diff options
Diffstat (limited to '30631-h')
| -rw-r--r-- | 30631-h/30631-h.htm | 9296 |
1 files changed, 9296 insertions, 0 deletions
diff --git a/30631-h/30631-h.htm b/30631-h/30631-h.htm new file mode 100644 index 0000000..599224f --- /dev/null +++ b/30631-h/30631-h.htm @@ -0,0 +1,9296 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> +<head> +<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html; charset=ISO-8859-1" /> +<title>The Project Gutenberg eBook of Die Colinie, erster Band, von Friedrich Gerstäcker</title> +<style type="text/css"> + body {background:#fdfdfd; + color:black; + font-size: large; + margin-top:100px; + margin-left:15%; + margin-right:15%; + text-align:justify; } + h1, h2, h3, h4, h5, h6 {text-align: center; } + hr.narrow { width: 40%; + text-align: center; } + hr.min { width: 25%; + text-align: center; } + hr { width: 100%; } + hr.full { width: 100%; + margin-top: 3em; + margin-bottom: 0em; + margin-left: auto; + margin-right: auto; + height: 3px; + border-width: 4px 0 0 0; /* remove all borders except the top one */ + border-style: solid; + border-color: #000000; + clear: both; } + blockquote { font-size: large; margin-left: 4%; margin-right: 4% } + table {font-size: large; } + table.sm {font-size: medium; } + td.w50 { width: 50%; } + p {text-indent: 3%; } + p.noindent { text-indent: 0%; } + .revind { margin-left: 0em; text-indent: -1em; padding-left: 1em; } + .center { text-align: center; } + ins { text-decoration: none; border-bottom: thin dotted gray;} + .nowrap { white-space: nowrap; } + .small { font-size: 70%; } + .wide { letter-spacing: .15em; } + a:link {color:blue; + text-decoration:none} + link {color:blue; + text-decoration:none} + a:visited {color:blue; + text-decoration:none} + a:hover {color:red; + text-decoration: underline; } + pre {font-size: 70%; } +</style> +</head> +<body> + + +<pre> + +Project Gutenberg's Die Colonie. Erster Band., by Friedrich Gerstäcker + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Die Colonie. Erster Band. + Brasilianisches Lebensbild + +Author: Friedrich Gerstäcker + +Release Date: December 8, 2009 [EBook #30631] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE COLONIE. ERSTER BAND. *** + + + + +Produced by richyfourtytwo, Delphine Lettau and the Online +Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + +<p> </p> +<hr class="full" /> +<p> </p> +<h1>Die Colonie.</h1> +<h3>Brasilianisches Lebensbild</h3> +<p> </p> +<h5>von</h5> +<p> </p> +<h2>Friedrich Gerstäcker.</h2> +<p> </p> +<div class="center"> +<p class="noindent"><small>Der Verfasser behält sich die Übersetzung dieses Werkes vor.</small></p> +</div> +<p> </p> +<h4>Erster Band.</h4> +<p> </p> +<p> </p> +<div class="center"> +<p class="noindent">Leipzig,<br /> +<span class="wide">Hermann Costenoble</span>.<br /> +1864.</p> +</div> +<p> </p> +<p> </p> + +<hr class="narrow" /> +<p> </p> +<h3>Inhalts-Verzeichniss.</h3> + +<div class="center"> +<table class="sm" style="margin: 0 auto" cellpadding="2" cellspacing="2" summary="Contents"> +<tr><td align="right" valign="top"><span class="wide"><a href="#kap_1">Erstes Kapitel.</a></span></td><td align="left">Die Colonie Santa Clara</td></tr> +<tr><td align="right" valign="top"><span class="wide"><a href="#kap_2">Zweites Kapitel.</a></span></td><td align="left">Der Director</td></tr> +<tr><td align="right" valign="top"><span class="wide"><a href="#kap_3">Drittes Kapitel.</a></span></td><td align="left">Bei der Frau Gräfin</td></tr> +<tr><td align="right" valign="top"><span class="wide"><a href="#kap_4">Viertes Kapitel.</a></span></td><td align="left">Die »Meierei«</td></tr> +<tr><td align="right" valign="top"><span class="wide"><a href="#kap_5">Fünftes Kapitel.</a></span></td><td align="left">Elise</td></tr> +<tr><td align="right" valign="top"><span class="wide"><a href="#kap_6">Sechstes Kapitel.</a></span></td><td align="left">Zuhbel's Chagra</td></tr> +<tr><td align="right" valign="top"><span class="wide"><a href="#kap_7">Siebentes Kapitel.</a></span></td><td align="left">Die neuen Colonisten</td></tr> +<tr><td align="right" valign="top"><span class="wide"><a href="#kap_8">Achtes Kapitel.</a></span></td><td align="left">Die Einquartierung</td></tr> +<tr><td align="right" valign="top"><span class="wide"><a href="#kap_9">Neuntes Kapitel.</a></span></td><td align="left">Ein Abend in der Colonie</td></tr> +<tr><td align="right" valign="top"><span class="wide"><a href="#kap_10">Zehntes Kapitel.</a></span></td><td align="left">Eine Familienscene</td></tr> +</table> +</div> +<p> </p> +<hr class="narrow" /> +<p> </p> +<h3><a name="kap_1" id="kap_1"></a>1.</h3> + +<h3>Die Colonie Santa Clara.</h3> + +<p>Von Osten her strich die frische Seebrise über +das weite, wellenförmige Land, schaukelte die einzelnen +Palmen, die auf der Lichtung standen, und +schüttelte von den Orangenbäumen nicht allein +die überreifen Früchte, sondern auch manche Blüthe +herab, unter der sich schon wieder die junge Frucht +gebildet hatte. Ein würziger Duft wehte dabei +über den ganzen Bergeshang, der sich hie gerade +und neben einer kleinen, freundlichen Wohnung +oder Chagra dem Thale zu öffnete, und zwei +Reiter, die den schmalen Waldweg herüber gekommen +waren, hielten überrascht ihre Pferde +an, als sie das entzückende Bild erblickten, das +sich unter ihnen ausbreitete.</p> + +<p>Dicht vor ihnen, und durch die reine Luft nur +noch viel näher gerückt, als es in der That lag, +füllte ein kleines Städtchen — die deutsche Colonie +Santa Clara — den ebenen Theil des nicht breiten +Thales aus, der vollkommen gelichtet war, +und nach allen Richtungen hin, wie durch Adern, +von schmalen, gelben Wegen durchschnitten wurde, +während die Häuser, wohl in Straßen ausgelegt, +aber doch noch einzeln aufgebaut, über die ganze +Fläche hin zerstreut standen. Mit ihren lichten +Farben und rothen, meist neuen Ziegeldächern +stachen sie aber um so lebendiger von dem saftigen +Grün ab, das die sie umschließenden Gebüsche +trugen, während in der Ferne, nach Süd, Süd-Ost +und Osten, drei scharf abgeschiedene Gebirgsschichten +zuerst in dunkelm Grün, dann in blaugrüner +Färbung und zuletzt in einem duftigen +Lichtblau den Hintergrund bildeten.</p> + +<p>Nur nach Süd-West öffnete sich die sonst vollkommene +Gebirgslandschaft ein wenig, und eben +genug, um in blauer Ferne das Meer mit seinem +scharf abgegränzten Horizonte zu zeigen, und man +erkannte, selbst von hier aus, deutlich, wie die +verschiedenen Gebirgshänge, je mehr sie sich dem +Seestrande näherten, niedriger wurden. Nur die +gelben Sanddünen des Strandes selber ließen +sich nicht erkennen, denn an den abschüssigen +Hängen war noch Nichts gelichtet, und nur die +weiten Umrisse der höheren Partien schloß der +Wald in seinen grünen Rahmen.</p> + +<p>Wieder und wieder flog der Blick der beiden +Reiter aber zu der kleinen Ansiedlung zurück, die +auch zu gleicher Zeit ihr heutiges Ziel bildete, +und während in dem Walde selber die tropische +Vegetation von dem weit stärkeren Laubholze verdeckt +oder überschattet wurde, konnte ihnen nicht +entgehen, wie gerade nahe bei den Häusern der +tropische Charakter der Landschaft sorgfältig gewahrt +und erhalten war.</p> + +<p>Die deutschen Einwanderer hatten nämlich, als +sie den Wald in offenes Feld verwandelten, daheim +schon zu viel von den »wehenden Palmen +Brasiliens« gehört, und hier und da auch wohl +in ihrer Art davon geschwärmt — denn der +Bauer ist <span class="wide">nie</span> Phantast — um jetzt gleich die Axt +an die ersten zu legen, die ihnen in den Weg +traten. Wo sie ihr Haus aufrichteten oder ihren +Garten umzäunten, ließen sie manche von diesen +stehen, und hier und da bequemte sich auch wohl +ein Einzelner, selbst in seinem Felde um die Wurzeln +derselben herumzupflügen, nur um von seinem +Fenster aus die stattlichen, schlanken Stämme +sehen zu können.</p> + +<p>Reizend gelegen war selbst die kleine Chagra<a href="#fn1"><sup><small>1</small></sup></a><a name="fn1r" id="fn1r"></a>, +vor der sie hielten, und eine schönere Fernsicht +hätte der Eigenthümer wohl kaum in der ganzen +Nachbarschaft finden können. Ebenso hatte er +sein kleines Häuschen mit Geschmack gebaut, so +einfach es auch sonst sein mochte, und der Platz +schien nach Allem, was man auf den ersten Blick +davon sehen konnte, neu eingerichtet und gelichtet, +hätten dem nicht wieder die stattlichen Pinien und +Orangenbäume widersprochen, welche das Haus +umstanden, und mit drei oder vier stämmigen +Palmen eine Gruppe bildeten, wie man sie sich +kaum pittoresker denken kann.</p> + +<p>Den beiden Fremden war dies ebenfalls nicht +entgangen, und besonders der jüngere von ihnen, +der vielleicht dreißig bis zweiunddreißig Jahre +zählen mochte, überschaute mit innigem Behagen +den kleinen Platz, der sich wie ein Bild unter +seinem grünen Blätterschmucke zeigte.</p> + +<p>Der Fremde ritt einen grauen, prächtigen +Hengst mit einem ganz eigenthümlichen, fremden +Sattelzeuge, das mit seiner ganzen Form und +einer Menge rohgearbeiteter Silberplatten, wie +einer Anzahl kleiner silberner Schnallen und +Troddeln und Quasten von ungegerbter, aber +außerordentlich künstlich geflochtener Rohhaut mexicanischen, +vielleicht sogar indianischen Ursprungs +zu sein schien. Sonst aber ging er sehr einfach, +doch für den Wald praktisch gekleidet. Der Wärme +wegen hatte er ein ledernes, ausgefranztes Jagdhemd, +wie es in den nordamerikanischen Wäldern +Sitte ist, vorn über seinen Sattel geworfen, auf +dem jetzt querüber eine sauber gearbeitete, aber +ebenfalls einfache Büchsflinte ruhte. Er trug nur +ein roth und grau gestreiftes wollenes Hemd, +dunkle Beinkleider, von einem breiten Ledergurt +gehalten, an dem ein breites, schweres Jagdmesser +hing, hohe Wasserstiefel, einen braunen +Strohhut auf dem Kopfe und eine alte lederne +Kugeltasche an der rechten Seite.</p> + +<p>Seine Sporen waren ebenfalls klein und von +dunkler Bronze, und am Sattelgurt festgeschnürt, +aber hinten am Sattel zusammengerollt und mit +einer Schleife eingehakt, hing ein dünner, doch +stark gedrehter Lasso aus roher Haut.</p> + +<p>Der Fremde sah keinesfalls wie ein Neuling +im Walde aus, und die sonnverbrannte Farbe +seiner Züge, aus denen ein paar große, blaue +Augen treuherzig hervorschauten, verrieth ihn ebenfalls +als den Nordländer, der vielleicht, wie Tausende +seiner Landsleute, Brasilien zu seiner neuen +Heimath gewählt.</p> + +<p>Sein Begleiter, der etwa sechs Jahre mehr +zählen mochte als er, bewegte sich trotzdem eben +so frei im Sattel, verrieth aber in diesen Bewegungen, +als auch noch zum Überflusse durch +den Schnitt seines wohlgepflegten Bartes, den +früheren Soldaten. Die enge Uniform hatte er +freilich lange bei Seite geworfen und dafür den +leichten Rock und breitrandigen Panamahut angenommen. +Außerdem schien er sich den brasilianischen +Sitten noch entschiedener durch ein paar +riesige brasilianische Sporen von echtem Silber +angepaßt zu haben, und auch das Kopf- und +Zaumzeug seines Pferdes trug, wo es nur möglich +war sie anzubringen, silberne Spangen und +Schnallen. Seine Kleidung indessen, obgleich von +feinem Tuche und modernem Schnitte, war durch +den Busch und langen Ritt arg mitgenommen. +Man sah ihm an, daß er schon eine gute Weile +unterwegs sein müsse, und die ledernen Leggins, +mit denen er den untern Theil der Beine bedeckt +hatte, zeigten die im Walde geholten Spuren von +Dorn und Ranken.</p> + +<p>Sein Blick haftete gegenwärtig aber fast ausschließlich +auf der Ansiedlung und den Berghängen +voraus, während sein Begleiter sich weit mehr +durch das Wohnliche des Bauernhauses gefesselt +und angezogen fühlte.</p> + +<p>»Sehen Sie nur, Günther, was für ein reizendes +Plätzchen das hier ist,« wandte sich in diesem +Augenblicke der Jüngere der Beiden an den +Freund, »wie malerisch diese dunkeln Pinien — +vielleicht unbewußt — mit dem lichten Grün der +Palmenwipfel gruppirt sind, und wie ganz eigenthümlich +der goldgesprenkelte Orangenhain das +Ganze wie ein künstlich gewobenes Netz umschließt. +»Eine Hütte und ihr Herz,« wie das alte Sprüchwort +lautet, und wenn es das richtige Herz wäre, +glaub' ich selber, daß ich es in einer <span class="wide">solchen</span> +Hütte aushalten könnte.«</p> + +<p>»Und auf wie lange?« lachte sein älterer Gefährte, +indem er mit den Augen dem ausgestreckten +Arme des Freundes folgte; »Sie unsteten Menschen +möchte ich wirklich einmal, und selbst in +eine <span class="wide">solche</span> Hütte gebannt sehen — noch dazu in +einer Gegend, in der es nicht einmal Wild zum +Jagen giebt.«</p> + +<p>»Das wäre freilich fatal,« erwiederte der Andere, +»und daran dachte ich im ersten Augenblicke +nicht. Aber hab' ich trotzdem nicht Recht? Kann +man sich ein freundlicheres Plätzchen auf der Welt +denken?«</p> + +<p>»Nein — in der That — in <span class="wide">Brasilien</span> +wenigstens nicht,« erwiederte der Freund, den er +mit »Günther« angeredet hatte; »mit meinem +Thüringen daheim möchte ich's freilich immer +nicht vertauschen. Es giebt doch nur <span class="wide">ein</span> +Deutschland.«</p> + +<p>»Haben Sie das Heimweh, Günther?« sagte +sein Kamerad lächelnd.</p> + +<p>»Und <span class="wide">wenn</span> ich's hätte, wär's ein Wunder?« +fragte Günther leise; »wie lange schon führ' ich +dieses unstete wilde Leben jetzt? Wie lange schon +treib' ich mich heimathlos im Walde umher, +während daheim — doch wir wollen uns den +schönen Tag nicht mit solchen Gedanken verbittern, +Freund — die Heimath hat doch keiner von uns +vergessen.«</p> + +<p>Sein Begleiter nickte nur schweigend mit dem +Kopfe, und auch <span class="wide">seine</span> Gedanken schienen in dem +Augenblicke weit, weit zurück zu schweifen, zu ganz +anderen Scenen und Ländern, als sich die beiden +Freunde plötzlich angerufen hörten. Die Stimme +schallte hinter der Gartenhecke vor und rührte von +einem jungen Manne, dem Eigenthümer der Chagra, +her, den ihnen das Grün der Hecke bis jetzt verborgen +gehalten.</p> + +<p>»Hallo, Fremde!« rief der Mann in deutscher +Sprache mit nur einem leichten Anklang niederrheinischen +Dialektes; »wollt Ihr nicht ein wenig +absteigen und ein Glas Milch trinken? Der Weg +ist schlecht, und ein Bißchen Rast kann Euren +Pferden nicht schaden, denn 's ist noch eine gute +Stunde bis in die Colonie hinunter.«</p> + +<p>Die beiden Deutschen sahen sich erst erstaunt +um, von wo her die Stimme eigentlich komme. +Endlich entdeckten sie hinter der Hecke und gerade +unter einem blühenden Granatbaume das rothe, +freundliche Gesicht eines jungen Mannes, der +ihnen erst jetzt, als er ihren Blick auf sich gerichtet +fand, sein herzliches »Guten Morgen mit +einander!« zurief.</p> + +<p>»Guten Morgen, Landsmann,« sagte der jüngere +Fremde, der ihm zunächst hielt, indem er den +Kopf seines Thieres gegen die Hecke drehte, »ich +wußte gar nicht, weshalb mein Grauer immer die +Ohren spitzte. Also eine Stunde Weges ist's noch +hinunter? Es sieht eigentlich von hier oben viel +näher aus.«</p> + +<p>»Ja,« lachte der hinter der Hecke, »wenn die +Brücke nicht wieder eingebrochen wäre, die der +Bleifuß da neulich erst neu gebaut hat, dann wär's +auch nicht viel mehr als ein halb Stündchen zu +Thal. So aber müßt Ihr hier rechts unter meiner +Chagra durch, um der Schlucht aus dem Wege zu +gehen, und der Pfad zieht sich mordmäßig in die +Länge. Aber steigt ab, das besprechen wir besser +im Hause.«</p> + +<p>»Schon recht,« sagte Günther, indem er sich +leicht aus dem Sattel schwang; »unseren Packthieren +sind wir doch vorausgeritten, und bis +die nachkommen, können wir recht gut ein halb +Stündchen plaudern.«</p> + +<p>Sein Gefährte folgte, ohne ein Wort zu erwiedern, +dem Beispiele, denn es drängte ihn selber +das Innere des Häuschens zu sehen, das schon +von außen einen so freundlichen Eindruck auf ihn +gemacht. Die beiden Reisenden banden deshalb +ihre Pferde außen an der Hecke an die herunterhangenden +Äste eines stattlichen Orangenbaumes, +und traten dann in den Garten, wo ihnen der +Hausherr, ein junger, prächtig gewachsener Mann +mit offenen, ehrlichen Gesichtszügen, blauen +Augen und blonden Haaren, entgegen kam und +sie begrüßte.</p> + +<p>»Das ist gescheidt,« sagte er dabei, »Sonntag +Morgens habt Ihr so nicht viel in der Colonie zu +versäumen und kommt noch zeitig genug zum Mittagessen, +wenn Ihr nicht das hier ebenfalls verzehren +wollt.«</p> + +<p>Er schüttelte dabei den beiden Fremden kräftig +die Hand und führte sie dann ohne Weiteres in +sein Haus hinein, wo Beide aber unwillkürlich +erstaunt und überrascht auf der Schwelle stehen +blieben.</p> + +<p>Das kleine Zimmer, das sich ihnen öffnete, +glänzte von Sauberkeit; der einfache Holztisch +war schneeweiß gescheuert, aber nicht weißer als +der Fußboden selber, den in der Mitte eine leichtgeflochtene +Matte überdeckte. An den Fenstern +hingen sogar Gardinen, und ein nett gearbeiteter +Nähtisch aus polirtem Holze schien mit diesen, als +Luxusmöbel, concurriren zu wollen. Aber die +Freunde sahen das Alles weniger, als daß sie es +im Eindrucke des Ganzen fühlten, denn Beider +Augen hingen in dem ersten Momente an einem +wunderbar schönen jungen Weibe, das ein Kind +auf dem Schooße hielt und, als die Fremden die +Hütte betraten, den kleinen, strampelnden Burschen +aufgriff und ihnen mit freundlichem Lächeln entgegentrat.</p> + +<p>»Grüß' Gott!« sagte sie herzlich, als sie Beiden +nach einander die Hand reichte, »und setzt Euch +und macht's Euch bequem — Vater, hast Du denn +schon nach den Pferden gesehen?«</p> + +<p>»Werd's schon besorgen, Schatz,« lachte der +Mann, »bring' Du nur einmal ein paar Gläser +Milch, denn die beiden Herren werden durstig geworden +sein.«</p> + +<p>»Ja, dann mußt Du indessen den Schlingel +da nehmen,« sagte die junge Frau, indem sie +ihrem Gatten den kleinen unruhigen Burschen so +leicht hinüberreichte, als ob er keine zwei Pfund +gewogen hätte, wie er sicher zwanzig wog, — »der +läßt mir ja sonst nicht Ruh' noch Frieden an den +Milchnäpfen.«</p> + +<p>»Ob er Frieden halten wird?« lachte der +Mann, nahm ihr den kleinen Burschen ab, gab +ihm ein paar derbe Küsse und setzte ihn sich in +den linken Arm. »Und nun thut, als ob Ihr zu +Hause wäret,« fuhr er dann, indem er sich wieder +zur Thür wandte, gegen die Fremden fort; »ich +bin gleich wieder da, und zu trinken wird Euch +die Trine auch im Augenblick bringen.« Die +»Trine« war schon lange aus der Thür hinaus, +und die beiden Freunde sahen sich im nächsten Momente +allein in dem kleinen Raume.</p> + +<p>»Ist das nicht ein wahres Madonnengesicht?« +brach aber der Jüngere heraus, als der junge +Bauer kaum das Zimmer verlassen hatte; »haben +Sie je in Ihrem Leben ein Paar solcher Augenbrauen, +einen solchen Mund gesehen?«</p> + +<p>»Ein wunderhübsches Paar, in der That,« +erwiederte Günther, der den Blick indessen forschend +umherwarf, »und wie nett und sauber sieht's +bei ihnen aus! Ja,« — fuhr er tief aufseufzend +fort, »der hat's gut, und Unsereiner zieht nun so +in der Welt umher, sieht die verbotenen Früchte +an den Bäumen hangen, wischt sich resignirt den +Mund und — wandert eben weiter.«</p> + +<p>»Ob denn das wirklich <span class="wide">Deutsche</span> sind?« sagte +sein Freund.</p> + +<p>»Was denn sonst? Doch wahrhaftig keine +Portugiesen!«</p> + +<p>»In meinem Leben habe ich noch keinen ausgewanderten +Bauernburschen gesehen,« erwiederte +der Jüngere, »der ein so ungezwungenes und doch +anständiges Benehmen hatte, und die junge Frau +würde in einem schweren Seidenstoffe eben so zu +Hause sein, wie in ihrem einfachen Kattunröckchen. +Aber sie sprechen vollkommen gut Deutsch.«</p> + +<p>»Er noch dazu mit dem rheinischen, sie etwas +mit dem Tyroler Dialekte,« sagte Günther, »aber +da kommt sie zurück. Sie wird uns gleich sagen, +wo sie herstammen.«</p> + +<p>»So — da bin ich wieder — hat's lang gedauert?« +sagte die junge Frau, als sie mit einem +kleinen Präsentirteller in's Zimmer trat; »und +nun setzen Sie sich her und langen Sie zu — +'s ist nicht viel, aber wir haben's hier oben noch +nicht besser, denn wir sind hier erst seit kaum sechs +Monaten auf der Chagra.«</p> + +<p>Während sie sprach — und so rasch und gewandt, +daß Alles sich fast von selber zu ordnen +schien — hatte sie indessen das Mitgebrachte auf +dem Tische ausgebreitet, und frische, süße Milch, +weißes Brod, Butter und Käse, Alles auf blinkendem +Geschirr, lachte den Fremden bald darauf +entgegen und lud sie schon selber ein, nur tapfer +zuzulangen.</p> + +<p>»Und sind Sie erst so kurze Zeit hier oben?« +fragte der ältere Fremde; »die Pinien und +Orangen müssen doch schon vor vielen Jahren +gepflanzt sein.«</p> + +<p>»Das sind sie auch,« erwiederte der Mann, +der in diesem Augenblicke wieder in der Thür erschien +und der Frau das Kind entgegen hielt. +»Da, Mutter, nimm den Schlingel,« fuhr er dann +zu dieser fort; »ob der Bengel wohl Ruhe gegeben +hat, bis ich ihn auf den Grauen setzte, und da +oben blieb er, bis ich die Thiere gefüttert hatte.«</p> + +<p>»Aber der Graue ist ein unruhiges Thier,« +sagte Günther.</p> + +<p>»Bah, <span class="wide">der</span> hält sich schon fest,« lachte der +Mann, »ja, was ich sagen wollte, die Chagra +habe ich erst kürzlich gekauft, und zwar von einem +Deutschen, der sie so hatte verwildern lassen, daß +man die Bäume kaum fand, die darauf standen. +Es war ein vornehmer Herr gewesen, der, wie er +meinte, hatte brasilianischer »Pflanzer« werden +wollen, sich die Sache aber wohl ein Wenig anders +und leichter gedacht haben mochte und auch irgendwo +anders besser hinpaßte, als hinter Pflug +und Egge.«</p> + +<p>»Und seid Ihr keine Deutsche?« fragte der +ältere Fremde.</p> + +<p>»Wir? — Nein,« lachte der Mann, — »das +heißt, ja, wir sind schon Deutsche, aber doch nicht +in dem Deutschland drüben geboren, sondern hier +in Brasilien. Mein Vater stammt vom Rheine, +und der Frau ihr Vater von Innsbruck, die +Beide vor etwa dreißig Jahren hier herüber gekommen +waren und sich in San Leopoldo niedergelassen +hatten.«</p> + +<p>»Also Brasilianer?« sagte Günther enttäuscht.</p> + +<p>»Ah, nein, wir sind schon Deutsche,« lachte +die Frau gutmüthig, »und halten uns ja auch +immer zu Deutschen, wie Ihr seht, denn mit den +Bleifüßen ist es doch Nichts, und sie wollen Nichts +arbeiten und schaffen.«</p> + +<p>»Bleifüße — was zum Henker ist das nur?« +lachte der eine Fremde; »ein Bleifuß soll ja auch +die schlechte Brücke gebaut haben.«</p> + +<p>»Ih ja,« meinte der Mann schmunzelnd, »der +Bleifüße giebt's gar viele — eigentlich mehr, als +gut ist, und wir nennen besonders die eigentlichen +Portugiesen so, die immer herüberkommen und so +thun möchten, als ob Brasilien ihnen gehörte. +Weshalb sie aber eigentlich so genannt werden, +weiß ich selber nicht recht; aber den Namen haben +sie, so viel ist sicher, und werden ihn wohl auch +behalten. Aber seid Ihr selber erst so kurze Zeit +im Lande, daß Ihr noch nicht einmal das Wort +Bleifuß gehört habt? Ich dächte doch, das würde +häufig genug aller Orten genannt.«</p> + +<p>»Ich selber bin schon lange im Lande und +kenne auch den Namen,« lächelte Günther, »aber +mein Reisegefährte da ist erst kürzlich aus den +Vereinigten Staaten von Nordamerika nach Rio, +und von da zu Pferde hier nach dem Süden gekommen, +um sich das Land einmal anzusehen.«</p> + +<p>»Und was ist Ihr Geschäft? wenn man +fragen darf.«</p> + +<p>»Ich bin Feldmesser,« erwiederte Günther, +»und von der Regierung hierher beordert, um die +Colonien für frisch eintreffende Emigranten auszumessen.«</p> + +<p>»Das ist gescheidt,« sagte der junge Bauer; +»an vermessenem Lande fehlt's ewig, und die +armen Teufel müssen sich oft Monate lang in +den sogenannten Auswanderungs-Häusern herumtreiben, +ehe sie eigenen Boden und eine feste +Heimath bekommen. Nun, da werden Sie Arbeit +genug kriegen, daran fehlt's nicht — aber essen +Sie nicht mehr?«</p> + +<p>»Wir danken,« erwiederte Günther, der bis +jetzt mit seinem Gefährten wacker zugelangt, »es +hat trefflich geschmeckt und war delicat. Jetzt können +wir's schon bis in die Colonie hinunter aushalten.«</p> + +<p>»Und wollen Sie schon wieder fort?« fragte +die Frau freundlich, als die beiden Fremden von +ihren Sitzen aufstanden und zu den Hüten griffen +— »das war gar ein kurzer Besuch.«</p> + +<p>»Wenn Sie's erlauben,« sagte der jüngere +Fremde, »so komme ich schon wieder einmal her. +Ich selber habe Nichts zu versäumen und werde +mich doch wahrscheinlich ein paar Monate in der +Nähe der Colonie herumtreiben. Daß es mir aber +hier bei Ihnen <span class="wide">gefällt,</span> dürfen Sie mir auf +mein Wort glauben. Mein Freund ist jedoch mit +seiner Zeit gebunden und hat heute noch viel +unten mit dem Director zu besprechen. Da draußen +sind auch eben unsere Packpferde angekommen, +und wir wollen deshalb lieber aufbrechen.«</p> + +<p>»Apropos,« fragte Günther, »was für ein +Mann ist der Director eigentlich? Ich habe in +den anderen Colonien am Chebaja nicht gerade +viel Gutes von ihm gehört.«</p> + +<p>»Ich weiß nicht,« lachte der Mann — »es +kommt wohl immer darauf an, wen Ihr fragt. +Die Einen schimpfen auf ihn, die Anderen loben +ihn, und Allen kann man's eben nicht recht machen +auf der Welt. Er ist sehr streng, das ist wahr, +und oft auch wohl ein Bißchen eigensinnig. Mit +den <span class="wide">armen</span> Leuten geht er aber gut um und steht +ihnen bei.«</p> + +<p>»Und das ist die Hauptsache,« rief Günther — +»nun, ich werde schon mit ihm fertig werden — +also, herzlichen Dank für die Aufnahme. Wenn +ich's einmal wieder gut machen kann, stehe ich zu +Diensten!«</p> + +<p>»Das mag vielleicht rascher geschehen, als +Sie denken,« lachte der junge Bauer, »denn unsere +Grenzen sind hier alle in Confusion, und ich +bin schon lange darum eingekommen, die meinige +ebenfalls nachsehen zu lassen. Doch darüber sprechen +wir später; ich möchte Sie jetzt nicht länger als +nöthig aufhalten, und komme auch vielleicht in +diesen Tagen einmal nach der Colonie hinunter.«</p> + +<p>Damit reichten er und die Frau den Fremden +herzlich die Hand zum Abschied. Draußen hielten +auch in der That die beiden eingeborenen Diener +der Freunde, ein paar braune, rauh genug aussehende +Burschen, mit drei Lastpferden, wovon +zwei dem Vermesser, eins aber seinem Freunde +gehörte, und gleich darauf trabte die kleine Cavalcade, +welcher der junge Bauer erst noch den +Weg um seine Chagra herum zeigte, diesen +thalein.</p> + +<p>Und doch war es ein wundervoller Pfad, der +sie hier in die Niederung hinabführte, denn gerade +an diesem Berghange zeigte sich die schon fast +tropische Vegetation des Landes in ihrer ganzen +Pracht und Herrlichkeit. Der Baumwuchs war +allerdings lange nicht so mächtig, wie in den nördlicher +gelegenen Theilen Brasiliens, aber das üppige +Unterholz mit seinen zierlichen Farnpalmen und +Fächern, mit seinen Lianen und Ranken bildete +überall, wo es dem Blicke erlaube, einzudringen, +die reizendsten Gruppen und Festons, aus denen +sich die grünen, schlanken Schäfte verschiedener +wilder Palmenarten keck emporhoben.</p> + +<p>Hier und da, wo eine eingerissene Schlucht +oder ein breiteres Bachbett den Blick in die Tiefe +gestattete, zeigte sich dann die kleine Niederlassung +im Thale mit ihren lichten Gebäuden und hellgrünen +Rasenflecken, durch welche die gelben Wege +wie Fäden liefen, immer in verschiedener Form +und Beleuchtung, aber immer freundlich, so daß +die Reiter ihre Thiere oft anhielten und ein +paar Secunden schweigend auf das unter ihnen +ausgebreitete Bild hinabblickten.</p> + +<p>Da hier der Weg aber zu schmal war, oder +der Regen doch in den Boden an den verschiedensten +Stellen Einrisse gemacht hatte, mußten sie +ihre Pferde hinter einander halten, und dadurch +war die Conversation gestört. Erst weiter unten, +auf der letzten Abdachung angelangt, bog der +Beipfad wieder in den durch die eingefallene +Brücke unterbrochenen Hauptweg ein, und jetzt +hatten sie die eigentliche Colonie Santa Clara +auch bald erreicht, deren Ausläufer in kleinen, +allein stehenden Ansiedelungen schon bis hier herauf +reichten.</p> + +<p>»Der Platz liegt wirklich allerliebst,« sagte +Günther, der bis jetzt vorangeritten war, indem +er sein Pferd anhielt, um wieder neben dem +Freunde zu bleiben.</p> + +<p>»Was die Scenerie betrifft, ja,« erwiederte +dieser, »aber der Boden scheint mir hier nicht besonders, +und der Mais da drüben in dem Felde +steht dünn und mager genug — wenigstens magerer, +als ich es bis jetzt gewohnt bin zu sehen.«</p> + +<p>»Das bessere Land wird weiter zurück in der +Ebene liegen,« meinte Günther, »jedenfalls hat +der Ort nicht weit zur See, und das ist schon +immer ein enormer Vortheil für eine Colonie.«</p> + +<p>»Wenn der Hafenplatz gut ist, ja; und wohin +wollen wir jetzt zunächst?«</p> + +<p>»Direct zum Director,« lachte Günther, »der +wird uns dann schon die beste Auskunft geben, +wo wir übernachten können. Wir müssen nun im +nächsten Hause seine Wohnung erfragen.«</p> + +<p>»Das ist nicht nöthig,« meinte sein Freund — +»das Haus da drüben, wo die deutsche Fahne +weht, ist jedenfalls das Wirthshaus, und das +größere Gebäude daneben eben so sicher die Kirche, +— wo baute der Deutsche nicht Eins neben das +Andere? Außerdem steht aber dort nach Süden +nur noch ein sehr großes Haus mit einer neuen +Umzäunung, und dort hat natürlich auch der Director +seinen Aufenthalt. Wir wollen ruhig darauf +zureiten.«</p> + +<p>»Sie können Recht haben,« lachte Günther, +»aber vielleicht wohnt er doch da drüben in dem +kleinen allerliebsten Gebäude, wo die vielen +Orangenbäume stehen. <span class="wide">Den</span> Platz hätte ich mir +jedenfalls zu meiner Wohnung ausgesucht.«</p> + +<p>»Das ist sicher die Pfarrwohnung,« versicherte +aber sein Kamerad; »sehen Sie nicht den breiten, +betretenen Pfad, der von dort zur Kirche niederführt. +Ich glaube kaum, daß der Director alle +die Fährten nach der Kirche in den Sand eingedrückt +hat. Folgen Sie mir nur; ich führe Sie +den richtigen Weg.« Und ohne weiter eine Antwort +abzuwarten, gab er seinem Pferde leicht die +Sporen und sprengte, von Günther jetzt dicht gefolgt, +dem vorher bezeichneten Hause zu, vor dessen +Thür er anhielt und ohne Weiteres aus dem +Sattel sprang.</p> + +<p> </p> +<hr class="narrow" /> +<h3><a name="kap_2" id="kap_2"></a>2.</h3> + +<h3>Der Director.</h3> + +<p>Gerade als Günther an seines Gefährten +Seite hielt und seinem Beispiele folgte, trat eine +Erscheinung aus dem Hause, die beide junge Leute +hier, mitten im brasilianischen Walde, wohl kaum +vermuthet hatten, und die sie deshalb um so mehr +überraschte; — eine <span class="wide">Dame</span> in vollem europäischen +Putze, mit einem grün und schwarz groß carrirten +Seidenkleide, sehr bedeutender Crinoline und überhaupt +allem dazu Nöthigen und Gehörigen versehen, +die mit sehr stolzer, fast majestätischer Haltung +aus der Thür rauschte, einen Augenblick +erstaunt die Fremden betrachtete und dann, mit +einem leichten, kaum bemerkbaren Kopfnicken ihre +Begrüßung erwiedernd, vorbei und in die kleine +Stadt hinein schwebte.</p> + +<p>»Alle Teufel,« murmelte der Jüngere der +Beiden halblaut vor sich hin, als die Dame außer +Hörweite war, »von allen Dingen auf der Welt +hätte ich eine Crinoline hier am Allerwenigsten +erwartet. Das muß die Frau oder eine Verwandte +des Directors sein, denn nach einer Colonisten-Frau +sieht sie doch nicht aus. Es thut den +Augen aber ordentlich wohl, nach einem Stücke +wilden Lebens wieder einmal auf eine so breite +Fährte der Civilisation zu kommen. Diesen Anzeichen +nach giebt es also hier auch jedenfalls +eine <i>haute volée</i>; unser rauher Waldanzug schien +der Dame nicht besonders zu behagen, denn sie +grüßte nur sehr vornehm und nachlässig.«</p> + +<p>»Nun, wir werden ja bald erfahren, mit wem +wir es hier zu thun bekommen,« sagte Günther. +»Jedenfalls müssen wir jetzt erst erfragen, ob hier +der Director wirklich wohnt, und wenn so, ob er +zu Hause ist. — He, Landsmann,« wandte er sich +dann an einen Colonisten, dessen Äußeres, mit +dem langen blauen Rocke und schmalen Kragen, +dem ausgeschweiften Hute und dem Gesangbuche +unter dem Arme, über sein Vaterland keinen Zweifel +gestattete — »ist das die Wohnung des Directors?«</p> + +<p>»Guten Morgen mit einander,« erwiderte der +Gefragte, der sich dabei die Fremden von Kopf +bis zu Fuß betrachtete — »ja wohl, der Herr +Director wohnt hier — er ist oben in seiner Stube +— wollen Sie was?«</p> + +<p>»Danke schön; ja, wir wollen ihn sprechen.«</p> + +<p>»Gehen Sie nur hinauf; er ist oben allein, +aber — nicht gerade guter Laune. Sie kommen +wohl weit her?«</p> + +<p>»Nicht sehr.«</p> + +<p>»Und wollen Sie hier in der Colonie bleiben?«</p> + +<p>»Uns wenigstens den Platz erst einmal ansehen,« +sagte Günther, nicht gesonnen, sich hier +vor der Thür in eine lange Unterredung einzulassen. +Sein Freund hatte das Haus schon betreten, +und Beide schritten jetzt die Treppe langsam +hinauf. Auf der Treppe oben blieb der +Jüngere plötzlich stehen und sagte:</p> + +<p>»Kamerad, ich habe mir die Sache überlegt; +ich werde jetzt <span class="wide">nicht</span> mit hineingehen. Wenn der +Herr Director übler Laune sind, möchte ich ihm +nicht gern in den Weg treten, denn ich <span class="wide">will</span> +Nichts von ihm, und gedenke mich deshalb auch +nicht seiner übeln Laune auszusetzen. <span class="wide">Sie</span> haben +<span class="wide">Geschäfte</span> mit ihm, das ist etwas Anderes; ich +werde indessen in's Wirthshaus gehen und Sie +dort erwarten. Machen Sie Ihre Sachen so rasch +ab, wie Sie können.« — Damit wollte er ohne +Weiteres umdrehen und wieder hinabsteigen, +Günther aber ergriff seinen Arm und sagte.</p> + +<p>»Thun Sie mir den Gefallen und bleiben +Sie; kommen Sie wenigstens einen Augenblick +mit hinein, um Ihren Auftrag auszurichten.«</p> + +<p>»Auftrag — es ist nur ein Gruß.«</p> + +<p>»Und wenn auch. Er wird uns nicht gleich +beißen, und ich selber habe vor der Hand ebenfalls +nur wenige Worte mit ihm zu sprechen, denn +unsere Thiere müssen abgepackt und untergebracht +werden.«</p> + +<p>»Meinetwegen,« sagte der Freund achselzuckend, +»wenn Sie's absolut wollen. Lieber ginge ich freilich +in's Wirthshaus.«</p> + +<p>Wenige Stufen höher standen sie vor der Thür +des Directors, die eine daran genagelte einfache +Visitenkarte bezeichnete. Die Karte trug auch +weiter keine Bezeichnung, als »Ludwig Sarno«, +nicht einmal der Titel »Director« war beigefügt, +und der jüngere Fremde nickte befriedigt mit dem +Kopfe. Günther hatte indessen ohne Weiteres an +die Thür geklopft, und ein etwas barsches »Herein!« +lud sie ein, des Löwen Höhle zu betreten.</p> + +<p>Der Direktor, ein schlanker, aber stattlicher +Mann, ebenfalls mit einem militärischen Anstriche, +starkem, etwas röthlichem Barte und vollem, lockigem +Haar, ging mit auf den Rücken gelegten +Händen in seinem Arbeitszimmer auf und ab, das +sich besonders durch eine Menge von Gefächern +mit actenartig in blaues Papier geschlagenen +Folioheften auszeichnete. Bei dem Anklopfen hatte +er seinen Spaziergang unterbrochen und stand, halb +nach der geöffneten Thür gedreht, mitten im Zimmer. +Günter ließ ihn aber nicht lange über sich in +Zweifel, sondern auf ihn zugehend, sagte er:</p> + +<p>»Herr Director, ich bin gezwungen, mich selber +bei Ihnen einzuführen. Mein Name ist Günther +von Schwartzau, Ingenieur-Officier, und ich bin vom +Präsidenten der Provinz hieher beordert, etwa +nöthig gewordene Vermessungen vorzunehmen.«</p> + +<p>»Etwa <span class="wide">nöthig</span> gewordene?« wiederholte der +Director, indem er den Fremden erstaunt ansah. +»als ob ich nicht den Herrn Präsidenten seit sechs +Monaten bei jeder möglichen Gelegenheit mit Eingaben +bombardire, daß er <span class="wide">endlich</span> einmal die seit +einem Jahre schon fast dringend nöthigen Vermessungen +vornehmen <span class="wide">lasse!</span> Etwa nöthigen….«</p> + +<p>»Es thut mir leid, Herr Director, wenn Sie +haben warten müssen,« sagte Günther ruhig, »aber +<span class="wide">meine</span> Schuld war es nicht; denn vor fünf Tagen +erst erhielt ich am Chebaja den Brief des Präsidenten, +der mich hieher beordert, und Sie werden +mir zugestehen, daß ich von dort aus, bei <span class="wide">der</span> +Entfernung und <span class="wide">den</span> Wegen, wahrlich keine Zeit +versäumt habe.«</p> + +<p>»Der Herr ist Ihr Gehülfe?«</p> + +<p>»Bitte um Verzeihung,« sagte der Fremde, der +indessen mit einem leichten, kaum bemerkbaren +Lächeln dem Gespräche gefolgt war — »ich gehöre +in das <span class="wide">Geschäft</span> gar nicht hinein und muß mich +eigentlich als einen Aufdringling betrachten, will +Ihre kostbare Zeit auch nicht länger in Anspruch +nehmen, als unumgänglich nöthig ist, Ihnen mir +aufgetragene und an's Herz gelegte Grüße zu +bestellen.«</p> + +<p>»Grüße? Von wem?« sagte der Direktor, der +indessen die schlanke, edle Gestalt des Fremden +mit eben nicht freundlicher werdenden Blicken +musterte.</p> + +<p>»Vom Hauptmann Könnern.«</p> + +<p>»Von <span class="wide">Hermann</span> Könnern?« rief der Director +rasch.</p> + +<p>Der Fremde nickte nur langsam mit dem Kopfe.</p> + +<p>»Und kennen Sie Könnern persönlich?« fragte +der Direktor eben so eifrig weiter.</p> + +<p>»Ziemlich genau,« erwiederte der junge Mann; +»er ist mein Bruder, und ich heiße Bernard.«</p> + +<p>»Der sich in Amerika so lange herumgetrieben +— der Maler?«</p> + +<p>»Derselbe,« lächelte der junge Mann.</p> + +<p>»Dann sein Sie mir herzlich und viel tausend +Mal willkommen,« rief Sarno, der in dem Augenblicke +ein ganz anderer Mann zu werden schien — +»herzlich willkommen!« wiederholte er noch einmal, +die gefaßte Hand aus allen Kräften schüttelnd. +»Oft haben wir von Ihnen gesprochen — und +wie geht es Hermann? — Aber davon nachher — +Sie kommen eben von der Reise, und unsere Wege +sind nichts weniger als musterhaft; erst müssen +Sie sich erholen und eine Erfrischung einnehmen; +nachher plaudern wir viel, recht viel mit einander, +denn Ihr Bruder ist der beste Freund, den ich +auf der Welt habe, und ich muß Alles wissen was +ihn angeht.«</p> + +<p>»Er schrieb mir noch in seinem letzten Briefe, +wo ich Sie hier in Brasilien anträfe, den Fuß +nicht eher aus dem Bügel zu setzen, bis ich Ihnen +die aufgetragenen herzlichen Grüße überbracht — +da ich aber nicht gut die Treppe herauf<span class="wide">reiten</span> +konnte, mußte ich wenigstens vor der Thür absteigen.«</p> + +<p>»Ihr Pferd steht noch unten?«</p> + +<p>»Gesattelt.«</p> + +<p>»Desto besser, dann legen Sie Alles gleich +herein — keine Widerrede; ich schicke gleich Jemanden +hinunter, denn leider Gottes habe ich +Menschen genug dazu im Hause — Bernard +Könnern soll wahrhaftig nicht in Brasilien in +einem Wirthshause wohnen, so lange ich selber +ein Dach über mir habe, und ein Bett, mit ihm +zu theilen.«</p> + +<p>»Aber, Herr Director….«</p> + +<p>»Kein Wort mehr; ich lasse keine Einrede gelten, +wenn ich Ihnen auch keine besondere Bequemlichkeit +zu bieten vermag. Sie aber sind ja auch an +ein Lagerleben gewöhnt. — Mein lieber Herr von +Schwartzau,« wandte er sich dann an den Ingenieur, +»mit großem Vergnügen würde ich auch +Sie gern beherbergen, aber überzeugen Sie sich +selber, ich habe das ganze Haus voll von Emigranten, +und noch dazu fast lauter Kranke, Frauen +und Kinder, die ich bei dem ewigen Regen in +dem erbärmlichen Auswanderungshause nicht lassen +mochte.«</p> + +<p>»Mein lieber Herr Director!« sagte Günther +abwehrend.</p> + +<p>»Sie können uns aber helfen,« fuhr der Director +fort. »Vermessen Sie uns eine tüchtige +Strecke Land, daß ich die armen Einwanderer bald +unterbringen kann, und ich habe dann Raum genug +in meinem Hause für sechs oder acht Freunde, und +vielleicht für mehr.«</p> + +<p>»Mit Freuden, sobald ich nur erst einmal +weiß, wo.«</p> + +<p>»Das zeige ich Ihnen noch heute Abend, denn +wir haben in der That keine Zeit zu verlieren. +Ihre Pferde brauchen Sie dabei nicht anzustrengen, +ich borge Ihnen von meinen Thieren, und Könnern +hier begleitet uns; dann können Sie morgen +früh mit Tagesanbruch Ihre Arbeit gleich beginnen. +Was Sie von Leuten dazu brauchen, stelle ich Ihnen; +ich kenne einige dazu ganz passende junge Burschen, +und hätte die Arbeit schon längst selbst gemacht, +wenn ich's eben im Stande wäre. Aber sehen +Sie selber hier die Actenstöße an — Berichte, +Klagen, Eingaben, Zänkereien, Befehle von oben, +wovon immer einer dem anderen widerspricht, und +Quängeleien, daß sie einen Heiligen manchmal +zum Fluchen bringen könnten — und ich bin eben +keiner — doch darüber sprechen wir nachher. Und +außerdem noch, lieber Schwartzau — Sie waren +Officier, nicht wahr?«</p> + +<p>»In schleswig-holsteinischen Diensten.«</p> + +<p>»Aha — die alte Geschichte, mit der sie daheim +die besten Kräfte über die Gränze getrieben +haben. — Ich muß Sie noch um Entschuldigung +bitten, daß mein Empfang gerade kein überfreundlicher +war, aber weiß es Gott, sie treiben es hier +manchmal, daß es Einem die Galle mit Gewalt +in's Blut hineinjagt. Die Frau Gräfin verbessert +überhaupt nie meine Laune, wenn sie mich einmal +mit ihrem hohen Besuche beehrt.«</p> + +<p>»Die Frau Gräfin,« sagte Könnern, aufmerksam +werdend; »war das etwa die Dame, die vorhin +aus dem Hause trat?«</p> + +<p>»Kurz vorher, ehe Sie kamen — sie verließ +mich sehr beleidigt, daß ich einen armen Teufel +von Bauer, der noch drei Stunden Weges bis +nach Hause hat, nicht ihretwegen vor der Thür +warten ließ und ihn abfertigte, während sie bei +mir war. Doch ich schwatze und schwatze. Also +Schwartzau, Sie müssen sich noch ein paar Tage +im Wirthshause unterbringen, und dann werden +Sie wahrscheinlich gezwungen sein, einige Wochen +auszulagern, bis dahin aber hoffe ich, Ihnen Raum +geschafft zu haben. He, Christoph — Klaas!« rief +er dann aus dem Fenster — »schaff' doch einmal +die Sachen des fremden Herrn in's Haus — +Sattel und Taschen, oder was es ist — wo wollen +Sie hin, Könnern?«</p> + +<p>»Wenn Sie es denn nicht anders haben wollen, +so muß ich wenigstens hinunter, um mein Packthier +selber abzuladen, daß mir die guten Leute +Nichts zerbrechen.«</p> + +<p>»Gut, auch recht. Lassen Sie nur Alles hier +herauf schaffen und draußen vor die Thür stellen; +wir arrangiren es dann selber, denn ich habe hier +Junggesellenwirthschaft. Indessen Sie das besorgen, +schreibe ich nur noch zwei Briefe, die jener +Colonist mit in eine andere neue Colonie nehmen +muß, wohin sonst sehr selten Gelegenheit ist.«</p> + +<p>»Und um wie viel Uhr ist es Ihnen recht?« +fragte Günther.</p> + +<p>»Um — aber das können wir nachher bereden,« +sagte der Direktor; »natürlich essen Sie mit uns, +was gerade da ist, und nach dem Essen reiten +wir in aller Bequemlichkeit hinaus. Die übrigen +Geschäfte müssen warten, denn dieses ist das wichtigste. +Um ein Uhr esse ich gewöhnlich, bis dahin +behalten Sie also noch übrig Zeit, sich ein wenig +auszuruhen. Und Sie, lieber Könnern, kommen +gleich wieder zu mir herauf, sobald Sie Ihre +Sachen besorgt haben.«</p> + +<p>Und damit, ohne irgend eine Einwendung zu +erwarten, setzte er sich ohne Weiteres an seinen +Schreibtisch und überließ die beiden Fremden indessen +sich selber.</p> + +<p>»Nun, wie gefällt Ihnen Ihr Director?« sagte +Könnern auf der Treppe.</p> + +<p>»Vortrefflich!« erwiederte Günther; »im Anfange +schien er ein wenig brummig, aber der Name +Ihres Bruders wirkte Wunder. — Wo haben sich +die beiden Herren eigentlich gekannt?«</p> + +<p>»In der österreichischen Armee,« erwiederte +Könnern, »wo sie den siegreichen Feldzug in den +vierziger Jahren zusammen durchgemacht haben. +Mir gefällt aber der Mann auch außerdem; er +ist rasch, kurz angebunden, und wie mir scheint, +aufrichtig und offen. Mit solchen Leuten ist +immer am Besten verkehren, denn der Böse soll +die Überfreundlichen holen, die stets ein lächelndes +Gesicht zeigen und bei denen man doch nie +und nimmer weiß, woran man mit ihnen eigentlich ist.«</p> + +<p>»Mich hat es ebenfalls gefreut, daß er mich +so ohne Weiteres in's Wirthshaus wies. Er hätte +ja eine lange Entschuldigung machen können, aber +er sagte einfach, deshalb geht's nicht, und damit +Punctum. Ich glaube, ich werde mit <span class="wide">dem</span> Director +fertig.«</p> + +<p>Sie waren damit vor die Thür getreten, wo +ihre Diener mit den Pferden noch hielten, und +während Günther wieder aufstieg, lockerte Könnern +seinem Grauen den Sattelgurt. Da schallten rasche +Hufschläge die Straße herauf, Beide wandten den +Kopf dorthin und Günther rief aus:</p> + +<p>»Hallo, wer kommt da — eine Amazone!«</p> + +<p>In demselben Augenblicke aber sprengten schon +zwei Reiter, mehr im Carriere als Galopp an +dem Hause des Directors vorüber, und die beiden +Fremden hatten nur eben Zeit zu bemerken, daß +auf dem ersten Pferde ein junges, wunderhübsches +Mädchen in einem knapp anschließenden, dunklen +Reitkleide saß, mit einem kleinen Amazonenhute +auf, von dem eine einzelne mächtige weiße Straußfeder +und ein paar lange Reiherfedern in dem +scharfen Luftzuge weit auswehten. Ihr Begleiter, +der etwa eine Pferdelänge hinter ihr folgte, war +ein ganz junger Bursche von etwa sechszehn bis +siebenzehn Jahren.</p> + +<p>Wie eine Erscheinung flogen die Beiden an +ihnen vorüber, und Günther hatte noch außerdem +jetzt mit seinem eigenen Pferde zu thun, das sich, +wie es schien, am liebsten dem Rennen angeschlossen +hätte, und herüber und hinüber tanzte.</p> + +<p>»Hier im Orte scheint es wirklich ganz interessante +Gesellschaft zu geben,« sagte Könnern, +als die wilden Reiter die Straße hinab verschwunden +waren, »und es wird lohnen, sich eine +Zeit lang aufzuhalten und ihre Bekanntschaft zu +machen.«</p> + +<p>»Beinahe hätt' ich das Letztere gleich gethan,« +lachte Günther, »denn mein Rappe schien dasselbe +Bedürfniß zu fühlen. Aber, Adieu jetzt, Kamerad. +Um ein Uhr sehen wir uns beim Diner wieder.«</p> + +<p>»Hoffentlich nicht im Frack, denn darauf bin +ich nicht eingerichtet,« nickte ihm Könnern zu, +während Günther, von seinen beiden Lastthieren +gefolgt, denselben Weg, aber bedeutend langsamer, +einschlug, den die junge Dame eben genommen. +Die Kirche lag in dieser Richtung, und er wußte +gut genug, daß Könnern Recht hatte, wenn er +das Wirthshaus dicht daneben vermuthete.