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+The Project Gutenberg EBook of Lebensbeschreibung des k. k. Kapellmeisters
+Wolfgang Amadeus Mozart, by Franz Xaver Niemetschek
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Lebensbeschreibung des k. k. Kapellmeisters Wolfgang Amadeus Mozart
+
+Author: Franz Xaver Niemetschek
+
+Release Date: July 21, 2009 [EBook #29474]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LEBENSBESCHREIBUNG ***
+
+
+
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Markus Brenner and the
+Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+ Lebensbeschreibung
+
+ des
+
+ K. K. Kapellmeisters
+
+ Wolfgang Amadeus Mozart,
+
+ aus
+
+ Originalquellen,
+
+ von
+
+ Franz Xav. Němetschek,
+ Professor an der Universität zu Prag.
+
+
+ Zweite vermehrte Auflage.
+
+
+ Prag 1808,
+ in der Herrlischen Buchhandlung.
+
+
+
+
+Die Nachwelt hat über den Rang bereits entschieden, der _Mozarten_ als
+Künstler gebührt. Einzig, unübertroffen steht er, ein Raphael seiner
+Kunst, unter den glorreichen Genien _Händel_, _Cimarosa_, _Gluck_,
+_Hayden_, oben an; sein Ruhm erfüllt die ganze gebildete Welt.
+
+Aber _Mozart_ als Mensch ist nicht minder interessant: die frühe
+Entwicklung und die schnelle Reife seines wunderbaren Genies biethet dem
+Forscher der menschlichen Natur lehrreichen Stoff zum Nachdenken dar. In
+beider Hinsicht darf sich diese biographische Skizze versprechen der
+Aufmerksamkeit des Publikums nicht unwerth zu seyn.
+
+
+
+
+ I.
+
+ Die Jugend Mozarts.
+
+
+Der Vater dieses außerordentlichen Genies, Leopold Mozart, war der Sohn
+eines Buchbinders zu Augsburg; er studirte zu Salzburg, und kam im Jahre
+1743 als Hofmusikus in die fürstl. Kapelle. Sein Talent verbunden mit
+einem rechtschaffenen Charakter verschaffte ihm 1762 die Stelle des
+zweiten Kapellmeisters. Er war mit Anna Bertlinn verheurathet; beyde
+waren von einer so vortheilhaften Körpergestalt, daß man sie zu ihrer
+Zeit für das schönste Ehepaar in Salzburg hielt.
+
+Leopold Mozart beschäftigte sich mit dem Hofdienste, die übrigen Stunden
+wendete er auf Komposition und Violinunterweisung. Welch ein
+vorzüglicher Kenner dieses Instruments er gewesen sey, beweiset die
+allgemein bekannte _Violinschule_, die er 1766 herausgab, und die im
+Jahre 1770, und zu unserer Zeit das drittemal in Wien aufgelegt wurde.
+
+Er zeugte 7 Kinder; aber nur 2 blieben am Leben; ein Mädchen und ein
+Knabe. Der Sohn der im Jahr 1756 am 27sten Jänner gebohren ward, hieß
+Wolfgang Gottlieb, oder _Amadeus_; die Schwester, die älter war, Maria
+Anna.
+
+Da der Vater bald an den beyden Kindern ein vorzügliches Talent zur
+Musik bemerkte, so gab er alle Lektionen und auswärtige Geschäfte außer
+seinem Dienste auf, und widmete sich ausschließlich der musikalischen
+Erziehung dieses Kinderpaares.
+
+Dieser vortrefflichen Leitung muß der ungewöhnlich hohe Grad der
+Vollkommenheit, zu dem Mozarts Genie sich so bald empor schwang,
+zugeschrieben werden. Die Natur vermag freylich viel – aber verwahrlost,
+oder zu einer andern Richtung gezwungen, verliert sie vieles von ihrer
+ursprünglichen Kraft. Auf die ersten Ideenreihen und Eindrücke kommt es
+bekanntermaßen bey der Erziehung der Kinder am meisten an; denke man
+sich nun ein so großes natürliches Talent, als Mozart besaß, in so
+günstigen Umständen, so wird man bald von dem Erstaunen, in welches uns
+das Unbegreifliche seiner Aeußerungen und Begebenheiten versetzt, zurück
+kommen, und den Thatsachen, die ich zu erzählen im Begriffe bin, gern
+Glauben beimessen. Die ersten Eindrücke, die sein Ohr auffaßte, waren
+Harmonien und Gesang; Musik waren die ersten Worte und Ideen, die er
+begriff! So mußte der himmlische Funke, den die Gottheit in den Busen
+dieses den Tönen geweihten Knaben gelegt hatte, sehr früh aufwachen und
+in helle Flammen schlagen. Die gründlichen Kenntnisse seines sorgsamen
+Vaters kamen überall dem aufwachenden Genie entgegen; so wuchs er auf,
+so reifte er schneller, als die bloße Natur zu reifen vermag.
+
+Mozart war eben 3 Jahr alt, als seine 7 jährige Schwester den ersten
+Unterricht auf dem Klaviere bekam; und hier äußerte sich zuerst das
+Genie des Knaben. Er setzte sich oft freywillig zu dem Klavier und
+beschäftigte sich stundenlang mit der Zusammenstimmung der _Terzen_, die
+er dann, wenn er sie fand, anschlug, und in lebhafte Freude ausbrach.
+Nun fing also der Vater an ihm leichte Stücke spielend beyzubringen; und
+er fand zu seinem freudevollen Erstaunen, daß der Schüler alle
+menschliche Erwartung übertraf; er lernte gewöhnlich in einer Stunde ein
+Menuet, oder ein Liedchen, und trug es dann mit dem angemessenen
+Ausdrucke vor.
+
+Jeder Leser wird es wahrscheinlich finden, wenn ich sage, daß der
+kleine Mozart, das lebhafteste Temperament, und ein sehr zärtliches
+Gefühl hatte. Seinen kindischen Spielen ergab er sich mit einer
+Innigkeit, die ihn auf alles übrige vergessen ließ, und Liebe für alle
+Personen die um ihn waren, oder sich mit ihm abgaben war sein
+herrschender Hang; er fragte jeden, der mit ihm umgieng, ob er ihn lieb
+habe, und vergoß gleich Zähren, wenn man es scherzweise verneinte.
+
+Ueberhaupt ergab sich Mozart schon als Kind und Knabe allen Dingen und
+Personen, an denen sein Geist Interesse fand, mit der ganzen warmen und
+lebhaften Innigkeit, deren ein so zartorganisirter Mensch fähig ist.
+Dieser Zug blieb stets auch an dem Manne das unterscheidende Merkmal –
+und war oft sein Unglück.
+
+Im 6ten Jahre kam er schon in der Musik so weit, daß er selbst kleine
+Stücke auf dem Klavier komponirte, die dann sein Vater in Noten setzen
+mußte. Von diesem Zeitpunkte an empfand er nichts so lebhaft, als Töne,
+und jede andere Spielerey, die sonst Kinder freut, war ihm gleichgiltig,
+sobald nicht Musik dabey war.
+
+Die täglichen Fortschritte die er darinn machte, setzten oft den Vater,
+der doch beständig um ihn war, und jeden Schritt beobachtete, in das
+überraschendeste Erstaunen; denn es waren nicht Fortschritte eines
+gewöhnlichen geschickten Lehrlings, sondern Riesenschritte eines Genies,
+dessen Größe selbst sein Vater und Erzieher nicht ahnden konnte, weil
+seine Entwickelung und Aeußerung auch den größten Erwartungen zuvor kam.
+Folgende Begebenheit, die auch Schlichtegroll in seinem Nekrolog
+erzählt, und die mir von mehreren Personen bestättiget wurde, mag zum
+Beweise dienen.
+
+Als Wolfgang ungefähr im 6ten Jahre seines Alters war, kam einst sein
+Vater, aus der Kapelle mit einem Freunde nach Hause zurück; sie trafen
+den kleinen Tonkünstler mit der Feder in der Hand beschäftiget an. Der
+Vater fragte ihn was er denn mache.
+
+_Wolfg._ Ein Conzert fürs Klavier.
+
+_Vat._ Laß sehen; das wird wohl was Sauberes seyn.
+
+_Wolfg._ Es ist noch nicht fertig.
+
+Nun nahm es der Vater in die Hand, und fand ein Geschmiere von Noten und
+ausgewischten Tintenflecken; denn der kleine Komponist wußte mit der
+Feder noch nicht recht umzugehen; er tauchte sie zu tief in der Tinte
+ein und machte dann freylich immer Flecke auf das Papier, die er mit der
+Hand auswischte, und so weiter darauf fortschrieb. Als aber der Vater
+etwas aufmerksamer die Komposition betrachtete, blieb sein Blick vom
+angenehmen Erstaunen und einer unbeschreiblichen Rührung darauf
+gefesselt, und helle Thränen der Freude traten in seine Augen.
+
+Sehen Sie Freund! sprach er dann lächelnd, wie alles richtig und nach
+den Regeln gesetzt ist; nur kann man es nicht brauchen, weil es so
+schwer ist, daß es sich nicht spielen läßt.
+
+_Wolfg_. Dafür ist es auch ein Konzert; man muß so lange exerzieren, bis
+man es heraus bringt. Sehen Sie, so muß es gehen.
+
+Hier fieng er es an zu spielen, konnte aber auch selbst kaum so viel
+vorbringen, als man erkennen konnte, was seine Gedanken gewesen sind.
+Denn er hatte die Meynung, ein Conzert spielen, und Mirakel wirken sey
+alles eins.
+
+Zu dieser Zeit hatte es der Knabe schon so weit in der Musik gebracht,
+daß der Vater ohne Bedenken auch das Ausland zum Zeugen der
+außerordentlichen Talente seines Sohnes machen konnte.
+
+Die erste Reise, die er mit ihm und seiner Schwester unternahm, war nach
+München, im Jahre 1762. Hier spielte Wolfgang vor dem Churfürsten ein
+Conzert, und erndete sammt seiner Schwester die größte Bewunderung ein.
+
+Die zweyte Reise geschah im Herbste des nemlichen Jahres, also auch im
+6ten Jahre seines Alters nach Wien, wo die beyden kleinen Virtuosen dem
+kaiserlichen Hof vorgestellet wurden.
+
+Eine verehrungswürdige Dame, die damals am Hofe war, versicherte mich,
+daß beyde Kinder ein allgemeines Erstaunen erregt haben; man konnte kaum
+seinen Augen und Ohren trauen, wenn sie sich produzirten. Vorzüglich hat
+der verewigte Schätzer der Künste, Kaiser Franz I. an dem kleinen
+Hexenmeister, (wie er ihn scherzweise nannte,) viel Wohlgefallen
+gefunden. Er unterhielt sich vielmal mit ihm. Alle Anekdoten die Herr
+Schlichtegroll bey dieser Gelegenheit erzählet, sind mir als wahr
+bestättiget worden.
+
+Der Kaiser hat unter andern mit ihm gescherzt, es seye wohl keine so
+außerordentliche Kunst zu spielen; wenn man auf die Klaviatur schauen
+kann, aber bey verdeckter Klaviatur – das wäre etwas? Mozart war damit
+nicht in Verlegenheit gesetzt: er läßt sich die Klaviatur bedecken und
+spielt eben so gut, wie vorher.
+
+Auch dieß sey noch nichts besonderes, versetzte der Kaiser, wenn man mit
+allen Fingern spielt; aber mit einem einzigen zu spielen, das wär erst
+Kunst.
+
+Auch diese Zumuthung machte den Knaben nichts weniger als verlegen – er
+versuchte es mit Entschlossenheit auf der Stelle, und spielte zur
+Verwunderung mehrere Stücke auf diese Art mit Nettigkeit aus. Schon
+damals äußerte er einen Charakterzug, der ihm stets eigen geblieben
+ist; nemlich die Verachtung alles _Lobes_ der Großen, und eine gewisse
+Abneigung vor Ihnen, wenn sie nicht Kenner zugleich waren, zu spielen.
+Mußte er es dennoch, so spielte er nichts als Tändeleyen, Tanzstücke
+u. d. gl. unbedeutende Sachen. Aber, wenn Kenner zugegen waren, so war
+er ganz Feuer und Aufmerksamkeit.
+
+Diese Eigenheit behielt er bis zu seinem Tode, wie wir es bey seinem
+dreymaligen Aufenthalt in Prag sehr oft erfahren haben.
+
+So geschah es auch damals bey dem Kaiser Franz. Als er sich zum Klavier
+setzte um ein Konzert zu spielen, und der Kaiser bey ihm stand, sagte
+Mozart: »Ist Herr Wagenseil nicht hier? der versteht es.« Wagenseil kam,
+und der kleine Virtuose sagte: »Ich spiele ein Conzert von Ihnen, Sie
+müssen mir umwenden.«
+
+Auch folgende Anekdote kann vielleicht zu seiner Schilderung beitragen.
+
+Unter allen Erzherzoginnen nahm ihn Antoinette, die nachmalige Königinn
+von Frankreich am meisten ein, und er hatte eine besondere Zärtlichkeit
+für sie. Als er einst in den Zimmern der höchstseligen Kaiserinn Maria
+Theresia war, und von den kleinen Prinzen und Prinzessinnen herum
+geführt wurde, hatte er das Unglück, des Gehens am geglätteten Fußboden
+ungewohnt, zu fallen. Niemand war geschäftiger ihm beyzuspringen und
+aufzuhelfen, als die kleine Erzherzoginn Antoinette; dieß rührte sein
+kleines Herz so sehr, daß er gerade zu der Monarchin eilte, und mit viel
+Begeisterung die Güte des Herzens dieser Prinzessinn erhob. Wer hätte
+einem solchen Kinde nicht gut werden sollen?
+
+Die beyspiellose Fertigkeit, mit welcher er das Klavier behandelte, und
+der hohe Grad der Kenntniß der Kunst, die er in einem Alter erreichte,
+wo Kinder sonst noch kaum einen Kunsttrieb äußern, war bewundernswürdig
+genug; ja es ließ sich wohl kaum etwas Größers erwarten. Aber der
+wunderbare Geist der Töne, der in ihn von dem Schöpfer gelegt ward,
+schritt alle gewöhnliche Schranken über, und ging, da er einmal erwacht
+war, allem Unterrichte voran. Was man ihn lehren wollte, das war seinem
+Geiste schon wie bekannt, und er schien sich nur daran zu besinnen!
+
+Der Unterricht diente ihm also nur als Reizmittel, und zur Berichtigung
+des Geschmackes.
+
+_Mozart_ spielte bisher kein anderes Instrument als das Klavier; aber er
+konnte auch schon geigen, bevor es sein Vater wahrnahm, oder ihm irgend
+eine Anweisung auf der Violine gegeben hatte. Ich will den Vorfall, der
+dieses offenbarte mit den Worten des Nekrologes erzählen. – »Mozart
+hatte aus Wien eine kleine Geige mitgebracht, die er dort geschenkt
+bekommen hatte. Kurz als die Familie wieder nach Salzburg zurück gekehrt
+war, kam _Wenzl_ ein geschickter Geiger und Anfänger in der Komposition
+zu dem Vater Mozart, und bath sich dessen Erinnerungen über 6 Trios aus,
+die er während der Abwesenheit der Mozartischen Familie gesetzt hatte.«
+
+»_Schachtner_, ein noch lebender Hoftrompeter in Salzburg, den der
+kleine Mozart besonders liebte, war eben gegenwärtig. Der Vater,« so
+erzählte dieser glaubwürdige Augenzeuge, »spielte mit der Viola den Baß,
+Wenzl die erste Violin, und ich sollte die zweyte spielen. Der kleine
+Wolfgang bath, daß er doch die zweyte Violin spielen dürfte. Aber der
+Vater verwieß ihm seine kindische Bitte, weil er noch keine ordentliche
+Anweisung auf der Violin gehabt hätte und daher unmöglich etwas Gutes
+herausbringen könnte. Der Kleine erwiederte, daß, um die 2te Violin zu
+spielen man es ja wohl nicht erst gelernet zu haben brauche; aber der
+Vater hieß ihn halb in Unwillen davon gehen und ihn nicht weiter stören.
+Der Kleine fing an bitterlich zu weinen, und lief mit seiner kleinen
+Geige davon. Ich bath, man möchte ihn doch mit mir spielen lassen;
+endlich willigte der Vater ein, und sagte zu ihm: Nun so geige nur mit
+Herrn Schachtner, jedoch so stille, daß man dich nicht höre, sonst mußt
+du gleich fort. Wir spielten und der kleine Mozart geigte mit mir, doch
+bald bemerkte ich, daß ich da ganz überflüssig sey. Ich legte meine
+Geige weg und sah den Vater an, dem bey dieser Scene Thränen der
+gerührten Zärtlichkeit aus dem väterlichen Auge über die Wangen rollten.
+So spielte Wolfgang alle 6 Trios durch. Nach deren Endigung wurde er
+durch unsern Beyfall so kühn, daß er behauptete, auch die erste Violin
+spielen zu können. Wir machten zum Scherz einen Versuch, und mußten
+herzlich lachen, als er auch diese, wiewohl mit lauter unrechten und
+unregelmäßigen Applikaturen, doch aber so spielte, daß er nie völlig
+stecken blieb.«
+
+Mit welcher bewundernswürdigen Genauigkeit sein Ohr auch den feinsten
+Unterschied der Töne maß, wie unglaublich sicher sein Gedächtniß Töne
+behielt, beweiset folgender Vorfall, der sich fast um gleiche Zeit
+ereignete.
+
+_Schachtner_, der erwähnte Freund des Mozartschen Hauses, und der
+Liebling des kleinen Wolfgangs, besaß eine Violin, die dieser ihres
+sanften Tones wegen vorzüglich liebte, und die Buttergeige nannte. Er
+spielte eines Tages darauf. In einigen Tagen kam Schachtner wieder, und
+traf den Wolfgang auf seiner eigenen kleinen Geige phantasirend an.
+
+»Was macht ihre Buttergeige?« sagte Wolfgang und fuhr in seiner
+Phantasie fort. Nach einer kleinen Pause, wo er sich auf etwas zu
+besinnen schien, sagte er weiter:
+
+Wenn sie aber nur ihre Geige immer in gleicher Stimmung ließen; sie war
+das letztemal, als ich auf ihr spielte, um einen Viertelton tiefer, als
+meine da. Man lächelte über diese dreiste Behauptung in einer Sache, wo
+das geübteste Künstlerohr kaum einen Unterschied zu bemerken im Stande
+ist.
+
+Der Vater aber, der schon oft durch ähnliche Aeußerungen des großen
+Tongefühls seines Sohnes überrascht wurde, hält es der Mühe werth die
+Angabe zu prüfen. Die Geige wird gebracht, und zum allgemeinen Erstaunen
+traf die Angabe mathematisch richtig ein.
+
+Bey allen diesen Fertigkeiten, bey diesem außerordentlich großen Talent,
+besaß der kleine Mozart einen Fleiß, der für seinen zarten Körperbau
+vielleicht zu groß war. Man mußte ihn Abends vom Klavier wegrufen, oft
+mit Ernst wegjagen, sonst hätte ihn die aufgehende Sonne vielleicht noch
+bey demselben angetroffen.
+
+Diese Vergessenheit seiner selbst, wenn er sich mit Musik beschäftigte,
+blieb ihm bis an sein Ende eigen; er saß täglich am Fortepiano bis in
+die späte Nacht. Ein sicheres Kennzeichen des Genies, welches seinen
+Gegenstand immer mit der ganzen Kraft der Seele umfaßte, und seiner
+selbst vergaß.
+
+Man darf jedoch nicht glauben, daß er nicht auch zu andern Sachen fähig
+war; alles was er lernte, begriff er leicht, und ergab sich dem
+Gegenstande mit einem Eifer und Feuer, dessen Grund in seiner
+empfindsamen Organisation lag. So bemahlte er Stühle, Tische und den
+Fußboden mit Ziffern, als er rechnen lernte, und dachte und redete von
+nichts andern, als von arithmetischen Aufgaben; er ward nach der Zeit
+einer der geübtesten Rechenmeister.
+
+Dabey war er so gehorsam und nachgiebig gegen seine Eltern, daß man nie
+sinnlicher Strafen bedurfte, und daß er selbst keine Eßwaare ohne
+Erlaubniß des Vaters annahm oder verzehrte.
+
+Sobald sein großes Talent etwas bekannt wurde, so mußte er oft ganze
+Tage sich vor Fremden hören lassen: und doch zeigte er nie Unwillen,
+wenn ihn der Befehl seines Vaters wieder an das Klavier gehen hieß.
+Gegen seine Gespielen war er immer voll Freundlichkeit und Wohlwollen,
+und hieng an ihnen mit der ganzen großen Zärtlichkeit seines Herzen;
+selbst in kindischen Unterhaltungen zeigte sich sein Geist der Musik,
+von der immer etwas mit dabey seyn mußte.
+
+Im siebenten Jahre seines Alters, das ist, im Jahr 1763 machte Mozart
+mit seinen beyden Kindern die erste größere musikalische Reise in
+Deutschland. Durch diese wurde der Ruhm des jungen Meisters allgemein
+verbreitet. Er zeigte seine Talente und Fertigkeiten vorzüglich in
+_München_, wo er auch ein Violin-Konzert vor dem Churfürsten spielte und
+dazu aus dem Kopfe präambulirte; dann in _Augsburg_, _Manheim_, _Mainz_,
+_Frankfurt_, _Koblenz_, _Kölln_, _Achen_ und _Brüssel_.
+
+Von da giengen sie im November nach Frankreich, wo sich die Familie
+21 Wochen aufhielt. Zu Versailles ließ sich der kleine 8 jährige Mozart
+in der königl. Kapelle vor dem Könige und dem ganzen Hofe auf der Orgel
+hören. Man schätzte zu dieser Zeit sein Orgelspiel noch höher als das
+Klavierspiel.
