt' in dem Herzen
+ Aber wohlan: werth seyen uns auch die tapferen Ritter,
+ Die uns der König gesandt! Der Kampf beginne. Turneivogt,
+ Handle dein Amt! Der Herold rufe, der Sitte geziemend.
+ Grieswart sey für heut der edle Wildonier, Berchtold,
+ Breuner, und Pottendorf, die Kämpfer zu schirmen vor Unbill,
+ Ordnungbedacht: ihr Wink sey heilig geachtet von allen.«
+ Sagt' es, und setzte sich dann auf den schwellenden Pfühl.
+ Da erhob sich
+ Haselau, der Greis, und ging nach der räumigen Halle,
+ Die sich unter der Lug aufwölbte, mit Purpur behangen,
+ Dort zu beginnen die Waffenschau. Die erlesenen Ritter
+ Legten sogleich den Speer und das Schwert, kampfgierigen Muths, hin.
+ Sorgsam prüfte der Greis die gebothenen: stumpf und gefahrlos
+ Sollten sie seyn -- zum Scherz, nicht zum Ernst
+ gebraucht in dem Turnkampf.
+ Zween der Grieswärt' hoben den Helm von dem Haupt', und empfiengen,
+ Schreitend umher links, rechts, ein bezeichnendes Los von den Rittern:
+ Jeglicher gab's, mit dem Nahmen verseh'n. D'rauf schüttelten mehrmal
+ Jene die Zeichen umher in dem Helm', und bothen (die Ordnung
+ Wechselnd) sie dar: der rechts, wo links der and're gefordert,
+ Also wählte sich dort ein jeglicher Kämpe den Gegner.
+
+ Jetzt erhob der Herold den Stab, und Tausende schwiegen;
+ Zog ein Blatt aus dem Busen heraus, das, rauschendentfaltet,
+ Glänzte von goldener Schrift, und las mit gewaltiger Stimme,
+ Allen verständlich, vor: »Wie der mächtigste Kaiser, Rudolphus,
+ Jüngst auf den heiligen Rochus Tag, des Jahrs der Erlösung:
+ Tausend zweihundert und siebenzig-acht, der heute gezählt wird,
+ Alle die Edeln, von Nah' und von Fern, zu turneien am Tabor
+ Aufboth, die nach dem Recht' und nach Rittersitte gemeint sind.
+ Weiche darum von hier, der bar ist der ad'ligen Ahnen-
+ Reih' erhärtender Zahl, und der unehlich geboren;
+ Der in den Kirchenbann, in die Acht des Kaisers und Reiches
+ Fiel ob schändlicher That, ob Mord und Gottesverläugnung;
+ Der die Wittwen und Waisen bedrückt', und das zarte Geschlecht nicht
+ Schirmt' in Gefahr, nicht rächt', als Mann, g'en schnöde Verläumdung;
+ Der Meineides und Trugs, und unedlen Gewerbs sich bewußt ist,
+ So er dem Schild und dem Schwerte zur Schmach, einst Handel getrieben:
+ Ferne mögen sie stehen, sie all', und ermangeln des Vorzugs,
+ Der nur Edeln gebührt, in des Turnkampfs rühmlichem Feld hier!«
+ Rief's; dann faltet' er wieder das Blatt, und barg's in dem Busen.
+ Jetzt aufpflanzten, voll Hast, die hurtigen Knappen die Fähnlein
+ Ihrer Ritter so hier, als drüben, die Schranken hinunter,
+ Und die Grieswärt' theilten sich links und rechts an der Bahn hin,
+ Tragend den Stab in der Hand, zum Zeichen des heiligen Gastrechts.
+ Doch nun kehrten zugleich, im zögernden Schritte, die Kämpen
+ Wieder zurück, vor dem Schrankenthor sich fertig zu stellen.
+
+ Als der Kaiser die Kehrenden sah -- dann vor sich das Volk dort,
+ Dann im Rücken die Bänke gedrängt voll grauender Ritter,
+ Edeler Herrn, und Frau'n, und zartaufblühender Fräulein:
+ Ach, da füllten sich fast ihm die Augen mit Thränen! Er wandte
+ Halb nach den Kindern sich um, und sprach mit inniger Rührung:
+ »Welch unzähliges Volk: nur die Ein' ersehen wir hier nicht --
+ Euere Mutter ist fern, und Agnes, als Pflegerinn wechselnd
+ Heute mit euch! Auch wir entbehreten freudig des Schauspiels --
+ Weilten so gerne daheim bei der Leidenden; aber die Pflicht ruft
+ Ehernen Lauts, und heißt all' and're im Herzen verstummen.
+ Weh', daß ich auch die Kunringe hier vermiß', und der Helden
+ Einige, die verlockt auf trugverhülleten Pfaden
+ Sich zu den Feinden gesellt, und im Schooße der eigenen Mutter,
+ Jenen gleich mit der grimmigen Faust zu wühlen bereit steh'n;
+ Aber vielleicht gelingt es mir noch die Verirrten zu sammeln!«
+ Jene schwiegen, und hielten die Hand vor die thränenden Augen:
+ Ob der Mutter betrübt; doch Hartmann vor allen: ein Liebling
+ War der Trauernde stets der holden Mutter gewesen.
+
+ Sieh', nun schwebt' auf dem Wettergewölk des umnachteten Himmels
+ Marbod daher! Er sah Drahomira vorüber im Eilflug
+ Ziehen, und folgen der Spur des schwarzgerüsteten Ritters,
+ Der mit geschlossenem Helm' aus dem böhmischen Lager herüber
+ Spornte den Rappen im Donnergalopp', an die Schranken der Turnbahn.
+ Nicht wie den Sterblichen war dem Geiste der Ritter verhüllet:
+ D'rum erbangt' ihm die Brust vor Angst ob seinem Erwählten,
+ Rudolph, dem er sich liebend geweiht: denn siegenden Hohn sah
+ Er in dem Blick Dahomira's, und kam, ihm rettend zu nahen,
+ Wenn sie, höllischen Trugs, Gefahr ihm sann, und Verderben.
+ Immer schneller verschlang des Tages Heit're der Wolken
+ Finstere Nacht. An dem Himmel herauf, und hinunter zum Erdrand
+ Zuckte der röthliche Blitz, und von fern her murrte der Donner:
+ Kommend auf Flügeln des Sturms, vom dräuenden Süden herüber.
+
+ Jetzt erscholl drometender Ruf, dreimaligen Stillstands,
+ Tief, eintönig, gedehnt: des Kampfs ersehnetes Zeichen.
+ Alsbald braus'te der Riegel zurück: in die rühmlichen Schranken
+ Ritt, gemessenen Schritts, hellstrahlend von Purpur und Goldschmuck,
+ Lobkowitz ein; den Schild ihm ziert' ein fliegender Adler.
+ Ganz durchmaß er die Bahn bis vor in die Nähe der Prachtlug;
+ Wandte das Roß, und harrete dort des würdigen Gegners,
+ Den das Los ihm beschied, und sieh', ihm nahte Capellen,
+ Muthigen Blicks! Da rief ihm Lobkowitz freundlich entgegen:
+ »Nun geschlossen den Helm, und fest in dem Sattel gesessen!
+ Schon viel Rühmens hört' ich von euch, Capellen! So laßt uns
+ Heut' erseh'n: ob mir, ob euch die Krone bestimmt sey,
+ Welche zum Dank uns beut die Erzeugte des edelsten Kaisers,
+ Adelheid, voll Engelshuld und himmlischer Schönheit.«
+ »Wohl,« entgegnete jener mit Trotz, »das laßt uns erproben,
+ Lobkowitz! Rasch seyd ihr, böheimische Kämpen, und dennoch
+ Sollt ihr Oestreichs Söhnen den Kranz nicht rauben im Turnkampf.«
+ Aber sie schlossen den Helm, und setzten sich fest in dem Sattel.
+ D'rauf, mit gewaltiger Faust vorsenkend den Speer aus des Bügels
+ Röhr', und den ehernen Schild vorhaltend dem Feinde zur Abwehr,
+ Spornten beide das Roß, das, weitvorgreifenden Sprunges,
+ Schnell, wie der Blitz, auf dem Plan mit tönendem Hufe dahinflog,
+ Bis inmitten der Bahn, urplötzlich, ein jeder der Gegner
+ Traf des anderen Schild mit des Speers abprallendem Eisen
+ So, daß der mächtige Schaft, in tausende Splitter zertrümmert,
+ Hoch empor in die Luft und umher auf dem zischenden Sand flog,
+ Und die Rosse, zurück' auf die Hinterfüße gesunken,
+ Noch dem gewaltigen Stoß' erzitterten, schreckenerfüllet.
+ Lautaufjauchzte den Kämpen das Volk; unzählige Stimmen
+ Zollten im tausendfältigen Ruf den Trefflichen Beifall.
+ Jetzt gedachten sie schon, aus dem Sattel sich schwingend, zu zeigen
+ Auch in dem zweiten Gang mit dem blinkenden Schwert die Gewandtheit,
+ Schnelle, und Kraft; doch laut rief dort der herrschende Turnvogt:
+ »Helden, es ist euch Siegesruhm die Fülle geworden!
+ Ruht von dem Scheinkampf jetzt! Vielleicht, so Gott es nicht wendet,
+ Werdet ihr bald zum Ernst, nicht zum Scherz,
+ in schrecklicher Feldschlacht
+ Richten das blitzende Schwert auf die Brust anstürmender Gegner!
+ Ihr brach't zierlich den Speer: aus der Hand der holden Erzeugten
+ Rudolphs, wird euch herrlicher Lohn noch heut' in dem Turn-Dank!«
+ Jene kehrten zurück, in dem hohen Gezelte zu ruhen.
+
+ Stille wurd' es umher, und es faßt' ein heimlicher Schauder
+ Manchem die Brust bei'm ernsteren Wort des prophetischen Greises.
+ Doch nun braust' im Sturm der schwarzgerüstete Ritter
+ Näher, und riß den Rappen zurück' an dem leitenden Zügel,
+ Sonst durchbrach er im Sprung die hemmenden Schranken. Er nagte,
+ Wüthenden Grimms, am Gebiß', und schnob, und streute den Schneeschaum
+ Hin auf den Sand, den er mit den scharrenden Hufen umherwarf.
+ Edelem Stamm' entsprossen schien der gewaltige Reiter;
+ Aber noch barg der geschlossene Helm ihn den Augen des Volkes.
+ Stolz erhob er die Hand, und hieß mit stummen Geberden
+ Milota nah'n. D'rauf zog er ein Blatt aus den Fugen des Panzers,
+ Reicht' es ihm dar, und wies nach des Turnvogts herrschendem Sitz hin.
+ Milota lächelte Hohn, da er, spornend sein Roß, an den Schranken
+ Hinflog, und darreichte das Blatt dem staunenden Alten.
+ Dieser entfaltet' es schnell, und las mit vernehmlicher Stimme:
+ »Euch entbiethet zuvor, ihr edelen Herren und Ritter,
+ Ihren freundlichen Gruß Kunegunde, des böhmischen Reiches
+ Königinn! Dann verlangt sie, daß ihr den Ritter in Trauer
+ Nicht verschmäht, der glänzenden Stamms sich rühmt, und im Turnkampf
+ Heute, vor euch, ihr herrlichen Ruhm zu ersiegen, bereit ist.
+ Aber ihm werde nach Wunsch der letzte der Kämpfe gewähret!«
+ Stumm verneigte der Greis sein Haupt, und Milota kehrte
+ Wieder zurück. Da lispelte leis' in die Ohren des Nachbars
+ Ein Barfüßermönch, der jüngst aus Böhmen gekommen,
+ Und auf dem volkerfüllten Gerüst schaulustig sich einfand:
+ »Seh' ich den Ritter dort, gehüllt in die finstere Rüstung,
+ Will es mich fast bedünken: er sey der Königinn Liebling,
+ Zawiß von Rosenberg,[3] der weitgepriesener Anmuth,
+ Blühender Jugendkraft, und tapferen Muthes, ihr Herz schon
+ Völlig gewann, das leis' in heimlichen Flammen sich abzehrt.
+ Also rächt sich die Schuld! Ein Gleiches mit Gleichem vergolten
+ Wird dem Könige, der Margarethen verstieß, und den Unhold
+ Sich beilegte zum Weib: Kunegund' ersehnt sich den Buhlen.«
+ Also das Mönchlein sprach. Doch feuriger stets, und entflammter,
+ Zuckten die Blitz' umher im Gewölk', und auf ehernen Rädern
+ Sank stets tiefer herab des Donners rollender Wagen
+ So, daß die Menge mit Angst aufsah, und, des strömenden Regens
+ Denkend, nur an dem Leinendach des Gerüstes noch Trost fand.
+
+ Wieder erscholl gar feierlich ernst die Dromete. Zum Turnkampf
+ Rief sie ein Heldenpaar: da flog der muthige Wallstein,
+ Herrlich glänzend von Gold auf dem perlen-farbigen Sammttuch,
+ Ueber die Pläne hinab, und wandte sich, harrend des Gegners.
+ Sieh', ihm fiel das Los, mit dem Stahrenberg in den Schranken
+ Heute zum erstenmal, sich zu messen: zum Ritter geschlagen
+ Jüngst durch Ottgar selbst, der ihn vor jeglichem liebte!
+ Jugendlich hüpfte das Blut in den Adern des feurigen Helden
+ Noch. Er lechzte nach Ruhm; doch wüthete jetzt in der Brust ihm
+ Furchtbare Liebesgluth, seit er vernommen, daß Hedwig --
+ Sie, die Zierde der Welt, für welch' er thöricht entbrannt war,
+ Reichen sollte die Hand zum eh'lichen Bund dem Erzeugten
+ Rudolphs, Hartmann, und ach, Verzweiflung faßt' ihn erneut an!
+ Ungeheueres sann er empört im Gemüth, und nicht wußt' er
+ Wie er's vollbringe dereinst. Da sprach ihm jetzt Drahomira,
+ Die, nur auf Arges bedacht, auflauerte, leis' an das Ohr so:
+ »Denke des Muths: vielleicht gelingt es dir heut, den Verhaßten
+ Dort mit höhnendem Blick zu reizen, und Rache zu üben!«
+ Alsbald wandt' er das Haupt, und sah mit höhnenden Blicken,
+ Lang' nach dem tapferen Hartmann hin, als hätt' er gefrevelt.
+ Zorngluth schoß in das bleiche Gesicht des Edeln: er hob sich
+ Hastig vom Sitz, ihn laut zur Rede zu stellen, entschlossen.
+
+ Doch schon nahete Stahrenberg, im feurigen Vorschritt
+ Zügelnd das Roß, und rief dem Gegner, lächelnd, entgegen:
+ »Erst so beweglich, und nun säumst du den Kampf zu beginnen?«
+ »Nein, ich säume nicht!« sprach alsbald der Zürnende, wähnend:
+ Jener zeihe der Feigheit ihn. Er ahnte nicht, wer ihm
+ Also empörte die Brust durch dunkle Gebilde der Rachgier.
+ Trotzig schloß er den Helm; ließ sinken den Speer in der Rechten;
+ Gab dem Rosse den Sporn, und flog dem Ritter entgegen,
+ Der nicht müßig geharrt: denn sieh', jetzt trafen die beiden
+ Sich inmitten des Plans, an dem Schilde die Speere zu brechen,
+ Wie es der Turnbahn Sitte geboth, und trefflich erzielte
+ Stahrenberg den Gewinn: sein Speer zerbrach an dem Turnschild
+ Wallsteins, den ein glänzender Stern erhellete, krachend;
+ Schlug auch den Stern entzwei, und zerstob in unzählige Trümmer!
+ Aber nicht so sein Gegenpart. Von stachelnder Rachgier
+ Glühend, nahm er das Abseh'n hoch nach dem Helm', und er stieß ihm
+ Solchen vom Haupt mit festnachstürmender Rechten, daß alsbald
+ Ihm an dem Kinn der Riemen zerriß, und im Sande der Helm hin
+ Kollerte. Zornerfüllt gewahrten die älteren Ritter
+ Wallsteins Frevelthat, und murreten. Aber dem Turnvogt
+ Schien gleichmäßig des Kampfes Gewinn: weil jener den Schild ihm,
+ Schmetternd, zerbrach, und dieser den Helm von dem Haupt ihm gehoben.
+ Stille herrscht' umher; kein Beifall krönte die Kämpen.
+ Stahrenberg ritt eilig zurück; doch zögerte Wallstein
+ Noch auf dem Plan, und sah von neuem mit höhnendem Ingrimm
+ Nach der Lug empor, wo Hartmann im glänzenden Harnisch,
+ Lieben Geschwistern vereint, sich fand an der Seite des Kaisers.
+ Ihn verhöhnet' er frech, und begann mit stachelnden Worten:
+ »Kühlere Lüftchen umweh'n dich dort; hier fühlt es sich heißer:
+ Komm, und versuch's! Der Jugend Kraft zu erproben, ist rühmlich.«
+ Stöhnend vor edelem Zorn erhob sich der Jüngling, und forschte
+ Einen Augenblick in dem Antlitz des herrschenden Vaters.
+ Aber er saß in erschütternder Hoheit dort in der Mitte
+ Seiner Erwählten, und sah, verstummend, hinab auf den Ritter.
+ Jenem genug: er sprang die Stufen herunter, und warf sich
+ Schnell auf das wiehernde Roß, das draußen der Knappe gehalten;
+ Faßte, zitternd vor Hast, den Speer, und flog auf die Turnbahn.
+
+ Doch schon hatte zuvor von dem trugverblendeten Wallstein
+ Sich Drahomira gewendet, und hing mit flammenden Blicken
+ Ueber Ottgars Haupt. Er war's, der heute des Nachtgrau'ns
+ Farbe zur Rüstung sich wählt', als jene, voll höllischer Arglist,
+ Ihn zu dem Kampf hertrieb: nur Jammer zu schaffen, entschlossen.
+ Wie auf dem trüglichen Netz die giftige Spinne dahinfährt,
+ Wo die Beute sich fing, und diese mit klebrigen Fäden
+ Dicht umstrickt, daß kein' Errettung mehr von dem Tod ist:
+ Also ließ sie nicht ab von dem unglückseligen Herrscher,
+ Deß', sonst edele, Heldenbrust in wilder Empörung
+ Schrecklicher Ehrsucht gohr, und allein nach Rache sich sehnte.
+ Siehe, wie zween geschweifte Kometen am nächtlichen Himmel
+ Glüh'n, und in blutiger Kriegeszeit den zagenden Völkern
+ Dräu'n Pest, Hungersnoth, und Theurung: also erglühten
+ Jetzt Drahomira's zur Wuth empörete Blicke; sie hauchte
+ Ottgars horchendem Ohr den seelenverderbenden Rath ein:
+ »Pfeilschnell naht, und entfliehet das Glück:
+ d'rum hasch' es im Flug jetzt,
+ Eh' es auf immer entweicht, und nicht wiederkehret dem Trägen:
+ Tritt mit Hartmann du in den Kampf; dir weiche dein Liebling
+ Wallstein. Thöricht vergaß der waffenbeschauende Turnvogt
+ Deine zu prüfen: du führst verderbliche. Schleudre den Jüngling
+ Erst in den Staub; dann wende dich, nah' ist der Kaiser,
+ durchbohr' ihm
+ Kühn die verräth'rische Brust, und entflieh'.
+ Dein schreckliches Reitroß
+ Trägt dich schnell aus umdrängender Noth: denn höllische Macht tobt
+ Ihm in den Adern. Auf, und räche dich jetzt an dem Gegner.«
+
+ Wild aufbäumte sich Ottgars Rapp', als jene gesprochen;
+ Scharrt' in dem Sand, und schnob, und drehte sich,
+ wüthend, im Halbkreis':
+ Denn sie erregte das Thier durch Gaukelgebilde der Hölle.
+ Heimlicher Schauder ergriff das Volk und die edelen Ritter.
+ Ottgars Aug' umdüsterte Nacht: gleich Meeresorkanen,
+ Wühlten in seiner Brust die Empfindungen streitender Rachgier,
+ Ehre, und Pflicht. Doch jetzt besann er sich; sprengte den Rappen
+ Ueber die Schranken, und rief dem kampfbeginnenden Helden
+ Laut, im Brausen des nahenden Sturms und Donnergewitters:
+ »Wallstein, halt! Zieh' hin zu dem Schrankenthor', und vergönne
+ Mir in des Kampfs Entscheidung den Sieg. Kunegunde geboth mir
+ Sie zu rächen, und dich an dem schmähungliebenden Buben
+ Deß', der Kaiser sich nennt des heiligen, römischen Reiches.«
+ Wallstein eilte zurück; doch Hartmann rief ihm entgegen:
+ »Ha, du lügst! Nie hat mein Mund Kunegunden, noch jenen,
+ Der so frech sich erweis't, so unritterlich handelt, geschmähet,
+ Weder heimlich, noch offenbar: das sollst du mir büßen.«
+ Rief's, und senkte den Speer, nicht erwägend, daß solchen der Knappe,
+ Nicht zum Kampf auf Leben und Tod -- nur zum rühmlichen Scheinkampf
+ Ihm darreichte zuvor, in drängender Hast und Verwirrung.
+ Zwar erhob den Stab und die herrschende Stimme der Turnvogt;
+ Zwar abmahnten vom Streit die Grieswart' dieß und auch jenseits;
+ Aber sie achteten's nicht. Von dem lautaufheulenden Sturmwind
+ Ward verschlungen ihr Ruf, und die rachebefeuerten Gegner
+ Bringt zur Ruhe kein Stab jetzt mehr, noch zu klarer Besinnung.
+ Aber schon war, voll sorglicher Hast, dem erhabenen Kaiser
+ Marbod genaht. Nicht entging dem liebenden Geist Drahomira's
+ Unheilschwangerer Blick, die, beiden: dem Kaiser und Böhmens
+ Könige, Tod und Verderben sann, und in wilder Verwirrung
+ Leichen auf Leichen gehäuft, der Hölle zur frevelnden Lust, sah.
+ Jetzt umfaßt' er ihn heiß, und rief im Geistergelispel:
+ »Auf, und ziehe dein blinkendes Schwert, zur Wehre dich stellend!
+ Dir droht Mord und Verrath, und deinem Sohne Verderben
+ Von dem Fremdlinge. Horch, und verschmähe des Warnenden Rath nicht!«
+ Alsbald hob, von dem Geist erregt, der gewaltige Herrscher
+ Von dem Stuhle sich auf; entblößte das Eisen, und eilte
+ Schnell die Treppe herab auf die Plane, den theuern Erzeugten
+ Gegen die Wuth des rascheindringenden Gegners zu schirmen,
+ Der so frech verhöhnte den Ruf des heiligen Gastrechts.
+
+ Jetzo sporneten, laut mit Geschrei, die erbitterten Helden
+ Gegen einander die Ross' auf dem Plan; doch, brausenden Fluges,
+ Trieb in dem Augenblick das entsetzliche Donnergewitter
+ Näher, und stäubte den Sand in wirbelnden Säulen vom Grund auf.
+ Blitz auf Blitz, und Schlag auf Schlag urplötzlichen Donners
+ Flammt', und krachte herab aus dem finsteren Schooße der Wolken,
+ Die, gewitterschwer, tiefhangend, zum Boden gesunken,
+ Jetzo des Mittags Hell' in Nacht verwandelten ringsum.
+ Angst ergriff das versammelte Volk. Dem Schreckensgedanken
+ Bebte das Herz, als sey der Tag' allletzter gekommen.
+ Wie, und dennoch ruhten die zween erbitterten Gegner
+ Von dem Kampfe noch nicht? Sie sprengten die Läufer im Flug fort.
+ Jetzo, wo Ottgars Speer mit tödlicher Spitze dem Turnschild,
+ Harnisch, und Herzen zugleich des harmloskämpfenden Hartmann
+ Nahete, fuhr ein Blitz, an der Breite dem stürzenden Waldstrom
+ Aehnlich, zwischen die beiden herab, und entsetzlicher Donner
+ Rollte, betäubenden Schlags, erschütternd ringsum die Gegend,
+ Plötzlich ihm nach; doch Marbod sprang urschnell in den Blitz hin.
+ Sein entrüsteter Blick entflammte sich hell, und er schreckte
+ Hartmanns wildanstürmendes Roß vor dem Rosse des Gegners.
+ Bäumend hob es sich auf: da drang ihm der Speer so gewaltig
+ Ein in die Brust, daß der Schaft, erkrachend,
+ sich bog, und entzwei brach.
+ Stöhnend sank das Roß auf den Rücken. Der Reiter entzog ihm
+ Schnell das Bein, und stand, ergriffen von inniger Wehmuth:
+ Schauend sein treues Thier, das jetzt mit den vorderen Hufen,
+ Jetzt mit den hinteren scharrt' in dem Sand --
+ dann todt, und erstarrt lag.
+
+ Ottgar saß, geblendet vom Blitz', und schnaubend vor Ingrimm
+ Ob des gebrochenen Speers. Er hörte den schrecklichen Donner,
+ Hörte die lärmenden Ritter nicht mehr, die, empört von dem Frevel,
+ Naheten; doch er sann im schnellhinschwindenden Zeitraum
+ Eines Augenblicks. Drahomira empörte zur Wuth ihn,
+ Als der Kaiser zur Rettung des Sohns in Eile dahersprang;
+ Aber umsonst: denn stolz- und tapfergesinnet war Ottgar;
+ Feig ihm dünkte der Mord. Er riß von der Rechten den Handschuh,
+ Warf ihn entgegen dem Feind', entblößte das Eisen, und rief ihm:
+ »Rudolph, heb' ihn nur auf: denn es biethet auf Tod und auf Leben
+ Ottgar, zitt're vor ihm, dir Fehde für jetzt, und für immer!
+ Nichts von Frieden darum, und nichts von der Kinder Verlobung:
+ Rach' allein ist die Losung hinfort: das soll ich dir kund thun!«
+ Rief's, und gab dem Rosse den Sporn. Die Schranken hinüber
+ Trug es ihn fort im Sprung; dann, sausend, im Donnergaloppe
+ Weiter und weiter hinaus auf der staubenden Straße nach Stillfried,
+ Und ihm sprengte sein Ehrengefolg' im eiligen Flug nach.
+ Aber in wilder Verwirrung schrie'n, und entstürzten die ander'n
+ Rings den Sitzen, und floh'n durch Sturm und Gewitter voll Angst heim.
+
+
+
+
+ Fünfter Gesang.
+
+
+ Schüttelnd die triefenden Schwingen, erhob nach unendlichem Regen
+ Sich der Abendwind, und warf von dem rauschenden Hochwald
+ Und dem ersäuselnden Hain' gewichtige Tropfen zum Boden.
+ Trauernd senkten den lastenden Kelch in dem Felde die Blumen
+ Noch, und das blinkende Gras bewegte sich langsam und schwer nur.
+ Kein Gesang der Vögel erscholl; nur fern in dem Sumpfrohr
+ Quackte der Frosch, und die finstere Luft durchkrächzten die Raben:
+ Denn noch deckte Gewölk des Himmels Bogen; der Donner
+ Rollte noch fort, und der leuchtende Blitzstrahl fuhr noch im Süden
+ Flatternd umher: als droht' er entsetzlicher wiederzukehren.
+ Da gelangte, von Wuth und gährender Rache getrieben,
+ Ottgar heim vor das Lagerzelt, und schwang sich vom Sattel
+ Hastig herab. Ihm kam der Kunring, Leutold, entgegen,
+ Der mit Schmerzen daheim sein harrete. Jetzo begann er:
+ »Wahrlich, du kommst ersehnt, und glühender noch, als am Abend
+ Unsers mit Blut gefertigten Bund's: an dem Kaiser -- an Rudolph,
+ Rache zu üben -- an ihm, der nach den geheiligten Rechten
+ Altehrwürdiger Ritterzeit im empörenden Hochmuth
+ Greift mit gewaffneter Hand; der Deutschlands Edeln der Knechtschaft
+ Fesseln beut, da er schon gar viele der Vesten zu Boden
+ Schmettert', und allen ein Gleiches droht: daß nimmer die Freien
+ Uebten ihr Recht an dem Volk, dem niedriggebornen, nach Willkühr.
+ Nicht so wurden wir einst lehnpflichtig dem König. Der Leh'nsherr
+ Rang um sein Eigen im Feld; sein ist's, was dort ihm zu Theil ward --
+ König auch er: ihm huldigt zur Frohne der Hold und der Sasse.
+ Wie, mir würd' es verwehrt zu erbauen die Burg auf dem Felsen,
+ Der aus dunkelem Wald' aufragt, und zum schwindelnden Abgrund,
+ Senkrecht bis zu dem Wildbach hin die Wände hinabsenkt,
+ Unnahbar dem Feind? Nicht sollt' ich dort von den Zinnen,
+ Oder des Wartthurms Höh'n mit herrschendem Blick in des Abends
+ Goldenem Schein' erforschen die Gau'n: ob, lauernd, der Gegner
+ Nahe den Thalweg her? Nicht sein, des ohnmächtigen, spotten,
+ Der, mit blutigen Köpfen zurück von der Veste gewiesen,
+ Schamroth flieht? Nicht von ihr zum Kampf mit den Reisigen auszieh'n,
+ Kennend der Mauern Gefüg', und in selben geschirmt nach dem Heimzug?
+ Rechte nur immerhin der Unfreie mit mir, daß ich, Freier,
+ Niederwerfe nach Lust auf der Straße den wandernden Kaufmann,
+ Der, ein Bürger der Stadt, dem Juden zugleich und dem Wechsler
+ Treuverbündet, mein Volk betriegt, deß' Habe doch mein ist?
+ Nur in der Ritterburg, der Wieg' erhebender Thatkraft,
+ Heldensinnes, und Muths wohnt auch das häusliche Glück noch.
+ Wenn ich schaue die Hausfrau dort, wie sie schaltet mit Sanftmuth
+ Ueber das rohe Gesind', und die züchtigen Töchter, den Rosen
+ Gleich aufblühend, erwerben die Huld und die Würde der Mutter;
+ Wenn ich vom Fenster hinab an des Hofraums rasigem Abhang
+ Ringen sehe den Sohn mit den Knappen: wie diesem den Bart er,
+ Lachend, zerrauft, und den anderen schlägt mit den winzigen Fäustchen,
+ So vorübend die Kraft auf die herrlichsten Jahre des Lebens:
+ Nicht für die goldene Kron' eintauscht' ich die goldene Freiheit.
+ Sieh', auch der Sänger spricht dort ein, und läßt in dem Hofraum,
+ Nachtumhüllt, gar mild ertönen die lieblichen Saiten,
+ Eh' er beginnet sein Lied; doch sitzen wir bald in des Saales
+ Schimmerndem Licht um ihn her, und horchen den zaub'rischen Tönen
+ Von der Minne Leiden und Glück; von den Wundergeschichten
+ Grauender Heldenzeit, und den Thaten gewaltiger Ahnen
+ So, daß in wonniger Lust, wie im Flug', uns die Stunden entschwinden!
+ Ha, und dessen gedenkt der Habsburg uns zu berauben?
+ Künftig sollen wir feig, erschlafft, und völlig verweichlicht,
+ Wohnen in dumpfiger Stadt, und der Ritterehre vergessend,
+ Höflingen gleich, uns bücken vor ihm? Doch, König, verzeihe,
+ Wenn vor dir nicht Gefälliges spricht ein wackerer Deutscher!
+ Wie habt ihr turneit? Ward Habsburgs Löwe gebändigt?
+ Hast du Rache geübt? -- denn Schreckliches kündet dein Aug' an.«
+ Sagt' es, erstaunt; doch Ottgar sah mit den flammenden Augen
+ Ihn noch schrecklicher an, und rief: »Ja, Rache geübet
+ Offen vor allem Volk! Wohl sagt' ein höllischer Geist mir
+ Heimlich in's Ohr: »Durchbohr' ihn!« doch mich dünkt' es zu niedrig:
+ Morden! Ein Leichtes war's, auf dem Plan das blinkende Schwert ihm
+ In die verräth'rische Brust -- er zitterte! heute zu tauchen;
+ Doch nur in offener Schlacht, das Aug' auf das Auge geheftet,
+ Soll er mir steh'n, und, fallend, im Staub' aushauchen das Leben.«
+ Vor, aus seinem Gefolg trat Milota jetzt, und begann so:
+ »König, verzeih': er zitterte nicht! Dich täuschte der Rachgier
+ Seelenverwirrende Gluth. Wohl staunt' ich, als er so muthvoll
+ Dir entgegen trat auf dem Plan: du sporntest den Rappen
+ Weise davon. Gut war's: nicht wehrlos falle der Gegner,
+ Tapferen Herzens, dem tapferen Mann; das hast du erwogen:
+ Selber beut sich ja oft nur klügeren Seelen das Glück an.«
+ Sprach so, kaum bekämpfend die Wuth, die ihm heimlich des Herzens
+ Tiefen zerriß, und er lächelte nur. Doch jener zernagte,
+ Schweigend, die Lippen vor Zorn: denn Spott verriethen die Augen
+ Milota's. Jetzt entblößt' er das Schwert, und flehte zum Himmel:
+ »Ewiger, der du schirmst das Recht, und bestrafest das Unrecht;
+ Auch in der Vorzeit oft in die Hände der Führer des Volkes
+ Gabst dein Rächerschwert, zu vertilgen Israels Gegner,
+ Höre mein Fleh'n, und laß' mich jetzt vergelten im Vollmaß
+ Dem, der, frevelnd an mir, verletzte die Treu' und die Wahrheit,
+ Mich beschimpfend vor allem Volk, da er laut es gebilligt:
+ Heimlich im Zelt sollt' ich ihm huldigen -- schändlicher Trug war's!
+ Mich verachtet das Volk seitdem, und die jammernde Mutter
+ Meiner Erzeugten weis't die unschuldigen Opfer des Truges
+ Mir, im verzweifelnden Schmerz.
+ O, gib mir den Sieg in dem Kampf jetzt!«
+ »Ihr,« so rief er den Feldherrn laut, »erhebet die Banner
+ Eurer geordneten Schar! Wir ziehen noch heute nach Thalsbrunn:
+ Dort von dem Weidenbach g'en Wien zu dringen, entschlossen.«
+
+ Jene gehorchten sogleich, und gebothen dem Heere den Aufbruch.
+ All' die geordneten Reihen hinab ertönte das Rufen
+ Tausender: »Auf! In den Kampf! Wir geh'n den Feinden entgegen.«
+ Trommeln rasselten dumpf, und das Schmettern eh'rner Drometen
+ Scholl aus dem Waffen-Geklirr mit dem Wiehern unbändiger Rosse.
+ Bald schwand rings die wandernde Stadt der Gezelt' aus den Fluren,
+ Und die unendliche Wagenburg nachfolgte der Heer'smacht
+ Langsamen Schritts, von dem Lastvieh fort auf der Straße gezogen.
+ Siehe, in drei Heersäulen ging des gewaltigen Königs
+ Furchtbare Macht jetzt vor! Er hemmte sein Roß an dem Heerweg;
+ Sah die Tausende zieh'n, und heischte von Diesem und Jenem,
+ Schnelleren Gang mit erhobener, oft schrittweisender Rechten.
+ Lobkowitz führt' in dem Vorderzug die böhmischen Reiter;
+ Mährens Volk, das muthig zu Fuß anstürmt in der Feldschlacht,
+ Milota, der in der Mitt' einher vor den Reussen, den Meißnern,
+ Und den Thüringern zog. Doch Czernin lenkt' in dem Nachzug
+ Sachsens reisiges Volk, dem rasch die Mannen der Kunring',
+ Und die Bayern zugleich voreileten, fröhlichen Muthes.
+ Als das geordnete Heer aufbrach, da schloß mit Gefolg auch
+ Ottgar sich, hinbrütend, ihm an. Der tapfere Wallstein
+ Ritt ihm zur Seit' -- auch er versunken in düstere Schwermuth:
+ Denn nicht brachte der Tag ihm Gewinn; nicht die schönere Hoffnung
+ Blüht' ihm darum, weil er sie dem Gegner entriß auf der Turnbahn.
+ Ach, sie stand ihm zu hoch, des Königs Erzeugte! Nicht wagt' er,
+ Ihm zu eröffnen das Herz, obgleich er liebend an ihm hing.
+
+ Jetzo schwand das hüg'lige Matz zur Rechten, und Angerns
+ Weidenreiches Gefild zur Linken dem Heere vorüber.
+ Ottgars Blick hing starr an der March, die rauschend hinunter,
+ G'en Marcheck und Kressenbrunn die dunkelen Fluthen
+ Wälzte. Der herrlichen Zeit errungenen Ruhmes gedacht' er
+ Jetzo mit pochender Brust, und sprach zu dem sinnenden Jüngling:
+ »Eilt nicht der Strom, wie die Zeit, in ewigwechselndem Lauf fort?
+ Bald erglänzt er im sonnigen Licht, bald wogt er im Sturmhauch,
+ Trübaufschäumend, umher: sein voriger Reiz ist entschwunden.
+ Siehe, wie düster die March jetzt fließt,
+ und wie herrlich erschien sie
+ Dort an dem Tage von Kressenbrunn,[1] wo im Siegesgefild mir
+ Ungerns Macht erlag, die Bela, der tapfere König,
+ Zahllos, wie der Heuschrecken Heer', uns entgegengeführt hat!
+ Jenem Siegestag zur Erinnerung gründet' ich dankbar
+ Dann Marcheck, die blühende Stadt, am Gestade des Flusses.
+ Ha, dort scholl mir die Stimme des Glücks in dem Sieges-Gefild noch,
+ Und ich folgt' ihr beherzt! Vielleicht erschallt sie mir nimmer.
+ So ist des Menschen Geschick, des sterblichen, hier auf des Lebens
+ Pilgerpfad' empor zu schießen, voll üppigen Wuchses;
+ Doch gestellt ist das Maß, und er schrumpft dann wieder zusammen,
+ Wie die thürmend' Eich', die ihr Haupt in die Lüfte gehoben,
+ Nun zu Moder zerfällt: die, ach, Jahrhunderten trotzte,
+ Liegt in dem Staub! So schreiten auch Reich' und gewaltige Völker
+ Plötzlich wieder zurück von den kaum errungenen Höhen,
+ Und mir ahnet es fast, ich hab' sie errungen: zum Abend
+ Neigt sich mein Strahlengestirn, und bald versinkt es in Nachtgrau'n.«
+ »Das sey ferne,« so rief den schwärmerischtrüben Gedanken
+ Sich entreißend mit Macht, der feurige Jüngling, »das Dunkel
+ Kennt dein Glücksgestirn nicht mehr: erst jetzo beginne
+ Solches den schöneren Lauf zu des Ruhms hellleuchtender Sonne!
+ Fällt der Kaiser besiegt, und das soll er! dann ist die Welt dir
+ Unterthan. Wie dort nach dem herrlichen Sieg' im Triumphzug
+ Du hinführtest dein Volk an Italiens Gränze:[2] so winkt jetzt,
+ Ueber sie hin dein Siegespfad. Weltherrschend, eröffnet
+ Roma dir die Thor', und erblickt die Krone der Kaiser
+ Schimmernd auf deinem Haupt, die Carol der Große getragen.
+ Stark bist du, und noch stärker, so dir ein tapferer Eidam --
+ Doch nicht aus Rudolphs Stamm, den du geziemend verschmähtest,
+ Sich in dem Schlachtfeld eint, als Gatte der himmlischen Hedwig!«
+
+ Ottgar schwieg, und das Heer zog weiter in täuschender Stille,
+ Wie er gebothen zuvor. Doch sieh', aus den nächtlichen Wolken
+ Senkte sich Arpad[3] jetzt in Eile herunter! Ein Vater
+ Ward er genannt dem Magyaren-Volk', und aus seinem Geschlecht her
+ Sproßte der Segenszweig: der erste, der heilige König
+ Ungerns, der, sein Volk auf des Heilands Pfade geleitend,
+ Ihm der Menschlichkeit beglückende Recht', und der Sitten
+ Mildere Form kund gab, auch Gesetz' ihm schenkte zur Wohlfahrt.
+ Arpad, schauend den Kun, im Rohrgefilde verborgen,
+ Sann alsbald nur Thaten des Muths, und er nahete pfeilschnell
+ Ladislav, dem Könige, der, entschlummert im Zeltraum
+ Lag auf dem Bärenfell' im grasumwucherten Aufeld;
+ Beugte sich über ihn hin, und preßte den Mund auf den Mund ihm
+ So, daß er ängstlich sich wand, und stöhnete, bis er die Augen
+ Aufschlug, schrie, und im finsteren Zelt', entrüstet, umher sah.
+ Arpad haucht' ihm Muth in die Brust mit dem Seelengelispel:
+ »Also bezwungen vom Schlaf, dehnst du die blühenden Glieder,
+ Eingelullt vom Gesang kumanischer Frau'n und der Zither
+ Sanftem Getön? Wach' auf, du Weichlicher! Denke der Ahnen
+ Weitgefeierten Heldenruhms, und des feurigen Muthes,
+ Der sie beseelte beim Klang des furchtbarbrüllenden Rindhorns,
+ Wenn die Feinde sich trafen im Feld', und der Würgenden Ruf scholl.
+ Wachen muß dort stets für alle der Herrscher, und rastlos
+ Walten bei Tag und bei Nacht, in gefahrumdräuender Kriegszeit.
+ Horch dem Gewirr! Schon zieht der Böhm' in täuschender Stille
+ Eilig die Straße hinab g'en Thalsbrunn, dort in des Lagers
+ Weitumkreisendem Raum, von dem Rasenwall' und dem Graben
+ Mächtig geschirmt, dem Feinde sich rasch entgegen zu werfen.
+ Zahllos regten sich dort viel' Tag' und Nächte die Gräber,
+ Die er entboth in dem Land' umher voll schrecklicher Drohung;
+ Doch im Rücken des eilenden Heers, nichts Arges vermuthend,
+ Kommt mit schwachem Gefolg' auch der König vorüber, und langsam
+ Folgt ihm die Wagenburg: d'rum schnell an das muthige Werk jetzt!
+ Sende hinaus in den Hinterhalt der bewährtesten Reiter
+ Tausend, die, verborgen im trocknen Geröhr', an dem Heerweg
+ Harren, bis Ottgar naht: gleich weit entfernt von den Scharen
+ Und von der Wagenburg; dann all', im sausenden Eilflug,
+ All' auf ihn los, und erhascht ihr ihn,
+ schnell in Geschrei und Getümmel
+ Wieder zurück in das Lager gejagt mit dem werthen Gefang'nen.
+ So beginne den Kampf, ein Sieger, zur Freude dem Kaiser --
+ Dir, und dem Vaterlande zum Ruhm, dem Lande der Helden!«
+ Sagt' es mit lispelndem Laut. Da trat ein Kun in das Zelt ein,
+ Athemberaubt vor Hast, und verkündete: daß auf dem Heerweg
+ Zahllos, Schar auf Schar, der Böhme vorübergezogen.
+ Feuriger hauchte der Geist, da er sprach, dem horchenden König
+ Noch in die Seele den kühnen Entschluß. Sieh', eilig erhob er
+ D'rauf sich vom Lager, und rief nach dem tapferen Führer der Kunen,
+ Kaduscha, der, von Gestalt nur klein, und häßlich von Anseh'n,
+ Doch unbändiger Kraft, und flammenschnaubenden Muths war.
+ »Eile,« so sprach er zu ihm, »mit tausend erlesenen Reitern
+ Bis an den Rand des Geröhres hinaus, und harre mit Vorsicht
+ Dort in dem Hinterhalt, bis Ottgar selber dir nah' ist:
+ Weit getrennt von der Wagenburg, und den eilenden Scharen;
+ Dann im Fluge hinaus, zu erhaschen den Herrscher der Böhmen!
+ Fünfzig Rosse sind dein, und zehn goldschimmernde Sättel,
+ Auch der Waffenschmuck des Königes, kehrst du als Sieger.«
+ »Ich vernahm es,« entgegnete stolz der muthige Feldherr,
+ Als er das Roß bestieg. Er jagte mit tausend Erwählten
+ Bis an den Saum des Geröhres hinaus, und warf sich, des Königs
+ Harrend, in's Gras. Wie in dunkeler Nacht der schreckliche Rohrwolf
+ Lauscht an der Trift, und dort auf die Hinterfüße gesunken,
+ Winselnd vor Gier nach Blut, mit glühenden Augen umherschaut:
+ Ob nicht der Rinder Schar vorüber wandere, grasend?
+ So der Kune dahier. Doch sieh', bald wogten des Feindes
+ Reihen vorbei, und im Zwischenraum, nichts Arges vermuthend,
+ Naht' auch Ottgar jetzt, als Kaduscha, sich in den Sattel
+ Hebend, den Kunen zu stürmen geboth. Vor dem wilden Getümmel
+ Klirrender Waffen, und brausender Ross', und der stürmenden Krieger
+ Lautem Gejauchz' erbebte die Nacht, und des Königs Geleitschar
+ Starrte vor Angst: denn schnell, weit vorgebeugt aus dem Sattel,
+ Schwingend mit wildem Gebrüll den krummgehämmerten Säbel,
+ Jagten die Kunen heran, und drohten ihm Tod und Verderben.
+ Wallstein rief alsbald dem Gefolg': »O, schließt um den Herrscher
+ Einen ehernen Kreis mit der Brust, und fielen im Kampf wir
+ Alle zugleich, nur sey des Herrn Gesalbter errettet!«
+ Aber nicht säumten die Tapferen: denn dreihundert aus Böhmen,
+ Bayern, und Sachsen, erwählt zum Geleit', umringten den König
+ Schirmend, und kehrten die Brust nach dem Feind,
+ der, ähnlich dem Sturmwind,
+ Naher und naher im Flug, herbraust' auf dem staubenden Heerweg.
+
+ Kaduscha hieb der erst' in den Kreis des kühnen Gefolgs ein.
+ Er zerschmetterte schnell zwei muthigen Bayern, von Törings
+ Mannen, die Stirn', und erhob sein Eisen, noch fürder zu wüthen.
+ Töring, der edele Ritter, der, ausziehend aus Seefelds
+ Ragender Burg, dort sieben unmündige Kinder zurückließ:
+ Denn ihm raubte der Tod erst jüngst die treffliche Hausfrau,
+ Senkte den Speer auf den Wüthenden; ritt rasch an, und durchstieß ihm
+ Also die Rechte, daß ihr alsbald entschlüpfte der Säbel.
+ Jetzo hatt' er gerächt die Ermordeten; aber es barg sich
+ Jener sogleich im Gedräng', und rief nach dem Führer des Volkes,
+ Zobor, ihm vertrauend des Kampfs entscheidende Leitung --
+ Ihm, dem Riesen an Kraft: er lockte den grimmigen Bären
+ Aus der Höhle heraus, und erwürgte ihn, ringend, am Boden.
+ Seitwärts drang er auf Töring ein, der, schnaubend vor Rachgier
+ Reiter auf Reiter herab aus dem Sattel warf mit dem Speerschaft.
+ Vier' erwürgt' er schon: da stieß ihm die Spitze des Eisens
+ Zobor tief in's Genick', als er nach dem Gegner sich beugte.
+ Töring sank in den Staub, und hauchte den muthigen Geist aus.
+ Ach, und die Amme führt, wie die liebvollsorgende Mutter,
+ Jeglichen Morgen die Kinder heraus auf die Zinnen der Felsburg;
+ Zeigt dort allen den Weg, den jüngst der Vater gezogen,
+ »Und euch allen,« so sprach sie,
+ »ein schönes Geschenk aus der Hauptstadt
+ Heimbringt, so ihr euch fromm und gut, wie er's heischte, benehmet.«
+ Doch nicht kehret er heim; sein harren die Kinder vergeblich:
+ Denn er liegt getödtet im Staub! So fielen noch hundert,
+ Unter der würgenden Faust der Kunen, gebändigte Krieger,
+ Und Verderben umgab stets näher und näher den König.
+ Wie wenn nächtlich im Wald' ein wandernder Fleischer, von Räubern
+ Angefallen, mit tapferem Muth' sich wehrt, und der Gegner
+ Manchen erlegt; doch wäre noch all sein Mühen vergeblich,
+ So das menschengetreueste Thier ihm nicht fest an den Seiten
+ Kämpfte: sein mächtiger Hund, der rasch im Kreise sich wendend,
+ Diesem die Kehle durchhaut mit den tödlichen Zähnen; den andern
+ Niederreißt am Genick', und, würgend, nicht ruhet, nicht rastet,
+ Bis er errettet schaut den Gebiether: so stritt für das Leben
+ Ottgars, häufend die Leichen umher, der tapfere Wallstein.
+ Doch, als jetzt die Gefahr ihm noch gewaltiger drohte,
+ Schrie er ihm zu: »Mir nach, mein König und Herr!« und er bahnte
+ Sich mit dem sausenden Stahl durch Feindeshaufen den Blutpfad.
+ Ottgar folgt' ihm beherzt, und hieb die Umstürmenden nieder.
+ Ha, nach entsetzlichem Mord und Gewürg, durchhau'n, und gesprengt war
+ Endlich der Todesring, und ihm entrannen die beiden,
+ Brausenden Flugs, auf dem Heerweg fort! Im nächtlichen Dunkel
+ Schwanden sie bald aus den Augen der weitnachfolgenden Gegner;
+ Doch die kehrten zurück', und des Königs treue Geleitschar
+ Fiel nach tapferer Gegenwehr (denn Keiner ergab sich)
+ Hier erschlagen im Kampf mit den herzblutdürstenden Kunen.
+ Ach, wie grausam wütheten jetzt die Schrecklichen: hauend
+ Allen das Haupt von dem Rumpf', und es dann auf die Spitze des Säbels
+ Pflanzend, zogen sie heim, siegtrunken und rachegesättigt:
+ Denn sie sahen zuvor wohl doppelt die Zahl der Gefährten
+ Hingestreckt im Staub', und erwürgt von den tapferen Feinden.
+
+ Fort, und fort im Galopp war Ottgar schon in des Heeres
+ Nähe gelangt; nur die Höh'n von Prottes, dem ruhigen Dörfchen,
+ Lagen noch, trennend, vor ihm, und hinter den eilenden Scharen.
+ Milota trabte die Höhen herab. Mit ängstlicher Sorgfalt
+ Forschte sein Auge zuvor nach dem König: er hatt' ihn dem Tod schon
+ Lange geweiht, und harrete nur des ersehneten Tages,
+ Wo er nach Rache die Gier an ihm sättigte, schrecklich und furchtbar!
+ D'rum verlor er ihn nie aus den Augen, und so, wie der Kater,
+ Grausamer Lust, freigibt das erst gefangene Mäuschen:
+ Da folgt ihm sein glühender Blick, und will es entrinnen,
+ Streckt er sogleich ihm nach die klau'nbewaffneten Pfoten --
+ Reißt es zurück in den Todes-Kreis, und weidet die Augen
+ So an dem armen, voll Grimms: nicht anders verfolgten die Augen
+ Milota's Ottgarn stets, der Rach' ihn zu opfern, entschlossen.
+ Jetzo gewahrend: er sey's, begann er von weitem zu rufen:
+ »Wahrlich, du wagtest viel, mein König, so fern dich zu halten
+ Von dem schnellvoreilenden Heer! Wer so die Gefahr sucht,
+ Wandelt auf glattem Geröll', an des Abgrunds schwindligem Rand hin:
+ Denn in den Auen der March droht uns der schrecklichen Kunen
+ Leis'umspähendes Volk: du warst die erwünschteste Beut' ihm,
+ So es dich traf. Doch sprich, wo weilt dein Reitergefolg noch?«
+ »Mein Gefolg ist todt,« entgegnete jener, »gefallen
+ Unter des Feindes würgender Faust. Dem tapferen Jüngling
+ Hier verdank' ich das Leben allein; stets hielt er im Leben
+ Treulich an mir; er sey, wie ein Sohn, mir geliebt in der Zukunft.«
+ D'rauf hinbeugt' er nach Wallstein sich von dem Sattel; er küßt' ihn
+ Auf die glühende Stirn, und drückt' ihm die Rechte noch freundlich.
+ Jener, mit Freudenthränen im Blick', erwiederte, hebend
+ Ottgars Hand an den Mund, der Liebe beglückendes Zeichen.
+ Plötzlich sah er im Geist der wahnsinngenähreten Hoffnung
+ Truggestalt in der Wirklichkeit, hellschimmernden Glanzes,
+ Ihm genaht, und gestillt des Herzens unendliche Sehnsucht.
+ Wehe, daß Drahomira so nah' ihm war in des Nachtgrau'ns
+ Schrecklicher Stund', und stets auflauerte, daß sie, verderbend
+ Ihn, sich räche zugleich an Ottgarn, höllischer Lust voll!
+ Hufesgerassel erscholl: denn Milota's Reitergeschwader
+ Jagte heran. Sie schrie ihm ins Ohr: »Der Feind ist im Anzug!«
+ »Ha, der Feind!« rief Milota laut, und in wilder Verwirrung
+ Jagt' er nach Ebenthal, woher sie gekommen, das Roß hin.
+ Ottgar folgt' ihm schnell; nur Wallstein hemmte den Läufer
+ Oft: um den König besorgt, und für ihn zu sterben, entschlossen.
+ Aber ihm däuchte das nahe Gebirg, und drüben das Blachfeld
+ Jenes von Ebenthal an der freundlichen Burg, wo er seicher
+ Oft sich erging, des Weidwerks Lust ergeben im Feld' auch.
+ Ottgar hörete jetzt den Ruf des warnenden Jünglings;
+ Tobte vor Zorn, und sprach zu Milota grimmigen Blickes:
+ »Hat dich mein böses Geschick mir entgegengeführt an dem Kreuzweg,
+ Wo in dem nächtlichen Grau'n nur menschenfeindliche Geister
+ Hausen, daß du dem Heer mich entrückst, und verleitest zum Irrgang?
+ Wahrlich, der Himmel straft heut Nacht die Vergehungen alle,
+ Die mich erniedrigten einst auf des Lebens verlockenden Bahnen!
+ Fort, g'en Stillfried jetzt, wo die Wagenburg und der Nachhuth
+ Tapfere Schar mich schirmt, bis wir dem Heere vereint sind!«
+
+ Finster umhüllete noch das Gewölk den nächtlichen Himmel;
+ Noch aufriß der entfliehende Blitz zuweilen die Lieder,
+ Zürnend, und sah mit feurigem Blick aus Osten herüber.
+ Bergan hob sich der Weg, und Milota sagte, verhöhnend,
+ Als die Ross', oft zögernden Gang's, aufschritten den Bergpfad:
+ »Hoffst du, Herr! vor des Ewigen Richterstuhle so leicht dich
+ Abzufinden dereinst mit dem schreckengerüsteten Engel,
+ Der dein Blatt dir weis't in dem Buche des Lebens und Todes?
+ Wähnst noch gar, du habest gebüßt für Alles und Jedes,
+ Was du verübt seither, schon heut' im nächtlichen Irr-Ritt?
+ Grauses vernahm mein Ohr. Ist's Wahrheit, oder nur Täuschung,
+ Was die Sag' uns gab von dem blutbesudelten Handel
+ Dort? Daß die Ost- und die steyrische-Mark dir bleibe zu Eigen,
+ Hast du Schätze gesandt nach Wälschland -- heimlich verbündet
+ Rom und Neapel dir, und Konradin, Friedrich von Oestreich[4]
+ Hingeopfert des Henkers Schwert, die blühenden Fürsten?
+ Hast nicht Erbarmen geübt, als d'rauf die Mutter des letztern,
+ Gertrud,[5] sanften Gemüths, aus dem Erbe der Väter vertrieben,
+ Fliehen hieß dein Wüthrich fort in stürmischer Nachtzeit?
+ Bist du rein von Schuld an dem Tod der verstoßenen Gattinn,
+ Margareth?[6] Ward der edele Herr und Ritter von Meißau
+ Nicht in unwürdiger Haft von dir verbrannt in dem Schloßthurm?[7]
+ Nicht die Heldenschar, von dem Pettau'r,[8] niedrigen Herzens,
+ Angeschwärzt, jahrlang' in schmählichen Banden gehalten --
+ Ihrer gewaltigen Vesten beraubt? Sieh' dort auf dem Hügel
+ Drüben den Rabenstein: wie im Wind sich die dürren Gerippe
+ Dreh'n nun hin, nun her, und im Schwung lautächzen die Ketten!
+ Hu, aufsträubt sich mein Haar -- und dennoch lieber gehenkt dort,
+ Als daß ich übte, wie du, an dem Merenberger[9] den Frevel!
+ Aber horch! Da er nun, das Haupt an die Füße gebunden,
+ Zweimal den Morgen und Abend sah, in schrecklichen Qualen
+ Hängend am Rabenstein, war nur der geschändeten Schwester
+ Bild -- geschändet von dir, vor seinem Gemüthe! Dir flucht' er,
+ Eh' er starb, durchbohrt von einem der wilden Szupanen.
+ Wie, du erschrickst? Nein, fürchte nichts, Herr!
+ Daß ich jetzo der Tochter,[10]
+ Meines geliebtesten Kindes, gedacht, nicht verdenk' es dem Vater,
+ Der nicht weinen mehr kann um sie, die schändlich verführt ward.
+ Ihre die Schuld, der Metze: sie gab sich wohl selber der Schmach hin!«
+
+ Ottgar schlug sich die Brust, und wimmerte: »Vater, Verzeihung;
+ Mein ist die Schuld allein: den Himmlischen glich sie an Reinheit!«
+ »So?« -- sprach dann mit gedehnetem Laut der entsetzliche Vater.
+ Ottgar stöhnte vor Angst, daß es jener vernahm; mit den Zähnen
+ Knirscht' er; sah empor, und rief mit ersterbender Stimme:
+ »Milota, sieh', wie es über den armen Sündern erblitzet!«
+ Sagt' es, und stützte das Haupt, vergehend, auf Milota's Schulter.
+ Jetzt in der geistverzückenden Zeit todähnlicher Ohnmacht
+ Sah, wie entkörpert, er dort an dem Rabenstein, Drahomira
+ Schweben umher, und oft hellstrahlen von röthlichen Flammen.
+ Ihr nachfolgten zum Dienst drei Mißgestalten der Hölle
+ So, daß der Halbentseelte noch zuckt', und bebte vor Schrecken,
+ Als er die Furchtbar'n sah. Aus schwarzumhüllendem Schleier
+ Starrten mit weitgeöffnetem Aug' todblasse Gesichter,
+ Und ihr Leib, durchblinkt von der Flammengestalt Drahomira's,
+ Floß, wie ein Trauerflor, hinaus in das finstere Nachtgrau'n.
+ Doch, nach dem Wink der Gebietherinn, auf,
+ und hinunter sich schwingend
+ Dicht an dem Rabenstein, wie der Mauerspecht am Gemäuer,
+ Der mit kläglichem Ruf nach Gewürm' und Käferchen spähet,
+ Nagten sie dort ein Giftgewächs und das Moos mit den Zähnen
+ Ab von dem Stein und Gehölz, und schwebten hinab auf den Heerweg.
+ (Zwischen Ottgar hier, und Milota -- aber vor Wallstein
+ Dort, der zögernd folgt': in täuschende Träume versunken
+ Künftigen Glücks) und hauchten zugleich auf die Erde den Unrath.