</p> + +<p>Aus dem Directionshause waren indessen ein +paar deutsche Arbeiter gekommen, junge Burschen +in Hemdärmeln und mit ledernen Hosen und Pantoffeln, +der eine eine runde blaue, der andere eine +viereckig grüne Mütze auf, und Beide genau so +aussehend, als ob sie eben dieselben Pantoffeln +nicht ausgezogen hätten, seit sie in Bremen oder +Hamburg das Schiff betreten.</p> + +<p>Diese griffen willig mit zu, das Packthier abzusatteln, +und wenn sie auch stets an den verkehrten +Stricken, aber deshalb nicht minder gut +gemeint, zogen, gelang es doch endlich mit Könnern's +Hülfe, den Packen aufzuschnüren, und die +verschiedenen Gegenstände in's Haus und in die +erste Etage zu schaffen. Die Pferde brachten sie +dann ebenfalls auf einen kleinen Weideplatz dicht +am Hause, wo sie auch einzeln gefüttert werden +konnten, und seinen Diener schickte Könnern dann +mit dessen eigenem Sattelzeuge in das Wirthshaus +hinüber, da er den Eingeborenen nicht mit +den Deutschen zusammenbringen wollte. Er wußte, +daß dies selten gut that.</p> + +<p>Hierbei gelang es ihm, einen Blick in den +untern Theil des Directionshauses zu werfen, +und es sah dort allerdings wild und wunderlich +genug aus. Das ganze Haus war noch neu, ja, +es stand sogar noch ein Theil des Gerüstes. Die +Wände waren auch nur erst einfach geweißt und +die Fensterrahmen noch nicht einmal gestrichen.</p> + +<p>Gleichwohl glich der Platz da unten weit eher +einem indianischen Bivouac, als der Wohnung +eines Directors der Colonie, denn überall in den +Zimmern lagen Matratzen, überall an den Wänden +standen die riesigen Kisten und Koffer der Auswanderer, +mit der groß gemalten Adresse »Nach +Brasilien« noch daran, und auf dem ebenfalls +preisgegebenen Kochherde war auf jeder Ecke ein +Feuer angezündet, über dem theils ein Kessel brodelte, +theils eine Pfanne zischte. Selbst im Hofe +loderte ein stattliches Feuer, um den übrigen +Kochgeschirren Raum zu geben, denn heute war +ja Sonntag, und die Deutschen feierten diesen, genau +wie daheim, mit Essen und Trinken.</p> + +<p>Könnern, im Augenblicke ohne weitere Beschäftigung, +trat dort hinein, ohne daß die Leute jedoch +besondere Notiz von ihm genommen hätten. Ein +paar alte Frauen saßen auf den Kisten in der +Ecke und lasen in ihren Gesangbüchern; die +Mädchen und jungen Frauen waren fast alle mit +ein oder der andern Arbeit für die Küche beschäftigt, +und die Männer lagen zum Theil ausgestreckt +auf den Matratzen oder auch auf dem +nicht gerade überreinlichen Boden und rauchten +ihre kurzen Pfeifen. Tabak war billig hier, und +sie konnten sich dem Genusse mit unbeschränkter +Leidenschaft hingeben.</p> + +<p>»Nun, Leute, wie geht's?« redete Könnern +einen der Männer an, der beide Beine von einander +gestreckt hatte und, ein Bild der höchsten +Zufriedenheit, flach auf dem Rücken lag. Nur +den einen Arm hatte er als Kissen unter den +Kopf geschoben und sah den eigenen Rauchwolken +nach, die er mit Macht gegen die Decke blies; +»Ihr scheint Euch hier ganz behaglich zu befinden?«</p> + +<p>»Und warum nicht?« sagte der Mann, indem +er die Pfeife in den einen Mundwinkel schob; +»hier kann mer's aushalten, und die Schinderei +geht doch noch zeitig genug an. Das Brumsilien +ist ein ganz famoses Land — wären wir nur +<span class="wide">erst</span> (früher) hergekommen.«</p> + +<p>»Ja, mit dene Männer hat's keine Noth,« +fiel hier die eine Frau ein, die mit roth erhitztem +Gesichte gerade aus der Küche kam und sich mit +der Schürze den Schweiß von der Stirn trocknete, +»wenn die nur satt Tabak haben und auf der +faulen Haut liegen können, sell freut sie und sie +wollen's net besser, aber uns arme Weiberleut' +derf's schinden und plagen, wie's mag.«</p> + +<p>»Und was geht <span class="wide">Euch</span> ab?« fragte der Mann, +faul den Kopf nach ihr umdrehend.</p> + +<p>»Was <span class="wide">uns</span> abgeht?« sagte aber die Frau, »ein +eigen Haus und ein eigener Herd, weiter Nichts, +daß man weiß, <span class="wide">weshalb</span> man sich plagt und +schindt, und seine Kochtöpf' nicht auf Gottes Erdboden +herum zu stoßen hat. Erst aber drei Monat +das leidige Schiffsleben und nun vier Monat +wieder hier in einer wahren Heidenwirthschaft — +sell kann Einen freuen, und bis an den Hals +steht mir's.«</p> + +<p>Und damit griff die Frau ein am Boden sitzendes, +schreiendes Kind an einem Arme auf, warf +sich's mit einem Ruck auf die Hüfte und verschwand +damit durch die offene Thür.</p> + +<p>»Weiberleut'!« sagte der Bauer verächtlich +und rauchte weiter.</p> + +<p>Könnern behielt übrigens keine Zeit, noch +weitere Forschungen anzustellen, denn der Director +sah in diesem Augenblicke in's Zimmer. Er hatte +jedenfalls seinen Gast gesucht und rief jetzt:</p> + +<p>»Nun, sieht es hier nicht liebenswürdig aus? +Aber kommen Sie, Könnern, wir wollen vor Tisch +noch einen kleinen Spaziergang machen — lassen +Sie nur, Sie können sich nachher umziehen; es +kommt bei uns nicht so genau darauf an, und +Ihre Sachen habe ich schon in die für Sie bestimmte +Stube stellen lassen.«</p> + +<p>Damit nahm er ohne Weiteres Könnern unter +den Arm und verließ mit ihm das Haus. Die +in der Stube umher zerstreuten Einwanderer richteten +sich aber, als der Director das Zimmer betrat, +etwas überrascht auf, rückten ihre Mützen und +nahmen ihre Pfeifen aus dem Munde. So wie +er ihnen aber den Rücken drehte, fielen sie in ihre +alte Stellung zurück und rauchten ruhig weiter.</p> + +<p>Der junge Fremde mußte jetzt vor allen Dingen +dem Director von seinem Bruder erzählen, wie +es ihm gehe, was er thue und treibe, und er +wurde dabei nicht satt, ihm zuzuhören. Erst als +Jener Alles erschöpft, was er darüber zu sagen +hatte, kamen sie auf die hiesigen Verhältnisse zu +sprechen, und Bernard Könnern gestand dem +Director daß er, doch einmal in der Welt umherstreifend, +nur nach Brasilien gekommen sei, um +die Verhältnisse des Landes, über die er die verschiedensten +und widersprechendsten Gerüchte gehört, +einmal selber von Augenschein kennen zu +lernen und dabei für seine Mappe zu sammeln. +Habe er das erreicht, dann kehre er eben wieder +nach Europa zurück, denn mit allen Mängeln +scheine es doch, als ob ihm das Vaterland kein +anderer Ort der Welt ersetzen könne.</p> + +<p>»Sie haben Recht,« erwiederte der Director, +der ihm schweigend zugehört. »Je mehr wir von +fremden Ländern sehen, und wenn sie selbst ihre +größte und schönste Pracht entfalten, desto mehr +fühlen wir doch immer, daß sie uns die Heimath +nie ersetzen können — aber um das zu fühlen, +dazu gehört eine gewisse Quantität Gemüth, und +es ist äußerst interessant zu beobachten, auf welche +verschiedene Art und Weise sich das auch bei den +verschiedenen Naturen äußert, und wie es ausbricht. +Jeder Mensch bildet sich nämlich dazu +eine gewisse Entschuldigung, und die am Meisten +poetische hat stets das Gemüth der Frauen, auch wenn +sie den niedrigsten Classen angehören. Bei diesen +ist es das Grab der Eltern oder das eines Kindes, +die alte Dorfkirche, oder das Haus, das ihre erste +Heimath bildete, zu dem sie sich zurücksehnen; der +Brunnen, an dem sie Wasser holten, die alte Linde +vor der Pfarrwohnung, wo sie vielleicht zum ersten +Male mit dem jetzigen Manne getanzt, und an die +sie sich um so viel lieber erinnern, weil <span class="wide">der</span> Mann +gerade damals so viel anders war, als er jetzt +ist — der kleine Garten, den sie bestellt, das Vieh +selber, das sie groß gezogen, das Alles hat seinen +Anhaltspunkt noch lange nicht verloren, und ob +sie Vieles hier mit der Zeit besser und bequemer finden +mögen, es zieht sie doch mit einem ganz eigenen +Gefühle zurück zu den alten Verhältnissen. Der +Mann dagegen — ich meine hier den gewöhnlichen +Bauer — hat wieder einen ganz andern Ankergrund +für sein Heimweh. Er denkt, wenn er sich +Deutschland in's Gedächtniß zurückruft, meist immer +an seine heimische Schenke, an das Bier und +eine Menge anderer prosaischer Dinge, zu denen +aber doch trotzdem die alte Linde und der alte Kirchthurm +den nebelhaften Hintergrund bilden. Seine +»Freundschaft,« wie er die Verwandten nennt, +zieht ihn weniger zurück; der Bauer lebt eigentlich +nie recht in wirklichem Frieden mit seinen Verwandten, +und die Sehnsucht nach ihnen ist deshalb +auch nie außergewöhnlich. Den gebildeten Mann +zieht dagegen mehr ein geistiges Bedürfniß, als das +bloße Gemüth, nach der Heimath zurück.«</p> + +<p>»Den gebildeten Mann zieht gewöhnlich das +zurück,« sagte Könnern, »daß er in dem fremden +und überseeischen Lande selten eine passende oder +ihm wenigstens zusagende Beschäftigung findet, die +ihn hinreichend ernährt. Kaufleute natürlich ausgenommen, +die überall daheim sind und auch herüber +und hinüber ziehen, sieht sich der, der daheim gewohnt +war, mehr mit seinem Kopfe als mit seinen +Fäusten zu arbeiten, in nur zu häufigen Fällen +allein auf die letzteren angewiesen. Das gefällt +ihm nicht, eine Quantität Gemüth kommt dazu +und das Heimweh ist fix und fertig.«</p> + +<p>»Sie haben wohl Recht,« nickte der Director, +»und nicht allein das Heimweh, sondern auch zugleich +die Unzufriedenheit mit allen sie umgebenden +Dingen, die, der Meinung jener Leute nach, +für <span class="wide">sie</span> nicht passen, während sie selber es sind, +die sich nicht hineinfinden können oder wollen. +Davon weiß ein armer Director am Besten zu erzählen, +denn gerade in <span class="wide">meiner</span> Colonie bin ich +mit einer Classe von Menschen geplagt, die meist +alle das Jahr 1848 von Deutschland herüber gescheucht +hat, und die jetzt auf Gottes Welt nicht +wissen was sie mit sich angeben sollen.«</p> + +<p>»Sie scheinen hier wirklich eine Art von <i>haute +volée</i> zu haben,« lächelte Könnern, »denn außer +jener Frau Gräfin sah ich heute Morgen auch +noch eine reizende junge Dame, die im Carriere +vorüber flog.«</p> + +<p>»Sie wird nächstens einmal ihren reizenden +Hals brechen,« meinte der Director trocken; »jene +Beiden gehören aber zusammen, denn die junge +Dame ist die Comtesse, die Tochter der Gräfin. +Da haben Sie also heute gleich die <span class="wide">Spitze</span> der +Gesellschaft, den sogenannten <i>crême</i> gesehen. Außerdem +aber sind wir noch mit einer Anzahl von +Titular-Honoratioren geplagt, die voller Ansprüche +stecken, und wie der Engländer ganz passend sagt: +<i>neither for use nor ornament</i>, weder zum Nutzen, +noch zur Verzierung der Colonie dienen. Doch +mit diesen Herrschaften werden Sie selber wohl +näher bekannt werden, wenn Sie sich länger in +unserer Colonie aufhalten, und nur <span class="wide">einen</span> Rath +muß ich Ihnen schon jetzt geben, ehe er zu spät +kommt: Borgen Sie Niemandem Geld.«</p> + +<p>Könnern lachte gerade hinaus.</p> + +<p>»Fällt Ihnen die Warnung bei den Honoratioren +ein?« sagte er.</p> + +<p>»Allerdings,« erwiederte der Director ganz +ernsthaft; »der Bauer, wenn er Geld braucht, +wendet sich einfach an die Regierung um Subsidien, +die ihm nur in Ausnahmefällen abgeschlagen +werden und für deren Rückzahlung er mit seinem +Lande haftet. Unsere <i>haute volée</i> dagegen ist viel +zu stolz an etwas Derartiges nur zu denken, hat +auch in leider sehr vielen Fällen entweder kein +Land, oder doch schon eine Menge von stillschweigenden +Hypotheken darauf aufgenommen.«</p> + +<p>»Aber sie werden doch wahrhaftig keinen wildfremden +Menschen anborgen?«</p> + +<p>»Es giebt dafür verschiedene Auswege,« meinte +der Director, »und Menschen, die sich sonst in den +einfachsten Verhältnissen nicht zu helfen wissen, +entwickeln gerade in dieser Branche eine erstaunliche +Mannichfaltigkeit.«</p> + +<p>»Aber weshalb wandern solche Menschen,« +sagte Könnern, »die doch von vorn herein wissen +sollten, daß sie für derartige Arbeit und Beschäftigung +nicht passen, eigentlich nach einem wilden +Lande aus? An Büchern fehlt es wahrlich nicht, +die ihnen ziemlich deutlich sagen, was sie in der +neuen Welt — ob sie nun Amerika, Australien +oder sonst wie heiße — zu erwarten haben. Sie +<span class="wide">können</span> sich darüber nicht täuschen, wenn sie überhaupt +Deutsch verstehen.«</p> + +<p>»Und doch thun sie es,« sagte der Director, +»und zwar meist aus dem ganz einfachen und in +jedem andern Falle schätzenswerthen Grunde, daß +sie eine sehr gute Meinung von sich selber haben. +Ich <span class="wide">kann</span> Alles was ich <span class="wide">will,</span> sagen sie, bedenken +aber dabei gar nicht, daß sie nicht Alles <span class="wide">wollen</span> +was sie <span class="wide">können,</span> denn es <span class="wide">kann</span> natürlich ein +Jeder, wenn er nicht gerade einen überschwächlichen +Körper mitbringt, Handarbeit verrichten; aber wie +die Vorsätze auch daheim gewesen sein mögen, hier +machen sie nicht einmal den Versuch dazu, und +<span class="wide">wenn</span> sie ihn machen, bleibt es auch gewiß immer +bei dem Versuche. Es ist und bleibt ein wunderliches +Volk, und wenn ich erst einmal nicht mehr +Director bin, was, wie ich hoffe, nicht mehr lange +dauern wird, so glaub' ich, daß ich mich sogar +prächtig dabei amüsiren werde, sie in ihrem eigenthümlichen +Treiben und Wirthschaften zu beobachten. +Jetzt aber halten sie mir die Galle fortwährend +in Gährung, und dabei kann natürlich +der beste Humor nicht aufkommen, ohne seine bestimmte +Partie Gift mit anzunehmen. Sehen Sie, +da kommt gleich Einer davon; sieht der Mensch +aus, wie ein brasilianischer Pflanzer?«</p> + +<p>Um die eine Ecke bog in diesem Augenblicke ein +Herr, der — wenn die Sommer-Beinkleider nicht +ein klein wenig zu kurz gewesen wären — in dem +Anzuge recht gut hätte an einem schönen Nachmittage +unter den Linden in Berlin spazieren +gehen können. Er trug vollkommen moderne Tuchkleidung, +einen Cylinderhut, einen Regenschirm, +der hier auch besonders gegen die Sonne benutzt +wurde, und im Knopfloche den rothen Adlerorden +vierter Classe.</p> + +<p>Als er den beiden Herren begegnete, lüftete er +den Hut mit einer sehr förmlichen, aber auch sehr +vornehmen Verbeugung, und ging dann, ohne +Miene zu einem weitern Gruße zu machen, stolz +vorüber.</p> + +<p>»Und wer war das?«</p> + +<p>»Der Baron Jeorgy, seinem Berichte nach aus +einer sehr alten Familie, der mit der Idee herüber +kam, brasilianischer Pflanzer zu werden. Er übernahm +eine allerliebst gelegene Colonie — Sie +müssen heute Morgen daran vorbei gekommen sein.«</p> + +<p>»Ah, das Haus da oben auf dem Berge, wo +ein reizendes junges Paar von brasilianischer Abstammung +wohnt?«</p> + +<p>»Ganz recht, Köhler's Chagra, wie der Platz +jetzt heißt — und er <span class="wide">ver</span>wirthschaftete das Gut in +unglaublich kurzer Zeit dermaßen, daß es zuletzt +wenig mehr als eine Wildniß war. Er mußte es +endlich verkaufen, denn es trug ihm nicht einmal +mehr die Kosten, und natürlich konnte Niemand +weiter daran schuld sein als der Director, da ihm +dieser noch dazu nicht einmal mehr Geld darauf +vorstrecken wollte. Er ist seit der Zeit wüthend +auf mich, nach Art solcher Leute aber auch um so +viel höflicher geworden, und ärgert sich nur, daß +ich von seinen Verleumdungen gegen mich nicht +die geringste Notiz nehme.«</p> + +<p>»Guten Morgen, Herr Director!« unterbrach +in diesem Augenblicke ein junger Mann das Gespräch, +der sie überholt hatte und rasch an ihnen +vorüberschritt. Er grüßte dabei sehr ehrfurchtsvoll, +schien sich aber nicht lange in seines Vorgesetzten +Nähe aufhalten zu wollen, dem er vielleicht +unerwartet in den Wurf gelaufen, denn er +bog rasch in die nächste Querstraße ein und verschwand +in einem der Gärten.</p> + +<p>»Der junge Herr,« sagte Könnern, »scheint +stark gefrühstückt zu haben. Sein ganzes Äußere +sah wenigstens danach aus.«</p> + +<p>»Ein anderer Fluch unserer Colonie,« seufzte +Sarno, »das war unser Schullehrer.«</p> + +<p>»Der Schullehrer? Er kann höchstens zweiundzwanzig +Jahre alt sein.«</p> + +<p>»Und nicht allein ist er <span class="wide">trotzdem,</span> sondern +gerade <span class="wide">deshalb</span> Schullehrer,« sagte der Director; +»unser deutscher Bauer ist nämlich von Haus aus +und von klein auf so daran gewöhnt worden, den +»Schulmeister« als ganz untergeordnete Persönlichkeit +zu betrachten und danach natürlich auch +die Erziehung seiner Kinder zu bemessen, daß ihn +für diese jeder Milreis reut, den er ausgeben soll, +und er förmlich gezwungen werden muß, die Kinder +in die Schule zu schicken. Das Loos eines +Schullehrers ist aber in keinem Lande der Welt +beneidenswerth, und nur daheim, wo Leute von +Jugend auf dazu erzogen werden und dann später +keine andere Laufbahn mehr einschlagen <span class="wide">können,</span> +finden sich immer genügende Kräfte. Hier dagegen, +wo Jeder sein Brod weit besser und sorgenfreier +verdienen kann, der nur irgend seine +Knochen gebrauchen will, denkt gar Niemand +daran, sich zu dem fatalen und außerdem noch +schlecht gelohnten Amte eines Schullehrers herzugeben, +der nicht nothgedrungen <span class="wide">muß.</span> Das +aber sind denn meist junge Leute, Studenten oder +Handlungsdiener, die einen angeborenen Abscheu +vor Hacke und Spaten haben, und nur, um nicht +zu verhungern, sich gerade für so lange der »Beschäftigung« +eines Schullehrers unterziehen, als +sie nichts Anderes und Besseres zu unternehmen +wissen. So wie sie aber etwas Besseres finden, +kann man sich auch fest darauf verlassen, daß sie +der Gemeinde kündigen — manchmal gehen sie +sogar ohne Kündigung fort, und wie nachtheilig +ein so steter Wechsel — den eigentlichen mangelhaften +Unterricht nicht einmal gerechnet — auf +die Kinder wirken muß, läßt sich ja denken und +liegt klar zu Tage.«</p> + +<p>»Zu Zeiten trifft es sich, daß wir trotz allem +Dem einen ordentlichen Mann, wenigstens für +Monate oder ein halbes Jahr, in der Schule +haben. Dieses Mal freilich meldete sich, als die +Kinder schon drei Wochen ohne den geringsten +Unterricht gewesen waren, ein möglicher Weise +irgendwo durchgebrannter Handlungsdiener für +die Stelle, die man ihm auch »auf Probe« überließ, +und da der gute Mann den brasilianischen +Wein merkwürdiger Weise trinken kann, benutzt +er jeden freien und nicht freien Augenblick, um +über die Stränge zu schlagen.«</p> + +<p>»Und auf die Art,« lachte Könnern, »warten +beide Parteien gegenseitig, ob sie einander nicht +bald wieder los werden können?«</p> + +<p>»Allerdings,« erwiederte der Director, »hier +aber haben wir jetzt das Ziel unseres Spaziergangs +— das Auswanderungshaus erreicht, das ich +doch heute Morgen einmal besuchen und Ihnen +gleich zeigen wollte. Hier sehen Sie die Einwanderer +untergebracht, welchen, der furchtbaren Nachlässigkeit +unserer Provinzialregierung zufolge, +noch keine Colonie — d. h. kein eigenes Land für +ihre Arbeit — angewiesen werden konnte, und die +hier auf Staatskosten gefüttert werden müssen, +bis Ihr Freund die nöthigen Landstrecken für sie +vermessen haben wird. Aber treten wir ein. Sie +sehen da Alles viel besser, als ich es Ihnen sagen +könnte.«</p> + +<p>Könnern sah vor sich ein langes, fast ovales +Gebäude, aus Pfählen oder eingerammten Stämmen +aufgerichtet, und theils mit Schindeln, theils +mit Ziegeln, an einigen Stellen sogar mit Schilf +und Reisig nothdürftig gedeckt, um das herum es +von den abenteuerlichsten Gestalten wimmelte. +Alle waren Deutsche, darüber blieb dem Fremden +auch nicht der geringste Zweifel, denn die flachsköpfigen +Kinder nicht allein, nein, Männer und +Frauen selbst in ihren alten heimischen Trachten +verläugneten ihr Vaterland nicht einen Augenblick.</p> + +<p>Ihre Beschäftigung war aber ziemlich genau +dieselbe wie die jenes Theiles, den der Director in +seine eigene Wohnung genommen hatte, nur daß +hier entschieden mehr Männer einquartiert schienen. +Der innere weite Raum, wo nicht die unpraktischen +riesigen Auswanderer-Kisten aufgeschichtet +standen, war mit ihnen ordentlich angefüllt, denn +in der heißen Tageszeit hatten sie den Schatten +des luftigen Gebäudes gesucht, während die Frauen +hier und in der Sonne draußen arbeiten konnten, +so viel sie eben Lust hatten.</p> + +<p>Als der Director übrigens mit dem Fremden +den innern Raum betrat, erhoben sich die Meisten +von ihrem rauhen Lager und nahmen die Mützen +ab, denn der »Herr Director« war ja die erste +Person in der Colonie, und mit dem durften sie +es also schon nicht verderben.</p> + +<p>»Nun, Leute,« sagte Herr Sarno nach der +ersten flüchtigen Begrüßung, »nun werdet ihr bald +Euer Land bekommen können, denn heute hat die +Regierung endlich Jemanden hergesandt, der Euren +Grund und Boden vermessen soll. Haltet Euch +nur bereit, daß einige Familien von Euch gleich +ausrücken können, so wie eine Anzahl von Colonien +vermessen ist. Ihr werdet das Herumliegen +hier wohl auch satt haben?«</p> + +<p>»Na, es geht, Herr Director,« lachte der eine +Mann; »wenn wir's im Leben nicht schlechter +kriegen, läßt sich's aushalten — aber froh wollen +wir doch sein, wenn wir einmal wieder für uns +arbeiten dürfen. Das faule Leben hat auch +keine rechte Art und eigentlich schon ein Bißchen +zu lange gedauert.«</p> + +<p>»Hier geht's auch schmählich eng zu,« sagte +ein Anderer, »beinah wie auf dem Schiff, und der +Müller da drüben, der macht sich mit seiner Familie +auch noch so breit, daß wir Anderen lieber +hinaus vor die Thür möchten, damit der große +Herr nur Platz hat.«</p> + +<p>»Ja, Du darfst auch noch räsonniren, Du +Lumpenkerl,« erwiederte eine tiefe Baßstimme aus +der Ecke, »wenn wir lauter solch Gesindel wären, +wie….«</p> + +<p>»Ruhe!« unterbrach ihn der Director, »haltet +mir Frieden hier, das sag' ich Euch, denn der +Erste der Streit anfängt, wird ohne Weiteres auf +das nächste Schiff gesetzt und wieder aus der +Colonie geschickt. Wir wollen hier Frieden haben, +und wer sich dem nicht fügen will, mag gehen.«</p> + +<p>»Aber der Müller….«</p> + +<p>»Haltet Euer Maul!« fuhr ihn der Director +an; »wenn Ihr eine gegründete Klage habt, so +wißt Ihr, an wen Ihr Euch damit wenden sollt, +und zu welcher Zeit, und daß Ihr dann Eure +Zeugen mitzubringen habt. Einfache Klatschereien +will ich und werd' ich nicht anhören. Was fehlt +denn der Frau da, die dort in der Ecke liegt?«</p> + +<p>»Schlecht ist ihr's,« sagte eine andere Frau, +die neben ihr saß und ihr gerade aus einem großen +Topfe zu trinken gab; »sie hat sich den Magen +verdorben an den vielen Apfelsinen.«</p> + +<p>»Ist denn der Doctor heute noch nicht hier +gewesen?«</p> + +<p>»Der Doctor? Ja, der kommt schon lange +nicht, wenn man ihm nicht erst das Haus einläuft,« +sagte eine andere Frau; »meine Kathrine, der war's +gestern auch so elend zu Muthe — daß er auch +nur einmal nach ihr gesehen hätte — und wie ich +ihn darum gebeten habe!«</p> + +<p>»So?« sagte der Director, »nun, in einer +halben Stunde soll er hier sein, das verspreche ich +Euch — wie viele von Euch haben denn in der +Woche mit am Wege gearbeitet?«</p> + +<p>Keine Antwort — die ihm Nächsten schienen +die Frage eben nicht gern zu hören.</p> + +<p>»Nun? Kann Keiner den Mund aufthun?«</p> + +<p>»Na, der Niklas,« sagte die eine Frau, »hat +zwei halbe Tage, und der Christoph, der hat +gestern Nachmittag angefangen, und Schultze's +Elias, der muß schon den Donnerstag oder Freitag +hinaus gegangen sein.«</p> + +<p>»Da haben Sie's!« sagte der Director zu +Könnern; »Monate lang liegen die Menschen hier +auf der faulen Haut und leben von den Subsidien +oder Unterstützungen, die ihnen der Staat +verabreicht, also von Geldern, die sie nach fünf +Jahren wieder zurückerstatten müssen. Wo ich +ihnen aber eine Gelegenheit geboten habe, selber +für sich Etwas zu verdienen, wenn sie nur die +faulen Knochen rühren sollen, glauben Sie, +daß da Einer gutwillig mit angriffe? Gott bewahre! +Wenn ihnen der Polizeidiener nicht auf +dem Nacken sitzt, rühren sie kein Glied, und wenn +es eine Arbeit wäre, die sie nur zu ihrem eigenen +Besten thun sollen und noch außerdem extra bezahlt +bekommen. 's ist, weiß es Gott, eine Freude, +mit solchen Menschen zu thun zu haben!«</p> + +<p>»Herr Director,« sagte in diesem Augenblicke +ein kleiner ältlicher Mann in einem wunderlichen +Costüme, das er von allen Ständen der menschlichen +Gesellschaft zusammengeborgt zu haben schien, +indem er den Director an einem Ärmel zupfte, +»das Essen ist gleich fertig — Sie möchten <ins title="Original hat auch">nach</ins> +Hause kommen.«</p> + +<p>»Ah, Jeremias,« sagte Sarno, sich nach ihm +umdrehend; »schickt Dich die Kathrine herüber?«</p> + +<p>»Ja, Herr Director,« sagte der Mann, einen +hohen Seidenhut, um den eine Art von Livreeband +befestigt war, unter den Arm drückend, »und +das Schiff ist auch unten.«</p> + +<p>»Das Schiff? Was für ein Schiff?«</p> + +<p>»Nun, das Schiff mit den neuen Landsleuten.«</p> + +<p>»Neue Auswanderer?« rief der Director erschreckt.</p> + +<p>»Die Gesina,« nickte der Mann; »der Herr +Director haben ja schon lange davon gesprochen. +'s ist gerade vor der Barre gesehen worden und +der Capitain wird heute Abend herauf kommen.«</p> + +<p>»Na, das hat gerade noch gefehlt!« seufzte +Sarno; »das Haus hier ist schon zum Überlaufen +voll, und dazu noch eine frische Gesellschaft, eine +neue Zufuhr — das wird angenehm!«</p> + +<p>»Und die Suppe?«</p> + +<p>»Darf nicht kalt werden. Du hast Recht, +Jeremias. Sag' nur der Kathrine, daß wir den +Augenblick hinauf kommen. Ist der fremde Herr +schon da?«</p> + +<p>»Eben angekommen. Er sitzt oben in der +Stube.«</p> + +<p>»Gut — also melde nur daß wir gleich kommen, +und halt — spring hinüber zum Doctor — <span class="wide">Ich</span> +lasse ihm sagen, augenblicklich hierher zu +kommen. Verstanden?«</p> + +<p>Auf das Wort drehte sich das kleine Männchen +um, machte noch eine ganz eigenthümliche Krümmung +des Körpers, was als Verbeugung gelten +sollte, und verschwand dann blitzschnell durch die +Thür. Könnern hatte nur eben noch Zeit, zu +bemerken, daß seine Beinkleider jedenfalls für eine +andere Person zugeschnitten und gemacht sein +mußten — wonach sie die andere Person denn +auch so lange getragen haben mochte, wie ihr gut +dünkte. Für Jeremias waren sie aber viel zu +lang und unten in einem wahren Wulste umgelegt +und aufgekrempelt. Er besaß außerdem — +wenigstens glaubte es Könnern bei seinem ersten +Erscheinen — brennend rothes Haar von einer +ganz auffallenden Färbung, und als die kleine +Gestalt sich zwischen den verschiedenen Gruppen +der Auswanderer, zwischen Kochtöpfen, Kisten und +in Betten eingepackten Kindern wie ein Ohrwurm +durchwand, leuchtete sein Haar ordentlich irrwischartig, +bis er draußen in den Buchen verschwand.</p> + +<p>»Da haben wir's!« sagte aber der Director, +mit ganz anderen Gedanken wie mit Jeremias +beschäftigt; »jetzt geschieht, was ich schon lange +befürchtet habe. Das Auswanderungshaus, selbst +meine eigene Wohnung gefüllt, — keinen Fuß +breit Land vermessen, den neuen Colonisten einen +eigenen Fleck Grundeigenthum anweisen zu können, +kommt noch eine Schiffsladung frischer Kräfte +dazu, und <span class="wide">was</span> ich indessen mit denen machen +soll, weiß Gott!«</p> + +<p>»Und ist denn das nicht Sache des Präsidenten +der Provinz,« fragte Könnern, »stets Land genug +vermessen zu haben, um die Einwanderer unterbringen +zu können?«</p> + +<p>»Allerdings ist es das, aber unser Präsident, — ein +braver, guter Mann, der es wirklich ehrlich +meint — ist schon seit längerer Zeit schwer +krank, und seine Frau — ein intrigantes, coquettes +Frauenzimmer — regiert indessen nach Herzenslust +und hat eine Masse nichtsnutziger Protégés, +die sie unter jeder Bedingung unterbringen <span class="wide">will</span> +und unterbringt. So schickte sie mir vor sechs +Monaten einen Kerl hieher — ich habe keinen +andern Namen dafür — der das Land vermessen +sollte, und nicht mehr davon verstand wie der +Junge da. Glücklicher Weise faßte ich gleich Verdacht, +paßte ihm auf und jagte ihn, wie ich +merkte was an ihm war, wieder zum Teufel; er +hätte uns sonst hier eine Heidenverwirrung angerichtet. +Die Frau Präsidentin ist aber natürlich +jetzt wüthend auf mich.«</p> + +<p>»Und leidet das die Regierung in Rio?«</p> + +<p>»Lieber Gott, einesteils erfährt sie nie den +wahren Thatbestand, und dann ist es auch wirklich +für sie schwer, gegen einen einmal eingesetzten +höhern Beamten ernstlich einzuschreiten, so lange +nicht directe Anklagen vorliegen. Jetzt verklagen +Sie aber einmal von der Colonie Santa Clara +aus den Präsidenten, der in Santa Catharina +sitzt, oben in Rio de Janeiro — die Geschichte +wäre gleich von vorn herein so weitläufig, daß +man sie doch in Verzweiflung aufgeben würde, +wenn man auch wirklich hoffen dürfte Etwas +auszurichten — was man aber außerdem <span class="wide">nicht</span> +darf. Doch unsere Suppe wird wahrhaftig kalt +und die Kathrine nachher böse — also vor allen +Dingen zum Essen« — und Könnern's Arm ergreifend, +führte er ihn rasch der eigenen Wohnung zu.</p> + +<p>Unterwegs hielten sich die Beiden auch nicht +auf. Nur ein einziges Mal blieb Könnern stehen, +und den Arm gegen einen der kleinen Hügel +ausstreckend, sagte er:</p> + +<p>»So viel ist sicher, nur der Deutsche und der +Engländer — vielleicht auch noch der Holländer — +hat den richtigen Sinn für eine nicht allein +bequeme, sondern auch freundliche Umgebung seiner +Heimath, baut sich sein Nest in Büsche und Blüthen +hinein und pflanzt Rosen vor seine Thür, während +besonders der Amerikaner höchstens einen +Gemüsegarten daneben dulden würde. Sehen +Sie nur, was für ein wunderbar romantisches +Plätzchen sich jener Ansiedler wieder gewählt hat, +dessen kleines Haus nur eben aus dem dunklen +Grün der Büsche auf jenem Hügel da drüben +herausblinzt.«</p> + +<p>»Ah, Sie meinen unseres Einsiedlers Villa,« +lächelte der Director; »die Aussicht von seinem +Hause aus hat er übrigens ganz zufällig bekommen, +denn eine Palmengruppe verdeckte den Platz +so vollständig, daß man von unten aus keine +Ahnung hatte, dort oben sei eine menschliche +Wohnung. Neulich nun warf der Sturm die +kleinen Palmen um und das Haus bekam dadurch, +wahrscheinlich vollkommen gegen den Willen seines +Eigenthümers, eine reizende Aussicht.«</p> + +<p>»Gegen seinen Willen?«</p> + +<p>»Ich glaube, ja. Der Mann heißt Meier und +lebt mit Frau und Tochter, einem jungen Gärtner +und einer alten Dienstmagd, die sie hier angenommen, +fast ganz abgeschieden von der Colonie und verkehrt +fast mit Niemandem. Jammerschade noch dazu, +denn das wäre in der That eine Familie, mit der +man einen angenehmen Umgang haben <span class="wide">könnte</span>; +aber man darf sich doch auch nicht aufdrängen, und +da er mich, obgleich ich drei- oder viermal oben +bei ihm war, noch nicht ein einziges Mal wieder +besucht hat, so muß ich wohl annehmen, daß er +es lieber sieht, wenn ich <span class="wide">meine</span> Besuche <span class="wide">nicht</span> +wiederhole, und den Gefallen habe ich ihm denn +auch gethan. — Aber da sind wir — sehen Sie, +da oben steht die Kathrine schon am Treppenfenster +— ja, ja, Alte, wir kommen schon. Was so eine +alte Person für eine Tyrannei ausübt, wenn man +einmal ein paar Minuten zu spät zum Essen +kommt!«</p> + +<p> </p> +<hr class="narrow" /> +<h3><a name="kap_3" id="kap_3"></a>3.</h3> + +<h3>Bei der Frau Gräfin.</h3> + +<p>Die Frau Gräfin Baulen hatte des Directors +Haus etwas in Aufregung verlassen, und der Gedanke +daran, oder etwas Anderes auch vielleicht, +lag ihr schwer auf dem Herzen, als sie ihrer +eigenen Wohnung wieder zuschritt. Sie ging +wenigstens mit auf den Boden gehefteten Blicken +und erwiederte den Gruß etwa Begegnender nur +mit einer leisen Beugung des Kopfes, ohne zu +ihnen aufzusehen.</p> + +<p>So erreichte sie endlich das kleine freundliche +Gebäude, das, von einem Garten umschlossen, an +der äußersten Gränze der Ansiedelung lag, und +wollte eben dasselbe betreten, als die beiden Reiter, +ihr Sohn und ihre Tochter, wie sie durch den +ganzen Ort geflogen waren, mit donnernden Hufen +die Straße herabfegten, und dicht vor dem Hause +ihre Thiere so rasch herumwarfen, daß sie die alte +Dame fast gefährdet hätten.</p> + +<p>»Aber Helene, aber Oskar!« rief sie entsetzt, +indem sie rasch das Gartenthor zwischen sich und +die Pferde brachte — »Ihr reitet ja wie die +Wahnsinnigen, und seht gar nicht wohin Ihr +rennt! Daß Ihr die Thiere dabei ruinirt, scheint +Euch ebenfalls nicht im Mindesten zu kümmern!«</p> + +<p>»Nicht böse, Mütterchen, nicht böse,« lachte Helene, +indem sie den Hals ihres noch immer tanzenden +und courbettirenden Schimmels klopfte; +»Oskar behauptete aber, daß sein Rappe flüchtiger +wäre als meine Sylphide, und da habe ich ihm +eben das Gegentheil — aber, Sylphide — ruhig, +mein Herz, ruhig — wie wild sie nur geworden +ist, weil ich sie die beiden letzten Tage nicht geritten +habe!«</p> + +<p>»Du hattest von Anfang an einen Vorsprung,« +rief Oskar, »sonst wärest Du mir wahrhaftig nicht +vorgekommen; und dann verlor ich gleich beim +Abreiten einen von meinen Sporen, was mich +auch aufhielt.«</p> + +<p>»Einen von Deinen silbernen Sporen?« rief +die Frau Gräfin.</p> + +<p>»Ja — aber er wird sich schon wiederfinden,« +sagte der junge Bursche gleichgültig. — »Heh, +Gotthelf! Gotthelf! Wo der nichtsnutzige Schlingel +nun wieder steckt, daß er die Pferde nehmen könnte. +— Gotthelf!«</p> + +<p>»Ja — komme schon,« antwortete eine Stimme, +die dem ungeduldigen Rufe des jungen Mannes +in keineswegs entsprechender Eile zu sein schien.</p> + +<p>Gleich darauf schlenderte auch ein Bauernbursche, +dessen reines, grobleinenes Hemd allein +an ihm den Sonntag verkündete, beide Hände in +den Taschen, um die Hausecke und kam langsam +näher.</p> + +<p>»Na, Du fauler Strick, kannst die Beine wohl +nicht ein Bischen in die Hand nehmen?« rief +ihm der junge Graf entgegen — »es wird wahrhaftig +immer besser. Soll ich Dich etwa in Trab +bringen?«</p> + +<p>»Brrrrrr!« erwiederte Gotthelf mit unerschütterlicher +Ruhe, indem er seine Schritte nicht im +Geringsten beschleunigte; »gehen Sie nur nicht +durch, junger Herr, und machen Sie die Pferde +nicht scheu.«</p> + +<p>»Willst Du noch unverschämt werden, Halunke!« +rief der junge Graf in aufloderndem +Zorne, indem er seine Reitpeitsche fester packte +und hob. Gotthelf aber, nicht im Geringsten +dadurch eingeschüchtert, trat dicht zu dem Pferde +heran und sagte:</p> + +<p>»Na, so schlagen Sie doch! — Warum langen +Sie denn nicht zu? Mein Buckel wäre doch, dächt' +ich, breit genug.«</p> + +<p>Graf Oskar schlug aber nicht; der junge, allerdings +sehr breitschulterige Bauernjunge hatte heute +Etwas in seinem Auge, was ihm nicht gefiel. +Deshalb nur mit einer verächtlichen Kopfbewegung +aus dem Sattel steigend, sagte er, indem er Gotthelf +den Zügel hinreichte:</p> + +<p>»Da — ich will mich mit Dir nicht befassen. +Führe die Pferde herum und reibe sie nachher +trocken ab.«</p> + +<p>Gotthelf nahm aber nicht einmal seine Hände +aus den Taschen, und die beiden Pferde nach +einander betrachtend, sagte er kopfnickend:</p> + +<p>»Ja — Herumführen werden sie wohl brauchen, +denn geritten sind sie wieder, daß es eine +Schande ist; aber der Gotthelf wird Ihnen das +schwerlich besorgen, denn mit »Halunke« schimpfen +werden die Leute nicht fett, und wo es außerdem +weiter Nichts giebt, nicht einmal Lohn, da lohnt's +eben nicht, daß man sich die Nägel von den Fingern +arbeitet. Suchen Sie sich einen andern Gotthelf, +aber ich glaube kaum, daß Sie noch einen so dummen +finden, der Ihnen drei Monate nur der Ehre +wegen den Schuhputzer macht.« — Und sich damit +scharf auf dem Absatze herumdrehend, schlenderte +er wieder in's Haus zurück, ging auf sein +Zimmer, packte seine Sachen zusammen und verließ +eine halbe Stunde später in der That, ohne +ein weiteres Abschiedswort, die gräfliche Familie.</p> + +<p>»Das hast Du nun von Deiner Heftigkeit,« +sagte die Gräfin, drehte sich ab und schritt würdevoll +in das Haus hinein.</p> + +<p>Graf Oskar biß wüthend die Zähne zusammen +und hätte seinen Zorn gern an irgend Jemandem +ausgelassen; aber es war Niemand da, von dem +er vermuthen durfte, daß er es sich gefallen +lassen würde. Sein Sattel allein mußte es entgelten, +den er selber abschnallte und dann völlig +rücksichtslos über den Gartenzaun, mitten zwischen +die Blumen, hinwarf; — dann führte er sein Pferd +in die kleine Umzäunung, wo die Thiere gewöhnlich +gefüttert wurden, nahm ihm den Zaum dort +ab und ließ es laufen. Von Herumführen oder +Abreiben war keine Rede mehr.</p> + +<p>Comtesse Helene indessen war einigermaßen in +Verlegenheit, denn da sich ihr Bruder in seinem +Ingrimme gar nicht um sie bekümmerte, wußte sie +nicht gleich, wie sie aus dem Sattel kommen sollte. +Als sie den Kopf die Straße hinabdrehte, sah sie +einen jungen Mann dicht hinter sich, der stehen +geblieben war und sie betrachtet hatte. Unter +anderen Umständen würde sie auch kaum von ihm +Notiz genommen haben, denn trotz seiner anständigen +Kleidung sah er etwas verwildert aus, und +um das sonnengebräunte, von einem leichten, +schwarzgekräuselten Barte halb beschattete Gesicht +hingen ihm die langen, schwarzen Haare unordentlich +und wirr herab. Auch in den dunkeln Augen, +mit denen er das wirklich bildschöne Mädchen betrachtete, +lag ein eigenes, unheimliches Feuer, und +erst als ihr Blick auf dem seinen haftete, milderte +sich der Ausdruck in seinen Zügen.</p> + +<p>Es konnte ihm aber auch nicht entgangen sein, +daß sie Hülfe brauche — die Straße war außerdem, +als an einem Sonntag Nachmittage, fast +menschenleer, und sich ordentlich gewaltsam dazu +zwingend, trat er endlich näher, sah zu der Jungfrau +auf und sagte:</p> + +<p>»Erlauben Sie mir vielleicht, Ihnen meinen +Arm zu bieten?«</p> + +<p>Helene sah ihn im ersten Augenblicke mißtrauisch +an; sie war viel zu selbstständig aufgewachsen, +oder hatte sich vielmehr selber so erzogen, um +irgend Furcht vor einem fremden Manne zu zeigen, +aber ein gewisser Instinct warnte sie, sich Jemandem +zu irgend einem Danke zu verpflichten, der +damit vielleicht einmal Mißbrauch treiben könne. +Das Benehmen des Fremden war aber so achtungsvoll +und ehrerbietig, und das Anerbieten wurde +mit so viel natürlichem Anstande gemacht, daß sie +nach kaum secundelangem Zögern lächelnd die +Hand ausstreckte, sich auf den vorgehaltenen Arm +des Fremden stützte und leicht aus dem Sattel +sprang.</p> + +<p>Der Fremde hatte dabei zugleich den Zügel +des Pferdes in einer Art ergriffen, die deutlich +zeigte, daß er mit ihm umzugehen wisse, machte der +Comtesse, als sie glücklich unten angelangt war, +eine leichte Verbeugung, und führte dann das +durchaus erhitzte Thier zu dem nächsten Aste, an +dem er den Zügel befestigte und den Sattel nachher +durch Aufschnallen des Gurtes etwas lüftete. +Das Alles geschah rasch und anscheinend ohne die +geringste Anstrengung, und ehe Comtesse Helene +nur recht mit sich einig war, ob sie abwarten bis +sich der Fremde entfernt habe, oder lieber gleich +in das Haus gehen solle, war dieser schon fertig, +verbeugte sich wieder leicht gegen sie und wandte +sich dann rasch und ohne sich umzusehen die Straße +hinab, so daß sie ihm für seine Dienstleistung nicht +einmal danken konnte.</p> + +<p>Comtesse Helene war bei ihrem Range und +wirklich reizendem Äußern, noch dazu in der bescheidenen +Umgebung einer deutschen Kolonie, allerdings +daran gewöhnt worden, die Huldigungen +und Galanterien der jüngeren wie älteren Leute +als eine Art von Tribut fast gleichgültig hinzunehmen. +Die Aufmerksamkeit dieses wunderlichen +Fremden, der sich außerdem fast ängstlich jedem +nur möglichen Danke entzog, hatte aber doch etwas +so Eigenthümliches, daß sie, frappirt davon, auf +der Schwelle des Gartens stehen blieb und sich +erst in das Haus zurückzog, als ihr Bruder, eben +nicht in der besten Laune, zurückkam. Außerdem +läutete auch in diesem Augenblicke die Glocke oben, +welche zum Mittagessen rief, und sie durfte keine +Zeit versäumen, wenn sie noch ihr Reitkleid ablegen +und überhaupt ein wenig Toilette machen +wollte.</p> + +<p>In dem Wohnzimmer der Frau Gräfin Baulen +hatten sich indessen schon vor der Ankunft der +Wirthin zwei auf heute geladene Gäste eingefunden.</p> + +<p>Der Eine von ihnen war der nämliche Herr, +welcher Könnern und dem Director auf ihrem +Wege durch die Stadt begegnete: der ausgewanderte +Baron Jeorgy, den eine unglückliche romantische +Ader zu seinem jetzigen sehr großen Bedauern +nach Brasilien getrieben. Er hatte eine nicht unbedeutende +Summe Geldes mit herüber gebracht +und es in sechs Jahren möglich gemacht, den +größten Theil seines Kapitals nicht gerade durchzubringen, +aber doch auszugeben, was sich im Resultat +allerdings vollkommen gleich blieb.</p> + +<p>Der Andere war ein junger, erst kürzlich +herübergekommener Künstler, Namens Vollrath, +der einen Empfehlungsbrief an den Baron mitgebracht +hatte und dadurch auch bei der Frau Gräfin +eingeführt war. Er spielte mit der Comtesse manchmal +Clavier, aber die Frau Gräfin sah seinen Besuch nicht +gern. Er erwies nämlich Helenen mehr Aufmerksamkeit, +als ihrer Mutter lieb schien, und war +außerdem blutarm — aber so lange er sich in +seinen Schranken hielt, konnte man ihn eben nicht +zurückweisen. Die Frau Gräfin hatte indessen +schon ernsthaft mit ihrer Tochter über ihn gesprochen.</p> + +<p>Die Gräfin selber schien ihre Toilette schon +vor dem Ausgange gemacht zu haben; Oskar, obgleich +eben von dem scharfen und staubigen Ritte +zurückgekehrt, hielt es nicht der Mühe werth, des +Barons wegen die Wäsche zu wechseln — und der +Andere war ja nur ein Clavierspieler.</p> + +<p>Comtesse Helene dachte nicht so. Von dem wilden +Ritte war ihr reiches, schweres Haar gelöst und +in Unordnung gerathen; ihren Anzug mußte sie +ebenfalls wechseln, und da ihr dazu keine Kammerjungfer +zu Gebote stand, bedurfte sie einer länger +als gewöhnlichen Zeit, um sich der Gesellschaft, so +klein diese auch immer sein mochte, zu zeigen. +Oskar, überhaupt heute nicht in der besten Laune, +war entsetzlich ungeduldig geworden und hatte +den Klöppel der Klingel schon fast ausgeschlenkert, +um die, wie er glaubte, saumselige Schwester dadurch +etwas rascher herbeizurufen.</p> + +<p>Während Graf Oskar so im Zimmer herumlief +und seinem Ärger durch verschiedene Ungezogenheiten +Luft machte, die Gräfin mit dem Baron +Jeorgy an einem der Fenster stand, das eine +freundliche Aussicht über die Stadt gewährte, und +ein Beider Interessen sehr lebhaft in Anspruch +nehmendes Gespräch führte, hatte sich Vollrath an +das Instrument gesetzt und intonirte leise einige +Lieblings-Melodien Helenen's, theils im einfachen +getragenen Thema, theils in geschickt und künstlerisch +durchgeführten Variationen.</p> + +<p>»Es ist ein trauriges Land,« sagte endlich der Baron +mit einem tiefen Seufzer, indem er, ohne die Melodie +selber zu beachten, den Tact dazu unbewußt +auf dem Fenster trommelte — »ein sehr trauriges +Land, dieses ausgeschrieene Brasilien, und ich +fürchte fast, daß uns ein böser Stern an diese +Küste geführt hat, von der ich, aufrichtig gestanden, +gar kein rechtes Fortkommen mehr sehe. Ich +begreife wenigstens nicht recht, wie man in Europa +je, ohne die gehörigen Mittel, wieder standesgemäß +auftreten könnte.«</p> + +<p>»Sie dürfen den Muth nicht verlieren, Baron,« +bemerkte die in dieser Hinsicht viel resolutere Gräfin. +»Ich fange jetzt selber an einzusehen, daß wir alle +Beide doch möglicher Weise zu viel Standesvorurtheile +mit herüber gebracht haben, um das +Leben hier an der richtigen Stelle anzugreifen.«</p> + +<p>»Aber, beste Frau Gräfin….«</p> + +<p>»Ich sehe wenigstens eine Menge Menschen,« +fuhr die Gräfin fort, ohne die Unterbrechung gelten +zu lassen, »die nicht allein ihr Fortkommen auf +höchst geschickte Weise finden, sondern auch noch +Capital auf Capital zurücklegen, und es fällt mir +gar nicht ein, ihnen mehr Verstandeskräfte zuzutrauen, +als wir Beide auch besitzen, lieber Baron.«</p> + +<p>»Aber, beste Frau Gräfin,« beharrte der Baron, +»der Art Leute sind von Jugend an auf ihre Fäuste +angewiesen gewesen, und Sie wollen doch nicht +voraussetzen, daß wir Beide etwas Derartiges auch +nur annähernd leisten könnten?«</p> + +<p>»Ich denke gar nicht daran,« sagte die Gräfin +mit einem vornehmen Zurückwerfen des Kopfes; +»wo aber die rohe Kraft nicht ausreicht, da eben +muß der Geist des Menschen eintreten, die Intelligenz, +und wir finden es überall bestätigt, daß +die erstere, die rohe Kraft meine ich, immer nur +für die Speculation arbeitet, und diese eigentlich +den Nutzen von jener ärntet.«</p> + +<p>»Aber auch der Kaufmann braucht praktische +Erfahrung,« seufzte der Baron, der <span class="wide">seine</span> Erfahrung +schon außerordentlich theuer hatte bezahlen +müssen — »und wir sind Beide zu alt, die noch zu +lernen.«</p> + +<p>»Bah,« sagte die Frau Gräfin, den Kopf mit +Geringschätzung wiegend, »der Kaufmann ist nicht +der einzige Speculirende, auch der Fabrikant speculirt, +indem er sich weniger die Waaren als die +Kräfte der Menschen selber dienstbar macht.«</p> + +<p>»Aber, verehrte Frau Gräfin, Sie scheinen ganz +zu vergessen, daß auch dazu Capital gehört, ja, und +noch ein viel bedeutenderes Capital vielleicht, als +zu einer einfachen Spekulation in Kaufmannsgütern, +und wenn man das Letzte dann darauf +gesetzt hätte und es schlüge fehl — was dann? — +Denken Sie sich eine Existenz, selbst hier in einer +brasilianischen Colonie, ohne die Mittel zu leben +— denken Sie sich die Möglichkeit daß man +bei diesen frechen und übermüthig gewordenen +Bauern gezwungen sein sollte, ein Anlehen zu erheben; +es wäre fürchterlich!«</p> + +<p>Die Frau Gräfin schien nicht diese Angst vor +einer derartigen Calamität zu theilen, deren sogenannte +»Furchtbarkeit« sie außerdem schon erprobt +hatte, ohne daran zu sterben; aber der Baron +brauchte das gerade nicht zu wissen, und sie fuhr +wie überlegend fort: »Dafür ist aber auch dem +Menschen der Verstand gegeben, daß er ihn richtig +gebraucht und anwendet, und sollten die höheren +Stände mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln +nicht besonders da mehr bevorzugt sein, eine +größere und gediegenere Kraft in die Wagschale +zu werfen, als der rohe und ungebildete Bauer es +im Stande wäre?