+
+In Paris gaben sie zwei Akademien fürs Publikum, wovon die Folge war,
+daß alsogleich der Vater sammt den beyden Kindern in Kupfer gestochen
+erschienen, und daß man allgemein in Bewunderung und Lobeserhebung
+derselben wetteiferte. Hier gab auch Wolfgang Mozart seine ersten
+Kompositionen in Stich heraus. Das erste Werk dedicirte er der Madame
+Viktoire, der zweyten Tochter des Königs, das andere der Gräfinn Tesse.
+Es sind Sonaten für das Klavier.
+
+Von Paris ging die Familie den 10. April 1764 nach England. Noch in
+demselben Monate ließen sich die Kinder vor der königlichen Familie
+hören; so auch im folgenden, wobei zugleich Mozart auf der Orgel des
+Königs spielen mußte. Darauf gaben sie ein großes Konzert für das
+Publikum zu ihrem Besten; ein anderes zum Nutzen des Hospitals der
+Wöchnerinnen: in beyden waren alle Sinfonien von der Komposition des
+Sohnes. Dann spielten sie noch einmal vor dem König und dem vornehmsten
+Adel.
+
+Der ungewöhnliche Beyfall und die Bewunderung, zu welcher solche
+Wundertalente das Publikum überall hingerissen haben, waren für den
+jungen Mozart Antrieb und Reiz sich immer vollkommener zu machen. Er
+sang auch mit der größten Empfindung Arien – und es war gewiß ein
+rührendes Schauspiel dieses kleine Virtuosenpaar auf 2 Klavieren
+konzertieren, oder im Gesange wetteifern zu hören! der Sohn war schon so
+weit in der Kunst gekommen, daß er die schwersten Stücke von den größten
+Meistern vom Blatte wegspielen konnte; in Paris und London legte man ihm
+Sachen vom _Händel_ und _Bach_ vor, die er mit Akkuratesse und dem
+angemessenen Vortrage zur Verwunderung jedes Kenners vom Blatt
+wegspielte.
+
+Als er bei dem Könige von England spielte, legte man ihm unter andern
+einen _bloßen Baß_ vor, wozu er auf der Stelle eine vortreffliche
+Melodie erfand und zugleich vortrug.
+
+Während dieses Aufenthalts in England schrieb er 6 Klavier-Sonaten, die
+er in London stechen ließ und der Königin dedizirte.
+
+Den Sommer des Jahrs 1765 brachte die Familie in _Flandern_, _Brabant_
+und _Holland_ zu. Während einer gefährlichen Krankheit, (_Blattern waren
+es_), welche die beyden Kinder einige Monathe lang auf das Krankenbette
+fesselte, fing Wolfgang andere 6 Klavier-Sonaten an; und als er sie nach
+der Krankheit vollendet hatte, ließ er sie stechen, und dedizirte sie
+der Prinzessin von Nassau-Weilburg. In dieser Krankheit zeigte sich die
+immer rege Thätigkeit seines harmonischen Geistes sehr auffallend: denn
+da er das Bette nicht verlassen durfte, so mußte man ihm ein Brett über
+das Lager richten, auf welchem er schreiben konnte; und selbst als seine
+kleinen Finger noch voll Pocken waren, konnte man ihn kaum vom Spielen
+und Schreiben abhalten. Diese Anekdote ist aus dem Munde eines sehr
+glaubwürdigen Zeugen.
+
+Zu dem Installationsfeste des Prinzen von Oranien, im Anfange des Jahrs
+1766, setzte der junge Mozart einige Sinfonien, Variationen und Arien.
+
+Nachdem er einigemal bey dem Erbstatthalter gespielt hatte, gieng die
+Familie wieder nach Frankreich, blieb einige Zeit in _Paris_, und reiste
+über _Lyon_ und die _Schweiz_ nach _Schwaben_, wo sie einige Zeit in
+Donaueschingen bey dem Fürsten von Fürstenberg verweilten, und dann zu
+Ende des Jahrs 1766 nach einer Abwesenheit von 3 Jahren wieder in
+Salzburg eintrafen.
+
+Hier blieb nun die Mozartische Familie mehr als ein Jahr in Ruhe. Diesen
+Zeitraum der Musse wendete der junge Künstler auf das höhere Studium der
+Komposition, deren größte Tiefen er nun bald ergründet hatte. _Emmanuel
+Bach_, _Hasse_ und _Händel_ waren seine Männer – ihre Werke sein
+unablässiges Studium! Er vernachlässigte auch nicht die alten
+italienischen Meister, deren Vorzüge in Rücksicht der Melodie und der
+Gründlichkeit des Satzes so auffallend gegen die heutigen Italiener
+abstechen. So schritt er immer näher zu der Stufe der Vollkommenheit,
+auf der ihn bald darauf die Welt als eine seltene Erscheinung erblickte.
+
+Im folgenden Jahre 1768 gieng Mozart nach Wien und spielte vor dem
+Kaiser _Joseph_, der dem 12 jährigen Knaben den Auftrag gab, eine #Opera
+buffa# zu schreiben. Sie hieß #La finta semplice#, und erhielt den
+Beyfall des Kapellmeisters Hasse und Metastasios, wurde aber nicht
+aufgeführt.
+
+Bey diesem Aufenthalte zu Wien war er oft bey dem Dichter Metastasio,
+der ihn sehr liebte, bey dem Kapellmeister Hasse und dem Fürsten
+Kaunitz; hier gab man ihm oft die erste beste italienische Arie, zu
+welcher Wolfgang auf der Stelle in Gegenwart aller Anwesenden die Musik
+mit allen Instrumenten setzte. Dieses Faktum bestättigen mehrere noch
+lebende verehrungswürdige Zeugen, aus deren Mund ich die Anekdote gehört
+habe.
+
+Zu der Einweihung der Kirche des Waisenhauses, welche zu dieser Zeit
+gefeyert wurde, komponirte der zwölfjährige Meister Mozart die
+Kirchenmusik, und dirigirte ihre Aufführung in Gegenwart des ganzen
+kaiserlichen Hofes.
+
+Das Jahr 1769 brachte er mit seinem Vater in Salzburg zu, theils in
+vollkommener Erlernung der italienischen Sprache, theils in der
+Fortsetzung des höhern Studium seiner Kunst. In demselben Jahre wurde er
+zum Konzertmeister bey dem Salzburgischen Hofe ernannt.
+
+Mozart hatte nun die ansehnlichsten Länder Europens gesehen; der Ruhm
+seines großen, früh gereiften Künstlertalents blühte bereits von den
+Ufern der Donau bis zur Seine und der Themse hin; aber er war noch nicht
+in dem Vaterlande der Musik gewesen. Italiens Beyfall und Bewunderung
+mußte erst der Urkunde seines Ruhmes das Siegel aufdrücken. Auch war es
+seinem nach Vollkommenheit strebenden Geiste daran gelegen, die Blüthe
+der Tonkunst – den Gesang in seinem natürlichen Boden zu beobachten, und
+die vielen großen Männer, die damals noch Italiens Ruhm in der Musik
+stützten, zu kennen – und von ihnen zu lernen.
+
+Im Dezember des nämlichen Jahres verließ also Mozart blos in Begleitung
+seines Vaters, Salzburg. Sein erster Aufenthalt war Inspruck, wo er in
+einer Akademie bey dem Grafen Künigl ein Konzert #primi vista# mit
+vieler Leichtigkeit spielte. Von da giengen sie nach Mailand.
+
+Hatte in Frankreich und England sein großes Genie und die seltenen
+Kunst-Fertigkeiten Bewunderung erregt, so war es in Italien feuriger
+Enthusiasmus, mit dem man ihn aufnahm und erhob! Selbst der mächtige
+Nationalstolz, und das Vorurtheil des Ultramontanismus wich besiegt von
+den glänzenden Talenten des 12 jährigen Knaben; er schien eine
+Erscheinung vom Himmel, ein höherer Genius der Tonkunst zu seyn!
+
+So groß war die Ueberlegenheit seines Genies, daß ihm zu Mailand nach
+einigen öffentlichen Proben seiner Kunst, gleich die #Scrittura# zu der
+#Opera seria# für den künftigen Karneval 1771 gegeben ward. Von da
+reisete er schon im März 1770 nach Bologna – eine Stadt die nebst Neapel
+den größten Ruhm der Musik hatte.
+
+Hier fand der junge Künstler einen enthusiastischen Bewunderer an dem
+berühmten Kapellmeister Pater _Martini_,[1] dem größten Kontrapunktisten
+und einem berühmten Schriftsteller in der Musik. Künstler von wahrem
+Verdienst ehren einander überall! Auch haben es die Italiener nicht nur
+an Mozart, sondern auch an unserm Landsmann Misliweczek bewiesen, daß
+sie große Talente, wenn sie auch außer Italien entsprossen sind, zu
+schätzen verstehen. Wie groß war die Achtung, in der dieser berühmte
+Böhme in Neapel und Rom stand?
+
+ [Fußnote 1: Anmerkung: Ohne meine Erinnerung werden die Leser
+ einsehen, daß dieser Martini mit dem Opernkomponisten Martini,
+ dem Verfasser der #Cosa rara#, nicht zu verwechseln sey.]
+
+Abbate _Martini_ war nebst den andern Kapellmeistern außer sich vor
+Bewunderung, als der junge Mozart über jedes Fugenthema, das ihm Martini
+hinschrieb, die gehörige Eintheilung und Disposition nach der ganzen
+Strenge der Kunst angab, und die Fuge augenblicklich auf dem Klavier
+ausführte.
+
+Zu Florenz fand man bey seiner Gegenwart alles, was der Ruf von seinen
+Talenten sagte, zu gering, als Mozart bey dem #Marchese Ligneville#
+ebenfalls einem großen Kontrapunktisten, jedes angegebene Thema auf der
+Stelle vortrefflich ausführte – jede vorgelegte Fuge, mit einer
+Leichtigkeit vom Blatte wegspielte, als hätte er sie selbst komponirt.
+Und wie wahr es ist, daß treffliche Geister einander verstehen und ihre
+Verwandschaft bald anerkennen, zeuget die Bekanntschaft, die Mozart hier
+in Florenz mit einem jungen Engländer _Thomas Linley_, einem Knaben von
+14 Jahren gemacht hatte. Er war der Schüler des berühmten Violonisten
+Nardini, schon selbst Virtuose und Meister seines Instrumentes. Sie
+wurden bald innige vertraute Freunde; ihre Freundschaft aber war nicht
+Knaben Anhänglichkeit, sondern die Zärtlichkeit zweyer tieffühlenden,
+übereinstimmenden Seelen! sie achteten sich als Künstler, und führten
+sich auf wie Männer! Wie bitter war ihnen der Tag ihrer Trennung? Linley
+brachte Mozarten am Tage der Abreise noch ein Gedicht, das er von der
+Dichterin _Corilla_ auf ihn hatte verfertigen lassen, schied unter
+vielen Umarmungen und Thränen von ihm, und begleitete seinen Wagen unter
+beständigen Aeußerungen der zärtlichsten Betrübniß bis vor die Stadt.
+
+Von Florenz reisete Vater und Sohn nach Rom; sie kamen eben in der
+Charwoche an. Hier hatte nun Mozart Gelegenheit genug die vielen
+Meisterstücke der erhabensten Kirchenmusik zu hören, die in dieser
+heiligen Zeit bey der ernsten Feyer der Welterlösung aufgeführt werden.
+Den ersten Rang darunter verdiente das berühmte _Miserere_, welches
+Mittwochs und Freytags diese Woche in der sixtinischen Kapelle blos von
+Vokalstimmen gesungen wird, und das in dem _erhabenen, feyerlichen_
+Kirchengesange das #non plus ultra# der Kunst seyn soll; so zwar daß es
+den päpstlichen Musikern unter der Strafe der Exkommunikation verbothen
+ward, eine Kopie davon zu machen.
+
+Dieß gab dem jungen Mozart den Gedanken ein, bei der Anhörung desselben
+recht aufmerksam zu seyn, und es dann zu Hause aus dem Gedächtnisse
+aufzuschreiben. Es gelang ihm über alle Erwartung; er nahm den Aufsatz
+am Charfreytage zur Wiederholung desselben mit, um im Stande zu seyn
+Verbesserungen zu machen, und das Mangelhafte zu ergänzen.
+
+Bald verbreitete sich der Ruf davon in Rom, und erregte allgemeines
+Aufsehen und Erstaunen; besonders, da es Mozart in einer Akademie
+aufführte, wobey der Kastrat Christophori zugegen war, welcher es in der
+Kapelle gesungen hatte, und durch sein Erstaunen Mozarts Triumph
+vollkommen machte.
+
+Wer es einsieht, welchen Aufwand von Kunst eine so vielstimmige,
+kritische Choralmusik erfodert, der wird mit Recht durch diese
+Begebenheit in Erstaunen gesetzt. Welch ein Ohr, Gedächtniß, Tongefühl –
+welche Kenntniß des Satzes war das, die vermögend war, ein solches Werk
+sogleich zu fassen und so vollkommen zu behalten? Dieß zu können, mußte
+ein höheres Maß von Kräften vorhanden seyn, als man gewöhnlich
+anzutreffen pflegt.
+
+In Neapel, wohin er sich aus Rom begab, fand Mozart nicht weniger
+Bewunderer, als in den andern Städten Italiens; denn jeder unbefangene
+Zuhörer mußte seinem Genie huldigen. Mozart riß später als Mann mit der
+Allgewalt seiner Kunst jedes gefühlvolle Herz hin: was mußte den
+Zuhörern in Italien geschehen, die einen Knaben sahen und den
+vollendetesten Künstler hörten? – Sie hielten ihn für einen Zauberer:
+der war nun Mozart freylich: aber die magische Kraft lag nicht in seinem
+Ringe, wie man in Neapel wähnte; denn als er ihn auf Verlangen der
+Zuhörer weglegte, war sein Spiel nicht weniger bezaubernd, als zu vor.
+Man denke sich nun das Erstaunen und die Bewunderung der lebhaften
+Italiener? Von Neapel kehrte Mozart, mit einem Rufe, der nur _selten_
+einem Künstler vorangeht, nach Rom zurück. Der Papst durch alle die
+Wunder der Kunst aufmerksam gemacht, wollte den jungen Kapellmeister
+sehen. Er ward ihm vorgestellt, und erhielt das Kreuz und Breve als
+Ritter #militiae auratae#.
+
+Auf seiner Rückreise von Rom nach Mayland, hielt er sich wieder eine
+kurze Zeit zu Bologna auf, wo er mit einstimmiger Wahl als Mitglied und
+Maestro der philharmonischen Akademie aufgenommen wurde. Zur Prüfung
+bekam er eine vierstimmige Fuge im Kirchenstil auszuarbeiten; man schloß
+ihn deshalb in ein Zimmer ganz allein ein. Er war damit in einer halben
+Stunde fertig und erhielt das Diplom.
+
+In allen diesen Städten wurden ihm Opern-Akkorde für den nächsten
+Fasching angetragen; da er aber bereits für Mailand versprochen war, so
+mußte er sie alle ausschlagen. Daher eilte er dahin zu kommen. Seine
+Oper unter dem Titel: #Mitridate# kam noch zu Ende des Jahres 1770, den
+26. Dezember auf die Scene; sie erhielt allgemeinen Beyfall und ward
+zwanzigmal nacheinander aufgeführt. Eben darum wurde mit ihm alsogleich
+schriftlichen Akkord auf die #Opera seria# für den Karneval von 1773
+eingegangen. Sie hieß, #Lucio Sulla# und erhielt einen noch größern
+Beyfall als #Mitridate#, denn sie wurde 26mal ohne Unterbrechen
+aufgeführt.
+
+Auf seiner Rückreise aus Italien im J. 1771, besuchte er noch Venedig
+und Verona; hier überreichte man ihm auch das Diplom als Mitglied der
+philharmonischen Gesellschaft.[2] So kam er nach einem Aufenthalte von
+mehr als 15 Monaten in Italien, nach Salzburg zurück. Die Ausbeute
+dieser langen Reise war ein Schatz neuer Kenntnisse und Ideen, ein
+geläuterter Geschmack und die Bewunderung einer Nation, die von der
+Natur selbst zur Richterin in der Tonkunst berufen zu seyn schien.
+
+ [Fußnote 2: Anmerkung. Alle diese Diplome, so wie das Kreuz des
+ päpstl. Ordens, bewahret die Wittwe zum Andenken.]
+
+Bey seiner Ankunft in Salzburg fand Mozart einen Brief von dem Grafen
+_Firmian_ aus Mayland, worinn ihm dieser im Namen der Kaiserin _Maria
+Theresia_ den Auftrag machte, die große theatralische Serenate zur
+Vermählung des Erzherzogs _Ferdinand_ zu schreiben.[3] Zu diesem Feste
+schrieb _Hasse_, der älteste unter den Kapellmeistern die Opera, und
+Mozart, der jüngste unter ihnen, die Serenate; die Kaiserin schien das
+so mit Absicht angeordnet zu haben! Diese Serenate hieß: #Ascanio in
+Alba#; während der Feyerlichkeit ward immer mit der Oper und der
+Serenate abgewechselt. Bey der Wahl des neuen Erzbischofs von Salzburg,
+1772, schrieb Mozart auch eine theatralische Serenate, betitelt: #Lo
+sogno di Scipione.#
+
+ [Fußnote 3: Serenaten waren eine Gattung Kantaten, denen zum
+ Grunde ein dramatisches Sujet gelegt war; sie hatten also
+ Aehnlichkeiten mit den Oratorien.]
+
+Einige Reisen die Mozart im Jahre 1773 und 1774 nach Wien und München
+machte, gaben die Gelegenheit zu mehreren Meisterwerken der Tonkunst;
+hieher gehört die komische Oper: #La finta Giardiniera#, und mehrere
+Messen für die Münchner Hofkapelle.
+
+Im Jahre 1775 schrieb Mozart in Salzburg die Serenate #il re pastore#,
+welche außerordentlich gefiel, und unter diejenigen ältern Werke Mozarts
+gehört, die auch jetzt noch ihren großen Werth haben; denn er hatte
+darinn schon den hohen Geist ahnden lassen, der in seinen spätern
+Kunstwerken herrscht. Dahin gehört das Oratorium der büssende David,
+welches unter die besten Werke dieser Art gehört, und auch jetzt noch
+von Kennern bewundert wird.
+
+
+
+
+ II.
+
+ Mozart als Mann.
+
+
+Diesen Zeitpunkt, das heißt, sein 20stes Lebensjahr können wir für die
+Epoche seiner Vollendung als Meister annehmen; denn von nun an zeigte er
+sich immer als ein solcher im glänzendesten Lichte, und mit einer
+entscheidenden Ueberlegenheit des Geschmackes und Genies; alle seine
+Werke, die er seit dem geliefert hat, sind klassisch und erwarben ihm
+die Krone der Unsterblichkeit. Wir fahren in der Erzählung seiner
+Lebensbegebenheiten fort, und werden die vorzüglichsten seiner Werke,
+aus dieser Lebensperiode, in einem besondern Abschnitte rezensiren.
+
+Mozarts Ruhm war nun gegründet. Jede große Stadt, die er zu dem
+Schauplatze seiner Talente gemacht hätte, würde ihn mit Freude
+aufgenommen, und seine Werke mit Entzücken angehört haben. Zu einer
+solchen Erwartung berechtigte ihn im hohen Maße die große Wirkung, die
+sein zweifaches gleich großes Talent, des Klavierspielers und
+Kompositors jedesmal und überall auf das Publikum gemacht hatte.
+
+Unter diesen Städten war wohl _Paris_ der angemessenste Platz für das
+Genie Mozarts; um so mehr, da seine Kunst dort ein schon begeistertes
+Publikum gefunden hätte. Aber er hatte keinen Geschmack an der
+französischen Musik; über dieß war sein gerader Charakter zu Intriguen
+und Kabalen nicht gemacht, die auf diesem großen Tummelplatze
+menschlicher Leidenschaften auch die Künste mit ihren Schlangenwindungen
+umstrickten. Er kam also von der letzten Reise, die er im Jahre 1777 mit
+seiner Mutter nach Paris zu dem Endzwecke gemacht hatte, bald wieder,
+aber allein zurück; denn sie starb dort.[4] Auch dieß mag seinem
+gefühlvollen Herzen den Aufenthalt in Paris verleidet haben. Zu Ende
+des Jahres 1778 war er schon wieder in Salzburg.
+
+ [Fußnote 4: Anmerkung: Diese Reise nach Paris gab der Welt die
+ große Sinfonie in #D.# die deshalb und ihres raschen Feuers
+ wegen, die französische heißt.]
+
+Der Bayerische Hof, der schon so oft Zeuge seines Künstlertalentes war,
+und insbesondere der damalige Churfürst, der große Schätzer aller
+schönen Künste, liebte Mozarts Musik im hohen Grade. Er bekam daher den
+Auftrag für den Fasching vom 1781 in München eine #Opera seria# zu
+schreiben.
+
+Da schuf Mozart das erhabene Werk, die Oper #Idomeneo#; worinn eine
+Gedankenfülle, eine Wärme der Empfindung herrscht, die sich nur von der
+Jugendkraft eines genialischen Tonkünstlers wie Mozart erwarten ließ.
+Diesen Aufenthalt in München rechnete Mozart unter die angenehmsten Tage
+seines Lebens und vergaß nie auf die gefällige Freundschaft, die er da
+von so vielen Männern vom Verdienst genoß.
+
+Aus München ward er durch einen Auftrag seines Erzbischofs nach Wien
+berufen: und von dieser Zeit an, das heißt von seinem 25sten Jahre,
+lebte er in dieser Kaiserstadt, die eben so sehr durch den entschiedenen
+Hang des Publikums zur Musik, als auch durch die Menge vortrefflicher
+Tonkünstler, für Mozarts Geist wichtig seyn mußte.