+ Doch Drahomira kam, vorhaltend in glühender Rechten
+ Einen Becher, in dem verderbliche Säfte von Kräutern
+ Gähreten: erst entpreßt dem Eisenhütchen und Schierling,
+ Dann Tollkirschensäfte vermengt, der plötzlich des Menschen
+ Sinne verwirrt. Sie goß mit zaubergewaltigen Worten,
+ Vor den Drei'n, die sie nachmurmelten, wie aus der Felskluft
+ Grimmvoll murrt ein Drach', das Gift auf den furchtbaren Unrath
+ Aus; zertrümmerte schnell den Becher auf ihm, und erhob sich
+ Dann im Weh'ausruf des Höllengefolg's in den Luftraum.
+ Alsbald schwamm ein bläulicher Duft, des giftigen Pfuhles
+ Nebel gleich, umher: dem nahenden Jüngling zum Falle
+ Hingebannt von der Macht Drahomira's, des schrecklichen Weibes.
+
+ Ha, schon naht' er heran! Noch brannte der glühende Kuß ihm
+ Auf der Stirn'; noch scholl in das Ohr ihm der schmeichelnde Zuruf
+ Ottgars: »Daß er ein Sohn ihm sey -- dem liebenden Vater.«
+ »Wie, ein Sohn? Dann ... ja, wenn Hedwig die Rechte mir reichet!
+ Himmlische Hoffnung!« Rief's; da bäumte schnaubend sein Reitroß
+ Dort an der furchtbarn Stelle sich auf. Ihn däuchte der Wehruf,
+ Den er jetzo vernahm, aufhorchend mit pochendem Herzen,
+ Hedwigs Stimm': alsbald vorspornend den hurtigen Läufer,
+ Stand er gebannt in dem Zauberkreis', und urplötzlich, so wähnt' er,
+ Ward ihm zur Gegenwart die nimmergeahnete Zukunft.
+ Hochbeglückt hielt er die Ersehnete jetzt in den Armen:
+ Ihm schwand Himmel und Erde dahin! Doch flatterte blitzschnell
+ Weiter der täuschende Spuk, da, schnaubend vor Angst und Entsetzen,
+ Nun das Roß fortsprang aus dem Zauberkreise der Hölle.
+ Stöhnend sah er zurück, und die Blässe des Todes bedeckte
+ Seine Wangen: ein Traum, so schien es ihm, flüchtig entronnen,
+ Wies ihm des Erdenglücks Erwünschtestes. Wehe, nicht schwand jetzt
+ Mehr des Gesehenen Bild aus seinem Gemüth'. In den Adern
+ Kocht' ihm das Blut, und im kreisenden Schwung' umgaukelte jenes
+ Rastlos ihn, da er flog, getrieben von höllischem Zauber,
+ Abzufordern die Hand der Königstochter dem Vater;
+ So zu empören des Herrschers Stolz, und, von diesem gehöhnet,
+ Racherfüllt, sich selber und ihn zu verderben auf immer.
+
+ Siehe, voll Himmelshuld war ihm sein schützender Engel
+ Wieder genaht, und rief in sanftverweisenden Lauten:
+ »Wie, umsonst ertönte dir erst mein warnender Zuruf?
+ Wehe dir, Jüngling, ach, wenn Schuld verdunkelt die Reinheit
+ Deines Gemüths! Wie ein Spiegel, noch erst im herrlichsten Lichtglanz
+ Schimmernd, schnell abstirbt, so ihn feuchtannahender Hauch deckt:
+ Also umwölkt es die Schuld. Bald scheint die blühende Schöpfung
+ Dir verwelkt, und erstarrt ringsum das regsame Leben:
+ Nichts des Hohen vollführest du mehr, von irdischen Banden
+ Niedergehalten. Verzieh'; o denke des Ewigen, reuig;
+ Kehre zurück, und beherrsche mit Kraft die Gelüste des Herzens,
+ Daß du nicht Schmach dir jetzt durch thörichte Worte bereitest!«
+
+ Sagt' es, und schwang sich empor zu dem Vater
+ im Himmel, deß' Antlitz
+ Er mit dem Seraph und Cherub schaut für immer und ewig.
+ Aber der Jüngling rief: »Ward erst der Seligen Wonne
+ Mir von dem Himmel gewährt? Vernahm ich jetzo der Hölle
+ Täuschenden Ruf? Nicht weiß ich's -- will es nicht wissen;
+ es dreht sich
+ Schwindelnd die Welt um mich her; sie reiße mich mit in den Abgrund!«
+ Sieh, und er hieb in den Bauch des ächzenden Läufers den Sporn ein:
+ Brausenden Sprung's trug fort ihn das Thier,
+ bis er's vor dem Herrscher,
+ Der mit dem Feldherrn, ernst und schweigend die nächtliche Bahn zog,
+ Jetzt festhielt, nach gewaltigem Müh'n: denn wüthenden Ingrimms
+ Flog es dahin! Nun sprach mit sanfterheitertem Antlitz,
+ Nach dem Jüngling gekehrt, der weitgefürchtete König:
+ »Wallstein, ha, wo weilst du? Komm, und rette den Vater
+ Dir, dem liebenden Sohn, von diesem entsetzlichen Manne!
+ Milota, fort! Entfleuch! Du warst mir treulich ergeben,
+ Du, des Herrschers Vasall; doch hast du mit blutiger Faust ihm
+ Heut' in dem Herzen gewühlt -- frechlautende Worte gesprochen.
+ Gott ist gerecht. Die Schuld, vergrößert von feindlicher Mißgunst,
+ Mindert vor ihm ein reuiges Herz: er wird's nicht verschmähen!
+ Halte dich künftig entfernt von mir -- auch jetzt in dem Feldzug,
+ Daß nicht mein Zorn, erwacht, dich noch verderbend ereile.«
+ Jener lächelte grimmig, und rief: »Recht hast du gesprochen:
+ Weichen will ich -- im Kampf' entfernt dir stehen; der Tochter
+ Stets gedenken, und flieh'n die Nähe des dräuenden Herrschers.«
+ D'rauf entschwand er im Feld; doch Ottgar sagte dem Jüngling:
+ »Wallstein, höre mich nun! Stets warst du mir theuer vor Allen
+ Ob des Heldenmuths und der Treue, mit welcher du, liebend,
+ Hingest an mir: doch heut, wie lohn' ich geziemend die Thaten
+ Ewigen Ruhms? Erst rächtest du mich an Rudolphs Erzeugtem;
+ D'rauf hast du mich entrissen der Wuth umdrängender Gegner.
+ Sieh', am kommenden Tag sollst du durch würdigen Lobspruch
+ Hochverherrlichet steh'n vor meiner versammelten Heersmacht;
+ Auch den Feldherrn dort, als Führer des böhmischen Fußvolks,
+ Beigesellt, ein Zeuge der Huld und des Glückes erscheinen!«
+
+ Jener entgegnete schnell, von dem Höllenzauber getrieben:
+ »Herr! du nanntest mich Sohn zuvor, und ein liebender Vater
+ Willst du mir seyn? Wohlan! Ich rühme mich edlen Geschlechtes,
+ Ja, des edelsten, das in dem Vaterlande genannt ist:
+ Reich an Schätzen und Land, gleich Fürstensöhnen geachtet!
+ Vater, mein höchstes, mein einziges Glück harrt deiner Entscheidung!
+ Gib mir Hedwigs Hand, des angebetheten Fräuleins:
+ Dann wird überschwenglicher Lohn mir zu Theil, und ein Eidam
+ Steht dir dankbar bereit -- für dich zu sterben, entschlossen,
+ Tapferen Muth's im Feld', ein mächtiger Schirmer des Thrones,
+ Den du zierest, und Wenzeslav, dem Erzeugten, vererbest.
+ Hörst du mich nicht: dann fort an die fernsten Gränzen des Weltmeers;
+ Dann aus dem Leben fort, dann wähle dir treuere Diener!«
+ »Tod und Hölle!« so rief entrüstet der König, »wie ward mir
+ Heut das Geschick, Wahnsinnigen hier zum Spotte zu dienen?
+ O Verblendeter! Wie? so täuschest du frech und verwegen,
+ Meine Hoffnungen all', auf dich gegründet, und trotzest
+ Auf die erworbene Herrscherhuld? Du erkühnst dich um Ottgars
+ Tochter zu frei'n -- um Hedwig, nach welcher sich Könige sehnten?
+ Schwind' aus dem Glanz der Sonn', aufdämmernder Stern, und durchlaufe
+ Fern mit jenen die dunkele Bahn, die selber dir gleichen!
+ Ehren sollte des Königs Ruf dich am kommenden Morgen?
+ Sieh', ich schlage dich jetzt --
+ doch, wiss' es, Bube, zur Schmach nur:
+ Daß du gedenkest hinfort, wie frech du ihn eben gehöhnt hast!«
+ Rief's, von der Hüfte sich reißend das Schwert.
+ Er schlug mit der Kling' ihn,
+ Wüthend, über den Helm, und jagte hinüber zur Heersmacht,
+ Der er genaht, in des Morgenroths erglühendem Lichtstrahl.
+ Wallstein zog bei dem Schlag schon halb aus der Scheide das Eisen,
+ Hielt's so, fest umspannt, hinbrütend, die Augen zum Boden
+ Heftend, erblaßt, und starrete noch mit entsetzlichen Blicken
+ Lang' um sich her; dann stieß er das Eisen zurück, und verlor sich
+ Von dem Pfad seitab, in des Hains umschattendem Dunkel.
+
+
+
+
+ Sechster Gesang.
+
+
+ Sieh', im rosigen Duft versank die glühende Sonne
+ Hinter dem fernen Gebirg; die Nacht umschleierte ringsum
+ Schon die Gefild', als jetzo von Neuburg her an der Donau,
+ Czernin kühn vordrang mit tausend tapferen Böhmen,
+ Die er, unferne dem Bisamberg, in räumigen Fähren
+ Uebergesetzt, nach Waldrams Wink, des frechen Empörers.
+ Dort in verengender Schlucht, die am Fuße des Kahlen- und Leupold-
+ Berges ein Dörfchen birgt in gebüschumhüllender Bergschlucht,
+ Lagen die Böhmen im schlauen Versteck, sich Reiter von Oestreich
+ Rühmend, und hielten das Volk in den Hütten fest, nach des Krieges
+ Eisernem Brauch, daß kein Verräther dem Feinde zum Dienst sey.
+ Doch als jetzo der Mitternacht ersehneter Zeitraum
+ Nah' war, brachen sie auf, und schlichen am Ufer der Donau
+ Leise hinab, den Füchsen gleich, die so den Gehöften
+ Nah'n, aus den Ställen umher, raschwürgend, die Beute zu holen.
+ Als sie Nußdorf links, durch freundliche Traubengeländer
+ Wandernd, und d'rauf rechts Heiligenstadt, und Döbling erblickten,
+ Lenkten sie wieder behend zu dem lautaufrauschenden Strom ein,
+ Bis sie erreichten den Weidenhain unferne der Steinwehr,
+ Welche das Neuthor schirmt, und harrten, im Dickicht verborgen,
+ Dort des verheißenen Winks, durch List zu erringen die Festung.
+
+ Doch nun klirrten des Thors gewaltige Riegel, und Czernin
+ Wähnte: verrathen sey dem Feinde sein kühnes Beginnen.
+ Weniges sprach er nur: der Schweigende hieß er den Kriegern;
+ Aber das Wenige sprach er mit Kraft; so rief er auch jetzo:
+ »Männer, fasset das Schwert! Wir wollen dem Feinde das Leben
+ Theuer verkaufen im Handgemeng': ein schrecklicher Kampf sey's!«
+ Siehe, da ritt aus dem Thor, das aufflog, brausend ein Ritter
+ Näher, und jagte dem Haine vorbei. Ihm folgte der Knappe.
+ Hartmann, Wiens erlesener Hort, verließ mit dem Treuen
+ Eben die Mauern der Burg: er war's, der näher gesprengt kam.
+ Alsbald wäre der Feind ihm hier in den Rücken gefallen:
+ Ihn, der Rettung bedacht, zu erlegen zugleich mit dem Knappen;
+ Aber es schwang sich Marbod jetzt aus dem finsteren Luftraum,
+ Hastig an Czernins Seit', und hemmt' ihn mit täuschenden Worten:
+ »Czernin, halte die Krieger zurück, nicht siehst du den Feind hier,
+ Sondern die Freund', entsandt durch Rüdiger, daß sie im Rundgang
+ Zieh'n an der Vest' umher, und erforschen: ob nicht die Gegner
+ Euerer Macht, auflauernden Blicks, entgegen sich stellen?
+ Bald ist die Runde vollbracht, euch öffnet sich leise das Neuthor.«
+ Sagt' es, voll Hast; dann flog er dem Jünglinge nach, und begann so:
+ »Hartmann, kehre zurück! In dem Hinterhalte verborgen,
+ Lauert dir, mit Verräthern im Bund, der listige Feind auf.
+ Kehre durchs Schottenthor in die Burg, und beschirme die Festung,
+ Dir von dem Herrscher vertraut mit wichtigem Worte: gehorch' ihm!«
+ Aber der Eilende sprach: »Mich däucht, ein Höllengeflister
+ Hält von der Wallerfahrt mich zurück? Ich gehe, zu bethen
+ Auf dem Kahlenberg für die schwachaufathmende Mutter:
+ Ob nicht Gott sich erbarmt; mein Fleh'n die heilige Jungfrau --
+ Mutter auch sie! voll Huld, dem liebenden Sohn' an das Herz legt,
+ Und das erfüllte Gelübd' erringt der Mutter Genesung?«
+ Als er es rief, da gab er dem Pferde die Spornen, und brausend
+ Trug es ihn fort im Galopp' auf die Höh'n des umnachteten Berges.
+ Dort, zu dem Kloster gelangt, vertraut' er dem Knappen den Renner;
+ Zog an dem ehernen Pfortenring, und klingelte. Dreimal
+ Scholl in der einsamen Nacht, entlang den finsteren Kreuzgang
+ Hin, der Glocke Getön. Bald klirrte der eiserne Riegel,
+ Von dem Pförtner getrieben, im Schloß', und in schweigender Ehrfurcht
+ Ließ er den Ritter, der »Gelobt sey Jesus!« ihm rief, ein.
+ »Ewig!« gab er zurück', und verschloß die Thüre mit Sorgfalt:
+ Denn nicht war er ihm fremd; er kannte des Kaisers Erzeugten.
+ Aber er schritt entlang die weitgesonderten Zellen,
+ Die ein freundliches Gärtchen schied, die Reihe hinunter,
+ Bis zu dem Fenster des Bruders Ernst, und klopfte, nur halblaut
+ Rufend: »Vater, komm! Schon floh die zwölfte der Stunden,
+ Komm, und lese die Messe sogleich in der heiligen Halle,
+ Wo vor dem Kreuz-Bild schon unzählige Kranke genasen.
+ O, daß dein frommes Gebeth uns erflehte die liebende Mutter!«
+ »Jüngling!« so rief der Erwachende jetzt, »was treibest du rastlos
+ Durch die dunkele Nacht? Der Himmel erhöret das Flehen
+ Sterblicher mild bei Tag und Nacht, wenn solches der Seelen
+ Heil' entspricht: stell's heim, wie es kömmt, der ewigen Vorsicht.«
+ Sagt' es, erhob sich, und trat aus der nächtlichen Kammer.
+ Er schlief dort
+ Immer im härnen Gewand': um das Grab sein Lager zu tauschen
+ Jeglichen Augenblick, mit gottergebenem Herzen.
+
+ Schauer durchfuhr den Geist, der schnell dem Ritter gefolgt war,
+ Als er des Bruders bleiches Gesicht, und das Auge, voll Demuth
+ Stets zur Erde geheftet, ersah; die himmlische Weisheit
+ Klar an der Stirn' ihm las, und, vereint abtödtendem Bußsinn
+ Seelenfrieden und Ruh' in seinen erhelleten Zügen
+ Wahrnahm. Dennoch wagt' er es nicht, ihm zu folgen in Gottes
+ Heiligthum; nur entfernt und schüchtern sah er hinüber,
+ Als er dort vor dem Bild des Gekreuzigten, würdigbekleidet,
+ Stand in dem hellen Schein sechs strahlender Kerzen: sie ragten
+ Aus den silbernen Leuchtern, geteilt, vom Marmor-Altar auf;
+ Sah, wie ihm diente der Ritter selbst, auf die Kniee gesunken:
+ Jetzt ihm brachte das Buch, und er bethete; jetzo, die Gaben
+ Opfernd, Brot und Wein darreicht'; er Worte des Segens
+ Ueber sie sprach, dann auf zur Anbethung hob, und, in Demuth
+ Klopfend die Brust vorher, genoß: ein hehres Geheimniß
+ Feiernd. Er staunte noch mehr: wie dort der muthige Jüngling
+ Ganz in heiliger Gluth und in herzdurchschauernder Andacht
+ Aufgelös't, mit gesenktem Haupt und gefalteten Händen
+ Bethete; auch den thränenden Blick von der Erde nicht aufhob,
+ Bis das Opfer vollbracht, und gestillt das sehnende Herz war.
+ Graunvoll stand ihm Odins[1] Altar vor den Augen, und Sclaven
+ Blutend darauf, die, im Kampf gefangen, als Opfer ihm büßten.
+ Ach, er preßte sie fest in die Fläche der Hände, nicht wagend,
+ Sie jetzt himmelempor zu dem furchtbarn Richter zu heben!
+ Doch schon führte der Mönch den Ritter zur Pforte hinüber,
+ Schüttelt' ihm traulich die Hand, und sagte beklommen zum Abschied:
+ »Gottes Friede mit dir! Vollbracht ist die heilige Handlung,
+ Wie du gewünscht. In dem Wink des Ewigen liegt die Genesung,
+ Liegt das Leben, der Tod, und seine Gerichte sind dunkel.
+ Laß nur walten die Huld: die hier Getrennten vereint sie
+ Jenseits wieder im Glück', im ewigen, wahren, und einen!«
+
+ Als er sich wandte, zu geh'n, da ergriff ihm Hartmann die Hand noch,
+ Drückte sie glühend an's Herz, und rief mit thauenden Wimpern:
+ »Ernst, nicht lebt dir der Vater mehr, nicht die Mutter:
+ zur Kriegszeit
+ Haben die grausamen Feind', unmenschlich vor Wuth, in der Kammer
+ Beid' erwürgt vor dir, dem scheuverkrochenen Knaben!
+ Nimmer wurdest du froh seitdem, und wohnst in des Klosters
+ Einsamer Zell'. Ach, komm, und sey mir ein Stab auf des Lebens
+ Dunkelem Pfad, mein Lehrer und Freund, und mit dankbarem Herzen
+ Will ich die Freundesliebe dir treu durch Liebe vergelten!«
+ Ernst fuhr, schaudernd, zusammen, und rief:
+ »Der Freundschaft erwähnst du?
+ Ja, mir ward ein Freund von treuem und redlichem Herzen;
+ Aber er wanderte fort, weit über das Meer, und nach Jahren
+ Schmerzlicher Trennung -- sieh', drei Schritte von hier, an der Mauer
+ Dort, erkannt' ich den Kehrenden schon: da zuckte der Blitzstrahl
+ Her aus dem Wettergewölk', und todt, und erstarrt in den Armen
+ Hielt ich ihn! Ach, nicht färbten sich mehr, und färben sich nimmer
+ Meine Wangen, vom Schrecken erbleicht, und entsetzlichem Jammer!
+ Laß mich im Frieden dahier. Geschürzt zur endlichen Wand'rung
+ Hab' ich mein Kleid, und ich halte den Stab bereit in der Rechten,
+ Wann, und wie es dem Himmel gefällt: du thue deßgleichen
+ Hartmann, eile hinab in die Burg: ich höre der Glocken
+ Stürmenden Ruf im Geschrei und Getös' lauttobender Menschen!«
+ Jener horchte, bestürzt; dann warf er sich schnell in den Sattel;
+ Spornte sein Roß, und flog, lautathmend, den Wällen entgegen.
+
+ Dort gebar einstweilen die Nacht entsetzliche Thaten.
+ Rüdigers horchendem Ohr' entging das warnende Wort nicht,
+ Das erst Hugo zuvor dem Kaiser vertraute. Die Sohlen
+ Fremder Männer gewahrete bald sein spähender Scharfblick
+ Unten im Felsengang, wo er häuft' in Menge die Waffen,
+ Und er sandte den Bothen sogleich an den König von Böhmen,
+ Daß er ihm eine die Macht. Den Schirmern der Veste zur Täuschung,
+ Wandt' er den Blick von dem Stubenthor nach dem stilleren Neuthor,
+ Wo nur selten erscholl der Fußtritt wandelnder Menschen,
+ Nie des rollenden Wagens Getös': nur jenen zum Frommen
+ Früher erbaut. Dort sah er das Werk der frechen Empörung
+ Schon gelungen, und harrete nur der verheißenen Hülfsschar.
+
+ Jetzt erscholl die Glock' aus den Fenstern des ragenden Kirchthurms,
+ Zwölfmal dumpferdrönend dem Schlag des gewichtigen Hammers,
+ Und ummurrend lang' in dem leis'entschlummerten Luftraum.
+ Alsbald regten im Weidenhain sich die Krieger aus Böhmen --
+ Traten, in Eisen gehüllt, und mit schneidenden Lanzen bewaffnet,
+ Aus den Häusern hervor die Verschworenen (siebenmal hundert
+ An der Zahl) und entlang den Tiefengraben zum Neuthor
+ Standen die frechen geschart, des Wink's von Rüdiger Waldram
+ Harrend. Er zögerte nicht, und kam, und sprach zu dem Amtner:
+ »Günther, muthig an's Werk! Mit Hundert deiner Erwählten
+ Hin zu der Burg: dort stoßt mit würgender Rechte die Wachen
+ Nieder, und wahret das Thor an der Kaiserstiege mit Sorgfalt!
+ Hundert send' ich sogleich in die Runde mit tapferen Führern,
+ Die auf den Wällen erwürgen die Huth. Ist solches geschehen,
+ Dann ertöne Geschrei; dann reißt an den Strängen; der Glocken
+ Sturmruf schalle; das Schlangenhaar aufsträubend, die Augen
+ Drehend vor blutiger Gier, und schwingend die flammende Fackel,
+ Tobe der Aufruhr fort in den Straßen, und brülle die Menschen
+ Wach aus dem Schlaf' zum Kampf g'en Rudolphs bebende Söldner!
+ Ottgars harren wir dann: bald kömmt er, und wird ihn zermalmen;
+ Doch, so er siegt'? -- ein Unterpfand ist unser: die Mutter,
+ Und die Töchter zugleich: denn Hartmann eilte von hinnen,
+ Das euch sichere Bürgschaft sey ersehnter Verzeihung.
+ Nur mir werde sie nicht. Ha, lieber zum eisigen Nordpol
+ Will ich, ein Bettler zieh'n, als Rudolphs Zepter gehorchen!
+ Kommt; viel lieber den Tod, als solch' unwürdiges Leben!«
+ Rief's, empört, und alsbald eileten jene dem Amtner
+ Nach. So wäre die Huth auf den ragenden Mauern erlegen;
+ Doch auf dem Rasenwall an der Burg, wo im Süden des Schneebergs
+ Heitere Stirn' der Wandelnde stets mit Freuden gewahret:
+ Da er ihm so viel sonn'erhellete Tage vorhersagt,
+ Ging, gemessenen Schritts, Bertrand, der tapfere Schweizer,
+ Hüthend umher. Als jetzt zum zwölften Mal von dem Kirchthurm
+ Dumpf die Glock' ausklang, von dem eisernen Hammer geschlagen,
+ Sieh', da stand er erstarrt! Ein Schrei -- doch schrecklich zu hören,
+ Scholl ihm vom Mund; sein Haar aufsträubte sich; laut, wie im Fieber,
+ Klapperten ihm die Zähn'. Er sah zwölf Schattengestalten:
+ Häßliche Weiber der Stimm', und wankende Greise dem Gang' nach,
+ Kommen, in Leichentücher gehüllt, todbleich und den Nacken
+ Altersschwer gebeugt: die _Klag'_ genannt von dem Volk dort,
+ Welche, vereint (sechs hie, und drüben so viel') auf der Schulter
+ Trugen die Bahre heran, und stöhneten. Aber sie zogen,
+ Sein nicht achtend, vorbei; dann fort, an der Mauer der Hofburg
+ Steilrecht schwebend empor -- fort über das Dach, und verschwanden
+ Fern in der finsteren Luft mit kläglichem, leisem Gewimmer.
+ Weiber, so sagt sich das Volk mit schaudernder Angst in die Ohren,
+ Die auf der irdischen Bahn sich unnennbarem Frevel ergaben,
+ Gingen im mitternächtlichen Zug einher auf dem Erdkreis;
+ Klagten, und ächzten, und trügen die Bahr' an der Kammer vorüber,
+ Wo, zumal bei den Fürsten des Volks -- bei den Mächtigen, Hohen,
+ Bald anklopfet der Tod: sie sterben, und Weinen erschallet.
+
+ Jetzt vernahmen den Schrei die Gefährten des Kriegers. Sie blößten
+ Hurtig das Schwert; erkletterten schnell die ragende Mauer;
+ Schrie'n von fern: »Wer da?« und fragten zugleich um die Losung.
+ Zwar nicht kam aus dem Mund des Kriegers das heimliche Wort jetzt:
+ Denn noch stand er verstört, und zitterte; aber sein Hauptmann
+ Sah die nahende Schar bewaffneter Bürger: ihm ahnte
+ Schnöder Verrath. Alsbald erhob er die mächtige Stimme;
+ Schrie an die Nachbarhuth, und diese der nächsten, und nächsten
+ So, daß der Lärmruf rings umtönte die Veste: den Kriegern
+ Nun zum Glück' erregt von dem angstergriffenen Mann dort.
+
+ Als der Ueberfall dem Hort der empöreten Bürger,
+ Günther, mißlang: da mahnt' er sogleich die Seinen zur Rückkehr,
+ Sich mit Rüdiger Waldrams Macht zu vereinen am Neuthor.
+ Schon begann er den Kampf. In des weitgewölbeten Thorwegs
+ Mauern sah er die Stub' erhellt, und die Krieger entschlummert.
+ Nur die Wach' allein ging inner dem Thore den gleichen,
+ Ernstgemessenen Schritt herauf und hinab. An die Schulter
+ Hatt' er die Lanze gelehnt, und summte zuweilen ein Liedchen.
+ Schnell, wie der Blitz, flog Rüdiger vor, und setzte dem Krieger,
+ Dräuend, das Schwert auf die Brust, so er schrie,
+ ihn zu tödten, entschlossen.
+ Ach, an dem Zürcher-See ließ Wolf in der reinlichen Hütte
+ Gattinn und Söhnchen zurück: denn kaum entschwand ihm ein Jahr erst
+ Glücklicher Ehe, als ihn zu den Waffen der tapfere Herzog,
+ Albrecht, rief! Er sann, des Kind's und der Gattinn gedenkend,
+ Einen Augenblick; dann dacht' er der Pflicht und der Rettung
+ Seiner Gefährten: er schrie -- der edelmüthige Krieger
+ Schrie, und sank, von Rüdigers Schwert durchbohrt, auf den Sand hin.
+
+ Wildes Getümmel erscholl. Hervor aus der dämmernden Wachtstub'
+ Stürmten Wolfs Gefährten, voll Hast, und Rüdiger Waldram
+ Hob das blutige Schwert mit gellendem Ruf in die Luft auf.
+ Alsbald trafen sich, im Gemeng, die empöreten Bürger
+ Und die Krieger zugleich. Wie Nachts von der eichenen Tenne
+ Lautes Gepolter erschallt, wenn emsige Löhner des Weizens
+ Goldene Frucht entdreschen dem Halm: so tönte der Waffen
+ Hämmernder Schlag von dem Schild' und dem Helm der kämpfenden Männer.
+ Nur Gestöhne der Wuth erscholl in den Hallen, und Blut floß
+ Rings in Strömen umher. Die Krieger des Kampfes geübter,
+ Würgten die größere Zahl; doch so, wie die Stier' auf dem Schauplatz
+ Von unzähligen Rüden umstürmt, mit furchtbaren Hörnern
+ Manchen der Feinde, durchbohrt, hinstrecken, und wüthend sich wehren,
+ Bis sie zuletzt erliegen der stets ergrimmteren Mehrzahl:
+ Also, nach tapferer Gegenwehr, erlag an dem Neuthor,
+ Ueberwältigt, die Huth von fünfzig tapferen Kriegern.
+ Ha, da flogen sogleich des Thors gewaltige Flügel,
+ Heulend, auf eisernen Angeln entzwei! Mit traulichem Handschlag,
+ Grüßte die böhmische Schar, die draußen, mit steigender Kampfgier,
+ Harrete, hier das verbündete Volk, und stürzte, dem Mühlbach
+ Gleich, der schäumender Hast, durch weiteröffnete Schleußen
+ Wild herrauscht, in die Stadt, und Rüdiger jauchzete laut auf:
+ »Eilt zum Kampf, Gefährten des Siegs! Schon seh' ich erfüllet,
+ Was wir sehnlich gehofft: den Sturz des verhaßten Geschlechtes.
+ Unser die Stadt, das Volk empört. Auf, laßt uns die Söldner
+ All' erwürgen im Schlaf, die jetzt auch des Führers beraubt sind --
+ Hartmanns: denn er floh, feig bebend, zuvor aus der Festung!
+ Schließet die Flügel sogleich des festeinfugenden Thores,
+ Und erweckt die Bewohner der Stadt zum Kampf der Errettung.«
+
+ Czernin jubelte nicht. »Fürwahr,« so sprach er bedeutsam,
+ »Viel ist gescheh'n, und mehr, als die Hoffnung verhieß zum Beginne:
+ Nahe der Kaiserburg erblitzen die böhmischen Waffen;
+ Aber ich scheue des Glücks und des leicht zu bethörenden Volkes
+ Wankelmuth! Gar mächtig bewegt des herrschenden Stammes
+ Fromme Liebe die Brust: der Zauber, welchem die Herzen
+ Huldigen, kalt vom Erob'rer gekehrt -- nicht selten auf immer.
+ Zwar verheißt uns die Schreckensnacht in dem Kampfe den Vortheil;
+ Doch uns bleibe dieß Thor. Des Rückzugs denke der Feldherr
+ Auch in dem Sieg, sonst gleitet sein Fuß auf schlüpfrigem Pfad' aus.«
+ Sagt' es, und ließ an dem Thor zweihundert tapfere Krieger,
+ Sorgend, zurück: Bolest, dem Amtner, die Kühnen vertrauend,
+ Der, in dem Felde bewährt, mit festausdauerndem Kampfmuth
+ Schirmer ihm sey, und dereinst, so es also des Krieges Geschick will,
+ Seinem Volk' es eröffne zur heißersehneten Rettung.
+ D'rauf vordrang er zugleich mit Rüdigers jauchzenden Scharen:
+ Denn schon hob aus der Stadt unendlicher Lärm und Getümmel
+ Sich in die Luft. Von den Thürmen umher ertönten die Glocken
+ Stürmenden Rufs; unzählige Feuer, mit hastigen Händen,
+ Rings auf den Zinnen entflammt, erleuchteten schrecklich die Umwelt,
+ Und Gebrülle der Wuth, unsinniger, frecher Empörung,
+ Scholl die drönenden Straßen hinab. Da fuhren die Mütter
+ Auf aus dem ruhigen Schlaf', und stürzten herbei an das Fenster,
+ Weinten, und rangen die Händ', umschart von heulenden Kindern.
+ Zitternd stand der Greis an der Thür: sein silbernes Haupthaar
+ Schlug ihm der Wind um die Stirn' und die toderblasseten Wangen --
+ Sah den eilenden Sohn, und schrie, daß er kehre, vergeblich.
+ Aber es mehrte die Schar der Verblendeten weniges Volk nur,
+ Das, unstät und heimathlos, in die Veste gekommen
+ Ehedem: treu verharrt' in der Pflicht die bessere Mehrzahl.
+
+ Doch schon trafen, voll Wuth, die Empörer und ihre Genossen
+ Auf das muthige Schweizervolk, das kühn im Verein stand.
+ »Hartmann!« scholl's in der Burg, und »Hartmann!« rings in den Straßen
+ Aengstlich und laut -- umsonst: er weilte noch fern auf den Berghöh'n.
+ Da gedachten der Gegenwehr die Obersten: Arnold,
+ Flüe, und Hohenried, und stellten die Scharen im Halbmond,
+ Der sein Horn hier rechts, dort links in die Straßen hinausschob,
+ Gegen den wildempöreten Feind, vor der ragenden Burg auf:
+ Also vor ihr in dem Kampf, pflichttreu, zu sterben entschlossen.
+ Rüdiger stürmt' auf Hohenried, der vorne die Scharen
+ Ordnete, los, und schrie: »Dich, Rudolphs treuen Gesellen,
+ Will ich allen zuvor, als heulenden Bothen, zur Hölle
+ Senden: verkünd' es nur dort, daß sie folgen,
+ und keiner entrinnt mehr!«
+ Rief's, vorschreitend, und jener begann: »Gewaltiger Prahler,
+ Wärst du so tapfer, als frech mit der tönenden Zunge: mir würde,
+ Trau'n, erbangen die Brust; doch komm, und büße den Frevel,
+ Den du verübst g'en Treu', und Pflicht, und den heiligen Eidschwur!«
+ So wortwechselten sie in dem Augenblick der Entscheidung.
+ Allen zuvor kam Hohenried, den blinkenden Degen
+ Schwingend, und drang grad' aus auf Rüdigers pochende Brust ein.
+ Aber er hielt ihm entgegen den Leun, von Silber gestaltet,
+ (Ottgars Löwen zum Ruhm') auf dem Schild von mächtiger Wölbung:
+ Dieser wehrte dem Stoß', und der sprödere Stahl, auf des Leu'n Haupt
+ Treffend, brach, wie unbeugsames Glas, mit kreischendem Mißlaut
+ Mitten entzwei. Da stieß, in des Gegners erschütterndem Unfall
+ Kühner geworden, ihm Waldram schnell die Spitze des Degens
+ Durch die erhobene Hand, daß ihr auch das umklammerte Heft noch,
+ Blutumhüllt, entsank -- er wehrlos stand vor dem Gegner.
+ Sieh', er hätt' ihn durchbohrt: doch rissen hurtige Krieger
+ Ihn aus umdrängender Todesnoth, und führten ihn sorglich
+ Hinter die Reih'n, wo ihm Hülf' und erquickende Pflege zu Theil ward.
+
+ Waldram schrie: »Getreue, nun vor! Des Führers beraubet,
+ Wanken die Feinde. Hinauf in die Burg, wo, sehnend, die Gattinn
+ Rudolphs harrt mit den Töchtern des Siegs und der fröhlichen Heimkehr
+ Ihres Gemahls. Vergeblich harre sie. Eilt, und geleitet
+ Sie in das Kloster Sanct Dorothe'; doch führet sie sanft hin:
+ Denn sie that uns kein Leid, und nah't, abzehrend, dem Grab schon.
+ Nur dem Herrscher allein, der seither Kaiser sich nannte,
+ Zeiget euch unversöhnlich, und schont ihn selbst in dem Tod nicht!«
+ Also rasete Waldram hier. Die frechen Empörer
+ Griffen wüthender an, und drängten die mittlere Kriegsschar,
+ Ihres Gebiethers beraubt, stets weiter zurück in den Burghof.
+ Czernin spornte sein Roß nun links, nun rechts, und entflammte
+ Laut mit Geschrei sein Volk, in die Feinde zu stürmen. Es kämpften
+ Flüe dahier, und Arnold dort, voll eisernen Muthes,
+ Gegen ihn an, und zu schwach, der Menge die Spitze zu biethen,
+ Zog sich Flüe, im schräggedehneten Zuge, vom rechten
+ Eilig zum linken Horn, um, vereint dem kühnen Gefährten,
+ Arnold, dort zu steh'n, und zu fallen im rühmlichen Kampf nur.
+ Dichtgedrängt in Reih'n, vorhielten die Schweizer die Lanzen
+ Hier dem stürmenden, reisigen Volk; die verwundeten Rosse
+ Wütheten -- d'rauf noch mehr mit dem würgenden Eisen die Reiter
+ So, daß das Blut aufwogt', und die starrenden Leichen bewegte:
+ Dennoch wichen nicht hier, nicht dort die erbitterten Gegner.
+
+ Doch von dem Kahlenberg, voreilend dem fürstlichen Jüngling,
+ Nahete Marbod erst, und sah mit Schrecken des Kaisers
+ Schirmende Burg von der Macht des argen Verräthers gefährdet.
+ Nicht besann er sich lang', und eilte hinaus nach dem Tabor,
+ Wo der Kaiser im Zelt sanft schlummerte, mitten im Lager
+ Seines erlesenen Heers. Dort fand er auch nahe das Schlafzelt
+ Hugo's, den er erst gestern warnt'. Ihn dacht' er zu wecken,
+ Senkte den Flug rasch hin, und begann im Geistergelispel:
+ »Auf, erhebe dich, Greis! Bald schaust du die Flamme des Aufruhrs
+ Leuchten heran von den Thürmen der Stadt, und hörest von dorther
+ Stürmenden Glocken-Klang und Gebrüll empörter Gesellen.
+ Wie, so schnell vergaßest du nun des warnenden Traumes:
+ Lachtest wohl fein? Auf, säume nicht hier zu erwecken den Herrscher!«
+ Eben rief auch die Vorhuth schon an dem Rande des Lagers
+ All' das entschlummerte Volk stets lärmender auf zu den Waffen.
+ Aber der Greis erhob sich, voll Hast, und sah in der Wahrheit
+ Jenes erfüllt, was ach, nur ein Traum noch gestern ihn dünkte!
+ Eilig trat er sofort zu dem Herrscher, und sagte beklommen:
+ »Herr! unglaublich erschien dir vielleicht des träumenden Greises
+ Warnung? Tritt vor das Zelt, und vernimm mit Staunen des Aufruhrs
+ Wuthgeschrei in der Stadt, empört durch Rüdiger Waldram.
+ Willst du's, Herr, so eil' ich mit reisigem Volk vor das Burgthor,
+ Einlaß heischend, und dämpfe die Gluth, eh' ihr Flammen entfahren!«
+ »Nein, ich fürchte sie nicht,« so entgegnete jener, »den Auswurf
+ Meines Volks empörte der Rasende nur, und die Bessern
+ Hängen noch redlich an mir. Und wie, ist mein tapferer Sohn nicht
+ Wiens Besatzung ein schirmender Hort? Sind Mutter und Schwestern
+ Ihm nicht ein heiliges Pfand, und es wagten die frechen Empörer,
+ Ungestraft, mit frevelnder Hand an die Theuern zu tasten?
+ Hundert Reiter allein genügen mir, sie zu vernichten.
+ Komm, wir zertreten die Gluth gar leicht im niedrigen Staub noch:
+ Denn ich bau' auf die Hülfe des Herrn und die Liebe des Volkes.«
+ Heiter schwang er sich jetzt auf das Roß, und flog mit dem Helden
+ Hugo, im sicher'n Geleit erlesener Reiter zur Stadt hin;
+ Dann an dem Walle herum, bis er endlich des finsteren Burgthors
+ Graben ersah. Dort hemmt' er das Roß, und winkt': ein Drometer
+ Stieß in das schmetternde Rohr, und sieh', bald riefen die Krieger,
+ Kletternd herauf an dem Wall': »Ist's Hartmann, unser Gebiether?
+ Kommt er, ein Retter, heran in der Stund' entsetzlicher Nothwehr?
+ Laßt uns vernehmen des Freundes Ruf, und wir senken das Fallthor!«
+ »Gott, und das Vaterland!« so gab mit gewaltiger Stimme
+ Hugo zurück, »ist Freundesruf in dem Lager von Oestreich:
+ Aber nicht Hartmann -- nein, den Kaiser gewahrt ihr als Retter!«
+
+ Laut erhob sich ihr Jubelgeschrei; doch näher und nähere
+ Scholl von der Roß-Au her, wo sonst die Rosse der Krieger
+ Weideten, schon das Getrab und das Klirren des Waffengeschmeides
+ Auf in der Nacht. Ach, Hartmann war's! Ihn erkannte der Vater --
+ Ihn, den Vater, der Sohn. Verwirrung, Angst und Entsetzen
+ Faßten wechselnd ihn an; nur leis' und furchtsam begann er:
+ »Vater, ich ging, auf dem heiligen Berg für die Mutter zu bethen,
+ Wie ich es jüngst verhieß der Flehenden: denn nicht entfernt mehr
+ Scheint ihr des Lebens Ziel; doch ach, entsetzlichen Frevel
+ Seh' ich indessen verübt von den Meuterern hier, in dem Zeitraum
+ Einer entflohenen Stund'! Ich räch' ihn, und sollt' ich auch fallen.«
+ Aber der Vater schwieg. Erschütternd zu schau'n, wie er vor sich
+ Hinsah, schweigend und ernst. Da flog der unglückliche Jüngling
+ Ueber das Thor, das erst mit Getös', auf den Graben gesenkt, fiel,
+ Durch die finsterumwölbende Halle hinaus auf des Burghofs
+ Räumigen Platz. Er sah, wie auf Leichen erschlagener Brüder,
+ Rüdiger Waldrams siegender Macht, ein tapferes Häuflein
+ Muthig entgegenrang, der jetzt, Entsetzliches sinnend,
+ Ueber die Stufen hinauf in die Kammer zu dringen gedachte,
+ Wo die Fürstinn sich fand mit den lieblichen Töchtern: entschlossen,
+ Sie mit frevelnder Hand in des Klosters Gewahrsam zu bringen:
+ Denn er wähnt' errungen die Burg, und dem böhmischen Löwen
+ Unterthan die Stadt mit Oestreichs herrlichen Fluren.
+
+ »Halt, Verruchter!« so rief, aus dem Sattel gestiegen, ihm Hartmann
+ Donnernd zu. Er entblößte das Schwert, und kam wie ein Rohrwolf,
+ Der in des Winters Frost, vom Hunger getrieben, voll Blutgier,
+ Ein in die nächtlichen Hürden stürmt, und die blöckenden Lämmer
+ Würgt mit zerfleischendem Zahn: so kam er in Eile gesprungen.
+ Flammen sprühte sein Aug', und aus seiner erhobenen Rechten
+ Zuckte der Blitz gen Waldram hin; doch als er ihm nahte,
+ Wandte sich dieser, und rief: »Ha, du, Verhaßter vor Allen;
+ Jetzo nur muthig heran: euch all' entsend' ich zur Hölle!«
+ Flog, so rufend, ergrimmt, dem Feind' entgegen, und strebte,
+ Stöhnend vor Hast, das Schwert in die tapfere Brust ihm zu stoßen;
+ Aber er schlug, vorschauenden Blicks, den nahenden Mordstahl
+ Seitwärts; führte den Todesstreich; zerschmetterte Waldrams
+ Helmdach tief in die Stirne hinab, und warf ihn entseelt hin.
+ Doch nicht rastet' er noch: er saß blitzschnell in dem Sattel
+ Wieder: erhob das blutige Schwert; ritt glühend vor Mordgier
+ Mitten hinein in die Schar der Empörer, und wüthete links, rechts
+ Dort mit würgender Faust, daß Leichen auf Leichen sich häuften.
+ Ihres Gebiethers beraubt, und entmuthiget, warfen die andern,
+ Schnell die Waffen von sich, und floh'n, im Verborgenen Rettung
+ Suchend, davon. Die Burg ward frei durch den tapferen Jüngling.
+
+ Czernin drängte zuvor die hauptverwaiseten Scharen
+ Arnolds: ihm wichen die Krieger nur Schritt für Schritt
+ in dem Wuthkampf,
+ Bis zu dem Schottenthore hinab. Sie schlossen sich eng' an
+ Dort vor dem Gotteshaus', und wehrten sich: alle für Einen,
+ Einer für alle zu sterben bereit, im rühmlichen Tod nur.
+ Keiner wär' ihm entfloh'n, wenn jetzo nicht, keuchend im Eilflug,
+ Näher der Reisige kam, und schrie: »Erschlagen ist Waldram:
+ Denket der Flucht! Er fiel in dem Kampf mit des Kaisers Erzeugtem;
+ Aber er selber, so jubelt das Volk, hält draußen am Burgthor.«
+ »Freunde,« so rief ihr Hort den Reisigen, »Rüdiger Waldram
+ Hat uns schnöde getäuscht; nicht des Kampfes Gefahren -- der Festung
+ Leichten Besitz verhieß er uns jüngst, da er stolz sich des Antheils
+ Aller Bewohner vermaß! Mit Recht wohl büßt' er den Frevel.
+ Unser, zum Glück, das Thor: nun laßt uns gedenken der Rückkehr!«
+ Rief's, und den Tiefengraben entlang, zu dem stilleren Neuthor
+ Jagt' er das Roß: ihm nach die Reisigen alle. Die Flügel
+ Theilten sich heulend entzwei, und nicht rastet' er, bis er die Fähren
+ Wieder ersah an dem Ufer der weithinrollenden Donau.
+ Doch nicht füllte den Raum der schwankenden jetzo die Last mehr,
+ Wie zuvor: erwürgt in den Straßen der mächtigen Festung
+ Lag die Hälfte des reisigen Volks, das gestern herankam.
+
+ Aber mit Trauer im Blick, obgleich ein Sieger, und Retter
+ In der Gefahr, kam Hartmann jetzt aus dem finsteren Burgthor,
+ Langsam geritten heraus, wo sein der liebende Vater
+ Harrte; trauernd auch er, ob solchem Vergehen des Sohnes.
+ Dieser begann: »Verhallt ist der Sturm unsinnigen Aufruhrs:
+ Waldram büßte die Schuld: von meinem vernichtenden Eisen
+ Liegt er, durchbohrt, an der Treppe der Burg,
+ die er, frevelnden Fußes,
+ Erst zu betreten gewagt; die Verbündeten schützte die Flucht nur.
+ Dennoch steh' ich vor dir, ein Schuldiger. Soll ich auch büßen --
+ Denke des dunkeln Geschicks, das oft auf irdischer Laufbahn
+ Auch die Besseren feindlich ereilt! Nie mög' es dich treffen!«
+ Und er senkte das Haupt. Doch Rudolph sah ihn, bewegt, an,
+ Hob die Rechte empor, und sagte mit rührender Stimme:
+ »Treu erfülltest du dein Wort, als edeler Ritter,
+ Mildgesinnet, und fromm, der sterbenden Mutter gehorsam;
+ Aber dich sollte die Pflicht mit eiserner Macht an die Festung
+ Bannen: ihr solltest du steh'n ein Hort in dräuender Kriegszeit,
+ Und ein wehrsamer Schild in der Noth. Wer darf sich erkühnen,
+ Das, was höher ihm schien, vor jener zu wählen nach Willkühr?
+ Herrndienst rief dich hier zu dem Dienste des Herrn, und du fehltest
+ Gegen das göttliche Wort des welterleuchtenden Lehrers.
+ Dein Vergeh'n, unglücklicher Sohn, soll keinem der Krieger
+ Künftig zum Beispiel seyn, zur Ermunterung, Gleiches zu wagen!
+ So wie ich jüngst, der Veste zum Schirm, das Schwert dir vertraute,
+ Stellst du's wieder zurück', in die Hände des Helden von Tauffers.«
+ Jener reichte das Schwert ihm dar, erblassend, und schweigend.
+
+ Sieh', jetzt kam aus dem Thor' ein Jüngling gelaufen, und rief so:
+ »Herr, voll Angst erschein' ich, ein Both' aus des Jammers Behausung.
+ Deine Gattinn verschied in den Armen der liebenden Töchter
+ Sanft und ruhig um Mitternacht, noch ehe der Hammer
+ Zwölf' ausschlug; o komm, und sey den armen ein Tröster!«
+ Hartmann warf sich vom Roß, und flog -- ihm folgte der Vater,
+ Langsam und wankend vor Schmerz, die Stufen hinauf in die Kammer,
+ Wo die Heilige sanft entschlummerte: schnell zu erwachen
+ Wieder zum ewigen Glück' und nie vergänglicher Wonne.
+ Ihr zu dem Haupt' und den Füßen, die Stirn' in die Hände geheftet,
+ Saßen die Töchter umher: gleich Marmorgestalten am Grabmaal,
+ Die zur herzerschütternden Schau der Künstler gebildet.
+ Hartmann beugte sich über sie hin; er küßte, noch stöhnend,
+ Ihr die erkaltete Hand, und der leis'aufweinende Vater
+ Warf sich im stillen Gebeth' auf die Knie'. Nur Seufzer erschollen;
+ Thränen regten sich nur an den schmerzerstarreten Wangen.
+
+ Aber am Morgen wie dumpf und bang ertönen die Glocken
+ Von den Thürmen der Stadt! Was läuft, und drängt sich das Volk jetzt,
+ Thränenumflossenen Blicks, in die heiligen Hallen des Domes,
+ Den, wie im Dunkel der Nacht, unzählige Kerzen erhellen?
+ Feierlich schallt ein Wehe-Getön' aus der Orgel: Posaunen
+ Heulen, gedämpft, in den Sterbegesang vielstimmigen Chores,
+ Der von dem Tage des Zorns, von dem unerbittlichen Richter,
+ Von dem Gericht und dem Ende der Welt in Feuer und Flammen,
+ Spricht mit erschütterndem Laut. Doch jetzt gewahren die Augen
+ Mitten das Trauergerüst, auf drei, sich verjüngenden Stufen
+ Sinnig erbaut, und umher mit schwarzem Tuche behangen.
+ Ueber den Stufen gesammt ruht dort die sterbliche Hülle
+ Jener Verewigten schon, mit der Stirn' zum Altare gewendet,
+ In dem geräumigen, sammt- und goldbekleideten Bleisarg.
+ Oben ziert ihn die Krone von Gold; die schimmernden Wapen
+ Sind an dem Trauergerüst ringsher auf Säulen geheftet,
+ Und auf silbernen Leuchtern erhöht die flammenden Kerzen.
+ Weihrauch wallt empor in die heiligen Hallen; die Priester
+ Feiern das Seelen-Amt am Altar, und die bethende Volksschar
+ Liegt auf den Knieen, und schluchzt:
+ um die Beste der Fürstinnen trauernd,
+ Die nur zum Segen gelebt, als Mutter der Armen und Waisen.
+ Aber, erschütternd zu schau'n: nicht fern dem heiligen Altar,
+ Knie't, von den Seinen umringt, und im Trauergewand auch der Kaiser:
+ Alle zugleich vor Schmerz erblaßt -- wie gealtert seit gestern!
+ Ach, sie starren zuweilen mit rothgeweineten Augen
+ Nach dem Sarg', und sehnen sich, ihr, der selig Erhöhten,
+ Wieder vereinet zu seyn schon dort auf immer und ewig!
+ Als nun alles erfüllt, und die heilige Handlung vollbracht war,
+ Schwebte der Sarg, vom Gerüst' auf kräftige Schultern gehoben,
+ Langsam hinab in die Fürstengruft. Zu Paaren geordnet,
+ Gingen die Priester ihm vor, und beteten leise den Bußpsalm;
+ Ihm nachfolgten die Ihren mit wankendem Schritt. Und so ward dort
+ Beigesetzt in der Gruft die Leiche der edelsten Fürstinn.[2]
+
+ Aber der Kaiser sprach zu dem ältesten seiner Erzeugten,
+ Albrecht: »Glühender Schmerz nagt tief in dem Herzen des Vaters
+ Und der Erzeugten zugleich, die jetzo der Mutter beraubt sind.
+ Ach, mich zög' es wohl hin, in der einsamen Kammer zu trauern,
+ Jahrlang: denn nicht sehe ich mehr die holde Genossinn
+ Meines Lebens vor mir; nicht hör' ich die Worte des Trostes
+ Aus dem Munde der Gattinn hinfort, wenn Tage des Kummers
+ Nah'n! So lösen sich hier die trautesten Bande des Lebens,
+ Die uns umfingen mit Lieb', und wir steh'n am errungenen Ziel oft,
+ Wie der pilgernde Fremdling, allein. Doch sey es, wie Gott will!
+ Jetzt, wo das Glück der Völker, der Ruhm, und das Beste des Landes,
+ Uns'rer Ehre vereint, von des blutigen Kampfes Entscheidung
+ Abhängt, laß uns das Leid, das eigene, tief in des Herzens
+ Unterstem Grund verschließen, und stark und kräftig einhergeh'n,
+ Wie es dem Manne geziemt, der würdig zu handeln, bestimmt ist.
+ Höre denn, was ich zuvor erwog im Gemüth', und getreulich
+ Dann zu erfüllen beschloß! Jüngst wüstete weit in dem Marchfeld,
+ Wege und Stege gesammt, das entsetzliche Donnergewitter
+ So, daß dem Heereszug Gefahren entgegen sich thürmen
+ Sonder Zahl, die ein Feldherr nie hochmüthig verachte.
+ Ich geleite das Heer gen Heunburg heute noch, morgen
+ Ueberzusetzen, gesinnt, den Strom auf künstlichen Brücken,[3]
+ Die uns, auf Flöß' erbaut, und mit lastenden Ankern gefesselt,
+ Dienen zur Bahn. Schon sah ich am Ufer unzählige Stämme,
+ Wohl behau'n, und gefügt von den werkbeflissenen Löhnern.
+ Eile mir vor im Gefolg fünfhundert erlesener Krieger,
+ Dort zu gebiethen den Bau, mit kundiger Sorgfalt. Ich folge
+ Rasch mit dem Heere dir nach, und steh' an dem kommenden Morgen
+ Drüben am Ufer der March, vereint mit des Königs von Ungern
+ Tapferem Volk, im Rücken des Feind's, und im mächtigen Vortheil.
+ Rühmt er der Menge sich gleich,
+ doch siege die Treu' und das Recht nur.«
+
+ Jener begann alsbald: »Mit Freuden gehorch' ich dir, Vater!
+ Aber, o sieh', da sprengt dein Hartmann, eilenden Fluges,
+ Mit dem getreuen Kurd, der einst in den Jahren der Kindheit
+ Ihn auf den Armen trug, und den blühenden Jüngling das Reitroß
+ Bändigen lehrt' auf der Ritterburg, ein tapferer Degen,
+ Näher; mich dünkt: zu weiterer Fahrt, mit dem Treuen, gerüstet!«
+ Hartmann hemmte den Lauf, und sagte, herüber gewendet:
+ Denn schon stand sein Roß auf dem Sprung, zu den Staunenden also:
+ »Leb' wohl, Vater, und ihr, Geschwister mein, auch ihr alle,
+ Lebet auf lange denn wohl! Gar viele der Wege hienieden
+ Sind's, die Gott die Seinigen führt; doch bringt er uns einst dann
+ Wieder zusammen im Glück von unvergänglicher Dauer!
+ Fort an den vaterländischen Rhein -- hinüber nach Aargau,
+ Führt mich der Weg: denkt mein, des Entfernten, mit Liebe zuweilen!«
+ Rief's; dann gab er dem Pferde den Sporn, und schwand auf dem Heerweg
+ Plötzlich dahin: ihm sah'n die Beiden mit thränendem Blick nach.
+
+
+
+
+ Siebenter Gesang.
+
+
+ Marbod sah aus den Wolkenhöh'n, verglommenen Blickes,
+ Wie der Mond, umflort von herbstlichen Nebeln am Morgen,
+ Lang' auf die dämmernden Fluren herab. Er dachte des Bruders
+ Ernst auf dem Kahlenberg, der kriegrische Thaten verschmähend,
+ Froh in der Einsamkeit verharrete: selbst, da ihm Hartmann
+ Ehre und Vortheil both in des Throns hellschimmerndem Umkreis.
+ Völlig fremd erschien ihm die Erd', und verändert der Menschen
+ Leben und Geist. Nur Feindes-Gewürg im Schlachtengetümmel
+ Sann er sein Lebenlang; nur Kampfmuth heisch't er vom Manne,
+ Und, ergrimmt, so ihm einst das heiß Ersehnte versagt war,
+ Schlug er den Stein mit dem Schwert', und spaltete Bäume des Waldes --
+ Ja, was jetzt ihn zermalm't, unschuldigen Menschen die Scheitel:
+ Denn jetzt hört' er von Liebe des Feinds, versöhnender Sanftmuth,
+ Schonung, und froher Geduld, und des Friedens sanften Gebothen.
+ Feig und entnervt erschien ihm fürwahr dieß Volk, so er seither
+ Nicht mit staunendem Blick sein Heldenleben gewahrte:
+ Seinen Muth in dem Kampf' und im Tod, der Helden zu Theil wird.
+ Doch nun horcht' er, erstaunt: im lauten Getöse der Waffen
+ Kam des Kaisers gewaltige Macht auf dem stäubenden Heerweg
+ Näher. So, wie der Sturm, empört, hersaust, und die Blätter,
+ Tausendfältig bewegt, aufrauschen im finsteren Waldthal:
+ Also klang in sein Ohr des kommenden Heeres Getümmel.
+ Alsbald schwebt' er vom Morgengewölk nach den Zinnen der Heunburg
+ Hin: einst Attila's Burg, der sich, als König der Heunen,
+ Furchtbarn Ruhm gewann, da er Gottes Geißel genannt ward;[1]
+ Doch verödet aufragte die Burg in die Lüfte; der Epheu
+ Kroch an der Mauer umher, und durch weitgehöhlete Fenster
+ Sah der bläuliche Himmel herab in den grasigen Hofraum,
+ Wo vom zerschlag'nen Gesims' ureinst verfallener Bögen
+ Sich der Dornstrauch hob, und im Windesgesäusel sich wiegte.
+ Dort von des Wartthurms schwindliger Höh' ersah er des Kaisers
+ Nahende Macht, und ihn selbst inmitten der tapferen Scharen:
+ Wie auf dem feurigen Roß er schaltete, hin und herüber
+ Eilend, sie in geordneten Reih'n zum Ziele zu leiten.
+ Unabsehlich hinab auf der Straße war reges Gewimmel,
+ Lärm, und Getös'. Im Lichte der hellaufstrahlenden Sonne
+ Lachten die Fluren rings, und sie sog aus den blanken Gewehren,
+ Aus dem Harnisch und Helm, wie der Blitz augblendend, die Funken.
+
+ Jetzt, wo am Fuße des Bergs sich weit hinüber, im Halbkreis
+ Windet der Donaustrom, anlangten des Heeres Geschwader.
+ Zweifach theilt er sich dort, und streckt ein liebliches Eiland,
+ Gegen die breiteinmündende March zum linken Gestad hin.
+ Sieh', und all' die Nacht anschwammen die mächtigen Stämme
+ Wolkengethürmter Fichten, gesandt aus dem südlichen Forstland
+ Oestreichs, das im Gebirg, unendlicher Fülle, sich ausdehnt!