«</p> + +<p>»Der rohe und ungebildete Bauer,« erwiederte der +Baron achselzuckend, »hat von dem Schöpfer eine +Art von Instinct bekommen, der gerade da anfängt, +wo sein Verstand aufhört, und mit oft unbewußter +Benutzung desselben macht er zu Zeiten die erstaunlichsten +und unbegreiflichsten Dinge möglich.«</p> + +<p>»Sie sind eingeschüchtert, lieber Baron,« sagte +die Gräfin lächelnd, indem sie ihre Hand auf seinen +Arm legte.</p> + +<p>»Und habe alle Ursache dazu,« seufzte der +Baron.</p> + +<p>»Sie haben durch eine Reihe von widrigen +Zufälligkeiten nicht unbedeutende Verluste erlitten,« +fuhr die Gräfin fort, »das hat Sie kopfscheu gemacht +— Oskar, ich bitte Dich um Gottes Willen, +laß das furchtbare Getöse mit der Glocke, ich werde +wahrhaftig noch ganz nervös —, verlieren Sie +jetzt den Muth, so ist Alles verloren, unwiederbringlich. +Bewahren Sie sich aber die Elasticität +Ihres Geistes, so können Sie mit Einem Schlage +alles Verlorene nicht allein wieder einbringen, +sondern auch verdoppeln, ja, vielleicht verdreifachen.«</p> + +<p>»Das ist eben was ich bezweifle,« versicherte +der Baron; »aber, verehrte Frau, <span class="wide">haben</span> Sie +vielleicht einen Plan, denn Ihr ganzes Benehmen +scheint mir nach einem gewissen Ziele hinzustreben +— und wollen Sie mich zu Ihrem Vertrauten +machen, so könnte ich Ihnen, wenn auch möglicher +Weise mit weiter Nichts, doch vielleicht mit gutem +Rathe zur Seite stehen, der oft in nur zu vielen +Fällen die Stelle des Capitals vertritt.«</p> + +<p>»Ich habe allerdings einen Plan,« erwiederte +die Gräfin, »der aber schon so weit gediehen ist, +daß er des Raths kaum mehr bedarf, denn er basirt +auf Thatsachen, auf Zahlen, auf genauer Kenntniß +der Grundlagen. <span class="wide">Wenn</span> ihn deshalb noch +Etwas fördern kann, so ist es einzig und allein +<span class="wide">Capital</span>. Doch davon später, lieber Baron, +denn ich höre eben meine Tochter kommen, und +Oskar entwickelt heute eine so liebenswürdige Ungeduld, +daß wir das Essen nicht länger warten +lassen dürfen.«</p> + +<p>Der Baron war zu viel Weltmann, um seiner +eigenen Ansicht über »Oskar's Ungeduld« einen +selbstständigen Ausdruck zu geben. Er machte deshalb +nur eine stumme Verbeugung gegen die +Gräfin, reichte ihr dann den Arm und führte sie, +wie in seinen schönsten Tagen daheim, die drei +Schritte bis zu dem einfachen Tannentische. Über +diesen war aber ein kostbares Damasttuch gebreitet, +auf dem neben den weißen Steinguttellern +schwere englische Löffel und Gabeln lagen, die im +Besitze einer Gräfin recht gut für echtes Silber +angesehen werden konnten.</p> + +<p>Comtesse Helene betrat in diesem Augenblicke +das Zimmer, und Vollrath hatte sein Spiel beendet +und das Instrument geschlossen.</p> + +<p>Helene war wirklich ein schönes Mädchen von +nicht zu hohem, aber schlankem und üppigem +Wuchse, mit vollem, fast goldblondem Haare und +dabei dunkeln, brennenden Augen, einem verführerischen +Grübchen im Kinn, und Hand und Arm +vollkommen makellos. Das festanschließende, lichtgraue +Kleid von allerdings nur einfach wollenem +Stoffe hob ihre Büste so viel mehr hervor, während +die selbst schon hierher gedrungene Crinoline +nur dann und wann einer kleinen, sehr zierlichen +Fußspitze gestattete, an's Tageslicht zu kommen.</p> + +<p>»Das gnädige Fräulein sind heute wieder einmal +gar nicht fertig geworden,« empfing sie Oskar, +dessen Laune dadurch nicht gebessert schien, daß +Niemand weiter Notiz von ihm genommen. Helene +beachtete aber auch den Vorwurf nicht, begrüßte +ziemlich förmlich den Baron, nickte Vollrath freundlich +zu, und ging dann, ehe dieser mit sich einig +geworden schien, ob er ihr den Arm bieten solle +oder nicht, rasch zu ihrem Platze am Tische, an +dem sie sich, mit einladender Bewegung für die +Übrigen, zuerst niederließ.</p> + +<p>Das Diner war so einfach, wie es das Leben +in einer solchen Colonie und die Arbeit einer +einzelnen Köchin, die zugleich alle anderen Hausdienste +verrichten mußte, mit sich bringt: Suppe, +ein Braten mit zweierlei Gemüse und etwas eingekochtem +Obste, und zum Dessert die vortrefflichen +Orangen und Granatäpfel des Landes.</p> + +<p>Niemand machte hier auch größere Ansprüche, +oder war an Weiteres gewöhnt, und das Gespräch +drehte sich während der Tafel hauptsächlich um die +neuerwarteten Einwanderer, da sich das Gerücht +über deren Ankunft schon durch die ganze Colonie +verbreitet hatte. Ist es doch auch immer ein +Moment für solche Ansiedelung, einen neuen Zuschuß +von Fremden zu bekommen, von denen ein +kleiner Theil stets in der Stadt selber bleibt und +vielleicht einen neuen Umgang bilden kann, denn +bekannt wird man ja natürlich mit Allen.</p> + +<p>Nur Vollrath, der neben Helenen saß, war still +und einsilbig, und schien sich nicht einmal für +Oskar's Ansichten, die dieser über brasilianische +Pferde entwickelte, zu interessiren; Oskar sprach +überhaupt <span class="wide">nur</span> über Pferde.</p> + +<p>Das Diner ging so vorüber — Oskar plauderte +in Einem fort, ob ihm Jemand zuhörte oder nicht +— der Baron und die Gräfin, in deren Gespräch +sich Helene nur manchmal mischte, unterhielten +sich lebendig, und nur Vollrath schwieg hartnäckig +still. Ein paar Mal schien er freilich den Mund +öffnen zu wollen — aber es blieb eben immer nur +bei dem Versuch, und Helenen war es nicht entgangen, +daß er irgend Etwas auf dem Herzen +trage, was ihn beenge — wußte sie was es war? +Aber so unbefangen sie sich stets gegen ihn gezeigt, +so unbefangen blieb sie auch heute, und als das +Diner beendet und die kleine Gesellschaft in den +Garten gegangen war, legte sie ruhig und lächelnd +ihren Arm in den seinen und sagte: »Kommen +Sie, Herr Vollrath, wir wollen ein Wenig auf +und ab gehen. — Oskar ist heute unausstehlich, +weil ich ihm in unserem Wettrennen vorgekommen +bin, und Mama hat, wie es scheint, mit dem +alten steifen Baron eine so hochwichtige Besprechung, +daß sie alles Andere, was um sie her vorgeht, zu +vergessen scheinen.«</p> + +<p>Vollrath schoß das Blut in Strömen in's Gesicht, +aber er verbeugte sich leicht, nahm den Arm +und schritt mit der jungen Schönen den Garten +entlang. Helenen aber genügte der beschränkte +Raum heute nicht: war es die Aufregung des +scharfen Rittes, war es der Ärger über den +Bruder, kurz, sie stieß die kurze Gartenpforte auf, +die an dieser Seite gerade nach den zu einer Art +von Promenade umgewandelten Büschen hinausführte, +und wanderte langsam mit ihrem Begleiter +den schmalen Weg entlang, der, immer in Sicht +der Häuser, sich fast um die Ansiedlung schlängelte.</p> + +<p>Oskar hatte sich in die Laube auf eine Bank +gelegt und rauchte, ein Bein über das andere gelegt, +seine Cigarre, und die Gräfin ging mit dem +Baron wieder in eifrigem Gespräche im Garten +auf und ab.</p> + +<p>»Aber, verehrte Frau,« sagte der Baron jetzt, +»Sie rücken noch immer nicht mit Ihrem Projecte +heraus. Sie reden nur fortwährend von glänzenden, +sorgenfreien Aussichten, von Rückkehr in die +Heimath, von — ich weiß selber kaum was, und +den eigentlichen Kern dieser Frucht halten Sie im +Dunkel. Sie glauben doch sicher nicht, daß ich +einen Mißbrauch damit treiben und als Ihr Concurrent +in irgend einer glücklichen Speculation +auftreten könnte?«</p> + +<p>»Mein lieber Baron — nein, das nicht,« sagte +die Gräfin nach einigem Zögern, »und ich habe +auch den Entschluß jetzt gefaßt, Sie zu meinem +Vertrauten zu machen — vielleicht werden wir +doch noch Compagnons,« lächelte sie dazu.</p> + +<p>»Ich bin auf das Äußerste gespannt,« sagte der +Baron.</p> + +<p>»Sie müssen bemerkt haben,« fuhr die Gräfin +fort, »daß mir sowohl wie Helenen eine Beschäftigung +in diesem Lande fehlt.«</p> + +<p>Des Barons Blick suchte unwillkürlich die +junge Dame, die er gerade noch durch eine Lücke +der Bäume mit ihrem Begleiter erkennen konnte.</p> + +<p>»Helene besonders,« fuhr die Gräfin fort, +»hat mich schon lange gebeten, eine leichte Arbeit +aufzufinden, mit der sie die langen Tage besser +hinbringen könne, denn immer Lesen und Clavierspielen +geht ja doch auch nicht, noch dazu in einer +so prosaischen und sogenannten praktischen Umgebung, +wie die ist, in der wir uns befinden.«</p> + +<p>»Ich werde immer gespannter,« versicherte der +Baron, und er hatte die Augenbrauen schon bis +unter den Hut hinaufgezogen.</p> + +<p>»Wenn man nun unter so <span class="wide">praktischen</span> +Leuten fortwährend lebt,« lächelte die Gräfin, +»so ist es wohl ganz natürlich, daß ein klein +Wenig davon auch an unserer Natur hangen +bleibt, und ich habe denn auch schon das ganze +letzte Jahr nach der und jener Seite hinüber gehorcht, +an was man im rechten Augenblicke und +mit den rechten Mitteln die Hand legen könnte +— ich glaube, ich habe jetzt gefunden was ich +suchte.«</p> + +<p>»Sie hätten wirklich?«</p> + +<p>»Ich habe gefunden und außerdem die genauesten +Erkundigungen deshalb eingezogen,« fuhr +die Gräfin fort, »daß hier im Lande eine ganz +enorme Quantität von <span class="wide">Cigarren</span> verbraucht +wird, die man sämmtlich mit einem, zu den Kosten +des Rohtabaks in gar keinem Verhältnisse stehenden +hohen Preise bezahlt.«</p> + +<p>»<span class="wide">Cigarren?</span>« fragte der Baron erstaunt.</p> + +<p>»Nun sind gerade gegenwärtig eine Menge +junger Leute hier in der Colonie — und es werden +mit dem Schiffe noch mehr erwartet — von +denen viele, besonders alle aus Bremen stammende, +Cigarren zu drehen verstehen. Hier auf +diesem Zettel finden Sie außerdem den Preis +guten Blättertabaks genau zusammengestellt, eben +so die Löhne für die Fabrikarbeiter, die nach dem +Hundert oder Tausend bezahlt werden. Eine Cigarre +nur einigermaßen guten Tabaks ist aber +hier nicht unter zwanzig Reis das Stück zu bekommen, +und nun berechnen Sie selber, welcher +enorme Nutzen dem Fabrik<span class="wide">herrn</span> werden muß, +wenn die Sache nur ein klein Wenig in's Große +getrieben wird.«</p> + +<p>»Hm,« sagte der Baron, der aber doch nur +einen flüchtigen und zerstreuten Blick über das +Papier warf, »und mit etwas Derartigem wollten +Sie sich befassen?«</p> + +<p>»Und warum denn nicht?« sagte die Frau +Gräfin, indem sie einer leichten Verlegenheit +Meister zu werden suchte. »Wir müssen in der +That eine Art von Beschäftigung haben, wenn +wir hier nicht vor Langerweile sterben sollen, und +Helene sehnt sich so danach, ja selbst Oskar, der +jetzt vor lauter Muthwillen gar nicht weiß, was +er für Tollheiten angeben soll.«</p> + +<p>Der Baron Jeorgy war in der That Nichts +weniger auf der Welt als ein praktischer Charakter, +der auf einen gewissen Überblick Anspruch +machen konnte, um wirklich Ausführbares von +bloßen Chimären zu unterscheiden. Hatte er aber +schon zu viele bittere Erfahrungen mit ähnlichen +Projecten gehabt, oder war es ihm vollkommen +unmöglich, sich die Comtesse Helene und den +jungen wilden Grafen Oskar als ehrbare Cigarrenmacher +zu denken, aber er schüttelte doch ganz +ernsthaft und bedenklich mit dem Kopfe und sagte:</p> + +<p>»Aber, gnädigste Frau Gräfin, haben Sie sich +denn die Sache wirklich schon recht genau überlegt, +und vermuthen Sie, daß Sie einen, alle dem +Ärger und der Schererei entsprechenden Nutzen +daraus ziehen könnten?«</p> + +<p>»Mein lieber Baron,« erwiederte die Gräfin +lebhaft, »das können Sie sich doch wohl denken, +daß ich ein solches Unternehmen nicht entriren +würde, wenn ich mich nicht vorher gründlich damit +bekannt gemacht. Helene brennt ordentlich +darauf zu beginnen, und Oskar selber hat versichert, +daß es ihm ungeheuren Spaß machen +würde, selber Cigarren zu drehen.«</p> + +<p>»So? In der That? Hm! Und haben die beiden +jungen Herrschaften also darin schon einen +Versuch gemacht?«</p> + +<p>»Jetzt schon — wo denken Sie hin?« lachte +die Gräfin. »Das <span class="wide">selber</span> Cigarren machen muß +doch auch immer nur Nebenbeschäftigung bleiben, +wenn es vielmehr darauf ankommt, eine große +Anzahl von Arbeitern zu überwachen. Aber es +ist nöthig, daß es Jeder von uns versteht, um etwa +vorkommende Fehler andeuten und rügen zu können, +und deshalb wollen wir auch Alle ordentlich +mit zugreifen.«</p> + +<p>Der Baron, die Hände auf den Rücken gelegt, +nickte langsam und bedächtig mit dem Kopfe, +und manchmal schüttelte er ihn auch ganz in Gedanken, +aber er sagte kein Wort. Es entstand +dadurch für die Gräfin eine etwas peinliche Pause, +denn sie hatte erwartet, daß der Baron die Enthüllung +dieses Planes mit mehr Enthusiasmus +aufnehmen würde. Der Baron blieb aber vollkommen +kalt, und schien nicht die geringste Lust zu +haben auch nur eine Bemerkung zu machen.</p> + +<p>»Und was sagen Sie dazu?« unterbrach endlich +die Gräfin das ihr lästig werdende Schweigen. — +Der Baron zuckte die Achseln.</p> + +<p>»Ja, lieber Gott, was <span class="wide">kann</span> ich dazu sagen? +Ich verstehe nicht das Geringste von Tabak oder +Cigarren, das ausgenommen, daß ich beim Rauchen +eine gute von einer schlechten unterscheiden kann. +Wenn Sie aber fest dazu entschlossen sind und das +nöthige Capital dazu besitzen, so — weiß ich in der +That nicht….«</p> + +<p>»Aber <span class="wide">das</span> gerade hab' ich noch nicht,« unterbrach +ihn die Gräfin etwas gereizt, »wenigstens nicht in +diesem Augenblicke, und meine Ungeduld, die mich +jeden neu gefaßten Plan mit voller Energie ergreifen +läßt, war die alleinige Veranlassung, daß +ich <span class="wide">Ihnen</span> Gelegenheit gab, sich bei dem Unternehmen +zu betheiligen. Sie zweifeln doch nicht +etwa an dem Erfolg?«</p> + +<p>»Beste Frau Gräfin,« betheuerte der Baron, +der, stets voller Rücksichtsnahmen, schon vor der +Idee eines Widerspruches zurückschreckte; »ich +erlaube mir nicht im Geringsten daran zu zweifeln, +und hoffe von ganzer Seele, daß Sie ein außergewöhnlich +günstiges Resultat erzielen werden, aber —«</p> + +<p>»Aber?«</p> + +<p>»Aber,« fuhr der Baron, sich verlegen die Hände +reibend, fort, — »ich besitze kein Capital, um mich +dabei zu betheiligen.«</p> + +<p>»Sie besitzen kein Capital?« sagte die Gräfin +erstaunt.</p> + +<p>»Ich besitze allerdings ein kleines«, verbesserte +sich der Baron, »was ich aus dem Verkaufe meiner +Chagra und meines Viehes, besonders meiner +Pferde, gelöst habe, aber ich brauche das nothwendig +zu meinem unmittelbaren Leben, und +wenn ich dasselbe angreife, bin ich am Ende genöthigt, +mir noch auf meine alten Tage mein +Brod mit Handarbeit zu verdienen.«</p> + +<p>»Und glauben Sie nicht, daß Sie das Drei-, +ja, vielleicht Vierfache ihrer <span class="wide">jetzigen</span> Zinsen bei +einem solchen Unternehmen herausschlagen könnten?« +lächelte die Gräfin.</p> + +<p>Der Baron hätte um sein Leben gern »Nein« +gesagt, aber er riskirte es nicht; die etwas hitzige +Gräfin hätte sich beleidigt fühlen können, und er +erwiederte nur achselzuckend:</p> + +<p>»Ich bin zu alt zur Speculation, meine Gnädigste, +und — außerdem ist mir die Sache auch +wirklich noch zu neu — zu fremd — es kam mir +zu überraschend. Gestatten Sie mir, daß ich mich +vorher ein Wenig informire, und wir können ja +dann später mit Muße darüber sprechen.«</p> + +<p>»Aber die Zeit drängt, mein bester Baron,« +versicherte die Gräfin; »ich habe die nicht unbegründete +Vermuthung, daß sich Andere mit einer +ähnlichen Idee tragen, und es ist in der That +seltsam, daß ein solches auf der Hand liegendes +Unternehmen nicht schon lange mit Begierde aufgegriffen +ist. Was also geschehen soll, muß rasch geschehen. +Ich habe dabei von Anfang an auf Sie +gerechnet, da ich Sie als alten, lieben Freund +meines Hauses kannte, und ich hoffe nicht, daß +Sie mich jetzt im Stiche lassen werden.«</p> + +<p>Dem Baron kam es allerdings etwas wunderlich +vor, daß die Frau Gräfin gerade auf <span class="wide">ihn</span> +von Anfang an gerechnet haben sollte, während +sie ihn erst im letzten entscheidenden Augenblicke +davon in Kenntniß setzte. So groß seine Höflichkeit +aber auch sein mochte, der Trieb zur Selbsterhaltung +war doch noch größer, und mit viel +mehr Entschiedenheit, als er bis jetzt gezeigt und +überhaupt der Gräfin gegenüber für möglich gehalten +hätte, sagte er, indem er seine Tabaksdose +in allen Taschen suchte:</p> + +<p>»Man soll eine Dame nie im Stiche lassen, +meine Gnädigste, aber — ich bitte tausendmal +meiner Hartnäckigkeit wegen um Entschuldigung — +ich muß doch darauf bestehen, vor allen Dingen +mir eine größere Kenntniß über den Betrieb dieser +Angelegenheit zu verschaffen. Apropos — +sollte sich der Director Sarno nicht am Ende bewogen +finden, ein so gemeinnütziges Unternehmen +aus Regierungsmitteln zu fördern?«</p> + +<p>Ein ganz eigener Ausdruck von Zorn und +Verachtung zuckte um die Lippen der Dame, als +sie erwiederte:</p> + +<p>»Ja, wenn ihm Einer der Bauern den Vorschlag +gemacht hätte.«</p> + +<p>»So haben Sie schon mit ihm darüber gesprochen?« +rief der Baron, von dieser Wendung +sichtlich überrascht.</p> + +<p>Die Gräfin hatte sich in ihrem Unmuthe verleiten +lassen, mehr zu sagen als sie eigentlich wollte. +Was noch gut zu machen war, that sie.</p> + +<p>»Fällt mir nicht ein,« sagte sie wegwerfend; +»der Herr Director und ich stehen nicht auf einem +so freundschaftlichen Fuße zusammen, ihm eine +solche Mittheilung zu machen, und ich werde mich +hüten, mit der brasilianischen Regierung etwas +Derartiges zu beginnen, die mir vielleicht fünfzehn +oder zwanzig Procent für meine Mühe ließe. +Doch Sie verlangen Zeit, mein lieber, ängstlicher +Freund, und sein Sie versichert, daß ich Sie +nicht drängen möchte. Überlegen Sie sich also +die Sache, sagen Sie mir aber bis spätestens morgen +früh Antwort, oder« — setzte sie hinzu, indem +sie lächelnd mit dem Finger drohte — »ich halte +mich an kein Versprechen mehr gebunden, und sehe +mich nach einem andern Compagnon um.«</p> + +<p>Der Baron machte eine stumme, dankende +Verbeugung, schien aber von dieser directen +Drohung keineswegs so eingeschüchtert, wie es die +Wichtigkeit der Sache hätte sollen vermuthen lassen. +In diesem Augenblicke bekam er aber auch Succurs, +denn ihr Gespräch wurde durch jenes wunderliche +Individuum, Jeremias, unterbrochen, der +plötzlich in den Garten kam, ohne Weiteres auf +die Frau Gräfin und den Baron zuging, und +Beiden, ehe sie es verhindern konnten, auf das +Cordialste die Hand schüttelte. Oskar, der Zeuge +dieser Scene war, lag noch immer in der Laube +auf der Bank und wollte sich jetzt ausschütten vor +Lachen.</p> + +<p>Oskar war auch in der That die eigentliche +Ursache dieser plötzlichen Begrüßung gewesen, denn +während er in der Laube seine Siesta hielt, da +ihn die Projecte der Frau Mutter wenig interessirten, +hatte er nur über seinen heutigen Verlust, +den Pferdejungen, nachgedacht, der sich auf so +grobe Weise empfohlen, und dabei hin und her +überlegt, wie er denselben wohl ersetzen könne. +Da ging Jeremias, ebenfalls auf einem Sonntag-Nachmittag-Spaziergange +begriffen, an der Laube +vorüber, und Oskar, der den sonderbaren Burschen +schon kannte, und sich oft über ihn amüsirt hatte, +glaubte in ihm einen passenden Ersatz gefunden +zu haben und rief ihn auch ohne Weiteres an und +herein.</p> + +<p>»Guten Tag, Frau Gräfin,« sagte Jeremias +indessen, durch das etwas erstaunte Zurückfahren +der Dame nicht im Mindesten beirrt — »schönen +guten Tag, Herr Baron — prächtiges Wetter +heute — wie bei uns im Sommer — nur ein +Bißchen heiß — Herr Gott, wie man schwitzt!«</p> + +<p>»Und was wollen Sie?« fragte die Gräfin, wie +in Gedanken die eben erfaßte Hand mit ihrem +Batisttuche abwischend. Jeremias war das auch +nicht entgangen; er betrachtete ebenfalls seine eigenen +arbeitharten Fäuste, und sein Gesicht verzog +sich zu einem breiten Grinsen. Aber er nahm +weiter keine Notiz davon, sondern sagte nur, freundlich +ihr zunickend:</p> + +<p>»Der junge Herr da hinten hat mich gerufen; +will einmal zu ihm gehen und sehen, was er +wünscht — amüsiren Sie sich gut« — und mit +einer Art von Kratzfuß drückte er den Hut wieder +in die Stirn und wandte sich dorthin, wo Oskar +schon wieder sein: »Jeremias, hieher!« herüber +rief.</p> + +<p>»Hat ihm schon,« antwortete Jeremias, als er +in die Laube trat, sich ohne Weiteres auf die andere +Bank setzte und vergnügt mit den kurzen +Beinen schlenkerte; »hier ist's hübsch kühl; wenn +man jetzt hier ein Maß baierisch Bier und einen +Handkäs hätte, könnte man's eine ganze lange +Weile aushalten.«</p> + +<p>Oskar hatte sich das Benehmen eines künftigen +Pferdejungen wahrscheinlich anders gedacht; mit +den Sonderbarkeiten des Burschen aber schon bekannt, +beachtete er es nicht weiter und fragte ohne +Umschweife:</p> + +<p>»Willst Du Geld verdienen, Jeremias?«</p> + +<p>»Immer,« lautete die kurze bündige Antwort.</p> + +<p>»Kannst Du Pferde warten?«</p> + +<p>»Kann ich.« sagte Jeremias im Selbstvertrauen.</p> + +<p>»Und wie viel verlangst Du monatlich?«</p> + +<p>»Hm,« meinte der Bursche, den brennend +rothen Schopf kratzend, der sich jetzt, als er dazu +den Hut abnahm, als eine alte, ziemlich abgetragene +Perrücke auswies, »je mehr, je besser — +was lohnt's denn eigentlich?«</p> + +<p>»Sechs Milreis.«</p> + +<p>»Und sonst noch was?«</p> + +<p>»Stiefelputzen —«</p> + +<p>»Ne, so mein' ich's nicht,« sagte Jeremias, +»ob noch sonst etwas bei den sechs Milreis wäre, +wie Schnaps, Frühstück, Trinkgeld oder dergleichen.«</p> + +<p>»Wenn Du Dich gut hältst, gewiß,« sagte der +junge Graf.</p> + +<p>Jeremias schob beide Hände, so tief er sie +bekommen konnte, in seine Hosentaschen und spitzte +den Mund, als ob er ein Liedchen pfeifen wolle. +Er pfiff aber nicht, sondern sah nur nachdenklich +vor sich nieder. Endlich sagte er nach einer kleinen +Pause, indem er die Hände wieder aus den Taschen +nahm und seine Perrücke zurecht schob:</p> + +<p>»Na, ich will Ihnen etwas sagen, junger Herr, +wir wollen's einmal einen Monat zusammen versuchen, +wöchentliche Kündigung natürlich von +beiden Theilen, wenn ich <span class="wide">Ihnen</span> nicht gefallen +sollte oder Sie <span class="wide">mir</span> nicht — außerdem gegenseitige +Hochachtung und ein Milreis Handgeld — sind +Sie das zufrieden?« — und er hielt dabei +Oskar die Hand in so drolliger Weise zum Einschlagen +hin, daß der junge Bursche, der bei Erwähnung +des Milreis Handgeld einen Augenblick +gestutzt hatte, lachend einschlug und ausrief:</p> + +<p>»Gut, Jeremias, so wollen wir es denn, wie +Du sagst, einmal zusammen versuchen — hier ist +Dein Milreis, und nun beginne Dein Geschäft +gleich damit, daß Du vor das Haus gehst und +das dort stehende Pferd meiner Schwester hereinführst +und absattelst.«</p> + +<p>»Donnerwetter, das geht geschwind!« meinte +Jeremias, »und eigentlich wäre heute Sonntag. +Das arme Thier kann aber auch nicht da draußen +stehen bleiben — also, junger Herr, wir sind jetzt +für einen Monat mit einander zusammengegeben, +wie der Pfarrer sagt.«</p> + +<p>Dabei nahm er das Milreisstück, betrachtete +es einen Moment aufmerksam, schob es dann in +die Tasche, machte eine kurze, nicht ungeschickte +Verbeugung und verließ rasch den Garten, um +den überkommenen ersten Auftrag auszuführen.</p> + +<p>Aber auch der Baron hatte diese kleine, ihm +sehr gelegene Unterbrechung benutzt, dem ihm unangenehm +werdenden Gespräche mit der Gräfin +eine andere Wendung zu geben, und als jetzt +auch die Comtesse zurückkehrte, die Vollrath aber +nur bis an die Gartenthür begleitete und sich dann +empfahl, schützte er plötzliches Kopfweh vor und +beurlaubte sich ebenfalls mit der gewohnten Förmlichkeit +bei den Damen.</p> + +<p>Die Gräfin hatte indessen Vollrath ankommen +und wieder gehen sehen, und wenn sich ihr Geist +auch gerade mit ganz anderen Dingen beschäftigte, +war ihr doch das auffallend bleiche und niedergedrückte +Aussehen des jungen Mannes nicht entgangen. +Sie warf einen forschenden Blick auf ihre +Tochter, aber Helenens Antlitz, wenn ihre Augen +auch einen ganz ungewohnten Glanz hatten, verrieth +durch Nichts einen in ihr aufsteigenden, +plötzlichen Verdacht. Nur, als das junge Mädchen +den Kopf abwandte — vielleicht um ihr +Antlitz dem mißtrauischen Auge der Mutter zu +entziehen — und sich dem Hause zuwandte, sagte die +Dame leise:</p> + +<p>»Helene!«</p> + +<p>»Mutter?« fragte die Tochter und wandte sich +halb nach ihr um.</p> + +<p>»Was ist denn mit Vollrath vorgegangen? +Er hatte, als er Dich verließ, keinen Blutstropfen +in seinem Gesichte.«</p> + +<p>»Wirklich nicht? Ich habe es nicht beachtet.«</p> + +<p>»Und Du bist auch so sonderbar.«</p> + +<p>»Ich, Mutter?«</p> + +<p>»Ja — Du — Helene, ich will nicht hoffen, +daß Du….«</p> + +<p>»Was, Mutter?« sagte Helene, und ihr Auge +haftete kalt und ernst auf den strengen Zügen +derselben.</p> + +<p>»Es ist gut, mein Kind,« sagte die Gräfin, die +sie einen Moment aufmerksam betrachtet hatte. +»Ich glaube, ich kann mich fest auf Dich verlassen, +und Du bedarfst keiner Wächterin.«</p> + +<p>»Ich denke nicht, Mutter,« sagte Helene, indem +ein leichtes zorniges Roth ihre Wangen +färbte. Dann wandte sie den Kopf wieder ab +und schritt, ohne der Mutter Gelegenheit zu +weiteren Fragen zu geben, rasch in das Haus +hinein und hinauf in ihr Zimmer, wo sie sich +einschloß und an dem Abend nicht mehr zum Vorschein +kam.</p> + +<p> </p> +<hr class="narrow" /> +<h3><a name="kap_4" id="kap_4"></a>4.</h3> + +<h3>Die »Meierei«.</h3> + +<p>Dicht über der Colonie Santa Clara, wenn +man in gerader Richtung eben hätte hinauf kommen +können, aber durch einen ziemlich steilen Hang, +an dem nicht einmal ein Fußsteig empor führte, +davon getrennt, lag die Wohnung des Colonisten +Meier, den der Director gegen Könnern +den <span class="wide">Einsiedler</span> genannt hatte. Allerdings lief +ein Fahrweg bis dicht an seine kleine, wenig bebaute +Chagra, aber er wurde nicht häufig benutzt, +da er nur zu sehr entfernten Ansiedelungen führte, +und die Bewohner der »Meierei« — wie man +den Platz scherzweise genannt hatte — kamen nie +selber in die Colonie hinab. Insbesondere der +Eigenthümer, der alte Herr Meier, hielt sich so +von der Welt abgeschlossen, daß es eine Menge +älterer Ansiedler in Santa Clara gab, die sich gar +nicht erinnerten, sein Gesicht je gesehen zu haben.</p> + +<p>Auffallend war dabei, daß er nie Briefe empfing +oder schrieb, und doch mußte er sich, seinem +ganzen Wesen, allen seinen Gewohnheiten nach +daheim in der besten Gesellschaft bewegt haben. +Wie er aber sein kleines Haus dicht hinter den +Schutz der Bäume gebaut hatte, daß es lauschig +und versteckt dort lag, weder gestört, noch selbst +beachtet von der Außenwelt, so hielt er sich selber +und seine Familie dem regen Leben und Treiben +fern, das unter ihm wogte — es nicht suchend +und nicht von ihm gesucht.</p> + +<p>Er lebte dabei ganz seiner Familie, mit der +er sich einzig und allein beschäftigte und in der +er vollkommenen Ersatz für die übrige Welt zu +finden schien. Im ersten Jahre freilich fehlte dem +an Thätigkeit gewohnten Manne eine bestimmte +und ausgesprochene Beschäftigung, und er genügte +dem Drange nach Arbeit nur dadurch, daß er +seinen eigenen Garten anlegte, umgrub und pflanzte. +Das aber konnte ihn auf die Länge der Zeit nicht +befriedigen, und da er manche Tischlerarbeiten in +seinem Hause zu machen hatte, und einen jungen, +sehr geschickten Arbeiter dazu fand, schaffte er sich +selber Werkzeug an und lernte bald die verschiedenen +Griffe und Vortheile dieses Handwerks. +Dann kaufte er sich eine Drehbank, und nahm sich +auch hiefür auf kurze Zeit einen Lehrer an. Außerdem +verstand er schon daheim ein Wenig von der Malerei, +was er jetzt in seinen Mußestunden noch weiter +ausbildete. Eine recht hübsche Bibliothek hatte er +sich ebenfalls angeschafft, und da er bei allen +diesen Beschäftigungen viel praktischen Verstand +besaß, so richtete er sich in wenigen Jahren seine +kleine Heimath so allerliebst und traulich her, daß +jedes Zimmer einem Puppenstübchen glich, ohne +daß er dabei aber auch nur den geringsten Luxus +getrieben hätte.</p> + +<p>Nach Außen vermied er jedoch Alles, was nur +im Geringsten die Aufmerksamkeit eines Fremden +hätte auf sich ziehen können; er wollte nun einmal +mit der Welt keinen Verkehr haben, und was ihn +auch dazu bewogen haben konnte, auf die geschickteste +Weise wich er jeder Annäherung fremder +Menschen aus.</p> + +<p>Seine Familie bestand, wie schon erwähnt, +nur aus seiner Frau und einer erwachsenen Tochter. +Diese, Elise, hatte erst dreizehn Sommer gezählt, +als er, vor nun sieben Jahren, die damals kaum +entstandene und noch ziemlich wilde Colonie erreichte, +und wenn auch ein junges Mädchen in +diesem Alter wohl berechtigt ist, größere Ansprüche +an das Leben zu stellen, während sie hier — obgleich +von allen Bequemlichkeiten umgeben — wie +auf einer wüsten Insel saß, so schien doch Elise +das nie zu fühlen oder irgend einen andern Wunsch +zu kennen als den, die Häuslichkeit ihrer Eltern +eben zu theilen, wie sie war. Auch auf ihren +Charakter hatte das stille, abgeschlossene Leben +nicht den geringsten nachtheiligen Einfluß ausgeübt. +Sie war immer heiter und guter Laune +und eigentlich das einzige sonnige Element im +Hause.</p> + +<p>Wenn auch ihre Eltern selbst glücklich mit einander +lebten, und nie ein hartes oder auch nur +unfreundliches Wort zwischen ihnen vorfiel, so lag +doch auf des Vaters Stirn nur zu oft ein tief +eingeschnittener Zug von Schwermuth, den wegzuscheuchen +nur allein der Tochter, nie der +Mutter gelang.</p> + +<p>Noth oder Sorge um den Lebensunterhalt +konnte das nicht sein, denn Meier war, wenn +auch vielleicht nicht reich, doch keineswegs ohne +die Mittel, sich eine sichere Existenz zu wahren. +Konnte es Heimweh sein — vielleicht, aber Niemand +erfuhr das, Niemand hörte je eine Klage, +wie er etwaigen Fremden, mit denen er trotz aller +Vorsicht gelegentlich zusammentraf, wenn er nur +die Schüchternheit der ersten Begegnung überwunden +hatte, auch stets das nämliche freundliche +Lächeln zeigte. Es lag dabei etwas in seinem +ganzen Wesen, das rasch für ihn einnahm, wenn +man nur kurze Zeit in seiner Nähe weilte. War +es das lange, schlichte, schneeweiße Haar, das er +mitten auf dem Kopfe gescheitelt trug, und das +sonderbarer Weise erst hier in Brasilien diese Farbe +des Alters, und zwar gleich im ersten Jahre, angenommen +hatte, war es der leichte, leidende Zug +um den Mund, den selbst das Lächeln der feingeschnittenen +Lippen nicht ganz zerstören konnte, +war es sein mildes, nachgebendes Wesen, man +wußte es selber nicht, aber konnte dem Manne, +trotz seiner Eigenheiten, nie böse sein.</p> + +<p>Nicht ganz den freundlichen Eindruck machte +seine Gattin, obgleich man auch ihr auf den ersten +Blick ansah, daß sie sich stets in guter Gesellschaft +bewegt habe. Sie hatte das Kalte, Zurückhaltende +ihres Mannes, ohne dessen milde Freundlichkeit, +und der mißtrauische Blick ihres kleinen, +grauen Auges, mit dem sie jeden Fremden, ja, +selbst Leute, die sie lange als Nachbarn kannte, +betrachtete, munterte eben nicht zu einem freundlichen +Zusammenleben mit ihr auf. Übrigens +war sie eine noch recht hübsche, stattliche Frau, +von vielleicht sieben- oder achtunddreißig Jahren, +und die einzige Meinungsverschiedenheit, welche +je zwischen ihr und ihrem Gatten auftauchte, war +die, daß sie sich mehr dem geselligen Leben der +Colonie hinzugeben wünschte.</p> + +<p>So nachgebend dieser aber auch in jeder andern +Beziehung sein mochte, an dieser Klippe +scheiterte selbst jede Bitte von Frau und Tochter. +Was ihnen das eigene Haus an Bequemlichkeit, +ja, selbst hier und da an einem versteckten Luxus +bieten konnte, dazu reichte er mit Freuden die +Hand und erfüllte selbst jeden nur geahnten Wunsch; +aber über die Gränze seines kleinen Besitzthums +ging er nicht hinaus, und sogar das zufällige +Lichten der Pflanzenmauer, die seinen kleinen +Klosterhof umschloß und, durch den Sturm niedergebrochen, +sein Haus der Aussicht öffnete, schien +ihn zu geniren und zu stören. Er versäumte wenigstens +keine Stunde am nächsten Morgen, die +zerrissene Lücke durch eine Anpflanzung anderer +junger Palmen und Büsche zu ersetzen, die freilich +jetzt Zeit brauchten, bis sie die nöthige Höhe wieder +erreichten, aber doch wenigstens den untern Theil +des Hauses deckten.</p> + +<p>Es war an dem nämlichen Sonntagnachmittage, +daß drei Reiter den schmalen Weg heraufritten, +der zu der sogenannten »Meierei« führte, +der Director Sarno mit den beiden Freunden +Könnern und Günther; und erst, als sie in die +Nähe des kleinen, freundlich gelegenen Hauses +kamen, hielt der Director sein Pferd an und sagte, +mit dem Arme in eine früher gehauene Schneuße +hinein deutend:</p> + +<p>»Sehen Sie, Herr von Schwartzau, dies ist +die zweite, alte Linie, die damals von jenem +Stümper ausgeschlagen wurde. Wenn Sie nur +Ihren Taschencompaß herausnehmen, sehen Sie +schon welchen Bock jener gescheute Herr geschossen, +der es möglich machte, die Variation auf die verkehrte +Seite vom Pol zu legen. Die ganze Vermessung +ist dadurch vollkommen werthlos geworden +und muß neu gemacht werden. Die nächst gelegenen +sechs Kolonien gehören aber jenem Herrn +in dem Hause da drüben, der sich einen ziemlich +bedeutenden Landstrich hier erworben, nur um, +wie es scheint, keinen nahen Nachbar zu bekommen, +denn was er selber bis jetzt urbar gemacht, ist +sehr unbedeutend. Jedenfalls müssen wir aber +dessen Gränzen mit bestimmen, damit wir wissen +wo das noch freie Land beginnt, und ich möchte +<span class="wide">diesen</span> District, wie jenen südlich von der Ansiedlung, +am Liebsten zuerst in Angriff genommen +haben. Diesen hier nehmen Sie also vielleicht +gleich morgen vor, denn von hier aus streckt sich +eine ziemlich ausgedehnte Hochebene mit nur leiser +Steigung dem nächsten Bergrücken zu, und Sie +können hier eine tüchtige Anzahl Varas den Tag +ablegen.«</p> + +<p>»Und ist der Wald sehr dicht?«</p> + +<p>»Nicht übermäßig. Ich will Ihnen Ihr Amt +auch nicht zu schwer machen und einen zu breiten +Ausschlag verlangen, gründlich <span class="wide">müssen</span> die Linien +aber gelegt und die Bäume besonders so markirt +werden, daß die hiesige Vegetation nicht die Spuren +in ein paar Jahren wieder verwächst und vernichtet +— wir sprechen darüber noch heute Abend, +ob wir Theer mit Buchstaben von weißer Ölfarbe +oder vielleicht gar Blechplatten nehmen, was freilich +bedeutend mehr Kosten macht.«</p> + +<p>»Und wie viel Leute glauben Sie, daß ich mit +mir nehmen soll?«</p> + +<p>»Kommen Sie, wir reiten einmal ein kurzes +Stück in den Wald hinein, der sich dort hinüber +ziemlich gleich bleibt,« erwiederte der Director, +»Sie können es dann selber leicht beurtheilen. +Sparen Sie lieber nicht mit den Leuten, wenn +Sie dadurch rascher vorwärts rücken, denn Sie +vermessen ja dafür auch so viel mehr, und ich +garantire Ihnen, daß Sie hier, um nur das <span class="wide">Nothwendigste</span> +fertig zu bringen, drei volle Monate +scharfe Arbeit haben. Je mehr wir aber in der +möglichst kurzen Zeit beenden, desto besser ist es; +denn wenn uns die neuen Ansiedler erst noch auf +den Hals kommen, und ich weiß nicht wo ich sie +unterbringen soll — dann ist es mit dem Frieden +hier vorbei.«</p> + +<p>Mit diesen Worten wandte er sein Pferd und +ritt in einen schmalen Seitenpfad, von Günther +gefolgt, hinein, während Könnern noch in dem +breiten Wege hielt und sich Meier's stille und +trauliche Heimath betrachtete. Es lag ein ganz +eigener Zauber über dem Platze, dem die hier +vollkommen tropische Vegetation durch angepflanzte +Palmen, Farren und die wunderliche Baumform +der Pinien einen noch viel größeren Reiz verlieh.</p> + +<p>Gern wäre er auch einmal zu dem Hause +hinüber geritten, die Insassen desselben kennen zu +lernen, denn daß der Alte so vollkommen menschenscheu +sein sollte, glaubte er noch nicht recht. Aber +er durfte seine Gesellschaft nicht zu weit aus den +Augen verlieren, und der Director wie Schwartzau +waren viel zu sehr in ihr »Terrain« vertieft, um +sich in diesem Augenblicke um etwas Anderes zu +kümmern, als Nord und Süd und Ecken und +Fronten. Günther hatte dazu seinen kleinen Compaß +herausgenommen und visirte damit, als sie +den Pfad entlang ritten, dicht an einer viel interessanteren +Front vorüber, wie sie die bestgelegene +Colonie hätte bieten können, ohne sie auch nur +zu sehen, nämlich an einem reizenden jungen +Mädchen, das, vielleicht sechs Schritte von dem +Pfade entfernt, mit einem Buche in der Hand +unter einer halb natürlichen, halb durch Kunst +hergestellten Laube saß, und ohne sich zu rühren, +die vorbeireitenden und in tiefem Gespräche begriffenen +Männer beobachtete.</p> + +<p>Sie würde sich in der That lieber ganz zurückgezogen +haben, hätte sie nicht gefürchtet durch eine +Bewegung ihre Gegenwart zu verrathen. Jetzt +erst, als sie vorüber und schon halb von den +Büschen verdeckt waren, richtete sie sich empor und +drehte den Kopf um, ihnen nachzusehen.</p> + +<p>In diesem Augenblicke passirte Könnern die +versteckte Laube. Mit keinem solchen Interesse an +der Vermessung des Bodens, und in der alten +Gewohnheit des Jägers, das Auge jedem sich regenden +Punkte rasch zuzuwenden, entdeckte er kaum +die liebliche, jetzt verlegen erröthende Gestalt, als +er auch unwillkürlich sein Pferd anhielt und +achtungsvoll die Jungfrau grüßte.</p> + +<p>War aber für ihn nicht die geringste Veranlassung +gewesen, hier zu halten, so besaß er entweder +in dem Momente nicht Geistesgegenwart +genug, seinem Thiere wieder rasch den Sporn zu +geben, oder die freundliche Erscheinung fesselte ihn +so, daß er sich nicht gleich wieder losreißen konnte +und wollte, und nur, um sich aus einer peinlich +werdenden Situation zu bringen, sagte er verlegen:</p> + +<p>»Ich muß tausendmal um Entschuldigung +bitten Sie gestört zu haben, Senhora, aber ich +vermuthete hier in der That Niemanden, mitten +im Walde.«</p> + +<p>»Sie haben mich nicht gestört,« erwiederte +Elise mit ihrem gewinnenden Lächeln, denn die +Verlegenheit des jungen Fremden war ihr keineswegs +entgangen; »ich fürchte nur, daß Ihre vorangerittenen +Freunde den Weg verfehlt haben, denn +dieser Pfad führt allein wenige Hundert Schritte +in den Wald hinein und endet dann in einem +verworrenen, von Schlingpflanzen durchwachsenen +Dickicht, durch das sie mit ihren Pferden nicht +dringen können.«</p> + +<p>»Also müssen sie wieder diesen Weg zurück?« +fragte Könnern, sichtlich darüber erfreut, denn er +bekam dadurch eine Entschuldigung, sie hier zu +erwarten.</p> + +<p>»Allerdings,« erwiederte das Mädchen — +»wollen Sie denn zur Colonie hinunter?«</p> + +<p>»Wenn Sie das kleine Städtchen meinen, nein. +Wir kommen eben daher und sind nur auf einem +Spazierritte, auf dem die beiden Herren da vorn +das Terrain recognosciren, um nöthige Vermessungen +vorzunehmen.«</p> + +<p>Die Jungfrau, welche, als sie der Fremde +anredete, aufgestanden war, verbeugte sich leicht +und schwieg, und Könnern, der nicht den geringsten +Anhaltspunkt sah, das Gespräch in schicklicher +Weise fortzusetzen, grüßte noch viel verlegener als +vorher und folgte jetzt den beiden Freunden, die +er gleich darauf an der von Elisen angedeuteten +Stelle überholte.</p> + +<p>Es war das der nämliche Platz, wo der Director +damals die verkehrten Arbeiten des von +der Frau Präsidentin herübergeschickten Vermessers +unterbrochen hatte, und alle Drei wandten nun +ihre Thiere, um auf den breiteren Weg zurückzukehren.</p> + +<p>Als sie die Laube passirten, warf Könnern +freilich den Blick hinüber, um nach der freundlichen +Gestalt zu suchen; aber wie eine Erscheinung war +sie verschwunden, und nur auf der Bank, auf +welcher sie gesessen hatte, lagen ein paar Blumen, +die sie wahrscheinlich mit heraufgenommen und in +der Eile ihres Rückzuges auf dem Sitze gelassen +hatte.</p> + +<p>Könnern, der jetzt voranritt, hatte die Blüthen +augenblicklich bemerkt, und ehe er sich selber über +das was er that Rechenschaft geben konnte, hielt +er an, stieg vom Pferde und schnallte seinen Sattelgurt +ein Loch empor. Dadurch gab er seinen +Begleitern Zeit an ihm vorüber zu reiten, und +als er sie voraus sah, trat er rasch in die Laube, +nahm die Blumen, legte sie in sein Taschenbuch, +stieg dann wieder auf und folgte, ohne sich umzusehen, +den Vorausgerittenen. — Und doch hatte +ihn dieses Mal sein sonst so scharfes Auge im +Stiche gelassen, denn hinter einem kleinen Dickicht +der hier gerade sehr üppig wachsenden Flachs- oder +Tucung-Pflanze, hinter die sich Elise zurückgezogen, +um die Fremden erst vorüber zu lassen, hatten ein +Paar lächelnde Augen seinen unschuldigen Raub +beobachtet und folgten ihm, bis sich der Wald +wieder hinter ihm schloß.</p> + +<p>Könnern überholte seine Begleiter dicht am +Hause des menschenscheuen Meier, der aber durch +einen geschickt gefällten Baum die Passage so gelegt +hatte, daß sie nicht unmittelbar an seinem +Garten vorüberführte, sondern diesen durch sorgfältig +gepflegte Büsche vollständig verdeckt hielt.</p> + +<p>»Hier wohnt der sonderbare Kauz,« sagte der +Director, mit der Hand in das Dickicht zeigend, +durch welches das Dach nur undeutlich herausschimmerte. +»Wenn mit dem Manne nur irgend +ein Umgang wäre, wollte ich vorschlagen daß wir +anhielten und ihm wenigstens guten Tag sagten. +Schade um das allerliebste Mädchen, das der alte +Brummbär hier wie eine Nonne gefangen hält.«</p> + +<p>»Eine Brünette?« fragte Könnern.</p> + +<p>»Ja,« erwiederte der Director; »aber wie, zum +Teufel, haben <span class="wide">Sie</span> das schon ausgefunden? Sie +sind doch, so viel ich weiß, zum ersten Male in +der Colonie.«</p> + +<p>»Hätten es die Herren nicht gerade so gemacht +wie der vorige Landvermesser,« lachte Könnern, +»und die Variation auf der verkehrten Seite der +Nadel gesucht, so würden Sie, nur ein paar +Striche aus dem Cours, eine allerliebste junge +Dame im Walde gesehen haben, die sich da draußen +mit irgend einer Lectüre die Zeit vertrieb.«</p> + +<p>»Und davon haben Sie uns kein Wort gesagt?« +rief Günther.</p> + +<p>»Ich durfte Sie doch nicht stören,« lächelte +der junge Mann; »übrigens glaubte ich auch, daß +wir sie auf dem Wege hierher überholen würden; +sie muß sich aber auch sehr geeilt haben, um uns +voraus zu kommen.«</p> + +<p>»Merkwürdige Leute,« meinte der Director +kopfschüttelnd; »aber jedenfalls werden Sie mit +dem Alten bekannt werden, Schwartzau, denn Sie +müssen ihn aufsuchen, wenn Sie auf seinem Lande +die Vermessung beginnen, damit er dabei ist und +die Gränzen kennen lernt. Er wird es sich auch +wahrscheinlich nicht nehmen lassen, die Eckbäume +selber dauernd zu bezeichnen, und das erspart Ihnen +gleich eine Arbeit.«</p> + +<p>»Dann begleite ich Sie,« sagte Könnern, »ich +interessire mich für alle Originale.«</p> + +<p>»Besonders wenn es Brünetten sind, wie mir +scheint,« lachte der Director; »Sie mögen aber +immerhin in diese Gegend einen kleinen Jagdzug +machen, denn wenn Sie der dichte Wald nicht +stört, finden Sie doch wohl hier und da ein Stück +Roth- oder Schwarzwild, oder vielleicht gar einen +Tapir, die hier zuweilen ebenfalls vorkommen. +Jetzt aber, meine Herren, dürfen wir unsere Zeit +nicht länger vergeuden, wenn wir den andern +Strich ebenfalls besuchen wollen. Sobald wir +weiter oben die ordentliche Straße erreicht haben, +können wir auch unsere Thiere besser ausgreifen +lassen« — und dem seinigen die Sporen gebend, +trabte er, so rasch es ihm der noch ziemlich unebene +Boden gestattete, auf dem schmalen Wege hin in +den Wald hinein.</p> + +<p>So wenig <span class="wide">sie</span> aber dabei von den Einwohnern +des Platzes gesehen hatten, so waren sie doch nicht +eben so unbeachtet daran vorübergeritten, denn der +Eigenthümer des Hauses schien sich für alle Fremden +lebhaft zu interessiren, wenn er auch nicht +mit ihnen in persönliche Berührung kommen +wollte.</p> + +<p>Zu diesem Zwecke hatte er sich eine ordentliche +kleine Warte gebaut, in welche die eine Ecke seines +Gartens, ohne von Außen bemerkbar zu sein, auslief. +Das war zugleich ein Lieblingsplatz geworden, +wenn er keine andere Arbeit vorhatte, und er +las oder schrieb gerade dort am Liebsten, da er sich +hier vollkommen ungestört wußte.</p> + +<p>Das letzte Gespräch der Männer war gerade +vor diesem Ausguck gehalten, und Meier, der mit +einem Buche in der Hand in seiner Laube saß, +dadurch auf die Fremden aufmerksam geworden. +So lange sie da draußen hielten, lauschte er auch +ihrem Gespräche, und erst, als sie ihren Weg fortgesetzt, +nahm er sein Buch wieder auf. Aber er +schien keine rechte Lust zum Lesen zu haben, denn +er legte das Buch nach einiger Zeit wieder hin, +ging eine Weile mit auf den Rücken gelegten +Händen und gesenktem Haupte in seiner Laube +auf und ab, seufzte ein paar Mal recht tief auf +und schritt dann langsam zu seiner Wohnung und +in das Zimmer seiner Frau, die, mit einer Arbeit +beschäftigt, am Fenster saß.</p> + +<p>Sein Blick suchte Elisen, aber sie war nicht +im Zimmer, und erst nach einer Weile kam sie +durch die kleine Gartenpforte, die hinaus in den +Wald führte, herein und zu der Mutter, wo sie +Hut und Buch ablegte und sich still an das dort +stehende Instrument setzen wollte.</p> + +<p>»Du warst im Walde, Lieschen?« fragte der +Vater.</p> + +<p>»Ja, Papa.«</p> + +<p>»Und bist dort Fremden begegnet?«</p> + +<p>Das junge Mädchen sah rasch und erstaunt +zu ihm auf, erröthete auch leicht, sagte dann aber +lächelnd:</p> + +<p>»Woher weißt Du das schon, Papa?«</p> + +<p>»Und hast Du nicht den nämlichen Spaziergang +hier im Garten?« fuhr der Vater fort, ohne +ihre Frage zu beantworten; »ich habe Dich schon +so oft gebeten, nicht dort hinaus zu gehen, wenigstens +nicht an Sonntagen, wo das müssige Volk +aus der Ansiedelung nur immer in der Nachbarschaft +umherschwärmt!«</p> + +<p>Die Mutter hatte bei Beginn des Gespräches +ihre Arbeit in den Schooß sinken lassen, und ihre +Miene verfinsterte sich mehr und mehr. Jetzt +aber nahm sie für die Tochter die Antwort auf +und sagte:</p> + +<p>»Und willst Du sie nicht lieber ganz in ein +Kloster sperren? Das wäre doch jedenfalls das +Einfachste, damit sie wenigstens gar kein Mensch +mehr zu sehen bekäme — nicht einmal einer der +am Sonntag herumlaufenden Bauern.«</p> + +<p>»Aber, Bertha!« sagte Herr Meier, erstaunt +zu seiner Frau aufsehend.