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+The Project Gutenberg EBook of Schlupps der Handwerksbursch, by C. Berg
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Schlupps der Handwerksbursch
+ Mären und Schnurren
+
+Author: C. Berg
+
+Release Date: February 7, 2010 [EBook #31213]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHLUPPS DER HANDWERKSBURSCH ***
+
+
+
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Markus Brenner and the
+Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
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+
+
+ Schlupps
+ der Handwerksbursch
+
+ Mären und Schnurren
+ von
+ C. Berg.
+
+ [Illustration]
+
+ Verlag
+ von
+ Englert und Schlosser
+
+ Frankfurt a. M.
+
+ 15. bis 17. Tausend
+
+
+
+ Die Abbildungen zu diesem Büchlein zeichnete Professor
+ O. R. _Bossert_ in Leipzig / Das Recht der Übersetzung
+ in fremde Sprachen und Mundarten bleibt ausdrücklich
+ vorbehalten / Der Verlag
+
+
+
+
+Einleitung
+
+
+Es war einmal ein Handwerksbursche, der hatte zur Gewohnheit, daß er bei
+allem, was ihm geschah, sagte: »Das ist mir ›Schlupps!‹« Und weil man
+das Wort immer von ihm hörte, behielt er es als Namen bei, und alle Welt
+rief ihn »Schlupps,« so daß ihm selbst sein richtiger Name »Heinz« fast
+in Vergessenheit kam.
+
+Er wanderte von Herberge zu Herberge, begrüßte in den Städten das Gewerk
+und ließ sich einen Zehrpfennig geben. Wo ein Meister ihn an die Arbeit
+stellen wollte und ihm kein Wandergeld gab, spielte er ihm einen
+Schabernack; denn, sagte er, »meiner Mutter Sohn hat weiche Hände« und
+»wer die Arbeit kennt, drängt sich nicht dazu.« Weil aber manchmal
+Schmalhans in seinem Beutel haushielt, mußte Schlupps zur Arbeit greifen
+und das Schreinerhandwerk, das er erlernt hatte, ausüben.
+
+
+
+
+Schlupps beim Schreiner
+
+
+Einst war er zu einem Meister gekommen, der arg geizig war und ihn hart
+zum Schaffen anhielt, an Tadel nicht sparte, dafür am Brotkasten den
+Deckel schloß, wenn das Sattwerden anfangen wollte. Schlupps stand in
+der Werkstatt und hobelte. Die Sonne schien warm, die Vögel sangen, und
+der Geselle meinte, sie riefen ihn hinaus auf die Landstraße, wo an den
+Bäumen die Kirschen reiften. Sagte der Meister: »Gesell, die Bank muß
+fertig werden.« »Recht so,« antwortete Schlupps, der wieder den Kopf
+voller Streiche hatte. »Sagt mir, wieviel Beine eine Bank hat.« »Sollte
+man nicht meinen, er wäre bei einem Schuster in der Lehre gewesen und
+hätte nur einen Dreibein kennen gelernt!« rief der Meister erbost. »Auch
+gut,« dachte Schlupps, »also ein Dreibein soll es werden.« »Eil dich,«
+sagte der Meister, »wenn ich wiederkomme, mußt du fertig sein,« damit
+ging er fort auf das Grafenschloß.
+
+Schlupps aber, der die Augen überall hatte, wo es was zu erspähen gab,
+bemerkte wohl, daß der Meister unter der Schürze etwas forttrug, das er
+heimlich gearbeitet, damit es sein Geselle nicht sähe, und scharfen
+Blicks erkannte er, daß es ein hölzerner Fuß war, den der Meister mit
+Katzengold eingerieben, bis er glänzte. »Dahinter steckt etwas,« dachte
+er, begann in des Herrn Abwesenheit alles zu untersuchen, Schubladen,
+Kasten und Truhen und entdeckte in einer Lade, die unter des Meisters
+Bett stand, einen Fuß aus purem Golde, der gerade so aussah, wie der,
+den der Schreiner gemacht. Mit dem Goldfuß hatte es aber eine eigne
+Bewandtnis. Der Meister war auf dem Schloß gewesen, um in der Kammer des
+Grafen etwas in Ordnung zu bringen. Er mußte oft wiederkommen und hatte
+Muße, wenn der Herr Graf das Zimmer verließ, alles darin genau zu
+betrachten. Besonders gefiel ihm das Bett, das an einer Wand stand. Es
+war gar kunstvoll aus purem Golde gefertigt. Eine Fee hatte es dem
+Ahnherrn geschenkt und einen Zauber darauf gelegt, also: »daß jeder, der
+in dem Bette liege, so lange es unversehrt sei, nie solle von Krankheit
+befallen werden, sondern in hohem Alter sanft und selig entschlafen.«
+Darum war dem Grafen das Bett besonders lieb, und er hütete es wohl. Dem
+Meister aber stach das Gold in die Augen. Er besah das Bett genau und
+beschloß, die Beine auszutauschen. So hatte er schon ein Holzbein
+heimlich hergerichtet, daß es gerade so aussah wie das echte, und als er
+einmal allein in der Kammer arbeitete, um das Betpult des Grafen
+aufzuglänzen, tauschte er rasch die Beine aus. Und da niemand etwas
+davon merkte, und er hoffte, der Graf sei auf der Jagd, beschloß er,
+wieder zur Burg hinaufzugehen und heute nach Gelegenheit zu suchen, auch
+das zweite Bein, das er gemacht hatte, einzuwechseln. Der Graf aber war
+seit einiger Zeit unpäßlich, klagte über Schmerzen und konnte sich nicht
+erklären, woher das käme.
+
+Als Schlupps das Goldbein in der Lade sah, dachte er: »Du kommst mir
+gerade recht. Mein Dreibein kann einen solchen Hinkefuß wohl brauchen,«
+nahm das Bein und leimte es an die Bank. Gegen Abend kam der Meister
+heim, ärgerlich, daß sein Plan mißglückt war; denn der Herr Graf hatte
+zu Bett gelegen, und so konnte er nicht in die Kammer. »Faß mit an die
+Lade,« gebot er dem Gesellen und trug sie mit ihm in den Keller; denn er
+hatte Angst, es könne ihm jemand seinen Schatz rauben, den er heimlich
+einem Goldschmied verkaufen wollte. Den Kellerschlüssel versteckte er im
+Rauchfang. »Ist die Bank fertig?« fragte er dann den Burschen. »Fertig
+und zum Küster getragen.« Deß war der Meister zufrieden; denn die Bank
+sollte am Sonntag vor der Kirchtür stehen als Armsünder-Bänkchen. War
+das alte doch schon abgenutzt von den vielen, die darauf gesessen
+hatten.
+
+Wie Sonntags alle in der Kirche waren und der Pfarrer das Gebet
+gesprochen hatte, klopfte es vernehmlich an die Kirchenpforte, und als
+der Küster öffnete, kam die Bank herein, humpelte die Kirche entlang,
+»klipp, klapp, tripp, trapp,« am Altar des Herrn vorbei, immer weiter,
+bis sie an einem Kirchenstuhl stehen blieb, grad wo der Meister saß, der
+mit Schrecken den goldenen Fuß erkannte. »Ich weiß von nichts,« rief er
+und wurde blaß wie das böse Gewissen. »Es hat Ihn ja noch keiner
+angeklagt,« sprach der Pfarrer ernst. »Ich weiß von nichts,« versicherte
+der Meister wieder und zitterte und ward schlohweiß. »Das hat mein
+Geselle getan. Holt ihn her und laßt ihn die peinliche Strafe erleiden!«
+Aber der Geselle war fort über Land. Aus des Meisters Gefach hatte er so
+viel Geld genommen, als der Lohn für seine Arbeit betrug; alles andere
+hatte er unberührt gelassen. Der Meister mochte leugnen, soviel er
+wollte, es half ihm nichts – der Graf sagte ihm den Diebstahl auf den
+Kopf zu, schließlich gestand er seine Tat ein und mußte auf dem
+Armsünder-Bänkchen sitzen zum Gespött aller Leute. Der Graf aber ließ
+den echten Fuß wieder am Bett anmachen und war von der Stunde ab gesund.
+
+
+
+
+Die Vogelscheuche
+
+
+Wo war Schlupps indeß? Der saß auf einem Kirschbaum an der Straße und
+tat sich gütlich. »Gut, daß ich den Spatzen zuvorkomme,« dachte er.
+»Braucht der Bauer keine Scheuche aufzustellen, die ihm die Räuber
+verjagt.« Da sah er von ferne einen Landmann kommen, der hatte die
+blinkende Sense auf dem Rücken und schritt rüstig aus; denn er war ein
+gar großer Mann. »Halt,« dachte Schlupps. »Wer weiß, ob der versteht,
+was ich hier tue. Wenn er mit der Sense ausholt, sitzt mein Kopf etwas
+tiefer und kommt nimmer an seinen Platz.« Schnell zog er seinen Rock
+aus, drehte ihn um und tat ihn verkehrt an, den Hut stülpte er so tief
+auf den Kopf, daß man kaum das Gesicht sah, und dann stand er
+unbeweglich in den Zweigen.
+
+Der Bauer dachte: »Was ist denn das für ein Ungetüm, vor dem fürchten
+sich die Spatzen sicher. Wenn ich nur wüßte, wie ich zu einer solchen
+Vogelscheuche käme.« »Wer hat dich dort oben hingestellt?« rief er
+hinauf.
+
+ »Mein Vater hat mich aus Holz gemacht.
+ Mein’ Mutter hat mich hierhergebracht.
+ Mein’ Schwester weint um mich sicherlich.
+ Rüttle mich fest, so lebe ich,« –
+
+klang es hohl zurück.
+
+Da erschrak der Bauer und meinte nicht anders, als es sei eine
+verwünschte Seele, die er erlösen könne, stieg auf den Baum und begann
+den Burschen zu rütteln und zu schütteln. Der sprang herab und rief:
+»Das lohn’ dir Gott, das lohn’ dir Gott,« dann gab er Fersengeld und
+lief davon, dem Dorfe zu. Erstaunt ging der Bauer heim und gradaus zum
+Pfarrer, dem er die Mär von der erlösten Seele beichtete. Der Pfarrer
+war sehr erfreut, in seiner Gemeinde ein Schäflein zu haben, das irrende
+Seelen erlösen könne. Er belobte den Bauer um seine Guttat und wies ihn
+an, den Burschen herbeizubringen. Wie der Bauer das Pfarrhaus verließ
+und an dem Gottesacker vorbeischritt, da sah er an der Kirchhofmauer
+eine Gestalt stehen, die kam ihm bekannt vor, und wie er hinsah, war es
+die Scheuche vom Kirschbaum, angetan wie ein richtiger Handwerksbursch.
+Das gab eine große Freude im Dorf, als der Geselle unter der großen
+Linde saß und anhub zu erzählen, wie eine böse Stiefmutter ihn
+verwünscht habe – dabei hatte er seine Lebtage keine Stiefmutter gehabt
+– wie der Bauer ihn erlöst habe, und daß er jetzt die Kunst besäße, die
+Vögel zu scheuchen und von der Saat fern zu halten.
+
+Da wollten ihn die Bauern nimmer fortlassen, und es wurde beschlossen,
+daß sie reihum den Burschen verpflegen wollten, dafür sollte er
+abwechselnd ihre Felder und Gärten bewachen. Deß war der
+Handwerksbursche zufrieden, stand jeden Tag in einem andern Feld und
+lehrte die Kinder, die sich in Haufen um ihn versammelten, tolle Sachen,
+Gesichter schneiden, Schelmenlieder singen und kecke Antworten geben.
+Weil nun immer eine große Kinderschar um den Gesellen war und viel Lärm
+machte, blieben die Felder spatzenrein. Dafür aß der Bursche für zwei
+und mancher dachte: »Besser die Spatzen säßen im Feld, als der Fresser
+am Tisch.« Wagten aber nichts zu sagen, weil keiner vor den Nachbarn als
+geizig und ungünstig erscheinen wollte.
+
+Als aber der Bursche an das letzte Haus des Dorfes kam, in dem eine
+arme Witwe wohnte, sagte diese: »Einen Garten zu bewachen habe ich
+nicht, und die Spatzen können mir nichts nehmen, dieweil kein Halm für
+mich wächst. Aber zu essen will ich Euch wohl geben, weil Ihr eine
+irrende Seele seid. Mein Kind und ich können heute das Mittagsmahl
+entbehren.« Damit setzte sie die Schüssel auf den Tisch und sagte:
+»Gesegn’s Gott!« Dann nahm sie ihr Bübchen an die Hand und führte es
+hinaus, daß es nicht zusähe, wie der fremde Mann sein Essen bekäme, und
+draußen vertröstete sie das weinende Kind auf das Nachtmahl.
+
+Dem Handwerksburschen stieg das Blut zu Kopfe, wie er bedachte, daß die
+arme Frau und das Kind hungerten. Er saß eine Weile vor der vollen
+Schüssel, dann stand er auf, rief die Frau und sagte: »Gegessen hab’
+ich. Wundert Euch nicht, daß die Schüssel nicht leer und noch voll
+Milchsuppe ist. Sagt es keinem, daß ich einen Zauberspruch weiß, der die
+Schüssel, daraus ich esse, immer wieder füllt.« Damit ging er fort, und
+als die Frau hineinkam, lag neben der Schüssel ein blankes Goldstück.
+
+
+
+
+Der Weinpanscher
+
+
+Den Burschen duldete es nicht mehr am Orte; denn wenn er den Zaubersegen
+in jedem Haus vor der vollen Schüssel hätte aussprechen sollen, so wäre
+es um seinen Magen schlecht bestellt gewesen. Darum machte er, daß er
+fortkam und wanderte über einen hohen Berg, bis er talwärts ein einsames
+Wirtshaus fand. Der Wirt stand in der Türe und spähte nach allen
+Seiten, ob kein Wanderer des Weges kommen wollte; denn es war schon hoch
+im Jahre, und selten verirrte sich einer in die verlassene Gegend. Er
+sah Schlupps mißtrauisch an und gab ihm zu verstehen, daß sein Haus auf
+Gäste, die schlecht zahlten, nicht eingerichtet sei; fragte, wie lange
+der Gast zu bleiben gedenke und wohin und woher. »Grad aus dem
+Fegfeuer,« seufzte der Bursche, machte ein gottsjämmerliches Gesicht,
+saß nieder, stützte das Haupt in die Hände und seufzte laut auf.
+
+Dem Wirte wurde bang. Wenn das nur nicht der Gottseibeiuns selber war,
+der ihn versuchen wollte. Der nahm so viele Gestalten an, warum sollte
+er nicht auch als Handwerksbursche kommen?
+
+»Erzählt mir, was Euch herführt?« bat er den Gast. Dabei trug er eine
+Schüssel nach der andern auf und nötigte den Fremden zum Essen, und der,
+nicht faul, hieb auf die Gerichte ein, daß es eine Lust war. Das
+beruhigte den Wirt einigermaßen, daß der Böse so menschlich aß und
+trank. Dann gab der Bursche auf die Fragen Bescheid und erzählte von den
+armen Seelen im Fegfeuer. »Warum habt Ihr müssen darinnen sitzen und
+warum irrt Ihr jetzt auf der Erde herum?« fragte der Hausherr.
+
+»Das ist eine traurige Sache,« seufzte Schlupps und zündete ein
+Pfeifchen an. »Ich war ein Gastwirt, wie Ihr. Mein Haus stand in einem
+schönen Tal, wo Wein in Fülle wuchs. Da ich aber unersättlich war und
+nicht schnell genug reich werden konnte, tat ich Wasser in den Wein und
+wußte doch, daß ich meine Seele damit dem Bösen verschrieb. Jahrelang
+hielt ich es so. Eines Tages klopfte ein Handwerksbursche an meine Tür
+und bat um ein Nachtlager. Weil ich dem Gast ansah, daß seine Zeche
+nicht sehr hoch sein werde, nahm ich ihn unwillig auf, setzte ihm Reste
+von saurem Wein vor, der vom Faß niedergetropft war und in einem Bottich
+gärte und wies ihn fort, als er Nachtherberge verlangte. Dann ging ich
+in den Keller, meinen Wein mit Zucker und Wasser zu mischen, wie ich es
+gewohnt war.
+
+[Illustration: Der Höllwirt]
+
+Als ich mich umwende, wer steht hinter mir? – – – Der
+Handwerksbursche! Er packte mich und schrie: »Hab ich dich bei deinem
+schändlichen Treiben erwischt? Jetzt bist du mir verfallen.« Er wuchs
+und wuchs, bis er an die Decke des Kellers stieß, seine Augen glühten
+und sprühten Flammen. Dann stampfte er mit dem Fuße auf die Erde und wir
+sanken tausend Klafter tief, grad in die Hölle. Da war große Freude, als
+ich ankam; denn die Weinpanscher sind dort besonders gut angeschrieben,
+und des Teufels Großmutter nahm mich gleich bei der Hand und führte mich
+an eine glühend heiße Stelle. Jetzt mußte ich im Fegfeuer sitzen und sah
+über mir Wein keltern, den besten Roten und Weißen. Der Duft zog mir in
+die Nase, und ich bekam keinen Tropfen zu kosten. Alle hundert Jahre
+darf ich auf die Erde gehen, in Gestalt eines Handwerksburschen. Finde
+ich einen Wirt, der die armen Wandrer von der Schwelle jagt oder ihnen
+ein bös Gesicht und sauren Wein vorsetzt und die lieben Gottesgaben mit
+Wasser mischt, dann bin ich frei und darf ihn statt meiner in die Hölle
+führen. Lasse ich mich aber durch Bitten erweichen und gebe den Wirt
+frei, dann muß er mich ein Jahr gut verpflegen, und ich muß an seiner
+Stelle hundert Jahre mehr im Fegfeuer sitzen.«
+
+Der Wirt erschrak und dachte an den Brunnen, den er im Keller gegraben
+hatte, weil er das Wasser dann bequemer in die Fässer schütten konnte.
+Er wies dem unheimlichen Gast sein bestes Zimmer an, wartete, bis er
+schlief, stieg dann in den Keller hinab und leerte vorerst zwei von den
+großen Fässern, in denen gewässerter Wein war, in den Brunnen aus. Über
+den deckte er ein großes Brett, damit keiner sähe, was darinnen war.
+
+Am andern Morgen bat der Bursche: »Zeigt mir doch Euren Weinkeller.« Der
+Wirt traute sich nicht zu widersprechen, führte den Handwerksburschen
+hinab und ließ ihn von jedem Fasse kosten. Aber nur von den guten, in
+denen reiner Wein war. Schlupps aber entdeckte hinten in der Ecke zwei
+Fässer, die ihm verdächtig vorkamen, ging hin und wollte sie anzapfen.
+
+»Kommt herauf und eßt erst was,« bat der Wirt, »mit leerem Magen trinkt
+sich’s schlecht. Hab Euch ein Hühnchen gebraten und einen fetten
+Schinken aus der Räucherkammer geholt.« Das ließ sich der Gast nicht
+zweimal sagen, ging hinauf, aß und hieb mit solcher Macht in den
+Schinken ein, daß sein Messer Funken sprühte und der Wirt meinte, das
+höllische Feuer leuchten zu sehen.
+
+Als die Mahlzeit fertig war, sagte Schlupps: »Meister, so leid es mir
+tut, die Kellerprobe ist noch nicht fertig. Doch braucht Ihr Euch nicht
+in den Keller zu bemühen. Des Teufels Großmutter hat mich ein Sprüchlein
+gelehrt, wenn ich das sage, dann kommen die Fässer, in denen
+gepanschter Wein ist, gradwegs die Kellertreppe hinauf in die
+Wirtsstube. Ich brauche bloß meinen Becher hoch zu heben und zu
+sprechen:« – – – »Haltet ein! Haltet ein!« schrie der Wirt und riß
+den Becher aus der Hand des Handwerksburschen. »Laßt im Keller, was
+drinnen ist. Ich will Euch ein Jahr verpflegen und Ihr sollt es gut
+haben. Was kann Euch an hundert Jahren mehr im Fegfeuer liegen?«
+
+»Wirt, Ihr sprecht, wie Ihr es versteht. Wüßtet Ihr, welche Pein ich
+dort erduldet! Ihr holtet selber die Fässer herauf, um mich zu erlösen.
+Schrecklich ist es dort unten und –« »Hört auf, hört auf!« rief der
+Wirt wieder. »Laßt Euch erweichen. Bleibt bei mir. Ihr sollt es nicht
+bereuen, und ich will auch für Eure arme Seele beten.« Der Bursche sann
+nach. »Ihr tut mir leid,« sagte er endlich. »Euch zu lieb will ich es
+auf mich nehmen. Aber,« setzte er drohend hinzu, »hütet Euch, den Pakt
+zu brechen; denn dann seid Ihr mir unrettbar verfallen und müßt in die
+Hölle.«
+
+Der Wirt versprach, was der Bursche wollte, stieg in den Keller hinab,
+holte ein Maß vom Besten, und bei Rotem wurde der Pakt besiegelt. Dann
+ging der Hausherr wieder hinunter und strich zärtlich über die beiden
+Fässer, die er noch zurückbehalten hatte. Den Wein wollte er den
+Fuhrleuten vorsetzen, die im Sommer kamen und Ausspann bei ihm hielten.
+
+Den Winter hindurch saß Schlupps in der Wirtsstube, erzählte Schnurren,
+schmauchte sein Pfeifchen und aß und trank. Wie es aber Frühling wurde,
+sehnte er sich hinaus und sagte zu seinem Wirte: »Seid bedankt für die
+Pflege, die Ihr mir habt angedeihen lassen. Ich will es Euch eingedenk
+sein und die hundert Jahre Fegfeuer gern für Euch ertragen. Mein Jahr
+ist noch nicht um; aber ich muß weiter ziehen. Doch zuvor gebt mir die
+zwei Fässer, die in der Ecke im Keller liegen, sonst hilft dort unten
+mein Bitten nichts. Ich will sie Euch abnehmen. Gebt mir Wagen und
+Pferde, so lade ich sie auf, und Ihr seid sie los.«
+
+Der Wirt war froh, den höllischen Gast auf gute Art aus dem Hause zu
+bekommen, gab ihm das Verlangte, tat noch ein Fäßchen schweren Roten
+dazu, steckte dem Burschen ein Beutelchen mit Geld bei und bat ihn um
+Gotteswillen, bei des Teufels Großmutter ein gut Wort einzulegen.
+
+Der Bursche versprach es und sagte zum Abschied: »Wenn Euch einer fragt,
+wer Euch gelehrt hat, mit Wein und Gästen gut umzugehen, sagt immer
+›Schlupps.‹« Damit zog er ab, und dem Wirt fiel ein Stein vom Herzen.
+
+ * * * * *
+
+Nicht lange darauf hörte man eines Tages Hörner blasen, und als der Wirt
+in die Haustüre trat, kam eine Reiterschar dahergesprengt, und der
+Vornehmste von ihnen war der König. Die Ritter saßen ab und traten in
+die Gaststube. »Holt Essen herbei,« befahl der König, »wir sind müde und
+hungrig von der Jagd.« Da liefen der Wirt und sein Gesinde und brachten
+heran, was Gutes in Kammer und Küche war. »Habt Ihr Wein?« fragte der
+Kämmerer, der immer an des Königs Seite saß. »Ei freilich,« rief der
+Wirt und wollte schnell hinabspringen und zapfen; aber der König sah ihn
+scharf an und sprach: »Weißt du, daß ich ein Gebot erlassen habe: man
+solle jeden, der Wein fälscht, zum Galgen führen? Wehe, wenn ich dich
+auf böser Tat ertappe!« Der Wirt beteuerte, daß sein Wein echt und rein
+sei. Da stieg der König selbst mit in den Keller, um den Wein zu prüfen,
+und aus jedem Faß, das er versuchte, kam die liebe Gottesgabe rein und
+unverfälscht heraus und sein Gesicht strahlte immer mehr vor Freude, als
+er von Faß zu Faß ging. »Wer hat dich gelehrt, den Wein so gut zu
+behandeln?« »Schlupps,« antwortete der Wirt.
+
+Da sahen sich die Diener des Königs erstaunt an, solch ein Wort hatten
+sie noch nie vernommen. Der Kämmerer aber legte den Finger an die Nase,
+dachte eine Weile nach und meinte dann bedeutungsvoll: »Das ist eine
+Sprache, die ich nicht kenne. Wer weiß, was der Wirt für ein gelehrter
+Mann ist.« – Dann flüsterte er lange heimlich mit dem König. Der nickte
+mit dem Kopfe und sagte zu dem Wirt, der abseits stand und nicht wußte,
+was das alles zu bedeuten habe: »Wisset, mein Kellermeister ist
+gestorben. Im ganzen Lande suchen wir einen neuen; aber es muß ein Mann
+sein, der nie Wein gefälscht, noch gewässerten Wein verkauft hat. Du
+scheinst mir der Rechte. Sage mir, wer hat dich in der Kunst
+unterwiesen?«
+
+»Schlupps,« sagte der Wirt wieder. Der König legte seine Stirn in tiefe
+Falten und sah sich ernst im Kreise um. Denn weil ein König gescheidter
+sein muß, wie alle Leute und alles besser wissen soll, wollte er nicht
+merken lassen, daß er das Wort nicht kenne und so sagte er: »Das dachte
+ich mir gleich. Willst du mein Kellermeister sein, so sollst du in
+meinem Schlosse wohnen, in einer goldenen Kutsche fahren und so viel
+Geld haben, als du immer willst; dafür darf kein anderer als du meinen
+Wein besorgen.«
+
+Des war der Wirt froh. Entließ sein Gesind, schloß sein Haus zu, bestieg
+ein Pferd und zog mit dem König fort.
+
+
+
+
+Von einer Heirat
+
+
+Schlupps fuhr indes in die Welt hinein, machte sich gute Tage und sparte
+nicht an Geld; denn er meinte, der Beutel lange ewig. Eines Tages aber
+sah er, daß nur noch wenige Goldstücke darinnen waren und er sehen
+mußte, sich Geld zu verschaffen. Er war indeß schon ein gut Stück in der
+Welt herumgekommen, denn mit Wagen und Pferden ging es schneller als auf
+Schusters Rappen. Einkehr hielt er des Nachts selten in Wirtshäusern,
+meistens bat er die Bauern, bei ihnen sein Gespann einstellen zu dürfen,
+dieweil er ein armer Fuhrmann war, der daheim Weib und Kind hatte. Er
+wolle gern den Hafer für sein Pferd und die Abendsuppe für sich
+bezahlen. Da aber die Leute, besonders die Frauen, mit ihm Mitleid
+hatten, wenn er gar zu beweglich von seinen sechs hungrigen Kindern
+daheim erzählte, gaben sie ihm um Gotteswillen, was er sich ausbat, und
+was er des Nachts sparte, ließ er des Mittags im Wirtshaus draufgehen.
+
+So kam er einmal abends in ein Dorf und hielt gleich bei dem ersten
+Bauernhof um Nachtherberge an. Der Bauer aber war der Dorfschulze und
+gar hochmütig. »Hab kein Wirtshaus für herumziehendes Volk,« brummte er.
+»Brauche meine Ställe alleine,« und jagte den Fuhrmann fort. Der traute
+sich nicht so bald wieder zu fragen, zog langsam weiter und horchte, wie
+die Hunde hier gar so bös bellten. »Scheinen ungute Leute im Dorf,«
+dachte er, »tät ihnen not, daß ich sie mit meinen Launen und Schwänken
+hobelte, damit sie an mich denken.«
+
+Da sah er abseits ein Gehöft, von dessen niederm Dach die Schindeln
+morsch herunterhingen. Er fuhr hin, stieg ab und spähte durch das Tor.
+Auf dem Brunnenrande saß ein Mädchen, den Kopf hatte es in die Schürze
+gesteckt und man hörte, daß es bitterlich weinte. »Jungfer, was fehlt
+Euch?« fragte Schlupps. Sie fuhr hoch und sah erschreckt zu dem Manne
+auf; als sie aber in ein gutmütiges Gesicht blickte, faßte sie sich ein
+Herz und fragte ihn, was er wolle. Er erzählte ihr, daß er Nachtlager
+suche, denn die Wirtshäuser wären zu teuer.
+
+»Kommt nur herein,« sagte sie. »Ich fürchte Euch nicht. Stehlen könnt
+Ihr mir nichts. Meine letzte Ziege ist gestern gefallen und mir werdet
+Ihr wohl kein Leid antun. Und wenn auch, das Sterben ist mir nicht
+unlieb; denn das Leben ist mir verleidet.« »Redet nicht so
+gotteslästerlich,« sprach er ernst. »Erzählt mir Euren Kummer,
+vielleicht kann ich Euch helfen.«
+
+»Wißt,« hub sie an zu erzählen. »Der Hans und ich lieben uns schon
+lange. Der Hans ist der Schulzensohn und wollte mich zu seinem Weibe
+machen, aber sein Vater ist gar reich und hochmütig und hat den Hans mit
+der reichen Bäckertochter versprochen. Die ist häßlich und böse; ein
+freundliches Wort gönnt sie keinem Menschen. Wäre sie gut, wollte ich
+ihr den Hans gern lassen und für immer fortgehen, daß mich der Hans
+nicht mehr sieht und meiner vergißt. Aber, da ich weiß, was für eine
+Garstige sie ist, drückt mir der Kummer das Herz ab. Wie der Hans seinem
+Vater trotzte und sagte, er wolle nur mich haben, lachte der Schultheiß
+spöttisch und meinte: »Die Eve, die so arm ist, daß sie nicht einmal
+ihre Hochzeit ausrüsten kann und die Gäste Essigwasser anstatt Wein zu
+trinken bekämen! Wenn aus der Eve ihrem Brunnen roter Wein kommt, darfst
+du sie heiraten!« Das ist natürlich eitel Gerede gewesen; denn er weiß,
+daß so was nie möglich ist, und jetzt ist der Hans mit der Bäckin
+aufgeboten und Sonntag ist Hochzeit.«
+
+»Tröstet Euch,« sagte Schlupps. »Es gibt Burschen, die gewiß noch
+schöner sind als der Hans. Ihr werdet einen anderen finden.«
+»Nimmermehr,« rief Eve. »Lieber in den Brunnen!« »Wartet ab und verliert
+die Hoffnung nicht; vielleicht weiß ich Rat. Legt Euch zu Bett,
+verschließt Eure Kammertür und vertraut auf Gott. Ich will im Stall bei
+meinen Pferden schlafen und ihnen den Hafersack umhängen.«
+
+Als das Mädchen in seine Kammer gegangen war und es still im Hofe ward,
+ging der Bursche in die Gerätekammer, holte eine Schaufel und fing an,
+ein großes Loch im Hof zu graben und daneben noch eins. In die beiden
+Löcher aber tat er die Fässer mit saurem Wein, deckte Erde darüber und
+Steine, und das Faß mit rotem Wein versenkte er in den Ziehbrunnen. Dann
+legte er sich zu seinen Pferden auf die Streu und schlief ein.
+
+Am andern Tage sagte er zu dem Mädchen: »Ich muß noch einmal fortgehen.
+Laßt meinen Wagen und die Pferde einige Tage bei Euch stehen. Es soll
+Euch nicht reuen.« »Gern,« gab sie zur Antwort. »Da ist noch etwas Heu
+und Hafer. Ich hab es nicht not, nehmt Ihr es. Ich will Eure Pferde wohl
+versorgen, wenn Ihr fort müßt.« Da verabschiedete sich Schlupps, ging in
+das Dorf und geradezu in den Bäckerladen, wo die Bäckertochter fein
+aufgeputzt da saß. »Was wollt Ihr?« fragte sie barsch. »Ein Brot,« sagte
+der Handwerksbursche demütig. »So nehmt, zahlt und macht, daß Ihr fort
+kommt. Braucht mich nicht so anzusehen.« – – – – – »Verzeiht
+Jungfer,« stotterte Schlupps und tat arg verlegen. »Hätte ich doch mein
+Lebtag nicht gedacht, daß ich des Kaisers von Welschland Frau hier
+leibhaftig vor mir sehen würde.« »Wen?« fragte die Bäckerstochter, und
+der Hochmut fing an, sich in ihr zu regen.
+
+»Des Kaisers von Welschland Gemahlin, leibhaftig. Muß ich sie doch
+kennen, bin oft genug im Schloß gewesen und hab ihr gar prachtvolle
+Kleider gemacht. Denn wißt, ich bin ein tüchtiger Schneidermeister und
+hätte es können in Welschland weit bringen. Doch, wie es geht. Wollte
+wieder ins Vaterland. Hab aber oft zurückgedacht an die schöne Königin.
+Wenn Ihr Kleider hättet wie die – weiß Gott! Keiner tät wissen, daß Ihr
+nicht eine Prinzessin seid und daß Eure Wiege hinter den Mehlsäcken
+gestanden hat. Könnt Ihr mir nicht künden, wie Ihr heißt? – –« »Grit,«
+sagte sie und versuchte, recht holdselig zu lächeln, es wollte ihr aber
+nicht gelingen; denn die oberen Zähne hingen ihr über die unteren herab
+und so machte sie mehr ein Grinsen, denn ein Lächeln. »Grit,«
+wiederholte sie.
+
+»Kann so was sein?« rief Schlupps. »Gibt es Wunder? Genau so hieß die
+Königin. Wer weiß, vielleicht hat mich der Zufall nicht umsonst
+hergeführt und der Prinz Xaver, der immer eine Frau sucht, die wie seine
+Mutter aussieht, seufzt nicht vergebens. Gewiß ist Euer Herz noch frei,
+Jungfer?«
+
+»Das ist es eben,« sagte sie wehleidig. »Am Sonntag soll ich ehelichen,
+den Hans vom Schultheiß. Er hat mir soweit ganz gut gefallen, besonders
+weil ich ihn der Ev’, dem dummen Ding, nicht gönnte.« – –
+
+»Was?« rief der Handwerksbursche erstaunt. »Ist so was möglich? Einem
+Bauern wollen sie Euch zum Weibe geben und seid doch nur für einen
+Prinzen geschaffen? Ei, hätte nicht gedacht, daß Ihr so herunterstieget.
+Aber um Eines bitte ich Euch. Laßt mich das Brautkleid machen, genau wie
+es die Königin trug, damit die Leute sehen, wen sie vor sich haben.«
+
+Deß freute sich Grit, denn es verdroß sie schon lange, daß sie zur
+Hochzeit daher kommen sollte wie jede Bauernmagd. Jetzt sollte der Hans
+sehen, was eine reiche Braut vermochte, und die Eve sollte vor Neid
+bersten.
+
+»Erzählt mir, wie das Gewand war,« bat sie. »Aus den besten Stoffen,«
+erzählte das falsche Schneiderlein, »ein Unterkleid von gelbem Tuch,
+dazu ein Obergewand von rotem Sammet, die Ärmel gepufft aus heller Seide
+und alles fein mit bunten Bändern ausstaffiert. Auf dem Kopfe eine vier
+Ellen hohe Mütze aus Seide und Pelz und daran einen Schleier, so lang
+als Ihr seid und noch darüber, und die Schuhe – – die Schuhe, die
+waren mit dicken grünen Perlen besetzt. Eine goldene Kette lag um den
+Hals, die ging bis auf den Gürtel, und der war aus purem Golde mit
+bunten Steinen verziert. So müßt Ihr es auch haben. Wartet nur Ihr
+Bauern,« und er drohte mit der Faust hinaus in die Luft, »ich will Euch
+zeigen, wie man eine Prinzessin zu behandeln hat.«
+
+»Aber werdet Ihr das Alles so schnell nähen können?« fragte Grit
+zweifelnd. »In vier Tagen ist Hochzeit.«
+
+»Nichts leichter als das,« lachte Schlupps. »Hab in Welschland doch
+anderes leisten müssen. Gebt mir Wagen und Pferd, so fahr’ ich in die
+Stadt und kaufe alles ein. Wundert Euch nicht, wenn ich erst morgen
+Abend wiederkomme; denn es wird schwer halten, alles im Städtchen zu
+finden. Damit Ihr aber sicher seid, daß ich wiederkehre, lasse ich mein
+Felleisen da. In dem ist mein Fingerhut, und wenn ich den nicht habe,
+kann ich nichts machen. Hütet Euch jedoch, das Felleisen zu öffnen. Es
+ist mit einem Zauberspruch geschlossen, und wer es öffnet, wagt sein
+Leben.« Grit, deren Hoffart immer mehr stieg, gab ihm heimlich ihres
+Vaters Wagen und Pferd und einen großen Sack Geld; den wollte sie
+eigentlich dem Hans als Brautgabe mitbringen. »Braucht davon, so viel
+Ihr für gut findet,« sagte sie. Denn wenn sie auch keinem etwas gönnte,
+so war ihr für sich selbst nichts zu viel, und sie scheute nicht Geld
+und Gut, wenn es ihre Schönheit galt. Meinte sie doch, daß ihr kein
+Mädchen im Dorf gleich käme, und wußte nicht, wie die hakige Nase
+garstig aus den knochigen Wangen herausstach, und der Hans fürchtete
+sich so vor dem spitzen Gesicht, daß er seiner Braut noch nie einen Kuß
+gegeben hatte und stets wehmütig an Eves rundes, frisches Gesicht mit
+den braunen Augen dachte.
+
+So fuhr Schlupps davon. Hans aber kam auf seines Vaters Weisung, seine
+Braut zu besuchen und allerlei mit ihr wegen des Hausrats zu besprechen.
+Der Schultheiß kam selbst auch hinzu, um die künftige Tochter wegen der
+Hochzeit zu befragen. Er wunderte sich nicht wenig, wie Grit hoffärtig
+und spitz immer davon sprach, daß es eine Gnade für Hans sei, wenn sie
+ihn nähme, und daß sie für Höheres geboren wäre. »Na, hoch genug liegt
+unser Hof ja,« sagte der Schulze scherzhaft, er verstand noch immer
+nicht, wo sie hinaus wollte. »Laßt die Späße, Schultheiß,« gab sie
+giftig zurück. »Wenn ich erst Bäuerin auf dem Hof bin, werden wir sehen,
+wie hoch Ihr seid. Da habt Ihr nichts mehr dort drein zu reden. Am
+besten wär’s, Ihr gäbet Hans gleich Haus und Hof und zöget aus. Für drei
+Leute ist der Hof zu eng.« – –
+
+Da sah Hansens Vater, was für eine Böse die neue Schwiegertochter war,
+schlug die Türe zu und ging heim. »Noch ist nicht aller Tage Abend,«
+brummte er. Und der Zufall wollte, daß ihm die Ev begegnete, wie sie so
+bescheiden und sittig durch das Dorf schritt. »Hätte ich der doch den
+Hans gegönnt,« dachte er, »das wäre eine bessere Hausfrau geworden, als
+die übermütige, häßliche Bäckerstochter,« und weil er im Grunde nicht
+geldgierig, nur stolz und rechthaberisch war, tat ihm jetzt die Eve
+leid. Sie hatte mit so traurigen Augen auf ihn geblickt. –
+
+Schlupps fuhr indeß in die Stadt, kaufte allerlei Stoffe, alles vom
+Gröbsten und Schlechtesten, ging zu einem Schneidermeister und sprach:
+»Meister, mach Er mir bis morgen ein Gewand. So und so muß es sein« und
+beschrieb, wie er es haben wollte. »Das kann nicht sein,« widersprach
+der Meister, »das wäre eine gar traurige Arbeit, und man würde mich
+darob mit Schimpf und Schande aus der Zunft jagen. Gebt mir acht Tage
+Zeit und es soll genäht und gebügelt sein, wie es sich gehört.« »Bis
+morgen muß ich es haben,« beharrte Schlupps. »Tut Ihr es nicht, tut es
+ein anderer; auf Geld soll es mir nicht ankommen,« und legte ein
+Goldstück auf den Tisch. »Näht wie Ihr wollt, und wenn ein Stich auch
+dem andern zuruft: »halt Bruder, lauf nicht davon,« so soll es nichts
+ausmachen. Es braucht nicht lange zu halten und wenn die Ärmel nur lose
+darin hängen und die Nähte bald springen, so ist das Ausziehen um so
+leichter und man braucht nicht viel Haken aufzumachen.« »Auch gut,«
+überlegte der Meister von der Nadel. »Gewiß ist das unehrliches,
+fahrendes Volk; denn ein Bürgerkind zög ein solches Narrengewand nicht
+an;« rief seine Gesellen herbei und versprach, rechtzeitig fertig zu
+sein. Konnte sich aber nicht genug wundern, was für schlechte Tuche ihm
+zu Händen kamen, denn statt Sammet hatte der Schalk grobe Linnen mit
+roter Farbe anstreichen lassen.
+
+Den Schmuck aber ließ er beim Blechschmied aus Blech und Messing machen
+und in den Gürtel Glasstücke hineinsetzen. Der Schleier war so groß wie
+ein Fischernetz, und der Beutel wurde, nachdem alles eingekauft war, nur
+um ein Weniges erleichtert. »Das Geld hast du dir sauer verdient,«
+dachte Schlupps und streichelte den Geldsack zärtlich. Wie er am
+folgenden Abend heimkehrte, stand die Bäckerstochter auf der Landstraße
+und erwartete ihn. »Steigt auf, schöne Grit,« rief Schlupps. »Laßt Euch
+erzählen.« – Er berichtete, wie er überall herumgelaufen sei, bis er
+alle Stoffe gefunden habe, dafür wären sie auch vom besten und feinsten.
+Jetzt wolle er aber die ganze Nacht fleißig sein; denn bis morgen müsse
+sie ihr Gewand haben. Den Packen trug er dann eilends auf die Kammer,
+die ihm die Grit eingeräumt hatte, schloß zu und steckte den Schlüssel
+ein. Dann ging er fort in das Wirtshaus. Da saßen die Mannsleute des
+Dorfes, alte und junge, und in ihrer Mitte der Schulze und Hans; denn
+heute sollte der Bursche noch einmal das Ledigsein feiern, wie es Brauch
+war am Ort.
+
+»Schulze, warum seid Ihr so ernst?« sagte der Wirt. »Muß ich nicht
+ärgerlich sein?« war die Antwort. »Ich wollte zur Hochzeit von meinem
+einzigen Sohne etwas draufgehen lassen und hab darum meinen Knecht in
+die Stadt geschickt nach einem Faß vom besten Roten, wie es ihn hier
+herum nirgends gibt. Ein Freund hat ihn mir um vieles Geld besorgt.
+Jetzt schickte der Knecht mit einem Fuhrmann die Kunde her, das Faß sei
+noch nicht eingetroffen, und er wisse nicht, ob er zur Hochzeit zurück
+sein werde. Übermorgen ist die Trauung; morgen kommen schon die Gäste,
+und ich muß ihnen einen gewöhnlichen Wein vorsetzen, wie ihn jeder Bauer
+im Keller hat.«
+
+»Verzeiht, Herr,« mischte sich Schlupps ins Gespräch. »Sollte im Dorf
+kein Wein zu haben sein? Ich bin Küfer und weiß die verborgenen Quellen
+wohl aufzufinden.«
+
+Alle Gäste horchten auf und der Schulze sagte: »Wenn Ihr mir hier im
+Dorfe guten Wein schafft, soll es mir auf ein Stück Geld nicht
+ankommen.«
+
+Der Bursche nahm eine Gabel, die auf dem Tische lag, schlug damit an ein
+Glas, hielt die Gabel an das Ohr und sagte mit geschlossenen Augen:
+
+»Ich sehe ein Haus, abseits von der Straße, grüne Fensterladen sind
+daran, ein Nußbaum steht auf dem Hofe und ein Mägdlein sitzt in der
+Kammer, ringt die Hände und seufzt: ›Hilf Gott mir armen Waisenkind!‹«
+
+Scheu sah alles nach dem Dorfschulzen. Das war ja der Hof der Eve! Der
+Hans verbarg sein Gesicht, weil er die Tränen, die in seinen Augen
+saßen, nicht zeigen wollte. »Im Brunnen,« fuhr Schlupps fort, »liegt ein
+Faß vom besten Roten. Linker Hand vom Brunnen sind zwei Steine, wenn Ihr
+da grabt, so findet Ihr zwei Tonnen Gold. Die aber darf man nur bei
+Vollmondschein öffnen. Fällt nicht das volle Mondlicht in die Fässer,
+wenn Ihr sie aufmacht, so verwandelt sich das Gold in sauren Wein.« Dann
+machte er wieder die Augen auf, sah erstaunt um sich und sprach: »Wo bin
+ich? Vermeinte doch eben auf einem einsamen Bauernhof zu sein und bin im
+Wirtshaus. Was bin ich schuldig, Herr Wirt?« »Nichts,« sagte der. »Euer
+Schöppchen soll Euch gesegnet sein, wenn alles, was Ihr gesagt habt,
+zutrifft.« Der vermeintliche Küfer dankte und zog ab. Der Dorfschulze
+ging nachdenklich heim. Käme bis morgen Mittag der Knecht nicht, dann
+wollte er sehen, ob es sich mit dem Wein so verhielt, wie der Fremde ihm
+bedeutet. Wenn er das gewußt hätte, daß die Eve heimlich Schätze auf
+ihrem Hof verborgen hielt, wäre er nicht so widerspenstig gewesen.
+
+Am andern Tage sagte Schlupps zu Grit: »Jungfer, Ihr dauert mich. Ich
+will Euch etwas anvertrauen. Der Prinz Xaver hat mir Wagen und Pferde
+geschickt, daß ich ihn auf der Brautschau begleite. Es ist zwar ein
+einfach Gefährt, weil wir unerkannt durch die Lande ziehen wollen, aber
+ich denke, wenn Ihr das feine Gewand anlegt, braucht der Prinz nicht
+weit zu suchen. Die Braut ist da und die Hochzeit kann bald gefeiert
+werden.« Und Grit, der ihr Sinn schon lange nach dem Prinzen stand, rief
+freudig: »Wenn Ihr mich mitnehmen wollt, es soll Euch Euer Lebtag
+vergolten werden.« In ihrem boshaften Herzen dachte sie aber: »wenn ich
+erst Prinzessin bin, muß der Schneider aus dem Land, damit er keinem
+erzählt, daß ich Mehl gemessen und Brot gewogen habe.«
+
+»So hole ich Wagen und Pferd,« meinte Schlupps. »Zieht Euch derweil an
+und vergeßt auch nicht, die Leinentruhe mitzunehmen,« ging zu Eve,
+dankte ihr für ihre Gefälligkeit und sagte: »Wenn hier ein Wunder
+geschieht und du weißt nicht, woher es kommt, so denke, das hat Schlupps
+getan und sei gegen arme Wanderer immer freundlich. Das aber sage ich
+Dir: Nimmer wird die Bäckin Hansens Frau, und Dich seh ich im Geiste mit
+ihm zur Kirche gehen.«
+
+Dann fuhr er rasch an das Bäckerhaus, wo die Grit fein aufgeputzt ihn
+erwartete, lud die Truhe auf und hieß das Mädchen aufsitzen. »Nehmt Euch
+ein großes Tuch um,« warnte er, »damit die Leute Euch nicht erkennen.«
+Das tat sie, und wie die Pferde durch die Dorfstraße trabten, wendete
+mancher den Kopf nach der fremden Frau, die unkenntlich in ein Tuch
+gewickelt im Wagen kauerte.
+
+Wie nun der Knecht nicht kam, beschloß der Dorfschulze, zu Eve zu gehen
+und nachzusehen, ob der fremde Küfer die Wahrheit gesprochen hätte, nahm
+aber drei ehrsame Männer als Zeugen mit. Wie er auf den Hof trat, kam
+ihm die Eve erstaunt entgegen und fragte nach seinem Begehr. »Verzeiht,
+Eve, wenn wir Euch ungelegen kommen,« entgegnete der Schulze, »aber man
+hat uns gesagt, daß Ihr im Ziehbrunnen Wein habt. Wollt Ihr mir den zu
+Hansens Hochzeit verkaufen?«
+
+»Daß ich nicht wüßt’,« staunte die Eve. »Hab zwar oft in den letzten
+Tagen, wenn ich die Eimer hinunter ließ, gespürt, daß etwas drinnen
+liege; ich meinte aber nicht anders, als es seien Steine von der
+letzten Schneeschmelze. Schaut zu, ob Ihr etwas findet.«
+
+Die Männer stießen mit einer Stange in den Brunnen und fanden
+Widerstand. Einer holte eine Leiter, kroch hinab und rief: »Ein Faß! ein
+Faß!« Das holten sie mit vieler Mühe herauf, bohrten es an, und der
+beste Rote, wie sie ihn noch nie getrunken, floß heraus. Hansens Vater
+frug Eve, was sie dafür haben wolle. »Nichts,« sagte sie, »denn er ist
+nicht mein. Soll er aber zu Hansens Hochzeit sein, so nehmt ihn mit
+Euch, und möchte jeder Tropfen darinnen einen Tag Glück für Euren Sohn
+bedeuten.« Damit drehte sie sich um, denn sie konnte die Tränen nicht
+mehr zurückhalten. Auch dem Schulzen, der ein strenger Mann war, stand
+das Weinen näher wie das Lachen, und er hätte viel darum gegeben, wenn
+er Geschehenes ungeschehen hätte machen können. »Erlaubt, Eve,« bat er
+fast demütig, »daß wir im Hof unter den Steinen aufgraben.« »Macht, was
+Ihr für Recht haltet, Schulze,« sagte sie ganz verwundert über sein Tun;
+denn er griff selbst nach den Steinen, die linker Hand vom Brunnen
+lagen, räumte die Erde fort – – und stieß auf zwei große Fässer, grad
+wie es der unbekannte Mann gesagt hatte.
+
+»Eve,« wandte er sich zu dem Mädchen, das immer noch nicht wußte, wie
+ihm geschah, »Ihr seid die Reichste im Dorfe. Die Fässer sind Goldes
+voll.« »Was nützt mir das,« schluchzte sie, »hab ich doch das Beste
+nicht und muß meine Liebe als Sünde anschauen.« »Weiß Gott,« stöhnte der
+Schulze, »könnt ich mein Wort zurücknehmen, ich tät’s lieber heut als
+morgen. Aber die Bäckin hebt den Verspruch nimmer auf und so müssen wir
+das Übel ertragen.« Damit ging er fort, und wenn er auf einen Menschen
+böse und zornig war, so war er es auf sich selbst; denn die Eve gefiel
+ihm immer besser und das Wort, das er Hansen gegeben und nicht einlösen
+konnte, lastete ihm schwer auf der Seele.
+
+Die Grit fuhr indessen mit Schlupps weiter, bis sie an eine einsame
+Waldhütte kamen. »Geht hier hinein,« sagte der Schalk, »in dieser Hütte
+will mich der Prinz treffen. Setzt Euch auf die Bank; er muß bald
+kommen, denn um die Dämmerung wollte er hier sein. Ich bleibe bei dem
+Wagen, daß niemand die Truhe mit Euren Leinenschätzen stiehlt.« »Bin ich
+erst Prinzessin,« rief Grit prahlerisch, »so trage ich doch nur Seide
+und Sammt; Leinen ist mir zu gering. Das Könnt Ihr als Lohn für Eure
+Dienste gleich nehmen!«
+
+Damit ging sie hinein und setzte sich auf die Bank, die mit Spinnweb und
+Staub überzogen war. Weil sie aber sehr müde war, schlief sie bald fest
+ein. Als Schlupps merkte, daß sie so bald nicht aufwachen würde, hieb er
+auf die Rößlein ein und fuhr davon, so schnell seine Pferde laufen
+konnten.
+
+Sonntag Morgen läuteten die Glocken zur Kirche, die Mädchen des Dorfes
+zogen vor das Haus der Grit und wollten sie holen. Der Bäcker stand
+ratlos da, frug jeden, ob er seine Tochter nicht gesehen habe, die mit
+der Leinenkiste verschwunden war, tobte und schimpfte und wußte sich ihr
+Verschwinden nicht zu erklären. Nachdem das ganze Haus vom Keller bis
+zum Boden vergeblich durchsucht war und man zum Überfluß noch Grits
+Kleider in der Kammer gefunden hatte, beschlossen die Gespielinnen, dem
+Bräutigam die Sache zu vermelden, vielleicht daß der Grit ein Unglück
+zugestoßen sei. Sie gingen in die Kirche, wo schon die Hochzeitsgäste
+und der Pfarrer standen und auf die Braut warteten.
+
+Der Pfarrer riet, sich noch eine Stunde zu gedulden; aber der Schulze
+sagte: »Nein, Herr Pfarrer. Ist sie nicht da, so ist das Gottes Wille,«
+und erzählte, wie bös Grit ihm begegnet, wie hochmütig sie den Hans
+behandelt und was der fremde Wandersmann geweissagt habe. Wie er selbst
+aber sein ungerecht Tun gegen die Eve bereue. »Dort hinten kniet die
+rechte Braut,« schloß er und wies auf Eve, die vor dem Altar lag und für
+Hans allen Segen herabflehte.
+
+Da erkannte der Pfarrer Gottes Gnade, trat auf Eve zu, faßte sie an der
+Hand und sagte: »Eve, willst du alle Kränkungen, die du erduldet hast,
+vergeben und vergessen und Hansens Weib werden?«
+
+Und wie sie die bangen Augen des Herzallerliebsten sah, da leuchtete ihr
+Gesicht und sie sagte freudig: »Ja, ich will.« Dann traten sie an den
+Altar, und nie hatte der Pfarrer mit größerer Freude ein Paar
+eingesegnet wie Eve und Hans. Grit aber schlief im Waldhaus, und wie sie
+erwachte, schien die Morgensonne hell herein. Als sie aus der Hütte trat
+und sich umsah, war kein Wagen, keine Pferde, kein Schneider und keine
+Leinentruhe zu sehen. Ob sie auch schrie und tobte, – – sie kamen
+nicht und kamen nicht. Da begann sie zu merken, daß der fremde Geselle
+falsches Spiel mit ihr getrieben, lief weiter und weiter und wußte nicht
+wohin, bis sie auf einmal den Kirchturm ihres Dorfes sah und den
+Wetterhahn darauf. Da nahm sie ihre letzte Kraft zusammen, eilte auf
+müden Füßen vorwärts, bis sie die Kirche erreichte, und riß die Pforte
+auf, gerade als der Pfarrer das glückliche Paar zusammengegeben hatte.
+Alle Gäste schrieen auf; denn sie vermeinten nichts anderes, als eine
+böse Hexe zu sehen. Erst wie sie näher hinschauten, erkannten sie die
+Grit. Sah die aber aus!
+
+Staub und Spinnweb lagen auf ihrem Gewand, an dem die Nähte alle
+geplatzt waren, daß der hagere, braune Leib herausschaute; die Mütze saß
+schief auf dem Kopf, die Haare hingen wild um die Stirn, und sie
+erschien als ein Bild des Jammers. Wirr sah sie um sich, dann stürzte
+sie auf das Paar, das am Altar stand, los und schrie mit geballten
+Fäusten: »Falsches Ding, willst du mir meinen Hochzeiter nehmen?« Damit
+suchte sie die Eve bei Seite zu drängen, die sich voll Angst an Hans
+klammerte. Der Pfarrer aber trat dazwischen und sprach: »Laßt gut sein,
+Grit. Hier hat ein Höherer gewaltet. Geht heim, laßt Euch ein ander
+Gewand anziehen und vom Bader zur Ader lassen.« Denn er meinte nicht
+anders, als die Grit wäre besessen und hätte den Verstand verloren. So
+wollte er sie mit gutem Zuspruch aus der Kirche schaffen, damit das
+Gotteshaus nicht durch Lästerreden entweiht werde. Da lief die
+verlassene Braut heim, schloß sich in ihre Kammer ein, heulte und
+schrie. Im Hochzeitshaus aber herrschte eitel Freude und Seligkeit. Von
+dem Tag an ließ die Grit ihrem Vater keine Ruh; sie wollte aus dem Dorf
+heraus; denn in ihrer Eitelkeit maß sie sich nicht die Schuld an ihrem
+törichten Beginnen zu, sondern vermeinte, der Schulze habe ihr einen
+Streich gespielt, weil sie ihn so hart angelassen.
+
+Wie bald darauf der Vollmond schien, beschloß der Schulze, die Fässer zu
+heben, und weil es eine klare Nacht war, stand dem nichts im Wege. Im
+Stillen freute es ihn, daß sein Einziger das reichste Mädchen im Dorf
+gefreit hatte, und er hielt den Kopf noch höher als sonst, wie er jetzt
+mit Hans und vier kernfesten Männern auf Eves Hof kam. Bald waren die
+Fässer heraufgeschafft, und der Schulze hob das Beil, um den Deckel zu
+sprengen.
+
+Plötzlich erhob sich ein Wind, graue Wolken jagten daher und zogen über
+den Mond, gerade als das Beil in vollem Schwunge heruntersauste. Da
+spritzte es umher, daß des Schulzen Kleider naß wurden, und wie er in
+das erste Faß sah, floß darinnen weißer Wein und war von Gold nichts zu
+sehen. Und beim zweiten erging es genau so. Das erkannte der harte Mann
+jetzt als Strafe für seinen Hochmut und schwieg still. Von der Gasse her
+aber klang ein höhnisches Lachen, das kam von der Grit, die heimlich in
+die Stadt fuhr, auf Nimmerwiedersehen.
+
+
+
+
+Kaufmann Goldreich
+
+
+Jetzt ging es Schlupps gar gut. Er hatte einen Sack voll Geld und eine
+Truhe voll Leinen, beschloß aber diesmal Haus zu halten und nicht mehr
+alles zu vertun. Als er in das nächste Städtchen kam, war gerade dort
+Markt und von weit her kamen Leute, um einzukaufen. Sie feilschten an
+den Buden um Ketten und Ringe und bunte Tücher, und besonders das
+Weibervolk konnte sich nicht genug tun am Schauen und Handeln. Wollten
+alles haben und war ihnen doch alles zu teuer, sahen begehrlich auf die
+Ware und warfen sie hin, als wäre es Feuer, an dem sie sich die Finger
+verbrannten, wenn sie den Preis hörten. »Halt,« dachte Schlupps, »hier
+blüht mein Weizen,« fuhr in ein Wirtshaus, stellte dort ein und sagte
+zum Wirt: »Könnt Ihr mir einen Jungen besorgen, der flink und anstellig
+ist, so schickt ihn her.« »Das will ich meinen,« gab der Wirt zur
+Antwort. »Nehmt meinen. Einen Pfiffigeren findet Ihr nicht. Hat schon
+manchem Kaufmann geholfen, die Schäflein scheeren.« »So schickt ihn
+herauf.« Der Junge kam und Schlupps unterwies ihn, was er zu sagen habe.
+Der Bub war gar schlau und zu Schelmenstreichen aufgelegt. Er ließ sich
+von seinem neuen Herrn das Gesicht schwärzen, daß er aussah wie einer
+aus dem Mohrenlande; dann machten sie aus rotem Stoff einen Turban, wie
+ihn die Türken tragen; Schlupps hing dem Burschen allerlei bunte Stoffe
+um, und so aufgeputzt setzte er ihn auf ein Pferd, hieß ihn auf dem
+Markt herumreiten und zu rufen: »Mein Herr, der Kaufmann Goldreich, ist
+weit aus der Türkei hergekommen. Er will gradwegs nach Spanien zu seines
+Kaisers Majestät und ihm seine Waren bringen. Dieweil er aber hier
+rastet, hat er sich entschlossen, ein klein Teil seiner Wunderdinge
+heut zu verkaufen; aber nur ein klein Teil, weil er weiter muß und nicht
+lange bleiben kann. Wer etwas von fremdländischen Waren versteht und
+anderes sucht als grobes Leinen und derbe Stoffe, der komme her und
+kaufe. Wer aber nichts davon versteht, der bleibe fort und schone seinen
+Beutel; denn für solche hat mein edler Herr nicht die weite Fahrt aus
+der Türkei unternommen und ist aus des Sultans Schloß mit Lebensgefahr
+entronnen. Durfte doch nie ein Christ das Land der Heiden betreten, und
+nur mit vieler Mühe ist es dem Herrn gelungen, sich Zutritt zu den
+Ungläubigen zu verschaffen. Gebt Platz!«
+
+Dann stieß er in sein Horn und ritt weiter durch den ganzen Ort, hielt
+an allen Ecken, und die Kinder liefen hinter ihm drein; auch manch
+gesetzter Bürger horchte auf seine Rede und beschloß, des Fremden Sachen
+anzusehen. Die Frauen aber rotteten sich zusammen und kamen scharenweise
+vor das Gasthaus, wo der Fremde wohnte und wohin der Mohrenknabe jetzt
+zurückritt, vom Pferde stieg und demütig seinen Herrn begrüßte, der vor
+der Tür einen Tisch aufgestellt hatte.
+
+Während der Junge die Stadt durchzog, hatte Schlupps die Zeit benutzt,
+um seinen Stoffen mit Hülfe von Pinsel und Farbe ein gar buntes Aussehen
+zu geben, und die Laken und Decken, die Hemden und Jacken erglänzten in
+allen Farben. Hier saß ein roter und blauer Fleck, dort ein gelber und
+grüner, und mit der Schere schnitt er absonderliche Muster in den
+Stoffen aus, daß Sonne und Mond hindurchsahen. Er selbst heftete auf
+sein Gewand allerlei Flickwerk, hing die Messingkette, die er der Grit
+im Schlafe abgenommen hatte, um, und den Gürtel, den er auch von ihr
+hatte mitgehen heißen, schlang er über die Schulter. Jetzt stand er
+neben dem Tisch und sah die Menge, die ihn neugierig musterte, ernst an,
+und Jeder, den sein Blick traf, meinte immer, dies Gesicht schon einmal
+gesehen zu haben, wußte aber nicht, wo.
+
+Als der erste Käufer auf ihn zutrat, verneigte sich der fremde Krämer
+gar tief, kreuzte die Arme auf der Brust und murmelte etwas, was keiner
+verstand. »Das ist Türkisch,« sagte der Mohrenknabe. »Herr, redet
+deutsch,« wandte er sich dann an Schlupps, »dieweil Euch sonst keiner
+hier versteht, und sagt, was Ihr für Eure Ware verlangt.« Und der
+falsche Krämer hub an, seine Waren zu preisen und zu erzählen, wie des
+Sultans Frauen die kostbaren Gewänder getragen, wie er sie mit vieler
+Mühe ihnen heimlich abgekauft habe, und wie die tausend Gemahlinnen des
+türkischen Kaisers schön seien, eine schöner wie die andere. Aber nur,
+wenn sie diese Gewänder und Stoffe an sich hätten, die der Zauberer
+»Emalker«[1] angefertigt habe. Sie hatten erst die Schätze nicht
+hergeben wollen und taten es nur, als er ihnen versprach, ihnen von
+einem anderen Hexenmeister schönere weben zu lassen. Da ließen sie sich
+erbitten.
+
+ [1] Auch rückwärts zu lesen.
+
+Die Leute guckten staunend auf den Erzähler. Ein fürwitziger Bursche
+aber rief: »Ei, Herr Krämer, warum habt Ihr dann Eure Sachen nicht
+gleich von dem besseren Zauberer machen lassen?« Er suchte nach seiner
+kecken Rede zu entschlüpfen, weil die Umstehenden ihn gar nicht
+liebreich stießen und pufften. Sie fürchteten, der fremde Krämer möchte
+erzürnt sein und seine Ware einpacken.
+
+»Recht habt Ihr, junger Bursche,« sagte der Kaufmann Goldreich. »Das
+hätte ich können, wenn der böse Zauberer nicht sich geweigert hätte, für
+Christenfrauen zu arbeiten. Dann wartete auch mein Schiff im Hafen, das
+des Kaisers Majestät für mich gesandt hatte. Und jetzt sagt an, liebe
+Bürger und edle Frauen, ob Ihr kaufen wollt, oder ob ich meine Gewänder
+wieder in die Truhen packen soll.« Dabei hielt er die Stoffe hoch, daß
+die Sonne darauf fiel und die Farben gleißten und glänzten, und alle
+drängten sich herzu und wollten von den seltenen Tüchern kaufen. »Denn,«
+sagten sie, »was so weit her ist, muß etwas Besonderes sein,« und
+»Selbstgewebtes haben wir in den Truhen genug.« Schließlich kam der
+gestrenge Herr Bürgermeister an und wollte die goldene Kette kaufen und
+den Gürtel, den der Krämer auf der Schulter trug. Aber da jammerte
+Schlupps gar kläglich, daß ihm der Kaiser von Spanien arg zürnen werde,
+wenn er den Schatz, der für seine hohe Gemahlin bestimmt sei, verkaufe,
+und konnte sich erst auf vieles Bitten und Drängen dazu verstehen, den
+Schmuck für hundert Taler herzugeben.
+
+»Es ist zu billig. Es ist zu billig!« beteuerte er immer wieder. »Wenn
+Ihr’s nicht wäret, hochedler Herr, wahrhaftig! Nichts in der Welt hätte
+mich verführen können. Aber so geht’s, wenn man mit vornehmen Herren
+Handel treibt.«
+
+Und der Bürgermeister zog mit seinen Ketten stolz ab; seine Frau aber
+sah um sich, als wäre sie die Kaiserin von Spanien.
+
+Ehe Schlupps sich’s versah, waren seine Waren ausverkauft und seine
+Truhe leer; seine Beutel aber konnten kaum das viele Geld fassen.
+»Morgen gibt es mehr, Ihr Leute,« rief er, als immer neue Käufer
+andrängten. »Habt Geduld. Ja, alle Tage kommt nicht einer aus der
+Türkei, gradenwegs aus des Sultans Schloß,« und er kreuzte wieder die
+Arme über der Brust, verneigte sich tief und schritt, von dem
+Mohrenknaben gefolgt, langsam und nachdenklich in das Wirtshaus.
+
+Die andern Kaufleute wußten nicht, wie ihnen geschah. Die Waren, die man
+ihnen wies, waren gewöhnliches Bauernleinen, bunt bemalt und grob
+genäht, und wenn sie auch zehnmal beteuerten, daß ihr Leinen feiner, ihr
+Tuch weicher sei, so glaubte es keiner; denn niemand wollte dafür
+gelten, daß er das, was aus fremden Landen stamme, nicht verstehe. »Das
+ist nur Neid von den Krämern, weil sie keine ausländischen Waren haben,«
+schrieen die Käufer. Die Krämer gaben Antwort, und bald hallte der Markt
+von Lärm und Geschrei. Man prügelte aufeinander los, man zerrte und riß
+sich, und manchen Händler ereilte jetzt die Strafe für falsches Gewicht
+und ungerechtes Maß, und noch tönte von den Gassen das Zetern, als
+Schlupps durch eine Hinterpforte das Gasthaus verließ. Dem Wirt und
+seinem Jungen hatte er ein Teil von seinem Gewinn geschenkt, so daß sie
+zufrieden waren und reinen Mund zu halten versprachen. Als am andern
+Morgen die Leute herbeiströmten und auf den Krämer warteten, trat der
+Wirt händeringend aus dem Haus und rief: »Wo ist der Galgenstrick! Wo
+ist der Zauberer, der mit der Zeche verschwunden ist. Wo seine Rößlein
+im Stall gestanden haben, liegen ausgeglühte Kohlen, in seinem Bett fand
+ich einen Besen. Keiner sah ihn gehen, noch hörte man den Wagen rollen.
+Weh mir armen, geschlagenen Mann! Alles war eitel Trug und Blendwerk,
+und Wagen und Pferde sind nimmer richtig gewesen!«
+
+Da liefen die Leute entsetzt nach Haus, sahen die Einkäufe an und
+erkannten mit Schrecken, daß alles, was in der Sonne geglänzt und
+gegleißt hatte, nichts nutz war und nicht einmal so gut, wie das
+selbstgewebte Bauerntuch, das sie auf dem Markt sonst kauften. Der
+Bürgermeister lief voll Angst zu einem Goldschmied und ließ seine Kette
+prüfen. Der erklärte sie für eitel Messing und die Steine für Glas, grad
+gut genug für Mummerei und Fastenscherz. Jetzt schämten sich alle, die
+erst das große Wort geführt hatten und mancher, der einem Krämer mit
+böser Rede und hartem Schlag weh getan hatte, ging hin, entschuldigte
+sich und bat, wieder »gut Freund« zu sein. Auf die fremdländischen
+Händler aber war man lange Zeit nicht gut zu sprechen und wies jeden,
+der kam, des Ortes hinaus.
+
+
+
+
+Mutterleid
+
+
+Schlupps zog weiter, die Straße entlang, die durch den Wald führte, dann
+am Flußufer hin und freute sich, wie die Sonne so hell aus dem Wasser
+flimmerte, wie die Vöglein sangen und wie die Blumen lieblich dufteten,
+brach sich einen Zweig ab und wehrte damit die Fliegen, die seine
+Rößlein umschwirrten. Dazwischen aber fühlte er seine Geldsäckel an, die
+er neben sich gelegt hatte und die gar schwer und steif waren.
+
+»Man muß das Gras mähen, wenn es reif ist,« dachte er, »Wäre ich’s nicht
+gewesen, so wäre ein anderer gekommen, und die Krämer hierzulande können
+mir Dank sagen, daß ich ihnen die fremdländischen vom Halse geschafft
+habe.« An einem Wirtshause hielt er Mittagsrast, ließ sich ein gutes
+Essen geben und fuhr dann weiter. Unterwegs sah er eine Frau auf der
+Landstraße gehen, die ein Kind auf dem Arme trug und nur langsam vom
+Fleck kam. »Steigt auf, gute Frau,« rief er. »Seid gewiß rechtschaffen
+müde.« Sie nickte dankbar, ließ sich nicht lange bitten und reichte ihm
+das Kind zu, damit sie leichter aufsteigen konnte. Es war ein herziges
+Büblein von vier Jahren mit blauen Augen, blonden Löckchen und einem
+weißen Gesichtchen.
+
+»Seit des Morgens vier Uhr sind wir zu Wege,« erzählte die junge Mutter.
+»Bin mit dem Kinde in der Stadt gewesen bei einem Doktor. Das war ein
+gar gelehrter Herr, alles stand bei ihm voll von Geräten und Pfannen und
+Tiegeln. Er besah den Kleinen von allen Seiten und sprach fremde Worte,
+die ich nicht verstand. Dann gab er mir ein Fläschchen mit Arznei, die
+war gar teuer, und verordnete, ich solle jede Woche kommen und solch
+eine Flasche holen, und je mehr ich holte, desto besser wäre es für das
+Kind. Auf Speise und Trank soll ich es nicht ansehen und dem Kinde
+alles vom Besten und Feinsten geben und kein Hafermus, sondern nur Brei
+von weißem Weizenmehl. Milch aber soll es trinken den ganzen Tag, soviel
+es nur zu trinken vermag. Solch ein Doktor hat gut reden. Mein Mann ist
+ein armer Waldheger. Zu einer Kuh langt das Geld nicht, und Ziegenmilch
+kann das Büblein nicht vertragen. Ich möchte mir schier das Herz aus der
+Brust reißen für ihn und kann ihm doch nicht helfen.«
+
+Dabei drückte sie das Kind an sich und sah ihm liebreich in die Augen.
+Schlupps antwortete nicht viel, weil er nicht sprechen konnte. Es saß
+ihm etwas in der Kehle, was ihn drückte und würgte, und er mußte an sein
+lieb Mütterlein denken, das ihn immer geherzt und geküßt hatte und schon
+so lange unter dem grünen Rasen lag. Seitdem hatte kein Mensch mehr ein
+lieb Wort zu ihm gesprochen, und wenn er es auch gewiß nicht wahr haben
+wollte, so hätte er doch gern alle seine Schätze um ein gut Mutterwort
+gegeben. »Macht Euch keinen Kummer weiter, liebe Frau,« sagte er
+endlich, »unverhofft kommt oft; wer weiß, was Eurem Kinde noch Gutes
+widerfährt.«
+
+Da richtete die Frau ihren Kopf hoch und sah ihn getröstet an; denn
+einer Mutter klingt es wie Himmelswort, wenn man ihr etwas Gutes von
+ihrem Kinde sagt, und der Gedanke an eine Freude, die ihm begegnen
+könne, tut der Seele einer Mutter so wohl wie ein Gebet.
+
+»Wie weit habt Ihr’s noch?« fragte Schlupps. »Noch reichlich zwei
+Stunden,« gab sie zurück, »gerade das Tal entlang, in dem Walde, den
+Ihr in der Ferne seht, steht mein Haus.« »Das trifft sich gut,« meinte
+er, »das ist mein Weg, und so kann ich Euch bis dahin fahren.« Die
+Rößlein liefen tapfer zu; denn ihr Herr hatte an ihnen nie den Hafersack
+gespart. Der Bursche ließ sich von der Frau erzählen, wie sie und ihr
+Mann lebten und erkannte immer mehr, daß sie ein braves, schlichtes
+Gemüt war, von den Menschen nur Liebes und Gutes dachte und sich von
+Keinem etwas Böses vermeinte. »Du sollst in deinem Glauben nicht zu
+schanden werden,« dachte er.
+
+Endlich, die Sonne ging schon nach Westen zu, langten sie an dem
+Häuschen an. Schlupps sprang herunter, nahm der Frau das Kind ab, das
+eingeschlafen war, und trug es in’s Haus. Sie konnte nicht genug Worte
+des Dankes finden und bat ihn dringlich, bei ihr Rast zu halten und
+ihrem Heim nicht die Ruhe zu rauben, holte Brot und Ziegenkäse herbei
+und bat ihn, fürlieb zu nehmen.
+
+»Wüßt’ ich nur, wie ich Eure Guttat vergelten kann,« überlegte sie.