+ Dort, gehorchend dem Wink des hohen Erzeugers, erbaute
+ Albrecht nun die Brücke dem Heer'. Der Stämme je sechzehn
+ Hatt' er zu Flößen vereint, und über des eilenden Stromes
+ Rücken, im kiesigen Grund mit lastenden Ankern gefesselt:
+ D'rauf erhöht das Säulengebälk'; unendliche Stämme
+ Ueber ihn hin gefügt, und sie in die Quere mit Bohlen
+ Dicht bedeckt: dem Mann' und dem Rosse zum sicheren Heerweg,
+ Den an jeglichem Rand' ein leichtes Geländer begränzte.
+ Doch vom Gestade, wohin mit duftenden Matten das Eiland
+ Sich erstreckt, hieß Albrecht dann die Brücke noch schneller
+ Ueber den schmälern Arm erbau'n: denn längliche Fähren
+ Reihten, über der Fluth von gewichtigen Ankern gehalten,
+ Sich hinüber den Strom, und einten die ragenden Ufer:
+ Sicheren Uebergang dem eilenden Heere zu bahnen.
+ »Trefflich hast du, mein Sohn,« so rief ihm der Kaiser entgegen,
+ »Alles und Jedes vollbracht, und bezwungen die Fluthen des Stromes
+ So, daß wir hinziehn auf ihm, und, des furchtbaren Abgrunds
+ Achtlos, freudig zum Ziel, dem ersehneten, fördern die Schritte:
+ Drüben dem stolzvertrauenden Feind' in den Rücken zu stürmen.
+ Dein gedenken mit Ruhm noch kommende Menschengeschlechter.«
+ »Vater,« so sagte darauf der Tapfere, »nimmer geahnet
+ Hättest du wohl: ich sey jetzt eigennützig, und harre
+ Gierig des Lohnes? So ist's: mir wollest du solchen gewähren
+ Bald in der Schlacht: daß ich dort das Zeichen des Sieges vor dir her
+ Tragend, kämpfe zugleich für den edelsten Herrscher und Vater!«
+
+ Rudolph legte die Hand ihm sanft auf die Schulter, und sah ihm,
+ Beifalllächelnd in's Aug': ein zartgesinneter Vater!
+ D'rauf erhob er das Schwert, und ritt, der erste vor allen
+ Ueber die Brücke, das Roß kurz haltend am Zaum', und ihm folgten
+ So im gehalt'nen Schritt die Reisigen -- folgte das Fußvolk
+ Rastlos nach. Sie donnerte laut, von unzähligen Hufen
+ Wiehernder Rosse gestampft; doch unter des eilenden Fußvolks
+ Ehernem Schritt', erdrönte sie dumpf nur, und schwankte der Last nach.
+ Also zog er den breiteren Arm, des grünenden Eilands
+ Augefild', und den schmäleren Arm der mächtigen Donau
+ Freudig hinüber zum linken Gestad', am unendlichen Marchfeld.
+ Dort aufstellt' er das Heer, und rief dem kühnen Capellen:
+ »Tapferer, sey mit der Schar fünfhundert erlesener Reiter
+ Heute der Führer des Vorderzugs, schlagfertig und wachsam
+ Jeglichen Augenblick, so Gefahr uns drohte vom Gegner!
+ Otto von Meißau lenkt die Reisigen; doch vor dem Fußvolk
+ Ziehe nun Meinhard, herrschend, einher; ich gebiethe dem Nachzug.
+ Rastlos wollen wir bald des Feindes Lager uns nähern.«
+ Also geschah's: Capellen ging an der Spitze der Reiter
+ Vorwärts. Hoch in der Luft, vom säuselnden Winde gehoben,
+ Flatterte, grün, sein Fähnlein vor in der Farbe der Hoffnung.
+ Otto's Fähnlein, blau, die Farb' ausdauernder Thatkraft,
+ Folgte mit neun- und zwanzigen noch, die im Lichte des Morgens
+ Schimmerten, vielfach an Farb', wie solche dem Ritter genehm war,
+ Der sie gewählt, ihm nach, und mit jeglichem kamen der Reiter
+ Hundert. D'rauf erschien, blutroth, des unbändigen Muthes
+ Farbe verrathend, die Fahne der görz- und tyrolischen Herrschaft:
+ Meinhards Siegespanier! Ihr reihten der schimmernden Fähnlein
+ Fünfzig sich an, und nach jeglichem eileten hundert der Krieger:
+ Alle mit Helmen und Schilden bewehrt, und mit Lanzen bewaffnet.
+ Aber nach ihm, umringt von der Schar der edelen Ritter,
+ Führte der Kaiser selbst in dem Nachzug jene zum Kampf vor,
+ Die aus den rheinischen Gau'n nach Oestreichs Fluren gekommen,
+ Und ihm folgte das Kriegs-Gezeug' im unendlichen Zug nach.
+
+ Schnell g'en Hof an der March vordrangen die muthigen Völker,
+ Sonder Trommelgetön und Drometengeschmetter: dem Gegner
+ Weislich zu bergen die Macht, die ihn bald umstürmet im Schlachtfeld;
+ Naheten dann Schloß-Hof, wo empor aus den düsteren Mauern
+ Einer verödeten Burg der Wartthurm sich in die Luft auf,
+ Dräuenden Anseh'ns, hob.[2] Nur Molch' und giftige Nattern
+ Haus'ten in ihrem unheimlichen Raum. Mit rieselndem Schauder
+ Eilte der Wand'rer vorbei, und der Hirt hielt ferne die Heerden
+ Von den Mauern, wo einst (so kündet die Sage) die Hausfrau,
+ Eitelen Sinnes, der Wangen Paar in dauernder Schönheit
+ Sich zu bewahren, in's Burgverließ die Kinder verlockte,
+ Schlachtete, dann mit dem Blute sich wusch, unmenschlichen Herzens;
+ Aber sie starb durchs Schwert, und die Burg vermieden im Land dort
+ Rings die Bewohner umher -- zumal in den Stunden des Abends,
+ Wo, so kündeten sie, ein Werfen mit Steinen im Hofraum,
+ Lautes Zischen vom Wartthurm her, und ein Stöhnen und Aechzen
+ Aus dem Verließ erscholl. Doch sieh', als jetzo vorüber
+ Eilte das Heer, da gewahrete Jörg, der muthige Reiter
+ Steyrischen Oberlands, auf den Zinnen des ragenden Wartthurms
+ Sitzend ein Wesen von Menschengestalt, von Bewegung, und Leben!
+ Alsbald sprang er vom Sattel, und rief, verhöhnend: »Nicht furchtbar
+ Sind die Geister bei Tageslicht; ich wette, die Böhmen
+ Sandten den Späher heran: ich will es ihm tapfer gesegnen!«
+ Rasch enteilt' er, und klomm an der Mauer, der Gemse nicht ungleich,
+ Die an der Felswand schwebt, empor, bis über dem Fallthor
+ Er die Stufen gewann, und schnell zu den Zinnen hinaufstieg.
+ Schon entfuhr ihm ein höhnender Ruf, da wankt' er voll Schrecken
+ Wieder zurück: so grausenhaft erwies sich der Fremdling,
+ Der ein Jüngling ihm schien. Sein losgewühletes Haupthaar
+ Flog ihm wild um die Stirn'; an dem blutigen Wamms und den Schenkeln
+ Hingen nur Trümmer des Riemwerks noch vom zerschmetterten Panzer,
+ Wie auch der Schienen am Bein'. Er zitterte: Wuth und Verzweiflung,
+ Rach' und Schmerz verrieth sein tieferglühendes Antlitz,
+ Als er, den Degengriff mit krampfhaftzuckender Rechten
+ Haltend, nach Jörg umsah, der jetzt ihm wieder genaht war.
+ Aber dem dräuenden faßt' er die Brust, und warf, mit des Riesen
+ Kraft gestählt, von des Wartthurms Rand' ihn hinab in den Abgrund:
+ Seinem Volke zur Schau, das eben voll Muthes heran kam.
+ Siehe, da liefen sogleich die Gefährten des sterbenden Kriegers
+ Hin nach dem Thurm, voll Gier, den schrecklichen Frevel zu rächen;
+ Doch schon eilt' er die Stufen herab, und sprang wie der Steinbock,
+ Den der Schütze verfolgt von Klippe zu Klippe hinunter,
+ Mit erhobenem Schwert, von der Mauer der Burg auf den Vorgrund,
+ Gegen die Rächerschar, sich wüthend zu wehren, entschlossen!
+ Aber es sprengte der Kaiser das Roß in Eile herüber,
+ Und, vernehmend die That des grimmerfülleten Jünglings,
+ Hemmt' er die Krieger, und rief dem Nahenden: »Halt, ich gebieth' es!«
+ Jenem sank der dräuende Arm bei den Worten des Herrschers
+ Plötzlich hinab, daß am Stein die Spitze des funkelnden Eisens
+ Klirrete: denn er besann, die Augen erhebend, sich jetzo:
+ Ob er die Stimme gekannt, die ihm also gerufen? Er starrte
+ Schweigend ihn an; die Wuth entschwand, wie schneeige Flocken
+ Vor dem mächtigen Strahl der wolkenenthülleten Sonne
+ Schwinden, aus feinem Gesicht', und im Kreise der zuckenden Wimpern
+ Wies sich nun herzinniges Leid, das nahe der Thränen
+ Leis'aufstrebenden Quell verkündete. Mild, und versöhnend
+ Sagte der Kaiser: »Verschonet ihn doch: nicht mit hellem Bewußtseyn
+ Hat er Arges verübt. Kein größerer Jammer auf Erden,
+ Denn des Unglücklichen Schau, deß' edelster Vorzug: des Geistes
+ Licht, verdunkelt ward; der unter den Lebenden weilet,
+ Aber, entfremdet dem holden Verkehr' und der trauten Gemeinschaft
+ Seiner Lieben, zum Grab fortwankt im finsteren Wahnsinn.
+ Wahrlich mich däucht, als hätt' ich ihn jüngst gesehen: ein Zerrbild
+ Jenes Ritters, der so feindlich am Tabor turneyte!«
+ Pferdegetrab erscholl jetzt laut in der Nähe: des Reiters
+ Ledig, kam mit verhängtem Zaum der Braune gesprungen;
+ Lief dem erkannten Jünglinge zu, und fuhr mit dem Hals' ihm,
+ Wiehernd, unter den Arm, daß er über den Mähnen herabhing.
+ Alsbald faßt' er dies', auf des treu erfundenen Thieres
+ Rücken sich schwingend in Hast, und flog nach dem Ufer der March hin.
+ Nicht besann er sich dort: er schwamm die Fluthen hinüber,
+ Und entschwand den Augen der stummnachstarrenden Krieger.
+
+ Ach, und der Jüngling war's, der jüngst so feindlich turneyte:
+ Wallstein! Als in der Schreckensnacht, vernichtet von Ottgars
+ Wüthendem Zorn, er, allein, gehöhnt, und urplötzlich aus Edens
+ Rosenau'n, wohin ihn Hedwigs Engelgestalt rief,
+ Rauhverstoßen sich sah: da warf er die Blicke, mit Ingrimm,
+ Schweigend noch, um sich her; erhob sie g'en Himmel; zerwühlte
+ Sich mit der Rechten das lockige Haar an der Stirn', und besann sich:
+ Was ihm gescheh'n? Jetzt trieb er das Roß mit schrecklichem Ruf' an;
+ Riß aus der Scheide den Stahl, und schlug, und bohrte dem armen,
+ Immer tiefer den Sporn in den Leib, daß er blutet' im Lauf hin.
+ Also wohl Stunden lang, fort über die Hügel und Thäler
+ Trieb er hinaus und herein, voll Wuth, bis athemberaubet,
+ Endlich das Roß hinsank am hainumränderten Blachfeld.
+ Lange stand er dort, wie erstarrt. Der nahenden Sonne
+ Rosiger Strahl, nach welchem er sonst mit Liebe sich sehnend,
+ Rasch die Höhen erklomm, und dort aufjubelte, wenn er
+ Ihm die Stirn', die umliegende Flur, und der wirbelnden Lerchen
+ Zartes Gefieder beschien, die hoch vom Gewölk' ihn begrüßten --
+ Ha, wie trüb erglüht' er ihm jetzt! Wie schrecklich ertönt' ihm
+ Heut der sonst entzückende Ruf der befiederten Sänger
+ Drüben im schauernden Wald, und wie schal erschien ihm das Leben
+ Ringsum! Furchtbar schwoll ihm die Brust von unsäglichen Qualen:
+ Lichtleer dünkt' ihn der Tag, und die Sonne verloschen. Er warf sich
+ Dann auf die Erde; verbarg im thauenden Grase das Antlitz;
+ Lag schwerathmend noch, und weinte mit leisem Gestöhn' fort.
+ Doch nun fuhr er empor (ihn faßt' unbändige Zornwuth)
+ Riß sich vom Haupte den Helm, den Panzer vom Leib', und die Schienen,
+ Hastig, von Arm und Bein', und verstreute sie, schmetternd,
+ im Staub dort,
+ Weil ihn solche nicht schirmten, zuvor, g'en Schmach und Entehrung.
+ Jetzt mit dem Schwert in der Faust, und dem einen Gedanken im Herzen:
+ »Ottgars Tod!« hinbraus't' er im Feld', ihm zu nahen, entschlossen.
+ Also den Tag und die Nacht fortras't' er, und kam an dem Morgen,
+ Wutherschöpft, g'en Hof an der March zu dem einsamen Schloß her;
+ Klomm den Thurm empor, und forschte herum in der Dämm'rung.
+ Stille herrscht'. Er sah hinab in den schwindelnden Abgrund:
+ Einen Schritt von dem Rand -- kopflangs hinunter, und stumm war
+ Plötzlich der schreiende Schmerz in der Brust,
+ und verschollen der Menschen
+ Liebehöhnender Ruf. Doch Ottgar lebend auf Erden
+ Noch? Nur jenen erwürgt zuvor: dann sterben wie immer!
+ Nun, vor den Kaiser geführt, und dort nur Worte der Sanftmuth
+ Hörend von ihm, den er erst jüngst, ein eifernder Ritter
+ Ottgars, offen gehöhnt: das brach ihm das Herz, und mit Thränen
+ Hätt' er, liegend im Staub', ein Reuiger, jetzt ihn gesöhnet;
+ Doch ihm folgte sein treues Thier, und er jagte von dannen.
+
+ Sieh', und rastlos fort g'en Marcheck zogen die Scharen
+ Weiter im fröhlichen Muth, nicht achtend des sengenden Mittags,
+ Noch des qualmenden Staubs, entlang den unendlichen Heerweg!
+ Aber vor Marcheck kam ein Häuflein kumanischer Reiter
+ Näher gesprengt: wohl fünfzig Mann, und der Führer des Volks war
+ Kaduscha. Ihm ertönte der Gruß der Kampfesgenossen.
+ Auch er schwang den blitzenden Stahl, den Freunden zum Dank, auf,
+ Und erkundet' im Flug: wo er treffe den mächtigen Kaiser?
+ Aber ihn führte das Volk stets weiter zurück' in den Reihen,
+ Bis er im Waffenschmuck die Schar der erlesenen Ritter
+ Drüben ersah, und gerad' dorthin den schnaubenden Läufer
+ Spornte. Umforschend im Kreis', begann er, und sagte, verwundert:
+ »Traun, ich schaue vor mir vereint gewaltige Männer;
+ Doch nach dem Herrscher des deutschen Volks, dem Kaiser Rudolphus,
+ Forsch' ich umsonst! Erkennbar leicht ist der König der Ungern
+ Schon an dem Purpurpelz, der, rings mit Zobel verbrämet,
+ Ihm von den Schultern fließt; an dem Stern, voll Edelgeschmeides,
+ Der an der Brust den Pelz festschlingt mit der goldenen Kette;
+ Auch an dem Reiher, des Kalpags Zier, entschwebend des Demants
+ Funkelnder Ros', und dem Stab, den er in der Rechten, zum Zeichen
+ Heerebewegender Macht, und erhabener Herrschergewalt führt:
+ Denn nur kurz ist der Stab, von Golde getrieben, und oben
+ Noch mit der Kugel verseh'n: ein Abbild furchtbarer Waffe,
+ Die in des Ungern Faust zerschmettert dem Feinde die Scheitel;[3]
+ Doch wen grüß' ich als Herrscher hier mit meines Gebiethers
+ Freundlichem Wort? Verzeiht, so ich irre! Mich dünket, der Ritter
+ Dort in der einfachen Wehr', ob seines erhabenen Anseh'ns
+ Und der Macht in dem Blick', ist der Herrscher,
+ zu dem ich gesandt bin.«
+ »Wohl, er ist's,« entgegnete jener, »du hast ihn gefunden!
+ Aber verkünde nur schnell: was uns der tapfere König,
+ Unser Freund und Bundesgenoß', Erfreuliches darbringt?«
+ »Heil und Segen zum Gruß,« sprach Kaduscha, heimlich erschüttert,
+ »Sendend zugleich mit der Siegesbothschaft Zeichen des Glückes
+ Dir zum Geschenk! Den Kampf begann der Kune mit Ruhm schon.
+ Längs dem Ufer der March, im Hinterhalte verborgen,
+ Lag mein Volk: da zog des Weges vorüber der Böhmen
+ Streitgerüstetes Heer. Wir harrten, lauernd im Dunkel,
+ Bis der größere Hauf' hinschwand, und die Beute so herrlich
+ Dar sich both. Fürwahr, ein blutiger, schrecklicher Kampf war's!
+ Dennoch entkamen der Feinde nur zween aus hunderten: alle
+ Lagen erwürgt. Wir hieben sogleich von dem Rumpfe die Häupter,
+ Sie, auf die Säbel gespießt, nach dem Lager zu tragen, und eben
+ Bringt in Körben von Schilf dir solche mein Volk zum Geschenk her,
+ Drüben am schlängelnden Weidenbach, wo dein der Beherrscher
+ Ungerns harrt mit gewaltiger Macht. Das soll ich dir künden.«
+ Heimlicher Schauder ergriff, bei der Red' entsetzlichem Inhalt,
+ Rudolphs mildgesinnetes Herz, er wandte sich seitab,
+ Barg die Stirn' in die Hand, und rief nach erschütterndem Schweigen:
+ »Furchtbar habt ihr gesiegt, und dem Feinde Verderben bereitet,
+ Uns voreilend sogar. O möchte die Liebe des Heilands,
+ Möchte sein hohes Gesetz in euren verwilderten Herzen
+ Eingang finden, daß ihr entsagtet für immer der Ahnen
+ Schmählichem Götzendienst: nicht würd' unmenschlicher Kriegsbrauch
+ Schänden den Sieg, den ihr mit tapferem Muthe gewonnen!
+ Biethet der Krieg nicht genug des Furchtbaren dar, und ein Jammer,
+ Schrecklich, wie der, soll ihn noch entsetzlicher, wilder gestalten?
+ Wehe, daß oft nur aus Blut des Friedens lieblicher Oehlzweig
+ Keimt, und, mit glühenden Thränen benetzt, die Blüthen entfaltet!
+ Schwarzenberg, gib jetzo Geleit den muthigen Kunen;
+ Zieh' uns voran, und verkünde mit Huld, wie es Rittern geziemet,
+ Unsern Freundesgruß dem Könige! Aber ich folge,
+ Tapferer, dir auf dem Fuß, mit dem muthbegeisterten Heer nach!«
+ D'rauf noch sagt' er ihm leis': »O schaffe die Reste der Todten
+ Schnell bei Seite, daß solch' ein frommer Priester begrabe,
+ Würdig, nach Christenbrauch: denn unsere Brüder begräbt er!
+ Hohn, an den Todten verübt, erfüllet die Seele mit Schauder.«
+ Sagt' es, und jen' entschwanden im Flug auf dem stäubenden Heerweg.
+
+ Ottgar rückte mit Heer'smacht an. Nur das Auge der Geister
+ Dringt in die weiteste Fern': entflohen der sterblichen Hülle
+ Schau'n sie vom Nord- zu dem Südpol hin des kreisenden Erdballs
+ Vielbevölkerten Raum; sie schau'n des unendlichen Weltmeers
+ Schwankende Wüsten, und dort, wohin kein segelndes Fahrzeug
+ Je noch Sterbliche trug, auf weitentlegenen Inseln,
+ Sonder Zahl, gar seltsamgestaltete Thier' und auch Menschen.
+ Marbod sah aus den Wolkenhöh'n des entrüsteten Ottgars
+ Nahende Heeresmacht mit heimlichem Schauder: unzählbar
+ Schien sie ihm gegen des Kaisers Heer an Mannen und Rossen;
+ Auch nicht ferne zugleich der wildumwüthende Kampf mehr.
+ Alsbald sann er besorgt, ob einer der Lüftebewohner
+ Nahe sich fände, mit ihm vereint, in blutiger Feldschlacht
+ Beizustehen dem Hort der edelmüthigen Deutschen?
+ Schauend umher vom Gewölk nach den fernentlegensten Ländern,
+ Drang sein forschender Blick von dem Rücken des sanften Gebirges,
+ Wo, beginnend vom Donaustrom', an dem freundlichen Preßburg
+ Höher und höher empor sich hebt, und thürmt der Karpathen
+ Mächtige Kett' (entlang die silesisch- und polnischen Länder,
+ Eine schirmende Mark für die reichen Gefilde von Ungern)
+ Bis zu dem Riesen der Lomnitz hinauf, der, schneeigen Hauptes,
+ Hoch aus den Wolkenhöh'n in die lieblichen Thäler der Zips schaut:[4]
+ Dorthin drang sein Blick. Auf der Scheitel des Riesen gewahrt' er
+ Jetzo, erstaunt, den, einst gewaltigen Führer der Gothen,
+ Katwald, hingestreckt mit Inguiomar, dem Cherusker,[5]
+ Hermanns Ohm, der, zürnend dem heftigen Varus-Besieger,
+ Ihn zum Bundesgenossen erkor in den Tagen der Nothwehr.
+ Schüchtern naht' er den Höh'n: denn Katwald, finstern Gemüthes,
+ Trug ihm Haß in der Brust. Er hatt' ihn vertrieben aus Böheim;
+ Jener rächte sich d'rauf, mit den Römern im Bund', und vertrieb ihn
+ Wieder aus Marobud, der Stadt, die er gründete, machtvoll
+ So, daß er dann ein Flüchtling starb in den Mauern Ravenna's.
+ Dennoch bezwang er sein sträubendes Herz, und schwang sich hinüber
+ Von dem Gewölk. So lang', als hier, aus der Schleuder geworfen,
+ Fleugt der sausende Stein, und fern zur Erde herabsinkt,
+ Währte sein Eilflug nur, und er stand vor den Beiden, und sagte:
+ »Ha, ihr weilet dahier, entzückt von der reizenden Ansicht,
+ Die dieß Land gewährt im Schooß' umragender Berghöh'n?
+ Schön ist es: wie nach den vier Weltgegenden, mächtige Flüsse,
+ Ewig genährt von dem sprudelnden Quell, aus dem hohen Gebirgsthal
+ Wälzen die silberne Fluth; wie solches, mit Städtchen und Dörfern
+ Rings besäet, die blühende Flur dem Auge zur Lust beut!
+ Aber ein wichtiger Streit entzweit die mächtigsten Fürsten:
+ Welchem die östliche Mark, die ich einst beherrschte, zum Eigen
+ Werde noch heut': denn nah' ist der Kampf, dem Kaiser der Deutschen,
+ Oder dem König des Lands, das ach, von Rache getrieben,
+ Katwald, du, mir entrissest im Kampf -- dem König von Böhmen?
+ Habt ihr völlig vergessen des Muths, der schnell in dem Busen
+ Aufflammt, wenn die Dromet' erschallt, das wiehernde Schlachtroß
+ Steigt, und der blitzende Stahl in der Rechten des Helden umhersaus't?
+ Kommt, mit thatenerregendem Wort' und stachelndem Zuruf
+ Anzufeuern die Kraft der, uns abstammenden Deutschen,
+ Und zu verherrlichen heut' in dem Feld den erhabensten Kaiser!«
+ Inguiomar erhob bei den Worten sich schnell von des Felsens
+ Schneeigem Kulm, wo er saß (er ragte noch höher denn Marbod,
+ Riesengestaltet, auf), ergriff ihm die Hand, und begann so:
+ »Trauter, nicht sah dich mein Aug' seitdem, als, flüchtig des Landes,
+ Du nach dem herrlichen Wälschland zogst: mehr Jahre, denn tausend,
+ Sind den Menschen entfloh'n, seit solches geschehen! Ich weilte
+ Unten im Schooße der Erd', in düstere Träume versunken;
+ Plötzlich rief es mich fort. Wer rief? nicht wußt' ich es -- folgte.
+ Doch nun zieh' ich mit dir: ein Freund der Söhne von Deutschland!«
+ Also gesellt' er sich ihm; doch Katwald starrt' in den Abgrund
+ Finster hinab, und verschloß den mildversöhnenden Worten
+ Marbods feindlich das Ohr: da entschwanden die beiden Vereinten,
+ Arm in Arm. Er hob mit Grimm in den bläulichen Augen --
+ Trotz in dem blassen Gesicht', um welches der säuselnde Westwind
+ Wiegte das röthliche Haar, sich vom Boden, und folgte nur zögernd
+ Jenen nach, die rasch nach Oestreichs Fluren enteilen.
+
+ Aber auch Marcheck lag im Rücken des ziehenden Heers schon.
+ Von Baumgarten herab, in der Au feldlagerte weithin
+ Ungerns Macht, verhüllt von schattenden Weidengebüschen.
+ Dorther jagt' im Gefolg der Reisigen jetzt auf dem Heerweg
+ Ladislav, der König, heran: er dachte dem Kaiser
+ Würdig zu nahen, und hielt, als Staub aufwallte zum Himmel.
+ Schwarzenberg mit Kaduscha war's, der eilig daherkam.
+ Jener entblößte den Stahl, und senkt' ihn zum Zeichen der Ehrfurcht,
+ Vor dem Könige; d'rauf erhob er ihn wieder, und sprach so:
+ »Mein erhabener Kaiser und Herr entbiethet dir, Hoheit,
+ Seinen Gruß! Er kommt, dein redlicher Bundesgenosse,
+ Dich an die sehnende Brust vor dem Heere zu drücken. Nicht fern mir
+ Folgte der Vorderzug: bald siehst du ihn schalten im Nachzug.«
+ »Herr,« sprach Kaduscha jetzt, »erblickst du sein Heldengefolg dort,
+ Forsche mit Fleiß, daß vor Allen sogleich dein Aug' ihn erspähe:
+ Denn nicht glänzt er im Waffenschmuck; nur magst du ihn kennen
+ An der erhabenen Stirn', der wölbenden Nase des Adlers,
+ Und an dem Herrscherblick in der Himmelsbläue der Augen!
+ Fremd ist die Furcht dem Kaduscha, doch erbebt' er, ihm nahend.«
+ »Freude mit ihm,« entgegnete schnell der König, »und Glück uns
+ Beiden Verbündeten, da sich Ottgars furchtbare Heersmacht
+ Gegen uns wälzt wie die Fluth, die aus ihren Gestaden getreten!
+ Aber er komme nur: bald begegnen wir ihm in den Feldern
+ Ewigen Ruhms, vereint mit Rudolphs tapferen Scharen.
+ Unser Stahl ist geschärft, und die Rechte gar mächtig zum Einhau'n.«
+ Sieh', da hob sich erneut von der Straße der wirbelnde Staub auf,
+ Und der Rosse Getrab ertönete näher und näher!
+ Rudolph jagte heran im Gefolg' erlesener Ritter:
+ Denn ihn drängte das Herz, den verbündeten König zu grüßen!
+ Aber noch standen die Ross' an dem Weg, tiefhangenden Hauptes
+ Tragend den Siegespreis unmenschlicher Krieger. Nicht säumte
+ Schwarzenberg, und begann mit eiferndem Laut vor dem König:
+ »Schnell g'en Zwerndorf hin, da es also dem Kaiser genehm ist,
+ Trage die Last der wohlverhülleten Körbe das Saumthier:
+ Ihm ein werthes Geschenk, weil dort der redliche Priester
+ Solche nach heiligem Christenbrauch der Erde vertrau'n wird.«
+ Sagt' es, und rief Luitold, dem muthigen Knappen. Er nahte
+ Folgsam, und führte die Schar der Treiber zurück mit den Rossen.
+ Ringsum staunte das Volk, und sah bald seinen Beherrscher,
+ Bald den Fremdling an; doch, tieferglühenden Blickes,
+ Saß der König im Sattel, und schwieg, und ließ ihn gewähren.
+
+ Allen zuvor kam jetzt der Kaiser gesprengt, daß ihn alsbald
+ Ladislav erkenne, der Hort der tapfern Magyaren.
+ Beide sprangen behend' aus dem Sattel. Sie streckten die Rechten,
+ Einer dem andern im schnelleren Gang, begrüßend, entgegen;
+ Hielten mit heißem Druck die verschlungenen; standen, und blickten
+ Lange, staunend sich an. Dem Auge des einen entstrahlte
+ Feuriger Muth; entscheidende Kraft, und Würde des andern.
+ Als sie jetzo gesättigt das Herz in freundlicher Anschau,
+ Schweigend, begann voll Hast der jugendlichblühende König:
+ »Werth sey mir der heutige Tag, und theuer vor allen,
+ Wo ich, Erhabener, dir, deß' Ruhm erfüllet den Erdkreis,
+ Nahete, bund'svereint: denn lang ersehnt' es mein Herz schon!
+ Siehe, nicht riefst du umsonst: ich zog aus den unteren Landen
+ Meines Reichs mit Heeresmacht dir zu Hülfe! Des Ungern
+ Flammenden Muth kennst du, wie er einstürmt
+ rasch in die Schlachtreih'n;
+ Aber der Kun' ist schrecklicher: denn ihm wohnet die Wildheit
+ Seiner, erst jüngst verlassenen Stepp' an des Tanais Ufern,
+ Ungezähmt in der Brust; du sollst uns loben im Schlachtfeld.
+ Ha, dort fleugt Staub auf! Fürwahr der Feind ist im Anzug;
+ Solches verkündeten mir zuvor Eilbothen, aus Weiden
+ Kommend, voll Angst: das Volk ersehnet den Retter Rudolphus!«
+
+ Als der Kaiser die Worte vernahm, da wandt' er die Augen
+ Schnell g'en Oberweiden zurück, das über den Sandhöh'n
+ Einsam liegt: ein hainumsäuseltes Dörfchen. Von dorther
+ Hob sich der Staub zum Gewölk. Wie nach glühenden Tagen des Sommers,
+ Hinter dem fernen Gebirg', empor die schwärzlichen Wölkchen,
+ Gleich dem, gebläht, in die Lüft' aufsteigenden Balle sich heben,
+ Bis sie im höheren Raum mit den weitgedehneten, lichten,
+ Aestigen plötzlich vereint, den wetterleuchtenden Schleier
+ Auf an den heiteren Himmel zieh'n: so flog auf dem Heerweg
+ Sparsamer erst, dann häufiger, hoch der qualmende Staub auf,
+ Der, von der Abendsonne durchblinkt, wie vom Blute geröthet,
+ Ottgars nahende Macht verkündete. Jener begann so:
+ »Ha, Beherrscher der Ungern, du bist zur Stunde des Glückes
+ Jetzt mit dem Heldenheer' als Bundesgenoß mir erschienen!
+ Säumen wir nicht. Nur einmal beut auf entscheidender Bahn dir
+ Freundlich die Hand das Geschick:
+ ergreifst du sie nicht, so entzieht es
+ Selbe für immer vielleicht. D'rum sey in gebiethender Hast nun
+ Unsere Macht zum Wohl unzähliger Menschen vereinigt.
+ Frisch an die That! Wir ordnen das Heer sogleich in dem Feld hier.«
+ Alsbald schwang er sich rüstiger auf in den Sattel, und sprengte
+ Hin, und herüber im Flug, mit des Feldherrn Auge die Gegend
+ Rings erforschend, zum Kampf den günstigen Raum zu erlesen.
+ D'rauf entboth er vor sich die Herolde: hieß von des Heeres
+ Rechtem Horn, g'en Zwerndorf hin Oestreicher und Steyrer
+ Zieh'n; von dem linken die Macht der Kärnthner und Krainer,
+ nach Marchecks
+ Fluren hinab. Capellen geboth den ersteren; diesen
+ Meinhard, Graf von Görz und Tyrol, als oberster Feldherr.
+ Aber im mittleren Raum, Baumgarten nicht ferne, des Dörfchens
+ Früchtegesegneter Flur, vereinte sein Wink die Tyroler,
+ Schwaben, und Schweizer zugleich, gar tapfere Scharen im Schlachtfeld.
+ Also in fünf Heersäulen stand des gewaltigen Kaisers
+ Macht zu dem Kampfe bereit. Vor jeglicher wehten die Fähnlein
+ Edeler Ritter empor in die Luft, und die sinkende Sonne
+ Leuchtete hell aus den Helmen und Harnischen, furchtbar zu schauen!
+ Reisige folgten den Rittern nach, und, diesen im Rücken,
+ Trefflich geordnet, die Reih'n des lanzentragenden Fußvolks,
+ Wo vor jeglicher, schimmernd im Licht, ein mächtiges Banner
+ Flatterte, dort den Kriegern Verein in dem Kampfe gebiethend.
+ Aber vor allen empor, aus dem Kern des stattlichen Heeres
+ Hob sich die Reichsfahn' auf: wie des Meerschiffs mittleres Segel,
+ Flatternd umher im Hauch des leis'umschmeichelnden Westwinds,
+ Und enthüllend den Doppelaar, mit der Kron' und dem Zepter
+ Herrlich geziert, nun rechts, nun links auf dem goldenen Feldraum;
+ Immer wies sie dem Heer' die Nähe des waltenden Herrschers.
+ Aber er sagte darauf zu dem Könige, schnell und entschlossen:
+ »Sey dort hinter Capellens Macht, zur Rechten, der Kunen
+ Furchtbare Schar gestellt, die Kaduscha's Winken gehorchet;
+ Aber zur Linken, verhüllt von der schattenden Au', und des Meinhards
+ Völkern zur Stütze gespart, erwarte die tapfere Heerschar,
+ Die Trentschins Gebiether beherrscht, den ehrenden Aufruf:
+ Loszubrechen mit Macht auf die wildanstürmenden Gegner;
+ Doch du weiche zurück: denn also gebiethet die Sitte
+ Deines Landes dem Könige -- fern von dem blutigen, Schlachtfeld
+ Sitzend auf einer der ragenden Höh'n, auf dem rollenden Wagen,
+ Oder dem feurigen Roß, des Kampfmuths seiner Erwählten
+ Zeuge zu seyn![6] Schon neigt sich der Tag.
+ Nicht wird uns der Feind mehr
+ Heute begegnen im Feld; doch sey's: er komme! Mit Freuden
+ Wollen wir entgegen ihm zieh'n, und der Ehre gedenken.«
+ Sagt' es, und bald stand jegliche Schar, in Reihen geordnet,
+ Nach dem schaltenden Wink des erhabenen Kaisers. Der König
+ Ungerns gewann mit Gefolg die aufragende Wart' auf dem Hügel,
+ Die in der Vorzeit einst zur Gränzmark diente den Völkern.
+
+ Doch g'en Westen hinab, nach des Abends goldenen Fluren
+ Senkte die Sonne den Flug, und sah vom Rande des Himmels
+ In das erhellete Nebelgewölk, das, duftigem Schleier
+ Gleich, empor sich hob, sie in lieblicher Ruh zu umfangen;
+ Rosig die Brust erhellt von ihren verglühenden Strahlen,
+ Wanderten hoch in dem Wolkenreich nach entfernteren Zonen
+ Singende Schwäne dahin; im Saatfeld zirpten die Heimchen;
+ Leise verhallte des Tages Geräusch, und das Leben verstummte.
+ Aber die Höhen entlang, die rechts von Weiden nach Marcheck,
+ Weitgedehnt, sich zieh'n, und des Marchthals Fluren beherrschen,
+ Tönete jetzt Getrab anstürmender Rosse, der Waffen
+ Helles Geklirr, und das Schrei'n und Rufen unzähliger Krieger.
+ D'rauf erschien, dem Gewittergewölk' im Sommer nicht ungleich,
+ Das, von gährendem Donner schwer, am Himmel heraufschwebt,
+ Drüben am Rande der Höh'n die schlachtgerüstete Heersmacht
+ Ottgars: gierig des Kampfs, und zu muthigen Thaten entschlossen.
+ Noch empört' ihn der Zorn ob jenes verwegenen Jünglings
+ Frechenthülleter Gluth zu seiner Erzeugten, und dennoch
+ Sehnt' er sich herzinnig nach ihm, in dem einsamen Kriegszelt
+ Sitzend, und schlug sich die Stirn',
+ und jammerte laut um den Liebling.
+ Also kam er heran, und hoffte, des lechzenden Herzens
+ Heißen Durst im Blut' und Gewürge der Feinde zu stillen.
+
+ Doch nicht rastete jetzt Drahomira, die schreckliche Feindinn
+ Ottgars: denn sie sah, wie Marbod und Inguiomar erst
+ Sich vereinten, im Kampf zu entflammen die Deutschen. Sie nagte
+ Heimlich vor Wuth an den Lippen, und hätte mit schmähenden Worten
+ Jene gehöhnt; doch schwang sich nun, verdüsterten Blickes,
+ Katwald her in der Luft, und sah nach der Erde herunter.
+ Alsbald hob sie zu ihm sich empor, und rief, ihn erforschend:
+ »Ha, du sahst es, wie Marbod, der schrecklichste dir in des Lebens
+ Langentschwundener Zeit, auch Inguiomar zum Gehülfen
+ Sich erkor, heut' Oestreichs Volk zu entflammen im Schlachtfeld!
+ Komm, und eine dich mir! Erst will ich den König der Böhmen,
+ Stürzen: denn mir zur Schmach verübt' er entsetzlichen Frevel;
+ Aber erliegt er im Kampf, dann sey Kunegunde, des Zepters
+ Würdig, erhöht auf den Thron; ihr laß uns erringen den Vortheil.
+ Hoch erhebe sich Böhmens Ruhm, des trefflichen Landes,
+ Das dir gehorcht', eh' Marbod dir's mit den Waffen geraubt hat.«
+ Sagt' es mit stachelndem Wort; doch jener entgegnete zürnend:
+ »Weiche von mir, du fluchbeladene, daß nicht dein Odem
+ Noch verpeste die Luft, die mir umsäuselt die Wangen!
+ Kein Verein, Drahomira, mit dir! So willst du mit Marbod
+ Und mit Inguiomar, des Kaisers verbündeten Freunden,
+ Ottgars Haupt gefährden im Kampf'? Ich nah' ihm, als Helfer,
+ Schon dem Lande zum Ruhm, wo ich herrschend lebt' in der Vorzeit,
+ Ha, und lache des Zorns, der, so wie zum Strande die Meersfluth
+ Brausend fleugt, und zurück, der Ohnmacht eiteles Bild, sinkt,
+ Dir empöret die Brust, und dräuet in nichtiger Ohnmacht!«
+ Rief's, und stürzte herab vom Gewölk' an die Seite des Königs,
+ Der das Roß anhielt, und des Kaisers geordnete Völker
+ Staunend ersah, wie solche den Plan erfülleten weithin.
+ Jetzo noch einmal, quer von dem Saum der Erde herüber,
+ Blickte die Sonn', und verschwand; die Dämmerung zog von dem Thal her.
+ Nicht gedacht' er des Kampfs für heut'; an dem kommenden Morgen
+ Wollt' er dem Feind' ihn biethen auf Tod und Leben, den Herold
+ Sendend zuvor, nach des Kriegs herkömmlicher, edeler Sitte.[7]
+ Katwald war ihm genaht, und haucht' ihm vor allem den Rath ein:
+ »Ottgar, wie, du willst, nachtlagernd, des dämmernden Morgens
+ Harren dahier? Schnell vor, eh' dunkel die Nacht sich herabsenkt:
+ Schleudre die feindlichen Reihen entzwei! So machst du dir heut' noch,
+ Schrecken verbreitend, Bahn zu des Siegs erhellten Gefilden:
+ Denn der erste Gewinn in dem eisernen Feld ist ein Hagel,
+ Der die Halmen der Hoffnung zerschlägt; ein brausender Sturmwind,
+ Der des Athems beraubt den Wanderer, und ihn ermattet.
+ Alsbald biethet der Feind dir selbst ein Zeichen des Angriffs.«
+
+ Jener verschloß ihm das Ohr. Doch wer entflammt' an dem Abend
+ Schon den noch nicht ersehneten Streit im tosenden Schlachtfeld?
+ Marbod, der muthige that's. In den Reih'n der stürmischen Reiter
+ Spornt' ein munterer Held bischöflicher Leute von Salzburg,
+ Schörlin, ein unbändiges Roß heran in dem Kriegszug.[8]
+ Ihm nicht fern, ersah das Nest pferdstachelnder Bremsen
+ Marbods spähendes Aug': er eilte dahin, und empörte
+ Mit gewaltigem Geisterhauch die entschlummerten Quäler:
+ Denn er brannte vor Gier des Kampfs Arbeiten zu schauen.
+ Sieh', und, also geweckt, im heulenden, wilden Gesumme
+ Fuhr der Schwarm empor; er flog dem muthigen Rosse
+ Schörlins unter den Bauch, und stachelte solches, erboßt, wund.
+ Schrecklich tobt' es umher, schlug aus, bog, stöhnend, die Ohren
+ Gegen die Brust, und rannte dahin: nicht achtend des Rufens,
+ Nicht des Schrei'ns, das Schörlin erhob, da er, rücklings gebogen,
+ Zog an dem Zügel, es noch im wüthenden Laufe zu hemmen.
+ Schnurgerad auf Ottgar hin losrannte das Thier jetzt.
+ Zorn erfüllte sein Herz; er rief den staunenden Feldherrn:
+ »Wahrlich, nicht dacht' ich mehr den Stahl an dem heutigen Abend
+ Feindlich zu zieh'n; doch seht, die Unsinnigen stürzen sich selber
+ Ihm entgegen, voll Wuth! Sie sollen mir büßen die Kühnheit.
+ Fort! Wir greifen sie an mit den schwergeharnischten Reitern,
+ Welch' uns Böhmen gesandt, den tapfersten Männern auf Erden,
+ Und im gemessenen Schritt' uns folge das Heer auf dem Fuß nach.«
+ Alsbald gab er dem Pferde den Sporn, und jagte die Höhen
+ Brausend herab. Ihm nach, mit dem kampferfahrenen Helden
+ Lobkowitz, flog die Schar zweitausend geharnischter Reiter.
+ Wie, wenn unterirdische Gluth aus den Tiefen des Erdballs
+ Aufwärts braus't, und gehemmt, weithin erschüttert die Gegend
+ So, daß vom stürzenden Felsengebirg' unzählige Trümmer
+ Schnell in's drönende Thal herrollen mit wildem Getümmel,
+ Krachend der Wald entsinkt, und Staub auffleugt in die Wolken:
+ Also stürmt' auch hier der König mit seinen Erwählten
+ Von den Höhen herab. Vor den Kommenden stürzte das Reitroß
+ Schörlins zusammen. Kein Leid ihm geschah: die furchtbaren Reiter
+ Setzten über ihn hin; er lag, listsinnend, im Scheintod
+ Dort bis Mitternacht, und kehrete heim zu den Seinen.
+
+ Ottgar nahete schon den äußersten Wachen der Steyrer.
+ »Auf, zu den Waffen!« so schrie Wildon, der tapfere Hauptmann
+ (Pfannberg weilte noch fern bei Capellen, dem obersten Feldherrn,
+ Drüben im luftigen Zelt, des Kriegs Arbeiten erwägend,
+ Die der Morgen verhieß) und das Fußvolk eilt' aus dem Lager:
+ Denn nicht dachten des Streites mehr die erlesenen Ritter
+ Jetzt, in der sinkenden Nacht. Wohl mancher saß in dem Gras' noch,
+ Haltend das Roß an dem Zaum', und beredete Dieses, und Jenes;
+ Doch nun fuhren sie all' empor, von dem feurigen Marbod
+ Aufgestürmt mit empörendem Ruf. Bald schwang in den Sattel
+ Jeder sich auf, erhob den Speer in der Rechten, und senkte
+ Sein Helmgitter herab, das Roß zu dem Kampfe bewegend.
+ Ha, und der Kampf begann! In dem Vorderzuge, des Feindes
+ Dräuende List zu erspähen gesandt von dem sinnigen Feldherrn,
+ Stand ein Brüderpaar der Trantmannsdorfe beisammen:
+ Heinrich, und Götz, von der Schar der Verwaiseten.
+ Laut, und mit Nachdruck
+ Hieß sie des Hauptmanns Ruf in die Reih'n der Versammelten kehren:
+ Aber sie hörten ihn nicht, von glühendem Muthe getrieben.
+ Ottgar fuhr auf den älteren los, und, ob er den Speer schon
+ Ihm entgegen streckt', und des Kampfs wohl kundig sich zeigte,
+ Schlug er ihm doch mit dem Heldenschwert den nahenden Speerschaft
+ Seitwärts, und durchstieß ihm den Hals, wo, gleitend, vom Harnisch
+ Sich der Helm verschob: er sank, und verhauchte das Leben.
+ Götz drang muthig auf Lobkowitz ein; verwundete, jauchzend,
+ Sein aufbäumendes Roß, und stürmte noch feuriger vorwärts;
+ Aber ihm bohrte, von jenem gekehrt, der empörete König
+ Sein, von des Bruders Blut geröthetes Schwert in die Brust ein
+ So, daß er rücklings vom Sattel sank, und dicht an dem Bruder
+ Ruhete, langgestreckt, und erblassend im Tode. Sie lagen
+ Dort wie jährige Leu'n im Staub, die, grausam, ein Tiger
+ Eben erwürgt' im Gebüsch', als Beut' aufsuchte die Mutter.
+ Doch der feurige Katwald sprach, umschwebend, in's Ohr ihm:
+ »Ottgar, flüchtig enteilet das Glück: erhasch' es im Flug jetzt!
+ Werfe den Feind, eh' Rudolphs Schwert dir nah't. Ich gewahrte
+ Helfende Geister um ihn, die ihn warneten: eile, zu siegen!«
+ »Ha, wer drängt mich so muthig, und kühn?« sprach zürnend der König,
+ »Muthig, und feig zugleich, mit Rudolphs Schwert mir zu drohen:
+ Denn er komme nur, bald entreißt ihm das meine das Leben!«
+ Rief's, und jagte dahin wie der brausende Sturm auf den Heiden.
+
+ Welchen erlegt' er zuerst aus den Reih'n der tapferen Ritter?
+ Sieh', ihm warf sich Stubenberg vor allen entgegen:
+ Weit vorhaltend den Schild, deß' Zier, im Ringe der Anker,
+ Schlangenumwunden, sich wies, und strebte, das muthige Herz ihm
+ Durchzubohren im Wuthanlauf mit dem blinkenden Speerstahl;
+ Doch in des Rosses Bauch stieß Ottgar, stachelnd, den Sporn ein
+ So, daß es seitwärts sprang, und er drängte dem Gegner den Degen
+ Tief in die Brust, als ihm die entblößte Höhle der Schulter
+ Räumigen Eingang both: er sank, und athmete nicht mehr.
+ D'rauf erwürgt' er auch noch urschnell den redlichen Knappen
+ Edelred, der jetzt dem Ritter zu Hülfe geeilt war.
+ Czernin stellte sich g'en Wildon zur Wehre: sie kämpften
+ Lange mit wechselndem Glück; verwundeten: jener des Gegners
+ Bein, und dieser den Arm, und schieden mit dräuendem Ingrimm
+ Mitten im Kampf: denn schon herstürmten im Felde die Reiter
+ Ottgars, welchen das Fußvolk rasch nachdrang, und urplötzlich
+ Hob sich der schwellende Ruf mit dem Waffengetöse der Würger
+ Himmelempor, und erfüllte die Welt mit Entsetzen und Schauder.
+
+ Jetzo vernahm in der zweiten der fünf Heersäulen Capellen
+ Kämpfender Krieger Geschrei, das drüben, am Rande der ersten,
+ Stets vernehmlicher scholl in der Dämmerung. Eifernd besprach er
+ Eben mit Pfannberg dort, dem Führer des steyrischen Volkes,
+ Für den kommenden Tag des Angriffs muthige Weisen;
+ Auch die verstellete Flucht: den wechselnden Kampf, und den Rückzug,
+ So des Krieges Geschick ihn gebeut: da verstummt' er auf einmal,
+ Horchte dem Lärm, und sprach, voll Hast, zu dem Scharengebiether:
+ »Pfannberg, eile zurück! Der Feind, so sagt uns der Lärm dort,
+ Wagte den Ueberfall in der Dämmerung; eile zur Rettung
+ Deines Volks: ich folge dir schnell mit erlesenen Scharen.«
+ Also geschah's. Im Flug' erreichte der tapfere Feldherr
+ Sein gefährdetes Volk, und warf, mit dem Schwert' in der Faust, sich,
+ Allen voran, als sie nachbraus'ten im stäubenden Saatfeld,
+ Rasch auf die furchtbare Macht der Geharnischten, die zu dem Angriff
+ Ottgar selber geführt, und jetzt umtobte, voll Mordwuth.
+ Ihm selbst hätt' er die Brust durchbohrt, so plötzlich erschien er
+ Mitten im Waffengemeng; doch schlug ihm der muthige Ritter,
+ Zawiß von Rosenberg, der schönste der Männer im Kriegsheer
+ Böheims, sein erhobenes Schwert aus der Faust, und durchstieß ihm
+ Schnell mit dem Speere den Arm, daß er, stöhnend,
+ vom Sattel herabsank.
+ Ottgar rühmte gerührt den Tapferen; doch Drahomira
+ Lächelte Hohn aus den Lüften herab: sie erspähte die Neigung
+ Schon, die verborgene, jüngst in der Brust Kunegundens für Zawiß,
+ Und gedachte mit Lust der unheilschwangeren Zukunft.
+
+ Pfannbergs Volk, den Sturz des tapferen Führers gewahrend,
+ Drang jetzt eilender vor, und kämpfte, der Löwinn nicht ungleich,
+ Die vor der Höhle die Jungen, umringt von Pardeln erblicket,
+ Um den Verwundeten dort, und es hätte gesiegt mit den Scharen
+ Oestreichs, die Capellen zu Hülfe geführet, und jenen,
+ Die aus dem Hinterhalt' auch Kaduscha, hörend im Nachtgrau'n
+ Feindlicher Waffen Getös', ihm, lautaufjauchzend, vereinte:
+ Hemmt' es nicht Katwalds List. Er sah in der Reihe der Edeln
+ Einen, mit bleichem Gesicht' und scheuumirrenden Augen,
+ Träg vorschreiten im Kampf: den Pettauer, der vor dem König
+ Ottgar, einst die Ritter der steyrischen Mark des Verrathes
+ Zieh, und dieser verhängte sogleich entsetzliche Strafen;
+ Aber er hatte nicht Ruhe noch Rast seitdem, und im Herzen
+ Trug er die Strafe der Schuld, da er jeglichen Trostes beraubt war.
+ Diesem nahete Katwald jetzt, und schrie in das Ohr ihm:
+ »Horch, dir drohet Verrath und Mord! Unseliger, fliehe!«
+ Schauer durchlief ihm die Haut, da er solches im Geiste vernommen:
+ Alsbald wandt' er das Roß, und rief, entfliehend: »Verrath! Mord!«
+ Wilde Verwirrung begann: das vorgedrungene Fußvolk
+ Wankte zuerst; ihm folgten die Reisigen -- dann auch die Ritter.
+ Tausendzüngig erhob sich der Ruf: »Entflieht dem Verrath! Fort!«
+ Aus den flüchtenden Reih'n. Auch Kaduscha wich mit den Seinen
+ Lärmend zurück, und entsetzlich erscholl in der Nacht das Getümmel.
+
+ Doch in dem fernen Gezelt vernahm der erhabene Kaiser
+ Jetzo den Lärm, und geboth den Mannen die Rosse zu zäumen:
+ Denn schon lagerten sich die Tapfern ruhig im Saatfeld,
+ Reichend den Rossen das Futter zuvor, und stillten den Hunger
+ Dann mit Brot, und den Durst mit des Quellbachs kühlenden Fluthen:
+ Alsbald waren die Pferde gezäumt, und die Muthigen saßen
+ Sattelfest. Da kam vor allen, gesprengt, auf dem Pfad her
+ Oestreichs Reiterschar. Mit zürnendem Ernst in den Blicken
+ Ritt ihr der Kaiser entgegen. Sie stand von Schauer ergriffen:
+ Denn kein Vorwurf kam aus dem Mund des erhabenen Herrschers.
+ Also gehemmt, wuchs stets zu dichteren Haufen die Heersmacht,
+ Und er kehrte mit ihr g'en Marchecks sandige Fluren.
+
+
+
+
+ Achter Gesang.
+
+
+ »Ha, was röthet den Himmel fern im nächtlichen Dunkel?
+ Welch' Geschrei erfüllt urplötzlich mit Angst und Entsetzen
+ Drüben die Stadt? Ein Jüngling sitzt, verwilderten Ansehn's,
+ Dort auf des Felsens Höh'n, und schaut auf
+ die schreckliche Brandstätt'
+ Grinsend herab, wo ruhig noch erst unschuldige Menschen
+ Schlummerten, jetzt Gewürg' erschallt, und in Strömen das Blut fließt?
+ Furchtbare Schau! Darf also der sterbliche Mensch an dem Menschen
+ Wüthen, daß sanfterer Art der grausame Tiger erscheinet?
+ Wehe, wie fiel er so tief! Wie entwürdigt ihn Laster und Thorheit!
+ Doch ich nah' ihm schnell, zu erkunden, wie solches geschehen?«
+ So sprach Inguiomar, das gluthverheerete Städtchen
+ Schauend, und eilt' im Fluge dahin, wo, schrecklichen Blickes
+ Jener hinuntersah nach der Stätte des Jammers. Er saß dort
+ Schauerlich in sich gekehrt, und ihm zuckten die schneeigen Wangen
+ Leise vor ungesättigtem Grimm, da er, vorwärtsgebogen,
+ Stützend das Kinn auf die krampfhaftgeschlossene Faust, in die Flammen
+ Starrete. Doch es stockte das Wort in dem Munde des Geistes,
+ Als er ihn näher geseh'n. Er bebte dem Jammer, und eilte
+ Fort nach den Ufern der March, wo heut', unferne dem Städtchen
+ Marcheck, nach unrühmlicher Flucht sich die Krieger vereinten.
+
+ Wallstein war's, der dort auf dem Felsriff saß, und hinunter
+ Starrte, voll Grimms. Sein war die entsetzliche That, und der Hölle
+ Jüngstentlaufene Brut, Drahomira, hauchte die Wuth ihm
+ In die empfängliche Brust, aus welcher des warnenden Engels
+ Bild entfloh, da er sich der Sinneschmeichlerinn hingab.
+ Sieh', er eilte zuvor aus der Nähe des Kaisers, und setzte,
+ Schwimmend, die Fluthen der March mit dem schnaubenden Rosse hinüber;
+ Flog dann, Auen und Wälder entlang, an Moravia's Marken
+ Rastlos fort, bis endlich das Roß am dämmernden Abend
+ Stöhnend zu Boden sank. Er entschlummerte neben dem Thier dort;
+ Aber ihm war Drahomira gefolgt. Wie der feurige Schweißhund[1]
+ Angeschossenes Wild, so heiß es auch strebt, zu entkommen,
+ Durch des umschattenden Waldes Nacht verfolgt auf den Fährten,
+ Rastlos, bis es ermattet ihm fällt: so ließ Drahomira
+ Ihn aus den Augen nicht mehr: denn Ottgar sollte getödtet
+ Fallen durch ihn, und ihr Herz sich ersättigen dort an des Jammers
+ Grau'nerregender Schau -- an dem Fall des unglücklichen Jünglings.
+ Einen täuschenden Traum ersann, und bannte sie, zaubernd,
+ Vor den Entschlummerten hin. Er sah im Geiste das Städtchen,
+ Kostel in Mähren, vor sich, und dort sein Alles auf Erden,
+ Hedwig, gefesselt im Thurm, weil sie nicht verhüllte die Neigung,
+ Die sie ihm still genährt in dem treuergebenen Herzen;
+ Sah, wie sie, jammernd, ihm mit den kettenbelasteten Händen
+ Winkt', und so bleich her sah von des Fensters eisernen Stäben,
+ »Hülfe!« schreiend, und »Rach' an Ottgar!« Aber er stöhnte
+ Laut in dem Schlaf', und schlug sich die Brust
+ vor unsäglichem Herzleid.
+ Bald erweckt' ihn Geschrei anstürmender Krieger. Der Kunen
+ Tausend, vereinten sich erst: Weglagerer, Räuber, und Mörder,
+ Von dem Heere getrennt, auf Raub zu ziehen, entschlossen,
+ Die Drahomira noch mehr empörte zu schrecklichen Thaten.
+
+ Als sie jetzt den Schlummernden sahn, der, blühender Jugend,
+ Noch im Schlafe das Schwert umklammert hielt mit der Rechten;
+ Durch die gesenkten Brau'n Wuth kündet', und, stöhnend, von Rachgier
+ Mit den verzerreten Lippen sprach, da riefen sie freudig:
+ »Seht, den sandt' uns Tyr,[2] der Gott des Kriegs und Verderbens:
+ Ihm gleich, hält er das Schwert umfaßt, und drohet im Schlaf noch
+ Schrecken dem Feind'. Er sey uns Führer im nächtlichen Raubzug!«
+ Also erweckt' ihn ihr wildes Geschrei; sie faßten, und hoben
+ Ihn von der Erd' empor; umhingen in Eile die Schulter
+ Ihm mit dem Pelz, der, marderumbrämt, zur Ferse hinabhing;
+ Setzten die Mütz' auf sein Haupt, mit dem schwebenden Reiher,
+ und bothen
+ Ihm das erlesenste Pferd. D'rauf sagte noch Sikra, der Hauptmann:
+ »Komm, und führ' uns im sausenden Ritt nach Kostel, dem Städtchen
+ Drüben im Mährenland, voll reichthumstolzer Bewohner,
+ Die, dem Böhmenkönig getreu, zum Kampfe sich rüsten.
+ Unser König bekriegt ihn selbst auf den Feldern von Oestreich:
+ Wir erhoben uns hier, ihm Schaden zu thun, und zu rächen
+ Plünderung, Mord, und Brand, mit welchen er Ungern vor Jahren
+ Wüstete: ha, nun Rache dafür an dem grausamen Ottgar!«
+ Also tobten sie fort. Der Jüngling ließ sie gewähren,
+ Stand verstört, und wußte nicht, wie ihm geschehen? Er sann jetzt:
+ Ottgar ward ihm genannt -- der Grausame hieß er den Räubern
+ Selbst? Da jauchzet' er laut; entblößte das Eisen; erhob sich
+ Schnell in den Sattel, und rief: »Mir nach, wir rächen die Unthat!«
+ D'rauf ging's fort, im sausenden Ritt nach Kostel in Mähren.
+ Vor ihm flog Drahomira einher, und lächelte grimmig:
+ Denn sie sah das Entsetzliche dort vollbracht, und Verderben
+ Ueber des Jünglings Haupt, und Ottgars schweben im Vollmaß.