</p> + +<p>»Ach was,« erwiederte diese, »was zu arg ist, +ist zu arg! Das Mädel ist jetzt zwanzig Jahr alt +geworden und wird versteckt gehalten, als ob wir +uns schämen müßten, das junge Blut der Welt +zu zeigen.«</p> + +<p>»Aber, Bertha, Du weißt doch….« sagte der +Mann vorwurfsvoll.</p> + +<p>»Ach, ich weiß Alles!« erwiederte die Frau; +»aber man kann eine Sache auch übertreiben, und +ich bin nicht im Stande, das noch länger so ruhig +mit anzusehen. Hier in diesem abgelegenen Winkel +der Welt hast Du doch wahrhaftig nicht zu….« +Sie unterbrach sich rasch und nahm ärgerlich ihre +Arbeit wieder auf, die sie jedoch unschlüssig in +der Hand behielt, während Elise freundlich sagte:</p> + +<p>»Laß sein, Mütterchen; wenn dem Vater damit +ein Gefallen geschieht, kann ich ja auch den kleinen +Spaziergang recht gut entbehren. Er hat Recht, +es ist hier im Garten wirklich eben so hübsch wie +da draußen, und ich kann mir hier die nämliche +Bewegung machen.«</p> + +<p>»Ach, das verstehst Du nicht!« fuhr die einmal +gereizte Frau fort; »ich hab's jetzt auch selber +satt. Sieben Jahre sitzen wir nun hier, wie die +Gefangenen zwischen Büsche und Bäume eingeklemmt, +während die Ansiedler da unten sich ihres +Lebens freuen und nur ihr fröhlicher Lärm manchmal +zu uns herübertönt; sieben Jahre lang haben +wir ein Leben geführt, daß es einen Stein erbarmen +möchte, und ich sehe keinen Grund, weshalb +wir uns jetzt noch länger wie Einsiedler in +unsere Klause vergraben sollen. Ich weiß Alles, +was Du mir dagegen einwenden könntest, Franz,« +sagte sie, einem Blicke ihres Mannes begegnend, +»ich habe mir Alles zehnmal, hundertmal überlegt, +aber ich selber halte es nicht länger aus. +Ich <span class="wide">will</span> frei sein oder ich lasse mich lieber gleich +ordentlich begraben und einen Stein mit Namen +und Jahreszahl oben darauf setzen. Nachher weiß +ich es einmal nicht anders und brauche doch hier +wenigstens nicht eine Ewigkeit allein zu sitzen und +meinen eigenen Gedanken nachzuhängen, über die +man am Ende gar noch wahnsinnig werden könnte.«</p> + +<p>Ihr Gatte antwortete nicht. Er hatte sich +gegen den Tisch gewandt, dort den Kopf auf den +Arm gestützt und barg das Gesicht in der linken +Hand. Endlich hob ein schwerer Seufzer seine +Brust, und Elise, zu dem Vater tretend, schlang +ihren Arm um seine Schulter, lehnte ihre Stirn +auf sein Haupt und sagte freundlich:</p> + +<p>»Sei nicht traurig, Papa — Mutter meint +es ja nicht so böse. Dir ist nun einmal Deine +Einsamkeit so lieb geworden, daß Du jede Störung +darin fürchtest und Dich immer mehr in +Dich selber zurückziehst. Versuch' es einmal draußen +unter den Menschen, vielleicht gefällt Dir's selber +bei ihnen, denn <span class="wide">glücklich</span> fühlst Du Dich ja +hier in Deiner Einsamkeit auch nicht immer, in +der ich Dich oft schon in recht trauriger und niedergeschlagener +Stimmung überrascht habe. — +Geh' wieder zwischen die Leute — verkehre mit +ihnen und lasse sie mit Dir verkehren, und wenn +weiter Nichts, bekommst Du doch dadurch Zerstreuung, +und hast für stille Stunden, in denen +Du das Bedürfniß fühlst allein zu sein, ja immer +Dein trauliches Plätzchen hier oben.«</p> + +<p>»Laß ihn gehen,« sagte die Frau unmuthig; +»was liegt ihm an uns — an Dir oder an mir, +wenn er sich selber nur eine Grille in den Kopf +gesetzt hat, der er nachhängt, seines eigenen Vergnügens +halber.«</p> + +<p>»Und das sagst <span class="wide">Du</span> mir, Bertha?« fragte der +Mann, erstaunt zu ihr aufsehend; »dessen klagst +Du mich an?«</p> + +<p>»Nur eine Grille ist's, weiter Nichts,« erwiederte +die Frau, ohne die Frage direct zu beantworten, +»eine fixe Idee, die Du Dir in den Kopf +gesetzt hast, und womit Du Dich und uns elend +machst. So viel Verstand habe ich aber auch, +daß ich einsehe, wie Du uns Alle ganz vergebens +quälst, und kurz und gut, ein Leben wie das hier +halte ich nicht länger aus, mag nun auch daraus +werden was da will.«</p> + +<p>»Was da will,« wiederholte leise und mit +einem Seufzer der Mann, stand dann auf und +verließ langsam das Zimmer.</p> + +<p>»Zanke nicht mit dem Vater, liebe Mutter,« +bat Elise, als er die Thür hinter sich in's Schloß +gedrückt hatte, »er ist so schon traurig genug, und +das drückt ihn nachher nur noch immer mehr +nieder.«</p> + +<p>»Ach was,« erwiederte mürrisch die Frau, »ich +habe das langweilige Leben endlich satt, und mehr +noch Deinet- als meinetwegen!«</p> + +<p>»Aber ich sehne mich ja gar nicht hinaus, +Mütterchen, ich verlange es ja gar nicht besser, +als ich es bei Euch habe.«</p> + +<p>»Weil Du es eben nicht besser kennst und nach +und nach hier eintrocknen wirst wie eine Blume +zwischen Löschpapier,« lautete die Antwort. »Du +bist ein junges Mädel und mußt hinaus in die +Welt, das ist Dir Dein Vater, das bin ich Dir +schuldig, und wenn Du Nichts von der Welt verstehst, +so bin ich dafür da, daß ich Deine Ansprüche vertreten +muß, oder Du hättest ein Recht, mir später +einmal die bittersten Vorwürfe darüber zu machen.«</p> + +<p>»Aber der Vater….«</p> + +<p>»Ist ein Träumer, der überall Gespenster sieht, +weiter Nichts, und der sich jetzt die Fenster verhängt +und immer nur Nacht um sich haben will. +Kommt erst einmal der wirkliche Sonnenschein +zu ihm herein, so wird er auch einsehen daß er +nur geträumt hat. Daß Du ihm dabei noch das +Wort redest, ist das Albernste was Du thun +kannst, und ich hätte von Dir gerade das Gegentheil +erwartet. — Du bist alt genug, Elise, daß +Du auch an eine Heirath denken kannst, und wen +sollst Du denn hier in unserm Garten kennen +lernen, wer kann Dich hier finden, wo Dich Dein +Vater sogar vor ein paar müssigen Spaziergängern +verstecken will?«</p> + +<p>»Aber, liebe Mutter,« sagte Elise mit tiefem +Erröthen, denn sie mußte sonderbarer Weise gerade +in diesem Augenblicke an den jungen Fremden +im Walde und an seinen Blumendiebstahl +denken, »das hat denn doch wohl noch lange, +lange Zeit, und wenn der Vater —«</p> + +<p>»Ach was,« unterbrach sie die Mutter, »Du +redest wie der Blinde von den Farben — Du +bist zwanzig Jahr alt, Liese, und wenn wir die +nächsten sieben Jahre noch so fortleben, wie die +letzten, so bist Du <span class="wide">sieben</span>undzwanzig und kannst +dann auch siebenunddreißig und siebenundvierzig +werden, ohne daß sich Jemand weiter um Dich +bekümmert. Nein, dafür muß <span class="wide">ich,</span> Deine <span class="wide">Mutter,</span> +sorgen, und — überlaß du <span class="wide">mir</span> das nur; ich +werde schon mit Deinem Vater fertig.«</p> + +<p>Damit war das Gespräch für jetzt abgebrochen. +Die Mutter begann wieder an ihrer indessen +vernachlässigten Arbeit, und Elise ging in ihr +Stübchen hinauf, um über eine ganze Menge der +verschiedensten Dinge nachzudenken, die ihr heute +durch den Sinn gingen und den Kopf fast wirr +machten. Sonderbar, daß ihre Gedanken dabei +immer wieder zu dem jungen Fremden zurückflogen, +den sie doch nur den kurzen Augenblick gesehen. +Weshalb mußte die Mutter auch gerade heute von +ihrer Heirath sprechen und dabei sagen, daß es +die höchste Zeit sei, an etwas Derartiges zu +denken? — —</p> + +<p>Es war Abend und Nacht geworden, als die +Sonne kaum hinter den hellblauen Gebirgsrücken +im Westen untergegangen war und vorher noch +die leichten darüber lagernden Wolkenzüge mit +ihrem schönsten und rosigsten Licht übergossen +hatte. Rasch erbleichten aber die nur zu momentanem +Leben angehauchten Nebelbilder, und wie +sie kaum erst in ein prachtvolles Silbergrau übergingen, +nahm dieses schon jene todte bleigraue +Färbung an, dem die Dunkelheit in den Tropen +fast unmittelbar folgt.</p> + +<p>Die Comtesse Baulen hatte ihr Zimmer noch +nicht wieder verlassen und ging, die Arme auf +der Brust gekreuzt, das Kinn auf die zarte Korallenschnur +gesenkt, die ihren Hals schmückte, mit +raschen, unruhigen Schritten in dem kleinen Gemache +auf und ab. Sie sah dabei nicht einmal, +daß es dunkelte und nach und nach völlig Nacht +geworden war; sie hörte nicht, daß ihre Mutter +draußen schon zweimal angeklopft und ihren Namen +gerufen hatte. Nur die eigenen unruhigen +Gedanken beschäftigten ihren Geist, nur das eigene, +unruhig pochende Herz hielt sie oft krampfhaft +mit beiden Händen fest, bis sie sich endlich, körperlich +ermattet, in einen Stuhl warf und dort +wohl wieder eine volle Stunde lang in dumpfem +Brüten saß.</p> + +<p>Aber die Dunkelheit wurde ihr zuletzt unerträglich. +Sie stand auf, zündete Licht an und +griff dann das erste beste Buch auf, <ins title="Original hat und um">um</ins> sich zu +zerstreuen und ihre Gedanken in eine andere Bahn +zu lenken. Da plötzlich horchte sie auf, denn aus +dem Garten, oder wenigstens aus den Büschen, +die ihn dicht umschlossen, trafen die melodischen +Töne einer Violine ihr Ohr.</p> + +<p>Es war die leise und klagend zum Herzen +sprechende Melodie des Thüringer Volksliedes: »Ach, +wie ist's möglich, daß ich Dich lassen kann«, und +wie mit einem scharfen Weh durchzuckte sie das +einfache rührende Lied. Aber wer spielte da? +Zuerst glaubte sie, daß es Jemand aus der Ansiedelung +sei, der da zufällig vorübergehe — aber +der Spieler blieb auf derselben Stelle, und durch +das offene Fenster klangen die Töne, so leise er +auch spielte, voll und klar herein. —</p> + +<p>Jetzt war Alles ruhig — nur die Grillen +zirpten, und aus dem Walde heraus tönte das +Gequak der Frösche.</p> + +<p>Helene athmete ordentlich tief auf, als die schwermüthige +Melodie geendet hatte; es war, als ob eine +Last von ihrer Seele genommen wäre, und sie trat +an das Fenster, um in die wundervolle, sternenhelle +Nacht hinaus zu schauen. Da quollen auf's Neue die +Töne von derselben Stelle herauf, aber dieses Mal +in einem wilden Capriccio, von einer Meisterhand +gespielt, das in die tollsten Variationen überging +und sich doch immer wieder zuletzt in das einfache, +zuerst angeschlagene Thema des Volksliedes auflöste.</p> + +<p>Helene trat scheu und erschreckt vom Fenster +zurück. Galt das ihr? Und wer war es denn, +der ihr hier auf solche Weise seine Huldigung +brachte? Vollrath vielleicht, aber sie wußte genau, +daß er gar nicht Violine spielte — und wer dann? +Der junge Schulmeister im Orte, der sie oft mit +seiner Aufmerksamkeit geärgert hatte, war ein +Violinspieler, aber ein Stümper, und <span class="wide">diese</span> Saiten +belebte eine Meisterhand.</p> + +<p>Ohne recht zu wissen was sie that, löschte +sie das Licht aus, um dadurch die Aufmerksamkeit +des Unbekannten wieder von ihrem Fenster abzulenken +— aber das gelang ihr nicht. Der räthselhafte +Spieler ließ sich dadurch nicht stören; nur +das Capriccio zerschmolz nach und nach in immer +weichere Melodien, bis die Töne zuletzt mehr +und mehr verhallten und wieder, wie vorher, das +Schweigen der Nacht auf dem Walde lag.</p> + +<p>Helene wußte selber nicht wie ihr geschah. +Daß jenes Ständchen <span class="wide">ihr</span> galt, konnte sie sich nicht +verhehlen, und in dem melodischen Spiele, in den +vaterländischen Weisen schmolz der starre Trotz +des schönen Mädchens. Als die Melodie da +draußen schon lange verklungen war, saß sie noch +immer, von der Gardine gedeckt, am offenen +Fenster, und fühlte nicht einmal, wie ihr die +Thränen zwischen den zarten Fingern durch voll +und schwer in den Schooß tropften.</p> + +<p>Unten im Hause war der geheimnißvolle Musiker +indessen auch nicht unbeachtet geblieben. Oskar, +der noch bis Dunkelwerden seinen neuen »Sclaven« +— wie er Jeremias nannte — angelernt hatte +sein Pferd zu behandeln, lag unten in der Stube +auf dem Sopha lang ausgestreckt, und pfiff, zum +Ärger seiner Mutter, ohne sich dadurch aber im +Geringsten stören zu lassen, einen Walzer, als +jenes eigenthümliche Ständchen begann.</p> + +<p>Im Anfange hatte er ebenfalls geglaubt, daß +es irgend Jemand aus der Ansiedelung sei, der +mit seiner Violine da vorüber ginge. Als die +Musik aber immer auf derselben Stelle blieb, erst +eine Weile schwieg und dann wieder begann, +schöpfte er Verdacht, daß das am Ende gar ein +Ständchen sein könne, was seiner Schwester gebracht +würde, und sein Muthwille ließ ihm natürlich keine +Ruhe, dem auf die Spur zu kommen.</p> + +<p>Als er zuerst aus dem Fenster horchte, täuschte +ihn der laute Ton gerade so wie Helenen, und +er vermuthete den Spieler im Garten selber. Er +schlich sich also erst aus dem Hause hinaus hinter +die nächsten Büsche, und hinter diesen, von seiner +dunklen Kleidung begünstigt, immer weiter vor. +Zuletzt aber kam er an die Hecke und fand jetzt, +daß sich der Virtuose allerdings außer seiner Gerichtsbarkeit, +aber doch nicht außer seinem Bereiche +befand, denn er erkannte durch die Hecke durch +beim Sternenlichte eine ebenfalls dunkel gekleidete +Gestalt, die dort an einer jungen Palme lehnte.</p> + +<p>Das Gesicht selber konnte er freilich nicht erkennen, +denn einestheils beschattete es der Hut, und dann +auch der Wipfel der niedern Palme selber; aber +das blieb sich auch gleich, und um einen muthwilligen +Streich auszuüben, dazu war ihm Freund +und Feind gleich gut genug.</p> + +<p>Im Zimmer seiner Schwester hatte außerdem +noch kurz vorher Licht gebrannt und das Fenster +war offen, ein Beweis, daß sie den Ständchenbringer +begünstigte, und deshalb Grund genug +für ihn, ihm jeden Schabernak zu spielen, der nur +in seinen Kräften stand. Vorsichtig und rasch +schlich er zum Hause zurück und traf hier eben +noch Jeremias, der seine Arbeit beendet hatte, +und gerade seine eigene Heimath — eine Dachkammer +bei einem der Ansiedler — aufsuchen +wollte.</p> + +<p>»He, Jeremias, Du mußt mir noch einen +Eimer Wasser holen,« redete er diesen rasch und +heimlich an.</p> + +<p>»Die Pferde haben gesoffen,« sagte Jeremias, +»zu viel schadet Vieh und Menschenkind.«</p> + +<p>»Ich will's nicht für die Pferde; dort steht der +Eimer, aber ein Bißchen rasch.«</p> + +<p>»Befindet sich allerdings nicht in unserm Contracte,« +meinte Jeremias, »aber was thut der +Mensch nicht aus Gefälligkeit, junger Herr? Sollen +Ihren Eimer Wasser haben,« und seine Ärmel +vorn aufkrämpend, ergriff er den Eimer und ging +zu dem Brunnen vor dem Hause, von dem er ihn +bald gefüllt zurückbrachte.</p> + +<p>»So,« sagte Oskar, indem er einen Theil des +Wassers wieder abschweppte, »das ist ein Bißchen +zu viel und wirft sich schlecht. Jetzt nimm einmal +den Eimer, Jeremias, und komm mit mir an +die Hecke da drüben, wo der verrückte Kerl die +Violine quält — hörst Du den Musikanten da +drüben?«</p> + +<p>»Ja,« sagte Jeremias, und sah den jungen +Grafen erwartungsvoll an.</p> + +<p>»Schön,« lachte der junge Bursche, »dem +wollen wir einmal den Eimer über den Hals +gießen, um den holden Schwärmer etwas abzukühlen.«</p> + +<p>»So?« sagte Jeremias, ohne sich von der Stelle +zu rühren.</p> + +<p>»Na, vorwärts!« rief Oskar, auf den Eimer +zeigend; »mach' schnell, ich zeig' Dir den Platz +wo er steckt, meine alte Jeremiade!«</p> + +<p>»Wissen Sie,« sagte Jeremias, ohne nur eine +Hand zu regen oder eine Miene zu machen, als +ob er dem Befehle Folge leisten wolle, »davon steht +auch Nichts in unserem Contracte.«</p> + +<p>»Contract? Esel,« brummte Oskar, »wenn +ich Dir sage, das thust Du, so thust Du es, <span class="wide">das</span> +ist unser Contract, weiter Nichts.«</p> + +<p>»So?« meinte Jeremias, der den »Esel« als +selbstverständlich hinnahm — »anderen Leuten +Wasser in die Violine zu gießen, widerstreitet aber +meinen Grundsätzen, und wenn sich der Herr Graf +eine Tracht Schläge für unbefugtes Löschen, wo's +gar nicht brennt, holen wollen — mit dem größten +Vergnügen — da steht der Eimer, Jeremias +hat aber heute seinen Sonntagsrock an und ist +diesen Morgen in der Kirche gewesen — was +andere Leute vielleicht <span class="wide">nicht</span> von sich sagen können. +Wünsche allerseits einen guten Abend« — +und die Hände wieder in die Taschen schiebend, +ging er um den Eimer herum und zur Thür +hinaus, ohne sich um den Grafen weiter zu bekümmern.</p> + +<p>Oskar sandte ihm einen herzhaften Fluch hinterher, +sah aber auch ein, daß er mit dem dickköpfigen +Burschen Nichts ausrichten könne. Nicht gesonnen +jedoch, den einmal gefaßten Plan so rasch +aufzugeben, nahm er jetzt selber den Eimer und schlich +damit in den Garten. Ehe er übrigens die Stelle +erreichte, wo der nächtliche Musiker gestanden, verstummte +die Violine. Die letzten Töne waren +verklungen und der Platz leer. Oskar horchte +noch eine Weile in die stille Nacht hinaus, aber +das Concert war jedenfalls vorbei, das Zimmer +seiner Schwester blieb dunkel, und mit einem Fluche +das Wasser über die nächsten Beete gießend, nahm +er den leeren Eimer zum Hause zurück.</p> + +<p> </p> +<hr class="narrow" /> +<h3><a name="kap_5" id="kap_5"></a>5.</h3> + +<h3>Elise.</h3> + +<p>Am nächsten (Montag) Morgen standen schon +um sieben Uhr früh drei gesattelte Pferde vor dem +Hause des Directors angebunden, denn dieser +hatte versprochen, Günther zu dem Beginne seiner +Arbeiten zu begleiten, und Könnern in dem Interesse, +das er an der gestrigen Erscheinung nahm, +ebenfalls den Wunsch ausgesprochen, sich dem +kleinen Zuge, wenigstens bis in den Wald hinein, +anzuschließen.</p> + +<p>Allerdings wünschte der Director, daß er, wenn +er jagen wolle, sich einen Führer mitnehmen möge, +da er sich sonst leicht in den wilden und schwerdurchdringlichen +Wäldern verirren könne. Dies +wies Könnern jedoch lächelnd zurück und erklärte, +daß er zu lange in den amerikanischen, auch ziemlich +dichten Wäldern gejagt habe, um etwas Derartiges +zu befürchten. Ein Führer störte ihn dabei +nur auf einem wirklichen Pirschgange, und +er konnte sich im Walde wohl vergehen, daß er +genöthigt war einen Umweg zu machen, aber nie +verirren, denn er hatte sich dafür zu genau den +Cours gemerkt, den der etwa zweihundert Schritte +unter Santa Clara vorbeiströmende Fluß nahm, +und den mußte er immer wieder treffen, sobald er +mit Hülfe seines Compasses die Richtung darauf +zu nahm.</p> + +<p>So früh kamen sie aber an diesem Morgen +doch nicht fort, denn erstens nahm ihnen das +Frühstück noch etwa eine halbe Stunde weg, und +dann kamen noch eine Menge Leute, die den +Director in irgend einer wichtigen oder unwichtigen +Angelegenheit zu sprechen hatten, und er +mußte wenigstens anhören, was sie von ihm wollten.</p> + +<p>Es war halb neun Uhr geworden, als die +drei Männer endlich mit den nöthigen Begleitern +aufbrachen, die dabei alle Instrumente des Vermessers, +wie auch einige Provisionen zu tragen +hatten. Könnern ließ übrigens seine Mappe heute +noch zu Hause, und nahm nur seine Büchsflinte +mit, wenn er sich auch eben keine große Jagd +versprach. Der Wald ist dort zu dicht, um nahe +den Ansiedelungen, wo die Bauern überdies Sonntags +noch mit ihren Flinten herumknallen, irgend +einen bedeutenden Erfolg zu versprechen.</p> + +<p>Sie ritten heute gerade durch das kleine +Städtchen durch, und den beiden Fremden konnte +es nicht entgehen, wie sich ihre Landsleute, selbst +in dem fremden tropischen Lande, so ganz heimisch +angesiedelt hatten, als ob sie noch daheim im +alten Vaterlande lebten.</p> + +<p>Die Schilder an den verschiedenen Häusern +trugen überall deutsche Namen in deutscher Schrift, +deutsche Kinder mit ihren Flachsköpfen und dicken, +gesunden, schmutzigen Gesichtern spielten vor den +Thüren. Bauerfrauen in ihren wollenen rothen +Unterröcken wuschen ihr Geschirr hier unter den +Palmen, wie sie es daheim unter der alten Linde +gethan hatten, und deutsche Handwerker, in Schurzfell +und Pantoffeln, waren eifrig dabei, ihren verschiedenen +Geschäften obzuliegen.</p> + +<p>Nur ein einziges Haus passirten sie, das +fremdartig aussah. Es war ein kleines niederes +Gebäude, von Stein aufgeführt, mit offenen +Thüren und Fenstern, durch die man in ein paar +anscheinend leere Räume hineinsah — es hingen +wenigstens keine Gardinen vor den Fenstern, wie +sie die ärmlichste deutsche Wohnung zeigte, und +die Wände sahen leer und kahl aus. Einzelne +Möbel verriethen aber doch, daß dieses Haus nicht +verlassen sei, und auf der einen Commode sah +Könnern auch im Vorbeireiten ein Paar vergoldete +Porzellan-Vasen und einige andere derartige +Spielereien stehen.</p> + +<p>Dort wohnte der portugiesische Delegado<a href="#fn2"><sup><small>2</small></sup></a><a name="fn2r" id="fn2r"></a>, +und ein paar Negerjungen kauerten vor der Thür +in der Sonne und ließen sich von einem grauen, +vollkommen haarlosen und nackten Hunde die Gesichter +ablecken.</p> + +<p>Am Ende der Straße war die Schule; anstatt +aber, daß die Kinder jetzt eifrig darin mit Lernen +beschäftigt sein sollten, lärmten sie in wildem, +wüstem Geschrei vor der Thür umher, prügelten +sich, haschten sich und trieben allerlei tolle Spiele. +Der Director hielt mitten <ins title="Original hat unten">unter</ins> ihnen sein +Pferd an.</p> + +<p>»Hallo, Ihr kleine Bande,« rief er aus, »was +ist das? Weshalb steckt Ihr nicht da drinnen, wohin +Ihr gehört, und stellt hier auf der Straße die +Stadt auf den Kopf?«</p> + +<p>»Ja, Herr Director,« sagte einer der älteren +Jungen, der ihn kannte, indem er die Mütze von +dem struppigen Haare herunterzog, »der Schulmeister +ist nicht da und die Thür ist zu.«</p> + +<p>»Der Schulmeister ist nicht da?« fragte der +Director erstaunt; »und weshalb habt ihr ihn noch +nicht geholt?«</p> + +<p>»Ja, er ist auch nicht zu Hause und die ganze +Nacht nicht heimgekommen,« lautete die Antwort.</p> + +<p>Ein sehr elegant gekleideter Herr mit weißer +Wäsche, goldener Uhrkette, einigen Ringen an den +Fingern und einem Panamahute auf, der aber +sonderbarer Weise statt der Stiefel ein Paar sehr +bunt gestickte Pantoffeln und einen Zahnstocher +hinter dem rechten Ohre hatte, kam um die nächste +Ecke und grüßte den Director und seine Begleiter +freundlich. Es war der Delegado.</p> + +<p>»Ah, mein lieber Director,« redete dieser Sarno +in portugiesischer Sprache an, »das wird immer +ärger mit unserem Schullehrer. Wie ich eben +höre, haben ihn einige Nachbarn gestern Abend +spät oben am Flusse und etwa eine Legoa von +hier entfernt, schwer angetrunken verlassen, und +dort wird er auch wohl jetzt noch liegen, um +seinen Rausch auszuschlafen. Meines Nachbars +Kinder kamen heute Morgen wieder zurück, weil +sie nicht in die Schulstube konnten.«</p> + +<p>»Wer ist denn das, der da die Straße herunter +taumelt,« sagte Könnern, nach jener Richtung +zeigend.</p> + +<p>»Hehe, der Schulmeister, der Schulmeister!« +jubelten ihm da auch schon eine Anzahl Jungen, +die ihn erkannt hatten, in dem seligen Gefühle +entgegen, heute wieder keinesfalls Schule zu haben. +»wie er schräg geht — und jetzt stolpert er! Hoh, +hoh, hoh, der Schulmeister!«</p> + +<p>Es war allerdings jenes unglückliche Individuum, +das sich in <span class="wide">solchem</span> Zustande zu keinem +ungünstigeren Momente hätte zeigen können. Der +Director gab seinem Pferde die Sporen und +sprengte ihm entgegen, und während der zeitweilige +Schulmonarch die gläsernen Augen zu +Sarno aufschlug, rief dieser ihn mit vor innerer +Heftigkeit fast erstickter Stimme an:</p> + +<p>»Herr, schämen Sie sich nicht, hier am hellen +Tage wie eine <span class="wide">Sau</span> umher zu gehen, und wären +Sie nicht werth, daß ich —« er schwieg, und die +Hand, in der er die Reitpeitsche hielt, schloß sich +ordentlich krampfhaft um den Griff derselben.</p> + +<p>»Pfehle mich Ihnen, Herr Director,« stammelte +der Unglückliche mit schwerer Zunge, vergebens +dabei bemüht sich gerade zu halten, »sehr +angenehm so am frühen Morgen — sehr schöner +Morgen heute, Herr Director — sehr schöner +Morgen.«</p> + +<p>Der Director wandte sein Pferd in Ekel von +dem Trunkenen und ritt langsam zu dem Portugiesen +zurück. Die Schuljugend indessen wartete +nur den Moment ab, wo sie der Gegenwart dieser +Beiden enthoben wäre, um mit einem wahren +Jubel über ihren entwürdigten Lehrer herzufallen.</p> + +<p>»Jetzt haben wir wieder keinen Schullehrer,« +stöhnte der Director, bei dem Delegado angelangt.</p> + +<p>»Der Herr scheint heute Morgen etwas aufgeregt,« +sagte der Portugiese mit einem spöttischen +Lächeln. »Wollen wir ihn aber nicht lieber in +Sicherheit bringen. Sobald wir den Rücken +wenden, fällt das junge Deutschland jedenfalls +über ihn her.«</p> + +<p>»Ich habe Nichts dagegen,« rief der Director, +»und wenn sie ihm die Kleider in Fetzen vom +Leibe reißen! Kommen Sie, Schwartzau, kommen +Sie — o, ich vergaß, die Herren vorzustellen: Dom +Franklin Brasileiro Lima — zwei Freunde von +mir, Landsleute, Dom Könnern und Dom +Schwartzau, der letztere unser durch die Regierung +hergesandter Landvermesser.«</p> + +<p>Der Portugiese machte eine stumme und etwas +steife Verbeugung, nahm dann den Zahnstocher +hinter dem Ohre vor und sammelte die Überreste +seines Frühstücks.</p> + +<p>Sie standen gerade vor einem der kleinen +Häuser, über dem ein hellgelbes Schild mit rothen +Buchstaben den Namen <span class="wide">Pilger</span> — <span class="wide">Schuhmacher</span> +trug, und Könnern hatte schon, weniger bei dem +Schulmeister interessirt, ein paar Mal eine allerliebste +junge Frau am Fenster gesehen, die einen +Blick nach ihrer Gruppe herüber warf und dann +wieder in dem Dunkel der innern Stube verschwand. +Der Portugiese stand mit dem Rücken +nach der Thür zu, als der Schuhmacher, ein +großer, breitschultriger Mann in seinen besten +Jahren, das Schurzfell vor, ein kleines Käppchen +auf und die Hemdärmel in die Höhe gestreift, +hinter ihn auf den Schwellenstein trat und, seine +breite Hand auf des Portugiesen Schulter legend, +mit ruhiger Stimme, aber sehr schlechtem Portugiesisch +sagte:</p> + +<p>»Wenn ich Euch noch einmal in meinem Hause +treffe, Delegado, so schlage ich Euch jeden Knochen +in Eurem erbärmlichen Leibe zusammen. Habt +Ihr mich verstanden? Guten Morgen, meine +Herren,« wandte er sich dann, als ob nicht das +geringste Außergewöhnliche vorgefallen wäre, an +den Director und seine Begleiter; »entschuldigen +Sie, daß ich mich mit dem Lump in Ihrer Gegenwart +unterhalten habe.«</p> + +<p>Der Portugiese war vor Zorn hochroth geworden, +und seine kleinen, schwarzen Augen schienen +Feuer zu sprühen. Endlich hatte er sich so weit +wenigstens gesammelt, um zu erwiedern, und er +sagte, ohne den Handwerker jedoch eines Blickes +zu würdigen:</p> + +<p>»Wenn Ihr Eure Frau mißhandelt, und nicht +wißt was Ihr einer Frau an Achtung schuldig +seid, so ist es Sache der Obrigkeit dazwischen zu +treten.«</p> + +<p>»Und weshalb <span class="wide">hab</span>' ich meine Frau mißhandelt, +Du Lump, Du?« rief der Schuhmacher, bei +dem der Zorn die Oberhand gewann.</p> + +<p>»Pilger, bedenkt was Ihr sagt!« unterbrach +ihn der Director rasch.</p> + +<p>»Ach was, Herr Director — Nichts für ungut,« +zürnte der Mann; »ich weiß recht gut was ich +rede. Wenn der da auch zehnmal der Delegado +ist, oder wie das Ding heißt, so sollte er sich nur +um so mehr schämen, Unfrieden und Unglück in +die Häuser zu tragen. Aber, Gott verdamm' +mich! finde ich ihn noch einmal auf der andern +Seite von der Schwelle da, so geschieht ein Unglück. +Das will ich ihm vorausgesagt haben.«</p> + +<p>Der Portugiese verstand nicht die letzten +heftigen, in Deutsch gesprochenen Worte, aber er +mochte recht gut den Sinn ahnen, denn die +Gesticulation des Meisters dabei war gar nicht +falsch zu verstehen. Er drehte jedoch nur, mit +dem Ausdrucke der höchsten Verachtung in den +Zügen, den Kopf halb nach ihm herum, ohne ihn +selber anzusehen, sagte: »Wir sprechen uns noch!« +und ging dann in seinen gestickten Pantoffeln, mit +einer leichten Verbeugung gegen den Director und +seine Begleiter, die Straße wieder hinauf.</p> + +<p>Könnern's Blick beobachtete indessen das Fenster, +hinter dem er die junge Frau gesehen, und +er bemerkte, wie sie noch ein paar Mal scheu vortrat, +um, ohne selber gesehen zu werden, zu erfahren +was da draußen vorging. Sobald sie +aber des Fremden Blick auf sich haften fand, +verschwand sie rasch und kam nicht wieder zum +Vorscheine.</p> + +<p>»Haltet mir Frieden, Pilger, das thut's nicht,« +sagte der Director warnend.</p> + +<p>»Eben deshalb weil ich Frieden haben will,« +meinte der Schuhmacher, »halte ich mir den verdammten +Bleifuß aus dem Hause, und gnade +ihm Gott, wenn ich ihn da wieder einmal treffe, +wo er nicht hingehört — guten Morgen meine +Herren,« und damit drehte er sich ruhig um und +trat in sein Haus zurück.</p> + +<p>Die Schuljugend war indessen ein sehr +interessirter Zuschauer bei den Bewegungen ihres +sonst so gefürchteten Meisters gewesen, denn der +junge Schulmonarch führte seinen Stock gewöhnlich +mit unerbittlicher Gewalt. Einer der Nachbarn +aber, den der arme Teufel in diesem Zustande +dauerte, trat vor seine Thür, nahm ihn +ohne Weiteres unter den Arm und führte ihn in +sein Haus hinein, damit er dort seinen Rausch +ausschlafen könne. Der Director schickte dann die +Jungen nach Hause, die sich in wildem Jubel durch +die verschiedenen Straßen vertheilten.</p> + +<p>»Das ist ja ein recht hübsches Exemplar von +einem Schulmeister,« lachte Günther, als sie ihren +Weg wieder aufgenommen hatten.</p> + +<p>»Das sei Gott geklagt!« seufzte der Director; +»jetzt sitzen wir wieder in der Ansiedelung auf +dem Trockenen und die ganze Kinderwelt hat +Ferien, bis sich ein neues, eben so unbekanntes, +vielleicht eben so untaugliches Individuum dazu +hergiebt, das Amt des Schullehrers zu übernehmen.«</p> + +<p>»Und Ihr Delegado?« fragte Könnern; »die +Sache scheint nicht ganz richtig zu sein.«</p> + +<p>»Ist auch so ein Lump, den wir der Güte der +Frau Präsidentin verdanken. Der Teufel mag +da Director sein, wenn man es mit solchem Gesindel +zu thun hat, und ihnen doch nicht, in dem +engen Kreislauf unseres hiesigen Lebens, ausweichen +<span class="wide">kann.</span> Übrigens ist das auch derselbe +Herr, der da drüben die Brücke gebaut hat, welche +ihm von der Regierung — nachdem sie kaum beendet +und schon wieder eingestürzt war — mit +achtzehn Contos de Reis bezahlt wurde. Es geht +doch Nichts über Protection! Und wenn ich ein +oder zwei Contos verlange, nur um die nöthigsten +Bauten hier, ein neues Auswanderungs-Haus oder +dergleichen, zu bauen, bekomme ich Vorwürfe von +Oben, daß ich zu viel Geld gebrauche. Aber zum +Henker damit! Wir wollen uns den schönen Morgen +nicht durch derartige Dinge verbittern, und +der Lump verdient gar nicht, daß ich mich über +ihn ärgere. Kommen Sie, lassen Sie die Pferde +ein Wenig schärfer austraben, denn wir haben eine +Menge werthvolle Zeit versäumt und unsere Träger +und Arbeiter sind uns schon, wer weiß wie weit, +voraus.«</p> + +<p>Eben hatten sie die letzten Häuser hinter sich, +als ihnen wieder der Baron begegnete, und wie +er den Director erkannte, diesem ein Zeichen +machte, daß er ihn zu sprechen wünsche. Der +Director hielt an, während Könnern und +Schwartzau vorausritten.</p> + +<p>»Ach, Herr Director, nur auf ein Wort,« +sagte der etwas umständliche Baron mit einer +achtungsvollen Verbeugung; »dürfte ich Sie bitten, +mir aufrichtig eine einzige Frage zu beantworten?«</p> + +<p>»Warum nicht — aber ich bin heute Morgen +etwas in Eile.«</p> + +<p>»Ich will Ihre werthvolle Zeit nur für Secunden +in Anspruch nehmen. Hat sich die Frau +Gräfin in einer Geldangelegenheit an Sie gewandt?«</p> + +<p>Der Director lächelte.</p> + +<p>»Ich weiß nicht,« sagte er, »ob die Frage gerade +discret ist.«</p> + +<p>»Geschäftssache,« vertheidigte sich der Baron vor +diesem furchtbaren Verdachte; »Sie werden doch +nicht glauben, daß ich —«</p> + +<p>»Nun, mir ist keinesfalls anbefohlen, ein Geheimniß +daraus zu machen. Ja — zu irgend einer +ihrer zahlreichen Unternehmungen.«</p> + +<p>»Cigarren?«</p> + +<p>»Ich glaube, es betraf diesmal den Tabakshandel.«</p> + +<p>»Ich danke Ihnen,« sagte der Baron, von +dem Pferde zurücktretend.</p> + +<p>»Ich hoffe doch nicht, daß <span class="wide">Sie</span> sich damit +einlassen werden?« fragte der Director jetzt +seinerseits.</p> + +<p>»Ich bedaure unendlich nicht die Mittel zu +haben, ein so gemeinnütziges Unternehmen zu +unterstützen,« erwiederte der Baron, gerade etwa +mit derselben Betonung und in derselben Stellung, +als ob er der Frau Gräfin selber gegenüber +stände.</p> + +<p>Der Director lachte, grüßte den Baron flüchtig +und sprengte dann den Weg hinauf, die beiden +vorangerittenen Freunde einzuholen.</p> + +<p>Zwischen den Männern wurde weiter kein Wort +gewechselt, bis sie den eigentlichen Platz erreicht +hatten, auf dem Schwartzau seine Vermessung beginnen +sollte, und da dies das Terrain war, welches +dem Colonisten Meier gehörte, so war es +nöthig, daß er dazu gerufen wurde.</p> + +<p>Während Günther seine Bussole auspackte und +aufstellte, die nöthigen Vorbereitungen zum Beginne +traf und seine Leute instruirte, was sie zu thun +hätten — denn bei einer solchen Arbeit ist es besonders +nothwendig, daß sich der Vermesser und +seine Kettenträger vollkommen gut verstehen — ritt +der Director nach dem Hause hinüber, um den +Menschenfeind in Kenntniß zu setzen und abzuholen, +und Könnern bot sich ihm natürlich zum +Begleiter an.</p> + +<p>Die Gartenthür war verschlossen; zufällig kam +aber gerade ein kürzlich angenommener Arbeiter +heraus, und da er den Director kannte, machte +er nicht die geringste Schwierigkeit, ihn hinein zu +lassen.</p> + +<p>»Gehen Sie nur da gerade aus, Herr Director,« +sagte er, auf eine kleine Biegung des Weges +zeigend, »dort gleich rechts ist eine Laube, in der +finden Sie die ganze Familie beim Frühstück.«</p> + +<p>»Der wird uns ein schönes Gesicht schneiden, +wenn wir ihm so plötzlich über den Hals kommen!« +lachte der Director, als sie den breiten und +vortrefflich gehaltenen Kiesweg verfolgten; »aber +ich kann ihm nicht helfen. Es liegt auch in seinem +eigenen Interesse, daß er weiß wo seine Gränzen +laufen — aber da sitzt die Familie — jetzt können +Sie auch Ihre Brünette wieder begrüßen.«</p> + +<p>Könnern erwiederte kein Wort; es war ihm +ganz sonderbar beklommen um's Herz, und ein +Gefühl beschlich ihn, als ob er sich hier in unehrlicher +Weise in den Kreis einer Familie stehle, in +der er jetzt fast bezweifelte, daß er gern gesehen +sei. Es blieb ihm jedoch keine Zeit zu längerer +Überlegung, denn wenige Secunden später waren +sie schon von der Familie bemerkt, die überrascht +emporschaute, als sie die Fremden plötzlich in dem +Garten entdeckte.</p> + +<p>Meier saß ihnen mit dem Rücken zugewandt, +links von ihm seine Frau, rechts seine Tochter, +und schon als er die Schritte hinter sich hörte, +hatte er sich halb umgedreht und beschattete dabei +die Augen mit der Hand. Dann wandte er den Kopf +wieder ab, nahm eine blaue Brille aus der Rocktasche +und erhob sich erst, als er diese aufgesetzt +hatte, um die Fremden besser erkennen und dann +begrüßen zu können.</p> + +<p>Elise war ebenfalls tief erröthend aufgestanden, +als sie auf den ersten Blick den Fremden von +gestern erkannte; der Mutter entging ihre Bewegung, +da sie ihrerseits auch den einen Fremden +— den Director kannte sie schon von früher her — +aufmerksam musterte.</p> + +<p>»Mein lieber Herr Meier, ich muß um Entschuldigung +bitten,« sagte der Director, auf ihn +zugehend — »aber bitte, mein liebes Fräulein, +wollen Sie nicht Platz behalten —, ich will Sie +auch nicht lange stören und Ihnen nur anzeigen, +daß wir hier auf Ihrem Grundstücke zu vermessen +anfangen, weshalb es vielleicht besser wäre, daß +Sie mit hinausgingen. Sie wissen ja auch am +besten, wo die alte Linie gelaufen ist, die jener +Schneidergeselle neulich umgeworfen hat. Wir +wollen sehen, daß wir jetzt die ganze Sache wieder +in Ordnung bringen.«</p> + +<p>»Sehr angenehm, Herr Director,« sagte Meier +mit einer etwas ängstlichen und dadurch ungeschickten +Verbeugung — »sehr angenehm in der +That, und äußerst dankbar — der Herr ist wohl +der Vermesser, wenn ich fragen darf?«</p> + +<p>Könnern erröthete bis in den Nacken hinein, +als er so selber gezwungen wurde zu erklären, +daß er hier eigentlich gar Nichts zu suchen habe.</p> + +<p>»Ich besonders muß sehr um Entschuldigung +bitten,« sagte er mit einem unwillkürlichen Seitenblick +auf Elise, »daß ich mich hier eingedrängt +habe. Ich bin nicht der Vermesser, der schon +draußen bei seiner Arbeit ist, sondern nur ein +wandernder Maler, der sich seit einigen Jahren +heimathlos in der Welt herumtreibt, um Gottes +schöne Erde nach allen Richtungen hin zu durchstreifen. +Mit dem Herrn Director durch meinen +Bruder befreundet, habe ich mich den Herren heute +Morgen angeschlossen, und nur auf die allbekannte +brasilianische Gastfreundschaft fußend, wagte ich +es, Ihnen meine Gesellschaft für wenige Minuten +aufzudringen.«</p> + +<p>»Herr Bernard Könnern,« stellte ihn der +Director vor.</p> + +<p>»Sie sind uns herzlich willkommen,« sagte die +Frau, der die edle männliche Gestalt des jungen +Mannes, wie sein bescheidenes Benehmen von vorn +herein gefallen hatte — »Entschuldigungen wären +ja auch gar nicht am Platze — bitte, setzen Sie +sich — trinken die Herren vielleicht eine Tasse +Kaffee mit uns?«</p> + +<p>Sie winkte der Tochter, und ehe sich die Gäste +entschuldigen konnten, sprang Elise — überhaupt +froh, dazu Gelegenheit zu bekommen — rasch in +das Haus hinein, um ein paar Tassen herauszuholen.</p> + +<p>Meier, also gedrängt, konnte nicht anders, als +die einmal geschehene Einladung unterstützen. Mit +einer Handbewegung bat er seine Gäste, Platz zu +nehmen, und das Gespräch zwischen ihm und dem +Director wandte sich dann natürlich gleich der sie +beide am Meisten interessirenden Veranlassung zu.</p> + +<p>Elisens Mutter ließ sich indessen in ein Gespräch +mit Könnern ein, von dem sie bald erfuhr, +daß er Deutschland schon seit einer Reihe von +Jahren verlassen und indessen Nord- und Mittelamerika +durchstreift habe, theils um zu jagen, +theils um Skizzen und Studien für seine Mappe +zu sammeln.</p> + +<p>Meier, obgleich in eifrigem Gespräche mit dem +Director, hatte sich doch kein Wort von der anderen +Unterhaltung entgehen lassen, und nickte dabei +ein paar Mal halb unbewußt und zufrieden mit +dem Kopfe. Er schien auch mehr und mehr aufzuthauen +und die bisherige Scheu abzulegen, und +als Elise die Tassen gebracht und eingeschenkt hatte, +rückte er mit zum Tische und unterhielt sich selber +mit dem jungen Manne.</p> + +<p>»Ich will Ihnen Etwas sagen, Könnern,« +unterbrach der Director das Gespräch, »ich gehe +jetzt mit dem Herrn Meier zu Ihrem Freunde +hinaus, um die Sache erst einmal in Gang zu +bringen. Das beschäftigt mich keine halbe Stunde; +dann komme ich hierher zurück, hole Sie ab und +begleite Sie nachher bis zu der Mündung eines +gar nicht entfernten Thales, dem Sie aufwärts +folgen, und nachher vielleicht doch noch Wild zum +Schuß bekommen können. Hier oben auf der +Hochebene glaube ich schwerlich, daß Sie irgend +Etwas antreffen, das der Mühe lohnte danach zu +feuern.«</p> + +<p>»Das wäre recht schön,« sagte Könnern wieder +mit einem unwillkürlichen Blicke nach Elisen; +»wenn ich nur auch gewiß wüßte, daß ich den +Damen hier indessen nicht zur Last fiele.«</p> + +<p>»Nicht im Geringsten,« antwortete die Mutter +— »kennen Sie unser Land noch nicht und sind +Sie ein Liebhaber von Pflanzen, so haben Sie +indessen Gelegenheit, sich in unserm Garten umzusehen; +denn mein Mann hat sich große Mühe +gegeben, alle einheimischen Pflanzen und Gewächse +hier zu sammeln — Elise mag Sie herumführen.«</p> + +<p>»Ich wäre unendlich glücklich, wenn die junge +Dame…« stammelte Könnern.</p> + +<p>»Nun, sehen Sie,« sagte der Director, »da +sind Sie ja gleich untergebracht, und werden es +wohl so lange aushalten können. In einer halben +Stunde sind wir jedenfalls wieder hier. Sie gehen +also mit, Herr Meier?«</p> + +<p>»Ich muß sehr um Entschuldigung bitten,« +sagte der Angeredete mit dem ihm eigenen, etwas +verlegenen Lächeln — »Ich selber bin gerade beschäftigt; +aber ich werde Ihnen meinen Karl mitschicken, +der sich vortrefflich in alle diese Sachen +zu finden weiß. Wenn Sie nur so freundlich sein +wollen, ihm meine Gränzlinien zu zeigen, so wird +er sie sich selber markiren und ich dann schon +Sorge tragen, daß sie später dauernd gekennzeichnet +werden. Verlassen Sie sich darauf. Ich bin +gerade mit einer kleinen Arbeit beschäftigt, die ich +nicht gern unterbrechen möchte. Dem jungen +Herrn hier mache ich indessen vielleicht mehr Freude, +wenn ich ihn in meine kleine Bibliothek führe — +Bücher sind seltener in Brasilien, als Blumen.«</p> + +<p>»Erst die Blumen, wenn ich bitten darf!« +sagte Könnern, der sich heute merkwürdiger Weise +dafür besonders interessirte, obgleich er nicht das +Geringste von Botanik verstand, und da Elise sich +schon erhoben hatte, stand er ebenfalls auf, um +sie durch den Garten zu begleiten.</p> + +<p>»Sie scheinen sich besonders für Blumen zu +interessiren,« sagte das junge Mädchen, während +sie den halben Garten lang schon schweigend neben +Könnern hingeschritten war, ohne daß dieser einen +Punkt gefunden hätte, ein Gespräch anzuknüpfen. +Bei der Frage spielte ein eigenes, schelmisches +Lächeln um ihre Lippen, und ihr Blick suchte halb +verstohlen die Züge ihres Begleiters, senkte sich +aber blitzschnell wieder zu Boden, als sich dieser, +von einem plötzlichen Verdachte erfaßt, gegen sie +wandte.</p> + +<p>»Weshalb glauben Sie das, mein Fräulein?«</p> + +<p>»Weil Sie — die Blumen Vaters Bibliothek +vorzogen,« erwiederte Elise, aber sie wagte nicht +den Blick zu ihm zu erheben, denn sie fürchtete, +daß sie den darin liegenden Muthwillen verrathen +würde.</p> + +<p>»Und Sie haben wirklich keinen andern Grund?« +forschte Könnern weiter, denn er begann jetzt in +der That mißtrauisch zu werden, ob er gestern +seinen Raub so ganz unbemerkt geborgen habe.</p> + +<p>»Und welchen andern Grund sollte ich haben?« +sagte Elise, und sah ihm jetzt so voll und ehrlich +in's Auge, daß er seinen Blick fast erschreckt vor +den hellen Sternen zu Boden senkte.</p> + +<p>»Zürnen Sie mir nicht der ungeschickten Frage +wegen,« sagte er leise; »aber ich kann Ihnen den +Grund nennen, weshalb ich die Blumen in Ihrer +Begleitung den staubigen Büchern — wahrscheinlich +<span class="wide">ohne</span> dieselbe — vorgezogen habe.«</p> + +<p>»Ich wäre wirklich neugierig ihn zu hören,« +lächelte Elise, fühlte aber doch, daß sie, vielleicht +unmerkbar, dabei erröthete.</p> + +<p>»Er ist einfach,« sagte Könnern treuherzig, +»und in dem Leben eines Jägers und Herumtreibers, +wie ich leider einer bin, allein begründet. +Wir sehen Gottes schöne Welt in all' ihrer wundervollen +Pracht, in allen Zonen, sehen sie in +ihrem Reize, in ihrer furchtbaren Öde, in ihren +großartigen Massen, in ihren kleinsten, lauschigsten +Winkeln und Ecken, aber — wohin wir kommen, +sind wir immer nur Fremde und Heimathlose. — +Wie auch unser Herz daheim an dem Zauber +eines stillen Familienkreises gehangen haben mag, +da draußen werden wir in den allgemeinen Wirbel +hinausgestoßen, und wenn sich in der friedlichen +Abendstunde alle Menschen, mit denen wir in +flüchtige Berührung gekommen, in das Asyl ihres +eigenen Heerdes zurückziehen, wenn sie sich gewissermaßen +in dem Kreise der Ihren die Belohnung +holen für das, was sie den Tag über gewirkt +und geschafft, dann liegen <span class="wide">wir</span> an einem einsamen +Lagerfeuer, oder vielleicht noch schlimmer, in einem +erbärmlichen, unfreundlichen Wirthshause, und +dürfen nun darüber nachbrüten und grübeln, daß +wir über Tag Alles zu haben meinten, was der +Mensch nur wünschen kann, und daß uns doch in +der That Alles fehlt, was zum eigentlichen Glück +des Menschen gehört.</p> + +<p>»Mit Einem Worte, es fehlt uns da draußen +der Umgang mit sanften Frauen, das mildernde +Element im Leben des Mannes, der sich seinen +Weg nur das ganze Jahr durch seine rauhe und +wilde Umgebung erkämpfen muß. Wo wir deshalb +auch immer so ein liebes, freundliches +Frauenbild finden, da sehen wir in <span class="wide">ihren</span> Augen +den ganzen Himmel unserer eigenen, daheim verlassenen +Häuslichkeit, und wenn auch die Freude, +die wir dabei empfinden, eine Art von Heimweh +sein mag, so regt sich doch auch zugleich Alles wieder +in unserm Herzen, was gut und edel, und die +ganze Zeit vielleicht todt darin geschlummert hat. +Ich weiß nicht, liebes Fräulein, ob Sie mich verstanden?«</p> + +<p>»Ich glaube ja,« flüsterte Elise, und es war +ihr in dem Augenblicke fast, als ob sie selber eine +lange, öde Strecke allein und freudlos durch die +Welt gezogen sei, und jetzt eben aus weiter, weiter +Ferne das Geläute ihrer heimischen Glocken gehört +habe. Und doch durchzuckte sie dabei auch +wieder ein wehes Gefühl, wenn sie sich das auch +selber nicht einmal gestehen mochte — aber es +war nur der flüchtige Gedanke, daß der Fremde +also gestern auch die Blumen da draußen gar +nicht <span class="wide">ihret</span>wegen an sich genommen und aufgehoben +habe. Nur die Erinnerung an die Heimath — vielleicht +an ein anderes liebes Wesen, +das dort seiner warte, hatte ihn in dem Augenblicke +erfaßt, und das tiefe Gefühl selbst, das aus +seinen Worten, aus seinem ganzen Wesen sprach, +galt nicht der Gegenwart, sondern war allein der +Wiederglanz eines verlorenen oder lang entbehrten +Glückes daheim.</p> + +<p>Wieder wanderten die Beiden eine ganze Zeit +lang schweigend durch den Garten, Jeder mit seinen +eigenen Gedanken voll beschäftigt.</p> + +<p>»Wie das schön ist in dieser herrlichen, tropischen +Welt!« brach endlich Könnern das Schweigen; +»wie wohl die warme Luft dem Körper +thut, und wie zierlich jene herrlichen Baumformen +die schönsten, natürlichsten Gruppen bilden. Die +Eingeborenen hier müssen doch eigentlich recht +glückliche Menschen sein.«</p> + +<p>»Und warum nur die Eingeborenen?« fragte +Elise.</p> + +<p>»Weil sie bloß der Gegenwart zu leben brauchen,« +sagte Könnern; »sie haben Nichts in der Welt, +das ihnen den Genuß des Augenblickes verkümmern +könnte, keine Erinnerung, die sie zurückzieht, +keine Sehnsucht nach irgend einem verlassenen +Spielplatze der Kindheit. Fühlt sich nicht selbst +der Lappländer in seiner Schneewüste, in seiner +rauchigen Hütte, in Schmutz und Elend glücklich, +nur weil es seine Heimath ist, wie viel mehr denn +könnte es der Brasilianer in seinen Palmenwäldern +und Orangenduft?