+»Wart’, ich hab’s. Geduldet Euch eine Weile; ich bin bald zurück.«
+
+Als sie fort war, untersuchte Schlupps das Zimmer, in dem alles vom
+Einfachsten war. Tische und Bänke waren aus sauber gescheuertem
+Tannenholz, die bunte Truhe barg für jeden der Eheleute ein Gewand und
+auf dem Sims über der Ofenbank lag in ein sauberes Tuch geschlagen die
+Bibel. Die nahm der Bursche rasch herunter, schlug sie auf, blätterte
+darin und legte zwischen die Seiten je ein Goldstück, so daß jetzt das
+heilige Buch nicht nur mit goldener Rede, sondern auch mit goldener
+Münze gespickt war. Dann legte er das Buch wieder an seinen Platz und
+setzte sich an den Tisch. »Hier nehmt,« sagte die Frau noch außer Atem,
+»bin ein bischen rasch die Kellertreppe hinuntergesprungen. Hab mich
+besonnen, daß unten ein Fläschchen alten Weines liegt, den der Herr Graf
+meinem Manne geschenkt hat, als er krank war. Ich bitt’ Euch, erweist
+mir die Gefälligkeit und nehmt’s. Wir sind so etwas doch nicht zu
+trinken gewohnt. Es ist mir nur arg, daß ich denk, Ihr müßt so heimatlos
+umher ziehen und habt nicht Weib und Kind und keine Mutter, wie Ihr mir
+sagtet. Nehmt’s mit, und wenn Ihr draus trinkt, vergeßt nicht mein Kind
+und mich. Sagt mir auch Euren Namen, daß ich Euch in mein Gebet
+einschließen kann.«
+
+Dem Gesellen war es ungewohnt, seinen richtigen Namen zu nennen und er
+sagte langsam: »Heinz Kurzweil.« Dann nahm er das Fläschchen, das eine
+absonderliche Form hatte, platt und breit war, so daß er es in eine
+Tasche seines Kittels stecken konnte.
+
+»Ich danke Euch,« sagte er und reichte ihr die Hand. »Bleibt gesund
+beieinand, und wenn einmal ein armer Handwerksbursch oder sonst ein
+Heimatloser bei Euch anklopft, dann seid gut zu ihm.«
+
+»Das will ich wohl,« beteuerte sie, »und jetzt hab ich noch eine Bitte
+an Euch, Heinz. Laßt mich Euch segnen, wie Euch Eure Mutter gesegnet
+hätte.« Da kniete der Bursche nieder, und die junge Frau legte ihm die
+Hände auf das Haupt, sprach ein Vaterunser und fügte eine Bitte um sein
+Wohlergehen hinzu, und Heinz war es, als sei er wieder ein klein Kind,
+das daheim im Bettchen läge, von Mutterliebe betreut. Denn allen
+Mutterhänden ist ein Zauber eigen, und wenn sie einem Menschen die Stirn
+berühren, sieht er die Kindheit wieder auferstehen, wo er auch immer
+sei.
+
+»Lest nur fleißig in der Bibel,« sagte der Bursche beim Abschied. »Denn
+Gottes Wort ist eitel Gold,« bestieg seinen Wagen und fuhr weiter, die
+Landstraße hinab in die ferne Welt.
+
+
+
+
+Unter der Linde
+
+
+Die Dunkelheit brach herein und er beschloß, nach Nachtlager
+auszuspähen; da hörte er helle Töne, fuhr zu und kam in ein Dorf. Unter
+der großen Linde geigten drei Fiedler; Burschen und Mädchen schwenkten
+sich im Tanz und stießen helle Jauchzer aus. Schlupps war nicht froh zu
+Sinn, sein Herz stand ihm nicht nach Lustigkeit, und er bog seitab, um
+seine Rößlein am Bache zu tränken. Da sah er auf einem Weidenstumpf zwei
+Menschen zusammengekauert hocken, einen silberhaarigen Greis und ein
+Weiblein. Sie hielten die Hände um die Kniee geschlungen, und aus den
+trüben Augen tropften schwere Tränen langsam über die Wangen herab.
+Erstaunt trat Schlupps näher; denn wenn ihm etwas arg schien, so war es
+der Anblick von Kummer und Sorge, und die beiden Huzzelchen sahen so
+kläglich aus, daß es ihm in die Seele schnitt.
+
+»Was fehlt Euch, Großvater?« fragte er und legte dem Alten die Hand auf
+die Schulter. Der schüttelte traurig das Haupt, ohne zu antworten; das
+Weiblein aber heftete den Blick auf den Frager und wies dann stumm
+hinüber nach der Linde, von wo das Jauchzen erscholl. Jetzt stand
+Schlupps ratlos und wußte nicht, was er aus der Antwort machen sollte.
+Er nahm sich aber zusammen, um seine Verlegenheit nicht merken zu lassen
+und meinte: »Weiß schon, was Euch fehlt; denn ich bin ein vielgereister
+Mann, der als Arzt gar berühmt ist und manchem geholfen hat, der schon
+meinte, es wäre Matthäi am letzten. Fasset Vertrauen und beichtet mir,
+was Euch härmt.«
+
+»Uns ist nicht zu helfen,« schluchzte das Weiblein. »Könnt Ihr uns unser
+Leben wiedergeben?«
+
+Da verwunderte sich Schlupps noch mehr; denn eine solche Klage hatte er
+noch nie vernommen. »Wollt Ihr Geld und Gut?« forschte er. »Nein, nein,«
+wehrte der Alte, »die können uns nichts nützen, uns steht der Sinn nicht
+nach Geldeswert. Nein, Herr. Damit Ihr aber nicht denkt, wir wären
+absonderliche Leute und das Alter hätte uns den Verstand verwirrt, so
+laßt Euch berichten, was uns fehlt, und wenn Ihr auch ein großer Doktor
+seid und manch Gebrechen heilen könnt, uns vermögt Ihr nicht zu helfen.
+Seht,« fuhr der Alte fort, »mein Weib, die Mariann, und ich waren arme
+Waislein und von der Gemeinde aufgezogen. Das ist ein hartes Brot, Herr,
+wenn man jede Woche auf einem andern Hof herumgestoßen wird, jedem im
+Weg und keinem zur Freud, und wenn die andern Kinder zu Vater und Mutter
+liefen, dann standen wir abseits, wünschten uns wohl auf den
+Gottesacker und neideten den Toten ihre Ruh. Keiner dachte an uns. Unser
+bischen Essen gab man uns manchmal gutwillig, manchmal mit scheelem
+Blick, und wie wir etwas herangewachsen, da mußten wir unser täglich
+Leben schwer verdienen. Die Mariann als Gänsehirtin, ich als Hirt, und
+uns beiden durfte der Strickstrumpf nicht in der Hand ruhen. Aber wir
+fanden doch Gelegenheit, zu einander zu laufen und versprachen uns, daß
+wir einmal einander angehören wollten und uns immer Lieb und Treue
+erweisen. Ich wurde dann Knecht und sie Magd. Ihr wißt, wie lange es
+währt, bis zwei solche soviel haben, daß sie ein Häuschen anschaffen
+können und ein Äckerlein pachten. Wir sparten und sparten. Wenn die
+andern zum Tanz gingen, schritten wir selband abseits, weil uns der
+Kreuzer für den Fiedler und das Schöppchen Sauren reute. So kam es, daß
+wir beide schon graue Strähnen hatten, als es zur Heirat langte und wir
+hier am Ende des Dorfes ein Häuslein erwerben konnten.« Er atmete tief
+auf, nickte der Alten zu und fuhr dann fort: »Dann kam Kind auf Kind.
+Die Mariann und ich schafften im Tagelohn noch nebenher, damit all die
+hungrigen Mäuler satt wurden und die junge Brut mit Schuh und Gewand
+sauber angetan Sonntag in die Kirche konnte. Als aber die Kinder so weit
+waren, da zogen sie in die Welt hinaus. Es duldete sie nimmer im
+Vaterhaus. Ging da gar eng her. Die Mädels taten sich als Mägde in die
+Stadt, die Jungen sind landein gewandert, und wir sitzen allein. Und wie
+wir das Lachen und Jauchzen hier hörten, da kam es uns in den Sinn, wie
+wir immer unser ganzes Leben abseits von aller Freude gestanden sind,
+wie heute bei der Linde, und daß wir ein Leben voll Müh und Arbeit, aber
+nie Freude und Lust gehabt haben. Und wißt, Herr,« setzte er hinzu, »in
+jedem Menschen ist eine Sehnsucht nach Freude, und wie die Tierlein froh
+sind, wenn die liebe Sonne scheint und nach ihr hinverlangen, so zieht
+es des Menschen Herz dazu, eine Freude zu haben. Sonst ist sein Sinn
+schwer und unfroh, und er weiß nicht, ob er lebt oder tot ist, und es
+liegt ihm die Kirchhofsrede schon bei Lebzeiten auf der Brust. Das ist
+uns heute zu Sinn gekommen, und nun lacht über die beiden närrischen
+Leute, die dem Leben nachlaufen wollen.«
+
+»Gott verhüte, daß ich da lachen wollte,« rief Schlupps. »Tät mich der
+Sünde fürchten. Aber froh bin ich, daß ich Euch getroffen habe und meine
+Kunst an Euch zeigen kann. Denn wißt: gebrochene Arme und Beine
+kurieren, das kann jeder, und ist keine besondere Kunst dabei. Aber wenn
+die Seele krank ist, da helfen, das ist erst das Rechte, Doktor Kurzweil
+ist nicht umsonst überall berühmt. Kaiser und Könige haben mich schon
+oft gebeten, ihnen zu helfen; denn die leiden an der Seele genau so wie
+andere Menschenkinder und oft noch mehr.«
+
+»Aber wir sind arm,« fiel das Weiblein ängstlich ein und dachte an die
+wenigen Silbermünzen, die es daheim im Strumpfe hatte. »Nicht um Geld
+darf ich Euch helfen, sonst ist es um meine Kunst geschehen,« sagte der
+Wunderdoktor. »Nur um Gotteswillen und um himmlischen Lohn. Setzt
+Euch her und schaut hinüber wie die Sonne noch einmal hinter den Wolken
+vorschaut, und wie die Wiese daliegt, als wäre sie rot wie die Wangen
+eines Mägdleins, und die Bäume heben die Zweige wie junge Burschen das
+Haupt, wenn sie zu ihrer Liebsten gehen. Hier aber,« und er nahm das
+Fläschchen heraus, »das soll Euch Eure Wünsche erfüllen. Ist kein
+gefährlicher Zauber dabei und kein Unrecht. Es ist ein Trank von
+Sonnenglut gereift und von Gott gesegnet. Trinkt jeder einen herzhaften
+Schluck und sagt: ›Gott helf!‹«
+
+[Illustration: Der Glutentrank]
+
+Er machte ein so treu Gesicht, daß das alte Weiblein Mut faßte und
+trank, und da es des Weines ungewohnt war, rannen ihm die Tropfen wie
+Feuer durch den Leib und das Blut stieg ihm zu den Wangen. »Ei Mariann,«
+scherzte ihr Gespons, »du glühst ja wie ein jung Mägdlein,« nahm ihr die
+Flasche aus der Hand, tat einen kräftigen Zug und auch ihm war es, als
+ob ein neu Leben in ihm blühe.
+
+Er faßte ihre Hand, und so standen sie aufgerichtet da und schauten in
+die Sonne, deren rote Glut über sie hinflackerte und die alten Augen mit
+hellem Licht erfüllte, daß sie leuchteten. »Trinkt noch einmal,« mahnte
+der Doktor. Da begannen sie herzhaft zuzugreifen, und wie jetzt die Töne
+von der Linde herüberschallten, hob der Alte erst ein Bein und dann das
+andere, faßte die Liebste an der Hand, und das Pärchen begann sich zu
+drehen und zu schwenken. Dann neigten sie sich über den Bach, der ihre
+Gesichter im matten Abendschein widerspiegelte, und der Alte sprach:
+»Ei, Mariann, wie bist du jung und schön. Deine lieben Augen glänzen
+noch wie damals, da du als junge Dirn am Hoftor auf mich gewartet.« Und
+sie nickte und sagte: »Bist doch ein stattlicher Bursch, und wenn die
+Mägdlein wüßten, was für ein Schöner mein Liebster ist, kämen sie und
+neideten dich mir.«
+
+Dann faßten sie einander wieder an, neigten und drehten sich und lachten
+mit dem ganzen Gesicht. Und Heinz Kurzweil stand abseits und sah zu, wie
+der Mond langsam heraufstieg und die beiden Alten mit weißem Licht
+beschien. Nach einer Weile nahm er das Paar bei der Hand; denn es hatte
+zu tanzen aufgehört und lauschte, einander umschlungen haltend, auf die
+Weisen, die fernher leise ertönten. Er leitete die beiden Treuen in ihre
+Hütte und sprach. »So oft bei Vollmond unter der Linde Musik erklingt,
+geht hinaus an die Stelle, wo ich Euch getroffen und achtet darauf, daß
+Euch kein menschlich Auge gewahre: Trinkt aus dem Fläschchen und der
+Zauber wird wieder mächtig. Ist aber der Trank zu Ende, dann bescheidet
+Euch und denkt, daß es Gottes Wille war.« Damit wandte er sich ab und
+fuhr hinaus in die Nacht.
+
+
+
+
+Schulmeister Neunmalgescheit
+
+
+So zog Schlupps durch die Lande, beobachtete die Menschen und bekam es
+manchmal überdrüssig, ihr Treiben anzuschauen. Sah er sie doch
+allerorten die gleichen Torheiten vollführen, und mehr als einmal konnte
+er der Versuchung nicht widerstehen, sie seine Launen und seinen Spott
+fühlen zu lassen. Nur der Müßiggang wurde ihm allmählich verleidet. Er
+hätte gern ein rechtschaffen Gewerbe angefangen und konnte sich doch
+nicht dazu entschließen; denn das Schreinerhandwerk war ihm zuwider und
+etwas anderes, das ihm Freude machte, wußte er nicht.
+
+Eines Tages kam er in einen Flecken, in dem die Häuser gar sauber
+aussahen, die Gassen ordentlich gehalten waren. Man mußte nicht
+fürchten, daß einem die Gäule die Beine in den Löchern brachen und daß
+der Schlamm bis in den Wagen hineinspritzte. An den Fenstern standen in
+Scherben Nelkenstöcke oder Blaublümlein, und hinter den blinkenden
+Scheiben lugten fröhliche Mädchengesichter hervor. »Hier ist gut sein,«
+dachte Schlupps. »Hier liegt die Freude auf der Gasse und scheinen gar
+gute Leute im Ort.« Da hörte er aus einem Hause Weinen und Wehklagen,
+stieg vom Wagen ab, band sein Rößlein an einen Baum und schlich sich
+näher, um durch die Fenster zu spähen, was es denn Trauriges gäbe. Wie
+er so hinblickte, sah er eine Menge Kinder, große und kleine, auf Bänken
+sitzen und merkte, daß er vor dem Schulhause stand und die Kleinen vom
+Schulmeister unterwiesen wurden. Der war ein langer, hagerer Mann, mit
+einem Gesicht wie ein Raubvogel, die Nase stand ihm wie ein gekrümmter
+Schnabel heraus. Er trug ein blaues Wams mit goldenen Knöpfen, auf dem
+Kopfe hatte er ein klein Käppchen, unter dem eine mächtige Perücke
+hervorsah, in der Hand aber eine lange Gerte, mit der schmitzte er über
+die Bänke herüber.
+
+Aber eins wollte Schlupps nicht recht in den Sinn und erschien ihm
+sonderbar. An der Seite zum Fenster zu, wo das Licht hineinfiel, saßen
+Kinder, Knaben und Mädchen, denen man ansah, daß sie guter Leute Kind
+waren und daheim alles voll und viel hatten, denn die Jöppelchen waren
+von echtem Tuch, und die Mädchen trugen Schürzen und Jäckchen gar nett
+und zierlich; einige hatten Häubchen auf dem Kopfe, die mit Gold
+verputzt waren, wie man sie zum Kirchgang anlegt. An der Wand entlang
+auf den Bänken aber saßen Buben und Dirnchen, die wohl sauber, doch
+ärmlich angezogen waren, mit Holzschuhen an den Füßen. Die Spenzer und
+Röckchen hatten Flicken in allen Farben, auch waren die Schürzen von
+grobem Stoff und arg verwaschen, und der erfahrene Mann sah bald, daß
+hier die armen Häusler- und Taglöhner-Kinder saßen. Wenn eines von ihnen
+sich bewegte, fielen die Holzschuhe von den Füßen und klapperten auf dem
+Boden, denn es war Sommer und da sparte man gern die Strümpfe, die noch
+den langen Winter halten müssen.
+
+»Den Schulmeister muß ich mir einmal in der Nähe betrachten,« dachte der
+Neugierige, fuhr in das Gasthaus, gab Pferde und Wagen dort ab und ging
+in den Kramladen, wo man allerlei einkaufen konnte.
+
+»Gute Frau,« sagte er zu der Alten, die ihn frug, was er begehre. »Habt
+Ihr eine große Hornbrille, dieweil meine auf der Fahrt zerbrochen ist?«
+– »Mein’, daß ich eine hab! Ein Fremder, der mich nicht bezahlen
+konnte, hat sie mir als Pfand dagelassen. Er ist aber nimmer
+wiederkommen, also daß ich sie wohl verkaufen kann.«
+
+Damit fing sie an, nach der Brille zu suchen, die sie irgend wo gut
+versteckt hatte, und nachdem sie alle ihre Ware durchwühlt, und Brot,
+Käse, Tücher, Schnupftabak, Zunder, Strümpfe und Gewürz herausgenommen
+und wieder in die Gefache gelegt hatte, fand sie endlich die Brille. Die
+war gar groß und bedeckte dem Käufer die halbe Stirn und die halbe
+Wange.
+
+»Was bin ich dafür schuldig?« fragte Schlupps. »Zahlt mir die Zeche, die
+der andere schuldig geblieben ist. Es waren zwei Kreuzer und drei
+Heller.« Deß war er zufrieden, strich sich die Haare nach beiden Seiten
+der Stirn glatt, ließ sich von der Frau ein Stück Kreide geben und fuhr
+damit über die Scheitel, also daß diese weiß aussahen und die schwarze
+Farbe nur wenig durchschimmerte; dann setzte er die Brille auf und hatte
+jetzt das Aussehen wie ein hochgelehrter Herr.
+
+»Ist eine Schule am Ort?« fragte er die Frau, die hin und her gegangen
+war, in der Küche die Suppe verrührte, die Katze vom Milchtopf jagte und
+auf das Gebahren des Fremden wenig acht gab; denn sie war schon alt und
+kümmerte sich nicht mehr viel um andrer Leute Tun. »Will’s meinen,«
+sagte sie. »Ist der Schulmeister schon lange im Dorf?« »Ach nein, Herr,
+der ist erst kurze Zeit da, und ist leider nicht so wie unser alter, der
+vor einem Jahr gestorben ist. So einer kommt nicht wieder.« »Erzählt mir
+von ihm,« bat der Fremde, denn er merkte, daß er jetzt das gefunden
+hatte, wovon zu erzählen ihr Herz erfreute.
+
+Auf all seinen Fahrten hatte er eines wahrgenommen: daß auch der
+Verschlossenste redselig wird, wenn er von dem sprechen kann, was ihm
+im tiefsten Herzen sitzt. Und weil Schlupps die Gabe besaß, an jedem das
+herauszufinden, was ihm das Beste dünkte, so wußte er jedermanns
+Vertrauen zu gewinnen und lernte den Menschen in die Seele schauen. Nun
+sagte er: »Liebe Frau, ich habe von Eurem Schulmeister gehört; aber von
+Euch, die Ihr ihn gut gekannt habt, möchte ich noch mehr wissen.«
+
+»Ja, wie soll ich Euch den beschreiben?« besann sich das Weiblein.
+»Fünfzig Jahre hat er seines Amtes gewaltet. Wie er kam, lag das Dorf im
+Argen. Der vor ihm war, hatte kaum vermocht, die wilden Buben zu zügeln
+und die Mädchen zur Ordnung anzuhalten. Aber der konnte es, keiner wußte
+wie. Bei dem vorigen ruhte der Bakel nimmer, und es regneten nur so die
+Strafen. Oft kam es, daß eine ganze Reihe Kinder vor der Kirche hinknien
+mußten, zur Schande der Eltern; denn das war damals der Brauch so, Herr.
+Jetzt hörte das mit einem Male auf. Wie er eigentlich hieß, wußte
+keiner. ›Nennt mich Herzfroh,‹ sagte er, wenn man seinen Namen wissen
+wollte. Ich glaube, er war weit her und ohne Anverwandte.
+
+Manche sagten, er sei ein Grafensohn, und von Hause verstoßen, andere,
+er habe nicht wollen Mönch werden und sei daheim entwichen – niemand
+wußte etwas Genaues. Aber die Kinder hatten ihn bald lieb, und wenn sie
+sonst mit Heulen und Zähneklappern in die Schule gingen, so war es jetzt
+für sie eine Lust und Freude. Selbst die Kleinsten quälten die Eltern,
+sie sollten sie zu dem guten Schulmeister schicken.
+
+War ein besonders böser Bub unter der Schar und drohte dem der Vater,
+er wolle seine Rute an ihm zerschlagen, dann holte ihn der Herzfroh in
+sein Haus, behielt ihn da einige Zeit bei sich, und kehrte der Junge
+heim, dann erkannte keiner den Unwilligen von vordem wieder.« »Hatte er
+denn Weib und Kind?« fragte Schlupps. »Ach nein,« entgegnete sie. »Das
+war es auch, daß manche meinten, seine Lieben seien ihm gestorben, und
+er habe sich deshalb hierher geflüchtet, wo ihn keiner kannte, und es
+mag wohl etwas derart gewesen sein, denn er nahm sich besonders der
+Waisen an, und die hatten an ihm Vater und Mutter.
+
+Eine Magd führte ihm Haus. Gegen jeden war er freundlich. Den Frauen
+schenkte er Setzlinge für ihre Blumenstöcke, die Männer unterwies er,
+wie sie ihre Obstbäume pflegen sollten, und als die Eltern sahen, wie
+sauber und ordentlich ihre Kinder wurden, wie sie auf sich hielten, da
+wollten sie hinter den Kindern nicht zurückstehen, und so kam Zucht und
+Ordnung in unser Dorf. Wie dann die Kleinen, die er großgezogen,
+heranwuchsen und selbst Kinder hatten, da war es schon leichter mit dem
+Schulehalten. Und wenn der Schulmeister in ein Haus trat, da war es
+jedem, als käme sein leiblicher Vater zu ihm. Dabei tat er den Leuten
+nichts besonderes, nahm von keinem etwas an, schenkte aber den Armen,
+was er entbehren konnte. Für ihn gab es keine größere Freude, als wenn
+ein Bauer sagte: ›Schulmeister, ich hab ein Schwein geschlachtet und den
+Armen ein Teil Würste gegeben um Euretwillen.‹ Dann strich er am
+Sonntag Nachmittag unter der Linde die Fiedel, und die Buben und Mädel
+sangen dazu. Denn das wollte er haben. Singen mußte alles und froh sein.
+›Fröhlich lachen schafft halbe Arbeit,‹ meinte er. Nun ist er tot, und
+jedem fehlt er. Die Kleinsten sind gar am übelsten dran.«
+
+»Warum denn die?« fragte Schlupps, der aufmerksam zugehört hatte.
+»Seht,« sagte sie flüsternd, »da ist jetzt ein Neuer, der ist gar herb
+und grandig und ganz anders, wie Herzfroh war. Die Reichen setzt er
+gesondert von den Armen. Nie hört man bei ihm in der Schule lachen, und
+wenn die Kleinen ihn kommen sehen, springen sie von der Gasse fort und
+verstecken sich hinter der Haustür. Wenn der Herzfroh einmal gescholten
+hat, dann geschah es aus lauter Liebe und Güte und tat wohl. Wenn der
+aber nur vorbeigeht an einem Haus, wird die Milch im Keller sauer von
+dem Gewitter, das in seinem Gesicht steht. Und Ihr sollt sehen, Herr,
+unser Dorf bleibt nimmer wie es ist. Wo die Kinder unfroh sind, kann
+nichts gedeihen und entsteht bald Zank und Unfrieden. Ist mir nur um
+meine armen Kindeskinder leid, das Lenerl und der Hansi, die gar so
+lustige Gemüter haben und jetzt sich nimmer zu lachen getrauen. Aber da
+klag ich dem Herrn meine Kümmernisse und gehen ihn doch nichts an. Er
+meint gewiß, ich wäre ein schwatzhaft Weib.«
+
+»Nicht so, liebe Frau,« sagte Schlupps. »Wißt, ich bin ein berühmter
+Gelehrter und weiß von Kindererziehung gar viel. Ich war in mancherlei
+Landen, hab aber immer gefunden, daß Lachen dem Menschen gedeiht und
+eine Gottesgabe ist wie das liebe Brot. Wer den Kindern das Frohsein
+verkümmert und läßt sie in Mißmut aufwachsen, dem gebührt, daß er in der
+tiefsten Hölle sitzt und nimmer herauskommt. Gehabt Euch wohl, gute
+Frau!«
+
+Damit ging er fort und stracks auf das Schulhaus zu, klopfte an und trat
+ein. »Verzeiht, Herr Kollege,« sagte er. »Ich komme von weit her. Mein
+Name ist Neunmalgescheit, bin Professor in Padua und will in Deutschland
+die Schulmeisterei aus dem Grunde studieren. Da hat man mich zu Euch
+gewiesen und mir gesagt, daß Ihr, der Schulmeister Säuerling, einer von
+denen seid, die es am besten verstünden. So erlaubt, daß ich zuhöre, wie
+Ihr es macht und laßt Euch durch mich nicht stören.«
+
+Der Schulmeister verneigte sich bei dieser Anrede unaufhörlich und wußte
+nicht, wie ihm geschah; denn er war heute gar nicht zum besten
+aufgelegt, weil er seinen grünen Tag hatte.
+
+So nannten es die Kinder, wenn sie in die Schule kamen und sahen, wie er
+mit zusammengekniffenen Lippen grün und gelb im Gesicht in dem
+Schulzimmer hin- und herlief und jedem Kinde, das hereintrat, einen Hieb
+mit der Gerte austeilte. An solchen Tagen mußten sie still sitzen, ihre
+Tafeln vollkritzeln und durften den ganzen Tag kein Wort sprechen. Er
+sprach auch nicht und rannte nur immer auf ein- und derselben Planke am
+Boden auf und nieder; trat nicht rechts und nicht links und warf zornige
+Blicke auf die Kleinen.
+
+Hatte er aber seinen roten Tag, dann stand er schon vor dem Schultor,
+die Kinder zu erwarten, hochrot im Gesicht und dann schrie und wetterte
+er auf die Kleinen ein, daß ihnen Hören und Sehen verging und sie vor
+Angst nicht antworten konnten. Er nahm sich auch nicht die Zeit, sie zu
+unterweisen, sondern schrie und tobte nur immer ärger. So kam es, daß
+keines etwas lernte, weder die Dummen noch die Gescheiten, und alle
+unwissend geblieben wären, hätten sich nicht manche Eltern erbarmt und
+die Kinder im Lesen und Schreiben angelernt, und diese zeigten es wieder
+den andern.
+
+Der Schultheiß hatte schon einmal mit dem Pfarrer Rücksprache gehalten,
+daß ein anderer Lehrer ins Dorf sollte. Der Geistliche aber war mit der
+Zucht des Lehrers sehr einverstanden. Ihn freute es, wenn die Kinder in
+der Kirche still, mit gesenktem Kopfe dasaßen und nicht wagten, die
+Augen aufzuschlagen. Er wußte nicht, daß die Furcht vor dem Schulmeister
+sie so brav machte; denn Säuerling stand in der Nähe der Kinderbänke und
+drohte jedem, der sich rührte, mit Schlägen.
+
+Bei dem Grafen aber durfte man sich gar nicht beklagen; denn der hatte
+dem Schulmeister die Stelle verliehen und ließ sich in seine Sachen
+nicht dreinreden. »Für die Dorfkinder ist der gut genug,« sagte er auf
+alle Vorstellungen und Bitten; denn er war froh, ihn los zu sein. Ein
+Vetter hatte ihm den Mann zugeschickt und ihn gebeten, ihm zu einem
+Auskommen zu verhelfen; und so hatte der Herr Graf es versucht, ihn als
+Schulmeister für seine eigenen Kinder zu nehmen. Aber die konnten sich
+in die Art des Mannes nicht finden. Sie waren gewohnt, ungebunden und
+frei zu sein, und so kam Säuerling an die Stelle von Herzfroh. Schlupps
+gab acht auf den Unterricht, wie es der Lehrer mit den Kindern machte.
+Er lief hin und her, warf eine Frage auf, gab dann eines nicht Antwort,
+so frug er das zweite und so fort. Er erklärte nichts, und es schien ihm
+ganz gleich, ob sie das Gefragte verstanden oder nicht.
+
+Dann hieß er die Kinder aufstehen und führte sie in den Hof hinab. Da
+hatte er platt auf den Boden Fäden gespannt, auf denen mußten die Kinder
+einzeln entlang gehen, eines hinter dem andern. »Seht, Herr,« sagte er,
+»das ist die Hauptsache im Unterricht, daß jedes lernt, nur nach der
+Schnur laufen, nicht abbiegen, noch rechts und links, und immer die
+Augen auf mich gerichtet halten.«
+
+Trat aber eines der armen Würmchen mit einem Fuß über die Schnur, dann
+wetterte der Lehrer und schlug auf es ein. »Wenn es nach mir ginge,
+wären im ganzen Orte solche Schnüre gezogen,« meinte Säuerling zu seinem
+Gaste, »und jeder sollte lernen, darauf gehen, daß es eine Lust wäre.
+Seht unser Dorf an,« fuhr er fort, »wie es ausschaut. Der eine hat sein
+Haus rot gemalt, der andere blau; die eine Dirne hat Nelken am Fenster
+und die andere Blauveiglein. Sieht der Ort nicht aus wie ein Hänfling?«
+»Wie meint Ihr, daß Euer Dorf aussehen müsse?« fragte der Professor
+Neunmalgescheit ernsthaft.
+
+»Weiß wie der Tag und schwarz wie die Nacht. Die Häuser schwarz wie die
+Erde; denn die ist ein Jammertal, und die Fenster weiß vom Sonnenlicht;
+denn das soll hineinscheinen und die Menschen in all ihrer
+Schlechtigkeit beleuchten, daß sie sehen, wie erbärmlich sie sind. Und
+ich setze es auch noch durch. Unter meinem Vorgänger ist gar viel Unfug
+eingerissen, das muß ich umwandeln.«
+
+»War gewiß ein jung Blut?« meinte Schlupps entschuldigend.
+
+»Nein, das ist es gerade,« ereiferte sich Säuerling. »Alt war er schon
+und hielt doch noch die Leute zum Singen an und zur Kurzweil. Als ob der
+Mensch dazu auf der Welt wäre. Ich werde ihnen aber schon die rechte Art
+beibringen, und wenn sie sich auch widersetzen. Kann ich bei den Großen
+nichts erreichen, so sollen die Kleinen anders werden. Wie ich es für
+Recht halte, muß es in der Welt zugehen. Alles schön geordnet. Die
+Reichen für sich und die Armen für sich. Die Alten allein und die Jungen
+abseits. Eingeteilt sollten sie werden. Wie das Gerät in einem Schrank
+darf nichts durcheinander gehen, jedes für sich und Alles nach der
+Schnur.«
+
+»Recht habt Ihr, Schulmeister,« gab Schlupps bedächtig zurück. »Hab das
+schon lange gemeint und bin nur froh, daß ich einen finde wie Ihr seid.
+Schade, daß der liebe Herrgott Euch bei der Erschaffung der Welt nicht
+hat fragen können. Wie viel Ungelegenheit und Unruh wäre da erspart
+geblieben! Wirklich, Ihr seid ein grundgelehrter Mann.«
+
+Säuerling lächelte zum ersten Male. Das Lob tat ihm gar wohl. Hatte bis
+jetzt selten ein solches gehört.
+
+»Eigentlich bin ich nicht zum Schulmeister bestimmt gewesen,« sagte er
+vertraulich. »Mein Vater war Schuster und hat mich in seinem Handwerk
+unterwiesen, ließ mich immer die Stiefel für die Arbeitsleute machen,
+die er auf den Märkten feil hielt, weil es keiner so gut wie ich
+verstand, alles über einen Leisten zu arbeiten. Das Schusterhandwerk war
+mir aber verleidet, weil es mich verdroß, daß ich für rechts und links
+einen besonderen Stiefel machen mußte und das Verschiedenerlei mich
+ärgerte. Deshalb ging ich zu einem Bader in die Lehre und mußte alle
+Leute einseifen, dieweil er mit dem Messer kratzte. Dies Geschäft gefiel
+mir schon besser. Das geschah immer gleich, sodaß kein Unterschied dabei
+war. Ob Alt ob Jung, alle mußten stillsitzen, wie ich befahl. Da starb
+der Bader. Das Scheren mit dem Messer verstand ich nicht, denn es ist
+ein gar schweres Handwerk. So nahm mich ein Magister in sein Haus,
+unterwies mich, der ich nur notdürftig lesen und schreiben gelernt
+hatte, in seiner Kunst. Dafür mußte ich die alten Pergamente, die er
+hatte, ausklopfen, daß sich kein Staub hineinsetzte. Wie auch der eines
+seligen Todes verblich, vermachte er mir seine Bücher und seine
+Perrücke. Letzteres tat mich am meisten freuen, dieweil mein Schädel
+wenig bewachsen war.
+
+Mein Vater hatte aber einen Kunden, einen Grafen, der oft zum Magister
+gekommen war, um von ihm die Kunst des Goldmachens zu erlernen. Haben
+Tag und Nacht daran studiert, wollt’ aber nichts gelingen. Dieser Graf
+wies mich her an unsern hochmögenden Herrn, und so bin ich hier, um in
+die Bauernschädel Ordnung zu bringen und sie zu rechten Menschen zu
+erziehen.«
+
+»Habt Ihr kein Weib, Schulmeister?« fragte Schlupps.
+
+»Nein,« war die Antwort, und Säuerling machte ein Gesicht, das aussah
+wie sein Name.
+
+»Ist es tot?« forschte Doktor Neunmalgescheit. »Nein. Davongelaufen ist
+mir’s.« Die Sache war aber so: Säuerling hatte ein Weib gehabt, das war
+eines Tages auf und davon gegangen und zu seinem Vater zurückgekehrt.
+Als der Richter ihr Vorstellungen machte, daß ein braves Eheweib bei
+ihrem Gatten zu bleiben und eine gute Ehe zu führen habe, erklärte sie
+ihm, eine Ehe mit einem fromm gesinnten braven Manne wolle sie wohl
+führen; einer aber, der alles besser wissen wolle als der liebe Gott
+selber, habe keinen Glauben. Denn Gott habe die Menschen verschieden
+gemacht, ihr Mann aber wolle alle nach einem Muster. Wer anders sei als
+er, wäre in seinen Augen ein schlechter Mensch, und da sie eine Frau und
+kein Mann sei, so könne sie auch nicht denken wie Säuerling und ihre Art
+nicht ablegen und verleugnen. Er solle sich zum Frommsein bekehren und
+was Gott geschaffen habe als recht annehmen, dann wolle sie zu ihm
+zurückkehren. Da er sich aber nicht ändern wollte und bei seiner Art
+verharrte, blieb sie bei ihrem Vater und gedieh von nun an wie ein Apfel
+am Baume, den die Sonne bescheint, während sie vorher war wie eine
+Schlehe, die im Schatten gewachsen war.
+
+Der Richter merkte, daß er einer Weiberzunge nicht gewachsen sei, gab
+ihr im Grunde recht, sprach mit Säuerling und suchte ihn umzuändern.
+Wies ihm nach, daß Gott wohl gewußt, warum er so vieles auf der Welt
+verschieden gemacht habe, und riet ihm, daß er doch versuchen solle, mit
+den Menschen in Güte auszukommen. Aber da stieß er auf den Unrechten;
+denn der Ehemann konnte keine Widerrede vertragen und ereiferte sich
+sehr, wenn ihn jemand tadeln wollte.
+
+Also ließ ihn der Richter gehen und dachte sich sein Teil. Daher kam es,
+daß Säuerling nicht in der Heimat geblieben war, sondern auswärts ein
+Unterkommen gesucht hatte. »Wißt Ihr, Schulmeister,« nahm der Herr
+Neunmalgescheit das Wort, »Ihr tut mir leid, daß Ihr hier sitzen müßt.
+Ihr gehörtet an einen andern Platz, und weil ich sehe, was für ein Mann
+Ihr seid, will ich Euch ein Geheimnis anvertrauen.« Säuerling spitzte
+die Ohren und sagte: »Da bin ich sehr begierig, Herr Kollege. Ist mir
+eine Ehre, daß ein so großer Gelehrter sich zu mir herabläßt.« »Das
+kommt, weil Ihr bei meinesgleichen gewesen seid und habt dürfen die
+alten Pergamente bewachen. Hättet Ihr in sie hineingeschaut, wäre Euch
+noch manches klarer im Kopfe geworden, und Ihr wüßtet, wie man es dazu
+bringt, die Welt nach seinem Willen zu lenken. Hier ist nicht der Ort,
+über Dinge zu sprechen, die Unberufene nicht hören dürfen. Heute Abend,
+wenn es dunkelt, kommt auf den Kirchhof hinaus, da können wir von
+erhabenen Geheimnissen reden, und ich will Euch zu Eurem Glücke
+verhelfen.«
+
+Damit nickte er recht stolz und hochmütig, als hätte er alle
+Gelehrsamkeit der Welt in sich und verließ das Schulhaus. Säuerling aber
+war wie benommen von dem, was er gehört hatte, so daß er wie im Traum
+umherging und vergaß, die Kinder zu prügeln, ja, es nicht einmal merkte,
+als eines heimlich lachte. Das Sünderlein steckte rasch den Kopf unter
+die Bank und harrte vergeblich seiner Schläge. Kaum erklang die
+Vesperglocke, so liefen die Kinder fort und wußten nicht, wie ihnen
+geschehen war. Solch einen Nachmittag hatten sie lange nicht erlebt.
+
+Am Abend, als es dunkel wurde, schlich ein Mann auf den Gottesacker,
+trat hinter einen großen Leichenstein und wartete. Wartete auf einen,
+der lang und schmal wie ein leibhaftiger Schatten zwischen den
+Gräberreihen dahin schlich und ängstlich um sich schaute. Denn so tapfer
+Säuerling vor seinen Kindern war, wenn es galt, sie zu dreschen, so
+feige fühlte sein Herz, wenn er allein war. Er fuhr daher erschreckt
+zurück, als der zuerst Gekommene auf ihn zuschritt und ihm feierlich
+winkte.
+
+»Ach, Ihr seid’s, Herr Professor,« atmete der Schulmeister auf. »Dachte
+schon, ein Geist wäre es.« »Der könnte Euch nichts anhaben,« versicherte
+Schlupps lächelnd, »dieweil Geister am liebsten mit ihresgleichen zu tun
+haben und merken würden, daß Ihr nicht zu ihnen gehört. Aber kommt her,
+daß niemand wahrnimmt, was ich Euch anzuvertrauen habe.« Damit führte er
+Säuerling tief hinten an die Mauer und hieß ihn auf einen umgestürzten
+Leichenstein niedersitzen.
+
+»Wißt,« hub er an, »ich habe viel alte Pergamente durchstudiert und
+wollte wissen, wie man es fertig bekommt, die Menschen nach seinem
+Willen zu lenken und sie sich untertan zu machen. Da entdeckte ich denn,
+daß einst vor tausend Jahren hier im Walde ein weiser Mann etwas
+vergraben habe.«
+
+»Horcht,« unterbrach ihn Säuerling. »Hört Ihr nicht die Hunde bellen?
+Oh, es ist furchtbar, wenn sie so zu aller Tag- und Nachtzeit heulen und
+kläffen. Wißt, daß mir nichts so zuwider ist, als bellende Hunde und
+krähende Hähne. Die machen ihr Maul immer zur Unzeit auf, statt
+ordentlich an bestimmten Tagesstunden zu schreien.« »Hört zu,
+Schulmeister, und unterbrecht mich nicht. Also hier im Walde hat
+besagter Mann etwas vergraben: Ein Knäuel, aufgerollt aus Bindfaden. Die
+Stelle habe ich gefunden; aber ausgraben darf ich es nicht; denn es muß
+ein Mensch sein, der nie Unrecht getan hat, nie Böses von den Menschen
+gedacht und ihnen immer Gutes erwiesen. Ein solcher kann, wenn er das
+Knäul aufrollt, die ganze Welt damit umspannen und hat dann Macht über
+alle Seelen. Ergreift es aber ein Unwürdiger, so kommt der Satan in
+Hahnengestalt mit dem Gebrüll eines wütenden Hundes und jagt den
+vermeintlichen Weltbezwinger in die Hölle hinab. Nun seht, Schulmeister,
+ich bin ein sündiger Mensch, der schon manchem Unrecht getan hat. Ihr
+aber scheint besser zu sein denn ich, und so frage ich hiermit feierlich
+und rufe den Mond und die Sterne als Zeugen an: Seid Ihr der Mann, das
+Knäul zu heben? So will ich Euch die Stelle zeigen und nichts dafür
+verlangen, als was Ihr mir gutwillig gebt. Ihr aber werdet Herr der
+Welt, und niemand darf Euch etwas verweigern.«
+
+»Der Mann bin ich!« rief Säuerling und streckte seine Hand hoch. »Nie
+habe ich Unrecht getan; denn ich bin die Gerechtigkeit selbst. Die
+reichen und armen Kinder habe ich gesondert, weil Gott die Menschen
+unterschiedlich geschaffen hat und man ihnen immer seinen Willen vor
+Augen halten soll. Böses habe ich nie besonders von ihnen gedacht; denn
+ich weiß, daß die Menschen von Grund aus böse sind, und so habe ich sie
+nur für das angesehen, was sie sind und nie etwas dazu getan. Gutes habe
+ich ihnen erwiesen; denn ich hab’ sie von Tand und Lustigkeit abgehalten
+und sie hingewiesen auf das, was allein ewig bleibt, – – auf die
+Trauer und die Unlust an der Welt. Und so,« schloß er, »hätte der Herr
+Professor können keinen Gescheiteren finden als mich. Als Dank aber will
+ich ihm meine Stelle vermachen. Da kann er in meinem Sinne weiter wirken
+und die Kinder unterweisen.«
+
+»So steht dem Werke nichts mehr im Wege,« sprach der Herr Professor aus
+Padua. »Findet Euch morgen gegen Mitternacht hier ein. Alles Nötige
+werde ich mitbringen. Bereitet Euch vor durch Buße und Reue, falls Ihr
+noch eine Sünde auf dem Gewissen habt.« »So sündenrein wie ich ist
+niemand,« erwiderte Säuerling. »Aber jetzt tut mir die Liebe und
+geleitet mich zu meiner Behausung. Denn die Hunde bellen, wenn ich an
+den Häusern vorbeigehe, und Ihr wißt, das kann ich nicht vertragen. Bald
+will auch die Sonne aufgehen und die Hähne beginnen zu krähen.« »Geht
+nur allein, Schulmeister,« sagte Schlupps, »langsam über den Friedhof,
+stoßt an keinen Leichenstein, daß kein Nachtgespenst aus seiner Ruhe
+aufgeschreckt wird und Euch an den Kopf springt. Denn wißt, es gibt auch
+falsche Geister, die dem Menschen in den Kopf springen und nimmer
+herausgehen. Dann haltet Euch genau in der Mitte der Straße, seht nicht
+rechts und links um Euch, bis Ihr in Eurem Bette liegt. Das Weitere
+kommt morgen.« Und der Schulmeister schlich zitternd und angstvollen
+Herzens fort, sah sich nicht um und war froh, als er in seinem Bette lag
+und die Decke über den Kopf ziehen konnte. Am liebsten hätte er gar
+keine Schule gehalten; da das nicht anging, ließ er die Kinder kommen
+und suchte ihnen heute nur Freundlichkeiten zu erweisen. Er forderte sie
+auf fromme Sprüche zu sagen und erzählte ihnen dann, daß er dereinst die
+Welt beherrschen und zu hohen Ehren gelangen würde. Dann entließ er sie,
+schloß das Schulhaus ab und erwartete mit Ungeduld den Abend.
+
+Indessen war Schlupps auch nicht faul gewesen. Als er den Kirchhof
+verlassen hatte, setzte er die Brille ab und begab sich in das
+Wirtshaus. Am andern Morgen erkundigte er sich, ob nirgends Hunde zu
+verkaufen seien. »Das wohl,« beschied ihn der Wirt. »Geht nur hinaus auf
+den Anger, wo der Schäfer weidet, der hat solche zu vergeben. Sag Euch
+aber gleich, daß es bissige Tiere sind, die man nicht frei herum laufen
+lassen darf und die keinem gehorchen außer ihrem Herrn.«
+
+Das war Schlupps gerade recht. Er ging zu dem Schäfer hinaus und fand
+ein Männchen mit faltigem Gesicht und verschmitztem Ausdruck. Neben ihm
+saß ein kleines Mädchen. »Ist das Euer Jüngstes, Schäfer?« fragte er.
+»Jawohl, Herr; die andern sind noch in der Schule.« »So, so, hab’ da
+hineingeguckt, gefällt mir gar nicht, Euer Schulmeister; bin zwar selber
+einer, möcht’ aber keine Kinder um mich haben, die nicht lachen und froh
+sind.« »Ihr seid mein Mann,« rief der Schäfer. »Wollte Gott, wir hätten
+einen wie Ihr seid und wären den Sauertopf los.« »Dazu könnt Ihr
+kommen,« lachte der falsche Schulmeister. »Hab einen gar feinen Plan und
+wenn Ihr, Schäfer, mir helft, so sollt Ihr den Griesgram bald vom Ort
+haben.« »Da bin ich dabei. Sagt, was Ihr begehrt.« »Ich brauche nichts,
+als zwei oder drei bissige Hunde, die bellen, wenn man sie in den
+Schwanz kneift, und einen Hahn. Ein paar Buben sind auch vonnöten.« Dann
+weihte er den Schäfer in seinen Plan ein, und der Hirte versprach ihm
+lachend, alles auf das Pünktlichste zu besorgen.
+
+Als es ganz dunkel war und vom Turm langsam die Glocke elf schlug,
+betrat Säuerling den Friedhof, wo ihn der Professor Neunmalgescheit
+erwartete. Der faßte schweigend des Schulmeisters Hand, schritt mit ihm
+hinaus, links in den Wald, der sich bergwärts zog, und machte am Fuße
+einer hohen Eiche Halt. »Hier nehmt,« sagte er feierlich und reichte
+Säuerling seine Schaufel. »Grabt zehnmal; aber hütet Euch innezuhalten,
+weil sonst der Teufel Macht über Eure Seele gewinnt. Dann werdet Ihr den
+Knäul finden. Seht: ich habe Euch ein wenig vorgearbeitet und die
+Erde aufgelockert.« In Wahrheit hatte der Schelm am Nachmittag ein
+gewöhnliches Garnknäul an der Stelle vergraben und die Erde wieder
+tüchtig festgestampft. Nicht weit davon hatte er den Schäfer
+aufgestellt, der hielt die Hunde an der Leine. Auf einem Baume daneben
+aber saß des Schäfers Ältester mit einem Hahn, und der jüngere Bube
+hockte unweit davon auf dem Boden und hielt Feuerstein und Zunder in der
+Hand und eine mächtig lange Pfeife seines Vaters lag neben ihm.
+
+[Illustration: Der Weltenknäul]
+
+Als nun der erste Schaufelwurf erklang, kniff der Schäfer einen Hund in
+den Schwanz, daß er heulte, und Säuerling hielt erschreckt mit Graben
+inne. »Das ist ein schlimmes Zeichen,« flüsterte Schlupps. »Solltet Ihr
+in Eurem Gewissen doch nicht so rein sein, daß der Teufel eine Mahnung
+gibt?« »Wüßte kein Unrecht, das ich je begangen,« stöhnte Säuerling. »So
+grabt weiter!«
+
+Beim zweiten Schaufelstich klang das Heulen stärker. Beim dritten war es
+so arg, daß dem Grabenden die Hände zitterten und er nur mühsam den
+Griff festhielt; aber er ließ nicht los und fuhr fort zu schaufeln. Da
+schlug der jüngste Bube mit dem Feuerstein Funken, brannte den Zunder
+an, entzündete die Pfeife, daß sie glühte und zog an, bis mächtige
+Rauchwolken heraus kamen. »Um Himmelswillen! der Teufel,« flüsterte
+Schlupps. »Seht, wie seine Augen glühen, wie sein Atem dampft!«
+Unbemerkt war der kleine Junge näher geschlichen, hatte in die Grube ein
+Stück brennenden Zunder und eine Handvoll Hobelspäne geworfen, sodaß
+eine Flamme hochschlug. Säuerling ließ die Schaufel fallen und fuhr
+entsetzt zurück. Schlupps aber war hinter einen Baum getreten und
+brüllte mit verstellter Stimme: »Wer wagt es, meine Höllengeister zu
+beschwören? Bist du es, Sündhafter, der Trübsal in die Welt bringen will
+und die Menschen zu mutloser Traurigkeit verleitet? Wehe dir! Jetzt bist
+du mir verfallen!« Der Hahn auf dem Baume, der die Flamme hatte leuchten
+sehen, meinte nicht anders, als die Sonne ginge auf und fing an zu
+krähen. Da ließ ihn der Bub frei. Er flog hinab, gerade auf Säuerlings
+Kopf und hackte mit dem Schnabel in dessen Perücke; der Schäfer aber
+ließ die Hunde los, die sich wütend auf den Schulmeister stürzten. Der
+warf entsetzt die Schaufel hin, rannte davon und meinte nicht anders,
+als der Teufel sei ihm auf den Fersen, lief und lief immer weiter bis er
+Abends in einer fremden Gegend anlangte und nicht wußte, wo er war.
+
+Dort bat er die Leute, ihn um Gotteswillen aufzunehmen, und da sie
+meinten, einen Armen vor sich zu sehen, der eine Schuld abzubüßen habe
+und landflüchtig sei, und Mitleid mit ihm spürten, wenn er immer rief,
+der böse Geist verfolge ihn, ließen sie ihn im Dorfe wohnen. Sie gaben
+ihm eine alte Hütte und ließen ihn die Gänse auf die Weide treiben.
+Verwiesen es auch den Kindern, darüber zu lachen, wenn der fremde Mann
+erzählte, daß er einmal Schulmeister gewesen sei und Macht über die
+ganze Welt besitzen sollte, daß ihm aber Unrecht geschehen sei, ihm, der
+sein Lebtag die Gerechtigkeit selbst war.
+
+Schlupps verließ mit dem Schäfer den Wald und ließ sich Handschlag
+darauf geben, daß keiner im Dorf erfahren solle, auf welche Art sie den
+Schulmeister los geworden seien. Der Schäfer versprach, Wort zu halten
+und seine Buben desgleichen; denn sie wollten beide einmal Schäfer
+werden, und einem solchen vertrauen die Menschen oft gar viel. Muß er
+sie doch heilen, wenn sie krank sind, und erfährt von vielen Schmerzen,
+innerlich und äußerlich, die den Menschen plagen und die er sonst keinem
+anvertraut. Als am andern Morgen die Kinder in die Schule kamen und kein
+Lehrer da war, gingen sie heim und freuten sich. Der Schäfer aber
+flüsterte geheimnisvoll dem und jenem zu, daß wohl der Teufel den
+Schulmeister geholt habe; es sei aber nur eine Ahnung; sicher wisse er
+es nicht. Weil aber die Menschen Vermutungen immer um so lieber glauben,
+je unwahrscheinlicher sie sind, so stand bald im Dorfe fest, daß den
+Säuerling der Teufel geholt habe, und Niemand weinte ihm eine Träne
+nach.
+
+Statt seiner aber erbot sich Schlupps, die Stelle anzunehmen; nannte
+sich aber nicht mehr »Neunmalgescheit,« sondern »Einfältig;« »denn,«
+sagte er, »wer lehren will, muß ein einfältig Gemüt haben und selbst
+lernen wollen.«
+
+
+
+
+Einfältig
+
+
+Jetzt begann für die Kinder eine herrliche Zeit. Kam eine Mutter an das
+Schulhaus und wollte ihrem Buben oder Dirnchen einen Weck oder einen
+Apfel bringen, so fand sie das Haus leer. Der Schulmeister war mit der
+jungen Schar hinausgezogen in den Wald. Da lehrte er sie die Pflanzen
+und Tiere kennen und erzählte ihnen, wie in anderen Ländern die Felder
+bestellt werden. Da er immer offene Augen und Ohren gehabt hatte,
+vermochte er den aufhorchenden Kindern gar viel Lehrreiches
+beizubringen, so daß sie an einem Vormittag im Walde mehr lernten, als
+bei Säuerling in einem Jahr. War aber Regen und trübes Wetter, dann
+wurde im Schulhaus geschrieben und gelesen, daß allen der Kopf rauchte,
+denn wer nicht fleißig war, durfte bei Sonnenschein nicht mit in’s Freie
+und mußte nachlernen.
+
+Dazu kam noch, daß der Schulmeister Einfältig die Kinder, denen das
+Lernen schwer fiel, sehr belobte, wenn sie etwas gut machten, dadurch
+bekamen sie Zutrauen zu sich und merkten, daß das Lernen eine Lust sein
+könne und keine Last, wie sie vordem vermeint. Die Eltern aber nickten
+einander zu und sagten: »Sollte man nicht meinen, Herzfroh sei wieder
+aufgestanden?«
+
+So hielt es der neue Schulmeister ein halbes Jahr. Da wurde ihm die Zeit
+lang, und er sehnte sich wieder in die weite Welt. Hätte er nur einen
+andern gefunden, der, wie er, die Kinder in Liebe unterwies. Wo aber
+einen hernehmen? Sah immer im Wirtshaus die Leute an, ob der Zufall
+nicht einen Geeigneten herführte, aber keiner schien der Rechte.
+»Schulmeister,« hatte der Wirt eines Tages gesagt, »was soll Euch ein
+Bauernwagen? Ich habe dahinten ein Kütschlein stehen, das mir nichts
+nutz ist, zu dem bin ich bei einem kleinen Handel billig gekommen. Ist’s
+Euch recht, so laßt uns tauschen. Ist uns beiden damit geholfen; denn
+ich hab oft Säcke in die Mühle zu fahren und mein Planwagen ist schon
+ein bischen zerbrechlich.«
+
+Deß war Schlupps zufrieden, und damit seine Gäule im Stall nicht zu fett
+und gar krank würden, spannte er sie oft in sein neues Wägelchen und
+fuhr die Alten und Gebrechlichen über Land, damit sie die schöne
+Gotteswelt auch anders als vom Sorgenstuhl zu sehen bekämen.
+
+Eines Tages war er allein ausgefahren. Auf dem Rückweg ließ er die Zügel
+hängen, und die Rößlein gingen langsam der Heimat zu. Da sah er einen
+Jüngling vor sich gehen, den Rücken hochbepackt mit allerlei Gerät.
+»Steigt ein, junger Mann,« rief er. Der Fremde ließ sich nicht zweimal
+bitten, zog höflich zum Dank die Sammetkappe und kletterte in den Wagen.
+»Seid sehr beladen,« meinte Schlupps. »Will’s meinen, Herr. Bin auch
+lange auf der Wanderschaft. Komme von Italien her und habe manches
+Schöne und Herrliche gesehen,« plauderte der junge Mann. »Bin meines
+Zeichens ein Maler und weit herumgekommen, um zu studieren und zu
+lernen.«
+
+»Erzählt mir von Eurer Fahrt,« bat der Schulmeister, dessen Herz hoch
+schlug, sobald er von fremden Ländern hörte. Der Jüngling strich sich
+die blonden Locken aus der Stirn, sah mit den tiefen blauen Augen
+träumerisch in die Ferne und sagte langsam: »Herr, Herr, es ist etwas
+Gefährliches um das Indieweltgehen. Daheim hab ich geglaubt, schon viel
+zu können und es den großen Malern gleich tun zu können. Wie ich aber
+südwärts kam, nach Venezien und Florenz, da wurde mein Herz immer
+schwerer, denn ich sah, daß ich ein Stümper war, wie es nur einen gab.
+Vor den Bildern der alten Meister dachte ich zu lernen und pinselte und
+zeichnete nach, so viel ich konnte. Als ich aber weiter kam in die
+heilige Stadt Rom und dort von Bild zu Bild eilte, war ich so
+unglücklich, daß ich schier meiner Kunst gram wurde. Denn sagt selbst:
+Ist es nicht hart, sein Herz an eine Sache zu hängen und dann zu sehen,
+daß man darin nie etwas Besonderes erreichen könne? Ich sah ein, daß die
+Malerei mir immer ein Ergötznis für frohe und trübe Stunden sein würde,
+aber daß ich nimmer etwas fertig bekäme, was nur dem allerkleinsten
+Bildchen der großen Meister gleicht. Es waren schwere Stunden, Herr, und
+das schöne Italien erschien mir wie der Garten des Paradieses, allwo der
+Engel mit dem feurigen Schwert mich hinauswies. Da packte ich endlich
+zusammen, was ich gemalt hatte und wanderte wieder zurück in meine
+Heimat. Könnte ja mein Gewerbe dort ausüben und würde wohl kaum einer
+merken, daß ich kein großer Meister bin; denn sie sind der Malerei
+unkundig und es gefällt ihnen leicht, was recht aussieht und bunte
+Farben hat. Aber mir ist es verleidet.«
+
+»Da geht’s Euch mit Eurem Handwerk, wie mir mit meinem,« nickte
+Schlupps. »Bin hier Schulmeister und tät’s gern an den Nagel hängen.«
+
+»Was,« rief der junge Mann, »ist’s möglich? Das ist Euch zuwider? Gibt’s
+denn eine größere Freud, als die Kinder zu unterweisen, ihnen alles
+Schöne zu geben, das man gesehen hat und vielleicht einen, der ein
+Meister werden kann, auf den rechten Weg zu führen? Seht, Herr,« fuhr er
+fort und seine Augen leuchteten. »Das hab ich mir als das Beste
+vorgestellt, der Jugend den Sinn und die Augen auftun. Aber so geht’s.
+Mit dem, was er hat, ist der Mensch nie zufrieden.« »Da mögt Ihr recht
+haben, junger Mann,« sagte Schlupps; »wir sind hier bei meinem Hause
+angelangt. Kommt herein und nehmt fürlieb.« Damit half er dem Gast vom
+Wagen und wies die Magd an, ihm ein Stübchen und ihnen beiden einen
+Imbiß zu richten.
+
+»Zeigt mir morgen bei Tageslicht Eure Bilder, Herr Maler,« bat er. »Hab’
+eine Freude an solchen Sachen.« Das war dem Gast lieb zu hören: denn
+wenn ihm selbst seine Arbeiten auch nicht immer gefielen, so erfreute es
+ihn doch, wenn andere Wohlgefallen daran hatten. Wie sie nun am Morgen
+die Bilder besahen, und Schlupps sich vorstellte, daß es Orte gäbe, so
+schön wie die auf der Leinwand, wo Schlösser und Burgen, blaue Seen und
+Schneeberge zu sehen waren, da wuchs seine Sehnsucht in die Welt schier
+übermächtig. Am meisten gefiel ihm ein Bild, das einen Fürstensohn
+darstellte, mit blassem Gesicht, dunklen Augen und schwarzen Haaren.
+
+»Dies Bild habe ich in Florenz gemalt,« sagte der Maler. »Ein Meister,
+der schon lange verstorben ist, hat es angefertigt, und weil ich die
+Augen des Konterfeis nimmer vergessen konnte und immer zu dem Bild
+zurückkehren mußte, habe ich es nachgemalt, so gut es ging, und es ist
+mir nicht übel gelungen.« Damit legte er es in seine Mappe zurück.
+»Dank Euch auch, Schulmeister, für die Unterkunft. Will heute noch
+weiter wandern und sehen, wo ich mein Nest aufschlage,« fuhr er fort.
+»Hier,« sagte Schlupps und faßte ihn bei der Hand. »Hört mich an. Ihr
+kommt zu gelegener Stunde. Ich muß fort und habe nur auf einen gewartet,
+der mein Amt übernimmt. Bleibt Ihr an meiner Stelle und unterweist die
+Kinder. Nennt Euch ›Wegwart;‹ denn das sollt Ihr jetzt sein. Ein Wärter,
+der ihren Weg bewacht. Und denkt nicht, daß dies Handwerk zu schwer für
+Euch sein werde. Übt Eure Malerkunst an ihnen aus, dann wird es am
+besten gehen, und wollt nur statt auf Leinwand auf die Seelen der
+Kleinen Eure Bilder malen. Nehmt alle Farben: das Grün der Treue, das
+Rot der Freude, das Gelb des Neides; aber nur so viel davon, als das
+Herz braucht, um Neid auf alles Gute und Schöne zu bekommen und es
+nachzuahmen. Vergeßt auch nicht das Schwarz des Hasses gegen alles Böse
+und Unrechte. Und wenn Ihr das Grau der Trauer auflegen müßt, dann setzt
+das Blau der Hoffnung dazu und laßt dazwischen das zarte Violett nicht
+fort. Denn wie die Dämmerung zwischen Tag und Nacht steht, so ist in den
+Herzen oft ein Schwanken von Leid zur Freude und es braucht von einem
+zum andern einen Übergang. Mischt dann zu allem das Weiß der Klarheit
+und Wahrheit und glaubt mir, daß an den Bildern, die Ihr auf die Art
+macht, der liebe Herrgott seine Freude hat. Werdet dann ein so
+verdienstvoller Maler wie die großen, die Ihr bewundert, wenn auch kein
+Ehrenzeichen um Euren Nacken hängt.«
+
+Da stand der junge Maler eine Weile still und nachdenklich; dann hob er
+die Hand und rief: »So hat es Gott gewollt, Schulmeister, daß er mich
+herwies, Euren Platz will ich wohl annehmen. Wenn Ihr aber in die Welt
+ziehen müßt, so erweist mir eine Liebe und nehmt das Bild mit, das Euch
+so gefallen.«
+
+Noch lange saßen die beiden beratschlagend zusammen. Als am andern Tage
+die Morgensonne in das Fenster schien, da schirrte der Schulmeister
+Einfältig seinen Wagen an, tat all sein Hab und Gut hinein, reichte dem
+künftigen Schulmeister die Hand und fuhr zu dem schweigenden Dorf hinaus
+in die Welt hinein, noch vor dem Frühgeläut, damit seine Kinder ihm
+nicht durch ihr Weinen das Abschiednehmen erschweren sollten.
+
+
+
+
+Junker Pfiffig
+
+
+Nach wenigen Tagen langte Schlupps in einer Stadt an, die er noch nie
+gesehen, fuhr durch Gassen und Straßen mit hochgegiebelten Häusern,
+spitzen, steilen Kirchtürmen, bog über brunnendurchrauschte Plätze und
+verwunderte sich schier, wie viel Pracht und Herrlichkeit es gab. Dann
+kehrte er mit seiner Kutsche in einem Wirtshaus ein, wo der Wirt ihn
+sorgsam musterte.
+
+»Was habt Ihr an mir zu sehen, guter Freund?« fragte Schlupps. »Verzeiht
+Herr,« gab der Wirt zur Antwort, »wenn ich Euch neugierig scheine; aber
+kann mir’s nicht erklären, wie jemand, der das Aussehen eines Herrn hat,
+so armselig gewandet sein kann; überlegte deshalb, woher der Herr wohl
+angereist käme.«
+
+»Da habt Ihr recht,« erwiderte Schlupps, dem es jetzt auffiel, wie ganz
+anders er aussah, denn die Bürger, die in der Wirtsstube saßen. »Wißt,
+ich bin weit herum gekommen in entlegenen Gegenden, wo man nicht alles
+zu kaufen vermag, wie bei Euch. Deshalb bin ich hierher gefahren, um
+alles anzuschaffen, was mir nottut und kann Euren Rat wohl brauchen.
+Wollt Ihr mir jetzt mein Zimmer zeigen?« Und als der Wirt ihn dahin
+führte, zog er rasch seine Geldsäcke heraus und sprach: »Sagt mir, Herr
+Wirt, ist mein Zimmer ganz sicher vor Dieben? Denn wißt, ich habe viel
+Geld bei mir und muß mich auf Euch verlassen können.« Damit warf er die
+Beutel auf den Tisch, daß es dröhnte.
+
+Der Wirt versicherte ein Mal über das andere, daß seine Truhen und Türen
+feste Schlösser hätten und empfahl sich mit vielen Verneigungen. Der
+Fremde mit der großen Geldkatze erschien ihm auf einmal nicht mehr
+ärmlich gekleidet, sondern nur ein wenig absonderlich. Das machte, daß
+der goldene Grund durch die abgeschabten Stellen des Anzuges hindurch
+leuchtete. Er nahm sich vor, den Gast sehr liebevoll zu verpflegen,
+damit der einen großen Teil seines Geldes bei ihm verzehre.
+
+Andern Tages fragte Schlupps seinen Hausherrn nach einem Schneider und
+wurde zu einem gewiesen, der gar berühmt sei und sein Handwerk gut
+verstehe. »Meister,« sagte der Fremde, als er eintrat, »richtet Euch
+nicht nach dem Kleide, das ich anhabe. Wenn man unerkannt in der Welt
+herum kommen will, muß man ein schlichtes Aussehen haben. Dann
+betrachten die Menschen uns als ihresgleichen und fassen Zutrauen zu
+uns. Habt Ihr eines oder zwei Kleider, wie sie mir passen und wohl
+anstehen würden, so zeigt sie mir.«
+
+Der Schneider schloß aus dieser Rede, daß er einen vornehmen Herrn vor
+sich habe, der sich einmal unbekannt unter den Menschen bewegen wolle,
+wie große Herren zuweilen solche Launen überfallen. Meinen sie doch im
+tiefsten Herzen, daß die Menge schon spüren werde, wer vor ihnen steht,
+verwundern sich oft sehr, daß keiner fühlt und weiß, wer sie in Wahrheit
+sind. Das kommt daher, daß sie im schlichten Kleide oft weniger Verstand
+haben, als in dem prächtigen Anzug, den sie sonst gewohnt sind. In dem
+besseren Gewande klingt jedes Wort heller und klüger und findet auch
+mehr Beachtung als bei einem schlichten Bauers- oder Bürgersmann.
+
+So glaubte der Schneider, der neue Kunde habe das Einfachsein über und
+wolle jetzt so daher kommen, wie es sich für seinen Stand schicke und
+sprach darum: »Ihr kommt zu gelegener Zeit, Herr. Ein junger Graf hatte
+bei mir zwei Kleider bestellt, eines für jeden Tag aus braunem Tuch,
+sauber und schön gemacht, und eines für Feste, aus dunkelrotem Sammet
+mit Barett und Feder. Er gab mir den Stoff dazu, den er weit her aus
+Italien hatte kommen lassen. Da schickte ihn des Kaisers Majestät mit
+einem Auftrag fort, hin zum türkischen Sultan in wichtiger Botschaft,
+und so schnell mußte die Reise vor sich gehen, daß mein Herr Junker die
+Kleider nicht abwarten konnte.« »Muß ihm sehr arg gewesen sein,« wandte
+Schlupps ein. »War nicht so schlimm für ihn. Bedeutete es doch ein
+ehrenvolles Amt, und des Kaisers Gnaden hatten ihn hinlänglich mit Geld
+versehen, daß er sich anderen Ortes kaufen konnte, was sein Herz
+begehrte. So ließ er mich rufen und sagte: ›Meister, ihr habt mich immer
+gut bedient und wenn ich Euch nicht zahlen konnte, nie gemahnt und
+gedrängt; auch manchmal die Kreide auf der Schuldtafel gespart. So
+behaltet die Stoffe. Ich schenke sie Euch. Könnt sie wohl gelegentlich
+verwerten. Weil aber die Kleider schon nach seinem Maß zugeschnitten
+waren, machte ich sie fertig. Er ist Eures Wuchses, und es könnte sein,
+daß Euch beide Gewänder passen. Wollt einmal probieren.‹«
+
+Und siehe da! Sie saßen wie angegossen, und Schlupps beschloß, sie zu
+kaufen, da der Meister einen mäßigen Preis dafür forderte. »Kommt bald
+wieder, Herr,« bat der Schneider. »Und verzeiht, wohin soll ich Euch
+Euer altes Gewand und das Sammetkleid senden, da Ihr das braune gleich
+anzieht?« »Sendet es in das Gasthaus zum goldenen Lamm,« sprach
+Schlupps, »und laßt sagen, es sei für Junker Pfiffig.«
+
+Er zahlte seine Rechnung und ging fort. Der Meister sah ihm staunend
+nach, wie er dahin schritt, den Kopf hoch, daß er über alle Menschen
+hinwegschauen konnte und den Gang gar leicht, als sei er gewohnt, zu
+tanzen statt zu schreiten. »Muß etwas ganz besonderes sein,« dachte der
+Nadelkünstler. »Vielleicht ein Königssohn und der Name Pfiffig war
+angenommen. Gibt es doch Menschen, denen sieht man trotz allem das
+Königsein an, die mögen sich verstellen wie sie wollen. Einmal bricht es
+hervor und dann staunen alle, daß sie den für einen gewöhnlichen
+Menschen und ihresgleichen gehalten haben, der doch so hoch über ihnen
+steht.« Und der Meister fädelte seine Nadel ein, kletterte auf seinen
+Tisch und überlegte weiter; denn das Handwerk, das er betrieb, machte
+ihn gar nachdenklich und sinnig. Kam er doch mit vielerlei Leuten
+zusammen, hatte gelernt, das Kleid vom Menschen zu scheiden und wußte
+wohl, daß, wenn es außen oft gleißte und glänzte, der Grund nicht immer
+feines Linnen war, sondern grob Gewebe mit Knoten, Fehlschlägen und
+Webfehlern.
+
+Junker Pfiffig aber ging langsam durch die Gassen und sah mit offenen
+Augen alles wohl an. Er trat bei einem Barbier ein, ließ sich von dem
+Schaumschläger Bart und Kopfhaar zurecht stutzen und wunderte sich
+selbst, als er in dem Spiegel sah, wie wohlgestaltet er war. Das
+schwarze Gelock, das auf seine Stirn fiel, glänzte vom Bürsten und
+Striegeln, und es schien ihm, als ähnele er dem Bilde, das der fremde
+Maler ihm geschenkt hatte.
+
+»Kommt bald wieder, Junker,« sagte der Barbier, als er ihm die Tür
+öffnete. »Seid Ihr hier fremd, so rate ich Euch, unser Rathaus zu
+besuchen, das gar schön gebaut und weit berühmt ist. Heut ist
+Gerichtstag. Da darf jeder hineingehen und zusehen.« »Das will ich tun.
+Seid bedankt für Euren Rat,« nickte der Junker Pfiffig höflich. Es kam
+ihm vor, als habe er mit dem andern Kleid einen anderen Menschen
+angezogen, denn er hatte Freude an allem, was schön war. Fühlte er sich
+in jedem Kleide heimisch und bei sich, so schien ihm das neue Gewand wie
+ein Haus, das eigens für ihn gebaut und gefertigt war. Er schritt
+hinüber zu dem Stadthause mit den vielen Türmchen und spitzbogigen
+Hallen. Da sah er in der Tür eine Frau stehen, die ihre rechte Hand vor
+die Augen hielt und heimlich Tränen abwischte. »Was fehlt Euch, gute
+Frau?« sagte er und seine Stimme klang so gewinnend, daß die Verzagte
+Mut faßte und leise zu erzählen anhub: »Ach Herr, vielleicht könnt Ihr
+mir helfen. Ihr scheint gar vornehm und mächtig. Ich habe einen Prozeß
+mit meinem Nachbar, dem Grundbauer, um einen Acker, den einzigen, den
+ich besitze. Der Nachbar behauptet, daß mein Mann ihm auf dem Totenbette
+den Acker verkauft hätte für die Beerdigungskosten. Wie mein Hans
+gestorben war, kam der Grundbauer zu mir, sagte: er wolle für das
+Begräbnis Sorge tragen und alles so machen, wie es bei armen
+Häuslersleuten Sitte wäre. Ich vermeinte, er täte es aus Nächstenliebe
+und um Gottes Willen, dankte ihm sehr und lobte ihn vor den Leuten, ob
+seines guten Herzens, und jetzt macht er es mir so. Glaubt mir, Herr,
+mein Hans ist nie eine Minute allein gewesen, als es zum Sterben kam und
+der Handel abgeschlossen sein soll.«
+
+»Aber der Richter muß Euch doch Euer Recht geben,« ereiferte sich
+Schlupps. »Ach, das ist es gerade. Jetzt weist der Bauer eine Schrift
+auf, und drei Kreuze stehen darunter. Kommt mit herein, seht, wie es
+zugeht. Unsereins darf nichts sagen, sonst kommt er wegen Verläumdung in
+den Turm.«
+
+»Geht nur hinein, gute Frau. Ich werde schon kommen; aber tut nicht, als
+ob Ihr mich kennt.«
+
+Als nun die Verhandlungen begannen, sah Junker Pfiffig auf dem
+Richterstuhl einen Mann sitzen, mit großer Perücke, eine Brille auf der
+Nase, daß man die Augen nicht sah; um den Mund hatte er zwei tiefe
+Falten, die sich ausnahmen, als habe der Teufel sie mit seinem Pfluge
+gefurcht und Bosheit und Tücke hineingesäet. Seine Hand war lang, die
+Finger so spitz wie Krallen.
+
+Er winkte und der Bauer hub an zu erzählen, wie der Handel sich
+zugetragen, den er, während Margret in der Küche war, mit dem Hans
+abgeschlossen haben wollte. Dabei klimperte der dicke, schwere Mann
+immer mit der Geldkatze, die er umgeschnallt hatte, und sah den Richter
+schmunzelnd an. Da spitzte er die Ohren, denn wenn er sich auf Flöten
+und Geigen auch gar wenig verstand, so klang die Musik des Bauern ihm
+doch lieblich in die Ohren.
+
+Dann frug er Margret barsch, was sie zu sagen habe und gebot ihr, sich
+kurz zu fassen und sich zu hüten, den Grundbauern einer unlautern Tat zu
+beschuldigen; denn das bliebe nicht ungeahndet. Dann frug er auch, ob
+sie Zeugen für ihre Erzählung habe. Die arme Frau sah erschreckt um
+sich. Da fiel ihr Blick auf den Junker im braunen Gewande, der unweit
+auf einer Bank saß und ihr heimlich zunickte. Sie faßte Mut, erzählte,
+wie alles gewesen und schloß mit der Bitte, ihr zu ihrem Rechte zu
+helfen.
