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An- und +Abführungsstriche aus dem Original wurden durch »Guillemets« +ersetzt, und die einfachen Anführungsstriche haben die einfachere +'Schreibmaschinenform'. + +Die Schreibeform »&c.« (»usw.«) war als Frakturzeichen (nicht in UTF-8 +bzw. Latin-1 erhältbar) gedruckt. Folgende Zeichen sind für die +verschiedene Schriftformen benutzt: + + _gesperrt_ + +antiqua+ + =fett= + +Druckfehler und Unregelmässigkeiten stehen am Ende des Textes.] + + + + + [Abbildung: + Pyrker. + J. Bucher gez. / Stahlstich v. V. Froer. + Rudolph von Habsburg.] + + + + + Johann Ladislav Pyrker's + + SÄMMTLICHE WERKE. + + Neue durchaus verbesserte Ausgabe. + + Zweiter Band. + + + Stuttgart und Tübingen. + _J. G. Cotta'scher Verlag._ + 1855. + + + + + Buchdruckerei der J. G. _Cotta_'schen Buchhandlung in Stuttgart + und Augsburg. + + + + + Rudolph von Habsburg. + + Ein Heldengedicht in zwölf Gesängen. + + + + +=Inhalt der zwölf Gesänge.= + + +=Erster Gesang.= + +Eingang. Drahomira entfährt der Hölle, sich an Ottgar zu rächen. Er +lagert vor Dürnkrut. Aufzählung der böhmischen Völker. Ottgar im +Kriegsrath mit seinen Feldherrn. Kunegunde, von Drahomira empört, +erfüllt ihn mit unversöhnlicher Rachgier. Meinhard von Görz, und +Lichtenstein, die Gesandten Rudolphs, kommen, ihm Frieden zu biethen, +und zugleich, als sie ihn zum Turniere laden, um die Hand seiner Tochter +für Rudolphs Sohn zu frei'n. Wallstein, Ottgars Liebling, trägt +heimliche Liebe zu ihr. Ottgar entläßt die Gesandten mit zweifelhaften +Worten. Beschließt den Kampf. Gesichte der Zukunft. + + +=Zweiter Gesang.= + +Rudolph zieht seinem Sohn Albrecht bis Lilienfeld entgegen. Besteigt die +Alpenhöhen, wo ein frommer Klausner ihm seines Hauses künftige Größe +verkündet. Schlägt Müller, den Zürcher, zum Ritter. Sonnenaufgang, und +herrliche Aussicht. Albrecht nah't von Zell heran, und stellt dem +Kehrenden die Schweizer- und die schwäbischen Scharen vor. Er zieht mit +ihnen g'en Wien. Hedwig. + + +=Dritter Gesang.= + +Marbod, einst König der Markmannen, und ein jetzt dem Kaiser gewogener +Geist, eröffnet dem Feldherrn Hugo von Tauffers, in einem Traum, den +Verrath, den Waldram, Bürgermeister zu Wien, an dem Kaiser sinnt. +Rudolph kommt mit seinen Scharen heran, und nimmt an der Wien von seiner +Gemahlinn Abschied. Sendet Hugo von Tauffers an den König der Ungern, +Ladislav. Ernennt an dessen Stelle seinen Sohn, Hartman, zum +Festungsgebiether, und eilt in das Lager am Tabor. Aufzählung seiner +Völker. Hugo von Tauffers im Lager der Kumanier und Ungern. Diese setzen +die March herüber. + + +=Vierter Gesang.= + +Morgen. Turnier am Tabor. Von Drahomira erregt, höhnt Wallstein Hartman, +Rudolphs Sohn; kommt unerkannt in schwarzer Rüstung Ottgar heran; +widersteht ihrer Einflüsterung, den Kaiser zu morden; ersticht Hartmans +Roß; wirft den Fehdehandschuh Rudolph, zum Kampf auf Tod und Leben, hin, +und entflieht im schrecklichen Donnergewitter. + + +=Fünfter Gesang.= + +Ottgar gebiethet in der Nacht dem Heere den Aufbruch, dem er mit +schwachem Geleit folgt. Aus dem Hinterhalt fallen ihn die Kumanier an. +Er schlägt sich mit Wallstein durch. Milota führt ihn auf Irrwegen von +dem Heer ab, und quält ihn mit Rückerinnerungen verübter Frevelthaten. +Von Drahomira bethört, hält Wallstein um die Hand seiner Tochter an. Er +mißhandelt ihn. + + +=Sechster Gesang.= + +Czernin dringt, mit Waldram verstanden, in der Mitternachtsstunde, an +der Spitze einer Schar Böhmen in die Veste Wien ein, als Hartman eben +wegen der schwerkranken Mutter sich nach dem Kahlenberg begab. Ihm, und +den Aufrührern, setzen sich die Schweizer standhaft entgegen. Der Kaiser +zieht, auf Marbods Wink, mit Hugo von Tauffers vor die Thore. Hartman +sprengt herbei, und tödtet Waldram; worauf die Böhmen sich eilig wieder +über die Donau zurückzieh'n. Hugo abermals zum Festungsgebiether +ernannt. Tod der Kaiserinn. Todtenfeier und Begräbniß. Der Kaiser sendet +Albrecht nach Heunburg, eine Brücke über die Donau zu erbauen. Hartman +eilt nach dem Rhein fort. + + +=Siebenter Gesang.= + +Der Kaiser setzt mit dem Heere bei Heunburg über die Donau, und rückt +g'en Marcheck vor. Wallstein, dem Wahnsinn nahe, tödtet einen seiner +Krieger. Der Kaiser entläßt ihn schonend. Kaduscha, ein Führer der +Kurmanier meldet ihm die Nähe des Königs, und die Sendung des Geschenks +mit den Köpfen der, im nächtlichen Ueberfall, getödteten Böhmen. Der +Kaiser sendet Schwarzenberg dem König entgegen, und heißt ihn, jene +begraben zu lassen. Die Geister: Marbod und Inguiomar auf Rudolphs, und +Katwald auf Ottgars Seite. Zusammenkunft Rudolphs mit dem König +Ladislav. Ottgar rückt mit dem Heer' an. Der Kaiser stellt seine Völker +in Schlachtordnung. Marbod treibt Schörlins Roß gegen die Böhmen. Der +Kampf beginnt. Ottgar tödtet in der Vorhuth zwei Trautmansdorfe. +Pfannberg wird verwundet. Die Steyrer weichen. Der Kaiser hält die +Flüchtenden vor Marcheck auf. + + +=Achter Gesang.= + +Nacht. Von Drahomira verleitet, setzt Wallstein, mit kumanischen +Kriegern vereint, ein Städtchen in Mähren in Brand, und tödtet einige +böhmische Reiter. Kommt zu sich. Eilt in das Lager Rudolphs, und +erbiethet sich, Ottgarn heimlich zu tödten. Der Kaiser heißt ihn reuig +zu Jenem zurückkehren. Drahomira drängt ihn umsonst, den schlummernden +König zu morden. Er fällt in sein eigenes Schwert. Drahomira fährt zur +Hölle. Wallsteins Grab. Der Kaiser stellt in der Morgendämmerung sein +Heer in Schlachtordnung. Ottgar, in Gram versunken, säumt. Ernennt +Milota zum Anführer des Haupttreffens. Worauf die Meißner und Thüringer +von seinem Heer heimlich abziehen; so auch Kunring. Doch Ottgar +gebiethet den Angriff. + + +=Neunter Gesang.= + +Morgen. Der Kaiser verschiebt die Hauptschlacht auf den folgenden Tag. +Sendet Trautmansdorf mit seinen Söhnen, es Ottgarn kund zu thun, und ihm +nochmals Frieden zu biethen. Dieser wird von ihm schnöde abgefertigt. +Von den feindlichen Reitern gehöhnt, kehren fünf seiner Söhne, kämpfen, +und fallen. Der Kaiser stellt sein Heer dem anstürmenden Feind, vor des +Lagers Wall, entgegen. Angriff, und hartnäckiger Kampf. Milota tödtet +die beiden Führer Berchtold und Col von Seldenhofen. Capellen entflammt +die Oestreicher. Die Mährer weichen. Katwald ermuntert den Herbot von +Füllenstein, daß er vor Allen auf den Kaiser eindringe. Meinhard, Graf +von Görz und Tyrol, ringt gegen die Bayern und Sachsen, und erlegt den +Feldherrn Czernin; Heunburg den Markgrafen Pfeil, Feldherrn der Sachsen. +Da dringt Herbot von Füllenstein auf den Kaiser los, und ersticht ihm +das Pferd unter dem Leib. Sechs Trautmansdorfe kämpfen um ihn herum, und +fallen. Der Kaiser reißt Herbot mit dem Speere von dem Pferd herunter, +und macht ihn gefangen. Heißt dort Albrecht mit den Schweizern +vordringen, hier Matthias von Trentschin mit den Ungern dem Feind' in +die Seite stürmen. Lobkowitz ruft Ottgar auf, daß er mit ganzer Macht +sich auf den Feind werfe. Er gibt ihm kein Gehör. Auf den Ruf »die +Feinde fliehen!« weichen seine Völker, und er führt sie bis Dürnkrut +zurück. Der Kaiser lagert vor Ebenthal. Nacht. + + +=Zehnter Gesang.= + +Hartman ertrinkt in dem Rhein. Der Kaiser hält mit seinen Feldherrn erst +Kriegsrath; dann die Abendmahlzeit. Horneck der Sänger tritt ein, und +singt die fromme Handlung des Kaisers, als er dem Priester sein Roß +both. Entläßt die Feldherrn. Dem Entschlummerten erscheint sein Sohn +Hartman. Ottgars Abschied von Kunegunden. + + +=Eilfter Gesang.= + +Morgen. Schlachtordnung der Böhmen. Der Kaiserlichen. Gottesdienst. +Vorbereitung zur Schlacht. Die Ritter buhlen um die Ehre, die Sturmfahne +zu tragen. Ottgar, von Katwald erregt, nah't mit seinem Heer. Hundert +Zürcher erhalten vom Kaiser den Ritterschlag. Trautmansdorfs letzter +Sohn fällt. Die Kumanier stürmen sonder Ordnung. Lobkowitz bringt sie +und die Steyrer, zum Weichen. Verstärkter Angriff. Die Kaiserlichen +allenthalben zurückgedrängt. Der Kaiser steigt vom Pferd, bethet zum +Himmel, und macht ein Gelübde. Ein Unsterblicher stärkt ihn, und heißt +die Geister entflieh'n. Erneuerter Kampf. Albrecht, sein Sohn, trägt ihm +die Kreuzesfahne vor. Nach schrecklichem Gewürg', wo, mit den Rittern, +die Schweizer und Schwaben entscheidend vordringen, weicht Ottgar auf +den Spannberg zurück. Heißt Milota mit dem Nachhalt vorgeh'n. Allein +dieser flieht, ihn höhnend, mit seinen Scharen vom Schlachtfeld. Letzter +mörderischer Kampf. Ottgar von den Merenbergern vom Pferde gestochen. +Sein zerstreutes Heer bis g'en Laa verfolgt. + + +=Zwölfter Gesang.= + +Ottgars Leiche wird in der Nacht auf einen Trauerwagen gehoben. Hornecks +Klaggesang. Des Kaisers Einzug in Wien. Dankgebeth. Der Wagen mit +Ottgars Leiche nah't. Lobkowitz führt dessen Sohn Wenzel herbei, daß er +um selbe flehe. Der Kaiser entläßt sie. Endet seinen Siegeseinzug in die +Burg. Nimmt den König Ladislav, und Wenzel an Sohnes statt an, und +verheißt diesem seine jüngste Tochter Gutha. Belehnt seinen Sohn +Albrecht mit Oestreich, und zieht sich dann in das Trauergemach, wo die +Kaiserinn starb, zurück. + + + + + Erster Gesang. + + + Tön', o Heldengesang, von den schmetternden Kriegesdrometen + Wieder geweckt, von Rudolph nun, dem Kaiser der Deutschen, + Der obsiegend der Macht des Böhmenköniges, Ottgar, + Wahrte die Rechte des Reich's, und, kehrend vom blutigen Schlachtfeld, + Gründete Habsburgs Thron an den Ufern der mächtigen Donau, + Seinem Geschlechte zum Ruhm, und unzähligen Völkern zum Segen! + + Wer empörte sofort, nach dem jüngsterrungenen Frieden, + Wieder die Fehd' und das Grau'n der menschenvertilgenden Feldschlacht? + Ein unseliger Geist, _Drahomira_.[1] Die Herrscherinn Böhmens + War sie, und noch ist ihr Nahme mit Schauder genannt in dem Land dort: + Denn Wratislav, dem christlichen Fürsten, vermählet als Heidinn, + Trug sie den Christen Haß in der schrecklichen Brust, und verfolgte + Sie mit Feuer und Schwert. Sie waffnete selbst den Erzeugten, + Boleslav, daß er Wenzel ermorde, den eigenen Bruder, + Weil er dem Heiland getreu, festhielt an dem heiligen Glauben, + Und verübt' auch sonst an dem Volk' entsetzliche Frevel: + Zaubergewaltig, ergeben dem Trug der Hölle -- der Schwarzkunst; + Bis urplötzlich die berstend' Erde zu Prag, am Hradschin, sie, + Lebend, verschlang. Noch jüngst ausspie der klaffende Felsen + Dort bald finsteren Rauch, bald bläuliche Flammen: denn oft kam + Noch in der Neumondsnacht (so heischt' es die Sag') ihr zu opfern, + Mancher, vom Wege des Heils Verirrter, dahin, und Verdammniß + Ward ihm zu Theil. D'rum hieß, als früher geweihetes Wasser + Sprengte der Priester umher, und stehende Worte zu Gott rief, + Ottgar füllen den Zauberschlund mit dem lastenden Felsblock + So, daß auf immer verhüllt die Spur des unseligen Raum's sey. + + Unten im Höllenpfuhl, der außer des kreisenden Weltalls + Gränzen sich noch unendlich erstreckt, erhob Drahomira + Jetzt, verwundert, ihr Haupt, und sprach wuthfunkelnden Blickes: + »Ha! wie kommt es, daß heut der betäubende Rauch, und die Flamme, + Die ich genährt in dem Schlund', + in welchem ich schrecklichen Tod fand, + Qualmend herab sich wälzt, und keiner der Sterblichen seither, + Opfernd vor ihm, die Schar der Unseligen mehrt in dem Pfuhl hier? + Meister, ist dir's genehm, daß ich eile hinauf nach des Erdballs + Fluren, und forsche, wie solches gescheh'n? Bald öffnet Verführten + Wieder der Schlund sich weit; ich sende sie, dir zu Gefallen!« + Sagt' es, und blickte nach Satan hin, der, riesengestaltet + Saß auf dem glühenden Thron', und die furchtbarn Augen zum Boden + Heftete, so die unendliche Qual des zerrissenen Herzens + Durch empörenden Trotz und erheuchelte Ruhe zu bergen; + Aber umsonst: denn nimmer birgt er das innere Weh' mehr, + Das von der finsteren Stirn' und den zuckenden Wangen sich kund thut. + Nicht erhob er auch jetzt den Blick von dem Boden: er winkte + Nur mit dem Haupt, daß die Höll' erzitterte, jener den Beifall: + Alsbald fuhr sie in brausender Hast von dem schrecklichen Wohnsitz + All der Unseligen auf, und nahte dem Lande der Böhmen. + + Kaltverachtenden Blicks gewahrte sie dort auf den Fluren + Reiches Gedeih'n, und rings die freundlichen Städt' und die Dörfer; + Aber vor allen, am Moldaustrom' erglänzend die Hauptstadt, + Praga, im lieblichen Reiz erst jüngstentfalteter Blüthen. + Sieh', und ein Pilger kam vom Gelobten-Lande gezogen, + Der vor Jahren die Heimath verließ! Er blickte mit Staunen + Lang' um sich her: da naht' ihm, lächelnd, ein Greis, und im Beiseyn + Jener Verworf'nen zugleich, die ihm leis' aufhorchte, begann er: + »Fremdling, suchst du den Mann, der hier ein Eden erschaffend, + Wie durch Wundergewalt das Leben der Menschen verschönt hat? + Nun ist er fern: denn wiss' es, der Held und erhabene König, + Ottgar, streute mit Liebe die Saat, und ihm reifte zum Segen + Wohlstand unter dem Volk' in des Landes erfreuender Schönheit. + Auch erlagen die Gegner ihm stets, und es kündiget allwärts + Seines Nahmens Unsterblichkeit der herrlichste Siegsruhm. + Dennoch hielt er so gern in der dunkelen Scheide das Eisen, + Frieden ersehnend, zurück, und entblößt' es auch jetzt, nur gezwungen, + Gegen des streitbarn Rudolphs Macht. Er wird sie für immer + Bändigen: denn er zog, gar furchtbargerüstet, zum Kampf' aus. + Ach, ihn drängte zum Friedensbruch Kunegunde, die Gattinn! + Grimmvoll ist ihr Gemüth, und ihr Herz verwildert durch Herrschsucht, + Die ihm das Böse vergilt, das er Margarethen, der frommen,[2] + Einst als Gatt' erwies! Dieß Eine verdunkelt den Hochglanz + Seines Ruhms: ihn lenket ein Weib, das, Böhmen zum Jammer, + Selbst Drahomiren gleich, der Unheilstifterinn, wüthet, + Die für den schnöden Gewinn: zu gebiethen des Himmels Gewittern; + Auf den Flügeln des Sturms einher zu fahren im Luftraum, + Oder unsichtbar Menschen zu nah'n -- zu schau'n, und zu horchen + Dort in dem traulichen Kreis' der Versammelten, und zu verderben + Alle, die auch mit lispelndem Laut, mit umschauendem Blick nur + Ihrer gedacht, und tadelnde Worte gesprochen: für solches + Hatt' einst diese verkauft die unsterbliche Seele der Hölle; + D'rauf noch Schuld gehäufet auf Schuld, bis schrecklicher Tod ihr + Macht und Leben entriß, und die Böse dem Bösen gesellte, + Als urplötzlich die berstend' Erde zu Prag, am Hradschin, sie, + Brausend, verschlang: zur Strafe der wildumtobenden Blutgier, + Frevelnden Götzendienst's, und schrecklicher Christenverfolgung. + Aus dem furchtbarn Schlund aufquoll noch in unseren Tagen + Finsterer Rauch; doch Ottgar barg ihn, den Menschen zur Rettung, + Die, vom Satan bethört, leichtgläubigen Sinnes, ihr nächtlich + Opferten, dort ihr Geschick in kommender Zeit, zu erfragen, + Oder sich trüglichen Glücks zu erfreu'n zu unendlichem Jammer.« + Sagt' es, und ging. Da flog, von der Schmähung empört, Drahomira + Ihm auf dem Heerweg nach, und haucht' ihm Gift in das Antlitz: + Alsbald stand er, erbleicht, und sank, vergehend, zusammen -- + Lag, und stöhnte vor Schmerz, bis endlich der Zauber entfloh'n war. + + Aber sie starrete jetzt, tiefsinnend, und sonder Bewegung + Wie der Aar, der erst die mächtigen Flügel geschlagen, + Regungslos hinschwebt in der bläulichen Luft, in des Schlundes + Grauen hinab. Das Aug' ihr rollete wild in den Kreisen; + Knisternd sträubt' ihr Rabenhaar sich empor von der Scheitel, + Und voll Grimms erzitterten ihr die Lippen; sie sagte: + »Ottgar, Fluch sey dir! Du vernichtest des felsigen Schlundes + Zaubergewalt, die Viele nach mir in's Verderben hinabriß? + Gläubig nahten ihm oft die Verblendeten, welche, des Schicksals + Dunkeln Pfad zu erkunden, auf ihm, des dräuenden Himmels + Warnung zum Trotz, der drückenden Last des Lebens entledigt, + Gerne für trügliches Erdenglück das ewige böthen. + Aber von diesem verbannt durch eisernrichtenden Machtspruch, + Sollt' ich den glühenden Durst nach Rache, durch Trug und Verblendung, + Ich nicht löschen am Volk, das, gläubig, der Täuschung sich hingab? + Trost ist's, wenn in der Brust der Unseligen solchem noch Raum blieb, + Mit in dem ähnlichen Jammergeschick die Gefährten zu sehen. + Wie, du entziehst, ein Thor, durch höhnenden Frevel auch die mir? + Ha, dir sey jetzt Rache geschworen! Nicht will ich mehr rasten, + Bis dein Heldenweib -- ihr werde der Thron und die Herrschaft, + Ja, sie herrsche nach dir, mir ähnlich an Kraft und Gesinnung, + Gegen den Feind dich reizt, und du in dem Kampfe, besiegt, fällst; + Also büße den Ruhm, der dir Drahomiren empörte.« + Und sie flog nun hin, wo im weitverbreiteten Marchfeld + Ottgars furchtbares Heer von Dürnkruts[3] Hügeln hinunter, + Lagerte, dort mit höllischer Lust ihm, verderbend, zu nahen. + + Leise schwebte die Nacht auf den ringsverstummenden Erdkreis + Nieder. Aus Süden erbraus'te der Sturm, und jagte die Wolken + Auf an des Himmels Zelt. Sie rissen im eilenden Zug' oft + Weit entzwei: da blickte der volle Mond aus des Himmels + Bläue so düster herab, und die Stern', in Nebel sich hüllend, + Trauerten: denn ein Unhold naht' auf den Flügeln der Windsbraut. + Jetzt, wie die ragenden Wäll' und die Häuser der mächtigen Hauptstadt, + Meilenlang bedecken den Plan, und oben zum Bergrand + Aus der Tiefe herauf dem Wanderer, düsteren Schimmers + Glänzet der Lampen Schein in der Nacht, unzählig und endlos: + Also erschien ihr das Heer des Königes, das er erst gestern, + Nach der Eroberung Drosendorfs, des trotzenden Städtchens, + Am Gestade der March, auf Dürnkruts Fluren vereinte. + + Bald erspähte sie dort in des Lagers Mitte, vor allen, + Ottgars hochgewölbetes Zelt, das schimmernde Leinwand + Außen umhüllte; von innen hing, zur Erde herunter, + Scharlachgeröthetes Tuch, verbramt mit goldenen Fransen. + Sieh', in dem grasumwucherten Raum', ihm zur Linken und Rechten, + Ragten die Zelt', erhöht, der Kunring', tapferer Ritter, + Die in dem Kreis' östreichischer Herrn, wie der Mond in der Sternflur, + Glänzten an ad'liger Macht und weitverbreitetem Eigen: + Denn Hadmar, und Leutold, die Zwillinge, haus'ten zu Dürnstein + Bald, und bald zu Weitra und Horn; in des rollenden Jahres + Monden wechselnd die Burg; doch immer in trauter Gemeinschaft: + Sonder Gattinn und Kind, des Waffengemenges sich freuend. + Aber mit feindlichem Sinn, von dem Kaiser gewendet, vereinten + Sie mit des Königs Panier jetzt zwanzig flatternde Fähnlein. + Jeglichem folgte die Zahl von fünfzig bepanzerten Reitern, + Die mit dem Schild' und dem Helme bewehrt, und der Lanze bewaffnet, + Feurige Rosse zum Kampf vortummelten, siegenden Muths voll. + + D'rauf g'en Idungsbeug, auf dem sandumhülleten Blachfeld, + Welchen die schwellende Fluth der March seit Jahren gehäuft hat, + War des Fußvolks Macht, zehntausend tapferer Männer -- + Waren die Reiter gestellt, an der Zahl zweitausend und fünfzig, + Die sich der König in Böhmen erlas, und mit trefflichen Waffen + So, wie jene, versah. Die muthigen, löwenbeherzten, + Lenkten die Rosse mit Kraft und Geschick, die, feurigen Blutes, + Wild umtobten im Kampf', und die Reihen der Feinde zerstampften. + Lobkowitz führte sie an, der ruhmgekrönete Feldherr. + + Aber vor Ebenthal, der freundlichen Burg, an des Hügels + Abhang, lagerten sich des vielbevölkerten Mährens + Tapfere Söhn': an der Zahl achttausend erlesenes Fußvolk, + Die, mit dem Panzerhemd' und der eisernen Haube bewehret, + Führten im Kampfe den Speer und den breitgehämmerten Säbel. + Milota rief sie in's Feld, ein Ritter, der Ersten des Landes. + Sonst zur Freude gestimmt, als liebender Vater und Gatte, + Sah er des Lebens Blüthenjahr' und die reifere Mannszeit + Schwinden im Glück. Nur als ihm die zarteste Tochter, Ludwinen, + Sie mit täuschender Huld in den Schimmer des Hofes verlockend, + Ottgar schnöde verführt', und der Schmach die gefallene Preis gab: + Da verscheuchte der Menschenhaß und die brütende Rachgier + Jegliche Freude vor ihm. Nur Weniges sprach er, und das noch + Sprach er mit bitterem Hohn' und wildauflachendem Ingrimm; + Aber nicht mied er des Herrschers Näh', und harrte des Tages, + Der ihm den Durst nach Rach' einst kühlete schrecklich und furchtbar. + + Dort dem König zur Linken, hinab sich dehnend bis Stillfried, + Stand Klein-Reussens Volk, das jüngst an den Ufern des Peltew, + Lembergs Mauern nicht fern, zu Fuß und zu Pferd sich vereinte: + Jenes, geübt, von der Armbrust, schnellvorschreitend im Schlachtfeld, + Mitten in Feindes Brust den schwirrenden Pfeil zu entsenden; + Dieses, im Waffengemeng' schnellfußige, hurtige Rosse + Spornend, vorzusenken den Speer aus der Röhre des Bügels: + Dann mit des Fußes Druck und dem Stoße der nervigen Rechten + Einzustürmen im sausenden Flug' in die feindlichen Reihen. + Beide, gleich an der Zahl, dreitausend tapfere Mannen, + Folgeten Herbot von Füllenstein, der riesengestaltet, + Ragte vor allen hervor in dem Heer', und rühmlich bekannt war + Ob des unbändigen Muths, und der ritterlichsiegenden Thatkraft. + + Doch auch der Meißner kam und der Thüringer jüngst aus der Heimath, + Ottgars Recht zu verfechten im Kampf', als Bundesgenoß her! + Muth in der Brust, und Kraft in der Rechten, die Lanze zu schwingen + Brachten sie mit, und beiden geboth der tapfere Markgraf + Dietrich, Heinrichs Sohn, des Erleuchteten, mächtigen Ansehn's. + Jenen vereint, stand auch des korngesegneten Bayerns, + Also auch Sachsens Volk in dem Vorderzuge geordnet: + Gierig des Kampfs, und geübt, die tödlichen Lanzen zu schwingen. + Heinrichs schaltendem Wink, des Herzogs, folgten die Bayern; + Markgraf Pfeils die Sachsen mit Lust in die furchtbare Feldschlacht. + Gegen den Weidenbach, in des weitgedehneten Thalbrunns + Niederung hin, erhöht auf vierzig ragenden Schaften, + Flatterten hoch in der Luft, verschieden an Farb' und an Zeichen, + All des erlesenen Vorderzugs kampfdrohende Fähnlein. + Jeglichem waren gesellt fünfhundert tapfere Krieger, + Welche das Panzerhemd, und der Helm im Felde beschirmte. + Aber im Rücken des Heers, nicht ferne dem schimmernden Marchfluß, + War noch die Wagenburg, Feldzeug, und Geräthe des Lagers + Aufgehäuft, wie auch Mundvorrath für die dauernde Kriegszeit. + Also lagerten dort des Königs versammelte Scharen. + + All' umhüllete jetzt der Schlaf mit bleiernem Fittig + Schon. Sie errangen zuvor, nach schrecklichem Kampfe, die Mauern + Drosendorfs, von dem Hohenberger, dem tapferen Feldherrn + Rudolphs, der sie mit Macht und entflammendem Muthe beschirmte. + Aber noch wacht' im Gezelt der König der Böhmen. Zum Kriegsrath + Rief er um Mitternacht die Feldherrn: denn von dem Kaiser + Waren die Friedensbothen zu ihm, in das Lager gesendet: + Meinhard, Graf von Tyrol, und Lichtenstein: in den Waffen + Beide berühmt. Nicht dacht' er zwar, den friedlichen Oehlzweig, + Den sein Gegner ihm both, mit versöhnlicher Rechten zu fassen: + Denn er sann nur blutigen Kampf, nur Tod, und Verderben + Ueber Rudolphs Haupt zu wälzen im Felde der Waffen; + Aber es sollte der Helden Verein, was er in dem Busen + Heimlich beschloß, nun künden mit lautentscheidendem Ausspruch. + Siehe, vor allen kam der Führer des reisigen Volkes, + Lobkowitz, ein gewaltiger Greis, deß' leuchtender Aarblick + Unter den buschigen Brau'n den Muth im Herzen verkündet, + Der auf die Waffenbahn ihn schon als blühenden Jüngling + Trieb, und das Herz ihm gewann des schlachtruhmdürstenden Königs! + Doch umwölkt war jetzt ihm die Stirne von inniger Trauer, + Und zur Erde geheftet sein Aug', da er dort vor dem Herrscher, + Schweigend, stand. Alsbald, obgleich von heimlichem Unmuth + Selber gebeugt, begann, mit erzwungenem Lächeln der König: + »Wahrlich, nicht wirst du den Feldherrn heut, + mit dem Gram in den Augen, + Muth einflößen im Rath! Hat dir das treffliche Streitroß, + Das zum Siege dich schon in zwanzig Schlachten getragen, + Und aus Feindes Gedräng' oft rettete, heute das Futter, + Aechzend, verschmäht, und du sorgest vielleicht + um den Liebling im Herzen? + Wie, verfehlte der Spürer im Wald des flüchtigen Rehbocks, + Oder des Hirsches Spur, mit dem sechzehnendigen Hauptschmuck? + Fasse dich, tapferer Greis! Bald wird der Braune genesen; + Bald erfreut uns der Fried', und du streckst in fröhlichen Stunden, + Draußen am Rasengrund der waldumränderten Hügel, + Wieder im Hörnerklang' und Gebell verfolgender Spürer + Raschanstürmendes Wild mit sausenden Lanzen zu Boden. + Denke des Worts: bald sind wir heimisch im Lande von Oestreich.« + »Herr,« sprach jener bewegt, »gewartet mit emsiger Sorgfalt + Wiehert das Roß, das mich in zwanzig Schlachten getragen, + Und aus dräuender Todesgefahr oft rettete, muthig + Drüben im Zelt! Nicht denk' ich des Weidwerks jetzt in den Tagen + Ernsten Kriegs, deß' Bild uns jenes, im sanfteren Frieden + Oft ergetzt, und die Kraft uns stählt in erhöhter Gesundheit. + Ja, du sprachst es im Scherz nur, o Herr! Doch dünkt es mich selber: + Nicht wohnt Heiterkeit dir in den tieferglühenden Augen. + Möge die dunkle Nacht verborgenen Strebens enthüllen + Jetzo der Wahrheit leuchtender Strahl! Zum wichtigen Kriegsrath + Riefst du die Feldherrn: denn die Friedensbothen des Kaisers + Harren der Antwort im fernen Gezelt. Des Friedens erwähnst du? + Heischest Rath, und ach, beschlossen im heimlichen Busen + Hast du den Krieg auf Leben und Tod! O, möchte des Friedens + Freundlicher Ruf den Haß aus deinem empöreten Herzen + Nun verscheuchen, und dir und dem Volk die Fülle des Segens + Schaffen hinfort! Erfüllt hast du mit unendlichem Kriegsruhm + Weithin die Erd' umher; allüberall preisen die Völker + Deine Weisheit und Kraft. Zieh' heim nach dem herrlichen Erbreich, + Das dir gehorcht -- nach Böhmen und Mähren: die trefflichsten Völker + Nährt es im blühenden Schooß. Dort lebe dem Glücke der Deinen, + Und unsterblicher Ruhm harrt dein, in der spätesten Zeit noch. + Hast du nicht jüngst mit Siegel und Schrift + und mit heiligem Eidschwur, + Oestreich, Kärnthen, und Krain, als Lehen, entsagt vor dem Kaiser + Selber, auf Glauben und Treu', und im Treubruch hoffst du zu siegen? + Bebe der That: schwer rächte den Bruch geschworenen Eides + Stets an den Sterblichen noch die ewigwaltende Vorsicht.« + + Ottgar stand, erschüttert im Geist vor dem Schreckensgedanken; + Sprechen wollt' er schnell, und es bebten die Lippen ihm leis' nur. + Doch nun drang ihm das Wort aus den festgeklammerten Zähnen: + »Ha, sey nun, und auf immerhin, der Leib und die Seel' auch + Mit in dem Spiele gewagt! Nicht kann ich mehr weichen: die Gattinn -- + Ja, das schreckliche Weib, hat mich zu dem Schritte gezwungen. + Da ist kein Rückgang mehr: ich folg', ein Opfer des Schicksals!« + »Wie,« so sprach, ihm freundlicher nahend, der Greis, + »um die Herrschaft + Stritten des Reiches Hort und der König von Böhmen; im Frieden + Schieden sie erst, und die rach'empörende Zunge der Gattinn + Drängte sie wieder zum Würgen zurück? Nicht mühen die Frau'n sich + Ab in dem Feld. Wenn wir erlagen, erkiesen sie wieder + Sich den neuen Gemahl, und erfreu'n sich im Kreise des Lebens; + Doch uns lass' das Wohl und das Wehe des Landes bedenken. + Ottgar, stolz und tapfergesinnt, gehorchte dem Weib' nun?«[4] + + Also der Greis; doch, da er es sprach, entflammte des Königs + Niedergeheftetes Auge sich stets zu größerer Wuth noch. + Wie der Drache mit glühendem Blick von dem finsteren Felsschlund + Aufschaut, wenn ein Ruf ihn empört; dann zischend dem Eingang + Nah't, und, das Haupt zum Boden krümmend, den furchtbaren Rachen + Weit vorstreckt, den Feind zu verschlingen, begierig: so sah er + Jetzo dem Greis' in das Aug', und stöhnte vor heimlichem Ingrimm. + Endlich rief er, bewegt: »Halt ein! O tadle den Gatten + Nicht, der solchem Weibe gehorcht: Margarethen, der Frauen + Sanfteste, stieß ich von mir: da sandte der Rächer im Himmel + Mir Kunegunde. Sie hat, ja, bebe dem schrecklichen Wort nur, + Ueber mich Macht und Gewalt. Wie ein Geist des ewigen Abgrunds + Steht sie vor mir ... mich schrecken entsetzliche Träume. Verschließe + Das in der redlichen Brust. Sieh', hätt' ich auch tausend und tausend + Eide geschworen: umsonst! Nicht kann ich zurück in dem Kampf mehr + Weichen: ich muß ihn mit Habsburgs Leu'n nun enden für immer.« + Jetzo winkt' er dem Greis': denn, eilenden Schrittes, genahet + Waren die Feldherrn all', und einten sich ihm in dem Kriegsrath. + Neben ihm saß zur Rechten der Hort und Gebiether der Bayern, + Heinrich; zur Linken ihm Pfeil, der Markgraf; d'rauf um den Tisch her, + Der, nach Lagers Gebrauch, von niederen Bänken umstellt war, + Lobkowitz, Czernin, Zierotin; dann Milota, Dietrich, + Herbot von Füllenstein, und die Kunring', tapfere Helden. + Doch von der Mitte herab des hochgespannten Gezeltes + Hing die flammende Lamp', endlos vom Oehle genähret, + Und erhellte den Tisch in des Zeltraums düsterem Schimmer. + + Eben hatt' er die Helden begrüßt, und wollte beginnen: + Sieh', da scholl's von Hufen der Roß' in der nächtlichen Stille + Näher und näher, und jetzt absaßen die Reiter am Zeltthor. + Ottgar winkte sogleich dem blühenden Jünglinge, Wallstein, + Der ein Liebling ihm war, schon seit der zartesten Kindheit. + Alsbald eilt' er hinaus, und faßte vom niederen Gluthherd + Einen leuchtenden Span, den dort ein Krieger entflammte: + Schürend die Gluth, und häufend zugleich das harzige Kienholz. + Mächtiger flammte der Span, da ihn über dem Haupt in die Graunnacht + Wallstein hob, und schauete: wer die Versammelten störe? + Staunend, sah er die Königinn selbst, Kunegunde, sich schwingen + Aus dem Sattel, im Kreis' erlesenen Reitergefolges; + D'rauf durcheilte sie rasch den Zelteingang, und, den Vorhang + Schleudernd entzwei, schritt sie, mit stolzer Geberde, zum Sitz hin, + Den der Jüngling verließ, an der Seite des Königes selber. + + Ueber ihr schwebte mit grimmerfülletem Blick Drahomira + Leise herein. Sie trieb die Königinn eilig von Drösing + Her in der dunkelen Nacht, daß sie erst durch schmähende Reden + Reize den Gatten, und dann entflamme zur Gier nach des Krieges + Schrecknissen, mehr denn je, in des Raths entscheidendem Zeitraum. + Wehe, sie forscht', auf Arges bedacht, im Kreise der Helden + Gierig herum, wie die Schlange verhüllt in dem laubigen Zweig lauscht: + Ob ein Vögelchen ihr zur Beute sich bieth'? -- und sie fand noch + Dort den Ersehneten nicht; doch, als der blühende Jüngling + Eintrat, dachte sie schnell dieß Herz zu berücken durch Ehrsucht, + Und zu verderben mit ihm den, ihr verhaßten Beherrscher! + + Als der König die Gattinn ersah, da erblaßten die Wangen + Ihm vor Zorn; doch schwieg er, und ließ die Stolze gewähren, + Auf daß keiner im Rath' ihn verachtete -- jeglicher dachte: + Jetzt erschiene sie hier, ersehnet von ihm, und gerufen. + Rasch war ihr Drahomira genaht: in dem Hauche des Unholds + Ward ihr Busen empört, und alsbald rief sie verhöhnend: + »Ha! welch' Wunder geschah? Schon heut erfreuen die Böhmen + Sich der Eroberung Drosendorfs, der mächtigen Festung, + Nach den Tagen unendlichen Müh'ns? O, schändliche Thorheit + War es: vor ihr die goldene Zeit zu vergeuden -- zu harren, + Bis der klügere Feind, noch arm an Kriegern und Waffen, + Sich verstärket', und euch des Eisens Spitze wohl biethet! + Schnell, mit würgender Hand euch bahnend den Weg in die Hauptstadt, + Mußtet ihr folgen der Stimme des Ruhms, und dem dringenden Aufruf + Rüdiger Waldrams[5] dort, des muthigen Meisters der Bürger, + Der nun bald, ein schmähliches Opfer, dem Feinde verrathen, + Fällt durch euere Schuld, durch eure Verblendung, und Feigheit.« + Siehe, da grins'te vor Lust Drahomira den Helden in's Antlitz; + Doch jetzt fuhren empor von dem Sitz die Versammelten alle; + Ballten die Faust vor Zorn, und wollten enteilen: nur einer, + Milota, regte sich nicht, und lächelt' unheimlich für sich hin. + »Faßt euch,« rief der König, bewegt, »die Königinn duldet + Schon seit jenem unseligen Tag, der uns, und die Völker + Böhmens beschimpft -- dem Tage der Huldigung,[6] nagenden Kummer + Und zerrüttendes Weh' in den Tiefen des Herzens. Ihr Helden, + Dessen gedenkt, und achtet den Schmerz des unglücklichen Weibes: + Denn nicht wägt er genau das raschverwundende Wort oft, + Das der Zung' entflieh't im Sturm der empörten Empfindung. + Aber vernehmt es, was ihr in der Stille der nächtlichen Stunden + Jetzo mit uns erwägen soll't nach euerer Weisheit: + Rudolph sandte zuvor zwei tapfere Ritter in's Lager + Her, uns dringender noch als jüngst, die Hand zur Versöhnung + Biethend. Erneuend sodann den Wunsch: durch unserer Kinder + Wechselheirath das Band der Freundschaft für immer zu gründen, + Ladet er uns g'en Wien, zu turnei'n; die Speere zum Scherz nur, + Nicht zum Ernst zu versuchen, und dann die ersehnte Verlobung + Durch ein gastlich Mahl zu feiern im schimmernden Prunksaal. + Solches verkündete heut' in geheim uns Rüdiger Waldram; + Aber zugleich: g'en Lilienfeld[7] hin ziehe der Kaiser + Albrecht, seinem Erzeugten, mit hundert Reitern entgegen, + Der in den schwäbischen Gau'n die Krieger ihm warb, und vom Aargau + Her die tapfersten führt, die ihm oft errangen den Lorber, + Altgedient, und versucht im Grau'n der eisernen Feldschlacht. + Soll mein Volk vorstürmen bis Wien, daß unser Vertrauter, + Waldram, ihm eröffne das Thor in der nächtlichen Stille, + Wie er es eben verhieß, mit den treuen Bürgern verstanden? + Ist's wohl räthlicher noch, mit Kunrings Reitergeschwadern + Ueberzusetzen in Fähren den Strom der mächtigen Donau, + Und aus dem Hinterhalt den Kaiser zu fah'n in der Waldschlucht, + Welche sich links und rechts an dem Kaumberg, trüglich herumschlingt? + Nie versagt' ich das Ohr dem Rathe der Männer: was dünkt euch?« + Herbot schrie zugleich mit dem Kunring, lärmend, und laut auf: + »Fort nach Wien! Bald sinkt mit der kühnerrungenen Hauptstadt + Rudolphs Macht in den Staub: wir bürgen für herrlichen Sieg dir!« + + Lobkowitz fuhr von dem Sitz', des Friedens Ruf zu erneuern; + Aber ihm kam Kunegunde zuvor, und sagte dem König: + »Wie, du spähest noch jetzt nach schlauverhülleten Pfaden, + Thöricht verlassend die kühnere Bahn, die schnell zu dem Ziel führt? + Ist denn völlig gewichen von dir der Muth und die Kühnheit, + Die von Siegen zum Sieg dich leitete, Schlachtenberühmten? + Zahllos warben die Freier um mich. Masowiens[8] Herzog + Ließ auf dem glänzenden Thron mir Macht und Reichthum zur Erbschaft; + Aber ich achtete keinen Mann, im stolzen Bewußtseyn + Herrschender Geisteskraft, und lautgepriesener Schönheit. + Auch du bothst mir die Hand. Der Ruf erscholl in den Ländern: + Ottgar trug des Sieges Panier zu dem Belt hin; erbaute + Dort noch Königsberg,[9] und schlug, heimkehrend, die Scharen + Ungerns im Feld auf das Haupt. Er einte die Steyer- und Ostmark + Dann, als Sieger, mit Kärnthen und Krain dem böhmischen Erbreich, + Und errang die Bewunderung so der entlegensten Völker. + Ha, da sank mein Stolz, beschämt, vor dem Helden! Ich gab mich + Eiteler Täuschung dahin: mit der königlichsieghaften Rechten + Würd' er auch mich erheben im Glanz' unsterblichen Ruhmes. + Weh', nun steh' ich gebeugt, entehrt, und fruchtlos geopfert! + Aber, denkst du der Ehre nicht mehr, so gedenke der Schmach doch! + Soll ich den Mann, den König, und ach, den Gatten noch mahnen + Dort an den graunerregenden Tag, wo gegen den Eidschwur, + Der dich bewog, dem Kaiser zu huldigen heimlich im Zeltraum, + Er, o schreckliche Schau! auf des Eilands ragendem Hügel, + Das die Donau umschlingt mit weitgedehneten Armen, + Plötzlich am listiggestalteten Zelt den rauschenden Vorhang + Fallen hieß, und dich vor den Augen unzähliger Krieger, + Die an dem Strom sich dieß- und jenseits, feindlichgesondert, + Lagerten, wies zum Hohn' -- auf die Kniee gesunken, o schändlich, + Ottgar, dich, dem er an dem Hof' einst dienet', als Marschalk,[10] + Huldigend dort, in dem Staub'! O, könntest du solches vergessen?« + Ottgar preßte die Stirn' in die Fläche der Linken, und glühend + Rann ihm die Thrän' an der Wange herab. Er sucht', es zu bergen; + Blickte grimmiger auf, und rief: »Nicht werd' ich's vergessen!« + Doch nun drang Drahomira noch mehr in die Fürstinn. Sie hob sich + Eilig vom Stuhl' empor, und sagte mit leuchtenden Augen: + »Ha, die Dromet' erklinge dem Volk', und gebiethe den Aufbruch + Nach den Mauern von Wien; in die Luft hoch flatt're die Sturmfahn' + Vor den Scharen einher, und leite sie glücklich zum Sieg' hin!« + Rief's; doch Ottgar sprach nun so zu dem tapferen Helden, + Lobkowitz: »Wie, du schweigst mein sieggekröneter Feldherr? + Nie ermangelt' ich deines Raths, und deiner Erfahrung, + Weisheit, Treue und Kraft verdank' ich, was rühmlich gescheh'n ist.« + Lobkowitz wiegte das Haupt, und sprach eintönig und trocken: + »Haben doch and're vor mir, dem wankenden Greise, gesprochen, + Die das heißere Blut, wie im Sturm, fortreißt auf des Ruhmes + Glänzender Bahn -- weit blieb ich zurück', und bin es zufrieden. + Sieh', ich wähnte, wir lieh'n ein Ohr des Kaisers Gesandten? + Doch vor dem zürnenden Blick der Königinn? Sey es denn morgen!« + Also der Held. Da sprach Kunegunde voll Wuth zu dem König: + »Wohl, ich weiche zurück bis Drösing. Sinnst du auf Frieden + Noch mit dem Kaiser, so sey's; doch nimmer siehst du mich lebend + Wieder: nur mord' ich zuvor mit Freuden die blühende Tochter, + Eh' ein schmählicher Bund dem verhaßtesten Feind sie vereine.« + Rief's hinschreitend; erhob sich auf's Roß, und eilte nach Drösing, + Das sie den Abend zuvor mit ihren Erzeugten bezogen. + + Jetzt ließ Ottgar schnell die Gesandten des Kaisers entbiethen, + Die schon lange voll Gier in dem fernen Gezelte des Rufes + Harrten. Meinhard, Graf von Tyrol, erschien, und zur Seit' ihm + Nahete Lichtenstein: des Heer's erlesene Zierden. + Stattlich traten sie ein, und setzten sich würdig zum Tisch hin, + Grüßend den König zuvor, und d'rauf, die versammelten Feldherrn. + Meinhard neigte das Haupt, und begann mit edelem Anstand: + »Rudolph, mein erlauchtester Herr, und Kaiser der Deutschen, + Sendet uns, Meinhard und Lichtenstein, nicht unwürdige Bothen, + Freundlich zu dir, erhabener Herr, und König der Böhmen! + Wollest darum uns hören mit Huld, und unsere Reden + Nicht verachten, da wir, nur arm an zierlichen Worten, + Stets mit dem rauheren so, wie mit unserem blinkenden Eisen, + Das wir zu führen gelernt, zum Ziel vorstreben, und treffen. + Frieden beut er dir mit leichtversöhnlichem Herzen; + Doch er beut ihn im Augenblick, wo er völlig gerüstet, + Nicht, wie jüngst in dem Land', entblößt von Kriegern und Waffen, + Sollte schon fast ihn erflehen von dir -- nein, wo er im Kriegsbund, + Mächtige Völker vereint, und der Treue der Völker gewiß ist. + Daß du, als Kaiser ihn anerkenn'st; ihm Böhmen und Mähren + Tragest zu Leh'n; auf die ost- und die steyrische Mark, + so auf Kärnthen, + Krain, entsag'st: das ist des Friedens enthüllte Bedingniß. + Drei gewaltige Vesten im Land: hier Drösing im Marchfeld, + Dort Pöchlarn, und Enns sollst du mit starker Besatzung + Halten zum Unterpfand durch drei der Jahre, von heut' an. + Ha! du erstaunest? So ist's; ihr sollt euch finden in Freundschaft. + Heilig ist Rudolphs Wort, du kannst ihm sicher vertrauen.« + + Als er die Rede voll Kraft jetzt endete, herrscht' in dem Zeltraum + Stille umher: doch Lichtenstein, gewahrend den Vortheil, + Grüßte den König zuvor, und begann mit heiterem Blick so: + »Ernstes sagte der Graf. Mit Gott und eurem Gewissen + Werdet ihr solches erwägen zum Glück und zum Segen der Völker, + Die ihr beherrscht; doch leiht auch mir ein günstiges Ohr noch. + Nicht vom blutigen Kampf: von der Minne ersehneten Freuden, + Von Turnei'n, und dem festlichen Mahl gedenk' ich, zu sprechen. + Allwärts ist es bekannt, daß Herr Rudolphus, der Kaiser, + Ein Turnei, bei'm Tabor,[11] am kommenden Donnererstag schon, + Der Sanct Rochus geheiliget wird, zu halten, gesinnt ist: + Denn nach Frieden verlangt sein Herz, und er hat dich geladen. + Solcher Ehre Gewinn verschmäht kein tapferer Mann je. + Sieh', d'rum harret er dein und deines so edeln Gefolges, + Das den Herrscher umglänzt, wie die Stern' umglänzen den Vollmond! + Aber noch höhere Freuden gedenkt, nach vollendetem Festmahl, + Oben im prunkenden Saal der Kaiser mit dir zu bestellen: + Lieblich erblüheten dir die schönsten der Töchter -- in Söhnen + Ihm sein Glück: zum Bund der Einigung beut er die Hand dar: + Hartmann führ' als Braut sich Hedwig, voll siegender Schönheit, + Thekla, voll zartester Huld, sein Rudolph heim. So ersehnt er's.« + + Als er gesprochen das Wort, und noch weiter gedachte zu reden: + Sieh', da warf sich in brausender Hast der muthige Jüngling, + Wallstein vor! Er stand, und hielt sich die Brust mit der Rechten; + Athmete tiefer, begann zu sprechen, vermocht's nicht; er stürzte + Dann zum Gezelte hinaus, und verschwand im nächtlichen Dunkel. + Ottgar blickt' ihm, erstaunt, jetzt nach. Er wähnte: sein Liebling + Sey urplötzlich erkrankt, und von wüthenden Schmerzen befallen; + Doch Drahomira durchschaute sein Herz; sie lächelte grimmig; + Jubelte dann laut auf, und folgte dem fliehenden Jüngling: + Ihm für Hedwig die liebende Brust noch mehr zu entflammen, + Und zu verderben mit ihm den, ihr verhaßten Beherrscher. + + Im erleuchteten Zelt verstummten von neuem die Helden; + Gar nicht wollten von Ottgars Mund' die Worte sich lösen. + Endlich hob er sich auf, und sagte den Beiden zum Abschied: + »Wahrlich, nicht ahnete mir's, so glühend verlange der Kaiser + Uns bei festlichem Turnkampf, Tanz, und Gelagen zu sehen! + Aber wohlan -- das kündet ihm nur, so er etwa daheim ist: + Ottgar werdet ihr schau'n im Gefolge der Edeln, und hören, + Was er vom Frieden gedacht, und der Kinder ersehnter Verlobung! + Aber, ihr Herrn, gehabt euch wohl; der Himmel geleit' euch!« + Beid' erstaunten der Red', und eilten unmuthig von dannen. + Draußen sagte zu Lichtenstein der tapfere Meinhard: + »Ritter, sprecht, was dünkt euch? Nicht einmal die Krume zum Imbis, + Nicht des Weines so viel, das unsere Lippen benetzte, + Reicht' er zum Trunk' uns dar. Ich meine: von Heirathsgedanken + Ist er so fern, wie dort von mir Veiths glänzender Wagen, + Der an des Himmels Rand zum eisigen Norden hinabsinkt. + Ha! und merktet ihr nicht, wie schnell der arge Verräther + Rudolphs nächtlichen Ritt g'en Lilienfeld ihm enthüllte? + Ach, er zog nur mit schwachem Geleit! Kommt: gut ist die Vorsicht!« + Rasch aufschwangen sie sich in den Sattel, und flogen nach Wien hin. + + Aber der König entließ die Versammelten. Jetzo noch einmal + Blickt' er Jedem in's Aug', und sagte mit rauherer Stimme: + »Mir zerwühlet die Wuth das Herz. Wie kecklich die Ritter + Sprachen, als sey ich im Feld nicht fürder zu scheu'n, + und, dem Ball gleich, + Nun rechts hin, dann links im schwebenden Fluge zu wenden; + Aber es zehr' ihr Hort sich zu Tod' an seinen Gelüsten. + Mein Entschluß ist gefaßt: am Morgen gebiethet den Aufbruch + Euerem Volk. Wir ziehen entlang den schlängelnden Marchfluß + Bis an den Weidenbach, wo, erhöht, des räumigen Lagers + Wall uns schirmt g'en List und Gewalt. Verstanden mit Waldram, + Sey in dem Ueberfall nur »Rache« der Würgenden Schlachtruf! + Ruhet ein Weniges noch: bald rufen euch laut die Drometen.« + Jene gehorchten dem Wort', und eilten nach ihren Gezelten. + Aber der König ging noch lang' im Schimmer des Nachtlichts, + Sinnend umher. Oft seufzt' er laut; er ballte die Faust oft + Vor Erbitterung; stand, ging wieder, und hatte nicht Frieden. + Endlich warf er sich hin auf das Lager, und schlummerte leis' ein. + + Ueber dem Haupt des Schlummernden hing sein schützender Engel, + Trauernd. Verglommen war sein Glanz. Wie auf thürmender Alpen + Ewigbeschneiten Höh'n der rosigglühende Schimmer + In ätherischer Bläue verglimmt in der sinkenden Dämm'rung: + Also auch er, den Schwermuthsblick auf den armen gerichtet, + Den ein furchtbarer Traum umfing. Margarethe, die Gattinn, + Welch' er schnöde verstieß, naht' ihm, und sah ihn so trauernd + An, aus dem hüllenden Leichentuch: er wandte sich, schaudernd, + Weg, und hieß sie entflieh'n. Nicht lang', und in hoher Verklärung + Schwebt' auf schimmernden Au'n, und bekränzt mit himmlischen Rosen, + Sie vor ihm hin. Er folgte -- sie floh; doch jetzt, an dem Ufer + Eines unendlichen Stroms hielt sie den eilenden Flug an; + Sah, huldflehenden Blicks, zu dem Himmel empor, und entschwand ihm, + Schatten gleich, wenn Nebelgewölk umhüllet die Sonne. + Wieder umfing ihn des Todes Nacht. Um sich her auf dem Schlachtfeld + Sah er unzählige Leichen gehäuft: bis endlich ihm selber + Dort zwei Würger genah't, mit rach'ausblitzenden Augen, + Tief in die Brust einstürmten den Speer, und höhnten im Tod noch. + Stöhnend wand er sich dann im Schlaf, und in mächtigen Tropfen + Stand ihm der Schweiß auf der Stirn' und den hochgerötheten Wangen. + + Doch nicht völlig verhüllt den Augen des Himmelsbewohners + War des schlummernden Königs Geschick. Er sah Drahomira + Walten um ihn, und Gefahr ihm bereiten auf schlüpfrigem Pfad hier, + Der zum Verderben führt, und zu nieversiegendem Jammer. + Flehend faltet' er jetzo die Händ', und blickte mit Ehrfurcht + Auf zu dem Thron des Ewigen, der in des kreisenden Weltalls + Hehrstem Raum', auf lichtausströmenden Sonnen erhöht steht. + Dorthin drang sein Blick, wo Cherub- und Seraphim selber + Sich in der Nähe des Throns mit den Fittigen hüllen die Augen, + Dreimal Heilig singend dem Herrn, der herrscht von dem Thron dort, + Hehr, allmächtig, weis', und gerecht, barmherzig und gnädig! + Ueber die Himmel hinauf erhebt er das Haupt; auf dem Abgrund + Ruht sein Fuß, und sein Arm umfaßt das kreisende Weltall. + Als er gewürdigt ward, die Blicke zum Thron zu erheben, + Sah er, schauernd vor Ehrfurcht, dort enthüllet die Zukunft: + »Ottgar, der nun bald mit reuigem Sinn um Erbarmen + Fleh'n wird, büßet die Schuld vergangener Jahre: den Feinden + Fällt er besiegt in dem Kampf', und verlieret das Reich und das Leben; + Aber sein Gegner wird ein Vater des Herrschergeschlechtes, + Das in die fernste Zukunft hinab unzähliger Völker + Glück zu fördern, erwählt, im Segen der Erde genannt sey.« + D'rauf gewahrt' er den Wink des Herrn: »daß es also gescheh'n wird!« + Sieh', da flammten, und floh'n, und kehrten in Eile die Sonnen + Wieder zur Bahn! Der Donner rollte hinunter am Weltrand, + Kreisende Monden und Sterne vorbei; die Vesten des Erdballs + Zitterten; hoch aufrauschte das Meer, und die Ström' und die Flüsse + Braus'ten wirbelnd zurück, und schäumten empor in den Luftraum. + + Aber die Himmlischen feierten nun der unendlichen Allmacht + Huldausstrahlenden Wink. Auf Erden erglühte das Frühroth. + + + + + Zweiter Gesang. + + + Siehe, wer reitet den Wald entlang? Vom felsigen Boden + Tönet der eiserne Huf. Wer zieht im Schatten der Thäler + Fort im eilenden Trab? Doch dort, wo am lichteren Waldsaum + Weitgesondert, die Tannen steh'n, und der sonnige Bergpfad + Schlängelnd sich hebt, erblitzt es von hellgeglätteten Waffen + Quer in die Eb'ne herab. Jetzt näher und näher erschallet + Munterer Reiter Gespräch, und das Schnauben und Wiehern der Rosse. + Doch wer ist's, der allen voran den feurigen Rappen + Reitet, so freundlich und mild, so bar all' prunkenden Schmuckes? + Zwar erhellt die, in Rosengluth versinkende Sonne + Kein' unedele Stirn', und Ehrfurcht heischen die Augen + Dieses Gewaltigen, der ein Fürst, ein Kaiser von Anseh'n + Scheinet? Er ist's -- ha, Rudolph ist's, der Kaiser der Deutschen! + + Gestern zog er im Abendlicht mit hundert Erwählten + Eilig zum Kärnthnerthore hinaus nach dem herrschenden Hügel, + Wo (so kündet die Sag') in grau'numhülleter Vorzeit + Eine Spinnerinn saß, und bettelte, reichliche Spenden + Sammelnd: ein Kreuz zu erbau'n von zartdurchlichtetem Stein dort, + Wo das hölzerne, morsch, zerfiel, an welchem sie lebte. + Aber es wurde zugleich ihr Grab, von dem Fremdling bewundert: + Denn erblickt er die Stadt, die weit auf Erden gerühmt wird, + Vor sich in schimmernder Pracht der Thürm' und unzähliger Häuser, + Zollt er vor allem der sinnigen Wahl der Spinnerinn Beifall, + Und erquickt sein Aug' an dem wunderherrlichen Anblick. + D'rauf einlenkt' er zum Fuß' der traubengesegneten Hügel: + Petersdorf, und Brunn am Gebirg, wo der emsige Winzer + Keltert den kräftigen Most für die spätnachfolgende Zeit noch, + Und durchtrabte die Stadt von Mödeling.[1] Mächtigen Anseh'ns, + Schaut in das düstere Felsenthal, durch welches der Waldbach, + Eingezwängt, sich windet, und rauscht, die ragende Felsburg, + Mödling herab (ein Eigen des babenbergischen Herzogs, + Heinrich) und lieh auch zugleich dem Städtchen den Nahmen. + Die Nacht hing + Dunkel herab; nicht erspähte der Wart von dem ragenden Wartthurm + Rudolphs hohe Gestalt: d'rum scholl die Dromete zum Gruß nicht. + Doch jetzt zog er am Tannberg fort,[2] wo im ruhigen Thalgrund + Schimmert das Gotteshaus zum Heiligen-Kreuz mit dem Kloster. + Herzog Leopold baut' es, der Heilige. Mönche von Cisterz + Rief er dahin, daß dies' in Saatengefilde die Wildniß + Wandelten, und im Gesange des Chors lobpriesen den Schöpfer. + Manches Helden Gebein', auch Friedrichs, des streitbaren Herzogs, + Letzten seines Geschlechts, deckt dort der ehrende Denkstein. + Aber es sandte darauf vom Heiligen-Kreuze der Stiftsabt + Auch nach Lilienfeld die Brüder: so wollt' es der Herzog + Leupold, der Glorreiche, selbst, als er an dem Fuße der Alpen + Im bezaubernden Thal das Gotteshaus und das Kloster + Stiftete, dem jetzt Rudolph naht'. Schon ließ er auch Kaumbergs + Marken zurück, und als die Sonne im rosigen Schimmer + Sich in Osten erhob, da zog er durch's liebliche Hainthal, + Und erkor's in des Mittags Stunde zur Rast. An dem Göls'bach + Weideten frei die Rosse hinab. Die tapferen Krieger + Saßen im Kreise herum: sie sättigten sich an des Weizens + Goldener Frucht, zum nährenden Brote gebacken, und löschten + Dann an der Quelle den Durst. Inmitten der fröhlichen Männer + Saß der Kaiser im Gras'; er rief den Einen und Andern + Auf zu ergetzlichem Schwank', und zuletzt den redlichen Knappen + Müller, den Zürcher, der ihm das Leben gerettet, und seither + Stets zu getreulichem Dienst' ihm stand, im Krieg' und im Frieden. + »Künde«, so sprach er zu ihm, »den Kriegern das lustige Mährchen: + Wie du mich, den Zürnenden, einst auf der Straße begegnend, + Sühntest, listengeübt: denn manchen von meinen Getreuen + Hast du niedergeworfen zuvor, ein frevelnder Raufbold.« + »Mit Vergunst, Herr Kaiser,« begann der fröhliche Kriegsmann, + Schlaugewendeten Blicks, »so ich ruhmbegierig, und eitel, + Meinen Gefährten des Zugs verkünde zuvor, daß ich Habsburgs + Grafen im Kampf mit dem Regensberg das Leben gerettet! + Edle von Toggenburg, und Homburg; jene von Nidov, + Palm, und Warth mit Eschenbach vereinten dem Ritter + Regensberg, den er gewaltig bedrängte, die Scharen; + Doch er dachte der List, kriegskundig, dem Feinde zu schaden. + Oft ritt Regensberg mit zwölf weißschimmernden Rossen, + Welchen voran mit lautem Gebell zwölf ähnliche Doggen + Sprangen, zur Jagd, von dem Uttliberg, stolzirend, herunter. + Rudolph lag in dem Hinterhalt: die Ross' und die Doggen + Hatt' er, wie jener gewählt. Mein Volk, die muthigen Zürcher + Brachen hervor, mit ihm in dem Handel verstanden, und als er + Nahte der Burg in verstellter Flucht, da meinte der Wächter, + Oeffnend das Thor voll Hast, sein feindbedroheter Herr sey's + Alsbald ward erobert die Burg, und zerstöret von Grund aus. + Ist's nicht also gescheh'n, mein hocherlauchter Gebiether? + Aber da stellten sie euch, auf offnen und heimlichen Wegen + Nach. So geschah's, daß einst, auf einsamer Fährt' in dem Wald ihr, + Nur mit schwachem Geleit dem Feind' in die Hände gefallen, + Rang't auf Leben und Tod, als bügellos in den Staub euch + Warf das getödtete Roß. Ihr waret erlegen der Mehrzahl; + Doch der Seinen gedenket der Herr: er sandte den Müller + Euch zu Hülf'. Er kam auf dem Pfade geritten, und sah euch + Kämpfen, ähnlich dem Leu'n, den wüthende Tiger umringen; + Naht' im Flug, und ihr, in den Sattel gehoben, entrannet + So der Gefahr. Doch Müller ist euer getreuester Jünger + Seitdem -- rühmt sich denn auch des edelsten Meisters auf Erden. + Ihr erlaßt mir vielleicht für heute das lustige Mährchen:[3] + Denn, mich dünkt, es entfielen, wie Perlen gestaltete Tropfen + Eueren Wangen. Mich drängte früher die Noth, und euch später: + Alles auf Erden eint der Liebe geschäftige Sorgfalt.« + Innig gerührt ergriff ihm der Kaiser die Hand, und begann so: + »Edel hast gehandelt an mir, mein trefflicher Jünger! + Doch die Capelle winkt auf den Alphöh'n: heute noch sollst du + Ernten herrlichen Lohn, der Heldenthaten gebühret. + Jetzt rasch auf, ihr Reisigen: rasch zu dem winkenden Ziel hin!« + All' erhoben sich nun voll Muths; sie zäumten die Rosse, + Jauchzend, auf, und es ging dann weiter der fröhliche Zug fort. + + Siehe, nicht lang', und sie sah'n jetzt schon + die bläulichen Alphöh'n + Oben, und tiefer den _Kulm_ und den kegelgestalteten _Spitzbrand_, + Freudigen Blicks, als unter dem Huf der gewaltigen Rosse, + Drönend, die Brück' erscholl, die, stets von den Fluthen der Traisen + Unten durchrauscht, im Grund die rasche Forelle beschattet. + Weit gerühmt ist die Traisen im Land (daß beide den Ursprung + Sich bestreiten, die Hohenberg-, und die Lilienfelder) + Sprudelnd hervor aus dem Schooß des Traisenberges im Waldthal, + Und enteilend voll Hast, sich dem Donaustrome zu einen.[4] + Freundlich blickten die Sterne bereits vom Gewölbe des Himmels, + Wieder zur Erde herab; schon hauchten die würzigen Matten + Kühlung umher; es verglommen die ragenden Höh'n, und die Fluthen + Dampften im Thal, als jetzt mit seinem Gefolge der Kaiser + Nahe vorüber an Lilienfeld, dem herrlichen Kloster,[5] + Eilete: denn zum Abendgebeth' ertönte das Glöckchen + Schon von dem Thurm'; es lud zu des Chors Vollendung die Brüder, + Und erweckte zugleich, mildklagend, die Wonne der Wehmuth + Tief in der fühlenden Brust, die leise nach Ruhe sich sehnet + Nach den verschollenen Stürmen des Tags, auf irdischer Wand'rung. + + Nahend dem Ziele, durch's _Thal_, geboth der Herrscher den Reitern, + Längs dem Bach zu erringen den Kulm, auf dem breiteren Saumpfad; + Aber er selber klomm, des Weg's wohlkundig, mit Müllern + Dort, wo ein lieblicher Wasserfall, von schroffer Gebirgswand + Plätschernd herab, zerstäubt die silbernblinkenden Fluthen, + Schweigend, die Höhen empor. Er sah nach den lichten Gefilden + Ferner Ebenen, jetzt aus der nächtlichdämmernden Waldung, + Jetzt vom schwindligen Fels mit thauendem Blick', und errang so + Früher den Kulm; doch dort, vereint mit seinen Erwählten + Wieder, rastet' er nicht, und stieg, stets höher und höher, + Bis er, den dunkelen Wald entlang, auf blühenden Matten + Wandelnd, schimmern sah im Schooße der luftigen Alphöh'n, + Aus dem Gezweig umhüllender Tannen der kleinen Capelle + Heiligthum, wo das Licht, in der Lampe genährt von dem Klausner, + Sandte die fächelnde Flamm' empor aus goldenem Oehlduft. + Dorthin wies ein Gesicht, im mitternächtlichen Grauen + Ihm aufsträubend das Haar vor Furcht und Erstaunen, ihn heut' erst. + Wichtiges sollt' ihm, dort enthüllt nach des Ewigen Rathschluß, + Mächtig erheben das Herz in der Stunde des nahenden Kampfes. + + Jetzt verließen auf seinen Wink die Reiter den Sattel, + Daß, freiweidend im Feld, die Pferde sich letzten. Des Zaumes + Ledig, sprangen sie wiehernd davon, und wälzten im Gras' sich + Links und rechts, die Gluth des gepreßten Rückens zu kühlen. + Auch die Reiter gesammt ausruheten dort von der Wand'rung. + Aber der Klausner, ein Greis, von neunzig entflohenen Jahren, + Trat aus der Hütt', im barnen Gewand', und führte den Kaiser, + Schweigender Ehrfurcht voll, zur Capelle. Der silberne Bart floß + Ihm zu dem hanfenen Gürtel herab. Von den lastenden Jahren + Wenig gebeugt, sah noch aus seinen erglühenden Augen + Jugendkraft, die manchmal in sinnender Trauer am Boden + Hafteten. Doch jetzt traten sie ein, und beugten die Knie' dort, + Wo gesegnetes Brot, der Seelen Speise, verwahrt war; + Wo das Bild des Gekreuzigten stand, und die Mutter das Kindlein + Wies in dem hehren Gemähld', voll Lieb' an den Busen es drückend, + Und, den wonn'ausstrahlenden Blick auf die Menschen gerichtet, + Allen zu rufen schien: »O liebt den Liebenden mir gleich!« + Aber der Greis, als wär' es zum legten Male hienieden, + Sah zu ihr lang' empor, und wandte sich dann zu dem Pilger: + »Herr«, sprach er, »blick' auf zu der Himmlischen! Früh in des Lebens + Blüthenzeit hast du die Verehrung der seligsten Jungfrau + Dir erkoren zum wahrenden Schild', und dem Schiffer nicht ungleich, + Der in der Sturmnacht fest aufschaut zu dem rettenden Leuchtthurm, + Dadurch bewahrt im reinen Gemüth Vertrauen und Demuth: + Jenes zu Gott und auf Menschenwerth, und dies' auch im Glück' noch. + Also wandeltest du, ein Seliger, fort auf des Lebens + Dornenpfad mit heiterem Muth: der göttliche Sohn hört + Gerne der Mutter Fleh'n, in ihrem Schutze geborgen. + Jetzt auch wirst du gewiß, in dem furchtbarn Kampf der Entscheidung, + Huldbeglückt, erringen den Sieg, wenn dir auf dem Schlachtfeld, + In umdrängender Noth vom Munde des Herzens Gelübd' tönt: + »Fromme Jungfrau'n einst zu versammeln zum Zeichen des Kreuzes.«[6] + Höre, demnach was mir mein Meister und Herr in Gesichten + Dunkeler Zukunft wies: Ein Vater unzähliger Fürsten + Wirst du seyn, und so oft auch hier auf irdischer Laufbahn + Wechselt des Menschen Geschick vom Guten zum Schlimmen: so wird doch + Treu', und Redlichkeit stets in deinem Geschlechte noch dauern.«[7] + + »Ernsten Gemüths, herrscht einst dein ältester über die Völker, + Die dein heitres gewann, und fesselte. Ob er auch mannhaft + Steht in der Männerschlacht, und vor ihm die Feinde, besiegt, flieh'n; + Ob er auch ehret das Recht, und Gerechtigkeit übet als Richter, + So auch die Wissenschaften, die Kunst', und den frohen Gewerbsfleiß + Blühen heißt mit dem Ackerbau, ein sorgsamer Herrscher: + Dennoch mißt er die Liebe. Die Hand der ewigen Vorsicht + Waltet über des Menschen Geschick'. In Dunkel gehüllet + Möge sein Ende dir seyn. Ihn rächen entsetzlich die Seinen.« + + »Schön an Gemüth und Körper, die Lust des Menschengeschlechtes, + Faßt mit unstraflicher Hand die Kaiserkrone dein Enkel. + Aber, ihm gleich, ein Held, vom feindlichen Schicksal zum Feind' ihm + Auserkoren, entwindet sie ihr auf dem rauchenden Blutfeld + Mühldorfs; doch entreißt er, erst nur der Rache gedenkend, + Auch in der Kerkerluft der Trausnitz dem edelsten Manne + Nicht den unsterblichen Kranz, der, lohnend, dem Guten zu Theil wird. + Sieh', er steht, erschütternd, vor ihm, da er Ehre viel höher, + Denn des Lebens erlesenstes Glück, die goldene Freiheit, + Achtet, und wiedergekehrt, die Hände noch selber den Fesseln + Beut: ein Muster der deutschen Treu' auf Wort und auf Handschlag! + Innig ehrt er ihn d'rauf, und theilt das nächtliche Lager, + Ja, auch den Purpurthron mit dem Freund, der Erde zum Staunen.« + + »Ha, schon winket des Theuerdanks unsterblicher Held mir + Aus dem strahlenden Licht des thatenverherrlichten Lebens! + Sein erbarmt sich der Herr, und rettet ihn, wunderbar oft so, + Wie auf der Martinswand, aus unsäglicher Noth und Gefahren, + Welch' ihm fortan drau'n auf des Herrschers dornigen Pfaden. + Hoch erhebt er den Ruhm von Oestreich: kühn auf dem Schlachtfeld, + Weis' im Rath; ein Liedergewaltiger, Held, und Beherrscher.« + + »Aber ihm folgt, o Habsburgs Stolz, sein größerer Enkel! + Sein Zeitalter leuchtet in wunderherrlichem Glanz' auf. + Jugendlich regt sich die Erd', und treibt den erfreuenden Keim schon + Jedes Großen und Schönen hervor. Erhabene Geister + Wandeln auf ihr zum Ziel -- der Höchst' er unter den Hohen! + Ha, wie würdig er herrscht, wie kraftvoll! Fern in die Zukunft + Schaut sein Blick: er sinnt auf Deutschlands Größe durch Einung, + Auf Hispania's Macht, und Italia's, daß er die Rettung + Schaffe dem Christenvolk g'en wildempörter Osmanen + Allverheerende Wuth, die er tapfer bekämpft, und besieget. + Auch jenseits dem unendlichen Meer' erbeben die Völker + Seiner Gewalt: nie geht die freundlichleuchtende Sonne + Unter in seines umuferten Reichs endlosen Bezirken. + Also die alt' und die jüngere Welt im Segen zu einen, + Strebt sein hohes Gemüth. Wie dunkel die Wege der Vorsicht! + Deutschlands Gau'n durchtobt die Neuerung. Feindlichgeschieden, + Schaut urplötzlich der Mensch dem Menschen in's Aug: ihn verwildert + Schrecklicher Sectenhaß: denn Mord, und Brand, und Empörung + Würgt Jahrhunderte fort, und verscheucht bald jegliche Hoffnung, + Die so herrliche Früchte verhieß. Vergeblich versucht er, + Heimzuführen den scheuentflohenen Frieden: auf immer + Scheint er entfloh'n. Ihn ergreift unendlicher Schmerz, und er endet, + Freientsagend dem Thron, in einsamer Zelle sein Leben.« + + »Ha, nach neun, durch Weisheit, Mild', und Gerechtigkeit ruhmvoll + Herrschenden Männern deines Stamms, erseh' ich im Thronsaal + Eine gewaltige Frau, die im Sturm umdrauender Nöthen, + Gottvertrauenden Muths, die Lieb' und Bewunderung aller, + Eintritt dort, mit dem Sohn' auf dem Arm, in die hohe Versammlung + Eines edelen Volks, und tausend Stimmen erschallen, + Als der ehernen Scheid' entrissen der blitzende Stahl fleugt: + »Laßt uns sterben für Sie, die, als Königinn, uns ist ein König!« + Glücklich als Gattinn und Mutter zugleich, und als Herrscherinn würdig + Ewigen Ruhms, entschlummert sie sanft in den Armen des Todes.« + + »Lange zum Manne gereift, nachfolgt ihr spät ihr Erzeugter: + Herrschend des Volks Abgott, dem er nur Gutes gewillt ist. + Aber ihm stürmts in der Brust: was kommenden Zeiten noch dau're, + Müsse sorgsam gepflegt, und festgegründet der Bau seyn, + Das bedenket er nicht, und sieht noch sterbend, verwelket + Was er gepflanzt, und im Sand, sturzdrohend, was er gebaut hat; + Dennoch beut ihm die Liebe den Kranz niewelkenden Nachruhms.« + + »Siehe den Weisen, in dessen Hand dann erglänzet der Zepter, + Reißt des Todes Geschick aus der Zahl der Lebenden schnell fort! + Wohl ihm: denn früher erringt er das Ziel der herrlichsten Laufbahn + Auf hesperischer Flur, wo er Glück ausspendet, und Segen!« + + »Jetzt entschwinden die hehren Gesichte vor mir wie in Nebeln. + Furchtbar steigt Geschrei in die Luft. Des alternden Erdballs + Vesten wanken; es scheint, als sollt' ein neues Geschlecht sich + Heben empor aus dem gährenden Grund, doch früher die alten + Ganz hinschwinden in Nichts: so entsetzlich schwelgt die Empörung + Fort an den Strömen vergossenen Bluts. Der tauschenden Gleichheit + Mordruf schallt: hinschwindelt das Volk, und reißt mit des Thrones + Stürzendem Heiligthum' auch sich selber hinunter zum Abgrund, + Wo in dem nächtlichen Grau'n sein Wuthgestöhne verhallet. + Aber ich sehe den Schiffer im Sturm, der, blickend zum Himmel, + Unerschütterten Muths, durchfleugt die empörten Gewässer; + Sehe den Sohn vor mir des Verblichenen, wie er im Nachtgrau'n + Fortgewogt auf der Fluth, nun sinkt, nun steigt, bis er endlich, + Lautumjauchzt, einfährt in den volkerfülleten Hafen, + Und noch höher als erst, nach zwei Jahrzehenden aufragt: + Denn ihn lenkt in den Tagen der Noth stets sicher der Tugend + Heiliger Wink, und sein ist die Lieb' und die Treue der Völker, + Die er, ein Vater, beherrscht mit mildvorsorgender Weisheit. + Heißt auch mancher Gewaltige »Groß« in Geschichten der Menschen, + Ihn wird einst die Nachwelt laut den _Edelsten_ nennen.« + + »Dunkler ward's ... mir schwand in verworrenen Bildern die Zukunft. + Doch nun hast du vernommen, was mir, unwürdigem Diener + Heute der Herr enthüllt'. Leb' wohl! Vollbracht ist des Lebens + Weitumirrender Lauf -- er endete, deiner gewärtig. + Denk' auch mein im Gebeth. Stets sey der Himmel dir gnädig!« + Sagt' es, und wankte hinaus, der Klaus' entgegen. Er warf sich + Dort auf die Knie', und bethete leis' mit erblassenden Wangen. + + Aber auch Rudolph lag mit tiefgesunkenem Antlitz + So, daß die stürzende Thrän' auf die Marmorstufe hinunter + Ihm aus den Wimpern sank, mit hörbarem Laut in der Stille, + Vor dem Altar auf den Knie'n. Sein Dank auf den Fittigen tiefer, + Inniger Andacht flog empor zu dem Vater im Himmel. + Als er den Blick zu dem Bild' erhob, und das Aug' auf die Augen + Heftete, die so mild den frommhinwandernden Pilger + Wecken zur Liebe des Sohn's, da erblaßt' er betroffen. Ihn dauchte: + Daß sie in himmlischem Glanz' erglühten, und schaudernder Angst voll, + Wich er zurück vom Altar -- bis jetzt in der Lampe der Lichtdocht + Hell aufflammt', und sanft, wie zuvor, die Mutter ihn ansah. + + Jetzo rief er Müllern herbei, der draußen im Vorhof + Harrte; legte die Hand ihm fest auf die Schulter, und sagt' ihm: + »Hole die Waffen schnell: den Degen, den Helm, und den Harnisch; + Auch die Spor'n, die wir mitführeten: leg' sie in Demuth + Auf den Altar; dann fasse den Speer, die Wache zu halten, + Bis zum Morgen. Ich geh', ein Weniges draußen zu schlummern.