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+<title>The Project Gutenberg eBook of Die Colinie, erster Band, von Friedrich Gerst&auml;cker</title>
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+<pre>
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+Project Gutenberg's Die Colonie. Erster Band., by Friedrich Gerstäcker
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+Title: Die Colonie. Erster Band.
+ Brasilianisches Lebensbild
+
+Author: Friedrich Gerstäcker
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+Release Date: December 8, 2009 [EBook #30631]
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+Language: German
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE COLONIE. ERSTER BAND. ***
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+Produced by richyfourtytwo, Delphine Lettau and the Online
+Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
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+<p>&nbsp;</p>
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+<p>&nbsp;</p>
+<h1>Die Colonie.</h1>
+<h3>Brasilianisches Lebensbild</h3>
+<p>&nbsp;</p>
+<h5>von</h5>
+<p>&nbsp;</p>
+<h2>Friedrich Gerst&auml;cker.</h2>
+<p>&nbsp;</p>
+<div class="center">
+<p class="noindent"><small>Der Verfasser beh&auml;lt sich die &Uuml;bersetzung dieses Werkes vor.</small></p>
+</div>
+<p>&nbsp;</p>
+<h4>Erster Band.</h4>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<div class="center">
+<p class="noindent">Leipzig,<br />
+<span class="wide">Hermann Costenoble</span>.<br />
+1864.</p>
+</div>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<hr class="narrow" />
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>Inhalts-Verzeichniss.</h3>
+
+<div class="center">
+<table class="sm" style="margin: 0 auto" cellpadding="2" cellspacing="2" summary="Contents">
+<tr><td align="right" valign="top"><span class="wide"><a href="#kap_1">Erstes Kapitel.</a></span></td><td align="left">Die Colonie Santa Clara</td></tr>
+<tr><td align="right" valign="top"><span class="wide"><a href="#kap_2">Zweites Kapitel.</a></span></td><td align="left">Der Director</td></tr>
+<tr><td align="right" valign="top"><span class="wide"><a href="#kap_3">Drittes Kapitel.</a></span></td><td align="left">Bei der Frau Gr&auml;fin</td></tr>
+<tr><td align="right" valign="top"><span class="wide"><a href="#kap_4">Viertes Kapitel.</a></span></td><td align="left">Die &raquo;Meierei&laquo;</td></tr>
+<tr><td align="right" valign="top"><span class="wide"><a href="#kap_5">F&uuml;nftes Kapitel.</a></span></td><td align="left">Elise</td></tr>
+<tr><td align="right" valign="top"><span class="wide"><a href="#kap_6">Sechstes Kapitel.</a></span></td><td align="left">Zuhbel's Chagra</td></tr>
+<tr><td align="right" valign="top"><span class="wide"><a href="#kap_7">Siebentes Kapitel.</a></span></td><td align="left">Die neuen Colonisten</td></tr>
+<tr><td align="right" valign="top"><span class="wide"><a href="#kap_8">Achtes Kapitel.</a></span></td><td align="left">Die Einquartierung</td></tr>
+<tr><td align="right" valign="top"><span class="wide"><a href="#kap_9">Neuntes Kapitel.</a></span></td><td align="left">Ein Abend in der Colonie</td></tr>
+<tr><td align="right" valign="top"><span class="wide"><a href="#kap_10">Zehntes Kapitel.</a></span></td><td align="left">Eine Familienscene</td></tr>
+</table>
+</div>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="narrow" />
+<p>&nbsp;</p>
+<h3><a name="kap_1" id="kap_1"></a>1.</h3>
+
+<h3>Die Colonie Santa Clara.</h3>
+
+<p>Von Osten her strich die frische Seebrise &uuml;ber
+das weite, wellenf&ouml;rmige Land, schaukelte die einzelnen
+Palmen, die auf der Lichtung standen, und
+sch&uuml;ttelte von den Orangenb&auml;umen nicht allein
+die &uuml;berreifen Fr&uuml;chte, sondern auch manche Bl&uuml;the
+herab, unter der sich schon wieder die junge Frucht
+gebildet hatte. Ein w&uuml;rziger Duft wehte dabei
+&uuml;ber den ganzen Bergeshang, der sich hie gerade
+und neben einer kleinen, freundlichen Wohnung
+oder Chagra dem Thale zu &ouml;ffnete, und zwei
+Reiter, die den schmalen Waldweg her&uuml;ber gekommen
+waren, hielten &uuml;berrascht ihre Pferde
+an, als sie das entz&uuml;ckende Bild erblickten, das
+sich unter ihnen ausbreitete.</p>
+
+<p>Dicht vor ihnen, und durch die reine Luft nur
+noch viel n&auml;her ger&uuml;ckt, als es in der That lag,
+f&uuml;llte ein kleines St&auml;dtchen &mdash; die deutsche Colonie
+Santa Clara &mdash; den ebenen Theil des nicht breiten
+Thales aus, der vollkommen gelichtet war,
+und nach allen Richtungen hin, wie durch Adern,
+von schmalen, gelben Wegen durchschnitten wurde,
+w&auml;hrend die H&auml;user, wohl in Stra&szlig;en ausgelegt,
+aber doch noch einzeln aufgebaut, &uuml;ber die ganze
+Fl&auml;che hin zerstreut standen. Mit ihren lichten
+Farben und rothen, meist neuen Ziegeld&auml;chern
+stachen sie aber um so lebendiger von dem saftigen
+Gr&uuml;n ab, das die sie umschlie&szlig;enden Geb&uuml;sche
+trugen, w&auml;hrend in der Ferne, nach S&uuml;d, S&uuml;d-Ost
+und Osten, drei scharf abgeschiedene Gebirgsschichten
+zuerst in dunkelm Gr&uuml;n, dann in blaugr&uuml;ner
+F&auml;rbung und zuletzt in einem duftigen
+Lichtblau den Hintergrund bildeten.</p>
+
+<p>Nur nach S&uuml;d-West &ouml;ffnete sich die sonst vollkommene
+Gebirgslandschaft ein wenig, und eben
+genug, um in blauer Ferne das Meer mit seinem
+scharf abgegr&auml;nzten Horizonte zu zeigen, und man
+erkannte, selbst von hier aus, deutlich, wie die
+verschiedenen Gebirgsh&auml;nge, je mehr sie sich dem
+Seestrande n&auml;herten, niedriger wurden. Nur die
+gelben Sandd&uuml;nen des Strandes selber lie&szlig;en
+sich nicht erkennen, denn an den absch&uuml;ssigen
+H&auml;ngen war noch Nichts gelichtet, und nur die
+weiten Umrisse der h&ouml;heren Partien schlo&szlig; der
+Wald in seinen gr&uuml;nen Rahmen.</p>
+
+<p>Wieder und wieder flog der Blick der beiden
+Reiter aber zu der kleinen Ansiedlung zur&uuml;ck, die
+auch zu gleicher Zeit ihr heutiges Ziel bildete,
+und w&auml;hrend in dem Walde selber die tropische
+Vegetation von dem weit st&auml;rkeren Laubholze verdeckt
+oder &uuml;berschattet wurde, konnte ihnen nicht
+entgehen, wie gerade nahe bei den H&auml;usern der
+tropische Charakter der Landschaft sorgf&auml;ltig gewahrt
+und erhalten war.</p>
+
+<p>Die deutschen Einwanderer hatten n&auml;mlich, als
+sie den Wald in offenes Feld verwandelten, daheim
+schon zu viel von den &raquo;wehenden Palmen
+Brasiliens&laquo; geh&ouml;rt, und hier und da auch wohl
+in ihrer Art davon geschw&auml;rmt &mdash; denn der
+Bauer ist <span class="wide">nie</span> Phantast &mdash; um jetzt gleich die Axt
+an die ersten zu legen, die ihnen in den Weg
+traten. Wo sie ihr Haus aufrichteten oder ihren
+Garten umz&auml;unten, lie&szlig;en sie manche von diesen
+stehen, und hier und da bequemte sich auch wohl
+ein Einzelner, selbst in seinem Felde um die Wurzeln
+derselben herumzupfl&uuml;gen, nur um von seinem
+Fenster aus die stattlichen, schlanken St&auml;mme
+sehen zu k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Reizend gelegen war selbst die kleine Chagra<a href="#fn1"><sup><small>1</small></sup></a><a name="fn1r" id="fn1r"></a>,
+vor der sie hielten, und eine sch&ouml;nere Fernsicht
+h&auml;tte der Eigenth&uuml;mer wohl kaum in der ganzen
+Nachbarschaft finden k&ouml;nnen. Ebenso hatte er
+sein kleines H&auml;uschen mit Geschmack gebaut, so
+einfach es auch sonst sein mochte, und der Platz
+schien nach Allem, was man auf den ersten Blick
+davon sehen konnte, neu eingerichtet und gelichtet,
+h&auml;tten dem nicht wieder die stattlichen Pinien und
+Orangenb&auml;ume widersprochen, welche das Haus
+umstanden, und mit drei oder vier st&auml;mmigen
+Palmen eine Gruppe bildeten, wie man sie sich
+kaum pittoresker denken kann.</p>
+
+<p>Den beiden Fremden war dies ebenfalls nicht
+entgangen, und besonders der j&uuml;ngere von ihnen,
+der vielleicht drei&szlig;ig bis zweiunddrei&szlig;ig Jahre
+z&auml;hlen mochte, &uuml;berschaute mit innigem Behagen
+den kleinen Platz, der sich wie ein Bild unter
+seinem gr&uuml;nen Bl&auml;tterschmucke zeigte.</p>
+
+<p>Der Fremde ritt einen grauen, pr&auml;chtigen
+Hengst mit einem ganz eigenth&uuml;mlichen, fremden
+Sattelzeuge, das mit seiner ganzen Form und
+einer Menge rohgearbeiteter Silberplatten, wie
+einer Anzahl kleiner silberner Schnallen und
+Troddeln und Quasten von ungegerbter, aber
+au&szlig;erordentlich k&uuml;nstlich geflochtener Rohhaut mexicanischen,
+vielleicht sogar indianischen Ursprungs
+zu sein schien. Sonst aber ging er sehr einfach,
+doch f&uuml;r den Wald praktisch gekleidet. Der W&auml;rme
+wegen hatte er ein ledernes, ausgefranztes Jagdhemd,
+wie es in den nordamerikanischen W&auml;ldern
+Sitte ist, vorn &uuml;ber seinen Sattel geworfen, auf
+dem jetzt quer&uuml;ber eine sauber gearbeitete, aber
+ebenfalls einfache B&uuml;chsflinte ruhte. Er trug nur
+ein roth und grau gestreiftes wollenes Hemd,
+dunkle Beinkleider, von einem breiten Ledergurt
+gehalten, an dem ein breites, schweres Jagdmesser
+hing, hohe Wasserstiefel, einen braunen
+Strohhut auf dem Kopfe und eine alte lederne
+Kugeltasche an der rechten Seite.</p>
+
+<p>Seine Sporen waren ebenfalls klein und von
+dunkler Bronze, und am Sattelgurt festgeschn&uuml;rt,
+aber hinten am Sattel zusammengerollt und mit
+einer Schleife eingehakt, hing ein d&uuml;nner, doch
+stark gedrehter Lasso aus roher Haut.</p>
+
+<p>Der Fremde sah keinesfalls wie ein Neuling
+im Walde aus, und die sonnverbrannte Farbe
+seiner Z&uuml;ge, aus denen ein paar gro&szlig;e, blaue
+Augen treuherzig hervorschauten, verrieth ihn ebenfalls
+als den Nordl&auml;nder, der vielleicht, wie Tausende
+seiner Landsleute, Brasilien zu seiner neuen
+Heimath gew&auml;hlt.</p>
+
+<p>Sein Begleiter, der etwa sechs Jahre mehr
+z&auml;hlen mochte als er, bewegte sich trotzdem eben
+so frei im Sattel, verrieth aber in diesen Bewegungen,
+als auch noch zum &Uuml;berflusse durch
+den Schnitt seines wohlgepflegten Bartes, den
+fr&uuml;heren Soldaten. Die enge Uniform hatte er
+freilich lange bei Seite geworfen und daf&uuml;r den
+leichten Rock und breitrandigen Panamahut angenommen.
+Au&szlig;erdem schien er sich den brasilianischen
+Sitten noch entschiedener durch ein paar
+riesige brasilianische Sporen von echtem Silber
+angepa&szlig;t zu haben, und auch das Kopf- und
+Zaumzeug seines Pferdes trug, wo es nur m&ouml;glich
+war sie anzubringen, silberne Spangen und
+Schnallen. Seine Kleidung indessen, obgleich von
+feinem Tuche und modernem Schnitte, war durch
+den Busch und langen Ritt arg mitgenommen.
+Man sah ihm an, da&szlig; er schon eine gute Weile
+unterwegs sein m&uuml;sse, und die ledernen Leggins,
+mit denen er den untern Theil der Beine bedeckt
+hatte, zeigten die im Walde geholten Spuren von
+Dorn und Ranken.</p>
+
+<p>Sein Blick haftete gegenw&auml;rtig aber fast ausschlie&szlig;lich
+auf der Ansiedlung und den Bergh&auml;ngen
+voraus, w&auml;hrend sein Begleiter sich weit mehr
+durch das Wohnliche des Bauernhauses gefesselt
+und angezogen f&uuml;hlte.</p>
+
+<p>&raquo;Sehen Sie nur, G&uuml;nther, was f&uuml;r ein reizendes
+Pl&auml;tzchen das hier ist,&laquo; wandte sich in diesem
+Augenblicke der J&uuml;ngere der Beiden an den
+Freund, &raquo;wie malerisch diese dunkeln Pinien &mdash;
+vielleicht unbewu&szlig;t &mdash; mit dem lichten Gr&uuml;n der
+Palmenwipfel gruppirt sind, und wie ganz eigenth&uuml;mlich
+der goldgesprenkelte Orangenhain das
+Ganze wie ein k&uuml;nstlich gewobenes Netz umschlie&szlig;t.
+&raquo;Eine H&uuml;tte und ihr Herz,&laquo; wie das alte Spr&uuml;chwort
+lautet, und wenn es das richtige Herz w&auml;re,
+glaub' ich selber, da&szlig; ich es in einer <span class="wide">solchen</span>
+H&uuml;tte aushalten k&ouml;nnte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und auf wie lange?&laquo; lachte sein &auml;lterer Gef&auml;hrte,
+indem er mit den Augen dem ausgestreckten
+Arme des Freundes folgte; &raquo;Sie unsteten Menschen
+m&ouml;chte ich wirklich einmal, und selbst in
+eine <span class="wide">solche</span> H&uuml;tte gebannt sehen &mdash; noch dazu in
+einer Gegend, in der es nicht einmal Wild zum
+Jagen giebt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das w&auml;re freilich fatal,&laquo; erwiederte der Andere,
+&raquo;und daran dachte ich im ersten Augenblicke
+nicht. Aber hab' ich trotzdem nicht Recht? Kann
+man sich ein freundlicheres Pl&auml;tzchen auf der Welt
+denken?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein &mdash; in der That &mdash; in <span class="wide">Brasilien</span>
+wenigstens nicht,&laquo; erwiederte der Freund, den er
+mit &raquo;G&uuml;nther&laquo; angeredet hatte; &raquo;mit meinem
+Th&uuml;ringen daheim m&ouml;chte ich's freilich immer
+nicht vertauschen. Es giebt doch nur <span class="wide">ein</span>
+Deutschland.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Haben Sie das Heimweh, G&uuml;nther?&laquo; sagte
+sein Kamerad l&auml;chelnd.</p>
+
+<p>&raquo;Und <span class="wide">wenn</span> ich's h&auml;tte, w&auml;r's ein Wunder?&laquo;
+fragte G&uuml;nther leise; &raquo;wie lange schon f&uuml;hr' ich
+dieses unstete wilde Leben jetzt? Wie lange schon
+treib' ich mich heimathlos im Walde umher,
+w&auml;hrend daheim &mdash; doch wir wollen uns den
+sch&ouml;nen Tag nicht mit solchen Gedanken verbittern,
+Freund &mdash; die Heimath hat doch keiner von uns
+vergessen.&laquo;</p>
+
+<p>Sein Begleiter nickte nur schweigend mit dem
+Kopfe, und auch <span class="wide">seine</span> Gedanken schienen in dem
+Augenblicke weit, weit zur&uuml;ck zu schweifen, zu ganz
+anderen Scenen und L&auml;ndern, als sich die beiden
+Freunde pl&ouml;tzlich angerufen h&ouml;rten. Die Stimme
+schallte hinter der Gartenhecke vor und r&uuml;hrte von
+einem jungen Manne, dem Eigenth&uuml;mer der Chagra,
+her, den ihnen das Gr&uuml;n der Hecke bis jetzt verborgen
+gehalten.</p>
+
+<p>&raquo;Hallo, Fremde!&laquo; rief der Mann in deutscher
+Sprache mit nur einem leichten Anklang niederrheinischen
+Dialektes; &raquo;wollt Ihr nicht ein wenig
+absteigen und ein Glas Milch trinken? Der Weg
+ist schlecht, und ein Bi&szlig;chen Rast kann Euren
+Pferden nicht schaden, denn 's ist noch eine gute
+Stunde bis in die Colonie hinunter.&laquo;</p>
+
+<p>Die beiden Deutschen sahen sich erst erstaunt
+um, von wo her die Stimme eigentlich komme.
+Endlich entdeckten sie hinter der Hecke und gerade
+unter einem bl&uuml;henden Granatbaume das rothe,
+freundliche Gesicht eines jungen Mannes, der
+ihnen erst jetzt, als er ihren Blick auf sich gerichtet
+fand, sein herzliches &raquo;Guten Morgen mit
+einander!&laquo; zurief.</p>
+
+<p>&raquo;Guten Morgen, Landsmann,&laquo; sagte der j&uuml;ngere
+Fremde, der ihm zun&auml;chst hielt, indem er den
+Kopf seines Thieres gegen die Hecke drehte, &raquo;ich
+wu&szlig;te gar nicht, weshalb mein Grauer immer die
+Ohren spitzte. Also eine Stunde Weges ist's noch
+hinunter? Es sieht eigentlich von hier oben viel
+n&auml;her aus.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; lachte der hinter der Hecke, &raquo;wenn die
+Br&uuml;cke nicht wieder eingebrochen w&auml;re, die der
+Bleifu&szlig; da neulich erst neu gebaut hat, dann w&auml;r's
+auch nicht viel mehr als ein halb St&uuml;ndchen zu
+Thal. So aber m&uuml;&szlig;t Ihr hier rechts unter meiner
+Chagra durch, um der Schlucht aus dem Wege zu
+gehen, und der Pfad zieht sich mordm&auml;&szlig;ig in die
+L&auml;nge. Aber steigt ab, das besprechen wir besser
+im Hause.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schon recht,&laquo; sagte G&uuml;nther, indem er sich
+leicht aus dem Sattel schwang; &raquo;unseren Packthieren
+sind wir doch vorausgeritten, und bis
+die nachkommen, k&ouml;nnen wir recht gut ein halb
+St&uuml;ndchen plaudern.&laquo;</p>
+
+<p>Sein Gef&auml;hrte folgte, ohne ein Wort zu erwiedern,
+dem Beispiele, denn es dr&auml;ngte ihn selber
+das Innere des H&auml;uschens zu sehen, das schon
+von au&szlig;en einen so freundlichen Eindruck auf ihn
+gemacht. Die beiden Reisenden banden deshalb
+ihre Pferde au&szlig;en an der Hecke an die herunterhangenden
+&Auml;ste eines stattlichen Orangenbaumes,
+und traten dann in den Garten, wo ihnen der
+Hausherr, ein junger, pr&auml;chtig gewachsener Mann
+mit offenen, ehrlichen Gesichtsz&uuml;gen, blauen
+Augen und blonden Haaren, entgegen kam und
+sie begr&uuml;&szlig;te.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist gescheidt,&laquo; sagte er dabei, &raquo;Sonntag
+Morgens habt Ihr so nicht viel in der Colonie zu
+vers&auml;umen und kommt noch zeitig genug zum Mittagessen,
+wenn Ihr nicht das hier ebenfalls verzehren
+wollt.&laquo;</p>
+
+<p>Er sch&uuml;ttelte dabei den beiden Fremden kr&auml;ftig
+die Hand und f&uuml;hrte sie dann ohne Weiteres in
+sein Haus hinein, wo Beide aber unwillk&uuml;rlich
+erstaunt und &uuml;berrascht auf der Schwelle stehen
+blieben.</p>
+
+<p>Das kleine Zimmer, das sich ihnen &ouml;ffnete,
+gl&auml;nzte von Sauberkeit; der einfache Holztisch
+war schneewei&szlig; gescheuert, aber nicht wei&szlig;er als
+der Fu&szlig;boden selber, den in der Mitte eine leichtgeflochtene
+Matte &uuml;berdeckte. An den Fenstern
+hingen sogar Gardinen, und ein nett gearbeiteter
+N&auml;htisch aus polirtem Holze schien mit diesen, als
+Luxusm&ouml;bel, concurriren zu wollen. Aber die
+Freunde sahen das Alles weniger, als da&szlig; sie es
+im Eindrucke des Ganzen f&uuml;hlten, denn Beider
+Augen hingen in dem ersten Momente an einem
+wunderbar sch&ouml;nen jungen Weibe, das ein Kind
+auf dem Schoo&szlig;e hielt und, als die Fremden die
+H&uuml;tte betraten, den kleinen, strampelnden Burschen
+aufgriff und ihnen mit freundlichem L&auml;cheln entgegentrat.</p>
+
+<p>&raquo;Gr&uuml;&szlig;' Gott!&laquo; sagte sie herzlich, als sie Beiden
+nach einander die Hand reichte, &raquo;und setzt Euch
+und macht's Euch bequem &mdash; Vater, hast Du denn
+schon nach den Pferden gesehen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Werd's schon besorgen, Schatz,&laquo; lachte der
+Mann, &raquo;bring' Du nur einmal ein paar Gl&auml;ser
+Milch, denn die beiden Herren werden durstig geworden
+sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, dann mu&szlig;t Du indessen den Schlingel
+da nehmen,&laquo; sagte die junge Frau, indem sie
+ihrem Gatten den kleinen unruhigen Burschen so
+leicht hin&uuml;berreichte, als ob er keine zwei Pfund
+gewogen h&auml;tte, wie er sicher zwanzig wog, &mdash; &raquo;der
+l&auml;&szlig;t mir ja sonst nicht Ruh' noch Frieden an den
+Milchn&auml;pfen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ob er Frieden halten wird?&laquo; lachte der
+Mann, nahm ihr den kleinen Burschen ab, gab
+ihm ein paar derbe K&uuml;sse und setzte ihn sich in
+den linken Arm. &raquo;Und nun thut, als ob Ihr zu
+Hause w&auml;ret,&laquo; fuhr er dann, indem er sich wieder
+zur Th&uuml;r wandte, gegen die Fremden fort; &raquo;ich
+bin gleich wieder da, und zu trinken wird Euch
+die Trine auch im Augenblick bringen.&laquo; Die
+&raquo;Trine&laquo; war schon lange aus der Th&uuml;r hinaus,
+und die beiden Freunde sahen sich im n&auml;chsten Momente
+allein in dem kleinen Raume.</p>
+
+<p>&raquo;Ist das nicht ein wahres Madonnengesicht?&laquo;
+brach aber der J&uuml;ngere heraus, als der junge
+Bauer kaum das Zimmer verlassen hatte; &raquo;haben
+Sie je in Ihrem Leben ein Paar solcher Augenbrauen,
+einen solchen Mund gesehen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein wunderh&uuml;bsches Paar, in der That,&laquo;
+erwiederte G&uuml;nther, der den Blick indessen forschend
+umherwarf, &raquo;und wie nett und sauber sieht's
+bei ihnen aus! Ja,&laquo; &mdash; fuhr er tief aufseufzend
+fort, &raquo;der hat's gut, und Unsereiner zieht nun so
+in der Welt umher, sieht die verbotenen Fr&uuml;chte
+an den B&auml;umen hangen, wischt sich resignirt den
+Mund und &mdash; wandert eben weiter.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ob denn das wirklich <span class="wide">Deutsche</span> sind?&laquo; sagte
+sein Freund.</p>
+
+<p>&raquo;Was denn sonst? Doch wahrhaftig keine
+Portugiesen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;In meinem Leben habe ich noch keinen ausgewanderten
+Bauernburschen gesehen,&laquo; erwiederte
+der J&uuml;ngere, &raquo;der ein so ungezwungenes und doch
+anst&auml;ndiges Benehmen hatte, und die junge Frau
+w&uuml;rde in einem schweren Seidenstoffe eben so zu
+Hause sein, wie in ihrem einfachen Kattunr&ouml;ckchen.
+Aber sie sprechen vollkommen gut Deutsch.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er noch dazu mit dem rheinischen, sie etwas
+mit dem Tyroler Dialekte,&laquo; sagte G&uuml;nther, &raquo;aber
+da kommt sie zur&uuml;ck. Sie wird uns gleich sagen,
+wo sie herstammen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So &mdash; da bin ich wieder &mdash; hat's lang gedauert?&laquo;
+sagte die junge Frau, als sie mit einem
+kleinen Pr&auml;sentirteller in's Zimmer trat; &raquo;und
+nun setzen Sie sich her und langen Sie zu &mdash;
+'s ist nicht viel, aber wir haben's hier oben noch
+nicht besser, denn wir sind hier erst seit kaum sechs
+Monaten auf der Chagra.&laquo;</p>
+
+<p>W&auml;hrend sie sprach &mdash; und so rasch und gewandt,
+da&szlig; Alles sich fast von selber zu ordnen
+schien &mdash; hatte sie indessen das Mitgebrachte auf
+dem Tische ausgebreitet, und frische, s&uuml;&szlig;e Milch,
+wei&szlig;es Brod, Butter und K&auml;se, Alles auf blinkendem
+Geschirr, lachte den Fremden bald darauf
+entgegen und lud sie schon selber ein, nur tapfer
+zuzulangen.</p>
+
+<p>&raquo;Und sind Sie erst so kurze Zeit hier oben?&laquo;
+fragte der &auml;ltere Fremde; &raquo;die Pinien und
+Orangen m&uuml;ssen doch schon vor vielen Jahren
+gepflanzt sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das sind sie auch,&laquo; erwiederte der Mann,
+der in diesem Augenblicke wieder in der Th&uuml;r erschien
+und der Frau das Kind entgegen hielt.
+&raquo;Da, Mutter, nimm den Schlingel,&laquo; fuhr er dann
+zu dieser fort; &raquo;ob der Bengel wohl Ruhe gegeben
+hat, bis ich ihn auf den Grauen setzte, und da
+oben blieb er, bis ich die Thiere gef&uuml;ttert hatte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber der Graue ist ein unruhiges Thier,&laquo;
+sagte G&uuml;nther.</p>
+
+<p>&raquo;Bah, <span class="wide">der</span> h&auml;lt sich schon fest,&laquo; lachte der
+Mann, &raquo;ja, was ich sagen wollte, die Chagra
+habe ich erst k&uuml;rzlich gekauft, und zwar von einem
+Deutschen, der sie so hatte verwildern lassen, da&szlig;
+man die B&auml;ume kaum fand, die darauf standen.
+Es war ein vornehmer Herr gewesen, der, wie er
+meinte, hatte brasilianischer &raquo;Pflanzer&laquo; werden
+wollen, sich die Sache aber wohl ein Wenig anders
+und leichter gedacht haben mochte und auch irgendwo
+anders besser hinpa&szlig;te, als hinter Pflug
+und Egge.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und seid Ihr keine Deutsche?&laquo; fragte der
+&auml;ltere Fremde.</p>
+
+<p>&raquo;Wir? &mdash; Nein,&laquo; lachte der Mann, &mdash; &raquo;das
+hei&szlig;t, ja, wir sind schon Deutsche, aber doch nicht
+in dem Deutschland dr&uuml;ben geboren, sondern hier
+in Brasilien. Mein Vater stammt vom Rheine,
+und der Frau ihr Vater von Innsbruck, die
+Beide vor etwa drei&szlig;ig Jahren hier her&uuml;ber gekommen
+waren und sich in San Leopoldo niedergelassen
+hatten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Also Brasilianer?&laquo; sagte G&uuml;nther entt&auml;uscht.</p>
+
+<p>&raquo;Ah, nein, wir sind schon Deutsche,&laquo; lachte
+die Frau gutm&uuml;thig, &raquo;und halten uns ja auch
+immer zu Deutschen, wie Ihr seht, denn mit den
+Bleif&uuml;&szlig;en ist es doch Nichts, und sie wollen Nichts
+arbeiten und schaffen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bleif&uuml;&szlig;e &mdash; was zum Henker ist das nur?&laquo;
+lachte der eine Fremde; &raquo;ein Bleifu&szlig; soll ja auch
+die schlechte Br&uuml;cke gebaut haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ih ja,&laquo; meinte der Mann schmunzelnd, &raquo;der
+Bleif&uuml;&szlig;e giebt's gar viele &mdash; eigentlich mehr, als
+gut ist, und wir nennen besonders die eigentlichen
+Portugiesen so, die immer her&uuml;berkommen und so
+thun m&ouml;chten, als ob Brasilien ihnen geh&ouml;rte.
+Weshalb sie aber eigentlich so genannt werden,
+wei&szlig; ich selber nicht recht; aber den Namen haben
+sie, so viel ist sicher, und werden ihn wohl auch
+behalten. Aber seid Ihr selber erst so kurze Zeit
+im Lande, da&szlig; Ihr noch nicht einmal das Wort
+Bleifu&szlig; geh&ouml;rt habt? Ich d&auml;chte doch, das w&uuml;rde
+h&auml;ufig genug aller Orten genannt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich selber bin schon lange im Lande und
+kenne auch den Namen,&laquo; l&auml;chelte G&uuml;nther, &raquo;aber
+mein Reisegef&auml;hrte da ist erst k&uuml;rzlich aus den
+Vereinigten Staaten von Nordamerika nach Rio,
+und von da zu Pferde hier nach dem S&uuml;den gekommen,
+um sich das Land einmal anzusehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und was ist Ihr Gesch&auml;ft? wenn man
+fragen darf.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin Feldmesser,&laquo; erwiederte G&uuml;nther,
+&raquo;und von der Regierung hierher beordert, um die
+Colonien f&uuml;r frisch eintreffende Emigranten auszumessen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist gescheidt,&laquo; sagte der junge Bauer;
+&raquo;an vermessenem Lande fehlt's ewig, und die
+armen Teufel m&uuml;ssen sich oft Monate lang in
+den sogenannten Auswanderungs-H&auml;usern herumtreiben,
+ehe sie eigenen Boden und eine feste
+Heimath bekommen. Nun, da werden Sie Arbeit
+genug kriegen, daran fehlt's nicht &mdash; aber essen
+Sie nicht mehr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir danken,&laquo; erwiederte G&uuml;nther, der bis
+jetzt mit seinem Gef&auml;hrten wacker zugelangt, &raquo;es
+hat trefflich geschmeckt und war delicat. Jetzt k&ouml;nnen
+wir's schon bis in die Colonie hinunter aushalten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wollen Sie schon wieder fort?&laquo; fragte
+die Frau freundlich, als die beiden Fremden von
+ihren Sitzen aufstanden und zu den H&uuml;ten griffen
+&mdash; &raquo;das war gar ein kurzer Besuch.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn Sie's erlauben,&laquo; sagte der j&uuml;ngere
+Fremde, &raquo;so komme ich schon wieder einmal her.
+Ich selber habe Nichts zu vers&auml;umen und werde
+mich doch wahrscheinlich ein paar Monate in der
+N&auml;he der Colonie herumtreiben. Da&szlig; es mir aber
+hier bei Ihnen <span class="wide">gef&auml;llt,</span> d&uuml;rfen Sie mir auf
+mein Wort glauben. Mein Freund ist jedoch mit
+seiner Zeit gebunden und hat heute noch viel
+unten mit dem Director zu besprechen. Da drau&szlig;en
+sind auch eben unsere Packpferde angekommen,
+und wir wollen deshalb lieber aufbrechen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Apropos,&laquo; fragte G&uuml;nther, &raquo;was f&uuml;r ein
+Mann ist der Director eigentlich? Ich habe in
+den anderen Colonien am Chebaja nicht gerade
+viel Gutes von ihm geh&ouml;rt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; nicht,&laquo; lachte der Mann &mdash; &raquo;es
+kommt wohl immer darauf an, wen Ihr fragt.
+Die Einen schimpfen auf ihn, die Anderen loben
+ihn, und Allen kann man's eben nicht recht machen
+auf der Welt. Er ist sehr streng, das ist wahr,
+und oft auch wohl ein Bi&szlig;chen eigensinnig. Mit
+den <span class="wide">armen</span> Leuten geht er aber gut um und steht
+ihnen bei.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und das ist die Hauptsache,&laquo; rief G&uuml;nther &mdash;
+&raquo;nun, ich werde schon mit ihm fertig werden &mdash;
+also, herzlichen Dank f&uuml;r die Aufnahme. Wenn
+ich's einmal wieder gut machen kann, stehe ich zu
+Diensten!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das mag vielleicht rascher geschehen, als
+Sie denken,&laquo; lachte der junge Bauer, &raquo;denn unsere
+Grenzen sind hier alle in Confusion, und ich
+bin schon lange darum eingekommen, die meinige
+ebenfalls nachsehen zu lassen. Doch dar&uuml;ber sprechen
+wir sp&auml;ter; ich m&ouml;chte Sie jetzt nicht l&auml;nger als
+n&ouml;thig aufhalten, und komme auch vielleicht in
+diesen Tagen einmal nach der Colonie hinunter.&laquo;</p>
+
+<p>Damit reichten er und die Frau den Fremden
+herzlich die Hand zum Abschied. Drau&szlig;en hielten
+auch in der That die beiden eingeborenen Diener
+der Freunde, ein paar braune, rauh genug aussehende
+Burschen, mit drei Lastpferden, wovon
+zwei dem Vermesser, eins aber seinem Freunde
+geh&ouml;rte, und gleich darauf trabte die kleine Cavalcade,
+welcher der junge Bauer erst noch den
+Weg um seine Chagra herum zeigte, diesen
+thalein.</p>
+
+<p>Und doch war es ein wundervoller Pfad, der
+sie hier in die Niederung hinabf&uuml;hrte, denn gerade
+an diesem Berghange zeigte sich die schon fast
+tropische Vegetation des Landes in ihrer ganzen
+Pracht und Herrlichkeit. Der Baumwuchs war
+allerdings lange nicht so m&auml;chtig, wie in den n&ouml;rdlicher
+gelegenen Theilen Brasiliens, aber das &uuml;ppige
+Unterholz mit seinen zierlichen Farnpalmen und
+F&auml;chern, mit seinen Lianen und Ranken bildete
+&uuml;berall, wo es dem Blicke erlaube, einzudringen,
+die reizendsten Gruppen und Festons, aus denen
+sich die gr&uuml;nen, schlanken Sch&auml;fte verschiedener
+wilder Palmenarten keck emporhoben.</p>
+
+<p>Hier und da, wo eine eingerissene Schlucht
+oder ein breiteres Bachbett den Blick in die Tiefe
+gestattete, zeigte sich dann die kleine Niederlassung
+im Thale mit ihren lichten Geb&auml;uden und hellgr&uuml;nen
+Rasenflecken, durch welche die gelben Wege
+wie F&auml;den liefen, immer in verschiedener Form
+und Beleuchtung, aber immer freundlich, so da&szlig;
+die Reiter ihre Thiere oft anhielten und ein
+paar Secunden schweigend auf das unter ihnen
+ausgebreitete Bild hinabblickten.</p>
+
+<p>Da hier der Weg aber zu schmal war, oder
+der Regen doch in den Boden an den verschiedensten
+Stellen Einrisse gemacht hatte, mu&szlig;ten sie
+ihre Pferde hinter einander halten, und dadurch
+war die Conversation gest&ouml;rt. Erst weiter unten,
+auf der letzten Abdachung angelangt, bog der
+Beipfad wieder in den durch die eingefallene
+Br&uuml;cke unterbrochenen Hauptweg ein, und jetzt
+hatten sie die eigentliche Colonie Santa Clara
+auch bald erreicht, deren Ausl&auml;ufer in kleinen,
+allein stehenden Ansiedelungen schon bis hier herauf
+reichten.</p>
+
+<p>&raquo;Der Platz liegt wirklich allerliebst,&laquo; sagte
+G&uuml;nther, der bis jetzt vorangeritten war, indem
+er sein Pferd anhielt, um wieder neben dem
+Freunde zu bleiben.</p>
+
+<p>&raquo;Was die Scenerie betrifft, ja,&laquo; erwiederte
+dieser, &raquo;aber der Boden scheint mir hier nicht besonders,
+und der Mais da dr&uuml;ben in dem Felde
+steht d&uuml;nn und mager genug &mdash; wenigstens magerer,
+als ich es bis jetzt gewohnt bin zu sehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das bessere Land wird weiter zur&uuml;ck in der
+Ebene liegen,&laquo; meinte G&uuml;nther, &raquo;jedenfalls hat
+der Ort nicht weit zur See, und das ist schon
+immer ein enormer Vortheil f&uuml;r eine Colonie.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn der Hafenplatz gut ist, ja; und wohin
+wollen wir jetzt zun&auml;chst?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Direct zum Director,&laquo; lachte G&uuml;nther, &raquo;der
+wird uns dann schon die beste Auskunft geben,
+wo wir &uuml;bernachten k&ouml;nnen. Wir m&uuml;ssen nun im
+n&auml;chsten Hause seine Wohnung erfragen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist nicht n&ouml;thig,&laquo; meinte sein Freund &mdash;
+&raquo;das Haus da dr&uuml;ben, wo die deutsche Fahne
+weht, ist jedenfalls das Wirthshaus, und das
+gr&ouml;&szlig;ere Geb&auml;ude daneben eben so sicher die Kirche,
+&mdash; wo baute der Deutsche nicht Eins neben das
+Andere? Au&szlig;erdem steht aber dort nach S&uuml;den
+nur noch ein sehr gro&szlig;es Haus mit einer neuen
+Umz&auml;unung, und dort hat nat&uuml;rlich auch der Director
+seinen Aufenthalt. Wir wollen ruhig darauf
+zureiten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie k&ouml;nnen Recht haben,&laquo; lachte G&uuml;nther,
+&raquo;aber vielleicht wohnt er doch da dr&uuml;ben in dem
+kleinen allerliebsten Geb&auml;ude, wo die vielen
+Orangenb&auml;ume stehen. <span class="wide">Den</span> Platz h&auml;tte ich mir
+jedenfalls zu meiner Wohnung ausgesucht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist sicher die Pfarrwohnung,&laquo; versicherte
+aber sein Kamerad; &raquo;sehen Sie nicht den breiten,
+betretenen Pfad, der von dort zur Kirche niederf&uuml;hrt.
+Ich glaube kaum, da&szlig; der Director alle
+die F&auml;hrten nach der Kirche in den Sand eingedr&uuml;ckt
+hat. Folgen Sie mir nur; ich f&uuml;hre Sie
+den richtigen Weg.&laquo; Und ohne weiter eine Antwort
+abzuwarten, gab er seinem Pferde leicht die
+Sporen und sprengte, von G&uuml;nther jetzt dicht gefolgt,
+dem vorher bezeichneten Hause zu, vor dessen
+Th&uuml;r er anhielt und ohne Weiteres aus dem
+Sattel sprang.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="narrow" />
+<h3><a name="kap_2" id="kap_2"></a>2.</h3>
+
+<h3>Der Director.</h3>
+
+<p>Gerade als G&uuml;nther an seines Gef&auml;hrten
+Seite hielt und seinem Beispiele folgte, trat eine
+Erscheinung aus dem Hause, die beide junge Leute
+hier, mitten im brasilianischen Walde, wohl kaum
+vermuthet hatten, und die sie deshalb um so mehr
+&uuml;berraschte; &mdash; eine <span class="wide">Dame</span> in vollem europ&auml;ischen
+Putze, mit einem gr&uuml;n und schwarz gro&szlig; carrirten
+Seidenkleide, sehr bedeutender Crinoline und &uuml;berhaupt
+allem dazu N&ouml;thigen und Geh&ouml;rigen versehen,
+die mit sehr stolzer, fast majest&auml;tischer Haltung
+aus der Th&uuml;r rauschte, einen Augenblick
+erstaunt die Fremden betrachtete und dann, mit
+einem leichten, kaum bemerkbaren Kopfnicken ihre
+Begr&uuml;&szlig;ung erwiedernd, vorbei und in die kleine
+Stadt hinein schwebte.</p>
+
+<p>&raquo;Alle Teufel,&laquo; murmelte der J&uuml;ngere der
+Beiden halblaut vor sich hin, als die Dame au&szlig;er
+H&ouml;rweite war, &raquo;von allen Dingen auf der Welt
+h&auml;tte ich eine Crinoline hier am Allerwenigsten
+erwartet. Das mu&szlig; die Frau oder eine Verwandte
+des Directors sein, denn nach einer Colonisten-Frau
+sieht sie doch nicht aus. Es thut den
+Augen aber ordentlich wohl, nach einem St&uuml;cke
+wilden Lebens wieder einmal auf eine so breite
+F&auml;hrte der Civilisation zu kommen. Diesen Anzeichen
+nach giebt es also hier auch jedenfalls
+eine <i>haute vol&eacute;e</i>; unser rauher Waldanzug schien
+der Dame nicht besonders zu behagen, denn sie
+gr&uuml;&szlig;te nur sehr vornehm und nachl&auml;ssig.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun, wir werden ja bald erfahren, mit wem
+wir es hier zu thun bekommen,&laquo; sagte G&uuml;nther.
+&raquo;Jedenfalls m&uuml;ssen wir jetzt erst erfragen, ob hier
+der Director wirklich wohnt, und wenn so, ob er
+zu Hause ist. &mdash; He, Landsmann,&laquo; wandte er sich
+dann an einen Colonisten, dessen &Auml;u&szlig;eres, mit
+dem langen blauen Rocke und schmalen Kragen,
+dem ausgeschweiften Hute und dem Gesangbuche
+unter dem Arme, &uuml;ber sein Vaterland keinen Zweifel
+gestattete &mdash; &raquo;ist das die Wohnung des Directors?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Guten Morgen mit einander,&laquo; erwiderte der
+Gefragte, der sich dabei die Fremden von Kopf
+bis zu Fu&szlig; betrachtete &mdash; &raquo;ja wohl, der Herr
+Director wohnt hier &mdash; er ist oben in seiner Stube
+&mdash; wollen Sie was?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Danke sch&ouml;n; ja, wir wollen ihn sprechen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gehen Sie nur hinauf; er ist oben allein,
+aber &mdash; nicht gerade guter Laune. Sie kommen
+wohl weit her?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht sehr.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wollen Sie hier in der Colonie bleiben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Uns wenigstens den Platz erst einmal ansehen,&laquo;
+sagte G&uuml;nther, nicht gesonnen, sich hier
+vor der Th&uuml;r in eine lange Unterredung einzulassen.
+Sein Freund hatte das Haus schon betreten,
+und Beide schritten jetzt die Treppe langsam
+hinauf. Auf der Treppe oben blieb der
+J&uuml;ngere pl&ouml;tzlich stehen und sagte:</p>
+
+<p>&raquo;Kamerad, ich habe mir die Sache &uuml;berlegt;
+ich werde jetzt <span class="wide">nicht</span> mit hineingehen. Wenn der
+Herr Director &uuml;bler Laune sind, m&ouml;chte ich ihm
+nicht gern in den Weg treten, denn ich <span class="wide">will</span>
+Nichts von ihm, und gedenke mich deshalb auch
+nicht seiner &uuml;beln Laune auszusetzen. <span class="wide">Sie</span> haben
+<span class="wide">Gesch&auml;fte</span> mit ihm, das ist etwas Anderes; ich
+werde indessen in's Wirthshaus gehen und Sie
+dort erwarten. Machen Sie Ihre Sachen so rasch
+ab, wie Sie k&ouml;nnen.&laquo; &mdash; Damit wollte er ohne
+Weiteres umdrehen und wieder hinabsteigen,
+G&uuml;nther aber ergriff seinen Arm und sagte.</p>
+
+<p>&raquo;Thun Sie mir den Gefallen und bleiben
+Sie; kommen Sie wenigstens einen Augenblick
+mit hinein, um Ihren Auftrag auszurichten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auftrag &mdash; es ist nur ein Gru&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wenn auch. Er wird uns nicht gleich
+bei&szlig;en, und ich selber habe vor der Hand ebenfalls
+nur wenige Worte mit ihm zu sprechen, denn
+unsere Thiere m&uuml;ssen abgepackt und untergebracht
+werden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Meinetwegen,&laquo; sagte der Freund achselzuckend,
+&raquo;wenn Sie's absolut wollen. Lieber ginge ich freilich
+in's Wirthshaus.&laquo;</p>
+
+<p>Wenige Stufen h&ouml;her standen sie vor der Th&uuml;r
+des Directors, die eine daran genagelte einfache
+Visitenkarte bezeichnete. Die Karte trug auch
+weiter keine Bezeichnung, als &raquo;Ludwig Sarno&laquo;,
+nicht einmal der Titel &raquo;Director&laquo; war beigef&uuml;gt,
+und der j&uuml;ngere Fremde nickte befriedigt mit dem
+Kopfe. G&uuml;nther hatte indessen ohne Weiteres an
+die Th&uuml;r geklopft, und ein etwas barsches &raquo;Herein!&laquo;
+lud sie ein, des L&ouml;wen H&ouml;hle zu betreten.</p>
+
+<p>Der Direktor, ein schlanker, aber stattlicher
+Mann, ebenfalls mit einem milit&auml;rischen Anstriche,
+starkem, etwas r&ouml;thlichem Barte und vollem, lockigem
+Haar, ging mit auf den R&uuml;cken gelegten
+H&auml;nden in seinem Arbeitszimmer auf und ab, das
+sich besonders durch eine Menge von Gef&auml;chern
+mit actenartig in blaues Papier geschlagenen
+Folioheften auszeichnete. Bei dem Anklopfen hatte
+er seinen Spaziergang unterbrochen und stand, halb
+nach der ge&ouml;ffneten Th&uuml;r gedreht, mitten im Zimmer.
+G&uuml;nter lie&szlig; ihn aber nicht lange &uuml;ber sich in
+Zweifel, sondern auf ihn zugehend, sagte er:</p>
+
+<p>&raquo;Herr Director, ich bin gezwungen, mich selber
+bei Ihnen einzuf&uuml;hren. Mein Name ist G&uuml;nther
+von Schwartzau, Ingenieur-Officier, und ich bin vom
+Pr&auml;sidenten der Provinz hieher beordert, etwa
+n&ouml;thig gewordene Vermessungen vorzunehmen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Etwa <span class="wide">n&ouml;thig</span> gewordene?&laquo; wiederholte der
+Director, indem er den Fremden erstaunt ansah.
+&raquo;als ob ich nicht den Herrn Pr&auml;sidenten seit sechs
+Monaten bei jeder m&ouml;glichen Gelegenheit mit Eingaben
+bombardire, da&szlig; er <span class="wide">endlich</span> einmal die seit
+einem Jahre schon fast dringend n&ouml;thigen Vermessungen
+vornehmen <span class="wide">lasse!</span> Etwa n&ouml;thigen&hellip;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es thut mir leid, Herr Director, wenn Sie
+haben warten m&uuml;ssen,&laquo; sagte G&uuml;nther ruhig, &raquo;aber
+<span class="wide">meine</span> Schuld war es nicht; denn vor f&uuml;nf Tagen
+erst erhielt ich am Chebaja den Brief des Pr&auml;sidenten,
+der mich hieher beordert, und Sie werden
+mir zugestehen, da&szlig; ich von dort aus, bei <span class="wide">der</span>
+Entfernung und <span class="wide">den</span> Wegen, wahrlich keine Zeit
+vers&auml;umt habe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Herr ist Ihr Geh&uuml;lfe?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bitte um Verzeihung,&laquo; sagte der Fremde, der
+indessen mit einem leichten, kaum bemerkbaren
+L&auml;cheln dem Gespr&auml;che gefolgt war &mdash; &raquo;ich geh&ouml;re
+in das <span class="wide">Gesch&auml;ft</span> gar nicht hinein und mu&szlig; mich
+eigentlich als einen Aufdringling betrachten, will
+Ihre kostbare Zeit auch nicht l&auml;nger in Anspruch
+nehmen, als unumg&auml;nglich n&ouml;thig ist, Ihnen mir
+aufgetragene und an's Herz gelegte Gr&uuml;&szlig;e zu
+bestellen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gr&uuml;&szlig;e? Von wem?&laquo; sagte der Direktor, der
+indessen die schlanke, edle Gestalt des Fremden
+mit eben nicht freundlicher werdenden Blicken
+musterte.</p>
+
+<p>&raquo;Vom Hauptmann K&ouml;nnern.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Von <span class="wide">Hermann</span> K&ouml;nnern?&laquo; rief der Director
+rasch.</p>
+
+<p>Der Fremde nickte nur langsam mit dem Kopfe.</p>
+
+<p>&raquo;Und kennen Sie K&ouml;nnern pers&ouml;nlich?&laquo; fragte
+der Direktor eben so eifrig weiter.</p>
+
+<p>&raquo;Ziemlich genau,&laquo; erwiederte der junge Mann;
+&raquo;er ist mein Bruder, und ich hei&szlig;e Bernard.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der sich in Amerika so lange herumgetrieben
+&mdash; der Maler?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Derselbe,&laquo; l&auml;chelte der junge Mann.</p>
+
+<p>&raquo;Dann sein Sie mir herzlich und viel tausend
+Mal willkommen,&laquo; rief Sarno, der in dem Augenblicke
+ein ganz anderer Mann zu werden schien &mdash;
+&raquo;herzlich willkommen!&laquo; wiederholte er noch einmal,
+die gefa&szlig;te Hand aus allen Kr&auml;ften sch&uuml;ttelnd.
+&raquo;Oft haben wir von Ihnen gesprochen &mdash; und
+wie geht es Hermann? &mdash; Aber davon nachher &mdash;
+Sie kommen eben von der Reise, und unsere Wege
+sind nichts weniger als musterhaft; erst m&uuml;ssen
+Sie sich erholen und eine Erfrischung einnehmen;
+nachher plaudern wir viel, recht viel mit einander,
+denn Ihr Bruder ist der beste Freund, den ich
+auf der Welt habe, und ich mu&szlig; Alles wissen was
+ihn angeht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er schrieb mir noch in seinem letzten Briefe,
+wo ich Sie hier in Brasilien antr&auml;fe, den Fu&szlig;
+nicht eher aus dem B&uuml;gel zu setzen, bis ich Ihnen
+die aufgetragenen herzlichen Gr&uuml;&szlig;e &uuml;berbracht &mdash;
+da ich aber nicht gut die Treppe herauf<span class="wide">reiten</span>
+konnte, mu&szlig;te ich wenigstens vor der Th&uuml;r absteigen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr Pferd steht noch unten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gesattelt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Desto besser, dann legen Sie Alles gleich
+herein &mdash; keine Widerrede; ich schicke gleich Jemanden
+hinunter, denn leider Gottes habe ich
+Menschen genug dazu im Hause &mdash; Bernard
+K&ouml;nnern soll wahrhaftig nicht in Brasilien in
+einem Wirthshause wohnen, so lange ich selber
+ein Dach &uuml;ber mir habe, und ein Bett, mit ihm
+zu theilen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber, Herr Director&hellip;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kein Wort mehr; ich lasse keine Einrede gelten,
+wenn ich Ihnen auch keine besondere Bequemlichkeit
+zu bieten vermag. Sie aber sind ja auch an
+ein Lagerleben gew&ouml;hnt. &mdash; Mein lieber Herr von
+Schwartzau,&laquo; wandte er sich dann an den Ingenieur,
+&raquo;mit gro&szlig;em Vergn&uuml;gen w&uuml;rde ich auch
+Sie gern beherbergen, aber &uuml;berzeugen Sie sich
+selber, ich habe das ganze Haus voll von Emigranten,
+und noch dazu fast lauter Kranke, Frauen
+und Kinder, die ich bei dem ewigen Regen in
+dem erb&auml;rmlichen Auswanderungshause nicht lassen
+mochte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mein lieber Herr Director!&laquo; sagte G&uuml;nther
+abwehrend.</p>
+
+<p>&raquo;Sie k&ouml;nnen uns aber helfen,&laquo; fuhr der Director
+fort. &raquo;Vermessen Sie uns eine t&uuml;chtige
+Strecke Land, da&szlig; ich die armen Einwanderer bald
+unterbringen kann, und ich habe dann Raum genug
+in meinem Hause f&uuml;r sechs oder acht Freunde, und
+vielleicht f&uuml;r mehr.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mit Freuden, sobald ich nur erst einmal
+wei&szlig;, wo.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das zeige ich Ihnen noch heute Abend, denn
+wir haben in der That keine Zeit zu verlieren.
+Ihre Pferde brauchen Sie dabei nicht anzustrengen,
+ich borge Ihnen von meinen Thieren, und K&ouml;nnern
+hier begleitet uns; dann k&ouml;nnen Sie morgen
+fr&uuml;h mit Tagesanbruch Ihre Arbeit gleich beginnen.
+Was Sie von Leuten dazu brauchen, stelle ich Ihnen;
+ich kenne einige dazu ganz passende junge Burschen,
+und h&auml;tte die Arbeit schon l&auml;ngst selbst gemacht,
+wenn ich's eben im Stande w&auml;re. Aber sehen
+Sie selber hier die Actenst&ouml;&szlig;e an &mdash; Berichte,
+Klagen, Eingaben, Z&auml;nkereien, Befehle von oben,
+wovon immer einer dem anderen widerspricht, und
+Qu&auml;ngeleien, da&szlig; sie einen Heiligen manchmal
+zum Fluchen bringen k&ouml;nnten &mdash; und ich bin eben
+keiner &mdash; doch dar&uuml;ber sprechen wir nachher. Und
+au&szlig;erdem noch, lieber Schwartzau &mdash; Sie waren
+Officier, nicht wahr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;In schleswig-holsteinischen Diensten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aha &mdash; die alte Geschichte, mit der sie daheim
+die besten Kr&auml;fte &uuml;ber die Gr&auml;nze getrieben
+haben. &mdash; Ich mu&szlig; Sie noch um Entschuldigung
+bitten, da&szlig; mein Empfang gerade kein &uuml;berfreundlicher
+war, aber wei&szlig; es Gott, sie treiben es hier
+manchmal, da&szlig; es Einem die Galle mit Gewalt
+in's Blut hineinjagt. Die Frau Gr&auml;fin verbessert
+&uuml;berhaupt nie meine Laune, wenn sie mich einmal
+mit ihrem hohen Besuche beehrt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Frau Gr&auml;fin,&laquo; sagte K&ouml;nnern, aufmerksam
+werdend; &raquo;war das etwa die Dame, die vorhin
+aus dem Hause trat?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kurz vorher, ehe Sie kamen &mdash; sie verlie&szlig;
+mich sehr beleidigt, da&szlig; ich einen armen Teufel
+von Bauer, der noch drei Stunden Weges bis
+nach Hause hat, nicht ihretwegen vor der Th&uuml;r
+warten lie&szlig; und ihn abfertigte, w&auml;hrend sie bei
+mir war. Doch ich schwatze und schwatze. Also
+Schwartzau, Sie m&uuml;ssen sich noch ein paar Tage
+im Wirthshause unterbringen, und dann werden
+Sie wahrscheinlich gezwungen sein, einige Wochen
+auszulagern, bis dahin aber hoffe ich, Ihnen Raum
+geschafft zu haben. He, Christoph &mdash; Klaas!&laquo; rief
+er dann aus dem Fenster &mdash; &raquo;schaff' doch einmal
+die Sachen des fremden Herrn in's Haus &mdash;
+Sattel und Taschen, oder was es ist &mdash; wo wollen
+Sie hin, K&ouml;nnern?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn Sie es denn nicht anders haben wollen,
+so mu&szlig; ich wenigstens hinunter, um mein Packthier
+selber abzuladen, da&szlig; mir die guten Leute
+Nichts zerbrechen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gut, auch recht. Lassen Sie nur Alles hier
+herauf schaffen und drau&szlig;en vor die Th&uuml;r stellen;
+wir arrangiren es dann selber, denn ich habe hier
+Junggesellenwirthschaft. Indessen Sie das besorgen,
+schreibe ich nur noch zwei Briefe, die jener
+Colonist mit in eine andere neue Colonie nehmen
+mu&szlig;, wohin sonst sehr selten Gelegenheit ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und um wie viel Uhr ist es Ihnen recht?&laquo;
+fragte G&uuml;nther.</p>
+
+<p>&raquo;Um &mdash; aber das k&ouml;nnen wir nachher bereden,&laquo;
+sagte der Direktor; &raquo;nat&uuml;rlich essen Sie mit uns,
+was gerade da ist, und nach dem Essen reiten
+wir in aller Bequemlichkeit hinaus. Die &uuml;brigen
+Gesch&auml;fte m&uuml;ssen warten, denn dieses ist das wichtigste.
+Um ein Uhr esse ich gew&ouml;hnlich, bis dahin
+behalten Sie also noch &uuml;brig Zeit, sich ein wenig
+auszuruhen. Und Sie, lieber K&ouml;nnern, kommen
+gleich wieder zu mir herauf, sobald Sie Ihre
+Sachen besorgt haben.&laquo;</p>
+
+<p>Und damit, ohne irgend eine Einwendung zu
+erwarten, setzte er sich ohne Weiteres an seinen
+Schreibtisch und &uuml;berlie&szlig; die beiden Fremden indessen
+sich selber.</p>
+
+<p>&raquo;Nun, wie gef&auml;llt Ihnen Ihr Director?&laquo; sagte
+K&ouml;nnern auf der Treppe.</p>
+
+<p>&raquo;Vortrefflich!&laquo; erwiederte G&uuml;nther; &raquo;im Anfange
+schien er ein wenig brummig, aber der Name
+Ihres Bruders wirkte Wunder. &mdash; Wo haben sich
+die beiden Herren eigentlich gekannt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;In der &ouml;sterreichischen Armee,&laquo; erwiederte
+K&ouml;nnern, &raquo;wo sie den siegreichen Feldzug in den
+vierziger Jahren zusammen durchgemacht haben.
+Mir gef&auml;llt aber der Mann auch au&szlig;erdem; er
+ist rasch, kurz angebunden, und wie mir scheint,
+aufrichtig und offen. Mit solchen Leuten ist
+immer am Besten verkehren, denn der B&ouml;se soll
+die &Uuml;berfreundlichen holen, die stets ein l&auml;chelndes
+Gesicht zeigen und bei denen man doch nie
+und nimmer wei&szlig;, woran man mit ihnen eigentlich ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mich hat es ebenfalls gefreut, da&szlig; er mich
+so ohne Weiteres in's Wirthshaus wies. Er h&auml;tte
+ja eine lange Entschuldigung machen k&ouml;nnen, aber
+er sagte einfach, deshalb geht's nicht, und damit
+Punctum. Ich glaube, ich werde mit <span class="wide">dem</span> Director
+fertig.&laquo;</p>
+
+<p>Sie waren damit vor die Th&uuml;r getreten, wo
+ihre Diener mit den Pferden noch hielten, und
+w&auml;hrend G&uuml;nther wieder aufstieg, lockerte K&ouml;nnern
+seinem Grauen den Sattelgurt. Da schallten rasche
+Hufschl&auml;ge die Stra&szlig;e herauf, Beide wandten den
+Kopf dorthin und G&uuml;nther rief aus:</p>
+
+<p>&raquo;Hallo, wer kommt da &mdash; eine Amazone!&laquo;</p>
+
+<p>In demselben Augenblicke aber sprengten schon
+zwei Reiter, mehr im Carriere als Galopp an
+dem Hause des Directors vor&uuml;ber, und die beiden
+Fremden hatten nur eben Zeit zu bemerken, da&szlig;
+auf dem ersten Pferde ein junges, wunderh&uuml;bsches
+M&auml;dchen in einem knapp anschlie&szlig;enden, dunklen
+Reitkleide sa&szlig;, mit einem kleinen Amazonenhute
+auf, von dem eine einzelne m&auml;chtige wei&szlig;e Strau&szlig;feder
+und ein paar lange Reiherfedern in dem
+scharfen Luftzuge weit auswehten. Ihr Begleiter,
+der etwa eine Pferdel&auml;nge hinter ihr folgte, war
+ein ganz junger Bursche von etwa sechszehn bis
+siebenzehn Jahren.</p>
+
+<p>Wie eine Erscheinung flogen die Beiden an
+ihnen vor&uuml;ber, und G&uuml;nther hatte noch au&szlig;erdem
+jetzt mit seinem eigenen Pferde zu thun, das sich,
+wie es schien, am liebsten dem Rennen angeschlossen
+h&auml;tte, und her&uuml;ber und hin&uuml;ber tanzte.</p>
+
+<p>&raquo;Hier im Orte scheint es wirklich ganz interessante
+Gesellschaft zu geben,&laquo; sagte K&ouml;nnern,
+als die wilden Reiter die Stra&szlig;e hinab verschwunden
+waren, &raquo;und es wird lohnen, sich eine
+Zeit lang aufzuhalten und ihre Bekanntschaft zu
+machen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Beinahe h&auml;tt' ich das Letztere gleich gethan,&laquo;
+lachte G&uuml;nther, &raquo;denn mein Rappe schien dasselbe
+Bed&uuml;rfni&szlig; zu f&uuml;hlen. Aber, Adieu jetzt, Kamerad.
+Um ein Uhr sehen wir uns beim Diner wieder.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hoffentlich nicht im Frack, denn darauf bin
+ich nicht eingerichtet,&laquo; nickte ihm K&ouml;nnern zu,
+w&auml;hrend G&uuml;nther, von seinen beiden Lastthieren
+gefolgt, denselben Weg, aber bedeutend langsamer,
+einschlug, den die junge Dame eben genommen.
