diff options
| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 19:55:19 -0700 |
|---|---|---|
| committer | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 19:55:19 -0700 |
| commit | 57724bbe29d1dee0a51623f0b71d42e8a9101aa4 (patch) | |
| tree | f736b55aa0d2315eaa9ab7c8a25e78fe0f95d6f3 /31199-8.txt | |
Diffstat (limited to '31199-8.txt')
| -rw-r--r-- | 31199-8.txt | 2297 |
1 files changed, 2297 insertions, 0 deletions
diff --git a/31199-8.txt b/31199-8.txt new file mode 100644 index 0000000..9636477 --- /dev/null +++ b/31199-8.txt @@ -0,0 +1,2297 @@ +The Project Gutenberg EBook of Die Letzten, by Rainer Maria Rilke + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Die Letzten + +Author: Rainer Maria Rilke + +Release Date: February 6, 2010 [EBook #31199] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE LETZTEN *** + + + + +Produced by Jana Srna, Carlos Valiente, mcbax and the +Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net +(This file was produced from images generously made +available by Bielefeld University.) + + + + + + [ Anmerkungen zur Transkription: + + Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit = markiert. + + Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; + lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste + der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes. + ] + + + + + DIE LETZTEN + + RAINER MARIA RILKE + + IM GESPRÄCH + DER LIEBENDE + DIE LETZTEN + + BERLIN AXEL JUNCKER 1902 + + + + + DEM PRINZEN UND DER PRINZESSIN + VON SCHÖNAICH-CAROLATH + ZU HASELDORF + + + + +IM GESPRÄCH + + +Man kann gut denken, dass Bilder im Saale sind: tiefe, träumerische in +ruhigen Rahmen. Ein Giorgione vielleicht oder so ein purpurdunkles +Porträt von einem nach Tizian, etwa dem Paris Bordone. Dann weiss man, +dass Blumen da sind. Grosse erstaunte Blumen, die den ganzen Tag in +tiefen, kühlen Bronzeschalen liegen und Düfte singen: müssige Blumen. + +Und müssige Menschen. Zwei, drei oder fünf. Immer wieder streckt sich +das Licht aus dem Riesenkamin und beginnt sie zu zählen. Aber es irrt +sich immer wieder. + +Ganz vorn an der Feuerstelle lehnt die Prinzessin in Weiss; neben dem +grossen Samowar, der allen Glanz fangen möchte. Sie ist wie eine wilde +Farbenskizze, so hingestrichen im Sturm eines Einfalls oder einer Laune. +Mit Schatten und Licht gemalt aus irgend einer genialen Ungeduld heraus. +Nur die Lippen sind feiner ausgeführt. Als ob alles andere nur um dieses +Mundes willen da wäre. Als ob man ein Buch gemacht hätte, um auf eine +von hundert Seiten die stille Elegie dieses Lächelns zu schreiben. + +Der Herr aus Wien neben ihr neigt sich ein wenig vor in dem breiten +Gobelinstuhl: »Durchlaucht« -- sagt er und irgend etwas hinterdrein, was +ihm selber wertlos scheint. Aber die weichen Worte, die nichts bedeuten, +gehen über alle hin, wie eine Wärme, und Jemand sagt dankbar: »Deutsch +sprechen ist fast wie Schweigen.« + +Und dann hat man wieder eine Weile Zeit zu denken, dass Bilder da sind, +und welche. Bis Graf Saint-Quentin, der am Kamin steht, fragt: »Haben +Sie die Madonna gesehen, Helena Pawlowna?« + +Die Prinzessin senkt die Stirne. + +»Sie werden sie nicht kaufen?« + +»Es ist ein gutes Bild« -- sagt der Herr aus Wien und vertieft sich in +seine feinen, frauenhaften Hände. + +Und ein deutscher Maler, der irgendwo im Dunkel sitzt, fügt hastig an: + +»Ja, man könnte es um sich haben. Ich meine in der Wohnstube oder so.« +Und nachdem seine Worte ganz verklungen sind, neigt sich Helena Pawlowna +vor: »Nein« -- sagt sie und dann traurig: »Man müsste ihm einen Altar +bauen.« + +Ihre Worte tasten tief in den Saal hinein, wie Suchende. Pause. Da macht +die Prinzessin eine kleine bange Bewegung und will ihnen finden helfen. + +»Kasimir, soll ich die Madonna kaufen?« + +Weither kommt eine volle slavische Stimme, um sich zu wundern. + +»Sie fragen =mich=?« + +Pause. + +Und Helena Pawlowna bittet um Verzeihung: »Sind Sie nicht Künstler?« + +Antwort: »Manchmal, Helena Pawlowna, manchmal --« + +Wenn die silberne Uhr jetzt nicht geschlagen hätte, würde der deutsche +Maler geantwortet haben: »Aber« -- doch die silberne Uhr rief auf einmal +eine ganze Menge, und da gab er es auf. Besonders, da Graf Saint-Quentin +sagte: »Uebrigens sind Sie den ersten Winter in Venedig, Helena +Pawlowna?« + +»Ja. Aber ich kann mir nicht denken, dass es jemals anders war.« + +»Es ist seltsam. Diese alten Paläste sind so rührend in ihrem +Anvertrauen. Sie haben viele Erinnerungen. Und da ist Einem manchmal, +als ob man alle mit ihnen teilte. Nicht?« So sagt der Herr aus Wien und +schliesst die Augen dabei. + +Er sieht also nicht, dass Helena Pawlowna lächelt, während sie ergänzt: +»Sie haben Recht. =Eines= besonders: dass man nicht =hier= Kind war, kann +man gar nicht begreifen. Denken Sie: oft auf der Gasse oder in Gärten +geschah mir, ich müsste jemandem winken und ihm erzählen: Hier hab' ich +immer gespielt als Kind. Oder: hier in diese Kirche bin ich beten +gegangen, zu diesem Bild -- lauter, lauter Lügen.« + +Da kommt die Stimme Kasimirs traurig näher: + +»Und doch haben Sie nie jemanden gerufen, Helena?« + +»Oh, wer hätte mir denn geglaubt, Kasimir.« + +Pause. + +Und leise überlegt Graf Saint-Quentin: »=Darf= man nicht lügen in solchen +Fällen?« + +»Aus Sehnsucht einfach --« bestärkt der Herr aus Wien. + +»Aus Schönheit --« fühlt Graf Saint-Quentin. + +»Es schadet ja Keinem,« meint der deutsche Maler und steht plötzlich +auf. + +Da beginnt Kasimir: »Es ist ja ohnehin falsch, was man so hinter sich +hat. Glauben Sie, Graf, Sie sind in der Vendée Knabe gewesen und wild +und ungestüm? Meinen Sie, Herr, das war Wien, was um Ihr erstes Erwachen +herum war? Und Sie, Herr, dass dieses flache Land, von dem Sie oft +erzählen, wirklich Hintergrund aller Märchen war, wissen Sie das? Dieses +Schloss, bitte, und diese Stadt und Ihre Haide da, waren das nicht +vielmehr die Grenzen jenes Landes, in welchem Sie tief und innig lebten? +Bitte, hörte Ihr Besitz nicht dort auf, wo das Andere begann? Ging Ihre +Sonne nicht unter immer, wenn Sie das wirkliche Licht empfanden? Starben +die stillen Gestalten in Ihnen nicht an jedem Wort, das Ihr Vater zum +Beispiel zu Ihnen sagte? Und Dinge. Wurden die Dinge nicht wertlos im +Augenblick, da Sie erkannten, dass sie nicht Ihnen allein gehörten, +sondern so herumstehen, dass ein Jeder sie anfassen und benutzen kann +nach Laune? Ueberlegen Sie das, bitte. Ob man nicht alles echte Gold, +welches man hat, langsam in Scheine umwechselt. Wie? Und endlich hat man +lauter Anweisungen statt der Werte. Und wenn heute oder morgen der +grosse Krach kommt, dann ist man Bettler -- ist das nicht so?« + +Pause. + +Und dann Helena Pawlowna: »Mir ist, als ob Sie nicht alles Gold +umgewechselt hätten, Kasimir.« + +»Vielleicht, Helena Pawlowna, es kann sein, dass ich das gethan habe. +Aber dieses Gold gilt nicht im Leben, müssen Sie wissen. Es ist ausser +Kurs. Man muss Scheine haben und recht viele« -- + +Das macht den deutschen Maler ungeduldig: »Ja, ja --« sagt er, »da hört +man's ja wieder. Ihr seid Pessimisten, Ihr Slaven, unheilbare +Pessimisten. Wir haben das überwunden: wir lieben das Leben, und unsere +Kunst kommt mitten heraus.« + +Er macht ein paar Schritte zum Fenster hin und fügt von dort etwas +leiser hinzu: »Ich glaube doch, die Herren müssen mir recht geben. Sie, +Herr Graf; denn die Franzosen haben uns ja gerade manches gelehrt, was +das Leben betrifft. Wie? Na und Ihr in Wien ...« + +»Ja, ja,« antwortet der Herr mit den feinen Händen langsam, »es ist +wahr, wir in Wien, wir thun gerne so, als ob wir alles hätten -- Leben +-- und Kunst und --« + +Und Graf Saint-Quentin nippt von seinem Thee und ist so mit der feinen +Tasse beschäftigt, dass er nicht zum Antworten kommt. Wie er sie +hinstellt, singt sie eine Weile vor sich hin. + +Aber der deutsche Maler ärgert sich. Er fühlt sich so im Stiche gelassen +und hat die Idee, seine Sache retten zu müssen um jeden Preis. Er +beginnt also: + +»Darum habt Ihr ja auch eigentlich keine Kunst, Ihr Polen und so weiter. +Na, was Litteratur betrifft und so Zeug, kann sein. Man soll aus +Weltschmerz ja schöne Gedichte machen können und dann sentimentale +Musik, hm, Chopin, Tschaikowski, freilich. Aber davon versteh' ich +nichts. Was Malerei anlangt, ich meine, moderne --« + +»Oh, sehen Sie den Wereschtschagin --« + +Der Maler wehrt ab. + +»Oder Porträt: da haben wir jetzt in Wien den Pochwalski« -- der Wiener +wird ganz eifrig in dem Bestreben, die schroffe Behauptung des Anderen +zu dämpfen. Er möchte immer noch eine Liebenswürdigkeit darüber breiten, +und seine Hände zittern davon. + +Aber da sagt Kasimir schon: + +»Der Herr hat ganz recht. Wir haben keine Kunst.« + +»Vergessen Sie Ihren »Pan Tadeuz« nicht,« mahnt Graf Saint-Quentin. + +»Gerade an ihn denke ich. Und an die grossen Russen. Und an Tetmajer und +diese feinen jungen Poeten, die das Kranksein so schön machen. Sie +sehen, ich denke an Viele. Und dabei kommt heraus, dass wir =Künste= +haben, keine Kunst. Viele Sehnsüchte und keine Erfüllung. Vielleicht +ist das bei den Deutschen anders, ich weiss nicht. Aber dann müssen die +Deutschen sehr glücklich sein --« + +Die Prinzessin hat sich vom Kamin abgewendet. Ihre Augen rufen in das +Dunkel hinein. + +Und der deutsche Maler fühlt: jetzt geht wieder so ein Gespräch los, das +zu nichts führt. Es ist eine grässliche Art, dieses Geistreichsein. Und +dabei sind alle die Dinge so klar, so lange man nicht in ihnen +herumrührt. + +Und er schweigt, um die Sache nicht weiter auszudehnen. + +Wenn nur der Herr aus Wien nicht gefragt hätte: »Wie meinen Sie das?« +Dann wäre es ja wohl zu Ende gewesen. Aber natürlich fragt er. »Wie +meinen Sie das?« + +Nicht gleich antwortet Kasimir, und die Prinzessin Helena Pawlowna hat +Zeit, ihre Hände zu falten. + +Dann kommen wieder lauter weiche Worte aus dem Dunkel. Dann und wann +vernimmt man einen Schritt, als ob der Pole irgend ein besonders +ängstliches Wort ein Stück begleiten wollte in den Saal hinein. So +ungefähr: + +»Wir haben ja früher davon gesprochen, bitte. Kunst ist Kindheit +nämlich. Kunst heisst, nicht wissen, dass die Welt schon =ist= und eine +machen. Nicht zerstören, was man vorfindet, sondern einfach nichts +Fertiges finden. Lauter Möglichkeiten. Lauter Wünsche. Und plötzlich +Erfüllung sein, Sommer sein, Sonne haben. Ohne dass man darüber spricht, +unwillkürlich. Niemals vollenden. Niemals den siebenten Tag haben. +Niemals sehen, dass alles gut ist. Unzufriedenheit ist Jugend. Gott war +zu alt am Anfang, glaub' ich. Sonst hätt' er nicht aufgehört am Abend +des sechsten Tages. Und nicht am tausendsten Tag. Heute noch nicht. Das +ist aller Grund, den ich gegen ihn habe. Dass er sich ausgeben konnte. +Dass er fand, dass sein Buch zu Ende sei mit dem Menschen, und nun die +Feder fortgelegt hat und wartet, wie viel Auflagen es haben wird. Dass +er kein Künstler war, das ist so traurig. Dass er =doch= kein Künstler +war. Darüber möchte man weinen und den Mut verlieren zu Allem --« + +Da fällt die silberne Uhr ein, hell, zögernd, mit einem kleinen Zittern +in der Stimme. + +Man lässt sie ausreden, und hinter ihr beginnt der Pole, ganz +unwillkürlich leiser und heimlicher. + +»Ein Lied, denken Sie, ein Bild, welches Sie erkennen, ein Gedicht, das +Sie lieb haben, das alles hat seinen Wert und seine Bedeutung. Ich meine +für den, der es zum ersten Mal macht und für den, der es zum zweiten Mal +macht: für den Künstler und für den wahrhaft Schauenden. Denn es ist so: +der Bildhauer z. B. macht seine Statue für sich, allein für sich; aber +(und das ist das Mehr seiner Arbeit) er schafft ausserdem Raum für sie +in der Welt neben den anderen Dingen; und nur, wer imstande ist, das +Bild innerhalb dieses Raumes aus eigener Kraft zu wiederholen, der hat +es in Wahrheit und im Geiste --« + +Die Kaminglut beginnt dunkler zu werden. Hinter den goldenen Gittern +geschieht ein Stürzen und Zerstieben der breiten Pinienscheite. Es ist +eine Verwirrung, als brächen phantastische Paläste zusammen. + +Und mit dem Dunkel kommt der Pole näher und bringt seine immer leiseren +Worte mit. Wie Kinder, die Wünsche aufsagen sollen, sind sie: beschämt +und schön. + +»Diese Dinge also, Lied und Gedicht und Bild, sind anders als die +anderen Dinge. Sehen Sie das gütig ein, bitte. Sie =sind= nicht. Sie +=werden= jedesmal wieder. Darum geben sie die Freude, die unendliche. +Diese Macht. Dieses Bewusstsein von unerschöpflichen Schätzen, das sonst +von nirgends kommt. Darum heben sie hinauf. Ja, das thun sie. Sie heben +uns -- hoch -- bis zu Gott.