summaryrefslogtreecommitdiff
path: root/31199-8.txt
diff options
context:
space:
mode:
authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-14 19:55:19 -0700
committerRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-14 19:55:19 -0700
commit57724bbe29d1dee0a51623f0b71d42e8a9101aa4 (patch)
treef736b55aa0d2315eaa9ab7c8a25e78fe0f95d6f3 /31199-8.txt
initial commit of ebook 31199HEADmain
Diffstat (limited to '31199-8.txt')
-rw-r--r--31199-8.txt2297
1 files changed, 2297 insertions, 0 deletions
diff --git a/31199-8.txt b/31199-8.txt
new file mode 100644
index 0000000..9636477
--- /dev/null
+++ b/31199-8.txt
@@ -0,0 +1,2297 @@
+The Project Gutenberg EBook of Die Letzten, by Rainer Maria Rilke
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Die Letzten
+
+Author: Rainer Maria Rilke
+
+Release Date: February 6, 2010 [EBook #31199]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE LETZTEN ***
+
+
+
+
+Produced by Jana Srna, Carlos Valiente, mcbax and the
+Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+(This file was produced from images generously made
+available by Bielefeld University.)
+
+
+
+
+
+ [ Anmerkungen zur Transkription:
+
+ Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit = markiert.
+
+ Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen;
+ lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste
+ der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes.
+ ]
+
+
+
+
+ DIE LETZTEN
+
+ RAINER MARIA RILKE
+
+ IM GESPRÄCH
+ DER LIEBENDE
+ DIE LETZTEN
+
+ BERLIN AXEL JUNCKER 1902
+
+
+
+
+ DEM PRINZEN UND DER PRINZESSIN
+ VON SCHÖNAICH-CAROLATH
+ ZU HASELDORF
+
+
+
+
+IM GESPRÄCH
+
+
+Man kann gut denken, dass Bilder im Saale sind: tiefe, träumerische in
+ruhigen Rahmen. Ein Giorgione vielleicht oder so ein purpurdunkles
+Porträt von einem nach Tizian, etwa dem Paris Bordone. Dann weiss man,
+dass Blumen da sind. Grosse erstaunte Blumen, die den ganzen Tag in
+tiefen, kühlen Bronzeschalen liegen und Düfte singen: müssige Blumen.
+
+Und müssige Menschen. Zwei, drei oder fünf. Immer wieder streckt sich
+das Licht aus dem Riesenkamin und beginnt sie zu zählen. Aber es irrt
+sich immer wieder.
+
+Ganz vorn an der Feuerstelle lehnt die Prinzessin in Weiss; neben dem
+grossen Samowar, der allen Glanz fangen möchte. Sie ist wie eine wilde
+Farbenskizze, so hingestrichen im Sturm eines Einfalls oder einer Laune.
+Mit Schatten und Licht gemalt aus irgend einer genialen Ungeduld heraus.
+Nur die Lippen sind feiner ausgeführt. Als ob alles andere nur um dieses
+Mundes willen da wäre. Als ob man ein Buch gemacht hätte, um auf eine
+von hundert Seiten die stille Elegie dieses Lächelns zu schreiben.
+
+Der Herr aus Wien neben ihr neigt sich ein wenig vor in dem breiten
+Gobelinstuhl: »Durchlaucht« -- sagt er und irgend etwas hinterdrein, was
+ihm selber wertlos scheint. Aber die weichen Worte, die nichts bedeuten,
+gehen über alle hin, wie eine Wärme, und Jemand sagt dankbar: »Deutsch
+sprechen ist fast wie Schweigen.«
+
+Und dann hat man wieder eine Weile Zeit zu denken, dass Bilder da sind,
+und welche. Bis Graf Saint-Quentin, der am Kamin steht, fragt: »Haben
+Sie die Madonna gesehen, Helena Pawlowna?«
+
+Die Prinzessin senkt die Stirne.
+
+»Sie werden sie nicht kaufen?«
+
+»Es ist ein gutes Bild« -- sagt der Herr aus Wien und vertieft sich in
+seine feinen, frauenhaften Hände.
+
+Und ein deutscher Maler, der irgendwo im Dunkel sitzt, fügt hastig an:
+
+»Ja, man könnte es um sich haben. Ich meine in der Wohnstube oder so.«
+Und nachdem seine Worte ganz verklungen sind, neigt sich Helena Pawlowna
+vor: »Nein« -- sagt sie und dann traurig: »Man müsste ihm einen Altar
+bauen.«
+
+Ihre Worte tasten tief in den Saal hinein, wie Suchende. Pause. Da macht
+die Prinzessin eine kleine bange Bewegung und will ihnen finden helfen.
+
+»Kasimir, soll ich die Madonna kaufen?«
+
+Weither kommt eine volle slavische Stimme, um sich zu wundern.
+
+»Sie fragen =mich=?«
+
+Pause.
+
+Und Helena Pawlowna bittet um Verzeihung: »Sind Sie nicht Künstler?«
+
+Antwort: »Manchmal, Helena Pawlowna, manchmal --«
+
+Wenn die silberne Uhr jetzt nicht geschlagen hätte, würde der deutsche
+Maler geantwortet haben: »Aber« -- doch die silberne Uhr rief auf einmal
+eine ganze Menge, und da gab er es auf. Besonders, da Graf Saint-Quentin
+sagte: »Uebrigens sind Sie den ersten Winter in Venedig, Helena
+Pawlowna?«
+
+»Ja. Aber ich kann mir nicht denken, dass es jemals anders war.«
+
+»Es ist seltsam. Diese alten Paläste sind so rührend in ihrem
+Anvertrauen. Sie haben viele Erinnerungen. Und da ist Einem manchmal,
+als ob man alle mit ihnen teilte. Nicht?« So sagt der Herr aus Wien und
+schliesst die Augen dabei.
+
+Er sieht also nicht, dass Helena Pawlowna lächelt, während sie ergänzt:
+»Sie haben Recht. =Eines= besonders: dass man nicht =hier= Kind war, kann
+man gar nicht begreifen. Denken Sie: oft auf der Gasse oder in Gärten
+geschah mir, ich müsste jemandem winken und ihm erzählen: Hier hab' ich
+immer gespielt als Kind. Oder: hier in diese Kirche bin ich beten
+gegangen, zu diesem Bild -- lauter, lauter Lügen.«
+
+Da kommt die Stimme Kasimirs traurig näher:
+
+»Und doch haben Sie nie jemanden gerufen, Helena?«
+
+»Oh, wer hätte mir denn geglaubt, Kasimir.«
+
+Pause.
+
+Und leise überlegt Graf Saint-Quentin: »=Darf= man nicht lügen in solchen
+Fällen?«
+
+»Aus Sehnsucht einfach --« bestärkt der Herr aus Wien.
+
+»Aus Schönheit --« fühlt Graf Saint-Quentin.
+
+»Es schadet ja Keinem,« meint der deutsche Maler und steht plötzlich
+auf.
+
+Da beginnt Kasimir: »Es ist ja ohnehin falsch, was man so hinter sich
+hat. Glauben Sie, Graf, Sie sind in der Vendée Knabe gewesen und wild
+und ungestüm? Meinen Sie, Herr, das war Wien, was um Ihr erstes Erwachen
+herum war? Und Sie, Herr, dass dieses flache Land, von dem Sie oft
+erzählen, wirklich Hintergrund aller Märchen war, wissen Sie das? Dieses
+Schloss, bitte, und diese Stadt und Ihre Haide da, waren das nicht
+vielmehr die Grenzen jenes Landes, in welchem Sie tief und innig lebten?
+Bitte, hörte Ihr Besitz nicht dort auf, wo das Andere begann? Ging Ihre
+Sonne nicht unter immer, wenn Sie das wirkliche Licht empfanden? Starben
+die stillen Gestalten in Ihnen nicht an jedem Wort, das Ihr Vater zum
+Beispiel zu Ihnen sagte? Und Dinge. Wurden die Dinge nicht wertlos im
+Augenblick, da Sie erkannten, dass sie nicht Ihnen allein gehörten,
+sondern so herumstehen, dass ein Jeder sie anfassen und benutzen kann
+nach Laune? Ueberlegen Sie das, bitte. Ob man nicht alles echte Gold,
+welches man hat, langsam in Scheine umwechselt. Wie? Und endlich hat man
+lauter Anweisungen statt der Werte. Und wenn heute oder morgen der
+grosse Krach kommt, dann ist man Bettler -- ist das nicht so?«
+
+Pause.
+
+Und dann Helena Pawlowna: »Mir ist, als ob Sie nicht alles Gold
+umgewechselt hätten, Kasimir.«
+
+»Vielleicht, Helena Pawlowna, es kann sein, dass ich das gethan habe.
+Aber dieses Gold gilt nicht im Leben, müssen Sie wissen. Es ist ausser
+Kurs. Man muss Scheine haben und recht viele« --
+
+Das macht den deutschen Maler ungeduldig: »Ja, ja --« sagt er, »da hört
+man's ja wieder. Ihr seid Pessimisten, Ihr Slaven, unheilbare
+Pessimisten. Wir haben das überwunden: wir lieben das Leben, und unsere
+Kunst kommt mitten heraus.«
+
+Er macht ein paar Schritte zum Fenster hin und fügt von dort etwas
+leiser hinzu: »Ich glaube doch, die Herren müssen mir recht geben. Sie,
+Herr Graf; denn die Franzosen haben uns ja gerade manches gelehrt, was
+das Leben betrifft. Wie? Na und Ihr in Wien ...«
+
+»Ja, ja,« antwortet der Herr mit den feinen Händen langsam, »es ist
+wahr, wir in Wien, wir thun gerne so, als ob wir alles hätten -- Leben
+-- und Kunst und --«
+
+Und Graf Saint-Quentin nippt von seinem Thee und ist so mit der feinen
+Tasse beschäftigt, dass er nicht zum Antworten kommt. Wie er sie
+hinstellt, singt sie eine Weile vor sich hin.
+
+Aber der deutsche Maler ärgert sich. Er fühlt sich so im Stiche gelassen
+und hat die Idee, seine Sache retten zu müssen um jeden Preis. Er
+beginnt also:
+
+»Darum habt Ihr ja auch eigentlich keine Kunst, Ihr Polen und so weiter.
+Na, was Litteratur betrifft und so Zeug, kann sein. Man soll aus
+Weltschmerz ja schöne Gedichte machen können und dann sentimentale
+Musik, hm, Chopin, Tschaikowski, freilich. Aber davon versteh' ich
+nichts. Was Malerei anlangt, ich meine, moderne --«
+
+»Oh, sehen Sie den Wereschtschagin --«
+
+Der Maler wehrt ab.
+
+»Oder Porträt: da haben wir jetzt in Wien den Pochwalski« -- der Wiener
+wird ganz eifrig in dem Bestreben, die schroffe Behauptung des Anderen
+zu dämpfen. Er möchte immer noch eine Liebenswürdigkeit darüber breiten,
+und seine Hände zittern davon.
+
+Aber da sagt Kasimir schon:
+
+»Der Herr hat ganz recht. Wir haben keine Kunst.«
+
+»Vergessen Sie Ihren »Pan Tadeuz« nicht,« mahnt Graf Saint-Quentin.
+
+»Gerade an ihn denke ich. Und an die grossen Russen. Und an Tetmajer und
+diese feinen jungen Poeten, die das Kranksein so schön machen. Sie
+sehen, ich denke an Viele. Und dabei kommt heraus, dass wir =Künste=
+haben, keine Kunst. Viele Sehnsüchte und keine Erfüllung. Vielleicht
+ist das bei den Deutschen anders, ich weiss nicht. Aber dann müssen die
+Deutschen sehr glücklich sein --«
+
+Die Prinzessin hat sich vom Kamin abgewendet. Ihre Augen rufen in das
+Dunkel hinein.
+
+Und der deutsche Maler fühlt: jetzt geht wieder so ein Gespräch los, das
+zu nichts führt. Es ist eine grässliche Art, dieses Geistreichsein. Und
+dabei sind alle die Dinge so klar, so lange man nicht in ihnen
+herumrührt.
+
+Und er schweigt, um die Sache nicht weiter auszudehnen.
+
+Wenn nur der Herr aus Wien nicht gefragt hätte: »Wie meinen Sie das?«
+Dann wäre es ja wohl zu Ende gewesen. Aber natürlich fragt er. »Wie
+meinen Sie das?«
+
+Nicht gleich antwortet Kasimir, und die Prinzessin Helena Pawlowna hat
+Zeit, ihre Hände zu falten.
+
+Dann kommen wieder lauter weiche Worte aus dem Dunkel. Dann und wann
+vernimmt man einen Schritt, als ob der Pole irgend ein besonders
+ängstliches Wort ein Stück begleiten wollte in den Saal hinein. So
+ungefähr:
+
+»Wir haben ja früher davon gesprochen, bitte. Kunst ist Kindheit
+nämlich. Kunst heisst, nicht wissen, dass die Welt schon =ist= und eine
+machen. Nicht zerstören, was man vorfindet, sondern einfach nichts
+Fertiges finden. Lauter Möglichkeiten. Lauter Wünsche. Und plötzlich
+Erfüllung sein, Sommer sein, Sonne haben. Ohne dass man darüber spricht,
+unwillkürlich. Niemals vollenden. Niemals den siebenten Tag haben.
+Niemals sehen, dass alles gut ist. Unzufriedenheit ist Jugend. Gott war
+zu alt am Anfang, glaub' ich. Sonst hätt' er nicht aufgehört am Abend
+des sechsten Tages. Und nicht am tausendsten Tag. Heute noch nicht. Das
+ist aller Grund, den ich gegen ihn habe. Dass er sich ausgeben konnte.
+Dass er fand, dass sein Buch zu Ende sei mit dem Menschen, und nun die
+Feder fortgelegt hat und wartet, wie viel Auflagen es haben wird. Dass
+er kein Künstler war, das ist so traurig. Dass er =doch= kein Künstler
+war. Darüber möchte man weinen und den Mut verlieren zu Allem --«
+
+Da fällt die silberne Uhr ein, hell, zögernd, mit einem kleinen Zittern
+in der Stimme.