+
+Der Richter sann eine Weile nach und sprach dann: »Ich will mir den Fall
+überlegen. Kommt heute Abend bei Sonnenuntergang wieder her. Tragt mir
+Eure Gründe noch einmal vor. Wer die gewichtigsten hat, soll Recht
+bekommen.« Damit entließ er beide. Der Bauer lachte zufrieden vor sich
+hin; denn er hatte den Richter wohl verstanden und hielt in der Hand
+einen Beutel mit Silbermünzen. Als der Richter das Zimmer verließ, trat
+der Grundbauer auf ihn zu, reichte ihm den Beutel und sprach:
+»Gestrenger Herr, Gründe so schwer wie diese wird die Margret wohl nicht
+haben.« Er sah aber nicht, wie ein Junker in braunem Gewande langsam
+vorbeischritt und dem Handel zusah.
+
+Draußen angelangt, winkte Schlupps der Frau, führte sie in ein
+Wirtshaus, hieß den Wirt ihr Speis und Trank vorsetzen und sagte: »Seid
+außer Sorge. Ich helfe Euch und Ihr sollt Euren Acker behalten.« Dann
+ging er zu einem Schlosser und sah sich bei dem um, was er an Arbeiten
+aufzuweisen habe an kunstvollen Riegeln, Schlössern und Beschlägen.
+Besonders gefiel ihm eine Schnalle, die groß und schwer war. »Das ist
+mein Gesellenstück,« erklärte der alte Meister stolz. »Damals,« fuhr er
+mürrisch fort, »war man noch nicht so hoffärtig, daß alles von Gold und
+Silber sein mußte. Sonderlich die Frauen trugen die Gürtel von eisernem
+Schloß gehalten und prangten noch mehr in Zucht und Schönheit denn
+heute, wo ein jedes Bürgerkind Gold und Edelstein trägt und der
+Halsschmuck in der Kirche aus Granaten sein muß, soll die Andacht nicht
+gestört sein durch unheilige Gedanken und Wünsche. Ach, die gute alte
+Zeit kommt nicht wieder, da die Menschen noch so schlicht und einfältig
+waren und der Schlosser noch Schmuck und Tand liefern durfte und nicht
+alles der Goldschmied. Kein Wunder, wenn deren Innung gar übermütig wird
+und bei allen Festen voranschreiten will.«
+
+[Illustration: Der Rechtspruch]
+
+»Meister, verkauft mir die Schnalle,« sagte Schlupps. »Hab meine Freude
+an Sachen, die besonders kunstfertig gearbeitet sind. Sie zeigen, daß,
+wer sie gemacht hat, mehr kann, als viele seines Faches.«
+
+Das schmeichelte dem Schlosser. Sie wurden bald handelseinig; Schlupps
+erstand die Schnalle und eine kleine Feile um ein Billiges und ging
+vergnügt in sein Gasthaus, wo ihn die arme Margret erwartete. Junker
+Pfiffig schloß sich in sein Gemach ein, nahm mehrere Goldstücke, feilte
+an den Rändern Gold ab, daß die Münzen so zackig aussahen, als hätten
+die Ratten daran genagt, und rührte die Goldabfälle zu einem dicken Brei
+an. Mit dem rieb er die Spange ein, putzte und glättete sie, daß sie
+aussah wie pures Gold und herrlich schimmerte. Dann wickelte er sie in
+ein klein seiden Tüchlein, legte zwei abgefeilte Goldstücke, die er
+durchlocht hatte, obenauf, rief die Frau und unterwies sie, was sie zu
+tun habe.
+
+Als nun der Richter gegen Sonnenuntergang durch den weiten Hallengang
+wieder in den Saal treten wollte, wo der Bauer schon wartete und seines
+Spruches sicher war, löste sich eine Gestalt von der Eingangstür los,
+ging demütig auf den gestrengen Herrn zu und sagte leise: »Verzeiht,
+Herr Richter. Ich habe einen gar gewichtigen Grund, den ich Euch
+verkünden muß. Von einer Ahne erbte ich ein schweres güldenes Amulett,
+wie es wohl einer vornehmen Frau, aber nicht mir gebührt. Würde ich es
+verkaufen, so könnte man denken, ich wäre auf unrechte Art dazu
+gekommen. Vielleicht daß es Eurer Eheliebsten oder Eurer Jungfer Tochter
+wohl anstünde, und zwei durchlöcherte Goldmünzen sind auch dabei, die
+man wohl zu Ohrengeschmeide verwenden kann.«
+
+Dabei lüftete sie das kreuzweise gebundene Tüchlein und ließ den Richter
+hineinblicken, sodaß der rote Schein der Abendsonne, der durch die
+buntgemalten Scheiben spielte, auf das Geschmeide fiel, daß es rotgelb
+flimmerte.
+
+»Gute Frau,« sagte der Richter, »einem vernünftigen Grunde verschließe
+ich nie mein Ohr. Ihr habt wohl getan, Euch an mich zu wenden. Seid
+unbesorgt, Ihr sollt Euer Recht haben.« Damit ergriff er das Tüchlein,
+wog es in der Hand, sehr erfreut ob seiner Schwere, und ging würdevollen
+Schrittes in den Saal, wo ihn der Bauer erwartete. Doch wie erschrak
+der, als der gestrenge Herr ihn anschrie und ihn ausschalt, daß er eine
+arme Witwe bedrücken wolle. Jetzt sei ihm die Erleuchtung gekommen, daß
+alle seine Angaben leichtfertig und ungerecht gewesen, und er
+verurteilte ihn, der Margret den Acker zurückzugeben und ihr auf der
+Stelle zwanzig Silbergulden zu zahlen.
+
+Der Bauer wußte nicht wie ihm geschah, fluchte innerlich, mußte aber
+wohl oder übel gehorchen und hatte außer dem Schrecken noch den Spott zu
+tragen. Denn es waren gar viele Zuhörer im Saale, die dafür Sorge
+trugen, daß der Richterspruch bekannt wurde. Hatte der Bauer doch viele
+Feinde, die ihm grollten, weil er sie oft betrogen hatte. So mußte er
+beschämt abziehen und das Silbergeld an den Richter war auch verloren.
+
+Die Margret suchte den Ritter, um ihm zu danken; aber er war nicht
+aufzufinden und so konnte sie nur im Stillen für ihn beten.
+
+Ihr Beschützer war in den Ratskeller gegangen, wo die vornehmen Bürger
+beim Wein saßen und Rede austauschten über die Zeitläufte, den Übermut
+der Geringen, die es den Herren gleich tun wollten und was dergleichen
+erbauliche Gespräche mehr waren. Als der Junker im braunen Gewand
+hereintrat, richteten sich aller Blicke auf ihn; denn ein Fremder war
+immer gern gesehen, und die ritterliche Erscheinung ließ vermuten, daß
+man einen vornehmen Mann vor sich habe. Der Richter, der allein in einer
+Fensternische saß, winkte den Wirt herbei und hieß ihn, den Fremden an
+seinen Tisch zu weisen; denn er war gar zu neugierig, was der am Orte
+wolle.
+
+Mit höflicher Verneigung nahm Schlupps den angebotenen Stuhl an und
+sagte auf die Frage des gestrengen Herrn, was ihn herführe: »Verzeiht,
+Herr Richter, daß ich Euch nicht Auskunft geben kann, wie ich es wohl
+möchte. Eine wichtige Aufgabe zwingt mich aber zur Geheimhaltung. Nur
+so viel laßt Euch sagen, daß ich einem hohen Herrn diene, in dessen
+Auftrag ich die Lande durchreise. Mein Fürst ist noch unbeweibt und –
+– da hätte ich beinahe zuviel gesagt. Das kommt davon, wenn man einem
+Herrn gegenübersitzt, dessen scharfer Blick alles durchschaut. Da läuft
+die Red über, wie der Bach im Frühjahr über die Wiesen.«
+
+»Habt Ihr einen Auftrag an unseren vieledlen, hochmögenden Grafen von
+Trutzenstein?« fragte der Richter und glaubte, den Fremden so auf
+geschickte Art auszuholen. »Allerdings,« sagte sein Gegenüber zögernd,
+»für den Herrn Grafen – – –.« »Das dachte ich mir,« fiel ihm der
+Richter in die Rede. »Denn morgen ist ja bei dem Herrn Grafen ein großes
+Fest zu Ehren seiner Tochter, die jetzt volljährig ist und sich einen
+Gatten aus erlauchtem Geschlecht wählen soll. Gewiß kommt Ihr auch hin?«
+»Geraten, Herr Richter!« sagte der Fremde. »Ich sehe schon, Euch kann
+man nichts verbergen. Da wird es gewiß einen herrlichen Anblick geben.
+All die geputzten Jungfräuleins mit ihrer Pracht und ihrem Geschmeide!«
+
+»Das will ich meinen!« rief der Richter stolz. »Öffnet nur die Augen
+weit, um zu sehen, was unsere Frauen vermögen. Hab auch eine Tochter,
+die ich morgen hingeleite; denn es sollen die Gespielinnen mit der
+Grafentochter zugleich verlobt werden, und der Herr Graf will ihnen die
+Gatten aussuchen und für ihre Ausstattung Sorge tragen, wie es der
+Brauch vorschreibt. Hab meiner Tochter heute ein golden Geschmeide
+angeschafft, daß sie daherkomme, wie es ihrem Stande geziemt.«
+
+»Das ist löblich, Herr Richter. Ein wohlgelungen Bild bedarf auch eines
+würdigen Rahmens. Das sagte ich auch zu meinem hohen Herrn, als er mir
+sein Bild mitgab.« »Verzeiht,« meinte jetzt der Richter. »Ist Euer Herr
+ein Graf?« »Ein Fürst ist er,« sagte der Junker feierlich und lüftete
+seine Kappe. »Er ist der Königssohn von Golconda. Sein Reich ist das
+herrlichste was Ihr Euch denken könnt. Da ist nichts öde und kalt. Wohin
+das Auge blickt, seht Ihr üppige Felder, grüne Haine, Wiesen und Blumen.
+Immer strahlt eine goldene Sonne herunter. Die Vögel singen schöner denn
+in andern Ländern; die Blumen duften würziger, die Frauen sind wie Feen,
+zart und lieblich, und doch darf der Prinz keine von ihnen heiraten. Es
+ist ein uralt Gesetz, daß seine Gemahlin aus fernen Landen stammen muß.
+Da er aber sein Reich nicht verlassen darf, schickte er mich auf die
+Brautfahrt, damit ich mich umsehe nach einer Gemahlin, die seiner würdig
+sei. Nicht Stand, nicht Reichtum sind entscheidend – –.« Plötzlich
+unterbrach er sich wie erschreckt. »Jetzt habe ich dem Herrn doch
+verraten, was ein Geheimnis bleiben sollte. Ich bitte, sagt keinem, was
+mich herführt, bis ich es selbst enthülle.«
+
+»Seid unbesorgt,« nickte der Richter. »Will das Anvertraute wohl hüten.
+Unweit von hier ist des Grafen Schloß, könnt es zu Pferde in einer
+halben Stunde erreichen. Doch verzeiht, wie soll ich Euch nennen, wenn
+ich Euch wiedersehe, da ich den Namen nicht verstanden habe?«
+
+»Nennt mich Ritter von Bauernmark. Bin von uraltem Geschlecht, das schon
+manchem Herrn geholfen hat, sein Reich zu schützen und zu halten.«
+
+»Gehabt Euch wohl, Herr Ritter. Auf Wiedersehen!« Damit reichte der
+gestrenge Herr dem Fremden die Hand und verließ ihn, froh, seinem
+Eheweib eine angenehme Kunde zu bringen. Denn seine Frau wollte immer
+gern hoch hinaus, und ein Prinz wäre ihr als Eidam gerade recht gewesen.
+Sie war sehr eitel auf ihre Tochter und meinte, jeder müsse von ihr so
+eingenommen sein, wie sie als Mutter von ihr war. Da sie aber kein gutes
+Herz hatte, so gewöhnte sie auch die Tochter an ein selbstisch Wesen und
+die beiden Frauen trugen mit die Schuld daran, daß der Richter die Armen
+bedrückte und das Recht verkaufte, statt es, wie der liebe Herrgott das
+Sonnenlicht, über Arme und Reiche gleich leuchten zu lassen.
+
+
+
+
+Das Fest
+
+
+Am andern Tage war auf dem Schlosse des Grafen ein Kommen und Gehen. Von
+weit her waren Edle erschienen, um die Grafentochter und ihr reiches
+Erbe zu gewinnen. Das Fest sollte schon seinen Anfang nehmen, als
+zuletzt ein Wagen anfuhr, dem ein Ritter entstieg in rotem Sammetanzug
+mit Barett und Feder. Er trat auf den Grafen zu, verneigte sich zierlich
+und sprach: »Erlaubt, hochedler Herr, daß ich an Eurem Feste teilnehme.
+Ritter von Bauernmark nenne ich mich. Mein Herr ist der Prinz von
+Golconda, und als Geburtstagsangebinde erlaubt mir, Eurer vieledlen
+Tochter das Bildnis meines Herrn zu überreichen.« Damit enthüllte er das
+Konterfei, das ihm der Maler geschenkt hatte. Der Graf nickte huldvollst
+und sprach: »Seid willkommen in unserm Kreis, Herr Ritter, und möget Ihr
+Euch darin so heimatlich fühlen, als in Eures Herrn Landen.« Dann
+geleitete er den Gast zu seiner Tochter, und der Ritter von Bauernmark
+überreichte sein Geschenk kniend, wie es Sitte der Edlen war.
+
+Als die Grafentochter aber einen Blick auf die Gabe warf, stutzte sie;
+denn sie vermeinte, eine Ähnlichkeit mit dem Ritter vor ihr zu finden
+und es kam ihr plötzlich der Gedanke, das Bild und der vor ihr kniete
+müßten ein und dieselbe Person sein, und kleine Änderungen seien nur vom
+Maler gemacht, damit die Gleichheit nicht zu auffällig wäre.
+
+Dasselbe dachte die Richterstochter, die neben ihr stand. Weil sie
+nichts verschweigen konnte, flüsterte sie der Gespielin zu, was der
+Vater ihr über des Ritters Sendung anvertraut hatte und daß dies der
+Prinz selbst zu sein scheine. Da lächelte die Grafentochter gar
+holdselig auf den Knienden herab, reichte ihm die Hand, hieß ihn
+aufstehen und ließ sich von ihm zu Tisch führen, allwo ein reiches
+Schmausen anhub und Pagen goldne Pokale mit köstlichem Wein
+herumreichten. Abseits aber stand der Graf in Beratung mit dem Richter,
+der ihm anvertraute, was der fremde Junker hier wolle.
+
+»Ich muß Euch zürnen, Richter,« sprach der Graf. »Seit Monden habe ich
+von Euch keine Abgabe mehr erhalten, und Ihr wißt, daß meine Hofhaltung
+viel Geld verschlingt.«
+
+Seufzend griff der Richter in die Tasche und holte den Beutel mit
+Silbergeld heraus, den ihm der Bauer gegeben. »Das ist alles, was ich
+heute abliefern kann, hoher Herr,« sagte er und warf dem Grafen einen
+tückischen Blick zu. Wußte er doch, daß sein Eheweib schmähen würde,
+wenn er ohne Geld heimkam. »Die Leute meinen, das Recht müsse umsonst
+sein wie der Tod und halten die Goldstücke zurück.« »So sorgt, daß sie
+bald anderer Meinung werden,« sagte der Burgherr unwillig und wandte
+sich seiner Tochter zu, die sich von der Tafel erhoben hatte und zu ihm
+getreten war. Erstaunt sah er, daß sie ein verdrießlich Gesicht zog. Die
+goldene Schnalle der Richtertochter war ihr aufgefallen, und das Herz
+stand ihr danach. Sie drang in den Vater, er müsse für sie das Geschmeide
+erlangen, sonst würde sie vor Gier und Sehnsucht krank werden. Der Graf,
+der seinem einzigen Kinde keinen Wunsch weigerte, winkte den Richter
+herbei und befahl ihm, seiner Tochter aufzugeben, daß sie gleich das
+Schmuckstück ihrer hohen Gespielin als Geburtstagsangebinde überreichte,
+und so drohend sah er aus, daß ein Widerspruch vergeblich gewesen wäre.
+Der Richter rief seine Tochter, führte sie abseits in eine Fensternische
+und beschwor sie, den Schmuck herzuschenken. Er erinnerte sie an den
+festen Turm, darinnen die Unglücklichen schmachteten, die sich auf der
+Landstraße den Reisigen des Grafen widersetzt hatten und bewies ihr,
+daß es dem mächtigen Herrn ein Leichtes sei, sie beide zu verderben. So
+legte sie weinend den Schmuck ab und behielt nur die Münze, die sie an
+einem güldenen Kettlein um den Hals trug. Die Grafentochter aber steckte
+stolz die Schnalle recht auffällig an ihr Busentuch.
+
+Während dessen herrschte an der Tafel eitel Lust und Fröhlichkeit, und
+besonders Ritter von Bauernmark erheiterte die Runde durch Späße und
+Scherze, berichtete von allerlei fremden Völkern und ihren Bräuchen und
+trank dabei auf das Wohl der Schönsten im Saale. Dabei ließ er die
+Blicke im Kreise herumschweifen, also daß er jedem Mägdlein in die Augen
+sah, und jede schon glaubte, sie sei die Prinzessin von Golconda. Des
+Richters Tochter hatte allmählich den Gespielinnen das Geheimnis
+vertraut, und so war des Ritters Auftrag jedem bekannt. Als die Tafel
+sich ihrem Ende neigte und die Pagen türkisches Konfekt und Leckereien
+herumreichten, erhob sich der Ritter von Bauernmark und sprach:
+»Vieledler Herr Graf! Verzeiht, wenn ich mich jetzt an Euch wende und
+einen Auftrag bestelle, dessen Ausführung keinen Aufschub erleidet. Ich
+komme als Abgesandter meines hohen Herrn, um ihm eine Braut zu suchen,
+die würdig sei, den Thron seiner Väter mit ihm zu teilen. Drei
+Bedingungen knüpft er an seine Werbung. Erstens dürfte in dem Lande, dem
+die Holde entstamme, nie ein ungerechter Richterspruch geschehen sein,
+nie das Recht für Geld verkauft werden. Denn Ungerechtigkeit ist wie ein
+ansteckend Gift, das in alle Seelen eindringt, und wo das Recht
+käuflich ist, da ist auch Liebe und Treue feil. Zweitens darf im Hause
+der Erwählten kein ungerecht Gut sein, ob viel oder wenig, und drittens,
+und das ist das schwerste, soll die Braut nicht begehrlich sein, sondern
+bescheidenen Sinns und demütigen Herzens. Wie sie aber aussehen solle,
+hat mein Herr mir so eindringlich beschrieben, daß ich seine Meinung
+genau kenne. So gestattet mir, edler Herr, wenn Euch die Werbung meines
+Herrn genehm ist, die Jungfrauen, die hier versammelt sind, zu mustern,
+und, wenn ich die Rechte finde, sie im Namen meines Herrn um ihre Hand
+zu bitten.«
+
+»Das sei Euch unverwehrt, edler Ritter,« sprach der Graf. »Wenn der Tanz
+jetzt anhebt, so betrachtet meine Schönen wohl und tut mir kund, auf
+welche Eure Wahl gefallen ist.« Im stillen aber hoffte er, seine Tochter
+würde die Erkorene sein. Einen fürstlichen Eidam zu haben, das war das
+Ziel seiner Wünsche, und er häufte Gut und Geld zusammen, um sein Kind
+zur reichsten Erbin zu machen.
+
+Während die Jungfrauen sich im Tanze drehten und neigten, die Häupter
+bald senkten und hoben, mit spähenden Blicken nach dem Brautwerber
+schielten und jede sich für die Auserwählte hielt, stand Bauernmark
+neben der Grafentochter. Plötzlich weiteten sich seine Augen und er rief
+laut: »Himmel, was sehe ich! O traurig Zeichen!« Der Tanz stockte. Alle
+Gäste drängten sich herbei. Der Graf forschte angstvoll, was seinem Gast
+fehle. »Etwas Schreckliches macht mich erzittern,« antwortete der
+Gefragte. »Mein hoher Herr, der Prinz, hat einen Bruder, der um ein
+Jahr jünger ist, denn er. Den duldete es nicht im Haus. Er wollte in die
+weite Welt und ließ sich durch keine Bitten halten. Unsere Königssöhne
+aber hatten jeder ein Gewerbe erlernt, das schrieb das Gesetz des Hauses
+ihnen vor, damit sie wissen sollten, wie dem, der hart arbeitet, zu Mute
+ist. Als es nun an das Scheiden ging, beschlossen beide, einander etwas
+zum Andenken zu geben, und sie schmiedeten aus Gold zwei Schnallen, die
+sollte jeder von ihnen tragen, sie nie ablegen und mit dem eignen Leben
+als höchstes Gut verteidigen. Und seht, die Schnalle, die Ihr, edle
+Herrin tragt, erkenne ich als die des jüngeren Prinzen. Die linke Hälfte
+ziert das Zeichen der Schlosser, zwei gekreuzte Schlüssel, die rechte
+zeigt das Wappen der Nagelschmiede, ein Herz von drei Nägeln durchbohrt,
+und je länger ich darauf sehe, desto mehr kommt es mir vor, als ob aus
+dem Herzen zwei rote Tropfen fließen. Lebt der Prinz noch, er hätte sich
+nie davon getrennt, auch nicht in höchster Not. Nur Räuberhand kann es
+ihm entrissen haben. So sprecht! Wie seid Ihr dazu gekommen? Wer hat es
+gewagt, in Eure Hand dies fluchbeladene Geschmeide zu legen?«
+
+Die Grafentochter erblaßte. Dann sprang sie auf ihre Gespielin zu und
+rief zornig: »Hier, die Richterstochter ist es gewesen! Die Falsche
+wollte mir bei Euch schaden, damit Ihr ungerecht Gut bei mir fändet. Als
+Geburtstagsangebinde brachte sie mir den Schmuck.«
+
+»So?« rief die Angegriffene aufgebracht. »Habe ich es Dir gegeben oder
+hast du es mir abgefordert und mich an Leib und Leben bedroht, wenn ich
+es nicht freiwillig herausgäbe? Gezwungen hast du mich, weil deine
+Begehrlichkeit mir das Kostbare nicht gönnte. Und nicht durch Raub
+erlangte ich es – mein eigner Vater gab es mir!«
+
+»Und woher habt Ihr es, Herr Richter?« forschte Bauernmark. Der
+gestrenge Herr war bestürzt, daß er nicht vermochte, eine Lüge
+auszusinnen und ratlos dastand. »Ein armes Bauernweib brachte es – –«
+stotterte er, »Ich – – ich – – sollte ihr zu ihrem Recht verhelfen.«
+Weiter kam er nicht; denn der fremde Ritter rief: »Jetzt wird mir alles
+klar. Falscher Richter, Eure Schlechtigkeit ist enthüllt. Gestern traf
+ich ein armes Bauernweib, das mir weinend erzählte, wie es sein letztes
+Gut einem bestechlichen Richter habe geben müssen, um seinen einzigen
+Acker zu behalten. Ein Schmuckstück sei es gewesen. Ein Sterbender, den
+sie auf der Straße gefunden und in ihrer Hütte verpflegt habe, gab es
+ihr vor dem Hinscheiden. ›Bringe es zu meinem Bruder,‹ hatte er mit
+erlöschender Stimme gesagt. ›Er wird es Dich herrlich lohnen. Er heißt
+– –‹ da seien ihm die Augen zugefallen. Sie habe den Namen nicht mehr
+gehört und konnte seine Bitte nicht erfüllen. Die Reisigen eines hohen
+Herrn hatten den Fremden überfallen und beraubt; nur die Schnalle hatte
+er in den Falten seines Gewandes retten können.«
+
+»Beruhigt Euch, edler Herr,« sprach der Graf. »Tröstet Euch. Wir wollen
+dem Täter nachforschen.« Dabei zitterte seine Stimme, denn er wußte
+wohl, daß es seine Knechte waren, die harmlose Wanderer auf der
+Landstraße plünderten. »Seid sicher, daß der Schuldige seiner Strafe
+nicht entgeht. Ihr, Richter,« wandte er sich in strengem Tone zu diesem,
+»begebt Euch sofort mit Eurer Tochter aus dem Schlosse und lasset Euch
+nie wieder darin blicken!« »Führt sie hinaus, weil sie es gewagt haben,
+mit kecker Lüge meine Tochter zu schmähen,« gebot er den Knechten.
+
+Ehe der Richter und seine Tochter noch wußten, wie ihnen geschah, waren
+sie über die Zugbrücke gestoßen und mußten mit Schimpf und Schande
+abziehen.
+
+»Setzt das Fest fort!« gebot der Graf den Gästen, die bestürzt und
+neugierig alles angehört hatten. »Wißt,« wandte er sich an den Ritter
+von Bauernmark, »es ist nicht meine Schuld, wenn durch falsche Diener
+das Recht in meinem Lande gebeugt wurde. Sagt Eurem Prinzen, meine Hände
+sind rein.«
+
+»Wohlan,« sagte Bauernmark feierlich, »so werbe ich um Eure Tochter im
+Namen meines Herrn. Vielleicht war es eine Vorbedeutung, daß ich die
+Schnalle bei ihr finden sollte. Sie muß mir aber feierlich geloben,
+keinen andern zu ehelichen, sondern in Treue auszuhalten, bis mein Herr
+kommt und sie heimholt.«
+
+»Das gelobe ich!« rief die Grafentochter und streckte die Hand hoch.
+»Das Bild Eures Herrn und die Schnalle behalte ich als Pfand.« »So seid
+Ihr dem Prinzen von Golconda angelobt!« rief der Ritter mit hallender
+Stimme. »Wie ich jetzt mit dem Schwerte einen Kreis um Euch ziehe, so
+werfe ich jedem den Fehdehandschuh hin, der es wagt, Euch als Werber zu
+nahen. Heimlich und unerkannt ziehen die Boten unseres Herrn im Lande
+umher. Eine Prüfungszeit ist Euch beschieden. Habt Ihr während dieser
+die Treue gehalten, so besteigt Ihr den Thron unseres Landes als Herrin.
+Brecht Ihr aber Euer Gelöbnis, dann seid Ihr und jeder Freier, dem Ihr
+Gehör schenkt, dem Tode verfallen. Nichts kann Euch vor der heimlichen
+Rache unseres Volkes schützen.«
+
+Scheu wichen die Gäste vor der Grafentochter zurück, die in Furcht
+erschauernd ihr Haupt senkte.
+
+»Beurlaubt mich baldigst, daß ich abreise und meinem Herrn Kunde bringe
+von dem Glücke, das ihm bevorsteht,« schloß der Ritter.
+
+Als der Brautwerber am andern Morgen seinen Wagen besteigen wollte und
+sich vor dem Grafen verneigte, zog dieser einen grünseidenen Beutel voll
+Gold hervor und sprach: »Nehmt dies, Herr Ritter, als Dank dafür, daß
+Ihr die Falschheit meines Richters aufgedeckt habt.« Vergeblich weigerte
+sich Schlupps, das Geschenk anzunehmen. Der Graf drang immer inständiger
+in ihn, bis er nachgab, es einsteckte und davonfuhr.
+
+Die Grafentochter wies jeden Freier, der sich ihr nahte, zurück und
+wartete auf den Prinzen von Golconda. Ihr Vater aber wurde nach Jahren
+von einem räuberischen Nachbarn überfallen, der Burg beraubt und mußte
+mit seiner Tochter in der Hütte eines treuen Knechtes Unterkunft suchen.
+Da harren sie beide des Ritters von Bauernmark, der sie heimholen soll
+in das Reich seines Herrn, und warten noch heute.
+
+
+
+
+Des Kaisers Bote
+
+
+Wieder fuhr Schlupps im Lande umher. Da kam er eines Abends in ein Dorf,
+das abseits von der großen Straße am Fuße eines Berges lag. Den Hang
+hinauf kletterten die Häuschen, von denen eines hoch oben auf einem
+Bergvorsprung stand und mit blinkenden Scheiben in die Sonne blinzelte.
+»Hier wird schwer ein Unterkommen zu finden sein,« dachte Schlupps; denn
+ein Wirtshaus schien weit und breit nicht zu sehen. »Werd im Freien
+nächtigen müssen,« dachte er, »wie so manches Mal schon.« Da sah er
+einen Mann eilends den zackigen Bergpfad herabspringen und winkte ihm.
+Der Laufende stutzte, als er einen Fremden sah; denn einen solchen
+führte der Zufall selten her. – Nur manchmal kam armes Hudelvolk
+vorüber oder ein Troß Landsknechte, die sich meistens herumtrieben und
+einen Anführer suchten, der sie warb. Waren lauter Gäste, die scheel
+angesehen wurden und mancher machte drei Kreuze hinterher, wenn sie
+abzogen. Aber der vor ihm stand, war ein Herrischer, fein angezogen, der
+mit Pferd und Wagen allein daherkam und ihm scharf in die Augen schaute.
+
+»Kann ich hier Nachtherberge finden?« Der Gefragte sah den Fremden an,
+kraute sich den Kopf und meinte: »Wohl. Ein Krug ist im Dorf. Ob er dem
+Herrn gefällt, ist eine andere Sache. Unansehnlich ist’s da und laut
+geht es heute zu. Gemeindewahl ist bald. Ausspann könnte der Herr dort
+halten.«
+
+»Gibt’s da ein Bett?« fragte Schlupps. »Geben mag’s schon eins. Rat’
+aber nicht dazu; denn die Wirtin ist keine gute. Sie steht mit der
+Reinlichkeit auf gespanntem Fuß und kann das Waschen nicht übermäßig
+leiden.«
+
+»Wo kann ich sonst nächtigen?« »Wenn’s eine Streu tut, ist mir der Herr
+willkommen.« »Wer seid Ihr?« forschte Schlupps. In des Mannes Wesen war
+etwas, was ihm zusagte. Er hatte ein ehrliches Gesicht und in den Augen
+leuchtete es auf wie von verhaltener Schelmerei. »Scheint eine Art
+Vetter von mir,« dachte Schlupps.
+
+»Bin der Schweinehirt. Da oben das ist mein Häuschen.« Er wies hinauf zu
+der höchstgelegenen Hütte. »Weit hinauf,« meinte der Fremde. »Ist gut,
+wenn man weit ab von den Menschen haust,« nickte der andere. »Habt einen
+guten Platz als Hirte, langt es zum Auskommen?« fragte Schlupps. »Knapp
+geht’s bei uns zu. Wißt, die Bauern zahlen nicht gern. Zwei Gulden im
+Jahr und das Essen für mich und mein Weib, aber gar wenig. ›Damit Ihr
+nicht so fett werdet wie unsere Schweine,‹ hat der Schultheiß gesagt und
+gelacht.« »Und wie lebt Ihr davon?« »Wie’s halt geht. Die Kathrin, mein
+Weib, schafft noch im Feld und spinnt. Ich tu, was ich kann. Viel ist’s
+nicht mehr. Mein rechter Arm ist steif. Mit dem linken kann ich
+schreiben; da verdien’ ich ab und zu etwas bei den Bauern, denn von
+denen ist keiner des Schreibens kundig.« »Was?« rief Schlupps. »Ihr seid
+der Einzige im Ort, der lesen und schreiben kann?« »Ei freilich. Ein
+fremder alter Mann hat’s mich gewiesen. Hab ihn einmal vor Jahren in
+meine Hütte aufgenommen, weil er gar so elend und verlassen war, noch
+ärmer als wir. Hat mich nicht gereut, was ich an ihm getan. Der konnte
+erzählen. Das war eine Lust, ihm zuzuhören. Man wurde nicht müd, wenn er
+sprach und wußte nicht, wann der Abend aufhörte und die Nacht anfing.
+Manchmal haben wir bis zum Morgen gesessen, der Alte und ich, und
+geschwatzt.«
+
+»So wißt Ihr gewiß mehr als alle im Dorf,« neckte Schlupps. »Wär auch
+nicht viel,« meinte der andere bedächtig. »Denken nicht von hier bis
+dahin. Lassen sich die Sonne in den Mund scheinen und tun nur, was ihnen
+schadet. Aber unsereins darf nicht reden, und wenn er zehnmal sieht, wie
+sie das Dorf in Grund und Boden wirtschaften. Bin ja nur ein
+Schweinehirt.« – Ein spöttisches Lächeln flog über sein Gesicht.
+
+»Wer war bisher Schultheiß?« forschte Schlupps, der anfing, seine Laune
+zu spüren.
+
+»Der Reichste, der am längsten im Dorf sitzt. Er ist Herr von dem großen
+Hause drüben, auf dem die Wetterfahne knarrt. Der Waldsepp wird er
+geheißen; denn sein ist der größte Wald landaus, landein.« – – »Und
+wen machen sie jetzt zum Schulzen?«
+
+»Wohl den Büchsenmichel. Heißt so, weil er tagaus, tagein die Büchse auf
+der Schulter hängen hat. Bei den Reichen geht das Amt reihum; die Andern
+haben das Zusehen. Jetzt sitzen die Mannsleut im Wirtshaus, die
+Kleinbauern, die Häusler und die Taglöhner und lassen sich sagen, für
+wen sie nächstens die Hand hochhalten sollen. Stimmen doch nur zu ihrem
+Schaden. Bekommen aber jeder ein Maß Wein frei vom Büchsenmichel und
+wären im Stand und verkauften für den Trunk ihre Seligkeit.«
+
+»Könnt Euch doch gleich sein, Schweinehirt, wer Schulze wird,« warf
+Schlupps nachlässig hin und hielt seine Pferde fest, die ungeduldig mit
+den Hufen scharrten. »O nein, Herr,« rief der Hirte eifrig. »Seht, da
+hat der Büchsenmichel die Jagd an sich genommen und zahlt der Gemeinde
+ein Spottgeld dafür. Das Wild läuft in die Felder, macht alle Saaten
+zunichte, und keiner darf eine Wildsau abfangen. Gleich macht er ihm den
+Prozeß und es kostet eine harte Buße. Wenn’s ein ganz armer ist, der
+nicht zahlen kann, oft Leib und Leben. Der Waldsepp schlägt den Wald ab,
+wo er will, daß die Lawinen herunterstürzen und alles umeinandreißen
+können, und ist bald kein Baum mehr da, der sie aufhält. Und dort, wo
+der Wildbach herunterstürzt und im Frühjahr den Dung von den Feldern
+spült und das gute Erdreich fortschwemmt, da müßte ein Gemäuer gemacht
+werden aus Steinen und Reisig. Ist aber zu nichts Geld da und keiner
+kümmert sich darum. Die Reichen wollen nicht zahlen und die Armen
+haben’s nicht dazu. Zum Schulhaus langt’s schon gar nicht. Der letzte
+Schulmeister hat sich müssen als Knecht verdingen, um nicht Hungers zu
+sterben. Das Schulhaus ist verfallen und die Kinder wachsen auf, daß
+Gott erbarm. Hätten wir einen Schultheiß wie sich’s gehört, der an den
+Kaiser schreibt, damit Recht und Ordnung herkäme, es wäre eine Freud,
+was aus unserm Dorf werden könnte. Aber so – – ein Jammer ist’s.«
+
+Er brach ab und hielt erschreckt inne. Wie konnte er sich nur verleiten
+lassen, so frei heraus zu sprechen, noch gar zu einem Fremden. Einem
+Herrn! Wer weiß, was der für einer war und ob er es nicht mit denen
+hielt, die Reichtum und Ehren hatten. Aber jetzt klang die Stimme des
+Junkers gütig: »Schweinehirt, Ihr gefallt mir. Sagt mir noch, was tut
+Ihr denn mit den Gebrechlichen und Kranken, den Waislein und
+Heimatlosen?«
+
+Der Hirt sah hoch, streckte den Arm aus und wies auf den Gottesacker.
+»Da können’s hin, oder in die weite Welt. Für unnütze Brotesser ist kein
+Platz im Ort, hat der Schultheiß gesagt.«
+
+»So, so, bläst der Wind daher? Da ist es an der Zeit, daß ich gekommen
+bin,« murmelte Schlupps. »Wißt, Schweinehirt, muß mir Eure Mannsleut
+einmal in der Nähe besehen. Zeigt mir das Wirtshaus.«
+
+Wie er in die Gaststube trat, die niedrig und verräuchert war, da hob
+alles erstaunt die Kopfe, als der herrische Junker mit hallenden
+Schritten zu einem Tische ging und laut rief: »Wirt, Einen vom Besten!
+Aber rasch!« Kaum aber stand der Becher vor dem Herrn, so trank der nur
+einen kurzen Schluck und sagte zu dem Nächstsitzenden: »Gebt’s weiter!«
+Das ließ sich der nicht zweimal sagen, tat einen kräftigen Zug und ließ
+den Becher herumgehen. Die Bauern tranken und staunten, rissen die Augen
+auf, stießen sich an und schoben die Zipfelmütze hin und her. Das war
+ihnen noch nicht vorgekommen. Ein vornehmer Herr, der so gemein tat, daß
+er unter ihnen saß, einen Wein nach dem andern ihnen vorsetzen ließ und
+zuhörte, was sie redeten. Doch jetzt erhob sich der Junker und sprach
+laut: »Männer! Ich komme weit her. Des Kaisers Kanzler schickt mich, daß
+ich in seinem Lande nach dem Rechten sehe; ihm berichte von allem, was
+sich zuträgt und wie seine Untertanen nach Zucht und Sitte leben. So
+wißt: Jeder Ortsschultheiß soll mir in einer Schrift kund tun, wie es
+zugeht in seinem Dorf. Ob der Schullehrer die Kinder unterweist und sie
+in Gottesfurcht und Tugend heranzieht. Wie die Felder gedeihen; ob Ihr
+dem Wildschaden steuert, daß nicht der Fleiß zunichte gemacht wird und
+statt der Menschen die Wildschweine das Kraut und die Rüben fressen. Tut
+auch zu wissen, wie Ihr für die Armen sorgt, ob Ihr ein Spittel für die
+Kranken habt und ein Kloster für die Gottwilligen. Schreibt alles genau;
+denn der Kaiser läßt hintennach alles wohl untersuchen. Sollte aber in
+dem Schreiben etwas stehen, was nicht vor seinen strengen Richtern für
+wahr befunden wird, dann läßt er den Schultheiß binden und gefangen
+setzen. Und der Prozeß ist gar kurz. Des Seilers Tochter macht Hochzeit
+mit ihm und der Galgen ist schon da, an dem er baumeln muß.« Den reichen
+Bauern, die eben noch mit vollen roten Backen dagesessen, wurden die
+Gesichter schmal und spitz, als sie das hörten. Die Kleinbauern und
+Häuslerleut aber erhoben die Köpfe und sahen sich schmunzelnd an.
+»Möchte jetzt nicht der Büchsenmichel sein, und der Waldsepp ist auch
+nicht zu beneiden,« dachte mancher von ihnen schadenfroh. »Wißt, Herr,«
+kam jetzt der Wirt näher, »mit dem Schultheiß sind wir eben schlimm
+dran. Der’s bislang gewesen, ist es seit einer Woche nimmer, und einen
+neuen haben wir noch nicht. Konnten keinen finden. Will sich keiner dazu
+hergeben, ein so saures Amt zu verwalten.« Dabei blinzelte er dem
+Büchsenmichel zu, als wollte er sagen: laß mich nur machen.
+
+[Illustration: Schultheiß Schweinehirt]
+
+»Nehmt den Gescheitesten am Ort,« sagte der Fremde.
+
+»Das hab ich allweil auch gesagt; bin ganz der Meinung des Herrn,«
+schwindelte der Wirt. »Aber wer ist der Gescheiteste? Keiner will ein
+Dummer, jeder ein Kluger sein, und keiner läßt den andern mehr gelten
+als er selbst ist.« »So nehmt den, der am besten mit der Feder und der
+Rede Bescheid weiß; nicht so viel hat, daß er sich mehr dünkt als die
+Andern. Einen, der alle im Dorf kennt, weiß, wie’s jedem zu Sinn ist und
+bei den Kleinen und Großen wohl angeschrieben ist. Weiset ihn auch an,
+aufzuschreiben, wie es um Euer Geld steht und ob Ihr für die
+Landsknechte unseres Herrn Kaisers eine tüchtige Ladung Goldgulden
+schicken könnt. Denn der Türke steht vor dem Lande, und wenn er
+herkommt, bleibt nichts niet- und nagelfest. Er brennt Euch die Häuser
+über den Köpfen weg. Also richtet Euch ein: in zwei Tagen komme ich und
+hole mir Bescheid.«
+
+Dabei zahlte er und verließ das Wirtshaus, wo die Bauern dasaßen, als
+hätte sie einer vor den Kopf geschlagen, vor sich hinstierten und kein
+Wort zu sagen wußten.
+
+Der Fremde hatte seine Kutsche bestiegen und war fortgefahren, hinaus in
+eine einsame Jagdhütte, die ihm der Schweinehirte beschrieben und die
+einst einem hohen Herrn als Landaufenthalt gedient hatte. Jetzt lag sie
+einsam und verlassen, und nur manchmal stellte ein Fuhrmann seinen Wagen
+unter, wenn die Nacht ihn auf der Fahrt überraschte, oder wenn er das
+Geld im Wirtshaus sparen wollte. Die Bauern aber wunderten sich, wo der
+fremde Herr mit einmal hingekommen war und gingen am andern Morgen mit
+verstörten Gesichtern umher. Hatten sie bisher Zwist miteinander gehabt,
+weil jeder von ihnen Schultheiß sein wollte, so wichen sie jetzt
+einander aus, weil jeder sich fürchtete, der andere wolle ihm zureden,
+das Amt zu übernehmen, und keiner die Schrift an den Kaiser aufsetzen
+konnte.
+
+Heimlich aber schlichen sie auf Umwegen zu dem Schweinehirten und baten
+ihn um Gotteswillen, doch für dieses Mal Schultheiß zu spielen und ihnen
+zulieb das Amt anzutreten. »Tut’s, Simmel,« sagte der Waldsepp. »Habt
+ein Einsehen. Was kann Euch denn geschehen?« »Meint Ihr?« rief des
+Simmels Weib. »Mein Mann dürfte leichter hängen als Ihr? Wenn er jetzt
+dem Kaiser alles schreibt, wie’s hier zugegangen ist im Dorf und wie Ihr
+gehaust habt, vermeint Ihr, der wird ihn strafen? Weit gefehlt! Euch
+geht’s an den Kopf und so könnt Ihr es gleich auf Euch nehmen und wieder
+Schultheiß spielen.« »Weib, schweigt still und laßt Euren Mann reden,«
+entfuhr es dem Sepp. »Simmel, überlegt nicht lang. Auf Geld soll es uns
+nicht ankommen.«
+
+Während dessen ging ein Handwerksbursche von Haus zu Haus, bat um einen
+Zehrpfennig und erzählte dabei, wie er weit herkomme und ob sie schon
+gehört hätten, daß der Türke nahe sei, senge und brenne und alles
+mitnähme. Hab und Gut, die Ochsen aus dem Stall und die Kleider aus der
+Truhe. Und da die Männer alle auf dem Felde schafften und nur das
+Weibervolk daheim war, so entstand bald am Brunnen ein Schwatzen und
+Wehklagen. Die Weiber liefen zueinander, jammerten und schrien und dann
+rannten sie heim und packten, was sie erreichen konnten, um es
+mitzunehmen, wenn der Türke käme. Da trug eine die Mulde voll Brot, das
+sie vom Bäcker geholt hatte und das noch dampfte, denn sie wollte nicht
+warten, bis es gar war, sondern hatte es gleich aus dem Backofen
+gerissen und war damit fortgelaufen. Eine andere trug heulend ein
+mächtiges Bündel Stroh auf dem Rücken, darin hatte sie ihr Kindchen
+gebunden, daß es im Walde weich liege. Ein Drittes schleppte keuchend
+eine leere Waschbütte herbei, wußte selbst nicht wozu, und eine Alte
+hatte eine Gans fest unter den Arm gepackt und zerrte in einem Netz
+Hühner und Enten mit. Es war ein Durcheinander, ein Heulen und Schreien,
+ein Laufen und Rennen. Betten flogen aus dem Fenster und unten auf der
+Gasse stürzten sich die Buben darauf und schleiften sie durch Pfützen
+und Moor über Stock und Stein. Der alte Küster humpelte in die Kirche,
+faßte den Glockenstrick und schwang ihn mit aller Macht, daß die alte
+Glocke, die schon einen Sprung hatte, jammervoll hinausklang auf die
+Felder, und die Kinder liefen hin und her, schwenkten ihre Stäbe und
+schrieen: »Der Türk! der Türk!« Und wäre er wirklich dagewesen, so
+hätte es nicht können schlimmer zugehen, denn die Furcht machte mehr Not
+und Unruh als der Krieg und der Feind.
+
+Vom Felde her aber eilten auf das Geläut die Männer herbei mit Sicheln
+und Sensen, mit Dreschflegeln und Äxten und rotteten sich unter der
+Linde zusammen. Gerade kamen die Großbauern von der Beratung beim
+Schweinehirten zurück, blieben stehen und nahmen erstaunt wahr, wie das
+Volk unter der Linde stand und schrie und tobte. »Ihr kommt uns gerade
+recht,« rief ein junger Bursche mit funkelnden Augen. »Jetzt gebt Eure
+Goldgulden heraus für des Kaisers Soldaten. Der Türk kommt.« »Geld raus!
+Geld raus!« schrien einige und hielten die Sensen hoch. Die Weiber
+heulten und kreischten. »Der Türk! der Türk!« und vermeinten schon, ihn
+vor sich zu sehen. »Gebt Ruhe!« klang es laut über den Platz. Der
+Schweinehirt war auf eine Bank gestiegen, die vor dem Wirtshaus stand.
+»Gebt Ruhe! Schämt Ihr Euch nicht, so wüst zu tun? Was wollt Ihr
+eigentlich? Sprecht und sagt deutlich, was Ihr begehrt!«
+
+»Einen andern Schultheiß!« riefen einige. »Einen andern Schultheiß,«
+stimmten die andern zu, und die Großbauern schrien: »Da habt Ihr den
+Rechten. Der Schweinehirte soll es für dieses Mal sein.« »Wir wollen,
+daß die Armen auch einmal an die Reihe kommen,« ließ sich der Waldsepp
+vernehmen. »Wählt den Simmel!«
+
+Der wollte Einwendungen machen und heruntersteigen; aber starke Arme
+hielten ihn auf der Bank fest, und Arm und Reich schrie: »Du mußt! Du
+mußt!«
+
+Da sah der Simmel um sich, winkte, daß es plötzlich stille ward und
+sagte ruhig: »Also Männer. Ihr wollt, daß ich Schultheiß werde und Recht
+hier zu sagen habe. So schwört mir vorerst, daß alles geschieht, wie ich
+es verlange.«
+
+»Wir schwören!« klang es einstimmig, und die Großbauern schrien es am
+lautesten. Mit dem Schweinehirten wollten sie schon fertig werden. Der
+mußte doch tun, was sie wollten, wenn er nur erst die Schrift an den
+Kaiser aufgesetzt hatte.
+
+»So bestimme ich,« rief der neue Schultheiß, »daß jeder Großbauer
+hundert Goldgulden an die Gemeindekasse zahlt!« »Hoho!« schrie der
+Büchsenmichel wie besessen. »Die Wahl gilt nicht.« »Wohl gilt’s!« riefen
+die Kleinbauern und hielten die Sensen hoch. »Wohl gilt’s!« rief der
+Simmel mit starker Stimme. »Habt es ja selbst so gewollt. Geht heim und
+holt das Geld auf der Stelle und einige von Euch gehen mit.«
+
+Da blieb den Bauern nichts übrig, als zähneknirschend umzukehren und das
+Geld zu holen, und bald häufte sich ein Goldberg auf dem Holztisch vor
+dem Wirtshaus. Der Wirt mußte einen Sack herbeibringen; in den wurde das
+Gold gefüllt und dann mit Wachs und Siegel fest verschlossen. »Haben die
+Großen zahlen müssen, so kommen jetzt auch die Kleinen an die Reihe,«
+rief der neue Schultheiß. »Kleinbauern! Ihr habt jeder eine Fuhre
+Bauholz zu fahren für ein neues Schulhaus, und Ihr Häusler,« wandte er
+sich an diese, »müßt jeder zwei Tage im Monat daran arbeiten. Denn das
+gibt’s nicht bei uns,« setzte er hinzu, »daß einer annimmt und nichts
+dafür tut. Ist die Schule doch für alle Kinder im Dorf ohne Unterschied.
+Und wer etwas annimmt, ohne etwas dafür wieder zu geben, der leidet an
+Seele und Leib Schaden; denn er meint, er müsse nur das Maul auftun, und
+die gebratenen Tauben fliegen ihm dann hinein. Er verlernt das Arbeiten
+und das Wollen und weiß nicht, daß er sich selbst helfen kann.« »Recht
+hat er,« schrie der Waldsepp, der sich freute, daß die reichen Bauern
+nicht alles allein zahlen mußten, sondern daß die andern auch den neuen
+Herrn im Dorf zu spüren hatten.
+
+»So ist des Kaisers Meinung!« klang es plötzlich. Der Junker im braunen
+Wams war herzugetreten. Da flogen die Kappen vom Kopf, und die Sensen
+und Sicheln sanken herunter.
+
+»Werd’s dem Kaiser berichten, wie Ihr Ordnung und Recht im Dorfe
+geschaffen habt,« sagte er mit fester Stimme. »Eine große Freude wird es
+dem Herrn gewähren; denn nur wo Recht und Zucht herrscht, kann ein Land
+gedeihen.« »Herr,« bat der Simmel, »wollt Ihr nicht das Geld für des
+Kaisers Heer gleich mitnehmen?« »Nein, nein,« wehrte der Junker. »Wenn’s
+an der Zeit ist, wird es der Kaiser schon holen lassen. Einstweilen
+verwendet davon für Eure Gemeinde und tut damit, was not ist. Laßt Eure
+Kinder tüchtig lernen. Erzieht sie zu rechtschaffenen, aufrechten
+Männern und haltet alles so, daß Ihr vor des Kaisers Kanzler mit Ehren
+bestehen könnt.«
+
+»So bitten wir Euch, Herr, etwas als Geschenk von uns anzunehmen, als
+Wegzehrung. Denn wäret Ihr nicht gekommen, so läg unser Dorf noch im
+Argen, und Ordnung und Zucht hätten nie Einkehr gehalten. Jetzt
+versprech ich Euch: Anders soll es werden und alle Vierteljahr werd ich
+dem Kaiser in einer Schrift Kunde geben, wie es bei uns zugeht.«
+
+Damit reckte sich der Simmel hoch und sah herausfordernd um sich, und
+man konnte zum ersten Male sehen, was für ein hoch gewachsener Mann er
+eigentlich war, und wie hell seine Augen leuchteten. Denn bis dahin war
+er immer gebückt gegangen, als drücke ihn seine Niedrigkeit und Armut,
+und als müßten seine Augen den Erdboden suchen, anstatt in die Sonne zu
+sehen. Jetzt schaute er die Menge an, als wollte er sagen: »Ich bin
+Schultheiß, hütet Euch wohl.« Und die Bauern duckten die Köpfe. Der
+Schweinehirt machte ihnen Sorge. Mit dem war nicht gut anbinden, das
+merkten sie jetzt und bereuten im Stillen ihre Angst, die sie geheißen
+hatte, ihn zu wählen. Fiel ihnen aber der Türke und des Kaisers Kanzler
+ein, dann lief es ihnen kalt über den Rücken. Dann schon lieber den
+Simmel zum Schulzen.
+
+»Hoher Herr!« bat jetzt der Schultheiß eindringlich. »Weiset unsre Gabe
+nicht zurück. Ihr habt sie redlich verdient. Wenn Ihr nicht bei uns
+eingekehrt wäret, hätt’ es in unserm Dorf noch lange bös ausgesehen. Und
+nicht, weil Ihr des Kaisers Bote seid, sondern weil Ihr ein Herz für
+alle habt und für das Recht eintretet, wollen wir Euch erkenntlich
+sein.«
+
+Da nahm der fremde Junker etliche Goldstücke an, bestieg seinen Wagen
+und fuhr davon. Der Schweinehirte aber blieb Schultheiß und das Dorf
+gedieh unter seiner Hand.
+
+
+
+
+Die Königswahl
+
+
+Jetzt will ich aber sehen, seßhaft zu werden, dachte Schlupps. Das ist
+kein Leben, immer in der Welt herumzufahren und von allen Menschen
+scheel angesehen zu werden als Müßiggänger und Tagedieb und nichts zu
+tun zu haben, als seinen Spott mit ihnen zu treiben. Doch was beginnen?
+
+Ein Handwerk ausüben war nicht nach seinem Sinn. Das Schulmeistern noch
+einmal anzufangen lockte ihn nicht. Als Ritter umher zu ziehen, Bauern
+und ungerechte Richter züchtigen, hätte ihm am besten gestanden.
+Schließlich hoffte er auf den Zufall, der immer der Freund der
+Herumwandernden war und ihn gewiß an die rechte Stelle führen würde. Und
+sein Glaube sollte nicht trügen. Eines Tages kam er in eine Gegend, die
+ihm bekannt vorkam und die er seines Wissens noch nie gesehen. Schwarze
+Fahnen waren in Abständen in den Boden gesteckt. »Was bedeutet das?«
+fragte Schlupps einen Mann, der langsamen Schrittes die Straße daher
+kam. »Unser guter König ist tot,« sagte der. »Schon seit Wochen suchen
+wir einen neuen. Aber schwer ist der zu finden.« – »Hat Euer König
+denn keinen Sohn?« »Ach nein, Herr, nur eine Tochter. Wer König werden
+will, muß die freien. Es waren schon genug Prinzen da: schöne und
+häßliche, reiche und arme, dicke und dünne. Aber keiner konnte König
+werden, denn er wußte das Wort nicht.«
+
+»Was für ein Wort?« fragte Schlupps erstaunt. »Seht Ihr, Ihr wißt es
+auch nicht!« rief der Mann. »Da habt Ihr’s, wie sollen es die fremden
+Prinzen wissen?« Mehr konnte Schlupps nicht aus ihm herausbringen, so
+viel er auch frug. »Ja, das Königsein, das Königsein,« sagte der Mann.
+»Ist nicht so einfach, nicht so einfach. Bin froh, daß ich es nicht sein
+muß, nicht sein muß.« Damit bückte er sich zu seinem Acker nieder und
+fing an, Erdäpfel auszugraben, so dicke und große, wie Schlupps sie noch
+nie gesehen. »Mein Nachbar hat noch dickere,« meinte er, als er die
+verwunderten Blicke des Fremden gewahrte. »Da kommt er. Töffel, weise
+dem Herrn deine Feldfrüchte,« rief er dem Nachbarn zu. Der grüßte: »Jo,
+jo, dick. Sehr dick!« »Wieso erreicht Ihr, daß sie so werden?« fragte
+Schlupps wißbegierig. Der Angeredete lachte blöde. »Wachsen in der
+Erde.« »Natürlich,« gab Schlupps ärgerlich zur Antwort. »Das seh ich.
+Was tut Ihr dazu, daß sie so dick werden?« »Weiß nicht. Warte, bis sie
+dick sind,« war die Antwort.
+
+Schlupps ließ die Beiden stehen und fuhr weiter. An einem Wirtshause
+machte er Halt, stellte seinen Wagen ein und beschloß, die Gegend zu Fuß
+zu durchwandern. Überall sah er schwarze Fahnen aufgestellt. Auf sein
+Befragen erzählte ihm der Wirt, was es mit dem Königswerden auf sich
+habe.
+
+Jeder, der Herrscher im Lande sein wollte, mußte ein bestimmtes Wort
+aussprechen, das immer nur der König kannte und auf dem Totenbette
+seinem Kanzler anvertraute. Der hatte darüber zu wachen, daß der
+Thronbewerber das richtige Wort sage. Habe bis zum vierzigsten Tage nach
+dem Tode des Königs niemand das Wort gesprochen, so bleibe das Land ohne
+König und es gäbe ein furchtbares Unglück. Denn der König müsse nicht
+nur herrschen, sondern auch die neuen Menschen vom Lebensbaume
+abschütteln, der im Schloßgarten stände. Sobald im Lande zwei Menschen
+gestorben sind, geht der König an den Baum, rüttelt ihn und zwei Kinder
+springen herunter, die gleich genau so aussehen wie die Erwachsenen.
+Jetzt sei der gute König schon achtunddreißig Tage tot. Die Prinzessin
+harre des Gemahls, und noch habe sich keiner gefunden, trotzdem viele
+Prinzen da waren und Worte in allen Sprachen geredet hätten.
+
+Die Sache kam Schlupps sonderbar vor. Er ergriff seinen Wanderstab und
+frug noch, ehe er weiterschritt: »Wie heißt Euer Land, Herr Wirt?«
+
+»Das Land derer, die nicht alle werden,« war die Antwort.
+
+»Die nicht alle werden,« murmelte Schlupps und wanderte los. An einer
+Straßenbiegung sah er einen Mann stehen, der hielt mit seinem Rößlein an
+einem leeren Brunnentrog; aber kein Wasser floß aus dem ausgehöhlten
+Baumstamm, in dem das Rohr lag. »Was ist hier, guter Freund?« rief
+Schlupps ihm zu, als er sah, wie das Pferd mit der Zunge gierig im
+leeren Becken nach Wasser suchte. »Es fließt nicht,« klang es zurück.
+»Laßt mich sehen; bin eine Art von Brunnenmeister.« Schlupps beugte sich
+nieder. »Ei, da steckt ja ein Stein im Rohr, müßt den herausmachen.« Der
+andere schüttelte den Kopf. »Das haben gewiß des Nachbars unnütze Buben
+getan. Ich zieh ihn nicht heraus.«
+
+»Aber Euer Pferd verdurstet indessen,« sagte der neue Brunnenmeister.
+»Will es Euch in Ordnung bringen.«
+
+»Nein! Nein,« beharrte der Bauer. »Wer es hineingetan hat, soll es
+wieder herausziehen.« Das Pferd schnappte und wendete kläglich den Kopf
+nach seinem Herrn. »Laßt mich Euch helfen, es ist ja nur eine
+Kleinigkeit,« bat Schlupps eindringlich; denn er hatte Mitleid mit der
+armen Kreatur.
+
+Der Andere sah ihn mißtrauisch an. »Was kümmert’s Euch?« brummte er.
+»Ist mein Pferd. Wer es hineingesteckt, soll es herausziehen. Ist Eures
+Amtes nicht.«
+
+Er hielt die Hand fest auf die Mündung des Rohres gepreßt. Plötzlich
+wankte das Pferd, schlug um, streckte alle Viere steif von sich und lag
+steif und tot da.
+
+»Ist meinem Nachbar recht geschehen. Sein Pferd wird auch so verdursten,
+wenn es an die Tränke kommt.« Damit zog der Bauer dem Vieh das Fell ab,
+warf es über die Schulter und wanderte langsam und gemütlich heim.
+
+Schlupps sah ihm erstaunt nach. »Scheinen eigentümliche Leute hier zu
+Lande,« murmelte er und wanderte weiter. Er bog in eine Dorfgasse, da
+standen Maurer und bauten an einem Haus. Wenn sie einen Stein
+hergetragen hatten, stellten sie sich im Kreise auf, befühlten ihn,
+schoben ihn hin und her und putzten sich dann die Hände an der Schürze
+ab. Dann tauschten sie ihre Meinung darüber aus, wie der Stein den
+andern so ähnlich sehe, und endlich hoben sie ihn mit vieler Mühe und
+lautem Seufzen hoch und verschmierten die Fugen mit Lehm. Darauf ließen
+sie die Flasche kreisen und lobten einander für ihr fleißiges Tun. »Habt
+viel Zeit, Kameraden!« rief Schlupps. »Meint Ihr, Herr?« entgegnete der
+älteste Maurer. »Irrt Euch sehr. Bis heute sollte das Haus fertig sein.
+Seht nur wie wir vor Mühsalen schwitzen.« »Bis heute?« wunderte Schlupps
+sich. »Ist ja noch nicht das Kellergeschoß fertig.« »Seht Ihr, der Mann
+versteht’s,« rief der Maurer. »Habe ich nicht gleich gesagt, wir werden
+bis heute nicht fertig. Der Herr ist wohl auch Maurer?«
+
+»Freilich, Baumeister bin ich. Hab’ schon manches Schloß hoch über den
+Wolken in den Lüften erbaut, dem kein Neider und kein Feind etwas
+anhaben konnte.«
+
+»So, so, Baumeister ist der Herr. Ja, ja. Ei, ei, hätt’ ich nicht
+gedacht. Also Baumeister ist der Herr. Wirklich?« »Ich meine, wir hören
+auf,« sagte der Alte bedächtig, »fertig werden wir doch nicht. Da ist es
+gleich, ob wir jetzt ein Ende machen oder des Abends. Was meint Ihr?«
+Seine Gefährten stimmten ihm zu und legten die Schürze ab. Schlupps
+aber, den ihre Langsamkeit und Trägheit verdroß, sagte ernsthaft:
+
+»Recht so, Gevatter. Es geht jetzt in eins hin, und der Neue wird
+Euch doch mit des Seilers Tochter verheiraten, so oder so.«
+
+[Illustration: Vor der Königswahl]
+
+Die Handwerker stutzten und sahen den fremden Mann scheu von der Seite
+an.
+
+»Ist denn schon ein neuer König da?« fragten sie angstvoll.
+
+»Das wißt Ihr nicht?« staunte Schlupps. »Ei, das pfeifen ja die Spatzen
+vom Dache, wie das Wort gelautet hat, ›Arbeite, arbeite,‹ hat der Neue
+gesagt. Jetzt schickt er im Lande herum, und wenn er Leute trifft, die
+Maulaffen feil halten und die liebe Tageszeit vergeuden, als wäre sie
+eitel Luft, dann fackelt er nicht, und die hier zu viel still gestanden
+haben, dürfen in der frischen Luft am Galgen herumtanzen.«
+
+»Wir arbeiten! Wir arbeiten!« schrien die Maurer, ergriffen Hammer und
+Kelle und schafften darauf los, daß die Mauern emporschossen.
+
+Und als Schlupps im Weiterwandern sich noch einmal umschaute, erblickte
+er das Haus hoch über den Boden emporragend, und lachend zog er fort.
+
+Immer weiter durchzog Schlupps das Land und wunderte sich über die
+Menschen, die darin lebten; denn hatte er schon der Torheiten viele
+angesehen, so dünkte ihm doch, daß hier die Narren üppiger gediehen denn
+anderswo, und einer den andern an Narrheit übertraf. Als er am zweiten
+Tage die Hauptstadt betrat, fand er auch dort alle Straßen und Häuser
+zum Zeichen der Trauer mit schwarzem Tuch bedeckt. Auf seine Fragen nach
+einer Herberge erhielt er nirgends Antwort. Die Leute liefen aufgeregt
+durcheinander, denn heute war der letzte Tag der Wahl und war bis dahin
+kein König gefunden, dann stand ihnen großes Unglück bevor. Einer
+flüsterte dem andern zu, daß wieder fremde Prinzen angekommen seien. Die
+Hoffnung auf einen Herrscher war ihnen noch nicht geschwunden.
+
+Schlupps sah um sich, ob er denn keinen fände, der ihm Auskunft geben
+könne; da sah er durch ein niedrig gelegenes Fenster in ein Gemach,
+darin ein Mann saß. Der hatte einen mächtigen Federkiel hinter dem Ohr
+und einen Haufen Papier vor sich.
+
+Er ging in das Haus und öffnete, da auf sein Klopfen niemand antwortete,
+die Zimmertür. »Verzeiht, Herr,« sagte er höflich, »wollte Euch bitten,
+einem Fremden den Weg zu einer Herberge zu weisen.«
+
+»Habe keine Zeit,« gab der Mann zurück. »Seht Ihr nicht, daß ich die
+Papiere zu ordnen habe?« Damit holte er aus der Ecke einen Stoß Bogen,
+legte sie auf einen Haufen, sah sorgsam nach, daß nicht eine Ecke über
+die andere hinausragte, betrachtete den Haufen bedächtig von allen
+Seiten, nahm ihn dann wieder auseinander und schichtete ihn in einer
+anderen Ecke wieder auf.
+
+Schlupps kam das Bemühen des Mannes gar sonderbar vor, so daß er sich
+einer Frage nicht enthalten konnte. »Was sind das für Papiere, guter
+Freund?« sprach er freundlich. »Weiß nicht,« war die mürrische Antwort.
+»Die sollte unser König haben. Ist aber gestorben und hat sie nicht mehr
+zu Händen bekommen; muß sie jetzt immer säuberlich glätten und falten;
+denn ich bin des Königs Bogenleger.«
+
+»Aber wenn Ihr doch keinen König habt, nützt Euer Tun einstweilen
+nichts.« »Kümmert mich nicht,« antwortete der Schreiber. »Habe zu
+besorgen, was mir aufgetragen wird. Wenn ich fertig bin, fange ich
+wieder von vorne an. Sie haben mir gesagt, daß ich das Papier glatt
+hinlegen solle.«
+
+Neugierig ergriff Schlupps einige Blätter, schlug sie auf und sah mit
+Staunen, daß sie leer waren. »Aber es steht ja nichts darin,« rief er
+und blätterte weiter.
+
+»So, so, nichts darin?« sagte der Schreiber trocken. »Ei freilich,
+überzeugt Euch selbst. Solltet sie wohl nur dem König zu Händen legen,
+wenn er schreiben will.« »Weiß ich nicht,« murmelte der Andere, ergriff
+schnell die Blätter, die Schlupps auseinander gerissen hatte und suchte
+sie zu glätten.
+
+»Wie heißt Ihr, Fremder?« forschte er. »Nennt mich der Neue,« sagte
+Schlupps. »Wißt, Neuer,« knurrte der Bogenleger, »Ihr gefallt mir nicht.
+Seid fürwitzig und ein unbequemer Geselle. Wäre besser, Ihr ließet mich
+ungestört bei meiner Arbeit. Geht lieber vor das Schloß, wo heute
+Königswahl ist und seht zu, ob wir einen Prinzen bekommen. Zeit wär’s.«
+
+Schlupps verließ ihn und schloß sich der Menschenmenge an, die auf dem
+weiten Platz vor dem Schlosse flutete. Dicht gedrängt standen sie; aber
+kein unfreundliches Wort war zu hören, wenn auch manchmal das Gedränge
+arg war. Stumm harrten sie, und was Schlupps am meisten verwunderte,
+war, daß alle einander so ähnlich sahen, wie ein Ei dem andern, und man
+meinte, immer dasselbe Gesicht in einem tausendfältigen Spiegel zu
+sehen.
+
+Jetzt ertönten Trompetenstöße. Aus dem Schlosse kam ein Zug stattlicher
+Ritter und Frauen geschritten. Sie scharten sich um den Thron, zu dem
+der Kanzler die Prinzessin feierlich geleitete. Die Königstochter hielt
+die Augen gesenkt; als sie aber einmal den Blick hob, bemerkte Schlupps,
+daß die Wunderschöne teilnahmslos und gleichgiltig in die Ferne sah, als
+habe sie keine Wahrnehmung von dem, was um sie geschehe.
+
+»Prinzessin,« fragte der Kanzler laut, »seid Ihr gewillt, den zum Gatten
+zu nehmen, der das rechte Wort findet, wer es auch sei?« Sie neigte
+zustimmend das Haupt. »Ich tue, wie es Brauch ist,« sagte sie mit
+gleichmütiger Stimme. Dann stieg sie die Stufen des Thrones hinauf,
+setzte sich nieder und schaute träumenden Blickes auf die Volksmenge.
+Der Herold stieß in das Horn.
+
+Hervor trat der erste Prinz. Es war ein dürres Männchen; die spärlichen
+Haare bedeckte eine hohe Mütze, an der bunte Bänder herunter hingen.
+Sein Kleid prangte in bunten Farben und seine spitzen Hackenschuhe
+erregten das Verwundern der Mädchen und Frauen. Er legte die rechte Hand
+auf die Brust, verneigte sich vor der Prinzessin, nickte grüßend zu dem
+Volke hinüber und sagte mit krähender Stimme: »Herr Kanzler! Ich bin ein
+Königssohn. So habe ich meinen Ministern Auftrag gegeben, das Wort für
+mich zu finden. So viel sie nachdachten, sie konnten es nicht
+ergründen. Da gab mir mein Hofnarr vor der Fahrt einen Zettel und riet
+mir, ihn erst hier, wenn ich vor der liebwerten Prinzessin stehe, zu
+öffnen. So gestattet, daß ich Euch das Wort künde.« Er faltete das
+Blättchen auseinander und las mit stockender Stimme:
+
+ »Albern – dalbern. Albern – dalbern.«
+
+Der Kanzler schüttelte das Haupt: »Es tut mir leid, Prinz. Doch das ist
+nicht das Rechte.«
+
+Der Königssohn wurde blaß, drehte sich um und verließ eiligen Schrittes
+den Platz.
+
+An seine Stelle trat ein hochgewachsener Mann, der Königssohn von
+Südland. Er neigte leicht das Haupt vor der Prinzessin, warf keinen
+Blick auf die Menge und sagte kurz und mit harter Stimme:
+
+ »Das Wort heißt: Duck dich. Duck dich!«
+
+»Falsch, Herr Prinz!« rief der Kanzler, froh, den Hochmütigen nicht zum
+König krönen zu müssen. Wütend riß der das Schwert aus der Scheide und
+wollte sich auf den Kanzler stürzen, doch rasch hatten die Wachen sich
+seiner bemächtigt und führten ihn ab.
+
+Jetzt trat der Dritte hinzu. Mit süßem Lächeln grüßte er die Prinzessin,
+die entsetzt auf ihn blickte, denn sein faltiges, gelbes Gesicht trug
+einen listigen, unheimlichen Ausdruck. Er drehte sich zu dem Volke,
+breitete die Arme aus, als wolle er es segnen und reichte dann dem
+Kanzler die Hand. »Wohl dem Lande, das einen solchen Wächter hat,« rief
+er. »Ihr seid der Mann, den ich mir zur Seite wünsche. Mit Euch
+gemeinsam wollte ich das Land regieren, daß es eine Lust ist. Das Wort,
+das Ihr sucht, ich habe es gefunden, und Ihr, Herr Kanzler, werdet mir
+bestätigen, daß es das Rechte ist. Reicht mir zum Zeichen Eurer
+Freundschaft die Rechte und vernehmt die Worte! Sie heißen:
+
+ Dein – Mein. Dein – Mein.«
+
+Wiederum schüttelte der Kanzler den Kopf. Mit leisen Schritten glitt der
+Bewerber fort, ballte heimlich die Faust und warf einen giftigen Blick
+zu dem Throne hinüber. Der Kanzler seufzte auf und sprach mit müder
+Stimme: »Liebes Volk! Heute ist der letzte Tag der Königswahl. Schon
+neigt sich die Sonne dem Untergang zu, und kein König hat sich gefunden.
+Fürder werden wir nicht mehr heißen: das Volk derer, die nicht alle
+werden. Zu Ende geht es mit uns, und keiner ist da, der dem Unglück
+steuert. Kommt, Prinzessin, daß ich Euch in das Schloß geleite!«
+
+»Halt! Halt!« klang eine helle Stimme über den Platz. Schlupps hatte
+sich durch die Menge gedrängt und stand neben dem Thron: »Laßt auch mich
+versuchen, ob ich das Wort finde.«
+
+Aller Augen richteten sich auf den Mann, der furchtlos, den Kopf
+zurückgeworfen, mit freundlichem Gesicht um sich schaute. Die
+Prinzessin, die mit starren Augen vor sich hingesehen hatte, heftete
+erstaunt den Blick auf ihn, lächelte zum ersten Male, und Schlupps sah,
+wie holdselig und schön sie war.
+
+»Laßt mich Euch erzählen von meinen Fahrten und Irrgängen, damit Ihr
+wißt, wer der Mann ist, der bei Euch das Königsein begehrt,« rief er,
+zum Volke gewendet. Im Stillen aber hoffte er, daß der Zufall, der ihm
+immer ein guter Freund gewesen, ihm helfen würde, die Prinzessin zu
+gewinnen, die er beim Sehen gleich in sein Herz geschlossen hatte.
+
+Und Schlupps begann zu erzählen. Alles Volk hing gespannt an seinen
+Lippen. Wie anders klang seine Rede, als das, was die Prinzen vorher
+gesprochen. Wie fremd und doch wie bekannt, wie hoch und doch wie
+verständlich. Sie hätten ihm immerwährend lauschen mögen. Was hatte er
+alles erlebt und gesehen! Wie kannte er die Menschen in Hütte und
+Schloß; wie hatte er sie belauscht bei der Arbeit und bei Lustbarkeiten.
+
+Des Kanzlers Herz pochte. So hatte er sich den neuen König erträumt;
+aber noch kam das erlösende Wort nicht, und der Sonnenball stand glühend
+rot im Westen. Noch einige Minuten – und der Tag war vorüber – der
+Königsthron leer. Kaum hörte er, was der Fremde sprach. Sein Blick flog
+angstvoll zum Himmel, wo das Gewölk rosig zu erglühen begann. Seine
+Hände falteten sich und er flüsterte leise eine Bitte um ein Wunder.
+
+Nur schwer vermochte er zu hören, wie Schlupps jetzt erzählte von den
+Maurern, die er getroffen, und wie vieles hierzulande anders werden
+müsse. Fast drohend richtete er sich auf und rief: »Ändern müßt Ihr
+Euch! Ändern!« »Ich denke – – –« Da schrie der Kanzler laut auf: »Das
+Wort! das Wort!« Er stürzte vor, ergriff Schlupps’ Hand und bat: »O,
+sprecht es noch einmal, Herr!«
+
+»Ich denke!« wiederholte Schlupps laut, und das Volk brach in Jubelrufe
+aus und sprach die seltsamen Laute nach, die es noch nie gehört hatte,
+wie träumend, nicht wissend, was sie sagen sollten.