« + +Der Graf von Saint-Quentin macht eine Bewegung, als ob er Platz schaffen +wollte für ein Wort. + +Auch der Herr aus Wien ist nah am Reden. Er liest angestrengt in seinen +Händen. + +Aber Kasimir hat das alles nicht bemerkt. Auch nicht, dass der deutsche +Maler sich damit beschäftigt, seine Finger auf einen kleinen Elephanten +aus Ebenholz zu setzen und reiten zu lehren. Elender Zeitvertreib. Wie +auf dem Land bei Regenwetter, so ungefähr. + +Währenddem hat Kasimir längst begonnen; man sieht jetzt, wie seine +dunklen Augen erwachen: + +»Helena Pawlowna, -- und jetzt sagen Sie selbst, bitte, ist das nicht +hoffnungslos? Immer nur bis zu Gott. Nie durch ihn durch. Nie über ihn +hinaus. Als ob er ein Felsen wäre. Und er ist doch ein Garten, wenn man +so sagen darf, oder ein Meer oder ein Wald -- ein sehr grosser --« + +Und da horchen alle in den Wald hinein. Die Prinzessin neigt sich weit, +weit vor, dem Polen entgegen. Als ob sie allein alle seine Worte wollte, +alle seine Worte -- auch diese folgenden: + +»Was muss man also thun, Helena, damit es nicht so traurig ist, das? +Nicht so sinnlos traurig. Jetzt sagen Sie mir's, Helena. Sie sagen -- +ich höre, -- etwa Das sagen Sie, Helena, nur besser, strahlender, als +ich es kann: man muss, sagen Sie, dort muss man anfangen, wo Gott +abliess, wo er müde wurde, dort muss man einsetzen. Wo ist das, Helena, +bitte? Im Leben ist das, beim Menschen. Nicht bei den Vielen, bei dem +=einen= Menschen, der einem entgegenkommt von Ewigkeit. Der Einem alles +das bringt, das Andere, was man noch braucht, um nie eine Not zu haben, +um beginnen zu können sorglos, verschwenderisch; -- denn das darf nicht +sein, Helena, wie ein flüchtiger Besuch von Mensch zu Mensch. Und die +Welt treibt unbekümmert daran vorbei. Das muss ein Fest sein, ein Jubel, +ein grenzenloser. Sie haben ein Bild dafür gefunden, Helena, so: zwei +Feldherren, die zu einander kommen auf den Höhen. In einem leuchtenden +Land. In Jerusalem vielleicht, in Aegypten oder am Ganges. Jeder mit +einem Heer hinter sich -- und jedes Heer die halbe Welt --« + +Da hat Helena Pawlowna sich erhoben. Hoch. Stille. Zwei Menschen stehen +einander gegenüber. Zwei Könige. Es ist eine Weile wie in Jerusalem +oder wie am Ganges. Und auch die Flammen hinter den goldenen Gittern +erheben sich und streuen Glanz weit aus. + +Der Graf von Saint-Quentin hat seinen Platz am Kamin verlassen und ist +im Begriff, sich leise zurückzuziehen. Der Herr aus Wien ist langsam +aufgestanden, und auch der deutsche Maler hat auf einmal begriffen: man +muss aufstehen in diesem Augenblick. Er ist maasslos erstaunt. Man +sprach doch über Kunst eben noch -- merkwürdig. Und da setzt er sich +auch schon wieder mit einer gewissen Erleichterung. Man muss reden, +denkt er, um Gotteswillen rasch, man muss reden. Das Erste-Beste. Er +strengt sich ungeheuer an. Ihm fällt nichts ein, als der arme kleine +Ebenholz-Elephant, den er in der letzten Viertelstunde abgerichtet hat; +aber es ist doch unmöglich, plötzlich von diesem Elephanten zu sprechen: +Herr Gott -- + +Da hört er den Grafen von Saint-Quentin, französisch: + +»Sie müssen verzeihen, Helena Pawlowna, wenn ich schuldig bin an diesem +Aufbruch --« und die feine Pendüle unterstützt ihren Landsmann. Sie +schlägt irgendeine endlose Stunde, den ganzen Abschied entlang, so dass +Keiner etwas sagen muss. + +Auch Kasimir nicht. Man kann sein Gesicht nicht sehen und nicht wissen, +ob er bleich ist. Aber seine Augen müssen müde sein. Das hat man so im +Gefühl. Und seine Hand zittert und ist schwer. Er verneigt sich tief vor +der Prinzessin, tief. Dann geht er, wie Einer, der nicht wiederkommen +wird an einen lieben Ort. Zögert bei jedem Schritt. Sieht allen Dingen +ins Gesicht mit so ernsten Augen. Aufmerksam. Damit er doch weiss, wie +alles war. + +Helena Pawlowna bleibt vor dem verloschenen Kamin. Sie horcht: nur die +kleine, silberne Uhr und die tickt atemlos, atemlos, als liefe sie +hinter einer Sekunde her, die viel, viel schneller ist. Und da langt die +Prinzessin zum Kamin hin nach einer kleinen, alten, goldenen Glocke, in +deren Griff winzige Bilder getrieben sind. + +Helena Pawlowna wird Licht befehlen, viel Licht. + + + + +DER LIEBENDE + + +Hermann Holzer geht in seiner langen, schmalen Stube auf und ab und +spricht seit einer halben Stunde. Ernst Bang liegt eben so lange auf dem +alten Studentensofa und betrachtet ihn. Manchmal hebt er ein wenig den +Kopf, wie um über die Worte des andern hinzusehen; denn diese +interessieren ihn nicht sonderlich. Der breite, blonde junge Mensch, der +immer auf demselben Fleck auf und nieder läuft, mit Schritten, als ob er +eine Anhöhe bestiege, scheint ihm viel wichtiger offenbar. Er möchte ihm +am liebsten zurufen: Bleib einmal stehen, bitte, damit ich dein Kinn +genauer sehe und deinen Mund ... + +Natürlich ruft er es nicht, aber trotzdem bleibt Hermann Holzer stehen, +versammelt sich vor dem engen Fenster und deckt mit seinem schwarzen +Rücken den Himmel zu und die Schornsteine und den ganzen +Sonntagnachmittag. Die Stube dunkelt hinter ihm. Und er sagt: »Hol der +Teufel das ganze Examen. Ich bin schon wahrhaft nervös, glaub ich. Ich +fange an, Euch Konkurrenz zu machen, lieber Bang. Nehmt Euch in acht, +wenn ich mal nervös werde, dann thu ichs gründlich, -- wie alles. Dann +seid Ihr Zwerge gegen mich.« Und er dreht sich so schnell um, dass er +ein ganzes Stück Licht mit seinem Lachen hereinreisst in die rauchige +Dachstube. + +Bang setzt sich wie erschrocken auf. Er ist sehr schlank und modisch +gekleidet. Jetzt besieht er langsam seine linke Hand und dann seine +rechte. Mit einem gewissen Eifer, als ob das ein Wiedersehen nach Jahren +wäre. + +Holzer geht schon wieder auf und ab. »Heute muss auch noch die Antwort +kommen, ob ich Aussicht habe, den Privatunterricht bei Holms zu +übernehmen. Davon hängt viel ab. Ohne diesen Zuschuss kann ich nicht +daran denken, zu heiraten.« + +Bang macht eine geräuschvolle Bewegung. Holzer wendet sich ihm +erwartungsvoll zu. Aber er erhält nur ein zerstreutes: »Ja, freilich +....« und fährt fort mit den Schritten und mit den Worten: »Ich denke +mir, dann erst wird's Ruhe geben. Dann wird man erst anfangen können, +was Vernünftiges zu arbeiten. Bis man so versorgt ist, sich um nichts zu +kümmern hat.« Pause ... und: »Helene versteht das ...« Pause. »Natürlich +werden wir irgendwo draussen wohnen ...« + +Er ist gerade wieder vor dem Fenster. + +Bangs feine Lippen wehren sich gegen ein Wort. Dann schlägt es nach +innen und treibt den jungen Menschen in die Höhe. Er steht eine Weile +ratlos, ehe er ein paar Schritte gegen den Freund zu macht. Als er neben +ihn tritt, sagt Holzer gerade: »Hör mal!« + +Ein trauriges, slavisches Volkslied weht wie Rauch den Lichthof herauf. +Es ist, als ob das Lied sich auf die Fussspitzen stellte, um über Dächer +und Türme zu schauen ... irgendwohin. + +Bang hebt unwillkürlich den Kopf und schliesst die Augen. + +»Weisst Du, was das ist?« lacht Holzer. + +Pause. Dann träumt Bang vor sich hin: »Heimweh ...« + +Holzer rüttelt ihn. »Der kleine Frosch vom Land da unten wäscht Geschirr +ab. Da singt sie immer dazu, immer dasselbe mit dieser dummen +verwaschenen Stimme. + +Jeden Nachmittag um halb vier. Sieh mal -- (er hält ihm die Uhr hin) +pünktlich, was? So ist jede Tageszeit hier bezeichnet. Ich könnte meine +Uhr ruhig versetzen: Leiermann, Drahtbinder, Gemüsemann, Lumpenweib: so +heissen meine Stunden. Und dabei arbeite Einer! Zudem giebt es auch noch +ein Vis-à-vis. Sieh mal .... nett, nicht?« + +Hermann Holzer verschwendet ein paar Kusshände, und aus seinem +befriedigten Lächeln kann man schliessen, dass sie nicht in den Hof +hinunterfallen. Dann kehrt er sich plötzlich ins Zimmer: »Darum heirate +man .... ehestens!« + +Bang macht eine Bewegung der Abwehr. + +Hermann Holzer bemerkt es, sieht ihn einen Augenblick an und langt sich +eine Cigarette vom Tisch her. + +»Willst Du nicht, Bang?« + +»Danke.« + +Und Holzer zündet in aller Behaglichkeit eine Cigarette an. Dann sagt +er, während er das benutzte Zündholz heftig hin und her bewegt, als ob +er irgend etwas durchstreichen wollte, was in der Luft geschrieben +steht: »Hm? --« + +Bang schaut zum Fenster hinaus. Mit den kleinen, unteren Vorderzähnen +quält er sein blondes Schnurrbärtchen. + +Pause. + +Hermann Holzer geht schon wieder auf und ab und raucht mit unglaublicher +Heftigkeit. Plötzlich bleibt er stehen, und seine Stimme bohrt sich +durch den Qualm: »Farbe, Farbe, lieber Bang. Rot oder grün? Was ist +los?« + +Ernst Bang kommt näher, und seine Hand sieht lächerlich zart aus auf der +ruhigen, runden Schulter des anderen. Er betrachtet seine Schuhe, seinen +linken besonders, und spricht dabei: »Ich bin überzeugt, Du wirst mich +nicht missverstehen, Hermann ....« + +Holzer wird unruhig: »Muss es denn so feierlich sein? Heraus damit! Herr +Gott, umgebracht hab' ich keinen ... also ...« + +Bang hebt seine Augen, und sie sind ordentlich schwer von Trauer. + +»Oder doch?« lacht Holzer. + +Da tritt Ernst Bang zurück zum Fenster, und es wird wieder Raum für das +armselige Heimwehlied. Mitten hinein in die kleine ängstliche Melodie +streut Bang die langsamen Worte: »Nimm mir's nicht übel, Hermann, aber +... Du ... zerbrichst ... sie ...« Pause. + +Hermann Holzer nimmt die Cigarette aus dem Mund und legt sie leise auf +den Rand des Tisches. Der feine Rauch steigt steil auf inmitten der +Stube. Unwillkürlich folgen beide mit den Blicken dieser ruhigen, +feierlichen Bewegung. Da nimmt Holzer einen Stuhl in die Hände und +versucht, ihn zu heben. Auf einmal lässt er ihn fallen und schreit in +das Gepolter hinein: + +»Du bist wohl verrückt?« + +»Lass uns ruhig darüber reden, bitte ...« + +Bangs Stimme zittert ein wenig. + +Aber Holzer ist noch nicht so weit: »Ich ... zerbreche ... sie ...« +wiederholt er mit Betonung, als müsste er diese Worte auswendig lernen. +Immer von neuem beginnt er: »Ich zer ...« + +»Hermann ....«, bittet der Andere. + +»Ich zer ....« Und Holzer lacht auf einmal zügellos. Man muss es im +ganzen Hause hören. Endlich geht ihm das Gelächter aus und er sagt +mühsam, mit dem letzten Atem: »Willst Du mir vielleicht -- erklären +...?« + +Darauf hat Bang gewartet. Er beginnt leise, wie nach guter Vorbereitung. +Man kann seine Augen nicht sehen. »Du erinnerst Dich doch, wie Du Helene +kennen gelernt hast? Es war bei mir an einem jener lustigen Abende. Das +heisst, für Euch war er lustig; für mich und für Helene war es ein +Abschied, wenn Du willst -- ein Abschiedsfest. Aber ... na also: etwas +Wehmütiges jedenfalls. Du hast das nicht bemerkt? -- Ich weiss. Zum +Schluss haben wir beide es wohl selber nicht mehr gewusst. Wie das so +geht. Das Leben ist rasch ....« + +Holzer macht eine Bewegung der Ungeduld. + +»Nur einen Augenblick, Hermann. Es ist notwendig, von jenem Abend zu +reden. An jenem Abend ...« Bang kommt ein paar Schritte näher und sucht +die unruhigen Blicke Holzers zu halten. + +»Du hast mich nie gefragt, wie ich eigentlich zu Helene ....