+Die Kirche lag in dieser Richtung, und er wu&szlig;te
+gut genug, da&szlig; K&ouml;nnern Recht hatte, wenn er
+das Wirthshaus dicht daneben vermuthete.</p>
+
+<p>Aus dem Directionshause waren indessen ein
+paar deutsche Arbeiter gekommen, junge Burschen
+in Hemd&auml;rmeln und mit ledernen Hosen und Pantoffeln,
+der eine eine runde blaue, der andere eine
+viereckig gr&uuml;ne M&uuml;tze auf, und Beide genau so
+aussehend, als ob sie eben dieselben Pantoffeln
+nicht ausgezogen h&auml;tten, seit sie in Bremen oder
+Hamburg das Schiff betreten.</p>
+
+<p>Diese griffen willig mit zu, das Packthier abzusatteln,
+und wenn sie auch stets an den verkehrten
+Stricken, aber deshalb nicht minder gut
+gemeint, zogen, gelang es doch endlich mit K&ouml;nnern's
+H&uuml;lfe, den Packen aufzuschn&uuml;ren, und die
+verschiedenen Gegenst&auml;nde in's Haus und in die
+erste Etage zu schaffen. Die Pferde brachten sie
+dann ebenfalls auf einen kleinen Weideplatz dicht
+am Hause, wo sie auch einzeln gef&uuml;ttert werden
+konnten, und seinen Diener schickte K&ouml;nnern dann
+mit dessen eigenem Sattelzeuge in das Wirthshaus
+hin&uuml;ber, da er den Eingeborenen nicht mit
+den Deutschen zusammenbringen wollte. Er wu&szlig;te,
+da&szlig; dies selten gut that.</p>
+
+<p>Hierbei gelang es ihm, einen Blick in den
+untern Theil des Directionshauses zu werfen,
+und es sah dort allerdings wild und wunderlich
+genug aus. Das ganze Haus war noch neu, ja,
+es stand sogar noch ein Theil des Ger&uuml;stes. Die
+W&auml;nde waren auch nur erst einfach gewei&szlig;t und
+die Fensterrahmen noch nicht einmal gestrichen.</p>
+
+<p>Gleichwohl glich der Platz da unten weit eher
+einem indianischen Bivouac, als der Wohnung
+eines Directors der Colonie, denn &uuml;berall in den
+Zimmern lagen Matratzen, &uuml;berall an den W&auml;nden
+standen die riesigen Kisten und Koffer der Auswanderer,
+mit der gro&szlig; gemalten Adresse &raquo;Nach
+Brasilien&laquo; noch daran, und auf dem ebenfalls
+preisgegebenen Kochherde war auf jeder Ecke ein
+Feuer angez&uuml;ndet, &uuml;ber dem theils ein Kessel brodelte,
+theils eine Pfanne zischte. Selbst im Hofe
+loderte ein stattliches Feuer, um den &uuml;brigen
+Kochgeschirren Raum zu geben, denn heute war
+ja Sonntag, und die Deutschen feierten diesen, genau
+wie daheim, mit Essen und Trinken.</p>
+
+<p>K&ouml;nnern, im Augenblicke ohne weitere Besch&auml;ftigung,
+trat dort hinein, ohne da&szlig; die Leute jedoch
+besondere Notiz von ihm genommen h&auml;tten. Ein
+paar alte Frauen sa&szlig;en auf den Kisten in der
+Ecke und lasen in ihren Gesangb&uuml;chern; die
+M&auml;dchen und jungen Frauen waren fast alle mit
+ein oder der andern Arbeit f&uuml;r die K&uuml;che besch&auml;ftigt,
+und die M&auml;nner lagen zum Theil ausgestreckt
+auf den Matratzen oder auch auf dem
+nicht gerade &uuml;berreinlichen Boden und rauchten
+ihre kurzen Pfeifen. Tabak war billig hier, und
+sie konnten sich dem Genusse mit unbeschr&auml;nkter
+Leidenschaft hingeben.</p>
+
+<p>&raquo;Nun, Leute, wie geht's?&laquo; redete K&ouml;nnern
+einen der M&auml;nner an, der beide Beine von einander
+gestreckt hatte und, ein Bild der h&ouml;chsten
+Zufriedenheit, flach auf dem R&uuml;cken lag. Nur
+den einen Arm hatte er als Kissen unter den
+Kopf geschoben und sah den eigenen Rauchwolken
+nach, die er mit Macht gegen die Decke blies;
+&raquo;Ihr scheint Euch hier ganz behaglich zu befinden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und warum nicht?&laquo; sagte der Mann, indem
+er die Pfeife in den einen Mundwinkel schob;
+&raquo;hier kann mer's aushalten, und die Schinderei
+geht doch noch zeitig genug an. Das Brumsilien
+ist ein ganz famoses Land &mdash; w&auml;ren wir nur
+<span class="wide">erst</span> (fr&uuml;her) hergekommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, mit dene M&auml;nner hat's keine Noth,&laquo;
+fiel hier die eine Frau ein, die mit roth erhitztem
+Gesichte gerade aus der K&uuml;che kam und sich mit
+der Sch&uuml;rze den Schwei&szlig; von der Stirn trocknete,
+&raquo;wenn die nur satt Tabak haben und auf der
+faulen Haut liegen k&ouml;nnen, sell freut sie und sie
+wollen's net besser, aber uns arme Weiberleut'
+derf's schinden und plagen, wie's mag.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und was geht <span class="wide">Euch</span> ab?&laquo; fragte der Mann,
+faul den Kopf nach ihr umdrehend.</p>
+
+<p>&raquo;Was <span class="wide">uns</span> abgeht?&laquo; sagte aber die Frau, &raquo;ein
+eigen Haus und ein eigener Herd, weiter Nichts,
+da&szlig; man wei&szlig;, <span class="wide">weshalb</span> man sich plagt und
+schindt, und seine Kocht&ouml;pf' nicht auf Gottes Erdboden
+herum zu sto&szlig;en hat. Erst aber drei Monat
+das leidige Schiffsleben und nun vier Monat
+wieder hier in einer wahren Heidenwirthschaft &mdash;
+sell kann Einen freuen, und bis an den Hals
+steht mir's.&laquo;</p>
+
+<p>Und damit griff die Frau ein am Boden sitzendes,
+schreiendes Kind an einem Arme auf, warf
+sich's mit einem Ruck auf die H&uuml;fte und verschwand
+damit durch die offene Th&uuml;r.</p>
+
+<p>&raquo;Weiberleut'!&laquo; sagte der Bauer ver&auml;chtlich
+und rauchte weiter.</p>
+
+<p>K&ouml;nnern behielt &uuml;brigens keine Zeit, noch
+weitere Forschungen anzustellen, denn der Director
+sah in diesem Augenblicke in's Zimmer. Er hatte
+jedenfalls seinen Gast gesucht und rief jetzt:</p>
+
+<p>&raquo;Nun, sieht es hier nicht liebensw&uuml;rdig aus?
+Aber kommen Sie, K&ouml;nnern, wir wollen vor Tisch
+noch einen kleinen Spaziergang machen &mdash; lassen
+Sie nur, Sie k&ouml;nnen sich nachher umziehen; es
+kommt bei uns nicht so genau darauf an, und
+Ihre Sachen habe ich schon in die f&uuml;r Sie bestimmte
+Stube stellen lassen.&laquo;</p>
+
+<p>Damit nahm er ohne Weiteres K&ouml;nnern unter
+den Arm und verlie&szlig; mit ihm das Haus. Die
+in der Stube umher zerstreuten Einwanderer richteten
+sich aber, als der Director das Zimmer betrat,
+etwas &uuml;berrascht auf, r&uuml;ckten ihre M&uuml;tzen und
+nahmen ihre Pfeifen aus dem Munde. So wie
+er ihnen aber den R&uuml;cken drehte, fielen sie in ihre
+alte Stellung zur&uuml;ck und rauchten ruhig weiter.</p>
+
+<p>Der junge Fremde mu&szlig;te jetzt vor allen Dingen
+dem Director von seinem Bruder erz&auml;hlen, wie
+es ihm gehe, was er thue und treibe, und er
+wurde dabei nicht satt, ihm zuzuh&ouml;ren. Erst als
+Jener Alles ersch&ouml;pft, was er dar&uuml;ber zu sagen
+hatte, kamen sie auf die hiesigen Verh&auml;ltnisse zu
+sprechen, und Bernard K&ouml;nnern gestand dem
+Director da&szlig; er, doch einmal in der Welt umherstreifend,
+nur nach Brasilien gekommen sei, um
+die Verh&auml;ltnisse des Landes, &uuml;ber die er die verschiedensten
+und widersprechendsten Ger&uuml;chte geh&ouml;rt,
+einmal selber von Augenschein kennen zu
+lernen und dabei f&uuml;r seine Mappe zu sammeln.
+Habe er das erreicht, dann kehre er eben wieder
+nach Europa zur&uuml;ck, denn mit allen M&auml;ngeln
+scheine es doch, als ob ihm das Vaterland kein
+anderer Ort der Welt ersetzen k&ouml;nne.</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben Recht,&laquo; erwiederte der Director,
+der ihm schweigend zugeh&ouml;rt. &raquo;Je mehr wir von
+fremden L&auml;ndern sehen, und wenn sie selbst ihre
+gr&ouml;&szlig;te und sch&ouml;nste Pracht entfalten, desto mehr
+f&uuml;hlen wir doch immer, da&szlig; sie uns die Heimath
+nie ersetzen k&ouml;nnen &mdash; aber um das zu f&uuml;hlen,
+dazu geh&ouml;rt eine gewisse Quantit&auml;t Gem&uuml;th, und
+es ist &auml;u&szlig;erst interessant zu beobachten, auf welche
+verschiedene Art und Weise sich das auch bei den
+verschiedenen Naturen &auml;u&szlig;ert, und wie es ausbricht.
+Jeder Mensch bildet sich n&auml;mlich dazu
+eine gewisse Entschuldigung, und die am Meisten
+poetische hat stets das Gem&uuml;th der Frauen, auch wenn
+sie den niedrigsten Classen angeh&ouml;ren. Bei diesen
+ist es das Grab der Eltern oder das eines Kindes,
+die alte Dorfkirche, oder das Haus, das ihre erste
+Heimath bildete, zu dem sie sich zur&uuml;cksehnen; der
+Brunnen, an dem sie Wasser holten, die alte Linde
+vor der Pfarrwohnung, wo sie vielleicht zum ersten
+Male mit dem jetzigen Manne getanzt, und an die
+sie sich um so viel lieber erinnern, weil <span class="wide">der</span> Mann
+gerade damals so viel anders war, als er jetzt
+ist &mdash; der kleine Garten, den sie bestellt, das Vieh
+selber, das sie gro&szlig; gezogen, das Alles hat seinen
+Anhaltspunkt noch lange nicht verloren, und ob
+sie Vieles hier mit der Zeit besser und bequemer finden
+m&ouml;gen, es zieht sie doch mit einem ganz eigenen
+Gef&uuml;hle zur&uuml;ck zu den alten Verh&auml;ltnissen. Der
+Mann dagegen &mdash; ich meine hier den gew&ouml;hnlichen
+Bauer &mdash; hat wieder einen ganz andern Ankergrund
+f&uuml;r sein Heimweh. Er denkt, wenn er sich
+Deutschland in's Ged&auml;chtni&szlig; zur&uuml;ckruft, meist immer
+an seine heimische Schenke, an das Bier und
+eine Menge anderer prosaischer Dinge, zu denen
+aber doch trotzdem die alte Linde und der alte Kirchthurm
+den nebelhaften Hintergrund bilden. Seine
+&raquo;Freundschaft,&laquo; wie er die Verwandten nennt,
+zieht ihn weniger zur&uuml;ck; der Bauer lebt eigentlich
+nie recht in wirklichem Frieden mit seinen Verwandten,
+und die Sehnsucht nach ihnen ist deshalb
+auch nie au&szlig;ergew&ouml;hnlich. Den gebildeten Mann
+zieht dagegen mehr ein geistiges Bed&uuml;rfni&szlig;, als das
+blo&szlig;e Gem&uuml;th, nach der Heimath zur&uuml;ck.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Den gebildeten Mann zieht gew&ouml;hnlich das
+zur&uuml;ck,&laquo; sagte K&ouml;nnern, &raquo;da&szlig; er in dem fremden
+und &uuml;berseeischen Lande selten eine passende oder
+ihm wenigstens zusagende Besch&auml;ftigung findet, die
+ihn hinreichend ern&auml;hrt. Kaufleute nat&uuml;rlich ausgenommen,
+die &uuml;berall daheim sind und auch her&uuml;ber
+und hin&uuml;ber ziehen, sieht sich der, der daheim gewohnt
+war, mehr mit seinem Kopfe als mit seinen
+F&auml;usten zu arbeiten, in nur zu h&auml;ufigen F&auml;llen
+allein auf die letzteren angewiesen. Das gef&auml;llt
+ihm nicht, eine Quantit&auml;t Gem&uuml;th kommt dazu
+und das Heimweh ist fix und fertig.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben wohl Recht,&laquo; nickte der Director,
+&raquo;und nicht allein das Heimweh, sondern auch zugleich
+die Unzufriedenheit mit allen sie umgebenden
+Dingen, die, der Meinung jener Leute nach,
+f&uuml;r <span class="wide">sie</span> nicht passen, w&auml;hrend sie selber es sind,
+die sich nicht hineinfinden k&ouml;nnen oder wollen.
+Davon wei&szlig; ein armer Director am Besten zu erz&auml;hlen,
+denn gerade in <span class="wide">meiner</span> Colonie bin ich
+mit einer Classe von Menschen geplagt, die meist
+alle das Jahr 1848 von Deutschland her&uuml;ber gescheucht
+hat, und die jetzt auf Gottes Welt nicht
+wissen was sie mit sich angeben sollen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie scheinen hier wirklich eine Art von <i>haute
+vol&eacute;e</i> zu haben,&laquo; l&auml;chelte K&ouml;nnern, &raquo;denn au&szlig;er
+jener Frau Gr&auml;fin sah ich heute Morgen auch
+noch eine reizende junge Dame, die im Carriere
+vor&uuml;ber flog.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie wird n&auml;chstens einmal ihren reizenden
+Hals brechen,&laquo; meinte der Director trocken; &raquo;jene
+Beiden geh&ouml;ren aber zusammen, denn die junge
+Dame ist die Comtesse, die Tochter der Gr&auml;fin.
+Da haben Sie also heute gleich die <span class="wide">Spitze</span> der
+Gesellschaft, den sogenannten <i>cr&ecirc;me</i> gesehen. Au&szlig;erdem
+aber sind wir noch mit einer Anzahl von
+Titular-Honoratioren geplagt, die voller Anspr&uuml;che
+stecken, und wie der Engl&auml;nder ganz passend sagt:
+<i>neither for use nor ornament</i>, weder zum Nutzen,
+noch zur Verzierung der Colonie dienen. Doch
+mit diesen Herrschaften werden Sie selber wohl
+n&auml;her bekannt werden, wenn Sie sich l&auml;nger in
+unserer Colonie aufhalten, und nur <span class="wide">einen</span> Rath
+mu&szlig; ich Ihnen schon jetzt geben, ehe er zu sp&auml;t
+kommt: Borgen Sie Niemandem Geld.&laquo;</p>
+
+<p>K&ouml;nnern lachte gerade hinaus.</p>
+
+<p>&raquo;F&auml;llt Ihnen die Warnung bei den Honoratioren
+ein?&laquo; sagte er.</p>
+
+<p>&raquo;Allerdings,&laquo; erwiederte der Director ganz
+ernsthaft; &raquo;der Bauer, wenn er Geld braucht,
+wendet sich einfach an die Regierung um Subsidien,
+die ihm nur in Ausnahmef&auml;llen abgeschlagen
+werden und f&uuml;r deren R&uuml;ckzahlung er mit seinem
+Lande haftet. Unsere <i>haute vol&eacute;e</i> dagegen ist viel
+zu stolz an etwas Derartiges nur zu denken, hat
+auch in leider sehr vielen F&auml;llen entweder kein
+Land, oder doch schon eine Menge von stillschweigenden
+Hypotheken darauf aufgenommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber sie werden doch wahrhaftig keinen wildfremden
+Menschen anborgen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es giebt daf&uuml;r verschiedene Auswege,&laquo; meinte
+der Director, &raquo;und Menschen, die sich sonst in den
+einfachsten Verh&auml;ltnissen nicht zu helfen wissen,
+entwickeln gerade in dieser Branche eine erstaunliche
+Mannichfaltigkeit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber weshalb wandern solche Menschen,&laquo;
+sagte K&ouml;nnern, &raquo;die doch von vorn herein wissen
+sollten, da&szlig; sie f&uuml;r derartige Arbeit und Besch&auml;ftigung
+nicht passen, eigentlich nach einem wilden
+Lande aus? An B&uuml;chern fehlt es wahrlich nicht,
+die ihnen ziemlich deutlich sagen, was sie in der
+neuen Welt &mdash; ob sie nun Amerika, Australien
+oder sonst wie hei&szlig;e &mdash; zu erwarten haben. Sie
+<span class="wide">k&ouml;nnen</span> sich dar&uuml;ber nicht t&auml;uschen, wenn sie &uuml;berhaupt
+Deutsch verstehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und doch thun sie es,&laquo; sagte der Director,
+&raquo;und zwar meist aus dem ganz einfachen und in
+jedem andern Falle sch&auml;tzenswerthen Grunde, da&szlig;
+sie eine sehr gute Meinung von sich selber haben.
+Ich <span class="wide">kann</span> Alles was ich <span class="wide">will,</span> sagen sie, bedenken
+aber dabei gar nicht, da&szlig; sie nicht Alles <span class="wide">wollen</span>
+was sie <span class="wide">k&ouml;nnen,</span> denn es <span class="wide">kann</span> nat&uuml;rlich ein
+Jeder, wenn er nicht gerade einen &uuml;berschw&auml;chlichen
+K&ouml;rper mitbringt, Handarbeit verrichten; aber wie
+die Vors&auml;tze auch daheim gewesen sein m&ouml;gen, hier
+machen sie nicht einmal den Versuch dazu, und
+<span class="wide">wenn</span> sie ihn machen, bleibt es auch gewi&szlig; immer
+bei dem Versuche. Es ist und bleibt ein wunderliches
+Volk, und wenn ich erst einmal nicht mehr
+Director bin, was, wie ich hoffe, nicht mehr lange
+dauern wird, so glaub' ich, da&szlig; ich mich sogar
+pr&auml;chtig dabei am&uuml;siren werde, sie in ihrem eigenth&uuml;mlichen
+Treiben und Wirthschaften zu beobachten.
+Jetzt aber halten sie mir die Galle fortw&auml;hrend
+in G&auml;hrung, und dabei kann nat&uuml;rlich
+der beste Humor nicht aufkommen, ohne seine bestimmte
+Partie Gift mit anzunehmen. Sehen Sie,
+da kommt gleich Einer davon; sieht der Mensch
+aus, wie ein brasilianischer Pflanzer?&laquo;</p>
+
+<p>Um die eine Ecke bog in diesem Augenblicke ein
+Herr, der &mdash; wenn die Sommer-Beinkleider nicht
+ein klein wenig zu kurz gewesen w&auml;ren &mdash; in dem
+Anzuge recht gut h&auml;tte an einem sch&ouml;nen Nachmittage
+unter den Linden in Berlin spazieren
+gehen k&ouml;nnen. Er trug vollkommen moderne Tuchkleidung,
+einen Cylinderhut, einen Regenschirm,
+der hier auch besonders gegen die Sonne benutzt
+wurde, und im Knopfloche den rothen Adlerorden
+vierter Classe.</p>
+
+<p>Als er den beiden Herren begegnete, l&uuml;ftete er
+den Hut mit einer sehr f&ouml;rmlichen, aber auch sehr
+vornehmen Verbeugung, und ging dann, ohne
+Miene zu einem weitern Gru&szlig;e zu machen, stolz
+vor&uuml;ber.</p>
+
+<p>&raquo;Und wer war das?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Baron Jeorgy, seinem Berichte nach aus
+einer sehr alten Familie, der mit der Idee her&uuml;ber
+kam, brasilianischer Pflanzer zu werden. Er &uuml;bernahm
+eine allerliebst gelegene Colonie &mdash; Sie
+m&uuml;ssen heute Morgen daran vorbei gekommen sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ah, das Haus da oben auf dem Berge, wo
+ein reizendes junges Paar von brasilianischer Abstammung
+wohnt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ganz recht, K&ouml;hler's Chagra, wie der Platz
+jetzt hei&szlig;t &mdash; und er <span class="wide">ver</span>wirthschaftete das Gut in
+unglaublich kurzer Zeit derma&szlig;en, da&szlig; es zuletzt
+wenig mehr als eine Wildni&szlig; war. Er mu&szlig;te es
+endlich verkaufen, denn es trug ihm nicht einmal
+mehr die Kosten, und nat&uuml;rlich konnte Niemand
+weiter daran schuld sein als der Director, da ihm
+dieser noch dazu nicht einmal mehr Geld darauf
+vorstrecken wollte. Er ist seit der Zeit w&uuml;thend
+auf mich, nach Art solcher Leute aber auch um so
+viel h&ouml;flicher geworden, und &auml;rgert sich nur, da&szlig;
+ich von seinen Verleumdungen gegen mich nicht
+die geringste Notiz nehme.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Guten Morgen, Herr Director!&laquo; unterbrach
+in diesem Augenblicke ein junger Mann das Gespr&auml;ch,
+der sie &uuml;berholt hatte und rasch an ihnen
+vor&uuml;berschritt. Er gr&uuml;&szlig;te dabei sehr ehrfurchtsvoll,
+schien sich aber nicht lange in seines Vorgesetzten
+N&auml;he aufhalten zu wollen, dem er vielleicht
+unerwartet in den Wurf gelaufen, denn er
+bog rasch in die n&auml;chste Querstra&szlig;e ein und verschwand
+in einem der G&auml;rten.</p>
+
+<p>&raquo;Der junge Herr,&laquo; sagte K&ouml;nnern, &raquo;scheint
+stark gefr&uuml;hst&uuml;ckt zu haben. Sein ganzes &Auml;u&szlig;ere
+sah wenigstens danach aus.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein anderer Fluch unserer Colonie,&laquo; seufzte
+Sarno, &raquo;das war unser Schullehrer.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Schullehrer? Er kann h&ouml;chstens zweiundzwanzig
+Jahre alt sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und nicht allein ist er <span class="wide">trotzdem,</span> sondern
+gerade <span class="wide">deshalb</span> Schullehrer,&laquo; sagte der Director;
+&raquo;unser deutscher Bauer ist n&auml;mlich von Haus aus
+und von klein auf so daran gew&ouml;hnt worden, den
+&raquo;Schulmeister&laquo; als ganz untergeordnete Pers&ouml;nlichkeit
+zu betrachten und danach nat&uuml;rlich auch
+die Erziehung seiner Kinder zu bemessen, da&szlig; ihn
+f&uuml;r diese jeder Milreis reut, den er ausgeben soll,
+und er f&ouml;rmlich gezwungen werden mu&szlig;, die Kinder
+in die Schule zu schicken. Das Loos eines
+Schullehrers ist aber in keinem Lande der Welt
+beneidenswerth, und nur daheim, wo Leute von
+Jugend auf dazu erzogen werden und dann sp&auml;ter
+keine andere Laufbahn mehr einschlagen <span class="wide">k&ouml;nnen,</span>
+finden sich immer gen&uuml;gende Kr&auml;fte. Hier dagegen,
+wo Jeder sein Brod weit besser und sorgenfreier
+verdienen kann, der nur irgend seine
+Knochen gebrauchen will, denkt gar Niemand
+daran, sich zu dem fatalen und au&szlig;erdem noch
+schlecht gelohnten Amte eines Schullehrers herzugeben,
+der nicht nothgedrungen <span class="wide">mu&szlig;.</span> Das
+aber sind denn meist junge Leute, Studenten oder
+Handlungsdiener, die einen angeborenen Abscheu
+vor Hacke und Spaten haben, und nur, um nicht
+zu verhungern, sich gerade f&uuml;r so lange der &raquo;Besch&auml;ftigung&laquo;
+eines Schullehrers unterziehen, als
+sie nichts Anderes und Besseres zu unternehmen
+wissen. So wie sie aber etwas Besseres finden,
+kann man sich auch fest darauf verlassen, da&szlig; sie
+der Gemeinde k&uuml;ndigen &mdash; manchmal gehen sie
+sogar ohne K&uuml;ndigung fort, und wie nachtheilig
+ein so steter Wechsel &mdash; den eigentlichen mangelhaften
+Unterricht nicht einmal gerechnet &mdash; auf
+die Kinder wirken mu&szlig;, l&auml;&szlig;t sich ja denken und
+liegt klar zu Tage.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zu Zeiten trifft es sich, da&szlig; wir trotz allem
+Dem einen ordentlichen Mann, wenigstens f&uuml;r
+Monate oder ein halbes Jahr, in der Schule
+haben. Dieses Mal freilich meldete sich, als die
+Kinder schon drei Wochen ohne den geringsten
+Unterricht gewesen waren, ein m&ouml;glicher Weise
+irgendwo durchgebrannter Handlungsdiener f&uuml;r
+die Stelle, die man ihm auch &raquo;auf Probe&laquo; &uuml;berlie&szlig;,
+und da der gute Mann den brasilianischen
+Wein merkw&uuml;rdiger Weise trinken kann, benutzt
+er jeden freien und nicht freien Augenblick, um
+&uuml;ber die Str&auml;nge zu schlagen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und auf die Art,&laquo; lachte K&ouml;nnern, &raquo;warten
+beide Parteien gegenseitig, ob sie einander nicht
+bald wieder los werden k&ouml;nnen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allerdings,&laquo; erwiederte der Director, &raquo;hier
+aber haben wir jetzt das Ziel unseres Spaziergangs
+&mdash; das Auswanderungshaus erreicht, das ich
+doch heute Morgen einmal besuchen und Ihnen
+gleich zeigen wollte. Hier sehen Sie die Einwanderer
+untergebracht, welchen, der furchtbaren Nachl&auml;ssigkeit
+unserer Provinzialregierung zufolge,
+noch keine Colonie &mdash; d. h. kein eigenes Land f&uuml;r
+ihre Arbeit &mdash; angewiesen werden konnte, und die
+hier auf Staatskosten gef&uuml;ttert werden m&uuml;ssen,
+bis Ihr Freund die n&ouml;thigen Landstrecken f&uuml;r sie
+vermessen haben wird. Aber treten wir ein. Sie
+sehen da Alles viel besser, als ich es Ihnen sagen
+k&ouml;nnte.&laquo;</p>
+
+<p>K&ouml;nnern sah vor sich ein langes, fast ovales
+Geb&auml;ude, aus Pf&auml;hlen oder eingerammten St&auml;mmen
+aufgerichtet, und theils mit Schindeln, theils
+mit Ziegeln, an einigen Stellen sogar mit Schilf
+und Reisig nothd&uuml;rftig gedeckt, um das herum es
+von den abenteuerlichsten Gestalten wimmelte.
+Alle waren Deutsche, dar&uuml;ber blieb dem Fremden
+auch nicht der geringste Zweifel, denn die flachsk&ouml;pfigen
+Kinder nicht allein, nein, M&auml;nner und
+Frauen selbst in ihren alten heimischen Trachten
+verl&auml;ugneten ihr Vaterland nicht einen Augenblick.</p>
+
+<p>Ihre Besch&auml;ftigung war aber ziemlich genau
+dieselbe wie die jenes Theiles, den der Director in
+seine eigene Wohnung genommen hatte, nur da&szlig;
+hier entschieden mehr M&auml;nner einquartiert schienen.
+Der innere weite Raum, wo nicht die unpraktischen
+riesigen Auswanderer-Kisten aufgeschichtet
+standen, war mit ihnen ordentlich angef&uuml;llt, denn
+in der hei&szlig;en Tageszeit hatten sie den Schatten
+des luftigen Geb&auml;udes gesucht, w&auml;hrend die Frauen
+hier und in der Sonne drau&szlig;en arbeiten konnten,
+so viel sie eben Lust hatten.</p>
+
+<p>Als der Director &uuml;brigens mit dem Fremden
+den innern Raum betrat, erhoben sich die Meisten
+von ihrem rauhen Lager und nahmen die M&uuml;tzen
+ab, denn der &raquo;Herr Director&laquo; war ja die erste
+Person in der Colonie, und mit dem durften sie
+es also schon nicht verderben.</p>
+
+<p>&raquo;Nun, Leute,&laquo; sagte Herr Sarno nach der
+ersten fl&uuml;chtigen Begr&uuml;&szlig;ung, &raquo;nun werdet ihr bald
+Euer Land bekommen k&ouml;nnen, denn heute hat die
+Regierung endlich Jemanden hergesandt, der Euren
+Grund und Boden vermessen soll. Haltet Euch
+nur bereit, da&szlig; einige Familien von Euch gleich
+ausr&uuml;cken k&ouml;nnen, so wie eine Anzahl von Colonien
+vermessen ist. Ihr werdet das Herumliegen
+hier wohl auch satt haben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na, es geht, Herr Director,&laquo; lachte der eine
+Mann; &raquo;wenn wir's im Leben nicht schlechter
+kriegen, l&auml;&szlig;t sich's aushalten &mdash; aber froh wollen
+wir doch sein, wenn wir einmal wieder f&uuml;r uns
+arbeiten d&uuml;rfen. Das faule Leben hat auch
+keine rechte Art und eigentlich schon ein Bi&szlig;chen
+zu lange gedauert.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hier geht's auch schm&auml;hlich eng zu,&laquo; sagte
+ein Anderer, &raquo;beinah wie auf dem Schiff, und der
+M&uuml;ller da dr&uuml;ben, der macht sich mit seiner Familie
+auch noch so breit, da&szlig; wir Anderen lieber
+hinaus vor die Th&uuml;r m&ouml;chten, damit der gro&szlig;e
+Herr nur Platz hat.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, Du darfst auch noch r&auml;sonniren, Du
+Lumpenkerl,&laquo; erwiederte eine tiefe Ba&szlig;stimme aus
+der Ecke, &raquo;wenn wir lauter solch Gesindel w&auml;ren,
+wie&hellip;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ruhe!&laquo; unterbrach ihn der Director, &raquo;haltet
+mir Frieden hier, das sag' ich Euch, denn der
+Erste der Streit anf&auml;ngt, wird ohne Weiteres auf
+das n&auml;chste Schiff gesetzt und wieder aus der
+Colonie geschickt. Wir wollen hier Frieden haben,
+und wer sich dem nicht f&uuml;gen will, mag gehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber der M&uuml;ller&hellip;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Haltet Euer Maul!&laquo; fuhr ihn der Director
+an; &raquo;wenn Ihr eine gegr&uuml;ndete Klage habt, so
+wi&szlig;t Ihr, an wen Ihr Euch damit wenden sollt,
+und zu welcher Zeit, und da&szlig; Ihr dann Eure
+Zeugen mitzubringen habt. Einfache Klatschereien
+will ich und werd' ich nicht anh&ouml;ren. Was fehlt
+denn der Frau da, die dort in der Ecke liegt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schlecht ist ihr's,&laquo; sagte eine andere Frau,
+die neben ihr sa&szlig; und ihr gerade aus einem gro&szlig;en
+Topfe zu trinken gab; &raquo;sie hat sich den Magen
+verdorben an den vielen Apfelsinen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist denn der Doctor heute noch nicht hier
+gewesen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Doctor? Ja, der kommt schon lange
+nicht, wenn man ihm nicht erst das Haus einl&auml;uft,&laquo;
+sagte eine andere Frau; &raquo;meine Kathrine, der war's
+gestern auch so elend zu Muthe &mdash; da&szlig; er auch
+nur einmal nach ihr gesehen h&auml;tte &mdash; und wie ich
+ihn darum gebeten habe!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So?&laquo; sagte der Director, &raquo;nun, in einer
+halben Stunde soll er hier sein, das verspreche ich
+Euch &mdash; wie viele von Euch haben denn in der
+Woche mit am Wege gearbeitet?&laquo;</p>
+
+<p>Keine Antwort &mdash; die ihm N&auml;chsten schienen
+die Frage eben nicht gern zu h&ouml;ren.</p>
+
+<p>&raquo;Nun? Kann Keiner den Mund aufthun?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na, der Niklas,&laquo; sagte die eine Frau, &raquo;hat
+zwei halbe Tage, und der Christoph, der hat
+gestern Nachmittag angefangen, und Schultze's
+Elias, der mu&szlig; schon den Donnerstag oder Freitag
+hinaus gegangen sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da haben Sie's!&laquo; sagte der Director zu
+K&ouml;nnern; &raquo;Monate lang liegen die Menschen hier
+auf der faulen Haut und leben von den Subsidien
+oder Unterst&uuml;tzungen, die ihnen der Staat
+verabreicht, also von Geldern, die sie nach f&uuml;nf
+Jahren wieder zur&uuml;ckerstatten m&uuml;ssen. Wo ich
+ihnen aber eine Gelegenheit geboten habe, selber
+f&uuml;r sich Etwas zu verdienen, wenn sie nur die
+faulen Knochen r&uuml;hren sollen, glauben Sie,
+da&szlig; da Einer gutwillig mit angriffe? Gott bewahre!
+Wenn ihnen der Polizeidiener nicht auf
+dem Nacken sitzt, r&uuml;hren sie kein Glied, und wenn
+es eine Arbeit w&auml;re, die sie nur zu ihrem eigenen
+Besten thun sollen und noch au&szlig;erdem extra bezahlt
+bekommen. 's ist, wei&szlig; es Gott, eine Freude,
+mit solchen Menschen zu thun zu haben!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Herr Director,&laquo; sagte in diesem Augenblicke
+ein kleiner &auml;ltlicher Mann in einem wunderlichen
+Cost&uuml;me, das er von allen St&auml;nden der menschlichen
+Gesellschaft zusammengeborgt zu haben schien,
+indem er den Director an einem &Auml;rmel zupfte,
+&raquo;das Essen ist gleich fertig &mdash; Sie m&ouml;chten <ins title="Original hat auch">nach</ins>
+Hause kommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ah, Jeremias,&laquo; sagte Sarno, sich nach ihm
+umdrehend; &raquo;schickt Dich die Kathrine her&uuml;ber?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, Herr Director,&laquo; sagte der Mann, einen
+hohen Seidenhut, um den eine Art von Livreeband
+befestigt war, unter den Arm dr&uuml;ckend, &raquo;und
+das Schiff ist auch unten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das Schiff? Was f&uuml;r ein Schiff?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun, das Schiff mit den neuen Landsleuten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Neue Auswanderer?&laquo; rief der Director erschreckt.</p>
+
+<p>&raquo;Die Gesina,&laquo; nickte der Mann; &raquo;der Herr
+Director haben ja schon lange davon gesprochen.
+'s ist gerade vor der Barre gesehen worden und
+der Capitain wird heute Abend herauf kommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na, das hat gerade noch gefehlt!&laquo; seufzte
+Sarno; &raquo;das Haus hier ist schon zum &Uuml;berlaufen
+voll, und dazu noch eine frische Gesellschaft, eine
+neue Zufuhr &mdash; das wird angenehm!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und die Suppe?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Darf nicht kalt werden. Du hast Recht,
+Jeremias. Sag' nur der Kathrine, da&szlig; wir den
+Augenblick hinauf kommen. Ist der fremde Herr
+schon da?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Eben angekommen. Er sitzt oben in der
+Stube.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gut &mdash; also melde nur da&szlig; wir gleich kommen,
+und halt &mdash; spring hin&uuml;ber zum Doctor &mdash; <span class="wide">Ich</span>
+lasse ihm sagen, augenblicklich hierher zu
+kommen. Verstanden?&laquo;</p>
+
+<p>Auf das Wort drehte sich das kleine M&auml;nnchen
+um, machte noch eine ganz eigenth&uuml;mliche Kr&uuml;mmung
+des K&ouml;rpers, was als Verbeugung gelten
+sollte, und verschwand dann blitzschnell durch die
+Th&uuml;r. K&ouml;nnern hatte nur eben noch Zeit, zu
+bemerken, da&szlig; seine Beinkleider jedenfalls f&uuml;r eine
+andere Person zugeschnitten und gemacht sein
+mu&szlig;ten &mdash; wonach sie die andere Person denn
+auch so lange getragen haben mochte, wie ihr gut
+d&uuml;nkte. F&uuml;r Jeremias waren sie aber viel zu
+lang und unten in einem wahren Wulste umgelegt
+und aufgekrempelt. Er besa&szlig; au&szlig;erdem &mdash;
+wenigstens glaubte es K&ouml;nnern bei seinem ersten
+Erscheinen &mdash; brennend rothes Haar von einer
+ganz auffallenden F&auml;rbung, und als die kleine
+Gestalt sich zwischen den verschiedenen Gruppen
+der Auswanderer, zwischen Kocht&ouml;pfen, Kisten und
+in Betten eingepackten Kindern wie ein Ohrwurm
+durchwand, leuchtete sein Haar ordentlich irrwischartig,
+bis er drau&szlig;en in den Buchen verschwand.</p>
+
+<p>&raquo;Da haben wir's!&laquo; sagte aber der Director,
+mit ganz anderen Gedanken wie mit Jeremias
+besch&auml;ftigt; &raquo;jetzt geschieht, was ich schon lange
+bef&uuml;rchtet habe. Das Auswanderungshaus, selbst
+meine eigene Wohnung gef&uuml;llt, &mdash; keinen Fu&szlig;
+breit Land vermessen, den neuen Colonisten einen
+eigenen Fleck Grundeigenthum anweisen zu k&ouml;nnen,
+kommt noch eine Schiffsladung frischer Kr&auml;fte
+dazu, und <span class="wide">was</span> ich indessen mit denen machen
+soll, wei&szlig; Gott!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und ist denn das nicht Sache des Pr&auml;sidenten
+der Provinz,&laquo; fragte K&ouml;nnern, &raquo;stets Land genug
+vermessen zu haben, um die Einwanderer unterbringen
+zu k&ouml;nnen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allerdings ist es das, aber unser Pr&auml;sident, &mdash; ein
+braver, guter Mann, der es wirklich ehrlich
+meint &mdash; ist schon seit l&auml;ngerer Zeit schwer
+krank, und seine Frau &mdash; ein intrigantes, coquettes
+Frauenzimmer &mdash; regiert indessen nach Herzenslust
+und hat eine Masse nichtsnutziger Prot&eacute;g&eacute;s,
+die sie unter jeder Bedingung unterbringen <span class="wide">will</span>
+und unterbringt. So schickte sie mir vor sechs
+Monaten einen Kerl hieher &mdash; ich habe keinen
+andern Namen daf&uuml;r &mdash; der das Land vermessen
+sollte, und nicht mehr davon verstand wie der
+Junge da. Gl&uuml;cklicher Weise fa&szlig;te ich gleich Verdacht,
+pa&szlig;te ihm auf und jagte ihn, wie ich
+merkte was an ihm war, wieder zum Teufel; er
+h&auml;tte uns sonst hier eine Heidenverwirrung angerichtet.
+Die Frau Pr&auml;sidentin ist aber nat&uuml;rlich
+jetzt w&uuml;thend auf mich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und leidet das die Regierung in Rio?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Lieber Gott, einesteils erf&auml;hrt sie nie den
+wahren Thatbestand, und dann ist es auch wirklich
+f&uuml;r sie schwer, gegen einen einmal eingesetzten
+h&ouml;hern Beamten ernstlich einzuschreiten, so lange
+nicht directe Anklagen vorliegen. Jetzt verklagen
+Sie aber einmal von der Colonie Santa Clara
+aus den Pr&auml;sidenten, der in Santa Catharina
+sitzt, oben in Rio de Janeiro &mdash; die Geschichte
+w&auml;re gleich von vorn herein so weitl&auml;ufig, da&szlig;
+man sie doch in Verzweiflung aufgeben w&uuml;rde,
+wenn man auch wirklich hoffen d&uuml;rfte Etwas
+auszurichten &mdash; was man aber au&szlig;erdem <span class="wide">nicht</span>
+darf. Doch unsere Suppe wird wahrhaftig kalt
+und die Kathrine nachher b&ouml;se &mdash; also vor allen
+Dingen zum Essen&laquo; &mdash; und K&ouml;nnern's Arm ergreifend,
+f&uuml;hrte er ihn rasch der eigenen Wohnung zu.</p>
+
+<p>Unterwegs hielten sich die Beiden auch nicht
+auf. Nur ein einziges Mal blieb K&ouml;nnern stehen,
+und den Arm gegen einen der kleinen H&uuml;gel
+ausstreckend, sagte er:</p>
+
+<p>&raquo;So viel ist sicher, nur der Deutsche und der
+Engl&auml;nder &mdash; vielleicht auch noch der Holl&auml;nder &mdash;
+hat den richtigen Sinn f&uuml;r eine nicht allein
+bequeme, sondern auch freundliche Umgebung seiner
+Heimath, baut sich sein Nest in B&uuml;sche und Bl&uuml;then
+hinein und pflanzt Rosen vor seine Th&uuml;r, w&auml;hrend
+besonders der Amerikaner h&ouml;chstens einen
+Gem&uuml;segarten daneben dulden w&uuml;rde. Sehen
+Sie nur, was f&uuml;r ein wunderbar romantisches
+Pl&auml;tzchen sich jener Ansiedler wieder gew&auml;hlt hat,
+dessen kleines Haus nur eben aus dem dunklen
+Gr&uuml;n der B&uuml;sche auf jenem H&uuml;gel da dr&uuml;ben
+herausblinzt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ah, Sie meinen unseres Einsiedlers Villa,&laquo;
+l&auml;chelte der Director; &raquo;die Aussicht von seinem
+Hause aus hat er &uuml;brigens ganz zuf&auml;llig bekommen,
+denn eine Palmengruppe verdeckte den Platz
+so vollst&auml;ndig, da&szlig; man von unten aus keine
+Ahnung hatte, dort oben sei eine menschliche
+Wohnung. Neulich nun warf der Sturm die
+kleinen Palmen um und das Haus bekam dadurch,
+wahrscheinlich vollkommen gegen den Willen seines
+Eigenth&uuml;mers, eine reizende Aussicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gegen seinen Willen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube, ja. Der Mann hei&szlig;t Meier und
+lebt mit Frau und Tochter, einem jungen G&auml;rtner
+und einer alten Dienstmagd, die sie hier angenommen,
+fast ganz abgeschieden von der Colonie und verkehrt
+fast mit Niemandem. Jammerschade noch dazu,
+denn das w&auml;re in der That eine Familie, mit der
+man einen angenehmen Umgang haben <span class="wide">k&ouml;nnte</span>;
+aber man darf sich doch auch nicht aufdr&auml;ngen, und
+da er mich, obgleich ich drei- oder viermal oben
+bei ihm war, noch nicht ein einziges Mal wieder
+besucht hat, so mu&szlig; ich wohl annehmen, da&szlig; er
+es lieber sieht, wenn ich <span class="wide">meine</span> Besuche <span class="wide">nicht</span>
+wiederhole, und den Gefallen habe ich ihm denn
+auch gethan. &mdash; Aber da sind wir &mdash; sehen Sie,
+da oben steht die Kathrine schon am Treppenfenster
+&mdash; ja, ja, Alte, wir kommen schon. Was so eine
+alte Person f&uuml;r eine Tyrannei aus&uuml;bt, wenn man
+einmal ein paar Minuten zu sp&auml;t zum Essen
+kommt!&laquo;</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="narrow" />
+<h3><a name="kap_3" id="kap_3"></a>3.</h3>
+
+<h3>Bei der Frau Gr&auml;fin.</h3>
+
+<p>Die Frau Gr&auml;fin Baulen hatte des Directors
+Haus etwas in Aufregung verlassen, und der Gedanke
+daran, oder etwas Anderes auch vielleicht,
+lag ihr schwer auf dem Herzen, als sie ihrer
+eigenen Wohnung wieder zuschritt. Sie ging
+wenigstens mit auf den Boden gehefteten Blicken
+und erwiederte den Gru&szlig; etwa Begegnender nur
+mit einer leisen Beugung des Kopfes, ohne zu
+ihnen aufzusehen.</p>
+
+<p>So erreichte sie endlich das kleine freundliche
+Geb&auml;ude, das, von einem Garten umschlossen, an
+der &auml;u&szlig;ersten Gr&auml;nze der Ansiedelung lag, und
+wollte eben dasselbe betreten, als die beiden Reiter,
+ihr Sohn und ihre Tochter, wie sie durch den
+ganzen Ort geflogen waren, mit donnernden Hufen
+die Stra&szlig;e herabfegten, und dicht vor dem Hause
+ihre Thiere so rasch herumwarfen, da&szlig; sie die alte
+Dame fast gef&auml;hrdet h&auml;tten.</p>
+
+<p>&raquo;Aber Helene, aber Oskar!&laquo; rief sie entsetzt,
+indem sie rasch das Gartenthor zwischen sich und
+die Pferde brachte &mdash; &raquo;Ihr reitet ja wie die
+Wahnsinnigen, und seht gar nicht wohin Ihr
+rennt! Da&szlig; Ihr die Thiere dabei ruinirt, scheint
+Euch ebenfalls nicht im Mindesten zu k&uuml;mmern!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht b&ouml;se, M&uuml;tterchen, nicht b&ouml;se,&laquo; lachte Helene,
+indem sie den Hals ihres noch immer tanzenden
+und courbettirenden Schimmels klopfte;
+&raquo;Oskar behauptete aber, da&szlig; sein Rappe fl&uuml;chtiger
+w&auml;re als meine Sylphide, und da habe ich ihm
+eben das Gegentheil &mdash; aber, Sylphide &mdash; ruhig,
+mein Herz, ruhig &mdash; wie wild sie nur geworden
+ist, weil ich sie die beiden letzten Tage nicht geritten
+habe!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du hattest von Anfang an einen Vorsprung,&laquo;
+rief Oskar, &raquo;sonst w&auml;rest Du mir wahrhaftig nicht
+vorgekommen; und dann verlor ich gleich beim
+Abreiten einen von meinen Sporen, was mich
+auch aufhielt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Einen von Deinen silbernen Sporen?&laquo; rief
+die Frau Gr&auml;fin.</p>
+
+<p>&raquo;Ja &mdash; aber er wird sich schon wiederfinden,&laquo;
+sagte der junge Bursche gleichg&uuml;ltig. &mdash; &raquo;Heh,
+Gotthelf! Gotthelf! Wo der nichtsnutzige Schlingel
+nun wieder steckt, da&szlig; er die Pferde nehmen k&ouml;nnte.
+&mdash; Gotthelf!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja &mdash; komme schon,&laquo; antwortete eine Stimme,
+die dem ungeduldigen Rufe des jungen Mannes
+in keineswegs entsprechender Eile zu sein schien.</p>
+
+<p>Gleich darauf schlenderte auch ein Bauernbursche,
+dessen reines, grobleinenes Hemd allein
+an ihm den Sonntag verk&uuml;ndete, beide H&auml;nde in
+den Taschen, um die Hausecke und kam langsam
+n&auml;her.</p>
+
+<p>&raquo;Na, Du fauler Strick, kannst die Beine wohl
+nicht ein Bischen in die Hand nehmen?&laquo; rief
+ihm der junge Graf entgegen &mdash; &raquo;es wird wahrhaftig
+immer besser. Soll ich Dich etwa in Trab
+bringen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Brrrrrr!&laquo; erwiederte Gotthelf mit unersch&uuml;tterlicher
+Ruhe, indem er seine Schritte nicht im
+Geringsten beschleunigte; &raquo;gehen Sie nur nicht
+durch, junger Herr, und machen Sie die Pferde
+nicht scheu.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Willst Du noch unversch&auml;mt werden, Halunke!&laquo;
+rief der junge Graf in aufloderndem
+Zorne, indem er seine Reitpeitsche fester packte
+und hob. Gotthelf aber, nicht im Geringsten
+dadurch eingesch&uuml;chtert, trat dicht zu dem Pferde
+heran und sagte:</p>
+
+<p>&raquo;Na, so schlagen Sie doch! &mdash; Warum langen
+Sie denn nicht zu? Mein Buckel w&auml;re doch, d&auml;cht'
+ich, breit genug.&laquo;</p>
+
+<p>Graf Oskar schlug aber nicht; der junge, allerdings
+sehr breitschulterige Bauernjunge hatte heute
+Etwas in seinem Auge, was ihm nicht gefiel.
+Deshalb nur mit einer ver&auml;chtlichen Kopfbewegung
+aus dem Sattel steigend, sagte er, indem er Gotthelf
+den Z&uuml;gel hinreichte:</p>
+
+<p>&raquo;Da &mdash; ich will mich mit Dir nicht befassen.
+F&uuml;hre die Pferde herum und reibe sie nachher
+trocken ab.&laquo;</p>
+
+<p>Gotthelf nahm aber nicht einmal seine H&auml;nde
+aus den Taschen, und die beiden Pferde nach
+einander betrachtend, sagte er kopfnickend:</p>
+
+<p>&raquo;Ja &mdash; Herumf&uuml;hren werden sie wohl brauchen,
+denn geritten sind sie wieder, da&szlig; es eine
+Schande ist; aber der Gotthelf wird Ihnen das
+schwerlich besorgen, denn mit &raquo;Halunke&laquo; schimpfen
+werden die Leute nicht fett, und wo es au&szlig;erdem
+weiter Nichts giebt, nicht einmal Lohn, da lohnt's
+eben nicht, da&szlig; man sich die N&auml;gel von den Fingern
+arbeitet. Suchen Sie sich einen andern Gotthelf,
+aber ich glaube kaum, da&szlig; Sie noch einen so dummen
+finden, der Ihnen drei Monate nur der Ehre
+wegen den Schuhputzer macht.&laquo; &mdash; Und sich damit
+scharf auf dem Absatze herumdrehend, schlenderte
+er wieder in's Haus zur&uuml;ck, ging auf sein
+Zimmer, packte seine Sachen zusammen und verlie&szlig;
+eine halbe Stunde sp&auml;ter in der That, ohne
+ein weiteres Abschiedswort, die gr&auml;fliche Familie.</p>
+
+<p>&raquo;Das hast Du nun von Deiner Heftigkeit,&laquo;
+sagte die Gr&auml;fin, drehte sich ab und schritt w&uuml;rdevoll
+in das Haus hinein.</p>
+
+<p>Graf Oskar bi&szlig; w&uuml;thend die Z&auml;hne zusammen
+und h&auml;tte seinen Zorn gern an irgend Jemandem
+ausgelassen; aber es war Niemand da, von dem
+er vermuthen durfte, da&szlig; er es sich gefallen
+lassen w&uuml;rde. Sein Sattel allein mu&szlig;te es entgelten,
+den er selber abschnallte und dann v&ouml;llig
+r&uuml;cksichtslos &uuml;ber den Gartenzaun, mitten zwischen
+die Blumen, hinwarf; &mdash; dann f&uuml;hrte er sein Pferd
+in die kleine Umz&auml;unung, wo die Thiere gew&ouml;hnlich
+gef&uuml;ttert wurden, nahm ihm den Zaum dort
+ab und lie&szlig; es laufen. Von Herumf&uuml;hren oder
+Abreiben war keine Rede mehr.</p>
+
+<p>Comtesse Helene indessen war einigerma&szlig;en in
+Verlegenheit, denn da sich ihr Bruder in seinem
+Ingrimme gar nicht um sie bek&uuml;mmerte, wu&szlig;te sie
+nicht gleich, wie sie aus dem Sattel kommen sollte.
+Als sie den Kopf die Stra&szlig;e hinabdrehte, sah sie
+einen jungen Mann dicht hinter sich, der stehen
+geblieben war und sie betrachtet hatte. Unter
+anderen Umst&auml;nden w&uuml;rde sie auch kaum von ihm
+Notiz genommen haben, denn trotz seiner anst&auml;ndigen
+Kleidung sah er etwas verwildert aus, und
+um das sonnengebr&auml;unte, von einem leichten,
+schwarzgekr&auml;uselten Barte halb beschattete Gesicht
+hingen ihm die langen, schwarzen Haare unordentlich
+und wirr herab. Auch in den dunkeln Augen,
+mit denen er das wirklich bildsch&ouml;ne M&auml;dchen betrachtete,
+lag ein eigenes, unheimliches Feuer, und
+erst als ihr Blick auf dem seinen haftete, milderte
+sich der Ausdruck in seinen Z&uuml;gen.</p>
+
+<p>Es konnte ihm aber auch nicht entgangen sein,
+da&szlig; sie H&uuml;lfe brauche &mdash; die Stra&szlig;e war au&szlig;erdem,
+als an einem Sonntag Nachmittage, fast
+menschenleer, und sich ordentlich gewaltsam dazu
+zwingend, trat er endlich n&auml;her, sah zu der Jungfrau
+auf und sagte:</p>
+
+<p>&raquo;Erlauben Sie mir vielleicht, Ihnen meinen
+Arm zu bieten?&laquo;</p>
+
+<p>Helene sah ihn im ersten Augenblicke mi&szlig;trauisch
+an; sie war viel zu selbstst&auml;ndig aufgewachsen,
+oder hatte sich vielmehr selber so erzogen, um
+irgend Furcht vor einem fremden Manne zu zeigen,
+aber ein gewisser Instinct warnte sie, sich Jemandem
+zu irgend einem Danke zu verpflichten, der
+damit vielleicht einmal Mi&szlig;brauch treiben k&ouml;nne.
+Das Benehmen des Fremden war aber so achtungsvoll
+und ehrerbietig, und das Anerbieten wurde
+mit so viel nat&uuml;rlichem Anstande gemacht, da&szlig; sie
+nach kaum secundelangem Z&ouml;gern l&auml;chelnd die
+Hand ausstreckte, sich auf den vorgehaltenen Arm
+des Fremden st&uuml;tzte und leicht aus dem Sattel
+sprang.</p>
+
+<p>Der Fremde hatte dabei zugleich den Z&uuml;gel
+des Pferdes in einer Art ergriffen, die deutlich
+zeigte, da&szlig; er mit ihm umzugehen wisse, machte der
+Comtesse, als sie gl&uuml;cklich unten angelangt war,
+eine leichte Verbeugung, und f&uuml;hrte dann das
+durchaus erhitzte Thier zu dem n&auml;chsten Aste, an
+dem er den Z&uuml;gel befestigte und den Sattel nachher
+durch Aufschnallen des Gurtes etwas l&uuml;ftete.
+Das Alles geschah rasch und anscheinend ohne die
+geringste Anstrengung, und ehe Comtesse Helene
+nur recht mit sich einig war, ob sie abwarten bis
+sich der Fremde entfernt habe, oder lieber gleich
+in das Haus gehen solle, war dieser schon fertig,
+verbeugte sich wieder leicht gegen sie und wandte
+sich dann rasch und ohne sich umzusehen die Stra&szlig;e
+hinab, so da&szlig; sie ihm f&uuml;r seine Dienstleistung nicht
+einmal danken konnte.</p>
+
+<p>Comtesse Helene war bei ihrem Range und
+wirklich reizendem &Auml;u&szlig;ern, noch dazu in der bescheidenen
+Umgebung einer deutschen Kolonie, allerdings
+daran gew&ouml;hnt worden, die Huldigungen
+und Galanterien der j&uuml;ngeren wie &auml;lteren Leute
+als eine Art von Tribut fast gleichg&uuml;ltig hinzunehmen.
+Die Aufmerksamkeit dieses wunderlichen
+Fremden, der sich au&szlig;erdem fast &auml;ngstlich jedem
+nur m&ouml;glichen Danke entzog, hatte aber doch etwas
+so Eigenth&uuml;mliches, da&szlig; sie, frappirt davon, auf
+der Schwelle des Gartens stehen blieb und sich
+erst in das Haus zur&uuml;ckzog, als ihr Bruder, eben
+nicht in der besten Laune, zur&uuml;ckkam. Au&szlig;erdem
+l&auml;utete auch in diesem Augenblicke die Glocke oben,
+welche zum Mittagessen rief, und sie durfte keine
+Zeit vers&auml;umen, wenn sie noch ihr Reitkleid ablegen
+und &uuml;berhaupt ein wenig Toilette machen
+wollte.</p>
+
+<p>In dem Wohnzimmer der Frau Gr&auml;fin Baulen
+hatten sich indessen schon vor der Ankunft der
+Wirthin zwei auf heute geladene G&auml;ste eingefunden.</p>
+
+<p>Der Eine von ihnen war der n&auml;mliche Herr,
+welcher K&ouml;nnern und dem Director auf ihrem
+Wege durch die Stadt begegnete: der ausgewanderte
+Baron Jeorgy, den eine ungl&uuml;ckliche romantische
+Ader zu seinem jetzigen sehr gro&szlig;en Bedauern
+nach Brasilien getrieben. Er hatte eine nicht unbedeutende
+Summe Geldes mit her&uuml;ber gebracht
+und es in sechs Jahren m&ouml;glich gemacht, den
+gr&ouml;&szlig;ten Theil seines Kapitals nicht gerade durchzubringen,
+aber doch auszugeben, was sich im Resultat
+allerdings vollkommen gleich blieb.</p>
+
+<p>Der Andere war ein junger, erst k&uuml;rzlich
+her&uuml;bergekommener K&uuml;nstler, Namens Vollrath,
+der einen Empfehlungsbrief an den Baron mitgebracht
+hatte und dadurch auch bei der Frau Gr&auml;fin
+eingef&uuml;hrt war. Er spielte mit der Comtesse manchmal
+Clavier, aber die Frau Gr&auml;fin sah seinen Besuch nicht
+gern. Er erwies n&auml;mlich Helenen mehr Aufmerksamkeit,
+als ihrer Mutter lieb schien, und war
+au&szlig;erdem blutarm &mdash; aber so lange er sich in
+seinen Schranken hielt, konnte man ihn eben nicht
+zur&uuml;ckweisen. Die Frau Gr&auml;fin hatte indessen
+schon ernsthaft mit ihrer Tochter &uuml;ber ihn gesprochen.</p>
+
+<p>Die Gr&auml;fin selber schien ihre Toilette schon
+vor dem Ausgange gemacht zu haben; Oskar, obgleich
+eben von dem scharfen und staubigen Ritte
+zur&uuml;ckgekehrt, hielt es nicht der M&uuml;he werth, des
+Barons wegen die W&auml;sche zu wechseln &mdash; und der
+Andere war ja nur ein Clavierspieler.</p>
+
+<p>Comtesse Helene dachte nicht so. Von dem wilden
+Ritte war ihr reiches, schweres Haar gel&ouml;st und
+in Unordnung gerathen; ihren Anzug mu&szlig;te sie
+ebenfalls wechseln, und da ihr dazu keine Kammerjungfer
+zu Gebote stand, bedurfte sie einer l&auml;nger
+als gew&ouml;hnlichen Zeit, um sich der Gesellschaft, so
+klein diese auch immer sein mochte, zu zeigen.
+Oskar, &uuml;berhaupt heute nicht in der besten Laune,
+war entsetzlich ungeduldig geworden und hatte
+den Kl&ouml;ppel der Klingel schon fast ausgeschlenkert,
+um die, wie er glaubte, saumselige Schwester dadurch
+etwas rascher herbeizurufen.</p>
+
+<p>W&auml;hrend Graf Oskar so im Zimmer herumlief
+und seinem &Auml;rger durch verschiedene Ungezogenheiten
+Luft machte, die Gr&auml;fin mit dem Baron
+Jeorgy an einem der Fenster stand, das eine
+freundliche Aussicht &uuml;ber die Stadt gew&auml;hrte, und
+ein Beider Interessen sehr lebhaft in Anspruch
+nehmendes Gespr&auml;ch f&uuml;hrte, hatte sich Vollrath an
+das Instrument gesetzt und intonirte leise einige
+Lieblings-Melodien Helenen's, theils im einfachen
+getragenen Thema, theils in geschickt und k&uuml;nstlerisch
+durchgef&uuml;hrten Variationen.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist ein trauriges Land,&laquo; sagte endlich der Baron
+mit einem tiefen Seufzer, indem er, ohne die Melodie
+selber zu beachten, den Tact dazu unbewu&szlig;t
+auf dem Fenster trommelte &mdash; &raquo;ein sehr trauriges
+Land, dieses ausgeschrieene Brasilien, und ich
+f&uuml;rchte fast, da&szlig; uns ein b&ouml;ser Stern an diese
+K&uuml;ste gef&uuml;hrt hat, von der ich, aufrichtig gestanden,
+gar kein rechtes Fortkommen mehr sehe. Ich
+begreife wenigstens nicht recht, wie man in Europa
+je, ohne die geh&ouml;rigen Mittel, wieder standesgem&auml;&szlig;
+auftreten k&ouml;nnte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie d&uuml;rfen den Muth nicht verlieren, Baron,&laquo;
+bemerkte die in dieser Hinsicht viel resolutere Gr&auml;fin.
+&raquo;Ich fange jetzt selber an einzusehen, da&szlig; wir alle
+Beide doch m&ouml;glicher Weise zu viel Standesvorurtheile
+mit her&uuml;ber gebracht haben, um das
+Leben hier an der richtigen Stelle anzugreifen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber, beste Frau Gr&auml;fin&hellip;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich sehe wenigstens eine Menge Menschen,&laquo;
+fuhr die Gr&auml;fin fort, ohne die Unterbrechung gelten
+zu lassen, &raquo;die nicht allein ihr Fortkommen auf
+h&ouml;chst geschickte Weise finden, sondern auch noch
+Capital auf Capital zur&uuml;cklegen, und es f&auml;llt mir
+gar nicht ein, ihnen mehr Verstandeskr&auml;fte zuzutrauen,
+als wir Beide auch besitzen, lieber Baron.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber, beste Frau Gr&auml;fin,&laquo; beharrte der Baron,
+&raquo;der Art Leute sind von Jugend an auf ihre F&auml;uste
+angewiesen gewesen, und Sie wollen doch nicht
+voraussetzen, da&szlig; wir Beide etwas Derartiges auch
+nur ann&auml;hernd leisten k&ouml;nnten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich denke gar nicht daran,&laquo; sagte die Gr&auml;fin
+mit einem vornehmen Zur&uuml;ckwerfen des Kopfes;
+&raquo;wo aber die rohe Kraft nicht ausreicht, da eben
+mu&szlig; der Geist des Menschen eintreten, die Intelligenz,
+und wir finden es &uuml;berall best&auml;tigt, da&szlig;
+die erstere, die rohe Kraft meine ich, immer nur
+f&uuml;r die Speculation arbeitet, und diese eigentlich
+den Nutzen von jener &auml;rntet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber auch der Kaufmann braucht praktische
+Erfahrung,&laquo; seufzte der Baron, der <span class="wide">seine</span> Erfahrung
+schon au&szlig;erordentlich theuer hatte bezahlen
+m&uuml;ssen &mdash; &raquo;und wir sind Beide zu alt, die noch zu
+lernen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bah,&laquo; sagte die Frau Gr&auml;fin, den Kopf mit
+Geringsch&auml;tzung wiegend, &raquo;der Kaufmann ist nicht
+der einzige Speculirende, auch der Fabrikant speculirt,
+indem er sich weniger die Waaren als die
+Kr&auml;fte der Menschen selber dienstbar macht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber, verehrte Frau Gr&auml;fin, Sie scheinen ganz
+zu vergessen, da&szlig; auch dazu Capital geh&ouml;rt, ja, und
+noch ein viel bedeutenderes Capital vielleicht, als
+zu einer einfachen Spekulation in Kaufmannsg&uuml;tern,
+und wenn man das Letzte dann darauf
+gesetzt h&auml;tte und es schl&uuml;ge fehl &mdash; was dann? &mdash;
+Denken Sie sich eine Existenz, selbst hier in einer
+brasilianischen Colonie, ohne die Mittel zu leben
+&mdash; denken Sie sich die M&ouml;glichkeit da&szlig; man
+bei diesen frechen und &uuml;berm&uuml;thig gewordenen
+Bauern gezwungen sein sollte, ein Anlehen zu erheben;
+es w&auml;re f&uuml;rchterlich!&laquo;</p>
+
+<p>Die Frau Gr&auml;fin schien nicht diese Angst vor
+einer derartigen Calamit&auml;t zu theilen, deren sogenannte
+&raquo;Furchtbarkeit&laquo; sie au&szlig;erdem schon erprobt
+hatte, ohne daran zu sterben; aber der Baron
+brauchte das gerade nicht zu wissen, und sie fuhr
+wie &uuml;berlegend fort: &raquo;Daf&uuml;r ist aber auch dem
+Menschen der Verstand gegeben, da&szlig; er ihn richtig
+gebraucht und anwendet, und sollten die h&ouml;heren
+St&auml;nde mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln
+nicht besonders da mehr bevorzugt sein, eine
+gr&ouml;&szlig;ere und gediegenere Kraft in die Wagschale
+zu werfen, als der rohe und ungebildete Bauer es
+im Stande w&auml;re?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der rohe und ungebildete Bauer,&laquo; erwiederte der
+Baron achselzuckend, &raquo;hat von dem Sch&ouml;pfer eine
+Art von Instinct bekommen, der gerade da anf&auml;ngt,
+wo sein Verstand aufh&ouml;rt, und mit oft unbewu&szlig;ter
+Benutzung desselben macht er zu Zeiten die erstaunlichsten
+und unbegreiflichsten Dinge m&ouml;glich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind eingesch&uuml;chtert, lieber Baron,&laquo; sagte
+die Gr&auml;fin l&auml;chelnd, indem sie ihre Hand auf seinen
+Arm legte.</p>
+
+<p>&raquo;Und habe alle Ursache dazu,&laquo; seufzte der
+Baron.</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben durch eine Reihe von widrigen
+Zuf&auml;lligkeiten nicht unbedeutende Verluste erlitten,&laquo;
+fuhr die Gr&auml;fin fort, &raquo;das hat Sie kopfscheu gemacht
+&mdash; Oskar, ich bitte Dich um Gottes Willen,
+la&szlig; das furchtbare Get&ouml;se mit der Glocke, ich werde
+wahrhaftig noch ganz nerv&ouml;s &mdash;, verlieren Sie
+jetzt den Muth, so ist Alles verloren, unwiederbringlich.