+
+ Tief entschlummerten schon des ummauerten Städtchens Bewohner.
+ Ach, oft ahnet der Sterbliche nicht, der ruhig dem Schlaf sich
+ Noch an dem Abend ergibt, welch' Jammer ihn weckt vor dem Morgen!
+ Früher erspähten die Räuber schon des friedlichen Städtchens
+ Schwachverriegeltes Thor und die leichtersteigbare Mauer,
+ Die sie, keuchend vor Hast, erkletterten. Aber das Reitroß
+ Spornte Wallstein rasch umher: denn hoch in die Nacht auf
+ Ragte der Thurm, der dort die holde Geliebte (so wähnt' er
+ Noch, getäuscht von dem Traum) von ihm für immer getrennt hielt.
+ Wehe, und bald aufflammte die Gluth, an die breternen Dächer
+ Durch die entsetzlichen Kunen gelegt, und erhellete weithin
+ Rings die schweigende Nacht! Nicht säumte der lauernde Nachtwind,
+ Lauterbrausenden Flug's annahend, die Flamme zu wälzen
+ Hin und daher, an den Häusern der engverschlungenen Straßen.
+ Wildes Geheul erscholl: aus den Stuben hervor auf den Marktplatz
+ Flüchteten jetzt die Bewohner, um dort die Väter, und Mütter,
+ Kinder, und Greise zu seh'n, wie sie bluteten unter dem Schwerthieb
+ Wüthender Räuber, und bald, erwürgt mit den andern, zu fallen
+ Rettungslos: denn Niemand war, der half in dem Jammer.
+ Wohl anlangten den Abend zuvor zwölf muthige Reiter
+ Ottgars, über die March, von Drösing herüber gesendet:
+ Mundvorrath aus dem Städtchen hier, in das Lager der Böhmen
+ Heut noch zu schaffen mit Waffenmacht: denn schreckengerüstet
+ Herrscht in des Krieges Zeit die Gewalt: nur Laute des Ingrimms
+ Treffen das Ohr, das sonst des Friedens sanfte gewohnt war.
+ Als der feindliche Lärmruf scholl, da schwangen die Reiter
+ Sich auf das Roß, zu entflieh'n der wuthempöreten Mehrzahl;
+ Doch sie waren umringt, und nun, mit dem Schwert' in der Rechten,
+ Kämpfend, zu sterben bereit. Sie stellten sich fest und entschlossen,
+ Vor dem Thurm dort auf, und harrten des nahenden Feindes.
+
+ Allen zuvor kam Wallstein, jauchzt', und hieb in den Haufen,
+ Blindumwüthend, ein: denn Ottgars kenntliche Reiter
+ Sah er vor sich, und schnob nur Rache, nur flammende Sehnsucht
+ Hedwigs Retter zu seyn aus den Händen unmenschlicher Krieger.
+ Jetzt auflachte voll Hohn Drahomira, und hob sich von dannen:
+ Denn jetzt klebte das Blut des eigenen Volks an dem Schlachtschwert,
+ Das ihm Ottgars Rechte vertraut', und sie dachte: nicht fern mehr
+ Sey ihm das Ziel, zu fallen mit ihm, unrühmlich, und furchtbar!
+ Siehe, die Reiterschar, umstürmt von den wüthenden Räubern,
+ Fiel nach tapferer Gegenwehr auf die Leichen des Feindes,
+ Die sie gehäuft! Doch Veith, der jetzt aus dem Sattel geworfen,
+ Sank, rief sterbend ihm noch: »Ha, Wallstein: bist du ein Gegner
+ Deines eigenen Vaterlands? Du ermordest die Böhmen?«
+ Wallstein horchte bestürzt: er erkannte den redlichen Krieger,
+ Der in der Ahnen-Burg gedient, und in zartester Kindheit
+ Oft ihm Mährchen erzählt': ein treugesinneter Reiter;
+ Hob die Blick' empor, und sah, durch des ragenden, leeren,
+ Halbverfallenen Thurms verwitterte Fenster den Himmel,
+ Sternenhell, herab auf das Blut der Reisigen starren;
+ Sah, erstaunt, um sich her die Leichen der Greis' und der Kinder
+ Schwimmen im Blut' -- all' überall Blut, und die wüthenden Kunen
+ Nur erpicht auf Raub und Plünderung. Plötzlich ergriff ihn
+ Seelenangst: er gab dem Rosse die Sporen, und jagte
+ Durch das offene Thor hinaus auf den einsamen Heerweg;
+ Dann seitab den Hügel empor, der, nahe dem Städtchen,
+ Jäh sich erhebt. Dort saß er am Rand', aus dem Sattel gestiegen,
+ Haltend das Roß am Zaum', und sah nach dem schrecklichen Jammer
+ Drüben hinab. Bald wühlt' er, ergrimmt, sich die Brust mit den Nägeln
+ Wund; bald stützt' er das Kinn auf die Recht', und starrte hinunter,
+ Starrte hinauf zu dem tiefverstummenden Himmel, und rang nur
+ Einem Schreckensbild zu entflieh'n, das fieb'risch die Brust ihm
+ Schüttelte: denn er dachte, wie frech er die freundliche Warnung
+ Von sich stieß in der Nacht, welch' über ihn schrecklich entschieden.
+ Doch als jetzt ihm ein Thränenpaar heiß über die Wangen
+ Träufelte, hob er sich auf von dem Boden, und plötzlich verscheuchte
+ All die Bilder ein kühner Entschluß. Er sagte für sich hin:
+ »Ottgar, kein Verein ist zwischen uns mehr! Ich gehöre
+ Deinem Gegner hinfort: denn sieh', ich erwürgte die Böhmen --
+ Ach, mein Volk, mit den Kunen im Bund! Dieß blutige Schwert lechzt
+ Jetzo nach deiner Brust, und nach meiner:
+ wir fallen zugleich -- bald!«
+ Stöhnend schwang er sich dann auf's Roß, und jagte herüber
+ Immer den Fluß entlang, im Galopp, die lagernde Heersmacht
+ Rudolphs noch vor dem Morgenroth zu erreichen vor Marcheck.
+
+ Sieh', und es rief in der Stadt, in den weitgetrennten Gehöften,
+ Und in den Dörfern umher der Hahn, des dämmernden Morgens
+ Muthiger Herold, sein »wach' auf« das andere Mal schon,
+ Als er die seichtere Furt durchwatete; d'rauf vor dem Lager,
+ Laufend, erschien, das Kunenroß heimjagend vom Ufer.
+ »Wer da?« rief ihm die Huth vom Wall' entgegen, und zielte
+ Dann mit der Lanze zugleich nach der Brust des nahenden Jünglings:
+ Aber er sprach ergrimmt: »Zu Rudolph, eurem Gebiether
+ Führet mich schnell! Hochwichtiges muß ich sogleich ihm enthüllen.«
+ Jener sah ihn zuvor mit Staunen vom Kopf bis zum Fuß' an,
+ Eh' er die Freund' entboth, ihm sich'res Geleite zu geben:
+ Denn unglücklich nur -- nicht verdächtig erschien er von Anseh'n,
+ Und sie führten ihn jetzt nach des Kaisers ragendem Zelt hin.
+
+ Aber der liebliche Schlaf (ein Balsam für blutende Herzen,
+ Welcher so mild den Schmerz beschwinget, der in des Lebens
+ Dornengefilden sie grausam zerriß) war eben auf Rudolphs
+ Lieder gesunken, und er floh vor dem Fußtritt nahender Krieger
+ Wieder hinweg. Oft wacht' er im Feld mit heiterem Antlitz
+ Tag' und Nächte hindurch, zu des Kriegs Beschwerden gestählet.
+ Als in das einsame Zelt der Jüngling getreten, da däucht' ihn:
+ Jener Unglückliche sey's, der jüngst den muthigen Reiter
+ Von dem Thurm in den Abgrund warf, und nicht irrte sein Scharfblick.
+ Freundlich winkt' er ihm jetzt mit der Hand, und jener begann so:
+ »Meine Rede sey kurz! Der Sterbende muß sich beeilen,
+ Daß er enthülle das Wort, das lastend die Brust ihm beschweret.
+ Höre mich, Herr! Ich war dein Feind, und hätte den Sohn dir
+ Gern durchbohrt auf dem Plan, vom wüthenden Hasse getrieben;
+ Aber es zieht das Geschick gar wunderbar oft in des Lebens
+ Irre den Pfad: mich führt es als Freund dir zurück. Mit den Kunen
+ Hab' ich, dein Dienstmann, erst gesengt, und gebrannt in dem Städtchen
+ Drüben im Mährenland', und die Bürger zugleich mit den Kriegern
+ Muthig erwürgt: all' Ottgars Schuld, des grausamen Wüthrichs,
+ Der auch dir nach dem Leben strebt, und die Mörder bereit hält.
+ Aber ich eil' ihm zuvor, willst du's, und raub' ihm das Leben
+ Heut' noch. Dir ist dieß Schwert geweiht; nicht soll es ihn fehlen:
+ Denn er verübt' an mir Entsetzliches. Sprich, und ich mord' ihn!«
+ »Wie,« so begann, aufjammernd, der Kaiser, »Unselige, habt ihr
+ Ruhige Menschen erwürgt, und gesengt, und gebrannt in dem Städtchen
+ Drüben nach schrecklichem Kriegsbrauch? O, der Völkerbeherrscher
+ Trauriges Los, daß ihr Streit auch Räuberhände bewaffnet,
+ Ungezügelt und frech, dem Gesetz hohnsprechend, zu wüthen!
+ Herr, nicht gehe mit mir in's Gericht: denn mein ist die Schuld nicht!
+ Doch du kehre zurück, Unglücklicher! Kehre zu Ottgar,
+ Der ein liebender Vater dir war, nun zurück, ihn zu söhnen,
+ Ihn mit reuigem Sinn um den Segen zu fleh'n -- zu erwiedern
+ Ihm verzeihende Huld, so er dich einst kränkte mit Unrecht!
+ Also hat es der Herr uns gelehrt: er möge dir helfen!«
+
+ Wallstein stürzte hinaus, und flog nach dem feindlichen Lager,
+ Rastlos, bis er erreichte die Huth der böhmischen Reiter.
+ Schnell erkannten sie ihn, der oft im Gewühle der Schlachten
+ Sie zum Siege geführt, und jubelten laut in die Nacht auf.
+ Einer begann: »Kehrst du zur Freude des Heers und des Königs
+ Wieder zurück, der, wisse es nur, mit unsäglicher Sehnsucht
+ Nach dem verlorenen Sohn sich abhärmete? Wahrlich, er nannte
+ Heute dich so, und verhieß allmanniglich reiche Belohnung,
+ Der dich führte zurück in die Arme des liebenden Vaters!«
+ Doch, es erwiederte Wallstein ihm den freundlichen Gruß nicht;
+ Eilete vor, und erreichte das Zelt des entschlummerten Königs.
+ Jetzo murrete Greif, der mächtige Hund, vor dem Eingang:
+ Ottgars Liebling, ein Schrecken des Volks, das nächtlicher Stund' ihm
+ Nahete, wo er, der Kette los, umwandelte wachsam:
+ Denn er bewältigte leicht den stärksten der Reisigen; hielt ihn
+ Nieder, und bellete, bis ein Hausgenosse daherkam.
+ Wallstein zischte nur leis', und rief ihn bei'm Nahmen: da sprang er,
+ Heulend, herbei; erhob sich mit freudigem, lautem Gewinsel
+ Ihm auf die Schulter, lang wie er war, und leckt' ihm die Wangen;
+ Lief dann kreisend umher, und kehrete wieder, vor Freuden
+ Bellend, und heulend zugleich: denn Wallstein war ihm seit Jahren
+ Hold, und quälet' ihn einst im jugendfröhlichen Muth' oft.
+ Doch er streichelte jetzt den Treu'n mit unwilliger Hand nur;
+ Trat in das Zelt, wo im Lampenschein, auf das Lager gesunken,
+ Ottgar schlummerte: ganz in die Waffen gehüllt, und zu kämpfen
+ Wieder am Morgen bereit, und schauderte, wie er den Mann dort
+ Schlummern sah, der einst ihm vor allen Sterblichen werth war --
+ Jetzt, ohnmächtig im Schlaf', ihm Preis gegeben zur Willkühr.
+ Grauer schien ihm sein grauendes Haupt seit Tagen geworden,
+ Blässer sein blasses Gesicht. Er stöhnete laut vor dem Traum' auf,
+ Der ihn umfing, und wand sich, und rief, fast wimmernd,
+ nach Wallstein.
+ Dieser entblößte das Schwert. Noch einmal stand ihm des Jammers
+ Grau'ngestalt, den Ottgar schuf, vor den Augen; er eilte
+ Vorwärts, schwang das Eisen, und sann. Drahomira durchschwebte
+ Jetzo den Zelteingang; umflog in furchtbaren Kreisen
+ Schneller und schneller des Jünglings Haupt, und hauchte des Abgrunds
+ Gifte umher, daß er, schwindelnd, den Mord verübt' an dem König;
+ Aber er hatte zuvor, vom Kaiser, mit Schrecken, des Heilands
+ Worte gehört. Wie dort im Fiebertraum sich ein Kranker
+ Freut, da ein Freund ihm naht, und nachsinnt: ob er ihn kenne?
+ Also nur dunkel vernahm der zerrüttete Jüngling die Warnung;
+ Dennoch bezwang er sich jetzt, trat näher, und stampfte den Boden.
+ Auffuhr Ottgar schnell, und starrte dem Starrenden, schweigend,
+ In das Gesicht. Ein ganzes, im Glück' entschwundenes Leben
+ Eilete schnell, wie der Blitz, den Beiden noch einmal vorüber,
+ Und die Vergangenheit warf, hellleuchtend, viel grausere Schatten
+ Noch auf die dunkele Gegenwart. Doch jetzo begann er:
+ »Wallstein, kommst du zurück'? Ich wußt' es: ein edeles Herz schlägt
+ Dir in der Brust. O, schwer hast du mich betrübt, und des Abgrunds
+ Seelenverwirrende Macht empörte die Wuth mir im Busen
+ So, daß ich, nicht durch eigene Schuld -- von der Hölle betäubt nur,
+ Dir das liebende Herz verwundete! Wohl sind die Menschen
+ Sich zu betrüben, geneigt; doch Reue versöhnt, und Verzeihung
+ Windet den schöneren Kranz um die friedenbiethenden Herzen.
+ Du nun wieder mein Sohn, und ich -- dein liebender Vater ...«
+
+ Jener naht' ihm, und rief ergrimmt: »Halt ein, und erhebe
+ Nicht den Vorhang mehr, der zwischen uns dunkel herabsank!
+ Was du ersehntest -- es sey: ich verzeihe dir! Aber dem Bogen
+ Furchtbarer Rach' entschwirrte der Pfeil; nicht reißt ihn des Schützen
+ Hand mehr zurück. Weh' dir, Unglücklichem: denn ich entsandt' ihn!
+ Böhmisches Blut benetzte dieß Schwert: mit den Kunen verbunden,
+ Hab' ich zuvor dein Volk erwürgt, wie ein Söldner des Kaisers.
+ Du hast ihm nach dem Leben gestrebt: ich both mich, als Rächer,
+ Dir zu durchbohren die Brust; doch, sieh', dein edeler Gegner
+ Achtet dein Haupt, und gab mir sanftversöhnende Lehren:
+ Solchem fällst du besiegt -- ich meinem unglücklichen Schicksal!«
+ Sagt' es, und kehrte das Schwert urplötzlich von unten nach oben
+ Gegen die Brust, und sank in den Stahl, der, zischenden Lautes,
+ Ihm das pochende Herz durchfuhr. Er verhauchte das Leben
+ Lautlos. Jammernd erhob sich jetzt, ihn zu retten, der König:
+ Aber umsonst: er lag entseelt, und regte sich nicht mehr!
+ Schon aufjauchzte vor Lust Drahomira, der That sich zu rühmen:
+ Da durchblitzt' ein Glanz den Raum des Gezeltes; ein Flehen
+ Nach erbarmender Huld erscholl. Von Schauder ergriffen
+ Wollte sie flieh'n, um fern in den übersinnlichen Räumen
+ Noch zu entgeh'n dem Zorn der Himmlischen; aber unendlich
+ Rauscht' Entsetzen ihr vor -- ihr nach: sie sank in den Abgrund
+ Außer den Gränzen der Welt, betäubt vom Schrecken, hinunter,
+ Und erkannte sich erst in den Jammergefilden der Hölle.
+
+ Draußen im Schattenkreis' des hochaufragenden Eichbaums
+ Gruben die Krieger ein Grab. Der Entseelte lag auf dem Rasen
+ Dort in den Lagermantel gehüllt: da hinkte sein Reitroß,
+ Völlig des Anseh'ns bar, aus der Au herüber, und senkte,
+ Leise genaht, das Haupt zu ihm hin, daß die wallende Mähn' ihm
+ Dann mit dem Zaum nachsank, und des Todten Antlitz bedeckte.
+ Jahr' entfloh'n: da hieß es, am Grabe des böhmischen Kriegers
+ Liege das bleiche Geripp von seinem verschmachteten Roß noch!
+
+ Als aus Osten der Hauch des hellaufdämmernden Morgens
+ Ueber die frischbethauete Flur den kühleren Frühwind
+ Sendete; rings im Gefild sich die wiedererwachten Geschlechter
+ Regten, mit gleichgeschäftigem Drang zu durchlaufen des Tages
+ Kreisende Bahn, bis ihr Ziel, nun bald, nun später erreicht ist;
+ Als in den Städten und Dörfern umher, in den Hainen und Wäldern
+ Munterer Laut sich erhob: da hatte der Kaiser im Lager
+ Schon die Scharen vereint, und zu drei Heersäulen geordnet,
+ Sie in geschlossenen Reih'n dem Feind' entgegen zu stellen.
+ Aber der Ost- und der Steyer-Mark geworfene Scharen
+ Schob er den andern vor in der Mitte, daß sie in dem Schlachtfeld
+ Sich den entwundenen Kranz jetzt herrlicher wieder erkämpften.
+ Heiter saß er zu Pferd', und sprengte hinauf und hinunter
+ Vor den Reih'n, zu entflammen den Muth der schweigenden Krieger:
+ Denn sie schwiegen, beschämt von des Rückzugs quälendem Vorwurf.
+ »Männer, wohlan,« so ermahnt' er sie laut,
+ »steht heut' in dem Schlachtfeld
+ Fest zusammengedrängt -- euch tapfer zu wehren, entschlossen:
+ Denn bald dürfte der Feind, noch stolz auf errungenen Vortheil,
+ Mit gesteigertem Muth vorstürmen zum blutigen Angriff!
+ Ha, schon seh' ich den Siegeskranz, mein edler Capellen,
+ Dir an der Stirn! Dir, Trautmansdorf, dem Vater der Helden,
+ Glühen die Wangen vor Gier, zu rächen im Blute des Feindes
+ Die, nur mit Uebermacht erschlagenen Söhn' in dem Vorkampf.
+ Oestreichs Edelstein' und Demantberge, verdunkelt
+ Heute sogar den Ruhm der thatengewaltigen Ahnen:
+ Denket des Siegs! Doch, Lichtenstein, wie? Soll ich dich schelten?
+ Nicht die gewohnte Heiterkeit färbt mit Freude dein Antlitz
+ Heut': erbebst du dem Feind? Der Tapfere scheuet den Tod nicht.«
+ So, vortummelnd das Roß, erregte der Kaiser die Helden.
+ Aber dem Eilenden rief der Lichtensteiner im Scherz nach:
+ »Mit Vergunst! Ihr irrt, erlauchtester Kaiser! Den Feinden
+ Bebt kein Lichtenstein; doch, fröhlicher Dinge zu scheinen
+ Noch, da uns Ottgar jüngst des Turnmahls schnöde beraubte,
+ Gestern nicht gönnte die Zeit, an dem trockenen Brot' uns zu letzen,
+ Auch den Schlaf uns stahl? Das möchte nicht allen genehm seyn!
+ Doch wir tischen ihm bald die Mahlzeit auf, und verhelfen
+ Ihm zu dem furchtbarn Schlaf, dem er gar freudig entrönne.«
+
+ Lächelnd hörte das Volk den Munteren. Aber der Kaiser
+ Flog zur Rechten hinauf, wo Schweizer, Tyroler, und Schwaben,
+ Muthbeseelt, sich eineten; schwang das Eisen, und rief dann
+ Laut zu dem Sohn, den jüngst er jenen erwählte zum Feldherrn:
+ »Albrecht, halte dich wohl! Stets warst du im Schlachtengewitter,
+ Leuchtend, ein Stern; dir gleich der Burggraf Friedrich und Hochberg,
+ Und mein Müller dort, der redliche, treue Geselle!
+ Auf, ihr seyd mein Volk, ihr sollt mir Ehre gewinnen!
+ Dietrichstein, du Hort der Helden Tyrols, wie erhebt dich
+ Jetzo die Stelle, nach welcher mein Haug in der Veste sich sehnet!«
+ Rief's; dann flog er zur Linken hinab, und ermahnte die Feldherrn:
+ »Meinhard, trefflicher Held, nicht harrst du erregenden Aufrufs
+ Muthig zu steh'n im Kampf: denn immer wird dir im Schlachtfeld
+ Nur der herrlichste Lorber zu Theil; nun führe die Kärnthner,
+ Führe die Krainer zum Sieg! Dir folgen die Tapferen: Heunburg,
+ Albert von Görz, und der Ortenburg auf der rühmlichen Bahn nach.«
+ Und er entflammte zugleich mit mutherregenden Worten
+ Kaduschas Brust, und die Kraft des Trentschiner Helden Mathias.
+ D'rauf entsandt' er die Herolde, noch in der Stunde des Morgens
+ Aufzubiethen sein Volk: die heilige Sühne zu feiern.
+
+ Aber noch säumte daheim in dem Lager der König der Böhmen;
+ D'rob der Kaiser sich hoch verwunderte: denn nicht enthüllt war
+ Ihm des Jünglings Tod, und der Gram des erschütterten Königs,
+ Ottgars. Katwald fuhr um ihn her, und erregte das Herz ihm:
+ Jetzt auf des Siegs betretener Bahn mit gewaltiger Thatkraft
+ Vorzudringen. Umsonst! Er saß, hinstarrenden Blickes,
+ In dem Gezelt, und regte sich nicht -- wie ein Marmorgebild dort,
+ Wo an der Urne des Sohn's, des frühverblich'nen, der Vater,
+ Sitzt gesenketen Haupt's, und die Thrän' entlocket dem Wand'rer.
+ D'rauf entschwang sich der Geist, und rief den muthigen Feldherrn:
+ Lobkowitz, Czernin, Zierotin; dann Milota, Herbot,
+ Heinrich, dem Hort der Baiern, und Pfeil, dem Gebiether der Sachsen,
+ Die zu erneuertem Kampfe bereit, des mächtigen Königs
+ Harrten, schwebend umher von einem zum andern, ergrimmt, zu:
+ »Eilt, und erweckt aus Gram und Verzweiflung euren Beherrscher:
+ Denn er brütet erstarrt für sich hin, und verschließet des Glückes
+ Stimme sein Ohr, das flüchtig entweicht! O nichtige Hoffnung:
+ Als den geworfenen Feind nur die Nacht den vernichtenden Blitzen
+ Eures Arms entriß, da flucht' er dem nächtlichen Dunkel
+ Laut, und ersehnte des Morgens Strahl; nun weilet er müßig,
+ Und versäumt des Schlachtengeschicks entscheidenden Zeitraum!«
+ Also der Geist, und sie eilten sogleich nach dem Zelte des Königs;
+ Doch, eintretend voll Hast, erbebten die Tapferen alle;
+ Allen erstarb der Laut in dem Mund: so schrecklich zu schauen
+ War die Gestalt, die jüngst noch in jeglichem Busen den Muth hob.
+ Lange starreten sie, von Schauern ergriffen, dem König
+ In das entseelte Gesicht; doch jetzt erhob er sich. Plötzlich
+ Färbte glühendes Roth ihm die Wangen, und hell, wie im Nachtgrau'n
+ Flammt der Essen zerschmelzende Gluth, von mächtigen Bälgen
+ Brausend empört, ihm glänzten die zornausblitzenden Augen,
+ Als er den Helden genaht, mit geballter Faust, und, den Boden
+ Stampfend, das Kleid aufriß, und die Brust voll rühmlicher Narben
+ Rasch entblößend, rief: »Habt ihr ihn getödtet, den Jüngling
+ Voll gewaltiger Kraft, voll edelen Muthes und Sinnes?
+ Nein, ihr nicht: denn ihr seyd feig! Doch heimlich empöret
+ Habt ihr das edle Gemüth, daß er frech des Kindes Gehorsam
+ Mir versagte, mich floh, und selbst mein schrecklichster Feind ward.
+ Aber er stieß den Dolch, den ihr ihm gereicht, nicht dem Vater
+ Hier in die liebende Brust: er durchbohrte sein eigenes Herz nur.
+ Ha, was säumt ihr fürder? Entblößt -- dem meuchelnden Dolchstoß
+ Offen seht ihr die Brust, in der ein tapferes Herz schlägt!
+ Wohl bekannt ist mir's, daß ihr nach dem Leben mir strebet;
+ Auf, vollführet es hier, eh' draußen noch tausende fallen,
+ Opfer des Kriegs, des furchtbarn, der mir nimmer zum Heil wird!«[3]
+ Dann verstummt' er, erblaßt, vor den Tapferen. Lobkowitz wiegte
+ Trauernd, das Haupt: erhob g'en Himmel den Blick, und begann so:
+ »Welchen Jammer verhängt der Ewige über die Völker
+ Böheims! Herr, droht Krankheit dir? Ach, immer zum Herzleid
+ Deines getreuesten Volks geschäh's -- doch jetzt zur Verzweiflung:
+ Wo der Sieg uns winkt, und die Feinde, vom Schrecken gebändigt,
+ Zitterten! Hab' ich, dem Streit abhold, nicht des segnenden Friedens
+ Worte gesprochen im Rath'? Umsonst: du wolltest den Krieg nur!
+ Nun vollführ' es mit Muth, was du so kräftig begonnen.«
+ Ottgar wandte sich schnell zu Milota: »Führe,« so sprach er,
+ »Heute den Kern des Heers rasch vor zu des Kampfes Entscheidung.
+ Hast du die dunkele Brust mir jüngst auf dem nächtlichen Irrpfad,
+ Höhnend, enthüllt -- zerfleischt mit blutigen Krallen das Herz mir:
+ Traun, kühn war's! so wirst du auch jetzt unbändigen Muthes
+ Stehen im Waffenfeld', und erringen den Sieg mit Gewißheit:
+ Denn erprobt bist du in des Feldherrn wichtiger Stelle.
+ Lobkowitz weile mit mir, der Thaten gewärtig, im Rückhalt.«
+ Katwald hört', erstaunt, die Rede des Königs, und rief ihm
+ Angstvoll: »Welch' entsetzliche Wuth verblendet dich vollends,
+ Daß du den Kern des Heers dem heimlichen Gegner vertrau'n willst?
+ Immer lächelt er Hohn, und sinnt verderbliche Tücken.
+ Auf, ermunt're dich jetzt, und führe das Heer in die Feldschlacht,
+ Selber, sogleich; wo nicht, so vertrau' es dem tapferen Helden
+ Lobkowitz, eh' denn ihm, der dir zum Jammer erseh'n ist!«
+ Aber er ballte die Faust, und wankte nicht, eiserngesinnet.
+ Ihm sah Milota kalt in das Aug', und entgegnete trotzig:
+ »Keinem Schwachen vertraust du den Stab, die Zierde des Feldherrn,
+ Ueber den Kern des Heers: ich werde mir Ehre gewinnen!
+ Zwar verbanntest du mich erst jüngst auf dem nächtlichen Irrpfad
+ Ferne von dir: ich weilete heut', und in kommender Zeit noch
+ Gern in dem Nachhalt nur: den hatt' ich mir heimlich ersehnet!«
+ Sprach's mit bedeutendem Blick', und eilte hinaus in der Dämm'rung
+ Schnell zu entbiethen des Vorderzugs beritt'ne Geschwader.
+
+ Draußen am Lagerrand, vor allen dem feindlichen näher,
+ Saßen die Meißner und Thüringer noch, erlesen zur Vorhuth,
+ An den Feuern umher, und verkürzten in frohen Gesprächen,
+ Oft aufjauchzend zugleich, sich die nächtlichen Stunden.
+ Nur, als jetzt
+ Milota, schaltend, vorüberzog, verstummte des Kriegers
+ Lautes Geschrei. Auch Inguiomar kam, eilenden Fluges,
+ Näher, und rief dem Führer des Volks, dem tapferen Dietrich:
+ »Ha, was sagte wohl jetzt der hochgesinnete Kaiser,
+ Heinrich, der Finkler genannt, der herrliche Vesten-Erbauer,[4]
+ Der auch Meißen erbaute, die Burg, und der Eurigen Ahn ist,
+ So er euch sah' im Bund mit den Böhmen, als Deutsche den Deutschen
+ Feindlichentgegengestellt, und gehorchend dem Fremdling' als Söldner
+ Hier in dem Kampf, der euch nicht Ruhm gewähret, nicht Vortheil?
+ Jetzt soll Milota's Wink, der euch nie günstig gesinnt war,
+ Gegen den Feind mit dem Kern des Heer's euch drängen, und treiben:
+ Denn hochwerth ist ihm, und noch mehr dem Könige selber,
+ Deutscher Muth, und der Arm, der stets in dem Schlachtengefild noch
+ Ihm den Sieg errang; doch bald vergißt er des Schweißes,
+ Und des Bluts, das ihr vergeudet, im eisernen Feld' euch
+ Mühend für ihn, und ehrt, wie jetzt, nur die Seinen als Feldherrn.
+ Männer, besteiget das Roß, und zieht in der Stille, des Lagers
+ Wall entlang, nach der Heimath fort, wo die einsame Gattinn
+ Eurer mit Sehnsucht harrt, im Kreis' umlärmender Kinder!
+ So nicht einet ihr euch, dem Eid' untreu, mit den Feinden
+ Ottgars; aber auch ihm nicht fröhnet ihr mehr in dem Kriegszug.«
+ Also der Geist. Da erhob sich schnell Herr Dietrich, und rief so:
+ »Männer, hört, was dünkt euch? Ha, was sagte wohl jetzo
+ Unser erlauchter Ahn, der treffliche Vesten-Erbauer,
+ Heinrich, so er uns sah' im Bund mit den Böhmen, den Deutschen
+ Feindlichentgegenstellt? Wie, Ottgar soll uns zum Kampf hier
+ Drängen, daß wir mit dem Muth, der deutsche Herzen beseelet,
+ Und noch stets ihm den Sieg errang in dem eisernen Schlachtfeld,
+ Enden den Krieg, der uns nicht Ruhm gewähret, nicht Vortheil?
+ Ha, er vergißt nur zu bald des Bluts, und des strömenden Schweißes,
+ Den wir unverzagt ihm spendeten! Lieblinge sind ihm
+ Nur die Slaven allein: denn Milota soll uns gebiethen.
+ Brüder, sitzen wir auf, schnurstracks, und zieh'n in der Stille
+ Fort, nach der Heimath fort: g'en Thüringen, Meißen, wo, liebend,
+ Unser die Gattinn harrt im Kreis' umlärmender Kinder!
+ Zwar stamm' ich aus der Ostmark her[5]: denn wisset es, Leupolds
+ Tochter, des Herzogs, war's, die mich mit Schmerzen geboren,
+ Und mit Lieb' erzog, zur Freude des _sieghaften_ Vaters;
+ Doch nicht einen wir uns, dem Wort' untreu, mit den Feinden
+ Ottgars -- zieh'n nur heim, daß wir nicht die Brüder bekämpfen.«
+ Lautumjauchzender Schrei verschlang ihm das Ende des Zurufs.
+ Zitternd vor freudiger Hast, aufzäumte der Krieger sein Reitroß;
+ Hing das Schwert mit dem Wehrgehäng' um die Schulter, und schwang sich
+ Auf in den Sattel, den eilenden Ritt zu beginnen, unmerkbar
+ Milota's Falkenblick: denn als er wieder zur Rechten
+ Kehrte, ritten sie links Herrn Dietrich nach in der Stille,
+ Außer dem Rasenwall, thaleinwärts, bis sie den Heerweg
+ Wieder gewannen, entfernt dem Heer', und für jetzo geborgen:
+ Denn hier wähneten all': ein feindverderbender Zug sey's --
+ Milota's Werk. Doch jen' enteilten, voll Hast, nach der Heimath.[6]
+
+ Ottgar saß noch im Zelt vereint im Rath mit den Feldherrn.
+ Milder schlug sein stürmisches Herz, und er sagte mit Sanftmuth
+ Manches freundliche Wort den Tapferen. Aber vor allen
+ Rühmt' er Czernin: ob des entschlossenen Zugs vor die Mauern
+ Wiens, des Ueberfalls, und des kluggeordneten Rückzugs
+ Nach dem rühmlichbestandenen Kampf mit unzähligen Gegnern.
+ »Ha,« rief Czernin jetzt mit zweifelndem Blick, »noch entrann ich
+ Glücklich des Kaisers Gewalt: denn hatte der Vater des Sohns nicht,
+ Schonend, geharrt, der erst in nächtlicher Stunde die Festung,
+ Für die sterbende Mutter besorgt, verließ: das Entrinnen
+ Wäre nicht leicht, und sicher das Grab in dem Zug uns geworden.
+ Jetzt nur schnell in den Kampf! Nicht in dumpfeinengenden Mauern,
+ Und Spießbürgern vereint, behagt mir, zu streiten; in Freiheit,
+ Draußen im Feld mir nahe der Feind: ich werd' ihm begegnen!«
+ Als er geendet das Wort, da hob sich zur Decke des Zeltes
+ Herbot von Füllenstein, der riesengestaltete Ritter,
+ Der den reussischen Scharen geboth, in feuriger Hast auf,
+ Blößte sein mächtiges Schwert, und sagte mit donnernder Stimme:
+ »Nehmt, o König, zum Unterpfand des kühnen Versprechens,
+ Herbots eidliches Wort: nie zieht er hinfort in das Feld mehr,
+ So er nicht eueren Feind, der Kaiser sich nennet, gefangen,
+ Oder todt, euch schafft: dann möget ihr würdig ihm's lohnen!«
+ »Dann,« so höhnt' ihn Zierotin, »dann werd' ihm als Siegspreis,
+ So er es kühn vollführt, was er so muthig verheißen,
+ Böhmens Hälfte zu Theil -- vielleicht verhieß ich zu wenig!
+ Aber, wohlan, wir all' erringen gewiß in dem Feld dir
+ Heut' unendlichen Ruhm, so uns dein gewaltiger Wink nur
+ Lenkt, und dein Siegesblick uns leuchtet
+ im furchtbaren Schlachtgrau'n!«
+ Sprach's mit Kraft. So riefen zugleich der tapfere Heinrich,
+ Bayerns Herzog, und Pfeil, des Sachsen-Volkes Gebiether.
+
+ Nun trat Zawiß von Rosenberg, der blühende Ritter,
+ Hastig in's Zelt. Ihm sah wildstarrender Grimm aus den Augen,
+ Als er zu reden begann: »Nicht Erfreuliches werdet ihr hören:
+ Fort ist Meißens und Thüringens Volk, das reisige. Treulos
+ Zog es davon, und ihm liegt das Lager schon fern in dem Rücken,
+ Da es im Flug' enteilt, zu erreichen die Fluren der Heimath.«
+ All' aufschrie'n, von Zorn g'en jen' empöret; nur Ottgar
+ Hob sich, schweigend, vom Stuhl. Wie des Vollmonds zitternder Schimmer
+ Fern auf dem dunkelen Teich' erglänzt: so erhellt' ihm die Augen,
+ Welche die Trauer umfing, des Muths aufdämmernder Lichtstrahl.
+ Langsam trat er heraus vor das Zelt; ihm folgten die Feldherrn.
+ Dort ersah er das Heer in der rosigen Frühe. Geschäftig,
+ Wie auf gehügeltem Laub' im Walde die Ameisen rastlos
+ Kommen, und geh'n: so regte sich schon, die Rosse besorgend,
+ Rings das reisige Volk; der Waffen Glanz und des Lagers
+ Dumpfauftosender Lärm erfüllt' ihm die Brust mit Vertrauen.
+ Doch stets lauter ertönete jetzt des eisernen Hufes
+ Schmetternder Schlag. Ein Ritter kam in brausendem Eilflug
+ Näher, und hielt das Roß vor dem Könige, trotzigen Blicks, an.
+ Leutold, der Kunring, war's. Auch ihn empörte so eben
+ Inguiomar, daß er stolz entsage dem Waffenverein hier
+ Mit dem Beherrscher des Böhmenvolks. Nun sprach er ergrimmt so:
+ »Lang ersehnte mein Herz des furchtbarn Kampfes Entscheidung;
+ Aber umsonst: noch zauderst du stets, und versäumest des Glückes
+ Schnellentfliehende Zeit. Erst sah ich hinaus aus dem Lager
+ Ziehen die Meißner zugleich, und die Thüringer. Also bewährt sich
+ Mir die Sage: du biethest die Hand zum schmählichen Frieden,
+ Auf des Sohnes Verlobung bedacht, dem Grafen von Habsburg?
+ Sey's, ich tadle dich nicht: du magst verfahren nach Willkühr!
+ Aber ich ziehe g'en Dürrenstein mit meinen Getreuen.
+ Kommt dann, beide, vereint! Gar viel' erblickt ihr der Euren
+ Liegen, entseelt, an dem Wall' umher, eh' Leutold, der Kunring,
+ Fällt: nicht besiegt durch euch -- von dem Schutt der Veste begraben.«
+ Stöhnend gab er dem Rosse den Sporn, und entschwand aus den Augen
+ Ottgars schnell. Er griff an die Stirn', um welche der Frühwind
+ Wiegte sein grauendes Haar, und sprach zu dem sinnenden Feldherrn
+ Lobkowitz: »So ist des Menschen Geschick! In kräftiger Jugend
+ Hüpft der muntere Bach hervor aus grünenden Thälern;
+ Eilet dem freundlichen Land' und den schimmernden Städten entgegen,
+ Stets gewinnend an Kraft, als sich unzählige Flüsse,
+ Huldigend, ihm anreih'n: er rauscht, ein mächtiger Strom, fort.
+ Doch nicht ferne dem Ziel', eh' er matt versinkt in des Meeres
+ Dunkelen Schooß, reißt hier und dort sich in sandigen Eb'nen
+ Wieder ein Arm nach dem andern von ihm, und er endet verloren
+ Dann in dem allverschlingenden dort, auf immer die Laufbahn!
+ Aber, wohlan, nicht klage der Feind: mit unzähligen Scharen
+ Hätt' ich errungen den Sieg! Die treu verharren, genügen
+ Mir noch, Oestreichs Thron zu erkämpfen im Felde der Ehren.
+ Auf, wir ziehen dahin! Die Dromet' erschalle; die Trommel
+ Rufe zur Schlacht, und im Wind entfalte sich winkend die Sturmfahn'!«
+ Also geschah's: denn rasch vordrangen die muthigen Scharen.
+
+
+
+
+ Neunter Gesang.
+
+
+ Sanft verhallete jetzt der Gesang zu der heiligen Feier,
+ Die der Priester des Herrn vollendete, kreisendumgeben
+ Von des Heeres geordneten Reih'n. Im räumigen Lager
+ Stand der Altar erbaut vor dem Bild des erlösenden Kreuzes
+ Schnell, wie die Zeit es heischt', im Schmuck hellgrünender Reiser;
+ Aber im Augenblick, wo nahe des Lebens und Todes
+ Würfel fallen, aufschwang sich das Herz in heißerer Andacht
+ Mit dem Gesange zu Gott: gar feierlich schlug's in dem Busen!
+ Jetzt vom Staub, wo er bethend kniet', erhob sich der Kaiser.
+ Himmlische Ruh' erhellte sein Aug', und, heiteren Muthes
+ Pochte sein Heldenherz, da im Feld die kehrenden Scharen
+ Schnell sich ordneten: denn schon riefen zum Kampf die Drometen.
+
+ Hell aufflammte des Morgens Strahl. Die freundliche Sonne,
+ Die den Abend zuvor in Westen ermüdet hinabsank,
+ Hob sich in Osten jetzt, als unter dem kreisenden Erdball
+ Sie die heimliche Bahn vollendete, schöneren Anblicks,
+ Wieder herauf, und erweckte die Welt zu erneuertem Leben.
+ Frischer grünte das Feld, und glänzender hüpfte der Strom hin;
+ Voll war Himmel und Erde vom Laut der verjüngeten Schöpfung;
+ Nur aus dem Waffenschmuck des versammelten Heers in dem Lager,
+ Sog die Sonn', im Lauf, toddräuenden Glanz, und erfüllte
+ Rings die Völker umher mit Angstgebilden der Zukunft.
+ Aber den Kaiser umgab ein Kranz erlesener Feldherrn;
+ Alle horchten auf ihn, und harrten freudig des Winkes,
+ Der zu Thaten sie rief. Da sprach er, finsteren Blicks, so:
+ »Ottgar säumt, uns hier, wie er gestern gedroht, zu vernichten.
+ Schmach der That: nicht der Sitte gemäß, die aus grauender Vorzeit
+ Wir ererbten, uns both er den Kampf; nein, heimlich, im Dunkeln
+ Fiel er, dem Währwolf gleich, der nächtlich die Hürde bestürmet,
+ Ueber uns her. Es gelang dem Kühnen, zerstreute Geschwader
+ Niederzuwerfen: sie trugen die Schuld und hatten den Lohn hin,
+ Allen zum warnenden Wink, daß nimmer ein Gleiches geschehe!
+ Aber vernehmt, was mir zuvor an heiliger Stätte
+ Mächtig die Seel' ergriff. Der entschwundenen Tage des Lebens
+ Dacht' ich im stillen Gemüth: kein dauerndes Glück ist auf Erden.
+ Als ich Gutes und Schlimmes erwog, da fand ich, verwundert,
+ Daß ich am Freitag, an dem der Welterlöser für uns starb,
+ Stets mit Vortheil focht, und den Sieg errang in der Feldschlacht.
+ D'rum, nicht aus Feigheit, nein, aus herzentspross'ner Verehrung
+ Für das geheiligte Kreuz, will ich den Kampf der Entscheidung
+ Morgen kämpfen, am Tag des heiligen Bartholomäus --
+ Heute, gefaßt, nur kühn abwehren den feindlichen Angriff
+ Ottgars, so er ihn wagt. Wir wollen sogar ihm versöhnend
+ Nah'n vor des furchtbaren Kampfes Beginn. Hervor aus den Reihen,
+ Trautmansdorf! Zieh' hin zu dem Könige; bieth' ihm des Friedens
+ Oehlzweig noch einmal aus meiner versöhnlichen Rechten.
+ Mögen auch dein' Erzeugten, wie sonst, dir folgen, daß etwa
+ Solches den Trotz ihm beugt, und das Herz zur Milde beweget:
+ Denn tief rührt uns die Schau des söhn'umgebenen Helden!«
+ Also geschah's. Hervor aus den Reihen der tapferen Ritter
+ Kam nun Trautmansdorf mit den zwölf ruhmdürstenden Söhnen --
+ Zwei entraffte der grimmige Tod schon gestern im Nachtgrau'n,
+ Als sie im Ueberfall dort Ottgars Rechter erlagen.
+ Ach, nicht lange, so fallen auch sie, auf dem eisernen Schlachtfeld
+ Kämpfend, und einsam kehrt der trauernde Vater zur Burg heim!
+ Jetzt entblößt' er den Stahl, und sagte mit sinnigen Blicken:
+ »Hart ertönet dem Vater der Ruf, daß er nahe dem Gegner,
+ Dessen Rechte noch roth vom Blut der erschlagenen Söhn' ist:
+ Denn er könnte den Streit, obgleich ein Bothe des Friedens,
+ Heißer entflammen. Wohlan, wir wollen des Friedens gedenken!«
+ Sagt' es, und sprengte davon, umringt von den tapferen Söhnen.
+
+ Siehe, nicht fern von Zwerndorf theilt, von trüben Gewässern
+ Schwer, sich der Weidenbach, und eint sich nur wieder vor Marcheck.
+ Links hin streckt er im Augefild den schlängelnden Arm aus,
+ Während, die Straß' entlang, er rechts die tieferen Fluthen
+ Träg fortwälzt. In dem Eiland dort, Baumgarten vorüber,
+ Traf nun Trautmansdorf auf die Reisigen, welche der Gegner
+ Sandt', umspähenden Blicks, zu erkunden die Nähe des Gegners:
+ Denn es erlies't auf der Kriegslaufbahn ein jeglicher Feldherr
+ Waghäls' sich, die im Grau'n des feindbedroheten Vorschritts,
+ Als _Erleuchter_ ihm zieh'n,
+ und Sicherheit schaffen der Heersmacht.[1]
+ Schon von ferne die Schar, die Rudolph sandte, gewahrend,
+ Ritten sie, brausenden Flugs, zu den Mähnen gebeugt, und den Degen
+ Schwingend auf in die Lüfte, heran: sie wähnten, des Gegners
+ Vorhuth sey's, und brannten vor Gier, sie niederzuschmettern.
+ Laut schrie Trautmansdorf: »Halt ein! Als Herolde nah'n wir:
+ Blutigen Kampf -- will's Gott, noch lieber den Frieden zu biethen!«
+ Jen', unmuthigen Blicks (denn beutebegierig) ihm winkten
+ Stille zu halten am staubenden Weg', und sendeten alsbald
+ Zween der Reiter zurück, des Feldherrn Sinn zu erforschen,
+ Milota's; doch er that, des Herolds Worte bedenkend,
+ Solches dem Herrscher kund, und er säumte nicht: denn mit den Reitern
+ Seines Gefolgs und Milota's, kam er heran zu dem Vor-Zug;
+ Hemmte den Rappen, und hieß, mit zorngerötheten Augen,
+ Gegen ihn stolzausstreckend den Arm, den Redner beginnen:
+ »Mein erlauchtester Kaiser und Herr,« so sagte der Ritter,
+ »Sendet dir freundlichen Gruß, und thu't dir kund, und zu wissen:
+ Nicht nach edelem Brauch -- unritterlich hast du sein Volk ihm
+ Ueberfallen bei dunkeler Nacht, und zu weichen, gezwungen.
+ Dennoch biethet er jetzt, hier unter des wölbenden Himmels
+ Heiterem Blau, und im Angesicht des versammelten Heeres,
+ Dir an dem Fest des heiligen Bartholomäus, auf morgen,
+ Offen die Feldschlacht an; obgleich gerüstet, entschlossen
+ Heut' in dem Lager zu ruhn, und abzuwehren den Angriff
+ Deiner Gewaltigen, wenn -- doch, das sey ferne, sie stürmten.
+ Aber er heißt dich zugleich das Wohl und das Wehe bedenken
+ Tausender. Seyd versöhnt! Du vernahmst des Friedens Bedingniß.«
+
+ Ottgar schwieg erstaunt. Ihn erschütterte heimlich die Bothschaft.
+ Auch ergriff ihn mit Zaubergewalt ein flüchtiger Anblick
+ Jener blühenden Schar, die um ihren Erzeuger zu Pferd saß.
+ Bald auf dem einen und bald auf dem anderen hing mit Gefallen
+ Sein gemilderter Blick: er dachte des Sohnes, und -- Wallsteins!
+ Schon gewahrete jetzt auch Lobkowitz, daß ihm der Unmuth
+ Wich aus der Brust: er kam, des Friedens Ruf zu erneuern;
+ Aber da naht' ihm Katwald schnell, und haucht' ihm, vor allem,
+ Trotz in das Herz. Er sagte: »Du sollst für den blühenden Oehlzweig
+ Tauschen heute dein Schwert im furchtbarn Felde der Waffen,
+ Wo der Sieg dich erhöht'? Ein Thor wär's, der es nicht sähe,
+ Daß nur die Angst vor dir ihm solches gerathen; zerschmettr' ihn!«
+ Also der Geist. Auch Milota rief ihm, verhöhnend, entgegen:
+ »Ha, du sollest vielleicht neu huldigen, wie auf dem Eiland
+ Kamberg? Steht das dunkle Gezelt, mit dem trüglichen Vorhang,
+ Dich zu beschimpfen, bereit, daß rings die Völker dich schauen,
+ Dich, den König von Böheim, dort auf den Knie'n vor dem Kaiser?«
+ Ottgar ballte die Faust; er sah mit grimmigen Augen
+ Um sich her, und begann voll Wuth: »Wer wagt es, vom Frieden
+ Hier zu sprechen? Hinweg auf immer mit jeglicher Einung
+ Zwischen Habsburgs Grafen und mir, dem Könige! Weichet,
+ Zitternde Memmen, nur wieder zurück', und entbiethet von Ottgar
+ Ihm die Fehd' auf Leben und Tod! Zieht hurtig von hinnen,
+ Alle, daß euch nicht ereile mein Zorn schon hier, vor dem Angriff.«
+
+ Rasche Bewegung erhob sich im Kreis' der gesendeten Helden:
+ Manchem zuckt' es im Arm, aus der Scheide sein blinkendes Eisen
+ Gegen den König zu zieh'n; doch schnell bezwang sie der Vater:
+ »Denket,« so rief er gefaßt, »wir kamen als Herolde Rudolphs,
+ Unsers erhabenen Kaisers, gesandt: nicht ziemt es uns, jetzt hier
+ Rächer der Unbill zu seyn; doch bald, in dem Felde der Waffen
+ Laßt uns gedenken der Schmach, und sie rächen im Blute mit Nachdruck.«
+ Rief's, und jagte den Renner zurück'. Ihm folgten die Seinen
+ Zögernd, vor Ingrimm, nur, und wandten die flammenden Augen
+ Häufig zurück: denn ach, die raschnachstürmenden Reiter
+ Höhnten sie noch mit Geschrei und mit schallendem, lautem Gelächter!
+ Sieben gehorchten, und folgten ihm nach; doch lenkten die andern
+ Fünf', aus der Zahl der eigenen Söhn', unbändiger Wuth voll,
+ Plötzlich die Rosse herum, und flogen zurück auf dem Heerweg.
+ »Brüder,« so rief der älteste laut, »kommt, lasset uns sterben,
+ Eh' wir dulden die Schmach, die uns also die Seele betrübet!«
+ So mit empörendem Ruf' enteilete Hartwig, den Degen
+ Schwingend zur Luft. Ihm nach, mit Eckhard, Walther, und Siegfried,
+ Folgte sein Zwillingsbruder und Freund, der tapfere Dietbert,
+ Bis sie erreichten die Schar der Reisigen, die zu dem Angriff
+ Herbot von Füllenstein, der riesengestaltete, führte:
+ Denn er warb sie entlang die grünlichen Fluthen des Peltew,
+ Jüngst: Klein-Reussens Volk, zu des Kriegs Beschwerden gestählet,
+ Wie auch geübt in dem Schlachtengedräng, schnellfüßige Rosse
+ Spornend, vorzusenken den Speer aus der Röhre des Bügels;
+ Dann mit des Fußes Druck' und dem Stoße der nervigen Rechten
+ Einzustürmen im sausenden Flug' in die feindlichen Reihen.
+
+ Siehe, so weit ein Pfeil, von der Sehne geschnellt, in den Lüften
+ Herfleugt, hemmte schon Hartwig das Roß, und harrte, dem Leu'n gleich,
+ Der in der Hetz', umringt von emporgereiheten Sitzen
+ Voll schaulustigen Volkes, allein, der entfesselten Rüden
+ Heulender Schar, wie sie kommen, mit todandräuenden Augen
+ Harrt, und vor Grimm dumpf murrt: so Hartwig, als ihm die Reiter
+ Naheten; doch er rief mit gewaltiger Stimme noch laut so:
+ »Ha, ihr brüstet euch wohl, auf die zierlichgestalteten Mützen
+ Wie auf das wallende Kleid und die fähnleintragenden Lanzen
+ Stolz, in dem Vor-Zug oft, in vielumstürmender Mehrzahl,
+ Niederzustoßen den einzelnen Mann? -- so gar nicht geachtet,
+ Weder dem Feinde noch Freund': denn bar all' edler Gesinnung,
+ Die des Kriegers Brust, des tapferen, füllet mit Großmuth!
+ Euere Zung' ist kühn, die Helden zu schmähen; so kommt denn,
+ Zeiget den Muth, uns hier zu besiegen im rühmlichen Vorkampf!«
+ Also drang er im Eilflug vor; ihm folgten die Brüder
+ Alle, zur Wuth empört. Den Schaft der feindlichen Lanzen
+ Jetzt aufschleudernd zugleich mit dem Schwert', erwürgten der Gegner
+ Dreizeh'n sie, voll Hast, und wandten dann fliehend den Rücken.
+ Fort nur ein Weniges noch, und sie waren entrückt dem Verderben:
+ Da fiel Dietberts Roß, und begrub mit dem Rücken den Reiter.
+ Hartwig ersah's, wie er lag in dem Staub: denn immer nach ihm hin
+ Wandt' er den lächelnden Blick; urplötzlich verscheuchte das Lächeln
+ Jetzo die Angst: er stieg nicht, er stürzte vom Pferde herunter;
+ Lief, erhob ihn, und strebt', auf den Rücken des rasch und behend sich
+ Wieder erhebenden Thiers, ihm, lautermunternd, zu helfen.
+
+ Doch schon nahten im Flug die erbitterten Feinde. Die Lanzen,
+ Lechzend nach Blut, voreileten weit, zugleich von der Rechten
+ Und vom kräftigen Fuße gedrängt, zum schrecklichen Mordstoß.
+ Sieh', und, als den Zaum und die Mähn' erfassend, sich Dietbert
+ Auf in den Bügel schwang, da bohrten der feindlichen Reiter
+ Zween ihm die Lanz' in die Brust: er sank, und verhauchte das Leben,
+ Eh' aufschreiend vor Angst um den liebenden Bruder, ihm Hartwig
+ Hülfe geschafft, und Eckhard, fern mit Walther und Siegfried,
+ Sich des Jammers versah'n im lauterbrausenden Heimritt.
+ Zwar sie kehrten zurück'; auch Hartwig saß in dem Sattel
+ Wieder, und so wie der wüthende Bär, dem drüben der Weidmann
+ Schon das zweite Geschoß in die Seite getrieben, sich brüllend,
+ Auf den hinteren Beinen erhebt, und rasch auf den Schützen
+ Losstürmt: drang auch er, ergrimmt, auf die feindliche Schar ein.
+ Nur die Zween im Aug', die ihm erst erwürgten den Bruder,
+ Gab er dem Rosse den Sporn, und warf sich inmitten der beiden:
+ Einem im Flug zerschmetternd die Stirn', und dem andern die Scheitel
+ So, daß sie lautlos jetzt, und auf einmal dem Sattel entstürzten!
+ Hoch aufflatterte noch, im Sturz, von dem Schafte das Fähnlein,
+ Das, geröthet vom Blut des erschlagenen Bruders, ihn reizte.
+ Lang' noch, hätt' er zugleich mit den drei kampfmuthigen Brüdern,
+ Sich, unbändiger Kraft, gewehrt, und noch manchen der Gegner
+ Hingewürgt; doch schrie, vor Wuth sich die Lippen zernagend,
+ Jaroslav, der Führer des Volks, mit entsetzlicher Stimme:
+ »Schließt, ihr Memmen, den Kreis um die Rasenden; stoßet sie nieder!«
+ Also geschah's: denn jetzt, umringt von dichteren Haufen,
+ Sanken sie dort, mit nie zu erschütterndem Muthe sich wehrend,
+ Alle, vom Sattel herab, und verhauchten auf Leichen der Gegner,
+ Die sie im Kampf' erwürgten zuvor, die tapferen Seelen.
+
+ Doch der unglückliche Vater flog auf dem schnaubenden Rosse
+ Nach dem Lager zurück. Den Herrscher zu treffen, verlangend,
+ Daß er ihm künde sogleich das Nahen der feindlichen Heersmacht,
+ Sprengt' er, die Scharen entlang, dorthin, wo im Hauche des Windes
+ Sein Panier aufflatterte, schön und erhaben vor allen.
+ Eilig sprach er vor ihm, um die fünf gefährdeten Kinder,
+ Die ihm nicht folgten, besorgt: »Umsonst ersehnst du den Frieden
+ Jetzt mit dem Könige: denn nur des Kampfs und der Rache gedenkt er.
+ Wisse, dir nah't sein Heer; nicht fern mehr streifen die Reiter
+ Milota's. Ach, mir gönne die Huld, vor des Lagers Umwallung,
+ Kehrend in Eile, zu schau'n: ob mein' Erzeugten mir folgen?
+ Denn sie sanken vielleicht, empört von unwürdiger Schmähung,
+ Die von dem Feind' uns ward, als Opfer unbändiger Rachgier!«
+ Sagt' es, und eilete dann, von den tapferen Söhnen umgeben,
+ Wieder hinaus vor des Lagers Wall, wo Lärm und Getümmel
+ Unter dem Volk sich erhob: denn Milota's furchtbare Reiter
+ Jagten herbei, wie am grau'numhülleten Morgen des Winters
+ Mit endlosem Geschrei unzählige Krähen heranzieh'n;
+ Schwangen die Lanzen zur Luft, und bothen dem Heere des Kaisers
+ Kampf auf Leben und Tod, mit wildverhöhnendem Trotz', an.
+ D'rauf nachbrausten sie wieder im Flug den Kriegesgefährten,
+ Sich auf des Feldherrn Wink schnell aufzustellen im Saatfeld.
+
+ Aber der Lärmruf scholl nun rings in dem Lager. Die Trommel
+ Wirbelte; stets empörender klangen die hellen Drometen;
+ Herolde flogen voll Hast umher; die Stimme der Führer
+ Rief gebiethend zur Schlacht; das Fußvolk schloß sich in Reihen;
+ Rasch auf das Pferd aufschwang sich der Reisige; schimmernden Anblicks
+ Zogen die Ritter allen voran, und herrlich geordnet
+ Ging jetzt Rudolphs Heer in festausdauernder Abwehr
+ Außer des Lagers Wall, dem Feinde die Spitze zu biethen.
+ Ach, dort starrete noch auf die fünf erschlagenen Brüder
+ Trautmansdorf, der tapfere Held, mit erschütternder Fassung,
+ Schweigend, hinab! Es sandte zuvor der schreckliche Feldherr,
+ Milota, der auf dem Feld den angstergriffenen Landmann
+ Zwang, das gehörnete Rind, in Eil', an den Karren zu spannen,
+ Sie nach dem feindlichen Lager heran. Da enthoben die Krieger
+ Jenem die traurige Last, und legten sie dort auf den Boden.
+ Aber er trieb sein Gespann, schnell wieder zurück' auf dem Heerweg.
+ Siehe, schon wandte sich Trautmansdorf von den theueren Todten
+ Nach den Lebenden um, und gewahrte mit steigender Rührung
+ Jetzt, daß sie all', ihm gleich, bezwangen die Thräne. Nur Erdwin
+ Hielt sich nicht länger, der jüngst',
+ und der theuerst' ihm seiner Erzeugten:
+ Denn er sprang von dem Roß', und warf mit schallendem Wehruf
+ Sich auf die Brüder hin: nun dem -- dann wieder dem andern
+ Küssend die blasse Stirn' und die toderstarreten Lippen.