« + +Holzer weicht ihm aus, gereizt: »Aber das geht mich ja gar nichts an +...« + +Bang lächelt: »Mag sein. Ich möchte trotzdem weiter erzählen ...« + +Holzer wirft sich auf das Sofa, dass alle Federn krachen. Der +kreischende Misston liegt eine Weile in der Luft. + +Ernst Bang vertieft sich wieder in die Betrachtung seines linken Schuhes +und erzählt: + +»An jenem Abend also hab' ich Euch alle zu mir gebeten, um so eine Art +Verlobung zu feiern ....« + +Die Federn des Sofas werden unruhig. + +»Es war mir nämlich klar geworden, dass es doch etwas Anderes ist als +einfach Kameradschaft, was mich an Helene band. Ich ging also mit mir zu +Rate und beschloss, sie zu heiraten. Ich übersah nicht die +Schwierigkeiten, welche meine Familie mir bereiten würde; ich vergass +nicht, dass ich meine Karrière durch diesen Schritt beschränkte. Ich +rechnete mit diesen Dingen, also waren sie kein Hindernis. Aber im +letzten Augenblick, eine halbe Stunde ehe Du damals bei mir eintratest +...« + +Ein Ruck in den Polstern des Sofas. + +Bang sieht hin, aber Holzer liegt ganz ruhig, und Bang vollendet also: +-- »Da zeigte sich ein Hindernis, das ich nicht erwartet hatte.« + +Pause ... »Na, und als Ihr kamt, da wusste ich es schon -- und Helene +...« + +Auf einmal sitzt Hermann aufrecht und wendet seine lauernden Augen gegen +den Sprechenden: »Sie hat Dich abgewiesen?« + +»Hm«, macht Ernst Bang ungewiss, als ob er etwas anfügen wollte, und +denkt: Man sollte das Fenster öffnen vielleicht, nur eine Weile ... + +Inzwischen bricht die Dämmerung über die beiden herein. Jetzt erst +zündet sich Bang eine Cigarette an und geht auf und nieder. Ganz anders +als Hermann. Langsam, in einem gewissen Erwarten, sich wiegend. Er fühlt +sich besonders erleichtert offenbar, denn später sagt er leichthin: +»September! Wie bald es schon dunkel wird.« + +Wirklich, es ist ganz dunkel. Man kann nur mit Mühe erkennen, dass +Holzer am Rande des Sofas sitzt, den Kopf in die Hände gesenkt. Er +ändert diese Stellung nicht und darum klingen seine Worte so dumpf in +der Frage: »Das ist mir nicht klar, Bang, was mich das alles angeht, +was ich dabei soll?« + +Ernst Bang bleibt stehen. Da wird die Stille auf einmal schwer, schwer. + +Holzer reisst die Hände vom Gesicht und schreit: »Ich zerbreche sie? +Warum?« + +»Ruhig, ruhig ...,« beschwichtigt Bang. + +Aber Holzer springt auf. Er thut plötzlich wie Einer, der im Traum +gelähmt war. Er streckt seine Arme, er probt seine Gelenke und will +seine Stimme hören: »Warum?« + +»Sieh sie Dir mal an, Hermann«, bittet Bang, selbst ein wenig +mitgerissen. »Wie blass sie ist. Sie wird Dir krank werden, Du wirst +sehen. Du quälst sie.« + +Da legt ihm Holzer die Hand auf die Schulter. Und sie wird immer +schwerer während dieser Worte: »Du weisst nicht, was Du sprichst, Bang. +Ich thue für Helene alles, was ich kann, weisst Du. Alles mögliche. Nur +Phrasen mach' ich keine. Das will sie auch nicht. Also, was quäl' ich +sie?« + +Bang weiss nichts zu erwidern. + +Und langsam spricht Holzer weiter: »Wir sind Kameraden -- einfach. So +gehört sich's. Wenn ich sie in der letzten Zeit manchmal vernachlässigt +habe, so war die Arbeit daran schuld. Sobald sie ihr Kind haben wird, +ihre Arbeit, wird sie mich auch vernachlässigen. Das ist so.« Pause. + +Ernst Bang hat seine Cigarette ausgehen lassen. Er knöpft unruhig an +seinem schwarzen Gesellschaftsrock; seine Hände sind sehr weiss. Dann +hört man wieder die Stimme Holzers. Sie wird immer ruhiger und bekommt +immer mehr heitere Ueberlegenheit. + +»Ich finde übrigens gar nicht, dass sie schlecht aussieht. Alle Mädel +sehen so aus um die Zeit. Das wird schon besser werden. Du kannst Dich +darauf verlassen.« Pause. »Aber das ist so Eure Art: Sensation um jeden +Preis. Nichts ruhiges. Lauter Trapezgefühle; und man wartet immer, ob +sie nicht im nächsten Augenblick den Hals brechen. Ich kenne das. Aber +man fällt Euch immer wieder hinein auf Eure Empfindelei.« + +»Die Dinge sind vielleicht doch nicht so einfach.« Bang sagt das fast +pfeifend. + +»Gewiss, weil Ihr sie nicht einfach wollt.« + +»Oh wollen --«, macht Bang, »überhaupt: wollen ...« und er schaut über +alles weg ins Grenzenlose. + +»Na ja, da wären wir ja glücklich wieder.« Holzer ist fast fröhlich +jetzt. Er zündet die Lampe an und verneigt sich dann vor dem Freunde: + +»Euer Hochwohlgeboren erlauben: Mein Name ist Holzer. Das ist wörtlich +zu nehmen. Mein Vater selig war nämlich der »alte Holzer«. Sie können +von ihm hören im Dorf drunten. Die meisten werden sich an den breiten +Bauer erinnern, den Holzerbauer. Und ich hab' auch noch was aus seinem +Blut, hoff' ich. So was Grades, Eichenes ...« + +Ernst Bang fühlt sich durch das grelle, gelbe Licht der Lampe gestört: +»Ich denke, ich gehe jetzt.« + +Holzer lacht: »Wie Du willst. Aber damit die Lektion in Gottes Namen +doch einen Schluss hat, sag' mir doch schnell, was ich, nach Deiner +Meinung, in diesem Fall zu thun habe?...« + +Bang macht eine Bewegung, so, an allem vorbei. + +»Sprich, die ganze Kultur steht hinter Dir, bedenke!« Und er nimmt dem +Zögernden den Hut wieder aus der Hand und begütigt, in anderem Ton: + +»Wirklich, Ernst, Freund zum Freund. Du hast mir Deine Ansicht gesagt +und, so sonderbar sie sein mag, ich bin Dir dankbar dafür. Ohne Zweifel +hast Du auch einen Rat mitgebracht. Ein Medikament gegen das gefährliche +Uebel, wie? Ihr seid ja alle Aerzte, Ihr modernen Menschen.« + +Bang versucht zu lächeln. + +»Ich bin gespannt. Was soll ich thun, Ernst? Was soll ich sagen?« + +Und da wird Bang wieder sehr ernst. Er kommt ein paar Schritte zurück +und antwortet sehr hastig: »Sagen? Hm. Ich glaube, es ist Deine Sache, +einfach zuzuhören ...« + +Auch Hermann lacht nicht mehr: »Ich versteh' Dich nicht ...« + +»Nun, -- Helene ist von denen, die sich aussprechen müssen um jeden +Preis ...« Pause. »Es könnte ja sein, dass Helene Dir etwas zu erzählen +hat ... von ... früher ...« Pause. + +»So«, sagt Holzer dann kurz und begleitet den Andern an die Thür. + +Da tritt Helene ein, gerade den Beiden entgegen. + +»O«, macht sie, als sie Ernst Bang erkennt, und Holzer lacht: »Eine +Ueberraschung, was? Alte Freunde?!« + +»Ja --«, versucht Helene und geht an Bang vorbei. + +Da hat Hermann einen Einfall, ganz unvermittelt offenbar. »Du hast doch +wohl noch Zeit?« Eigentlich klingt das für eine Frage recht entschieden. +Unwillkürlich bleibt Bang stehen. Er sieht, wie Hermann das Mädchen bei +der Hand nimmt und in den hellen Kreis der Lampe zieht, und es kommt ihm +unerhört brutal vor. Dann hört er ihn sagen: »Blass? -- Bist Du blass, +Helen'?« Pause. + +»Möglich, dass das die Lampe macht; es ist ein ungünstiges Licht. Aber +Du fühlst Dich doch wohl?« Pause. + +»Dieser Herr da sagt nämlich ...« + +Helene macht eine Bewegung, als ob sie flüchten wollte. Ernst Bang fühlt +sich auf einmal vollkommen unbeteiligt, Zuschauer. Er möchte bequem +sitzen, um nichts von dem zu verlieren, was kommt. Also: + +»Dieser Herr sagt: Ich zerbreche Dich?« Pause. + +Ernst Bang denkt: »Zu schleppend ist diese Szene. Flotter, bitte!« + +Pause. Dann, sehr laut: »Ist das wahr?« + +Heftiges Weinen. + +Ernst Bang macht zwei Schritte; er hat die Empfindung: Schluss! Man kann +gehen. Es kommt nichts mehr. + +Aber das ist ein Irrtum; es kommt noch etwas: Hermann Holzers +Riesenlachen. Und hinterdrein: »Kinder seid Ihr, richtige Kinder. Ihr +beide. Du Helen' und der da. Gott sei Dank, dass wir jetzt beisammen +sind, sonst thätet Ihr jeder was Sentimentales. Ich seh's Euch an. -- +Wir wollen auch beisammen bleiben heute und irgend etwas feiern; es wird +sich schon was finden lassen.« + +Pause. Helene neigt sich mit halbgetrockneten Augen zu Hermann und +flüstert ihm etwas zu. Er versteht nicht gleich. Dann lacht er: »Wir +beide allein? Gott bewahre! Kinderei! Im Gegenteil, was ich jetzt zu +sagen habe, muss Ernst mithören. Leg' nur Deinen Hut fort, mein Lieber.« + +Und als Bang keine Anstalten macht, fügt Holzer an: »Wenn ich Dich darum +bitte.« Und da auch das nichts hilft, braucht er ein letztes Mittel: +»Helen' will es auch, -- nicht wahr?« + +Und da wird eine Stille um ein kleines, farbloses »Ja« herum. + +Langsam kommt Ernst Bang näher. Er sieht unglaublich müde aus, und +Holzer denkt, zur Beruhigung: »Es ist ein ungünstiges Licht ... so eine +Lampe ...« + +Dann zieht er das Mädchen auf seinen Schooss und scherzt: »Nun, kleine +Frau, hast Du mich lieb? Und zerbrech' ich Dich nicht?« Da klammert +sich das kleine, blonde Mädchen an seinen Hals an, mit einem Ungestüm, +das ihn staunen macht. Eine Weile fühlt er sie weinen. Aber das können +keine tiefen Thränen gewesen sein; denn als er das zarte Gesichtchen in +die Höhe zwingt, atmet ihn eine strahlende Seligkeit an, deren er sich +gar nicht zu entsinnen weiss. + +Bang steht auf einmal am Fenster und zählt die schwarzen Schornsteine. +Er will sich draussen beschäftigen um jeden Preis; dennoch hört er Wort +für Wort: + +»Jetzt ist es ja bald überstanden, Kind. Wenn heute Nachricht von Holms +kommt, so können wir heiraten, gleich nach dem Examen.« Pause. + +»Du willst doch?« + +Ein glückseliges Lachen. + +»So feiern wir heute die Zukunft.« Pause. + +»Du bist doch dabei, Bang?« Und er wartet die Antwort gar nicht ab. +»Noch eines feiern wir, richtig: Deine Kultur, Bang. Wir sind drei +moderne Menschen, drei Menschen ohne Vorurteile, nicht? -- Wir +dekretieren hiermit: es giebt keine Vergangenheit. Die Vergangenheit +leugnen wir einfach.« + +Ernst Bang ist rasch näher gekommen, wie um zu retten; er hört noch: + +»Wer von der Vergangenheit spricht, lügt. Abgemacht.« + +Helene ist sehr blass. + +Hermann hat es nicht bemerkt. Eben hat jemand draussen geklingelt, und +er beeilt sich, zu öffnen; es könnte von Holms sein. Helene erreicht ihn +noch an der Thür. Ihre Lippen brennen. Es ist ein letzter Versuch. + +Aber Holzer hält sich die Ohren zu und lacht laut. + +Da lässt sie ihn los, lässt ihn los -- und kommt langsam zur Lampe +zurück, ganz ruhig. + +Bang steht an der anderen Seite des Tisches, und die Lampe singt +zwischen ihnen merkwürdig laut. + +Einmal schaut ihn Helene an mit traurigen, hilflosen Augen. Und Ernst +Bang hebt ein wenig die Achseln, unmerklich. + +Das ist alles. + + + + +DIE LETZTEN + + +Der Tag wird immer verlegen in der kleinen Mietswohnung, in welcher so +schwere, unverständliche Möbel stehen. Aber die Dämmerung begreift +alles. Sie weiss, dass das Vergangenheit ist, was da in Stühlen und +Schränken und Bildern sich erhält, und dass die engen Stuben, drei +Treppen hoch, schuldlos sind an dieser fremden Vergangenheit, wie +Menschen, deren Gesicht von irgend einem Vorfahr den Namen eines Gefühls +geerbt hat, das sie mit ihren eigenen schwächeren Herzen gar nicht zu +tragen vermöchten. + +Die beiden Fenster führen den roten Abend herein, der über die Dächer +kommt und leise zu den wartenden Dingen tritt, welche ihn schweigend +empfangen. Am freudigsten nimmt ihn die schmale, mit Säulen geschmückte +Kommode auf, die wie ein kleiner Altar ist: mit all dem Silber und Glas +auf ihr lächelt sie ihm zu. + +Marie Holzer steht gerade vor dieser Kommode. Sie hält von den kleinen +Miniaturen, welche da neben den massiven Armleuchtern aufgestellt sind, +eine nach der andern in den Abend und betrachtet jede aufmerksam. Dabei +ist ihr junges, helles Gesicht ernst und nachdenklich. Für eine Weile +wendet sie es einer Dame in Schwarz zu, die, nah bei ihr, auf dem +Fensterplatze sitzt und vor sich hinsieht, ohne dass ihre grossen Augen +etwas halten. Und so kann Marie Holzer sie ruhig anschauen, als wäre +auch das ein Bild: dieses Gesicht, dem man kein Alter zu geben wagt, +obwohl es nicht jung ist, diesen feinen Mund, der von wehen Erinnerungen +bewegt, ein unsichtbares Leiden überwindet, und dieses Haar, von dem man +zu wissen glaubt, dass es schwer ist. Und vor allem die Vornehmheit +dieser zarten, stillen Gestalt, die geduldige Ruhe dieser schwarzen +Schultern, auf denen das schlichte Nutzkleid wie eine Würde liegt. + +Jetzt erhebt die schlanke Uhr, die fast verheimlicht zwischen den +Fenstern steht, ihre zitternde Stimme und sagt feierlich sechs Schläge, +von denen sie jeden anders betont; Marie Holzer lässt sie ganz ausreden +und wartet auch noch das Geräusch ab, mit welchem die geteilte Stille +sich hinter dem letzten Schlage wieder schliesst. Dann sagt sie: +»Merkwürdig.