+Bewahren Sie sich aber die Elasticit&auml;t
+Ihres Geistes, so k&ouml;nnen Sie mit Einem Schlage
+alles Verlorene nicht allein wieder einbringen,
+sondern auch verdoppeln, ja, vielleicht verdreifachen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist eben was ich bezweifle,&laquo; versicherte
+der Baron; &raquo;aber, verehrte Frau, <span class="wide">haben</span> Sie
+vielleicht einen Plan, denn Ihr ganzes Benehmen
+scheint mir nach einem gewissen Ziele hinzustreben
+&mdash; und wollen Sie mich zu Ihrem Vertrauten
+machen, so k&ouml;nnte ich Ihnen, wenn auch m&ouml;glicher
+Weise mit weiter Nichts, doch vielleicht mit gutem
+Rathe zur Seite stehen, der oft in nur zu vielen
+F&auml;llen die Stelle des Capitals vertritt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe allerdings einen Plan,&laquo; erwiederte
+die Gr&auml;fin, &raquo;der aber schon so weit gediehen ist,
+da&szlig; er des Raths kaum mehr bedarf, denn er basirt
+auf Thatsachen, auf Zahlen, auf genauer Kenntni&szlig;
+der Grundlagen. <span class="wide">Wenn</span> ihn deshalb noch
+Etwas f&ouml;rdern kann, so ist es einzig und allein
+<span class="wide">Capital</span>. Doch davon sp&auml;ter, lieber Baron,
+denn ich h&ouml;re eben meine Tochter kommen, und
+Oskar entwickelt heute eine so liebensw&uuml;rdige Ungeduld,
+da&szlig; wir das Essen nicht l&auml;nger warten
+lassen d&uuml;rfen.&laquo;</p>
+
+<p>Der Baron war zu viel Weltmann, um seiner
+eigenen Ansicht &uuml;ber &raquo;Oskar's Ungeduld&laquo; einen
+selbstst&auml;ndigen Ausdruck zu geben. Er machte deshalb
+nur eine stumme Verbeugung gegen die
+Gr&auml;fin, reichte ihr dann den Arm und f&uuml;hrte sie,
+wie in seinen sch&ouml;nsten Tagen daheim, die drei
+Schritte bis zu dem einfachen Tannentische. &Uuml;ber
+diesen war aber ein kostbares Damasttuch gebreitet,
+auf dem neben den wei&szlig;en Steinguttellern
+schwere englische L&ouml;ffel und Gabeln lagen, die im
+Besitze einer Gr&auml;fin recht gut f&uuml;r echtes Silber
+angesehen werden konnten.</p>
+
+<p>Comtesse Helene betrat in diesem Augenblicke
+das Zimmer, und Vollrath hatte sein Spiel beendet
+und das Instrument geschlossen.</p>
+
+<p>Helene war wirklich ein sch&ouml;nes M&auml;dchen von
+nicht zu hohem, aber schlankem und &uuml;ppigem
+Wuchse, mit vollem, fast goldblondem Haare und
+dabei dunkeln, brennenden Augen, einem verf&uuml;hrerischen
+Gr&uuml;bchen im Kinn, und Hand und Arm
+vollkommen makellos. Das festanschlie&szlig;ende, lichtgraue
+Kleid von allerdings nur einfach wollenem
+Stoffe hob ihre B&uuml;ste so viel mehr hervor, w&auml;hrend
+die selbst schon hierher gedrungene Crinoline
+nur dann und wann einer kleinen, sehr zierlichen
+Fu&szlig;spitze gestattete, an's Tageslicht zu kommen.</p>
+
+<p>&raquo;Das gn&auml;dige Fr&auml;ulein sind heute wieder einmal
+gar nicht fertig geworden,&laquo; empfing sie Oskar,
+dessen Laune dadurch nicht gebessert schien, da&szlig;
+Niemand weiter Notiz von ihm genommen. Helene
+beachtete aber auch den Vorwurf nicht, begr&uuml;&szlig;te
+ziemlich f&ouml;rmlich den Baron, nickte Vollrath freundlich
+zu, und ging dann, ehe dieser mit sich einig
+geworden schien, ob er ihr den Arm bieten solle
+oder nicht, rasch zu ihrem Platze am Tische, an
+dem sie sich, mit einladender Bewegung f&uuml;r die
+&Uuml;brigen, zuerst niederlie&szlig;.</p>
+
+<p>Das Diner war so einfach, wie es das Leben
+in einer solchen Colonie und die Arbeit einer
+einzelnen K&ouml;chin, die zugleich alle anderen Hausdienste
+verrichten mu&szlig;te, mit sich bringt: Suppe,
+ein Braten mit zweierlei Gem&uuml;se und etwas eingekochtem
+Obste, und zum Dessert die vortrefflichen
+Orangen und Granat&auml;pfel des Landes.</p>
+
+<p>Niemand machte hier auch gr&ouml;&szlig;ere Anspr&uuml;che,
+oder war an Weiteres gew&ouml;hnt, und das Gespr&auml;ch
+drehte sich w&auml;hrend der Tafel haupts&auml;chlich um die
+neuerwarteten Einwanderer, da sich das Ger&uuml;cht
+&uuml;ber deren Ankunft schon durch die ganze Colonie
+verbreitet hatte. Ist es doch auch immer ein
+Moment f&uuml;r solche Ansiedelung, einen neuen Zuschu&szlig;
+von Fremden zu bekommen, von denen ein
+kleiner Theil stets in der Stadt selber bleibt und
+vielleicht einen neuen Umgang bilden kann, denn
+bekannt wird man ja nat&uuml;rlich mit Allen.</p>
+
+<p>Nur Vollrath, der neben Helenen sa&szlig;, war still
+und einsilbig, und schien sich nicht einmal f&uuml;r
+Oskar's Ansichten, die dieser &uuml;ber brasilianische
+Pferde entwickelte, zu interessiren; Oskar sprach
+&uuml;berhaupt <span class="wide">nur</span> &uuml;ber Pferde.</p>
+
+<p>Das Diner ging so vor&uuml;ber &mdash; Oskar plauderte
+in Einem fort, ob ihm Jemand zuh&ouml;rte oder nicht
+&mdash; der Baron und die Gr&auml;fin, in deren Gespr&auml;ch
+sich Helene nur manchmal mischte, unterhielten
+sich lebendig, und nur Vollrath schwieg hartn&auml;ckig
+still. Ein paar Mal schien er freilich den Mund
+&ouml;ffnen zu wollen &mdash; aber es blieb eben immer nur
+bei dem Versuch, und Helenen war es nicht entgangen,
+da&szlig; er irgend Etwas auf dem Herzen
+trage, was ihn beenge &mdash; wu&szlig;te sie was es war?
+Aber so unbefangen sie sich stets gegen ihn gezeigt,
+so unbefangen blieb sie auch heute, und als das
+Diner beendet und die kleine Gesellschaft in den
+Garten gegangen war, legte sie ruhig und l&auml;chelnd
+ihren Arm in den seinen und sagte: &raquo;Kommen
+Sie, Herr Vollrath, wir wollen ein Wenig auf
+und ab gehen. &mdash; Oskar ist heute unausstehlich,
+weil ich ihm in unserem Wettrennen vorgekommen
+bin, und Mama hat, wie es scheint, mit dem
+alten steifen Baron eine so hochwichtige Besprechung,
+da&szlig; sie alles Andere, was um sie her vorgeht, zu
+vergessen scheinen.&laquo;</p>
+
+<p>Vollrath scho&szlig; das Blut in Str&ouml;men in's Gesicht,
+aber er verbeugte sich leicht, nahm den Arm
+und schritt mit der jungen Sch&ouml;nen den Garten
+entlang. Helenen aber gen&uuml;gte der beschr&auml;nkte
+Raum heute nicht: war es die Aufregung des
+scharfen Rittes, war es der &Auml;rger &uuml;ber den
+Bruder, kurz, sie stie&szlig; die kurze Gartenpforte auf,
+die an dieser Seite gerade nach den zu einer Art
+von Promenade umgewandelten B&uuml;schen hinausf&uuml;hrte,
+und wanderte langsam mit ihrem Begleiter
+den schmalen Weg entlang, der, immer in Sicht
+der H&auml;user, sich fast um die Ansiedlung schl&auml;ngelte.</p>
+
+<p>Oskar hatte sich in die Laube auf eine Bank
+gelegt und rauchte, ein Bein &uuml;ber das andere gelegt,
+seine Cigarre, und die Gr&auml;fin ging mit dem
+Baron wieder in eifrigem Gespr&auml;che im Garten
+auf und ab.</p>
+
+<p>&raquo;Aber, verehrte Frau,&laquo; sagte der Baron jetzt,
+&raquo;Sie r&uuml;cken noch immer nicht mit Ihrem Projecte
+heraus. Sie reden nur fortw&auml;hrend von gl&auml;nzenden,
+sorgenfreien Aussichten, von R&uuml;ckkehr in die
+Heimath, von &mdash; ich wei&szlig; selber kaum was, und
+den eigentlichen Kern dieser Frucht halten Sie im
+Dunkel. Sie glauben doch sicher nicht, da&szlig; ich
+einen Mi&szlig;brauch damit treiben und als Ihr Concurrent
+in irgend einer gl&uuml;cklichen Speculation
+auftreten k&ouml;nnte?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mein lieber Baron &mdash; nein, das nicht,&laquo; sagte
+die Gr&auml;fin nach einigem Z&ouml;gern, &raquo;und ich habe
+auch den Entschlu&szlig; jetzt gefa&szlig;t, Sie zu meinem
+Vertrauten zu machen &mdash; vielleicht werden wir
+doch noch Compagnons,&laquo; l&auml;chelte sie dazu.</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin auf das &Auml;u&szlig;erste gespannt,&laquo; sagte der
+Baron.</p>
+
+<p>&raquo;Sie m&uuml;ssen bemerkt haben,&laquo; fuhr die Gr&auml;fin
+fort, &raquo;da&szlig; mir sowohl wie Helenen eine Besch&auml;ftigung
+in diesem Lande fehlt.&laquo;</p>
+
+<p>Des Barons Blick suchte unwillk&uuml;rlich die
+junge Dame, die er gerade noch durch eine L&uuml;cke
+der B&auml;ume mit ihrem Begleiter erkennen konnte.</p>
+
+<p>&raquo;Helene besonders,&laquo; fuhr die Gr&auml;fin fort,
+&raquo;hat mich schon lange gebeten, eine leichte Arbeit
+aufzufinden, mit der sie die langen Tage besser
+hinbringen k&ouml;nne, denn immer Lesen und Clavierspielen
+geht ja doch auch nicht, noch dazu in einer
+so prosaischen und sogenannten praktischen Umgebung,
+wie die ist, in der wir uns befinden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde immer gespannter,&laquo; versicherte der
+Baron, und er hatte die Augenbrauen schon bis
+unter den Hut hinaufgezogen.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn man nun unter so <span class="wide">praktischen</span>
+Leuten fortw&auml;hrend lebt,&laquo; l&auml;chelte die Gr&auml;fin,
+&raquo;so ist es wohl ganz nat&uuml;rlich, da&szlig; ein klein
+Wenig davon auch an unserer Natur hangen
+bleibt, und ich habe denn auch schon das ganze
+letzte Jahr nach der und jener Seite hin&uuml;ber gehorcht,
+an was man im rechten Augenblicke und
+mit den rechten Mitteln die Hand legen k&ouml;nnte
+&mdash; ich glaube, ich habe jetzt gefunden was ich
+suchte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie h&auml;tten wirklich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe gefunden und au&szlig;erdem die genauesten
+Erkundigungen deshalb eingezogen,&laquo; fuhr
+die Gr&auml;fin fort, &raquo;da&szlig; hier im Lande eine ganz
+enorme Quantit&auml;t von <span class="wide">Cigarren</span> verbraucht
+wird, die man s&auml;mmtlich mit einem, zu den Kosten
+des Rohtabaks in gar keinem Verh&auml;ltnisse stehenden
+hohen Preise bezahlt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<span class="wide">Cigarren?</span>&laquo; fragte der Baron erstaunt.</p>
+
+<p>&raquo;Nun sind gerade gegenw&auml;rtig eine Menge
+junger Leute hier in der Colonie &mdash; und es werden
+mit dem Schiffe noch mehr erwartet &mdash; von
+denen viele, besonders alle aus Bremen stammende,
+Cigarren zu drehen verstehen. Hier auf
+diesem Zettel finden Sie au&szlig;erdem den Preis
+guten Bl&auml;ttertabaks genau zusammengestellt, eben
+so die L&ouml;hne f&uuml;r die Fabrikarbeiter, die nach dem
+Hundert oder Tausend bezahlt werden. Eine Cigarre
+nur einigerma&szlig;en guten Tabaks ist aber
+hier nicht unter zwanzig Reis das St&uuml;ck zu bekommen,
+und nun berechnen Sie selber, welcher
+enorme Nutzen dem Fabrik<span class="wide">herrn</span> werden mu&szlig;,
+wenn die Sache nur ein klein Wenig in's Gro&szlig;e
+getrieben wird.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hm,&laquo; sagte der Baron, der aber doch nur
+einen fl&uuml;chtigen und zerstreuten Blick &uuml;ber das
+Papier warf, &raquo;und mit etwas Derartigem wollten
+Sie sich befassen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und warum denn nicht?&laquo; sagte die Frau
+Gr&auml;fin, indem sie einer leichten Verlegenheit
+Meister zu werden suchte. &raquo;Wir m&uuml;ssen in der
+That eine Art von Besch&auml;ftigung haben, wenn
+wir hier nicht vor Langerweile sterben sollen, und
+Helene sehnt sich so danach, ja selbst Oskar, der
+jetzt vor lauter Muthwillen gar nicht wei&szlig;, was
+er f&uuml;r Tollheiten angeben soll.&laquo;</p>
+
+<p>Der Baron Jeorgy war in der That Nichts
+weniger auf der Welt als ein praktischer Charakter,
+der auf einen gewissen &Uuml;berblick Anspruch
+machen konnte, um wirklich Ausf&uuml;hrbares von
+blo&szlig;en Chim&auml;ren zu unterscheiden. Hatte er aber
+schon zu viele bittere Erfahrungen mit &auml;hnlichen
+Projecten gehabt, oder war es ihm vollkommen
+unm&ouml;glich, sich die Comtesse Helene und den
+jungen wilden Grafen Oskar als ehrbare Cigarrenmacher
+zu denken, aber er sch&uuml;ttelte doch ganz
+ernsthaft und bedenklich mit dem Kopfe und sagte:</p>
+
+<p>&raquo;Aber, gn&auml;digste Frau Gr&auml;fin, haben Sie sich
+denn die Sache wirklich schon recht genau &uuml;berlegt,
+und vermuthen Sie, da&szlig; Sie einen, alle dem
+&Auml;rger und der Schererei entsprechenden Nutzen
+daraus ziehen k&ouml;nnten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mein lieber Baron,&laquo; erwiederte die Gr&auml;fin
+lebhaft, &raquo;das k&ouml;nnen Sie sich doch wohl denken,
+da&szlig; ich ein solches Unternehmen nicht entriren
+w&uuml;rde, wenn ich mich nicht vorher gr&uuml;ndlich damit
+bekannt gemacht. Helene brennt ordentlich
+darauf zu beginnen, und Oskar selber hat versichert,
+da&szlig; es ihm ungeheuren Spa&szlig; machen
+w&uuml;rde, selber Cigarren zu drehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So? In der That? Hm! Und haben die beiden
+jungen Herrschaften also darin schon einen
+Versuch gemacht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt schon &mdash; wo denken Sie hin?&laquo; lachte
+die Gr&auml;fin. &raquo;Das <span class="wide">selber</span> Cigarren machen mu&szlig;
+doch auch immer nur Nebenbesch&auml;ftigung bleiben,
+wenn es vielmehr darauf ankommt, eine gro&szlig;e
+Anzahl von Arbeitern zu &uuml;berwachen. Aber es
+ist n&ouml;thig, da&szlig; es Jeder von uns versteht, um etwa
+vorkommende Fehler andeuten und r&uuml;gen zu k&ouml;nnen,
+und deshalb wollen wir auch Alle ordentlich
+mit zugreifen.&laquo;</p>
+
+<p>Der Baron, die H&auml;nde auf den R&uuml;cken gelegt,
+nickte langsam und bed&auml;chtig mit dem Kopfe,
+und manchmal sch&uuml;ttelte er ihn auch ganz in Gedanken,
+aber er sagte kein Wort. Es entstand
+dadurch f&uuml;r die Gr&auml;fin eine etwas peinliche Pause,
+denn sie hatte erwartet, da&szlig; der Baron die Enth&uuml;llung
+dieses Planes mit mehr Enthusiasmus
+aufnehmen w&uuml;rde. Der Baron blieb aber vollkommen
+kalt, und schien nicht die geringste Lust zu
+haben auch nur eine Bemerkung zu machen.</p>
+
+<p>&raquo;Und was sagen Sie dazu?&laquo; unterbrach endlich
+die Gr&auml;fin das ihr l&auml;stig werdende Schweigen. &mdash;
+Der Baron zuckte die Achseln.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, lieber Gott, was <span class="wide">kann</span> ich dazu sagen?
+Ich verstehe nicht das Geringste von Tabak oder
+Cigarren, das ausgenommen, da&szlig; ich beim Rauchen
+eine gute von einer schlechten unterscheiden kann.
+Wenn Sie aber fest dazu entschlossen sind und das
+n&ouml;thige Capital dazu besitzen, so &mdash; wei&szlig; ich in der
+That nicht&hellip;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber <span class="wide">das</span> gerade hab' ich noch nicht,&laquo; unterbrach
+ihn die Gr&auml;fin etwas gereizt, &raquo;wenigstens nicht in
+diesem Augenblicke, und meine Ungeduld, die mich
+jeden neu gefa&szlig;ten Plan mit voller Energie ergreifen
+l&auml;&szlig;t, war die alleinige Veranlassung, da&szlig;
+ich <span class="wide">Ihnen</span> Gelegenheit gab, sich bei dem Unternehmen
+zu betheiligen. Sie zweifeln doch nicht
+etwa an dem Erfolg?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Beste Frau Gr&auml;fin,&laquo; betheuerte der Baron,
+der, stets voller R&uuml;cksichtsnahmen, schon vor der
+Idee eines Widerspruches zur&uuml;ckschreckte; &raquo;ich
+erlaube mir nicht im Geringsten daran zu zweifeln,
+und hoffe von ganzer Seele, da&szlig; Sie ein au&szlig;ergew&ouml;hnlich
+g&uuml;nstiges Resultat erzielen werden, aber&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber,&laquo; fuhr der Baron, sich verlegen die H&auml;nde
+reibend, fort, &mdash; &raquo;ich besitze kein Capital, um mich
+dabei zu betheiligen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie besitzen kein Capital?&laquo; sagte die Gr&auml;fin
+erstaunt.</p>
+
+<p>&raquo;Ich besitze allerdings ein kleines&laquo;, verbesserte
+sich der Baron, &raquo;was ich aus dem Verkaufe meiner
+Chagra und meines Viehes, besonders meiner
+Pferde, gel&ouml;st habe, aber ich brauche das nothwendig
+zu meinem unmittelbaren Leben, und
+wenn ich dasselbe angreife, bin ich am Ende gen&ouml;thigt,
+mir noch auf meine alten Tage mein
+Brod mit Handarbeit zu verdienen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und glauben Sie nicht, da&szlig; Sie das Drei-,
+ja, vielleicht Vierfache ihrer <span class="wide">jetzigen</span> Zinsen bei
+einem solchen Unternehmen herausschlagen k&ouml;nnten?&laquo;
+l&auml;chelte die Gr&auml;fin.</p>
+
+<p>Der Baron h&auml;tte um sein Leben gern &raquo;Nein&laquo;
+gesagt, aber er riskirte es nicht; die etwas hitzige
+Gr&auml;fin h&auml;tte sich beleidigt f&uuml;hlen k&ouml;nnen, und er
+erwiederte nur achselzuckend:</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin zu alt zur Speculation, meine Gn&auml;digste,
+und &mdash; au&szlig;erdem ist mir die Sache auch
+wirklich noch zu neu &mdash; zu fremd &mdash; es kam mir
+zu &uuml;berraschend. Gestatten Sie mir, da&szlig; ich mich
+vorher ein Wenig informire, und wir k&ouml;nnen ja
+dann sp&auml;ter mit Mu&szlig;e dar&uuml;ber sprechen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber die Zeit dr&auml;ngt, mein bester Baron,&laquo;
+versicherte die Gr&auml;fin; &raquo;ich habe die nicht unbegr&uuml;ndete
+Vermuthung, da&szlig; sich Andere mit einer
+&auml;hnlichen Idee tragen, und es ist in der That
+seltsam, da&szlig; ein solches auf der Hand liegendes
+Unternehmen nicht schon lange mit Begierde aufgegriffen
+ist. Was also geschehen soll, mu&szlig; rasch geschehen.
+Ich habe dabei von Anfang an auf Sie
+gerechnet, da ich Sie als alten, lieben Freund
+meines Hauses kannte, und ich hoffe nicht, da&szlig;
+Sie mich jetzt im Stiche lassen werden.&laquo;</p>
+
+<p>Dem Baron kam es allerdings etwas wunderlich
+vor, da&szlig; die Frau Gr&auml;fin gerade auf <span class="wide">ihn</span>
+von Anfang an gerechnet haben sollte, w&auml;hrend
+sie ihn erst im letzten entscheidenden Augenblicke
+davon in Kenntni&szlig; setzte. So gro&szlig; seine H&ouml;flichkeit
+aber auch sein mochte, der Trieb zur Selbsterhaltung
+war doch noch gr&ouml;&szlig;er, und mit viel
+mehr Entschiedenheit, als er bis jetzt gezeigt und
+&uuml;berhaupt der Gr&auml;fin gegen&uuml;ber f&uuml;r m&ouml;glich gehalten
+h&auml;tte, sagte er, indem er seine Tabaksdose
+in allen Taschen suchte:</p>
+
+<p>&raquo;Man soll eine Dame nie im Stiche lassen,
+meine Gn&auml;digste, aber &mdash; ich bitte tausendmal
+meiner Hartn&auml;ckigkeit wegen um Entschuldigung &mdash;
+ich mu&szlig; doch darauf bestehen, vor allen Dingen
+mir eine gr&ouml;&szlig;ere Kenntni&szlig; &uuml;ber den Betrieb dieser
+Angelegenheit zu verschaffen. Apropos &mdash;
+sollte sich der Director Sarno nicht am Ende bewogen
+finden, ein so gemeinn&uuml;tziges Unternehmen
+aus Regierungsmitteln zu f&ouml;rdern?&laquo;</p>
+
+<p>Ein ganz eigener Ausdruck von Zorn und
+Verachtung zuckte um die Lippen der Dame, als
+sie erwiederte:</p>
+
+<p>&raquo;Ja, wenn ihm Einer der Bauern den Vorschlag
+gemacht h&auml;tte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So haben Sie schon mit ihm dar&uuml;ber gesprochen?&laquo;
+rief der Baron, von dieser Wendung
+sichtlich &uuml;berrascht.</p>
+
+<p>Die Gr&auml;fin hatte sich in ihrem Unmuthe verleiten
+lassen, mehr zu sagen als sie eigentlich wollte.
+Was noch gut zu machen war, that sie.</p>
+
+<p>&raquo;F&auml;llt mir nicht ein,&laquo; sagte sie wegwerfend;
+&raquo;der Herr Director und ich stehen nicht auf einem
+so freundschaftlichen Fu&szlig;e zusammen, ihm eine
+solche Mittheilung zu machen, und ich werde mich
+h&uuml;ten, mit der brasilianischen Regierung etwas
+Derartiges zu beginnen, die mir vielleicht f&uuml;nfzehn
+oder zwanzig Procent f&uuml;r meine M&uuml;he lie&szlig;e.
+Doch Sie verlangen Zeit, mein lieber, &auml;ngstlicher
+Freund, und sein Sie versichert, da&szlig; ich Sie
+nicht dr&auml;ngen m&ouml;chte. &Uuml;berlegen Sie sich also
+die Sache, sagen Sie mir aber bis sp&auml;testens morgen
+fr&uuml;h Antwort, oder&laquo; &mdash; setzte sie hinzu, indem
+sie l&auml;chelnd mit dem Finger drohte &mdash; &raquo;ich halte
+mich an kein Versprechen mehr gebunden, und sehe
+mich nach einem andern Compagnon um.&laquo;</p>
+
+<p>Der Baron machte eine stumme, dankende
+Verbeugung, schien aber von dieser directen
+Drohung keineswegs so eingesch&uuml;chtert, wie es die
+Wichtigkeit der Sache h&auml;tte sollen vermuthen lassen.
+In diesem Augenblicke bekam er aber auch Succurs,
+denn ihr Gespr&auml;ch wurde durch jenes wunderliche
+Individuum, Jeremias, unterbrochen, der
+pl&ouml;tzlich in den Garten kam, ohne Weiteres auf
+die Frau Gr&auml;fin und den Baron zuging, und
+Beiden, ehe sie es verhindern konnten, auf das
+Cordialste die Hand sch&uuml;ttelte. Oskar, der Zeuge
+dieser Scene war, lag noch immer in der Laube
+auf der Bank und wollte sich jetzt aussch&uuml;tten vor
+Lachen.</p>
+
+<p>Oskar war auch in der That die eigentliche
+Ursache dieser pl&ouml;tzlichen Begr&uuml;&szlig;ung gewesen, denn
+w&auml;hrend er in der Laube seine Siesta hielt, da
+ihn die Projecte der Frau Mutter wenig interessirten,
+hatte er nur &uuml;ber seinen heutigen Verlust,
+den Pferdejungen, nachgedacht, der sich auf so
+grobe Weise empfohlen, und dabei hin und her
+&uuml;berlegt, wie er denselben wohl ersetzen k&ouml;nne.
+Da ging Jeremias, ebenfalls auf einem Sonntag-Nachmittag-Spaziergange
+begriffen, an der Laube
+vor&uuml;ber, und Oskar, der den sonderbaren Burschen
+schon kannte, und sich oft &uuml;ber ihn am&uuml;sirt hatte,
+glaubte in ihm einen passenden Ersatz gefunden
+zu haben und rief ihn auch ohne Weiteres an und
+herein.</p>
+
+<p>&raquo;Guten Tag, Frau Gr&auml;fin,&laquo; sagte Jeremias
+indessen, durch das etwas erstaunte Zur&uuml;ckfahren
+der Dame nicht im Mindesten beirrt &mdash; &raquo;sch&ouml;nen
+guten Tag, Herr Baron &mdash; pr&auml;chtiges Wetter
+heute &mdash; wie bei uns im Sommer &mdash; nur ein
+Bi&szlig;chen hei&szlig; &mdash; Herr Gott, wie man schwitzt!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und was wollen Sie?&laquo; fragte die Gr&auml;fin, wie
+in Gedanken die eben erfa&szlig;te Hand mit ihrem
+Batisttuche abwischend. Jeremias war das auch
+nicht entgangen; er betrachtete ebenfalls seine eigenen
+arbeitharten F&auml;uste, und sein Gesicht verzog
+sich zu einem breiten Grinsen. Aber er nahm
+weiter keine Notiz davon, sondern sagte nur, freundlich
+ihr zunickend:</p>
+
+<p>&raquo;Der junge Herr da hinten hat mich gerufen;
+will einmal zu ihm gehen und sehen, was er
+w&uuml;nscht &mdash; am&uuml;siren Sie sich gut&laquo; &mdash; und mit
+einer Art von Kratzfu&szlig; dr&uuml;ckte er den Hut wieder
+in die Stirn und wandte sich dorthin, wo Oskar
+schon wieder sein: &raquo;Jeremias, hieher!&laquo; her&uuml;ber
+rief.</p>
+
+<p>&raquo;Hat ihm schon,&laquo; antwortete Jeremias, als er
+in die Laube trat, sich ohne Weiteres auf die andere
+Bank setzte und vergn&uuml;gt mit den kurzen
+Beinen schlenkerte; &raquo;hier ist's h&uuml;bsch k&uuml;hl; wenn
+man jetzt hier ein Ma&szlig; baierisch Bier und einen
+Handk&auml;s h&auml;tte, k&ouml;nnte man's eine ganze lange
+Weile aushalten.&laquo;</p>
+
+<p>Oskar hatte sich das Benehmen eines k&uuml;nftigen
+Pferdejungen wahrscheinlich anders gedacht; mit
+den Sonderbarkeiten des Burschen aber schon bekannt,
+beachtete er es nicht weiter und fragte ohne
+Umschweife:</p>
+
+<p>&raquo;Willst Du Geld verdienen, Jeremias?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Immer,&laquo; lautete die kurze b&uuml;ndige Antwort.</p>
+
+<p>&raquo;Kannst Du Pferde warten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kann ich.&laquo; sagte Jeremias im Selbstvertrauen.</p>
+
+<p>&raquo;Und wie viel verlangst Du monatlich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hm,&laquo; meinte der Bursche, den brennend
+rothen Schopf kratzend, der sich jetzt, als er dazu
+den Hut abnahm, als eine alte, ziemlich abgetragene
+Perr&uuml;cke auswies, &raquo;je mehr, je besser &mdash;
+was lohnt's denn eigentlich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sechs Milreis.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und sonst noch was?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Stiefelputzen&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ne, so mein' ich's nicht,&laquo; sagte Jeremias,
+&raquo;ob noch sonst etwas bei den sechs Milreis w&auml;re,
+wie Schnaps, Fr&uuml;hst&uuml;ck, Trinkgeld oder dergleichen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn Du Dich gut h&auml;ltst, gewi&szlig;,&laquo; sagte der
+junge Graf.</p>
+
+<p>Jeremias schob beide H&auml;nde, so tief er sie
+bekommen konnte, in seine Hosentaschen und spitzte
+den Mund, als ob er ein Liedchen pfeifen wolle.
+Er pfiff aber nicht, sondern sah nur nachdenklich
+vor sich nieder. Endlich sagte er nach einer kleinen
+Pause, indem er die H&auml;nde wieder aus den Taschen
+nahm und seine Perr&uuml;cke zurecht schob:</p>
+
+<p>&raquo;Na, ich will Ihnen etwas sagen, junger Herr,
+wir wollen's einmal einen Monat zusammen versuchen,
+w&ouml;chentliche K&uuml;ndigung nat&uuml;rlich von
+beiden Theilen, wenn ich <span class="wide">Ihnen</span> nicht gefallen
+sollte oder Sie <span class="wide">mir</span> nicht &mdash; au&szlig;erdem gegenseitige
+Hochachtung und ein Milreis Handgeld &mdash; sind
+Sie das zufrieden?&laquo; &mdash; und er hielt dabei
+Oskar die Hand in so drolliger Weise zum Einschlagen
+hin, da&szlig; der junge Bursche, der bei Erw&auml;hnung
+des Milreis Handgeld einen Augenblick
+gestutzt hatte, lachend einschlug und ausrief:</p>
+
+<p>&raquo;Gut, Jeremias, so wollen wir es denn, wie
+Du sagst, einmal zusammen versuchen &mdash; hier ist
+Dein Milreis, und nun beginne Dein Gesch&auml;ft
+gleich damit, da&szlig; Du vor das Haus gehst und
+das dort stehende Pferd meiner Schwester hereinf&uuml;hrst
+und absattelst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Donnerwetter, das geht geschwind!&laquo; meinte
+Jeremias, &raquo;und eigentlich w&auml;re heute Sonntag.
+Das arme Thier kann aber auch nicht da drau&szlig;en
+stehen bleiben &mdash; also, junger Herr, wir sind jetzt
+f&uuml;r einen Monat mit einander zusammengegeben,
+wie der Pfarrer sagt.&laquo;</p>
+
+<p>Dabei nahm er das Milreisst&uuml;ck, betrachtete
+es einen Moment aufmerksam, schob es dann in
+die Tasche, machte eine kurze, nicht ungeschickte
+Verbeugung und verlie&szlig; rasch den Garten, um
+den &uuml;berkommenen ersten Auftrag auszuf&uuml;hren.</p>
+
+<p>Aber auch der Baron hatte diese kleine, ihm
+sehr gelegene Unterbrechung benutzt, dem ihm unangenehm
+werdenden Gespr&auml;che mit der Gr&auml;fin
+eine andere Wendung zu geben, und als jetzt
+auch die Comtesse zur&uuml;ckkehrte, die Vollrath aber
+nur bis an die Gartenth&uuml;r begleitete und sich dann
+empfahl, sch&uuml;tzte er pl&ouml;tzliches Kopfweh vor und
+beurlaubte sich ebenfalls mit der gewohnten F&ouml;rmlichkeit
+bei den Damen.</p>
+
+<p>Die Gr&auml;fin hatte indessen Vollrath ankommen
+und wieder gehen sehen, und wenn sich ihr Geist
+auch gerade mit ganz anderen Dingen besch&auml;ftigte,
+war ihr doch das auffallend bleiche und niedergedr&uuml;ckte
+Aussehen des jungen Mannes nicht entgangen.
+Sie warf einen forschenden Blick auf ihre
+Tochter, aber Helenens Antlitz, wenn ihre Augen
+auch einen ganz ungewohnten Glanz hatten, verrieth
+durch Nichts einen in ihr aufsteigenden,
+pl&ouml;tzlichen Verdacht. Nur, als das junge M&auml;dchen
+den Kopf abwandte &mdash; vielleicht um ihr
+Antlitz dem mi&szlig;trauischen Auge der Mutter zu
+entziehen &mdash; und sich dem Hause zuwandte, sagte die
+Dame leise:</p>
+
+<p>&raquo;Helene!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mutter?&laquo; fragte die Tochter und wandte sich
+halb nach ihr um.</p>
+
+<p>&raquo;Was ist denn mit Vollrath vorgegangen?
+Er hatte, als er Dich verlie&szlig;, keinen Blutstropfen
+in seinem Gesichte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wirklich nicht? Ich habe es nicht beachtet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und Du bist auch so sonderbar.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich, Mutter?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja &mdash; Du &mdash; Helene, ich will nicht hoffen,
+da&szlig; Du&hellip;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was, Mutter?&laquo; sagte Helene, und ihr Auge
+haftete kalt und ernst auf den strengen Z&uuml;gen
+derselben.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist gut, mein Kind,&laquo; sagte die Gr&auml;fin, die
+sie einen Moment aufmerksam betrachtet hatte.
+&raquo;Ich glaube, ich kann mich fest auf Dich verlassen,
+und Du bedarfst keiner W&auml;chterin.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich denke nicht, Mutter,&laquo; sagte Helene, indem
+ein leichtes zorniges Roth ihre Wangen
+f&auml;rbte. Dann wandte sie den Kopf wieder ab
+und schritt, ohne der Mutter Gelegenheit zu
+weiteren Fragen zu geben, rasch in das Haus
+hinein und hinauf in ihr Zimmer, wo sie sich
+einschlo&szlig; und an dem Abend nicht mehr zum Vorschein
+kam.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="narrow" />
+<h3><a name="kap_4" id="kap_4"></a>4.</h3>
+
+<h3>Die &raquo;Meierei&laquo;.</h3>
+
+<p>Dicht &uuml;ber der Colonie Santa Clara, wenn
+man in gerader Richtung eben h&auml;tte hinauf kommen
+k&ouml;nnen, aber durch einen ziemlich steilen Hang,
+an dem nicht einmal ein Fu&szlig;steig empor f&uuml;hrte,
+davon getrennt, lag die Wohnung des Colonisten
+Meier, den der Director gegen K&ouml;nnern
+den <span class="wide">Einsiedler</span> genannt hatte. Allerdings lief
+ein Fahrweg bis dicht an seine kleine, wenig bebaute
+Chagra, aber er wurde nicht h&auml;ufig benutzt,
+da er nur zu sehr entfernten Ansiedelungen f&uuml;hrte,
+und die Bewohner der &raquo;Meierei&laquo; &mdash; wie man
+den Platz scherzweise genannt hatte &mdash; kamen nie
+selber in die Colonie hinab. Insbesondere der
+Eigenth&uuml;mer, der alte Herr Meier, hielt sich so
+von der Welt abgeschlossen, da&szlig; es eine Menge
+&auml;lterer Ansiedler in Santa Clara gab, die sich gar
+nicht erinnerten, sein Gesicht je gesehen zu haben.</p>
+
+<p>Auffallend war dabei, da&szlig; er nie Briefe empfing
+oder schrieb, und doch mu&szlig;te er sich, seinem
+ganzen Wesen, allen seinen Gewohnheiten nach
+daheim in der besten Gesellschaft bewegt haben.
+Wie er aber sein kleines Haus dicht hinter den
+Schutz der B&auml;ume gebaut hatte, da&szlig; es lauschig
+und versteckt dort lag, weder gest&ouml;rt, noch selbst
+beachtet von der Au&szlig;enwelt, so hielt er sich selber
+und seine Familie dem regen Leben und Treiben
+fern, das unter ihm wogte &mdash; es nicht suchend
+und nicht von ihm gesucht.</p>
+
+<p>Er lebte dabei ganz seiner Familie, mit der
+er sich einzig und allein besch&auml;ftigte und in der
+er vollkommenen Ersatz f&uuml;r die &uuml;brige Welt zu
+finden schien. Im ersten Jahre freilich fehlte dem
+an Th&auml;tigkeit gewohnten Manne eine bestimmte
+und ausgesprochene Besch&auml;ftigung, und er gen&uuml;gte
+dem Drange nach Arbeit nur dadurch, da&szlig; er
+seinen eigenen Garten anlegte, umgrub und pflanzte.
+Das aber konnte ihn auf die L&auml;nge der Zeit nicht
+befriedigen, und da er manche Tischlerarbeiten in
+seinem Hause zu machen hatte, und einen jungen,
+sehr geschickten Arbeiter dazu fand, schaffte er sich
+selber Werkzeug an und lernte bald die verschiedenen
+Griffe und Vortheile dieses Handwerks.
+Dann kaufte er sich eine Drehbank, und nahm sich
+auch hief&uuml;r auf kurze Zeit einen Lehrer an. Au&szlig;erdem
+verstand er schon daheim ein Wenig von der Malerei,
+was er jetzt in seinen Mu&szlig;estunden noch weiter
+ausbildete. Eine recht h&uuml;bsche Bibliothek hatte er
+sich ebenfalls angeschafft, und da er bei allen
+diesen Besch&auml;ftigungen viel praktischen Verstand
+besa&szlig;, so richtete er sich in wenigen Jahren seine
+kleine Heimath so allerliebst und traulich her, da&szlig;
+jedes Zimmer einem Puppenst&uuml;bchen glich, ohne
+da&szlig; er dabei aber auch nur den geringsten Luxus
+getrieben h&auml;tte.</p>
+
+<p>Nach Au&szlig;en vermied er jedoch Alles, was nur
+im Geringsten die Aufmerksamkeit eines Fremden
+h&auml;tte auf sich ziehen k&ouml;nnen; er wollte nun einmal
+mit der Welt keinen Verkehr haben, und was ihn
+auch dazu bewogen haben konnte, auf die geschickteste
+Weise wich er jeder Ann&auml;herung fremder
+Menschen aus.</p>
+
+<p>Seine Familie bestand, wie schon erw&auml;hnt,
+nur aus seiner Frau und einer erwachsenen Tochter.
+Diese, Elise, hatte erst dreizehn Sommer gez&auml;hlt,
+als er, vor nun sieben Jahren, die damals kaum
+entstandene und noch ziemlich wilde Colonie erreichte,
+und wenn auch ein junges M&auml;dchen in
+diesem Alter wohl berechtigt ist, gr&ouml;&szlig;ere Anspr&uuml;che
+an das Leben zu stellen, w&auml;hrend sie hier &mdash; obgleich
+von allen Bequemlichkeiten umgeben &mdash; wie
+auf einer w&uuml;sten Insel sa&szlig;, so schien doch Elise
+das nie zu f&uuml;hlen oder irgend einen andern Wunsch
+zu kennen als den, die H&auml;uslichkeit ihrer Eltern
+eben zu theilen, wie sie war. Auch auf ihren
+Charakter hatte das stille, abgeschlossene Leben
+nicht den geringsten nachtheiligen Einflu&szlig; ausge&uuml;bt.
+Sie war immer heiter und guter Laune
+und eigentlich das einzige sonnige Element im
+Hause.</p>
+
+<p>Wenn auch ihre Eltern selbst gl&uuml;cklich mit einander
+lebten, und nie ein hartes oder auch nur
+unfreundliches Wort zwischen ihnen vorfiel, so lag
+doch auf des Vaters Stirn nur zu oft ein tief
+eingeschnittener Zug von Schwermuth, den wegzuscheuchen
+nur allein der Tochter, nie der
+Mutter gelang.</p>
+
+<p>Noth oder Sorge um den Lebensunterhalt
+konnte das nicht sein, denn Meier war, wenn
+auch vielleicht nicht reich, doch keineswegs ohne
+die Mittel, sich eine sichere Existenz zu wahren.
+Konnte es Heimweh sein &mdash; vielleicht, aber Niemand
+erfuhr das, Niemand h&ouml;rte je eine Klage,
+wie er etwaigen Fremden, mit denen er trotz aller
+Vorsicht gelegentlich zusammentraf, wenn er nur
+die Sch&uuml;chternheit der ersten Begegnung &uuml;berwunden
+hatte, auch stets das n&auml;mliche freundliche
+L&auml;cheln zeigte. Es lag dabei etwas in seinem
+ganzen Wesen, das rasch f&uuml;r ihn einnahm, wenn
+man nur kurze Zeit in seiner N&auml;he weilte. War
+es das lange, schlichte, schneewei&szlig;e Haar, das er
+mitten auf dem Kopfe gescheitelt trug, und das
+sonderbarer Weise erst hier in Brasilien diese Farbe
+des Alters, und zwar gleich im ersten Jahre, angenommen
+hatte, war es der leichte, leidende Zug
+um den Mund, den selbst das L&auml;cheln der feingeschnittenen
+Lippen nicht ganz zerst&ouml;ren konnte,
+war es sein mildes, nachgebendes Wesen, man
+wu&szlig;te es selber nicht, aber konnte dem Manne,
+trotz seiner Eigenheiten, nie b&ouml;se sein.</p>
+
+<p>Nicht ganz den freundlichen Eindruck machte
+seine Gattin, obgleich man auch ihr auf den ersten
+Blick ansah, da&szlig; sie sich stets in guter Gesellschaft
+bewegt habe. Sie hatte das Kalte, Zur&uuml;ckhaltende
+ihres Mannes, ohne dessen milde Freundlichkeit,
+und der mi&szlig;trauische Blick ihres kleinen,
+grauen Auges, mit dem sie jeden Fremden, ja,
+selbst Leute, die sie lange als Nachbarn kannte,
+betrachtete, munterte eben nicht zu einem freundlichen
+Zusammenleben mit ihr auf. &Uuml;brigens
+war sie eine noch recht h&uuml;bsche, stattliche Frau,
+von vielleicht sieben- oder achtunddrei&szlig;ig Jahren,
+und die einzige Meinungsverschiedenheit, welche
+je zwischen ihr und ihrem Gatten auftauchte, war
+die, da&szlig; sie sich mehr dem geselligen Leben der
+Colonie hinzugeben w&uuml;nschte.</p>
+
+<p>So nachgebend dieser aber auch in jeder andern
+Beziehung sein mochte, an dieser Klippe
+scheiterte selbst jede Bitte von Frau und Tochter.
+Was ihnen das eigene Haus an Bequemlichkeit,
+ja, selbst hier und da an einem versteckten Luxus
+bieten konnte, dazu reichte er mit Freuden die
+Hand und erf&uuml;llte selbst jeden nur geahnten Wunsch;
+aber &uuml;ber die Gr&auml;nze seines kleinen Besitzthums
+ging er nicht hinaus, und sogar das zuf&auml;llige
+Lichten der Pflanzenmauer, die seinen kleinen
+Klosterhof umschlo&szlig; und, durch den Sturm niedergebrochen,
+sein Haus der Aussicht &ouml;ffnete, schien
+ihn zu geniren und zu st&ouml;ren. Er vers&auml;umte wenigstens
+keine Stunde am n&auml;chsten Morgen, die
+zerrissene L&uuml;cke durch eine Anpflanzung anderer
+junger Palmen und B&uuml;sche zu ersetzen, die freilich
+jetzt Zeit brauchten, bis sie die n&ouml;thige H&ouml;he wieder
+erreichten, aber doch wenigstens den untern Theil
+des Hauses deckten.</p>
+
+<p>Es war an dem n&auml;mlichen Sonntagnachmittage,
+da&szlig; drei Reiter den schmalen Weg heraufritten,
+der zu der sogenannten &raquo;Meierei&laquo; f&uuml;hrte,
+der Director Sarno mit den beiden Freunden
+K&ouml;nnern und G&uuml;nther; und erst, als sie in die
+N&auml;he des kleinen, freundlich gelegenen Hauses
+kamen, hielt der Director sein Pferd an und sagte,
+mit dem Arme in eine fr&uuml;her gehauene Schneu&szlig;e
+hinein deutend:</p>
+
+<p>&raquo;Sehen Sie, Herr von Schwartzau, dies ist
+die zweite, alte Linie, die damals von jenem
+St&uuml;mper ausgeschlagen wurde. Wenn Sie nur
+Ihren Taschencompa&szlig; herausnehmen, sehen Sie
+schon welchen Bock jener gescheute Herr geschossen,
+der es m&ouml;glich machte, die Variation auf die verkehrte
+Seite vom Pol zu legen. Die ganze Vermessung
+ist dadurch vollkommen werthlos geworden
+und mu&szlig; neu gemacht werden. Die n&auml;chst gelegenen
+sechs Kolonien geh&ouml;ren aber jenem Herrn
+in dem Hause da dr&uuml;ben, der sich einen ziemlich
+bedeutenden Landstrich hier erworben, nur um,
+wie es scheint, keinen nahen Nachbar zu bekommen,
+denn was er selber bis jetzt urbar gemacht, ist
+sehr unbedeutend. Jedenfalls m&uuml;ssen wir aber
+dessen Gr&auml;nzen mit bestimmen, damit wir wissen
+wo das noch freie Land beginnt, und ich m&ouml;chte
+<span class="wide">diesen</span> District, wie jenen s&uuml;dlich von der Ansiedlung,
+am Liebsten zuerst in Angriff genommen
+haben. Diesen hier nehmen Sie also vielleicht
+gleich morgen vor, denn von hier aus streckt sich
+eine ziemlich ausgedehnte Hochebene mit nur leiser
+Steigung dem n&auml;chsten Bergr&uuml;cken zu, und Sie
+k&ouml;nnen hier eine t&uuml;chtige Anzahl Varas den Tag
+ablegen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und ist der Wald sehr dicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht &uuml;berm&auml;&szlig;ig. Ich will Ihnen Ihr Amt
+auch nicht zu schwer machen und einen zu breiten
+Ausschlag verlangen, gr&uuml;ndlich <span class="wide">m&uuml;ssen</span> die Linien
+aber gelegt und die B&auml;ume besonders so markirt
+werden, da&szlig; die hiesige Vegetation nicht die Spuren
+in ein paar Jahren wieder verw&auml;chst und vernichtet
+&mdash; wir sprechen dar&uuml;ber noch heute Abend,
+ob wir Theer mit Buchstaben von wei&szlig;er &Ouml;lfarbe
+oder vielleicht gar Blechplatten nehmen, was freilich
+bedeutend mehr Kosten macht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wie viel Leute glauben Sie, da&szlig; ich mit
+mir nehmen soll?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kommen Sie, wir reiten einmal ein kurzes
+St&uuml;ck in den Wald hinein, der sich dort hin&uuml;ber
+ziemlich gleich bleibt,&laquo; erwiederte der Director,
+&raquo;Sie k&ouml;nnen es dann selber leicht beurtheilen.
+Sparen Sie lieber nicht mit den Leuten, wenn
+Sie dadurch rascher vorw&auml;rts r&uuml;cken, denn Sie
+vermessen ja daf&uuml;r auch so viel mehr, und ich
+garantire Ihnen, da&szlig; Sie hier, um nur das <span class="wide">Nothwendigste</span>
+fertig zu bringen, drei volle Monate
+scharfe Arbeit haben. Je mehr wir aber in der
+m&ouml;glichst kurzen Zeit beenden, desto besser ist es;
+denn wenn uns die neuen Ansiedler erst noch auf
+den Hals kommen, und ich wei&szlig; nicht wo ich sie
+unterbringen soll &mdash; dann ist es mit dem Frieden
+hier vorbei.&laquo;</p>
+
+<p>Mit diesen Worten wandte er sein Pferd und
+ritt in einen schmalen Seitenpfad, von G&uuml;nther
+gefolgt, hinein, w&auml;hrend K&ouml;nnern noch in dem
+breiten Wege hielt und sich Meier's stille und
+trauliche Heimath betrachtete. Es lag ein ganz
+eigener Zauber &uuml;ber dem Platze, dem die hier
+vollkommen tropische Vegetation durch angepflanzte
+Palmen, Farren und die wunderliche Baumform
+der Pinien einen noch viel gr&ouml;&szlig;eren Reiz verlieh.</p>
+
+<p>Gern w&auml;re er auch einmal zu dem Hause
+hin&uuml;ber geritten, die Insassen desselben kennen zu
+lernen, denn da&szlig; der Alte so vollkommen menschenscheu
+sein sollte, glaubte er noch nicht recht. Aber
+er durfte seine Gesellschaft nicht zu weit aus den
+Augen verlieren, und der Director wie Schwartzau
+waren viel zu sehr in ihr &raquo;Terrain&laquo; vertieft, um
+sich in diesem Augenblicke um etwas Anderes zu
+k&uuml;mmern, als Nord und S&uuml;d und Ecken und
+Fronten. G&uuml;nther hatte dazu seinen kleinen Compa&szlig;
+herausgenommen und visirte damit, als sie
+den Pfad entlang ritten, dicht an einer viel interessanteren
+Front vor&uuml;ber, wie sie die bestgelegene
+Colonie h&auml;tte bieten k&ouml;nnen, ohne sie auch nur
+zu sehen, n&auml;mlich an einem reizenden jungen
+M&auml;dchen, das, vielleicht sechs Schritte von dem
+Pfade entfernt, mit einem Buche in der Hand
+unter einer halb nat&uuml;rlichen, halb durch Kunst
+hergestellten Laube sa&szlig;, und ohne sich zu r&uuml;hren,
+die vorbeireitenden und in tiefem Gespr&auml;che begriffenen
+M&auml;nner beobachtete.</p>
+
+<p>Sie w&uuml;rde sich in der That lieber ganz zur&uuml;ckgezogen
+haben, h&auml;tte sie nicht gef&uuml;rchtet durch eine
+Bewegung ihre Gegenwart zu verrathen. Jetzt
+erst, als sie vor&uuml;ber und schon halb von den
+B&uuml;schen verdeckt waren, richtete sie sich empor und
+drehte den Kopf um, ihnen nachzusehen.</p>
+
+<p>In diesem Augenblicke passirte K&ouml;nnern die
+versteckte Laube. Mit keinem solchen Interesse an
+der Vermessung des Bodens, und in der alten
+Gewohnheit des J&auml;gers, das Auge jedem sich regenden
+Punkte rasch zuzuwenden, entdeckte er kaum
+die liebliche, jetzt verlegen err&ouml;thende Gestalt, als
+er auch unwillk&uuml;rlich sein Pferd anhielt und
+achtungsvoll die Jungfrau gr&uuml;&szlig;te.</p>
+
+<p>War aber f&uuml;r ihn nicht die geringste Veranlassung
+gewesen, hier zu halten, so besa&szlig; er entweder
+in dem Momente nicht Geistesgegenwart
+genug, seinem Thiere wieder rasch den Sporn zu
+geben, oder die freundliche Erscheinung fesselte ihn
+so, da&szlig; er sich nicht gleich wieder losrei&szlig;en konnte
+und wollte, und nur, um sich aus einer peinlich
+werdenden Situation zu bringen, sagte er verlegen:</p>
+
+<p>&raquo;Ich mu&szlig; tausendmal um Entschuldigung
+bitten Sie gest&ouml;rt zu haben, Senhora, aber ich
+vermuthete hier in der That Niemanden, mitten
+im Walde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben mich nicht gest&ouml;rt,&laquo; erwiederte
+Elise mit ihrem gewinnenden L&auml;cheln, denn die
+Verlegenheit des jungen Fremden war ihr keineswegs
+entgangen; &raquo;ich f&uuml;rchte nur, da&szlig; Ihre vorangerittenen
+Freunde den Weg verfehlt haben, denn
+dieser Pfad f&uuml;hrt allein wenige Hundert Schritte
+in den Wald hinein und endet dann in einem
+verworrenen, von Schlingpflanzen durchwachsenen
+Dickicht, durch das sie mit ihren Pferden nicht
+dringen k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Also m&uuml;ssen sie wieder diesen Weg zur&uuml;ck?&laquo;
+fragte K&ouml;nnern, sichtlich dar&uuml;ber erfreut, denn er
+bekam dadurch eine Entschuldigung, sie hier zu
+erwarten.</p>
+
+<p>&raquo;Allerdings,&laquo; erwiederte das M&auml;dchen &mdash;
+&raquo;wollen Sie denn zur Colonie hinunter?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn Sie das kleine St&auml;dtchen meinen, nein.
+Wir kommen eben daher und sind nur auf einem
+Spazierritte, auf dem die beiden Herren da vorn
+das Terrain recognosciren, um n&ouml;thige Vermessungen
+vorzunehmen.&laquo;</p>
+
+<p>Die Jungfrau, welche, als sie der Fremde
+anredete, aufgestanden war, verbeugte sich leicht
+und schwieg, und K&ouml;nnern, der nicht den geringsten
+Anhaltspunkt sah, das Gespr&auml;ch in schicklicher
+Weise fortzusetzen, gr&uuml;&szlig;te noch viel verlegener als
+vorher und folgte jetzt den beiden Freunden, die
+er gleich darauf an der von Elisen angedeuteten
+Stelle &uuml;berholte.</p>
+
+<p>Es war das der n&auml;mliche Platz, wo der Director
+damals die verkehrten Arbeiten des von
+der Frau Pr&auml;sidentin her&uuml;bergeschickten Vermessers
+unterbrochen hatte, und alle Drei wandten nun
+ihre Thiere, um auf den breiteren Weg zur&uuml;ckzukehren.</p>
+
+<p>Als sie die Laube passirten, warf K&ouml;nnern
+freilich den Blick hin&uuml;ber, um nach der freundlichen
+Gestalt zu suchen; aber wie eine Erscheinung war
+sie verschwunden, und nur auf der Bank, auf
+welcher sie gesessen hatte, lagen ein paar Blumen,
+die sie wahrscheinlich mit heraufgenommen und in
+der Eile ihres R&uuml;ckzuges auf dem Sitze gelassen
+hatte.</p>
+
+<p>K&ouml;nnern, der jetzt voranritt, hatte die Bl&uuml;then
+augenblicklich bemerkt, und ehe er sich selber &uuml;ber
+das was er that Rechenschaft geben konnte, hielt
+er an, stieg vom Pferde und schnallte seinen Sattelgurt
+ein Loch empor. Dadurch gab er seinen
+Begleitern Zeit an ihm vor&uuml;ber zu reiten, und
+als er sie voraus sah, trat er rasch in die Laube,
+nahm die Blumen, legte sie in sein Taschenbuch,
+stieg dann wieder auf und folgte, ohne sich umzusehen,
+den Vorausgerittenen. &mdash; Und doch hatte
+ihn dieses Mal sein sonst so scharfes Auge im
+Stiche gelassen, denn hinter einem kleinen Dickicht
+der hier gerade sehr &uuml;ppig wachsenden Flachs- oder
+Tucung-Pflanze, hinter die sich Elise zur&uuml;ckgezogen,
+um die Fremden erst vor&uuml;ber zu lassen, hatten ein
+Paar l&auml;chelnde Augen seinen unschuldigen Raub
+beobachtet und folgten ihm, bis sich der Wald
+wieder hinter ihm schlo&szlig;.</p>
+
+<p>K&ouml;nnern &uuml;berholte seine Begleiter dicht am
+Hause des menschenscheuen Meier, der aber durch
+einen geschickt gef&auml;llten Baum die Passage so gelegt
+hatte, da&szlig; sie nicht unmittelbar an seinem
+Garten vor&uuml;berf&uuml;hrte, sondern diesen durch sorgf&auml;ltig
+gepflegte B&uuml;sche vollst&auml;ndig verdeckt hielt.</p>
+
+<p>&raquo;Hier wohnt der sonderbare Kauz,&laquo; sagte der
+Director, mit der Hand in das Dickicht zeigend,
+durch welches das Dach nur undeutlich herausschimmerte.
+&raquo;Wenn mit dem Manne nur irgend
+ein Umgang w&auml;re, wollte ich vorschlagen da&szlig; wir
+anhielten und ihm wenigstens guten Tag sagten.
+Schade um das allerliebste M&auml;dchen, das der alte
+Brummb&auml;r hier wie eine Nonne gefangen h&auml;lt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Eine Br&uuml;nette?&laquo; fragte K&ouml;nnern.</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; erwiederte der Director; &raquo;aber wie, zum
+Teufel, haben <span class="wide">Sie</span> das schon ausgefunden? Sie
+sind doch, so viel ich wei&szlig;, zum ersten Male in
+der Colonie.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;H&auml;tten es die Herren nicht gerade so gemacht
+wie der vorige Landvermesser,&laquo; lachte K&ouml;nnern,
+&raquo;und die Variation auf der verkehrten Seite der
+Nadel gesucht, so w&uuml;rden Sie, nur ein paar
+Striche aus dem Cours, eine allerliebste junge
+Dame im Walde gesehen haben, die sich da drau&szlig;en
+mit irgend einer Lect&uuml;re die Zeit vertrieb.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und davon haben Sie uns kein Wort gesagt?&laquo;
+rief G&uuml;nther.</p>
+
+<p>&raquo;Ich durfte Sie doch nicht st&ouml;ren,&laquo; l&auml;chelte
+der junge Mann; &raquo;&uuml;brigens glaubte ich auch, da&szlig;
+wir sie auf dem Wege hierher &uuml;berholen w&uuml;rden;
+sie mu&szlig; sich aber auch sehr geeilt haben, um uns
+voraus zu kommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Merkw&uuml;rdige Leute,&laquo; meinte der Director
+kopfsch&uuml;ttelnd; &raquo;aber jedenfalls werden Sie mit
+dem Alten bekannt werden, Schwartzau, denn Sie
+m&uuml;ssen ihn aufsuchen, wenn Sie auf seinem Lande
+die Vermessung beginnen, damit er dabei ist und
+die Gr&auml;nzen kennen lernt. Er wird es sich auch
+wahrscheinlich nicht nehmen lassen, die Eckb&auml;ume
+selber dauernd zu bezeichnen, und das erspart Ihnen
+gleich eine Arbeit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann begleite ich Sie,&laquo; sagte K&ouml;nnern, &raquo;ich
+interessire mich f&uuml;r alle Originale.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Besonders wenn es Br&uuml;netten sind, wie mir
+scheint,&laquo; lachte der Director; &raquo;Sie m&ouml;gen aber
+immerhin in diese Gegend einen kleinen Jagdzug
+machen, denn wenn Sie der dichte Wald nicht
+st&ouml;rt, finden Sie doch wohl hier und da ein St&uuml;ck
+Roth- oder Schwarzwild, oder vielleicht gar einen
+Tapir, die hier zuweilen ebenfalls vorkommen.
+Jetzt aber, meine Herren, d&uuml;rfen wir unsere Zeit
+nicht l&auml;nger vergeuden, wenn wir den andern
+Strich ebenfalls besuchen wollen. Sobald wir
+weiter oben die ordentliche Stra&szlig;e erreicht haben,
+k&ouml;nnen wir auch unsere Thiere besser ausgreifen
+lassen&laquo; &mdash; und dem seinigen die Sporen gebend,
+trabte er, so rasch es ihm der noch ziemlich unebene
+Boden gestattete, auf dem schmalen Wege hin in
+den Wald hinein.</p>
+
+<p>So wenig <span class="wide">sie</span> aber dabei von den Einwohnern
+des Platzes gesehen hatten, so waren sie doch nicht
+eben so unbeachtet daran vor&uuml;bergeritten, denn der
+Eigenth&uuml;mer des Hauses schien sich f&uuml;r alle Fremden
+lebhaft zu interessiren, wenn er auch nicht
+mit ihnen in pers&ouml;nliche Ber&uuml;hrung kommen
+wollte.</p>
+
+<p>Zu diesem Zwecke hatte er sich eine ordentliche
+kleine Warte gebaut, in welche die eine Ecke seines
+Gartens, ohne von Au&szlig;en bemerkbar zu sein, auslief.
+Das war zugleich ein Lieblingsplatz geworden,
+wenn er keine andere Arbeit vorhatte, und er
+las oder schrieb gerade dort am Liebsten, da er sich
+hier vollkommen ungest&ouml;rt wu&szlig;te.</p>
+
+<p>Das letzte Gespr&auml;ch der M&auml;nner war gerade
+vor diesem Ausguck gehalten, und Meier, der mit
+einem Buche in der Hand in seiner Laube sa&szlig;,
+dadurch auf die Fremden aufmerksam geworden.