+
+Man lässt sie ausreden, und hinter ihr beginnt der Pole, ganz
+unwillkürlich leiser und heimlicher.
+
+»Ein Lied, denken Sie, ein Bild, welches Sie erkennen, ein Gedicht, das
+Sie lieb haben, das alles hat seinen Wert und seine Bedeutung. Ich meine
+für den, der es zum ersten Mal macht und für den, der es zum zweiten Mal
+macht: für den Künstler und für den wahrhaft Schauenden. Denn es ist so:
+der Bildhauer z. B. macht seine Statue für sich, allein für sich; aber
+(und das ist das Mehr seiner Arbeit) er schafft ausserdem Raum für sie
+in der Welt neben den anderen Dingen; und nur, wer imstande ist, das
+Bild innerhalb dieses Raumes aus eigener Kraft zu wiederholen, der hat
+es in Wahrheit und im Geiste --«
+
+Die Kaminglut beginnt dunkler zu werden. Hinter den goldenen Gittern
+geschieht ein Stürzen und Zerstieben der breiten Pinienscheite. Es ist
+eine Verwirrung, als brächen phantastische Paläste zusammen.
+
+Und mit dem Dunkel kommt der Pole näher und bringt seine immer leiseren
+Worte mit. Wie Kinder, die Wünsche aufsagen sollen, sind sie: beschämt
+und schön.
+
+»Diese Dinge also, Lied und Gedicht und Bild, sind anders als die
+anderen Dinge. Sehen Sie das gütig ein, bitte. Sie =sind= nicht. Sie
+=werden= jedesmal wieder. Darum geben sie die Freude, die unendliche.
+Diese Macht. Dieses Bewusstsein von unerschöpflichen Schätzen, das sonst
+von nirgends kommt. Darum heben sie hinauf. Ja, das thun sie. Sie heben
+uns -- hoch -- bis zu Gott.«
+
+Der Graf von Saint-Quentin macht eine Bewegung, als ob er Platz schaffen
+wollte für ein Wort.
+
+Auch der Herr aus Wien ist nah am Reden. Er liest angestrengt in seinen
+Händen.
+
+Aber Kasimir hat das alles nicht bemerkt. Auch nicht, dass der deutsche
+Maler sich damit beschäftigt, seine Finger auf einen kleinen Elephanten
+aus Ebenholz zu setzen und reiten zu lehren. Elender Zeitvertreib. Wie
+auf dem Land bei Regenwetter, so ungefähr.
+
+Währenddem hat Kasimir längst begonnen; man sieht jetzt, wie seine
+dunklen Augen erwachen:
+
+»Helena Pawlowna, -- und jetzt sagen Sie selbst, bitte, ist das nicht
+hoffnungslos? Immer nur bis zu Gott. Nie durch ihn durch. Nie über ihn
+hinaus. Als ob er ein Felsen wäre. Und er ist doch ein Garten, wenn man
+so sagen darf, oder ein Meer oder ein Wald -- ein sehr grosser --«
+
+Und da horchen alle in den Wald hinein. Die Prinzessin neigt sich weit,
+weit vor, dem Polen entgegen. Als ob sie allein alle seine Worte wollte,
+alle seine Worte -- auch diese folgenden:
+
+»Was muss man also thun, Helena, damit es nicht so traurig ist, das?
+Nicht so sinnlos traurig. Jetzt sagen Sie mir's, Helena. Sie sagen --
+ich höre, -- etwa Das sagen Sie, Helena, nur besser, strahlender, als
+ich es kann: man muss, sagen Sie, dort muss man anfangen, wo Gott
+abliess, wo er müde wurde, dort muss man einsetzen. Wo ist das, Helena,
+bitte? Im Leben ist das, beim Menschen. Nicht bei den Vielen, bei dem
+=einen= Menschen, der einem entgegenkommt von Ewigkeit. Der Einem alles
+das bringt, das Andere, was man noch braucht, um nie eine Not zu haben,
+um beginnen zu können sorglos, verschwenderisch; -- denn das darf nicht
+sein, Helena, wie ein flüchtiger Besuch von Mensch zu Mensch. Und die
+Welt treibt unbekümmert daran vorbei. Das muss ein Fest sein, ein Jubel,
+ein grenzenloser. Sie haben ein Bild dafür gefunden, Helena, so: zwei
+Feldherren, die zu einander kommen auf den Höhen. In einem leuchtenden
+Land. In Jerusalem vielleicht, in Aegypten oder am Ganges. Jeder mit
+einem Heer hinter sich -- und jedes Heer die halbe Welt --«
+
+Da hat Helena Pawlowna sich erhoben. Hoch. Stille. Zwei Menschen stehen
+einander gegenüber. Zwei Könige. Es ist eine Weile wie in Jerusalem
+oder wie am Ganges. Und auch die Flammen hinter den goldenen Gittern
+erheben sich und streuen Glanz weit aus.
+
+Der Graf von Saint-Quentin hat seinen Platz am Kamin verlassen und ist
+im Begriff, sich leise zurückzuziehen. Der Herr aus Wien ist langsam
+aufgestanden, und auch der deutsche Maler hat auf einmal begriffen: man
+muss aufstehen in diesem Augenblick. Er ist maasslos erstaunt. Man
+sprach doch über Kunst eben noch -- merkwürdig. Und da setzt er sich
+auch schon wieder mit einer gewissen Erleichterung. Man muss reden,
+denkt er, um Gotteswillen rasch, man muss reden. Das Erste-Beste. Er
+strengt sich ungeheuer an. Ihm fällt nichts ein, als der arme kleine
+Ebenholz-Elephant, den er in der letzten Viertelstunde abgerichtet hat;
+aber es ist doch unmöglich, plötzlich von diesem Elephanten zu sprechen:
+Herr Gott --
+
+Da hört er den Grafen von Saint-Quentin, französisch:
+
+»Sie müssen verzeihen, Helena Pawlowna, wenn ich schuldig bin an diesem
+Aufbruch --« und die feine Pendüle unterstützt ihren Landsmann. Sie
+schlägt irgendeine endlose Stunde, den ganzen Abschied entlang, so dass
+Keiner etwas sagen muss.
+
+Auch Kasimir nicht. Man kann sein Gesicht nicht sehen und nicht wissen,
+ob er bleich ist. Aber seine Augen müssen müde sein. Das hat man so im
+Gefühl. Und seine Hand zittert und ist schwer. Er verneigt sich tief vor
+der Prinzessin, tief. Dann geht er, wie Einer, der nicht wiederkommen
+wird an einen lieben Ort. Zögert bei jedem Schritt. Sieht allen Dingen
+ins Gesicht mit so ernsten Augen. Aufmerksam. Damit er doch weiss, wie
+alles war.
+
+Helena Pawlowna bleibt vor dem verloschenen Kamin. Sie horcht: nur die
+kleine, silberne Uhr und die tickt atemlos, atemlos, als liefe sie
+hinter einer Sekunde her, die viel, viel schneller ist. Und da langt die
+Prinzessin zum Kamin hin nach einer kleinen, alten, goldenen Glocke, in
+deren Griff winzige Bilder getrieben sind.
+
+Helena Pawlowna wird Licht befehlen, viel Licht.
+
+
+
+
+DER LIEBENDE
+
+
+Hermann Holzer geht in seiner langen, schmalen Stube auf und ab und
+spricht seit einer halben Stunde. Ernst Bang liegt eben so lange auf dem
+alten Studentensofa und betrachtet ihn. Manchmal hebt er ein wenig den
+Kopf, wie um über die Worte des andern hinzusehen; denn diese
+interessieren ihn nicht sonderlich. Der breite, blonde junge Mensch, der
+immer auf demselben Fleck auf und nieder läuft, mit Schritten, als ob er
+eine Anhöhe bestiege, scheint ihm viel wichtiger offenbar. Er möchte ihm
+am liebsten zurufen: Bleib einmal stehen, bitte, damit ich dein Kinn
+genauer sehe und deinen Mund ...
+
+Natürlich ruft er es nicht, aber trotzdem bleibt Hermann Holzer stehen,
+versammelt sich vor dem engen Fenster und deckt mit seinem schwarzen
+Rücken den Himmel zu und die Schornsteine und den ganzen
+Sonntagnachmittag. Die Stube dunkelt hinter ihm. Und er sagt: »Hol der
+Teufel das ganze Examen. Ich bin schon wahrhaft nervös, glaub ich. Ich
+fange an, Euch Konkurrenz zu machen, lieber Bang. Nehmt Euch in acht,
+wenn ich mal nervös werde, dann thu ichs gründlich, -- wie alles. Dann
+seid Ihr Zwerge gegen mich.« Und er dreht sich so schnell um, dass er
+ein ganzes Stück Licht mit seinem Lachen hereinreisst in die rauchige
+Dachstube.
+
+Bang setzt sich wie erschrocken auf. Er ist sehr schlank und modisch
+gekleidet. Jetzt besieht er langsam seine linke Hand und dann seine
+rechte. Mit einem gewissen Eifer, als ob das ein Wiedersehen nach Jahren
+wäre.
+
+Holzer geht schon wieder auf und ab. »Heute muss auch noch die Antwort
+kommen, ob ich Aussicht habe, den Privatunterricht bei Holms zu
+übernehmen. Davon hängt viel ab. Ohne diesen Zuschuss kann ich nicht
+daran denken, zu heiraten.«
+
+Bang macht eine geräuschvolle Bewegung. Holzer wendet sich ihm
+erwartungsvoll zu. Aber er erhält nur ein zerstreutes: »Ja, freilich
+....« und fährt fort mit den Schritten und mit den Worten: »Ich denke
+mir, dann erst wird's Ruhe geben. Dann wird man erst anfangen können,
+was Vernünftiges zu arbeiten. Bis man so versorgt ist, sich um nichts zu
+kümmern hat.« Pause ... und: »Helene versteht das ...« Pause. »Natürlich
+werden wir irgendwo draussen wohnen ...«
+
+Er ist gerade wieder vor dem Fenster.
+
+Bangs feine Lippen wehren sich gegen ein Wort. Dann schlägt es nach
+innen und treibt den jungen Menschen in die Höhe. Er steht eine Weile
+ratlos, ehe er ein paar Schritte gegen den Freund zu macht. Als er neben
+ihn tritt, sagt Holzer gerade: »Hör mal!«
+
+Ein trauriges, slavisches Volkslied weht wie Rauch den Lichthof herauf.
+Es ist, als ob das Lied sich auf die Fussspitzen stellte, um über Dächer
+und Türme zu schauen ... irgendwohin.
+
+Bang hebt unwillkürlich den Kopf und schliesst die Augen.
+
+»Weisst Du, was das ist?« lacht Holzer.
+
+Pause. Dann träumt Bang vor sich hin: »Heimweh ...«
+
+Holzer rüttelt ihn. »Der kleine Frosch vom Land da unten wäscht Geschirr
+ab. Da singt sie immer dazu, immer dasselbe mit dieser dummen
+verwaschenen Stimme.
+
+Jeden Nachmittag um halb vier. Sieh mal -- (er hält ihm die Uhr hin)
+pünktlich, was? So ist jede Tageszeit hier bezeichnet. Ich könnte meine
+Uhr ruhig versetzen: Leiermann, Drahtbinder, Gemüsemann, Lumpenweib: so
+heissen meine Stunden. Und dabei arbeite Einer! Zudem giebt es auch noch
+ein Vis-à-vis. Sieh mal .... nett, nicht?«
+
+Hermann Holzer verschwendet ein paar Kusshände, und aus seinem
+befriedigten Lächeln kann man schliessen, dass sie nicht in den Hof
+hinunterfallen. Dann kehrt er sich plötzlich ins Zimmer: »Darum heirate
+man .... ehestens!«
+
+Bang macht eine Bewegung der Abwehr.
+
+Hermann Holzer bemerkt es, sieht ihn einen Augenblick an und langt sich
+eine Cigarette vom Tisch her.
+
+»Willst Du nicht, Bang?«
+
+»Danke.«
+
+Und Holzer zündet in aller Behaglichkeit eine Cigarette an. Dann sagt
+er, während er das benutzte Zündholz heftig hin und her bewegt, als ob
+er irgend etwas durchstreichen wollte, was in der Luft geschrieben
+steht: »Hm? --«
+
+Bang schaut zum Fenster hinaus. Mit den kleinen, unteren Vorderzähnen
+quält er sein blondes Schnurrbärtchen.
+
+Pause.
+
+Hermann Holzer geht schon wieder auf und ab und raucht mit unglaublicher
+Heftigkeit. Plötzlich bleibt er stehen, und seine Stimme bohrt sich
+durch den Qualm: »Farbe, Farbe, lieber Bang. Rot oder grün? Was ist
+los?«
+
+Ernst Bang kommt näher, und seine Hand sieht lächerlich zart aus auf der
+ruhigen, runden Schulter des anderen. Er betrachtet seine Schuhe, seinen
+linken besonders, und spricht dabei: »Ich bin überzeugt, Du wirst mich
+nicht missverstehen, Hermann ....«
+
+Holzer wird unruhig: »Muss es denn so feierlich sein? Heraus damit! Herr
+Gott, umgebracht hab' ich keinen ... also ...«
+
+Bang hebt seine Augen, und sie sind ordentlich schwer von Trauer.
+
+»Oder doch?« lacht Holzer.
+
+Da tritt Ernst Bang zurück zum Fenster, und es wird wieder Raum für das
+armselige Heimwehlied. Mitten hinein in die kleine ängstliche Melodie
+streut Bang die langsamen Worte: »Nimm mir's nicht übel, Hermann, aber
+... Du ... zerbrichst ... sie ...« Pause.