« Und nimmt wieder ein Bild von der Kommode und wiederholt: +»Merkwürdig.« Da erschrickt die Frau am Fenster: »Sie haben etwas +gesagt, Marie?« Das Mädchen stellt zuerst die Miniatur wieder an die +alte Stelle, ehe es antwortet. »Gesagt? -- Eigentlich nicht. Es ist nur +so seltsam.« Die Dame sieht flüchtig über den Abendhimmel hin und fragt +leise: »Was denn, Kind?« + +»Dass man hier bei Ihnen immer so anders wird. So eigentümlich fromm. +Man ist immer wie zum allererstenmal hier. Man kann das Staunen nicht +verlernen.« Pause. Sie biegt die Arme in jungmädchenhafter Art hoch +zurück und bettet den Kopf hinein, wie man es wohl während eines leisen +Traumes thun mag, den man tief, mit allen Sinnen geniesst. Ihre Augen +sind auch geschlossen, als sie fortfährt: »Und das giebt es hier, mitten +in der Stadt, hoch in diesem lauten, alltäglichen Zinshaus, in dem +nüchterne, unwichtige Menschen wohnen. Ueber ihnen ist dieses Seltsame. +Sie tragen es gleichsam auf ihren Köpfen und ahnen nichts davon.« Sie +lässt die Arme fallen. »Nein, sehen Sie, Frau Malcorn, dass es so etwas +giebt!...« + +»Aber was denn eigentlich, Kind?« + +»Alles das: diese Bilder und diese Dinge und Sie, Frau Malcorn, und +Harald -- ja, auch Harald.« + +Frau Malcorn schüttelt leise den Kopf. »Sind denn einsame Menschen so +anders als --« + +»Einsame Menschen? -- Ja. Vielleicht. Aber das ist es nicht allein.« +Marie Holzer geht zu dem anderen Fenster hin. Und dann: »Sie sind nicht +einsam eigentlich. Sie leben unter vielen, bloss nicht unter uns, nicht +unter uns heutigen. -- Sie haben so viel Bilder hier. Sie haben mir ja +schon oft gesagt, wer alle diese Menschen waren. Diese traurigen Frauen +alle und diese feierlichen Herren. Und ich weiss auch, dass sie längst +gestorben sind. Manche vor zweihundert Jahren, manche noch früher. In +Frieden gestorben, -- aber -- wissen Sie auch wirklich, dass das alles +nur Bilder sind?« + +Wie beunruhigt durch die leise Furcht, die diese Frage des Mädchens vor +sich herjagt, steht Frau Malcorn auf und kommt zu Marie. Und während sie +eine Hand auf Mariens Schulter legt, streichelt diese leise die andere +Hand. »Sie sind so zart, so blass. -- Als ob viele Menschen von ihrem +Leben mitlebten.« Pause. »Alle diese ....« + +Man erkennt schon kaum mehr die furchtsame Bewegung, mit welcher Marie +in das Zimmer weist. So dunkel ist es geworden. Und in das Schweigen +wirft sich von draussen der Sturm. + +Aber da beginnt Marie Holzer laut und in anderem Ton: + +»Sie müssen sich schonen, Frau Malcorn. O, verzeihen Sie, wenn ich so +spreche. Ich fühle mich manchmal älter, wie Ihre ältere Schwester.« + +»Und sind doch so jung?« lächelt Frau Malcorn und küsst sie auf die +Stirn. + +»Ja, ich bin jung. Und ich bin dessen froh. Ich fühle so viel Kraft in +mir. Ich möchte so vieles thun.« Und da ist eine Ungeduld in ihren +Händen, als ob sie sie gleich an alles Werden legen wollte, das zu +langsam geht. + +Dabei erinnert sich Frau Malcorn: »Das hat Harald auch immer gesagt: Ich +habe so viel Kraft in mir.« + +»Das hat er! Das hat uns zusammengeführt! Zusammengetrieben! Dieses +Gefühl von Kraft.« Und Marie erzählt atemlos: »Gleich damals, als ich +ihn zum erstenmal sprechen gehört habe, in der Versammlung. Viele +hatten vor ihm gesprochen. Ich weiss noch: es handelte sich um die +Organisation eines Hilfsvereins zur Unterstützung der Arbeitsunfähigen, +ihrer Frauen und Kinder. Die anderen hatten so trocken und von oben her +die Sache erörtert. Man sah ihnen an, sie waren satt und kannten die +Sorgen vom Hörensagen. Man war müde geworden dabei. -- Da kam er! Wie +ein Sturm war das. Wie ein Erwachen bei Feuerschein! Nicht mehr von der +Versorgung dieser paar armen Menschen war die Rede. Als sollte Raum +werden für ein neues Geschlecht, mitten unter uns, rücksichtslos.« + +Marie Holzer holt tief Atem und macht eine Bewegung, als stellte sie +etwas in das Dunkel, als Ziel für ihre hellen, seligen Augen. »O Frau +Malcorn, ich sehe ihn immer so vor mir. Er war gross geworden, -- gross. +Und seine Stimme hing über den Unschlüssigen wie ein Schwert. +>Kleingläubige,< -- rief er -- >Kleingläubige!< -- Und da kam sein +Glauben über mich. Dieser Glaube eines Kindes oder eines Märtyrers. Er +hatte seine Hände erhoben, und es war, als hielte er etwas in den Saal +hinein, was uns blendete. Unsere Schatten waren auf einmal schwer, +fielen uns ab und wir standen da: Licht von seinem Licht, Herz von +seinem Herzen ....« + +Unter den allzugrossen Wonnen sucht Marie nach etwas Sagbarem, und merkt +nicht, wie Frau Malcorn ihr horchendes Gesicht in den Händen verbirgt. +Endlich erzählt sie weiter. + +».... Und dann, als alle gingen, drängte ich mich durch. So, mit den +Ellbogen, mit den Fäusten, wie's kam. Ich hätte den gewürgt, der mich +gehalten hätte. Zu ihm. Er sah gar nicht müde aus. Nur ruhiger, dunkler. +Ich konnte nichts sagen, nicht eine Silbe. Ich hatte Weinen im Hals. +Mich schwindelte. Ich griff nach ihm, ins Unbestimmte. Er nahm meine +Hand und wärmte sie in seinen beiden. Und hielt sie. Und fragte: >Du +willst mir helfen?< Da hab' ich mit einemmal weinen können; nie früher +hab' ich's gekonnt, -- auch nicht, als meine Mutter starb. Aber damals. +-- Und es war so gut!« + +Hier unterbricht sie ein heftiges Schluchzen. Sie wird fast mütterlich, +als sie zu der Weinenden tritt, leise den Arm um ihre zuckenden +Schultern legt und bittet: »Aber! -- Das ist doch eine Freude, Frau +Malcorn, nicht?« + +Sie fühlt, dass die Andere eine bejahende Bewegung macht. »Also, sehen +Sie ...« + +»Aber auch eine Angst.« Und Frau Malcorn beschwichtigt ihre Thränen. + +»Wie?« + +»Er war nie so früher. Er war früher viel bei mir ... Früher war er gern +zu Hause ...« + +»Ja sehen Sie --« sagt Marie rasch mit ihrer breiteren Stimme -- »da +müssen Sie schon freigebig sein. Er hat Reichtum für viele. Alle +brauchen etwas von ihm. Er ist die Seele von allem. Begreifen Sie das?« + +»Ja,« sagt Frau Malcorn, wie gestrafte Kinder ja sagen. + +»Er ist reicher als wir alle. Er nimmt Ihnen nichts fort, auch wenn er +hundert Andere beschenkt. Fühlen Sie das?« + +Dasselbe Ja. + +»Er ist ein König ...« + +»Aber er meidet mich.« Und trotz Mariens abwehrender Geste beharrt sie, +die zarte Frau. »Ja, ja, ja, er meidet mich, Marie. Mich und die Stube +hier und überhaupt ...« + +»Aber, liebe ...« + +Frau Malcorn drückt das Gesicht an die starke, bewegte Brust des +Mädchens und klagt, wie vor sich selbst beschämt: »O, warum hasst er +mich?« + +»Um Gotteswillen, Frau Malcorn, Sie versündigen sich ja! Wissen Sie, wie +Harald von Ihnen spricht?« -- + +»Wie von einem Traum. Wie von einem Märchen, von dem schönsten Märchen, +das man als Kind gehört hat und das man wiederfindet in jedem Schönen, +immer und immer.« Ganz weich ist Mariens Stimme jetzt, ganz sanft. + +»Wirklich?« Zaghaft hebt Frau Malcorn die verweinten Augen. + +»Wie von einem Kleinod, das man am sichersten Platz verwahrt hält, -- +wie von einem Feiertag.« + +»O, mehr, mehr!« + +»Ich hab' Sie doch schon so lieb gehabt, Frau Malcorn, lang, ehe mich +Harald zu Ihnen führte. Lang, bevor ich Sie kannte. Woher sollte mir das +gekommen sein?« + +Ungeduldig und glücklich, bittet die zarte Frau: »Was hat er Ihnen von +mir erzählt?« + +»O, alles. Von seiner Kindheit. Wie die Tage waren. Und was Sie ihm am +Abend vorlasen. Und welches Kleid Sie in die Kirche trugen ...« + +»Das schwarze mit dem Spitzeneinsatz, -- ja?« + +»Eben das. Oft unterwegs begann er davon zu sprechen. So, unvermittelt. +Und seine Stimme war ganz anders dann, wärmer ...« + +»Nicht wahr? Seine Stimme kann seltsam werden?...« + +»Ja. So, als ob sie weit her käme ...« Pause. + +»Sehen Sie, Marie, einmal war Harald so wie diese Stimme ... Eh' das ihn +erfasste, das Fremde, Neue, Unruhige, das ich nicht begreife ...« + +»Eh' er ein Mann wurde, Frau Malcorn; eh' er einen Beruf auf sich nahm, +eine Pflicht, -- eh' er ins Leben sprang, Frau Malcorn.« + +»Ja,« nickt Frau Malcorn traurig -- »ins Leben ...« + +»O, fürchten Sie nicht für ihn! Er ist Einer, der es über sich hat, das +Leben. Es ist keine Gefahr für ihn. Er hat es umgenommen wie einen +Mantel, wie einen Purpurmantel ...« + +»Das Leben?« fragt die Andere befremdet. + +»Das moderne Leben, ja. Dieses ungestüme, stündliche Werden. Diese Hast +eines Frühlingssturmes: alle Himmel über einem Tag. O, Sie glauben gar +nicht, wie lieb man es hat, wenn man erst mitten drin steht. Wie man +sich eins fühlt mit ihm ...« + +»Wissen Sie das durch sich selbst, Marie?« + +»Ja, Frau Malcorn. Ich gehöre ihm ja ganz. Das Schicksal hat mich so +mittenhinein geworfen. Zeitig schon, als meine Mutter starb. Das +Schicksal und -- die Sehnsucht ...« + +»Sehnsucht, wonach?« + +»Nach Macht.« + +»Macht?« + +»Ja, über sich und -- über das Leid.« + +Pause. »Sie haben Ihre Mutter lieb gehabt?« + +»O ja. Aber wir waren sehr arm. Wir haben nie Zeit gehabt, es uns zu +sagen. -- Ich glaube, sie hat es nie gewusst.« + +Pause. Und Marie Holzer fühlt eine Bangigkeit kommen. Und sagt rasch, +wie jemand, der sich versprochen hat, nie traurig zu sein: »Aber wollen +wir nicht die Lampe anzünden?« + +»Ja, bitte, Marie. Uebrigens sollte doch Harald schon zurück sein!« + +»O, Sie wissen ja, wie das geht.« + +»Aber es ist halb sieben?« + +Marie hat hinten auf der Kommode die Lampe angezündet und bringt sie zum +Sofatisch, wo man abends zu sitzen pflegt. + +»Er wird jemanden getroffen haben,« beruhigt sie, und ihr Gesicht, das +sich über die Lampe neigt, beweist, dass sie nicht besorgt ist. »Oder er +holt sich noch irgend etwas aus der Bibliothek.« Sie ist froh, noch eine +Erklärung seines Ausbleibens gefunden zu haben. + +Aber Frau Malcorn versteht es anders: »Diese Bücher --« klagt sie -- +»diese vielen grossen Bücher!« + +Marie lacht. »Ja, das ist seine alte Leidenschaft.« + +»Und er liest so lange. Jede Nacht bis eins oder zwei.« + +»Er lebt zwei Leben. Eines nach vorn und eines tief zurück in die +Vergangenheit. Das macht ihn so, -- so breit ...« + +Frau Malcorn, die noch immer nicht in den Kreis der Lampe kommt, steht +irgendwo im Dunkel, unter den Dingen. Sie scheint die letzte Erklärung +nicht gehört zu haben. »Ich schleiche oft bis zur Thür und schaue durch +die Spalte: immer noch Licht. Ich wage nicht zu rufen. Aber ich horche +immer ...« + +»Ja, ja, er liest gern laut,« sagt Marie oberflächlich, zieht die +Fenster-Vorhänge zu und vollendet damit den Abend. Und der Kreis der +Lampe wird ruhig und rund. + +Aber da flüstert Frau Malcorn, als ob das ein Geheimnis wäre: »Er +hustet.« + +»Na --« macht die Holzer, »-- das Wetter ist auch danach.« + +»Nein, nicht so. Schon lange und so, so fürchterlich tief ...« + +Da ist auch Marie erschrocken, ohne Fassung. Nur einen Augenblick +freilich. Dann schüttelt sie's ab. »Sie sind aber auch, Frau Malcorn! +Immer gleich alles von der schwärzesten Seite sehen.« Sie sieht ein, +dass man schnell etwas Scherzhaftes sagen muss, um jeden Preis. »Wenn +=Sie= nur mal reden müssten, so vor fünf-, sechshundert Menschen im +heissen, dunstigen Saal und zwei, drei Stunden lang ...« + +Frau Malcorn wagt sich ins Licht. »Meinen Sie wirklich, Marie?