+So lange sie da drau&szlig;en hielten, lauschte er auch
+ihrem Gespr&auml;che, und erst, als sie ihren Weg fortgesetzt,
+nahm er sein Buch wieder auf. Aber er
+schien keine rechte Lust zum Lesen zu haben, denn
+er legte das Buch nach einiger Zeit wieder hin,
+ging eine Weile mit auf den R&uuml;cken gelegten
+H&auml;nden und gesenktem Haupte in seiner Laube
+auf und ab, seufzte ein paar Mal recht tief auf
+und schritt dann langsam zu seiner Wohnung und
+in das Zimmer seiner Frau, die, mit einer Arbeit
+besch&auml;ftigt, am Fenster sa&szlig;.</p>
+
+<p>Sein Blick suchte Elisen, aber sie war nicht
+im Zimmer, und erst nach einer Weile kam sie
+durch die kleine Gartenpforte, die hinaus in den
+Wald f&uuml;hrte, herein und zu der Mutter, wo sie
+Hut und Buch ablegte und sich still an das dort
+stehende Instrument setzen wollte.</p>
+
+<p>&raquo;Du warst im Walde, Lieschen?&laquo; fragte der
+Vater.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, Papa.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und bist dort Fremden begegnet?&laquo;</p>
+
+<p>Das junge M&auml;dchen sah rasch und erstaunt
+zu ihm auf, err&ouml;thete auch leicht, sagte dann aber
+l&auml;chelnd:</p>
+
+<p>&raquo;Woher wei&szlig;t Du das schon, Papa?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und hast Du nicht den n&auml;mlichen Spaziergang
+hier im Garten?&laquo; fuhr der Vater fort, ohne
+ihre Frage zu beantworten; &raquo;ich habe Dich schon
+so oft gebeten, nicht dort hinaus zu gehen, wenigstens
+nicht an Sonntagen, wo das m&uuml;ssige Volk
+aus der Ansiedelung nur immer in der Nachbarschaft
+umherschw&auml;rmt!&laquo;</p>
+
+<p>Die Mutter hatte bei Beginn des Gespr&auml;ches
+ihre Arbeit in den Schoo&szlig; sinken lassen, und ihre
+Miene verfinsterte sich mehr und mehr. Jetzt
+aber nahm sie f&uuml;r die Tochter die Antwort auf
+und sagte:</p>
+
+<p>&raquo;Und willst Du sie nicht lieber ganz in ein
+Kloster sperren? Das w&auml;re doch jedenfalls das
+Einfachste, damit sie wenigstens gar kein Mensch
+mehr zu sehen bek&auml;me &mdash; nicht einmal einer der
+am Sonntag herumlaufenden Bauern.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber, Bertha!&laquo; sagte Herr Meier, erstaunt
+zu seiner Frau aufsehend.</p>
+
+<p>&raquo;Ach was,&laquo; erwiederte diese, &raquo;was zu arg ist,
+ist zu arg! Das M&auml;del ist jetzt zwanzig Jahr alt
+geworden und wird versteckt gehalten, als ob wir
+uns sch&auml;men m&uuml;&szlig;ten, das junge Blut der Welt
+zu zeigen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber, Bertha, Du wei&szlig;t doch&hellip;.&laquo; sagte der
+Mann vorwurfsvoll.</p>
+
+<p>&raquo;Ach, ich wei&szlig; Alles!&laquo; erwiederte die Frau;
+&raquo;aber man kann eine Sache auch &uuml;bertreiben, und
+ich bin nicht im Stande, das noch l&auml;nger so ruhig
+mit anzusehen. Hier in diesem abgelegenen Winkel
+der Welt hast Du doch wahrhaftig nicht zu&hellip;.&laquo;
+Sie unterbrach sich rasch und nahm &auml;rgerlich ihre
+Arbeit wieder auf, die sie jedoch unschl&uuml;ssig in
+der Hand behielt, w&auml;hrend Elise freundlich sagte:</p>
+
+<p>&raquo;La&szlig; sein, M&uuml;tterchen; wenn dem Vater damit
+ein Gefallen geschieht, kann ich ja auch den kleinen
+Spaziergang recht gut entbehren. Er hat Recht,
+es ist hier im Garten wirklich eben so h&uuml;bsch wie
+da drau&szlig;en, und ich kann mir hier die n&auml;mliche
+Bewegung machen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach, das verstehst Du nicht!&laquo; fuhr die einmal
+gereizte Frau fort; &raquo;ich hab's jetzt auch selber
+satt. Sieben Jahre sitzen wir nun hier, wie die
+Gefangenen zwischen B&uuml;sche und B&auml;ume eingeklemmt,
+w&auml;hrend die Ansiedler da unten sich ihres
+Lebens freuen und nur ihr fr&ouml;hlicher L&auml;rm manchmal
+zu uns her&uuml;bert&ouml;nt; sieben Jahre lang haben
+wir ein Leben gef&uuml;hrt, da&szlig; es einen Stein erbarmen
+m&ouml;chte, und ich sehe keinen Grund, weshalb
+wir uns jetzt noch l&auml;nger wie Einsiedler in
+unsere Klause vergraben sollen. Ich wei&szlig; Alles,
+was Du mir dagegen einwenden k&ouml;nntest, Franz,&laquo;
+sagte sie, einem Blicke ihres Mannes begegnend,
+&raquo;ich habe mir Alles zehnmal, hundertmal &uuml;berlegt,
+aber ich selber halte es nicht l&auml;nger aus.
+Ich <span class="wide">will</span> frei sein oder ich lasse mich lieber gleich
+ordentlich begraben und einen Stein mit Namen
+und Jahreszahl oben darauf setzen. Nachher wei&szlig;
+ich es einmal nicht anders und brauche doch hier
+wenigstens nicht eine Ewigkeit allein zu sitzen und
+meinen eigenen Gedanken nachzuh&auml;ngen, &uuml;ber die
+man am Ende gar noch wahnsinnig werden k&ouml;nnte.&laquo;</p>
+
+<p>Ihr Gatte antwortete nicht. Er hatte sich
+gegen den Tisch gewandt, dort den Kopf auf den
+Arm gest&uuml;tzt und barg das Gesicht in der linken
+Hand. Endlich hob ein schwerer Seufzer seine
+Brust, und Elise, zu dem Vater tretend, schlang
+ihren Arm um seine Schulter, lehnte ihre Stirn
+auf sein Haupt und sagte freundlich:</p>
+
+<p>&raquo;Sei nicht traurig, Papa &mdash; Mutter meint
+es ja nicht so b&ouml;se. Dir ist nun einmal Deine
+Einsamkeit so lieb geworden, da&szlig; Du jede St&ouml;rung
+darin f&uuml;rchtest und Dich immer mehr in
+Dich selber zur&uuml;ckziehst. Versuch' es einmal drau&szlig;en
+unter den Menschen, vielleicht gef&auml;llt Dir's selber
+bei ihnen, denn <span class="wide">gl&uuml;cklich</span> f&uuml;hlst Du Dich ja
+hier in Deiner Einsamkeit auch nicht immer, in
+der ich Dich oft schon in recht trauriger und niedergeschlagener
+Stimmung &uuml;berrascht habe. &mdash;
+Geh' wieder zwischen die Leute &mdash; verkehre mit
+ihnen und lasse sie mit Dir verkehren, und wenn
+weiter Nichts, bekommst Du doch dadurch Zerstreuung,
+und hast f&uuml;r stille Stunden, in denen
+Du das Bed&uuml;rfni&szlig; f&uuml;hlst allein zu sein, ja immer
+Dein trauliches Pl&auml;tzchen hier oben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;La&szlig; ihn gehen,&laquo; sagte die Frau unmuthig;
+&raquo;was liegt ihm an uns &mdash; an Dir oder an mir,
+wenn er sich selber nur eine Grille in den Kopf
+gesetzt hat, der er nachh&auml;ngt, seines eigenen Vergn&uuml;gens
+halber.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und das sagst <span class="wide">Du</span> mir, Bertha?&laquo; fragte der
+Mann, erstaunt zu ihr aufsehend; &raquo;dessen klagst
+Du mich an?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nur eine Grille ist's, weiter Nichts,&laquo; erwiederte
+die Frau, ohne die Frage direct zu beantworten,
+&raquo;eine fixe Idee, die Du Dir in den Kopf
+gesetzt hast, und womit Du Dich und uns elend
+machst. So viel Verstand habe ich aber auch,
+da&szlig; ich einsehe, wie Du uns Alle ganz vergebens
+qu&auml;lst, und kurz und gut, ein Leben wie das hier
+halte ich nicht l&auml;nger aus, mag nun auch daraus
+werden was da will.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was da will,&laquo; wiederholte leise und mit
+einem Seufzer der Mann, stand dann auf und
+verlie&szlig; langsam das Zimmer.</p>
+
+<p>&raquo;Zanke nicht mit dem Vater, liebe Mutter,&laquo;
+bat Elise, als er die Th&uuml;r hinter sich in's Schlo&szlig;
+gedr&uuml;ckt hatte, &raquo;er ist so schon traurig genug, und
+das dr&uuml;ckt ihn nachher nur noch immer mehr
+nieder.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach was,&laquo; erwiederte m&uuml;rrisch die Frau, &raquo;ich
+habe das langweilige Leben endlich satt, und mehr
+noch Deinet- als meinetwegen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber ich sehne mich ja gar nicht hinaus,
+M&uuml;tterchen, ich verlange es ja gar nicht besser,
+als ich es bei Euch habe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil Du es eben nicht besser kennst und nach
+und nach hier eintrocknen wirst wie eine Blume
+zwischen L&ouml;schpapier,&laquo; lautete die Antwort. &raquo;Du
+bist ein junges M&auml;del und mu&szlig;t hinaus in die
+Welt, das ist Dir Dein Vater, das bin ich Dir
+schuldig, und wenn Du Nichts von der Welt verstehst,
+so bin ich daf&uuml;r da, da&szlig; ich Deine Anspr&uuml;che vertreten
+mu&szlig;, oder Du h&auml;ttest ein Recht, mir sp&auml;ter
+einmal die bittersten Vorw&uuml;rfe dar&uuml;ber zu machen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber der Vater&hellip;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist ein Tr&auml;umer, der &uuml;berall Gespenster sieht,
+weiter Nichts, und der sich jetzt die Fenster verh&auml;ngt
+und immer nur Nacht um sich haben will.
+Kommt erst einmal der wirkliche Sonnenschein
+zu ihm herein, so wird er auch einsehen da&szlig; er
+nur getr&auml;umt hat. Da&szlig; Du ihm dabei noch das
+Wort redest, ist das Albernste was Du thun
+kannst, und ich h&auml;tte von Dir gerade das Gegentheil
+erwartet. &mdash; Du bist alt genug, Elise, da&szlig;
+Du auch an eine Heirath denken kannst, und wen
+sollst Du denn hier in unserm Garten kennen
+lernen, wer kann Dich hier finden, wo Dich Dein
+Vater sogar vor ein paar m&uuml;ssigen Spazierg&auml;ngern
+verstecken will?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber, liebe Mutter,&laquo; sagte Elise mit tiefem
+Err&ouml;then, denn sie mu&szlig;te sonderbarer Weise gerade
+in diesem Augenblicke an den jungen Fremden
+im Walde und an seinen Blumendiebstahl
+denken, &raquo;das hat denn doch wohl noch lange,
+lange Zeit, und wenn der Vater&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach was,&laquo; unterbrach sie die Mutter, &raquo;Du
+redest wie der Blinde von den Farben &mdash; Du
+bist zwanzig Jahr alt, Liese, und wenn wir die
+n&auml;chsten sieben Jahre noch so fortleben, wie die
+letzten, so bist Du <span class="wide">sieben</span>undzwanzig und kannst
+dann auch siebenunddrei&szlig;ig und siebenundvierzig
+werden, ohne da&szlig; sich Jemand weiter um Dich
+bek&uuml;mmert. Nein, daf&uuml;r mu&szlig; <span class="wide">ich,</span> Deine <span class="wide">Mutter,</span>
+sorgen, und &mdash; &uuml;berla&szlig; du <span class="wide">mir</span> das nur; ich
+werde schon mit Deinem Vater fertig.&laquo;</p>
+
+<p>Damit war das Gespr&auml;ch f&uuml;r jetzt abgebrochen.
+Die Mutter begann wieder an ihrer indessen
+vernachl&auml;ssigten Arbeit, und Elise ging in ihr
+St&uuml;bchen hinauf, um &uuml;ber eine ganze Menge der
+verschiedensten Dinge nachzudenken, die ihr heute
+durch den Sinn gingen und den Kopf fast wirr
+machten. Sonderbar, da&szlig; ihre Gedanken dabei
+immer wieder zu dem jungen Fremden zur&uuml;ckflogen,
+den sie doch nur den kurzen Augenblick gesehen.
+Weshalb mu&szlig;te die Mutter auch gerade heute von
+ihrer Heirath sprechen und dabei sagen, da&szlig; es
+die h&ouml;chste Zeit sei, an etwas Derartiges zu
+denken?&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Es war Abend und Nacht geworden, als die
+Sonne kaum hinter den hellblauen Gebirgsr&uuml;cken
+im Westen untergegangen war und vorher noch
+die leichten dar&uuml;ber lagernden Wolkenz&uuml;ge mit
+ihrem sch&ouml;nsten und rosigsten Licht &uuml;bergossen
+hatte. Rasch erbleichten aber die nur zu momentanem
+Leben angehauchten Nebelbilder, und wie
+sie kaum erst in ein prachtvolles Silbergrau &uuml;bergingen,
+nahm dieses schon jene todte bleigraue
+F&auml;rbung an, dem die Dunkelheit in den Tropen
+fast unmittelbar folgt.</p>
+
+<p>Die Comtesse Baulen hatte ihr Zimmer noch
+nicht wieder verlassen und ging, die Arme auf
+der Brust gekreuzt, das Kinn auf die zarte Korallenschnur
+gesenkt, die ihren Hals schm&uuml;ckte, mit
+raschen, unruhigen Schritten in dem kleinen Gemache
+auf und ab. Sie sah dabei nicht einmal,
+da&szlig; es dunkelte und nach und nach v&ouml;llig Nacht
+geworden war; sie h&ouml;rte nicht, da&szlig; ihre Mutter
+drau&szlig;en schon zweimal angeklopft und ihren Namen
+gerufen hatte. Nur die eigenen unruhigen
+Gedanken besch&auml;ftigten ihren Geist, nur das eigene,
+unruhig pochende Herz hielt sie oft krampfhaft
+mit beiden H&auml;nden fest, bis sie sich endlich, k&ouml;rperlich
+ermattet, in einen Stuhl warf und dort
+wohl wieder eine volle Stunde lang in dumpfem
+Br&uuml;ten sa&szlig;.</p>
+
+<p>Aber die Dunkelheit wurde ihr zuletzt unertr&auml;glich.
+Sie stand auf, z&uuml;ndete Licht an und
+griff dann das erste beste Buch auf, <ins title="Original hat und um">um</ins> sich zu
+zerstreuen und ihre Gedanken in eine andere Bahn
+zu lenken. Da pl&ouml;tzlich horchte sie auf, denn aus
+dem Garten, oder wenigstens aus den B&uuml;schen,
+die ihn dicht umschlossen, trafen die melodischen
+T&ouml;ne einer Violine ihr Ohr.</p>
+
+<p>Es war die leise und klagend zum Herzen
+sprechende Melodie des Th&uuml;ringer Volksliedes: &raquo;Ach,
+wie ist's m&ouml;glich, da&szlig; ich Dich lassen kann&laquo;, und
+wie mit einem scharfen Weh durchzuckte sie das
+einfache r&uuml;hrende Lied. Aber wer spielte da?
+Zuerst glaubte sie, da&szlig; es Jemand aus der Ansiedelung
+sei, der da zuf&auml;llig vor&uuml;bergehe &mdash; aber
+der Spieler blieb auf derselben Stelle, und durch
+das offene Fenster klangen die T&ouml;ne, so leise er
+auch spielte, voll und klar herein.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Jetzt war Alles ruhig &mdash; nur die Grillen
+zirpten, und aus dem Walde heraus t&ouml;nte das
+Gequak der Fr&ouml;sche.</p>
+
+<p>Helene athmete ordentlich tief auf, als die schwerm&uuml;thige
+Melodie geendet hatte; es war, als ob eine
+Last von ihrer Seele genommen w&auml;re, und sie trat
+an das Fenster, um in die wundervolle, sternenhelle
+Nacht hinaus zu schauen. Da quollen auf's Neue die
+T&ouml;ne von derselben Stelle herauf, aber dieses Mal
+in einem wilden Capriccio, von einer Meisterhand
+gespielt, das in die tollsten Variationen &uuml;berging
+und sich doch immer wieder zuletzt in das einfache,
+zuerst angeschlagene Thema des Volksliedes aufl&ouml;ste.</p>
+
+<p>Helene trat scheu und erschreckt vom Fenster
+zur&uuml;ck. Galt das ihr? Und wer war es denn,
+der ihr hier auf solche Weise seine Huldigung
+brachte? Vollrath vielleicht, aber sie wu&szlig;te genau,
+da&szlig; er gar nicht Violine spielte &mdash; und wer dann?
+Der junge Schulmeister im Orte, der sie oft mit
+seiner Aufmerksamkeit ge&auml;rgert hatte, war ein
+Violinspieler, aber ein St&uuml;mper, und <span class="wide">diese</span> Saiten
+belebte eine Meisterhand.</p>
+
+<p>Ohne recht zu wissen was sie that, l&ouml;schte
+sie das Licht aus, um dadurch die Aufmerksamkeit
+des Unbekannten wieder von ihrem Fenster abzulenken
+&mdash; aber das gelang ihr nicht. Der r&auml;thselhafte
+Spieler lie&szlig; sich dadurch nicht st&ouml;ren; nur
+das Capriccio zerschmolz nach und nach in immer
+weichere Melodien, bis die T&ouml;ne zuletzt mehr
+und mehr verhallten und wieder, wie vorher, das
+Schweigen der Nacht auf dem Walde lag.</p>
+
+<p>Helene wu&szlig;te selber nicht wie ihr geschah.
+Da&szlig; jenes St&auml;ndchen <span class="wide">ihr</span> galt, konnte sie sich nicht
+verhehlen, und in dem melodischen Spiele, in den
+vaterl&auml;ndischen Weisen schmolz der starre Trotz
+des sch&ouml;nen M&auml;dchens. Als die Melodie da
+drau&szlig;en schon lange verklungen war, sa&szlig; sie noch
+immer, von der Gardine gedeckt, am offenen
+Fenster, und f&uuml;hlte nicht einmal, wie ihr die
+Thr&auml;nen zwischen den zarten Fingern durch voll
+und schwer in den Schoo&szlig; tropften.</p>
+
+<p>Unten im Hause war der geheimni&szlig;volle Musiker
+indessen auch nicht unbeachtet geblieben. Oskar,
+der noch bis Dunkelwerden seinen neuen &raquo;Sclaven&laquo;
+&mdash; wie er Jeremias nannte &mdash; angelernt hatte
+sein Pferd zu behandeln, lag unten in der Stube
+auf dem Sopha lang ausgestreckt, und pfiff, zum
+&Auml;rger seiner Mutter, ohne sich dadurch aber im
+Geringsten st&ouml;ren zu lassen, einen Walzer, als
+jenes eigenth&uuml;mliche St&auml;ndchen begann.</p>
+
+<p>Im Anfange hatte er ebenfalls geglaubt, da&szlig;
+es irgend Jemand aus der Ansiedelung sei, der
+mit seiner Violine da vor&uuml;ber ginge. Als die
+Musik aber immer auf derselben Stelle blieb, erst
+eine Weile schwieg und dann wieder begann,
+sch&ouml;pfte er Verdacht, da&szlig; das am Ende gar ein
+St&auml;ndchen sein k&ouml;nne, was seiner Schwester gebracht
+w&uuml;rde, und sein Muthwille lie&szlig; ihm nat&uuml;rlich keine
+Ruhe, dem auf die Spur zu kommen.</p>
+
+<p>Als er zuerst aus dem Fenster horchte, t&auml;uschte
+ihn der laute Ton gerade so wie Helenen, und
+er vermuthete den Spieler im Garten selber. Er
+schlich sich also erst aus dem Hause hinaus hinter
+die n&auml;chsten B&uuml;sche, und hinter diesen, von seiner
+dunklen Kleidung beg&uuml;nstigt, immer weiter vor.
+Zuletzt aber kam er an die Hecke und fand jetzt,
+da&szlig; sich der Virtuose allerdings au&szlig;er seiner Gerichtsbarkeit,
+aber doch nicht au&szlig;er seinem Bereiche
+befand, denn er erkannte durch die Hecke durch
+beim Sternenlichte eine ebenfalls dunkel gekleidete
+Gestalt, die dort an einer jungen Palme lehnte.</p>
+
+<p>Das Gesicht selber konnte er freilich nicht erkennen,
+denn einestheils beschattete es der Hut, und dann
+auch der Wipfel der niedern Palme selber; aber
+das blieb sich auch gleich, und um einen muthwilligen
+Streich auszu&uuml;ben, dazu war ihm Freund
+und Feind gleich gut genug.</p>
+
+<p>Im Zimmer seiner Schwester hatte au&szlig;erdem
+noch kurz vorher Licht gebrannt und das Fenster
+war offen, ein Beweis, da&szlig; sie den St&auml;ndchenbringer
+beg&uuml;nstigte, und deshalb Grund genug
+f&uuml;r ihn, ihm jeden Schabernak zu spielen, der nur
+in seinen Kr&auml;ften stand. Vorsichtig und rasch
+schlich er zum Hause zur&uuml;ck und traf hier eben
+noch Jeremias, der seine Arbeit beendet hatte,
+und gerade seine eigene Heimath &mdash; eine Dachkammer
+bei einem der Ansiedler &mdash; aufsuchen
+wollte.</p>
+
+<p>&raquo;He, Jeremias, Du mu&szlig;t mir noch einen
+Eimer Wasser holen,&laquo; redete er diesen rasch und
+heimlich an.</p>
+
+<p>&raquo;Die Pferde haben gesoffen,&laquo; sagte Jeremias,
+&raquo;zu viel schadet Vieh und Menschenkind.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich will's nicht f&uuml;r die Pferde; dort steht der
+Eimer, aber ein Bi&szlig;chen rasch.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Befindet sich allerdings nicht in unserm Contracte,&laquo;
+meinte Jeremias, &raquo;aber was thut der
+Mensch nicht aus Gef&auml;lligkeit, junger Herr? Sollen
+Ihren Eimer Wasser haben,&laquo; und seine &Auml;rmel
+vorn aufkr&auml;mpend, ergriff er den Eimer und ging
+zu dem Brunnen vor dem Hause, von dem er ihn
+bald gef&uuml;llt zur&uuml;ckbrachte.</p>
+
+<p>&raquo;So,&laquo; sagte Oskar, indem er einen Theil des
+Wassers wieder abschweppte, &raquo;das ist ein Bi&szlig;chen
+zu viel und wirft sich schlecht. Jetzt nimm einmal
+den Eimer, Jeremias, und komm mit mir an
+die Hecke da dr&uuml;ben, wo der verr&uuml;ckte Kerl die
+Violine qu&auml;lt &mdash; h&ouml;rst Du den Musikanten da
+dr&uuml;ben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; sagte Jeremias, und sah den jungen
+Grafen erwartungsvoll an.</p>
+
+<p>&raquo;Sch&ouml;n,&laquo; lachte der junge Bursche, &raquo;dem
+wollen wir einmal den Eimer &uuml;ber den Hals
+gie&szlig;en, um den holden Schw&auml;rmer etwas abzuk&uuml;hlen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So?&laquo; sagte Jeremias, ohne sich von der Stelle
+zu r&uuml;hren.</p>
+
+<p>&raquo;Na, vorw&auml;rts!&laquo; rief Oskar, auf den Eimer
+zeigend; &raquo;mach' schnell, ich zeig' Dir den Platz
+wo er steckt, meine alte Jeremiade!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wissen Sie,&laquo; sagte Jeremias, ohne nur eine
+Hand zu regen oder eine Miene zu machen, als
+ob er dem Befehle Folge leisten wolle, &raquo;davon steht
+auch Nichts in unserem Contracte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Contract? Esel,&laquo; brummte Oskar, &raquo;wenn
+ich Dir sage, das thust Du, so thust Du es, <span class="wide">das</span>
+ist unser Contract, weiter Nichts.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So?&laquo; meinte Jeremias, der den &raquo;Esel&laquo; als
+selbstverst&auml;ndlich hinnahm &mdash; &raquo;anderen Leuten
+Wasser in die Violine zu gie&szlig;en, widerstreitet aber
+meinen Grunds&auml;tzen, und wenn sich der Herr Graf
+eine Tracht Schl&auml;ge f&uuml;r unbefugtes L&ouml;schen, wo's
+gar nicht brennt, holen wollen &mdash; mit dem gr&ouml;&szlig;ten
+Vergn&uuml;gen &mdash; da steht der Eimer, Jeremias
+hat aber heute seinen Sonntagsrock an und ist
+diesen Morgen in der Kirche gewesen &mdash; was
+andere Leute vielleicht <span class="wide">nicht</span> von sich sagen k&ouml;nnen.
+W&uuml;nsche allerseits einen guten Abend&laquo; &mdash;
+und die H&auml;nde wieder in die Taschen schiebend,
+ging er um den Eimer herum und zur Th&uuml;r
+hinaus, ohne sich um den Grafen weiter zu bek&uuml;mmern.</p>
+
+<p>Oskar sandte ihm einen herzhaften Fluch hinterher,
+sah aber auch ein, da&szlig; er mit dem dickk&ouml;pfigen
+Burschen Nichts ausrichten k&ouml;nne. Nicht gesonnen
+jedoch, den einmal gefa&szlig;ten Plan so rasch
+aufzugeben, nahm er jetzt selber den Eimer und schlich
+damit in den Garten. Ehe er &uuml;brigens die Stelle
+erreichte, wo der n&auml;chtliche Musiker gestanden, verstummte
+die Violine. Die letzten T&ouml;ne waren
+verklungen und der Platz leer. Oskar horchte
+noch eine Weile in die stille Nacht hinaus, aber
+das Concert war jedenfalls vorbei, das Zimmer
+seiner Schwester blieb dunkel, und mit einem Fluche
+das Wasser &uuml;ber die n&auml;chsten Beete gie&szlig;end, nahm
+er den leeren Eimer zum Hause zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="narrow" />
+<h3><a name="kap_5" id="kap_5"></a>5.</h3>
+
+<h3>Elise.</h3>
+
+<p>Am n&auml;chsten (Montag) Morgen standen schon
+um sieben Uhr fr&uuml;h drei gesattelte Pferde vor dem
+Hause des Directors angebunden, denn dieser
+hatte versprochen, G&uuml;nther zu dem Beginne seiner
+Arbeiten zu begleiten, und K&ouml;nnern in dem Interesse,
+das er an der gestrigen Erscheinung nahm,
+ebenfalls den Wunsch ausgesprochen, sich dem
+kleinen Zuge, wenigstens bis in den Wald hinein,
+anzuschlie&szlig;en.</p>
+
+<p>Allerdings w&uuml;nschte der Director, da&szlig; er, wenn
+er jagen wolle, sich einen F&uuml;hrer mitnehmen m&ouml;ge,
+da er sich sonst leicht in den wilden und schwerdurchdringlichen
+W&auml;ldern verirren k&ouml;nne. Dies
+wies K&ouml;nnern jedoch l&auml;chelnd zur&uuml;ck und erkl&auml;rte,
+da&szlig; er zu lange in den amerikanischen, auch ziemlich
+dichten W&auml;ldern gejagt habe, um etwas Derartiges
+zu bef&uuml;rchten. Ein F&uuml;hrer st&ouml;rte ihn dabei
+nur auf einem wirklichen Pirschgange, und
+er konnte sich im Walde wohl vergehen, da&szlig; er
+gen&ouml;thigt war einen Umweg zu machen, aber nie
+verirren, denn er hatte sich daf&uuml;r zu genau den
+Cours gemerkt, den der etwa zweihundert Schritte
+unter Santa Clara vorbeistr&ouml;mende Flu&szlig; nahm,
+und den mu&szlig;te er immer wieder treffen, sobald er
+mit H&uuml;lfe seines Compasses die Richtung darauf
+zu nahm.</p>
+
+<p>So fr&uuml;h kamen sie aber an diesem Morgen
+doch nicht fort, denn erstens nahm ihnen das
+Fr&uuml;hst&uuml;ck noch etwa eine halbe Stunde weg, und
+dann kamen noch eine Menge Leute, die den
+Director in irgend einer wichtigen oder unwichtigen
+Angelegenheit zu sprechen hatten, und er
+mu&szlig;te wenigstens anh&ouml;ren, was sie von ihm wollten.</p>
+
+<p>Es war halb neun Uhr geworden, als die
+drei M&auml;nner endlich mit den n&ouml;thigen Begleitern
+aufbrachen, die dabei alle Instrumente des Vermessers,
+wie auch einige Provisionen zu tragen
+hatten. K&ouml;nnern lie&szlig; &uuml;brigens seine Mappe heute
+noch zu Hause, und nahm nur seine B&uuml;chsflinte
+mit, wenn er sich auch eben keine gro&szlig;e Jagd
+versprach. Der Wald ist dort zu dicht, um nahe
+den Ansiedelungen, wo die Bauern &uuml;berdies Sonntags
+noch mit ihren Flinten herumknallen, irgend
+einen bedeutenden Erfolg zu versprechen.</p>
+
+<p>Sie ritten heute gerade durch das kleine
+St&auml;dtchen durch, und den beiden Fremden konnte
+es nicht entgehen, wie sich ihre Landsleute, selbst
+in dem fremden tropischen Lande, so ganz heimisch
+angesiedelt hatten, als ob sie noch daheim im
+alten Vaterlande lebten.</p>
+
+<p>Die Schilder an den verschiedenen H&auml;usern
+trugen &uuml;berall deutsche Namen in deutscher Schrift,
+deutsche Kinder mit ihren Flachsk&ouml;pfen und dicken,
+gesunden, schmutzigen Gesichtern spielten vor den
+Th&uuml;ren. Bauerfrauen in ihren wollenen rothen
+Unterr&ouml;cken wuschen ihr Geschirr hier unter den
+Palmen, wie sie es daheim unter der alten Linde
+gethan hatten, und deutsche Handwerker, in Schurzfell
+und Pantoffeln, waren eifrig dabei, ihren verschiedenen
+Gesch&auml;ften obzuliegen.</p>
+
+<p>Nur ein einziges Haus passirten sie, das
+fremdartig aussah. Es war ein kleines niederes
+Geb&auml;ude, von Stein aufgef&uuml;hrt, mit offenen
+Th&uuml;ren und Fenstern, durch die man in ein paar
+anscheinend leere R&auml;ume hineinsah &mdash; es hingen
+wenigstens keine Gardinen vor den Fenstern, wie
+sie die &auml;rmlichste deutsche Wohnung zeigte, und
+die W&auml;nde sahen leer und kahl aus. Einzelne
+M&ouml;bel verriethen aber doch, da&szlig; dieses Haus nicht
+verlassen sei, und auf der einen Commode sah
+K&ouml;nnern auch im Vorbeireiten ein Paar vergoldete
+Porzellan-Vasen und einige andere derartige
+Spielereien stehen.</p>
+
+<p>Dort wohnte der portugiesische Delegado<a href="#fn2"><sup><small>2</small></sup></a><a name="fn2r" id="fn2r"></a>,
+und ein paar Negerjungen kauerten vor der Th&uuml;r
+in der Sonne und lie&szlig;en sich von einem grauen,
+vollkommen haarlosen und nackten Hunde die Gesichter
+ablecken.</p>
+
+<p>Am Ende der Stra&szlig;e war die Schule; anstatt
+aber, da&szlig; die Kinder jetzt eifrig darin mit Lernen
+besch&auml;ftigt sein sollten, l&auml;rmten sie in wildem,
+w&uuml;stem Geschrei vor der Th&uuml;r umher, pr&uuml;gelten
+sich, haschten sich und trieben allerlei tolle Spiele.
+Der Director hielt mitten <ins title="Original hat unten">unter</ins> ihnen sein
+Pferd an.</p>
+
+<p>&raquo;Hallo, Ihr kleine Bande,&laquo; rief er aus, &raquo;was
+ist das? Weshalb steckt Ihr nicht da drinnen, wohin
+Ihr geh&ouml;rt, und stellt hier auf der Stra&szlig;e die
+Stadt auf den Kopf?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, Herr Director,&laquo; sagte einer der &auml;lteren
+Jungen, der ihn kannte, indem er die M&uuml;tze von
+dem struppigen Haare herunterzog, &raquo;der Schulmeister
+ist nicht da und die Th&uuml;r ist zu.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Schulmeister ist nicht da?&laquo; fragte der
+Director erstaunt; &raquo;und weshalb habt ihr ihn noch
+nicht geholt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, er ist auch nicht zu Hause und die ganze
+Nacht nicht heimgekommen,&laquo; lautete die Antwort.</p>
+
+<p>Ein sehr elegant gekleideter Herr mit wei&szlig;er
+W&auml;sche, goldener Uhrkette, einigen Ringen an den
+Fingern und einem Panamahute auf, der aber
+sonderbarer Weise statt der Stiefel ein Paar sehr
+bunt gestickte Pantoffeln und einen Zahnstocher
+hinter dem rechten Ohre hatte, kam um die n&auml;chste
+Ecke und gr&uuml;&szlig;te den Director und seine Begleiter
+freundlich. Es war der Delegado.</p>
+
+<p>&raquo;Ah, mein lieber Director,&laquo; redete dieser Sarno
+in portugiesischer Sprache an, &raquo;das wird immer
+&auml;rger mit unserem Schullehrer. Wie ich eben
+h&ouml;re, haben ihn einige Nachbarn gestern Abend
+sp&auml;t oben am Flusse und etwa eine Legoa von
+hier entfernt, schwer angetrunken verlassen, und
+dort wird er auch wohl jetzt noch liegen, um
+seinen Rausch auszuschlafen. Meines Nachbars
+Kinder kamen heute Morgen wieder zur&uuml;ck, weil
+sie nicht in die Schulstube konnten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer ist denn das, der da die Stra&szlig;e herunter
+taumelt,&laquo; sagte K&ouml;nnern, nach jener Richtung
+zeigend.</p>
+
+<p>&raquo;Hehe, der Schulmeister, der Schulmeister!&laquo;
+jubelten ihm da auch schon eine Anzahl Jungen,
+die ihn erkannt hatten, in dem seligen Gef&uuml;hle
+entgegen, heute wieder keinesfalls Schule zu haben.
+&raquo;wie er schr&auml;g geht &mdash; und jetzt stolpert er! Hoh,
+hoh, hoh, der Schulmeister!&laquo;</p>
+
+<p>Es war allerdings jenes ungl&uuml;ckliche Individuum,
+das sich in <span class="wide">solchem</span> Zustande zu keinem
+ung&uuml;nstigeren Momente h&auml;tte zeigen k&ouml;nnen. Der
+Director gab seinem Pferde die Sporen und
+sprengte ihm entgegen, und w&auml;hrend der zeitweilige
+Schulmonarch die gl&auml;sernen Augen zu
+Sarno aufschlug, rief dieser ihn mit vor innerer
+Heftigkeit fast erstickter Stimme an:</p>
+
+<p>&raquo;Herr, sch&auml;men Sie sich nicht, hier am hellen
+Tage wie eine <span class="wide">Sau</span> umher zu gehen, und w&auml;ren
+Sie nicht werth, da&szlig; ich &mdash;&laquo; er schwieg, und die
+Hand, in der er die Reitpeitsche hielt, schlo&szlig; sich
+ordentlich krampfhaft um den Griff derselben.</p>
+
+<p>&raquo;Pfehle mich Ihnen, Herr Director,&laquo; stammelte
+der Ungl&uuml;ckliche mit schwerer Zunge, vergebens
+dabei bem&uuml;ht sich gerade zu halten, &raquo;sehr
+angenehm so am fr&uuml;hen Morgen &mdash; sehr sch&ouml;ner
+Morgen heute, Herr Director &mdash; sehr sch&ouml;ner
+Morgen.&laquo;</p>
+
+<p>Der Director wandte sein Pferd in Ekel von
+dem Trunkenen und ritt langsam zu dem Portugiesen
+zur&uuml;ck. Die Schuljugend indessen wartete
+nur den Moment ab, wo sie der Gegenwart dieser
+Beiden enthoben w&auml;re, um mit einem wahren
+Jubel &uuml;ber ihren entw&uuml;rdigten Lehrer herzufallen.</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt haben wir wieder keinen Schullehrer,&laquo;
+st&ouml;hnte der Director, bei dem Delegado angelangt.</p>
+
+<p>&raquo;Der Herr scheint heute Morgen etwas aufgeregt,&laquo;
+sagte der Portugiese mit einem sp&ouml;ttischen
+L&auml;cheln. &raquo;Wollen wir ihn aber nicht lieber in
+Sicherheit bringen. Sobald wir den R&uuml;cken
+wenden, f&auml;llt das junge Deutschland jedenfalls
+&uuml;ber ihn her.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe Nichts dagegen,&laquo; rief der Director,
+&raquo;und wenn sie ihm die Kleider in Fetzen vom
+Leibe rei&szlig;en! Kommen Sie, Schwartzau, kommen
+Sie &mdash; o, ich verga&szlig;, die Herren vorzustellen: Dom
+Franklin Brasileiro Lima &mdash; zwei Freunde von
+mir, Landsleute, Dom K&ouml;nnern und Dom
+Schwartzau, der letztere unser durch die Regierung
+hergesandter Landvermesser.&laquo;</p>
+
+<p>Der Portugiese machte eine stumme und etwas
+steife Verbeugung, nahm dann den Zahnstocher
+hinter dem Ohre vor und sammelte die &Uuml;berreste
+seines Fr&uuml;hst&uuml;cks.</p>
+
+<p>Sie standen gerade vor einem der kleinen
+H&auml;user, &uuml;ber dem ein hellgelbes Schild mit rothen
+Buchstaben den Namen <span class="wide">Pilger</span> &mdash; <span class="wide">Schuhmacher</span>
+trug, und K&ouml;nnern hatte schon, weniger bei dem
+Schulmeister interessirt, ein paar Mal eine allerliebste
+junge Frau am Fenster gesehen, die einen
+Blick nach ihrer Gruppe her&uuml;ber warf und dann
+wieder in dem Dunkel der innern Stube verschwand.
+Der Portugiese stand mit dem R&uuml;cken
+nach der Th&uuml;r zu, als der Schuhmacher, ein
+gro&szlig;er, breitschultriger Mann in seinen besten
+Jahren, das Schurzfell vor, ein kleines K&auml;ppchen
+auf und die Hemd&auml;rmel in die H&ouml;he gestreift,
+hinter ihn auf den Schwellenstein trat und, seine
+breite Hand auf des Portugiesen Schulter legend,
+mit ruhiger Stimme, aber sehr schlechtem Portugiesisch
+sagte:</p>
+
+<p>&raquo;Wenn ich Euch noch einmal in meinem Hause
+treffe, Delegado, so schlage ich Euch jeden Knochen
+in Eurem erb&auml;rmlichen Leibe zusammen. Habt
+Ihr mich verstanden? Guten Morgen, meine
+Herren,&laquo; wandte er sich dann, als ob nicht das
+geringste Au&szlig;ergew&ouml;hnliche vorgefallen w&auml;re, an
+den Director und seine Begleiter; &raquo;entschuldigen
+Sie, da&szlig; ich mich mit dem Lump in Ihrer Gegenwart
+unterhalten habe.&laquo;</p>
+
+<p>Der Portugiese war vor Zorn hochroth geworden,
+und seine kleinen, schwarzen Augen schienen
+Feuer zu spr&uuml;hen. Endlich hatte er sich so weit
+wenigstens gesammelt, um zu erwiedern, und er
+sagte, ohne den Handwerker jedoch eines Blickes
+zu w&uuml;rdigen:</p>
+
+<p>&raquo;Wenn Ihr Eure Frau mi&szlig;handelt, und nicht
+wi&szlig;t was Ihr einer Frau an Achtung schuldig
+seid, so ist es Sache der Obrigkeit dazwischen zu
+treten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und weshalb <span class="wide">hab</span>' ich meine Frau mi&szlig;handelt,
+Du Lump, Du?&laquo; rief der Schuhmacher, bei
+dem der Zorn die Oberhand gewann.</p>
+
+<p>&raquo;Pilger, bedenkt was Ihr sagt!&laquo; unterbrach
+ihn der Director rasch.</p>
+
+<p>&raquo;Ach was, Herr Director &mdash; Nichts f&uuml;r ungut,&laquo;
+z&uuml;rnte der Mann; &raquo;ich wei&szlig; recht gut was ich
+rede. Wenn der da auch zehnmal der Delegado
+ist, oder wie das Ding hei&szlig;t, so sollte er sich nur
+um so mehr sch&auml;men, Unfrieden und Ungl&uuml;ck in
+die H&auml;user zu tragen. Aber, Gott verdamm'
+mich! finde ich ihn noch einmal auf der andern
+Seite von der Schwelle da, so geschieht ein Ungl&uuml;ck.
+Das will ich ihm vorausgesagt haben.&laquo;</p>
+
+<p>Der Portugiese verstand nicht die letzten
+heftigen, in Deutsch gesprochenen Worte, aber er
+mochte recht gut den Sinn ahnen, denn die
+Gesticulation des Meisters dabei war gar nicht
+falsch zu verstehen. Er drehte jedoch nur, mit
+dem Ausdrucke der h&ouml;chsten Verachtung in den
+Z&uuml;gen, den Kopf halb nach ihm herum, ohne ihn
+selber anzusehen, sagte: &raquo;Wir sprechen uns noch!&laquo;
+und ging dann in seinen gestickten Pantoffeln, mit
+einer leichten Verbeugung gegen den Director und
+seine Begleiter, die Stra&szlig;e wieder hinauf.</p>
+
+<p>K&ouml;nnern's Blick beobachtete indessen das Fenster,
+hinter dem er die junge Frau gesehen, und
+er bemerkte, wie sie noch ein paar Mal scheu vortrat,
+um, ohne selber gesehen zu werden, zu erfahren
+was da drau&szlig;en vorging. Sobald sie
+aber des Fremden Blick auf sich haften fand,
+verschwand sie rasch und kam nicht wieder zum
+Vorscheine.</p>
+
+<p>&raquo;Haltet mir Frieden, Pilger, das thut's nicht,&laquo;
+sagte der Director warnend.</p>
+
+<p>&raquo;Eben deshalb weil ich Frieden haben will,&laquo;
+meinte der Schuhmacher, &raquo;halte ich mir den verdammten
+Bleifu&szlig; aus dem Hause, und gnade
+ihm Gott, wenn ich ihn da wieder einmal treffe,
+wo er nicht hingeh&ouml;rt &mdash; guten Morgen meine
+Herren,&laquo; und damit drehte er sich ruhig um und
+trat in sein Haus zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Die Schuljugend war indessen ein sehr
+interessirter Zuschauer bei den Bewegungen ihres
+sonst so gef&uuml;rchteten Meisters gewesen, denn der
+junge Schulmonarch f&uuml;hrte seinen Stock gew&ouml;hnlich
+mit unerbittlicher Gewalt. Einer der Nachbarn
+aber, den der arme Teufel in diesem Zustande
+dauerte, trat vor seine Th&uuml;r, nahm ihn
+ohne Weiteres unter den Arm und f&uuml;hrte ihn in
+sein Haus hinein, damit er dort seinen Rausch
+ausschlafen k&ouml;nne. Der Director schickte dann die
+Jungen nach Hause, die sich in wildem Jubel durch
+die verschiedenen Stra&szlig;en vertheilten.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist ja ein recht h&uuml;bsches Exemplar von
+einem Schulmeister,&laquo; lachte G&uuml;nther, als sie ihren
+Weg wieder aufgenommen hatten.</p>
+
+<p>&raquo;Das sei Gott geklagt!&laquo; seufzte der Director;
+&raquo;jetzt sitzen wir wieder in der Ansiedelung auf
+dem Trockenen und die ganze Kinderwelt hat
+Ferien, bis sich ein neues, eben so unbekanntes,
+vielleicht eben so untaugliches Individuum dazu
+hergiebt, das Amt des Schullehrers zu &uuml;bernehmen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und Ihr Delegado?&laquo; fragte K&ouml;nnern; &raquo;die
+Sache scheint nicht ganz richtig zu sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist auch so ein Lump, den wir der G&uuml;te der
+Frau Pr&auml;sidentin verdanken. Der Teufel mag
+da Director sein, wenn man es mit solchem Gesindel
+zu thun hat, und ihnen doch nicht, in dem
+engen Kreislauf unseres hiesigen Lebens, ausweichen
+<span class="wide">kann.</span> &Uuml;brigens ist das auch derselbe
+Herr, der da dr&uuml;ben die Br&uuml;cke gebaut hat, welche
+ihm von der Regierung &mdash; nachdem sie kaum beendet
+und schon wieder eingest&uuml;rzt war &mdash; mit
+achtzehn Contos de Reis bezahlt wurde. Es geht
+doch Nichts &uuml;ber Protection! Und wenn ich ein
+oder zwei Contos verlange, nur um die n&ouml;thigsten
+Bauten hier, ein neues Auswanderungs-Haus oder
+dergleichen, zu bauen, bekomme ich Vorw&uuml;rfe von
+Oben, da&szlig; ich zu viel Geld gebrauche. Aber zum
+Henker damit! Wir wollen uns den sch&ouml;nen Morgen
+nicht durch derartige Dinge verbittern, und
+der Lump verdient gar nicht, da&szlig; ich mich &uuml;ber
+ihn &auml;rgere. Kommen Sie, lassen Sie die Pferde
+ein Wenig sch&auml;rfer austraben, denn wir haben eine
+Menge werthvolle Zeit vers&auml;umt und unsere Tr&auml;ger
+und Arbeiter sind uns schon, wer wei&szlig; wie weit,
+voraus.&laquo;</p>
+
+<p>Eben hatten sie die letzten H&auml;user hinter sich,
+als ihnen wieder der Baron begegnete, und wie
+er den Director erkannte, diesem ein Zeichen
+machte, da&szlig; er ihn zu sprechen w&uuml;nsche. Der
+Director hielt an, w&auml;hrend K&ouml;nnern und
+Schwartzau vorausritten.</p>
+
+<p>&raquo;Ach, Herr Director, nur auf ein Wort,&laquo;
+sagte der etwas umst&auml;ndliche Baron mit einer
+achtungsvollen Verbeugung; &raquo;d&uuml;rfte ich Sie bitten,
+mir aufrichtig eine einzige Frage zu beantworten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum nicht &mdash; aber ich bin heute Morgen
+etwas in Eile.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich will Ihre werthvolle Zeit nur f&uuml;r Secunden
+in Anspruch nehmen. Hat sich die Frau
+Gr&auml;fin in einer Geldangelegenheit an Sie gewandt?&laquo;</p>
+
+<p>Der Director l&auml;chelte.</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; nicht,&laquo; sagte er, &raquo;ob die Frage gerade
+discret ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gesch&auml;ftssache,&laquo; vertheidigte sich der Baron vor
+diesem furchtbaren Verdachte; &raquo;Sie werden doch
+nicht glauben, da&szlig; ich&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun, mir ist keinesfalls anbefohlen, ein Geheimni&szlig;
+daraus zu machen. Ja &mdash; zu irgend einer
+ihrer zahlreichen Unternehmungen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Cigarren?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube, es betraf diesmal den Tabakshandel.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich danke Ihnen,&laquo; sagte der Baron, von
+dem Pferde zur&uuml;cktretend.</p>
+
+<p>&raquo;Ich hoffe doch nicht, da&szlig; <span class="wide">Sie</span> sich damit
+einlassen werden?&laquo; fragte der Director jetzt
+seinerseits.</p>
+
+<p>&raquo;Ich bedaure unendlich nicht die Mittel zu
+haben, ein so gemeinn&uuml;tziges Unternehmen zu
+unterst&uuml;tzen,&laquo; erwiederte der Baron, gerade etwa
+mit derselben Betonung und in derselben Stellung,
+als ob er der Frau Gr&auml;fin selber gegen&uuml;ber
+st&auml;nde.</p>
+
+<p>Der Director lachte, gr&uuml;&szlig;te den Baron fl&uuml;chtig
+und sprengte dann den Weg hinauf, die beiden
+vorangerittenen Freunde einzuholen.</p>
+
+<p>Zwischen den M&auml;nnern wurde weiter kein Wort
+gewechselt, bis sie den eigentlichen Platz erreicht
+hatten, auf dem Schwartzau seine Vermessung beginnen
+sollte, und da dies das Terrain war, welches
+dem Colonisten Meier geh&ouml;rte, so war es
+n&ouml;thig, da&szlig; er dazu gerufen wurde.</p>
+
+<p>W&auml;hrend G&uuml;nther seine Bussole auspackte und
+aufstellte, die n&ouml;thigen Vorbereitungen zum Beginne
+traf und seine Leute instruirte, was sie zu thun
+h&auml;tten &mdash; denn bei einer solchen Arbeit ist es besonders
+nothwendig, da&szlig; sich der Vermesser und
+seine Kettentr&auml;ger vollkommen gut verstehen &mdash; ritt
+der Director nach dem Hause hin&uuml;ber, um den
+Menschenfeind in Kenntni&szlig; zu setzen und abzuholen,
+und K&ouml;nnern bot sich ihm nat&uuml;rlich zum
+Begleiter an.</p>
+
+<p>Die Gartenth&uuml;r war verschlossen; zuf&auml;llig kam
+aber gerade ein k&uuml;rzlich angenommener Arbeiter
+heraus, und da er den Director kannte, machte
+er nicht die geringste Schwierigkeit, ihn hinein zu
+lassen.</p>
+
+<p>&raquo;Gehen Sie nur da gerade aus, Herr Director,&laquo;
+sagte er, auf eine kleine Biegung des Weges
+zeigend, &raquo;dort gleich rechts ist eine Laube, in der
+finden Sie die ganze Familie beim Fr&uuml;hst&uuml;ck.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der wird uns ein sch&ouml;nes Gesicht schneiden,
+wenn wir ihm so pl&ouml;tzlich &uuml;ber den Hals kommen!&laquo;
+lachte der Director, als sie den breiten und
+vortrefflich gehaltenen Kiesweg verfolgten; &raquo;aber
+ich kann ihm nicht helfen. Es liegt auch in seinem
+eigenen Interesse, da&szlig; er wei&szlig; wo seine Gr&auml;nzen
+laufen &mdash; aber da sitzt die Familie &mdash; jetzt k&ouml;nnen
+Sie auch Ihre Br&uuml;nette wieder begr&uuml;&szlig;en.&laquo;</p>
+
+<p>K&ouml;nnern erwiederte kein Wort; es war ihm
+ganz sonderbar beklommen um's Herz, und ein
+Gef&uuml;hl beschlich ihn, als ob er sich hier in unehrlicher
+Weise in den Kreis einer Familie stehle, in
+der er jetzt fast bezweifelte, da&szlig; er gern gesehen
+sei. Es blieb ihm jedoch keine Zeit zu l&auml;ngerer
+&Uuml;berlegung, denn wenige Secunden sp&auml;ter waren
+sie schon von der Familie bemerkt, die &uuml;berrascht
+emporschaute, als sie die Fremden pl&ouml;tzlich in dem
+Garten entdeckte.</p>
+
+<p>Meier sa&szlig; ihnen mit dem R&uuml;cken zugewandt,
+links von ihm seine Frau, rechts seine Tochter,
+und schon als er die Schritte hinter sich h&ouml;rte,
+hatte er sich halb umgedreht und beschattete dabei
+die Augen mit der Hand. Dann wandte er den Kopf
+wieder ab, nahm eine blaue Brille aus der Rocktasche
+und erhob sich erst, als er diese aufgesetzt
+hatte, um die Fremden besser erkennen und dann
+begr&uuml;&szlig;en zu k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Elise war ebenfalls tief err&ouml;thend aufgestanden,
+als sie auf den ersten Blick den Fremden von
+gestern erkannte; der Mutter entging ihre Bewegung,
+da sie ihrerseits auch den einen Fremden
+&mdash; den Director kannte sie schon von fr&uuml;her her &mdash;
+aufmerksam musterte.</p>
+
+<p>&raquo;Mein lieber Herr Meier, ich mu&szlig; um Entschuldigung
+bitten,&laquo; sagte der Director, auf ihn
+zugehend &mdash; &raquo;aber bitte, mein liebes Fr&auml;ulein,
+wollen Sie nicht Platz behalten &mdash;, ich will Sie
+auch nicht lange st&ouml;ren und Ihnen nur anzeigen,
+da&szlig; wir hier auf Ihrem Grundst&uuml;cke zu vermessen
+anfangen, weshalb es vielleicht besser w&auml;re, da&szlig;
+Sie mit hinausgingen. Sie wissen ja auch am
+besten, wo die alte Linie gelaufen ist, die jener
+Schneidergeselle neulich umgeworfen hat. Wir
+wollen sehen, da&szlig; wir jetzt die ganze Sache wieder
+in Ordnung bringen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sehr angenehm, Herr Director,&laquo; sagte Meier
+mit einer etwas &auml;ngstlichen und dadurch ungeschickten
+Verbeugung &mdash; &raquo;sehr angenehm in der
+That, und &auml;u&szlig;erst dankbar &mdash; der Herr ist wohl
+der Vermesser, wenn ich fragen darf?&laquo;</p>
+
+<p>K&ouml;nnern err&ouml;thete bis in den Nacken hinein,
+als er so selber gezwungen wurde zu erkl&auml;ren,
+da&szlig; er hier eigentlich gar Nichts zu suchen habe.</p>
+
+<p>&raquo;Ich besonders mu&szlig; sehr um Entschuldigung
+bitten,&laquo; sagte er mit einem unwillk&uuml;rlichen Seitenblick
+auf Elise, &raquo;da&szlig; ich mich hier eingedr&auml;ngt
+habe. Ich bin nicht der Vermesser, der schon
+drau&szlig;en bei seiner Arbeit ist, sondern nur ein
+wandernder Maler, der sich seit einigen Jahren
+heimathlos in der Welt herumtreibt, um Gottes
+sch&ouml;ne Erde nach allen Richtungen hin zu durchstreifen.
+Mit dem Herrn Director durch meinen
+Bruder befreundet, habe ich mich den Herren heute
+Morgen angeschlossen, und nur auf die allbekannte
+brasilianische Gastfreundschaft fu&szlig;end, wagte ich
+es, Ihnen meine Gesellschaft f&uuml;r wenige Minuten
+aufzudringen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Herr Bernard K&ouml;nnern,&laquo; stellte ihn der
+Director vor.</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind uns herzlich willkommen,&laquo; sagte die
+Frau, der die edle m&auml;nnliche Gestalt des jungen
+Mannes, wie sein bescheidenes Benehmen von vorn
+herein gefallen hatte &mdash; &raquo;Entschuldigungen w&auml;ren
+ja auch gar nicht am Platze &mdash; bitte, setzen Sie
+sich &mdash; trinken die Herren vielleicht eine Tasse
+Kaffee mit uns?&laquo;</p>
+
+<p>Sie winkte der Tochter, und ehe sich die G&auml;ste
+entschuldigen konnten, sprang Elise &mdash; &uuml;berhaupt
+froh, dazu Gelegenheit zu bekommen &mdash; rasch in
+das Haus hinein, um ein paar Tassen herauszuholen.</p>
+
+<p>Meier, also gedr&auml;ngt, konnte nicht anders, als
+die einmal geschehene Einladung unterst&uuml;tzen. Mit
+einer Handbewegung bat er seine G&auml;ste, Platz zu
+nehmen, und das Gespr&auml;ch zwischen ihm und dem
+Director wandte sich dann nat&uuml;rlich gleich der sie
+beide am Meisten interessirenden Veranlassung zu.</p>
+
+<p>Elisens Mutter lie&szlig; sich indessen in ein Gespr&auml;ch
+mit K&ouml;nnern ein, von dem sie bald erfuhr,
+da&szlig; er Deutschland schon seit einer Reihe von
+Jahren verlassen und indessen Nord- und Mittelamerika
+durchstreift habe, theils um zu jagen,
+theils um Skizzen und Studien f&uuml;r seine Mappe
+zu sammeln.</p>
+
+<p>Meier, obgleich in eifrigem Gespr&auml;che mit dem
+Director, hatte sich doch kein Wort von der anderen
+Unterhaltung entgehen lassen, und nickte dabei
+ein paar Mal halb unbewu&szlig;t und zufrieden mit
+dem Kopfe. Er schien auch mehr und mehr aufzuthauen
+und die bisherige Scheu abzulegen, und
+als Elise die Tassen gebracht und eingeschenkt hatte,
+r&uuml;ckte er mit zum Tische und unterhielt sich selber
+mit dem jungen Manne.</p>
+
+<p>&raquo;Ich will Ihnen Etwas sagen, K&ouml;nnern,&laquo;
+unterbrach der Director das Gespr&auml;ch, &raquo;ich gehe
+jetzt mit dem Herrn Meier zu Ihrem Freunde
+hinaus, um die Sache erst einmal in Gang zu
+bringen. Das besch&auml;ftigt mich keine halbe Stunde;
+dann komme ich hierher zur&uuml;ck, hole Sie ab und
+begleite Sie nachher bis zu der M&uuml;ndung eines
+gar nicht entfernten Thales, dem Sie aufw&auml;rts
+folgen, und nachher vielleicht doch noch Wild zum
+Schu&szlig; bekommen k&ouml;nnen. Hier oben auf der
+Hochebene glaube ich schwerlich, da&szlig; Sie irgend
+Etwas antreffen, das der M&uuml;he lohnte danach zu
+feuern.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das w&auml;re recht sch&ouml;n,&laquo; sagte K&ouml;nnern wieder
+mit einem unwillk&uuml;rlichen Blicke nach Elisen;
+&raquo;wenn ich nur auch gewi&szlig; w&uuml;&szlig;te, da&szlig; ich den
+Damen hier indessen nicht zur Last fiele.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht im Geringsten,&laquo; antwortete die Mutter
+&mdash; &raquo;kennen Sie unser Land noch nicht und sind
+Sie ein Liebhaber von Pflanzen, so haben Sie
+indessen Gelegenheit, sich in unserm Garten umzusehen;
+denn mein Mann hat sich gro&szlig;e M&uuml;he
+gegeben, alle einheimischen Pflanzen und Gew&auml;chse
+hier zu sammeln &mdash; Elise mag Sie herumf&uuml;hren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich w&auml;re unendlich gl&uuml;cklich, wenn die junge
+Dame&hellip;&laquo; stammelte K&ouml;nnern.</p>
+
+<p>&raquo;Nun, sehen Sie,&laquo; sagte der Director, &raquo;da
+sind Sie ja gleich untergebracht, und werden es
+wohl so lange aushalten k&ouml;nnen. In einer halben
+Stunde sind wir jedenfalls wieder hier. Sie gehen
+also mit, Herr Meier?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich mu&szlig; sehr um Entschuldigung bitten,&laquo;
+sagte der Angeredete mit dem ihm eigenen, etwas
+verlegenen L&auml;cheln &mdash; &raquo;Ich selber bin gerade besch&auml;ftigt;
+aber ich werde Ihnen meinen Karl mitschicken,
+der sich vortrefflich in alle diese Sachen
+zu finden wei&szlig;. Wenn Sie nur so freundlich sein
+wollen, ihm meine Gr&auml;nzlinien zu zeigen, so wird
+er sie sich selber markiren und ich dann schon
+Sorge tragen, da&szlig; sie sp&auml;ter dauernd gekennzeichnet
+werden. Verlassen Sie sich darauf. Ich bin
+gerade mit einer kleinen Arbeit besch&auml;ftigt, die ich
+nicht gern unterbrechen m&ouml;chte. Dem jungen
+Herrn hier mache ich indessen vielleicht mehr Freude,
+wenn ich ihn in meine kleine Bibliothek f&uuml;hre &mdash;
+B&uuml;cher sind seltener in Brasilien, als Blumen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Erst die Blumen, wenn ich bitten darf!&laquo;
+sagte K&ouml;nnern, der sich heute merkw&uuml;rdiger Weise
+daf&uuml;r besonders interessirte, obgleich er nicht das
+Geringste von Botanik verstand, und da Elise sich
+schon erhoben hatte, stand er ebenfalls auf, um
+sie durch den Garten zu begleiten.</p>
+
+<p>&raquo;Sie scheinen sich besonders f&uuml;r Blumen zu
+interessiren,&laquo; sagte das junge M&auml;dchen, w&auml;hrend
+sie den halben Garten lang schon schweigend neben
+K&ouml;nnern hingeschritten war, ohne da&szlig; dieser einen
+Punkt gefunden h&auml;tte, ein Gespr&auml;ch anzukn&uuml;pfen.
+Bei der Frage spielte ein eigenes, schelmisches
+L&auml;cheln um ihre Lippen, und ihr Blick suchte halb
+verstohlen die Z&uuml;ge ihres Begleiters, senkte sich
+aber blitzschnell wieder zu Boden, als sich dieser,
+von einem pl&ouml;tzlichen Verdachte erfa&szlig;t, gegen sie
+wandte.</p>
+
+<p>&raquo;Weshalb glauben Sie das, mein Fr&auml;ulein?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil Sie &mdash; die Blumen Vaters Bibliothek
+vorzogen,&laquo; erwiederte Elise, aber sie wagte nicht
+den Blick zu ihm zu erheben, denn sie f&uuml;rchtete,
+da&szlig; sie den darin liegenden Muthwillen verrathen
+w&uuml;rde.</p>
+
+<p>&raquo;Und Sie haben wirklich keinen andern Grund?&laquo;
+forschte K&ouml;nnern weiter, denn er begann jetzt in
+der That mi&szlig;trauisch zu werden, ob er gestern
+seinen Raub so ganz unbemerkt geborgen habe.</p>
+
+<p>&raquo;Und welchen andern Grund sollte ich haben?&laquo;
+sagte Elise, und sah ihm jetzt so voll und ehrlich
+in's Auge, da&szlig; er seinen Blick fast erschreckt vor
+den hellen Sternen zu Boden senkte.</p>
+
+<p>&raquo;Z&uuml;rnen Sie mir nicht der ungeschickten Frage
+wegen,&laquo; sagte er leise; &raquo;aber ich kann Ihnen den
+Grund nennen, weshalb ich die Blumen in Ihrer
+Begleitung den staubigen B&uuml;chern &mdash; wahrscheinlich
+<span class="wide">ohne</span> dieselbe &mdash; vorgezogen habe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich w&auml;re wirklich neugierig ihn zu h&ouml;ren,&laquo;
+l&auml;chelte Elise, f&uuml;hlte aber doch, da&szlig; sie, vielleicht
+unmerkbar, dabei err&ouml;thete.</p>
+
+<p>&raquo;Er ist einfach,&laquo; sagte K&ouml;nnern treuherzig,
+&raquo;und in dem Leben eines J&auml;gers und Herumtreibers,
+wie ich leider einer bin, allein begr&uuml;ndet.
+Wir sehen Gottes sch&ouml;ne Welt in all' ihrer wundervollen
+Pracht, in allen Zonen, sehen sie in
+ihrem Reize, in ihrer furchtbaren &Ouml;de, in ihren
+gro&szlig;artigen Massen, in ihren kleinsten, lauschigsten
+Winkeln und Ecken, aber &mdash; wohin wir kommen,
+sind wir immer nur Fremde und Heimathlose. &mdash;
+Wie auch unser Herz daheim an dem Zauber
+eines stillen Familienkreises gehangen haben mag,
+da drau&szlig;en werden wir in den allgemeinen Wirbel
+hinausgesto&szlig;en, und wenn sich in der friedlichen
+Abendstunde alle Menschen, mit denen wir in
+fl&uuml;chtige Ber&uuml;hrung gekommen, in das Asyl ihres
+eigenen Heerdes zur&uuml;ckziehen, wenn sie sich gewisserma&szlig;en
+in dem Kreise der Ihren die Belohnung
+holen f&uuml;r das, was sie den Tag &uuml;ber gewirkt
+und geschafft, dann liegen <span class="wide">wir</span> an einem einsamen
+Lagerfeuer, oder vielleicht noch schlimmer, in einem
+erb&auml;rmlichen, unfreundlichen Wirthshause, und
+d&uuml;rfen nun dar&uuml;ber nachbr&uuml;ten und gr&uuml;beln, da&szlig;
+wir &uuml;ber Tag Alles zu haben meinten, was der
+Mensch nur w&uuml;nschen kann, und da&szlig; uns doch in
+der That Alles fehlt, was zum eigentlichen Gl&uuml;ck
+des Menschen geh&ouml;rt.</p>
+
+<p>&raquo;Mit Einem Worte, es fehlt uns da drau&szlig;en
+der Umgang mit sanften Frauen, das mildernde
+Element im Leben des Mannes, der sich seinen
+Weg nur das ganze Jahr durch seine rauhe und
+wilde Umgebung erk&auml;mpfen mu&szlig;. Wo wir deshalb
+auch immer so ein liebes, freundliches
+Frauenbild finden, da sehen wir in <span class="wide">ihren</span> Augen
+den ganzen Himmel unserer eigenen, daheim verlassenen
+H&auml;uslichkeit, und wenn auch die Freude,
+die wir dabei empfinden, eine Art von Heimweh
+sein mag, so regt sich doch auch zugleich Alles wieder
+in unserm Herzen, was gut und edel, und die
+ganze Zeit vielleicht todt darin geschlummert hat.