« + Also geschah's. Der Knappe ging, und holte, verwundert, + Alles und Jedes herbei; dann faßt' er den Speer, und erging sich + Dort, gemessenen Schritts, die Wach' an dem Heiligthum haltend. + Doch als jetzt an des Himmels Rand der erwachende Morgen + Wie der purpurne Kelch der frischentfalteten Rosen + Glühete, hieß der Kaiser sein Volk der kleinen Capelle + Nahen, und dort im Kreis' umgeben den heiligen Altar. + Anbethend stand er selber vor ihm; dann wandt' er sich freundlich + Gegen den Kreis; rief laut dem Knappen Müller, und winkt' ihm, + Niederzuknieen vor Gott auf die Marmorstufe. Den Wammsrock + Nahm er ihm erst von dem Leib', und umgab mit dem glänzenden Harnisch + Ihm die Brust: er reicht' ihm die Sporn' und den trefflichen Degen + Dar mit dem Wehrgehang; bedeckte sein Haupt mit dem Festhelm, + Riß dann schnell das Eisen hervor aus der Scheid', und begann so: + »Weil du, tapfergesinnt, obgleich als Bürger geboren, + Habsburgs Herrn, der jetzt des heiligen, römischen Reiches + Kaiser sich rühmt, das Leben gerettet, und stets auf dem Schlachtfeld + Ritterlich' Ehre gewannst durch heldenmütige Thaten: + Will ich dich hier, vor Gottes Altare, den Edeln gesellen. + Aber bedenke denn auch, daß dir hinfort auf des Ritters + Ehrenbahn gezieme, zu schirmen das Recht und die Unschuld; + Schützer zu seyn des zarten Geschlechts in Zucht und in Ehren; + Nie zu meiden den Kampf, in die Schranken durch Edle gefordert; + Nie zu dulden die Schmach, und zu rächen erlittenes Unrecht, + Kräftig und ohne Verzug, so dir's nicht wehrt das Bewußtseyn: + Hierauf schlag' ich dich Gott, und Maria, der heiligen Jungfrau, + Auch Sanct Görgen, des Ritters Patron, zu Ehren, zum Ritter.«[8] + Sagt' es, und führte den Streich + kreuzweis mit dem tönenden Schwertstahl + Ihm die Schulter hinab, erhob den Edeln, und küßt' ihn. + Laut aufschrie die Schar der Versammelten. Jeglicher staunte, + Forschte zuvor, wohin sich wende das ernste Beginnen? + Doch, nun schüttelt' ihm jeder die Hand, und lächelt' ihm Beifall. + + Schon erglühte das zarte Gewölk im lichteren Osten, + Das dem erwachenden Tag das Nahen der herrlichen Sonne + Kündete: sieh', da führte sein treues Gefolge der Kaiser + Schnell zum ersehneten Alpenrand, wo jetzo die Aussicht + Unermeßlich groß, vor den Augen der Männer sich aufthat! + Aber sie bebten zurück vor freudigem Schreck und Erstaunen: + Erst zur Tiefe hinab, wo auf duftigen Schwingen die Nebel, + Zögernden Flugs, bald hier, bald dort nach entfernteren Thälern + Flatterten, sank ihr Blick. Wie staunt' er: gewaltige Berghöh'n + Nun zu Hügeln versunken, zu schau'n, und auf jeglichem ringsher + Wiesen, und Ackergründ', und waldumsäumtes Gehöftland; + Unten am hellen Teich das Gotteshaus, und des Klosters + Riesengebäude; das Thal entlang, an der schimmernden Traisen + Hin, aufwirbelnden Rauch von den Eisenhämmern und Hütten -- Dann + unendlich hinaus vom Gebirg verbreitet die Fluren; + Doch als jetzt aus dem Nebelmeer ihr breiteres Antlitz, + Dunkelgeröthet, die Sonn' erhob, und ringsum der Erdkreis + Jubelte: reich mit Perlen geschmückt, und begrüßt von den Scharen + Zahlloser Vögel im Wald', in den Thälern, und hoch in den Lüften, + Wo sich empor unsichtbar schwangen die wirbelnden Lerchen: + Ha, da erglühte die Brust der Männer vor tiefem Entzücken! + Mancher faltete, bethend, die Händ', und blickte hinunter, + Rings umher, dann himmelwärts, mit Thränen der Wonne. + Keiner hatte zuvor erstiegen die Höh'n, und gesehen + Dorther tausendfaltig besä't mit schimmernden Städten, + Dörfern, und Klöstern das Land, und hochaufragenden Burgen; + Nur der erhabene Kaiser allein erlabte schon oft sich + Dort an der seligen Schau, und begann jetzt freudigen Blickes: + »Seht, wo nördlich hinaus sich die Straße, wie schimmernde Leinwand, + Dehnt, Sanct-Pölten, die Stadt voll trefflicher Bürger und d'rüben + Herzogburg mit dem Gotteshaus' im lieblichen Aufeld. + Seht dort links, erbaut auf dem weitgesehenen Berggrath, + Göttweih herrschen im Donauthal, das herrliche Kloster; + Doch, nicht ferne der Burg des Hoheneckers am Wald dort, + Herrlicher Mölk: bewohnt von Benedicts Söhnen die beiden; + D'rauf die Stadt' auch: Krems, Und, Stein, von Traubengebirgen + Rings umgrünt, an dem Ufer der hellerglänzenden Donau. + Doch, o! wer erspäht', auch schärferen Blickes, noch jenseits, + Bis zu dem bläulichen Kranz der Karpathen hin, und den Marken + Mährens der Menschen Wohnungen all' in unendlicher Landschaft? + Seh't, g'en Westen, den Traunstein dort: er senket den Felsfuß + Tief in den Gmundner See: die Zierde des Oberen-Oestreichs. + Näher erglänzet die Tillisburg, die im ruhigen Thalgrund + Birgt Sanct Florians Stift, das Haus ruhmwürdiger Chorherrn. + Dann erhebt der mächtige Briel, und drüben der Oetscher + Noch das Haupt zum Gewölk, und rings bis zum östlichen Schneeberg, + Der nach der Wiener-Neustadt schaut, der _Immer-Getreuen_,[9] + Sehet ihr Berg' auf Berge gethürmt, erschütternden Anblicks. + Nur verhüllt uns der Kahlenberg mit seiner Karthause + Wien, die Kaiserstadt, und das weitverbreitete Marchfeld, + Wo jetzt Ottgar lagert, und dort auf blutigen Kampf sinnt; + Doch wir biethen ihm lieber die Hand mit dem friedlichen Oehlzweig, + Als daß er fühle den Schlag der eisernen, niedergeschmettert. + Ha, dieß Bild entschwind' euch nie, das heute so wonnig + Uns enthüllten die Höh'n des Lilienfelder-Gebirges!« + + Eiliger wandt' er jetzt die Schritte zurück, in der Hütte + Noch dem frommen Klausner zu nah'n -- zu vernehmen des Segens + Laute von ihm, und ach, wie ergriff ihn Angst und Entsetzen, + Als er geöffnet die Thür', und ihn, vor dem Bild des Erlösers + Auf den Knie'n, im Gebeth, mit gesunkenem Haupt und zum Boden + Starrendem Aug', ersah -- doch stumm, und erblasset im Tod schon! + Lange staunt' er, bewegt, den Verblichenen an, und enteilte + Dann der Hütt'. In des Augenblicks entschwindendem Zeitraum + Schwangen die Reiter sich all' in den Sattel, + und trabten ihm, schweigend, + Nach, zum Kloster hinab, wo er, tieferschüttert im Geist noch, + Anbethend, weilt in dem Gotteshaus', und dann in dem Kreuzgang + Wandelnd, hinauf in das Schlafhaus stieg in der Stunde des Mittags. + Hundert Schritt' entlang, auf mächtige Säulen gegründet, + Wölbete dreifach die Halle sich auf: nur dämmerndes Zwielicht + Brach durch farbiges Glas der zierlichgestalteten Fenster. + Ernst ergriff ihn das Bild der Vergänglichkeit, als er mit Ehrfurcht + Staunte dem Bau. »Du sollst«, so lispelt' er leise für sich hin, + »Eiserngefügt, mit Stolz auf die wechselnden Zeiten herabschau'n; + Aber vielleicht, daß nach sechs Jahrhunderten, oder nach sieben + Du in dem Schutte versinkst, wenn dort die prasselnde Flamme + Ueber dir braust, und vergeblich des Wanderers Auge dich suchet!«[10] + + Sieh', da nahte des Klosters Abt mit den Brüdern, und sagte: + »Herr, du zürnest uns wohl? Wir säumten den Herrscher zu grüßen!« + Doch der Kaiser begann: »Nicht euere Schuld ist es, wahrlich: + Denn ich schlich gar leise herein, als käm' ich, ein Späher. + Jetzo gedenkt, Herr Abt, mit sorglicher Liebe zu einen + Staub dem Staub', aus welchem er kam: die Leiche des Klausners, + Der in dem Herrn entschlief, in der einsamen Hütte der Alphöh'n.« + »Weh',« entgegnete jener bestürzt, »so schwand auch der Segen + Von den Alpen mit ihm: denn seinen erhörten Gebethen + Dankten sie ihr Gedeih'n, und des Segens Fülle die Hirten! + Aber nicht zeitlichen nur, auch ewigen wußt' er zu spenden. + Liebend brach er das Brot den Großen und Kleinen -- versteht mich + Wohl, erlauchtester Herr: das Brot des göttlichen Wortes, + Das die Seel' ernährt, und stärket für immer und ewig! + Aber woher er kam; weß' Landes und Stamm's er gewesen, + Hat noch keiner enthüllt. Versenkt in düstere Schwermuth, + Kam er in frühester Jugendzeit auf die Alp', und erbaute + Dort die Capelle, geweiht dem Dienste der seligsten Jungfrau. + Weniges sprach er nur, mit den Worten geizend -- mit Werken + Himmlischen Wohlthuns nicht: ein Heiliger allen verehret. + Morgen wollen wir ihn mit der Seelenmeß' und dem Bußpsalm + Würdig zur Erde bestatten, und ihm erhöhen den Denkstein.« + + Jetzo erscholl mit freudigem Ruf Drometengeschmetter + Von dem Wege heran, der Zell' entgegen -- der Jungfrau + Gnaden-Zelle, führt, wohin, wie der Hirsch nach dem Bronnen + Schmachtet, unzählige Pilger zieh'n mit sehnendem Herzen + Nach dem Segens-Born der göttlichen Huld und Erbarmung. + Hell erglänzte das Aug' und die Wange des Kaisers. Er eilte + Rasch die Stufen herab: denn Albrecht, sein ältester, kam jetzt + Her aus den rheinischen Gau'n mit tapferen Scharen gezogen. + Laut begrüßt' er den nahenden Sohn, und both ihm die Hand dar, + Freundlich und mild; doch warm erwiedert' es dieser, und innig, + Obschon er düstern Gemüths nie lächelte. Siehe, zur Heerschau + Hatt' er die Krieger in Reihen gestellt! Mit stolzem Vertrauen + Wies er ihm erst fünfhundert aus Zürch, die im Kampfe der Markgraf + Hochberg lenkt; dann jene von Kyburg, Salm und Luzern her: + Dreimal so viel' an der Zahl, die Nürnbergs tapferer Burggraf, + Friedrich, erkiesend, im Felde beherrscht, und wies ihm dann endlich + Jene, den ersteren gleich an der Zahl, die er selber in Schwabens + Heiteren Gau'n jüngst warb, und jetzo zum Kampf und zum Sieg führt: + Lanzengewaltiges Volk, mit Helmen bewehrt und mit Schilden. + Aber hinab und herauf vor den Reih'n erging sich der Kaiser + Dort mit zögerndem Schritt'. Er sah mit freundlichen Blicken + Jedem Krieger in's Aug'; erzwang ihm ein Lächeln, und fragt' ihn: + Wie's ihm erging seither? -- bei'm Nahmen die Tapferen rufend. + Manchem strich er das rauhe Gesicht mit der Rechten; dem andern + Faßt' er die Hand, und verhieß ihm des Kampfs Arbeiten die Fülle: + Da er schon alle zuvor im furchtbarn Felde der Waffen + Sah, und erprobte den Muth und die Kraft des einen und andern. + + Jetzo begann der Sohn dem herrschenden Vater zu künden: + Wie er das Kriegsvolk warb in der Heimath -- d'rauf an den Marken + Schwabens vereinte zum Heer'; wie er schnell g'en Ulm an der Donau + Zog, wo zuerst der Strom den breiteren Rücken zur Fahrt beut; + Dann' in Schiffen herab, durch Bayerns gesegnete Fluren, + Also durch Oestreichs obere Gau'n nach Enns, und gelandet, + Nach Stadt-Steyer geeilt, die am hellerglänzenden Waldstrom + Vielfach den Wand'rer ergetzt durch eisengestaltender Meister + Sinnigen Fleiß, und jetzt unwegsame Schluchten durchirrend, + Kam nach Zell, wo sich an der Gnadenquelle die Krieger + Alle reinten von Schuld, und des himmlischen Brotes genossen. + »Doch,« so erzählt' er fort, »wie erhob mich, + nicht ferne dem Ziel mehr, + Heut' in dem dunkeln Oetscherthal' ein Wunder der Allmacht! + Vor mir sprang ein flüchtiger Gemsbock fort in des Weges + Krümmungen. Ich, von Jagdlust heiß, verfolgte den Kühnen + Seitab, bis er vom Rand der steilabgleitenden Felswand + Stürzte zur Tiefe hinab, und zerschmetterte dort die Gebein' all'. + Aber der Rückgang schien auch mir versagt, und ich wand mich + Mühesam nur, die Schluchten entlang, zu lichteren Stellen. + Plötzlich ergriff mein Ohr ein Donnergetümmel: die Felsen + Drönten umher; stets furchtbarer scholl aus der Schlucht, + wie ich nahte, + Stürzender Fluthen Gerausch', und erfüllte die Thäler mit Schauder. + Doch nun war errungen der Stand. Von des schwindligen Felsens + Schmalvorragendem Riff' ersah ich, vor freudigem Schrecken + Selber zum Stein erstarrt, des Waldstroms Fall in den Abgrund: + Denn vor mir aufthürmte sich hoch der gespaltene Felsberg + Oben am Rand nur sanft zur Rechten gebogen, und dorther + Stürzt, ein raschvorstürmendes Ungethüm, nieder die Lasing.[11] + Ha, wie Fluth auf Fluth und Wog' auf Woge sich dränget, + Rastlos; dann, erbebend dem Sturz', aufheult, und die Stimme + Aller, vereint, zum furchtbarn, schrecklichen Donnergetös' wird! + Wie sie sich fassen im Flug, mit eh'rnem Geprassel die Klippen + Schlagen, und schäumen vor Wuth; wie sie von dem Felsen herunter + Fort und fort, den jähabrollenden Schnee-Lawinen + Gleich, im kreisenden Schwung sich wälzen, und stürzen, und ewig + Rauschen, und brausen, daß rings die waldigen Höhen erzittern. + Ueber die Berg' empor, in die hehren Gefilde der Wolken + Fleugt der glänzende Staub zerschellter Gewässer, und dreht sich, + Wirbelnd, im eisigen Hauch des stromgeborenen Windes. + Doch als dort in die Felsenschlucht, am glänzenden Mittag, + Freundlich die Sonne schaut, da haucht sie in vielfacher Wölbung + Hin auf das wirbelnde Naß den siebenfarbigen Bogen, + Der die stürmende Brust mild sänftiget: so wie er Noah + Einst erquickte das Herz, ein Zeichen der hohen Verheißung. + Wahrlich, entzückend schön, und erhebend dem fühlenden Menschen, + Pranget der Lasingfall in Oestreichs hehrem Gebirgsthal!« + Aber er horchte den Worten des Sohn's mit Lust, und geboth dann, + Laut, dem Volke zu Fuß und den Reitern den eiligen Aufbruch. + + Staunend ersah'n die Krieger zuvor, an der Seite des Kaisers + Müllern im Ritterschmuck -- den ebenbürtigen Bürger + Zürcher Stadt; sie sah'n es, und lispelten, wiegend das Haupt noch, + Einer dem andern die Frag' in's Ohr: »was solches bedeute?« + Jener gewahrt' es, und, sich im kreisenden Schwung in den Sattel + Hebend, lenkte den Rappen herbei; dann heischt' er von Diesem, + Jenem die Rechte zum Gruß, und preßte sie, heiß in der seinen. + Aber da kam, erglühenden Blicks, der Kaiser, und sagte: + »Staunt nicht fürder, daß ihr im Ritterschmucke den Bürger + Euerer Stadt erblickt. Allmänniglich ist es bekannt ja, + Wie er in großer Gefahr mit tapferem Muth mir das Leben + Rettete: d'rum auch werth und würdig des Standes der Edeln; + Aber nicht Müllern nur, auch jeglichem steh' ich als Schuldner, + Der so, wie er dem Kaiser und Reich sich verdingte: Rudolphus, + Kaiser des Reichs, wird ihm die Schuld mit Wucher bezahlen.« + Sagt' es, und schwang sich auf's wiehernde Roß. Zum freudigen Aufbruch + Scholl die Dromet', und schnell g'en Wien bewegte der Zug sich. + + Sieh', in des Abends Grau'n, gewiegt von gaukelnden Lüftchen, + Rauschte das Laub in dem Weidenhain, der nahe den Mauern + Drösings, am Hügel empor sich hob, und im schlängelnden Waldbach, + Längs dem duftenden Thal sich spiegelte! Völlig verhallt war + Nun des Kampfes Getös' -- erstürmt die Veste. Die Gegner + Wichen, bezwungen, zurück, und Ottgars furchtbare Gattinn + Sah schon stolz auf das Land, das bald (so wähnte sie thöricht) + Oestreichs Aar' entrissen, dem Leu'n von Böhmen zu Theil wird. + Doch wer ist die holde Gestalt, die, zögernden Schrittes, + Drüben, den Bach entlang, hinwandelt in sinniger Schwermuth? + Hedwig, ihr' Erzeugte, die Wonne des herrschenden Vaters, + Und der Liebling des Volks, geliebt, und bewundert von allen. + Aber warum erbebt ihr hochgesinnetes Herz nun + Unter der sanftvorwölbenden Brust? Entlockte der Thränen + Hellerglänzendes Paar, das über die rosige Wang' ihr + Träufelte, tiefverborgener Gram, und die Einsame geht nun + Solches dem spähenden Blick der furchtbarn Mutter zu bergen? + Ach, nicht der Mutter allein -- auch allen den Sterblichen ringsum, + Ja, sich selbst, und sogar dem Allerforscher im Himmel, + Bärge sie gerne den Gram, dem heute die Thränen geflossen! + Doch nun hemmt sie den Schritt. An den Stamm des schattenden Baumes + Stützend den Arm, und pressend die Wang' in die Höhle der Linken, + Hebt sie das Aug', voll Himmelsbläu', empor zu den Sternen. + Seitwärts sank von der hellen Stirn' ihr des bräunlichen Haupthaars + Ringelnde Meng', und hing von den Schultern zugleich, und des Nackens + Schöner Säul' an dem schneeigen Faltengewande hinunter, + Das dicht unter der schwebenden Brust der goldene Gürtel + Lieblich umfing. Nicht kam von den funkelnden Sternen ein Lichtstrahl + Ihr in die grau'numnachtete Brust. Sie starrte, verstummend, + Lange vergeblich empor; doch jetzt mit lispelndem Laut nur, + Und umschauend mit Angst, begann das jammernde Fräulein: + »Ha, vernichtendes Bild -- entsetzlich, und furchtbar, und dennoch + Himmlisch zugleich aufschwebst du vor mir, umgaukelst mich rastlos, + Und bethörst mir den Geist mit tiefverwirrendem Schwindel! + Wallstein -- Gott! Wen nannt' ich? Sein Nahm' entriß sich den Lippen + Mir, der Unglücklichen jetzt, und ach, der holdeste Laut wär's; + Süßer als Harfengetön' in des Mondlichts freundlichem Schimmer, + Klang' er mir in dem Ohr', dürft' ich ihn nennen -- ich darf nicht! + Glückliche Menschen ihr, die ihr dort in der niedrigen Hütte + Wohnt, wo des Throns augblendender Glanz nicht das Herz von dem Herzen + Trennt, dem ihr's auf immer geweiht: wie zög ich so freudig + Hin den dunkeln Pfad, der euch beglückend zum Ziel führt! + Weh', wie sprach ich? Wohin entschwand mir jede Besinnung! + Grünende Matten, du murmelnder Bach, und ihr Sterne da oben + Sagt es nicht, was ihr gehört. Du Mutter des Heiligsten, Besten, + Huldvolle Maid, nah' mir, der armen Verirrten, zur Rettung! + Billig haßt' ich ihn. Ha, wie verwegen er jüngst zu den Knie'n mir + Sank -- ich bebte vor Angst, in des Gartens umschattendem Laubgang; + Wie er mir faßte die Hand, an die glühenden Lippen sie pressend, + Bleich aufstarrte zu mir! Nicht soll er fürder mir nahen. + Doch wer eilt im Dunkel daher? Ich stürbe vor ihm jetzt.« + + Sagt' es, und wollt' entflieh'n: da trat ein edeler Ritter, + Schimmernd im tönenden Waffenschmuck', in der Stille des Abends + Ihr in den Weg, und sprach: »Gönnt mir, holdseliges Fräulein, + Freundlich Gehör! Von Eginhards Geschlechte geboren, + Folg' ich, ein Rittersmann, der Fahne des Königs von Böhmen, + Eures Erzeugers, und doch, erschrecket nicht, steh' ich, ein Anwald + Seines Gegners, vor euch. Ich komme, gesendet von Hartmann, + Rudolphs Sohn', der euch schon lange zum Gatten erwählt ist: + Denn in dem rosigdämmernden Licht unschuldiger Kindheit + Wollten zu eh'lichem Bund' euch die liebenden Aeltern vereinen, + Ehe des schrecklichen Jammers Grund, die Krone der Kaiser, + Feindlich die Fürsten schied, und her auf das eiserne Schlachtfeld + Zog. Doch hört: mich hob er zuvor mit dem Speer' aus dem Sattel, + Als ich die flüchtende Schar aus den kühneroberten Mauern + Drosendorfs verfolgt', und ihn selber bestand auf dem Heerweg. + Aber er schenkte das Leben mir, und die Freiheit -- auf Ritters + Redliches Wort d'rob heischend die Pflicht: + daß ich brächte die Bothschaft + Her, und zurück, wie es euch Bescheid zu geben, genehm ist. + Ach, er hat euch jüngst, so sprach er mit leuchtenden Augen, + Wiedergeseh'n nach Jahren voll Grams, und nimmer entschwindet + Mehr ihm das Bild der holderblüheten Jugendgefährtinn! + Nicht entfloh ihm die Hoffnung noch des ersehneten Friedens. + Mild schlägt Rudolphs Herz: er biethet dem tapferen Ottgar + Freundlich die Hand. Vielleicht, daß bald die gesonderten Krieger, + Die jetzt noch, blutdürstenden Blicks, nach den Lagern hinüber + Schau'n, und, geballt, erheben die Faust: voll dräuenden Ingrimms + Gegen einander zu wüthen bereit, vernehmend des Friedens + Fröhlichdrometenden Ruf, in die Scheid' ihr blitzendes Eisen + Bergen, und mitten im Feld mit lautem Gejauchz' sich die Rechten + Schütteln, und ganz vergessen des Grimms in froher Umarmung. + D'rauf zerstreuen sich all'. Auf den stäubenden Straßen erschallet + Sang und Klang. Bekränzt mit grünenden Reisern, enteilen + Sie zur heimischen Flur, um dort in den Blicken der Lieben + Jetzo des Wiedersehn's erschütternde Wonne zu lesen. + Dann aufdämmert auch ihm, dem euch die liebenden Aeltern + Einst verlobten, der Tag ersehnter, unendlicher Wonne. + Doch so ihn tröge der Hoffnungs-Strahl, und die waltenden Herrscher + Sich bekämpften mit eisernem Trotz' -- o, hört ihn! Er frägt euch: + Wollt ihr auch dann noch treu dem geschlossenen Bund euch erweisen? + Fromm, und gut ist des Kaisers Erzeugter gesinnt: auf dem Schlachtfeld + Hob sich sein Ruhm, und Deutschlands throngeborene Jungfrau'n + Schau'n mit sehnlichem Blick nach dem herrlichgestalteten Mann hin. + Nur kargt er mit den Worten: es wohnt stets düstere Schwermuth + Ihm auf der Stirn' -- und im Herzen nach euch unendliche Sehnsucht.« + Also sprach er, und harrte, bewegt, der entscheidenden Antwort. + + Hedwig sann für sich hin; nach dauerndem Schweigen begann sie: + »Wohl ist Rudolphs trefflicher Sohn, der tapfere Hartmann, + Mir bekannt -- ich ehre den edelgesinnten Jüngling; + Aber getrennt hat uns des Schicksals eherner Rathschluß, + Wandelnd in Haß, und nieversöhnliche Feindschaft der Aeltern + Herzen um uns: ich steh', entledigt der frühen Verlobung. + Ach, und sollt' in dem Kampf auch mein Erzeuger dem seinen + Unterliegen, und ich, die Tochter des mächtigen Ottgar, + Dem Europa's Völker umher sich beugen, voll Ehrfurcht, + Stürzen hinab in den Staub der schmachbelasteten Armuth: + Dennoch würd' ich nicht Rudolphs Sohn zum Gatten mir kiesen! + Und, da nur ein einziges Wort entscheidet für immer, + Künd' ihm: ich hätte gewählt -- für den Einen gelobt' ich zu leben.« + Also floh ihr das Wort von den zitternden Lippen. Sie wandte + Heim nach der Stadt die furchtbeflügelten Schritt', und der Ritter + Eilte davon, beschwert mit der trauererregenden Bothschaft. + + + + + Dritter Gesang. + + + Ha, schon lockte der Kampf des Geisterreiches Bewohner + Aus dem übersinnlichen Raum', und den Tiefen des Erdballs, + Mächtigen Zaubers herbei! Auch _Marbod_,[1] der edele Markmann, + Kam. Nicht im übersinnlichen Raum ergetzte das Licht ihn + Seither: denn er saß, versunken in düstere Schwermuth, + Dort in des Erdballs Schooß wohl zwölf Jahrhunderte lang schon, + Seit er getrennt sich sah von der liebenden Gattinn, Erwine, + Die, in dem Todeskampf', ihm die Hände mit weinenden Blicken + Reichte zum letzten Mal', und dann, viel reineren Herzens + Denn ihr Gemahl, empor zu glänzenden Räumen sich aufschwang. + + Marbod herrschte, von Kraft und glühendem Muthe beseelet, + Ueber ein tapferes Volk: Markmannen genannt in den Reihen + Mächtiger Stämme des deutschen Vereins. Von Schwabens Gefilden + Her, die norischen Alpen entlang, Pannonien nahend, + Wo in der Ostmark sich am Ufer der mächtigen Donau + Vindobona erhebt, bis hin zu den Höhen der Heünburg[2] + Schirmten gegen den Feind, im Rücken der Berge, die Marken, + Sie des gemeinsamen Vaterlands, als mannhafte Streiter. + Aber dem schrecklichsten dort, der allzermalmenden Roma, + Ferne zu stehen, und ihm einst kühn zu begegnen im Schlachtfeld, + Zog er nach Bojenheim; verjagte den Gothen-Beherrscher + Katwald; gründete sich ein Reich und die Stadt an der Moldau, + Marobud,[3] und ward gefürchtet umher in den Ländern. + Inguiomar, der Ohm des tapfern, cheruskischen Hermann, + Floh, von diesem gehaßt, zu Marbod. Sie kämpften im Marchfeld + Lange die blutige Schlacht, und es rühmten sich beide des Sieges. + Aber an Hermanns Macht, des glücklichen, schlossen die Scharen + Marbods sich an. Da entriß, mit den Römern verbündet, ihm Katwald, + Stürmend, die Burg Mar'bud, und entthront' ihn. Ach, er vertraute + Roma's täuschender Huld, und starb in den Mauern Ravenna's + Arm -- ein Zeuge des wechselnden Glücks auf irdischer Laufbahn! + Doch nun kam er herauf, und wandte sich rasch nach den Fluren + Oestreichs, das er mit Bojenheim sein nannt' in der Vorzeit. + Bald gewahrte sein Aug' auf des Lilienfelder Gebirgs Höh'n + Drüben die Ritterschar blondhaariger Deutschen. Er schwebte + Jetzt in sausender Eile dahin, und so, wie der Geier + Schnell von dem Felsenhorst nach dem dunkeln Thale herabfährt, + Weil er im Laub hellschwirrende Vögel erspähte: so blitzschnell + Fuhr er herab. Er staunte: wie hier die ermüdeten Krieger + Schlummerten; dort, zu dem Bild des Gekreuzigten, einer der Helden + Flehend rang, und ein Greis ihm naht' in erschütternder Hoheit; + Hörte: wie jenem der Greis der tiefverborgenen Zukunft + Dunkel enthüllt', und Habsburgs Ruhm mit unzähliger Völker + Glück in seinem Geschlecht verkündete: schauend im Geist dort + Oestreichs Größ', und in Wonn' erbebend den hehren Gesichten. + Aber vor allem ergriff des stattlichragenden Herrschers + Näh' ihn, der, entsprossen aus seinem Stamm', in des Aargau's + Thälern die Burge der Ahnen bewohnt', und von allen gepriesen + Als der Schirmer des Rechts, zum erhabenen Kaiser der Deutschen + Jauchzenden Rufes erwählet ward. »Doch biethet ihm jetzo,« + Also sagte zuvor der Greis auf den luftigen Alphöh'n, + »Ottgar furchtbarn Kampf, und er soll in dem Waffengefild nur + Dann erringen den Sieg, wenn ihm« -- welch' dunkele Reden! -- »In + umdrängender Noth vom Munde des Herzens Gelübd' tönt?« + Dacht' es, und eilte, die Heeresmacht des gewaltigen Königs + Drüben am Ufer der March, durchdringenden Blick's, zu erforschen; + Rudolph helfend zur Seite zu steh'n; in dem Seelenverein ihm + Stets zu erregen das Herz zu ruhmverherrlichten Thaten, + Und zu enthüllen die List auflauernder Feind' in dem Feldzug. + + Dort, wo im schimmernden Zelt', umfangen von nächtlichen Schatten, + Ottgar eben, vereint mit den tapferen Helden, zu Rath saß, + Hielt er, schwebend, und sank, wie der Aar, der hoch aus dem Luftraum + Auf die kreischenden Jungen sich senkt, vor dem Zelte herunter; + Doch wie erwachte sein Zorn, als jetzt Drahomira die Recht' ihm + Lächelnd both, im Wahn: er nah' als Verbündeter Freund ihr. + Grimmig sah er sie an; sie lächelte wieder, und sagte: + »Ha, nicht hast du die Knie' vor des Menschen-Sohne gebeugt einst, + Du, in dem Lande der Frei'n Geborener: hast in des Eichwalds + Schauriger Nacht, noch triefend von Blut, geopfert den Göttern -- + Zwar erschuf sie der Wahn, doch hatten wir Schuld an dem Irrwahn + Dort? Jetzt nähr' ich ihn kühn -- will nie dem stolzen Gewaltspruch + Huldigen. Komm, und stehe mit mir im Bund des Verderbens. + Stark ist mein unbändig Gemüth: dir will ich auf immer + Thatengenossinn seyn auf der Bahn, die Empörung genannt wird + Von dem Beherrscher des All's. Wir wandeln sie muthig und kühn fort, + Wie er es will, uns fern von des Lichtreichs Gränze verbannend. + Uns vereine das gleiche Geschick und die gleiche Gesinnung: + Ottgar falle besiegt; Kunegund' sey Herrscherinn! Mir gleich + Trägt sie im Busen ein Herz, voll Kraft, und unbändiger Kühnheit.« + Aber sie lockt' ihn umsonst: aus der Bläue der trotzigen Augen, + Die, vom röthlichen Haar umwallt, einst, Gegnern zum Schrecken, + Glüheten, sah er, verachtenden Blicks, auf die Zauberinn nieder; + Wandt' ihr den Rücken, und fuhr in den Raum des Zeltes herunter: + Denn ihm schwebt' Erwinens Bild vor den Augen, und Thränen + Trübten sie schnell, da er jetzo, bewegt, der Sanften gedachte. + Doch als sie in dem Kreis' der Versammelten hier Kunegundens + Herz mit verblendendem Zorn und Haß zu erfüllen bedacht war; + Ottgar selbst, von dem Weib' empört, dem Herrscher der Deutschen + Grause Vernichtung sann; Verrath in den Mauern der Hauptstadt + Gegen ihn dräuend sich hob, und, »Rache,« die Losung des Heers war: + Ha, da flog der entrüstete Geist in Eile von dannen! + Eben erglühte das Morgenroth, erneut, wie der Hoffnung + Herzerheiternder Strahl, an dem östlichen Himmel. Er fühlte + Ruh' in der stürmischen Brust, und schwebte hinan zu den Zinnen + Wiens, wo er bald mit ringsumspähendem Blick im Gebein-Haus, + Unter der wölbenden Gruft der Kirche Maria-Stiegen, + Rüdiger Waldram fand, der dort mit den Bürgern zu Rath saß: + Rudolphs Feinden die Veste noch heut zu verrathen, entschlossen. + »Seht,« so sprach er, »uns frommt's des ruhmverherrlichten Ottgars + Herrscherthron zu erhöhen in Oestreichs blühender Hauptstadt. + Wir sind Bürger der Stadt, und erfuhren es all' in der Wahrheit, + Daß uns Rudolphs Macht, des stolzaufstrebenden Fremdlings, + Schon in dem früheren Völkerkampf nicht zu schirmen vermochte. + Seine Heimath ist fern -- ein Aargau'r bleibt er noch immer. + Flieht den Leu'n im güldenen Feld: _roth_ glüht er vor Ingrimm;[4] + Aber euch sey in dem Purpurfeld der _weiße_[5] willkommen, + Selbst vor dem Doppelaar, den Kaiser Friedrich, der And're,[6] + Hier zum Wapen uns gab. Nun hört', ihr Getreuen! Erschallen + Wird vor dem Stubenthor im mitternächtlichen Grauen + Dreimal ein Glöckchen. Es ruft uns zur That: denn kühne Gesellen, + Von dem König der Böhmen gesandt, durcheilen den Wehr-Gang + Außer der Veste, wo ich in Menge die tödlichen Waffen + Heute gehäuft. Wir öffnen das Thor, und, wißt es: verrathen, + Oder errungen im Blut -- uns gleich! wir biethen die Stadt ihm + Morgen zum Unterpfand des jüngstbeschworenen Bundes. + Eilt nun heim, und gedenket des Muths, + und des herrlichsten Lohn's nur!« + Schweigend reichten ihm jene die Hand, und eilten von dannen. + + Aber mit Schrecken vernahm den schnöden Verrath an dem Kaiser + Marbod im schwebenden Flug', und sann, wie er solchen vereitle. + Jetzt entschloß er sich rasch, zu nah'n im warnenden Traumbild + Hugo von Tauffers, dem Greis' unbändigen Muthes im Schlachtfeld, + Dessen gewaltiger Feldherrnkraft die Veste vertraut war. + Wie sich ein Nebelgewölk hersenkt auf die dämmernden Berghöh'n: + Also nahet' er ihm, und wies in der Tiefe des Grabens, + Außer dem Stubenthor', ein Heer von Wölfen: sie folgten + Eilig dem Weidmann nach, der wildanlockenden Köder + Trug in der Hand, und Waldram glich, voll triegender Arglist. + D'rauf durchstürmten sie das eröffnete Thor, und erwürgten + Ringsum Kinder und Greis', und lautaufheulende Mütter + So, daß das Blut durchwogte die Stadt, wie ein brausender Gießbach, + Der im regnigen Herbst mit schäumenden Fluthen daherfleugt. + Stöhnend entwand sich der Held dem Traum', und sagte, verwundert: + »Wahrlich, mir führte die Nacht noch nie so klar und lebendig + Gaukelgebilde des Schlafs an der Seele vorüber. Mich dünket, + So ich es recht erwäg' im Gemüth: ein warnender Traum seys!« + Und er erhob sich behend', um die Veste besorgt in dem Herzen. + + Jetzt erscholl ringsher von den hochaufragenden Wällen, + Mächtiger stets Drometengetön', und unzählige Glocken + Weckten mit ehernem Schall des Volks unendlichen Jubel: + Denn von des Berges Höh'n, wo die Spinnerinn saß an dem Kreuzbild, + Kam Kriegsvolk, und vor ihm der erhabene Kaiser. Die Sonne, + Die sich im rosigen Osten erhob, sog blitzende Strahlen + Aus dem stählernen Kleid der Gewaffneten, herrlich zu schauen! + Rührend zugleich, und herrlicher noch: wie, inmitten des Volkes, + Das entgegen ihm zog, im Geleit zwo lieblicher Töchter, + Agnes und Adelheid, und Hartmann, ihres Erzeugten, + Man die Kaiserinn trug in der Sänfte. Die Mutter der Armen + Hieß sie dem Volk', und hieß die trefflichste Mutter und Gattinn: + Mild sich bewährend an allen zugleich, ein Engel an Sanftmuth; + Doch sie naht', abzehrend, des Lebens Ziel', und auf einmal + Welket sie hin wie die Blume, versengt vom giftigen Mehlthau. + + Draußen in Matzleinsdorf, wo fromme Verehrer ein Standbild + Weihten dem Sankt Florian, dort hob Jahrhunderte lang schon + Eine Linde sich auf, die mächtigen Zweige verbreitend + Rings, und biethend in Sommers Zeit umschattende Kühlung + So dem Pilger zugleich, wie dem schwerarbeitenden Löhner. + Dort geboth er die Rast, und grüßte die nahende Volksschar + Freundlichen Blicks. Doch jetzt, die treffliche Gattinn gewahrend, + Trat er zu ihr, und führte sie sanft zum beschatteten Sitz hin. + Wie ihm die liebende Brust auch blutete, sie an des Lebens + Kraft so erschöpft, und ach, dem Tode verfallen zu schauen; + Dennoch bezwang er den Schmerz, und sah ihr noch heiter in's Antlitz! + Aber das liebliche Paar der Töchterchen legt' ihr das Kissen, + Unter den Füßen zurecht, und wand das Tuch ihr mit Sorgfalt, + Um die erschütterte Brust: der dräuenden Kühle gedenkend. + Doch sie sprach zu dem trauten Gemahl, verweisend mit Sanftmuth: + »Gar nicht erwägest du, ach, wie des Vaters die Kinder bedürfen -- + Meiner, der Mutter, nicht mehr: denn schon gewahr' ich sie mündig + Alle vor mir, und bewahrt, mit Gott, in jeglichem Guten! + Rastlos sucht dein Geist nur Müh' und Arbeit: die Tag all' + Schwinden dir hin, und die Nächte, gesammt, in ewigem Streben + Nach dem erkorenen Ziel', und die Ruh' erquicket dich nimmer. + Auch bestehst du zu oft und zu kühn die Gefahren, als Herrscher; + Zogst auch jetzo hinauf g'en Lilienfeld in dem Waldthal + Nur mit schwachem Geleit, und leicht wohl hätte die Heimkehr + Dir der Böhme verwehrt, so ein arger Verräther es kund that. + Weh', und neu entflammt sich der Krieg! Von neuem beginnst du + Wieder den blutigen Lauf, und, ob auch die liebende Gattinn, + Ob die Mutter vergehe vor Angst, und die Kinder, verwaiset, + Schreien nach dir -- umsonst: du kennst, Tollkühner, die Furcht nicht! + Ach, erhob dich die Huld der ewigwaltenden Vorsicht + Nicht auf den Thron, daß du beglückest unzählige Völker; + Führest den Frieden zurück' in die sturmerschütterten Gauen + Deutschlands, unseres Vaterlands, und erhebest die Ostmark, + Deinem Geschlechte zum Ruhm -- zum Sitz' unendlichen Segens?« + Jener entgegnet' ihr sanft: »Nicht also gedacht, und gesprochen + Hast du, Theure, zuvor in den blühendentfalteten Jahren, + Als in den Kampf dein Held auszog. Du reichtest die Waffen + Selber ihm dort, vom Staub sie reinigend, oder vom Blutrost + Oft mit dem Hauche des Mund's und den zartgestalteten Fingern, + Und umgürtetest ihn mit dem Schwert, nach ad'liger Sitte. + Zwar dir pochte die Brust, und die rosigerglühenden Lippen + Zitterten ob den Gefahren des Kampfs; doch immer bezwangst du, + Schweigend, die Angst, und theiltest die Freude des kehrenden Siegers: + Denn nicht eitelen Ruhm, nicht schnöden Besitz zu erjagen, + Lag ich draußen im Feld; nie schaffte mein Eisen das Eigen + Armer und Waisen mir heim: nur diese zu schirmen -- zu rächen + Unterdrückung und Schmach der Unschuldigen, zog ich mit Macht aus, + Wie es die Ritterehre geboth. Auch jetzo, gezwungen + Nur, entreiß' ich das Schwert der rostenden Scheide. Des Friedens + Bothen, erhaben an Rang und Verdienst, entsandt' ich in's Lager + Ottgars erst: wohl mir, so er beiden ein günstiges Ohr leiht! + Doch so er taub verschmäht den ein- und den anderen: dann sey + Gott befohlen mein Haupt. Ich muß ja leben, und sterben, + Wie es der Völker Wohl und des Herrschers heilige Pflicht heischt. + Mög' er Tröster dir seyn, und das Leben noch lange dir fristen + Mir zur Freud', und den Kindern zum Glück', auf immer und ewig!« + Jetzo erhob er sich rasch von der steinernen Bank mit der Gattinn; + Winkt', und reicht' ihr, zum Scheiden, die Hand. + Durch quellende Zähren + Sah'n sie lang' einander in's Aug': die Zitternde sank ihm + Dann, voll Hast, an die Brust, und küßte das pochende Herz ihm. + Angst ergriff das Volk, und ihr' Erzeugten verhüllten, + Weinend, das Aug': sie kehrete heim nach der einsamen Hofburg. + Ach, nicht sieht er sie mehr, die holde Geliebte der Jugend, + Nicht die erlesenste Gattinn mehr, nicht die beste der Mütter: + Denn ihr Lebenslicht soll nun, wie die Lampe verlöschen, + Die, des Oehles beraubt, nur matt aufflimmert noch einmal! + + D'rauf an der Wien, die träg in den buschigen Ufern sich fortwälzt, + Führt' er die Heerschar schnell den Mauern der Veste vorüber: + Denn nicht wollt' er die Burg in den Tagen des Kampfes beschreiten, + Wählend das Zelt zur Wohnung im Kreise der tapferen Krieger. + Außer dem Stubenthor naht' ihm mit eilenden Schritten + Hugo von Tauffers, er, des treuen, tyrolischen Berglands + Heldensohn, der, jüngst erkoren zum Schirmer der Festung + Tausend trefflichen Schützen geboth, die er warb in der Heimath. + »Herr,« so sprach er ihm leis' in das Ohr, »nicht wollest du Hugo's, + Deines Getreu'n, der lange, fürwahr, den Schuhen des Jünglings + Schon entwuchs, jetzt höhnen, als aberwitzigen Träumers! + Wohl ist des Menschen Geschick, zu spielen als Kind an dem Morgen; + D'rauf an dem Mittag ernst zu wandeln als Mann, -- wie ein Kind fast + Sich zu geberden als Greis, an dem Abend des wechselnden Lebens; + Doch, getrost: noch sitzet das Haupt mir fest auf den Schultern; + Schaue noch scharf in die Fern', und mir entgehet der Laut nicht, + Der zu Thaten mich ruft im rühmlichen Felde der Waffen! + So verkünd' ich dir jetzt, wie heute am dämmernden Morgen + Mir ein Wundertraum das Geheimniß enthüllte, daß Gegner + Drinnen im Schooße der Stadt gehägt, gleich giftigen Nattern, + Sinnen auf Mord und Verrath. Ich sah an dem heimlichen Wehr-Gang, + Der, verborgen im dichten Gesträuch, vom Ufer der Donau, + Vielverschlungenen Zugs, zu dem inneren Graben heraufführt, + Listigeröffnet die Thür', und gehäuft unzählig die Waffen: + Sie zu vertrau'n der würgenden Faust verruchter Gesellen. + Auch entnahm ich zuvor aus dunkelen Zeilen, daß Waldram, + Gestern um Mitternacht Rath hielt im grausen Gebeinhaus + Unter der wölbenden Gruft der Kirche Maria-Stiegen. + Solches erwäg', o Herr, und begegne dem schnöden Verrath jetzt!« + »Horch,« so gab ihm der Kaiser zurück, »der Huth in der Festung + Eine sich hier die Schar zweitausend gewaltiger Schweizer + Heute noch, die, so heiß' es, erschlaffte die dauernde Heersfahrt! + Hartmanns Muthe vertraut sey dann die Vest' und die Hofburg; + Doch du schwinge dich hurtig auf's Roß, und reite g'en Theben, + Wo schon Ladislav, mit der Krone des heiligen Königs + Jüngst geschmückt, als Freund und verbündeter Kriegesgenosse, + Unser mit Sehnsucht harrt im Kreise der tapfer'n Magyaren. + Ihm entbiethe denn unsern Gruß: er solle bereit steh'n, + Bis von dem Kahlenberg', in dem mitternächtlichen Grauen + Hoch die Lohe sich hebt: des Kampfs bedeutender Wink; dann + Eil' er herüber die March mit den schrecklichen Reitern, und berge + Sie in dem trocknen Geröhr', an dem Weidenbache vor Marchek. + Auch ich werde nicht fern mehr seyn, und ihm einen die Scharen + Dort zu gemeinsamer That in des blutigen Kampfes Entscheidung.« + Hugo vernahm das Wort -- nicht zweimal braucht' er's zu hören: + Denn er hob sich, behend', im kreisenden Schwung in den Sattel, + Jagte davon -- ihm nach der rüstige Knapp', und in Säulen + Hob sich der Staub empor in die Luft vom schimmernden Heerweg. + + Doch nun theilten die Schützen Tyrols mit den tapferen Schweizern + Wiens ruhmwürdige Huth, wie solches der Kaiser gebothen, + Der das Schwert von der Hüfte sich nahm, und dem tapferen Hartmann, + Seinem Erzeugten, es gab mit sanftermahnenden Worten: + »Deinem Muthe vertraut sey jetzo die Burg und die Festung + Wiens, der herrlichen Stadt. Ein rettender Schild der Bedrängten + Mögest du seyn, und den Ruhm von deinem Geschlechte bewahren, + Das von der Habsburg kam, und Oestreich, liebend, zur Heimath + Sich erkor: ihr Glück auf immer zu gründen, entschlossen!« + Sagt' es, und Hartmann trat mit schweigendem Ernst in die Vest' ein, + Dort zu gebiethen der Schar wallschirmender, muthiger Völker. + Trauer umwölkte sein stilles Gemüth. Von den Sterblichen einer, + Die, durch Prüfung bewährt, des Herrn verborgener Rathschluß + Wandeln heißt auf der Dornenbahn in die ewige Heimath, + Wuchs er in Schwermuth auf. Den Gegnern gefürchtet im Schlachtfeld, + Und von Jeglichem ob des Wissens Reichthum bewundert, + War er der Aeltern Stolz, und die Freude der edelsten Menschen; + Doch mißlang ihm oft sein Müh'n und Streben, und ach, erst + Kündet' ihm Eginhard des stolzgesinneten Fräuleins + Liebeverschmähendes Wort. Er hielt sich die Brust mit der Rechten, + Wo das Herz empörter ihm schlug, und sah zu dem Himmel + Düsteren Blicks, empor; doch bald bezwang er sich wieder: + Mit Ergebung vor Gott, und den Menschen zu wandeln, entschlossen. + Jetzt, so hoch ihn der Ruf des Heldenvaters auch ehrte, + Inner den ragenden Mauern Wiens dem Feinde zu trotzen, + Und zu entreißen den Sieg, nicht weckt' er ihm Freud' in dem Herzen: + Denn ihn hieß auf den Kahlenberg zur stillen Karthause + Pilgern ein frommes Gelübd', und, wie es nun lösen? + -- nicht wußt' er's. + + Aber es zog auf der Brücke dort, die, einigend Leupold's + Außen- und Inselstadt[7] mit dem Land' und der Vest', + in dem Grund fußt, + Eilig der stattliche Kaiser einher vor den muthigen Scharen. + Schmal, und getrennt von dem Riesenarm der herrschenden Donau, + Wogt in der Tiefe der Strom, und umfaßt ein mächtiges Eiland, + Das im Schooße die Außenstadt und umschattende Auen + Lieblich vereint, zur Lust des wandelnden Städtebewohners. + D'rauf im Eilschritt ritt er hinaus auf den schwankenden Bohlen, + Wo auf dem Riesenstrom sich die Fähren an Fähren, im Halbkreis + Reihten, dem wachsenden Mond' an dem Sternenhimmel nicht ungleich, + Wenn er auf dunkeles Nebelgewölk im Westen hinabsinkt. + Angelangt an der Spitze, vom Tabor hinaus, wo im Aufeld + Links an der Straß', und rechts sein Heer das Lager bezogen, + Sah er zum Ehrenempfang die Scharen geordnet, und winkte + Beifall den Amtnern[8] zugleich, und den muthbegeisterten Kriegern: + Denn schon hob sich ihr Freuden-Geschrei die Reihen hinunter, + Endlosdauernd im Ruf: »Hoch lebe der Kaiser Rudolphus!« + + Allen voran stand dort der Hauf' östreichischer Krieger, + Ober'n und unteren Lands; die letzteren führte Capellen, + Jene Dietrichstein in das Feld: zehntausend der Männer, + Die mit dem Panzerhemd, mit dem Helm', und dem Schilde bewehret, + Kämpfend zu Fuß, aufschwangen im Feld die tödlichen Lanzen. + Aber das muthige Volk der Steyrer, der Krainer, und Kärnthner + Stand an jene gereiht, und, wahrt' auch der Helm nicht das Haupt ihm, + Nicht der eiserne Harnisch die Brust; doch würd' es, den Degen + Schwingend, durchbrechen im Sturm, + und erringen den blutigen Kampfpreis. + Pfannberg, Meinhard, und Ortenburg die untad'ligen Feldherrn, + Riefen die Völker in's Feld: dreitausend erlesene Reiter. + Auch der Schweizer gewaltiges Volk, und der heiteren Schwaben + Heldenschar stand dort, gesellet der lagernden Heersmacht; + Dies' empörte zur Schlacht der Burggraf, Friedrich von Nürnberg, + Rudolphs Schwestersohn, und ein tapferer Degen im Schlachtfeld, + Albrecht jene, der edele Sohn des edelsten Kaisers; + Doch den beiden vereinten sich noch tyrolische Schützen, + Die, gerufen erst jüngst aus den Thälern der Heimath, die Armbrust + Auf der Schulter -- die Pfeil', im Bündel geschnürt, auf dem Rücken + Trugen; umspähenden Blicks, wie dem Wild' auf der Fährte die Jäger, + Fernhin sah'n, und, kühn, nicht in Stahl und Eisen sich hüllten. + Tauffers war ihr Hort im Gewühle der Schlachten. Er flog jetzt + Unaufhaltsam dahin, des Kaisers erlesener Herold. + + Sieh', und schon gewahrt' er das Ziel! Die sinkende Sonne + Stand an dem Abendthor', umhüllt von rosigem Schimmer. + Heller glüht' ihr scheidender Blick; ihr goldenes Haupthaar + Flammt' empor, da in hehrem Glanz sie noch einmal herüber + Winkt' ihr Lebewohl! dem sanft entschlummerten Erdkreis. + Aber die Kühlung sank auf den Fittigen schmeichelnder Lüftchen + Leise herab, und erquickte die schweraufathmende Schöpfung. + Jetzt vollbrachte den Ritt sein feuriger Renner; es flogen + Dampfend und triefend von Schweiß ihm die Seiten; + der Hals und der Rücken + Schäumt', und ihm wankten die Füß', + da er stand vor dem Zelte des Königs. + + Dort den Hügel empor, wo jetzt nur Trümmer des Schlosses + Weitumkreisenden Hof bezeichneten, das in der Vorzeit + Herrschend hinuntersah auf das Land, aus dem in die Donau + Drüben die March sich ergießt, und, von ihren gewaltigen Fluthen + Stolz zurückgedrängt, seegleich bedecket die Fluren: + Dort, auf Pfähle gespannt, erhoben sich tausend und tausend + Schimmernde Zelte des Volks der Kumanier und der Magyaren.[9] + Jene rühmten sich gleichen Geschlechts und Ursprungs mit diesen; + Doch der edlere Stamm der ahnenstolzen Magyaren + Hielt Jahrhunderte schon, aus Scythiens grasiger Steppe + Kommend (Tanfu, Zuard, Lehel, und der tapfere Almus, + Waren die Führer des Volks) Pannoniens herrliche Fluren + Im Besitz', errungen im Sieg ruhmdürstender Ahnen. + Jüngst erst kam der Kune heran, dem wilden Tartaren + Folgend im Schreckenszug, und, als er, verwilderter heimzog,[10] + Nach entsetzlichem Mord' und Gewürg' unzähliger Christen, + Blieb er im Lande zurück: inmitten der Theyß und der Donau, + Sich erwählend ein Sandgefild zum dauernden Wohnsitz, + Welches der Steppe gleich, unendlicher Fläche sich ausdehnt, + Und Kumanien heißt. Ihn nennt der Unger den Kun nur. + Eisern hielt er noch fest an der Sitte der Heimath; auch Götzen + Dienet' er, so vermengend das Wort der ewigen Wahrheit + Mit entehrendem Wahn: denn kaum erkannte des Heilands + Rettenden Weg sein Geist, und roh bewahrt' er das Herz noch. + Aber entsetzlich wüthet der grimmige Kun' in der Feldschlacht. + Ordnungslos, bald links, bald rechts sich wendend, im Eilflug, + Braus't er heran wie der Sturm. Er schnellt von dem tönenden Bogen + Durch die heulende Luft den befiederten Pfeil, und verfehlt nie, + So er den Gegner in's Auge gefaßt, in die Brust ihn zu treffen. + Aber von diesem bedrängt, entflieht, und kehret er wieder, + Listengeübt; läßt oft dem fliehenden Rosse den Zügel; + Wendet sich hurtig im Sattel herum, und schleudert des Tschakans + Eisengewichtige Last dem Nahenden mächtig entgegen. + Sieh', und hatt' er ihn etwa verfehlt, da setzt er sich wieder + Rasch, im Schwunge, zurecht in dem Sattel; ergreifet die Zügel; + Lenkt im kreisenden Lauf mit eisernem Drucke der Schenkel + Eilig den Renner heran, und so der entflogenen Waffe + Nahend, schwebt er mit einem Fuß noch im Riemen des Bügels; + Beugt sich nieder im Flug', und hebt sie empor von dem Boden, + Ehe der Feind sich gestellt, und des Fliehenden Jauchzen vernommen. + + Dort schwang Hugo sich jetzt mit forschendem Blick' aus dem Sattel, + Und vertraute das Roß dem redlichen Knappen zur Pfleg' an. + Fernher scholl an sein Ohr des Lagers Getöse: dem Meersturm + Gleich, der himmelan braus't, erfüllt' ein dumpfes Gemurmel + Drüben die Nacht. Stets glühender schien der wolkige Himmel + Ueber dem Lager, erhellt von unzählbarlodernden Feuern. + Dorther kam auftobender Männer Geschrei, und der Weiber + Lautes Kreischen, vermengt dem Gebrüll' + und dem Wiehern des Lastthiers: + Denn von den Zelten hinaus umgrasete rings in dem Blachfeld + Breitgehörnetes Rind und der Ross' unendliche Mehrzahl, + Die nur klein von Gestalt, und unscheinbar dünken dem Fremdling, + Aber, von feurigem Muth' erfüllt, und dauernder Kraft voll, + Tragen den Reiter so schnell wie der Blitz an den Feind, und erretten + Oft ihn im Schlachtengemeng, schnellfüßig zum Sprung und zum Laufen. + Also lagerten hier die Kumanier. Doch in des Heeres + Rücken ruhte das Reitervolk der edelen Ungern, + Kummererfüllt: denn Ladislav, der König, erkor sich + Jene zu Lieblingen, so der Ahnenehre vergessend. + + Als nun Hugo dem Zelt des Königes nahte, vermeint' er, + Zithergetöne zu hören; ihm schien: kumanische Mädchen + Sangen dazu, nach Heidenbrauch, unziemliche Weisen. + Ach, und so war's! Doch bald verstummte der Sang und die Zither, + Als der Fremdling, in Eisen gehüllt, ihm näher getreten. + All' erhoben sich schnell von dem Boden -- die bärtigen Männer + Und die rosigen Mädchen, und jetzt der fürstliche Jüngling, + Anmuthstrahlenden Blicks, an dem Haupte von bräunlichen Haaren + Lieblich umlockt, voll Jugendkraft und blühender Schönheit. + Aber er stand verwirrt, und wußte nicht, wie er beginne, + Bis er sich wieder ermannt', und d'rauf mit kräftigem Laut rief: + »Sprich: weß' Landes du bist, o Fremdling? Triegt uns die Ahnung + Nicht, so kommst du gesandt von dem Kaiser der Deutschen, Rudolphus, + Der uns vielleicht des Saumsals zeiht, und unrühmlicher Trägheit, + Weil wir ruhen dahier, bei Saitenspiel und Gesängen + Uns ergetzend, und sein', des feindbedrängten nicht achten? + Doch wir harreten nur des Winks, den er uns verheißen, + Und gedenken, ihm treu und redlich zu Hülfe zu stehen!« + Hugo beugte das Haupt, und sagte mit edelem Anstand: + »Herr, du ahnetest recht! Hier steht des Kaisers Gesandter, + Hugo von Tauffers genannt, vor dir, und, wahrlich, ein Krieger, + Seit er der Schul' entlief: ein Taug'nichts ist er am Schreibtisch! + Aber nicht rostete noch in der Scheide sein trefflicher Degen; + Gerne stellt er sich ein, wo es gilt ihm Ruhm zu gewinnen, + Und hoch ehrt ihn die Sendung auch jetzt: denn Wichtiges soll er + Dir kund thun; doch, Herr, verzeih' -- in dieser Gesellschaft?« + Sagt' es, und lächelte fast; der König entgegnete leiser: + »Ritter, mir scheint dein lächelndstrafendes Auge zu sagen, + Was dem Könige ziemt, was nicht! Erfahrenes Alter + Richtet streng; doch sieh', noch blüht mir der fröhlichen Jugend + Rosenhain, und ich wandle in ihm mit heiterem Sinn fort; + Weile so gerne dahier im Kreis' des unschuldigen Volkes, + Das, von der Urzeit her die ererbeten Sitten bewahrend, + Frei, die Fessel nicht kennt, die uns engt im verfeinerten Leben! + Aber tritt in mein Zelt, und vergnüge dein Herz an dem Spätmahl, + Das ich dir biethe nach Lagers Brauch; dann will ich dich hören.« + + Eilig traten sie ein. Die finsteren Scharengebiether + Folgten dem Könige nach, und setzten sich rings um den Tisch her, + Sonder Ordnung, noch Wahl. In zottige Pelze gehüllet, + Sah'n sie stolz aus den tiefvergrabenen Augen dem Fremdling + Jetzt in das heitre Gesicht, und strichen den Bart an der Lippe. + Bald erschienen im Zelt' auch die rosigblühenden Mädchen, + Tragend in Körben Pferdfleisch auf, das unter dem Sattel + Barg der Reiter, und dann hinflog, bis solches im Ritte + Heiß geworden, und mürb', des Volks ersehntes Gericht war; + Auch gebratenes Fleisch vließtragender Lämmer, mit Knoblauch + Vielgewürzt; dann Brot aus dem feinsten Mehle gebacken, + Hochgewölbet und weiß, nach Art magyarischer Backkunst, + Und die mächtigen Krüge, gefüllt mit den edelsten Weinen. + Alle schmaus'ten nach Lust; doch Hugo verschmähte des Kunen + Lieblingsgericht -- nicht des Weins, + des trefflichen, schonend: unendlich + Gab er bei Humpen Bescheid, und blieb stets seiner noch Meister. + + Siehe, von neuem erscholl der Zither Getön', und der Herrscher + Mahnte die Männer und Mädchen zum Tanz', dem Gaste zu Ehren! + Jene stellten sich ernsten Blicks, dem König gehorchend, + Draußen in Doppelreih'n, und hoben den werbenden Tanz an, + Der in das Feld den Jüngling ruft, und Gefühle der Wehmuth, + Ihm in der Brust aufregt, an die Zeiten der Väter ihn mahnend, + Mit wehklagenden, tief das Herz bestürmenden Weisen. + Aber sie schlugen die Hand an die Hand, und die Sporn' an die Spornen; + Stampften zugleich, rasch hin und daher sich wendend, den Boden; + Stöhnend vor Lust, und ihr Aug' erfüllten oft schimmernde Thränen, + Plötzlich geweckt von dem Sturm der empörten Herzensempfindung. + Doch als d'rauf zu dem Wechseltanz der erfahrene Künstler + Rasch in die Saiten griff, mit dem Fuße der schnelleren Weisen + Zeitmaß schlug: da faßte die Tänzerinn jeglicher Tänzer + Um den blühenden Leib, und schwang sie umher an der Stelle, + Bald mit dem linken, und bald mit dem rechten Arme sie drehend + Fort im verengenden Kreis'. Dann riß er sich wieder von ihr los; + Hüpfte schnell vor ihr hin, und schlug die klingenden Spornen, + Jauchzend, zusammen, und schlug die Wade mit wechselnden Händen. + Aber sie folgt' ihm entfernt. Die Recht' an die Seite sich stemmend, + Hielt sie die Schürze am Saum' sich stolz vom Leib' mit der Linken, + Wandte sich links und rechts, mit niedlichen Sprüngen, und mied ihn + Scheinbar, bis sie, ersehnt, urschnell in die Arme des Tänzers + Flog, und von neuem das Paar in schwindelnden Kreisen sich drehte. + Doch nun winkte der König zum Schluß: die Saiten verstummten; + Hoch erhob der Tänzer die Tänzerinn noch, und entließ sie; + Kam dann, triefend von Schweiß, und setzte sich wieder zum Tisch hin. + Jene entfloh'n, und der König sprach, mildlächelnd, zu Hugo: + »Ritter, du hast magyarische Tänze geseh'n, und ergetzet + Dich bei'm fröhlichen Mahl', obgleich du ein nüchterner Gast bist! + Nun ersehnte mein Geist zu vernehmen, wie Kaiser Rudolphus, + Unser Bundesgenoß' und Freund, zum Throne gelangt ist -- + Er, einst Habsburgs Graf? Doch künde zuvor uns die Abkunft + Und die muthigen Thaten des huldbeseligten Herrschers, + Die mit unsterblichem Ruhm' ihm zieren die Stirne. Der Morgen + Graut: bald steht ihm Ungerns Macht zu Geboth' in der Feldschlacht.« + »Zwar verweigerst du noch,« so entgegnete jener, »des Kaisers + Herold' ein willig Gehör, und lullst ihn bei Tänzen und Mahlen, + Zaubernd, ein, daß er ganz vergesse der wichtigen Sendung. + Aber, weil dich verlangt, von meines erlauchten Gebiethers + Abkunft, Muth und Heldenkraft, die Carol des Großen + Glänzenden Thron ihm errang, zu hören, so will ich mich fügen + In Geduld, und harren: es gilt ja die Ehre des Kaisers!« + + »Wisse demnach! Stolz hebt sich vom Fels die mächtige Habsburg + Aus umdämmerndem Wald, an der Aar in die bläuliche Luft auf. + Dort, so kündet die Sag', erschien in grauender Vorzeit + Rudolphs edles Geschlecht, aus fränkischem Stamm, und erbaute + Jene, wie auch Aarburg, und Brugg, die gewaltigen Vesten. + Aber vor allen hieß die »Herrliche« jene von Habsburg: + Denn mildherzige That an den Dürftigen, eisernes Schirmrecht + Gegen die freche Gewalt des Unterdrückers der Schwachen, + Uebten aus ihr, gebührend, die weitgerühmten Gebiether. + Dort erwuchs, entflammt von dem Ruhm gefeierter Ahnen, + Rudolph, Albrechts Sohn, des Weisen, und Hedwig, der Frommen, + Lernend durch Gottesfurcht und Weisheit frühe des Lebens + Höchstes Glück in der eigenen Brust zu gründen für immer. + Doch wo wäre Beginn und Ende? so Alles und Jedes + Ich dir kündete: wie an den Hof ihn Friedrich, der Kaiser, + Der zu der heiligen Tauf', als Path' ihn führte, gerufen, + Daß er ihn lehrte mit Rittersmuth nach rühmlichen Thaten + Streben; wie er im sicilischen Krieg', und in jenem von Oestreich, + Gegen den Streitbar'n focht, und miterstürmte die Stadt Wien, + Die, vor allen beglückt, ihn einst als Herrscher begrüßet; + D'rauf in der Ahnen-Burg[11] zugleich mit dem Vater das Kreuz nahm; + Nach dem Gelobten-Land, die Feinde des Kreuzes bekämpfend, + Wallete; dort den Vater begrub, und, als er zur Habsburg + Heimzog, freudig zu eh'lichem Bund sich Annen erkies'te, + Hochbergs Kind, voll Huld, und die tugendreichste der Frauen -- + Auch, allmänniglich werth, ein trefflicher Ritter und Herr war. + Wohl gebräch' es mir auch an der Zeit und an Odem, geziemend + Nun zu schildern die sieg- und ruhmverherrlichten Krieg' all', + Die er geführt in den zweimal eilf unseligen Jahren, + Wo das verwaisete Reich nach Friedrichs Tode, des Kaisers, + Voll von Mord und Plünderung war, da in grauser Verwild'rung + Aus der thürmenden Burg ein jeglicher Ritter, nach Willkühr + Schaltend, Sitten, Gesetz', und allem Heiligen Hohn sprach; + Wie er beschirmte das Recht und die Unschuld stets, und das Banner + Habsburgs ward dem Schwachen zum Trost', + und den Räubern zum Schrecken. + Aber vernimm dieß einzige nur, wie kühn, wie entschlossen, + Und wie edel er ist! Ihm stand der Abt zu Sanct-Gallen, + Der, ein Falkensteiner, das Schwert und den hirtlichen Krummstab + Kundig zu führen gelernt, gar feindlich entgegen; sie quälten + Tapfer sich ab. Da brach sein Zorn auf die Baseler Bürger + Los, die ihm, wildempört, erschlugen die Freund' und Verwandten: + Denn mit wenigen Reisigen hielt er still vor den Thoren + Wyls, des Städtchens, und heischte noch Einlaß dort zu dem Stiftsabt, + Der bei dem nächtlichen Imbiß saß, und, erstaunet, ihn ansah. + Aber er both ihm die Hand, und sprach: »Daß ich also zu dir kam, + Diene zum Zeichen dir: ich achte dich, redlichgesinnet, + Wie ich es bin, und vertraue dir kühn so Leben und Freiheit. + Höre, viel besser wär's, daß wir uns in Rechten vertrügen, + Heute noch; dann die Waffen vereint, nach den Baselern kehrten, + Die mir erschlugen die Freund', und erwürgten die theuern Verwandten!« + Also geschah's: sie schmaus'ten versöhnt. Am kommenden Abend + Zogen sie rasch auf die Baseler los, und fürchterlich brannt' es + Bald von der Stadt auf; bald versöhnete Blut die Erschlag'nen, + Und die Gegner umfing der Friede mit traulichen Armen. + D'rauf durchschwamm er die Furt, die noch »habsburger« im Land dort + Heißet, des mächtigen Rheins mit reisigem Volk', und erstürmte + Breisach kühn, mit dem Stahl in der Faust, ein trefflicher Stürmer!« + + Laut aufjubelten jetzt die Kumanier, preisend des Ritters + Heldenmuth, und, ergreifend, voll Hast, den irdenen Weinkrug, + Der vor jeglichem stand, mit edelem Moste gefüllet, + Leerten sie ihn bis zum Boden hinab auf seine Gesundheit + Aus, auf einen Zug: daß ihr Haupt mit dem steigenden Weinkrug + Weit zurücke sich bog, und stellten ihn dann auf den Tisch dort + Nieder mit ohrerschütterndem Schlag. Doch wieder begann er: + »Also erscholl sein Ruhm zu den fernentlegensten Ländern + So, daß der Böhmen-König sogar, der jetzt in dem Feld uns + Biethet die Fehd' auf Leben und Tod, mit schimmernder Goldschrift + Ihn an den Hof zu sich lud, und zum Marschalk, ehrend, ernannte. + Ha, nicht reut' ihn die Wahl! Er focht ihm zur Seite mit Siegsruhm, + Gegen die Heiden im Preußenland', und errang ihm den Lorber + Auch im Vernichtungskampf g'en Bela's schreckliche Heersmacht. + D'rum kein Wunder, daß er, nach dem Wink der erbarmenden Vorsicht, + Die des gemeinsamen Vaterlands unendlichem Jammer + Setzen wollt' ein Ziel, von den _sieben_ glänzenden Sternen + Unser's heiligen Reichs zur herrschenden Sonne gewählt ward: + Daß er im goldenen Schmuck der Kaiserkrone des Segens + Strahlen über die Gau'n des deutschen Landes versende. + Sieh' er lag vor Basel mit Macht; da brachte die Bothschaft + Ihm der Pappenheimer! Er stand, und wankt', und besann sich; + Aber, auf Gott vertrauend, geboth ihm das Herz in dem Busen + Freudigen Muth. Er ging, und bald vereinte der Krönung + Allerfreuendes Fest die Völker der Deutschen zu Aachen. + Dort heischt' er, im Dome gekrönt, den Eid von den Fürsten: + Daß sie verschafften nach _Recht_ + dem heiligen, römischen Reich' jetzt, + Was ihm die Faust entriß.[12] Sie ersannen, zaudernd, die Ausflucht: + »Noch vermiss' er zum Königseid' den Zepter der Ahnen.« + Doch er wandte sich schnell; hob selbst das Kreuz von dem Altar; + Hielt es empor, und rief: »Wer kennt ein schöneres Zeichen, + Kraft zu verleihen dem Eid', denn dieses, woran der Erlöser + Sterbend hing, und uns errettete, heilig und wahrhaft?« + Und sie schwuren darauf: erbebend dem herrschenden Manne, + Der so kräftig gesprochen -- so fest- und so muthiggesinnt war. + Dir, und manniglich ist es bekannt, wie der Kaiser, Rudolphus, + Redlich gehalten sein Wort, und treu gelöset den Schwur hat: + Bannend den Uebermuth, und des Faustrechts wildes Gewaltreich + Muthig aus Deutschlands Gau'n -- + an Leib und an Seel', er, ein Deutscher, + Der bald unserer geist- und herzerhebenden Sprach' auch + Sinnig zu Ehren half: in den Kanzeleien den Vorzug + Ihr vor dem todten Latein, dem schwerverständlichen, gönnend.[13] + Also geschah es, daß, dankerfüllt, ein jegliches Herz ihm + Huldigte: denn ihm zürnet allein der König der Böhmen, + Weil er, thörichten Sinns, die Kaiserkrone verschmähend, + Sie auf dem Haupte des Mannes sah, der einst ihm als Marschalk + Dienete. Doch umsonst bestürmt er die Erd' und den Himmel, + Sie zu entreißen dem Haupt, dem Gott sie gegeben, zum Segen + Gegenwärtiger Zeit und endlos dauernder Zukunft. + Ha, schon winket das Morgenroth! So höre mit Huld nun, + Was mein Kaiser und Herr zum freundlichen Gruß dir entbiethet: + Wenn von dem Kahlenberg in dem mitternächtlichen Grauen + Hoch die Loh' auffleugt: dann eil' aus dem schirmenden Lager + Schnell hinüber die March mit den schrecklichen Reitern, und berge + Sie in dem trocknen Geröhr' an dem Weidenbache bei Marcheck: + Denn auch er wird also dir nah'n, und die Hände dir reichen + Dort zu gemeinsamer That in des blutigen Kampfes Entscheidung.« + Und er erhob sich nun, schnell heimzukehren, entschlossen. + + Glühenden Blickes sah aus dem schimmernden Thore des Morgens + Nach dem Zelteingang die Sonne herüber, und hauchte + Hüpfende Funken in's bleiche Gesicht der schläfrigen Krieger, + Die um den König herum sich lagerten. Aber er hob jetzt, + Stillhinbrütend, vom Stuhle sich auf. Zur glänzenden Heerschau + Dacht' er zu wecken sein Volk, dem scheidenden Fremdling zum Staunen. + »Gern,« so entgegnet' er, »will ich mich ganz dem Winke des Kaisers + Fügen, und eilen in's Feld, sein redlicher Bundesgenosse; + Aber nicht wollest du scheiden zuvor, eh' dir nicht zur Heerschau + Draußen mein Volk sich wies: nicht soll sich's lange verziehen.« + Sagt' es; riß sich das Schwert von der Hüft', und schlug in die Tafel + Dann mit der Klinge so stark, daß die ird'nen Gefäße zum Boden + Taumelten: ein's das and're im Flug zu Scherben zerschmetternd. + Wunder zu schau'n! Da fuhr in brausender Eile der Feldherrn + Leise zum Schlaf hinnickende Schar von den Sitzen, und leer war's + Bald in dem weiten Gezelt. Dem Könige folgte der Ritter + Staunend nach. Doch jetzt erschollen von grausem Gebrülle + Tausend Hörner, die einst die mächtige Stirne des Pflugstiers + Ziereten, breitgestellt, daß kaum der größte der Männer + Sie mit den Armen ermaß von einer Spitze zur andern. + Schon erhob sich Geschrei und Getös', und das Wiehern der Rosse + Rings in dem Lager, und füllte mit Angst und Entsetzen die Umwelt. + Hoch auf fuhr der finstere Staub, und dicht, wie der Krähen + Wimmelnde Schar durchstürmt den nebligen Himmel, so flogen, + Schnell gewahrend den Wink des Königs, unzählige Haufen, + Sich in den Sattel schwingend, voll Hast, nach dem Ufer der March hin. + + Dort, auf dem sandigen Feld', in fernhinschwindenden langen, + Drei Mann tief, geordneten-Reih'n aufritten die Kunen: + Lenkend hurtige Rosse vor und zurück mit des Schenkels + Mächtigem Druck, den, weitumflatternd, das leinene Beinkleid + Hüllete bis zu der Ferse hinab, und den ledernen Bundschuh'n. + Sonst ihr Kleid: ein Pelz von dem zottigen Vließe des Widders, + Ueber dem kürzeren Hemd', das halb des Niedergebeugten + Rücken entblößt -- doch weit die Arme umwallt, und, der Scheitel + Zur Bedeckung, die Mütze von Filz, mit der wallenden Feder. + Zehnmal tausend' erhoben zur Luft den blitzenden Säbel, + Der der Sichel des Neumonds glich in der Krümm', und es führten, + Eben so viele den Bogen und Pfeil mit dem hämmernden Tschakan. + Diese lenkte Suhol, der Eber genannt von den Seinen, + Ob des unbändigen Muths, und der Blitzstrahl, Kaduscha, jene: + Denn er flog so schnell wie der Blitz im Sturme der Schlacht hin. + Aber der Ungern edeles Volk beherrschte Matthias + Von Trentschin, der schlachterfahrene, tapfere Feldherr, + Dessen gewaltige Burg an den schimmernden Fluthen des Waagstroms, + Dräuend, in's Waag-Thal schaut, und Schrecken gebiethet den Feinden. + Auch er führte heran zehntausend muthige Reiter, + Welchen der Kalpag zierte das Haupt mit des Reihers Gefieder; + Aber der Pelz, am Rücken hinab an goldenen Schnüren + Hängend, von hellblau'm Tuch, verbrämt mit schwärzlichem Lammsfell, + Und gelbschimmernden Knöpfen besetzt; dann, ähnlich, der Dolman, + Schimmernd von Gold an der Brust, vom seidenen Gürtel umfangen, + Ziert' ihm den Leib, und der Bein' anschmiegende, gleiche Bekleidung + Zierte die Füße zugleich mit den spornenbewaffneten Tschismen. + Jeglicher hielt in der Faust, an die Schulter gelehnet, des Säbels + Krummgehämmerten Stahl, der, sausend, die Feinde zerschmettert. + + Als nun Hugo die Völker geseh'n, da sprach zu Matthias + Von Trentschin der König, ihm selbst und den Seinen zur Trauer: + »Tapferer, weile dahier mit deinen Geschwadern, des Lagers + Mächtiger Hort: denn bald, erbaut auf schwankende Fähren, + Einet die Brücke des Flusses Gestad', und all das Geräth hier + Schaffest du dann noch heute hinüber, dem Heere zum Vortheil! + Aber, o freundlicher Greis, du, Hugo von Tauffers, der Ritter + Edelster, folg' mir nach, und künde dem mächtigen Herrscher, + Heimgekehrt in die Kaiserburg, was du an der March hier, + Staunend, gewahren wirst; künd' ihm: wir stehen den Feinden + Jenseits nahe genug; zum würgenden Kampfe gerüstet!