+
+Von hier aus verbreiteten sich seine erstaunenswürdigen Kompositionen
+zunächst nach Böhmen, dann in das übrige Deutschland, und gaben dem
+Geschmacke in der Musik einen großen Schwung, eine neue Richtung, die
+aber seine zeitherigen Nachahmer verzerren und verderben.
+
+Sein Spiel auf dem Pianoforte fand zuerst Bewunderer und Liebhaber; denn
+obschon Wien mehrere große Meister dieses Instrumentes, des Lieblinges
+des Publikums zählte, so kam doch keiner unserm Mozart gleich. Eine
+bewundernswürdige Geschwindigkeit, die man besonders in Rücksicht der
+linken Hand oder des Basses einzig nennen konnte, Feinheit und
+Delikatesse, der schönste, redendeste Ausdruck und ein Gefühl, das
+unwiderstehlich zum Herzen drang, sind die Vorzüge seines Spieles
+gewesen, die gepaart mit seiner Gedankenfülle, mit der tiefen Kenntniß
+der Komposition natürlich jeden Hörer hinreißen, und Mozarten zu dem
+größten Klavierspieler seiner Zeit erheben mußten.
+
+Seine Klavierkompositionen aller Art, Sonaten, Variationen, Konzerte,
+wurden bald allgemein bekannt und beliebt. Man ward bey jedem neu
+erschienenen Werke überrascht durch die Neuheit des Stiles, und der
+Gedanken – man staunte über die Höhe, zu der sich die Musik durch seine
+Werke so schnell empor schwang!
+
+In Wien fand Mozart einen Tonkünstler, dessen Genie dem seinigen am
+ähnlichsten war; ich meine den berühmten Schöpfer der Alzeste und
+Iphigenie, _Ritter von Gluck_, einen Böhmen von Geburt. Der Umgang mit
+ihm und das unablässige Studium seiner erhabenen Werke gab Mozarten viel
+Nahrung, und hatte Einfluß auf seine Opernkompositionen. Auch wurde
+Mozart bald der innigste Verehrer des großen, unvergleichlichen _Joseph
+Haydn_, der schon damals der Stolz der Tonkunst war, und nun, nachdem
+Mozart nicht mehr ist, unser einzige Liebling, unsere Wonne bleibt.
+Mozart nannte ihn oft seinen Lehrer.
+
+Bald nachdem Mozart seinen Aufenthalt in Wien aufgeschlagen hatte, faßte
+der unvergeßliche Kaiser _Joseph_ II. den Gedanken, der eines deutschen
+Kaisers so würdig war, den Geschmack an italienischen Opern durch die
+Unterstützung deutscher Singspiele und Sänger zu verdrängen, und für das
+Vaterländische mehr zu stimmen. Er versammelte daher die besten Sänger
+und Sängerinnen, und ließ von Mozart eine deutsche Oper setzen. Für
+diese Virtuosen schrieb Mozart das allgemein bekannte, allgemein
+beliebte Singspiel, die _Entführung aus dem Serail_ in dem Jahre 1782.
+
+Sie machte allgemeines Aufsehen; und die schlauen Italiener sahen bald
+ein, daß ein solcher Kopf für ihr welsches Geklingel bald gefährlich
+werden dürfte. Der Neid erwachte nun mit der ganzen Schärfe des
+italienischen Giftes! Der Monarch der im Grunde von der _neuen
+tiefeindringenden_ Musik entzückt war, sagte doch zu Mozart: »Gewaltig
+viel Noten lieber Mozart!«
+
+»Gerade so viel, Eure Majestät, als nöthig ist,« versetzte dieser mit
+jenem edlen Stolze, und der Freymüthigkeit, die großen Geistern so gut
+anstehet. Er sah es ein, daß dieß nicht eigenes Urtheil, sondern
+nachgesagt war.
+
+Ich darf hier nicht verschweigen, daß Mozart zu der Zeit, als er diese
+Oper schrieb, _Konstanza Weber_, seine nachmahlige Gemahlin, die
+Schwester der berühmten Sängerin _Lang_, liebte und eben Bräutigam war.
+Den Einfluß, den diese Seelenstimmung auf die Komposition dieser Oper
+haben mußte, wird jedermann erkennen, der sie gehört hat; denn wer weiß
+es nicht, wie voll süßer Gefühle, voll schmachtender Liebe sie ist?
+
+Ich kann den Beyfall und die Sensation, die sie in Wien erregte, nicht
+aus eigener Erfahrung beschreiben – aber ich bin Zeuge des Enthusiasmus
+gewesen, den sie bey ihrer Aufführung in Prag in Kennern und
+Nichtkennern verursachte! Es war, als wenn das, was man hier bisher
+gehört und gekannt hatte, keine Musik gewesen wäre! Alles war
+hingerissen – alles staunte über die neuen Harmonien, über die
+originellen, bisher ungehörten Sätze der Blasinstrumente. Nun fingen die
+Böhmen an seine Kompositionen zu suchen; und in eben dem Jahre hörte man
+schon in allen bessern musikalischen Akademien, Mozarts Klavierstücke
+und Sinfonien. Von nun an war die Vorliebe der Böhmen für seine Werke
+entschieden! Die größten Kenner und Künstler unserer Vaterstadt, waren
+auch Mozarts größte Bewunderer, die feurigsten Verkündiger seines
+Ruhmes.[5]
+
+ [Fußnote 5: Vorzüglich der verehrte Herr _Duscheck, Kucharz,
+ Praupner, Johann Kozeluch, (nicht Leopold der in Wien lebt,) die
+ beyden Loschek, Maschek, Caj. Vogel, Wenzel, Weber, Rösler,
+ Witassek, Tomaschek_ u. a. m.]
+
+Mozart lebte bisher, ungeachtet seines großen Ruhmes ohne _Anstellung_,
+also ohne bestimmte Einkünfte. Klavier-Unterricht, und abonnirte
+Konzerte für einen geschlossenen Cirkel des hohen Adels waren noch die
+ausgiebigsten Quellen seiner Einkünfte, wobey sich in einer Stadt, wie
+Wien, sicher nichts ersparen ließ.
+
+In dieser Periode schrieb er die schönsten Sachen für das Klavier:
+Sonaten mit und ohne Begleitung, Konzerte, die nun in jedermanns Händen
+sind.
+
+Im Jahre 1785 gab er 6 meisterhafte Violin-Quartetten im Stich heraus,
+mit einer Dedikation an seinen Freund den Kapellmeister _Joseph Haydn_,
+die ein schöner Abdruck seiner Hochachtung für diesen großen Mann ist;
+und so wie dieselbe den Ruhm _Haydns_, durch die Huldigungen eines
+Künstlers wie Mozart, vermehrt: eben so sehr gereicht sie diesem zur
+Ehre, und macht uns das Herz eines Mannes liebenswürdig, dessen Talent
+Bewunderung heischt.
+
+Gewiß, Mozart hätte mit keinem Werke einen _Joseph Haydn_ besser ehren
+können, als mit diesen Quartetten, die ein Schatz der schönsten
+Gedanken, und das Muster und eine Schule der Komposition sind. In den
+Augen des Kenners ist dies Werk eben so viel werth, als jede
+Opernkomposition Mozarts. Alles darinn ist durchgedacht, und vollendet!
+– Man sieht es diesen Quartetten an, daß er sich die Mühe gab _Haydns_
+Beyfall zu verdienen.
+
+Eben zu der Zeit machte das französische Lustspiel von Beaumarchais,
+_Figaro_ sein Glück und kam auf alle Theater. Mozart ward vom Kaiser
+_Joseph_ dazu bestimmt, diesem Lustspiele, nachdem es in ein Singspiel
+umgegossen ward, auch auf dem italienischen Operntheater durch seine
+Musik Celebrität zu verschaffen. Es wurde in Wien von der italienischen
+Opern-Gesellschaft aufgeführt. Wenn es wahr ist, was man allgemein als
+wahr erzählt, und was sich bei so vielen glaubwürdigen Zeugen freylich
+nicht in Zweifel ziehen läßt, daß die Sänger, aus Haß, Neid und
+niedriger Kabale bey der ersten Vorstellung durch vorsetzliche Fehler
+sich alle Mühe gegeben haben die Oper zu stürzen: so kann der Leser
+daraus schließen, wie sehr diese Faktion die Ueberlegenheit des Genies
+in Mozart fürchtete, und wie wahr es sey, was ich kurz vorher bey
+Gelegenheit der _Entführung aus dem Serail_ bemerkt habe. Dieser feige
+Bund verdienstloser Menschen blieb bis an das frühe Ende des
+unsterblichen Künstlers in voller Thätigkeit ihn zu hassen, zu
+verläumden, und seine Kunst herabzusetzen. Welchen Kampf hatte Mozarts
+Geist zu bestehen, bis er vollkommen triumphirte?
+
+Man erzählt, daß die Sänger durch eine ernste Warnung des seligen
+Monarchen zu ihrer Pflicht gewiesen werden mußten, da Mozart voll
+Bestürzung zwischen dem 2ten Akte zu Ihm in die Loge kam und Ihn darauf
+aufmerksam machte.
+
+So wie jedes seiner Werke in Böhmen nach seinem wahren Werthe erkannt
+und geschätzt wurde: so geschah es auch mit dieser Oper. Sie wurde im
+Jahre 1786 von der Bondinischen Gesellschaft in Prag auf das Theater
+gebracht und gleich bey der ersten Vorstellung mit einem Beyfall
+aufgenommen, der nur mit demjenigen, welchen die Zauberflöte nachher
+erhielt, verglichen werden kann. Es ist die strengste Wahrheit, wenn ich
+sage, daß diese Oper fast ohne Unterbrechen diesen ganzen Winter
+gespielt ward, und daß sie den traurigen Umständen des Unternehmers
+vollkommen aufgeholfen hatte. Der Enthusiasmus, den sie bei dem Publikum
+erregte, war bisher ohne Beyspiel; man konnte sich nicht genug daran
+satt hören. Sie wurde bald von einem unserer besten Meister, Herrn
+Kucharz in einen guten Klavier-Auszug gebracht, in blasende Parthieen,
+ins Quintett für Kammermusik, in teutsche Tänze verwandelt: kurz Figaros
+Gesänge wiederhallten auf den Gässen, in Gärten, ja selbst der Harfenist
+auf der Bierbank mußte sein #non piu andrai# tönen lassen, wenn er
+gehört werden wollte. Diese Erscheinung hat freylich größtentheils in
+der Vortrefflichkeit des Werkes ihren Grund; aber nur ein Publikum,
+welches so viel Sinn für das wahre Schöne in der Tonkunst und so viel
+gründliche Kenner unter sich besitzt, konnte den Werth einer solchen
+Kunst auf der Stelle empfinden; dazu gehört auch das unvergleiche
+Orchester der damaligen Oper, welches die Ideen Mozarts so genau und
+fleißig auszuführen verstand. Denn auf diese verdienten Männer, die zwar
+größtentheils keine Konzertisten, aber desto gründlichere Kenner und
+Orchestersubjekte waren, machte die neue Harmonie und der feurige Gang
+des Gesanges den ersten und tiefsten Eindruck! Der nunmehr verstorbene
+rühmlich bekannte Orchester-Direktor _Strobach_ versicherte oft, daß er
+sammt seinem Personale bey der jedesmaligen Vorstellung so sehr ins
+Feuer gerathe, daß er trotz der mühsamen Arbeit mit Vergnügen von vorne
+wieder anfangen würde.
+
+Die Bewunderung für den Verfasser dieser Musik gieng so weit, daß einer
+unserer edelsten Kavaliere und Kenner der Musik, _Graf Johann Joseph
+Thun_, der selbst eine vortreffliche Kapelle unterhielt, ihn nach Prag
+zu kommen einlud, und ihm Wohnung, Kost und alle Bequemlichkeiten in
+seinem Hause anboth. Mozart war zu sehr über die Wirkung erfreut, die
+seine Musik auf die Böhmen machte – zu begierig eine Nation von einem
+solchen Musikgefühle kennen zu lernen, als daß er die Gelegenheit nicht
+mit Freuden ergriffen hätte. Er kam im Februar 1787 nach Prag: am Tage
+seiner Ankunft wurde Figaro gegeben, und Mozart erschien darinn.
+Alsogleich verbreitete sich der Ruf von seiner Anwesenheit im Parterre,
+und so wie die Sinfonie zu Ende gieng, klatschte ihm das ganze Publikum
+Beyfall und Bewillkommen zu.
+
+Er ließ sich dann auf allgemeines Verlangen in einer großen
+musikalischen Akademie im Operntheater auf dem Pianoforte hören. Nie sah
+man noch das Theater so voll Menschen, als bey dieser Gelegenheit; nie
+ein stärkeres, einstimmiges Entzücken, als sein göttliches Spiel
+erweckte. Wir wußten in der That nicht, was wir mehr bewundern sollten,
+ob die _außerordentliche_ Komposition, oder das _außerordentliche_
+Spiel; beydes zusammen bewirkte einen Totaleindruck auf unsere Seelen,
+welcher einer süßen Bezauberung glich! Aber dieser Zustand lösete sich
+dann, als Mozart zu Ende der Akademie allein auf dem Pianoforte mehr als
+eine halbe Stunde phantasirte und unser Entzücken auf den höchsten Grad
+gespannt hatte, in laute überströmende Beyfallsäußerung auf. Und in der
+That übertraf dieses Phantasiren alles, was man sich vom Klavierspiele
+vorstellen konnte, da der höchste Grad der Kompositionskunst mit der
+vollkommensten Fertigkeit im Spiele vereinigt ward. Gewiß, so wie diese
+Akademie für die Prager die einzige ihrer Art war, so zählte Mozart
+diesen Tag zu den schönsten seines Lebens.
+
+Die Sinfonien, die er für diese Gelegenheit setzte, sind wahre
+Meisterstücke des Instrumentalsatzes, voll überraschender Uebergänge und
+haben einen raschen, feurigen Gang, so, daß sie alsogleich die Seele zur
+Erwartung irgend etwas Erhabenen stimmen. Dieß gilt besonders von der
+großen Sinfonie in #D dur# und #Es#, die noch immer ein Lieblingsstück
+des Prager Publikums sind, obschon sie wohl hundertmal gehört waren.
+
+Der Opernunternehmer Bondini schloß zugleich mit Mozart den Akkord zu
+einer neuen Oper für die Prager Bühne auf den nächsten Winter, welche
+dieser gerne übernahm, weil er erfahren hatte, wie gut die Böhmen seine
+Musik zu schätzen und auszuführen verstanden. Dieß äußerte er oft gegen
+seine Prager Freunde: er war überhaupt gern in Prag, wo ihn ein
+gefühlvolles Publikum, und wahre Freunde so zu sagen auf den Händen
+trugen. – Dem Opernorchester dankte er in einem Briefe an den damaligen
+Direktor Herrn Strobach sehr verbindlich, und schrieb seiner geschickten
+Ausführung den größten Theil des Beyfalls zu, den seine Musik in Prag
+erhalten hatte.[6] Dieser Zug seines Herzens, so unbedeutend er scheint,
+ist sehr schön; er giebt einen Beweis, daß _Stolz_, _Eigendünkel_ oder
+_Undankbarkeit_ seine Fehler nicht waren, wie man es so häufig an viel
+geringern Virtuosen wahrnimmt.
+
+ [Fußnote 6: Der Verfasser las den Brief im Original, und fand
+ ihn sehr gut geschrieben.]
+
+In dem nemlichen Jahre 1787 gegen den Winter kam Mozart vermög seines
+Akkords wieder nach Prag, und vollendete da die Krone aller seiner
+Meisterwerke, die Oper: #Il dissoluto punito#, oder #Don Giovanni#.
+
+Die Böhmen sind stolz darauf, daß er durch eine so erhabene und aus der
+Tiefe seines Genies geschöpfte Musik ihren guten Geschmack erkannte und
+ehrte. »_Don Juan ist für Prag geschrieben_« – mehr braucht man nicht zu
+sagen, um zu beweisen, welchen hohen Begriff Mozart von dem
+musikalischen Sinne der Böhmen hatte. Es gelang ihm auch vollkommen
+diesen Sinn zu treffen und zu rühren; denn keine Oper hat sich hier in
+einem gleichen Wohlgefallen so lange auf dem Theater erhalten, als _Don
+Juan_. Es sind nunmehr 21 Jahre, seit sie gegeben wird, und noch immer
+hört man sie mit Vergnügen, noch immer lockt sie zahlreiche Versammlung
+in das Parterre. Kurz _Don Juan_ ist die Lieblingsoper des bessern
+Publikum in Prag. Als Mozart bey der ersten Vorstellung derselben an dem
+Klavier im Orchester erschien, empfing ihn das ganze bis zum Erdrücken
+volle Theater mit einem allgemeinen Beyfallklatschen. Ueberhaupt bekam
+Mozart in Prag bey jeder Gelegenheit große und unzweydeutige Beweise der
+Hochachtung und Bewunderung, welche gewiß ehrenvoll waren, weil nicht
+Vorurtheil oder Mode, sondern reines Gefühl seiner Kunst daran Theil
+hatte. Man liebte und bewunderte seine schönen Werke; wie konnte man
+gegen die Person ihres großen Schöpfers gleichgültig bleiben?
+
+In dem Jahre 1789 im Monat December schrieb Mozart das italienische
+komische Singspiel, #Cosi fan tutte#, oder _die Schule der Liebenden_;
+man wundert sich allgemein, wie der große Geist sich herablassen konnte,
+an ein so elendes Machwerk von Text seine himmlisch süßen Melodien zu
+verschwenden. Es stand nicht in seiner Gewalt, den Auftrag abzulehnen,
+und der Text ward ihm ausdrücklich aufgetragen. – In diese Periode fällt
+auch seine Reise über Leipzig und Dresden nach Berlin.[7] Der große Ruf
+seines Namens gieng ihm voran, und man fand sich nirgends in der
+Erwartung getäuscht, die er überall erregt hatte. Der damalige König von
+Preußen, ein freygebiger Kenner und Freund der Tonkunst, ward ganz für
+ihn eingenommen; und gab ihm ausgezeichnete Beweise seiner Achtung. Wie
+wahrhaft und daurend dieselbe gewesen sey, beweiset die königliche
+Großmuth, mit welcher dieser Monarch später die Wittwe Mozart in Berlin
+aufnahm und unterstützte.
+
+ [Fußnote 7: Er unternahm sie im Frühjahr des Jahrs 1789.]
+
+Mozart war bis jetzo ohne Anstellung, ohne sichere Einkünfte. So bekannt
+auch sein Talent war, so sehr man seine Kompositionen suchte: so wenig
+dachte man daran ihn zu belohnen, und zu unterstützen. Er hatte zwar oft
+beträchtliche Einnahmen gemacht; aber bei der Unsicherheit und Unordnung
+der Einkünfte, bei den häufigen Kindbetten, den langwierigen Krankheiten
+seiner Gattin, in einer Stadt wie Wien, mußte Mozart doch im
+eigentlichen Verstande darben. Er beschloß daher die _Stadt_ zu
+verlassen, wo sich keine Stelle für einen Kopf wie _Mozart_ fand. Sein
+Plan war nach England zu gehen, wo er ein besseres Schicksal um so mehr
+erwarten konnte, als ihm oft von da Einladungen und lockende Anträge
+gemacht wurden.
+
+Alles war zur Abreise fertig, als ihm _Kaiser Joseph_ den Titel eines
+kaiserlichen Kammerkomponisten mit einem Jahrgehalt von 800 Gulden und
+der Zusicherung ertheilte, daß auf ihn in der Zukunft Bedacht genommen
+werden würde. Mozart mochte nicht trotzen; er nahm es willig an, und
+blieb. Das Anstellungsdekret ist am 7. Dec. 1787 ausgestellt.
+
+Ich überlasse es jedem Leser darüber Beobachtungen anzustellen, um die
+Ursachen der langen Vernachlässigung eines so großen Künstlers
+auszuforschen. An ihm lag die Schuld gewiß nicht; man müßte denn seinen
+geraden und offenen zum Bücken und Kriechen untauglichen Charakter als
+Schuld annehmen.
+
+So viele Feinde und Neider auch jeden seiner Vorzüge durch Herabsetzung
+und Verläumdung zu verdunkeln bemüht waren: so vollkommen war dennoch
+der Triumph seiner Kunst bey unbefangenen, von dem Roste der Mode
+unverletzten Seelen. Alle wahren Kenner der Tonkunst huldigten seinem
+Genie. Ich will davon ein Beyspiel anführen.
+
+Der als Staatsmann und Gelehrter gleich verehrungswürdige _Baron von
+Switten_, ein wahrer Kenner der Tonkunst, voll Gefühl für den ernsten
+Gesang des erhabenen _Händels_, ließ oft die Werke dieses berühmten
+Tonkünstlers, die für den tändelnden Modegeschmack unserer Tage eine zu
+einfache Kost sind, in Privatkonzerten aufführen. Er bediente sich dazu
+der Talente unsers Mozarts, der die großen Ideen _Händels_ mit der Wärme
+seiner Empfindung zu beleben und durch den Zauber seines
+Instrumentalsatzes für unser Zeitalter genüßbar zu machen verstand.[8]
+Baron von _Switten_ korrespondirte oft über die Angelegenheit mit
+Mozart, und schrieb ihm einst unter andern:
+
+ Den 21sten März 1789.
+
+ »Ihr Gedanke, den Text der kalten Arie in ein #Recitativ# zu
+ bringen ist trefflich, und in der Ungewißheit ob Sie wohl die
+ Worte zurückbehalten haben, schickte ich sie Ihnen hier
+ abgeschrieben. Wer _Händel_ so feyerlich und so geschmackvoll
+ kleiden kann, daß er einerseits auch dem Modegecken gefällt, und
+ andererseits doch immer in seiner Erhabenheit sich zeiget, der
+ hat seinen Werth gefühlt, der hat ihn verstanden, der ist zu der
+ Quelle seines Ausdruckes gelanget und kann und wird sicher
+ daraus schöpfen. So sehe ich dasjenige an, was Sie leisteten,
+ und nun brauche ich von keinem Zutrauen mehr zu sprechen,
+ sondern nur von dem Wunsche das Rezitativ bald zu erhalten.«
+
+ _Switten_.