+ Schnell umzog ein glänzender Thau die Augen des Vaters
+ Und der Söhne zugleich; sie weineten, über die Todten
+ Hingebeugt. Doch jetzo begann der tapfere Feldherr:
+ »Keiner tadle den Schmerz, der uns bei den jammernden Tönen
+ Meines geliebtesten Sohnes ergriff. Vielleicht, daß ihn auch bald
+ Grausam der Tod entrafft. Daß mir doch solches geschähe,
+ Eh' denn ihm -- zu entsetzlich wär' des Getödteten Anblick!
+ Aber so will es des Kriegers Los: er sterbe der Pflicht treu!
+ Nur beschirmt, als Brüder, ihn kühn! Im Gemenge der Waffen
+ Möge der eine die Brust für den andern biethen, und Rettung
+ Schaffen sich selber und ihm, der Wechselhülfe gedenkend!
+ Erdwin, auf! Gebieth', und schnell gehorchen die Krieger
+ Dir: nach Marchecks heiligem Grund die gefallenen Helden
+ Heimzutragen, daß dort der Priester mit Grabesgesängen,
+ Segnend, vertraue dem Staube den Staub; du folge dem Zug' nach!«
+ Erdwin winkte den Kriegern stumm: sie erhoben die Leichen
+ Auf langschaftige Speer', und trugen sie schnell nach den Mauern
+ Jener, unferne gelegenen Stadt, daß Alles und Jedes
+ Nach dem Willen geschah des mildgesinneten Vaters.
+ Durch das geordnete Heer ging nun der trauernde Zug fort:
+ Denn nach dem Rasenwall, den gestern unzähliges Landvolk
+ Baute, und d'rauf mit dem Graben umzog, dem Lager zur Schutzwehr,
+ Kam es heran: in den blutigen Kampf mit dem Feinde zu treten.
+
+ Aber, nicht rastete Katwald jetzt im höheren Luftraum:
+ Denn voll Muthes empört' er die Kraft des nahenden Feldherrn,
+ Milota's. Sieh', als dieser die furchtbarn Reisigen Herbots
+ Eilen hieß in dem Vorderzug, nach dem muthigen Fußvolk
+ Mährens, dem er geboth, nachdrang ihm zur Rechten der Baiern
+ Treffliche Schar, geführt von Heinrich dem edelen Herzog,
+ Jetzt mit den Sachsen vereint, den tapferen, welche der Markgraf
+ Pfeil (ein Pfeil in der Schlacht!) im Sturmschritt lenkte: den beiden
+ Herrschte noch Czernin ob, als Feldherr. Aber zur Linken
+ Drang der Böhmen erlesenes Volk, gehorchend dem Helden
+ Lobkowitz, vor, und nach diesem kam das kühne Geschwader,
+ Welches sich Ottgar heut' erlas, gleich loderndem Feuer,
+ Rasch aus dem Nachhalt vor, in die Reihen der Feinde zu stürmen.
+ Katwald eilte, voll Hast, vom Einen zum Andern, und weckte
+ Mächtig in jeglicher Brust des Kampfs entsetzliche Sehnsucht.
+ Horch, schon tönt drometendes Erz; schon wirbelt die Trommel,
+ Schreit der Krieger, und wiehert das Roß; schon zittert der Boden
+ Unter dem stampfenden Huf; des Blachfelds Weite bewegt sich
+ Vorwärts. Doch, wie im Hauch zwei streitender Wind' an den Ufern
+ Wogen die Fluthen des See's herauf und hinunter: so trat auch
+ Rudolphs tapferes Heer vor dem Wall den Feinden entgegen,
+ Und, wie der thürmende Wald erkracht, den plötzlich aus Süden
+ Und aus Norden zugleich, Orkane zerschmettern im Spätherbst:
+ Zahllos liegen umher die unendlichen Stämme geworfen
+ Durcheinander hinab in den Staub: so lagen die Reiter
+ Dort mit den Rossen, erwürgt, und des Fußvolks Reihen vermenget.
+ Furchtbar wüthete heut vor allen der tapfere Feldherr,
+ Milota, so daß Ottgar selbst den gewaltigen Thaten
+ Staunte, die er vollbracht' in des Todes erkorenem Saatfeld.
+ Ach, er ahnete nicht, wie der Rachebrütende jetzt auch
+ Arges sann im Gemüth -- daß er ihm vertraue, die Scheingluth
+ Heuchelte, bald Verrath nur an ihm zu verüben, entschlossen!
+ »Herbot,« so rief er »hin, wo in keilgestalteter Ordnung
+ Oestreichs Heerschar naht -- die Ritter für jetzo vermeidend,
+ Eile zuerst, und stürm' im Flug' in die Seite des Volks ein!«
+ Also geschah's: denn schmetternd erklangen die eh'rnen Drometen;
+ Schnell, wie das Wetter fleugt, vorbraus'ten die reussischen Reiter,
+ Und die gesenkte Lanz' aus der Röhre des eisernen Bügels
+ Festnachdrängend, erkor ein jeder von ferne den Mann schon,
+ Dem er die Brust zu durchbohren beschloß. Wohl sechzig erlagen
+ Also dem tödlichen Stahl der wildanprallenden Reiter,
+ Die in des oberen Oestreichs Gau'n der tapfere Hauptmann
+ Berchthold, warb, und lautes Geschrei auftobte zum Himmel.
+ Jene wichen zurück', um schnell zu erneuerndem Anlauf
+ Sich zu stellen im Feld', und die mordende Lanze zu senken;
+ Aber Capellen, der oberste Hort des Volks, wie des Ober-
+ Also des Unterlands, flog her, und empörte sie laut so:
+ »Denket der Ehr' und des Vaterlands, östreichische Männer,
+ Jetzt in dem Kampf. Nur fest die Reihen geschlossen; die Lanzen
+ Kühn dem Feind' entgegengesenkt, und, nah't er, zur Erd' euch
+ Hurtig gebeugt; dann auf, zu durchbohren dem schnaubenden Rosse,
+ Oder dem Reiter, die Brust!
+ Bald schaut ihr sie fliehen im Schlachtfeld.«
+ Auch die Steyrer entflammt' er, und rief:
+ »Heut sollt an dem Feind', ihr,
+ Krieger der Steyermark, euch rächen, der Schande gedenkend,
+ Wie ihr gewichen vor ihm mit Lärm und Getös' in dem Nachtgrau'n,
+ Fortgerissen durch Schuld des Pettau'r, der, von dem Kaiser
+ Heimgesandt, hinfort zur Flucht euch nimmer verlocket!
+ Jetzo nur kühn an den Feind! Uns lohnt der herrlichste Sieg bald.«
+ Sagt' es, und sprengte zurück: da braus'ten die furchtbaren Reiter
+ Herbots wieder heran, zu erneuen den muthigen Angriff.
+ Jene senkten das Haupt, ausbeugend, zum Knie' hin, und bohrten
+ Hier dem Reiter, und dort dem Roß den Stahl in die Brust ein,
+ Als weit über ihr Haupt die feindliche Lanze dahinfuhr.
+ Aber der Boden, mit Leichen bedeckt, verwandelte ringsher
+ Sein erfreuendes Grün in die gräuliche Farbe des Blutes.
+
+ Milota sah den wankenden Sieg mit Staunen: er sandte
+ Schnell die Reiter zurück, und führte die mährischen Krieger
+ Gegen das Fußvolk, das aus dem ober'n und unteren Oestreich
+ Kam, und den Steyrern vereint, ihm entgegen stand in dem Schlachtfeld.
+ Gleich den Wogen des Meers, die ein Sturm aus Süden daherrollt,
+ Eilten die Reih'n jetzt vor; doch so, wie jene zum Strand sich
+ Stürzen mit lautem Gebrüll', und im schäumenden Zorne zerschellen:
+ Denn nicht wanket der Fels: so trafen sie auch an den Kriegern
+ Oestreichs ehernen Widerstand im Gemenge der Waffen.
+ Schrecklich ertönte der Schrei der Würgenden, schrecklich der Lanzen
+ Kreischender Schlag, als sie den eisernen Helm und den Harnisch,
+ Oder das Panzerhemd zerschmetterten, wüthend geschwungen.
+ Gleich dem Orkan, flog jetzt auch Milota hin, und, ersehend,
+ Wie die Führer des Volks: der Seldenhofen die Steyrer --
+ Berchthold Oestreichs Krieger zum Kampf' empöreten, schwur er
+ Beiden den Tod. Urschnell auf Berchthold drängt' er das Streitroß,
+ Und als dieser, erhebend das Schwert, die muthigen Krieger
+ Oestreichs jetzt noch mehr vortummelte, siehe, da bohrt' er
+ Ihm den Stahl in den Hals, daß alsbald ihm auf den Lippen
+ Starb das Wort, er taumelnd sank, und das Leben verhauchte!
+ Schmerz durchzuckte die Brust des Volks bei dem schrecklichen Anblick,
+ Da er, so mildgesinnt, ein Vater der Krieger genannt ward.
+ Doch mit erneuerter Wuth flog Milota hinter den Reihen
+ Seines Volkes hinab; drang wieder hervor, und durchrannte
+ Col von Seldenhofen das Herz, der weit vor den Seinen,
+ Die er entboth, hersprang, und nach ihm sein blutiges Eisen
+ Zuckte, die Stirn' ihm zu spalten, gesinnt. Nun brachen die Knie' ihm,
+ Schlotternd, ein, und er fiel, im Tod' erbleicht, auf das Eisen.
+ Ach, bald jammert daheim die alterserblindete Mutter,
+ Deren einziger Sohn und Trost er war in den Jahren
+ Trauerbelasteter Witwenzeit auf der einsamen Felsburg:
+ Denn nicht kehrt er zurück, wie ein täuschender Traum ihr verheißen --
+ Er, den Traum ihr deutend, verhieß, die Gute zu trösten,
+ Als er zum letzten Mal' auszog von dem rühmlichen Stammhaus!
+ Hier erlag er zugleich mit fünf erlesenen Kriegern
+ Milota's Schwert, der furchtbarn Muths, umtobt' in dem Schlachtfeld.
+ Ottgar wandte sich jetzt nach Lobkowitz um, und begann so:
+ »Nie war Milota's Seele mir hold: ich kenne der Menschen
+ Trugverhüllende Brust; doch sieh', ein schrecklicher Krieger
+ Ist er im Feld': ich vertraute mit Recht ihm die rühmliche Stelle!«
+ Jener entgegnete schnell: »D'rum vor mit den Reitergeschwadern
+ Jetzt, wo die Feind' erbeben vor ihm, sie niederzuwerfen,
+ Und zu entscheiden den Kampf in der heiteren Stunde des Glückes.«
+ »Nein,« so sagte der König ergrimmt, »noch laß uns verziehen,
+ Bis er noch mehr aufflammt, und wir ihn entscheiden für immer!«
+
+ Also die beiden dahier. Capellen, der Edle, gewahrend
+ Drüben im Feld den Tod der muthigen Scharengebiether,
+ Sandte den Oesterreichern den Meißauer hier, und den Steyrern
+ Dort den Lichtenstein, aus der Schar der Ritter, als Feldherrn.
+ Schnell gehorchten die zwei Feldobersten jetzo Capellens
+ Ruf; denn jener erkor, an Berchtholds Stelle, den Helden
+ Summerau, und Lichtenstein den furtbaren Ritter
+ Merenberg, an jene des Seldenhofen, zu Führern.
+ Hoch schwang Merenberg sein Schwert in die Luft, und er rief dann:
+ »Ha, nun endlich dem Ziel, dem schrecklichen, näher und näher
+ Schreit' ich den dunkelen Pfad! Komm, Richard, und stehe dem Bruder
+ Treu zur Seite, mit ihm die entsetzliche That zu vollführen,
+ Die sich der Merenberger ersehnt! O denke des Bruders:
+ Wie er am Galgen hing -- das Haupt zu den Füßen gebunden,
+ Dreimal schreckliche Tage sich wand! Wie, leben soll Ottgar?«
+ Alsbald einte sich ihm in dem Kampf sein finsterer Bruder.
+ Doch mit erneuetem Muth vorstürmten die beiden Geschwader,
+ Und ermordeten, was sich entgegenstemmt' in den Reihen.
+ Also gedrängt von den Stürmenden, wich Morawia's Fußvolk
+ Langsam zurück', und stand, und wehrte sich wieder: nicht anders
+ Weicht der gewaltige Felsenblock, nach dauerndem Regen
+ Losgewühlt vom Gebirg', an des Bergs abgleitendem Rand hin;
+ Bis nachströmend die Fluth ihn bewegt, und er in den Abgrund
+ Stürzt im sausenden Sprung' und Getös', unhemmbaren Fluges.
+
+ Doch der erhabene Kaiser sah mit Freude die Seinen
+ Ringen im Feld, die im Vorkampf schon die gesunkenen Lorbern
+ Ihrer Heldenstirn' jetzt herrlicher wieder erhöhten.
+ Schnell entboth er zu sich Trentschins Gebiether, der Ungern
+ Muthigen Hort, und sprach: »Noch ward dir, tapferer Feldherr,
+ Nicht eröffnet das Thor an der siegsruhmbiethenden Laufbahn;
+ Aber ich kenne den Muth, der dich und die Deinen beseelet.
+ Zieh' g'en Schönfeld hin mit den furchtbarn Reitern, und harre
+ Drüben des Winks: urschnell dem Feind' in die Seite zu fallen.
+ Aber der Wink sey dir: wenn, blutrothschimmernd, von Marchecks
+ Ragendem Thurm die Sturmfahn' weht, und die Glocken erschallen.
+ Also erringst du dir Ruhm, und mir den herrlichsten Vortheil.«
+ Jenem erglänzten die Augen wie Gluth; er strich mit der Rechten
+ Sich den mächtigen Bart, und sprach: »Glorwürdiger Kaiser,
+ Gleich dem Morgenthau, der schmachtende Fluren erquicket,
+ Hat dein ehrendes Wort das Herz mir gelabt, und des Unmuths
+ Wolken entflieh'n mir jetzt vor den lang'umdüsterten Augen!
+ Tödtendem Blitz und verheerenden Stürmen gleich ist im Schlachtfeld
+ Ungerns tapferes Volk: ich will sie dir lenken zum Vortheil,
+ Mir zum Ruhm: weil mich des edelsten Kaisers Vertrau'n ehrt.«
+ Sagt' es, und ritt im Flug,
+ mit den jauchzenden Scharen nach Schönfelds
+ Auen hinab, ersehnend den Wink zu dem schrecklichen Angriff.
+ Aber der Kaiser entsendete links und rechts an die Feldherrn:
+ Albrecht hier, und Meinhard dort, die Herolde; stehen
+ Hieß er sie noch vor dem Wall', und festabwehren des Gegners
+ Furchtbardrängende Wuth, bis, blutrothschimmernd, von Marchecks
+ Ragendem Thurm die Sturmfahn' weht, und die Glocken erschallen:
+ Denn er ordnete dort die zeichenerspähenden Männer.
+
+ Marbod nahte heran. Er schwebte zuvor in dem Zeitraum
+ Eines entfliehenden Augenblicks nach den schimmernden Mauern
+ Drüben der Wunderstadt, Venezia,[2] die aus des Meeres
+ Fluthen sich hebt, und des Fremdlings Brust erfüllet mit Staunen,
+ Dort das ehrende Maal des Heldengreises zu schauen,
+ Dandolos, der mit den Franken im Bund', ersiegte die Hauptstadt
+ Constantins, erst jüngst, mit nie zu erschütternder Thatkraft.
+ Doch nun kehrt' er zurück', und staunte der Menge der Leichen,
+ Die in der Männerschlacht schon weit bedeckten die Felder.
+ Wie den Wanderer Grau'n befällt, der plötzlich ereilet
+ Von dem sausenden Sturm', in den tiefergesunkenen Wolken
+ Weißherschimmernden Hagel ersieht, und drüben im Wald' ihn
+ Wüthen hört, wo er bald, entstürzend mit lautem Geprassel,
+ Blühende Zweige zerschlägt, und zu Boden schmettert die Wipfel:
+ Also befiel ein Schauder auch ihn. Im Fluge vernahm er
+ Katwalds Ruf, wie er hier empörte den mächtigen Herbot.
+ »Ha,« so sprach er, »du prahltest zuvor: du wollest lebendig,
+ Oder todt, aus der Schlacht heimführen den Kaiser der Deutschen?
+ Eitler Schwätzer, wie werden dereinst dein spotten die Helden!
+ Reite zur Rechten hinab, und versuche denn quer in die Reihen
+ Einzudringen, wo Rudolph weilt, und keine Gefahr ahnt.«
+
+ Herbot besann sich schnell; fünfhundert Reisigen rief er:
+ »Folgt mir!« und jagte zur Rechten hinab, wo, nahe dem Herrscher,
+ Meinhards Heldenruf die Krieger zum Kampfe bewegte:
+ Denn schon maßen im Waffengemeng' auch die Bayern und Sachsen
+ Sich mit den Tapferen Krains und Kärnthens. Dicht, und unzählbar
+ Lagen die Leichen im Gras'. Doch Czernin führte die Völker
+ Gegen Meinhards Macht, der jetzt ihn näher gewahrend,
+ Schnell vordrang, und, genaht, ihm rief: »Du hast dich vermessen,
+ Nächtlich, im Ueberfall, Vindobona, die herrliche Festung
+ Zu betreten; gehofft, als Sieger, herunter zu schauen,
+ Stolzen Blicks, aus der Kaiserburg: nun sollst du es büßen,
+ Was du frevelnd gedacht, und gewollt, und nimmer erreicht hast.«
+ Czernin schwieg, ergrimmt. Er senkte den Speer, und erreichte,
+ Sausenden Flugs, den Mann, der also ihn schalt vor den Scharen,
+ Ihm die Brust zu durchbohren, gesinnt; doch fehlt' er des Zieles,
+ Zitternd vor glühender Hast, und der blutgeröthete Speerstahl
+ Streifte nur, zwischen dem Leib' und dem Arm,
+ durchfahrend, den Harnisch.
+ Meinhard säumte nicht, hob, und senkte das Schwert, und zerschlug ihm
+ Jetzo den Helm und die Stirne zugleich, daß er rücklings vom Rosse
+ Sank, und, gestreckt lang hin, in Todesschauern erblaßte.
+ So vor den äußersten Reih'n stritt auch der muthigen Sachsen
+ Feldherr, Pfeil, mit dem weitgefürchteten Grafen von Heunburg,
+ Der den Kärnthnern geboth, und der Hort der krainischen Scharen,
+ Ortenburg, mit Bayerns gewaltigem Herzoge, Heinrich,
+ Jetzo auf Leben und Tod: da Scharen des einen und andern
+ Sich bekämpften, und rings nur Mord und Gewürge zu schau'n war.
+ Heunburgs blitzendem Stahl' erlag der tapfere Markgraf
+ Pfeil, nicht des Todes Pfeil, von des Gegners Rechte geschleudert,
+ Mehr vermeidend, nach schrecklichem Kampf', und hauchte den Geist aus.
+ Heinrich gelang's, den Ortenburg aus dem Sattel zu heben,
+ Ihm durchstoßend den Arm, daß er dort im knisternden Sandstaub
+ Blutete, kriegsgefangen sich sah, doch wieder gerettet
+ Heim in das Lager kam, und dem kundigen Arzte sich hingab.
+
+ Sieh', als hier in dem Streit die erbitterten Völker sich maßen;
+ Schlachtruf scholl; Drometen schmetterten; Trommelgewirbel
+ Klang: der Würger Geschrei und Verwundeter Aechzen ertönte,
+ Jagte Herbot von Füllenstein mit seinem Geschwader
+ Durch den sondernden Raum, der zwischen der mittleren Heersmacht
+ Und dem Flügel zur Linken sich fand, in Eile hinunter --
+ Dann auf den Kaiser los, den Katwald ihm, wie der Gemsaar
+ Fernhin schauend, verrieth mit empörendem Geistergelispel.
+ Rudolph kam, im Gefolge der Trautmansdorfe (nur Erdwin
+ Weilte noch, frommbesorgt, in Marchecks schattigem Freythof)
+ Eben heran, gelockt von des raschvorstürmenden Meinhards
+ Lautem Siegesgeschrei, und ahnte die nahe Gefahr nicht;
+ Doch nun hemmt' er mit zweifelndem Blick das Roß, und erforschte
+ Gierig: ob Freund', ob Feind' ihm naheten? bis er des Ritters
+ Riesengestalt ersah, der kennbar im feindlichen Heer war.
+ »Ha,« so rief er, »erlag mein Volk? Entsetzliches Unglück
+ Droht: denn, seht, uns kommt ein feindlich Geschwader entgegen!«
+ Doch schon war er umringt. Laut schrie zu seinen Erzeugten
+ Trautmansdorf: »Kommt, laßt uns sterben für unseren Kaiser:
+ Rettet ihn, kämpft, und ersiegt euch hier unsterblichen Nachruhm!«
+ Alsbald kehrten die sechs untad'ligen Brüder den Feinden
+ Kämpfend, entgegen die muthige Brust, vom rühmlichen Beispiel
+ Ihres Erzeugers entflammt, den edelsten Herrscher zu retten.
+ Aber auch Marbod sah die Gefahr, die jetzo dem Leben
+ Rudolphs droht'; er umfing mit heißumschlingenden Armen,
+ Flehend, Capellens Brust, und rief: »Zur Linken hinüber
+ Eil' im sausenden Flug', und errette den Kaiser vom Tod jetzt!«
+ Jener staunte bei sich, wie ihn solche Gedanken bestürmten?
+ Gab dem Rosse den Sporn, und jagte herüber im Blachfeld.
+
+ Schon umhäuften die Brüderschar in Menge die Leichen;
+ Schon war Edelred mit Erhard gefallen: die andern
+ Bluteten; doch ermahnte sie laut ihr edeler Vater
+ Noch mit dem Schwert' in der Faust, zum Kampf für den edelsten Kaiser.
+ Sie gehorchten ihm all', und erlagen nach schrecklichem Mord nur:
+ Kurd, Agilolf, und zuletzt mit Otto der heitere Winfried.
+ Jetzt drang Herbot schnell mit dem Speer, der hoch wie ein Mastbaum
+ Sich in die Lüft' erhob, auf Rudolphs tapfere Brust ein.
+ Siehe, nicht traf er die Brust des kampferfahrenen Herrschers;
+ Doch dem steigenden Roß durchstieß er die Stirn, daß es stöhnend
+ Sank, und zugleich in den Staub den trefflichen Reiter herabwarf!
+ Ha, wer rettet ihn mehr? Zwar nahte Capellen; die Ritter
+ Naheten; links und rechts herstürmten die muthigsten Krieger:
+ Dennoch war es um ihn gescheh'n, und die Hülfe vergeblich,
+ Wenn nicht hurtig er selbst, mit dem mordenden Speer in der Rechten,
+ Auf den schrecklichen Mann losfuhr; unbändigen Muthes
+ Ihn bekämpfte; den Streich nach seinem geschlossenen Schlachthelm
+ Führend, mit solcher Gewalt ihn traf, daß die Augen ihm alsbald
+ Dunkelten -- Seh'n und Hören verging. Auch erhob er urplötzlich
+ Wieder den Speer: durchstach dicht unter dem Kinne den Riemen,
+ Der den Helm an das Haupt ihm festigte; drehte den Schaft noch
+ Hurtig herum, und riß blitzschnell ihn vom Sattel herunter.
+ Wie die Zinne der Burg, vom Orkan zur Erde geschleudert,
+ Fällt mit Gekrach, und der Grund weit hin erbebet: so fiel dort
+ Herbot zur Erde: sie bebte dem Fall', und Gerassel der Waffen
+ Scholl im Gefild' umher. Laut schnaubend vor Angst und Entsetzen
+ Jagte Capellen herbei. Er both, vom Pferde gesprungen,
+ Solches dem Kaiser, und half ihm hinauf in den Sattel, er selber
+ Schwingend das Schwert mit Trautmansdorf, dem tapferen Helden,
+ G'en die umdrängende Feindesschar sich zur Wehre zu stellen.
+
+ Schon entfloh die Gefahr: ein Jauchzen erscholl um den Herrscher,
+ Als jetzt Herbots Volk sich ergab an die drängenden Scharen.
+ Aber er stand, und zitterte. Schnell, empört von dem Anblick
+ Dieses Gewaltigen, der das Leben des Kaisers bedrohte,
+ Sprengten die zürnenden Krieger herbei, an ihm Rache zu üben;
+ Doch der Erhabene rief: »Zurück, verschont ihn: er lebe!
+ Das sey ferne, daß ich bestrafe den tapferen Ritter,
+ Der so kühn sich erwies, nicht Tausende scheuend, im Angriff:
+ Heute noch komm' er nach Wien in ehrenvolle Gewahrsam.
+ Trautmansdorf, dir dank' ich das Leben, nach Gott! Nicht zum Boden
+ Wende den Blick jetzt mehr, noch einmal die Opfer zu sehen,
+ Die es dich kostete! Fort, zur Rechten hinab, und entbiethe
+ Albrecht schnell: er stürm' in den Feind; du stehe zur Seit' ihm
+ Dann mit gewaltigem Arm, ein rettender Schild in Gefahren!
+ Eilt nun all' an's Werk! ich bin geborgen; erhebt euch!«
+ Alle jagten davon; nur einer -- unglücklicher Vater,
+ Nur du allein verweiletest noch, und sah'st auf die Todten,
+ Uebergebogen, hinab; dann gabst du dem Rosse die Spornen!
+ Ach, und das Augenpaar des umschauenden Kaisers erglänzte,
+ Thränenumhüllt! Doch jetzt aufschwang er den Degen: von Marchecks
+ Thurm ertönten mit stürmendem Ruf die Glocken, und blutroth
+ Flatterte dort in die Luft die thatengebiethende Sturmfahn';
+ Bald erscholl ringsum Geschrei und verwirrtes Getümmel.
+
+ Ottgar zögerte noch. Umsonst ermahnte der Greis ihn,
+ Jammernden Lauts, getäuscht von Herbots Kühnheit, und sagte:
+ »Sieh', wie dort rechts hin die Reisigen stürmen, das Fußvolk
+ Rasch vordringt! Nun gilt's: entscheide den schrecklichen Kampf du!«
+ Aber der König begann: »Fürwahr, wir tauschten für heut schon
+ Art und Gemüth: du kühltest die Gluth sonst mir in dem Busen,
+ Kaltvorschauend, und heut', empört zu Feuer und Flammen,
+ Hast du nicht Ruhe, nicht Rast. Bald tönt der ersehnete Ruf dir.«
+ Dann begann er noch leise für sich in sinnender Schwermuth:
+ »Wallstein, ach, ich schau' in des Sieges Gefilden dich nimmer!«
+ Lobkowitz schwieg. Doch sieh', nun hemmte die stürmenden Krieger
+ Milota's Feldherrnwink! Er dacht', ergrimmend im Geist, so:
+ »Jetzo der Thaten genug, daß mir vertraue der König.
+ Ist's nicht klar? Er sann mir heute den sicheren Tod nur,
+ Als er mich ehrend erkor: ich lebe noch, ihm zum Verderben.«
+ Dacht' es, und zog alsbald, schwachkämpfend, mit zögernden Schritten
+ Sich auf des Nachhalts Reihen zurück. Ihn empörete Katwald,
+ Tapfer zu steh'n: umsonst, er wich! Doch, sausenden Flugs, war
+ Marbod den Völkern genaht, die am rechten Flügel, gehorchend
+ Albrechts Stimme, voll Heldenmuths, nach dem Kampfe sich sehnten.
+ Hochberg, der den Zürchern geboth, ersah er, und rief ihm:
+ »Schreie: »Der Feind entflieht!« Gar mächtig ertönet dein Ausruf.«
+ Hochberg schrie: »Der Feind entflieht« mit gewaltiger Stimme,
+ Die zum Kern des Heers, und hinaus zum äußersten Flügel
+ Donnerte. Bald erscholl's von tausenden Stimmen auf einmal:
+ »Holla, die Feind' entflieh'n!
+ Sie flieh'n -- die Feinde, sie fliehen!«
+
+ Ottgar horchte dem Ruf mit kalthinstarrendem Blick' auf;
+ Wandte das Roß, und sprach zu Lobkowitz: »Wahrlich, vermuthend
+ War ich des Unfalls mir: denn höre des Herzens Geheimniß!
+ Jüngst, in der furchtbarn Zeit des mitternächtlichen Grauens
+ Hieß ich, im dunkelen Eichenhain, die Alrune,[3] des Schicksals
+ Hehre Verkündigerinn durch Bothen befragen; sie gab mir
+ Antwort: Ottgarn winkt an Stillfrieds Marken das Ziel schon!
+ Dort ist der Sieg mir gewiß; wir wollen uns fechtend zurückzieh'n!«
+ »Herr, nicht der Hölle vertrau',« so rief der jammernde Greis auf,
+ »Gott vertraue -- dir selbst, und deinen gewaltigen Kriegern!
+ Noch steht Sachs und Bayer im Kampf; noch nichts ist verloren.
+ Wolle mit Ernst den Sieg, er ist dein: o komm', und erring' ihn!«
+ Aber er trabte zurück. Ihm folgten am Fuße die Scharen
+ Milota's, der in dem Nachzug noch voll täuschenden Eifers,
+ Selbst abwehrte, zum Schein, die raschnachrückenden Gegner.
+
+ Bald erscholl auch drüben Geschrei, wo Bayern und Sachsen
+ Kämpften im Waffengefild, geführt von dem tapferen Herzog
+ Heinrich, und Zierotin, dem kraftgerüsteten Helden:
+ Denn Matthias, der Hort magyarischer Krieger, ersehend
+ Oben am ragenden Thurm die blutrothflatternde Sturmfahn' --
+ Hörend der Glocken Getön', erhob sich in Eile von Schönfeld,
+ Mit zermalmender Macht dem Feind' in die Seite zu fallen.
+ Vor zu des Rosses Mähne gebeugt, den blitzenden Säbel
+ Schwingend in kräftiger Faust, hinbraus'ten die Reiter, und hieben
+ Links, rechts, ein: bald lagen die Leichen gesä't in dem Blutfeld,
+ Wankten die Gegner, und floh'n, verfolgt von den Gegnern in Hast fort.
+ Rastlos eilte der König dahin im sinkenden Nachtgrau'n,
+ Bis er nach Dürnkrut kam in das Lager, das er noch letzthin,
+ Stolz vor Siegeshoffnung, verließ -- nun trotzig begrüßte:
+ Denn er dachte des Siegs am nächstaufstrahlenden Morgen.
+ Doch bis Ebenthal, dem einsamen Schloß' an dem Waldthal,
+ Führte der Kaiser sein Heer, und ruht', umlagernd, im Feld dort.
+ Ganz verhallte des Tages Lärm, und vom nächtlichen Himmel
+ Sah'n die Sternenheer' auf die schlummernden Völker herunter.
+
+
+
+
+ Zehnter Gesang.
+
+
+ Abendröthlich erglänzt der schnellentgleitende Rheinstrom;
+ Völlig verhallte der Sturm; nur liebliche Lüftchen bewegen
+ Manchmal, leis'umsäuselnden Flugs den ergossenen Spiegel
+ Seiner Gestade, wo links und rechts, von dunklen Gebüschen,
+ Wäldern, und Höh'n, nun hochaufragende Thürme der Burgen,
+ Nun hellschimmernde Städt' und Gotteshäuser sich heben,
+ Und ihr Bild in die spiegelnde Fluth von oben nach unten
+ Kehren, gewiegt von dem Zuge der raschforteilenden Wellen.
+ Wechselnd, von einem zum andern Gestad' durchkreuzen der Vögel
+ Singende Scharen die Luft, und ziehen dem schauernden Wald zu.
+ Abendglockengetön, vermengt dem Blöcken der Heerden
+ Schallet die Ufer entlang, als jetzt an dem wölbenden Himmel
+ Auf sich schwingen die goldenen Stern'; umschattendes Dunkel
+ Ruh' auf die Welt umher verbreitet, und jeglicher Laut stirbt.
+ Von Schafhausen allein tönt Donnergetös', in des Abends
+ Stille hörbarer noch dem Ohr: wo im schwindelnden Jähsturz
+ Sich von dem Klippendamm hinab zum versunkenen Strombett
+ Stürzt die gewaltige Fluth, aufschäumt an den Felsen, und dorther
+ Schauernden Nebelqualm in die Haine hinaus, und die Thäler
+ Sendet im Windeshauch', unendlichen, ewigen Eilflugs.
+
+ Sieh', ein Ritter kam aus fremden Landen gezogen!
+ Eilig trabt' er die Straße herab, und ihm folgte der Knappe
+ Fern, ermattet der Last der Wanderung. Aber den Ritter
+ Trieb herzinniges Leid und der Heimath glühende Sehnsucht.
+ Als er im Abendlicht, hervor aus dem dunkelen Eichwald
+ Kommend, vor sich das weitverbreitete Land, und inmitten
+ Fluthen sah den ersehneten Rhein, da hielt er das Roß an;
+ Sprang aus dem Sattel herab, warf sich, erschüttert, zum Boden,
+ Netzt' ihn mit Thränen, und stand, in des Anschau'ns Wonne versunken.
+ Hartmann war's, der jetzo dem Strom sich nähernd, und kehrend
+ Heim in das Vaterland, die trauten Gefilde begrüßte.
+ Drüben am linken Gestad', ersah er das freundliche Städtchen
+ Rheinau, welches der Rhein im kreisenden Lauf, sich nach Osten
+ Wendend, umfließt. Dort baute (so künden die Sagen der Vorzeit)
+ Sorglich das Gotteshaus Funtan, der Heilige,[1] Schottlands
+ Königen blutsverwandt, den Brüdern von Monte-Cassino,
+ Als er, ein Pilger, dort die Stelle, vom Geiste getrieben,
+ Endlich fand, wo allein der Strom nach Osten den Lauf kehrt.
+ Hartmann sah vom Gestad mit bewegtem Herzen hinüber --
+ Sah im Geist noch hinaus weit über die Berge, des Aargau's
+ Liebliches Thal, und dort von dem Felsenhügel die Habsburg
+ Ragen aus dunkeln Tannen empor in die Luft, und herunter
+ Schau'n auf die Fluthen der Aar,
+ die ihr, eilenden Laufes vorbeirauscht.
+ Zwar vermißte sie jetzt die trauten Gebiether: der Vater
+ Fern (er tauschte den Grafenhut mit der Krone der Kaiser)
+ Todt die Mutter -- von ihm die holden Geschwister geschieden.
+ Er, der Unglückliche, kehrt allein, in einsamer Stille
+ Dort zu erreichen das tröstende Ziel der irdischen Wand'rung.
+
+ Doch nun rief er, bewegt, dem spätnachfolgenden Knappen:
+ »Mangold, fasse das Roß an dem Zaum', und führ' es mit Vorsicht
+ Ueber die Brücke zur Stadt; bald folg' ich dir nach in die Herberg!«
+ Mangold faßte das Roß an dem Zaum, und führt' es mit Vorsicht
+ Nebenher, dem seinen gesellt, hinüber nach Rheinau
+ So, daß die Brück', entlang, erst laut, dann leiser und leiser
+ Unter dem eisernen Huf fortpolterte, bis zu dem Land hin.
+ Hartmann weilete noch. Er saß in Trauer versunken,
+ Dort auf dem Felsenriff, das sich auf die Fluthen hinüber
+ Beugt; sah oft nach den Wellen hinab, wie sie rollten, und eilten
+ Rastlos fort in des ewigen Meers verschlingende Tiefen,
+ Und gedachte mit Trost der eilenden Tage des Lebens.
+ Sieh', nun hob sich vor ihm der Mond in des Himmels Gezelt auf;
+ Hellte die Nacht, und zog in grünlichen Goldes Gefunkel
+ Quer auf dem dunkelen Strom die flimmernde Straße hinunter,
+ Der er, bewegt, nachsah, bis dort zu dem äußersten Rand hin,
+ Wo das Gestirn sich scheitelrecht in den helleren Fluthen
+ Spiegelte. Dort winkt' ihm (so däucht' es ihn) freundlichen Blickes,
+ Jenseits her aus ätherischem Glanz die liebende Mutter.
+ Ach, er streckte die Arme nach ihr mit stöhnender Brust aus;
+ Beugte die Stirn', und ihm sank die heimliche Thrän' aus den Augen!
+ Jetzo fuhr ein Kahn rasch über den schimmernden Mondpfad;
+ Muntere Stimmen erreichten sein Ohr. Herüber von Rheinau
+ Kehrte nach Eglisau, der Vater mit seinem Erzeugten,
+ Der, ein Fischer, dahin die Beute der Netze getragen,
+ Und seit Jahren umher auf dem fischdurchwimmelten Rheinstrom
+ Ruderte. Nun verfehlt' er, getäuscht, des Zieles: der Kahn schlug,
+ Von der Strömung gerafft, an dem Joch der gewaltigen Brück' um,
+ Barst entzwei, und die Zween verschlang, so mächtig sie kämpften,
+ Schrie'n, und riefen, die Fluth.
+ Nicht der lastenden Rüstung gedenkend,
+ Nicht der grausen Gefahr, aufsprang der edele Ritter
+ Auf das Angstgeschrei nach Rettung jammernder Menschen;
+ Lief das Ufer entlang, und warf sich hinab in die Strömung,
+ Als der Junge hervor aus der Fluth die Rechte gehoben;
+ Aber nicht rettet' er ihn, und fand in dem brausenden Abgrund
+ Dort das Ziel des schwermuthvoll entschwundenen Lebens.[2]
+
+ Ach, nicht ahnte des theueren Sohns unglückliches Schicksal
+ Rudolph noch, der fern im Zelt, von den Helden umgeben,
+ Saß beim erquickenden Mahl, nach unsäglicher Mühe des Tages!
+ Draußen, von Lagerfeuern erhellt, verlor sich des Himmels
+ Nächtliches Grau'n; Geschrei und Gelärm erscholl mit dem Wehruf
+ Blöckender Lämmer und Schaf', und des dumpfaufbrüllenden Rindes:
+ Denn die Krieger besorgten das Mahl in geschäftiger Sorgfalt:
+ Jetzo das Fleisch in der siedenden Fluth, die im räumigen Kessel
+ Brodelte, wohl mürbkochend, und jetzt es auf kreisenden Spießen
+ Bratend so, daß der Wohlgeruch weit das Lager erfüllte.
+ Auch ermangeln sie nicht des herzerfreuenden Weines,
+ Oder des Brots; nicht des Habers und Heu's die munteren Rosse:
+ Denn des Heers Marschalk, der Breuner, hatte genügend
+ Alles und Jedes zur Stelle geschafft für die dauernde Kriegszeit,
+ Und stets lauter erscholl auftobende Freud' in dem Lager.
+
+ Drinnen im hellerleuchteten Zelt, von den Helden umgeben,
+ Harrte der Kaiser zuvor des blühenden Königs der Ungern,
+ Dem er den Herold gesandt, als dort vom Lager vor Marcheck
+ Sich das siegende Heer erhob, die geworfenen Scharen
+ Ueber den Weidenbach voll drängender Hast zu verfolgen.
+ An dem Gestade der March, wo, g'en Hochstätten, im Halbkreis
+ Sich hinwindet der Fluß, aufragte die Kuppe des Felsens,
+ Der vor grau'n Jahrhunderten schon den Völkern zum Markstein
+ Dienete, jetzt dem Zelt des lebensfreudigen Königs
+ Kühlenden Schatten both, und, ferne geseh'n, in der Umwelt
+ Alles dem spähenden Auge verrieth. Dort fand ihn der Herold
+ Sitzend im munteren Kreis' der Zitherspieler und Sänger,
+ Die von dem Heldenzug der Ahnen herüber nach Ungerns
+ Reichem Gefild' und der Thatenkraft gepriesener Führer
+ Sprachen im jubelnden Lied'; auch rühmten darauf: wie im Feld' erst,
+ Kämpfend mit nieu erschütterndem Muth, des verbündeten Kaisers
+ Macht die Feinde bestand, und, gleich dem brausenden Sturmwind,
+ Der auf der Heid' im Herbst die verdorrten Disteln dahinjagt,
+ Trentschins ruhmverherrlichter Held dann ihnen im Rücken
+ Lag mit mordendem Stahl, als all die Scharen zerstoben.
+ Aber so laut der König sich d'rob erfreute, so gönnt' er
+ Dennoch dem Kunen den Ruhm vor dem Unger im heimlichen Busen,
+ Und ergrimmte noch mehr, daß ihm Kaduscha heute zurückstand.
+ Hastig nahet' ihm Meyenberg, der Herold, und sprach so:
+ »Herr, dein Herz erfreue der Ruhm des herrlichsten Sieges,
+ Den dein tapferes Volk mit raschentscheidender Thatkraft
+ Uns erringen half. Zum Kriegsrath ruft dich der Kaiser,
+ Und zu dem fröhlichen Mahl nach des Tags ermüdender Arbeit.«
+ »Gern,« erwiederte jener, voll Hast, »hineil' ich in's Lager
+ Meines erlauchten Verbündeten, der so edel gesinnt ist.«
+ Sagt' es, und schwang sich auf's Roß, im Gefolg kumanischer Reiter,
+ Ebenthal zu erreichen im Flug, wo im schimmernden Zeltraum
+ Rudolph, heldenumschart, sein harrete. Wie er dahinflog,
+ Fuhr der Staub zum Gewölk, erregt von den stampfenden Hufen.
+
+ Alle gehorchten dem Ruf des erhabenen Kaisers: nur Einer --
+ Kaduscha war nicht zu schau'n. Empört von dem Glücke des Helden
+ Von Trentschin, entboth er zu sich zweitausend der Reiter:
+ »Ha,« so sprach er, »was sollen wir hier, mit den Deutschen verbündet,
+ Nutzlos opfern das Blut, da jüngst den lohnenden _Woldan_[3]
+ Wie er den Raubritt hieß, uns grausam der Kaiser verwehrte?
+ Auf, wir zieh'n nach Günß, den tapferen Iwan[4] zu retten,
+ Den jetzt Bertholdsdorf, der Kammerer, stürmend, bedränget,
+ Innen im Raum der gewaltigen Burg! Wir entsetzen die Festung
+ Schnell mit würgender Faust, und erlösen den tapferen Grafen:
+ Dann soll Oestreich bald, verheert, und geplündert, mit Schrecken
+ Schau'n von nah' und von fern aufflammende Dörfer und Städtchen;
+ Aber wir kehren, beschwert mit reichlicher Beute, zur Heimath.«
+ Laut aufjauchzten sie ihm, nach Beute begierig, und zogen
+ Schnell g'en Heunburg fort, der Donau Fluthen hinüber,
+ Ueber die Brücke, die Albrecht jüngst erbaute mit Sorgfalt;
+ D'rauf gewahrten sie bald den Neusiedl-See, und die Mauern
+ Oedenburgs, und eileten rasch nach den Höhen von Günß hin.
+
+ Doch schon hatte der Kaiser, vereint mit seinen Erwählten,
+ Mit vorschauendem Blick des Angriffs Weisen erwogen;
+ Manchen erforscht, und dem Forschenden gern mit würdiger Sanftmuth
+ Klaren Bescheid ertheilt: bis all', einmüthig, ihm Beifall
+ Zollten; die Ordnungen, Zahl,
+ und die Stellung der Völker im Schlachtfeld
+ Jeder gar trefflich fand, und jeglicher Zweifel entfloh'n war.
+ Siehe, nun scholl des Rosses Huf von der Straße herüber.
+ Jene horchten erstaunt; da sprach, sanftlächelnd, der Kaiser:
+ »Alle vermißet ihr hier nur ungern Hugo von Tauffers,
+ Jenen gewaltigen Greis, bei'm herzerheiternden Spätmahl.
+ Wahrlich, viel erduldet' er jetzt, in der engenden Festung
+ Müßig zu steh'n, der stets im Gemenge der eisernen Waffen
+ Rasch vortummelt das Roß, und allwärts ist, wo Gefahr dräut!
+ Ich entboth ihn in's Feld, dem jüngst verwundeten Helden,
+ Ortenburg, vertrauend die Vest', und er folgte dem Ruf bald.«
+ Als er's sprach, da trat der muntere Greis in das Zelt ein;
+ Grüßte den Kaiser zuvor, und den blühenden König der Ungern;
+ Dann die tapferen Helden umher mit feurigen Blicken,
+ Setzte sich hin, und begann: »Fürwahr, ich wähnte: verrosten
+ Müßte mein tüchtiges Schwert in der dunkelen Scheide für immer,
+ Und ich daheim Geschriebenes nur aus dem Munde des Mönchleins
+ Hören: von Thaten des Kriegs und euern errungenen Lorbern!
+ Aber als gütigen Herrn erwies dem alten Gesellen
+ Haug der Kaiser sich stets: sein dacht' er auch jetzo mit Huld nur.
+ Kaduscha sah ich zuvor an der Spitze des reisigen Volkes
+ Treulos flieh'n; er gab, hohnlachend, den kurzen Bescheid mir:
+ Iwan weih' er sein Schwert; euch wünsch' er Glück in dem Siegslauf.«
+
+ All' aufhorchten mit Staunen dem Wort; doch glühendes Roth fuhr
+ Jetzo mit wechselndem Weiß in die Wangen des Königs von Ungern,
+ Und ihm blitzte der Zorn aus den halbgeschlossenen Augen;
+ Dennoch besann er sich schnell; both dann die Rechte Matthias
+ Von Trentschin, und sprach: »Du sey des Heeres Gebiether
+ Mir hinfort! Obgleich vom Geschlechte der Kunen geboren
+ Mir die Mutter ward; ich die Liebe des Kun's aus der Brust ihr
+ Sog als wimmerndes Kind, und, zum Jüngling gereift auf dem Todbett
+ Noch ihr schwur auf die pochende Brust: so will ich den, Unger,
+ Reuig erwägend die Schuld der dauernden Geistesverblendung,
+ Vorzieh'n jetzt dem Treulosen, der mich verließ, und nicht schmähen
+ Fürder das edlere Blut des throngebornen Erzeugers.«
+ Jener erhob sich mit Würde vor ihm, und beugte die Scheitel,
+ Schweigend, zum Dank. Doch, als im schlachtentscheidenden Kriegsrath
+ Für den bald aufdämmernden Tag Alljedes besorgt war,
+ Saß der Kaiser im Heldenkreis' bei dem fröhlichen Nachtmahl
+ Heiteren Blicks, und sprach, umschauend, zu Diesem und Jenem:
+ »Laßt euch Lagerkost, ihr Herrn, genügen: für jetzt noch
+ Sind der Gerichte nicht viel', doch würze die wenigen Frohsinn!«
+ Lautes Gemurmel erscholl in dem Zelt. Geschäftige Diener
+ Reichten die Speisen herum: das dampfende Muß, aus dem Vorrath
+ Zartesten Mehles gekocht; dann wildes und zahmes Geflügel,
+ Wohlgebraten am Spieß mit dem Rücken des jährigen Rindes,
+ Und, zum kräftigen Brote zuletzt, der Sitte geziemend,
+ Goldenen Honigseim, wie solcher dem Deutschen ersehnt war.
+ Andere trugen die Fluth des köstlichen Weins in den Krügen
+ Freundlich herum, und füllten den Bauch der räumigen Humpen,
+ Die vor jeglichem Gast', aus schimmerndem Erze getrieben,
+ Standen, nach Herzenslust bei dem Nachtgelage zu trinken.
+ Lauter und feuriger ward das Gespräch, und bewegter das Kriegszelt.
+
+ Aber der Kaiser sah mit lächelndem Wink nach dem Ritter
+ Müller, dem Zürcher, der im Kreise der Fröhlichen, immer
+ Heiteren Scherzes gedacht', und jetzt zu Friedrich von Nürnberg
+ Also begann: »Herr Burggraf, sprecht: wie war's denn vor Basel
+ Mit dem Gelehrten, da Ihr ihm Habsburgs Pfennig nicht gönntet?«
+ Jener kündete nun mit hocherröthenden Wangen:
+ Wie in dem dauernden Kampf vor Basel dem edelen Ritter,
+ Rudolph, both sein Werk: »Von den Kriegen der Römer und Deutschen --
+ So auch des Feldherrn Wissenschaft« ein Gelehrter aus Straßburg;
+ Jener ihm schnell ein Goldstück gab mit der goldenen Kette,
+ Die von dem Hals ihm hing, und d'rauf, voll Gier, in den Büchern
+ Blätterte; wie er -- der Schwester Sohn, ihm solches verwiesen,
+ Da viel Geldes das Volk ihn kostete, viel auch der Kriegszug
+ Fortan heischt'. »Ach hört,« so erzählt' er dann, »wie mich Rudolph
+ Schalt! »Der herrlichste Lohn,« so sprach er, »gebührt dem Gelehrten,
+ Der hochrühmliche Thaten beschreibt, und im Herzen den Muth weckt,
+ Sie zu vollbringen dereinst.« Er säße wohl selber mit Freuden
+ Ueber den Büchern, so ihm nicht die Zeit ermangelte; lieber
+ Spendet' er auch sein Gold auf ihn, der, dauernden Mühens,
+ Solche Schätze gehäuft, denn auf manchen untüchtigen Krieger.«[5]
+ »Wahrlich,« so fiel ihm Müller in's Wort, »kein wankendes Schilfrohr,
+ Das sich im Hauche des Windes bewegt, gewahrten die Gegner
+ Jemals an ihm, denn hört: der Regensberger vererbte
+ Auch an den Kraft von Toggenburg, der seines Geschlechts war,
+ Unversöhnlichen Haß g'en Habsburg. Feindlich umringten
+ Wir mit erlesenem Volk dort Uznach, die ragende Felsburg,
+ Und ein Krachen begann alsbald: denn laut und unzählbar
+ Flogen die Felsen nach ihr, von des _Antwerks_[6] mächtigem Wurfbaum
+ Hingeschnellt, das Ermel in Roth, der treffliche Meister,
+ Sinnig zu bauen, verstand. Auch die _Katzen_,[7] mit Erde bedecket,
+ Rasteten nicht, stets näher den Mauern gerückt, und die Krieger
+ Schirmend vor Feindesgeschoß, die im Sonnenlicht und im Nachtgrau'n
+ Schwangen die furchtbare Wucht des mauerzertrümmernden Balkens.
+ Hundert Fuß aufragte der Stamm des mächtigen Eichbaums,
+ Den der Meister sich wählt', und mit Eisen die Stirn' ihm bewehrte.
+ Donnernd schlug er die Wand, von kräftigen Kriegern geschwungen.
+ Endlich rückten wir auch mit dem _Ebenhoch_[8] an die Zinnen:
+ Schleudernd von ihm zermalmende Blöck' in die Mitte der Felsburg --
+ Auch mit Schwefel und Harz erfüllete, brennende Kugeln.
+ Doch ereilt' uns d'rauf der grimmige Winter: verderbend
+ Hielt sich die Burg sechs Monden schon mit erlesenem Streitvolk.
+ Viele begruben wir dort der Unseren; viele vermißten
+ Wir an dem Morgen oft, die feig entwichen bei Nachtzeit;
+ Doch nie wankte noch Rudolphs Muth. Da warfen die Gegner
+ Lebende Fische heraus in das Lager, als spotteten sie noch
+ Seiner Gewalt. Er rief: »Ermannt euch: unser ist Uznach!«
+ Also geschah's. Er drang bei Nacht mit wenigem Volk nur
+ Ein durch den Mauerbruch, und eröffnete herzhaft das Thor selbst.
+ Unserm würgenden Schwert' erlagen die Gegner, und alsbald
+ Fiel auch die Burg, zerstört, auf den Wink des Helden von Habsburg.«
+
+ Laut umtönt' ihn einhelliger Ruf: »Hoch lebe der Held uns!«
+ Doch nun sah ihn zugleich der blühende König der Ungern
+ Traulicher an, und sprach: »Stets bist du wohl glücklich gewesen?
+ Denn ein heiterer Geist wohnt dir in den freundlichen Augen.«
+ Jener begann: »Nicht also: denn vieles erduldet' ich seither,
+ Ander'n Sterblichen gleich, im wechselnden Laufe des Lebens;
+ Leidengeübt erkenn' ich das Maß auch der härtesten Leiden
+ Anderer; doch, ich lernete dem, was über uns waltet,
+ Frühe mich fügen; hab' treu an des Heilands Lehre gehalten,
+ Die uns gewiß, denn einzig wahr, hienieden und jenseits
+ Leitet zum dauernden Glück. Mit Dank genoß ich des Guten;
+ Setzte dem Schlimmen ein Ziel durch Geduld;
+ stets ehrt' ich die Wahrheit;
+ Meine Wege befahl ich dem Herrn, und schau' in des Grab's Nacht
+ Ruhigen Blicks: mir winket aus ihr das ewige Lichtreich.«
+ Sagt' es, und sah, bewegt, nach Albrecht, seinem Erzeugten,
+ Der an den Lippen des Vaters hing, und weinte, hinüber.
+ Stiller wurd' es im Zelt, da rief mit umschallender Stimme
+ Lichtenstein: »Was soll uns der Ernst bei der fröhlichen Mahlzeit?
+ Morgen ruft uns die Schlacht mit donnerndem Laut', und des Frohsinns
+ Jubel verhallt. Wer kehret, wer nicht? Weß' Sitz an dem Tisch hier
+ Leer ist bei'm künftigen Mahl: das steht uns zum Glück noch verborgen;
+ D'rum genießet des Augenblicks, eh' er schwindet auf immer!
+ Soll dieß herrliche Fest des Sängers ermangeln? Er harret
+ D'raußen nur eures Winks: der gemeinsamen Freude gedacht' ich.«
+ »Sage mir an,« sprach Rudolph jetzt, »weß' Landes und Volkes
+ Rühmt sich dein Sänger? Bekannt sind mir die Weisen der Meister:
+ Denn mir waren sie stets ersehnete Gäste; so mancher
+ Wallte zur Habsburg hin, und geehrt ging jeder von dannen.
+ Gierig horcht mein Ohr den zaubergewaltigen Männern:
+ Denn mit frischerem Grün bekleidet ihr Sang in dem Winter
+ Selbst, den entblätterten Wald, und mit Frühlingsblumen die Matten,
+ Die der herbstliche Wind versengt': auf den nebligen Himmel
+ Sä't er glänzende Stern' umher, und weckt in des Menschen
+ Fühlender Brust, gar mächtig die Ahnung der schöneren Zukunft,
+ Der hier unter dem Druck der Gegenwart, wie erstarret,
+ Ach, nach jener, so oft, mit inniger Liebe sich sehnet!
+ Eilt, und führt ihn herein den werthen Gast bei dem Mahl hier.«
+ Jener eilte hinaus; dann kehrt' er, und sagte dem Herrscher:
+ »Nicht unrühmlich bekannt ist Hornecks[9] Name, des Sängers,
+ Der aus der Steyermark entsproß, und in blühender Jugend
+ Fort nach Deutschland zog an den Hof des würdigen Bischofs,
+ Werner von Mainz, wo ihm Rotenburg zum Meister geworden.
+ Aber ihn drängte das Herz: ein redlicher Hirte der Schäflein
+ Seines Heilands zu seyn, und er weidete solche mit Sorgfalt,
+ Jahrlang, bis ihm die Feder zugleich und das Siegel der Bischof
+ Wieder vertraut'. Er starb, und Horneck kehrt' in die Heimath:
+ Erst dem Sänger des _Frauenbuch's_,[10] deß' Sohn ich mich rühme,
+ Sich zum Frommen zu weih'n: dann mir, als jener gestorben:
+ Denn mit unsäglichem Fleiß, in zierlichem Reim die Geschichten
+ Schreibend, folgt er mir treulich nach im Krieg' und im Frieden.«
+ Doch nun trat im langen Talare der heilige Sänger
+ Leise herein. Er trug die tönende Harfe mit Vorsicht
+ Unter dem Arm, und grüßte die Schar -- vor allen den Kaiser
+ Tief, und mit innigem Blick'. Erstaunt besann der Beherrscher
+ Deutschlands sich. Ihm schien: als hätt' er ihn früher gesehen;
+ Nur vom lastenden Alter gebeugt, und ergrauet an Haaren
+ Stand er, ein Fremdling, vor ihm. Da ließ er mit freundlichen Mienen
+ Auf den niedrigen Stuhl am Zelteingange sich nieder;
+ Langte die Harfe hervor, und fuhr mit flüchtigen Fingern
+ Ueber die Saiten dahin, die herzerschütternden Lautes
+ Töneten. Still ward's d'rauf in dem Zelt, und es stockte der Odem
+ Allen umher in der Brust, da er jetzt den feierlichernsten,
+ Heiligen Sang begann im Klange der bebenden Saiten:
+
+ »Laut erbrauset der Sturm, und jagt tiefhangende Wolken
+ Ueber die finsteren Berge hinaus. Der laubige Hochwald
+ Trieft, der Gießbach rauscht, vom dauernden Regen geschwollen.
+ Sieh', dort ruhete nun, aus dem Sattel gestiegen, ein Ritter,
+ Nach ermüdendem Weidwerk aus. Von dem heiteren Antlitz
+ Strahlt ihm der Heldenmuth -- aus den bläulichen Augen die Wahrheit,
+ Liebe, und Treu'. Er sah in die Fluthen: sie saus'ten, und braus'ten,
+ Eilten im Fluge dahin, und er dachte des fliehenden Lebens.
+ Aber der Rappe scharrt; laut winselt der gierige Schweißhund:
+ Denn kein Wild auftrieb er im Forst, und der Ritter erhebt sich
+ Heim zu zieh'n in die Burg, wo sein die Liebenden harren.
+ Jetzt erreicht Geklingel sein Ohr. Von dem finsteren Wald her
+ Naht dem Ufer ein Priester des Herrn: im schimmernden Chorrock,
+ Und mit goldener Stol' an der Brust, nachschreitend dem Meßner
+ Eilig, das Engelsbrot zu dem sterbenden Manne zu tragen.
+ Doch jetzt schaut er, voll Angst, umher: denn siehe, der Gießbach
+ Schwemmte den Steg aus dem Grund', und drüben aufjammert die Hausfrau:
+ Hörbar poche der Tod an der Thür', und es lechze der Gatte
+ Nach der Labung, die ihn auf die Reis' in die Ewigkeit stärke.
+ Schnell entblößt' er die Füß' an des Ufers felsigem Abhang,
+ Dort die rauschende Fluth kühn durch zu waten, entschlossen.
+ Aber der Ritter kam in Eile herüber, und both ihm --
+ Erst anbethend den Heiland der Welt, das gesattelte Reitroß
+ An zu heiligem Dienst, und kehrte, vergnügt, zu den Seinen.
+ Als der Abend sank, und die Welt in rosigen Schimmer
+ Hüllete, sieh', da führte der Priester das Roß an dem Zügel
+ Ueber den Burghof her, und sagt' es dem Ritter mit Dank heim!