« + Sagt' es, und sprengte voraus: ihm nach die Kumanier alle, + Mitten hinein in den Fluß, hinüber zu schwimmen, entschlossen. + Hochaufspritzte die Fluth dem gewaltigen Drange; die Wässer + Brauseten laut von unzähligen Hufen der Rosse geschlagen; + Brandend flogen die Wellen zum Land', und schäumten, und zischten + Endlos. Wie in dem eisigen Belt keckmuthige Fischer, + Eilend zum Wallfischfang' in schaukelnden Booten, auf einmal + Nahe des Unthiers Riesengestalt, das Heere der Fischchen + Vor sich jagt, erseh'n: da werfen sie schnell die Harpun' aus, + Die zweizackig gespitzt, einstürmt in die Weiche des Bauches, + Oder in's breite Genick des riesigen Fisches, und Blut färbt + Alsbald ringsum das Meer: denn eilig hinunter zum Abgrund + Fährt er, und eilig herauf, + und peitscht mit dem Schweife die Meerfluth, + Daß sie himmelan fleugt, und röchelt mit dumpfem Gebrülle + Durch den schrecklichen Sturm der empörten Gewässer: so wogte, + Schäumt', und braus'te die March, als jetzo die Kunen hinüber + Mit gewaltigem Lärm und Geschrei, die wiehernden Rosse + Spornten, und all' das Heer errang, durchschwimmend, das Ufer. + Hugo saß in dem Sattel, und schwieg; doch jetzo besann er + Sich nicht lang', und schwamm (ihm folgte der redliche Knappe) + Eisenbewehrt, wie er war, auf dem mächtigen Gaule hinüber; + Schwang das Schwert in die Luft, und flog entgegen der Hauptstadt. + + + + + Vierter Gesang. + + + Leis' entschwebte die Nacht; aus dem hehren Gewölbe des Himmels + Schwanden die Sternenheere dahin, und auf gaukelnden Lüftchen + Schien ein freundlicher Tag sich herab auf die Fluren zu senken: + Doch, es erhob vor dem Morgenroth am östlichen Erdrand + Sich ein Nebelgewölk, das, eiligen Flugs, sich verbreitend, + Mehr und mehr den hochaufwölbenden Himmel befleckte. + Sieh', als jetzo dem Saum der lichtergewordenen Höhen + Näher die Sonne kam: da erglühten im bläulichen Luftraum + Rings die zerrissenen Wolken umher, blutröthlichen Schimmers. + Jetzt erhob sie das Haupt; nur sparsam scholl aus den Lüften + Und aus dem Wald, der Morgengruß der befiederten Sänger + Ihr entgegen: sie sah mit trauerndem Blicke herüber. + Schwül umwogte die Luft; erboßter quälten die Fliegen + Menschen und Thiere zugleich; dumpf klang der wechselnde Windstoß + Ueber die Heid': er kräuselte weit den Rücken des Stroms hin, + Und erhob in Wirbeln den Staub. Kein kühlender Nachtthau + Hatte die Fluren erquickt, und die Schöpfung trauerte ringsum: + Zeichen all' annähernden Sturms und gewaltigen Regens. + Aber im Zelteingang, verlassend das nächtliche Lager, + Saß der Kaiser, und sah mit düsterem Blick' in des Morgens + Dräuende Gluth. Er dacht' im Geiste das dunkele Schicksal + Tausender, bis zu dem Abendlicht' entschieden zum Leben, + Oder zum Tode, mit Angst! Bald sollten die Lose, so grau'nvoll, + Fallen des blutigen Kriegs -- des holdumlächelnden Friedens, + Wie es dem mächtigen Feinde gefiel, dem er ihn gebothen. + Ach, der Jammer des Volks durchdrang ihm die Seele! Zum Himmel + Hob er den Blick, und lispelte so mit gefalteten Händen: + »Laß den Frieden, o Herr, ihm mild erscheinen im Frühroth, + Und erwärmen sein Herz mit den huldausspendenden Strahlen, + Daß er erkenne die eigene Schuld, entsage der Rachgier, + Und, als Herrscher versöhnt, heimkehre den Seinen zum Segen!« + Aber mit Staunen vernahm's der, einst kampfdürstende Marbod, + Als er umschwebte das Haupt des Bethenden, wie er dem Gegner + Frieden gelobte, versöhnlich und mild, und konnt' es nicht fassen -- + Er, der stets nur Schlachten ersehnt', und glühenden Muths voll, + Selber aufreizte den Feind auf den Pfaden des irdischen Lebens. + Zweifelnd stand er lange vor ihm. Er wähnte, bekümmert: + Ihm gebrech' es an Kraft und an raschvordringender Kühnheit + (Nicht begreifend sein Herz, ein Irrender, Lichtesberaubter) + Wiegte das Haupt, und fuhr, verstört, zu dem Morgengewölk auf. + + Siehe, der Kaiser trat alsbald erheiterten Blickes + Aus dem Gezelt, und hörte mit Lust, unferne dem Lager, + Walten geschäftig das Volk der Zimmerer, Schmied', und der Schreiner. + All' die Nacht forthämmerten sie bei dem Scheine der Kesseln, + Die mit schwärzlichem Pech und duftendem Harze genähret, + Weit erhellten die Au an des Heerwegs schlängelndem Zug hin. + Draußen bei Floridsdorf am Donaustrande, wo dreifach, + Strahlen gleich, fortzieh'n die länderverbindenden Straßen: + Diese nach Ungerland -- nach Böhmen und Mähren die andern, + Eileten sie, zu erbau'n die Gerüst' und die Schranken der Turnbahn. + Hundert Schritte, die Straß' entlang, und der Breite nach fünfzig, + Ebneten sie den Grund schnurgleich, und bestreuten ihn zolltief + Dann mit dem schimmernden Sand, der drüben am Ufer gehäuft lag; + Fügten auf Säulen die Balken umher, und trennten mit Absicht + So von dem Wiesengrund das langgedehnete Viereck. + Aber es wich an dem unteren Rand des umschrankten Gebiethes + Quer ein Balken zurück, so er Einlaß both den Erwählten, + Und an dem oberen stand, gar herrlich gestaltet, die Prachtlug[1] + Oben verziert mit dem Doppelaar, mit der Kron' und dem Zepter, + Und von Innen geschmückt mit Sammtvorhängen von Purpur, + Die an dem Saum' umher von goldnen Blumen erglänzten. + Dort dem Herrscher und seinem Gefolg', erles'nen Geschlechtes, + Standen die Sitz' erhöht, und emporgereihet im Halbkreis'; + Doch ein breites Gerüst, entlang die Schranken der Turnbahn, + Bauten sie auch; versahn's mit emporgereiheten Sitzen + Für schaulustiges Volk aus den nahen und fernen Gefilden, + Und erhöhten die luftigen Zelt', entgegen der Prachtlug: + Tapferen Rittern zur Rast, die her zu turneien gekommen. + Als der Krieger dem Zelt' enteilete, stand er, vor Staunen, + Plötzlich verstummt; er rieb sich die Augen im dämmernden Frühroth; + Sann: ob Träume der Nacht ihn äfften, oder von fern her + Irgend ein Zauberer kam, und die Luftgebilde zur Schau gab? + Doch bald lacht' er des eitelen Wahns: hochrühmend die Meister + Des, mit Geschick und regsamer Kraft geförderten Werkes; + Eilte hinaus, sein Roß an dem Standpfahl, wo es die Nacht durch + Ruhete, jetzt mit sorglicher Treue zu warten, und klopft' erst + Selbes am mähnigen Hals' mit der Hand, im freundlichen Zuruf; + Aber es scharrt' in dem Grund', und wieherte, gierig des Futters. + Rings erwachte Getös' und unendlicher Lärm in dem Lager. + + Jetzo erscholl Getrab anstürmender Rosse, den Ohren + Hörbarer stets; dann sah das Aug', umspähend, von fern her + Blitzen die Harnisch und Helm', und endlich erkannte der Kaiser + Meinhard, und Lichtenstein, die er, Frieden zu biethen, gesendet. + Angelangt im Gewölk' umwirbelnden Staubs vor dem Herrscher + Rissen die beiden das Roß am Zügel zurücke. Sie sprangen + Aus dem Sattel behend', und nahten ihm, grüßend mit Ehrfurcht. + Aber er rief erstaunt: »Wie, Meinhard kehrt uns, empört heim? + Lichtenstein, was bringt ihr zurück aus dem böhmischen Lager? + Sanft ist des Friedens Hand: sie streut in des Lebens Gefilden + Blumen umher -- die in Eisen gehüllete Rechte des Krieges + Trieft vom Blut der Erschlagenen; doch, wenn eben dem Unhold + Heiliges Recht das Schwert vertraut, da bringt er vom Schlachtfeld + Muth, selbstständige Kraft, und Sicherheit unter die Völker: + D'rum auch der Krieg erwünscht, wenn nur das Recht ihn gebiethet. + Jetzt, fürwahr ersehnte mein Herz den Frieden, und wohl mir, + Wenn der König, versöhnt, zum gebothenen selber die Hand reicht!« + Meinhard sagte darauf: »Nicht hat uns der König von Böhmen + Ritterlich' Ehre gewährt -- gastfreundlich das Herz uns erheitert: + Grimm bewölkte sein Aug', da er sprach, und finster uns ansah. + Wie der furchtbare Leu' mit glühenden Blicken des Gegners + Harrt auf dem Plan, daß er ihm zermalme die Knochen: so dünkt mich + Sah der König uns an, und schwerlich sinnt er auf Frieden. + Aber vielleicht, daß Lichtenstein, der glückliche Freier, + Frohere Kunde gebracht: deß' will ich mich gerne bescheiden.« + »Zwar,« so begann jetzt Lichtenstein, »versprach uns des Königs + Zornumwölketer Blick des Guten nicht viel, und ich bürgte + Für den Frieden nicht mehr mit dem Kopf: er möchte nicht fest steh'n; + Aber noch stehet das Spiel, und es fällt der entscheidende Würfel + Heute noch nicht. Ich sehe dahier mit unsäglicher Hochlust + Schon die Schranken gefügt zum Turnei, und bald, in dem Prunksaal, + Den von der Decke herab unzählige Kerzen erleuchten, + Minniglich schöne Frau'n und Fräulein, an gastlichen Tafeln + Würdiggepaart umher mit den sieggekröneten Rittern. + Welche Beseligung, mich in dem lärmenden Kreise zu treffen: + Denn auch trägere Zungen bewegt die fröhliche Mahlzeit! + Höre mich Jung und Alt; nicht spricht ein faselnder Seher! + Daß des Königs verdüsterter Geist noch heute sich aufhellt, + Künd' ich zuvor: denn wißt es, er kommt, und nah' ist die Zeit schon, + Zum dankbiethenden Turnkampf her, mit erlesenen Rittern. + »Dort,« so sprach er vor uns, »soll's bald allmänniglich kund seyn, + Was er vom Krieg und Frieden gedacht, und der Kinder Verlobung.« + »Gott befohlen das Ein' und das Andere!« sagte, gen Himmel + Schauend, der Kaiser, und wandte sich; dann begann er von neuem + Wieder, mit sorglichem Blick: »Wo weilt mein tapferer Hugo? + Das sey ferne, daß ihm was Leides geschehen: mir bräche + Wahrlich vor Kummer das Herz um den treugesinneten Helden.« + + Kaum entfloh ihm das Wort, da tönte von ferne der Hufschlag + Brausender Rosse die Straße heran, die entgegen den Marken + Ungerns führt am linken Gestad der mächtigen Donau. + Hugo war's, der kam (weit hinter ihm folgte der Knappe, + Schlechter beritten, denn er) die stäubende Straße herüber; + Doch nun hemmt' er das Roß, und die Wange, wie Flammen geröthet, + Lächelt' ihm, als er gegrüßt. Er schwang sich vom Sattel, und sagte: + »Herr, nicht hast du umsonst die Gäste geladen: erhellt sind + Weit die Straßen hinaus von schimmernden Kleidern und Waffen. + Trog nicht der Schein, so trabt von dem Bisamberg an der Donau, + Deß' unendlicher Ruhm an köstlichem Moste bewährt ist, + Ein gar stattlicher Haufe heran: die flatternden Fähnlein, + Weiß, wie des Schneebergs Haupt, verkünden uns böhmische Kämpen. + Aber, als sie dahier zum Scherz nur brechen die Lanzen, + Harren ihrer im Hinterhalt gar ernste Gesellen, + Und ersehnen den Kampf. Der Ungern blühender König -- + Blühend, und jung fürwahr! verhieß dir Hülf', und gewährt sie: + Denn vor mir durchschwamm sein furchtbares Reitergeschwader, + Jauchzend, die March, und steht auf Oestreichs Erde, vor Marcheck + In dem Geröhr', längs hin dem Weidenbache, verborgen. + Zürne nicht, daß ich zu kommen verzog. Viel hatt' ich zu reden, -- + Von dem Kaiser zumal, und dem Greif', wenn alles ihm abstirbt, + Wird die Zung' allein stets rühriger noch mit den Jahren. + Auch gebrach's nicht an köstlichem Trank', an magyarischer Tänzer + Fröhlichem Lärm, und du weißt, dein Haug ist freudig gestimmet, + Sieht er die Humpen gefüllt, und um ihn lebendig die Jugend: + Dennoch stellt er sich ein, wo es gilt, und die Klingen entscheiden.« + »Ruhe,« so sprach mit lächelndem Blick der erhabene Kaiser, + »Raschvorstürmender Greis, in dem Zelt' auf das Lager gesunken! + Aber euch beid', obgleich ermüdet vom dauernden Ritte, + Lockt, deß' bin ich gewiß, Drometengeschmetter zur Turnbahn, + Rüstet euch denn. Mir ziemt, hausväterlich sorgend, im Lugsaal + Fertig zu stehen, und dort die Gäste mit Huld zu begrüßen. + Meinhard, zieh' im festlichen Schmuck, mit flatternden Fähnlein, + Zinken, und Paukengetön', und hundert erlesenen Reitern + Bis zu des Lagers Rand' entgegen dem Herrscher von Böhmen: + Ihn zu begrüßen nach Würd', und des Turnspiels Sitte geziemend!« + + Also entließ er mit heiterem Muth die gewaltigen Helden. + Aber er stieg die Stufen empor in die herrliche Prachtlug, + Eilete vor, und sieh', ihm nahten die theuren Erzeugten + Albrecht, Hartmann, und Adelheid: nur blieb in der Hofburg + Agnes, die holde, daheim, die leidende Mutter zu pflegen. + Alsbald scholl aufjubelnder Pauken Getön', und Drometen + Schmetterten laut in des wimmelnden Volks unendliches Jauchzen: + Denn, wie der Bienen unzähliger Schwarm in des kehrenden Frühlings + Milderem Hauch, fortzieht in die lieblichduftenden Fluren, + Gierig des Honigseims, und rings umsummet die Blüthen: + Also zog aus der Stadt, von dem nahen und fernen Gebieth her, + Zahllos, Jung und Alt, im Schmucke der festlichen Kleider, + Und erfüllte die hohen Gerüst', augblendenden Schimmers. + Mitten im dichten Gedräng' erglänzten, vor allen, die Edeln, + Die im glühenden Muth vortummelten feurige Rosse: + Herrlich geschmückt der Reiter zugleich, + und das wiehernde Schlachtroß. + Doch wer könnte die Zahl, und den Ruhm der Tapferen künden? + + Otto von Meißau kam: Feldoberster war er des Kaisers, + Reich in dem Land umher an Gütern und Mannen, und reicher + Noch an errungenem Ruhm' im dräuenden Felde der Waffen. + Blau, wie des Himmels Zelt, mit Gold umrändert, und seiden, + Floß ihm der Mantel am Rücken hinab von dem Harnisch, und blau war + Auch sein Wehrgehäng mit der seidenen Schärp' und dem Helmbusch; + Also des Rosses Hauptzier, Zaum, und die schuppigen Decken + Vorn an der Brust und den Seiten herum, von Eisen gefüget. + Aber das Einhorn wies sein Schild im goldenen Feldraum, + Wie es zum muthigen Kampf von dem schroffen Felsen sich aufbäumt. + Solchen trug ein Knapp ihm nach, und der andere folgt' ihm, + Haltend die zween hochragenden Speer' in der nervigen Rechten. + Pauk' und Dromet' erklang, da er jetzt vor den rühmlichen Schranken + Hemmte sein feuriges Roß, absaß, und in's dunkele Zelt ging. + + Bald nachfolgte dem Helden zuerst der kühne Capellen: + Oberster Führer auch er im Heere des Kaisers, und werth ihm + Ob der beständigen Treu', und des nie zu erschütternden Muthes. + Meergrün hatt' er zur Farbe gewählt, und verzieret mit Silber + Seine Rüstung zugleich, und des Rosses herrliches Reitzeug. + Aber den Schild, wo ein Wehrgehäng den silbernen Feldraum + Dreimal durchschlingt, und vom Helm sich des Adlers Fittig erhebet, + Trug ihm der Knappe nach, und ein anderer brachte die Waffen. + Freudig ersah ihn das Volk, und als er mit edelem Anstand + Sich vor dem Schrankenthor von dem schnaubenden Rosse herabschwang, + Rief erneueten Gruß der Klang der Drometen und Pauken. + + Nun kam Trautmansdorf, von acht selbst-eigenen Söhnen -- + Angeeigneten sechs, umringt, vor die Schranken. Des Bruders + Ehrenreich, den einst ein wüthender Eber zerrissen, + Als er im Walde des Weidwerks pflog, verlassene Waisen + Waren die sechs, und er, ein liebender Vater den einen, + Wie den andern; doch sie lohnten ihm herrlich die Sorgfalt: + Wohlgesittet, fromm, und im blühendentfalteten Leben + Alle, voll Heldenmuths, nachfolgend dem edelsten Vater. + Nicht entbehrt' er im Krieg, nicht daheim, nicht an heiliger Stätte + Selber ihres Gefolg's, und lächelte, stolz in dem Herzen + Seines Glücks, das höher denn all' sein Reichthum ihn dünkte, + Wenn ihm das Volk, erstaunt, nachsah, und den Segen ihm zurief. + Aber nicht lang', da sinkt, wie, vom sausenden Hagel zerschmettert, + Halmfrucht draußen im Feld, die herrliche Schar in das Grab hin -- + All', erschlagen vom Feind, und einsam kehret der Vater + Heim in die Ahnen-Burg: ihn tröstet ihr rühmlicher Tod nur. + Doch jetzt naht' er vor seinen, ihm gleich gerüsteten Söhnen: + Denn von Silber blank war Harnisch, und Helm, und der Helmbusch; + Also das Wehrgehäng, die Schärpe, der seidene Mantel, + Und der glänzende Schild, (den, goldengehörnet, ein Widder + Zierete) weiß wie der Schnee, mit der Wehre des stattlichen Rosses. + Jubelnd im Paukenklang', erschollen die eh'rnen Drometen. + + Doch jetzt naht' ein Paar der Edelgestein' in dem Adel + Oestreichs: Lichten- und Dietrichstein. + Aus der steyrischen Mark stammt + Jener (Ulrichs Sohn, des trefflichen Ritters und Sängers, + Der sein Leben der _Frauen-Ehr'_ und dem Degen verschrieben)[2] + Dieser aus Oesterreich, ein Sohn ruhmwürdiger Aeltern: + Er, stets düstern Gemüths, da jener des heiteren Vaters + Frohsinn geerbt; doch einte schon frühe der trautesten Freundschaft + Unauflösliches Band die Herzen der tapferen Ritter. + Hochroth zierte des Lichtenstein, und seines Gefährten + Waffengeschmeid Kornblumenblau. Im grünlichen Feldraum + Wies des Winzers Messer sein Schild, und im goldenen zeigte + Jener des Lichtenstein zwei schrägablaufende Balken. + Schmetternd klang die Dromet', und die Pauken donnerten laut auf. + + Sieh' auch die beiden Demantberg', auf welche sich Oestreich + Ruhig stützt: der Schwarzen- und Stahrenberg (in des Ruhmes + Ehernen Tafeln genannt, und hochgepriesen für immer) + Sprengten eilig heran! In des Schildes goldenem Feldraum + Führete jener den Aar und das Hüfthorn; dieser im lichtblau'n + Einen geschnabelten Wolf, und kor sich zur Farbe der Ehren + Blaßgelb, silbergeschmückt, da jener mit goldenem Zierrath + Wählte das dunkele Kirschenroth, erfreulich zu schauen. + Mächtiger hob sich zur Luft der Pauk' und Dromete Getön' auf. + + Kurd von Haselau, der achtzigjährige Ritter, + Naht' im Fluge heran. Noch rüstig und Kampfes begierig, + Stieg er vom Roß, und ging, den ehrenden Sitz an der Prachtlug + Einzunehmen: erwählt zum Turnvogt heut von dem Kaiser. + Ihm nachfolgten zugleich der Seldenhofer, der Pfannberg, + Hardeg, Hohenberg, und der Wildon: treffliche Kämpen! + + Jetzt anlangten im Ehrengeleit die böhmischen Ritter: + Lobkowitz, Czernin, Zierotin; dann Milota, Wallstein, + Dann auch Herbot von Füllenstein, der reußische Kampfheld, + Riesengestaltet, im Trotz allbeugender Stärke sich rühmend, + Den sich Ottgar jüngst zum Feldherrn kor, und als Herrscher + Einst in der steyrischen Mark dem Volk aufstellte zum Zwingherrn. + Sieh', gar herrlich geschmückt erschienen die Ritter, als sollte + Oestreichs ad'ligen Glanz heut jener von Böhmen verdunkeln! + Tausende wandten den Blick nach den Fremdlingen, alle voll Sehnsucht: + Ottgarn dort zu schau'n, als Freund: er säumte zu kommen. + Dreimal, und lauter stets erhob sich der donnernden Pauken + Und Drometen Getön, den nahenden Fremden zu Ehren. + Doch, vernehmend den jubelnden Schall, enteilten die Helden + Oestreichs hurtig dem Zelt', und schwangen sich auf in den Sattel. + + Meinhard, führend die Böhmen heran, verlangte vom Thorwart, + Da er den Degen erhob, Einlaß in die rühmlichen Schranken. + Alsbald wich der Riegel zurück, und in Reihen geordnet + (Jene zuerst, und drauf die Heldensöhne des Landes) + Ritten entlang die Turnbahn all', in der nervigen Rechten + Hebend den Speer in die Luft, + mit zögerndem Schritt nach der Prachtlug, + Wo der erhabene Kaiser saß, und der Kommenden harrte. + Als sie gegrüßt -- er gedankt, da sprach der tapfere Meinhard: + »Mein durchlauchtigster Kaiser, und Herr! Des böhmischen Reiches + König entbiethet dir Gruß und Freundschaft zuvor, und erkläret: + Ihm selbst wehrt es ein böses Geschick des fröhlichen Turnspiels + Zeuge zu seyn; doch sendet er dir die tapfersten Ritter, + Hier den Ruhm des Vaterlands zu erhöhen als Sieger!« + »Wahrlich,« so rief der Kaiser ihm zu, »nicht dacht' ich: entrissen + Werde mir heut' ein Glück, das ich ersehnt' in dem Herzen + Aber wohlan: werth seyen uns auch die tapferen Ritter, + Die uns der König gesandt! Der Kampf beginne. Turneivogt, + Handle dein Amt! Der Herold rufe, der Sitte geziemend. + Grieswart sey für heut der edle Wildonier, Berchtold, + Breuner, und Pottendorf, die Kämpfer zu schirmen vor Unbill, + Ordnungbedacht: ihr Wink sey heilig geachtet von allen.« + Sagt' es, und setzte sich dann auf den schwellenden Pfühl. + Da erhob sich + Haselau, der Greis, und ging nach der räumigen Halle, + Die sich unter der Lug aufwölbte, mit Purpur behangen, + Dort zu beginnen die Waffenschau. Die erlesenen Ritter + Legten sogleich den Speer und das Schwert, kampfgierigen Muths, hin. + Sorgsam prüfte der Greis die gebothenen: stumpf und gefahrlos + Sollten sie seyn -- zum Scherz, nicht zum Ernst + gebraucht in dem Turnkampf. + Zween der Grieswärt' hoben den Helm von dem Haupt', und empfiengen, + Schreitend umher links, rechts, ein bezeichnendes Los von den Rittern: + Jeglicher gab's, mit dem Nahmen verseh'n. D'rauf schüttelten mehrmal + Jene die Zeichen umher in dem Helm', und bothen (die Ordnung + Wechselnd) sie dar: der rechts, wo links der and're gefordert, + Also wählte sich dort ein jeglicher Kämpe den Gegner. + + Jetzt erhob der Herold den Stab, und Tausende schwiegen; + Zog ein Blatt aus dem Busen heraus, das, rauschendentfaltet, + Glänzte von goldener Schrift, und las mit gewaltiger Stimme, + Allen verständlich, vor: »Wie der mächtigste Kaiser, Rudolphus, + Jüngst auf den heiligen Rochus Tag, des Jahrs der Erlösung: + Tausend zweihundert und siebenzig-acht, der heute gezählt wird, + Alle die Edeln, von Nah' und von Fern, zu turneien am Tabor + Aufboth, die nach dem Recht' und nach Rittersitte gemeint sind. + Weiche darum von hier, der bar ist der ad'ligen Ahnen- + Reih' erhärtender Zahl, und der unehlich geboren; + Der in den Kirchenbann, in die Acht des Kaisers und Reiches + Fiel ob schändlicher That, ob Mord und Gottesverläugnung; + Der die Wittwen und Waisen bedrückt', und das zarte Geschlecht nicht + Schirmt' in Gefahr, nicht rächt', als Mann, g'en schnöde Verläumdung; + Der Meineides und Trugs, und unedlen Gewerbs sich bewußt ist, + So er dem Schild und dem Schwerte zur Schmach, einst Handel getrieben: + Ferne mögen sie stehen, sie all', und ermangeln des Vorzugs, + Der nur Edeln gebührt, in des Turnkampfs rühmlichem Feld hier!« + Rief's; dann faltet' er wieder das Blatt, und barg's in dem Busen. + Jetzt aufpflanzten, voll Hast, die hurtigen Knappen die Fähnlein + Ihrer Ritter so hier, als drüben, die Schranken hinunter, + Und die Grieswärt' theilten sich links und rechts an der Bahn hin, + Tragend den Stab in der Hand, zum Zeichen des heiligen Gastrechts. + Doch nun kehrten zugleich, im zögernden Schritte, die Kämpen + Wieder zurück, vor dem Schrankenthor sich fertig zu stellen. + + Als der Kaiser die Kehrenden sah -- dann vor sich das Volk dort, + Dann im Rücken die Bänke gedrängt voll grauender Ritter, + Edeler Herrn, und Frau'n, und zartaufblühender Fräulein: + Ach, da füllten sich fast ihm die Augen mit Thränen! Er wandte + Halb nach den Kindern sich um, und sprach mit inniger Rührung: + »Welch unzähliges Volk: nur die Ein' ersehen wir hier nicht -- + Euere Mutter ist fern, und Agnes, als Pflegerinn wechselnd + Heute mit euch! Auch wir entbehreten freudig des Schauspiels -- + Weilten so gerne daheim bei der Leidenden; aber die Pflicht ruft + Ehernen Lauts, und heißt all' and're im Herzen verstummen. + Weh', daß ich auch die Kunringe hier vermiß', und der Helden + Einige, die verlockt auf trugverhülleten Pfaden + Sich zu den Feinden gesellt, und im Schooße der eigenen Mutter, + Jenen gleich mit der grimmigen Faust zu wühlen bereit steh'n; + Aber vielleicht gelingt es mir noch die Verirrten zu sammeln!« + Jene schwiegen, und hielten die Hand vor die thränenden Augen: + Ob der Mutter betrübt; doch Hartmann vor allen: ein Liebling + War der Trauernde stets der holden Mutter gewesen. + + Sieh', nun schwebt' auf dem Wettergewölk des umnachteten Himmels + Marbod daher! Er sah Drahomira vorüber im Eilflug + Ziehen, und folgen der Spur des schwarzgerüsteten Ritters, + Der mit geschlossenem Helm' aus dem böhmischen Lager herüber + Spornte den Rappen im Donnergalopp', an die Schranken der Turnbahn. + Nicht wie den Sterblichen war dem Geiste der Ritter verhüllet: + D'rum erbangt' ihm die Brust vor Angst ob seinem Erwählten, + Rudolph, dem er sich liebend geweiht: denn siegenden Hohn sah + Er in dem Blick Dahomira's, und kam, ihm rettend zu nahen, + Wenn sie, höllischen Trugs, Gefahr ihm sann, und Verderben. + Immer schneller verschlang des Tages Heit're der Wolken + Finstere Nacht. An dem Himmel herauf, und hinunter zum Erdrand + Zuckte der röthliche Blitz, und von fern her murrte der Donner: + Kommend auf Flügeln des Sturms, vom dräuenden Süden herüber. + + Jetzt erscholl drometender Ruf, dreimaligen Stillstands, + Tief, eintönig, gedehnt: des Kampfs ersehnetes Zeichen. + Alsbald braus'te der Riegel zurück: in die rühmlichen Schranken + Ritt, gemessenen Schritts, hellstrahlend von Purpur und Goldschmuck, + Lobkowitz ein; den Schild ihm ziert' ein fliegender Adler. + Ganz durchmaß er die Bahn bis vor in die Nähe der Prachtlug; + Wandte das Roß, und harrete dort des würdigen Gegners, + Den das Los ihm beschied, und sieh', ihm nahte Capellen, + Muthigen Blicks! Da rief ihm Lobkowitz freundlich entgegen: + »Nun geschlossen den Helm, und fest in dem Sattel gesessen! + Schon viel Rühmens hört' ich von euch, Capellen! So laßt uns + Heut' erseh'n: ob mir, ob euch die Krone bestimmt sey, + Welche zum Dank uns beut die Erzeugte des edelsten Kaisers, + Adelheid, voll Engelshuld und himmlischer Schönheit.« + »Wohl,« entgegnete jener mit Trotz, »das laßt uns erproben, + Lobkowitz! Rasch seyd ihr, böheimische Kämpen, und dennoch + Sollt ihr Oestreichs Söhnen den Kranz nicht rauben im Turnkampf.« + Aber sie schlossen den Helm, und setzten sich fest in dem Sattel. + D'rauf, mit gewaltiger Faust vorsenkend den Speer aus des Bügels + Röhr', und den ehernen Schild vorhaltend dem Feinde zur Abwehr, + Spornten beide das Roß, das, weitvorgreifenden Sprunges, + Schnell, wie der Blitz, auf dem Plan mit tönendem Hufe dahinflog, + Bis inmitten der Bahn, urplötzlich, ein jeder der Gegner + Traf des anderen Schild mit des Speers abprallendem Eisen + So, daß der mächtige Schaft, in tausende Splitter zertrümmert, + Hoch empor in die Luft und umher auf dem zischenden Sand flog, + Und die Rosse, zurück' auf die Hinterfüße gesunken, + Noch dem gewaltigen Stoß' erzitterten, schreckenerfüllet. + Lautaufjauchzte den Kämpen das Volk; unzählige Stimmen + Zollten im tausendfältigen Ruf den Trefflichen Beifall. + Jetzt gedachten sie schon, aus dem Sattel sich schwingend, zu zeigen + Auch in dem zweiten Gang mit dem blinkenden Schwert die Gewandtheit, + Schnelle, und Kraft; doch laut rief dort der herrschende Turnvogt: + »Helden, es ist euch Siegesruhm die Fülle geworden! + Ruht von dem Scheinkampf jetzt! Vielleicht, so Gott es nicht wendet, + Werdet ihr bald zum Ernst, nicht zum Scherz, + in schrecklicher Feldschlacht + Richten das blitzende Schwert auf die Brust anstürmender Gegner! + Ihr brach't zierlich den Speer: aus der Hand der holden Erzeugten + Rudolphs, wird euch herrlicher Lohn noch heut' in dem Turn-Dank!« + Jene kehrten zurück, in dem hohen Gezelte zu ruhen. + + Stille wurd' es umher, und es faßt' ein heimlicher Schauder + Manchem die Brust bei'm ernsteren Wort des prophetischen Greises. + Doch nun braust' im Sturm der schwarzgerüstete Ritter + Näher, und riß den Rappen zurück' an dem leitenden Zügel, + Sonst durchbrach er im Sprung die hemmenden Schranken. Er nagte, + Wüthenden Grimms, am Gebiß', und schnob, und streute den Schneeschaum + Hin auf den Sand, den er mit den scharrenden Hufen umherwarf. + Edelem Stamm' entsprossen schien der gewaltige Reiter; + Aber noch barg der geschlossene Helm ihn den Augen des Volkes. + Stolz erhob er die Hand, und hieß mit stummen Geberden + Milota nah'n. D'rauf zog er ein Blatt aus den Fugen des Panzers, + Reicht' es ihm dar, und wies nach des Turnvogts herrschendem Sitz hin. + Milota lächelte Hohn, da er, spornend sein Roß, an den Schranken + Hinflog, und darreichte das Blatt dem staunenden Alten. + Dieser entfaltet' es schnell, und las mit vernehmlicher Stimme: + »Euch entbiethet zuvor, ihr edelen Herren und Ritter, + Ihren freundlichen Gruß Kunegunde, des böhmischen Reiches + Königinn! Dann verlangt sie, daß ihr den Ritter in Trauer + Nicht verschmäht, der glänzenden Stamms sich rühmt, und im Turnkampf + Heute, vor euch, ihr herrlichen Ruhm zu ersiegen, bereit ist. + Aber ihm werde nach Wunsch der letzte der Kämpfe gewähret!« + Stumm verneigte der Greis sein Haupt, und Milota kehrte + Wieder zurück. Da lispelte leis' in die Ohren des Nachbars + Ein Barfüßermönch, der jüngst aus Böhmen gekommen, + Und auf dem volkerfüllten Gerüst schaulustig sich einfand: + »Seh' ich den Ritter dort, gehüllt in die finstere Rüstung, + Will es mich fast bedünken: er sey der Königinn Liebling, + Zawiß von Rosenberg,[3] der weitgepriesener Anmuth, + Blühender Jugendkraft, und tapferen Muthes, ihr Herz schon + Völlig gewann, das leis' in heimlichen Flammen sich abzehrt. + Also rächt sich die Schuld! Ein Gleiches mit Gleichem vergolten + Wird dem Könige, der Margarethen verstieß, und den Unhold + Sich beilegte zum Weib: Kunegund' ersehnt sich den Buhlen.« + Also das Mönchlein sprach. Doch feuriger stets, und entflammter, + Zuckten die Blitz' umher im Gewölk', und auf ehernen Rädern + Sank stets tiefer herab des Donners rollender Wagen + So, daß die Menge mit Angst aufsah, und, des strömenden Regens + Denkend, nur an dem Leinendach des Gerüstes noch Trost fand. + + Wieder erscholl gar feierlich ernst die Dromete. Zum Turnkampf + Rief sie ein Heldenpaar: da flog der muthige Wallstein, + Herrlich glänzend von Gold auf dem perlen-farbigen Sammttuch, + Ueber die Pläne hinab, und wandte sich, harrend des Gegners. + Sieh', ihm fiel das Los, mit dem Stahrenberg in den Schranken + Heute zum erstenmal, sich zu messen: zum Ritter geschlagen + Jüngst durch Ottgar selbst, der ihn vor jeglichem liebte! + Jugendlich hüpfte das Blut in den Adern des feurigen Helden + Noch. Er lechzte nach Ruhm; doch wüthete jetzt in der Brust ihm + Furchtbare Liebesgluth, seit er vernommen, daß Hedwig -- + Sie, die Zierde der Welt, für welch' er thöricht entbrannt war, + Reichen sollte die Hand zum eh'lichen Bund dem Erzeugten + Rudolphs, Hartmann, und ach, Verzweiflung faßt' ihn erneut an! + Ungeheueres sann er empört im Gemüth, und nicht wußt' er + Wie er's vollbringe dereinst. Da sprach ihm jetzt Drahomira, + Die, nur auf Arges bedacht, auflauerte, leis' an das Ohr so: + »Denke des Muths: vielleicht gelingt es dir heut, den Verhaßten + Dort mit höhnendem Blick zu reizen, und Rache zu üben!« + Alsbald wandt' er das Haupt, und sah mit höhnenden Blicken, + Lang' nach dem tapferen Hartmann hin, als hätt' er gefrevelt. + Zorngluth schoß in das bleiche Gesicht des Edeln: er hob sich + Hastig vom Sitz, ihn laut zur Rede zu stellen, entschlossen. + + Doch schon nahete Stahrenberg, im feurigen Vorschritt + Zügelnd das Roß, und rief dem Gegner, lächelnd, entgegen: + »Erst so beweglich, und nun säumst du den Kampf zu beginnen?« + »Nein, ich säume nicht!« sprach alsbald der Zürnende, wähnend: + Jener zeihe der Feigheit ihn. Er ahnte nicht, wer ihm + Also empörte die Brust durch dunkle Gebilde der Rachgier. + Trotzig schloß er den Helm; ließ sinken den Speer in der Rechten; + Gab dem Rosse den Sporn, und flog dem Ritter entgegen, + Der nicht müßig geharrt: denn sieh', jetzt trafen die beiden + Sich inmitten des Plans, an dem Schilde die Speere zu brechen, + Wie es der Turnbahn Sitte geboth, und trefflich erzielte + Stahrenberg den Gewinn: sein Speer zerbrach an dem Turnschild + Wallsteins, den ein glänzender Stern erhellete, krachend; + Schlug auch den Stern entzwei, und zerstob in unzählige Trümmer! + Aber nicht so sein Gegenpart. Von stachelnder Rachgier + Glühend, nahm er das Abseh'n hoch nach dem Helm', und er stieß ihm + Solchen vom Haupt mit festnachstürmender Rechten, daß alsbald + Ihm an dem Kinn der Riemen zerriß, und im Sande der Helm hin + Kollerte. Zornerfüllt gewahrten die älteren Ritter + Wallsteins Frevelthat, und murreten. Aber dem Turnvogt + Schien gleichmäßig des Kampfes Gewinn: weil jener den Schild ihm, + Schmetternd, zerbrach, und dieser den Helm von dem Haupt ihm gehoben. + Stille herrscht' umher; kein Beifall krönte die Kämpen. + Stahrenberg ritt eilig zurück; doch zögerte Wallstein + Noch auf dem Plan, und sah von neuem mit höhnendem Ingrimm + Nach der Lug empor, wo Hartmann im glänzenden Harnisch, + Lieben Geschwistern vereint, sich fand an der Seite des Kaisers. + Ihn verhöhnet' er frech, und begann mit stachelnden Worten: + »Kühlere Lüftchen umweh'n dich dort; hier fühlt es sich heißer: + Komm, und versuch's! Der Jugend Kraft zu erproben, ist rühmlich.« + Stöhnend vor edelem Zorn erhob sich der Jüngling, und forschte + Einen Augenblick in dem Antlitz des herrschenden Vaters. + Aber er saß in erschütternder Hoheit dort in der Mitte + Seiner Erwählten, und sah, verstummend, hinab auf den Ritter. + Jenem genug: er sprang die Stufen herunter, und warf sich + Schnell auf das wiehernde Roß, das draußen der Knappe gehalten; + Faßte, zitternd vor Hast, den Speer, und flog auf die Turnbahn. + + Doch schon hatte zuvor von dem trugverblendeten Wallstein + Sich Drahomira gewendet, und hing mit flammenden Blicken + Ueber Ottgars Haupt. Er war's, der heute des Nachtgrau'ns + Farbe zur Rüstung sich wählt', als jene, voll höllischer Arglist, + Ihn zu dem Kampf hertrieb: nur Jammer zu schaffen, entschlossen. + Wie auf dem trüglichen Netz die giftige Spinne dahinfährt, + Wo die Beute sich fing, und diese mit klebrigen Fäden + Dicht umstrickt, daß kein' Errettung mehr von dem Tod ist: + Also ließ sie nicht ab von dem unglückseligen Herrscher, + Deß', sonst edele, Heldenbrust in wilder Empörung + Schrecklicher Ehrsucht gohr, und allein nach Rache sich sehnte. + Siehe, wie zween geschweifte Kometen am nächtlichen Himmel + Glüh'n, und in blutiger Kriegeszeit den zagenden Völkern + Dräu'n Pest, Hungersnoth, und Theurung: also erglühten + Jetzt Drahomira's zur Wuth empörete Blicke; sie hauchte + Ottgars horchendem Ohr den seelenverderbenden Rath ein: + »Pfeilschnell naht, und entfliehet das Glück: + d'rum hasch' es im Flug jetzt, + Eh' es auf immer entweicht, und nicht wiederkehret dem Trägen: + Tritt mit Hartmann du in den Kampf; dir weiche dein Liebling + Wallstein. Thöricht vergaß der waffenbeschauende Turnvogt + Deine zu prüfen: du führst verderbliche. Schleudre den Jüngling + Erst in den Staub; dann wende dich, nah' ist der Kaiser, + durchbohr' ihm + Kühn die verräth'rische Brust, und entflieh'. + Dein schreckliches Reitroß + Trägt dich schnell aus umdrängender Noth: denn höllische Macht tobt + Ihm in den Adern. Auf, und räche dich jetzt an dem Gegner.« + + Wild aufbäumte sich Ottgars Rapp', als jene gesprochen; + Scharrt' in dem Sand, und schnob, und drehte sich, + wüthend, im Halbkreis': + Denn sie erregte das Thier durch Gaukelgebilde der Hölle. + Heimlicher Schauder ergriff das Volk und die edelen Ritter. + Ottgars Aug' umdüsterte Nacht: gleich Meeresorkanen, + Wühlten in seiner Brust die Empfindungen streitender Rachgier, + Ehre, und Pflicht. Doch jetzt besann er sich; sprengte den Rappen + Ueber die Schranken, und rief dem kampfbeginnenden Helden + Laut, im Brausen des nahenden Sturms und Donnergewitters: + »Wallstein, halt! Zieh' hin zu dem Schrankenthor', und vergönne + Mir in des Kampfs Entscheidung den Sieg. Kunegunde geboth mir + Sie zu rächen, und dich an dem schmähungliebenden Buben + Deß', der Kaiser sich nennt des heiligen, römischen Reiches.« + Wallstein eilte zurück; doch Hartmann rief ihm entgegen: + »Ha, du lügst! Nie hat mein Mund Kunegunden, noch jenen, + Der so frech sich erweis't, so unritterlich handelt, geschmähet, + Weder heimlich, noch offenbar: das sollst du mir büßen.« + Rief's, und senkte den Speer, nicht erwägend, daß solchen der Knappe, + Nicht zum Kampf auf Leben und Tod -- nur zum rühmlichen Scheinkampf + Ihm darreichte zuvor, in drängender Hast und Verwirrung. + Zwar erhob den Stab und die herrschende Stimme der Turnvogt; + Zwar abmahnten vom Streit die Grieswart' dieß und auch jenseits; + Aber sie achteten's nicht. Von dem lautaufheulenden Sturmwind + Ward verschlungen ihr Ruf, und die rachebefeuerten Gegner + Bringt zur Ruhe kein Stab jetzt mehr, noch zu klarer Besinnung. + Aber schon war, voll sorglicher Hast, dem erhabenen Kaiser + Marbod genaht. Nicht entging dem liebenden Geist Drahomira's + Unheilschwangerer Blick, die, beiden: dem Kaiser und Böhmens + Könige, Tod und Verderben sann, und in wilder Verwirrung + Leichen auf Leichen gehäuft, der Hölle zur frevelnden Lust, sah. + Jetzt umfaßt' er ihn heiß, und rief im Geistergelispel: + »Auf, und ziehe dein blinkendes Schwert, zur Wehre dich stellend! + Dir droht Mord und Verrath, und deinem Sohne Verderben + Von dem Fremdlinge. Horch, und verschmähe des Warnenden Rath nicht!« + Alsbald hob, von dem Geist erregt, der gewaltige Herrscher + Von dem Stuhle sich auf; entblößte das Eisen, und eilte + Schnell die Treppe herab auf die Plane, den theuern Erzeugten + Gegen die Wuth des rascheindringenden Gegners zu schirmen, + Der so frech verhöhnte den Ruf des heiligen Gastrechts. + + Jetzo sporneten, laut mit Geschrei, die erbitterten Helden + Gegen einander die Ross' auf dem Plan; doch, brausenden Fluges, + Trieb in dem Augenblick das entsetzliche Donnergewitter + Näher, und stäubte den Sand in wirbelnden Säulen vom Grund auf. + Blitz auf Blitz, und Schlag auf Schlag urplötzlichen Donners + Flammt', und krachte herab aus dem finsteren Schooße der Wolken, + Die, gewitterschwer, tiefhangend, zum Boden gesunken, + Jetzo des Mittags Hell' in Nacht verwandelten ringsum. + Angst ergriff das versammelte Volk. Dem Schreckensgedanken + Bebte das Herz, als sey der Tag' allletzter gekommen. + Wie, und dennoch ruhten die zween erbitterten Gegner + Von dem Kampfe noch nicht? Sie sprengten die Läufer im Flug fort. + Jetzo, wo Ottgars Speer mit tödlicher Spitze dem Turnschild, + Harnisch, und Herzen zugleich des harmloskämpfenden Hartmann + Nahete, fuhr ein Blitz, an der Breite dem stürzenden Waldstrom + Aehnlich, zwischen die beiden herab, und entsetzlicher Donner + Rollte, betäubenden Schlags, erschütternd ringsum die Gegend, + Plötzlich ihm nach; doch Marbod sprang urschnell in den Blitz hin. + Sein entrüsteter Blick entflammte sich hell, und er schreckte + Hartmanns wildanstürmendes Roß vor dem Rosse des Gegners. + Bäumend hob es sich auf: da drang ihm der Speer so gewaltig + Ein in die Brust, daß der Schaft, erkrachend, + sich bog, und entzwei brach. + Stöhnend sank das Roß auf den Rücken. Der Reiter entzog ihm + Schnell das Bein, und stand, ergriffen von inniger Wehmuth: + Schauend sein treues Thier, das jetzt mit den vorderen Hufen, + Jetzt mit den hinteren scharrt' in dem Sand -- + dann todt, und erstarrt lag. + + Ottgar saß, geblendet vom Blitz', und schnaubend vor Ingrimm + Ob des gebrochenen Speers. Er hörte den schrecklichen Donner, + Hörte die lärmenden Ritter nicht mehr, die, empört von dem Frevel, + Naheten; doch er sann im schnellhinschwindenden Zeitraum + Eines Augenblicks. Drahomira empörte zur Wuth ihn, + Als der Kaiser zur Rettung des Sohns in Eile dahersprang; + Aber umsonst: denn stolz- und tapfergesinnet war Ottgar; + Feig ihm dünkte der Mord. Er riß von der Rechten den Handschuh, + Warf ihn entgegen dem Feind', entblößte das Eisen, und rief ihm: + »Rudolph, heb' ihn nur auf: denn es biethet auf Tod und auf Leben + Ottgar, zitt're vor ihm, dir Fehde für jetzt, und für immer! + Nichts von Frieden darum, und nichts von der Kinder Verlobung: + Rach' allein ist die Losung hinfort: das soll ich dir kund thun!« + Rief's, und gab dem Rosse den Sporn. Die Schranken hinüber + Trug es ihn fort im Sprung; dann, sausend, im Donnergaloppe + Weiter und weiter hinaus auf der staubenden Straße nach Stillfried, + Und ihm sprengte sein Ehrengefolg' im eiligen Flug nach. + Aber in wilder Verwirrung schrie'n, und entstürzten die ander'n + Rings den Sitzen, und floh'n durch Sturm und Gewitter voll Angst heim. + + + + + Fünfter Gesang. + + + Schüttelnd die triefenden Schwingen, erhob nach unendlichem Regen + Sich der Abendwind, und warf von dem rauschenden Hochwald + Und dem ersäuselnden Hain' gewichtige Tropfen zum Boden. + Trauernd senkten den lastenden Kelch in dem Felde die Blumen + Noch, und das blinkende Gras bewegte sich langsam und schwer nur. + Kein Gesang der Vögel erscholl; nur fern in dem Sumpfrohr + Quackte der Frosch, und die finstere Luft durchkrächzten die Raben: + Denn noch deckte Gewölk des Himmels Bogen; der Donner + Rollte noch fort, und der leuchtende Blitzstrahl fuhr noch im Süden + Flatternd umher: als droht' er entsetzlicher wiederzukehren. + Da gelangte, von Wuth und gährender Rache getrieben, + Ottgar heim vor das Lagerzelt, und schwang sich vom Sattel + Hastig herab. Ihm kam der Kunring, Leutold, entgegen, + Der mit Schmerzen daheim sein harrete. Jetzo begann er: + »Wahrlich, du kommst ersehnt, und glühender noch, als am Abend + Unsers mit Blut gefertigten Bund's: an dem Kaiser -- an Rudolph, + Rache zu üben -- an ihm, der nach den geheiligten Rechten + Altehrwürdiger Ritterzeit im empörenden Hochmuth + Greift mit gewaffneter Hand; der Deutschlands Edeln der Knechtschaft + Fesseln beut, da er schon gar viele der Vesten zu Boden + Schmettert', und allen ein Gleiches droht: daß nimmer die Freien + Uebten ihr Recht an dem Volk, dem niedriggebornen, nach Willkühr. + Nicht so wurden wir einst lehnpflichtig dem König. Der Leh'nsherr + Rang um sein Eigen im Feld; sein ist's, was dort ihm zu Theil ward -- + König auch er: ihm huldigt zur Frohne der Hold und der Sasse. + Wie, mir würd' es verwehrt zu erbauen die Burg auf dem Felsen, + Der aus dunkelem Wald' aufragt, und zum schwindelnden Abgrund, + Senkrecht bis zu dem Wildbach hin die Wände hinabsenkt, + Unnahbar dem Feind? Nicht sollt' ich dort von den Zinnen, + Oder des Wartthurms Höh'n mit herrschendem Blick in des Abends + Goldenem Schein' erforschen die Gau'n: ob, lauernd, der Gegner + Nahe den Thalweg her? Nicht sein, des ohnmächtigen, spotten, + Der, mit blutigen Köpfen zurück von der Veste gewiesen, + Schamroth flieht? Nicht von ihr zum Kampf mit den Reisigen auszieh'n, + Kennend der Mauern Gefüg', und in selben geschirmt nach dem Heimzug? + Rechte nur immerhin der Unfreie mit mir, daß ich, Freier, + Niederwerfe nach Lust auf der Straße den wandernden Kaufmann, + Der, ein Bürger der Stadt, dem Juden zugleich und dem Wechsler + Treuverbündet, mein Volk betriegt, deß' Habe doch mein ist? + Nur in der Ritterburg, der Wieg' erhebender Thatkraft, + Heldensinnes, und Muths wohnt auch das häusliche Glück noch. + Wenn ich schaue die Hausfrau dort, wie sie schaltet mit Sanftmuth + Ueber das rohe Gesind', und die züchtigen Töchter, den Rosen + Gleich aufblühend, erwerben die Huld und die Würde der Mutter; + Wenn ich vom Fenster hinab an des Hofraums rasigem Abhang + Ringen sehe den Sohn mit den Knappen: wie diesem den Bart er, + Lachend, zerrauft, und den anderen schlägt mit den winzigen Fäustchen, + So vorübend die Kraft auf die herrlichsten Jahre des Lebens: + Nicht für die goldene Kron' eintauscht' ich die goldene Freiheit. + Sieh', auch der Sänger spricht dort ein, und läßt in dem Hofraum, + Nachtumhüllt, gar mild ertönen die lieblichen Saiten, + Eh' er beginnet sein Lied; doch sitzen wir bald in des Saales + Schimmerndem Licht um ihn her, und horchen den zaub'rischen Tönen + Von der Minne Leiden und Glück; von den Wundergeschichten + Grauender Heldenzeit, und den Thaten gewaltiger Ahnen + So, daß in wonniger Lust, wie im Flug', uns die Stunden entschwinden! + Ha, und dessen gedenkt der Habsburg uns zu berauben? + Künftig sollen wir feig, erschlafft, und völlig verweichlicht, + Wohnen in dumpfiger Stadt, und der Ritterehre vergessend, + Höflingen gleich, uns bücken vor ihm? Doch, König, verzeihe, + Wenn vor dir nicht Gefälliges spricht ein wackerer Deutscher! + Wie habt ihr turneit? Ward Habsburgs Löwe gebändigt? + Hast du Rache geübt? -- denn Schreckliches kündet dein Aug' an.« + Sagt' es, erstaunt; doch Ottgar sah mit den flammenden Augen + Ihn noch schrecklicher an, und rief: »Ja, Rache geübet + Offen vor allem Volk! Wohl sagt' ein höllischer Geist mir + Heimlich in's Ohr: »Durchbohr' ihn!« doch mich dünkt' es zu niedrig: + Morden! Ein Leichtes war's, auf dem Plan das blinkende Schwert ihm + In die verräth'rische Brust -- er zitterte! heute zu tauchen; + Doch nur in offener Schlacht, das Aug' auf das Auge geheftet, + Soll er mir steh'n, und, fallend, im Staub' aushauchen das Leben.« + Vor, aus seinem Gefolg trat Milota jetzt, und begann so: + »König, verzeih': er zitterte nicht! Dich täuschte der Rachgier + Seelenverwirrende Gluth. Wohl staunt' ich, als er so muthvoll + Dir entgegen trat auf dem Plan: du sporntest den Rappen + Weise davon. Gut war's: nicht wehrlos falle der Gegner, + Tapferen Herzens, dem tapferen Mann; das hast du erwogen: + Selber beut sich ja oft nur klügeren Seelen das Glück an.« + Sprach so, kaum bekämpfend die Wuth, die ihm heimlich des Herzens + Tiefen zerriß, und er lächelte nur. Doch jener zernagte, + Schweigend, die Lippen vor Zorn: denn Spott verriethen die Augen + Milota's. Jetzt entblößt' er das Schwert, und flehte zum Himmel: + »Ewiger, der du schirmst das Recht, und bestrafest das Unrecht; + Auch in der Vorzeit oft in die Hände der Führer des Volkes + Gabst dein Rächerschwert, zu vertilgen Israels Gegner, + Höre mein Fleh'n, und laß' mich jetzt vergelten im Vollmaß + Dem, der, frevelnd an mir, verletzte die Treu' und die Wahrheit, + Mich beschimpfend vor allem Volk, da er laut es gebilligt: + Heimlich im Zelt sollt' ich ihm huldigen -- schändlicher Trug war's! + Mich verachtet das Volk seitdem, und die jammernde Mutter + Meiner Erzeugten weis't die unschuldigen Opfer des Truges + Mir, im verzweifelnden Schmerz. + O, gib mir den Sieg in dem Kampf jetzt!« + »Ihr,« so rief er den Feldherrn laut, »erhebet die Banner + Eurer geordneten Schar! Wir ziehen noch heute nach Thalsbrunn: + Dort von dem Weidenbach g'en Wien zu dringen, entschlossen.« + + Jene gehorchten sogleich, und gebothen dem Heere den Aufbruch. + All' die geordneten Reihen hinab ertönte das Rufen + Tausender: »Auf! In den Kampf! Wir geh'n den Feinden entgegen.« + Trommeln rasselten dumpf, und das Schmettern eh'rner Drometen + Scholl aus dem Waffen-Geklirr mit dem Wiehern unbändiger Rosse. + Bald schwand rings die wandernde Stadt der Gezelt' aus den Fluren, + Und die unendliche Wagenburg nachfolgte der Heer'smacht + Langsamen Schritts, von dem Lastvieh fort auf der Straße gezogen. + Siehe, in drei Heersäulen ging des gewaltigen Königs + Furchtbare Macht jetzt vor! Er hemmte sein Roß an dem Heerweg; + Sah die Tausende zieh'n, und heischte von Diesem und Jenem, + Schnelleren Gang mit erhobener, oft schrittweisender Rechten. + Lobkowitz führt' in dem Vorderzug die böhmischen Reiter; + Mährens Volk, das muthig zu Fuß anstürmt in der Feldschlacht, + Milota, der in der Mitt' einher vor den Reussen, den Meißnern, + Und den Thüringern zog. Doch Czernin lenkt' in dem Nachzug + Sachsens reisiges Volk, dem rasch die Mannen der Kunring', + Und die Bayern zugleich voreileten, fröhlichen Muthes. + Als das geordnete Heer aufbrach, da schloß mit Gefolg auch + Ottgar sich, hinbrütend, ihm an. Der tapfere Wallstein + Ritt ihm zur Seit' -- auch er versunken in düstere Schwermuth: + Denn nicht brachte der Tag ihm Gewinn; nicht die schönere Hoffnung + Blüht' ihm darum, weil er sie dem Gegner entriß auf der Turnbahn. + Ach, sie stand ihm zu hoch, des Königs Erzeugte! Nicht wagt' er, + Ihm zu eröffnen das Herz, obgleich er liebend an ihm hing. + + Jetzo schwand das hüg'lige Matz zur Rechten, und Angerns + Weidenreiches Gefild zur Linken dem Heere vorüber. + Ottgars Blick hing starr an der March, die rauschend hinunter, + G'en Marcheck und Kressenbrunn die dunkelen Fluthen + Wälzte. Der herrlichen Zeit errungenen Ruhmes gedacht' er + Jetzo mit pochender Brust, und sprach zu dem sinnenden Jüngling: + »Eilt nicht der Strom, wie die Zeit, in ewigwechselndem Lauf fort? + Bald erglänzt er im sonnigen Licht, bald wogt er im Sturmhauch, + Trübaufschäumend, umher: sein voriger Reiz ist entschwunden. + Siehe, wie düster die March jetzt fließt, + und wie herrlich erschien sie + Dort an dem Tage von Kressenbrunn,[1] wo im Siegesgefild mir + Ungerns Macht erlag, die Bela, der tapfere König, + Zahllos, wie der Heuschrecken Heer', uns entgegengeführt hat! + Jenem Siegestag zur Erinnerung gründet' ich dankbar + Dann Marcheck, die blühende Stadt, am Gestade des Flusses. + Ha, dort scholl mir die Stimme des Glücks in dem Sieges-Gefild noch, + Und ich folgt' ihr beherzt! Vielleicht erschallt sie mir nimmer. + So ist des Menschen Geschick, des sterblichen, hier auf des Lebens + Pilgerpfad' empor zu schießen, voll üppigen Wuchses; + Doch gestellt ist das Maß, und er schrumpft dann wieder zusammen, + Wie die thürmend' Eich', die ihr Haupt in die Lüfte gehoben, + Nun zu Moder zerfällt: die, ach, Jahrhunderten trotzte, + Liegt in dem Staub! So schreiten auch Reich' und gewaltige Völker + Plötzlich wieder zurück von den kaum errungenen Höhen, + Und mir ahnet es fast, ich hab' sie errungen: zum Abend + Neigt sich mein Strahlengestirn, und bald versinkt es in Nachtgrau'n.« + »Das sey ferne,« so rief den schwärmerischtrüben Gedanken + Sich entreißend mit Macht, der feurige Jüngling, »das Dunkel + Kennt dein Glücksgestirn nicht mehr: erst jetzo beginne + Solches den schöneren Lauf zu des Ruhms hellleuchtender Sonne! + Fällt der Kaiser besiegt, und das soll er! dann ist die Welt dir + Unterthan. Wie dort nach dem herrlichen Sieg' im Triumphzug + Du hinführtest dein Volk an Italiens Gränze:[2] so winkt jetzt, + Ueber sie hin dein Siegespfad. Weltherrschend, eröffnet + Roma dir die Thor', und erblickt die Krone der Kaiser + Schimmernd auf deinem Haupt, die Carol der Große getragen. + Stark bist du, und noch stärker, so dir ein tapferer Eidam -- + Doch nicht aus Rudolphs Stamm, den du geziemend verschmähtest, + Sich in dem Schlachtfeld eint, als Gatte der himmlischen Hedwig!« + + Ottgar schwieg, und das Heer zog weiter in täuschender Stille, + Wie er gebothen zuvor. Doch sieh', aus den nächtlichen Wolken + Senkte sich Arpad[3] jetzt in Eile herunter! Ein Vater + Ward er genannt dem Magyaren-Volk', und aus seinem Geschlecht her + Sproßte der Segenszweig: der erste, der heilige König + Ungerns, der, sein Volk auf des Heilands Pfade geleitend, + Ihm der Menschlichkeit beglückende Recht', und der Sitten + Mildere Form kund gab, auch Gesetz' ihm schenkte zur Wohlfahrt. + Arpad, schauend den Kun, im Rohrgefilde verborgen, + Sann alsbald nur Thaten des Muths, und er nahete pfeilschnell + Ladislav, dem Könige, der, entschlummert im Zeltraum + Lag auf dem Bärenfell' im grasumwucherten Aufeld; + Beugte sich über ihn hin, und preßte den Mund auf den Mund ihm + So, daß er ängstlich sich wand, und stöhnete, bis er die Augen + Aufschlug, schrie, und im finsteren Zelt', entrüstet, umher sah. + Arpad haucht' ihm Muth in die Brust mit dem Seelengelispel: + »Also bezwungen vom Schlaf, dehnst du die blühenden Glieder, + Eingelullt vom Gesang kumanischer Frau'n und der Zither + Sanftem Getön? Wach' auf, du Weichlicher! Denke der Ahnen + Weitgefeierten Heldenruhms, und des feurigen Muthes, + Der sie beseelte beim Klang des furchtbarbrüllenden Rindhorns, + Wenn die Feinde sich trafen im Feld', und der Würgenden Ruf scholl. + Wachen muß dort stets für alle der Herrscher, und rastlos + Walten bei Tag und bei Nacht, in gefahrumdräuender Kriegszeit. + Horch dem Gewirr! Schon zieht der Böhm' in täuschender Stille + Eilig die Straße hinab g'en Thalsbrunn, dort in des Lagers + Weitumkreisendem Raum, von dem Rasenwall' und dem Graben + Mächtig geschirmt, dem Feinde sich rasch entgegen zu werfen. + Zahllos regten sich dort viel' Tag' und Nächte die Gräber, + Die er entboth in dem Land' umher voll schrecklicher Drohung; + Doch im Rücken des eilenden Heers, nichts Arges vermuthend, + Kommt mit schwachem Gefolg' auch der König vorüber, und langsam + Folgt ihm die Wagenburg: d'rum schnell an das muthige Werk jetzt! + Sende hinaus in den Hinterhalt der bewährtesten Reiter + Tausend, die, verborgen im trocknen Geröhr', an dem Heerweg + Harren, bis Ottgar naht: gleich weit entfernt von den Scharen + Und von der Wagenburg; dann all', im sausenden Eilflug, + All' auf ihn los, und erhascht ihr ihn, + schnell in Geschrei und Getümmel + Wieder zurück in das Lager gejagt mit dem werthen Gefang'nen. + So beginne den Kampf, ein Sieger, zur Freude dem Kaiser -- + Dir, und dem Vaterlande zum Ruhm, dem Lande der Helden!« + Sagt' es mit lispelndem Laut. Da trat ein Kun in das Zelt ein, + Athemberaubt vor Hast, und verkündete: daß auf dem Heerweg + Zahllos, Schar auf Schar, der Böhme vorübergezogen. + Feuriger hauchte der Geist, da er sprach, dem horchenden König + Noch in die Seele den kühnen Entschluß. Sieh', eilig erhob er + D'rauf sich vom Lager, und rief nach dem tapferen Führer der Kunen, + Kaduscha, der, von Gestalt nur klein, und häßlich von Anseh'n, + Doch unbändiger Kraft, und flammenschnaubenden Muths war. + »Eile,« so sprach er zu ihm, »mit tausend erlesenen Reitern + Bis an den Rand des Geröhres hinaus, und harre mit Vorsicht + Dort in dem Hinterhalt, bis Ottgar selber dir nah' ist: + Weit getrennt von der Wagenburg, und den eilenden Scharen; + Dann im Fluge hinaus, zu erhaschen den Herrscher der Böhmen! + Fünfzig Rosse sind dein, und zehn goldschimmernde Sättel, + Auch der Waffenschmuck des Königes, kehrst du als Sieger.« + »Ich vernahm es,« entgegnete stolz der muthige Feldherr, + Als er das Roß bestieg. Er jagte mit tausend Erwählten + Bis an den Saum des Geröhres hinaus, und warf sich, des Königs + Harrend, in's Gras. Wie in dunkeler Nacht der schreckliche Rohrwolf + Lauscht an der Trift, und dort auf die Hinterfüße gesunken, + Winselnd vor Gier nach Blut, mit glühenden Augen umherschaut: + Ob nicht der Rinder Schar vorüber wandere, grasend? + So der Kune dahier. Doch sieh', bald wogten des Feindes + Reihen vorbei, und im Zwischenraum, nichts Arges vermuthend, + Naht' auch Ottgar jetzt, als Kaduscha, sich in den Sattel + Hebend, den Kunen zu stürmen geboth. Vor dem wilden Getümmel + Klirrender Waffen, und brausender Ross', und der stürmenden Krieger + Lautem Gejauchz' erbebte die Nacht, und des Königs Geleitschar + Starrte vor Angst: denn schnell, weit vorgebeugt aus dem Sattel, + Schwingend mit wildem Gebrüll den krummgehämmerten Säbel, + Jagten die Kunen heran, und drohten ihm Tod und Verderben. + Wallstein rief alsbald dem Gefolg': »O, schließt um den Herrscher + Einen ehernen Kreis mit der Brust, und fielen im Kampf wir + Alle zugleich, nur sey des Herrn Gesalbter errettet!« + Aber nicht säumten die Tapferen: denn dreihundert aus Böhmen, + Bayern, und Sachsen, erwählt zum Geleit', umringten den König + Schirmend, und kehrten die Brust nach dem Feind, + der, ähnlich dem Sturmwind, + Naher und naher im Flug, herbraust' auf dem staubenden Heerweg. + + Kaduscha hieb der erst' in den Kreis des kühnen Gefolgs ein. + Er zerschmetterte schnell zwei muthigen Bayern, von Törings + Mannen, die Stirn', und erhob sein Eisen, noch fürder zu wüthen. + Töring, der edele Ritter, der, ausziehend aus Seefelds + Ragender Burg, dort sieben unmündige Kinder zurückließ: + Denn ihm raubte der Tod erst jüngst die treffliche Hausfrau, + Senkte den Speer auf den Wüthenden; ritt rasch an, und durchstieß ihm + Also die Rechte, daß ihr alsbald entschlüpfte der Säbel. + Jetzo hatt' er gerächt die Ermordeten; aber es barg sich + Jener sogleich im Gedräng', und rief nach dem Führer des Volkes, + Zobor, ihm vertrauend des Kampfs entscheidende Leitung -- + Ihm, dem Riesen an Kraft: er lockte den grimmigen Bären + Aus der Höhle heraus, und erwürgte ihn, ringend, am Boden. + Seitwärts drang er auf Töring ein, der, schnaubend vor Rachgier + Reiter auf Reiter herab aus dem Sattel warf mit dem Speerschaft. + Vier' erwürgt' er schon: da stieß ihm die Spitze des Eisens + Zobor tief in's Genick', als er nach dem Gegner sich beugte. + Töring sank in den Staub, und hauchte den muthigen Geist aus. + Ach, und die Amme führt, wie die liebvollsorgende Mutter, + Jeglichen Morgen die Kinder heraus auf die Zinnen der Felsburg; + Zeigt dort allen den Weg, den jüngst der Vater gezogen, + »Und euch allen,« so sprach sie, + »ein schönes Geschenk aus der Hauptstadt + Heimbringt, so ihr euch fromm und gut, wie er's heischte, benehmet.« + Doch nicht kehret er heim; sein harren die Kinder vergeblich: + Denn er liegt getödtet im Staub! So fielen noch hundert, + Unter der würgenden Faust der Kunen, gebändigte Krieger, + Und Verderben umgab stets näher und näher den König. + Wie wenn nächtlich im Wald' ein wandernder Fleischer, von Räubern + Angefallen, mit tapferem Muth' sich wehrt, und der Gegner + Manchen erlegt; doch wäre noch all sein Mühen vergeblich, + So das menschengetreueste Thier ihm nicht fest an den Seiten + Kämpfte: sein mächtiger Hund, der rasch im Kreise sich wendend, + Diesem die Kehle durchhaut mit den tödlichen Zähnen; den andern + Niederreißt am Genick', und, würgend, nicht ruhet, nicht rastet, + Bis er errettet schaut den Gebiether: so stritt für das Leben + Ottgars, häufend die Leichen umher, der tapfere Wallstein. + Doch, als jetzt die Gefahr ihm noch gewaltiger drohte, + Schrie er ihm zu: »Mir nach, mein König und Herr!« und er bahnte + Sich mit dem sausenden Stahl durch Feindeshaufen den Blutpfad. + Ottgar folgt' ihm beherzt, und hieb die Umstürmenden nieder. + Ha, nach entsetzlichem Mord und Gewürg, durchhau'n, und gesprengt war + Endlich der Todesring, und ihm entrannen die beiden, + Brausenden Flugs, auf dem Heerweg fort! Im nächtlichen Dunkel + Schwanden sie bald aus den Augen der weitnachfolgenden Gegner; + Doch die kehrten zurück', und des Königs treue Geleitschar + Fiel nach tapferer Gegenwehr (denn Keiner ergab sich) + Hier erschlagen im Kampf mit den herzblutdürstenden Kunen. + Ach, wie grausam wütheten jetzt die Schrecklichen: hauend + Allen das Haupt von dem Rumpf', und es dann auf die Spitze des Säbels + Pflanzend, zogen sie heim, siegtrunken und rachegesättigt: + Denn sie sahen zuvor wohl doppelt die Zahl der Gefährten + Hingestreckt im Staub', und erwürgt von den tapferen Feinden. + + Fort, und fort im Galopp war Ottgar schon in des Heeres + Nähe gelangt; nur die Höh'n von Prottes, dem ruhigen Dörfchen, + Lagen noch, trennend, vor ihm, und hinter den eilenden Scharen. + Milota trabte die Höhen herab. Mit ängstlicher Sorgfalt + Forschte sein Auge zuvor nach dem König: er hatt' ihn dem Tod schon + Lange geweiht, und harrete nur des ersehneten Tages, + Wo er nach Rache die Gier an ihm sättigte, schrecklich und furchtbar! + D'rum verlor er ihn nie aus den Augen, und so, wie der Kater, + Grausamer Lust, freigibt das erst gefangene Mäuschen: + Da folgt ihm sein glühender Blick, und will es entrinnen, + Streckt er sogleich ihm nach die klau'nbewaffneten Pfoten -- + Reißt es zurück in den Todes-Kreis, und weidet die Augen + So an dem armen, voll Grimms: nicht anders verfolgten die Augen + Milota's Ottgarn stets, der Rach' ihn zu opfern, entschlossen. + Jetzo gewahrend: er sey's, begann er von weitem zu rufen: + »Wahrlich, du wagtest viel, mein König, so fern dich zu halten + Von dem schnellvoreilenden Heer! Wer so die Gefahr sucht, + Wandelt auf glattem Geröll', an des Abgrunds schwindligem Rand hin: + Denn in den Auen der March droht uns der schrecklichen Kunen + Leis'umspähendes Volk: du warst die erwünschteste Beut' ihm, + So es dich traf. Doch sprich, wo weilt dein Reitergefolg noch?« + »Mein Gefolg ist todt,« entgegnete jener, »gefallen + Unter des Feindes würgender Faust. Dem tapferen Jüngling + Hier verdank' ich das Leben allein; stets hielt er im Leben + Treulich an mir; er sey, wie ein Sohn, mir geliebt in der Zukunft.« + D'rauf hinbeugt' er nach Wallstein sich von dem Sattel; er küßt' ihn + Auf die glühende Stirn, und drückt' ihm die Rechte noch freundlich. + Jener, mit Freudenthränen im Blick', erwiederte, hebend + Ottgars Hand an den Mund, der Liebe beglückendes Zeichen. + Plötzlich sah er im Geist der wahnsinngenähreten Hoffnung + Truggestalt in der Wirklichkeit, hellschimmernden Glanzes, + Ihm genaht, und gestillt des Herzens unendliche Sehnsucht. + Wehe, daß Drahomira so nah' ihm war in des Nachtgrau'ns + Schrecklicher Stund', und stets auflauerte, daß sie, verderbend + Ihn, sich räche zugleich an Ottgarn, höllischer Lust voll! + Hufesgerassel erscholl: denn Milota's Reitergeschwader + Jagte heran. Sie schrie ihm ins Ohr: »Der Feind ist im Anzug!« + »Ha, der Feind!« rief Milota laut, und in wilder Verwirrung + Jagt' er nach Ebenthal, woher sie gekommen, das Roß hin. + Ottgar folgt' ihm schnell; nur Wallstein hemmte den Läufer + Oft: um den König besorgt, und für ihn zu sterben, entschlossen. + Aber ihm däuchte das nahe Gebirg, und drüben das Blachfeld + Jenes von Ebenthal an der freundlichen Burg, wo er seicher + Oft sich erging, des Weidwerks Lust ergeben im Feld' auch. + Ottgar hörete jetzt den Ruf des warnenden Jünglings; + Tobte vor Zorn, und sprach zu Milota grimmigen Blickes: + »Hat dich mein böses Geschick mir entgegengeführt an dem Kreuzweg, + Wo in dem nächtlichen Grau'n nur menschenfeindliche Geister + Hausen, daß du dem Heer mich entrückst, und verleitest zum Irrgang? + Wahrlich, der Himmel straft heut Nacht die Vergehungen alle, + Die mich erniedrigten einst auf des Lebens verlockenden Bahnen! + Fort, g'en Stillfried jetzt, wo die Wagenburg und der Nachhuth + Tapfere Schar mich schirmt, bis wir dem Heere vereint sind!« + + Finster umhüllete noch das Gewölk den nächtlichen Himmel; + Noch aufriß der entfliehende Blitz zuweilen die Lieder, + Zürnend, und sah mit feurigem Blick aus Osten herüber. + Bergan hob sich der Weg, und Milota sagte, verhöhnend, + Als die Ross', oft zögernden Gang's, aufschritten den Bergpfad: + »Hoffst du, Herr! vor des Ewigen Richterstuhle so leicht dich + Abzufinden dereinst mit dem schreckengerüsteten Engel, + Der dein Blatt dir weis't in dem Buche des Lebens und Todes? + Wähnst noch gar, du habest gebüßt für Alles und Jedes, + Was du verübt seither, schon heut' im nächtlichen Irr-Ritt? + Grauses vernahm mein Ohr. Ist's Wahrheit, oder nur Täuschung, + Was die Sag' uns gab von dem blutbesudelten Handel + Dort? Daß die Ost- und die steyrische-Mark dir bleibe zu Eigen, + Hast du Schätze gesandt nach Wälschland -- heimlich verbündet + Rom und Neapel dir, und Konradin, Friedrich von Oestreich[4] + Hingeopfert des Henkers Schwert, die blühenden Fürsten? + Hast nicht Erbarmen geübt, als d'rauf die Mutter des letztern, + Gertrud,[5] sanften Gemüths, aus dem Erbe der Väter vertrieben, + Fliehen hieß dein Wüthrich fort in stürmischer Nachtzeit? + Bist du rein von Schuld an dem Tod der verstoßenen Gattinn, + Margareth?[6] Ward der edele Herr und Ritter von Meißau + Nicht in unwürdiger Haft von dir verbrannt in dem Schloßthurm?[7] + Nicht die Heldenschar, von dem Pettau'r,[8] niedrigen Herzens, + Angeschwärzt, jahrlang' in schmählichen Banden gehalten -- + Ihrer gewaltigen Vesten beraubt? Sieh' dort auf dem Hügel + Drüben den Rabenstein: wie im Wind sich die dürren Gerippe + Dreh'n nun hin, nun her, und im Schwung lautächzen die Ketten! + Hu, aufsträubt sich mein Haar -- und dennoch lieber gehenkt dort, + Als daß ich übte, wie du, an dem Merenberger[9] den Frevel! + Aber horch! Da er nun, das Haupt an die Füße gebunden, + Zweimal den Morgen und Abend sah, in schrecklichen Qualen + Hängend am Rabenstein, war nur der geschändeten Schwester + Bild -- geschändet von dir, vor seinem Gemüthe! Dir flucht' er, + Eh' er starb, durchbohrt von einem der wilden Szupanen. + Wie, du erschrickst? Nein, fürchte nichts, Herr! + Daß ich jetzo der Tochter,[10] + Meines geliebtesten Kindes, gedacht, nicht verdenk' es dem Vater, + Der nicht weinen mehr kann um sie, die schändlich verführt ward. + Ihre die Schuld, der Metze: sie gab sich wohl selber der Schmach hin!« + + Ottgar schlug sich die Brust, und wimmerte: »Vater, Verzeihung; + Mein ist die Schuld allein: den Himmlischen glich sie an Reinheit!« + »So?« -- sprach dann mit gedehnetem Laut der entsetzliche Vater. + Ottgar stöhnte vor Angst, daß es jener vernahm; mit den Zähnen + Knirscht' er; sah empor, und rief mit ersterbender Stimme: + »Milota, sieh', wie es über den armen Sündern erblitzet!