+
+Schlupps wandte sich zu der Prinzessin, die ohnmächtig hingesunken war.
+Er neigte sich hernieder und küßte sie auf die Stirn.
+
+Da schlug die Königstochter die Augen auf, sah ihn mit klaren Blicken an
+und sagte mit lauter, fester Stimme: »Dich will ich!« Das Volk aber
+schrie und tobte und wußte sich vor Freude nicht zu fassen. »Die Probe!
+die Probe!« drängten sie.
+
+»Nur noch eine Prüfung steht Euch bevor, hoher Herr!« sagte der Kanzler.
+»Draußen im Schloßhof steht ein Lebensbaum. Versucht es, ob auf Euer
+Schütteln Menschen herabfallen!«
+
+Feierlich geleitete er Schlupps zu dem Baume. »Faßt kräftig seinen
+Stamm,« riet er dem Fremden zu. Der lächelte, griff mit der Rechten in
+das Gezweig, schüttelte die Krone und herab sprangen zwei Kinder: ein
+Knabe und ein Mädchen. Doch, o Wunder! sie sahen nicht aus wie jene, die
+bisher heruntergefallen waren, sondern sie glichen auf ein Haar dem
+neuen König und der Prinzessin, und als sie jetzt an der Hand des
+Kanzlers heraustraten, um dem Volke gezeigt zu werden, da staunte
+dieses, mit wie klugen Blicken die Kleinen um sich sahen, und wie
+zierlich und anmutvoll sie sich bewegten. Feierlich traten Pagen hervor;
+auf sammtnem Kissen trugen sie eine Krone herbei. Die Prinzessin
+ergriff sie, um sie Schlupps auf das Haupt zu setzen. Doch zögernd wich
+der zurück. Sein Blick fiel auf die Menge, deren Blicke erwartungsvoll
+an ihm hingen. Die Krone dünkte ihm eine goldene Kette, die ihn an den
+Boden schließen wollte. Noch einmal tauchte in seiner Seele die
+Sehnsucht nach dem freien Umherziehen, dem Wandern von Ort zu Ort auf,
+und gern hätte er die neue Würde dahingegeben, um als fahrender Geselle
+sich herumtaumeln zu dürfen.
+
+Die Prinzessin nickte ihm lächelnd zu. Sie verstand, was in ihm vorging.
+»Ich halte dich fest,« sagte sie ruhig. »Ich will!« Da erfaßte Schlupps
+mit der Linken ihre Hand, mit der Rechten drückte er den Reif auf sein
+Haupt und rief:
+
+»So ergreife ich Besitz von Eurem Throne. Und meine erste Tat sei, Euch
+umzunennen. Nicht mehr sollt Ihr heißen ›Die nicht alle werden,‹
+sondern: ›Die, so da kommen!‹«
+
+So wurde er König und regiert noch bis zum heutigen Tage. Wollt Ihr
+wissen, wo? Ei, das verrät keiner! –
+
+
+Ende
+
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der bei Englert und Schlosser erschienenen Ausgabe erstellt.
+Grundsätzlich wurde die Originalschreibweise beibehalten. Einige
+offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Die Verwendung von
+Anführungszeichen wurde zur Verbesserung der Lesbarkeit vereinheitlicht.
+Die Umlaute Ae, Oe und Ue wurden durch Ä, Ö, Ü ersetzt.
+
+
+Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from the Englert und
+Schlosser edition. Generally the original spelling has been maintained.
+Some obvious printer’s errors have been corrected. Quotation has been
+unified for increased readability. The Umlauts Ae, Oe and Ue have been
+replaced by Ä, Ö, Ü.
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Schlupps der Handwerksbursch, by C. Berg
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHLUPPS DER HANDWERKSBURSCH ***
+
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+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
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+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
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+Foundation
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+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
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+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
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+
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+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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index 0000000..dcec0b6
--- /dev/null
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new file mode 100644
index 0000000..9b5c669
--- /dev/null
+++ b/31213-8.txt
@@ -0,0 +1,3542 @@
+The Project Gutenberg EBook of Schlupps der Handwerksbursch, by C. Berg
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Schlupps der Handwerksbursch
+ Mären und Schnurren
+
+Author: C. Berg
+
+Release Date: February 7, 2010 [EBook #31213]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHLUPPS DER HANDWERKSBURSCH ***
+
+
+
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Markus Brenner and the
+Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+ Schlupps
+ der Handwerksbursch
+
+ Mären und Schnurren
+ von
+ C. Berg.
+
+ [Illustration]
+
+ Verlag
+ von
+ Englert und Schlosser
+
+ Frankfurt a. M.
+
+ 15. bis 17. Tausend
+
+
+
+ Die Abbildungen zu diesem Büchlein zeichnete Professor
+ O. R. _Bossert_ in Leipzig / Das Recht der Übersetzung
+ in fremde Sprachen und Mundarten bleibt ausdrücklich
+ vorbehalten / Der Verlag
+
+
+
+
+Einleitung
+
+
+Es war einmal ein Handwerksbursche, der hatte zur Gewohnheit, daß er bei
+allem, was ihm geschah, sagte: »Das ist mir 'Schlupps!'« Und weil man
+das Wort immer von ihm hörte, behielt er es als Namen bei, und alle Welt
+rief ihn »Schlupps,« so daß ihm selbst sein richtiger Name »Heinz« fast
+in Vergessenheit kam.
+
+Er wanderte von Herberge zu Herberge, begrüßte in den Städten das Gewerk
+und ließ sich einen Zehrpfennig geben. Wo ein Meister ihn an die Arbeit
+stellen wollte und ihm kein Wandergeld gab, spielte er ihm einen
+Schabernack; denn, sagte er, »meiner Mutter Sohn hat weiche Hände« und
+»wer die Arbeit kennt, drängt sich nicht dazu.« Weil aber manchmal
+Schmalhans in seinem Beutel haushielt, mußte Schlupps zur Arbeit greifen
+und das Schreinerhandwerk, das er erlernt hatte, ausüben.
+
+
+
+
+Schlupps beim Schreiner
+
+
+Einst war er zu einem Meister gekommen, der arg geizig war und ihn hart
+zum Schaffen anhielt, an Tadel nicht sparte, dafür am Brotkasten den
+Deckel schloß, wenn das Sattwerden anfangen wollte. Schlupps stand in
+der Werkstatt und hobelte. Die Sonne schien warm, die Vögel sangen, und
+der Geselle meinte, sie riefen ihn hinaus auf die Landstraße, wo an den
+Bäumen die Kirschen reiften. Sagte der Meister: »Gesell, die Bank muß
+fertig werden.« »Recht so,« antwortete Schlupps, der wieder den Kopf
+voller Streiche hatte. »Sagt mir, wieviel Beine eine Bank hat.« »Sollte
+man nicht meinen, er wäre bei einem Schuster in der Lehre gewesen und
+hätte nur einen Dreibein kennen gelernt!« rief der Meister erbost. »Auch
+gut,« dachte Schlupps, »also ein Dreibein soll es werden.« »Eil dich,«
+sagte der Meister, »wenn ich wiederkomme, mußt du fertig sein,« damit
+ging er fort auf das Grafenschloß.
+
+Schlupps aber, der die Augen überall hatte, wo es was zu erspähen gab,
+bemerkte wohl, daß der Meister unter der Schürze etwas forttrug, das er
+heimlich gearbeitet, damit es sein Geselle nicht sähe, und scharfen
+Blicks erkannte er, daß es ein hölzerner Fuß war, den der Meister mit
+Katzengold eingerieben, bis er glänzte. »Dahinter steckt etwas,« dachte
+er, begann in des Herrn Abwesenheit alles zu untersuchen, Schubladen,
+Kasten und Truhen und entdeckte in einer Lade, die unter des Meisters
+Bett stand, einen Fuß aus purem Golde, der gerade so aussah, wie der,
+den der Schreiner gemacht. Mit dem Goldfuß hatte es aber eine eigne
+Bewandtnis. Der Meister war auf dem Schloß gewesen, um in der Kammer des
+Grafen etwas in Ordnung zu bringen. Er mußte oft wiederkommen und hatte
+Muße, wenn der Herr Graf das Zimmer verließ, alles darin genau zu
+betrachten. Besonders gefiel ihm das Bett, das an einer Wand stand. Es
+war gar kunstvoll aus purem Golde gefertigt. Eine Fee hatte es dem
+Ahnherrn geschenkt und einen Zauber darauf gelegt, also: »daß jeder, der
+in dem Bette liege, so lange es unversehrt sei, nie solle von Krankheit
+befallen werden, sondern in hohem Alter sanft und selig entschlafen.«
+Darum war dem Grafen das Bett besonders lieb, und er hütete es wohl. Dem
+Meister aber stach das Gold in die Augen. Er besah das Bett genau und
+beschloß, die Beine auszutauschen. So hatte er schon ein Holzbein
+heimlich hergerichtet, daß es gerade so aussah wie das echte, und als er
+einmal allein in der Kammer arbeitete, um das Betpult des Grafen
+aufzuglänzen, tauschte er rasch die Beine aus. Und da niemand etwas
+davon merkte, und er hoffte, der Graf sei auf der Jagd, beschloß er,
+wieder zur Burg hinaufzugehen und heute nach Gelegenheit zu suchen, auch
+das zweite Bein, das er gemacht hatte, einzuwechseln. Der Graf aber war
+seit einiger Zeit unpäßlich, klagte über Schmerzen und konnte sich nicht
+erklären, woher das käme.
+
+Als Schlupps das Goldbein in der Lade sah, dachte er: »Du kommst mir
+gerade recht. Mein Dreibein kann einen solchen Hinkefuß wohl brauchen,«
+nahm das Bein und leimte es an die Bank. Gegen Abend kam der Meister
+heim, ärgerlich, daß sein Plan mißglückt war; denn der Herr Graf hatte
+zu Bett gelegen, und so konnte er nicht in die Kammer. »Faß mit an die
+Lade,« gebot er dem Gesellen und trug sie mit ihm in den Keller; denn er
+hatte Angst, es könne ihm jemand seinen Schatz rauben, den er heimlich
+einem Goldschmied verkaufen wollte. Den Kellerschlüssel versteckte er im
+Rauchfang. »Ist die Bank fertig?« fragte er dann den Burschen. »Fertig
+und zum Küster getragen.« Deß war der Meister zufrieden; denn die Bank
+sollte am Sonntag vor der Kirchtür stehen als Armsünder-Bänkchen. War
+das alte doch schon abgenutzt von den vielen, die darauf gesessen
+hatten.
+
+Wie Sonntags alle in der Kirche waren und der Pfarrer das Gebet
+gesprochen hatte, klopfte es vernehmlich an die Kirchenpforte, und als
+der Küster öffnete, kam die Bank herein, humpelte die Kirche entlang,
+»klipp, klapp, tripp, trapp,« am Altar des Herrn vorbei, immer weiter,
+bis sie an einem Kirchenstuhl stehen blieb, grad wo der Meister saß, der
+mit Schrecken den goldenen Fuß erkannte. »Ich weiß von nichts,« rief er
+und wurde blaß wie das böse Gewissen. »Es hat Ihn ja noch keiner
+angeklagt,« sprach der Pfarrer ernst. »Ich weiß von nichts,« versicherte
+der Meister wieder und zitterte und ward schlohweiß. »Das hat mein
+Geselle getan. Holt ihn her und laßt ihn die peinliche Strafe erleiden!«
+Aber der Geselle war fort über Land. Aus des Meisters Gefach hatte er so
+viel Geld genommen, als der Lohn für seine Arbeit betrug; alles andere
+hatte er unberührt gelassen. Der Meister mochte leugnen, soviel er
+wollte, es half ihm nichts -- der Graf sagte ihm den Diebstahl auf den
+Kopf zu, schließlich gestand er seine Tat ein und mußte auf dem
+Armsünder-Bänkchen sitzen zum Gespött aller Leute. Der Graf aber ließ
+den echten Fuß wieder am Bett anmachen und war von der Stunde ab gesund.
+
+
+
+
+Die Vogelscheuche
+
+
+Wo war Schlupps indeß? Der saß auf einem Kirschbaum an der Straße und
+tat sich gütlich. »Gut, daß ich den Spatzen zuvorkomme,« dachte er.
+»Braucht der Bauer keine Scheuche aufzustellen, die ihm die Räuber
+verjagt.« Da sah er von ferne einen Landmann kommen, der hatte die
+blinkende Sense auf dem Rücken und schritt rüstig aus; denn er war ein
+gar großer Mann. »Halt,« dachte Schlupps. »Wer weiß, ob der versteht,
+was ich hier tue. Wenn er mit der Sense ausholt, sitzt mein Kopf etwas
+tiefer und kommt nimmer an seinen Platz.« Schnell zog er seinen Rock
+aus, drehte ihn um und tat ihn verkehrt an, den Hut stülpte er so tief
+auf den Kopf, daß man kaum das Gesicht sah, und dann stand er
+unbeweglich in den Zweigen.
+
+Der Bauer dachte: »Was ist denn das für ein Ungetüm, vor dem fürchten
+sich die Spatzen sicher. Wenn ich nur wüßte, wie ich zu einer solchen
+Vogelscheuche käme.« »Wer hat dich dort oben hingestellt?« rief er
+hinauf.
+
+ »Mein Vater hat mich aus Holz gemacht.
+ Mein' Mutter hat mich hierhergebracht.
+ Mein' Schwester weint um mich sicherlich.
+ Rüttle mich fest, so lebe ich,« --
+
+klang es hohl zurück.
+
+Da erschrak der Bauer und meinte nicht anders, als es sei eine
+verwünschte Seele, die er erlösen könne, stieg auf den Baum und begann
+den Burschen zu rütteln und zu schütteln. Der sprang herab und rief:
+»Das lohn' dir Gott, das lohn' dir Gott,« dann gab er Fersengeld und
+lief davon, dem Dorfe zu. Erstaunt ging der Bauer heim und gradaus zum
+Pfarrer, dem er die Mär von der erlösten Seele beichtete. Der Pfarrer
+war sehr erfreut, in seiner Gemeinde ein Schäflein zu haben, das irrende
+Seelen erlösen könne. Er belobte den Bauer um seine Guttat und wies ihn
+an, den Burschen herbeizubringen. Wie der Bauer das Pfarrhaus verließ
+und an dem Gottesacker vorbeischritt, da sah er an der Kirchhofmauer
+eine Gestalt stehen, die kam ihm bekannt vor, und wie er hinsah, war es
+die Scheuche vom Kirschbaum, angetan wie ein richtiger Handwerksbursch.
+Das gab eine große Freude im Dorf, als der Geselle unter der großen
+Linde saß und anhub zu erzählen, wie eine böse Stiefmutter ihn
+verwünscht habe -- dabei hatte er seine Lebtage keine Stiefmutter gehabt
+-- wie der Bauer ihn erlöst habe, und daß er jetzt die Kunst besäße, die
+Vögel zu scheuchen und von der Saat fern zu halten.
+
+Da wollten ihn die Bauern nimmer fortlassen, und es wurde beschlossen,
+daß sie reihum den Burschen verpflegen wollten, dafür sollte er
+abwechselnd ihre Felder und Gärten bewachen. Deß war der
+Handwerksbursche zufrieden, stand jeden Tag in einem andern Feld und
+lehrte die Kinder, die sich in Haufen um ihn versammelten, tolle Sachen,
+Gesichter schneiden, Schelmenlieder singen und kecke Antworten geben.
+Weil nun immer eine große Kinderschar um den Gesellen war und viel Lärm
+machte, blieben die Felder spatzenrein. Dafür aß der Bursche für zwei
+und mancher dachte: »Besser die Spatzen säßen im Feld, als der Fresser
+am Tisch.« Wagten aber nichts zu sagen, weil keiner vor den Nachbarn als
+geizig und ungünstig erscheinen wollte.
+
+Als aber der Bursche an das letzte Haus des Dorfes kam, in dem eine
+arme Witwe wohnte, sagte diese: »Einen Garten zu bewachen habe ich
+nicht, und die Spatzen können mir nichts nehmen, dieweil kein Halm für
+mich wächst. Aber zu essen will ich Euch wohl geben, weil Ihr eine
+irrende Seele seid. Mein Kind und ich können heute das Mittagsmahl
+entbehren.« Damit setzte sie die Schüssel auf den Tisch und sagte:
+»Gesegn's Gott!« Dann nahm sie ihr Bübchen an die Hand und führte es
+hinaus, daß es nicht zusähe, wie der fremde Mann sein Essen bekäme, und
+draußen vertröstete sie das weinende Kind auf das Nachtmahl.
+
+Dem Handwerksburschen stieg das Blut zu Kopfe, wie er bedachte, daß die
+arme Frau und das Kind hungerten. Er saß eine Weile vor der vollen
+Schüssel, dann stand er auf, rief die Frau und sagte: »Gegessen hab'
+ich. Wundert Euch nicht, daß die Schüssel nicht leer und noch voll
+Milchsuppe ist. Sagt es keinem, daß ich einen Zauberspruch weiß, der die
+Schüssel, daraus ich esse, immer wieder füllt.« Damit ging er fort, und
+als die Frau hineinkam, lag neben der Schüssel ein blankes Goldstück.
+
+
+
+
+Der Weinpanscher
+
+
+Den Burschen duldete es nicht mehr am Orte; denn wenn er den Zaubersegen
+in jedem Haus vor der vollen Schüssel hätte aussprechen sollen, so wäre
+es um seinen Magen schlecht bestellt gewesen. Darum machte er, daß er
+fortkam und wanderte über einen hohen Berg, bis er talwärts ein einsames
+Wirtshaus fand. Der Wirt stand in der Türe und spähte nach allen
+Seiten, ob kein Wanderer des Weges kommen wollte; denn es war schon hoch
+im Jahre, und selten verirrte sich einer in die verlassene Gegend. Er
+sah Schlupps mißtrauisch an und gab ihm zu verstehen, daß sein Haus auf
+Gäste, die schlecht zahlten, nicht eingerichtet sei; fragte, wie lange
+der Gast zu bleiben gedenke und wohin und woher. »Grad aus dem
+Fegfeuer,« seufzte der Bursche, machte ein gottsjämmerliches Gesicht,
+saß nieder, stützte das Haupt in die Hände und seufzte laut auf.
+
+Dem Wirte wurde bang. Wenn das nur nicht der Gottseibeiuns selber war,
+der ihn versuchen wollte. Der nahm so viele Gestalten an, warum sollte
+er nicht auch als Handwerksbursche kommen?
+
+»Erzählt mir, was Euch herführt?« bat er den Gast. Dabei trug er eine
+Schüssel nach der andern auf und nötigte den Fremden zum Essen, und der,
+nicht faul, hieb auf die Gerichte ein, daß es eine Lust war. Das
+beruhigte den Wirt einigermaßen, daß der Böse so menschlich aß und
+trank. Dann gab der Bursche auf die Fragen Bescheid und erzählte von den
+armen Seelen im Fegfeuer. »Warum habt Ihr müssen darinnen sitzen und
+warum irrt Ihr jetzt auf der Erde herum?« fragte der Hausherr.
+
+»Das ist eine traurige Sache,« seufzte Schlupps und zündete ein
+Pfeifchen an. »Ich war ein Gastwirt, wie Ihr. Mein Haus stand in einem
+schönen Tal, wo Wein in Fülle wuchs. Da ich aber unersättlich war und
+nicht schnell genug reich werden konnte, tat ich Wasser in den Wein und
+wußte doch, daß ich meine Seele damit dem Bösen verschrieb. Jahrelang
+hielt ich es so. Eines Tages klopfte ein Handwerksbursche an meine Tür
+und bat um ein Nachtlager. Weil ich dem Gast ansah, daß seine Zeche
+nicht sehr hoch sein werde, nahm ich ihn unwillig auf, setzte ihm Reste
+von saurem Wein vor, der vom Faß niedergetropft war und in einem Bottich
+gärte und wies ihn fort, als er Nachtherberge verlangte. Dann ging ich
+in den Keller, meinen Wein mit Zucker und Wasser zu mischen, wie ich es
+gewohnt war.
+
+[Illustration: Der Höllwirt]
+
+Als ich mich umwende, wer steht hinter mir? -- -- -- Der
+Handwerksbursche! Er packte mich und schrie: »Hab ich dich bei deinem
+schändlichen Treiben erwischt? Jetzt bist du mir verfallen.« Er wuchs
+und wuchs, bis er an die Decke des Kellers stieß, seine Augen glühten
+und sprühten Flammen. Dann stampfte er mit dem Fuße auf die Erde und wir
+sanken tausend Klafter tief, grad in die Hölle. Da war große Freude, als
+ich ankam; denn die Weinpanscher sind dort besonders gut angeschrieben,
+und des Teufels Großmutter nahm mich gleich bei der Hand und führte mich
+an eine glühend heiße Stelle. Jetzt mußte ich im Fegfeuer sitzen und sah
+über mir Wein keltern, den besten Roten und Weißen. Der Duft zog mir in
+die Nase, und ich bekam keinen Tropfen zu kosten. Alle hundert Jahre
+darf ich auf die Erde gehen, in Gestalt eines Handwerksburschen. Finde
+ich einen Wirt, der die armen Wandrer von der Schwelle jagt oder ihnen
+ein bös Gesicht und sauren Wein vorsetzt und die lieben Gottesgaben mit
+Wasser mischt, dann bin ich frei und darf ihn statt meiner in die Hölle
+führen. Lasse ich mich aber durch Bitten erweichen und gebe den Wirt
+frei, dann muß er mich ein Jahr gut verpflegen, und ich muß an seiner
+Stelle hundert Jahre mehr im Fegfeuer sitzen.«
+
+Der Wirt erschrak und dachte an den Brunnen, den er im Keller gegraben
+hatte, weil er das Wasser dann bequemer in die Fässer schütten konnte.
+Er wies dem unheimlichen Gast sein bestes Zimmer an, wartete, bis er
+schlief, stieg dann in den Keller hinab und leerte vorerst zwei von den
+großen Fässern, in denen gewässerter Wein war, in den Brunnen aus. Über
+den deckte er ein großes Brett, damit keiner sähe, was darinnen war.
+
+Am andern Morgen bat der Bursche: »Zeigt mir doch Euren Weinkeller.« Der
+Wirt traute sich nicht zu widersprechen, führte den Handwerksburschen
+hinab und ließ ihn von jedem Fasse kosten. Aber nur von den guten, in
+denen reiner Wein war. Schlupps aber entdeckte hinten in der Ecke zwei
+Fässer, die ihm verdächtig vorkamen, ging hin und wollte sie anzapfen.
+
+»Kommt herauf und eßt erst was,« bat der Wirt, »mit leerem Magen trinkt
+sich's schlecht. Hab Euch ein Hühnchen gebraten und einen fetten
+Schinken aus der Räucherkammer geholt.« Das ließ sich der Gast nicht
+zweimal sagen, ging hinauf, aß und hieb mit solcher Macht in den
+Schinken ein, daß sein Messer Funken sprühte und der Wirt meinte, das
+höllische Feuer leuchten zu sehen.
+
+Als die Mahlzeit fertig war, sagte Schlupps: »Meister, so leid es mir
+tut, die Kellerprobe ist noch nicht fertig. Doch braucht Ihr Euch nicht
+in den Keller zu bemühen. Des Teufels Großmutter hat mich ein Sprüchlein
+gelehrt, wenn ich das sage, dann kommen die Fässer, in denen
+gepanschter Wein ist, gradwegs die Kellertreppe hinauf in die
+Wirtsstube. Ich brauche bloß meinen Becher hoch zu heben und zu
+sprechen:« -- -- -- »Haltet ein! Haltet ein!« schrie der Wirt und riß
+den Becher aus der Hand des Handwerksburschen. »Laßt im Keller, was
+drinnen ist. Ich will Euch ein Jahr verpflegen und Ihr sollt es gut
+haben. Was kann Euch an hundert Jahren mehr im Fegfeuer liegen?«
+
+»Wirt, Ihr sprecht, wie Ihr es versteht. Wüßtet Ihr, welche Pein ich
+dort erduldet! Ihr holtet selber die Fässer herauf, um mich zu erlösen.
+Schrecklich ist es dort unten und --« »Hört auf, hört auf!« rief der
+Wirt wieder. »Laßt Euch erweichen. Bleibt bei mir. Ihr sollt es nicht
+bereuen, und ich will auch für Eure arme Seele beten.« Der Bursche sann
+nach. »Ihr tut mir leid,« sagte er endlich. »Euch zu lieb will ich es
+auf mich nehmen. Aber,« setzte er drohend hinzu, »hütet Euch, den Pakt
+zu brechen; denn dann seid Ihr mir unrettbar verfallen und müßt in die
+Hölle.«
+
+Der Wirt versprach, was der Bursche wollte, stieg in den Keller hinab,
+holte ein Maß vom Besten, und bei Rotem wurde der Pakt besiegelt. Dann
+ging der Hausherr wieder hinunter und strich zärtlich über die beiden
+Fässer, die er noch zurückbehalten hatte. Den Wein wollte er den
+Fuhrleuten vorsetzen, die im Sommer kamen und Ausspann bei ihm hielten.
+
+Den Winter hindurch saß Schlupps in der Wirtsstube, erzählte Schnurren,
+schmauchte sein Pfeifchen und aß und trank. Wie es aber Frühling wurde,
+sehnte er sich hinaus und sagte zu seinem Wirte: »Seid bedankt für die
+Pflege, die Ihr mir habt angedeihen lassen. Ich will es Euch eingedenk
+sein und die hundert Jahre Fegfeuer gern für Euch ertragen. Mein Jahr
+ist noch nicht um; aber ich muß weiter ziehen. Doch zuvor gebt mir die
+zwei Fässer, die in der Ecke im Keller liegen, sonst hilft dort unten
+mein Bitten nichts. Ich will sie Euch abnehmen. Gebt mir Wagen und
+Pferde, so lade ich sie auf, und Ihr seid sie los.«
+
+Der Wirt war froh, den höllischen Gast auf gute Art aus dem Hause zu
+bekommen, gab ihm das Verlangte, tat noch ein Fäßchen schweren Roten
+dazu, steckte dem Burschen ein Beutelchen mit Geld bei und bat ihn um
+Gotteswillen, bei des Teufels Großmutter ein gut Wort einzulegen.
+
+Der Bursche versprach es und sagte zum Abschied: »Wenn Euch einer fragt,
+wer Euch gelehrt hat, mit Wein und Gästen gut umzugehen, sagt immer
+'Schlupps.'« Damit zog er ab, und dem Wirt fiel ein Stein vom Herzen.
+
+ * * * * *
+
+Nicht lange darauf hörte man eines Tages Hörner blasen, und als der Wirt
+in die Haustüre trat, kam eine Reiterschar dahergesprengt, und der
+Vornehmste von ihnen war der König. Die Ritter saßen ab und traten in
+die Gaststube. »Holt Essen herbei,« befahl der König, »wir sind müde und
+hungrig von der Jagd.« Da liefen der Wirt und sein Gesinde und brachten
+heran, was Gutes in Kammer und Küche war. »Habt Ihr Wein?« fragte der
+Kämmerer, der immer an des Königs Seite saß. »Ei freilich,« rief der
+Wirt und wollte schnell hinabspringen und zapfen; aber der König sah ihn
+scharf an und sprach: »Weißt du, daß ich ein Gebot erlassen habe: man
+solle jeden, der Wein fälscht, zum Galgen führen? Wehe, wenn ich dich
+auf böser Tat ertappe!« Der Wirt beteuerte, daß sein Wein echt und rein
+sei. Da stieg der König selbst mit in den Keller, um den Wein zu prüfen,
+und aus jedem Faß, das er versuchte, kam die liebe Gottesgabe rein und
+unverfälscht heraus und sein Gesicht strahlte immer mehr vor Freude, als
+er von Faß zu Faß ging. »Wer hat dich gelehrt, den Wein so gut zu
+behandeln?« »Schlupps,« antwortete der Wirt.
+
+Da sahen sich die Diener des Königs erstaunt an, solch ein Wort hatten
+sie noch nie vernommen. Der Kämmerer aber legte den Finger an die Nase,
+dachte eine Weile nach und meinte dann bedeutungsvoll: »Das ist eine
+Sprache, die ich nicht kenne. Wer weiß, was der Wirt für ein gelehrter
+Mann ist.« -- Dann flüsterte er lange heimlich mit dem König. Der nickte
+mit dem Kopfe und sagte zu dem Wirt, der abseits stand und nicht wußte,
+was das alles zu bedeuten habe: »Wisset, mein Kellermeister ist
+gestorben. Im ganzen Lande suchen wir einen neuen; aber es muß ein Mann
+sein, der nie Wein gefälscht, noch gewässerten Wein verkauft hat. Du
+scheinst mir der Rechte. Sage mir, wer hat dich in der Kunst
+unterwiesen?«
+
+»Schlupps,« sagte der Wirt wieder. Der König legte seine Stirn in tiefe
+Falten und sah sich ernst im Kreise um. Denn weil ein König gescheidter
+sein muß, wie alle Leute und alles besser wissen soll, wollte er nicht
+merken lassen, daß er das Wort nicht kenne und so sagte er: »Das dachte
+ich mir gleich. Willst du mein Kellermeister sein, so sollst du in
+meinem Schlosse wohnen, in einer goldenen Kutsche fahren und so viel
+Geld haben, als du immer willst; dafür darf kein anderer als du meinen
+Wein besorgen.«
+
+Des war der Wirt froh. Entließ sein Gesind, schloß sein Haus zu, bestieg
+ein Pferd und zog mit dem König fort.
+
+
+
+
+Von einer Heirat
+
+
+Schlupps fuhr indes in die Welt hinein, machte sich gute Tage und sparte
+nicht an Geld; denn er meinte, der Beutel lange ewig. Eines Tages aber
+sah er, daß nur noch wenige Goldstücke darinnen waren und er sehen
+mußte, sich Geld zu verschaffen. Er war indeß schon ein gut Stück in der
+Welt herumgekommen, denn mit Wagen und Pferden ging es schneller als auf
+Schusters Rappen. Einkehr hielt er des Nachts selten in Wirtshäusern,
+meistens bat er die Bauern, bei ihnen sein Gespann einstellen zu dürfen,
+dieweil er ein armer Fuhrmann war, der daheim Weib und Kind hatte. Er
+wolle gern den Hafer für sein Pferd und die Abendsuppe für sich
+bezahlen. Da aber die Leute, besonders die Frauen, mit ihm Mitleid
+hatten, wenn er gar zu beweglich von seinen sechs hungrigen Kindern
+daheim erzählte, gaben sie ihm um Gotteswillen, was er sich ausbat, und
+was er des Nachts sparte, ließ er des Mittags im Wirtshaus draufgehen.
+
+So kam er einmal abends in ein Dorf und hielt gleich bei dem ersten
+Bauernhof um Nachtherberge an. Der Bauer aber war der Dorfschulze und
+gar hochmütig. »Hab kein Wirtshaus für herumziehendes Volk,« brummte er.
+»Brauche meine Ställe alleine,« und jagte den Fuhrmann fort. Der traute
+sich nicht so bald wieder zu fragen, zog langsam weiter und horchte, wie
+die Hunde hier gar so bös bellten. »Scheinen ungute Leute im Dorf,«
+dachte er, »tät ihnen not, daß ich sie mit meinen Launen und Schwänken
+hobelte, damit sie an mich denken.«
+
+Da sah er abseits ein Gehöft, von dessen niederm Dach die Schindeln
+morsch herunterhingen. Er fuhr hin, stieg ab und spähte durch das Tor.
+Auf dem Brunnenrande saß ein Mädchen, den Kopf hatte es in die Schürze
+gesteckt und man hörte, daß es bitterlich weinte. »Jungfer, was fehlt
+Euch?« fragte Schlupps. Sie fuhr hoch und sah erschreckt zu dem Manne
+auf; als sie aber in ein gutmütiges Gesicht blickte, faßte sie sich ein
+Herz und fragte ihn, was er wolle. Er erzählte ihr, daß er Nachtlager
+suche, denn die Wirtshäuser wären zu teuer.
+
+»Kommt nur herein,« sagte sie. »Ich fürchte Euch nicht. Stehlen könnt
+Ihr mir nichts. Meine letzte Ziege ist gestern gefallen und mir werdet
+Ihr wohl kein Leid antun. Und wenn auch, das Sterben ist mir nicht
+unlieb; denn das Leben ist mir verleidet.« »Redet nicht so
+gotteslästerlich,« sprach er ernst. »Erzählt mir Euren Kummer,
+vielleicht kann ich Euch helfen.«
+
+»Wißt,« hub sie an zu erzählen. »Der Hans und ich lieben uns schon
+lange. Der Hans ist der Schulzensohn und wollte mich zu seinem Weibe
+machen, aber sein Vater ist gar reich und hochmütig und hat den Hans mit
+der reichen Bäckertochter versprochen. Die ist häßlich und böse; ein
+freundliches Wort gönnt sie keinem Menschen. Wäre sie gut, wollte ich
+ihr den Hans gern lassen und für immer fortgehen, daß mich der Hans
+nicht mehr sieht und meiner vergißt. Aber, da ich weiß, was für eine
+Garstige sie ist, drückt mir der Kummer das Herz ab. Wie der Hans seinem
+Vater trotzte und sagte, er wolle nur mich haben, lachte der Schultheiß
+spöttisch und meinte: »Die Eve, die so arm ist, daß sie nicht einmal
+ihre Hochzeit ausrüsten kann und die Gäste Essigwasser anstatt Wein zu
+trinken bekämen! Wenn aus der Eve ihrem Brunnen roter Wein kommt, darfst
+du sie heiraten!« Das ist natürlich eitel Gerede gewesen; denn er weiß,
+daß so was nie möglich ist, und jetzt ist der Hans mit der Bäckin
+aufgeboten und Sonntag ist Hochzeit.«
+
+»Tröstet Euch,« sagte Schlupps. »Es gibt Burschen, die gewiß noch
+schöner sind als der Hans. Ihr werdet einen anderen finden.«
+»Nimmermehr,« rief Eve. »Lieber in den Brunnen!« »Wartet ab und verliert
+die Hoffnung nicht; vielleicht weiß ich Rat. Legt Euch zu Bett,
+verschließt Eure Kammertür und vertraut auf Gott. Ich will im Stall bei
+meinen Pferden schlafen und ihnen den Hafersack umhängen.«
+
+Als das Mädchen in seine Kammer gegangen war und es still im Hofe ward,
+ging der Bursche in die Gerätekammer, holte eine Schaufel und fing an,
+ein großes Loch im Hof zu graben und daneben noch eins. In die beiden
+Löcher aber tat er die Fässer mit saurem Wein, deckte Erde darüber und
+Steine, und das Faß mit rotem Wein versenkte er in den Ziehbrunnen. Dann
+legte er sich zu seinen Pferden auf die Streu und schlief ein.
+
+Am andern Tage sagte er zu dem Mädchen: »Ich muß noch einmal fortgehen.
+Laßt meinen Wagen und die Pferde einige Tage bei Euch stehen. Es soll
+Euch nicht reuen.« »Gern,« gab sie zur Antwort. »Da ist noch etwas Heu
+und Hafer. Ich hab es nicht not, nehmt Ihr es. Ich will Eure Pferde wohl
+versorgen, wenn Ihr fort müßt.« Da verabschiedete sich Schlupps, ging in
+das Dorf und geradezu in den Bäckerladen, wo die Bäckertochter fein
+aufgeputzt da saß. »Was wollt Ihr?« fragte sie barsch. »Ein Brot,« sagte
+der Handwerksbursche demütig. »So nehmt, zahlt und macht, daß Ihr fort
+kommt. Braucht mich nicht so anzusehen.« -- -- -- -- -- »Verzeiht
+Jungfer,« stotterte Schlupps und tat arg verlegen. »Hätte ich doch mein
+Lebtag nicht gedacht, daß ich des Kaisers von Welschland Frau hier
+leibhaftig vor mir sehen würde.« »Wen?« fragte die Bäckerstochter, und
+der Hochmut fing an, sich in ihr zu regen.
+
+»Des Kaisers von Welschland Gemahlin, leibhaftig. Muß ich sie doch
+kennen, bin oft genug im Schloß gewesen und hab ihr gar prachtvolle
+Kleider gemacht. Denn wißt, ich bin ein tüchtiger Schneidermeister und
+hätte es können in Welschland weit bringen. Doch, wie es geht. Wollte
+wieder ins Vaterland. Hab aber oft zurückgedacht an die schöne Königin.
+Wenn Ihr Kleider hättet wie die -- weiß Gott! Keiner tät wissen, daß Ihr
+nicht eine Prinzessin seid und daß Eure Wiege hinter den Mehlsäcken
+gestanden hat. Könnt Ihr mir nicht künden, wie Ihr heißt? -- --« »Grit,«
+sagte sie und versuchte, recht holdselig zu lächeln, es wollte ihr aber
+nicht gelingen; denn die oberen Zähne hingen ihr über die unteren herab
+und so machte sie mehr ein Grinsen, denn ein Lächeln. »Grit,«
+wiederholte sie.
+
+»Kann so was sein?« rief Schlupps. »Gibt es Wunder? Genau so hieß die
+Königin. Wer weiß, vielleicht hat mich der Zufall nicht umsonst
+hergeführt und der Prinz Xaver, der immer eine Frau sucht, die wie seine
+Mutter aussieht, seufzt nicht vergebens. Gewiß ist Euer Herz noch frei,
+Jungfer?«
+
+»Das ist es eben,« sagte sie wehleidig. »Am Sonntag soll ich ehelichen,
+den Hans vom Schultheiß. Er hat mir soweit ganz gut gefallen, besonders
+weil ich ihn der Ev', dem dummen Ding, nicht gönnte.« -- --
+
+»Was?« rief der Handwerksbursche erstaunt. »Ist so was möglich? Einem
+Bauern wollen sie Euch zum Weibe geben und seid doch nur für einen
+Prinzen geschaffen? Ei, hätte nicht gedacht, daß Ihr so herunterstieget.
+Aber um Eines bitte ich Euch. Laßt mich das Brautkleid machen, genau wie
+es die Königin trug, damit die Leute sehen, wen sie vor sich haben.«
+
+Deß freute sich Grit, denn es verdroß sie schon lange, daß sie zur
+Hochzeit daher kommen sollte wie jede Bauernmagd. Jetzt sollte der Hans
+sehen, was eine reiche Braut vermochte, und die Eve sollte vor Neid
+bersten.
+
+»Erzählt mir, wie das Gewand war,« bat sie. »Aus den besten Stoffen,«
+erzählte das falsche Schneiderlein, »ein Unterkleid von gelbem Tuch,
+dazu ein Obergewand von rotem Sammet, die Ärmel gepufft aus heller Seide
+und alles fein mit bunten Bändern ausstaffiert. Auf dem Kopfe eine vier
+Ellen hohe Mütze aus Seide und Pelz und daran einen Schleier, so lang
+als Ihr seid und noch darüber, und die Schuhe -- -- die Schuhe, die
+waren mit dicken grünen Perlen besetzt. Eine goldene Kette lag um den
+Hals, die ging bis auf den Gürtel, und der war aus purem Golde mit
+bunten Steinen verziert. So müßt Ihr es auch haben. Wartet nur Ihr
+Bauern,« und er drohte mit der Faust hinaus in die Luft, »ich will Euch
+zeigen, wie man eine Prinzessin zu behandeln hat.«
+
+»Aber werdet Ihr das Alles so schnell nähen können?« fragte Grit
+zweifelnd. »In vier Tagen ist Hochzeit.«
+
+»Nichts leichter als das,« lachte Schlupps. »Hab in Welschland doch
+anderes leisten müssen. Gebt mir Wagen und Pferd, so fahr' ich in die
+Stadt und kaufe alles ein. Wundert Euch nicht, wenn ich erst morgen
+Abend wiederkomme; denn es wird schwer halten, alles im Städtchen zu
+finden. Damit Ihr aber sicher seid, daß ich wiederkehre, lasse ich mein
+Felleisen da. In dem ist mein Fingerhut, und wenn ich den nicht habe,
+kann ich nichts machen. Hütet Euch jedoch, das Felleisen zu öffnen. Es
+ist mit einem Zauberspruch geschlossen, und wer es öffnet, wagt sein
+Leben.« Grit, deren Hoffart immer mehr stieg, gab ihm heimlich ihres
+Vaters Wagen und Pferd und einen großen Sack Geld; den wollte sie
+eigentlich dem Hans als Brautgabe mitbringen. »Braucht davon, so viel
+Ihr für gut findet,« sagte sie. Denn wenn sie auch keinem etwas gönnte,
+so war ihr für sich selbst nichts zu viel, und sie scheute nicht Geld
+und Gut, wenn es ihre Schönheit galt. Meinte sie doch, daß ihr kein
+Mädchen im Dorf gleich käme, und wußte nicht, wie die hakige Nase
+garstig aus den knochigen Wangen herausstach, und der Hans fürchtete
+sich so vor dem spitzen Gesicht, daß er seiner Braut noch nie einen Kuß
+gegeben hatte und stets wehmütig an Eves rundes, frisches Gesicht mit
+den braunen Augen dachte.
+
+So fuhr Schlupps davon. Hans aber kam auf seines Vaters Weisung, seine
+Braut zu besuchen und allerlei mit ihr wegen des Hausrats zu besprechen.
+Der Schultheiß kam selbst auch hinzu, um die künftige Tochter wegen der
+Hochzeit zu befragen. Er wunderte sich nicht wenig, wie Grit hoffärtig
+und spitz immer davon sprach, daß es eine Gnade für Hans sei, wenn sie
+ihn nähme, und daß sie für Höheres geboren wäre. »Na, hoch genug liegt
+unser Hof ja,« sagte der Schulze scherzhaft, er verstand noch immer
+nicht, wo sie hinaus wollte. »Laßt die Späße, Schultheiß,« gab sie
+giftig zurück. »Wenn ich erst Bäuerin auf dem Hof bin, werden wir sehen,
+wie hoch Ihr seid. Da habt Ihr nichts mehr dort drein zu reden. Am
+besten wär's, Ihr gäbet Hans gleich Haus und Hof und zöget aus. Für drei
+Leute ist der Hof zu eng.« -- --
+
+Da sah Hansens Vater, was für eine Böse die neue Schwiegertochter war,
+schlug die Türe zu und ging heim. »Noch ist nicht aller Tage Abend,«
+brummte er. Und der Zufall wollte, daß ihm die Ev begegnete, wie sie so
+bescheiden und sittig durch das Dorf schritt. »Hätte ich der doch den
+Hans gegönnt,« dachte er, »das wäre eine bessere Hausfrau geworden, als
+die übermütige, häßliche Bäckerstochter,« und weil er im Grunde nicht
+geldgierig, nur stolz und rechthaberisch war, tat ihm jetzt die Eve
+leid. Sie hatte mit so traurigen Augen auf ihn geblickt. --
+
+Schlupps fuhr indeß in die Stadt, kaufte allerlei Stoffe, alles vom
+Gröbsten und Schlechtesten, ging zu einem Schneidermeister und sprach:
+»Meister, mach Er mir bis morgen ein Gewand. So und so muß es sein« und
+beschrieb, wie er es haben wollte. »Das kann nicht sein,« widersprach
+der Meister, »das wäre eine gar traurige Arbeit, und man würde mich
+darob mit Schimpf und Schande aus der Zunft jagen. Gebt mir acht Tage
+Zeit und es soll genäht und gebügelt sein, wie es sich gehört.« »Bis
+morgen muß ich es haben,« beharrte Schlupps. »Tut Ihr es nicht, tut es
+ein anderer; auf Geld soll es mir nicht ankommen,« und legte ein
+Goldstück auf den Tisch. »Näht wie Ihr wollt, und wenn ein Stich auch
+dem andern zuruft: »halt Bruder, lauf nicht davon,« so soll es nichts
+ausmachen. Es braucht nicht lange zu halten und wenn die Ärmel nur lose
+darin hängen und die Nähte bald springen, so ist das Ausziehen um so
+leichter und man braucht nicht viel Haken aufzumachen.« »Auch gut,«
+überlegte der Meister von der Nadel. »Gewiß ist das unehrliches,
+fahrendes Volk; denn ein Bürgerkind zög ein solches Narrengewand nicht
+an;« rief seine Gesellen herbei und versprach, rechtzeitig fertig zu
+sein. Konnte sich aber nicht genug wundern, was für schlechte Tuche ihm
+zu Händen kamen, denn statt Sammet hatte der Schalk grobe Linnen mit
+roter Farbe anstreichen lassen.
+
+Den Schmuck aber ließ er beim Blechschmied aus Blech und Messing machen
+und in den Gürtel Glasstücke hineinsetzen. Der Schleier war so groß wie
+ein Fischernetz, und der Beutel wurde, nachdem alles eingekauft war, nur
+um ein Weniges erleichtert. »Das Geld hast du dir sauer verdient,«
+dachte Schlupps und streichelte den Geldsack zärtlich. Wie er am
+folgenden Abend heimkehrte, stand die Bäckerstochter auf der Landstraße
+und erwartete ihn. »Steigt auf, schöne Grit,« rief Schlupps. »Laßt Euch
+erzählen.« -- Er berichtete, wie er überall herumgelaufen sei, bis er
+alle Stoffe gefunden habe, dafür wären sie auch vom besten und feinsten.
+Jetzt wolle er aber die ganze Nacht fleißig sein; denn bis morgen müsse
+sie ihr Gewand haben. Den Packen trug er dann eilends auf die Kammer,
+die ihm die Grit eingeräumt hatte, schloß zu und steckte den Schlüssel
+ein. Dann ging er fort in das Wirtshaus. Da saßen die Mannsleute des
+Dorfes, alte und junge, und in ihrer Mitte der Schulze und Hans; denn
+heute sollte der Bursche noch einmal das Ledigsein feiern, wie es Brauch
+war am Ort.
+
+»Schulze, warum seid Ihr so ernst?« sagte der Wirt. »Muß ich nicht
+ärgerlich sein?« war die Antwort. »Ich wollte zur Hochzeit von meinem
+einzigen Sohne etwas draufgehen lassen und hab darum meinen Knecht in
+die Stadt geschickt nach einem Faß vom besten Roten, wie es ihn hier
+herum nirgends gibt. Ein Freund hat ihn mir um vieles Geld besorgt.
+Jetzt schickte der Knecht mit einem Fuhrmann die Kunde her, das Faß sei
+noch nicht eingetroffen, und er wisse nicht, ob er zur Hochzeit zurück
+sein werde. Übermorgen ist die Trauung; morgen kommen schon die Gäste,
+und ich muß ihnen einen gewöhnlichen Wein vorsetzen, wie ihn jeder Bauer
+im Keller hat.«
+
+»Verzeiht, Herr,« mischte sich Schlupps ins Gespräch. »Sollte im Dorf
+kein Wein zu haben sein? Ich bin Küfer und weiß die verborgenen Quellen
+wohl aufzufinden.«
+
+Alle Gäste horchten auf und der Schulze sagte: »Wenn Ihr mir hier im
+Dorfe guten Wein schafft, soll es mir auf ein Stück Geld nicht
+ankommen.«
+
+Der Bursche nahm eine Gabel, die auf dem Tische lag, schlug damit an ein
+Glas, hielt die Gabel an das Ohr und sagte mit geschlossenen Augen:
+
+»Ich sehe ein Haus, abseits von der Straße, grüne Fensterladen sind
+daran, ein Nußbaum steht auf dem Hofe und ein Mägdlein sitzt in der
+Kammer, ringt die Hände und seufzt: 'Hilf Gott mir armen Waisenkind!'«
+
+Scheu sah alles nach dem Dorfschulzen. Das war ja der Hof der Eve! Der
+Hans verbarg sein Gesicht, weil er die Tränen, die in seinen Augen
+saßen, nicht zeigen wollte. »Im Brunnen,« fuhr Schlupps fort, »liegt ein
+Faß vom besten Roten. Linker Hand vom Brunnen sind zwei Steine, wenn Ihr
+da grabt, so findet Ihr zwei Tonnen Gold. Die aber darf man nur bei
+Vollmondschein öffnen. Fällt nicht das volle Mondlicht in die Fässer,
+wenn Ihr sie aufmacht, so verwandelt sich das Gold in sauren Wein.« Dann
+machte er wieder die Augen auf, sah erstaunt um sich und sprach: »Wo bin
+ich? Vermeinte doch eben auf einem einsamen Bauernhof zu sein und bin im
+Wirtshaus. Was bin ich schuldig, Herr Wirt?« »Nichts,« sagte der. »Euer
+Schöppchen soll Euch gesegnet sein, wenn alles, was Ihr gesagt habt,
+zutrifft.« Der vermeintliche Küfer dankte und zog ab. Der Dorfschulze
+ging nachdenklich heim. Käme bis morgen Mittag der Knecht nicht, dann
+wollte er sehen, ob es sich mit dem Wein so verhielt, wie der Fremde ihm
+bedeutet. Wenn er das gewußt hätte, daß die Eve heimlich Schätze auf
+ihrem Hof verborgen hielt, wäre er nicht so widerspenstig gewesen.
+
+Am andern Tage sagte Schlupps zu Grit: »Jungfer, Ihr dauert mich. Ich
+will Euch etwas anvertrauen. Der Prinz Xaver hat mir Wagen und Pferde
+geschickt, daß ich ihn auf der Brautschau begleite. Es ist zwar ein
+einfach Gefährt, weil wir unerkannt durch die Lande ziehen wollen, aber
+ich denke, wenn Ihr das feine Gewand anlegt, braucht der Prinz nicht
+weit zu suchen. Die Braut ist da und die Hochzeit kann bald gefeiert
+werden.« Und Grit, der ihr Sinn schon lange nach dem Prinzen stand, rief
+freudig: »Wenn Ihr mich mitnehmen wollt, es soll Euch Euer Lebtag
+vergolten werden.« In ihrem boshaften Herzen dachte sie aber: »wenn ich
+erst Prinzessin bin, muß der Schneider aus dem Land, damit er keinem
+erzählt, daß ich Mehl gemessen und Brot gewogen habe.«
+
+»So hole ich Wagen und Pferd,« meinte Schlupps. »Zieht Euch derweil an
+und vergeßt auch nicht, die Leinentruhe mitzunehmen,« ging zu Eve,
+dankte ihr für ihre Gefälligkeit und sagte: »Wenn hier ein Wunder
+geschieht und du weißt nicht, woher es kommt, so denke, das hat Schlupps
+getan und sei gegen arme Wanderer immer freundlich. Das aber sage ich
+Dir: Nimmer wird die Bäckin Hansens Frau, und Dich seh ich im Geiste mit
+ihm zur Kirche gehen.«
+
+Dann fuhr er rasch an das Bäckerhaus, wo die Grit fein aufgeputzt ihn
+erwartete, lud die Truhe auf und hieß das Mädchen aufsitzen. »Nehmt Euch
+ein großes Tuch um,« warnte er, »damit die Leute Euch nicht erkennen.«
+Das tat sie, und wie die Pferde durch die Dorfstraße trabten, wendete
+mancher den Kopf nach der fremden Frau, die unkenntlich in ein Tuch
+gewickelt im Wagen kauerte.
+
+Wie nun der Knecht nicht kam, beschloß der Dorfschulze, zu Eve zu gehen
+und nachzusehen, ob der fremde Küfer die Wahrheit gesprochen hätte, nahm
+aber drei ehrsame Männer als Zeugen mit. Wie er auf den Hof trat, kam
+ihm die Eve erstaunt entgegen und fragte nach seinem Begehr. »Verzeiht,
+Eve, wenn wir Euch ungelegen kommen,« entgegnete der Schulze, »aber man
+hat uns gesagt, daß Ihr im Ziehbrunnen Wein habt. Wollt Ihr mir den zu
+Hansens Hochzeit verkaufen?«
+
+»Daß ich nicht wüßt',« staunte die Eve. »Hab zwar oft in den letzten
+Tagen, wenn ich die Eimer hinunter ließ, gespürt, daß etwas drinnen
+liege; ich meinte aber nicht anders, als es seien Steine von der
+letzten Schneeschmelze. Schaut zu, ob Ihr etwas findet.«
+
+Die Männer stießen mit einer Stange in den Brunnen und fanden
+Widerstand. Einer holte eine Leiter, kroch hinab und rief: »Ein Faß! ein
+Faß!« Das holten sie mit vieler Mühe herauf, bohrten es an, und der
+beste Rote, wie sie ihn noch nie getrunken, floß heraus. Hansens Vater
+frug Eve, was sie dafür haben wolle. »Nichts,« sagte sie, »denn er ist
+nicht mein. Soll er aber zu Hansens Hochzeit sein, so nehmt ihn mit
+Euch, und möchte jeder Tropfen darinnen einen Tag Glück für Euren Sohn
+bedeuten.« Damit drehte sie sich um, denn sie konnte die Tränen nicht
+mehr zurückhalten. Auch dem Schulzen, der ein strenger Mann war, stand
+das Weinen näher wie das Lachen, und er hätte viel darum gegeben, wenn
+er Geschehenes ungeschehen hätte machen können. »Erlaubt, Eve,« bat er
+fast demütig, »daß wir im Hof unter den Steinen aufgraben.« »Macht, was
+Ihr für Recht haltet, Schulze,« sagte sie ganz verwundert über sein Tun;
+denn er griff selbst nach den Steinen, die linker Hand vom Brunnen
+lagen, räumte die Erde fort -- -- und stieß auf zwei große Fässer, grad
+wie es der unbekannte Mann gesagt hatte.
+
+»Eve,« wandte er sich zu dem Mädchen, das immer noch nicht wußte, wie
+ihm geschah, »Ihr seid die Reichste im Dorfe. Die Fässer sind Goldes
+voll.« »Was nützt mir das,« schluchzte sie, »hab ich doch das Beste
+nicht und muß meine Liebe als Sünde anschauen.« »Weiß Gott,« stöhnte der
+Schulze, »könnt ich mein Wort zurücknehmen, ich tät's lieber heut als
+morgen. Aber die Bäckin hebt den Verspruch nimmer auf und so müssen wir
+das Übel ertragen.« Damit ging er fort, und wenn er auf einen Menschen
+böse und zornig war, so war er es auf sich selbst; denn die Eve gefiel
+ihm immer besser und das Wort, das er Hansen gegeben und nicht einlösen
+konnte, lastete ihm schwer auf der Seele.
+
+Die Grit fuhr indessen mit Schlupps weiter, bis sie an eine einsame
+Waldhütte kamen. »Geht hier hinein,« sagte der Schalk, »in dieser Hütte
+will mich der Prinz treffen. Setzt Euch auf die Bank; er muß bald
+kommen, denn um die Dämmerung wollte er hier sein. Ich bleibe bei dem
+Wagen, daß niemand die Truhe mit Euren Leinenschätzen stiehlt.« »Bin ich
+erst Prinzessin,« rief Grit prahlerisch, »so trage ich doch nur Seide
+und Sammt; Leinen ist mir zu gering. Das Könnt Ihr als Lohn für Eure
+Dienste gleich nehmen!«
+
+Damit ging sie hinein und setzte sich auf die Bank, die mit Spinnweb und
+Staub überzogen war. Weil sie aber sehr müde war, schlief sie bald fest
+ein. Als Schlupps merkte, daß sie so bald nicht aufwachen würde, hieb er
+auf die Rößlein ein und fuhr davon, so schnell seine Pferde laufen
+konnten.
+
+Sonntag Morgen läuteten die Glocken zur Kirche, die Mädchen des Dorfes
+zogen vor das Haus der Grit und wollten sie holen. Der Bäcker stand
+ratlos da, frug jeden, ob er seine Tochter nicht gesehen habe, die mit
+der Leinenkiste verschwunden war, tobte und schimpfte und wußte sich ihr
+Verschwinden nicht zu erklären. Nachdem das ganze Haus vom Keller bis
+zum Boden vergeblich durchsucht war und man zum Überfluß noch Grits
+Kleider in der Kammer gefunden hatte, beschlossen die Gespielinnen, dem
+Bräutigam die Sache zu vermelden, vielleicht daß der Grit ein Unglück
+zugestoßen sei. Sie gingen in die Kirche, wo schon die Hochzeitsgäste
+und der Pfarrer standen und auf die Braut warteten.
+
+Der Pfarrer riet, sich noch eine Stunde zu gedulden; aber der Schulze
+sagte: »Nein, Herr Pfarrer. Ist sie nicht da, so ist das Gottes Wille,«
+und erzählte, wie bös Grit ihm begegnet, wie hochmütig sie den Hans
+behandelt und was der fremde Wandersmann geweissagt habe. Wie er selbst
+aber sein ungerecht Tun gegen die Eve bereue. »Dort hinten kniet die
+rechte Braut,« schloß er und wies auf Eve, die vor dem Altar lag und für
+Hans allen Segen herabflehte.
+
+Da erkannte der Pfarrer Gottes Gnade, trat auf Eve zu, faßte sie an der
+Hand und sagte: »Eve, willst du alle Kränkungen, die du erduldet hast,
+vergeben und vergessen und Hansens Weib werden?«
+
+Und wie sie die bangen Augen des Herzallerliebsten sah, da leuchtete ihr
+Gesicht und sie sagte freudig: »Ja, ich will.« Dann traten sie an den
+Altar, und nie hatte der Pfarrer mit größerer Freude ein Paar
+eingesegnet wie Eve und Hans. Grit aber schlief im Waldhaus, und wie sie
+erwachte, schien die Morgensonne hell herein. Als sie aus der Hütte trat
+und sich umsah, war kein Wagen, keine Pferde, kein Schneider und keine
+Leinentruhe zu sehen. Ob sie auch schrie und tobte, -- -- sie kamen
+nicht und kamen nicht. Da begann sie zu merken, daß der fremde Geselle
+falsches Spiel mit ihr getrieben, lief weiter und weiter und wußte nicht
+wohin, bis sie auf einmal den Kirchturm ihres Dorfes sah und den
+Wetterhahn darauf. Da nahm sie ihre letzte Kraft zusammen, eilte auf
+müden Füßen vorwärts, bis sie die Kirche erreichte, und riß die Pforte
+auf, gerade als der Pfarrer das glückliche Paar zusammengegeben hatte.
+Alle Gäste schrieen auf; denn sie vermeinten nichts anderes, als eine
+böse Hexe zu sehen. Erst wie sie näher hinschauten, erkannten sie die
+Grit. Sah die aber aus!
+
+Staub und Spinnweb lagen auf ihrem Gewand, an dem die Nähte alle
+geplatzt waren, daß der hagere, braune Leib herausschaute; die Mütze saß
+schief auf dem Kopf, die Haare hingen wild um die Stirn, und sie
+erschien als ein Bild des Jammers. Wirr sah sie um sich, dann stürzte
+sie auf das Paar, das am Altar stand, los und schrie mit geballten
+Fäusten: »Falsches Ding, willst du mir meinen Hochzeiter nehmen?« Damit
+suchte sie die Eve bei Seite zu drängen, die sich voll Angst an Hans
+klammerte. Der Pfarrer aber trat dazwischen und sprach: »Laßt gut sein,
+Grit. Hier hat ein Höherer gewaltet. Geht heim, laßt Euch ein ander
+Gewand anziehen und vom Bader zur Ader lassen.« Denn er meinte nicht
+anders, als die Grit wäre besessen und hätte den Verstand verloren. So
+wollte er sie mit gutem Zuspruch aus der Kirche schaffen, damit das
+Gotteshaus nicht durch Lästerreden entweiht werde. Da lief die
+verlassene Braut heim, schloß sich in ihre Kammer ein, heulte und
+schrie. Im Hochzeitshaus aber herrschte eitel Freude und Seligkeit. Von
+dem Tag an ließ die Grit ihrem Vater keine Ruh; sie wollte aus dem Dorf
+heraus; denn in ihrer Eitelkeit maß sie sich nicht die Schuld an ihrem
+törichten Beginnen zu, sondern vermeinte, der Schulze habe ihr einen
+Streich gespielt, weil sie ihn so hart angelassen.
+
+Wie bald darauf der Vollmond schien, beschloß der Schulze, die Fässer zu
+heben, und weil es eine klare Nacht war, stand dem nichts im Wege. Im
+Stillen freute es ihn, daß sein Einziger das reichste Mädchen im Dorf
+gefreit hatte, und er hielt den Kopf noch höher als sonst, wie er jetzt
+mit Hans und vier kernfesten Männern auf Eves Hof kam. Bald waren die
+Fässer heraufgeschafft, und der Schulze hob das Beil, um den Deckel zu
+sprengen.
+
+Plötzlich erhob sich ein Wind, graue Wolken jagten daher und zogen über
+den Mond, gerade als das Beil in vollem Schwunge heruntersauste. Da
+spritzte es umher, daß des Schulzen Kleider naß wurden, und wie er in
+das erste Faß sah, floß darinnen weißer Wein und war von Gold nichts zu
+sehen. Und beim zweiten erging es genau so. Das erkannte der harte Mann
+jetzt als Strafe für seinen Hochmut und schwieg still. Von der Gasse her
+aber klang ein höhnisches Lachen, das kam von der Grit, die heimlich in
+die Stadt fuhr, auf Nimmerwiedersehen.
+
+
+
+
+Kaufmann Goldreich
+
+
+Jetzt ging es Schlupps gar gut. Er hatte einen Sack voll Geld und eine
+Truhe voll Leinen, beschloß aber diesmal Haus zu halten und nicht mehr
+alles zu vertun. Als er in das nächste Städtchen kam, war gerade dort
+Markt und von weit her kamen Leute, um einzukaufen. Sie feilschten an
+den Buden um Ketten und Ringe und bunte Tücher, und besonders das
+Weibervolk konnte sich nicht genug tun am Schauen und Handeln. Wollten
+alles haben und war ihnen doch alles zu teuer, sahen begehrlich auf die
+Ware und warfen sie hin, als wäre es Feuer, an dem sie sich die Finger
+verbrannten, wenn sie den Preis hörten. »Halt,« dachte Schlupps, »hier
+blüht mein Weizen,« fuhr in ein Wirtshaus, stellte dort ein und sagte
+zum Wirt: »Könnt Ihr mir einen Jungen besorgen, der flink und anstellig
+ist, so schickt ihn her.« »Das will ich meinen,« gab der Wirt zur
+Antwort. »Nehmt meinen. Einen Pfiffigeren findet Ihr nicht. Hat schon
+manchem Kaufmann geholfen, die Schäflein scheeren.« »So schickt ihn
+herauf.« Der Junge kam und Schlupps unterwies ihn, was er zu sagen habe.
+Der Bub war gar schlau und zu Schelmenstreichen aufgelegt. Er ließ sich
+von seinem neuen Herrn das Gesicht schwärzen, daß er aussah wie einer
+aus dem Mohrenlande; dann machten sie aus rotem Stoff einen Turban, wie
+ihn die Türken tragen; Schlupps hing dem Burschen allerlei bunte Stoffe
+um, und so aufgeputzt setzte er ihn auf ein Pferd, hieß ihn auf dem
+Markt herumreiten und zu rufen: »Mein Herr, der Kaufmann Goldreich, ist
+weit aus der Türkei hergekommen. Er will gradwegs nach Spanien zu seines
+Kaisers Majestät und ihm seine Waren bringen. Dieweil er aber hier
+rastet, hat er sich entschlossen, ein klein Teil seiner Wunderdinge
+heut zu verkaufen; aber nur ein klein Teil, weil er weiter muß und nicht
+lange bleiben kann. Wer etwas von fremdländischen Waren versteht und
+anderes sucht als grobes Leinen und derbe Stoffe, der komme her und
+kaufe. Wer aber nichts davon versteht, der bleibe fort und schone seinen
+Beutel; denn für solche hat mein edler Herr nicht die weite Fahrt aus
+der Türkei unternommen und ist aus des Sultans Schloß mit Lebensgefahr
+entronnen. Durfte doch nie ein Christ das Land der Heiden betreten, und
+nur mit vieler Mühe ist es dem Herrn gelungen, sich Zutritt zu den
+Ungläubigen zu verschaffen. Gebt Platz!«
+
+Dann stieß er in sein Horn und ritt weiter durch den ganzen Ort, hielt
+an allen Ecken, und die Kinder liefen hinter ihm drein; auch manch
+gesetzter Bürger horchte auf seine Rede und beschloß, des Fremden Sachen
+anzusehen. Die Frauen aber rotteten sich zusammen und kamen scharenweise
+vor das Gasthaus, wo der Fremde wohnte und wohin der Mohrenknabe jetzt
+zurückritt, vom Pferde stieg und demütig seinen Herrn begrüßte, der vor
+der Tür einen Tisch aufgestellt hatte.
+
+Während der Junge die Stadt durchzog, hatte Schlupps die Zeit benutzt,
+um seinen Stoffen mit Hülfe von Pinsel und Farbe ein gar buntes Aussehen
+zu geben, und die Laken und Decken, die Hemden und Jacken erglänzten in
+allen Farben. Hier saß ein roter und blauer Fleck, dort ein gelber und
+grüner, und mit der Schere schnitt er absonderliche Muster in den
+Stoffen aus, daß Sonne und Mond hindurchsahen. Er selbst heftete auf
+sein Gewand allerlei Flickwerk, hing die Messingkette, die er der Grit
+im Schlafe abgenommen hatte, um, und den Gürtel, den er auch von ihr
+hatte mitgehen heißen, schlang er über die Schulter. Jetzt stand er
+neben dem Tisch und sah die Menge, die ihn neugierig musterte, ernst an,
+und Jeder, den sein Blick traf, meinte immer, dies Gesicht schon einmal
+gesehen zu haben, wußte aber nicht, wo.
+
+Als der erste Käufer auf ihn zutrat, verneigte sich der fremde Krämer
+gar tief, kreuzte die Arme auf der Brust und murmelte etwas, was keiner
+verstand. »Das ist Türkisch,« sagte der Mohrenknabe. »Herr, redet
+deutsch,« wandte er sich dann an Schlupps, »dieweil Euch sonst keiner
+hier versteht, und sagt, was Ihr für Eure Ware verlangt.« Und der
+falsche Krämer hub an, seine Waren zu preisen und zu erzählen, wie des
+Sultans Frauen die kostbaren Gewänder getragen, wie er sie mit vieler
+Mühe ihnen heimlich abgekauft habe, und wie die tausend Gemahlinnen des
+türkischen Kaisers schön seien, eine schöner wie die andere. Aber nur,
+wenn sie diese Gewänder und Stoffe an sich hätten, die der Zauberer
+»Emalker«[1] angefertigt habe. Sie hatten erst die Schätze nicht
+hergeben wollen und taten es nur, als er ihnen versprach, ihnen von
+einem anderen Hexenmeister schönere weben zu lassen. Da ließen sie sich
+erbitten.
+
+ [1] Auch rückwärts zu lesen.
+
+Die Leute guckten staunend auf den Erzähler. Ein fürwitziger Bursche
+aber rief: »Ei, Herr Krämer, warum habt Ihr dann Eure Sachen nicht
+gleich von dem besseren Zauberer machen lassen?« Er suchte nach seiner
+kecken Rede zu entschlüpfen, weil die Umstehenden ihn gar nicht
+liebreich stießen und pufften. Sie fürchteten, der fremde Krämer möchte
+erzürnt sein und seine Ware einpacken.
+
+»Recht habt Ihr, junger Bursche,« sagte der Kaufmann Goldreich. »Das
+hätte ich können, wenn der böse Zauberer nicht sich geweigert hätte, für
+Christenfrauen zu arbeiten. Dann wartete auch mein Schiff im Hafen, das
+des Kaisers Majestät für mich gesandt hatte. Und jetzt sagt an, liebe
+Bürger und edle Frauen, ob Ihr kaufen wollt, oder ob ich meine Gewänder
+wieder in die Truhen packen soll.« Dabei hielt er die Stoffe hoch, daß
+die Sonne darauf fiel und die Farben gleißten und glänzten, und alle
+drängten sich herzu und wollten von den seltenen Tüchern kaufen. »Denn,«
+sagten sie, »was so weit her ist, muß etwas Besonderes sein,« und
+»Selbstgewebtes haben wir in den Truhen genug.« Schließlich kam der
+gestrenge Herr Bürgermeister an und wollte die goldene Kette kaufen und
+den Gürtel, den der Krämer auf der Schulter trug. Aber da jammerte
+Schlupps gar kläglich, daß ihm der Kaiser von Spanien arg zürnen werde,
+wenn er den Schatz, der für seine hohe Gemahlin bestimmt sei, verkaufe,
+und konnte sich erst auf vieles Bitten und Drängen dazu verstehen, den
+Schmuck für hundert Taler herzugeben.
+
+»Es ist zu billig. Es ist zu billig!« beteuerte er immer wieder. »Wenn
+Ihr's nicht wäret, hochedler Herr, wahrhaftig! Nichts in der Welt hätte
+mich verführen können. Aber so geht's, wenn man mit vornehmen Herren
+Handel treibt.«
+
+Und der Bürgermeister zog mit seinen Ketten stolz ab; seine Frau aber
+sah um sich, als wäre sie die Kaiserin von Spanien.
+
+Ehe Schlupps sich's versah, waren seine Waren ausverkauft und seine
+Truhe leer; seine Beutel aber konnten kaum das viele Geld fassen.
+»Morgen gibt es mehr, Ihr Leute,« rief er, als immer neue Käufer
+andrängten. »Habt Geduld. Ja, alle Tage kommt nicht einer aus der
+Türkei, gradenwegs aus des Sultans Schloß,« und er kreuzte wieder die
+Arme über der Brust, verneigte sich tief und schritt, von dem
+Mohrenknaben gefolgt, langsam und nachdenklich in das Wirtshaus.
+
+Die andern Kaufleute wußten nicht, wie ihnen geschah. Die Waren, die man
+ihnen wies, waren gewöhnliches Bauernleinen, bunt bemalt und grob
+genäht, und wenn sie auch zehnmal beteuerten, daß ihr Leinen feiner, ihr
+Tuch weicher sei, so glaubte es keiner; denn niemand wollte dafür
+gelten, daß er das, was aus fremden Landen stamme, nicht verstehe. »Das
+ist nur Neid von den Krämern, weil sie keine ausländischen Waren haben,«
+schrieen die Käufer. Die Krämer gaben Antwort, und bald hallte der Markt
+von Lärm und Geschrei. Man prügelte aufeinander los, man zerrte und riß
+sich, und manchen Händler ereilte jetzt die Strafe für falsches Gewicht
+und ungerechtes Maß, und noch tönte von den Gassen das Zetern, als
+Schlupps durch eine Hinterpforte das Gasthaus verließ. Dem Wirt und
+seinem Jungen hatte er ein Teil von seinem Gewinn geschenkt, so daß sie
+zufrieden waren und reinen Mund zu halten versprachen. Als am andern
+Morgen die Leute herbeiströmten und auf den Krämer warteten, trat der
+Wirt händeringend aus dem Haus und rief: »Wo ist der Galgenstrick! Wo
+ist der Zauberer, der mit der Zeche verschwunden ist. Wo seine Rößlein
+im Stall gestanden haben, liegen ausgeglühte Kohlen, in seinem Bett fand
+ich einen Besen. Keiner sah ihn gehen, noch hörte man den Wagen rollen.
+Weh mir armen, geschlagenen Mann! Alles war eitel Trug und Blendwerk,
+und Wagen und Pferde sind nimmer richtig gewesen!«
+
+Da liefen die Leute entsetzt nach Haus, sahen die Einkäufe an und
+erkannten mit Schrecken, daß alles, was in der Sonne geglänzt und
+gegleißt hatte, nichts nutz war und nicht einmal so gut, wie das
+selbstgewebte Bauerntuch, das sie auf dem Markt sonst kauften. Der
+Bürgermeister lief voll Angst zu einem Goldschmied und ließ seine Kette
+prüfen. Der erklärte sie für eitel Messing und die Steine für Glas, grad
+gut genug für Mummerei und Fastenscherz. Jetzt schämten sich alle, die
+erst das große Wort geführt hatten und mancher, der einem Krämer mit
+böser Rede und hartem Schlag weh getan hatte, ging hin, entschuldigte
+sich und bat, wieder »gut Freund« zu sein. Auf die fremdländischen
+Händler aber war man lange Zeit nicht gut zu sprechen und wies jeden,
+der kam, des Ortes hinaus.
+
+
+
+
+Mutterleid
+
+
+Schlupps zog weiter, die Straße entlang, die durch den Wald führte, dann
+am Flußufer hin und freute sich, wie die Sonne so hell aus dem Wasser
+flimmerte, wie die Vöglein sangen und wie die Blumen lieblich dufteten,
+brach sich einen Zweig ab und wehrte damit die Fliegen, die seine
+Rößlein umschwirrten. Dazwischen aber fühlte er seine Geldsäckel an, die
+er neben sich gelegt hatte und die gar schwer und steif waren.
+
+»Man muß das Gras mähen, wenn es reif ist,« dachte er, »Wäre ich's nicht
+gewesen, so wäre ein anderer gekommen, und die Krämer hierzulande können
+mir Dank sagen, daß ich ihnen die fremdländischen vom Halse geschafft
+habe.« An einem Wirtshause hielt er Mittagsrast, ließ sich ein gutes
+Essen geben und fuhr dann weiter. Unterwegs sah er eine Frau auf der
+Landstraße gehen, die ein Kind auf dem Arme trug und nur langsam vom
+Fleck kam. »Steigt auf, gute Frau,« rief er. »Seid gewiß rechtschaffen
+müde.« Sie nickte dankbar, ließ sich nicht lange bitten und reichte ihm
+das Kind zu, damit sie leichter aufsteigen konnte. Es war ein herziges
+Büblein von vier Jahren mit blauen Augen, blonden Löckchen und einem
+weißen Gesichtchen.
+
+»Seit des Morgens vier Uhr sind wir zu Wege,« erzählte die junge Mutter.