+ Aber er sprach: »Was dünkt dich? Nein, nicht diene dieß Reitpferd
+ Fürder zu schnödem Gebrauch, das meinen Erlöser getragen:
+ Denn nun sey's der Kirche des Herrn mit dem Feld' an dem Weiher
+ Frei geschenkt, daß hinfort kein Wildbach mehr auf den Pfaden
+ Jenes unwirthbaren Raums, in dem heiligsten Amte dich hemme!«
+ D'rauf der Priester begann: »So vergelt' es dir Gott, der Erbarmer,
+ Edeler Herr, was du mit erbarmendem Sinn an dem Diener
+ Seiner Kirche gethan: stets mög' es dir glücklich ergehen!
+ Ha, mir sagt es der Geist, und ich irre nicht -- sey dieß Geheimniß
+ Dir in den Tiefen des Herzens bewahrt: dir zieret die Scheitel
+ Würdig dereinst die Krone des heiligen, römischen Reiches!
+ Herrschen wird dein Geschlecht auf dem herrlichsten Thron'
+ in die Zukunft
+ Endlos hin. Dein dauernder Ruhm erfüllet den Erdkreis!«
+
+ Endete so: da sah'n zugleich die versammelten Helden
+ Staunend, dem Kaiser in's Aug', und erkannten des Grafen von Habsburg
+ Fromme That enthüllt, die er stets verschwiegen voll Demuth.
+ Aber er stürzte herbei, und drückte mit heißer Umarmung
+ Lange den heiligen Greis an die Brust; dann rief er bewegt so:
+ »Wahrlich, du bist's, Ehrwürdiger, der an dem rauschenden Gießbach
+ Mir mit dem Herrn erschien, dort Glück und Segen zu spenden!
+ Möge die ewige Huld dir hier und dort ihn vergelten!«
+ Jener beugte die Stirn' auf Rudolphs Hand, ihm die Thränen
+ Bergend, und wankte hinaus in dem einsamen Zelte zu ruhen.
+ Auch die Helden, gesammt, enteileten: denn an des Morgens
+ Tod- und lebenentscheidende Schlacht ermahnte der Kaiser
+ Sie mit erglühendem Aug': »O denket,« so sprach er, »des Morgens,
+ Der uns im eisernen Felde vereint. Im Sieg' ist die Freiheit,
+ Wohlfahrt, Ruhe und Glück viel Tausender: denket des Sieges!«
+ Aber erschütternd braust' ein Ruf aus dem Munde der Helden:
+ »Ha, wir gedenken mit Gott zu erringen den Sieg in dem Blutfeld!«
+
+ Tief verstummte das einsame Zelt. Mit sinnenden Blicken
+ Ging der Kaiser umher; dann saß er wieder, und dachte
+ Noch des wechselnden Glücks der Sterblichen -- sah mit Ergebung
+ Himmelempor, und entschlummert' im Schimmer der Lamp'
+ auf dem Lehnstuhl.
+ Aber nicht lang, da fuhr er, bewegt, zusammen (nicht wacht' er,
+ Schlummerte nicht) ihm stand, verklärt in himmlischer Schönheit,
+ Hartmann, der liebende Sohn, vor den nachtumhülleten Augen,
+ Blickte lächelnd ihn an, und sprach: »In düsterem Zeitraum
+ Schieden wir, mein Vater! Mir ward auf dem irdischen Dornpfad
+ Jammer zu Theil, und ich weinete still: nicht gewahrend der Vorsicht
+ Mildumschlingende Hand, die allein zum lohnenden Ziel führt.
+ Ha, nun steh' ich am Ziel! Gelös't, und in himmlischer Klarheit
+ Liegen des Lebens Räthsel vor mir; versiegt ist der Thränen
+ Bitterer Quell', und es jauchzt die entfesselte Seele vor Wonn' auf.
+ Vater, traure nicht, wenn die Todesbothen dir künden:
+ »Hartmann starb in den Fluthen des Rheins: im rühmlichen Streben,
+ Retter zu seyn Unglücklicher!« Schon ist die sterbliche Hülle,
+ Die ihn umgab, in dem Baseler Dom zu Grabe getragen,
+ Wo ihm ein Denkstein wird, auf immer zum ehrenden Zeichen.
+ Traure nicht. Ich, und die Mutter -- wir harren dein in Gefilden
+ Ewigen Glücks, bis treuerfunden am Ziel, wo entscheidend
+ Sinket die Wag', und steigt, auch du, vor unsäglicher Wonne
+ Jauchzend, die Deinen ersiehst in seliger Wiedervereinung.
+ Denke der Alpenhöh'n, des Greises, und frommen Gelübdes,
+ Wenn in umdrängender Schlacht die Hoffnung des Sieges dir schwindet!«
+ Rudolph fuhr von dem Stuhl'. Er wähnte den fliehenden Schimmer
+ Noch an der Decke des Zeltes zu schau'n, und zitterte, starrend
+ Hin, den Gesichten der Nacht.
+ Dann rief er: »Ein furchtbarer Traum war's:
+ Furchtbar und himmlisch zugleich!
+ Mein Hartmann lebt, und mich täuschte
+ Nur der Lamp' aufflimmerndes Licht. O Herr, du bewahr' ihn!«
+ Sprach so; streckt' auf dem Lager sich aus, und entschlummerte wieder.
+
+ Aber nicht herrschte die Ruh' und des Herzens Frieden in Ottgars
+ Zelt: denn eben kehrt' er zurück aus dem finsteren Eichwald
+ Götzendorfs, und er wähnete noch: die Schrecken der Hölle
+ Rauschten hinter ihm her, im Gezisch' unseliger Geister.
+ Furchtbar rollte sein Aug', und seine geöffneten Lippen
+ Zitterten. Doch nun warf er das Schwert auf den drönenden Tisch hin,
+ Ließ sich nieder, und starrte mit düsterem Blick' in des Oehldochts
+ Flimmernden Schein. Er eilte zuvor dem waldigen Thalgrund
+ Götzendorfs, im Grauen der Nacht, allein, und dem Heerweg
+ Fern' auf dem schnaubenden Roß entgegen: des dunkelen Schicksals
+ Ruf noch einmal dort an dem schauerumflossenen Eichbaum,
+ Dem die Bewohner des Dorfs nur mit Angst und Schrecken vorüber
+ Eileten: denn stets scholl Gezisch um ihn her, zu vernehmen.
+ Dorthin bannt' erst jüngst Drahomira, voll höllischer Arglist,
+ Einen täuschenden Spuk, zu verlocken den finsteren Ottgar,
+ Der um die Mitternacht hinwanderte, Gott zu versuchen.
+ Als er rasch auf den Baum losdrang, da trat ihm sein Engel
+ Unsichtbar in den Weg, und rief an das Herz ihm die Warnung:
+ »Wie, Verehrer des Herrn des Weltalls, Theuererlös'ter,
+ Willst du dem Vater der Lüge dich weih'n -- die unsterbliche Seel' ihm
+ Selbst verschreiben zum Pfand für trugverhüllende Zeichen?
+ Kehre zurück; bereue die Schuld des entflohenen Lebens.
+ Mild erbarmt sich der Herr des Reuigen: eil' ihn zu söhnen!«
+ Ottgar horchte bestürzt: denn zorngerötheten Blickes,
+ Sah der Unsterbliche jetzt nach dem Baume hinüber, und alsbald
+ Floh'n die finsteren Mächte davon. Ihr wildes Gezisch scholl
+ Laut um ihn her: er wandte das Roß, und im brausenden Eilflug
+ Kehrt' er heim in das Zelt, von Angst ergriffen, und Schauder.
+ Als er dort beim Scheine der mattaufflimmernden Lampen,
+ Sinnend, saß: da scholl ein Getrab anstürmender Rosse
+ Näher. Nicht lange, so stand Kunegunde, mit flammenden Blicken
+ Schauend, vor ihm, und sprach: »Hast du die verhüllete Neigung
+ Deiner so theuren Tochter dir, zu dem herrlichen Jüngling,
+ Wallstein, früher gekannt, der jüngst in's eigene Schwert sank,
+ Und ihr Herz verwundet im Zorn? Nie siehst du sie wieder.
+ Hedwig entfloh. Aus dem Kloster, ach, der ad'ligen Nonnen
+ Drüben im Ungerland kam mir die Kunde gesendet:
+ Eine Braut des Herrn, will sie in erkorener Stille
+ Leben hinfort. Schon hüllt ihr die liebliche Stirne der Schleier.
+ Schrecklicher, dein Werk ist's: gar viel des Schlimmen erlebst du!«
+
+ Ottgar beugte das Haupt, und barg die thränenden Augen
+ Schnell mit den Händen vor ihr: von dem leise geahneten Schicksal
+ Seines theuersten Kindes bewegt. Er bebte, verstummend.
+ Doch sie sprach von neuem mit Hohn: »Im nächtlichen Grauen
+ Komm ich von Drösing heran: denn wer gewahrt' in des Tages-
+ Licht nicht die Scham und die heimliche Wuth mir im glühenden Antlitz
+ Ueber die Flucht des Böhmenheers -- des tapfersten Heeres,
+ Das sein Hort: weh mir, daß ich Gattinn dem Feigen geworden,
+ Fliehen hieß in dem Augenblick des entschiedenen Sieges!«
+ »Weib, halt ein!« schrie laut der Empörete, »kühn und entschlossen
+ War ich mein Leben lang, und feig ertrug ich als Gatte
+ Nur, die Launen des Weibs, das mir zum Jammer zu Theil ward.
+ Ach, die unfriedliche Ehe gebiert die herbste der Qualen!
+ Doch für jetzo hinweg mit eitlem Gezanke. Zu furchtbar
+ Dränget der Augenblick: nicht fern ist die Stunde der Schlacht mehr.
+ Fort noch heute g'en Prag! Ich sende dir muthige Scharen
+ Zum Geleit. Mit dir sey Gott! Kunegunde die Mutter
+ Meiner Kinder bist du! Erhabenes liegt in den Worten.
+ Halte sie wohl, die theuern! Gar viel ertrug ich des Schlimmen
+ Mit Geduld, um die Kindlein: denn mir fehlte der Sohn noch.
+ Ha, daß vielleicht, so mir die Heimkehr wird aus dem Kriegszug,
+ Schönere Tag' uns blüh'n! Nur als Sieger siehst du mich wieder.«
+ Sagt' es, und stand, verwendeten Blicks. Ihr rollten die Thränen
+ Ueber die Wangen herab: denn tief vorahnte sie's: nimmer
+ Werde sie ihn mehr seh'n; doch scholl kein freundliches »Leb' wohl!«
+ Ihr von den Lippen; sie ging, und schwang sich auf's Roß,
+ von den Reitern
+ Dicht umschart, bald Prag, die herrliche Stadt zu erreichen.
+
+ Heftig bewegt, ging Ottgar jetzt im dämmernden Zeltraum
+ Auf und nieder, und sann. Schon längstentflohene Zeiten
+ Kehreten ihm, nun lieblich und hell, nun nächtlich und furchtbar,
+ Wieder im Bilde zurück, und ach, unendliche Wehmuth
+ Faßte sein Herz, als dort die dämmernde Helle des Nachtgrau'ns
+ Trauergewölk verschlang, und um ihn, verödet, die Welt lag!
+ Stöhnend streckt' er zuweilen den Arm weit vor, und ersehnte
+ Heiß, zu entreißen dem Grab, was solches im Moder bedeckt hielt.
+ Seine Lippen bewegten sich dann, und lispelten Nahmen,
+ Ort, und Zeit umher in die Dämmerung. Willigen Herzens,
+ Wär' er mit flehendem Wort vor Dem, und vor Jenem gesunken
+ Auf die Knie', zu erringen den Wink ersehnter Verzeihung.
+ Doch, als Niemand war, der Antwort gab, und auf Erden
+ Alles, verstummt, und erstarrt, auf immer jegliches Mitleid
+ Ihm zu versagen schien: da hob er die furchtsamen Augen
+ Auf zu dem Himmel, und sah durch leis'aufquellende Zähren,
+ Zweifelnd, hin, bis jetzt, erschüttert, die bebenden Händ' er
+ Faltete; dann, gesunkenen Haupts, auf die Kniee sich werfend,
+ Also begann: »O Herr, nicht geh' in's Gericht mit mir Armen!
+ Ringsum drängt mich die Schuld,
+ wie die Fluthen des schwellenden Bergstroms,
+ Und einstürzender Berge Geröll. Wo find' ich Errettung
+ Einst vor deinem Zorn, Allmächtiger, wo, so dem Schuldner
+ Nur vergeltendes Recht, nicht auch Erbarmen zu Theil wird?
+ Doch Erbarmen mit mir, das, hart- und eiserngesinnet,
+ Ich nicht übt' an den Menschen -- ein Mensch? Erhebe die Hand nur,
+ Furchtbarer, straf' mich: denn ich hab' es verschuldet, auf immer!
+ Dennoch nimmst du die Sühne noch an; barmherzig und gnädig
+ Bist du, o Herr, wenn reuig das Herz auf der irdischen Bahn noch,
+ Schmerzdurchdrungen, sie beut! Noch wandl' ich auf ihr. Im Bewußtseyn
+ Schrecklichen Frevels, zu dem auf der schwindelnden Höhe des Thrones
+ Mich die gefährliche Macht und der feiggesinneten Schmeichler
+ Zauberruf hinriß, und des ungebändigten Herzens
+ Ehrgeiz, Stolz, und begierliche Gluth stets mächtiger drängte,
+ Will ich, läßt du mich leben, o Herr, mit reuigem Herzen
+ Sühnen die Schuld! Wie ich einst des Kreuzes heiliges Zeichen,
+ Siegend, zur Ostsee trug, und dort den verwilderten Heiden
+ Deines Nahmens Ruhm verkündigte, eifernd für Wahrheit,
+ Tugend, und Recht; wie dort das Herz bei jeglichem Guten
+ Höher im Busen mir schlug, und ringsum die heitere Schöpfung
+ Lächelte, weil in der Brust noch Frieden mir wohnte: so will ich,
+ Ein erneuerter Mensch, hinfort dir leben, und würdig
+ Wandeln vor dir, geschirmt von deiner allmächtigen Rechten!
+ Ha, der Morgen graut! Ich stehe g'en über den Feinden:
+ Jenem zumal, der mich verhöhnete -- mir in dem Herzen
+ Glühenden Haß und Rachsucht weckt'. Ich verzeih' ihm: du heischest
+ Solches, mein Heiland, von mir zum Gehorsam. Im redlichen Kampf nur,
+ Den des Throns erworbenes Recht und die Liebe der Völker
+ Heiliget, will ich ihm steh'n, und anheim dir stellen mein Schicksal.
+ Gieb mir den Sieg, Herr! Doch nicht mein -- dein Wille geschehe!«
+
+ Aber die Himmlischen feierten nun der unendlichen Allmacht
+ Huldausstrahlenden Wink. Auf Erden erglühte das Frühroth.
+
+
+
+
+ Eilfter Gesang.
+
+
+ Zweifelnd rang der Tag mit der Nacht, und im schauernden Zwielicht
+ Ruhte die Erde, noch rings vom holden Schlummer umfangen,
+ Als das schreckliche Paar der Meerenberger in's Lager
+ Kehrete. Dort an dem Pfad, der, längs dem duftenden Weinberg,
+ Immer höher sich hebt, und erst an dem felsigen Hügel
+ Schwindet, von welchem der Rabenstein empor in die Luft ragt,
+ Standen die Rachebrüder, vereint zu entsetzlichen Thaten,
+ Schon drei Stunden lang, und sah'n mit finsteren Blicken
+ Bald nach dem Hochgericht, bald einer in's Auge dem andern,
+ Das, wie der Blitz aufflammt in dem Nachtgrau'n, öfters erglühte
+ Vor dem gewaltigen Drang des grimmgesättigten Herzens.
+ Aber da sprach der ältere so zu dem jüngeren Bruder:
+ »Siehe, der Morgen graut; schon bin ich gefaßt, und entschlossen!
+ Komm: die Vorhuth harrt, der wir uns entzogen.« Und jener
+ Sagt', erweicht: »Noch ist das Entsetzliche, dem ich erbebe,
+ Nicht gescheh'n; noch stehen wir fern dem gekröneten Gegner,
+ Den ich zu morden schwur in der offenen Schlacht, in des Tempels
+ Heiligthum, und in dem stillen Gemach, wie solches das Glück mir
+ Günstig beut. Bereit ist die Rach', und der schändlichste Frevel
+ Heischt sie mit Recht, und doch -- ich könnt' ihm verzeihen!
+ Nicht zürne
+ Theurer, mir ob dem Wort', er sinkt: ich könnt' ihm verzeihen!«
+ »Wie,« so entgegnete jener voll Wuth, »das verhaßteste Wort kam
+ Dir von den Lippen: verzeih'n? Sieh' hin nach dem Baume des Fluches!
+ Ist er nicht jenem gleich -- vielleicht daß die höllischen Mächt' ihn,
+ Mir zum Hohn, durch Zaubergewalt herführten im Luftraum,
+ Weh', auf dem der edelgesinnete Bruder, mein Seyfried,
+ Schuldlos litt; das Haupt zu den Füßen gebunden, nach dreimal
+ Schrecklichen Tagen verblich? Verzeih'n?
+ Ich erwürge dich, thust du's!«
+ Jener verstummte vor ihm, und sie kehrten mit eilenden Schritten
+ Wieder zurück zur Heldenschar der erlesenen Vorhuth.
+
+ Drüben in Osten entstieg des erd'umrandenden Himmels
+ Tiefen, gehüllt in Rosengluth, die ersehnete Sonne;
+ Aber sie schwand dann bald, von düsteren Wolken verschlungen,
+ Wieder, und zeigt' auch heute nicht mehr ihr freundliches Antlitz,
+ Bis sie vom Abendthor erreicht das herrliche Ziel sah!
+ Schon war drängende Hast und dumpfes Gemurmel im Lager
+ Beider Gegner erwacht; schon sprengten die Herolde hierhin,
+ Dorthin fort: des Heers Aufstellung den schaltenden Amtnern[1]
+ Kund zu thun, wie solche zuvor der Herrscher gebothen.
+ Ottgars dräuende Macht hob weit an dem dunkelen Spannberg
+ Sich empor: ausdehnend rechts den mächtigen Flügel
+ Bis g'en Weidendorf, und links an die Marken von Dürnkrut,
+ Also geordnet in sechs Heersäulen, dem Feind zu begegnen:
+ Hier an das Böhmen-Volk der Sachs und der Bayer, und drüben
+ Reuß' und Pol' an jenes aus Mähren, gereiht, mit den Scharen,
+ Kunrings: denn ihm verharrete dort mit erlesenen Kriegern
+ Noch zu getreulichem Dienst Hadmar, der ältere; Leutold
+ Nur, aufflammenden Zorns, zog jüngst mit den Seinen zur Burg heim.
+
+ Aber wie gestern am Wall', zu drei Heersäulen geordnet,
+ Standen des Kaisers Reih'n entgegen den Reihen der Gegner,
+ Und gedachten anjetzt vor dem Kampf, der Beicht und des Bußwerks:
+ Denn manch tapferer Krieger sprach: »Wo weilt in des Heeres
+ Ordnung der Seelenhirt, der von dem verirreten Schäflein
+ Höre die Sünden bekannt, und im Nahmen des Herrn es entlasse,
+ Ledig der Schuld? Ach, furchtbar wär's, in solcher zu scheiden!«
+ Bald gewahrt' er den Wink, der ihm das ragende Zelt wies,
+ Wo in dem dämmernden Raum, mit niedergehefteten Augen,
+ Heiligen Mitleids voll, der Priester des Herrn zu Gericht saß.
+ Willig senkten vor ihm auch sonst unwillige Knie' sich
+ Jetzt in den Staub, und, segengestärkt, bekannten die Krieger,
+ Nicht durch Erdenmacht -- nein, nur von dem Herzen getrieben,
+ Was sie gefehlt, und bereut; sie höreten warnende Lehren;
+ Hörten erfreuenden Trost, und zuletzt den göttlichen Ausspruch,
+ Der sie lös'te, nicht band, auf dem Wege des Heils und Erbarmens,
+ Wie es der Meister gelehrt, der Menschen des Himmels Gewalt gab.
+ D'rauf, als dort vor jeder der drei Heersäulen ein Priester
+ Würdig die Feier des Abendmahls vollendete, traten
+ Sie zu dem Tische des Herrn, und empfingen die Speise der Seelen,
+ Klopfend die Brust dreimal mit des Kapernaonischen Hauptmanns
+ Demuthssinn, der sprach: »O Herr, nicht würdig erkenn' ich
+ Mich, daß du einkehrst heute bei mir; doch, sprichst du ein Wort nur,
+ Wird die Seele gesund!« Und mit Freudigkeit stellten die Scharen
+ Wieder sich auf in Reih'n, gestärkt in heiliger Andacht.[2]
+
+ Jetzt erwacht' in dem Lager Getös'. Der edele Ritter
+ Rief den Knappen herbei, daß er säh' nach dem Zaum' und dem Bügel --
+ Nach dem Sattel und Gurt: ob jedes dem mächtigen Schlachtdrang
+ Haltbar sich wies'? da er selbst den Helm mit dem Riemen am Kinn sich
+ Festigte; dann sein gutes Schwert, aus der Scheide gezogen,
+ Prüfte, die Schneid' entlang, mit sanfthingleitendem Daumen.
+ D'rauf noch einmal umwandelnd das Roß mit forschenden Blicken,
+ Faßt' er hurtig den Zaum, und sagte zu seinem Getreuen:
+ »Grüß' mir den grauenden Vater daheim, so der Vater im Himmel
+ Mich in dem Waffengemeng, durchbohrt vom feindlichen Eisen,
+ Abruft: bald nachfolgt, vom Alter gebeugt, er in's Grab mir!«
+ Aber ein Anderer sprach: »Merk' auf! So ich niedergeworfen
+ Lieg' auf dem Feld', und du kehrst, so bringe der Grüße viel tausend'
+ Dort der Schwester noch, der redlichen: denn in dem Leben
+ Theilten wir Freud' und Leid, vereint von der zartesten Jugend!«
+ Wieder ein Anderer trat mit dem Knappen beiseit', und geboth ihm:
+ »Kömmst du vorüber die Burg, wo mir, holdselig, das Fräulein
+ Treue Minne gelobt: oft hast du es selber gesehen,
+ Wie von dem Erker sie mir, dem Scheidenden, thränenden Blickes,
+ Nachsah, dann noch fern mit dem schimmernden Tuche mir winkte:
+ O so sprich: »Treu bis in den Tod ihr weiht' ich das Leben!«
+ Doch der fromme Gemahl begann mit sinnendem Ernst so:
+ »Redlicher, kehrst du, des Ritters beraubt, zur rühmlichen Heimath:
+ Grüße die beste der Frau'n und die holdaufblühenden Kinder
+ Alle mit herzlichem Wort! Die so edelgesinnete Gattinn
+ Solle mir ja bewahren den Eid, und die munteren Jungen,
+ Sorgend mit Mutterhuld, zur Furcht des Herrn auf der Wahrheit
+ Hellem Pfad' erzieh'n, daß sie Männer in jeglichem Sinne
+ Werden, und wir vor Gott uns wiederfinden in Wonne!«
+
+ So bestelleten dort, voll Hast, die gerüsteten Ritter,
+ Vor dem Entscheidungskampf, des ergriffenen Herzens Geheimniß.
+ Andere sprengten daher, und schüttelten Diesem und Jenem
+ Freundlich die Hand, »leb' wohl!« auf immer vielleicht ihm zu rufen.
+ Doch die, bundesgesellt, in den schimmernden Reih'n sich erblickten,
+ Eineten sich mit betheuerndem Wort' und mit kräftigem Handschlag:
+ Nahe zu seyn in Gefahr, und zu schützen der eine den andern.
+
+ Sieh', da ritt, umringt von seinen gewaltigen Feldherrn,
+ Nach vollendetem Mahle des Herrn, auch der Kaiser herüber!
+ Hugo von Tauffers sah des Heers Aufstellung, und sagte:
+ »Herr, nicht schweigt dein Haug: er kennt den gütigsten Herrscher!
+ Heiße die Scharen in fünf, nicht in drei Heersäulen geordnet,
+ Gegen den Feind vordringen im Feld, daß die tapferen Krieger
+ Jeglichen Volks, entflammt von der rühmlichen Liebe der Heimath,
+ Streben den andern zuvor, zu erringen den herrlichen Siegspreis.«
+ »Klug hast du,« sprach jener mit Huld, »mir gerathen. Des Weisen
+ Rath ist besser denn Gold, und des Demants funkelnder Reichthum
+ Wiegt ihn nicht auf. So möge das Heer in gesonderten Haufen
+ Stehen: um mich die Ritter-Schar und die Völker aus Deutschlands
+ Oberen Gau'n; dann rechts, in zwei Heersäulen der Ostmark
+ Heldensöhn' und der steyrischen Mark, und in zweien, zur Linken,
+ Jene von Kärnthen und Krain, von muthigen Führern geordnet;
+ Aber das tapfere Volk der Ungern stehe zur Rechten --
+ Jenes der Kunen zur Linken zurück: im entscheidenden Zeitraum
+ Vorzubrechen, und dort zu vernichten die fliehenden Scharen,
+ Da von der Warte von Ebenthal der mächtige König,
+ Schauend als Zeuge sein Volk, zum Sieg entflammet die beiden.«
+
+ Also geschah's. Noch war der volkvereinenden Fähnlein
+ Pracht im Heer nicht enthüllt. Die Fahnenjunker entbanden
+ Solche dem ragenden Schaft', und sie flatterten jetzt in dem Wind hin,
+ Zahllos, buntvermengt, wie im Lenze die Blumen des Feldes.
+ Alsbald sprengten die Edeln heran, den Ruhm zu erringen:
+ Vor dem Kaiser im Kampf' einher zu tragen die Sturmfahn':[3]
+ Oestreichs Demantberg' und Edelgesteine mit Konrad
+ Haselau; dann Trautmansdorf mit seinem Erzeugten,
+ Ach, dem einzigen jetzt, und auch Capellen mit Heunburg!
+ Aber mit freudigem Stolz begann der erhabene Kaiser:
+ »Werth seyd ihr des Ruhms, des herrlichsten, alle vor allen;
+ Doch mein Haselau, der achtzigjährige Greis dort,
+ Heischt ihn mit Recht: d'rum werd' ihm heut die erlesene Stelle
+ Oestreichs Siegespanier für Oestreichs ewige Herrschaft
+ In der entscheidenden Völkerschlacht zu erhöh'n, und es steh' ihm
+ Lichtenstein, so er dort ermattete, hülfegesellet.
+ Tritt, Markgraf von Hochberg, vor, und empfange die Reichsfahn'!
+ Albrecht, du, mein ältester, komm, mir die erste der Fahnen,
+ Die vor allen, geziert mit dem Bild des erlösenden Kreuzes,
+ Aufragt, heut zur ermunternden Schau, in dem Kampfe zu weisen:
+ Dicht vor mir in Gefahr und todverbreitendem Schlachtgrau'n,
+ Wie du es selber ersehntest jüngst, im muthigen Herzen!«
+ Hochberg hob nun zuerst des heiligen, römischen Reiches
+ Fahne zur Luft, wo schwarz im gelbherschimmernden Feldraum
+ Sich der Doppel-Aar, mit Zepter und Krone geschmückt, wies;
+ Jene von Oestreich Haselau, ehrwürdigen Anseh'ns,
+ Weisend den schneeigen Streif in Leupolds rühmlichem Blutfeld.
+ Beide hielten, dem Kaiser nicht fern, zur Rechten und Linken;
+ Aber vor ihm hob dann sein Albrecht die heilige Fahn' auf,
+ Die in dem grünlichen Feld mit dem Bild des Erlösers geschmückt war.
+ Wieder begann er, und sprach vor dem Heere mit leuchtenden Augen:
+ »Schwarzenberg, nun hin, zu erforschen den König von Böhmen:
+ Ob er gerüstet im Feld' uns heut zu begegnen, gewillt sey?
+ Nahe der Vorderhuth, mit den Reisigen wirst du ihn treffen:
+ Denn er kennt in Gefahren des Kampfs die unmännliche Furcht nicht!«
+ Jener enteilete, wie der fernhinbrausende Sturmwind,
+ Der des Staubes Gewölk auf dem Heerweg, wirbelnd, emporhebt.
+ Bald annahte der Held dem nahenden Feind', und gewahrte
+ Dort an der Vorderhuth, im Kreis' erlesener Feldherrn,
+ Ottgars hohe Gestalt, der, herrlichgewaffnet, daherkam:
+ Denn er hüllte das Haupt in den silbernen Helm, und es wand sich
+ Rings um selben, die Kron' aus strahlendem Golde, gezackt, auf;
+ Auch der Harnisch und Schild, und am Arm und dem Beine die Schienen,
+ Die er sich heute gewählt, erglänzten von Silber, und dräuend,
+ Warf von des Degens Griff in der Rechten ein röthlicher Demant
+ Blitz' umher. So kam er, zum Kampf gerüstet, herüber.
+ Als er den Ritter ersah, da hemmt' er den schnaubenden Rappen
+ Rasch mit zorngeröthetem Blick; doch jener begann so:
+ »Herr, du hast den Frieden verschmäht: so bieth' ich dir Krieg denn,
+ Ich, von Schwarzenberg, des Kaisers gesendeter Herold,
+ Krieg auf Leben und Tod, im Nahmen des Kaisers! Er fragt dich,
+ Edelgesinnet, zuvor, nach altherkömmlicher Sitte:[4]
+ Ob du, gerüstet zum Kampf', ihn heut' erwartest im Schlachtfeld?«
+ Also der tapfere Held. Grimmlächelnd erwiederte jener:
+ »Bring' ihm die Kunde zurück: ich sey Streit's halber[5] gekommen!«
+ Sagt' es, und wandte das Roß, im schnelleren Zuge die Krieger
+ Vorzuführen zur Schlacht, und zu schrecklichem Feindesgemetzel.
+
+ Schon verkündete Schwarzenberg, der edele Herold,
+ Kehrend in Eile zurück, dem Kaiser, daß ewige Feindschaft
+ Ihm der König gelobt, und bald vorstürme zum Angriff.
+ Sieh', und kaum entfuhr ihm das Wort, da jagten des Gegners
+ Vorderste Haufen herab von dem Hügel; viel tausende folgten
+ Bald den ersteren nach, und verdunkelten alle die Höhen!
+ Manchem der Krieger, der zum ersten Male des Feindes
+ Scharen ersah in dem Feld; noch nie der würgenden Waffen
+ Furchtbaren Schlag vernahm, und empfand in dem Sturme des Angriffs,
+ Pochte das Herz in der Brust viel mächtiger: wechselnde Schauer
+ Liefen ihm fort und fort an dem Haupt und dem Rücken hinunter,
+ Und zu dem Helmdach hob sich oft sein starrendes Haar auf.
+
+ Doch nun ritten im Flug' aus den Reih'n der mittleren Heerschar
+ Hundert Jünglinge vor, die aus Zürich, dem Städtchen, gezogen;
+ Stellten dort vor dem Kaiser sich auf, und einer begann so:
+ »Möchtest du jetzt, erhabener Herr, ruhmwürdiger Sitte
+ Denkend, ertheilen den Schlag, der uns den Edeln geselle!
+ Ha, nicht soll es dich reu'n, wenn wir vordringen im Schlachtfeld!«
+ Freudig entblößte der Kaiser sein Schwert, erhob es, und sagte:
+ »Blühende Männer, wohlan: da ihr edele Thaten verheißet,
+ So gescheh' euch nach Wunsch! Hart drängt uns die Stunde: wir schlagen
+ Darum euch nur auf den Helm und den Schild, nach edeler Sitte,
+ Jetzt im Nahmen des Ein-dreieinigen Gottes zu Rittern.«
+ Und er führte den Streich kreuzweis nach den Helmen und Schilden
+ Aller umher. So wurden sie hier den Edeln gesellet.[6]
+ Aber er sprengt' im Fluge hinaus vor die glänzenden Scharen;
+ Schwang das Eisen, und rief mit lautumschallender Stimme:
+ »Tapfere, hört: nun gilt's! Dort nah't in furchtbarer Mehrzahl,
+ Unversöhnlichen Grolls, der Feind, uns die Länder der Ostmark,
+ Ja, auch die Krone des Reichs, im entscheidenden Kampf zu entreißen.
+ Aber nicht soll er deß' sich erfreu'n. Allmächtig ist Gottes
+ Schützender Arm: er führt uns mit allumfassender Vorsicht
+ Durch die sonnige Flur und die Nachtabgründe des Lebens:
+ Fest ruht mein Vertrauen auf ihm. So werdet auch ihr jetzt,
+ Stark durch Gott, mit unbeugsamer Kraft des endlichen Kampfes
+ Schrecknisse siegend besteh'n; den eidverhöhnenden Frevel
+ Strafen: erringen die langersehnete Ruhe für Deutschland;
+ Gründen der Völker Glück und euren unsterblichen Nachruhm.
+ Ha, und erliegen wir auch, so laßt uns erliegen als Helden!
+ Eins sey mein, und euer Geschick: ich, Kaiser der Deutschen,
+ Leb', und sterbe mit euch auf dem winkenden Felde der Ehren.«
+ Sieh', und die jauchzenden Scharen entlang aufblitzten die Waffen
+ Aller zugleich in die Luft: sie heischten urplötzlichen Angriff.
+
+ Aber auch Ottgar rief entflammende Worte den Seinen:
+ »Sehet,« so sprach er mit grimmigem Blick, »schon naht uns des Gegners
+ Heersmacht, der so frech uns höhnete, schändliche Täuschung
+ Uebend an mir, und an euch: noch bebt mir die Seele vor Schauder,
+ Denk' ich's! Doch er büße dafür: denn ewige Schand' euch,
+ So ihr nicht rächet die Schmach,
+ die, gleich, dem Volk' und dem Herrscher
+ Böhmens galt. Gedenket der Zeltvorhänge von Kamberg,
+ Strafet des Frevlers Trotz. Er brüste sich, daß ihm die Kunen
+ Gestern erfochten den Sieg. Schaut hin nach den rühmlichen Feldern
+ Kressenbruns, wo ich Bela's Macht, vernichtend, in Staub warf.
+ Ha, noch bin ich der Held, der euch vom Siege zu Siegen
+ Führete! Fort -- greift an! Dem dräuenden Aare von Oestreich
+ Möge der böhmische Leu' nun weisen die furchtbaren Klauen.«
+
+ Also empörten ihr Volk die schlachtgebiethenden Herrscher.
+ D'rauf erscholl ringsher Geschrei und Getümmel; die Trommeln
+ Wirbelten; laut in dem Sturm erklangen die eh'rnen Drometen:
+ Hier die Reisigen, dort des Fußvolks Reihen zum Angriff
+ Drängend im Feld', und so, wie ein Lüftchen die wogenden Aehren
+ Treibt im Kreise herauf und hinab: so bewegte sich hierher,
+ Dorthin, wimmelnd, das Heer. Staub flog empor, wie im Märzmond,
+ Wenn der eisige Nord-, dann wieder der brausende Westwind
+ Noch den entfliehenden Winter hemmt, und am glänzenden Mittag
+ Rieselgewölk aufjagt: da hebt sich im wirbelnden Aufflug
+ Hoch in die Lüfte der flimmernde Schnee; da schwindet des Himmels
+ Sonnige Bläue; das Thal, und die ringsaufragenden Berghöhn
+ Hüllt das Gestöber in Nacht: so erregte der feindlichen Scharen
+ Schlachtanlauf unendlichen Staub in den Saatengefilden,
+ Und das Entsetzen schnob aus dem Grau'n des umnachtenden Qualms her;
+ Aber nicht anders, wie dann, mit entfesselter Wuth, die empörten
+ Stürzen aus Westen und Norden zugleich auf den wimmelnden Hafen,
+ Wo das Gewässer des Meers, aufbrandend, sich hebt; von den Ankern
+ Reisset das Seil, und jetzt, wild an einander geschleudert,
+ Mitten im furchtbarn Wogengeheul, am zerschmetterten Schiffsraum
+ Kracht der Raum, am Maste der Mast, und, berstend am Kiel hin,
+ Donnert das hohle Verdeck, daß rings den umuferten Hafen
+ Grause Zertrümmerung hüllt: so stießen die Heere zusammen.
+ Sieh', und seitwärts, weit vom Winde hinübergetragen,
+ Legte sich jetzo der Staub in dem Feld: da sah'n sich die Gegner
+ Näher in's Aug', und ha, bald traf das Eisen auf's Leben!
+ Doch, ach! mußte der Kampf für Rudolphs Helden so schrecklich,
+ Und am schrecklichsten noch, für den einen der Helden beginnen?
+
+ Zamor trieb aus der Vorderhuth die rüstigen Schützen
+ Reussens vor in die Schlacht. Sie hatten der tödlichen Armbrust
+ Sehne gespannt; den Pfeil in die Röhre des Schaftes geschoben;
+ Fest an die Wange gepreßt den krummgebogenen Kolben;
+ Dann im Lauf, nach dem Gegner zielend, das schnellende Zünglein
+ Losgedrückt: urplötzlich ertönte die Sehn', und erbraus'te
+ Fort in der Luft der befiederte Pfeil, nach feindlichem Herzblut
+ Lechzend: er traf, und verwundete Roß und Mann in den Scharen,
+ Die aus der Steyermark herlenkte der tapfere Pfannberg,
+ Und jetzt Trautmansdorf beherrscht: da jener, verwundet,
+ Noch im luftigen Zelt des vielerfahrenen Arztes
+ Sorge sich fügt: voll Gier, in die Schlachtreih'n wiederzukehren.
+ Trautmansdorf ermahnete laut das treffliche Fußvolk
+ Und die Reiter zugleich, des vaterländischen Ruhmes
+ Eingedenk', heut' in dem Feld' als mannhafte Streiter zu stehen.
+ Freudig gehorchte das Volk,
+ und im Sturmlauf ging's an den Feind jetzt,
+ Als, von der Armbrust her die befiederten Pfeile geschnellet,
+ Zischten. Dicht vorüber dem Ohr des unglücklichen Vaters
+ Flog ein mordender hin, und verschont' ihn -- den zartesten Sprößling,
+ Der ihm von zehn-und-vier noch blühete, niederzuwerfen.
+ Hinter ihm sank ein Reiter vom Roß'. Er hört' es, und bebte;
+ Aber nicht sah er zurück, und rief des aufstürmenden Herzens
+ Angst bekämpfend, noch lauter sein Volk zum Kampf und Gewürg' auf.
+ Erdwin war's, der fiel, von dem Pfeil' im Halse getroffen,
+ Da in dem Sturmlauf jetzt die Halsberg' sich von der Schulter
+ Aufschob. Still, wie die Lilie sinkt, vom Hagel zerschmettert,
+ Sank er vom Roß', und, fallend, bath er mit sterbendem Blick noch,
+ Daß kein Laut sein Geschick dem enteilenden Vater verrathe.
+ Trauernd gehorchten dem Wink die raschvorstürmenden Krieger.
+ Doch schon drang im beflügelten Ritt sein edler Erzeuger
+ Bis in die vordersten Feindesreih'n,
+ und schnell, wie der Blitz schlägt,
+ Warf sein schrecklicher Arm fünf Schützen aus Reussen zu Boden.
+ Zamor, des Volkes Hort, ersah den Würger, und alsbald
+ Jagt' er heran, den Tod der gefallenen Krieger zu rächen;
+ Aber ihm eilte nur muthiger noch der Ritter entgegen;
+ Faßte noch fester den Griff in die Hand, und hieb mit des Schwertes
+ Tödlichem Stahl' ihm die hochgethürmete Mütz' und die Scheitel
+ Tief in die Stirn' entzwei, daß er stürzend vom Sattel hinunter
+ Taumelte, laut aufstöhnt', und das blühende Leben verhauchte.
+ Ach, bald jammert die Gattinn daheim, die, heimlich im Busen
+ Ahnend ihr Trauergeschick, dem scheidenden Gatten den Säugling,
+ Schlummernd in lieblicher Unschuld wies, und die Knie' ihm umfaßte,
+ Flehend mit Thränen im Blick, daß er doch bei den Seinen verharre;
+ Aber umsonst! Ihn rief der ruhmverheißende Heerbann
+ Fort in das Feld, und er sank, erwürgt,
+ in dem schrecklichen Kampf jetzt.
+ Siehe, nicht rastete Trautmansdorf: er drängte die Schützen,
+ Rasch fortkämpfend, zurück', und Blut beströmte den Boden!
+
+ Fern, vom gehügelten Sand', ersah der Führer der Kunen,
+ Suhol, der Eber genannt, dem Trentschins Gebiether den Herold
+ Sendete: daß er ihm eine sein Volk, wie dort in dem Vortrab
+ Trautmansdorf vor allen zuerst vordrang mit den Reitern.
+ Das empört' ihm die Brust, und, unbändigen Zorns, wie ihm stets noch
+ Jugendlichheiß das Blut in dem leichtaufbrausenden Herzen
+ Kochte, schwang er sein Eisen zur Luft, und begann vor dem Volk so:
+ »Seht, dort fechten sie schon, und tränken ihr Schwert mit des Feindes
+ Dampfendem Blut', -- erringen wohl auch sich die Beute vor andern,
+ Da wir, müßig im Hinterhalt, des unsicheren Vortheils
+ Harren! Soll denn die Beut' und der Siegsruhm stets nur die Deutschen
+ Lohnen im Schlachtengefild? Stets sollen wir jenen zurücksteh'n,
+ Eng' in die Ordnung gebannt? Nicht also gefällt es dem Kunen:
+ Denn er schwärmt in dem Feld, wie ein brausendes Donnergewitter,
+ Frei umher, und erfüllt es mit Angst, Verderben, und Jammer.
+ Auf, wir wollen hinaus, dem Feind' in die Seite zu fallen
+ Mit entsetzenverbreitender Hand! So holen wir Beut' uns
+ Selber, und Ruhm wird uns, die Sieger, nur herrlicher lohnen.«
+ Alsbald gab er dem Rosse den Sporn, und es jagte sein Volk ihm
+ Dann im brausenden Flug rasch nach: umschwärmend das Häuflein
+ Kunrings, und schnellend zugleich von dem weitgehörneten Bogen
+ Pfeile, so dicht, daß rings sich in nächtliches Dunkel der Luftraum
+ Hüllete. Bald traf hier, bald dort der befiederte Mordstahl
+ Reiter und Roß, und verwundete viel' in der nahenden Kriegsschar;
+ Doch als solches die Pfeile verschoß, den entleereten Köcher
+ Und den Bogen, vereint, mit der Schnur auf den Rücken zurückwarf:
+ Da griff's rasch nach dem Säbel,
+ und hieb mit Gejauchz' in die Feind' ein.
+ Kunring hatte den Speer gesenkt; das unbändige Reitroß
+ Links gespornt, und rechts, und die wildumschwärmenden Krieger
+ Niedergeworfen, bis ihm ihr Feldherr, Suhol, der Eber,
+ Seitwärts nahend im Flug, mit dem Säbel die Lenden durchrannte.
+ Alsbald sank er vom Sattel herab: die erschrockenen Krieger
+ Wichen zurück, und im Feld hin scholl Geschrei und Getümmel.
+
+ Ottgar bebte vor Zorn, da er so, im beginnenden Kampf schon
+ Wieder die Gegner im Vortheil sah, und die Seinen im Feld hin
+ Flüchteten. Sieh', da schwang sich, ergrimmt, der finstere Katwald
+ Aus den Lüften herab, und rief im Geistergelispel:
+ »Wehe, du schaust die Deinen besiegt, noch ehe die Gegner
+ All' ihr Schwert entblößten, und eh' den ragenden Speer sie
+ Senkten zum Todesstoß'! Unglücklicher, willst du noch zaudern?
+ Wähle sogleich die tapfersten dir aus des Heeres Geschwadern;
+ Führe sie kühn selbst vor, zu erwecken den Muth in dem Herzen
+ Aller umher: so erringst du vielleicht den herrlichsten Sieg noch!«
+ Ottgar rief alsbald nach Lobkowitz, schreiend hinüber:
+ »Tapferer Greis, nun vor mit deinen geharnischten Reitern,
+ Hier den allentscheidenden Sieg mir heut zu erkämpfen!
+ Groß ist der Ruhm, den dieser mir beut; doch größer die Freundschaft
+ Noch, und die Liebe, die ich, dein König, dankbargesinnet,
+ Dir werkthätig bewies seit dreißig entflohenen Jahren.
+ Dessen gedenk' anjetzt, und vergilt mir mehr, als die Schuld war!«
+ Dann entsendet' er dort an Zierotin, und den Herzog
+ Bayerns die Herolde: Muth und dauernde Kraft in dem Busen
+ Beider zu wecken, und hier entboth er, gewaltigen Ausrufs,
+ Selber die Kühnsten im Heer',
+ und führte sie rasch in die Feldschlacht.
+
+ Nicht entging es dem Blick des erhabenen Kaisers, wie tapfer
+ Trautmansdorf vordrang, und die stürmenden Schützen zurückwarf:
+ Freud' erfüllte sein Herz; doch bald versiegte sie wieder,
+ Als der Kune so frech, der Willkühr fröhnend, zum Angriff
+ Flog. Kein Sterblicher hemmte den Fels, der, rollend aus Alphöh'n,
+ Schneller und schneller herab in das Thal
+ mit donnerndem Sprung fleugt:
+ D'rum geboth er auch jetzt, den edelen Rittern und Feldherrn,
+ Winkend, das Feldgeschrei. Urplötzlich ertönte der Aufruf:
+ »Gott mit uns!« im östreichischen Heer', und »Praga!« zur Losung
+ Allentscheidender Schlacht, in dem böhmischen, lauter und lauter,
+ Durch drometenden Schall und den Lärm fortwirbelnder Trommeln,
+ Und in dem staubumwölkten Gefild traf Reiter und Fußvolk,
+ Ritter und Knappe zugleich in schrecklicher Eile zusammen.
+ Wie, herstürmend, der Donner rollt, daß die Vesten des Erdballs
+ Zittern, ritt im Galopp mit den schwergeharnischten Reitern
+ Lobkowitz näher, und schlug der Kunen umschwärmende Scharen
+ Mordend zur Erd', als Suhol, ihr jüngsterlesener Führer,
+ Sank vor seiner Gewalt, und, entmuthigt die andern entflohen.
+ Sieh', auch Trautmansdorf, von den Reitern entblößt, und der Unzahl
+ Bloßgestellt, wich nun vor Lobkowitz! Aber dem Leu'n gleich,
+ Der, von unbändigen Rüden verfolgt, noch häufig sich wendet,
+ Und noch manchen zerreißt mit den schrecklichen Zähnen: so wies er
+ Ihm die muthige Stirn', da er fechtend die Scharen zurückzog.
+
+ Meinhard warf sich zuvor rechts hin auf Heinrich, den Herzog
+ Bayerns: denn voll Kraft und verwegenen Muthes im Schlachtfeld,
+ Waren die Krieger aus Kärnthen und Krain ihm gefolgt, und es stürmten
+ Oestreichs Tapfere links, geführt von dem kühnen Capellen,
+ Gegen die Sachsen vor, die Mansfeld, furchtbaren Grimmes
+ Würgen heißt. Da war, entlang die feindlichen Reihen,
+ Schrecklicher Mord, Wehklag', Aufjauchzen und Jammern zu hören:
+ Da zu schau'n das Entsetzliche: wie der erbitterten Gegner
+ Manche, schon nahe dem Tod, sich im Staub noch, würgend, umfaßten,
+ Und das Blut der Erschlagenen, gleich aufschäumenden Bächen,
+ Wogte hinauf und herab in dem grau'numnachteten Schlachtfeld.
+ Bis an des Himmels Gewölb' empor die mittägliche Sonne
+ Sich erhob, die heut' ihr strahlendes Antlitz in Wolken
+ Hüllete, wies die Völkerschlacht, wie auf stürmischer Meerfluth
+ Ein entmastetes Schiff, hinauf und hinunter im Kreis' treibt,
+ Sich im wechselnden Glück; doch jetzt gelang es dem Helden
+ Lobkowitz, rasch vorstürmend im Feld, der mittleren Heerschar
+ Obzusiegen. Sie wich nur langsam, und stellte sich wieder,
+ Gegen den Feind, erneut, die tödliche Waffe zu führen;
+ Aber mit leuchtendem Blick und muthgerötheten Wangen,
+ Sprengte der König das Roß von Reihen zu Reihen. Er schalt, bath,
+ Und bewegte sein Heer noch eilender vor in dem Blachfeld.
+ »Jetzo hinan,« so rief er, und schrie, daß die Völker erbebten,
+ »Jetzo nur muthig hinan: denn Ottgar führt euch als Sieger!
+ Seht, wie Jene vor euch entflieh'n; fort, schmettert sie nieder!«
+ Also braus'te das Wort, empörend, ihm von den Lippen.
+ Wie den nächtlich umwüthenden Brand, der viele der Häuser
+ Schon vernichtete, noch das Volk zu bewältigen hoffet:
+ Denn still ruhen die Lüft' umher; doch plötzlich erhebt sich
+ Ein feindseliger Sturm, und unaufhaltsam hinunter
+ Wälzt sich von neuem der Strom des empöreten Feuers: so stürmten
+ Ottgars Völker dahin, und drängten die Gegner im Blachfeld,
+ Immer rascher und rascher zurück. Ein Körnchen Gewichts mehr
+ Auf die Schale des Leu'n, und den himmelannahenden Räumen,
+ Seinem erkorenen Reich', entsank der Adler auf immer.
+
+ Rudolph sah des Augenblicks kurzdauernden Zeitraum
+ Lang, bestürzt, umher, und ihm dunkelten nächtlich die Augen.
+ Deutschlands Ruh', und des Reiches Wohl,
+ dem, herrschend mit Thatkraft,
+ Er sich geweiht, ersah er von neuem gefährdet, und allwärts
+ Wieder entfesselt die Wuth der grau'nverbreitenden Willkühr;
+ Doch bald schwang sich sein Geist aus der Erdennacht in des Himmels
+ Ewiges Lichtreich auf, wo ein mächtiger Helfer ihm lebte.
+ Schnell verließ er den Sattel, und lag auf den Knieen im Staub dort,
+ Laut aufrufend vor allem Volk mit gefalteten Händen:
+ »Ewiger, komm' uns, errettend, zu Hülf'! Ach, wende die Augen
+ Nicht von uns ab: denn nicht entzündeten, frevelnden Muthes,
+ Wir den blutigen Streit: nur unversöhnlicher Rachgier,
+ Und zermalmender Wuth steh'n wir, abwehrend, entgegen!
+ Gib uns den Sieg! Ein Gelübd lebt mir, erhebend, im Herzen:
+ Denn ich schaue dein Heil, wie der erste der christlichen Kaiser,
+ Huldausstrahlend, vor mir: des weltversöhnenden Kreuzes
+ Heiliges Zeichen, in dem ich den Sieg erringen, und dankbar
+ Ihm, zu verehrendem Dienst, für immer und ewige Zeiten,
+ Stiften ein Gotteshaus, und zu ihm versammeln die Jungfrau'n
+ Werde zu Tulln, am Ufer der freihinrollenden Donau.
+ Sey dem Gelübd von dir, Allmächtiger, Huld und Erhörung!«
+ Als er's rief, da fuhr ein leuchtender Strahl aus den Wolken,
+ Und erfüllt' ihn mit Muth und Freudigkeit. Sieh', auf dem Lichtstrahl
+ Schwebt' ein Engel daher, und hieß die Scharen der Geister,
+ Welche die Schlacht herab aus dem Uebersinnlichen lockte,
+ Flieh'n, daß keiner im Kampf sich den Gegnern als Helfer erweise!
+ Alle gehorchten, und sah'n, umher in den Wolken sich lagernd,
+ Noch voll Gier auf die Streiter herab; nur einer aus allen,
+ Marbod, stand, und sann den Worten des bethenden Kaisers
+ Trauernd nach. Da erklang urplötzlich ein Ruf aus den Wolken.
+ Ha, sie rissen entzwei: Erwine, die liebende Gattinn,
+ Sank ihm, weinend vor Wonn', an die Brust.
+ Sie entschwebten des Erdballs
+ Dunkeln Gefilden, vereint, auf dem Sirius, der in dem Sternreich
+ Herrschet, im Lauf des vom Ewigen nur ermessenen Zeitraums,
+ Huldbeglückt, und des Erdenjammers vergessend, zu weilen.
+
+ Aber mit leuchtendem Blick' erhob der Kaiser der Deutschen
+ Sich von dem Staub': ein Strahl der himmlischhohen Begeistrung
+ Glänzt' in ihm, und auf seinen gerötheten Wangen. Betroffen
+ Staunten die Krieger ihn an; doch all' aufjauchzten mit einmal,
+ Als er das schnaubende Roß vortummelte, dann mit dem Schlachtschwert
+ Auf den nahenden Feind hinwies, und, ermuthigend, ausrief:
+ »Gott ist mit uns! Eilt jetzt, gleich loderndem Feuer im Saatfeld,
+ Gegen den Feind; vertilgt ihm schnell die Haufen, und schafft mir
+ Heut' unendlichen Ruhm, da ich euerem Muthe vertraute.
+ Euer zugleich ist der Ruhm und der Dank noch spätester Nachwelt:
+ Denn wir kämpfen für Deutschlands Glück, als Deutsche, der Ahnen
+ Werth, die, tapfergesinnt, sich nie im Joche des Fremdlings
+ Beugeten. Hört, der Herr ist mit uns, und scheuet den Tod nicht,
+ Hier der heiligen Pflicht und des Vaterlandes gedenkend!«
+ All' entflammte sein Wort: ein jeglicher Mann in den Reihen
+ Lechzte vor Gier, schnell vorzudringen im Feld', und zu sterben
+ Dort den Tod für das Vaterland und die heilige Freiheit.
+ Aber nach Albrecht sah vor allen sein hoher Erzeuger
+ Mit bedeutendem Blick', und freudiger ging er im Schlachtfeld,
+ Hoch in der Linken die Kreuzesfahn',
+ in der Rechten das Schlachtschwert
+ Führend, ihm vor. Das Panier von Oestreich, als ihm des Greises
+ Arm ermattete, trug der hochgesinnete Kampfheld,
+ Lichtenstein, und die Reichsfahn' ihm der tapfere Markgraf
+ Hochberg vor in die Schlacht. D'rauf folgten die älteren Ritter
+ Ihm mit den Edeln aus Zürch, die, heute zu Rittern geschlagen,
+ Kühn voreileten. Laut ermahnt' er sie noch mit den Worten:
+ »Jünglinge, vor, und ahmt die Tapferen, die sich schon früher
+ Als die Meister im Feld' erprobten, jetzt in dem Kampf nach!«
+ Jen' entgegneten jauchzenden Rufs: »Wir halten dir Wort, Herr!«
+ Und entfloh'n. Doch schnell vorstürmten die muthigen Scharen,
+ Die sein Erzeugter ihm warb in den rheinischen Landen, in Schwaben,
+ Und in dem Schweizerland, und die vor allen gewaltig,
+ Altgedient, und in jeder der Kriegsarbeiten erfahren,
+ Ihm auch heut' errangen den Sieg in dem Kampf der Entscheidung.
+
+ So, wie der eiserne Keil, vom gewichtigen Hammer getrieben,
+ Den mit kräftiger Hand im Gehölz aufschwinget der Löhner,
+ Krachend, entzwei den Stamm des hundertjährigen Eichbaums
+ Spaltet, daß rings umher die Splitter fliegen: so drang jetzt
+ Rudolphs raschgeordnete Macht in das feindliche Heer ein.
+ Kreischender rief die Dromete zum Sturm; die erregende Trommel
+ Scholl ergrimmter, und rings, und überall drängten die Führer
+ Mit gewaltigem Schrei den Krieger vor zu dem Angriff,
+ Daß er noch heißer entbrenne vor Gier: muthfest und entschlossen
+ Niederzuschmettern, was entgegen sich warf in der Feldschlacht,
+ Und entsetzlich war das Gewürg' in dem Waffengetümmel;
+ Doch, wie ein Felsendamm in dem waldumschatteten Weiher
+ Sich entgegenstemmt den Gewässern des thauenden Frühlings,
+ Unerschüttert und fest: so stemmte sich, eiserngesinnet,
+ Ottgar hier dem stürmenden Feind' entgegen, und wich nicht.
+ Stundenlang fortwährete schon das tödliche Ringen
+ Tausender gegen einander im Feld! Den tapferen Böhmen,
+ Die in der Heerschar Lobkowitz lenkt', vereinte der König
+ Bayerns und Sachsens Macht, und führte sie selbst in die Schlacht vor.
+ Zahllos lag sein Volk, erwürgt, auf dem Boden; unzählig
+ Warf auch er die Gegner, entseelt, in den Staub, und es ragten
+ Von den hundert, zuvor zu Rittern geschlagenen Zürchern,
+ Jetzo nur wenige mehr. Wie im hagelgetroffenen Saatfeld
+ Einzeln die Halme noch steh'n, die andern bedecken den Boden
+ Weit, zermalmt von dem sausenden Eis: so ragten auch hier nur
+ Einzeln die Helden noch auf, die aus Zürch gezogen; verwundet,
+ Oder todt, verlor sich im Feld das tapfere Häuflein,
+ Niedergeworfen durch Ottgars Kraft und zerschmetterndes Eisen.
+
+ Doch stets näher kam dem gewaltigen König des Todes
+ Dunkles Geschick. Bald sinkt er in Staub, all' irdischer Hoheit,
+ Macht, und Würde beraubt, dem ärmsten im Heere vergleichbar:
+ Denn zu entscheidender That aufboth der Edle von Tauffers
+ Nun die Schützen Tyrols. Er drang im brausenden Schlachtfeld
+ Dort mit den kühnen entsetzlicher vor, und, nimmer ermüdend,
+ Spanneten sie die Sehn' an der Armbrust; legten den Pfeil an,
+ Zielten, und schnellten ihn fort in die Luft. Unhemmbaren Fluges,
+ Saus't er in Eile dahin, und traf stets sicher in's Leben:
+ Denn gewohnt ist das Aug' und die Hand tyrolischer Schützen,
+ Mitten in Feindesbrust des Todes Geschoße zu senden.
+ Doch nun winkte der Held dem Geübtesten, der in den Gauen
+ Rings umher, im _Kreis_- so wie auch _Hauptschießen_ berühmt war:
+ Wenn Zielscheiben, erhöht vor dem Thor' an festlichen Tagen,
+ Manchen des Schützenvolks aufregeten, stets in der Mitte
+ Drüben zu treffen, und stets zu erringen das Beste vor allen.[7]
+ »Martin,« so rief er ihm zu, »sieh' hin, wie der König von Böhmen
+ Dort vortummelt das Roß in dem Feld', und unsere Völker,
+ Jenem Unsterblichen gleich, der Pharao's Erstlinge tilgte,
+ Niederwirft! Versuche denn jetzt, ob, sausenden Flugs, nicht
+ Ein befiederter Pfeil, durch dich geschnellt von der Armbrust,
+ Ihn erreicht, und erlegt -- dir Lohn und auch Ehre gewinnet.«
+ Jener entgegnet' ihm laut: »Nicht geiz' ich nach Gold und nach Silber:
+ Zierlein nah', und nicht fern dem wunderlieblichen Innsbruck,
+ Ruht mein Haus an der Felsenwand, die hoch in die Wolken
+ Aufragt, reingezimmert erst jüngst, und mit Habe gesegnet;
+ Doch so ich heute im Feld den blutgierathmenden König,
+ Oder sein Roß, mit dem tödlichen Pfeil durchbohrete: ha, da
+ Rühmt von der Martinswand mich noch die späteste Nachwelt!«
+ D'rauf entsandt' er den Pfeil: er durchbohrte dem Rosse des Königs,
+ Sausend, die Brust, da es auf in die Luft sich bäumte, des Reiters
+ Ingrimm theilend; es sank auf den Rücken, und warf ihn herunter.