+
+ [Fußnote 8: Mozart bearbeitete für ihn _Händels Acis und
+ Galathea, Messias, Cecilia, und das Fest des Alexanders_ in den
+ Jahren 1788, 89, 90.]
+
+Der Türkenkrieg und der dadurch veranlaßte Tod des _edelsten Monarchen_,
+des unvergeßlichen _Josephs_, raubte auch Mozarten eine große Stütze
+seiner Hoffnungen; er blieb Kapellmeister mit 800 Fl. und ohne
+Wirkungskreis!
+
+Aber auch sein Ende rückte nun heran; er sollte den großen _Monarchen_
+nicht lange überleben. Das Jahr 1791, furchtbar reich an großen Todten,
+ward bestimmt auch den Stolz der Tonkunst zu entreißen. Mozart hatte
+jedoch zuvor der Nachwelt mit vollen Händen aus dem Reichthume seines
+Geistes ausgespendet. Daher ist dieses Jahr eben so merkwürdig durch die
+Schöpfung seiner schönsten Werke, als es uns durch seinen unerwarteten
+Tod schmerzhaft geworden ist. In demselben, ja gewissermaßen nahe an dem
+Ziele seines Lebens schuf er die Musik zu der _Zauberflöte_, zu der
+ernsthaften Oper, #La Clemenza di Tito#, und das furchtbar erhabene
+#Requiem# (Seelenmesse) welches er nicht einmal mehr vollenden konnte.
+So gewiß es ist, daß diese drey Werke allein ihm den ersten Platz unter
+den Tonkünstlern seines Zeitalters und unsterblichen Ruhm versichert
+hätten, so sehr vermehren sie die Sehnsucht nach dem Entrissenen, durch
+den Gedanken, der sich dem gefühlvollen Zuhörer unter dem Genusse seiner
+Werke unwiderstehlich aufdringt: »_Ach! wie viel würde der Mann noch
+geleistet, welche Harmonien geschaffen haben_?«
+
+Die Zauberflöte setzte er für das Theater des bekannten _Schikaneders_,
+der sein alter Bekannter war. Die Musik zu der Oper #La Clemenza di
+Tito# war von den böhmischen Ständen zu der Krönung des Kaisers
+_Leopold_ bestellt. Diese letzte begann er in seinem Reisewagen auf dem
+Wege von Wien, und vollendete sie in dem kurzen Zeitraume von 18 Tagen
+in Prag.
+
+_Die Geschichte seines_ letzten Werkes, der erwähnten _Seelenmesse_, ist
+eben so geheimnißvoll als merkwürdig.
+
+Kurz vor der Krönungszeit des Kaisers _Leopold_, bevor noch _Mozart_ den
+Auftrag erhielt nach Prag zu reisen, wurde ihm ein Brief _ohne
+Unterschrift_ von einem _unbekannten Bothen_ übergeben, der nebst
+mehreren schmeichelhaften Aeußerungen die Anfrage enthielt, ob Mozart
+eine Seelenmesse zu schreiben übernehmen wollte? um welchen Preis und
+binnen welcher Zeit er sie liefern könnte?
+
+Mozart der ohne Mitwissen seiner Gattin nicht den geringsten Schritt zu
+thun pflegte, erzählte ihr den sonderbaren Auftrag, und äußerte zugleich
+sein Verlangen sich in dieser Gattung auch einmal zu versuchen, um so
+mehr, da der höhere pathetische Stil der Kirchenmusik immer sehr nach
+seinem Genie war. Sie rieth ihm den Auftrag anzunehmen. Er schrieb also
+dem unbekannten Besteller zurück, er würde das Requiem für eine gewisse
+Belohnung verfertigen; die Zeit der Vollendung könne er nicht genau
+bestimmen; er wünsche jedoch den Ort zu wissen, wohin er das Werk, wenn
+es fertig seyn würde, zu übergeben habe. In kurzer Zeit erschien
+derselbe Bothe wieder, brachte nicht nur die bedungene Belohnung mit,
+sondern noch das Versprechen, da er in dem Preise so billig gewesen sey,
+bey der Absendung des Werkes eine beträchtliche Zugabe zu erhalten. Er
+sollte übrigens nach der Stimmung und Laune seines Geistes schreiben,
+sich aber gar keine Mühe geben, den Besteller zu erfahren, indem es
+gewiß vergeblich seyn würde.
+
+Mittlerweile bekam Mozart den ehrenvollen und vortheilhaften Antrag für
+die Prager Krönung des Kaisers _Leopold_ die Oper Titus zu schreiben.
+Nach Prag zu gehen, für seine lieben Böhmen zu schreiben, hatte für ihn
+zu viel Reiz, als daß er es hätte ausschlagen können!
+
+Eben als Mozart mit seiner Frau in den Reisewagen stieg, stand der Bothe
+wie ein Geist da, zupfte die Frau an dem Rocke, und fragte: »Wie wird es
+nun mit dem Requiem aussehen? –«
+
+Mozart entschuldigte sich mit der Nothwendigkeit der Reise und der
+Unmöglichkeit seinem unbekannten Herrn davon Nachricht geben zu können:
+übrigens würde es seine erste Arbeit bey der Zurückkunft seyn, und es
+käme nur auf den Unbekannten an, ob er so lange warten wolle. Damit war
+der Bothe gänzlich befriedigt.
+
+Schon in Prag kränkelte und medizinirte Mozart unaufhörlich; seine Farbe
+war blaß und die Miene traurig, obschon sich sein munterer Humor in der
+Gesellschaft seiner Freunde doch oft noch in fröhlichen Scherz ergoß.
+Bey seinem Abschiede von dem Zirkel seiner Freunde ward er so wehmüthig,
+daß er Thränen vergoß. Ein ahnendes Gefühl seines nahen Lebensende
+schien die schwermüthige Stimmung hervorgebracht zu haben – denn schon
+damals trug er den Keim der Krankheit, die ihn bald hinraffte, in sich.
+
+Bey seiner Zurückkunft nach Wien nahm er sogleich seine Seelenmesse vor,
+und arbeitete mit viel Anstrengung und einem lebhaften Interesse daran:
+aber seine Unpäßlichkeit nahm sichtbar zu, und stimmte ihn zur düstern
+Schwermuth. Seine Gattin nahm es mit Betrübniß wahr. Als sie eines Tages
+mit ihm in den Prater fuhr, um ihm Zerstreuung und Aufmunterung zu
+verschaffen, und sie da beyde einsam saßen, fing Mozart an vom Tode zu
+sprechen, und behauptete, daß er das Requiem für sich setze. Thränen
+standen dem empfindsamen Manne in den Augen. »Ich fühle mich zu sehr,
+sagte er weiter, mit mir dauert es nicht mehr lange: gewiß, man hat mir
+Gift gegeben! Ich kann mich von diesem Gedanken nicht los winden. –«
+
+Zentnerschwer fiel diese Rede auf das Herz seiner Gattin; sie war kaum
+im Stande ihn zu trösten, und das Grundlose seiner schwermüthigen
+Vorstellungen zu beweisen. Da sie der Meynung war, daß wohl eine
+Krankheit im Anzuge wäre, und das Requiem seine empfindlichen Nerven zu
+sehr angreife, so rufte sie den Arzt, und nahm die Partitur der
+Komposition weg.
+
+Wirklich besserte sich sein Zustand etwas, und er war während desselben
+fähig eine kleine Kantate, die von einer Gesellschaft für ein Fest
+bestellt wurde, zu verfertigen. Die gute Ausführung derselben und der
+große Beyfall, mit dem sie aufgenommen ward, gab seinem Geiste neue
+Schnellkraft. Er wurde nun etwas munterer und verlangte wiederholt sein
+Requiem fortzusetzen und zu vollenden. Seine Frau fand nun keinen
+Anstand ihm seine Noten wieder zu geben.
+
+Doch kurz war dieser hoffnungsvolle Zustand; in wenig Tagen verfiel er
+in seine Melancholie, ward immer matter und schwächer, bis er endlich
+ganz auf das Krankenlager hinsank, von dem er ach! nimmer aufstand.
+
+Am Tage seines Todes ließ er sich die Partitur an sein Bette bringen.
+»Hab ich es nicht vorgesagt, daß ich dieß Requiem für mich schreibe?« so
+sprach er, und sah noch einmal das Ganze mit nassen Augen aufmerksam
+durch. Es war der letzte schmerzvolle Blick des Abschiedes von seiner
+geliebten Kunst – eine Ahndung seiner Unsterblichkeit!
+
+Gleich nach seinem Tode meldete sich der Bothe, verlangte das Werk, so
+wie es unvollendet war, und erhielt es. Von dem Augenblicke an sah ihn
+die Wittwe nie mehr, und erfuhr nicht das mindeste, weder von der
+Seelenmesse, noch von dem Besteller. Jeder Leser kann sich vorstellen,
+daß man sich alle Mühe gab den räthselhaften Bothen auszuforschen, aber
+alle Mittel und Versuche waren fruchtlos.[9]
+
+ [Fußnote 9: Der Verfasser erzählt die Begebenheit, wie er sie
+ oftmals aus dem Munde der Wittwe gehört hatte, und überläßt es
+ jedem Leser Betrachtungen darüber anzustellen. Er sah eines der
+ Billette, die der unbekannte Besteller an Mozart schrieb. Man
+ kann daraus nichts Besonders abnehmen. Es ist sehr kurz, Mozart
+ wird darinn ersucht das Requiem zu senden, und eine Summe zu
+ bestimmen, um welche er jährlich eine gewisse Anzahl Quartetten
+ machen könnte. Warum hat der unbekannte Verehrer der Talente
+ Mozarts, (so nannte er sich,) für gut gefunden verborgen zu
+ bleiben? Was ist mit dem Requiem geschehen? Man erfuhr nie, daß
+ es damals irgendwo aufgeführt worden sey. Mozarts Freunden würde
+ es ein großes Vergnügen machen, einigen Aufschluß über die Sache
+ zu erhalten. Denn man kann keine gegründete Ursache denken, die
+ eine solche geheimnißvolle Verborgenheit nothwendig machte.]
+
+Mozart blieb während seiner Krankheit bey vollkommenem Bewußtseyn bis
+an sein Ende, und starb zwar gelassen, aber doch sehr ungern. Jedermann
+wird dieß begreiflich finden, wenn er bedenkt, daß Mozart kurz zuvor das
+Anstellungsdekret als Kapellmeister in der St. Stephanskirche mit allen
+Emolumenten, die von Alters her damit verbunden waren, bekam, und nun
+erst die frohe Aussicht hatte, bei hinlänglichen Einkünften ruhig, ohne
+Nahrungssorgen leben zu können. Auch erhielt er fast zu gleicher Zeit
+aus _Ungarn_ und _Amsterdam_ ansehnliche Bestellungen und Akkorde auf
+periodische Lieferungen gewisser Kompositionen.
+
+Dieses sonderbare Zusammentreffen so glücklicher Vorbothen eines
+bessern Schicksales – seine gegenwärtigen traurigen Vermögensumstände –
+der Anblick einer trostlosen Gattin – der Gedanke an zwey unmündige
+Kinder: alles dieses war nicht gemacht, einen bewunderten Künstler, der
+nie Stoiker gewesen ist, in seinem 35ten Jahre die Bitterkeit des Todes
+zu versüßen. »Eben _jetzt_, so klagte er oft in seiner Krankheit, soll
+ich fort, da ich ruhig leben würde! _Jetzt_ meine Kunst verlassen, da
+ich nicht mehr als Sklave der Mode, nicht mehr von Spekulanten
+gefesselt, den Regungen meiner Empfindung folgen, frey und unabhängig
+schreiben könnte, was mein Herz mir eingiebt! Ich soll fort von meiner
+Familie, von meinen armen Kindern, in dem Augenblicke, da ich im Stande
+geworden wäre, für ihr Wohl besser zu sorgen!« Sein Tod erfolgte in der
+Nacht am 5ten Dezember 1791. Die Aerzte waren in der Bestimmung seiner
+Krankheit nicht einig. Man kann sagen, um Mozart floßen unzählbare
+Thränen; nicht in Wien allein, vielleicht mehr noch in Prag, wo man ihn
+liebte und bewunderte. Jeder Kenner, jeder Freund der Tonkunst hielt
+seinen Verlust für unersetzlich; und wahrlich, bis jetzt hat man nicht
+Ursache diese trostlose Meynung zurück zu nehmen! Es schien unglaublich,
+daß ein Mann, der so unsterbliche Werke geliefert, der unsern Herzen so
+reine Entzückungen geschaffen hat, nicht mehr seyn sollte!
+
+In Wien feyerte man sein Andenken mit Würde; aber Prag zeichnete sich
+auch hierinn durch die wärmste Theilnahme aus; die Trauer um unsern
+Liebling war allgemein und ungeheuchelt. Zuerst veranstaltete der
+würdige Musik Direktor _Joseph Strobach,_ ein Freund des
+Verstorbenen,[10] in seiner Pfarrkirche bey St. Niklas den 14ten
+Dezember d. n. J. ein feyerliches Seelenamt für Mozart. Nie gab es ein
+so rührendes und erhabenes Trauerbegängniß. Ein Chor von 120 Personen
+aus den besten Künstlern Prags ausgewählt, die alle mit wehmüthigen
+Eifer sich dazu angebothen hatten, unter der Direktion des braven
+_Strobachs_ führte das meisterhafte Requiem unsers berühmten Landsmannes
+Rosetti mit einem so schwermuthsvollen Ausdrucke auf, daß es nothwendig
+auf das versammelte Volk den tiefsten Eindruck machen mußte. Mehr als
+3000 Menschen, vom Adel und Bürgerstande, (so viel nemlich diese große
+Kirche faßte,) waren da beysammen – alle gerührt, alle voll Wehmuth
+über den frühen Tod des entrissenen Künstlers!
+
+ [Fußnote 10: Dieser als Künstler und Mensch gleich
+ verehrungswürdige Mann ist im Jahr 1798 im Dezember gestorben.]
+
+Etwas später, den 28ten Dezember 1791 unternahm eine Gesellschaft wahrer
+Verehrer des Verstorbenen, zur Unterstützung der hinterlassenen Waisen
+und Wittwe ein öffentliches Konzert in dem Nationaltheater; man führte
+einige der besten, weniger bekannten Kompositionen Mozarts auf. Eine so
+edle Todtenfeier unterstützte das Prager Publikum aus allen Kräften, um
+so mehr, da es die Gelegenheit fand den Tribut seiner Hochachtung dem
+_Genie_ Mozarts in der großmüthigen Unterstützung der hilflosen Waisen
+zu zollen. Das Theater war voll, und die Einnahme beträchtlich. Wie
+glücklich ist ein Künstler, dessen Talent solche Freunde erwirbt!
+
+In Wien wurde die Wittwe auf eine eben so großmüthige Art unterstützt. –
+Mozart hinterließ seiner Familie nichts als den Ruhm seines Namens. Alle
+Hilfsmittel ihrer Erhaltung beruhten auf der Großmuth eines dankbaren
+Publikums, dem Mozart so viele Stunden des reinsten Vergnügens, der
+edelsten Unterhaltung durch sein unerschöpfliches Talent geschaffen
+hatte. Und wahrlich, man kann sagen, daß dieses seine Schuld redlich
+abzutragen suchte. Die Wittwe ließ in einem öffentlichen Konzert zu
+ihrem Besten die merkwürdige _Seelenmesse_ aufführen. Der große Ruf
+dieses Meisterstückes und der Wunsch, die Waisen zu unterstützen, zog
+ein zahlreiches Publikum hin, und man muß es den edlen Freunden der
+Kunst in Wien zum Ruhme nachsagen, daß dieselben auch nach 17 Jahren
+noch gegen den Mozartischen Namen nicht gleichgültig geworden sind. In
+allen musikalischen Akademien, die der Wittwe zu ihrem Besten
+zugestanden werden, ist das Haus voll, und die Einnahme gut.
+
+Aber die Großmuth des sel. Kaisers _Leopold_, dieses
+menschenfreundlichen, für die Wissenschaften und Künste so früh
+entrissenen Monarchen, übertraf alles, was bisher der Wittwe zum Besten
+geschah.
+
+Mozarts Feinde und Verläumder wurden besonders gegen sein Ende, und nach
+seinem Tode so boshaft, so laut, daß bis zu dem Ohre des Monarchen
+manche nachtheilige Sage von Mozart gedrungen war. Diese Ausstreuungen
+und Lügen waren so unverschämt, so empörend, daß der Monarch, von
+Niemanden des Gegentheiles belehrt, sehr entrüstet war. Nebst einer
+schändlichen Erdichtung und Vergrößerung von Ausschweifungen, denen
+Mozart, wie sie sagten, ergeben gewesen sey, behauptete man, daß er
+nicht weniger als 30,000 Gulden Schulden hinterlassen habe – eine Summe,
+über die der Monarch erschrack!
+
+Die Wittwe war eben gesonnen den Monarchen um Pension zu bitten. Eine
+edeldenkende Freundin und vortreffliche Schülerin Mozarts unterrichtete
+sie von den Verläumdungen ihres Mannes bey Hofe, und gab ihr den Rath
+den gütigen Monarchen bey der Audienz eines Bessern zu belehren.
+
+Die Wittwe hatte bald Gelegenheit ihren Rath auszuführen.
+
+»=Euer Majestät=,« sagte sie mit edlem Eifer bey der Audienz, »jeder
+Mensch hat Feinde; aber heftiger und anhaltender ist noch niemand von
+den seinigen verfolgt und verläumdet worden, als mein Mann, blos weil er
+ein so großes Talent war! Man hat es gewagt =Euer Majestät= viel
+Unwahres über ihn zu sagen: man hat seine hinterlassene Schulden
+_zehnfach_ vergrößert. Ich stehe mit meinem Leben dafür, daß ich mit
+einer Summe von ungefähr 3000 Gulden alles bezahlen könnte, was er
+schuldig ist. Und diese Schuld ist nicht muthwillig gemacht worden. Wir
+hatten keine sichern Einkünfte; häufige Kindbetten, eine schwere und
+kostbare Krankheit von anderthalb Jahren, die ich auszustehen hatte,
+werden bey dem menschenfreundlichen Herzen _meines Monarchen_ zur
+Entschuldigung dienen.«
+
+»Wenn es so ist,« sagte der Monarch, »da ist wohl noch Rath zu schaffen.
+Geben sie ein Konzert von seinen hinterlassenen Werken, und ich will es
+unterstützen.«
+
+Er nahm ihr die Bittschrift gnädig ab; und in kurzer Zeit ward ihr eine
+Pension von 260 fl. angewiesen, die zwar an sich gering ist, aber da
+Mozart erst 3 Jahre angestellt, folglich die Wittwe noch nicht
+pensionsfähig war, so bleibt es immer eine Gnade. Die Akademie ward
+unternommen, und der _unsterbliche Monarch_ erfüllte so großmüthig sein
+Versprechen, daß die Wittwe dadurch in den Stand gesetzt wurde, die
+Schulden ihres Mannes zu tilgen.
+
+Aus dieser Begebenheit kann man schließen, wie viel an den boshaften
+Erzählungen von der Unordnung seiner Haushaltung, seiner Verschwendung
+und dergleichen Anschwärzungen Wahres seyn mag. Da man so wenig seiner
+Größe als Künstler beyzukommen im Stande war, so suchte der grämliche
+Neid seinen moralischen Charakter zu verstellen! Eine sehr leichte und
+gewöhnliche Taktik kleiner Seelen, denen jedes Verdienst, jede Größe
+unausstehlich ist: um so mehr, wenn sie ihrem kleinen Gewerbe zu schaden
+droht! Es ist nur Gerechtigkeit, die dem Verdienste gebührt, wenn man
+sich Mühe giebt _solche fremde_ Flecken aus dem Gemählde würdiger
+Menschen zu verwischen.
+
+Wenn gegen Mozart diejenige Billigkeit ausgeübt wird, die jeder an sich
+selbst zu erfahren wünschen muß, so wird er deshalb noch nicht als
+Muster der Oekonomie und Sparsamkeit angepriesen. Es ist wahr; er hätte
+den Werth des Geldes besser schätzen sollen: aber darf ein großer Geist
+keine Schwächen, keine Fehler haben? Möchten doch die, über ihn so
+streng urtheilen, auf ihr Herz greifen und sich fragen: – – –
+
+ #Quid tu?
+ nullane habes vitia?#
+
+Und sind sie in irgend einem Fache _Mozarte_? – Die Endschuldigung der
+Schulden, die er hinterließ, vernahmen wir eben aus dem Munde seiner
+Wittwe; und gewiß, sie ist nicht ungegründet.
+
+Mozart hinterließ von mehreren Kindern nur zwey Söhne, wovon der jüngere
+etwa 4 Monathe alt war, als der Vater starb. Er heißt Wolfgang wie sein
+Vater, ist gegenwärtig 17 Jahre alt, und durch die ersten Produkte
+seines musikalischen Talentes dem Publikum schon vortheilhaft bekannt.
+Sein Klavierspiel zeichnet sich durch feinen Ausdruck und Präcision aus.
+Und so wäre denn zum Theil die scherzhafte Vorhersagung seines Vaters
+erfüllt, daß _dieß Kind ein Mozart werden würde_, weil es einst weinend
+in den Ton stimmte, aus dem der Vater eben auf dem Fortepiano spielte.
+Offenbar lebt der Geist seines Vaters in ihm: aber dem Sohne fehlt eine
+so bildende Vaterhand, wie diejenige war, die das Genie des Vaters so
+trefflich leitete und entwickelte.