«</p> + +<p>»Und hängen Sie noch so sehr an der Heimath?«</p> + +<p>»Du lieber Gott,« sagte Könnern, »ich habe +eigentlich nicht viel dort zurückgelassen, was mich +binden könnte. Meine Eltern sind beide todt, +und nach so langer Abwesenheit von daheim darf +ich kaum hoffen, daß, außer einem Bruder, der +mir dort lebt, meine Freunde <span class="wide">mir</span> eben das +warme Herz bewahrt haben, das ich zurückbringe. +Man sagt ja sogar, daß das Heimweh nur durch +eine Rückkehr in die Heimath so gründlich curirt +werden könne, um nie wiederzukehren. Aber dennoch +liegt ein eigener Zauber über dem Platze, +auf dem einst unsere Wiege gestanden, und ich +weiß nicht, ob ich mich je mit dem Gedanken befreunden +könnte, selbst Brasilien zu meinem steten +Aufenthalte zu wählen, ehe ich den heimischen +Boden nicht wenigstens noch einmal wiedergesehen +hätte. Fühlen <span class="wide">Sie kein</span> solches Verlangen?«</p> + +<p>»Ich war noch ein halbes Kind als ich Deutschland +verließ,« sagte Elise; »kannte ich doch damals +Nichts als das Vaterhaus, und da meine +Eltern mit herüber kamen, vermißte ich kaum +Etwas aus dem alten Vaterlande. Wohl steigt +manchmal eine Art von Sehnsucht in mir auf, die +Heimath wieder zu sehen, aber es ist mehr ein +unbestimmtes Gefühl, das keinen festen und gewissen +Anhaltspunkt hat, und deshalb auch nicht +so mächtig, um mich lange und ernsthaft in Anspruch +zu nehmen.«</p> + +<p>»Aber Sie führen doch ein recht einsames +Leben hier oben.«</p> + +<p>»Ich bin kein anderes gewöhnt,« sagte Elise, +während aber doch ein leichter Seufzer ihre Brust +hob; »Vater und Mutter sind so gut mit mir, +und Alles, was ich brauche, habe ich im Überfluß. +Was könnte mir die geräuschvolle Welt +da unten mehr bieten? Je mehr ich auch davon +sehe, desto weniger gefällt sie mir, und ich habe +es dem Vater oft schon im Stillen gedankt, daß +er uns hier oben so vollkommen von dem Verkehr +mit der Ansiedelung abgeschlossen.«</p> + +<p>»Aber was <span class="wide">haben</span> Sie schon davon gesehen?«</p> + +<p>»Was? O, viel!« sagte Elise erstaunt. »lärmende, +trunkene Menschen, die gar nicht selten +unser Haus passirten, Klagen der Arbeiter im +Überfluß, und Zank und Streit, Neid und Haß +der einzelnen Colonisten, die manchmal den Vater +bitten, zwischen ihnen zu entscheiden, damit +sie keinen Advocaten anzunehmen brauchen. Es +ist recht traurig, daß die Menschen nicht in Frieden +neben einander leben können, und Vater hat +gewiß ganz Recht gehabt, daß er sich von ihnen +zurückgezogen. Wir leben jetzt hier viel glücklicher +in unserer Einsamkeit, wo wir Nichts von all' +dem Lärm und Unfrieden zu hören bekommen — +und doch sehnt sich Mutter hinaus und zurück in +die Welt.«</p> + +<p>»Sind Sie schon lange in Brasilien?«</p> + +<p>»Sieben Jahre mögen es sein — vielleicht +etwas weniger, und damals war die Colonie da +unten ein kaum begonnener Platz, auf dem erst +wenige Häuser standen. Erst in den letzten zwei +Jahren begannen die Auswanderer hierher den +Weg zu finden — der Vater sagt, weil ihnen +lügenhafte Speculanten vorgeschwindelt hätten, daß +der Boden hier so außerordentlich fruchtbar sei — +und jetzt vergeht fast kein Monat, an dem nicht +Schiffsladungen voll von ihnen ankommen.«</p> + +<p>»Das ist auch jetzt wieder der Fall,« meinte +Könnern, »und wir sind gerade heute heraufgekommen, +um das nächstgelegene Land für neue Colonisten +auszumessen. Sie werden dann wahrscheinlich +auch hier oben eine Menge neuer Nachbarn +bekommen.«</p> + +<p>»Dann zieht Vater gewiß weg von hier,« lachte +Elise, »denn er hat schon oft davon gesprochen, +so hübsch er den Platz auch mag eingerichtet haben. +Wenn Mutter nicht dagegen gewesen wäre, Vater +säße schon lange wieder irgendwo mitten im Walde +ganz allein.«</p> + +<p>»Aber weshalb scheut er die Menschen so? +Haben sie ihm je Etwas zu Leide gethan?«</p> + +<p>»Ich weiß es nicht,« sagte Elise treuherzig; +»er spricht nie darüber und hat sogar —« sie +schwieg plötzlich, und ein leichtes Roth färbte ihre +Wangen.</p> + +<p>»Was hat er?« fragte Könnern, weniger aus +Interesse an der Frage, als an der Jungfrau +selber, die durch ihre schlichte Einfachheit einen +ganz eigenen Zauber über ihn auszuüben begann.</p> + +<p>»O Nichts,« sagte Elise leise; »Vater hat +manchmal ganz sonderbare Einfälle, wenn er sich +damit nur ihm lästige Menschen abhalten kann.«</p> + +<p>»Und glauben Sie, liebes Fräulein, daß es +ihm unangenehm wäre, wenn ich vielleicht noch +einmal herauf käme, ehe ich die Colonie verließe?«</p> + +<p>»Sie wollen schon wieder fort?« fragte das +junge Mädchen fast erschreckt, und erschrak doch +noch mehr eigentlich über die Frage selber.</p> + +<p>»Möglich ist es, daß ich noch mehrere Tage, +vielleicht sogar einige Wochen in der Nachbarschaft +bleibe,« sagte der junge Mann; »es hängt das +von Briefen ab, die ich von Rio erwarte und die +vielleicht schon mit dem nächsten Postdampfer eintreffen +können. Aber Sie haben mir <span class="wide">meine</span> +Frage nicht beantwortet.«</p> + +<p>»Welche Frage?«</p> + +<p>»Ob es Ihr Vater ungern sehen würde, wenn +ich herauf käme um — Abschied von Ihnen zu +nehmen,« sagte Könnern, und es war ihm selber +ein ganz eigenes, wehes Gefühl, als er die Worte +sprach.</p> + +<p>»Ob es der <span class="wide">Vater</span> ungern sehen würde,« sagte +Elise, und ein leises, fast wehmüthiges Lächeln +stahl sich über ihre Züge, »weiß ich freilich nicht; +<span class="wide">ich</span> aber würde es ganz bestimmt ungern sehen, +wenn Sie — so bald schon wieder Abschied von +uns nehmen wollten.«</p> + +<p>Könnern wollte ihr Etwas darauf antworten, +aber er vermochte es nicht. Irgend eine leere +Redensart paßte nicht auf die aus dem Herzen +<ins title="Original hat kommende">kommenden</ins> Worte des einfachen Mädchens, und +hätte er ihr so darauf erwiedert, wie es ihm sein +eigen Herz eingab — das ging nicht — das war +nicht möglich. Nur ihre Hand ergriff er und sagte +endlich mit tiefem Gefühle:</p> + +<p>»Der Mensch ist noch nicht ganz verloren, bei +dessen Ankunft sich Jemand freut, dessen Abschied +Jemanden betrübt. Ich will die Worte so einfach +nehmen, wie sie gesprochen waren, aber sein Sie +versichert, mein Fräulein, daß sie mir stets eine +liebe, liebe Erinnerung bleiben werden.«</p> + +<p>Elise sah ihn fast etwas bestürzt an. Hatte sie mehr +gesagt, wie sie eigentlich durfte — Du lieber Gott, +sie war ja fast jedes geselligen Umganges entwöhnt. +Wie um sich selber zu entschuldigen, fuhr +sie fort:</p> + +<p>»Wir haben hier so lange jeden gesellschaftlichen +Umgang entbehrt, daß man es uns wahrlich +nicht verdenken kann, wenn wir uns freuen, die +Einsamkeit, ja Öde einmal durch einen freundlichen +Besuch gestört zu sehen.«</p> + +<p>»Ich habe es auch nicht anders verstanden, +liebes Fräulein,« sagte Könnern mit einem Seufzer, +»und doch danke ich Ihnen dafür. Aber Ihre +Frau Mutter scheint Sie zu suchen — und dort +hält auch der Director schon wieder, mich erwartend, +vor der Thür. So rasch ist die Zeit vergangen, +und ich glaubte, daß wir erst wenige Minuten +im Garten gewesen wären.«</p> + +<p>»Leben Sie wohl!« sagte Elise, ihm freundlich +und ohne Rückhalt die Hand zum Abschied +reichend.</p> + +<p>»Leben Sie wohl, liebes Fräulein!« sagte der +junge Mann, und er war einen Moment unschlüssig, +ob er die ihm gereichte Hand an die +Lippen heben solle, aber er bezwang sich, machte +ihr eine ehrfurchtsvolle Verbeugung und verließ +rasch den Garten.</p> + +<p> </p> +<hr class="narrow" /> +<h3><a name="kap_6" id="kap_6"></a>6.</h3> + +<h3>Zuhbel's Chagra.</h3> + +<p>Der Director wandte sein Pferd, als er Könnern +auf sich zukommen sah, und ritt ihm voran +die schmale Straße entlang.</p> + +<p>»Nun, wie hat Ihnen die Familie gefallen?« +sagte er endlich, als sie sich weit genug von Haus +und Garten befanden, um nicht mehr von dort +gehört zu werden; »nicht wahr, die Tochter ist +nicht so übel?«</p> + +<p>»Nein, ein ganz hübsches Mädchen,« sagte +Könnern und schämte sich fast vor sich selber dabei, +des profanen Urtheils wegen, denn es schien ihm +eine ordentliche Entweihung dieses schlichten, unschuldvollen +Herzens. Glücklicher Weise verhinderte +aber der enge Weg hier eine längere Unterhaltung. +Eine Viertelstunde später zeigte ihm der Director +das Thal, dem er folgen könne, um einmal den +Wald und die Nachbarschaft ein Wenig kennen +zu lernen, bezeichnete ihm den Platz, wo er sein +Pferd einstellen solle, warnte ihn noch einmal vor +einem zu langen Streifzuge, damit er sich nicht +doch etwa in den Bergen verirre, und setzte dann +seinen eigenen Weg fort, Könnern sich selber +überlassend.</p> + +<p>Der junge Mann athmete tief auf, als er sich +endlich allein im Walde sah; er fühlte das Bedürfniß, +seinen Gedanken ungestört nachhängen zu +können, und ein so eifriger Jäger er sonst auch sein +mochte, heute vergaß er fast, weshalb er in den +Wald gekommen, und ließ seinem Pferde willenlos +den Zügel, einen Fußpfad zu verfolgen, der +in dem Thale hinauflief. Dort oben sollte er +noch eine Chagra, die letzte, erreichen, wo er sein +Pferd lassen und die Jagd dann zu Fuße fortsetzen +konnte, denn im Sattel ließ sich in diesen +Wäldern eben gar Nichts ausrichten.</p> + +<p>Und was hatte ihm denn nur auf einmal so +Kopf und Herz befangen, was durchglühte ihn +plötzlich mit einem nie gekannten, kaum geahnten +Gefühl? Der Anblick, das Zusammensein mit +diesem einfachen, schlichten Kinde des Waldes? +Könnern schüttelte selber über die tolle Idee den +Kopf und suchte ein paar Mal sogar gewaltsam +das holde Bild aus seiner Erinnerung zu bannen; +aber es ging eben nicht. — Wenn er hinaus in +den Wald horchte, hörte er die melodischen Laute +ihrer Stimme, wenn er nach irgend einem möglichen +Wild umherlugte, sah er das schelmische +Lächeln der Jungfrau hinter jedem Busch und +Strauch, als sie ihn fragte, ob er die Blumen +liebe, und aus jedem perlenden Thautropfen +schauten ihm die treuen Augen Elisens entgegen.</p> + +<p>Mit einem Worte, er war bis über die Ohren +verliebt, und daß er sich das zuletzt selber nicht +einmal mehr verbergen konnte, ärgerte ihn am +Allermeisten.</p> + +<p>»Es ist reiner Wahnsinn,« philosophirte er +vor sich hin, »reiner, blanker Wahnsinn, daß ich +da hinein reite, einer jungen Brünette in die +Augen schaue und darüber auf einmal den Verstand +verloren haben soll! Der muß mir jedenfalls +schon früher abhanden gekommen sein — oben +in Costa Rica vielleicht, oder am Mississippi, oder +irgendwo anders sonst — der Teufel weiß es! +Aber zum Kuckuck auch! Ich will doch einmal +sehen, ob ich nicht Gewalt über mich habe, mir +ein Mädchenbild aus dem Kopf zu schlagen, und +<span class="wide">wenn's</span> eine Brünette mit den schönsten Reh-Augen +der Welt wäre — und das ist sie nicht +einmal — die Nase steht ihr ein klein Bißchen +schief — ein ganz klein Bißchen nur, aber sie steht +doch schief, und ist für eine wirkliche Schönheit +viel zu stumpf, und das Kinn müßte nothwendig +ein wenig länger sein — außerdem hat sie nicht +einmal ein Grübchen darin, und ich schwärme für +Grübchen im Kinn.«</p> + +<p>Und wie er sich die Fehler der Geliebten so +gewaltsam vormalte, schauten über Nase und Kinn +immer nur wieder jene Augen fest und tief <ins title="Original hat in in">in</ins> +die seinigen; in dem Rauschen der Palmen +hörte er die leise flüsternden Worte, wie sie ihm +sagte: »Ich aber würde es ganz bestimmt ungern +sehen, wenn Sie sobald schon wieder Abschied von +uns nehmen wollten,« und jeder wehende Zweig +schien ihm zuzuwinken und zu rufen: »Zurück! +Zurück — hinter Dir liegt das Glück, das Du +verlassen hast, hinter Dir! Und was treibst Du +Dich da noch länger so einsam und allein in der +weiten, öden Welt umher?«</p> + +<p>Er griff auch ein paar Mal wirklich seinem +Pferde in die Zügel, als ob er dieser wunderlichen +Stimme, die ihn drängte und trieb, folgen wolle, +aber es war das immer nur ein Moment. Im +nächsten warf er trotzig den Kopf zurück und biß +die Zähne auf einander. Aber die Traumbilder +ließen ihm doch keine Ruhe, und er kam erst +eigentlich ordentlich wieder zu sich selber, als er +das ihm von dem Director bezeichnete Haus erreichte, +das an der Gränze der Ansiedelung stand +und wo er sein Pferd lassen wollte, um seine +eigentliche Jagd zu beginnen.</p> + +<p>Der Eigenthümer war allerdings gerade nicht +zu Hause, sondern im Walde draußen, um Stämme +für eine neue Scheune zu schlagen, das schadete +aber Nichts; die Frau öffnete ihm den kleinen +Pasto, wo er sein Thier indessen frei weiden lassen +konnte, und mit seiner Büchsflinte auf der Schulter +schritt er gerade in den Wald hinein, um sein +Jagdglück, allen Gedanken und Träumen zum +Trotz, in vollem Ernste zu versuchen.</p> + +<p>Es giebt auch wirklich in der ganzen Welt +kein besseres Mittel, um sich lästig werdender +Gedanken zu entschlagen, als zu Fuß in einem +tropischen Walde spazieren zu gehen. Im Sattel +sucht sich das Pferd schon selber seinen Pfad, +weicht Hindernissen aus oder überwindet sie, und +trägt den Reiter seine Bahn entlang; ja, ein +solcher einsamer Ritt ist eigentlich zum Brüten +und Grübeln wie gemacht, und während sich der +Körper ruhig und endlich selbst theilnahmlos der +Führung des Pferdes überläßt, haben Geist und +Phantasie vollen Raum, in das Wilde hinaus zu +schweifen, und machen denn auch bei jeder passenden +Gelegenheit Gebrauch davon.</p> + +<p>Anders und sehr verschieden ist das freilich, +wenn man selber in den Gebüschen steckt, wenn +sich jeder Fehltritt durch ein prosaisches Stolpern +straft und Dornen und Schlingpflanzen bald hier, +bald da den Weg versperren. In solchem Falle +ist's mit dem Grübeln unbedingt vorbei, und kein +anderer Gedanke, als der, sich die Bahn frei zu +halten, kann aufkommen.</p> + +<p>Das Mittel half auch bei Könnern. Wie er +nur erst einmal die letzte Umzäunung der Colonie +hinter sich hatte und in den wirklichen Wald eintauchte, +wobei er noch außerdem genöthigt war, +sich genau die eingeschlagene Richtung zu merken, +gewann der Wald um ihn her wieder seinen wirklichen +Charakter, und ordentlich in der Wildniß drin +erwachte auch die alte Leidenschaft zur Jagd in +ihm, und ließ ihn mit dem ersten besten Pfade, +auf den er den Fuß setzte, auch nach Fährten +oder Spuren wilder Thiere suchen.</p> + +<p>Es ist außerdem schon an und für sich ein +ganz eigenthümliches, wunderbares Gefühl, in +einem fremden, unbekannten Walde mit der Büchse +im Arm dahin zu schreiten, und man muß eigentlich +selber Jäger sein, um das recht mitempfinden +oder auch nur begreifen zu können. Jeder Laut +ist fremd, selbst das Rauschen der Blätter klingt +dem Ohre ungewohnt, und noch dazu in einem +tropischen Walde lenkt überall eines der sich stets +bewegenden riesigen Blätter das Auge des Jägers +bald da, bald dorthin und hält ihn anfänglich in +fast fieberhafter Spannung.</p> + +<p>Hier und da raschelt auch einmal das Laub +— ein dürrer Ast knickt, ein Waldhuhn streicht +dicht vor den Füßen des Jägers mit fremdartigem +Geräusch empor und verschwindet, ehe er sich zum +Schusse sammeln konnte, wieder in den Büschen, +und irgend eine unbekannte Fährte fesselt plötzlich +seinen Blick und lockt ihn, weit von seiner Richtung +ab, lange, lange Strecken in den Wald +hinein.</p> + +<p>So streifte auch Könnern heute durch die +Wildniß, die er freilich mit größeren Erwartungen +für die Jagd betreten hatte. Er fand wohl einmal +eine Stelle, wo ein Rudel Sauen den Grund +aufgebrochen hatte, er sah die Fährten einer kleinen +Rothwildart und einmal sogar die eines Panthers +oder einer Tigerkatze, aber zum Schusse bekam er +Nichts als ein paar Waldhühner, die er aus dem +Gebüsche herausstörte und im Fluge mit dem +Schrotlauf schoß. Das war Alles, und als er +am Stand der Sonne sah, daß er nicht viel Zeit +mehr zu versäumen hatte, trat er den Rückweg an +und erreichte etwa eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang +das Haus jenes Ansiedlers, wo sein +Pferd stand.</p> + +<p>Der Mann war jetzt zu Hause und empfing +den Fremden auf das Gastlichste, wie es überhaupt +in den Ansiedelungen Sitte ist, lachte auch gerade +hinaus, als Könnern erklärte, daß er heute Abend +noch nach der Colonie zurück wolle.</p> + +<p>»Mein lieber Freund,« sagte er, »das ist reine +Thorheit, und Sie verstehen es eben nicht besser. +Bis Sie Ihr Pferd gesattelt haben und aus der +Rodung hinaus sind, ist die Sonne unter und +die Welt damit auch gleich stockdunkel, und nachher +sollten Sie einmal sehen, wie Sie auf dem +Hundewege mit Ihrem Pferde stecken blieben und +stürzten, vielleicht obendrein noch Hals und Beine +brächen. Fortreiten im Dunkeln? Denken Sie +gar nicht daran, und außerdem lasse ich Sie nicht +fort, wenn Sie auch wirklich wollten. Glauben +Sie denn, daß uns die Fremden hier so dick zugeschneit +kämen, daß wir einen, den wir einmal +eingefangen, gleich wieder fliegen ließen? Gott +bewahre — heute Abend wollen wir uns was +erzählen, Sie von draußen, ich von drinnen, und +da sollen Sie einmal sehen, wie rasch die Zeit +verfliegt.«</p> + +<p>Er ließ auch wirklich gar keine Einwendungen +gelten, und da sich Könnern viel eher in der +Stimmung fühlte, den Abend bei ganz fremden +Leuten zuzubringen, als unter Freunden zu verplaudern, +so bedurfte es keines langen Zuredens +seines freundlichen Wirthes, ihn zu bestimmen +dessen Wunsch zu gewähren.</p> + +<p>Während Könnern unter einem mächtigen +Orangenbaume saß und einige der um ihn her +den Boden bedeckenden Früchte verzehrte, erzählte +ihm der Deutsche den größten Theil seiner Lebensgeschichte. +Er hieß Heinrich Zuhbel, hatte früher +einen Handel in Rio Grande gehabt und mit +einem Krämerkarren verschiedene Streiftouren nach +Uruguay hinein gemacht, wo er eine Menge Geld +verdient haben mußte. In San Leopoldo, wohin +er auch einmal gekommen war, um seine Waaren +an den Mann zu bringen, brachte er sich dann +selber an. Er verliebte sich nämlich — oder besser +gesagt, seine jetzige Frau verliebte sich eigentlich +in ihn — die Eltern hatten Nichts dagegen, und +er verkaufte seine ganzen Habseligkeiten an einen +frisch eingewanderten Juden, übernahm die Colonie +seines Schwiegervaters und wirthschaftete +darauf, bis ihm der Nachbarn zu viele wurden. +Damals wurde die jetzige Colonie Santa Clara, +wenn auch nicht begründet, denn sie bestand schon +längere Zeit, aber frisch in Angriff genommen, +und Zuhbel beschloß, hieher überzusiedeln. Überhaupt +an Herumziehen in der Welt gewöhnt, +wurde ihm das auch nicht schwer, und er hatte +sich jetzt mit Fleiß und Ausdauer ein ganz hübsches +Besitzthum gegründet und lebte, wie er meinte, +gerade weit genug von der Colonie entfernt, um +sich Vieh halten zu können und nicht jeden Augenblick +Ärger mit den Nachbarn zu haben. Die +Kinder konnte er freilich von hier aus nicht in die +Schule schicken, denn das war zu weit und die +Schule taugte auch Nichts; deshalb unterrichteten +er und die Frau sie selber, und der »Landsmann« +sollte sich nachher einmal überzeugen, was sie schon +Alles könnten.</p> + +<p>Der Mann plauderte so in einer Schnur fort, +und erzählte dem Fremden eine von den tausend +Geschichten, die der Wanderer durch solche Länder +fast in jeder Hütte zu hören bekommt und als +eine der vielen Reiseunannehmlichkeiten eben hinnehmen +muß: eine Lebensgeschichte ohne das geringste +Interessante, ein alltäglicher Lebenslauf in +den Colonien, voll Arbeit, und Glück und Mißgeschick, +bunt und ohne Zweck oder Ziel durch +einander gemischt.</p> + +<p>Der Mann hier schien aber trotzdem keiner +der gewöhnlichen Bauern zu sein, wie auch sein +früherer Erwerb bewies; er war eine Art von +verdorbenem Genie, der ein Bißchen von Allem +oberflächlich gelernt hatte, das Wenige aber nach +Kräften zur Geltung zu bringen suchte, wo sich +ihm irgend Gelegenheit dazu bot.</p> + +<p>Als sich die Sonne endlich hinter die Bäume +senkte, lud er seinen Gast ein, in's Haus zu kommen, +da der Thau schon zu fallen begann. Dort +fand Könnern die Frau emsig beschäftigt den +Tisch zu decken, und ein junges, bildhübsches +Mädchen von vielleicht dreizehn Jahren, aber schon +hoch aufgeschossen, half ihr dabei.</p> + +<p>Die Frau trug nicht die deutsche Bauerntracht, +sondern mehr eine Kleidung, wie sie bei Handwerkerfrauen +auf dem Lande Sitte ist: ein blaugeblümtes, +dunkles Kattunkleid, eine weiße Schürze +und — jedenfalls dem Gaste zu Ehren — ein +gelb und roth carrirtes Seidentuch um den Hals +geknüpft. Sie mußte auch einmal recht hübsch +gewesen sein, denn die Spuren ließen sich selbst +jetzt noch erkennen, aber harte Arbeit und eine +heiße Sonne reiben den Körper auf und machen +ihn rasch verblühen. Sie grüßte schüchtern und +verließ mit ihrer Tochter das Zimmer, sobald +es Könnern betrat. Aber auch sein Wirth hatte +noch draußen zu thun.</p> + +<p>»Setzen Sie sich und machen Sie es sich bequem,« +sagte er zu seinem Gaste, als er diesen in +die Stube geführt hatte; »ich bin gleich wieder +da, ich will Ihnen nur Etwas von meinen Fabrikaten +holen.«</p> + +<p>Damit verließ er ebenfalls das Zimmer und +ließ dem jungen Deutschen vollkommen Zeit, sich +diese Heimath eines deutsch-brasilianischen Pflanzers +mit Muße zu betrachten — und wahrlich, +es schien ein wunderlicher Platz!</p> + +<p>Das große, geräumige Zimmer mit weißen +Kalkwänden nahm den ganzen vordern Theil des +Hauses ein. Die Möbel bestanden großentheils +aus einfachem weißen Holze. Nur ein, möglicherweise +aus Deutschland mitgebrachter runder Tisch +in der Ecke war aus Mahagoni; eben so ein Stuhl, +der aber nur noch drei Beine hatte und mehr zum +Staate als zum wirklichen Dienste wie in Gedanken +in der Ecke lehnte.</p> + +<p>An der einen Wand stand ein Fortepiano aus +Nußbaumholz; daneben aber ein angebrochener +Mehlsack, aus dem wahrscheinlich der tägliche +Bedarf für das Haus genommen wurde; auf dem +Clavier lag ein kürzlich abgenommener Pferdezaum, +denn das Gebiß war noch feucht, und in der Ecke +am Fenster ein alter, zerrissener Sattel, neben +dem wiederum zwei Fässer mit Bohnen und Erbsen +standen. Auf den Mahagonitisch war außerdem +als Decke das etwas defecte Umschlagetuch der +Frau gebreitet; die Zipfel desselben reichten aber +nicht weit genug herunter, um ein Paar Halbstiefel +und einige noch nicht gereinigte Frauenschuhe +zu verbergen. Ein Paar abgeworfene +Hosenträger lagen auf dem Umschlagetuche.</p> + +<p>Die Familie schien außer dem Clavier aber +auch sonst noch entschieden musikalisch zu sein, +denn über demselben, neben einer gewöhnlichen +Handwage und einem lange nicht abgestaubten +Rocke, hingen noch zwei Guitarren und eine Violine +— alle drei in etwas desolaten Umständen. — +Sonst aber sah es reinlich in dem Zimmer aus; +die Dielen waren frisch gescheuert und an dem +einen Fenster sogar ein schwacher Versuch zu einer +Gardine gemacht.</p> + +<p>Könnern lehnte seine Büchsflinte in die Ecke +neben den Mehlsack und hatte gerade Zeit genug +gehabt, sich in dem Zimmer ein klein wenig umzusehen, +als sein Wirth mit einer Flasche Wein +und ein paar Gläsern zurückkehrte.</p> + +<p>»Nun sollen Sie auch einmal eine Flasche +Santa Clara Ausbruch versuchen, ein capitales +Weinchen,« sagte er dabei, indem er die Flasche +auf den Tisch stellte und entkorkte, »selbst gezogen +— delicat — noch ein Bißchen jung vielleicht, +aber famos — <span class="wide">die</span> Blume!«</p> + +<p>Der Wein hatte eine Rosafarbe; als ihn Könnern +aber kostete, lachte er gerade hinaus und rief:</p> + +<p>»Sie haben sich mit der Flasche vergriffen; das +ist Himbeeressig!«</p> + +<p>»Himbeeressig?« sagte Herr Zuhbel erstaunt, +indem er vorsichtig von seinem Glase kostete — +»ich habe ja gar keinen — bitte um Verzeihung, +das ist mein Ausbruch. Er <span class="wide">ist</span> ein Bißchen säuerlich, +weil bei uns die Beeren so ungleich reifen, +aber ich gebe Ihnen mein Wort, wenn man sich +erst einmal an <span class="wide">den</span> Wein gewöhnt hat, schmeckt +Einem der beste Markobrunner nicht mehr.«</p> + +<p>»Das glaube ich auch,« sagte Könnern, der +einen zweiten Versuch machte, das Glas aber dann +kopfschüttelnd wieder auf den Tisch setzte — »ich +bin übrigens kein Weinkenner, lieber Herr, und +trinke nur Wasser. Jeder Wein steigt mir augenblicklich +zu Kopfe.«</p> + +<p>»Der nicht,« rief Zuhbel in Eifer, »der wahrhaftig +nicht, und wenn Sie drei Flaschen davon +tränken! (Könnern zogen sich schon bei dem Gedanken +an eine solche Möglichkeit die Eingeweide +zusammen und alle Zähne wurden ihm stumpf.) +Übrigens können Sie auch Milch bekommen, meine +Weiberleute trinken auch gewöhnlich Milch, und +da kommen sie schon mit dem Essen. Nun langen +Sie tüchtig zu, denn Sie werden nach dem heutigen +Marsch Hunger bekommen haben.«</p> + +<p>Die Frau brachte in der That herein, was das +Haus bot, delicates Brod, frische Butter, guten +Käse, Milch und Eier, Alles reichlich und mit +größter Reinlichkeit aufgetischt; aber sie sprach kein +Wort, wenn nicht eine Frage direct an sie gerichtet +wurde. Auch das junge Mädchen hielt sich +scheu zurück und wagte nicht einmal ordentlich an +den Tisch hinan zu rücken, an den sie weit hinüberlangen +mußte. Zuhbel führte allein das Wort +und erzählte ununterbrochen von seinem Leben hier +zwischen den »Brasilischen«, von seinen Arbeiten +und Erfolgen, wie er den Leuten hier erst habe +zeigen müssen was Ackerbau sei, wie er seine Felder +einrichte und bewirthschafte, was er ziehe und +möglich gemacht habe, und wie er es eigentlich +gewesen sei, der in die Ansiedelung unten ein wenig +Ordnung gebracht habe.</p> + +<p>»Mit dem Director ist es Nichts,« fuhr er +fort — »gar Nichts, das ist ein Grobian, wie er +im Buche steht, aufgeblasen und stolz — ja, »Dickethun +ist mein Reichthum,« das paßt auf den. +Will Alles besser wissen, und hat nicht die geringste +Lebensart. Da ist der Delegado ein anderer +Mann — der weiß, was Höflichkeit ist und was +unser Einer versteht, und giebt sich mit dem gemeinen +Manne ab, daß es eine Lust ist.«</p> + +<p>Dann kam er auf die Frau Gräfin zu sprechen, +die ihn einmal »mein lieber Herr Zuhbel« genannt +hatte und von der er entzückt schien. Das +war eine Dame, wie sie eigentlich sein sollte, +»wirklich vornehm und doch so gemein als möglich.«</p> + +<p>Könnern ermüdete das Gespräch. Er hatte +schon lange herausgemerkt, daß sein freundlicher +Wirth zu den Menschen gehörte, die ihren Nachbar +nur danach beurtheilen, wie sie selber von ihm +behandelt sind, und den aus Grundsatz hassen, der +klüger oder fleißiger ist als sie, oder wenigstens +von seiner Arbeit mehr Erfolg gehabt hat. Leider +giebt es solcher Leute ja genug in <span class="wide">allen</span> Ständen, +und man braucht eben nicht nach Brasilien +zu gehen, um mit ihnen zusammenzutreffen. Zuhbel +dagegen, der ebenfalls gefunden, daß sein Gast +ein »Fremder« sei, und der hier draußen viel zu +selten Gelegenheit bekam, seine Lichtseiten zu entwickeln, +nahm jetzt die Ansiedler Einen nach dem +Andern durch, um, wie er meinte, dem neuen +Einwanderer gleich einen richtigen Überblick über +die Verhältnisse zu gestatten.</p> + +<p>Indessen war es vollkommen Nacht geworden, +als draußen der Hufschlag eines Pferdes laut +wurde und gleich darauf ein junger, kräftiger +Bursche von etwa siebenzehn Jahren in's Zimmer +trat. Es war Zuhbel's Sohn, der den Fremden +freundlich grüßte und dann, ohne von seiner Familie +auch nur die geringste Notiz zu nehmen, +sich zum Tische setzte und die noch übrigen Speisen +verzehrte. Er leerte sogar ein Glas von dem +Wein, ohne eine Miene dabei zu verziehen.</p> + +<p>Während er aß, saß Zuhbel wie auf Kohlen; +er rückte auf seinem Stuhle hin und her und sah +immer nach seinem Sohne hinüber, und als dieser +kaum den letzten Bissen im Munde hatte und +seinen Teller zurückschob, stand er auf, rieb sich +die Hände und sagte:</p> + +<p>»So, jetzt kann's losgehen — jetzt sollen Sie +einmal sehen, daß wir hier im brasilianischen +Walde nicht bloß lauter Bauern und Holzhacker +sind, sondern daß wir auch in der Kunst Etwas +leisten. Bist Du fertig, Junge?«</p> + +<p>»Ja, Vater,« sagte der Sohn, stand auf, wischte +sich den Mund, nahm einen kleinen Zusammenlegekamm +aus der Tasche, um seine Frisur oberflächlich +in Ordnung zu bringen, und griff dann +ohne Weiteres nach der über dem Claviere hangenden +Violine, die er zu stimmen und herauf und +herunter zu schrauben begann. Es dauerte eine +geraume Zeit, bis er damit fertig wurde; der alte +Zuhbel hatte indessen das Clavier geöffnet und +sich daran gesetzt.</p> + +<p>»Spielen Sie?« fragte er Könnern. Dieser +verneinte. »Das müssen Sie noch lernen,« fuhr +Zuhbel fort, indem er einen falschen Accord griff; +»es ist etwas gar Schönes für einen Colonisten, +wenn er sich Abends nach der Arbeit die Zeit ein +wenig mit Musik vertreiben kann — na, hast Du's +bald?« wandte er sich an seinen Sohn.</p> + +<p>»Jetzt kommt's,« sagte dieser, indem er einen +Ton auf dem Clavier anschlug und seine Stimmung +damit verglich. Es stimmte so ziemlich — +höchstens um einen halben Ton Unterschied, was +zu unbedeutend war, deshalb noch einmal alle +Saiten abzuschrauben. Ein Strich über die Violine +war das Zeichen, und ohne weitere Verabredung, +als ob gar keine andere Melodie möglich sei, fielen +Beide in die Fra Diavolo'sche Romanze: »Erblickt +auf Felseshöhen,« ein und kratzten und hämmerten +dieselbe richtig durch, der Vater natürlich nur den +Baß schlagend, wobei es nicht darauf ankam, ob +er manchmal um zwei oder drei Zoll daneben griff.</p> + +<p>Dann kam ein schwermüthiges Lied. »Von +der Alpe tönt das Horn,« dann »Die Fahrt in's +Heu« mit allen Versen. Den Schluß bildete aber +das Schrecklichste von Allem, ein Choral; denn +während es bei den früheren Liedern über die +Mißtöne rasch hinwegging, wurden sie hier lang +und feierlich ausgehalten, und Könnern als Schlachtopfer +saß in der einen Ecke und rauchte eine schlechte +Cigarre, die wie der Wein eigenes Fabricat des +Tausendkünstlers war.</p> + +<p>Aber auch das ging vorüber; das Concert war +beendet, die Violine hing wieder an der Wand +und das Clavier wurde geschlossen — der erste +angenehme Ton, den es heute von sich gab.</p> + +<p>»Es sind nur drei Instrumente in der ganzen +Colonie,« sagte Zuhbel mit Stolz, indem er den +alten Klapperkasten freundlich auf den Rücken +klopfte, als ob es ein Pferd gewesen wäre; »eins +hat die Frau Gräfin, ein wahres Prachtstück; die +junge Gräfin hat mir einmal selber Etwas darauf +vorgespielt — die spielt, und <span class="wide">das</span> ist ein Mädel +— zum 'neinbeißen, sage ich Ihnen. Sie kennen +sie aber gewiß schon?«</p> + +<p>»Ich habe sie nur einmal im Vorbeireiten +gesehen.«</p> + +<p>»Reiten kann sie wie der helle Teufel — und +das dritte hat der Meier — der Einsiedler, wie +sie ihn unten nennen; aber ob darauf gespielt +wird, kann man nicht erfahren, denn er liegt wie +ein Kettenhund vor seiner eigenen Thür und läßt +Niemanden hinein — das ist ein schrecklicher +Mensch!«</p> + +<p>»Er macht sich nicht viel aus Gesellschaft,« +sagte Könnern gleichgültig.</p> + +<p>»Haben Sie das auch schon gemerkt?« lachte +Zuhbel; »ja, der läßt Alle abfahren, wer sie auch +sein mögen, aber — es hat seinen Grund.«</p> + +<p>»Er mag etwas menschenscheu sein; lieber +Gott, Jeder von uns hat seine Schwachheiten!« +sagte Könnern und dachte an das Concert.</p> + +<p>»Schwachheiten?« fragte Zuhbel geheimnißvoll +— »bei dem ist's mehr, darauf gebe ich Ihnen +mein Wort. Dahinter steckt Etwas. — Mit dem +ist's nicht richtig, und daß der — ich mag keinem +Menschen etwas Böses nachsagen — aber daß der +<span class="wide">wenigstens</span> einen Mord auf dem Gewissen hat, +darauf können Sie Gift nehmen. — Denken Sie +denn, daß der Jemandem gerade in's Gesicht sehen +kann? Gott bewahre, eine blaue Brille setzt er +auf, hinter der man nie weiß ob er schläft oder +zuhört, wenn man ihm 'was sagt, und daß er ein +einziges Mal seine Nachbarn besucht hätte, so +lange er hier in der Gegend wohnt — ist ihm +noch gar nicht eingefallen.«</p> + +<p>»Ja, aber mein lieber Herr Zuhbel,« sagte +Könnern, »nicht alle Menschen haben eben Freude +an Gesellschaft!«</p> + +<p>»Ach was,« rief der Mann, »der ist keines +Menschen Freund, wie sein eigener, und ich weiß +nicht einmal, ob er sich selber 'was aus sich macht. +Nein, bleiben Sie mir mit dem Herrn Meier vom +Leibe, und mit seiner ganzen Familie, der alten, +knuffnäsigen Frau, die Einen immer ansieht als +ob sie Einen beißen wollte — lieber Gott, ich +thu' ihr Nichts! — und dem bleichsüchtigen Ding +von Mädchen. Und mit seinem Reichthum soll's +auch nicht so weit her sein — mich kauft er nicht +aus, so viel weiß ich, und <span class="wide">mein</span> Land gäbe ich +nicht für ein Dutzend solcher Chagra's hin, wie +er eine hat.«</p> + +<p>Der Mann war im Zuge und ließ Könnern +nur in so fern Ruhe, daß er nicht von ihm verlangte, +ebenfalls zu reden. Er hechelte die Colonie +wieder von oben bis unten durch, und das Resultat +blieb, daß er der Einzige von Allen +sei, der wirklich Etwas vom Ackerbau verstehe und +eine Musterwirthschaft eingerichtet habe, auf der +er den Colonisten einmal zeigen wolle was man +aus dem Lande machen könne, wenn man es eben +richtig angriffe. Könnern war froh, als er sich +endlich mit der späten Stunde, und Müdigkeit +vorschützend, entschuldigen konnte, um sein Lager +zu suchen.</p> + +<p>Auch hier war Alles für ihn durch die Frauen +auf das Sauberste hergerichtet, und in einer der +oberen Kammern fand er ein, wenn auch ein +wenig hartes, doch frisch überzogenes Bett, mit +Waschzeug, Handtuch und frischem Wasser, und +außerdem noch einen Teller mit Maniokmehl und +einen Korb voll Orangen, die bei dem brasilianischen +Landmanne einen nicht unbedeutenden Theil seiner +Nahrung bilden.</p> + +<p>Die Frau leuchtete ihm hinauf. Sie sprach +kein Wort dabei, setzte ihm das Licht in die Stube +und sah sich dann noch einmal um, ob auch Alles +in Ordnung sei. Dann ging sie wieder eben so +schweigend zur Thür zurück, drehte sich noch einmal +um, sah Könnern ruhig an und sagte:</p> + +<p>»Glauben Sie kein Wort von dem, was <span class="wide">er</span> +Ihnen sagt. Es ist Alles nicht wahr. Gute Nacht, +schlafen Sie wohl!« und damit verschwand sie +draußen in dem dunklen Gange.</p> + +<p>Könnern lachte still vor sich hin, aber er war +durch das furchtbare Schwatzen seines Wirthes +so geistig müde geworden, daß er an dem Abend +nicht einmal mehr denken konnte. So suchte er +denn sein Lager und hatte sich kaum darauf ausgestreckt, +als er auch in einen tiefen Schlaf fiel +und erst am hellen Morgen neu gestärkt erwachte.</p> + +<p>Nun wollte er jetzt allerdings gleich zur Ansiedlung +zurückkehren, weil er fürchtete, daß der +Director vielleicht seinetwegen in Sorge sein könne; +aber Zuhbel ließ ihn nicht. Erst mußte er frühstücken +und dann seine Felder besehen, ohne das +kam er nicht los.</p> + +<p>Könnern war nun Nichts weniger als Ökonom, +und verstand nicht das Geringste von der Landwirthschaft, +das schadete aber Nichts; Zuhbel +schleppte seinen Gast mit einem wahren Feuereifer +über geackerte und ungeackerte Felder, und zeigte +ihm, was er <span class="wide">hier</span> bauen wollte, und was er <span class="wide">da</span> +gebaut hatte, wie jener Graben dort und dieser da +gezogen sei, und wie alt der oder jener Pfirsichbaum +wäre, und wo er die jungen Stämme herbekommen +habe — Dinge, die den jungen Maler +auch nicht im Geringsten interessirten. Endlich +hatten sie Alles gesehen, keine Hecken-Anpflanzung +von Quittenbäumen, kein Reis- oder Maisfeld war +mehr übrig, und der Fremde durfte endlich den +Wunsch ansprechen, sein Pferd zu satteln. Das +aber besorgte ihm der junge Zuhbel, der zum +zweiten Frühstücke aus dem Felde hereingekommen +war, und Könnern athmete hoch auf, als er endlich +wieder auf dem schmalen Pfade, das Thal hinab, +der Ansiedelung zutraben konnte.</p> + +<p>Und dennoch schlug er nicht den nächsten Weg +dorthin ein, sondern lenkte links ab, an Meier's +Chagra vorüber, und weshalb? Er hatte anfangs +ein unbestimmtes Gefühl, als ob er die beiden geschossenen +Waldhühner, die an seinem Sattelknopfe +hingen, Elise bringen wolle — aber das ging +nicht. Er durfte dem alten Manne nicht lästig +fallen — nicht <span class="wide">jetzt</span> schon wieder sein Haus betreten +— und doch, mit wie schwerem Herzen ritt +er an der dichten Hecke vorüber, die Alles umschlossen +hielt, was seinem Herzen lieb und theuer +war. — Vergebens suchte er auch nur einen Blick +in die Umzäunung zu gewinnen; der alte Meier +hatte schon dafür gesorgt, daß kein neugieriges +Auge in sein Heiligthum dringen könne, und tief +aufseufzend ließ er seinem Pferde endlich wieder +den Zügel, um den Weg zu verfolgen, der ihn +hinunter nach Santa Clara brachte.</p> + +<p>Noch hatte er aber das Ende der Umzäunung +nicht erreicht, als er plötzlich Musik zu hören +glaubte. Er griff seinem Thiere rasch in den +Zügel und lauschte. Richtig — im Garten selber +hörte er die melodischen Töne einer Zither. Eine +Weile horchte er, aber er war hier noch zu weit +entfernt, um die Melodie deutlich zu unterscheiden; +nur die einzelnen, höheren Töne drangen zu ihm +herüber, und ehe er noch zu einem rechten Entschluß +gekommen, was zu thun, war er schon abgestiegen +und hatte sein Pferd am Zügel.</p> + +<p>Ein Weg führte dort allerdings nicht hinein, +aber die Büsche waren doch nicht so dicht, daß er +nicht hindurch gekonnt hätte, und einen Augenblick +stand er unschlüssig, ob er das Pferd hier +draußen am Wege anbinden solle. Aber vom +Hause aus konnte Jemand daher kommen und ihn +beim Horchen ertappen — besser, er nahm es mit, +und es vorsichtig führend, näherte er sich mehr +und mehr dem Spielenden, bis endlich ganz +deutlich und gar nicht weit entfernt das Lied +zu ihm herübertönte.</p> + +<p>Hier aber hemmte eine hohe und vollkommen +dichte Hecke jedes weitere Vordringen; zu nahe +durfte er überhaupt nicht hinan, daß ihn der Schritt +des Pferdes nicht verrieth — er blieb stehen und +lauschte der Melodie, die eine Meisterhand aus den +Saiten lockte — aber wer spielte hier? Der alte +Meier selber vielleicht? Der Director hatte ihm +schon gesagt, daß er sehr musikalisch sei. Es war +eine jener schwermüthigen deutschen Volksweisen, +an denen wir so reich sind, und ein tiefes inniges +Gefühl schien die Saiten zu beleben.</p> + +<p>Jetzt war das Lied beendet und Alles ruhig +— hatte sich der Spieler wieder entfernt? Es war +so still geworden, daß er sich ordentlich fürchtete +den Platz zu verlassen, weil ihn das durch das +Pferd verursachte Geräusch verrathen mußte.</p> + +<p>Da plötzlich wurden wieder einzelne Accorde +angeschlagen, erst leise und wehmüthig, dann in +eine mehr heitere Weise übergehend. Zwei oder +drei der kleinen allerliebsten steyrischen Ländler +folgten, dann plötzlich in eine andere Tonart überspringend, +intonirte der Spieler eine dem Zuhörer +fremde Melodie, und jetzt — das Herz schlug ihm +auf einmal wie ein Hammer in der Brust, begann +eine glockenreine Mädchenstimme ein kleines +Lied, von dem er deutlich jede Silbe verstehen +konnte.</p> + +<div class="center"> + <table style="margin: 0 auto" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="poem"> + <tr><td align="left"> Die Herzen wachsen alle dort</td></tr> + <tr><td align="left">Im blauen Himmelsfeld,</td></tr> + <tr><td align="left">Und immer zwei beisammen, eng,</td></tr> + <tr><td align="left">Die eine Schale hält.</td></tr> + <tr><td> </td></tr> + <tr><td align="left"> Vielliebchen gleich, so keimen sie</td></tr> + <tr><td align="left">Je zwei und zwei selband,</td></tr> + <tr><td align="left">Und sind sie reif, nimmt sie der Herr</td></tr> + <tr><td align="left">Und streut sie über's Land.</td></tr> + <tr><td> </td></tr> + <tr><td align="left"> Eins pflanzt er einem Jüngling ein,</td></tr> + <tr><td align="left">Das and're einer Maid,</td></tr> + <tr><td align="left">Und spricht: Mein Segen ruht auf Euch,</td></tr> + <tr><td align="left">Wenn Ihr vereinigt seid.</td></tr> + <tr><td> </td></tr> + <tr><td align="left"> Die beiden Hälften suchen nun</td></tr> + <tr><td align="left">Sich in der Welt daher,</td></tr> + <tr><td align="left">Und selig, wer sein halbes find't,</td></tr> + <tr><td align="left">O dreimal selig der!</td></tr> + <tr><td> </td></tr> + <tr><td align="left"> Das halbe Herz, Du lieber Gott,</td></tr> + <tr><td align="left">Kann doch auch halb nur schlagen —</td></tr> + <tr><td align="left">Wer <span class="wide">meine</span> and're Hälfte hat,</td></tr> + <tr><td align="left">Ich wollt', er thät mir's sagen.</td></tr> + </table> +</div> + +<p>Könnern lauschte dem Liede mit glühenden +Wangen, kaum aber war es beendet, als er — er +wußte kaum was er that — die beiden geschossenen +Waldhühner vom Sattelknopfe nahm und mit +keckem Wurf über die Hecke hinweg in den Garten +schleuderte.</p> + +<p>Er hörte noch drinnen einen leisen Aufschrei, +aber weiter Nichts, in wilder Flucht trieb er sein +Pferd wieder durch den Busch zurück auf den +Weg, sprang in den Sattel, und jagte mit einem +ganzen Sturm tobender Gefühle im Herzen in die +Ansiedelung zurück.</p> + +<p> </p> +<hr class="narrow" /> +<h3><a name="kap_7" id="kap_7"></a>7.</h3> + +<h3>Die neuen Colonisten.</h3> + +<p>Der scharfe Ritt that dem wilden Reiter wohl, +und weil er der Unsicherheit des Weges halber +sein Thier fest im Zügel halten mußte, sammelten +sich seine Gedanken auch wieder mehr auf seine +äußere Umgebung.</p> + +<p>An der Gränze des Städtchens schon fiel ihm +das rege Leben auf, das er hier traf und das er +gestern und vorgestern lange nicht so gefunden. +Eine Menge von fremden, abenteuerlichen Gestalten, +die meisten mit Gewehren auf dem Rücken, +als ob sie sich zu einem Kriegszuge gerüstet hätten, +liefen hin und wieder, und als er sich des Directors +Hause näherte, fand er dieses von einem +ganzen Menschenschwarm ordentlich belagert.</p> + +<p>Glücklicher Weise traf er einen der Hausleute, +der ihm sein Pferd abnehmen konnte, und dieser +theilte ihm auch die Neuigkeit mit, daß das Auswandererschiff +angekommen sei.</p> + +<p>Mit Mühe arbeitete er sich durch das Gedränge +im untern Theile des Hauses, denn die +Leute schienen der Meinung zu sein, daß jeder +von ihnen sein Haus und Feld schon fertig vorfände, +und sie Alle wollten sich jetzt nur beim Director +erkundigen, »wo es läge«, damit sie gleich +einziehen könnten.</p> + +<p>Den Director fand er oben in einer ganz verzweifelten +Stimmung, wie er sich gerade mit einem +etwas zu frechen Burschen herumzankte und im +Begriffe stand, diesen eigenhändig die Treppe +hinunter zu werfen. Könnern behielt noch eben +Zeit, dem Hinunterpolternden auszuweichen.</p> + +<p>»Da haben wir's!« rief ihm der Director schon +oben entgegen. »Jetzt sind sie da und Nichts +fertig — Nichts in Ordnung, daß man sich auch +noch von den Flegeln im eigenen Hause muß +Grobheiten sagen lassen!«</p> + +<p>»Nun, die Strafe folgte wenigstens auf dem +Fuße,« lachte Könnern.</p> + +<p>»Da soll einem Andern die Galle nicht überlaufen! +Ich hätte mich an dem Lump eigentlich +nicht vergreifen sollen, aber, bei Gott im Himmel, +sie treiben's zu arg! Er nannte mich geradezu +einen Ochsen, und da gebrauchte ich mein Hausrecht!«</p> + +<p>»Recht ist ihm geschehen,« sagte Könnern; »aber +was nun? — Wo wollen Sie mit der ganzen +Gesellschaft hin?«</p> + +<p>»Sie können mir dabei helfen, Könnern.«</p> + +<p>»Von Herzen gern, wenn ich eben nur weiß +wie.«</p> + +<p>»Ich habe für diesen Fall, da ich ja schon +vorgestern von der Ankunft hörte, ein paar Häuser +in der Stadt gemiethet; wir dürfen die armen +Teufel, besonders die Frauen, doch nicht im Freien +liegen lassen, denn es kann noch jede Nacht ein +tüchtiger Regen einsetzen. In dem Auswandererhause +bringe ich aber höchstens noch acht oder zehn +unter, bei mir vielleicht auch noch zwei oder drei, +und die Übrigen müssen in jene beiden Häuser +einlogirt werden. Kommen Sie mit hinunter; +wir sehen uns die beiden Baulichkeiten gleich noch +einmal an, und dann sind Sie vielleicht so freundlich +und übernehmen die Hinüberschaffung der +Leute. — Apropos, wo waren Sie die Nacht? — +Verirrt?«</p> + +<p>»Nein; bei einem Herrn Zuhbel auf der +Chagra.«</p> + +<p>»Ah, bei meinem Freunde Zuhbel; nun, da +hatten Sie wenigstens Concert und Wein,« sagte +der Director trocken.</p> + +<p>»Das sei Gott geklagt!« lachte Könnern.</p> + +<p>»Und haben auch gleich einen Überblick über +die Privatverhältnisse der Einzelnen bekommen. +Doch lassen wir das. Jetzt an die Arbeit, und +nachher müssen Sie mir von Ihrer Jagd erzählen!« — —</p> + +<p>In dem kleinen Städtchen sah es heute wirklich +bunt aus, denn gestern Abend noch, schon nach +elf Uhr, waren die Einwanderer mit Booten +heraufgekommen, wo sie natürlich an der Landung +liegen bleiben mußten. Der Capitän hatte ihnen +freilich abgerathen, die Fahrt noch so spät zu +unternehmen, aber die Leute wollten so rasch als +möglich brasilianischen Grund und Boden betreten, +und nur Wenige waren klug genug gewesen, den +nächsten Morgen abzuwarten, um ihren Einzug +in Brasilien zu halten. Jetzt strömten sie nun +nach allen Richtungen in der Stadt umher, und +als man sie haben wollte, um ihren nächsten +Aufenthalt zu ordnen, war eben Keiner zu finden.</p> + +<p>Nur mit großer Mühe gelang es Könnern +und dem Director, die Leute endlich in die allerdings +engen Räumlichkeiten hinein zu bringen, +und sie fanden hier wieder bestätigt, daß alle die, +denen man es ansah, wie sie früher in besseren +und behäbigeren Verhältnissen gelebt, am Leichtesten +zu befriedigen waren und sich die größten +Unbequemlichkeiten gern gefallen ließen, während +gerade die abgerissensten und verwahrlostesten Subjecte +sich mit <span class="wide">Nichts</span> zufrieden zeigten und die +größten Ansprüche machten.</p> + +<p>Noch drei Familien waren übrig geblieben, +die im Anfang auch gar kein Verlangen nach +einem Unterkommen zu haben schienen, und unten +ruhig am Wasser saßen, dem Treiben der Anderen +zuzusehen. Der Director hatte sich gefreut, daß +sie vernünftig abwarteten bis die Reihe an sie +kam, und schon beschlossen, sie so gut als irgend +möglich zu quartieren.