+Ich wei&szlig; nicht, liebes Fr&auml;ulein, ob Sie mich verstanden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube ja,&laquo; fl&uuml;sterte Elise, und es war
+ihr in dem Augenblicke fast, als ob sie selber eine
+lange, &ouml;de Strecke allein und freudlos durch die
+Welt gezogen sei, und jetzt eben aus weiter, weiter
+Ferne das Gel&auml;ute ihrer heimischen Glocken geh&ouml;rt
+habe. Und doch durchzuckte sie dabei auch
+wieder ein wehes Gef&uuml;hl, wenn sie sich das auch
+selber nicht einmal gestehen mochte &mdash; aber es
+war nur der fl&uuml;chtige Gedanke, da&szlig; der Fremde
+also gestern auch die Blumen da drau&szlig;en gar
+nicht <span class="wide">ihret</span>wegen an sich genommen und aufgehoben
+habe. Nur die Erinnerung an die Heimath &mdash; vielleicht
+an ein anderes liebes Wesen,
+das dort seiner warte, hatte ihn in dem Augenblicke
+erfa&szlig;t, und das tiefe Gef&uuml;hl selbst, das aus
+seinen Worten, aus seinem ganzen Wesen sprach,
+galt nicht der Gegenwart, sondern war allein der
+Wiederglanz eines verlorenen oder lang entbehrten
+Gl&uuml;ckes daheim.</p>
+
+<p>Wieder wanderten die Beiden eine ganze Zeit
+lang schweigend durch den Garten, Jeder mit seinen
+eigenen Gedanken voll besch&auml;ftigt.</p>
+
+<p>&raquo;Wie das sch&ouml;n ist in dieser herrlichen, tropischen
+Welt!&laquo; brach endlich K&ouml;nnern das Schweigen;
+&raquo;wie wohl die warme Luft dem K&ouml;rper
+thut, und wie zierlich jene herrlichen Baumformen
+die sch&ouml;nsten, nat&uuml;rlichsten Gruppen bilden. Die
+Eingeborenen hier m&uuml;ssen doch eigentlich recht
+gl&uuml;ckliche Menschen sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und warum nur die Eingeborenen?&laquo; fragte
+Elise.</p>
+
+<p>&raquo;Weil sie blo&szlig; der Gegenwart zu leben brauchen,&laquo;
+sagte K&ouml;nnern; &raquo;sie haben Nichts in der Welt,
+das ihnen den Genu&szlig; des Augenblickes verk&uuml;mmern
+k&ouml;nnte, keine Erinnerung, die sie zur&uuml;ckzieht,
+keine Sehnsucht nach irgend einem verlassenen
+Spielplatze der Kindheit. F&uuml;hlt sich nicht selbst
+der Lappl&auml;nder in seiner Schneew&uuml;ste, in seiner
+rauchigen H&uuml;tte, in Schmutz und Elend gl&uuml;cklich,
+nur weil es seine Heimath ist, wie viel mehr denn
+k&ouml;nnte es der Brasilianer in seinen Palmenw&auml;ldern
+und Orangenduft?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und h&auml;ngen Sie noch so sehr an der Heimath?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du lieber Gott,&laquo; sagte K&ouml;nnern, &raquo;ich habe
+eigentlich nicht viel dort zur&uuml;ckgelassen, was mich
+binden k&ouml;nnte. Meine Eltern sind beide todt,
+und nach so langer Abwesenheit von daheim darf
+ich kaum hoffen, da&szlig;, au&szlig;er einem Bruder, der
+mir dort lebt, meine Freunde <span class="wide">mir</span> eben das
+warme Herz bewahrt haben, das ich zur&uuml;ckbringe.
+Man sagt ja sogar, da&szlig; das Heimweh nur durch
+eine R&uuml;ckkehr in die Heimath so gr&uuml;ndlich curirt
+werden k&ouml;nne, um nie wiederzukehren. Aber dennoch
+liegt ein eigener Zauber &uuml;ber dem Platze,
+auf dem einst unsere Wiege gestanden, und ich
+wei&szlig; nicht, ob ich mich je mit dem Gedanken befreunden
+k&ouml;nnte, selbst Brasilien zu meinem steten
+Aufenthalte zu w&auml;hlen, ehe ich den heimischen
+Boden nicht wenigstens noch einmal wiedergesehen
+h&auml;tte. F&uuml;hlen <span class="wide">Sie kein</span> solches Verlangen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich war noch ein halbes Kind als ich Deutschland
+verlie&szlig;,&laquo; sagte Elise; &raquo;kannte ich doch damals
+Nichts als das Vaterhaus, und da meine
+Eltern mit her&uuml;ber kamen, vermi&szlig;te ich kaum
+Etwas aus dem alten Vaterlande. Wohl steigt
+manchmal eine Art von Sehnsucht in mir auf, die
+Heimath wieder zu sehen, aber es ist mehr ein
+unbestimmtes Gef&uuml;hl, das keinen festen und gewissen
+Anhaltspunkt hat, und deshalb auch nicht
+so m&auml;chtig, um mich lange und ernsthaft in Anspruch
+zu nehmen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber Sie f&uuml;hren doch ein recht einsames
+Leben hier oben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin kein anderes gew&ouml;hnt,&laquo; sagte Elise,
+w&auml;hrend aber doch ein leichter Seufzer ihre Brust
+hob; &raquo;Vater und Mutter sind so gut mit mir,
+und Alles, was ich brauche, habe ich im &Uuml;berflu&szlig;.
+Was k&ouml;nnte mir die ger&auml;uschvolle Welt
+da unten mehr bieten? Je mehr ich auch davon
+sehe, desto weniger gef&auml;llt sie mir, und ich habe
+es dem Vater oft schon im Stillen gedankt, da&szlig;
+er uns hier oben so vollkommen von dem Verkehr
+mit der Ansiedelung abgeschlossen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber was <span class="wide">haben</span> Sie schon davon gesehen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was? O, viel!&laquo; sagte Elise erstaunt. &raquo;l&auml;rmende,
+trunkene Menschen, die gar nicht selten
+unser Haus passirten, Klagen der Arbeiter im
+&Uuml;berflu&szlig;, und Zank und Streit, Neid und Ha&szlig;
+der einzelnen Colonisten, die manchmal den Vater
+bitten, zwischen ihnen zu entscheiden, damit
+sie keinen Advocaten anzunehmen brauchen. Es
+ist recht traurig, da&szlig; die Menschen nicht in Frieden
+neben einander leben k&ouml;nnen, und Vater hat
+gewi&szlig; ganz Recht gehabt, da&szlig; er sich von ihnen
+zur&uuml;ckgezogen. Wir leben jetzt hier viel gl&uuml;cklicher
+in unserer Einsamkeit, wo wir Nichts von all'
+dem L&auml;rm und Unfrieden zu h&ouml;ren bekommen &mdash;
+und doch sehnt sich Mutter hinaus und zur&uuml;ck in
+die Welt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sind Sie schon lange in Brasilien?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sieben Jahre m&ouml;gen es sein &mdash; vielleicht
+etwas weniger, und damals war die Colonie da
+unten ein kaum begonnener Platz, auf dem erst
+wenige H&auml;user standen. Erst in den letzten zwei
+Jahren begannen die Auswanderer hierher den
+Weg zu finden &mdash; der Vater sagt, weil ihnen
+l&uuml;genhafte Speculanten vorgeschwindelt h&auml;tten, da&szlig;
+der Boden hier so au&szlig;erordentlich fruchtbar sei &mdash;
+und jetzt vergeht fast kein Monat, an dem nicht
+Schiffsladungen voll von ihnen ankommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist auch jetzt wieder der Fall,&laquo; meinte
+K&ouml;nnern, &raquo;und wir sind gerade heute heraufgekommen,
+um das n&auml;chstgelegene Land f&uuml;r neue Colonisten
+auszumessen. Sie werden dann wahrscheinlich
+auch hier oben eine Menge neuer Nachbarn
+bekommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann zieht Vater gewi&szlig; weg von hier,&laquo; lachte
+Elise, &raquo;denn er hat schon oft davon gesprochen,
+so h&uuml;bsch er den Platz auch mag eingerichtet haben.
+Wenn Mutter nicht dagegen gewesen w&auml;re, Vater
+s&auml;&szlig;e schon lange wieder irgendwo mitten im Walde
+ganz allein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber weshalb scheut er die Menschen so?
+Haben sie ihm je Etwas zu Leide gethan?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; es nicht,&laquo; sagte Elise treuherzig;
+&raquo;er spricht nie dar&uuml;ber und hat sogar&nbsp;&mdash;&laquo; sie
+schwieg pl&ouml;tzlich, und ein leichtes Roth f&auml;rbte ihre
+Wangen.</p>
+
+<p>&raquo;Was hat er?&laquo; fragte K&ouml;nnern, weniger aus
+Interesse an der Frage, als an der Jungfrau
+selber, die durch ihre schlichte Einfachheit einen
+ganz eigenen Zauber &uuml;ber ihn auszu&uuml;ben begann.</p>
+
+<p>&raquo;O Nichts,&laquo; sagte Elise leise; &raquo;Vater hat
+manchmal ganz sonderbare Einf&auml;lle, wenn er sich
+damit nur ihm l&auml;stige Menschen abhalten kann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und glauben Sie, liebes Fr&auml;ulein, da&szlig; es
+ihm unangenehm w&auml;re, wenn ich vielleicht noch
+einmal herauf k&auml;me, ehe ich die Colonie verlie&szlig;e?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie wollen schon wieder fort?&laquo; fragte das
+junge M&auml;dchen fast erschreckt, und erschrak doch
+noch mehr eigentlich &uuml;ber die Frage selber.</p>
+
+<p>&raquo;M&ouml;glich ist es, da&szlig; ich noch mehrere Tage,
+vielleicht sogar einige Wochen in der Nachbarschaft
+bleibe,&laquo; sagte der junge Mann; &raquo;es h&auml;ngt das
+von Briefen ab, die ich von Rio erwarte und die
+vielleicht schon mit dem n&auml;chsten Postdampfer eintreffen
+k&ouml;nnen. Aber Sie haben mir <span class="wide">meine</span>
+Frage nicht beantwortet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Welche Frage?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ob es Ihr Vater ungern sehen w&uuml;rde, wenn
+ich herauf k&auml;me um &mdash; Abschied von Ihnen zu
+nehmen,&laquo; sagte K&ouml;nnern, und es war ihm selber
+ein ganz eigenes, wehes Gef&uuml;hl, als er die Worte
+sprach.</p>
+
+<p>&raquo;Ob es der <span class="wide">Vater</span> ungern sehen w&uuml;rde,&laquo; sagte
+Elise, und ein leises, fast wehm&uuml;thiges L&auml;cheln
+stahl sich &uuml;ber ihre Z&uuml;ge, &raquo;wei&szlig; ich freilich nicht;
+<span class="wide">ich</span> aber w&uuml;rde es ganz bestimmt ungern sehen,
+wenn Sie &mdash; so bald schon wieder Abschied von
+uns nehmen wollten.&laquo;</p>
+
+<p>K&ouml;nnern wollte ihr Etwas darauf antworten,
+aber er vermochte es nicht. Irgend eine leere
+Redensart pa&szlig;te nicht auf die aus dem Herzen
+<ins title="Original hat kommende">kommenden</ins> Worte des einfachen M&auml;dchens, und
+h&auml;tte er ihr so darauf erwiedert, wie es ihm sein
+eigen Herz eingab &mdash; das ging nicht &mdash; das war
+nicht m&ouml;glich. Nur ihre Hand ergriff er und sagte
+endlich mit tiefem Gef&uuml;hle:</p>
+
+<p>&raquo;Der Mensch ist noch nicht ganz verloren, bei
+dessen Ankunft sich Jemand freut, dessen Abschied
+Jemanden betr&uuml;bt. Ich will die Worte so einfach
+nehmen, wie sie gesprochen waren, aber sein Sie
+versichert, mein Fr&auml;ulein, da&szlig; sie mir stets eine
+liebe, liebe Erinnerung bleiben werden.&laquo;</p>
+
+<p>Elise sah ihn fast etwas best&uuml;rzt an. Hatte sie mehr
+gesagt, wie sie eigentlich durfte &mdash; Du lieber Gott,
+sie war ja fast jedes geselligen Umganges entw&ouml;hnt.
+Wie um sich selber zu entschuldigen, fuhr
+sie fort:</p>
+
+<p>&raquo;Wir haben hier so lange jeden gesellschaftlichen
+Umgang entbehrt, da&szlig; man es uns wahrlich
+nicht verdenken kann, wenn wir uns freuen, die
+Einsamkeit, ja &Ouml;de einmal durch einen freundlichen
+Besuch gest&ouml;rt zu sehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe es auch nicht anders verstanden,
+liebes Fr&auml;ulein,&laquo; sagte K&ouml;nnern mit einem Seufzer,
+&raquo;und doch danke ich Ihnen daf&uuml;r. Aber Ihre
+Frau Mutter scheint Sie zu suchen &mdash; und dort
+h&auml;lt auch der Director schon wieder, mich erwartend,
+vor der Th&uuml;r. So rasch ist die Zeit vergangen,
+und ich glaubte, da&szlig; wir erst wenige Minuten
+im Garten gewesen w&auml;ren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Leben Sie wohl!&laquo; sagte Elise, ihm freundlich
+und ohne R&uuml;ckhalt die Hand zum Abschied
+reichend.</p>
+
+<p>&raquo;Leben Sie wohl, liebes Fr&auml;ulein!&laquo; sagte der
+junge Mann, und er war einen Moment unschl&uuml;ssig,
+ob er die ihm gereichte Hand an die
+Lippen heben solle, aber er bezwang sich, machte
+ihr eine ehrfurchtsvolle Verbeugung und verlie&szlig;
+rasch den Garten.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="narrow" />
+<h3><a name="kap_6" id="kap_6"></a>6.</h3>
+
+<h3>Zuhbel's Chagra.</h3>
+
+<p>Der Director wandte sein Pferd, als er K&ouml;nnern
+auf sich zukommen sah, und ritt ihm voran
+die schmale Stra&szlig;e entlang.</p>
+
+<p>&raquo;Nun, wie hat Ihnen die Familie gefallen?&laquo;
+sagte er endlich, als sie sich weit genug von Haus
+und Garten befanden, um nicht mehr von dort
+geh&ouml;rt zu werden; &raquo;nicht wahr, die Tochter ist
+nicht so &uuml;bel?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, ein ganz h&uuml;bsches M&auml;dchen,&laquo; sagte
+K&ouml;nnern und sch&auml;mte sich fast vor sich selber dabei,
+des profanen Urtheils wegen, denn es schien ihm
+eine ordentliche Entweihung dieses schlichten, unschuldvollen
+Herzens. Gl&uuml;cklicher Weise verhinderte
+aber der enge Weg hier eine l&auml;ngere Unterhaltung.
+Eine Viertelstunde sp&auml;ter zeigte ihm der Director
+das Thal, dem er folgen k&ouml;nne, um einmal den
+Wald und die Nachbarschaft ein Wenig kennen
+zu lernen, bezeichnete ihm den Platz, wo er sein
+Pferd einstellen solle, warnte ihn noch einmal vor
+einem zu langen Streifzuge, damit er sich nicht
+doch etwa in den Bergen verirre, und setzte dann
+seinen eigenen Weg fort, K&ouml;nnern sich selber
+&uuml;berlassend.</p>
+
+<p>Der junge Mann athmete tief auf, als er sich
+endlich allein im Walde sah; er f&uuml;hlte das Bed&uuml;rfni&szlig;,
+seinen Gedanken ungest&ouml;rt nachh&auml;ngen zu
+k&ouml;nnen, und ein so eifriger J&auml;ger er sonst auch sein
+mochte, heute verga&szlig; er fast, weshalb er in den
+Wald gekommen, und lie&szlig; seinem Pferde willenlos
+den Z&uuml;gel, einen Fu&szlig;pfad zu verfolgen, der
+in dem Thale hinauflief. Dort oben sollte er
+noch eine Chagra, die letzte, erreichen, wo er sein
+Pferd lassen und die Jagd dann zu Fu&szlig;e fortsetzen
+konnte, denn im Sattel lie&szlig; sich in diesen
+W&auml;ldern eben gar Nichts ausrichten.</p>
+
+<p>Und was hatte ihm denn nur auf einmal so
+Kopf und Herz befangen, was durchgl&uuml;hte ihn
+pl&ouml;tzlich mit einem nie gekannten, kaum geahnten
+Gef&uuml;hl? Der Anblick, das Zusammensein mit
+diesem einfachen, schlichten Kinde des Waldes?
+K&ouml;nnern sch&uuml;ttelte selber &uuml;ber die tolle Idee den
+Kopf und suchte ein paar Mal sogar gewaltsam
+das holde Bild aus seiner Erinnerung zu bannen;
+aber es ging eben nicht. &mdash; Wenn er hinaus in
+den Wald horchte, h&ouml;rte er die melodischen Laute
+ihrer Stimme, wenn er nach irgend einem m&ouml;glichen
+Wild umherlugte, sah er das schelmische
+L&auml;cheln der Jungfrau hinter jedem Busch und
+Strauch, als sie ihn fragte, ob er die Blumen
+liebe, und aus jedem perlenden Thautropfen
+schauten ihm die treuen Augen Elisens entgegen.</p>
+
+<p>Mit einem Worte, er war bis &uuml;ber die Ohren
+verliebt, und da&szlig; er sich das zuletzt selber nicht
+einmal mehr verbergen konnte, &auml;rgerte ihn am
+Allermeisten.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist reiner Wahnsinn,&laquo; philosophirte er
+vor sich hin, &raquo;reiner, blanker Wahnsinn, da&szlig; ich
+da hinein reite, einer jungen Br&uuml;nette in die
+Augen schaue und dar&uuml;ber auf einmal den Verstand
+verloren haben soll! Der mu&szlig; mir jedenfalls
+schon fr&uuml;her abhanden gekommen sein &mdash; oben
+in Costa Rica vielleicht, oder am Mississippi, oder
+irgendwo anders sonst &mdash; der Teufel wei&szlig; es!
+Aber zum Kuckuck auch! Ich will doch einmal
+sehen, ob ich nicht Gewalt &uuml;ber mich habe, mir
+ein M&auml;dchenbild aus dem Kopf zu schlagen, und
+<span class="wide">wenn's</span> eine Br&uuml;nette mit den sch&ouml;nsten Reh-Augen
+der Welt w&auml;re &mdash; und das ist sie nicht
+einmal &mdash; die Nase steht ihr ein klein Bi&szlig;chen
+schief &mdash; ein ganz klein Bi&szlig;chen nur, aber sie steht
+doch schief, und ist f&uuml;r eine wirkliche Sch&ouml;nheit
+viel zu stumpf, und das Kinn m&uuml;&szlig;te nothwendig
+ein wenig l&auml;nger sein &mdash; au&szlig;erdem hat sie nicht
+einmal ein Gr&uuml;bchen darin, und ich schw&auml;rme f&uuml;r
+Gr&uuml;bchen im Kinn.&laquo;</p>
+
+<p>Und wie er sich die Fehler der Geliebten so
+gewaltsam vormalte, schauten &uuml;ber Nase und Kinn
+immer nur wieder jene Augen fest und tief <ins title="Original hat in in">in</ins>
+die seinigen; in dem Rauschen der Palmen
+h&ouml;rte er die leise fl&uuml;sternden Worte, wie sie ihm
+sagte: &raquo;Ich aber w&uuml;rde es ganz bestimmt ungern
+sehen, wenn Sie sobald schon wieder Abschied von
+uns nehmen wollten,&laquo; und jeder wehende Zweig
+schien ihm zuzuwinken und zu rufen: &raquo;Zur&uuml;ck!
+Zur&uuml;ck &mdash; hinter Dir liegt das Gl&uuml;ck, das Du
+verlassen hast, hinter Dir! Und was treibst Du
+Dich da noch l&auml;nger so einsam und allein in der
+weiten, &ouml;den Welt umher?&laquo;</p>
+
+<p>Er griff auch ein paar Mal wirklich seinem
+Pferde in die Z&uuml;gel, als ob er dieser wunderlichen
+Stimme, die ihn dr&auml;ngte und trieb, folgen wolle,
+aber es war das immer nur ein Moment. Im
+n&auml;chsten warf er trotzig den Kopf zur&uuml;ck und bi&szlig;
+die Z&auml;hne auf einander. Aber die Traumbilder
+lie&szlig;en ihm doch keine Ruhe, und er kam erst
+eigentlich ordentlich wieder zu sich selber, als er
+das ihm von dem Director bezeichnete Haus erreichte,
+das an der Gr&auml;nze der Ansiedelung stand
+und wo er sein Pferd lassen wollte, um seine
+eigentliche Jagd zu beginnen.</p>
+
+<p>Der Eigenth&uuml;mer war allerdings gerade nicht
+zu Hause, sondern im Walde drau&szlig;en, um St&auml;mme
+f&uuml;r eine neue Scheune zu schlagen, das schadete
+aber Nichts; die Frau &ouml;ffnete ihm den kleinen
+Pasto, wo er sein Thier indessen frei weiden lassen
+konnte, und mit seiner B&uuml;chsflinte auf der Schulter
+schritt er gerade in den Wald hinein, um sein
+Jagdgl&uuml;ck, allen Gedanken und Tr&auml;umen zum
+Trotz, in vollem Ernste zu versuchen.</p>
+
+<p>Es giebt auch wirklich in der ganzen Welt
+kein besseres Mittel, um sich l&auml;stig werdender
+Gedanken zu entschlagen, als zu Fu&szlig; in einem
+tropischen Walde spazieren zu gehen. Im Sattel
+sucht sich das Pferd schon selber seinen Pfad,
+weicht Hindernissen aus oder &uuml;berwindet sie, und
+tr&auml;gt den Reiter seine Bahn entlang; ja, ein
+solcher einsamer Ritt ist eigentlich zum Br&uuml;ten
+und Gr&uuml;beln wie gemacht, und w&auml;hrend sich der
+K&ouml;rper ruhig und endlich selbst theilnahmlos der
+F&uuml;hrung des Pferdes &uuml;berl&auml;&szlig;t, haben Geist und
+Phantasie vollen Raum, in das Wilde hinaus zu
+schweifen, und machen denn auch bei jeder passenden
+Gelegenheit Gebrauch davon.</p>
+
+<p>Anders und sehr verschieden ist das freilich,
+wenn man selber in den Geb&uuml;schen steckt, wenn
+sich jeder Fehltritt durch ein prosaisches Stolpern
+straft und Dornen und Schlingpflanzen bald hier,
+bald da den Weg versperren. In solchem Falle
+ist's mit dem Gr&uuml;beln unbedingt vorbei, und kein
+anderer Gedanke, als der, sich die Bahn frei zu
+halten, kann aufkommen.</p>
+
+<p>Das Mittel half auch bei K&ouml;nnern. Wie er
+nur erst einmal die letzte Umz&auml;unung der Colonie
+hinter sich hatte und in den wirklichen Wald eintauchte,
+wobei er noch au&szlig;erdem gen&ouml;thigt war,
+sich genau die eingeschlagene Richtung zu merken,
+gewann der Wald um ihn her wieder seinen wirklichen
+Charakter, und ordentlich in der Wildni&szlig; drin
+erwachte auch die alte Leidenschaft zur Jagd in
+ihm, und lie&szlig; ihn mit dem ersten besten Pfade,
+auf den er den Fu&szlig; setzte, auch nach F&auml;hrten
+oder Spuren wilder Thiere suchen.</p>
+
+<p>Es ist au&szlig;erdem schon an und f&uuml;r sich ein
+ganz eigenth&uuml;mliches, wunderbares Gef&uuml;hl, in
+einem fremden, unbekannten Walde mit der B&uuml;chse
+im Arm dahin zu schreiten, und man mu&szlig; eigentlich
+selber J&auml;ger sein, um das recht mitempfinden
+oder auch nur begreifen zu k&ouml;nnen. Jeder Laut
+ist fremd, selbst das Rauschen der Bl&auml;tter klingt
+dem Ohre ungewohnt, und noch dazu in einem
+tropischen Walde lenkt &uuml;berall eines der sich stets
+bewegenden riesigen Bl&auml;tter das Auge des J&auml;gers
+bald da, bald dorthin und h&auml;lt ihn anf&auml;nglich in
+fast fieberhafter Spannung.</p>
+
+<p>Hier und da raschelt auch einmal das Laub
+&mdash; ein d&uuml;rrer Ast knickt, ein Waldhuhn streicht
+dicht vor den F&uuml;&szlig;en des J&auml;gers mit fremdartigem
+Ger&auml;usch empor und verschwindet, ehe er sich zum
+Schusse sammeln konnte, wieder in den B&uuml;schen,
+und irgend eine unbekannte F&auml;hrte fesselt pl&ouml;tzlich
+seinen Blick und lockt ihn, weit von seiner Richtung
+ab, lange, lange Strecken in den Wald
+hinein.</p>
+
+<p>So streifte auch K&ouml;nnern heute durch die
+Wildni&szlig;, die er freilich mit gr&ouml;&szlig;eren Erwartungen
+f&uuml;r die Jagd betreten hatte. Er fand wohl einmal
+eine Stelle, wo ein Rudel Sauen den Grund
+aufgebrochen hatte, er sah die F&auml;hrten einer kleinen
+Rothwildart und einmal sogar die eines Panthers
+oder einer Tigerkatze, aber zum Schusse bekam er
+Nichts als ein paar Waldh&uuml;hner, die er aus dem
+Geb&uuml;sche herausst&ouml;rte und im Fluge mit dem
+Schrotlauf scho&szlig;. Das war Alles, und als er
+am Stand der Sonne sah, da&szlig; er nicht viel Zeit
+mehr zu vers&auml;umen hatte, trat er den R&uuml;ckweg an
+und erreichte etwa eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang
+das Haus jenes Ansiedlers, wo sein
+Pferd stand.</p>
+
+<p>Der Mann war jetzt zu Hause und empfing
+den Fremden auf das Gastlichste, wie es &uuml;berhaupt
+in den Ansiedelungen Sitte ist, lachte auch gerade
+hinaus, als K&ouml;nnern erkl&auml;rte, da&szlig; er heute Abend
+noch nach der Colonie zur&uuml;ck wolle.</p>
+
+<p>&raquo;Mein lieber Freund,&laquo; sagte er, &raquo;das ist reine
+Thorheit, und Sie verstehen es eben nicht besser.
+Bis Sie Ihr Pferd gesattelt haben und aus der
+Rodung hinaus sind, ist die Sonne unter und
+die Welt damit auch gleich stockdunkel, und nachher
+sollten Sie einmal sehen, wie Sie auf dem
+Hundewege mit Ihrem Pferde stecken blieben und
+st&uuml;rzten, vielleicht obendrein noch Hals und Beine
+br&auml;chen. Fortreiten im Dunkeln? Denken Sie
+gar nicht daran, und au&szlig;erdem lasse ich Sie nicht
+fort, wenn Sie auch wirklich wollten. Glauben
+Sie denn, da&szlig; uns die Fremden hier so dick zugeschneit
+k&auml;men, da&szlig; wir einen, den wir einmal
+eingefangen, gleich wieder fliegen lie&szlig;en? Gott
+bewahre &mdash; heute Abend wollen wir uns was
+erz&auml;hlen, Sie von drau&szlig;en, ich von drinnen, und
+da sollen Sie einmal sehen, wie rasch die Zeit
+verfliegt.&laquo;</p>
+
+<p>Er lie&szlig; auch wirklich gar keine Einwendungen
+gelten, und da sich K&ouml;nnern viel eher in der
+Stimmung f&uuml;hlte, den Abend bei ganz fremden
+Leuten zuzubringen, als unter Freunden zu verplaudern,
+so bedurfte es keines langen Zuredens
+seines freundlichen Wirthes, ihn zu bestimmen
+dessen Wunsch zu gew&auml;hren.</p>
+
+<p>W&auml;hrend K&ouml;nnern unter einem m&auml;chtigen
+Orangenbaume sa&szlig; und einige der um ihn her
+den Boden bedeckenden Fr&uuml;chte verzehrte, erz&auml;hlte
+ihm der Deutsche den gr&ouml;&szlig;ten Theil seiner Lebensgeschichte.
+Er hie&szlig; Heinrich Zuhbel, hatte fr&uuml;her
+einen Handel in Rio Grande gehabt und mit
+einem Kr&auml;merkarren verschiedene Streiftouren nach
+Uruguay hinein gemacht, wo er eine Menge Geld
+verdient haben mu&szlig;te. In San Leopoldo, wohin
+er auch einmal gekommen war, um seine Waaren
+an den Mann zu bringen, brachte er sich dann
+selber an. Er verliebte sich n&auml;mlich &mdash; oder besser
+gesagt, seine jetzige Frau verliebte sich eigentlich
+in ihn &mdash; die Eltern hatten Nichts dagegen, und
+er verkaufte seine ganzen Habseligkeiten an einen
+frisch eingewanderten Juden, &uuml;bernahm die Colonie
+seines Schwiegervaters und wirthschaftete
+darauf, bis ihm der Nachbarn zu viele wurden.
+Damals wurde die jetzige Colonie Santa Clara,
+wenn auch nicht begr&uuml;ndet, denn sie bestand schon
+l&auml;ngere Zeit, aber frisch in Angriff genommen,
+und Zuhbel beschlo&szlig;, hieher &uuml;berzusiedeln. &Uuml;berhaupt
+an Herumziehen in der Welt gew&ouml;hnt,
+wurde ihm das auch nicht schwer, und er hatte
+sich jetzt mit Flei&szlig; und Ausdauer ein ganz h&uuml;bsches
+Besitzthum gegr&uuml;ndet und lebte, wie er meinte,
+gerade weit genug von der Colonie entfernt, um
+sich Vieh halten zu k&ouml;nnen und nicht jeden Augenblick
+&Auml;rger mit den Nachbarn zu haben. Die
+Kinder konnte er freilich von hier aus nicht in die
+Schule schicken, denn das war zu weit und die
+Schule taugte auch Nichts; deshalb unterrichteten
+er und die Frau sie selber, und der &raquo;Landsmann&laquo;
+sollte sich nachher einmal &uuml;berzeugen, was sie schon
+Alles k&ouml;nnten.</p>
+
+<p>Der Mann plauderte so in einer Schnur fort,
+und erz&auml;hlte dem Fremden eine von den tausend
+Geschichten, die der Wanderer durch solche L&auml;nder
+fast in jeder H&uuml;tte zu h&ouml;ren bekommt und als
+eine der vielen Reiseunannehmlichkeiten eben hinnehmen
+mu&szlig;: eine Lebensgeschichte ohne das geringste
+Interessante, ein allt&auml;glicher Lebenslauf in
+den Colonien, voll Arbeit, und Gl&uuml;ck und Mi&szlig;geschick,
+bunt und ohne Zweck oder Ziel durch
+einander gemischt.</p>
+
+<p>Der Mann hier schien aber trotzdem keiner
+der gew&ouml;hnlichen Bauern zu sein, wie auch sein
+fr&uuml;herer Erwerb bewies; er war eine Art von
+verdorbenem Genie, der ein Bi&szlig;chen von Allem
+oberfl&auml;chlich gelernt hatte, das Wenige aber nach
+Kr&auml;ften zur Geltung zu bringen suchte, wo sich
+ihm irgend Gelegenheit dazu bot.</p>
+
+<p>Als sich die Sonne endlich hinter die B&auml;ume
+senkte, lud er seinen Gast ein, in's Haus zu kommen,
+da der Thau schon zu fallen begann. Dort
+fand K&ouml;nnern die Frau emsig besch&auml;ftigt den
+Tisch zu decken, und ein junges, bildh&uuml;bsches
+M&auml;dchen von vielleicht dreizehn Jahren, aber schon
+hoch aufgeschossen, half ihr dabei.</p>
+
+<p>Die Frau trug nicht die deutsche Bauerntracht,
+sondern mehr eine Kleidung, wie sie bei Handwerkerfrauen
+auf dem Lande Sitte ist: ein blaugebl&uuml;mtes,
+dunkles Kattunkleid, eine wei&szlig;e Sch&uuml;rze
+und &mdash; jedenfalls dem Gaste zu Ehren &mdash; ein
+gelb und roth carrirtes Seidentuch um den Hals
+gekn&uuml;pft. Sie mu&szlig;te auch einmal recht h&uuml;bsch
+gewesen sein, denn die Spuren lie&szlig;en sich selbst
+jetzt noch erkennen, aber harte Arbeit und eine
+hei&szlig;e Sonne reiben den K&ouml;rper auf und machen
+ihn rasch verbl&uuml;hen. Sie gr&uuml;&szlig;te sch&uuml;chtern und
+verlie&szlig; mit ihrer Tochter das Zimmer, sobald
+es K&ouml;nnern betrat. Aber auch sein Wirth hatte
+noch drau&szlig;en zu thun.</p>
+
+<p>&raquo;Setzen Sie sich und machen Sie es sich bequem,&laquo;
+sagte er zu seinem Gaste, als er diesen in
+die Stube gef&uuml;hrt hatte; &raquo;ich bin gleich wieder
+da, ich will Ihnen nur Etwas von meinen Fabrikaten
+holen.&laquo;</p>
+
+<p>Damit verlie&szlig; er ebenfalls das Zimmer und
+lie&szlig; dem jungen Deutschen vollkommen Zeit, sich
+diese Heimath eines deutsch-brasilianischen Pflanzers
+mit Mu&szlig;e zu betrachten &mdash; und wahrlich,
+es schien ein wunderlicher Platz!</p>
+
+<p>Das gro&szlig;e, ger&auml;umige Zimmer mit wei&szlig;en
+Kalkw&auml;nden nahm den ganzen vordern Theil des
+Hauses ein. Die M&ouml;bel bestanden gro&szlig;entheils
+aus einfachem wei&szlig;en Holze. Nur ein, m&ouml;glicherweise
+aus Deutschland mitgebrachter runder Tisch
+in der Ecke war aus Mahagoni; eben so ein Stuhl,
+der aber nur noch drei Beine hatte und mehr zum
+Staate als zum wirklichen Dienste wie in Gedanken
+in der Ecke lehnte.</p>
+
+<p>An der einen Wand stand ein Fortepiano aus
+Nu&szlig;baumholz; daneben aber ein angebrochener
+Mehlsack, aus dem wahrscheinlich der t&auml;gliche
+Bedarf f&uuml;r das Haus genommen wurde; auf dem
+Clavier lag ein k&uuml;rzlich abgenommener Pferdezaum,
+denn das Gebi&szlig; war noch feucht, und in der Ecke
+am Fenster ein alter, zerrissener Sattel, neben
+dem wiederum zwei F&auml;sser mit Bohnen und Erbsen
+standen. Auf den Mahagonitisch war au&szlig;erdem
+als Decke das etwas defecte Umschlagetuch der
+Frau gebreitet; die Zipfel desselben reichten aber
+nicht weit genug herunter, um ein Paar Halbstiefel
+und einige noch nicht gereinigte Frauenschuhe
+zu verbergen. Ein Paar abgeworfene
+Hosentr&auml;ger lagen auf dem Umschlagetuche.</p>
+
+<p>Die Familie schien au&szlig;er dem Clavier aber
+auch sonst noch entschieden musikalisch zu sein,
+denn &uuml;ber demselben, neben einer gew&ouml;hnlichen
+Handwage und einem lange nicht abgestaubten
+Rocke, hingen noch zwei Guitarren und eine Violine
+&mdash; alle drei in etwas desolaten Umst&auml;nden. &mdash;
+Sonst aber sah es reinlich in dem Zimmer aus;
+die Dielen waren frisch gescheuert und an dem
+einen Fenster sogar ein schwacher Versuch zu einer
+Gardine gemacht.</p>
+
+<p>K&ouml;nnern lehnte seine B&uuml;chsflinte in die Ecke
+neben den Mehlsack und hatte gerade Zeit genug
+gehabt, sich in dem Zimmer ein klein wenig umzusehen,
+als sein Wirth mit einer Flasche Wein
+und ein paar Gl&auml;sern zur&uuml;ckkehrte.</p>
+
+<p>&raquo;Nun sollen Sie auch einmal eine Flasche
+Santa Clara Ausbruch versuchen, ein capitales
+Weinchen,&laquo; sagte er dabei, indem er die Flasche
+auf den Tisch stellte und entkorkte, &raquo;selbst gezogen
+&mdash; delicat &mdash; noch ein Bi&szlig;chen jung vielleicht,
+aber famos &mdash; <span class="wide">die</span> Blume!&laquo;</p>
+
+<p>Der Wein hatte eine Rosafarbe; als ihn K&ouml;nnern
+aber kostete, lachte er gerade hinaus und rief:</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben sich mit der Flasche vergriffen; das
+ist Himbeeressig!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Himbeeressig?&laquo; sagte Herr Zuhbel erstaunt,
+indem er vorsichtig von seinem Glase kostete &mdash;
+&raquo;ich habe ja gar keinen &mdash; bitte um Verzeihung,
+das ist mein Ausbruch. Er <span class="wide">ist</span> ein Bi&szlig;chen s&auml;uerlich,
+weil bei uns die Beeren so ungleich reifen,
+aber ich gebe Ihnen mein Wort, wenn man sich
+erst einmal an <span class="wide">den</span> Wein gew&ouml;hnt hat, schmeckt
+Einem der beste Markobrunner nicht mehr.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das glaube ich auch,&laquo; sagte K&ouml;nnern, der
+einen zweiten Versuch machte, das Glas aber dann
+kopfsch&uuml;ttelnd wieder auf den Tisch setzte &mdash; &raquo;ich
+bin &uuml;brigens kein Weinkenner, lieber Herr, und
+trinke nur Wasser. Jeder Wein steigt mir augenblicklich
+zu Kopfe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der nicht,&laquo; rief Zuhbel in Eifer, &raquo;der wahrhaftig
+nicht, und wenn Sie drei Flaschen davon
+tr&auml;nken! (K&ouml;nnern zogen sich schon bei dem Gedanken
+an eine solche M&ouml;glichkeit die Eingeweide
+zusammen und alle Z&auml;hne wurden ihm stumpf.)
+&Uuml;brigens k&ouml;nnen Sie auch Milch bekommen, meine
+Weiberleute trinken auch gew&ouml;hnlich Milch, und
+da kommen sie schon mit dem Essen. Nun langen
+Sie t&uuml;chtig zu, denn Sie werden nach dem heutigen
+Marsch Hunger bekommen haben.&laquo;</p>
+
+<p>Die Frau brachte in der That herein, was das
+Haus bot, delicates Brod, frische Butter, guten
+K&auml;se, Milch und Eier, Alles reichlich und mit
+gr&ouml;&szlig;ter Reinlichkeit aufgetischt; aber sie sprach kein
+Wort, wenn nicht eine Frage direct an sie gerichtet
+wurde. Auch das junge M&auml;dchen hielt sich
+scheu zur&uuml;ck und wagte nicht einmal ordentlich an
+den Tisch hinan zu r&uuml;cken, an den sie weit hin&uuml;berlangen
+mu&szlig;te. Zuhbel f&uuml;hrte allein das Wort
+und erz&auml;hlte ununterbrochen von seinem Leben hier
+zwischen den &raquo;Brasilischen&laquo;, von seinen Arbeiten
+und Erfolgen, wie er den Leuten hier erst habe
+zeigen m&uuml;ssen was Ackerbau sei, wie er seine Felder
+einrichte und bewirthschafte, was er ziehe und
+m&ouml;glich gemacht habe, und wie er es eigentlich
+gewesen sei, der in die Ansiedelung unten ein wenig
+Ordnung gebracht habe.</p>
+
+<p>&raquo;Mit dem Director ist es Nichts,&laquo; fuhr er
+fort &mdash; &raquo;gar Nichts, das ist ein Grobian, wie er
+im Buche steht, aufgeblasen und stolz &mdash; ja, &raquo;Dickethun
+ist mein Reichthum,&laquo; das pa&szlig;t auf den.
+Will Alles besser wissen, und hat nicht die geringste
+Lebensart. Da ist der Delegado ein anderer
+Mann &mdash; der wei&szlig;, was H&ouml;flichkeit ist und was
+unser Einer versteht, und giebt sich mit dem gemeinen
+Manne ab, da&szlig; es eine Lust ist.&laquo;</p>
+
+<p>Dann kam er auf die Frau Gr&auml;fin zu sprechen,
+die ihn einmal &raquo;mein lieber Herr Zuhbel&laquo; genannt
+hatte und von der er entz&uuml;ckt schien. Das
+war eine Dame, wie sie eigentlich sein sollte,
+&raquo;wirklich vornehm und doch so gemein als m&ouml;glich.&laquo;</p>
+
+<p>K&ouml;nnern erm&uuml;dete das Gespr&auml;ch. Er hatte
+schon lange herausgemerkt, da&szlig; sein freundlicher
+Wirth zu den Menschen geh&ouml;rte, die ihren Nachbar
+nur danach beurtheilen, wie sie selber von ihm
+behandelt sind, und den aus Grundsatz hassen, der
+kl&uuml;ger oder flei&szlig;iger ist als sie, oder wenigstens
+von seiner Arbeit mehr Erfolg gehabt hat. Leider
+giebt es solcher Leute ja genug in <span class="wide">allen</span> St&auml;nden,
+und man braucht eben nicht nach Brasilien
+zu gehen, um mit ihnen zusammenzutreffen. Zuhbel
+dagegen, der ebenfalls gefunden, da&szlig; sein Gast
+ein &raquo;Fremder&laquo; sei, und der hier drau&szlig;en viel zu
+selten Gelegenheit bekam, seine Lichtseiten zu entwickeln,
+nahm jetzt die Ansiedler Einen nach dem
+Andern durch, um, wie er meinte, dem neuen
+Einwanderer gleich einen richtigen &Uuml;berblick &uuml;ber
+die Verh&auml;ltnisse zu gestatten.</p>
+
+<p>Indessen war es vollkommen Nacht geworden,
+als drau&szlig;en der Hufschlag eines Pferdes laut
+wurde und gleich darauf ein junger, kr&auml;ftiger
+Bursche von etwa siebenzehn Jahren in's Zimmer
+trat. Es war Zuhbel's Sohn, der den Fremden
+freundlich gr&uuml;&szlig;te und dann, ohne von seiner Familie
+auch nur die geringste Notiz zu nehmen,
+sich zum Tische setzte und die noch &uuml;brigen Speisen
+verzehrte. Er leerte sogar ein Glas von dem
+Wein, ohne eine Miene dabei zu verziehen.</p>
+
+<p>W&auml;hrend er a&szlig;, sa&szlig; Zuhbel wie auf Kohlen;
+er r&uuml;ckte auf seinem Stuhle hin und her und sah
+immer nach seinem Sohne hin&uuml;ber, und als dieser
+kaum den letzten Bissen im Munde hatte und
+seinen Teller zur&uuml;ckschob, stand er auf, rieb sich
+die H&auml;nde und sagte:</p>
+
+<p>&raquo;So, jetzt kann's losgehen &mdash; jetzt sollen Sie
+einmal sehen, da&szlig; wir hier im brasilianischen
+Walde nicht blo&szlig; lauter Bauern und Holzhacker
+sind, sondern da&szlig; wir auch in der Kunst Etwas
+leisten. Bist Du fertig, Junge?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, Vater,&laquo; sagte der Sohn, stand auf, wischte
+sich den Mund, nahm einen kleinen Zusammenlegekamm
+aus der Tasche, um seine Frisur oberfl&auml;chlich
+in Ordnung zu bringen, und griff dann
+ohne Weiteres nach der &uuml;ber dem Claviere hangenden
+Violine, die er zu stimmen und herauf und
+herunter zu schrauben begann. Es dauerte eine
+geraume Zeit, bis er damit fertig wurde; der alte
+Zuhbel hatte indessen das Clavier ge&ouml;ffnet und
+sich daran gesetzt.</p>
+
+<p>&raquo;Spielen Sie?&laquo; fragte er K&ouml;nnern. Dieser
+verneinte. &raquo;Das m&uuml;ssen Sie noch lernen,&laquo; fuhr
+Zuhbel fort, indem er einen falschen Accord griff;
+&raquo;es ist etwas gar Sch&ouml;nes f&uuml;r einen Colonisten,
+wenn er sich Abends nach der Arbeit die Zeit ein
+wenig mit Musik vertreiben kann &mdash; na, hast Du's
+bald?&laquo; wandte er sich an seinen Sohn.</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt kommt's,&laquo; sagte dieser, indem er einen
+Ton auf dem Clavier anschlug und seine Stimmung
+damit verglich. Es stimmte so ziemlich &mdash;
+h&ouml;chstens um einen halben Ton Unterschied, was
+zu unbedeutend war, deshalb noch einmal alle
+Saiten abzuschrauben. Ein Strich &uuml;ber die Violine
+war das Zeichen, und ohne weitere Verabredung,
+als ob gar keine andere Melodie m&ouml;glich sei, fielen
+Beide in die Fra Diavolo'sche Romanze: &raquo;Erblickt
+auf Felsesh&ouml;hen,&laquo; ein und kratzten und h&auml;mmerten
+dieselbe richtig durch, der Vater nat&uuml;rlich nur den
+Ba&szlig; schlagend, wobei es nicht darauf ankam, ob
+er manchmal um zwei oder drei Zoll daneben griff.</p>
+
+<p>Dann kam ein schwerm&uuml;thiges Lied. &raquo;Von
+der Alpe t&ouml;nt das Horn,&laquo; dann &raquo;Die Fahrt in's
+Heu&laquo; mit allen Versen. Den Schlu&szlig; bildete aber
+das Schrecklichste von Allem, ein Choral; denn
+w&auml;hrend es bei den fr&uuml;heren Liedern &uuml;ber die
+Mi&szlig;t&ouml;ne rasch hinwegging, wurden sie hier lang
+und feierlich ausgehalten, und K&ouml;nnern als Schlachtopfer
+sa&szlig; in der einen Ecke und rauchte eine schlechte
+Cigarre, die wie der Wein eigenes Fabricat des
+Tausendk&uuml;nstlers war.</p>
+
+<p>Aber auch das ging vor&uuml;ber; das Concert war
+beendet, die Violine hing wieder an der Wand
+und das Clavier wurde geschlossen &mdash; der erste
+angenehme Ton, den es heute von sich gab.</p>
+
+<p>&raquo;Es sind nur drei Instrumente in der ganzen
+Colonie,&laquo; sagte Zuhbel mit Stolz, indem er den
+alten Klapperkasten freundlich auf den R&uuml;cken
+klopfte, als ob es ein Pferd gewesen w&auml;re; &raquo;eins
+hat die Frau Gr&auml;fin, ein wahres Prachtst&uuml;ck; die
+junge Gr&auml;fin hat mir einmal selber Etwas darauf
+vorgespielt &mdash; die spielt, und <span class="wide">das</span> ist ein M&auml;del
+&mdash; zum 'neinbei&szlig;en, sage ich Ihnen. Sie kennen
+sie aber gewi&szlig; schon?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe sie nur einmal im Vorbeireiten
+gesehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Reiten kann sie wie der helle Teufel &mdash; und
+das dritte hat der Meier &mdash; der Einsiedler, wie
+sie ihn unten nennen; aber ob darauf gespielt
+wird, kann man nicht erfahren, denn er liegt wie
+ein Kettenhund vor seiner eigenen Th&uuml;r und l&auml;&szlig;t
+Niemanden hinein &mdash; das ist ein schrecklicher
+Mensch!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er macht sich nicht viel aus Gesellschaft,&laquo;
+sagte K&ouml;nnern gleichg&uuml;ltig.</p>
+
+<p>&raquo;Haben Sie das auch schon gemerkt?&laquo; lachte
+Zuhbel; &raquo;ja, der l&auml;&szlig;t Alle abfahren, wer sie auch
+sein m&ouml;gen, aber &mdash; es hat seinen Grund.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er mag etwas menschenscheu sein; lieber
+Gott, Jeder von uns hat seine Schwachheiten!&laquo;
+sagte K&ouml;nnern und dachte an das Concert.</p>
+
+<p>&raquo;Schwachheiten?&laquo; fragte Zuhbel geheimni&szlig;voll
+&mdash; &raquo;bei dem ist's mehr, darauf gebe ich Ihnen
+mein Wort. Dahinter steckt Etwas. &mdash; Mit dem
+ist's nicht richtig, und da&szlig; der &mdash; ich mag keinem
+Menschen etwas B&ouml;ses nachsagen &mdash; aber da&szlig; der
+<span class="wide">wenigstens</span> einen Mord auf dem Gewissen hat,
+darauf k&ouml;nnen Sie Gift nehmen. &mdash; Denken Sie
+denn, da&szlig; der Jemandem gerade in's Gesicht sehen
+kann? Gott bewahre, eine blaue Brille setzt er
+auf, hinter der man nie wei&szlig; ob er schl&auml;ft oder
+zuh&ouml;rt, wenn man ihm 'was sagt, und da&szlig; er ein
+einziges Mal seine Nachbarn besucht h&auml;tte, so
+lange er hier in der Gegend wohnt &mdash; ist ihm
+noch gar nicht eingefallen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, aber mein lieber Herr Zuhbel,&laquo; sagte
+K&ouml;nnern, &raquo;nicht alle Menschen haben eben Freude
+an Gesellschaft!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach was,&laquo; rief der Mann, &raquo;der ist keines
+Menschen Freund, wie sein eigener, und ich wei&szlig;
+nicht einmal, ob er sich selber 'was aus sich macht.
+Nein, bleiben Sie mir mit dem Herrn Meier vom
+Leibe, und mit seiner ganzen Familie, der alten,
+knuffn&auml;sigen Frau, die Einen immer ansieht als
+ob sie Einen bei&szlig;en wollte &mdash; lieber Gott, ich
+thu' ihr Nichts! &mdash; und dem bleichs&uuml;chtigen Ding
+von M&auml;dchen. Und mit seinem Reichthum soll's
+auch nicht so weit her sein &mdash; mich kauft er nicht
+aus, so viel wei&szlig; ich, und <span class="wide">mein</span> Land g&auml;be ich
+nicht f&uuml;r ein Dutzend solcher Chagra's hin, wie
+er eine hat.&laquo;</p>
+
+<p>Der Mann war im Zuge und lie&szlig; K&ouml;nnern
+nur in so fern Ruhe, da&szlig; er nicht von ihm verlangte,
+ebenfalls zu reden. Er hechelte die Colonie
+wieder von oben bis unten durch, und das Resultat
+blieb, da&szlig; er der Einzige von Allen
+sei, der wirklich Etwas vom Ackerbau verstehe und
+eine Musterwirthschaft eingerichtet habe, auf der
+er den Colonisten einmal zeigen wolle was man
+aus dem Lande machen k&ouml;nne, wenn man es eben
+richtig angriffe. K&ouml;nnern war froh, als er sich
+endlich mit der sp&auml;ten Stunde, und M&uuml;digkeit
+vorsch&uuml;tzend, entschuldigen konnte, um sein Lager
+zu suchen.</p>
+
+<p>Auch hier war Alles f&uuml;r ihn durch die Frauen
+auf das Sauberste hergerichtet, und in einer der
+oberen Kammern fand er ein, wenn auch ein
+wenig hartes, doch frisch &uuml;berzogenes Bett, mit
+Waschzeug, Handtuch und frischem Wasser, und
+au&szlig;erdem noch einen Teller mit Maniokmehl und
+einen Korb voll Orangen, die bei dem brasilianischen
+Landmanne einen nicht unbedeutenden Theil seiner
+Nahrung bilden.</p>
+
+<p>Die Frau leuchtete ihm hinauf. Sie sprach
+kein Wort dabei, setzte ihm das Licht in die Stube
+und sah sich dann noch einmal um, ob auch Alles
+in Ordnung sei. Dann ging sie wieder eben so
+schweigend zur Th&uuml;r zur&uuml;ck, drehte sich noch einmal
+um, sah K&ouml;nnern ruhig an und sagte:</p>
+
+<p>&raquo;Glauben Sie kein Wort von dem, was <span class="wide">er</span>
+Ihnen sagt. Es ist Alles nicht wahr. Gute Nacht,
+schlafen Sie wohl!&laquo; und damit verschwand sie
+drau&szlig;en in dem dunklen Gange.</p>
+
+<p>K&ouml;nnern lachte still vor sich hin, aber er war
+durch das furchtbare Schwatzen seines Wirthes
+so geistig m&uuml;de geworden, da&szlig; er an dem Abend
+nicht einmal mehr denken konnte. So suchte er
+denn sein Lager und hatte sich kaum darauf ausgestreckt,
+als er auch in einen tiefen Schlaf fiel
+und erst am hellen Morgen neu gest&auml;rkt erwachte.</p>
+
+<p>Nun wollte er jetzt allerdings gleich zur Ansiedlung
+zur&uuml;ckkehren, weil er f&uuml;rchtete, da&szlig; der
+Director vielleicht seinetwegen in Sorge sein k&ouml;nne;
+aber Zuhbel lie&szlig; ihn nicht. Erst mu&szlig;te er fr&uuml;hst&uuml;cken
+und dann seine Felder besehen, ohne das
+kam er nicht los.</p>
+
+<p>K&ouml;nnern war nun Nichts weniger als &Ouml;konom,
+und verstand nicht das Geringste von der Landwirthschaft,
+das schadete aber Nichts; Zuhbel
+schleppte seinen Gast mit einem wahren Feuereifer
+&uuml;ber geackerte und ungeackerte Felder, und zeigte
+ihm, was er <span class="wide">hier</span> bauen wollte, und was er <span class="wide">da</span>
+gebaut hatte, wie jener Graben dort und dieser da
+gezogen sei, und wie alt der oder jener Pfirsichbaum
+w&auml;re, und wo er die jungen St&auml;mme herbekommen
+habe &mdash; Dinge, die den jungen Maler
+auch nicht im Geringsten interessirten. Endlich
+hatten sie Alles gesehen, keine Hecken-Anpflanzung
+von Quittenb&auml;umen, kein Reis- oder Maisfeld war
+mehr &uuml;brig, und der Fremde durfte endlich den
+Wunsch ansprechen, sein Pferd zu satteln. Das
+aber besorgte ihm der junge Zuhbel, der zum
+zweiten Fr&uuml;hst&uuml;cke aus dem Felde hereingekommen
+war, und K&ouml;nnern athmete hoch auf, als er endlich
+wieder auf dem schmalen Pfade, das Thal hinab,
+der Ansiedelung zutraben konnte.</p>
+
+<p>Und dennoch schlug er nicht den n&auml;chsten Weg
+dorthin ein, sondern lenkte links ab, an Meier's
+Chagra vor&uuml;ber, und weshalb? Er hatte anfangs
+ein unbestimmtes Gef&uuml;hl, als ob er die beiden geschossenen
+Waldh&uuml;hner, die an seinem Sattelknopfe
+hingen, Elise bringen wolle &mdash; aber das ging
+nicht. Er durfte dem alten Manne nicht l&auml;stig
+fallen &mdash; nicht <span class="wide">jetzt</span> schon wieder sein Haus betreten
+&mdash; und doch, mit wie schwerem Herzen ritt
+er an der dichten Hecke vor&uuml;ber, die Alles umschlossen
+hielt, was seinem Herzen lieb und theuer
+war. &mdash; Vergebens suchte er auch nur einen Blick
+in die Umz&auml;unung zu gewinnen; der alte Meier
+hatte schon daf&uuml;r gesorgt, da&szlig; kein neugieriges
+Auge in sein Heiligthum dringen k&ouml;nne, und tief
+aufseufzend lie&szlig; er seinem Pferde endlich wieder
+den Z&uuml;gel, um den Weg zu verfolgen, der ihn
+hinunter nach Santa Clara brachte.</p>
+
+<p>Noch hatte er aber das Ende der Umz&auml;unung
+nicht erreicht, als er pl&ouml;tzlich Musik zu h&ouml;ren
+glaubte. Er griff seinem Thiere rasch in den
+Z&uuml;gel und lauschte. Richtig &mdash; im Garten selber
+h&ouml;rte er die melodischen T&ouml;ne einer Zither. Eine
+Weile horchte er, aber er war hier noch zu weit
+entfernt, um die Melodie deutlich zu unterscheiden;
+nur die einzelnen, h&ouml;heren T&ouml;ne drangen zu ihm
+her&uuml;ber, und ehe er noch zu einem rechten Entschlu&szlig;
+gekommen, was zu thun, war er schon abgestiegen
+und hatte sein Pferd am Z&uuml;gel.</p>
+
+<p>Ein Weg f&uuml;hrte dort allerdings nicht hinein,
+aber die B&uuml;sche waren doch nicht so dicht, da&szlig; er
+nicht hindurch gekonnt h&auml;tte, und einen Augenblick
+stand er unschl&uuml;ssig, ob er das Pferd hier
+drau&szlig;en am Wege anbinden solle. Aber vom
+Hause aus konnte Jemand daher kommen und ihn
+beim Horchen ertappen &mdash; besser, er nahm es mit,
+und es vorsichtig f&uuml;hrend, n&auml;herte er sich mehr
+und mehr dem Spielenden, bis endlich ganz
+deutlich und gar nicht weit entfernt das Lied
+zu ihm her&uuml;bert&ouml;nte.</p>
+
+<p>Hier aber hemmte eine hohe und vollkommen
+dichte Hecke jedes weitere Vordringen; zu nahe
+durfte er &uuml;berhaupt nicht hinan, da&szlig; ihn der Schritt
+des Pferdes nicht verrieth &mdash; er blieb stehen und
+lauschte der Melodie, die eine Meisterhand aus den
+Saiten lockte &mdash; aber wer spielte hier? Der alte
+Meier selber vielleicht? Der Director hatte ihm
+schon gesagt, da&szlig; er sehr musikalisch sei. Es war
+eine jener schwerm&uuml;thigen deutschen Volksweisen,
+an denen wir so reich sind, und ein tiefes inniges
+Gef&uuml;hl schien die Saiten zu beleben.</p>
+
+<p>Jetzt war das Lied beendet und Alles ruhig
+&mdash; hatte sich der Spieler wieder entfernt? Es war
+so still geworden, da&szlig; er sich ordentlich f&uuml;rchtete
+den Platz zu verlassen, weil ihn das durch das
+Pferd verursachte Ger&auml;usch verrathen mu&szlig;te.</p>
+
+<p>Da pl&ouml;tzlich wurden wieder einzelne Accorde
+angeschlagen, erst leise und wehm&uuml;thig, dann in
+eine mehr heitere Weise &uuml;bergehend. Zwei oder
+drei der kleinen allerliebsten steyrischen L&auml;ndler
+folgten, dann pl&ouml;tzlich in eine andere Tonart &uuml;berspringend,
+intonirte der Spieler eine dem Zuh&ouml;rer
+fremde Melodie, und jetzt &mdash; das Herz schlug ihm
+auf einmal wie ein Hammer in der Brust, begann
+eine glockenreine M&auml;dchenstimme ein kleines
+Lied, von dem er deutlich jede Silbe verstehen
+konnte.</p>
+
+<div class="center">
+ <table style="margin: 0 auto" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="poem">
+ <tr><td align="left">&nbsp;&nbsp;Die Herzen wachsen alle dort</td></tr>
+ <tr><td align="left">Im blauen Himmelsfeld,</td></tr>
+ <tr><td align="left">Und immer zwei beisammen, eng,</td></tr>
+ <tr><td align="left">Die eine Schale h&auml;lt.</td></tr>
+ <tr><td>&nbsp;</td></tr>
+ <tr><td align="left">&nbsp;&nbsp;Vielliebchen gleich, so keimen sie</td></tr>
+ <tr><td align="left">Je zwei und zwei selband,</td></tr>
+ <tr><td align="left">Und sind sie reif, nimmt sie der Herr</td></tr>
+ <tr><td align="left">Und streut sie &uuml;ber's Land.</td></tr>
+ <tr><td>&nbsp;</td></tr>
+ <tr><td align="left">&nbsp;&nbsp;Eins pflanzt er einem J&uuml;ngling ein,</td></tr>
+ <tr><td align="left">Das and're einer Maid,</td></tr>
+ <tr><td align="left">Und spricht: Mein Segen ruht auf Euch,</td></tr>
+ <tr><td align="left">Wenn Ihr vereinigt seid.</td></tr>
+ <tr><td>&nbsp;</td></tr>
+ <tr><td align="left">&nbsp;&nbsp;Die beiden H&auml;lften suchen nun</td></tr>
+ <tr><td align="left">Sich in der Welt daher,</td></tr>
+ <tr><td align="left">Und selig, wer sein halbes find't,</td></tr>
+ <tr><td align="left">O dreimal selig der!</td></tr>
+ <tr><td>&nbsp;</td></tr>
+ <tr><td align="left">&nbsp;&nbsp;Das halbe Herz, Du lieber Gott,</td></tr>
+ <tr><td align="left">Kann doch auch halb nur schlagen &mdash;</td></tr>
+ <tr><td align="left">Wer <span class="wide">meine</span> and're H&auml;lfte hat,</td></tr>
+ <tr><td align="left">Ich wollt', er th&auml;t mir's sagen.</td></tr>
+ </table>
+</div>
+
+<p>K&ouml;nnern lauschte dem Liede mit gl&uuml;henden
+Wangen, kaum aber war es beendet, als er &mdash; er
+wu&szlig;te kaum was er that &mdash; die beiden geschossenen
+Waldh&uuml;hner vom Sattelknopfe nahm und mit
+keckem Wurf &uuml;ber die Hecke hinweg in den Garten
+schleuderte.</p>
+
+<p>Er h&ouml;rte noch drinnen einen leisen Aufschrei,
+aber weiter Nichts, in wilder Flucht trieb er sein
+Pferd wieder durch den Busch zur&uuml;ck auf den
+Weg, sprang in den Sattel, und jagte mit einem
+ganzen Sturm tobender Gef&uuml;hle im Herzen in die
+Ansiedelung zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="narrow" />
+<h3><a name="kap_7" id="kap_7"></a>7.</h3>
+
+<h3>Die neuen Colonisten.</h3>
+
+<p>Der scharfe Ritt that dem wilden Reiter wohl,
+und weil er der Unsicherheit des Weges halber
+sein Thier fest im Z&uuml;gel halten mu&szlig;te, sammelten
+sich seine Gedanken auch wieder mehr auf seine
+&auml;u&szlig;ere Umgebung.</p>
+
+<p>An der Gr&auml;nze des St&auml;dtchens schon fiel ihm
+das rege Leben auf, das er hier traf und das er
+gestern und vorgestern lange nicht so gefunden.