+»Bin mit dem Kinde in der Stadt gewesen bei einem Doktor. Das war ein
+gar gelehrter Herr, alles stand bei ihm voll von Geräten und Pfannen und
+Tiegeln. Er besah den Kleinen von allen Seiten und sprach fremde Worte,
+die ich nicht verstand. Dann gab er mir ein Fläschchen mit Arznei, die
+war gar teuer, und verordnete, ich solle jede Woche kommen und solch
+eine Flasche holen, und je mehr ich holte, desto besser wäre es für das
+Kind. Auf Speise und Trank soll ich es nicht ansehen und dem Kinde
+alles vom Besten und Feinsten geben und kein Hafermus, sondern nur Brei
+von weißem Weizenmehl. Milch aber soll es trinken den ganzen Tag, soviel
+es nur zu trinken vermag. Solch ein Doktor hat gut reden. Mein Mann ist
+ein armer Waldheger. Zu einer Kuh langt das Geld nicht, und Ziegenmilch
+kann das Büblein nicht vertragen. Ich möchte mir schier das Herz aus der
+Brust reißen für ihn und kann ihm doch nicht helfen.«
+
+Dabei drückte sie das Kind an sich und sah ihm liebreich in die Augen.
+Schlupps antwortete nicht viel, weil er nicht sprechen konnte. Es saß
+ihm etwas in der Kehle, was ihn drückte und würgte, und er mußte an sein
+lieb Mütterlein denken, das ihn immer geherzt und geküßt hatte und schon
+so lange unter dem grünen Rasen lag. Seitdem hatte kein Mensch mehr ein
+lieb Wort zu ihm gesprochen, und wenn er es auch gewiß nicht wahr haben
+wollte, so hätte er doch gern alle seine Schätze um ein gut Mutterwort
+gegeben. »Macht Euch keinen Kummer weiter, liebe Frau,« sagte er
+endlich, »unverhofft kommt oft; wer weiß, was Eurem Kinde noch Gutes
+widerfährt.«
+
+Da richtete die Frau ihren Kopf hoch und sah ihn getröstet an; denn
+einer Mutter klingt es wie Himmelswort, wenn man ihr etwas Gutes von
+ihrem Kinde sagt, und der Gedanke an eine Freude, die ihm begegnen
+könne, tut der Seele einer Mutter so wohl wie ein Gebet.
+
+»Wie weit habt Ihr's noch?« fragte Schlupps. »Noch reichlich zwei
+Stunden,« gab sie zurück, »gerade das Tal entlang, in dem Walde, den
+Ihr in der Ferne seht, steht mein Haus.« »Das trifft sich gut,« meinte
+er, »das ist mein Weg, und so kann ich Euch bis dahin fahren.« Die
+Rößlein liefen tapfer zu; denn ihr Herr hatte an ihnen nie den Hafersack
+gespart. Der Bursche ließ sich von der Frau erzählen, wie sie und ihr
+Mann lebten und erkannte immer mehr, daß sie ein braves, schlichtes
+Gemüt war, von den Menschen nur Liebes und Gutes dachte und sich von
+Keinem etwas Böses vermeinte. »Du sollst in deinem Glauben nicht zu
+schanden werden,« dachte er.
+
+Endlich, die Sonne ging schon nach Westen zu, langten sie an dem
+Häuschen an. Schlupps sprang herunter, nahm der Frau das Kind ab, das
+eingeschlafen war, und trug es in's Haus. Sie konnte nicht genug Worte
+des Dankes finden und bat ihn dringlich, bei ihr Rast zu halten und
+ihrem Heim nicht die Ruhe zu rauben, holte Brot und Ziegenkäse herbei
+und bat ihn, fürlieb zu nehmen.
+
+»Wüßt' ich nur, wie ich Eure Guttat vergelten kann,« überlegte sie.
+»Wart', ich hab's. Geduldet Euch eine Weile; ich bin bald zurück.«
+
+Als sie fort war, untersuchte Schlupps das Zimmer, in dem alles vom
+Einfachsten war. Tische und Bänke waren aus sauber gescheuertem
+Tannenholz, die bunte Truhe barg für jeden der Eheleute ein Gewand und
+auf dem Sims über der Ofenbank lag in ein sauberes Tuch geschlagen die
+Bibel. Die nahm der Bursche rasch herunter, schlug sie auf, blätterte
+darin und legte zwischen die Seiten je ein Goldstück, so daß jetzt das
+heilige Buch nicht nur mit goldener Rede, sondern auch mit goldener
+Münze gespickt war. Dann legte er das Buch wieder an seinen Platz und
+setzte sich an den Tisch. »Hier nehmt,« sagte die Frau noch außer Atem,
+»bin ein bischen rasch die Kellertreppe hinuntergesprungen. Hab mich
+besonnen, daß unten ein Fläschchen alten Weines liegt, den der Herr Graf
+meinem Manne geschenkt hat, als er krank war. Ich bitt' Euch, erweist
+mir die Gefälligkeit und nehmt's. Wir sind so etwas doch nicht zu
+trinken gewohnt. Es ist mir nur arg, daß ich denk, Ihr müßt so heimatlos
+umher ziehen und habt nicht Weib und Kind und keine Mutter, wie Ihr mir
+sagtet. Nehmt's mit, und wenn Ihr draus trinkt, vergeßt nicht mein Kind
+und mich. Sagt mir auch Euren Namen, daß ich Euch in mein Gebet
+einschließen kann.«
+
+Dem Gesellen war es ungewohnt, seinen richtigen Namen zu nennen und er
+sagte langsam: »Heinz Kurzweil.« Dann nahm er das Fläschchen, das eine
+absonderliche Form hatte, platt und breit war, so daß er es in eine
+Tasche seines Kittels stecken konnte.
+
+»Ich danke Euch,« sagte er und reichte ihr die Hand. »Bleibt gesund
+beieinand, und wenn einmal ein armer Handwerksbursch oder sonst ein
+Heimatloser bei Euch anklopft, dann seid gut zu ihm.«
+
+»Das will ich wohl,« beteuerte sie, »und jetzt hab ich noch eine Bitte
+an Euch, Heinz. Laßt mich Euch segnen, wie Euch Eure Mutter gesegnet
+hätte.« Da kniete der Bursche nieder, und die junge Frau legte ihm die
+Hände auf das Haupt, sprach ein Vaterunser und fügte eine Bitte um sein
+Wohlergehen hinzu, und Heinz war es, als sei er wieder ein klein Kind,
+das daheim im Bettchen läge, von Mutterliebe betreut. Denn allen
+Mutterhänden ist ein Zauber eigen, und wenn sie einem Menschen die Stirn
+berühren, sieht er die Kindheit wieder auferstehen, wo er auch immer
+sei.
+
+»Lest nur fleißig in der Bibel,« sagte der Bursche beim Abschied. »Denn
+Gottes Wort ist eitel Gold,« bestieg seinen Wagen und fuhr weiter, die
+Landstraße hinab in die ferne Welt.
+
+
+
+
+Unter der Linde
+
+
+Die Dunkelheit brach herein und er beschloß, nach Nachtlager
+auszuspähen; da hörte er helle Töne, fuhr zu und kam in ein Dorf. Unter
+der großen Linde geigten drei Fiedler; Burschen und Mädchen schwenkten
+sich im Tanz und stießen helle Jauchzer aus. Schlupps war nicht froh zu
+Sinn, sein Herz stand ihm nicht nach Lustigkeit, und er bog seitab, um
+seine Rößlein am Bache zu tränken. Da sah er auf einem Weidenstumpf zwei
+Menschen zusammengekauert hocken, einen silberhaarigen Greis und ein
+Weiblein. Sie hielten die Hände um die Kniee geschlungen, und aus den
+trüben Augen tropften schwere Tränen langsam über die Wangen herab.
+Erstaunt trat Schlupps näher; denn wenn ihm etwas arg schien, so war es
+der Anblick von Kummer und Sorge, und die beiden Huzzelchen sahen so
+kläglich aus, daß es ihm in die Seele schnitt.
+
+»Was fehlt Euch, Großvater?« fragte er und legte dem Alten die Hand auf
+die Schulter. Der schüttelte traurig das Haupt, ohne zu antworten; das
+Weiblein aber heftete den Blick auf den Frager und wies dann stumm
+hinüber nach der Linde, von wo das Jauchzen erscholl. Jetzt stand
+Schlupps ratlos und wußte nicht, was er aus der Antwort machen sollte.
+Er nahm sich aber zusammen, um seine Verlegenheit nicht merken zu lassen
+und meinte: »Weiß schon, was Euch fehlt; denn ich bin ein vielgereister
+Mann, der als Arzt gar berühmt ist und manchem geholfen hat, der schon
+meinte, es wäre Matthäi am letzten. Fasset Vertrauen und beichtet mir,
+was Euch härmt.«
+
+»Uns ist nicht zu helfen,« schluchzte das Weiblein. »Könnt Ihr uns unser
+Leben wiedergeben?«
+
+Da verwunderte sich Schlupps noch mehr; denn eine solche Klage hatte er
+noch nie vernommen. »Wollt Ihr Geld und Gut?« forschte er. »Nein, nein,«
+wehrte der Alte, »die können uns nichts nützen, uns steht der Sinn nicht
+nach Geldeswert. Nein, Herr. Damit Ihr aber nicht denkt, wir wären
+absonderliche Leute und das Alter hätte uns den Verstand verwirrt, so
+laßt Euch berichten, was uns fehlt, und wenn Ihr auch ein großer Doktor
+seid und manch Gebrechen heilen könnt, uns vermögt Ihr nicht zu helfen.
+Seht,« fuhr der Alte fort, »mein Weib, die Mariann, und ich waren arme
+Waislein und von der Gemeinde aufgezogen. Das ist ein hartes Brot, Herr,
+wenn man jede Woche auf einem andern Hof herumgestoßen wird, jedem im
+Weg und keinem zur Freud, und wenn die andern Kinder zu Vater und Mutter
+liefen, dann standen wir abseits, wünschten uns wohl auf den
+Gottesacker und neideten den Toten ihre Ruh. Keiner dachte an uns. Unser
+bischen Essen gab man uns manchmal gutwillig, manchmal mit scheelem
+Blick, und wie wir etwas herangewachsen, da mußten wir unser täglich
+Leben schwer verdienen. Die Mariann als Gänsehirtin, ich als Hirt, und
+uns beiden durfte der Strickstrumpf nicht in der Hand ruhen. Aber wir
+fanden doch Gelegenheit, zu einander zu laufen und versprachen uns, daß
+wir einmal einander angehören wollten und uns immer Lieb und Treue
+erweisen. Ich wurde dann Knecht und sie Magd. Ihr wißt, wie lange es
+währt, bis zwei solche soviel haben, daß sie ein Häuschen anschaffen
+können und ein Äckerlein pachten. Wir sparten und sparten. Wenn die
+andern zum Tanz gingen, schritten wir selband abseits, weil uns der
+Kreuzer für den Fiedler und das Schöppchen Sauren reute. So kam es, daß
+wir beide schon graue Strähnen hatten, als es zur Heirat langte und wir
+hier am Ende des Dorfes ein Häuslein erwerben konnten.« Er atmete tief
+auf, nickte der Alten zu und fuhr dann fort: »Dann kam Kind auf Kind.
+Die Mariann und ich schafften im Tagelohn noch nebenher, damit all die
+hungrigen Mäuler satt wurden und die junge Brut mit Schuh und Gewand
+sauber angetan Sonntag in die Kirche konnte. Als aber die Kinder so weit
+waren, da zogen sie in die Welt hinaus. Es duldete sie nimmer im
+Vaterhaus. Ging da gar eng her. Die Mädels taten sich als Mägde in die
+Stadt, die Jungen sind landein gewandert, und wir sitzen allein. Und wie
+wir das Lachen und Jauchzen hier hörten, da kam es uns in den Sinn, wie
+wir immer unser ganzes Leben abseits von aller Freude gestanden sind,
+wie heute bei der Linde, und daß wir ein Leben voll Müh und Arbeit, aber
+nie Freude und Lust gehabt haben. Und wißt, Herr,« setzte er hinzu, »in
+jedem Menschen ist eine Sehnsucht nach Freude, und wie die Tierlein froh
+sind, wenn die liebe Sonne scheint und nach ihr hinverlangen, so zieht
+es des Menschen Herz dazu, eine Freude zu haben. Sonst ist sein Sinn
+schwer und unfroh, und er weiß nicht, ob er lebt oder tot ist, und es
+liegt ihm die Kirchhofsrede schon bei Lebzeiten auf der Brust. Das ist
+uns heute zu Sinn gekommen, und nun lacht über die beiden närrischen
+Leute, die dem Leben nachlaufen wollen.«
+
+»Gott verhüte, daß ich da lachen wollte,« rief Schlupps. »Tät mich der
+Sünde fürchten. Aber froh bin ich, daß ich Euch getroffen habe und meine
+Kunst an Euch zeigen kann. Denn wißt: gebrochene Arme und Beine
+kurieren, das kann jeder, und ist keine besondere Kunst dabei. Aber wenn
+die Seele krank ist, da helfen, das ist erst das Rechte, Doktor Kurzweil
+ist nicht umsonst überall berühmt. Kaiser und Könige haben mich schon
+oft gebeten, ihnen zu helfen; denn die leiden an der Seele genau so wie
+andere Menschenkinder und oft noch mehr.«
+
+»Aber wir sind arm,« fiel das Weiblein ängstlich ein und dachte an die
+wenigen Silbermünzen, die es daheim im Strumpfe hatte. »Nicht um Geld
+darf ich Euch helfen, sonst ist es um meine Kunst geschehen,« sagte der
+Wunderdoktor. »Nur um Gotteswillen und um himmlischen Lohn. Setzt
+Euch her und schaut hinüber wie die Sonne noch einmal hinter den Wolken
+vorschaut, und wie die Wiese daliegt, als wäre sie rot wie die Wangen
+eines Mägdleins, und die Bäume heben die Zweige wie junge Burschen das
+Haupt, wenn sie zu ihrer Liebsten gehen. Hier aber,« und er nahm das
+Fläschchen heraus, »das soll Euch Eure Wünsche erfüllen. Ist kein
+gefährlicher Zauber dabei und kein Unrecht. Es ist ein Trank von
+Sonnenglut gereift und von Gott gesegnet. Trinkt jeder einen herzhaften
+Schluck und sagt: 'Gott helf!'«
+
+[Illustration: Der Glutentrank]
+
+Er machte ein so treu Gesicht, daß das alte Weiblein Mut faßte und
+trank, und da es des Weines ungewohnt war, rannen ihm die Tropfen wie
+Feuer durch den Leib und das Blut stieg ihm zu den Wangen. »Ei Mariann,«
+scherzte ihr Gespons, »du glühst ja wie ein jung Mägdlein,« nahm ihr die
+Flasche aus der Hand, tat einen kräftigen Zug und auch ihm war es, als
+ob ein neu Leben in ihm blühe.
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+Er faßte ihre Hand, und so standen sie aufgerichtet da und schauten in
+die Sonne, deren rote Glut über sie hinflackerte und die alten Augen mit
+hellem Licht erfüllte, daß sie leuchteten. »Trinkt noch einmal,« mahnte
+der Doktor. Da begannen sie herzhaft zuzugreifen, und wie jetzt die Töne
+von der Linde herüberschallten, hob der Alte erst ein Bein und dann das
+andere, faßte die Liebste an der Hand, und das Pärchen begann sich zu
+drehen und zu schwenken. Dann neigten sie sich über den Bach, der ihre
+Gesichter im matten Abendschein widerspiegelte, und der Alte sprach:
+»Ei, Mariann, wie bist du jung und schön. Deine lieben Augen glänzen
+noch wie damals, da du als junge Dirn am Hoftor auf mich gewartet.« Und
+sie nickte und sagte: »Bist doch ein stattlicher Bursch, und wenn die
+Mägdlein wüßten, was für ein Schöner mein Liebster ist, kämen sie und
+neideten dich mir.«
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+Dann faßten sie einander wieder an, neigten und drehten sich und lachten
+mit dem ganzen Gesicht. Und Heinz Kurzweil stand abseits und sah zu, wie
+der Mond langsam heraufstieg und die beiden Alten mit weißem Licht
+beschien. Nach einer Weile nahm er das Paar bei der Hand; denn es hatte
+zu tanzen aufgehört und lauschte, einander umschlungen haltend, auf die
+Weisen, die fernher leise ertönten. Er leitete die beiden Treuen in ihre
+Hütte und sprach. »So oft bei Vollmond unter der Linde Musik erklingt,
+geht hinaus an die Stelle, wo ich Euch getroffen und achtet darauf, daß
+Euch kein menschlich Auge gewahre: Trinkt aus dem Fläschchen und der
+Zauber wird wieder mächtig. Ist aber der Trank zu Ende, dann bescheidet
+Euch und denkt, daß es Gottes Wille war.« Damit wandte er sich ab und
+fuhr hinaus in die Nacht.
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+Schulmeister Neunmalgescheit
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+So zog Schlupps durch die Lande, beobachtete die Menschen und bekam es
+manchmal überdrüssig, ihr Treiben anzuschauen. Sah er sie doch
+allerorten die gleichen Torheiten vollführen, und mehr als einmal konnte
+er der Versuchung nicht widerstehen, sie seine Launen und seinen Spott
+fühlen zu lassen. Nur der Müßiggang wurde ihm allmählich verleidet. Er
+hätte gern ein rechtschaffen Gewerbe angefangen und konnte sich doch
+nicht dazu entschließen; denn das Schreinerhandwerk war ihm zuwider und
+etwas anderes, das ihm Freude machte, wußte er nicht.
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+Eines Tages kam er in einen Flecken, in dem die Häuser gar sauber
+aussahen, die Gassen ordentlich gehalten waren. Man mußte nicht
+fürchten, daß einem die Gäule die Beine in den Löchern brachen und daß
+der Schlamm bis in den Wagen hineinspritzte. An den Fenstern standen in
+Scherben Nelkenstöcke oder Blaublümlein, und hinter den blinkenden
+Scheiben lugten fröhliche Mädchengesichter hervor. »Hier ist gut sein,«
+dachte Schlupps. »Hier liegt die Freude auf der Gasse und scheinen gar
+gute Leute im Ort.« Da hörte er aus einem Hause Weinen und Wehklagen,
+stieg vom Wagen ab, band sein Rößlein an einen Baum und schlich sich
+näher, um durch die Fenster zu spähen, was es denn Trauriges gäbe. Wie
+er so hinblickte, sah er eine Menge Kinder, große und kleine, auf Bänken
+sitzen und merkte, daß er vor dem Schulhause stand und die Kleinen vom
+Schulmeister unterwiesen wurden. Der war ein langer, hagerer Mann, mit
+einem Gesicht wie ein Raubvogel, die Nase stand ihm wie ein gekrümmter
+Schnabel heraus. Er trug ein blaues Wams mit goldenen Knöpfen, auf dem
+Kopfe hatte er ein klein Käppchen, unter dem eine mächtige Perücke
+hervorsah, in der Hand aber eine lange Gerte, mit der schmitzte er über
+die Bänke herüber.
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+Aber eins wollte Schlupps nicht recht in den Sinn und erschien ihm
+sonderbar. An der Seite zum Fenster zu, wo das Licht hineinfiel, saßen
+Kinder, Knaben und Mädchen, denen man ansah, daß sie guter Leute Kind
+waren und daheim alles voll und viel hatten, denn die Jöppelchen waren
+von echtem Tuch, und die Mädchen trugen Schürzen und Jäckchen gar nett
+und zierlich; einige hatten Häubchen auf dem Kopfe, die mit Gold
+verputzt waren, wie man sie zum Kirchgang anlegt. An der Wand entlang
+auf den Bänken aber saßen Buben und Dirnchen, die wohl sauber, doch
+ärmlich angezogen waren, mit Holzschuhen an den Füßen. Die Spenzer und
+Röckchen hatten Flicken in allen Farben, auch waren die Schürzen von
+grobem Stoff und arg verwaschen, und der erfahrene Mann sah bald, daß
+hier die armen Häusler- und Taglöhner-Kinder saßen. Wenn eines von ihnen
+sich bewegte, fielen die Holzschuhe von den Füßen und klapperten auf dem
+Boden, denn es war Sommer und da sparte man gern die Strümpfe, die noch
+den langen Winter halten müssen.
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+»Den Schulmeister muß ich mir einmal in der Nähe betrachten,« dachte der
+Neugierige, fuhr in das Gasthaus, gab Pferde und Wagen dort ab und ging
+in den Kramladen, wo man allerlei einkaufen konnte.
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+»Gute Frau,« sagte er zu der Alten, die ihn frug, was er begehre. »Habt
+Ihr eine große Hornbrille, dieweil meine auf der Fahrt zerbrochen ist?«
+-- »Mein', daß ich eine hab! Ein Fremder, der mich nicht bezahlen
+konnte, hat sie mir als Pfand dagelassen. Er ist aber nimmer
+wiederkommen, also daß ich sie wohl verkaufen kann.«
+
+Damit fing sie an, nach der Brille zu suchen, die sie irgend wo gut
+versteckt hatte, und nachdem sie alle ihre Ware durchwühlt, und Brot,
+Käse, Tücher, Schnupftabak, Zunder, Strümpfe und Gewürz herausgenommen
+und wieder in die Gefache gelegt hatte, fand sie endlich die Brille. Die
+war gar groß und bedeckte dem Käufer die halbe Stirn und die halbe
+Wange.
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+»Was bin ich dafür schuldig?« fragte Schlupps. »Zahlt mir die Zeche, die
+der andere schuldig geblieben ist. Es waren zwei Kreuzer und drei
+Heller.« Deß war er zufrieden, strich sich die Haare nach beiden Seiten
+der Stirn glatt, ließ sich von der Frau ein Stück Kreide geben und fuhr
+damit über die Scheitel, also daß diese weiß aussahen und die schwarze
+Farbe nur wenig durchschimmerte; dann setzte er die Brille auf und hatte
+jetzt das Aussehen wie ein hochgelehrter Herr.
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+»Ist eine Schule am Ort?« fragte er die Frau, die hin und her gegangen
+war, in der Küche die Suppe verrührte, die Katze vom Milchtopf jagte und
+auf das Gebahren des Fremden wenig acht gab; denn sie war schon alt und
+kümmerte sich nicht mehr viel um andrer Leute Tun. »Will's meinen,«
+sagte sie. »Ist der Schulmeister schon lange im Dorf?« »Ach nein, Herr,
+der ist erst kurze Zeit da, und ist leider nicht so wie unser alter, der
+vor einem Jahr gestorben ist. So einer kommt nicht wieder.« »Erzählt mir
+von ihm,« bat der Fremde, denn er merkte, daß er jetzt das gefunden
+hatte, wovon zu erzählen ihr Herz erfreute.
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+Auf all seinen Fahrten hatte er eines wahrgenommen: daß auch der
+Verschlossenste redselig wird, wenn er von dem sprechen kann, was ihm
+im tiefsten Herzen sitzt. Und weil Schlupps die Gabe besaß, an jedem das
+herauszufinden, was ihm das Beste dünkte, so wußte er jedermanns
+Vertrauen zu gewinnen und lernte den Menschen in die Seele schauen. Nun
+sagte er: »Liebe Frau, ich habe von Eurem Schulmeister gehört; aber von
+Euch, die Ihr ihn gut gekannt habt, möchte ich noch mehr wissen.«
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+»Ja, wie soll ich Euch den beschreiben?« besann sich das Weiblein.
+»Fünfzig Jahre hat er seines Amtes gewaltet. Wie er kam, lag das Dorf im
+Argen. Der vor ihm war, hatte kaum vermocht, die wilden Buben zu zügeln
+und die Mädchen zur Ordnung anzuhalten. Aber der konnte es, keiner wußte
+wie. Bei dem vorigen ruhte der Bakel nimmer, und es regneten nur so die
+Strafen. Oft kam es, daß eine ganze Reihe Kinder vor der Kirche hinknien
+mußten, zur Schande der Eltern; denn das war damals der Brauch so, Herr.
+Jetzt hörte das mit einem Male auf. Wie er eigentlich hieß, wußte
+keiner. 'Nennt mich Herzfroh,' sagte er, wenn man seinen Namen wissen
+wollte. Ich glaube, er war weit her und ohne Anverwandte.
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+Manche sagten, er sei ein Grafensohn, und von Hause verstoßen, andere,
+er habe nicht wollen Mönch werden und sei daheim entwichen -- niemand
+wußte etwas Genaues. Aber die Kinder hatten ihn bald lieb, und wenn sie
+sonst mit Heulen und Zähneklappern in die Schule gingen, so war es jetzt
+für sie eine Lust und Freude. Selbst die Kleinsten quälten die Eltern,
+sie sollten sie zu dem guten Schulmeister schicken.
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+War ein besonders böser Bub unter der Schar und drohte dem der Vater,
+er wolle seine Rute an ihm zerschlagen, dann holte ihn der Herzfroh in
+sein Haus, behielt ihn da einige Zeit bei sich, und kehrte der Junge
+heim, dann erkannte keiner den Unwilligen von vordem wieder.« »Hatte er
+denn Weib und Kind?« fragte Schlupps. »Ach nein,« entgegnete sie. »Das
+war es auch, daß manche meinten, seine Lieben seien ihm gestorben, und
+er habe sich deshalb hierher geflüchtet, wo ihn keiner kannte, und es
+mag wohl etwas derart gewesen sein, denn er nahm sich besonders der
+Waisen an, und die hatten an ihm Vater und Mutter.
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+Eine Magd führte ihm Haus. Gegen jeden war er freundlich. Den Frauen
+schenkte er Setzlinge für ihre Blumenstöcke, die Männer unterwies er,
+wie sie ihre Obstbäume pflegen sollten, und als die Eltern sahen, wie
+sauber und ordentlich ihre Kinder wurden, wie sie auf sich hielten, da
+wollten sie hinter den Kindern nicht zurückstehen, und so kam Zucht und
+Ordnung in unser Dorf. Wie dann die Kleinen, die er großgezogen,
+heranwuchsen und selbst Kinder hatten, da war es schon leichter mit dem
+Schulehalten. Und wenn der Schulmeister in ein Haus trat, da war es
+jedem, als käme sein leiblicher Vater zu ihm. Dabei tat er den Leuten
+nichts besonderes, nahm von keinem etwas an, schenkte aber den Armen,
+was er entbehren konnte. Für ihn gab es keine größere Freude, als wenn
+ein Bauer sagte: 'Schulmeister, ich hab ein Schwein geschlachtet und den
+Armen ein Teil Würste gegeben um Euretwillen.' Dann strich er am
+Sonntag Nachmittag unter der Linde die Fiedel, und die Buben und Mädel
+sangen dazu. Denn das wollte er haben. Singen mußte alles und froh sein.
+'Fröhlich lachen schafft halbe Arbeit,' meinte er. Nun ist er tot, und
+jedem fehlt er. Die Kleinsten sind gar am übelsten dran.«
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+»Warum denn die?« fragte Schlupps, der aufmerksam zugehört hatte.
+»Seht,« sagte sie flüsternd, »da ist jetzt ein Neuer, der ist gar herb
+und grandig und ganz anders, wie Herzfroh war. Die Reichen setzt er
+gesondert von den Armen. Nie hört man bei ihm in der Schule lachen, und
+wenn die Kleinen ihn kommen sehen, springen sie von der Gasse fort und
+verstecken sich hinter der Haustür. Wenn der Herzfroh einmal gescholten
+hat, dann geschah es aus lauter Liebe und Güte und tat wohl. Wenn der
+aber nur vorbeigeht an einem Haus, wird die Milch im Keller sauer von
+dem Gewitter, das in seinem Gesicht steht. Und Ihr sollt sehen, Herr,
+unser Dorf bleibt nimmer wie es ist. Wo die Kinder unfroh sind, kann
+nichts gedeihen und entsteht bald Zank und Unfrieden. Ist mir nur um
+meine armen Kindeskinder leid, das Lenerl und der Hansi, die gar so
+lustige Gemüter haben und jetzt sich nimmer zu lachen getrauen. Aber da
+klag ich dem Herrn meine Kümmernisse und gehen ihn doch nichts an. Er
+meint gewiß, ich wäre ein schwatzhaft Weib.«
+
+»Nicht so, liebe Frau,« sagte Schlupps. »Wißt, ich bin ein berühmter
+Gelehrter und weiß von Kindererziehung gar viel. Ich war in mancherlei
+Landen, hab aber immer gefunden, daß Lachen dem Menschen gedeiht und
+eine Gottesgabe ist wie das liebe Brot. Wer den Kindern das Frohsein
+verkümmert und läßt sie in Mißmut aufwachsen, dem gebührt, daß er in der
+tiefsten Hölle sitzt und nimmer herauskommt. Gehabt Euch wohl, gute
+Frau!«
+
+Damit ging er fort und stracks auf das Schulhaus zu, klopfte an und trat
+ein. »Verzeiht, Herr Kollege,« sagte er. »Ich komme von weit her. Mein
+Name ist Neunmalgescheit, bin Professor in Padua und will in Deutschland
+die Schulmeisterei aus dem Grunde studieren. Da hat man mich zu Euch
+gewiesen und mir gesagt, daß Ihr, der Schulmeister Säuerling, einer von
+denen seid, die es am besten verstünden. So erlaubt, daß ich zuhöre, wie
+Ihr es macht und laßt Euch durch mich nicht stören.«
+
+Der Schulmeister verneigte sich bei dieser Anrede unaufhörlich und wußte
+nicht, wie ihm geschah; denn er war heute gar nicht zum besten
+aufgelegt, weil er seinen grünen Tag hatte.
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+So nannten es die Kinder, wenn sie in die Schule kamen und sahen, wie er
+mit zusammengekniffenen Lippen grün und gelb im Gesicht in dem
+Schulzimmer hin- und herlief und jedem Kinde, das hereintrat, einen Hieb
+mit der Gerte austeilte. An solchen Tagen mußten sie still sitzen, ihre
+Tafeln vollkritzeln und durften den ganzen Tag kein Wort sprechen. Er
+sprach auch nicht und rannte nur immer auf ein- und derselben Planke am
+Boden auf und nieder; trat nicht rechts und nicht links und warf zornige
+Blicke auf die Kleinen.
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+Hatte er aber seinen roten Tag, dann stand er schon vor dem Schultor,
+die Kinder zu erwarten, hochrot im Gesicht und dann schrie und wetterte
+er auf die Kleinen ein, daß ihnen Hören und Sehen verging und sie vor
+Angst nicht antworten konnten. Er nahm sich auch nicht die Zeit, sie zu
+unterweisen, sondern schrie und tobte nur immer ärger. So kam es, daß
+keines etwas lernte, weder die Dummen noch die Gescheiten, und alle
+unwissend geblieben wären, hätten sich nicht manche Eltern erbarmt und
+die Kinder im Lesen und Schreiben angelernt, und diese zeigten es wieder
+den andern.
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+Der Schultheiß hatte schon einmal mit dem Pfarrer Rücksprache gehalten,
+daß ein anderer Lehrer ins Dorf sollte. Der Geistliche aber war mit der
+Zucht des Lehrers sehr einverstanden. Ihn freute es, wenn die Kinder in
+der Kirche still, mit gesenktem Kopfe dasaßen und nicht wagten, die
+Augen aufzuschlagen. Er wußte nicht, daß die Furcht vor dem Schulmeister
+sie so brav machte; denn Säuerling stand in der Nähe der Kinderbänke und
+drohte jedem, der sich rührte, mit Schlägen.
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+Bei dem Grafen aber durfte man sich gar nicht beklagen; denn der hatte
+dem Schulmeister die Stelle verliehen und ließ sich in seine Sachen
+nicht dreinreden. »Für die Dorfkinder ist der gut genug,« sagte er auf
+alle Vorstellungen und Bitten; denn er war froh, ihn los zu sein. Ein
+Vetter hatte ihm den Mann zugeschickt und ihn gebeten, ihm zu einem
+Auskommen zu verhelfen; und so hatte der Herr Graf es versucht, ihn als
+Schulmeister für seine eigenen Kinder zu nehmen. Aber die konnten sich
+in die Art des Mannes nicht finden. Sie waren gewohnt, ungebunden und
+frei zu sein, und so kam Säuerling an die Stelle von Herzfroh. Schlupps
+gab acht auf den Unterricht, wie es der Lehrer mit den Kindern machte.
+Er lief hin und her, warf eine Frage auf, gab dann eines nicht Antwort,
+so frug er das zweite und so fort. Er erklärte nichts, und es schien ihm
+ganz gleich, ob sie das Gefragte verstanden oder nicht.
+
+Dann hieß er die Kinder aufstehen und führte sie in den Hof hinab. Da
+hatte er platt auf den Boden Fäden gespannt, auf denen mußten die Kinder
+einzeln entlang gehen, eines hinter dem andern. »Seht, Herr,« sagte er,
+»das ist die Hauptsache im Unterricht, daß jedes lernt, nur nach der
+Schnur laufen, nicht abbiegen, noch rechts und links, und immer die
+Augen auf mich gerichtet halten.«
+
+Trat aber eines der armen Würmchen mit einem Fuß über die Schnur, dann
+wetterte der Lehrer und schlug auf es ein. »Wenn es nach mir ginge,
+wären im ganzen Orte solche Schnüre gezogen,« meinte Säuerling zu seinem
+Gaste, »und jeder sollte lernen, darauf gehen, daß es eine Lust wäre.
+Seht unser Dorf an,« fuhr er fort, »wie es ausschaut. Der eine hat sein
+Haus rot gemalt, der andere blau; die eine Dirne hat Nelken am Fenster
+und die andere Blauveiglein. Sieht der Ort nicht aus wie ein Hänfling?«
+»Wie meint Ihr, daß Euer Dorf aussehen müsse?« fragte der Professor
+Neunmalgescheit ernsthaft.
+
+»Weiß wie der Tag und schwarz wie die Nacht. Die Häuser schwarz wie die
+Erde; denn die ist ein Jammertal, und die Fenster weiß vom Sonnenlicht;
+denn das soll hineinscheinen und die Menschen in all ihrer
+Schlechtigkeit beleuchten, daß sie sehen, wie erbärmlich sie sind. Und
+ich setze es auch noch durch. Unter meinem Vorgänger ist gar viel Unfug
+eingerissen, das muß ich umwandeln.«
+
+»War gewiß ein jung Blut?« meinte Schlupps entschuldigend.
+
+»Nein, das ist es gerade,« ereiferte sich Säuerling. »Alt war er schon
+und hielt doch noch die Leute zum Singen an und zur Kurzweil. Als ob der
+Mensch dazu auf der Welt wäre. Ich werde ihnen aber schon die rechte Art
+beibringen, und wenn sie sich auch widersetzen. Kann ich bei den Großen
+nichts erreichen, so sollen die Kleinen anders werden. Wie ich es für
+Recht halte, muß es in der Welt zugehen. Alles schön geordnet. Die
+Reichen für sich und die Armen für sich. Die Alten allein und die Jungen
+abseits. Eingeteilt sollten sie werden. Wie das Gerät in einem Schrank
+darf nichts durcheinander gehen, jedes für sich und Alles nach der
+Schnur.«
+
+»Recht habt Ihr, Schulmeister,« gab Schlupps bedächtig zurück. »Hab das
+schon lange gemeint und bin nur froh, daß ich einen finde wie Ihr seid.
+Schade, daß der liebe Herrgott Euch bei der Erschaffung der Welt nicht
+hat fragen können. Wie viel Ungelegenheit und Unruh wäre da erspart
+geblieben! Wirklich, Ihr seid ein grundgelehrter Mann.«
+
+Säuerling lächelte zum ersten Male. Das Lob tat ihm gar wohl. Hatte bis
+jetzt selten ein solches gehört.
+
+»Eigentlich bin ich nicht zum Schulmeister bestimmt gewesen,« sagte er
+vertraulich. »Mein Vater war Schuster und hat mich in seinem Handwerk
+unterwiesen, ließ mich immer die Stiefel für die Arbeitsleute machen,
+die er auf den Märkten feil hielt, weil es keiner so gut wie ich
+verstand, alles über einen Leisten zu arbeiten. Das Schusterhandwerk war
+mir aber verleidet, weil es mich verdroß, daß ich für rechts und links
+einen besonderen Stiefel machen mußte und das Verschiedenerlei mich
+ärgerte. Deshalb ging ich zu einem Bader in die Lehre und mußte alle
+Leute einseifen, dieweil er mit dem Messer kratzte. Dies Geschäft gefiel
+mir schon besser. Das geschah immer gleich, sodaß kein Unterschied dabei
+war. Ob Alt ob Jung, alle mußten stillsitzen, wie ich befahl. Da starb
+der Bader. Das Scheren mit dem Messer verstand ich nicht, denn es ist
+ein gar schweres Handwerk. So nahm mich ein Magister in sein Haus,
+unterwies mich, der ich nur notdürftig lesen und schreiben gelernt
+hatte, in seiner Kunst. Dafür mußte ich die alten Pergamente, die er
+hatte, ausklopfen, daß sich kein Staub hineinsetzte. Wie auch der eines
+seligen Todes verblich, vermachte er mir seine Bücher und seine
+Perrücke. Letzteres tat mich am meisten freuen, dieweil mein Schädel
+wenig bewachsen war.
+
+Mein Vater hatte aber einen Kunden, einen Grafen, der oft zum Magister
+gekommen war, um von ihm die Kunst des Goldmachens zu erlernen. Haben
+Tag und Nacht daran studiert, wollt' aber nichts gelingen. Dieser Graf
+wies mich her an unsern hochmögenden Herrn, und so bin ich hier, um in
+die Bauernschädel Ordnung zu bringen und sie zu rechten Menschen zu
+erziehen.«
+
+»Habt Ihr kein Weib, Schulmeister?« fragte Schlupps.
+
+»Nein,« war die Antwort, und Säuerling machte ein Gesicht, das aussah
+wie sein Name.
+
+»Ist es tot?« forschte Doktor Neunmalgescheit. »Nein. Davongelaufen ist
+mir's.« Die Sache war aber so: Säuerling hatte ein Weib gehabt, das war
+eines Tages auf und davon gegangen und zu seinem Vater zurückgekehrt.
+Als der Richter ihr Vorstellungen machte, daß ein braves Eheweib bei
+ihrem Gatten zu bleiben und eine gute Ehe zu führen habe, erklärte sie
+ihm, eine Ehe mit einem fromm gesinnten braven Manne wolle sie wohl
+führen; einer aber, der alles besser wissen wolle als der liebe Gott
+selber, habe keinen Glauben. Denn Gott habe die Menschen verschieden
+gemacht, ihr Mann aber wolle alle nach einem Muster. Wer anders sei als
+er, wäre in seinen Augen ein schlechter Mensch, und da sie eine Frau und
+kein Mann sei, so könne sie auch nicht denken wie Säuerling und ihre Art
+nicht ablegen und verleugnen. Er solle sich zum Frommsein bekehren und
+was Gott geschaffen habe als recht annehmen, dann wolle sie zu ihm
+zurückkehren. Da er sich aber nicht ändern wollte und bei seiner Art
+verharrte, blieb sie bei ihrem Vater und gedieh von nun an wie ein Apfel
+am Baume, den die Sonne bescheint, während sie vorher war wie eine
+Schlehe, die im Schatten gewachsen war.
+
+Der Richter merkte, daß er einer Weiberzunge nicht gewachsen sei, gab
+ihr im Grunde recht, sprach mit Säuerling und suchte ihn umzuändern.
+Wies ihm nach, daß Gott wohl gewußt, warum er so vieles auf der Welt
+verschieden gemacht habe, und riet ihm, daß er doch versuchen solle, mit
+den Menschen in Güte auszukommen. Aber da stieß er auf den Unrechten;
+denn der Ehemann konnte keine Widerrede vertragen und ereiferte sich
+sehr, wenn ihn jemand tadeln wollte.
+
+Also ließ ihn der Richter gehen und dachte sich sein Teil. Daher kam es,
+daß Säuerling nicht in der Heimat geblieben war, sondern auswärts ein
+Unterkommen gesucht hatte. »Wißt Ihr, Schulmeister,« nahm der Herr
+Neunmalgescheit das Wort, »Ihr tut mir leid, daß Ihr hier sitzen müßt.
+Ihr gehörtet an einen andern Platz, und weil ich sehe, was für ein Mann
+Ihr seid, will ich Euch ein Geheimnis anvertrauen.« Säuerling spitzte
+die Ohren und sagte: »Da bin ich sehr begierig, Herr Kollege. Ist mir
+eine Ehre, daß ein so großer Gelehrter sich zu mir herabläßt.« »Das
+kommt, weil Ihr bei meinesgleichen gewesen seid und habt dürfen die
+alten Pergamente bewachen. Hättet Ihr in sie hineingeschaut, wäre Euch
+noch manches klarer im Kopfe geworden, und Ihr wüßtet, wie man es dazu
+bringt, die Welt nach seinem Willen zu lenken. Hier ist nicht der Ort,
+über Dinge zu sprechen, die Unberufene nicht hören dürfen. Heute Abend,
+wenn es dunkelt, kommt auf den Kirchhof hinaus, da können wir von
+erhabenen Geheimnissen reden, und ich will Euch zu Eurem Glücke
+verhelfen.«
+
+Damit nickte er recht stolz und hochmütig, als hätte er alle
+Gelehrsamkeit der Welt in sich und verließ das Schulhaus. Säuerling aber
+war wie benommen von dem, was er gehört hatte, so daß er wie im Traum
+umherging und vergaß, die Kinder zu prügeln, ja, es nicht einmal merkte,
+als eines heimlich lachte. Das Sünderlein steckte rasch den Kopf unter
+die Bank und harrte vergeblich seiner Schläge. Kaum erklang die
+Vesperglocke, so liefen die Kinder fort und wußten nicht, wie ihnen
+geschehen war. Solch einen Nachmittag hatten sie lange nicht erlebt.
+
+Am Abend, als es dunkel wurde, schlich ein Mann auf den Gottesacker,
+trat hinter einen großen Leichenstein und wartete. Wartete auf einen,
+der lang und schmal wie ein leibhaftiger Schatten zwischen den
+Gräberreihen dahin schlich und ängstlich um sich schaute. Denn so tapfer
+Säuerling vor seinen Kindern war, wenn es galt, sie zu dreschen, so
+feige fühlte sein Herz, wenn er allein war. Er fuhr daher erschreckt
+zurück, als der zuerst Gekommene auf ihn zuschritt und ihm feierlich
+winkte.
+
+»Ach, Ihr seid's, Herr Professor,« atmete der Schulmeister auf. »Dachte
+schon, ein Geist wäre es.« »Der könnte Euch nichts anhaben,« versicherte
+Schlupps lächelnd, »dieweil Geister am liebsten mit ihresgleichen zu tun
+haben und merken würden, daß Ihr nicht zu ihnen gehört. Aber kommt her,
+daß niemand wahrnimmt, was ich Euch anzuvertrauen habe.« Damit führte er
+Säuerling tief hinten an die Mauer und hieß ihn auf einen umgestürzten
+Leichenstein niedersitzen.
+
+»Wißt,« hub er an, »ich habe viel alte Pergamente durchstudiert und
+wollte wissen, wie man es fertig bekommt, die Menschen nach seinem
+Willen zu lenken und sie sich untertan zu machen. Da entdeckte ich denn,
+daß einst vor tausend Jahren hier im Walde ein weiser Mann etwas
+vergraben habe.«
+
+»Horcht,« unterbrach ihn Säuerling. »Hört Ihr nicht die Hunde bellen?
+Oh, es ist furchtbar, wenn sie so zu aller Tag- und Nachtzeit heulen und
+kläffen. Wißt, daß mir nichts so zuwider ist, als bellende Hunde und
+krähende Hähne. Die machen ihr Maul immer zur Unzeit auf, statt
+ordentlich an bestimmten Tagesstunden zu schreien.« »Hört zu,
+Schulmeister, und unterbrecht mich nicht. Also hier im Walde hat
+besagter Mann etwas vergraben: Ein Knäuel, aufgerollt aus Bindfaden. Die
+Stelle habe ich gefunden; aber ausgraben darf ich es nicht; denn es muß
+ein Mensch sein, der nie Unrecht getan hat, nie Böses von den Menschen
+gedacht und ihnen immer Gutes erwiesen. Ein solcher kann, wenn er das
+Knäul aufrollt, die ganze Welt damit umspannen und hat dann Macht über
+alle Seelen. Ergreift es aber ein Unwürdiger, so kommt der Satan in
+Hahnengestalt mit dem Gebrüll eines wütenden Hundes und jagt den
+vermeintlichen Weltbezwinger in die Hölle hinab. Nun seht, Schulmeister,
+ich bin ein sündiger Mensch, der schon manchem Unrecht getan hat. Ihr
+aber scheint besser zu sein denn ich, und so frage ich hiermit feierlich
+und rufe den Mond und die Sterne als Zeugen an: Seid Ihr der Mann, das
+Knäul zu heben? So will ich Euch die Stelle zeigen und nichts dafür
+verlangen, als was Ihr mir gutwillig gebt. Ihr aber werdet Herr der
+Welt, und niemand darf Euch etwas verweigern.«
+
+»Der Mann bin ich!« rief Säuerling und streckte seine Hand hoch. »Nie
+habe ich Unrecht getan; denn ich bin die Gerechtigkeit selbst. Die
+reichen und armen Kinder habe ich gesondert, weil Gott die Menschen
+unterschiedlich geschaffen hat und man ihnen immer seinen Willen vor
+Augen halten soll. Böses habe ich nie besonders von ihnen gedacht; denn
+ich weiß, daß die Menschen von Grund aus böse sind, und so habe ich sie
+nur für das angesehen, was sie sind und nie etwas dazu getan. Gutes habe
+ich ihnen erwiesen; denn ich hab' sie von Tand und Lustigkeit abgehalten
+und sie hingewiesen auf das, was allein ewig bleibt, -- -- auf die
+Trauer und die Unlust an der Welt. Und so,« schloß er, »hätte der Herr
+Professor können keinen Gescheiteren finden als mich. Als Dank aber will
+ich ihm meine Stelle vermachen. Da kann er in meinem Sinne weiter wirken
+und die Kinder unterweisen.«
+
+»So steht dem Werke nichts mehr im Wege,« sprach der Herr Professor aus
+Padua. »Findet Euch morgen gegen Mitternacht hier ein. Alles Nötige
+werde ich mitbringen. Bereitet Euch vor durch Buße und Reue, falls Ihr
+noch eine Sünde auf dem Gewissen habt.« »So sündenrein wie ich ist
+niemand,« erwiderte Säuerling. »Aber jetzt tut mir die Liebe und
+geleitet mich zu meiner Behausung. Denn die Hunde bellen, wenn ich an
+den Häusern vorbeigehe, und Ihr wißt, das kann ich nicht vertragen. Bald
+will auch die Sonne aufgehen und die Hähne beginnen zu krähen.« »Geht
+nur allein, Schulmeister,« sagte Schlupps, »langsam über den Friedhof,
+stoßt an keinen Leichenstein, daß kein Nachtgespenst aus seiner Ruhe
+aufgeschreckt wird und Euch an den Kopf springt. Denn wißt, es gibt auch
+falsche Geister, die dem Menschen in den Kopf springen und nimmer
+herausgehen. Dann haltet Euch genau in der Mitte der Straße, seht nicht
+rechts und links um Euch, bis Ihr in Eurem Bette liegt. Das Weitere
+kommt morgen.« Und der Schulmeister schlich zitternd und angstvollen
+Herzens fort, sah sich nicht um und war froh, als er in seinem Bette lag
+und die Decke über den Kopf ziehen konnte. Am liebsten hätte er gar
+keine Schule gehalten; da das nicht anging, ließ er die Kinder kommen
+und suchte ihnen heute nur Freundlichkeiten zu erweisen. Er forderte sie
+auf fromme Sprüche zu sagen und erzählte ihnen dann, daß er dereinst die
+Welt beherrschen und zu hohen Ehren gelangen würde. Dann entließ er sie,
+schloß das Schulhaus ab und erwartete mit Ungeduld den Abend.
+
+Indessen war Schlupps auch nicht faul gewesen. Als er den Kirchhof
+verlassen hatte, setzte er die Brille ab und begab sich in das
+Wirtshaus. Am andern Morgen erkundigte er sich, ob nirgends Hunde zu
+verkaufen seien. »Das wohl,« beschied ihn der Wirt. »Geht nur hinaus auf
+den Anger, wo der Schäfer weidet, der hat solche zu vergeben. Sag Euch
+aber gleich, daß es bissige Tiere sind, die man nicht frei herum laufen
+lassen darf und die keinem gehorchen außer ihrem Herrn.«
+
+Das war Schlupps gerade recht. Er ging zu dem Schäfer hinaus und fand
+ein Männchen mit faltigem Gesicht und verschmitztem Ausdruck. Neben ihm
+saß ein kleines Mädchen. »Ist das Euer Jüngstes, Schäfer?« fragte er.
+»Jawohl, Herr; die andern sind noch in der Schule.« »So, so, hab' da
+hineingeguckt, gefällt mir gar nicht, Euer Schulmeister; bin zwar selber
+einer, möcht' aber keine Kinder um mich haben, die nicht lachen und froh
+sind.« »Ihr seid mein Mann,« rief der Schäfer. »Wollte Gott, wir hätten
+einen wie Ihr seid und wären den Sauertopf los.« »Dazu könnt Ihr
+kommen,« lachte der falsche Schulmeister. »Hab einen gar feinen Plan und
+wenn Ihr, Schäfer, mir helft, so sollt Ihr den Griesgram bald vom Ort
+haben.« »Da bin ich dabei. Sagt, was Ihr begehrt.« »Ich brauche nichts,
+als zwei oder drei bissige Hunde, die bellen, wenn man sie in den
+Schwanz kneift, und einen Hahn. Ein paar Buben sind auch vonnöten.« Dann
+weihte er den Schäfer in seinen Plan ein, und der Hirte versprach ihm
+lachend, alles auf das Pünktlichste zu besorgen.
+
+Als es ganz dunkel war und vom Turm langsam die Glocke elf schlug,
+betrat Säuerling den Friedhof, wo ihn der Professor Neunmalgescheit
+erwartete. Der faßte schweigend des Schulmeisters Hand, schritt mit ihm
+hinaus, links in den Wald, der sich bergwärts zog, und machte am Fuße
+einer hohen Eiche Halt. »Hier nehmt,« sagte er feierlich und reichte
+Säuerling seine Schaufel. »Grabt zehnmal; aber hütet Euch innezuhalten,
+weil sonst der Teufel Macht über Eure Seele gewinnt. Dann werdet Ihr den
+Knäul finden. Seht: ich habe Euch ein wenig vorgearbeitet und die
+Erde aufgelockert.« In Wahrheit hatte der Schelm am Nachmittag ein
+gewöhnliches Garnknäul an der Stelle vergraben und die Erde wieder
+tüchtig festgestampft. Nicht weit davon hatte er den Schäfer
+aufgestellt, der hielt die Hunde an der Leine. Auf einem Baume daneben
+aber saß des Schäfers Ältester mit einem Hahn, und der jüngere Bube
+hockte unweit davon auf dem Boden und hielt Feuerstein und Zunder in der
+Hand und eine mächtig lange Pfeife seines Vaters lag neben ihm.
+
+[Illustration: Der Weltenknäul]
+
+Als nun der erste Schaufelwurf erklang, kniff der Schäfer einen Hund in
+den Schwanz, daß er heulte, und Säuerling hielt erschreckt mit Graben
+inne. »Das ist ein schlimmes Zeichen,« flüsterte Schlupps. »Solltet Ihr
+in Eurem Gewissen doch nicht so rein sein, daß der Teufel eine Mahnung
+gibt?« »Wüßte kein Unrecht, das ich je begangen,« stöhnte Säuerling. »So
+grabt weiter!«
+
+Beim zweiten Schaufelstich klang das Heulen stärker. Beim dritten war es
+so arg, daß dem Grabenden die Hände zitterten und er nur mühsam den
+Griff festhielt; aber er ließ nicht los und fuhr fort zu schaufeln. Da
+schlug der jüngste Bube mit dem Feuerstein Funken, brannte den Zunder
+an, entzündete die Pfeife, daß sie glühte und zog an, bis mächtige
+Rauchwolken heraus kamen. »Um Himmelswillen! der Teufel,« flüsterte
+Schlupps. »Seht, wie seine Augen glühen, wie sein Atem dampft!«
+Unbemerkt war der kleine Junge näher geschlichen, hatte in die Grube ein
+Stück brennenden Zunder und eine Handvoll Hobelspäne geworfen, sodaß
+eine Flamme hochschlug. Säuerling ließ die Schaufel fallen und fuhr
+entsetzt zurück. Schlupps aber war hinter einen Baum getreten und
+brüllte mit verstellter Stimme: »Wer wagt es, meine Höllengeister zu
+beschwören? Bist du es, Sündhafter, der Trübsal in die Welt bringen will
+und die Menschen zu mutloser Traurigkeit verleitet? Wehe dir! Jetzt bist
+du mir verfallen!« Der Hahn auf dem Baume, der die Flamme hatte leuchten
+sehen, meinte nicht anders, als die Sonne ginge auf und fing an zu
+krähen. Da ließ ihn der Bub frei. Er flog hinab, gerade auf Säuerlings
+Kopf und hackte mit dem Schnabel in dessen Perücke; der Schäfer aber
+ließ die Hunde los, die sich wütend auf den Schulmeister stürzten. Der
+warf entsetzt die Schaufel hin, rannte davon und meinte nicht anders,
+als der Teufel sei ihm auf den Fersen, lief und lief immer weiter bis er
+Abends in einer fremden Gegend anlangte und nicht wußte, wo er war.
+
+Dort bat er die Leute, ihn um Gotteswillen aufzunehmen, und da sie
+meinten, einen Armen vor sich zu sehen, der eine Schuld abzubüßen habe
+und landflüchtig sei, und Mitleid mit ihm spürten, wenn er immer rief,
+der böse Geist verfolge ihn, ließen sie ihn im Dorfe wohnen. Sie gaben
+ihm eine alte Hütte und ließen ihn die Gänse auf die Weide treiben.
+Verwiesen es auch den Kindern, darüber zu lachen, wenn der fremde Mann
+erzählte, daß er einmal Schulmeister gewesen sei und Macht über die
+ganze Welt besitzen sollte, daß ihm aber Unrecht geschehen sei, ihm, der
+sein Lebtag die Gerechtigkeit selbst war.
+
+Schlupps verließ mit dem Schäfer den Wald und ließ sich Handschlag
+darauf geben, daß keiner im Dorf erfahren solle, auf welche Art sie den
+Schulmeister los geworden seien. Der Schäfer versprach, Wort zu halten
+und seine Buben desgleichen; denn sie wollten beide einmal Schäfer
+werden, und einem solchen vertrauen die Menschen oft gar viel. Muß er
+sie doch heilen, wenn sie krank sind, und erfährt von vielen Schmerzen,
+innerlich und äußerlich, die den Menschen plagen und die er sonst keinem
+anvertraut. Als am andern Morgen die Kinder in die Schule kamen und kein
+Lehrer da war, gingen sie heim und freuten sich. Der Schäfer aber
+flüsterte geheimnisvoll dem und jenem zu, daß wohl der Teufel den
+Schulmeister geholt habe; es sei aber nur eine Ahnung; sicher wisse er
+es nicht. Weil aber die Menschen Vermutungen immer um so lieber glauben,
+je unwahrscheinlicher sie sind, so stand bald im Dorfe fest, daß den
+Säuerling der Teufel geholt habe, und Niemand weinte ihm eine Träne
+nach.
+
+Statt seiner aber erbot sich Schlupps, die Stelle anzunehmen; nannte
+sich aber nicht mehr »Neunmalgescheit,« sondern »Einfältig;« »denn,«
+sagte er, »wer lehren will, muß ein einfältig Gemüt haben und selbst
+lernen wollen.«
+
+
+
+
+Einfältig
+
+
+Jetzt begann für die Kinder eine herrliche Zeit. Kam eine Mutter an das
+Schulhaus und wollte ihrem Buben oder Dirnchen einen Weck oder einen
+Apfel bringen, so fand sie das Haus leer. Der Schulmeister war mit der
+jungen Schar hinausgezogen in den Wald. Da lehrte er sie die Pflanzen
+und Tiere kennen und erzählte ihnen, wie in anderen Ländern die Felder
+bestellt werden. Da er immer offene Augen und Ohren gehabt hatte,
+vermochte er den aufhorchenden Kindern gar viel Lehrreiches
+beizubringen, so daß sie an einem Vormittag im Walde mehr lernten, als
+bei Säuerling in einem Jahr. War aber Regen und trübes Wetter, dann
+wurde im Schulhaus geschrieben und gelesen, daß allen der Kopf rauchte,
+denn wer nicht fleißig war, durfte bei Sonnenschein nicht mit in's Freie
+und mußte nachlernen.
+
+Dazu kam noch, daß der Schulmeister Einfältig die Kinder, denen das
+Lernen schwer fiel, sehr belobte, wenn sie etwas gut machten, dadurch
+bekamen sie Zutrauen zu sich und merkten, daß das Lernen eine Lust sein
+könne und keine Last, wie sie vordem vermeint. Die Eltern aber nickten
+einander zu und sagten: »Sollte man nicht meinen, Herzfroh sei wieder
+aufgestanden?«
+
+So hielt es der neue Schulmeister ein halbes Jahr. Da wurde ihm die Zeit
+lang, und er sehnte sich wieder in die weite Welt. Hätte er nur einen
+andern gefunden, der, wie er, die Kinder in Liebe unterwies. Wo aber
+einen hernehmen? Sah immer im Wirtshaus die Leute an, ob der Zufall
+nicht einen Geeigneten herführte, aber keiner schien der Rechte.
+»Schulmeister,« hatte der Wirt eines Tages gesagt, »was soll Euch ein
+Bauernwagen? Ich habe dahinten ein Kütschlein stehen, das mir nichts
+nutz ist, zu dem bin ich bei einem kleinen Handel billig gekommen. Ist's
+Euch recht, so laßt uns tauschen. Ist uns beiden damit geholfen; denn
+ich hab oft Säcke in die Mühle zu fahren und mein Planwagen ist schon
+ein bischen zerbrechlich.«
+
+Deß war Schlupps zufrieden, und damit seine Gäule im Stall nicht zu fett
+und gar krank würden, spannte er sie oft in sein neues Wägelchen und
+fuhr die Alten und Gebrechlichen über Land, damit sie die schöne
+Gotteswelt auch anders als vom Sorgenstuhl zu sehen bekämen.
+
+Eines Tages war er allein ausgefahren. Auf dem Rückweg ließ er die Zügel
+hängen, und die Rößlein gingen langsam der Heimat zu. Da sah er einen
+Jüngling vor sich gehen, den Rücken hochbepackt mit allerlei Gerät.
+»Steigt ein, junger Mann,« rief er. Der Fremde ließ sich nicht zweimal
+bitten, zog höflich zum Dank die Sammetkappe und kletterte in den Wagen.
+»Seid sehr beladen,« meinte Schlupps. »Will's meinen, Herr. Bin auch
+lange auf der Wanderschaft. Komme von Italien her und habe manches
+Schöne und Herrliche gesehen,« plauderte der junge Mann. »Bin meines
+Zeichens ein Maler und weit herumgekommen, um zu studieren und zu
+lernen.«
+
+»Erzählt mir von Eurer Fahrt,« bat der Schulmeister, dessen Herz hoch
+schlug, sobald er von fremden Ländern hörte. Der Jüngling strich sich
+die blonden Locken aus der Stirn, sah mit den tiefen blauen Augen
+träumerisch in die Ferne und sagte langsam: »Herr, Herr, es ist etwas
+Gefährliches um das Indieweltgehen. Daheim hab ich geglaubt, schon viel
+zu können und es den großen Malern gleich tun zu können. Wie ich aber
+südwärts kam, nach Venezien und Florenz, da wurde mein Herz immer
+schwerer, denn ich sah, daß ich ein Stümper war, wie es nur einen gab.
+Vor den Bildern der alten Meister dachte ich zu lernen und pinselte und
+zeichnete nach, so viel ich konnte. Als ich aber weiter kam in die
+heilige Stadt Rom und dort von Bild zu Bild eilte, war ich so
+unglücklich, daß ich schier meiner Kunst gram wurde. Denn sagt selbst:
+Ist es nicht hart, sein Herz an eine Sache zu hängen und dann zu sehen,
+daß man darin nie etwas Besonderes erreichen könne? Ich sah ein, daß die
+Malerei mir immer ein Ergötznis für frohe und trübe Stunden sein würde,
+aber daß ich nimmer etwas fertig bekäme, was nur dem allerkleinsten
+Bildchen der großen Meister gleicht. Es waren schwere Stunden, Herr, und
+das schöne Italien erschien mir wie der Garten des Paradieses, allwo der
+Engel mit dem feurigen Schwert mich hinauswies. Da packte ich endlich
+zusammen, was ich gemalt hatte und wanderte wieder zurück in meine
+Heimat. Könnte ja mein Gewerbe dort ausüben und würde wohl kaum einer
+merken, daß ich kein großer Meister bin; denn sie sind der Malerei
+unkundig und es gefällt ihnen leicht, was recht aussieht und bunte
+Farben hat. Aber mir ist es verleidet.«
+
+»Da geht's Euch mit Eurem Handwerk, wie mir mit meinem,« nickte
+Schlupps. »Bin hier Schulmeister und tät's gern an den Nagel hängen.«
+
+»Was,« rief der junge Mann, »ist's möglich? Das ist Euch zuwider? Gibt's
+denn eine größere Freud, als die Kinder zu unterweisen, ihnen alles
+Schöne zu geben, das man gesehen hat und vielleicht einen, der ein
+Meister werden kann, auf den rechten Weg zu führen? Seht, Herr,« fuhr er
+fort und seine Augen leuchteten. »Das hab ich mir als das Beste
+vorgestellt, der Jugend den Sinn und die Augen auftun. Aber so geht's.
+Mit dem, was er hat, ist der Mensch nie zufrieden.« »Da mögt Ihr recht
+haben, junger Mann,« sagte Schlupps; »wir sind hier bei meinem Hause
+angelangt. Kommt herein und nehmt fürlieb.« Damit half er dem Gast vom
+Wagen und wies die Magd an, ihm ein Stübchen und ihnen beiden einen
+Imbiß zu richten.
+
+»Zeigt mir morgen bei Tageslicht Eure Bilder, Herr Maler,« bat er. »Hab'
+eine Freude an solchen Sachen.« Das war dem Gast lieb zu hören: denn
+wenn ihm selbst seine Arbeiten auch nicht immer gefielen, so erfreute es
+ihn doch, wenn andere Wohlgefallen daran hatten. Wie sie nun am Morgen
+die Bilder besahen, und Schlupps sich vorstellte, daß es Orte gäbe, so
+schön wie die auf der Leinwand, wo Schlösser und Burgen, blaue Seen und
+Schneeberge zu sehen waren, da wuchs seine Sehnsucht in die Welt schier
+übermächtig. Am meisten gefiel ihm ein Bild, das einen Fürstensohn
+darstellte, mit blassem Gesicht, dunklen Augen und schwarzen Haaren.
+
+»Dies Bild habe ich in Florenz gemalt,« sagte der Maler. »Ein Meister,
+der schon lange verstorben ist, hat es angefertigt, und weil ich die
+Augen des Konterfeis nimmer vergessen konnte und immer zu dem Bild
+zurückkehren mußte, habe ich es nachgemalt, so gut es ging, und es ist
+mir nicht übel gelungen.« Damit legte er es in seine Mappe zurück.
+»Dank Euch auch, Schulmeister, für die Unterkunft. Will heute noch
+weiter wandern und sehen, wo ich mein Nest aufschlage,« fuhr er fort.
+»Hier,« sagte Schlupps und faßte ihn bei der Hand. »Hört mich an. Ihr
+kommt zu gelegener Stunde. Ich muß fort und habe nur auf einen gewartet,
+der mein Amt übernimmt. Bleibt Ihr an meiner Stelle und unterweist die
+Kinder. Nennt Euch 'Wegwart;' denn das sollt Ihr jetzt sein. Ein Wärter,
+der ihren Weg bewacht. Und denkt nicht, daß dies Handwerk zu schwer für
+Euch sein werde. Übt Eure Malerkunst an ihnen aus, dann wird es am
+besten gehen, und wollt nur statt auf Leinwand auf die Seelen der
+Kleinen Eure Bilder malen. Nehmt alle Farben: das Grün der Treue, das
+Rot der Freude, das Gelb des Neides; aber nur so viel davon, als das
+Herz braucht, um Neid auf alles Gute und Schöne zu bekommen und es
+nachzuahmen. Vergeßt auch nicht das Schwarz des Hasses gegen alles Böse
+und Unrechte. Und wenn Ihr das Grau der Trauer auflegen müßt, dann setzt
+das Blau der Hoffnung dazu und laßt dazwischen das zarte Violett nicht
+fort. Denn wie die Dämmerung zwischen Tag und Nacht steht, so ist in den
+Herzen oft ein Schwanken von Leid zur Freude und es braucht von einem
+zum andern einen Übergang. Mischt dann zu allem das Weiß der Klarheit
+und Wahrheit und glaubt mir, daß an den Bildern, die Ihr auf die Art
+macht, der liebe Herrgott seine Freude hat. Werdet dann ein so
+verdienstvoller Maler wie die großen, die Ihr bewundert, wenn auch kein
+Ehrenzeichen um Euren Nacken hängt.«
+
+Da stand der junge Maler eine Weile still und nachdenklich; dann hob er
+die Hand und rief: »So hat es Gott gewollt, Schulmeister, daß er mich
+herwies, Euren Platz will ich wohl annehmen. Wenn Ihr aber in die Welt
+ziehen müßt, so erweist mir eine Liebe und nehmt das Bild mit, das Euch
+so gefallen.«
+
+Noch lange saßen die beiden beratschlagend zusammen. Als am andern Tage
+die Morgensonne in das Fenster schien, da schirrte der Schulmeister
+Einfältig seinen Wagen an, tat all sein Hab und Gut hinein, reichte dem
+künftigen Schulmeister die Hand und fuhr zu dem schweigenden Dorf hinaus
+in die Welt hinein, noch vor dem Frühgeläut, damit seine Kinder ihm
+nicht durch ihr Weinen das Abschiednehmen erschweren sollten.
+
+
+
+
+Junker Pfiffig
+
+
+Nach wenigen Tagen langte Schlupps in einer Stadt an, die er noch nie
+gesehen, fuhr durch Gassen und Straßen mit hochgegiebelten Häusern,
+spitzen, steilen Kirchtürmen, bog über brunnendurchrauschte Plätze und
+verwunderte sich schier, wie viel Pracht und Herrlichkeit es gab. Dann
+kehrte er mit seiner Kutsche in einem Wirtshaus ein, wo der Wirt ihn
+sorgsam musterte.
+
+»Was habt Ihr an mir zu sehen, guter Freund?« fragte Schlupps. »Verzeiht
+Herr,« gab der Wirt zur Antwort, »wenn ich Euch neugierig scheine; aber
+kann mir's nicht erklären, wie jemand, der das Aussehen eines Herrn hat,
+so armselig gewandet sein kann; überlegte deshalb, woher der Herr wohl
+angereist käme.«
+
+»Da habt Ihr recht,« erwiderte Schlupps, dem es jetzt auffiel, wie ganz
+anders er aussah, denn die Bürger, die in der Wirtsstube saßen. »Wißt,
+ich bin weit herum gekommen in entlegenen Gegenden, wo man nicht alles
+zu kaufen vermag, wie bei Euch. Deshalb bin ich hierher gefahren, um
+alles anzuschaffen, was mir nottut und kann Euren Rat wohl brauchen.
+Wollt Ihr mir jetzt mein Zimmer zeigen?« Und als der Wirt ihn dahin
+führte, zog er rasch seine Geldsäcke heraus und sprach: »Sagt mir, Herr
+Wirt, ist mein Zimmer ganz sicher vor Dieben? Denn wißt, ich habe viel
+Geld bei mir und muß mich auf Euch verlassen können.« Damit warf er die
+Beutel auf den Tisch, daß es dröhnte.
+
+Der Wirt versicherte ein Mal über das andere, daß seine Truhen und Türen
+feste Schlösser hätten und empfahl sich mit vielen Verneigungen. Der
+Fremde mit der großen Geldkatze erschien ihm auf einmal nicht mehr
+ärmlich gekleidet, sondern nur ein wenig absonderlich. Das machte, daß
+der goldene Grund durch die abgeschabten Stellen des Anzuges hindurch
+leuchtete. Er nahm sich vor, den Gast sehr liebevoll zu verpflegen,
+damit der einen großen Teil seines Geldes bei ihm verzehre.
+
+Andern Tages fragte Schlupps seinen Hausherrn nach einem Schneider und
+wurde zu einem gewiesen, der gar berühmt sei und sein Handwerk gut
+verstehe. »Meister,« sagte der Fremde, als er eintrat, »richtet Euch
+nicht nach dem Kleide, das ich anhabe. Wenn man unerkannt in der Welt
+herum kommen will, muß man ein schlichtes Aussehen haben. Dann
+betrachten die Menschen uns als ihresgleichen und fassen Zutrauen zu
+uns. Habt Ihr eines oder zwei Kleider, wie sie mir passen und wohl
+anstehen würden, so zeigt sie mir.«
+
+Der Schneider schloß aus dieser Rede, daß er einen vornehmen Herrn vor
+sich habe, der sich einmal unbekannt unter den Menschen bewegen wolle,
+wie große Herren zuweilen solche Launen überfallen. Meinen sie doch im
+tiefsten Herzen, daß die Menge schon spüren werde, wer vor ihnen steht,
+verwundern sich oft sehr, daß keiner fühlt und weiß, wer sie in Wahrheit
+sind. Das kommt daher, daß sie im schlichten Kleide oft weniger Verstand
+haben, als in dem prächtigen Anzug, den sie sonst gewohnt sind. In dem
+besseren Gewande klingt jedes Wort heller und klüger und findet auch
+mehr Beachtung als bei einem schlichten Bauers- oder Bürgersmann.
+
+So glaubte der Schneider, der neue Kunde habe das Einfachsein über und
+wolle jetzt so daher kommen, wie es sich für seinen Stand schicke und
+sprach darum: »Ihr kommt zu gelegener Zeit, Herr. Ein junger Graf hatte
+bei mir zwei Kleider bestellt, eines für jeden Tag aus braunem Tuch,
+sauber und schön gemacht, und eines für Feste, aus dunkelrotem Sammet
+mit Barett und Feder. Er gab mir den Stoff dazu, den er weit her aus
+Italien hatte kommen lassen. Da schickte ihn des Kaisers Majestät mit
+einem Auftrag fort, hin zum türkischen Sultan in wichtiger Botschaft,
+und so schnell mußte die Reise vor sich gehen, daß mein Herr Junker die
+Kleider nicht abwarten konnte.« »Muß ihm sehr arg gewesen sein,« wandte
+Schlupps ein. »War nicht so schlimm für ihn. Bedeutete es doch ein
+ehrenvolles Amt, und des Kaisers Gnaden hatten ihn hinlänglich mit Geld
+versehen, daß er sich anderen Ortes kaufen konnte, was sein Herz
+begehrte. So ließ er mich rufen und sagte: 'Meister, ihr habt mich immer
+gut bedient und wenn ich Euch nicht zahlen konnte, nie gemahnt und
+gedrängt; auch manchmal die Kreide auf der Schuldtafel gespart. So
+behaltet die Stoffe. Ich schenke sie Euch. Könnt sie wohl gelegentlich
+verwerten. Weil aber die Kleider schon nach seinem Maß zugeschnitten
+waren, machte ich sie fertig. Er ist Eures Wuchses, und es könnte sein,
+daß Euch beide Gewänder passen. Wollt einmal probieren.'«
+
+Und siehe da! Sie saßen wie angegossen, und Schlupps beschloß, sie zu
+kaufen, da der Meister einen mäßigen Preis dafür forderte. »Kommt bald
+wieder, Herr,« bat der Schneider. »Und verzeiht, wohin soll ich Euch
+Euer altes Gewand und das Sammetkleid senden, da Ihr das braune gleich
+anzieht?« »Sendet es in das Gasthaus zum goldenen Lamm,« sprach
+Schlupps, »und laßt sagen, es sei für Junker Pfiffig.«
+
+Er zahlte seine Rechnung und ging fort. Der Meister sah ihm staunend
+nach, wie er dahin schritt, den Kopf hoch, daß er über alle Menschen
+hinwegschauen konnte und den Gang gar leicht, als sei er gewohnt, zu
+tanzen statt zu schreiten. »Muß etwas ganz besonderes sein,« dachte der
+Nadelkünstler. »Vielleicht ein Königssohn und der Name Pfiffig war
+angenommen. Gibt es doch Menschen, denen sieht man trotz allem das
+Königsein an, die mögen sich verstellen wie sie wollen. Einmal bricht es
+hervor und dann staunen alle, daß sie den für einen gewöhnlichen
+Menschen und ihresgleichen gehalten haben, der doch so hoch über ihnen
+steht.« Und der Meister fädelte seine Nadel ein, kletterte auf seinen
+Tisch und überlegte weiter; denn das Handwerk, das er betrieb, machte
+ihn gar nachdenklich und sinnig. Kam er doch mit vielerlei Leuten
+zusammen, hatte gelernt, das Kleid vom Menschen zu scheiden und wußte
+wohl, daß, wenn es außen oft gleißte und glänzte, der Grund nicht immer
+feines Linnen war, sondern grob Gewebe mit Knoten, Fehlschlägen und
+Webfehlern.
+
+Junker Pfiffig aber ging langsam durch die Gassen und sah mit offenen
+Augen alles wohl an. Er trat bei einem Barbier ein, ließ sich von dem
+Schaumschläger Bart und Kopfhaar zurecht stutzen und wunderte sich
+selbst, als er in dem Spiegel sah, wie wohlgestaltet er war. Das
+schwarze Gelock, das auf seine Stirn fiel, glänzte vom Bürsten und
+Striegeln, und es schien ihm, als ähnele er dem Bilde, das der fremde
+Maler ihm geschenkt hatte.
+
+»Kommt bald wieder, Junker,« sagte der Barbier, als er ihm die Tür
+öffnete. »Seid Ihr hier fremd, so rate ich Euch, unser Rathaus zu
+besuchen, das gar schön gebaut und weit berühmt ist. Heut ist
+Gerichtstag. Da darf jeder hineingehen und zusehen.« »Das will ich tun.