</p> + +<p>Jetzt ging er, während Könnern sich noch mit +einer andern Familie oben in der Stadt abquälte, +zu ihnen und sagte:</p> + +<p>»So, Ihr Leute, Ihr sollt nicht zu kurz gekommen +sein, daß Ihr mir das Leben nicht auch schwer +gemacht habt. Die Frauen mögen nun noch bei +den Sachen bleiben, und Ihr Männer packt indessen +auf den Karren, der da gerade wieder die Straße +herunterkommt, was Ihr eben laden könnt. Ich +habe für den Augenblick nur noch das eine Fuhrwerk +zur Verfügung.«</p> + +<p>»Ja, das ist schon gut,« sagte der eine Mann, +der auf einer Kiste saß und auch keine Miene +machte aufzustehen; »wann kommt aber denn nun +eigentlich das Schiff?«</p> + +<p>»Welches Schiff?«</p> + +<p>»Nun, <span class="wide">unser</span> Schiff!«</p> + +<p>»Das Euch hergebracht hat?«</p> + +<p>»Nein, das andere.«</p> + +<p>»Das andere? Was für ein anderes?«</p> + +<p>»Nun, das uns von hier nach Rio Grande +bringen soll.«</p> + +<p>»Nach Rio Grande? Ja, Leute, wollt Ihr +denn schon wieder fort? Ihr seid doch eben erst +hier angekommen!«</p> + +<p>»Ja, wir haben alle unsere Freundschaft bei +Rio Grande,« sagte die eine Frau, »und die Passage +auch dorthin bezahlt.«</p> + +<p>»Aber hier legt nie ein Schiff nach Rio Grande +an,« sagte der Director; »da müßtet Ihr erst +wieder nach Santa Catharina fahren, und das +kann noch sechs oder acht Wochen dauern, bis sich +dazu Gelegenheit findet. Wenn Ihr <span class="wide">da</span> hin wolltet, +so mußtet Ihr doch wahrhaftig mit keinem Schiffe +nach Santa Clara fahren. Da hättet Ihr Euch +<span class="wide">vorher</span> erkundigen sollen.«</p> + +<p>»Ja, das haben wir doch gethan,« sagte der +eine Mann; »der Herr Agent in Antwerpen hat +uns ja auch gesagt, <span class="wide">das</span> Schiff hier brächte uns +nach Santa Clara, und Rio Grande wäre <span class="wide">dicht</span> +dabei — er hat's uns ja auch auf der Karte gezeigt +— keinen Finger breit von einander war's.«</p> + +<p>»Und Euer Schiffscontract ist bis nach Rio +Grande gemacht?«</p> + +<p>»Da — <span class="wide">hier</span> steht's,« sagte der Mann und +zog das Papier aus der Tasche.</p> + +<p>Der Director nahm es; aber auf den ersten +Blick sah er schon, daß in dem Contracte stand: +Von Antwerpen nach Santa Clara. »Da steht +ja kein Wort von Rio Grande?« fragte er den +Auswanderer.</p> + +<p>»Na, natürlich nicht, weil's dicht dabei liegt,« +brummte dieser verdrießlich; »das hat uns ja der +Herr Agent ganz genau auseinander gesetzt, daß +das Schiff nur bis Santa Clara ginge und daß +dann ein anderes daneben liege, welches uns gleich +hinüberbringe. Die Schiffe fahren ja doch alle +hier erst in Santa Clara an — so dumm sind +wir auch nicht, daß wir das nicht genau ausgemacht +hätten.«</p> + +<p>Der Director faltete den Contract langsam +zusammen und gab ihn dem Manne zurück.</p> + +<p>»Lieber Freund,« sagte er ruhig, »die Sache +ist höchst einfach die, daß Ihr Euch in Antwerpen +habt anführen lassen — weiter Nichts. Der Agent +dort hatte gerade dieses Schiff liegen und <span class="wide">seinem</span> +Contracte nach Passagiere dafür zu schaffen; deshalb +seid Ihr da mit aufgepackt und fortgeschickt. +Zwischen hier und Rio Grande besteht gar keine +regelmäßige Verbindung; nur zu Zeiten bietet sich +Gelegenheit durch einen der kleinen Küstenfahrer, +der Euch nach Santa Catharina bringen könnte. +Dort müßt Ihr aber wieder auf ein Dampfschiff. +Was außerdem die kleine Entfernung betrifft, so +<span class="wide">könnt</span> Ihr die Reise nach Santa Catharina +<span class="wide">vielleicht</span> in vier bis fünf Tagen machen, wenn +der Wind gut ist — im andern Falle nimmt sie +eben so viele Wochen in Anspruch, und von da +sind auch wieder drei bis vier Tage nach Rio +Grande nöthig. Außerdem wird Euch <span class="wide">diese</span> Tour +fast noch eben so viel kosten, als die Reise von +Deutschland hierher.«</p> + +<p>»Aber Du mein großer, allmächtiger Gott, wir +haben ja keinen Pfennig Geld mehr!« schrie die +eine Frau.</p> + +<p>»Und der Herr Agent hat gesagt, daß uns die +Reise von hier nach Rio Grande keinen Heller kosten +sollte.«</p> + +<p>»Dann hat der Agent einfach gelogen,« sagte +der Director ruhig, »und es ist eine Betrügerei, +wie sie schon mehrfach vorgekommen.«</p> + +<p>»O, Du mein gütiger Heiland,« jammerte eine +andere Frau, »dann sind wir verrathen und verkauft +und müssen hier elend verderben!«</p> + +<p>»Beruhigt Euch, so schlimm ist die Sache noch +nicht,« tröstete sie der Director — »wenn Ihr Euch +nicht vielleicht doch noch entschließt hier zu bleiben +und Euch hier niederzulassen.«</p> + +<p>»Aber wir haben unsere ganze Freundschaft +bei Rio Grande; meiner Schwester Sohn und der +Elias und die Dorothea sind auch drüben und +warten auf uns. —«</p> + +<p>»Gut, gut, ich sehe jetzt schon wie die Sache steht; +ich will einen Versuch machen und an die Regierung +nach Rio schreiben, welche schon mehreren +anderen armen Auswanderern, die von betrügerischen +Agenten in eine ähnliche Lage gebracht +worden, geholfen hat, und vielleicht läßt sich doch +noch Alles einrichten.«</p> + +<p>»Und wann können wir fort?« fragte die Frau +rasch — »kommt das Schiff bald?«</p> + +<p>»Ja, liebe Frau,« sagte der Director, »so rasch +geht die Sache nicht; wenn ich Euch in zwei oder +drei Monaten hier wegbringe….«</p> + +<p>Ein lautes Gejammer der Frauen unterbrach +ihn, aber es war hier gar Nichts weiter zu thun. +Die Leute hatten sich einmal betrügen lassen, und +es blieb nichts Anderes übrig, als die Regierung +um Hülfe anzusprechen, was freilich nicht in +ein paar Tagen gethan war. Der Brief allein +brauchte acht Tage, bis er hinkam. Diese Leute +mußten aber eben doch untergebracht werden, und +wie sie in der ganzen Zeit erhalten werden sollten, +blieb außerdem noch zu bedenken. Die Männer +waren indessen kräftig und konnten arbeiten, +und Arbeit gab es immer, wenn es auch nur zu +Wegebauten gewesen wäre.</p> + +<p>Daß der Director nicht viel ruhige Stunden +bei all' diesem Wirrwarr hatte, läßt sich denken, +und außerdem wollte auch noch der Bursche, den +er etwas unsanft aus seinem Hause gesetzt, die +Einwanderer gegen ihn aufhetzen, und lief von +einer Gruppe zur andern, ihre Hülfe fordernd, +weil er nichtswürdig behandelt sei und sich das +nicht gefallen zu lassen brauche. Die Leute hatten +aber heute zu viel mit sich selber zu thun; außerdem +kannten sie den Gesellen schon von der Reise +her und mochten sich nicht mit ihm einlassen.</p> + +<p>Es war eine verwilderte, rohe Gestalt, der +Bursche, eine Persönlichkeit, wie man sie daheim +besonders in Meßbuden und herumziehenden Banden +oder Menagerien trifft. Er trug einen hellblauen, +fleckigen und zerrissenen Rock, schmutzige +Soldatenhosen, keine Weste und auf dem Kopfe +eine dunkelblaue Mütze mit einem Stück schmaler +Silbertresse darum genäht. Schnurrbart und +Knebelbart ließ er sich ebenfalls wachsen. Mit +den blonden Haaren hatte sein Gesicht auch trotz +der markirten Einschnitte etwas Jungenhaftes behalten, +was durch den übergeschlagenen schmutzigen +Hemdkragen noch unterstützt wurde, und man +wäre veranlaßt gewesen, ihn auf den ersten Blick +für einen verwahrlosten Burschen von achtzehn bis +zwanzig Jahren zu halten.</p> + +<p>Während er aber mitten auf der Straße stand +und schimpfte und fluchte, saß neben ihm sein +bleiches, abgehärmtes Weib, ein Kind an der Brust +und ein Mädchen von etwa acht und ein Junge +von zehn Jahren neben ihr stehend — ein Bild +des Jammers, mit großen, hellen Thränen in den +Augen.</p> + +<p>Eine ganze Lebensgeschichte von Jammer und +Leid lag in ihrem Antlitz, in der ganzen gebrochenen +Gestalt — aber sie klagte nicht, kein +Wort kam über ihre Lippen. Nur das Kind beschwichtigte +sie mit der einen Hand, während sie +mit der andern sich das Blut von der Stirn +wischte, wohin sie der Unmensch, als sie ihn gebeten +hatte keinen Streit am ersten Tage anzufangen, +mit roher Faust geschlagen.</p> + +<p>Doch nicht nur solche traurige Bilder bot die +Scene. Auf einem kleinen Leiterwagen, dem man +nur durch eine Partie Strohschütten einige Elasticität +abgewonnen und der, von ein Paar kräftigen +braunen Pferden gezogen, lustig dahergerasselt +kam, <ins title="Original hat wurde">wurden</ins> im scharfen Trabe ein Mann +und eine Frau die breite Straße entlang geschüttelt, +die in die Stadt hinein führte. Der Mann +sah sonnverbrannt, aber kräftig und gesund aus, +und verrieth auch in seiner ganzen, einfachen aber +saubern und passenden Kleidung den behäbigen +Bauer. Die Frau neben ihm, die ein Kind auf +dem Schooße hielt und dasselbe des bösen Stoßens +wegen mehr hob, als vor sich sitzen hatte, war +jedenfalls seine Frau; der forschende Blick, den +aber Beide unablässig nach rechts und links sandten, +verrieth, daß sie Etwas suchten, und als der Wagen +den belebteren Theil der Straße erreichte, hielt +der Mann sein Pferd an, und die Frau rief fast +ängstlich einige der Vorübergehenden an:</p> + +<p>»Ja, wo sind sie denn nur — wo sind sie +denn hingebracht?«</p> + +<p>»Wer?« fragte der Angeredete.</p> + +<p>»Nun, die mit dem neuen Schiffe gekommen +sind.«</p> + +<p>»Ja,« lachte der Mann, »die stecken überall +herum, wo man sie eben unterbringen konnte, Einer +da, Einer dort.«</p> + +<p>»Wen sucht Ihr denn?« fragte eine Frau, die +gerade des Weges kam und auch zu den neuen +Einwanderern gehörte.</p> + +<p>»Die alte Frau Mecheln aus dem Würtembergischen, +aus Bellstadt,« rief die Frau vom +Wagen herunter, und griff ihrem Manne in die +Zügel, weil das Pferd nicht stehen wollte.</p> + +<p>»O, die alte Mecheln, die ist mit bei uns! — +Gleich da drüben um die Ecke, wo der große Baum +vor dem Hause liegt.«</p> + +<p>»Und sie ist wohl?«</p> + +<p>»Kerngesund, die ganze Reise gewesen.«</p> + +<p>Der Mann hatte bei der Erwähnung des Hauses +schon sein Pferd in die bezeichnete Straße eingelenkt; +die Frau winkte dankend mit der Hand, +fort rasselte das Geschirr, daß die Funken stoben, +und hielt gleich darauf vor dem genannten Hause. +Und sie brauchten hier nicht lange zu warten. +Sobald der Wagen anhielt, ging die Thür auf, +und die alte Frau, die mit Schmerzen darauf gewartet +hatte, daß sie Einer der Ihrigen hier erwarten +solle, trat in die Thür.</p> + +<p>»Großmutter!« schrie die Frau ihr schon vom +Wagen aus entgegen — »Großmutter — wie +geht's — wie geht's?«</p> + +<p>»O, Du mein himmlischer Vater!« rief die +alte Frau und hielt sich an dem Thürgeländer, an +dem sie stand. Aber ihre Enkelin war schon unten +bei ihr — wie sie mit dem Kinde vom Wagen +gekommen, wußte sie selber nicht — mit Einem +Satze war sie unten und bei der Großmutter, +ließ das Kind auf die Erde niedergleiten, umfaßte +die alte, zitternde Frau und schluchzte, als ob ihr +das Herz brechen solle vor Nichts als Wonne und +Seligkeit.</p> + +<p>Der Mann hatte noch mit den Pferden zu +thun, die nicht stehen wollten, aber ein Bekannter +kam die Straße herunter, der ihm dabei half und +dieselben hielt, und er stieg nun auch ab, warf +erst die Stränge los, daß kein Unglück geschehen +konnte, und ging dann ebenfalls langsam zur +Großmutter hinüber, die er beim Kopfe nahm +und herzhaft abküßte.</p> + +<p>Dann aber faßte er die Sache auch praktisch +an, denn ein einziger Blick in den innern Raum +sagte ihm schon, daß die alte Frau hier nicht +länger bleiben konnte. Ohne sich deshalb weiter um +etwas Anderes zu bekümmern, ging er in das Haus +und ließ sich die sämmtlichen Sachen von der +»Großmutter« geben, die schon alle zusammen in +der einen Ecke standen, lud dieselben mit Hülfe +einiger der Auswanderer auf den Wagen und nahm +dann die alte Frau selber wie ein Kind auf den +Arm, um sie auf den schon für sie bereiten Sitz +zu tragen.</p> + +<p>»Aber Junge, Junge,« rief die Alte halb erschreckt +über die gewaltsame Entführung — »meine +Sachen! Alle meine Sachen stehen ja noch in der +Stube.«</p> + +<p>»Schon Alles auf dem Wagen droben, Großmutter.«</p> + +<p>»Auch die blaue Kiste?«</p> + +<p>»Da hinten steht sie.«</p> + +<p>»Und der kleine Holzkoffer?«</p> + +<p>»Alles oben.«</p> + +<p>»Aber der Korb mit dem Tuche oben drauf, +und die rothe Lade….«</p> + +<p>»Alles da; es fehlt Nichts.«</p> + +<p>»Aber den Regenschirm seh' ich nicht.«</p> + +<p>»Den Regenschirm?« sagte der Enkel verblüfft, +denn da war wirklich Etwas, was er vergessen +hatte.</p> + +<p>»Er steht gleich neben dem Fenster in der +Ecke« — aber einer der Jungen aus dem Hause +war schon hineingesprungen, um das Vermißte zu +holen, und kam gleich darauf im Triumph damit +zurück.</p> + +<p>»So, Großmutter,« sagte der Mann, »ist nun +Alles da?« Die Enkelin hatte mit dem kleinen +Kinde schon neben ihr Platz genommen.</p> + +<p>»Alles, meine Kinder — und sind wir denn jetzt +wirklich in Brasilien?«</p> + +<p>»Na, ob!« sagte der Mann, gab seinen Pferden +einen kleinen Peitschenhieb, und fort rasselte +der Wagen wieder, die glücklichen Menschen ihrer +eigenen Heimath zuzuführen.</p> + +<p>Gerade als das Fuhrwerk wieder die Stadt +verließ, landete noch ein kleines Boot, die Capitainsjölle, +worin dieser einige Kajütenpassagiere +an's Land brachte. Drei oder vier andere waren +schon gestern Abend mit den Zwischendeckspassagieren +gelandet und gleich in den Gasthof gegangen, +um dort Unterkunft zu finden. Eben +dahin hatte sich aber auch eine Anzahl von Zwischendeckspassagieren +gewandt, die sich in dem, ihnen +von der Direction angewiesenen Raume nicht +wohl fühlten und noch Geld genug bei sich führten, +wenigstens die erste Zeit davon leben zu können. +Waren sie dann erst einmal acht oder vierzehn +Tage in der Colonie, so ließ sich mit mehr Muße +eine bequemere Einrichtung treffen.</p> + +<p>In dem letzten Boote befanden sich ein paar +junge Kaufleute und ein junger Baron, ein Herr +von Pulteleben; mit einer wahren Unmasse von +kleinem Handgepäck, das er im Boote um sich her +aufgeschichtet hatte. An der Landung konnte er +aber natürlich nicht gleich Jemanden finden, der +es ihm trug, und die Folge davon war, daß er, +das »Hôtel« eine halbe Stunde später als die +Übrigen erreichend, keinen einzigen Platz mehr +fand, keinen Platz wenigstens, wie er ihn wünschte, +d. h. ein Zimmer allein, wie er auf dem Schiffe +auch eine Koje für sich selber gehabt. Der junge +Herr hatte übrigens Geld, und glaubte, darauf +pochend, Alles durchsetzen zu können.</p> + +<p>Der Wirth »Bodenlos«, wie er von den Colonisten +genannt wurde — eigentlich hieß er Bohlos +— stand schon etwas halbselig in der Thür, denn +er hatte es sich nicht nehmen lassen, mit all seinen +neu angekommenen Gästen den sogenannten Willkommenstrunk +zu leeren, und betrachtete, die Hände +in den Taschen, den von zwei endlich gefundenen +Lastträgern begleiteten Fremden.</p> + +<p>»Ist dieses das Hôtel?« fragte dieser rasch.</p> + +<p>»Aufzuwarten,« sagte der Wirth, und überflog +mit einem lächelnden Blicke die um die Thür hergestreute +Bagage; »Hôtel zum Hoffnungsanker in +Santa Clara. Wollen Sie ein Bett?«</p> + +<p>»Ich wünschte ein Zimmer — allein, wo +möglich mit Cabinet — vorn heraus und im ersten +Stock.«</p> + +<p>»Kann ich mir wohl denken,« sagte Bodenlos +mit unerschütterlicher Ruhe, ohne selbst die Hände +aus den Taschen zu nehmen — »das wünschen +sich Mehr, können es aber eben nicht kriegen.«</p> + +<p>»Nicht kriegen?« sagte der junge Mann erstaunt — »ich +heiße von Pulteleben.«</p> + +<p>»Ist mir sehr angenehm, Ihre werthe Bekanntschaft +zu machen,« sagte der Wirth — »<span class="wide">ich</span> heiße +Bohlos, Christian Bohlos; das Lumpenvolk in der +Colonie nennt mich aber Bodenlos, bleibt sich indessen +ganz gleich, wie wir Beide heißen.«</p> + +<p>»Aber ich <span class="wide">muß</span> ein Zimmer haben,« sagte von +Pulteleben, der noch gar nicht recht wußte, was +er aus dem Benehmen des Wirthes machen sollte.</p> + +<p>»Natürlich, wenn Sie nicht unter freiem Himmel +bleiben wollen,« meinte der Wirth, — »und +wenn's regnete, wäre das fatal — besonders für +alle die Schachteln.«</p> + +<p>»Dann bitte ich nur, daß Sie Anstalt machen,« +sagte von Pulteleben, »denn es ist nicht angenehm, +hier draußen zu stehen, und ich möchte mein +Gepäck los sein.«</p> + +<p>»Na, das wäre das Leichteste,« lachte der +Wirth — »wenn Sie's nur hier eine Stunde allein +draußen stehen ließen. Aber Herr von Bullleben, +oder wie Sie gleich hießen, ich will Sie nicht +lange hinhalten. Verlangen Sie hier ein Bett, +um irgendwo mit Drei oder Vier in einem Zimmer +zu schlafen, so denke ich, daß ich es möglich +machen kann — ich will mir wenigstens Mühe +geben, und Essen genug haben wir im Hause, +aber ein Zimmer allein <span class="wide">können</span> Sie nicht hier +bekommen, weil ich eben keins mehr habe, und +andere Gäste hinaus werfen geht eben so wenig. +Also damit Basta!«</p> + +<p>»Und existirt hier kein anderes Hôtel in der +Stadt?« fragte der sichtlich schon sehr Enttäuschte.</p> + +<p>»Gegenwärtig nicht,« bemerkte äußerst artig +Herr Bohlos; »wenn Sie aber vielleicht noch drei +oder vier Monate warten wollen, so wird sich +wahrscheinlich ein Rheinbaier hier etabliren und +ein Hôtel zur Belle Vue errichten; das Grundstück +ist wenigstens schon dazu angekauft.«</p> + +<p>Herr von Pulteleben stand in einer wahren +Verzweiflung mitten auf der Straße, denn die +Ironie dieses gemeinen Menschen, des Wirthes, +dem er nicht das Geringste entgegenstellen konnte, +ließ ihn noch vollkommen unschlüssig, was er thun +solle — erst grob werden und den Burschen dann +mit Verachtung strafen, oder das Letztere lieber +gleich zuerst thun.</p> + +<p>»Sie wollen ein hübsches Zimmer, vorn heraus +und mit Aussicht?« redete ihn da plötzlich eine +Stimme an, nach der sich von Pulteleben überrascht +umschaute. Jeremias, denn niemand Anderes +war es, der vor ihm stand, sah aber auch +in der That wunderlich genug aus, um Jemanden +zu überraschen, der frisch aus Deutschland herüber +kam und an jene exotischen Individuen noch nicht +gewöhnt war, die man über ganz Amerika wild +zerstreut findet.</p> + +<p>Jeremias war, wie schon vorher einmal angedeutet, +eine Art von Factotum in der Colonie. +Er trieb eigentlich gar keine bestimmte Beschäftigung, +sondern nahm nur da Arbeit an, wo er +sie gerade bekam, so daß er oft fünf oder sechs +verschiedene Herren zu gleicher Zeit, und dann +wieder einmal gar keinen hatte. Dazwischen ließ +er sich Wege schicken, putzte den Honoratioren +Stiefel und Röcke, reinigte Gewehre und Pfeifen, +und stand sogar in dem Rufe, schon hier und da +Heirathen zwischen Familien vermittelt zu haben, +die sonst im Leben nicht zusammengekommen wären. +Jedenfalls hatte er ein ähnliches Gewerbe in Deutschland +getrieben, wo zwischen Bauernfamilien und +überhaupt auf dem Lande Ehen nur zu häufig +auf diese Art geschlossen werden.</p> + +<p>Jeremias ging auch demnach gekleidet, denn +während der Seidenhut (Cylinder, Schraube, Angströhre, +oder wie die Namen alle heißen mögen) in +die höhere Gesellschaft hineinragte, stand er mit +den groben, schweren nägelbeschlagenen Schuhen +mitten im Proletariat, und der übrige Mensch +trug außerdem nur die Kleider der übrigen Menschen +— abgelegte Hosen, Westen und Röcke, wie +sie ihm von den Honoratioren abfielen und meist +noch alle aus Deutschland herübergekommen waren. +Leider paßten sie nur nicht immer, und Jeremias +schien darin eine eigene Geschicklichkeit erworben +zu haben, seinen Körper allen derartigen Errungenschaften, +so gut das nur möglicherweise gehen +wollte, anzuschmiegen.</p> + +<p>Heute nun fand er reichliche Beschäftigung bei +den neuen Ansiedlern, theils um Gepäck auf einem +Handkarren von der Landung herauf zu schaffen, +theils die verschiedenen Parten an passenden +Stellen unterzubringen. Daß er seine übrigen +und alten Kunden dadurch vernachlässigte, störte +ihn nicht im Geringsten. Die liefen ihm nicht +weg, aber Alles, was er unter der Zeit <span class="wide">hier</span> +verdiente, war rein gewonnen.</p> + +<p>Um aber die Arbeit rasch und leicht verrichten +zu können, hatte er seinen Rock ausgezogen und +ohne Weiteres in irgend ein offenes Fenster an +der Straße hineingeschoben; so stand er denn +jetzt vor von Pulteleben, die unten zu einem Wulst +aufgekrämpelten Hosen oben mit einer grellrothen, +wollenen Schärpe statt Hosenträger festgehalten, +darüber eine hellblaue Seidenweste geknöpft, die +der frühere Besitzer nicht mehr tragen konnte, da +ihm der Kellner eines Mittags die Saucière +darüber geschüttet, eine schwarze Halsbinde um +den nackten Hals, denn der weiße Hemdkragen +war ihm bei der scharfen Arbeit darunter vorgerutscht, +und ein großes, blaubaumwollenes Taschentuch +in die linke Hosentasche so weit hineingezwängt, +wie es möglicherweise gehen wollte.</p> + +<p>Jeremias schwitzte außerdem, daß ihm das +Wasser ordentlich in Strömen von Stirn und +Schläfen herunter lief, und von Pulteleben lachte, +trotz seiner unangenehmen Situation, doch gerade +heraus, als Jeremias das blaue Taschentuch jetzt +durch einen plötzlichen Ruck zu Tage brachte — +wobei er die Hosentasche auch mit nach außen +drehte — dann mit der rechten Hand seine brennend +rothe Perrücke lüftete und sich darunter den +vollkommen kahlen Kopf mit dem Tuche wischte.</p> + +<p>»Na, Sie brauchen nicht zu lachen,« sagte +Jeremias; »ich wollte einmal sehen, wie <span class="wide">Sie</span> +schwitzten, wenn <span class="wide">Sie</span> so ein Ding auf dem Kopfe +hätten; das ist wie ein Pelz — nun, wie steht's?«</p> + +<p>»Also Sie haben eine Stube zu vermiethen?« +fragte der junge Mann, dem jetzt vor allen Dingen +daran lag ein Unterkommen zu finden — »in angenehmer +Lage?«</p> + +<p>»<span class="wide">Ich</span> nicht,« meinte Jeremias, »das bleibt sich +aber gleich, denn ich weiß eine, wo Sie gleich +einziehen können.«</p> + +<p>»Allein?«</p> + +<p>»Mutterseelens,« sagte Jeremias lakonisch.</p> + +<p>»Weit von hier?«</p> + +<p>»Gar nicht.«</p> + +<p>»Aber wie bekomme ich meine Sachen dorthin?«</p> + +<p>»Handkarren,« erwiederte der kleine praktische +Bursche, sprang, ohne weiter eine Antwort abzuwarten, +hinter das Haus, holte dort seinen eingeschobenen +Karren vor, lud die Habseligkeiten des +Fremden darauf, schnürte das Ganze mit einem +Seile fest zusammen und war nach wenigen Minuten +schon unterwegs, und zwar nach keinem andern +Hause, als dem der Gräfin Baulen, in welchem +er den Fremden ohne Weiteres einzuquartieren +gedachte.</p> + +<p>Glücklich für ihn und seinen kühn entworfenen +Plan war Oskar gerade nicht zu Hause und mit +Helenen auf einem Spaziergange begriffen, um +die neu gekommenen Ansiedler ein wenig zu besichtigen. +Als Jeremias mit dem Karren vor dem +Garten hielt, saß die Frau Gräfin gerade in ihrem +Zimmer und schrieb ein paar Briefe.</p> + +<p>»Das ist aber kein Hôtel,« sagte der junge +Fremde, das Haus betrachtend.</p> + +<p>»Privatwohnung,« meinte Jeremias — »aber +famos — charmante Leute — werden Ihnen gefallen, +besonders die Tochter« — und damit rückte +er sich ohne Weiteres einen der schweren Koffer +auf die Schultern und schritt damit in das Haus +hinein, während von Pulteleben bei seinen übrigen +Sachen noch zurückblieb. Nach einer Weile kam +er wieder zurück und holte den andern Koffer, +und als er zum dritten Male kam, packte er dem +Fremden selber ein paar Hutschachteln und ein +leichtes Kistchen mit Schirm und Stock auf, ergriff +dann das Übrige und sagte:</p> + +<p>»Nu kommen Sie, jetzt wollen wir einziehen.«</p> + +<p>Der Fremde folgte ihm auch vollkommen +ahnungslos, daß ihn der kleine Bursche hier ohne +die geringste Berechtigung in ein wildfremdes Haus +als Miethsmann einführe, und nur erst, als sie +die erste Treppe erstiegen hatten und Jeremias +voran die zweite hinaufstieg, blieb er stehen und +sagte:</p> + +<p>»Noch höher?«</p> + +<p>»Kommen Sie nur,« ermunterte ihn jedoch sein +Führer — »famose Aussicht, wie gemalt,« und da +er ihm mit seinen Sachen voranging, blieb auch +Nichts weiter übrig, als ihm zu folgen; mußte er +doch überhaupt froh sein, nur ein Unterkommen +zu finden. Kaum hatte er übrigens etwa zehn +Stufen der zweiten Treppe erstiegen, als eine +Thür im ersten Stock geöffnet wurde und die +Frau Gräfin, welche den Lärm draußen gehört +hatte, erstaunt auf ihrer Schwelle stehen blieb. Sie +erkannte übrigens, vor dem Fremden, noch gerade +den aufsteigenden Jeremias und rief:</p> + +<p>»Nun, was ist denn das für Gepäck?«</p> + +<p>»Alles in Ordnung!« rief Jeremias zurück, +ohne sich weiter stören oder außer Fassung bringen +zu lassen.</p> + +<p>Die Gräfin schüttelte den Kopf, doch sie konnte +nicht anders glauben, als daß Oskar, der gewohnt +war sehr selbstständig aufzutreten, ihr irgend einen +Gast in das Haus gebracht habe, der ihr allerdings +zu keiner Zeit hätte unbequemer kommen +können. Gewohnt aber, sich in dessen Launen oder +unbedachte Streiche zu fügen, seufzte sie nur tief +auf, trat in ihr Zimmer zurück und zog die Thür +hinter sich in's Schloß. Wenn Oskar übrigens +nach Hause kam, wollte sie ihm tüchtig den Kopf +deshalb zurecht setzen.</p> + +<p>Der Fremde erreichte das kleine Zimmer, wo +Jeremias schon seine übrigen Sachen eingestellt +hatte, und sah sich hier allerdings etwas überrascht +um. So freundlich das Local auch liegen mochte, +denn es bot einen Überblick über einen Theil der +Ansiedelung und nach den fernen Bergen hinüber, +so fehlte ihm doch auch <span class="wide">jede</span> andere Bequemlichkeit. +Kein Stuhl, kein Tisch, kein Bett, kein +Spiegel, Nichts, Nichts war zu sehen, als die +kahlen geweißten Wände, und Herr von Pulteleben +rief:</p> + +<p>»Nun, das ist ein hübsches Logis, in dem nicht +einmal ein Stuhl steht! Wohin haben Sie mich +denn gebracht, Meister Ungeschickt?«</p> + +<p>»Nur keine Überstürzung,« sagte Jeremias, +indem er den Rest der Sachen auf die beiden +Koffer legte; »wir haben Zeit, und nach und +nach macht sich Alles. Vorerst sind Sie einmal +untergebracht, und was wollen Sie mehr?«</p> + +<p>»Mehr?« rief von Pulteleben erstaunt — +»Möbel will ich — meine Bequemlichkeit, wofür +ich bezahle, und vor allen Dingen einen Waschtisch.«</p> + +<p>»Waschtisch?« sagte Jeremias — »giebt's nicht. +Vor der Hand setzen wir das Waschbecken auf +einen Stuhl, wenn wir erst eins haben.«</p> + +<p>Herr von Pulteleben, der anfing, sich über den +Burschen zu amüsiren, lachte, und Jeremias, sich +im Zimmer umsehend, fuhr fort:</p> + +<p>»Hauptsächlich brauchen Sie einen Tisch und +einen Stuhl, das ist wohl das Nothwendigste.«</p> + +<p>»Ich dächte auch,« sagte der junge Mann, »um +nur die bescheidensten Ansprüche zu befriedigen.«</p> + +<p>»Das denk' ich, kann ich schaffen,« nickte +Jeremias, »und was weiter loszueisen ist, wollen +wir nachher sehen. Decken haben Sie doch bei +sich?«</p> + +<p>»Decken? Denke nicht daran; nur meinen Plaid. +Die Leute, welche ein Zimmer vermiethen, müssen +doch auch ein Bett dazu haben.«</p> + +<p>»Puh!« meinte Jeremias, »reden wir nicht +davon; aber ein Plaid ist für das warme Wetter +genug zum Zudecken, und der Boden hier im +schlimmsten Falle,« fuhr er fort, indem er mit +dem Hacken auf die Diele trat, »von weichem +Holze — Lust und Liebe zu einem Ding machen +jede Müh' und Arbeit gering.«</p> + +<p>»Den Teufel auch,« rief der junge Mann erschreckt, +»ich werde doch nicht sollen auf der nackten +Erde schlafen?«</p> + +<p>»<span class="wide">Nackten</span> Erde? Pst!« sagte Jeremias mit +einem unendlich komischen und ermahnenden Gesichte +— »es sind Damen im Hause!«</p> + +<p>»Sie sind ein ganz verrückter Mensch!« lachte +von Pulteleben; »aber jetzt verschaffen Sie mir +wenigstens das Nöthigste. Es soll Ihr Schade +nicht sein,« setzte er hinzu, indem er ihm einen +Milreis in die Hand drückte; »aber ich bin in Eile, +ich muß mich umziehen und dem Director noch +meine Aufwartung machen.«</p> + +<p>»Aufwartung?« fragte Jeremias, der mit einer +dankenden Bewegung das Geld nahm, betrachtete +und dann in seine Westentasche schob — »Aufwartung +giebt's hier nicht — aber einerlei, wollen +schon Alles besorgen,« und damit verschwand er +aus der Thür. Jeremias war übrigens nicht der +Mann, etwas Begonnenes halb zu thun; ohne +deshalb weiter bei der Besitzerin des Hauses anzufragen, +ging er in Oskar's Zimmer, wo er +zwei Tische wußte, nahm einen davon und trug +ihn hinauf. Dann suchte er sich in Helenens +Stube und Schlafzimmer zwei Stühle, und das +erst einmal erobert, nahm er auch Oskar's Waschbecken +und Handtuch, mit Kamm, Seife, Zahnbürste +und Allem was dabei lag, und trug es +seinem einquartierten Gaste zu.</p> + +<p>»Zum Henker auch,« rief Pulteleben, als er +damit ankam, »das ist ja ein schon gebrauchtes +Handtuch!«</p> + +<p>»Herr Du meine Güte, sind <span class="wide">Sie</span> eigen!« +sagte Jeremias; »<span class="wide">ich</span> brauche gar keins, ich nehme +immer mein Schnupftuch. Was fehlt nun noch?«</p> + +<p>»Wasser und ein reines Handtuch.«</p> + +<p>Jeremias schüttelte mit dem Kopfe, stieg aber +doch noch einmal hinunter und kam bald mit dem +Verlangten zurück. Nur statt des Handtuchs hatte +er eine reine Serviette gebracht, die er auf Helenens +Toilettetisch gefunden und ohne Weiteres +als gute Beute mitgenommen.</p> + +<p>»Und wie steht's mit dem Bette?« fragte der +Fremde, indem er den Rock auszog und die Hemdärmel +in die Höhe streifte.</p> + +<p>»Bett? giebt's nicht!« sagte Jeremias trocken, +»wenigstens jetzt nicht. Sie wollen sich doch jetzt +noch nicht schlafen legen?«</p> + +<p>»Nein — aber doch den Abend.«</p> + +<p>»Gut, bis dahin wird Alles besorgt werden.«</p> + +<p>»Und kann man hier im Hause Etwas zu essen +bekommen?«</p> + +<p>»Zu essen? Hm« — sagte Jeremias, der darüber +noch nicht recht mit sich im Klaren war — +»danach müssen wir erst fragen. Für heute sind +die Leute vielleicht noch nicht darauf eingerichtet. +Aber da gehen Sie lieber in's Gasthaus zu Bodenlos +— der hat's.«</p> + +<p>»Und wie heißt der Eigenthümer dieses +Hauses?«</p> + +<p>»Spenker, Bäckermeister.«</p> + +<p>»Gut, dann schicken Sie ihn mir nachher einmal +herauf — ich will mich erst waschen — damit +ich mit ihm reden kann. Das ist ein verwünscht +öder Aufenthalt hier, und wenn er mir das nicht +ein wenig behaglicher einrichten will, ziehe ich +wieder aus.«</p> + +<p>»Auf die Straße?« fragte Jeremias; »denn +weiter giebt's keinen Platz, Sie müßten denn +vielleicht in einem von den Gärten eine Laube +zu miethen bekommen.« Damit aber, als ob er +jetzt seine Schuldigkeit gethan habe, zog er sich +zurück und drückte sich leise an dem Zimmer der +Frau Gräfin vorbei, der er jetzt nicht gern begegnen +mochte. Der Fremde da oben konnte nun +sehen, wie er mit »der Alten« fertig wurde.</p> + +<p> </p> +<hr class="narrow" /> +<h3><a name="kap_8" id="kap_8"></a>8.</h3> + +<h3>Die Einquartierung.</h3> + +<p>Oskar und Helene hatten einen Spaziergang +durch die kleine Stadt gemacht, um sich an dem +Gewirre der frisch eingetroffenen Fremden zu +amüsiren, und waren, dessen müde geworden, nach +Hause zurückgekehrt.</p> + +<p>Sobald Helene ihr Zimmer betrat, konnte ihr +natürlich die daselbst vorgenommene Änderung +nicht entgehen. Die Serviette fehlte von ihrem +Toilettetische und die darauf geordnet gewesenen +Sachen standen wild zerstreut umher; zwei Stühle +fehlten außerdem, auf die sie gewohnt gewesen +war ihre Sachen abzulegen. Sie klingelte ihrem +Mädchen, um zu erfahren wer in ihrem Zimmer +gewesen sei. Dorothea hatte aber in der ganzen +Zeit ihre Küche nicht verlassen und konnte ihr +deshalb nicht die geringste Auskunft geben.</p> + +<p>Oskar suchte indessen sein Gemach, warf seine +Mütze in eine Ecke, sich selber auf das Sopha +und rauchte in dieser Lage seine Cigarre weiter, +als er in dem über ihm liegenden Zimmer die +schweren Schritte eines Mannes hörte. Das Haus +war nur leicht gebaut, und es klang so deutlich +zu ihm herunter, daß er sich endlich aufrichtete und +horchte.</p> + +<p>»Wer zum Henker ist denn da oben?« +brummte er endlich leise vor sich hin — »dem +Jeremias bin ich doch eben mit seinem leeren +Karren in der Stadt begegnet und die Dorothea +hat keinen solchen Schritt.«</p> + +<p>Er horchte noch eine Weile; da es sich aber +gar nicht verkennen ließ, daß da oben jemand +Fremdes sei, sprang er endlich auf und stieg die +Treppe hinauf. Die Thür der sonst immer leer +stehenden Kammer war offen und nur angelehnt, +und neugierig, wer da oben Etwas zu thun haben +könne, stieß er sie noch etwas weiter auf und +sah hinein.</p> + +<p>Herr von Pulteleben war gerade mit Waschen +fertig und stand vor einem der geöffneten Fensterflügel, +den er vorläufig als Spiegel benutzte, um +sich die wohlgeölten Haare, so gut das eben gehen +wollte, zu ordnen. Als er aber das Knarren der +Thür hörte, drehte er den Kopf herum, und sah +kaum den hereinschauenden Oskar, als er ausrief:</p> + +<p>»Ah, da ist doch noch jemand Lebendiges in +dem Hause. Wohnen Sie hier?«</p> + +<p>»Guten Morgen,« sagte Oskar, der, auf's +Äußerste erstaunt den Fremden hier zu finden, +bald auf ihn, bald auf seine Koffer und Kasten +starrte — »ja wohl wohne ich hier!«</p> + +<p>»Wo ist denn nur der Lump von Aufwärter +hingekommen?«</p> + +<p>»Der Aufwärter?« sagte Oskar, noch immer +seinen Augen nicht trauend — »der Jeremias +etwa?«</p> + +<p>»Ich weiß nicht wie er heißt; er wollte ja +gleich wiederkommen. Gehen Sie wieder hinunter?«</p> + +<p>»Ich hatte die Absicht,« erwiederte Oskar.</p> + +<p>»O, dann sein Sie doch so gut und schicken +mir ein Glas zum Zahnputzen herauf. Es ist ja +noch gar Nichts eingerichtet. Das scheint eine +schöne Wirthschaft hier zu sein!«</p> + +<p>»Bitte,« sagte Oskar, der aus seiner Verwunderung +gar nicht herauskam, »geniren Sie sich nicht +— mit wem habe ich denn eigentlich die Ehre?«</p> + +<p>»von Pulteleben,« sagte der junge Mann, +seinen Locken eben den letzten Strich gebend — +»um wie viel Uhr wird hier gegessen?«</p> + +<p>»Um ein Uhr,« sagte Oskar, durch die Ruhe +des Fremden immer mehr darin bestärkt, daß er +jedenfalls ein Gast seiner Mutter sein müsse, +wenn er auch keinen denkbaren Zusammenhang +dazu finden konnte. Wer hätte der Fremde aber +sonst sein können?</p> + +<p>»Haben Sie eine richtig gehende Uhr?« fragte +dieser endlich weiter.</p> + +<p>»Ja,« erwiederte Oskar, indem er danach sah; +»es wird gleich zwölf Uhr sein.«</p> + +<p>»O, desto besser, dann kann ich vorher noch +zum Director hinübergehen. Bitte, vergessen Sie +nicht, mir das Glas gleich zu schicken.«</p> + +<p>»Mit dem größten Vergnügen,« erwiederte +Oskar, drückte die Thür wieder in's Schloß, schickte +das Mädchen von unten mit einem Glase hinauf +und ging dann zu seiner Mutter in's Zimmer, um +sich nach dem Fremden zu erkundigen.</p> + +<p>Die Frau Gräfin schloß eben ihren letzten Brief, +als Oskar das Zimmer betrat, und sah sich nach +ihrem Sohne gar nicht um.</p> + +<p>»Wer ist denn der Herr, Mama, den Du +uns da oben einquartiert hast?« fragte Oskar jetzt; +»das scheint ja ein komischer Kauz zu sein!«</p> + +<p>Die Gräfin, welche gerade eine Adresse schrieb, +drehte erstaunt den Kopf über die Achsel und +sagte:</p> + +<p>»Und das fragst Du mich? Erst bringst Du +mir, ohne die geringste Erlaubniß vorher einzuholen, +einen wildfremden Menschen in's Haus, +und dann weißt Du selber nicht einmal wer er +ist? Oskar, es wird mit Dir jede Woche schlimmer, +und ich fürchte, daß es so nicht mehr lange dauern +kann!«</p> + +<p>»Ich habe einen Fremden in's Haus gebracht?« +rief aber Oskar jetzt seinerseits erstaunt und mit +einer gewissen Genugthuung, daß er endlich einmal +an einem ihm aufgebürdeten Vergehen vollkommen +unschuldig sei — »ich bin mit Helenen spazieren +gegangen und habe den Menschen, der da oben +Toilette macht, in meinem ganzen Leben nicht +gesehen.«</p> + +<p>Es war jetzt an der Gräfin, erstaunt zu sein, +und sich ganz gegen Oskar drehend, rief sie aus: +»Aber <span class="wide">Helene</span> kann ihn doch nicht eingeladen +haben!«</p> + +<p>»Helene — Unsinn! — Helene war ja den +ganzen Morgen bei mir, und wir haben mit <ins title="Original hat kei-">keiner</ins> +Seele gesprochen, den Baron ausgenommen.«</p> + +<p>»Aber der Jeremias hat ja doch sein Gepäck +in's Haus gebracht, und sagte mir, daß Alles in +Ordnung sei.«</p> + +<p>»Der Jeremias?« wiederholte Oskar, der nur +immer noch verwirrter wurde.</p> + +<p>»Und Du hast keine Ahnung, wer der +Fremde ist?«</p> + +<p>»Er sagte mir, er heiße von Pulteleben.«</p> + +<p>»Und woher?«</p> + +<p>»Das weiß Gott — ich kenne ihn nicht, und +der Jeremias — aber zum Henker noch einmal, +was zerbrechen wir uns den Kopf ganz unnöthiger +Weise; wir werden doch wahrhaftig den fremden +Herrn, der sich so <i>sans façon</i> bei uns einquartiert +hat, fragen dürfen wo er herkommt +und was er will!« Und mit den Worten schoß er +auch ohne Weiteres zur Thür hinaus und wollte +eben die Treppe hinauf, als er unten Jeremias +in den Vorsaal treten sah.</p> + +<p>»Jeremias,« rief er hinunter, »komm' einmal +herauf — aber rasch!«</p> + +<p>»Ich fliege schon,« erwiederte dieser, der sich +keineswegs dabei beeilte, denn er wußte recht gut +was ihn jetzt erwartete.</p> + +<p>Oskar stand oben an der Treppe, und so wie +der Alte nur so weit heraufgekommen war, daß +er ihn mit der Hand erreichen konnte, erwischte +er ihn bei dem einen Ohre, und zog ihn dem +Zimmer seiner Mutter zu.</p> + +<p>»Donnerwetter, junger Herr!« rief der Alte +leise, »Sie reißen mir ja den linken Löffel aus +— was ist denn das nur für ein zärtlicher Empfang?«</p> + +<p>»Warte, Du Schlingel,« rief Oskar, »er soll +noch zärtlicher werden! Jetzt nur herein mit Dir +und gebeichtet, was Du für verfluchte Streiche +heute gemacht hast! Da bring' ich ihn, Mama — +jetzt auf die Kniee nieder, Halunke, und nun gestehe, +was das für eine Geschichte mit dem Fremden +ist!«</p> + +<p>»Aber, so schreien Sie doch nur nicht so,« +flüsterte Jeremias, der sich nicht im Geringsten +außer Fassung bringen ließ — »die ganze Stadt +braucht's doch nicht zu wissen, was wir hier mit +einander reden, und der Fremde da oben hat +Ohren wie ein Hirsch.«</p> + +<p>»Wer ist der Fremde, und wo kommt er her?« +fragte die Gräfin streng.</p> + +<p>»So lassen Sie doch nur mein Ohr los,« bat +Jeremias, »ich laufe Ihnen ja nicht mehr davon, +und es stört in der Unterhaltung.«</p> + +<p>»Wer ist der Fremde? will ich wissen,« wiederholte +die Gräfin, indem Oskar das Ohr des Alten +losließ, ihm aber den Ausweg verstellte.</p> + +<p>»Kann Ihnen nicht dienen, Frau Gräfin,« +antwortete achselzuckend der alte Spitzbube — +»fand ihn heute auf der Straße zwischen einem +ganzen Berge von Koffern und Hutschachteln, und +da er kein Unterkommen finden konnte, <span class="wide">wir</span> dagegen +Platz haben und er mir gefiel, so brachte +ich ihn mit nach Hause.«</p> + +<p>»<span class="wide">Dir</span> gefiel, Du Galgenstrick,« rief Oskar, +»Dir gefiel! Und was für ein Recht hast Du, fremde +Gäste hier in das Haus zu führen?«</p> + +<p>»Jetzt sein Sie einmal vernünftig,« sagte +Jeremias, ohne sich auch nur im Geringsten aus +seiner Ruhe bringen zu lassen. »Der fremde junge +Mensch ist jedenfalls ein vornehmer Herr, denn er +hat ein paar ganz ausgezeichnete Lederkoffer, die ein +schmähliches Geld gekostet haben müssen. Außerdem +ist er aber auch reich wie Butter und wirft mit +den Milreis nur so um sich.«</p> + +<p>»Aber was geht das uns an?« rief Oskar, +während die Frau Gräfin vor Erstaunen noch +immer nicht zu Worte kommen konnte.</p> + +<p>»Was das <span class="wide">Sie</span> angeht?« wiederholte Jeremias +in vollkommener Seelenruhe — »das will +ich Ihnen sagen. Die Stube oben….«</p> + +<p>»Heh, Wirthschaft!« rief es in diesem Augenblicke +laut von oben herunter; »läßt sich denn +Niemand blicken? Das ganze Haus ist ja wie +ausgestorben — heh, hollah!«</p> + +<p>Jeremias, der seine Rede unterbrochen hatte, +wie er oben die Stimme hörte, öffnete die Thür +ein Wenig, steckte den Kopf hinaus, rief laut: +»Komme gleich!« und schloß sie dann wieder, wonach +er, ohne eine Miene zu verziehen, ruhig +fortfuhr:</p> + +<p>»Stand doch außerdem leer und wurde nicht +benutzt.«</p> + +<p>Oskar lachte gerade hinaus, denn das Ganze +fing an ihm unendlich komisch vorzukommen.</p> + +<p>»Ich möchte jetzt nur eigentlich wissen,« sagte +die Gräfin mit einem finstern Blick auf Oskar und +Jeremias, »wer noch Herr hier im Hause ist. Sie werden +jedenfalls dafür sorgen, Jeremias, daß der fremde +Mensch augenblicklich unser Haus wieder verläßt +und eine andere Wohnung bezieht.«</p> + +<p>»Giebt's gar nicht,« sagte Jeremias ruhig; +»hören Sie mich nur an. Was haben Sie denn +von dem leeren Kasten da oben? Der Fremde ist +ein anständiger junger Mensch, der Ihnen eine +gute Miethe bezahlt, und außerdem hätte auf der +Straße logiren müssen.«</p> + +<p>»Aber wer hat <span class="wide">Ihnen</span> denn die Erlaubniß +gegeben, das zu vermitteln?« fragte die Gräfin.</p> + +<p>»Nur praktisch,« meinte Jeremias, »das ist die +Hauptsache. Außerdem sind Sie ja nicht mit einander +verheirathet, und wenn er Ihnen nach zwei +oder drei Monaten nicht mehr gefällt, können Sie +ihn ja immer noch wieder ausquartieren.«</p> + +<p>»Nach zwei oder drei Monaten?« rief die Gräfin +erstaunt.</p> + +<p>»Oder noch später,« meinte Jeremias trocken; +aber jetzt muß ich wahrhaftig hinauf, und sehen +was der junge Herr will; er wird mir sonst ganz +ungeduldig und am Ende gar noch grob« — und +ohne weiter eine Antwort abzuwarten, verließ er +das Zimmer und stieg die Treppe hinauf.</p> + +<p>»Eine solche Unverschämtheit ist mir aber doch +noch nicht vorgekommen,« lachte Oskar, »und das +Einfachste wird sein, ich gehe hinauf und ersuche +den Herrn, seine Sachen augenblicklich wieder +zusammen zu packen und das Haus zu räumen.«</p> + +<p>»Warte noch einmal,« sagte seine Mutter, die +indessen nachdenkend am Fenster gestanden hatte, +indem sie die Hand gegen ihn ausstreckte: »wie +sagtest Du daß der Herr hieß?«</p> + +<p>»Er nannte sich von Pulteleben.«</p> + +<p>»Wie alt etwa?«</p> + +<p>»Nun, vielleicht drei- oder vierundzwanzig +Jahre.«</p> + +<p>»Hm — und er scheint aus guter Familie? +Da dürfen wir doch wenigstens nicht ungezogen +gegen ihn sein, denn aller Wahrscheinlichkeit nach +glaubt er sich hier in seinem vollen Rechte zu +befinden, und würde schwerlich eingezogen sein, +wenn er wüßte, wie sich Alles verhält.«</p> + +<p>»Er fragte wenigstens schon ganz naiv, um +welche Stunde bei uns gespeist würde,« lachte +Oskar.</p> + +<p>Die Gräfin ging im Zimmer auf und ab und +blieb endlich wieder vor ihrem Sohne stehen.</p> + +<p>»Die Sache kann nicht so bleiben,« sagte sie, +»denn einen Miethsmann läßt man sich eben nicht +mit Gewalt in das Haus bringen. Da aber der +junge Fremde hier wahrscheinlich in der Colonie +bleibt, so ist es auch eben so klug gehandelt, sich +nicht in Unfrieden, sondern in Frieden wieder zu +trennen. Gehe hinauf und lade ihn für heute +Mittag ein, unser Gast zu sein — wir sind doch +allein — und bei Tische mag er dann erfahren, +auf welche außergewöhnliche Art er bei uns eingeführt +wurde. Es bleibt ihm dann der ganze +Nachmittag, sich nach einem andern Quartiere +umzusehen.«</p> + +<p>»Der Jeremias ist ein göttlicher Kerl!« sagte +Oskar lachend.</p> + +<p>»Und je eher Du <span class="wide">den</span> wieder fortschickst, desto +besser ebenfalls,« meinte seine Mutter, »denn ich +bin doch nicht gesonnen, mich der Gefahr auszusetzen, +von einem so eigenmächtigen Hausknecht in +noch Gott weiß was für unangenehme Situationen +gebracht zu werden. Mit einem so stockdummen +Menschen ist außerdem gar Nichts anzufangen — +ich will lieber mit einem Schurken zu thun haben, +denn vor dem kann man sich in Acht nehmen.«</p> + +<p>Oskar hatte seine Zweifel, was Jeremias' +Dummheit betraf, aber die Sache mit dem Fremden +ging ihm im Kopfe herum, und das Zimmer +verlassend, wollte er eben zu ihm hinauf, als er +aus seinem Zimmer wieder den Jeremias kommen +sah, der auf dem Kopfe einen Lehnstuhl, in der +linken Hand dabei einen Stiefelknecht und in der +rechten einen kleinen Handspiegel trug.</p> + +<p>»Du bist doch ein ganz niederträchtiger, abgefeimter +Halunke!« sagte Oskar; »wer hat Dir +denn erlaubt, mein ganzes Zimmer auszuplündern?«</p> + +<p>»Machen Sie keine Geschichten,« erwiederte +Jeremias, mit den Augen blinzelnd; »das ist ein +prächtiger junger Mensch, und thut schon so, als +ob er ganz zu Hause wäre.«</p> + +<p>Oskar, dem die Sache Spaß machte, sprang +jetzt die Treppe voran hinauf. Als er die Thür +öffnete, stand Herr von Pulteleben schon fertig +angezogen, nur mit ein Paar glanzledernen Stiefeln +in der Hand, mitten in der Stube.</p> + +<p>»Na, kommen Sie — ah, Sie sind's — entschuldigen +Sie, ich glaubte, es wäre der Strick, +der Aufwärter; der bleibt eine Ewigkeit.«</p> + +<p>»Er kommt dicht hinter mir,« sagte Oskar; +»Herr von Pulteleben, ich soll Ihnen melden daß +pünktlich um ein Uhr gegessen wird.«</p> + +<p>»So? Sehr angenehm, ich werde auf meinem +Zimmer essen.«</p> + +<p>»Dazu ist die nöthige Einrichtung doch noch +nicht getroffen,« erwiederte Oskar; »ich habe den +Auftrag, Sie zu ersuchen mit <span class="wide">uns</span> zu diniren.«</p> + +<p>»Hm,« sagte von Pulteleben, der sich schon zu +Hause vorgenommen hatte, der amerikanischen +»Freiheit und Gleichheit« so viel als möglich aus +dem Wege zu gehen, und nicht gleich mit sich im +Klaren war, ob er vielleicht seiner künftigen Stellung +in der Colonie Etwas vergeben würde, wenn +er mit der »Bäckerfamilie« speiste, — »ich esse +viel lieber allein.«</p> + +<p>»Dann lassen Sie sich's heute wenigstens einmal +bei uns gefallen,« lachte Oskar, »morgen +werden Sie jedenfalls allein essen können.«</p> + +<p>»Nun gut,« erwiederte von Pulteleben — »na +endlich,« wandte er sich dann an den eben eintretenden +Jeremias, indem er ihm den Stiefelknecht abnahm +und seine bestaubten Stiefel auszog — »setzen +Sie den Stuhl nur dahin — aha, und auch ein +kleiner Spiegel. Das muß ich gestehen, lieber +Freund, auf Gäste scheinen Sie hier im Hause +nicht eingerichtet zu sein. Die Unordnung ist +wirklich bodenlos und die Bedienung noch schlechter. +Wie heißen Sie, he?