+Eine Menge von fremden, abenteuerlichen Gestalten,
+die meisten mit Gewehren auf dem R&uuml;cken,
+als ob sie sich zu einem Kriegszuge ger&uuml;stet h&auml;tten,
+liefen hin und wieder, und als er sich des Directors
+Hause n&auml;herte, fand er dieses von einem
+ganzen Menschenschwarm ordentlich belagert.</p>
+
+<p>Gl&uuml;cklicher Weise traf er einen der Hausleute,
+der ihm sein Pferd abnehmen konnte, und dieser
+theilte ihm auch die Neuigkeit mit, da&szlig; das Auswandererschiff
+angekommen sei.</p>
+
+<p>Mit M&uuml;he arbeitete er sich durch das Gedr&auml;nge
+im untern Theile des Hauses, denn die
+Leute schienen der Meinung zu sein, da&szlig; jeder
+von ihnen sein Haus und Feld schon fertig vorf&auml;nde,
+und sie Alle wollten sich jetzt nur beim Director
+erkundigen, &raquo;wo es l&auml;ge&laquo;, damit sie gleich
+einziehen k&ouml;nnten.</p>
+
+<p>Den Director fand er oben in einer ganz verzweifelten
+Stimmung, wie er sich gerade mit einem
+etwas zu frechen Burschen herumzankte und im
+Begriffe stand, diesen eigenh&auml;ndig die Treppe
+hinunter zu werfen. K&ouml;nnern behielt noch eben
+Zeit, dem Hinunterpolternden auszuweichen.</p>
+
+<p>&raquo;Da haben wir's!&laquo; rief ihm der Director schon
+oben entgegen. &raquo;Jetzt sind sie da und Nichts
+fertig &mdash; Nichts in Ordnung, da&szlig; man sich auch
+noch von den Flegeln im eigenen Hause mu&szlig;
+Grobheiten sagen lassen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun, die Strafe folgte wenigstens auf dem
+Fu&szlig;e,&laquo; lachte K&ouml;nnern.</p>
+
+<p>&raquo;Da soll einem Andern die Galle nicht &uuml;berlaufen!
+Ich h&auml;tte mich an dem Lump eigentlich
+nicht vergreifen sollen, aber, bei Gott im Himmel,
+sie treiben's zu arg! Er nannte mich geradezu
+einen Ochsen, und da gebrauchte ich mein Hausrecht!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Recht ist ihm geschehen,&laquo; sagte K&ouml;nnern; &raquo;aber
+was nun? &mdash; Wo wollen Sie mit der ganzen
+Gesellschaft hin?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie k&ouml;nnen mir dabei helfen, K&ouml;nnern.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Von Herzen gern, wenn ich eben nur wei&szlig;
+wie.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe f&uuml;r diesen Fall, da ich ja schon
+vorgestern von der Ankunft h&ouml;rte, ein paar H&auml;user
+in der Stadt gemiethet; wir d&uuml;rfen die armen
+Teufel, besonders die Frauen, doch nicht im Freien
+liegen lassen, denn es kann noch jede Nacht ein
+t&uuml;chtiger Regen einsetzen. In dem Auswandererhause
+bringe ich aber h&ouml;chstens noch acht oder zehn
+unter, bei mir vielleicht auch noch zwei oder drei,
+und die &Uuml;brigen m&uuml;ssen in jene beiden H&auml;user
+einlogirt werden. Kommen Sie mit hinunter;
+wir sehen uns die beiden Baulichkeiten gleich noch
+einmal an, und dann sind Sie vielleicht so freundlich
+und &uuml;bernehmen die Hin&uuml;berschaffung der
+Leute. &mdash; Apropos, wo waren Sie die Nacht? &mdash;
+Verirrt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein; bei einem Herrn Zuhbel auf der
+Chagra.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ah, bei meinem Freunde Zuhbel; nun, da
+hatten Sie wenigstens Concert und Wein,&laquo; sagte
+der Director trocken.</p>
+
+<p>&raquo;Das sei Gott geklagt!&laquo; lachte K&ouml;nnern.</p>
+
+<p>&raquo;Und haben auch gleich einen &Uuml;berblick &uuml;ber
+die Privatverh&auml;ltnisse der Einzelnen bekommen.
+Doch lassen wir das. Jetzt an die Arbeit, und
+nachher m&uuml;ssen Sie mir von Ihrer Jagd erz&auml;hlen!&laquo;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>In dem kleinen St&auml;dtchen sah es heute wirklich
+bunt aus, denn gestern Abend noch, schon nach
+elf Uhr, waren die Einwanderer mit Booten
+heraufgekommen, wo sie nat&uuml;rlich an der Landung
+liegen bleiben mu&szlig;ten. Der Capit&auml;n hatte ihnen
+freilich abgerathen, die Fahrt noch so sp&auml;t zu
+unternehmen, aber die Leute wollten so rasch als
+m&ouml;glich brasilianischen Grund und Boden betreten,
+und nur Wenige waren klug genug gewesen, den
+n&auml;chsten Morgen abzuwarten, um ihren Einzug
+in Brasilien zu halten. Jetzt str&ouml;mten sie nun
+nach allen Richtungen in der Stadt umher, und
+als man sie haben wollte, um ihren n&auml;chsten
+Aufenthalt zu ordnen, war eben Keiner zu finden.</p>
+
+<p>Nur mit gro&szlig;er M&uuml;he gelang es K&ouml;nnern
+und dem Director, die Leute endlich in die allerdings
+engen R&auml;umlichkeiten hinein zu bringen,
+und sie fanden hier wieder best&auml;tigt, da&szlig; alle die,
+denen man es ansah, wie sie fr&uuml;her in besseren
+und beh&auml;bigeren Verh&auml;ltnissen gelebt, am Leichtesten
+zu befriedigen waren und sich die gr&ouml;&szlig;ten
+Unbequemlichkeiten gern gefallen lie&szlig;en, w&auml;hrend
+gerade die abgerissensten und verwahrlostesten Subjecte
+sich mit <span class="wide">Nichts</span> zufrieden zeigten und die
+gr&ouml;&szlig;ten Anspr&uuml;che machten.</p>
+
+<p>Noch drei Familien waren &uuml;brig geblieben,
+die im Anfang auch gar kein Verlangen nach
+einem Unterkommen zu haben schienen, und unten
+ruhig am Wasser sa&szlig;en, dem Treiben der Anderen
+zuzusehen. Der Director hatte sich gefreut, da&szlig;
+sie vern&uuml;nftig abwarteten bis die Reihe an sie
+kam, und schon beschlossen, sie so gut als irgend
+m&ouml;glich zu quartieren.</p>
+
+<p>Jetzt ging er, w&auml;hrend K&ouml;nnern sich noch mit
+einer andern Familie oben in der Stadt abqu&auml;lte,
+zu ihnen und sagte:</p>
+
+<p>&raquo;So, Ihr Leute, Ihr sollt nicht zu kurz gekommen
+sein, da&szlig; Ihr mir das Leben nicht auch schwer
+gemacht habt. Die Frauen m&ouml;gen nun noch bei
+den Sachen bleiben, und Ihr M&auml;nner packt indessen
+auf den Karren, der da gerade wieder die Stra&szlig;e
+herunterkommt, was Ihr eben laden k&ouml;nnt. Ich
+habe f&uuml;r den Augenblick nur noch das eine Fuhrwerk
+zur Verf&uuml;gung.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, das ist schon gut,&laquo; sagte der eine Mann,
+der auf einer Kiste sa&szlig; und auch keine Miene
+machte aufzustehen; &raquo;wann kommt aber denn nun
+eigentlich das Schiff?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Welches Schiff?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun, <span class="wide">unser</span> Schiff!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das Euch hergebracht hat?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, das andere.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das andere? Was f&uuml;r ein anderes?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun, das uns von hier nach Rio Grande
+bringen soll.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nach Rio Grande? Ja, Leute, wollt Ihr
+denn schon wieder fort? Ihr seid doch eben erst
+hier angekommen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, wir haben alle unsere Freundschaft bei
+Rio Grande,&laquo; sagte die eine Frau, &raquo;und die Passage
+auch dorthin bezahlt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber hier legt nie ein Schiff nach Rio Grande
+an,&laquo; sagte der Director; &raquo;da m&uuml;&szlig;tet Ihr erst
+wieder nach Santa Catharina fahren, und das
+kann noch sechs oder acht Wochen dauern, bis sich
+dazu Gelegenheit findet. Wenn Ihr <span class="wide">da</span> hin wolltet,
+so mu&szlig;tet Ihr doch wahrhaftig mit keinem Schiffe
+nach Santa Clara fahren. Da h&auml;ttet Ihr Euch
+<span class="wide">vorher</span> erkundigen sollen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, das haben wir doch gethan,&laquo; sagte der
+eine Mann; &raquo;der Herr Agent in Antwerpen hat
+uns ja auch gesagt, <span class="wide">das</span> Schiff hier br&auml;chte uns
+nach Santa Clara, und Rio Grande w&auml;re <span class="wide">dicht</span>
+dabei &mdash; er hat's uns ja auch auf der Karte gezeigt
+&mdash; keinen Finger breit von einander war's.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und Euer Schiffscontract ist bis nach Rio
+Grande gemacht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da &mdash; <span class="wide">hier</span> steht's,&laquo; sagte der Mann und
+zog das Papier aus der Tasche.</p>
+
+<p>Der Director nahm es; aber auf den ersten
+Blick sah er schon, da&szlig; in dem Contracte stand:
+Von Antwerpen nach Santa Clara. &raquo;Da steht
+ja kein Wort von Rio Grande?&laquo; fragte er den
+Auswanderer.</p>
+
+<p>&raquo;Na, nat&uuml;rlich nicht, weil's dicht dabei liegt,&laquo;
+brummte dieser verdrie&szlig;lich; &raquo;das hat uns ja der
+Herr Agent ganz genau auseinander gesetzt, da&szlig;
+das Schiff nur bis Santa Clara ginge und da&szlig;
+dann ein anderes daneben liege, welches uns gleich
+hin&uuml;berbringe. Die Schiffe fahren ja doch alle
+hier erst in Santa Clara an &mdash; so dumm sind
+wir auch nicht, da&szlig; wir das nicht genau ausgemacht
+h&auml;tten.&laquo;</p>
+
+<p>Der Director faltete den Contract langsam
+zusammen und gab ihn dem Manne zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&raquo;Lieber Freund,&laquo; sagte er ruhig, &raquo;die Sache
+ist h&ouml;chst einfach die, da&szlig; Ihr Euch in Antwerpen
+habt anf&uuml;hren lassen &mdash; weiter Nichts. Der Agent
+dort hatte gerade dieses Schiff liegen und <span class="wide">seinem</span>
+Contracte nach Passagiere daf&uuml;r zu schaffen; deshalb
+seid Ihr da mit aufgepackt und fortgeschickt.
+Zwischen hier und Rio Grande besteht gar keine
+regelm&auml;&szlig;ige Verbindung; nur zu Zeiten bietet sich
+Gelegenheit durch einen der kleinen K&uuml;stenfahrer,
+der Euch nach Santa Catharina bringen k&ouml;nnte.
+Dort m&uuml;&szlig;t Ihr aber wieder auf ein Dampfschiff.
+Was au&szlig;erdem die kleine Entfernung betrifft, so
+<span class="wide">k&ouml;nnt</span> Ihr die Reise nach Santa Catharina
+<span class="wide">vielleicht</span> in vier bis f&uuml;nf Tagen machen, wenn
+der Wind gut ist &mdash; im andern Falle nimmt sie
+eben so viele Wochen in Anspruch, und von da
+sind auch wieder drei bis vier Tage nach Rio
+Grande n&ouml;thig. Au&szlig;erdem wird Euch <span class="wide">diese</span> Tour
+fast noch eben so viel kosten, als die Reise von
+Deutschland hierher.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber Du mein gro&szlig;er, allm&auml;chtiger Gott, wir
+haben ja keinen Pfennig Geld mehr!&laquo; schrie die
+eine Frau.</p>
+
+<p>&raquo;Und der Herr Agent hat gesagt, da&szlig; uns die
+Reise von hier nach Rio Grande keinen Heller kosten
+sollte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann hat der Agent einfach gelogen,&laquo; sagte
+der Director ruhig, &raquo;und es ist eine Betr&uuml;gerei,
+wie sie schon mehrfach vorgekommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O, Du mein g&uuml;tiger Heiland,&laquo; jammerte eine
+andere Frau, &raquo;dann sind wir verrathen und verkauft
+und m&uuml;ssen hier elend verderben!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Beruhigt Euch, so schlimm ist die Sache noch
+nicht,&laquo; tr&ouml;stete sie der Director &mdash; &raquo;wenn Ihr Euch
+nicht vielleicht doch noch entschlie&szlig;t hier zu bleiben
+und Euch hier niederzulassen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber wir haben unsere ganze Freundschaft
+bei Rio Grande; meiner Schwester Sohn und der
+Elias und die Dorothea sind auch dr&uuml;ben und
+warten auf uns.&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gut, gut, ich sehe jetzt schon wie die Sache steht;
+ich will einen Versuch machen und an die Regierung
+nach Rio schreiben, welche schon mehreren
+anderen armen Auswanderern, die von betr&uuml;gerischen
+Agenten in eine &auml;hnliche Lage gebracht
+worden, geholfen hat, und vielleicht l&auml;&szlig;t sich doch
+noch Alles einrichten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wann k&ouml;nnen wir fort?&laquo; fragte die Frau
+rasch &mdash; &raquo;kommt das Schiff bald?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, liebe Frau,&laquo; sagte der Director, &raquo;so rasch
+geht die Sache nicht; wenn ich Euch in zwei oder
+drei Monaten hier wegbringe&hellip;.&laquo;</p>
+
+<p>Ein lautes Gejammer der Frauen unterbrach
+ihn, aber es war hier gar Nichts weiter zu thun.
+Die Leute hatten sich einmal betr&uuml;gen lassen, und
+es blieb nichts Anderes &uuml;brig, als die Regierung
+um H&uuml;lfe anzusprechen, was freilich nicht in
+ein paar Tagen gethan war. Der Brief allein
+brauchte acht Tage, bis er hinkam. Diese Leute
+mu&szlig;ten aber eben doch untergebracht werden, und
+wie sie in der ganzen Zeit erhalten werden sollten,
+blieb au&szlig;erdem noch zu bedenken. Die M&auml;nner
+waren indessen kr&auml;ftig und konnten arbeiten,
+und Arbeit gab es immer, wenn es auch nur zu
+Wegebauten gewesen w&auml;re.</p>
+
+<p>Da&szlig; der Director nicht viel ruhige Stunden
+bei all' diesem Wirrwarr hatte, l&auml;&szlig;t sich denken,
+und au&szlig;erdem wollte auch noch der Bursche, den
+er etwas unsanft aus seinem Hause gesetzt, die
+Einwanderer gegen ihn aufhetzen, und lief von
+einer Gruppe zur andern, ihre H&uuml;lfe fordernd,
+weil er nichtsw&uuml;rdig behandelt sei und sich das
+nicht gefallen zu lassen brauche. Die Leute hatten
+aber heute zu viel mit sich selber zu thun; au&szlig;erdem
+kannten sie den Gesellen schon von der Reise
+her und mochten sich nicht mit ihm einlassen.</p>
+
+<p>Es war eine verwilderte, rohe Gestalt, der
+Bursche, eine Pers&ouml;nlichkeit, wie man sie daheim
+besonders in Me&szlig;buden und herumziehenden Banden
+oder Menagerien trifft. Er trug einen hellblauen,
+fleckigen und zerrissenen Rock, schmutzige
+Soldatenhosen, keine Weste und auf dem Kopfe
+eine dunkelblaue M&uuml;tze mit einem St&uuml;ck schmaler
+Silbertresse darum gen&auml;ht. Schnurrbart und
+Knebelbart lie&szlig; er sich ebenfalls wachsen. Mit
+den blonden Haaren hatte sein Gesicht auch trotz
+der markirten Einschnitte etwas Jungenhaftes behalten,
+was durch den &uuml;bergeschlagenen schmutzigen
+Hemdkragen noch unterst&uuml;tzt wurde, und man
+w&auml;re veranla&szlig;t gewesen, ihn auf den ersten Blick
+f&uuml;r einen verwahrlosten Burschen von achtzehn bis
+zwanzig Jahren zu halten.</p>
+
+<p>W&auml;hrend er aber mitten auf der Stra&szlig;e stand
+und schimpfte und fluchte, sa&szlig; neben ihm sein
+bleiches, abgeh&auml;rmtes Weib, ein Kind an der Brust
+und ein M&auml;dchen von etwa acht und ein Junge
+von zehn Jahren neben ihr stehend &mdash; ein Bild
+des Jammers, mit gro&szlig;en, hellen Thr&auml;nen in den
+Augen.</p>
+
+<p>Eine ganze Lebensgeschichte von Jammer und
+Leid lag in ihrem Antlitz, in der ganzen gebrochenen
+Gestalt &mdash; aber sie klagte nicht, kein
+Wort kam &uuml;ber ihre Lippen. Nur das Kind beschwichtigte
+sie mit der einen Hand, w&auml;hrend sie
+mit der andern sich das Blut von der Stirn
+wischte, wohin sie der Unmensch, als sie ihn gebeten
+hatte keinen Streit am ersten Tage anzufangen,
+mit roher Faust geschlagen.</p>
+
+<p>Doch nicht nur solche traurige Bilder bot die
+Scene. Auf einem kleinen Leiterwagen, dem man
+nur durch eine Partie Strohsch&uuml;tten einige Elasticit&auml;t
+abgewonnen und der, von ein Paar kr&auml;ftigen
+braunen Pferden gezogen, lustig dahergerasselt
+kam, <ins title="Original hat wurde">wurden</ins> im scharfen Trabe ein Mann
+und eine Frau die breite Stra&szlig;e entlang gesch&uuml;ttelt,
+die in die Stadt hinein f&uuml;hrte. Der Mann
+sah sonnverbrannt, aber kr&auml;ftig und gesund aus,
+und verrieth auch in seiner ganzen, einfachen aber
+saubern und passenden Kleidung den beh&auml;bigen
+Bauer. Die Frau neben ihm, die ein Kind auf
+dem Schoo&szlig;e hielt und dasselbe des b&ouml;sen Sto&szlig;ens
+wegen mehr hob, als vor sich sitzen hatte, war
+jedenfalls seine Frau; der forschende Blick, den
+aber Beide unabl&auml;ssig nach rechts und links sandten,
+verrieth, da&szlig; sie Etwas suchten, und als der Wagen
+den belebteren Theil der Stra&szlig;e erreichte, hielt
+der Mann sein Pferd an, und die Frau rief fast
+&auml;ngstlich einige der Vor&uuml;bergehenden an:</p>
+
+<p>&raquo;Ja, wo sind sie denn nur &mdash; wo sind sie
+denn hingebracht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer?&laquo; fragte der Angeredete.</p>
+
+<p>&raquo;Nun, die mit dem neuen Schiffe gekommen
+sind.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; lachte der Mann, &raquo;die stecken &uuml;berall
+herum, wo man sie eben unterbringen konnte, Einer
+da, Einer dort.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wen sucht Ihr denn?&laquo; fragte eine Frau, die
+gerade des Weges kam und auch zu den neuen
+Einwanderern geh&ouml;rte.</p>
+
+<p>&raquo;Die alte Frau Mecheln aus dem W&uuml;rtembergischen,
+aus Bellstadt,&laquo; rief die Frau vom
+Wagen herunter, und griff ihrem Manne in die
+Z&uuml;gel, weil das Pferd nicht stehen wollte.</p>
+
+<p>&raquo;O, die alte Mecheln, die ist mit bei uns! &mdash;
+Gleich da dr&uuml;ben um die Ecke, wo der gro&szlig;e Baum
+vor dem Hause liegt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und sie ist wohl?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kerngesund, die ganze Reise gewesen.&laquo;</p>
+
+<p>Der Mann hatte bei der Erw&auml;hnung des Hauses
+schon sein Pferd in die bezeichnete Stra&szlig;e eingelenkt;
+die Frau winkte dankend mit der Hand,
+fort rasselte das Geschirr, da&szlig; die Funken stoben,
+und hielt gleich darauf vor dem genannten Hause.
+Und sie brauchten hier nicht lange zu warten.
+Sobald der Wagen anhielt, ging die Th&uuml;r auf,
+und die alte Frau, die mit Schmerzen darauf gewartet
+hatte, da&szlig; sie Einer der Ihrigen hier erwarten
+solle, trat in die Th&uuml;r.</p>
+
+<p>&raquo;Gro&szlig;mutter!&laquo; schrie die Frau ihr schon vom
+Wagen aus entgegen &mdash; &raquo;Gro&szlig;mutter &mdash; wie
+geht's &mdash; wie geht's?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O, Du mein himmlischer Vater!&laquo; rief die
+alte Frau und hielt sich an dem Th&uuml;rgel&auml;nder, an
+dem sie stand. Aber ihre Enkelin war schon unten
+bei ihr &mdash; wie sie mit dem Kinde vom Wagen
+gekommen, wu&szlig;te sie selber nicht &mdash; mit Einem
+Satze war sie unten und bei der Gro&szlig;mutter,
+lie&szlig; das Kind auf die Erde niedergleiten, umfa&szlig;te
+die alte, zitternde Frau und schluchzte, als ob ihr
+das Herz brechen solle vor Nichts als Wonne und
+Seligkeit.</p>
+
+<p>Der Mann hatte noch mit den Pferden zu
+thun, die nicht stehen wollten, aber ein Bekannter
+kam die Stra&szlig;e herunter, der ihm dabei half und
+dieselben hielt, und er stieg nun auch ab, warf
+erst die Str&auml;nge los, da&szlig; kein Ungl&uuml;ck geschehen
+konnte, und ging dann ebenfalls langsam zur
+Gro&szlig;mutter hin&uuml;ber, die er beim Kopfe nahm
+und herzhaft abk&uuml;&szlig;te.</p>
+
+<p>Dann aber fa&szlig;te er die Sache auch praktisch
+an, denn ein einziger Blick in den innern Raum
+sagte ihm schon, da&szlig; die alte Frau hier nicht
+l&auml;nger bleiben konnte. Ohne sich deshalb weiter um
+etwas Anderes zu bek&uuml;mmern, ging er in das Haus
+und lie&szlig; sich die s&auml;mmtlichen Sachen von der
+&raquo;Gro&szlig;mutter&laquo; geben, die schon alle zusammen in
+der einen Ecke standen, lud dieselben mit H&uuml;lfe
+einiger der Auswanderer auf den Wagen und nahm
+dann die alte Frau selber wie ein Kind auf den
+Arm, um sie auf den schon f&uuml;r sie bereiten Sitz
+zu tragen.</p>
+
+<p>&raquo;Aber Junge, Junge,&laquo; rief die Alte halb erschreckt
+&uuml;ber die gewaltsame Entf&uuml;hrung &mdash; &raquo;meine
+Sachen! Alle meine Sachen stehen ja noch in der
+Stube.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schon Alles auf dem Wagen droben, Gro&szlig;mutter.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auch die blaue Kiste?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da hinten steht sie.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und der kleine Holzkoffer?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Alles oben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber der Korb mit dem Tuche oben drauf,
+und die rothe Lade&hellip;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Alles da; es fehlt Nichts.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber den Regenschirm seh' ich nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Den Regenschirm?&laquo; sagte der Enkel verbl&uuml;fft,
+denn da war wirklich Etwas, was er vergessen
+hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Er steht gleich neben dem Fenster in der
+Ecke&laquo; &mdash; aber einer der Jungen aus dem Hause
+war schon hineingesprungen, um das Vermi&szlig;te zu
+holen, und kam gleich darauf im Triumph damit
+zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&raquo;So, Gro&szlig;mutter,&laquo; sagte der Mann, &raquo;ist nun
+Alles da?&laquo; Die Enkelin hatte mit dem kleinen
+Kinde schon neben ihr Platz genommen.</p>
+
+<p>&raquo;Alles, meine Kinder &mdash; und sind wir denn jetzt
+wirklich in Brasilien?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na, ob!&laquo; sagte der Mann, gab seinen Pferden
+einen kleinen Peitschenhieb, und fort rasselte
+der Wagen wieder, die gl&uuml;cklichen Menschen ihrer
+eigenen Heimath zuzuf&uuml;hren.</p>
+
+<p>Gerade als das Fuhrwerk wieder die Stadt
+verlie&szlig;, landete noch ein kleines Boot, die Capitainsj&ouml;lle,
+worin dieser einige Kaj&uuml;tenpassagiere
+an's Land brachte. Drei oder vier andere waren
+schon gestern Abend mit den Zwischendeckspassagieren
+gelandet und gleich in den Gasthof gegangen,
+um dort Unterkunft zu finden. Eben
+dahin hatte sich aber auch eine Anzahl von Zwischendeckspassagieren
+gewandt, die sich in dem, ihnen
+von der Direction angewiesenen Raume nicht
+wohl f&uuml;hlten und noch Geld genug bei sich f&uuml;hrten,
+wenigstens die erste Zeit davon leben zu k&ouml;nnen.
+Waren sie dann erst einmal acht oder vierzehn
+Tage in der Colonie, so lie&szlig; sich mit mehr Mu&szlig;e
+eine bequemere Einrichtung treffen.</p>
+
+<p>In dem letzten Boote befanden sich ein paar
+junge Kaufleute und ein junger Baron, ein Herr
+von Pulteleben; mit einer wahren Unmasse von
+kleinem Handgep&auml;ck, das er im Boote um sich her
+aufgeschichtet hatte. An der Landung konnte er
+aber nat&uuml;rlich nicht gleich Jemanden finden, der
+es ihm trug, und die Folge davon war, da&szlig; er,
+das &raquo;H&ocirc;tel&laquo; eine halbe Stunde sp&auml;ter als die
+&Uuml;brigen erreichend, keinen einzigen Platz mehr
+fand, keinen Platz wenigstens, wie er ihn w&uuml;nschte,
+d. h. ein Zimmer allein, wie er auf dem Schiffe
+auch eine Koje f&uuml;r sich selber gehabt. Der junge
+Herr hatte &uuml;brigens Geld, und glaubte, darauf
+pochend, Alles durchsetzen zu k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Der Wirth &raquo;Bodenlos&laquo;, wie er von den Colonisten
+genannt wurde &mdash; eigentlich hie&szlig; er Bohlos
+&mdash; stand schon etwas halbselig in der Th&uuml;r, denn
+er hatte es sich nicht nehmen lassen, mit all seinen
+neu angekommenen G&auml;sten den sogenannten Willkommenstrunk
+zu leeren, und betrachtete, die H&auml;nde
+in den Taschen, den von zwei endlich gefundenen
+Lasttr&auml;gern begleiteten Fremden.</p>
+
+<p>&raquo;Ist dieses das H&ocirc;tel?&laquo; fragte dieser rasch.</p>
+
+<p>&raquo;Aufzuwarten,&laquo; sagte der Wirth, und &uuml;berflog
+mit einem l&auml;chelnden Blicke die um die Th&uuml;r hergestreute
+Bagage; &raquo;H&ocirc;tel zum Hoffnungsanker in
+Santa Clara. Wollen Sie ein Bett?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich w&uuml;nschte ein Zimmer &mdash; allein, wo
+m&ouml;glich mit Cabinet &mdash; vorn heraus und im ersten
+Stock.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kann ich mir wohl denken,&laquo; sagte Bodenlos
+mit unersch&uuml;tterlicher Ruhe, ohne selbst die H&auml;nde
+aus den Taschen zu nehmen &mdash; &raquo;das w&uuml;nschen
+sich Mehr, k&ouml;nnen es aber eben nicht kriegen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht kriegen?&laquo; sagte der junge Mann erstaunt &mdash; &raquo;ich
+hei&szlig;e von Pulteleben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist mir sehr angenehm, Ihre werthe Bekanntschaft
+zu machen,&laquo; sagte der Wirth &mdash; &raquo;<span class="wide">ich</span> hei&szlig;e
+Bohlos, Christian Bohlos; das Lumpenvolk in der
+Colonie nennt mich aber Bodenlos, bleibt sich indessen
+ganz gleich, wie wir Beide hei&szlig;en.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber ich <span class="wide">mu&szlig;</span> ein Zimmer haben,&laquo; sagte von
+Pulteleben, der noch gar nicht recht wu&szlig;te, was
+er aus dem Benehmen des Wirthes machen sollte.</p>
+
+<p>&raquo;Nat&uuml;rlich, wenn Sie nicht unter freiem Himmel
+bleiben wollen,&laquo; meinte der Wirth, &mdash; &raquo;und
+wenn's regnete, w&auml;re das fatal &mdash; besonders f&uuml;r
+alle die Schachteln.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann bitte ich nur, da&szlig; Sie Anstalt machen,&laquo;
+sagte von Pulteleben, &raquo;denn es ist nicht angenehm,
+hier drau&szlig;en zu stehen, und ich m&ouml;chte mein
+Gep&auml;ck los sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na, das w&auml;re das Leichteste,&laquo; lachte der
+Wirth &mdash; &raquo;wenn Sie's nur hier eine Stunde allein
+drau&szlig;en stehen lie&szlig;en. Aber Herr von Bullleben,
+oder wie Sie gleich hie&szlig;en, ich will Sie nicht
+lange hinhalten. Verlangen Sie hier ein Bett,
+um irgendwo mit Drei oder Vier in einem Zimmer
+zu schlafen, so denke ich, da&szlig; ich es m&ouml;glich
+machen kann &mdash; ich will mir wenigstens M&uuml;he
+geben, und Essen genug haben wir im Hause,
+aber ein Zimmer allein <span class="wide">k&ouml;nnen</span> Sie nicht hier
+bekommen, weil ich eben keins mehr habe, und
+andere G&auml;ste hinaus werfen geht eben so wenig.
+Also damit Basta!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und existirt hier kein anderes H&ocirc;tel in der
+Stadt?&laquo; fragte der sichtlich schon sehr Entt&auml;uschte.</p>
+
+<p>&raquo;Gegenw&auml;rtig nicht,&laquo; bemerkte &auml;u&szlig;erst artig
+Herr Bohlos; &raquo;wenn Sie aber vielleicht noch drei
+oder vier Monate warten wollen, so wird sich
+wahrscheinlich ein Rheinbaier hier etabliren und
+ein H&ocirc;tel zur Belle Vue errichten; das Grundst&uuml;ck
+ist wenigstens schon dazu angekauft.&laquo;</p>
+
+<p>Herr von Pulteleben stand in einer wahren
+Verzweiflung mitten auf der Stra&szlig;e, denn die
+Ironie dieses gemeinen Menschen, des Wirthes,
+dem er nicht das Geringste entgegenstellen konnte,
+lie&szlig; ihn noch vollkommen unschl&uuml;ssig, was er thun
+solle &mdash; erst grob werden und den Burschen dann
+mit Verachtung strafen, oder das Letztere lieber
+gleich zuerst thun.</p>
+
+<p>&raquo;Sie wollen ein h&uuml;bsches Zimmer, vorn heraus
+und mit Aussicht?&laquo; redete ihn da pl&ouml;tzlich eine
+Stimme an, nach der sich von Pulteleben &uuml;berrascht
+umschaute. Jeremias, denn niemand Anderes
+war es, der vor ihm stand, sah aber auch
+in der That wunderlich genug aus, um Jemanden
+zu &uuml;berraschen, der frisch aus Deutschland her&uuml;ber
+kam und an jene exotischen Individuen noch nicht
+gew&ouml;hnt war, die man &uuml;ber ganz Amerika wild
+zerstreut findet.</p>
+
+<p>Jeremias war, wie schon vorher einmal angedeutet,
+eine Art von Factotum in der Colonie.
+Er trieb eigentlich gar keine bestimmte Besch&auml;ftigung,
+sondern nahm nur da Arbeit an, wo er
+sie gerade bekam, so da&szlig; er oft f&uuml;nf oder sechs
+verschiedene Herren zu gleicher Zeit, und dann
+wieder einmal gar keinen hatte. Dazwischen lie&szlig;
+er sich Wege schicken, putzte den Honoratioren
+Stiefel und R&ouml;cke, reinigte Gewehre und Pfeifen,
+und stand sogar in dem Rufe, schon hier und da
+Heirathen zwischen Familien vermittelt zu haben,
+die sonst im Leben nicht zusammengekommen w&auml;ren.
+Jedenfalls hatte er ein &auml;hnliches Gewerbe in Deutschland
+getrieben, wo zwischen Bauernfamilien und
+&uuml;berhaupt auf dem Lande Ehen nur zu h&auml;ufig
+auf diese Art geschlossen werden.</p>
+
+<p>Jeremias ging auch demnach gekleidet, denn
+w&auml;hrend der Seidenhut (Cylinder, Schraube, Angstr&ouml;hre,
+oder wie die Namen alle hei&szlig;en m&ouml;gen) in
+die h&ouml;here Gesellschaft hineinragte, stand er mit
+den groben, schweren n&auml;gelbeschlagenen Schuhen
+mitten im Proletariat, und der &uuml;brige Mensch
+trug au&szlig;erdem nur die Kleider der &uuml;brigen Menschen
+&mdash; abgelegte Hosen, Westen und R&ouml;cke, wie
+sie ihm von den Honoratioren abfielen und meist
+noch alle aus Deutschland her&uuml;bergekommen waren.
+Leider pa&szlig;ten sie nur nicht immer, und Jeremias
+schien darin eine eigene Geschicklichkeit erworben
+zu haben, seinen K&ouml;rper allen derartigen Errungenschaften,
+so gut das nur m&ouml;glicherweise gehen
+wollte, anzuschmiegen.</p>
+
+<p>Heute nun fand er reichliche Besch&auml;ftigung bei
+den neuen Ansiedlern, theils um Gep&auml;ck auf einem
+Handkarren von der Landung herauf zu schaffen,
+theils die verschiedenen Parten an passenden
+Stellen unterzubringen. Da&szlig; er seine &uuml;brigen
+und alten Kunden dadurch vernachl&auml;ssigte, st&ouml;rte
+ihn nicht im Geringsten. Die liefen ihm nicht
+weg, aber Alles, was er unter der Zeit <span class="wide">hier</span>
+verdiente, war rein gewonnen.</p>
+
+<p>Um aber die Arbeit rasch und leicht verrichten
+zu k&ouml;nnen, hatte er seinen Rock ausgezogen und
+ohne Weiteres in irgend ein offenes Fenster an
+der Stra&szlig;e hineingeschoben; so stand er denn
+jetzt vor von Pulteleben, die unten zu einem Wulst
+aufgekr&auml;mpelten Hosen oben mit einer grellrothen,
+wollenen Sch&auml;rpe statt Hosentr&auml;ger festgehalten,
+dar&uuml;ber eine hellblaue Seidenweste gekn&ouml;pft, die
+der fr&uuml;here Besitzer nicht mehr tragen konnte, da
+ihm der Kellner eines Mittags die Sauci&egrave;re
+dar&uuml;ber gesch&uuml;ttet, eine schwarze Halsbinde um
+den nackten Hals, denn der wei&szlig;e Hemdkragen
+war ihm bei der scharfen Arbeit darunter vorgerutscht,
+und ein gro&szlig;es, blaubaumwollenes Taschentuch
+in die linke Hosentasche so weit hineingezw&auml;ngt,
+wie es m&ouml;glicherweise gehen wollte.</p>
+
+<p>Jeremias schwitzte au&szlig;erdem, da&szlig; ihm das
+Wasser ordentlich in Str&ouml;men von Stirn und
+Schl&auml;fen herunter lief, und von Pulteleben lachte,
+trotz seiner unangenehmen Situation, doch gerade
+heraus, als Jeremias das blaue Taschentuch jetzt
+durch einen pl&ouml;tzlichen Ruck zu Tage brachte &mdash;
+wobei er die Hosentasche auch mit nach au&szlig;en
+drehte &mdash; dann mit der rechten Hand seine brennend
+rothe Perr&uuml;cke l&uuml;ftete und sich darunter den
+vollkommen kahlen Kopf mit dem Tuche wischte.</p>
+
+<p>&raquo;Na, Sie brauchen nicht zu lachen,&laquo; sagte
+Jeremias; &raquo;ich wollte einmal sehen, wie <span class="wide">Sie</span>
+schwitzten, wenn <span class="wide">Sie</span> so ein Ding auf dem Kopfe
+h&auml;tten; das ist wie ein Pelz &mdash; nun, wie steht's?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Also Sie haben eine Stube zu vermiethen?&laquo;
+fragte der junge Mann, dem jetzt vor allen Dingen
+daran lag ein Unterkommen zu finden &mdash; &raquo;in angenehmer
+Lage?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<span class="wide">Ich</span> nicht,&laquo; meinte Jeremias, &raquo;das bleibt sich
+aber gleich, denn ich wei&szlig; eine, wo Sie gleich
+einziehen k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allein?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mutterseelens,&laquo; sagte Jeremias lakonisch.</p>
+
+<p>&raquo;Weit von hier?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gar nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber wie bekomme ich meine Sachen dorthin?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Handkarren,&laquo; erwiederte der kleine praktische
+Bursche, sprang, ohne weiter eine Antwort abzuwarten,
+hinter das Haus, holte dort seinen eingeschobenen
+Karren vor, lud die Habseligkeiten des
+Fremden darauf, schn&uuml;rte das Ganze mit einem
+Seile fest zusammen und war nach wenigen Minuten
+schon unterwegs, und zwar nach keinem andern
+Hause, als dem der Gr&auml;fin Baulen, in welchem
+er den Fremden ohne Weiteres einzuquartieren
+gedachte.</p>
+
+<p>Gl&uuml;cklich f&uuml;r ihn und seinen k&uuml;hn entworfenen
+Plan war Oskar gerade nicht zu Hause und mit
+Helenen auf einem Spaziergange begriffen, um
+die neu gekommenen Ansiedler ein wenig zu besichtigen.
+Als Jeremias mit dem Karren vor dem
+Garten hielt, sa&szlig; die Frau Gr&auml;fin gerade in ihrem
+Zimmer und schrieb ein paar Briefe.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist aber kein H&ocirc;tel,&laquo; sagte der junge
+Fremde, das Haus betrachtend.</p>
+
+<p>&raquo;Privatwohnung,&laquo; meinte Jeremias &mdash; &raquo;aber
+famos &mdash; charmante Leute &mdash; werden Ihnen gefallen,
+besonders die Tochter&laquo; &mdash; und damit r&uuml;ckte
+er sich ohne Weiteres einen der schweren Koffer
+auf die Schultern und schritt damit in das Haus
+hinein, w&auml;hrend von Pulteleben bei seinen &uuml;brigen
+Sachen noch zur&uuml;ckblieb. Nach einer Weile kam
+er wieder zur&uuml;ck und holte den andern Koffer,
+und als er zum dritten Male kam, packte er dem
+Fremden selber ein paar Hutschachteln und ein
+leichtes Kistchen mit Schirm und Stock auf, ergriff
+dann das &Uuml;brige und sagte:</p>
+
+<p>&raquo;Nu kommen Sie, jetzt wollen wir einziehen.&laquo;</p>
+
+<p>Der Fremde folgte ihm auch vollkommen
+ahnungslos, da&szlig; ihn der kleine Bursche hier ohne
+die geringste Berechtigung in ein wildfremdes Haus
+als Miethsmann einf&uuml;hre, und nur erst, als sie
+die erste Treppe erstiegen hatten und Jeremias
+voran die zweite hinaufstieg, blieb er stehen und
+sagte:</p>
+
+<p>&raquo;Noch h&ouml;her?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kommen Sie nur,&laquo; ermunterte ihn jedoch sein
+F&uuml;hrer &mdash; &raquo;famose Aussicht, wie gemalt,&laquo; und da
+er ihm mit seinen Sachen voranging, blieb auch
+Nichts weiter &uuml;brig, als ihm zu folgen; mu&szlig;te er
+doch &uuml;berhaupt froh sein, nur ein Unterkommen
+zu finden. Kaum hatte er &uuml;brigens etwa zehn
+Stufen der zweiten Treppe erstiegen, als eine
+Th&uuml;r im ersten Stock ge&ouml;ffnet wurde und die
+Frau Gr&auml;fin, welche den L&auml;rm drau&szlig;en geh&ouml;rt
+hatte, erstaunt auf ihrer Schwelle stehen blieb. Sie
+erkannte &uuml;brigens, vor dem Fremden, noch gerade
+den aufsteigenden Jeremias und rief:</p>
+
+<p>&raquo;Nun, was ist denn das f&uuml;r Gep&auml;ck?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Alles in Ordnung!&laquo; rief Jeremias zur&uuml;ck,
+ohne sich weiter st&ouml;ren oder au&szlig;er Fassung bringen
+zu lassen.</p>
+
+<p>Die Gr&auml;fin sch&uuml;ttelte den Kopf, doch sie konnte
+nicht anders glauben, als da&szlig; Oskar, der gewohnt
+war sehr selbstst&auml;ndig aufzutreten, ihr irgend einen
+Gast in das Haus gebracht habe, der ihr allerdings
+zu keiner Zeit h&auml;tte unbequemer kommen
+k&ouml;nnen. Gewohnt aber, sich in dessen Launen oder
+unbedachte Streiche zu f&uuml;gen, seufzte sie nur tief
+auf, trat in ihr Zimmer zur&uuml;ck und zog die Th&uuml;r
+hinter sich in's Schlo&szlig;. Wenn Oskar &uuml;brigens
+nach Hause kam, wollte sie ihm t&uuml;chtig den Kopf
+deshalb zurecht setzen.</p>
+
+<p>Der Fremde erreichte das kleine Zimmer, wo
+Jeremias schon seine &uuml;brigen Sachen eingestellt
+hatte, und sah sich hier allerdings etwas &uuml;berrascht
+um. So freundlich das Local auch liegen mochte,
+denn es bot einen &Uuml;berblick &uuml;ber einen Theil der
+Ansiedelung und nach den fernen Bergen hin&uuml;ber,
+so fehlte ihm doch auch <span class="wide">jede</span> andere Bequemlichkeit.
+Kein Stuhl, kein Tisch, kein Bett, kein
+Spiegel, Nichts, Nichts war zu sehen, als die
+kahlen gewei&szlig;ten W&auml;nde, und Herr von Pulteleben
+rief:</p>
+
+<p>&raquo;Nun, das ist ein h&uuml;bsches Logis, in dem nicht
+einmal ein Stuhl steht! Wohin haben Sie mich
+denn gebracht, Meister Ungeschickt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nur keine &Uuml;berst&uuml;rzung,&laquo; sagte Jeremias,
+indem er den Rest der Sachen auf die beiden
+Koffer legte; &raquo;wir haben Zeit, und nach und
+nach macht sich Alles. Vorerst sind Sie einmal
+untergebracht, und was wollen Sie mehr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mehr?&laquo; rief von Pulteleben erstaunt &mdash;
+&raquo;M&ouml;bel will ich &mdash; meine Bequemlichkeit, wof&uuml;r
+ich bezahle, und vor allen Dingen einen Waschtisch.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Waschtisch?&laquo; sagte Jeremias &mdash; &raquo;giebt's nicht.
+Vor der Hand setzen wir das Waschbecken auf
+einen Stuhl, wenn wir erst eins haben.&laquo;</p>
+
+<p>Herr von Pulteleben, der anfing, sich &uuml;ber den
+Burschen zu am&uuml;siren, lachte, und Jeremias, sich
+im Zimmer umsehend, fuhr fort:</p>
+
+<p>&raquo;Haupts&auml;chlich brauchen Sie einen Tisch und
+einen Stuhl, das ist wohl das Nothwendigste.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich d&auml;chte auch,&laquo; sagte der junge Mann, &raquo;um
+nur die bescheidensten Anspr&uuml;che zu befriedigen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das denk' ich, kann ich schaffen,&laquo; nickte
+Jeremias, &raquo;und was weiter loszueisen ist, wollen
+wir nachher sehen. Decken haben Sie doch bei
+sich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Decken? Denke nicht daran; nur meinen Plaid.
+Die Leute, welche ein Zimmer vermiethen, m&uuml;ssen
+doch auch ein Bett dazu haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Puh!&laquo; meinte Jeremias, &raquo;reden wir nicht
+davon; aber ein Plaid ist f&uuml;r das warme Wetter
+genug zum Zudecken, und der Boden hier im
+schlimmsten Falle,&laquo; fuhr er fort, indem er mit
+dem Hacken auf die Diele trat, &raquo;von weichem
+Holze &mdash; Lust und Liebe zu einem Ding machen
+jede M&uuml;h' und Arbeit gering.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Den Teufel auch,&laquo; rief der junge Mann erschreckt,
+&raquo;ich werde doch nicht sollen auf der nackten
+Erde schlafen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<span class="wide">Nackten</span> Erde? Pst!&laquo; sagte Jeremias mit
+einem unendlich komischen und ermahnenden Gesichte
+&mdash; &raquo;es sind Damen im Hause!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind ein ganz verr&uuml;ckter Mensch!&laquo; lachte
+von Pulteleben; &raquo;aber jetzt verschaffen Sie mir
+wenigstens das N&ouml;thigste. Es soll Ihr Schade
+nicht sein,&laquo; setzte er hinzu, indem er ihm einen
+Milreis in die Hand dr&uuml;ckte; &raquo;aber ich bin in Eile,
+ich mu&szlig; mich umziehen und dem Director noch
+meine Aufwartung machen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aufwartung?&laquo; fragte Jeremias, der mit einer
+dankenden Bewegung das Geld nahm, betrachtete
+und dann in seine Westentasche schob &mdash; &raquo;Aufwartung
+giebt's hier nicht &mdash; aber einerlei, wollen
+schon Alles besorgen,&laquo; und damit verschwand er
+aus der Th&uuml;r. Jeremias war &uuml;brigens nicht der
+Mann, etwas Begonnenes halb zu thun; ohne
+deshalb weiter bei der Besitzerin des Hauses anzufragen,
+ging er in Oskar's Zimmer, wo er
+zwei Tische wu&szlig;te, nahm einen davon und trug
+ihn hinauf. Dann suchte er sich in Helenens
+Stube und Schlafzimmer zwei St&uuml;hle, und das
+erst einmal erobert, nahm er auch Oskar's Waschbecken
+und Handtuch, mit Kamm, Seife, Zahnb&uuml;rste
+und Allem was dabei lag, und trug es
+seinem einquartierten Gaste zu.</p>
+
+<p>&raquo;Zum Henker auch,&laquo; rief Pulteleben, als er
+damit ankam, &raquo;das ist ja ein schon gebrauchtes
+Handtuch!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Herr Du meine G&uuml;te, sind <span class="wide">Sie</span> eigen!&laquo;
+sagte Jeremias; &raquo;<span class="wide">ich</span> brauche gar keins, ich nehme
+immer mein Schnupftuch. Was fehlt nun noch?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wasser und ein reines Handtuch.&laquo;</p>
+
+<p>Jeremias sch&uuml;ttelte mit dem Kopfe, stieg aber
+doch noch einmal hinunter und kam bald mit dem
+Verlangten zur&uuml;ck. Nur statt des Handtuchs hatte
+er eine reine Serviette gebracht, die er auf Helenens
+Toilettetisch gefunden und ohne Weiteres
+als gute Beute mitgenommen.</p>
+
+<p>&raquo;Und wie steht's mit dem Bette?&laquo; fragte der
+Fremde, indem er den Rock auszog und die Hemd&auml;rmel
+in die H&ouml;he streifte.</p>
+
+<p>&raquo;Bett? giebt's nicht!&laquo; sagte Jeremias trocken,
+&raquo;wenigstens jetzt nicht. Sie wollen sich doch jetzt
+noch nicht schlafen legen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein &mdash; aber doch den Abend.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gut, bis dahin wird Alles besorgt werden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und kann man hier im Hause Etwas zu essen
+bekommen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zu essen? Hm&laquo; &mdash; sagte Jeremias, der dar&uuml;ber
+noch nicht recht mit sich im Klaren war &mdash;
+&raquo;danach m&uuml;ssen wir erst fragen. F&uuml;r heute sind
+die Leute vielleicht noch nicht darauf eingerichtet.
+Aber da gehen Sie lieber in's Gasthaus zu Bodenlos
+&mdash; der hat's.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wie hei&szlig;t der Eigenth&uuml;mer dieses
+Hauses?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Spenker, B&auml;ckermeister.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gut, dann schicken Sie ihn mir nachher einmal
+herauf &mdash; ich will mich erst waschen &mdash; damit
+ich mit ihm reden kann. Das ist ein verw&uuml;nscht
+&ouml;der Aufenthalt hier, und wenn er mir das nicht
+ein wenig behaglicher einrichten will, ziehe ich
+wieder aus.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auf die Stra&szlig;e?&laquo; fragte Jeremias; &raquo;denn
+weiter giebt's keinen Platz, Sie m&uuml;&szlig;ten denn
+vielleicht in einem von den G&auml;rten eine Laube
+zu miethen bekommen.&laquo; Damit aber, als ob er
+jetzt seine Schuldigkeit gethan habe, zog er sich
+zur&uuml;ck und dr&uuml;ckte sich leise an dem Zimmer der
+Frau Gr&auml;fin vorbei, der er jetzt nicht gern begegnen
+mochte. Der Fremde da oben konnte nun
+sehen, wie er mit &raquo;der Alten&laquo; fertig wurde.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="narrow" />
+<h3><a name="kap_8" id="kap_8"></a>8.</h3>
+
+<h3>Die Einquartierung.</h3>
+
+<p>Oskar und Helene hatten einen Spaziergang
+durch die kleine Stadt gemacht, um sich an dem
+Gewirre der frisch eingetroffenen Fremden zu
+am&uuml;siren, und waren, dessen m&uuml;de geworden, nach
+Hause zur&uuml;ckgekehrt.</p>
+
+<p>Sobald Helene ihr Zimmer betrat, konnte ihr
+nat&uuml;rlich die daselbst vorgenommene &Auml;nderung
+nicht entgehen. Die Serviette fehlte von ihrem
+Toilettetische und die darauf geordnet gewesenen
+Sachen standen wild zerstreut umher; zwei St&uuml;hle
+fehlten au&szlig;erdem, auf die sie gewohnt gewesen
+war ihre Sachen abzulegen. Sie klingelte ihrem
+M&auml;dchen, um zu erfahren wer in ihrem Zimmer
+gewesen sei. Dorothea hatte aber in der ganzen
+Zeit ihre K&uuml;che nicht verlassen und konnte ihr
+deshalb nicht die geringste Auskunft geben.</p>
+
+<p>Oskar suchte indessen sein Gemach, warf seine
+M&uuml;tze in eine Ecke, sich selber auf das Sopha
+und rauchte in dieser Lage seine Cigarre weiter,
+als er in dem &uuml;ber ihm liegenden Zimmer die
+schweren Schritte eines Mannes h&ouml;rte. Das Haus
+war nur leicht gebaut, und es klang so deutlich
+zu ihm herunter, da&szlig; er sich endlich aufrichtete und
+horchte.</p>
+
+<p>&raquo;Wer zum Henker ist denn da oben?&laquo;
+brummte er endlich leise vor sich hin &mdash; &raquo;dem
+Jeremias bin ich doch eben mit seinem leeren
+Karren in der Stadt begegnet und die Dorothea
+hat keinen solchen Schritt.&laquo;</p>
+
+<p>Er horchte noch eine Weile; da es sich aber
+gar nicht verkennen lie&szlig;, da&szlig; da oben jemand
+Fremdes sei, sprang er endlich auf und stieg die
+Treppe hinauf. Die Th&uuml;r der sonst immer leer
+stehenden Kammer war offen und nur angelehnt,
+und neugierig, wer da oben Etwas zu thun haben
+k&ouml;nne, stie&szlig; er sie noch etwas weiter auf und
+sah hinein.</p>
+
+<p>Herr von Pulteleben war gerade mit Waschen
+fertig und stand vor einem der ge&ouml;ffneten Fensterfl&uuml;gel,
+den er vorl&auml;ufig als Spiegel benutzte, um
+sich die wohlge&ouml;lten Haare, so gut das eben gehen
+wollte, zu ordnen. Als er aber das Knarren der
+Th&uuml;r h&ouml;rte, drehte er den Kopf herum, und sah
+kaum den hereinschauenden Oskar, als er ausrief:</p>
+
+<p>&raquo;Ah, da ist doch noch jemand Lebendiges in
+dem Hause. Wohnen Sie hier?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Guten Morgen,&laquo; sagte Oskar, der, auf's
+&Auml;u&szlig;erste erstaunt den Fremden hier zu finden,
+bald auf ihn, bald auf seine Koffer und Kasten
+starrte &mdash; &raquo;ja wohl wohne ich hier!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo ist denn nur der Lump von Aufw&auml;rter
+hingekommen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Aufw&auml;rter?&laquo; sagte Oskar, noch immer
+seinen Augen nicht trauend &mdash; &raquo;der Jeremias
+etwa?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; nicht wie er hei&szlig;t; er wollte ja
+gleich wiederkommen. Gehen Sie wieder hinunter?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich hatte die Absicht,&laquo; erwiederte Oskar.</p>
+
+<p>&raquo;O, dann sein Sie doch so gut und schicken
+mir ein Glas zum Zahnputzen herauf. Es ist ja
+noch gar Nichts eingerichtet. Das scheint eine
+sch&ouml;ne Wirthschaft hier zu sein!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bitte,&laquo; sagte Oskar, der aus seiner Verwunderung
+gar nicht herauskam, &raquo;geniren Sie sich nicht
+&mdash; mit wem habe ich denn eigentlich die Ehre?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;von Pulteleben,&laquo; sagte der junge Mann,
+seinen Locken eben den letzten Strich gebend &mdash;
+&raquo;um wie viel Uhr wird hier gegessen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Um ein Uhr,&laquo; sagte Oskar, durch die Ruhe
+des Fremden immer mehr darin best&auml;rkt, da&szlig; er
+jedenfalls ein Gast seiner Mutter sein m&uuml;sse,
+wenn er auch keinen denkbaren Zusammenhang
+dazu finden konnte. Wer h&auml;tte der Fremde aber
+sonst sein k&ouml;nnen?</p>
+
+<p>&raquo;Haben Sie eine richtig gehende Uhr?&laquo; fragte
+dieser endlich weiter.</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; erwiederte Oskar, indem er danach sah;
+&raquo;es wird gleich zw&ouml;lf Uhr sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O, desto besser, dann kann ich vorher noch
+zum Director hin&uuml;bergehen. Bitte, vergessen Sie
+nicht, mir das Glas gleich zu schicken.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mit dem gr&ouml;&szlig;ten Vergn&uuml;gen,&laquo; erwiederte
+Oskar, dr&uuml;ckte die Th&uuml;r wieder in's Schlo&szlig;, schickte
+das M&auml;dchen von unten mit einem Glase hinauf
+und ging dann zu seiner Mutter in's Zimmer, um
+sich nach dem Fremden zu erkundigen.</p>
+
+<p>Die Frau Gr&auml;fin schlo&szlig; eben ihren letzten Brief,
+als Oskar das Zimmer betrat, und sah sich nach
+ihrem Sohne gar nicht um.</p>
+
+<p>&raquo;Wer ist denn der Herr, Mama, den Du
+uns da oben einquartiert hast?&laquo; fragte Oskar jetzt;
+&raquo;das scheint ja ein komischer Kauz zu sein!&laquo;</p>
+
+<p>Die Gr&auml;fin, welche gerade eine Adresse schrieb,
+drehte erstaunt den Kopf &uuml;ber die Achsel und
+sagte:</p>
+
+<p>&raquo;Und das fragst Du mich? Erst bringst Du
+mir, ohne die geringste Erlaubni&szlig; vorher einzuholen,
+einen wildfremden Menschen in's Haus,
+und dann wei&szlig;t Du selber nicht einmal wer er
+ist? Oskar, es wird mit Dir jede Woche schlimmer,
+und ich f&uuml;rchte, da&szlig; es so nicht mehr lange dauern
+kann!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe einen Fremden in's Haus gebracht?&laquo;
+rief aber Oskar jetzt seinerseits erstaunt und mit
+einer gewissen Genugthuung, da&szlig; er endlich einmal
+an einem ihm aufgeb&uuml;rdeten Vergehen vollkommen
+unschuldig sei &mdash; &raquo;ich bin mit Helenen spazieren
+gegangen und habe den Menschen, der da oben
+Toilette macht, in meinem ganzen Leben nicht
+gesehen.&laquo;</p>
+
+<p>Es war jetzt an der Gr&auml;fin, erstaunt zu sein,
+und sich ganz gegen Oskar drehend, rief sie aus:
+&raquo;Aber <span class="wide">Helene</span> kann ihn doch nicht eingeladen
+haben!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Helene &mdash; Unsinn! &mdash; Helene war ja den
+ganzen Morgen bei mir, und wir haben mit <ins title="Original hat kei-">keiner</ins>
+Seele gesprochen, den Baron ausgenommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber der Jeremias hat ja doch sein Gep&auml;ck
+in's Haus gebracht, und sagte mir, da&szlig; Alles in
+Ordnung sei.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Jeremias?&laquo; wiederholte Oskar, der nur
+immer noch verwirrter wurde.</p>
+
+<p>&raquo;Und Du hast keine Ahnung, wer der
+Fremde ist?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er sagte mir, er hei&szlig;e von Pulteleben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und woher?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das wei&szlig; Gott &mdash; ich kenne ihn nicht, und
+der Jeremias &mdash; aber zum Henker noch einmal,
+was zerbrechen wir uns den Kopf ganz unn&ouml;thiger
+Weise; wir werden doch wahrhaftig den fremden
+Herrn, der sich so <i>sans fa&ccedil;on</i> bei uns einquartiert
+hat, fragen d&uuml;rfen wo er herkommt
+und was er will!&laquo; Und mit den Worten scho&szlig; er
+auch ohne Weiteres zur Th&uuml;r hinaus und wollte
+eben die Treppe hinauf, als er unten Jeremias
+in den Vorsaal treten sah.</p>
+
+<p>&raquo;Jeremias,&laquo; rief er hinunter, &raquo;komm' einmal
+herauf &mdash; aber rasch!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich fliege schon,&laquo; erwiederte dieser, der sich
+keineswegs dabei beeilte, denn er wu&szlig;te recht gut
+was ihn jetzt erwartete.</p>
+
+<p>Oskar stand oben an der Treppe, und so wie
+der Alte nur so weit heraufgekommen war, da&szlig;
+er ihn mit der Hand erreichen konnte, erwischte
+er ihn bei dem einen Ohre, und zog ihn dem
+Zimmer seiner Mutter zu.</p>
+
+<p>&raquo;Donnerwetter, junger Herr!&laquo; rief der Alte
+leise, &raquo;Sie rei&szlig;en mir ja den linken L&ouml;ffel aus
+&mdash; was ist denn das nur f&uuml;r ein z&auml;rtlicher Empfang?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warte, Du Schlingel,&laquo; rief Oskar, &raquo;er soll
+noch z&auml;rtlicher werden! Jetzt nur herein mit Dir
+und gebeichtet, was Du f&uuml;r verfluchte Streiche
+heute gemacht hast! Da bring' ich ihn, Mama &mdash;
+jetzt auf die Kniee nieder, Halunke, und nun gestehe,
+was das f&uuml;r eine Geschichte mit dem Fremden
+ist!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber, so schreien Sie doch nur nicht so,&laquo;
+fl&uuml;sterte Jeremias, der sich nicht im Geringsten
+au&szlig;er Fassung bringen lie&szlig; &mdash; &raquo;die ganze Stadt
+braucht's doch nicht zu wissen, was wir hier mit
+einander reden, und der Fremde da oben hat
+Ohren wie ein Hirsch.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer ist der Fremde, und wo kommt er her?&laquo;
+fragte die Gr&auml;fin streng.</p>
+
+<p>&raquo;So lassen Sie doch nur mein Ohr los,&laquo; bat
+Jeremias, &raquo;ich laufe Ihnen ja nicht mehr davon,
+und es st&ouml;rt in der Unterhaltung.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer ist der Fremde? will ich wissen,&laquo; wiederholte
+die Gr&auml;fin, indem Oskar das Ohr des Alten
+loslie&szlig;, ihm aber den Ausweg verstellte.</p>
+
+<p>&raquo;Kann Ihnen nicht dienen, Frau Gr&auml;fin,&laquo;
+antwortete achselzuckend der alte Spitzbube &mdash;
+&raquo;fand ihn heute auf der Stra&szlig;e zwischen einem
+ganzen Berge von Koffern und Hutschachteln, und
+da er kein Unterkommen finden konnte, <span class="wide">wir</span> dagegen
+Platz haben und er mir gefiel, so brachte
+ich ihn mit nach Hause.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<span class="wide">Dir</span> gefiel, Du Galgenstrick,&laquo; rief Oskar,
+&raquo;Dir gefiel! Und was f&uuml;r ein Recht hast Du, fremde
+G&auml;ste hier in das Haus zu f&uuml;hren?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt sein Sie einmal vern&uuml;nftig,&laquo; sagte
+Jeremias, ohne sich auch nur im Geringsten aus
+seiner Ruhe bringen zu lassen. &raquo;Der fremde junge
+Mensch ist jedenfalls ein vornehmer Herr, denn er
+hat ein paar ganz ausgezeichnete Lederkoffer, die ein
+schm&auml;hliches Geld gekostet haben m&uuml;ssen. Au&szlig;erdem
+ist er aber auch reich wie Butter und wirft mit
+den Milreis nur so um sich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber was geht das uns an?&laquo; rief Oskar,
+w&auml;hrend die Frau Gr&auml;fin vor Erstaunen noch
+immer nicht zu Worte kommen konnte.</p>
+
+<p>&raquo;Was das <span class="wide">Sie</span> angeht?&laquo; wiederholte Jeremias
+in vollkommener Seelenruhe &mdash; &raquo;das will
+ich Ihnen sagen. Die Stube oben&hellip;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Heh, Wirthschaft!&laquo; rief es in diesem Augenblicke
+laut von oben herunter; &raquo;l&auml;&szlig;t sich denn
+Niemand blicken? Das ganze Haus ist ja wie
+ausgestorben &mdash; heh, hollah!&laquo;</p>
+
+<p>Jeremias, der seine Rede unterbrochen hatte,
+wie er oben die Stimme h&ouml;rte, &ouml;ffnete die Th&uuml;r
+ein Wenig, steckte den Kopf hinaus, rief laut:
+&raquo;Komme gleich!&laquo; und schlo&szlig; sie dann wieder, wonach
+er, ohne eine Miene zu verziehen, ruhig
+fortfuhr:</p>
+
+<p>&raquo;Stand doch au&szlig;erdem leer und wurde nicht
+benutzt.&laquo;</p>
+
+<p>Oskar lachte gerade hinaus, denn das Ganze
+fing an ihm unendlich komisch vorzukommen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich m&ouml;chte jetzt nur eigentlich wissen,&laquo; sagte
+die Gr&auml;fin mit einem finstern Blick auf Oskar und
+Jeremias, &raquo;wer noch Herr hier im Hause ist. Sie werden
+jedenfalls daf&uuml;r sorgen, Jeremias, da&szlig; der fremde
+Mensch augenblicklich unser Haus wieder verl&auml;&szlig;t
+und eine andere Wohnung bezieht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Giebt's gar nicht,&laquo; sagte Jeremias ruhig;
+&raquo;h&ouml;ren Sie mich nur an. Was haben Sie denn
+von dem leeren Kasten da oben? Der Fremde ist
+ein anst&auml;ndiger junger Mensch, der Ihnen eine
+gute Miethe bezahlt, und au&szlig;erdem h&auml;tte auf der
+Stra&szlig;e logiren m&uuml;ssen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber wer hat <span class="wide">Ihnen</span> denn die Erlaubni&szlig;
+gegeben, das zu vermitteln?&laquo; fragte die Gr&auml;fin.</p>
+
+<p>&raquo;Nur praktisch,&laquo; meinte Jeremias, &raquo;das ist die
+Hauptsache. Au&szlig;erdem sind Sie ja nicht mit einander
+verheirathet, und wenn er Ihnen nach zwei
+oder drei Monaten nicht mehr gef&auml;llt, k&ouml;nnen Sie
+ihn ja immer noch wieder ausquartieren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nach zwei oder drei Monaten?&laquo; rief die Gr&auml;fin
+erstaunt.</p>
+
+<p>&raquo;Oder noch sp&auml;ter,&laquo; meinte Jeremias trocken;
+aber jetzt mu&szlig; ich wahrhaftig hinauf, und sehen
+was der junge Herr will; er wird mir sonst ganz
+ungeduldig und am Ende gar noch grob&laquo; &mdash; und
+ohne weiter eine Antwort abzuwarten, verlie&szlig; er
+das Zimmer und stieg die Treppe hinauf.</p>
+
+<p>&raquo;Eine solche Unversch&auml;mtheit ist mir aber doch
+noch nicht vorgekommen,&laquo; lachte Oskar, &raquo;und das
+Einfachste wird sein, ich gehe hinauf und ersuche
+den Herrn, seine Sachen augenblicklich wieder
+zusammen zu packen und das Haus zu r&auml;umen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warte noch einmal,&laquo; sagte seine Mutter, die
+indessen nachdenkend am Fenster gestanden hatte,
+indem sie die Hand gegen ihn ausstreckte: &raquo;wie
+sagtest Du da&szlig; der Herr hie&szlig;?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er nannte sich von Pulteleben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie alt etwa?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun, vielleicht drei- oder vierundzwanzig
+Jahre.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hm &mdash; und er scheint aus guter Familie?