+Seid bedankt für Euren Rat,« nickte der Junker Pfiffig höflich. Es kam
+ihm vor, als habe er mit dem andern Kleid einen anderen Menschen
+angezogen, denn er hatte Freude an allem, was schön war. Fühlte er sich
+in jedem Kleide heimisch und bei sich, so schien ihm das neue Gewand wie
+ein Haus, das eigens für ihn gebaut und gefertigt war. Er schritt
+hinüber zu dem Stadthause mit den vielen Türmchen und spitzbogigen
+Hallen. Da sah er in der Tür eine Frau stehen, die ihre rechte Hand vor
+die Augen hielt und heimlich Tränen abwischte. »Was fehlt Euch, gute
+Frau?« sagte er und seine Stimme klang so gewinnend, daß die Verzagte
+Mut faßte und leise zu erzählen anhub: »Ach Herr, vielleicht könnt Ihr
+mir helfen. Ihr scheint gar vornehm und mächtig. Ich habe einen Prozeß
+mit meinem Nachbar, dem Grundbauer, um einen Acker, den einzigen, den
+ich besitze. Der Nachbar behauptet, daß mein Mann ihm auf dem Totenbette
+den Acker verkauft hätte für die Beerdigungskosten. Wie mein Hans
+gestorben war, kam der Grundbauer zu mir, sagte: er wolle für das
+Begräbnis Sorge tragen und alles so machen, wie es bei armen
+Häuslersleuten Sitte wäre. Ich vermeinte, er täte es aus Nächstenliebe
+und um Gottes Willen, dankte ihm sehr und lobte ihn vor den Leuten, ob
+seines guten Herzens, und jetzt macht er es mir so. Glaubt mir, Herr,
+mein Hans ist nie eine Minute allein gewesen, als es zum Sterben kam und
+der Handel abgeschlossen sein soll.«
+
+»Aber der Richter muß Euch doch Euer Recht geben,« ereiferte sich
+Schlupps. »Ach, das ist es gerade. Jetzt weist der Bauer eine Schrift
+auf, und drei Kreuze stehen darunter. Kommt mit herein, seht, wie es
+zugeht. Unsereins darf nichts sagen, sonst kommt er wegen Verläumdung in
+den Turm.«
+
+»Geht nur hinein, gute Frau. Ich werde schon kommen; aber tut nicht, als
+ob Ihr mich kennt.«
+
+Als nun die Verhandlungen begannen, sah Junker Pfiffig auf dem
+Richterstuhl einen Mann sitzen, mit großer Perücke, eine Brille auf der
+Nase, daß man die Augen nicht sah; um den Mund hatte er zwei tiefe
+Falten, die sich ausnahmen, als habe der Teufel sie mit seinem Pfluge
+gefurcht und Bosheit und Tücke hineingesäet. Seine Hand war lang, die
+Finger so spitz wie Krallen.
+
+Er winkte und der Bauer hub an zu erzählen, wie der Handel sich
+zugetragen, den er, während Margret in der Küche war, mit dem Hans
+abgeschlossen haben wollte. Dabei klimperte der dicke, schwere Mann
+immer mit der Geldkatze, die er umgeschnallt hatte, und sah den Richter
+schmunzelnd an. Da spitzte er die Ohren, denn wenn er sich auf Flöten
+und Geigen auch gar wenig verstand, so klang die Musik des Bauern ihm
+doch lieblich in die Ohren.
+
+Dann frug er Margret barsch, was sie zu sagen habe und gebot ihr, sich
+kurz zu fassen und sich zu hüten, den Grundbauern einer unlautern Tat zu
+beschuldigen; denn das bliebe nicht ungeahndet. Dann frug er auch, ob
+sie Zeugen für ihre Erzählung habe. Die arme Frau sah erschreckt um
+sich. Da fiel ihr Blick auf den Junker im braunen Gewande, der unweit
+auf einer Bank saß und ihr heimlich zunickte. Sie faßte Mut, erzählte,
+wie alles gewesen und schloß mit der Bitte, ihr zu ihrem Rechte zu
+helfen.
+
+Der Richter sann eine Weile nach und sprach dann: »Ich will mir den Fall
+überlegen. Kommt heute Abend bei Sonnenuntergang wieder her. Tragt mir
+Eure Gründe noch einmal vor. Wer die gewichtigsten hat, soll Recht
+bekommen.« Damit entließ er beide. Der Bauer lachte zufrieden vor sich
+hin; denn er hatte den Richter wohl verstanden und hielt in der Hand
+einen Beutel mit Silbermünzen. Als der Richter das Zimmer verließ, trat
+der Grundbauer auf ihn zu, reichte ihm den Beutel und sprach:
+»Gestrenger Herr, Gründe so schwer wie diese wird die Margret wohl nicht
+haben.« Er sah aber nicht, wie ein Junker in braunem Gewande langsam
+vorbeischritt und dem Handel zusah.
+
+Draußen angelangt, winkte Schlupps der Frau, führte sie in ein
+Wirtshaus, hieß den Wirt ihr Speis und Trank vorsetzen und sagte: »Seid
+außer Sorge. Ich helfe Euch und Ihr sollt Euren Acker behalten.« Dann
+ging er zu einem Schlosser und sah sich bei dem um, was er an Arbeiten
+aufzuweisen habe an kunstvollen Riegeln, Schlössern und Beschlägen.
+Besonders gefiel ihm eine Schnalle, die groß und schwer war. »Das ist
+mein Gesellenstück,« erklärte der alte Meister stolz. »Damals,« fuhr er
+mürrisch fort, »war man noch nicht so hoffärtig, daß alles von Gold und
+Silber sein mußte. Sonderlich die Frauen trugen die Gürtel von eisernem
+Schloß gehalten und prangten noch mehr in Zucht und Schönheit denn
+heute, wo ein jedes Bürgerkind Gold und Edelstein trägt und der
+Halsschmuck in der Kirche aus Granaten sein muß, soll die Andacht nicht
+gestört sein durch unheilige Gedanken und Wünsche. Ach, die gute alte
+Zeit kommt nicht wieder, da die Menschen noch so schlicht und einfältig
+waren und der Schlosser noch Schmuck und Tand liefern durfte und nicht
+alles der Goldschmied. Kein Wunder, wenn deren Innung gar übermütig wird
+und bei allen Festen voranschreiten will.«
+
+[Illustration: Der Rechtspruch]
+
+»Meister, verkauft mir die Schnalle,« sagte Schlupps. »Hab meine Freude
+an Sachen, die besonders kunstfertig gearbeitet sind. Sie zeigen, daß,
+wer sie gemacht hat, mehr kann, als viele seines Faches.«
+
+Das schmeichelte dem Schlosser. Sie wurden bald handelseinig; Schlupps
+erstand die Schnalle und eine kleine Feile um ein Billiges und ging
+vergnügt in sein Gasthaus, wo ihn die arme Margret erwartete. Junker
+Pfiffig schloß sich in sein Gemach ein, nahm mehrere Goldstücke, feilte
+an den Rändern Gold ab, daß die Münzen so zackig aussahen, als hätten
+die Ratten daran genagt, und rührte die Goldabfälle zu einem dicken Brei
+an. Mit dem rieb er die Spange ein, putzte und glättete sie, daß sie
+aussah wie pures Gold und herrlich schimmerte. Dann wickelte er sie in
+ein klein seiden Tüchlein, legte zwei abgefeilte Goldstücke, die er
+durchlocht hatte, obenauf, rief die Frau und unterwies sie, was sie zu
+tun habe.
+
+Als nun der Richter gegen Sonnenuntergang durch den weiten Hallengang
+wieder in den Saal treten wollte, wo der Bauer schon wartete und seines
+Spruches sicher war, löste sich eine Gestalt von der Eingangstür los,
+ging demütig auf den gestrengen Herrn zu und sagte leise: »Verzeiht,
+Herr Richter. Ich habe einen gar gewichtigen Grund, den ich Euch
+verkünden muß. Von einer Ahne erbte ich ein schweres güldenes Amulett,
+wie es wohl einer vornehmen Frau, aber nicht mir gebührt. Würde ich es
+verkaufen, so könnte man denken, ich wäre auf unrechte Art dazu
+gekommen. Vielleicht daß es Eurer Eheliebsten oder Eurer Jungfer Tochter
+wohl anstünde, und zwei durchlöcherte Goldmünzen sind auch dabei, die
+man wohl zu Ohrengeschmeide verwenden kann.«
+
+Dabei lüftete sie das kreuzweise gebundene Tüchlein und ließ den Richter
+hineinblicken, sodaß der rote Schein der Abendsonne, der durch die
+buntgemalten Scheiben spielte, auf das Geschmeide fiel, daß es rotgelb
+flimmerte.
+
+»Gute Frau,« sagte der Richter, »einem vernünftigen Grunde verschließe
+ich nie mein Ohr. Ihr habt wohl getan, Euch an mich zu wenden. Seid
+unbesorgt, Ihr sollt Euer Recht haben.« Damit ergriff er das Tüchlein,
+wog es in der Hand, sehr erfreut ob seiner Schwere, und ging würdevollen
+Schrittes in den Saal, wo ihn der Bauer erwartete. Doch wie erschrak
+der, als der gestrenge Herr ihn anschrie und ihn ausschalt, daß er eine
+arme Witwe bedrücken wolle. Jetzt sei ihm die Erleuchtung gekommen, daß
+alle seine Angaben leichtfertig und ungerecht gewesen, und er
+verurteilte ihn, der Margret den Acker zurückzugeben und ihr auf der
+Stelle zwanzig Silbergulden zu zahlen.
+
+Der Bauer wußte nicht wie ihm geschah, fluchte innerlich, mußte aber
+wohl oder übel gehorchen und hatte außer dem Schrecken noch den Spott zu
+tragen. Denn es waren gar viele Zuhörer im Saale, die dafür Sorge
+trugen, daß der Richterspruch bekannt wurde. Hatte der Bauer doch viele
+Feinde, die ihm grollten, weil er sie oft betrogen hatte. So mußte er
+beschämt abziehen und das Silbergeld an den Richter war auch verloren.
+
+Die Margret suchte den Ritter, um ihm zu danken; aber er war nicht
+aufzufinden und so konnte sie nur im Stillen für ihn beten.
+
+Ihr Beschützer war in den Ratskeller gegangen, wo die vornehmen Bürger
+beim Wein saßen und Rede austauschten über die Zeitläufte, den Übermut
+der Geringen, die es den Herren gleich tun wollten und was dergleichen
+erbauliche Gespräche mehr waren. Als der Junker im braunen Gewand
+hereintrat, richteten sich aller Blicke auf ihn; denn ein Fremder war
+immer gern gesehen, und die ritterliche Erscheinung ließ vermuten, daß
+man einen vornehmen Mann vor sich habe. Der Richter, der allein in einer
+Fensternische saß, winkte den Wirt herbei und hieß ihn, den Fremden an
+seinen Tisch zu weisen; denn er war gar zu neugierig, was der am Orte
+wolle.
+
+Mit höflicher Verneigung nahm Schlupps den angebotenen Stuhl an und
+sagte auf die Frage des gestrengen Herrn, was ihn herführe: »Verzeiht,
+Herr Richter, daß ich Euch nicht Auskunft geben kann, wie ich es wohl
+möchte. Eine wichtige Aufgabe zwingt mich aber zur Geheimhaltung. Nur
+so viel laßt Euch sagen, daß ich einem hohen Herrn diene, in dessen
+Auftrag ich die Lande durchreise. Mein Fürst ist noch unbeweibt und --
+-- da hätte ich beinahe zuviel gesagt. Das kommt davon, wenn man einem
+Herrn gegenübersitzt, dessen scharfer Blick alles durchschaut. Da läuft
+die Red über, wie der Bach im Frühjahr über die Wiesen.«
+
+»Habt Ihr einen Auftrag an unseren vieledlen, hochmögenden Grafen von
+Trutzenstein?« fragte der Richter und glaubte, den Fremden so auf
+geschickte Art auszuholen. »Allerdings,« sagte sein Gegenüber zögernd,
+»für den Herrn Grafen -- -- --.« »Das dachte ich mir,« fiel ihm der
+Richter in die Rede. »Denn morgen ist ja bei dem Herrn Grafen ein großes
+Fest zu Ehren seiner Tochter, die jetzt volljährig ist und sich einen
+Gatten aus erlauchtem Geschlecht wählen soll. Gewiß kommt Ihr auch hin?«
+»Geraten, Herr Richter!« sagte der Fremde. »Ich sehe schon, Euch kann
+man nichts verbergen. Da wird es gewiß einen herrlichen Anblick geben.
+All die geputzten Jungfräuleins mit ihrer Pracht und ihrem Geschmeide!«
+
+»Das will ich meinen!« rief der Richter stolz. »Öffnet nur die Augen
+weit, um zu sehen, was unsere Frauen vermögen. Hab auch eine Tochter,
+die ich morgen hingeleite; denn es sollen die Gespielinnen mit der
+Grafentochter zugleich verlobt werden, und der Herr Graf will ihnen die
+Gatten aussuchen und für ihre Ausstattung Sorge tragen, wie es der
+Brauch vorschreibt. Hab meiner Tochter heute ein golden Geschmeide
+angeschafft, daß sie daherkomme, wie es ihrem Stande geziemt.«
+
+»Das ist löblich, Herr Richter. Ein wohlgelungen Bild bedarf auch eines
+würdigen Rahmens. Das sagte ich auch zu meinem hohen Herrn, als er mir
+sein Bild mitgab.« »Verzeiht,« meinte jetzt der Richter. »Ist Euer Herr
+ein Graf?« »Ein Fürst ist er,« sagte der Junker feierlich und lüftete
+seine Kappe. »Er ist der Königssohn von Golconda. Sein Reich ist das
+herrlichste was Ihr Euch denken könnt. Da ist nichts öde und kalt. Wohin
+das Auge blickt, seht Ihr üppige Felder, grüne Haine, Wiesen und Blumen.
+Immer strahlt eine goldene Sonne herunter. Die Vögel singen schöner denn
+in andern Ländern; die Blumen duften würziger, die Frauen sind wie Feen,
+zart und lieblich, und doch darf der Prinz keine von ihnen heiraten. Es
+ist ein uralt Gesetz, daß seine Gemahlin aus fernen Landen stammen muß.
+Da er aber sein Reich nicht verlassen darf, schickte er mich auf die
+Brautfahrt, damit ich mich umsehe nach einer Gemahlin, die seiner würdig
+sei. Nicht Stand, nicht Reichtum sind entscheidend -- --.« Plötzlich
+unterbrach er sich wie erschreckt. »Jetzt habe ich dem Herrn doch
+verraten, was ein Geheimnis bleiben sollte. Ich bitte, sagt keinem, was
+mich herführt, bis ich es selbst enthülle.«
+
+»Seid unbesorgt,« nickte der Richter. »Will das Anvertraute wohl hüten.
+Unweit von hier ist des Grafen Schloß, könnt es zu Pferde in einer
+halben Stunde erreichen. Doch verzeiht, wie soll ich Euch nennen, wenn
+ich Euch wiedersehe, da ich den Namen nicht verstanden habe?«
+
+»Nennt mich Ritter von Bauernmark. Bin von uraltem Geschlecht, das schon
+manchem Herrn geholfen hat, sein Reich zu schützen und zu halten.«
+
+»Gehabt Euch wohl, Herr Ritter. Auf Wiedersehen!« Damit reichte der
+gestrenge Herr dem Fremden die Hand und verließ ihn, froh, seinem
+Eheweib eine angenehme Kunde zu bringen. Denn seine Frau wollte immer
+gern hoch hinaus, und ein Prinz wäre ihr als Eidam gerade recht gewesen.
+Sie war sehr eitel auf ihre Tochter und meinte, jeder müsse von ihr so
+eingenommen sein, wie sie als Mutter von ihr war. Da sie aber kein gutes
+Herz hatte, so gewöhnte sie auch die Tochter an ein selbstisch Wesen und
+die beiden Frauen trugen mit die Schuld daran, daß der Richter die Armen
+bedrückte und das Recht verkaufte, statt es, wie der liebe Herrgott das
+Sonnenlicht, über Arme und Reiche gleich leuchten zu lassen.
+
+
+
+
+Das Fest
+
+
+Am andern Tage war auf dem Schlosse des Grafen ein Kommen und Gehen. Von
+weit her waren Edle erschienen, um die Grafentochter und ihr reiches
+Erbe zu gewinnen. Das Fest sollte schon seinen Anfang nehmen, als
+zuletzt ein Wagen anfuhr, dem ein Ritter entstieg in rotem Sammetanzug
+mit Barett und Feder. Er trat auf den Grafen zu, verneigte sich zierlich
+und sprach: »Erlaubt, hochedler Herr, daß ich an Eurem Feste teilnehme.
+Ritter von Bauernmark nenne ich mich. Mein Herr ist der Prinz von
+Golconda, und als Geburtstagsangebinde erlaubt mir, Eurer vieledlen
+Tochter das Bildnis meines Herrn zu überreichen.« Damit enthüllte er das
+Konterfei, das ihm der Maler geschenkt hatte. Der Graf nickte huldvollst
+und sprach: »Seid willkommen in unserm Kreis, Herr Ritter, und möget Ihr
+Euch darin so heimatlich fühlen, als in Eures Herrn Landen.« Dann
+geleitete er den Gast zu seiner Tochter, und der Ritter von Bauernmark
+überreichte sein Geschenk kniend, wie es Sitte der Edlen war.
+
+Als die Grafentochter aber einen Blick auf die Gabe warf, stutzte sie;
+denn sie vermeinte, eine Ähnlichkeit mit dem Ritter vor ihr zu finden
+und es kam ihr plötzlich der Gedanke, das Bild und der vor ihr kniete
+müßten ein und dieselbe Person sein, und kleine Änderungen seien nur vom
+Maler gemacht, damit die Gleichheit nicht zu auffällig wäre.
+
+Dasselbe dachte die Richterstochter, die neben ihr stand. Weil sie
+nichts verschweigen konnte, flüsterte sie der Gespielin zu, was der
+Vater ihr über des Ritters Sendung anvertraut hatte und daß dies der
+Prinz selbst zu sein scheine. Da lächelte die Grafentochter gar
+holdselig auf den Knienden herab, reichte ihm die Hand, hieß ihn
+aufstehen und ließ sich von ihm zu Tisch führen, allwo ein reiches
+Schmausen anhub und Pagen goldne Pokale mit köstlichem Wein
+herumreichten. Abseits aber stand der Graf in Beratung mit dem Richter,
+der ihm anvertraute, was der fremde Junker hier wolle.
+
+»Ich muß Euch zürnen, Richter,« sprach der Graf. »Seit Monden habe ich
+von Euch keine Abgabe mehr erhalten, und Ihr wißt, daß meine Hofhaltung
+viel Geld verschlingt.«
+
+Seufzend griff der Richter in die Tasche und holte den Beutel mit
+Silbergeld heraus, den ihm der Bauer gegeben. »Das ist alles, was ich
+heute abliefern kann, hoher Herr,« sagte er und warf dem Grafen einen
+tückischen Blick zu. Wußte er doch, daß sein Eheweib schmähen würde,
+wenn er ohne Geld heimkam. »Die Leute meinen, das Recht müsse umsonst
+sein wie der Tod und halten die Goldstücke zurück.« »So sorgt, daß sie
+bald anderer Meinung werden,« sagte der Burgherr unwillig und wandte
+sich seiner Tochter zu, die sich von der Tafel erhoben hatte und zu ihm
+getreten war. Erstaunt sah er, daß sie ein verdrießlich Gesicht zog. Die
+goldene Schnalle der Richtertochter war ihr aufgefallen, und das Herz
+stand ihr danach. Sie drang in den Vater, er müsse für sie das Geschmeide
+erlangen, sonst würde sie vor Gier und Sehnsucht krank werden. Der Graf,
+der seinem einzigen Kinde keinen Wunsch weigerte, winkte den Richter
+herbei und befahl ihm, seiner Tochter aufzugeben, daß sie gleich das
+Schmuckstück ihrer hohen Gespielin als Geburtstagsangebinde überreichte,
+und so drohend sah er aus, daß ein Widerspruch vergeblich gewesen wäre.
+Der Richter rief seine Tochter, führte sie abseits in eine Fensternische
+und beschwor sie, den Schmuck herzuschenken. Er erinnerte sie an den
+festen Turm, darinnen die Unglücklichen schmachteten, die sich auf der
+Landstraße den Reisigen des Grafen widersetzt hatten und bewies ihr,
+daß es dem mächtigen Herrn ein Leichtes sei, sie beide zu verderben. So
+legte sie weinend den Schmuck ab und behielt nur die Münze, die sie an
+einem güldenen Kettlein um den Hals trug. Die Grafentochter aber steckte
+stolz die Schnalle recht auffällig an ihr Busentuch.
+
+Während dessen herrschte an der Tafel eitel Lust und Fröhlichkeit, und
+besonders Ritter von Bauernmark erheiterte die Runde durch Späße und
+Scherze, berichtete von allerlei fremden Völkern und ihren Bräuchen und
+trank dabei auf das Wohl der Schönsten im Saale. Dabei ließ er die
+Blicke im Kreise herumschweifen, also daß er jedem Mägdlein in die Augen
+sah, und jede schon glaubte, sie sei die Prinzessin von Golconda. Des
+Richters Tochter hatte allmählich den Gespielinnen das Geheimnis
+vertraut, und so war des Ritters Auftrag jedem bekannt. Als die Tafel
+sich ihrem Ende neigte und die Pagen türkisches Konfekt und Leckereien
+herumreichten, erhob sich der Ritter von Bauernmark und sprach:
+»Vieledler Herr Graf! Verzeiht, wenn ich mich jetzt an Euch wende und
+einen Auftrag bestelle, dessen Ausführung keinen Aufschub erleidet. Ich
+komme als Abgesandter meines hohen Herrn, um ihm eine Braut zu suchen,
+die würdig sei, den Thron seiner Väter mit ihm zu teilen. Drei
+Bedingungen knüpft er an seine Werbung. Erstens dürfte in dem Lande, dem
+die Holde entstamme, nie ein ungerechter Richterspruch geschehen sein,
+nie das Recht für Geld verkauft werden. Denn Ungerechtigkeit ist wie ein
+ansteckend Gift, das in alle Seelen eindringt, und wo das Recht
+käuflich ist, da ist auch Liebe und Treue feil. Zweitens darf im Hause
+der Erwählten kein ungerecht Gut sein, ob viel oder wenig, und drittens,
+und das ist das schwerste, soll die Braut nicht begehrlich sein, sondern
+bescheidenen Sinns und demütigen Herzens. Wie sie aber aussehen solle,
+hat mein Herr mir so eindringlich beschrieben, daß ich seine Meinung
+genau kenne. So gestattet mir, edler Herr, wenn Euch die Werbung meines
+Herrn genehm ist, die Jungfrauen, die hier versammelt sind, zu mustern,
+und, wenn ich die Rechte finde, sie im Namen meines Herrn um ihre Hand
+zu bitten.«
+
+»Das sei Euch unverwehrt, edler Ritter,« sprach der Graf. »Wenn der Tanz
+jetzt anhebt, so betrachtet meine Schönen wohl und tut mir kund, auf
+welche Eure Wahl gefallen ist.« Im stillen aber hoffte er, seine Tochter
+würde die Erkorene sein. Einen fürstlichen Eidam zu haben, das war das
+Ziel seiner Wünsche, und er häufte Gut und Geld zusammen, um sein Kind
+zur reichsten Erbin zu machen.
+
+Während die Jungfrauen sich im Tanze drehten und neigten, die Häupter
+bald senkten und hoben, mit spähenden Blicken nach dem Brautwerber
+schielten und jede sich für die Auserwählte hielt, stand Bauernmark
+neben der Grafentochter. Plötzlich weiteten sich seine Augen und er rief
+laut: »Himmel, was sehe ich! O traurig Zeichen!« Der Tanz stockte. Alle
+Gäste drängten sich herbei. Der Graf forschte angstvoll, was seinem Gast
+fehle. »Etwas Schreckliches macht mich erzittern,« antwortete der
+Gefragte. »Mein hoher Herr, der Prinz, hat einen Bruder, der um ein
+Jahr jünger ist, denn er. Den duldete es nicht im Haus. Er wollte in die
+weite Welt und ließ sich durch keine Bitten halten. Unsere Königssöhne
+aber hatten jeder ein Gewerbe erlernt, das schrieb das Gesetz des Hauses
+ihnen vor, damit sie wissen sollten, wie dem, der hart arbeitet, zu Mute
+ist. Als es nun an das Scheiden ging, beschlossen beide, einander etwas
+zum Andenken zu geben, und sie schmiedeten aus Gold zwei Schnallen, die
+sollte jeder von ihnen tragen, sie nie ablegen und mit dem eignen Leben
+als höchstes Gut verteidigen. Und seht, die Schnalle, die Ihr, edle
+Herrin tragt, erkenne ich als die des jüngeren Prinzen. Die linke Hälfte
+ziert das Zeichen der Schlosser, zwei gekreuzte Schlüssel, die rechte
+zeigt das Wappen der Nagelschmiede, ein Herz von drei Nägeln durchbohrt,
+und je länger ich darauf sehe, desto mehr kommt es mir vor, als ob aus
+dem Herzen zwei rote Tropfen fließen. Lebt der Prinz noch, er hätte sich
+nie davon getrennt, auch nicht in höchster Not. Nur Räuberhand kann es
+ihm entrissen haben. So sprecht! Wie seid Ihr dazu gekommen? Wer hat es
+gewagt, in Eure Hand dies fluchbeladene Geschmeide zu legen?«
+
+Die Grafentochter erblaßte. Dann sprang sie auf ihre Gespielin zu und
+rief zornig: »Hier, die Richterstochter ist es gewesen! Die Falsche
+wollte mir bei Euch schaden, damit Ihr ungerecht Gut bei mir fändet. Als
+Geburtstagsangebinde brachte sie mir den Schmuck.«
+
+»So?« rief die Angegriffene aufgebracht. »Habe ich es Dir gegeben oder
+hast du es mir abgefordert und mich an Leib und Leben bedroht, wenn ich
+es nicht freiwillig herausgäbe? Gezwungen hast du mich, weil deine
+Begehrlichkeit mir das Kostbare nicht gönnte. Und nicht durch Raub
+erlangte ich es -- mein eigner Vater gab es mir!«
+
+»Und woher habt Ihr es, Herr Richter?« forschte Bauernmark. Der
+gestrenge Herr war bestürzt, daß er nicht vermochte, eine Lüge
+auszusinnen und ratlos dastand. »Ein armes Bauernweib brachte es -- --«
+stotterte er, »Ich -- -- ich -- -- sollte ihr zu ihrem Recht verhelfen.«
+Weiter kam er nicht; denn der fremde Ritter rief: »Jetzt wird mir alles
+klar. Falscher Richter, Eure Schlechtigkeit ist enthüllt. Gestern traf
+ich ein armes Bauernweib, das mir weinend erzählte, wie es sein letztes
+Gut einem bestechlichen Richter habe geben müssen, um seinen einzigen
+Acker zu behalten. Ein Schmuckstück sei es gewesen. Ein Sterbender, den
+sie auf der Straße gefunden und in ihrer Hütte verpflegt habe, gab es
+ihr vor dem Hinscheiden. 'Bringe es zu meinem Bruder,' hatte er mit
+erlöschender Stimme gesagt. 'Er wird es Dich herrlich lohnen. Er heißt
+-- --' da seien ihm die Augen zugefallen. Sie habe den Namen nicht mehr
+gehört und konnte seine Bitte nicht erfüllen. Die Reisigen eines hohen
+Herrn hatten den Fremden überfallen und beraubt; nur die Schnalle hatte
+er in den Falten seines Gewandes retten können.«
+
+»Beruhigt Euch, edler Herr,« sprach der Graf. »Tröstet Euch. Wir wollen
+dem Täter nachforschen.« Dabei zitterte seine Stimme, denn er wußte
+wohl, daß es seine Knechte waren, die harmlose Wanderer auf der
+Landstraße plünderten. »Seid sicher, daß der Schuldige seiner Strafe
+nicht entgeht. Ihr, Richter,« wandte er sich in strengem Tone zu diesem,
+»begebt Euch sofort mit Eurer Tochter aus dem Schlosse und lasset Euch
+nie wieder darin blicken!« »Führt sie hinaus, weil sie es gewagt haben,
+mit kecker Lüge meine Tochter zu schmähen,« gebot er den Knechten.
+
+Ehe der Richter und seine Tochter noch wußten, wie ihnen geschah, waren
+sie über die Zugbrücke gestoßen und mußten mit Schimpf und Schande
+abziehen.
+
+»Setzt das Fest fort!« gebot der Graf den Gästen, die bestürzt und
+neugierig alles angehört hatten. »Wißt,« wandte er sich an den Ritter
+von Bauernmark, »es ist nicht meine Schuld, wenn durch falsche Diener
+das Recht in meinem Lande gebeugt wurde. Sagt Eurem Prinzen, meine Hände
+sind rein.«
+
+»Wohlan,« sagte Bauernmark feierlich, »so werbe ich um Eure Tochter im
+Namen meines Herrn. Vielleicht war es eine Vorbedeutung, daß ich die
+Schnalle bei ihr finden sollte. Sie muß mir aber feierlich geloben,
+keinen andern zu ehelichen, sondern in Treue auszuhalten, bis mein Herr
+kommt und sie heimholt.«
+
+»Das gelobe ich!« rief die Grafentochter und streckte die Hand hoch.
+»Das Bild Eures Herrn und die Schnalle behalte ich als Pfand.« »So seid
+Ihr dem Prinzen von Golconda angelobt!« rief der Ritter mit hallender
+Stimme. »Wie ich jetzt mit dem Schwerte einen Kreis um Euch ziehe, so
+werfe ich jedem den Fehdehandschuh hin, der es wagt, Euch als Werber zu
+nahen. Heimlich und unerkannt ziehen die Boten unseres Herrn im Lande
+umher. Eine Prüfungszeit ist Euch beschieden. Habt Ihr während dieser
+die Treue gehalten, so besteigt Ihr den Thron unseres Landes als Herrin.
+Brecht Ihr aber Euer Gelöbnis, dann seid Ihr und jeder Freier, dem Ihr
+Gehör schenkt, dem Tode verfallen. Nichts kann Euch vor der heimlichen
+Rache unseres Volkes schützen.«
+
+Scheu wichen die Gäste vor der Grafentochter zurück, die in Furcht
+erschauernd ihr Haupt senkte.
+
+»Beurlaubt mich baldigst, daß ich abreise und meinem Herrn Kunde bringe
+von dem Glücke, das ihm bevorsteht,« schloß der Ritter.
+
+Als der Brautwerber am andern Morgen seinen Wagen besteigen wollte und
+sich vor dem Grafen verneigte, zog dieser einen grünseidenen Beutel voll
+Gold hervor und sprach: »Nehmt dies, Herr Ritter, als Dank dafür, daß
+Ihr die Falschheit meines Richters aufgedeckt habt.« Vergeblich weigerte
+sich Schlupps, das Geschenk anzunehmen. Der Graf drang immer inständiger
+in ihn, bis er nachgab, es einsteckte und davonfuhr.
+
+Die Grafentochter wies jeden Freier, der sich ihr nahte, zurück und
+wartete auf den Prinzen von Golconda. Ihr Vater aber wurde nach Jahren
+von einem räuberischen Nachbarn überfallen, der Burg beraubt und mußte
+mit seiner Tochter in der Hütte eines treuen Knechtes Unterkunft suchen.
+Da harren sie beide des Ritters von Bauernmark, der sie heimholen soll
+in das Reich seines Herrn, und warten noch heute.
+
+
+
+
+Des Kaisers Bote
+
+
+Wieder fuhr Schlupps im Lande umher. Da kam er eines Abends in ein Dorf,
+das abseits von der großen Straße am Fuße eines Berges lag. Den Hang
+hinauf kletterten die Häuschen, von denen eines hoch oben auf einem
+Bergvorsprung stand und mit blinkenden Scheiben in die Sonne blinzelte.
+»Hier wird schwer ein Unterkommen zu finden sein,« dachte Schlupps; denn
+ein Wirtshaus schien weit und breit nicht zu sehen. »Werd im Freien
+nächtigen müssen,« dachte er, »wie so manches Mal schon.« Da sah er
+einen Mann eilends den zackigen Bergpfad herabspringen und winkte ihm.
+Der Laufende stutzte, als er einen Fremden sah; denn einen solchen
+führte der Zufall selten her. -- Nur manchmal kam armes Hudelvolk
+vorüber oder ein Troß Landsknechte, die sich meistens herumtrieben und
+einen Anführer suchten, der sie warb. Waren lauter Gäste, die scheel
+angesehen wurden und mancher machte drei Kreuze hinterher, wenn sie
+abzogen. Aber der vor ihm stand, war ein Herrischer, fein angezogen, der
+mit Pferd und Wagen allein daherkam und ihm scharf in die Augen schaute.
+
+»Kann ich hier Nachtherberge finden?« Der Gefragte sah den Fremden an,
+kraute sich den Kopf und meinte: »Wohl. Ein Krug ist im Dorf. Ob er dem
+Herrn gefällt, ist eine andere Sache. Unansehnlich ist's da und laut
+geht es heute zu. Gemeindewahl ist bald. Ausspann könnte der Herr dort
+halten.«
+
+»Gibt's da ein Bett?« fragte Schlupps. »Geben mag's schon eins. Rat'
+aber nicht dazu; denn die Wirtin ist keine gute. Sie steht mit der
+Reinlichkeit auf gespanntem Fuß und kann das Waschen nicht übermäßig
+leiden.«
+
+»Wo kann ich sonst nächtigen?« »Wenn's eine Streu tut, ist mir der Herr
+willkommen.« »Wer seid Ihr?« forschte Schlupps. In des Mannes Wesen war
+etwas, was ihm zusagte. Er hatte ein ehrliches Gesicht und in den Augen
+leuchtete es auf wie von verhaltener Schelmerei. »Scheint eine Art
+Vetter von mir,« dachte Schlupps.
+
+»Bin der Schweinehirt. Da oben das ist mein Häuschen.« Er wies hinauf zu
+der höchstgelegenen Hütte. »Weit hinauf,« meinte der Fremde. »Ist gut,
+wenn man weit ab von den Menschen haust,« nickte der andere. »Habt einen
+guten Platz als Hirte, langt es zum Auskommen?« fragte Schlupps. »Knapp
+geht's bei uns zu. Wißt, die Bauern zahlen nicht gern. Zwei Gulden im
+Jahr und das Essen für mich und mein Weib, aber gar wenig. 'Damit Ihr
+nicht so fett werdet wie unsere Schweine,' hat der Schultheiß gesagt und
+gelacht.« »Und wie lebt Ihr davon?« »Wie's halt geht. Die Kathrin, mein
+Weib, schafft noch im Feld und spinnt. Ich tu, was ich kann. Viel ist's
+nicht mehr. Mein rechter Arm ist steif. Mit dem linken kann ich
+schreiben; da verdien' ich ab und zu etwas bei den Bauern, denn von
+denen ist keiner des Schreibens kundig.« »Was?« rief Schlupps. »Ihr seid
+der Einzige im Ort, der lesen und schreiben kann?« »Ei freilich. Ein
+fremder alter Mann hat's mich gewiesen. Hab ihn einmal vor Jahren in
+meine Hütte aufgenommen, weil er gar so elend und verlassen war, noch
+ärmer als wir. Hat mich nicht gereut, was ich an ihm getan. Der konnte
+erzählen. Das war eine Lust, ihm zuzuhören. Man wurde nicht müd, wenn er
+sprach und wußte nicht, wann der Abend aufhörte und die Nacht anfing.
+Manchmal haben wir bis zum Morgen gesessen, der Alte und ich, und
+geschwatzt.«
+
+»So wißt Ihr gewiß mehr als alle im Dorf,« neckte Schlupps. »Wär auch
+nicht viel,« meinte der andere bedächtig. »Denken nicht von hier bis
+dahin. Lassen sich die Sonne in den Mund scheinen und tun nur, was ihnen
+schadet. Aber unsereins darf nicht reden, und wenn er zehnmal sieht, wie
+sie das Dorf in Grund und Boden wirtschaften. Bin ja nur ein
+Schweinehirt.« -- Ein spöttisches Lächeln flog über sein Gesicht.
+
+»Wer war bisher Schultheiß?« forschte Schlupps, der anfing, seine Laune
+zu spüren.
+
+»Der Reichste, der am längsten im Dorf sitzt. Er ist Herr von dem großen
+Hause drüben, auf dem die Wetterfahne knarrt. Der Waldsepp wird er
+geheißen; denn sein ist der größte Wald landaus, landein.« -- -- »Und
+wen machen sie jetzt zum Schulzen?«
+
+»Wohl den Büchsenmichel. Heißt so, weil er tagaus, tagein die Büchse auf
+der Schulter hängen hat. Bei den Reichen geht das Amt reihum; die Andern
+haben das Zusehen. Jetzt sitzen die Mannsleut im Wirtshaus, die
+Kleinbauern, die Häusler und die Taglöhner und lassen sich sagen, für
+wen sie nächstens die Hand hochhalten sollen. Stimmen doch nur zu ihrem
+Schaden. Bekommen aber jeder ein Maß Wein frei vom Büchsenmichel und
+wären im Stand und verkauften für den Trunk ihre Seligkeit.«
+
+»Könnt Euch doch gleich sein, Schweinehirt, wer Schulze wird,« warf
+Schlupps nachlässig hin und hielt seine Pferde fest, die ungeduldig mit
+den Hufen scharrten. »O nein, Herr,« rief der Hirte eifrig. »Seht, da
+hat der Büchsenmichel die Jagd an sich genommen und zahlt der Gemeinde
+ein Spottgeld dafür. Das Wild läuft in die Felder, macht alle Saaten
+zunichte, und keiner darf eine Wildsau abfangen. Gleich macht er ihm den
+Prozeß und es kostet eine harte Buße. Wenn's ein ganz armer ist, der
+nicht zahlen kann, oft Leib und Leben. Der Waldsepp schlägt den Wald ab,
+wo er will, daß die Lawinen herunterstürzen und alles umeinandreißen
+können, und ist bald kein Baum mehr da, der sie aufhält. Und dort, wo
+der Wildbach herunterstürzt und im Frühjahr den Dung von den Feldern
+spült und das gute Erdreich fortschwemmt, da müßte ein Gemäuer gemacht
+werden aus Steinen und Reisig. Ist aber zu nichts Geld da und keiner
+kümmert sich darum. Die Reichen wollen nicht zahlen und die Armen
+haben's nicht dazu. Zum Schulhaus langt's schon gar nicht. Der letzte
+Schulmeister hat sich müssen als Knecht verdingen, um nicht Hungers zu
+sterben. Das Schulhaus ist verfallen und die Kinder wachsen auf, daß
+Gott erbarm. Hätten wir einen Schultheiß wie sich's gehört, der an den
+Kaiser schreibt, damit Recht und Ordnung herkäme, es wäre eine Freud,
+was aus unserm Dorf werden könnte. Aber so -- -- ein Jammer ist's.«
+
+Er brach ab und hielt erschreckt inne. Wie konnte er sich nur verleiten
+lassen, so frei heraus zu sprechen, noch gar zu einem Fremden. Einem
+Herrn! Wer weiß, was der für einer war und ob er es nicht mit denen
+hielt, die Reichtum und Ehren hatten. Aber jetzt klang die Stimme des
+Junkers gütig: »Schweinehirt, Ihr gefallt mir. Sagt mir noch, was tut
+Ihr denn mit den Gebrechlichen und Kranken, den Waislein und
+Heimatlosen?«
+
+Der Hirt sah hoch, streckte den Arm aus und wies auf den Gottesacker.
+»Da können's hin, oder in die weite Welt. Für unnütze Brotesser ist kein
+Platz im Ort, hat der Schultheiß gesagt.«
+
+»So, so, bläst der Wind daher? Da ist es an der Zeit, daß ich gekommen
+bin,« murmelte Schlupps. »Wißt, Schweinehirt, muß mir Eure Mannsleut
+einmal in der Nähe besehen. Zeigt mir das Wirtshaus.«
+
+Wie er in die Gaststube trat, die niedrig und verräuchert war, da hob
+alles erstaunt die Kopfe, als der herrische Junker mit hallenden
+Schritten zu einem Tische ging und laut rief: »Wirt, Einen vom Besten!
+Aber rasch!« Kaum aber stand der Becher vor dem Herrn, so trank der nur
+einen kurzen Schluck und sagte zu dem Nächstsitzenden: »Gebt's weiter!«
+Das ließ sich der nicht zweimal sagen, tat einen kräftigen Zug und ließ
+den Becher herumgehen. Die Bauern tranken und staunten, rissen die Augen
+auf, stießen sich an und schoben die Zipfelmütze hin und her. Das war
+ihnen noch nicht vorgekommen. Ein vornehmer Herr, der so gemein tat, daß
+er unter ihnen saß, einen Wein nach dem andern ihnen vorsetzen ließ und
+zuhörte, was sie redeten. Doch jetzt erhob sich der Junker und sprach
+laut: »Männer! Ich komme weit her. Des Kaisers Kanzler schickt mich, daß
+ich in seinem Lande nach dem Rechten sehe; ihm berichte von allem, was
+sich zuträgt und wie seine Untertanen nach Zucht und Sitte leben. So
+wißt: Jeder Ortsschultheiß soll mir in einer Schrift kund tun, wie es
+zugeht in seinem Dorf. Ob der Schullehrer die Kinder unterweist und sie
+in Gottesfurcht und Tugend heranzieht. Wie die Felder gedeihen; ob Ihr
+dem Wildschaden steuert, daß nicht der Fleiß zunichte gemacht wird und
+statt der Menschen die Wildschweine das Kraut und die Rüben fressen. Tut
+auch zu wissen, wie Ihr für die Armen sorgt, ob Ihr ein Spittel für die
+Kranken habt und ein Kloster für die Gottwilligen. Schreibt alles genau;
+denn der Kaiser läßt hintennach alles wohl untersuchen. Sollte aber in
+dem Schreiben etwas stehen, was nicht vor seinen strengen Richtern für
+wahr befunden wird, dann läßt er den Schultheiß binden und gefangen
+setzen. Und der Prozeß ist gar kurz. Des Seilers Tochter macht Hochzeit
+mit ihm und der Galgen ist schon da, an dem er baumeln muß.« Den reichen
+Bauern, die eben noch mit vollen roten Backen dagesessen, wurden die
+Gesichter schmal und spitz, als sie das hörten. Die Kleinbauern und
+Häuslerleut aber erhoben die Köpfe und sahen sich schmunzelnd an.
+»Möchte jetzt nicht der Büchsenmichel sein, und der Waldsepp ist auch
+nicht zu beneiden,« dachte mancher von ihnen schadenfroh. »Wißt, Herr,«
+kam jetzt der Wirt näher, »mit dem Schultheiß sind wir eben schlimm
+dran. Der's bislang gewesen, ist es seit einer Woche nimmer, und einen
+neuen haben wir noch nicht. Konnten keinen finden. Will sich keiner dazu
+hergeben, ein so saures Amt zu verwalten.« Dabei blinzelte er dem
+Büchsenmichel zu, als wollte er sagen: laß mich nur machen.
+
+[Illustration: Schultheiß Schweinehirt]
+
+»Nehmt den Gescheitesten am Ort,« sagte der Fremde.
+
+»Das hab ich allweil auch gesagt; bin ganz der Meinung des Herrn,«
+schwindelte der Wirt. »Aber wer ist der Gescheiteste? Keiner will ein
+Dummer, jeder ein Kluger sein, und keiner läßt den andern mehr gelten
+als er selbst ist.« »So nehmt den, der am besten mit der Feder und der
+Rede Bescheid weiß; nicht so viel hat, daß er sich mehr dünkt als die
+Andern. Einen, der alle im Dorf kennt, weiß, wie's jedem zu Sinn ist und
+bei den Kleinen und Großen wohl angeschrieben ist. Weiset ihn auch an,
+aufzuschreiben, wie es um Euer Geld steht und ob Ihr für die
+Landsknechte unseres Herrn Kaisers eine tüchtige Ladung Goldgulden
+schicken könnt. Denn der Türke steht vor dem Lande, und wenn er
+herkommt, bleibt nichts niet- und nagelfest. Er brennt Euch die Häuser
+über den Köpfen weg. Also richtet Euch ein: in zwei Tagen komme ich und
+hole mir Bescheid.«
+
+Dabei zahlte er und verließ das Wirtshaus, wo die Bauern dasaßen, als
+hätte sie einer vor den Kopf geschlagen, vor sich hinstierten und kein
+Wort zu sagen wußten.
+
+Der Fremde hatte seine Kutsche bestiegen und war fortgefahren, hinaus in
+eine einsame Jagdhütte, die ihm der Schweinehirte beschrieben und die
+einst einem hohen Herrn als Landaufenthalt gedient hatte. Jetzt lag sie
+einsam und verlassen, und nur manchmal stellte ein Fuhrmann seinen Wagen
+unter, wenn die Nacht ihn auf der Fahrt überraschte, oder wenn er das
+Geld im Wirtshaus sparen wollte. Die Bauern aber wunderten sich, wo der
+fremde Herr mit einmal hingekommen war und gingen am andern Morgen mit
+verstörten Gesichtern umher. Hatten sie bisher Zwist miteinander gehabt,
+weil jeder von ihnen Schultheiß sein wollte, so wichen sie jetzt
+einander aus, weil jeder sich fürchtete, der andere wolle ihm zureden,
+das Amt zu übernehmen, und keiner die Schrift an den Kaiser aufsetzen
+konnte.
+
+Heimlich aber schlichen sie auf Umwegen zu dem Schweinehirten und baten
+ihn um Gotteswillen, doch für dieses Mal Schultheiß zu spielen und ihnen
+zulieb das Amt anzutreten. »Tut's, Simmel,« sagte der Waldsepp. »Habt
+ein Einsehen. Was kann Euch denn geschehen?« »Meint Ihr?« rief des
+Simmels Weib. »Mein Mann dürfte leichter hängen als Ihr? Wenn er jetzt
+dem Kaiser alles schreibt, wie's hier zugegangen ist im Dorf und wie Ihr
+gehaust habt, vermeint Ihr, der wird ihn strafen? Weit gefehlt! Euch
+geht's an den Kopf und so könnt Ihr es gleich auf Euch nehmen und wieder
+Schultheiß spielen.« »Weib, schweigt still und laßt Euren Mann reden,«
+entfuhr es dem Sepp. »Simmel, überlegt nicht lang. Auf Geld soll es uns
+nicht ankommen.«
+
+Während dessen ging ein Handwerksbursche von Haus zu Haus, bat um einen
+Zehrpfennig und erzählte dabei, wie er weit herkomme und ob sie schon
+gehört hätten, daß der Türke nahe sei, senge und brenne und alles
+mitnähme. Hab und Gut, die Ochsen aus dem Stall und die Kleider aus der
+Truhe. Und da die Männer alle auf dem Felde schafften und nur das
+Weibervolk daheim war, so entstand bald am Brunnen ein Schwatzen und
+Wehklagen. Die Weiber liefen zueinander, jammerten und schrien und dann
+rannten sie heim und packten, was sie erreichen konnten, um es
+mitzunehmen, wenn der Türke käme. Da trug eine die Mulde voll Brot, das
+sie vom Bäcker geholt hatte und das noch dampfte, denn sie wollte nicht
+warten, bis es gar war, sondern hatte es gleich aus dem Backofen
+gerissen und war damit fortgelaufen. Eine andere trug heulend ein
+mächtiges Bündel Stroh auf dem Rücken, darin hatte sie ihr Kindchen
+gebunden, daß es im Walde weich liege. Ein Drittes schleppte keuchend
+eine leere Waschbütte herbei, wußte selbst nicht wozu, und eine Alte
+hatte eine Gans fest unter den Arm gepackt und zerrte in einem Netz
+Hühner und Enten mit. Es war ein Durcheinander, ein Heulen und Schreien,
+ein Laufen und Rennen. Betten flogen aus dem Fenster und unten auf der
+Gasse stürzten sich die Buben darauf und schleiften sie durch Pfützen
+und Moor über Stock und Stein. Der alte Küster humpelte in die Kirche,
+faßte den Glockenstrick und schwang ihn mit aller Macht, daß die alte
+Glocke, die schon einen Sprung hatte, jammervoll hinausklang auf die
+Felder, und die Kinder liefen hin und her, schwenkten ihre Stäbe und
+schrieen: »Der Türk! der Türk!« Und wäre er wirklich dagewesen, so
+hätte es nicht können schlimmer zugehen, denn die Furcht machte mehr Not
+und Unruh als der Krieg und der Feind.
+
+Vom Felde her aber eilten auf das Geläut die Männer herbei mit Sicheln
+und Sensen, mit Dreschflegeln und Äxten und rotteten sich unter der
+Linde zusammen. Gerade kamen die Großbauern von der Beratung beim
+Schweinehirten zurück, blieben stehen und nahmen erstaunt wahr, wie das
+Volk unter der Linde stand und schrie und tobte. »Ihr kommt uns gerade
+recht,« rief ein junger Bursche mit funkelnden Augen. »Jetzt gebt Eure
+Goldgulden heraus für des Kaisers Soldaten. Der Türk kommt.« »Geld raus!
+Geld raus!« schrien einige und hielten die Sensen hoch. Die Weiber
+heulten und kreischten. »Der Türk! der Türk!« und vermeinten schon, ihn
+vor sich zu sehen. »Gebt Ruhe!« klang es laut über den Platz. Der
+Schweinehirt war auf eine Bank gestiegen, die vor dem Wirtshaus stand.
+»Gebt Ruhe! Schämt Ihr Euch nicht, so wüst zu tun? Was wollt Ihr
+eigentlich? Sprecht und sagt deutlich, was Ihr begehrt!«
+
+»Einen andern Schultheiß!« riefen einige. »Einen andern Schultheiß,«
+stimmten die andern zu, und die Großbauern schrien: »Da habt Ihr den
+Rechten. Der Schweinehirte soll es für dieses Mal sein.« »Wir wollen,
+daß die Armen auch einmal an die Reihe kommen,« ließ sich der Waldsepp
+vernehmen. »Wählt den Simmel!«
+
+Der wollte Einwendungen machen und heruntersteigen; aber starke Arme
+hielten ihn auf der Bank fest, und Arm und Reich schrie: »Du mußt! Du
+mußt!«
+
+Da sah der Simmel um sich, winkte, daß es plötzlich stille ward und
+sagte ruhig: »Also Männer. Ihr wollt, daß ich Schultheiß werde und Recht
+hier zu sagen habe. So schwört mir vorerst, daß alles geschieht, wie ich
+es verlange.«
+
+»Wir schwören!« klang es einstimmig, und die Großbauern schrien es am
+lautesten. Mit dem Schweinehirten wollten sie schon fertig werden. Der
+mußte doch tun, was sie wollten, wenn er nur erst die Schrift an den
+Kaiser aufgesetzt hatte.
+
+»So bestimme ich,« rief der neue Schultheiß, »daß jeder Großbauer
+hundert Goldgulden an die Gemeindekasse zahlt!« »Hoho!« schrie der
+Büchsenmichel wie besessen. »Die Wahl gilt nicht.« »Wohl gilt's!« riefen
+die Kleinbauern und hielten die Sensen hoch. »Wohl gilt's!« rief der
+Simmel mit starker Stimme. »Habt es ja selbst so gewollt. Geht heim und
+holt das Geld auf der Stelle und einige von Euch gehen mit.«
+
+Da blieb den Bauern nichts übrig, als zähneknirschend umzukehren und das
+Geld zu holen, und bald häufte sich ein Goldberg auf dem Holztisch vor
+dem Wirtshaus. Der Wirt mußte einen Sack herbeibringen; in den wurde das
+Gold gefüllt und dann mit Wachs und Siegel fest verschlossen. »Haben die
+Großen zahlen müssen, so kommen jetzt auch die Kleinen an die Reihe,«
+rief der neue Schultheiß. »Kleinbauern! Ihr habt jeder eine Fuhre
+Bauholz zu fahren für ein neues Schulhaus, und Ihr Häusler,« wandte er
+sich an diese, »müßt jeder zwei Tage im Monat daran arbeiten. Denn das
+gibt's nicht bei uns,« setzte er hinzu, »daß einer annimmt und nichts
+dafür tut. Ist die Schule doch für alle Kinder im Dorf ohne Unterschied.
+Und wer etwas annimmt, ohne etwas dafür wieder zu geben, der leidet an
+Seele und Leib Schaden; denn er meint, er müsse nur das Maul auftun, und
+die gebratenen Tauben fliegen ihm dann hinein. Er verlernt das Arbeiten
+und das Wollen und weiß nicht, daß er sich selbst helfen kann.« »Recht
+hat er,« schrie der Waldsepp, der sich freute, daß die reichen Bauern
+nicht alles allein zahlen mußten, sondern daß die andern auch den neuen
+Herrn im Dorf zu spüren hatten.
+
+»So ist des Kaisers Meinung!« klang es plötzlich. Der Junker im braunen
+Wams war herzugetreten. Da flogen die Kappen vom Kopf, und die Sensen
+und Sicheln sanken herunter.
+
+»Werd's dem Kaiser berichten, wie Ihr Ordnung und Recht im Dorfe
+geschaffen habt,« sagte er mit fester Stimme. »Eine große Freude wird es
+dem Herrn gewähren; denn nur wo Recht und Zucht herrscht, kann ein Land
+gedeihen.« »Herr,« bat der Simmel, »wollt Ihr nicht das Geld für des
+Kaisers Heer gleich mitnehmen?« »Nein, nein,« wehrte der Junker. »Wenn's
+an der Zeit ist, wird es der Kaiser schon holen lassen. Einstweilen
+verwendet davon für Eure Gemeinde und tut damit, was not ist. Laßt Eure
+Kinder tüchtig lernen. Erzieht sie zu rechtschaffenen, aufrechten
+Männern und haltet alles so, daß Ihr vor des Kaisers Kanzler mit Ehren
+bestehen könnt.«
+
+»So bitten wir Euch, Herr, etwas als Geschenk von uns anzunehmen, als
+Wegzehrung. Denn wäret Ihr nicht gekommen, so läg unser Dorf noch im
+Argen, und Ordnung und Zucht hätten nie Einkehr gehalten. Jetzt
+versprech ich Euch: Anders soll es werden und alle Vierteljahr werd ich
+dem Kaiser in einer Schrift Kunde geben, wie es bei uns zugeht.«
+
+Damit reckte sich der Simmel hoch und sah herausfordernd um sich, und
+man konnte zum ersten Male sehen, was für ein hoch gewachsener Mann er
+eigentlich war, und wie hell seine Augen leuchteten. Denn bis dahin war
+er immer gebückt gegangen, als drücke ihn seine Niedrigkeit und Armut,
+und als müßten seine Augen den Erdboden suchen, anstatt in die Sonne zu
+sehen. Jetzt schaute er die Menge an, als wollte er sagen: »Ich bin
+Schultheiß, hütet Euch wohl.« Und die Bauern duckten die Köpfe. Der
+Schweinehirt machte ihnen Sorge. Mit dem war nicht gut anbinden, das
+merkten sie jetzt und bereuten im Stillen ihre Angst, die sie geheißen
+hatte, ihn zu wählen. Fiel ihnen aber der Türke und des Kaisers Kanzler
+ein, dann lief es ihnen kalt über den Rücken. Dann schon lieber den
+Simmel zum Schulzen.
+
+»Hoher Herr!« bat jetzt der Schultheiß eindringlich. »Weiset unsre Gabe
+nicht zurück. Ihr habt sie redlich verdient. Wenn Ihr nicht bei uns
+eingekehrt wäret, hätt' es in unserm Dorf noch lange bös ausgesehen. Und
+nicht, weil Ihr des Kaisers Bote seid, sondern weil Ihr ein Herz für
+alle habt und für das Recht eintretet, wollen wir Euch erkenntlich
+sein.«
+
+Da nahm der fremde Junker etliche Goldstücke an, bestieg seinen Wagen
+und fuhr davon. Der Schweinehirte aber blieb Schultheiß und das Dorf
+gedieh unter seiner Hand.
+
+
+
+
+Die Königswahl
+
+
+Jetzt will ich aber sehen, seßhaft zu werden, dachte Schlupps. Das ist
+kein Leben, immer in der Welt herumzufahren und von allen Menschen
+scheel angesehen zu werden als Müßiggänger und Tagedieb und nichts zu
+tun zu haben, als seinen Spott mit ihnen zu treiben. Doch was beginnen?
+
+Ein Handwerk ausüben war nicht nach seinem Sinn. Das Schulmeistern noch
+einmal anzufangen lockte ihn nicht. Als Ritter umher zu ziehen, Bauern
+und ungerechte Richter züchtigen, hätte ihm am besten gestanden.
+Schließlich hoffte er auf den Zufall, der immer der Freund der
+Herumwandernden war und ihn gewiß an die rechte Stelle führen würde. Und
+sein Glaube sollte nicht trügen. Eines Tages kam er in eine Gegend, die
+ihm bekannt vorkam und die er seines Wissens noch nie gesehen. Schwarze
+Fahnen waren in Abständen in den Boden gesteckt. »Was bedeutet das?«
+fragte Schlupps einen Mann, der langsamen Schrittes die Straße daher
+kam. »Unser guter König ist tot,« sagte der. »Schon seit Wochen suchen
+wir einen neuen. Aber schwer ist der zu finden.« -- »Hat Euer König
+denn keinen Sohn?« »Ach nein, Herr, nur eine Tochter. Wer König werden
+will, muß die freien. Es waren schon genug Prinzen da: schöne und
+häßliche, reiche und arme, dicke und dünne. Aber keiner konnte König
+werden, denn er wußte das Wort nicht.«
+
+»Was für ein Wort?« fragte Schlupps erstaunt. »Seht Ihr, Ihr wißt es
+auch nicht!« rief der Mann. »Da habt Ihr's, wie sollen es die fremden
+Prinzen wissen?« Mehr konnte Schlupps nicht aus ihm herausbringen, so
+viel er auch frug. »Ja, das Königsein, das Königsein,« sagte der Mann.
+»Ist nicht so einfach, nicht so einfach. Bin froh, daß ich es nicht sein
+muß, nicht sein muß.« Damit bückte er sich zu seinem Acker nieder und
+fing an, Erdäpfel auszugraben, so dicke und große, wie Schlupps sie noch
+nie gesehen. »Mein Nachbar hat noch dickere,« meinte er, als er die
+verwunderten Blicke des Fremden gewahrte. »Da kommt er. Töffel, weise
+dem Herrn deine Feldfrüchte,« rief er dem Nachbarn zu. Der grüßte: »Jo,
+jo, dick. Sehr dick!« »Wieso erreicht Ihr, daß sie so werden?« fragte
+Schlupps wißbegierig. Der Angeredete lachte blöde. »Wachsen in der
+Erde.« »Natürlich,« gab Schlupps ärgerlich zur Antwort. »Das seh ich.
+Was tut Ihr dazu, daß sie so dick werden?« »Weiß nicht. Warte, bis sie
+dick sind,« war die Antwort.
+
+Schlupps ließ die Beiden stehen und fuhr weiter. An einem Wirtshause
+machte er Halt, stellte seinen Wagen ein und beschloß, die Gegend zu Fuß
+zu durchwandern. Überall sah er schwarze Fahnen aufgestellt. Auf sein
+Befragen erzählte ihm der Wirt, was es mit dem Königswerden auf sich
+habe.
+
+Jeder, der Herrscher im Lande sein wollte, mußte ein bestimmtes Wort
+aussprechen, das immer nur der König kannte und auf dem Totenbette
+seinem Kanzler anvertraute. Der hatte darüber zu wachen, daß der
+Thronbewerber das richtige Wort sage. Habe bis zum vierzigsten Tage nach
+dem Tode des Königs niemand das Wort gesprochen, so bleibe das Land ohne
+König und es gäbe ein furchtbares Unglück. Denn der König müsse nicht
+nur herrschen, sondern auch die neuen Menschen vom Lebensbaume
+abschütteln, der im Schloßgarten stände. Sobald im Lande zwei Menschen
+gestorben sind, geht der König an den Baum, rüttelt ihn und zwei Kinder
+springen herunter, die gleich genau so aussehen wie die Erwachsenen.
+Jetzt sei der gute König schon achtunddreißig Tage tot. Die Prinzessin
+harre des Gemahls, und noch habe sich keiner gefunden, trotzdem viele
+Prinzen da waren und Worte in allen Sprachen geredet hätten.
+
+Die Sache kam Schlupps sonderbar vor. Er ergriff seinen Wanderstab und
+frug noch, ehe er weiterschritt: »Wie heißt Euer Land, Herr Wirt?«
+
+»Das Land derer, die nicht alle werden,« war die Antwort.
+
+»Die nicht alle werden,« murmelte Schlupps und wanderte los. An einer
+Straßenbiegung sah er einen Mann stehen, der hielt mit seinem Rößlein an
+einem leeren Brunnentrog; aber kein Wasser floß aus dem ausgehöhlten
+Baumstamm, in dem das Rohr lag. »Was ist hier, guter Freund?« rief
+Schlupps ihm zu, als er sah, wie das Pferd mit der Zunge gierig im
+leeren Becken nach Wasser suchte. »Es fließt nicht,« klang es zurück.
+»Laßt mich sehen; bin eine Art von Brunnenmeister.« Schlupps beugte sich
+nieder. »Ei, da steckt ja ein Stein im Rohr, müßt den herausmachen.« Der
+andere schüttelte den Kopf. »Das haben gewiß des Nachbars unnütze Buben
+getan. Ich zieh ihn nicht heraus.«
+
+»Aber Euer Pferd verdurstet indessen,« sagte der neue Brunnenmeister.
+»Will es Euch in Ordnung bringen.«
+
+»Nein! Nein,« beharrte der Bauer. »Wer es hineingetan hat, soll es
+wieder herausziehen.« Das Pferd schnappte und wendete kläglich den Kopf
+nach seinem Herrn. »Laßt mich Euch helfen, es ist ja nur eine
+Kleinigkeit,« bat Schlupps eindringlich; denn er hatte Mitleid mit der
+armen Kreatur.
+
+Der Andere sah ihn mißtrauisch an. »Was kümmert's Euch?« brummte er.
+»Ist mein Pferd. Wer es hineingesteckt, soll es herausziehen. Ist Eures
+Amtes nicht.«
+
+Er hielt die Hand fest auf die Mündung des Rohres gepreßt. Plötzlich
+wankte das Pferd, schlug um, streckte alle Viere steif von sich und lag
+steif und tot da.
+
+»Ist meinem Nachbar recht geschehen. Sein Pferd wird auch so verdursten,
+wenn es an die Tränke kommt.« Damit zog der Bauer dem Vieh das Fell ab,
+warf es über die Schulter und wanderte langsam und gemütlich heim.
+
+Schlupps sah ihm erstaunt nach. »Scheinen eigentümliche Leute hier zu
+Lande,« murmelte er und wanderte weiter. Er bog in eine Dorfgasse, da
+standen Maurer und bauten an einem Haus. Wenn sie einen Stein
+hergetragen hatten, stellten sie sich im Kreise auf, befühlten ihn,
+schoben ihn hin und her und putzten sich dann die Hände an der Schürze
+ab. Dann tauschten sie ihre Meinung darüber aus, wie der Stein den
+andern so ähnlich sehe, und endlich hoben sie ihn mit vieler Mühe und
+lautem Seufzen hoch und verschmierten die Fugen mit Lehm. Darauf ließen
+sie die Flasche kreisen und lobten einander für ihr fleißiges Tun. »Habt
+viel Zeit, Kameraden!« rief Schlupps. »Meint Ihr, Herr?« entgegnete der
+älteste Maurer. »Irrt Euch sehr. Bis heute sollte das Haus fertig sein.
+Seht nur wie wir vor Mühsalen schwitzen.« »Bis heute?« wunderte Schlupps
+sich. »Ist ja noch nicht das Kellergeschoß fertig.« »Seht Ihr, der Mann
+versteht's,« rief der Maurer. »Habe ich nicht gleich gesagt, wir werden
+bis heute nicht fertig. Der Herr ist wohl auch Maurer?«
+
+»Freilich, Baumeister bin ich. Hab' schon manches Schloß hoch über den
+Wolken in den Lüften erbaut, dem kein Neider und kein Feind etwas
+anhaben konnte.«
+
+»So, so, Baumeister ist der Herr. Ja, ja. Ei, ei, hätt' ich nicht
+gedacht. Also Baumeister ist der Herr. Wirklich?« »Ich meine, wir hören
+auf,« sagte der Alte bedächtig, »fertig werden wir doch nicht. Da ist es
+gleich, ob wir jetzt ein Ende machen oder des Abends. Was meint Ihr?«
+Seine Gefährten stimmten ihm zu und legten die Schürze ab. Schlupps
+aber, den ihre Langsamkeit und Trägheit verdroß, sagte ernsthaft:
+
+»Recht so, Gevatter. Es geht jetzt in eins hin, und der Neue wird
+Euch doch mit des Seilers Tochter verheiraten, so oder so.«
+
+[Illustration: Vor der Königswahl]
+
+Die Handwerker stutzten und sahen den fremden Mann scheu von der Seite
+an.
+
+»Ist denn schon ein neuer König da?« fragten sie angstvoll.
+
+»Das wißt Ihr nicht?« staunte Schlupps. »Ei, das pfeifen ja die Spatzen
+vom Dache, wie das Wort gelautet hat, 'Arbeite, arbeite,' hat der Neue
+gesagt. Jetzt schickt er im Lande herum, und wenn er Leute trifft, die
+Maulaffen feil halten und die liebe Tageszeit vergeuden, als wäre sie
+eitel Luft, dann fackelt er nicht, und die hier zu viel still gestanden
+haben, dürfen in der frischen Luft am Galgen herumtanzen.«
+
+»Wir arbeiten! Wir arbeiten!« schrien die Maurer, ergriffen Hammer und
+Kelle und schafften darauf los, daß die Mauern emporschossen.
+
+Und als Schlupps im Weiterwandern sich noch einmal umschaute, erblickte
+er das Haus hoch über den Boden emporragend, und lachend zog er fort.
+
+Immer weiter durchzog Schlupps das Land und wunderte sich über die
+Menschen, die darin lebten; denn hatte er schon der Torheiten viele
+angesehen, so dünkte ihm doch, daß hier die Narren üppiger gediehen denn
+anderswo, und einer den andern an Narrheit übertraf. Als er am zweiten
+Tage die Hauptstadt betrat, fand er auch dort alle Straßen und Häuser
+zum Zeichen der Trauer mit schwarzem Tuch bedeckt. Auf seine Fragen nach
+einer Herberge erhielt er nirgends Antwort. Die Leute liefen aufgeregt
+durcheinander, denn heute war der letzte Tag der Wahl und war bis dahin
+kein König gefunden, dann stand ihnen großes Unglück bevor. Einer
+flüsterte dem andern zu, daß wieder fremde Prinzen angekommen seien. Die
+Hoffnung auf einen Herrscher war ihnen noch nicht geschwunden.
+
+Schlupps sah um sich, ob er denn keinen fände, der ihm Auskunft geben
+könne; da sah er durch ein niedrig gelegenes Fenster in ein Gemach,
+darin ein Mann saß. Der hatte einen mächtigen Federkiel hinter dem Ohr
+und einen Haufen Papier vor sich.
+
+Er ging in das Haus und öffnete, da auf sein Klopfen niemand antwortete,
+die Zimmertür. »Verzeiht, Herr,« sagte er höflich, »wollte Euch bitten,
+einem Fremden den Weg zu einer Herberge zu weisen.«
+
+»Habe keine Zeit,« gab der Mann zurück. »Seht Ihr nicht, daß ich die
+Papiere zu ordnen habe?« Damit holte er aus der Ecke einen Stoß Bogen,
+legte sie auf einen Haufen, sah sorgsam nach, daß nicht eine Ecke über
+die andere hinausragte, betrachtete den Haufen bedächtig von allen
+Seiten, nahm ihn dann wieder auseinander und schichtete ihn in einer
+anderen Ecke wieder auf.
+
+Schlupps kam das Bemühen des Mannes gar sonderbar vor, so daß er sich
+einer Frage nicht enthalten konnte. »Was sind das für Papiere, guter
+Freund?« sprach er freundlich. »Weiß nicht,« war die mürrische Antwort.
+»Die sollte unser König haben. Ist aber gestorben und hat sie nicht mehr
+zu Händen bekommen; muß sie jetzt immer säuberlich glätten und falten;
+denn ich bin des Königs Bogenleger.«
+
+»Aber wenn Ihr doch keinen König habt, nützt Euer Tun einstweilen
+nichts.« »Kümmert mich nicht,« antwortete der Schreiber. »Habe zu
+besorgen, was mir aufgetragen wird. Wenn ich fertig bin, fange ich
+wieder von vorne an. Sie haben mir gesagt, daß ich das Papier glatt
+hinlegen solle.«
+
+Neugierig ergriff Schlupps einige Blätter, schlug sie auf und sah mit
+Staunen, daß sie leer waren. »Aber es steht ja nichts darin,« rief er
+und blätterte weiter.
+
+»So, so, nichts darin?« sagte der Schreiber trocken. »Ei freilich,
+überzeugt Euch selbst. Solltet sie wohl nur dem König zu Händen legen,
+wenn er schreiben will.« »Weiß ich nicht,« murmelte der Andere, ergriff
+schnell die Blätter, die Schlupps auseinander gerissen hatte und suchte
+sie zu glätten.
+
+»Wie heißt Ihr, Fremder?« forschte er. »Nennt mich der Neue,« sagte
+Schlupps. »Wißt, Neuer,« knurrte der Bogenleger, »Ihr gefallt mir nicht.
+Seid fürwitzig und ein unbequemer Geselle. Wäre besser, Ihr ließet mich
+ungestört bei meiner Arbeit. Geht lieber vor das Schloß, wo heute
+Königswahl ist und seht zu, ob wir einen Prinzen bekommen. Zeit wär's.«
+
+Schlupps verließ ihn und schloß sich der Menschenmenge an, die auf dem
+weiten Platz vor dem Schlosse flutete. Dicht gedrängt standen sie; aber
+kein unfreundliches Wort war zu hören, wenn auch manchmal das Gedränge
+arg war. Stumm harrten sie, und was Schlupps am meisten verwunderte,
+war, daß alle einander so ähnlich sahen, wie ein Ei dem andern, und man
+meinte, immer dasselbe Gesicht in einem tausendfältigen Spiegel zu
+sehen.
+
+Jetzt ertönten Trompetenstöße. Aus dem Schlosse kam ein Zug stattlicher
+Ritter und Frauen geschritten. Sie scharten sich um den Thron, zu dem
+der Kanzler die Prinzessin feierlich geleitete. Die Königstochter hielt
+die Augen gesenkt; als sie aber einmal den Blick hob, bemerkte Schlupps,
+daß die Wunderschöne teilnahmslos und gleichgiltig in die Ferne sah, als
+habe sie keine Wahrnehmung von dem, was um sie geschehe.
+
+»Prinzessin,« fragte der Kanzler laut, »seid Ihr gewillt, den zum Gatten
+zu nehmen, der das rechte Wort findet, wer es auch sei?« Sie neigte
+zustimmend das Haupt. »Ich tue, wie es Brauch ist,« sagte sie mit
+gleichmütiger Stimme. Dann stieg sie die Stufen des Thrones hinauf,
+setzte sich nieder und schaute träumenden Blickes auf die Volksmenge.
+Der Herold stieß in das Horn.
+
+Hervor trat der erste Prinz. Es war ein dürres Männchen; die spärlichen
+Haare bedeckte eine hohe Mütze, an der bunte Bänder herunter hingen.
+Sein Kleid prangte in bunten Farben und seine spitzen Hackenschuhe
+erregten das Verwundern der Mädchen und Frauen. Er legte die rechte Hand
+auf die Brust, verneigte sich vor der Prinzessin, nickte grüßend zu dem
+Volke hinüber und sagte mit krähender Stimme: »Herr Kanzler! Ich bin ein
+Königssohn. So habe ich meinen Ministern Auftrag gegeben, das Wort für
+mich zu finden. So viel sie nachdachten, sie konnten es nicht
+ergründen. Da gab mir mein Hofnarr vor der Fahrt einen Zettel und riet
+mir, ihn erst hier, wenn ich vor der liebwerten Prinzessin stehe, zu
+öffnen. So gestattet, daß ich Euch das Wort künde.« Er faltete das
+Blättchen auseinander und las mit stockender Stimme:
+
+ »Albern -- dalbern. Albern -- dalbern.«
+
+Der Kanzler schüttelte das Haupt: »Es tut mir leid, Prinz. Doch das ist
+nicht das Rechte.«
+
+Der Königssohn wurde blaß, drehte sich um und verließ eiligen Schrittes
+den Platz.
+
+An seine Stelle trat ein hochgewachsener Mann, der Königssohn von
+Südland. Er neigte leicht das Haupt vor der Prinzessin, warf keinen
+Blick auf die Menge und sagte kurz und mit harter Stimme:
+
+ »Das Wort heißt: Duck dich. Duck dich!«
+
+»Falsch, Herr Prinz!« rief der Kanzler, froh, den Hochmütigen nicht zum
+König krönen zu müssen. Wütend riß der das Schwert aus der Scheide und
+wollte sich auf den Kanzler stürzen, doch rasch hatten die Wachen sich
+seiner bemächtigt und führten ihn ab.