+
+Möge der hoffnungsvolle Sohn in dem Bestreben nach Vollkommenheit nicht
+ermüden, und so wie er der Erbe des väterlichen Talentes ist, auch
+seinen rastlosen Fleiß in dem Studium großer Meister geerbt haben! Nur
+dadurch geht der Weg zum wahren Ruhme! Der ältere Sohn Karl ist
+gegenwärtig in Mayland und macht ebenfalls große Fortschritte in der
+Tonkunst.
+
+In Böhmen war Mozarts Kunstvollkommenheit noch bey seinem Leben
+allgemein anerkannt und nach Werth geschätzt: aber er lebte zu kurz, um
+die wahre Blüthezeit seines Ruhmes zu sehen. Selbst in Wien seinem
+Wohnorte waren es nur Kenner, die seinem Genie Gerechtigkeit widerfahren
+ließen. Der Zauberflöte, wovon Mozart die ersten Vorstellungen und
+folglich auch den außerordentlichen Beyfall noch erlebte, war es
+vorbehalten seine Größe dem Auslande zu verkünden. Durch dieß
+Meisterwerk begeistert suchte man seine übrigen Werke auf, studierte sie
+und empfand ihre Schönheit, und so ward der Name _Mozart_ bald in der
+ganzen gebildeten Welt gefeyert, seine Gesänge die Lust jegliches Ohres!
+
+Dieß erfuhr seine Wittwe auf ihrer Reise durch Deutschland, die sie im
+J. 1796 unternommen hatte. Ueberall sah sie zu ihrer innigsten Wonne,
+wie gern die Teutschen wahres Verdienst erkennen und ehren, und wie tief
+Mozarts Gesänge auf ihre Herzen gewirket haben.
+
+Bey ihrem Aufenthalte zu Berlin im Febr. 1796 gab der _höchstselige
+Wilhelm_ II., dieser vortreffliche Freund der Tonkunst, und der ganze
+königl. Hof ausgezeichnete Beweise seiner Liebe und Achtung für das
+Genie Mozarts. Durch ein gnädiges Handbillet ward ihr blos aus Rücksicht
+auf die Talente ihres Mannes das königl. Theater und die Kapelle zum
+Gebrauche für ihr Konzert überlassen; und ihre Unternehmung wurde nicht
+nur von dem Monarchen, sondern auch von dem ganzen Publikum auf das
+großmüthigste unterstützt. Ueber alle Beschreibung groß und rührend war
+die Wirkung, welche die Aufführung der Singstücke aus der Oper: #La
+Clemenza di Tito# bey dem Konzerte auf den König, und das so
+ungewöhnlich zahlreich versammelte Publikum machte. Alles war gleich
+begeistert, die großen Sänger, das vortreffliche Orchester und die
+Zuhörer. Der Geist des verewigten Künstlers, (so drückt sich ein
+Berliner Wochenblatt aus, worinn die Akademie sehr interessant
+beschrieben wurde) schien über der Versammlung zu schweben, als zum
+Anfange die Sinfonie aus der Zauberflöte von dem Orchester so
+meisterhaft vorgetragen, eine feyerliche, einweihende Stille
+hervorbrachte. Das Handbillet worinn der König von Preußen einen so
+rühmlichen Beweis seines guten Geschmackes und der Achtung für teutsches
+Talent gegeben, lautet wörtlich so:
+
+ »Sr. Königliche Majestät von Preußen etc. etc. machen sich ein
+ wahres Vergnügen, durch die Gewährung des Wunsches der Wittwe
+ Mozart zu beweisen, wie sehr Sie das Talent ihres verstorbenen
+ Mannes geschätzt und die ungünstigen Umstände bedauert haben,
+ welche ihm die Früchte seiner Werke einzuerndten verhinderten.
+ Allerhöchst dieselben bewilligen der Wittwe Mozart zur
+ Ausführung dessen letzter Komposition, #La Clemenza di Tito# das
+ große Opernhaus, so wie Dero eigenes Orchester, haben auch
+ dieserhalb die nöthigen Befehle an den Kammerherrn Freyherrn von
+ der _Reck_ erlassen, an welchen sich selbige nunmehr zu wenden
+ hat, und wegen des hiezu zu bestimmenden Tages und wegen des
+ übrigen Details mit ihm sich gehörig zu besprechen. Berlin den
+ 14ten Februar 1796.«
+
+ Fr. Wilhelm.
+
+Selbst der Italiener seit Jahrhunderten im unbestrittenem Besitze des
+Meisterrechtes der Tonkunst überwand seinen Nationalstolz, und erkennt
+nun Mozarts Ueberlegenheit in der Musik an. Seine Opern werden in Rom,
+Mayland und andern Städten mit Beyfall gegeben; die Klaviersachen von
+jedermann gespielt; Meister studiren seine Partituren.
+
+Noch früher hat Frankreich seiner Kunst gehuldiget. Der Beyfall den die
+Mysterien der Isis (Zauberflöte) in Paris erhielten ist ein Beweis
+davon. Don Juan machte kein so großes Glück; aber dieß war, wie alle
+Nachrichten einstimmig aussagten, die Folge der schlechten Darstellung
+des Stückes. Denn der hohe Werth der Musik selbst wurde vollkommen
+anerkannt. Seine Sinfonien, Klavierkonzerte, Quartetten werden allgemein
+bewundert, häufig gespielt, und im Stich und Druck ohne Aufhören neu
+aufgelegt.
+
+England, welches deutsches Tonkünstlerverdienst von jeher schätzte und
+lohnte, kennt und bewundert auch Mozarts allgewaltigen Geist. Die
+Seelenmesse ward in London öfter mit dem größten Beyfalle aufgeführt;
+der Absatz seiner Werke, die bey Breitkopf und Härtel herausgekommen,
+ist nach England eben so stark, als in Deutschland und Frankreich.
+
+Wo giebt es überhaupt Kenner und Liebhaber der süßesten der Künste, wo
+nicht Mozarts Töne tönten und jedes Ohr entzückten? Selbst in den
+entferntesten Welttheilen, wohin kaum der Name der berühmtesten Europäer
+dringt, wiederhallen seine Harmonien. In den philippinischen Inseln,
+(schreibt unser Landsmann, der bekannte Botaniker Hänke) werden seine
+Werke mit Entzücken gehört.
+
+
+
+
+ III.
+
+ Mozart als Künstler und Mensch.
+
+
+Die Körperbildung dieses außerordentlichen Menschen hatte nichts
+Auszeichnendes; er war klein, sein Angesicht angenehm, aber, wenn man
+das große, feurige Auge ausnimmt, kündigte es die Größe seines Genies
+auf den ersten Anblick nicht an.
+
+Der Blick schien unstet und zerstreut, außer wenn er bey dem Klavier
+saß; da änderte sich sein ganzes Antlitz! Ernst und versammelt ruhte
+dann sein Auge; auf jeder Muskelbewegung drückte sich die Empfindung
+aus, welche er durch sein Spiel vortrug und in dem Zuhörer so mächtig
+wieder zu erwecken vermochte.
+
+Er hatte kleine schöne Hände; bey dem Klavierspielen wußte er sie so
+sanft und natürlich an der Klaviatur zu bewegen, daß sich das Auge
+daran nicht minder, als das Ohr an den Tönen ergötzen mußte. Auch darinn
+zeichnete sich also Mozart vor den tummelnden Kraftgenies unserer Tage
+aus!
+
+Der kleine Wuchs seines Körpers kam von seiner frühen Geistesanstrengung
+her, und von dem Mangel an freyer Bewegung in der Zeit seiner Kindheit.
+Er war zwar von schönen Eltern erzeugt, und selbst ein schönes Kind
+gewesen; aber von dem 6ten Lebensjahre an war er an eine sitzende
+Lebensweise gebunden; um diese Zeit fing er schon an zu schreiben! Und
+wie viel hat der Mann nicht in seinem Leben geschrieben? Da Mozart
+bekanntermaßen in der Nacht am liebsten spielte und komponirte und die
+Arbeit oft dringend war: so kann sich jeder vorstellen, wie sehr ein so
+fein organisirter Körper darunter leiden mußte! Sein früher Tod, (_wenn
+er ja nicht auch künstlich befördert war_), muß diesen Ursachen
+hauptsächlich zugeschrieben werden.
+
+_Aber in dem unansehnlichen Körper wohnte ein Genius der Kunst_, wie ihn
+nur wenigen Lieblingen die Natur verlieh!
+
+Die Größe und der Umfang seines Genies läßt sich nur nach dem so frühen,
+so beyspiellos schnellen Gange seiner Entwickelung, und nach der hohen
+Stufe der Vollkommenheit abmessen, auf die er in seiner Kunst gestiegen
+war. Kein Tonkünstler vor ihm hatte das weite Gebiet seiner Kunst so
+ganz umfaßt, und in jedem Zweige derselben so vollendete Produkte
+geschaffen, als Mozart. Von der Schöpfung einer Oper an, bis zu dem
+einfachen Liede, von der kritischen Erhabenheit einer Sinfonie, bis zu
+dem leichten Tanzstückchen herab; im Ernsten und Komischen tragen seine
+Werke überall den Stempel der reichsten Phantasie, der eindringendsten
+Empfindung, des feinsten Geschmackes. Sie haben eine Neuheit und
+Originalität, die eine getreue Beurkundung seines Genies ist. Selbst
+dasjenige, welches man ihm als _Fehler_ vorwirft, zeuget von der Kraft
+seines _freyen_, eine _neue Bahn_ gehenden Geistes. Dazu denke man noch
+die _Vollkommenheit_, die er zugleich im Klavierspielen erreicht hatte!
+
+Alle diese so seltenen, so mannigfaltigen und so innig verwebten Vorzüge
+bestimmen den Rang, der _ihm unter den Genien_ der Künste gebührt. _Er
+war unstreitig einer der großen, schöpferischen Geister, die in ihrer
+Kunst Epoche machen, weil sie dieselbe vervollkommnen, oder doch ihren
+Nachfolgern neue Ansichten und Pfade eröffnen; nach deren Erscheinung
+aber die Kunst gewöhnlich still stehet, oder rückwärts geht._
+
+Unter den schönen Künsten ist keine so sehr Sklavin der Mode und des
+Zeitgeschmackes, als die Musik. Da sie bey uns blos dem Vergnügen dient,
+blos Sache des _Einzelnen_ bleibt, keinen Vereinigungspunkt, keine
+Anstalt hat, wodurch der Geschmack des Publikums die gehörige Richtung
+bekäme; da ferner ihre Theorie noch zu wenig bestimmt und entwickelt
+ist, um selbst den Künstlern eine Gränze zu zeigen oder ein Ideal
+vorzustellen: so muß sie immer zwischen der Laune der Mode, dem
+Eigensinne eines verderbten Geschmackes und zwischen den aufgestellten
+Mustern großer Künstler unstet hin und her schwanken, und erhält nie
+einen sichern Gang zur Vollkommenheit. Ueberdieß sind ihre Zeichen und
+Formen zu unbestimmt, und das _Ohr_, durch welches sie auf den Geist
+wirket, ist ein viel zu untreuer Bothe, seine Sensationen sind zu
+dunkel, als daß man so deutlich bestimmen könnte, welches darinn das
+wahre Schöne sey. _Was dem großen Haufen gefällt_ – heißt _schön_! Das
+Neue hat einen starken Reiz; daher ist es seines Sieges über das bessere
+Alte gewiß; und darum gilt alte Musik und alte Mode einerley. Denn die
+wenigsten Menschen haben Geschmack und Kenntniß genug, um ächte
+Schönheit, vom Flitter zu unterscheiden. Wenn größere Geister durch ihre
+Meisterwerke mehr als eine augenblickliche Rührung hervorbringen, so
+summen doch der Leyermänner der zwey _Schwestern von Prag_, des _Tyroler
+Wastels_, und dergl. schönen Sächelchen, so lange dem Publikum um die
+Ohren, bis der Nachhall schönerer Töne verschwindet! Dann kennt man die
+Namen großer Meister nur noch aus Büchern; ihre himmlischen Harmonien
+sind längst verhallt! Das ist gewöhnlich das traurige Schicksal der
+Musik! Wie viel Kraft, wie viel klassischen Gehalt muß also in den
+Werken Mozarts liegen, wenn ihre Wirkung von dieser Erscheinung eine
+Ausnahme machet? Ihre Schönheit empfindet man gewöhnlich dann erst recht
+lebhaft, wenn man sie öfters gehört, oder recht scharf geprüfet hat.
+Oder haben uns wohl _Figaro_, _Don Juan_, _Titus_, während ihrer
+vieljährigen Vorstellung noch jemals Langeweile gemacht? Hört man seine
+_Klavierkonzerte_, _Sonaten_, _Lieder_ das dreyßigstemal nicht lieber
+noch, als das erstemal? Wer hat die tiefgedachten Schönheiten seiner
+Violin-Quartetten und Quintetten nach der häufigsten Wiederholung
+erschöpft? Dieses ist der wahre Probirstein des klassischen Werthes! Die
+Meisterstücke der Römer und Griechen gefallen bey fortgesetzter Lektüre
+und je reifer der Geschmack wird, immer mehr und mehr – das nemliche
+widerfährt dem Kenner und Nichtkenner bey der Anhörung Mozartischer
+Musik, besonders der dramatischen Werke. So ging es uns bey der ersten
+Vorstellung des _Don Juan_ und insbesondere des Titus.
+
+Ja eben itzt, nachdem die meisten Schöpfungen seiner Kunst 20 bis 30
+Jahre alt sind, gefallen sie am meisten! Wie gern hört man nach dem
+Wirrwarr neuester Kompositeurs die stillerhabenen, klaren, so einfachen
+Gesänge unsers Lieblinges! Wie wohl thun sie unserm Gefühle – es ist als
+wenn man aus einem chaotischen Gewirre, aus dichter Finsterniß ins Licht
+und eine heitere Ordnung versetzt würde.
+
+Nebst den oben angeführten Eigenheiten und Vorzügen des mozartischen
+Kunsttalentes, beobachtete an ihm der aufmerksame Schätzer seiner Werke
+einen gewissen _feinen Sinn_, den Charakter jeder Person, Lage und
+Empfindung aufs genaueste zu treffen;
+
+ #reddere convenientia cuique#.
+
+Diese Eigenschaft war sein wahrer Beruf zum dramatischen Komponisten,
+und ist zugleich der Erklärungsgrund des Zaubers und der großen Wirkung
+seiner Werke. Daher hat jede seiner Kompositionen einen bestimmten,
+eigenthümlichen Charakter, eine Individualität, die selbst in der Wahl
+der Tonart sich ankündigt. Kenner seiner Werke bedürfen keiner
+besondern Beyspiele, da alle Opern von seiner Komposition diese
+Eigenschaft im hohen Grade an sich haben; aber das schönste Muster davon
+ist #La Clemenza di Tito#. – Wie ganz anders bey den gewöhnlichen
+Kompositionen? Es sind größtentheils Gesänge von so unbestimmtem
+Charakter, daß sie eben so gut zu einer Messe, als #Opera buffa# taugen.
+
+Eine andere auszeichnende Eigenheit seiner Werke ist die _Verbindung der
+höchsten Kompositionskunst mit Lieblichkeit und Anmuth_. Diese
+Vereinigung ist eine Aufgabe blos für Künstler von mozartischem Genie.
+Den Beweis davon giebt die Erfahrung. Wie selten trift man auf
+Kompositionen, die den beyden Forderungen Genüge leisteten? Entweder
+sind es blos kontrapunktische Kunststücke, die wohl allen Regeln des
+Satzes zusagen mögen; aber Wärme, Anmuth und Lieblichkeit, diese wahren
+Zaubermittel der Rührung, wußte ihnen ihr Meister nicht anzuziffern:
+oder es sind geistlose, fade Liedeleyen, ohne Sinn und Zusammenhang,
+kaum im Stande dem Ohre mit ihrem übersüßen Geklingel einen
+vorübergehenden Kitzel zu verursachen.
+
+Wie ganz anders ist es beym Mozart? Wie schmilzt in seinen Werken das,
+was man Kunst des Satzes nennt, mit Anmuth, Lieblichkeit und Wohllaut
+so schön zusammen, daß das eine wegen des andern da zu seyn scheint –
+und beydes zur Hervorbringung des höchsten Effektes gleich wirksam ist!
+Und doch, wie mäßig und besonnen war er in dem Gebrauche der Süßigkeiten
+und Gewürze? Er kannte die hohe Forderung der Kunst und der Natur. Er
+schrieb was sein Genius ihm eingab, was sein richtiger Geschmack wahr
+fand, unbekümmert ob es nach dem Geschmacke des Parterres seyn würde
+oder nicht; und _so bildete er sich selber das Publikum_, überzeugt, daß
+wahre Schönheit, wie die Wahrheit, endlich doch erkannt wird und
+gefällt. Dieß thaten immer große Künstler, welche die Kraft hatten einen
+eigenen Weg zu gehen, und der Mode nicht zu fröhnen.
+
+Der Punkt dieser schönen Vereinigung der Gründlichkeit des Satzes mit
+Anmuth und Lieblichkeit ist gewiß die treffliche und vor seiner Zeit
+_unbekannte Art die Blasinstrumente zu brauchen und wirken zu lassen_.
+Hierinn glänzt sein erfinderisches _Genie_ ohne Beyspiel und
+Nebenbuhler.
+
+Er maß mit dem feinsten Sinne die Natur und den Umfang der Instrumente
+ab, zeichnete ihnen neue Bahnen vor, und gab jedem derselben die
+vortheilhafteste Rolle, um die kraftvolle Masse von Harmonie
+hervorzubringen, welche die Bewunderung aller Kenner erzwingt und das
+Muster und Studium der guten Köpfe bleiben wird. Wie ganz anders sehen
+hierinn die Kompositionen selbst großer Meister nach Mozarts Periode,
+als vor derselben aus? Wie unendlich viel haben sie gewonnen durch die
+Anwendung seiner Art, die Blasinstrumente zu setzen? Selbst des großen
+Haidns Werke bestättigen diese Behauptung. Man vergleiche die ältern
+Sinfonien von ihm, mit den neuern? Die Schöpfung schrieb Haidn erst nach
+Mozarts Epoche.
+
+Wie leise schmiegen sich die Töne der Blasinstrumente dem Hauptgesange
+an? wie kühn wetteifern sie bald wieder mit der Singstimme? Welche feine
+Wendungen? Welche Mannichfaltigkeit und Abwechslung überall? Bald
+wieder, wo es der Gegenstand oder Affekt erfordert, wie abstehend der
+Kontrast? Wie gewaltig das Aufbrausen der Leidenschaft? Selbst in
+Stücken ohne Singstimmen lehrte Mozart seine Instrumente einen Gesang,
+der so vernehmlich zu dem Gefühle spricht, daß der Zuhörer nur wenig die
+Abwesenheit der Singstimme wahrnehmen kann. Man höre seine Andantes oder
+Romanzen, in den Klavierkonzerten und Quartetten!
+
+Bey dem häufigen Gebrauche der Blasinstrumente, wie vollkommen wußte
+doch Mozart alle Ueberladung zu vermeiden? wie richtig den Ort und den
+Zeitpunkt zu treffen, wo sie Effekt machen? Nie ist ein Instrument
+verschwendet oder mißbraucht, und daher überflüssig. Aber nur _er_
+verstand die Oekonomie mit dem geringsten Aufwande, oft durch einen
+einzigen Zug eines Instruments, durch einen _Akkord_, einen
+Trompetenstoß, einen Paukenwirbel die größte Wirkung hervorzuzaubern!
+Wie tief sind viele seiner Nachahmer hierinnen unter ihm?
+
+So groß, so neu immer Mozart in der Instrumentalpartie seyn mag, so
+entfaltet sich doch sein mächtiges Genie noch _reizender in dem Satze
+des Gesanges für menschliche Stimmen_. Hierinn erwarb er sich ein
+zweifaches, gleich großes Verdienst. Mit richtigem Geschmacke führte er
+ihn zu seiner anspruchslosen Mutter, der Natur und Empfindung zurück. Er
+wagte es den italienischen Sängern zu trotzen,[11] alle unnützen
+charakterlosen Gurgeleyen, Schnörkel und Passagen zu verbannen! Daher
+ist sein Gesang überall _einfach, natürlich, kraftvoll, ein reiner
+Ausdruck der Empfindung und der Individualität_ der Person und ihrer
+Lage. Der Sinn des Textes ist immer so richtig und genau getroffen, daß
+man ausrufen muß: »Wahrlich die Musik spricht«! Aber Mozart scheint sich
+selbst zu übertreffen, wenn er den Gesang für mehrere Stimmen dichtet,
+_in Terzetten, Quartetten, Quintetten_ d. h. in vielstimmigen Stücken;
+vorzüglich in seinen unübertrefflichen, wahrlich _einzigen Operfinalen_.
+Welcher Reichthum? welche Mannigfaltigkeit in Wendungen und
+Veränderungen? Wie schlingt sich da eine Stimme um die andere? wie schön
+vereinigen sie sich alle ein reizendes Ganze zu bilden, eine neue
+Harmonie hervorzubringen? Und doch sagt jede nur ihre eigene oft
+entgegengesetzte Empfindung! _Hier ist die größte Mannigfaltigkeit und
+die strengste Einheit vereinigt._ Man findet wohl _schöne_ Arien auch
+bey andern Meistern: aber niemand wird in _vielstimmigen Sachen_
+Mozarten die Palme entreißen.
+
+ [Fußnote 11: Auch dieß ist eine Ursache der Abneigung der
+ welschen Sänger gegen seine Werke; eine noch stärkere ist die
+ Mühe, die es ihrer Unwissenheit kostete seine Gesänge
+ einzustudiren. Mozart hat zwar bisweilen von diesem Grundsatze
+ eine Ausnahme gemacht. Aber war er denn in bestellten Sachen
+ immer frey? Mußte er nicht gegen Sänger gefällig seyn, wenn er
+ wünschte, daß sie ihm die Sachen nicht verderben? Darum müßte
+ man immer die Sänger kennen, für die er schrieb, wenn man ein
+ richtiges Urtheil über seine dramatischen Werke fällen wollte.]