« + Sagt' es, und stützte das Haupt, vergehend, auf Milota's Schulter. + Jetzt in der geistverzückenden Zeit todähnlicher Ohnmacht + Sah, wie entkörpert, er dort an dem Rabenstein, Drahomira + Schweben umher, und oft hellstrahlen von röthlichen Flammen. + Ihr nachfolgten zum Dienst drei Mißgestalten der Hölle + So, daß der Halbentseelte noch zuckt', und bebte vor Schrecken, + Als er die Furchtbar'n sah. Aus schwarzumhüllendem Schleier + Starrten mit weitgeöffnetem Aug' todblasse Gesichter, + Und ihr Leib, durchblinkt von der Flammengestalt Drahomira's, + Floß, wie ein Trauerflor, hinaus in das finstere Nachtgrau'n. + Doch, nach dem Wink der Gebietherinn, auf, + und hinunter sich schwingend + Dicht an dem Rabenstein, wie der Mauerspecht am Gemäuer, + Der mit kläglichem Ruf nach Gewürm' und Käferchen spähet, + Nagten sie dort ein Giftgewächs und das Moos mit den Zähnen + Ab von dem Stein und Gehölz, und schwebten hinab auf den Heerweg. + (Zwischen Ottgar hier, und Milota -- aber vor Wallstein + Dort, der zögernd folgt': in täuschende Träume versunken + Künftigen Glücks) und hauchten zugleich auf die Erde den Unrath. + Doch Drahomira kam, vorhaltend in glühender Rechten + Einen Becher, in dem verderbliche Säfte von Kräutern + Gähreten: erst entpreßt dem Eisenhütchen und Schierling, + Dann Tollkirschensäfte vermengt, der plötzlich des Menschen + Sinne verwirrt. Sie goß mit zaubergewaltigen Worten, + Vor den Drei'n, die sie nachmurmelten, wie aus der Felskluft + Grimmvoll murrt ein Drach', das Gift auf den furchtbaren Unrath + Aus; zertrümmerte schnell den Becher auf ihm, und erhob sich + Dann im Weh'ausruf des Höllengefolg's in den Luftraum. + Alsbald schwamm ein bläulicher Duft, des giftigen Pfuhles + Nebel gleich, umher: dem nahenden Jüngling zum Falle + Hingebannt von der Macht Drahomira's, des schrecklichen Weibes. + + Ha, schon naht' er heran! Noch brannte der glühende Kuß ihm + Auf der Stirn'; noch scholl in das Ohr ihm der schmeichelnde Zuruf + Ottgars: »Daß er ein Sohn ihm sey -- dem liebenden Vater.« + »Wie, ein Sohn? Dann ... ja, wenn Hedwig die Rechte mir reichet! + Himmlische Hoffnung!« Rief's; da bäumte schnaubend sein Reitroß + Dort an der furchtbarn Stelle sich auf. Ihn däuchte der Wehruf, + Den er jetzo vernahm, aufhorchend mit pochendem Herzen, + Hedwigs Stimm': alsbald vorspornend den hurtigen Läufer, + Stand er gebannt in dem Zauberkreis', und urplötzlich, so wähnt' er, + Ward ihm zur Gegenwart die nimmergeahnete Zukunft. + Hochbeglückt hielt er die Ersehnete jetzt in den Armen: + Ihm schwand Himmel und Erde dahin! Doch flatterte blitzschnell + Weiter der täuschende Spuk, da, schnaubend vor Angst und Entsetzen, + Nun das Roß fortsprang aus dem Zauberkreise der Hölle. + Stöhnend sah er zurück, und die Blässe des Todes bedeckte + Seine Wangen: ein Traum, so schien es ihm, flüchtig entronnen, + Wies ihm des Erdenglücks Erwünschtestes. Wehe, nicht schwand jetzt + Mehr des Gesehenen Bild aus seinem Gemüth'. In den Adern + Kocht' ihm das Blut, und im kreisenden Schwung' umgaukelte jenes + Rastlos ihn, da er flog, getrieben von höllischem Zauber, + Abzufordern die Hand der Königstochter dem Vater; + So zu empören des Herrschers Stolz, und, von diesem gehöhnet, + Racherfüllt, sich selber und ihn zu verderben auf immer. + + Siehe, voll Himmelshuld war ihm sein schützender Engel + Wieder genaht, und rief in sanftverweisenden Lauten: + »Wie, umsonst ertönte dir erst mein warnender Zuruf? + Wehe dir, Jüngling, ach, wenn Schuld verdunkelt die Reinheit + Deines Gemüths! Wie ein Spiegel, noch erst im herrlichsten Lichtglanz + Schimmernd, schnell abstirbt, so ihn feuchtannahender Hauch deckt: + Also umwölkt es die Schuld. Bald scheint die blühende Schöpfung + Dir verwelkt, und erstarrt ringsum das regsame Leben: + Nichts des Hohen vollführest du mehr, von irdischen Banden + Niedergehalten. Verzieh'; o denke des Ewigen, reuig; + Kehre zurück, und beherrsche mit Kraft die Gelüste des Herzens, + Daß du nicht Schmach dir jetzt durch thörichte Worte bereitest!« + + Sagt' es, und schwang sich empor zu dem Vater + im Himmel, deß' Antlitz + Er mit dem Seraph und Cherub schaut für immer und ewig. + Aber der Jüngling rief: »Ward erst der Seligen Wonne + Mir von dem Himmel gewährt? Vernahm ich jetzo der Hölle + Täuschenden Ruf? Nicht weiß ich's -- will es nicht wissen; + es dreht sich + Schwindelnd die Welt um mich her; sie reiße mich mit in den Abgrund!« + Sieh, und er hieb in den Bauch des ächzenden Läufers den Sporn ein: + Brausenden Sprung's trug fort ihn das Thier, + bis er's vor dem Herrscher, + Der mit dem Feldherrn, ernst und schweigend die nächtliche Bahn zog, + Jetzt festhielt, nach gewaltigem Müh'n: denn wüthenden Ingrimms + Flog es dahin! Nun sprach mit sanfterheitertem Antlitz, + Nach dem Jüngling gekehrt, der weitgefürchtete König: + »Wallstein, ha, wo weilst du? Komm, und rette den Vater + Dir, dem liebenden Sohn, von diesem entsetzlichen Manne! + Milota, fort! Entfleuch! Du warst mir treulich ergeben, + Du, des Herrschers Vasall; doch hast du mit blutiger Faust ihm + Heut' in dem Herzen gewühlt -- frechlautende Worte gesprochen. + Gott ist gerecht. Die Schuld, vergrößert von feindlicher Mißgunst, + Mindert vor ihm ein reuiges Herz: er wird's nicht verschmähen! + Halte dich künftig entfernt von mir -- auch jetzt in dem Feldzug, + Daß nicht mein Zorn, erwacht, dich noch verderbend ereile.« + Jener lächelte grimmig, und rief: »Recht hast du gesprochen: + Weichen will ich -- im Kampf' entfernt dir stehen; der Tochter + Stets gedenken, und flieh'n die Nähe des dräuenden Herrschers.« + D'rauf entschwand er im Feld; doch Ottgar sagte dem Jüngling: + »Wallstein, höre mich nun! Stets warst du mir theuer vor Allen + Ob des Heldenmuths und der Treue, mit welcher du, liebend, + Hingest an mir: doch heut, wie lohn' ich geziemend die Thaten + Ewigen Ruhms? Erst rächtest du mich an Rudolphs Erzeugtem; + D'rauf hast du mich entrissen der Wuth umdrängender Gegner. + Sieh', am kommenden Tag sollst du durch würdigen Lobspruch + Hochverherrlichet steh'n vor meiner versammelten Heersmacht; + Auch den Feldherrn dort, als Führer des böhmischen Fußvolks, + Beigesellt, ein Zeuge der Huld und des Glückes erscheinen!« + + Jener entgegnete schnell, von dem Höllenzauber getrieben: + »Herr! du nanntest mich Sohn zuvor, und ein liebender Vater + Willst du mir seyn? Wohlan! Ich rühme mich edlen Geschlechtes, + Ja, des edelsten, das in dem Vaterlande genannt ist: + Reich an Schätzen und Land, gleich Fürstensöhnen geachtet! + Vater, mein höchstes, mein einziges Glück harrt deiner Entscheidung! + Gib mir Hedwigs Hand, des angebetheten Fräuleins: + Dann wird überschwenglicher Lohn mir zu Theil, und ein Eidam + Steht dir dankbar bereit -- für dich zu sterben, entschlossen, + Tapferen Muth's im Feld', ein mächtiger Schirmer des Thrones, + Den du zierest, und Wenzeslav, dem Erzeugten, vererbest. + Hörst du mich nicht: dann fort an die fernsten Gränzen des Weltmeers; + Dann aus dem Leben fort, dann wähle dir treuere Diener!« + »Tod und Hölle!« so rief entrüstet der König, »wie ward mir + Heut das Geschick, Wahnsinnigen hier zum Spotte zu dienen? + O Verblendeter! Wie? so täuschest du frech und verwegen, + Meine Hoffnungen all', auf dich gegründet, und trotzest + Auf die erworbene Herrscherhuld? Du erkühnst dich um Ottgars + Tochter zu frei'n -- um Hedwig, nach welcher sich Könige sehnten? + Schwind' aus dem Glanz der Sonn', aufdämmernder Stern, und durchlaufe + Fern mit jenen die dunkele Bahn, die selber dir gleichen! + Ehren sollte des Königs Ruf dich am kommenden Morgen? + Sieh', ich schlage dich jetzt -- + doch, wiss' es, Bube, zur Schmach nur: + Daß du gedenkest hinfort, wie frech du ihn eben gehöhnt hast!« + Rief's, von der Hüfte sich reißend das Schwert. + Er schlug mit der Kling' ihn, + Wüthend, über den Helm, und jagte hinüber zur Heersmacht, + Der er genaht, in des Morgenroths erglühendem Lichtstrahl. + Wallstein zog bei dem Schlag schon halb aus der Scheide das Eisen, + Hielt's so, fest umspannt, hinbrütend, die Augen zum Boden + Heftend, erblaßt, und starrete noch mit entsetzlichen Blicken + Lang' um sich her; dann stieß er das Eisen zurück, und verlor sich + Von dem Pfad seitab, in des Hains umschattendem Dunkel. + + + + + Sechster Gesang. + + + Sieh', im rosigen Duft versank die glühende Sonne + Hinter dem fernen Gebirg; die Nacht umschleierte ringsum + Schon die Gefild', als jetzo von Neuburg her an der Donau, + Czernin kühn vordrang mit tausend tapferen Böhmen, + Die er, unferne dem Bisamberg, in räumigen Fähren + Uebergesetzt, nach Waldrams Wink, des frechen Empörers. + Dort in verengender Schlucht, die am Fuße des Kahlen- und Leupold- + Berges ein Dörfchen birgt in gebüschumhüllender Bergschlucht, + Lagen die Böhmen im schlauen Versteck, sich Reiter von Oestreich + Rühmend, und hielten das Volk in den Hütten fest, nach des Krieges + Eisernem Brauch, daß kein Verräther dem Feinde zum Dienst sey. + Doch als jetzo der Mitternacht ersehneter Zeitraum + Nah' war, brachen sie auf, und schlichen am Ufer der Donau + Leise hinab, den Füchsen gleich, die so den Gehöften + Nah'n, aus den Ställen umher, raschwürgend, die Beute zu holen. + Als sie Nußdorf links, durch freundliche Traubengeländer + Wandernd, und d'rauf rechts Heiligenstadt, und Döbling erblickten, + Lenkten sie wieder behend zu dem lautaufrauschenden Strom ein, + Bis sie erreichten den Weidenhain unferne der Steinwehr, + Welche das Neuthor schirmt, und harrten, im Dickicht verborgen, + Dort des verheißenen Winks, durch List zu erringen die Festung. + + Doch nun klirrten des Thors gewaltige Riegel, und Czernin + Wähnte: verrathen sey dem Feinde sein kühnes Beginnen. + Weniges sprach er nur: der Schweigende hieß er den Kriegern; + Aber das Wenige sprach er mit Kraft; so rief er auch jetzo: + »Männer, fasset das Schwert! Wir wollen dem Feinde das Leben + Theuer verkaufen im Handgemeng': ein schrecklicher Kampf sey's!« + Siehe, da ritt aus dem Thor, das aufflog, brausend ein Ritter + Näher, und jagte dem Haine vorbei. Ihm folgte der Knappe. + Hartmann, Wiens erlesener Hort, verließ mit dem Treuen + Eben die Mauern der Burg: er war's, der näher gesprengt kam. + Alsbald wäre der Feind ihm hier in den Rücken gefallen: + Ihn, der Rettung bedacht, zu erlegen zugleich mit dem Knappen; + Aber es schwang sich Marbod jetzt aus dem finsteren Luftraum, + Hastig an Czernins Seit', und hemmt' ihn mit täuschenden Worten: + »Czernin, halte die Krieger zurück, nicht siehst du den Feind hier, + Sondern die Freund', entsandt durch Rüdiger, daß sie im Rundgang + Zieh'n an der Vest' umher, und erforschen: ob nicht die Gegner + Euerer Macht, auflauernden Blicks, entgegen sich stellen? + Bald ist die Runde vollbracht, euch öffnet sich leise das Neuthor.« + Sagt' es, voll Hast; dann flog er dem Jünglinge nach, und begann so: + »Hartmann, kehre zurück! In dem Hinterhalte verborgen, + Lauert dir, mit Verräthern im Bund, der listige Feind auf. + Kehre durchs Schottenthor in die Burg, und beschirme die Festung, + Dir von dem Herrscher vertraut mit wichtigem Worte: gehorch' ihm!« + Aber der Eilende sprach: »Mich däucht, ein Höllengeflister + Hält von der Wallerfahrt mich zurück? Ich gehe, zu bethen + Auf dem Kahlenberg für die schwachaufathmende Mutter: + Ob nicht Gott sich erbarmt; mein Fleh'n die heilige Jungfrau -- + Mutter auch sie! voll Huld, dem liebenden Sohn' an das Herz legt, + Und das erfüllte Gelübd' erringt der Mutter Genesung?« + Als er es rief, da gab er dem Pferde die Spornen, und brausend + Trug es ihn fort im Galopp' auf die Höh'n des umnachteten Berges. + Dort, zu dem Kloster gelangt, vertraut' er dem Knappen den Renner; + Zog an dem ehernen Pfortenring, und klingelte. Dreimal + Scholl in der einsamen Nacht, entlang den finsteren Kreuzgang + Hin, der Glocke Getön. Bald klirrte der eiserne Riegel, + Von dem Pförtner getrieben, im Schloß', und in schweigender Ehrfurcht + Ließ er den Ritter, der »Gelobt sey Jesus!« ihm rief, ein. + »Ewig!« gab er zurück', und verschloß die Thüre mit Sorgfalt: + Denn nicht war er ihm fremd; er kannte des Kaisers Erzeugten. + Aber er schritt entlang die weitgesonderten Zellen, + Die ein freundliches Gärtchen schied, die Reihe hinunter, + Bis zu dem Fenster des Bruders Ernst, und klopfte, nur halblaut + Rufend: »Vater, komm! Schon floh die zwölfte der Stunden, + Komm, und lese die Messe sogleich in der heiligen Halle, + Wo vor dem Kreuz-Bild schon unzählige Kranke genasen. + O, daß dein frommes Gebeth uns erflehte die liebende Mutter!« + »Jüngling!« so rief der Erwachende jetzt, »was treibest du rastlos + Durch die dunkele Nacht? Der Himmel erhöret das Flehen + Sterblicher mild bei Tag und Nacht, wenn solches der Seelen + Heil' entspricht: stell's heim, wie es kömmt, der ewigen Vorsicht.« + Sagt' es, erhob sich, und trat aus der nächtlichen Kammer. + Er schlief dort + Immer im härnen Gewand': um das Grab sein Lager zu tauschen + Jeglichen Augenblick, mit gottergebenem Herzen. + + Schauer durchfuhr den Geist, der schnell dem Ritter gefolgt war, + Als er des Bruders bleiches Gesicht, und das Auge, voll Demuth + Stets zur Erde geheftet, ersah; die himmlische Weisheit + Klar an der Stirn' ihm las, und, vereint abtödtendem Bußsinn + Seelenfrieden und Ruh' in seinen erhelleten Zügen + Wahrnahm. Dennoch wagt' er es nicht, ihm zu folgen in Gottes + Heiligthum; nur entfernt und schüchtern sah er hinüber, + Als er dort vor dem Bild des Gekreuzigten, würdigbekleidet, + Stand in dem hellen Schein sechs strahlender Kerzen: sie ragten + Aus den silbernen Leuchtern, geteilt, vom Marmor-Altar auf; + Sah, wie ihm diente der Ritter selbst, auf die Kniee gesunken: + Jetzt ihm brachte das Buch, und er bethete; jetzo, die Gaben + Opfernd, Brot und Wein darreicht'; er Worte des Segens + Ueber sie sprach, dann auf zur Anbethung hob, und, in Demuth + Klopfend die Brust vorher, genoß: ein hehres Geheimniß + Feiernd. Er staunte noch mehr: wie dort der muthige Jüngling + Ganz in heiliger Gluth und in herzdurchschauernder Andacht + Aufgelös't, mit gesenktem Haupt und gefalteten Händen + Bethete; auch den thränenden Blick von der Erde nicht aufhob, + Bis das Opfer vollbracht, und gestillt das sehnende Herz war. + Graunvoll stand ihm Odins[1] Altar vor den Augen, und Sclaven + Blutend darauf, die, im Kampf gefangen, als Opfer ihm büßten. + Ach, er preßte sie fest in die Fläche der Hände, nicht wagend, + Sie jetzt himmelempor zu dem furchtbarn Richter zu heben! + Doch schon führte der Mönch den Ritter zur Pforte hinüber, + Schüttelt' ihm traulich die Hand, und sagte beklommen zum Abschied: + »Gottes Friede mit dir! Vollbracht ist die heilige Handlung, + Wie du gewünscht. In dem Wink des Ewigen liegt die Genesung, + Liegt das Leben, der Tod, und seine Gerichte sind dunkel. + Laß nur walten die Huld: die hier Getrennten vereint sie + Jenseits wieder im Glück', im ewigen, wahren, und einen!« + + Als er sich wandte, zu geh'n, da ergriff ihm Hartmann die Hand noch, + Drückte sie glühend an's Herz, und rief mit thauenden Wimpern: + »Ernst, nicht lebt dir der Vater mehr, nicht die Mutter: + zur Kriegszeit + Haben die grausamen Feind', unmenschlich vor Wuth, in der Kammer + Beid' erwürgt vor dir, dem scheuverkrochenen Knaben! + Nimmer wurdest du froh seitdem, und wohnst in des Klosters + Einsamer Zell'. Ach, komm, und sey mir ein Stab auf des Lebens + Dunkelem Pfad, mein Lehrer und Freund, und mit dankbarem Herzen + Will ich die Freundesliebe dir treu durch Liebe vergelten!« + Ernst fuhr, schaudernd, zusammen, und rief: + »Der Freundschaft erwähnst du? + Ja, mir ward ein Freund von treuem und redlichem Herzen; + Aber er wanderte fort, weit über das Meer, und nach Jahren + Schmerzlicher Trennung -- sieh', drei Schritte von hier, an der Mauer + Dort, erkannt' ich den Kehrenden schon: da zuckte der Blitzstrahl + Her aus dem Wettergewölk', und todt, und erstarrt in den Armen + Hielt ich ihn! Ach, nicht färbten sich mehr, und färben sich nimmer + Meine Wangen, vom Schrecken erbleicht, und entsetzlichem Jammer! + Laß mich im Frieden dahier. Geschürzt zur endlichen Wand'rung + Hab' ich mein Kleid, und ich halte den Stab bereit in der Rechten, + Wann, und wie es dem Himmel gefällt: du thue deßgleichen + Hartmann, eile hinab in die Burg: ich höre der Glocken + Stürmenden Ruf im Geschrei und Getös' lauttobender Menschen!« + Jener horchte, bestürzt; dann warf er sich schnell in den Sattel; + Spornte sein Roß, und flog, lautathmend, den Wällen entgegen. + + Dort gebar einstweilen die Nacht entsetzliche Thaten. + Rüdigers horchendem Ohr' entging das warnende Wort nicht, + Das erst Hugo zuvor dem Kaiser vertraute. Die Sohlen + Fremder Männer gewahrete bald sein spähender Scharfblick + Unten im Felsengang, wo er häuft' in Menge die Waffen, + Und er sandte den Bothen sogleich an den König von Böhmen, + Daß er ihm eine die Macht. Den Schirmern der Veste zur Täuschung, + Wandt' er den Blick von dem Stubenthor nach dem stilleren Neuthor, + Wo nur selten erscholl der Fußtritt wandelnder Menschen, + Nie des rollenden Wagens Getös': nur jenen zum Frommen + Früher erbaut. Dort sah er das Werk der frechen Empörung + Schon gelungen, und harrete nur der verheißenen Hülfsschar. + + Jetzt erscholl die Glock' aus den Fenstern des ragenden Kirchthurms, + Zwölfmal dumpferdrönend dem Schlag des gewichtigen Hammers, + Und ummurrend lang' in dem leis'entschlummerten Luftraum. + Alsbald regten im Weidenhain sich die Krieger aus Böhmen -- + Traten, in Eisen gehüllt, und mit schneidenden Lanzen bewaffnet, + Aus den Häusern hervor die Verschworenen (siebenmal hundert + An der Zahl) und entlang den Tiefengraben zum Neuthor + Standen die frechen geschart, des Wink's von Rüdiger Waldram + Harrend. Er zögerte nicht, und kam, und sprach zu dem Amtner: + »Günther, muthig an's Werk! Mit Hundert deiner Erwählten + Hin zu der Burg: dort stoßt mit würgender Rechte die Wachen + Nieder, und wahret das Thor an der Kaiserstiege mit Sorgfalt! + Hundert send' ich sogleich in die Runde mit tapferen Führern, + Die auf den Wällen erwürgen die Huth. Ist solches geschehen, + Dann ertöne Geschrei; dann reißt an den Strängen; der Glocken + Sturmruf schalle; das Schlangenhaar aufsträubend, die Augen + Drehend vor blutiger Gier, und schwingend die flammende Fackel, + Tobe der Aufruhr fort in den Straßen, und brülle die Menschen + Wach aus dem Schlaf' zum Kampf g'en Rudolphs bebende Söldner! + Ottgars harren wir dann: bald kömmt er, und wird ihn zermalmen; + Doch, so er siegt'? -- ein Unterpfand ist unser: die Mutter, + Und die Töchter zugleich: denn Hartmann eilte von hinnen, + Das euch sichere Bürgschaft sey ersehnter Verzeihung. + Nur mir werde sie nicht. Ha, lieber zum eisigen Nordpol + Will ich, ein Bettler zieh'n, als Rudolphs Zepter gehorchen! + Kommt; viel lieber den Tod, als solch' unwürdiges Leben!« + Rief's, empört, und alsbald eileten jene dem Amtner + Nach. So wäre die Huth auf den ragenden Mauern erlegen; + Doch auf dem Rasenwall an der Burg, wo im Süden des Schneebergs + Heitere Stirn' der Wandelnde stets mit Freuden gewahret: + Da er ihm so viel sonn'erhellete Tage vorhersagt, + Ging, gemessenen Schritts, Bertrand, der tapfere Schweizer, + Hüthend umher. Als jetzt zum zwölften Mal von dem Kirchthurm + Dumpf die Glock' ausklang, von dem eisernen Hammer geschlagen, + Sieh', da stand er erstarrt! Ein Schrei -- doch schrecklich zu hören, + Scholl ihm vom Mund; sein Haar aufsträubte sich; laut, wie im Fieber, + Klapperten ihm die Zähn'. Er sah zwölf Schattengestalten: + Häßliche Weiber der Stimm', und wankende Greise dem Gang' nach, + Kommen, in Leichentücher gehüllt, todbleich und den Nacken + Altersschwer gebeugt: die _Klag'_ genannt von dem Volk dort, + Welche, vereint (sechs hie, und drüben so viel') auf der Schulter + Trugen die Bahre heran, und stöhneten. Aber sie zogen, + Sein nicht achtend, vorbei; dann fort, an der Mauer der Hofburg + Steilrecht schwebend empor -- fort über das Dach, und verschwanden + Fern in der finsteren Luft mit kläglichem, leisem Gewimmer. + Weiber, so sagt sich das Volk mit schaudernder Angst in die Ohren, + Die auf der irdischen Bahn sich unnennbarem Frevel ergaben, + Gingen im mitternächtlichen Zug einher auf dem Erdkreis; + Klagten, und ächzten, und trügen die Bahr' an der Kammer vorüber, + Wo, zumal bei den Fürsten des Volks -- bei den Mächtigen, Hohen, + Bald anklopfet der Tod: sie sterben, und Weinen erschallet. + + Jetzt vernahmen den Schrei die Gefährten des Kriegers. Sie blößten + Hurtig das Schwert; erkletterten schnell die ragende Mauer; + Schrie'n von fern: »Wer da?« und fragten zugleich um die Losung. + Zwar nicht kam aus dem Mund des Kriegers das heimliche Wort jetzt: + Denn noch stand er verstört, und zitterte; aber sein Hauptmann + Sah die nahende Schar bewaffneter Bürger: ihm ahnte + Schnöder Verrath. Alsbald erhob er die mächtige Stimme; + Schrie an die Nachbarhuth, und diese der nächsten, und nächsten + So, daß der Lärmruf rings umtönte die Veste: den Kriegern + Nun zum Glück' erregt von dem angstergriffenen Mann dort. + + Als der Ueberfall dem Hort der empöreten Bürger, + Günther, mißlang: da mahnt' er sogleich die Seinen zur Rückkehr, + Sich mit Rüdiger Waldrams Macht zu vereinen am Neuthor. + Schon begann er den Kampf. In des weitgewölbeten Thorwegs + Mauern sah er die Stub' erhellt, und die Krieger entschlummert. + Nur die Wach' allein ging inner dem Thore den gleichen, + Ernstgemessenen Schritt herauf und hinab. An die Schulter + Hatt' er die Lanze gelehnt, und summte zuweilen ein Liedchen. + Schnell, wie der Blitz, flog Rüdiger vor, und setzte dem Krieger, + Dräuend, das Schwert auf die Brust, so er schrie, + ihn zu tödten, entschlossen. + Ach, an dem Zürcher-See ließ Wolf in der reinlichen Hütte + Gattinn und Söhnchen zurück: denn kaum entschwand ihm ein Jahr erst + Glücklicher Ehe, als ihn zu den Waffen der tapfere Herzog, + Albrecht, rief! Er sann, des Kind's und der Gattinn gedenkend, + Einen Augenblick; dann dacht' er der Pflicht und der Rettung + Seiner Gefährten: er schrie -- der edelmüthige Krieger + Schrie, und sank, von Rüdigers Schwert durchbohrt, auf den Sand hin. + + Wildes Getümmel erscholl. Hervor aus der dämmernden Wachtstub' + Stürmten Wolfs Gefährten, voll Hast, und Rüdiger Waldram + Hob das blutige Schwert mit gellendem Ruf in die Luft auf. + Alsbald trafen sich, im Gemeng, die empöreten Bürger + Und die Krieger zugleich. Wie Nachts von der eichenen Tenne + Lautes Gepolter erschallt, wenn emsige Löhner des Weizens + Goldene Frucht entdreschen dem Halm: so tönte der Waffen + Hämmernder Schlag von dem Schild' und dem Helm der kämpfenden Männer. + Nur Gestöhne der Wuth erscholl in den Hallen, und Blut floß + Rings in Strömen umher. Die Krieger des Kampfes geübter, + Würgten die größere Zahl; doch so, wie die Stier' auf dem Schauplatz + Von unzähligen Rüden umstürmt, mit furchtbaren Hörnern + Manchen der Feinde, durchbohrt, hinstrecken, und wüthend sich wehren, + Bis sie zuletzt erliegen der stets ergrimmteren Mehrzahl: + Also, nach tapferer Gegenwehr, erlag an dem Neuthor, + Ueberwältigt, die Huth von fünfzig tapferen Kriegern. + Ha, da flogen sogleich des Thors gewaltige Flügel, + Heulend, auf eisernen Angeln entzwei! Mit traulichem Handschlag, + Grüßte die böhmische Schar, die draußen, mit steigender Kampfgier, + Harrete, hier das verbündete Volk, und stürzte, dem Mühlbach + Gleich, der schäumender Hast, durch weiteröffnete Schleußen + Wild herrauscht, in die Stadt, und Rüdiger jauchzete laut auf: + »Eilt zum Kampf, Gefährten des Siegs! Schon seh' ich erfüllet, + Was wir sehnlich gehofft: den Sturz des verhaßten Geschlechtes. + Unser die Stadt, das Volk empört. Auf, laßt uns die Söldner + All' erwürgen im Schlaf, die jetzt auch des Führers beraubt sind -- + Hartmanns: denn er floh, feig bebend, zuvor aus der Festung! + Schließet die Flügel sogleich des festeinfugenden Thores, + Und erweckt die Bewohner der Stadt zum Kampf der Errettung.« + + Czernin jubelte nicht. »Fürwahr,« so sprach er bedeutsam, + »Viel ist gescheh'n, und mehr, als die Hoffnung verhieß zum Beginne: + Nahe der Kaiserburg erblitzen die böhmischen Waffen; + Aber ich scheue des Glücks und des leicht zu bethörenden Volkes + Wankelmuth! Gar mächtig bewegt des herrschenden Stammes + Fromme Liebe die Brust: der Zauber, welchem die Herzen + Huldigen, kalt vom Erob'rer gekehrt -- nicht selten auf immer. + Zwar verheißt uns die Schreckensnacht in dem Kampfe den Vortheil; + Doch uns bleibe dieß Thor. Des Rückzugs denke der Feldherr + Auch in dem Sieg, sonst gleitet sein Fuß auf schlüpfrigem Pfad' aus.« + Sagt' es, und ließ an dem Thor zweihundert tapfere Krieger, + Sorgend, zurück: Bolest, dem Amtner, die Kühnen vertrauend, + Der, in dem Felde bewährt, mit festausdauerndem Kampfmuth + Schirmer ihm sey, und dereinst, so es also des Krieges Geschick will, + Seinem Volk' es eröffne zur heißersehneten Rettung. + D'rauf vordrang er zugleich mit Rüdigers jauchzenden Scharen: + Denn schon hob aus der Stadt unendlicher Lärm und Getümmel + Sich in die Luft. Von den Thürmen umher ertönten die Glocken + Stürmenden Rufs; unzählige Feuer, mit hastigen Händen, + Rings auf den Zinnen entflammt, erleuchteten schrecklich die Umwelt, + Und Gebrülle der Wuth, unsinniger, frecher Empörung, + Scholl die drönenden Straßen hinab. Da fuhren die Mütter + Auf aus dem ruhigen Schlaf', und stürzten herbei an das Fenster, + Weinten, und rangen die Händ', umschart von heulenden Kindern. + Zitternd stand der Greis an der Thür: sein silbernes Haupthaar + Schlug ihm der Wind um die Stirn' und die toderblasseten Wangen -- + Sah den eilenden Sohn, und schrie, daß er kehre, vergeblich. + Aber es mehrte die Schar der Verblendeten weniges Volk nur, + Das, unstät und heimathlos, in die Veste gekommen + Ehedem: treu verharrt' in der Pflicht die bessere Mehrzahl. + + Doch schon trafen, voll Wuth, die Empörer und ihre Genossen + Auf das muthige Schweizervolk, das kühn im Verein stand. + »Hartmann!« scholl's in der Burg, und »Hartmann!« rings in den Straßen + Aengstlich und laut -- umsonst: er weilte noch fern auf den Berghöh'n. + Da gedachten der Gegenwehr die Obersten: Arnold, + Flüe, und Hohenried, und stellten die Scharen im Halbmond, + Der sein Horn hier rechts, dort links in die Straßen hinausschob, + Gegen den wildempöreten Feind, vor der ragenden Burg auf: + Also vor ihr in dem Kampf, pflichttreu, zu sterben entschlossen. + Rüdiger stürmt' auf Hohenried, der vorne die Scharen + Ordnete, los, und schrie: »Dich, Rudolphs treuen Gesellen, + Will ich allen zuvor, als heulenden Bothen, zur Hölle + Senden: verkünd' es nur dort, daß sie folgen, + und keiner entrinnt mehr!« + Rief's, vorschreitend, und jener begann: »Gewaltiger Prahler, + Wärst du so tapfer, als frech mit der tönenden Zunge: mir würde, + Trau'n, erbangen die Brust; doch komm, und büße den Frevel, + Den du verübst g'en Treu', und Pflicht, und den heiligen Eidschwur!« + So wortwechselten sie in dem Augenblick der Entscheidung. + Allen zuvor kam Hohenried, den blinkenden Degen + Schwingend, und drang grad' aus auf Rüdigers pochende Brust ein. + Aber er hielt ihm entgegen den Leun, von Silber gestaltet, + (Ottgars Löwen zum Ruhm') auf dem Schild von mächtiger Wölbung: + Dieser wehrte dem Stoß', und der sprödere Stahl, auf des Leu'n Haupt + Treffend, brach, wie unbeugsames Glas, mit kreischendem Mißlaut + Mitten entzwei. Da stieß, in des Gegners erschütterndem Unfall + Kühner geworden, ihm Waldram schnell die Spitze des Degens + Durch die erhobene Hand, daß ihr auch das umklammerte Heft noch, + Blutumhüllt, entsank -- er wehrlos stand vor dem Gegner. + Sieh', er hätt' ihn durchbohrt: doch rissen hurtige Krieger + Ihn aus umdrängender Todesnoth, und führten ihn sorglich + Hinter die Reih'n, wo ihm Hülf' und erquickende Pflege zu Theil ward. + + Waldram schrie: »Getreue, nun vor! Des Führers beraubet, + Wanken die Feinde. Hinauf in die Burg, wo, sehnend, die Gattinn + Rudolphs harrt mit den Töchtern des Siegs und der fröhlichen Heimkehr + Ihres Gemahls. Vergeblich harre sie. Eilt, und geleitet + Sie in das Kloster Sanct Dorothe'; doch führet sie sanft hin: + Denn sie that uns kein Leid, und nah't, abzehrend, dem Grab schon. + Nur dem Herrscher allein, der seither Kaiser sich nannte, + Zeiget euch unversöhnlich, und schont ihn selbst in dem Tod nicht!« + Also rasete Waldram hier. Die frechen Empörer + Griffen wüthender an, und drängten die mittlere Kriegsschar, + Ihres Gebiethers beraubt, stets weiter zurück in den Burghof. + Czernin spornte sein Roß nun links, nun rechts, und entflammte + Laut mit Geschrei sein Volk, in die Feinde zu stürmen. Es kämpften + Flüe dahier, und Arnold dort, voll eisernen Muthes, + Gegen ihn an, und zu schwach, der Menge die Spitze zu biethen, + Zog sich Flüe, im schräggedehneten Zuge, vom rechten + Eilig zum linken Horn, um, vereint dem kühnen Gefährten, + Arnold, dort zu steh'n, und zu fallen im rühmlichen Kampf nur. + Dichtgedrängt in Reih'n, vorhielten die Schweizer die Lanzen + Hier dem stürmenden, reisigen Volk; die verwundeten Rosse + Wütheten -- d'rauf noch mehr mit dem würgenden Eisen die Reiter + So, daß das Blut aufwogt', und die starrenden Leichen bewegte: + Dennoch wichen nicht hier, nicht dort die erbitterten Gegner. + + Doch von dem Kahlenberg, voreilend dem fürstlichen Jüngling, + Nahete Marbod erst, und sah mit Schrecken des Kaisers + Schirmende Burg von der Macht des argen Verräthers gefährdet. + Nicht besann er sich lang', und eilte hinaus nach dem Tabor, + Wo der Kaiser im Zelt sanft schlummerte, mitten im Lager + Seines erlesenen Heers. Dort fand er auch nahe das Schlafzelt + Hugo's, den er erst gestern warnt'. Ihn dacht' er zu wecken, + Senkte den Flug rasch hin, und begann im Geistergelispel: + »Auf, erhebe dich, Greis! Bald schaust du die Flamme des Aufruhrs + Leuchten heran von den Thürmen der Stadt, und hörest von dorther + Stürmenden Glocken-Klang und Gebrüll empörter Gesellen. + Wie, so schnell vergaßest du nun des warnenden Traumes: + Lachtest wohl fein? Auf, säume nicht hier zu erwecken den Herrscher!« + Eben rief auch die Vorhuth schon an dem Rande des Lagers + All' das entschlummerte Volk stets lärmender auf zu den Waffen. + Aber der Greis erhob sich, voll Hast, und sah in der Wahrheit + Jenes erfüllt, was ach, nur ein Traum noch gestern ihn dünkte! + Eilig trat er sofort zu dem Herrscher, und sagte beklommen: + »Herr! unglaublich erschien dir vielleicht des träumenden Greises + Warnung? Tritt vor das Zelt, und vernimm mit Staunen des Aufruhrs + Wuthgeschrei in der Stadt, empört durch Rüdiger Waldram. + Willst du's, Herr, so eil' ich mit reisigem Volk vor das Burgthor, + Einlaß heischend, und dämpfe die Gluth, eh' ihr Flammen entfahren!« + »Nein, ich fürchte sie nicht,« so entgegnete jener, »den Auswurf + Meines Volks empörte der Rasende nur, und die Bessern + Hängen noch redlich an mir. Und wie, ist mein tapferer Sohn nicht + Wiens Besatzung ein schirmender Hort? Sind Mutter und Schwestern + Ihm nicht ein heiliges Pfand, und es wagten die frechen Empörer, + Ungestraft, mit frevelnder Hand an die Theuern zu tasten? + Hundert Reiter allein genügen mir, sie zu vernichten. + Komm, wir zertreten die Gluth gar leicht im niedrigen Staub noch: + Denn ich bau' auf die Hülfe des Herrn und die Liebe des Volkes.« + Heiter schwang er sich jetzt auf das Roß, und flog mit dem Helden + Hugo, im sicher'n Geleit erlesener Reiter zur Stadt hin; + Dann an dem Walle herum, bis er endlich des finsteren Burgthors + Graben ersah. Dort hemmt' er das Roß, und winkt': ein Drometer + Stieß in das schmetternde Rohr, und sieh', bald riefen die Krieger, + Kletternd herauf an dem Wall': »Ist's Hartmann, unser Gebiether? + Kommt er, ein Retter, heran in der Stund' entsetzlicher Nothwehr? + Laßt uns vernehmen des Freundes Ruf, und wir senken das Fallthor!« + »Gott, und das Vaterland!« so gab mit gewaltiger Stimme + Hugo zurück, »ist Freundesruf in dem Lager von Oestreich: + Aber nicht Hartmann -- nein, den Kaiser gewahrt ihr als Retter!« + + Laut erhob sich ihr Jubelgeschrei; doch näher und nähere + Scholl von der Roß-Au her, wo sonst die Rosse der Krieger + Weideten, schon das Getrab und das Klirren des Waffengeschmeides + Auf in der Nacht. Ach, Hartmann war's! Ihn erkannte der Vater -- + Ihn, den Vater, der Sohn. Verwirrung, Angst und Entsetzen + Faßten wechselnd ihn an; nur leis' und furchtsam begann er: + »Vater, ich ging, auf dem heiligen Berg für die Mutter zu bethen, + Wie ich es jüngst verhieß der Flehenden: denn nicht entfernt mehr + Scheint ihr des Lebens Ziel; doch ach, entsetzlichen Frevel + Seh' ich indessen verübt von den Meuterern hier, in dem Zeitraum + Einer entflohenen Stund'! Ich räch' ihn, und sollt' ich auch fallen.« + Aber der Vater schwieg. Erschütternd zu schau'n, wie er vor sich + Hinsah, schweigend und ernst. Da flog der unglückliche Jüngling + Ueber das Thor, das erst mit Getös', auf den Graben gesenkt, fiel, + Durch die finsterumwölbende Halle hinaus auf des Burghofs + Räumigen Platz. Er sah, wie auf Leichen erschlagener Brüder, + Rüdiger Waldrams siegender Macht, ein tapferes Häuflein + Muthig entgegenrang, der jetzt, Entsetzliches sinnend, + Ueber die Stufen hinauf in die Kammer zu dringen gedachte, + Wo die Fürstinn sich fand mit den lieblichen Töchtern: entschlossen, + Sie mit frevelnder Hand in des Klosters Gewahrsam zu bringen: + Denn er wähnt' errungen die Burg, und dem böhmischen Löwen + Unterthan die Stadt mit Oestreichs herrlichen Fluren. + + »Halt, Verruchter!« so rief, aus dem Sattel gestiegen, ihm Hartmann + Donnernd zu. Er entblößte das Schwert, und kam wie ein Rohrwolf, + Der in des Winters Frost, vom Hunger getrieben, voll Blutgier, + Ein in die nächtlichen Hürden stürmt, und die blöckenden Lämmer + Würgt mit zerfleischendem Zahn: so kam er in Eile gesprungen. + Flammen sprühte sein Aug', und aus seiner erhobenen Rechten + Zuckte der Blitz gen Waldram hin; doch als er ihm nahte, + Wandte sich dieser, und rief: »Ha, du, Verhaßter vor Allen; + Jetzo nur muthig heran: euch all' entsend' ich zur Hölle!« + Flog, so rufend, ergrimmt, dem Feind' entgegen, und strebte, + Stöhnend vor Hast, das Schwert in die tapfere Brust ihm zu stoßen; + Aber er schlug, vorschauenden Blicks, den nahenden Mordstahl + Seitwärts; führte den Todesstreich; zerschmetterte Waldrams + Helmdach tief in die Stirne hinab, und warf ihn entseelt hin. + Doch nicht rastet' er noch: er saß blitzschnell in dem Sattel + Wieder: erhob das blutige Schwert; ritt glühend vor Mordgier + Mitten hinein in die Schar der Empörer, und wüthete links, rechts + Dort mit würgender Faust, daß Leichen auf Leichen sich häuften. + Ihres Gebiethers beraubt, und entmuthiget, warfen die andern, + Schnell die Waffen von sich, und floh'n, im Verborgenen Rettung + Suchend, davon. Die Burg ward frei durch den tapferen Jüngling. + + Czernin drängte zuvor die hauptverwaiseten Scharen + Arnolds: ihm wichen die Krieger nur Schritt für Schritt + in dem Wuthkampf, + Bis zu dem Schottenthore hinab. Sie schlossen sich eng' an + Dort vor dem Gotteshaus', und wehrten sich: alle für Einen, + Einer für alle zu sterben bereit, im rühmlichen Tod nur. + Keiner wär' ihm entfloh'n, wenn jetzo nicht, keuchend im Eilflug, + Näher der Reisige kam, und schrie: »Erschlagen ist Waldram: + Denket der Flucht! Er fiel in dem Kampf mit des Kaisers Erzeugtem; + Aber er selber, so jubelt das Volk, hält draußen am Burgthor.« + »Freunde,« so rief ihr Hort den Reisigen, »Rüdiger Waldram + Hat uns schnöde getäuscht; nicht des Kampfes Gefahren -- der Festung + Leichten Besitz verhieß er uns jüngst, da er stolz sich des Antheils + Aller Bewohner vermaß! Mit Recht wohl büßt' er den Frevel. + Unser, zum Glück, das Thor: nun laßt uns gedenken der Rückkehr!« + Rief's, und den Tiefengraben entlang, zu dem stilleren Neuthor + Jagt' er das Roß: ihm nach die Reisigen alle. Die Flügel + Theilten sich heulend entzwei, und nicht rastet' er, bis er die Fähren + Wieder ersah an dem Ufer der weithinrollenden Donau. + Doch nicht füllte den Raum der schwankenden jetzo die Last mehr, + Wie zuvor: erwürgt in den Straßen der mächtigen Festung + Lag die Hälfte des reisigen Volks, das gestern herankam. + + Aber mit Trauer im Blick, obgleich ein Sieger, und Retter + In der Gefahr, kam Hartmann jetzt aus dem finsteren Burgthor, + Langsam geritten heraus, wo sein der liebende Vater + Harrte; trauernd auch er, ob solchem Vergehen des Sohnes. + Dieser begann: »Verhallt ist der Sturm unsinnigen Aufruhrs: + Waldram büßte die Schuld: von meinem vernichtenden Eisen + Liegt er, durchbohrt, an der Treppe der Burg, + die er, frevelnden Fußes, + Erst zu betreten gewagt; die Verbündeten schützte die Flucht nur. + Dennoch steh' ich vor dir, ein Schuldiger. Soll ich auch büßen -- + Denke des dunkeln Geschicks, das oft auf irdischer Laufbahn + Auch die Besseren feindlich ereilt! Nie mög' es dich treffen!« + Und er senkte das Haupt. Doch Rudolph sah ihn, bewegt, an, + Hob die Rechte empor, und sagte mit rührender Stimme: + »Treu erfülltest du dein Wort, als edeler Ritter, + Mildgesinnet, und fromm, der sterbenden Mutter gehorsam; + Aber dich sollte die Pflicht mit eiserner Macht an die Festung + Bannen: ihr solltest du steh'n ein Hort in dräuender Kriegszeit, + Und ein wehrsamer Schild in der Noth. Wer darf sich erkühnen, + Das, was höher ihm schien, vor jener zu wählen nach Willkühr? + Herrndienst rief dich hier zu dem Dienste des Herrn, und du fehltest + Gegen das göttliche Wort des welterleuchtenden Lehrers. + Dein Vergeh'n, unglücklicher Sohn, soll keinem der Krieger + Künftig zum Beispiel seyn, zur Ermunterung, Gleiches zu wagen! + So wie ich jüngst, der Veste zum Schirm, das Schwert dir vertraute, + Stellst du's wieder zurück', in die Hände des Helden von Tauffers.« + Jener reichte das Schwert ihm dar, erblassend, und schweigend. + + Sieh', jetzt kam aus dem Thor' ein Jüngling gelaufen, und rief so: + »Herr, voll Angst erschein' ich, ein Both' aus des Jammers Behausung. + Deine Gattinn verschied in den Armen der liebenden Töchter + Sanft und ruhig um Mitternacht, noch ehe der Hammer + Zwölf' ausschlug; o komm, und sey den armen ein Tröster!« + Hartmann warf sich vom Roß, und flog -- ihm folgte der Vater, + Langsam und wankend vor Schmerz, die Stufen hinauf in die Kammer, + Wo die Heilige sanft entschlummerte: schnell zu erwachen + Wieder zum ewigen Glück' und nie vergänglicher Wonne. + Ihr zu dem Haupt' und den Füßen, die Stirn' in die Hände geheftet, + Saßen die Töchter umher: gleich Marmorgestalten am Grabmaal, + Die zur herzerschütternden Schau der Künstler gebildet. + Hartmann beugte sich über sie hin; er küßte, noch stöhnend, + Ihr die erkaltete Hand, und der leis'aufweinende Vater + Warf sich im stillen Gebeth' auf die Knie'. Nur Seufzer erschollen; + Thränen regten sich nur an den schmerzerstarreten Wangen. + + Aber am Morgen wie dumpf und bang ertönen die Glocken + Von den Thürmen der Stadt! Was läuft, und drängt sich das Volk jetzt, + Thränenumflossenen Blicks, in die heiligen Hallen des Domes, + Den, wie im Dunkel der Nacht, unzählige Kerzen erhellen? + Feierlich schallt ein Wehe-Getön' aus der Orgel: Posaunen + Heulen, gedämpft, in den Sterbegesang vielstimmigen Chores, + Der von dem Tage des Zorns, von dem unerbittlichen Richter, + Von dem Gericht und dem Ende der Welt in Feuer und Flammen, + Spricht mit erschütterndem Laut. Doch jetzt gewahren die Augen + Mitten das Trauergerüst, auf drei, sich verjüngenden Stufen + Sinnig erbaut, und umher mit schwarzem Tuche behangen. + Ueber den Stufen gesammt ruht dort die sterbliche Hülle + Jener Verewigten schon, mit der Stirn' zum Altare gewendet, + In dem geräumigen, sammt- und goldbekleideten Bleisarg. + Oben ziert ihn die Krone von Gold; die schimmernden Wapen + Sind an dem Trauergerüst ringsher auf Säulen geheftet, + Und auf silbernen Leuchtern erhöht die flammenden Kerzen. + Weihrauch wallt empor in die heiligen Hallen; die Priester + Feiern das Seelen-Amt am Altar, und die bethende Volksschar + Liegt auf den Knieen, und schluchzt: + um die Beste der Fürstinnen trauernd, + Die nur zum Segen gelebt, als Mutter der Armen und Waisen. + Aber, erschütternd zu schau'n: nicht fern dem heiligen Altar, + Knie't, von den Seinen umringt, und im Trauergewand auch der Kaiser: + Alle zugleich vor Schmerz erblaßt -- wie gealtert seit gestern! + Ach, sie starren zuweilen mit rothgeweineten Augen + Nach dem Sarg', und sehnen sich, ihr, der selig Erhöhten, + Wieder vereinet zu seyn schon dort auf immer und ewig! + Als nun alles erfüllt, und die heilige Handlung vollbracht war, + Schwebte der Sarg, vom Gerüst' auf kräftige Schultern gehoben, + Langsam hinab in die Fürstengruft. Zu Paaren geordnet, + Gingen die Priester ihm vor, und beteten leise den Bußpsalm; + Ihm nachfolgten die Ihren mit wankendem Schritt. Und so ward dort + Beigesetzt in der Gruft die Leiche der edelsten Fürstinn.[2] + + Aber der Kaiser sprach zu dem ältesten seiner Erzeugten, + Albrecht: »Glühender Schmerz nagt tief in dem Herzen des Vaters + Und der Erzeugten zugleich, die jetzo der Mutter beraubt sind. + Ach, mich zög' es wohl hin, in der einsamen Kammer zu trauern, + Jahrlang: denn nicht sehe ich mehr die holde Genossinn + Meines Lebens vor mir; nicht hör' ich die Worte des Trostes + Aus dem Munde der Gattinn hinfort, wenn Tage des Kummers + Nah'n! So lösen sich hier die trautesten Bande des Lebens, + Die uns umfingen mit Lieb', und wir steh'n am errungenen Ziel oft, + Wie der pilgernde Fremdling, allein. Doch sey es, wie Gott will! + Jetzt, wo das Glück der Völker, der Ruhm, und das Beste des Landes, + Uns'rer Ehre vereint, von des blutigen Kampfes Entscheidung + Abhängt, laß uns das Leid, das eigene, tief in des Herzens + Unterstem Grund verschließen, und stark und kräftig einhergeh'n, + Wie es dem Manne geziemt, der würdig zu handeln, bestimmt ist. + Höre denn, was ich zuvor erwog im Gemüth', und getreulich + Dann zu erfüllen beschloß! Jüngst wüstete weit in dem Marchfeld, + Wege und Stege gesammt, das entsetzliche Donnergewitter + So, daß dem Heereszug Gefahren entgegen sich thürmen + Sonder Zahl, die ein Feldherr nie hochmüthig verachte. + Ich geleite das Heer gen Heunburg heute noch, morgen + Ueberzusetzen, gesinnt, den Strom auf künstlichen Brücken,[3] + Die uns, auf Flöß' erbaut, und mit lastenden Ankern gefesselt, + Dienen zur Bahn. Schon sah ich am Ufer unzählige Stämme, + Wohl behau'n, und gefügt von den werkbeflissenen Löhnern. + Eile mir vor im Gefolg fünfhundert erlesener Krieger, + Dort zu gebiethen den Bau, mit kundiger Sorgfalt. Ich folge + Rasch mit dem Heere dir nach, und steh' an dem kommenden Morgen + Drüben am Ufer der March, vereint mit des Königs von Ungern + Tapferem Volk, im Rücken des Feind's, und im mächtigen Vortheil. + Rühmt er der Menge sich gleich, + doch siege die Treu' und das Recht nur.« + + Jener begann alsbald: »Mit Freuden gehorch' ich dir, Vater! + Aber, o sieh', da sprengt dein Hartmann, eilenden Fluges, + Mit dem getreuen Kurd, der einst in den Jahren der Kindheit + Ihn auf den Armen trug, und den blühenden Jüngling das Reitroß + Bändigen lehrt' auf der Ritterburg, ein tapferer Degen, + Näher; mich dünkt: zu weiterer Fahrt, mit dem Treuen, gerüstet!« + Hartmann hemmte den Lauf, und sagte, herüber gewendet: + Denn schon stand sein Roß auf dem Sprung, zu den Staunenden also: + »Leb' wohl, Vater, und ihr, Geschwister mein, auch ihr alle, + Lebet auf lange denn wohl! Gar viele der Wege hienieden + Sind's, die Gott die Seinigen führt; doch bringt er uns einst dann + Wieder zusammen im Glück von unvergänglicher Dauer! + Fort an den vaterländischen Rhein -- hinüber nach Aargau, + Führt mich der Weg: denkt mein, des Entfernten, mit Liebe zuweilen!« + Rief's; dann gab er dem Pferde den Sporn, und schwand auf dem Heerweg + Plötzlich dahin: ihm sah'n die Beiden mit thränendem Blick nach. + + + + + Siebenter Gesang. + + + Marbod sah aus den Wolkenhöh'n, verglommenen Blickes, + Wie der Mond, umflort von herbstlichen Nebeln am Morgen, + Lang' auf die dämmernden Fluren herab. Er dachte des Bruders + Ernst auf dem Kahlenberg, der kriegrische Thaten verschmähend, + Froh in der Einsamkeit verharrete: selbst, da ihm Hartmann + Ehre und Vortheil both in des Throns hellschimmerndem Umkreis. + Völlig fremd erschien ihm die Erd', und verändert der Menschen + Leben und Geist. Nur Feindes-Gewürg im Schlachtengetümmel + Sann er sein Lebenlang; nur Kampfmuth heisch't er vom Manne, + Und, ergrimmt, so ihm einst das heiß Ersehnte versagt war, + Schlug er den Stein mit dem Schwert', und spaltete Bäume des Waldes -- + Ja, was jetzt ihn zermalm't, unschuldigen Menschen die Scheitel: + Denn jetzt hört' er von Liebe des Feinds, versöhnender Sanftmuth, + Schonung, und froher Geduld, und des Friedens sanften Gebothen. + Feig und entnervt erschien ihm fürwahr dieß Volk, so er seither + Nicht mit staunendem Blick sein Heldenleben gewahrte: + Seinen Muth in dem Kampf' und im Tod, der Helden zu Theil wird. + Doch nun horcht' er, erstaunt: im lauten Getöse der Waffen + Kam des Kaisers gewaltige Macht auf dem stäubenden Heerweg + Näher. So, wie der Sturm, empört, hersaust, und die Blätter, + Tausendfältig bewegt, aufrauschen im finsteren Waldthal: + Also klang in sein Ohr des kommenden Heeres Getümmel. + Alsbald schwebt' er vom Morgengewölk nach den Zinnen der Heunburg + Hin: einst Attila's Burg, der sich, als König der Heunen, + Furchtbarn Ruhm gewann, da er Gottes Geißel genannt ward;[1] + Doch verödet aufragte die Burg in die Lüfte; der Epheu + Kroch an der Mauer umher, und durch weitgehöhlete Fenster + Sah der bläuliche Himmel herab in den grasigen Hofraum, + Wo vom zerschlag'nen Gesims' ureinst verfallener Bögen + Sich der Dornstrauch hob, und im Windesgesäusel sich wiegte. + Dort von des Wartthurms schwindliger Höh' ersah er des Kaisers + Nahende Macht, und ihn selbst inmitten der tapferen Scharen: + Wie auf dem feurigen Roß er schaltete, hin und herüber + Eilend, sie in geordneten Reih'n zum Ziele zu leiten. + Unabsehlich hinab auf der Straße war reges Gewimmel, + Lärm, und Getös'. Im Lichte der hellaufstrahlenden Sonne + Lachten die Fluren rings, und sie sog aus den blanken Gewehren, + Aus dem Harnisch und Helm, wie der Blitz augblendend, die Funken. + + Jetzt, wo am Fuße des Bergs sich weit hinüber, im Halbkreis + Windet der Donaustrom, anlangten des Heeres Geschwader. + Zweifach theilt er sich dort, und streckt ein liebliches Eiland, + Gegen die breiteinmündende March zum linken Gestad hin. + Sieh', und all' die Nacht anschwammen die mächtigen Stämme + Wolkengethürmter Fichten, gesandt aus dem südlichen Forstland + Oestreichs, das im Gebirg, unendlicher Fülle, sich ausdehnt! + Dort, gehorchend dem Wink des hohen Erzeugers, erbaute + Albrecht nun die Brücke dem Heer'. Der Stämme je sechzehn + Hatt' er zu Flößen vereint, und über des eilenden Stromes + Rücken, im kiesigen Grund mit lastenden Ankern gefesselt: + D'rauf erhöht das Säulengebälk'; unendliche Stämme + Ueber ihn hin gefügt, und sie in die Quere mit Bohlen + Dicht bedeckt: dem Mann' und dem Rosse zum sicheren Heerweg, + Den an jeglichem Rand' ein leichtes Geländer begränzte. + Doch vom Gestade, wohin mit duftenden Matten das Eiland + Sich erstreckt, hieß Albrecht dann die Brücke noch schneller + Ueber den schmälern Arm erbau'n: denn längliche Fähren + Reihten, über der Fluth von gewichtigen Ankern gehalten, + Sich hinüber den Strom, und einten die ragenden Ufer: + Sicheren Uebergang dem eilenden Heere zu bahnen. + »Trefflich hast du, mein Sohn,« so rief ihm der Kaiser entgegen, + »Alles und Jedes vollbracht, und bezwungen die Fluthen des Stromes + So, daß wir hinziehn auf ihm, und, des furchtbaren Abgrunds + Achtlos, freudig zum Ziel, dem ersehneten, fördern die Schritte: + Drüben dem stolzvertrauenden Feind' in den Rücken zu stürmen. + Dein gedenken mit Ruhm noch kommende Menschengeschlechter.« + »Vater,« so sagte darauf der Tapfere, »nimmer geahnet + Hättest du wohl: ich sey jetzt eigennützig, und harre + Gierig des Lohnes? So ist's: mir wollest du solchen gewähren + Bald in der Schlacht: daß ich dort das Zeichen des Sieges vor dir her + Tragend, kämpfe zugleich für den edelsten Herrscher und Vater!« + + Rudolph legte die Hand ihm sanft auf die Schulter, und sah ihm, + Beifalllächelnd in's Aug': ein zartgesinneter Vater! + D'rauf erhob er das Schwert, und ritt, der erste vor allen + Ueber die Brücke, das Roß kurz haltend am Zaum', und ihm folgten + So im gehalt'nen Schritt die Reisigen -- folgte das Fußvolk + Rastlos nach. Sie donnerte laut, von unzähligen Hufen + Wiehernder Rosse gestampft; doch unter des eilenden Fußvolks + Ehernem Schritt', erdrönte sie dumpf nur, und schwankte der Last nach. + Also zog er den breiteren Arm, des grünenden Eilands + Augefild', und den schmäleren Arm der mächtigen Donau + Freudig hinüber zum linken Gestad', am unendlichen Marchfeld. + Dort aufstellt' er das Heer, und rief dem kühnen Capellen: + »Tapferer, sey mit der Schar fünfhundert erlesener Reiter + Heute der Führer des Vorderzugs, schlagfertig und wachsam + Jeglichen Augenblick, so Gefahr uns drohte vom Gegner! + Otto von Meißau lenkt die Reisigen; doch vor dem Fußvolk + Ziehe nun Meinhard, herrschend, einher; ich gebiethe dem Nachzug. + Rastlos wollen wir bald des Feindes Lager uns nähern.« + Also geschah's: Capellen ging an der Spitze der Reiter + Vorwärts. Hoch in der Luft, vom säuselnden Winde gehoben, + Flatterte, grün, sein Fähnlein vor in der Farbe der Hoffnung. + Otto's Fähnlein, blau, die Farb' ausdauernder Thatkraft, + Folgte mit neun- und zwanzigen noch, die im Lichte des Morgens + Schimmerten, vielfach an Farb', wie solche dem Ritter genehm war, + Der sie gewählt, ihm nach, und mit jeglichem kamen der Reiter + Hundert. D'rauf erschien, blutroth, des unbändigen Muthes + Farbe verrathend, die Fahne der görz- und tyrolischen Herrschaft: + Meinhards Siegespanier! Ihr reihten der schimmernden Fähnlein + Fünfzig sich an, und nach jeglichem eileten hundert der Krieger: + Alle mit Helmen und Schilden bewehrt, und mit Lanzen bewaffnet. + Aber nach ihm, umringt von der Schar der edelen Ritter, + Führte der Kaiser selbst in dem Nachzug jene zum Kampf vor, + Die aus den rheinischen Gau'n nach Oestreichs Fluren gekommen, + Und ihm folgte das Kriegs-Gezeug' im unendlichen Zug nach. + + Schnell g'en Hof an der March vordrangen die muthigen Völker, + Sonder Trommelgetön und Drometengeschmetter: dem Gegner + Weislich zu bergen die Macht, die ihn bald umstürmet im Schlachtfeld; + Naheten dann Schloß-Hof, wo empor aus den düsteren Mauern + Einer verödeten Burg der Wartthurm sich in die Luft auf, + Dräuenden Anseh'ns, hob.[2] Nur Molch' und giftige Nattern + Haus'ten in ihrem unheimlichen Raum. Mit rieselndem Schauder + Eilte der Wand'rer vorbei, und der Hirt hielt ferne die Heerden + Von den Mauern, wo einst (so kündet die Sage) die Hausfrau, + Eitelen Sinnes, der Wangen Paar in dauernder Schönheit + Sich zu bewahren, in's Burgverließ die Kinder verlockte, + Schlachtete, dann mit dem Blute sich wusch, unmenschlichen Herzens; + Aber sie starb durchs Schwert, und die Burg vermieden im Land dort + Rings die Bewohner umher -- zumal in den Stunden des Abends, + Wo, so kündeten sie, ein Werfen mit Steinen im Hofraum, + Lautes Zischen vom Wartthurm her, und ein Stöhnen und Aechzen + Aus dem Verließ erscholl. Doch sieh', als jetzo vorüber + Eilte das Heer, da gewahrete Jörg, der muthige Reiter + Steyrischen Oberlands, auf den Zinnen des ragenden Wartthurms + Sitzend ein Wesen von Menschengestalt, von Bewegung, und Leben! + Alsbald sprang er vom Sattel, und rief, verhöhnend: »Nicht furchtbar + Sind die Geister bei Tageslicht; ich wette, die Böhmen + Sandten den Späher heran: ich will es ihm tapfer gesegnen!« + Rasch enteilt' er, und klomm an der Mauer, der Gemse nicht ungleich, + Die an der Felswand schwebt, empor, bis über dem Fallthor + Er die Stufen gewann, und schnell zu den Zinnen hinaufstieg. + Schon entfuhr ihm ein höhnender Ruf, da wankt' er voll Schrecken + Wieder zurück: so grausenhaft erwies sich der Fremdling, + Der ein Jüngling ihm schien. Sein losgewühletes Haupthaar + Flog ihm wild um die Stirn'; an dem blutigen Wamms und den Schenkeln + Hingen nur Trümmer des Riemwerks noch vom zerschmetterten Panzer, + Wie auch der Schienen am Bein'. Er zitterte: Wuth und Verzweiflung, + Rach' und Schmerz verrieth sein tieferglühendes Antlitz, + Als er, den Degengriff mit krampfhaftzuckender Rechten + Haltend, nach Jörg umsah, der jetzt ihm wieder genaht war. + Aber dem dräuenden faßt' er die Brust, und warf, mit des Riesen + Kraft gestählt, von des Wartthurms Rand' ihn hinab in den Abgrund: + Seinem Volke zur Schau, das eben voll Muthes heran kam. + Siehe, da liefen sogleich die Gefährten des sterbenden Kriegers + Hin nach dem Thurm, voll Gier, den schrecklichen Frevel zu rächen; + Doch schon eilt' er die Stufen herab, und sprang wie der Steinbock, + Den der Schütze verfolgt von Klippe zu Klippe hinunter, + Mit erhobenem Schwert, von der Mauer der Burg auf den Vorgrund, + Gegen die Rächerschar, sich wüthend zu wehren, entschlossen! + Aber es sprengte der Kaiser das Roß in Eile herüber, + Und, vernehmend die That des grimmerfülleten Jünglings, + Hemmt' er die Krieger, und rief dem Nahenden: »Halt, ich gebieth' es!« + Jenem sank der dräuende Arm bei den Worten des Herrschers + Plötzlich hinab, daß am Stein die Spitze des funkelnden Eisens + Klirrete: denn er besann, die Augen erhebend, sich jetzo: + Ob er die Stimme gekannt, die ihm also gerufen? Er starrte + Schweigend ihn an; die Wuth entschwand, wie schneeige Flocken + Vor dem mächtigen Strahl der wolkenenthülleten Sonne + Schwinden, aus feinem Gesicht', und im Kreise der zuckenden Wimpern + Wies sich nun herzinniges Leid, das nahe der Thränen + Leis'aufstrebenden Quell verkündete. Mild, und versöhnend + Sagte der Kaiser: »Verschonet ihn doch: nicht mit hellem Bewußtseyn + Hat er Arges verübt. Kein größerer Jammer auf Erden, + Denn des Unglücklichen Schau, deß' edelster Vorzug: des Geistes + Licht, verdunkelt ward; der unter den Lebenden weilet, + Aber, entfremdet dem holden Verkehr' und der trauten Gemeinschaft + Seiner Lieben, zum Grab fortwankt im finsteren Wahnsinn. + Wahrlich mich däucht, als hätt' ich ihn jüngst gesehen: ein Zerrbild + Jenes Ritters, der so feindlich am Tabor turneyte!« + Pferdegetrab erscholl jetzt laut in der Nähe: des Reiters + Ledig, kam mit verhängtem Zaum der Braune gesprungen; + Lief dem erkannten Jünglinge zu, und fuhr mit dem Hals' ihm, + Wiehernd, unter den Arm, daß er über den Mähnen herabhing. + Alsbald faßt' er dies', auf des treu erfundenen Thieres + Rücken sich schwingend in Hast, und flog nach dem Ufer der March hin. + Nicht besann er sich dort: er schwamm die Fluthen hinüber, + Und entschwand den Augen der stummnachstarrenden Krieger. + + Ach, und der Jüngling war's, der jüngst so feindlich turneyte: + Wallstein! Als in der Schreckensnacht, vernichtet von Ottgars + Wüthendem Zorn, er, allein, gehöhnt, und urplötzlich aus Edens + Rosenau'n, wohin ihn Hedwigs Engelgestalt rief, + Rauhverstoßen sich sah: da warf er die Blicke, mit Ingrimm, + Schweigend noch, um sich her; erhob sie g'en Himmel; zerwühlte + Sich mit der Rechten das lockige Haar an der Stirn', und besann sich: + Was ihm gescheh'n? Jetzt trieb er das Roß mit schrecklichem Ruf' an; + Riß aus der Scheide den Stahl, und schlug, und bohrte dem armen, + Immer tiefer den Sporn in den Leib, daß er blutet' im Lauf hin. + Also wohl Stunden lang, fort über die Hügel und Thäler + Trieb er hinaus und herein, voll Wuth, bis athemberaubet, + Endlich das Roß hinsank am hainumränderten Blachfeld. + Lange stand er dort, wie erstarrt. Der nahenden Sonne + Rosiger Strahl, nach welchem er sonst mit Liebe sich sehnend, + Rasch die Höhen erklomm, und dort aufjubelte, wenn er + Ihm die Stirn', die umliegende Flur, und der wirbelnden Lerchen + Zartes Gefieder beschien, die hoch vom Gewölk' ihn begrüßten -- + Ha, wie trüb erglüht' er ihm jetzt! Wie schrecklich ertönt' ihm + Heut der sonst entzückende Ruf der befiederten Sänger + Drüben im schauernden Wald, und wie schal erschien ihm das Leben + Ringsum! Furchtbar schwoll ihm die Brust von unsäglichen Qualen: + Lichtleer dünkt' ihn der Tag, und die Sonne verloschen. Er warf sich + Dann auf die Erde; verbarg im thauenden Grase das Antlitz; + Lag schwerathmend noch, und weinte mit leisem Gestöhn' fort. + Doch nun fuhr er empor (ihn faßt' unbändige Zornwuth) + Riß sich vom Haupte den Helm, den Panzer vom Leib', und die Schienen, + Hastig, von Arm und Bein', und verstreute sie, schmetternd, + im Staub dort, + Weil ihn solche nicht schirmten, zuvor, g'en Schmach und Entehrung. + Jetzt mit dem Schwert in der Faust, und dem einen Gedanken im Herzen: + »Ottgars Tod!« hinbraus't' er im Feld', ihm zu nahen, entschlossen. + Also den Tag und die Nacht fortras't' er, und kam an dem Morgen, + Wutherschöpft, g'en Hof an der March zu dem einsamen Schloß her; + Klomm den Thurm empor, und forschte herum in der Dämm'rung. + Stille herrscht'. Er sah hinab in den schwindelnden Abgrund: + Einen Schritt von dem Rand -- kopflangs hinunter, und stumm war + Plötzlich der schreiende Schmerz in der Brust, + und verschollen der Menschen + Liebehöhnender Ruf. Doch Ottgar lebend auf Erden + Noch? Nur jenen erwürgt zuvor: dann sterben wie immer! + Nun, vor den Kaiser geführt, und dort nur Worte der Sanftmuth + Hörend von ihm, den er erst jüngst, ein eifernder Ritter + Ottgars, offen gehöhnt: das brach ihm das Herz, und mit Thränen + Hätt' er, liegend im Staub', ein Reuiger, jetzt ihn gesöhnet; + Doch ihm folgte sein treues Thier, und er jagte von dannen. + + Sieh', und rastlos fort g'en Marcheck zogen die Scharen + Weiter im fröhlichen Muth, nicht achtend des sengenden Mittags, + Noch des qualmenden Staubs, entlang den unendlichen Heerweg! + Aber vor Marcheck kam ein Häuflein kumanischer Reiter + Näher gesprengt: wohl fünfzig Mann, und der Führer des Volks war + Kaduscha. Ihm ertönte der Gruß der Kampfesgenossen. + Auch er schwang den blitzenden Stahl, den Freunden zum Dank, auf, + Und erkundet' im Flug: wo er treffe den mächtigen Kaiser? + Aber ihn führte das Volk stets weiter zurück' in den Reihen, + Bis er im Waffenschmuck die Schar der erlesenen Ritter + Drüben ersah, und gerad' dorthin den schnaubenden Läufer + Spornte. Umforschend im Kreis', begann er, und sagte, verwundert: + »Traun, ich schaue vor mir vereint gewaltige Männer; + Doch nach dem Herrscher des deutschen Volks, dem Kaiser Rudolphus, + Forsch' ich umsonst! Erkennbar leicht ist der König der Ungern + Schon an dem Purpurpelz, der, rings mit Zobel verbrämet, + Ihm von den Schultern fließt; an dem Stern, voll Edelgeschmeides, + Der an der Brust den Pelz festschlingt mit der goldenen Kette; + Auch an dem Reiher, des Kalpags Zier, entschwebend des Demants + Funkelnder Ros', und dem Stab, den er in der Rechten, zum Zeichen + Heerebewegender Macht, und erhabener Herrschergewalt führt: + Denn nur kurz ist der Stab, von Golde getrieben, und oben + Noch mit der Kugel verseh'n: ein Abbild furchtbarer Waffe, + Die in des Ungern Faust zerschmettert dem Feinde die Scheitel;[3] + Doch wen grüß' ich als Herrscher hier mit meines Gebiethers + Freundlichem Wort? Verzeiht, so ich irre! Mich dünket, der Ritter + Dort in der einfachen Wehr', ob seines erhabenen Anseh'ns + Und der Macht in dem Blick', ist der Herrscher, + zu dem ich gesandt bin.« + »Wohl, er ist's,« entgegnete jener, »du hast ihn gefunden! + Aber verkünde nur schnell: was uns der tapfere König, + Unser Freund und Bundesgenoß', Erfreuliches darbringt?« + »Heil und Segen zum Gruß,« sprach Kaduscha, heimlich erschüttert, + »Sendend zugleich mit der Siegesbothschaft Zeichen des Glückes + Dir zum Geschenk! Den Kampf begann der Kune mit Ruhm schon. + Längs dem Ufer der March, im Hinterhalte verborgen, + Lag mein Volk: da zog des Weges vorüber der Böhmen + Streitgerüstetes Heer. Wir harrten, lauernd im Dunkel, + Bis der größere Hauf' hinschwand, und die Beute so herrlich + Dar sich both. Fürwahr, ein blutiger, schrecklicher Kampf war's! + Dennoch entkamen der Feinde nur zween aus hunderten: alle + Lagen erwürgt. Wir hieben sogleich von dem Rumpfe die Häupter, + Sie, auf die Säbel gespießt, nach dem Lager zu tragen, und eben + Bringt in Körben von Schilf dir solche mein Volk zum Geschenk her, + Drüben am schlängelnden Weidenbach, wo dein der Beherrscher + Ungerns harrt mit gewaltiger Macht. Das soll ich dir künden.« + Heimlicher Schauder ergriff, bei der Red' entsetzlichem Inhalt, + Rudolphs mildgesinnetes Herz, er wandte sich seitab, + Barg die Stirn' in die Hand, und rief nach erschütterndem Schweigen: + »Furchtbar habt ihr gesiegt, und dem Feinde Verderben bereitet, + Uns voreilend sogar. O möchte die Liebe des Heilands, + Möchte sein hohes Gesetz in euren verwilderten Herzen + Eingang finden, daß ihr entsagtet für immer der Ahnen + Schmählichem Götzendienst: nicht würd' unmenschlicher Kriegsbrauch + Schänden den Sieg, den ihr mit tapferem Muthe gewonnen! + Biethet der Krieg nicht genug des Furchtbaren dar, und ein Jammer, + Schrecklich, wie der, soll ihn noch entsetzlicher, wilder gestalten? + Wehe, daß oft nur aus Blut des Friedens lieblicher Oehlzweig + Keimt, und, mit glühenden Thränen benetzt, die Blüthen entfaltet! + Schwarzenberg, gib jetzo Geleit den muthigen Kunen; + Zieh' uns voran, und verkünde mit Huld, wie es Rittern geziemet, + Unsern Freundesgruß dem Könige! Aber ich folge, + Tapferer, dir auf dem Fuß, mit dem muthbegeisterten Heer nach!« + D'rauf noch sagt' er ihm leis': »O schaffe die Reste der Todten + Schnell bei Seite, daß solch' ein frommer Priester begrabe, + Würdig, nach Christenbrauch: denn unsere Brüder begräbt er! + Hohn, an den Todten verübt, erfüllet die Seele mit Schauder.« + Sagt' es, und jen' entschwanden im Flug auf dem stäubenden Heerweg. + + Ottgar rückte mit Heer'smacht an. Nur das Auge der Geister + Dringt in die weiteste Fern': entflohen der sterblichen Hülle + Schau'n sie vom Nord- zu dem Südpol hin des kreisenden Erdballs + Vielbevölkerten Raum; sie schau'n des unendlichen Weltmeers + Schwankende Wüsten, und dort, wohin kein segelndes Fahrzeug + Je noch Sterbliche trug, auf weitentlegenen Inseln, + Sonder Zahl, gar seltsamgestaltete Thier' und auch Menschen. + Marbod sah aus den Wolkenhöh'n des entrüsteten Ottgars + Nahende Heeresmacht mit heimlichem Schauder: unzählbar + Schien sie ihm gegen des Kaisers Heer an Mannen und Rossen; + Auch nicht ferne zugleich der wildumwüthende Kampf mehr. + Alsbald sann er besorgt, ob einer der Lüftebewohner + Nahe sich fände, mit ihm vereint, in blutiger Feldschlacht + Beizustehen dem Hort der edelmüthigen Deutschen? + Schauend umher vom Gewölk nach den fernentlegensten Ländern, + Drang sein forschender Blick von dem Rücken des sanften Gebirges, + Wo, beginnend vom Donaustrom', an dem freundlichen Preßburg + Höher und höher empor sich hebt, und thürmt der Karpathen + Mächtige Kett' (entlang die silesisch- und polnischen Länder, + Eine schirmende Mark für die reichen Gefilde von Ungern) + Bis zu dem Riesen der Lomnitz hinauf, der, schneeigen Hauptes, + Hoch aus den Wolkenhöh'n in die lieblichen Thäler der Zips schaut:[4] + Dorthin drang sein Blick. Auf der Scheitel des Riesen gewahrt' er + Jetzo, erstaunt, den, einst gewaltigen Führer der Gothen, + Katwald, hingestreckt mit Inguiomar, dem Cherusker,[5] + Hermanns Ohm, der, zürnend dem heftigen Varus-Besieger, + Ihn zum Bundesgenossen erkor in den Tagen der Nothwehr. + Schüchtern naht' er den Höh'n: denn Katwald, finstern Gemüthes, + Trug ihm Haß in der Brust. Er hatt' ihn vertrieben aus Böheim; + Jener rächte sich d'rauf, mit den Römern im Bund', und vertrieb ihn + Wieder aus Marobud, der Stadt, die er gründete, machtvoll + So, daß er dann ein Flüchtling starb in den Mauern Ravenna's. + Dennoch bezwang er sein sträubendes Herz, und schwang sich hinüber + Von dem Gewölk. So lang', als hier, aus der Schleuder geworfen, + Fleugt der sausende Stein, und fern zur Erde herabsinkt, + Währte sein Eilflug nur, und er stand vor den Beiden, und sagte: + »Ha, ihr weilet dahier, entzückt von der reizenden Ansicht, + Die dieß Land gewährt im Schooß' umragender Berghöh'n? + Schön ist es: wie nach den vier Weltgegenden, mächtige Flüsse, + Ewig genährt von dem sprudelnden Quell, aus dem hohen Gebirgsthal + Wälzen die silberne Fluth; wie solches, mit Städtchen und Dörfern + Rings besäet, die blühende Flur dem Auge zur Lust beut! + Aber ein wichtiger Streit entzweit die mächtigsten Fürsten: + Welchem die östliche Mark, die ich einst beherrschte, zum Eigen + Werde noch heut': denn nah' ist der Kampf, dem Kaiser der Deutschen, + Oder dem König des Lands, das ach, von Rache getrieben, + Katwald, du, mir entrissest im Kampf -- dem König von Böhmen? + Habt ihr völlig vergessen des Muths, der schnell in dem Busen + Aufflammt, wenn die Dromet' erschallt, das wiehernde Schlachtroß + Steigt, und der blitzende Stahl in der Rechten des Helden umhersaus't? + Kommt, mit thatenerregendem Wort' und stachelndem Zuruf + Anzufeuern die Kraft der, uns abstammenden Deutschen, + Und zu verherrlichen heut' in dem Feld den erhabensten Kaiser!