+
+Jetzt trat der Dritte hinzu. Mit süßem Lächeln grüßte er die Prinzessin,
+die entsetzt auf ihn blickte, denn sein faltiges, gelbes Gesicht trug
+einen listigen, unheimlichen Ausdruck. Er drehte sich zu dem Volke,
+breitete die Arme aus, als wolle er es segnen und reichte dann dem
+Kanzler die Hand. »Wohl dem Lande, das einen solchen Wächter hat,« rief
+er. »Ihr seid der Mann, den ich mir zur Seite wünsche. Mit Euch
+gemeinsam wollte ich das Land regieren, daß es eine Lust ist. Das Wort,
+das Ihr sucht, ich habe es gefunden, und Ihr, Herr Kanzler, werdet mir
+bestätigen, daß es das Rechte ist. Reicht mir zum Zeichen Eurer
+Freundschaft die Rechte und vernehmt die Worte! Sie heißen:
+
+ Dein -- Mein. Dein -- Mein.«
+
+Wiederum schüttelte der Kanzler den Kopf. Mit leisen Schritten glitt der
+Bewerber fort, ballte heimlich die Faust und warf einen giftigen Blick
+zu dem Throne hinüber. Der Kanzler seufzte auf und sprach mit müder
+Stimme: »Liebes Volk! Heute ist der letzte Tag der Königswahl. Schon
+neigt sich die Sonne dem Untergang zu, und kein König hat sich gefunden.
+Fürder werden wir nicht mehr heißen: das Volk derer, die nicht alle
+werden. Zu Ende geht es mit uns, und keiner ist da, der dem Unglück
+steuert. Kommt, Prinzessin, daß ich Euch in das Schloß geleite!«
+
+»Halt! Halt!« klang eine helle Stimme über den Platz. Schlupps hatte
+sich durch die Menge gedrängt und stand neben dem Thron: »Laßt auch mich
+versuchen, ob ich das Wort finde.«
+
+Aller Augen richteten sich auf den Mann, der furchtlos, den Kopf
+zurückgeworfen, mit freundlichem Gesicht um sich schaute. Die
+Prinzessin, die mit starren Augen vor sich hingesehen hatte, heftete
+erstaunt den Blick auf ihn, lächelte zum ersten Male, und Schlupps sah,
+wie holdselig und schön sie war.
+
+»Laßt mich Euch erzählen von meinen Fahrten und Irrgängen, damit Ihr
+wißt, wer der Mann ist, der bei Euch das Königsein begehrt,« rief er,
+zum Volke gewendet. Im Stillen aber hoffte er, daß der Zufall, der ihm
+immer ein guter Freund gewesen, ihm helfen würde, die Prinzessin zu
+gewinnen, die er beim Sehen gleich in sein Herz geschlossen hatte.
+
+Und Schlupps begann zu erzählen. Alles Volk hing gespannt an seinen
+Lippen. Wie anders klang seine Rede, als das, was die Prinzen vorher
+gesprochen. Wie fremd und doch wie bekannt, wie hoch und doch wie
+verständlich. Sie hätten ihm immerwährend lauschen mögen. Was hatte er
+alles erlebt und gesehen! Wie kannte er die Menschen in Hütte und
+Schloß; wie hatte er sie belauscht bei der Arbeit und bei Lustbarkeiten.
+
+Des Kanzlers Herz pochte. So hatte er sich den neuen König erträumt;
+aber noch kam das erlösende Wort nicht, und der Sonnenball stand glühend
+rot im Westen. Noch einige Minuten -- und der Tag war vorüber -- der
+Königsthron leer. Kaum hörte er, was der Fremde sprach. Sein Blick flog
+angstvoll zum Himmel, wo das Gewölk rosig zu erglühen begann. Seine
+Hände falteten sich und er flüsterte leise eine Bitte um ein Wunder.
+
+Nur schwer vermochte er zu hören, wie Schlupps jetzt erzählte von den
+Maurern, die er getroffen, und wie vieles hierzulande anders werden
+müsse. Fast drohend richtete er sich auf und rief: »Ändern müßt Ihr
+Euch! Ändern!« »Ich denke -- -- --« Da schrie der Kanzler laut auf: »Das
+Wort! das Wort!« Er stürzte vor, ergriff Schlupps' Hand und bat: »O,
+sprecht es noch einmal, Herr!«
+
+»Ich denke!« wiederholte Schlupps laut, und das Volk brach in Jubelrufe
+aus und sprach die seltsamen Laute nach, die es noch nie gehört hatte,
+wie träumend, nicht wissend, was sie sagen sollten.
+
+Schlupps wandte sich zu der Prinzessin, die ohnmächtig hingesunken war.
+Er neigte sich hernieder und küßte sie auf die Stirn.
+
+Da schlug die Königstochter die Augen auf, sah ihn mit klaren Blicken an
+und sagte mit lauter, fester Stimme: »Dich will ich!« Das Volk aber
+schrie und tobte und wußte sich vor Freude nicht zu fassen. »Die Probe!
+die Probe!« drängten sie.
+
+»Nur noch eine Prüfung steht Euch bevor, hoher Herr!« sagte der Kanzler.
+»Draußen im Schloßhof steht ein Lebensbaum. Versucht es, ob auf Euer
+Schütteln Menschen herabfallen!«
+
+Feierlich geleitete er Schlupps zu dem Baume. »Faßt kräftig seinen
+Stamm,« riet er dem Fremden zu. Der lächelte, griff mit der Rechten in
+das Gezweig, schüttelte die Krone und herab sprangen zwei Kinder: ein
+Knabe und ein Mädchen. Doch, o Wunder! sie sahen nicht aus wie jene, die
+bisher heruntergefallen waren, sondern sie glichen auf ein Haar dem
+neuen König und der Prinzessin, und als sie jetzt an der Hand des
+Kanzlers heraustraten, um dem Volke gezeigt zu werden, da staunte
+dieses, mit wie klugen Blicken die Kleinen um sich sahen, und wie
+zierlich und anmutvoll sie sich bewegten. Feierlich traten Pagen hervor;
+auf sammtnem Kissen trugen sie eine Krone herbei. Die Prinzessin
+ergriff sie, um sie Schlupps auf das Haupt zu setzen. Doch zögernd wich
+der zurück. Sein Blick fiel auf die Menge, deren Blicke erwartungsvoll
+an ihm hingen. Die Krone dünkte ihm eine goldene Kette, die ihn an den
+Boden schließen wollte. Noch einmal tauchte in seiner Seele die
+Sehnsucht nach dem freien Umherziehen, dem Wandern von Ort zu Ort auf,
+und gern hätte er die neue Würde dahingegeben, um als fahrender Geselle
+sich herumtaumeln zu dürfen.
+
+Die Prinzessin nickte ihm lächelnd zu. Sie verstand, was in ihm vorging.
+»Ich halte dich fest,« sagte sie ruhig. »Ich will!« Da erfaßte Schlupps
+mit der Linken ihre Hand, mit der Rechten drückte er den Reif auf sein
+Haupt und rief:
+
+»So ergreife ich Besitz von Eurem Throne. Und meine erste Tat sei, Euch
+umzunennen. Nicht mehr sollt Ihr heißen 'Die nicht alle werden,'
+sondern: 'Die, so da kommen!'«
+
+So wurde er König und regiert noch bis zum heutigen Tage. Wollt Ihr
+wissen, wo? Ei, das verrät keiner! --
+
+
+Ende
+
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der bei Englert und Schlosser erschienenen Ausgabe erstellt.
+Grundsätzlich wurde die Originalschreibweise beibehalten. Einige
+offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Die Verwendung von
+Anführungszeichen wurde zur Verbesserung der Lesbarkeit vereinheitlicht.
+Die Umlaute Ae, Oe und Ue wurden durch Ä, Ö, Ü ersetzt.
+
+
+Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the Englert und
+Schlosser edition. Generally the original spelling has been maintained.
+Some obvious printer's errors have been corrected. Quotation has been
+unified for increased readability. The Umlauts Ae, Oe and Ue have been
+replaced by Ä, Ö, Ü.
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Schlupps der Handwerksbursch, by C. Berg
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHLUPPS DER HANDWERKSBURSCH ***
+
+***** This file should be named 31213-8.txt or 31213-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ https://www.gutenberg.org/3/1/2/1/31213/
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Markus Brenner and the
+Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
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+
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+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
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+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
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+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
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+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
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+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
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+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
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+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+ </head>
+<body>
+
+
+<pre>
+
+The Project Gutenberg EBook of Schlupps der Handwerksbursch, by C. Berg
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Schlupps der Handwerksbursch
+ Mären und Schnurren
+
+Author: C. Berg
+
+Release Date: February 7, 2010 [EBook #31213]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHLUPPS DER HANDWERKSBURSCH ***
+
+
+
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Markus Brenner and the
+Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+
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+
+
+</pre>
+
+
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+<!--
+<h1><span class="pagenum"><a name="Page_1" id="Page_1">[1]</a></span>Schlupps<br />
+<small>der Handwerksbursch</small></h1>
+
+<p class="subtitle">M&auml;ren und Schnurren</p>
+<p class="writtenby">von</p>
+<p class="author">C. Berg.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 238px;">
+<a href="images/illo_003.png">
+<img src="images/illo_003_th.png" width="238" height="259" alt="Schlupps" title="Schlupps" /></a>
+</div>
+
+<p class="publisher"><big>Verlag</big><br />
+von<br />
+Englert und Schlosser</p>
+
+<p class="publishedin">Frankfurt a. M.</p>
+-->
+
+<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_2" id="Page_2">[2]</a></span>[Blank Page]</p> -->
+
+<h1><!-- <span class="pagenum"><a name="Page_3" id="Page_3">[3]</a></span> -->Schlupps<br />
+<small>der Handwerksbursch</small></h1>
+
+<p class="subtitle">M&auml;ren und Schnurren</p>
+<p class="writtenby">von</p>
+<p class="author">C. Berg.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 238px;">
+<a href="images/illo_003.png">
+<img src="images/illo_003_th.png" width="238" height="259" alt="Schlupps" title="Schlupps" /></a>
+</div>
+
+<p class="publisher"><big>Verlag</big><br />
+von<br />
+Englert und Schlosser</p>
+
+<p class="publishedin">Frankfurt a. M.</p>
+
+<p class="edition"><em class="antiqua">15. bis 17. Tausend</em></p>
+
+
+<p class="copyright"><!-- <span class="pagenum"><a name="Page_4" id="Page_4">[4]</a></span> -->Die Abbildungen zu diesem B&uuml;chlein<br />
+zeichnete Professor O.&nbsp;R. <em class="gesperrt">Bossert</em> in<br />
+Leipzig / Das Recht der &Uuml;bersetzung in<br />
+fremde Sprachen und Mundarten bleibt<br />
+ausdr&uuml;cklich vorbehalten / Der Verlag</p>
+
+
+
+
+<h2><span class="pagenum"><a name="Page_5" id="Page_5">[5]</a></span><a name="Einleitung" id="Einleitung"></a>Einleitung</h2>
+
+
+<p>Es war einmal ein Handwerksbursche, der hatte zur Gewohnheit,
+da&szlig; er bei allem, was ihm geschah, sagte: &raquo;Das
+ist mir &#8250;Schlupps!&#8249;&laquo; Und weil man das Wort immer von
+ihm h&ouml;rte, behielt er es als Namen bei, und alle Welt rief
+ihn &raquo;Schlupps,&laquo; so da&szlig; ihm selbst sein richtiger Name
+&raquo;Heinz&laquo; fast in Vergessenheit kam.</p>
+
+<p>Er wanderte von Herberge zu Herberge, begr&uuml;&szlig;te in den
+St&auml;dten das Gewerk und lie&szlig; sich einen Zehrpfennig geben.
+Wo ein Meister ihn an die Arbeit stellen wollte und ihm
+kein Wandergeld gab, spielte er ihm einen Schabernack;
+denn, sagte er, &raquo;meiner Mutter Sohn hat weiche H&auml;nde&laquo;
+und &raquo;wer die Arbeit kennt, dr&auml;ngt sich nicht dazu.&laquo; Weil
+aber manchmal Schmalhans in seinem Beutel haushielt,
+mu&szlig;te Schlupps zur Arbeit greifen und das Schreinerhandwerk,
+das er erlernt hatte, aus&uuml;ben.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Schlupps_beim_Schreiner" id="Schlupps_beim_Schreiner"></a>Schlupps beim Schreiner</h2>
+
+
+<p>Einst war er zu einem Meister gekommen, der arg geizig
+war und ihn hart zum Schaffen anhielt, an Tadel nicht
+sparte, daf&uuml;r am Brotkasten den Deckel schlo&szlig;, wenn das
+Sattwerden anfangen wollte. Schlupps stand in der Werkstatt
+und hobelte. Die Sonne schien warm, die V&ouml;gel sangen,
+und der Geselle meinte, sie riefen ihn hinaus auf die
+Landstra&szlig;e, wo an den B&auml;umen die Kirschen reiften. Sagte
+<span class="pagenum"><a name="Page_6" id="Page_6">[6]</a></span>der Meister: &raquo;Gesell, die Bank mu&szlig; fertig werden.&laquo; &raquo;Recht
+so,&laquo; antwortete Schlupps, der wieder den Kopf voller Streiche
+hatte. &raquo;Sagt mir, wieviel Beine eine Bank hat.&laquo; &raquo;Sollte
+man nicht meinen, er w&auml;re bei einem Schuster in der Lehre
+gewesen und h&auml;tte nur einen Dreibein kennen gelernt!&laquo; rief
+der Meister erbost. &raquo;Auch gut,&laquo; dachte Schlupps, &raquo;also ein
+Dreibein soll es werden.&laquo; &raquo;Eil dich,&laquo; sagte der Meister,
+&raquo;wenn ich wiederkomme, mu&szlig;t du fertig sein,&laquo; damit ging
+er fort auf das Grafenschlo&szlig;.</p>
+
+<p>Schlupps aber, der die Augen &uuml;berall hatte, wo es was zu
+ersp&auml;hen gab, bemerkte wohl, da&szlig; der Meister unter der
+Sch&uuml;rze etwas forttrug, das er heimlich gearbeitet, damit es
+sein Geselle nicht s&auml;he, und scharfen Blicks erkannte er, da&szlig;
+es ein h&ouml;lzerner Fu&szlig; war, den der Meister mit Katzengold
+eingerieben, bis er gl&auml;nzte. &raquo;Dahinter steckt etwas,&laquo; dachte
+er, begann in des Herrn Abwesenheit alles zu untersuchen,
+Schubladen, Kasten und Truhen und entdeckte in einer Lade,
+die unter des Meisters Bett stand, einen Fu&szlig; aus purem
+Golde, der gerade so aussah, wie der, den der Schreiner gemacht.
+Mit dem Goldfu&szlig; hatte es aber eine eigne Bewandtnis.
+Der Meister war auf dem Schlo&szlig; gewesen, um in der
+Kammer des Grafen etwas in Ordnung zu bringen. Er
+mu&szlig;te oft wiederkommen und hatte Mu&szlig;e, wenn der Herr
+Graf das Zimmer verlie&szlig;, alles darin genau zu betrachten.
+Besonders gefiel ihm das Bett, das an einer Wand stand.
+Es war gar kunstvoll aus purem Golde gefertigt. Eine
+Fee hatte es dem Ahnherrn geschenkt und einen Zauber darauf
+gelegt, also: &raquo;da&szlig; jeder, der in dem Bette liege, so
+<span class="pagenum"><a name="Page_7" id="Page_7">[7]</a></span>lange es unversehrt sei, nie solle von Krankheit befallen werden,
+sondern in hohem Alter sanft und selig entschlafen.&laquo;
+Darum war dem Grafen das Bett besonders lieb, und er
+h&uuml;tete es wohl. Dem Meister aber stach das Gold in die
+Augen. Er besah das Bett genau und beschlo&szlig;, die Beine
+auszutauschen. So hatte er schon ein Holzbein heimlich
+hergerichtet, da&szlig; es gerade so aussah wie das echte, und als
+er einmal allein in der Kammer arbeitete, um das Betpult
+des Grafen aufzugl&auml;nzen, tauschte er rasch die Beine aus.
+Und da niemand etwas davon merkte, und er hoffte, der
+Graf sei auf der Jagd, beschlo&szlig; er, wieder zur Burg hinaufzugehen
+und heute nach Gelegenheit zu suchen, auch das
+zweite Bein, das er gemacht hatte, einzuwechseln. Der Graf
+aber war seit einiger Zeit unp&auml;&szlig;lich, klagte &uuml;ber Schmerzen
+und konnte sich nicht erkl&auml;ren, woher das k&auml;me.</p>
+
+<p>Als Schlupps das Goldbein in der Lade sah, dachte er:
+&raquo;Du kommst mir gerade recht. Mein Dreibein kann einen
+solchen Hinkefu&szlig; wohl brauchen,&laquo; nahm das Bein und
+leimte es an die Bank. Gegen Abend kam der Meister heim,
+&auml;rgerlich, da&szlig; sein Plan mi&szlig;gl&uuml;ckt war; denn der Herr Graf
+hatte zu Bett gelegen, und so konnte er nicht in die Kammer.
+&raquo;Fa&szlig; mit an die Lade,&laquo; gebot er dem Gesellen und trug sie
+mit ihm in den Keller; denn er hatte Angst, es k&ouml;nne ihm
+jemand seinen Schatz rauben, den er heimlich einem Goldschmied
+verkaufen wollte. Den Kellerschl&uuml;ssel versteckte er im
+Rauchfang. &raquo;Ist die Bank fertig?&laquo; fragte er dann den Burschen.
+&raquo;Fertig und zum K&uuml;ster getragen.&laquo; De&szlig; war der
+Meister zufrieden; denn die Bank sollte am Sonntag vor
+<span class="pagenum"><a name="Page_8" id="Page_8">[8]</a></span>der Kircht&uuml;r stehen als Arms&uuml;nder-B&auml;nkchen. War das alte
+doch schon abgenutzt von den vielen, die darauf gesessen
+hatten.</p>
+
+<p>Wie Sonntags alle in der Kirche waren und der Pfarrer
+das Gebet gesprochen hatte, klopfte es vernehmlich an die
+Kirchenpforte, und als der K&uuml;ster &ouml;ffnete, kam die Bank
+herein, humpelte die Kirche entlang, &raquo;klipp, klapp, tripp,
+trapp,&laquo; am Altar des Herrn vorbei, immer weiter, bis sie
+an einem Kirchenstuhl stehen blieb, grad wo der Meister sa&szlig;,
+der mit Schrecken den goldenen Fu&szlig; erkannte. &raquo;Ich wei&szlig;
+von nichts,&laquo; rief er und wurde bla&szlig; wie das b&ouml;se Gewissen.
+&raquo;Es hat Ihn ja noch keiner angeklagt,&laquo; sprach der Pfarrer
+ernst. &raquo;Ich wei&szlig; von nichts,&laquo; versicherte der Meister wieder
+und zitterte und ward schlohwei&szlig;. &raquo;Das hat mein Geselle
+getan. Holt ihn her und la&szlig;t ihn die peinliche Strafe erleiden!&laquo;
+Aber der Geselle war fort &uuml;ber Land. Aus des
+Meisters Gefach hatte er so viel Geld genommen, als der
+Lohn f&uuml;r seine Arbeit betrug; alles andere hatte er unber&uuml;hrt
+gelassen. Der Meister mochte leugnen, soviel er wollte,
+es half ihm nichts &ndash; der Graf sagte ihm den Diebstahl auf
+den Kopf zu, schlie&szlig;lich gestand er seine Tat ein und mu&szlig;te
+auf dem Arms&uuml;nder-B&auml;nkchen sitzen zum Gesp&ouml;tt aller Leute.
+Der Graf aber lie&szlig; den echten Fu&szlig; wieder am Bett anmachen
+und war von der Stunde ab gesund.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Die_Vogelscheuche" id="Die_Vogelscheuche"></a>Die Vogelscheuche</h2>
+
+
+<p>Wo war Schlupps inde&szlig;? Der sa&szlig; auf einem Kirschbaum
+an der Stra&szlig;e und tat sich g&uuml;tlich. &raquo;Gut, da&szlig; ich den
+<span class="pagenum"><a name="Page_9" id="Page_9">[9]</a></span>Spatzen zuvorkomme,&laquo; dachte er. &raquo;Braucht der Bauer keine
+Scheuche aufzustellen, die ihm die R&auml;uber verjagt.&laquo; Da sah
+er von ferne einen Landmann kommen, der hatte die blinkende
+Sense auf dem R&uuml;cken und schritt r&uuml;stig aus; denn er
+war ein gar gro&szlig;er Mann. &raquo;Halt,&laquo; dachte Schlupps. &raquo;Wer
+wei&szlig;, ob der versteht, was ich hier tue. Wenn er mit der
+Sense ausholt, sitzt mein Kopf etwas tiefer und kommt nimmer
+an seinen Platz.&laquo; Schnell zog er seinen Rock aus,
+drehte ihn um und tat ihn verkehrt an, den Hut st&uuml;lpte er so
+tief auf den Kopf, da&szlig; man kaum das Gesicht sah, und dann
+stand er unbeweglich in den Zweigen.</p>
+
+<p>Der Bauer dachte: &raquo;Was ist denn das f&uuml;r ein Unget&uuml;m,
+vor dem f&uuml;rchten sich die Spatzen sicher. Wenn ich nur w&uuml;&szlig;te,
+wie ich zu einer solchen Vogelscheuche k&auml;me.&laquo; &raquo;Wer hat dich
+dort oben hingestellt?&laquo; rief er hinauf.</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Mein Vater hat mich aus Holz gemacht.<br /></span>
+<span class="i0">Mein&#8217; Mutter hat mich hierhergebracht.<br /></span>
+<span class="i0">Mein&#8217; Schwester weint um mich sicherlich.<br /></span>
+<span class="i0">R&uuml;ttle mich fest, so lebe ich,&laquo; &ndash;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p class="noindent">klang es hohl zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Da erschrak der Bauer und meinte nicht anders, als es sei
+eine verw&uuml;nschte Seele, die er erl&ouml;sen k&ouml;nne, stieg auf den
+Baum und begann den Burschen zu r&uuml;tteln und zu sch&uuml;tteln.
+Der sprang herab und rief: &raquo;Das lohn&#8217; dir Gott, das lohn&#8217;
+dir Gott,&laquo; dann gab er Fersengeld und lief davon, dem
+Dorfe zu. Erstaunt ging der Bauer heim und gradaus zum
+<span class="pagenum"><a name="Page_10" id="Page_10">[10]</a></span>Pfarrer, dem er die M&auml;r von der erl&ouml;sten Seele beichtete.
+Der Pfarrer war sehr erfreut, in seiner Gemeinde ein Sch&auml;flein
+zu haben, das irrende Seelen erl&ouml;sen k&ouml;nne. Er belobte
+den Bauer um seine Guttat und wies ihn an, den Burschen
+herbeizubringen. Wie der Bauer das Pfarrhaus verlie&szlig;
+und an dem Gottesacker vorbeischritt, da sah er an der Kirchhofmauer
+eine Gestalt stehen, die kam ihm bekannt vor, und
+wie er hinsah, war es die Scheuche vom Kirschbaum, angetan
+wie ein richtiger Handwerksbursch. Das gab eine gro&szlig;e
+Freude im Dorf, als der Geselle unter der gro&szlig;en Linde sa&szlig;
+und anhub zu erz&auml;hlen, wie eine b&ouml;se Stiefmutter ihn verw&uuml;nscht
+habe &ndash; dabei hatte er seine Lebtage keine Stiefmutter
+gehabt &ndash; wie der Bauer ihn erl&ouml;st habe, und da&szlig;
+er jetzt die Kunst bes&auml;&szlig;e, die V&ouml;gel zu scheuchen und von
+der Saat fern zu halten.</p>
+
+<p>Da wollten ihn die Bauern nimmer fortlassen, und es wurde
+beschlossen, da&szlig; sie reihum den Burschen verpflegen wollten,
+daf&uuml;r sollte er abwechselnd ihre Felder und G&auml;rten bewachen.
+De&szlig; war der Handwerksbursche zufrieden, stand jeden Tag
+in einem andern Feld und lehrte die Kinder, die sich in
+Haufen um ihn versammelten, tolle Sachen, Gesichter schneiden,
+Schelmenlieder singen und kecke Antworten geben. Weil
+nun immer eine gro&szlig;e Kinderschar um den Gesellen war
+und viel L&auml;rm machte, blieben die Felder spatzenrein. Daf&uuml;r
+a&szlig; der Bursche f&uuml;r zwei und mancher dachte: &raquo;Besser
+die Spatzen s&auml;&szlig;en im Feld, als der Fresser am Tisch.&laquo; Wagten
+aber nichts zu sagen, weil keiner vor den Nachbarn als
+geizig und ung&uuml;nstig erscheinen wollte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_11" id="Page_11">[11]</a></span>Als aber der Bursche an das letzte Haus des Dorfes kam,
+in dem eine arme Witwe wohnte, sagte diese: &raquo;Einen Garten
+zu bewachen habe ich nicht, und die Spatzen k&ouml;nnen mir
+nichts nehmen, dieweil kein Halm f&uuml;r mich w&auml;chst. Aber
+zu essen will ich Euch wohl geben, weil Ihr eine irrende
+Seele seid. Mein Kind und ich k&ouml;nnen heute das Mittagsmahl
+entbehren.&laquo; Damit setzte sie die Sch&uuml;ssel auf den Tisch
+und sagte: &raquo;Gesegn&#8217;s Gott!&laquo; Dann nahm sie ihr B&uuml;bchen
+an die Hand und f&uuml;hrte es hinaus, da&szlig; es nicht zus&auml;he, wie
+der fremde Mann sein Essen bek&auml;me, und drau&szlig;en vertr&ouml;stete
+sie das weinende Kind auf das Nachtmahl.</p>
+
+<p>Dem Handwerksburschen stieg das Blut zu Kopfe, wie er
+bedachte, da&szlig; die arme Frau und das Kind hungerten. Er
+sa&szlig; eine Weile vor der vollen Sch&uuml;ssel, dann stand er auf,
+rief die Frau und sagte: &raquo;Gegessen hab&#8217; ich. Wundert Euch
+nicht, da&szlig; die Sch&uuml;ssel nicht leer und noch voll Milchsuppe
+ist. Sagt es keinem, da&szlig; ich einen Zauberspruch wei&szlig;, der
+die Sch&uuml;ssel, daraus ich esse, immer wieder f&uuml;llt.&laquo; Damit
+ging er fort, und als die Frau hineinkam, lag neben der
+Sch&uuml;ssel ein blankes Goldst&uuml;ck.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Der_Weinpanscher" id="Der_Weinpanscher"></a>Der Weinpanscher</h2>
+
+
+<p>Den Burschen duldete es nicht mehr am Orte; denn wenn
+er den Zaubersegen in jedem Haus vor der vollen Sch&uuml;ssel
+h&auml;tte aussprechen sollen, so w&auml;re es um seinen Magen schlecht
+bestellt gewesen. Darum machte er, da&szlig; er fortkam und
+wanderte &uuml;ber einen hohen Berg, bis er talw&auml;rts ein einsames
+Wirtshaus fand. Der Wirt stand in der T&uuml;re und
+<span class="pagenum"><a name="Page_12" id="Page_12">[12]</a></span>sp&auml;hte nach allen Seiten, ob kein Wanderer des Weges kommen
+wollte; denn es war schon hoch im Jahre, und selten
+verirrte sich einer in die verlassene Gegend. Er sah Schlupps
+mi&szlig;trauisch an und gab ihm zu verstehen, da&szlig; sein Haus
+auf G&auml;ste, die schlecht zahlten, nicht eingerichtet sei; fragte,
+wie lange der Gast zu bleiben gedenke und wohin und woher.
+&raquo;Grad aus dem Fegfeuer,&laquo; seufzte der Bursche, machte ein
+gottsj&auml;mmerliches Gesicht, sa&szlig; nieder, st&uuml;tzte das Haupt in
+die H&auml;nde und seufzte laut auf.</p>
+
+<p>Dem Wirte wurde bang. Wenn das nur nicht der Gottseibeiuns
+selber war, der ihn versuchen wollte. Der nahm
+so viele Gestalten an, warum sollte er nicht auch als Handwerksbursche
+kommen?</p>
+
+<p>&raquo;Erz&auml;hlt mir, was Euch herf&uuml;hrt?&laquo; bat er den Gast. Dabei
+trug er eine Sch&uuml;ssel nach der andern auf und n&ouml;tigte
+den Fremden zum Essen, und der, nicht faul, hieb auf die
+Gerichte ein, da&szlig; es eine Lust war. Das beruhigte den Wirt
+einigerma&szlig;en, da&szlig; der B&ouml;se so menschlich a&szlig; und trank.
+Dann gab der Bursche auf die Fragen Bescheid und erz&auml;hlte
+von den armen Seelen im Fegfeuer. &raquo;Warum habt Ihr
+m&uuml;ssen darinnen sitzen und warum irrt Ihr jetzt auf der
+Erde herum?&laquo; fragte der Hausherr.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist eine traurige Sache,&laquo; seufzte Schlupps und z&uuml;ndete
+ein Pfeifchen an. &raquo;Ich war ein Gastwirt, wie Ihr.
+Mein Haus stand in einem sch&ouml;nen Tal, wo Wein in F&uuml;lle
+wuchs. Da ich aber uners&auml;ttlich war und nicht schnell genug
+reich werden konnte, tat ich Wasser in den Wein und
+wu&szlig;te doch, da&szlig; ich meine Seele damit dem B&ouml;sen verschrieb.
+<span class="pagenum"><a name="Page_15" id="Page_15">[15]</a></span>Jahrelang hielt ich es so. Eines Tages klopfte ein
+Handwerksbursche an meine T&uuml;r und bat um ein Nachtlager.
+Weil ich dem Gast ansah, da&szlig; seine Zeche nicht sehr hoch
+sein werde, nahm ich ihn unwillig auf, setzte ihm Reste von
+saurem Wein vor, der vom Fa&szlig; niedergetropft war und in
+einem Bottich g&auml;rte und wies ihn fort, als er Nachtherberge
+verlangte. Dann ging ich in den Keller, meinen Wein mit
+Zucker und Wasser zu mischen, wie ich es gewohnt war.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 363px;">
+<!-- <span class="pagenum"><a name="Page_13" id="Page_13">[13]</a></span> -->
+<a href="images/illo_013.png">
+<img src="images/illo_013_th.png" width="363" height="560" alt="Der H&ouml;llwirt" title="Der H&ouml;llwirt" /></a>
+<span class="caption">Der H&ouml;llwirt</span>
+</div>
+
+<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_14" id="Page_14">[14]</a></span>[Blank Page]</p> -->
+
+<p>Als ich mich umwende, wer steht hinter mir? &ndash; &ndash; &ndash; Der
+Handwerksbursche! Er packte mich und schrie: &raquo;Hab ich dich
+bei deinem sch&auml;ndlichen Treiben erwischt? Jetzt bist du mir
+verfallen.&laquo; Er wuchs und wuchs, bis er an die Decke des
+Kellers stie&szlig;, seine Augen gl&uuml;hten und spr&uuml;hten Flammen.
+Dann stampfte er mit dem Fu&szlig;e auf die Erde und wir
+sanken tausend Klafter tief, grad in die H&ouml;lle. Da war gro&szlig;e
+Freude, als ich ankam; denn die Weinpanscher sind dort besonders
+gut angeschrieben, und des Teufels Gro&szlig;mutter
+nahm mich gleich bei der Hand und f&uuml;hrte mich an eine
+gl&uuml;hend hei&szlig;e Stelle. Jetzt mu&szlig;te ich im Fegfeuer sitzen und
+sah &uuml;ber mir Wein keltern, den besten Roten und Wei&szlig;en.
+Der Duft zog mir in die Nase, und ich bekam keinen Tropfen
+zu kosten. Alle hundert Jahre darf ich auf die Erde gehen,
+in Gestalt eines Handwerksburschen. Finde ich einen Wirt,
+der die armen Wandrer von der Schwelle jagt oder ihnen
+ein b&ouml;s Gesicht und sauren Wein vorsetzt und die lieben
+Gottesgaben mit Wasser mischt, dann bin ich frei und darf
+ihn statt meiner in die H&ouml;lle f&uuml;hren. Lasse ich mich aber
+durch Bitten erweichen und gebe den Wirt frei, dann mu&szlig;
+<span class="pagenum"><a name="Page_16" id="Page_16">[16]</a></span>er mich ein Jahr gut verpflegen, und ich mu&szlig; an seiner
+Stelle hundert Jahre mehr im Fegfeuer sitzen.&laquo;</p>
+
+<p>Der Wirt erschrak und dachte an den Brunnen, den er im
+Keller gegraben hatte, weil er das Wasser dann bequemer
+in die F&auml;sser sch&uuml;tten konnte. Er wies dem unheimlichen
+Gast sein bestes Zimmer an, wartete, bis er schlief, stieg
+dann in den Keller hinab und leerte vorerst zwei von den
+gro&szlig;en F&auml;ssern, in denen gew&auml;sserter Wein war, in den
+Brunnen aus. &Uuml;ber den deckte er ein gro&szlig;es Brett, damit
+keiner s&auml;he, was darinnen war.</p>
+
+<p>Am andern Morgen bat der Bursche: &raquo;Zeigt mir doch Euren
+Weinkeller.&laquo; Der Wirt traute sich nicht zu widersprechen,
+f&uuml;hrte den Handwerksburschen hinab und lie&szlig; ihn von jedem
+Fasse kosten. Aber nur von den guten, in denen reiner
+Wein war. Schlupps aber entdeckte hinten in der Ecke zwei
+F&auml;sser, die ihm verd&auml;chtig vorkamen, ging hin und wollte
+sie anzapfen.</p>
+
+<p>&raquo;Kommt herauf und e&szlig;t erst was,&laquo; bat der Wirt, &raquo;mit leerem
+Magen trinkt sich&#8217;s schlecht. Hab Euch ein H&uuml;hnchen
+gebraten und einen fetten Schinken aus der R&auml;ucherkammer
+geholt.&laquo; Das lie&szlig; sich der Gast nicht zweimal sagen, ging
+hinauf, a&szlig; und hieb mit solcher Macht in den Schinken ein,
+da&szlig; sein Messer Funken spr&uuml;hte und der Wirt meinte, das
+h&ouml;llische Feuer leuchten zu sehen.</p>
+
+<p>Als die Mahlzeit fertig war, sagte Schlupps: &raquo;Meister, so
+leid es mir tut, die Kellerprobe ist noch nicht fertig. Doch
+braucht Ihr Euch nicht in den Keller zu bem&uuml;hen. Des Teufels
+Gro&szlig;mutter hat mich ein Spr&uuml;chlein gelehrt, wenn ich
+<span class="pagenum"><a name="Page_17" id="Page_17">[17]</a></span>das sage, dann kommen die F&auml;sser, in denen gepanschter
+Wein ist, gradwegs die Kellertreppe hinauf in die Wirtsstube.
+Ich brauche blo&szlig; meinen Becher hoch zu heben und
+zu sprechen:&laquo; &ndash; &ndash; &ndash; &raquo;Haltet ein! Haltet ein!&laquo; schrie
+der Wirt und ri&szlig; den Becher aus der Hand des Handwerksburschen.
+&raquo;La&szlig;t im Keller, was drinnen ist. Ich will Euch
+ein Jahr verpflegen und Ihr sollt es gut haben. Was kann
+Euch an hundert Jahren mehr im Fegfeuer liegen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wirt, Ihr sprecht, wie Ihr es versteht. W&uuml;&szlig;tet Ihr, welche
+Pein ich dort erduldet! Ihr holtet selber die F&auml;sser herauf,
+um mich zu erl&ouml;sen. Schrecklich ist es dort unten und &ndash;&laquo;
+&raquo;H&ouml;rt auf, h&ouml;rt auf!&laquo; rief der Wirt wieder. &raquo;La&szlig;t Euch
+erweichen. Bleibt bei mir. Ihr sollt es nicht bereuen, und
+ich will auch f&uuml;r Eure arme Seele beten.&laquo; Der Bursche sann
+nach. &raquo;Ihr tut mir leid,&laquo; sagte er endlich. &raquo;Euch zu lieb
+will ich es auf mich nehmen. Aber,&laquo; setzte er drohend hinzu,
+&raquo;h&uuml;tet Euch, den Pakt zu brechen; denn dann seid Ihr
+mir unrettbar verfallen und m&uuml;&szlig;t in die H&ouml;lle.&laquo;</p>
+
+<p>Der Wirt versprach, was der Bursche wollte, stieg in den
+Keller hinab, holte ein Ma&szlig; vom Besten, und bei Rotem
+wurde der Pakt besiegelt. Dann ging der Hausherr wieder
+hinunter und strich z&auml;rtlich &uuml;ber die beiden F&auml;sser, die er
+noch zur&uuml;ckbehalten hatte. Den Wein wollte er den Fuhrleuten
+vorsetzen, die im Sommer kamen und Ausspann bei
+ihm hielten.</p>
+
+<p>Den Winter hindurch sa&szlig; Schlupps in der Wirtsstube, erz&auml;hlte
+Schnurren, schmauchte sein Pfeifchen und a&szlig; und
+trank. Wie es aber Fr&uuml;hling wurde, sehnte er sich hinaus
+<span class="pagenum"><a name="Page_18" id="Page_18">[18]</a></span>und sagte zu seinem Wirte: &raquo;Seid bedankt f&uuml;r die Pflege,
+die Ihr mir habt angedeihen lassen. Ich will es Euch eingedenk
+sein und die hundert Jahre Fegfeuer gern f&uuml;r Euch
+ertragen. Mein Jahr ist noch nicht um; aber ich mu&szlig; weiter
+ziehen. Doch zuvor gebt mir die zwei F&auml;sser, die in der
+Ecke im Keller liegen, sonst hilft dort unten mein Bitten
+nichts. Ich will sie Euch abnehmen. Gebt mir Wagen und
+Pferde, so lade ich sie auf, und Ihr seid sie los.&laquo;</p>
+
+<p>Der Wirt war froh, den h&ouml;llischen Gast auf gute Art aus
+dem Hause zu bekommen, gab ihm das Verlangte, tat noch
+ein F&auml;&szlig;chen schweren Roten dazu, steckte dem Burschen ein
+Beutelchen mit Geld bei und bat ihn um Gotteswillen, bei
+des Teufels Gro&szlig;mutter ein gut Wort einzulegen.</p>
+
+<p>Der Bursche versprach es und sagte zum Abschied: &raquo;Wenn
+Euch einer fragt, wer Euch gelehrt hat, mit Wein und
+G&auml;sten gut umzugehen, sagt immer &#8250;Schlupps.&#8249;&laquo; Damit zog
+er ab, und dem Wirt fiel ein Stein vom Herzen.</p>
+
+<p class="tb">*</p>
+
+<p>Nicht lange darauf h&ouml;rte man eines Tages H&ouml;rner blasen,
+und als der Wirt in die Haust&uuml;re trat, kam eine Reiterschar
+dahergesprengt, und der Vornehmste von ihnen war
+der K&ouml;nig. Die Ritter sa&szlig;en ab und traten in die Gaststube.
+&raquo;Holt Essen herbei,&laquo; befahl der K&ouml;nig, &raquo;wir sind
+m&uuml;de und hungrig von der Jagd.&laquo; Da liefen der Wirt und
+sein Gesinde und brachten heran, was Gutes in Kammer
+und K&uuml;che war. &raquo;Habt Ihr Wein?&laquo; fragte der K&auml;mmerer,
+<span class="pagenum"><a name="Page_19" id="Page_19">[19]</a></span>der immer an des K&ouml;nigs Seite sa&szlig;. &raquo;Ei freilich,&laquo; rief der
+Wirt und wollte schnell hinabspringen und zapfen; aber der
+K&ouml;nig sah ihn scharf an und sprach: &raquo;Wei&szlig;t du, da&szlig; ich ein
+Gebot erlassen habe: man solle jeden, der Wein f&auml;lscht, zum
+Galgen f&uuml;hren? Wehe, wenn ich dich auf b&ouml;ser Tat ertappe!&laquo;
+Der Wirt beteuerte, da&szlig; sein Wein echt und rein
+sei. Da stieg der K&ouml;nig selbst mit in den Keller, um den
+Wein zu pr&uuml;fen, und aus jedem Fa&szlig;, das er versuchte, kam
+die liebe Gottesgabe rein und unverf&auml;lscht heraus und sein
+Gesicht strahlte immer mehr vor Freude, als er von Fa&szlig; zu
+Fa&szlig; ging. &raquo;Wer hat dich gelehrt, den Wein so gut zu behandeln?&laquo;
+&raquo;Schlupps,&laquo; antwortete der Wirt.</p>
+
+<p>Da sahen sich die Diener des K&ouml;nigs erstaunt an, solch ein
+Wort hatten sie noch nie vernommen. Der K&auml;mmerer aber
+legte den Finger an die Nase, dachte eine Weile nach und
+meinte dann bedeutungsvoll: &raquo;Das ist eine Sprache, die ich
+nicht kenne. Wer wei&szlig;, was der Wirt f&uuml;r ein gelehrter
+Mann ist.&laquo; &ndash; Dann fl&uuml;sterte er lange heimlich mit dem
+K&ouml;nig. Der nickte mit dem Kopfe und sagte zu dem Wirt,
+der abseits stand und nicht wu&szlig;te, was das alles zu bedeuten
+habe: &raquo;Wisset, mein Kellermeister ist gestorben. Im
+ganzen Lande suchen wir einen neuen; aber es mu&szlig; ein
+Mann sein, der nie Wein gef&auml;lscht, noch gew&auml;sserten Wein
+verkauft hat. Du scheinst mir der Rechte. Sage mir, wer
+hat dich in der Kunst unterwiesen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schlupps,&laquo; sagte der Wirt wieder. Der K&ouml;nig legte seine
+Stirn in tiefe Falten und sah sich ernst im Kreise um. Denn
+weil ein K&ouml;nig gescheidter sein mu&szlig;, wie alle Leute und
+<span class="pagenum"><a name="Page_20" id="Page_20">[20]</a></span>alles besser wissen soll, wollte er nicht merken lassen, da&szlig; er
+das Wort nicht kenne und so sagte er: &raquo;Das dachte ich mir
+gleich. Willst du mein Kellermeister sein, so sollst du in
+meinem Schlosse wohnen, in einer goldenen Kutsche fahren
+und so viel Geld haben, als du immer willst; daf&uuml;r darf
+kein anderer als du meinen Wein besorgen.&laquo;</p>
+
+<p>Des war der Wirt froh. Entlie&szlig; sein Gesind, schlo&szlig; sein
+Haus zu, bestieg ein Pferd und zog mit dem K&ouml;nig fort.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Von_einer_Heirat" id="Von_einer_Heirat"></a>Von einer Heirat</h2>
+
+
+<p>Schlupps fuhr indes in die Welt hinein, machte sich gute
+Tage und sparte nicht an Geld; denn er meinte, der Beutel
+lange ewig. Eines Tages aber sah er, da&szlig; nur noch wenige
+Goldst&uuml;cke darinnen waren und er sehen mu&szlig;te, sich Geld
+zu verschaffen. Er war inde&szlig; schon ein gut St&uuml;ck in der
+Welt herumgekommen, denn mit Wagen und Pferden ging
+es schneller als auf Schusters Rappen. Einkehr hielt er des
+Nachts selten in Wirtsh&auml;usern, meistens bat er die Bauern,
+bei ihnen sein Gespann einstellen zu d&uuml;rfen, dieweil er ein
+armer Fuhrmann war, der daheim Weib und Kind hatte.
+Er wolle gern den Hafer f&uuml;r sein Pferd und die Abendsuppe
+f&uuml;r sich bezahlen. Da aber die Leute, besonders die
+Frauen, mit ihm Mitleid hatten, wenn er gar zu beweglich
+von seinen sechs hungrigen Kindern daheim erz&auml;hlte, gaben
+sie ihm um Gotteswillen, was er sich ausbat, und was er
+des Nachts sparte, lie&szlig; er des Mittags im Wirtshaus draufgehen.</p>
+
+<p>So kam er einmal abends in ein Dorf und hielt gleich bei
+<span class="pagenum"><a name="Page_21" id="Page_21">[21]</a></span>dem ersten Bauernhof um Nachtherberge an. Der Bauer
+aber war der Dorfschulze und gar hochm&uuml;tig. &raquo;Hab kein
+Wirtshaus f&uuml;r herumziehendes Volk,&laquo; brummte er. &raquo;Brauche
+meine St&auml;lle alleine,&laquo; und jagte den Fuhrmann fort. Der
+traute sich nicht so bald wieder zu fragen, zog langsam
+weiter und horchte, wie die Hunde hier gar so b&ouml;s bellten.
+&raquo;Scheinen ungute Leute im Dorf,&laquo; dachte er, &raquo;t&auml;t ihnen not,
+da&szlig; ich sie mit meinen Launen und Schw&auml;nken hobelte, damit
+sie an mich denken.&laquo;</p>
+
+<p>Da sah er abseits ein Geh&ouml;ft, von dessen niederm Dach die
+Schindeln morsch herunterhingen. Er fuhr hin, stieg ab und
+sp&auml;hte durch das Tor. Auf dem Brunnenrande sa&szlig; ein
+M&auml;dchen, den Kopf hatte es in die Sch&uuml;rze gesteckt und man
+h&ouml;rte, da&szlig; es bitterlich weinte. &raquo;Jungfer, was fehlt Euch?&laquo;
+fragte Schlupps. Sie fuhr hoch und sah erschreckt zu dem
+Manne auf; als sie aber in ein gutm&uuml;tiges Gesicht blickte,
+fa&szlig;te sie sich ein Herz und fragte ihn, was er wolle. Er erz&auml;hlte
+ihr, da&szlig; er Nachtlager suche, denn die Wirtsh&auml;user
+w&auml;ren zu teuer.</p>
+
+<p>&raquo;Kommt nur herein,&laquo; sagte sie. &raquo;Ich f&uuml;rchte Euch nicht.
+Stehlen k&ouml;nnt Ihr mir nichts. Meine letzte Ziege ist gestern
+gefallen und mir werdet Ihr wohl kein Leid antun. Und
+wenn auch, das Sterben ist mir nicht unlieb; denn das
+Leben ist mir verleidet.&laquo; &raquo;Redet nicht so gottesl&auml;sterlich,&laquo;
+sprach er ernst. &raquo;Erz&auml;hlt mir Euren Kummer, vielleicht kann
+ich Euch helfen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wi&szlig;t,&laquo; hub sie an zu erz&auml;hlen. &raquo;Der Hans und ich lieben
+uns schon lange. Der Hans ist der Schulzensohn und wollte
+<span class="pagenum"><a name="Page_22" id="Page_22">[22]</a></span>mich zu seinem Weibe machen, aber sein Vater ist gar reich
+und hochm&uuml;tig und hat den Hans mit der reichen B&auml;ckertochter
+versprochen. Die ist h&auml;&szlig;lich und b&ouml;se; ein freundliches
+Wort g&ouml;nnt sie keinem Menschen. W&auml;re sie gut, wollte
+ich ihr den Hans gern lassen und f&uuml;r immer fortgehen, da&szlig;
+mich der Hans nicht mehr sieht und meiner vergi&szlig;t. Aber,
+da ich wei&szlig;, was f&uuml;r eine Garstige sie ist, dr&uuml;ckt mir der
+Kummer das Herz ab. Wie der Hans seinem Vater trotzte
+und sagte, er wolle nur mich haben, lachte der Schulthei&szlig;
+sp&ouml;ttisch und meinte: &raquo;Die Eve, die so arm ist, da&szlig; sie nicht
+einmal ihre Hochzeit ausr&uuml;sten kann und die G&auml;ste Essigwasser
+anstatt Wein zu trinken bek&auml;men! Wenn aus der
+Eve ihrem Brunnen roter Wein kommt, darfst du sie heiraten!&laquo;
+Das ist nat&uuml;rlich eitel Gerede gewesen; denn er
+wei&szlig;, da&szlig; so was nie m&ouml;glich ist, und jetzt ist der Hans
+mit der B&auml;ckin aufgeboten und Sonntag ist Hochzeit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Tr&ouml;stet Euch,&laquo; sagte Schlupps. &raquo;Es gibt Burschen, die gewi&szlig;
+noch sch&ouml;ner sind als der Hans. Ihr werdet einen anderen
+finden.&laquo; &raquo;Nimmermehr,&laquo; rief Eve. &raquo;Lieber in den
+Brunnen!&laquo; &raquo;Wartet ab und verliert die Hoffnung nicht;
+vielleicht wei&szlig; ich Rat. Legt Euch zu Bett, verschlie&szlig;t Eure
+Kammert&uuml;r und vertraut auf Gott. Ich will im Stall bei
+meinen Pferden schlafen und ihnen den Hafersack umh&auml;ngen.&laquo;</p>
+
+<p>Als das M&auml;dchen in seine Kammer gegangen war und es
+still im Hofe ward, ging der Bursche in die Ger&auml;tekammer,
+holte eine Schaufel und fing an, ein gro&szlig;es Loch im Hof
+zu graben und daneben noch eins. In die beiden L&ouml;cher
+<span class="pagenum"><a name="Page_23" id="Page_23">[23]</a></span>aber tat er die F&auml;sser mit saurem Wein, deckte Erde dar&uuml;ber
+und Steine, und das Fa&szlig; mit rotem Wein versenkte er in
+den Ziehbrunnen. Dann legte er sich zu seinen Pferden auf
+die Streu und schlief ein.</p>
+
+<p>Am andern Tage sagte er zu dem M&auml;dchen: &raquo;Ich mu&szlig; noch
+einmal fortgehen. La&szlig;t meinen Wagen und die Pferde einige
+Tage bei Euch stehen. Es soll Euch nicht reuen.&laquo; &raquo;Gern,&laquo;
+gab sie zur Antwort. &raquo;Da ist noch etwas Heu und Hafer.
+Ich hab es nicht not, nehmt Ihr es. Ich will Eure Pferde
+wohl versorgen, wenn Ihr fort m&uuml;&szlig;t.&laquo; Da verabschiedete
+sich Schlupps, ging in das Dorf und geradezu in den B&auml;ckerladen,
+wo die B&auml;ckertochter fein aufgeputzt da sa&szlig;. &raquo;Was
+wollt Ihr?&laquo; fragte sie barsch. &raquo;Ein Brot,&laquo; sagte der Handwerksbursche
+dem&uuml;tig. &raquo;So nehmt, zahlt und macht, da&szlig;
+Ihr fort kommt. Braucht mich nicht so anzusehen.&laquo; &ndash; &ndash; &ndash;
+&ndash; &ndash; &raquo;Verzeiht Jungfer,&laquo; stotterte Schlupps und tat arg
+verlegen. &raquo;H&auml;tte ich doch mein Lebtag nicht gedacht, da&szlig;
+ich des Kaisers von Welschland Frau hier leibhaftig vor
+mir sehen w&uuml;rde.&laquo; &raquo;Wen?&laquo; fragte die B&auml;ckerstochter, und
+der Hochmut fing an, sich in ihr zu regen.</p>
+
+<p>&raquo;Des Kaisers von Welschland Gemahlin, leibhaftig. Mu&szlig;
+ich sie doch kennen, bin oft genug im Schlo&szlig; gewesen und
+hab ihr gar prachtvolle Kleider gemacht. Denn wi&szlig;t, ich
+bin ein t&uuml;chtiger Schneidermeister und h&auml;tte es k&ouml;nnen in
+Welschland weit bringen. Doch, wie es geht. Wollte wieder
+ins Vaterland. Hab aber oft zur&uuml;ckgedacht an die sch&ouml;ne
+K&ouml;nigin. Wenn Ihr Kleider h&auml;ttet wie die &ndash; wei&szlig; Gott!
+Keiner t&auml;t wissen, da&szlig; Ihr nicht eine Prinzessin seid und
+<span class="pagenum"><a name="Page_24" id="Page_24">[24]</a></span>da&szlig; Eure Wiege hinter den Mehls&auml;cken gestanden hat. K&ouml;nnt
+Ihr mir nicht k&uuml;nden, wie Ihr hei&szlig;t? &ndash; &ndash;&laquo; &raquo;Grit,&laquo; sagte
+sie und versuchte, recht holdselig zu l&auml;cheln, es wollte ihr
+aber nicht gelingen; denn die oberen Z&auml;hne hingen ihr &uuml;ber
+die unteren herab und so machte sie mehr ein Grinsen, denn
+ein L&auml;cheln. &raquo;Grit,&laquo; wiederholte sie.</p>
+
+<p>&raquo;Kann so was sein?&laquo; rief Schlupps. &raquo;Gibt es Wunder?
+Genau so hie&szlig; die K&ouml;nigin. Wer wei&szlig;, vielleicht hat mich
+der Zufall nicht umsonst hergef&uuml;hrt und der Prinz Xaver,
+der immer eine Frau sucht, die wie seine Mutter aussieht,
+seufzt nicht vergebens. Gewi&szlig; ist Euer Herz noch frei,
+Jungfer?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist es eben,&laquo; sagte sie wehleidig. &raquo;Am Sonntag soll
+ich ehelichen, den Hans vom Schulthei&szlig;. Er hat mir soweit
+ganz gut gefallen, besonders weil ich ihn der Ev&#8217;, dem dummen
+Ding, nicht g&ouml;nnte.&laquo; &ndash; &ndash;</p>
+
+<p>&raquo;Was?&laquo; rief der Handwerksbursche erstaunt. &raquo;Ist so was
+m&ouml;glich? Einem Bauern wollen sie Euch zum Weibe geben
+und seid doch nur f&uuml;r einen Prinzen geschaffen? Ei, h&auml;tte
+nicht gedacht, da&szlig; Ihr so herunterstieget. Aber um Eines
+bitte ich Euch. La&szlig;t mich das Brautkleid machen, genau wie
+es die K&ouml;nigin trug, damit die Leute sehen, wen sie vor
+sich haben.&laquo;</p>
+
+<p>De&szlig; freute sich Grit, denn es verdro&szlig; sie schon lange, da&szlig; sie
+zur Hochzeit daher kommen sollte wie jede Bauernmagd.
+Jetzt sollte der Hans sehen, was eine reiche Braut vermochte,
+und die Eve sollte vor Neid bersten.</p>
+
+<p>&raquo;Erz&auml;hlt mir, wie das Gewand war,&laquo; bat sie. &raquo;Aus den
+<span class="pagenum"><a name="Page_25" id="Page_25">[25]</a></span>besten Stoffen,&laquo; erz&auml;hlte das falsche Schneiderlein, &raquo;ein Unterkleid
+von gelbem Tuch, dazu ein Obergewand von rotem
+Sammet, die &Auml;rmel gepufft aus heller Seide und alles fein
+mit bunten B&auml;ndern ausstaffiert. Auf dem Kopfe eine vier
+Ellen hohe M&uuml;tze aus Seide und Pelz und daran einen
+Schleier, so lang als Ihr seid und noch dar&uuml;ber, und die
+Schuhe &ndash; &ndash; die Schuhe, die waren mit dicken gr&uuml;nen Perlen
+besetzt. Eine goldene Kette lag um den Hals, die ging
+bis auf den G&uuml;rtel, und der war aus purem Golde mit
+bunten Steinen verziert. So m&uuml;&szlig;t Ihr es auch haben.
+Wartet nur Ihr Bauern,&laquo; und er drohte mit der Faust hinaus
+in die Luft, &raquo;ich will Euch zeigen, wie man eine Prinzessin
+zu behandeln hat.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber werdet Ihr das Alles so schnell n&auml;hen k&ouml;nnen?&laquo; fragte
+Grit zweifelnd. &raquo;In vier Tagen ist Hochzeit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nichts leichter als das,&laquo; lachte Schlupps. &raquo;Hab in Welschland
+doch anderes leisten m&uuml;ssen. Gebt mir Wagen und
+Pferd, so fahr&#8217; ich in die Stadt und kaufe alles ein. Wundert
+Euch nicht, wenn ich erst morgen Abend wiederkomme;
+denn es wird schwer halten, alles im St&auml;dtchen zu finden.
+Damit Ihr aber sicher seid, da&szlig; ich wiederkehre, lasse ich
+mein Felleisen da. In dem ist mein Fingerhut, und wenn
+ich den nicht habe, kann ich nichts machen. H&uuml;tet Euch jedoch,
+das Felleisen zu &ouml;ffnen. Es ist mit einem Zauberspruch
+geschlossen, und wer es &ouml;ffnet, wagt sein Leben.&laquo;
+Grit, deren Hoffart immer mehr stieg, gab ihm heimlich
+ihres Vaters Wagen und Pferd und einen gro&szlig;en Sack
+Geld; den wollte sie eigentlich dem Hans als Brautgabe
+<span class="pagenum"><a name="Page_26" id="Page_26">[26]</a></span>mitbringen. &raquo;Braucht davon, so viel Ihr f&uuml;r gut findet,&laquo;
+sagte sie. Denn wenn sie auch keinem etwas g&ouml;nnte, so war
+ihr f&uuml;r sich selbst nichts zu viel, und sie scheute nicht Geld
+und Gut, wenn es ihre Sch&ouml;nheit galt. Meinte sie doch, da&szlig;
+ihr kein M&auml;dchen im Dorf gleich k&auml;me, und wu&szlig;te nicht,
+wie die hakige Nase garstig aus den knochigen Wangen herausstach,
+und der Hans f&uuml;rchtete sich so vor dem spitzen Gesicht,
+da&szlig; er seiner Braut noch nie einen Ku&szlig; gegeben hatte
+und stets wehm&uuml;tig an Eves rundes, frisches Gesicht mit
+den braunen Augen dachte.</p>
+
+<p>So fuhr Schlupps davon. Hans aber kam auf seines Vaters
+Weisung, seine Braut zu besuchen und allerlei mit ihr wegen
+des Hausrats zu besprechen. Der Schulthei&szlig; kam selbst
+auch hinzu, um die k&uuml;nftige Tochter wegen der Hochzeit zu
+befragen. Er wunderte sich nicht wenig, wie Grit hoff&auml;rtig
+und spitz immer davon sprach, da&szlig; es eine Gnade f&uuml;r Hans
+sei, wenn sie ihn n&auml;hme, und da&szlig; sie f&uuml;r H&ouml;heres geboren
+w&auml;re. &raquo;Na, hoch genug liegt unser Hof ja,&laquo; sagte der
+Schulze scherzhaft, er verstand noch immer nicht, wo sie hinaus
+wollte. &raquo;La&szlig;t die Sp&auml;&szlig;e, Schulthei&szlig;,&laquo; gab sie giftig
+zur&uuml;ck. &raquo;Wenn ich erst B&auml;uerin auf dem Hof bin, werden
+wir sehen, wie hoch Ihr seid. Da habt Ihr nichts mehr dort
+drein zu reden. Am besten w&auml;r&#8217;s, Ihr g&auml;bet Hans gleich
+Haus und Hof und z&ouml;get aus. F&uuml;r drei Leute ist der Hof
+zu eng.&laquo; &ndash; &ndash;</p>
+
+<p>Da sah Hansens Vater, was f&uuml;r eine B&ouml;se die neue Schwiegertochter
+war, schlug die T&uuml;re zu und ging heim. &raquo;Noch
+ist nicht aller Tage Abend,&laquo; brummte er. Und der Zufall
+<span class="pagenum"><a name="Page_27" id="Page_27">[27]</a></span>wollte, da&szlig; ihm die Ev begegnete, wie sie so bescheiden
+und sittig durch das Dorf schritt. &raquo;H&auml;tte ich der doch den
+Hans geg&ouml;nnt,&laquo; dachte er, &raquo;das w&auml;re eine bessere Hausfrau
+geworden, als die &uuml;berm&uuml;tige, h&auml;&szlig;liche B&auml;ckerstochter,&laquo;
+und weil er im Grunde nicht geldgierig, nur stolz und rechthaberisch
+war, tat ihm jetzt die Eve leid. Sie hatte mit
+so traurigen Augen auf ihn geblickt. &ndash;</p>
+
+<p>Schlupps fuhr inde&szlig; in die Stadt, kaufte allerlei Stoffe,
+alles vom Gr&ouml;bsten und Schlechtesten, ging zu einem
+Schneidermeister und sprach: &raquo;Meister, mach Er mir bis
+morgen ein Gewand. So und so mu&szlig; es sein&laquo; und beschrieb,
+wie er es haben wollte. &raquo;Das kann nicht sein,&laquo;
+widersprach der Meister, &raquo;das w&auml;re eine gar traurige Arbeit,
+und man w&uuml;rde mich darob mit Schimpf und Schande
+aus der Zunft jagen. Gebt mir acht Tage Zeit und es soll
+gen&auml;ht und geb&uuml;gelt sein, wie es sich geh&ouml;rt.&laquo; &raquo;Bis morgen
+mu&szlig; ich es haben,&laquo; beharrte Schlupps. &raquo;Tut Ihr es nicht,
+tut es ein anderer; auf Geld soll es mir nicht ankommen,&laquo;
+und legte ein Goldst&uuml;ck auf den Tisch. &raquo;N&auml;ht wie Ihr wollt,
+und wenn ein Stich auch dem andern zuruft: &raquo;halt Bruder,
+lauf nicht davon,&laquo; so soll es nichts ausmachen. Es braucht
+nicht lange zu halten und wenn die &Auml;rmel nur lose darin
+h&auml;ngen und die N&auml;hte bald springen, so ist das Ausziehen
+um so leichter und man braucht nicht viel Haken aufzumachen.&laquo;
+&raquo;Auch gut,&laquo; &uuml;berlegte der Meister von der Nadel.
+&raquo;Gewi&szlig; ist das unehrliches, fahrendes Volk; denn ein B&uuml;rgerkind
+z&ouml;g ein solches Narrengewand nicht an;&laquo; rief seine
+Gesellen herbei und versprach, rechtzeitig fertig zu sein.
+<span class="pagenum"><a name="Page_28" id="Page_28">[28]</a></span>Konnte sich aber nicht genug wundern, was f&uuml;r schlechte
+Tuche ihm zu H&auml;nden kamen, denn statt Sammet hatte der
+Schalk grobe Linnen mit roter Farbe anstreichen lassen.</p>
+
+<p>Den Schmuck aber lie&szlig; er beim Blechschmied aus Blech und
+Messing machen und in den G&uuml;rtel Glasst&uuml;cke hineinsetzen.
+Der Schleier war so gro&szlig; wie ein Fischernetz, und der Beutel
+wurde, nachdem alles eingekauft war, nur um ein Weniges
+erleichtert. &raquo;Das Geld hast du dir sauer verdient,&laquo;
+dachte Schlupps und streichelte den Geldsack z&auml;rtlich. Wie
+er am folgenden Abend heimkehrte, stand die B&auml;ckerstochter
+auf der Landstra&szlig;e und erwartete ihn. &raquo;Steigt auf, sch&ouml;ne
+Grit,&laquo; rief Schlupps. &raquo;La&szlig;t Euch erz&auml;hlen.&laquo; &ndash; Er berichtete,
+wie er &uuml;berall herumgelaufen sei, bis er alle Stoffe gefunden
+habe, daf&uuml;r w&auml;ren sie auch vom besten und feinsten.
+Jetzt wolle er aber die ganze Nacht flei&szlig;ig sein; denn bis
+morgen m&uuml;sse sie ihr Gewand haben. Den Packen trug er
+dann eilends auf die Kammer, die ihm die Grit einger&auml;umt
+hatte, schlo&szlig; zu und steckte den Schl&uuml;ssel ein. Dann ging er
+fort in das Wirtshaus. Da sa&szlig;en die Mannsleute des
+Dorfes, alte und junge, und in ihrer Mitte der Schulze und
+Hans; denn heute sollte der Bursche noch einmal das Ledigsein
+feiern, wie es Brauch war am Ort.</p>
+
+<p>&raquo;Schulze, warum seid Ihr so ernst?&laquo; sagte der Wirt. &raquo;Mu&szlig;
+ich nicht &auml;rgerlich sein?&laquo; war die Antwort. &raquo;Ich wollte zur
+Hochzeit von meinem einzigen Sohne etwas draufgehen
+lassen und hab darum meinen Knecht in die Stadt geschickt
+nach einem Fa&szlig; vom besten Roten, wie es ihn hier herum
+<span class="pagenum"><a name="Page_29" id="Page_29">[29]</a></span>nirgends gibt. Ein Freund hat ihn mir um vieles Geld besorgt.
+Jetzt schickte der Knecht mit einem Fuhrmann die
+Kunde her, das Fa&szlig; sei noch nicht eingetroffen, und er wisse
+nicht, ob er zur Hochzeit zur&uuml;ck sein werde. &Uuml;bermorgen
+ist die Trauung; morgen kommen schon die G&auml;ste, und ich
+mu&szlig; ihnen einen gew&ouml;hnlichen Wein vorsetzen, wie ihn
+jeder Bauer im Keller hat.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Verzeiht, Herr,&laquo; mischte sich Schlupps ins Gespr&auml;ch.
+&raquo;Sollte im Dorf kein Wein zu haben sein? Ich bin K&uuml;fer
+und wei&szlig; die verborgenen Quellen wohl aufzufinden.&laquo;</p>
+
+<p>Alle G&auml;ste horchten auf und der Schulze sagte: &raquo;Wenn Ihr
+mir hier im Dorfe guten Wein schafft, soll es mir auf ein
+St&uuml;ck Geld nicht ankommen.&laquo;</p>
+
+<p>Der Bursche nahm eine Gabel, die auf dem Tische lag,
+schlug damit an ein Glas, hielt die Gabel an das Ohr und
+sagte mit geschlossenen Augen:</p>
+
+<p>&raquo;Ich sehe ein Haus, abseits von der Stra&szlig;e, gr&uuml;ne Fensterladen
+sind daran, ein Nu&szlig;baum steht auf dem Hofe und
+ein M&auml;gdlein sitzt in der Kammer, ringt die H&auml;nde und
+seufzt: &#8250;Hilf Gott mir armen Waisenkind!&#8249;&laquo;</p>
+
+<p>Scheu sah alles nach dem Dorfschulzen. Das war ja der
+Hof der Eve! Der Hans verbarg sein Gesicht, weil er die
+Tr&auml;nen, die in seinen Augen sa&szlig;en, nicht zeigen wollte.
+&raquo;Im Brunnen,&laquo; fuhr Schlupps fort, &raquo;liegt ein Fa&szlig; vom
+besten Roten. Linker Hand vom Brunnen sind zwei Steine,
+wenn Ihr da grabt, so findet Ihr zwei Tonnen Gold. Die
+aber darf man nur bei Vollmondschein &ouml;ffnen. F&auml;llt nicht
+<span class="pagenum"><a name="Page_30" id="Page_30">[30]</a></span>das volle Mondlicht in die F&auml;sser, wenn Ihr sie aufmacht,
+so verwandelt sich das Gold in sauren Wein.&laquo; Dann machte
+er wieder die Augen auf, sah erstaunt um sich und sprach:
+&raquo;Wo bin ich? Vermeinte doch eben auf einem einsamen
+Bauernhof zu sein und bin im Wirtshaus. Was bin ich
+schuldig, Herr Wirt?&laquo; &raquo;Nichts,&laquo; sagte der. &raquo;Euer Sch&ouml;ppchen
+soll Euch gesegnet sein, wenn alles, was Ihr gesagt
+habt, zutrifft.&laquo; Der vermeintliche K&uuml;fer dankte und zog ab.
+Der Dorfschulze ging nachdenklich heim. K&auml;me bis morgen
+Mittag der Knecht nicht, dann wollte er sehen, ob es sich mit
+dem Wein so verhielt, wie der Fremde ihm bedeutet. Wenn
+er das gewu&szlig;t h&auml;tte, da&szlig; die Eve heimlich Sch&auml;tze auf
+ihrem Hof verborgen hielt, w&auml;re er nicht so widerspenstig
+gewesen.</p>
+
+<p>Am andern Tage sagte Schlupps zu Grit: &raquo;Jungfer, Ihr
+dauert mich. Ich will Euch etwas anvertrauen. Der Prinz
+Xaver hat mir Wagen und Pferde geschickt, da&szlig; ich ihn auf
+der Brautschau begleite. Es ist zwar ein einfach Gef&auml;hrt,
+weil wir unerkannt durch die Lande ziehen wollen, aber ich
+denke, wenn Ihr das feine Gewand anlegt, braucht der
+Prinz nicht weit zu suchen. Die Braut ist da und die Hochzeit
+kann bald gefeiert werden.&laquo; Und Grit, der ihr Sinn
+schon lange nach dem Prinzen stand, rief freudig: &raquo;Wenn
+Ihr mich mitnehmen wollt, es soll Euch Euer Lebtag vergolten
+werden.&laquo; In ihrem boshaften Herzen dachte sie
+aber: &raquo;wenn ich erst Prinzessin bin, mu&szlig; der Schneider aus
+dem Land, damit er keinem erz&auml;hlt, da&szlig; ich Mehl gemessen
+und Brot gewogen habe.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_31" id="Page_31">[31]</a></span>&raquo;So hole ich Wagen und Pferd,&laquo; meinte Schlupps. &raquo;Zieht
+Euch derweil an und verge&szlig;t auch nicht, die Leinentruhe
+mitzunehmen,&laquo; ging zu Eve, dankte ihr f&uuml;r ihre Gef&auml;lligkeit
+und sagte: &raquo;Wenn hier ein Wunder geschieht und du
+wei&szlig;t nicht, woher es kommt, so denke, das hat Schlupps
+getan und sei gegen arme Wanderer immer freundlich. Das
+aber sage ich Dir: Nimmer wird die B&auml;ckin Hansens Frau,
+und Dich seh ich im Geiste mit ihm zur Kirche gehen.&laquo;</p>
+
+<p>Dann fuhr er rasch an das B&auml;ckerhaus, wo die Grit fein
+aufgeputzt ihn erwartete, lud die Truhe auf und hie&szlig; das
+M&auml;dchen aufsitzen. &raquo;Nehmt Euch ein gro&szlig;es Tuch um,&laquo;
+warnte er, &raquo;damit die Leute Euch nicht erkennen.&laquo; Das tat
+sie, und wie die Pferde durch die Dorfstra&szlig;e trabten, wendete
+mancher den Kopf nach der fremden Frau, die unkenntlich
+in ein Tuch gewickelt im Wagen kauerte.</p>
+
+<p>Wie nun der Knecht nicht kam, beschlo&szlig; der Dorfschulze,
+zu Eve zu gehen und nachzusehen, ob der fremde K&uuml;fer die
+Wahrheit gesprochen h&auml;tte, nahm aber drei ehrsame M&auml;nner
+als Zeugen mit. Wie er auf den Hof trat, kam ihm die
+Eve erstaunt entgegen und fragte nach seinem Begehr.
+&raquo;Verzeiht, Eve, wenn wir Euch ungelegen kommen,&laquo; entgegnete
+der Schulze, &raquo;aber man hat uns gesagt, da&szlig; Ihr
+im Ziehbrunnen Wein habt. Wollt Ihr mir den zu Hansens
+Hochzeit verkaufen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da&szlig; ich nicht w&uuml;&szlig;t&#8217;,&laquo; staunte die Eve. &raquo;Hab zwar oft
+in den letzten Tagen, wenn ich die Eimer hinunter lie&szlig;,
+gesp&uuml;rt, da&szlig; etwas drinnen liege; ich meinte aber nicht
+<span class="pagenum"><a name="Page_32" id="Page_32">[32]</a></span>anders, als es seien Steine von der letzten Schneeschmelze.
+Schaut zu, ob Ihr etwas findet.&laquo;</p>
+
+<p>Die M&auml;nner stie&szlig;en mit einer Stange in den Brunnen und
+fanden Widerstand. Einer holte eine Leiter, kroch hinab
+und rief: &raquo;Ein Fa&szlig;! ein Fa&szlig;!&laquo; Das holten sie mit vieler
+M&uuml;he herauf, bohrten es an, und der beste Rote, wie sie ihn
+noch nie getrunken, flo&szlig; heraus. Hansens Vater frug Eve,
+was sie daf&uuml;r haben wolle. &raquo;Nichts,&laquo; sagte sie, &raquo;denn er ist
+nicht mein. Soll er aber zu Hansens Hochzeit sein, so nehmt
+ihn mit Euch, und m&ouml;chte jeder Tropfen darinnen einen Tag
+Gl&uuml;ck f&uuml;r Euren Sohn bedeuten.&laquo; Damit drehte sie sich
+um, denn sie konnte die Tr&auml;nen nicht mehr zur&uuml;ckhalten.