«</p> + +<p>»Jeremias, zu Befehl,« sagte dieses würdige +Individuum in steifer Haltung und warf einen +etwas unruhigen Blick auf Oskar hinüber, von +dem er nicht wußte, wie er das Urtheil über die +Wirthschaft aufnehmen würde. Dieser aber amüsirte +sich vortrefflich, und während der junge Mann +seine Stiefel wechselte und dann seinen Hut nahm, +saß er verkehrt auf dem einen Stuhle, stützte sich +mit beiden Armen auf die Lehne und sah ihm +lächelnd zu. Endlich hatte von Pulteleben seine +Toilette beendet, schloß seine Koffer, sah sich noch +einmal im Zimmer um, ob er Nichts vergessen +hätte, und sagte: »So — wenn's gefällig ist; ich +möchte zuschließen.«</p> + +<p>»Aha, mit Vergnügen,« rief Oskar aufspringend — +»wollen Sie den Schlüssel mitnehmen +oder da lassen?«</p> + +<p>»Hm — ich werde ihn da lassen, damit das +Mädchen nachher aufräumen kann — man hat +doch Nichts zu befürchten?«</p> + +<p>Jeremias sah wieder Oskar bestürzt von der +Seite an, dieser aber erwiederte lächelnd: »Nicht +das Geringste — aber Sie sind pünktlich?«</p> + +<p>»Wenn ich irgend kann, gewiß.«</p> + +<p>Damit verließ er das Zimmer, wo hinaus +ihm die Beiden folgten, und stieg die Treppe +hinab, während Oskar zu seiner Mutter hineinsprang, +um ihr Bericht abzustatten.</p> + +<p>Gerade als von Pulteleben nach der untern +Treppe zu ging, öffnete sich dort die nächste Thür, +die in Helenens Zimmer führte, und die Comtesse +trat heraus. Kaum aber gewahrte sie den Fremden, +der sie überrascht und höflich grüßte, als sie sich +mit einer halben und flüchtigen Verbeugung wieder +zurückzog.</p> + +<p>»Alle Wetter,« wandte sich von Pulteleben +leise zu dem dicht hinter ihm dreinkommenden +Jeremias, »das ist ja ein wunderschönes Mädchen; +das war doch nicht die Bäckerstochter?«</p> + +<p>Jeremias, ob er die Frage falsch verstanden +oder absichtlich seinen Spaß daran hatte, den +Fremden im Irrthume zu lassen, nickte nur, vor +Vergnügen grinsend, mit dem Kopfe, und von +Pulteleben stieg, mit der Entdeckung sehr zufrieden, +die Stiege hinunter, um noch vor Tische seine +Aufwartung bei dem Herrn Director zu machen. +Er war jetzt fest entschlossen, die Stunde des +Mittagessens pünktlich einzuhalten.</p> + +<p>Arno von Pulteleben war ein lieber, guter, +ehrlicher Mensch, der nur mit einem ganz unbestimmten +Begriffe nach Brasilien gekommen war, +wie er das Land überhaupt finden werde, und +was er — wenn er es gefunden — da eigentlich +wolle. Es geht einer großen Menge von Auswanderern +so, die auch nur zu häufig weder wissen, +was man von ihnen fordern könnte, noch was sie +im Stande wären zu leisten, und die dabei nur +allein in dem Namen Amerika den Inbegriff aller +erfüllten Hoffnungen und Träume sehen. »Nur +erst einmal in Amerika,« sagen diese, »und das +Andere findet sich Alles von selber.« In Etwas +haben sie Recht, denn es findet sich in der That; +nur freilich manchmal ganz anders, wie sie es sich +gedacht hatten.</p> + +<p>Mit einer solchen unklaren Idee war auch +Herr von Pulteleben herüber gekommen. Er trat +übrigens dabei mit vollkommener Sicherheit auf, +denn er war sich bewußt, seinen Weg <span class="wide">bezahlen</span> +zu können. Er hatte Geld bei sich, ein Capital +von wenigstens tausend spanischen Dollars, und +daß er Speculationsgeist genug besaß, dasselbe im +Laufe von einigen Jahren vielleicht zu verzehnfachen, +daran zweifelte er selber keinen Augenblick. +Sein Grundsatz dabei war, »den Moment zu erfassen« +— »frisch gewagt, ist halb gewonnen!« und +wie derartige vortreffliche Sprüchwörter alle heißen. +Jedenfalls hatte er volles Selbstvertrauen, und +da er schon in Deutschland einmal eine Fußpartie +gemacht und dabei zwei Nächte hinter einander +auf der Streu geschlafen hatte, so hielt er +sich auch allen Entbehrungen, die ihm hier etwa +aufstoßen konnten, vollkommen gewachsen.</p> + +<p>Herr von Pulteleben fand sich übrigens etwas +überrascht, als er im Directionsgebäude seine +Karte abgegeben hatte und von dem Director die +Antwort zurück erhielt: »Es würde ihm sehr angenehm +sein, die Ehre ein anderes Mal zu haben, +heute sei er aber so ausschließlich beschäftigt, daß +er keinen Besuch empfangen könne.«</p> + +<p>»Hm — angenehm,« brummte er vor sich hin, +als er seine weißen Glacéhandschuhe auszog, zusammenrollte, +in die Tasche steckte und wieder +hinaus in's Freie ging; »Herr Director Sarno +scheinen verwünscht wenig Umstände zu machen, +und die Artigkeit hätte doch wenigstens verlangt, +daß er … aber was thut's — ich habe jetzt doch +meine Schuldigkeit gethan, und wenn er nun +meine Bekanntschaft zu machen wünscht, ist die +Reihe an ihm.«</p> + +<p>Mit diesem beruhigenden Gefühle schlenderte er +durch die Straßen der Stadt und fand eine Menge +bekannter Gesichter — Leute, die mit ihm in einem +und demselben Schiffe über See gekommen waren +und alle Gefahren gemeinschaftlich getheilt hatten, +aber — <span class="wide">sie</span> waren im Zwischendeck gereist, und +Herr von Pulteleben in der Kajüte — eine Entfernung, +die in ihrer Räumlichkeit wohl kaum zehn +Schritte betragen mochte, aber doch ausreichte, +beide Theile vollständig fern von einander zu halten. +Man kannte sich von Ansehen, aber man grüßte +sich nicht, und so unbedeutend das an sich scheinen +mag, so diente es doch dazu, ein nichts weniger +als freundschaftliches Gefühl zwischen beiden Theilen +zu erzeugen.</p> + +<p>Das ist nun freilich nicht zu ändern, denn +Standes- und Rangunterschiede existiren einmal +auf der Welt, und werden trotz aller Communisten +fortbestehen, bis wir Alle unser letztes Ziel, das +Grab, erreichen. Selbst unter den Thieren und +Pflanzen herrschen Rang und Gewalt; es giebt +sogar edle und unedle Metalle, und das Menschengeschlecht +läßt sich nicht in einen Topf werfen +und darin halten. Ein Theil von ihm <span class="wide">will</span> seine +besonderen Gesache haben — und bekommt sie +auch, und der Rest muß entweder danach streben, +diese ebenfalls zu gewinnen, oder — sich darein +fügen.</p> + +<p>Herr von Pulteleben hielt das auch natürlich +für ganz in der Ordnung, denn daß es Kajüte +und Zwischendeck geben mußte, verstand sich von +selbst. Allerdings kam ihm dabei fast unwillkürlich +der Gedanke, daß er zufälligerweise am Tische +des Bäckermeisters mit einem Zwischendecks-Passagier +zusammentreffen könne — aber das blieb +doch zu unwahrscheinlich — die junge Dame, +der er begegnet, sah dafür zu anständig aus, +und — war ihm die Gesellschaft wirklich nicht +passend, so gab es immer einen Vorwand, sich +zurückzuziehen.</p> + +<p>Als er auf seinem Spaziergange die sehr +einfache Kirche passirte, zeigte die Uhr gerade +zehn Minuten vor Eins, und er gerieth etwas in +Verlegenheit, da er den Namen des Bäckermeisters +vergessen hatte, in dessen Haus er abgestiegen.</p> + +<p>Glücklicher Weise besaß er Ortskenntniß genug, +wenigstens die Richtung behalten zu haben; es +war überhaupt nicht schwer, sich in dem kleinen +Orte zurecht zu finden, und mit dem Schlage Eins +entdeckte er vor sich das Haus, das sich überdies +vor allen in der Nachbarschaft durch den kleinen, +aufgebauten Erker auszeichnete. An der Treppe +empfing ihn schon Oskar, der sich das Vergnügen +nicht wollte entgehen lassen, ihn einzuführen.</p> + +<p>»Ah, Herr Baron, das ist schön daß Sie Wort +halten!« rief er ihm entgegen. »Eben wird die +Suppe aufgetragen und Mutter und Schwester +erwarten Sie mit Ungeduld.«</p> + +<p>»Mutter und Schwester?« dachte Herr von +Pulteleben, »ist denn das der Sohn des Bäckers?« +Oskar sah ihm dazu eigentlich zu elegant aus, +aber es blieb ihm keine lange Zeit zur Überlegung, +und wenige Minuten später sah er sich der stattlichen +Gestalt der Frau Gräfin und ihrer reizenden +Tochter gegenüber, und schaute jetzt wirklich verlegen +nach seinem Begleiter um, denn daß er sich +hier in anderer als der vermutheten Gesellschaft +befand, mußte er wohl fühlen.</p> + +<p>»Mein bester Herr,« sagte er zu Oskar, »ich +muß dringend bitten, daß Sie mich hier vorstellen, +ich — ich weiß selbst noch nicht einmal <span class="wide">Ihren</span> +Namen.«</p> + +<p>»O, mit Vergnügen,« lachte Oskar, indem er +mit einer etwas förmlichen und muthwilligen Verbeugung +sagte: »Herr von Pulteleben, liebe +Mutter, — Herr von Pulteleben, ich habe hier +die Ehre, Ihnen die Frau Gräfin Baulen und +Comtesse Helene, meine Schwester, vorzustellen. Mein +eigener Name ist Oskar.«</p> + +<p>»Frau Gräfin Baulen?« stammelte der junge +Mann, während über Helenens Züge ein leises, +spöttisches Lächeln zuckte.</p> + +<p>Die Frau Gräfin war aber nicht gesonnen, +den jungen Mann weiteren Verlegenheiten auszusetzen.</p> + +<p>»Herr Baron,« sagte sie freundlich, »Sie sind +durch die Ungeschicklichkeit unseres Hausknechtes +oder Dieners in die wunderliche Lage gekommen, +sich in einer Familie einzuquartieren, der selbst +Ihre Ankunft vollkommen fremd geblieben war.«</p> + +<p>»Gnädige Frau, ich will doch nicht hoffen!« +rief Pulteleben erschreckt.</p> + +<p>»Beruhigen Sie sich,« unterbrach ihn die +Gräfin, »ich weiß, daß Sie nicht die geringste +Schuld tragen. Das Ganze war ein mißverstandener +Diensteifer von Seiten jenes Burschen, +der über eine Localität unseres Hauses verfügte, +ohne auf Sie, noch auf uns Rücksicht zu nehmen.«</p> + +<p>»Aber man sollte doch kaum glauben, daß so +Etwas möglich wäre!« rief von Pulteleben entsetzt, +denn erst jetzt trat ihm die seltsame Situation vor +Augen, in der er, als reiner Eindringling, den +Damen gegenüber stand; »meine Seele konnte ja +an etwas Derartiges nicht denken, oder Sie müßten +überzeugt sein, daß ich….«</p> + +<p>»Bitte, keine Entschuldigungen weiter,« lächelte +die Gräfin; »Brasilien erzeugt gar sonderbare +Zustände, die Sie ebenfalls noch mit der Zeit +näher kennen lernen werden. Jedenfalls hat uns +Jeremias, wie jener unglückliche Mensch heißt, +Gelegenheit gegeben Ihre Bekanntschaft zu machen; +alles Andere läßt sich nachher mit Leichtigkeit arrangiren, +und nun bitte ich, daß Sie Platz nehmen, +denn die Suppe wird sonst kalt.«</p> + +<p>Herr von Pulteleben befand sich noch immer +in einem gemäßigten Grade von Verzweiflung, +denn der Gedanke, sich bei einer solchen Familie +auf eine solche Art eingeführt zu haben, trieb ihm +fast die Haare zu Berge. Außerdem blieben ihm +noch eine Menge Dinge unklar — die Geschichte +mit dem Bäckermeister zum Beispiel, und daß ihm +der junge Mensch nicht gleich einen Wink gegeben, +wo er sich eigentlich befände. Sehr rasch im +Denken war er außerdem nicht, und es bedurfte +einer neuen Aufforderung der Gräfin, Platz zu +nehmen, bis er sich so weit sammeln konnte, ihr +den Arm zu bieten und sie zur Tafel zu führen.</p> + +<p>Da sich die Gräfin aber einmal vorgenommen +hatte, ihm weitere Verlegenheiten zu ersparen, so +wußte sie auch bald geschickt in ein Gespräch einzulenken, +das ihm seine Unbefangenheit wiedergeben +konnte — ein Gespräch über die eben zurückgelegte +Seereise, an dem sie ebenfalls Interesse +nahm, da sie noch mit Entsetzen ihrer eigenen +Fahrt und der damit verbunden gewesenen Seekrankheit +gedachte.</p> + +<p>In das Capitel eingelenkt, fühlte sich auch +von Pulteleben bald wieder behaglicher, und das +Einzige, was ihn noch dann und wann genirte, +war der etwas sarkastische Zug um der Comtesse +Mund, wenn sie einem Blicke ihres Bruders begegnete +und sein Auge gerade auf ihr ruhte — +und sein Auge ruhte sehr oft auf ihr, denn von +Pulteleben erinnerte sich nicht, je in seinem Leben +schon ein schöneres Mädchen gesehen zu haben.</p> + +<p>Mochte es sein daß es ihm nur so vorkam, +weil er gerade durch die lange Seereise dem geselligen +Umgange mit dem schönen Geschlechte hatte +völlig entsagen müssen, oder fühlte er sich gerade +von dieser Form der Züge besonders gefesselt, wie +das ja oft im Leben der Fall ist, aber er konnte +sich nicht satt an dem lieben Antlitz sehen, und +eben so wenig entging Helenen selber, mit welcher +Aufmerksamkeit er sie behandelte. Freilich war sie +daran gewöhnt, ihren Zoll von Bewunderung +überall einzuernten, aber trotzdem fühlte sie einen +gewissen Grad von Genugthuung, und ihr Antlitz, +das im Beginne der Tafel seine volle Strenge bewahrt +hatte, wurde etwas freundlicher gegen den +jungen Gast. Sie wich wenigstens Oskar's Blicken +aus und schien nicht mehr gesonnen, sich über ihn +lustig zu machen, ja, nahm sogar Theil an der +Unterhaltung.</p> + +<p>Dadurch gewann von Pulteleben endlich seine +ganze Fassung wieder, und als das Diner, bei dem +Dorothea ihr Möglichstes geleistet hatte, beendet +war, wandte er sich an seine freundliche Wirthin +und sagte:</p> + +<p>»Frau Gräfin, wenn ich auch jenem unglücklichen +Jeremias und meinem Schutzgeiste danke, +diese mir so liebe Bekanntschaft gemacht zu haben, +so fühle ich doch recht gut, daß ich hier, als Ihr +Gast, eine sehr unerquickliche Rolle spiele, und je +eher ich der ein Ende mache, desto besser. Gestatten +Sie also daß ich mich entferne, um mich nach +einem andern Quartier umzusehen, und erlauben +Sie mir nur — Ihre Güte hat ja meiner Unverschämtheit +schon verziehen — daß ich damit nicht +gezwungen bin, diese für mich so ehrenvolle und +liebe Bekanntschaft ganz abzubrechen. Ich werde +mich jedenfalls längere Zeit in Santa Clara aufhalten +und würde Ihnen unendlich dankbar sein, +wenn Sie mir wenigstens gestatten wollten, Ihnen +manchmal meine Aufwartung zu machen.«</p> + +<p>»Da Sie nun einmal unser Hausgenosse geworden +sind,« lächelte die Gräfin, »so übereilen +Sie auch wenigstens Nichts. Es wird Ihnen überdies +schwer werden, für den Augenblick eine passende +Wohnung in Santa Clara zu finden; <span class="wide">bis</span> Sie +die aber gefunden haben, bitte ich Sie unser Haus +als das Ihrige zu betrachten.«</p> + +<p>»Gnädige Frau Gräfin!« rief Pulteleben erstaunt +aus.</p> + +<p>»Bitte, machen Sie keine Umstände,« fuhr die +Gräfin ruhig und freundlich fort, »wir sind hier +in Brasilien, wo der Fremde nur zu häufig einzig +und allein auf die Gastfreiheit der Bewohner angewiesen +bleibt, und es existiren deshalb hier ganz +andere Verhältnisse, wie in der alten Heimath. +Außerdem sagten Sie uns vorher, daß Sie verschiedene +Pläne für Ihre Zukunft hätten.«</p> + +<p>»Allerdings,« versicherte der junge Mann, »aber +es fehlt mir da freilich noch Kenntniß des Landes, +um mein Capital gleich mit Vortheil anlegen +zu können, und ich sammle lieber erst Erfahrung.«</p> + +<p>»Das ist sehr vernünftig von Ihnen gedacht,« +erwiederte die Gräfin; »wo <span class="wide">ich</span> Ihnen aber dabei +mit Rath an die Hand gehen kann, bitte ich ganz +über mich zu disponiren.«</p> + +<p>»Sie sind zu gütig, gnädige Frau Gräfin!«</p> + +<p>»Wir wohnen schon eine Reihe von Jahren +in diesem Lande, und man ist gezwungen, die Verhältnisse +genau kennen zu lernen, oft sogar gegen +unsern Willen. Doch Sie wünschen jedenfalls eine +Cigarre zu rauchen — Oskar, führe den Herrn +in den Garten; wir kommen dann ebenfalls hinunter, +um dort gemeinschaftlich Kaffee zu trinken.«</p> + +<p>Damit standen die beiden Damen auf, grüßten +freundlich und verließen das Zimmer, während +Herr von Pulteleben in einem wahren Taumel von +Seligkeit zurückblieb und jetzt gar nicht oft genug +zu Oskar sagen konnte, wie glücklich er sich fühle +diese Bekanntschaft gemacht zu haben, wenn er es +auch der größten Dummheit verdanke, deren er +sich in seinem ganzen Leben schuldig gemacht.</p> + +<p>»Na nu werden Sie nicht langweilig,« meinte +Oskar — »Apropos, haben Sie etwa eine vernünftige +Cigarre bei sich? Das Zeug, was man +hier bekommt, ist kaum zu rauchen.«</p> + +<p>»Ich kann Ihnen mit einer Havannah dienen,« +sagte Herr von Pulteleben, erfreut dem Bruder +jenes Engels nur in Etwas angenehm sein zu +können.</p> + +<p>»Das ist gescheidt,« meinte Oskar — »sie sind +doch nicht zu schwer?«</p> + +<p>»Nein, sicher nicht — ich selber rauche nie +schwere Cigarren.«</p> + +<p>»Gut, dann kommen Sie jetzt in den Garten, +hier ist eine Hitze, nicht zum Aushalten,« — und +seines neuen Freundes Arm ergreifend, schlenderte +er mit ihm hinab, um dort den Kaffee und die +Damen zu erwarten.</p> + +<p>Diese zögerten auch nicht lange, und hatte sich +Herr von Pulteleben schon gegen das Ende der +Mahlzeit in seiner Umgebung wohl gefühlt, so entzückte +ihn jetzt, im wahren Sinne des Wortes, die +Natürlichkeit und Liebenswürdigkeit Helenens, die +allen Zwang abgeworfen zu haben schien und nach +Herzenslust lachte und plauderte.</p> + +<p>Helene war wirklich bildschön. Es gab Zeiten, +wo ihre so regelmäßigen Züge von einem düstern +Ernst beschattet wurden, der ihren Augen etwas +Unheimliches, ja Abstoßendes geben konnte. Ihr +Mund, wenn fest geschlossen, sah dann ebenfalls, +der etwas schmalen Lippen wegen, unschön aus. +Wenn aber das lebendige Auge in Scherz, ja +Übermuth leuchtete, wenn ihre Zähne, die zwei +Reihen aufgezogener Perlen glichen, sichtbar wurden, +wenn sich das Grübchen tiefer in ihr Kinn +einschnitt und das Lachen auf dem gar so lieben +Antlitz spielte, wie das Sonnenlicht auf einem +murmelnden Bache, dann konnte man sich wahrlich +nicht satt sehen an dem Mädchen, und sie war +sich auch ihres Sieges stets so sicher bewußt, daß +sie mit ihrer Umgebung machte, was sie eben +wollte.</p> + +<p>Nur dann und wann verließ sie manchmal die +Laube, und von Pulteleben würde noch mehr entzückt +gewesen sein, wenn er gewußt hätte, daß sie +gerade in dieser Zeit Anordnungen traf, sein Zimmer +etwas wohnlicher einzurichten und ein Bett +darin aufzustellen. Es hatte das seine Schwierigkeiten, +denn die Gräfin war nur nothdürftig auf +solchen Besuch eingerichtet, aber es <span class="wide">ging</span> doch, +und ein paar rasch und geschickt improvisirte Gardinen +machten das kleine Gemach noch so viel +freundlicher.</p> + +<p>Die Zeit, wo der junge Fremde mit der Frau +Gräfin allein blieb, wurde dann von dieser benutzt, +ihm einen kurzen Überblick über die hiesigen Verhältnisse +zu geben, der Herrn von Pulteleben außerordentlich +befriedigte. Er ersah nämlich daraus, +daß in diesem Lande wirklich nur ein kleines, unbedeutendes +Capital dazu gehöre, um, mit kluger +Benutzung des Augenblickes, ganz erstaunliche Erfolge +zu erzielen. Die Frau Gräfin wußte ihm +eine Menge von Beispielen zu nennen, nach denen +Leute durch kleine, aber richtige Spekulationen in +Stand gesetzt waren, unbedeutend begonnene Geschäfte +auf das Großartigste auszudehnen, und sich +dann mit einem <span class="wide">erworbenen</span> Vermögen nach +Deutschland zurückzuziehen, um es dort in Ruhe +zu verzehren.</p> + +<p>»Sehen Sie, Frau Gräfin,« rief Herr von +Pulteleben, durch diese Mittheilungen zu einem +vollen Grade von Aufrichtigkeit getrieben, »das ist +gerade was ich will. Zu Hause haben sie mir +immer vorgeworfen, daß ich unpraktisch wäre, daß +ich nie im Stande sein würde, mir aus mir selber +eine Carrière zu schaffen. Jetzt will ich doch einmal +sehen, ob es nicht möglich ist sie Lügen zu +strafen. Sie sollen erleben, mit welcher Energie +ich Alles angreife, was ich unternehme. — Wenn +ich nur erst wüßte was!«</p> + +<p>»Übereilen Sie sich darin nicht, junger Freund,« +sagte die Gräfin. »Es giebt zwar eine Menge +von Wegen, die zum Ziele führen, aber der eine +ist länger als der andere, und wenn man denn +doch noch die Wahl hat, warum soll man da nicht +suchen den kürzesten zu nehmen? Übrigens seien +Sie versichert, daß ich selber schon ein Wenig herumhorchen +will. Sie sind uns nun einmal auf so +abenteuerliche Weise zugeführt, daß ich ein gewisses +Interesse daran nehme.«</p> + +<p>»Gnädige Frau Gräfin, Sie sind unendlich +gütig.«</p> + +<p>»Lassen Sie das; will ich aufrichtig sein, so +ist es vielleicht sogar Egoismus von mir selber; +denn Sie glauben gar nicht, wie langsam die Zeit +verstreicht, wenn man so gar Nichts auf der Gotteswelt +zu thun hat. Eine kleine Beschäftigung, eine +bestimmte Thätigkeit wird zuletzt wirklich zum Bedürfniß, +und ein wenig Sorgen und Umschauen +gehört mit zu unserem Leben.«</p> + +<p>»Aber durch was habe ich verdient, daß Sie +sich <span class="wide">meiner</span> gerade so unendlich freundlich annehmen?«</p> + +<p>»Lieber Gott, wir sind hier einmal in Brasilien, +leben in Verhältnissen, die mit denen der +alten Welt auch nicht die entfernteste Ähnlichkeit +haben, und da gestaltet sich Manches oft rasch und +wunderbar. Doch Sie werden das Alles noch viel +besser kennen lernen, wenn Sie erst einmal selber +längere Zeit im Lande sind.«</p> + +<p>Oskar hatte sich bei dem Gespräch gründlich +gelangweilt, denn er haßte Nichts mehr auf der +Welt, als wenn von einem bestimmten Lebenszwecke +die Rede war — und seine Mutter hielt +ihm dieses Capitel sehr häufig vor. Dafür gönnte +er es jetzt aber auch von Herzen seinem neuen +Hausgenossen, und amüsirte sich die Zeit über, mit +seinem Blasrohr von einem erhöhten Stand der +Hecke aus nach vorbeilaufenden Hunden zu schießen. +Wenn er sie traf, nahmen sie gewöhnlich den +Schwanz zwischen die Beine und rannten in wilder +Flucht die Straße hinab, und Oskar wollte sich +dann halb todt darüber lachen.</p> + +<p>Um das Angenehme übrigens mit dem Nützlichen +zu verbinden, nahm er Herrn von Pulteleben +nachher mit zu seinem Pferde hinaus, von +dem er ihm schon viel erzählt und ihm auch die +Überzeugung beigebracht hatte, daß ein Mann +ohne Pferd in Brasilien gar nicht existiren könne +— nicht einmal eine Frau, und da Herr von +Pulteleben erfuhr, daß es früher Helenens Lieblingspferd +gewesen sei, die sich jetzt einen etwas +ruhigeren Grauen — der Graue war das wildeste +Pferd in der Ansiedelung — angeschafft habe, kaufte +es der junge Fremde zu einem, wie er glaubte, +außerordentlich mäßigen Preise (Oskar hatte auch in +der That höchstens hundert Procent daran verdient) +und schwelgte dabei in der Hoffnung auf +morgen, denn Helene hatte ihm versprochen mit +ihm spazieren zu reiten.</p> + +<p> </p> +<hr class="narrow" /> +<h3><a name="kap_9" id="kap_9"></a>9.</h3> + +<h3>Ein Abend in der Colonie.</h3> + +<p>Das war ein Leben und Treiben heute in +dem sonst so stillen Städtchen, daß man es kaum +wieder erkannte, und das Wirthshaus »Zum +Hoffnungsanker« hatte, so lange der Ort stand, +noch keine so guten Geschäfte gemacht. War es +doch auch bis unter das Dach hinauf von Gästen +angefüllt, die auf Matratzen, Decken, Stroh, oder +wie es eben ging, untergebracht werden mußten, +während fast alle männlichen Bewohner von +Santa Clara hier ebenfalls zusammenkamen, um +die Neuangekommenen zu sehen und zu sprechen, +und vielleicht auch frische Nachrichten von daheim +— das heißt aus ihrem Dorfe zu hören, denn +was wirklich <span class="wide">deutsche</span> Nachrichten und besonders +deutsche Politik betraf, kümmerte die Wenigsten der +Colonisten.</p> + +<p>Viele waren allerdings schon seit Jahren ausgewandert, +und den politischen Verhältnissen daheim, +die sie selbst an Ort und Stelle nicht verstanden, +so entfremdet worden, daß sie kaum noch +die geographischen Namen der verschiedenen Staaten +kannten. Aber selbst erst kürzlich Herübergekommene +fragten nicht nach dem, was Preußen oder +Österreich, oder sonst ein Theil Deutschlands treibe +— das war deren Sache, und sie mochten es mit einander +ausmachen — sondern nur aus welcher Gegend +Der und Jener sei, und ob daheim Der und Jener +noch lebe, und nicht Lust habe nach Brasilien zu +kommen.</p> + +<p>Außerdem wollten sich die Leute aber auch +gern einmal einen sogenannten »fidelen Abend« +machen, und da der Wirth Christian Bohlos einen +ziemlich geräumigen Schuppen an sein Haus gebaut +und mit Dielen hatte belegen lassen, ja auch +in diesem Schuppen ein hölzernes Gerüst für ein +Musikcorps angebracht war, so verstand es sich +von selbst, daß heute Abend ebenfalls getanzt +wurde.</p> + +<p>Das beste Musikcorps der Stadt wurde dazu +bestellt — denn es gab deren zwei — und daß +sich das andere darüber zurückgesetzt fühlte und +erklärte, das sogenannte <span class="wide">beste</span> Musikcorps könne +gar nicht spielen und vollführe eine wahre Heidenmusik +— blieb sich gleich.</p> + +<p>Schon mit Dunkelwerden sammelten sich die +Gäste — auf acht Uhr Abends waren nach stillschweigendem +Übereinkommen die Frauen angesagt, +denn die Kinder mußten erst zu Bette gebracht +werden — und bis dahin gingen Flasche +und Krug lustig im Kreise. — Aber nicht etwa +das dünne brasilianische Bier wurde getrunken, +das ein Deutscher sogar in Santa Clara braute, +obgleich das besonders die Neuangekommenen mit +Leidenschaft forderten, sondern vaterländischer +Rheinwein bildete bei solchen Gelagen gewöhnlich +das schwere Geschütz. Die langhalsigen, schlanken +Originalflaschen ragten fast von allen Tischen empor, +und Scharlachberger-, Brauneberger-, Markobrunner- und +Hochheimer-Etiquetten gehörten zu +den gewöhnlichsten Dingen.</p> + +<p>An dem einen Tische präsidirte der »Pfarrer« +des Ortes, eine breitschulterige, etwas massive +Gestalt, mit hochgeröthetem Gesichte, kurzen, etwas +struppigen blonden Haaren und einem <span class="wide">wenigstens</span> +zweitägigen weißen Halskragen, aber nicht +etwa in schwarzer Ordenstracht, sondern in einer +grauleinenen Sommerjoppe mit Nankinghosen, und +um ihn gruppirten sich einzelne Bewohner von +Santa Clara — unter ihnen auch unser alter +Bekannter Pilger und mehrere Colonisten aus der +unmittelbaren Nähe des Städtchens, von denen +dann wieder verschiedene »frische Einwanderer« +zugezogen worden, um zuerst Bericht über ihre +Reise abzustatten, und dann Enthüllung über das +»erhoffte Brasilien« zu vernehmen.</p> + +<p>An die Ecke desselben Tisches hatte sich ebenfalls +der Bursche mit dem Silberband um die +Mütze gedrängt, der heute schon mit dem Director +Streit gehabt; ein Krug Bier und eine Portion +Braten stand vor ihm. Seine Frau lag drüben +im Auswanderungshause mit ihren Kindern in +einer dunklen, feuchten Ecke, und theilte mit ihnen +das kärgliche Mahl, das sie sich von geliefertem +Mehle selber hatte bereiten müssen.</p> + +<p>Die übrigen Tische waren eben so dicht gedrängt +mit Gästen, und Bohlos' Frau und ein +paar Mägde konnten sich kaum in dem überfüllten +Raume Bahn machen, um die verlangten und oft +stürmisch geforderten Speisen und Getränke auszutheilen.</p> + +<p>»Na, hier lebt sich's aber doch besser als an +Bord von dem Schiffe, das muß wahr sein, wenn +ich auch gerade nicht über die Kost auf dem Schiffe +klagen will,« sagte einer der Zwischendeckspassagiere.</p> + +<p>»Saufressen,« kaute der Mann mit dem Tressenstreifen +mit vollem Munde; »bei uns kriegen's +die Schweine besser, wie sie's uns für unser schweres +Geld auf dem Schiff gegeben haben.«</p> + +<p>»Vielleicht sind <span class="wide">Sie's</span> zu Hause besser gewöhnt +gewesen,« meinte einer der jungen Kaufleute, +ein Kajütenpassagier, der sich aber hier +schon in brasilianische Gleichheit hinein zu finden +suchte, indem er seinen, ihm unangenehmen Nachbar +von der Seite ansah.</p> + +<p>»Bin ich auch,« knurrte der Mann — »ja, +Sie, die Kajütenpassagiere, haben hineingestopft +gekriegt, was nur eben hinein ging, aber <span class="wide">uns</span> +haben sie behandelt wie die Hunde — und noch +schlechter.«</p> + +<p>»Na, ich weiß nicht,« sagte der Erste wieder, +»ich bin doch auch im Zwischendeck gefahren, habe +aber Nichts davon gemerkt. Daß man's auf dem +Schiff nicht so gut bekommen kann wie daheim, +na ja, das haben wir freilich schon zu Hause gewußt, +und dafür ist's eben eine Seereise. Außerdem +habt <span class="wide">Ihr</span>, so viel ich weiß, nicht einmal +Passage bezahlt, sondern Eure Gemeinde daheim +hat's zusammengeschossen.«</p> + +<p>»Das geht Keinem 'was an,« sagte der Bursche +mit einem finstern Blicke nach dem Sprecher — +»bezahlt ist's doch, ohne daß <span class="wide">Ihr</span> dazu die Hand +in den Sack gesteckt.«</p> + +<p>Die Übrigen schwiegen, denn der Mann hatte +nicht genug Einnehmendes in seinem Wesen, sich +mit ihm in ein längeres Gespräch einzulassen. +Freilich war hier offener Wirthstisch, und man +konnte ihm auch nicht gut verwehren, sich der +Unterhaltung anzuschließen, so lange er eben nicht +selber fühlte, daß er da nicht hinein passe.</p> + +<p>Oben am Tische wechselte das Gespräch jetzt +wieder auf die Verhältnisse in der Colonie, und +die Klagen über die Regierung waren allgemein, +daß nie Land vorräthig vermessen sei, wenn einmal +Colonisten eintrafen. Die Neuangekommenen +wollten das dem Director zuschieben, und der +»Pfarrer« gab ihnen Recht. Da stäk' es, denn +das sei ein hochmüthiger Patron, der sich den +Henker um den armen Mann scheere. Dagegen +sprachen aber, und zwar mit Eifer, mehrere der +Colonisten selber und vertheidigten den Director.</p> + +<p>»Was kann er denn machen, wenn ihn der +Präsident im Stiche läßt? Das ist die vorgesetzte +Behörde, und an die muß er sich wenden, und +für den gemeinen Mann thut gerade <span class="wide">er</span> mehr, +denn irgend Einer vor ihm. Und wie hat er +jetzt wieder gearbeitet, um die Leute alle unterzubringen!«</p> + +<p>»Ein Lump ist's,« rief der mit der Tresse, +seine Faust auf den Tisch schlagend, daß sich Alle +erstaunt nach ihm umsahen — »ein nichtsnutziger, +grober Lump, und das hab' ich ihm heute in's +Gesicht gesagt, und will es ihm morgen auch noch +einmal hinein sagen.«</p> + +<p>»Was ist denn der Mann da schuldig, Bodenlos?« +fragte Pilger laut, als der Wirth gerade an ihm +vorüberging.</p> + +<p>»Wer?« fragte Bohlos, sich am Tische umsehend.</p> + +<p>»Der mit der hübschen blauen Mütze.«</p> + +<p>»Na,« sagte der also Bezeichnete erstaunt aufstehend +— »wem geht denn <span class="wide">das</span> wieder 'was an, +was <span class="wide">ich</span> schuldig bin?«</p> + +<p>»Der Tisch hier bezahlt's,« sagte Pilger, ohne +von dem Einwurfe Notiz zu nehmen — »wie viel +macht's?«</p> + +<p>»Portion Braten und vier Glas Bier,« sagte +Bohlos — »wollen's gerade einen Milreis rechnen, +es macht eigentlich noch zwanzig Reis mehr.«</p> + +<p>»Sehr schön,« sagte Pilger, »und jetzt, guter +Freund, thut uns einmal den Gefallen und macht die +Thür <span class="wide">von außen</span> zu. Verstanden?«</p> + +<p>»Ob ich sie zumachen oder auflassen will, geht +Keinem einen Quark an!« rief der Bursche, rückte +sich die Mütze auf das eine Ohr, und sah den Redenden +mit wüthenden Blicken an.</p> + +<p>»Wollt Ihr Vernunft annehmen?« fragte +Pilger ruhig, indem er langsam von seinem Stuhle +aufstand — »oder soll ich Euch….«</p> + +<p>»Ach, laßt den Lump zufrieden, Pilger!« riefen +ein paar Andere — »fangt keinen Streit an.«</p> + +<p>»Streit?« sagte Pilger vollkommen kaltblütig +— »fällt mir gar nicht ein, aber sollen wir uns +etwa von so einem Burschen, wie der da, den +ganzen Abend verderben lassen? Entweder der +Gesell geht, Bodenlos, oder ich gehe.«</p> + +<p>»Ach, seid vernünftig,« sagte der Wirth beruhigend.</p> + +<p>»Nein, er hat Recht!« riefen nun auch die +früheren Mitpassagiere des Burschen; »auf der +ganzen Reise hat er Nichts wie Skandal und +Streit gehabt, und seine arme Frau dabei mißhandelt, +daß es eine Schande war.«</p> + +<p>»Ihr Lumpenhunde wollt auch wohl noch mit +drein reden?« rief der mit der Mütze, und fuhr +von seinem Sitze auf, aber Pilger hatte ihn schon +am Kragen und hob ihn mit riesiger Kraft vom +Boden; drei oder vier Andere faßten ihn zugleich +an Armen und Beinen, und keine Minute später +fand er sich ziemlich unsanft hinaus auf die Straße +gesetzt. Kaum aber hatten die Männer ihre Sitze +wieder eingenommen, als ein ziemlich faustgroßer +Stein durch das eine Fenster klirrend hereinschmetterte +und glücklicherweise gegen die nächste +Stuhllehne traf, sonst hätte er Schaden anrichten +können. Fünf oder sechs junge Burschen flogen +jetzt hinaus, um den Frevler abzustrafen, aber +der Passagier hatte es doch für gerathen gefunden, +etwas Derartiges nicht abzuwarten, und war verschwunden.</p> + +<p>Indessen rückte die Zeit vor — es war acht +Uhr, und die »Damen« kamen zum Balle. Es waren +meist Frauen und Töchter von Bauern und Handwerkern, +aber viele der letzteren selbst in Brasilien +geboren und großgezogen, wo sie dann, mit Kindern +der eingeborenen Brasilianer aufwachsend, +auch den Schnitt von deren Kleidung, wie eine +freiere Haltung angenommen hatten — und reizende +Gestalten gab es unter ihnen.</p> + +<p>Hier und da kam freilich noch ein echt deutsches +Bauernmädchen, die rothe Kattunschürze hoch in +der Taille umgebunden, das riesige weiße Taschentuch +in der sonnverbrannten, arbeitsharten Hand +schlenkernd und mit der eigenthümlich schaufelnden +Bewegung im Gange. Junge Mädchen mit weißen +Kleidern und Rosabändern dazwischen, mit +Füßen, die einem Grenadier zur festen Basis +hätten dienen können, und eine Handvoll künstliche, +arg zerdrückte Blumen geschmacklos auf den Kopf +gebunden. Aber auch leichte und selbst zarte Figuren +mischten sich dazwischen, junge Mädchen aus +irgend einer kleinen Stadt, die jedenfalls verstanden +sich geschmackvoll zu kleiden, und eine buntere +Mischung des »schönen Geschlechts« konnte in +keinem Lande der Welt aufgetrieben werden.</p> + +<p>Und wer war der Ceremonienmeister, der Arrangirende +und Ordnende dieses ganzen Balles? +Wer stellte, als die Musik endlich begann, die +Contretänze? Wer klatschte in die Hände, wenn +die ersten Paare antanzen, wer klatschte wieder, +wenn sie wechseln sollten? Wer drückte sich dann +in einem ruhigen Moment in eine Ecke, um mit +einem oder dem anderen Nachbar, nur im Vorbeigehen, +ein Glas Wein oder Punsch zu trinken, +und war im Nu wieder bei der Hand und mitten +im Saale, sobald nur die geringste Unordnung +zu drohen schien? Wer anders als Jeremias, der +sich aber so entpuppt hatte, daß man ihn heute +Abend wirklich nur an der rothen Perrücke wiedererkannte.</p> + +<p>Wer den Jeremias heute in Hemdsärmeln gesehen +hatte, wie er im Schweiße seines Angesichts, +den Karren hinter sich, durch die Straßen keuchte, +und wer ihn jetzt sah, wie er im Glanze von wenigstens +achtzehn Talglichtern mit blechernen Reflectoren, +<i>à quatre épingles</i> gekleidet, durch den +Saal hüpfte, würde eine solche Veränderung, ohne +den Mann genauer zu kennen, nicht für möglich +gehalten haben, und doch war es eine und dieselbe +Persönlichkeit.</p> + +<p>Es läßt sich nicht läugnen, weder der hellblaue +Frack mit den blanken Knöpfen, noch die weißen +Hosen, noch die lichten, schon etwas schmutzigen +Glacéhandschuhe waren je für ihn gemacht, und +die beiden ersteren gerade um das zu weit, was +die letzteren zu eng schienen. Aber er zeigte doch, +wie der Pfarrer meinte, »den guten Willen«, und +einen aufmerksameren und den Formen strenger +genügenden Tanzmeister wie ihn gab es nicht auf +der weiten Welt, viel weniger denn in Brasilien.</p> + +<p>Jeremias war in der That überall, und hatte +er heute über Tag bei seinem Karren geschwitzt, +so überstieg seine Transpiration gegenwärtig alle +Gränzen. Er troff förmlich, und das helle Wasser +lief ihm unter der brennend rothen Perrücke in +kleinen Bächen nieder.</p> + +<p>Eigentlich hatte Jeremias ursprünglich gar kein +rothes Haar gehabt, und das kleine Stückchen +Backenbart, das ihm noch jetzt vor beiden Ohren +stand, war sogar von pechschwarzer Farbe. Als +ihm aber damals, nach einer Art Nervenfieber, +und kurz vorher, ehe er Deutschland verließ, +sämmtliche Haare ausgingen, forderte der Friseur +für eine <span class="wide">schwarze</span> Perrücke eine seine Kräfte +übersteigende Summe, und da er die <span class="wide">rothe</span> Perrücke +— der Träger war darunter weggestorben +— aus zweiter Hand billig erstehen konnte, entschloß +er sich kurz und wechselte die Farbe. Jetzt +war er nun so an die rothe Perrücke gewöhnt, +daß er eine andere, schwarze nicht mehr umsonst +genommen hätte.</p> + +<p>Übrigens war Jeremias in der ganzen kleinen +Stadt als ein fleißiger, nüchterner Arbeiter beliebt, +und seiner oft drolligen Antworten wegen fast in +jedem Hause gern gesehen. Weil er aber fleißig +arbeitete, verdiente er auch ganz hübsches Geld, +und nur, was er mit dem Verdienten machte, +erfuhr kein Mensch. Verzehren konnte er es nicht, +da er außerordentlich mäßig lebte, und nie auch +nur einen halben Milreis vergeudete, aber trotzdem +hatte er noch Keinem Geld zum Aufheben +gegeben. Er kaufte auch kein Land oder Vieh, +und von Staatspapieren wußte er außerdem Nichts. +Allerdings hatte sich das Gerücht verbreitet, daß +er sein Geld heimlich im Walde vergraben und +schon einen ganzen Sack voll Milreis irgendwo +eingescharrt habe. Gewißheit bekam aber Niemand +darüber, und Jeremias war viel zu schlau, Andere +das wissen zu lassen, was sie eben nicht zu wissen +brauchten.</p> + +<p>So gutmüthig Jeremias aber auch im Ganzen +sein mochte, und so dienstwillig und gefällig er +sich gegen Jedermann in seiner Arbeitszeit zeigte, +so unumschränkt regierte er hier, und der geringste +Verstoß gegen die Tanzordnung wurde auf das +Unerbittlichste geahndet. Ein Schneider aus Santa +Clara ärgerte ihn besonders, und man erzählte +sich, die Feindschaft zwischen den Beiden schreibe +sich daher, daß Jeremias eine Heirath des Schneiders, +den er als einen liederlichen Schlingel +kannte, hintertrieben habe. Das Mädchen war +braver Bauersleute Kind, und Jeremias kannte +den Bräutigam, der aus seinem Orte stammte, +schon von Deutschland her. Daheim hatte dieser +aber ein anderes Mädchen sitzen, dem er die Ehe +versprochen, und das auf ihn wartete, und als die +Bauernfamilie das hier erfuhr, wurde dem Werber +das Haus verboten.</p> + +<p>Ob Jeremias ihnen das wirklich mitgetheilt, +war nicht ganz bestimmt, jedenfalls hieß es so, +und der Schneider haßte ihn seitdem wie seinen +Todfeind, ohne daß sich Jeremias deshalb die geringste +Sorge gemacht hätte. Heute nun, wo +Jener etwas mehr als gewöhnlich getrunken haben +mochte, suchte er ein paar Mal Streit mit dem +kleinen Ceremonienmeister, und als dieser ihn eben +so oft derb abfertigte, wußte er sich auf andere +Weise zu rächen. Jeremias hatte gerade wieder +in der einen Ecke einen Schluck Punsch mit dem +jungen Handlungsdiener getrunken, als er auf +der andern Seite des Saales eine Unordnung +entdeckte. Wie der Blitz sprang er auf und dorthin; +unglücklicherweise mußte er aber an dem +Schneider dicht vorbei, der rasch sein Bein vorhielt, +und Jeremias, darin hangen bleibend, schoß, +so lang er war, mitten in den Saal.</p> + +<p>Dem böswilligen Schneider bekam das aber +schlecht. Zu viele Leute waren Zeuge gewesen, +und ehe sich Jeremias nur wieder vom Boden +aufraffen konnte, hatten sie den Schneider gepackt, +machten ein Fenster auf und warfen den sich aus +Leibeskräften dagegen Sträubenden hinaus in die +Büsche.</p> + +<p>Übrigens war es eine so allgewöhnliche Begebenheit, +daß bei einem deutschen Balle auch +zwei oder drei Personen zu Thür oder Fenster +hinausgeworfen wurden, daß Niemand weiter +darauf achtete. Der Tanz ging ruhig fort, und +Jeremias, der mit einer wahren Federkraft vom +Boden emporschnellte, sah kaum den Schneider +beseitigt, als er auch augenblicklich wieder in den +Tact der Musik einfiel, und nur im Herüber- +und Hinüberhüpfen noch den Staub von seinem +Fracke zu entfernen suchte. Leider war kurz vorher +gesprengt worden, und die weißen Hosen +hatten dadurch etwas fleckige Vordertheile bekommen, +aber Jeremias selber sah es nicht und Niemand +achtete weiter darauf.</p> + +<p>Pilger war auch aus dem Gastzimmer herübergekommen, +um seine Frau zu suchen, die versprochen +hatte bei dem Balle zu erscheinen, aber +sie fehlte noch, und etwa eine halbe Stunde später +ging er nach Hause, um sie abzuholen.</p> + +<p>Er mochte vielleicht eine Viertelstunde fort +gewesen sein, als er mit etwas verstörtem Gesichte +wieder zurückkam und seine Blicke unruhig im +Saal umherschweifen ließ — dann verschwand er +wieder, ohne daß natürlich irgend Jemand auf ihn +achtete, um bald darauf wieder zurückzukehren, wo er +den bei einer Partie Skat sitzenden Pfarrer aufsuchte +und zu sich hinausrief.</p> + +<p>»Nun,« sagte dieser, der eben nicht gern von +seiner Partie aufgestanden war, indem er ihm vor +die Thür folgte, »was haben Sie denn, Sie +schneiden ja ein Gesicht, als ob es bei Ihnen +brennte?«</p> + +<p>»Meine Frau ist fort,« flüsterte Pilger mit +heiserer, von innerer Aufregung fast unhörbarer +Stimme.</p> + +<p>»Ihre Frau ist fort?« sagte der Geistliche erstaunt +— »wohin?«</p> + +<p>»Ich weiß es nicht,« stöhnte der Mann — »sie +ist nicht hier beim Tanze, sie ist nicht zu Hause +und doch vor etwa einer halben Stunde mit einem +Bündel in der Hand fortgegangen.«</p> + +<p>»Na ja, das wäre nicht übel,« schüttelte der +Herr Pfarrer mit dem Kopfe — er hatte drin ein +Eichelsolo auf dem Tische liegen, und die Sache +kam ihm sehr unbequem — »aber wohin <span class="wide">kann</span> sie +denn hier?«</p> + +<p>»Da steckt der Schuft, der Bleifuß dahinter,« +knirschte der Mann zwischen den zusammengebissenen +Zähnen durch; »aber wenn ich die Gewißheit +kriegte, dann gnade ihm Gott!«</p> + +<p>»Hm,« sagte der Pfarrer, welcher die deshalb +umlaufenden Gerüchte schon lange gehört hatte +und kannte — »und haben Sie keine Ahnung, wohin +sie sich gewandt haben könnte?«</p> + +<p>»Keine,« ächzte Pilger; »aber was um Gottes +Willen kann ich thun, um sie wieder zu bekommen?«</p> + +<p>»Heute Abend gar Nichts,« sagte der Pfarrer; +»es ist stockdunkel, und aus dem Tanzsaal bringen +Sie Keinen fort — noch dazu, wenn Sie nicht +einmal eine bestimmte Richtung angeben können.«</p> + +<p>»O, Du großer, allmächtiger Gott!« stöhnte +der Mann und preßte die fest zusammengeschlagenen +Hände gegen seine Stirn.</p> + +<p>»Machen Sie sich keine Sorgen,« sagte der +Geistliche, »wenn die Frau Sie auf so leichtsinnige +Weise verlassen konnte, so haben Sie auch +Nichts an ihr verloren, und den Mosje, den +Bleifuß, wollen wir schon kriegen, wenn der wirklich +dahinter steckt. Der muß blechen, daß es ihm +blau und braun vor den Augen wird.«</p> + +<p>»Meine Grethe — meine Grethe!« hauchte +der arme Teufel; »daß sie mir die Schande anthun +konnte!«</p> + +<p>»Es läßt sich heute Nichts mehr machen,« +versicherte der Pfarrer — er <span class="wide">konnte</span> seinen +Eichelsolo nicht länger im Stiche lassen — »gehen +Sie ruhig nach Hause — morgen früh komme ich +zu Ihnen und da besprechen wir das Weitere« —, +und ohne eine Antwort abzuwarten, klopfte er +dem Unglücklichen auf die Schulter und ging +wieder in das Zimmer zurück an seinen Spieltisch.</p> + +<p>Pilger stand noch eine Weile wie vernichtet in +der offenen Thür, dann aber lief er noch einmal +zurück zu seinem Haus, und als er die Verlorene +auch jetzt noch nicht fand, wieder hinaus in die +Nacht hinein — er wußte ja selber nicht, wohin.</p> + +<p>Unten an der Landung, etwa zweihundert +Schritte tiefer als die Boote gewöhnlich lagen, +hatte ein kleines Fahrzeug im Schutze dichter +Büsche angelegt, und gleich nach Sonnenuntergang +waren schon verschiedene Blechkoffer und +Kisten hineingeschafft. Vier portugiesische Ruderer, +die zu einem der weiter unten ankernden Schooner +gehörten, lagen auf ihren Riemen und warteten +auf ein verabredetes Zeichen, um den Bug des +Bootes, das jetzt ein Stück draußen im Strom +ankerte, dicht zum Lande zu schieben. Jetzt pfiff +es viermal rasch hintereinander, und während sich +das schmale Fahrzeug noch tiefer in die Büsche +hineinschob, eilten ein Mann und eine Frau den +schräg ablaufenden Hang hinab, gerade auf die +Stelle zu, wo dasselbe verborgen lag.</p> + +<p>Der Mann hielt ein größeres Paket im Arme +und konnte nicht so rasch von der Stelle, weil er, +seiner Bequemlichkeit wegen, Pantoffeln trug. Die +Frau führte ein kleines Bündel bei sich und war +ihm immer um einige Schritte voraus, bis sie +den Wasserrand erreichte. Hier hielt sie plötzlich +und wie erschreckt an und flüsterte:</p> + +<p>»O, Du mein lieber himmlischer Vater, was +will ich thun, was will ich thun!«</p> + +<p>»Hier sind wir an Ort und Stelle,« sagte der +Mann, der sie hier einholte, in portugiesischer +Sprache, aber mit unterdrückter Stimme, »nur +rasch, meine Geliebte, daß uns die Tölpel nicht +doch noch am Ende auf die Spur kommen.«</p> + +<p>»O, mein armer Mann, und er ist immer so +gut und rechtschaffen, und <span class="wide">ich</span>….«</p> + +<p>Während sie klagte, hatte der Portugiese schon +sein Bündel in das Boot gegeben und der Frau +das ihrige ebenfalls abgenommen und einem Matrosen +gereicht. Jetzt legte er leise seinen Arm +um ihre Taille und schob sie sanft rückwärts.</p> + +<p>»Kommen Sie, Margarita, kommen Sie, wir +versäumen sonst die günstige Zeit über die Barre +— dort hinten höre ich auch Leute. Denken Sie, +wenn man Sie hier fände — mit <span class="wide">mir!</span>«</p> + +<p>Die Frau schreckte empor. Etwa hundert +Schritte weiter oben führte ein Weg vorbei, auf +dem zwei Männer gingen, die sich laut miteinander +unterhielten. Die Frau glaubte die Stimme +des Einen zu erkennen und wich scheu mehr in +die Büsche hinein. Dort lag die Planke — einer +der Matrosen ergriff ihre Hand, und keine halbe +Minute später glitt das Boot in die dunkle Strömung +hinaus und mit dieser abwärts.</p> + +<p>Am Ufer herauf kam eine einzelne Gestalt, +die horchend stehen blieb, als sie das Knarren der +Ruder in den Blöcken hörte, das nur so viel +deutlicher durch die Stille der Nacht drang. Erkennen +ließ sich freilich Nichts von dort, wie nur +vielleicht der dunkle Schatten des Bootes selber.</p> + +<p>»Grethe,« rief da eine leise, klagende Stimme +in den Strom hinaus — »Grethe — bist Du +dort?«</p> + +<p>Keine Antwort erfolgte; blitzesschnell trieben +die Ruder das Boot vorwärts, das wenige Minuten +später um eine ablaufende Biegung des +Flusses verschwand. —</p> + +<p>Bei dem Director, in der kleinen Oberstube, +saß Könnern, und Beide waren, Jeder mit einem +Lichte vor sich, beschäftigt zu lesen. Der Director +wühlte in einer Anzahl von Briefschaften, während +Könnern ein Packet Zeitungen durchblätterte, die +der Capitain des Schiffes mitgebracht hatte. Die +Haushälterin brachte gerade den Thee herein, +denn die Abende waren frisch genug, um eine +warme Tasse Thee recht gut vertragen zu können.</p> + +<p>»Na, da hört Alles auf!« sagte der Director +plötzlich, und sah über einen eben geöffneten Brief +nach Könnern hinüber.</p> + +<p>»Nun,« fragte dieser, dem Blicke begegnend — +»irgend eine unangenehme Nachricht?