+ Wildes Getümmel erscholl um den Stürzenden. Reisige schwangen
+ Alsbald sich vom Sattel herab, vor Gefahr ihn zu schirmen;
+ Doch erhob er sich schnell, und ermahnte, besteigend das Streitroß,
+ Das ein Reiter ihm both, mit donnernder Stimme die Krieger:
+ Nimmer zu rasten vom Streit', und den herrlicherrungenen Vortheil
+ Rasch zu verfolgen: schon nahe dem Ziel des entscheidenden Sieges.
+
+ Aber im Feld verhallte sein Ruf. Der furchtbare Keil drang
+ Vor mit zermalmender Kraft; vordrang, die Fahn' in der Linken,
+ Und in der Rechten das würgende Schwert, des Kaisers Erzeugter,
+ Also auch Lichtenstein und Hochberg; also der Ritter
+ Glänzende Schar, und, vereint, der tapferen Schweizer und Schwaben
+ Siegsruhmdürstende Macht. Doch, als der erhabene Herrscher
+ Auch den Trentschiner entboth, mit den kühnen, magyarischen Reitern
+ Einzubrechen im Sturm in die Seite des Feindes, und Meinhard
+ Dort, hier Otto von Meissau, gleich dem tapferen Helden
+ Trautmansdorf, ihr Volk vortummelten: siehe, da wankte
+ Ottgars Macht. Wie ein Wald an den schwer zu erklimmenden Höhen,
+ Losgewühlt aus dem Grund von innenaufschwellenden Wässern,
+ Erst nur langsam, nur zitternd sich regt; dann plötzlich zum Abgrund
+ Taumelt mit Erd' und Gestein, wild durcheinander geschleudert:
+ So, nach gewaltigem Kampf, dem entscheidenden, wankten, und stürzten
+ Ottgars Völker dahin; nachbraus'te der Feind, in dem Rücken
+ Rastlos würgend, und sät' ergrimmt die Leichen im Feld hin.
+ Allwärts war auch das blitzende Schwert des Kaisers zu schauen,
+ Und zu vernehmen sein Ruf, der vorwärts drängte die Scharen;
+ Dennoch vergaß er auch, mitten im Kampf, der verwundeten Krieger
+ Nicht; er hieß mit gebiethendem Wink sie zurück, nach dem Rückhalt
+ Tragen, und dort der Sorgfalt kundiger Aerzte vertrauen.
+ Aber warum hält er nun plötzlich sein feuriges Roß an?
+ Ach, ein Verwundeter streckt, mit lächelndsterbenden Augen,
+ Seine Rechte nach ihm empor, und ruft ihm ein »Leb'wohl!«
+ Matt, doch freundlich noch zu! Sein Müller, der tapfere Held war's.
+ Tief, zu den Mähnen des Rosses hinab, sank leise des Kaisers
+ Blässeres Antlitz: er sah mit starrendem Aug' in die Augen
+ Seines Getreu'n, bis, thränenumhüllt, ihm's dunkelte. Stöhnend
+ Gab er dem Rosse den Sporn, und flog wie ein brausender Sturmwind
+ Dort nun wieder hinaus, wo am lautesten tönte der Schlachtruf.
+
+ Wohlgeordnet, und schnell: denn Lobkowitz deckte des Heeres
+ Rücken, voll Heldenkraft mit den schwergeharnischten Reitern,
+ Zog sich Ottgar jetzt nach den mittleren Höhen von Spannberg
+ Aufwärts, dort dem Feind', erneu't die Spitze zu biethen:
+ Denn weit überwog an der Zahl, in dem Waffengemeng schon
+ Seine des Kaisers Macht, und siehe, noch stand in dem Rückhalt
+ Milota! Laut entboth er vor sich den muthigen Feldherrn,
+ Zierotin, und begann: »Nicht kam uns zuvor in dem Schlachtfeld
+ Milota, selbstvorschauenden Blicks, zu Hülfe. Noch steht er,
+ Ungeschwächt, mit der Schar der tapferen Mährer im Rückhalt;
+ Doch jetzt brech' er vor, und fall' in die Seite des Gegners,
+ Links anstürmend, da wir zugleich mit vereintem Vermögen,
+ Und unhemmbarer Kraft, auf den mittleren Haufen uns werfen.
+ Groß ist erst die Gefahr, so er säumt; ihm vertrau' ich: er eile!«
+ Rief's, und im sausenden Flug fortsprengte der edele Feldherr.
+ Aber des Siegers Heer drang Ottgarn näher und näher.
+ Wie vom verwundeten Leu'n, so sehr er auch strebt, zu entkommen,
+ Sich die lautumbellende Schar gewaltiger Rüden
+ Nicht mehr fernt; ihn, stets blutgieriger, treibt, und bedränget,
+ Bis er, ermattet, sinkt auf den sandigen Höhen: so ließ auch
+ Jetzt von dem König, im Kampf, nicht mehr der verfolgende Feind ab:
+ Denn mit flammendem Muth und unwiderstehlicher Thatkraft
+ Eilte, zum Siege geführt von dem tapferen Grafen von Nürnberg,
+ Schwabens Heldenvolk und der Schweiz gefürchtete Kriegsschar,
+ Rasch die Höhen herauf, und wüthete dort in den Reihen
+ Kühnabwehrender Gegner, vereint, mit gesenketen Lanzen,
+ Allvernichtend, umher. Entsetzlich erscholl das Getümmel.
+
+ Ottgar sah im brausenden Feld den verhaßtesten Gegner,
+ Rudolph jetzt, voll Grimms, wie er schaltete: Reiter und Fußvolk
+ Drängend vor mit gewaltigem Wort', und das furchtbare Schlachtschwert,
+ Deß' Blitzglanz vom Blut nur tapferer Gegner verhüllt war,
+ Aufschwang -- sah den Kaiser, und Wuth und unendliche Rachgier
+ Wandelte schnell sein Aug' in Feuer und Flammen. Er spornte,
+ Hemmte sein Roß dreimal, in dem wildumtobenden Schlachtgrau'n
+ Ihm die Spitze zu biethen, gesinnt; doch immer ergrimmter,
+ Brachen die Gegner heran (nur Lobkowitz stand in dem Kampf noch,
+ Gleich dem Felsen im Wogentumult) und zur Linken und Rechten
+ Wich sein Volk geworfen, zurück in dem stäubenden Saatfeld.
+ Jetzo wandt' er das Roß, und forscht': ob Milota vordrang?
+ Denn nicht schien ihm verloren der Sieg, so er rasch in die Seiten
+ Stürmte dem Feind. Doch, ach, was sah er, vor Staunen erstarret?
+ Staub flog auf im Gefild', und Milota jagte von dannen!
+ Ihm nachbraus'te die reisige Schar, und das mährische Fußvolk,
+ Das er mit täuschendem Wort, dem König zum sichern Verderben,
+ Erst zu dem Rückhalt zog. Mit verhängtem Zügel, und fernher
+ Winkend, naht' auch Zierotin. Ihm folgten am Fuß nur
+ Zween, der flüchtigen Schar sich entreißende Brüder: der Hanna
+ Fruchtbarem Land entsprossen die Edeln. Der Nahende sprach jetzt:
+ »Herr, nicht künd' ich es, was dein Auge gesehen -- des Frevlers
+ Schnöden Verrath! Hohnlachend vernahm der schändliche Mann erst
+ Dein gebiethendes Wort, dann rief er mit grimmigen Blicken:
+ »Eile zurück zu dem Könige, sprich: so räche der Vater
+ Seine Tochter an ihm: er fahre denn, fluchend, zur Hölle!«
+ Also der Rach' allein, nicht des Vaterlandes gedenkend,
+ Floh er mit jenen Verräthern davon, die er früher gewonnen.
+ Nur die beiden dahier mir eilten zum mächtigen Trost nach:
+ Zeigend, daß noch in der Brust der Tapferen Ehr' und Gewissen
+ Herrlich sich eint, und dir die erlesensten Männer noch treu sind.«
+
+ Ottgar sah nach den Zween mit bewegtem Gemüth', und begann so:
+ »Laß den Verräther flieh'n. Noch sind die erlesensten Männer,
+ Also sprachst du mit Recht, mir treu. Nicht im dahlenden Frohsinn
+ Will das Große gethan, das Gewaltige, spielend, vollbracht seyn:
+ Denn, ein leuchtender Blitz in des Lebens umnachteten Stunden,
+ Flammet es auf in der Brust, und wecket den Ernst und die Thatkraft.
+ Jetzt umnachtet auch uns die Gefahr; doch laß uns, noch kühner,
+ Dringen hinaus zu dem Tag', und so dort fallen im Licht nur!«
+ Rief's, und spornte sein Roß, umschauend: ob er zur Linken,
+ Oder zur Rechten hinab es wende, die kämpfenden Scharen
+ Nun zu gewagter, die Schlacht urplötzlich entscheidender Kriegsthat
+ Anzufeuern, und so mit unwiderstehlicher Kühnheit
+ Festzuhalten das wankende Glück, das sonst ihm getreu war.
+ Doch dort floh'n, gedrängt von den Söhnen der Steyer- und Ostmark,
+ Bayern und Sachsen zurück; hier sank, an der Schulter verwundet,
+ Lobkowitz, er, der untad'lige Held, aus dem Sattel, und, schreiend,
+ Braus'te das reisige, gleich dem vorgedrungenen Fußvolk
+ Böhmens, herüber im Feld, durch Meinhards Völker geworfen,
+ Und gedrängt von dem Hort Trentschins, zur Flucht und Verwirrung:
+ Da in dem Kern des Heers ihn selbst der edelen Ritter
+ Glänzende Schar, und, vereint, die tapferen Schweizer und Schwaben
+ Näher und furchtbarer stets bedroheten, horchend des Kaisers
+ Schlachterregendem Ruf' in dem wildempörten Getümmel.
+
+ Mansfeld erst, dann Zierotin, die Scharengebiether,
+ Jagten herüber im Feld', und riefen dem König: »Entfliehe!«
+ Aber er sah, voll Wuth, nach den Rufenden; faßte sein Schwert noch
+ Fester zur Hand, und begann: »Wer sprach ein schmähliches Wort aus?
+ Nichts von Flucht mir gesagt! Ich lebt' als König, und sterben
+ Werd' ich als solcher, dem Feinde zum Trotz, auf dem Felde der Ehren.
+ Mir nach, wem sie noch werth im rühmlichen Leben und Tod' ist!«
+ Wie der gewaltige Leu' sich wüthenden Tigern entgegen
+ Wirft in des Abends Grau'n: die hochaufsträubenden Mähnen
+ Flattern mit Sturmes Weh'n um den Nacken ihm; dunkelgeröthet
+ Funkeln hervor aus den tiefgesenketen Brau'n ihm die Augen,
+ Als er naht mit Gebrüll, dem so, wie dem rollenden Donner,
+ Drönt das Gefild, und peitschend sich mit dem buschigen Schweifhaar
+ Beide Seiten, sich selbst entflammet zur Wuth: da erliegen
+ Links, rechts ihm, zerschmettert zugleich, die umdrängenden Gegner:
+ Also warf sich auch er vor allen den Rittern entgegen,
+ Daß ihm noch ein', und der andere dort, östreichischen Blutes,
+ Fiele durchbohrt: denn fest bewahrt' er den Haß noch im Busen.
+ Jene, erregt von dem stachelnden Wort, nachjagten ihm brausend.
+
+ Sieh', ihm ritt, tollkühn, der jugendlich blühende Ritter
+ Falkenberg, in den Weg, den oft sein strenger Erzeuger
+ Heimlich und offen gestraft, ihn zu bändigen; aber vergebens:
+ Denn er quälte die Menschen und Thier', und beherrschte des Herzens
+ Unmuth nicht, der stets zu gewaltsamen Thaten ihn hinriß.
+ Ottgar jagte das Roß dem Nahenden seitwärts vorüber;
+ Schwang sein Eisen, und hieb im Flug mit unbändiger Kraft ihm,
+ Sausend, den Helm und die Scheitel entzwei: er stürzte zum Boden.
+ D'rauf erreichte sein Schwert auf dem Todespfade den Helden,
+ Dietrichstein. So schnell, so kundig der Tapfere vordrang,
+ Ihn mit gesenktem Speer' aus dem Sattel zu heben, so kam ihm
+ Ottgar doch, verderbend, zuvor, und bohrte den Mordstahl
+ Ihm durch Harnisch und Wamms in das muthvollschlagende Herz ein
+ So, daß er lautlos, bleich, entseelt, an dem Rosse herabsank.
+ Jammern werden daheim die zartaufblühenden Kinder
+ Da er, schon frühe der Gattinn beraubt, ein liebender Vater,
+ Oft auf den Armen sie trug, und so mild, so freundlich und gut war.
+
+ Schnell, zu rächen das Blut der Erschlagenen, blitzten auf Ottgar
+ Jetzt unzählige Speere heran. Da brausete pfeilschnell
+ Otto von Meissau vor, von dem Herrscher gesendet, und schrie laut:
+ »Ritter, schont den Gesalbten des Herrn: so geboth es der Kaiser!«
+ Rief's; doch jener ergrimmte noch mehr, und spornte sein Streitroß
+ Mitten unter die Schar (zu sterben entschlossen) den heißen,
+ Glühenden Durst nach Rach' im Blute der Feinde zu löschen.
+ Jetzt umgab ihn des Todes Grau'n. Die furchtbaren Ritter,
+ Merenberg, die, beide mit nie gesättigter Blutgier
+ Näher und näher herbei an die Seite des Königs sich drängten,
+ Sorgend: er beuge sich dort, ein Gefangener, oder er falle
+ Andern, nicht ihren, durch Haß zur Rache bewaffneten Händen,
+ Sprengten dicht vor ihn hin; eröffneten, schnaubend vor Mordlust
+ Ihren geschlossenen Helm, und der ältere rief ihm noch laut zu:
+ »Sieh', gleich Rachegeistern, vor dir die furchtbaren Brüder,
+ Merenberg -- ein Nahme, der dich zur Hölle hinunter
+ Schleudert! So fahre denn hin, Unmenschlicher, stirb, und verzweifle!«
+ Ha, und sie bohrten den schneidenden Speer mit wildem Gejauchz' ihm,
+ Beide zugleich, in das Herz (ihm fest in die sterbenden Augen
+ Schauend) und also, voll Hast, mit stets empörterem Ingrimm,
+ Zwölfmal noch in die tapfere Brust, in den Hals, und den Rücken,
+ Bis er, von Wunden bedeckt, hinsank, und das Leben verhauchte.
+
+ Wüthender flog in dem Feld dem Besiegten das siegende Heer nach;
+ Aber vor allen das reisige Volk der Magyaren und Kunen,
+ Heute zu einem vereint, und gehorchend dem tapferen Helden
+ Von Trentschin, der stets den Flüchtenden, mordend, im Rücken
+ Lag, und das Land umher mit unzähligen Leichen besä'te.
+ Rastlos fort g'en Schrieck; dann weiter und weiter von Asparn
+ Bis g'en Laa, der ummauerten Stadt, nachjagten die Ungern
+ Ottgars fliehendem Heer', und, wo sie dann der Verfolgung
+ Endlich setzten ein Ziel, wird heute zu Tage das Dorf noch
+ »Ungerndorf« genannt: dem Heldenvolke zum Denkmaal.
+ Siehe, die Wolken entfloh'n; der Geister unzählige Scharen
+ Brauseten, lautaufjubelnd, davon, und die scheidende Sonne
+ Sah von dem Abendthor, verklärt, auf des Sieges Gefild her!
+
+
+
+
+ Zwölfter Gesang.
+
+
+ Schauerlich irrt durch Nacht und Grau'n ein zitternder Lichtstrahl
+ Ueber das schweigende Schlachtfeld hin. Nicht lang', und es folgen
+ Ihm unzählige nach; viel hundert Fackeln erhellen
+ Bald die Gegend umher: ihr Schimmer, vom Winde gefächelt,
+ Wogt (entsetzlich zu schau'n!) auf den bleicherstarreten Leichen
+ Tausender blitzschnell fort, und erfüllet die Seele mit Wehmuth.
+ Doch wen suchen, voll emsiger Hast, die furchtbaren Männer
+ Jetzo, schreitend umher, in den weiten Gefilden des Todes?
+ Ottgarn! Sieh', und bald verkündete drüben ein Hügel
+ Rings um ihn her erschlagenen Volks, wo er muthig im Kampf sich
+ Wehrete, bis er, durchbohrt, den Rachebrüdern dahinsank!
+ Dorthin wandelte, schweigend, der Zug; die leuchtende Flamme
+ Wies ihn: erkennbar leicht, obgleich entblößt von des Heeres
+ Plünderndem Troß, wie er lag im finsteren Kreise der Leichen,
+ Mit den heruntergezogenen Brau'n, und den Lippen, zum Bogen
+ Eingekrümmt vor Zorn: denn selbst mit des schwindenden Lebens
+ Letztem Hauch, da ihm schon aus dreizehn Wunden das Blut rann,
+ Wähnet' er noch: er habe gerecht bestraft den Verräther,
+ Den so feig, so unedel jetzt die schrecklichen Brüder
+ Rächten: zur Wuth empört von der langgenähreten Blutgier.
+
+ Aber des Führers Ruf erscholl, und der stattliche Wagen,
+ Schon mit der Leiche des Königs beschwert,
+ und verhüllt mit dem Bahrtuch,
+ Folgte, rasselnd, dem Zug sechs glänzender, feuriger Rappen,
+ Die zum eng'gemessenen Schritt mit Mühe der Roßwart
+ Bändigte. Sieh', da trug der weitgefeierte Sänger,
+ Horneck, leise die Harfe herbei. Ihm rollten die Thränen
+ Ueber den grauenden Bart in den Busen herunter, und schweigend
+ Starrt' er nach Ottgar hin; dann hob er den Klagegesang an:
+ »Weh', da liegt er entseelt, der einst gewaltige König!
+ Tausende blickten auf ihn, und es drängte der eine den andern,
+ Glühend vor Hast, so er rief; nun ist er verlassen: es horcht ihm
+ Keiner der Emsigen mehr. Wie staunt', und bewundert' ihn Jeder
+ Sonst, da er noch zu dem Königsthron, von Edelgesteinen
+ Schimmernd am gold'nen Gewand', aufschritt:
+ nun wandten sie, schaudernd,
+ Von dem Nackten sich ab, den kaum das kärgliche Gras barg!
+ Ha, wo weilte der Arzt, dem Vergehenden Labsal zu reichen?
+ Waren nicht seidene Kissen zur Hand, nicht schimmernde Decken,
+ Ihn zu erwärmen, und ach! nicht scholl aus dem Munde der Gattinn,
+ Kinder, Verwandten und Freunde umher, ein tröstendes Wörtchen,
+ Ihm zu erheben das Herz? Verließen im Kampfe die Streiter
+ All' ihn? Wie, nicht einer der Tapferen kam, ihn zu schirmen?
+ Welt, Welt, so ist dein schnöder Gewinn! Ach, wehe dem Thoren,
+ Der dir, falschen, vertraut! Erst biethest du lieblichen Honig
+ Mit bethörenden Worten ihm dar; dann wandelst du plötzlich
+ Solchen in furchtbares Gift: er saugt Verderben und Tod ein.
+ Also erging es auch hier dem Könige. Fürsten, bedenket
+ Sein Geschick! Handhabt die Gerechtigkeit, schützet das Recht nur;
+ Seyd durch Tugenden groß, durch Wohlthun herrlich und geizet
+ Nach dem Lohne der Welt nicht allein: vor Gott ist er eitel!
+ Ottgar, ach, er geizte nach ihm! Die, prahlend, geschworen:
+ Auszuhalten bei ihm im Leben und Tode -- wo sind sie?
+ Einsam sinkt er jetzo hinab in des Todes Behausung.
+ Welt, Welt, so ist dein schnöder Gewinn! Ach, wehe dem Thoren,
+ Der dir, falschen, vertraut:
+ denn nichtig entschwebt ihm das Leben!«[1]
+ So wehklagte der edele Greis. Ihm horchten die Krieger
+ Alle mit pochender Brust, den Trauerwagen umstehend,
+ Und erhebend die Fackeln zur Luft, die, flatternden Schimmers,
+ Ottgars finstere Stirn' erhelleten. Jener entzog sich
+ Ihren Blicken, und wanderte dann auf dem nächtlichen Pfad fort.
+ Doch sie schlugen behend', als solches der Führer gebothen,
+ Ueber die Leiche das Bahrtuch her. Die schnaubenden Rappen
+ Trieb der Roßwart an, und sie trabten, gehaltenen Schrittes,
+ Von den Kriegern umschart, g'en Wien, die herrliche Stadt, hin.
+
+ Dort scholl freudiger Lärm dem kommenden Morgen entgegen,
+ Als, dem Sieger zum Ehrenempfang', in geschäftiger Hast sie,
+ Durch die dunkele Nacht sich schmückte mit festlichen Kränzen:
+ Denn vor dem Thor, das sich nach Kärnthen dem Wanderer öffnet,
+ Sollte von Laubgehölz' ein Siegesbogen sich heben,
+ Hochgewölbt, und geziert mit schimmernden Bändern, und oben
+ Rufen die goldene Schrift ein »Lebehoch!« dem Befreier,
+ Der von der Stadt und dem Land' abwehrt' unendlichen Jammer;
+ Oestreichs Herrscherthron fest gründete; dauernden Frieden
+ Deutschlands Gauen errang, und ein Ziel aufsteckte der Willkühr,
+ Die sich gefiel im Raub', und in all' den Gräueln des Faustrechts!
+ Auch die Straßen entlang, erhoben sich, dicht vor den Häusern,
+ Lieblichgrünende Reiser zur Luft; buntschimmernde Blumen
+ Hauchten Wohlgeruch her auf die Bahn, die, erkoren dem Sieger,
+ Durch die Stadt sich wand, und zahllos wogten die Fahnen
+ Oestreichs rings von dem Wall' und den ragenden Thürmen im Wind hin.
+ Also schmückte sich jetzo die Stadt, wie die blühende Braut sich
+ Schmückt an dem Morgen des Tags,
+ der sie eint mit dem Lieben auf immer.
+
+ Hinter des Ostens dämmerndem Thor' entfaltete jetzo,
+ Neuverjüngt, der Tag die Fittige: weit sich erstreckend
+ Hoben sie fächelnd sich auf, und wehten den glühenden Schimmer,
+ Der sein Rosenlager umfing, empor an dem Himmel;
+ Doch sie weckten zugleich des sanftumschmeichelnden Frühwinds
+ Kühligen Hauch. Er kam aus des säuselnden Waldes Umlaubung
+ Ueber die blumigen Matten heran; verbreitete ringsum
+ Balsamduft, und erfüllte mit Lust die erwachende Schöpfung.
+ Zwitschernd regte die Schwalbe sich schon im Nest mit den Jungen,
+ Das sie im Lenz' erbaut' an dem Mauergesimse des Hauses;
+ Auch umgirrete laut die Taub' in dem Schlag', und der Hahn rief
+ Schmetternd darein, als draußen vom Feld,
+ von dem Hain', und dem Hochwald
+ Bis in die bläuliche Luft empor das Getöne sich mehrte.
+ Jetzt von des Himmels Rand, dem Rosenlager entschwebend,
+ Hob die herrliche Sonne sich auf; umhüllte die Berghöh'n,
+ Häuser und Thürme der Stadt mit röthlichem Duft', und entflammte
+ Hier die Fenster zu Gold, und dort auf den blühenden Matten,
+ Unermeßlich umher, den Thau zu blitzenden Perlen.
+ Doch bald schwang sie, verklärt, sich empor: den wölbenden Himmel
+ Trübte kein Wölkchen, und rings auf dem lichtumflossenen Erdkreis
+ Scholl ein Wonnegejauchz, dem schönsten der Tage zur Feier.
+ Aber schon zogen den Weg nach dem Kreuze der Spinnerinn, eilig,
+ Krieger zu Fuß und zu Pferd in gesonderten Haufen, und weithin
+ Blitzten im Sonnenschein die hellgeglätteten Waffen --
+ Blitzte der Harnisch und Helm der Tapferen, die, von dem Schlachtfeld
+ Kehrend, zum Siegseinzug' auf dem sanfterhobenen Berg sich
+ Sammelten, wie es der Herrscher geboth. Mit grünenden Reisern
+ Waren die Helme geschmückt, behangen mit Kränzen die Rosse;
+ Laut scholl Jubel die Scharen entlang: denn fröhliche Weisen
+ Sang der Krieger; sein Roß ihm wieherte d'rein; die Drometen
+ Schmetterten, Zink' und Pauk' erklang, und die wirbelnde Trommel
+ Rief das verworr'ne Getön zum allerfreuenden Einklang.
+
+ Sieh', und es lief unzähliges Volk aus der Stadt und vom Land her,
+ Nach der Straße hinaus, auf welcher die Tapferen kamen:
+ Alle mit Angst in der Brust, bis sie in den fröhlichen Reihen
+ Ihre Lieben ersah'n! Da scholl (erschütternd zu hören!)
+ Jauchzen empor; da bog sich mancher vom Sattel herunter:
+ Einer umhalste den Freund, ein andrer den Sohn, und ein dritter
+ Reichte dem grauenden Vater die Hand, der grauenden Mutter,
+ Oder der Braut, die thränenden Blicks, ihm lächelte, sprachlos!
+ Aber es trat nun hier, nun dort mit erblassendem Antlitz
+ Auch der unglückliche Mensch aus den lautaufjubelnden Scharen:
+ Denn nicht hatt' er die Lieben erseh'n, und dem Fragenden tönte
+ Schrecklich der kurze Bescheid: »Er fiel, und kehret nicht wieder!«
+ Feldeinwärts ging dort ein zartaufblühendes Mädchen,
+ Ringend die Hände mit schwerem Gestöhn; hier saß an des Grabens
+ Rand der Vater: er sah in die Tiefe hinab, und die Mutter
+ Preßte den Arm mit der Stirn' an den Baum,
+ und schluchzte vor Herzleid.
+ Aber der schwellende Ruf des Entzückens dämpfte des Wehes
+ Schnellverhallenden Laut, und unendlich erscholl das Getümmel,
+ Als dem festlichen Kreuz der Spinnerinn jetzo der Kaiser
+ Nahte mit hehrem Gefolg: denn Ladislav, der Magyaren
+ Blühender König, ritt, hellschimmernd von Gold, ihm zur Rechten;
+ Ihm zur Linken sein tapferer Sohn, der jüngst in der Feldschlacht,
+ Muthentflammt, vortrug der Erlösung heiliges Zeichen,
+ Und ihm folgten, erwählt, des Heers siegstolze Geschwader
+ Nach auf den Wienerberg, der unter den Drängenden bebte,
+ Und in dem Waffengeblitz erschütternd dem Auge zu schau'n war.
+ Jetzt umgab er sich dort mit dem kaiserlichprangenden Mantel;
+ Setzte den Helm, an welchem umher der goldene Kronreif
+ Schimmerte, sich auf das Haupt; entblößte den Degen, und hob ihn
+ Auf zum ersehneten Wink'. Alsbald bewegte das Heer sich
+ Im Geleite des Volks nach Wiens aufjubelnden Mauern.
+ Sieh', ihm eilten die Ritter vor mit den Reisigen Ungerns --
+ Jenen der Ost- und der steyrischen Mark: von den Heldengebiethern
+ Angeführt, und vereint um die ruhmgekröneten Fähnlein!
+ Aber ihm folgten dann die muthigen Schweizer und Schwaben
+ Und die Tapfern aus Kärnthen und Krain mit den kühnen Tyrolern.
+ Wie der Alpenbach, vom Regen geschwollen, sein Bette
+ Plötzlich verläßt, und quer von des Bergs Abhange sich stürzet,
+ Endlos über die Matten hin die Fluthen ergießend:
+ So fortwälzte sich schnell das Heer; stets näher erscholl ihm
+ Festlicher Glocken Getön' und des Volks auftobender Jubel.
+
+ Außer dem Kärnthner Thor, wo ein Siegesbogen erhöht war,
+ Standen die trefflichen Bürger vereint. Ihr Meister, erkoren
+ Durch gemeinsame Wahl an Waldrams Stelle, des falschen,
+ Eilte heran, den Zug des erhabenen Kaisers zu hemmen;
+ Both auf dem Becken von schimmerndem Erz, die vergoldeten Schlüssel
+ Wiens, ihm huldigend, dar, und begann die Rede mit Ehrfurcht:
+ »Heil dir, Oestreichs Herrn, dir edelstem Kaiser der Deutschen!
+ Mögest du heut, wo dir, dem Retter, die jubelnde Stadt Wien,
+ Festlichgeschmückt, entgegeneilt mit verlangenden Armen,
+ Nicht gedenken der Schuld entflohener Tage -- des Herzens
+ Deiner Getreuen gewiß! Nun herrsch' im Segen des Himmels
+ Ueber dein glückliches Volk, und vom Thron, den du auf dem Grundstein
+ Heiliger Religion, Gerechtigkeit, Tugend erhöhtest,
+ Dein erhab'nes Geschlecht an der Zeiten entferntestem Ziel noch!«
+ Sagt' es, bewegt; doch schnell entgegnete jetzo der Kaiser:
+ »Ihr Getreu'n, habt Dank für des Herzens enthüllte Gesinnung!
+ Gnädig willfahre mir Gott in dem Wunsch, daß ich gründe die Wohlfahrt
+ Fern in die Zukunft noch der guten und trefflichen Völker,
+ Die er mir anvertraut! Mein Glück ist das eure für immer!«
+ Plötzlich entstürzt' ein heller Strom von Thränen den Augen
+ Aller umher: denn rings erscholl, von Tausender Lippen
+ Brausend, ein »Lebehoch!« und mehrte sich, jubelnden Lautes,
+ Dort die Straßen entlang, die, erkoren dem festlichen Einzug,
+ Schimmerten. Jetzt durch's Thor und die Straße Karinthia's trug ihn,
+ Stolzvorschreitend, das Roß, und aus jeglichem Fenster ertönte
+ Huldigung, wo, bekränzt, die zartaufblühenden Jungfrau'n --
+ Frau'n im glänzenden Schmuck', ihr schneeiges Tuch in die Lüft' auf
+ Schwangen, und jauchzten empor mit hellerklingender Stimme.
+ Doch, aus dem wimmelnden Volk vordrängten jetzt, wie verjüngt sich
+ Wankende Greis', ihn zu seh'n, und zu segnen. Die Väter und Mütter
+ Hoben ihr lallendes Kind auf den Arm; sie falteten erst ihm
+ Freundlich die Händchen, und zeigten ihm dann den Herrlichen drüben,
+ Daß es des Tages noch oft im spätesten Alter gedenke!
+ Sieh', und nicht trockneten mehr dem erhabenen Kaiser die Augen
+ All' die Straßen entlang, da er links, und rechts, in dem Siegszug
+ Dankte dem jauchzenden Volk mit oft erhobener Rechten.
+
+ Also im Freudengeschrei unzähliger Meng', in der Glocken
+ Festlichem Klang', und der Pauk' und Dromet' empörterem Jubel,
+ Zog er entgegen dem Rothenthurm, und lenkete jetzo
+ Ueber den schimmernden Hohenmarkt nach dem prächtigen Hof ein;
+ Dann nach der Freiung hinab, und, dem Schottenkloster vorüber,
+ Durch die Herrngass' fort nach dem breitaufragenden Graben,
+ Bis er am Riesenthor des unendlichen Doms aus dem Sattel
+ Eilig zur Erde herab sich schwang. Sein mächtiger Gegner,
+ Ottgar, Oestreichs Herrscher vor ihm, vollbrachte des Domes
+ Herrlichen Bau, da er einst zerstört von den Flammen,
+ im Schutt lag.[2]
+ Dort reicht' ihm der oberste Hirt der Gemeinde, vor allen,
+ Festlichgeschmückt, im Kreise der Priester geweihetes Wasser
+ Sanft mit dem Sprenger dar; dann schwang er das duftende Rauchfaß
+ Dreimal ihm entgegen, und ging, beginnend der Lieder
+ Herrlichstes: »Gott, dich preisen wir!« zum erleuchteten Altar,
+ Singend, vor ihm einher, und Tausende sangen das Lied nach.
+ Aber, als in dem wölbenden Raum des unendlichen Domes
+ Rings umher des Gesangs allletztes Säuseln verhallt war,
+ Knie'te der Kaiser noch hin, und bethete, heiliger Andacht
+ Voll, am Altar', im Kreise der ruhmgekröneten Feldherrn.
+ Staunend sah ihn das Volk; doch hingen mit inniger Wehmuth
+ Auch an Trautmansdorf, dem Helden, viel Tausender Augen,
+ Der, von dem schimmernden Kreis' entfernt, auf die Kniee gesunken,
+ Beugte das grauende Haupt mit gottergebenem Herzen.
+ Bald umhüllten ein jegliches Aug' untad'lige Thränen:
+ Dort den Mann mit dem schneeigen Haupt so einsam zu schauen,
+ Der noch jüngst, umringt von blühenden Söhnen einherging:
+ Froh der gewaltigen Schar! Nun stand er allein und verlassen,
+ Wie der verdorrete Stamm in dem Wald', um welchen die Windsbraut
+ All' die frischen umher mit lautem Gekrach' in den Staub warf.
+
+ Thauenden Blicks, trat jetzt von den heiligen Hallen der Kaiser
+ Wieder heraus, vor dem Riesenthor zu beginnen den Heimzug
+ Nach der erhabenen Burg. Doch sieh', welch' tiefes Erstaunen
+ Unter dem Volk? Schnell theilt es sich links und rechts in den Straßen
+ So, daß der Bahre, von sechs lautschnaubenden Rossen gezogen,
+ Raum sey, fürder zu zieh'n bis hin zur Pforte des Domes.
+ Schmerz ergriff die Brust des beseligten Siegers. Er starrte
+ Lang' nach dem Trauerflor, und dem leich'umhüllenden Tuch hin,
+ Und erwog im Gemüth: wie mächtig der Todte noch gestern
+ Gegen ihn stand, der heut', erstarrt, all' irdischer Hoheit,
+ Kraft, und Streitlust bar, dort unter der finsteren Hülle
+ Ruhete! Dann begann er für sich mit rührendem Laut so:
+ »Ottgar, lebtest du noch, und herrschtest im Frieden, der Rachgier
+ Wüthenden Sturm in der Brust besänftigend; heiteren Blickes
+ Würdest du seh'n: nie haßt' ich dich, und im redlichen Busen
+ Strebte dieß Herz, voll Liebe, dem deinen entgegen zu schlagen!
+ Ruhe denn jetzt im Schooß des Allerbarmers auf immer!«
+ Sagt' es, und hieß die Leich' auf dem trauerumhülleten Wagen
+ Fort nach dem Schottenkloster hinab mit Würde geleiten,
+ Wo sie ruhe, bis ihr, nach der Seelenmess' und dem Bußpsalm
+ Werd' ein Grab mit dem ehrenden Stein, an heiliger Stätte.
+ Doch wer drängt sich hier, voll Ungestümm, vor aus den Scharen?
+ Lobkowitz kam, erblaßt von der Wunde zugleich, und dem Herzleid
+ Ob des erschlagenen Königs und Freunds, in Eile herüber,
+ Führend an zitternder Hand das holdaufblühende Söhnlein
+ Ottgars, Wenzeslav, der einsam in Drösing zurückblieb.
+ Ach, er harrete dort des Vaters, in fröhlicher Unschuld;
+ Aber nicht kehrt' er ihm mehr, und, verwais't in der zartesten Jugend,
+ Mißt er die kräftige Hand, die ihn leitete, seines Erzeugers!
+ Großes beschloß alsbald der treffliche Greis, und, dem Kaiser
+ Jetzo genaht, vordrängt' er das Kind, und sprach in das Ohr ihm:
+ »Geh', und umfass' ihm die Knie' mit festgeschlungenen Armen,
+ Daß er dein sich erbarme mit Huld, und die Leiche des Vaters
+ Frei gewähre zum Trost den Unglücklichen, die er zurückließ;
+ Dir zum Ruhm, wenn einst auf vaterländischem Boden
+ Du ihm erhöhst das ehrende Maal, und zur Zierde dem Land dort,
+ Deß gewaltiger Held, und erhabenster Fürst er gewesen!
+ Fasse nur Herz: nicht hartgesinnt erweis't sich der Kaiser
+ Dir: als Vater das dunkle Geschick der Kinder bedenkend.«
+ Ottgars blühender Sohn gehorcht' ihm: er stürzte zu Rudolphs
+ Füßen; umfaßt' ihm die Knie', und rief erschütternden Lautes:
+ »Mildgesinnt, so sprachen sie all', ist der mächtige Kaiser,
+ Dem ich hier auf den Knie'n, und mit thränenerfülleten Augen
+ Rufe: erbarme dich mein, des Verwaiseten; lasse des Vaters
+ Leich' uns frei, der dir erlag in der schrecklichen Feldschlacht!
+ Hast ja auch Kinder, und sie erfreu'n sich des liebenden Vaters
+ Noch, der, machtbegabt, sie schirmt, und zu Ehren erhebet.
+ Aber, o, mich Unglücklichen: denn des Vaters beraubet,
+ Welcher so hold mir war, vermiss' ich die mächtige Hand jetzt,
+ Die mich hatte geführt auf des Lebens unsicheren Pfaden!
+ Dennoch wird sein Grab im vaterländischen Boden,
+ Der sein theures Gebein bedeckt, und der redende Denkstein
+ Mir erfüllen die Brust mit Trost, und mit Stärke sie waffnen;
+ Stillen den Schmerz der Mutter um ihn, und erheben des Volkes
+ Sinkenden Muth, das stets, in Treu' ergeben, ihm anhing.«
+ Doch der erhabene Kaiser schwieg, mit sinnenden Blicken
+ Ueber den Jüngling gebeugt, und das Volk dort weinete ringsum.
+ »Höre des Sohnes Fleh'n,« begann jetzt Lobkowitz finster,
+ »Himmelan hebt sich dein Ruhm: nicht bedarf er des ehrenden Denksteins
+ Hier, der, rühmend, von Ottgars Grab verkünde der Nachwelt,
+ Welchen Gegner du einst im Felde der Waffen erlegt hast.
+ Allwärts preis't dich die Welt großmüthig und edel: als solchen
+ Sollst du auch ihm dich erweisen -- wo nicht?
+ so täuschte dein Ruf nur:
+ Denn unziemlicher Haß g'en Ottgar füllet dein Herz noch.«
+ Rief's empört, und übermannt von unbändigem Herzleid.
+ Alle staunten umher; doch zürnte dem eifernden Alten,
+ Welcher so edel gesinnt, und zugleich so tapfer im Feld war,
+ Rudolph nicht. Voll Rührung erhob er nun den Erzeugten
+ Ottgars, der erneut ihm die Knie' umschlang, von dem Boden,
+ Herzt' ihn vor allem Volk', und begann mit erheitertem Antlitz:
+ »Sey getröstet, mein Sohn! Nicht sann ich, vor Trauer verstummend,
+ Dir ein kostbares Unterpfand zu entreißen: denn alsbald
+ Geb' ich es frei. Auch führe zugleich mit dem tapferen Helden,
+ Lobkowitz, dich der Füllensteiner im Ehrengeleit heim.
+ Zieh' dann schnell g'en Prag mit der Leiche des theuern Erzeugers,
+ Sie zu bestatten mit würdiger Pracht, und zu weihen ein Denkmaal
+ Ihm, der, herrschend mit Kraft und mit vielumfassender Weisheit,
+ Rastlos seines unzähligen Volks Gedeihen und Wohlfahrt
+ Förderte. Doch, nun komm'! Ich will ein Vater dir werden,
+ Wie ich's zuvor beschloß im Gemüth', und im Segen des Himmels
+ Möge der sprossende Keim noch herrliche Früchte dir bringen.«
+ Sagt' es mit freud'ausstrahlendem Blick', und als er, gewendet,
+ Faßte des Rosses Zaum mit der Linken, hinauf in den Sattel
+ Sich zu schwingen, da both er zugleich dem staunenden Helden,
+ Lobkowitz, schnell die Rechte zum Gruß mit den freundlichen Worten:
+ »Kühner, du stand'st mir zwar gar feindlich entgegen, und dennoch
+ Sagt mir das Herz: wir scheiden noch bald, als Freunde für immer!«
+ Jener dankt' ihm d'rauf mit thränenumflossenen Wimpern,
+ Schweigend; aber es quillt ein Dank aus den schimmernden Thränen,
+ Den im schwellenden Strom der Worte die Zunge nicht ausspricht.
+ Solches gewahrete nun der Kaiser, erfreuet, und schwang sich
+ Rasch auf das Roß, den Siegeszug in der Burg zu vollenden:
+ Denn mit jubelndem Ruf fortwogten von neuem die Scharen.
+
+ Jetzt, in dem weitumschlossenen Raum der mächtigen Hofburg,
+ Wies sich dem Volk' ein Schaugerüst, der Sichel des Mondes
+ Aehnlich an Bogengestalt, erhöht, und mit Purpur behangen.
+ Vierzehn Stufen empor, in stets verengteren Kreisen
+ Hob sich der herrliche Bau, und zuhöchst, auf dem oberen Feldraum
+ Stand, hellschimmernd, des Herrschers Thron, an welchem zur Linken,
+ Und zur Rechten, gar zierlich geschmückt, zwei Stühle von Purpur
+ Glänzten. In drängender Hast erfüllte sich eilig die Hofburg.
+ Freudiger Lärm erscholl, als die Rosse, der Reiter entledigt,
+ Wieherten, heim durch die Menge geführt, und in stattlicher Hoheit
+ Rudolph nun mit Gefolg zu dem glänzenden Throne hinaufschritt;
+ Dort sich Ladislav, den König der Ungern, zur Rechten --
+ Wenzel, den Sohn des getödteten Horts der Böhmen, zur Linken
+ Sitzen hieß, und das Volk mit freundlichem Winke begrüßte;
+ Doch ein schmetternder Laut der Dromete geboth in dem Hofraum
+ Schweigen, und Stille ward, daß der Hauch des athmenden Busens
+ Hörbar flog, und umher die Stimme des Kaisers vernehmlich
+ Tönete, da er die Recht' erhob, und also zum Volk sprach:
+ »Seht uns am Ziele, mit Gott! Vollbracht ist die That, und das Opfer,
+ Das aus dankbarer Brust zu dem Ewigen heute sich aufschwang.
+ Ach, gar dürftig erscheinet das Wort! Wie sollen wir würdig
+ Danken dem Heer', das uns den Sieg errang in der Feldschlacht?
+ Wie dem erlauchtesten Könige, der als helfender Freund, uns
+ Einte sein tapferes Volk im allentscheidenden Zeitraum?
+ Nicht vermöchten wir das! Doch ihn, den König der Ungern
+ Schließen wir heut' an Sohnesstatt, wie er selbst es ersehnet,[3]
+ Freudig an's Herz, und geloben ihm Schutz und Freundschaft für immer.
+ Wohl bezeugt uns der Herr: »Wer hat, dem wird noch gegeben!«
+ Also auch wir, von Gott mit Kindern gesegnet, erkiesen
+ Heute der Söhne noch mehr -- denn hört: den theuern Erzeugten
+ Ottgars einen wir auch, als solchen, in liebender Sorgfalt
+ Bald mit unserem Blut: ihm Gutha, die Tochter, verlobend,
+ Die uns die jüngst' erblüht aus den Töchtern,
+ voll lieblicher Unschuld!«
+ Jetzo drückt' er zuerst den König, und d'rauf den Erzeugten
+ Ottgars rasch an die Brust, und unendlich jauchzte das Volk auf.
+ Aber der König erhob sich vom Stuhl', und sagte voll Feuer:
+ »O, gesegnet für immer der Tag, der, freundlichen Anblicks,
+ Dich als Bundesgenossen mir wies! Der brausenden Jugend
+ Jahr' umgaukelten mich noch jüngst im verwirrenden Schimmer;
+ Aber du kamst: wohl nenn' ich dich »Vater« mit Recht, und ich fühle
+ Mich urplötzlich zum Manne gereift -- dein würdig, als Sohn jetzt!
+ Lange lebe, beglückt, der edelste Kaiser der Deutschen!«
+ Sprach's mit jubelndem Ruf', und umher ertönte des Volkes
+ Freudengeschrei, wie Donnersturm, wie stürzender Wasser
+ Lautes Rauschen: »Er lebe beglückt! Hoch lebe der Kaiser!«
+ So, daß jegliche Brust Entzücken ergriff, und der Thränen
+ Stürmische Fluth in das Aug' urschnell aufjagte vom Herzen.
+ Aber es winkte der Kaiser erneut: der eh'rnen Drometen
+ Ernstem Schall verstummte das Volk, und er sagte, bewegt, noch:
+ »Hört! Wir scheiden von euch nun bald, und auf lange. Gebiethend
+ Ruft uns Deutschlands Wohl nach den rheinischen Gau'n, und wir folgen
+ Freudig dem Ruf, da uns hier zu weilen hinfort nicht vergönnt ist.
+ Doch nicht bleibe darum dieß Land nach unserer Abfahrt
+ Hauptlos. Wichtiges reift im dunkeln Schooße der Zukunft
+ Ihm, und Hohes erringt es. Inmitten gewaltiger Länder,
+ Hebt Haus-Oestreich hier, aus seinem unscheinbaren Umkreis
+ Eiserngegründet, sich auf; gewährt dann jenen die Herrscher;
+ Flicht in den Kranz nie welkender Macht die herrlichsten Kronen,
+ Die bald König' ihm biethen, und führt vielfältig durch Sitte,
+ Sprach', und Stamm gesonderte Völker zu dauernder Einung.
+ Also, gerüstet mit Kraft, soll's einst im Sturme der Zeiten
+ Fest wie ein Leuchtthurm steh'n, der rettend, Gefahrenbedrängten
+ Von dem Felsen die Flamme weis't auf dem nächtlichen Irrpfad.
+ Albrecht komme heran. Ihm, unserem theuern Erzeugten,
+ Deß' erhabener Sinn und Weisheit euch allen bekannt ist,
+ Wollen wir Oestreich hier zu Lehen ertheilen. Als Herzog
+ Werd' ihm der Thron, und in seinem Geschlecht
+ fortdaure die Herrschaft,
+ Endlos, segenbeglückt zum Wohl unzähliger Völker.«
+ Ha, und er dachte, bewegt, des Alp'bewohnenden Klausners!
+
+ Doch schon ritt aus dem hallenden Thor der Erzeugte des Kaisers,
+ Albrecht, stattlich heran. Sein Roß, der tönenden Hauptzier --
+ Also des Zaums und Geschirrs von blinkendem Silber sich freuend,
+ Beugte stolz das Haupt an die Brust. Doch herrlich geschmückt war
+ Er mit dem Fürstenhut' und dem Purpurmantel: ihn deckte
+ Glänzender Hermelin; auch hielt er den goldenen Zepter
+ Fest in der Rechten erhöht. Durch Schrift und Siegel ertheilte
+ Friedrich der Erste, von Hohenstauff, der mächtig als Kaiser
+ Ragte vor andern hervor, das Recht dem Herzog von Oestreich,
+ Also zu Pferd, und so herrlich geschmückt das Leh'n zu empfangen.[4]
+ Siehe, vor ihm trug Lichtenstein das Banner von Oestreich,
+ Deß' ruhmwürdiger Schild, mit dem schneeigen Streif in dem Blutfeld
+ Schimmerte, rasch einher; doch Albrecht hielt an des Thrones
+ Stufen, und beugte sich; d'rauf begann der erhabene Kaiser:
+ »Albrecht, euch beschwören wir jetzt im Nahmen des einen,
+ Wahren, und ewigen Gott's, zu bekennen: ob ihr, als Herzog
+ Oestreichs, herrschen wollet nach Recht und Gerechtigkeit; ob ihr
+ Schirmen wollet die heilige Lehr' und den Glauben der Väter,
+ Und euch widmen dem Wohl des Landes mit Leib und mit Leben,
+ Das ihr heute zu Lehen empfaht aus unserer Vollmacht?«
+ Jener rief: »Ich will!« und alsbald winkte der Kaiser
+ Lichtenstein, daß er ihm darreichte die Fahn', und begann so:
+ »Nun auch schwört es zu Gott, und im Beiseyn eueres Volkes,
+ Eilig das Banner zugleich, und den goldenen Zepter erhebend
+ Hoch g'en Himmel empor.« Und jener entgegnete muthig:
+ »Ja, ich schwör' es zu Gott!« und erhob den goldenen Zepter
+ Dann mit dem Banner zugleich in die Luft. Der Kaiser entstürzte
+ Jetzo dem Purpurpfühl', und flog in die Arme des Sohnes,
+ Der, sich schwingend vom Zelter herab, ihm entgegen geeilt war.
+ Lange hielt er den Sohn umfaßt, und sagte mit Rührung:
+ »Gottes Segen mit dir, und mit deinem Geschlechte! Der Nachwelt
+ Stell' ich es freudig anheim, was heut' allhier sich begeben.
+ Möge sie noch an der Zeiten entferntestem Ziele, des Glückes
+ Herrlichster Fülle froh, laut Habsburg segnen und Oestreich!«
+
+ Siehe, da rief umher die Menge dem neuen Beherrscher,
+ Jauchzend, ihr »Lebehoch!« Doch sah nach dem Kaiser so mancher,
+ Innig betrübt, noch hin, der erst von Trennen und Scheiden
+ Sprach, und auf immer vielleicht den liebenden Herzen entrückt wird.
+ D'rauf hieß er die Fürsten bei sich willkommen, und sagte:
+ »Kommt zum erquickenden Mahl', und ruht in der friedlichen Burg hier,
+ Heiteren Sinn's, jetzt aus von des Kriegs unzähligen Sorgen!
+ Aber verzeiht: ich eile zuvor nach der düsteren Kammer,
+ Wo die Gattinn mir starb, und nach ihr sich, in Trauergewanden,
+ Sehnen die Kinder vereint; ich gehe, die Lieben zu trösten.«
+ Und er entzog sich den Blicken der lautaufjubelnden Scharen:
+ Thränenden Blicks, aufschreitend allein zur Wohnung der Trauer.
+
+
+
+
+ Nachtrag
+
+ zu dem
+
+ Heldengedichte Rudolph von Habsburg.
+
+
+Die Marchfelder Schlacht. Jahr 1278.
+
+Die merkwürdige Schlacht auf dem Marchfeld zwischen Rudolph I. von
+Habsburg, Kaiser der Deutschen, und Przemisl Ottokar II., König von
+Böhmen, in welcher letzterer besiegt fiel, und jener seinen Nachkommen
+Oestreichs Herrscherthron erkämpfte, geschah am 24. August des Jahres
+1278. Schon zwei Jahre vorher standen sich, eben daselbst, die beiden
+Fürsten feindlich entgegen. Ottokar, durch früheren Ehebund mit der
+babenbergischen Margareth, der Herrscher geworden von Oestreich und
+Steyermark, und, durch Kauf, von Kärnthen und Krain, ließ sich endlich
+herbei, diesen Provinzen, als anheimgefallenen Reichslehen, zu entsagen;
+worauf er, auf der Donau-Insel Kamberg, im Angesicht beider Heere, dem
+Kaiser (19. November 1276) knieend gehuldigt, und dieser, angeblich,
+durch Herabrollen der Zeltvorhänge, diese Handlung offenkundig gemacht
+haben soll. Dem heimkehrenden König setzte seine ehrgeizige Gemahlin,
+Kunegunde, durch Schmähungen so lange zu, bis er dem Kaiser neuerdings
+den Kampf auf Tod und Leben both. Schon am 27. Juni brach er von Prag zu
+seinem Heer' auf, das sich vor Brünn versammelt hatte, verlor aber auf
+seinem Kriegszug in Oestreich, durch die Belagerung des befestigten
+Städtchens Drosendorf, den entscheidenden Augenblick, und setzte dadurch
+den Kaiser in den Stand, Hülfsvölker zu sammeln, um welchen es sonst
+durch schnelles Vordringen geschehen gewesen wäre. Auf Rudolphs Seite
+standen nebst den Schweizern und Elsassern, die ihm sein Sohn Albrecht
+zuführte, der Pfalzgraf Ludwig, sein Tochtermann; der Burggraf Friedrich
+von Nürnberg; der Markgraf Heinrich von Hochberg: zu welchen noch die
+Grafen von Henneberg, und Fürstenberg stießen. Dann: Meinhard Graf von
+Tyrol; Graf Albert von Görz; Friedrich, und Albert, die Grafen von
+Ortenburg, und Ulrich von Heunburg mit den Tyrolern, Kärnthnern und
+Krainern; Pfannberg, und zugleich die Herren von Pettau, Lichtenstein,
+und Colo von Seldenhofen, mit den Steyrern. Auch die Bischöfe von
+Salzburg und Basel führten ihm Krieger zu, deren ersterem er in der
+Schlacht die Leitung der Oestreicher und Steyrer übergab. Endlich
+erschien auch der König Ladislav IV., an welchen er den tapferen
+tyrolischen Hauptmann, Hugo von Tauffers, abgeschickt hatte, mit mehr
+denn zwanzigtausend kumanischen und ungrischen Reisigen, als sein
+Verbündeter, auf dem Schlachtfeld. An Ottokars Völker, die Böhmen, und
+die Mährer unter Milota's Leitung, reiheten sich: Bayern, welche der
+Herzog Heinrich; Sachsen, welche Pfeil, der Markgraf von Magdeburg, und
+Meißner und Thüringer, welche der Markgraf Dietrich anführte. Die
+Reussen sandte K. Leo, und die Polen und Schlesier K. Kasimir heran.
+Auch einige östreichische Ritter, unter diesen die beiden Brüder
+Heinrich und Leopold Kunring, ergriffen seine Parthei, so, daß er dem
+Kaiser an der Zahl der Krieger weit überlegen war. Das Feld, auf welchem
+gestritten ward, erstreckte sich von Marcheck über den Weidenbach, dann
+weiter von Stillfried über Dürnkrut bis gegen Idungspeugen, hinauf, und
+der Kampf endete wahrscheinlich, wie weiter unten erhellet, nahe vor dem
+Städtchen Laa. Rudolph setzte mit seinem Heere bei Hainburg über die
+Donau, seine Vereinigung mit dem König der Ungern zu bewirken, und dem
+Feind in den Rücken zu kommen, und lagerte sich vor Marcheck. Die
+Kumanier hatten bereits aus dem Hinterhalt die herumstreifenden Feinde
+angefallen, ihnen über 100 Mann getödtet, und nachdem sie ihnen die
+Köpfe abgehauen, sandten sie selbe dem Kaiser als Geschenk entgegen, der
+sich mit Schauder davon wegwendete, und sie begraben ließ. Am 23. August
+rückte er g'en Stillfried vor, und beschloß die Schlacht auf den
+folgenden Tag, der mit dem Feste des heil. Bartholomäus auf einen
+Freitag fiel, an welchem er öfters glücklich gekämpft hatte.[A] Der Tag
+brach an: die Kaiserlichen standen in fünf Heerhaufen, den sechsen der
+Böhmen, entgegen. Noch kurz vor dem Kampfe schlug der Kaiser, nebst
+anderen, auch hundert Zürcher zu Rittern. In seinem Heer herrschte mehr
+froher Muth, als in jenem Ottokars, da vor Tagesanbruch die Meißner und
+Thüringer aus dem Lager heimlich abzogen, und er zuvor im Zelt, mit
+erregtem Mißtrauen, die Feldherrn aufforderte: »sie sollten ihm, wenn
+sie Verrath an ihm sännen, lieber jetzt die Brust durchbohren, ehe
+Tausende auf dem Schlachtfelde gefallen seyn würden.« Das unbändige
+Pferd eines salzburgischen Reiters, Heinrich Schörlin, rannte, wie toll,
+auf die Böhmen los, und ward so zum Zeichen des früheren Angriffs.
+Ottokar brachte mit den schwergeharnischten Reitern die Oestreicher und
+Steyrer zum Weichen, nachdem der Führer der letzteren, Pfannberg,
+verwundet vom Pferde gefallen war. Als der Kaiser die wankende Schlacht
+sah, da warf er sich aus dem Sattel im Staub auf die Knie', und bethete
+laut zum Himmel, verheißend durch ein Gelübde, so er den Sieg gewänne,
+ein Kloster zu Ehren des heil. Kreuzes zu stiften; worauf seine Scharen
+ermuthigt vordrangen. Doch schlug sich Herbot von Füllenstein, ein
+polnischer Ritter, durch große Verheißungen Ottokars bewogen, bis zu ihm
+durch, erstach ihm das Pferd unter dem Leib, und brachte ihn in die
+größte Gefahr, wenn nicht er selber, zu Fuß ankämpfend, ihn mit dem
+Speer von dem Sattel herabgerissen, und der herbeieilende tapfere Ritter
+Ulrich Capellen ihm ein Pferd gebothen hätte. Den gefangenen Ritter
+Herbot hieß der Kaiser schonen, seine Wunden verbinden, und warf sich
+dann, wie ein erzürnter Löwe, neuerdings auf die Feinde. Auf dem rechten
+Flügel, wo Hochberg stritt, erhob sich das Geschrei, »die Feinde
+fliehen!« und bald verbreitete es sich durch alle Reihen Rudolphs.
+Ottokar wankte einen Augenblick, hieß aber Milota aus dem Nachhalt
+vorgeh'n; und als dieser, langgenährter Rache fröhnend, mit den Mährern
+und einigen böhmischen Herren, die er gewann, eben jetzt von dem
+Schlachtfeld abzog, stürzte er sich in den letzten mörderischen Kampf,
+und fiel auch hier, als ein Opfer der Rache, durch die Hand der beiden
+Ritter von Meerenberg, mit dreizehn Wunden, ehe der Befehl des Kaisers,
+der sein Leben zu schonen geboth, erfüllt werden konnte. Worauf Flucht
+und Verwirrung der Böhmen. Der Kaiser ließ zum Rückzug blasen, allein
+die Kumanier verfolgten sie, bis die sinkende Nacht dem Würgen ein Ende
+machte. Die Schlacht währte nur fünf Stunden, und es sollen auf Ottokars
+Seite über 14,000 gefallen seyn. Rudolph hieß seine Leiche sogleich
+aufsuchen, nach dem Städtchen Laa, und noch in der Nacht nach Wien
+bringen, wo sie anfangs in dem Schotten-Kloster beigesetzt, und dann in
+der Kirche der Barfüßer-Mönche öffentlich zur Schau ausgestellt blieb.