+
+Hermann Holzer nimmt die Cigarette aus dem Mund und legt sie leise auf
+den Rand des Tisches. Der feine Rauch steigt steil auf inmitten der
+Stube. Unwillkürlich folgen beide mit den Blicken dieser ruhigen,
+feierlichen Bewegung. Da nimmt Holzer einen Stuhl in die Hände und
+versucht, ihn zu heben. Auf einmal lässt er ihn fallen und schreit in
+das Gepolter hinein:
+
+»Du bist wohl verrückt?«
+
+»Lass uns ruhig darüber reden, bitte ...«
+
+Bangs Stimme zittert ein wenig.
+
+Aber Holzer ist noch nicht so weit: »Ich ... zerbreche ... sie ...«
+wiederholt er mit Betonung, als müsste er diese Worte auswendig lernen.
+Immer von neuem beginnt er: »Ich zer ...«
+
+»Hermann ....«, bittet der Andere.
+
+»Ich zer ....« Und Holzer lacht auf einmal zügellos. Man muss es im
+ganzen Hause hören. Endlich geht ihm das Gelächter aus und er sagt
+mühsam, mit dem letzten Atem: »Willst Du mir vielleicht -- erklären
+...?«
+
+Darauf hat Bang gewartet. Er beginnt leise, wie nach guter Vorbereitung.
+Man kann seine Augen nicht sehen. »Du erinnerst Dich doch, wie Du Helene
+kennen gelernt hast? Es war bei mir an einem jener lustigen Abende. Das
+heisst, für Euch war er lustig; für mich und für Helene war es ein
+Abschied, wenn Du willst -- ein Abschiedsfest. Aber ... na also: etwas
+Wehmütiges jedenfalls. Du hast das nicht bemerkt? -- Ich weiss. Zum
+Schluss haben wir beide es wohl selber nicht mehr gewusst. Wie das so
+geht. Das Leben ist rasch ....«
+
+Holzer macht eine Bewegung der Ungeduld.
+
+»Nur einen Augenblick, Hermann. Es ist notwendig, von jenem Abend zu
+reden. An jenem Abend ...« Bang kommt ein paar Schritte näher und sucht
+die unruhigen Blicke Holzers zu halten.
+
+»Du hast mich nie gefragt, wie ich eigentlich zu Helene ....«
+
+Holzer weicht ihm aus, gereizt: »Aber das geht mich ja gar nichts an
+...«
+
+Bang lächelt: »Mag sein. Ich möchte trotzdem weiter erzählen ...«
+
+Holzer wirft sich auf das Sofa, dass alle Federn krachen. Der
+kreischende Misston liegt eine Weile in der Luft.
+
+Ernst Bang vertieft sich wieder in die Betrachtung seines linken Schuhes
+und erzählt:
+
+»An jenem Abend also hab' ich Euch alle zu mir gebeten, um so eine Art
+Verlobung zu feiern ....«
+
+Die Federn des Sofas werden unruhig.
+
+»Es war mir nämlich klar geworden, dass es doch etwas Anderes ist als
+einfach Kameradschaft, was mich an Helene band. Ich ging also mit mir zu
+Rate und beschloss, sie zu heiraten. Ich übersah nicht die
+Schwierigkeiten, welche meine Familie mir bereiten würde; ich vergass
+nicht, dass ich meine Karrière durch diesen Schritt beschränkte. Ich
+rechnete mit diesen Dingen, also waren sie kein Hindernis. Aber im
+letzten Augenblick, eine halbe Stunde ehe Du damals bei mir eintratest
+...«
+
+Ein Ruck in den Polstern des Sofas.
+
+Bang sieht hin, aber Holzer liegt ganz ruhig, und Bang vollendet also:
+-- »Da zeigte sich ein Hindernis, das ich nicht erwartet hatte.«
+
+Pause ... »Na, und als Ihr kamt, da wusste ich es schon -- und Helene
+...«
+
+Auf einmal sitzt Hermann aufrecht und wendet seine lauernden Augen gegen
+den Sprechenden: »Sie hat Dich abgewiesen?«
+
+»Hm«, macht Ernst Bang ungewiss, als ob er etwas anfügen wollte, und
+denkt: Man sollte das Fenster öffnen vielleicht, nur eine Weile ...
+
+Inzwischen bricht die Dämmerung über die beiden herein. Jetzt erst
+zündet sich Bang eine Cigarette an und geht auf und nieder. Ganz anders
+als Hermann. Langsam, in einem gewissen Erwarten, sich wiegend. Er fühlt
+sich besonders erleichtert offenbar, denn später sagt er leichthin:
+»September! Wie bald es schon dunkel wird.«
+
+Wirklich, es ist ganz dunkel. Man kann nur mit Mühe erkennen, dass
+Holzer am Rande des Sofas sitzt, den Kopf in die Hände gesenkt. Er
+ändert diese Stellung nicht und darum klingen seine Worte so dumpf in
+der Frage: »Das ist mir nicht klar, Bang, was mich das alles angeht,
+was ich dabei soll?«
+
+Ernst Bang bleibt stehen. Da wird die Stille auf einmal schwer, schwer.
+
+Holzer reisst die Hände vom Gesicht und schreit: »Ich zerbreche sie?
+Warum?«
+
+»Ruhig, ruhig ...,« beschwichtigt Bang.
+
+Aber Holzer springt auf. Er thut plötzlich wie Einer, der im Traum
+gelähmt war. Er streckt seine Arme, er probt seine Gelenke und will
+seine Stimme hören: »Warum?«
+
+»Sieh sie Dir mal an, Hermann«, bittet Bang, selbst ein wenig
+mitgerissen. »Wie blass sie ist. Sie wird Dir krank werden, Du wirst
+sehen. Du quälst sie.«
+
+Da legt ihm Holzer die Hand auf die Schulter. Und sie wird immer
+schwerer während dieser Worte: »Du weisst nicht, was Du sprichst, Bang.
+Ich thue für Helene alles, was ich kann, weisst Du. Alles mögliche. Nur
+Phrasen mach' ich keine. Das will sie auch nicht. Also, was quäl' ich
+sie?«
+
+Bang weiss nichts zu erwidern.
+
+Und langsam spricht Holzer weiter: »Wir sind Kameraden -- einfach. So
+gehört sich's. Wenn ich sie in der letzten Zeit manchmal vernachlässigt
+habe, so war die Arbeit daran schuld. Sobald sie ihr Kind haben wird,
+ihre Arbeit, wird sie mich auch vernachlässigen. Das ist so.« Pause.
+
+Ernst Bang hat seine Cigarette ausgehen lassen. Er knöpft unruhig an
+seinem schwarzen Gesellschaftsrock; seine Hände sind sehr weiss. Dann
+hört man wieder die Stimme Holzers. Sie wird immer ruhiger und bekommt
+immer mehr heitere Ueberlegenheit.
+
+»Ich finde übrigens gar nicht, dass sie schlecht aussieht. Alle Mädel
+sehen so aus um die Zeit. Das wird schon besser werden. Du kannst Dich
+darauf verlassen.« Pause. »Aber das ist so Eure Art: Sensation um jeden
+Preis. Nichts ruhiges. Lauter Trapezgefühle; und man wartet immer, ob
+sie nicht im nächsten Augenblick den Hals brechen. Ich kenne das. Aber
+man fällt Euch immer wieder hinein auf Eure Empfindelei.«
+
+»Die Dinge sind vielleicht doch nicht so einfach.« Bang sagt das fast
+pfeifend.
+
+»Gewiss, weil Ihr sie nicht einfach wollt.«
+
+»Oh wollen --«, macht Bang, »überhaupt: wollen ...« und er schaut über
+alles weg ins Grenzenlose.
+
+»Na ja, da wären wir ja glücklich wieder.« Holzer ist fast fröhlich
+jetzt. Er zündet die Lampe an und verneigt sich dann vor dem Freunde:
+
+»Euer Hochwohlgeboren erlauben: Mein Name ist Holzer. Das ist wörtlich
+zu nehmen. Mein Vater selig war nämlich der »alte Holzer«. Sie können
+von ihm hören im Dorf drunten. Die meisten werden sich an den breiten
+Bauer erinnern, den Holzerbauer. Und ich hab' auch noch was aus seinem
+Blut, hoff' ich. So was Grades, Eichenes ...«
+
+Ernst Bang fühlt sich durch das grelle, gelbe Licht der Lampe gestört:
+»Ich denke, ich gehe jetzt.«
+
+Holzer lacht: »Wie Du willst. Aber damit die Lektion in Gottes Namen
+doch einen Schluss hat, sag' mir doch schnell, was ich, nach Deiner
+Meinung, in diesem Fall zu thun habe?...«
+
+Bang macht eine Bewegung, so, an allem vorbei.
+
+»Sprich, die ganze Kultur steht hinter Dir, bedenke!« Und er nimmt dem
+Zögernden den Hut wieder aus der Hand und begütigt, in anderem Ton:
+
+»Wirklich, Ernst, Freund zum Freund. Du hast mir Deine Ansicht gesagt
+und, so sonderbar sie sein mag, ich bin Dir dankbar dafür. Ohne Zweifel
+hast Du auch einen Rat mitgebracht. Ein Medikament gegen das gefährliche
+Uebel, wie? Ihr seid ja alle Aerzte, Ihr modernen Menschen.«
+
+Bang versucht zu lächeln.
+
+»Ich bin gespannt. Was soll ich thun, Ernst? Was soll ich sagen?«
+
+Und da wird Bang wieder sehr ernst. Er kommt ein paar Schritte zurück
+und antwortet sehr hastig: »Sagen? Hm. Ich glaube, es ist Deine Sache,
+einfach zuzuhören ...«
+
+Auch Hermann lacht nicht mehr: »Ich versteh' Dich nicht ...«
+
+»Nun, -- Helene ist von denen, die sich aussprechen müssen um jeden
+Preis ...« Pause. »Es könnte ja sein, dass Helene Dir etwas zu erzählen
+hat ... von ... früher ...« Pause.
+
+»So«, sagt Holzer dann kurz und begleitet den Andern an die Thür.
+
+Da tritt Helene ein, gerade den Beiden entgegen.
+
+»O«, macht sie, als sie Ernst Bang erkennt, und Holzer lacht: »Eine
+Ueberraschung, was? Alte Freunde?!«
+
+»Ja --«, versucht Helene und geht an Bang vorbei.
+
+Da hat Hermann einen Einfall, ganz unvermittelt offenbar. »Du hast doch
+wohl noch Zeit?« Eigentlich klingt das für eine Frage recht entschieden.
+Unwillkürlich bleibt Bang stehen. Er sieht, wie Hermann das Mädchen bei
+der Hand nimmt und in den hellen Kreis der Lampe zieht, und es kommt ihm
+unerhört brutal vor. Dann hört er ihn sagen: »Blass? -- Bist Du blass,
+Helen'?« Pause.
+
+»Möglich, dass das die Lampe macht; es ist ein ungünstiges Licht. Aber
+Du fühlst Dich doch wohl?« Pause.
+
+»Dieser Herr da sagt nämlich ...«
+
+Helene macht eine Bewegung, als ob sie flüchten wollte. Ernst Bang fühlt
+sich auf einmal vollkommen unbeteiligt, Zuschauer. Er möchte bequem
+sitzen, um nichts von dem zu verlieren, was kommt. Also:
+
+»Dieser Herr sagt: Ich zerbreche Dich?« Pause.
+
+Ernst Bang denkt: »Zu schleppend ist diese Szene. Flotter, bitte!«
+
+Pause. Dann, sehr laut: »Ist das wahr?«
+
+Heftiges Weinen.
+
+Ernst Bang macht zwei Schritte; er hat die Empfindung: Schluss! Man kann
+gehen. Es kommt nichts mehr.
+
+Aber das ist ein Irrtum; es kommt noch etwas: Hermann Holzers
+Riesenlachen. Und hinterdrein: »Kinder seid Ihr, richtige Kinder. Ihr
+beide. Du Helen' und der da. Gott sei Dank, dass wir jetzt beisammen
+sind, sonst thätet Ihr jeder was Sentimentales. Ich seh's Euch an. --
+Wir wollen auch beisammen bleiben heute und irgend etwas feiern; es wird
+sich schon was finden lassen.«
+
+Pause. Helene neigt sich mit halbgetrockneten Augen zu Hermann und
+flüstert ihm etwas zu. Er versteht nicht gleich. Dann lacht er: »Wir
+beide allein? Gott bewahre! Kinderei! Im Gegenteil, was ich jetzt zu
+sagen habe, muss Ernst mithören. Leg' nur Deinen Hut fort, mein Lieber.«
+
+Und als Bang keine Anstalten macht, fügt Holzer an: »Wenn ich Dich darum
+bitte.« Und da auch das nichts hilft, braucht er ein letztes Mittel:
+»Helen' will es auch, -- nicht wahr?«
+
+Und da wird eine Stille um ein kleines, farbloses »Ja« herum.
+
+Langsam kommt Ernst Bang näher. Er sieht unglaublich müde aus, und
+Holzer denkt, zur Beruhigung: »Es ist ein ungünstiges Licht ... so eine
+Lampe ...«
+
+Dann zieht er das Mädchen auf seinen Schooss und scherzt: »Nun, kleine
+Frau, hast Du mich lieb? Und zerbrech' ich Dich nicht?« Da klammert
+sich das kleine, blonde Mädchen an seinen Hals an, mit einem Ungestüm,
+das ihn staunen macht. Eine Weile fühlt er sie weinen. Aber das können
+keine tiefen Thränen gewesen sein; denn als er das zarte Gesichtchen in
+die Höhe zwingt, atmet ihn eine strahlende Seligkeit an, deren er sich
+gar nicht zu entsinnen weiss.
+
+Bang steht auf einmal am Fenster und zählt die schwarzen Schornsteine.
+Er will sich draussen beschäftigen um jeden Preis; dennoch hört er Wort
+für Wort:
+
+»Jetzt ist es ja bald überstanden, Kind. Wenn heute Nachricht von Holms
+kommt, so können wir heiraten, gleich nach dem Examen.« Pause.