+Da d&uuml;rfen wir doch wenigstens nicht ungezogen
+gegen ihn sein, denn aller Wahrscheinlichkeit nach
+glaubt er sich hier in seinem vollen Rechte zu
+befinden, und w&uuml;rde schwerlich eingezogen sein,
+wenn er w&uuml;&szlig;te, wie sich Alles verh&auml;lt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er fragte wenigstens schon ganz naiv, um
+welche Stunde bei uns gespeist w&uuml;rde,&laquo; lachte
+Oskar.</p>
+
+<p>Die Gr&auml;fin ging im Zimmer auf und ab und
+blieb endlich wieder vor ihrem Sohne stehen.</p>
+
+<p>&raquo;Die Sache kann nicht so bleiben,&laquo; sagte sie,
+&raquo;denn einen Miethsmann l&auml;&szlig;t man sich eben nicht
+mit Gewalt in das Haus bringen. Da aber der
+junge Fremde hier wahrscheinlich in der Colonie
+bleibt, so ist es auch eben so klug gehandelt, sich
+nicht in Unfrieden, sondern in Frieden wieder zu
+trennen. Gehe hinauf und lade ihn f&uuml;r heute
+Mittag ein, unser Gast zu sein &mdash; wir sind doch
+allein &mdash; und bei Tische mag er dann erfahren,
+auf welche au&szlig;ergew&ouml;hnliche Art er bei uns eingef&uuml;hrt
+wurde. Es bleibt ihm dann der ganze
+Nachmittag, sich nach einem andern Quartiere
+umzusehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Jeremias ist ein g&ouml;ttlicher Kerl!&laquo; sagte
+Oskar lachend.</p>
+
+<p>&raquo;Und je eher Du <span class="wide">den</span> wieder fortschickst, desto
+besser ebenfalls,&laquo; meinte seine Mutter, &raquo;denn ich
+bin doch nicht gesonnen, mich der Gefahr auszusetzen,
+von einem so eigenm&auml;chtigen Hausknecht in
+noch Gott wei&szlig; was f&uuml;r unangenehme Situationen
+gebracht zu werden. Mit einem so stockdummen
+Menschen ist au&szlig;erdem gar Nichts anzufangen &mdash;
+ich will lieber mit einem Schurken zu thun haben,
+denn vor dem kann man sich in Acht nehmen.&laquo;</p>
+
+<p>Oskar hatte seine Zweifel, was Jeremias'
+Dummheit betraf, aber die Sache mit dem Fremden
+ging ihm im Kopfe herum, und das Zimmer
+verlassend, wollte er eben zu ihm hinauf, als er
+aus seinem Zimmer wieder den Jeremias kommen
+sah, der auf dem Kopfe einen Lehnstuhl, in der
+linken Hand dabei einen Stiefelknecht und in der
+rechten einen kleinen Handspiegel trug.</p>
+
+<p>&raquo;Du bist doch ein ganz niedertr&auml;chtiger, abgefeimter
+Halunke!&laquo; sagte Oskar; &raquo;wer hat Dir
+denn erlaubt, mein ganzes Zimmer auszupl&uuml;ndern?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Machen Sie keine Geschichten,&laquo; erwiederte
+Jeremias, mit den Augen blinzelnd; &raquo;das ist ein
+pr&auml;chtiger junger Mensch, und thut schon so, als
+ob er ganz zu Hause w&auml;re.&laquo;</p>
+
+<p>Oskar, dem die Sache Spa&szlig; machte, sprang
+jetzt die Treppe voran hinauf. Als er die Th&uuml;r
+&ouml;ffnete, stand Herr von Pulteleben schon fertig
+angezogen, nur mit ein Paar glanzledernen Stiefeln
+in der Hand, mitten in der Stube.</p>
+
+<p>&raquo;Na, kommen Sie &mdash; ah, Sie sind's &mdash; entschuldigen
+Sie, ich glaubte, es w&auml;re der Strick,
+der Aufw&auml;rter; der bleibt eine Ewigkeit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er kommt dicht hinter mir,&laquo; sagte Oskar;
+&raquo;Herr von Pulteleben, ich soll Ihnen melden da&szlig;
+p&uuml;nktlich um ein Uhr gegessen wird.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So? Sehr angenehm, ich werde auf meinem
+Zimmer essen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dazu ist die n&ouml;thige Einrichtung doch noch
+nicht getroffen,&laquo; erwiederte Oskar; &raquo;ich habe den
+Auftrag, Sie zu ersuchen mit <span class="wide">uns</span> zu diniren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hm,&laquo; sagte von Pulteleben, der sich schon zu
+Hause vorgenommen hatte, der amerikanischen
+&raquo;Freiheit und Gleichheit&laquo; so viel als m&ouml;glich aus
+dem Wege zu gehen, und nicht gleich mit sich im
+Klaren war, ob er vielleicht seiner k&uuml;nftigen Stellung
+in der Colonie Etwas vergeben w&uuml;rde, wenn
+er mit der &raquo;B&auml;ckerfamilie&laquo; speiste, &mdash; &raquo;ich esse
+viel lieber allein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann lassen Sie sich's heute wenigstens einmal
+bei uns gefallen,&laquo; lachte Oskar, &raquo;morgen
+werden Sie jedenfalls allein essen k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun gut,&laquo; erwiederte von Pulteleben &mdash; &raquo;na
+endlich,&laquo; wandte er sich dann an den eben eintretenden
+Jeremias, indem er ihm den Stiefelknecht abnahm
+und seine bestaubten Stiefel auszog &mdash; &raquo;setzen
+Sie den Stuhl nur dahin &mdash; aha, und auch ein
+kleiner Spiegel. Das mu&szlig; ich gestehen, lieber
+Freund, auf G&auml;ste scheinen Sie hier im Hause
+nicht eingerichtet zu sein. Die Unordnung ist
+wirklich bodenlos und die Bedienung noch schlechter.
+Wie hei&szlig;en Sie, he?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Jeremias, zu Befehl,&laquo; sagte dieses w&uuml;rdige
+Individuum in steifer Haltung und warf einen
+etwas unruhigen Blick auf Oskar hin&uuml;ber, von
+dem er nicht wu&szlig;te, wie er das Urtheil &uuml;ber die
+Wirthschaft aufnehmen w&uuml;rde. Dieser aber am&uuml;sirte
+sich vortrefflich, und w&auml;hrend der junge Mann
+seine Stiefel wechselte und dann seinen Hut nahm,
+sa&szlig; er verkehrt auf dem einen Stuhle, st&uuml;tzte sich
+mit beiden Armen auf die Lehne und sah ihm
+l&auml;chelnd zu. Endlich hatte von Pulteleben seine
+Toilette beendet, schlo&szlig; seine Koffer, sah sich noch
+einmal im Zimmer um, ob er Nichts vergessen
+h&auml;tte, und sagte: &raquo;So &mdash; wenn's gef&auml;llig ist; ich
+m&ouml;chte zuschlie&szlig;en.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aha, mit Vergn&uuml;gen,&laquo; rief Oskar aufspringend &mdash;
+&raquo;wollen Sie den Schl&uuml;ssel mitnehmen
+oder da lassen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hm &mdash; ich werde ihn da lassen, damit das
+M&auml;dchen nachher aufr&auml;umen kann &mdash; man hat
+doch Nichts zu bef&uuml;rchten?&laquo;</p>
+
+<p>Jeremias sah wieder Oskar best&uuml;rzt von der
+Seite an, dieser aber erwiederte l&auml;chelnd: &raquo;Nicht
+das Geringste &mdash; aber Sie sind p&uuml;nktlich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn ich irgend kann, gewi&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>Damit verlie&szlig; er das Zimmer, wo hinaus
+ihm die Beiden folgten, und stieg die Treppe
+hinab, w&auml;hrend Oskar zu seiner Mutter hineinsprang,
+um ihr Bericht abzustatten.</p>
+
+<p>Gerade als von Pulteleben nach der untern
+Treppe zu ging, &ouml;ffnete sich dort die n&auml;chste Th&uuml;r,
+die in Helenens Zimmer f&uuml;hrte, und die Comtesse
+trat heraus. Kaum aber gewahrte sie den Fremden,
+der sie &uuml;berrascht und h&ouml;flich gr&uuml;&szlig;te, als sie sich
+mit einer halben und fl&uuml;chtigen Verbeugung wieder
+zur&uuml;ckzog.</p>
+
+<p>&raquo;Alle Wetter,&laquo; wandte sich von Pulteleben
+leise zu dem dicht hinter ihm dreinkommenden
+Jeremias, &raquo;das ist ja ein wundersch&ouml;nes M&auml;dchen;
+das war doch nicht die B&auml;ckerstochter?&laquo;</p>
+
+<p>Jeremias, ob er die Frage falsch verstanden
+oder absichtlich seinen Spa&szlig; daran hatte, den
+Fremden im Irrthume zu lassen, nickte nur, vor
+Vergn&uuml;gen grinsend, mit dem Kopfe, und von
+Pulteleben stieg, mit der Entdeckung sehr zufrieden,
+die Stiege hinunter, um noch vor Tische seine
+Aufwartung bei dem Herrn Director zu machen.
+Er war jetzt fest entschlossen, die Stunde des
+Mittagessens p&uuml;nktlich einzuhalten.</p>
+
+<p>Arno von Pulteleben war ein lieber, guter,
+ehrlicher Mensch, der nur mit einem ganz unbestimmten
+Begriffe nach Brasilien gekommen war,
+wie er das Land &uuml;berhaupt finden werde, und
+was er &mdash; wenn er es gefunden &mdash; da eigentlich
+wolle. Es geht einer gro&szlig;en Menge von Auswanderern
+so, die auch nur zu h&auml;ufig weder wissen,
+was man von ihnen fordern k&ouml;nnte, noch was sie
+im Stande w&auml;ren zu leisten, und die dabei nur
+allein in dem Namen Amerika den Inbegriff aller
+erf&uuml;llten Hoffnungen und Tr&auml;ume sehen. &raquo;Nur
+erst einmal in Amerika,&laquo; sagen diese, &raquo;und das
+Andere findet sich Alles von selber.&laquo; In Etwas
+haben sie Recht, denn es findet sich in der That;
+nur freilich manchmal ganz anders, wie sie es sich
+gedacht hatten.</p>
+
+<p>Mit einer solchen unklaren Idee war auch
+Herr von Pulteleben her&uuml;ber gekommen. Er trat
+&uuml;brigens dabei mit vollkommener Sicherheit auf,
+denn er war sich bewu&szlig;t, seinen Weg <span class="wide">bezahlen</span>
+zu k&ouml;nnen. Er hatte Geld bei sich, ein Capital
+von wenigstens tausend spanischen Dollars, und
+da&szlig; er Speculationsgeist genug besa&szlig;, dasselbe im
+Laufe von einigen Jahren vielleicht zu verzehnfachen,
+daran zweifelte er selber keinen Augenblick.
+Sein Grundsatz dabei war, &raquo;den Moment zu erfassen&laquo;
+&mdash; &raquo;frisch gewagt, ist halb gewonnen!&laquo; und
+wie derartige vortreffliche Spr&uuml;chw&ouml;rter alle hei&szlig;en.
+Jedenfalls hatte er volles Selbstvertrauen, und
+da er schon in Deutschland einmal eine Fu&szlig;partie
+gemacht und dabei zwei N&auml;chte hinter einander
+auf der Streu geschlafen hatte, so hielt er
+sich auch allen Entbehrungen, die ihm hier etwa
+aufsto&szlig;en konnten, vollkommen gewachsen.</p>
+
+<p>Herr von Pulteleben fand sich &uuml;brigens etwas
+&uuml;berrascht, als er im Directionsgeb&auml;ude seine
+Karte abgegeben hatte und von dem Director die
+Antwort zur&uuml;ck erhielt: &raquo;Es w&uuml;rde ihm sehr angenehm
+sein, die Ehre ein anderes Mal zu haben,
+heute sei er aber so ausschlie&szlig;lich besch&auml;ftigt, da&szlig;
+er keinen Besuch empfangen k&ouml;nne.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hm &mdash; angenehm,&laquo; brummte er vor sich hin,
+als er seine wei&szlig;en Glac&eacute;handschuhe auszog, zusammenrollte,
+in die Tasche steckte und wieder
+hinaus in's Freie ging; &raquo;Herr Director Sarno
+scheinen verw&uuml;nscht wenig Umst&auml;nde zu machen,
+und die Artigkeit h&auml;tte doch wenigstens verlangt,
+da&szlig; er &hellip; aber was thut's &mdash; ich habe jetzt doch
+meine Schuldigkeit gethan, und wenn er nun
+meine Bekanntschaft zu machen w&uuml;nscht, ist die
+Reihe an ihm.&laquo;</p>
+
+<p>Mit diesem beruhigenden Gef&uuml;hle schlenderte er
+durch die Stra&szlig;en der Stadt und fand eine Menge
+bekannter Gesichter &mdash; Leute, die mit ihm in einem
+und demselben Schiffe &uuml;ber See gekommen waren
+und alle Gefahren gemeinschaftlich getheilt hatten,
+aber &mdash; <span class="wide">sie</span> waren im Zwischendeck gereist, und
+Herr von Pulteleben in der Kaj&uuml;te &mdash; eine Entfernung,
+die in ihrer R&auml;umlichkeit wohl kaum zehn
+Schritte betragen mochte, aber doch ausreichte,
+beide Theile vollst&auml;ndig fern von einander zu halten.
+Man kannte sich von Ansehen, aber man gr&uuml;&szlig;te
+sich nicht, und so unbedeutend das an sich scheinen
+mag, so diente es doch dazu, ein nichts weniger
+als freundschaftliches Gef&uuml;hl zwischen beiden Theilen
+zu erzeugen.</p>
+
+<p>Das ist nun freilich nicht zu &auml;ndern, denn
+Standes- und Rangunterschiede existiren einmal
+auf der Welt, und werden trotz aller Communisten
+fortbestehen, bis wir Alle unser letztes Ziel, das
+Grab, erreichen. Selbst unter den Thieren und
+Pflanzen herrschen Rang und Gewalt; es giebt
+sogar edle und unedle Metalle, und das Menschengeschlecht
+l&auml;&szlig;t sich nicht in einen Topf werfen
+und darin halten. Ein Theil von ihm <span class="wide">will</span> seine
+besonderen Gesache haben &mdash; und bekommt sie
+auch, und der Rest mu&szlig; entweder danach streben,
+diese ebenfalls zu gewinnen, oder &mdash; sich darein
+f&uuml;gen.</p>
+
+<p>Herr von Pulteleben hielt das auch nat&uuml;rlich
+f&uuml;r ganz in der Ordnung, denn da&szlig; es Kaj&uuml;te
+und Zwischendeck geben mu&szlig;te, verstand sich von
+selbst. Allerdings kam ihm dabei fast unwillk&uuml;rlich
+der Gedanke, da&szlig; er zuf&auml;lligerweise am Tische
+des B&auml;ckermeisters mit einem Zwischendecks-Passagier
+zusammentreffen k&ouml;nne &mdash; aber das blieb
+doch zu unwahrscheinlich &mdash; die junge Dame,
+der er begegnet, sah daf&uuml;r zu anst&auml;ndig aus,
+und &mdash; war ihm die Gesellschaft wirklich nicht
+passend, so gab es immer einen Vorwand, sich
+zur&uuml;ckzuziehen.</p>
+
+<p>Als er auf seinem Spaziergange die sehr
+einfache Kirche passirte, zeigte die Uhr gerade
+zehn Minuten vor Eins, und er gerieth etwas in
+Verlegenheit, da er den Namen des B&auml;ckermeisters
+vergessen hatte, in dessen Haus er abgestiegen.</p>
+
+<p>Gl&uuml;cklicher Weise besa&szlig; er Ortskenntni&szlig; genug,
+wenigstens die Richtung behalten zu haben; es
+war &uuml;berhaupt nicht schwer, sich in dem kleinen
+Orte zurecht zu finden, und mit dem Schlage Eins
+entdeckte er vor sich das Haus, das sich &uuml;berdies
+vor allen in der Nachbarschaft durch den kleinen,
+aufgebauten Erker auszeichnete. An der Treppe
+empfing ihn schon Oskar, der sich das Vergn&uuml;gen
+nicht wollte entgehen lassen, ihn einzuf&uuml;hren.</p>
+
+<p>&raquo;Ah, Herr Baron, das ist sch&ouml;n da&szlig; Sie Wort
+halten!&laquo; rief er ihm entgegen. &raquo;Eben wird die
+Suppe aufgetragen und Mutter und Schwester
+erwarten Sie mit Ungeduld.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mutter und Schwester?&laquo; dachte Herr von
+Pulteleben, &raquo;ist denn das der Sohn des B&auml;ckers?&laquo;
+Oskar sah ihm dazu eigentlich zu elegant aus,
+aber es blieb ihm keine lange Zeit zur &Uuml;berlegung,
+und wenige Minuten sp&auml;ter sah er sich der stattlichen
+Gestalt der Frau Gr&auml;fin und ihrer reizenden
+Tochter gegen&uuml;ber, und schaute jetzt wirklich verlegen
+nach seinem Begleiter um, denn da&szlig; er sich
+hier in anderer als der vermutheten Gesellschaft
+befand, mu&szlig;te er wohl f&uuml;hlen.</p>
+
+<p>&raquo;Mein bester Herr,&laquo; sagte er zu Oskar, &raquo;ich
+mu&szlig; dringend bitten, da&szlig; Sie mich hier vorstellen,
+ich &mdash; ich wei&szlig; selbst noch nicht einmal <span class="wide">Ihren</span>
+Namen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O, mit Vergn&uuml;gen,&laquo; lachte Oskar, indem er
+mit einer etwas f&ouml;rmlichen und muthwilligen Verbeugung
+sagte: &raquo;Herr von Pulteleben, liebe
+Mutter, &mdash; Herr von Pulteleben, ich habe hier
+die Ehre, Ihnen die Frau Gr&auml;fin Baulen und
+Comtesse Helene, meine Schwester, vorzustellen. Mein
+eigener Name ist Oskar.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Frau Gr&auml;fin Baulen?&laquo; stammelte der junge
+Mann, w&auml;hrend &uuml;ber Helenens Z&uuml;ge ein leises,
+sp&ouml;ttisches L&auml;cheln zuckte.</p>
+
+<p>Die Frau Gr&auml;fin war aber nicht gesonnen,
+den jungen Mann weiteren Verlegenheiten auszusetzen.</p>
+
+<p>&raquo;Herr Baron,&laquo; sagte sie freundlich, &raquo;Sie sind
+durch die Ungeschicklichkeit unseres Hausknechtes
+oder Dieners in die wunderliche Lage gekommen,
+sich in einer Familie einzuquartieren, der selbst
+Ihre Ankunft vollkommen fremd geblieben war.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gn&auml;dige Frau, ich will doch nicht hoffen!&laquo;
+rief Pulteleben erschreckt.</p>
+
+<p>&raquo;Beruhigen Sie sich,&laquo; unterbrach ihn die
+Gr&auml;fin, &raquo;ich wei&szlig;, da&szlig; Sie nicht die geringste
+Schuld tragen. Das Ganze war ein mi&szlig;verstandener
+Diensteifer von Seiten jenes Burschen,
+der &uuml;ber eine Localit&auml;t unseres Hauses verf&uuml;gte,
+ohne auf Sie, noch auf uns R&uuml;cksicht zu nehmen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber man sollte doch kaum glauben, da&szlig; so
+Etwas m&ouml;glich w&auml;re!&laquo; rief von Pulteleben entsetzt,
+denn erst jetzt trat ihm die seltsame Situation vor
+Augen, in der er, als reiner Eindringling, den
+Damen gegen&uuml;ber stand; &raquo;meine Seele konnte ja
+an etwas Derartiges nicht denken, oder Sie m&uuml;&szlig;ten
+&uuml;berzeugt sein, da&szlig; ich&hellip;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bitte, keine Entschuldigungen weiter,&laquo; l&auml;chelte
+die Gr&auml;fin; &raquo;Brasilien erzeugt gar sonderbare
+Zust&auml;nde, die Sie ebenfalls noch mit der Zeit
+n&auml;her kennen lernen werden. Jedenfalls hat uns
+Jeremias, wie jener ungl&uuml;ckliche Mensch hei&szlig;t,
+Gelegenheit gegeben Ihre Bekanntschaft zu machen;
+alles Andere l&auml;&szlig;t sich nachher mit Leichtigkeit arrangiren,
+und nun bitte ich, da&szlig; Sie Platz nehmen,
+denn die Suppe wird sonst kalt.&laquo;</p>
+
+<p>Herr von Pulteleben befand sich noch immer
+in einem gem&auml;&szlig;igten Grade von Verzweiflung,
+denn der Gedanke, sich bei einer solchen Familie
+auf eine solche Art eingef&uuml;hrt zu haben, trieb ihm
+fast die Haare zu Berge. Au&szlig;erdem blieben ihm
+noch eine Menge Dinge unklar &mdash; die Geschichte
+mit dem B&auml;ckermeister zum Beispiel, und da&szlig; ihm
+der junge Mensch nicht gleich einen Wink gegeben,
+wo er sich eigentlich bef&auml;nde. Sehr rasch im
+Denken war er au&szlig;erdem nicht, und es bedurfte
+einer neuen Aufforderung der Gr&auml;fin, Platz zu
+nehmen, bis er sich so weit sammeln konnte, ihr
+den Arm zu bieten und sie zur Tafel zu f&uuml;hren.</p>
+
+<p>Da sich die Gr&auml;fin aber einmal vorgenommen
+hatte, ihm weitere Verlegenheiten zu ersparen, so
+wu&szlig;te sie auch bald geschickt in ein Gespr&auml;ch einzulenken,
+das ihm seine Unbefangenheit wiedergeben
+konnte &mdash; ein Gespr&auml;ch &uuml;ber die eben zur&uuml;ckgelegte
+Seereise, an dem sie ebenfalls Interesse
+nahm, da sie noch mit Entsetzen ihrer eigenen
+Fahrt und der damit verbunden gewesenen Seekrankheit
+gedachte.</p>
+
+<p>In das Capitel eingelenkt, f&uuml;hlte sich auch
+von Pulteleben bald wieder behaglicher, und das
+Einzige, was ihn noch dann und wann genirte,
+war der etwas sarkastische Zug um der Comtesse
+Mund, wenn sie einem Blicke ihres Bruders begegnete
+und sein Auge gerade auf ihr ruhte &mdash;
+und sein Auge ruhte sehr oft auf ihr, denn von
+Pulteleben erinnerte sich nicht, je in seinem Leben
+schon ein sch&ouml;neres M&auml;dchen gesehen zu haben.</p>
+
+<p>Mochte es sein da&szlig; es ihm nur so vorkam,
+weil er gerade durch die lange Seereise dem geselligen
+Umgange mit dem sch&ouml;nen Geschlechte hatte
+v&ouml;llig entsagen m&uuml;ssen, oder f&uuml;hlte er sich gerade
+von dieser Form der Z&uuml;ge besonders gefesselt, wie
+das ja oft im Leben der Fall ist, aber er konnte
+sich nicht satt an dem lieben Antlitz sehen, und
+eben so wenig entging Helenen selber, mit welcher
+Aufmerksamkeit er sie behandelte. Freilich war sie
+daran gew&ouml;hnt, ihren Zoll von Bewunderung
+&uuml;berall einzuernten, aber trotzdem f&uuml;hlte sie einen
+gewissen Grad von Genugthuung, und ihr Antlitz,
+das im Beginne der Tafel seine volle Strenge bewahrt
+hatte, wurde etwas freundlicher gegen den
+jungen Gast. Sie wich wenigstens Oskar's Blicken
+aus und schien nicht mehr gesonnen, sich &uuml;ber ihn
+lustig zu machen, ja, nahm sogar Theil an der
+Unterhaltung.</p>
+
+<p>Dadurch gewann von Pulteleben endlich seine
+ganze Fassung wieder, und als das Diner, bei dem
+Dorothea ihr M&ouml;glichstes geleistet hatte, beendet
+war, wandte er sich an seine freundliche Wirthin
+und sagte:</p>
+
+<p>&raquo;Frau Gr&auml;fin, wenn ich auch jenem ungl&uuml;cklichen
+Jeremias und meinem Schutzgeiste danke,
+diese mir so liebe Bekanntschaft gemacht zu haben,
+so f&uuml;hle ich doch recht gut, da&szlig; ich hier, als Ihr
+Gast, eine sehr unerquickliche Rolle spiele, und je
+eher ich der ein Ende mache, desto besser. Gestatten
+Sie also da&szlig; ich mich entferne, um mich nach
+einem andern Quartier umzusehen, und erlauben
+Sie mir nur &mdash; Ihre G&uuml;te hat ja meiner Unversch&auml;mtheit
+schon verziehen &mdash; da&szlig; ich damit nicht
+gezwungen bin, diese f&uuml;r mich so ehrenvolle und
+liebe Bekanntschaft ganz abzubrechen. Ich werde
+mich jedenfalls l&auml;ngere Zeit in Santa Clara aufhalten
+und w&uuml;rde Ihnen unendlich dankbar sein,
+wenn Sie mir wenigstens gestatten wollten, Ihnen
+manchmal meine Aufwartung zu machen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da Sie nun einmal unser Hausgenosse geworden
+sind,&laquo; l&auml;chelte die Gr&auml;fin, &raquo;so &uuml;bereilen
+Sie auch wenigstens Nichts. Es wird Ihnen &uuml;berdies
+schwer werden, f&uuml;r den Augenblick eine passende
+Wohnung in Santa Clara zu finden; <span class="wide">bis</span> Sie
+die aber gefunden haben, bitte ich Sie unser Haus
+als das Ihrige zu betrachten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gn&auml;dige Frau Gr&auml;fin!&laquo; rief Pulteleben erstaunt
+aus.</p>
+
+<p>&raquo;Bitte, machen Sie keine Umst&auml;nde,&laquo; fuhr die
+Gr&auml;fin ruhig und freundlich fort, &raquo;wir sind hier
+in Brasilien, wo der Fremde nur zu h&auml;ufig einzig
+und allein auf die Gastfreiheit der Bewohner angewiesen
+bleibt, und es existiren deshalb hier ganz
+andere Verh&auml;ltnisse, wie in der alten Heimath.
+Au&szlig;erdem sagten Sie uns vorher, da&szlig; Sie verschiedene
+Pl&auml;ne f&uuml;r Ihre Zukunft h&auml;tten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allerdings,&laquo; versicherte der junge Mann, &raquo;aber
+es fehlt mir da freilich noch Kenntni&szlig; des Landes,
+um mein Capital gleich mit Vortheil anlegen
+zu k&ouml;nnen, und ich sammle lieber erst Erfahrung.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist sehr vern&uuml;nftig von Ihnen gedacht,&laquo;
+erwiederte die Gr&auml;fin; &raquo;wo <span class="wide">ich</span> Ihnen aber dabei
+mit Rath an die Hand gehen kann, bitte ich ganz
+&uuml;ber mich zu disponiren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind zu g&uuml;tig, gn&auml;dige Frau Gr&auml;fin!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir wohnen schon eine Reihe von Jahren
+in diesem Lande, und man ist gezwungen, die Verh&auml;ltnisse
+genau kennen zu lernen, oft sogar gegen
+unsern Willen. Doch Sie w&uuml;nschen jedenfalls eine
+Cigarre zu rauchen &mdash; Oskar, f&uuml;hre den Herrn
+in den Garten; wir kommen dann ebenfalls hinunter,
+um dort gemeinschaftlich Kaffee zu trinken.&laquo;</p>
+
+<p>Damit standen die beiden Damen auf, gr&uuml;&szlig;ten
+freundlich und verlie&szlig;en das Zimmer, w&auml;hrend
+Herr von Pulteleben in einem wahren Taumel von
+Seligkeit zur&uuml;ckblieb und jetzt gar nicht oft genug
+zu Oskar sagen konnte, wie gl&uuml;cklich er sich f&uuml;hle
+diese Bekanntschaft gemacht zu haben, wenn er es
+auch der gr&ouml;&szlig;ten Dummheit verdanke, deren er
+sich in seinem ganzen Leben schuldig gemacht.</p>
+
+<p>&raquo;Na nu werden Sie nicht langweilig,&laquo; meinte
+Oskar &mdash; &raquo;Apropos, haben Sie etwa eine vern&uuml;nftige
+Cigarre bei sich? Das Zeug, was man
+hier bekommt, ist kaum zu rauchen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich kann Ihnen mit einer Havannah dienen,&laquo;
+sagte Herr von Pulteleben, erfreut dem Bruder
+jenes Engels nur in Etwas angenehm sein zu
+k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist gescheidt,&laquo; meinte Oskar &mdash; &raquo;sie sind
+doch nicht zu schwer?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, sicher nicht &mdash; ich selber rauche nie
+schwere Cigarren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gut, dann kommen Sie jetzt in den Garten,
+hier ist eine Hitze, nicht zum Aushalten,&laquo; &mdash; und
+seines neuen Freundes Arm ergreifend, schlenderte
+er mit ihm hinab, um dort den Kaffee und die
+Damen zu erwarten.</p>
+
+<p>Diese z&ouml;gerten auch nicht lange, und hatte sich
+Herr von Pulteleben schon gegen das Ende der
+Mahlzeit in seiner Umgebung wohl gef&uuml;hlt, so entz&uuml;ckte
+ihn jetzt, im wahren Sinne des Wortes, die
+Nat&uuml;rlichkeit und Liebensw&uuml;rdigkeit Helenens, die
+allen Zwang abgeworfen zu haben schien und nach
+Herzenslust lachte und plauderte.</p>
+
+<p>Helene war wirklich bildsch&ouml;n. Es gab Zeiten,
+wo ihre so regelm&auml;&szlig;igen Z&uuml;ge von einem d&uuml;stern
+Ernst beschattet wurden, der ihren Augen etwas
+Unheimliches, ja Absto&szlig;endes geben konnte. Ihr
+Mund, wenn fest geschlossen, sah dann ebenfalls,
+der etwas schmalen Lippen wegen, unsch&ouml;n aus.
+Wenn aber das lebendige Auge in Scherz, ja
+&Uuml;bermuth leuchtete, wenn ihre Z&auml;hne, die zwei
+Reihen aufgezogener Perlen glichen, sichtbar wurden,
+wenn sich das Gr&uuml;bchen tiefer in ihr Kinn
+einschnitt und das Lachen auf dem gar so lieben
+Antlitz spielte, wie das Sonnenlicht auf einem
+murmelnden Bache, dann konnte man sich wahrlich
+nicht satt sehen an dem M&auml;dchen, und sie war
+sich auch ihres Sieges stets so sicher bewu&szlig;t, da&szlig;
+sie mit ihrer Umgebung machte, was sie eben
+wollte.</p>
+
+<p>Nur dann und wann verlie&szlig; sie manchmal die
+Laube, und von Pulteleben w&uuml;rde noch mehr entz&uuml;ckt
+gewesen sein, wenn er gewu&szlig;t h&auml;tte, da&szlig; sie
+gerade in dieser Zeit Anordnungen traf, sein Zimmer
+etwas wohnlicher einzurichten und ein Bett
+darin aufzustellen. Es hatte das seine Schwierigkeiten,
+denn die Gr&auml;fin war nur nothd&uuml;rftig auf
+solchen Besuch eingerichtet, aber es <span class="wide">ging</span> doch,
+und ein paar rasch und geschickt improvisirte Gardinen
+machten das kleine Gemach noch so viel
+freundlicher.</p>
+
+<p>Die Zeit, wo der junge Fremde mit der Frau
+Gr&auml;fin allein blieb, wurde dann von dieser benutzt,
+ihm einen kurzen &Uuml;berblick &uuml;ber die hiesigen Verh&auml;ltnisse
+zu geben, der Herrn von Pulteleben au&szlig;erordentlich
+befriedigte. Er ersah n&auml;mlich daraus,
+da&szlig; in diesem Lande wirklich nur ein kleines, unbedeutendes
+Capital dazu geh&ouml;re, um, mit kluger
+Benutzung des Augenblickes, ganz erstaunliche Erfolge
+zu erzielen. Die Frau Gr&auml;fin wu&szlig;te ihm
+eine Menge von Beispielen zu nennen, nach denen
+Leute durch kleine, aber richtige Spekulationen in
+Stand gesetzt waren, unbedeutend begonnene Gesch&auml;fte
+auf das Gro&szlig;artigste auszudehnen, und sich
+dann mit einem <span class="wide">erworbenen</span> Verm&ouml;gen nach
+Deutschland zur&uuml;ckzuziehen, um es dort in Ruhe
+zu verzehren.</p>
+
+<p>&raquo;Sehen Sie, Frau Gr&auml;fin,&laquo; rief Herr von
+Pulteleben, durch diese Mittheilungen zu einem
+vollen Grade von Aufrichtigkeit getrieben, &raquo;das ist
+gerade was ich will. Zu Hause haben sie mir
+immer vorgeworfen, da&szlig; ich unpraktisch w&auml;re, da&szlig;
+ich nie im Stande sein w&uuml;rde, mir aus mir selber
+eine Carri&egrave;re zu schaffen. Jetzt will ich doch einmal
+sehen, ob es nicht m&ouml;glich ist sie L&uuml;gen zu
+strafen. Sie sollen erleben, mit welcher Energie
+ich Alles angreife, was ich unternehme. &mdash; Wenn
+ich nur erst w&uuml;&szlig;te was!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;&Uuml;bereilen Sie sich darin nicht, junger Freund,&laquo;
+sagte die Gr&auml;fin. &raquo;Es giebt zwar eine Menge
+von Wegen, die zum Ziele f&uuml;hren, aber der eine
+ist l&auml;nger als der andere, und wenn man denn
+doch noch die Wahl hat, warum soll man da nicht
+suchen den k&uuml;rzesten zu nehmen? &Uuml;brigens seien
+Sie versichert, da&szlig; ich selber schon ein Wenig herumhorchen
+will. Sie sind uns nun einmal auf so
+abenteuerliche Weise zugef&uuml;hrt, da&szlig; ich ein gewisses
+Interesse daran nehme.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gn&auml;dige Frau Gr&auml;fin, Sie sind unendlich
+g&uuml;tig.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Lassen Sie das; will ich aufrichtig sein, so
+ist es vielleicht sogar Egoismus von mir selber;
+denn Sie glauben gar nicht, wie langsam die Zeit
+verstreicht, wenn man so gar Nichts auf der Gotteswelt
+zu thun hat. Eine kleine Besch&auml;ftigung, eine
+bestimmte Th&auml;tigkeit wird zuletzt wirklich zum Bed&uuml;rfni&szlig;,
+und ein wenig Sorgen und Umschauen
+geh&ouml;rt mit zu unserem Leben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber durch was habe ich verdient, da&szlig; Sie
+sich <span class="wide">meiner</span> gerade so unendlich freundlich annehmen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Lieber Gott, wir sind hier einmal in Brasilien,
+leben in Verh&auml;ltnissen, die mit denen der
+alten Welt auch nicht die entfernteste &Auml;hnlichkeit
+haben, und da gestaltet sich Manches oft rasch und
+wunderbar. Doch Sie werden das Alles noch viel
+besser kennen lernen, wenn Sie erst einmal selber
+l&auml;ngere Zeit im Lande sind.&laquo;</p>
+
+<p>Oskar hatte sich bei dem Gespr&auml;ch gr&uuml;ndlich
+gelangweilt, denn er ha&szlig;te Nichts mehr auf der
+Welt, als wenn von einem bestimmten Lebenszwecke
+die Rede war &mdash; und seine Mutter hielt
+ihm dieses Capitel sehr h&auml;ufig vor. Daf&uuml;r g&ouml;nnte
+er es jetzt aber auch von Herzen seinem neuen
+Hausgenossen, und am&uuml;sirte sich die Zeit &uuml;ber, mit
+seinem Blasrohr von einem erh&ouml;hten Stand der
+Hecke aus nach vorbeilaufenden Hunden zu schie&szlig;en.
+Wenn er sie traf, nahmen sie gew&ouml;hnlich den
+Schwanz zwischen die Beine und rannten in wilder
+Flucht die Stra&szlig;e hinab, und Oskar wollte sich
+dann halb todt dar&uuml;ber lachen.</p>
+
+<p>Um das Angenehme &uuml;brigens mit dem N&uuml;tzlichen
+zu verbinden, nahm er Herrn von Pulteleben
+nachher mit zu seinem Pferde hinaus, von
+dem er ihm schon viel erz&auml;hlt und ihm auch die
+&Uuml;berzeugung beigebracht hatte, da&szlig; ein Mann
+ohne Pferd in Brasilien gar nicht existiren k&ouml;nne
+&mdash; nicht einmal eine Frau, und da Herr von
+Pulteleben erfuhr, da&szlig; es fr&uuml;her Helenens Lieblingspferd
+gewesen sei, die sich jetzt einen etwas
+ruhigeren Grauen &mdash; der Graue war das wildeste
+Pferd in der Ansiedelung &mdash; angeschafft habe, kaufte
+es der junge Fremde zu einem, wie er glaubte,
+au&szlig;erordentlich m&auml;&szlig;igen Preise (Oskar hatte auch in
+der That h&ouml;chstens hundert Procent daran verdient)
+und schwelgte dabei in der Hoffnung auf
+morgen, denn Helene hatte ihm versprochen mit
+ihm spazieren zu reiten.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="narrow" />
+<h3><a name="kap_9" id="kap_9"></a>9.</h3>
+
+<h3>Ein Abend in der Colonie.</h3>
+
+<p>Das war ein Leben und Treiben heute in
+dem sonst so stillen St&auml;dtchen, da&szlig; man es kaum
+wieder erkannte, und das Wirthshaus &raquo;Zum
+Hoffnungsanker&laquo; hatte, so lange der Ort stand,
+noch keine so guten Gesch&auml;fte gemacht. War es
+doch auch bis unter das Dach hinauf von G&auml;sten
+angef&uuml;llt, die auf Matratzen, Decken, Stroh, oder
+wie es eben ging, untergebracht werden mu&szlig;ten,
+w&auml;hrend fast alle m&auml;nnlichen Bewohner von
+Santa Clara hier ebenfalls zusammenkamen, um
+die Neuangekommenen zu sehen und zu sprechen,
+und vielleicht auch frische Nachrichten von daheim
+&mdash; das hei&szlig;t aus ihrem Dorfe zu h&ouml;ren, denn
+was wirklich <span class="wide">deutsche</span> Nachrichten und besonders
+deutsche Politik betraf, k&uuml;mmerte die Wenigsten der
+Colonisten.</p>
+
+<p>Viele waren allerdings schon seit Jahren ausgewandert,
+und den politischen Verh&auml;ltnissen daheim,
+die sie selbst an Ort und Stelle nicht verstanden,
+so entfremdet worden, da&szlig; sie kaum noch
+die geographischen Namen der verschiedenen Staaten
+kannten. Aber selbst erst k&uuml;rzlich Her&uuml;bergekommene
+fragten nicht nach dem, was Preu&szlig;en oder
+&Ouml;sterreich, oder sonst ein Theil Deutschlands treibe
+&mdash; das war deren Sache, und sie mochten es mit einander
+ausmachen &mdash; sondern nur aus welcher Gegend
+Der und Jener sei, und ob daheim Der und Jener
+noch lebe, und nicht Lust habe nach Brasilien zu
+kommen.</p>
+
+<p>Au&szlig;erdem wollten sich die Leute aber auch
+gern einmal einen sogenannten &raquo;fidelen Abend&laquo;
+machen, und da der Wirth Christian Bohlos einen
+ziemlich ger&auml;umigen Schuppen an sein Haus gebaut
+und mit Dielen hatte belegen lassen, ja auch
+in diesem Schuppen ein h&ouml;lzernes Ger&uuml;st f&uuml;r ein
+Musikcorps angebracht war, so verstand es sich
+von selbst, da&szlig; heute Abend ebenfalls getanzt
+wurde.</p>
+
+<p>Das beste Musikcorps der Stadt wurde dazu
+bestellt &mdash; denn es gab deren zwei &mdash; und da&szlig;
+sich das andere dar&uuml;ber zur&uuml;ckgesetzt f&uuml;hlte und
+erkl&auml;rte, das sogenannte <span class="wide">beste</span> Musikcorps k&ouml;nne
+gar nicht spielen und vollf&uuml;hre eine wahre Heidenmusik
+&mdash; blieb sich gleich.</p>
+
+<p>Schon mit Dunkelwerden sammelten sich die
+G&auml;ste &mdash; auf acht Uhr Abends waren nach stillschweigendem
+&Uuml;bereinkommen die Frauen angesagt,
+denn die Kinder mu&szlig;ten erst zu Bette gebracht
+werden &mdash; und bis dahin gingen Flasche
+und Krug lustig im Kreise. &mdash; Aber nicht etwa
+das d&uuml;nne brasilianische Bier wurde getrunken,
+das ein Deutscher sogar in Santa Clara braute,
+obgleich das besonders die Neuangekommenen mit
+Leidenschaft forderten, sondern vaterl&auml;ndischer
+Rheinwein bildete bei solchen Gelagen gew&ouml;hnlich
+das schwere Gesch&uuml;tz. Die langhalsigen, schlanken
+Originalflaschen ragten fast von allen Tischen empor,
+und Scharlachberger-, Brauneberger-, Markobrunner- und
+Hochheimer-Etiquetten geh&ouml;rten zu
+den gew&ouml;hnlichsten Dingen.</p>
+
+<p>An dem einen Tische pr&auml;sidirte der &raquo;Pfarrer&laquo;
+des Ortes, eine breitschulterige, etwas massive
+Gestalt, mit hochger&ouml;thetem Gesichte, kurzen, etwas
+struppigen blonden Haaren und einem <span class="wide">wenigstens</span>
+zweit&auml;gigen wei&szlig;en Halskragen, aber nicht
+etwa in schwarzer Ordenstracht, sondern in einer
+grauleinenen Sommerjoppe mit Nankinghosen, und
+um ihn gruppirten sich einzelne Bewohner von
+Santa Clara &mdash; unter ihnen auch unser alter
+Bekannter Pilger und mehrere Colonisten aus der
+unmittelbaren N&auml;he des St&auml;dtchens, von denen
+dann wieder verschiedene &raquo;frische Einwanderer&laquo;
+zugezogen worden, um zuerst Bericht &uuml;ber ihre
+Reise abzustatten, und dann Enth&uuml;llung &uuml;ber das
+&raquo;erhoffte Brasilien&laquo; zu vernehmen.</p>
+
+<p>An die Ecke desselben Tisches hatte sich ebenfalls
+der Bursche mit dem Silberband um die
+M&uuml;tze gedr&auml;ngt, der heute schon mit dem Director
+Streit gehabt; ein Krug Bier und eine Portion
+Braten stand vor ihm. Seine Frau lag dr&uuml;ben
+im Auswanderungshause mit ihren Kindern in
+einer dunklen, feuchten Ecke, und theilte mit ihnen
+das k&auml;rgliche Mahl, das sie sich von geliefertem
+Mehle selber hatte bereiten m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>Die &uuml;brigen Tische waren eben so dicht gedr&auml;ngt
+mit G&auml;sten, und Bohlos' Frau und ein
+paar M&auml;gde konnten sich kaum in dem &uuml;berf&uuml;llten
+Raume Bahn machen, um die verlangten und oft
+st&uuml;rmisch geforderten Speisen und Getr&auml;nke auszutheilen.</p>
+
+<p>&raquo;Na, hier lebt sich's aber doch besser als an
+Bord von dem Schiffe, das mu&szlig; wahr sein, wenn
+ich auch gerade nicht &uuml;ber die Kost auf dem Schiffe
+klagen will,&laquo; sagte einer der Zwischendeckspassagiere.</p>
+
+<p>&raquo;Saufressen,&laquo; kaute der Mann mit dem Tressenstreifen
+mit vollem Munde; &raquo;bei uns kriegen's
+die Schweine besser, wie sie's uns f&uuml;r unser schweres
+Geld auf dem Schiff gegeben haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vielleicht sind <span class="wide">Sie's</span> zu Hause besser gew&ouml;hnt
+gewesen,&laquo; meinte einer der jungen Kaufleute,
+ein Kaj&uuml;tenpassagier, der sich aber hier
+schon in brasilianische Gleichheit hinein zu finden
+suchte, indem er seinen, ihm unangenehmen Nachbar
+von der Seite ansah.</p>
+
+<p>&raquo;Bin ich auch,&laquo; knurrte der Mann &mdash; &raquo;ja,
+Sie, die Kaj&uuml;tenpassagiere, haben hineingestopft
+gekriegt, was nur eben hinein ging, aber <span class="wide">uns</span>
+haben sie behandelt wie die Hunde &mdash; und noch
+schlechter.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na, ich wei&szlig; nicht,&laquo; sagte der Erste wieder,
+&raquo;ich bin doch auch im Zwischendeck gefahren, habe
+aber Nichts davon gemerkt. Da&szlig; man's auf dem
+Schiff nicht so gut bekommen kann wie daheim,
+na ja, das haben wir freilich schon zu Hause gewu&szlig;t,
+und daf&uuml;r ist's eben eine Seereise. Au&szlig;erdem
+habt <span class="wide">Ihr</span>, so viel ich wei&szlig;, nicht einmal
+Passage bezahlt, sondern Eure Gemeinde daheim
+hat's zusammengeschossen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das geht Keinem 'was an,&laquo; sagte der Bursche
+mit einem finstern Blicke nach dem Sprecher &mdash;
+&raquo;bezahlt ist's doch, ohne da&szlig; <span class="wide">Ihr</span> dazu die Hand
+in den Sack gesteckt.&laquo;</p>
+
+<p>Die &Uuml;brigen schwiegen, denn der Mann hatte
+nicht genug Einnehmendes in seinem Wesen, sich
+mit ihm in ein l&auml;ngeres Gespr&auml;ch einzulassen.
+Freilich war hier offener Wirthstisch, und man
+konnte ihm auch nicht gut verwehren, sich der
+Unterhaltung anzuschlie&szlig;en, so lange er eben nicht
+selber f&uuml;hlte, da&szlig; er da nicht hinein passe.</p>
+
+<p>Oben am Tische wechselte das Gespr&auml;ch jetzt
+wieder auf die Verh&auml;ltnisse in der Colonie, und
+die Klagen &uuml;ber die Regierung waren allgemein,
+da&szlig; nie Land vorr&auml;thig vermessen sei, wenn einmal
+Colonisten eintrafen. Die Neuangekommenen
+wollten das dem Director zuschieben, und der
+&raquo;Pfarrer&laquo; gab ihnen Recht. Da st&auml;k' es, denn
+das sei ein hochm&uuml;thiger Patron, der sich den
+Henker um den armen Mann scheere. Dagegen
+sprachen aber, und zwar mit Eifer, mehrere der
+Colonisten selber und vertheidigten den Director.</p>
+
+<p>&raquo;Was kann er denn machen, wenn ihn der
+Pr&auml;sident im Stiche l&auml;&szlig;t? Das ist die vorgesetzte
+Beh&ouml;rde, und an die mu&szlig; er sich wenden, und
+f&uuml;r den gemeinen Mann thut gerade <span class="wide">er</span> mehr,
+denn irgend Einer vor ihm. Und wie hat er
+jetzt wieder gearbeitet, um die Leute alle unterzubringen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Lump ist's,&laquo; rief der mit der Tresse,
+seine Faust auf den Tisch schlagend, da&szlig; sich Alle
+erstaunt nach ihm umsahen &mdash; &raquo;ein nichtsnutziger,
+grober Lump, und das hab' ich ihm heute in's
+Gesicht gesagt, und will es ihm morgen auch noch
+einmal hinein sagen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was ist denn der Mann da schuldig, Bodenlos?&laquo;
+fragte Pilger laut, als der Wirth gerade an ihm
+vor&uuml;berging.</p>
+
+<p>&raquo;Wer?&laquo; fragte Bohlos, sich am Tische umsehend.</p>
+
+<p>&raquo;Der mit der h&uuml;bschen blauen M&uuml;tze.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na,&laquo; sagte der also Bezeichnete erstaunt aufstehend
+&mdash; &raquo;wem geht denn <span class="wide">das</span> wieder 'was an,
+was <span class="wide">ich</span> schuldig bin?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Tisch hier bezahlt's,&laquo; sagte Pilger, ohne
+von dem Einwurfe Notiz zu nehmen &mdash; &raquo;wie viel
+macht's?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Portion Braten und vier Glas Bier,&laquo; sagte
+Bohlos &mdash; &raquo;wollen's gerade einen Milreis rechnen,
+es macht eigentlich noch zwanzig Reis mehr.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sehr sch&ouml;n,&laquo; sagte Pilger, &raquo;und jetzt, guter
+Freund, thut uns einmal den Gefallen und macht die
+Th&uuml;r <span class="wide">von au&szlig;en</span> zu. Verstanden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ob ich sie zumachen oder auflassen will, geht
+Keinem einen Quark an!&laquo; rief der Bursche, r&uuml;ckte
+sich die M&uuml;tze auf das eine Ohr, und sah den Redenden
+mit w&uuml;thenden Blicken an.</p>
+
+<p>&raquo;Wollt Ihr Vernunft annehmen?&laquo; fragte
+Pilger ruhig, indem er langsam von seinem Stuhle
+aufstand &mdash; &raquo;oder soll ich Euch&hellip;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach, la&szlig;t den Lump zufrieden, Pilger!&laquo; riefen
+ein paar Andere &mdash; &raquo;fangt keinen Streit an.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Streit?&laquo; sagte Pilger vollkommen kaltbl&uuml;tig
+&mdash; &raquo;f&auml;llt mir gar nicht ein, aber sollen wir uns
+etwa von so einem Burschen, wie der da, den
+ganzen Abend verderben lassen? Entweder der
+Gesell geht, Bodenlos, oder ich gehe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach, seid vern&uuml;nftig,&laquo; sagte der Wirth beruhigend.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, er hat Recht!&laquo; riefen nun auch die
+fr&uuml;heren Mitpassagiere des Burschen; &raquo;auf der
+ganzen Reise hat er Nichts wie Skandal und
+Streit gehabt, und seine arme Frau dabei mi&szlig;handelt,
+da&szlig; es eine Schande war.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr Lumpenhunde wollt auch wohl noch mit
+drein reden?&laquo; rief der mit der M&uuml;tze, und fuhr
+von seinem Sitze auf, aber Pilger hatte ihn schon
+am Kragen und hob ihn mit riesiger Kraft vom
+Boden; drei oder vier Andere fa&szlig;ten ihn zugleich
+an Armen und Beinen, und keine Minute sp&auml;ter
+fand er sich ziemlich unsanft hinaus auf die Stra&szlig;e
+gesetzt. Kaum aber hatten die M&auml;nner ihre Sitze
+wieder eingenommen, als ein ziemlich faustgro&szlig;er
+Stein durch das eine Fenster klirrend hereinschmetterte
+und gl&uuml;cklicherweise gegen die n&auml;chste
+Stuhllehne traf, sonst h&auml;tte er Schaden anrichten
+k&ouml;nnen. F&uuml;nf oder sechs junge Burschen flogen
+jetzt hinaus, um den Frevler abzustrafen, aber
+der Passagier hatte es doch f&uuml;r gerathen gefunden,
+etwas Derartiges nicht abzuwarten, und war verschwunden.</p>
+
+<p>Indessen r&uuml;ckte die Zeit vor &mdash; es war acht
+Uhr, und die &raquo;Damen&laquo; kamen zum Balle. Es waren
+meist Frauen und T&ouml;chter von Bauern und Handwerkern,
+aber viele der letzteren selbst in Brasilien
+geboren und gro&szlig;gezogen, wo sie dann, mit Kindern
+der eingeborenen Brasilianer aufwachsend,
+auch den Schnitt von deren Kleidung, wie eine
+freiere Haltung angenommen hatten &mdash; und reizende
+Gestalten gab es unter ihnen.</p>
+
+<p>Hier und da kam freilich noch ein echt deutsches
+Bauernm&auml;dchen, die rothe Kattunsch&uuml;rze hoch in
+der Taille umgebunden, das riesige wei&szlig;e Taschentuch
+in der sonnverbrannten, arbeitsharten Hand
+schlenkernd und mit der eigenth&uuml;mlich schaufelnden
+Bewegung im Gange. Junge M&auml;dchen mit wei&szlig;en
+Kleidern und Rosab&auml;ndern dazwischen, mit
+F&uuml;&szlig;en, die einem Grenadier zur festen Basis
+h&auml;tten dienen k&ouml;nnen, und eine Handvoll k&uuml;nstliche,
+arg zerdr&uuml;ckte Blumen geschmacklos auf den Kopf
+gebunden. Aber auch leichte und selbst zarte Figuren
+mischten sich dazwischen, junge M&auml;dchen aus
+irgend einer kleinen Stadt, die jedenfalls verstanden
+sich geschmackvoll zu kleiden, und eine buntere
+Mischung des &raquo;sch&ouml;nen Geschlechts&laquo; konnte in
+keinem Lande der Welt aufgetrieben werden.</p>
+
+<p>Und wer war der Ceremonienmeister, der Arrangirende
+und Ordnende dieses ganzen Balles?
+Wer stellte, als die Musik endlich begann, die
+Contret&auml;nze? Wer klatschte in die H&auml;nde, wenn
+die ersten Paare antanzen, wer klatschte wieder,
+wenn sie wechseln sollten? Wer dr&uuml;ckte sich dann
+in einem ruhigen Moment in eine Ecke, um mit
+einem oder dem anderen Nachbar, nur im Vorbeigehen,
+ein Glas Wein oder Punsch zu trinken,
+und war im Nu wieder bei der Hand und mitten
+im Saale, sobald nur die geringste Unordnung
+zu drohen schien? Wer anders als Jeremias, der
+sich aber so entpuppt hatte, da&szlig; man ihn heute
+Abend wirklich nur an der rothen Perr&uuml;cke wiedererkannte.</p>
+
+<p>Wer den Jeremias heute in Hemds&auml;rmeln gesehen
+hatte, wie er im Schwei&szlig;e seines Angesichts,
+den Karren hinter sich, durch die Stra&szlig;en keuchte,
+und wer ihn jetzt sah, wie er im Glanze von wenigstens
+achtzehn Talglichtern mit blechernen Reflectoren,
+<i>&agrave; quatre &eacute;pingles</i> gekleidet, durch den
+Saal h&uuml;pfte, w&uuml;rde eine solche Ver&auml;nderung, ohne
+den Mann genauer zu kennen, nicht f&uuml;r m&ouml;glich
+gehalten haben, und doch war es eine und dieselbe
+Pers&ouml;nlichkeit.</p>
+
+<p>Es l&auml;&szlig;t sich nicht l&auml;ugnen, weder der hellblaue
+Frack mit den blanken Kn&ouml;pfen, noch die wei&szlig;en
+Hosen, noch die lichten, schon etwas schmutzigen
+Glac&eacute;handschuhe waren je f&uuml;r ihn gemacht, und
+die beiden ersteren gerade um das zu weit, was
+die letzteren zu eng schienen. Aber er zeigte doch,
+wie der Pfarrer meinte, &raquo;den guten Willen&laquo;, und
+einen aufmerksameren und den Formen strenger
+gen&uuml;genden Tanzmeister wie ihn gab es nicht auf
+der weiten Welt, viel weniger denn in Brasilien.</p>
+
+<p>Jeremias war in der That &uuml;berall, und hatte
+er heute &uuml;ber Tag bei seinem Karren geschwitzt,
+so &uuml;berstieg seine Transpiration gegenw&auml;rtig alle
+Gr&auml;nzen. Er troff f&ouml;rmlich, und das helle Wasser
+lief ihm unter der brennend rothen Perr&uuml;cke in
+kleinen B&auml;chen nieder.</p>
+
+<p>Eigentlich hatte Jeremias urspr&uuml;nglich gar kein
+rothes Haar gehabt, und das kleine St&uuml;ckchen
+Backenbart, das ihm noch jetzt vor beiden Ohren
+stand, war sogar von pechschwarzer Farbe. Als
+ihm aber damals, nach einer Art Nervenfieber,
+und kurz vorher, ehe er Deutschland verlie&szlig;,
+s&auml;mmtliche Haare ausgingen, forderte der Friseur
+f&uuml;r eine <span class="wide">schwarze</span> Perr&uuml;cke eine seine Kr&auml;fte
+&uuml;bersteigende Summe, und da er die <span class="wide">rothe</span> Perr&uuml;cke
+&mdash; der Tr&auml;ger war darunter weggestorben
+&mdash; aus zweiter Hand billig erstehen konnte, entschlo&szlig;
+er sich kurz und wechselte die Farbe. Jetzt
+war er nun so an die rothe Perr&uuml;cke gew&ouml;hnt,
+da&szlig; er eine andere, schwarze nicht mehr umsonst
+genommen h&auml;tte.</p>
+
+<p>&Uuml;brigens war Jeremias in der ganzen kleinen
+Stadt als ein flei&szlig;iger, n&uuml;chterner Arbeiter beliebt,
+und seiner oft drolligen Antworten wegen fast in
+jedem Hause gern gesehen. Weil er aber flei&szlig;ig
+arbeitete, verdiente er auch ganz h&uuml;bsches Geld,
+und nur, was er mit dem Verdienten machte,
+erfuhr kein Mensch. Verzehren konnte er es nicht,
+da er au&szlig;erordentlich m&auml;&szlig;ig lebte, und nie auch
+nur einen halben Milreis vergeudete, aber trotzdem
+hatte er noch Keinem Geld zum Aufheben
+gegeben. Er kaufte auch kein Land oder Vieh,
+und von Staatspapieren wu&szlig;te er au&szlig;erdem Nichts.