+
+Doch wer mag sie alle entwickeln, die unzähligen Vorzüge, die
+unerschöpflichen Schönheiten seiner Kunst? Wer mag mit Worten das _Neue,
+Originelle, Hinreißende, Erhabene, Volltönende seiner_ Musik
+beschreiben? Seine Musik verfehlt nie ihre Wirkung, wenn sie nur
+pünktlich und mit Feuer vorgetragen wird. Freylich ist es nicht leicht
+seinem Geiste nachzufliegen; und da bey ihm jede Note mathematisch genau
+zu der Harmonie berechnet ist: so giebt es auch kein so arges Mißgetön,
+als wenn rohe Hände unwissender Bierfiedler sich an seine Heiligthümer
+wagen.
+
+Die berühmtesten Tonkünstler erkannten die Größe seines Genies, und
+bewunderten seine Werke. _Joseph Haydn_, dieser Liebling der Grazien,
+der in seinem Alter noch das Gefühl eines Jünglinges zeigte, ist gewiß
+vor allen _ein befugter und berufener Richter_.
+
+Sein Urtheil ist unpartheyisch, weil er als ein redlicher Mann bekannt
+ist, und Mozarts aufblühender Ruhm dem seinigen im Wege stand. Schon im
+Jahre 1785 da Mozarts Vater noch lebte, sagte J. Hayden bey einer
+Zusammenkunft in Wien zu ihm: »_Ich sage Ihnen vor Gott und als ein
+ehrlicher Mann, daß ich ihren Sohn für den größten Komponisten
+anerkenne, von dem ich nur immer gehört habe; er hat Geschmack und
+besitzt die gründlichste Kenntniß in der Kunst der Komposition._«
+
+Im Jahre 1787 im Dezember schrieb eben dieser große Mann an einen
+_Freund in Prag_, der mit ihm seit langer Zeit in Briefwechsel stand,
+und ein Singspiel von seiner Komposition für Prag verlangte, folgenden
+merkwürdigen Brief:
+
+ »Sie verlangen eine #Opera buffa# von mir; recht herzlich gern,
+ wenn Sie Lust haben von meiner Singkomposition etwas für sich
+ allein zu besitzen. Aber um sie auf dem Theater zu Prag
+ aufzuführen, kann ich Ihnen dießfalls nicht dienen, weil alle
+ meine Opern zu viel auf unser Personale (_zu Esterhaz in
+ Ungarn_) gebunden sind, und außerdem nie die Wirkung
+ hervorbringen würden, die ich nach der Lokalität berechnet habe.
+ Ganz was anders wär es, wenn ich das unschätzbare Glück hätte
+ ein ganz neues Buch für das dasige Theater zu komponiren. Aber
+ auch da hätte ich noch viel zu wagen, in dem der _große_ Mozart
+ schwerlich jemanden andern zur Seite haben kann.«
+
+ »Denn, könnt ich jedem Musikfreunde besonders aber den Großen
+ die unnachahmlichen Arbeiten Mozarts _so tief und mit einem
+ solchen musikalischen Verstande, mit einer so großen Empfindung
+ in die Seele prägen, als ich sie begreife und empfinde_: so
+ würden die Nationen wetteifern ein solches Kleinod in ihren
+ Ringmauern zu besitzen. Prag soll den theuern Mann fest halten –
+ aber auch belohnen; denn ohne dieses ist die Geschichte großer
+ _Genies traurig_, und giebt der Nachwelt wenig Aufmunterung zum
+ fernern Bestreben; weßwegen leider! so viel hoffnungsvolle
+ Geister darnieder liegen. Mich zürnet es, daß dieser _einzige
+ Mozart_ noch nicht bey einem kaiserlichen oder königlichen Hofe
+ engagirt ist. Verzeihen Sie, wenn ich aus dem Geleise komme: ich
+ habe den Mann zu lieb.«
+
+ Ich bin etc.
+ Joseph Hayden.
+
+ N. S. An das Prager Orchester und die dasige Virtuosen mein
+ ergebenstes Kompliment.[12]
+
+ [Fußnote 12: Ich habe dieses schätzbare Denkmal einer edlen
+ Seele der gütigen Mittheilung des _Herrn Roth_
+ Proviantoberverwalter zu Prag (an den der Brief geschrieben war)
+ zu danken. Da er für den Geist und das Herz seines Verfassers
+ nicht minder ruhmvoll ist, als für Mozart: so ließ ich ihn hier
+ _wörtlich nach dem Originale abdrucken_.]
+
+Wenn ein _Haydn_ so urtheilt, so begeistert spricht – ein Haydn, der
+allein unter allen Tonkünstlern über seinen Verlust zu trösten im Stande
+wäre, was will dann das Gekreische einiger kleinen Geister sagen, die an
+Mozarts Ruhme zu Rittern werden wollten?
+
+Der chursächsische Kapellmeister H. Naumann bezeugte bey seinem
+Aufenthalte zu Prag auf eine schöne Art seine Hochachtung und
+Bewunderung für Mozarts Talente und Werke in einer rührenden Anrede an
+seinen Sohn, als ihm derselbe von seiner Freundin Duschek vorgestellt
+wurde. Wer die redliche anspruchslose Denkungsart dieses berühmten
+Meisters kannte, wird an der Wahrheit seiner Gesinnungen gewiß nicht
+zweifeln.[13]
+
+ [Fußnote 13: Der Verfasser hatte das Vergnügen Augenzeuge der
+ schönen Scene zu seyn.]
+
+Wie sehr ihn _Gluck_ geschätzt habe, ist schon erwähnt worden.
+
+Cherubini, dessen Geist dem Mozartischen am nächsten verwandt scheint,
+ist sein größter Bewunderer, und hat seine Werke zum Gegenstande seines
+beständigen Studium gemacht. Alle Neuern, wenn sie es auch nicht
+gestehen wollen, haben von Mozart gelernt, oder ahmen ihn nach!
+
+Ein noch lebender, nicht unberühmter Tonsetzer in Wien sagte zu einem
+andern bey Mozarts Tode, mit vieler Wahrheit und Aufrichtigkeit: »Es ist
+zwar Schade um ein so großes Genie; aber wohl uns, daß er todt ist.
+Denn, würde er länger gelebt haben, wahrlich! die Welt hätte uns kein
+Stück Brod mehr für unsere Kompositionen gegeben.«
+
+Die zahlreiche Klasse gründlicher Tonkünstler in Prag verdient mit Recht
+unter den Richtern über Mozarts hohen Werth einen ansehnlichen Platz.
+Die meisten von ihnen sprechen mit einer Achtung von Mozarts Werken, die
+ein rühmlicher Beweis ihrer Kenntnisse, und der Unbefangenheit ihres
+Herzens ist. – Einige, (lange noch nicht alle) sind in einer
+vorhergehenden Anmerkung genannt worden. Der brave Duschek mit seiner
+Gattin, die als Künstlerin und gebildete Frau im gleichen Maße auf
+Achtung und Beyfall Anspruch machen kann, waren Freunde und Bewunderer
+Mozarts. Wie viele treffliche Künstler, auf die _Böhmen_ stolz ist – wie
+viele gründliche und geschmackvolle Dilletanten vom Adel und dem
+Bürgerstande, die in jedem andern Lande für Virtuosen gelten würden,
+müßte ich nennen, wenn ich alle Freunde und Verehrer seiner Werke und
+Talente in Böhmen herzählen wollte?
+
+Doch um Mozart als Tonkünstler ganz kennen zu lernen, ist es nöthig ihn
+bey seinem Schreibpulte, wenn er die unsterblichen Werke dichtete, zu
+beobachten!
+
+Mozart schrieb alles mit einer Leichtigkeit und Geschwindigkeit, die
+wohl beym ersten Anblick Flüchtigkeit oder Eile scheinen konnte; auch
+kam er nie während des Schreibens zum Klavier. Seine Imagination stellte
+ihm das ganze Werk, wenn es empfangen war, deutlich und lebhaft dar. Die
+große Kenntniß des Satzes erleichterte ihm den Ueberblick der gesammten
+Harmonie. Selten trift man in seinen Konzeptpartituren ausgebesserte
+oder überstrichene Stellen an. Daraus folgt nicht, daß er seine Arbeiten
+nur hingeworfen habe. In seinem Kopfe lag das Werk immer schon
+vollendet, ehe er sich zum Schreibpulte setzte. Wenn er den Text zu
+einer Singkomposition bekam, so ging er lange Zeit damit herum, dachte
+sich ganz hinein, und erregte die Thätigkeit seiner Phantasie. Bey dem
+Klavier arbeitete er dann die Gedanken vollständig aus; und nun erst
+setzte er sich zum Schreiben hin. Daher war ihm das Schreiben eine
+leichte Arbeit, wobey er oft scherzte und tändelte. Es ist schon oben
+gesagt worden, daß er auch in seinen Mannsjahren halbe Nächte bey dem
+Klavier zubrachte, dieß waren eigentlich die _Schöpferstunden_ seiner
+himmlischen Gesänge! Bey der schweigenden Ruhe der Nacht, wo kein
+Gegenstand die Sinne fesselt, entglühete seine Einbildungskraft zu der
+regesten Thätigkeit, und entfaltete den ganzen Reichthum der Töne,
+welchen die Natur in seinen Geist gelegt hatte. Hier war _Mozart ganz_
+Empfindung und Wohllaut – hier floßen von seinen Fingern die
+wunderbarsten Harmonien! _Wer Mozart in solchen Stunden hörte, der nur
+kannte die Tiefe, den ganzen Umfang seines musikalischen Genies: frey
+und unabhängig von jeder Rücksicht durfte da sein Geist mit kühnen Fluge
+sich in die höchsten Regionen der Kunst schwingen._ In solchen Stunden
+der dichterischen Laune schuf sich Mozart unerschöpflichen Vorrath;
+daraus ordnete und bildete er dann mit leichter Hand seine unsterblichen
+Werke.
+
+Uebrigens wird jeder einsehen, daß eine reiche Ader der Gedanken dazu
+erfodert war. Ohne diese würde alle seine Kunst unfruchtbar geblieben
+seyn. Es giebt zwar Komponisten, die durch hartnäckigen Fleiß einige
+Gedanken erzwingen: aber wie bald versiegt ihre Quelle? Dann hört man
+sie nur wiederholen: ihre spätern Werke sind gewöhnlich nur die
+Musterkarte der frühern.
+
+Diese Leichtigkeit, mit der Mozart schrieb, hat er, wie wir gesehen
+haben, schon als Knabe gezeigt; ein Beweis, daß sie ein Werk des Genies
+war. Aber wie oft überraschte er damit in seinen letzten Jahren selbst
+diejenigen, die mit seinen Talenten vertraut waren? Die genievolle
+Eingangssinfonie zum _Don Juan_ ist ein merkwürdiges Beyspiel davon.
+Mozart schrieb diese Oper im Oktober 1787 zu Prag; sie war nun schon
+vollendet, einstudirt, und sollte übermorgen aufgeführt werden, nur die
+Ouverture fehlte noch.
+
+Die ängstliche Besorgniß seiner Freunde, die mit jeder Stunde zunahm,
+schien ihn zu unterhalten; je mehr sie verlegen waren, desto
+leichtsinniger stellte sich Mozart. Endlich am Abende vor dem Tage der
+ersten Vorstellung, nachdem er sich satt gescherzt hatte, gieng er gegen
+Mitternacht auf sein Zimmer, fing an zu schreiben, und vollendete _in
+einigen Stunden das bewundernswürdige Meisterstück_, welches die Kenner
+nur der himmlischen Sinfonie der Zauberflöte nachsetzen. Die Kopisten
+wurden nur mit Mühe bis zur Vorstellung fertig, und das Opernorchester,
+dessen Geschicklichkeit Mozart schon kannte, führte sie #prima vista#
+vortrefflich auf.[14]
+
+ [Fußnote 14: Die Begebenheit ist in Prag allgemein bekannt.]
+
+Die Musik zur Zauberflöte war schon im Julius 1791 fertig. In der Mitte
+des _Augustus_ gieng Mozart nach Prag, schrieb da innerhalb 18 Tagen #La
+Clemenza di Tito#, welche am 5ten September aufs Theater kam. In der
+Mitte dieses Monaths reisete er nach Wien zurück, und schrieb ein paar
+Tage vor der Vorstellung der Zauberflöte, die am 30. September geschah,
+die beste aller Ouverturen und den _Priestermarsch_ zum Anfang des 2ten
+Aktes.
+
+Solche Beyspiele könnten häufig angeführt werden. Sein außerordentliches
+Gedächtniß zeigte sich auch schon in der Jugend; das aufgefaßte
+_Miserere_ in Rom giebt einen vollen Beweis davon. Er behielt es
+ungeschwächt bis an sein Ende.
+
+Da man seine Kompositionen unglaublich suchte: so war er nie sicher, daß
+ihm nicht ein neues Werk selbst während des Kopirens abgestohlen werde.
+Er schrieb daher bey seinen Klavier-Konzerten gewöhnlich nur eine Zeile
+für eine Hand auf, und spielte das übrige aus dem Gedächtnisse. So hat
+er einst ein Klavierkonzert, welches er schon seit geraumer Zeit nicht
+in Händen gehabt hatte, in einer musik. Akademie aus dem Gedächtnisse
+gespielt, indem er die Prinzipalstimme in der Eile zu Hause vergaß.
+
+Aber wie ist Mozart ein so _großer_, ja ich möchte sagen, _einziger_
+Mann in seiner Kunst geworden? Hat er alles der Natur, oder seinem
+Studium, seiner Ausbildung zu danken? Einige teutschen Schriftsteller
+sprechen von einer _instinktartigen Beschaffenheit seines Geistes_,
+welche ihn unwillkührlich zur Hervorbringung seiner Meisterwerke
+getrieben habe. Aber diese Herrn kennen sicher Mozarten gar nicht, und
+scheinen die Leichtigkeit, mit welcher er, wenn die Idee des Werkes
+einmal gebildet war, schrieb, für die instinktartige Wirkung seines
+Talentes zu halten. Freylich haben die Aeußerungen des Genies, in
+wiefern es angeboren ist, etwas instinktartiges: aber nur Bildung und
+Uebung – Studium giebt ihm Reife und Vollendung. Mozart hatte von der
+Natur ein Genie empfangen wie Shakespeare, aber er übertraf diesen an
+Geschmack und Korrektheit. Er produzirte mit Verstand und Wahl. Diese so
+seltene Vereinigung eines feinen Geschmackes und der richtigsten
+Beurtheilung mit den größten Naturanlagen, die Mozarten unter den
+Meistern seiner Kunst den ersten Rang giebt, war größtentheils sein
+Werk – das Werk seines Eifers, seines Fleißes; das Werk des tiefen und
+gründlichen Studiums der Kunst.
+
+Aus der Geschichte seiner Jugend haben wir gesehen, wie sorgfältig er
+jede Gelegenheit benützte, um zu lernen; wie weise und streng ihn sein
+Vater dazu leitete; wie tief er in die Geheimnisse der Kunst so früh
+schon eingedrungen war. Aber wir wollen ihn selbst darüber hören.
+
+Einst – (es war nach den ersten Proben seines Don Juan) – gieng Mozart
+mit dem damaligen Orchesterdirektor und Kapellmeister Herr Kucharz[15]
+spazieren. Unter andern vertraulichen Gesprächen kam die Rede auf Don
+Juan. Mozart sagte: »Was halten sie von der Musik zum Don Juan? Wird sie
+so gefallen, wie Figaro? Sie ist von einer andern Gattung!
+
+ [Fußnote 15: Anmerkung. Ein trefflicher Schüler Seegerts, und
+ biederer Mann. Diese Anekdote habe ich aus seinem Munde.]
+
+_Kuch_. Wie können Sie daran zweifeln? Die Musik ist schön, originell,
+tief gedacht. Was von Mozart kommt wird den Böhmen gewiß gefallen.
+
+_Moz_. Ihre Versicherung beruhigt mich, sie kommt von einem Kenner. Aber
+ich habe mir Mühe und Arbeit nicht verdrüßen lassen, für Prag etwas
+vorzügliches zu leisten. Ueberhaupt irrt man, wenn man denkt, daß mir
+meine Kunst so leicht geworden ist. Ich versichere Sie, lieber Freund!
+niemand hat so viel Mühe auf das Studium der Komposition verwendet als
+ich. _Es giebt nicht leicht einen berühmten Meister in der Musik, den
+ich nicht fleißig, oft mehrmal durchstudirt hätte._«
+
+Und in der That, man sah die Werke großer Tonkünstler, auch da noch, als
+er bereits klassische Vollkommenheit erreicht hatte, auf seinem Pulte.
+
+Sein gewandter Geist wußte sich den Charakter eines jeden so anzueignen,
+daß er sie oft zum Scherze im Satze und Stile bis zum Täuschen
+nachahmte.
+
+Sein Gehör war so fein, faßte die Verschiedenheit der Töne so gewiß und
+richtig auf, daß er den geringsten Fehler oder Mißton selbst bey dem
+stärksten Orchester bemerkte, und dasjenige Subjekt oder Instrument,
+welches ihn begieng genau anzugeben wußte. Nichts brachte ihn so sehr
+auf, als Unruhe, Getöse oder Geschwätz bey der Musik. Da gerieth der so
+sanfte, muntere Mann in den größten Unwillen, und äußerte ihn sehr
+lebhaft. Es ist bekannt, daß er einst mitten im Spiele unwillig von dem
+Klavier aufstand, und die unaufmerksamen Zuhörer verließ. Dieses hat
+man ihm vielfältig übel genommen; aber gewiß mit Unrecht. Alles, was er
+vortrug, empfand er selbst auf das stärkste – sein ganzes Wesen war dann
+Gefühl und Aufmerksamkeit: wie konnte ihn also kalte Fühllosigkeit,
+Unaufmerksamkeit: oder gar ein störendes Geschwätze in der Laune und
+Fassung erhalten? Als begeisterter Künstler vergaß er da auf alle andere
+Rücksichten.
+
+Wie reizbar lebhaft sein Kunstsinn gewesen sey, kann man aus dem
+schließen, daß er bey der Aufführung einer guten Musik bis zu Thränen
+gerührt wurde: vorzüglich wenn er etwas von den beyden großen _Haydn_
+hörte. Aber nicht allein Musik, jeder andere rührende Gegenstand ergriff
+sein ganzes Gefühl und erschütterte ihn. Seine Einbildungskraft war
+immer thätig, immer mit Musik beschäftigt; daher schien er oft zerstreut
+und gedankenlos.
+
+_So groß war Mozart als Künstler!_ Den Forscher der menschlichen
+Natur wird es nicht befremden, wenn er sieht, daß dieser als Künstler
+so seltene Mensch, nicht auch in den übrigen Verhältnissen des
+Lebens ein _großer Mann_ war. Die Tonkunst machte die Haupt- und
+Lieblingsbeschäftigung seines ganzen Lebens aus – um diese bewegte sich
+sein ganzes Gedanken- und Empfindungsspiel; alle Bildung seiner Kräfte,
+die das Genie des Künstlers ausmachen, ging von da aus und bezog sich
+darauf. Ist es ein Wunder, wenn er den übrigen Dingen um sich weniger
+Aufmerksamkeit widmete? Er war Künstler, war es ganz und in einer
+bewundernswürdigen Größe: das ist genug! Wer mag indeß die Gränzlinien
+seiner Geistkräfte so genau ziehen, um behaupten zu können, Mozart habe
+außer seiner Kunst zu nichts sonst Anlage oder Fähigkeit gehabt? Man
+setzt freylich das Wesen des Künstler-Genies in eine überwiegende Stärke
+der untern oder ästhetischen Kräfte der Seele, aber man weiß auch, daß
+die Künste besonders die Musik häufig einen scharfen Ueberblick,
+Beurtheilung und Einsicht in die Lage der Dinge erfodern; welches bey
+Mozart um so gewisser vorauszusetzen ist, da er kein gemeiner
+mechanischer Virtuos eines Instrumentes war, sondern das ganze weite
+Gebieth der Tonkunst mit seltner Kraft und Geschicklichkeit umfaßte.
+
+Wie schön und beneidenswerth ist übrigens der Wirkungskreis eines
+Tonkünstlers? Mit seinen süßen Harmonien entzückt er tausend gefühlvolle
+Seelen; er schafft ihnen die reinste Wonne; er erhebt, besänftiget,
+tröstet! Auch dann wenn er nicht mehr ist, lebt er dennoch in seinen
+widerholenden Gesängen – Tausende segnen und bewundern ihn.
+
+_Mozart_ hatte schon in seiner Jugend zu allen Kenntnissen, die man ihm
+beyzubringen für nöthig fand, eine große Anlage gezeigt, in allen
+schnelle Fortschritte gemacht; von der Arithmetik ist Erwähnung
+geschehen. Auch in seinen spätern Jahren liebte er diese Kenntniß sehr
+und war wirklich ein ungemein geschickter Rechenmeister. Eben so groß
+war sein Talent zur Sprachwissenschaft; er verstand _Französisch_,
+_Englisch_, _Italienisch_ und _Teutsch_. Die lateinische Sprache lernte
+er in spätern Jahren, und zwar nur so weit, als es zur Verständniß des
+Kirchentextes, den er allenfalls in Musik zu setzen hätte, erfordert
+war. In allen übrigen Sprachen hat er die guten Schriftsteller gelesen
+und verstanden. Er machte oft selbst Verse; meistens aber nur bey
+scherzhaften Gelegenheiten.[16] In den übrigen Fächern hatte Mozart
+wenigstens so viel historische Kenntniß, als für einen Mann von Bildung
+nöthig war.