+
+»Du willst doch?«
+
+Ein glückseliges Lachen.
+
+»So feiern wir heute die Zukunft.« Pause.
+
+»Du bist doch dabei, Bang?« Und er wartet die Antwort gar nicht ab.
+»Noch eines feiern wir, richtig: Deine Kultur, Bang. Wir sind drei
+moderne Menschen, drei Menschen ohne Vorurteile, nicht? -- Wir
+dekretieren hiermit: es giebt keine Vergangenheit. Die Vergangenheit
+leugnen wir einfach.«
+
+Ernst Bang ist rasch näher gekommen, wie um zu retten; er hört noch:
+
+»Wer von der Vergangenheit spricht, lügt. Abgemacht.«
+
+Helene ist sehr blass.
+
+Hermann hat es nicht bemerkt. Eben hat jemand draussen geklingelt, und
+er beeilt sich, zu öffnen; es könnte von Holms sein. Helene erreicht ihn
+noch an der Thür. Ihre Lippen brennen. Es ist ein letzter Versuch.
+
+Aber Holzer hält sich die Ohren zu und lacht laut.
+
+Da lässt sie ihn los, lässt ihn los -- und kommt langsam zur Lampe
+zurück, ganz ruhig.
+
+Bang steht an der anderen Seite des Tisches, und die Lampe singt
+zwischen ihnen merkwürdig laut.
+
+Einmal schaut ihn Helene an mit traurigen, hilflosen Augen. Und Ernst
+Bang hebt ein wenig die Achseln, unmerklich.
+
+Das ist alles.
+
+
+
+
+DIE LETZTEN
+
+
+Der Tag wird immer verlegen in der kleinen Mietswohnung, in welcher so
+schwere, unverständliche Möbel stehen. Aber die Dämmerung begreift
+alles. Sie weiss, dass das Vergangenheit ist, was da in Stühlen und
+Schränken und Bildern sich erhält, und dass die engen Stuben, drei
+Treppen hoch, schuldlos sind an dieser fremden Vergangenheit, wie
+Menschen, deren Gesicht von irgend einem Vorfahr den Namen eines Gefühls
+geerbt hat, das sie mit ihren eigenen schwächeren Herzen gar nicht zu
+tragen vermöchten.
+
+Die beiden Fenster führen den roten Abend herein, der über die Dächer
+kommt und leise zu den wartenden Dingen tritt, welche ihn schweigend
+empfangen. Am freudigsten nimmt ihn die schmale, mit Säulen geschmückte
+Kommode auf, die wie ein kleiner Altar ist: mit all dem Silber und Glas
+auf ihr lächelt sie ihm zu.
+
+Marie Holzer steht gerade vor dieser Kommode. Sie hält von den kleinen
+Miniaturen, welche da neben den massiven Armleuchtern aufgestellt sind,
+eine nach der andern in den Abend und betrachtet jede aufmerksam. Dabei
+ist ihr junges, helles Gesicht ernst und nachdenklich. Für eine Weile
+wendet sie es einer Dame in Schwarz zu, die, nah bei ihr, auf dem
+Fensterplatze sitzt und vor sich hinsieht, ohne dass ihre grossen Augen
+etwas halten. Und so kann Marie Holzer sie ruhig anschauen, als wäre
+auch das ein Bild: dieses Gesicht, dem man kein Alter zu geben wagt,
+obwohl es nicht jung ist, diesen feinen Mund, der von wehen Erinnerungen
+bewegt, ein unsichtbares Leiden überwindet, und dieses Haar, von dem man
+zu wissen glaubt, dass es schwer ist. Und vor allem die Vornehmheit
+dieser zarten, stillen Gestalt, die geduldige Ruhe dieser schwarzen
+Schultern, auf denen das schlichte Nutzkleid wie eine Würde liegt.
+
+Jetzt erhebt die schlanke Uhr, die fast verheimlicht zwischen den
+Fenstern steht, ihre zitternde Stimme und sagt feierlich sechs Schläge,
+von denen sie jeden anders betont; Marie Holzer lässt sie ganz ausreden
+und wartet auch noch das Geräusch ab, mit welchem die geteilte Stille
+sich hinter dem letzten Schlage wieder schliesst. Dann sagt sie:
+»Merkwürdig.« Und nimmt wieder ein Bild von der Kommode und wiederholt:
+»Merkwürdig.« Da erschrickt die Frau am Fenster: »Sie haben etwas
+gesagt, Marie?« Das Mädchen stellt zuerst die Miniatur wieder an die
+alte Stelle, ehe es antwortet. »Gesagt? -- Eigentlich nicht. Es ist nur
+so seltsam.« Die Dame sieht flüchtig über den Abendhimmel hin und fragt
+leise: »Was denn, Kind?«
+
+»Dass man hier bei Ihnen immer so anders wird. So eigentümlich fromm.
+Man ist immer wie zum allererstenmal hier. Man kann das Staunen nicht
+verlernen.« Pause. Sie biegt die Arme in jungmädchenhafter Art hoch
+zurück und bettet den Kopf hinein, wie man es wohl während eines leisen
+Traumes thun mag, den man tief, mit allen Sinnen geniesst. Ihre Augen
+sind auch geschlossen, als sie fortfährt: »Und das giebt es hier, mitten
+in der Stadt, hoch in diesem lauten, alltäglichen Zinshaus, in dem
+nüchterne, unwichtige Menschen wohnen. Ueber ihnen ist dieses Seltsame.
+Sie tragen es gleichsam auf ihren Köpfen und ahnen nichts davon.« Sie
+lässt die Arme fallen. »Nein, sehen Sie, Frau Malcorn, dass es so etwas
+giebt!...«
+
+»Aber was denn eigentlich, Kind?«
+
+»Alles das: diese Bilder und diese Dinge und Sie, Frau Malcorn, und
+Harald -- ja, auch Harald.«
+
+Frau Malcorn schüttelt leise den Kopf. »Sind denn einsame Menschen so
+anders als --«
+
+»Einsame Menschen? -- Ja. Vielleicht. Aber das ist es nicht allein.«
+Marie Holzer geht zu dem anderen Fenster hin. Und dann: »Sie sind nicht
+einsam eigentlich. Sie leben unter vielen, bloss nicht unter uns, nicht
+unter uns heutigen. -- Sie haben so viel Bilder hier. Sie haben mir ja
+schon oft gesagt, wer alle diese Menschen waren. Diese traurigen Frauen
+alle und diese feierlichen Herren. Und ich weiss auch, dass sie längst
+gestorben sind. Manche vor zweihundert Jahren, manche noch früher. In
+Frieden gestorben, -- aber -- wissen Sie auch wirklich, dass das alles
+nur Bilder sind?«
+
+Wie beunruhigt durch die leise Furcht, die diese Frage des Mädchens vor
+sich herjagt, steht Frau Malcorn auf und kommt zu Marie. Und während sie
+eine Hand auf Mariens Schulter legt, streichelt diese leise die andere
+Hand. »Sie sind so zart, so blass. -- Als ob viele Menschen von ihrem
+Leben mitlebten.« Pause. »Alle diese ....«
+
+Man erkennt schon kaum mehr die furchtsame Bewegung, mit welcher Marie
+in das Zimmer weist. So dunkel ist es geworden. Und in das Schweigen
+wirft sich von draussen der Sturm.
+
+Aber da beginnt Marie Holzer laut und in anderem Ton:
+
+»Sie müssen sich schonen, Frau Malcorn. O, verzeihen Sie, wenn ich so
+spreche. Ich fühle mich manchmal älter, wie Ihre ältere Schwester.«
+
+»Und sind doch so jung?« lächelt Frau Malcorn und küsst sie auf die
+Stirn.
+
+»Ja, ich bin jung. Und ich bin dessen froh. Ich fühle so viel Kraft in
+mir. Ich möchte so vieles thun.« Und da ist eine Ungeduld in ihren
+Händen, als ob sie sie gleich an alles Werden legen wollte, das zu
+langsam geht.
+
+Dabei erinnert sich Frau Malcorn: »Das hat Harald auch immer gesagt: Ich
+habe so viel Kraft in mir.«
+
+»Das hat er! Das hat uns zusammengeführt! Zusammengetrieben! Dieses
+Gefühl von Kraft.« Und Marie erzählt atemlos: »Gleich damals, als ich
+ihn zum erstenmal sprechen gehört habe, in der Versammlung. Viele
+hatten vor ihm gesprochen. Ich weiss noch: es handelte sich um die
+Organisation eines Hilfsvereins zur Unterstützung der Arbeitsunfähigen,
+ihrer Frauen und Kinder. Die anderen hatten so trocken und von oben her
+die Sache erörtert. Man sah ihnen an, sie waren satt und kannten die
+Sorgen vom Hörensagen. Man war müde geworden dabei. -- Da kam er! Wie
+ein Sturm war das. Wie ein Erwachen bei Feuerschein! Nicht mehr von der
+Versorgung dieser paar armen Menschen war die Rede. Als sollte Raum
+werden für ein neues Geschlecht, mitten unter uns, rücksichtslos.«
+
+Marie Holzer holt tief Atem und macht eine Bewegung, als stellte sie
+etwas in das Dunkel, als Ziel für ihre hellen, seligen Augen. »O Frau
+Malcorn, ich sehe ihn immer so vor mir. Er war gross geworden, -- gross.
+Und seine Stimme hing über den Unschlüssigen wie ein Schwert.
+>Kleingläubige,< -- rief er -- >Kleingläubige!< -- Und da kam sein
+Glauben über mich. Dieser Glaube eines Kindes oder eines Märtyrers. Er
+hatte seine Hände erhoben, und es war, als hielte er etwas in den Saal
+hinein, was uns blendete. Unsere Schatten waren auf einmal schwer,
+fielen uns ab und wir standen da: Licht von seinem Licht, Herz von
+seinem Herzen ....«
+
+Unter den allzugrossen Wonnen sucht Marie nach etwas Sagbarem, und merkt
+nicht, wie Frau Malcorn ihr horchendes Gesicht in den Händen verbirgt.
+Endlich erzählt sie weiter.
+
+».... Und dann, als alle gingen, drängte ich mich durch. So, mit den
+Ellbogen, mit den Fäusten, wie's kam. Ich hätte den gewürgt, der mich
+gehalten hätte. Zu ihm. Er sah gar nicht müde aus. Nur ruhiger, dunkler.
+Ich konnte nichts sagen, nicht eine Silbe. Ich hatte Weinen im Hals.
+Mich schwindelte. Ich griff nach ihm, ins Unbestimmte. Er nahm meine
+Hand und wärmte sie in seinen beiden. Und hielt sie. Und fragte: >Du
+willst mir helfen?< Da hab' ich mit einemmal weinen können; nie früher
+hab' ich's gekonnt, -- auch nicht, als meine Mutter starb. Aber damals.
+-- Und es war so gut!«
+
+Hier unterbricht sie ein heftiges Schluchzen. Sie wird fast mütterlich,
+als sie zu der Weinenden tritt, leise den Arm um ihre zuckenden
+Schultern legt und bittet: »Aber! -- Das ist doch eine Freude, Frau
+Malcorn, nicht?«
+
+Sie fühlt, dass die Andere eine bejahende Bewegung macht. »Also, sehen
+Sie ...«
+
+»Aber auch eine Angst.« Und Frau Malcorn beschwichtigt ihre Thränen.
+
+»Wie?«
+
+»Er war nie so früher. Er war früher viel bei mir ... Früher war er gern
+zu Hause ...«
+
+»Ja sehen Sie --« sagt Marie rasch mit ihrer breiteren Stimme -- »da
+müssen Sie schon freigebig sein. Er hat Reichtum für viele. Alle
+brauchen etwas von ihm. Er ist die Seele von allem. Begreifen Sie das?«
+
+»Ja,« sagt Frau Malcorn, wie gestrafte Kinder ja sagen.
+
+»Er ist reicher als wir alle. Er nimmt Ihnen nichts fort, auch wenn er
+hundert Andere beschenkt. Fühlen Sie das?«
+
+Dasselbe Ja.
+
+»Er ist ein König ...«
+
+»Aber er meidet mich.« Und trotz Mariens abwehrender Geste beharrt sie,
+die zarte Frau. »Ja, ja, ja, er meidet mich, Marie. Mich und die Stube
+hier und überhaupt ...«
+
+»Aber, liebe ...«
+
+Frau Malcorn drückt das Gesicht an die starke, bewegte Brust des
+Mädchens und klagt, wie vor sich selbst beschämt: »O, warum hasst er
+mich?«
+
+»Um Gotteswillen, Frau Malcorn, Sie versündigen sich ja! Wissen Sie, wie
+Harald von Ihnen spricht?« --
+
+»Wie von einem Traum. Wie von einem Märchen, von dem schönsten Märchen,
+das man als Kind gehört hat und das man wiederfindet in jedem Schönen,
+immer und immer.« Ganz weich ist Mariens Stimme jetzt, ganz sanft.
+
+»Wirklich?« Zaghaft hebt Frau Malcorn die verweinten Augen.
+
+»Wie von einem Kleinod, das man am sichersten Platz verwahrt hält, --
+wie von einem Feiertag.«
+
+»O, mehr, mehr!«
+
+»Ich hab' Sie doch schon so lieb gehabt, Frau Malcorn, lang, ehe mich
+Harald zu Ihnen führte. Lang, bevor ich Sie kannte. Woher sollte mir das
+gekommen sein?«
+
+Ungeduldig und glücklich, bittet die zarte Frau: »Was hat er Ihnen von
+mir erzählt?«
+
+»O, alles. Von seiner Kindheit. Wie die Tage waren. Und was Sie ihm am
+Abend vorlasen. Und welches Kleid Sie in die Kirche trugen ...«
+
+»Das schwarze mit dem Spitzeneinsatz, -- ja?«
+
+»Eben das. Oft unterwegs begann er davon zu sprechen. So, unvermittelt.