« + +»Aber natürlich, Frau Malcorn. Denken Sie nur. Aber damit Sie ganz +beruhigt sein können, will ich ihn überreden, mal zum Arzt zu gehen.« + +»Wie gut --« + +»Ja, zu Ihrer Beruhigung. Es wird kein leichtes Stück sein bei ihm. +Weiss Gott! Er gönnt sich so ungern für sich selber Zeit. Aber ich +glaube, ich kann schon etwas wagen bei ihm.« + +»Er thut alles, was Sie wollen, Marie ...« + +»O -- wir sind gute Kameraden. Da gleicht sich das aus. Im übrigen, er +ist ja so weit über mir in allem.« Pause. »Ich bin oft ganz bange +deshalb.« + +»Bange?« + +»Er fühlt alles so! Oft wenn wir unter Menschen sind: Ein Wort, ein +Blick, eine Bewegung irgendwo. Ich merke es kaum, aber ich sehe an ihm +sofort: es ist etwas geschehen. Dieses Wort, dieser Blick, diese +Gebärde, war ein Ereignis, etwas Entscheidendes ...« + +»Wie meinen Sie das, Marie?« + +»Nun, das ist ja selbstverständlich. Er ist reif. Er hat +jahrhundertelange Entwicklungen hinter sich. Unter ihm sind Feldherren, +Bischöfe, -- Könige vielleicht sogar. Immer einer auf den Schultern des +andern. Und ganz zuhöchst: Er, Harald. Und alle leisesten Schwankungen +dieser breiten Basis sind in ihm sichtbar ...« Dann spricht Marie Holzer +von sich, ganz anders im Ton, fast grob: »=Mein= Grossvater war Bauer +....« Und nun vergisst sie alle Ehrfurcht und fährt fort, trotzdem die +Uhr siebenmal schlägt. Hastig, als ob sie erst froh sein könnte, sobald +alles gesagt ist. + +»Ich bin so von gestern. Ich bin der Erde näher, dem Lehm, mein' ich, +dem Rohstoff. Ich bin jünger, jünger in der Kultur. Ich habe Gesundheit +und Kraft. Aber meine Gesundheit prahlt. Meine Kraft ist protzig und +voll Eigennutz; sie will hinauf, sie muss erst noch hinauf. Ja, ja, das +ist es. Harald kann anderen helfen. Er kann es wirklich: andere heben. +Er ist oben. Er war immer oben. Seine Hilfe ist reif, mühelos, schön +...« + +Aber Frau Malcorn steht rasch auf und geht hastig an Marie vorbei und an +allen Worten. Schon seit einer Weile weiss sie, dass Harald kommt. Und +nun hört auch Marie seine nahen Schritte. + +»Guten Abend, Mama. Es ist wohl spät? Guten Abend, Marie. Ihr habt wohl +schon gewartet? Ja, es gab da wieder eine Menge unvorhergesehener Dinge +..« Alles das sagt Harald rasch und seine Stimme schwankt im Laufen. Er +hebt sich aus der dunklen Umarmung der Mutter und reicht Marie eine +Ledermappe zu. »Nimm, Marie. Wir müssen das dann durchsehen, heute +noch. Es handelt sich um die Eingaben -- nun, du wirst ja sehen ....« + +Plötzlich bemerkt Harald, dass er steht und es sich gefallen lässt, dass +seine Mutter den nassen Mantel von seinen Schultern nimmt. Er macht eine +erschreckte Bewegung, als ob er ihre feinen Hände schützen wollte. + +»Es regnet?« fragt Frau Malcorn besorgt. + +»Nebel ist, greulicher, dicker Nebel. Man sieht nicht drei Schritte vor +sich. Das legt sich so in die Kleider und auf die Lunge. Wenn nur erst +die Herbsttage wieder vorüber wären.« + +Marie Holzer hat inzwischen den Inhalt der Mappe flüchtig durchgesehen. +Sie wendet ihre ruhigen, klugen Augen zu Harald. + +»Hast du heute gesprochen?« + +»Ja, im Studentenverein.« + +»Nun -- und?..« + +»Was?« + +»Wie war's?« + +Harald sieht auf seine fröstelnden Hände. »Na, wie immer, du weisst ja. +Bist du schon lange hier?« + +Frau Malcorn beeilt sich teilzunehmen. »Ich war so froh, sie hier zu +haben. Mir war schon bange nach dir, Harald.« + +»Ja, Mama, du weisst ja: ich bin nicht Herr meiner Zeit.« Haralds Stimme +und seine Bewegungen haben noch die Maasse des Saales und es fällt ihm +schwer, sie an die kleine Stube zu gewöhnen. Deshalb wendet er sich an +Marie. »Aber, wollen wir das nicht gleich durchsehen?..« + +Die Holzer bemerkt die Enttäuschung von Haralds Mutter und versucht ihn +zurückzuhalten. »Nein, Harald, jetzt will ich dich erst mal wiedersehen, +weisst du. Wenn du deine Augen erst wieder in diese schrecklichen +Papiere steckst, sind sie mir doch für heute verloren. Und ich hab' doch +auch ein Recht auf sie -- nicht?« + +»Ja, ja, Marie,« und Harald ist es, als ob man etwas ausgedacht hätte, +um ihn zu quälen. »Ihr habt alle ein Recht auf mich, ich weiss. Alle, -- +alle, alle ...« + +Frau Malcorn ist sehr erschrocken. »Komm, setz dich da an den Ofen, du +musst ganz durchgekältet sein.« + +»Ja, ja, an den Ofen, immer sich an den Ofen setzen, hinter den Ofen +womöglich ...« Aber plötzlich tritt Harald auf die Mutter zu, ganz +beschämt. »Mama, verzeih mir ... Du siehst, es steckt wieder mal so ein +boshafter Aerger in mir, der noch nicht herauskam. Marie weiss, das hat +nichts zu bedeuten, nicht wahr? Das kommt schon so mit. Und hier soll er +mir, weiss Gott, nicht heraus, hier nicht!« Er führt Frau Malcorn sanft +zu ihrem Lieblingsplatz bei der Lampe, und seine Stimme findet eine +ungeahnte Zärtlichkeit. »Du hast ganz rote Augen, Mama. Wahrhaftig, +deine Augen sind ganz rot! Hast du mir auch nicht zu viel gearbeitet? +Was? -- Dieses schreckliche Rot in deinem Stickmuster ... Ja, muss es +denn gerade dieses Rot sein, dieses blutige? -- Was wird es denn +überhaupt?« + +Frau Malcorn kann so viel Glück gar nicht glauben. »Ein Tischläufer --,« +sagt sie leise, mit vor Rührung zitternder Stimme. + +»Soso« macht Harald, schon wieder weit, von ganz Fremdem erfüllt und +wendet sieh an Marie. »Es ist nämlich wichtig, dass wir die Sache heute +noch erledigen. Es kommt jetzt so viel. Als ob es auch in den Herzen +nicht Tag würde jetzt, -- wie draussen. So viel Elend überall. +Physisches Elend, Not, Armut, Krankheit; -- geistiges Elend, Dünkel, +Vorurteil und Eigennutz. Und zu allem: Das Beharren darin, die Trägheit. +Die fürchterliche, dumpfe, unheilbare Trägheit! Dieses grosse Joch des +Gestern, in dem sie alle gehen. Sie haben ihre Leiden und ihre Freuden. +Unbedeutende, gehässige Schmerzen und ein banges, falsches, ängstliches +Glück. Aber sie bleiben dabei. Versuch's, sie heraus zu heben: sie +wehren sich. Und reisst du sie einfach los von ihrer armseligen +Gewohnheit, -- so sind sie wie Ausgestossene und wollen zurück in die +Pesthütte ihrer Vergangenheit. Alles umsonst.« Und nach einer ratlosen +Pause: »Und dabei hat man doch diesen ehrlichen Willen, diese +ehrfürchtige Kraft, die nicht herrschen will, die bereit ist zu dienen +und die kleinste, geringste Arbeit nicht scheut, wenn sie nur auf dem +Wege nach vorwärts liegt. -- Du weisst doch, Marie, wie gut, wie gerne +ich überzeugt bin vom Ziel, nicht wahr? Du weisst doch, aus welcher +Tiefe mir das alles kommt? Du hast's ja selbst einmal empfunden, nicht?« + +»Lieber, ich empfind es jeden Tag wieder!« + +»Und du glaubst an mich?« + +»Wie an die Sonne.« + +Da hält Harald ihr dankbar die Hand hin und fragt: »Heisst das: Blüten +oder Früchte glauben?« + +»Beides. Eines nach dem andern, Harald.« + +»Eines nach dem andern?.. Das braucht Zeit, Marie, viel Zeit ...« + +»Wir sind jung.« + +»... und Geduld ...« + +»Die hast du.« + +»Weisst du das so bestimmt?« + +»Weil du die Liebe hast, Harald.« + +Beide schweigen. Bis Harald, wie erleichtert, aufatmet: »Dank dir.« Und +gleich darauf versucht er wieder froh zu sein. »So ... du, ... Mama, -- +sag, darf ich mir mal den Läufer ansehen, deine Arbeit?« + +Frau Malcorn will es lächelnd verwehren. Aber nun wird der Läufer geholt +und unter der Lampe langsam aufgerollt. »O -- o --« macht Harald, noch +ehe er die Stickerei ganz geöffnet hat, »schau Marie, da reden wir so +viel und reden, aber wenn wir zeigen sollten, was wir gemacht haben -- +hm? da würden wir wohl in Verlegenheit kommen! Und da, Mütterchen, macht +so etwas ganz in der Stille, ohne ein Wort, -- etwas so Prächtiges. Und +das wird nur ein Läufer. Nur ein Läufer. Wie man sich doch irren kann! +Das hätt ich nun für ... für irgend etwas viel Festlicheres gehalten.« + +Marie ist neugierig: »Zum Beispiel?« + +»O -- für ... für ein Kleid ...« + +»Kleid!« lacht die Holzer ausgelassen. »Trägt man bei dir solche +Kleider?« Harald schaut auf. »Bei mir? Bei mir? Wie merkwürdig das +klingt: bei mir. Ich glaube es ist zum erstenmal, dass ich diese Worte +nebeneinander ausspreche. Wie eine Erfindung ist das. Und doch so +einfach. Eben wie alle Erfindungen .... Bei Gott, -- bei den Menschen, +bei -- dir, -- bei .... und nun, ganz analog konstruiert: bei mir, .... +bei mir. -- Ja, aber, was wollte ich doch?... Wovon sprachen wir?« Und +er erinnert sich seiner Zärtlichkeit. »Ja -- und wozu stickst du denn +diesen Läufer, Mama? Wollen wir ein Fest geben?« Traurig sieht Frau +Malcorn ihn an. Aber Marie Holzer weiss Rat. »Gott, man feiert eben mal +irgend was. Man kann alles feiern. Den ersten Frühlingstag und den +ersten Schnee. Na, und wenn sonst nichts zu finden ist, feiert man eben +den Läufer selbst, wenn er fertig ist, nicht?« + +Aber die andern scheinen ihren lustigen Vorschlag gar nicht gehört zu +haben, so ernst und still sind sie beisammen. Und Harald fragt nur, aus +Gedanken heraus: Das dauert wohl lang, so eine Decke zu vollenden? --« + +»Wenn man fleissig ist ...« seufzt Frau Malcorn. Aber Harald geht in +seinen Gedanken weiter. »Ich« -- lächelt er -- »würde gewiss nie ganz +fertig werden damit. Ich würde sitzen und sticken, und lauter recht +dunkeltiefe Farben haben, in denen man so verloren geht. Und immer +weiter wandern durch den Canevas. Immer ins Dunklere hinein, wie in +einen Wald -- und nie das Ziel finden ... Ich würde mich fürchten, zu +Ende zu kommen! + +Jetzt ist Harald weit fort von den beiden Menschen, die ihm erstaunt und +besorgt zuhören; sie verstehen ihn nicht mehr. Er aber geht immer mehr +weg von ihnen. Ueber die geschlossenen Augen hebt er seine Arme. + +»... Und doch: ich habe solche Sehnsucht nach Festen, nach einer +einzigen ungemeinen Stunde! Nach Rot und Rosen, nach Duft und Gold, nach +Glanz, nach unerhörtem Glanz! Man müsste erblinden davon, nichts mehr +sehen hernach, -- nie mehr. Aber wissen: es war. Und das Gefühl haben +von einer namenlosen Verschwendung. + +Es kommt manchmal über mich, die Menschen fortzuschicken: »Geht alle +nach Haus, legt eure besten Kleider an, nehmt alles, was ihr in den +Truhen habt, von den Grosseltern her, die lau duftenden Tücher, und die +schweren, verschlungenen Broschen, die wie goldene Knoten sind. Und die +Blumen, die ihr in den Töpfen vor den Fenstern zieht, gebraucht sie +einmal! Gebt sie euren Kindern in die Hände, damit sie lächeln lernen. +Und dann -- kommt wieder! Kommt alle wieder!« Aber Haralds Hände fallen +mutlos aus seiner schönen träumerischen Willkommengebärde, und er fährt +mit müder, enttäuschter Stimme fort: »-- und wenn sie wirklich wieder +kämen, alle, in ihrer geschmacklosen Sonntagsmaskerade, mit den zu +kurzen Hosen und den steifen, von Falten gebrochenen Shawlen, die nach +Kampfer riechen, -- dann .... dann würden wir einander nichts zu sagen +haben, und uns benehmen wie fremde Kinder, die plötzlich miteinander +spielen sollen ...« + +Pause. + +Und da er nichts hinzufügt, schwärmt Marie Holzer, die im Schweigen +keine Uebung hat: »Du sprichst erst wie ein König und dann -- wie ein +Dichter ...« »Und bin -- keines von beiden ..« Harald ist aufgewacht. +»Es gab ja wohl Könige in unserem Geschlecht, nicht wahr, Mama? -- Die +Sage geht. In langverlorener Zeit. Vor tausend Jahren vielleicht ...« + +Marie schliesst die Augen, wie auf einem hohen geländerlosen Turm: +»Tausend Jahre ...« + +»Ja; wenn du unseren Namen sagst, leise, -- klingt noch der alte Name +darin, dumpf, dunkel, wie die Glocken einer versunkenen Kirche ...