+
+ [Fußnote 16: Dieß war unter andern der Fall bey dem Tode eines
+ geliebten Staares, den er in seinem gemietheten Garten ein
+ ordentliches Grabmahl errichtet, und mit einer Inschrift
+ versehen hatte. Thiere und insbesondere Vögel liebte er sehr.]
+
+Zu bedauern ist es, daß er nicht über seine Kunst schrieb! Aus einem
+Briefe, welchen er an F. v. Trattner, eine seiner Schülerinnen über den
+_Vortrag_ der für sie gesetzten Klavierphantasie geschrieben hatte,
+konnte man sehen, daß er nicht nur die Prax, sondern auch die Theorie
+seiner Kunst vollkommen verstand. Der Brief ist, leider! nicht zu finden
+gewesen.
+
+In einem Heft einer musikalischen Zeitschrift von Berlin vor einigen
+Jahren wurde von Mozart behauptet, er habe eigentlich keine _höhere
+Bildung_ gehabt. Es ist schwer zu errathen, was der Verfasser mit den
+Worten höhere Bildung gemeint habe. Mozart hatte die Welt gesehen, er
+kannte die Schriftsteller der gebildetesten Nationen, zeigte überall
+einen offenen und freymüthigen Geist: was fehlte ihm also zur höhern
+Kultur? Muß man in Göttingen oder Jena studirt haben, um höhere Bildung
+zu erlangen? Oder besteht die höhere Bildung darinn, daß man weiß, was
+teutsche Schriftsteller sagen? daß man von allen zu schwatzen verstehet?
+
+Der _moralische Charakter Mozarts_ war _bieder_ und _liebenswürdig_.
+Unbefangene _Herzensgüte_ und eine _seltene Empfindlichkeit für alle
+Eindrücke_ des _Wohlwollens und der Freundschaft_ waren seine Grundzüge.
+Er überließ sich diesen liebenswürdigen Regungen ganz, und wurde daher
+mehrmal das Opfer seines gutmüthigen Zutrauens. Oft beherbergte und
+pflegte er seine ärgsten Feinde und Verderber bey sich.
+
+Er hatte zwar oft mit einem schnellen Blicke auch versteckte Charaktere
+aus dem Innersten ausgeholt: aber im Ganzen genommen, hatte er zu viel
+Gutmüthigkeit um Menschenkenntniß zu erlangen. Selbst die Art seiner
+_Erziehung_, die _unstäte Lebensart auf Reisen_, wo er nur für seine
+Kunst lebte, machte eine wahre Kenntniß des menschlichen Herzen
+unmöglich. Diesem Mangel muß man manche Unklugheit seines Lebens zu
+schreiben.
+
+Uebrigens hatte Mozart für die Freuden der Geselligkeit und Freundschaft
+einen offenen Sinn. Unter guten Freunden war er vertraulich wie ein
+Kind, voll _munterer_ Laune; diese ergoß sich dann meistentheils in den
+drolligsten _Einfällen_. Mit Vergnügen denken seine Freunde in Prag an
+die schönen Stunden, die sie in seiner Gesellschaft verlebten; sie
+können sein gutes argloses Herz nie genug rühmen; man vergaß in seiner
+Gesellschaft ganz, daß man _Mozart_ den bewunderten Künstler vor sich
+habe.
+
+Nie verrieth er einen gewissen _Kunst-Pedantismus_, der an manchen
+Jüngern Apollos so widerlich ist. Er sprach selten und wenig von seiner
+Kunst, und immer mit einer liebenswürdigen Bescheidenheit. Hochschätzung
+des wahren Verdienstes und Achtung für die Person leiteten seine
+Urtheile in Kunstsachen. Es war gewiß rührend, wenn er von den _beyden
+Haydn_, oder andern großen Meistern sprach: man glaubte nicht dem
+allgewaltigen Mozart, sondern einen ihrer begeisterten Schüler zu hören.
+
+Ich kann hier eine Anekdote nicht übergehen, die eben so sehr seinen
+geraden Sinn, und den Unwillen gegen lieblose Tadelsucht, als seine
+große Achtung für Joseph _Haydn_ beweiset. Sie sey zugleich ein Beyspiel
+seiner guten Einfälle.
+
+In einer Privatgesellschaft wurde einst ein neues Werk von Joseph Haydn
+gemacht. Nebst Mozart waren mehrere Tonkünstler gegenwärtig, unter
+andern L. K..., der noch nie jemanden gelobt hatte, als sich selbst. Er
+stellte sich zum Mozart und tadelte bald dieses bald jenes. Mit Geduld
+hörte ihn dieser eine Zeit an; als es ihm aber zu lang dauerte, und der
+Tadler endlich wieder bey einer Stelle mit Selbstgenügsamkeit ausrief:
+»Das hätt’ ich nicht gethan« – erwiederte Mozart: Ich auch nicht; wissen
+Sie aber warum? Weil _wir es beyde_ nicht so gut getroffen hätten! –
+Durch diesen Einfall machte er sich einen unversöhnlichen Feind mehr.
+
+Mit einer solchen Bescheidenheit verband Mozart dennoch ein edles
+_Bewußtseyn_ seiner Künstlerwürde. Wie wäre es auch möglich gewesen
+nicht zu wissen, wie _groß_ er sey? Aber er jagte nie nach dem Beyfalle
+der Menge; selbst als Kind rührte ihn nur das Lob des Kenners. Daher war
+ihm alles gleichgültig, was blos aus Neugierde ihn anzugaffen gekommen
+war. Oft ging dieses Betragen vielleicht zu weit. Er war daher bisweilen
+auch in der Gegenwart großer Herrn vom höchsten Range zum Spielen nicht
+zu bewegen; oder er spielte nichts als Tändeleyen, wenn er merkte, daß
+sie keine Kenner oder wahre Liebhaber sind. Aber Mozart war der
+gefälligste Mann von der Welt, wenn er sah, daß man Sinn für seine Kunst
+besitze; er spielte Stunden lang dem geringsten, oft unbekannten
+Menschen. Mit aufmunternder Achtsamkeit hörte er die Versuche junger
+Künstler an, und weckte durch eine liebevolle Beyfallsäußerung das
+schlummernde Selbstbewußtseyn.
+
+Unser beste Klavierspieler und beliebter Tonsetzer Joh. Witassek dankt
+ihm diese Erweckung seines Talentes. Die wenigen Stunden die er bey
+Mozart zubrachte, schätzt er nach eigenem Geständnisse für einen großen
+Zuwachs zu seiner Ausbildung.
+
+Menschenfreundlich und uneigennützig war _Mozart_ im hohen Grade. Darum
+sammelte er kein Vermögen. Ganz im Reiche der Töne lebend, schätzte er
+den Werth des Geldes und der übrigen Dinge zu wenig. Daher arbeitete er
+viel umsonst, aus Gefälligkeit oder Wohlthätigkeit. Jeder reisende
+Virtuos war gewiß, wenn er sich ihm durch Talent oder moralischen
+Charakter zu empfehlen wußte, eine Komposition für sich zu erhalten. So
+entstanden die Konzerte für die übrigen Instrumente, so eine Menge
+einzelner Singkompositionen, unter andern die majestätischen Chöre zu
+dem Schauspiele, König Tamos, die den erhabensten Werken Händels und
+Glucks an die Seite gesetzt werden.
+
+Aber selbst die Bezahlung, die er für seine Arbeiten bekam, war meistens
+mittelmäßig. Der Theaterunternehmer Guardasoni zahlte ihm für Don Juan
+nur hundert Dukaten.
+
+_Verstellung und Schmeicheley_ war seinem arglosen Herzen gleich fremd;
+jeder Zwang, den er seinem Geiste anthun mußte, _unausstehlich_.
+Freymüthig und offen in seinen Aeußerungen und Antworten, beleidigte er
+nicht selten die Empfindlichkeit der Eigenliebe, und zog sich dadurch
+manchen Feind zu.
+
+Seine hohe Kunst und der liebenswürdige Charakter verschafften ihm
+Freunde, die ihn von ganzer Seele liebten und für sein Wohl eifrig
+besorgt waren. Es würde das Zartgefühl dieser edlen Menschen beleidigen,
+wenn sie hier namentlich angeführt würden; wie wäre es auch möglich alle
+zu kennen und zu nennen? Indem mir also diese Betrachtung verbiethet von
+der großmüthigen Freundschaft eines B. v. S**, und des Kaufmannes B** in
+Wien zu reden: so sey es wenigstens erlaubt hier der ausgezeichneten
+Wohlthätigkeit eines Wiener Bürgers gegen Mozart zu erwähnen. Dieser
+brave Mann, ein Flecksieder vom Gewerbe, ohne Mozart persönlich zu
+kennen, blos von Bewunderung für seine Kunst hingerissen, verschaffte
+seiner kranken Gemahlin, (die nach der Verordnung der Aerzte wegen einer
+Lähmung am Fuße Bäder vom gekochten Magengekröße brauchen mußte), die
+Gelegenheit in seinem eigenen Hause durch geraume Zeit die Kur mit
+vieler Bequemlichkeit brauchen zu können. Er lieferte ihr nicht nur die
+Flecke unentgeltlich und ersparte dadurch Mozarten eine Auslage von
+mehreren hundert Gulden, sondern verlangte auch für Logis und Kost gar
+nichts. Aehnliche Beyspiele eines solchen Enthusiasmus für die hohe
+Kunst Mozarts sind sehr häufig.
+
+Aber Mozart hatte auch Feinde, zahlreiche, unversöhnliche Feinde. Wie
+hätten ihm auch diese mangeln können, da er ein so _großer Künstler_ und
+_ein so gerader Mann war_? Und diese waren die unlautere Quelle, aus
+welcher so viele häßliche _Erzählungen_ von seinem _Leichtsinne, seinen
+Ausschweifungen_ gefloßen sind. Mozart war Mensch, folglich Fehlern
+unterworfen wie alle Menschen. Die nemlichen Eigenschaften und Kräfte,
+die das Wesen seiner großen Talente ausmachten, waren zugleich Reiz und
+Anlaß zu manchen Fehltritte: brachten Neigungen hervor, die freylich bey
+Alltagsmenschen nicht angetroffen werden. Seine Erziehung und Lebensart
+bis zu dem Zeitpunkte, da er sich in Wien niederließ, war auch nicht
+gemacht ihm Menschenkenntniß und Welterfahrung zu verschaffen. Denke man
+sich einen so zart organisirten Jüngling – einen Tonkünstler von seiner
+Empfindung in einer Stadt, wie Wien, sich selbst überlassen? Braucht es
+mehr um zur Nachsicht gegen seine Fehler gestimmt zu werden? Man muß
+aber gegen diese Erzählungen überhaupt mißtrauisch seyn, da gewiß der
+größte Theil baare Unwahrheiten, und nichts als Schmähungen des
+scheelsüchtigen Neides sind. Wir haben dieß in Rücksicht seiner
+hinterlassenen Schulden schon bemerkt. Niemand wird es unbegreiflich
+finden, warum die Welt diesen Ausstreuungen so leicht Glauben beymißt,
+wenn er sich erinnert, daß man gewöhnlich mit einem Tonkünstler den
+Begriff eines Verschwenders oder Wüstlings verbindet. Aber zahlreiche
+Beyspiele achtungswürdiger Künstler haben bewiesen, wie sehr dieses
+Vorurtheil einzuschränken sey.
+
+In seiner Ehe mit _Konstanza Weber_ lebte Mozart vergnügt. Er fand an
+ihr ein gutes, liebevolles Weib, die sich an seine Gemüthsart
+vortrefflich anzuschmiegen wußte, und dadurch sein ganzes Zutrauen und
+eine Gewalt über ihn gewann, welche sie nur dazu anwendete, ihn oft von
+Uebereilungen abzuhalten. Er liebte sie wahrhaft, vertraute ihr alles,
+selbst seine kleinen Sünden – und sie vergalt es ihm mit Zärtlichkeit
+und treuer Sorgfalt. Wien war Zeuge dieser Behandlung, und die Wittwe
+denkt nie ohne Rührung an die Tage ihrer Ehe.[17]
+
+ [Fußnote 17: Die achtungswürdige Frau beträgt sich in ihrem
+ Wittwenstande sehr klug, und sorgt für ihre 2 Söhne mütterlich.
+ Sie lebt in Wien von ihrer Pension und dem kleinen Erwerbe aus
+ dem Nachlasse ihres Mannes.]
+
+Seine liebste Unterhaltung war _Musik_; wenn ihm seine Gemahlinn eine
+recht angenehme Ueberraschung an einem Familienfeste machen wollte, so
+veranstaltete sie in Geheim die Aufführung einer neuen Kirchen-Komposition
+von Michael oder Joseph Haydn.
+
+Das Billardspiel liebte er leidenschaftlich, vermuthlich weil es mit
+Bewegung des Körpers verbunden ist; er hatte ein eignes zu Hause, bey
+dem er sich täglich mit seiner Frau unterhielt. Die Schönheit der Natur
+im Sommer war für sein tieffühlendes Herz ein entzückender Genuß; er
+verschaffte sich ihn, wenn er konnte, und miethete daher fast alle Jahre
+Gärtchen in der Vorstadt, wo er den Sommer zuzubringen pflegte.
+
+Erstaunend ist die Arbeitsamkeit seiner letzten Lebensjahre.
+
+Aus dem vollständigen Verzeichnisse seiner Kompositionen seit dem Jahre
+1784 bis zu seinem Tode, in welches er mit eigener Hand das Thema eines
+jeden Stückes und den Tag der Vollendung eintrug, sieht man wie viel er
+oft in einem Monathe gearbeitet hatte?[18] Nur die Größe und
+Fruchtbarkeit seines Genies macht die Möglichkeit so vielfacher Arbeit
+begreiflich. So schrieb er innerhalb der 4 letzten Monathe seines
+Lebens, wo er schon kränkelte, und Reisen machte:
+
+ [Fußnote 18: Der Verfasser hatte es bey der Ausarbeitung dieser
+ Biographie im Originale vor sich.]
+
+1) Eine Klavierkantate: »Die ihr des unermeßlichen Weltalls Schöpfer
+ehrt.«
+
+2) Die Zauberflöte.
+
+3) #La Clemenza di Tito.#
+
+4) Ein Klarinett-Konzert für H. Stadler.
+
+5) Eine Kantate für ein ganzes Chor.
+
+6) Das Requiem.
+
+Eine ungeheure Anstrengung, die seine Kräfte erschöpfen mußte!
+
+So wurde _Mozart ein Wunder seiner Kunst_, der _Liebling_ seines
+Zeitalters! Sein kurzes, aber glänzendes Künstlerleben macht in der
+Geschichte der Tonkunst eine neue Epoche.
+
+Der große, feurige Geist, der in seinen Werken waltet und der volle
+Strom der Empfindung reißen jedes gefühlvolle Herz mit unwiderstehlicher
+Gewalt hin. Der süße Zauber seiner Harmonien entzückt das Ohr; die Fülle
+der Gedanken, das Neue in ihrer Ausführung machen das Gefallen seiner
+Musik dauerhaft. Wer einmal an _Mozart_ Geschmack gefunden hat, der wird
+durch andere Musik schwer zu befriedigen seyn. Und _alle_ diese
+Vollkommenheiten hat er _in einem Alter_ erreicht, das für gewöhnliche
+Künstler kaum der Zeitpunkt _der ersten Ausbildung_ ist! Da er starb,
+hatte sein Ruhm bereits eine Größe, wie sie nur selten auch der
+glücklichste Künstler hoffen darf – und wie kurz war sein Leben? Er
+hatte noch nicht das 35te Jahr vollendet, als er starb! Was würde sein
+unerschöpflicher Geist der Welt noch geliefert haben? – –
+
+Wär er nach England gegangen – sein Ruhm würde neben _Händels_
+unsterblichem Namen glänzen: in Teutschland rang sein Geist oft mit
+Mangel; seinen _Grabeshügel zeichnet nicht einmal eine schlechte
+Inschrift aus_! –
+
+Auf seinen Tod erschienen mehrere Trauer-Kantaten; darunter zeichnen
+sich zwey aus, vom Herrn _Wessely_ und _Karl Kannabich_ dem jüngern aus
+München.
+
+Einfach und edel war das Fest, welches die Hörer der Rechte zu Prag in
+ihrer musikalischen Akademie, bey der Anwesenheit der Wittwe im Jahre
+1794 Mozarts Andenken weiheten; es wurde durch ein Gedicht
+verherrlichet, welches den Profess. Meinert zum Verfasser hat. Ein Paar
+Stanzen daraus verdienen hier allerdings einen Platz.
+
+ Ach! er ward uns früh entrückt,
+ Der die Saiten der Empfindung,
+ Wie ihr Schöpfer kannt’ und griff;
+ In harmonische Verbindung
+ Ihre kühnsten Töne rief:
+ Jetzt ein Gott in seines Zornes
+ Donner rauschend niederfuhr,
+ Itzo lispelnd wie des Wiesenbornes
+ Welle floß in stiller Flur.
+
+ Ach! schon grünt des Edlen Hügel:
+ Aber ganz birgt er ihn nicht.
+ Eines, das durch Gräber Riegel,
+ Ewig jung und göttlich bricht,
+ _Eines_ lebt – der hohe reine
+ Geistesabdruck ist dieß _Eine_,
+ Das zur Ewigkeit entblüht,
+ Norne! deinem Dolch entflieht.
+
+ Fühlt ihr in der Saiten Beben,
+ Im begeisternden Gesang,
+ In des Herzens Sturm und Drang
+ Fühlt ihr des Entschlaf’nen Leben?
+ Horch! es tönen Engelharmonien, –
+ Das ist Mozart! Seht ihr ihn
+ Lichtbekränzt? Mit Feentritte
+ Wallt sein Geist in eurer Mitte.
+
+
+
+
+ IV.
+
+ Nachricht von Mozarts Werken.
+
+
+Es ist fast kein Zweig der Tonkunst, in welchem Mozart nicht mit
+entschiedenem Glücke seine Kräfte versucht hätte.
+
+_Dramatische Musik_, und die _Klavierkompositionen_ haben ihm am meisten
+Ruhm erworben. Wenn man seine Werke besonders die theatralischen nach
+der Zeitfolge ihrer Entstehung betrachtet, so merkt man deutlich den
+Gang seines zur Vollkommenheit schreitenden Geistes. In den frühern,
+z. B. in der Oper Idomeneo und der _Entführung aus dem Serail_, auch
+noch zum Theil im _Figaro_ strömt das ganze Feuer einer jugendlichen
+Phantasie und eine Fülle üppiger Empfindung ohne Gränzen. Es ist mehr
+Wärme, als Licht darinn – die Massen des Gesanges und der Harmonie sind
+nicht so bestimmt, wie in den spätern Werken, in welchen dieser Strom
+der Empfindung immer sanfter sich in sein Bett zurückzieht, alles
+leichter, einfacher und korrekter wird. Nirgends ist diese Reife des
+Geschmackes sichtbarer, als in der #Clemenza di Tito#, und dem Requiem.
+Daraus läßt es sich schließen, was man noch von Mozart zu erwarten
+berechtiget war?
+
+Einige _Kunstrichter_ haben mit sinnreicher Feinheit zwar die
+Vortrefflichkeit seiner Instrumentation, d. i. den mehr mechanischen
+Theil der Kunst anerkannt, aber das, was blos Sache des Genies ist, die
+Singparthie getadelt, – sie haben behauptet, Mozart sey hierinn nicht so
+groß, als in der Instrumentalparthie. Die Gränzen dieser Schilderung
+erlauben es nicht, die Grundlosigkeit davon zu zeigen, oder die Werke
+Mozarts von dieser Ansicht zu betrachten. Die Tadler mögen indessen nur
+beherzigen, daß gerade diese Seite seiner Werke von gründlichen und
+berufenen Richtern immer am meisten bewundert worden ist. Was konnte
+denn in seinen Opern und den übrigen Singkompositionen so sehr gefallen,
+wenn es _der Gesang_ nicht war? Das Volk versteht wenig von der
+Schönheit des Instrumentalsatzes; gerade dieser Theil seiner Werke, der
+große Geschicklichkeit der Subjekte erfodert, wird gewöhnlich schlecht
+aufgeführt – und doch brachten die meisten seiner Singkompositionen so
+viel Wirkung, so viel Enthusiasmus hervor? dieß konnte nur der
+_einfache, schöne, rhythmische Gesang bewirken_. Warum singt man seine
+Melodien so gern nach? Warum sind so viele davon Volksgesänge geworden?
+Wie wahr, wie lebhaft weiß Mozart den Sinn der Worte des Dichters
+auszudrücken? Dringt sein Gesang nicht überall dem Zuhörer ans Herz?
+Wenn dieß der höchste _Zweck_ der Tonkunst ist, wer hat ihn vollkommener
+_erreicht als Mozart_?
+
+Man könnte zahlreiche Beyspiele anführen, wo Mozart mit einem feinen
+ästhetischen Sinne selbst die Worte und Ideen des Dichters durch schöne
+Wendungen der Melodie erhoben und verbessert hat. Sein Gesang haucht den
+Worten meistentheils erst Wärme und Leben ein; fast immer liegt darinn
+noch mehr Sinn und Empfindung, als in den Worten. Daher haben selbst
+elende Poesien blos durch seine Komposition gefallen. Die Zauberflöte
+und #Cosi fan tutte# sey Beweis.
+
+Die Gestalt, in welcher die alte #Opera seria# von Metastasio #La
+Clemenza di Tito# bey seiner Musik erscheint, ist das Werk seines
+richtigen Urtheiles und Geschmackes. Und ein solcher Kompositeur, der
+den Geist des Textes, das eigene der Situation so faßte und verstand –
+ihn oft verbesserte noch öfter erhob, soll keine höhere Bildung gehabt
+haben?