+Und seine Stimme war ganz anders dann, wärmer ...«
+
+»Nicht wahr? Seine Stimme kann seltsam werden?...«
+
+»Ja. So, als ob sie weit her käme ...« Pause.
+
+»Sehen Sie, Marie, einmal war Harald so wie diese Stimme ... Eh' das ihn
+erfasste, das Fremde, Neue, Unruhige, das ich nicht begreife ...«
+
+»Eh' er ein Mann wurde, Frau Malcorn; eh' er einen Beruf auf sich nahm,
+eine Pflicht, -- eh' er ins Leben sprang, Frau Malcorn.«
+
+»Ja,« nickt Frau Malcorn traurig -- »ins Leben ...«
+
+»O, fürchten Sie nicht für ihn! Er ist Einer, der es über sich hat, das
+Leben. Es ist keine Gefahr für ihn. Er hat es umgenommen wie einen
+Mantel, wie einen Purpurmantel ...«
+
+»Das Leben?« fragt die Andere befremdet.
+
+»Das moderne Leben, ja. Dieses ungestüme, stündliche Werden. Diese Hast
+eines Frühlingssturmes: alle Himmel über einem Tag. O, Sie glauben gar
+nicht, wie lieb man es hat, wenn man erst mitten drin steht. Wie man
+sich eins fühlt mit ihm ...«
+
+»Wissen Sie das durch sich selbst, Marie?«
+
+»Ja, Frau Malcorn. Ich gehöre ihm ja ganz. Das Schicksal hat mich so
+mittenhinein geworfen. Zeitig schon, als meine Mutter starb. Das
+Schicksal und -- die Sehnsucht ...«
+
+»Sehnsucht, wonach?«
+
+»Nach Macht.«
+
+»Macht?«
+
+»Ja, über sich und -- über das Leid.«
+
+Pause. »Sie haben Ihre Mutter lieb gehabt?«
+
+»O ja. Aber wir waren sehr arm. Wir haben nie Zeit gehabt, es uns zu
+sagen. -- Ich glaube, sie hat es nie gewusst.«
+
+Pause. Und Marie Holzer fühlt eine Bangigkeit kommen. Und sagt rasch,
+wie jemand, der sich versprochen hat, nie traurig zu sein: »Aber wollen
+wir nicht die Lampe anzünden?«
+
+»Ja, bitte, Marie. Uebrigens sollte doch Harald schon zurück sein!«
+
+»O, Sie wissen ja, wie das geht.«
+
+»Aber es ist halb sieben?«
+
+Marie hat hinten auf der Kommode die Lampe angezündet und bringt sie zum
+Sofatisch, wo man abends zu sitzen pflegt.
+
+»Er wird jemanden getroffen haben,« beruhigt sie, und ihr Gesicht, das
+sich über die Lampe neigt, beweist, dass sie nicht besorgt ist. »Oder er
+holt sich noch irgend etwas aus der Bibliothek.« Sie ist froh, noch eine
+Erklärung seines Ausbleibens gefunden zu haben.
+
+Aber Frau Malcorn versteht es anders: »Diese Bücher --« klagt sie --
+»diese vielen grossen Bücher!«
+
+Marie lacht. »Ja, das ist seine alte Leidenschaft.«
+
+»Und er liest so lange. Jede Nacht bis eins oder zwei.«
+
+»Er lebt zwei Leben. Eines nach vorn und eines tief zurück in die
+Vergangenheit. Das macht ihn so, -- so breit ...«
+
+Frau Malcorn, die noch immer nicht in den Kreis der Lampe kommt, steht
+irgendwo im Dunkel, unter den Dingen. Sie scheint die letzte Erklärung
+nicht gehört zu haben. »Ich schleiche oft bis zur Thür und schaue durch
+die Spalte: immer noch Licht. Ich wage nicht zu rufen. Aber ich horche
+immer ...«
+
+»Ja, ja, er liest gern laut,« sagt Marie oberflächlich, zieht die
+Fenster-Vorhänge zu und vollendet damit den Abend. Und der Kreis der
+Lampe wird ruhig und rund.
+
+Aber da flüstert Frau Malcorn, als ob das ein Geheimnis wäre: »Er
+hustet.«
+
+»Na --« macht die Holzer, »-- das Wetter ist auch danach.«
+
+»Nein, nicht so. Schon lange und so, so fürchterlich tief ...«
+
+Da ist auch Marie erschrocken, ohne Fassung. Nur einen Augenblick
+freilich. Dann schüttelt sie's ab. »Sie sind aber auch, Frau Malcorn!
+Immer gleich alles von der schwärzesten Seite sehen.« Sie sieht ein,
+dass man schnell etwas Scherzhaftes sagen muss, um jeden Preis. »Wenn
+=Sie= nur mal reden müssten, so vor fünf-, sechshundert Menschen im
+heissen, dunstigen Saal und zwei, drei Stunden lang ...«
+
+Frau Malcorn wagt sich ins Licht. »Meinen Sie wirklich, Marie?«
+
+»Aber natürlich, Frau Malcorn. Denken Sie nur. Aber damit Sie ganz
+beruhigt sein können, will ich ihn überreden, mal zum Arzt zu gehen.«
+
+»Wie gut --«
+
+»Ja, zu Ihrer Beruhigung. Es wird kein leichtes Stück sein bei ihm.
+Weiss Gott! Er gönnt sich so ungern für sich selber Zeit. Aber ich
+glaube, ich kann schon etwas wagen bei ihm.«
+
+»Er thut alles, was Sie wollen, Marie ...«
+
+»O -- wir sind gute Kameraden. Da gleicht sich das aus. Im übrigen, er
+ist ja so weit über mir in allem.« Pause. »Ich bin oft ganz bange
+deshalb.«
+
+»Bange?«
+
+»Er fühlt alles so! Oft wenn wir unter Menschen sind: Ein Wort, ein
+Blick, eine Bewegung irgendwo. Ich merke es kaum, aber ich sehe an ihm
+sofort: es ist etwas geschehen. Dieses Wort, dieser Blick, diese
+Gebärde, war ein Ereignis, etwas Entscheidendes ...«
+
+»Wie meinen Sie das, Marie?«
+
+»Nun, das ist ja selbstverständlich. Er ist reif. Er hat
+jahrhundertelange Entwicklungen hinter sich. Unter ihm sind Feldherren,
+Bischöfe, -- Könige vielleicht sogar. Immer einer auf den Schultern des
+andern. Und ganz zuhöchst: Er, Harald. Und alle leisesten Schwankungen
+dieser breiten Basis sind in ihm sichtbar ...« Dann spricht Marie Holzer
+von sich, ganz anders im Ton, fast grob: »=Mein= Grossvater war Bauer
+....« Und nun vergisst sie alle Ehrfurcht und fährt fort, trotzdem die
+Uhr siebenmal schlägt. Hastig, als ob sie erst froh sein könnte, sobald
+alles gesagt ist.
+
+»Ich bin so von gestern. Ich bin der Erde näher, dem Lehm, mein' ich,
+dem Rohstoff. Ich bin jünger, jünger in der Kultur. Ich habe Gesundheit
+und Kraft. Aber meine Gesundheit prahlt. Meine Kraft ist protzig und
+voll Eigennutz; sie will hinauf, sie muss erst noch hinauf. Ja, ja, das
+ist es. Harald kann anderen helfen. Er kann es wirklich: andere heben.
+Er ist oben. Er war immer oben. Seine Hilfe ist reif, mühelos, schön
+...«
+
+Aber Frau Malcorn steht rasch auf und geht hastig an Marie vorbei und an
+allen Worten. Schon seit einer Weile weiss sie, dass Harald kommt. Und
+nun hört auch Marie seine nahen Schritte.
+
+»Guten Abend, Mama. Es ist wohl spät? Guten Abend, Marie. Ihr habt wohl
+schon gewartet? Ja, es gab da wieder eine Menge unvorhergesehener Dinge
+..« Alles das sagt Harald rasch und seine Stimme schwankt im Laufen. Er
+hebt sich aus der dunklen Umarmung der Mutter und reicht Marie eine
+Ledermappe zu. »Nimm, Marie. Wir müssen das dann durchsehen, heute
+noch. Es handelt sich um die Eingaben -- nun, du wirst ja sehen ....«
+
+Plötzlich bemerkt Harald, dass er steht und es sich gefallen lässt, dass
+seine Mutter den nassen Mantel von seinen Schultern nimmt. Er macht eine
+erschreckte Bewegung, als ob er ihre feinen Hände schützen wollte.
+
+»Es regnet?« fragt Frau Malcorn besorgt.
+
+»Nebel ist, greulicher, dicker Nebel. Man sieht nicht drei Schritte vor
+sich. Das legt sich so in die Kleider und auf die Lunge. Wenn nur erst
+die Herbsttage wieder vorüber wären.«
+
+Marie Holzer hat inzwischen den Inhalt der Mappe flüchtig durchgesehen.
+Sie wendet ihre ruhigen, klugen Augen zu Harald.
+
+»Hast du heute gesprochen?«
+
+»Ja, im Studentenverein.«
+
+»Nun -- und?..«
+
+»Was?«
+
+»Wie war's?«
+
+Harald sieht auf seine fröstelnden Hände. »Na, wie immer, du weisst ja.
+Bist du schon lange hier?«
+
+Frau Malcorn beeilt sich teilzunehmen. »Ich war so froh, sie hier zu
+haben. Mir war schon bange nach dir, Harald.«
+
+»Ja, Mama, du weisst ja: ich bin nicht Herr meiner Zeit.« Haralds Stimme
+und seine Bewegungen haben noch die Maasse des Saales und es fällt ihm
+schwer, sie an die kleine Stube zu gewöhnen. Deshalb wendet er sich an
+Marie. »Aber, wollen wir das nicht gleich durchsehen?..«
+
+Die Holzer bemerkt die Enttäuschung von Haralds Mutter und versucht ihn
+zurückzuhalten. »Nein, Harald, jetzt will ich dich erst mal wiedersehen,
+weisst du. Wenn du deine Augen erst wieder in diese schrecklichen
+Papiere steckst, sind sie mir doch für heute verloren. Und ich hab' doch
+auch ein Recht auf sie -- nicht?«
+
+»Ja, ja, Marie,« und Harald ist es, als ob man etwas ausgedacht hätte,
+um ihn zu quälen. »Ihr habt alle ein Recht auf mich, ich weiss. Alle, --
+alle, alle ...«
+
+Frau Malcorn ist sehr erschrocken. »Komm, setz dich da an den Ofen, du
+musst ganz durchgekältet sein.«
+
+»Ja, ja, an den Ofen, immer sich an den Ofen setzen, hinter den Ofen
+womöglich ...« Aber plötzlich tritt Harald auf die Mutter zu, ganz
+beschämt. »Mama, verzeih mir ... Du siehst, es steckt wieder mal so ein
+boshafter Aerger in mir, der noch nicht herauskam. Marie weiss, das hat
+nichts zu bedeuten, nicht wahr? Das kommt schon so mit. Und hier soll er
+mir, weiss Gott, nicht heraus, hier nicht!« Er führt Frau Malcorn sanft
+zu ihrem Lieblingsplatz bei der Lampe, und seine Stimme findet eine
+ungeahnte Zärtlichkeit. »Du hast ganz rote Augen, Mama. Wahrhaftig,
+deine Augen sind ganz rot! Hast du mir auch nicht zu viel gearbeitet?
+Was? -- Dieses schreckliche Rot in deinem Stickmuster ... Ja, muss es
+denn gerade dieses Rot sein, dieses blutige? -- Was wird es denn
+überhaupt?«
+
+Frau Malcorn kann so viel Glück gar nicht glauben. »Ein Tischläufer --,«
+sagt sie leise, mit vor Rührung zitternder Stimme.
+
+»Soso« macht Harald, schon wieder weit, von ganz Fremdem erfüllt und
+wendet sieh an Marie. »Es ist nämlich wichtig, dass wir die Sache heute
+noch erledigen. Es kommt jetzt so viel. Als ob es auch in den Herzen
+nicht Tag würde jetzt, -- wie draussen. So viel Elend überall.
+Physisches Elend, Not, Armut, Krankheit; -- geistiges Elend, Dünkel,
+Vorurteil und Eigennutz. Und zu allem: Das Beharren darin, die Trägheit.
+Die fürchterliche, dumpfe, unheilbare Trägheit! Dieses grosse Joch des
+Gestern, in dem sie alle gehen. Sie haben ihre Leiden und ihre Freuden.
+Unbedeutende, gehässige Schmerzen und ein banges, falsches, ängstliches
+Glück. Aber sie bleiben dabei. Versuch's, sie heraus zu heben: sie
+wehren sich. Und reisst du sie einfach los von ihrer armseligen
+Gewohnheit, -- so sind sie wie Ausgestossene und wollen zurück in die
+Pesthütte ihrer Vergangenheit. Alles umsonst.« Und nach einer ratlosen
+Pause: »Und dabei hat man doch diesen ehrlichen Willen, diese
+ehrfürchtige Kraft, die nicht herrschen will, die bereit ist zu dienen
+und die kleinste, geringste Arbeit nicht scheut, wenn sie nur auf dem
+Wege nach vorwärts liegt. -- Du weisst doch, Marie, wie gut, wie gerne
+ich überzeugt bin vom Ziel, nicht wahr? Du weisst doch, aus welcher
+Tiefe mir das alles kommt? Du hast's ja selbst einmal empfunden, nicht?«
+
+»Lieber, ich empfind es jeden Tag wieder!«
+
+»Und du glaubst an mich?«
+
+»Wie an die Sonne.«
+
+Da hält Harald ihr dankbar die Hand hin und fragt: »Heisst das: Blüten
+oder Früchte glauben?«
+
+»Beides. Eines nach dem andern, Harald.«
+
+»Eines nach dem andern?.. Das braucht Zeit, Marie, viel Zeit ...«
+
+»Wir sind jung.«
+
+»... und Geduld ...«
+
+»Die hast du.«
+
+»Weisst du das so bestimmt?«
+
+»Weil du die Liebe hast, Harald.«
+
+Beide schweigen. Bis Harald, wie erleichtert, aufatmet: »Dank dir.« Und
+gleich darauf versucht er wieder froh zu sein. »So ... du, ... Mama, --
+sag, darf ich mir mal den Läufer ansehen, deine Arbeit?«
+
+Frau Malcorn will es lächelnd verwehren. Aber nun wird der Läufer geholt
+und unter der Lampe langsam aufgerollt. »O -- o --« macht Harald, noch
+ehe er die Stickerei ganz geöffnet hat, »schau Marie, da reden wir so
+viel und reden, aber wenn wir zeigen sollten, was wir gemacht haben --
+hm? da würden wir wohl in Verlegenheit kommen! Und da, Mütterchen, macht
+so etwas ganz in der Stille, ohne ein Wort, -- etwas so Prächtiges. Und
+das wird nur ein Läufer. Nur ein Läufer. Wie man sich doch irren kann!