« + Inguiomar erhob bei den Worten sich schnell von des Felsens + Schneeigem Kulm, wo er saß (er ragte noch höher denn Marbod, + Riesengestaltet, auf), ergriff ihm die Hand, und begann so: + »Trauter, nicht sah dich mein Aug' seitdem, als, flüchtig des Landes, + Du nach dem herrlichen Wälschland zogst: mehr Jahre, denn tausend, + Sind den Menschen entfloh'n, seit solches geschehen! Ich weilte + Unten im Schooße der Erd', in düstere Träume versunken; + Plötzlich rief es mich fort. Wer rief? nicht wußt' ich es -- folgte. + Doch nun zieh' ich mit dir: ein Freund der Söhne von Deutschland!« + Also gesellt' er sich ihm; doch Katwald starrt' in den Abgrund + Finster hinab, und verschloß den mildversöhnenden Worten + Marbods feindlich das Ohr: da entschwanden die beiden Vereinten, + Arm in Arm. Er hob mit Grimm in den bläulichen Augen -- + Trotz in dem blassen Gesicht', um welches der säuselnde Westwind + Wiegte das röthliche Haar, sich vom Boden, und folgte nur zögernd + Jenen nach, die rasch nach Oestreichs Fluren enteilen. + + Aber auch Marcheck lag im Rücken des ziehenden Heers schon. + Von Baumgarten herab, in der Au feldlagerte weithin + Ungerns Macht, verhüllt von schattenden Weidengebüschen. + Dorther jagt' im Gefolg der Reisigen jetzt auf dem Heerweg + Ladislav, der König, heran: er dachte dem Kaiser + Würdig zu nahen, und hielt, als Staub aufwallte zum Himmel. + Schwarzenberg mit Kaduscha war's, der eilig daherkam. + Jener entblößte den Stahl, und senkt' ihn zum Zeichen der Ehrfurcht, + Vor dem Könige; d'rauf erhob er ihn wieder, und sprach so: + »Mein erhabener Kaiser und Herr entbiethet dir, Hoheit, + Seinen Gruß! Er kommt, dein redlicher Bundesgenosse, + Dich an die sehnende Brust vor dem Heere zu drücken. Nicht fern mir + Folgte der Vorderzug: bald siehst du ihn schalten im Nachzug.« + »Herr,« sprach Kaduscha jetzt, »erblickst du sein Heldengefolg dort, + Forsche mit Fleiß, daß vor Allen sogleich dein Aug' ihn erspähe: + Denn nicht glänzt er im Waffenschmuck; nur magst du ihn kennen + An der erhabenen Stirn', der wölbenden Nase des Adlers, + Und an dem Herrscherblick in der Himmelsbläue der Augen! + Fremd ist die Furcht dem Kaduscha, doch erbebt' er, ihm nahend.« + »Freude mit ihm,« entgegnete schnell der König, »und Glück uns + Beiden Verbündeten, da sich Ottgars furchtbare Heersmacht + Gegen uns wälzt wie die Fluth, die aus ihren Gestaden getreten! + Aber er komme nur: bald begegnen wir ihm in den Feldern + Ewigen Ruhms, vereint mit Rudolphs tapferen Scharen. + Unser Stahl ist geschärft, und die Rechte gar mächtig zum Einhau'n.« + Sieh', da hob sich erneut von der Straße der wirbelnde Staub auf, + Und der Rosse Getrab ertönete näher und näher! + Rudolph jagte heran im Gefolg' erlesener Ritter: + Denn ihn drängte das Herz, den verbündeten König zu grüßen! + Aber noch standen die Ross' an dem Weg, tiefhangenden Hauptes + Tragend den Siegespreis unmenschlicher Krieger. Nicht säumte + Schwarzenberg, und begann mit eiferndem Laut vor dem König: + »Schnell g'en Zwerndorf hin, da es also dem Kaiser genehm ist, + Trage die Last der wohlverhülleten Körbe das Saumthier: + Ihm ein werthes Geschenk, weil dort der redliche Priester + Solche nach heiligem Christenbrauch der Erde vertrau'n wird.« + Sagt' es, und rief Luitold, dem muthigen Knappen. Er nahte + Folgsam, und führte die Schar der Treiber zurück mit den Rossen. + Ringsum staunte das Volk, und sah bald seinen Beherrscher, + Bald den Fremdling an; doch, tieferglühenden Blickes, + Saß der König im Sattel, und schwieg, und ließ ihn gewähren. + + Allen zuvor kam jetzt der Kaiser gesprengt, daß ihn alsbald + Ladislav erkenne, der Hort der tapfern Magyaren. + Beide sprangen behend' aus dem Sattel. Sie streckten die Rechten, + Einer dem andern im schnelleren Gang, begrüßend, entgegen; + Hielten mit heißem Druck die verschlungenen; standen, und blickten + Lange, staunend sich an. Dem Auge des einen entstrahlte + Feuriger Muth; entscheidende Kraft, und Würde des andern. + Als sie jetzo gesättigt das Herz in freundlicher Anschau, + Schweigend, begann voll Hast der jugendlichblühende König: + »Werth sey mir der heutige Tag, und theuer vor allen, + Wo ich, Erhabener, dir, deß' Ruhm erfüllet den Erdkreis, + Nahete, bund'svereint: denn lang ersehnt' es mein Herz schon! + Siehe, nicht riefst du umsonst: ich zog aus den unteren Landen + Meines Reichs mit Heeresmacht dir zu Hülfe! Des Ungern + Flammenden Muth kennst du, wie er einstürmt + rasch in die Schlachtreih'n; + Aber der Kun' ist schrecklicher: denn ihm wohnet die Wildheit + Seiner, erst jüngst verlassenen Stepp' an des Tanais Ufern, + Ungezähmt in der Brust; du sollst uns loben im Schlachtfeld. + Ha, dort fleugt Staub auf! Fürwahr der Feind ist im Anzug; + Solches verkündeten mir zuvor Eilbothen, aus Weiden + Kommend, voll Angst: das Volk ersehnet den Retter Rudolphus!« + + Als der Kaiser die Worte vernahm, da wandt' er die Augen + Schnell g'en Oberweiden zurück, das über den Sandhöh'n + Einsam liegt: ein hainumsäuseltes Dörfchen. Von dorther + Hob sich der Staub zum Gewölk. Wie nach glühenden Tagen des Sommers, + Hinter dem fernen Gebirg', empor die schwärzlichen Wölkchen, + Gleich dem, gebläht, in die Lüft' aufsteigenden Balle sich heben, + Bis sie im höheren Raum mit den weitgedehneten, lichten, + Aestigen plötzlich vereint, den wetterleuchtenden Schleier + Auf an den heiteren Himmel zieh'n: so flog auf dem Heerweg + Sparsamer erst, dann häufiger, hoch der qualmende Staub auf, + Der, von der Abendsonne durchblinkt, wie vom Blute geröthet, + Ottgars nahende Macht verkündete. Jener begann so: + »Ha, Beherrscher der Ungern, du bist zur Stunde des Glückes + Jetzt mit dem Heldenheer' als Bundesgenoß mir erschienen! + Säumen wir nicht. Nur einmal beut auf entscheidender Bahn dir + Freundlich die Hand das Geschick: + ergreifst du sie nicht, so entzieht es + Selbe für immer vielleicht. D'rum sey in gebiethender Hast nun + Unsere Macht zum Wohl unzähliger Menschen vereinigt. + Frisch an die That! Wir ordnen das Heer sogleich in dem Feld hier.« + Alsbald schwang er sich rüstiger auf in den Sattel, und sprengte + Hin, und herüber im Flug, mit des Feldherrn Auge die Gegend + Rings erforschend, zum Kampf den günstigen Raum zu erlesen. + D'rauf entboth er vor sich die Herolde: hieß von des Heeres + Rechtem Horn, g'en Zwerndorf hin Oestreicher und Steyrer + Zieh'n; von dem linken die Macht der Kärnthner und Krainer, + nach Marchecks + Fluren hinab. Capellen geboth den ersteren; diesen + Meinhard, Graf von Görz und Tyrol, als oberster Feldherr. + Aber im mittleren Raum, Baumgarten nicht ferne, des Dörfchens + Früchtegesegneter Flur, vereinte sein Wink die Tyroler, + Schwaben, und Schweizer zugleich, gar tapfere Scharen im Schlachtfeld. + Also in fünf Heersäulen stand des gewaltigen Kaisers + Macht zu dem Kampfe bereit. Vor jeglicher wehten die Fähnlein + Edeler Ritter empor in die Luft, und die sinkende Sonne + Leuchtete hell aus den Helmen und Harnischen, furchtbar zu schauen! + Reisige folgten den Rittern nach, und, diesen im Rücken, + Trefflich geordnet, die Reih'n des lanzentragenden Fußvolks, + Wo vor jeglicher, schimmernd im Licht, ein mächtiges Banner + Flatterte, dort den Kriegern Verein in dem Kampfe gebiethend. + Aber vor allen empor, aus dem Kern des stattlichen Heeres + Hob sich die Reichsfahn' auf: wie des Meerschiffs mittleres Segel, + Flatternd umher im Hauch des leis'umschmeichelnden Westwinds, + Und enthüllend den Doppelaar, mit der Kron' und dem Zepter + Herrlich geziert, nun rechts, nun links auf dem goldenen Feldraum; + Immer wies sie dem Heer' die Nähe des waltenden Herrschers. + Aber er sagte darauf zu dem Könige, schnell und entschlossen: + »Sey dort hinter Capellens Macht, zur Rechten, der Kunen + Furchtbare Schar gestellt, die Kaduscha's Winken gehorchet; + Aber zur Linken, verhüllt von der schattenden Au', und des Meinhards + Völkern zur Stütze gespart, erwarte die tapfere Heerschar, + Die Trentschins Gebiether beherrscht, den ehrenden Aufruf: + Loszubrechen mit Macht auf die wildanstürmenden Gegner; + Doch du weiche zurück: denn also gebiethet die Sitte + Deines Landes dem Könige -- fern von dem blutigen, Schlachtfeld + Sitzend auf einer der ragenden Höh'n, auf dem rollenden Wagen, + Oder dem feurigen Roß, des Kampfmuths seiner Erwählten + Zeuge zu seyn![6] Schon neigt sich der Tag. + Nicht wird uns der Feind mehr + Heute begegnen im Feld; doch sey's: er komme! Mit Freuden + Wollen wir entgegen ihm zieh'n, und der Ehre gedenken.« + Sagt' es, und bald stand jegliche Schar, in Reihen geordnet, + Nach dem schaltenden Wink des erhabenen Kaisers. Der König + Ungerns gewann mit Gefolg die aufragende Wart' auf dem Hügel, + Die in der Vorzeit einst zur Gränzmark diente den Völkern. + + Doch g'en Westen hinab, nach des Abends goldenen Fluren + Senkte die Sonne den Flug, und sah vom Rande des Himmels + In das erhellete Nebelgewölk, das, duftigem Schleier + Gleich, empor sich hob, sie in lieblicher Ruh zu umfangen; + Rosig die Brust erhellt von ihren verglühenden Strahlen, + Wanderten hoch in dem Wolkenreich nach entfernteren Zonen + Singende Schwäne dahin; im Saatfeld zirpten die Heimchen; + Leise verhallte des Tages Geräusch, und das Leben verstummte. + Aber die Höhen entlang, die rechts von Weiden nach Marcheck, + Weitgedehnt, sich zieh'n, und des Marchthals Fluren beherrschen, + Tönete jetzt Getrab anstürmender Rosse, der Waffen + Helles Geklirr, und das Schrei'n und Rufen unzähliger Krieger. + D'rauf erschien, dem Gewittergewölk' im Sommer nicht ungleich, + Das, von gährendem Donner schwer, am Himmel heraufschwebt, + Drüben am Rande der Höh'n die schlachtgerüstete Heersmacht + Ottgars: gierig des Kampfs, und zu muthigen Thaten entschlossen. + Noch empört' ihn der Zorn ob jenes verwegenen Jünglings + Frechenthülleter Gluth zu seiner Erzeugten, und dennoch + Sehnt' er sich herzinnig nach ihm, in dem einsamen Kriegszelt + Sitzend, und schlug sich die Stirn', + und jammerte laut um den Liebling. + Also kam er heran, und hoffte, des lechzenden Herzens + Heißen Durst im Blut' und Gewürge der Feinde zu stillen. + + Doch nicht rastete jetzt Drahomira, die schreckliche Feindinn + Ottgars: denn sie sah, wie Marbod und Inguiomar erst + Sich vereinten, im Kampf zu entflammen die Deutschen. Sie nagte + Heimlich vor Wuth an den Lippen, und hätte mit schmähenden Worten + Jene gehöhnt; doch schwang sich nun, verdüsterten Blickes, + Katwald her in der Luft, und sah nach der Erde herunter. + Alsbald hob sie zu ihm sich empor, und rief, ihn erforschend: + »Ha, du sahst es, wie Marbod, der schrecklichste dir in des Lebens + Langentschwundener Zeit, auch Inguiomar zum Gehülfen + Sich erkor, heut' Oestreichs Volk zu entflammen im Schlachtfeld! + Komm, und eine dich mir! Erst will ich den König der Böhmen, + Stürzen: denn mir zur Schmach verübt' er entsetzlichen Frevel; + Aber erliegt er im Kampf, dann sey Kunegunde, des Zepters + Würdig, erhöht auf den Thron; ihr laß uns erringen den Vortheil. + Hoch erhebe sich Böhmens Ruhm, des trefflichen Landes, + Das dir gehorcht', eh' Marbod dir's mit den Waffen geraubt hat.« + Sagt' es mit stachelndem Wort; doch jener entgegnete zürnend: + »Weiche von mir, du fluchbeladene, daß nicht dein Odem + Noch verpeste die Luft, die mir umsäuselt die Wangen! + Kein Verein, Drahomira, mit dir! So willst du mit Marbod + Und mit Inguiomar, des Kaisers verbündeten Freunden, + Ottgars Haupt gefährden im Kampf'? Ich nah' ihm, als Helfer, + Schon dem Lande zum Ruhm, wo ich herrschend lebt' in der Vorzeit, + Ha, und lache des Zorns, der, so wie zum Strande die Meersfluth + Brausend fleugt, und zurück, der Ohnmacht eiteles Bild, sinkt, + Dir empöret die Brust, und dräuet in nichtiger Ohnmacht!« + Rief's, und stürzte herab vom Gewölk' an die Seite des Königs, + Der das Roß anhielt, und des Kaisers geordnete Völker + Staunend ersah, wie solche den Plan erfülleten weithin. + Jetzo noch einmal, quer von dem Saum der Erde herüber, + Blickte die Sonn', und verschwand; die Dämmerung zog von dem Thal her. + Nicht gedacht' er des Kampfs für heut'; an dem kommenden Morgen + Wollt' er dem Feind' ihn biethen auf Tod und Leben, den Herold + Sendend zuvor, nach des Kriegs herkömmlicher, edeler Sitte.[7] + Katwald war ihm genaht, und haucht' ihm vor allem den Rath ein: + »Ottgar, wie, du willst, nachtlagernd, des dämmernden Morgens + Harren dahier? Schnell vor, eh' dunkel die Nacht sich herabsenkt: + Schleudre die feindlichen Reihen entzwei! So machst du dir heut' noch, + Schrecken verbreitend, Bahn zu des Siegs erhellten Gefilden: + Denn der erste Gewinn in dem eisernen Feld ist ein Hagel, + Der die Halmen der Hoffnung zerschlägt; ein brausender Sturmwind, + Der des Athems beraubt den Wanderer, und ihn ermattet. + Alsbald biethet der Feind dir selbst ein Zeichen des Angriffs.« + + Jener verschloß ihm das Ohr. Doch wer entflammt' an dem Abend + Schon den noch nicht ersehneten Streit im tosenden Schlachtfeld? + Marbod, der muthige that's. In den Reih'n der stürmischen Reiter + Spornt' ein munterer Held bischöflicher Leute von Salzburg, + Schörlin, ein unbändiges Roß heran in dem Kriegszug.[8] + Ihm nicht fern, ersah das Nest pferdstachelnder Bremsen + Marbods spähendes Aug': er eilte dahin, und empörte + Mit gewaltigem Geisterhauch die entschlummerten Quäler: + Denn er brannte vor Gier des Kampfs Arbeiten zu schauen. + Sieh', und, also geweckt, im heulenden, wilden Gesumme + Fuhr der Schwarm empor; er flog dem muthigen Rosse + Schörlins unter den Bauch, und stachelte solches, erboßt, wund. + Schrecklich tobt' es umher, schlug aus, bog, stöhnend, die Ohren + Gegen die Brust, und rannte dahin: nicht achtend des Rufens, + Nicht des Schrei'ns, das Schörlin erhob, da er, rücklings gebogen, + Zog an dem Zügel, es noch im wüthenden Laufe zu hemmen. + Schnurgerad auf Ottgar hin losrannte das Thier jetzt. + Zorn erfüllte sein Herz; er rief den staunenden Feldherrn: + »Wahrlich, nicht dacht' ich mehr den Stahl an dem heutigen Abend + Feindlich zu zieh'n; doch seht, die Unsinnigen stürzen sich selber + Ihm entgegen, voll Wuth! Sie sollen mir büßen die Kühnheit. + Fort! Wir greifen sie an mit den schwergeharnischten Reitern, + Welch' uns Böhmen gesandt, den tapfersten Männern auf Erden, + Und im gemessenen Schritt' uns folge das Heer auf dem Fuß nach.« + Alsbald gab er dem Pferde den Sporn, und jagte die Höhen + Brausend herab. Ihm nach, mit dem kampferfahrenen Helden + Lobkowitz, flog die Schar zweitausend geharnischter Reiter. + Wie, wenn unterirdische Gluth aus den Tiefen des Erdballs + Aufwärts braus't, und gehemmt, weithin erschüttert die Gegend + So, daß vom stürzenden Felsengebirg' unzählige Trümmer + Schnell in's drönende Thal herrollen mit wildem Getümmel, + Krachend der Wald entsinkt, und Staub auffleugt in die Wolken: + Also stürmt' auch hier der König mit seinen Erwählten + Von den Höhen herab. Vor den Kommenden stürzte das Reitroß + Schörlins zusammen. Kein Leid ihm geschah: die furchtbaren Reiter + Setzten über ihn hin; er lag, listsinnend, im Scheintod + Dort bis Mitternacht, und kehrete heim zu den Seinen. + + Ottgar nahete schon den äußersten Wachen der Steyrer. + »Auf, zu den Waffen!« so schrie Wildon, der tapfere Hauptmann + (Pfannberg weilte noch fern bei Capellen, dem obersten Feldherrn, + Drüben im luftigen Zelt, des Kriegs Arbeiten erwägend, + Die der Morgen verhieß) und das Fußvolk eilt' aus dem Lager: + Denn nicht dachten des Streites mehr die erlesenen Ritter + Jetzt, in der sinkenden Nacht. Wohl mancher saß in dem Gras' noch, + Haltend das Roß an dem Zaum', und beredete Dieses, und Jenes; + Doch nun fuhren sie all' empor, von dem feurigen Marbod + Aufgestürmt mit empörendem Ruf. Bald schwang in den Sattel + Jeder sich auf, erhob den Speer in der Rechten, und senkte + Sein Helmgitter herab, das Roß zu dem Kampfe bewegend. + Ha, und der Kampf begann! In dem Vorderzuge, des Feindes + Dräuende List zu erspähen gesandt von dem sinnigen Feldherrn, + Stand ein Brüderpaar der Trantmannsdorfe beisammen: + Heinrich, und Götz, von der Schar der Verwaiseten. + Laut, und mit Nachdruck + Hieß sie des Hauptmanns Ruf in die Reih'n der Versammelten kehren: + Aber sie hörten ihn nicht, von glühendem Muthe getrieben. + Ottgar fuhr auf den älteren los, und, ob er den Speer schon + Ihm entgegen streckt', und des Kampfs wohl kundig sich zeigte, + Schlug er ihm doch mit dem Heldenschwert den nahenden Speerschaft + Seitwärts, und durchstieß ihm den Hals, wo, gleitend, vom Harnisch + Sich der Helm verschob: er sank, und verhauchte das Leben. + Götz drang muthig auf Lobkowitz ein; verwundete, jauchzend, + Sein aufbäumendes Roß, und stürmte noch feuriger vorwärts; + Aber ihm bohrte, von jenem gekehrt, der empörete König + Sein, von des Bruders Blut geröthetes Schwert in die Brust ein + So, daß er rücklings vom Sattel sank, und dicht an dem Bruder + Ruhete, langgestreckt, und erblassend im Tode. Sie lagen + Dort wie jährige Leu'n im Staub, die, grausam, ein Tiger + Eben erwürgt' im Gebüsch', als Beut' aufsuchte die Mutter. + Doch der feurige Katwald sprach, umschwebend, in's Ohr ihm: + »Ottgar, flüchtig enteilet das Glück: erhasch' es im Flug jetzt! + Werfe den Feind, eh' Rudolphs Schwert dir nah't. Ich gewahrte + Helfende Geister um ihn, die ihn warneten: eile, zu siegen!« + »Ha, wer drängt mich so muthig, und kühn?« sprach zürnend der König, + »Muthig, und feig zugleich, mit Rudolphs Schwert mir zu drohen: + Denn er komme nur, bald entreißt ihm das meine das Leben!« + Rief's, und jagte dahin wie der brausende Sturm auf den Heiden. + + Welchen erlegt' er zuerst aus den Reih'n der tapferen Ritter? + Sieh', ihm warf sich Stubenberg vor allen entgegen: + Weit vorhaltend den Schild, deß' Zier, im Ringe der Anker, + Schlangenumwunden, sich wies, und strebte, das muthige Herz ihm + Durchzubohren im Wuthanlauf mit dem blinkenden Speerstahl; + Doch in des Rosses Bauch stieß Ottgar, stachelnd, den Sporn ein + So, daß es seitwärts sprang, und er drängte dem Gegner den Degen + Tief in die Brust, als ihm die entblößte Höhle der Schulter + Räumigen Eingang both: er sank, und athmete nicht mehr. + D'rauf erwürgt' er auch noch urschnell den redlichen Knappen + Edelred, der jetzt dem Ritter zu Hülfe geeilt war. + Czernin stellte sich g'en Wildon zur Wehre: sie kämpften + Lange mit wechselndem Glück; verwundeten: jener des Gegners + Bein, und dieser den Arm, und schieden mit dräuendem Ingrimm + Mitten im Kampf: denn schon herstürmten im Felde die Reiter + Ottgars, welchen das Fußvolk rasch nachdrang, und urplötzlich + Hob sich der schwellende Ruf mit dem Waffengetöse der Würger + Himmelempor, und erfüllte die Welt mit Entsetzen und Schauder. + + Jetzo vernahm in der zweiten der fünf Heersäulen Capellen + Kämpfender Krieger Geschrei, das drüben, am Rande der ersten, + Stets vernehmlicher scholl in der Dämmerung. Eifernd besprach er + Eben mit Pfannberg dort, dem Führer des steyrischen Volkes, + Für den kommenden Tag des Angriffs muthige Weisen; + Auch die verstellete Flucht: den wechselnden Kampf, und den Rückzug, + So des Krieges Geschick ihn gebeut: da verstummt' er auf einmal, + Horchte dem Lärm, und sprach, voll Hast, zu dem Scharengebiether: + »Pfannberg, eile zurück! Der Feind, so sagt uns der Lärm dort, + Wagte den Ueberfall in der Dämmerung; eile zur Rettung + Deines Volks: ich folge dir schnell mit erlesenen Scharen.« + Also geschah's. Im Flug' erreichte der tapfere Feldherr + Sein gefährdetes Volk, und warf, mit dem Schwert' in der Faust, sich, + Allen voran, als sie nachbraus'ten im stäubenden Saatfeld, + Rasch auf die furchtbare Macht der Geharnischten, die zu dem Angriff + Ottgar selber geführt, und jetzt umtobte, voll Mordwuth. + Ihm selbst hätt' er die Brust durchbohrt, so plötzlich erschien er + Mitten im Waffengemeng; doch schlug ihm der muthige Ritter, + Zawiß von Rosenberg, der schönste der Männer im Kriegsheer + Böheims, sein erhobenes Schwert aus der Faust, und durchstieß ihm + Schnell mit dem Speere den Arm, daß er, stöhnend, + vom Sattel herabsank. + Ottgar rühmte gerührt den Tapferen; doch Drahomira + Lächelte Hohn aus den Lüften herab: sie erspähte die Neigung + Schon, die verborgene, jüngst in der Brust Kunegundens für Zawiß, + Und gedachte mit Lust der unheilschwangeren Zukunft. + + Pfannbergs Volk, den Sturz des tapferen Führers gewahrend, + Drang jetzt eilender vor, und kämpfte, der Löwinn nicht ungleich, + Die vor der Höhle die Jungen, umringt von Pardeln erblicket, + Um den Verwundeten dort, und es hätte gesiegt mit den Scharen + Oestreichs, die Capellen zu Hülfe geführet, und jenen, + Die aus dem Hinterhalt' auch Kaduscha, hörend im Nachtgrau'n + Feindlicher Waffen Getös', ihm, lautaufjauchzend, vereinte: + Hemmt' es nicht Katwalds List. Er sah in der Reihe der Edeln + Einen, mit bleichem Gesicht' und scheuumirrenden Augen, + Träg vorschreiten im Kampf: den Pettauer, der vor dem König + Ottgar, einst die Ritter der steyrischen Mark des Verrathes + Zieh, und dieser verhängte sogleich entsetzliche Strafen; + Aber er hatte nicht Ruhe noch Rast seitdem, und im Herzen + Trug er die Strafe der Schuld, da er jeglichen Trostes beraubt war. + Diesem nahete Katwald jetzt, und schrie in das Ohr ihm: + »Horch, dir drohet Verrath und Mord! Unseliger, fliehe!« + Schauer durchlief ihm die Haut, da er solches im Geiste vernommen: + Alsbald wandt' er das Roß, und rief, entfliehend: »Verrath! Mord!« + Wilde Verwirrung begann: das vorgedrungene Fußvolk + Wankte zuerst; ihm folgten die Reisigen -- dann auch die Ritter. + Tausendzüngig erhob sich der Ruf: »Entflieht dem Verrath! Fort!« + Aus den flüchtenden Reih'n. Auch Kaduscha wich mit den Seinen + Lärmend zurück, und entsetzlich erscholl in der Nacht das Getümmel. + + Doch in dem fernen Gezelt vernahm der erhabene Kaiser + Jetzo den Lärm, und geboth den Mannen die Rosse zu zäumen: + Denn schon lagerten sich die Tapfern ruhig im Saatfeld, + Reichend den Rossen das Futter zuvor, und stillten den Hunger + Dann mit Brot, und den Durst mit des Quellbachs kühlenden Fluthen: + Alsbald waren die Pferde gezäumt, und die Muthigen saßen + Sattelfest. Da kam vor allen, gesprengt, auf dem Pfad her + Oestreichs Reiterschar. Mit zürnendem Ernst in den Blicken + Ritt ihr der Kaiser entgegen. Sie stand von Schauer ergriffen: + Denn kein Vorwurf kam aus dem Mund des erhabenen Herrschers. + Also gehemmt, wuchs stets zu dichteren Haufen die Heersmacht, + Und er kehrte mit ihr g'en Marchecks sandige Fluren. + + + + + Achter Gesang. + + + »Ha, was röthet den Himmel fern im nächtlichen Dunkel? + Welch' Geschrei erfüllt urplötzlich mit Angst und Entsetzen + Drüben die Stadt? Ein Jüngling sitzt, verwilderten Ansehn's, + Dort auf des Felsens Höh'n, und schaut auf + die schreckliche Brandstätt' + Grinsend herab, wo ruhig noch erst unschuldige Menschen + Schlummerten, jetzt Gewürg' erschallt, und in Strömen das Blut fließt? + Furchtbare Schau! Darf also der sterbliche Mensch an dem Menschen + Wüthen, daß sanfterer Art der grausame Tiger erscheinet? + Wehe, wie fiel er so tief! Wie entwürdigt ihn Laster und Thorheit! + Doch ich nah' ihm schnell, zu erkunden, wie solches geschehen?« + So sprach Inguiomar, das gluthverheerete Städtchen + Schauend, und eilt' im Fluge dahin, wo, schrecklichen Blickes + Jener hinuntersah nach der Stätte des Jammers. Er saß dort + Schauerlich in sich gekehrt, und ihm zuckten die schneeigen Wangen + Leise vor ungesättigtem Grimm, da er, vorwärtsgebogen, + Stützend das Kinn auf die krampfhaftgeschlossene Faust, in die Flammen + Starrete. Doch es stockte das Wort in dem Munde des Geistes, + Als er ihn näher geseh'n. Er bebte dem Jammer, und eilte + Fort nach den Ufern der March, wo heut', unferne dem Städtchen + Marcheck, nach unrühmlicher Flucht sich die Krieger vereinten. + + Wallstein war's, der dort auf dem Felsriff saß, und hinunter + Starrte, voll Grimms. Sein war die entsetzliche That, und der Hölle + Jüngstentlaufene Brut, Drahomira, hauchte die Wuth ihm + In die empfängliche Brust, aus welcher des warnenden Engels + Bild entfloh, da er sich der Sinneschmeichlerinn hingab. + Sieh', er eilte zuvor aus der Nähe des Kaisers, und setzte, + Schwimmend, die Fluthen der March mit dem schnaubenden Rosse hinüber; + Flog dann, Auen und Wälder entlang, an Moravia's Marken + Rastlos fort, bis endlich das Roß am dämmernden Abend + Stöhnend zu Boden sank. Er entschlummerte neben dem Thier dort; + Aber ihm war Drahomira gefolgt. Wie der feurige Schweißhund[1] + Angeschossenes Wild, so heiß es auch strebt, zu entkommen, + Durch des umschattenden Waldes Nacht verfolgt auf den Fährten, + Rastlos, bis es ermattet ihm fällt: so ließ Drahomira + Ihn aus den Augen nicht mehr: denn Ottgar sollte getödtet + Fallen durch ihn, und ihr Herz sich ersättigen dort an des Jammers + Grau'nerregender Schau -- an dem Fall des unglücklichen Jünglings. + Einen täuschenden Traum ersann, und bannte sie, zaubernd, + Vor den Entschlummerten hin. Er sah im Geiste das Städtchen, + Kostel in Mähren, vor sich, und dort sein Alles auf Erden, + Hedwig, gefesselt im Thurm, weil sie nicht verhüllte die Neigung, + Die sie ihm still genährt in dem treuergebenen Herzen; + Sah, wie sie, jammernd, ihm mit den kettenbelasteten Händen + Winkt', und so bleich her sah von des Fensters eisernen Stäben, + »Hülfe!« schreiend, und »Rach' an Ottgar!« Aber er stöhnte + Laut in dem Schlaf', und schlug sich die Brust + vor unsäglichem Herzleid. + Bald erweckt' ihn Geschrei anstürmender Krieger. Der Kunen + Tausend, vereinten sich erst: Weglagerer, Räuber, und Mörder, + Von dem Heere getrennt, auf Raub zu ziehen, entschlossen, + Die Drahomira noch mehr empörte zu schrecklichen Thaten. + + Als sie jetzt den Schlummernden sahn, der, blühender Jugend, + Noch im Schlafe das Schwert umklammert hielt mit der Rechten; + Durch die gesenkten Brau'n Wuth kündet', und, stöhnend, von Rachgier + Mit den verzerreten Lippen sprach, da riefen sie freudig: + »Seht, den sandt' uns Tyr,[2] der Gott des Kriegs und Verderbens: + Ihm gleich, hält er das Schwert umfaßt, und drohet im Schlaf noch + Schrecken dem Feind'. Er sey uns Führer im nächtlichen Raubzug!« + Also erweckt' ihn ihr wildes Geschrei; sie faßten, und hoben + Ihn von der Erd' empor; umhingen in Eile die Schulter + Ihm mit dem Pelz, der, marderumbrämt, zur Ferse hinabhing; + Setzten die Mütz' auf sein Haupt, mit dem schwebenden Reiher, + und bothen + Ihm das erlesenste Pferd. D'rauf sagte noch Sikra, der Hauptmann: + »Komm, und führ' uns im sausenden Ritt nach Kostel, dem Städtchen + Drüben im Mährenland, voll reichthumstolzer Bewohner, + Die, dem Böhmenkönig getreu, zum Kampfe sich rüsten. + Unser König bekriegt ihn selbst auf den Feldern von Oestreich: + Wir erhoben uns hier, ihm Schaden zu thun, und zu rächen + Plünderung, Mord, und Brand, mit welchen er Ungern vor Jahren + Wüstete: ha, nun Rache dafür an dem grausamen Ottgar!« + Also tobten sie fort. Der Jüngling ließ sie gewähren, + Stand verstört, und wußte nicht, wie ihm geschehen? Er sann jetzt: + Ottgar ward ihm genannt -- der Grausame hieß er den Räubern + Selbst? Da jauchzet' er laut; entblößte das Eisen; erhob sich + Schnell in den Sattel, und rief: »Mir nach, wir rächen die Unthat!« + D'rauf ging's fort, im sausenden Ritt nach Kostel in Mähren. + Vor ihm flog Drahomira einher, und lächelte grimmig: + Denn sie sah das Entsetzliche dort vollbracht, und Verderben + Ueber des Jünglings Haupt, und Ottgars schweben im Vollmaß. + + Tief entschlummerten schon des ummauerten Städtchens Bewohner. + Ach, oft ahnet der Sterbliche nicht, der ruhig dem Schlaf sich + Noch an dem Abend ergibt, welch' Jammer ihn weckt vor dem Morgen! + Früher erspähten die Räuber schon des friedlichen Städtchens + Schwachverriegeltes Thor und die leichtersteigbare Mauer, + Die sie, keuchend vor Hast, erkletterten. Aber das Reitroß + Spornte Wallstein rasch umher: denn hoch in die Nacht auf + Ragte der Thurm, der dort die holde Geliebte (so wähnt' er + Noch, getäuscht von dem Traum) von ihm für immer getrennt hielt. + Wehe, und bald aufflammte die Gluth, an die breternen Dächer + Durch die entsetzlichen Kunen gelegt, und erhellete weithin + Rings die schweigende Nacht! Nicht säumte der lauernde Nachtwind, + Lauterbrausenden Flug's annahend, die Flamme zu wälzen + Hin und daher, an den Häusern der engverschlungenen Straßen. + Wildes Geheul erscholl: aus den Stuben hervor auf den Marktplatz + Flüchteten jetzt die Bewohner, um dort die Väter, und Mütter, + Kinder, und Greise zu seh'n, wie sie bluteten unter dem Schwerthieb + Wüthender Räuber, und bald, erwürgt mit den andern, zu fallen + Rettungslos: denn Niemand war, der half in dem Jammer. + Wohl anlangten den Abend zuvor zwölf muthige Reiter + Ottgars, über die March, von Drösing herüber gesendet: + Mundvorrath aus dem Städtchen hier, in das Lager der Böhmen + Heut noch zu schaffen mit Waffenmacht: denn schreckengerüstet + Herrscht in des Krieges Zeit die Gewalt: nur Laute des Ingrimms + Treffen das Ohr, das sonst des Friedens sanfte gewohnt war. + Als der feindliche Lärmruf scholl, da schwangen die Reiter + Sich auf das Roß, zu entflieh'n der wuthempöreten Mehrzahl; + Doch sie waren umringt, und nun, mit dem Schwert' in der Rechten, + Kämpfend, zu sterben bereit. Sie stellten sich fest und entschlossen, + Vor dem Thurm dort auf, und harrten des nahenden Feindes. + + Allen zuvor kam Wallstein, jauchzt', und hieb in den Haufen, + Blindumwüthend, ein: denn Ottgars kenntliche Reiter + Sah er vor sich, und schnob nur Rache, nur flammende Sehnsucht + Hedwigs Retter zu seyn aus den Händen unmenschlicher Krieger. + Jetzt auflachte voll Hohn Drahomira, und hob sich von dannen: + Denn jetzt klebte das Blut des eigenen Volks an dem Schlachtschwert, + Das ihm Ottgars Rechte vertraut', und sie dachte: nicht fern mehr + Sey ihm das Ziel, zu fallen mit ihm, unrühmlich, und furchtbar! + Siehe, die Reiterschar, umstürmt von den wüthenden Räubern, + Fiel nach tapferer Gegenwehr auf die Leichen des Feindes, + Die sie gehäuft! Doch Veith, der jetzt aus dem Sattel geworfen, + Sank, rief sterbend ihm noch: »Ha, Wallstein: bist du ein Gegner + Deines eigenen Vaterlands? Du ermordest die Böhmen?« + Wallstein horchte bestürzt: er erkannte den redlichen Krieger, + Der in der Ahnen-Burg gedient, und in zartester Kindheit + Oft ihm Mährchen erzählt': ein treugesinneter Reiter; + Hob die Blick' empor, und sah, durch des ragenden, leeren, + Halbverfallenen Thurms verwitterte Fenster den Himmel, + Sternenhell, herab auf das Blut der Reisigen starren; + Sah, erstaunt, um sich her die Leichen der Greis' und der Kinder + Schwimmen im Blut' -- all' überall Blut, und die wüthenden Kunen + Nur erpicht auf Raub und Plünderung. Plötzlich ergriff ihn + Seelenangst: er gab dem Rosse die Sporen, und jagte + Durch das offene Thor hinaus auf den einsamen Heerweg; + Dann seitab den Hügel empor, der, nahe dem Städtchen, + Jäh sich erhebt. Dort saß er am Rand', aus dem Sattel gestiegen, + Haltend das Roß am Zaum', und sah nach dem schrecklichen Jammer + Drüben hinab. Bald wühlt' er, ergrimmt, sich die Brust mit den Nägeln + Wund; bald stützt' er das Kinn auf die Recht', und starrte hinunter, + Starrte hinauf zu dem tiefverstummenden Himmel, und rang nur + Einem Schreckensbild zu entflieh'n, das fieb'risch die Brust ihm + Schüttelte: denn er dachte, wie frech er die freundliche Warnung + Von sich stieß in der Nacht, welch' über ihn schrecklich entschieden. + Doch als jetzt ihm ein Thränenpaar heiß über die Wangen + Träufelte, hob er sich auf von dem Boden, und plötzlich verscheuchte + All die Bilder ein kühner Entschluß. Er sagte für sich hin: + »Ottgar, kein Verein ist zwischen uns mehr! Ich gehöre + Deinem Gegner hinfort: denn sieh', ich erwürgte die Böhmen -- + Ach, mein Volk, mit den Kunen im Bund! Dieß blutige Schwert lechzt + Jetzo nach deiner Brust, und nach meiner: + wir fallen zugleich -- bald!« + Stöhnend schwang er sich dann auf's Roß, und jagte herüber + Immer den Fluß entlang, im Galopp, die lagernde Heersmacht + Rudolphs noch vor dem Morgenroth zu erreichen vor Marcheck. + + Sieh', und es rief in der Stadt, in den weitgetrennten Gehöften, + Und in den Dörfern umher der Hahn, des dämmernden Morgens + Muthiger Herold, sein »wach' auf« das andere Mal schon, + Als er die seichtere Furt durchwatete; d'rauf vor dem Lager, + Laufend, erschien, das Kunenroß heimjagend vom Ufer. + »Wer da?« rief ihm die Huth vom Wall' entgegen, und zielte + Dann mit der Lanze zugleich nach der Brust des nahenden Jünglings: + Aber er sprach ergrimmt: »Zu Rudolph, eurem Gebiether + Führet mich schnell! Hochwichtiges muß ich sogleich ihm enthüllen.« + Jener sah ihn zuvor mit Staunen vom Kopf bis zum Fuß' an, + Eh' er die Freund' entboth, ihm sich'res Geleite zu geben: + Denn unglücklich nur -- nicht verdächtig erschien er von Anseh'n, + Und sie führten ihn jetzt nach des Kaisers ragendem Zelt hin. + + Aber der liebliche Schlaf (ein Balsam für blutende Herzen, + Welcher so mild den Schmerz beschwinget, der in des Lebens + Dornengefilden sie grausam zerriß) war eben auf Rudolphs + Lieder gesunken, und er floh vor dem Fußtritt nahender Krieger + Wieder hinweg. Oft wacht' er im Feld mit heiterem Antlitz + Tag' und Nächte hindurch, zu des Kriegs Beschwerden gestählet. + Als in das einsame Zelt der Jüngling getreten, da däucht' ihn: + Jener Unglückliche sey's, der jüngst den muthigen Reiter + Von dem Thurm in den Abgrund warf, und nicht irrte sein Scharfblick. + Freundlich winkt' er ihm jetzt mit der Hand, und jener begann so: + »Meine Rede sey kurz! Der Sterbende muß sich beeilen, + Daß er enthülle das Wort, das lastend die Brust ihm beschweret. + Höre mich, Herr! Ich war dein Feind, und hätte den Sohn dir + Gern durchbohrt auf dem Plan, vom wüthenden Hasse getrieben; + Aber es zieht das Geschick gar wunderbar oft in des Lebens + Irre den Pfad: mich führt es als Freund dir zurück. Mit den Kunen + Hab' ich, dein Dienstmann, erst gesengt, und gebrannt in dem Städtchen + Drüben im Mährenland', und die Bürger zugleich mit den Kriegern + Muthig erwürgt: all' Ottgars Schuld, des grausamen Wüthrichs, + Der auch dir nach dem Leben strebt, und die Mörder bereit hält. + Aber ich eil' ihm zuvor, willst du's, und raub' ihm das Leben + Heut' noch. Dir ist dieß Schwert geweiht; nicht soll es ihn fehlen: + Denn er verübt' an mir Entsetzliches. Sprich, und ich mord' ihn!« + »Wie,« so begann, aufjammernd, der Kaiser, »Unselige, habt ihr + Ruhige Menschen erwürgt, und gesengt, und gebrannt in dem Städtchen + Drüben nach schrecklichem Kriegsbrauch? O, der Völkerbeherrscher + Trauriges Los, daß ihr Streit auch Räuberhände bewaffnet, + Ungezügelt und frech, dem Gesetz hohnsprechend, zu wüthen! + Herr, nicht gehe mit mir in's Gericht: denn mein ist die Schuld nicht! + Doch du kehre zurück, Unglücklicher! Kehre zu Ottgar, + Der ein liebender Vater dir war, nun zurück, ihn zu söhnen, + Ihn mit reuigem Sinn um den Segen zu fleh'n -- zu erwiedern + Ihm verzeihende Huld, so er dich einst kränkte mit Unrecht! + Also hat es der Herr uns gelehrt: er möge dir helfen!« + + Wallstein stürzte hinaus, und flog nach dem feindlichen Lager, + Rastlos, bis er erreichte die Huth der böhmischen Reiter. + Schnell erkannten sie ihn, der oft im Gewühle der Schlachten + Sie zum Siege geführt, und jubelten laut in die Nacht auf. + Einer begann: »Kehrst du zur Freude des Heers und des Königs + Wieder zurück, der, wisse es nur, mit unsäglicher Sehnsucht + Nach dem verlorenen Sohn sich abhärmete? Wahrlich, er nannte + Heute dich so, und verhieß allmanniglich reiche Belohnung, + Der dich führte zurück in die Arme des liebenden Vaters!« + Doch, es erwiederte Wallstein ihm den freundlichen Gruß nicht; + Eilete vor, und erreichte das Zelt des entschlummerten Königs. + Jetzo murrete Greif, der mächtige Hund, vor dem Eingang: + Ottgars Liebling, ein Schrecken des Volks, das nächtlicher Stund' ihm + Nahete, wo er, der Kette los, umwandelte wachsam: + Denn er bewältigte leicht den stärksten der Reisigen; hielt ihn + Nieder, und bellete, bis ein Hausgenosse daherkam. + Wallstein zischte nur leis', und rief ihn bei'm Nahmen: da sprang er, + Heulend, herbei; erhob sich mit freudigem, lautem Gewinsel + Ihm auf die Schulter, lang wie er war, und leckt' ihm die Wangen; + Lief dann kreisend umher, und kehrete wieder, vor Freuden + Bellend, und heulend zugleich: denn Wallstein war ihm seit Jahren + Hold, und quälet' ihn einst im jugendfröhlichen Muth' oft. + Doch er streichelte jetzt den Treu'n mit unwilliger Hand nur; + Trat in das Zelt, wo im Lampenschein, auf das Lager gesunken, + Ottgar schlummerte: ganz in die Waffen gehüllt, und zu kämpfen + Wieder am Morgen bereit, und schauderte, wie er den Mann dort + Schlummern sah, der einst ihm vor allen Sterblichen werth war -- + Jetzt, ohnmächtig im Schlaf', ihm Preis gegeben zur Willkühr. + Grauer schien ihm sein grauendes Haupt seit Tagen geworden, + Blässer sein blasses Gesicht. Er stöhnete laut vor dem Traum' auf, + Der ihn umfing, und wand sich, und rief, fast wimmernd, + nach Wallstein. + Dieser entblößte das Schwert. Noch einmal stand ihm des Jammers + Grau'ngestalt, den Ottgar schuf, vor den Augen; er eilte + Vorwärts, schwang das Eisen, und sann. Drahomira durchschwebte + Jetzo den Zelteingang; umflog in furchtbaren Kreisen + Schneller und schneller des Jünglings Haupt, und hauchte des Abgrunds + Gifte umher, daß er, schwindelnd, den Mord verübt' an dem König; + Aber er hatte zuvor, vom Kaiser, mit Schrecken, des Heilands + Worte gehört. Wie dort im Fiebertraum sich ein Kranker + Freut, da ein Freund ihm naht, und nachsinnt: ob er ihn kenne? + Also nur dunkel vernahm der zerrüttete Jüngling die Warnung; + Dennoch bezwang er sich jetzt, trat näher, und stampfte den Boden. + Auffuhr Ottgar schnell, und starrte dem Starrenden, schweigend, + In das Gesicht. Ein ganzes, im Glück' entschwundenes Leben + Eilete schnell, wie der Blitz, den Beiden noch einmal vorüber, + Und die Vergangenheit warf, hellleuchtend, viel grausere Schatten + Noch auf die dunkele Gegenwart. Doch jetzo begann er: + »Wallstein, kommst du zurück'? Ich wußt' es: ein edeles Herz schlägt + Dir in der Brust. O, schwer hast du mich betrübt, und des Abgrunds + Seelenverwirrende Macht empörte die Wuth mir im Busen + So, daß ich, nicht durch eigene Schuld -- von der Hölle betäubt nur, + Dir das liebende Herz verwundete! Wohl sind die Menschen + Sich zu betrüben, geneigt; doch Reue versöhnt, und Verzeihung + Windet den schöneren Kranz um die friedenbiethenden Herzen. + Du nun wieder mein Sohn, und ich -- dein liebender Vater ...« + + Jener naht' ihm, und rief ergrimmt: »Halt ein, und erhebe + Nicht den Vorhang mehr, der zwischen uns dunkel herabsank! + Was du ersehntest -- es sey: ich verzeihe dir! Aber dem Bogen + Furchtbarer Rach' entschwirrte der Pfeil; nicht reißt ihn des Schützen + Hand mehr zurück. Weh' dir, Unglücklichem: denn ich entsandt' ihn! + Böhmisches Blut benetzte dieß Schwert: mit den Kunen verbunden, + Hab' ich zuvor dein Volk erwürgt, wie ein Söldner des Kaisers. + Du hast ihm nach dem Leben gestrebt: ich both mich, als Rächer, + Dir zu durchbohren die Brust; doch, sieh', dein edeler Gegner + Achtet dein Haupt, und gab mir sanftversöhnende Lehren: + Solchem fällst du besiegt -- ich meinem unglücklichen Schicksal!« + Sagt' es, und kehrte das Schwert urplötzlich von unten nach oben + Gegen die Brust, und sank in den Stahl, der, zischenden Lautes, + Ihm das pochende Herz durchfuhr. Er verhauchte das Leben + Lautlos. Jammernd erhob sich jetzt, ihn zu retten, der König: + Aber umsonst: er lag entseelt, und regte sich nicht mehr! + Schon aufjauchzte vor Lust Drahomira, der That sich zu rühmen: + Da durchblitzt' ein Glanz den Raum des Gezeltes; ein Flehen + Nach erbarmender Huld erscholl. Von Schauder ergriffen + Wollte sie flieh'n, um fern in den übersinnlichen Räumen + Noch zu entgeh'n dem Zorn der Himmlischen; aber unendlich + Rauscht' Entsetzen ihr vor -- ihr nach: sie sank in den Abgrund + Außer den Gränzen der Welt, betäubt vom Schrecken, hinunter, + Und erkannte sich erst in den Jammergefilden der Hölle. + + Draußen im Schattenkreis' des hochaufragenden Eichbaums + Gruben die Krieger ein Grab. Der Entseelte lag auf dem Rasen + Dort in den Lagermantel gehüllt: da hinkte sein Reitroß, + Völlig des Anseh'ns bar, aus der Au herüber, und senkte, + Leise genaht, das Haupt zu ihm hin, daß die wallende Mähn' ihm + Dann mit dem Zaum nachsank, und des Todten Antlitz bedeckte. + Jahr' entfloh'n: da hieß es, am Grabe des böhmischen Kriegers + Liege das bleiche Geripp von seinem verschmachteten Roß noch! + + Als aus Osten der Hauch des hellaufdämmernden Morgens + Ueber die frischbethauete Flur den kühleren Frühwind + Sendete; rings im Gefild sich die wiedererwachten Geschlechter + Regten, mit gleichgeschäftigem Drang zu durchlaufen des Tages + Kreisende Bahn, bis ihr Ziel, nun bald, nun später erreicht ist; + Als in den Städten und Dörfern umher, in den Hainen und Wäldern + Munterer Laut sich erhob: da hatte der Kaiser im Lager + Schon die Scharen vereint, und zu drei Heersäulen geordnet, + Sie in geschlossenen Reih'n dem Feind' entgegen zu stellen. + Aber der Ost- und der Steyer-Mark geworfene Scharen + Schob er den andern vor in der Mitte, daß sie in dem Schlachtfeld + Sich den entwundenen Kranz jetzt herrlicher wieder erkämpften. + Heiter saß er zu Pferd', und sprengte hinauf und hinunter + Vor den Reih'n, zu entflammen den Muth der schweigenden Krieger: + Denn sie schwiegen, beschämt von des Rückzugs quälendem Vorwurf. + »Männer, wohlan,« so ermahnt' er sie laut, + »steht heut' in dem Schlachtfeld + Fest zusammengedrängt -- euch tapfer zu wehren, entschlossen: + Denn bald dürfte der Feind, noch stolz auf errungenen Vortheil, + Mit gesteigertem Muth vorstürmen zum blutigen Angriff! + Ha, schon seh' ich den Siegeskranz, mein edler Capellen, + Dir an der Stirn! Dir, Trautmansdorf, dem Vater der Helden, + Glühen die Wangen vor Gier, zu rächen im Blute des Feindes + Die, nur mit Uebermacht erschlagenen Söhn' in dem Vorkampf. + Oestreichs Edelstein' und Demantberge, verdunkelt + Heute sogar den Ruhm der thatengewaltigen Ahnen: + Denket des Siegs! Doch, Lichtenstein, wie? Soll ich dich schelten? + Nicht die gewohnte Heiterkeit färbt mit Freude dein Antlitz + Heut': erbebst du dem Feind? Der Tapfere scheuet den Tod nicht.« + So, vortummelnd das Roß, erregte der Kaiser die Helden. + Aber dem Eilenden rief der Lichtensteiner im Scherz nach: + »Mit Vergunst! Ihr irrt, erlauchtester Kaiser! Den Feinden + Bebt kein Lichtenstein; doch, fröhlicher Dinge zu scheinen + Noch, da uns Ottgar jüngst des Turnmahls schnöde beraubte, + Gestern nicht gönnte die Zeit, an dem trockenen Brot' uns zu letzen, + Auch den Schlaf uns stahl? Das möchte nicht allen genehm seyn! + Doch wir tischen ihm bald die Mahlzeit auf, und verhelfen + Ihm zu dem furchtbarn Schlaf, dem er gar freudig entrönne.« + + Lächelnd hörte das Volk den Munteren. Aber der Kaiser + Flog zur Rechten hinauf, wo Schweizer, Tyroler, und Schwaben, + Muthbeseelt, sich eineten; schwang das Eisen, und rief dann + Laut zu dem Sohn, den jüngst er jenen erwählte zum Feldherrn: + »Albrecht, halte dich wohl! Stets warst du im Schlachtengewitter, + Leuchtend, ein Stern; dir gleich der Burggraf Friedrich und Hochberg, + Und mein Müller dort, der redliche, treue Geselle! + Auf, ihr seyd mein Volk, ihr sollt mir Ehre gewinnen! + Dietrichstein, du Hort der Helden Tyrols, wie erhebt dich + Jetzo die Stelle, nach welcher mein Haug in der Veste sich sehnet!« + Rief's; dann flog er zur Linken hinab, und ermahnte die Feldherrn: + »Meinhard, trefflicher Held, nicht harrst du erregenden Aufrufs + Muthig zu steh'n im Kampf: denn immer wird dir im Schlachtfeld + Nur der herrlichste Lorber zu Theil; nun führe die Kärnthner, + Führe die Krainer zum Sieg! Dir folgen die Tapferen: Heunburg, + Albert von Görz, und der Ortenburg auf der rühmlichen Bahn nach.« + Und er entflammte zugleich mit mutherregenden Worten + Kaduschas Brust, und die Kraft des Trentschiner Helden Mathias. + D'rauf entsandt' er die Herolde, noch in der Stunde des Morgens + Aufzubiethen sein Volk: die heilige Sühne zu feiern. + + Aber noch säumte daheim in dem Lager der König der Böhmen; + D'rob der Kaiser sich hoch verwunderte: denn nicht enthüllt war + Ihm des Jünglings Tod, und der Gram des erschütterten Königs, + Ottgars. Katwald fuhr um ihn her, und erregte das Herz ihm: + Jetzt auf des Siegs betretener Bahn mit gewaltiger Thatkraft + Vorzudringen. Umsonst! Er saß, hinstarrenden Blickes, + In dem Gezelt, und regte sich nicht -- wie ein Marmorgebild dort, + Wo an der Urne des Sohn's, des frühverblich'nen, der Vater, + Sitzt gesenketen Haupt's, und die Thrän' entlocket dem Wand'rer. + D'rauf entschwang sich der Geist, und rief den muthigen Feldherrn: + Lobkowitz, Czernin, Zierotin; dann Milota, Herbot, + Heinrich, dem Hort der Baiern, und Pfeil, dem Gebiether der Sachsen, + Die zu erneuertem Kampfe bereit, des mächtigen Königs + Harrten, schwebend umher von einem zum andern, ergrimmt, zu: + »Eilt, und erweckt aus Gram und Verzweiflung euren Beherrscher: + Denn er brütet erstarrt für sich hin, und verschließet des Glückes + Stimme sein Ohr, das flüchtig entweicht! O nichtige Hoffnung: + Als den geworfenen Feind nur die Nacht den vernichtenden Blitzen + Eures Arms entriß, da flucht' er dem nächtlichen Dunkel + Laut, und ersehnte des Morgens Strahl; nun weilet er müßig, + Und versäumt des Schlachtengeschicks entscheidenden Zeitraum!« + Also der Geist, und sie eilten sogleich nach dem Zelte des Königs; + Doch, eintretend voll Hast, erbebten die Tapferen alle; + Allen erstarb der Laut in dem Mund: so schrecklich zu schauen + War die Gestalt, die jüngst noch in jeglichem Busen den Muth hob. + Lange starreten sie, von Schauern ergriffen, dem König + In das entseelte Gesicht; doch jetzt erhob er sich. Plötzlich + Färbte glühendes Roth ihm die Wangen, und hell, wie im Nachtgrau'n + Flammt der Essen zerschmelzende Gluth, von mächtigen Bälgen + Brausend empört, ihm glänzten die zornausblitzenden Augen, + Als er den Helden genaht, mit geballter Faust, und, den Boden + Stampfend, das Kleid aufriß, und die Brust voll rühmlicher Narben + Rasch entblößend, rief: »Habt ihr ihn getödtet, den Jüngling + Voll gewaltiger Kraft, voll edelen Muthes und Sinnes? + Nein, ihr nicht: denn ihr seyd feig! Doch heimlich empöret + Habt ihr das edle Gemüth, daß er frech des Kindes Gehorsam + Mir versagte, mich floh, und selbst mein schrecklichster Feind ward. + Aber er stieß den Dolch, den ihr ihm gereicht, nicht dem Vater + Hier in die liebende Brust: er durchbohrte sein eigenes Herz nur. + Ha, was säumt ihr fürder? Entblößt -- dem meuchelnden Dolchstoß + Offen seht ihr die Brust, in der ein tapferes Herz schlägt! + Wohl bekannt ist mir's, daß ihr nach dem Leben mir strebet; + Auf, vollführet es hier, eh' draußen noch tausende fallen, + Opfer des Kriegs, des furchtbarn, der mir nimmer zum Heil wird!«[3] + Dann verstummt' er, erblaßt, vor den Tapferen. Lobkowitz wiegte + Trauernd, das Haupt: erhob g'en Himmel den Blick, und begann so: + »Welchen Jammer verhängt der Ewige über die Völker + Böheims! Herr, droht Krankheit dir? Ach, immer zum Herzleid + Deines getreuesten Volks geschäh's -- doch jetzt zur Verzweiflung: + Wo der Sieg uns winkt, und die Feinde, vom Schrecken gebändigt, + Zitterten! Hab' ich, dem Streit abhold, nicht des segnenden Friedens + Worte gesprochen im Rath'? Umsonst: du wolltest den Krieg nur! + Nun vollführ' es mit Muth, was du so kräftig begonnen.« + Ottgar wandte sich schnell zu Milota: »Führe,« so sprach er, + »Heute den Kern des Heers rasch vor zu des Kampfes Entscheidung. + Hast du die dunkele Brust mir jüngst auf dem nächtlichen Irrpfad, + Höhnend, enthüllt -- zerfleischt mit blutigen Krallen das Herz mir: + Traun, kühn war's! so wirst du auch jetzt unbändigen Muthes + Stehen im Waffenfeld', und erringen den Sieg mit Gewißheit: + Denn erprobt bist du in des Feldherrn wichtiger Stelle. + Lobkowitz weile mit mir, der Thaten gewärtig, im Rückhalt.« + Katwald hört', erstaunt, die Rede des Königs, und rief ihm + Angstvoll: »Welch' entsetzliche Wuth verblendet dich vollends, + Daß du den Kern des Heers dem heimlichen Gegner vertrau'n willst? + Immer lächelt er Hohn, und sinnt verderbliche Tücken. + Auf, ermunt're dich jetzt, und führe das Heer in die Feldschlacht, + Selber, sogleich; wo nicht, so vertrau' es dem tapferen Helden + Lobkowitz, eh' denn ihm, der dir zum Jammer erseh'n ist!« + Aber er ballte die Faust, und wankte nicht, eiserngesinnet. + Ihm sah Milota kalt in das Aug', und entgegnete trotzig: + »Keinem Schwachen vertraust du den Stab, die Zierde des Feldherrn, + Ueber den Kern des Heers: ich werde mir Ehre gewinnen! + Zwar verbanntest du mich erst jüngst auf dem nächtlichen Irrpfad + Ferne von dir: ich weilete heut', und in kommender Zeit noch + Gern in dem Nachhalt nur: den hatt' ich mir heimlich ersehnet!« + Sprach's mit bedeutendem Blick', und eilte hinaus in der Dämm'rung + Schnell zu entbiethen des Vorderzugs beritt'ne Geschwader. + + Draußen am Lagerrand, vor allen dem feindlichen näher, + Saßen die Meißner und Thüringer noch, erlesen zur Vorhuth, + An den Feuern umher, und verkürzten in frohen Gesprächen, + Oft aufjauchzend zugleich, sich die nächtlichen Stunden. + Nur, als jetzt + Milota, schaltend, vorüberzog, verstummte des Kriegers + Lautes Geschrei. Auch Inguiomar kam, eilenden Fluges, + Näher, und rief dem Führer des Volks, dem tapferen Dietrich: + »Ha, was sagte wohl jetzt der hochgesinnete Kaiser, + Heinrich, der Finkler genannt, der herrliche Vesten-Erbauer,[4] + Der auch Meißen erbaute, die Burg, und der Eurigen Ahn ist, + So er euch sah' im Bund mit den Böhmen, als Deutsche den Deutschen + Feindlichentgegengestellt, und gehorchend dem Fremdling' als Söldner + Hier in dem Kampf, der euch nicht Ruhm gewähret, nicht Vortheil? + Jetzt soll Milota's Wink, der euch nie günstig gesinnt war, + Gegen den Feind mit dem Kern des Heer's euch drängen, und treiben: + Denn hochwerth ist ihm, und noch mehr dem Könige selber, + Deutscher Muth, und der Arm, der stets in dem Schlachtengefild noch + Ihm den Sieg errang; doch bald vergißt er des Schweißes, + Und des Bluts, das ihr vergeudet, im eisernen Feld' euch + Mühend für ihn, und ehrt, wie jetzt, nur die Seinen als Feldherrn. + Männer, besteiget das Roß, und zieht in der Stille, des Lagers + Wall entlang, nach der Heimath fort, wo die einsame Gattinn + Eurer mit Sehnsucht harrt, im Kreis' umlärmender Kinder! + So nicht einet ihr euch, dem Eid' untreu, mit den Feinden + Ottgars; aber auch ihm nicht fröhnet ihr mehr in dem Kriegszug.« + Also der Geist. Da erhob sich schnell Herr Dietrich, und rief so: + »Männer, hört, was dünkt euch? Ha, was sagte wohl jetzo + Unser erlauchter Ahn, der treffliche Vesten-Erbauer, + Heinrich, so er uns sah' im Bund mit den Böhmen, den Deutschen + Feindlichentgegenstellt? Wie, Ottgar soll uns zum Kampf hier + Drängen, daß wir mit dem Muth, der deutsche Herzen beseelet, + Und noch stets ihm den Sieg errang in dem eisernen Schlachtfeld, + Enden den Krieg, der uns nicht Ruhm gewähret, nicht Vortheil? + Ha, er vergißt nur zu bald des Bluts, und des strömenden Schweißes, + Den wir unverzagt ihm spendeten! Lieblinge sind ihm + Nur die Slaven allein: denn Milota soll uns gebiethen. + Brüder, sitzen wir auf, schnurstracks, und zieh'n in der Stille + Fort, nach der Heimath fort: g'en Thüringen, Meißen, wo, liebend, + Unser die Gattinn harrt im Kreis' umlärmender Kinder! + Zwar stamm' ich aus der Ostmark her[5]: denn wisset es, Leupolds + Tochter, des Herzogs, war's, die mich mit Schmerzen geboren, + Und mit Lieb' erzog, zur Freude des _sieghaften_ Vaters; + Doch nicht einen wir uns, dem Wort' untreu, mit den Feinden + Ottgars -- zieh'n nur heim, daß wir nicht die Brüder bekämpfen.« + Lautumjauchzender Schrei verschlang ihm das Ende des Zurufs. + Zitternd vor freudiger Hast, aufzäumte der Krieger sein Reitroß; + Hing das Schwert mit dem Wehrgehäng' um die Schulter, und schwang sich + Auf in den Sattel, den eilenden Ritt zu beginnen, unmerkbar + Milota's Falkenblick: denn als er wieder zur Rechten + Kehrte, ritten sie links Herrn Dietrich nach in der Stille, + Außer dem Rasenwall, thaleinwärts, bis sie den Heerweg + Wieder gewannen, entfernt dem Heer', und für jetzo geborgen: + Denn hier wähneten all': ein feindverderbender Zug sey's -- + Milota's Werk. Doch jen' enteilten, voll Hast, nach der Heimath.[6] + + Ottgar saß noch im Zelt vereint im Rath mit den Feldherrn. + Milder schlug sein stürmisches Herz, und er sagte mit Sanftmuth + Manches freundliche Wort den Tapferen. Aber vor allen + Rühmt' er Czernin: ob des entschlossenen Zugs vor die Mauern + Wiens, des Ueberfalls, und des kluggeordneten Rückzugs + Nach dem rühmlichbestandenen Kampf mit unzähligen Gegnern. + »Ha,« rief Czernin jetzt mit zweifelndem Blick, »noch entrann ich + Glücklich des Kaisers Gewalt: denn hatte der Vater des Sohns nicht, + Schonend, geharrt, der erst in nächtlicher Stunde die Festung, + Für die sterbende Mutter besorgt, verließ: das Entrinnen + Wäre nicht leicht, und sicher das Grab in dem Zug uns geworden. + Jetzt nur schnell in den Kampf! Nicht in dumpfeinengenden Mauern, + Und Spießbürgern vereint, behagt mir, zu streiten; in Freiheit, + Draußen im Feld mir nahe der Feind: ich werd' ihm begegnen!« + Als er geendet das Wort, da hob sich zur Decke des Zeltes + Herbot von Füllenstein, der riesengestaltete Ritter, + Der den reussischen Scharen geboth, in feuriger Hast auf, + Blößte sein mächtiges Schwert, und sagte mit donnernder Stimme: + »Nehmt, o König, zum Unterpfand des kühnen Versprechens, + Herbots eidliches Wort: nie zieht er hinfort in das Feld mehr, + So er nicht eueren Feind, der Kaiser sich nennet, gefangen, + Oder todt, euch schafft: dann möget ihr würdig ihm's lohnen!« + »Dann,« so höhnt' ihn Zierotin, »dann werd' ihm als Siegspreis, + So er es kühn vollführt, was er so muthig verheißen, + Böhmens Hälfte zu Theil -- vielleicht verhieß ich zu wenig! + Aber, wohlan, wir all' erringen gewiß in dem Feld dir + Heut' unendlichen Ruhm, so uns dein gewaltiger Wink nur + Lenkt, und dein Siegesblick uns leuchtet + im furchtbaren Schlachtgrau'n!« + Sprach's mit Kraft. So riefen zugleich der tapfere Heinrich, + Bayerns Herzog, und Pfeil, des Sachsen-Volkes Gebiether. + + Nun trat Zawiß von Rosenberg, der blühende Ritter, + Hastig in's Zelt. Ihm sah wildstarrender Grimm aus den Augen, + Als er zu reden begann: »Nicht Erfreuliches werdet ihr hören: + Fort ist Meißens und Thüringens Volk, das reisige. Treulos + Zog es davon, und ihm liegt das Lager schon fern in dem Rücken, + Da es im Flug' enteilt, zu erreichen die Fluren der Heimath.« + All' aufschrie'n, von Zorn g'en jen' empöret; nur Ottgar + Hob sich, schweigend, vom Stuhl. Wie des Vollmonds zitternder Schimmer + Fern auf dem dunkelen Teich' erglänzt: so erhellt' ihm die Augen, + Welche die Trauer umfing, des Muths aufdämmernder Lichtstrahl. + Langsam trat er heraus vor das Zelt; ihm folgten die Feldherrn. + Dort ersah er das Heer in der rosigen Frühe. Geschäftig, + Wie auf gehügeltem Laub' im Walde die Ameisen rastlos + Kommen, und geh'n: so regte sich schon, die Rosse besorgend, + Rings das reisige Volk; der Waffen Glanz und des Lagers + Dumpfauftosender Lärm erfüllt' ihm die Brust mit Vertrauen. + Doch stets lauter ertönete jetzt des eisernen Hufes + Schmetternder Schlag. Ein Ritter kam in brausendem Eilflug + Näher, und hielt das Roß vor dem Könige, trotzigen Blicks, an. + Leutold, der Kunring, war's. Auch ihn empörte so eben + Inguiomar, daß er stolz entsage dem Waffenverein hier + Mit dem Beherrscher des Böhmenvolks. Nun sprach er ergrimmt so: + »Lang ersehnte mein Herz des furchtbarn Kampfes Entscheidung; + Aber umsonst: noch zauderst du stets, und versäumest des Glückes + Schnellentfliehende Zeit. Erst sah ich hinaus aus dem Lager + Ziehen die Meißner zugleich, und die Thüringer. Also bewährt sich + Mir die Sage: du biethest die Hand zum schmählichen Frieden, + Auf des Sohnes Verlobung bedacht, dem Grafen von Habsburg? + Sey's, ich tadle dich nicht: du magst verfahren nach Willkühr! + Aber ich ziehe g'en Dürrenstein mit meinen Getreuen. + Kommt dann, beide, vereint! Gar viel' erblickt ihr der Euren + Liegen, entseelt, an dem Wall' umher, eh' Leutold, der Kunring, + Fällt: nicht besiegt durch euch -- von dem Schutt der Veste begraben.« + Stöhnend gab er dem Rosse den Sporn, und entschwand aus den Augen + Ottgars schnell. Er griff an die Stirn', um welche der Frühwind + Wiegte sein grauendes Haar, und sprach zu dem sinnenden Feldherrn + Lobkowitz: »So ist des Menschen Geschick! In kräftiger Jugend + Hüpft der muntere Bach hervor aus grünenden Thälern; + Eilet dem freundlichen Land' und den schimmernden Städten entgegen, + Stets gewinnend an Kraft, als sich unzählige Flüsse, + Huldigend, ihm anreih'n: er rauscht, ein mächtiger Strom, fort. + Doch nicht ferne dem Ziel', eh' er matt versinkt in des Meeres + Dunkelen Schooß, reißt hier und dort sich in sandigen Eb'nen + Wieder ein Arm nach dem andern von ihm, und er endet verloren + Dann in dem allverschlingenden dort, auf immer die Laufbahn! + Aber, wohlan, nicht klage der Feind: mit unzähligen Scharen + Hätt' ich errungen den Sieg! Die treu verharren, genügen + Mir noch, Oestreichs Thron zu erkämpfen im Felde der Ehren. + Auf, wir ziehen dahin! Die Dromet' erschalle; die Trommel + Rufe zur Schlacht, und im Wind entfalte sich winkend die Sturmfahn'!« + Also geschah's: denn rasch vordrangen die muthigen Scharen. + + + + + Neunter Gesang. + + + Sanft verhallete jetzt der Gesang zu der heiligen Feier, + Die der Priester des Herrn vollendete, kreisendumgeben + Von des Heeres geordneten Reih'n. Im räumigen Lager + Stand der Altar erbaut vor dem Bild des erlösenden Kreuzes + Schnell, wie die Zeit es heischt', im Schmuck hellgrünender Reiser; + Aber im Augenblick, wo nahe des Lebens und Todes + Würfel fallen, aufschwang sich das Herz in heißerer Andacht + Mit dem Gesange zu Gott: gar feierlich schlug's in dem Busen! + Jetzt vom Staub, wo er bethend kniet', erhob sich der Kaiser. + Himmlische Ruh' erhellte sein Aug', und, heiteren Muthes + Pochte sein Heldenherz, da im Feld die kehrenden Scharen + Schnell sich ordneten: denn schon riefen zum Kampf die Drometen. + + Hell aufflammte des Morgens Strahl. Die freundliche Sonne, + Die den Abend zuvor in Westen ermüdet hinabsank, + Hob sich in Osten jetzt, als unter dem kreisenden Erdball + Sie die heimliche Bahn vollendete, schöneren Anblicks, + Wieder herauf, und erweckte die Welt zu erneuertem Leben. + Frischer grünte das Feld, und glänzender hüpfte der Strom hin; + Voll war Himmel und Erde vom Laut der verjüngeten Schöpfung; + Nur aus dem Waffenschmuck des versammelten Heers in dem Lager, + Sog die Sonn', im Lauf, toddräuenden Glanz, und erfüllte + Rings die Völker umher mit Angstgebilden der Zukunft. + Aber den Kaiser umgab ein Kranz erlesener Feldherrn; + Alle horchten auf ihn, und harrten freudig des Winkes, + Der zu Thaten sie rief. Da sprach er, finsteren Blicks, so: + »Ottgar säumt, uns hier, wie er gestern gedroht, zu vernichten. + Schmach der That: nicht der Sitte gemäß, die aus grauender Vorzeit + Wir ererbten, uns both er den Kampf; nein, heimlich, im Dunkeln + Fiel er, dem Währwolf gleich, der nächtlich die Hürde bestürmet, + Ueber uns her. Es gelang dem Kühnen, zerstreute Geschwader + Niederzuwerfen: sie trugen die Schuld und hatten den Lohn hin, + Allen zum warnenden Wink, daß nimmer ein Gleiches geschehe! + Aber vernehmt, was mir zuvor an heiliger Stätte + Mächtig die Seel' ergriff. Der entschwundenen Tage des Lebens + Dacht' ich im stillen Gemüth: kein dauerndes Glück ist auf Erden. + Als ich Gutes und Schlimmes erwog, da fand ich, verwundert, + Daß ich am Freitag, an dem der Welterlöser für uns starb, + Stets mit Vortheil focht, und den Sieg errang in der Feldschlacht. + D'rum, nicht aus Feigheit, nein, aus herzentspross'ner Verehrung + Für das geheiligte Kreuz, will ich den Kampf der Entscheidung + Morgen kämpfen, am Tag des heiligen Bartholomäus -- + Heute, gefaßt, nur kühn abwehren den feindlichen Angriff + Ottgars, so er ihn wagt. Wir wollen sogar ihm versöhnend + Nah'n vor des furchtbaren Kampfes Beginn. Hervor aus den Reihen, + Trautmansdorf! Zieh' hin zu dem Könige; bieth' ihm des Friedens + Oehlzweig noch einmal aus meiner versöhnlichen Rechten. + Mögen auch dein' Erzeugten, wie sonst, dir folgen, daß etwa + Solches den Trotz ihm beugt, und das Herz zur Milde beweget: + Denn tief rührt uns die Schau des söhn'umgebenen Helden!« + Also geschah's. Hervor aus den Reihen der tapferen Ritter + Kam nun Trautmansdorf mit den zwölf ruhmdürstenden Söhnen -- + Zwei entraffte der grimmige Tod schon gestern im Nachtgrau'n, + Als sie im Ueberfall dort Ottgars Rechter erlagen. + Ach, nicht lange, so fallen auch sie, auf dem eisernen Schlachtfeld + Kämpfend, und einsam kehrt der trauernde Vater zur Burg heim! + Jetzt entblößt' er den Stahl, und sagte mit sinnigen Blicken: + »Hart ertönet dem Vater der Ruf, daß er nahe dem Gegner, + Dessen Rechte noch roth vom Blut der erschlagenen Söhn' ist: + Denn er könnte den Streit, obgleich ein Bothe des Friedens, + Heißer entflammen. Wohlan, wir wollen des Friedens gedenken!« + Sagt' es, und sprengte davon, umringt von den tapferen Söhnen. + + Siehe, nicht fern von Zwerndorf theilt, von trüben Gewässern + Schwer, sich der Weidenbach, und eint sich nur wieder vor Marcheck. + Links hin streckt er im Augefild den schlängelnden Arm aus, + Während, die Straß' entlang, er rechts die tieferen Fluthen + Träg fortwälzt. In dem Eiland dort, Baumgarten vorüber, + Traf nun Trautmansdorf auf die Reisigen, welche der Gegner + Sandt', umspähenden Blicks, zu erkunden die Nähe des Gegners: + Denn es erlies't auf der Kriegslaufbahn ein jeglicher Feldherr + Waghäls' sich, die im Grau'n des feindbedroheten Vorschritts, + Als _Erleuchter_ ihm zieh'n, + und Sicherheit schaffen der Heersmacht.[1] + Schon von ferne die Schar, die Rudolph sandte, gewahrend, + Ritten sie, brausenden Flugs, zu den Mähnen gebeugt, und den Degen + Schwingend auf in die Lüfte, heran: sie wähnten, des Gegners + Vorhuth sey's, und brannten vor Gier, sie niederzuschmettern. + Laut schrie Trautmansdorf: »Halt ein! Als Herolde nah'n wir: + Blutigen Kampf -- will's Gott, noch lieber den Frieden zu biethen!« + Jen', unmuthigen Blicks (denn beutebegierig) ihm winkten + Stille zu halten am staubenden Weg', und sendeten alsbald + Zween der Reiter zurück, des Feldherrn Sinn zu erforschen, + Milota's; doch er that, des Herolds Worte bedenkend, + Solches dem Herrscher kund, und er säumte nicht: denn mit den Reitern + Seines Gefolgs und Milota's, kam er heran zu dem Vor-Zug; + Hemmte den Rappen, und hieß, mit zorngerötheten Augen, + Gegen ihn stolzausstreckend den Arm, den Redner beginnen: + »Mein erlauchtester Kaiser und Herr,« so sagte der Ritter, + »Sendet dir freundlichen Gruß, und thu't dir kund, und zu wissen: + Nicht nach edelem Brauch -- unritterlich hast du sein Volk ihm + Ueberfallen bei dunkeler Nacht, und zu weichen, gezwungen. + Dennoch biethet er jetzt, hier unter des wölbenden Himmels + Heiterem Blau, und im Angesicht des versammelten Heeres, + Dir an dem Fest des heiligen Bartholomäus, auf morgen, + Offen die Feldschlacht an; obgleich gerüstet, entschlossen + Heut' in dem Lager zu ruhn, und abzuwehren den Angriff + Deiner Gewaltigen, wenn -- doch, das sey ferne, sie stürmten. + Aber er heißt dich zugleich das Wohl und das Wehe bedenken + Tausender. Seyd versöhnt! Du vernahmst des Friedens Bedingniß.