« Und +Harald spricht weiter, wie mitten in einer Geschichte: »... Dann schlug +eine grosse Welle über den Königsthron und riss den Letzten mit ins +tiefe Vergessensein. Dort bleiben seine Enkel wohnen, Thalkinder. Aber +viel später, im Mittelalter, kommt doch wieder einer von ihnen zu Macht +und Land. Nicht wahr, Mama? In einem andern Reich zwar, mit verdunkeltem +Namen und nur als kleiner, abhängiger König. Nach ihm bleiben sie eine +Weile obenauf und erscheinen nochmals in der Geschichte, zur Zeit des +Dreissigjährigen Krieges. Aber schnell ermatten sie in kleinen Händeln +und feindseligen Streitereien und lassen, ohnmächtig, den alten Namen +los. Und er fällt, fällt lang bis auf die alten Heidenkönige zurück ... +Und ich -- ich kam gerade in eine Namenlosigkeit hinein.« Niemand sagt +etwas. Nur die Uhr spricht darüber, in ihrer milden altmodischen Art. +Beim achten Schlag erinnert sich Harald an etwas. + +»Wie ein Dichter .... Wer hat das gesagt? Du, Marie? -- Aber Du bist +nicht die Erste! Lang vor Dir hat's eine Stimme ausgesprochen, tief in +mir: Dichter! -- Ich kann nichts dafür. Weisst Du, es war dort, wo man +nicht hinreicht. In jenem Dunkel, wo ein anderer Macht hat, war es -- +... Künstler sein, jung sein! Als ob das dasselbe wäre -- nicht?« Und +plötzlich durchbricht es seinen Willen: »Möchtet ihr, dass ich ein +Künstler wäre?« Pause. »Sag, Mama?« + +»Bliebst Du dann bei mir, zu Hause?« + +»Wer weiss. Ich kann nicht davon reden. Vielleicht. Vielleicht hat man +dann alles in sich. Vielleicht giebt es dann nichts, was man nicht in +sich hat. Vielleicht ... Möchtest Du's, Marie?« + +»Dass Du ein Künstler wärst? Ich glaube, Du bist's, Harald.« + +»Du irrst Dich, Kind. Gewiss! Du siehst das alles zu licht. Du hast so +viel Licht in Dir für alles. Ich bin es nicht. -- Ich hätte es sein +können vielleicht. Ich hätte es -- =bleiben= können, obwohl ich es noch +nie war. -- Es ist zu spät.« Und ganz erregt tritt er auf Marie zu: + +»Du sagtest früher, ich habe die Liebe, Marie. Ja, -- =hab'= ich sie denn? +Hab' ich sie nicht vergeudet, ausgestreut mit vollen Händen? Ist das +nicht mein Leben gewesen, sie zu verschwenden, seit zwei, seit drei +Jahren, bis zu diesem Augenblick? Kann ich über sie verfügen, da +Hunderte sich daran halten? Und =wenn= ich sie zurück begehre von ihnen, +-- was soll ich thun mit dieser Liebe, die die Spuren von hundert +krampfhaften Händen trägt, die abgenutzt, alt, welk geworden ist? Und +das nicht hinter ihrem Sommer etwa. O nein! Ich habe sie gar nicht reif +werden lassen; ich habe den Hungernden diese grünen Früchte zugeworfen: +Da! da! da!... und sie konnten doch nicht satt und nicht gesund werden +davon! + +»Warum kamst Du mir damals die Hand reichen, Marie? Damals war es noch +Zeit. Damals hätt' ich noch retten können und -- sparen. + +»Ich will Dich nicht anklagen -- nein! Nur >Künstler< darfst Du mich +nicht nennen. Das ist wie ein Hohn, wenn =Du= das thust ...« Und da +beginnt er leise zu husten, so dass Frau Malcorns Augen starr und bange +werden; aber Marie Holzer achtet jetzt nicht darauf. Sie fühlt die +Verpflichtung zu antworten. + +»Du bist erregt, Harald. Du hast kein Recht, so zu reden. Du bist durch +Siege gegangen! Du darfst nicht wankelmütig werden! Du hast gewusst, was +Du willst. Muss ich Dich daran erinnern?« Sie lässt sich von Haralds +abwehrender Bewegung nichts befehlen. »Ich danke Dir alles, auch meine +Zuversicht. =Du= hast sie mir gegeben. Sie ist mein Besitz. Und wenn Du +sie wieder willst, -- nicht ohne Kampf!« + +Harald fühlt den Husten kommen, und so sagt er nur rasch und hart: + +»Du machst so grosse Worte, Marie.« + +»Es sind Deine eigenen, die ich Dir wiedergebe -- alle, auch dieses: +Kleingläubiger! Kannst Du Deinen Sommer nicht abwarten? Nicht halbreife +Früchte, -- Samen hast Du ausgestreut an hundert Stellen und also musst +Du warten auf hundert Ernten.« + +Die Holzer erwartet eine Antwort, eine, die alles wieder gut macht. Aber +Harald nickt nur, es scheint ihm so gleichgültig jetzt. Und dann +fürchtet er den Husten, der kommt. Und seine Mutter sieht ihn immerfort +an. + +Da nimmt Marie noch einmal alle Kraft zusammen, und ihre Worte sind warm +und unbefangen. »Hab' Mut, Harald! Du bist ungerecht. Denk! Einmal hast +Du gesagt, wörtlich: »Ich möchte wohl Künstler sein, aber noch ist es +nicht Zeit für die Kunst ...« + +»Hab' ich das ....? Verzeih' also.« Es klingt fast spöttisch. + +Aber Marie Holzer giebt nicht nach: »Ist nicht ein helfendes Leben ein +zehnfaches? Haben wir nicht eine sehr stolze Pflicht? Macht uns das +nicht reich? Wissen wir nicht unsern Weg, Harald? -- Sind wir nicht +Sieger? Harald, glaubst Du an uns?« + +Er muss doch die Hand sehen, die Marie Holzer ihm hinstreckt. Aber +trotzdem geht er vorbei, geht auf die Mutter zu, die ihn bange erwartet, +und sagt langsam im Gehen: »Ich -- bin -- müde ...« + +Und die Holzer sieht, wie er sich in den Lehnstuhl fallen lässt und wie +die zarte Frau, die sich zu ihm niederbeugt, ihn ganz verdeckt. Und sie +sagt nichts weiter; man hätte es auch nicht gehört, denn Harald hustet +sehr laut. -- + + * * * * * + +Wie traurig muss es für die sein, die im Winter gesund waren, -- wenn +der Frühling kommt. Wie können sie ihn verstehen, wenn sie nicht +zugleich Genesende sind? -- denkt Harald, und er sieht immerfort den +Himmeln zu, die, abwechselnd wolkig und klar, an den Fenstern +vorüberjagen hoch über dem Nachmittag des Vorfrühlings. Er schaut nicht +mit den strahlenden Augen allein, er schaut mit seinem ganzen Gesichte, +in welchem nichts Verheimlichtes ist. Nur unter dem Bart, der wild die +Lippen überwuchert, steht ein kleines Lächeln und blüht, wartend, dass +ein Wort es mit zu den Menschen nimmt. Aber Harald schweigt. + +Sogar als Frau Malcorn eintritt, leise, wie man zu Kranken kommt, und +fragt: »Schon allein? Marie ist schon fort?« nickt er nur, sagt aber +dann unbestimmt: »Sieh mal.« Mit dem geübten Verständnis der Pflegerin +wendet sich Frau Malcorn den Fenstern zu, bemerkt aber nichts. Und so +erklärt Harald: »Die Wolken ... Es ist ein wundersames Bild. Und ich +habe es so lange nicht gesehen. Als Knabe manchmal und dann lange nicht +mehr ...« Und dann nach einer Weile beantwortet er auch die Frage der +Mutter. »Marie müsste eigentlich nicht mehr kommen. Ich habe sie +fortgeschickt. Ich wollte schlafen, hab' ich ihr gesagt. Aber ich war +bloss müde, -- müde sie zu sehen. Müde -- immer wieder diese alten Dinge +zu hören. Ich meine, von denen da unten. Da war ich nun ein halbes Jahr +nicht bei ihnen. Ein halbes Jahr! Und während dieser ganzen Zeit ist +nichts geschehen, scheint es. Wenigstens was Marie erzählt ...« + +»Siehst Du, sie können nichts anfangen ohne Dich ...« + +»Du Gute. Sie können auch =mit= mir nichts anfangen. Und vor allem: =ich= +kann nichts mit ihnen anfangen, wirklich.« Und er wendet sich wieder den +Fenstern zu, als wäre jetzt nichts so wichtig wie dieser helle, bewegte +Himmel. »Das hab' ich früher alles nicht gesehen. Und es ist doch so +viel! Ich weiss nicht, Mama, macht das das Kranksein, dass man so +aufmerksam wird auf alles und so dankbar, -- fast weise .... So +unwillkürlich weise, wie man als Kind ist? Man kann garnicht aus der +Rolle fallen.« Pause, dann leise: »Glaubst Du, dass es zu spät ist?« + +Frau Malcorn richtet die Kissen, die über die Lehne des Sessels gelegt +sind. + +»Zu spät, Harald, wozu?« + +»Zu beginnen. Noch einmal gleich hinter der Kindheit zu beginnen. Als ob +diese drei Jahre da unten nichts gewesen wären. Oder, als ob sie eine +lange Krankheit gewesen wären, aus welcher ich jetzt langsam zurückkomme +...« + +Er fühlt einen Kuss auf seiner Stirne und fragt: »Nicht zu spät?« + +Frau Malcorn schüttelt den Kopf; dann kniet sie neben Harald nieder, und +er legt ihr seine feinen, ausgeruhten Hände leicht aufs Haar und +spricht: »Schwer wird es mir nicht fallen, glaub' ich. Ich bin viel +näher bei allem, was in der Kinderzeit liegt, als bei dem nachher. Alles +weiss ich. Wenn Du mich doch prüfen wolltest. Bis ganz zurück. Bis +damals, da Du ein Kleid trugst, ganz aus Spitzen, wie aus lauter solchen +Wolken gemacht, -- aus Frühlingswolken. Und -- als Du oft weintest ... O +ich weiss noch. Und als Du kleine, leise Lieder spieltest in der +Dämmerung, -- kannst Du sie noch?« Frau Malcorn senkt die Stirne tief, +so dass Haralds Hände weitergleiten in ihrem Haar, von Stellen, die +unter ihnen warm geworden sind, zu anderen, kühlen. Und wieder hört sie +Haralds Stimme über sich. »... Freilich, das ist lang. Und doch, ich +fühle genau, wie es war. Als ob ein Glänzen glitte durch die +Dunkelstunde, ein Aufleuchten, ein letztes Lächeln der Dinge vor dem +Einschlafen: so war Dein Lied. Und einmal, als ich ganz leise zu Dir +trat (Du hörtest mich garnicht kommen), da nanntest Du mich ... Du +nanntest mich damals ... Jerôme ... Seltsam: Jerôme ... trotzdem ich +Harald bin ... und ... der Vater ... hiess auch Harald ... aber Du +sagtest damals Jerôme zu mir trotzdem ... Und das passte so gut zu dem, +was Du spieltest ... das war wie das Lied selbst ... Siehst Du wohl, was +ich alles noch weiss?« Pause. Und dann steht Frau Malcorn auf und zwingt +sich zu sagen: »Willst Du mir etwas zuliebe thun, Harald?« + +»Alles.« + +»Lass uns nicht nach Skal gehen, -- lass uns hier bleiben!« + +Harald staunt über den flehentlichen Ton dieser Worte. »Aber das sollte +doch ohnehin nur auf Deinen Wunsch geschehen?« + +»Ja -- siehst Du -- es ist ein grosser alter Park beim Schloss und +überhaupt ... deshalb hab' ich an den Onkel geschrieben, ob er uns nicht +einladen möchte. Ich hoffte: dort würdest Du Dich rascher erholen, -- +aber --« Rasch fällt Harald ein: »Ich hätte Dich wahrscheinlich um das +Gleiche gebeten, Mama. Heut oder morgen. Im Anfang schien es mir ja eine +grosse Freude und Freiheit ... Aber mir sind unsere Stuben hier doch +lieber. Jetzt, weisst Du, während der Krankheit, sind sie mir so lieb +geworden. Und ich kenne sie eigentlich noch wenig. Ich war ja so selten +zu Haus -- früher, -- damals ... Natürlich: bleiben wir.« + +Hilflos und gequält fängt Frau Malcorn wieder an: »Und Du fragst +garnicht, weshalb ich diesen Plan ..?« + +»Du wirst Deine Gründe haben, Mütterchen ... Und ich glaube beinahe, ich +errate sie; ich kenne Dich ja! Es widerstrebt Dir, vom Onkel eine Gnade +anzunehmen, -- Du Stolze ...« + +Aber gerade damit zwingt er Frau Malcorn zum Reden. Und blindlings, ganz +ausser sich vor Scham, wirft sie sich in die Worte: »Nein, Harald ... +ich kann nicht lügen ... vor Dir ... ich muss es Dir sagen ... es ist +nicht ... nicht ... aus Stolz, ... aus ... Furcht ...« + +»Furcht?« + +»Ja. Vor der weissen Frau ...« + +Harald versteht noch garnicht: »Furcht? Vor Frau Walpurga? -- Aber meine +mutige kleine Mama und -- Furcht?« + +Frau Malcorn versucht zu lächeln. Doch am liebsten möchte sie dem Blicke +ihres Sohnes entgehen. Sein Auge schaut so gross, und sie bleibt immer +in seinem Kreis, seinem sanften Glanze erreichbar, wie sie auch unter +den Dingen herumirrt. Endlich kauert sie sich vor den Ofen, als ob es +dringend notwendig wäre, das Feuer zu erhalten. Und so, von dieser +Zuflucht aus, knieend, das gesenkte Gesicht im heissen Schein der +angefachten Glut, beginnt sie ein flüsterndes Gespräch. + +»Erinnerst Du Dich der Sage von Frau Walpurga?« + +»Ungefähr. Sie ist in verschiedenen Schlössern gesehen worden?« + +»Ja, am häufigsten in Skal.« + +»So? Immer drei Tage bevor jemand stirbt, nicht wahr?« + +»Ja. Es heisst so.« + +»Und nach der Chronik ist es ja auch fünf- oder sechsmal in Erfüllung +gegangen. Wenn man aber bedenkt, dass Frau Walpurga um die Mitte des 16. +Jahrhunderts blühte und sich seither nur fünf- oder sechsmal bemüht hat +zu erscheinen, muss man annehmen, dass die meisten Malcorns ohne ihren +Vorantritt gestorben sind -- es sei denn, sie lebten noch?...« + +»Und sonst weisst Du nichts von ihr?« + +»Einmal hab' ich das alles gewusst, als Knabe, -- als Kind ... aber dann +müsste ich's ja gerade jetzt, da ich die Kindheit wie gestern empfinde, +wieder wissen ... Wart' mal: Sie war die Gemahlin des ... des ... Grafen +(oder waren sie damals noch Freiherren?...), nein, ich glaube ... wir +wollen später doch nachschlagen, ob es richtig ist ... und, im Falle ich +recht habe, bitt' ich mir eine Belohnung aus -- ja?