+Das hätt ich nun für ... für irgend etwas viel Festlicheres gehalten.«
+
+Marie ist neugierig: »Zum Beispiel?«
+
+»O -- für ... für ein Kleid ...«
+
+»Kleid!« lacht die Holzer ausgelassen. »Trägt man bei dir solche
+Kleider?« Harald schaut auf. »Bei mir? Bei mir? Wie merkwürdig das
+klingt: bei mir. Ich glaube es ist zum erstenmal, dass ich diese Worte
+nebeneinander ausspreche. Wie eine Erfindung ist das. Und doch so
+einfach. Eben wie alle Erfindungen .... Bei Gott, -- bei den Menschen,
+bei -- dir, -- bei .... und nun, ganz analog konstruiert: bei mir, ....
+bei mir. -- Ja, aber, was wollte ich doch?... Wovon sprachen wir?« Und
+er erinnert sich seiner Zärtlichkeit. »Ja -- und wozu stickst du denn
+diesen Läufer, Mama? Wollen wir ein Fest geben?« Traurig sieht Frau
+Malcorn ihn an. Aber Marie Holzer weiss Rat. »Gott, man feiert eben mal
+irgend was. Man kann alles feiern. Den ersten Frühlingstag und den
+ersten Schnee. Na, und wenn sonst nichts zu finden ist, feiert man eben
+den Läufer selbst, wenn er fertig ist, nicht?«
+
+Aber die andern scheinen ihren lustigen Vorschlag gar nicht gehört zu
+haben, so ernst und still sind sie beisammen. Und Harald fragt nur, aus
+Gedanken heraus: Das dauert wohl lang, so eine Decke zu vollenden? --«
+
+»Wenn man fleissig ist ...« seufzt Frau Malcorn. Aber Harald geht in
+seinen Gedanken weiter. »Ich« -- lächelt er -- »würde gewiss nie ganz
+fertig werden damit. Ich würde sitzen und sticken, und lauter recht
+dunkeltiefe Farben haben, in denen man so verloren geht. Und immer
+weiter wandern durch den Canevas. Immer ins Dunklere hinein, wie in
+einen Wald -- und nie das Ziel finden ... Ich würde mich fürchten, zu
+Ende zu kommen!
+
+Jetzt ist Harald weit fort von den beiden Menschen, die ihm erstaunt und
+besorgt zuhören; sie verstehen ihn nicht mehr. Er aber geht immer mehr
+weg von ihnen. Ueber die geschlossenen Augen hebt er seine Arme.
+
+»... Und doch: ich habe solche Sehnsucht nach Festen, nach einer
+einzigen ungemeinen Stunde! Nach Rot und Rosen, nach Duft und Gold, nach
+Glanz, nach unerhörtem Glanz! Man müsste erblinden davon, nichts mehr
+sehen hernach, -- nie mehr. Aber wissen: es war. Und das Gefühl haben
+von einer namenlosen Verschwendung.
+
+Es kommt manchmal über mich, die Menschen fortzuschicken: »Geht alle
+nach Haus, legt eure besten Kleider an, nehmt alles, was ihr in den
+Truhen habt, von den Grosseltern her, die lau duftenden Tücher, und die
+schweren, verschlungenen Broschen, die wie goldene Knoten sind. Und die
+Blumen, die ihr in den Töpfen vor den Fenstern zieht, gebraucht sie
+einmal! Gebt sie euren Kindern in die Hände, damit sie lächeln lernen.
+Und dann -- kommt wieder! Kommt alle wieder!« Aber Haralds Hände fallen
+mutlos aus seiner schönen träumerischen Willkommengebärde, und er fährt
+mit müder, enttäuschter Stimme fort: »-- und wenn sie wirklich wieder
+kämen, alle, in ihrer geschmacklosen Sonntagsmaskerade, mit den zu
+kurzen Hosen und den steifen, von Falten gebrochenen Shawlen, die nach
+Kampfer riechen, -- dann .... dann würden wir einander nichts zu sagen
+haben, und uns benehmen wie fremde Kinder, die plötzlich miteinander
+spielen sollen ...«
+
+Pause.
+
+Und da er nichts hinzufügt, schwärmt Marie Holzer, die im Schweigen
+keine Uebung hat: »Du sprichst erst wie ein König und dann -- wie ein
+Dichter ...« »Und bin -- keines von beiden ..« Harald ist aufgewacht.
+»Es gab ja wohl Könige in unserem Geschlecht, nicht wahr, Mama? -- Die
+Sage geht. In langverlorener Zeit. Vor tausend Jahren vielleicht ...«
+
+Marie schliesst die Augen, wie auf einem hohen geländerlosen Turm:
+»Tausend Jahre ...«
+
+»Ja; wenn du unseren Namen sagst, leise, -- klingt noch der alte Name
+darin, dumpf, dunkel, wie die Glocken einer versunkenen Kirche ...« Und
+Harald spricht weiter, wie mitten in einer Geschichte: »... Dann schlug
+eine grosse Welle über den Königsthron und riss den Letzten mit ins
+tiefe Vergessensein. Dort bleiben seine Enkel wohnen, Thalkinder. Aber
+viel später, im Mittelalter, kommt doch wieder einer von ihnen zu Macht
+und Land. Nicht wahr, Mama? In einem andern Reich zwar, mit verdunkeltem
+Namen und nur als kleiner, abhängiger König. Nach ihm bleiben sie eine
+Weile obenauf und erscheinen nochmals in der Geschichte, zur Zeit des
+Dreissigjährigen Krieges. Aber schnell ermatten sie in kleinen Händeln
+und feindseligen Streitereien und lassen, ohnmächtig, den alten Namen
+los. Und er fällt, fällt lang bis auf die alten Heidenkönige zurück ...
+Und ich -- ich kam gerade in eine Namenlosigkeit hinein.« Niemand sagt
+etwas. Nur die Uhr spricht darüber, in ihrer milden altmodischen Art.
+Beim achten Schlag erinnert sich Harald an etwas.
+
+»Wie ein Dichter .... Wer hat das gesagt? Du, Marie? -- Aber Du bist
+nicht die Erste! Lang vor Dir hat's eine Stimme ausgesprochen, tief in
+mir: Dichter! -- Ich kann nichts dafür. Weisst Du, es war dort, wo man
+nicht hinreicht. In jenem Dunkel, wo ein anderer Macht hat, war es --
+... Künstler sein, jung sein! Als ob das dasselbe wäre -- nicht?« Und
+plötzlich durchbricht es seinen Willen: »Möchtet ihr, dass ich ein
+Künstler wäre?« Pause. »Sag, Mama?«
+
+»Bliebst Du dann bei mir, zu Hause?«
+
+»Wer weiss. Ich kann nicht davon reden. Vielleicht. Vielleicht hat man
+dann alles in sich. Vielleicht giebt es dann nichts, was man nicht in
+sich hat. Vielleicht ... Möchtest Du's, Marie?«
+
+»Dass Du ein Künstler wärst? Ich glaube, Du bist's, Harald.«
+
+»Du irrst Dich, Kind. Gewiss! Du siehst das alles zu licht. Du hast so
+viel Licht in Dir für alles. Ich bin es nicht. -- Ich hätte es sein
+können vielleicht. Ich hätte es -- =bleiben= können, obwohl ich es noch
+nie war. -- Es ist zu spät.« Und ganz erregt tritt er auf Marie zu:
+
+»Du sagtest früher, ich habe die Liebe, Marie. Ja, -- =hab'= ich sie denn?
+Hab' ich sie nicht vergeudet, ausgestreut mit vollen Händen? Ist das
+nicht mein Leben gewesen, sie zu verschwenden, seit zwei, seit drei
+Jahren, bis zu diesem Augenblick? Kann ich über sie verfügen, da
+Hunderte sich daran halten? Und =wenn= ich sie zurück begehre von ihnen,
+-- was soll ich thun mit dieser Liebe, die die Spuren von hundert
+krampfhaften Händen trägt, die abgenutzt, alt, welk geworden ist? Und
+das nicht hinter ihrem Sommer etwa. O nein! Ich habe sie gar nicht reif
+werden lassen; ich habe den Hungernden diese grünen Früchte zugeworfen:
+Da! da! da!... und sie konnten doch nicht satt und nicht gesund werden
+davon!
+
+»Warum kamst Du mir damals die Hand reichen, Marie? Damals war es noch
+Zeit. Damals hätt' ich noch retten können und -- sparen.
+
+»Ich will Dich nicht anklagen -- nein! Nur >Künstler< darfst Du mich
+nicht nennen. Das ist wie ein Hohn, wenn =Du= das thust ...« Und da
+beginnt er leise zu husten, so dass Frau Malcorns Augen starr und bange
+werden; aber Marie Holzer achtet jetzt nicht darauf. Sie fühlt die
+Verpflichtung zu antworten.
+
+»Du bist erregt, Harald. Du hast kein Recht, so zu reden. Du bist durch
+Siege gegangen! Du darfst nicht wankelmütig werden! Du hast gewusst, was
+Du willst. Muss ich Dich daran erinnern?« Sie lässt sich von Haralds
+abwehrender Bewegung nichts befehlen. »Ich danke Dir alles, auch meine
+Zuversicht. =Du= hast sie mir gegeben. Sie ist mein Besitz. Und wenn Du
+sie wieder willst, -- nicht ohne Kampf!«
+
+Harald fühlt den Husten kommen, und so sagt er nur rasch und hart:
+
+»Du machst so grosse Worte, Marie.«
+
+»Es sind Deine eigenen, die ich Dir wiedergebe -- alle, auch dieses:
+Kleingläubiger! Kannst Du Deinen Sommer nicht abwarten? Nicht halbreife
+Früchte, -- Samen hast Du ausgestreut an hundert Stellen und also musst
+Du warten auf hundert Ernten.«
+
+Die Holzer erwartet eine Antwort, eine, die alles wieder gut macht. Aber
+Harald nickt nur, es scheint ihm so gleichgültig jetzt. Und dann
+fürchtet er den Husten, der kommt. Und seine Mutter sieht ihn immerfort
+an.
+
+Da nimmt Marie noch einmal alle Kraft zusammen, und ihre Worte sind warm
+und unbefangen. »Hab' Mut, Harald! Du bist ungerecht. Denk! Einmal hast
+Du gesagt, wörtlich: »Ich möchte wohl Künstler sein, aber noch ist es
+nicht Zeit für die Kunst ...«
+
+»Hab' ich das ....? Verzeih' also.« Es klingt fast spöttisch.
+
+Aber Marie Holzer giebt nicht nach: »Ist nicht ein helfendes Leben ein
+zehnfaches? Haben wir nicht eine sehr stolze Pflicht? Macht uns das
+nicht reich? Wissen wir nicht unsern Weg, Harald? -- Sind wir nicht
+Sieger? Harald, glaubst Du an uns?«
+
+Er muss doch die Hand sehen, die Marie Holzer ihm hinstreckt. Aber
+trotzdem geht er vorbei, geht auf die Mutter zu, die ihn bange erwartet,
+und sagt langsam im Gehen: »Ich -- bin -- müde ...«
+
+Und die Holzer sieht, wie er sich in den Lehnstuhl fallen lässt und wie
+die zarte Frau, die sich zu ihm niederbeugt, ihn ganz verdeckt. Und sie
+sagt nichts weiter; man hätte es auch nicht gehört, denn Harald hustet
+sehr laut. --
+
+ * * * * *
+
+Wie traurig muss es für die sein, die im Winter gesund waren, -- wenn
+der Frühling kommt. Wie können sie ihn verstehen, wenn sie nicht
+zugleich Genesende sind? -- denkt Harald, und er sieht immerfort den
+Himmeln zu, die, abwechselnd wolkig und klar, an den Fenstern
+vorüberjagen hoch über dem Nachmittag des Vorfrühlings. Er schaut nicht
+mit den strahlenden Augen allein, er schaut mit seinem ganzen Gesichte,
+in welchem nichts Verheimlichtes ist. Nur unter dem Bart, der wild die
+Lippen überwuchert, steht ein kleines Lächeln und blüht, wartend, dass
+ein Wort es mit zu den Menschen nimmt. Aber Harald schweigt.