+Allerdings hatte sich das Ger&uuml;cht verbreitet, da&szlig;
+er sein Geld heimlich im Walde vergraben und
+schon einen ganzen Sack voll Milreis irgendwo
+eingescharrt habe. Gewi&szlig;heit bekam aber Niemand
+dar&uuml;ber, und Jeremias war viel zu schlau, Andere
+das wissen zu lassen, was sie eben nicht zu wissen
+brauchten.</p>
+
+<p>So gutm&uuml;thig Jeremias aber auch im Ganzen
+sein mochte, und so dienstwillig und gef&auml;llig er
+sich gegen Jedermann in seiner Arbeitszeit zeigte,
+so unumschr&auml;nkt regierte er hier, und der geringste
+Versto&szlig; gegen die Tanzordnung wurde auf das
+Unerbittlichste geahndet. Ein Schneider aus Santa
+Clara &auml;rgerte ihn besonders, und man erz&auml;hlte
+sich, die Feindschaft zwischen den Beiden schreibe
+sich daher, da&szlig; Jeremias eine Heirath des Schneiders,
+den er als einen liederlichen Schlingel
+kannte, hintertrieben habe. Das M&auml;dchen war
+braver Bauersleute Kind, und Jeremias kannte
+den Br&auml;utigam, der aus seinem Orte stammte,
+schon von Deutschland her. Daheim hatte dieser
+aber ein anderes M&auml;dchen sitzen, dem er die Ehe
+versprochen, und das auf ihn wartete, und als die
+Bauernfamilie das hier erfuhr, wurde dem Werber
+das Haus verboten.</p>
+
+<p>Ob Jeremias ihnen das wirklich mitgetheilt,
+war nicht ganz bestimmt, jedenfalls hie&szlig; es so,
+und der Schneider ha&szlig;te ihn seitdem wie seinen
+Todfeind, ohne da&szlig; sich Jeremias deshalb die geringste
+Sorge gemacht h&auml;tte. Heute nun, wo
+Jener etwas mehr als gew&ouml;hnlich getrunken haben
+mochte, suchte er ein paar Mal Streit mit dem
+kleinen Ceremonienmeister, und als dieser ihn eben
+so oft derb abfertigte, wu&szlig;te er sich auf andere
+Weise zu r&auml;chen. Jeremias hatte gerade wieder
+in der einen Ecke einen Schluck Punsch mit dem
+jungen Handlungsdiener getrunken, als er auf
+der andern Seite des Saales eine Unordnung
+entdeckte. Wie der Blitz sprang er auf und dorthin;
+ungl&uuml;cklicherweise mu&szlig;te er aber an dem
+Schneider dicht vorbei, der rasch sein Bein vorhielt,
+und Jeremias, darin hangen bleibend, scho&szlig;,
+so lang er war, mitten in den Saal.</p>
+
+<p>Dem b&ouml;swilligen Schneider bekam das aber
+schlecht. Zu viele Leute waren Zeuge gewesen,
+und ehe sich Jeremias nur wieder vom Boden
+aufraffen konnte, hatten sie den Schneider gepackt,
+machten ein Fenster auf und warfen den sich aus
+Leibeskr&auml;ften dagegen Str&auml;ubenden hinaus in die
+B&uuml;sche.</p>
+
+<p>&Uuml;brigens war es eine so allgew&ouml;hnliche Begebenheit,
+da&szlig; bei einem deutschen Balle auch
+zwei oder drei Personen zu Th&uuml;r oder Fenster
+hinausgeworfen wurden, da&szlig; Niemand weiter
+darauf achtete. Der Tanz ging ruhig fort, und
+Jeremias, der mit einer wahren Federkraft vom
+Boden emporschnellte, sah kaum den Schneider
+beseitigt, als er auch augenblicklich wieder in den
+Tact der Musik einfiel, und nur im Her&uuml;ber-
+und Hin&uuml;berh&uuml;pfen noch den Staub von seinem
+Fracke zu entfernen suchte. Leider war kurz vorher
+gesprengt worden, und die wei&szlig;en Hosen
+hatten dadurch etwas fleckige Vordertheile bekommen,
+aber Jeremias selber sah es nicht und Niemand
+achtete weiter darauf.</p>
+
+<p>Pilger war auch aus dem Gastzimmer her&uuml;bergekommen,
+um seine Frau zu suchen, die versprochen
+hatte bei dem Balle zu erscheinen, aber
+sie fehlte noch, und etwa eine halbe Stunde sp&auml;ter
+ging er nach Hause, um sie abzuholen.</p>
+
+<p>Er mochte vielleicht eine Viertelstunde fort
+gewesen sein, als er mit etwas verst&ouml;rtem Gesichte
+wieder zur&uuml;ckkam und seine Blicke unruhig im
+Saal umherschweifen lie&szlig; &mdash; dann verschwand er
+wieder, ohne da&szlig; nat&uuml;rlich irgend Jemand auf ihn
+achtete, um bald darauf wieder zur&uuml;ckzukehren, wo er
+den bei einer Partie Skat sitzenden Pfarrer aufsuchte
+und zu sich hinausrief.</p>
+
+<p>&raquo;Nun,&laquo; sagte dieser, der eben nicht gern von
+seiner Partie aufgestanden war, indem er ihm vor
+die Th&uuml;r folgte, &raquo;was haben Sie denn, Sie
+schneiden ja ein Gesicht, als ob es bei Ihnen
+brennte?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Meine Frau ist fort,&laquo; fl&uuml;sterte Pilger mit
+heiserer, von innerer Aufregung fast unh&ouml;rbarer
+Stimme.</p>
+
+<p>&raquo;Ihre Frau ist fort?&laquo; sagte der Geistliche erstaunt
+&mdash; &raquo;wohin?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; es nicht,&laquo; st&ouml;hnte der Mann &mdash; &raquo;sie
+ist nicht hier beim Tanze, sie ist nicht zu Hause
+und doch vor etwa einer halben Stunde mit einem
+B&uuml;ndel in der Hand fortgegangen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na ja, das w&auml;re nicht &uuml;bel,&laquo; sch&uuml;ttelte der
+Herr Pfarrer mit dem Kopfe &mdash; er hatte drin ein
+Eichelsolo auf dem Tische liegen, und die Sache
+kam ihm sehr unbequem &mdash; &raquo;aber wohin <span class="wide">kann</span> sie
+denn hier?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da steckt der Schuft, der Bleifu&szlig; dahinter,&laquo;
+knirschte der Mann zwischen den zusammengebissenen
+Z&auml;hnen durch; &raquo;aber wenn ich die Gewi&szlig;heit
+kriegte, dann gnade ihm Gott!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hm,&laquo; sagte der Pfarrer, welcher die deshalb
+umlaufenden Ger&uuml;chte schon lange geh&ouml;rt hatte
+und kannte &mdash; &raquo;und haben Sie keine Ahnung, wohin
+sie sich gewandt haben k&ouml;nnte?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Keine,&laquo; &auml;chzte Pilger; &raquo;aber was um Gottes
+Willen kann ich thun, um sie wieder zu bekommen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Heute Abend gar Nichts,&laquo; sagte der Pfarrer;
+&raquo;es ist stockdunkel, und aus dem Tanzsaal bringen
+Sie Keinen fort &mdash; noch dazu, wenn Sie nicht
+einmal eine bestimmte Richtung angeben k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O, Du gro&szlig;er, allm&auml;chtiger Gott!&laquo; st&ouml;hnte
+der Mann und pre&szlig;te die fest zusammengeschlagenen
+H&auml;nde gegen seine Stirn.</p>
+
+<p>&raquo;Machen Sie sich keine Sorgen,&laquo; sagte der
+Geistliche, &raquo;wenn die Frau Sie auf so leichtsinnige
+Weise verlassen konnte, so haben Sie auch
+Nichts an ihr verloren, und den Mosje, den
+Bleifu&szlig;, wollen wir schon kriegen, wenn der wirklich
+dahinter steckt. Der mu&szlig; blechen, da&szlig; es ihm
+blau und braun vor den Augen wird.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Meine Grethe &mdash; meine Grethe!&laquo; hauchte
+der arme Teufel; &raquo;da&szlig; sie mir die Schande anthun
+konnte!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es l&auml;&szlig;t sich heute Nichts mehr machen,&laquo;
+versicherte der Pfarrer &mdash; er <span class="wide">konnte</span> seinen
+Eichelsolo nicht l&auml;nger im Stiche lassen &mdash; &raquo;gehen
+Sie ruhig nach Hause &mdash; morgen fr&uuml;h komme ich
+zu Ihnen und da besprechen wir das Weitere&laquo; &mdash;,
+und ohne eine Antwort abzuwarten, klopfte er
+dem Ungl&uuml;cklichen auf die Schulter und ging
+wieder in das Zimmer zur&uuml;ck an seinen Spieltisch.</p>
+
+<p>Pilger stand noch eine Weile wie vernichtet in
+der offenen Th&uuml;r, dann aber lief er noch einmal
+zur&uuml;ck zu seinem Haus, und als er die Verlorene
+auch jetzt noch nicht fand, wieder hinaus in die
+Nacht hinein &mdash; er wu&szlig;te ja selber nicht, wohin.</p>
+
+<p>Unten an der Landung, etwa zweihundert
+Schritte tiefer als die Boote gew&ouml;hnlich lagen,
+hatte ein kleines Fahrzeug im Schutze dichter
+B&uuml;sche angelegt, und gleich nach Sonnenuntergang
+waren schon verschiedene Blechkoffer und
+Kisten hineingeschafft. Vier portugiesische Ruderer,
+die zu einem der weiter unten ankernden Schooner
+geh&ouml;rten, lagen auf ihren Riemen und warteten
+auf ein verabredetes Zeichen, um den Bug des
+Bootes, das jetzt ein St&uuml;ck drau&szlig;en im Strom
+ankerte, dicht zum Lande zu schieben. Jetzt pfiff
+es viermal rasch hintereinander, und w&auml;hrend sich
+das schmale Fahrzeug noch tiefer in die B&uuml;sche
+hineinschob, eilten ein Mann und eine Frau den
+schr&auml;g ablaufenden Hang hinab, gerade auf die
+Stelle zu, wo dasselbe verborgen lag.</p>
+
+<p>Der Mann hielt ein gr&ouml;&szlig;eres Paket im Arme
+und konnte nicht so rasch von der Stelle, weil er,
+seiner Bequemlichkeit wegen, Pantoffeln trug. Die
+Frau f&uuml;hrte ein kleines B&uuml;ndel bei sich und war
+ihm immer um einige Schritte voraus, bis sie
+den Wasserrand erreichte. Hier hielt sie pl&ouml;tzlich
+und wie erschreckt an und fl&uuml;sterte:</p>
+
+<p>&raquo;O, Du mein lieber himmlischer Vater, was
+will ich thun, was will ich thun!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hier sind wir an Ort und Stelle,&laquo; sagte der
+Mann, der sie hier einholte, in portugiesischer
+Sprache, aber mit unterdr&uuml;ckter Stimme, &raquo;nur
+rasch, meine Geliebte, da&szlig; uns die T&ouml;lpel nicht
+doch noch am Ende auf die Spur kommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O, mein armer Mann, und er ist immer so
+gut und rechtschaffen, und <span class="wide">ich</span>&hellip;.&laquo;</p>
+
+<p>W&auml;hrend sie klagte, hatte der Portugiese schon
+sein B&uuml;ndel in das Boot gegeben und der Frau
+das ihrige ebenfalls abgenommen und einem Matrosen
+gereicht. Jetzt legte er leise seinen Arm
+um ihre Taille und schob sie sanft r&uuml;ckw&auml;rts.</p>
+
+<p>&raquo;Kommen Sie, Margarita, kommen Sie, wir
+vers&auml;umen sonst die g&uuml;nstige Zeit &uuml;ber die Barre
+&mdash; dort hinten h&ouml;re ich auch Leute. Denken Sie,
+wenn man Sie hier f&auml;nde &mdash; mit <span class="wide">mir!</span>&laquo;</p>
+
+<p>Die Frau schreckte empor. Etwa hundert
+Schritte weiter oben f&uuml;hrte ein Weg vorbei, auf
+dem zwei M&auml;nner gingen, die sich laut miteinander
+unterhielten. Die Frau glaubte die Stimme
+des Einen zu erkennen und wich scheu mehr in
+die B&uuml;sche hinein. Dort lag die Planke &mdash; einer
+der Matrosen ergriff ihre Hand, und keine halbe
+Minute sp&auml;ter glitt das Boot in die dunkle Str&ouml;mung
+hinaus und mit dieser abw&auml;rts.</p>
+
+<p>Am Ufer herauf kam eine einzelne Gestalt,
+die horchend stehen blieb, als sie das Knarren der
+Ruder in den Bl&ouml;cken h&ouml;rte, das nur so viel
+deutlicher durch die Stille der Nacht drang. Erkennen
+lie&szlig; sich freilich Nichts von dort, wie nur
+vielleicht der dunkle Schatten des Bootes selber.</p>
+
+<p>&raquo;Grethe,&laquo; rief da eine leise, klagende Stimme
+in den Strom hinaus &mdash; &raquo;Grethe &mdash; bist Du
+dort?&laquo;</p>
+
+<p>Keine Antwort erfolgte; blitzesschnell trieben
+die Ruder das Boot vorw&auml;rts, das wenige Minuten
+sp&auml;ter um eine ablaufende Biegung des
+Flusses verschwand.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Bei dem Director, in der kleinen Oberstube,
+sa&szlig; K&ouml;nnern, und Beide waren, Jeder mit einem
+Lichte vor sich, besch&auml;ftigt zu lesen. Der Director
+w&uuml;hlte in einer Anzahl von Briefschaften, w&auml;hrend
+K&ouml;nnern ein Packet Zeitungen durchbl&auml;tterte, die
+der Capitain des Schiffes mitgebracht hatte. Die
+Haush&auml;lterin brachte gerade den Thee herein,
+denn die Abende waren frisch genug, um eine
+warme Tasse Thee recht gut vertragen zu k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>&raquo;Na, da h&ouml;rt Alles auf!&laquo; sagte der Director
+pl&ouml;tzlich, und sah &uuml;ber einen eben ge&ouml;ffneten Brief
+nach K&ouml;nnern hin&uuml;ber.</p>
+
+<p>&raquo;Nun,&laquo; fragte dieser, dem Blicke begegnend &mdash;
+&raquo;irgend eine unangenehme Nachricht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Unangenehm gerade nicht,&laquo; lautete die Antwort,
+&raquo;aber gerade zu der unpassendsten Zeit in
+der Welt erhalten. Der Delegado, jener Portugiese,
+den wir an der Schule trafen, zeigt mir
+eben an, da&szlig; er von der Regierung auf unbestimmte
+Zeit Urlaub erhalten habe und mir hiermit
+in seiner Abwesenheit die laufenden Gesch&auml;fte
+&uuml;bertrage. Die ganze lange Zeit hat der Herr
+Nichts auf der Gotteswelt zu thun gehabt, weil
+ich die kleinen Streitigkeiten zwischen den Colonisten
+immer selber schlichtete, ja, eher noch selber
+Ursache zu Zank und Unfrieden in verschiedenen
+Familien gegeben, und jetzt, wo wir eine ganze
+Schaar durch die Seereise halb verwilderter Menschen
+bekommen, die au&szlig;erdem noch untergebracht
+werden sollen, will er sich von jeder Arbeit dr&uuml;cken.
+Das geht nun einmal unter keiner Bedingung
+an, und wenigstens mu&szlig; er noch die n&auml;chste Woche
+dableiben. Ich habe &uuml;berdies Scheererei genug &mdash;
+kommen Sie, trinken Sie eine Tasse Thee &mdash; da
+dr&uuml;ben steht der Rum &mdash; helfen Sie sich selber.&laquo;</p>
+
+<p>K&ouml;nnern schob die Zeitungen und Papiere bei
+Seite, um freien Raum zu bekommen. Eine kleine,
+zierliche Visitenkarte fiel heraus und auf den Tisch.</p>
+
+<p>&raquo;Hallo,&laquo; lachte er, &raquo;die Dinger geh&ouml;ren doch
+hier wohl eigentlich zu den exotischen Gew&auml;chsen.
+Wie hei&szlig;t denn der Herr? Arno von Pulteleben
+&mdash; den Namen kenn' ich nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Irgend wieder ein junger Adeliger,&laquo; sagte
+der Director, sich Rum zu seinem Thee gie&szlig;end,
+&raquo;der mit den Diamantgruben Brasiliens im Kopfe
+her&uuml;ber kommt, sich hier eine Zeit lang herum
+treibt und &uuml;ber Alles schimpft, bis sein mitgebrachtes
+Geld verzehrt ist, und dann, emp&ouml;rt &uuml;ber
+die traurigen Verh&auml;ltnisse des Landes, nach
+Deutschland zur&uuml;ckkehrt, f&uuml;r das er M&auml;rchenstoff
+in Masse gesammelt hat. Er wollte mich heute
+besuchen, aber wie ich nur den schwarzen Frack,
+Seidenhut und die wei&szlig;en Glac&eacute;handschuhe durch's
+Fenster sah, hatte ich schon &uuml;brig genug und &mdash;
+lie&szlig; mir die Ehre auf ein anderes Mal ausbitten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo mag er denn nur Quartier gefunden
+haben?&laquo; sagte K&ouml;nnern, &raquo;die H&auml;user sind ja fast
+alle &uuml;berf&uuml;llt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gott wei&szlig; es,&laquo; sagte der Director gleichg&uuml;ltig,
+&raquo;vielleicht doch noch im Hotel, denn Bohlos
+macht oft das Unglaubliche m&ouml;glich. &Uuml;berhaupt,
+lieber K&ouml;nnern, glauben Sie gar nicht, was sich
+in einer solchen Colonie wie die unsere oft f&uuml;r
+wunderliche Subjecte und Charaktere ansammeln,
+und man k&ouml;nnte sie sich oft nicht besser assortirt
+f&uuml;r ein Naturalien-Cabinet zum Ausstopfen aussuchen.
+Aus allen Schichten der Gesellschaft bekommen
+wir die Proben, und der hohe Adel, wie
+K&uuml;nstler und Gelehrte liefern jederzeit die werthvollsten
+Exemplare. Unseren Baron haben Sie
+schon gesehen, die Gr&auml;fin werden Sie jedenfalls
+noch kennen lernen; au&szlig;erdem treibt sich hier auch
+ein ganz t&uuml;chtiger K&uuml;nstler herum, ein Mann, der
+wahrscheinlich in Deutschland seiner Kunst Ehre
+machen k&ouml;nnte, und hier gerade so viel damit ausrichten
+wird, wie ein Holzhacker in den Pampas,
+oder ein Ackerbauer in den Schneebergen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist es ein Maler?&laquo; fragte K&ouml;nnern.</p>
+
+<p>&raquo;Nein,&laquo; lachte Sarno, &raquo;Sie brauchen keinen
+Concurrenten zu f&uuml;rchten &mdash; nur ein Clavierspieler.
+Aber auch ein anderer Musiker macht die Gegend
+unsicher, aus dem ich aber noch nicht recht klug
+geworden bin. Er <span class="wide">nennt</span> sich Randolph und
+scheint mir ein excentrischer Kopf, wie alle derartigen
+K&uuml;nstler&hellip;.&laquo;</p>
+
+<p>In dem Augenblicke wurde drau&szlig;en an die
+Th&uuml;r geklopft und die alte Haush&auml;lterin meldete
+gleich darauf: Der Schuhmacher Pilger w&uuml;nsche
+den Herrn einen Augenblick zu sprechen.</p>
+
+<p>&raquo;Ach,&laquo; sagte der Director, unzufrieden mit dem
+Kopfe sch&uuml;ttelnd, &raquo;immer wieder die alte Geschichte,
+aber ich kann ihm jetzt gute Nachricht geben, denn
+er wird seinen Qu&auml;lgeist wenigstens auf einige
+Zeit los. Lassen Sie ihn nur herein kommen.&laquo;</p>
+
+<p>Pilger betrat gleich darauf das Zimmer. Er
+hielt den Hut in der Hand, sah aber todtenbleich
+aus und der Schwei&szlig; stand ihm in gro&szlig;en Tropfen
+auf der Stirn.</p>
+
+<p>&raquo;Guten Abend, Herr Director!&laquo; st&ouml;hnte er,
+ohne auf den noch im Zimmer befindlichen Fremden
+weiter zu achten.</p>
+
+<p>&raquo;Guten Abend, Pilger! Um Gottes Willen,
+wie seht Ihr denn aus, Mann? Was ist denn
+vorgefallen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Meine Frau ist mir davon gelaufen, Herr
+Director,&laquo; sagte der arme Teufel, und man sah
+es ihm an, wie er sich nur mit &auml;u&szlig;erster Gewalt
+zwang, seine Fassung zu bewahren.</p>
+
+<p>&raquo;Eure Frau? Wann?!&laquo; rief der Director erschreckt
+und ein eigener Verdacht scho&szlig; ihm durch
+den Kopf.</p>
+
+<p>&raquo;Heute Abend &mdash; vor einer Stunde etwa,
+vielleicht noch nicht so lange. Sie wollte auf den
+Ball kommen und hat das Haus verlassen, ist aber
+jetzt nirgends mehr zu finden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber, bester Freund, wenn Ihr sie erst so
+kurze Zeit vermi&szlig;t, kann sie ja auch zu einer
+Freundin gegangen sein, um die abzuholen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein,&laquo; sagte der Mann ruhig, &raquo;sie hat ein
+B&uuml;ndel mitgenommen und ist nach dem Flusse
+gegangen. Ich sprach Jemanden, der ihr begegnet
+ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und habt Ihr keinen Verdacht, wer dabei
+die Hand im Spiele haben k&ouml;nnte?&laquo; fragte der
+Director.</p>
+
+<p>&raquo;Verdacht? Nein,&laquo; sagte Pilger mit fest zusammengebissenen
+Z&auml;hnen, &raquo;aber die <span class="wide">Gewi&szlig;heit,</span>
+da&szlig; es jener gottverfluchte Bleifu&szlig;, der Delegado,
+gewesen ist. Es giebt jetzt nur noch eine M&ouml;glichkeit,&laquo;
+fuhr er fort, w&auml;hrend der Director leise vor
+sich hin mit dem Kopfe nickte, &raquo;da&szlig; die Flucht
+nach dem Flusse zu vielleicht nur zum Schein war
+und meine Grethe jetzt ruhig dr&uuml;ben im Hause
+des Delegado versteckt ist. Allerdings fuhr vor
+etwa einer Viertelstunde ein Boot stromabw&auml;rts,
+aber ich kann mir nicht denken, da&szlig; der Portugiese
+die Frau allein fortschicken wird, und deshalb
+komme ich her, Herr Director, und wollte Sie
+bitten, das Haus des Portugiesen augenblicklich
+durchsuchen zu lassen. Finden wir dort nichts,
+dann mu&szlig; sie den Strom hinunter sein, und ich
+glaube, ich wei&szlig; ein Haus, wo sie sich m&ouml;glicher
+Weise verborgen halten k&ouml;nnte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wart Ihr schon am Hause des Delegado?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja &mdash; es ist Alles stockfinster drin, aber das
+bedeutet nichts.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wi&szlig;t Ihr, da&szlig; der Delegado Urlaub von
+der Regierung und mir heute Abend schriftlich
+angezeigt hat, ich solle sein Amt hier f&uuml;r ihn versehen?&laquo;</p>
+
+<p>Der Mann schlug entsetzt die H&auml;nde zusammen.</p>
+
+<p>&raquo;Dann ist's auch richtig,&laquo; st&ouml;hnte er &mdash; &raquo;dann
+ist er fort und sie waren in dem Boote, das ich
+gesehen habe. Wollen Sie mir helfen, Herr
+Director?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Von Herzen gern, Pilger, aber wie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Erst gehen wir jetzt zu seinem Hause und
+sehen ob er fort ist, und finden wir das best&auml;tigt,
+dann bitte ich Sie um weiter Nichts, als Ihr
+Boot &mdash; Leute schaff' ich schon herbei.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber keine Gewaltth&auml;tigkeit, Pilger!&laquo; warnte
+der Director; &raquo;Ihr macht die Sache dadurch nur
+noch schlimmer.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;&Uuml;berlassen Sie das mir, Herr Director. Ich
+habe den Eltern meiner Frau, braven, ordentlichen
+Leuten daheim, versprochen, &uuml;ber dieselbe zu wachen
+wie &uuml;ber meine Augen; ich darf die ungl&uuml;ckliche
+Frau nicht den H&auml;nden dieses Buben &uuml;berlassen,
+und <span class="wide">darin</span> werden mich doch hoffentlich die Gesetze
+sch&uuml;tzen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das allerdings,&laquo; sagte Sarno, von seinem
+Stuhle aufspringend &mdash; &raquo;und dann wollen wir auch
+keine weitere Zeit mehr vers&auml;umen &mdash; kommt!&laquo;</p>
+
+<p>Er griff seinen Hut auf, und von K&ouml;nnern
+begleitet, gingen die M&auml;nner rasch nach dem
+Hause des Delegado hin&uuml;ber. Es war aber hier,
+wie es Sarno gef&uuml;rchtet hatte, sie fanden das
+Haus nicht allein fest verschlossen, sondern auch
+leer. Dicht daneben wohnte ein deutscher Cigarrenmacher,
+der einen kleinen Stand nach der Stra&szlig;e
+zu hatte. Dieser konnte ihnen wenigstens die
+Nachricht geben, da&szlig; gleich nach Dunkelwerden
+mehrere brasilianische Matrosen Kisten und Koffer
+aus dem Hause die Stra&szlig;e hinab getragen h&auml;tten.
+Weiter wu&szlig;te er ebenfalls nichts, denn den Delegado
+hatte er mit keinem Auge gesehen.</p>
+
+<p>&raquo;Dann bleibt mir Nichts weiter &uuml;brig, als das
+Boot,&laquo; st&ouml;hnte Pilger, als er mit seinen Begleitern
+wieder die Stra&szlig;e hinauf ging &mdash; &raquo;darf ich es
+nehmen, Herr Director?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Geht mit Gott!&laquo; sagte Sarno, indem er ihm
+den kleinen Bootschl&uuml;ssel gab &mdash; &raquo;Ihr wi&szlig;t, wo es
+liegt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja wohl &mdash; und Segel und Ruder?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hat der Fischer gegen&uuml;ber &mdash; der kann Euch
+auch wahrscheinlich gleich Leute zum Rudern nachweisen.&laquo;</p>
+
+<p>Pilger dankte und flog mehr als er ging die
+Stra&szlig;e hinab und der Landung zu.&nbsp;&mdash;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="narrow" />
+<p>&nbsp;</p>
+<p>Im Hause der Gr&auml;fin Baulen war die kleine
+Familie mit ihrem Gaste ziemlich sp&auml;t beim Thee
+zusammen gewesen, und hatte den Abend, so gut
+das eben gehen wollte, verplaudert. Herr von
+Pulteleben erz&auml;hlte von seiner Familie daheim
+und dem kleinen Gute, auf dem er erzogen worden,
+von seinen Pl&auml;nen und Hoffnungen und seinem
+Eifer, etwas Ernstliches zu beginnen, und die
+Frau Gr&auml;fin selber war ihm mit Interesse dabei
+gefolgt. Nur Oskar langweilte sich; aber er wu&szlig;te,
+da&szlig; im Wirthshause Ball sei. Allerdings w&uuml;rde
+ihm seine Mutter nie die Erlaubni&szlig; gegeben
+haben, dem beizuwohnen, deshalb ersparte er ihr
+das Unangenehme einer Weigerung, verlie&szlig; unbemerkt
+das Zimmer und ging eben <span class="wide">ohne</span> Erlaubni&szlig;.</p>
+
+<p>Herr von Pulteleben erz&auml;hlte jetzt von seiner
+Reise und den Abenteuern derselben, und da er
+wirklich gar Nichts dabei erlebt, wurde die Frau
+Gr&auml;fin endlich m&uuml;de und schlief ein.</p>
+
+<p>Helene setzte sich auf kurze Zeit an's Clavier,
+aber ihr Gast war nichts weniger als musikalisch,
+und da er auch keinen Geschmack an den kleinen,
+reizenden Liedern fand und sie immer nur &mdash; oft
+mitten in einem St&uuml;cke &mdash; bat, einen Walzer
+oder Galopp zu spielen, erm&uuml;dete Helene ebenfalls.</p>
+
+<p>Es war Zeit zum Schlafengehen geworden,
+das M&auml;dchen wurde gerufen, um dem Fremden
+in sein Zimmer zu leuchten, und Helene ging in
+das ihrige, stellte das Licht auf den Tisch, st&uuml;tzte
+den Arm auf das offene Fenster, zu dem der
+balsamische Duft der Orangenbl&uuml;then voll hereinstr&ouml;mte,
+und schaute tr&auml;umend in die Nacht und
+auf die dunklen Conturen der Gebirge hinaus.</p>
+
+<p>Da zuckte sie pl&ouml;tzlich erschreckt empor, denn
+fast dicht unter ihrem Fenster erklangen wieder
+die leise klagenden T&ouml;ne der Violine, die sie schon
+an jenem Abend so wunderbar ergriffen hatten.
+Es lag ein solcher Schmelz in der einfachen Melodie,
+da&szlig; es ihr unwillk&uuml;rlich das Herz ergriff,
+und sie stand auf, setzte sich auf das Sopha, um
+von unten aus nicht gesehen zu werden, und
+horchte mit angehaltenem Athem dem meisterhaften
+Spiele.</p>
+
+<p>Herr von Pulteleben, der schr&auml;g &uuml;ber ihrem
+Zimmer wohnte, hatte schon sein Licht ausgel&ouml;scht
+und sich eben niedergelegt, als der Spielende unten
+begann. Er stand wieder auf, lehnte sich in das
+offen stehende Fenster und h&ouml;rte eine Weile zu,
+bis die T&ouml;ne unten leise verhallten. Jetzt rief er
+von oben herunter:</p>
+
+<p>&raquo;Bravo! Sehr h&uuml;bsch! Wirklich allerliebst!&laquo;</p>
+
+<p>Helene barg die Stirn in ihre Hand; es
+war wie ein Mi&szlig;ton in diese Harmonie hinein.
+Der Spielende unten aber schwieg. Sie l&ouml;schte
+ihr Licht aus und trat verdeckt ans Fenster, um
+vielleicht den Schatten seiner hinweggleitenden Gestalt
+zu sehen, aber Nichts regte sich &mdash; dunkel lag
+die Nacht auf dem Thale, und nur von weit
+her&uuml;ber schallten dann und wann, von einem gelegentlichen
+Luftzuge getragen, die munteren T&ouml;ne
+der Violinen und <ins title="Original hat Trompeten her&uuml;ber">Trompeten</ins>, die dem
+jungen, lustigen Volke von Santa Clara zum
+Tanze aufspielten.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="narrow" />
+<h3><a name="kap_10" id="kap_10"></a>10.</h3>
+
+<h3>Eine Familienscene.</h3>
+
+<p>Vier Tage waren nach den oben beschriebenen
+Vorf&auml;llen verflossen und die Frau Gr&auml;fin hatte
+an diesem Morgen noch nicht vollst&auml;ndig ihre
+Toilette beendet, als drau&szlig;en auf dem Vorsaale
+schwere Tritte laut wurden, und gleich darauf ein
+Mann mit Dorothea sprach. Jetzt klopfte diese
+an die Th&uuml;r und rief:</p>
+
+<p>&raquo;Frau Gr&auml;fin, der Meister Spenker ist drau&szlig;en
+und w&uuml;nscht die Frau Gr&auml;fin zu sprechen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Soll sp&auml;ter wieder kommen,&laquo; lautete die Antwort
+&mdash; &raquo;ich bin noch nicht fertig angezogen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach, machen Sie keine Umst&auml;nde, Frau
+Gr&auml;fin,&laquo; sagte der B&auml;ckermeister, der die Antwort
+geh&ouml;rt hatte &mdash; &raquo;ich habe meine Frau auch schon
+oft im Neglig&eacute; gesehen &mdash; bin ja ein verheiratheter
+Mann und kann nicht so lang von zu Hause fort
+bleiben. Es giebt jetzt schm&auml;hlich viel zu thun,
+denn die vielen neuen M&auml;uler im Ort wollen
+doch alle satt werden und Brod haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber weshalb kommen Sie denn so fr&uuml;h &mdash;
+ich <span class="wide">kann</span> jetzt nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Fr&uuml;h?&laquo; sagte der ehrliche B&auml;ckermeister erstaunt,
+der seit vier Uhr an der Arbeit war &mdash;
+&raquo;es hat eben Elf geschlagen, und bei uns dr&uuml;ben
+sagen wir nicht einmal mehr &raquo;guten <span class="wide">Morgen</span>&laquo;
+&mdash; es wird gleich zu Mittag gegessen. Wenn Sie
+aber wollen, kann ich Ihnen hier gleich durch die
+Th&uuml;r melden, was mich hergef&uuml;hrt &mdash; ich glaubte
+nur, es w&auml;re Ihnen angenehmer wenn ich Sie
+<span class="wide">allein</span> spr&auml;che.&laquo;</p>
+
+<p>Es entstand eine kleine Pause und der B&auml;ckermeister
+l&auml;chelte leise vor sich hin &mdash; endlich sagte
+die Gr&auml;fin von innen heraus:</p>
+
+<p>&raquo;Ich komme den Augenblick &mdash; gehen Sie in
+das andere Zimmer.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sehr wohl, Frau Gr&auml;fin,&laquo; erwiederte der
+Meister kopfnickend, und wu&szlig;te auch ganz genau,
+in welches, denn er hatte schon sehr viele derartige
+Conferenzen mit der Dame gehabt. Er
+brauchte indessen nicht sehr lange zu warten, denn
+kaum zehn Minuten sp&auml;ter ging die Th&uuml;r auf
+und Frau Gr&auml;fin Baulen, einen gro&szlig;en Shawl
+umgeschlagen, trat herein und sagte eigentlich viel
+freundlicher, als man nach der erzwungenen
+Audienz h&auml;tte vermuthen sollen:</p>
+
+<p>&raquo;Guten Morgen, Meister! Was w&uuml;nschen Sie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Guten Morgen, Frau Gr&auml;fin &mdash; Nichts, als
+die alte Geschichte, die wir schon einige Mal verhandelt
+haben; <span class="wide">Geld</span> &mdash; meine Miethe.&laquo;</p>
+
+<p>Die Gr&auml;fin warf ungeduldig den Kopf auf
+die Seite.</p>
+
+<p>&raquo;Aber Sie wissen ja doch, da&szlig; meine Wechsel,
+die ich jedenfalls mit dem n&auml;chsten Dampfer erwarte,
+noch nicht angekommen sind &mdash; ich habe
+Ihnen das schon das letzte Mal gesagt, als ich
+das Vergn&uuml;gen hatte Sie zu sehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bitte,&laquo; sagte der Mann &mdash; &raquo;ja, und das
+vorletzte Mal auch, und das vorvorletzte, aber es
+ist ein merkw&uuml;rdiges Ding um einen Wechsel, der
+nie ankommt, wenn er am Nothwendigsten gebraucht
+wird.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und ist das etwa <span class="wide">meine</span> Schuld?&laquo; sagte die
+Gr&auml;fin piquirt.</p>
+
+<p>&raquo;Glaube kaum,&laquo; l&auml;chelte der B&auml;ckermeister &mdash;
+&raquo;nur die Schuld der Leute, die eben keinen schicken
+wollen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber sie <span class="wide">sind</span> abgeschickt,&laquo; rief die Gr&auml;fin
+ungeduldig, &raquo;und k&ouml;nnen jetzt jede Stunde eintreffen.
+Sie denken doch nicht etwa, da&szlig; ich
+Ihnen eine Unwahrheit sagen werde?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein,&laquo; sagte der B&auml;ckermeister kopfsch&uuml;ttelnd
+&mdash; &raquo;es w&auml;re wenigstens nicht h&uuml;bsch, aber damit
+kommen wir nicht weiter. Das Kurze und Lange
+von der Sache ist einfach <span class="wide">das,</span> da&szlig; ich nicht
+l&auml;nger auf die Wechsel warten kann, und es thut
+mir leid Ihnen das sagen zu m&uuml;ssen, Frau
+Gr&auml;fin. Ich bin nur ein Handwerker, und was
+ich brauche, mu&szlig; ich mir sauer genug verdienen;
+au&szlig;erdem habe ich Kinder die versorgt sein wollen,
+und das kostet, wie Sie ebenfalls recht gut wissen,
+viel Geld. Deshalb mu&szlig; ich das Meinige zusammenhalten
+&mdash; Sie sind eine zu vern&uuml;nftige
+Frau, um das nicht einzusehen, und ich kann die
+Milreis nicht hundertweis ausstehen lassen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber, lieber Freund, &raquo;ich <span class="wide">kann</span> Sie ja doch
+nicht eher zahlen, bis mein Wechsel kommt,&laquo; sagte
+die Gr&auml;fin ungeduldig &mdash; &raquo;was hilft also all das
+Reden? So nehmen Sie doch nur Vernunft an!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Eben <span class="wide">weil</span> ich lieber auf die Vernunft
+h&ouml;ren will, als viele Reden machen, bin ich heute
+Morgen hergekommen,&laquo; sagte der Meister ruhig,
+&raquo;und wollte Ihnen denn nur anzeigen, Frau
+Gr&auml;fin, da&szlig; ich mein Geld in dieser Woche haben
+<span class="wide">mu&szlig;</span> und <span class="wide">will,</span> Wechsel oder keine Wechsel, die
+mich eigentlich gar Nichts angehen. Ich werde
+Sie nicht zu sehr dr&auml;ngen und gebe Ihnen noch
+bis zum Samstag Zeit, das ist aber auch, das
+schw&ouml;re ich Ihnen, der allerletzte Termin, den
+Sie von mir herausdr&uuml;cken k&ouml;nnen; denn die
+Geschichte spielt jetzt f&uuml;nfzehn Monate, und ich
+will mich nicht l&auml;nger zum &hellip; na, ich meine, ich
+kann eben nicht l&auml;nger warten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich will sehen was in meinen Kr&auml;ften steht,&laquo;
+sagte die Gr&auml;fin gleichg&uuml;ltig, und wie es schien,
+mit dem Wunsche, das Gespr&auml;ch abzubrechen &mdash;
+&raquo;erzwingen l&auml;&szlig;t sich aber so etwas nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oh, doch wohl,&laquo; <ins title="Original hat fragte">sagte</ins> Meister Spenker, den
+die vornehme Gleichg&uuml;ltigkeit zu &auml;rgern anfing &mdash;
+&raquo;es l&auml;&szlig;t sich auch erzwingen, Frau Gr&auml;fin, wenn
+es mir auch sehr leid thun sollte, etwas Derartiges
+zu thun. Der ganze Ort ist jetzt voll Leute, die
+Logis suchen, und eine solche Wohnung, wie das
+Haus hier, mit Vergn&uuml;gen noch h&ouml;her als Sie
+und gleich baar bezahlen w&uuml;rden; &uuml;berall fragen
+sie an, ob nichts Derartiges zu bekommen sei.
+Au&szlig;erdem haben Sie selber schon einen Aftermiether
+in's Haus genommen, der <span class="wide">Sie</span> doch auch
+bezahlt, und ich sehe gar nicht ein, weshalb ich das
+nicht selber verdienen und sonst Nichts auf der
+Welt davon haben soll, wie leere Versprechungen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Herr,&laquo; sagte die Gr&auml;fin doch etwas verlegen,
+&raquo;ist &mdash; ein Verwandter von mir, und zahlt
+mir also keine Miethe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na, das geht mich Nichts an,&laquo; sagte der
+B&auml;cker, &raquo;ob er <span class="wide">Ihnen</span> Etwas zahlt. Wenn er
+bei <span class="wide">mir</span> wohnte, <span class="wide">w&uuml;rde</span> er zahlen. Also Nichts
+f&uuml;r ungut, aber wenn ich bis Samstag mein Geld
+nicht bekomme, so mu&szlig; ich Sie, so leid mir das
+thun sollte, auf die Stra&szlig;e setzen und mich an dem
+schadlos halten, was Sie mir f&uuml;r meine zweihundert
+Milreis an Pferden oder M&ouml;beln zur&uuml;cklassen
+k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Herr Spenker,&laquo; rief die Gr&auml;fin auffahrend,
+&raquo;eine solche Sprache verbitte ich mir! Wenn Sie
+sich in Ihrem Rechte gekr&auml;nkt glauben, so wenden
+Sie sich an die Gerichte, und wir wollen dann
+sehen, ob mir nicht jeder Kaufmann selbst bezeugen
+mu&szlig;, da&szlig; in einem solchen Winkel der Erde, wie
+wir ihn hier bewohnen, die Ankunft eines Wechsels
+verz&ouml;gert werden kann &mdash; aber so lange Sie
+in meiner Stube sind, vergessen Sie nicht die mir
+schuldige Achtung.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach was,&laquo; sagte der Mann m&uuml;rrisch &mdash; &raquo;<span class="wide">Sie</span>
+vergessen auch immer die mir schuldigen zweihundert
+Milreis, und mit dem vornehm &mdash; aber wir
+wollen uns nicht zanken,&laquo; brach er kurz ab, &raquo;deshalb
+bin ich nicht hergekommen. Ich mag mit
+keinem Menschen Streit haben, am wenigsten mit
+meinen Miethsleuten &mdash; so weit's eben geht &mdash;
+also nochmals, Nichts f&uuml;r ungut, Frau Gr&auml;fin,
+und sorgen Sie daf&uuml;r, da&szlig; wir die Sache am
+Samstag in's Klare kriegen, sonst l&auml;&szlig;t sich's eben
+nicht l&auml;nger vermeiden und m&uuml;&szlig;te Ihnen doch
+fatal sein. W&uuml;nsche Ihnen einen recht angenehmen
+Morgen&laquo; &mdash; und mit einer kurzen Verbeugung
+und einer Schwenkung des rechten Armes drehte
+er sich um und stieg langsam wieder die Treppe
+hinunter.</p>
+
+<p>Die Gr&auml;fin hatte seinen Gru&szlig; sehr kalt erwiedert
+und blieb, als er schon lange das Zimmer
+verlassen, noch immer in finsterem Br&uuml;ten auf
+derselben Stelle stehen. Sie hatte die Arme gekreuzt
+und starrte nieder vor sich auf den Boden,
+als die eine Seitenth&uuml;r aufging und Helene
+eintrat.</p>
+
+<p>Sie ging still an der Mutter vor&uuml;ber zu dem
+n&auml;chsten Fenster, wo ein Buch lag, das sie nahm
+und aufschlug &mdash; aber sie las nicht darin. Ihre
+Blicke hafteten wohl auf dem Drucke, doch ihre
+Gedanken schweiften zu anderen Scenen, als den
+hier geschilderten. Endlich sagte sie leise:</p>
+
+<p>&raquo;Und was soll <span class="wide">nun</span> werden?&laquo;</p>
+
+<p>Die Mutter schrak ordentlich bei der Frage
+empor, die nur das in Worten aussprach, wor&uuml;ber
+sie selber eben erst nachgedacht.</p>
+
+<p>&raquo;Du hast geh&ouml;rt, was der Mensch sagte?&laquo;
+fragte sie, ohne ihre Stellung zu ver&auml;ndern.</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Alles?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Jedes Wort &mdash; aber Dein Wechsel <span class="wide">mu&szlig;</span> jetzt
+kommen; der Dampfer ist schon seit vier Tagen
+f&auml;llig und bleibt nur in seltenen F&auml;llen &uuml;ber diese
+Zeit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und <span class="wide">wenn</span> er kommt?&laquo; erwiederte die Gr&auml;fin
+mit einem bittern L&auml;cheln, &raquo;was dann? Ja, ich
+bin mit den wenigen Hundert Thalern im Stande,
+unsere Hauptschulden zu decken, aber wovon weiter
+leben? Helene, Helene, Dein starrer Sinn wird
+uns noch theuer zu stehen kommen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<span class="wide">Mein</span> starrer Sinn?&laquo; fuhr die Tochter auf;
+&raquo;etwa deshalb, weil ich nicht auf die Antr&auml;ge jenes
+schurkischen Portugiesen h&ouml;ren wollte, der mir seine
+Hand anbot? Hast Du nicht jetzt selber den Beweis,
+was f&uuml;r eine gemeine Creatur es war, wo
+er die Frau des Schuhmachers entf&uuml;hrte, als er
+die Grafentochter nicht bekommen konnte? Der
+Mensch war als ein W&uuml;stling in der ganzen Stadt
+bekannt und verachtet, und Du, Mutter, Du konntest
+mir zu einer Verbindung mit ihm rathen, ja,
+wirfst mir jetzt noch meinen Starrsinn vor!&laquo;</p>
+
+<p>Helene stand mit leuchtenden Augen ihrer
+Mutter gegen&uuml;ber und die Frau schlug fast scheu
+den Blick vor ihr zu Boden.</p>
+
+<p>&raquo;Du denkst nur an Dich,&laquo; sagte sie aber trotzdem,
+wenn auch nur mit halblauter Stimme &mdash;
+&raquo;was aus Deiner Mutter wird, k&uuml;mmert Dich
+nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und hab' ich den Vorwurf wirklich von Dir
+verdient?&laquo; erwiederte Helene, und ein eigener
+wehm&uuml;thiger Zug zuckte um ihre Lippen &mdash; &raquo;hab'
+ich ihn auch da verdient, als ich des wackeren
+Vollrath Bewerbung ausschlug, der mich mit einem
+gebrochenen Herzen verlie&szlig; und dessen ganze Liebe
+ich besa&szlig;? Dachte ich auch da nur an mich, wo
+ich im Stande war, mir eine bescheidene Heimath
+zu gr&uuml;nden, aber Dich auch h&auml;tte h&uuml;lflos zur&uuml;cklassen
+oder in Verh&auml;ltnisse hineinziehen m&uuml;ssen,
+von denen ich vorher wu&szlig;te, da&szlig; Du Dich darin
+ungl&uuml;cklich gef&uuml;hlt und Vollrath ungl&uuml;cklich gemacht
+h&auml;ttest?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein &mdash; nein &mdash; ich wei&szlig;, Du bist ein gutes,
+vern&uuml;nftiges Kind,&laquo; sagte die alte Gr&auml;fin, von
+dem Vorwurfe getroffen &mdash; &raquo;ich war vielleicht zu
+hart gegen Dich, aber &mdash; <span class="wide">sollte</span> die Zeit kommen,
+wo Du Dich gut versorgen kannst, so bedenke auch,
+da&szlig; Du &mdash; nicht zu lange damit s&auml;umen darfst.
+Unsere Stellung hier wird mit jedem Monate unhaltbarer,
+wenn nicht bald Etwas geschieht, der
+Sache eine andere Wendung zu geben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und was <span class="wide">k&ouml;nnte</span> geschehen?&laquo; sagte Helene,
+und ein ganz eigenes wehes Gef&uuml;hl beengte ihr
+die Brust.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe doch jetzt Hoffnung,&laquo; sagte ihre
+Mutter, &raquo;da&szlig; sich mein Plan noch wird realisiren
+lassen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du meinst mit der Cigarren-Fabrik?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und glaubst Du wirklich, da&szlig; Etwas dabei
+gewonnen werden kann?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn es richtig angefa&szlig;t wird, gewi&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber wirst Du im Stande sein das zu thun?
+Geh&ouml;ren nicht zu einem solchen Gesch&auml;fte praktische
+Erfahrungen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Liebes Kind, glaubst Du nicht, da&szlig; ich mir
+in meinem Leben Menschenkenntnisse genug gesammelt
+habe, auch mit Menschen umzugehen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber das ist eine Sache, wo Du weniger
+Menschen- wie <span class="wide">Waaren</span>kenntnisse brauchst, und
+wie leicht kannst Du darin betrogen werden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Waarenkenntnisse, Du lieber Gott!&laquo; sagte
+die Gr&auml;fin; &raquo;das Material ist so einfach, da&szlig; sich
+das gewi&szlig; in wenigen Monaten vollst&auml;ndig erlernen
+l&auml;&szlig;t. Aber wei&szlig;t Du selber etwas Besseres?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich? Du mein Himmel!&laquo; seufzte Helene &mdash;
+&raquo;wie sollte <span class="wide">ich</span> Dir rathen k&ouml;nnen, der noch nie
+verstattet wurde, in das praktische Leben der Menschen
+einzugreifen, ja, sie nur bei demselben zu
+beobachten? Lange schon h&auml;tte ich Unterricht im
+Franz&ouml;sischen und Englischen gegeben, um mich nur
+in Etwas n&uuml;tzlich zu machen, aber selbst das hast
+Du mir ja nicht einmal gestattet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil es sich mit unserer Stellung nicht vertr&auml;gt,&laquo;
+sagte die Gr&auml;fin finster &mdash; &raquo;mit welchem
+Gesicht h&auml;tte ich nur dem Baron entgegentreten
+k&ouml;nnen, wenn die &raquo;Comtesse&laquo; den B&auml;cker- oder
+Schusterskindern da dr&uuml;ben Unterricht gegeben
+h&auml;tte? &mdash; Das verstehst Du nicht, Kind.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und Cigarren machen f&uuml;r B&auml;cker und Schuster?&laquo;
+sagte das junge M&auml;dchen traurig.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist etwas ganz Anderes, wir <span class="wide">lassen</span> sie
+machen,&laquo; erwiederte die Gr&auml;fin rasch &mdash; &raquo;wir leiten
+nur die Fabrikation, und wenn wir selber &raquo;zum
+Spa&szlig;e&laquo; dann und wann und auf unserer Stube
+ebenfalls arbeiten, so ist das etwas ganz Anderes.
+Auch Damen der h&ouml;chsten St&auml;nde in Europa haben
+zu ihrer Unterhaltung Handarbeiten betrieben,
+Blumen, Pappsachen, Verzierungen auf Glas- und
+Holzwaaren und tausend andere Dinge gemacht.
+Wir hier brauchen solche Sachen nicht, und wenn
+wir daf&uuml;r Cigarren machen, kann Niemand etwas
+Ungeh&ouml;riges darin sehen. Selbst der Baron fand
+das in der Ordnung.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So hast Du schon mit ihm dar&uuml;ber gesprochen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; sagte die Gr&auml;fin nach einigem Z&ouml;gern &mdash;
+&raquo;vor mehreren Tagen kam einmal das Gespr&auml;ch
+darauf.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wird er sich dabei betheiligen?&laquo; fragte
+Helene schnell.</p>
+
+<p>&raquo;Nein,&laquo; erwiederte die Gr&auml;fin wieder z&ouml;gernd;
+&raquo;der Mann war stets zu unpraktisch. Er hat nicht
+den geringsten Sinn f&uuml;r ein wirklich nutzbringendes
+Unternehmen, und da ist es auch viel besser,
+da&szlig; man gar nicht mit ihm beginnt; man h&auml;tte
+sonst ewig nur Klagen und Vorw&uuml;rfe zu h&ouml;ren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wer sonst &mdash; meinst Du &mdash; w&uuml;rde auf
+einen solchen Plan eingehen?&laquo; fragte die Tochter
+und sah ihre Mutter scharf dabei an.</p>
+
+<p>Die Gr&auml;fin hatte sich halb abgewendet und besch&auml;ftigte
+sich an ihrem N&auml;htische damit, ein aufgerolltes
+Kn&auml;uel schwarzer Seide wieder in Ordnung
+zu bringen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube,&laquo; sagte sie, und wandte dabei den
+Kopf l&auml;chelnd der Tochter zu &mdash; &raquo;der Himmel
+selber hat uns einen Bundesgenossen gesandt, der
+am Ende der rechte Mann dazu sein d&uuml;rfte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Unser Gast?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Derselbe. Er w&uuml;nscht sehnlichst, wie er mir wieder
+und wieder gesagt hat, irgend Etwas in Brasilien
+zu beginnen, wodurch er nicht allein eine Besch&auml;ftigung
+findet, sondern auch Geld verdienen kann, und ich
+denke fast, da&szlig; mein Plan f&uuml;r alle Beide von
+Nutzen sein k&ouml;nnte. Meinst Du nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und glaubst Du wirklich, Mama, da&szlig; mit
+dieser Arbeit etwas Ordentliches verdient werden
+k&ouml;nnte? Ich kann es mir noch immer nicht
+denken.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber w&uuml;rde ich es denn sonst beginnen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; nicht,&laquo; sagte Helene, &raquo;es ist mir
+ein Gef&uuml;hl, als ob wir der Sache keinen rechten
+Ernst entgegen bringen k&ouml;nnten &mdash; als ob eigentlich
+andere Kr&auml;fte dazu geh&ouml;ren m&uuml;&szlig;ten, etwas
+&Auml;hnliches zu beginnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber ich begreife Dich gar nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wie wird sich Oskar hinein finden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie ihn die Nothwendigkeit zwingt,&laquo; sagte
+die Gr&auml;fin entschieden. &raquo;Ich habe seinem Leichtsinn
+jetzt lange genug nachgesehen, aber meine
+Kr&auml;fte sind ersch&ouml;pft. Ich bin nicht mehr im
+Stande, sein m&uuml;ssiges Leben zu unterst&uuml;tzen, und
+er <span class="wide">mu&szlig;</span> eben arbeiten, wenn er existiren will.
+Daf&uuml;r sind wir nun einmal in Brasilien.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er wird schwer an eine regelm&auml;&szlig;ige Besch&auml;ftigung
+zu gew&ouml;hnen sein,&laquo; seufzte Helene; &raquo;es ist
+ihm zu viel die ganzen langen Jahre hindurch
+nachgesehen worden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das mu&szlig; eben anders werden,&laquo; sagte die
+Gr&auml;fin, &raquo;und ich habe die feste Hoffnung, da&szlig; er
+das selber f&uuml;hlt, indem er schon sein Reitpferd
+verkauft hat. Das Geld daf&uuml;r ist allerdings nur
+ein sehr kleines Capital, aber es ist immer ein
+Capital und kann auf weit n&uuml;tzlichere Weise verwandt
+werden.&laquo;</p>
+
+<p>Ein lauter, jubelnder Ruf von der Stra&szlig;e aus
+unterbrach sie hier, und als Beide an das Fenster
+traten, sahen sie, wie Oskar eben einen sehr h&uuml;bschen
+Rappen, der unter ihm sprang und tanzte,
+gerade vor dem Fenster parirte und ihn auf und
+ab galoppiren lie&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;Da hast Du die Anlage des neuen Capitals,&laquo;
+sagte Helene ruhig &mdash; &raquo;ich kenne das Pferd; es
+hat fr&uuml;her dem Director geh&ouml;rt und ist von ihm
+um 160 Milreis verkauft worden. Billiger hat
+es Oskar auf keinen Fall bekommen, und wahrscheinlich
+noch Sattel und Zaum besonders bezahlt.
+Das sind die neuen Ersparnisse.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich will doch nicht hoffen!&laquo; rief die Gr&auml;fin,
+wirklich erschreckt. Oskar aber war indessen aus
+dem Sattel gesprungen, hatte sein Pferd, das
+noch ungeduldig den Boden scharrte, an den
+Baum unten befestigt und kam jetzt mit fl&uuml;chtigen
+S&auml;tzen die Treppe herauf und in's Zimmer.</p>
+
+<p>&raquo;Nun, wie gef&auml;llt Euch mein neues Pferd?&laquo;
+rief er hier triumphirend aus &mdash; &raquo;nicht wahr,
+das ist ein Prachtrappe? Jetzt, Helene, wollen
+wir wieder einmal zusammen reiten, und Du sollst
+sehen, wie ich Dir mit dem da unten davon laufe.
+So wie Jeremias kommt, soll er Deinen Schimmel
+satteln, und dann k&ouml;nnen wir's gleich versuchen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und das Pferd hast Du <span class="wide">gekauft</span>?&laquo; fragte
+die Mutter erschreckt.</p>
+
+<p>&raquo;Nun, glaubst Du, da&szlig; es mir Jemand <span class="wide">geschenkt</span>
+h&auml;tte?&laquo; lachte Oskar &mdash; &raquo;aber es ist
+spottbillig. Denke Dir, Helene, ich habe nur
+sechszig Milreis mehr daf&uuml;r gezahlt, wie ich f&uuml;r
+meinen Braunen bekommen habe &mdash; sechszig Milreis
+und Sattel und Zaum dazu, f&uuml;r das Prachtthier!
+Es ist der beste Renner in der Colonie &mdash;
+aber was habt Ihr denn nur um Gottes Willen?
+Ihr steht ja Beide da, als ob irgend ein Ungl&uuml;ck
+geschehen w&auml;re!&laquo;</p>
+
+<p>Die Gr&auml;fin hatte sich auf den n&auml;chsten Stuhl
+gesetzt und seufzte tief auf, Helene aber sagte
+ruhig:</p>
+
+<p>&raquo;Und wovon willst Du diese sechszig Milreis
+bezahlen, wenn man fragen darf?</p>
+
+<p>&raquo;Fragen darf?&laquo; sagte Oskar trotzig &mdash; &raquo;fragen
+darf man schon, aber wenn ich Dir nun antworte:
+Was geht <span class="wide">Dich</span> das an?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wenn <span class="wide">ich</span> Dich nun frage, mein Herr
+Leichtfu&szlig;?&laquo; rief die Gr&auml;fin, indem sie mit zusammengezogenen
+Brauen zu ihm aufsah; &raquo;ich
+hoffe doch, da&szlig; <span class="wide">ich</span> wenigstens das Recht dazu
+habe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allerdings, Mama,&laquo; lachte Oskar, &raquo;denn Du
+bist ja mein Cassirer &mdash; dann werde ich Dir also
+einfach antworten, das macht Alles meine g&uuml;tige
+Mutter ab.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und darin k&ouml;nntest Du Dich dieses Mal verrechnet
+haben!&laquo; rief die Gr&auml;fin rasch und &auml;rgerlich;
+&raquo;Deine Verschwendung geht in das Bodenlose,
+und ich habe nicht l&auml;nger Lust, mich Deinethalben
+nur immer in neue Sorgen und Verlegenheiten
+zu st&uuml;rzen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Huih!&laquo; sagte Oskar, erstaunt von Mutter
+zu Schwester und wieder zur&uuml;cksehend &mdash; &raquo;da bin
+ich ja, wie es scheint, zu sehr unrechter Zeit in
+eine Familienberathung &uuml;ber Wirthschaftsangelegenheiten
+hineingekommen, wo aller Wahrscheinlichkeit
+nach ein neuer Hausplan entworfen wird.
+Bitte tausendmal um Entschuldigung da&szlig; ich gest&ouml;rt
+habe&laquo; &mdash; und seine M&uuml;tze aufgreifend, sprang
+er, so rasch er gekommen, die Treppe wieder hinab,
+machte unten sein Pferd los, setzte sich auf und
+galoppirte im n&auml;chsten Momente wieder in voller
+Flucht und was das Pferd laufen konnte, die
+Stra&szlig;e hinab.</p>
+
+<p>&raquo;Das mu&szlig; anders werden,&laquo; seufzte die Mutter,
+&raquo;das mu&szlig; anders werden oder der Junge richtet
+uns vollst&auml;ndig zu Grunde!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<span class="wide">Noch</span> vollst&auml;ndiger?&laquo; sagte Helene, und ein
+bitteres L&auml;cheln zuckte um ihre Lippen.</p>
+
+<p>&raquo;Die einzige M&ouml;glichkeit,&laquo; fuhr die Mutter
+fort, &raquo;ist, ihn durch eine regelm&auml;&szlig;ige Besch&auml;ftigung
+zu binden. Er soll und mu&szlig; erst einmal
+lernen, was es hei&szlig;t sich sein Brod selber zu verdienen.
+Hat er das, dann wird er auch das Geld
+mehr zu Rathe halten &mdash; er wird geizig werden
+und sparen &mdash; Du glaubst es nicht? Du sollst
+sehen, ich bringe ihn noch dahin, da&szlig; er ein
+Zwanzigerst&uuml;ck dreimal in der Hand herumdreht,
+ehe er es ausgiebt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wann soll diese Arbeit beginnen?&laquo; fragte
+Helene, die nur zu oft schon die guten Vors&auml;tze
+ihrer Mutter, was die Erziehung des Bruders
+betraf, hatte anh&ouml;ren m&uuml;ssen und ihre vollkommene
+Gehaltlosigkeit zur Gen&uuml;ge kannte.</p>
+
+<p>&raquo;Ich will heute noch mit Herrn von Pulteleben
+sprechen,&laquo; sagte die Gr&auml;fin, selber gern bereit,
+das trostlose Thema abzubrechen; &raquo;er hat mich
+ja sogar dringend gebeten, ihm eine Anlage f&uuml;r
+ein Capital zu rathen; ich bin es ihm sogar schuldig,
+da&szlig; ich ihn von unserm Plan in Kenntni&szlig;
+setze, und ich zweifle keinen Augenblick, er wird
+mit Freuden zugreifen. W&auml;re er doch auch ein
+Thor, wenn er es <span class="wide">nicht</span> th&auml;te, denn nicht jedem
+jungen Fremden wird eine solche Aussicht geboten,
+wie er nur kaum das fremde Land betreten hat.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist gut,&laquo; seufzte Helene, &raquo;gehe nur um
+Gottes willen sicher in der Ausf&uuml;hrung, da&szlig; der
+Fremde nicht sp&auml;ter glauben k&ouml;nnte, Du habest
+nur sein Geld zu Deinen Zwecken benutzt; es
+w&auml;re f&uuml;rchterlich, wenn es fehl schl&uuml;ge.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es schl&auml;gt <span class="wide">nicht</span> fehl, Helene, oder ich m&uuml;&szlig;te
+zum ersten Mal in meinem Leben in &mdash; doch es
+ist nicht n&ouml;thig, Weiteres dar&uuml;ber voraus zu bereden.
+La&szlig; mich jetzt allein, mein Kind, ich werde
+das M&auml;dchen hinauf schicken und unsern Gast ersuchen
+lassen, zu mir zu kommen. In einer Stunde
+ist Alles abgemacht. Noch Eins,&laquo; fuhr sie fort,
+als sich Helene schweigend wandte, um ihr eigenes
+Zimmer aufzusuchen &mdash; &raquo;wer ist denn jener unverdrossene
+Violinspieler, der Dir fast jeden Abend
+ein kurzes St&auml;ndchen bringt?</p>
+
+<p>&raquo;Gott wei&szlig; es!&laquo; sagte Helene achselzuckend
+&mdash; <span class="wide">&raquo;ich</span> wenigstens kenne ihn nicht. Er spielt &uuml;brigens
+vortrefflich!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Von den Neuangekommenen kann es Niemand
+sein, denn wenn ich nicht irre, war er schon den
+Abend vorher unter Deinem Fenster. Er mu&szlig;
+also jedenfalls in die Ansiedelung geh&ouml;ren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;M&ouml;glich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und hat Dir Niemand hier besondere Aufmerksamkeit
+erwiesen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Niemand.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sonderbar &mdash; Oskar, der &Uuml;bermuth, hat
+sich neulich um den Garten geschlichen, um den
+n&auml;chtlichen Musikanten zu entdecken, aber ich wei&szlig;
+nicht, was ihm geschehen sein mu&szlig;, denn er kam
+ganz still wieder zur&uuml;ck und sagte, er h&auml;tte ihn
+nicht gefunden, was eigentlich kaum m&ouml;glich ist.
+Diese Aufmerksamkeit f&auml;ngt an, mir l&auml;stig zu
+werden; ich werde sie mir n&auml;chstens einmal verbitten.&laquo;</p>
+
+<p>Helene antwortete nicht, sondern nahm ihr
+Buch auf und schritt ihrem eigenen Zimmer zu.</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="narrow" />
+<p>&nbsp;</p>
+
+<h3>FUSSNOTEN</h3>
+
+<p class="revind"><a name="fn1" id="fn1"></a><a href="#fn1r">1</a>: Chagra ist in Brasilien das N&auml;mliche, was der
+Landmann in Nordamerika unter dem Worte Farm versteht
+&mdash; ein kleines &raquo;Landgut&laquo;, oder eine &raquo;Colonie&laquo;, ob es nun
+eben erst unter den Waldb&auml;umen begonnen ist, oder schon
+seine weiten und bebauten Felder nach allen Seiten ausbreitet.</p>
+
+<p class="revind"><a name="fn2" id="fn2"></a><a href="#fn2r">2</a>: Eine Magistratsperson, die Polizeigewalt in den Colonien
+hat.</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<h4>Ende des ersten Bandes</h4>
+<p>&nbsp;</p>
+<h6>Druck von G. <span class="wide">P&auml;tz</span> in Naumburg.</h6>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="narrow" />
+<p>&nbsp;</p>
+
+<table class="sm" border="0" style="background-color: #E6E6FA; margin: 0 auto" cellpadding="6" summary="NOTES">
+<tr>
+<td colspan="2">
+ <div class="center">TRANSCRIBER'S NOTE &mdash; ZUR KENNTNISNAHME</div>
+</td>
+</tr>
+<tr>
+<td valign="top">
+<p class="noindent" style="background-color: #E6E6FA">
+Contemporary spellings have generally been retained even
+when inconsistent. A small number of obvious typographical errors have been
+corrected; missing punctuation has been silently added.</p></td>
+
+<td valign="top"><p class="noindent" style="background-color: #E6E6FA">
+Zeitgen&ouml;ssische Schreibungen wurden generell beibehalten,
+auch wenn gelegentlich mehrere Variaten auftauchen.
+Einige wenige orthografische Fehler wurden korrigiert;
+fehlende Zeichensetzung wurde erg&auml;nzt.</p></td></tr>
+<tr>
+ <td class="w50" valign="top"><p class="noindent" style="background-color: #E6E6FA">
+The following additional changes have been made; they can be identified
+in the body of the text by a grey dotted underline:<br />
+</p></td>
+
+<td valign="top"><p class="noindent" style="background-color: #E6E6FA">
+Die folgenden zus&auml;tzlichen &Auml;nderungen wurden vorgenommen
+und sind im Text grau unterstrichelt:</p></td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <td class="w50" valign="top">sie m&ouml;chten auch Hause kommen</td>
+ <td valign="top">sie m&ouml;chten <i>nach</i> Hause kommen</td>
+
+</tr>
+<tr>
+ <td class="w50" valign="top">griff dann das (&hellip;) Buch auf, und um sich zu zerstreuen</td>
+ <td valign="top">griff dann das (&hellip;) Buch auf, <i>um</i> sich zu zerstreuen</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td valign="top">mitten unten ihnen </td>
+ <td valign="top">mitten <i>unter</i> ihnen </td>
+
+</tr>
+<tr>
+ <td valign="top">auf die aus dem Herzen kommende Worte</td>
+ <td valign="top">auf die aus dem Herzen <i>kommenden</i> Worte</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td valign="top">wir haben mit kei- Seele gesprochen</td>
+ <td valign="top">wir haben mit <i>keiner</i> Seele gesprochen</td>
+</tr>
+ <tr>
+ <td valign="top">tief in in die seinigen</td>
+ <td valign="top">tief <i>in</i> die seinigen</td>
+</tr>
+ <tr>
+ <td valign="top">wurde (&hellip;) ein Mann und eine Frau (&hellip;) gesch&uuml;ttelt</td>
+ <td valign="top"><i>wurden</i> (&hellip;) ein Mann und eine Frau (&hellip;) gesch&uuml;ttelt</td>
+</tr>
+ <tr>
+ <td valign="top">nur von weit her&uuml;ber schallten (&hellip;) die munteren T&ouml;ne der
+Violinen und Trompeten her&uuml;ber</td>
+ <td valign="top">nur von weit her&uuml;ber schallten (&hellip;) die munteren T&ouml;ne der
+Violinen und Trompeten</td>
+</tr>
+ <tr>
+ <td valign="top">&raquo;Oh, doch wohl,&laquo; fragte Meister Spenker</td>
+ <td valign="top">&raquo;Oh, doch wohl,&laquo; <i>sagte</i> Meister Spenker</td>
+</tr>
+</table>
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Die Colonie. Erster Band., by Friedrich Gerstäcker
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE COLONIE. ERSTER BAND. ***
+
+***** This file should be named 30631-h.htm or 30631-h.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ https://www.gutenberg.org/3/0/6/3/30631/
+
+Produced by richyfourtytwo, Delphine Lettau and the Online
+Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
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+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
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+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
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+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
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+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
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+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
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+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
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+1.E.9.
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+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
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+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
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+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
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+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
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+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
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+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
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+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
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+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
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+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+
+</pre>
+
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