« Harald sucht in +seinem Gedächtnis, und so fällt es ihm nicht auf, dass Frau Malcorn +nicht scherzhaft erwidert auf die letzte Frage. Er richtet sich ein +wenig im Stuhle auf und zitiert richtig und sicher die betreffende +Stelle: »Sigismund Ferdinand, erster österreichischer Graf von Malcorn, +Herr auf Tschakathurn und Hallpach u. s. w. Söhne: Ferdinand III., Apel, +genannt der Lahme, Christoph. Christoph, nachmals Herr auf Sarnkirchen +und Skal, vermählt mit Walpurga, Freiin von Indichar ...« da haben +wir's! Siehst Du, Du wirst sehen, es stimmt. Willst Du weiter hören? Ich +glaube, jetzt weiss ich Enkel und Enkelsöhne bis ins 18. Jahrhundert +herein ...« + +»Nein, nein,« wehrt Frau Malcorn heiser. + +»Na, ich denke auch, das genügt. Ich begreife überhaupt nicht, warum wir +uns so gründlich mit Frau Walpurga beschäftigen. Wenn sie schon mal +keine Ruhe hat ...« + +»Weisst Du, weshalb?« + +»Weshalb sie keine Ruhe hat? Offenbar wie alle >weissen Frauen< der +Welt: treulos, sündig, vom erzürnten Gemahl erstochen ...« + +»Treulos, sündig ...« wiederholt Frau Malcorn mit so unsicherer Stimme, +dass Harald sich erstaunt umblickt. Sie ist jetzt wieder ganz nahe, +hinter seinem Stuhl, so nahe, dass die Flügel ihrer Worte ihn streifen, +als sie fragt: »Erinnerst Du Dich an Deinen Vater, Harald?« + +»Kaum. Er hatte einen dichten weissen Bart. Er war alt.« + +Frau Malcorn möchte ihre Hand in Haralds Haar legen, aber sie hebt sie +nur bis auf seine Schulter; denn ihre feine Hand ist schwer. Und in +diesem Augenblick sagt Harald: »Seltsam wilde Hände hatte er ...« + +»Harald!« Es ist wie ein Schrei, aber Harald kann ihr Gesicht nicht +sehen. + +»Könntest Du Dir denken, Harald ...?« hört er hinter sich, und weiter, +in bangen, merkwürdig leeren Pausen -- -- »dass ... Dein ... Vater .. +mich ...« Da wendet Harald doch den Kopf. Frau Malcorn schaut über ihn +fort in die beginnende Dämmerung und schreit fast: »... dass er gethan +hätte wie Graf Christoph?...« + +Erst begreift Harald nicht. Dann langt er rasch nach ihrer Hand, die +eiskalt ist, und zieht sie sanft zu sich. Und da kniet sie auf einmal +neben ihm und drückt ihr Weinen in seinen Schooss und hört über sich +Haralds Stimme gehen, leise, ernst, beinahe feierlich: »Er war ein +Greis. Ich hab' ihn nicht geliebt.« Und da küsst sie seine +erschrockenen, sich sanft wehrenden Hände. Harald aber ist schon bemüht, +sie emporzuheben, und lächelt: »Siehst Du, dazu bin ich noch zu schwach. +Das geht noch nicht. Heben kann ich Dich noch nicht.« + +Dann, als sie leicht aufgestanden ist, lehnt er sich weit zurück, wie zu +glücklichem Schlaf. Sein Gesicht ist unbewegt. Nur unter dem Kinn, auf +dem gespannten, abgemagerten Halse fliesst eine kleine Ader in +springenden Wellen dem stillen Herzen zu. + +Nach einer Weile holt er tief Atem, und Frau Malcorn fragt: »Ist Dir +gut?« Harald öffnet die Augen nicht: »Ja. Heute wird es am Ende gar +nicht kommen -- das Abendfieber ...« + +»Aber ruh' nur jetzt ...« + +»Nicht -- fortgehen --« + +»Nein, ich bin immer da.« + +Und in dem Schweigen, das dann folgt, vollzieht sich die Dämmerung. Die +Dinge treten lautlos aus dem Glanz zurück, wie aus einer Kirche, deren +Thore geschlossen werden. Sie kauern sich längs der Wände, wärmen sich +eines am andern, und es geht ein Schläfern von ihnen aus, welches die +Uhr am Pfeiler mühsam überwindet. Im letzten Augenblick, da die Stunde +schon unerkannt vorüber will, ruft sie sie an, hastig und hell. + +Das macht Harald wach. + +»... Bist Du da?« + +»Ja, Liebling. Brauchst Du etwas?« + +»Ich will nicht schlafen.« + +»Doch, Harald, schlaf! Das giebt Kraft.« + +»Mir ist zu gut zum Schlafen. Mir ist so gut. Wenn ich schlafe, vergesse +ich es. Und ich möchte gern wissen, dass mir gut ist. -- Wir wollen +reden.« Jetzt erst rührt sich Harald. Die Augen bleiben im Schlaf, aber +die Linke streckt er so nach der Seite hin und bittet: »Hand!« Und dann, +als sein Wunsch erfüllt ist: »Das ist Deine Hand ... Wenn ich erblinden +müsste, ich würde Dich doch erkennen an dieser Hand ... Ich muss also +keine Angst haben, nicht einmal vor dem Blindwerden ... nicht einmal -- +-- -- wenn ... doch ... dann muss ich sie ja loslassen ...« + +Frau Malcorn erschrickt, auch deshalb, weil sie sein »dann« gleich +versteht. Unwillkürlich zieht sie ihre Hand zurück. + +»O« -- macht Harald, als ob er etwas Gläsernes fallen gelassen hätte, +und auf seinem Gesichte ist eine ängstliche Spannung, es aufklirren zu +hören an dem harten Boden. + +Aber schnell beschwichtigt Frau Malcorn seine Angst. »Ich bin ja da, +Harald.« »Ja.« Und er lässt die Augen schlafen und spricht leise, wie um +sie nicht aufzuwecken. »Es ist doch gut, dass ich krank geworden bin. +Denk nur! Wenn ich nicht krank geworden wäre, das wäre so fort gegangen, +da unten, immer und immer, bis ... Aber jetzt ... jetzt darf ich mein +Leben wieder aufbauen ganz von Anfang ... Kindheit? Hm. Mit der war ich +zufrieden. War da jemand, der mir sie so schön gemacht hat, so +märchenhaft schön! Du wirst ... erraten ... wer ... Nicht gerade froh +war sie, was man so froh nennt: voll von Gespielen und Festen. Ich war +immer allein, oder doch allein mit Dir. -- Aber sie war so ... tief. Ich +kann ihren Anfang nicht erschauen. Es könnten Jahrtausende gewesen sein +-- Jahrtau ... Und doch, dann ist es wieder wie ein einziger Tag, der noch +immer nicht zu Ende ist und von dem ich träume, dass er nicht enden +soll. Kannst Du Dir das denken?« + +Er erwartet keine andere Antwort, als die Stille. Und nachdem er dieser +eine Pause lang zugehört hat, fährt er fort: »Es muss schwer sein, sich +das zu denken. Ich hätte es selbst kaum gekonnt vorher; aber jetzt +scheint es mir ganz natürlich. Die Kindheit ist ein Land, ganz +unabhängig von allem. Das einzige Land, in dem es Könige giebt. Warum in +die Verbannung gehen? Warum nicht älter und reifer werden in diesem +Lande?... Wozu sich gewöhnen an das, was =Andere= glauben? Hat das etwa +mehr Wahrheit, als was man glaubt im ersten starken Kindervertrauen? Ich +kann mich noch erinnern ... da hatte jedes Ding einen besonderen Sinn, +und es gab unzählbar viele Dinge. Und keines war mehr im Werte als ein +anderes. Gerechtigkeit war über ihnen. Jedes durfte einmal das Einzige +scheinen, durfte Schicksal sein: ein Vogel, der in der Nacht geflogen +kam, und nun, schwarz und ernst, auf meinem Lieblingsbaum sass; ein +Sommerregen, der den Garten verwandelte, so dass alles Grün Dunkelheit +und Glanz bekam; ein Buch, in dessen Blättern eine Blume lag, Gott weiss +von wem, -- ein Kieselstein von fremder deutsamer Gestalt, -- das alles +war so, als ob man viel mehr davon wüsste, als die Grossen. Es schien, +als könnte man glücklich werden und gross durch jedes Ding, aber auch, +als könnte man an jedem Dinge sterben ...« + +Dann rasch mit anderer Stimme die Frage: »Es ist nicht zu spät, hast Du +nicht so gesagt?« + +»Es ist =nie= zu spät, Harald.« + +»Nie? Es kann doch einmal sein, wenn ich zum Beispiel .... Sagt denn der +Doktor auch wirklich die Wahrheit?« + +»Du hörst es ja. Er spricht doch immer ganz laut und froh ...« + +Jetzt braucht Harald die Augen zur Zeugenschaft. Er sieht die Mutter +fest an. »Und ... er sagt Dir nicht vor der Thür etwas Anderes?« + +Frau Malcorn war auf diese Frage vorbereitet. Ruhig hält sie Haralds +Blick aus, mit einem leisen, verschwiegenen Vorwurf im Gesicht. + +»Verzeih, Mama. Aber es könnte ja sein. Ich habe das oft gesehen früher +in Häusern, wo Kranke waren. Ich hatte ja bisweilen Gelegenheit ... Aber +was wollen wir denn nur Marien sagen?« + +Ganz unvermittelt sagt er das. »Was meinst Du?« staunt Frau Malcorn. + +»Nun, damit sie nicht mehr wiederkommt.« + +»Meinst Du das im Ernst?« + +»Ja. Sie wird keinen Raum haben in der Zukunft, die ich mir denke. Das +Leben ist eng, und ich muss so vieles darin unterbringen. -- Marie +gehört in das andere, in das Eintagsleben, das ich vergessen habe. Ich +will nicht daran erinnert sein. Sie aber mahnt mich an das Vergangene, +selbst wenn sie nicht davon spricht, durch ihr blosses Dasein. Sie muss +fort!« Das klingt entschlossen und rücksichtslos, und Frau Malcorn kann +es gar nicht gleich fassen. Eine Menge Fragen steigen in ihr auf, für +die sie keinen Ausdruck findet, und Harald ist auch schon wieder mit +seinen Worten voraus und froh, wie erleichtert durch diese Erledigung. + +»Ich werde malen ... oder vielleicht ein Buch schreiben: Kindheit und +Kunst. Mir ist so manches eingefallen in diesen letzten Wochen; ich +werde es Dir diktieren. Du musst nicht Angst haben, dass ich Dich +überanstrenge. Jeden Tag nur ein paar Zeilen, aber vollendet, schön ... +Einmal ersinn' ich vielleicht ein Lied, -- dann musst Du es spielen. Und +wenn es mir mal einfällt, ein Haus zu bauen, dann musst Du darin wohnen +natürlich ... das heisst: wir, -- denn wir werden nie voneinander gehen +... Nicht wahr?... Sag!...« + +Frau Malcorn lächelt zerstreut: »Du wirst heiraten ...« + +»Heiraten?« + +»Nun doch -- einmal ...« + +»Glaubst Du, dass ich Marien geheiratet hätte?« + +Frau Malcorn nickt zustimmend. + +»Ich habe nie daran gedacht.« + +Ganz verwirrt lenkt Frau Malcorn ab: »Und was wolltest Du malen? Das +hast Du nicht gesagt.« + +»Malen? Wolken.« + +»Du Träumer!« + +»Frühlingswolken! Ein Wolkenkleid! Dein Kleid!... Dich!« + +»Ich habe keine Wolkenkleider mehr.« + +»Dann musst Du Dir eines machen lassen ...« + +Ganz wehmütig lächelt die zarte Frau. »Nur ein altmodisches weisses +Atlaskleid hab' ich noch, vom letzten Ball her.« + +»Ja, -- weiss --« plant Harald. »Ich müsste Dich in weiss malen und -- +mit Blumen. Mit irgend welchen heissen, roten Blumen. Mit Blumen, die es +nirgends giebt. Mit solchen, roten ... (wo hab' ich sie doch +gesehen?...) In Deinem Läufer. Mit solchen Blumen. Hast Du die selbst +erfunden?...« + +»Durch Zufall --« flüstert sie und wird ganz rot. + +»Seltsam, -- o!... Blumen erfindest Du!« Und Harald sieht sie forschend +an, als ob ihr Gesicht in seiner scheuen, schamhaften Befangenheit ihn +an etwas erinnern müsste. Dann unterbricht er sich kurz. »Es ist +vielleicht kindisch, dass ich so spreche. Ich habe doch eigentlich nie +versucht, zu malen. Aber soll ich es deshalb nie versuchen? Vielleicht +bin ich wieder ... ein Beginn ... Mir ist, als hätten wir mal davon +gesprochen, dass die Malcorns immer wieder Könige werden ... Und die +kein Volk haben, -- das sind vielleicht die wahren Könige ...« + +»Auch in der Kunst kannst Du Dich über ein Volk setzen ...« + +»Vielleicht. Vielleicht kann der Künstler sich aus allen Völkern sein +Volk bilden, kann es sich erziehen .. Aber ich will es nicht. Ich werde +es nie wollen. Ich will nicht erziehen. Ich will nicht den Erfolg, +keinen Erfolg auf keiner Seite. Ich will einfach: Schönheit ...« + +»Ja --« sagt Frau Malcorn, wie zu sich selbst. + +»Du fühlst das?« Und beinahe überrascht sieht Harald sie an. + +»Ja ...« wiederholt sie leiser und wagt kaum die Augen zu heben. + +Und nach einer kleinen Stille hört sie ihn sagen: »Wie schön Du bist!« +Und schauernd fühlt sie sich von ihm angeschaut. + +Und wieder: »Wie schön Du jetzt bist.« + +Mit ganz leisen, verhaltenen Bewegungen steht sie auf und wartet, bis er +ruft: »Du warst nie so schön!« + +Aber diesmal erkennt sie seine Stimme nicht. Und unsicher geht sie von +ihm fort und stellt sich ins Dunkel, wie unter den Schutz der Uhr, deren +Atem ganz nahe geht. -- + +»Wie Du gehst! Junge Mädchen gehen so.« + +Und sie steht zwischen den beiden Fenstern und horcht. + +Und er fragt sie: »Wie heisst Du eigentlich?