«</p> + +<p>»Unangenehm gerade nicht,« lautete die Antwort, +»aber gerade zu der unpassendsten Zeit in +der Welt erhalten. Der Delegado, jener Portugiese, +den wir an der Schule trafen, zeigt mir +eben an, daß er von der Regierung auf unbestimmte +Zeit Urlaub erhalten habe und mir hiermit +in seiner Abwesenheit die laufenden Geschäfte +übertrage. Die ganze lange Zeit hat der Herr +Nichts auf der Gotteswelt zu thun gehabt, weil +ich die kleinen Streitigkeiten zwischen den Colonisten +immer selber schlichtete, ja, eher noch selber +Ursache zu Zank und Unfrieden in verschiedenen +Familien gegeben, und jetzt, wo wir eine ganze +Schaar durch die Seereise halb verwilderter Menschen +bekommen, die außerdem noch untergebracht +werden sollen, will er sich von jeder Arbeit drücken. +Das geht nun einmal unter keiner Bedingung +an, und wenigstens muß er noch die nächste Woche +dableiben. Ich habe überdies Scheererei genug — +kommen Sie, trinken Sie eine Tasse Thee — da +drüben steht der Rum — helfen Sie sich selber.«</p> + +<p>Könnern schob die Zeitungen und Papiere bei +Seite, um freien Raum zu bekommen. Eine kleine, +zierliche Visitenkarte fiel heraus und auf den Tisch.</p> + +<p>»Hallo,« lachte er, »die Dinger gehören doch +hier wohl eigentlich zu den exotischen Gewächsen. +Wie heißt denn der Herr? Arno von Pulteleben +— den Namen kenn' ich nicht.«</p> + +<p>»Irgend wieder ein junger Adeliger,« sagte +der Director, sich Rum zu seinem Thee gießend, +»der mit den Diamantgruben Brasiliens im Kopfe +herüber kommt, sich hier eine Zeit lang herum +treibt und über Alles schimpft, bis sein mitgebrachtes +Geld verzehrt ist, und dann, empört über +die traurigen Verhältnisse des Landes, nach +Deutschland zurückkehrt, für das er Märchenstoff +in Masse gesammelt hat. Er wollte mich heute +besuchen, aber wie ich nur den schwarzen Frack, +Seidenhut und die weißen Glacéhandschuhe durch's +Fenster sah, hatte ich schon übrig genug und — +ließ mir die Ehre auf ein anderes Mal ausbitten.«</p> + +<p>»Wo mag er denn nur Quartier gefunden +haben?« sagte Könnern, »die Häuser sind ja fast +alle überfüllt.«</p> + +<p>»Gott weiß es,« sagte der Director gleichgültig, +»vielleicht doch noch im Hotel, denn Bohlos +macht oft das Unglaubliche möglich. Überhaupt, +lieber Könnern, glauben Sie gar nicht, was sich +in einer solchen Colonie wie die unsere oft für +wunderliche Subjecte und Charaktere ansammeln, +und man könnte sie sich oft nicht besser assortirt +für ein Naturalien-Cabinet zum Ausstopfen aussuchen. +Aus allen Schichten der Gesellschaft bekommen +wir die Proben, und der hohe Adel, wie +Künstler und Gelehrte liefern jederzeit die werthvollsten +Exemplare. Unseren Baron haben Sie +schon gesehen, die Gräfin werden Sie jedenfalls +noch kennen lernen; außerdem treibt sich hier auch +ein ganz tüchtiger Künstler herum, ein Mann, der +wahrscheinlich in Deutschland seiner Kunst Ehre +machen könnte, und hier gerade so viel damit ausrichten +wird, wie ein Holzhacker in den Pampas, +oder ein Ackerbauer in den Schneebergen.«</p> + +<p>»Ist es ein Maler?« fragte Könnern.</p> + +<p>»Nein,« lachte Sarno, »Sie brauchen keinen +Concurrenten zu fürchten — nur ein Clavierspieler. +Aber auch ein anderer Musiker macht die Gegend +unsicher, aus dem ich aber noch nicht recht klug +geworden bin. Er <span class="wide">nennt</span> sich Randolph und +scheint mir ein excentrischer Kopf, wie alle derartigen +Künstler….«</p> + +<p>In dem Augenblicke wurde draußen an die +Thür geklopft und die alte Haushälterin meldete +gleich darauf: Der Schuhmacher Pilger wünsche +den Herrn einen Augenblick zu sprechen.</p> + +<p>»Ach,« sagte der Director, unzufrieden mit dem +Kopfe schüttelnd, »immer wieder die alte Geschichte, +aber ich kann ihm jetzt gute Nachricht geben, denn +er wird seinen Quälgeist wenigstens auf einige +Zeit los. Lassen Sie ihn nur herein kommen.«</p> + +<p>Pilger betrat gleich darauf das Zimmer. Er +hielt den Hut in der Hand, sah aber todtenbleich +aus und der Schweiß stand ihm in großen Tropfen +auf der Stirn.</p> + +<p>»Guten Abend, Herr Director!« stöhnte er, +ohne auf den noch im Zimmer befindlichen Fremden +weiter zu achten.</p> + +<p>»Guten Abend, Pilger! Um Gottes Willen, +wie seht Ihr denn aus, Mann? Was ist denn +vorgefallen?«</p> + +<p>»Meine Frau ist mir davon gelaufen, Herr +Director,« sagte der arme Teufel, und man sah +es ihm an, wie er sich nur mit äußerster Gewalt +zwang, seine Fassung zu bewahren.</p> + +<p>»Eure Frau? Wann?!« rief der Director erschreckt +und ein eigener Verdacht schoß ihm durch +den Kopf.</p> + +<p>»Heute Abend — vor einer Stunde etwa, +vielleicht noch nicht so lange. Sie wollte auf den +Ball kommen und hat das Haus verlassen, ist aber +jetzt nirgends mehr zu finden.«</p> + +<p>»Aber, bester Freund, wenn Ihr sie erst so +kurze Zeit vermißt, kann sie ja auch zu einer +Freundin gegangen sein, um die abzuholen.«</p> + +<p>»Nein,« sagte der Mann ruhig, »sie hat ein +Bündel mitgenommen und ist nach dem Flusse +gegangen. Ich sprach Jemanden, der ihr begegnet +ist.«</p> + +<p>»Und habt Ihr keinen Verdacht, wer dabei +die Hand im Spiele haben könnte?« fragte der +Director.</p> + +<p>»Verdacht? Nein,« sagte Pilger mit fest zusammengebissenen +Zähnen, »aber die <span class="wide">Gewißheit,</span> +daß es jener gottverfluchte Bleifuß, der Delegado, +gewesen ist. Es giebt jetzt nur noch eine Möglichkeit,« +fuhr er fort, während der Director leise vor +sich hin mit dem Kopfe nickte, »daß die Flucht +nach dem Flusse zu vielleicht nur zum Schein war +und meine Grethe jetzt ruhig drüben im Hause +des Delegado versteckt ist. Allerdings fuhr vor +etwa einer Viertelstunde ein Boot stromabwärts, +aber ich kann mir nicht denken, daß der Portugiese +die Frau allein fortschicken wird, und deshalb +komme ich her, Herr Director, und wollte Sie +bitten, das Haus des Portugiesen augenblicklich +durchsuchen zu lassen. Finden wir dort nichts, +dann muß sie den Strom hinunter sein, und ich +glaube, ich weiß ein Haus, wo sie sich möglicher +Weise verborgen halten könnte.«</p> + +<p>»Wart Ihr schon am Hause des Delegado?«</p> + +<p>»Ja — es ist Alles stockfinster drin, aber das +bedeutet nichts.«</p> + +<p>»Wißt Ihr, daß der Delegado Urlaub von +der Regierung und mir heute Abend schriftlich +angezeigt hat, ich solle sein Amt hier für ihn versehen?«</p> + +<p>Der Mann schlug entsetzt die Hände zusammen.</p> + +<p>»Dann ist's auch richtig,« stöhnte er — »dann +ist er fort und sie waren in dem Boote, das ich +gesehen habe. Wollen Sie mir helfen, Herr +Director?«</p> + +<p>»Von Herzen gern, Pilger, aber wie?«</p> + +<p>»Erst gehen wir jetzt zu seinem Hause und +sehen ob er fort ist, und finden wir das bestätigt, +dann bitte ich Sie um weiter Nichts, als Ihr +Boot — Leute schaff' ich schon herbei.«</p> + +<p>»Aber keine Gewaltthätigkeit, Pilger!« warnte +der Director; »Ihr macht die Sache dadurch nur +noch schlimmer.«</p> + +<p>»Überlassen Sie das mir, Herr Director. Ich +habe den Eltern meiner Frau, braven, ordentlichen +Leuten daheim, versprochen, über dieselbe zu wachen +wie über meine Augen; ich darf die unglückliche +Frau nicht den Händen dieses Buben überlassen, +und <span class="wide">darin</span> werden mich doch hoffentlich die Gesetze +schützen.«</p> + +<p>»Das allerdings,« sagte Sarno, von seinem +Stuhle aufspringend — »und dann wollen wir auch +keine weitere Zeit mehr versäumen — kommt!«</p> + +<p>Er griff seinen Hut auf, und von Könnern +begleitet, gingen die Männer rasch nach dem +Hause des Delegado hinüber. Es war aber hier, +wie es Sarno gefürchtet hatte, sie fanden das +Haus nicht allein fest verschlossen, sondern auch +leer. Dicht daneben wohnte ein deutscher Cigarrenmacher, +der einen kleinen Stand nach der Straße +zu hatte. Dieser konnte ihnen wenigstens die +Nachricht geben, daß gleich nach Dunkelwerden +mehrere brasilianische Matrosen Kisten und Koffer +aus dem Hause die Straße hinab getragen hätten. +Weiter wußte er ebenfalls nichts, denn den Delegado +hatte er mit keinem Auge gesehen.</p> + +<p>»Dann bleibt mir Nichts weiter übrig, als das +Boot,« stöhnte Pilger, als er mit seinen Begleitern +wieder die Straße hinauf ging — »darf ich es +nehmen, Herr Director?«</p> + +<p>»Geht mit Gott!« sagte Sarno, indem er ihm +den kleinen Bootschlüssel gab — »Ihr wißt, wo es +liegt?«</p> + +<p>»Ja wohl — und Segel und Ruder?«</p> + +<p>»Hat der Fischer gegenüber — der kann Euch +auch wahrscheinlich gleich Leute zum Rudern nachweisen.«</p> + +<p>Pilger dankte und flog mehr als er ging die +Straße hinab und der Landung zu. —</p> +<p> </p> +<hr class="narrow" /> +<p> </p> +<p>Im Hause der Gräfin Baulen war die kleine +Familie mit ihrem Gaste ziemlich spät beim Thee +zusammen gewesen, und hatte den Abend, so gut +das eben gehen wollte, verplaudert. Herr von +Pulteleben erzählte von seiner Familie daheim +und dem kleinen Gute, auf dem er erzogen worden, +von seinen Plänen und Hoffnungen und seinem +Eifer, etwas Ernstliches zu beginnen, und die +Frau Gräfin selber war ihm mit Interesse dabei +gefolgt. Nur Oskar langweilte sich; aber er wußte, +daß im Wirthshause Ball sei. Allerdings würde +ihm seine Mutter nie die Erlaubniß gegeben +haben, dem beizuwohnen, deshalb ersparte er ihr +das Unangenehme einer Weigerung, verließ unbemerkt +das Zimmer und ging eben <span class="wide">ohne</span> Erlaubniß.</p> + +<p>Herr von Pulteleben erzählte jetzt von seiner +Reise und den Abenteuern derselben, und da er +wirklich gar Nichts dabei erlebt, wurde die Frau +Gräfin endlich müde und schlief ein.</p> + +<p>Helene setzte sich auf kurze Zeit an's Clavier, +aber ihr Gast war nichts weniger als musikalisch, +und da er auch keinen Geschmack an den kleinen, +reizenden Liedern fand und sie immer nur — oft +mitten in einem Stücke — bat, einen Walzer +oder Galopp zu spielen, ermüdete Helene ebenfalls.</p> + +<p>Es war Zeit zum Schlafengehen geworden, +das Mädchen wurde gerufen, um dem Fremden +in sein Zimmer zu leuchten, und Helene ging in +das ihrige, stellte das Licht auf den Tisch, stützte +den Arm auf das offene Fenster, zu dem der +balsamische Duft der Orangenblüthen voll hereinströmte, +und schaute träumend in die Nacht und +auf die dunklen Conturen der Gebirge hinaus.</p> + +<p>Da zuckte sie plötzlich erschreckt empor, denn +fast dicht unter ihrem Fenster erklangen wieder +die leise klagenden Töne der Violine, die sie schon +an jenem Abend so wunderbar ergriffen hatten. +Es lag ein solcher Schmelz in der einfachen Melodie, +daß es ihr unwillkürlich das Herz ergriff, +und sie stand auf, setzte sich auf das Sopha, um +von unten aus nicht gesehen zu werden, und +horchte mit angehaltenem Athem dem meisterhaften +Spiele.</p> + +<p>Herr von Pulteleben, der schräg über ihrem +Zimmer wohnte, hatte schon sein Licht ausgelöscht +und sich eben niedergelegt, als der Spielende unten +begann. Er stand wieder auf, lehnte sich in das +offen stehende Fenster und hörte eine Weile zu, +bis die Töne unten leise verhallten. Jetzt rief er +von oben herunter:</p> + +<p>»Bravo! Sehr hübsch! Wirklich allerliebst!«</p> + +<p>Helene barg die Stirn in ihre Hand; es +war wie ein Mißton in diese Harmonie hinein. +Der Spielende unten aber schwieg. Sie löschte +ihr Licht aus und trat verdeckt ans Fenster, um +vielleicht den Schatten seiner hinweggleitenden Gestalt +zu sehen, aber Nichts regte sich — dunkel lag +die Nacht auf dem Thale, und nur von weit +herüber schallten dann und wann, von einem gelegentlichen +Luftzuge getragen, die munteren Töne +der Violinen und <ins title="Original hat Trompeten herüber">Trompeten</ins>, die dem +jungen, lustigen Volke von Santa Clara zum +Tanze aufspielten.</p> + +<p> </p> +<hr class="narrow" /> +<h3><a name="kap_10" id="kap_10"></a>10.</h3> + +<h3>Eine Familienscene.</h3> + +<p>Vier Tage waren nach den oben beschriebenen +Vorfällen verflossen und die Frau Gräfin hatte +an diesem Morgen noch nicht vollständig ihre +Toilette beendet, als draußen auf dem Vorsaale +schwere Tritte laut wurden, und gleich darauf ein +Mann mit Dorothea sprach. Jetzt klopfte diese +an die Thür und rief:</p> + +<p>»Frau Gräfin, der Meister Spenker ist draußen +und wünscht die Frau Gräfin zu sprechen.«</p> + +<p>»Soll später wieder kommen,« lautete die Antwort +— »ich bin noch nicht fertig angezogen.«</p> + +<p>»Ach, machen Sie keine Umstände, Frau +Gräfin,« sagte der Bäckermeister, der die Antwort +gehört hatte — »ich habe meine Frau auch schon +oft im Negligé gesehen — bin ja ein verheiratheter +Mann und kann nicht so lang von zu Hause fort +bleiben. Es giebt jetzt schmählich viel zu thun, +denn die vielen neuen Mäuler im Ort wollen +doch alle satt werden und Brod haben.«</p> + +<p>»Aber weshalb kommen Sie denn so früh — +ich <span class="wide">kann</span> jetzt nicht.«</p> + +<p>»Früh?« sagte der ehrliche Bäckermeister erstaunt, +der seit vier Uhr an der Arbeit war — +»es hat eben Elf geschlagen, und bei uns drüben +sagen wir nicht einmal mehr »guten <span class="wide">Morgen</span>« +— es wird gleich zu Mittag gegessen. Wenn Sie +aber wollen, kann ich Ihnen hier gleich durch die +Thür melden, was mich hergeführt — ich glaubte +nur, es wäre Ihnen angenehmer wenn ich Sie +<span class="wide">allein</span> spräche.«</p> + +<p>Es entstand eine kleine Pause und der Bäckermeister +lächelte leise vor sich hin — endlich sagte +die Gräfin von innen heraus:</p> + +<p>»Ich komme den Augenblick — gehen Sie in +das andere Zimmer.«</p> + +<p>»Sehr wohl, Frau Gräfin,« erwiederte der +Meister kopfnickend, und wußte auch ganz genau, +in welches, denn er hatte schon sehr viele derartige +Conferenzen mit der Dame gehabt. Er +brauchte indessen nicht sehr lange zu warten, denn +kaum zehn Minuten später ging die Thür auf +und Frau Gräfin Baulen, einen großen Shawl +umgeschlagen, trat herein und sagte eigentlich viel +freundlicher, als man nach der erzwungenen +Audienz hätte vermuthen sollen:</p> + +<p>»Guten Morgen, Meister! Was wünschen Sie?«</p> + +<p>»Guten Morgen, Frau Gräfin — Nichts, als +die alte Geschichte, die wir schon einige Mal verhandelt +haben; <span class="wide">Geld</span> — meine Miethe.«</p> + +<p>Die Gräfin warf ungeduldig den Kopf auf +die Seite.</p> + +<p>»Aber Sie wissen ja doch, daß meine Wechsel, +die ich jedenfalls mit dem nächsten Dampfer erwarte, +noch nicht angekommen sind — ich habe +Ihnen das schon das letzte Mal gesagt, als ich +das Vergnügen hatte Sie zu sehen.«</p> + +<p>»Bitte,« sagte der Mann — »ja, und das +vorletzte Mal auch, und das vorvorletzte, aber es +ist ein merkwürdiges Ding um einen Wechsel, der +nie ankommt, wenn er am Nothwendigsten gebraucht +wird.«</p> + +<p>»Und ist das etwa <span class="wide">meine</span> Schuld?« sagte die +Gräfin piquirt.</p> + +<p>»Glaube kaum,« lächelte der Bäckermeister — +»nur die Schuld der Leute, die eben keinen schicken +wollen.«</p> + +<p>»Aber sie <span class="wide">sind</span> abgeschickt,« rief die Gräfin +ungeduldig, »und können jetzt jede Stunde eintreffen. +Sie denken doch nicht etwa, daß ich +Ihnen eine Unwahrheit sagen werde?«</p> + +<p>»Nein,« sagte der Bäckermeister kopfschüttelnd +— »es wäre wenigstens nicht hübsch, aber damit +kommen wir nicht weiter. Das Kurze und Lange +von der Sache ist einfach <span class="wide">das,</span> daß ich nicht +länger auf die Wechsel warten kann, und es thut +mir leid Ihnen das sagen zu müssen, Frau +Gräfin. Ich bin nur ein Handwerker, und was +ich brauche, muß ich mir sauer genug verdienen; +außerdem habe ich Kinder die versorgt sein wollen, +und das kostet, wie Sie ebenfalls recht gut wissen, +viel Geld. Deshalb muß ich das Meinige zusammenhalten +— Sie sind eine zu vernünftige +Frau, um das nicht einzusehen, und ich kann die +Milreis nicht hundertweis ausstehen lassen.«</p> + +<p>»Aber, lieber Freund, »ich <span class="wide">kann</span> Sie ja doch +nicht eher zahlen, bis mein Wechsel kommt,« sagte +die Gräfin ungeduldig — »was hilft also all das +Reden? So nehmen Sie doch nur Vernunft an!«</p> + +<p>»Eben <span class="wide">weil</span> ich lieber auf die Vernunft +hören will, als viele Reden machen, bin ich heute +Morgen hergekommen,« sagte der Meister ruhig, +»und wollte Ihnen denn nur anzeigen, Frau +Gräfin, daß ich mein Geld in dieser Woche haben +<span class="wide">muß</span> und <span class="wide">will,</span> Wechsel oder keine Wechsel, die +mich eigentlich gar Nichts angehen. Ich werde +Sie nicht zu sehr drängen und gebe Ihnen noch +bis zum Samstag Zeit, das ist aber auch, das +schwöre ich Ihnen, der allerletzte Termin, den +Sie von mir herausdrücken können; denn die +Geschichte spielt jetzt fünfzehn Monate, und ich +will mich nicht länger zum … na, ich meine, ich +kann eben nicht länger warten.«</p> + +<p>»Ich will sehen was in meinen Kräften steht,« +sagte die Gräfin gleichgültig, und wie es schien, +mit dem Wunsche, das Gespräch abzubrechen — +»erzwingen läßt sich aber so etwas nicht.«</p> + +<p>»Oh, doch wohl,« <ins title="Original hat fragte">sagte</ins> Meister Spenker, den +die vornehme Gleichgültigkeit zu ärgern anfing — +»es läßt sich auch erzwingen, Frau Gräfin, wenn +es mir auch sehr leid thun sollte, etwas Derartiges +zu thun. Der ganze Ort ist jetzt voll Leute, die +Logis suchen, und eine solche Wohnung, wie das +Haus hier, mit Vergnügen noch höher als Sie +und gleich baar bezahlen würden; überall fragen +sie an, ob nichts Derartiges zu bekommen sei. +Außerdem haben Sie selber schon einen Aftermiether +in's Haus genommen, der <span class="wide">Sie</span> doch auch +bezahlt, und ich sehe gar nicht ein, weshalb ich das +nicht selber verdienen und sonst Nichts auf der +Welt davon haben soll, wie leere Versprechungen.«</p> + +<p>»Der Herr,« sagte die Gräfin doch etwas verlegen, +»ist — ein Verwandter von mir, und zahlt +mir also keine Miethe.«</p> + +<p>»Na, das geht mich Nichts an,« sagte der +Bäcker, »ob er <span class="wide">Ihnen</span> Etwas zahlt. Wenn er +bei <span class="wide">mir</span> wohnte, <span class="wide">würde</span> er zahlen. Also Nichts +für ungut, aber wenn ich bis Samstag mein Geld +nicht bekomme, so muß ich Sie, so leid mir das +thun sollte, auf die Straße setzen und mich an dem +schadlos halten, was Sie mir für meine zweihundert +Milreis an Pferden oder Möbeln zurücklassen +können.«</p> + +<p>»Herr Spenker,« rief die Gräfin auffahrend, +»eine solche Sprache verbitte ich mir! Wenn Sie +sich in Ihrem Rechte gekränkt glauben, so wenden +Sie sich an die Gerichte, und wir wollen dann +sehen, ob mir nicht jeder Kaufmann selbst bezeugen +muß, daß in einem solchen Winkel der Erde, wie +wir ihn hier bewohnen, die Ankunft eines Wechsels +verzögert werden kann — aber so lange Sie +in meiner Stube sind, vergessen Sie nicht die mir +schuldige Achtung.«</p> + +<p>»Ach was,« sagte der Mann mürrisch — »<span class="wide">Sie</span> +vergessen auch immer die mir schuldigen zweihundert +Milreis, und mit dem vornehm — aber wir +wollen uns nicht zanken,« brach er kurz ab, »deshalb +bin ich nicht hergekommen. Ich mag mit +keinem Menschen Streit haben, am wenigsten mit +meinen Miethsleuten — so weit's eben geht — +also nochmals, Nichts für ungut, Frau Gräfin, +und sorgen Sie dafür, daß wir die Sache am +Samstag in's Klare kriegen, sonst läßt sich's eben +nicht länger vermeiden und müßte Ihnen doch +fatal sein. Wünsche Ihnen einen recht angenehmen +Morgen« — und mit einer kurzen Verbeugung +und einer Schwenkung des rechten Armes drehte +er sich um und stieg langsam wieder die Treppe +hinunter.</p> + +<p>Die Gräfin hatte seinen Gruß sehr kalt erwiedert +und blieb, als er schon lange das Zimmer +verlassen, noch immer in finsterem Brüten auf +derselben Stelle stehen. Sie hatte die Arme gekreuzt +und starrte nieder vor sich auf den Boden, +als die eine Seitenthür aufging und Helene +eintrat.</p> + +<p>Sie ging still an der Mutter vorüber zu dem +nächsten Fenster, wo ein Buch lag, das sie nahm +und aufschlug — aber sie las nicht darin. Ihre +Blicke hafteten wohl auf dem Drucke, doch ihre +Gedanken schweiften zu anderen Scenen, als den +hier geschilderten. Endlich sagte sie leise:</p> + +<p>»Und was soll <span class="wide">nun</span> werden?«</p> + +<p>Die Mutter schrak ordentlich bei der Frage +empor, die nur das in Worten aussprach, worüber +sie selber eben erst nachgedacht.</p> + +<p>»Du hast gehört, was der Mensch sagte?« +fragte sie, ohne ihre Stellung zu verändern.</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>»Alles?«</p> + +<p>»Jedes Wort — aber Dein Wechsel <span class="wide">muß</span> jetzt +kommen; der Dampfer ist schon seit vier Tagen +fällig und bleibt nur in seltenen Fällen über diese +Zeit.«</p> + +<p>»Und <span class="wide">wenn</span> er kommt?« erwiederte die Gräfin +mit einem bittern Lächeln, »was dann? Ja, ich +bin mit den wenigen Hundert Thalern im Stande, +unsere Hauptschulden zu decken, aber wovon weiter +leben? Helene, Helene, Dein starrer Sinn wird +uns noch theuer zu stehen kommen!«</p> + +<p>»<span class="wide">Mein</span> starrer Sinn?« fuhr die Tochter auf; +»etwa deshalb, weil ich nicht auf die Anträge jenes +schurkischen Portugiesen hören wollte, der mir seine +Hand anbot? Hast Du nicht jetzt selber den Beweis, +was für eine gemeine Creatur es war, wo +er die Frau des Schuhmachers entführte, als er +die Grafentochter nicht bekommen konnte? Der +Mensch war als ein Wüstling in der ganzen Stadt +bekannt und verachtet, und Du, Mutter, Du konntest +mir zu einer Verbindung mit ihm rathen, ja, +wirfst mir jetzt noch meinen Starrsinn vor!«</p> + +<p>Helene stand mit leuchtenden Augen ihrer +Mutter gegenüber und die Frau schlug fast scheu +den Blick vor ihr zu Boden.</p> + +<p>»Du denkst nur an Dich,« sagte sie aber trotzdem, +wenn auch nur mit halblauter Stimme — +»was aus Deiner Mutter wird, kümmert Dich +nicht.«</p> + +<p>»Und hab' ich den Vorwurf wirklich von Dir +verdient?« erwiederte Helene, und ein eigener +wehmüthiger Zug zuckte um ihre Lippen — »hab' +ich ihn auch da verdient, als ich des wackeren +Vollrath Bewerbung ausschlug, der mich mit einem +gebrochenen Herzen verließ und dessen ganze Liebe +ich besaß? Dachte ich auch da nur an mich, wo +ich im Stande war, mir eine bescheidene Heimath +zu gründen, aber Dich auch hätte hülflos zurücklassen +oder in Verhältnisse hineinziehen müssen, +von denen ich vorher wußte, daß Du Dich darin +unglücklich gefühlt und Vollrath unglücklich gemacht +hättest?«</p> + +<p>»Nein — nein — ich weiß, Du bist ein gutes, +vernünftiges Kind,« sagte die alte Gräfin, von +dem Vorwurfe getroffen — »ich war vielleicht zu +hart gegen Dich, aber — <span class="wide">sollte</span> die Zeit kommen, +wo Du Dich gut versorgen kannst, so bedenke auch, +daß Du — nicht zu lange damit säumen darfst. +Unsere Stellung hier wird mit jedem Monate unhaltbarer, +wenn nicht bald Etwas geschieht, der +Sache eine andere Wendung zu geben.«</p> + +<p>»Und was <span class="wide">könnte</span> geschehen?« sagte Helene, +und ein ganz eigenes wehes Gefühl beengte ihr +die Brust.</p> + +<p>»Ich habe doch jetzt Hoffnung,« sagte ihre +Mutter, »daß sich mein Plan noch wird realisiren +lassen.«</p> + +<p>»Du meinst mit der Cigarren-Fabrik?«</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>»Und glaubst Du wirklich, daß Etwas dabei +gewonnen werden kann?«</p> + +<p>»Wenn es richtig angefaßt wird, gewiß.«</p> + +<p>»Aber wirst Du im Stande sein das zu thun? +Gehören nicht zu einem solchen Geschäfte praktische +Erfahrungen?«</p> + +<p>»Liebes Kind, glaubst Du nicht, daß ich mir +in meinem Leben Menschenkenntnisse genug gesammelt +habe, auch mit Menschen umzugehen?«</p> + +<p>»Aber das ist eine Sache, wo Du weniger +Menschen- wie <span class="wide">Waaren</span>kenntnisse brauchst, und +wie leicht kannst Du darin betrogen werden.«</p> + +<p>»Waarenkenntnisse, Du lieber Gott!« sagte +die Gräfin; »das Material ist so einfach, daß sich +das gewiß in wenigen Monaten vollständig erlernen +läßt. Aber weißt Du selber etwas Besseres?«</p> + +<p>»Ich? Du mein Himmel!« seufzte Helene — +»wie sollte <span class="wide">ich</span> Dir rathen können, der noch nie +verstattet wurde, in das praktische Leben der Menschen +einzugreifen, ja, sie nur bei demselben zu +beobachten? Lange schon hätte ich Unterricht im +Französischen und Englischen gegeben, um mich nur +in Etwas nützlich zu machen, aber selbst das hast +Du mir ja nicht einmal gestattet.«</p> + +<p>»Weil es sich mit unserer Stellung nicht verträgt,« +sagte die Gräfin finster — »mit welchem +Gesicht hätte ich nur dem Baron entgegentreten +können, wenn die »Comtesse« den Bäcker- oder +Schusterskindern da drüben Unterricht gegeben +hätte? — Das verstehst Du nicht, Kind.«</p> + +<p>»Und Cigarren machen für Bäcker und Schuster?« +sagte das junge Mädchen traurig.</p> + +<p>»Das ist etwas ganz Anderes, wir <span class="wide">lassen</span> sie +machen,« erwiederte die Gräfin rasch — »wir leiten +nur die Fabrikation, und wenn wir selber »zum +Spaße« dann und wann und auf unserer Stube +ebenfalls arbeiten, so ist das etwas ganz Anderes. +Auch Damen der höchsten Stände in Europa haben +zu ihrer Unterhaltung Handarbeiten betrieben, +Blumen, Pappsachen, Verzierungen auf Glas- und +Holzwaaren und tausend andere Dinge gemacht. +Wir hier brauchen solche Sachen nicht, und wenn +wir dafür Cigarren machen, kann Niemand etwas +Ungehöriges darin sehen. Selbst der Baron fand +das in der Ordnung.«</p> + +<p>»So hast Du schon mit ihm darüber gesprochen?«</p> + +<p>»Ja,« sagte die Gräfin nach einigem Zögern — +»vor mehreren Tagen kam einmal das Gespräch +darauf.«</p> + +<p>»Und wird er sich dabei betheiligen?« fragte +Helene schnell.</p> + +<p>»Nein,« erwiederte die Gräfin wieder zögernd; +»der Mann war stets zu unpraktisch. Er hat nicht +den geringsten Sinn für ein wirklich nutzbringendes +Unternehmen, und da ist es auch viel besser, +daß man gar nicht mit ihm beginnt; man hätte +sonst ewig nur Klagen und Vorwürfe zu hören.«</p> + +<p>»Und wer sonst — meinst Du — würde auf +einen solchen Plan eingehen?« fragte die Tochter +und sah ihre Mutter scharf dabei an.</p> + +<p>Die Gräfin hatte sich halb abgewendet und beschäftigte +sich an ihrem Nähtische damit, ein aufgerolltes +Knäuel schwarzer Seide wieder in Ordnung +zu bringen.</p> + +<p>»Ich glaube,« sagte sie, und wandte dabei den +Kopf lächelnd der Tochter zu — »der Himmel +selber hat uns einen Bundesgenossen gesandt, der +am Ende der rechte Mann dazu sein dürfte.«</p> + +<p>»Unser Gast?«</p> + +<p>»Derselbe. Er wünscht sehnlichst, wie er mir wieder +und wieder gesagt hat, irgend Etwas in Brasilien +zu beginnen, wodurch er nicht allein eine Beschäftigung +findet, sondern auch Geld verdienen kann, und ich +denke fast, daß mein Plan für alle Beide von +Nutzen sein könnte. Meinst Du nicht?«</p> + +<p>»Und glaubst Du wirklich, Mama, daß mit +dieser Arbeit etwas Ordentliches verdient werden +könnte? Ich kann es mir noch immer nicht +denken.«</p> + +<p>»Aber würde ich es denn sonst beginnen?«</p> + +<p>»Ich weiß nicht,« sagte Helene, »es ist mir +ein Gefühl, als ob wir der Sache keinen rechten +Ernst entgegen bringen könnten — als ob eigentlich +andere Kräfte dazu gehören müßten, etwas +Ähnliches zu beginnen.«</p> + +<p>»Aber ich begreife Dich gar nicht.«</p> + +<p>»Und wie wird sich Oskar hinein finden?«</p> + +<p>»Wie ihn die Nothwendigkeit zwingt,« sagte +die Gräfin entschieden. »Ich habe seinem Leichtsinn +jetzt lange genug nachgesehen, aber meine +Kräfte sind erschöpft. Ich bin nicht mehr im +Stande, sein müssiges Leben zu unterstützen, und +er <span class="wide">muß</span> eben arbeiten, wenn er existiren will. +Dafür sind wir nun einmal in Brasilien.«</p> + +<p>»Er wird schwer an eine regelmäßige Beschäftigung +zu gewöhnen sein,« seufzte Helene; »es ist +ihm zu viel die ganzen langen Jahre hindurch +nachgesehen worden.«</p> + +<p>»Das muß eben anders werden,« sagte die +Gräfin, »und ich habe die feste Hoffnung, daß er +das selber fühlt, indem er schon sein Reitpferd +verkauft hat. Das Geld dafür ist allerdings nur +ein sehr kleines Capital, aber es ist immer ein +Capital und kann auf weit nützlichere Weise verwandt +werden.«</p> + +<p>Ein lauter, jubelnder Ruf von der Straße aus +unterbrach sie hier, und als Beide an das Fenster +traten, sahen sie, wie Oskar eben einen sehr hübschen +Rappen, der unter ihm sprang und tanzte, +gerade vor dem Fenster parirte und ihn auf und +ab galoppiren ließ.</p> + +<p>»Da hast Du die Anlage des neuen Capitals,« +sagte Helene ruhig — »ich kenne das Pferd; es +hat früher dem Director gehört und ist von ihm +um 160 Milreis verkauft worden. Billiger hat +es Oskar auf keinen Fall bekommen, und wahrscheinlich +noch Sattel und Zaum besonders bezahlt. +Das sind die neuen Ersparnisse.«</p> + +<p>»Ich will doch nicht hoffen!« rief die Gräfin, +wirklich erschreckt. Oskar aber war indessen aus +dem Sattel gesprungen, hatte sein Pferd, das +noch ungeduldig den Boden scharrte, an den +Baum unten befestigt und kam jetzt mit flüchtigen +Sätzen die Treppe herauf und in's Zimmer.</p> + +<p>»Nun, wie gefällt Euch mein neues Pferd?« +rief er hier triumphirend aus — »nicht wahr, +das ist ein Prachtrappe? Jetzt, Helene, wollen +wir wieder einmal zusammen reiten, und Du sollst +sehen, wie ich Dir mit dem da unten davon laufe. +So wie Jeremias kommt, soll er Deinen Schimmel +satteln, und dann können wir's gleich versuchen.«</p> + +<p>»Und das Pferd hast Du <span class="wide">gekauft</span>?« fragte +die Mutter erschreckt.</p> + +<p>»Nun, glaubst Du, daß es mir Jemand <span class="wide">geschenkt</span> +hätte?« lachte Oskar — »aber es ist +spottbillig. Denke Dir, Helene, ich habe nur +sechszig Milreis mehr dafür gezahlt, wie ich für +meinen Braunen bekommen habe — sechszig Milreis +und Sattel und Zaum dazu, für das Prachtthier! +Es ist der beste Renner in der Colonie — +aber was habt Ihr denn nur um Gottes Willen? +Ihr steht ja Beide da, als ob irgend ein Unglück +geschehen wäre!«</p> + +<p>Die Gräfin hatte sich auf den nächsten Stuhl +gesetzt und seufzte tief auf, Helene aber sagte +ruhig:</p> + +<p>»Und wovon willst Du diese sechszig Milreis +bezahlen, wenn man fragen darf?</p> + +<p>»Fragen darf?« sagte Oskar trotzig — »fragen +darf man schon, aber wenn ich Dir nun antworte: +Was geht <span class="wide">Dich</span> das an?«</p> + +<p>»Und wenn <span class="wide">ich</span> Dich nun frage, mein Herr +Leichtfuß?« rief die Gräfin, indem sie mit zusammengezogenen +Brauen zu ihm aufsah; »ich +hoffe doch, daß <span class="wide">ich</span> wenigstens das Recht dazu +habe.«</p> + +<p>»Allerdings, Mama,« lachte Oskar, »denn Du +bist ja mein Cassirer — dann werde ich Dir also +einfach antworten, das macht Alles meine gütige +Mutter ab.«</p> + +<p>»Und darin könntest Du Dich dieses Mal verrechnet +haben!« rief die Gräfin rasch und ärgerlich; +»Deine Verschwendung geht in das Bodenlose, +und ich habe nicht länger Lust, mich Deinethalben +nur immer in neue Sorgen und Verlegenheiten +zu stürzen.«</p> + +<p>»Huih!« sagte Oskar, erstaunt von Mutter +zu Schwester und wieder zurücksehend — »da bin +ich ja, wie es scheint, zu sehr unrechter Zeit in +eine Familienberathung über Wirthschaftsangelegenheiten +hineingekommen, wo aller Wahrscheinlichkeit +nach ein neuer Hausplan entworfen wird. +Bitte tausendmal um Entschuldigung daß ich gestört +habe« — und seine Mütze aufgreifend, sprang +er, so rasch er gekommen, die Treppe wieder hinab, +machte unten sein Pferd los, setzte sich auf und +galoppirte im nächsten Momente wieder in voller +Flucht und was das Pferd laufen konnte, die +Straße hinab.</p> + +<p>»Das muß anders werden,« seufzte die Mutter, +»das muß anders werden oder der Junge richtet +uns vollständig zu Grunde!«</p> + +<p>»<span class="wide">Noch</span> vollständiger?« sagte Helene, und ein +bitteres Lächeln zuckte um ihre Lippen.</p> + +<p>»Die einzige Möglichkeit,« fuhr die Mutter +fort, »ist, ihn durch eine regelmäßige Beschäftigung +zu binden. Er soll und muß erst einmal +lernen, was es heißt sich sein Brod selber zu verdienen. +Hat er das, dann wird er auch das Geld +mehr zu Rathe halten — er wird geizig werden +und sparen — Du glaubst es nicht? Du sollst +sehen, ich bringe ihn noch dahin, daß er ein +Zwanzigerstück dreimal in der Hand herumdreht, +ehe er es ausgiebt.«</p> + +<p>»Und wann soll diese Arbeit beginnen?« fragte +Helene, die nur zu oft schon die guten Vorsätze +ihrer Mutter, was die Erziehung des Bruders +betraf, hatte anhören müssen und ihre vollkommene +Gehaltlosigkeit zur Genüge kannte.</p> + +<p>»Ich will heute noch mit Herrn von Pulteleben +sprechen,« sagte die Gräfin, selber gern bereit, +das trostlose Thema abzubrechen; »er hat mich +ja sogar dringend gebeten, ihm eine Anlage für +ein Capital zu rathen; ich bin es ihm sogar schuldig, +daß ich ihn von unserm Plan in Kenntniß +setze, und ich zweifle keinen Augenblick, er wird +mit Freuden zugreifen. Wäre er doch auch ein +Thor, wenn er es <span class="wide">nicht</span> thäte, denn nicht jedem +jungen Fremden wird eine solche Aussicht geboten, +wie er nur kaum das fremde Land betreten hat.«</p> + +<p>»Es ist gut,« seufzte Helene, »gehe nur um +Gottes willen sicher in der Ausführung, daß der +Fremde nicht später glauben könnte, Du habest +nur sein Geld zu Deinen Zwecken benutzt; es +wäre fürchterlich, wenn es fehl schlüge.«</p> + +<p>»Es schlägt <span class="wide">nicht</span> fehl, Helene, oder ich müßte +zum ersten Mal in meinem Leben in — doch es +ist nicht nöthig, Weiteres darüber voraus zu bereden. +Laß mich jetzt allein, mein Kind, ich werde +das Mädchen hinauf schicken und unsern Gast ersuchen +lassen, zu mir zu kommen. In einer Stunde +ist Alles abgemacht. Noch Eins,« fuhr sie fort, +als sich Helene schweigend wandte, um ihr eigenes +Zimmer aufzusuchen — »wer ist denn jener unverdrossene +Violinspieler, der Dir fast jeden Abend +ein kurzes Ständchen bringt?</p> + +<p>»Gott weiß es!« sagte Helene achselzuckend +— <span class="wide">»ich</span> wenigstens kenne ihn nicht. Er spielt übrigens +vortrefflich!«</p> + +<p>»Von den Neuangekommenen kann es Niemand +sein, denn wenn ich nicht irre, war er schon den +Abend vorher unter Deinem Fenster. Er muß +also jedenfalls in die Ansiedelung gehören.«</p> + +<p>»Möglich.«</p> + +<p>»Und hat Dir Niemand hier besondere Aufmerksamkeit +erwiesen?«</p> + +<p>»Niemand.«</p> + +<p>»Sonderbar — Oskar, der Übermuth, hat +sich neulich um den Garten geschlichen, um den +nächtlichen Musikanten zu entdecken, aber ich weiß +nicht, was ihm geschehen sein muß, denn er kam +ganz still wieder zurück und sagte, er hätte ihn +nicht gefunden, was eigentlich kaum möglich ist. +Diese Aufmerksamkeit fängt an, mir lästig zu +werden; ich werde sie mir nächstens einmal verbitten.«</p> + +<p>Helene antwortete nicht, sondern nahm ihr +Buch auf und schritt ihrem eigenen Zimmer zu.</p> +<p> </p> +<hr class="narrow" /> +<p> </p> + +<h3>FUSSNOTEN</h3> + +<p class="revind"><a name="fn1" id="fn1"></a><a href="#fn1r">1</a>: Chagra ist in Brasilien das Nämliche, was der +Landmann in Nordamerika unter dem Worte Farm versteht +— ein kleines »Landgut«, oder eine »Colonie«, ob es nun +eben erst unter den Waldbäumen begonnen ist, oder schon +seine weiten und bebauten Felder nach allen Seiten ausbreitet.</p> + +<p class="revind"><a name="fn2" id="fn2"></a><a href="#fn2r">2</a>: Eine Magistratsperson, die Polizeigewalt in den Colonien +hat.</p> +<p> </p> +<h4>Ende des ersten Bandes</h4> +<p> </p> +<h6>Druck von G. <span class="wide">Pätz</span> in Naumburg.</h6> + +<p> </p> +<hr class="narrow" /> +<p> </p> + +<table class="sm" border="0" style="background-color: #E6E6FA; margin: 0 auto" cellpadding="6" summary="NOTES"> +<tr> +<td colspan="2"> + <div class="center">TRANSCRIBER'S NOTE — ZUR KENNTNISNAHME</div> +</td> +</tr> +<tr> +<td valign="top"> +<p class="noindent" style="background-color: #E6E6FA"> +Contemporary spellings have generally been retained even +when inconsistent. A small number of obvious typographical errors have been +corrected; missing punctuation has been silently added.</p></td> + +<td valign="top"><p class="noindent" style="background-color: #E6E6FA"> +Zeitgenössische Schreibungen wurden generell beibehalten, +auch wenn gelegentlich mehrere Variaten auftauchen. +Einige wenige orthografische Fehler wurden korrigiert; +fehlende Zeichensetzung wurde ergänzt.</p></td></tr> +<tr> + <td class="w50" valign="top"><p class="noindent" style="background-color: #E6E6FA"> +The following additional changes have been made; they can be identified +in the body of the text by a grey dotted underline:<br /> +</p></td> + +<td valign="top"><p class="noindent" style="background-color: #E6E6FA"> +Die folgenden zusätzlichen Änderungen wurden vorgenommen +und sind im Text grau unterstrichelt:</p></td> +</tr> + +<tr> + <td class="w50" valign="top">sie möchten auch Hause kommen</td> + <td valign="top">sie möchten <i>nach</i> Hause kommen</td> + +</tr> +<tr> + <td class="w50" valign="top">griff dann das (…) Buch auf, und um sich zu zerstreuen</td> + <td valign="top">griff dann das (…) Buch auf, <i>um</i> sich zu zerstreuen</td> +</tr> +<tr> + <td valign="top">mitten unten ihnen </td> + <td valign="top">mitten <i>unter</i> ihnen </td> + +</tr> +<tr> + <td valign="top">auf die aus dem Herzen kommende Worte</td> + <td valign="top">auf die aus dem Herzen <i>kommenden</i> Worte</td> +</tr> +<tr> + <td valign="top">wir haben mit kei- Seele gesprochen</td> + <td valign="top">wir haben mit <i>keiner</i> Seele gesprochen</td> +</tr> + <tr> + <td valign="top">tief in in die seinigen</td> + <td valign="top">tief <i>in</i> die seinigen</td> +</tr> + <tr> + <td valign="top">wurde (…) ein Mann und eine Frau (…) geschüttelt</td> + <td valign="top"><i>wurden</i> (…) ein Mann und eine Frau (…) geschüttelt</td> +</tr> + <tr> + <td valign="top">nur von weit herüber schallten (…) die munteren Töne der +Violinen und Trompeten herüber</td> + <td valign="top">nur von weit herüber schallten (…) die munteren Töne der +Violinen und Trompeten</td> +</tr> + <tr> + <td valign="top">»Oh, doch wohl,« fragte Meister Spenker</td> + <td valign="top">»Oh, doch wohl,« <i>sagte</i> Meister Spenker</td> +</tr> +</table> + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of Project Gutenberg's Die Colonie. Erster Band., by Friedrich Gerstäcker + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE COLONIE. ERSTER BAND. *** + +***** This file should be named 30631-h.htm or 30631-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/0/6/3/30631/ + +Produced by richyfourtytwo, Delphine Lettau and the Online +Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +https://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. Of course, we hope that you will support the Project +Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by +freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of +this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with +the work. You can easily comply with the terms of this agreement by +keeping this work in the same format with its attached full Project +Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. + +1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern +what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in +a constant state of change. If you are outside the United States, check +the laws of your country in addition to the terms of this agreement +before downloading, copying, displaying, performing, distributing or +creating derivative works based on this work or any other Project +Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning +the copyright status of any work in any country outside the United +States. + +1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: + +1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate +access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently +whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the +phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project +Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, +copied or distributed: + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + +1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived +from the public domain (does not contain a notice indicating that it is +posted with permission of the copyright holder), the work can be copied +and distributed to anyone in the United States without paying any fees +or charges. If you are redistributing or providing access to a work +with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the +work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 +through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the +Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or +1.E.9. + +1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted +with the permission of the copyright holder, your use and distribution +must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional +terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked +to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the +permission of the copyright holder found at the beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any +word processing or hypertext form. However, if you provide access to or +distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than +"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version +posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), +you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a +copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon +request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other +form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm +License as specified in paragraph 1.E.1. + +1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, +performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works +unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing +access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided +that + +- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method + you already use to calculate your applicable taxes. The fee is + owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he + has agreed to donate royalties under this paragraph to the + Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments + must be paid within 60 days following each date on which you + prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax + returns. Royalty payments should be clearly marked as such and + sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the + address specified in Section 4, "Information about donations to + the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." + +- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm + License. You must require such a user to return or + destroy all copies of the works possessed in a physical medium + and discontinue all use of and all access to other copies of + Project Gutenberg-tm works. + +- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any + money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days + of receipt of the work. + +- You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg-tm works. + +1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm +electronic work or group of works on different terms than are set +forth in this agreement, you must obtain permission in writing from +both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael +Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the +Foundation as set forth in Section 3 below. + +1.F. + +1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable +effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread +public domain works in creating the Project Gutenberg-tm +collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic +works, and the medium on which they may be stored, may contain +"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or +corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual +property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a +computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by +your equipment. + +1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right +of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project +Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project +Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all +liability to you for damages, costs and expenses, including legal +fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT +LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE +PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE +TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE +LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR +INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH +DAMAGE. + +1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a +defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can +receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a +written explanation to the person you received the work from. If you +received the work on a physical medium, you must return the medium with +your written explanation. The person or entity that provided you with +the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a +refund. If you received the work electronically, the person or entity +providing it to you may choose to give you a second opportunity to +receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy +is also defective, you may demand a refund in writing without further +opportunities to fix the problem. + +1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth +in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO +WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. + +1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied +warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. +If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the +law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be +interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by +the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any +provision of this agreement shall not void the remaining provisions. + +1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit https://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including including checks, online payments and credit card +donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> |