+
+»Aber Mozarts Werke sind so _schwer_, so _kritisch_, _voll Kunst_ und so
+_wenig_ für das Gehör.«
+
+Auf gleiche Art klagen oft Schulknaben über die Dunkelheiten und
+Schwierigkeiten des Horaz. Man muß darüber lächeln! Wen trifft hier der
+Vorwurf? Schrieb Mozart bloß für Schüler? oder ist dasjenige, was er für
+sie schrieb, nicht leicht und verständlich? Das Schwere in seinen Werken
+ist nicht _Absicht_, ist _nur Folge_ der Größe und Originalität seines
+Genies. Dieß hat Mozart mit allen großen Künstlern gemein. _Populär_
+durften alle seine Werke nicht seyn; wo Popularität nöthig war, da hat
+er sie vollkommen erreicht. Findet in seinen Singspielen nicht der
+Kenner und der bloße Liebhaber Gerüchte für seinen Gaum? Auch die
+_erhabensten Sachen_ von seiner Hand, wo er sich in der ganzen Stärke
+seiner Kunst des Kontrapunktes zeigt, haben so viel Schönheit an sich,
+daß sie auch uneingeweihten Ohren gefallen, wenn sie _nur richtig_, und
+_geschmackvoll vorgetragen werden_. Aber hier liegt _der Knoten_ – das
+ist größtentheils der Grund solcher Klagen. Ueberdieß erheischt seine
+Musik ein reines Gefühl, ein unverdorbenes Ohr: _wer dieses nicht
+mitbringt, für den hat Mozart nicht geschrieben._[19]
+
+ [Fußnote 19: Anmerkung. Diese Bemerkungen der ersten Ausgabe,
+ sind jetzt beynahe unnöthig, da Mozart gegen seine Nachahmer,
+ die Faßlichkeit und Popularität selbst ist!]
+
+Der Tadel einer Klasse von Menschen, denen seine Musik nicht gefällt,
+entscheidet nichts gegen ihre Vortrefflichkeit; so wie Rafaels Ruhm
+nicht geschmählert wird, wenn dem ehrlichen Schneiderjungen ein buntes
+Allerley von einem Schmierer besser ins Auge fällt, als Rafaels
+Meisterstücke. Oder gab es nie Ohren, welchen die rauhe Pfeife des
+Waldgottes entzückender schien, als die himmlischen Töne Apollos? – Wem
+_Mozarts Musik_ nicht genug fürs Gehör zu seyn scheint, der dürfte wohl
+den Fehler eigentlich in seinen Ohren suchen. Was werden so delikate
+Ohren zu der Musik der neuern Tonsetzer sagen?
+
+Mit seinen Werken wird nun von den _Uebersetzern und Musikhändlern_ ein
+wahrer Unfug getrieben, wobey das Publikum oft angeführt, und der Name
+des großen Meisters größtentheils geschändet wird. Man hängt ihn erstens
+als Anempfehlungsschild so manchem Machwerk vor, das seines Geistes ganz
+unwürdig ist; noch häufiger ist der Fall, daß unbefugte Uebersetzer aus
+seinen größern Werken _Klaviersachen_ zusammenstoppeln, die dann als
+Originalwerke verkauft werden, und nothwendig schlechter seyn müssen,
+als seine übrigen Klavierkompositionen.
+
+Eben so nachtheilig für seinen Ruhm ist es, daß man so häufig aus
+Mangel an neuern Werken von seiner Meisterhand, ältere Kompositionen,
+zum Theil aus seiner frühen Jugend herausgiebt, ohne diesen Umstand dem
+Publikum zu sagen. Solche Werke sind größtentheils seinen spätern ganz
+unähnlich, und können den Stempel der Vollkommenheit an sich nicht
+haben.
+
+Seine Werke können zur bessern Uebersicht in 11 verschiedene Klassen
+eingetheilt werden. Zur ersten rechnen wir die _dramatischen_. Mozart
+schrieb 9 italienische Opern, – und 3 teutsche.
+
+#La finta semplice, opera buffa# für Kaiser Joseph 1768
+
+#Mitridate, opera seria# für Mayland; im Jahr 1770
+
+#Sulla,# – – – – 1772
+
+#Giardiniera, opera buffa# für Kaiser Joseph im Jahr 1774
+
+#Idomeneo, opera seria# für München im J. 1780
+
+#Figaro, opera buffa# für Wien im J. 1786
+
+#Don Giovanni, opera buffa# für Prag 1787
+
+#Cosi fan tutte, opera buffa# für Wien 1790
+
+#La Clemenza di Tito, opera seria# für Prag 1791
+
+
+_Teutsche Singspiele:_
+
+Die Entführung aus dem Serail für Wien 1782
+
+Der Schauspieldirektor ein kleines Singspiel für den Kaiser Joseph nach
+Schönbrunn im Jahre 1786
+
+Die Zauberflöte für das Theater Schikaneders 1791
+
+_Idomeneo_ ist eines seiner größten, und gedankenreichesten Werke; der
+Stil ist durchgehends pathetisch und athmet heroische Erhabenheit. Da er
+diese Opera für große Sänger und für eines der besten Orchester von
+Europa schrieb, so fühlte sein Geist keinen Zwang, und entfaltete sich
+darinn am üppigsten. Aber Idomeneo muß besser aufgeführt werden, als es
+zu Prag vor einigen Jahren in Sommer geschah, wo ihn der
+Opern-Unternehmer im eigentlichen Verstande prostituirte. Es war ein
+drolligter Gedanke eine der größten Opern ohne Sängerinnen und Orchester
+aufzuführen. Denn beydes fehlte, und ward durch Substituten ersetzt.
+Auch hüte man sich diese Opera, so wie jede von Mozart nach
+mittelmäßigen Klavierübersetzungen zu beurtheilen!
+
+_Figaro_ wird von Musik-Kennern am meisten geschätzt; wahr ist es, daß
+Mozart bey ihrer Ausarbeitung am fleißigsten studirt habe. An
+Gedanken-Reichthum gleicht sie dem Idomeneo, an Originalität weicht sie
+keiner andern.
+
+_Don Juan_ ist anerkannt das größte Meisterstück seines Genies – die
+höchste Kunst mit der größten Anmuth ist darinn in lieblicher Eintracht
+gepaart. Die Rolle des Leporello ist das erste Meisterstück des
+Komischen – das Muster für alle Opernkomponisten.
+
+#Cosi fan tutte# oder die Schule der Liebenden ist die _lieblichste_ und
+scherzhafteste Musik voll Charakter und Ausdruck.
+
+Die Finalien sind unübertrefflich. Wenn man den schlechten Text dieser
+Oper betrachtet, so muß man über die Fruchtbarkeit seines dichterischen
+Genies erstaunen, das fähig war ein so trockenes, einfältiges Sujet zu
+beleben und solche Schönheiten hervor zu bringen. Es ist schon bemerkt
+worden, daß er in der Wahl des Buches nicht frey war.
+
+#La Clemenza di Tito# wird in ästhetischer Hinsicht, als schönes
+Kunstwerk, für die vollendeteste Arbeit Mozarts gehalten. Mit einem
+feinem Sinne faßte Mozart die Einfachheit, die stille Erhabenheit des
+Charakters des Titus, und der ganzen Handlung auf, und übertrug sie ganz
+in seine Komposition. Jeder Theil, selbst die gemäßigte
+Instrumentalparthie trägt dieses Gepräge an sich, und vereinigt sich zu
+der schönsten Einheit des Ganzen. Da sie für ein Krönungsfest, und für
+zwey ganz eigends dazu angenommene Sänger aus Italien geschrieben war,
+so mußte er nothwendig brillante Arien für diese zwey Rollen schreiben.
+Aber welche Arien sind das? Wie hoch stehen sie über dem gewöhnlichen
+Troß der Bravour-Gesänge?
+
+Die übrigen Stücke verrathen überall den großen Geist aus dem sie
+gefloßen. Die letzte Scene oder das Finale des 1ten Aktes ist gewiß die
+gelungenste Arbeit Mozarts, ja wohl aller dramatischen Tonsetzungen;
+_Ausdruck_, _Charakter_, _Empfindung_, wetteifern darinn den größten
+Effekt hervorzubringen. Der Gesang, die Instrumentation, die Abwechslung
+der Töne, der Wiederhall der fernen Chöre – bewirkten bey jeder
+Aufführung eine Rührung und Täuschung, die bey Opern eine so seltene
+Erscheinung ist. Unter allen Chören, die ich gehört habe, ist keiner so
+fließend, so erhaben und ausdrucksvoll, als der Schlußchor im 2ten Akte;
+unter allen Arien, keine so lieblich, so voll süßer Schwermuth, so reich
+an musikalischen Schönheiten, als das vollkommene Rondo in #F#, mit dem
+oblig: Baßethorne, #Non piu di fiori# im 2ten Akte. Die wenigen
+instrumentirten Rezitative sind von Mozart, die übrigen alle – was sehr
+zu bedauern ist, – von einer Schülerhand.
+
+Die Oper, die jetzt noch immer mit Entzücken gehört wird, gefiel das
+erstemal bey der Krönung nicht so sehr, als sie es verdiente. Ein
+Publikum, das vom Tanz, von Bällen und Vergnügungen trunken war, in dem
+Geräusche eines Krönungsfestes, konnte freylich an den einfachen
+Schönheiten Mozartscher Kunst wenig Geschmack finden.
+
+_Unter den teutschen Singspielen_ zeichnet sich die Entführung aus dem
+Serail an Empfindung und Schönheit des Gesanges aus. Man sieht es ihr
+an, daß sie bald nach Idomeneo gedichtet ward.
+
+Das kleine Singspiel, der _Schauspieldirektor_ ist blos ein
+Gelegenheitsstück für den kaiserl. Hof in Schönbrunn. Was soll ich von
+der _Zauberflöte_ sagen? Wer kennt sie in Teutschland nicht? Giebt es
+ein Theater, wo sie nicht aufgeführt ward? Sie ist unser Nationalstück.
+Der Beyfall den sie überall – überall erhielt, von dem Hoftheater an,
+bis zu der wandernden Bühne des kleinen Marktfleckens, ist bisher ohne
+Beyspiel. In Wien wurde sie nur im 1ten Jahre ihrer Erscheinung mehr als
+_hundertmal_ aufgeführt.
+
+_Die 2te Klasse_ seiner Werke begreift die Kompositionen fürs Klavier.
+Darunter glänzen am meisten die Klavierkonzerte, worinn Mozart ohne
+Nebenbuhler den ersten Rang behauptet. Hier, so wie in vielen andern
+Fächern war er Erfinder einer neuen Gattung. Diese Werke enthalten
+einen unerschöpflichen Reichthum an den treflichsten Gedanken, die
+glänzendeste Instrumentation, und erschöpfen fast alle Tiefen des
+Kontrapunktes.
+
+Die Sonaten aller Art _mit und ohne_ Begleitung sind in jedermanns
+Händen. Unter denselben sind die Trio am originellsten geschrieben. Das
+berühmte Quintett fürs Klavier mit Begleitung einer Oboe, einer
+Klarinette, eines Waldhornes und Fagottes halten Kenner für sein
+Meisterstück in Rücksicht der Instrumentation; geschrieben im J. 1784
+_den 30ten März_. Die vielen _Variazionen_ zeichnen sich durch
+Reichthum, Manigfaltigkeit und Neuheit vor allen ähnlichen Werken aus.
+Die letzten, die er setzte, sind die, über das Lied: _Ein Weib ist das
+herrlichste Ding_; den 15ten März 1791 komponirt. Diese Klasse seiner
+Werke ist die zahlreichste.
+
+_Die 3te Klasse_ begreift die Sinfonien; die schönsten davon, die er in
+den Jahren 1786 bis 1788 schrieb, sind folgende 4: in #D#, #Eb#, #G mol#
+und #C# mit der Fuge im letzten Stücke. Alle können den schönsten von
+_Hayden_ an die Seite gesetzt werden; er entfaltete darinn seine Kunst
+der Komposition im höchsten Grade. Die Opernsinfonien sind bekannt und
+bewundert genug.
+
+_Zur 4ten Klasse_ gehören Gelegenheits-Kantaten mit vollstimmiger
+Begleitung. In dem Verzeichnisse sind 3 aufgemerkt.
+
+_In die 5te Klasse_ können die einzelnen Scenen und Arien gerechnet
+werden, die er für musikalische Akademien oder für besondere Sänger
+schrieb. In dem Verzeichnisse sind 22 solche enthalten, für allerley
+Stimmen.
+
+_6te Klasse:_ teutsche Lieder mit Klavierbegleitung allein; in dem
+Verzeichnisse sind 20 Stücke aufgezeichnet, worunter _die_ so bekannte
+_Abendempfindung_, _das Veilchen_ und an _Chloe_, so voll Einfachheit,
+Ausdruck und Empfindung, _kurz so schön_ sind, daß man sagen kann,
+Mozart hätte blos mit diesem sich unsterblichen Ruhm erworben. Daraus
+vorzüglich mögen seine Tadler sehen, ob er nicht _groß_ in der
+Singkomposition war? Ob er den Worten Leben zu geben, auch ohne das
+Rauschen der Instrumente nicht verstand?
+
+_7te Klasse:_ Konzerte für verschiedene Instrumente schrieb er am
+seltensten.
+
+In dem Verzeichnisse sind nur folgende angemerkt: 1) Ein Andante zu
+einem Violinkonzert; 2) Ein Konzert für das Waldhorn. 3) _Für die
+Harmonika_; 4) für die Klarinette.
+
+_8te Klasse:_ Violinquartetten und Quintetten. Unter den Quartetten sind
+die 6, die er Joseph Haydn dedizirte, klassisch. Später im Jahre 1789
+im Junius schrieb er 3 konzertante Quartetten für den verstorbenen König
+von Preußen; nebst diesen ist noch ein einzelnes Quartett aus #D# im
+Jahr 1786 geschrieben, und _eine einzelne Fuge_.
+
+_Originalquintetten_ sind in dem Verzeichnisse nur 4 aufgezeichnet; aus
+#C#, #G mol#, #D dur# und #Eb#. Er schrieb bey seinem Aufenthalte in
+München 1782 einige Nachtmusiken #à quadro# mit Begleitung 2er
+Waldhörner, die man füglich als Violinkonzerte betrachten kann – alle
+diese Sachen sind voll Gedanken und Schönheiten. Ein konzertantes
+Divertimento für 3 Stimmen, die Violin, Bratsche und das Violoncello ist
+vorzüglich schön und voll hoher Kunst. Die 2 Duetten für die Violin und
+Bratsche sind bekannt und beliebt genug.
+
+_9te Klasse:_ Parthien für blasende Instrumente zu Tafel- und
+Nachtmusiken. Hier in Prag sind mehrere bekannt. Ihre Schönheiten sind
+bezaubernd, und reißen auch das gefühlloseste Herz hin. Es existirt auch
+eine Nachtmusik aus 13 blasenden Instrumenten von seiner Arbeit.
+
+_10te Klasse: Tanzstücke._ Mozart schrieb mehrere Parthien, Menuetten
+und teutsche Tänze für den Kaiserl. Redouten Saal zu Wien. Wie sehr
+diese Sachen von seiner Arbeit gesucht wurden, sieht man aus dem
+Verzeichnisse, wo jeden Karneval eine Menge Menuetten, Teutsche, Walzer
+und Kontratänze angemerkt sind.
+
+_11te Klasse: Kirchenmusik_, war das Lieblingsfach Mozarts. Aber er
+konnte sich demselben _am wenigsten_ widmen. Die Messen, die von ihm
+übrig sind, wurden bey verschiedenen Gelegenheiten und Einladungen
+verfertigt. Alle, die wir hier in Prag gehört haben, tragen den Stempel
+seines Genies. In dem Verzeichnisse ist keine einzige Messe angezeigt –
+ein Beweis, daß alle, die wir haben, in frühere Zeiten seines Lebens zu
+setzen sind. Nur ein Graduale auf den Text: #ave verum corpus# hat er im
+Junius 1791 verfertiget.
+
+Mozart würde in diesem Fache der Kunst seine ganze Stärke erst gezeigt
+haben, wenn er die Stelle bey St. Stephan wirklich angetreten hätte; er
+freute sich auch sehr darauf. Wie sehr sein Genie für den hohen Stil des
+ernsten Kirchengesanges gemacht war, beweiset seine letzte Arbeit, die
+_Seelenmesse_, die gewiß _alles_ übertrifft, was in diesem Fache bisher
+ist geleistet worden, und nicht so bald übertroffen werden wird.
+
+Nebst diesen Gattungen seiner Werke hinterließ er 10 #Canoni# blos für
+Singstimmen; und zwar 8 vierstimmige, und 2 dreystimmige, sowohl
+komische, als ernsthafte. Sie sind nicht nur Meisterstücke in der Kunst
+sondern auch sehr unterhaltend.
+
+Zum Schlusse setzen wir noch eine Anekdote her, die mehr als eine
+Lobrede sagt. Ein alter italienischer Impressarius einer
+Operngesellschaft in Teutschland, der es an seiner Kasse zu fühlen
+schien, daß seit Mozart keine andern Opern, am wenigsten die von
+welschen Authoren gefallen wollen, pflegte immer, so oft er in seiner
+Opernregistratur auf eine Oper von Mozart kam, mit einem Seufzer
+auszurufen: _Der ist mein Unglück!_
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der 1808 erschienenen zweiten Auflage erstellt. Kleinere
+Unregelmäßigkeiten in der Schreibweise wurden beibehalten. Die
+nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem
+Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
+
+Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
+wurden folgendermaßen ersetzt:
+
+Sperrung: _gesperrter Text_
+Großdruck: =groß gedruckter Text=
+Antiquaschrift: #Antiquatext#
+
+Die Fraktur-Ligatur für »etc.« wurde durch etc. ersetzt.
+
+
+Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from the second edition
+published in 1808. Minor spelling inconsistencies have been maintained.
+The table below lists all corrections applied to the original text.
+
+The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
+replaced by:
+
+Spaced-out: _spaced out text_
+Bigger font: =bigger font=
+Antiqua: #text in Antiqua font#
+
+The ligature for “etc.” has been replaced by etc.
+
+
+p. 004: und deu Thatsacheu -> und den Thatsachen
+p. 006: Es ist noch uicht fertig -> nicht
+p. 009: [added period] Tanzstücke u. d. gl -> u. d. gl.
+p. 011: ihn nicht weier stören -> weiter
+p. 013: [added comma] in einer Sache, wo das
+p. 013: auserordentlich großen Talent -> außerordentlich
+p. 015: zweyten Tochter der Königs -> des
+p. 016: den 10 April 1764 -> 10. April
+p. 017: konnte man ihm kaum vom Spielen -> ihn
+p. 020: mit den man ihn aufnahm -> dem
+p. 021: zu schatzen verstehen -> schätzen
+p. 024: den vollendesten Künstler hörten -> vollendetesten
+p. 025: Der Pabst durch alle die Wunder -> Papst
+p. 025: [deleted period] den Karneval von 1773. eingegangen
+p. 031: München eine Oper seria zu schreiben -> Opera
+p. 033: der schon damal der Stolz -> damals
+p. 036: [deleted comma] Man sieht, es diesen Quartetten an
+p. 041: obschon sie wohl hundermal gehört waren -> hundertmal
+p. 042: empfing ihm das ganze -> ihn
+p. 043: Der große Rnf seines Namens -> Ruf
+p. 044: oft von da Einladuugen -> Einladungen
+p. 045: vom dem Roste der Mode -> von
+p. 048: eben so geheimnißvoll als merkmürdig -> merkwürdig
+p. 048: sich in dieser Gattuug -> Gattung
+p. 053: der Unbekannte Verehrer -> unbekannte
+p. 054: [added comma] und wahrlich, bis jetzt
+p. 055: ein feyrrliches Seelenamt -> feyerliches
+p. 057: das Haus voll, nnd die Einnahme gut -> und
+p. 057: [deleted comma] nicht weniger, als 30,000 Gulden
+p. 057: [added comma] eine Summe, über die
+p. 060: über ihn so streng urtheien -> urtheilen
+p. 062: so drückt sich ein Berliner Wochenblatt, worinn -> aus, worin
+p. 068: [added comma] zu dem einfachen Liede, von der
+p. 070: die Meisterstücke der Römer und Griechen -> Die
+p. 072: [deleted comma] 20, bis 30 Jahre alt
+p. 072: bey dem gewöhnlichen Kompositionen -> den
+p. 072: von so unbestimmten Charakter -> unbestimmtem
+p. 072: [added comma] Anmuth und Lieblichkeit, diese wahren Zaubermittel
+p. 082: [added comma] damit herum, dachte sich
+p. 085: die am 30 September geschah -> 30. September
+p. 092: Schriftsteller der gebildesten Nationen -> gebildetesten
+p. 093: Unter guten Freuden -> Freunden
+p. 096: nach eigenem Geständuisse -> Geständnisse
+p. 096: Menschrnfreundlich und uneigennützig -> Menschenfreundlich
+p. 096: den Werh des Geldes -> Werth
+p. 096: nnd zog sich dadurch -> und
+p. 100: [deleted period] seit dem Jahre 1784. bis -> 1784 bis
+p. 101: Eine Klavierkantatate -> Klavierkantate
+p. 101: das Neue in ihrer Ausführuug -> Ausführung
+p. 102: verdienen hier allerdings einen Plaz -> Platz
+p. 102: Wie ihr Schöpfer kannt’ und grif -> griff
+p. 107: wo Popularität uöthig war -> nöthig
+p. 111: in leiblicher Eintracht gepaart -> lieblicher
+p. 116: auch das gefülloseste Herz -> gefühlloseste
+p. 116: [added comma] mehrere Parthien, Menuetten und teutsche Tänze
+p. 117: sieht mau aus dem -> man
+p. 117: 11te Klase: Kirchenmusik -> Klasse
+p. 118: sondern auch sehr unhaltend -> unterhaltend
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Lebensbeschreibung des k. k.
+Kapellmeisters Wolfgang Amad, by Franz Xaver Niemetschek
+
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+works. See paragraph 1.E below.
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+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
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+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
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+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
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+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
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+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
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+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
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