« + +Sie rührt sich nicht, denkt aber: das Fieber, und fühlt eine grosse +Erleichterung, aber zugleich ist ihr traurig, als ob ihr etwas wieder +genommen würde, etwas kaum Geschenktes. + +Und er sagt: »Ja, ich habe Dich nie beim Namen genannt. Ich hab' ihn +vergessen.« + +Eine Weile hört sie ihr Herz und wieder ihn. »Ich weiss jetzt: Edith +heisst Du --« Und wenn es doch das Fieber ist, denkt sie und horcht. + +»Aber wie haben Dich die genannt, die ... die ... die Du lieb gehabt +hast?« + +Sie weiss kaum, dass sie antwortet und mit einer anderen, jungen Stimme: +»Edel.« + +Und er nimmt den Namen und liebkost ihn: »Edel -- ja, so musst Du +heissen. Edel: das ist weiss, ganz weiss ... Aber Du hast ja immer noch +das alte Kleid, das Kleid von gestern und vorgestern, das schwarze +Kleid, das kranke Kleid ... Du bist ja nicht weiss. Du hast Deinen Namen +verraten. Du darfst ihn nicht mehr verleugnen jetzt; geh, hol' Dir Dein +weisses Kleid!« Sie klammert sich an den schwarzen Kasten der Uhr. + +»Geh!« + +»Morgen!...« + +Er hört nicht. »Worauf sollen wir warten? Schönheit will über uns +kommen.« + +Und seine Worte drängen sie zur Thür, aber sie zögert noch. + +»Eil' Dich! Mach' Dich schön und komm bald. Indessen wird hier alles +festlich sein. Alle Kerzen, alle Lampen werden brennen, wenn Du +wiederkommst, weisse Edel!« Und da macht er eine Bewegung, als ob er +sich erheben wollte. Und sie will hin zu ihm, will es verhindern, will +mütterlich sein. Aber er steht schon da, stark, gross, die Arme wie +Flügel und lacht ihr zu. + +Und jetzt gehorcht sie und geht. + +Und selig sieht er ihr nach. Und lächelt. + +Aber das Lächeln hat nicht Halt auf seinen schmalen Lippen. Wie die Uhr +sich regt, fällt es ihm ab, und erschrocken deckt er sein leeres +Gesicht mit den Händen zu. Und fühlt sie kalt. Und er ist allein, und +das Dunkel ist gross und drückt ihn in den Stuhl zurück, in dem er stumm +versinkt. + +So bleibt er, vielleicht lange. + +Denn als er zu sich kommt, ist Nacht. + +Seine Augen sind der schwarzen, schweren Dinge entwöhnt und gehen bang +in der Stille umher. Plötzlich werden sie gross. Eine Thür bewegt sich +und es kommt heraus, als ob Mondlicht ginge. Und vor dem Fenster sieht +man: es ist eine Frau, ganz weiss ... + +Da wehrt sich Harald mit den hageren Armen und schreit, hässlich vor +Angst, heiser: »Noch ... nicht! Walpurga!« + +Jemand hat Licht gemacht. + +Harald sitzt entstellt in den Kissen, den Kopf noch vorgestreckt, mit +herabhängenden Händen. Und vor ihm steht Frau Malcorn, welk, in Atlas, +mit Handschuhen. Und sie sehen sich mit fremdem Entsetzen in die toten +Augen. + + =Ende.= + + GEDRUCKT BEI I. S. PREUSS, + BERLIN S.W., KOMMANDANTENSTR. 14, + IM NOVEMBER 1901. + + + + + [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei + jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile + steht. + + Schloss, bitte, und diese Stadt und Ihre Haide da waren das nicht + Schloss, bitte, und diese Stadt und Ihre Haide da, waren das nicht + + Du bist doch dabei, Bang?« Und er wartet die Antwort gar nicht ab. + »Du bist doch dabei, Bang?« Und er wartet die Antwort gar nicht ab. + + Harald -- ja, auch Harald. + Harald -- ja, auch Harald.« + + Marie. »Aber, wollen wir das nicht gleich durchsehen?«..« + Marie. »Aber, wollen wir das nicht gleich durchsehen?..« + + Vorantritt gestorben sind -- es sei denn, sie lebten noch?«...« + Vorantritt gestorben sind -- es sei denn, sie lebten noch?...« + + keinen Erfolg auf keiner Seite. Ich will einfach: Schönheit ... + keinen Erfolg auf keiner Seite. Ich will einfach: Schönheit ...« + ] + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Die Letzten, by Rainer Maria Rilke + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE LETZTEN *** + +***** This file should be named 31199-8.txt or 31199-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/1/1/9/31199/ + +Produced by Jana Srna, Carlos Valiente, mcbax and the +Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net +(This file was produced from images generously made +available by Bielefeld University.) + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +https://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. Of course, we hope that you will support the Project +Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by +freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of +this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with +the work. You can easily comply with the terms of this agreement by +keeping this work in the same format with its attached full Project +Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. + +1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern +what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in +a constant state of change. If you are outside the United States, check +the laws of your country in addition to the terms of this agreement +before downloading, copying, displaying, performing, distributing or +creating derivative works based on this work or any other Project +Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning +the copyright status of any work in any country outside the United +States. + +1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: + +1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate +access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently +whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the +phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project +Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, +copied or distributed: + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + +1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived +from the public domain (does not contain a notice indicating that it is +posted with permission of the copyright holder), the work can be copied +and distributed to anyone in the United States without paying any fees +or charges. If you are redistributing or providing access to a work +with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the +work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 +through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the +Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or +1.E.9. + +1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted +with the permission of the copyright holder, your use and distribution +must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional +terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked +to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the +permission of the copyright holder found at the beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any +word processing or hypertext form. However, if you provide access to or +distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than +"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version +posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), +you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a +copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon +request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other +form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm +License as specified in paragraph 1.E.1. + +1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, +performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works +unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing +access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided +that + +- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method + you already use to calculate your applicable taxes. The fee is + owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he + has agreed to donate royalties under this paragraph to the + Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments + must be paid within 60 days following each date on which you + prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax + returns. Royalty payments should be clearly marked as such and + sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the + address specified in Section 4, "Information about donations to + the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." + +- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm + License. You must require such a user to return or + destroy all copies of the works possessed in a physical medium + and discontinue all use of and all access to other copies of + Project Gutenberg-tm works. + +- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any + money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days + of receipt of the work. + +- You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg-tm works. + +1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm +electronic work or group of works on different terms than are set +forth in this agreement, you must obtain permission in writing from +both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael +Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the +Foundation as set forth in Section 3 below. + +1.F. + +1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable +effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread +public domain works in creating the Project Gutenberg-tm +collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic +works, and the medium on which they may be stored, may contain +"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or +corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual +property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a +computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by +your equipment. + +1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right +of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project +Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project +Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all +liability to you for damages, costs and expenses, including legal +fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT +LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE +PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE +TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE +LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR +INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH +DAMAGE. + +1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a +defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can +receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a +written explanation to the person you received the work from. If you +received the work on a physical medium, you must return the medium with +your written explanation. The person or entity that provided you with +the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a +refund. If you received the work electronically, the person or entity +providing it to you may choose to give you a second opportunity to +receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy +is also defective, you may demand a refund in writing without further +opportunities to fix the problem. + +1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth +in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO +WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. + +1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied +warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. +If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the +law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be +interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by +the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any +provision of this agreement shall not void the remaining provisions. + +1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit https://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including including checks, online payments and credit card +donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. |