+
+Sogar als Frau Malcorn eintritt, leise, wie man zu Kranken kommt, und
+fragt: »Schon allein? Marie ist schon fort?« nickt er nur, sagt aber
+dann unbestimmt: »Sieh mal.« Mit dem geübten Verständnis der Pflegerin
+wendet sich Frau Malcorn den Fenstern zu, bemerkt aber nichts. Und so
+erklärt Harald: »Die Wolken ... Es ist ein wundersames Bild. Und ich
+habe es so lange nicht gesehen. Als Knabe manchmal und dann lange nicht
+mehr ...« Und dann nach einer Weile beantwortet er auch die Frage der
+Mutter. »Marie müsste eigentlich nicht mehr kommen. Ich habe sie
+fortgeschickt. Ich wollte schlafen, hab' ich ihr gesagt. Aber ich war
+bloss müde, -- müde sie zu sehen. Müde -- immer wieder diese alten Dinge
+zu hören. Ich meine, von denen da unten. Da war ich nun ein halbes Jahr
+nicht bei ihnen. Ein halbes Jahr! Und während dieser ganzen Zeit ist
+nichts geschehen, scheint es. Wenigstens was Marie erzählt ...«
+
+»Siehst Du, sie können nichts anfangen ohne Dich ...«
+
+»Du Gute. Sie können auch =mit= mir nichts anfangen. Und vor allem: =ich=
+kann nichts mit ihnen anfangen, wirklich.« Und er wendet sich wieder den
+Fenstern zu, als wäre jetzt nichts so wichtig wie dieser helle, bewegte
+Himmel. »Das hab' ich früher alles nicht gesehen. Und es ist doch so
+viel! Ich weiss nicht, Mama, macht das das Kranksein, dass man so
+aufmerksam wird auf alles und so dankbar, -- fast weise .... So
+unwillkürlich weise, wie man als Kind ist? Man kann garnicht aus der
+Rolle fallen.« Pause, dann leise: »Glaubst Du, dass es zu spät ist?«
+
+Frau Malcorn richtet die Kissen, die über die Lehne des Sessels gelegt
+sind.
+
+»Zu spät, Harald, wozu?«
+
+»Zu beginnen. Noch einmal gleich hinter der Kindheit zu beginnen. Als ob
+diese drei Jahre da unten nichts gewesen wären. Oder, als ob sie eine
+lange Krankheit gewesen wären, aus welcher ich jetzt langsam zurückkomme
+...«
+
+Er fühlt einen Kuss auf seiner Stirne und fragt: »Nicht zu spät?«
+
+Frau Malcorn schüttelt den Kopf; dann kniet sie neben Harald nieder, und
+er legt ihr seine feinen, ausgeruhten Hände leicht aufs Haar und
+spricht: »Schwer wird es mir nicht fallen, glaub' ich. Ich bin viel
+näher bei allem, was in der Kinderzeit liegt, als bei dem nachher. Alles
+weiss ich. Wenn Du mich doch prüfen wolltest. Bis ganz zurück. Bis
+damals, da Du ein Kleid trugst, ganz aus Spitzen, wie aus lauter solchen
+Wolken gemacht, -- aus Frühlingswolken. Und -- als Du oft weintest ... O
+ich weiss noch. Und als Du kleine, leise Lieder spieltest in der
+Dämmerung, -- kannst Du sie noch?« Frau Malcorn senkt die Stirne tief,
+so dass Haralds Hände weitergleiten in ihrem Haar, von Stellen, die
+unter ihnen warm geworden sind, zu anderen, kühlen. Und wieder hört sie
+Haralds Stimme über sich. »... Freilich, das ist lang. Und doch, ich
+fühle genau, wie es war. Als ob ein Glänzen glitte durch die
+Dunkelstunde, ein Aufleuchten, ein letztes Lächeln der Dinge vor dem
+Einschlafen: so war Dein Lied. Und einmal, als ich ganz leise zu Dir
+trat (Du hörtest mich garnicht kommen), da nanntest Du mich ... Du
+nanntest mich damals ... Jerôme ... Seltsam: Jerôme ... trotzdem ich
+Harald bin ... und ... der Vater ... hiess auch Harald ... aber Du
+sagtest damals Jerôme zu mir trotzdem ... Und das passte so gut zu dem,
+was Du spieltest ... das war wie das Lied selbst ... Siehst Du wohl, was
+ich alles noch weiss?« Pause. Und dann steht Frau Malcorn auf und zwingt
+sich zu sagen: »Willst Du mir etwas zuliebe thun, Harald?«
+
+»Alles.«
+
+»Lass uns nicht nach Skal gehen, -- lass uns hier bleiben!«
+
+Harald staunt über den flehentlichen Ton dieser Worte. »Aber das sollte
+doch ohnehin nur auf Deinen Wunsch geschehen?«
+
+»Ja -- siehst Du -- es ist ein grosser alter Park beim Schloss und
+überhaupt ... deshalb hab' ich an den Onkel geschrieben, ob er uns nicht
+einladen möchte. Ich hoffte: dort würdest Du Dich rascher erholen, --
+aber --« Rasch fällt Harald ein: »Ich hätte Dich wahrscheinlich um das
+Gleiche gebeten, Mama. Heut oder morgen. Im Anfang schien es mir ja eine
+grosse Freude und Freiheit ... Aber mir sind unsere Stuben hier doch
+lieber. Jetzt, weisst Du, während der Krankheit, sind sie mir so lieb
+geworden. Und ich kenne sie eigentlich noch wenig. Ich war ja so selten
+zu Haus -- früher, -- damals ... Natürlich: bleiben wir.«
+
+Hilflos und gequält fängt Frau Malcorn wieder an: »Und Du fragst
+garnicht, weshalb ich diesen Plan ..?«
+
+»Du wirst Deine Gründe haben, Mütterchen ... Und ich glaube beinahe, ich
+errate sie; ich kenne Dich ja! Es widerstrebt Dir, vom Onkel eine Gnade
+anzunehmen, -- Du Stolze ...«
+
+Aber gerade damit zwingt er Frau Malcorn zum Reden. Und blindlings, ganz
+ausser sich vor Scham, wirft sie sich in die Worte: »Nein, Harald ...
+ich kann nicht lügen ... vor Dir ... ich muss es Dir sagen ... es ist
+nicht ... nicht ... aus Stolz, ... aus ... Furcht ...«
+
+»Furcht?«
+
+»Ja. Vor der weissen Frau ...«
+
+Harald versteht noch garnicht: »Furcht? Vor Frau Walpurga? -- Aber meine
+mutige kleine Mama und -- Furcht?«
+
+Frau Malcorn versucht zu lächeln. Doch am liebsten möchte sie dem Blicke
+ihres Sohnes entgehen. Sein Auge schaut so gross, und sie bleibt immer
+in seinem Kreis, seinem sanften Glanze erreichbar, wie sie auch unter
+den Dingen herumirrt. Endlich kauert sie sich vor den Ofen, als ob es
+dringend notwendig wäre, das Feuer zu erhalten. Und so, von dieser
+Zuflucht aus, knieend, das gesenkte Gesicht im heissen Schein der
+angefachten Glut, beginnt sie ein flüsterndes Gespräch.
+
+»Erinnerst Du Dich der Sage von Frau Walpurga?«
+
+»Ungefähr. Sie ist in verschiedenen Schlössern gesehen worden?«
+
+»Ja, am häufigsten in Skal.«
+
+»So? Immer drei Tage bevor jemand stirbt, nicht wahr?«
+
+»Ja. Es heisst so.«
+
+»Und nach der Chronik ist es ja auch fünf- oder sechsmal in Erfüllung
+gegangen. Wenn man aber bedenkt, dass Frau Walpurga um die Mitte des 16.
+Jahrhunderts blühte und sich seither nur fünf- oder sechsmal bemüht hat
+zu erscheinen, muss man annehmen, dass die meisten Malcorns ohne ihren
+Vorantritt gestorben sind -- es sei denn, sie lebten noch?...«
+
+»Und sonst weisst Du nichts von ihr?«
+
+»Einmal hab' ich das alles gewusst, als Knabe, -- als Kind ... aber dann
+müsste ich's ja gerade jetzt, da ich die Kindheit wie gestern empfinde,
+wieder wissen ... Wart' mal: Sie war die Gemahlin des ... des ... Grafen
+(oder waren sie damals noch Freiherren?...), nein, ich glaube ... wir
+wollen später doch nachschlagen, ob es richtig ist ... und, im Falle ich
+recht habe, bitt' ich mir eine Belohnung aus -- ja?« Harald sucht in
+seinem Gedächtnis, und so fällt es ihm nicht auf, dass Frau Malcorn
+nicht scherzhaft erwidert auf die letzte Frage. Er richtet sich ein
+wenig im Stuhle auf und zitiert richtig und sicher die betreffende
+Stelle: »Sigismund Ferdinand, erster österreichischer Graf von Malcorn,
+Herr auf Tschakathurn und Hallpach u. s. w. Söhne: Ferdinand III., Apel,
+genannt der Lahme, Christoph. Christoph, nachmals Herr auf Sarnkirchen
+und Skal, vermählt mit Walpurga, Freiin von Indichar ...« da haben
+wir's! Siehst Du, Du wirst sehen, es stimmt. Willst Du weiter hören? Ich
+glaube, jetzt weiss ich Enkel und Enkelsöhne bis ins 18. Jahrhundert
+herein ...«
+
+»Nein, nein,« wehrt Frau Malcorn heiser.
+
+»Na, ich denke auch, das genügt. Ich begreife überhaupt nicht, warum wir
+uns so gründlich mit Frau Walpurga beschäftigen. Wenn sie schon mal
+keine Ruhe hat ...«
+
+»Weisst Du, weshalb?«
+
+»Weshalb sie keine Ruhe hat? Offenbar wie alle >weissen Frauen< der
+Welt: treulos, sündig, vom erzürnten Gemahl erstochen ...«
+
+»Treulos, sündig ...« wiederholt Frau Malcorn mit so unsicherer Stimme,
+dass Harald sich erstaunt umblickt. Sie ist jetzt wieder ganz nahe,
+hinter seinem Stuhl, so nahe, dass die Flügel ihrer Worte ihn streifen,
+als sie fragt: »Erinnerst Du Dich an Deinen Vater, Harald?«
+
+»Kaum. Er hatte einen dichten weissen Bart. Er war alt.«
+
+Frau Malcorn möchte ihre Hand in Haralds Haar legen, aber sie hebt sie
+nur bis auf seine Schulter; denn ihre feine Hand ist schwer. Und in
+diesem Augenblick sagt Harald: »Seltsam wilde Hände hatte er ...«
+
+»Harald!« Es ist wie ein Schrei, aber Harald kann ihr Gesicht nicht
+sehen.
+
+»Könntest Du Dir denken, Harald ...?« hört er hinter sich, und weiter,
+in bangen, merkwürdig leeren Pausen -- -- »dass ... Dein ... Vater ..
+mich ...« Da wendet Harald doch den Kopf. Frau Malcorn schaut über ihn
+fort in die beginnende Dämmerung und schreit fast: »... dass er gethan
+hätte wie Graf Christoph?...«
+
+Erst begreift Harald nicht. Dann langt er rasch nach ihrer Hand, die
+eiskalt ist, und zieht sie sanft zu sich. Und da kniet sie auf einmal
+neben ihm und drückt ihr Weinen in seinen Schooss und hört über sich
+Haralds Stimme gehen, leise, ernst, beinahe feierlich: »Er war ein
+Greis. Ich hab' ihn nicht geliebt.« Und da küsst sie seine
+erschrockenen, sich sanft wehrenden Hände. Harald aber ist schon bemüht,
+sie emporzuheben, und lächelt: »Siehst Du, dazu bin ich noch zu schwach.
+Das geht noch nicht. Heben kann ich Dich noch nicht.«
+
+Dann, als sie leicht aufgestanden ist, lehnt er sich weit zurück, wie zu
+glücklichem Schlaf. Sein Gesicht ist unbewegt. Nur unter dem Kinn, auf
+dem gespannten, abgemagerten Halse fliesst eine kleine Ader in
+springenden Wellen dem stillen Herzen zu.
+
+Nach einer Weile holt er tief Atem, und Frau Malcorn fragt: »Ist Dir
+gut?« Harald öffnet die Augen nicht: »Ja. Heute wird es am Ende gar
+nicht kommen -- das Abendfieber ...«
+
+»Aber ruh' nur jetzt ...«
+
+»Nicht -- fortgehen --«
+
+»Nein, ich bin immer da.«
+
+Und in dem Schweigen, das dann folgt, vollzieht sich die Dämmerung. Die
+Dinge treten lautlos aus dem Glanz zurück, wie aus einer Kirche, deren
+Thore geschlossen werden. Sie kauern sich längs der Wände, wärmen sich
+eines am andern, und es geht ein Schläfern von ihnen aus, welches die
+Uhr am Pfeiler mühsam überwindet. Im letzten Augenblick, da die Stunde
+schon unerkannt vorüber will, ruft sie sie an, hastig und hell.
+
+Das macht Harald wach.
+
+»... Bist Du da?«
+
+»Ja, Liebling. Brauchst Du etwas?«
+
+»Ich will nicht schlafen.«
+
+»Doch, Harald, schlaf! Das giebt Kraft.«
+
+»Mir ist zu gut zum Schlafen. Mir ist so gut. Wenn ich schlafe, vergesse
+ich es. Und ich möchte gern wissen, dass mir gut ist. -- Wir wollen
+reden.« Jetzt erst rührt sich Harald. Die Augen bleiben im Schlaf, aber
+die Linke streckt er so nach der Seite hin und bittet: »Hand!« Und dann,
+als sein Wunsch erfüllt ist: »Das ist Deine Hand ... Wenn ich erblinden
+müsste, ich würde Dich doch erkennen an dieser Hand ... Ich muss also
+keine Angst haben, nicht einmal vor dem Blindwerden ... nicht einmal --
+-- -- wenn ... doch ... dann muss ich sie ja loslassen ...«
+
+Frau Malcorn erschrickt, auch deshalb, weil sie sein »dann« gleich
+versteht. Unwillkürlich zieht sie ihre Hand zurück.
+
+»O« -- macht Harald, als ob er etwas Gläsernes fallen gelassen hätte,
+und auf seinem Gesichte ist eine ängstliche Spannung, es aufklirren zu
+hören an dem harten Boden.
+
+Aber schnell beschwichtigt Frau Malcorn seine Angst. »Ich bin ja da,
+Harald.« »Ja.« Und er lässt die Augen schlafen und spricht leise, wie um
+sie nicht aufzuwecken. »Es ist doch gut, dass ich krank geworden bin.