« + + Ottgar schwieg erstaunt. Ihn erschütterte heimlich die Bothschaft. + Auch ergriff ihn mit Zaubergewalt ein flüchtiger Anblick + Jener blühenden Schar, die um ihren Erzeuger zu Pferd saß. + Bald auf dem einen und bald auf dem anderen hing mit Gefallen + Sein gemilderter Blick: er dachte des Sohnes, und -- Wallsteins! + Schon gewahrete jetzt auch Lobkowitz, daß ihm der Unmuth + Wich aus der Brust: er kam, des Friedens Ruf zu erneuern; + Aber da naht' ihm Katwald schnell, und haucht' ihm, vor allem, + Trotz in das Herz. Er sagte: »Du sollst für den blühenden Oehlzweig + Tauschen heute dein Schwert im furchtbarn Felde der Waffen, + Wo der Sieg dich erhöht'? Ein Thor wär's, der es nicht sähe, + Daß nur die Angst vor dir ihm solches gerathen; zerschmettr' ihn!« + Also der Geist. Auch Milota rief ihm, verhöhnend, entgegen: + »Ha, du sollest vielleicht neu huldigen, wie auf dem Eiland + Kamberg? Steht das dunkle Gezelt, mit dem trüglichen Vorhang, + Dich zu beschimpfen, bereit, daß rings die Völker dich schauen, + Dich, den König von Böheim, dort auf den Knie'n vor dem Kaiser?« + Ottgar ballte die Faust; er sah mit grimmigen Augen + Um sich her, und begann voll Wuth: »Wer wagt es, vom Frieden + Hier zu sprechen? Hinweg auf immer mit jeglicher Einung + Zwischen Habsburgs Grafen und mir, dem Könige! Weichet, + Zitternde Memmen, nur wieder zurück', und entbiethet von Ottgar + Ihm die Fehd' auf Leben und Tod! Zieht hurtig von hinnen, + Alle, daß euch nicht ereile mein Zorn schon hier, vor dem Angriff.« + + Rasche Bewegung erhob sich im Kreis' der gesendeten Helden: + Manchem zuckt' es im Arm, aus der Scheide sein blinkendes Eisen + Gegen den König zu zieh'n; doch schnell bezwang sie der Vater: + »Denket,« so rief er gefaßt, »wir kamen als Herolde Rudolphs, + Unsers erhabenen Kaisers, gesandt: nicht ziemt es uns, jetzt hier + Rächer der Unbill zu seyn; doch bald, in dem Felde der Waffen + Laßt uns gedenken der Schmach, und sie rächen im Blute mit Nachdruck.« + Rief's, und jagte den Renner zurück'. Ihm folgten die Seinen + Zögernd, vor Ingrimm, nur, und wandten die flammenden Augen + Häufig zurück: denn ach, die raschnachstürmenden Reiter + Höhnten sie noch mit Geschrei und mit schallendem, lautem Gelächter! + Sieben gehorchten, und folgten ihm nach; doch lenkten die andern + Fünf', aus der Zahl der eigenen Söhn', unbändiger Wuth voll, + Plötzlich die Rosse herum, und flogen zurück auf dem Heerweg. + »Brüder,« so rief der älteste laut, »kommt, lasset uns sterben, + Eh' wir dulden die Schmach, die uns also die Seele betrübet!« + So mit empörendem Ruf' enteilete Hartwig, den Degen + Schwingend zur Luft. Ihm nach, mit Eckhard, Walther, und Siegfried, + Folgte sein Zwillingsbruder und Freund, der tapfere Dietbert, + Bis sie erreichten die Schar der Reisigen, die zu dem Angriff + Herbot von Füllenstein, der riesengestaltete, führte: + Denn er warb sie entlang die grünlichen Fluthen des Peltew, + Jüngst: Klein-Reussens Volk, zu des Kriegs Beschwerden gestählet, + Wie auch geübt in dem Schlachtengedräng, schnellfüßige Rosse + Spornend, vorzusenken den Speer aus der Röhre des Bügels; + Dann mit des Fußes Druck' und dem Stoße der nervigen Rechten + Einzustürmen im sausenden Flug' in die feindlichen Reihen. + + Siehe, so weit ein Pfeil, von der Sehne geschnellt, in den Lüften + Herfleugt, hemmte schon Hartwig das Roß, und harrte, dem Leu'n gleich, + Der in der Hetz', umringt von emporgereiheten Sitzen + Voll schaulustigen Volkes, allein, der entfesselten Rüden + Heulender Schar, wie sie kommen, mit todandräuenden Augen + Harrt, und vor Grimm dumpf murrt: so Hartwig, als ihm die Reiter + Naheten; doch er rief mit gewaltiger Stimme noch laut so: + »Ha, ihr brüstet euch wohl, auf die zierlichgestalteten Mützen + Wie auf das wallende Kleid und die fähnleintragenden Lanzen + Stolz, in dem Vor-Zug oft, in vielumstürmender Mehrzahl, + Niederzustoßen den einzelnen Mann? -- so gar nicht geachtet, + Weder dem Feinde noch Freund': denn bar all' edler Gesinnung, + Die des Kriegers Brust, des tapferen, füllet mit Großmuth! + Euere Zung' ist kühn, die Helden zu schmähen; so kommt denn, + Zeiget den Muth, uns hier zu besiegen im rühmlichen Vorkampf!« + Also drang er im Eilflug vor; ihm folgten die Brüder + Alle, zur Wuth empört. Den Schaft der feindlichen Lanzen + Jetzt aufschleudernd zugleich mit dem Schwert', erwürgten der Gegner + Dreizeh'n sie, voll Hast, und wandten dann fliehend den Rücken. + Fort nur ein Weniges noch, und sie waren entrückt dem Verderben: + Da fiel Dietberts Roß, und begrub mit dem Rücken den Reiter. + Hartwig ersah's, wie er lag in dem Staub: denn immer nach ihm hin + Wandt' er den lächelnden Blick; urplötzlich verscheuchte das Lächeln + Jetzo die Angst: er stieg nicht, er stürzte vom Pferde herunter; + Lief, erhob ihn, und strebt', auf den Rücken des rasch und behend sich + Wieder erhebenden Thiers, ihm, lautermunternd, zu helfen. + + Doch schon nahten im Flug die erbitterten Feinde. Die Lanzen, + Lechzend nach Blut, voreileten weit, zugleich von der Rechten + Und vom kräftigen Fuße gedrängt, zum schrecklichen Mordstoß. + Sieh', und, als den Zaum und die Mähn' erfassend, sich Dietbert + Auf in den Bügel schwang, da bohrten der feindlichen Reiter + Zween ihm die Lanz' in die Brust: er sank, und verhauchte das Leben, + Eh' aufschreiend vor Angst um den liebenden Bruder, ihm Hartwig + Hülfe geschafft, und Eckhard, fern mit Walther und Siegfried, + Sich des Jammers versah'n im lauterbrausenden Heimritt. + Zwar sie kehrten zurück'; auch Hartwig saß in dem Sattel + Wieder, und so wie der wüthende Bär, dem drüben der Weidmann + Schon das zweite Geschoß in die Seite getrieben, sich brüllend, + Auf den hinteren Beinen erhebt, und rasch auf den Schützen + Losstürmt: drang auch er, ergrimmt, auf die feindliche Schar ein. + Nur die Zween im Aug', die ihm erst erwürgten den Bruder, + Gab er dem Rosse den Sporn, und warf sich inmitten der beiden: + Einem im Flug zerschmetternd die Stirn', und dem andern die Scheitel + So, daß sie lautlos jetzt, und auf einmal dem Sattel entstürzten! + Hoch aufflatterte noch, im Sturz, von dem Schafte das Fähnlein, + Das, geröthet vom Blut des erschlagenen Bruders, ihn reizte. + Lang' noch, hätt' er zugleich mit den drei kampfmuthigen Brüdern, + Sich, unbändiger Kraft, gewehrt, und noch manchen der Gegner + Hingewürgt; doch schrie, vor Wuth sich die Lippen zernagend, + Jaroslav, der Führer des Volks, mit entsetzlicher Stimme: + »Schließt, ihr Memmen, den Kreis um die Rasenden; stoßet sie nieder!« + Also geschah's: denn jetzt, umringt von dichteren Haufen, + Sanken sie dort, mit nie zu erschütterndem Muthe sich wehrend, + Alle, vom Sattel herab, und verhauchten auf Leichen der Gegner, + Die sie im Kampf' erwürgten zuvor, die tapferen Seelen. + + Doch der unglückliche Vater flog auf dem schnaubenden Rosse + Nach dem Lager zurück. Den Herrscher zu treffen, verlangend, + Daß er ihm künde sogleich das Nahen der feindlichen Heersmacht, + Sprengt' er, die Scharen entlang, dorthin, wo im Hauche des Windes + Sein Panier aufflatterte, schön und erhaben vor allen. + Eilig sprach er vor ihm, um die fünf gefährdeten Kinder, + Die ihm nicht folgten, besorgt: »Umsonst ersehnst du den Frieden + Jetzt mit dem Könige: denn nur des Kampfs und der Rache gedenkt er. + Wisse, dir nah't sein Heer; nicht fern mehr streifen die Reiter + Milota's. Ach, mir gönne die Huld, vor des Lagers Umwallung, + Kehrend in Eile, zu schau'n: ob mein' Erzeugten mir folgen? + Denn sie sanken vielleicht, empört von unwürdiger Schmähung, + Die von dem Feind' uns ward, als Opfer unbändiger Rachgier!« + Sagt' es, und eilete dann, von den tapferen Söhnen umgeben, + Wieder hinaus vor des Lagers Wall, wo Lärm und Getümmel + Unter dem Volk sich erhob: denn Milota's furchtbare Reiter + Jagten herbei, wie am grau'numhülleten Morgen des Winters + Mit endlosem Geschrei unzählige Krähen heranzieh'n; + Schwangen die Lanzen zur Luft, und bothen dem Heere des Kaisers + Kampf auf Leben und Tod, mit wildverhöhnendem Trotz', an. + D'rauf nachbrausten sie wieder im Flug den Kriegesgefährten, + Sich auf des Feldherrn Wink schnell aufzustellen im Saatfeld. + + Aber der Lärmruf scholl nun rings in dem Lager. Die Trommel + Wirbelte; stets empörender klangen die hellen Drometen; + Herolde flogen voll Hast umher; die Stimme der Führer + Rief gebiethend zur Schlacht; das Fußvolk schloß sich in Reihen; + Rasch auf das Pferd aufschwang sich der Reisige; schimmernden Anblicks + Zogen die Ritter allen voran, und herrlich geordnet + Ging jetzt Rudolphs Heer in festausdauernder Abwehr + Außer des Lagers Wall, dem Feinde die Spitze zu biethen. + Ach, dort starrete noch auf die fünf erschlagenen Brüder + Trautmansdorf, der tapfere Held, mit erschütternder Fassung, + Schweigend, hinab! Es sandte zuvor der schreckliche Feldherr, + Milota, der auf dem Feld den angstergriffenen Landmann + Zwang, das gehörnete Rind, in Eil', an den Karren zu spannen, + Sie nach dem feindlichen Lager heran. Da enthoben die Krieger + Jenem die traurige Last, und legten sie dort auf den Boden. + Aber er trieb sein Gespann, schnell wieder zurück' auf dem Heerweg. + Siehe, schon wandte sich Trautmansdorf von den theueren Todten + Nach den Lebenden um, und gewahrte mit steigender Rührung + Jetzt, daß sie all', ihm gleich, bezwangen die Thräne. Nur Erdwin + Hielt sich nicht länger, der jüngst', + und der theuerst' ihm seiner Erzeugten: + Denn er sprang von dem Roß', und warf mit schallendem Wehruf + Sich auf die Brüder hin: nun dem -- dann wieder dem andern + Küssend die blasse Stirn' und die toderstarreten Lippen. + Schnell umzog ein glänzender Thau die Augen des Vaters + Und der Söhne zugleich; sie weineten, über die Todten + Hingebeugt. Doch jetzo begann der tapfere Feldherr: + »Keiner tadle den Schmerz, der uns bei den jammernden Tönen + Meines geliebtesten Sohnes ergriff. Vielleicht, daß ihn auch bald + Grausam der Tod entrafft. Daß mir doch solches geschähe, + Eh' denn ihm -- zu entsetzlich wär' des Getödteten Anblick! + Aber so will es des Kriegers Los: er sterbe der Pflicht treu! + Nur beschirmt, als Brüder, ihn kühn! Im Gemenge der Waffen + Möge der eine die Brust für den andern biethen, und Rettung + Schaffen sich selber und ihm, der Wechselhülfe gedenkend! + Erdwin, auf! Gebieth', und schnell gehorchen die Krieger + Dir: nach Marchecks heiligem Grund die gefallenen Helden + Heimzutragen, daß dort der Priester mit Grabesgesängen, + Segnend, vertraue dem Staube den Staub; du folge dem Zug' nach!« + Erdwin winkte den Kriegern stumm: sie erhoben die Leichen + Auf langschaftige Speer', und trugen sie schnell nach den Mauern + Jener, unferne gelegenen Stadt, daß Alles und Jedes + Nach dem Willen geschah des mildgesinneten Vaters. + Durch das geordnete Heer ging nun der trauernde Zug fort: + Denn nach dem Rasenwall, den gestern unzähliges Landvolk + Baute, und d'rauf mit dem Graben umzog, dem Lager zur Schutzwehr, + Kam es heran: in den blutigen Kampf mit dem Feinde zu treten. + + Aber, nicht rastete Katwald jetzt im höheren Luftraum: + Denn voll Muthes empört' er die Kraft des nahenden Feldherrn, + Milota's. Sieh', als dieser die furchtbarn Reisigen Herbots + Eilen hieß in dem Vorderzug, nach dem muthigen Fußvolk + Mährens, dem er geboth, nachdrang ihm zur Rechten der Baiern + Treffliche Schar, geführt von Heinrich dem edelen Herzog, + Jetzt mit den Sachsen vereint, den tapferen, welche der Markgraf + Pfeil (ein Pfeil in der Schlacht!) im Sturmschritt lenkte: den beiden + Herrschte noch Czernin ob, als Feldherr. Aber zur Linken + Drang der Böhmen erlesenes Volk, gehorchend dem Helden + Lobkowitz, vor, und nach diesem kam das kühne Geschwader, + Welches sich Ottgar heut' erlas, gleich loderndem Feuer, + Rasch aus dem Nachhalt vor, in die Reihen der Feinde zu stürmen. + Katwald eilte, voll Hast, vom Einen zum Andern, und weckte + Mächtig in jeglicher Brust des Kampfs entsetzliche Sehnsucht. + Horch, schon tönt drometendes Erz; schon wirbelt die Trommel, + Schreit der Krieger, und wiehert das Roß; schon zittert der Boden + Unter dem stampfenden Huf; des Blachfelds Weite bewegt sich + Vorwärts. Doch, wie im Hauch zwei streitender Wind' an den Ufern + Wogen die Fluthen des See's herauf und hinunter: so trat auch + Rudolphs tapferes Heer vor dem Wall den Feinden entgegen, + Und, wie der thürmende Wald erkracht, den plötzlich aus Süden + Und aus Norden zugleich, Orkane zerschmettern im Spätherbst: + Zahllos liegen umher die unendlichen Stämme geworfen + Durcheinander hinab in den Staub: so lagen die Reiter + Dort mit den Rossen, erwürgt, und des Fußvolks Reihen vermenget. + Furchtbar wüthete heut vor allen der tapfere Feldherr, + Milota, so daß Ottgar selbst den gewaltigen Thaten + Staunte, die er vollbracht' in des Todes erkorenem Saatfeld. + Ach, er ahnete nicht, wie der Rachebrütende jetzt auch + Arges sann im Gemüth -- daß er ihm vertraue, die Scheingluth + Heuchelte, bald Verrath nur an ihm zu verüben, entschlossen! + »Herbot,« so rief er »hin, wo in keilgestalteter Ordnung + Oestreichs Heerschar naht -- die Ritter für jetzo vermeidend, + Eile zuerst, und stürm' im Flug' in die Seite des Volks ein!« + Also geschah's: denn schmetternd erklangen die eh'rnen Drometen; + Schnell, wie das Wetter fleugt, vorbraus'ten die reussischen Reiter, + Und die gesenkte Lanz' aus der Röhre des eisernen Bügels + Festnachdrängend, erkor ein jeder von ferne den Mann schon, + Dem er die Brust zu durchbohren beschloß. Wohl sechzig erlagen + Also dem tödlichen Stahl der wildanprallenden Reiter, + Die in des oberen Oestreichs Gau'n der tapfere Hauptmann + Berchthold, warb, und lautes Geschrei auftobte zum Himmel. + Jene wichen zurück', um schnell zu erneuerndem Anlauf + Sich zu stellen im Feld', und die mordende Lanze zu senken; + Aber Capellen, der oberste Hort des Volks, wie des Ober- + Also des Unterlands, flog her, und empörte sie laut so: + »Denket der Ehr' und des Vaterlands, östreichische Männer, + Jetzt in dem Kampf. Nur fest die Reihen geschlossen; die Lanzen + Kühn dem Feind' entgegengesenkt, und, nah't er, zur Erd' euch + Hurtig gebeugt; dann auf, zu durchbohren dem schnaubenden Rosse, + Oder dem Reiter, die Brust! + Bald schaut ihr sie fliehen im Schlachtfeld.« + Auch die Steyrer entflammt' er, und rief: + »Heut sollt an dem Feind', ihr, + Krieger der Steyermark, euch rächen, der Schande gedenkend, + Wie ihr gewichen vor ihm mit Lärm und Getös' in dem Nachtgrau'n, + Fortgerissen durch Schuld des Pettau'r, der, von dem Kaiser + Heimgesandt, hinfort zur Flucht euch nimmer verlocket! + Jetzo nur kühn an den Feind! Uns lohnt der herrlichste Sieg bald.« + Sagt' es, und sprengte zurück: da braus'ten die furchtbaren Reiter + Herbots wieder heran, zu erneuen den muthigen Angriff. + Jene senkten das Haupt, ausbeugend, zum Knie' hin, und bohrten + Hier dem Reiter, und dort dem Roß den Stahl in die Brust ein, + Als weit über ihr Haupt die feindliche Lanze dahinfuhr. + Aber der Boden, mit Leichen bedeckt, verwandelte ringsher + Sein erfreuendes Grün in die gräuliche Farbe des Blutes. + + Milota sah den wankenden Sieg mit Staunen: er sandte + Schnell die Reiter zurück, und führte die mährischen Krieger + Gegen das Fußvolk, das aus dem ober'n und unteren Oestreich + Kam, und den Steyrern vereint, ihm entgegen stand in dem Schlachtfeld. + Gleich den Wogen des Meers, die ein Sturm aus Süden daherrollt, + Eilten die Reih'n jetzt vor; doch so, wie jene zum Strand sich + Stürzen mit lautem Gebrüll', und im schäumenden Zorne zerschellen: + Denn nicht wanket der Fels: so trafen sie auch an den Kriegern + Oestreichs ehernen Widerstand im Gemenge der Waffen. + Schrecklich ertönte der Schrei der Würgenden, schrecklich der Lanzen + Kreischender Schlag, als sie den eisernen Helm und den Harnisch, + Oder das Panzerhemd zerschmetterten, wüthend geschwungen. + Gleich dem Orkan, flog jetzt auch Milota hin, und, ersehend, + Wie die Führer des Volks: der Seldenhofen die Steyrer -- + Berchthold Oestreichs Krieger zum Kampf' empöreten, schwur er + Beiden den Tod. Urschnell auf Berchthold drängt' er das Streitroß, + Und als dieser, erhebend das Schwert, die muthigen Krieger + Oestreichs jetzt noch mehr vortummelte, siehe, da bohrt' er + Ihm den Stahl in den Hals, daß alsbald ihm auf den Lippen + Starb das Wort, er taumelnd sank, und das Leben verhauchte! + Schmerz durchzuckte die Brust des Volks bei dem schrecklichen Anblick, + Da er, so mildgesinnt, ein Vater der Krieger genannt ward. + Doch mit erneuerter Wuth flog Milota hinter den Reihen + Seines Volkes hinab; drang wieder hervor, und durchrannte + Col von Seldenhofen das Herz, der weit vor den Seinen, + Die er entboth, hersprang, und nach ihm sein blutiges Eisen + Zuckte, die Stirn' ihm zu spalten, gesinnt. Nun brachen die Knie' ihm, + Schlotternd, ein, und er fiel, im Tod' erbleicht, auf das Eisen. + Ach, bald jammert daheim die alterserblindete Mutter, + Deren einziger Sohn und Trost er war in den Jahren + Trauerbelasteter Witwenzeit auf der einsamen Felsburg: + Denn nicht kehrt er zurück, wie ein täuschender Traum ihr verheißen -- + Er, den Traum ihr deutend, verhieß, die Gute zu trösten, + Als er zum letzten Mal' auszog von dem rühmlichen Stammhaus! + Hier erlag er zugleich mit fünf erlesenen Kriegern + Milota's Schwert, der furchtbarn Muths, umtobt' in dem Schlachtfeld. + Ottgar wandte sich jetzt nach Lobkowitz um, und begann so: + »Nie war Milota's Seele mir hold: ich kenne der Menschen + Trugverhüllende Brust; doch sieh', ein schrecklicher Krieger + Ist er im Feld': ich vertraute mit Recht ihm die rühmliche Stelle!« + Jener entgegnete schnell: »D'rum vor mit den Reitergeschwadern + Jetzt, wo die Feind' erbeben vor ihm, sie niederzuwerfen, + Und zu entscheiden den Kampf in der heiteren Stunde des Glückes.« + »Nein,« so sagte der König ergrimmt, »noch laß uns verziehen, + Bis er noch mehr aufflammt, und wir ihn entscheiden für immer!« + + Also die beiden dahier. Capellen, der Edle, gewahrend + Drüben im Feld den Tod der muthigen Scharengebiether, + Sandte den Oesterreichern den Meißauer hier, und den Steyrern + Dort den Lichtenstein, aus der Schar der Ritter, als Feldherrn. + Schnell gehorchten die zwei Feldobersten jetzo Capellens + Ruf; denn jener erkor, an Berchtholds Stelle, den Helden + Summerau, und Lichtenstein den furtbaren Ritter + Merenberg, an jene des Seldenhofen, zu Führern. + Hoch schwang Merenberg sein Schwert in die Luft, und er rief dann: + »Ha, nun endlich dem Ziel, dem schrecklichen, näher und näher + Schreit' ich den dunkelen Pfad! Komm, Richard, und stehe dem Bruder + Treu zur Seite, mit ihm die entsetzliche That zu vollführen, + Die sich der Merenberger ersehnt! O denke des Bruders: + Wie er am Galgen hing -- das Haupt zu den Füßen gebunden, + Dreimal schreckliche Tage sich wand! Wie, leben soll Ottgar?« + Alsbald einte sich ihm in dem Kampf sein finsterer Bruder. + Doch mit erneuetem Muth vorstürmten die beiden Geschwader, + Und ermordeten, was sich entgegenstemmt' in den Reihen. + Also gedrängt von den Stürmenden, wich Morawia's Fußvolk + Langsam zurück', und stand, und wehrte sich wieder: nicht anders + Weicht der gewaltige Felsenblock, nach dauerndem Regen + Losgewühlt vom Gebirg', an des Bergs abgleitendem Rand hin; + Bis nachströmend die Fluth ihn bewegt, und er in den Abgrund + Stürzt im sausenden Sprung' und Getös', unhemmbaren Fluges. + + Doch der erhabene Kaiser sah mit Freude die Seinen + Ringen im Feld, die im Vorkampf schon die gesunkenen Lorbern + Ihrer Heldenstirn' jetzt herrlicher wieder erhöhten. + Schnell entboth er zu sich Trentschins Gebiether, der Ungern + Muthigen Hort, und sprach: »Noch ward dir, tapferer Feldherr, + Nicht eröffnet das Thor an der siegsruhmbiethenden Laufbahn; + Aber ich kenne den Muth, der dich und die Deinen beseelet. + Zieh' g'en Schönfeld hin mit den furchtbarn Reitern, und harre + Drüben des Winks: urschnell dem Feind' in die Seite zu fallen. + Aber der Wink sey dir: wenn, blutrothschimmernd, von Marchecks + Ragendem Thurm die Sturmfahn' weht, und die Glocken erschallen. + Also erringst du dir Ruhm, und mir den herrlichsten Vortheil.« + Jenem erglänzten die Augen wie Gluth; er strich mit der Rechten + Sich den mächtigen Bart, und sprach: »Glorwürdiger Kaiser, + Gleich dem Morgenthau, der schmachtende Fluren erquicket, + Hat dein ehrendes Wort das Herz mir gelabt, und des Unmuths + Wolken entflieh'n mir jetzt vor den lang'umdüsterten Augen! + Tödtendem Blitz und verheerenden Stürmen gleich ist im Schlachtfeld + Ungerns tapferes Volk: ich will sie dir lenken zum Vortheil, + Mir zum Ruhm: weil mich des edelsten Kaisers Vertrau'n ehrt.« + Sagt' es, und ritt im Flug, + mit den jauchzenden Scharen nach Schönfelds + Auen hinab, ersehnend den Wink zu dem schrecklichen Angriff. + Aber der Kaiser entsendete links und rechts an die Feldherrn: + Albrecht hier, und Meinhard dort, die Herolde; stehen + Hieß er sie noch vor dem Wall', und festabwehren des Gegners + Furchtbardrängende Wuth, bis, blutrothschimmernd, von Marchecks + Ragendem Thurm die Sturmfahn' weht, und die Glocken erschallen: + Denn er ordnete dort die zeichenerspähenden Männer. + + Marbod nahte heran. Er schwebte zuvor in dem Zeitraum + Eines entfliehenden Augenblicks nach den schimmernden Mauern + Drüben der Wunderstadt, Venezia,[2] die aus des Meeres + Fluthen sich hebt, und des Fremdlings Brust erfüllet mit Staunen, + Dort das ehrende Maal des Heldengreises zu schauen, + Dandolos, der mit den Franken im Bund', ersiegte die Hauptstadt + Constantins, erst jüngst, mit nie zu erschütternder Thatkraft. + Doch nun kehrt' er zurück', und staunte der Menge der Leichen, + Die in der Männerschlacht schon weit bedeckten die Felder. + Wie den Wanderer Grau'n befällt, der plötzlich ereilet + Von dem sausenden Sturm', in den tiefergesunkenen Wolken + Weißherschimmernden Hagel ersieht, und drüben im Wald' ihn + Wüthen hört, wo er bald, entstürzend mit lautem Geprassel, + Blühende Zweige zerschlägt, und zu Boden schmettert die Wipfel: + Also befiel ein Schauder auch ihn. Im Fluge vernahm er + Katwalds Ruf, wie er hier empörte den mächtigen Herbot. + »Ha,« so sprach er, »du prahltest zuvor: du wollest lebendig, + Oder todt, aus der Schlacht heimführen den Kaiser der Deutschen? + Eitler Schwätzer, wie werden dereinst dein spotten die Helden! + Reite zur Rechten hinab, und versuche denn quer in die Reihen + Einzudringen, wo Rudolph weilt, und keine Gefahr ahnt.« + + Herbot besann sich schnell; fünfhundert Reisigen rief er: + »Folgt mir!« und jagte zur Rechten hinab, wo, nahe dem Herrscher, + Meinhards Heldenruf die Krieger zum Kampfe bewegte: + Denn schon maßen im Waffengemeng' auch die Bayern und Sachsen + Sich mit den Tapferen Krains und Kärnthens. Dicht, und unzählbar + Lagen die Leichen im Gras'. Doch Czernin führte die Völker + Gegen Meinhards Macht, der jetzt ihn näher gewahrend, + Schnell vordrang, und, genaht, ihm rief: »Du hast dich vermessen, + Nächtlich, im Ueberfall, Vindobona, die herrliche Festung + Zu betreten; gehofft, als Sieger, herunter zu schauen, + Stolzen Blicks, aus der Kaiserburg: nun sollst du es büßen, + Was du frevelnd gedacht, und gewollt, und nimmer erreicht hast.« + Czernin schwieg, ergrimmt. Er senkte den Speer, und erreichte, + Sausenden Flugs, den Mann, der also ihn schalt vor den Scharen, + Ihm die Brust zu durchbohren, gesinnt; doch fehlt' er des Zieles, + Zitternd vor glühender Hast, und der blutgeröthete Speerstahl + Streifte nur, zwischen dem Leib' und dem Arm, + durchfahrend, den Harnisch. + Meinhard säumte nicht, hob, und senkte das Schwert, und zerschlug ihm + Jetzo den Helm und die Stirne zugleich, daß er rücklings vom Rosse + Sank, und, gestreckt lang hin, in Todesschauern erblaßte. + So vor den äußersten Reih'n stritt auch der muthigen Sachsen + Feldherr, Pfeil, mit dem weitgefürchteten Grafen von Heunburg, + Der den Kärnthnern geboth, und der Hort der krainischen Scharen, + Ortenburg, mit Bayerns gewaltigem Herzoge, Heinrich, + Jetzo auf Leben und Tod: da Scharen des einen und andern + Sich bekämpften, und rings nur Mord und Gewürge zu schau'n war. + Heunburgs blitzendem Stahl' erlag der tapfere Markgraf + Pfeil, nicht des Todes Pfeil, von des Gegners Rechte geschleudert, + Mehr vermeidend, nach schrecklichem Kampf', und hauchte den Geist aus. + Heinrich gelang's, den Ortenburg aus dem Sattel zu heben, + Ihm durchstoßend den Arm, daß er dort im knisternden Sandstaub + Blutete, kriegsgefangen sich sah, doch wieder gerettet + Heim in das Lager kam, und dem kundigen Arzte sich hingab. + + Sieh', als hier in dem Streit die erbitterten Völker sich maßen; + Schlachtruf scholl; Drometen schmetterten; Trommelgewirbel + Klang: der Würger Geschrei und Verwundeter Aechzen ertönte, + Jagte Herbot von Füllenstein mit seinem Geschwader + Durch den sondernden Raum, der zwischen der mittleren Heersmacht + Und dem Flügel zur Linken sich fand, in Eile hinunter -- + Dann auf den Kaiser los, den Katwald ihm, wie der Gemsaar + Fernhin schauend, verrieth mit empörendem Geistergelispel. + Rudolph kam, im Gefolge der Trautmansdorfe (nur Erdwin + Weilte noch, frommbesorgt, in Marchecks schattigem Freythof) + Eben heran, gelockt von des raschvorstürmenden Meinhards + Lautem Siegesgeschrei, und ahnte die nahe Gefahr nicht; + Doch nun hemmt' er mit zweifelndem Blick das Roß, und erforschte + Gierig: ob Freund', ob Feind' ihm naheten? bis er des Ritters + Riesengestalt ersah, der kennbar im feindlichen Heer war. + »Ha,« so rief er, »erlag mein Volk? Entsetzliches Unglück + Droht: denn, seht, uns kommt ein feindlich Geschwader entgegen!« + Doch schon war er umringt. Laut schrie zu seinen Erzeugten + Trautmansdorf: »Kommt, laßt uns sterben für unseren Kaiser: + Rettet ihn, kämpft, und ersiegt euch hier unsterblichen Nachruhm!« + Alsbald kehrten die sechs untad'ligen Brüder den Feinden + Kämpfend, entgegen die muthige Brust, vom rühmlichen Beispiel + Ihres Erzeugers entflammt, den edelsten Herrscher zu retten. + Aber auch Marbod sah die Gefahr, die jetzo dem Leben + Rudolphs droht'; er umfing mit heißumschlingenden Armen, + Flehend, Capellens Brust, und rief: »Zur Linken hinüber + Eil' im sausenden Flug', und errette den Kaiser vom Tod jetzt!« + Jener staunte bei sich, wie ihn solche Gedanken bestürmten? + Gab dem Rosse den Sporn, und jagte herüber im Blachfeld. + + Schon umhäuften die Brüderschar in Menge die Leichen; + Schon war Edelred mit Erhard gefallen: die andern + Bluteten; doch ermahnte sie laut ihr edeler Vater + Noch mit dem Schwert' in der Faust, zum Kampf für den edelsten Kaiser. + Sie gehorchten ihm all', und erlagen nach schrecklichem Mord nur: + Kurd, Agilolf, und zuletzt mit Otto der heitere Winfried. + Jetzt drang Herbot schnell mit dem Speer, der hoch wie ein Mastbaum + Sich in die Lüft' erhob, auf Rudolphs tapfere Brust ein. + Siehe, nicht traf er die Brust des kampferfahrenen Herrschers; + Doch dem steigenden Roß durchstieß er die Stirn, daß es stöhnend + Sank, und zugleich in den Staub den trefflichen Reiter herabwarf! + Ha, wer rettet ihn mehr? Zwar nahte Capellen; die Ritter + Naheten; links und rechts herstürmten die muthigsten Krieger: + Dennoch war es um ihn gescheh'n, und die Hülfe vergeblich, + Wenn nicht hurtig er selbst, mit dem mordenden Speer in der Rechten, + Auf den schrecklichen Mann losfuhr; unbändigen Muthes + Ihn bekämpfte; den Streich nach seinem geschlossenen Schlachthelm + Führend, mit solcher Gewalt ihn traf, daß die Augen ihm alsbald + Dunkelten -- Seh'n und Hören verging. Auch erhob er urplötzlich + Wieder den Speer: durchstach dicht unter dem Kinne den Riemen, + Der den Helm an das Haupt ihm festigte; drehte den Schaft noch + Hurtig herum, und riß blitzschnell ihn vom Sattel herunter. + Wie die Zinne der Burg, vom Orkan zur Erde geschleudert, + Fällt mit Gekrach, und der Grund weit hin erbebet: so fiel dort + Herbot zur Erde: sie bebte dem Fall', und Gerassel der Waffen + Scholl im Gefild' umher. Laut schnaubend vor Angst und Entsetzen + Jagte Capellen herbei. Er both, vom Pferde gesprungen, + Solches dem Kaiser, und half ihm hinauf in den Sattel, er selber + Schwingend das Schwert mit Trautmansdorf, dem tapferen Helden, + G'en die umdrängende Feindesschar sich zur Wehre zu stellen. + + Schon entfloh die Gefahr: ein Jauchzen erscholl um den Herrscher, + Als jetzt Herbots Volk sich ergab an die drängenden Scharen. + Aber er stand, und zitterte. Schnell, empört von dem Anblick + Dieses Gewaltigen, der das Leben des Kaisers bedrohte, + Sprengten die zürnenden Krieger herbei, an ihm Rache zu üben; + Doch der Erhabene rief: »Zurück, verschont ihn: er lebe! + Das sey ferne, daß ich bestrafe den tapferen Ritter, + Der so kühn sich erwies, nicht Tausende scheuend, im Angriff: + Heute noch komm' er nach Wien in ehrenvolle Gewahrsam. + Trautmansdorf, dir dank' ich das Leben, nach Gott! Nicht zum Boden + Wende den Blick jetzt mehr, noch einmal die Opfer zu sehen, + Die es dich kostete! Fort, zur Rechten hinab, und entbiethe + Albrecht schnell: er stürm' in den Feind; du stehe zur Seit' ihm + Dann mit gewaltigem Arm, ein rettender Schild in Gefahren! + Eilt nun all' an's Werk! ich bin geborgen; erhebt euch!« + Alle jagten davon; nur einer -- unglücklicher Vater, + Nur du allein verweiletest noch, und sah'st auf die Todten, + Uebergebogen, hinab; dann gabst du dem Rosse die Spornen! + Ach, und das Augenpaar des umschauenden Kaisers erglänzte, + Thränenumhüllt! Doch jetzt aufschwang er den Degen: von Marchecks + Thurm ertönten mit stürmendem Ruf die Glocken, und blutroth + Flatterte dort in die Luft die thatengebiethende Sturmfahn'; + Bald erscholl ringsum Geschrei und verwirrtes Getümmel. + + Ottgar zögerte noch. Umsonst ermahnte der Greis ihn, + Jammernden Lauts, getäuscht von Herbots Kühnheit, und sagte: + »Sieh', wie dort rechts hin die Reisigen stürmen, das Fußvolk + Rasch vordringt! Nun gilt's: entscheide den schrecklichen Kampf du!« + Aber der König begann: »Fürwahr, wir tauschten für heut schon + Art und Gemüth: du kühltest die Gluth sonst mir in dem Busen, + Kaltvorschauend, und heut', empört zu Feuer und Flammen, + Hast du nicht Ruhe, nicht Rast. Bald tönt der ersehnete Ruf dir.« + Dann begann er noch leise für sich in sinnender Schwermuth: + »Wallstein, ach, ich schau' in des Sieges Gefilden dich nimmer!« + Lobkowitz schwieg. Doch sieh', nun hemmte die stürmenden Krieger + Milota's Feldherrnwink! Er dacht', ergrimmend im Geist, so: + »Jetzo der Thaten genug, daß mir vertraue der König. + Ist's nicht klar? Er sann mir heute den sicheren Tod nur, + Als er mich ehrend erkor: ich lebe noch, ihm zum Verderben.« + Dacht' es, und zog alsbald, schwachkämpfend, mit zögernden Schritten + Sich auf des Nachhalts Reihen zurück. Ihn empörete Katwald, + Tapfer zu steh'n: umsonst, er wich! Doch, sausenden Flugs, war + Marbod den Völkern genaht, die am rechten Flügel, gehorchend + Albrechts Stimme, voll Heldenmuths, nach dem Kampfe sich sehnten. + Hochberg, der den Zürchern geboth, ersah er, und rief ihm: + »Schreie: »Der Feind entflieht!« Gar mächtig ertönet dein Ausruf.« + Hochberg schrie: »Der Feind entflieht« mit gewaltiger Stimme, + Die zum Kern des Heers, und hinaus zum äußersten Flügel + Donnerte. Bald erscholl's von tausenden Stimmen auf einmal: + »Holla, die Feind' entflieh'n! + Sie flieh'n -- die Feinde, sie fliehen!« + + Ottgar horchte dem Ruf mit kalthinstarrendem Blick' auf; + Wandte das Roß, und sprach zu Lobkowitz: »Wahrlich, vermuthend + War ich des Unfalls mir: denn höre des Herzens Geheimniß! + Jüngst, in der furchtbarn Zeit des mitternächtlichen Grauens + Hieß ich, im dunkelen Eichenhain, die Alrune,[3] des Schicksals + Hehre Verkündigerinn durch Bothen befragen; sie gab mir + Antwort: Ottgarn winkt an Stillfrieds Marken das Ziel schon! + Dort ist der Sieg mir gewiß; wir wollen uns fechtend zurückzieh'n!« + »Herr, nicht der Hölle vertrau',« so rief der jammernde Greis auf, + »Gott vertraue -- dir selbst, und deinen gewaltigen Kriegern! + Noch steht Sachs und Bayer im Kampf; noch nichts ist verloren. + Wolle mit Ernst den Sieg, er ist dein: o komm', und erring' ihn!« + Aber er trabte zurück. Ihm folgten am Fuße die Scharen + Milota's, der in dem Nachzug noch voll täuschenden Eifers, + Selbst abwehrte, zum Schein, die raschnachrückenden Gegner. + + Bald erscholl auch drüben Geschrei, wo Bayern und Sachsen + Kämpften im Waffengefild, geführt von dem tapferen Herzog + Heinrich, und Zierotin, dem kraftgerüsteten Helden: + Denn Matthias, der Hort magyarischer Krieger, ersehend + Oben am ragenden Thurm die blutrothflatternde Sturmfahn' -- + Hörend der Glocken Getön', erhob sich in Eile von Schönfeld, + Mit zermalmender Macht dem Feind' in die Seite zu fallen. + Vor zu des Rosses Mähne gebeugt, den blitzenden Säbel + Schwingend in kräftiger Faust, hinbraus'ten die Reiter, und hieben + Links, rechts, ein: bald lagen die Leichen gesä't in dem Blutfeld, + Wankten die Gegner, und floh'n, verfolgt von den Gegnern in Hast fort. + Rastlos eilte der König dahin im sinkenden Nachtgrau'n, + Bis er nach Dürnkrut kam in das Lager, das er noch letzthin, + Stolz vor Siegeshoffnung, verließ -- nun trotzig begrüßte: + Denn er dachte des Siegs am nächstaufstrahlenden Morgen. + Doch bis Ebenthal, dem einsamen Schloß' an dem Waldthal, + Führte der Kaiser sein Heer, und ruht', umlagernd, im Feld dort. + Ganz verhallte des Tages Lärm, und vom nächtlichen Himmel + Sah'n die Sternenheer' auf die schlummernden Völker herunter. + + + + + Zehnter Gesang. + + + Abendröthlich erglänzt der schnellentgleitende Rheinstrom; + Völlig verhallte der Sturm; nur liebliche Lüftchen bewegen + Manchmal, leis'umsäuselnden Flugs den ergossenen Spiegel + Seiner Gestade, wo links und rechts, von dunklen Gebüschen, + Wäldern, und Höh'n, nun hochaufragende Thürme der Burgen, + Nun hellschimmernde Städt' und Gotteshäuser sich heben, + Und ihr Bild in die spiegelnde Fluth von oben nach unten + Kehren, gewiegt von dem Zuge der raschforteilenden Wellen. + Wechselnd, von einem zum andern Gestad' durchkreuzen der Vögel + Singende Scharen die Luft, und ziehen dem schauernden Wald zu. + Abendglockengetön, vermengt dem Blöcken der Heerden + Schallet die Ufer entlang, als jetzt an dem wölbenden Himmel + Auf sich schwingen die goldenen Stern'; umschattendes Dunkel + Ruh' auf die Welt umher verbreitet, und jeglicher Laut stirbt. + Von Schafhausen allein tönt Donnergetös', in des Abends + Stille hörbarer noch dem Ohr: wo im schwindelnden Jähsturz + Sich von dem Klippendamm hinab zum versunkenen Strombett + Stürzt die gewaltige Fluth, aufschäumt an den Felsen, und dorther + Schauernden Nebelqualm in die Haine hinaus, und die Thäler + Sendet im Windeshauch', unendlichen, ewigen Eilflugs. + + Sieh', ein Ritter kam aus fremden Landen gezogen! + Eilig trabt' er die Straße herab, und ihm folgte der Knappe + Fern, ermattet der Last der Wanderung. Aber den Ritter + Trieb herzinniges Leid und der Heimath glühende Sehnsucht. + Als er im Abendlicht, hervor aus dem dunkelen Eichwald + Kommend, vor sich das weitverbreitete Land, und inmitten + Fluthen sah den ersehneten Rhein, da hielt er das Roß an; + Sprang aus dem Sattel herab, warf sich, erschüttert, zum Boden, + Netzt' ihn mit Thränen, und stand, in des Anschau'ns Wonne versunken. + Hartmann war's, der jetzo dem Strom sich nähernd, und kehrend + Heim in das Vaterland, die trauten Gefilde begrüßte. + Drüben am linken Gestad', ersah er das freundliche Städtchen + Rheinau, welches der Rhein im kreisenden Lauf, sich nach Osten + Wendend, umfließt. Dort baute (so künden die Sagen der Vorzeit) + Sorglich das Gotteshaus Funtan, der Heilige,[1] Schottlands + Königen blutsverwandt, den Brüdern von Monte-Cassino, + Als er, ein Pilger, dort die Stelle, vom Geiste getrieben, + Endlich fand, wo allein der Strom nach Osten den Lauf kehrt. + Hartmann sah vom Gestad mit bewegtem Herzen hinüber -- + Sah im Geist noch hinaus weit über die Berge, des Aargau's + Liebliches Thal, und dort von dem Felsenhügel die Habsburg + Ragen aus dunkeln Tannen empor in die Luft, und herunter + Schau'n auf die Fluthen der Aar, + die ihr, eilenden Laufes vorbeirauscht. + Zwar vermißte sie jetzt die trauten Gebiether: der Vater + Fern (er tauschte den Grafenhut mit der Krone der Kaiser) + Todt die Mutter -- von ihm die holden Geschwister geschieden. + Er, der Unglückliche, kehrt allein, in einsamer Stille + Dort zu erreichen das tröstende Ziel der irdischen Wand'rung. + + Doch nun rief er, bewegt, dem spätnachfolgenden Knappen: + »Mangold, fasse das Roß an dem Zaum', und führ' es mit Vorsicht + Ueber die Brücke zur Stadt; bald folg' ich dir nach in die Herberg!« + Mangold faßte das Roß an dem Zaum, und führt' es mit Vorsicht + Nebenher, dem seinen gesellt, hinüber nach Rheinau + So, daß die Brück', entlang, erst laut, dann leiser und leiser + Unter dem eisernen Huf fortpolterte, bis zu dem Land hin. + Hartmann weilete noch. Er saß in Trauer versunken, + Dort auf dem Felsenriff, das sich auf die Fluthen hinüber + Beugt; sah oft nach den Wellen hinab, wie sie rollten, und eilten + Rastlos fort in des ewigen Meers verschlingende Tiefen, + Und gedachte mit Trost der eilenden Tage des Lebens. + Sieh', nun hob sich vor ihm der Mond in des Himmels Gezelt auf; + Hellte die Nacht, und zog in grünlichen Goldes Gefunkel + Quer auf dem dunkelen Strom die flimmernde Straße hinunter, + Der er, bewegt, nachsah, bis dort zu dem äußersten Rand hin, + Wo das Gestirn sich scheitelrecht in den helleren Fluthen + Spiegelte. Dort winkt' ihm (so däucht' es ihn) freundlichen Blickes, + Jenseits her aus ätherischem Glanz die liebende Mutter. + Ach, er streckte die Arme nach ihr mit stöhnender Brust aus; + Beugte die Stirn', und ihm sank die heimliche Thrän' aus den Augen! + Jetzo fuhr ein Kahn rasch über den schimmernden Mondpfad; + Muntere Stimmen erreichten sein Ohr. Herüber von Rheinau + Kehrte nach Eglisau, der Vater mit seinem Erzeugten, + Der, ein Fischer, dahin die Beute der Netze getragen, + Und seit Jahren umher auf dem fischdurchwimmelten Rheinstrom + Ruderte. Nun verfehlt' er, getäuscht, des Zieles: der Kahn schlug, + Von der Strömung gerafft, an dem Joch der gewaltigen Brück' um, + Barst entzwei, und die Zween verschlang, so mächtig sie kämpften, + Schrie'n, und riefen, die Fluth. + Nicht der lastenden Rüstung gedenkend, + Nicht der grausen Gefahr, aufsprang der edele Ritter + Auf das Angstgeschrei nach Rettung jammernder Menschen; + Lief das Ufer entlang, und warf sich hinab in die Strömung, + Als der Junge hervor aus der Fluth die Rechte gehoben; + Aber nicht rettet' er ihn, und fand in dem brausenden Abgrund + Dort das Ziel des schwermuthvoll entschwundenen Lebens.[2] + + Ach, nicht ahnte des theueren Sohns unglückliches Schicksal + Rudolph noch, der fern im Zelt, von den Helden umgeben, + Saß beim erquickenden Mahl, nach unsäglicher Mühe des Tages! + Draußen, von Lagerfeuern erhellt, verlor sich des Himmels + Nächtliches Grau'n; Geschrei und Gelärm erscholl mit dem Wehruf + Blöckender Lämmer und Schaf', und des dumpfaufbrüllenden Rindes: + Denn die Krieger besorgten das Mahl in geschäftiger Sorgfalt: + Jetzo das Fleisch in der siedenden Fluth, die im räumigen Kessel + Brodelte, wohl mürbkochend, und jetzt es auf kreisenden Spießen + Bratend so, daß der Wohlgeruch weit das Lager erfüllte. + Auch ermangeln sie nicht des herzerfreuenden Weines, + Oder des Brots; nicht des Habers und Heu's die munteren Rosse: + Denn des Heers Marschalk, der Breuner, hatte genügend + Alles und Jedes zur Stelle geschafft für die dauernde Kriegszeit, + Und stets lauter erscholl auftobende Freud' in dem Lager. + + Drinnen im hellerleuchteten Zelt, von den Helden umgeben, + Harrte der Kaiser zuvor des blühenden Königs der Ungern, + Dem er den Herold gesandt, als dort vom Lager vor Marcheck + Sich das siegende Heer erhob, die geworfenen Scharen + Ueber den Weidenbach voll drängender Hast zu verfolgen. + An dem Gestade der March, wo, g'en Hochstätten, im Halbkreis + Sich hinwindet der Fluß, aufragte die Kuppe des Felsens, + Der vor grau'n Jahrhunderten schon den Völkern zum Markstein + Dienete, jetzt dem Zelt des lebensfreudigen Königs + Kühlenden Schatten both, und, ferne geseh'n, in der Umwelt + Alles dem spähenden Auge verrieth. Dort fand ihn der Herold + Sitzend im munteren Kreis' der Zitherspieler und Sänger, + Die von dem Heldenzug der Ahnen herüber nach Ungerns + Reichem Gefild' und der Thatenkraft gepriesener Führer + Sprachen im jubelnden Lied'; auch rühmten darauf: wie im Feld' erst, + Kämpfend mit nieu erschütterndem Muth, des verbündeten Kaisers + Macht die Feinde bestand, und, gleich dem brausenden Sturmwind, + Der auf der Heid' im Herbst die verdorrten Disteln dahinjagt, + Trentschins ruhmverherrlichter Held dann ihnen im Rücken + Lag mit mordendem Stahl, als all die Scharen zerstoben. + Aber so laut der König sich d'rob erfreute, so gönnt' er + Dennoch dem Kunen den Ruhm vor dem Unger im heimlichen Busen, + Und ergrimmte noch mehr, daß ihm Kaduscha heute zurückstand. + Hastig nahet' ihm Meyenberg, der Herold, und sprach so: + »Herr, dein Herz erfreue der Ruhm des herrlichsten Sieges, + Den dein tapferes Volk mit raschentscheidender Thatkraft + Uns erringen half. Zum Kriegsrath ruft dich der Kaiser, + Und zu dem fröhlichen Mahl nach des Tags ermüdender Arbeit.« + »Gern,« erwiederte jener, voll Hast, »hineil' ich in's Lager + Meines erlauchten Verbündeten, der so edel gesinnt ist.« + Sagt' es, und schwang sich auf's Roß, im Gefolg kumanischer Reiter, + Ebenthal zu erreichen im Flug, wo im schimmernden Zeltraum + Rudolph, heldenumschart, sein harrete. Wie er dahinflog, + Fuhr der Staub zum Gewölk, erregt von den stampfenden Hufen. + + Alle gehorchten dem Ruf des erhabenen Kaisers: nur Einer -- + Kaduscha war nicht zu schau'n. Empört von dem Glücke des Helden + Von Trentschin, entboth er zu sich zweitausend der Reiter: + »Ha,« so sprach er, »was sollen wir hier, mit den Deutschen verbündet, + Nutzlos opfern das Blut, da jüngst den lohnenden _Woldan_[3] + Wie er den Raubritt hieß, uns grausam der Kaiser verwehrte? + Auf, wir zieh'n nach Günß, den tapferen Iwan[4] zu retten, + Den jetzt Bertholdsdorf, der Kammerer, stürmend, bedränget, + Innen im Raum der gewaltigen Burg! Wir entsetzen die Festung + Schnell mit würgender Faust, und erlösen den tapferen Grafen: + Dann soll Oestreich bald, verheert, und geplündert, mit Schrecken + Schau'n von nah' und von fern aufflammende Dörfer und Städtchen; + Aber wir kehren, beschwert mit reichlicher Beute, zur Heimath.« + Laut aufjauchzten sie ihm, nach Beute begierig, und zogen + Schnell g'en Heunburg fort, der Donau Fluthen hinüber, + Ueber die Brücke, die Albrecht jüngst erbaute mit Sorgfalt; + D'rauf gewahrten sie bald den Neusiedl-See, und die Mauern + Oedenburgs, und eileten rasch nach den Höhen von Günß hin. + + Doch schon hatte der Kaiser, vereint mit seinen Erwählten, + Mit vorschauendem Blick des Angriffs Weisen erwogen; + Manchen erforscht, und dem Forschenden gern mit würdiger Sanftmuth + Klaren Bescheid ertheilt: bis all', einmüthig, ihm Beifall + Zollten; die Ordnungen, Zahl, + und die Stellung der Völker im Schlachtfeld + Jeder gar trefflich fand, und jeglicher Zweifel entfloh'n war. + Siehe, nun scholl des Rosses Huf von der Straße herüber. + Jene horchten erstaunt; da sprach, sanftlächelnd, der Kaiser: + »Alle vermißet ihr hier nur ungern Hugo von Tauffers, + Jenen gewaltigen Greis, bei'm herzerheiternden Spätmahl. + Wahrlich, viel erduldet' er jetzt, in der engenden Festung + Müßig zu steh'n, der stets im Gemenge der eisernen Waffen + Rasch vortummelt das Roß, und allwärts ist, wo Gefahr dräut! + Ich entboth ihn in's Feld, dem jüngst verwundeten Helden, + Ortenburg, vertrauend die Vest', und er folgte dem Ruf bald.« + Als er's sprach, da trat der muntere Greis in das Zelt ein; + Grüßte den Kaiser zuvor, und den blühenden König der Ungern; + Dann die tapferen Helden umher mit feurigen Blicken, + Setzte sich hin, und begann: »Fürwahr, ich wähnte: verrosten + Müßte mein tüchtiges Schwert in der dunkelen Scheide für immer, + Und ich daheim Geschriebenes nur aus dem Munde des Mönchleins + Hören: von Thaten des Kriegs und euern errungenen Lorbern! + Aber als gütigen Herrn erwies dem alten Gesellen + Haug der Kaiser sich stets: sein dacht' er auch jetzo mit Huld nur. + Kaduscha sah ich zuvor an der Spitze des reisigen Volkes + Treulos flieh'n; er gab, hohnlachend, den kurzen Bescheid mir: + Iwan weih' er sein Schwert; euch wünsch' er Glück in dem Siegslauf.« + + All' aufhorchten mit Staunen dem Wort; doch glühendes Roth fuhr + Jetzo mit wechselndem Weiß in die Wangen des Königs von Ungern, + Und ihm blitzte der Zorn aus den halbgeschlossenen Augen; + Dennoch besann er sich schnell; both dann die Rechte Matthias + Von Trentschin, und sprach: »Du sey des Heeres Gebiether + Mir hinfort! Obgleich vom Geschlechte der Kunen geboren + Mir die Mutter ward; ich die Liebe des Kun's aus der Brust ihr + Sog als wimmerndes Kind, und, zum Jüngling gereift auf dem Todbett + Noch ihr schwur auf die pochende Brust: so will ich den, Unger, + Reuig erwägend die Schuld der dauernden Geistesverblendung, + Vorzieh'n jetzt dem Treulosen, der mich verließ, und nicht schmähen + Fürder das edlere Blut des throngebornen Erzeugers.« + Jener erhob sich mit Würde vor ihm, und beugte die Scheitel, + Schweigend, zum Dank. Doch, als im schlachtentscheidenden Kriegsrath + Für den bald aufdämmernden Tag Alljedes besorgt war, + Saß der Kaiser im Heldenkreis' bei dem fröhlichen Nachtmahl + Heiteren Blicks, und sprach, umschauend, zu Diesem und Jenem: + »Laßt euch Lagerkost, ihr Herrn, genügen: für jetzt noch + Sind der Gerichte nicht viel', doch würze die wenigen Frohsinn!« + Lautes Gemurmel erscholl in dem Zelt. Geschäftige Diener + Reichten die Speisen herum: das dampfende Muß, aus dem Vorrath + Zartesten Mehles gekocht; dann wildes und zahmes Geflügel, + Wohlgebraten am Spieß mit dem Rücken des jährigen Rindes, + Und, zum kräftigen Brote zuletzt, der Sitte geziemend, + Goldenen Honigseim, wie solcher dem Deutschen ersehnt war. + Andere trugen die Fluth des köstlichen Weins in den Krügen + Freundlich herum, und füllten den Bauch der räumigen Humpen, + Die vor jeglichem Gast', aus schimmerndem Erze getrieben, + Standen, nach Herzenslust bei dem Nachtgelage zu trinken. + Lauter und feuriger ward das Gespräch, und bewegter das Kriegszelt. + + Aber der Kaiser sah mit lächelndem Wink nach dem Ritter + Müller, dem Zürcher, der im Kreise der Fröhlichen, immer + Heiteren Scherzes gedacht', und jetzt zu Friedrich von Nürnberg + Also begann: »Herr Burggraf, sprecht: wie war's denn vor Basel + Mit dem Gelehrten, da Ihr ihm Habsburgs Pfennig nicht gönntet?« + Jener kündete nun mit hocherröthenden Wangen: + Wie in dem dauernden Kampf vor Basel dem edelen Ritter, + Rudolph, both sein Werk: »Von den Kriegen der Römer und Deutschen -- + So auch des Feldherrn Wissenschaft« ein Gelehrter aus Straßburg; + Jener ihm schnell ein Goldstück gab mit der goldenen Kette, + Die von dem Hals ihm hing, und d'rauf, voll Gier, in den Büchern + Blätterte; wie er -- der Schwester Sohn, ihm solches verwiesen, + Da viel Geldes das Volk ihn kostete, viel auch der Kriegszug + Fortan heischt'. »Ach hört,« so erzählt' er dann, »wie mich Rudolph + Schalt! »Der herrlichste Lohn,« so sprach er, »gebührt dem Gelehrten, + Der hochrühmliche Thaten beschreibt, und im Herzen den Muth weckt, + Sie zu vollbringen dereinst.« Er säße wohl selber mit Freuden + Ueber den Büchern, so ihm nicht die Zeit ermangelte; lieber + Spendet' er auch sein Gold auf ihn, der, dauernden Mühens, + Solche Schätze gehäuft, denn auf manchen untüchtigen Krieger.«[5] + »Wahrlich,« so fiel ihm Müller in's Wort, »kein wankendes Schilfrohr, + Das sich im Hauche des Windes bewegt, gewahrten die Gegner + Jemals an ihm, denn hört: der Regensberger vererbte + Auch an den Kraft von Toggenburg, der seines Geschlechts war, + Unversöhnlichen Haß g'en Habsburg. Feindlich umringten + Wir mit erlesenem Volk dort Uznach, die ragende Felsburg, + Und ein Krachen begann alsbald: denn laut und unzählbar + Flogen die Felsen nach ihr, von des _Antwerks_[6] mächtigem Wurfbaum + Hingeschnellt, das Ermel in Roth, der treffliche Meister, + Sinnig zu bauen, verstand. Auch die _Katzen_,[7] mit Erde bedecket, + Rasteten nicht, stets näher den Mauern gerückt, und die Krieger + Schirmend vor Feindesgeschoß, die im Sonnenlicht und im Nachtgrau'n + Schwangen die furchtbare Wucht des mauerzertrümmernden Balkens. + Hundert Fuß aufragte der Stamm des mächtigen Eichbaums, + Den der Meister sich wählt', und mit Eisen die Stirn' ihm bewehrte. + Donnernd schlug er die Wand, von kräftigen Kriegern geschwungen. + Endlich rückten wir auch mit dem _Ebenhoch_[8] an die Zinnen: + Schleudernd von ihm zermalmende Blöck' in die Mitte der Felsburg -- + Auch mit Schwefel und Harz erfüllete, brennende Kugeln. + Doch ereilt' uns d'rauf der grimmige Winter: verderbend + Hielt sich die Burg sechs Monden schon mit erlesenem Streitvolk. + Viele begruben wir dort der Unseren; viele vermißten + Wir an dem Morgen oft, die feig entwichen bei Nachtzeit; + Doch nie wankte noch Rudolphs Muth. Da warfen die Gegner + Lebende Fische heraus in das Lager, als spotteten sie noch + Seiner Gewalt. Er rief: »Ermannt euch: unser ist Uznach!« + Also geschah's. Er drang bei Nacht mit wenigem Volk nur + Ein durch den Mauerbruch, und eröffnete herzhaft das Thor selbst. + Unserm würgenden Schwert' erlagen die Gegner, und alsbald + Fiel auch die Burg, zerstört, auf den Wink des Helden von Habsburg.« + + Laut umtönt' ihn einhelliger Ruf: »Hoch lebe der Held uns!« + Doch nun sah ihn zugleich der blühende König der Ungern + Traulicher an, und sprach: »Stets bist du wohl glücklich gewesen? + Denn ein heiterer Geist wohnt dir in den freundlichen Augen.« + Jener begann: »Nicht also: denn vieles erduldet' ich seither, + Ander'n Sterblichen gleich, im wechselnden Laufe des Lebens; + Leidengeübt erkenn' ich das Maß auch der härtesten Leiden + Anderer; doch, ich lernete dem, was über uns waltet, + Frühe mich fügen; hab' treu an des Heilands Lehre gehalten, + Die uns gewiß, denn einzig wahr, hienieden und jenseits + Leitet zum dauernden Glück. Mit Dank genoß ich des Guten; + Setzte dem Schlimmen ein Ziel durch Geduld; + stets ehrt' ich die Wahrheit; + Meine Wege befahl ich dem Herrn, und schau' in des Grab's Nacht + Ruhigen Blicks: mir winket aus ihr das ewige Lichtreich.« + Sagt' es, und sah, bewegt, nach Albrecht, seinem Erzeugten, + Der an den Lippen des Vaters hing, und weinte, hinüber. + Stiller wurd' es im Zelt, da rief mit umschallender Stimme + Lichtenstein: »Was soll uns der Ernst bei der fröhlichen Mahlzeit? + Morgen ruft uns die Schlacht mit donnerndem Laut', und des Frohsinns + Jubel verhallt. Wer kehret, wer nicht? Weß' Sitz an dem Tisch hier + Leer ist bei'm künftigen Mahl: das steht uns zum Glück noch verborgen; + D'rum genießet des Augenblicks, eh' er schwindet auf immer! + Soll dieß herrliche Fest des Sängers ermangeln? Er harret + D'raußen nur eures Winks: der gemeinsamen Freude gedacht' ich.« + »Sage mir an,« sprach Rudolph jetzt, »weß' Landes und Volkes + Rühmt sich dein Sänger? Bekannt sind mir die Weisen der Meister: + Denn mir waren sie stets ersehnete Gäste; so mancher + Wallte zur Habsburg hin, und geehrt ging jeder von dannen. + Gierig horcht mein Ohr den zaubergewaltigen Männern: + Denn mit frischerem Grün bekleidet ihr Sang in dem Winter + Selbst, den entblätterten Wald, und mit Frühlingsblumen die Matten, + Die der herbstliche Wind versengt': auf den nebligen Himmel + Sä't er glänzende Stern' umher, und weckt in des Menschen + Fühlender Brust, gar mächtig die Ahnung der schöneren Zukunft, + Der hier unter dem Druck der Gegenwart, wie erstarret, + Ach, nach jener, so oft, mit inniger Liebe sich sehnet! + Eilt, und führt ihn herein den werthen Gast bei dem Mahl hier.« + Jener eilte hinaus; dann kehrt' er, und sagte dem Herrscher: + »Nicht unrühmlich bekannt ist Hornecks[9] Name, des Sängers, + Der aus der Steyermark entsproß, und in blühender Jugend + Fort nach Deutschland zog an den Hof des würdigen Bischofs, + Werner von Mainz, wo ihm Rotenburg zum Meister geworden. + Aber ihn drängte das Herz: ein redlicher Hirte der Schäflein + Seines Heilands zu seyn, und er weidete solche mit Sorgfalt, + Jahrlang, bis ihm die Feder zugleich und das Siegel der Bischof + Wieder vertraut'. Er starb, und Horneck kehrt' in die Heimath: + Erst dem Sänger des _Frauenbuch's_,[10] deß' Sohn ich mich rühme, + Sich zum Frommen zu weih'n: dann mir, als jener gestorben: + Denn mit unsäglichem Fleiß, in zierlichem Reim die Geschichten + Schreibend, folgt er mir treulich nach im Krieg' und im Frieden.« + Doch nun trat im langen Talare der heilige Sänger + Leise herein. Er trug die tönende Harfe mit Vorsicht + Unter dem Arm, und grüßte die Schar -- vor allen den Kaiser + Tief, und mit innigem Blick'. Erstaunt besann der Beherrscher + Deutschlands sich. Ihm schien: als hätt' er ihn früher gesehen; + Nur vom lastenden Alter gebeugt, und ergrauet an Haaren + Stand er, ein Fremdling, vor ihm. Da ließ er mit freundlichen Mienen + Auf den niedrigen Stuhl am Zelteingange sich nieder; + Langte die Harfe hervor, und fuhr mit flüchtigen Fingern + Ueber die Saiten dahin, die herzerschütternden Lautes + Töneten. Still ward's d'rauf in dem Zelt, und es stockte der Odem + Allen umher in der Brust, da er jetzt den feierlichernsten, + Heiligen Sang begann im Klange der bebenden Saiten: + + »Laut erbrauset der Sturm, und jagt tiefhangende Wolken + Ueber die finsteren Berge hinaus. Der laubige Hochwald + Trieft, der Gießbach rauscht, vom dauernden Regen geschwollen. + Sieh', dort ruhete nun, aus dem Sattel gestiegen, ein Ritter, + Nach ermüdendem Weidwerk aus. Von dem heiteren Antlitz + Strahlt ihm der Heldenmuth -- aus den bläulichen Augen die Wahrheit, + Liebe, und Treu'. Er sah in die Fluthen: sie saus'ten, und braus'ten, + Eilten im Fluge dahin, und er dachte des fliehenden Lebens. + Aber der Rappe scharrt; laut winselt der gierige Schweißhund: + Denn kein Wild auftrieb er im Forst, und der Ritter erhebt sich + Heim zu zieh'n in die Burg, wo sein die Liebenden harren. + Jetzt erreicht Geklingel sein Ohr. Von dem finsteren Wald her + Naht dem Ufer ein Priester des Herrn: im schimmernden Chorrock, + Und mit goldener Stol' an der Brust, nachschreitend dem Meßner + Eilig, das Engelsbrot zu dem sterbenden Manne zu tragen. + Doch jetzt schaut er, voll Angst, umher: denn siehe, der Gießbach + Schwemmte den Steg aus dem Grund', und drüben aufjammert die Hausfrau: + Hörbar poche der Tod an der Thür', und es lechze der Gatte + Nach der Labung, die ihn auf die Reis' in die Ewigkeit stärke. + Schnell entblößt' er die Füß' an des Ufers felsigem Abhang, + Dort die rauschende Fluth kühn durch zu waten, entschlossen. + Aber der Ritter kam in Eile herüber, und both ihm -- + Erst anbethend den Heiland der Welt, das gesattelte Reitroß + An zu heiligem Dienst, und kehrte, vergnügt, zu den Seinen. + Als der Abend sank, und die Welt in rosigen Schimmer + Hüllete, sieh', da führte der Priester das Roß an dem Zügel + Ueber den Burghof her, und sagt' es dem Ritter mit Dank heim! + Aber er sprach: »Was dünkt dich? Nein, nicht diene dieß Reitpferd + Fürder zu schnödem Gebrauch, das meinen Erlöser getragen: + Denn nun sey's der Kirche des Herrn mit dem Feld' an dem Weiher + Frei geschenkt, daß hinfort kein Wildbach mehr auf den Pfaden + Jenes unwirthbaren Raums, in dem heiligsten Amte dich hemme!« + D'rauf der Priester begann: »So vergelt' es dir Gott, der Erbarmer, + Edeler Herr, was du mit erbarmendem Sinn an dem Diener + Seiner Kirche gethan: stets mög' es dir glücklich ergehen! + Ha, mir sagt es der Geist, und ich irre nicht -- sey dieß Geheimniß + Dir in den Tiefen des Herzens bewahrt: dir zieret die Scheitel + Würdig dereinst die Krone des heiligen, römischen Reiches! + Herrschen wird dein Geschlecht auf dem herrlichsten Thron' + in die Zukunft + Endlos hin. Dein dauernder Ruhm erfüllet den Erdkreis!« + + Endete so: da sah'n zugleich die versammelten Helden + Staunend, dem Kaiser in's Aug', und erkannten des Grafen von Habsburg + Fromme That enthüllt, die er stets verschwiegen voll Demuth. + Aber er stürzte herbei, und drückte mit heißer Umarmung + Lange den heiligen Greis an die Brust; dann rief er bewegt so: + »Wahrlich, du bist's, Ehrwürdiger, der an dem rauschenden Gießbach + Mir mit dem Herrn erschien, dort Glück und Segen zu spenden! + Möge die ewige Huld dir hier und dort ihn vergelten!« + Jener beugte die Stirn' auf Rudolphs Hand, ihm die Thränen + Bergend, und wankte hinaus in dem einsamen Zelte zu ruhen. + Auch die Helden, gesammt, enteileten: denn an des Morgens + Tod- und lebenentscheidende Schlacht ermahnte der Kaiser + Sie mit erglühendem Aug': »O denket,« so sprach er, »des Morgens, + Der uns im eisernen Felde vereint. Im Sieg' ist die Freiheit, + Wohlfahrt, Ruhe und Glück viel Tausender: denket des Sieges!« + Aber erschütternd braust' ein Ruf aus dem Munde der Helden: + »Ha, wir gedenken mit Gott zu erringen den Sieg in dem Blutfeld!« + + Tief verstummte das einsame Zelt. Mit sinnenden Blicken + Ging der Kaiser umher; dann saß er wieder, und dachte + Noch des wechselnden Glücks der Sterblichen -- sah mit Ergebung + Himmelempor, und entschlummert' im Schimmer der Lamp' + auf dem Lehnstuhl. + Aber nicht lang, da fuhr er, bewegt, zusammen (nicht wacht' er, + Schlummerte nicht) ihm stand, verklärt in himmlischer Schönheit, + Hartmann, der liebende Sohn, vor den nachtumhülleten Augen, + Blickte lächelnd ihn an, und sprach: »In düsterem Zeitraum + Schieden wir, mein Vater! Mir ward auf dem irdischen Dornpfad + Jammer zu Theil, und ich weinete still: nicht gewahrend der Vorsicht + Mildumschlingende Hand, die allein zum lohnenden Ziel führt. + Ha, nun steh' ich am Ziel! Gelös't, und in himmlischer Klarheit + Liegen des Lebens Räthsel vor mir; versiegt ist der Thränen + Bitterer Quell', und es jauchzt die entfesselte Seele vor Wonn' auf. + Vater, traure nicht, wenn die Todesbothen dir künden: + »Hartmann starb in den Fluthen des Rheins: im rühmlichen Streben, + Retter zu seyn Unglücklicher!« Schon ist die sterbliche Hülle, + Die ihn umgab, in dem Baseler Dom zu Grabe getragen, + Wo ihm ein Denkstein wird, auf immer zum ehrenden Zeichen. + Traure nicht. Ich, und die Mutter -- wir harren dein in Gefilden + Ewigen Glücks, bis treuerfunden am Ziel, wo entscheidend + Sinket die Wag', und steigt, auch du, vor unsäglicher Wonne + Jauchzend, die Deinen ersiehst in seliger Wiedervereinung. + Denke der Alpenhöh'n, des Greises, und frommen Gelübdes, + Wenn in umdrängender Schlacht die Hoffnung des Sieges dir schwindet!« + Rudolph fuhr von dem Stuhl'. Er wähnte den fliehenden Schimmer + Noch an der Decke des Zeltes zu schau'n, und zitterte, starrend + Hin, den Gesichten der Nacht. + Dann rief er: »Ein furchtbarer Traum war's: + Furchtbar und himmlisch zugleich! + Mein Hartmann lebt, und mich täuschte + Nur der Lamp' aufflimmerndes Licht. O Herr, du bewahr' ihn!« + Sprach so; streckt' auf dem Lager sich aus, und entschlummerte wieder. + + Aber nicht herrschte die Ruh' und des Herzens Frieden in Ottgars + Zelt: denn eben kehrt' er zurück aus dem finsteren Eichwald + Götzendorfs, und er wähnete noch: die Schrecken der Hölle + Rauschten hinter ihm her, im Gezisch' unseliger Geister. + Furchtbar rollte sein Aug', und seine geöffneten Lippen + Zitterten. Doch nun warf er das Schwert auf den drönenden Tisch hin, + Ließ sich nieder, und starrte mit düsterem Blick' in des Oehldochts + Flimmernden Schein. Er eilte zuvor dem waldigen Thalgrund + Götzendorfs, im Grauen der Nacht, allein, und dem Heerweg + Fern' auf dem schnaubenden Roß entgegen: des dunkelen Schicksals + Ruf noch einmal dort an dem schauerumflossenen Eichbaum, + Dem die Bewohner des Dorfs nur mit Angst und Schrecken vorüber + Eileten: denn stets scholl Gezisch um ihn her, zu vernehmen. + Dorthin bannt' erst jüngst Drahomira, voll höllischer Arglist, + Einen täuschenden Spuk, zu verlocken den finsteren Ottgar, + Der um die Mitternacht hinwanderte, Gott zu versuchen. + Als er rasch auf den Baum losdrang, da trat ihm sein Engel + Unsichtbar in den Weg, und rief an das Herz ihm die Warnung: + »Wie, Verehrer des Herrn des Weltalls, Theuererlös'ter, + Willst du dem Vater der Lüge dich weih'n -- die unsterbliche Seel' ihm + Selbst verschreiben zum Pfand für trugverhüllende Zeichen? + Kehre zurück; bereue die Schuld des entflohenen Lebens. + Mild erbarmt sich der Herr des Reuigen: eil' ihn zu söhnen!« + Ottgar horchte bestürzt: denn zorngerötheten Blickes, + Sah der Unsterbliche jetzt nach dem Baume hinüber, und alsbald + Floh'n die finsteren Mächte davon. Ihr wildes Gezisch scholl + Laut um ihn her: er wandte das Roß, und im brausenden Eilflug + Kehrt' er heim in das Zelt, von Angst ergriffen, und Schauder. + Als er dort beim Scheine der mattaufflimmernden Lampen, + Sinnend, saß: da scholl ein Getrab anstürmender Rosse + Näher. Nicht lange, so stand Kunegunde, mit flammenden Blicken + Schauend, vor ihm, und sprach: »Hast du die verhüllete Neigung + Deiner so theuren Tochter dir, zu dem herrlichen Jüngling, + Wallstein, früher gekannt, der jüngst in's eigene Schwert sank, + Und ihr Herz verwundet im Zorn? Nie siehst du sie wieder. + Hedwig entfloh. Aus dem Kloster, ach, der ad'ligen Nonnen + Drüben im Ungerland kam mir die Kunde gesendet: + Eine Braut des Herrn, will sie in erkorener Stille + Leben hinfort. Schon hüllt ihr die liebliche Stirne der Schleier. + Schrecklicher, dein Werk ist's: gar viel des Schlimmen erlebst du!« + + Ottgar beugte das Haupt, und barg die thränenden Augen + Schnell mit den Händen vor ihr: von dem leise geahneten Schicksal + Seines theuersten Kindes bewegt. Er bebte, verstummend. + Doch sie sprach von neuem mit Hohn: »Im nächtlichen Grauen + Komm ich von Drösing heran: denn wer gewahrt' in des Tages- + Licht nicht die Scham und die heimliche Wuth mir im glühenden Antlitz + Ueber die Flucht des Böhmenheers -- des tapfersten Heeres, + Das sein Hort: weh mir, daß ich Gattinn dem Feigen geworden, + Fliehen hieß in dem Augenblick des entschiedenen Sieges!« + »Weib, halt ein!« schrie laut der Empörete, »kühn und entschlossen + War ich mein Leben lang, und feig ertrug ich als Gatte + Nur, die Launen des Weibs, das mir zum Jammer zu Theil ward. + Ach, die unfriedliche Ehe gebiert die herbste der Qualen! + Doch für jetzo hinweg mit eitlem Gezanke. Zu furchtbar + Dränget der Augenblick: nicht fern ist die Stunde der Schlacht mehr. + Fort noch heute g'en Prag! Ich sende dir muthige Scharen + Zum Geleit. Mit dir sey Gott! Kunegunde die Mutter + Meiner Kinder bist du! Erhabenes liegt in den Worten. + Halte sie wohl, die theuern! Gar viel ertrug ich des Schlimmen + Mit Geduld, um die Kindlein: denn mir fehlte der Sohn noch. + Ha, daß vielleicht, so mir die Heimkehr wird aus dem Kriegszug, + Schönere Tag' uns blüh'n! Nur als Sieger siehst du mich wieder.« + Sagt' es, und stand, verwendeten Blicks. Ihr rollten die Thränen + Ueber die Wangen herab: denn tief vorahnte sie's: nimmer + Werde sie ihn mehr seh'n; doch scholl kein freundliches »Leb' wohl!