+Allein, auf die in das Lager gelangte Bitte der Böhmen, stellte er sie
+ihnen wieder zu; worauf sie über Znaim nach Prag abgeführt, und in dem,
+von ihm erbauten Franciskaner-Kloster königlich zur Erde bestattet ward.
+Rudolph hielt in Wien, unter unendlichem Jubel des Volkes, seinen
+feierlichen Einzug, und erfüllte bald darauf sein Gelübde, indem er zu
+Tuln, zu Ehren des heil. Kreuzes ein adeliges Frauenkloster erbauen
+ließ.
+
+ [Fussnote A: Bei _+Arenpeck Chron. Austr. ad Annum+ 1278 heißt es_:
+ +Conveniunt ambo Reges cum exercitibus suis in campis Austriae trans
+ Danubium apud Weidenbach feria sexta ante Bartholomaei etc.+ Viele
+ andere wollen, daß die Schlacht sich am 26. August ereignet habe.]
+
+
+
+
+ Anmerkungen
+
+ zu
+
+ Rudolph von Habsburg.
+
+
+Erster Gesang.
+
+[1] Vers 9.
+
+_Drahomira_ war die Gemahlinn Vratislavs, Herzogs von Böhmen, der die
+Heidinn in der Hoffnung, daß sie sich zum Christenthume bekehren würde,
+im Jahr 907 ehlichte. Sie gebar ihm zwei Söhne, Wenzel und Boleslav, und
+als er im Jahr 916 starb, und seine Mutter, die heil. Ludmilla, die
+vormundschaftliche Regierung übernehmen wollte, stand sie in der
+berufenen Ständeversammlung zu Prag dagegen auf, zog sich mit ihrem
+jüngeren Sohn, Boleslav, auf das feste Schloß Wischehrad zurück, und
+wüthete beinahe durch vier Jahre, mit Beihülfe des heidnischen
+Stadtrichters Palhog, gegen die Christen mit Feuer und Schwert. Darauf
+ließ sie die Kirche zu Bunzlau zerstören, und endlich auch ihre
+Schwiegermutter auf dem Schlosse Tetin hinrichten. Wenzel, obgleich nur
+ein Jüngling, kam hierauf nach Prag, berief die Stände im Jahr 921, und
+entsetzte sie der Regierung. Doch ruhte die unmenschliche Mutter nicht,
+bis ihr jüngerer Sohn den älteren im Jahr 938 auf ihr Anstiften durch
+Brudermord auf die Seite schaffte. Nach der Sage soll sie auf dem
+Hradschin die Erde lebendig verschlungen haben. S. +_Cosmas Pragensis_
+L. I. _Hist._ -- _Pulkawa Hist. Boh._ C. 13. _Dubrav. Hist. Boh._ L. 5.
+_Sylvius_, _Hagek_ etc.+
+
+[2] Vers 68.
+
+_Margareth_, die Tochter des babenbergischen Leopold des Glorreichen,
+Herzogs von Oestreich, war die Wittwe Kaisers Heinrich VII., und bereits
+an Jahren vorgerückt, als Ottokar, wohl nur in der Absicht, mit ihrer
+Hand Oestreich und die Steyermark zu erlangen, sie im Jahr 1252
+heirathete, aber schon im Jahr 1261 sich von ihr, wegen beschuldigter
+Unfruchtbarkeit, wieder scheiden ließ. Sie starb zu Krems im Jahr 1267
+im Kloster, und zwar, wie Einige behaupten, durch Gift, mit welchem sie
+Ottokar aus der Welt geschafft haben soll. Doch hat Hanthaler +_Fast.
+Campilil._ T. I. P. II. Dec. VII. §. I. C. XXXIV.+ diese Behauptung
+widerlegt. Sie liegt in dem Kloster Lilienfeld, das ihr Vater stiftete,
+ihm zur Linken, vor dem Hochaltar, begraben.
+
+[3] Vers 117.
+
+_Durnkrut._ Siehe den merkwürdigen Aufsatz »Die Entscheidungsschlacht im
+Marchfelde zwischen Rudolph und Ottokar 1278« im Archiv für Geographie,
+Historie &c. Nr. 1 und 2 des J. 1814. Der vortreffliche
+Geschichtschreiber, Chorherr Kurz, sagt in seinem +Oestreich unter
+Ottokar und Albrecht I.+: »In Rücksicht des Schlachtfeldes stimmen die
+Berichte nicht ganz überein, welches wohl nicht anders möglich ist, da
+zwei Heere nothwendig eine große Strecke einnehmen, und während einer so
+entscheidenden Schlacht an mehreren Orten gestritten wird. Daß an dem
+Marchfluß gekämpft ward, in welchem viele Böhmen den Tod fanden,
+bestätigen alle Chroniken. Der Bezirk von _Stillfried_ bis
+_Idungspeugen_ hinauf, war der eigentliche Kampfplatz, _Chrutterfeld_,
+das ebenfalls genannt wird, liegt in der Mitte. Die Schlacht muß sich
+von Stillfried gegen den _Weidenbach_ und bis _Marcheck_ ausgedehnt
+haben, da Rudolph in seinem Stiftsbrief sagt: »Gott habe ihn nicht fern
+der Kirche von Marcheck aus Todesgefahr errettet«. +In loco ab ecclesia
+eadem non longe distante nos quasi in angustiis mortis positos liberavit
+ab hostibus: et prostratis eisdem liberavit gloria triumphali.+
++_Bodmann_ cap. I. p. 100.+ Wahrscheinlich deutet er auf die Gefahr, die
+ihm drohte, als ihm das Pferd unter dem Leib' erstochen ward. +_Calles_
+T. II.+ p. 552-562 hat alle hierher gehörigen Stellen gesammelt«.
+
+[4] Vers 284.
+
+Siehe über dieses Gespräch Hornecks Reim-Chronik, Cap. 132-136
+
+[5] Vers 351.
+
+_Rüdiger Waldram_ nennt _Fugger_, in seinem _Ehrenspiegel des Erzhauses
+Oestreich_, den Bürgermeister Wiens, der an Rudolph mit dem König der
+Böhmen einverstanden, heimlichen Verrath sann. Bei andern
+Schriftstellern heißt er Paltram Vazo. Der Sänger Rudolphs fand jenen
+wohlklingender zu seinem Zwecke (S. auch +Wolf. Lazius Chron. Vienn.
+Lib. IV.+ und +Gerard. Roo Hist. Austr. Lib. I.+)
+
+[6] Vers 360.
+
+Die Erzählung von der Huldigung Ottokars auf der Donau-Insel _Kamberg_,
+wo er, nachdem die täuschenden Zeltvorhänge gefallen waren, auf den
+Knieen vor dem Kaiser liegend, den beiden, durch die Donau geschiedenen
+Heeren gewiesen ward, ist von vielen gründlichen Geschichtsforschern als
+unstatthaft verworfen worden.
+
+[7] Vers 375.
+
+In einem der anmuthigsten Gebirgsthäler Unter-Oestreichs, am Fuße der
+Alpen, und an dem Ufer des Traisenflusses, liegt das Cisterzienser-Stift
+_Lilienfeld_, von dem babenbergischen Leopold VII., oder Glorreichen, im
+Jahr 1202 gestiftet, dem der Sänger Rudolphs durch acht und zwanzig
+Jahre angehörte, und demselben in den letzten sieben Jahren als Abt,
+k. k. Rath und niederöstreichischer Landesstand, vorgesetzt war.
+
+[8] Vers 397.
+
+_Masovien_ (Masuren), eine Landschaft in Polen, welche an Preußen, an
+Groß- und Klein-Polen und an Lithauen gränzte, früher durch eigene
+Herzoge regiert, und unter König Sigismund I. mit Polen vereiniget ward.
+Ihre vornehmsten Städte waren Warschau und Plozk. (Hartknoch +de Republ.
+Pol. L. I. c. 10.+)
+
+[9] Vers 403.
+
+_Königsberg_, die zweite Residenzstadt Preußens an der Pregel, von mehr
+als 60,000 Einwohnern, und einer Universität, die in der neueren Zeit
+durch Kant berühmt geworden ist, soll Ottokar im Jahr 1254 gegründet
+haben.
+
+[10] Vers 421.
+
+Daß Rudolph in seinem sieben und dreißigsten Jahre an den Hof Ottokars,
+der übrigens als ein großer Feldherr jungen Fürsten allerdings zum
+Muster dienen könnte, berufen, und zu seinem Hofmarschalk ernannt worden
+sey, daß er dann mit ihm die, bei dem Einfall der Tartaren wieder
+heidnisch gewordenen, Preußen bekämpfte, im Jahr 1260 einem Kriegszug
+gegen die Ungern beigewohnt, und wegen ausgezeichneter Heldenthaten von
+ihm den Ritterschlag erhalten habe, sind Erzählungen aus seinem Leben,
+deren Wahrheit hie und da bestritten worden ist.
+
+[11] Vers 484.
+
+_Tabor_. Ein an dem linken Ufer der Donau, Wien gegenüber liegendes
+Dorf.
+
+
+Zweiter Gesang.
+
+[1] Vers 28.
+
+Die Veste _Mödling_, deren Ruinen über dem Städtchen gleiches Nahmens,
+nicht fern von Wien, in dem Brühler Thal zu sehen sind, war das
+Eigenthum mehrerer Fürsten eines Zweigs des babenbergischen
+Herrscherstammes, die sich Herzoge von Modeling nannten, und das zuletzt
+auch Gertrud, die Tochter Heinrichs, Herzogs von Mödling, und Bruders
+Friedrichs des Streitbaren, zu ihrem Antheil erhielt, nachdem ihr Gatte,
+Herman, Markgraf von Baden, gestorben war.
+
+[2] Vers 35.
+
+In einem eng umschlossenen Thal', am Fuße des Tannberges, welches der
+Sattelbach durckfließt, stiftete Leopold der Heilige im Jahr 1135 das
+Cisterzienser-Kloster Heiligen-Kreuz, welches nebst andern merkwürdigen
+Grabmäälern im Kreuzgang auch jenes von Friedrich dem Streitbaren,
+letzten Sprossen des babenbergischen Stammes, zur Schau stellt.
+
+[3] Vers 91.
+
+Ueber _Jacob Müllers_, des Zürcher Kriegers, _lustige Mähre_ siehe
++_Alb. Argent. Cap._ 18+ und _Fuggers Spiegel der Ehren des Erzhauses
+Oestreich_. Nürnberg, 1668, erstes Buch 7. Cap. S. 66.
+
+[4] Vers 110.
+
+Der _Traisen_-Fluß in Unteröstreich, der bei Traisenmauer in die Donau
+fällt, entspringt hinter der Lilienfelder Alpenkette aus dem sogenannten
+Traisenberg, und ergießt sich in zwei Bächen, wovon der eine hinter
+Tirnitz aus der Süd- und der andere hinter Hohenberg aus der Nordseite
+des Berges hervordringt, so, daß beide erst oberhalb Lilienfeld sich
+wieder vereinigen, und die eigentliche Traisen bilden. Wechselweise wird
+der eine, und der andere Arm die _unechte Traisen_ genannt, je nachdem
+der Bewohner des einen und des andern Bezirks Kunde darüber geben soll.
+
+[5] Vers 115.
+
+_Lilienfeld_, das Cisterzienserkloster in Unteröstreich, welches am Fuße
+der Alpen, in einem der reizendsten Thäler, nicht weit von der, auf der
+Hauptstraße nach Wien liegenden Stadt St. Pölten entfernt liegt, wurde
+durch den babenbergischen Leopold den Glorreichen, Herzog von Oestreich,
+im Jahr 1202 gestiftet, erhielt, wie schon weiter oben im Gedichte
+gesagt wird, die ersten Mitglieder aus dem Kloster Heiligen-Kreuz, und
+besteht nun schon 640 Jahre. In dieses Kloster trat der Dichter Rudolphs
+von Habsburg, in seinem zwanzigsten Lebensjahre, im Jahre 1792, und
+hatte ihm gegen 28 Jahre lang angehört, nach welchen er zu höhern
+Stellen berufen ward; es ist ihm daher wohl zu guten zu halten, daß er
+es zu einem der Schauplätze seines Gedichtes gewählt, und mit besonderer
+Liebe und Ortskenntniß beschrieben hat.
+
+[6] Vers 171.
+
+Ob Rudolph vor, oder während der Schlacht das Gelübde gemacht habe: so
+er den Sieg gewänne, ein Kloster zu Ehren des heil. Kreuzes zu erbauen,
+ist aus den vorhandenen Nachrichten nicht völlig erweisbar. So viel ist
+gewiß, daß er, nach jenem erhaltenen Sieg über seinen Gegner, das
+adelige Frauenkloster zu Tuln, zu Ehren des heil. Kreuzes erbaut, und
+auch seine, und seiner Gemahlinn aus Stein gehauene Statuen dahin
+geschenkt habe, die leider zur Zeit der Aufhebung desselben, auf eine
+unverantwortliche Weise, vernichtet worden sind!
+
+[7] Vers 176.
+
+Die hier bezeichneten Fürsten sind: Albrecht I., Friedrich der Schöne,
+Maximilian I., Carl V., Maria Theresia, Joseph II., Leopold II.,
+Franz I.
+
+[8] Vers 320.
+
+Nach Fugger geschah diese Handlung zu Mainz, als Kaiser Rudolph das
+Reich bereisete, im Jahr 1273. (_Siehe Spiegel der Ehren_. S. 84.)
+
+[9] Vers 372.
+
+_Wiener-Neustadt_ -- erhielt den Titel der _Allzeit Getreuen_ schon von
+Herzog Friedrich dem Streitbaren, wie es aus einer ihr im Jahr 1242
+ertheilten Privilegien-Urkunde erhellet. Kaiser Leopold I. schenkte ihr
+im J. 1708 eine Fahne mit der Aufschrift: +Semper fidelis civitas
+Neostadiensis -- pro Caesare et Religione+ -- wie solches nebst andern
+historisch merkwürdigen Seltenheiten in dem Rathhaus-Archive daselbst zu
+ersehen ist.
+
+[10] Vers 410.
+
+Ein Meisterwerk der gothischen Baukunst, das alle Fremden durch seinen
+majestätischen Umfang in Erstaunen setzte, das sogenannte Dormitorium,
+oder Schlafhaus zu Lilienfeld, welches ursprünglich den Klosterbrüdern
+zur gemeinschaftlichen Wohn- und Schlafstätte diente, als noch, außer
+dem Chorgebeth, das Ausräuten und Urbarmachen der Wildniß umher ihr
+hauptsächliches Geschäft war, ging durch den großen Brand (13. September
+1810) völlig zu Grunde, so daß keine Spur mehr von seiner Herrlichkeit
+übrig blieb.
+
+[11] Vers 478.
+
+Der _Lasingfall_, in den Lilienfelder Gebirgen, ist seit dem Jahr 1815,
+wo ihn der Verfasser des gegenwärtigen Gedichts, als damaliger
+Stiftsvorsteher, zugänglich, und dadurch erst bekannt machte, der
+Gegenstand der Aufmerksamkeit der Reisenden, die ihn jährlich in großer
+Anzahl besuchen. Seine Schönheit übertrifft jede Vorstellung. Die
+Felsenschlucht, durch welche sich die Lasing herabstürzt, hat drei
+Hauptabsätze, die nach Wiener Maß:
+
+ a = 107 Fuß
+ b = 40 » 8"
+ c = 123 » 2"
+ -------------
+ 270 ' 10"
+
+senkrechte Höhe, und
+
+ a = 145 Fuß 2"
+ b = 126 » 7"
+ c = 123 » 4"
+ -------------
+ 395 ' 1"
+
+horizontale Länge des Wasserfalls bewirken. Auch das Felsenthal am Fuß
+des Oetschers, durch welches sie sich ergießt, gewährt einen
+ergreifenden Anblick.
+
+
+Dritter Gesang.
+
+[1] Vers 3.
+
+_Marbod_, +Marobodus+, wie ihn Tacitus nennt, König der Marcomannen,
+eines schwäbischen Stammes (Mark-Mannen, Hüther der Gränze, oder wie
+Andere wollen: _Marich_-Mannen, Roßtummler, von dem alten deutschen Wort
+_Marich_, Stute, Mähre, +equa+), lebte gleichzeitig mit Herman dem
+Cherusker. Entschlossen, sich in einer entfernteren Stellung den Römern
+furchtbar zu machen, sammelte er ein Heer von mehr denn siebenzig
+tausend Mann, zog immer weiter an der Donau herab, und nachdem er den
+_Catualda_ (Gothwald oder Katwald), einen Anführer der Gothen, aus dem
+Lande der Bojen, dem heutigen Böhmen, verjagt hatte, gründete er dort
+den Sitz eines neuen Reichs, das sich von der äußersten Spitze der
+Ostmark, und der Gränze Pannoniens, bis an das Riesengebirge hin
+erstreckte. _Inguiomar_ (wahrscheinlich Hinkmar), der Ohm Hermans, der
+zu ihm flüchtete, verwickelte ihn in einen heftigen Streit mit seinem
+gewaltigen Neffen, und als nach einer unentschiedenen blutigen
+Feldschlacht seine Krieger auf Hermans Seite traten, und Catuald mit
+Hülfe römischer Scharen seine Burg erstürmte, faßte er den Entschluß,
+sich in Roms Schutz zu begeben. Er wurde nach Ravenna verwiesen, wo er
+nach einem zwei und zwanzigjährigen Aufenthalt sein Leben -- das er, wie
+Tacitus sagt, zu sehr liebte, in unrühmlicher Abgeschiedenheit endete.
+Catuald hatte ein gleiches Schicksal, denn er wurde von den Römern nach
+Frejus in Frankreich verwiesen.
+
+[2] Vers 16.
+
+Das Schloß _Hainburg_ mit dem Städtchen gleiches Nahmens, an der Gränze
+Ungerns in Unter-Oestreich, soll, der Sage nach, von Attila, dem König
+der Heunen, wie die Deutschen der Vorzeit die Hunnen nannten, erbaut
+worden sein: daher Heunenburg, _Heunburg_, geheißen haben. Was hier von
+dem Umfang, und der Lage des markomannischen Reichs unter Marbod, und
+weiter unten Vers 25 von der durch ihn gekämpften Schlacht auf dem
+Marchfeld gesagt wird, gründet sich, nicht mit historischer Gewißheit,
+sondern in poetisch genommener scheinbarer Möglichkeit, auf folgende
+Stellen aus dem Werke: +Hist. opus in IV. T. divisum, quorum T. I. Germ.
+ant. illust. continet. Basileae 1574 ed. Tencterus+.
+
++Sub Martungis erant Curiones, inde Chetuari, et Parmecampi, ubi hodie
+pars est Austriae Cis-Danubianae juxta _Krembs, Znaem et Niclaspurg_.
+Inde habitabant Marcomanni; hodie regio illa Moravia est, quae se ad
+Sudinos extendebat, et Danubium usque, ubi hodie civitas est
+_Prespurgium_. -- Gessit haec gens maxima bella cum Romanis etc. etc.
+_Bilibaldi Birkheimeri Locor. per German. explicatio pag. 209._+
+
+Ferner: +Nariscos Marcomannos et Quados haud dubie ea loca tenuisse
+putamus, ubi nunc agunt Moravi, _Merherlandt_. De Marcomannis nemo
+dubitare potest, qui Vellejum legerit. _Henr. Clareani in P. C. Taciti
+de Mor. Germ. comment._ p. 188.+
+
+Und endlich: +Marcomanni sedes habuerunt in ea parte, quae spectat ortum
+versus Moraviam et Austriam. Enituit autem virtus Marcomannorum in
+multis asperrimis bellis, in quibus patriam adversus Romanos fortissime
+defenderunt etc. _Philip. Melanchtonis Vocabula Regionum et Gent. quae
+recens. in libello Taciti de mor. Germ._ p. 193.+
+
+Daß aber Rudolph aus Marbods Stamm entsprossen seyn soll (siehe unten V.
+48) gründet sich in besagtem Sinn auf folgende Stelle:
+
++Andreas Alciatus in suis annotationibus in Tacitum, etiam in Helvetiis
+consedisse Marcomannos quadosque putat. Exstat enim, inquit, adhuc in
+eis Vallis _Marcomanna_ nomine.+
+
++_Andreae Althameri Scholia in Cornel. Tacit. de Germ._ pag. 61+
+desselben Werks.
+
+[3] Vers 23.
+
+_Marobudum_ hieß die Residenzstadt Marbods, des Königs der Marcomannen,
+die er sich in dem vormahligen Bojenheim erbaute, und die an der Stelle,
+wo jetzt Prag -- nach Andern -- wo jezt Budweis, gestanden haben soll.
+
+[4] Vers 106.
+
+Das Wapen der Grafen von Habsburg enthielt im goldenen Felde einen
+rothen Löwen mit einer blauen Krone auf dem Haupt.
+
+[5] Vers 107.
+
+Das böhmische Wapen zeigt einen weißen gekrönten Löwen im rothen Feld.
+Kaiser Friedrich I. ertheilte selbes, nach dem Mailänder Krieg,
+Uladislav II. im Jahr 1159.
+
+[6] Vers 108.
+
+Kaiser Friedrich II. erhob Wien im Jahr 1237 zu einer freien
+Reichsstadt, ertheilte ihr den doppelten Adler zum Wapen, und stiftete
+eine hohe Schule daselbst. S. _Lazius_. Auch diesem wird widersprochen.
+
+[7] Vers 295.
+
+Der schmale Donau-Arm, der, unterhalb Nußdorf von dem Hauptstrom
+geschieden, die Stadt Wien von der Leopoldstadt trennet, und hiermit ein
+großes Eyland bildet, auf welchem nebst besagter Vorstadt, auch die
+anmuthigsten Spaziergänge in der Brigittenau, dem Augarten und dem
+berühmten Prater sich befinden.
+
+[8] Vers 308.
+
+_Amtner_, dieses im Verlaufe des Gedichtes einigemal vorkommende Wort,
+bezeichnet (wie Schaff-ner, Zöll-ner u. s. w. geformt) ganz entsprechend
+die französische Benennung _Offizier_; wo sodann _Offizier-Corps_, durch
+_Amtnergilde_ gegeben werden könnte.
+
+[9] Vers 350.
+
+Die Kumanier (ein sarmatisches Volk), die aus ihrem Land, welches
+zwischen den Alpen und der Donau, gegen die Tartarei zu, lag, von den
+hinterhalb wohnenden Tartaren gedrängt, unter Bela IV. Jahr 1239 nach
+Ungern kamen, und von diesem eine große Strecke Lands zwischen der Donau
+und der Theyß eingeräumt erhielten, vereinigten sich dann mit den bald
+nachfolgenden Tataren, über Ungern die schrecklichste Verwüstung zu
+bringen, weßwegen sie dem Unger, der sie in seiner Sprache Kun nennt,
+auch nachdem jene schon abgezogen waren, noch lange verhaßt blieben.
+(+Bonfinii Decad. II. Lib. 8.+)
+
+[10] Vers 358.
+
+Dschengis Khan brachte durch die Gründung seines großen Reichs in Asien
+auch die europäische Tartarei, welche die Halbinsel Krimm, Beßarabien
+und das Land zwischen dem Dniester und Dnepr in sich faßte, in Bewegung.
+Seine Horden drängten die vor ihnen liegenden Kumanier, und als diese,
+unter ihrem König Kuthen, sich nach Ungern zurück zogen, folgten sie
+ihnen dahin nach, und verwüsteten unter ihren beiden Anführern, Vathos,
+der über Reußen, Polen und Mähren, und Kadan, der aus der Moldau
+hereinbrach, beinahe durch zwei Jahre das Land mit Feuer und Schwert.
+
+[11] Vers 517.
+
+Rudolphs Zug nach dem Gelobten-Lande; auch daß er Hofmarschalk König
+Ottokars gewesen (siehe weiter unten Vers 602) gehört unter die
+bestrittenen Ereignisse seines Lebens.
+
+[12] Vers 581.
+
+_Ueber das Faustrecht_ siehe Dr. Gerhards Abhandlung. Jena 1711.
+
+[13] Vers 595.
+
+_Fugger_ erzählt: »Auf dem Reichstag zu Nürnberg Jahr 1274 ist
+beschlossen worden, daß forthin alle Reichsabschiede, Freiheitsbriefe,
+Befehle, Verträge, letzte Willen, und dergleichen öffentliche Urkunden,
+nicht mehr wie zuvor, in lateinischer, sondern in deutscher Sprache
+sollten ausgefertigt werden, damit also die Ungelehrten, die das Latein
+nicht verständen, nicht ungefährt bleiben, und die bürgerlichen
+Geschäfte in mehrere Richtigkeit kommen möchten. Wiewohl es noch bei dem
+damaligen Unform der Sprache (!!) mit der deutschen Rednerei etwas hart
+herginge, so wäre doch diese löbliche Sorgfalt K. Rudolph ein guter
+Anfang, und eine kräftige Anreizung zur Ausübung unserer Muttersprache
+gewesen.« (_Siehe Ehrenspiegel_ S. 87.)
+
+
+Vierter Gesang.
+
+[1] Vers 58.
+
+_Lug_, _Lueg_ im Oberdeutschen eine Warte, +Specula+, welche demnach dem
+französischen +Loge+ entspricht. Siehe Theuerd. Cap. 47.
+
+[2] Vers 131.
+
+Alles, was hier, und weiter unten von Turnier und Turniergebräuchen
+gesagt wird, mag in _Rüxners Turnierbuche_; in +_Du Cange dissertations
+sur l'histoire de St. Louis_+, und in +_Menestrier_ (Claude Franç.)
+_Traité des Tournois_, _Joustes_ etc. Lyon 1669. IV.+ seine Belege
+finden.
+
+[3] Vers 428.
+
+_Zawiß von Rosenberg_, der Geliebte, und nachher Gemahl der Wittwe
+Ottokars, Kunegunde, übte, während der Minderjährigkeit Wenzels,
+Herrschergewalt über Böhmen aus. Dieser, nach ihrem Tod König geworden,
+trug ihm tiefen Haß im Herzen, welchem zu entgehen, und sich zugleich an
+dem feindseligen Herrscher zu rächen, Zawiß, durch eine Heirath mit der
+Base des Ungernkönigs Ladislav, sich gegen ihn zu verbinden suchte.
+-- Doch, in dem Augenblick der Abfahrt ward er zu Prag durch List
+festgenommen, und nach mehr als Jahresfrist im Kerker zu Budweis
+enthauptet.
+
+
+Fünfter Gesang.
+
+[1] Vers 131.
+
+Die Schlacht von Kressenbrunn (Kroissenbrunn) im Marchfeld, in welcher
+Ottokar über Bela IV. König der Ungern, einen entscheidenden Sieg davon
+trug, ereignete sich im J. 1260. Siehe die höchst anziehende
+Beschreibung derselben in _Hornecks Reim-Chronik_ vom 58. bis 64. Cap.
+
+[2] Vers 153.
+
+Nach jenem Sieg von Kroissenbrunn über die Ungern, zog Ottokar mit
+seinen Scharen, wie im Triumph, durch Kärnthen und Krain. Als die Böhmen
+an der Gränze von Italien die Steinwände von Canale ersahen, fragten sie
+den König: »ob Rom nahe sey? denn sie hätten öfters von ihren Vorfahren
+sagen gehört, daß sie durch eine solche Felsenpforte auf die Straße nach
+Rom gekommen seyen.« Ottokar antwortete ihnen, »Böhm' und Pole sollen
+sich einst hier wie zu Hause finden, denn, so er noch einige Zeit lebte,
+würde sich seine Gewalt noch viel weiter erstrecken.« _Horneck
+Reim-Chronik_ Cap. 90.
+
+[3] Vers 162.
+
+_Arpad_, der erste Anführer der Ungern (Magyaren), die, kommend von den
+Ufern des Tanais her, im neunten Jahrhundert Pannonien in Besitz nahmen,
+stand seinem Volk (nach +Anonym. Belae Not. 52. Cap.+) beiläufig von 889
+bis 907 vor, und war der Stammvater einer Reihe von Königen, unter
+welchen der heil. Stephan zuerst, im J. 1000, diesen Titel annahm, bis
+mit Andreas III. im J. 1301 sein Stamm ausstarb. Erst Ferdinand I. hat
+dieses Reich auf immer mit Oestreich vereinigt, obschon dasselbe vor ihm
+zwei Fürsten seines Hauses, Albert II., und Ladislaus Posthumus,
+besaßen.
+
+[4] Vers 358.
+
+Das Schicksal beider fürstlichen Jünglinge, Konradins von Schwaben (Sohn
+Konrads IV.) und Friedrichs von Oestreich (Sohn Markgraf Hermans von
+Baden, und Gertrud, Tochter Heinrichs, Herzogs von Mödling) die im Jahr
+1268 zu Neapel durch das Bluturtheil Carls von Anjou hingerichtet
+wurden, ist bekannt. Horneck beschuldigt Ottokarn an mehr denn einer
+Stelle, daß er, als Mitwerber um Oestreich und Steyermark, ihren Tod
+befördert habe. _S. Reim-Chronik_ Cap. 164.
+
+[5] Vers 361.
+
+Gertrud, die Mutter Friedrichs von Oestreich, ließ Ottokar, nachdem er
+Steyermark in seine Gewalt bekam, aus allen ihren Besitzungen, zuletzt
+auch aus Judenburg und Feistritz, durch den grausam gesinnten Propst von
+Brünn, vertreiben. Zur Nachtzeit, im Regen und Sturm, mußte sie die
+Reise antreten. Sie begab sich nach Meißen. (_Horneck Reim-Chronik_ Cap.
+55 und 56.)
+
+[6] Vers 364.
+
+Ueber Margarethens, der verstoßenen Gemahlinn Ottokars, Schicksale,
+siehe _oben Anmerkungen zum ersten Gesange [2] zum Vers_ 68.
+
+[7] Vers 365.
+
+Otto, Herrn von und zu Meißau, den Stolz des östreichischen Adels, hatte
+Ottokar, wegen geargwohnter Anhänglichkeit für den Sohn der
+babenbergischen Gertrud, im Schloß Eichhorn festsetzen, und dort Jahr
+1265 im Hungerthurm verbrennen lassen. (+Chron. Austral. Neob. et Leob.
+apud. Hieron. Pez T. I.+)
+
+[8] Vers 366.
+
+Der scheelsüchtige Ritter Friedrich von Pettau hatte Ottokars
+argwöhnisches Gemüth gegen einige seiner Mitstände in der Steyermark
+aufgeregt, der dann mehrere von ihnen, als: Ulrich von Lichtenstein,
+Hartneid von Wildon, Wülfing von Stubenberg, und Heinrich und Bernhard
+von Pfannberg, auf verschiedene Vesten gefangen setzen, und sie aus
+diesen nach einer zweijährigen Haft nicht eher entließ, bis sie ihm ihre
+Burgen ausgeliefert hatten. _Horneck_ Cap. 85 und 86.
+
+[9] Vers 372.
+
+Seyfried von Merenberg, der steyrische Ritter, versäumte dem König
+Ottokar, auf seinem Siegszug an der Drau mit den übrigen Herrn entgegen
+zu kommen, und fiel durch Einflüsterung eines bösen Menschen bei ihm in
+Verdacht. Er ließ ihn in der Folge heimlich greifen, und gebunden nach
+Prag abführen. Als er vielfältig gemartert, Gott zum Zeugen seiner
+Unschuld rief, und dem, nach Geständnissen einer Verschwörung in
+Kärnthen und Krain gierigen König, keine Lüge für Wahrheit geben wollte,
+wurde er durch ein Pferd zum Galgen geschleift, und dort, das Haupt zu
+den Füßen gebunden, aufgehenkt. Noch in der zweiten Nacht lebt' er in
+diesem qualvollen Zustand, bis ihm endlich einer der böhmischen Szupane
+die Scheitel mit einem Kolben einschlug, weil er, auf wiederholte
+Aufforderungen, schon halbtodt, aber standhaft, der Wahrheit getreu
+gewesen zu seyn betheuerte. (_Horneck_ Cap. 99.)
+
+[10] Vers 378.
+
+Ottokar ließ den Bruder Milota's, Beneß, Kämmerer von Mähren, dessen
+Tochter er geschändet haben soll, zugleich mit Otto von Meißau im Jahr
+1265 in dem Hungerthurm zu Eichhorn verbrennen. Milota's Haß gegen
+Ottokar, und der Verrath, den er in der Marchfelder Schlacht 1278 an ihm
+beging, soll dadurch veranlaßt worden seyn. (Siehe _Hanthalers_ +Fast.
+Campil. Lib. I. Dec. VII. §. 26.+ S. 1017 und _Fuggers Ehrenspiegel_ &c.
+S. 104.)
+
+
+Sechster Gesang.
+
+[1] Vers 96.
+
+_Odin_, der Gott der Götter, nach der nordischen Mythologie. (Siehe
+_Ryerups Wörterbuch der scandinavischen Mythologie von Sander_,
+Copenhagen 1817.)
+
+[2] Vers 516.
+
+Die Gemahlinn Rudolphs, Anna, verschied zu Wien am 23. Hornung des Jahrs
+1281, von wo ihre Leiche nach Basel abgeführt, und in der Domkirche
+beigesetzt worden ist.
+
+[3] Vers 538.
+
+Daß sowohl Ottokar, als auch Rudolph schon zu ihrer Zeit eine Art
+Pontonsbrücke über Flüsse zu schlagen verstanden, erhellet aus _Hornecks
+Reim-Chronik_ Cap. 92., wo es heißt:
+
+ Chostleichen hiez er machen
+ Von Holczwerich ein Prukken
+ Dew waz von manigen stuckchen
+ Chluegleichen gevalten.
+
+und dann
+
+ Bey der Tunawstaden
+ Do sich das Her vol gelait,
+ Do waz dew Prukken berait
+ Vber die Tunaw weit;
+ Die Prukken muesten alle Zeit
+ Wohl hundert Wegen tragen,
+ Wo des Kunigs Helfer lagen,
+ Da ward nach gesannt &c. &c.
+
+In diesem 92. Capitel ist von der Einnahme des Preßburger Schlosses im
+letzten Krieg Ottokars gegen Ungern die Rede.
+
+
+Siebenter Gesang.
+
+[1] Vers 25.
+
+Ueber Hainburg, und ihre vermeintliche Erbauung durch Attila, siehe oben
+_Anmerkungen zum dritten Gesang_[2] Vers 16.
+
+[2] Vers 110.
+
+Die Sage von der Burgfrau, welche grausam eitlen Sinnes das Blut der
+Kinder vergoß, zeigt auf die Ruinen des Schlosses * * *, an dem rechten
+Waag-Ufer, nicht fern von Trentschin, welches sie bewohnt hat.
+
+[3] Vers 244.
+
+Die Waffe, eine Art kurzer Streitkolben, von welcher hier die Rede ist
+nennt der Unger +Buzogány+, wo der Buchstabe +z+ wie beim italienischen
++zero+ ausgesprochen wird; das +y+ verliert sich aber im Druck der Zunge
+an den Gaumen.
+
+[4] Vers 309.
+
+Die _Zips_ (Zipß), lat. +Scepusium+, eine Gespannschaft in Ober-Ungern
+am Fuße der höchsten Karpathen gelegen, und wohl eines der höchsten
+bewohnten Gebirgsthäler der östreichischen Monarchie, aus welchem nach
+allen Welttheilen bedeutende Flüsse sich ergießen: g'en Westen die Waag;
+g'en Süden die Hernath; g'en Osten die Tarza; g'en Norden die Poprad,
+die in dem angränzenden Polen, mit der Dunajez vereint, in die
+Weichsel fällt. Diese Gespannschaft zeichnet intellectuelle und
+landwirthschaftliche Cultur vor mancher andern Ungerns aus, so, daß viel
+Wohlstand sowohl in den zwei königlichen Städten Leutschau und Käßmark,
+als auch in den XVI. Städten, unter den munteren und fleißigen Bewohnern
+zu sehen ist. Der Verfasser gegenwärtigen Gedichts trennte sich schwer
+von diesem Ländchen, worinn ihm 1819 und 1820 eine ehrenvolle Bestimmung
+geworden war.
+
+[5] Vers 312.
+
+Ueber Katwald und _Inguiomar_ siehe oben die _Anmerkungen zum dritten
+Gesange_ [1] Vers 3.
+
+[6] Vers 474.
+
+Daß die Könige von Ungern, zur Zeit _Hornecks_ wenigstens, in der
+Schlacht nicht selber mitfochten, sondern von einer Anhöhe nur Zeugen
+derselben waren, erhellet aus Cap. 153, wo von der Marchfelder Schlacht
+die Rede ist:
+
+ Kunig Ladißla den jungen
+ Sy furten von Streit dan
+ Auf den Perikch ob dem Plan
+ Da er wol hört und sach
+ Alles daz, daz da geschach
+ Auf dem Veld prait.
+ Ez ist der Vnger Gewonhait
+ Vnd jehent auch offenbar:
+ Ir Kunig sey jn zu achpar
+ Darezu, daz er schull streiten &c. &c.
+
+Auch sagt _Haselbach_ +Chron. Austr. Lib. III. ap. Hier. Pez. T. II.
+Ladislao+, juvene Ungariae, cuncta de monte prospectante; nam Ungarorum
+mos habet, ut Rex propria persona bellum intrare non debeat.
+
+[7] Vers 536.
+
+Die Sitte, des Gegners Heer zum Kampf herauszufordern, und sogar von
+beiden Seiten dazu Tag und Ort zu bestimmen, war den alten Deutschen
+gemein. Ein Beispiel davon findet man auch bei _Horneck_ Cap. 60, wo
+Ottokar den König Bela durch Otto von Meißau zum Kampf auffordert, und
+bald darauf auch Bela den Gegnern sagen läßt, sie sollen sich auf eine
+bestimmte Strecke zurückziehen, damit die Ungern über die March setzen,
+sich aufstellen, und die Schlacht liefern mögen.
+
+[8] Vers 550.
+
+Sowohl bei Horneck, als auch bei den spätern Geschichtschreibern, wird
+Schörlins und seines unbändigen Rosses erwähnt, welches das erste
+Zeichen zur Marchfelder Schlacht gegeben habe.
+
+
+Achter Gesang.
+
+[1] Vers 31.
+
+In der Jägersprache heißt das Bluten des verwundeten Wildes: das
+_Schweißen_; daher die Benennung einer Gattung der Jagdhunde.
+
+[2] Vers 55.
+
+_Tyr_, nach der nordischen Mythologie, der Sohn Odins, des höchsten der
+Götter, und ein Beschützer der muthigen Krieger, soll die einzige
+Gottheit der scythischen Völker gewesen seyn, die ohne Zweifel unter
+einem andern Nahmen bei ihnen in Verehrung stand. Bei seinem Scheiden
+von der Erde soll er sein Schwert in die Erde vergraben haben, welches
+erst später Attila auffand.
+
+[3] Vers 386.
+
+Vor der Schlacht sollen Einige aus dem östreichischen Heere den König
+Ottokar, aus alter Anhänglichkeit, schriftlich vor Untreue der Seinigen
+gewarnt haben; da nun auch die Meißner und Thüringer heimlich aus dem
+Lager abzogen, so habe er sich wehrlos in die Mitte seiner Feldherrn
+gestellt, und sie aufgefordert, ihm die Brust zu durchbohren, ehe noch
+viele Tausende auf dem Schlachtfelde gefallen seyn würden. (Siehe
+_Hanthaler_ +Fast. Camp. T. I. Pars II. Dec. VIII. §. 80.+ +Arenpeckii
+Chron. Austr. ad An. 1278+.)
+
+[4] Vers 428.
+
+Heinrich I. der _Städte-Erbauer_, hat ungefähr im J. 930 die Stadt, und
+das Schloß Meißen an der Elbe erbaut, und ihr von dem Flüßchen, das sie
+eben dort aufnimmt, und Meiße heißt, den Nahmen gegeben.
+
+[5] Vers 459.
+
+Constanzia, Tochter des babenbergischen Leopold des _Glorreichen_, war
+die Gemahlinn Markgrafs Heinrich von Meißen, des Sieghaften, die ihm die
+beiden Söhne Dietrich und Albrecht gebar. Einen von diesen beiden
+verlangten die Stände von Oestreich, nach dem Erlöschen des
+babenbergischen Stammes, und der kurzen Regierung Hermanns von Baden, zu
+ihrem Herrscher, und fertigten von Tuln, wo sie ihre Versammlung
+hielten, Gesandte nach Meißen ab, die hernach der König von Böhmen
+unterwegs aufgehalten, von der Fortsetzung der Reise abgebracht, und
+sich durch Hindeutung auf eine Heirath mit der verwittweten Herrscherinn
+Margareth den Weg zur Erwerbung von Oestreich und der Steyermark
+eröffnet hat.
+
+[6] Vers 473.
+
+Daß die Meißner und Thüringer vor der Schlacht heimlich aus dem Lager
+Ottokars abgezogen seyen, ist geschichtlich. (S. oben _Anmerkung_ [3]
+zum 386 Vers.) Die Ursache dieses Abzugs ist unbekannt.
+
+
+Neunter Gesang.
+
+[1] Vers 71.
+
+Die Krieger, gewöhnlich leichte Reiterei, die vor einem feindlichen
+Heere daherzieh'n, heißen in der bestehenden Kriegssprache:
++Eclaireurs+.
+
+[2] Vers 436.
+
+_Venezia_. Ueber die merkwürdige Eroberung Constantinopels im Jahr 1202
+(also 76 Jahre vor der Marchfelder Schlacht) durch vorzügliche
+Mitwirkung des 90jährigen Greises, Heinrich Dandolo, Doge von Venedig,
+siehe Raumers Geschichte der Hohenstaufen III. B. und Daru's Histoire de
+Venise I. Der Sänger Rudolphs von Habsburg wollte hier, jener herrlichen
+Stadt, der einstigen Königinn des adriatischen Meeres, deren Andenken
+ihm auf immer theuer bleiben wird, dankbar erwähnen.
+
+[3] Vers 600.
+
+_Al-rune_. _Runen, Runenschrift_, ein den alten Germanen und
+Scandinaviern eigenes Alphabet, nach welchem im nördlichen Deutschland
+noch einige Denksteine beschrieben gefunden werden. Wahrscheinlich
+hatten sie selbes von den Phönikern erhalten, und was sich davon hie und
+da auf verwittertem Gestein vorfand, diente in späterer Zeit zu manchen
+vorgeblich zauberischen Künsten, das Schicksal der Menschen von den
+Nornen, den Schicksalsgöttinnen, zu erfragen. Diese drei schönen
+Jungfrauen, heben sich stets aus Mimers Brunn, der himmlischen Quelle,
+herauf bei welcher die Götter Rath halten, und ihre Urtheile offenbaren,
+und heißen: Urda, Werandi, Skulda: _Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft_.
+(_Ryerups scandinav. Mythol._ &c.)
+
+
+Zehnter Gesang.
+
+[1] Vers 35.
+
+_Rheinau_, +Augia major+, ein kleines Städtchen zwischen Schaffhausen
+und Eglisau, wo eine Brücke über den Rhein führt. Dort befand sich
+vormals ein reiches Benedictiner-Stift, das Funtan der Heilige, aus dem
+königlichen Geblüt Schottlands, erbaut haben soll, da er aus höherer
+Eingebung einen Platz dazu suchen mußte, wo der Rhein _nach Osten_
+fließt, und solcher an dieser Stelle allein gefunden wird. +Stumpf.
+Schw. Chron. p. 360.+
+
+[2] Vers 84.
+
+_Hartmann_, der jüngste der Söhne Rudolphs, ertrank, mit noch andern
+dreizehn Jünglingen, adeligen Geschlechts, am 20. Dezember des Jahrs
+1280, im achtzehnten seines Alters, als er mit selben den Rhein
+hinabfuhr, und das Schiff bei Rheinau von dem Grundeis umgestürzt wurde.
+-- Seine Leiche ward nach Basel geführt, und im dortigen Münster
+begraben.
+
+[3] Vers 138.
+
+_Woldan_ hieß ein Raubritt, den öfters der oberste Anführer eines im
+Krieg begriffenen Volks, mit einer Schar Freiwilliger, in dem Lande des
+Feindes, Beute zu holen, unternahm. Bei der Belagerung Peterlingens
+forderte Rudolph sein Volk zu einem solchen Woldan auf; er streifte bis
+gen Lausanne, und es heißt da;
+
+ Si namen da so viel
+ Daz Ich fürwar sagen wil,
+ Daz in langer Zeit
+ Nahent, noch weit,
+ Nie wart geritten noch gethan
+ Ain so schedleicher Woldan.
+
+ (Horneck R. Chr. C. 319.)
+
+[4] Vers 140.
+
+_Iwan von Günß_ (Sohn des Grafen Heinrich) empörte sich erst gegen
+seinen eigenen König, fiel dann, häufig plündernd, auch in Oestreich und
+Steyermark ein, und verübte unzählige Grausamkeiten. Im Jahr 1286 schlug
+er den gegen ihn gesandten Abt von Admont; später auch Herman von
+Landenberg, der sich ihm mit seinen östreichischen und steyerischen
+Kriegern ergeben mußte. Herzog Albrecht, von Truppen entblößt, verschloß
+sich in Neustadt, und ging sogar den Vertrag von Hainburg ein, vermöge
+welchem die Gefangenen ausgewechselt, und in einem Krieg mit Ungern sie
+sich beide gegenseitige Hülfe leisten sollten. Iwan setzte seine
+Verheerungen in Oestreich bald wieder fort, bis endlich im Jahr 1280 ihn
+Albrecht mit starker Macht bekriegte, ihm Oedenburg nebst vielen andern
+Vesten, Burgen und Märkten abnahm, und ihn endlich, nach einer
+hartnäckigen Belagerung, in Günß bezwang. Ueber diese Belagerung siehe
+_Horneck R. Chron._ von Cap. 312 bis 315.
+
+[5] Vers 228.
+
+Ueber dieses historische Faktum siehe Fugger _Ehrenspiegel_ S. 75. Cap.
+VIII.
+
+[6] Vers 236.
+
+_Antwerk_ war ein Wurfgeschütz, aus welchem Steine von bedeutender
+Schwere, ja auch zuweilen Schwefelfeuer nach den Erkern, und auf die
+Häuser der Veste geworfen wurden. (Ueber diese und die folgenden
+Kriegswerkzeuge des Mittelalters, siehe: _Schachts vortreffliches Werk
+über Hornecks Reim-Chronik_, Mainz 1821, S. 388.)
+
+[7] Vers 238.
+
+_Katzen_ nannte man die mit Erde gedeckten Werke, welche inwendig mit
+Stoßbäumen versehen, nach Ausfüllung der Gräben, bis an die Mauern
+vorgeschoben wurden, und gegen welche man sich durch Minen, und
+Geschosse von den Mauern herab, zu wehren suchte. S. oben.
+
+[8] Vers 245.
+
+_Ebenhoch_ hießen eine Art Thürme, die, wahrscheinlich auf Rädern, an
+die Mauern geschoben, verschiedene Geschosse in die Veste zu schleudern,
+dienten. Ihr Nahme zeigt, daß sie hoch genug waren, um das Innere der
+ummauerten Städte und Vesten übersehen zu können. S. oben.
+
+[9] Vers 297.
+
+Dem Verfasser der berühmten _Reim-Chronik_, die zuerst von dem gelehrten
+Benediktiner von Melk, _Hieronymus Pez_, im Jahre 1745 zum Druck
+befördert ward, hat Lazius +Comment. Geneal. p. Auster.+ 233 außer dem
+Nahmen _Ottakcher_ (Ottokar), den er sich selber R. Chr. Cap. 177
+beilegt, unbekannt aus welcher Quelle, auch den von _Horneck_,
+aufgefunden. Er lebte unter _Rudolphs_ I. und _Albrechts_ I. Zeiten; war
+in Steyermark geboren; hatte den berühmten Meistersänger Kunrad von
+Rotenberg, der vorher an Manfreds Hofe lebte, zum Lehrmeister; stand,
+man weiß nicht, in welcher Eigenschaft, im Gefolge Ulrich und Otto
+Lichtensteins; wohnte der Marchfelder Schlacht 1278 bei, und starb erst
+nach dem Jahr 1309, da er noch von dem Aufruhr einiger aus dem Adel, und
+der Wiener Bürger, gegen _Friedrich den Schönen_ spricht, und damit sein
+Werk beschließt. Die _Reim-Chronik Hornecks_, die mit dem Tode
+_Friedrichs_ II. röm. Kaisers beginnt, und um das Jahr 1309 der
+Regierung _Friedrich des Schönen_ endet, enthält über 83,000 kurze
+gereimte Verse in 830 Capiteln.
+
+Ein anderes noch ungedrucktes Werk Hornecks: _Von den Monarchen und
+Kaisern der Welt bis auf Friedrich II. röm. Kaiser_, in ähnlichen Versen
+verfaßt, ist im Besitze der k. k. Hofbibliothek zu Wien. (Siehe die
+Vorerinnerungen des Hieronymus Pez zu Hornecks Reim-Chronik in seinem
+Werke: +Scriptores rerum Austriacarum III.+ Band; und obiges treffliche
+Werk: _Aus- und über Ottokars von Horneck Reim-Chronik_, von Th.
+Schacht, Mainz 1821.)
+
+[10] Vers 305.
+
+Ulrich von Lichtenstein, aus der steyerischen Linie der Lichtensteine --
+ein trefflicher Ritter und Minnesänger zugleich, der die beiden
+merkwürdigen Gedichte: _Frauendienst_, und: _Ytwitz oder der Frauen
+Puech_, verfaßte, mag kurz vor der Marchfelder Entscheidungsschlacht
+gestorben seyn. Das erstere Werk enthält ein prächtiger Codex in
+München, und wurde herausgegeben durch Ludwig Tieck. Stuttgart und
+Tübingen in der J. G. Cotta'schen Buchhandlung 1812. Das zweite befindet
+sich in der Ambraser Sammlung zu Wien, Bl. 220-225 noch ungedruckt. (S.
+die Beschreibung Primißers -- Seite 279.)
+
+
+Eilfter Gesang.
+
+[1] Vers 38.
+
+_Siehe oben Anmerkungen_ zum _dritten Gesang_ [8] Vers 308.
+
+[2] Vers 73.
+
+Was hier von den Vorbereitungen zur Schlacht, als: von der Feier des
+Abendmahls im Lager; von der Beicht' und Communion, und weiter unten:
+von dem Mustern der Gurt' und Steigbügel; von den Aufträgen, welche die
+Ritter im Fall, daß sie dem Feinde erlägen, an ihre Daheimgebliebenen
+den Knappen ertheilen; von dem Zusammenhalten der Freunde in der
+Schlacht u. s. w. gesagt wird, ist durchaus der damaligen Rittersitte
+gemäß, und in Hornecks _Reim-Chronik_ Cap. 147, 329, 330 und 530
+begründet.
+
+[3] Vers 135.
+
+Die ausgezeichnetsten Ritter wetteiferten um den Vorzug, das
+Hauptbanner, oder die Sturmfahn, dem Herrscher selber in der Schlacht
+vorzutragen. Horneck _Reim-Chronik_ C. 148.
+
+[4] Vers 181.
+
+Ueber die Sitte, sich gegenseitig die Schlacht anzukündigen, und dazu
+Tag und Stunde zu bestimmen, siehe oben _Anmerkung zum siebenten
+Gesange_ Vers 536. [[Anm. 7.7.]]
+
+[5] Vers 184.
+
+Im Jahr 1289 überzog Kaiser Rudolph den Herzog von Burgund mit Krieg,
+eroberte Mömpelgard, und zwang ihn zum Frieden. Vor der Schlacht sandte
+er einen Bothen mit der Frage an ihn: »ob er zum Streiten bereit sey?«
+und der Herzog ließ ihm sagen: »er seye darum hergekommen.« (Siehe
+_Horneck Reim-Chronik_ C. 329.)
+
+[6] Vers 211.
+
+Den Ritterschlag auf Schild und Schwert ertheilte Rudolph also vor der
+Schlacht: S. _Horneck_ R. Chr. C. 149.
+
+[7] Vers 542.
+
+In den Gebirgsthälern Tirols, Steyermarks und Oestreichs, ist das
+sogenannte _Scheibenschießen_ eine beliebte und mitunter nützliche
+Unterhaltung des Volks. _Zu Hauptschießen_ werden von nahe und ferne die
+Schützen geladen: das _Kreisschießen_ ist das gewöhnliche an Sonn- und
+Festtagen; das _Beste_, ist der Preis dessen der den besten Schuß
+gethan.
+
+
+Zwölfter Gesang.
+
+[1] Vers 54.
+
+Ueber diesen Klaggesang Hornecks siehe dessen _Reim-Chronik_ Cap. 163
+und 164. Hier nur Einiges aus demselben:
+
+ Sieh Welt aller Untrew Chron,
+ Daz ist auch ainer deiner Lon!
+ -- -- -- -- -- --
+ Auf der Erden lag er par
+ Sein eigen Pluts naz.
+ Wo waren die Matraß,
+ Und die gulter Seydein,
+ Darauf er sollt gelegen sein?
+ Wo waren die ihn sollten chlagen?
+ Von Mannen und von Magen, (Anverwandte)
+ Pelieb er Trostes frey.
+ Wo waren Erzt und Erzeney,
+ Damit man seine Wunden
+ Solt han gepunden?
+ -- -- -- -- --
+ Er hat so viel Guts,
+ Wer er gewesen des Muts,
+ Daz er tegleich wolt
+ Von edlem Gestain und Gold
+ Haben tragen Kleider an,
+ Daz hiet er wol getan.
+ Dez liez er ihm so gar zerrinnen
+ Daz man im muest gewinnen
+ Ain Graz, daß man ihn mit pedackt,
+ So gar pelieb er nakht.
+ -- -- -- -- -- --
+ Ungetrev Welt, die spielt
+ Du von im so gar,
+ Daz aus dainer Schar
+ Im Niempt volgt nach.
+ -- -- -- -- -- --
+ Sieh Welt daz ist dein Sold.
+ We im! der dir ist hold
+ Und We im den du trewtest.
+ Mit dem Mund du im pewtest
+ Honig an dem Anwang,
+ Und hechst als ein Gift-Slang
+ An dem End -- --
+ -- -- -- -- -- --
+ Wer nicht will Gottes Haz
+ Und seinen Zorn leiden,
+ Der muß die Welt vermeiden.
+ Dann die Werich, die sy geert
+ Die sind vor Gott unwert.
+ Dez vermaid nit der wakcher
+ Von Pehaim Kunig Ottakher:
+ Wann er vollfurt mit Gelust
+ Der Welt Achust, (unordl. Begierden und Laster.)
+ Und rang hier also ser
+ Nach der zergenklichen Er,
+ Daz er sich dez nicht liez befillen
+ Damit er nach irm Willen
+ Möcht gewerben, und geleben,
+ Daz sol im Gott vergeben!
+
+[2] Vers 209.
+
+Die Stephanskirche, nachdem sie vorher zweimal abgebrannt war, hat
+Ottokar beinahe in derselben Gestalt, wie sie noch heut' zu Tage zu
+sehen ist, während er über Oestreich herrschte, hergestellt.
+
+[3] Vers 347.
+
+Daß Rudolph den König Ladislav adoptirt habe, meldet auch Fugger I. Buch
+12. Cap. S. 101.
+
+[4] Vers 401.
+
+Die Belehnung Albrechts mit Oestreich, Steyer, Krain, der Windischmark
+und Portenau geschah eigentlich zu Augsburg während des Reichstags
+daselbst im Jahr 1282, wo, im sogenannten _Frohnhof_, ein kaiserlicher
+Thron, umgeben von den Churfürsten und Fürstensöhnen, zu sehen war, und
+die Feierlichkeit nach denen, von Friedrich I., Heinrich IV. Friedrich
+II. ertheilten Privilegien geschah.
+
+
+ * * * * *
+ * * * *
+ * * * * *
+
+
+Druckfehler:
+
+Rechtschreibeformen in -lll- (_allletzter_, _hellleuchtend_) sind
+ungeändert.
+
+ 1. Gesang
+ Des Friedens erwähnst du? [ererwähnst]
+ »daß es also gescheh'n wird!« [_« aus 1827 Auflage ergänzt_]
+
+ 2. Gesang
+ Manches Helden Gebein', auch Friedrichs ... [Fiedrichs]
+ stets in deinem Geschlechte noch dauern.«[7] [_« 1827_]
+ und waldumsäumtes Gehöftland; [waldumsaumtes]
+
+ 3. Gesang
+ ein trefflicher Stürmer!« [_« 1827_]
+
+ 4. Gesang
+ und nahten ihm, grüßend mit Ehrfurcht. [grußend]
+ Wahrlich vor Kummer das Herz um den treugesinneten Helden.«
+ [_hier und anderswo fehlt das zweite «_]
+ hoben den Helm von dem Haupt', und empfiengen [_ungeändert_]
+ »Euch entbiethet zuvor [_»,Euch« mit einfaches Anführungszeichen_]
+ der letzte der Kämpfe gewähret!« [gewahret]
+
+ 8. Gesang
+ Heinrich, dem Hort der Baiern [_ungeändert: anderswo »Bayern«_]
+ Draußen am Lagerrand, vor allen dem feindlichen näher
+ [_»naher«; aber vielleicht »nahe« wie in 1827_]
+
+ 9. Gesang
+ Drüben der Wunderstadt, Venezia,[2] [_[1] statt [2]_]
+ die Feinde, sie fliehen!« [_« 1827_]
+ die Alrune,[3] [_[4] statt [3]_]
+
+ 10. Gesang
+ Sie zu vollbringen dereinst. [_« fehlt hier?_]
+ Retter zu seyn Unglücklicher!« [_« 1827_]
+
+ 11. Gesang
+ O so sprich: »Treu bis in den Tod ihr weiht' ich das Leben!«
+ [_zweites « fehlt_]
+ Nun die Schützen Tyrols [Schützens]
+ den schwer zu erklimmenden Höhen [erglimmenden]
+
+
+ Anmerkungen:
+
+ [Einige Anmerkungen, wie 2.5, 3.8, 9.2, und das Dicht in 12.1, sind
+ scheinbar nach Pyrkers Tod eingefügt.]
+
+ 1.
+ Gerard. Roo Hist. Austr. Lib. I.) [_) fehlt_]
+ [_eigentlich Gerard de Roo_]
+ von dem babenbergischen Leopold VII. [_. fehlt_]
+
+ 2.
+ gewährt einen ergreifenden Anblick. [_. fehlt_]
+
+ 3.
+ Uladislav II. [_ungeändert_]
+
+ 5.
+ noch viel weiter erstrecken.« [_« fehlt_]
+ (Siehe _Hanthalers_ ... [_( fehlt_]
+
+ 6.
+ Wohl hundert Wegen tragen, [_»hunbert«; 1827 »hundert«_]
+
+ 7.
+ [8] Vers 550. [_[5] statt [8]_]
+
+ 12.
+ Privilegien geschah. [_. fehlt_]
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Rudolph von Habsburg., by Ladislav Pyrker
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RUDOLPH VON HABSBURG. ***
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+Creating the works from public domain print editions means that no
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+works. See paragraph 1.E below.
+
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+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
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+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
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+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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