+Denk nur! Wenn ich nicht krank geworden wäre, das wäre so fort gegangen,
+da unten, immer und immer, bis ... Aber jetzt ... jetzt darf ich mein
+Leben wieder aufbauen ganz von Anfang ... Kindheit? Hm. Mit der war ich
+zufrieden. War da jemand, der mir sie so schön gemacht hat, so
+märchenhaft schön! Du wirst ... erraten ... wer ... Nicht gerade froh
+war sie, was man so froh nennt: voll von Gespielen und Festen. Ich war
+immer allein, oder doch allein mit Dir. -- Aber sie war so ... tief. Ich
+kann ihren Anfang nicht erschauen. Es könnten Jahrtausende gewesen sein
+-- Jahrtau ... Und doch, dann ist es wieder wie ein einziger Tag, der noch
+immer nicht zu Ende ist und von dem ich träume, dass er nicht enden
+soll. Kannst Du Dir das denken?«
+
+Er erwartet keine andere Antwort, als die Stille. Und nachdem er dieser
+eine Pause lang zugehört hat, fährt er fort: »Es muss schwer sein, sich
+das zu denken. Ich hätte es selbst kaum gekonnt vorher; aber jetzt
+scheint es mir ganz natürlich. Die Kindheit ist ein Land, ganz
+unabhängig von allem. Das einzige Land, in dem es Könige giebt. Warum in
+die Verbannung gehen? Warum nicht älter und reifer werden in diesem
+Lande?... Wozu sich gewöhnen an das, was =Andere= glauben? Hat das etwa
+mehr Wahrheit, als was man glaubt im ersten starken Kindervertrauen? Ich
+kann mich noch erinnern ... da hatte jedes Ding einen besonderen Sinn,
+und es gab unzählbar viele Dinge. Und keines war mehr im Werte als ein
+anderes. Gerechtigkeit war über ihnen. Jedes durfte einmal das Einzige
+scheinen, durfte Schicksal sein: ein Vogel, der in der Nacht geflogen
+kam, und nun, schwarz und ernst, auf meinem Lieblingsbaum sass; ein
+Sommerregen, der den Garten verwandelte, so dass alles Grün Dunkelheit
+und Glanz bekam; ein Buch, in dessen Blättern eine Blume lag, Gott weiss
+von wem, -- ein Kieselstein von fremder deutsamer Gestalt, -- das alles
+war so, als ob man viel mehr davon wüsste, als die Grossen. Es schien,
+als könnte man glücklich werden und gross durch jedes Ding, aber auch,
+als könnte man an jedem Dinge sterben ...«
+
+Dann rasch mit anderer Stimme die Frage: »Es ist nicht zu spät, hast Du
+nicht so gesagt?«
+
+»Es ist =nie= zu spät, Harald.«
+
+»Nie? Es kann doch einmal sein, wenn ich zum Beispiel .... Sagt denn der
+Doktor auch wirklich die Wahrheit?«
+
+»Du hörst es ja. Er spricht doch immer ganz laut und froh ...«
+
+Jetzt braucht Harald die Augen zur Zeugenschaft. Er sieht die Mutter
+fest an. »Und ... er sagt Dir nicht vor der Thür etwas Anderes?«
+
+Frau Malcorn war auf diese Frage vorbereitet. Ruhig hält sie Haralds
+Blick aus, mit einem leisen, verschwiegenen Vorwurf im Gesicht.
+
+»Verzeih, Mama. Aber es könnte ja sein. Ich habe das oft gesehen früher
+in Häusern, wo Kranke waren. Ich hatte ja bisweilen Gelegenheit ... Aber
+was wollen wir denn nur Marien sagen?«
+
+Ganz unvermittelt sagt er das. »Was meinst Du?« staunt Frau Malcorn.
+
+»Nun, damit sie nicht mehr wiederkommt.«
+
+»Meinst Du das im Ernst?«
+
+»Ja. Sie wird keinen Raum haben in der Zukunft, die ich mir denke. Das
+Leben ist eng, und ich muss so vieles darin unterbringen. -- Marie
+gehört in das andere, in das Eintagsleben, das ich vergessen habe. Ich
+will nicht daran erinnert sein. Sie aber mahnt mich an das Vergangene,
+selbst wenn sie nicht davon spricht, durch ihr blosses Dasein. Sie muss
+fort!« Das klingt entschlossen und rücksichtslos, und Frau Malcorn kann
+es gar nicht gleich fassen. Eine Menge Fragen steigen in ihr auf, für
+die sie keinen Ausdruck findet, und Harald ist auch schon wieder mit
+seinen Worten voraus und froh, wie erleichtert durch diese Erledigung.
+
+»Ich werde malen ... oder vielleicht ein Buch schreiben: Kindheit und
+Kunst. Mir ist so manches eingefallen in diesen letzten Wochen; ich
+werde es Dir diktieren. Du musst nicht Angst haben, dass ich Dich
+überanstrenge. Jeden Tag nur ein paar Zeilen, aber vollendet, schön ...
+Einmal ersinn' ich vielleicht ein Lied, -- dann musst Du es spielen. Und
+wenn es mir mal einfällt, ein Haus zu bauen, dann musst Du darin wohnen
+natürlich ... das heisst: wir, -- denn wir werden nie voneinander gehen
+... Nicht wahr?... Sag!...«
+
+Frau Malcorn lächelt zerstreut: »Du wirst heiraten ...«
+
+»Heiraten?«
+
+»Nun doch -- einmal ...«
+
+»Glaubst Du, dass ich Marien geheiratet hätte?«
+
+Frau Malcorn nickt zustimmend.
+
+»Ich habe nie daran gedacht.«
+
+Ganz verwirrt lenkt Frau Malcorn ab: »Und was wolltest Du malen? Das
+hast Du nicht gesagt.«
+
+»Malen? Wolken.«
+
+»Du Träumer!«
+
+»Frühlingswolken! Ein Wolkenkleid! Dein Kleid!... Dich!«
+
+»Ich habe keine Wolkenkleider mehr.«
+
+»Dann musst Du Dir eines machen lassen ...«
+
+Ganz wehmütig lächelt die zarte Frau. »Nur ein altmodisches weisses
+Atlaskleid hab' ich noch, vom letzten Ball her.«
+
+»Ja, -- weiss --« plant Harald. »Ich müsste Dich in weiss malen und --
+mit Blumen. Mit irgend welchen heissen, roten Blumen. Mit Blumen, die es
+nirgends giebt. Mit solchen, roten ... (wo hab' ich sie doch
+gesehen?...) In Deinem Läufer. Mit solchen Blumen. Hast Du die selbst
+erfunden?...«
+
+»Durch Zufall --« flüstert sie und wird ganz rot.
+
+»Seltsam, -- o!... Blumen erfindest Du!« Und Harald sieht sie forschend
+an, als ob ihr Gesicht in seiner scheuen, schamhaften Befangenheit ihn
+an etwas erinnern müsste. Dann unterbricht er sich kurz. »Es ist
+vielleicht kindisch, dass ich so spreche. Ich habe doch eigentlich nie
+versucht, zu malen. Aber soll ich es deshalb nie versuchen? Vielleicht
+bin ich wieder ... ein Beginn ... Mir ist, als hätten wir mal davon
+gesprochen, dass die Malcorns immer wieder Könige werden ... Und die
+kein Volk haben, -- das sind vielleicht die wahren Könige ...«
+
+»Auch in der Kunst kannst Du Dich über ein Volk setzen ...«
+
+»Vielleicht. Vielleicht kann der Künstler sich aus allen Völkern sein
+Volk bilden, kann es sich erziehen .. Aber ich will es nicht. Ich werde
+es nie wollen. Ich will nicht erziehen. Ich will nicht den Erfolg,
+keinen Erfolg auf keiner Seite. Ich will einfach: Schönheit ...«
+
+»Ja --« sagt Frau Malcorn, wie zu sich selbst.
+
+»Du fühlst das?« Und beinahe überrascht sieht Harald sie an.
+
+»Ja ...« wiederholt sie leiser und wagt kaum die Augen zu heben.
+
+Und nach einer kleinen Stille hört sie ihn sagen: »Wie schön Du bist!«
+Und schauernd fühlt sie sich von ihm angeschaut.
+
+Und wieder: »Wie schön Du jetzt bist.«
+
+Mit ganz leisen, verhaltenen Bewegungen steht sie auf und wartet, bis er
+ruft: »Du warst nie so schön!«
+
+Aber diesmal erkennt sie seine Stimme nicht. Und unsicher geht sie von
+ihm fort und stellt sich ins Dunkel, wie unter den Schutz der Uhr, deren
+Atem ganz nahe geht. --
+
+»Wie Du gehst! Junge Mädchen gehen so.«
+
+Und sie steht zwischen den beiden Fenstern und horcht.
+
+Und er fragt sie: »Wie heisst Du eigentlich?«
+
+Sie rührt sich nicht, denkt aber: das Fieber, und fühlt eine grosse
+Erleichterung, aber zugleich ist ihr traurig, als ob ihr etwas wieder
+genommen würde, etwas kaum Geschenktes.
+
+Und er sagt: »Ja, ich habe Dich nie beim Namen genannt. Ich hab' ihn
+vergessen.«
+
+Eine Weile hört sie ihr Herz und wieder ihn. »Ich weiss jetzt: Edith
+heisst Du --« Und wenn es doch das Fieber ist, denkt sie und horcht.
+
+»Aber wie haben Dich die genannt, die ... die ... die Du lieb gehabt
+hast?«
+
+Sie weiss kaum, dass sie antwortet und mit einer anderen, jungen Stimme:
+»Edel.«
+
+Und er nimmt den Namen und liebkost ihn: »Edel -- ja, so musst Du
+heissen. Edel: das ist weiss, ganz weiss ... Aber Du hast ja immer noch
+das alte Kleid, das Kleid von gestern und vorgestern, das schwarze
+Kleid, das kranke Kleid ... Du bist ja nicht weiss. Du hast Deinen Namen
+verraten. Du darfst ihn nicht mehr verleugnen jetzt; geh, hol' Dir Dein
+weisses Kleid!« Sie klammert sich an den schwarzen Kasten der Uhr.
+
+»Geh!«
+
+»Morgen!...«
+
+Er hört nicht. »Worauf sollen wir warten? Schönheit will über uns
+kommen.«
+
+Und seine Worte drängen sie zur Thür, aber sie zögert noch.
+
+»Eil' Dich! Mach' Dich schön und komm bald. Indessen wird hier alles
+festlich sein. Alle Kerzen, alle Lampen werden brennen, wenn Du
+wiederkommst, weisse Edel!« Und da macht er eine Bewegung, als ob er
+sich erheben wollte. Und sie will hin zu ihm, will es verhindern, will
+mütterlich sein. Aber er steht schon da, stark, gross, die Arme wie
+Flügel und lacht ihr zu.
+
+Und jetzt gehorcht sie und geht.
+
+Und selig sieht er ihr nach. Und lächelt.
+
+Aber das Lächeln hat nicht Halt auf seinen schmalen Lippen. Wie die Uhr
+sich regt, fällt es ihm ab, und erschrocken deckt er sein leeres
+Gesicht mit den Händen zu. Und fühlt sie kalt. Und er ist allein, und
+das Dunkel ist gross und drückt ihn in den Stuhl zurück, in dem er stumm
+versinkt.
+
+So bleibt er, vielleicht lange.
+
+Denn als er zu sich kommt, ist Nacht.
+
+Seine Augen sind der schwarzen, schweren Dinge entwöhnt und gehen bang
+in der Stille umher. Plötzlich werden sie gross. Eine Thür bewegt sich
+und es kommt heraus, als ob Mondlicht ginge. Und vor dem Fenster sieht
+man: es ist eine Frau, ganz weiss ...
+
+Da wehrt sich Harald mit den hageren Armen und schreit, hässlich vor
+Angst, heiser: »Noch ... nicht! Walpurga!«
+
+Jemand hat Licht gemacht.
+
+Harald sitzt entstellt in den Kissen, den Kopf noch vorgestreckt, mit
+herabhängenden Händen. Und vor ihm steht Frau Malcorn, welk, in Atlas,
+mit Handschuhen. Und sie sehen sich mit fremdem Entsetzen in die toten
+Augen.
+
+ =Ende.=
+
+ GEDRUCKT BEI I. S. PREUSS,
+ BERLIN S.W., KOMMANDANTENSTR. 14,
+ IM NOVEMBER 1901.
+
+
+
+
+ [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei
+ jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile
+ steht.
+
+ Schloss, bitte, und diese Stadt und Ihre Haide da waren das nicht
+ Schloss, bitte, und diese Stadt und Ihre Haide da, waren das nicht
+
+ Du bist doch dabei, Bang?« Und er wartet die Antwort gar nicht ab.
+ »Du bist doch dabei, Bang?« Und er wartet die Antwort gar nicht ab.
+
+ Harald -- ja, auch Harald.
+ Harald -- ja, auch Harald.«
+
+ Marie. »Aber, wollen wir das nicht gleich durchsehen?«..«
+ Marie. »Aber, wollen wir das nicht gleich durchsehen?..«
+
+ Vorantritt gestorben sind -- es sei denn, sie lebten noch?«...«
+ Vorantritt gestorben sind -- es sei denn, sie lebten noch?...«
+
+ keinen Erfolg auf keiner Seite. Ich will einfach: Schönheit ...
+ keinen Erfolg auf keiner Seite. Ich will einfach: Schönheit ...«
+ ]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Die Letzten, by Rainer Maria Rilke
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE LETZTEN ***
+
+***** This file should be named 31199-8.txt or 31199-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ https://www.gutenberg.org/3/1/1/9/31199/
+
+Produced by Jana Srna, Carlos Valiente, mcbax and the
+Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+(This file was produced from images generously made
+available by Bielefeld University.)
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+https://gutenberg.org/license).
+
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.