« + Ihr von den Lippen; sie ging, und schwang sich auf's Roß, + von den Reitern + Dicht umschart, bald Prag, die herrliche Stadt zu erreichen. + + Heftig bewegt, ging Ottgar jetzt im dämmernden Zeltraum + Auf und nieder, und sann. Schon längstentflohene Zeiten + Kehreten ihm, nun lieblich und hell, nun nächtlich und furchtbar, + Wieder im Bilde zurück, und ach, unendliche Wehmuth + Faßte sein Herz, als dort die dämmernde Helle des Nachtgrau'ns + Trauergewölk verschlang, und um ihn, verödet, die Welt lag! + Stöhnend streckt' er zuweilen den Arm weit vor, und ersehnte + Heiß, zu entreißen dem Grab, was solches im Moder bedeckt hielt. + Seine Lippen bewegten sich dann, und lispelten Nahmen, + Ort, und Zeit umher in die Dämmerung. Willigen Herzens, + Wär' er mit flehendem Wort vor Dem, und vor Jenem gesunken + Auf die Knie', zu erringen den Wink ersehnter Verzeihung. + Doch, als Niemand war, der Antwort gab, und auf Erden + Alles, verstummt, und erstarrt, auf immer jegliches Mitleid + Ihm zu versagen schien: da hob er die furchtsamen Augen + Auf zu dem Himmel, und sah durch leis'aufquellende Zähren, + Zweifelnd, hin, bis jetzt, erschüttert, die bebenden Händ' er + Faltete; dann, gesunkenen Haupts, auf die Kniee sich werfend, + Also begann: »O Herr, nicht geh' in's Gericht mit mir Armen! + Ringsum drängt mich die Schuld, + wie die Fluthen des schwellenden Bergstroms, + Und einstürzender Berge Geröll. Wo find' ich Errettung + Einst vor deinem Zorn, Allmächtiger, wo, so dem Schuldner + Nur vergeltendes Recht, nicht auch Erbarmen zu Theil wird? + Doch Erbarmen mit mir, das, hart- und eiserngesinnet, + Ich nicht übt' an den Menschen -- ein Mensch? Erhebe die Hand nur, + Furchtbarer, straf' mich: denn ich hab' es verschuldet, auf immer! + Dennoch nimmst du die Sühne noch an; barmherzig und gnädig + Bist du, o Herr, wenn reuig das Herz auf der irdischen Bahn noch, + Schmerzdurchdrungen, sie beut! Noch wandl' ich auf ihr. Im Bewußtseyn + Schrecklichen Frevels, zu dem auf der schwindelnden Höhe des Thrones + Mich die gefährliche Macht und der feiggesinneten Schmeichler + Zauberruf hinriß, und des ungebändigten Herzens + Ehrgeiz, Stolz, und begierliche Gluth stets mächtiger drängte, + Will ich, läßt du mich leben, o Herr, mit reuigem Herzen + Sühnen die Schuld! Wie ich einst des Kreuzes heiliges Zeichen, + Siegend, zur Ostsee trug, und dort den verwilderten Heiden + Deines Nahmens Ruhm verkündigte, eifernd für Wahrheit, + Tugend, und Recht; wie dort das Herz bei jeglichem Guten + Höher im Busen mir schlug, und ringsum die heitere Schöpfung + Lächelte, weil in der Brust noch Frieden mir wohnte: so will ich, + Ein erneuerter Mensch, hinfort dir leben, und würdig + Wandeln vor dir, geschirmt von deiner allmächtigen Rechten! + Ha, der Morgen graut! Ich stehe g'en über den Feinden: + Jenem zumal, der mich verhöhnete -- mir in dem Herzen + Glühenden Haß und Rachsucht weckt'. Ich verzeih' ihm: du heischest + Solches, mein Heiland, von mir zum Gehorsam. Im redlichen Kampf nur, + Den des Throns erworbenes Recht und die Liebe der Völker + Heiliget, will ich ihm steh'n, und anheim dir stellen mein Schicksal. + Gieb mir den Sieg, Herr! Doch nicht mein -- dein Wille geschehe!« + + Aber die Himmlischen feierten nun der unendlichen Allmacht + Huldausstrahlenden Wink. Auf Erden erglühte das Frühroth. + + + + + Eilfter Gesang. + + + Zweifelnd rang der Tag mit der Nacht, und im schauernden Zwielicht + Ruhte die Erde, noch rings vom holden Schlummer umfangen, + Als das schreckliche Paar der Meerenberger in's Lager + Kehrete. Dort an dem Pfad, der, längs dem duftenden Weinberg, + Immer höher sich hebt, und erst an dem felsigen Hügel + Schwindet, von welchem der Rabenstein empor in die Luft ragt, + Standen die Rachebrüder, vereint zu entsetzlichen Thaten, + Schon drei Stunden lang, und sah'n mit finsteren Blicken + Bald nach dem Hochgericht, bald einer in's Auge dem andern, + Das, wie der Blitz aufflammt in dem Nachtgrau'n, öfters erglühte + Vor dem gewaltigen Drang des grimmgesättigten Herzens. + Aber da sprach der ältere so zu dem jüngeren Bruder: + »Siehe, der Morgen graut; schon bin ich gefaßt, und entschlossen! + Komm: die Vorhuth harrt, der wir uns entzogen.« Und jener + Sagt', erweicht: »Noch ist das Entsetzliche, dem ich erbebe, + Nicht gescheh'n; noch stehen wir fern dem gekröneten Gegner, + Den ich zu morden schwur in der offenen Schlacht, in des Tempels + Heiligthum, und in dem stillen Gemach, wie solches das Glück mir + Günstig beut. Bereit ist die Rach', und der schändlichste Frevel + Heischt sie mit Recht, und doch -- ich könnt' ihm verzeihen! + Nicht zürne + Theurer, mir ob dem Wort', er sinkt: ich könnt' ihm verzeihen!« + »Wie,« so entgegnete jener voll Wuth, »das verhaßteste Wort kam + Dir von den Lippen: verzeih'n? Sieh' hin nach dem Baume des Fluches! + Ist er nicht jenem gleich -- vielleicht daß die höllischen Mächt' ihn, + Mir zum Hohn, durch Zaubergewalt herführten im Luftraum, + Weh', auf dem der edelgesinnete Bruder, mein Seyfried, + Schuldlos litt; das Haupt zu den Füßen gebunden, nach dreimal + Schrecklichen Tagen verblich? Verzeih'n? + Ich erwürge dich, thust du's!« + Jener verstummte vor ihm, und sie kehrten mit eilenden Schritten + Wieder zurück zur Heldenschar der erlesenen Vorhuth. + + Drüben in Osten entstieg des erd'umrandenden Himmels + Tiefen, gehüllt in Rosengluth, die ersehnete Sonne; + Aber sie schwand dann bald, von düsteren Wolken verschlungen, + Wieder, und zeigt' auch heute nicht mehr ihr freundliches Antlitz, + Bis sie vom Abendthor erreicht das herrliche Ziel sah! + Schon war drängende Hast und dumpfes Gemurmel im Lager + Beider Gegner erwacht; schon sprengten die Herolde hierhin, + Dorthin fort: des Heers Aufstellung den schaltenden Amtnern[1] + Kund zu thun, wie solche zuvor der Herrscher gebothen. + Ottgars dräuende Macht hob weit an dem dunkelen Spannberg + Sich empor: ausdehnend rechts den mächtigen Flügel + Bis g'en Weidendorf, und links an die Marken von Dürnkrut, + Also geordnet in sechs Heersäulen, dem Feind zu begegnen: + Hier an das Böhmen-Volk der Sachs und der Bayer, und drüben + Reuß' und Pol' an jenes aus Mähren, gereiht, mit den Scharen, + Kunrings: denn ihm verharrete dort mit erlesenen Kriegern + Noch zu getreulichem Dienst Hadmar, der ältere; Leutold + Nur, aufflammenden Zorns, zog jüngst mit den Seinen zur Burg heim. + + Aber wie gestern am Wall', zu drei Heersäulen geordnet, + Standen des Kaisers Reih'n entgegen den Reihen der Gegner, + Und gedachten anjetzt vor dem Kampf, der Beicht und des Bußwerks: + Denn manch tapferer Krieger sprach: »Wo weilt in des Heeres + Ordnung der Seelenhirt, der von dem verirreten Schäflein + Höre die Sünden bekannt, und im Nahmen des Herrn es entlasse, + Ledig der Schuld? Ach, furchtbar wär's, in solcher zu scheiden!« + Bald gewahrt' er den Wink, der ihm das ragende Zelt wies, + Wo in dem dämmernden Raum, mit niedergehefteten Augen, + Heiligen Mitleids voll, der Priester des Herrn zu Gericht saß. + Willig senkten vor ihm auch sonst unwillige Knie' sich + Jetzt in den Staub, und, segengestärkt, bekannten die Krieger, + Nicht durch Erdenmacht -- nein, nur von dem Herzen getrieben, + Was sie gefehlt, und bereut; sie höreten warnende Lehren; + Hörten erfreuenden Trost, und zuletzt den göttlichen Ausspruch, + Der sie lös'te, nicht band, auf dem Wege des Heils und Erbarmens, + Wie es der Meister gelehrt, der Menschen des Himmels Gewalt gab. + D'rauf, als dort vor jeder der drei Heersäulen ein Priester + Würdig die Feier des Abendmahls vollendete, traten + Sie zu dem Tische des Herrn, und empfingen die Speise der Seelen, + Klopfend die Brust dreimal mit des Kapernaonischen Hauptmanns + Demuthssinn, der sprach: »O Herr, nicht würdig erkenn' ich + Mich, daß du einkehrst heute bei mir; doch, sprichst du ein Wort nur, + Wird die Seele gesund!« Und mit Freudigkeit stellten die Scharen + Wieder sich auf in Reih'n, gestärkt in heiliger Andacht.[2] + + Jetzt erwacht' in dem Lager Getös'. Der edele Ritter + Rief den Knappen herbei, daß er säh' nach dem Zaum' und dem Bügel -- + Nach dem Sattel und Gurt: ob jedes dem mächtigen Schlachtdrang + Haltbar sich wies'? da er selbst den Helm mit dem Riemen am Kinn sich + Festigte; dann sein gutes Schwert, aus der Scheide gezogen, + Prüfte, die Schneid' entlang, mit sanfthingleitendem Daumen. + D'rauf noch einmal umwandelnd das Roß mit forschenden Blicken, + Faßt' er hurtig den Zaum, und sagte zu seinem Getreuen: + »Grüß' mir den grauenden Vater daheim, so der Vater im Himmel + Mich in dem Waffengemeng, durchbohrt vom feindlichen Eisen, + Abruft: bald nachfolgt, vom Alter gebeugt, er in's Grab mir!« + Aber ein Anderer sprach: »Merk' auf! So ich niedergeworfen + Lieg' auf dem Feld', und du kehrst, so bringe der Grüße viel tausend' + Dort der Schwester noch, der redlichen: denn in dem Leben + Theilten wir Freud' und Leid, vereint von der zartesten Jugend!« + Wieder ein Anderer trat mit dem Knappen beiseit', und geboth ihm: + »Kömmst du vorüber die Burg, wo mir, holdselig, das Fräulein + Treue Minne gelobt: oft hast du es selber gesehen, + Wie von dem Erker sie mir, dem Scheidenden, thränenden Blickes, + Nachsah, dann noch fern mit dem schimmernden Tuche mir winkte: + O so sprich: »Treu bis in den Tod ihr weiht' ich das Leben!« + Doch der fromme Gemahl begann mit sinnendem Ernst so: + »Redlicher, kehrst du, des Ritters beraubt, zur rühmlichen Heimath: + Grüße die beste der Frau'n und die holdaufblühenden Kinder + Alle mit herzlichem Wort! Die so edelgesinnete Gattinn + Solle mir ja bewahren den Eid, und die munteren Jungen, + Sorgend mit Mutterhuld, zur Furcht des Herrn auf der Wahrheit + Hellem Pfad' erzieh'n, daß sie Männer in jeglichem Sinne + Werden, und wir vor Gott uns wiederfinden in Wonne!« + + So bestelleten dort, voll Hast, die gerüsteten Ritter, + Vor dem Entscheidungskampf, des ergriffenen Herzens Geheimniß. + Andere sprengten daher, und schüttelten Diesem und Jenem + Freundlich die Hand, »leb' wohl!« auf immer vielleicht ihm zu rufen. + Doch die, bundesgesellt, in den schimmernden Reih'n sich erblickten, + Eineten sich mit betheuerndem Wort' und mit kräftigem Handschlag: + Nahe zu seyn in Gefahr, und zu schützen der eine den andern. + + Sieh', da ritt, umringt von seinen gewaltigen Feldherrn, + Nach vollendetem Mahle des Herrn, auch der Kaiser herüber! + Hugo von Tauffers sah des Heers Aufstellung, und sagte: + »Herr, nicht schweigt dein Haug: er kennt den gütigsten Herrscher! + Heiße die Scharen in fünf, nicht in drei Heersäulen geordnet, + Gegen den Feind vordringen im Feld, daß die tapferen Krieger + Jeglichen Volks, entflammt von der rühmlichen Liebe der Heimath, + Streben den andern zuvor, zu erringen den herrlichen Siegspreis.« + »Klug hast du,« sprach jener mit Huld, »mir gerathen. Des Weisen + Rath ist besser denn Gold, und des Demants funkelnder Reichthum + Wiegt ihn nicht auf. So möge das Heer in gesonderten Haufen + Stehen: um mich die Ritter-Schar und die Völker aus Deutschlands + Oberen Gau'n; dann rechts, in zwei Heersäulen der Ostmark + Heldensöhn' und der steyrischen Mark, und in zweien, zur Linken, + Jene von Kärnthen und Krain, von muthigen Führern geordnet; + Aber das tapfere Volk der Ungern stehe zur Rechten -- + Jenes der Kunen zur Linken zurück: im entscheidenden Zeitraum + Vorzubrechen, und dort zu vernichten die fliehenden Scharen, + Da von der Warte von Ebenthal der mächtige König, + Schauend als Zeuge sein Volk, zum Sieg entflammet die beiden.« + + Also geschah's. Noch war der volkvereinenden Fähnlein + Pracht im Heer nicht enthüllt. Die Fahnenjunker entbanden + Solche dem ragenden Schaft', und sie flatterten jetzt in dem Wind hin, + Zahllos, buntvermengt, wie im Lenze die Blumen des Feldes. + Alsbald sprengten die Edeln heran, den Ruhm zu erringen: + Vor dem Kaiser im Kampf' einher zu tragen die Sturmfahn':[3] + Oestreichs Demantberg' und Edelgesteine mit Konrad + Haselau; dann Trautmansdorf mit seinem Erzeugten, + Ach, dem einzigen jetzt, und auch Capellen mit Heunburg! + Aber mit freudigem Stolz begann der erhabene Kaiser: + »Werth seyd ihr des Ruhms, des herrlichsten, alle vor allen; + Doch mein Haselau, der achtzigjährige Greis dort, + Heischt ihn mit Recht: d'rum werd' ihm heut die erlesene Stelle + Oestreichs Siegespanier für Oestreichs ewige Herrschaft + In der entscheidenden Völkerschlacht zu erhöh'n, und es steh' ihm + Lichtenstein, so er dort ermattete, hülfegesellet. + Tritt, Markgraf von Hochberg, vor, und empfange die Reichsfahn'! + Albrecht, du, mein ältester, komm, mir die erste der Fahnen, + Die vor allen, geziert mit dem Bild des erlösenden Kreuzes, + Aufragt, heut zur ermunternden Schau, in dem Kampfe zu weisen: + Dicht vor mir in Gefahr und todverbreitendem Schlachtgrau'n, + Wie du es selber ersehntest jüngst, im muthigen Herzen!« + Hochberg hob nun zuerst des heiligen, römischen Reiches + Fahne zur Luft, wo schwarz im gelbherschimmernden Feldraum + Sich der Doppel-Aar, mit Zepter und Krone geschmückt, wies; + Jene von Oestreich Haselau, ehrwürdigen Anseh'ns, + Weisend den schneeigen Streif in Leupolds rühmlichem Blutfeld. + Beide hielten, dem Kaiser nicht fern, zur Rechten und Linken; + Aber vor ihm hob dann sein Albrecht die heilige Fahn' auf, + Die in dem grünlichen Feld mit dem Bild des Erlösers geschmückt war. + Wieder begann er, und sprach vor dem Heere mit leuchtenden Augen: + »Schwarzenberg, nun hin, zu erforschen den König von Böhmen: + Ob er gerüstet im Feld' uns heut zu begegnen, gewillt sey? + Nahe der Vorderhuth, mit den Reisigen wirst du ihn treffen: + Denn er kennt in Gefahren des Kampfs die unmännliche Furcht nicht!« + Jener enteilete, wie der fernhinbrausende Sturmwind, + Der des Staubes Gewölk auf dem Heerweg, wirbelnd, emporhebt. + Bald annahte der Held dem nahenden Feind', und gewahrte + Dort an der Vorderhuth, im Kreis' erlesener Feldherrn, + Ottgars hohe Gestalt, der, herrlichgewaffnet, daherkam: + Denn er hüllte das Haupt in den silbernen Helm, und es wand sich + Rings um selben, die Kron' aus strahlendem Golde, gezackt, auf; + Auch der Harnisch und Schild, und am Arm und dem Beine die Schienen, + Die er sich heute gewählt, erglänzten von Silber, und dräuend, + Warf von des Degens Griff in der Rechten ein röthlicher Demant + Blitz' umher. So kam er, zum Kampf gerüstet, herüber. + Als er den Ritter ersah, da hemmt' er den schnaubenden Rappen + Rasch mit zorngeröthetem Blick; doch jener begann so: + »Herr, du hast den Frieden verschmäht: so bieth' ich dir Krieg denn, + Ich, von Schwarzenberg, des Kaisers gesendeter Herold, + Krieg auf Leben und Tod, im Nahmen des Kaisers! Er fragt dich, + Edelgesinnet, zuvor, nach altherkömmlicher Sitte:[4] + Ob du, gerüstet zum Kampf', ihn heut' erwartest im Schlachtfeld?« + Also der tapfere Held. Grimmlächelnd erwiederte jener: + »Bring' ihm die Kunde zurück: ich sey Streit's halber[5] gekommen!« + Sagt' es, und wandte das Roß, im schnelleren Zuge die Krieger + Vorzuführen zur Schlacht, und zu schrecklichem Feindesgemetzel. + + Schon verkündete Schwarzenberg, der edele Herold, + Kehrend in Eile zurück, dem Kaiser, daß ewige Feindschaft + Ihm der König gelobt, und bald vorstürme zum Angriff. + Sieh', und kaum entfuhr ihm das Wort, da jagten des Gegners + Vorderste Haufen herab von dem Hügel; viel tausende folgten + Bald den ersteren nach, und verdunkelten alle die Höhen! + Manchem der Krieger, der zum ersten Male des Feindes + Scharen ersah in dem Feld; noch nie der würgenden Waffen + Furchtbaren Schlag vernahm, und empfand in dem Sturme des Angriffs, + Pochte das Herz in der Brust viel mächtiger: wechselnde Schauer + Liefen ihm fort und fort an dem Haupt und dem Rücken hinunter, + Und zu dem Helmdach hob sich oft sein starrendes Haar auf. + + Doch nun ritten im Flug' aus den Reih'n der mittleren Heerschar + Hundert Jünglinge vor, die aus Zürich, dem Städtchen, gezogen; + Stellten dort vor dem Kaiser sich auf, und einer begann so: + »Möchtest du jetzt, erhabener Herr, ruhmwürdiger Sitte + Denkend, ertheilen den Schlag, der uns den Edeln geselle! + Ha, nicht soll es dich reu'n, wenn wir vordringen im Schlachtfeld!« + Freudig entblößte der Kaiser sein Schwert, erhob es, und sagte: + »Blühende Männer, wohlan: da ihr edele Thaten verheißet, + So gescheh' euch nach Wunsch! Hart drängt uns die Stunde: wir schlagen + Darum euch nur auf den Helm und den Schild, nach edeler Sitte, + Jetzt im Nahmen des Ein-dreieinigen Gottes zu Rittern.« + Und er führte den Streich kreuzweis nach den Helmen und Schilden + Aller umher. So wurden sie hier den Edeln gesellet.[6] + Aber er sprengt' im Fluge hinaus vor die glänzenden Scharen; + Schwang das Eisen, und rief mit lautumschallender Stimme: + »Tapfere, hört: nun gilt's! Dort nah't in furchtbarer Mehrzahl, + Unversöhnlichen Grolls, der Feind, uns die Länder der Ostmark, + Ja, auch die Krone des Reichs, im entscheidenden Kampf zu entreißen. + Aber nicht soll er deß' sich erfreu'n. Allmächtig ist Gottes + Schützender Arm: er führt uns mit allumfassender Vorsicht + Durch die sonnige Flur und die Nachtabgründe des Lebens: + Fest ruht mein Vertrauen auf ihm. So werdet auch ihr jetzt, + Stark durch Gott, mit unbeugsamer Kraft des endlichen Kampfes + Schrecknisse siegend besteh'n; den eidverhöhnenden Frevel + Strafen: erringen die langersehnete Ruhe für Deutschland; + Gründen der Völker Glück und euren unsterblichen Nachruhm. + Ha, und erliegen wir auch, so laßt uns erliegen als Helden! + Eins sey mein, und euer Geschick: ich, Kaiser der Deutschen, + Leb', und sterbe mit euch auf dem winkenden Felde der Ehren.« + Sieh', und die jauchzenden Scharen entlang aufblitzten die Waffen + Aller zugleich in die Luft: sie heischten urplötzlichen Angriff. + + Aber auch Ottgar rief entflammende Worte den Seinen: + »Sehet,« so sprach er mit grimmigem Blick, »schon naht uns des Gegners + Heersmacht, der so frech uns höhnete, schändliche Täuschung + Uebend an mir, und an euch: noch bebt mir die Seele vor Schauder, + Denk' ich's! Doch er büße dafür: denn ewige Schand' euch, + So ihr nicht rächet die Schmach, + die, gleich, dem Volk' und dem Herrscher + Böhmens galt. Gedenket der Zeltvorhänge von Kamberg, + Strafet des Frevlers Trotz. Er brüste sich, daß ihm die Kunen + Gestern erfochten den Sieg. Schaut hin nach den rühmlichen Feldern + Kressenbruns, wo ich Bela's Macht, vernichtend, in Staub warf. + Ha, noch bin ich der Held, der euch vom Siege zu Siegen + Führete! Fort -- greift an! Dem dräuenden Aare von Oestreich + Möge der böhmische Leu' nun weisen die furchtbaren Klauen.« + + Also empörten ihr Volk die schlachtgebiethenden Herrscher. + D'rauf erscholl ringsher Geschrei und Getümmel; die Trommeln + Wirbelten; laut in dem Sturm erklangen die eh'rnen Drometen: + Hier die Reisigen, dort des Fußvolks Reihen zum Angriff + Drängend im Feld', und so, wie ein Lüftchen die wogenden Aehren + Treibt im Kreise herauf und hinab: so bewegte sich hierher, + Dorthin, wimmelnd, das Heer. Staub flog empor, wie im Märzmond, + Wenn der eisige Nord-, dann wieder der brausende Westwind + Noch den entfliehenden Winter hemmt, und am glänzenden Mittag + Rieselgewölk aufjagt: da hebt sich im wirbelnden Aufflug + Hoch in die Lüfte der flimmernde Schnee; da schwindet des Himmels + Sonnige Bläue; das Thal, und die ringsaufragenden Berghöhn + Hüllt das Gestöber in Nacht: so erregte der feindlichen Scharen + Schlachtanlauf unendlichen Staub in den Saatengefilden, + Und das Entsetzen schnob aus dem Grau'n des umnachtenden Qualms her; + Aber nicht anders, wie dann, mit entfesselter Wuth, die empörten + Stürzen aus Westen und Norden zugleich auf den wimmelnden Hafen, + Wo das Gewässer des Meers, aufbrandend, sich hebt; von den Ankern + Reisset das Seil, und jetzt, wild an einander geschleudert, + Mitten im furchtbarn Wogengeheul, am zerschmetterten Schiffsraum + Kracht der Raum, am Maste der Mast, und, berstend am Kiel hin, + Donnert das hohle Verdeck, daß rings den umuferten Hafen + Grause Zertrümmerung hüllt: so stießen die Heere zusammen. + Sieh', und seitwärts, weit vom Winde hinübergetragen, + Legte sich jetzo der Staub in dem Feld: da sah'n sich die Gegner + Näher in's Aug', und ha, bald traf das Eisen auf's Leben! + Doch, ach! mußte der Kampf für Rudolphs Helden so schrecklich, + Und am schrecklichsten noch, für den einen der Helden beginnen? + + Zamor trieb aus der Vorderhuth die rüstigen Schützen + Reussens vor in die Schlacht. Sie hatten der tödlichen Armbrust + Sehne gespannt; den Pfeil in die Röhre des Schaftes geschoben; + Fest an die Wange gepreßt den krummgebogenen Kolben; + Dann im Lauf, nach dem Gegner zielend, das schnellende Zünglein + Losgedrückt: urplötzlich ertönte die Sehn', und erbraus'te + Fort in der Luft der befiederte Pfeil, nach feindlichem Herzblut + Lechzend: er traf, und verwundete Roß und Mann in den Scharen, + Die aus der Steyermark herlenkte der tapfere Pfannberg, + Und jetzt Trautmansdorf beherrscht: da jener, verwundet, + Noch im luftigen Zelt des vielerfahrenen Arztes + Sorge sich fügt: voll Gier, in die Schlachtreih'n wiederzukehren. + Trautmansdorf ermahnete laut das treffliche Fußvolk + Und die Reiter zugleich, des vaterländischen Ruhmes + Eingedenk', heut' in dem Feld' als mannhafte Streiter zu stehen. + Freudig gehorchte das Volk, + und im Sturmlauf ging's an den Feind jetzt, + Als, von der Armbrust her die befiederten Pfeile geschnellet, + Zischten. Dicht vorüber dem Ohr des unglücklichen Vaters + Flog ein mordender hin, und verschont' ihn -- den zartesten Sprößling, + Der ihm von zehn-und-vier noch blühete, niederzuwerfen. + Hinter ihm sank ein Reiter vom Roß'. Er hört' es, und bebte; + Aber nicht sah er zurück, und rief des aufstürmenden Herzens + Angst bekämpfend, noch lauter sein Volk zum Kampf und Gewürg' auf. + Erdwin war's, der fiel, von dem Pfeil' im Halse getroffen, + Da in dem Sturmlauf jetzt die Halsberg' sich von der Schulter + Aufschob. Still, wie die Lilie sinkt, vom Hagel zerschmettert, + Sank er vom Roß', und, fallend, bath er mit sterbendem Blick noch, + Daß kein Laut sein Geschick dem enteilenden Vater verrathe. + Trauernd gehorchten dem Wink die raschvorstürmenden Krieger. + Doch schon drang im beflügelten Ritt sein edler Erzeuger + Bis in die vordersten Feindesreih'n, + und schnell, wie der Blitz schlägt, + Warf sein schrecklicher Arm fünf Schützen aus Reussen zu Boden. + Zamor, des Volkes Hort, ersah den Würger, und alsbald + Jagt' er heran, den Tod der gefallenen Krieger zu rächen; + Aber ihm eilte nur muthiger noch der Ritter entgegen; + Faßte noch fester den Griff in die Hand, und hieb mit des Schwertes + Tödlichem Stahl' ihm die hochgethürmete Mütz' und die Scheitel + Tief in die Stirn' entzwei, daß er stürzend vom Sattel hinunter + Taumelte, laut aufstöhnt', und das blühende Leben verhauchte. + Ach, bald jammert die Gattinn daheim, die, heimlich im Busen + Ahnend ihr Trauergeschick, dem scheidenden Gatten den Säugling, + Schlummernd in lieblicher Unschuld wies, und die Knie' ihm umfaßte, + Flehend mit Thränen im Blick, daß er doch bei den Seinen verharre; + Aber umsonst! Ihn rief der ruhmverheißende Heerbann + Fort in das Feld, und er sank, erwürgt, + in dem schrecklichen Kampf jetzt. + Siehe, nicht rastete Trautmansdorf: er drängte die Schützen, + Rasch fortkämpfend, zurück', und Blut beströmte den Boden! + + Fern, vom gehügelten Sand', ersah der Führer der Kunen, + Suhol, der Eber genannt, dem Trentschins Gebiether den Herold + Sendete: daß er ihm eine sein Volk, wie dort in dem Vortrab + Trautmansdorf vor allen zuerst vordrang mit den Reitern. + Das empört' ihm die Brust, und, unbändigen Zorns, wie ihm stets noch + Jugendlichheiß das Blut in dem leichtaufbrausenden Herzen + Kochte, schwang er sein Eisen zur Luft, und begann vor dem Volk so: + »Seht, dort fechten sie schon, und tränken ihr Schwert mit des Feindes + Dampfendem Blut', -- erringen wohl auch sich die Beute vor andern, + Da wir, müßig im Hinterhalt, des unsicheren Vortheils + Harren! Soll denn die Beut' und der Siegsruhm stets nur die Deutschen + Lohnen im Schlachtengefild? Stets sollen wir jenen zurücksteh'n, + Eng' in die Ordnung gebannt? Nicht also gefällt es dem Kunen: + Denn er schwärmt in dem Feld, wie ein brausendes Donnergewitter, + Frei umher, und erfüllt es mit Angst, Verderben, und Jammer. + Auf, wir wollen hinaus, dem Feind' in die Seite zu fallen + Mit entsetzenverbreitender Hand! So holen wir Beut' uns + Selber, und Ruhm wird uns, die Sieger, nur herrlicher lohnen.« + Alsbald gab er dem Rosse den Sporn, und es jagte sein Volk ihm + Dann im brausenden Flug rasch nach: umschwärmend das Häuflein + Kunrings, und schnellend zugleich von dem weitgehörneten Bogen + Pfeile, so dicht, daß rings sich in nächtliches Dunkel der Luftraum + Hüllete. Bald traf hier, bald dort der befiederte Mordstahl + Reiter und Roß, und verwundete viel' in der nahenden Kriegsschar; + Doch als solches die Pfeile verschoß, den entleereten Köcher + Und den Bogen, vereint, mit der Schnur auf den Rücken zurückwarf: + Da griff's rasch nach dem Säbel, + und hieb mit Gejauchz' in die Feind' ein. + Kunring hatte den Speer gesenkt; das unbändige Reitroß + Links gespornt, und rechts, und die wildumschwärmenden Krieger + Niedergeworfen, bis ihm ihr Feldherr, Suhol, der Eber, + Seitwärts nahend im Flug, mit dem Säbel die Lenden durchrannte. + Alsbald sank er vom Sattel herab: die erschrockenen Krieger + Wichen zurück, und im Feld hin scholl Geschrei und Getümmel. + + Ottgar bebte vor Zorn, da er so, im beginnenden Kampf schon + Wieder die Gegner im Vortheil sah, und die Seinen im Feld hin + Flüchteten. Sieh', da schwang sich, ergrimmt, der finstere Katwald + Aus den Lüften herab, und rief im Geistergelispel: + »Wehe, du schaust die Deinen besiegt, noch ehe die Gegner + All' ihr Schwert entblößten, und eh' den ragenden Speer sie + Senkten zum Todesstoß'! Unglücklicher, willst du noch zaudern? + Wähle sogleich die tapfersten dir aus des Heeres Geschwadern; + Führe sie kühn selbst vor, zu erwecken den Muth in dem Herzen + Aller umher: so erringst du vielleicht den herrlichsten Sieg noch!« + Ottgar rief alsbald nach Lobkowitz, schreiend hinüber: + »Tapferer Greis, nun vor mit deinen geharnischten Reitern, + Hier den allentscheidenden Sieg mir heut zu erkämpfen! + Groß ist der Ruhm, den dieser mir beut; doch größer die Freundschaft + Noch, und die Liebe, die ich, dein König, dankbargesinnet, + Dir werkthätig bewies seit dreißig entflohenen Jahren. + Dessen gedenk' anjetzt, und vergilt mir mehr, als die Schuld war!« + Dann entsendet' er dort an Zierotin, und den Herzog + Bayerns die Herolde: Muth und dauernde Kraft in dem Busen + Beider zu wecken, und hier entboth er, gewaltigen Ausrufs, + Selber die Kühnsten im Heer', + und führte sie rasch in die Feldschlacht. + + Nicht entging es dem Blick des erhabenen Kaisers, wie tapfer + Trautmansdorf vordrang, und die stürmenden Schützen zurückwarf: + Freud' erfüllte sein Herz; doch bald versiegte sie wieder, + Als der Kune so frech, der Willkühr fröhnend, zum Angriff + Flog. Kein Sterblicher hemmte den Fels, der, rollend aus Alphöh'n, + Schneller und schneller herab in das Thal + mit donnerndem Sprung fleugt: + D'rum geboth er auch jetzt, den edelen Rittern und Feldherrn, + Winkend, das Feldgeschrei. Urplötzlich ertönte der Aufruf: + »Gott mit uns!« im östreichischen Heer', und »Praga!« zur Losung + Allentscheidender Schlacht, in dem böhmischen, lauter und lauter, + Durch drometenden Schall und den Lärm fortwirbelnder Trommeln, + Und in dem staubumwölkten Gefild traf Reiter und Fußvolk, + Ritter und Knappe zugleich in schrecklicher Eile zusammen. + Wie, herstürmend, der Donner rollt, daß die Vesten des Erdballs + Zittern, ritt im Galopp mit den schwergeharnischten Reitern + Lobkowitz näher, und schlug der Kunen umschwärmende Scharen + Mordend zur Erd', als Suhol, ihr jüngsterlesener Führer, + Sank vor seiner Gewalt, und, entmuthigt die andern entflohen. + Sieh', auch Trautmansdorf, von den Reitern entblößt, und der Unzahl + Bloßgestellt, wich nun vor Lobkowitz! Aber dem Leu'n gleich, + Der, von unbändigen Rüden verfolgt, noch häufig sich wendet, + Und noch manchen zerreißt mit den schrecklichen Zähnen: so wies er + Ihm die muthige Stirn', da er fechtend die Scharen zurückzog. + + Meinhard warf sich zuvor rechts hin auf Heinrich, den Herzog + Bayerns: denn voll Kraft und verwegenen Muthes im Schlachtfeld, + Waren die Krieger aus Kärnthen und Krain ihm gefolgt, und es stürmten + Oestreichs Tapfere links, geführt von dem kühnen Capellen, + Gegen die Sachsen vor, die Mansfeld, furchtbaren Grimmes + Würgen heißt. Da war, entlang die feindlichen Reihen, + Schrecklicher Mord, Wehklag', Aufjauchzen und Jammern zu hören: + Da zu schau'n das Entsetzliche: wie der erbitterten Gegner + Manche, schon nahe dem Tod, sich im Staub noch, würgend, umfaßten, + Und das Blut der Erschlagenen, gleich aufschäumenden Bächen, + Wogte hinauf und herab in dem grau'numnachteten Schlachtfeld. + Bis an des Himmels Gewölb' empor die mittägliche Sonne + Sich erhob, die heut' ihr strahlendes Antlitz in Wolken + Hüllete, wies die Völkerschlacht, wie auf stürmischer Meerfluth + Ein entmastetes Schiff, hinauf und hinunter im Kreis' treibt, + Sich im wechselnden Glück; doch jetzt gelang es dem Helden + Lobkowitz, rasch vorstürmend im Feld, der mittleren Heerschar + Obzusiegen. Sie wich nur langsam, und stellte sich wieder, + Gegen den Feind, erneut, die tödliche Waffe zu führen; + Aber mit leuchtendem Blick und muthgerötheten Wangen, + Sprengte der König das Roß von Reihen zu Reihen. Er schalt, bath, + Und bewegte sein Heer noch eilender vor in dem Blachfeld. + »Jetzo hinan,« so rief er, und schrie, daß die Völker erbebten, + »Jetzo nur muthig hinan: denn Ottgar führt euch als Sieger! + Seht, wie Jene vor euch entflieh'n; fort, schmettert sie nieder!« + Also braus'te das Wort, empörend, ihm von den Lippen. + Wie den nächtlich umwüthenden Brand, der viele der Häuser + Schon vernichtete, noch das Volk zu bewältigen hoffet: + Denn still ruhen die Lüft' umher; doch plötzlich erhebt sich + Ein feindseliger Sturm, und unaufhaltsam hinunter + Wälzt sich von neuem der Strom des empöreten Feuers: so stürmten + Ottgars Völker dahin, und drängten die Gegner im Blachfeld, + Immer rascher und rascher zurück. Ein Körnchen Gewichts mehr + Auf die Schale des Leu'n, und den himmelannahenden Räumen, + Seinem erkorenen Reich', entsank der Adler auf immer. + + Rudolph sah des Augenblicks kurzdauernden Zeitraum + Lang, bestürzt, umher, und ihm dunkelten nächtlich die Augen. + Deutschlands Ruh', und des Reiches Wohl, + dem, herrschend mit Thatkraft, + Er sich geweiht, ersah er von neuem gefährdet, und allwärts + Wieder entfesselt die Wuth der grau'nverbreitenden Willkühr; + Doch bald schwang sich sein Geist aus der Erdennacht in des Himmels + Ewiges Lichtreich auf, wo ein mächtiger Helfer ihm lebte. + Schnell verließ er den Sattel, und lag auf den Knieen im Staub dort, + Laut aufrufend vor allem Volk mit gefalteten Händen: + »Ewiger, komm' uns, errettend, zu Hülf'! Ach, wende die Augen + Nicht von uns ab: denn nicht entzündeten, frevelnden Muthes, + Wir den blutigen Streit: nur unversöhnlicher Rachgier, + Und zermalmender Wuth steh'n wir, abwehrend, entgegen! + Gib uns den Sieg! Ein Gelübd lebt mir, erhebend, im Herzen: + Denn ich schaue dein Heil, wie der erste der christlichen Kaiser, + Huldausstrahlend, vor mir: des weltversöhnenden Kreuzes + Heiliges Zeichen, in dem ich den Sieg erringen, und dankbar + Ihm, zu verehrendem Dienst, für immer und ewige Zeiten, + Stiften ein Gotteshaus, und zu ihm versammeln die Jungfrau'n + Werde zu Tulln, am Ufer der freihinrollenden Donau. + Sey dem Gelübd von dir, Allmächtiger, Huld und Erhörung!« + Als er's rief, da fuhr ein leuchtender Strahl aus den Wolken, + Und erfüllt' ihn mit Muth und Freudigkeit. Sieh', auf dem Lichtstrahl + Schwebt' ein Engel daher, und hieß die Scharen der Geister, + Welche die Schlacht herab aus dem Uebersinnlichen lockte, + Flieh'n, daß keiner im Kampf sich den Gegnern als Helfer erweise! + Alle gehorchten, und sah'n, umher in den Wolken sich lagernd, + Noch voll Gier auf die Streiter herab; nur einer aus allen, + Marbod, stand, und sann den Worten des bethenden Kaisers + Trauernd nach. Da erklang urplötzlich ein Ruf aus den Wolken. + Ha, sie rissen entzwei: Erwine, die liebende Gattinn, + Sank ihm, weinend vor Wonn', an die Brust. + Sie entschwebten des Erdballs + Dunkeln Gefilden, vereint, auf dem Sirius, der in dem Sternreich + Herrschet, im Lauf des vom Ewigen nur ermessenen Zeitraums, + Huldbeglückt, und des Erdenjammers vergessend, zu weilen. + + Aber mit leuchtendem Blick' erhob der Kaiser der Deutschen + Sich von dem Staub': ein Strahl der himmlischhohen Begeistrung + Glänzt' in ihm, und auf seinen gerötheten Wangen. Betroffen + Staunten die Krieger ihn an; doch all' aufjauchzten mit einmal, + Als er das schnaubende Roß vortummelte, dann mit dem Schlachtschwert + Auf den nahenden Feind hinwies, und, ermuthigend, ausrief: + »Gott ist mit uns! Eilt jetzt, gleich loderndem Feuer im Saatfeld, + Gegen den Feind; vertilgt ihm schnell die Haufen, und schafft mir + Heut' unendlichen Ruhm, da ich euerem Muthe vertraute. + Euer zugleich ist der Ruhm und der Dank noch spätester Nachwelt: + Denn wir kämpfen für Deutschlands Glück, als Deutsche, der Ahnen + Werth, die, tapfergesinnt, sich nie im Joche des Fremdlings + Beugeten. Hört, der Herr ist mit uns, und scheuet den Tod nicht, + Hier der heiligen Pflicht und des Vaterlandes gedenkend!« + All' entflammte sein Wort: ein jeglicher Mann in den Reihen + Lechzte vor Gier, schnell vorzudringen im Feld', und zu sterben + Dort den Tod für das Vaterland und die heilige Freiheit. + Aber nach Albrecht sah vor allen sein hoher Erzeuger + Mit bedeutendem Blick', und freudiger ging er im Schlachtfeld, + Hoch in der Linken die Kreuzesfahn', + in der Rechten das Schlachtschwert + Führend, ihm vor. Das Panier von Oestreich, als ihm des Greises + Arm ermattete, trug der hochgesinnete Kampfheld, + Lichtenstein, und die Reichsfahn' ihm der tapfere Markgraf + Hochberg vor in die Schlacht. D'rauf folgten die älteren Ritter + Ihm mit den Edeln aus Zürch, die, heute zu Rittern geschlagen, + Kühn voreileten. Laut ermahnt' er sie noch mit den Worten: + »Jünglinge, vor, und ahmt die Tapferen, die sich schon früher + Als die Meister im Feld' erprobten, jetzt in dem Kampf nach!« + Jen' entgegneten jauchzenden Rufs: »Wir halten dir Wort, Herr!« + Und entfloh'n. Doch schnell vorstürmten die muthigen Scharen, + Die sein Erzeugter ihm warb in den rheinischen Landen, in Schwaben, + Und in dem Schweizerland, und die vor allen gewaltig, + Altgedient, und in jeder der Kriegsarbeiten erfahren, + Ihm auch heut' errangen den Sieg in dem Kampf der Entscheidung. + + So, wie der eiserne Keil, vom gewichtigen Hammer getrieben, + Den mit kräftiger Hand im Gehölz aufschwinget der Löhner, + Krachend, entzwei den Stamm des hundertjährigen Eichbaums + Spaltet, daß rings umher die Splitter fliegen: so drang jetzt + Rudolphs raschgeordnete Macht in das feindliche Heer ein. + Kreischender rief die Dromete zum Sturm; die erregende Trommel + Scholl ergrimmter, und rings, und überall drängten die Führer + Mit gewaltigem Schrei den Krieger vor zu dem Angriff, + Daß er noch heißer entbrenne vor Gier: muthfest und entschlossen + Niederzuschmettern, was entgegen sich warf in der Feldschlacht, + Und entsetzlich war das Gewürg' in dem Waffengetümmel; + Doch, wie ein Felsendamm in dem waldumschatteten Weiher + Sich entgegenstemmt den Gewässern des thauenden Frühlings, + Unerschüttert und fest: so stemmte sich, eiserngesinnet, + Ottgar hier dem stürmenden Feind' entgegen, und wich nicht. + Stundenlang fortwährete schon das tödliche Ringen + Tausender gegen einander im Feld! Den tapferen Böhmen, + Die in der Heerschar Lobkowitz lenkt', vereinte der König + Bayerns und Sachsens Macht, und führte sie selbst in die Schlacht vor. + Zahllos lag sein Volk, erwürgt, auf dem Boden; unzählig + Warf auch er die Gegner, entseelt, in den Staub, und es ragten + Von den hundert, zuvor zu Rittern geschlagenen Zürchern, + Jetzo nur wenige mehr. Wie im hagelgetroffenen Saatfeld + Einzeln die Halme noch steh'n, die andern bedecken den Boden + Weit, zermalmt von dem sausenden Eis: so ragten auch hier nur + Einzeln die Helden noch auf, die aus Zürch gezogen; verwundet, + Oder todt, verlor sich im Feld das tapfere Häuflein, + Niedergeworfen durch Ottgars Kraft und zerschmetterndes Eisen. + + Doch stets näher kam dem gewaltigen König des Todes + Dunkles Geschick. Bald sinkt er in Staub, all' irdischer Hoheit, + Macht, und Würde beraubt, dem ärmsten im Heere vergleichbar: + Denn zu entscheidender That aufboth der Edle von Tauffers + Nun die Schützen Tyrols. Er drang im brausenden Schlachtfeld + Dort mit den kühnen entsetzlicher vor, und, nimmer ermüdend, + Spanneten sie die Sehn' an der Armbrust; legten den Pfeil an, + Zielten, und schnellten ihn fort in die Luft. Unhemmbaren Fluges, + Saus't er in Eile dahin, und traf stets sicher in's Leben: + Denn gewohnt ist das Aug' und die Hand tyrolischer Schützen, + Mitten in Feindesbrust des Todes Geschoße zu senden. + Doch nun winkte der Held dem Geübtesten, der in den Gauen + Rings umher, im _Kreis_- so wie auch _Hauptschießen_ berühmt war: + Wenn Zielscheiben, erhöht vor dem Thor' an festlichen Tagen, + Manchen des Schützenvolks aufregeten, stets in der Mitte + Drüben zu treffen, und stets zu erringen das Beste vor allen.[7] + »Martin,« so rief er ihm zu, »sieh' hin, wie der König von Böhmen + Dort vortummelt das Roß in dem Feld', und unsere Völker, + Jenem Unsterblichen gleich, der Pharao's Erstlinge tilgte, + Niederwirft! Versuche denn jetzt, ob, sausenden Flugs, nicht + Ein befiederter Pfeil, durch dich geschnellt von der Armbrust, + Ihn erreicht, und erlegt -- dir Lohn und auch Ehre gewinnet.« + Jener entgegnet' ihm laut: »Nicht geiz' ich nach Gold und nach Silber: + Zierlein nah', und nicht fern dem wunderlieblichen Innsbruck, + Ruht mein Haus an der Felsenwand, die hoch in die Wolken + Aufragt, reingezimmert erst jüngst, und mit Habe gesegnet; + Doch so ich heute im Feld den blutgierathmenden König, + Oder sein Roß, mit dem tödlichen Pfeil durchbohrete: ha, da + Rühmt von der Martinswand mich noch die späteste Nachwelt!« + D'rauf entsandt' er den Pfeil: er durchbohrte dem Rosse des Königs, + Sausend, die Brust, da es auf in die Luft sich bäumte, des Reiters + Ingrimm theilend; es sank auf den Rücken, und warf ihn herunter. + Wildes Getümmel erscholl um den Stürzenden. Reisige schwangen + Alsbald sich vom Sattel herab, vor Gefahr ihn zu schirmen; + Doch erhob er sich schnell, und ermahnte, besteigend das Streitroß, + Das ein Reiter ihm both, mit donnernder Stimme die Krieger: + Nimmer zu rasten vom Streit', und den herrlicherrungenen Vortheil + Rasch zu verfolgen: schon nahe dem Ziel des entscheidenden Sieges. + + Aber im Feld verhallte sein Ruf. Der furchtbare Keil drang + Vor mit zermalmender Kraft; vordrang, die Fahn' in der Linken, + Und in der Rechten das würgende Schwert, des Kaisers Erzeugter, + Also auch Lichtenstein und Hochberg; also der Ritter + Glänzende Schar, und, vereint, der tapferen Schweizer und Schwaben + Siegsruhmdürstende Macht. Doch, als der erhabene Herrscher + Auch den Trentschiner entboth, mit den kühnen, magyarischen Reitern + Einzubrechen im Sturm in die Seite des Feindes, und Meinhard + Dort, hier Otto von Meissau, gleich dem tapferen Helden + Trautmansdorf, ihr Volk vortummelten: siehe, da wankte + Ottgars Macht. Wie ein Wald an den schwer zu erklimmenden Höhen, + Losgewühlt aus dem Grund von innenaufschwellenden Wässern, + Erst nur langsam, nur zitternd sich regt; dann plötzlich zum Abgrund + Taumelt mit Erd' und Gestein, wild durcheinander geschleudert: + So, nach gewaltigem Kampf, dem entscheidenden, wankten, und stürzten + Ottgars Völker dahin; nachbraus'te der Feind, in dem Rücken + Rastlos würgend, und sät' ergrimmt die Leichen im Feld hin. + Allwärts war auch das blitzende Schwert des Kaisers zu schauen, + Und zu vernehmen sein Ruf, der vorwärts drängte die Scharen; + Dennoch vergaß er auch, mitten im Kampf, der verwundeten Krieger + Nicht; er hieß mit gebiethendem Wink sie zurück, nach dem Rückhalt + Tragen, und dort der Sorgfalt kundiger Aerzte vertrauen. + Aber warum hält er nun plötzlich sein feuriges Roß an? + Ach, ein Verwundeter streckt, mit lächelndsterbenden Augen, + Seine Rechte nach ihm empor, und ruft ihm ein »Leb'wohl!« + Matt, doch freundlich noch zu! Sein Müller, der tapfere Held war's. + Tief, zu den Mähnen des Rosses hinab, sank leise des Kaisers + Blässeres Antlitz: er sah mit starrendem Aug' in die Augen + Seines Getreu'n, bis, thränenumhüllt, ihm's dunkelte. Stöhnend + Gab er dem Rosse den Sporn, und flog wie ein brausender Sturmwind + Dort nun wieder hinaus, wo am lautesten tönte der Schlachtruf. + + Wohlgeordnet, und schnell: denn Lobkowitz deckte des Heeres + Rücken, voll Heldenkraft mit den schwergeharnischten Reitern, + Zog sich Ottgar jetzt nach den mittleren Höhen von Spannberg + Aufwärts, dort dem Feind', erneu't die Spitze zu biethen: + Denn weit überwog an der Zahl, in dem Waffengemeng schon + Seine des Kaisers Macht, und siehe, noch stand in dem Rückhalt + Milota! Laut entboth er vor sich den muthigen Feldherrn, + Zierotin, und begann: »Nicht kam uns zuvor in dem Schlachtfeld + Milota, selbstvorschauenden Blicks, zu Hülfe. Noch steht er, + Ungeschwächt, mit der Schar der tapferen Mährer im Rückhalt; + Doch jetzt brech' er vor, und fall' in die Seite des Gegners, + Links anstürmend, da wir zugleich mit vereintem Vermögen, + Und unhemmbarer Kraft, auf den mittleren Haufen uns werfen. + Groß ist erst die Gefahr, so er säumt; ihm vertrau' ich: er eile!« + Rief's, und im sausenden Flug fortsprengte der edele Feldherr. + Aber des Siegers Heer drang Ottgarn näher und näher. + Wie vom verwundeten Leu'n, so sehr er auch strebt, zu entkommen, + Sich die lautumbellende Schar gewaltiger Rüden + Nicht mehr fernt; ihn, stets blutgieriger, treibt, und bedränget, + Bis er, ermattet, sinkt auf den sandigen Höhen: so ließ auch + Jetzt von dem König, im Kampf, nicht mehr der verfolgende Feind ab: + Denn mit flammendem Muth und unwiderstehlicher Thatkraft + Eilte, zum Siege geführt von dem tapferen Grafen von Nürnberg, + Schwabens Heldenvolk und der Schweiz gefürchtete Kriegsschar, + Rasch die Höhen herauf, und wüthete dort in den Reihen + Kühnabwehrender Gegner, vereint, mit gesenketen Lanzen, + Allvernichtend, umher. Entsetzlich erscholl das Getümmel. + + Ottgar sah im brausenden Feld den verhaßtesten Gegner, + Rudolph jetzt, voll Grimms, wie er schaltete: Reiter und Fußvolk + Drängend vor mit gewaltigem Wort', und das furchtbare Schlachtschwert, + Deß' Blitzglanz vom Blut nur tapferer Gegner verhüllt war, + Aufschwang -- sah den Kaiser, und Wuth und unendliche Rachgier + Wandelte schnell sein Aug' in Feuer und Flammen. Er spornte, + Hemmte sein Roß dreimal, in dem wildumtobenden Schlachtgrau'n + Ihm die Spitze zu biethen, gesinnt; doch immer ergrimmter, + Brachen die Gegner heran (nur Lobkowitz stand in dem Kampf noch, + Gleich dem Felsen im Wogentumult) und zur Linken und Rechten + Wich sein Volk geworfen, zurück in dem stäubenden Saatfeld. + Jetzo wandt' er das Roß, und forscht': ob Milota vordrang? + Denn nicht schien ihm verloren der Sieg, so er rasch in die Seiten + Stürmte dem Feind. Doch, ach, was sah er, vor Staunen erstarret? + Staub flog auf im Gefild', und Milota jagte von dannen! + Ihm nachbraus'te die reisige Schar, und das mährische Fußvolk, + Das er mit täuschendem Wort, dem König zum sichern Verderben, + Erst zu dem Rückhalt zog. Mit verhängtem Zügel, und fernher + Winkend, naht' auch Zierotin. Ihm folgten am Fuß nur + Zween, der flüchtigen Schar sich entreißende Brüder: der Hanna + Fruchtbarem Land entsprossen die Edeln. Der Nahende sprach jetzt: + »Herr, nicht künd' ich es, was dein Auge gesehen -- des Frevlers + Schnöden Verrath! Hohnlachend vernahm der schändliche Mann erst + Dein gebiethendes Wort, dann rief er mit grimmigen Blicken: + »Eile zurück zu dem Könige, sprich: so räche der Vater + Seine Tochter an ihm: er fahre denn, fluchend, zur Hölle!« + Also der Rach' allein, nicht des Vaterlandes gedenkend, + Floh er mit jenen Verräthern davon, die er früher gewonnen. + Nur die beiden dahier mir eilten zum mächtigen Trost nach: + Zeigend, daß noch in der Brust der Tapferen Ehr' und Gewissen + Herrlich sich eint, und dir die erlesensten Männer noch treu sind.« + + Ottgar sah nach den Zween mit bewegtem Gemüth', und begann so: + »Laß den Verräther flieh'n. Noch sind die erlesensten Männer, + Also sprachst du mit Recht, mir treu. Nicht im dahlenden Frohsinn + Will das Große gethan, das Gewaltige, spielend, vollbracht seyn: + Denn, ein leuchtender Blitz in des Lebens umnachteten Stunden, + Flammet es auf in der Brust, und wecket den Ernst und die Thatkraft. + Jetzt umnachtet auch uns die Gefahr; doch laß uns, noch kühner, + Dringen hinaus zu dem Tag', und so dort fallen im Licht nur!« + Rief's, und spornte sein Roß, umschauend: ob er zur Linken, + Oder zur Rechten hinab es wende, die kämpfenden Scharen + Nun zu gewagter, die Schlacht urplötzlich entscheidender Kriegsthat + Anzufeuern, und so mit unwiderstehlicher Kühnheit + Festzuhalten das wankende Glück, das sonst ihm getreu war. + Doch dort floh'n, gedrängt von den Söhnen der Steyer- und Ostmark, + Bayern und Sachsen zurück; hier sank, an der Schulter verwundet, + Lobkowitz, er, der untad'lige Held, aus dem Sattel, und, schreiend, + Braus'te das reisige, gleich dem vorgedrungenen Fußvolk + Böhmens, herüber im Feld, durch Meinhards Völker geworfen, + Und gedrängt von dem Hort Trentschins, zur Flucht und Verwirrung: + Da in dem Kern des Heers ihn selbst der edelen Ritter + Glänzende Schar, und, vereint, die tapferen Schweizer und Schwaben + Näher und furchtbarer stets bedroheten, horchend des Kaisers + Schlachterregendem Ruf' in dem wildempörten Getümmel. + + Mansfeld erst, dann Zierotin, die Scharengebiether, + Jagten herüber im Feld', und riefen dem König: »Entfliehe!« + Aber er sah, voll Wuth, nach den Rufenden; faßte sein Schwert noch + Fester zur Hand, und begann: »Wer sprach ein schmähliches Wort aus? + Nichts von Flucht mir gesagt! Ich lebt' als König, und sterben + Werd' ich als solcher, dem Feinde zum Trotz, auf dem Felde der Ehren. + Mir nach, wem sie noch werth im rühmlichen Leben und Tod' ist!« + Wie der gewaltige Leu' sich wüthenden Tigern entgegen + Wirft in des Abends Grau'n: die hochaufsträubenden Mähnen + Flattern mit Sturmes Weh'n um den Nacken ihm; dunkelgeröthet + Funkeln hervor aus den tiefgesenketen Brau'n ihm die Augen, + Als er naht mit Gebrüll, dem so, wie dem rollenden Donner, + Drönt das Gefild, und peitschend sich mit dem buschigen Schweifhaar + Beide Seiten, sich selbst entflammet zur Wuth: da erliegen + Links, rechts ihm, zerschmettert zugleich, die umdrängenden Gegner: + Also warf sich auch er vor allen den Rittern entgegen, + Daß ihm noch ein', und der andere dort, östreichischen Blutes, + Fiele durchbohrt: denn fest bewahrt' er den Haß noch im Busen. + Jene, erregt von dem stachelnden Wort, nachjagten ihm brausend. + + Sieh', ihm ritt, tollkühn, der jugendlich blühende Ritter + Falkenberg, in den Weg, den oft sein strenger Erzeuger + Heimlich und offen gestraft, ihn zu bändigen; aber vergebens: + Denn er quälte die Menschen und Thier', und beherrschte des Herzens + Unmuth nicht, der stets zu gewaltsamen Thaten ihn hinriß. + Ottgar jagte das Roß dem Nahenden seitwärts vorüber; + Schwang sein Eisen, und hieb im Flug mit unbändiger Kraft ihm, + Sausend, den Helm und die Scheitel entzwei: er stürzte zum Boden. + D'rauf erreichte sein Schwert auf dem Todespfade den Helden, + Dietrichstein. So schnell, so kundig der Tapfere vordrang, + Ihn mit gesenktem Speer' aus dem Sattel zu heben, so kam ihm + Ottgar doch, verderbend, zuvor, und bohrte den Mordstahl + Ihm durch Harnisch und Wamms in das muthvollschlagende Herz ein + So, daß er lautlos, bleich, entseelt, an dem Rosse herabsank. + Jammern werden daheim die zartaufblühenden Kinder + Da er, schon frühe der Gattinn beraubt, ein liebender Vater, + Oft auf den Armen sie trug, und so mild, so freundlich und gut war. + + Schnell, zu rächen das Blut der Erschlagenen, blitzten auf Ottgar + Jetzt unzählige Speere heran. Da brausete pfeilschnell + Otto von Meissau vor, von dem Herrscher gesendet, und schrie laut: + »Ritter, schont den Gesalbten des Herrn: so geboth es der Kaiser!« + Rief's; doch jener ergrimmte noch mehr, und spornte sein Streitroß + Mitten unter die Schar (zu sterben entschlossen) den heißen, + Glühenden Durst nach Rach' im Blute der Feinde zu löschen. + Jetzt umgab ihn des Todes Grau'n. Die furchtbaren Ritter, + Merenberg, die, beide mit nie gesättigter Blutgier + Näher und näher herbei an die Seite des Königs sich drängten, + Sorgend: er beuge sich dort, ein Gefangener, oder er falle + Andern, nicht ihren, durch Haß zur Rache bewaffneten Händen, + Sprengten dicht vor ihn hin; eröffneten, schnaubend vor Mordlust + Ihren geschlossenen Helm, und der ältere rief ihm noch laut zu: + »Sieh', gleich Rachegeistern, vor dir die furchtbaren Brüder, + Merenberg -- ein Nahme, der dich zur Hölle hinunter + Schleudert! So fahre denn hin, Unmenschlicher, stirb, und verzweifle!« + Ha, und sie bohrten den schneidenden Speer mit wildem Gejauchz' ihm, + Beide zugleich, in das Herz (ihm fest in die sterbenden Augen + Schauend) und also, voll Hast, mit stets empörterem Ingrimm, + Zwölfmal noch in die tapfere Brust, in den Hals, und den Rücken, + Bis er, von Wunden bedeckt, hinsank, und das Leben verhauchte. + + Wüthender flog in dem Feld dem Besiegten das siegende Heer nach; + Aber vor allen das reisige Volk der Magyaren und Kunen, + Heute zu einem vereint, und gehorchend dem tapferen Helden + Von Trentschin, der stets den Flüchtenden, mordend, im Rücken + Lag, und das Land umher mit unzähligen Leichen besä'te. + Rastlos fort g'en Schrieck; dann weiter und weiter von Asparn + Bis g'en Laa, der ummauerten Stadt, nachjagten die Ungern + Ottgars fliehendem Heer', und, wo sie dann der Verfolgung + Endlich setzten ein Ziel, wird heute zu Tage das Dorf noch + »Ungerndorf« genannt: dem Heldenvolke zum Denkmaal. + Siehe, die Wolken entfloh'n; der Geister unzählige Scharen + Brauseten, lautaufjubelnd, davon, und die scheidende Sonne + Sah von dem Abendthor, verklärt, auf des Sieges Gefild her! + + + + + Zwölfter Gesang. + + + Schauerlich irrt durch Nacht und Grau'n ein zitternder Lichtstrahl + Ueber das schweigende Schlachtfeld hin. Nicht lang', und es folgen + Ihm unzählige nach; viel hundert Fackeln erhellen + Bald die Gegend umher: ihr Schimmer, vom Winde gefächelt, + Wogt (entsetzlich zu schau'n!) auf den bleicherstarreten Leichen + Tausender blitzschnell fort, und erfüllet die Seele mit Wehmuth. + Doch wen suchen, voll emsiger Hast, die furchtbaren Männer + Jetzo, schreitend umher, in den weiten Gefilden des Todes? + Ottgarn! Sieh', und bald verkündete drüben ein Hügel + Rings um ihn her erschlagenen Volks, wo er muthig im Kampf sich + Wehrete, bis er, durchbohrt, den Rachebrüdern dahinsank! + Dorthin wandelte, schweigend, der Zug; die leuchtende Flamme + Wies ihn: erkennbar leicht, obgleich entblößt von des Heeres + Plünderndem Troß, wie er lag im finsteren Kreise der Leichen, + Mit den heruntergezogenen Brau'n, und den Lippen, zum Bogen + Eingekrümmt vor Zorn: denn selbst mit des schwindenden Lebens + Letztem Hauch, da ihm schon aus dreizehn Wunden das Blut rann, + Wähnet' er noch: er habe gerecht bestraft den Verräther, + Den so feig, so unedel jetzt die schrecklichen Brüder + Rächten: zur Wuth empört von der langgenähreten Blutgier. + + Aber des Führers Ruf erscholl, und der stattliche Wagen, + Schon mit der Leiche des Königs beschwert, + und verhüllt mit dem Bahrtuch, + Folgte, rasselnd, dem Zug sechs glänzender, feuriger Rappen, + Die zum eng'gemessenen Schritt mit Mühe der Roßwart + Bändigte. Sieh', da trug der weitgefeierte Sänger, + Horneck, leise die Harfe herbei. Ihm rollten die Thränen + Ueber den grauenden Bart in den Busen herunter, und schweigend + Starrt' er nach Ottgar hin; dann hob er den Klagegesang an: + »Weh', da liegt er entseelt, der einst gewaltige König! + Tausende blickten auf ihn, und es drängte der eine den andern, + Glühend vor Hast, so er rief; nun ist er verlassen: es horcht ihm + Keiner der Emsigen mehr. Wie staunt', und bewundert' ihn Jeder + Sonst, da er noch zu dem Königsthron, von Edelgesteinen + Schimmernd am gold'nen Gewand', aufschritt: + nun wandten sie, schaudernd, + Von dem Nackten sich ab, den kaum das kärgliche Gras barg! + Ha, wo weilte der Arzt, dem Vergehenden Labsal zu reichen? + Waren nicht seidene Kissen zur Hand, nicht schimmernde Decken, + Ihn zu erwärmen, und ach! nicht scholl aus dem Munde der Gattinn, + Kinder, Verwandten und Freunde umher, ein tröstendes Wörtchen, + Ihm zu erheben das Herz? Verließen im Kampfe die Streiter + All' ihn? Wie, nicht einer der Tapferen kam, ihn zu schirmen? + Welt, Welt, so ist dein schnöder Gewinn! Ach, wehe dem Thoren, + Der dir, falschen, vertraut! Erst biethest du lieblichen Honig + Mit bethörenden Worten ihm dar; dann wandelst du plötzlich + Solchen in furchtbares Gift: er saugt Verderben und Tod ein. + Also erging es auch hier dem Könige. Fürsten, bedenket + Sein Geschick! Handhabt die Gerechtigkeit, schützet das Recht nur; + Seyd durch Tugenden groß, durch Wohlthun herrlich und geizet + Nach dem Lohne der Welt nicht allein: vor Gott ist er eitel! + Ottgar, ach, er geizte nach ihm! Die, prahlend, geschworen: + Auszuhalten bei ihm im Leben und Tode -- wo sind sie? + Einsam sinkt er jetzo hinab in des Todes Behausung. + Welt, Welt, so ist dein schnöder Gewinn! Ach, wehe dem Thoren, + Der dir, falschen, vertraut: + denn nichtig entschwebt ihm das Leben!«[1] + So wehklagte der edele Greis. Ihm horchten die Krieger + Alle mit pochender Brust, den Trauerwagen umstehend, + Und erhebend die Fackeln zur Luft, die, flatternden Schimmers, + Ottgars finstere Stirn' erhelleten. Jener entzog sich + Ihren Blicken, und wanderte dann auf dem nächtlichen Pfad fort. + Doch sie schlugen behend', als solches der Führer gebothen, + Ueber die Leiche das Bahrtuch her. Die schnaubenden Rappen + Trieb der Roßwart an, und sie trabten, gehaltenen Schrittes, + Von den Kriegern umschart, g'en Wien, die herrliche Stadt, hin. + + Dort scholl freudiger Lärm dem kommenden Morgen entgegen, + Als, dem Sieger zum Ehrenempfang', in geschäftiger Hast sie, + Durch die dunkele Nacht sich schmückte mit festlichen Kränzen: + Denn vor dem Thor, das sich nach Kärnthen dem Wanderer öffnet, + Sollte von Laubgehölz' ein Siegesbogen sich heben, + Hochgewölbt, und geziert mit schimmernden Bändern, und oben + Rufen die goldene Schrift ein »Lebehoch!« dem Befreier, + Der von der Stadt und dem Land' abwehrt' unendlichen Jammer; + Oestreichs Herrscherthron fest gründete; dauernden Frieden + Deutschlands Gauen errang, und ein Ziel aufsteckte der Willkühr, + Die sich gefiel im Raub', und in all' den Gräueln des Faustrechts! + Auch die Straßen entlang, erhoben sich, dicht vor den Häusern, + Lieblichgrünende Reiser zur Luft; buntschimmernde Blumen + Hauchten Wohlgeruch her auf die Bahn, die, erkoren dem Sieger, + Durch die Stadt sich wand, und zahllos wogten die Fahnen + Oestreichs rings von dem Wall' und den ragenden Thürmen im Wind hin. + Also schmückte sich jetzo die Stadt, wie die blühende Braut sich + Schmückt an dem Morgen des Tags, + der sie eint mit dem Lieben auf immer. + + Hinter des Ostens dämmerndem Thor' entfaltete jetzo, + Neuverjüngt, der Tag die Fittige: weit sich erstreckend + Hoben sie fächelnd sich auf, und wehten den glühenden Schimmer, + Der sein Rosenlager umfing, empor an dem Himmel; + Doch sie weckten zugleich des sanftumschmeichelnden Frühwinds + Kühligen Hauch. Er kam aus des säuselnden Waldes Umlaubung + Ueber die blumigen Matten heran; verbreitete ringsum + Balsamduft, und erfüllte mit Lust die erwachende Schöpfung. + Zwitschernd regte die Schwalbe sich schon im Nest mit den Jungen, + Das sie im Lenz' erbaut' an dem Mauergesimse des Hauses; + Auch umgirrete laut die Taub' in dem Schlag', und der Hahn rief + Schmetternd darein, als draußen vom Feld, + von dem Hain', und dem Hochwald + Bis in die bläuliche Luft empor das Getöne sich mehrte. + Jetzt von des Himmels Rand, dem Rosenlager entschwebend, + Hob die herrliche Sonne sich auf; umhüllte die Berghöh'n, + Häuser und Thürme der Stadt mit röthlichem Duft', und entflammte + Hier die Fenster zu Gold, und dort auf den blühenden Matten, + Unermeßlich umher, den Thau zu blitzenden Perlen. + Doch bald schwang sie, verklärt, sich empor: den wölbenden Himmel + Trübte kein Wölkchen, und rings auf dem lichtumflossenen Erdkreis + Scholl ein Wonnegejauchz, dem schönsten der Tage zur Feier. + Aber schon zogen den Weg nach dem Kreuze der Spinnerinn, eilig, + Krieger zu Fuß und zu Pferd in gesonderten Haufen, und weithin + Blitzten im Sonnenschein die hellgeglätteten Waffen -- + Blitzte der Harnisch und Helm der Tapferen, die, von dem Schlachtfeld + Kehrend, zum Siegseinzug' auf dem sanfterhobenen Berg sich + Sammelten, wie es der Herrscher geboth. Mit grünenden Reisern + Waren die Helme geschmückt, behangen mit Kränzen die Rosse; + Laut scholl Jubel die Scharen entlang: denn fröhliche Weisen + Sang der Krieger; sein Roß ihm wieherte d'rein; die Drometen + Schmetterten, Zink' und Pauk' erklang, und die wirbelnde Trommel + Rief das verworr'ne Getön zum allerfreuenden Einklang. + + Sieh', und es lief unzähliges Volk aus der Stadt und vom Land her, + Nach der Straße hinaus, auf welcher die Tapferen kamen: + Alle mit Angst in der Brust, bis sie in den fröhlichen Reihen + Ihre Lieben ersah'n! Da scholl (erschütternd zu hören!) + Jauchzen empor; da bog sich mancher vom Sattel herunter: + Einer umhalste den Freund, ein andrer den Sohn, und ein dritter + Reichte dem grauenden Vater die Hand, der grauenden Mutter, + Oder der Braut, die thränenden Blicks, ihm lächelte, sprachlos! + Aber es trat nun hier, nun dort mit erblassendem Antlitz + Auch der unglückliche Mensch aus den lautaufjubelnden Scharen: + Denn nicht hatt' er die Lieben erseh'n, und dem Fragenden tönte + Schrecklich der kurze Bescheid: »Er fiel, und kehret nicht wieder!« + Feldeinwärts ging dort ein zartaufblühendes Mädchen, + Ringend die Hände mit schwerem Gestöhn; hier saß an des Grabens + Rand der Vater: er sah in die Tiefe hinab, und die Mutter + Preßte den Arm mit der Stirn' an den Baum, + und schluchzte vor Herzleid. + Aber der schwellende Ruf des Entzückens dämpfte des Wehes + Schnellverhallenden Laut, und unendlich erscholl das Getümmel, + Als dem festlichen Kreuz der Spinnerinn jetzo der Kaiser + Nahte mit hehrem Gefolg: denn Ladislav, der Magyaren + Blühender König, ritt, hellschimmernd von Gold, ihm zur Rechten; + Ihm zur Linken sein tapferer Sohn, der jüngst in der Feldschlacht, + Muthentflammt, vortrug der Erlösung heiliges Zeichen, + Und ihm folgten, erwählt, des Heers siegstolze Geschwader + Nach auf den Wienerberg, der unter den Drängenden bebte, + Und in dem Waffengeblitz erschütternd dem Auge zu schau'n war. + Jetzt umgab er sich dort mit dem kaiserlichprangenden Mantel; + Setzte den Helm, an welchem umher der goldene Kronreif + Schimmerte, sich auf das Haupt; entblößte den Degen, und hob ihn + Auf zum ersehneten Wink'. Alsbald bewegte das Heer sich + Im Geleite des Volks nach Wiens aufjubelnden Mauern. + Sieh', ihm eilten die Ritter vor mit den Reisigen Ungerns -- + Jenen der Ost- und der steyrischen Mark: von den Heldengebiethern + Angeführt, und vereint um die ruhmgekröneten Fähnlein! + Aber ihm folgten dann die muthigen Schweizer und Schwaben + Und die Tapfern aus Kärnthen und Krain mit den kühnen Tyrolern. + Wie der Alpenbach, vom Regen geschwollen, sein Bette + Plötzlich verläßt, und quer von des Bergs Abhange sich stürzet, + Endlos über die Matten hin die Fluthen ergießend: + So fortwälzte sich schnell das Heer; stets näher erscholl ihm + Festlicher Glocken Getön' und des Volks auftobender Jubel. + + Außer dem Kärnthner Thor, wo ein Siegesbogen erhöht war, + Standen die trefflichen Bürger vereint. Ihr Meister, erkoren + Durch gemeinsame Wahl an Waldrams Stelle, des falschen, + Eilte heran, den Zug des erhabenen Kaisers zu hemmen; + Both auf dem Becken von schimmerndem Erz, die vergoldeten Schlüssel + Wiens, ihm huldigend, dar, und begann die Rede mit Ehrfurcht: + »Heil dir, Oestreichs Herrn, dir edelstem Kaiser der Deutschen! + Mögest du heut, wo dir, dem Retter, die jubelnde Stadt Wien, + Festlichgeschmückt, entgegeneilt mit verlangenden Armen, + Nicht gedenken der Schuld entflohener Tage -- des Herzens + Deiner Getreuen gewiß! Nun herrsch' im Segen des Himmels + Ueber dein glückliches Volk, und vom Thron, den du auf dem Grundstein + Heiliger Religion, Gerechtigkeit, Tugend erhöhtest, + Dein erhab'nes Geschlecht an der Zeiten entferntestem Ziel noch!« + Sagt' es, bewegt; doch schnell entgegnete jetzo der Kaiser: + »Ihr Getreu'n, habt Dank für des Herzens enthüllte Gesinnung! + Gnädig willfahre mir Gott in dem Wunsch, daß ich gründe die Wohlfahrt + Fern in die Zukunft noch der guten und trefflichen Völker, + Die er mir anvertraut! Mein Glück ist das eure für immer!« + Plötzlich entstürzt' ein heller Strom von Thränen den Augen + Aller umher: denn rings erscholl, von Tausender Lippen + Brausend, ein »Lebehoch!« und mehrte sich, jubelnden Lautes, + Dort die Straßen entlang, die, erkoren dem festlichen Einzug, + Schimmerten. Jetzt durch's Thor und die Straße Karinthia's trug ihn, + Stolzvorschreitend, das Roß, und aus jeglichem Fenster ertönte + Huldigung, wo, bekränzt, die zartaufblühenden Jungfrau'n -- + Frau'n im glänzenden Schmuck', ihr schneeiges Tuch in die Lüft' auf + Schwangen, und jauchzten empor mit hellerklingender Stimme. + Doch, aus dem wimmelnden Volk vordrängten jetzt, wie verjüngt sich + Wankende Greis', ihn zu seh'n, und zu segnen. Die Väter und Mütter + Hoben ihr lallendes Kind auf den Arm; sie falteten erst ihm + Freundlich die Händchen, und zeigten ihm dann den Herrlichen drüben, + Daß es des Tages noch oft im spätesten Alter gedenke! + Sieh', und nicht trockneten mehr dem erhabenen Kaiser die Augen + All' die Straßen entlang, da er links, und rechts, in dem Siegszug + Dankte dem jauchzenden Volk mit oft erhobener Rechten. + + Also im Freudengeschrei unzähliger Meng', in der Glocken + Festlichem Klang', und der Pauk' und Dromet' empörterem Jubel, + Zog er entgegen dem Rothenthurm, und lenkete jetzo + Ueber den schimmernden Hohenmarkt nach dem prächtigen Hof ein; + Dann nach der Freiung hinab, und, dem Schottenkloster vorüber, + Durch die Herrngass' fort nach dem breitaufragenden Graben, + Bis er am Riesenthor des unendlichen Doms aus dem Sattel + Eilig zur Erde herab sich schwang. Sein mächtiger Gegner, + Ottgar, Oestreichs Herrscher vor ihm, vollbrachte des Domes + Herrlichen Bau, da er einst zerstört von den Flammen, + im Schutt lag.[2] + Dort reicht' ihm der oberste Hirt der Gemeinde, vor allen, + Festlichgeschmückt, im Kreise der Priester geweihetes Wasser + Sanft mit dem Sprenger dar; dann schwang er das duftende Rauchfaß + Dreimal ihm entgegen, und ging, beginnend der Lieder + Herrlichstes: »Gott, dich preisen wir!« zum erleuchteten Altar, + Singend, vor ihm einher, und Tausende sangen das Lied nach. + Aber, als in dem wölbenden Raum des unendlichen Domes + Rings umher des Gesangs allletztes Säuseln verhallt war, + Knie'te der Kaiser noch hin, und bethete, heiliger Andacht + Voll, am Altar', im Kreise der ruhmgekröneten Feldherrn. + Staunend sah ihn das Volk; doch hingen mit inniger Wehmuth + Auch an Trautmansdorf, dem Helden, viel Tausender Augen, + Der, von dem schimmernden Kreis' entfernt, auf die Kniee gesunken, + Beugte das grauende Haupt mit gottergebenem Herzen. + Bald umhüllten ein jegliches Aug' untad'lige Thränen: + Dort den Mann mit dem schneeigen Haupt so einsam zu schauen, + Der noch jüngst, umringt von blühenden Söhnen einherging: + Froh der gewaltigen Schar! Nun stand er allein und verlassen, + Wie der verdorrete Stamm in dem Wald', um welchen die Windsbraut + All' die frischen umher mit lautem Gekrach' in den Staub warf. + + Thauenden Blicks, trat jetzt von den heiligen Hallen der Kaiser + Wieder heraus, vor dem Riesenthor zu beginnen den Heimzug + Nach der erhabenen Burg. Doch sieh', welch' tiefes Erstaunen + Unter dem Volk? Schnell theilt es sich links und rechts in den Straßen + So, daß der Bahre, von sechs lautschnaubenden Rossen gezogen, + Raum sey, fürder zu zieh'n bis hin zur Pforte des Domes. + Schmerz ergriff die Brust des beseligten Siegers. Er starrte + Lang' nach dem Trauerflor, und dem leich'umhüllenden Tuch hin, + Und erwog im Gemüth: wie mächtig der Todte noch gestern + Gegen ihn stand, der heut', erstarrt, all' irdischer Hoheit, + Kraft, und Streitlust bar, dort unter der finsteren Hülle + Ruhete! Dann begann er für sich mit rührendem Laut so: + »Ottgar, lebtest du noch, und herrschtest im Frieden, der Rachgier + Wüthenden Sturm in der Brust besänftigend; heiteren Blickes + Würdest du seh'n: nie haßt' ich dich, und im redlichen Busen + Strebte dieß Herz, voll Liebe, dem deinen entgegen zu schlagen! + Ruhe denn jetzt im Schooß des Allerbarmers auf immer!« + Sagt' es, und hieß die Leich' auf dem trauerumhülleten Wagen + Fort nach dem Schottenkloster hinab mit Würde geleiten, + Wo sie ruhe, bis ihr, nach der Seelenmess' und dem Bußpsalm + Werd' ein Grab mit dem ehrenden Stein, an heiliger Stätte. + Doch wer drängt sich hier, voll Ungestümm, vor aus den Scharen? + Lobkowitz kam, erblaßt von der Wunde zugleich, und dem Herzleid + Ob des erschlagenen Königs und Freunds, in Eile herüber, + Führend an zitternder Hand das holdaufblühende Söhnlein + Ottgars, Wenzeslav, der einsam in Drösing zurückblieb. + Ach, er harrete dort des Vaters, in fröhlicher Unschuld; + Aber nicht kehrt' er ihm mehr, und, verwais't in der zartesten Jugend, + Mißt er die kräftige Hand, die ihn leitete, seines Erzeugers! + Großes beschloß alsbald der treffliche Greis, und, dem Kaiser + Jetzo genaht, vordrängt' er das Kind, und sprach in das Ohr ihm: + »Geh', und umfass' ihm die Knie' mit festgeschlungenen Armen, + Daß er dein sich erbarme mit Huld, und die Leiche des Vaters + Frei gewähre zum Trost den Unglücklichen, die er zurückließ; + Dir zum Ruhm, wenn einst auf vaterländischem Boden + Du ihm erhöhst das ehrende Maal, und zur Zierde dem Land dort, + Deß gewaltiger Held, und erhabenster Fürst er gewesen! + Fasse nur Herz: nicht hartgesinnt erweis't sich der Kaiser + Dir: als Vater das dunkle Geschick der Kinder bedenkend.« + Ottgars blühender Sohn gehorcht' ihm: er stürzte zu Rudolphs + Füßen; umfaßt' ihm die Knie', und rief erschütternden Lautes: + »Mildgesinnt, so sprachen sie all', ist der mächtige Kaiser, + Dem ich hier auf den Knie'n, und mit thränenerfülleten Augen + Rufe: erbarme dich mein, des Verwaiseten; lasse des Vaters + Leich' uns frei, der dir erlag in der schrecklichen Feldschlacht! + Hast ja auch Kinder, und sie erfreu'n sich des liebenden Vaters + Noch, der, machtbegabt, sie schirmt, und zu Ehren erhebet. + Aber, o, mich Unglücklichen: denn des Vaters beraubet, + Welcher so hold mir war, vermiss' ich die mächtige Hand jetzt, + Die mich hatte geführt auf des Lebens unsicheren Pfaden! + Dennoch wird sein Grab im vaterländischen Boden, + Der sein theures Gebein bedeckt, und der redende Denkstein + Mir erfüllen die Brust mit Trost, und mit Stärke sie waffnen; + Stillen den Schmerz der Mutter um ihn, und erheben des Volkes + Sinkenden Muth, das stets, in Treu' ergeben, ihm anhing.« + Doch der erhabene Kaiser schwieg, mit sinnenden Blicken + Ueber den Jüngling gebeugt, und das Volk dort weinete ringsum. + »Höre des Sohnes Fleh'n,« begann jetzt Lobkowitz finster, + »Himmelan hebt sich dein Ruhm: nicht bedarf er des ehrenden Denksteins + Hier, der, rühmend, von Ottgars Grab verkünde der Nachwelt, + Welchen Gegner du einst im Felde der Waffen erlegt hast. + Allwärts preis't dich die Welt großmüthig und edel: als solchen + Sollst du auch ihm dich erweisen -- wo nicht? + so täuschte dein Ruf nur: + Denn unziemlicher Haß g'en Ottgar füllet dein Herz noch.« + Rief's empört, und übermannt von unbändigem Herzleid. + Alle staunten umher; doch zürnte dem eifernden Alten, + Welcher so edel gesinnt, und zugleich so tapfer im Feld war, + Rudolph nicht. Voll Rührung erhob er nun den Erzeugten + Ottgars, der erneut ihm die Knie' umschlang, von dem Boden, + Herzt' ihn vor allem Volk', und begann mit erheitertem Antlitz: + »Sey getröstet, mein Sohn! Nicht sann ich, vor Trauer verstummend, + Dir ein kostbares Unterpfand zu entreißen: denn alsbald + Geb' ich es frei. Auch führe zugleich mit dem tapferen Helden, + Lobkowitz, dich der Füllensteiner im Ehrengeleit heim. + Zieh' dann schnell g'en Prag mit der Leiche des theuern Erzeugers, + Sie zu bestatten mit würdiger Pracht, und zu weihen ein Denkmaal + Ihm, der, herrschend mit Kraft und mit vielumfassender Weisheit, + Rastlos seines unzähligen Volks Gedeihen und Wohlfahrt + Förderte. Doch, nun komm'! Ich will ein Vater dir werden, + Wie ich's zuvor beschloß im Gemüth', und im Segen des Himmels + Möge der sprossende Keim noch herrliche Früchte dir bringen.« + Sagt' es mit freud'ausstrahlendem Blick', und als er, gewendet, + Faßte des Rosses Zaum mit der Linken, hinauf in den Sattel + Sich zu schwingen, da both er zugleich dem staunenden Helden, + Lobkowitz, schnell die Rechte zum Gruß mit den freundlichen Worten: + »Kühner, du stand'st mir zwar gar feindlich entgegen, und dennoch + Sagt mir das Herz: wir scheiden noch bald, als Freunde für immer!« + Jener dankt' ihm d'rauf mit thränenumflossenen Wimpern, + Schweigend; aber es quillt ein Dank aus den schimmernden Thränen, + Den im schwellenden Strom der Worte die Zunge nicht ausspricht. + Solches gewahrete nun der Kaiser, erfreuet, und schwang sich + Rasch auf das Roß, den Siegeszug in der Burg zu vollenden: + Denn mit jubelndem Ruf fortwogten von neuem die Scharen. + + Jetzt, in dem weitumschlossenen Raum der mächtigen Hofburg, + Wies sich dem Volk' ein Schaugerüst, der Sichel des Mondes + Aehnlich an Bogengestalt, erhöht, und mit Purpur behangen. + Vierzehn Stufen empor, in stets verengteren Kreisen + Hob sich der herrliche Bau, und zuhöchst, auf dem oberen Feldraum + Stand, hellschimmernd, des Herrschers Thron, an welchem zur Linken, + Und zur Rechten, gar zierlich geschmückt, zwei Stühle von Purpur + Glänzten. In drängender Hast erfüllte sich eilig die Hofburg. + Freudiger Lärm erscholl, als die Rosse, der Reiter entledigt, + Wieherten, heim durch die Menge geführt, und in stattlicher Hoheit + Rudolph nun mit Gefolg zu dem glänzenden Throne hinaufschritt; + Dort sich Ladislav, den König der Ungern, zur Rechten -- + Wenzel, den Sohn des getödteten Horts der Böhmen, zur Linken + Sitzen hieß, und das Volk mit freundlichem Winke begrüßte; + Doch ein schmetternder Laut der Dromete geboth in dem Hofraum + Schweigen, und Stille ward, daß der Hauch des athmenden Busens + Hörbar flog, und umher die Stimme des Kaisers vernehmlich + Tönete, da er die Recht' erhob, und also zum Volk sprach: + »Seht uns am Ziele, mit Gott! Vollbracht ist die That, und das Opfer, + Das aus dankbarer Brust zu dem Ewigen heute sich aufschwang. + Ach, gar dürftig erscheinet das Wort! Wie sollen wir würdig + Danken dem Heer', das uns den Sieg errang in der Feldschlacht? + Wie dem erlauchtesten Könige, der als helfender Freund, uns + Einte sein tapferes Volk im allentscheidenden Zeitraum? + Nicht vermöchten wir das! Doch ihn, den König der Ungern + Schließen wir heut' an Sohnesstatt, wie er selbst es ersehnet,[3] + Freudig an's Herz, und geloben ihm Schutz und Freundschaft für immer. + Wohl bezeugt uns der Herr: »Wer hat, dem wird noch gegeben!« + Also auch wir, von Gott mit Kindern gesegnet, erkiesen + Heute der Söhne noch mehr -- denn hört: den theuern Erzeugten + Ottgars einen wir auch, als solchen, in liebender Sorgfalt + Bald mit unserem Blut: ihm Gutha, die Tochter, verlobend, + Die uns die jüngst' erblüht aus den Töchtern, + voll lieblicher Unschuld!« + Jetzo drückt' er zuerst den König, und d'rauf den Erzeugten + Ottgars rasch an die Brust, und unendlich jauchzte das Volk auf. + Aber der König erhob sich vom Stuhl', und sagte voll Feuer: + »O, gesegnet für immer der Tag, der, freundlichen Anblicks, + Dich als Bundesgenossen mir wies! Der brausenden Jugend + Jahr' umgaukelten mich noch jüngst im verwirrenden Schimmer; + Aber du kamst: wohl nenn' ich dich »Vater« mit Recht, und ich fühle + Mich urplötzlich zum Manne gereift -- dein würdig, als Sohn jetzt! + Lange lebe, beglückt, der edelste Kaiser der Deutschen!« + Sprach's mit jubelndem Ruf', und umher ertönte des Volkes + Freudengeschrei, wie Donnersturm, wie stürzender Wasser + Lautes Rauschen: »Er lebe beglückt! Hoch lebe der Kaiser!« + So, daß jegliche Brust Entzücken ergriff, und der Thränen + Stürmische Fluth in das Aug' urschnell aufjagte vom Herzen. + Aber es winkte der Kaiser erneut: der eh'rnen Drometen + Ernstem Schall verstummte das Volk, und er sagte, bewegt, noch: + »Hört! Wir scheiden von euch nun bald, und auf lange. Gebiethend + Ruft uns Deutschlands Wohl nach den rheinischen Gau'n, und wir folgen + Freudig dem Ruf, da uns hier zu weilen hinfort nicht vergönnt ist. + Doch nicht bleibe darum dieß Land nach unserer Abfahrt + Hauptlos. Wichtiges reift im dunkeln Schooße der Zukunft + Ihm, und Hohes erringt es. Inmitten gewaltiger Länder, + Hebt Haus-Oestreich hier, aus seinem unscheinbaren Umkreis + Eiserngegründet, sich auf; gewährt dann jenen die Herrscher; + Flicht in den Kranz nie welkender Macht die herrlichsten Kronen, + Die bald König' ihm biethen, und führt vielfältig durch Sitte, + Sprach', und Stamm gesonderte Völker zu dauernder Einung. + Also, gerüstet mit Kraft, soll's einst im Sturme der Zeiten + Fest wie ein Leuchtthurm steh'n, der rettend, Gefahrenbedrängten + Von dem Felsen die Flamme weis't auf dem nächtlichen Irrpfad. + Albrecht komme heran. Ihm, unserem theuern Erzeugten, + Deß' erhabener Sinn und Weisheit euch allen bekannt ist, + Wollen wir Oestreich hier zu Lehen ertheilen. Als Herzog + Werd' ihm der Thron, und in seinem Geschlecht + fortdaure die Herrschaft, + Endlos, segenbeglückt zum Wohl unzähliger Völker.« + Ha, und er dachte, bewegt, des Alp'bewohnenden Klausners! + + Doch schon ritt aus dem hallenden Thor der Erzeugte des Kaisers, + Albrecht, stattlich heran. Sein Roß, der tönenden Hauptzier -- + Also des Zaums und Geschirrs von blinkendem Silber sich freuend, + Beugte stolz das Haupt an die Brust. Doch herrlich geschmückt war + Er mit dem Fürstenhut' und dem Purpurmantel: ihn deckte + Glänzender Hermelin; auch hielt er den goldenen Zepter + Fest in der Rechten erhöht. Durch Schrift und Siegel ertheilte + Friedrich der Erste, von Hohenstauff, der mächtig als Kaiser + Ragte vor andern hervor, das Recht dem Herzog von Oestreich, + Also zu Pferd, und so herrlich geschmückt das Leh'n zu empfangen.[4] + Siehe, vor ihm trug Lichtenstein das Banner von Oestreich, + Deß' ruhmwürdiger Schild, mit dem schneeigen Streif in dem Blutfeld + Schimmerte, rasch einher; doch Albrecht hielt an des Thrones + Stufen, und beugte sich; d'rauf begann der erhabene Kaiser: + »Albrecht, euch beschwören wir jetzt im Nahmen des einen, + Wahren, und ewigen Gott's, zu bekennen: ob ihr, als Herzog + Oestreichs, herrschen wollet nach Recht und Gerechtigkeit; ob ihr + Schirmen wollet die heilige Lehr' und den Glauben der Väter, + Und euch widmen dem Wohl des Landes mit Leib und mit Leben, + Das ihr heute zu Lehen empfaht aus unserer Vollmacht?« + Jener rief: »Ich will!« und alsbald winkte der Kaiser + Lichtenstein, daß er ihm darreichte die Fahn', und begann so: + »Nun auch schwört es zu Gott, und im Beiseyn eueres Volkes, + Eilig das Banner zugleich, und den goldenen Zepter erhebend + Hoch g'en Himmel empor.« Und jener entgegnete muthig: + »Ja, ich schwör' es zu Gott!« und erhob den goldenen Zepter + Dann mit dem Banner zugleich in die Luft. Der Kaiser entstürzte + Jetzo dem Purpurpfühl', und flog in die Arme des Sohnes, + Der, sich schwingend vom Zelter herab, ihm entgegen geeilt war. + Lange hielt er den Sohn umfaßt, und sagte mit Rührung: + »Gottes Segen mit dir, und mit deinem Geschlechte! Der Nachwelt + Stell' ich es freudig anheim, was heut' allhier sich begeben. + Möge sie noch an der Zeiten entferntestem Ziele, des Glückes + Herrlichster Fülle froh, laut Habsburg segnen und Oestreich!« + + Siehe, da rief umher die Menge dem neuen Beherrscher, + Jauchzend, ihr »Lebehoch!« Doch sah nach dem Kaiser so mancher, + Innig betrübt, noch hin, der erst von Trennen und Scheiden + Sprach, und auf immer vielleicht den liebenden Herzen entrückt wird. + D'rauf hieß er die Fürsten bei sich willkommen, und sagte: + »Kommt zum erquickenden Mahl', und ruht in der friedlichen Burg hier, + Heiteren Sinn's, jetzt aus von des Kriegs unzähligen Sorgen! + Aber verzeiht: ich eile zuvor nach der düsteren Kammer, + Wo die Gattinn mir starb, und nach ihr sich, in Trauergewanden, + Sehnen die Kinder vereint; ich gehe, die Lieben zu trösten.« + Und er entzog sich den Blicken der lautaufjubelnden Scharen: + Thränenden Blicks, aufschreitend allein zur Wohnung der Trauer. + + + + + Nachtrag + + zu dem + + Heldengedichte Rudolph von Habsburg. + + +Die Marchfelder Schlacht. Jahr 1278. + +Die merkwürdige Schlacht auf dem Marchfeld zwischen Rudolph I. von +Habsburg, Kaiser der Deutschen, und Przemisl Ottokar II., König von +Böhmen, in welcher letzterer besiegt fiel, und jener seinen Nachkommen +Oestreichs Herrscherthron erkämpfte, geschah am 24. August des Jahres +1278. Schon zwei Jahre vorher standen sich, eben daselbst, die beiden +Fürsten feindlich entgegen. Ottokar, durch früheren Ehebund mit der +babenbergischen Margareth, der Herrscher geworden von Oestreich und +Steyermark, und, durch Kauf, von Kärnthen und Krain, ließ sich endlich +herbei, diesen Provinzen, als anheimgefallenen Reichslehen, zu entsagen; +worauf er, auf der Donau-Insel Kamberg, im Angesicht beider Heere, dem +Kaiser (19. November 1276) knieend gehuldigt, und dieser, angeblich, +durch Herabrollen der Zeltvorhänge, diese Handlung offenkundig gemacht +haben soll. Dem heimkehrenden König setzte seine ehrgeizige Gemahlin, +Kunegunde, durch Schmähungen so lange zu, bis er dem Kaiser neuerdings +den Kampf auf Tod und Leben both. Schon am 27. Juni brach er von Prag zu +seinem Heer' auf, das sich vor Brünn versammelt hatte, verlor aber auf +seinem Kriegszug in Oestreich, durch die Belagerung des befestigten +Städtchens Drosendorf, den entscheidenden Augenblick, und setzte dadurch +den Kaiser in den Stand, Hülfsvölker zu sammeln, um welchen es sonst +durch schnelles Vordringen geschehen gewesen wäre. Auf Rudolphs Seite +standen nebst den Schweizern und Elsassern, die ihm sein Sohn Albrecht +zuführte, der Pfalzgraf Ludwig, sein Tochtermann; der Burggraf Friedrich +von Nürnberg; der Markgraf Heinrich von Hochberg: zu welchen noch die +Grafen von Henneberg, und Fürstenberg stießen. Dann: Meinhard Graf von +Tyrol; Graf Albert von Görz; Friedrich, und Albert, die Grafen von +Ortenburg, und Ulrich von Heunburg mit den Tyrolern, Kärnthnern und +Krainern; Pfannberg, und zugleich die Herren von Pettau, Lichtenstein, +und Colo von Seldenhofen, mit den Steyrern. Auch die Bischöfe von +Salzburg und Basel führten ihm Krieger zu, deren ersterem er in der +Schlacht die Leitung der Oestreicher und Steyrer übergab. Endlich +erschien auch der König Ladislav IV., an welchen er den tapferen +tyrolischen Hauptmann, Hugo von Tauffers, abgeschickt hatte, mit mehr +denn zwanzigtausend kumanischen und ungrischen Reisigen, als sein +Verbündeter, auf dem Schlachtfeld. An Ottokars Völker, die Böhmen, und +die Mährer unter Milota's Leitung, reiheten sich: Bayern, welche der +Herzog Heinrich; Sachsen, welche Pfeil, der Markgraf von Magdeburg, und +Meißner und Thüringer, welche der Markgraf Dietrich anführte. Die +Reussen sandte K. Leo, und die Polen und Schlesier K. Kasimir heran. +Auch einige östreichische Ritter, unter diesen die beiden Brüder +Heinrich und Leopold Kunring, ergriffen seine Parthei, so, daß er dem +Kaiser an der Zahl der Krieger weit überlegen war. Das Feld, auf welchem +gestritten ward, erstreckte sich von Marcheck über den Weidenbach, dann +weiter von Stillfried über Dürnkrut bis gegen Idungspeugen, hinauf, und +der Kampf endete wahrscheinlich, wie weiter unten erhellet, nahe vor dem +Städtchen Laa. Rudolph setzte mit seinem Heere bei Hainburg über die +Donau, seine Vereinigung mit dem König der Ungern zu bewirken, und dem +Feind in den Rücken zu kommen, und lagerte sich vor Marcheck. Die +Kumanier hatten bereits aus dem Hinterhalt die herumstreifenden Feinde +angefallen, ihnen über 100 Mann getödtet, und nachdem sie ihnen die +Köpfe abgehauen, sandten sie selbe dem Kaiser als Geschenk entgegen, der +sich mit Schauder davon wegwendete, und sie begraben ließ. Am 23. August +rückte er g'en Stillfried vor, und beschloß die Schlacht auf den +folgenden Tag, der mit dem Feste des heil. Bartholomäus auf einen +Freitag fiel, an welchem er öfters glücklich gekämpft hatte.[A] Der Tag +brach an: die Kaiserlichen standen in fünf Heerhaufen, den sechsen der +Böhmen, entgegen. Noch kurz vor dem Kampfe schlug der Kaiser, nebst +anderen, auch hundert Zürcher zu Rittern. In seinem Heer herrschte mehr +froher Muth, als in jenem Ottokars, da vor Tagesanbruch die Meißner und +Thüringer aus dem Lager heimlich abzogen, und er zuvor im Zelt, mit +erregtem Mißtrauen, die Feldherrn aufforderte: »sie sollten ihm, wenn +sie Verrath an ihm sännen, lieber jetzt die Brust durchbohren, ehe +Tausende auf dem Schlachtfelde gefallen seyn würden.« Das unbändige +Pferd eines salzburgischen Reiters, Heinrich Schörlin, rannte, wie toll, +auf die Böhmen los, und ward so zum Zeichen des früheren Angriffs. +Ottokar brachte mit den schwergeharnischten Reitern die Oestreicher und +Steyrer zum Weichen, nachdem der Führer der letzteren, Pfannberg, +verwundet vom Pferde gefallen war. Als der Kaiser die wankende Schlacht +sah, da warf er sich aus dem Sattel im Staub auf die Knie', und bethete +laut zum Himmel, verheißend durch ein Gelübde, so er den Sieg gewänne, +ein Kloster zu Ehren des heil. Kreuzes zu stiften; worauf seine Scharen +ermuthigt vordrangen. Doch schlug sich Herbot von Füllenstein, ein +polnischer Ritter, durch große Verheißungen Ottokars bewogen, bis zu ihm +durch, erstach ihm das Pferd unter dem Leib, und brachte ihn in die +größte Gefahr, wenn nicht er selber, zu Fuß ankämpfend, ihn mit dem +Speer von dem Sattel herabgerissen, und der herbeieilende tapfere Ritter +Ulrich Capellen ihm ein Pferd gebothen hätte. Den gefangenen Ritter +Herbot hieß der Kaiser schonen, seine Wunden verbinden, und warf sich +dann, wie ein erzürnter Löwe, neuerdings auf die Feinde. Auf dem rechten +Flügel, wo Hochberg stritt, erhob sich das Geschrei, »die Feinde +fliehen!« und bald verbreitete es sich durch alle Reihen Rudolphs. +Ottokar wankte einen Augenblick, hieß aber Milota aus dem Nachhalt +vorgeh'n; und als dieser, langgenährter Rache fröhnend, mit den Mährern +und einigen böhmischen Herren, die er gewann, eben jetzt von dem +Schlachtfeld abzog, stürzte er sich in den letzten mörderischen Kampf, +und fiel auch hier, als ein Opfer der Rache, durch die Hand der beiden +Ritter von Meerenberg, mit dreizehn Wunden, ehe der Befehl des Kaisers, +der sein Leben zu schonen geboth, erfüllt werden konnte. Worauf Flucht +und Verwirrung der Böhmen. Der Kaiser ließ zum Rückzug blasen, allein +die Kumanier verfolgten sie, bis die sinkende Nacht dem Würgen ein Ende +machte. Die Schlacht währte nur fünf Stunden, und es sollen auf Ottokars +Seite über 14,000 gefallen seyn. Rudolph hieß seine Leiche sogleich +aufsuchen, nach dem Städtchen Laa, und noch in der Nacht nach Wien +bringen, wo sie anfangs in dem Schotten-Kloster beigesetzt, und dann in +der Kirche der Barfüßer-Mönche öffentlich zur Schau ausgestellt blieb. +Allein, auf die in das Lager gelangte Bitte der Böhmen, stellte er sie +ihnen wieder zu; worauf sie über Znaim nach Prag abgeführt, und in dem, +von ihm erbauten Franciskaner-Kloster königlich zur Erde bestattet ward. +Rudolph hielt in Wien, unter unendlichem Jubel des Volkes, seinen +feierlichen Einzug, und erfüllte bald darauf sein Gelübde, indem er zu +Tuln, zu Ehren des heil. Kreuzes ein adeliges Frauenkloster erbauen +ließ. + + [Fussnote A: Bei _+Arenpeck Chron. Austr. ad Annum+ 1278 heißt es_: + +Conveniunt ambo Reges cum exercitibus suis in campis Austriae trans + Danubium apud Weidenbach feria sexta ante Bartholomaei etc.+ Viele + andere wollen, daß die Schlacht sich am 26. August ereignet habe.] + + + + + Anmerkungen + + zu + + Rudolph von Habsburg. + + +Erster Gesang. + +[1] Vers 9. + +_Drahomira_ war die Gemahlinn Vratislavs, Herzogs von Böhmen, der die +Heidinn in der Hoffnung, daß sie sich zum Christenthume bekehren würde, +im Jahr 907 ehlichte. Sie gebar ihm zwei Söhne, Wenzel und Boleslav, und +als er im Jahr 916 starb, und seine Mutter, die heil. Ludmilla, die +vormundschaftliche Regierung übernehmen wollte, stand sie in der +berufenen Ständeversammlung zu Prag dagegen auf, zog sich mit ihrem +jüngeren Sohn, Boleslav, auf das feste Schloß Wischehrad zurück, und +wüthete beinahe durch vier Jahre, mit Beihülfe des heidnischen +Stadtrichters Palhog, gegen die Christen mit Feuer und Schwert. Darauf +ließ sie die Kirche zu Bunzlau zerstören, und endlich auch ihre +Schwiegermutter auf dem Schlosse Tetin hinrichten. Wenzel, obgleich nur +ein Jüngling, kam hierauf nach Prag, berief die Stände im Jahr 921, und +entsetzte sie der Regierung. Doch ruhte die unmenschliche Mutter nicht, +bis ihr jüngerer Sohn den älteren im Jahr 938 auf ihr Anstiften durch +Brudermord auf die Seite schaffte. Nach der Sage soll sie auf dem +Hradschin die Erde lebendig verschlungen haben. S. +_Cosmas Pragensis_ +L. I. _Hist._ -- _Pulkawa Hist. Boh._ C. 13. _Dubrav. Hist. Boh._ L. 5. +_Sylvius_, _Hagek_ etc.+ + +[2] Vers 68. + +_Margareth_, die Tochter des babenbergischen Leopold des Glorreichen, +Herzogs von Oestreich, war die Wittwe Kaisers Heinrich VII., und bereits +an Jahren vorgerückt, als Ottokar, wohl nur in der Absicht, mit ihrer +Hand Oestreich und die Steyermark zu erlangen, sie im Jahr 1252 +heirathete, aber schon im Jahr 1261 sich von ihr, wegen beschuldigter +Unfruchtbarkeit, wieder scheiden ließ. Sie starb zu Krems im Jahr 1267 +im Kloster, und zwar, wie Einige behaupten, durch Gift, mit welchem sie +Ottokar aus der Welt geschafft haben soll. Doch hat Hanthaler +_Fast. +Campilil._ T. I. P. II. Dec. VII. §. I. C. XXXIV.+ diese Behauptung +widerlegt. Sie liegt in dem Kloster Lilienfeld, das ihr Vater stiftete, +ihm zur Linken, vor dem Hochaltar, begraben. + +[3] Vers 117. + +_Durnkrut._ Siehe den merkwürdigen Aufsatz »Die Entscheidungsschlacht im +Marchfelde zwischen Rudolph und Ottokar 1278« im Archiv für Geographie, +Historie &c. Nr. 1 und 2 des J. 1814. Der vortreffliche +Geschichtschreiber, Chorherr Kurz, sagt in seinem +Oestreich unter +Ottokar und Albrecht I.+: »In Rücksicht des Schlachtfeldes stimmen die +Berichte nicht ganz überein, welches wohl nicht anders möglich ist, da +zwei Heere nothwendig eine große Strecke einnehmen, und während einer so +entscheidenden Schlacht an mehreren Orten gestritten wird. Daß an dem +Marchfluß gekämpft ward, in welchem viele Böhmen den Tod fanden, +bestätigen alle Chroniken. Der Bezirk von _Stillfried_ bis +_Idungspeugen_ hinauf, war der eigentliche Kampfplatz, _Chrutterfeld_, +das ebenfalls genannt wird, liegt in der Mitte. Die Schlacht muß sich +von Stillfried gegen den _Weidenbach_ und bis _Marcheck_ ausgedehnt +haben, da Rudolph in seinem Stiftsbrief sagt: »Gott habe ihn nicht fern +der Kirche von Marcheck aus Todesgefahr errettet«. +In loco ab ecclesia +eadem non longe distante nos quasi in angustiis mortis positos liberavit +ab hostibus: et prostratis eisdem liberavit gloria triumphali.+ ++_Bodmann_ cap. I. p. 100.+ Wahrscheinlich deutet er auf die Gefahr, die +ihm drohte, als ihm das Pferd unter dem Leib' erstochen ward. +_Calles_ +T. II.+ p. 552-562 hat alle hierher gehörigen Stellen gesammelt«. + +[4] Vers 284. + +Siehe über dieses Gespräch Hornecks Reim-Chronik, Cap. 132-136 + +[5] Vers 351. + +_Rüdiger Waldram_ nennt _Fugger_, in seinem _Ehrenspiegel des Erzhauses +Oestreich_, den Bürgermeister Wiens, der an Rudolph mit dem König der +Böhmen einverstanden, heimlichen Verrath sann. Bei andern +Schriftstellern heißt er Paltram Vazo. Der Sänger Rudolphs fand jenen +wohlklingender zu seinem Zwecke (S. auch +Wolf. Lazius Chron. Vienn. +Lib. IV.+ und +Gerard. Roo Hist. Austr. Lib. I.+) + +[6] Vers 360. + +Die Erzählung von der Huldigung Ottokars auf der Donau-Insel _Kamberg_, +wo er, nachdem die täuschenden Zeltvorhänge gefallen waren, auf den +Knieen vor dem Kaiser liegend, den beiden, durch die Donau geschiedenen +Heeren gewiesen ward, ist von vielen gründlichen Geschichtsforschern als +unstatthaft verworfen worden. + +[7] Vers 375. + +In einem der anmuthigsten Gebirgsthäler Unter-Oestreichs, am Fuße der +Alpen, und an dem Ufer des Traisenflusses, liegt das Cisterzienser-Stift +_Lilienfeld_, von dem babenbergischen Leopold VII., oder Glorreichen, im +Jahr 1202 gestiftet, dem der Sänger Rudolphs durch acht und zwanzig +Jahre angehörte, und demselben in den letzten sieben Jahren als Abt, +k. k. Rath und niederöstreichischer Landesstand, vorgesetzt war. + +[8] Vers 397. + +_Masovien_ (Masuren), eine Landschaft in Polen, welche an Preußen, an +Groß- und Klein-Polen und an Lithauen gränzte, früher durch eigene +Herzoge regiert, und unter König Sigismund I. mit Polen vereiniget ward. +Ihre vornehmsten Städte waren Warschau und Plozk. (Hartknoch +de Republ. +Pol. L. I. c. 10.+) + +[9] Vers 403. + +_Königsberg_, die zweite Residenzstadt Preußens an der Pregel, von mehr +als 60,000 Einwohnern, und einer Universität, die in der neueren Zeit +durch Kant berühmt geworden ist, soll Ottokar im Jahr 1254 gegründet +haben. + +[10] Vers 421. + +Daß Rudolph in seinem sieben und dreißigsten Jahre an den Hof Ottokars, +der übrigens als ein großer Feldherr jungen Fürsten allerdings zum +Muster dienen könnte, berufen, und zu seinem Hofmarschalk ernannt worden +sey, daß er dann mit ihm die, bei dem Einfall der Tartaren wieder +heidnisch gewordenen, Preußen bekämpfte, im Jahr 1260 einem Kriegszug +gegen die Ungern beigewohnt, und wegen ausgezeichneter Heldenthaten von +ihm den Ritterschlag erhalten habe, sind Erzählungen aus seinem Leben, +deren Wahrheit hie und da bestritten worden ist. + +[11] Vers 484. + +_Tabor_. Ein an dem linken Ufer der Donau, Wien gegenüber liegendes +Dorf. + + +Zweiter Gesang. + +[1] Vers 28. + +Die Veste _Mödling_, deren Ruinen über dem Städtchen gleiches Nahmens, +nicht fern von Wien, in dem Brühler Thal zu sehen sind, war das +Eigenthum mehrerer Fürsten eines Zweigs des babenbergischen +Herrscherstammes, die sich Herzoge von Modeling nannten, und das zuletzt +auch Gertrud, die Tochter Heinrichs, Herzogs von Mödling, und Bruders +Friedrichs des Streitbaren, zu ihrem Antheil erhielt, nachdem ihr Gatte, +Herman, Markgraf von Baden, gestorben war. + +[2] Vers 35. + +In einem eng umschlossenen Thal', am Fuße des Tannberges, welches der +Sattelbach durckfließt, stiftete Leopold der Heilige im Jahr 1135 das +Cisterzienser-Kloster Heiligen-Kreuz, welches nebst andern merkwürdigen +Grabmäälern im Kreuzgang auch jenes von Friedrich dem Streitbaren, +letzten Sprossen des babenbergischen Stammes, zur Schau stellt. + +[3] Vers 91. + +Ueber _Jacob Müllers_, des Zürcher Kriegers, _lustige Mähre_ siehe ++_Alb. Argent. Cap._ 18+ und _Fuggers Spiegel der Ehren des Erzhauses +Oestreich_. Nürnberg, 1668, erstes Buch 7. Cap. S. 66. + +[4] Vers 110. + +Der _Traisen_-Fluß in Unteröstreich, der bei Traisenmauer in die Donau +fällt, entspringt hinter der Lilienfelder Alpenkette aus dem sogenannten +Traisenberg, und ergießt sich in zwei Bächen, wovon der eine hinter +Tirnitz aus der Süd- und der andere hinter Hohenberg aus der Nordseite +des Berges hervordringt, so, daß beide erst oberhalb Lilienfeld sich +wieder vereinigen, und die eigentliche Traisen bilden. Wechselweise wird +der eine, und der andere Arm die _unechte Traisen_ genannt, je nachdem +der Bewohner des einen und des andern Bezirks Kunde darüber geben soll. + +[5] Vers 115. + +_Lilienfeld_, das Cisterzienserkloster in Unteröstreich, welches am Fuße +der Alpen, in einem der reizendsten Thäler, nicht weit von der, auf der +Hauptstraße nach Wien liegenden Stadt St. Pölten entfernt liegt, wurde +durch den babenbergischen Leopold den Glorreichen, Herzog von Oestreich, +im Jahr 1202 gestiftet, erhielt, wie schon weiter oben im Gedichte +gesagt wird, die ersten Mitglieder aus dem Kloster Heiligen-Kreuz, und +besteht nun schon 640 Jahre. In dieses Kloster trat der Dichter Rudolphs +von Habsburg, in seinem zwanzigsten Lebensjahre, im Jahre 1792, und +hatte ihm gegen 28 Jahre lang angehört, nach welchen er zu höhern +Stellen berufen ward; es ist ihm daher wohl zu guten zu halten, daß er +es zu einem der Schauplätze seines Gedichtes gewählt, und mit besonderer +Liebe und Ortskenntniß beschrieben hat. + +[6] Vers 171. + +Ob Rudolph vor, oder während der Schlacht das Gelübde gemacht habe: so +er den Sieg gewänne, ein Kloster zu Ehren des heil. Kreuzes zu erbauen, +ist aus den vorhandenen Nachrichten nicht völlig erweisbar. So viel ist +gewiß, daß er, nach jenem erhaltenen Sieg über seinen Gegner, das +adelige Frauenkloster zu Tuln, zu Ehren des heil. Kreuzes erbaut, und +auch seine, und seiner Gemahlinn aus Stein gehauene Statuen dahin +geschenkt habe, die leider zur Zeit der Aufhebung desselben, auf eine +unverantwortliche Weise, vernichtet worden sind! + +[7] Vers 176. + +Die hier bezeichneten Fürsten sind: Albrecht I., Friedrich der Schöne, +Maximilian I., Carl V., Maria Theresia, Joseph II., Leopold II., +Franz I. + +[8] Vers 320. + +Nach Fugger geschah diese Handlung zu Mainz, als Kaiser Rudolph das +Reich bereisete, im Jahr 1273. (_Siehe Spiegel der Ehren_. S. 84.) + +[9] Vers 372. + +_Wiener-Neustadt_ -- erhielt den Titel der _Allzeit Getreuen_ schon von +Herzog Friedrich dem Streitbaren, wie es aus einer ihr im Jahr 1242 +ertheilten Privilegien-Urkunde erhellet. Kaiser Leopold I. schenkte ihr +im J. 1708 eine Fahne mit der Aufschrift: +Semper fidelis civitas +Neostadiensis -- pro Caesare et Religione+ -- wie solches nebst andern +historisch merkwürdigen Seltenheiten in dem Rathhaus-Archive daselbst zu +ersehen ist. + +[10] Vers 410. + +Ein Meisterwerk der gothischen Baukunst, das alle Fremden durch seinen +majestätischen Umfang in Erstaunen setzte, das sogenannte Dormitorium, +oder Schlafhaus zu Lilienfeld, welches ursprünglich den Klosterbrüdern +zur gemeinschaftlichen Wohn- und Schlafstätte diente, als noch, außer +dem Chorgebeth, das Ausräuten und Urbarmachen der Wildniß umher ihr +hauptsächliches Geschäft war, ging durch den großen Brand (13. September +1810) völlig zu Grunde, so daß keine Spur mehr von seiner Herrlichkeit +übrig blieb. + +[11] Vers 478. + +Der _Lasingfall_, in den Lilienfelder Gebirgen, ist seit dem Jahr 1815, +wo ihn der Verfasser des gegenwärtigen Gedichts, als damaliger +Stiftsvorsteher, zugänglich, und dadurch erst bekannt machte, der +Gegenstand der Aufmerksamkeit der Reisenden, die ihn jährlich in großer +Anzahl besuchen. Seine Schönheit übertrifft jede Vorstellung. Die +Felsenschlucht, durch welche sich die Lasing herabstürzt, hat drei +Hauptabsätze, die nach Wiener Maß: + + a = 107 Fuß + b = 40 » 8" + c = 123 » 2" + ------------- + 270 ' 10" + +senkrechte Höhe, und + + a = 145 Fuß 2" + b = 126 » 7" + c = 123 » 4" + ------------- + 395 ' 1" + +horizontale Länge des Wasserfalls bewirken. Auch das Felsenthal am Fuß +des Oetschers, durch welches sie sich ergießt, gewährt einen +ergreifenden Anblick. + + +Dritter Gesang. + +[1] Vers 3. + +_Marbod_, +Marobodus+, wie ihn Tacitus nennt, König der Marcomannen, +eines schwäbischen Stammes (Mark-Mannen, Hüther der Gränze, oder wie +Andere wollen: _Marich_-Mannen, Roßtummler, von dem alten deutschen Wort +_Marich_, Stute, Mähre, +equa+), lebte gleichzeitig mit Herman dem +Cherusker. Entschlossen, sich in einer entfernteren Stellung den Römern +furchtbar zu machen, sammelte er ein Heer von mehr denn siebenzig +tausend Mann, zog immer weiter an der Donau herab, und nachdem er den +_Catualda_ (Gothwald oder Katwald), einen Anführer der Gothen, aus dem +Lande der Bojen, dem heutigen Böhmen, verjagt hatte, gründete er dort +den Sitz eines neuen Reichs, das sich von der äußersten Spitze der +Ostmark, und der Gränze Pannoniens, bis an das Riesengebirge hin +erstreckte. _Inguiomar_ (wahrscheinlich Hinkmar), der Ohm Hermans, der +zu ihm flüchtete, verwickelte ihn in einen heftigen Streit mit seinem +gewaltigen Neffen, und als nach einer unentschiedenen blutigen +Feldschlacht seine Krieger auf Hermans Seite traten, und Catuald mit +Hülfe römischer Scharen seine Burg erstürmte, faßte er den Entschluß, +sich in Roms Schutz zu begeben. Er wurde nach Ravenna verwiesen, wo er +nach einem zwei und zwanzigjährigen Aufenthalt sein Leben -- das er, wie +Tacitus sagt, zu sehr liebte, in unrühmlicher Abgeschiedenheit endete. +Catuald hatte ein gleiches Schicksal, denn er wurde von den Römern nach +Frejus in Frankreich verwiesen. + +[2] Vers 16. + +Das Schloß _Hainburg_ mit dem Städtchen gleiches Nahmens, an der Gränze +Ungerns in Unter-Oestreich, soll, der Sage nach, von Attila, dem König +der Heunen, wie die Deutschen der Vorzeit die Hunnen nannten, erbaut +worden sein: daher Heunenburg, _Heunburg_, geheißen haben. Was hier von +dem Umfang, und der Lage des markomannischen Reichs unter Marbod, und +weiter unten Vers 25 von der durch ihn gekämpften Schlacht auf dem +Marchfeld gesagt wird, gründet sich, nicht mit historischer Gewißheit, +sondern in poetisch genommener scheinbarer Möglichkeit, auf folgende +Stellen aus dem Werke: +Hist. opus in IV. T. divisum, quorum T. I. Germ. +ant. illust. continet. Basileae 1574 ed. Tencterus+. + ++Sub Martungis erant Curiones, inde Chetuari, et Parmecampi, ubi hodie +pars est Austriae Cis-Danubianae juxta _Krembs, Znaem et Niclaspurg_. +Inde habitabant Marcomanni; hodie regio illa Moravia est, quae se ad +Sudinos extendebat, et Danubium usque, ubi hodie civitas est +_Prespurgium_. -- Gessit haec gens maxima bella cum Romanis etc. etc. +_Bilibaldi Birkheimeri Locor. per German. explicatio pag. 209._+ + +Ferner: +Nariscos Marcomannos et Quados haud dubie ea loca tenuisse +putamus, ubi nunc agunt Moravi, _Merherlandt_. De Marcomannis nemo +dubitare potest, qui Vellejum legerit. _Henr. Clareani in P. C. Taciti +de Mor. Germ. comment._ p. 188.+ + +Und endlich: +Marcomanni sedes habuerunt in ea parte, quae spectat ortum +versus Moraviam et Austriam. Enituit autem virtus Marcomannorum in +multis asperrimis bellis, in quibus patriam adversus Romanos fortissime +defenderunt etc. _Philip. Melanchtonis Vocabula Regionum et Gent. quae +recens. in libello Taciti de mor. Germ._ p. 193.+ + +Daß aber Rudolph aus Marbods Stamm entsprossen seyn soll (siehe unten V. +48) gründet sich in besagtem Sinn auf folgende Stelle: + ++Andreas Alciatus in suis annotationibus in Tacitum, etiam in Helvetiis +consedisse Marcomannos quadosque putat. Exstat enim, inquit, adhuc in +eis Vallis _Marcomanna_ nomine.+ + ++_Andreae Althameri Scholia in Cornel. Tacit. de Germ._ pag. 61+ +desselben Werks. + +[3] Vers 23. + +_Marobudum_ hieß die Residenzstadt Marbods, des Königs der Marcomannen, +die er sich in dem vormahligen Bojenheim erbaute, und die an der Stelle, +wo jetzt Prag -- nach Andern -- wo jezt Budweis, gestanden haben soll. + +[4] Vers 106. + +Das Wapen der Grafen von Habsburg enthielt im goldenen Felde einen +rothen Löwen mit einer blauen Krone auf dem Haupt. + +[5] Vers 107. + +Das böhmische Wapen zeigt einen weißen gekrönten Löwen im rothen Feld. +Kaiser Friedrich I. ertheilte selbes, nach dem Mailänder Krieg, +Uladislav II. im Jahr 1159. + +[6] Vers 108. + +Kaiser Friedrich II. erhob Wien im Jahr 1237 zu einer freien +Reichsstadt, ertheilte ihr den doppelten Adler zum Wapen, und stiftete +eine hohe Schule daselbst. S. _Lazius_. Auch diesem wird widersprochen. + +[7] Vers 295. + +Der schmale Donau-Arm, der, unterhalb Nußdorf von dem Hauptstrom +geschieden, die Stadt Wien von der Leopoldstadt trennet, und hiermit ein +großes Eyland bildet, auf welchem nebst besagter Vorstadt, auch die +anmuthigsten Spaziergänge in der Brigittenau, dem Augarten und dem +berühmten Prater sich befinden. + +[8] Vers 308. + +_Amtner_, dieses im Verlaufe des Gedichtes einigemal vorkommende Wort, +bezeichnet (wie Schaff-ner, Zöll-ner u. s. w. geformt) ganz entsprechend +die französische Benennung _Offizier_; wo sodann _Offizier-Corps_, durch +_Amtnergilde_ gegeben werden könnte. + +[9] Vers 350. + +Die Kumanier (ein sarmatisches Volk), die aus ihrem Land, welches +zwischen den Alpen und der Donau, gegen die Tartarei zu, lag, von den +hinterhalb wohnenden Tartaren gedrängt, unter Bela IV. Jahr 1239 nach +Ungern kamen, und von diesem eine große Strecke Lands zwischen der Donau +und der Theyß eingeräumt erhielten, vereinigten sich dann mit den bald +nachfolgenden Tataren, über Ungern die schrecklichste Verwüstung zu +bringen, weßwegen sie dem Unger, der sie in seiner Sprache Kun nennt, +auch nachdem jene schon abgezogen waren, noch lange verhaßt blieben. +(+Bonfinii Decad. II. Lib. 8.+) + +[10] Vers 358. + +Dschengis Khan brachte durch die Gründung seines großen Reichs in Asien +auch die europäische Tartarei, welche die Halbinsel Krimm, Beßarabien +und das Land zwischen dem Dniester und Dnepr in sich faßte, in Bewegung. +Seine Horden drängten die vor ihnen liegenden Kumanier, und als diese, +unter ihrem König Kuthen, sich nach Ungern zurück zogen, folgten sie +ihnen dahin nach, und verwüsteten unter ihren beiden Anführern, Vathos, +der über Reußen, Polen und Mähren, und Kadan, der aus der Moldau +hereinbrach, beinahe durch zwei Jahre das Land mit Feuer und Schwert. + +[11] Vers 517. + +Rudolphs Zug nach dem Gelobten-Lande; auch daß er Hofmarschalk König +Ottokars gewesen (siehe weiter unten Vers 602) gehört unter die +bestrittenen Ereignisse seines Lebens. + +[12] Vers 581. + +_Ueber das Faustrecht_ siehe Dr. Gerhards Abhandlung. Jena 1711. + +[13] Vers 595. + +_Fugger_ erzählt: »Auf dem Reichstag zu Nürnberg Jahr 1274 ist +beschlossen worden, daß forthin alle Reichsabschiede, Freiheitsbriefe, +Befehle, Verträge, letzte Willen, und dergleichen öffentliche Urkunden, +nicht mehr wie zuvor, in lateinischer, sondern in deutscher Sprache +sollten ausgefertigt werden, damit also die Ungelehrten, die das Latein +nicht verständen, nicht ungefährt bleiben, und die bürgerlichen +Geschäfte in mehrere Richtigkeit kommen möchten. Wiewohl es noch bei dem +damaligen Unform der Sprache (!!) mit der deutschen Rednerei etwas hart +herginge, so wäre doch diese löbliche Sorgfalt K. Rudolph ein guter +Anfang, und eine kräftige Anreizung zur Ausübung unserer Muttersprache +gewesen.« (_Siehe Ehrenspiegel_ S. 87.) + + +Vierter Gesang. + +[1] Vers 58. + +_Lug_, _Lueg_ im Oberdeutschen eine Warte, +Specula+, welche demnach dem +französischen +Loge+ entspricht. Siehe Theuerd. Cap. 47. + +[2] Vers 131. + +Alles, was hier, und weiter unten von Turnier und Turniergebräuchen +gesagt wird, mag in _Rüxners Turnierbuche_; in +_Du Cange dissertations +sur l'histoire de St. Louis_+, und in +_Menestrier_ (Claude Franç.) +_Traité des Tournois_, _Joustes_ etc. Lyon 1669. IV.+ seine Belege +finden. + +[3] Vers 428. + +_Zawiß von Rosenberg_, der Geliebte, und nachher Gemahl der Wittwe +Ottokars, Kunegunde, übte, während der Minderjährigkeit Wenzels, +Herrschergewalt über Böhmen aus. Dieser, nach ihrem Tod König geworden, +trug ihm tiefen Haß im Herzen, welchem zu entgehen, und sich zugleich an +dem feindseligen Herrscher zu rächen, Zawiß, durch eine Heirath mit der +Base des Ungernkönigs Ladislav, sich gegen ihn zu verbinden suchte. +-- Doch, in dem Augenblick der Abfahrt ward er zu Prag durch List +festgenommen, und nach mehr als Jahresfrist im Kerker zu Budweis +enthauptet. + + +Fünfter Gesang. + +[1] Vers 131. + +Die Schlacht von Kressenbrunn (Kroissenbrunn) im Marchfeld, in welcher +Ottokar über Bela IV. König der Ungern, einen entscheidenden Sieg davon +trug, ereignete sich im J. 1260. Siehe die höchst anziehende +Beschreibung derselben in _Hornecks Reim-Chronik_ vom 58. bis 64. Cap. + +[2] Vers 153. + +Nach jenem Sieg von Kroissenbrunn über die Ungern, zog Ottokar mit +seinen Scharen, wie im Triumph, durch Kärnthen und Krain. Als die Böhmen +an der Gränze von Italien die Steinwände von Canale ersahen, fragten sie +den König: »ob Rom nahe sey? denn sie hätten öfters von ihren Vorfahren +sagen gehört, daß sie durch eine solche Felsenpforte auf die Straße nach +Rom gekommen seyen.« Ottokar antwortete ihnen, »Böhm' und Pole sollen +sich einst hier wie zu Hause finden, denn, so er noch einige Zeit lebte, +würde sich seine Gewalt noch viel weiter erstrecken.« _Horneck +Reim-Chronik_ Cap. 90. + +[3] Vers 162. + +_Arpad_, der erste Anführer der Ungern (Magyaren), die, kommend von den +Ufern des Tanais her, im neunten Jahrhundert Pannonien in Besitz nahmen, +stand seinem Volk (nach +Anonym. Belae Not. 52. Cap.+) beiläufig von 889 +bis 907 vor, und war der Stammvater einer Reihe von Königen, unter +welchen der heil. Stephan zuerst, im J. 1000, diesen Titel annahm, bis +mit Andreas III. im J. 1301 sein Stamm ausstarb. Erst Ferdinand I. hat +dieses Reich auf immer mit Oestreich vereinigt, obschon dasselbe vor ihm +zwei Fürsten seines Hauses, Albert II., und Ladislaus Posthumus, +besaßen. + +[4] Vers 358. + +Das Schicksal beider fürstlichen Jünglinge, Konradins von Schwaben (Sohn +Konrads IV.) und Friedrichs von Oestreich (Sohn Markgraf Hermans von +Baden, und Gertrud, Tochter Heinrichs, Herzogs von Mödling) die im Jahr +1268 zu Neapel durch das Bluturtheil Carls von Anjou hingerichtet +wurden, ist bekannt. Horneck beschuldigt Ottokarn an mehr denn einer +Stelle, daß er, als Mitwerber um Oestreich und Steyermark, ihren Tod +befördert habe. _S. Reim-Chronik_ Cap. 164. + +[5] Vers 361. + +Gertrud, die Mutter Friedrichs von Oestreich, ließ Ottokar, nachdem er +Steyermark in seine Gewalt bekam, aus allen ihren Besitzungen, zuletzt +auch aus Judenburg und Feistritz, durch den grausam gesinnten Propst von +Brünn, vertreiben. Zur Nachtzeit, im Regen und Sturm, mußte sie die +Reise antreten. Sie begab sich nach Meißen. (_Horneck Reim-Chronik_ Cap. +55 und 56.) + +[6] Vers 364. + +Ueber Margarethens, der verstoßenen Gemahlinn Ottokars, Schicksale, +siehe _oben Anmerkungen zum ersten Gesange [2] zum Vers_ 68. + +[7] Vers 365. + +Otto, Herrn von und zu Meißau, den Stolz des östreichischen Adels, hatte +Ottokar, wegen geargwohnter Anhänglichkeit für den Sohn der +babenbergischen Gertrud, im Schloß Eichhorn festsetzen, und dort Jahr +1265 im Hungerthurm verbrennen lassen. (+Chron. Austral. Neob. et Leob. +apud. Hieron. Pez T. I.+) + +[8] Vers 366. + +Der scheelsüchtige Ritter Friedrich von Pettau hatte Ottokars +argwöhnisches Gemüth gegen einige seiner Mitstände in der Steyermark +aufgeregt, der dann mehrere von ihnen, als: Ulrich von Lichtenstein, +Hartneid von Wildon, Wülfing von Stubenberg, und Heinrich und Bernhard +von Pfannberg, auf verschiedene Vesten gefangen setzen, und sie aus +diesen nach einer zweijährigen Haft nicht eher entließ, bis sie ihm ihre +Burgen ausgeliefert hatten. _Horneck_ Cap. 85 und 86. + +[9] Vers 372. + +Seyfried von Merenberg, der steyrische Ritter, versäumte dem König +Ottokar, auf seinem Siegszug an der Drau mit den übrigen Herrn entgegen +zu kommen, und fiel durch Einflüsterung eines bösen Menschen bei ihm in +Verdacht. Er ließ ihn in der Folge heimlich greifen, und gebunden nach +Prag abführen. Als er vielfältig gemartert, Gott zum Zeugen seiner +Unschuld rief, und dem, nach Geständnissen einer Verschwörung in +Kärnthen und Krain gierigen König, keine Lüge für Wahrheit geben wollte, +wurde er durch ein Pferd zum Galgen geschleift, und dort, das Haupt zu +den Füßen gebunden, aufgehenkt. Noch in der zweiten Nacht lebt' er in +diesem qualvollen Zustand, bis ihm endlich einer der böhmischen Szupane +die Scheitel mit einem Kolben einschlug, weil er, auf wiederholte +Aufforderungen, schon halbtodt, aber standhaft, der Wahrheit getreu +gewesen zu seyn betheuerte. (_Horneck_ Cap. 99.) + +[10] Vers 378. + +Ottokar ließ den Bruder Milota's, Beneß, Kämmerer von Mähren, dessen +Tochter er geschändet haben soll, zugleich mit Otto von Meißau im Jahr +1265 in dem Hungerthurm zu Eichhorn verbrennen. Milota's Haß gegen +Ottokar, und der Verrath, den er in der Marchfelder Schlacht 1278 an ihm +beging, soll dadurch veranlaßt worden seyn. (Siehe _Hanthalers_ +Fast. +Campil. Lib. I. Dec. VII. §. 26.+ S. 1017 und _Fuggers Ehrenspiegel_ &c. +S. 104.) + + +Sechster Gesang. + +[1] Vers 96. + +_Odin_, der Gott der Götter, nach der nordischen Mythologie. (Siehe +_Ryerups Wörterbuch der scandinavischen Mythologie von Sander_, +Copenhagen 1817.) + +[2] Vers 516. + +Die Gemahlinn Rudolphs, Anna, verschied zu Wien am 23. Hornung des Jahrs +1281, von wo ihre Leiche nach Basel abgeführt, und in der Domkirche +beigesetzt worden ist. + +[3] Vers 538. + +Daß sowohl Ottokar, als auch Rudolph schon zu ihrer Zeit eine Art +Pontonsbrücke über Flüsse zu schlagen verstanden, erhellet aus _Hornecks +Reim-Chronik_ Cap. 92., wo es heißt: + + Chostleichen hiez er machen + Von Holczwerich ein Prukken + Dew waz von manigen stuckchen + Chluegleichen gevalten. + +und dann + + Bey der Tunawstaden + Do sich das Her vol gelait, + Do waz dew Prukken berait + Vber die Tunaw weit; + Die Prukken muesten alle Zeit + Wohl hundert Wegen tragen, + Wo des Kunigs Helfer lagen, + Da ward nach gesannt &c. &c. + +In diesem 92. Capitel ist von der Einnahme des Preßburger Schlosses im +letzten Krieg Ottokars gegen Ungern die Rede. + + +Siebenter Gesang. + +[1] Vers 25. + +Ueber Hainburg, und ihre vermeintliche Erbauung durch Attila, siehe oben +_Anmerkungen zum dritten Gesang_[2] Vers 16. + +[2] Vers 110. + +Die Sage von der Burgfrau, welche grausam eitlen Sinnes das Blut der +Kinder vergoß, zeigt auf die Ruinen des Schlosses * * *, an dem rechten +Waag-Ufer, nicht fern von Trentschin, welches sie bewohnt hat. + +[3] Vers 244. + +Die Waffe, eine Art kurzer Streitkolben, von welcher hier die Rede ist +nennt der Unger +Buzogány+, wo der Buchstabe +z+ wie beim italienischen ++zero+ ausgesprochen wird; das +y+ verliert sich aber im Druck der Zunge +an den Gaumen. + +[4] Vers 309. + +Die _Zips_ (Zipß), lat. +Scepusium+, eine Gespannschaft in Ober-Ungern +am Fuße der höchsten Karpathen gelegen, und wohl eines der höchsten +bewohnten Gebirgsthäler der östreichischen Monarchie, aus welchem nach +allen Welttheilen bedeutende Flüsse sich ergießen: g'en Westen die Waag; +g'en Süden die Hernath; g'en Osten die Tarza; g'en Norden die Poprad, +die in dem angränzenden Polen, mit der Dunajez vereint, in die +Weichsel fällt. Diese Gespannschaft zeichnet intellectuelle und +landwirthschaftliche Cultur vor mancher andern Ungerns aus, so, daß viel +Wohlstand sowohl in den zwei königlichen Städten Leutschau und Käßmark, +als auch in den XVI. Städten, unter den munteren und fleißigen Bewohnern +zu sehen ist. Der Verfasser gegenwärtigen Gedichts trennte sich schwer +von diesem Ländchen, worinn ihm 1819 und 1820 eine ehrenvolle Bestimmung +geworden war. + +[5] Vers 312. + +Ueber Katwald und _Inguiomar_ siehe oben die _Anmerkungen zum dritten +Gesange_ [1] Vers 3. + +[6] Vers 474. + +Daß die Könige von Ungern, zur Zeit _Hornecks_ wenigstens, in der +Schlacht nicht selber mitfochten, sondern von einer Anhöhe nur Zeugen +derselben waren, erhellet aus Cap. 153, wo von der Marchfelder Schlacht +die Rede ist: + + Kunig Ladißla den jungen + Sy furten von Streit dan + Auf den Perikch ob dem Plan + Da er wol hört und sach + Alles daz, daz da geschach + Auf dem Veld prait. + Ez ist der Vnger Gewonhait + Vnd jehent auch offenbar: + Ir Kunig sey jn zu achpar + Darezu, daz er schull streiten &c. &c. + +Auch sagt _Haselbach_ +Chron. Austr. Lib. III. ap. Hier. Pez. T. II. +Ladislao+, juvene Ungariae, cuncta de monte prospectante; nam Ungarorum +mos habet, ut Rex propria persona bellum intrare non debeat. + +[7] Vers 536. + +Die Sitte, des Gegners Heer zum Kampf herauszufordern, und sogar von +beiden Seiten dazu Tag und Ort zu bestimmen, war den alten Deutschen +gemein. Ein Beispiel davon findet man auch bei _Horneck_ Cap. 60, wo +Ottokar den König Bela durch Otto von Meißau zum Kampf auffordert, und +bald darauf auch Bela den Gegnern sagen läßt, sie sollen sich auf eine +bestimmte Strecke zurückziehen, damit die Ungern über die March setzen, +sich aufstellen, und die Schlacht liefern mögen. + +[8] Vers 550. + +Sowohl bei Horneck, als auch bei den spätern Geschichtschreibern, wird +Schörlins und seines unbändigen Rosses erwähnt, welches das erste +Zeichen zur Marchfelder Schlacht gegeben habe. + + +Achter Gesang. + +[1] Vers 31. + +In der Jägersprache heißt das Bluten des verwundeten Wildes: das +_Schweißen_; daher die Benennung einer Gattung der Jagdhunde. + +[2] Vers 55. + +_Tyr_, nach der nordischen Mythologie, der Sohn Odins, des höchsten der +Götter, und ein Beschützer der muthigen Krieger, soll die einzige +Gottheit der scythischen Völker gewesen seyn, die ohne Zweifel unter +einem andern Nahmen bei ihnen in Verehrung stand. Bei seinem Scheiden +von der Erde soll er sein Schwert in die Erde vergraben haben, welches +erst später Attila auffand. + +[3] Vers 386. + +Vor der Schlacht sollen Einige aus dem östreichischen Heere den König +Ottokar, aus alter Anhänglichkeit, schriftlich vor Untreue der Seinigen +gewarnt haben; da nun auch die Meißner und Thüringer heimlich aus dem +Lager abzogen, so habe er sich wehrlos in die Mitte seiner Feldherrn +gestellt, und sie aufgefordert, ihm die Brust zu durchbohren, ehe noch +viele Tausende auf dem Schlachtfelde gefallen seyn würden. (Siehe +_Hanthaler_ +Fast. Camp. T. I. Pars II. Dec. VIII. §. 80.+ +Arenpeckii +Chron. Austr. ad An. 1278+.) + +[4] Vers 428. + +Heinrich I. der _Städte-Erbauer_, hat ungefähr im J. 930 die Stadt, und +das Schloß Meißen an der Elbe erbaut, und ihr von dem Flüßchen, das sie +eben dort aufnimmt, und Meiße heißt, den Nahmen gegeben. + +[5] Vers 459. + +Constanzia, Tochter des babenbergischen Leopold des _Glorreichen_, war +die Gemahlinn Markgrafs Heinrich von Meißen, des Sieghaften, die ihm die +beiden Söhne Dietrich und Albrecht gebar. Einen von diesen beiden +verlangten die Stände von Oestreich, nach dem Erlöschen des +babenbergischen Stammes, und der kurzen Regierung Hermanns von Baden, zu +ihrem Herrscher, und fertigten von Tuln, wo sie ihre Versammlung +hielten, Gesandte nach Meißen ab, die hernach der König von Böhmen +unterwegs aufgehalten, von der Fortsetzung der Reise abgebracht, und +sich durch Hindeutung auf eine Heirath mit der verwittweten Herrscherinn +Margareth den Weg zur Erwerbung von Oestreich und der Steyermark +eröffnet hat. + +[6] Vers 473. + +Daß die Meißner und Thüringer vor der Schlacht heimlich aus dem Lager +Ottokars abgezogen seyen, ist geschichtlich. (S. oben _Anmerkung_ [3] +zum 386 Vers.) Die Ursache dieses Abzugs ist unbekannt. + + +Neunter Gesang. + +[1] Vers 71. + +Die Krieger, gewöhnlich leichte Reiterei, die vor einem feindlichen +Heere daherzieh'n, heißen in der bestehenden Kriegssprache: ++Eclaireurs+. + +[2] Vers 436. + +_Venezia_. Ueber die merkwürdige Eroberung Constantinopels im Jahr 1202 +(also 76 Jahre vor der Marchfelder Schlacht) durch vorzügliche +Mitwirkung des 90jährigen Greises, Heinrich Dandolo, Doge von Venedig, +siehe Raumers Geschichte der Hohenstaufen III. B. und Daru's Histoire de +Venise I. Der Sänger Rudolphs von Habsburg wollte hier, jener herrlichen +Stadt, der einstigen Königinn des adriatischen Meeres, deren Andenken +ihm auf immer theuer bleiben wird, dankbar erwähnen. + +[3] Vers 600. + +_Al-rune_. _Runen, Runenschrift_, ein den alten Germanen und +Scandinaviern eigenes Alphabet, nach welchem im nördlichen Deutschland +noch einige Denksteine beschrieben gefunden werden. Wahrscheinlich +hatten sie selbes von den Phönikern erhalten, und was sich davon hie und +da auf verwittertem Gestein vorfand, diente in späterer Zeit zu manchen +vorgeblich zauberischen Künsten, das Schicksal der Menschen von den +Nornen, den Schicksalsgöttinnen, zu erfragen. Diese drei schönen +Jungfrauen, heben sich stets aus Mimers Brunn, der himmlischen Quelle, +herauf bei welcher die Götter Rath halten, und ihre Urtheile offenbaren, +und heißen: Urda, Werandi, Skulda: _Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft_. +(_Ryerups scandinav. Mythol._ &c.) + + +Zehnter Gesang. + +[1] Vers 35. + +_Rheinau_, +Augia major+, ein kleines Städtchen zwischen Schaffhausen +und Eglisau, wo eine Brücke über den Rhein führt. Dort befand sich +vormals ein reiches Benedictiner-Stift, das Funtan der Heilige, aus dem +königlichen Geblüt Schottlands, erbaut haben soll, da er aus höherer +Eingebung einen Platz dazu suchen mußte, wo der Rhein _nach Osten_ +fließt, und solcher an dieser Stelle allein gefunden wird. +Stumpf. +Schw. Chron. p. 360.+ + +[2] Vers 84. + +_Hartmann_, der jüngste der Söhne Rudolphs, ertrank, mit noch andern +dreizehn Jünglingen, adeligen Geschlechts, am 20. Dezember des Jahrs +1280, im achtzehnten seines Alters, als er mit selben den Rhein +hinabfuhr, und das Schiff bei Rheinau von dem Grundeis umgestürzt wurde. +-- Seine Leiche ward nach Basel geführt, und im dortigen Münster +begraben. + +[3] Vers 138. + +_Woldan_ hieß ein Raubritt, den öfters der oberste Anführer eines im +Krieg begriffenen Volks, mit einer Schar Freiwilliger, in dem Lande des +Feindes, Beute zu holen, unternahm. Bei der Belagerung Peterlingens +forderte Rudolph sein Volk zu einem solchen Woldan auf; er streifte bis +gen Lausanne, und es heißt da; + + Si namen da so viel + Daz Ich fürwar sagen wil, + Daz in langer Zeit + Nahent, noch weit, + Nie wart geritten noch gethan + Ain so schedleicher Woldan. + + (Horneck R. Chr. C. 319.) + +[4] Vers 140. + +_Iwan von Günß_ (Sohn des Grafen Heinrich) empörte sich erst gegen +seinen eigenen König, fiel dann, häufig plündernd, auch in Oestreich und +Steyermark ein, und verübte unzählige Grausamkeiten. Im Jahr 1286 schlug +er den gegen ihn gesandten Abt von Admont; später auch Herman von +Landenberg, der sich ihm mit seinen östreichischen und steyerischen +Kriegern ergeben mußte. Herzog Albrecht, von Truppen entblößt, verschloß +sich in Neustadt, und ging sogar den Vertrag von Hainburg ein, vermöge +welchem die Gefangenen ausgewechselt, und in einem Krieg mit Ungern sie +sich beide gegenseitige Hülfe leisten sollten. Iwan setzte seine +Verheerungen in Oestreich bald wieder fort, bis endlich im Jahr 1280 ihn +Albrecht mit starker Macht bekriegte, ihm Oedenburg nebst vielen andern +Vesten, Burgen und Märkten abnahm, und ihn endlich, nach einer +hartnäckigen Belagerung, in Günß bezwang. Ueber diese Belagerung siehe +_Horneck R. Chron._ von Cap. 312 bis 315. + +[5] Vers 228. + +Ueber dieses historische Faktum siehe Fugger _Ehrenspiegel_ S. 75. Cap. +VIII. + +[6] Vers 236. + +_Antwerk_ war ein Wurfgeschütz, aus welchem Steine von bedeutender +Schwere, ja auch zuweilen Schwefelfeuer nach den Erkern, und auf die +Häuser der Veste geworfen wurden. (Ueber diese und die folgenden +Kriegswerkzeuge des Mittelalters, siehe: _Schachts vortreffliches Werk +über Hornecks Reim-Chronik_, Mainz 1821, S. 388.) + +[7] Vers 238. + +_Katzen_ nannte man die mit Erde gedeckten Werke, welche inwendig mit +Stoßbäumen versehen, nach Ausfüllung der Gräben, bis an die Mauern +vorgeschoben wurden, und gegen welche man sich durch Minen, und +Geschosse von den Mauern herab, zu wehren suchte. S. oben. + +[8] Vers 245. + +_Ebenhoch_ hießen eine Art Thürme, die, wahrscheinlich auf Rädern, an +die Mauern geschoben, verschiedene Geschosse in die Veste zu schleudern, +dienten. Ihr Nahme zeigt, daß sie hoch genug waren, um das Innere der +ummauerten Städte und Vesten übersehen zu können. S. oben. + +[9] Vers 297. + +Dem Verfasser der berühmten _Reim-Chronik_, die zuerst von dem gelehrten +Benediktiner von Melk, _Hieronymus Pez_, im Jahre 1745 zum Druck +befördert ward, hat Lazius +Comment. Geneal. p. Auster.+ 233 außer dem +Nahmen _Ottakcher_ (Ottokar), den er sich selber R. Chr. Cap. 177 +beilegt, unbekannt aus welcher Quelle, auch den von _Horneck_, +aufgefunden. Er lebte unter _Rudolphs_ I. und _Albrechts_ I. Zeiten; war +in Steyermark geboren; hatte den berühmten Meistersänger Kunrad von +Rotenberg, der vorher an Manfreds Hofe lebte, zum Lehrmeister; stand, +man weiß nicht, in welcher Eigenschaft, im Gefolge Ulrich und Otto +Lichtensteins; wohnte der Marchfelder Schlacht 1278 bei, und starb erst +nach dem Jahr 1309, da er noch von dem Aufruhr einiger aus dem Adel, und +der Wiener Bürger, gegen _Friedrich den Schönen_ spricht, und damit sein +Werk beschließt. Die _Reim-Chronik Hornecks_, die mit dem Tode +_Friedrichs_ II. röm. Kaisers beginnt, und um das Jahr 1309 der +Regierung _Friedrich des Schönen_ endet, enthält über 83,000 kurze +gereimte Verse in 830 Capiteln. + +Ein anderes noch ungedrucktes Werk Hornecks: _Von den Monarchen und +Kaisern der Welt bis auf Friedrich II. röm. Kaiser_, in ähnlichen Versen +verfaßt, ist im Besitze der k. k. Hofbibliothek zu Wien. (Siehe die +Vorerinnerungen des Hieronymus Pez zu Hornecks Reim-Chronik in seinem +Werke: +Scriptores rerum Austriacarum III.+ Band; und obiges treffliche +Werk: _Aus- und über Ottokars von Horneck Reim-Chronik_, von Th. +Schacht, Mainz 1821.) + +[10] Vers 305. + +Ulrich von Lichtenstein, aus der steyerischen Linie der Lichtensteine -- +ein trefflicher Ritter und Minnesänger zugleich, der die beiden +merkwürdigen Gedichte: _Frauendienst_, und: _Ytwitz oder der Frauen +Puech_, verfaßte, mag kurz vor der Marchfelder Entscheidungsschlacht +gestorben seyn. Das erstere Werk enthält ein prächtiger Codex in +München, und wurde herausgegeben durch Ludwig Tieck. Stuttgart und +Tübingen in der J. G. Cotta'schen Buchhandlung 1812. Das zweite befindet +sich in der Ambraser Sammlung zu Wien, Bl. 220-225 noch ungedruckt. (S. +die Beschreibung Primißers -- Seite 279.) + + +Eilfter Gesang. + +[1] Vers 38. + +_Siehe oben Anmerkungen_ zum _dritten Gesang_ [8] Vers 308. + +[2] Vers 73. + +Was hier von den Vorbereitungen zur Schlacht, als: von der Feier des +Abendmahls im Lager; von der Beicht' und Communion, und weiter unten: +von dem Mustern der Gurt' und Steigbügel; von den Aufträgen, welche die +Ritter im Fall, daß sie dem Feinde erlägen, an ihre Daheimgebliebenen +den Knappen ertheilen; von dem Zusammenhalten der Freunde in der +Schlacht u. s. w. gesagt wird, ist durchaus der damaligen Rittersitte +gemäß, und in Hornecks _Reim-Chronik_ Cap. 147, 329, 330 und 530 +begründet. + +[3] Vers 135. + +Die ausgezeichnetsten Ritter wetteiferten um den Vorzug, das +Hauptbanner, oder die Sturmfahn, dem Herrscher selber in der Schlacht +vorzutragen. Horneck _Reim-Chronik_ C. 148. + +[4] Vers 181. + +Ueber die Sitte, sich gegenseitig die Schlacht anzukündigen, und dazu +Tag und Stunde zu bestimmen, siehe oben _Anmerkung zum siebenten +Gesange_ Vers 536. [[Anm. 7.7.]] + +[5] Vers 184. + +Im Jahr 1289 überzog Kaiser Rudolph den Herzog von Burgund mit Krieg, +eroberte Mömpelgard, und zwang ihn zum Frieden. Vor der Schlacht sandte +er einen Bothen mit der Frage an ihn: »ob er zum Streiten bereit sey?« +und der Herzog ließ ihm sagen: »er seye darum hergekommen.« (Siehe +_Horneck Reim-Chronik_ C. 329.) + +[6] Vers 211. + +Den Ritterschlag auf Schild und Schwert ertheilte Rudolph also vor der +Schlacht: S. _Horneck_ R. Chr. C. 149. + +[7] Vers 542. + +In den Gebirgsthälern Tirols, Steyermarks und Oestreichs, ist das +sogenannte _Scheibenschießen_ eine beliebte und mitunter nützliche +Unterhaltung des Volks. _Zu Hauptschießen_ werden von nahe und ferne die +Schützen geladen: das _Kreisschießen_ ist das gewöhnliche an Sonn- und +Festtagen; das _Beste_, ist der Preis dessen der den besten Schuß +gethan. + + +Zwölfter Gesang. + +[1] Vers 54. + +Ueber diesen Klaggesang Hornecks siehe dessen _Reim-Chronik_ Cap. 163 +und 164. Hier nur Einiges aus demselben: + + Sieh Welt aller Untrew Chron, + Daz ist auch ainer deiner Lon! + -- -- -- -- -- -- + Auf der Erden lag er par + Sein eigen Pluts naz. + Wo waren die Matraß, + Und die gulter Seydein, + Darauf er sollt gelegen sein? + Wo waren die ihn sollten chlagen? + Von Mannen und von Magen, (Anverwandte) + Pelieb er Trostes frey. + Wo waren Erzt und Erzeney, + Damit man seine Wunden + Solt han gepunden? + -- -- -- -- -- + Er hat so viel Guts, + Wer er gewesen des Muts, + Daz er tegleich wolt + Von edlem Gestain und Gold + Haben tragen Kleider an, + Daz hiet er wol getan. + Dez liez er ihm so gar zerrinnen + Daz man im muest gewinnen + Ain Graz, daß man ihn mit pedackt, + So gar pelieb er nakht. + -- -- -- -- -- -- + Ungetrev Welt, die spielt + Du von im so gar, + Daz aus dainer Schar + Im Niempt volgt nach. + -- -- -- -- -- -- + Sieh Welt daz ist dein Sold. + We im! der dir ist hold + Und We im den du trewtest. + Mit dem Mund du im pewtest + Honig an dem Anwang, + Und hechst als ein Gift-Slang + An dem End -- -- + -- -- -- -- -- -- + Wer nicht will Gottes Haz + Und seinen Zorn leiden, + Der muß die Welt vermeiden. + Dann die Werich, die sy geert + Die sind vor Gott unwert. + Dez vermaid nit der wakcher + Von Pehaim Kunig Ottakher: + Wann er vollfurt mit Gelust + Der Welt Achust, (unordl. Begierden und Laster.) + Und rang hier also ser + Nach der zergenklichen Er, + Daz er sich dez nicht liez befillen + Damit er nach irm Willen + Möcht gewerben, und geleben, + Daz sol im Gott vergeben! + +[2] Vers 209. + +Die Stephanskirche, nachdem sie vorher zweimal abgebrannt war, hat +Ottokar beinahe in derselben Gestalt, wie sie noch heut' zu Tage zu +sehen ist, während er über Oestreich herrschte, hergestellt. + +[3] Vers 347. + +Daß Rudolph den König Ladislav adoptirt habe, meldet auch Fugger I. Buch +12. Cap. S. 101. + +[4] Vers 401. + +Die Belehnung Albrechts mit Oestreich, Steyer, Krain, der Windischmark +und Portenau geschah eigentlich zu Augsburg während des Reichstags +daselbst im Jahr 1282, wo, im sogenannten _Frohnhof_, ein kaiserlicher +Thron, umgeben von den Churfürsten und Fürstensöhnen, zu sehen war, und +die Feierlichkeit nach denen, von Friedrich I., Heinrich IV. Friedrich +II. ertheilten Privilegien geschah. + + + * * * * * + * * * * + * * * * * + + +Druckfehler: + +Rechtschreibeformen in -lll- (_allletzter_, _hellleuchtend_) sind +ungeändert. + + 1. Gesang + Des Friedens erwähnst du? [ererwähnst] + »daß es also gescheh'n wird!« [_« aus 1827 Auflage ergänzt_] + + 2. Gesang + Manches Helden Gebein', auch Friedrichs ... [Fiedrichs] + stets in deinem Geschlechte noch dauern.«[7] [_« 1827_] + und waldumsäumtes Gehöftland; [waldumsaumtes] + + 3. Gesang + ein trefflicher Stürmer!« [_« 1827_] + + 4. Gesang + und nahten ihm, grüßend mit Ehrfurcht. [grußend] + Wahrlich vor Kummer das Herz um den treugesinneten Helden.« + [_hier und anderswo fehlt das zweite «_] + hoben den Helm von dem Haupt', und empfiengen [_ungeändert_] + »Euch entbiethet zuvor [_»,Euch« mit einfaches Anführungszeichen_] + der letzte der Kämpfe gewähret!« [gewahret] + + 8. Gesang + Heinrich, dem Hort der Baiern [_ungeändert: anderswo »Bayern«_] + Draußen am Lagerrand, vor allen dem feindlichen näher + [_»naher«; aber vielleicht »nahe« wie in 1827_] + + 9. Gesang + Drüben der Wunderstadt, Venezia,[2] [_[1] statt [2]_] + die Feinde, sie fliehen!« [_« 1827_] + die Alrune,[3] [_[4] statt [3]_] + + 10. Gesang + Sie zu vollbringen dereinst. [_« fehlt hier?_] + Retter zu seyn Unglücklicher!« [_« 1827_] + + 11. Gesang + O so sprich: »Treu bis in den Tod ihr weiht' ich das Leben!« + [_zweites « fehlt_] + Nun die Schützen Tyrols [Schützens] + den schwer zu erklimmenden Höhen [erglimmenden] + + + Anmerkungen: + + [Einige Anmerkungen, wie 2.5, 3.8, 9.2, und das Dicht in 12.1, sind + scheinbar nach Pyrkers Tod eingefügt.] + + 1. + Gerard. Roo Hist. Austr. Lib. I.) [_) fehlt_] + [_eigentlich Gerard de Roo_] + von dem babenbergischen Leopold VII. [_. fehlt_] + + 2. + gewährt einen ergreifenden Anblick. [_. fehlt_] + + 3. + Uladislav II. [_ungeändert_] + + 5. + noch viel weiter erstrecken.« [_« fehlt_] + (Siehe _Hanthalers_ ... [_( fehlt_] + + 6. + Wohl hundert Wegen tragen, [_»hunbert«; 1827 »hundert«_] + + 7. + [8] Vers 550. [_[5] statt [8]_] + + 12. + Privilegien geschah. [_. fehlt_] + + + + + +End of Project Gutenberg's Rudolph von Habsburg., by Ladislav Pyrker + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RUDOLPH VON HABSBURG. *** + +***** This file should be named 29465-8.txt or 29465-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/9/4/6/29465/ + +Produced by Louise Hope, richyfourtytwo and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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