+Auch dem Schulzen, der ein strenger Mann war, stand das
+Weinen n&auml;her wie das Lachen, und er h&auml;tte viel darum
+gegeben, wenn er Geschehenes ungeschehen h&auml;tte machen
+k&ouml;nnen. &raquo;Erlaubt, Eve,&laquo; bat er fast dem&uuml;tig, &raquo;da&szlig; wir im
+Hof unter den Steinen aufgraben.&laquo; &raquo;Macht, was Ihr f&uuml;r
+Recht haltet, Schulze,&laquo; sagte sie ganz verwundert &uuml;ber sein
+Tun; denn er griff selbst nach den Steinen, die linker Hand
+vom Brunnen lagen, r&auml;umte die Erde fort &ndash; &ndash; und stie&szlig;
+auf zwei gro&szlig;e F&auml;sser, grad wie es der unbekannte Mann
+gesagt hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Eve,&laquo; wandte er sich zu dem M&auml;dchen, das immer noch
+nicht wu&szlig;te, wie ihm geschah, &raquo;Ihr seid die Reichste im
+Dorfe. Die F&auml;sser sind Goldes voll.&laquo; &raquo;Was n&uuml;tzt mir
+das,&laquo; schluchzte sie, &raquo;hab ich doch das Beste nicht und mu&szlig;
+meine Liebe als S&uuml;nde anschauen.&laquo; &raquo;Wei&szlig; Gott,&laquo; st&ouml;hnte
+der Schulze, &raquo;k&ouml;nnt ich mein Wort zur&uuml;cknehmen, ich t&auml;t&#8217;s
+<span class="pagenum"><a name="Page_33" id="Page_33">[33]</a></span>lieber heut als morgen. Aber die B&auml;ckin hebt den Verspruch
+nimmer auf und so m&uuml;ssen wir das &Uuml;bel ertragen.&laquo; Damit
+ging er fort, und wenn er auf einen Menschen b&ouml;se und zornig
+war, so war er es auf sich selbst; denn die Eve gefiel
+ihm immer besser und das Wort, das er Hansen gegeben und
+nicht einl&ouml;sen konnte, lastete ihm schwer auf der Seele.</p>
+
+<p>Die Grit fuhr indessen mit Schlupps weiter, bis sie an eine
+einsame Waldh&uuml;tte kamen. &raquo;Geht hier hinein,&laquo; sagte der
+Schalk, &raquo;in dieser H&uuml;tte will mich der Prinz treffen. Setzt
+Euch auf die Bank; er mu&szlig; bald kommen, denn um die
+D&auml;mmerung wollte er hier sein. Ich bleibe bei dem
+Wagen, da&szlig; niemand die Truhe mit Euren Leinensch&auml;tzen
+stiehlt.&laquo; &raquo;Bin ich erst Prinzessin,&laquo; rief Grit prahlerisch,
+&raquo;so trage ich doch nur Seide und Sammt; Leinen ist mir
+zu gering. Das K&ouml;nnt Ihr als Lohn f&uuml;r Eure Dienste
+gleich nehmen!&laquo;</p>
+
+<p>Damit ging sie hinein und setzte sich auf die Bank, die mit
+Spinnweb und Staub &uuml;berzogen war. Weil sie aber sehr
+m&uuml;de war, schlief sie bald fest ein. Als Schlupps merkte,
+da&szlig; sie so bald nicht aufwachen w&uuml;rde, hieb er auf die
+R&ouml;&szlig;lein ein und fuhr davon, so schnell seine Pferde laufen
+konnten.</p>
+
+<p>Sonntag Morgen l&auml;uteten die Glocken zur Kirche, die
+M&auml;dchen des Dorfes zogen vor das Haus der Grit und
+wollten sie holen. Der B&auml;cker stand ratlos da, frug jeden,
+ob er seine Tochter nicht gesehen habe, die mit der Leinenkiste
+verschwunden war, tobte und schimpfte und wu&szlig;te sich
+ihr Verschwinden nicht zu erkl&auml;ren. Nachdem das ganze
+<span class="pagenum"><a name="Page_34" id="Page_34">[34]</a></span>Haus vom Keller bis zum Boden vergeblich durchsucht war
+und man zum &Uuml;berflu&szlig; noch Grits Kleider in der Kammer
+gefunden hatte, beschlossen die Gespielinnen, dem Br&auml;utigam
+die Sache zu vermelden, vielleicht da&szlig; der Grit ein
+Ungl&uuml;ck zugesto&szlig;en sei. Sie gingen in die Kirche, wo schon
+die Hochzeitsg&auml;ste und der Pfarrer standen und auf die
+Braut warteten.</p>
+
+<p>Der Pfarrer riet, sich noch eine Stunde zu gedulden; aber
+der Schulze sagte: &raquo;Nein, Herr Pfarrer. Ist sie nicht da,
+so ist das Gottes Wille,&laquo; und erz&auml;hlte, wie b&ouml;s Grit ihm
+begegnet, wie hochm&uuml;tig sie den Hans behandelt und was
+der fremde Wandersmann geweissagt habe. Wie er selbst
+aber sein ungerecht Tun gegen die Eve bereue. &raquo;Dort
+hinten kniet die rechte Braut,&laquo; schlo&szlig; er und wies auf Eve,
+die vor dem Altar lag und f&uuml;r Hans allen Segen herabflehte.</p>
+
+<p>Da erkannte der Pfarrer Gottes Gnade, trat auf Eve zu,
+fa&szlig;te sie an der Hand und sagte: &raquo;Eve, willst du alle
+Kr&auml;nkungen, die du erduldet hast, vergeben und vergessen
+und Hansens Weib werden?&laquo;</p>
+
+<p>Und wie sie die bangen Augen des Herzallerliebsten sah,
+da leuchtete ihr Gesicht und sie sagte freudig: &raquo;Ja, ich will.&laquo;
+Dann traten sie an den Altar, und nie hatte der Pfarrer
+mit gr&ouml;&szlig;erer Freude ein Paar eingesegnet wie Eve und
+Hans. Grit aber schlief im Waldhaus, und wie sie erwachte,
+schien die Morgensonne hell herein. Als sie aus der H&uuml;tte
+trat und sich umsah, war kein Wagen, keine Pferde, kein
+Schneider und keine Leinentruhe zu sehen. Ob sie auch
+<span class="pagenum"><a name="Page_35" id="Page_35">[35]</a></span>schrie und tobte, &ndash; &ndash; sie kamen nicht und kamen nicht. Da
+begann sie zu merken, da&szlig; der fremde Geselle falsches Spiel
+mit ihr getrieben, lief weiter und weiter und wu&szlig;te nicht
+wohin, bis sie auf einmal den Kirchturm ihres Dorfes sah
+und den Wetterhahn darauf. Da nahm sie ihre letzte Kraft
+zusammen, eilte auf m&uuml;den F&uuml;&szlig;en vorw&auml;rts, bis sie die
+Kirche erreichte, und ri&szlig; die Pforte auf, gerade als der
+Pfarrer das gl&uuml;ckliche Paar zusammengegeben hatte. Alle
+G&auml;ste schrieen auf; denn sie vermeinten nichts anderes, als
+eine b&ouml;se Hexe zu sehen. Erst wie sie n&auml;her hinschauten,
+erkannten sie die Grit. Sah die aber aus!</p>
+
+<p>Staub und Spinnweb lagen auf ihrem Gewand, an dem
+die N&auml;hte alle geplatzt waren, da&szlig; der hagere, braune Leib
+herausschaute; die M&uuml;tze sa&szlig; schief auf dem Kopf, die
+Haare hingen wild um die Stirn, und sie erschien als ein
+Bild des Jammers. Wirr sah sie um sich, dann st&uuml;rzte sie
+auf das Paar, das am Altar stand, los und schrie mit geballten
+F&auml;usten: &raquo;Falsches Ding, willst du mir meinen
+Hochzeiter nehmen?&laquo; Damit suchte sie die Eve bei Seite
+zu dr&auml;ngen, die sich voll Angst an Hans klammerte. Der
+Pfarrer aber trat dazwischen und sprach: &raquo;La&szlig;t gut sein,
+Grit. Hier hat ein H&ouml;herer gewaltet. Geht heim, la&szlig;t
+Euch ein ander Gewand anziehen und vom Bader zur
+Ader lassen.&laquo; Denn er meinte nicht anders, als die Grit
+w&auml;re besessen und h&auml;tte den Verstand verloren. So wollte
+er sie mit gutem Zuspruch aus der Kirche schaffen, damit
+das Gotteshaus nicht durch L&auml;sterreden entweiht werde. Da
+lief die verlassene Braut heim, schlo&szlig; sich in ihre Kammer
+<span class="pagenum"><a name="Page_36" id="Page_36">[36]</a></span>ein, heulte und schrie. Im Hochzeitshaus aber herrschte eitel
+Freude und Seligkeit. Von dem Tag an lie&szlig; die Grit ihrem
+Vater keine Ruh; sie wollte aus dem Dorf heraus; denn in
+ihrer Eitelkeit ma&szlig; sie sich nicht die Schuld an ihrem t&ouml;richten
+Beginnen zu, sondern vermeinte, der Schulze habe ihr
+einen Streich gespielt, weil sie ihn so hart angelassen.</p>
+
+<p>Wie bald darauf der Vollmond schien, beschlo&szlig; der Schulze,
+die F&auml;sser zu heben, und weil es eine klare Nacht war,
+stand dem nichts im Wege. Im Stillen freute es ihn, da&szlig;
+sein Einziger das reichste M&auml;dchen im Dorf gefreit hatte,
+und er hielt den Kopf noch h&ouml;her als sonst, wie er jetzt mit
+Hans und vier kernfesten M&auml;nnern auf Eves Hof kam.
+Bald waren die F&auml;sser heraufgeschafft, und der Schulze
+hob das Beil, um den Deckel zu sprengen.</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich erhob sich ein Wind, graue Wolken jagten daher
+und zogen &uuml;ber den Mond, gerade als das Beil in vollem
+Schwunge heruntersauste. Da spritzte es umher, da&szlig; des
+Schulzen Kleider na&szlig; wurden, und wie er in das erste Fa&szlig;
+sah, flo&szlig; darinnen wei&szlig;er Wein und war von Gold nichts
+zu sehen. Und beim zweiten erging es genau so. Das
+erkannte der harte Mann jetzt als Strafe f&uuml;r seinen Hochmut
+und schwieg still. Von der Gasse her aber klang ein
+h&ouml;hnisches Lachen, das kam von der Grit, die heimlich in
+die Stadt fuhr, auf Nimmerwiedersehen.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Kaufmann_Goldreich" id="Kaufmann_Goldreich"></a>Kaufmann Goldreich</h2>
+
+
+<p>Jetzt ging es Schlupps gar gut. Er hatte einen Sack voll
+Geld und eine Truhe voll Leinen, beschlo&szlig; aber diesmal
+<span class="pagenum"><a name="Page_37" id="Page_37">[37]</a></span>Haus zu halten und nicht mehr alles zu vertun. Als er in
+das n&auml;chste St&auml;dtchen kam, war gerade dort Markt und
+von weit her kamen Leute, um einzukaufen. Sie feilschten
+an den Buden um Ketten und Ringe und bunte T&uuml;cher,
+und besonders das Weibervolk konnte sich nicht genug tun
+am Schauen und Handeln. Wollten alles haben und war
+ihnen doch alles zu teuer, sahen begehrlich auf die Ware
+und warfen sie hin, als w&auml;re es Feuer, an dem sie sich die
+Finger verbrannten, wenn sie den Preis h&ouml;rten. &raquo;Halt,&laquo;
+dachte Schlupps, &raquo;hier bl&uuml;ht mein Weizen,&laquo; fuhr in ein
+Wirtshaus, stellte dort ein und sagte zum Wirt: &raquo;K&ouml;nnt
+Ihr mir einen Jungen besorgen, der flink und anstellig ist,
+so schickt ihn her.&laquo; &raquo;Das will ich meinen,&laquo; gab der Wirt zur
+Antwort. &raquo;Nehmt meinen. Einen Pfiffigeren findet Ihr
+nicht. Hat schon manchem Kaufmann geholfen, die Sch&auml;flein
+scheeren.&laquo; &raquo;So schickt ihn herauf.&laquo; Der Junge kam und
+Schlupps unterwies ihn, was er zu sagen habe. Der Bub
+war gar schlau und zu Schelmenstreichen aufgelegt. Er lie&szlig;
+sich von seinem neuen Herrn das Gesicht schw&auml;rzen, da&szlig; er
+aussah wie einer aus dem Mohrenlande; dann machten
+sie aus rotem Stoff einen Turban, wie ihn die T&uuml;rken
+tragen; Schlupps hing dem Burschen allerlei bunte Stoffe
+um, und so aufgeputzt setzte er ihn auf ein Pferd, hie&szlig; ihn
+auf dem Markt herumreiten und zu rufen: &raquo;Mein Herr,
+der Kaufmann Goldreich, ist weit aus der T&uuml;rkei hergekommen.
+Er will gradwegs nach Spanien zu seines Kaisers
+Majest&auml;t und ihm seine Waren bringen. Dieweil er
+aber hier rastet, hat er sich entschlossen, ein klein Teil seiner
+<span class="pagenum"><a name="Page_38" id="Page_38">[38]</a></span>Wunderdinge heut zu verkaufen; aber nur ein klein
+Teil, weil er weiter mu&szlig; und nicht lange bleiben kann.
+Wer etwas von fremdl&auml;ndischen Waren versteht und anderes
+sucht als grobes Leinen und derbe Stoffe, der komme
+her und kaufe. Wer aber nichts davon versteht, der bleibe
+fort und schone seinen Beutel; denn f&uuml;r solche hat mein
+edler Herr nicht die weite Fahrt aus der T&uuml;rkei unternommen
+und ist aus des Sultans Schlo&szlig; mit Lebensgefahr
+entronnen. Durfte doch nie ein Christ das Land der
+Heiden betreten, und nur mit vieler M&uuml;he ist es dem Herrn
+gelungen, sich Zutritt zu den Ungl&auml;ubigen zu verschaffen.
+Gebt Platz!&laquo;</p>
+
+<p>Dann stie&szlig; er in sein Horn und ritt weiter durch den ganzen
+Ort, hielt an allen Ecken, und die Kinder liefen hinter
+ihm drein; auch manch gesetzter B&uuml;rger horchte auf seine
+Rede und beschlo&szlig;, des Fremden Sachen anzusehen. Die
+Frauen aber rotteten sich zusammen und kamen scharenweise
+vor das Gasthaus, wo der Fremde wohnte und wohin der
+Mohrenknabe jetzt zur&uuml;ckritt, vom Pferde stieg und dem&uuml;tig
+seinen Herrn begr&uuml;&szlig;te, der vor der T&uuml;r einen Tisch aufgestellt
+hatte.</p>
+
+<p>W&auml;hrend der Junge die Stadt durchzog, hatte Schlupps
+die Zeit benutzt, um seinen Stoffen mit H&uuml;lfe von Pinsel
+und Farbe ein gar buntes Aussehen zu geben, und die Laken
+und Decken, die Hemden und Jacken ergl&auml;nzten in allen
+Farben. Hier sa&szlig; ein roter und blauer Fleck, dort ein
+gelber und gr&uuml;ner, und mit der Schere schnitt er absonderliche
+Muster in den Stoffen aus, da&szlig; Sonne und Mond
+<span class="pagenum"><a name="Page_39" id="Page_39">[39]</a></span>hindurchsahen. Er selbst heftete auf sein Gewand allerlei
+Flickwerk, hing die Messingkette, die er der Grit im Schlafe
+abgenommen hatte, um, und den G&uuml;rtel, den er auch von
+ihr hatte mitgehen hei&szlig;en, schlang er &uuml;ber die Schulter.
+Jetzt stand er neben dem Tisch und sah die Menge, die ihn
+neugierig musterte, ernst an, und Jeder, den sein Blick
+traf, meinte immer, dies Gesicht schon einmal gesehen zu
+haben, wu&szlig;te aber nicht, wo.</p>
+
+<p>Als der erste K&auml;ufer auf ihn zutrat, verneigte sich der
+fremde Kr&auml;mer gar tief, kreuzte die Arme auf der Brust und
+murmelte etwas, was keiner verstand. &raquo;Das ist T&uuml;rkisch,&laquo;
+sagte der Mohrenknabe. &raquo;Herr, redet deutsch,&laquo; wandte er
+sich dann an Schlupps, &raquo;dieweil Euch sonst keiner hier versteht,
+und sagt, was Ihr f&uuml;r Eure Ware verlangt.&laquo; Und
+der falsche Kr&auml;mer hub an, seine Waren zu preisen und zu
+erz&auml;hlen, wie des Sultans Frauen die kostbaren Gew&auml;nder
+getragen, wie er sie mit vieler M&uuml;he ihnen heimlich
+abgekauft habe, und wie die tausend Gemahlinnen des t&uuml;rkischen
+Kaisers sch&ouml;n seien, eine sch&ouml;ner wie die andere. Aber
+nur, wenn sie diese Gew&auml;nder und Stoffe an sich h&auml;tten, die
+der Zauberer &raquo;Emalker&laquo;<a name="FNanchor_1_1" id="FNanchor_1_1"></a><a href="#Footnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a> angefertigt habe. Sie hatten erst
+die Sch&auml;tze nicht hergeben wollen und taten es nur, als er
+ihnen versprach, ihnen von einem anderen Hexenmeister
+sch&ouml;nere weben zu lassen. Da lie&szlig;en sie sich erbitten.</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_1_1" id="Footnote_1_1"></a><a href="#FNanchor_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Auch r&uuml;ckw&auml;rts zu lesen.</p></div>
+
+<p>Die Leute guckten staunend auf den Erz&auml;hler. Ein f&uuml;rwitziger
+Bursche aber rief: &raquo;Ei, Herr Kr&auml;mer, warum habt
+Ihr dann Eure Sachen nicht gleich von dem besseren Zauberer
+machen lassen?&laquo; Er suchte nach seiner kecken Rede zu
+<span class="pagenum"><a name="Page_40" id="Page_40">[40]</a></span>entschl&uuml;pfen, weil die Umstehenden ihn gar nicht liebreich
+stie&szlig;en und pufften. Sie f&uuml;rchteten, der fremde Kr&auml;mer
+m&ouml;chte erz&uuml;rnt sein und seine Ware einpacken.</p>
+
+<p>&raquo;Recht habt Ihr, junger Bursche,&laquo; sagte der Kaufmann
+Goldreich. &raquo;Das h&auml;tte ich k&ouml;nnen, wenn der b&ouml;se Zauberer
+nicht sich geweigert h&auml;tte, f&uuml;r Christenfrauen zu arbeiten.
+Dann wartete auch mein Schiff im Hafen, das des Kaisers
+Majest&auml;t f&uuml;r mich gesandt hatte. Und jetzt sagt an, liebe
+B&uuml;rger und edle Frauen, ob Ihr kaufen wollt, oder ob ich
+meine Gew&auml;nder wieder in die Truhen packen soll.&laquo; Dabei
+hielt er die Stoffe hoch, da&szlig; die Sonne darauf fiel und
+die Farben glei&szlig;ten und gl&auml;nzten, und alle dr&auml;ngten sich
+herzu und wollten von den seltenen T&uuml;chern kaufen.
+&raquo;Denn,&laquo; sagten sie, &raquo;was so weit her ist, mu&szlig; etwas Besonderes
+sein,&laquo; und &raquo;Selbstgewebtes haben wir in den
+Truhen genug.&laquo; Schlie&szlig;lich kam der gestrenge Herr B&uuml;rgermeister
+an und wollte die goldene Kette kaufen und den
+G&uuml;rtel, den der Kr&auml;mer auf der Schulter trug. Aber da
+jammerte Schlupps gar kl&auml;glich, da&szlig; ihm der Kaiser von
+Spanien arg z&uuml;rnen werde, wenn er den Schatz, der f&uuml;r
+seine hohe Gemahlin bestimmt sei, verkaufe, und konnte
+sich erst auf vieles Bitten und Dr&auml;ngen dazu verstehen, den
+Schmuck f&uuml;r hundert Taler herzugeben.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist zu billig. Es ist zu billig!&laquo; beteuerte er immer
+wieder. &raquo;Wenn Ihr&#8217;s nicht w&auml;ret, hochedler Herr, wahrhaftig!
+Nichts in der Welt h&auml;tte mich verf&uuml;hren k&ouml;nnen.
+Aber so geht&#8217;s, wenn man mit vornehmen Herren Handel
+treibt.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_41" id="Page_41">[41]</a></span>Und der B&uuml;rgermeister zog mit seinen Ketten stolz ab;
+seine Frau aber sah um sich, als w&auml;re sie die Kaiserin von
+Spanien.</p>
+
+<p>Ehe Schlupps sich&#8217;s versah, waren seine Waren ausverkauft
+und seine Truhe leer; seine Beutel aber konnten kaum das
+viele Geld fassen. &raquo;Morgen gibt es mehr, Ihr Leute,&laquo; rief
+er, als immer neue K&auml;ufer andr&auml;ngten. &raquo;Habt Geduld.
+Ja, alle Tage kommt nicht einer aus der T&uuml;rkei, gradenwegs
+aus des Sultans Schlo&szlig;,&laquo; und er kreuzte wieder die
+Arme &uuml;ber der Brust, verneigte sich tief und schritt, von
+dem Mohrenknaben gefolgt, langsam und nachdenklich in
+das Wirtshaus.</p>
+
+<p>Die andern Kaufleute wu&szlig;ten nicht, wie ihnen geschah.
+Die Waren, die man ihnen wies, waren gew&ouml;hnliches
+Bauernleinen, bunt bemalt und grob gen&auml;ht, und wenn
+sie auch zehnmal beteuerten, da&szlig; ihr Leinen feiner, ihr Tuch
+weicher sei, so glaubte es keiner; denn niemand wollte daf&uuml;r
+gelten, da&szlig; er das, was aus fremden Landen stamme,
+nicht verstehe. &raquo;Das ist nur Neid von den Kr&auml;mern, weil
+sie keine ausl&auml;ndischen Waren haben,&laquo; schrieen die K&auml;ufer.
+Die Kr&auml;mer gaben Antwort, und bald hallte der Markt
+von L&auml;rm und Geschrei. Man pr&uuml;gelte aufeinander los,
+man zerrte und ri&szlig; sich, und manchen H&auml;ndler ereilte jetzt
+die Strafe f&uuml;r falsches Gewicht und ungerechtes Ma&szlig;, und
+noch t&ouml;nte von den Gassen das Zetern, als Schlupps durch
+eine Hinterpforte das Gasthaus verlie&szlig;. Dem Wirt und
+seinem Jungen hatte er ein Teil von seinem Gewinn geschenkt,
+so da&szlig; sie zufrieden waren und reinen Mund zu
+<span class="pagenum"><a name="Page_42" id="Page_42">[42]</a></span>halten versprachen. Als am andern Morgen die Leute
+herbeistr&ouml;mten und auf den Kr&auml;mer warteten, trat der Wirt
+h&auml;nderingend aus dem Haus und rief: &raquo;Wo ist der Galgenstrick!
+Wo ist der Zauberer, der mit der Zeche verschwunden
+ist. Wo seine R&ouml;&szlig;lein im Stall gestanden
+haben, liegen ausgegl&uuml;hte Kohlen, in seinem Bett fand ich
+einen Besen. Keiner sah ihn gehen, noch h&ouml;rte man den
+Wagen rollen. Weh mir armen, geschlagenen Mann!
+Alles war eitel Trug und Blendwerk, und Wagen und
+Pferde sind nimmer richtig gewesen!&laquo;</p>
+
+<p>Da liefen die Leute entsetzt nach Haus, sahen die Eink&auml;ufe
+an und erkannten mit Schrecken, da&szlig; alles, was in der
+Sonne gegl&auml;nzt und geglei&szlig;t hatte, nichts nutz war und
+nicht einmal so gut, wie das selbstgewebte Bauerntuch,
+das sie auf dem Markt sonst kauften. Der B&uuml;rgermeister
+lief voll Angst zu einem Goldschmied und lie&szlig; seine Kette
+pr&uuml;fen. Der erkl&auml;rte sie f&uuml;r eitel Messing und die Steine
+f&uuml;r Glas, grad gut genug f&uuml;r Mummerei und Fastenscherz.
+Jetzt sch&auml;mten sich alle, die erst das gro&szlig;e Wort gef&uuml;hrt
+hatten und mancher, der einem Kr&auml;mer mit b&ouml;ser Rede und
+hartem Schlag weh getan hatte, ging hin, entschuldigte
+sich und bat, wieder &raquo;gut Freund&laquo; zu sein. Auf die fremdl&auml;ndischen
+H&auml;ndler aber war man lange Zeit nicht gut zu
+sprechen und wies jeden, der kam, des Ortes hinaus.</p>
+
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+
+<h2><a name="Mutterleid" id="Mutterleid"></a>Mutterleid</h2>
+
+
+<p>Schlupps zog weiter, die Stra&szlig;e entlang, die durch den
+Wald f&uuml;hrte, dann am Flu&szlig;ufer hin und freute sich, wie
+<span class="pagenum"><a name="Page_43" id="Page_43">[43]</a></span>die Sonne so hell aus dem Wasser flimmerte, wie die V&ouml;glein
+sangen und wie die Blumen lieblich dufteten, brach
+sich einen Zweig ab und wehrte damit die Fliegen, die
+seine R&ouml;&szlig;lein umschwirrten. Dazwischen aber f&uuml;hlte er
+seine Gelds&auml;ckel an, die er neben sich gelegt hatte und die
+gar schwer und steif waren.</p>
+
+<p>&raquo;Man mu&szlig; das Gras m&auml;hen, wenn es reif ist,&laquo; dachte er,
+&raquo;W&auml;re ich&#8217;s nicht gewesen, so w&auml;re ein anderer gekommen,
+und die Kr&auml;mer hierzulande k&ouml;nnen mir Dank sagen, da&szlig;
+ich ihnen die fremdl&auml;ndischen vom Halse geschafft habe.&laquo;
+An einem Wirtshause hielt er Mittagsrast, lie&szlig; sich ein
+gutes Essen geben und fuhr dann weiter. Unterwegs sah
+er eine Frau auf der Landstra&szlig;e gehen, die ein Kind auf
+dem Arme trug und nur langsam vom Fleck kam. &raquo;Steigt
+auf, gute Frau,&laquo; rief er. &raquo;Seid gewi&szlig; rechtschaffen m&uuml;de.&laquo;
+Sie nickte dankbar, lie&szlig; sich nicht lange bitten und reichte
+ihm das Kind zu, damit sie leichter aufsteigen konnte. Es
+war ein herziges B&uuml;blein von vier Jahren mit blauen
+Augen, blonden L&ouml;ckchen und einem wei&szlig;en Gesichtchen.</p>
+
+<p>&raquo;Seit des Morgens vier Uhr sind wir zu Wege,&laquo; erz&auml;hlte
+die junge Mutter. &raquo;Bin mit dem Kinde in der Stadt gewesen
+bei einem Doktor. Das war ein gar gelehrter Herr,
+alles stand bei ihm voll von Ger&auml;ten und Pfannen und
+Tiegeln. Er besah den Kleinen von allen Seiten und sprach
+fremde Worte, die ich nicht verstand. Dann gab er mir ein
+Fl&auml;schchen mit Arznei, die war gar teuer, und verordnete,
+ich solle jede Woche kommen und solch eine Flasche holen,
+und je mehr ich holte, desto besser w&auml;re es f&uuml;r das Kind.
+<span class="pagenum"><a name="Page_44" id="Page_44">[44]</a></span>Auf Speise und Trank soll ich es nicht ansehen und dem
+Kinde alles vom Besten und Feinsten geben und kein Hafermus,
+sondern nur Brei von wei&szlig;em Weizenmehl. Milch
+aber soll es trinken den ganzen Tag, soviel es nur zu trinken
+vermag. Solch ein Doktor hat gut reden. Mein Mann
+ist ein armer Waldheger. Zu einer Kuh langt das Geld
+nicht, und Ziegenmilch kann das B&uuml;blein nicht vertragen.
+Ich m&ouml;chte mir schier das Herz aus der Brust rei&szlig;en f&uuml;r
+ihn und kann ihm doch nicht helfen.&laquo;</p>
+
+<p>Dabei dr&uuml;ckte sie das Kind an sich und sah ihm liebreich in
+die Augen. Schlupps antwortete nicht viel, weil er nicht
+sprechen konnte. Es sa&szlig; ihm etwas in der Kehle, was ihn
+dr&uuml;ckte und w&uuml;rgte, und er mu&szlig;te an sein lieb M&uuml;tterlein
+denken, das ihn immer geherzt und gek&uuml;&szlig;t hatte und schon
+so lange unter dem gr&uuml;nen Rasen lag. Seitdem hatte kein
+Mensch mehr ein lieb Wort zu ihm gesprochen, und wenn
+er es auch gewi&szlig; nicht wahr haben wollte, so h&auml;tte er doch
+gern alle seine Sch&auml;tze um ein gut Mutterwort gegeben.
+&raquo;Macht Euch keinen Kummer weiter, liebe Frau,&laquo; sagte
+er endlich, &raquo;unverhofft kommt oft; wer wei&szlig;, was Eurem
+Kinde noch Gutes widerf&auml;hrt.&laquo;</p>
+
+<p>Da richtete die Frau ihren Kopf hoch und sah ihn getr&ouml;stet
+an; denn einer Mutter klingt es wie Himmelswort, wenn
+man ihr etwas Gutes von ihrem Kinde sagt, und der Gedanke
+an eine Freude, die ihm begegnen k&ouml;nne, tut der
+Seele einer Mutter so wohl wie ein Gebet.</p>
+
+<p>&raquo;Wie weit habt Ihr&#8217;s noch?&laquo; fragte Schlupps. &raquo;Noch
+reichlich zwei Stunden,&laquo; gab sie zur&uuml;ck, &raquo;gerade das Tal
+<span class="pagenum"><a name="Page_45" id="Page_45">[45]</a></span>entlang, in dem Walde, den Ihr in der Ferne seht, steht
+mein Haus.&laquo; &raquo;Das trifft sich gut,&laquo; meinte er, &raquo;das ist
+mein Weg, und so kann ich Euch bis dahin fahren.&laquo; Die
+R&ouml;&szlig;lein liefen tapfer zu; denn ihr Herr hatte an ihnen nie
+den Hafersack gespart. Der Bursche lie&szlig; sich von der Frau
+erz&auml;hlen, wie sie und ihr Mann lebten und erkannte immer
+mehr, da&szlig; sie ein braves, schlichtes Gem&uuml;t war, von den
+Menschen nur Liebes und Gutes dachte und sich von Keinem
+etwas B&ouml;ses vermeinte. &raquo;Du sollst in deinem Glauben
+nicht zu schanden werden,&laquo; dachte er.</p>
+
+<p>Endlich, die Sonne ging schon nach Westen zu, langten sie
+an dem H&auml;uschen an. Schlupps sprang herunter, nahm der
+Frau das Kind ab, das eingeschlafen war, und trug es in&#8217;s
+Haus. Sie konnte nicht genug Worte des Dankes finden
+und bat ihn dringlich, bei ihr Rast zu halten und ihrem
+Heim nicht die Ruhe zu rauben, holte Brot und Ziegenk&auml;se
+herbei und bat ihn, f&uuml;rlieb zu nehmen.</p>
+
+<p>&raquo;W&uuml;&szlig;t&#8217; ich nur, wie ich Eure Guttat vergelten kann,&laquo; &uuml;berlegte
+sie. &raquo;Wart&#8217;, ich hab&#8217;s. Geduldet Euch eine Weile;
+ich bin bald zur&uuml;ck.&laquo;</p>
+
+<p>Als sie fort war, untersuchte Schlupps das Zimmer, in dem
+alles vom Einfachsten war. Tische und B&auml;nke waren aus
+sauber gescheuertem Tannenholz, die bunte Truhe barg f&uuml;r
+jeden der Eheleute ein Gewand und auf dem Sims &uuml;ber
+der Ofenbank lag in ein sauberes Tuch geschlagen die Bibel.
+Die nahm der Bursche rasch herunter, schlug sie auf, bl&auml;tterte
+darin und legte zwischen die Seiten je ein Goldst&uuml;ck,
+so da&szlig; jetzt das heilige Buch nicht nur mit goldener Rede,
+<span class="pagenum"><a name="Page_46" id="Page_46">[46]</a></span>sondern auch mit goldener M&uuml;nze gespickt war. Dann legte
+er das Buch wieder an seinen Platz und setzte sich an den
+Tisch. &raquo;Hier nehmt,&laquo; sagte die Frau noch au&szlig;er Atem,
+&raquo;bin ein bischen rasch die Kellertreppe hinuntergesprungen.
+Hab mich besonnen, da&szlig; unten ein Fl&auml;schchen alten Weines
+liegt, den der Herr Graf meinem Manne geschenkt hat, als
+er krank war. Ich bitt&#8217; Euch, erweist mir die Gef&auml;lligkeit
+und nehmt&#8217;s. Wir sind so etwas doch nicht zu trinken gewohnt.
+Es ist mir nur arg, da&szlig; ich denk, Ihr m&uuml;&szlig;t so
+heimatlos umher ziehen und habt nicht Weib und Kind
+und keine Mutter, wie Ihr mir sagtet. Nehmt&#8217;s mit, und
+wenn Ihr draus trinkt, verge&szlig;t nicht mein Kind und mich.
+Sagt mir auch Euren Namen, da&szlig; ich Euch in mein Gebet
+einschlie&szlig;en kann.&laquo;</p>
+
+<p>Dem Gesellen war es ungewohnt, seinen richtigen Namen
+zu nennen und er sagte langsam: &raquo;Heinz Kurzweil.&laquo; Dann
+nahm er das Fl&auml;schchen, das eine absonderliche Form hatte,
+platt und breit war, so da&szlig; er es in eine Tasche seines
+Kittels stecken konnte.</p>
+
+<p>&raquo;Ich danke Euch,&laquo; sagte er und reichte ihr die Hand. &raquo;Bleibt
+gesund beieinand, und wenn einmal ein armer Handwerksbursch
+oder sonst ein Heimatloser bei Euch anklopft, dann
+seid gut zu ihm.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das will ich wohl,&laquo; beteuerte sie, &raquo;und jetzt hab ich noch
+eine Bitte an Euch, Heinz. La&szlig;t mich Euch segnen, wie
+Euch Eure Mutter gesegnet h&auml;tte.&laquo; Da kniete der Bursche
+nieder, und die junge Frau legte ihm die H&auml;nde auf das
+Haupt, sprach ein Vaterunser und f&uuml;gte eine Bitte um sein
+<span class="pagenum"><a name="Page_47" id="Page_47">[47]</a></span>Wohlergehen hinzu, und Heinz war es, als sei er wieder
+ein klein Kind, das daheim im Bettchen l&auml;ge, von Mutterliebe
+betreut. Denn allen Mutterh&auml;nden ist ein Zauber
+eigen, und wenn sie einem Menschen die Stirn ber&uuml;hren,
+sieht er die Kindheit wieder auferstehen, wo er auch
+immer sei.</p>
+
+<p>&raquo;Lest nur flei&szlig;ig in der Bibel,&laquo; sagte der Bursche beim Abschied.
+&raquo;Denn Gottes Wort ist eitel Gold,&laquo; bestieg seinen
+Wagen und fuhr weiter, die Landstra&szlig;e hinab in die ferne
+Welt.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Unter_der_Linde" id="Unter_der_Linde"></a>Unter der Linde</h2>
+
+
+<p>Die Dunkelheit brach herein und er beschlo&szlig;, nach Nachtlager
+auszusp&auml;hen; da h&ouml;rte er helle T&ouml;ne, fuhr zu und
+kam in ein Dorf. Unter der gro&szlig;en Linde geigten drei
+Fiedler; Burschen und M&auml;dchen schwenkten sich im Tanz
+und stie&szlig;en helle Jauchzer aus. Schlupps war nicht froh
+zu Sinn, sein Herz stand ihm nicht nach Lustigkeit, und
+er bog seitab, um seine R&ouml;&szlig;lein am Bache zu tr&auml;nken. Da
+sah er auf einem Weidenstumpf zwei Menschen zusammengekauert
+hocken, einen silberhaarigen Greis und ein Weiblein.
+Sie hielten die H&auml;nde um die Kniee geschlungen, und
+aus den tr&uuml;ben Augen tropften schwere Tr&auml;nen langsam
+&uuml;ber die Wangen herab. Erstaunt trat Schlupps n&auml;her;
+denn wenn ihm etwas arg schien, so war es der Anblick
+von Kummer und Sorge, und die beiden Huzzelchen sahen
+so kl&auml;glich aus, da&szlig; es ihm in die Seele schnitt.</p>
+
+<p>&raquo;Was fehlt Euch, Gro&szlig;vater?&laquo; fragte er und legte dem
+<span class="pagenum"><a name="Page_48" id="Page_48">[48]</a></span>Alten die Hand auf die Schulter. Der sch&uuml;ttelte traurig
+das Haupt, ohne zu antworten; das Weiblein aber heftete
+den Blick auf den Frager und wies dann stumm hin&uuml;ber
+nach der Linde, von wo das Jauchzen erscholl. Jetzt stand
+Schlupps ratlos und wu&szlig;te nicht, was er aus der Antwort
+machen sollte. Er nahm sich aber zusammen, um seine
+Verlegenheit nicht merken zu lassen und meinte: &raquo;Wei&szlig;
+schon, was Euch fehlt; denn ich bin ein vielgereister Mann,
+der als Arzt gar ber&uuml;hmt ist und manchem geholfen hat,
+der schon meinte, es w&auml;re Matth&auml;i am letzten. Fasset Vertrauen
+und beichtet mir, was Euch h&auml;rmt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Uns ist nicht zu helfen,&laquo; schluchzte das Weiblein. &raquo;K&ouml;nnt
+Ihr uns unser Leben wiedergeben?&laquo;</p>
+
+<p>Da verwunderte sich Schlupps noch mehr; denn eine solche
+Klage hatte er noch nie vernommen. &raquo;Wollt Ihr Geld und
+Gut?&laquo; forschte er. &raquo;Nein, nein,&laquo; wehrte der Alte, &raquo;die
+k&ouml;nnen uns nichts n&uuml;tzen, uns steht der Sinn nicht nach
+Geldeswert. Nein, Herr. Damit Ihr aber nicht denkt,
+wir w&auml;ren absonderliche Leute und das Alter h&auml;tte uns
+den Verstand verwirrt, so la&szlig;t Euch berichten, was uns
+fehlt, und wenn Ihr auch ein gro&szlig;er Doktor seid und manch
+Gebrechen heilen k&ouml;nnt, uns verm&ouml;gt Ihr nicht zu helfen.
+Seht,&laquo; fuhr der Alte fort, &raquo;mein Weib, die Mariann, und
+ich waren arme Waislein und von der Gemeinde aufgezogen.
+Das ist ein hartes Brot, Herr, wenn man jede Woche
+auf einem andern Hof herumgesto&szlig;en wird, jedem im Weg
+und keinem zur Freud, und wenn die andern Kinder zu
+Vater und Mutter liefen, dann standen wir abseits, w&uuml;nschten
+<span class="pagenum"><a name="Page_49" id="Page_49">[49]</a></span>uns wohl auf den Gottesacker und neideten den Toten
+ihre Ruh. Keiner dachte an uns. Unser bischen Essen gab
+man uns manchmal gutwillig, manchmal mit scheelem
+Blick, und wie wir etwas herangewachsen, da mu&szlig;ten wir
+unser t&auml;glich Leben schwer verdienen. Die Mariann als
+G&auml;nsehirtin, ich als Hirt, und uns beiden durfte der Strickstrumpf
+nicht in der Hand ruhen. Aber wir fanden doch
+Gelegenheit, zu einander zu laufen und versprachen uns,
+da&szlig; wir einmal einander angeh&ouml;ren wollten und uns
+immer Lieb und Treue erweisen. Ich wurde dann Knecht
+und sie Magd. Ihr wi&szlig;t, wie lange es w&auml;hrt, bis zwei
+solche soviel haben, da&szlig; sie ein H&auml;uschen anschaffen k&ouml;nnen
+und ein &Auml;ckerlein pachten. Wir sparten und sparten.
+Wenn die andern zum Tanz gingen, schritten wir selband
+abseits, weil uns der Kreuzer f&uuml;r den Fiedler und das
+Sch&ouml;ppchen Sauren reute. So kam es, da&szlig; wir beide schon
+graue Str&auml;hnen hatten, als es zur Heirat langte und wir
+hier am Ende des Dorfes ein H&auml;uslein erwerben konnten.&laquo;
+Er atmete tief auf, nickte der Alten zu und fuhr dann fort:
+&raquo;Dann kam Kind auf Kind. Die Mariann und ich schafften
+im Tagelohn noch nebenher, damit all die hungrigen
+M&auml;uler satt wurden und die junge Brut mit Schuh und
+Gewand sauber angetan Sonntag in die Kirche konnte.
+Als aber die Kinder so weit waren, da zogen sie in die
+Welt hinaus. Es duldete sie nimmer im Vaterhaus. Ging
+da gar eng her. Die M&auml;dels taten sich als M&auml;gde in die
+Stadt, die Jungen sind landein gewandert, und wir sitzen
+allein. Und wie wir das Lachen und Jauchzen hier h&ouml;rten,
+<span class="pagenum"><a name="Page_50" id="Page_50">[50]</a></span>da kam es uns in den Sinn, wie wir immer unser
+ganzes Leben abseits von aller Freude gestanden sind, wie
+heute bei der Linde, und da&szlig; wir ein Leben voll M&uuml;h und
+Arbeit, aber nie Freude und Lust gehabt haben. Und wi&szlig;t,
+Herr,&laquo; setzte er hinzu, &raquo;in jedem Menschen ist eine Sehnsucht
+nach Freude, und wie die Tierlein froh sind, wenn die
+liebe Sonne scheint und nach ihr hinverlangen, so zieht es
+des Menschen Herz dazu, eine Freude zu haben. Sonst ist
+sein Sinn schwer und unfroh, und er wei&szlig; nicht, ob er lebt
+oder tot ist, und es liegt ihm die Kirchhofsrede schon bei
+Lebzeiten auf der Brust. Das ist uns heute zu Sinn gekommen,
+und nun lacht &uuml;ber die beiden n&auml;rrischen Leute,
+die dem Leben nachlaufen wollen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gott verh&uuml;te, da&szlig; ich da lachen wollte,&laquo; rief Schlupps.
+&raquo;T&auml;t mich der S&uuml;nde f&uuml;rchten. Aber froh bin ich, da&szlig; ich
+Euch getroffen habe und meine Kunst an Euch zeigen kann.
+Denn wi&szlig;t: gebrochene Arme und Beine kurieren, das kann
+jeder, und ist keine besondere Kunst dabei. Aber wenn die
+Seele krank ist, da helfen, das ist erst das Rechte, Doktor
+Kurzweil ist nicht umsonst &uuml;berall ber&uuml;hmt. Kaiser und
+K&ouml;nige haben mich schon oft gebeten, ihnen zu helfen; denn
+die leiden an der Seele genau so wie andere Menschenkinder
+und oft noch mehr.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber wir sind arm,&laquo; fiel das Weiblein &auml;ngstlich ein und
+dachte an die wenigen Silberm&uuml;nzen, die es daheim im
+Strumpfe hatte. &raquo;Nicht um Geld darf ich Euch helfen,
+sonst ist es um meine Kunst geschehen,&laquo; sagte der Wunderdoktor.
+&raquo;Nur um Gotteswillen und um himmlischen Lohn.
+<span class="pagenum"><a name="Page_53" id="Page_53">[53]</a></span>Setzt Euch her und schaut hin&uuml;ber wie die Sonne noch einmal
+hinter den Wolken vorschaut, und wie die Wiese daliegt,
+als w&auml;re sie rot wie die Wangen eines M&auml;gdleins,
+und die B&auml;ume heben die Zweige wie junge Burschen das
+Haupt, wenn sie zu ihrer Liebsten gehen. Hier aber,&laquo; und
+er nahm das Fl&auml;schchen heraus, &raquo;das soll Euch Eure W&uuml;nsche
+erf&uuml;llen. Ist kein gef&auml;hrlicher Zauber dabei und kein
+Unrecht. Es ist ein Trank von Sonnenglut gereift und von
+Gott gesegnet. Trinkt jeder einen herzhaften Schluck und
+sagt: &#8250;Gott helf!&#8249;&laquo;</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 363px;">
+<!-- <span class="pagenum"><a name="Page_51" id="Page_51">[51]</a></span> -->
+<a href="images/illo_051.png">
+<img src="images/illo_051_th.png" width="363" height="561" alt="Der Glutentrank" title="Der Glutentrank" /></a>
+<span class="caption">Der Glutentrank</span>
+</div>
+
+<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_52" id="Page_52">[52]</a></span>[Blank Page]</p> -->
+
+<p>Er machte ein so treu Gesicht, da&szlig; das alte Weiblein Mut
+fa&szlig;te und trank, und da es des Weines ungewohnt war,
+rannen ihm die Tropfen wie Feuer durch den Leib und das
+Blut stieg ihm zu den Wangen. &raquo;Ei Mariann,&laquo; scherzte
+ihr Gespons, &raquo;du gl&uuml;hst ja wie ein jung M&auml;gdlein,&laquo; nahm
+ihr die Flasche aus der Hand, tat einen kr&auml;ftigen Zug und
+auch ihm war es, als ob ein neu Leben in ihm bl&uuml;he.</p>
+
+<p>Er fa&szlig;te ihre Hand, und so standen sie aufgerichtet da und
+schauten in die Sonne, deren rote Glut &uuml;ber sie hinflackerte
+und die alten Augen mit hellem Licht erf&uuml;llte, da&szlig; sie leuchteten.
+&raquo;Trinkt noch einmal,&laquo; mahnte der Doktor. Da begannen
+sie herzhaft zuzugreifen, und wie jetzt die T&ouml;ne von
+der Linde her&uuml;berschallten, hob der Alte erst ein Bein und
+dann das andere, fa&szlig;te die Liebste an der Hand, und das
+P&auml;rchen begann sich zu drehen und zu schwenken. Dann
+neigten sie sich &uuml;ber den Bach, der ihre Gesichter im matten
+Abendschein widerspiegelte, und der Alte sprach: &raquo;Ei, Mariann,
+wie bist du jung und sch&ouml;n. Deine lieben Augen
+<span class="pagenum"><a name="Page_54" id="Page_54">[54]</a></span>gl&auml;nzen noch wie damals, da du als junge Dirn am Hoftor
+auf mich gewartet.&laquo; Und sie nickte und sagte: &raquo;Bist doch
+ein stattlicher Bursch, und wenn die M&auml;gdlein w&uuml;&szlig;ten,
+was f&uuml;r ein Sch&ouml;ner mein Liebster ist, k&auml;men sie und neideten
+dich mir.&laquo;</p>
+
+<p>Dann fa&szlig;ten sie einander wieder an, neigten und drehten
+sich und lachten mit dem ganzen Gesicht. Und Heinz Kurzweil
+stand abseits und sah zu, wie der Mond langsam heraufstieg
+und die beiden Alten mit wei&szlig;em Licht beschien.
+Nach einer Weile nahm er das Paar bei der Hand; denn
+es hatte zu tanzen aufgeh&ouml;rt und lauschte, einander umschlungen
+haltend, auf die Weisen, die fernher leise ert&ouml;nten.
+Er leitete die beiden Treuen in ihre H&uuml;tte und sprach. &raquo;So
+oft bei Vollmond unter der Linde Musik erklingt, geht hinaus
+an die Stelle, wo ich Euch getroffen und achtet darauf,
+da&szlig; Euch kein menschlich Auge gewahre: Trinkt aus dem
+Fl&auml;schchen und der Zauber wird wieder m&auml;chtig. Ist aber
+der Trank zu Ende, dann bescheidet Euch und denkt, da&szlig; es
+Gottes Wille war.&laquo; Damit wandte er sich ab und fuhr
+hinaus in die Nacht.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Schulmeister_Neunmalgescheit" id="Schulmeister_Neunmalgescheit"></a>Schulmeister Neunmalgescheit</h2>
+
+
+<p>So zog Schlupps durch die Lande, beobachtete die Menschen
+und bekam es manchmal &uuml;berdr&uuml;ssig, ihr Treiben anzuschauen.
+Sah er sie doch allerorten die gleichen Torheiten
+vollf&uuml;hren, und mehr als einmal konnte er der Versuchung
+nicht widerstehen, sie seine Launen und seinen Spott f&uuml;hlen
+zu lassen. Nur der M&uuml;&szlig;iggang wurde ihm allm&auml;hlich
+<span class="pagenum"><a name="Page_55" id="Page_55">[55]</a></span>verleidet. Er h&auml;tte gern ein rechtschaffen Gewerbe angefangen
+und konnte sich doch nicht dazu entschlie&szlig;en; denn
+das Schreinerhandwerk war ihm zuwider und etwas anderes,
+das ihm Freude machte, wu&szlig;te er nicht.</p>
+
+<p>Eines Tages kam er in einen Flecken, in dem die H&auml;user
+gar sauber aussahen, die Gassen ordentlich gehalten waren.
+Man mu&szlig;te nicht f&uuml;rchten, da&szlig; einem die G&auml;ule die Beine
+in den L&ouml;chern brachen und da&szlig; der Schlamm bis in den
+Wagen hineinspritzte. An den Fenstern standen in Scherben
+Nelkenst&ouml;cke oder Blaubl&uuml;mlein, und hinter den blinkenden
+Scheiben lugten fr&ouml;hliche M&auml;dchengesichter hervor.
+&raquo;Hier ist gut sein,&laquo; dachte Schlupps. &raquo;Hier liegt die Freude
+auf der Gasse und scheinen gar gute Leute im Ort.&laquo; Da
+h&ouml;rte er aus einem Hause Weinen und Wehklagen, stieg
+vom Wagen ab, band sein R&ouml;&szlig;lein an einen Baum und
+schlich sich n&auml;her, um durch die Fenster zu sp&auml;hen, was es
+denn Trauriges g&auml;be. Wie er so hinblickte, sah er eine
+Menge Kinder, gro&szlig;e und kleine, auf B&auml;nken sitzen und
+merkte, da&szlig; er vor dem Schulhause stand und die Kleinen
+vom Schulmeister unterwiesen wurden. Der war ein
+langer, hagerer Mann, mit einem Gesicht wie ein Raubvogel,
+die Nase stand ihm wie ein gekr&uuml;mmter Schnabel
+heraus. Er trug ein blaues Wams mit goldenen Kn&ouml;pfen,
+auf dem Kopfe hatte er ein klein K&auml;ppchen, unter dem eine
+m&auml;chtige Per&uuml;cke hervorsah, in der Hand aber eine lange
+Gerte, mit der schmitzte er &uuml;ber die B&auml;nke her&uuml;ber.</p>
+
+<p>Aber eins wollte Schlupps nicht recht in den Sinn und
+erschien ihm sonderbar. An der Seite zum Fenster zu, wo
+<span class="pagenum"><a name="Page_56" id="Page_56">[56]</a></span>das Licht hineinfiel, sa&szlig;en Kinder, Knaben und M&auml;dchen,
+denen man ansah, da&szlig; sie guter Leute Kind waren und
+daheim alles voll und viel hatten, denn die J&ouml;ppelchen
+waren von echtem Tuch, und die M&auml;dchen trugen Sch&uuml;rzen
+und J&auml;ckchen gar nett und zierlich; einige hatten H&auml;ubchen
+auf dem Kopfe, die mit Gold verputzt waren, wie man sie
+zum Kirchgang anlegt. An der Wand entlang auf den
+B&auml;nken aber sa&szlig;en Buben und Dirnchen, die wohl sauber,
+doch &auml;rmlich angezogen waren, mit Holzschuhen an den
+F&uuml;&szlig;en. Die Spenzer und R&ouml;ckchen hatten Flicken in allen
+Farben, auch waren die Sch&uuml;rzen von grobem Stoff und
+arg verwaschen, und der erfahrene Mann sah bald, da&szlig; hier
+die armen H&auml;usler- und Tagl&ouml;hner-Kinder sa&szlig;en. Wenn
+eines von ihnen sich bewegte, fielen die Holzschuhe von den
+F&uuml;&szlig;en und klapperten auf dem Boden, denn es war Sommer
+und da sparte man gern die Str&uuml;mpfe, die noch den
+langen Winter halten m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>&raquo;Den Schulmeister mu&szlig; ich mir einmal in der N&auml;he betrachten,&laquo;
+dachte der Neugierige, fuhr in das Gasthaus, gab
+Pferde und Wagen dort ab und ging in den Kramladen,
+wo man allerlei einkaufen konnte.</p>
+
+<p>&raquo;Gute Frau,&laquo; sagte er zu der Alten, die ihn frug, was er
+begehre. &raquo;Habt Ihr eine gro&szlig;e Hornbrille, dieweil meine
+auf der Fahrt zerbrochen ist?&laquo; &ndash; &raquo;Mein&#8217;, da&szlig; ich eine hab!
+Ein Fremder, der mich nicht bezahlen konnte, hat sie mir
+als Pfand dagelassen. Er ist aber nimmer wiederkommen,
+also da&szlig; ich sie wohl verkaufen kann.&laquo;</p>
+
+<p>Damit fing sie an, nach der Brille zu suchen, die sie irgend
+<span class="pagenum"><a name="Page_57" id="Page_57">[57]</a></span>wo gut versteckt hatte, und nachdem sie alle ihre Ware
+durchw&uuml;hlt, und Brot, K&auml;se, T&uuml;cher, Schnupftabak, Zunder,
+Str&uuml;mpfe und Gew&uuml;rz herausgenommen und wieder in die
+Gefache gelegt hatte, fand sie endlich die Brille. Die war
+gar gro&szlig; und bedeckte dem K&auml;ufer die halbe Stirn und die
+halbe Wange.</p>
+
+<p>&raquo;Was bin ich daf&uuml;r schuldig?&laquo; fragte Schlupps. &raquo;Zahlt
+mir die Zeche, die der andere schuldig geblieben ist. Es
+waren zwei Kreuzer und drei Heller.&laquo; De&szlig; war er zufrieden,
+strich sich die Haare nach beiden Seiten der Stirn glatt,
+lie&szlig; sich von der Frau ein St&uuml;ck Kreide geben und fuhr damit
+&uuml;ber die Scheitel, also da&szlig; diese wei&szlig; aussahen und
+die schwarze Farbe nur wenig durchschimmerte; dann setzte
+er die Brille auf und hatte jetzt das Aussehen wie ein hochgelehrter
+Herr.</p>
+
+<p>&raquo;Ist eine Schule am Ort?&laquo; fragte er die Frau, die hin und
+her gegangen war, in der K&uuml;che die Suppe verr&uuml;hrte, die
+Katze vom Milchtopf jagte und auf das Gebahren des Fremden
+wenig acht gab; denn sie war schon alt und k&uuml;mmerte
+sich nicht mehr viel um andrer Leute Tun. &raquo;Will&#8217;s meinen,&laquo;
+sagte sie. &raquo;Ist der Schulmeister schon lange im Dorf?&laquo;
+&raquo;Ach nein, Herr, der ist erst kurze Zeit da, und ist leider nicht
+so wie unser alter, der vor einem Jahr gestorben ist. So
+einer kommt nicht wieder.&laquo; &raquo;Erz&auml;hlt mir von ihm,&laquo; bat
+der Fremde, denn er merkte, da&szlig; er jetzt das gefunden hatte,
+wovon zu erz&auml;hlen ihr Herz erfreute.</p>
+
+<p>Auf all seinen Fahrten hatte er eines wahrgenommen: da&szlig;
+auch der Verschlossenste redselig wird, wenn er von dem
+<span class="pagenum"><a name="Page_58" id="Page_58">[58]</a></span>sprechen kann, was ihm im tiefsten Herzen sitzt. Und weil
+Schlupps die Gabe besa&szlig;, an jedem das herauszufinden,
+was ihm das Beste d&uuml;nkte, so wu&szlig;te er jedermanns Vertrauen
+zu gewinnen und lernte den Menschen in die Seele
+schauen. Nun sagte er: &raquo;Liebe Frau, ich habe von Eurem
+Schulmeister geh&ouml;rt; aber von Euch, die Ihr ihn gut gekannt
+habt, m&ouml;chte ich noch mehr wissen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, wie soll ich Euch den beschreiben?&laquo; besann sich das
+Weiblein. &raquo;F&uuml;nfzig Jahre hat er seines Amtes gewaltet.
+Wie er kam, lag das Dorf im Argen. Der vor ihm war,
+hatte kaum vermocht, die wilden Buben zu z&uuml;geln und die
+M&auml;dchen zur Ordnung anzuhalten. Aber der konnte es,
+keiner wu&szlig;te wie. Bei dem vorigen ruhte der Bakel
+nimmer, und es regneten nur so die Strafen. Oft kam es,
+da&szlig; eine ganze Reihe Kinder vor der Kirche hinknien mu&szlig;ten,
+zur Schande der Eltern; denn das war damals der
+Brauch so, Herr. Jetzt h&ouml;rte das mit einem Male auf.
+Wie er eigentlich hie&szlig;, wu&szlig;te keiner. &#8250;Nennt mich Herzfroh,&#8249;
+sagte er, wenn man seinen Namen wissen wollte.
+Ich glaube, er war weit her und ohne Anverwandte.</p>
+
+<p>Manche sagten, er sei ein Grafensohn, und von Hause versto&szlig;en,
+andere, er habe nicht wollen M&ouml;nch werden und sei
+daheim entwichen &ndash; niemand wu&szlig;te etwas Genaues. Aber
+die Kinder hatten ihn bald lieb, und wenn sie sonst mit
+Heulen und Z&auml;hneklappern in die Schule gingen, so war
+es jetzt f&uuml;r sie eine Lust und Freude. Selbst die Kleinsten
+qu&auml;lten die Eltern, sie sollten sie zu dem guten Schulmeister
+schicken.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_59" id="Page_59">[59]</a></span>War ein besonders b&ouml;ser Bub unter der Schar und drohte
+dem der Vater, er wolle seine Rute an ihm zerschlagen,
+dann holte ihn der Herzfroh in sein Haus, behielt ihn da
+einige Zeit bei sich, und kehrte der Junge heim, dann erkannte
+keiner den Unwilligen von vordem wieder.&laquo; &raquo;Hatte
+er denn Weib und Kind?&laquo; fragte Schlupps. &raquo;Ach nein,&laquo;
+entgegnete sie. &raquo;Das war es auch, da&szlig; manche meinten,
+seine Lieben seien ihm gestorben, und er habe sich deshalb
+hierher gefl&uuml;chtet, wo ihn keiner kannte, und es mag wohl
+etwas derart gewesen sein, denn er nahm sich besonders
+der Waisen an, und die hatten an ihm Vater und
+Mutter.</p>
+
+<p>Eine Magd f&uuml;hrte ihm Haus. Gegen jeden war er freundlich.
+Den Frauen schenkte er Setzlinge f&uuml;r ihre Blumenst&ouml;cke,
+die M&auml;nner unterwies er, wie sie ihre Obstb&auml;ume
+pflegen sollten, und als die Eltern sahen, wie sauber und
+ordentlich ihre Kinder wurden, wie sie auf sich hielten, da
+wollten sie hinter den Kindern nicht zur&uuml;ckstehen, und so
+kam Zucht und Ordnung in unser Dorf. Wie dann die
+Kleinen, die er gro&szlig;gezogen, heranwuchsen und selbst Kinder
+hatten, da war es schon leichter mit dem Schulehalten.
+Und wenn der Schulmeister in ein Haus trat, da war es
+jedem, als k&auml;me sein leiblicher Vater zu ihm. Dabei tat
+er den Leuten nichts besonderes, nahm von keinem etwas
+an, schenkte aber den Armen, was er entbehren konnte.
+F&uuml;r ihn gab es keine gr&ouml;&szlig;ere Freude, als wenn ein Bauer
+sagte: &#8250;Schulmeister, ich hab ein Schwein geschlachtet und
+den Armen ein Teil W&uuml;rste gegeben um Euretwillen.&#8249; Dann
+<span class="pagenum"><a name="Page_60" id="Page_60">[60]</a></span>strich er am Sonntag Nachmittag unter der Linde die Fiedel,
+und die Buben und M&auml;del sangen dazu. Denn das
+wollte er haben. Singen mu&szlig;te alles und froh sein. &#8250;Fr&ouml;hlich
+lachen schafft halbe Arbeit,&#8249; meinte er. Nun ist er tot,
+und jedem fehlt er. Die Kleinsten sind gar am &uuml;belsten
+dran.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum denn die?&laquo; fragte Schlupps, der aufmerksam zugeh&ouml;rt
+hatte. &raquo;Seht,&laquo; sagte sie fl&uuml;sternd, &raquo;da ist jetzt ein
+Neuer, der ist gar herb und grandig und ganz anders, wie
+Herzfroh war. Die Reichen setzt er gesondert von den
+Armen. Nie h&ouml;rt man bei ihm in der Schule lachen, und
+wenn die Kleinen ihn kommen sehen, springen sie von der
+Gasse fort und verstecken sich hinter der Haust&uuml;r. Wenn
+der Herzfroh einmal gescholten hat, dann geschah es aus
+lauter Liebe und G&uuml;te und tat wohl. Wenn der aber nur
+vorbeigeht an einem Haus, wird die Milch im Keller sauer
+von dem Gewitter, das in seinem Gesicht steht. Und Ihr
+sollt sehen, Herr, unser Dorf bleibt nimmer wie es ist. Wo
+die Kinder unfroh sind, kann nichts gedeihen und entsteht
+bald Zank und Unfrieden. Ist mir nur um meine armen
+Kindeskinder leid, das Lenerl und der Hansi, die gar so
+lustige Gem&uuml;ter haben und jetzt sich nimmer zu lachen getrauen.
+Aber da klag ich dem Herrn meine K&uuml;mmernisse
+und gehen ihn doch nichts an. Er meint gewi&szlig;, ich w&auml;re
+ein schwatzhaft Weib.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht so, liebe Frau,&laquo; sagte Schlupps. &raquo;Wi&szlig;t, ich bin
+ein ber&uuml;hmter Gelehrter und wei&szlig; von Kindererziehung
+gar viel. Ich war in mancherlei Landen, hab aber immer
+<span class="pagenum"><a name="Page_61" id="Page_61">[61]</a></span>gefunden, da&szlig; Lachen dem Menschen gedeiht und eine
+Gottesgabe ist wie das liebe Brot. Wer den Kindern das
+Frohsein verk&uuml;mmert und l&auml;&szlig;t sie in Mi&szlig;mut aufwachsen,
+dem geb&uuml;hrt, da&szlig; er in der tiefsten H&ouml;lle sitzt und nimmer
+herauskommt. Gehabt Euch wohl, gute Frau!&laquo;</p>
+
+<p>Damit ging er fort und stracks auf das Schulhaus zu,
+klopfte an und trat ein. &raquo;Verzeiht, Herr Kollege,&laquo; sagte
+er. &raquo;Ich komme von weit her. Mein Name ist Neunmalgescheit,
+bin Professor in Padua und will in Deutschland
+die Schulmeisterei aus dem Grunde studieren. Da hat
+man mich zu Euch gewiesen und mir gesagt, da&szlig; Ihr, der
+Schulmeister S&auml;uerling, einer von denen seid, die es am
+besten verst&uuml;nden. So erlaubt, da&szlig; ich zuh&ouml;re, wie Ihr
+es macht und la&szlig;t Euch durch mich nicht st&ouml;ren.&laquo;</p>
+
+<p>Der Schulmeister verneigte sich bei dieser Anrede unaufh&ouml;rlich
+und wu&szlig;te nicht, wie ihm geschah; denn er war
+heute gar nicht zum besten aufgelegt, weil er seinen gr&uuml;nen
+Tag hatte.</p>
+
+<p>So nannten es die Kinder, wenn sie in die Schule kamen
+und sahen, wie er mit zusammengekniffenen Lippen gr&uuml;n
+und gelb im Gesicht in dem Schulzimmer hin- und herlief
+und jedem Kinde, das hereintrat, einen Hieb mit der Gerte
+austeilte. An solchen Tagen mu&szlig;ten sie still sitzen, ihre
+Tafeln vollkritzeln und durften den ganzen Tag kein Wort
+sprechen. Er sprach auch nicht und rannte nur immer auf
+ein- und derselben Planke am Boden auf und nieder; trat
+nicht rechts und nicht links und warf zornige Blicke auf die
+Kleinen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_62" id="Page_62">[62]</a></span>Hatte er aber seinen roten Tag, dann stand er schon vor
+dem Schultor, die Kinder zu erwarten, hochrot im Gesicht
+und dann schrie und wetterte er auf die Kleinen ein, da&szlig;
+ihnen H&ouml;ren und Sehen verging und sie vor Angst nicht
+antworten konnten. Er nahm sich auch nicht die Zeit, sie
+zu unterweisen, sondern schrie und tobte nur immer &auml;rger.
+So kam es, da&szlig; keines etwas lernte, weder die Dummen
+noch die Gescheiten, und alle unwissend geblieben w&auml;ren,
+h&auml;tten sich nicht manche Eltern erbarmt und die Kinder im
+Lesen und Schreiben angelernt, und diese zeigten es wieder
+den andern.</p>
+
+<p>Der Schulthei&szlig; hatte schon einmal mit dem Pfarrer R&uuml;cksprache
+gehalten, da&szlig; ein anderer Lehrer ins Dorf sollte.
+Der Geistliche aber war mit der Zucht des Lehrers sehr einverstanden.
+Ihn freute es, wenn die Kinder in der Kirche
+still, mit gesenktem Kopfe dasa&szlig;en und nicht wagten, die
+Augen aufzuschlagen. Er wu&szlig;te nicht, da&szlig; die Furcht vor
+dem Schulmeister sie so brav machte; denn S&auml;uerling stand
+in der N&auml;he der Kinderb&auml;nke und drohte jedem, der sich
+r&uuml;hrte, mit Schl&auml;gen.</p>
+
+<p>Bei dem Grafen aber durfte man sich gar nicht beklagen;
+denn der hatte dem Schulmeister die Stelle verliehen und
+lie&szlig; sich in seine Sachen nicht dreinreden. &raquo;F&uuml;r die Dorfkinder
+ist der gut genug,&laquo; sagte er auf alle Vorstellungen und
+Bitten; denn er war froh, ihn los zu sein. Ein Vetter
+hatte ihm den Mann zugeschickt und ihn gebeten, ihm zu
+einem Auskommen zu verhelfen; und so hatte der Herr
+Graf es versucht, ihn als Schulmeister f&uuml;r seine eigenen
+<span class="pagenum"><a name="Page_63" id="Page_63">[63]</a></span>Kinder zu nehmen. Aber die konnten sich in die Art des
+Mannes nicht finden. Sie waren gewohnt, ungebunden
+und frei zu sein, und so kam S&auml;uerling an die Stelle von
+Herzfroh. Schlupps gab acht auf den Unterricht, wie es
+der Lehrer mit den Kindern machte. Er lief hin und her,
+warf eine Frage auf, gab dann eines nicht Antwort, so
+frug er das zweite und so fort. Er erkl&auml;rte nichts, und es
+schien ihm ganz gleich, ob sie das Gefragte verstanden
+oder nicht.</p>
+
+<p>Dann hie&szlig; er die Kinder aufstehen und f&uuml;hrte sie in den
+Hof hinab. Da hatte er platt auf den Boden F&auml;den gespannt,
+auf denen mu&szlig;ten die Kinder einzeln entlang gehen,
+eines hinter dem andern. &raquo;Seht, Herr,&laquo; sagte er, &raquo;das
+ist die Hauptsache im Unterricht, da&szlig; jedes lernt, nur nach
+der Schnur laufen, nicht abbiegen, noch rechts und links,
+und immer die Augen auf mich gerichtet halten.&laquo;</p>
+
+<p>Trat aber eines der armen W&uuml;rmchen mit einem Fu&szlig; &uuml;ber
+die Schnur, dann wetterte der Lehrer und schlug auf es
+ein. &raquo;Wenn es nach mir ginge, w&auml;ren im ganzen Orte solche
+Schn&uuml;re gezogen,&laquo; meinte S&auml;uerling zu seinem Gaste, &raquo;und
+jeder sollte lernen, darauf gehen, da&szlig; es eine Lust w&auml;re.
+Seht unser Dorf an,&laquo; fuhr er fort, &raquo;wie es ausschaut. Der
+eine hat sein Haus rot gemalt, der andere blau; die eine
+Dirne hat Nelken am Fenster und die andere Blauveiglein.
+Sieht der Ort nicht aus wie ein H&auml;nfling?&laquo; &raquo;Wie meint
+Ihr, da&szlig; Euer Dorf aussehen m&uuml;sse?&laquo; fragte der Professor
+Neunmalgescheit ernsthaft.</p>
+
+<p>&raquo;Wei&szlig; wie der Tag und schwarz wie die Nacht. Die H&auml;user
+<span class="pagenum"><a name="Page_64" id="Page_64">[64]</a></span>schwarz wie die Erde; denn die ist ein Jammertal, und
+die Fenster wei&szlig; vom Sonnenlicht; denn das soll hineinscheinen
+und die Menschen in all ihrer Schlechtigkeit beleuchten,
+da&szlig; sie sehen, wie erb&auml;rmlich sie sind. Und ich setze es
+auch noch durch. Unter meinem Vorg&auml;nger ist gar viel Unfug
+eingerissen, das mu&szlig; ich umwandeln.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;War gewi&szlig; ein jung Blut?&laquo; meinte Schlupps entschuldigend.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, das ist es gerade,&laquo; ereiferte sich S&auml;uerling. &raquo;Alt
+war er schon und hielt doch noch die Leute zum Singen an
+und zur Kurzweil. Als ob der Mensch dazu auf der Welt
+w&auml;re. Ich werde ihnen aber schon die rechte Art beibringen,
+und wenn sie sich auch widersetzen. Kann ich bei den
+Gro&szlig;en nichts erreichen, so sollen die Kleinen anders werden.
+Wie ich es f&uuml;r Recht halte, mu&szlig; es in der Welt zugehen.
+Alles sch&ouml;n geordnet. Die Reichen f&uuml;r sich und die
+Armen f&uuml;r sich. Die Alten allein und die Jungen abseits.
+Eingeteilt sollten sie werden. Wie das Ger&auml;t in einem
+Schrank darf nichts durcheinander gehen, jedes f&uuml;r sich und
+Alles nach der Schnur.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Recht habt Ihr, Schulmeister,&laquo; gab Schlupps bed&auml;chtig
+zur&uuml;ck. &raquo;Hab das schon lange gemeint und bin nur froh,
+da&szlig; ich einen finde wie Ihr seid. Schade, da&szlig; der liebe
+Herrgott Euch bei der Erschaffung der Welt nicht hat fragen
+k&ouml;nnen. Wie viel Ungelegenheit und Unruh w&auml;re da erspart
+geblieben! Wirklich, Ihr seid ein grundgelehrter
+Mann.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_65" id="Page_65">[65]</a></span>S&auml;uerling l&auml;chelte zum ersten Male. Das Lob tat ihm gar
+wohl. Hatte bis jetzt selten ein solches geh&ouml;rt.</p>
+
+<p>&raquo;Eigentlich bin ich nicht zum Schulmeister bestimmt gewesen,&laquo;
+sagte er vertraulich. &raquo;Mein Vater war Schuster
+und hat mich in seinem Handwerk unterwiesen, lie&szlig; mich
+immer die Stiefel f&uuml;r die Arbeitsleute machen, die er auf
+den M&auml;rkten feil hielt, weil es keiner so gut wie ich verstand,
+alles &uuml;ber einen Leisten zu arbeiten. Das Schusterhandwerk
+war mir aber verleidet, weil es mich verdro&szlig;,
+da&szlig; ich f&uuml;r rechts und links einen besonderen Stiefel machen
+mu&szlig;te und das Verschiedenerlei mich &auml;rgerte. Deshalb
+ging ich zu einem Bader in die Lehre und mu&szlig;te alle Leute
+einseifen, dieweil er mit dem Messer kratzte. Dies Gesch&auml;ft
+gefiel mir schon besser. Das geschah immer gleich, soda&szlig;
+kein Unterschied dabei war. Ob Alt ob Jung, alle mu&szlig;ten
+stillsitzen, wie ich befahl. Da starb der Bader. Das Scheren
+mit dem Messer verstand ich nicht, denn es ist ein gar
+schweres Handwerk. So nahm mich ein Magister in sein
+Haus, unterwies mich, der ich nur notd&uuml;rftig lesen und
+schreiben gelernt hatte, in seiner Kunst. Daf&uuml;r mu&szlig;te ich
+die alten Pergamente, die er hatte, ausklopfen, da&szlig; sich
+kein Staub hineinsetzte. Wie auch der eines seligen Todes
+verblich, vermachte er mir seine B&uuml;cher und seine Perr&uuml;cke.
+Letzteres tat mich am meisten freuen, dieweil mein Sch&auml;del
+wenig bewachsen war.</p>
+
+<p>Mein Vater hatte aber einen Kunden, einen Grafen, der
+oft zum Magister gekommen war, um von ihm die Kunst
+des Goldmachens zu erlernen. Haben Tag und Nacht daran
+<span class="pagenum"><a name="Page_66" id="Page_66">[66]</a></span>studiert, wollt&#8217; aber nichts gelingen. Dieser Graf wies
+mich her an unsern hochm&ouml;genden Herrn, und so bin ich
+hier, um in die Bauernsch&auml;del Ordnung zu bringen und
+sie zu rechten Menschen zu erziehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Habt Ihr kein Weib, Schulmeister?&laquo; fragte Schlupps.</p>
+
+<p>&raquo;Nein,&laquo; war die Antwort, und S&auml;uerling machte ein Gesicht,
+das aussah wie sein Name.</p>
+
+<p>&raquo;Ist es tot?&laquo; forschte Doktor Neunmalgescheit. &raquo;Nein.
+Davongelaufen ist mir&#8217;s.&laquo; Die Sache war aber so: S&auml;uerling
+hatte ein Weib gehabt, das war eines Tages auf und
+davon gegangen und zu seinem Vater zur&uuml;ckgekehrt. Als
+der Richter ihr Vorstellungen machte, da&szlig; ein braves Eheweib
+bei ihrem Gatten zu bleiben und eine gute Ehe zu
+f&uuml;hren habe, erkl&auml;rte sie ihm, eine Ehe mit einem fromm
+gesinnten braven Manne wolle sie wohl f&uuml;hren; einer aber,
+der alles besser wissen wolle als der liebe Gott selber, habe
+keinen Glauben. Denn Gott habe die Menschen verschieden
+gemacht, ihr Mann aber wolle alle nach einem Muster.
+Wer anders sei als er, w&auml;re in seinen Augen ein schlechter
+Mensch, und da sie eine Frau und kein Mann sei, so k&ouml;nne
+sie auch nicht denken wie S&auml;uerling und ihre Art nicht ablegen
+und verleugnen. Er solle sich zum Frommsein bekehren
+und was Gott geschaffen habe als recht annehmen,
+dann wolle sie zu ihm zur&uuml;ckkehren. Da er sich aber nicht
+&auml;ndern wollte und bei seiner Art verharrte, blieb sie bei
+ihrem Vater und gedieh von nun an wie ein Apfel am
+Baume, den die Sonne bescheint, w&auml;hrend sie vorher war
+wie eine Schlehe, die im Schatten gewachsen war.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_67" id="Page_67">[67]</a></span>Der Richter merkte, da&szlig; er einer Weiberzunge nicht gewachsen
+sei, gab ihr im Grunde recht, sprach mit S&auml;uerling
+und suchte ihn umzu&auml;ndern. Wies ihm nach, da&szlig;
+Gott wohl gewu&szlig;t, warum er so vieles auf der Welt verschieden
+gemacht habe, und riet ihm, da&szlig; er doch versuchen
+solle, mit den Menschen in G&uuml;te auszukommen. Aber da
+stie&szlig; er auf den Unrechten; denn der Ehemann konnte keine
+Widerrede vertragen und ereiferte sich sehr, wenn ihn jemand
+tadeln wollte.</p>
+
+<p>Also lie&szlig; ihn der Richter gehen und dachte sich sein Teil.
+Daher kam es, da&szlig; S&auml;uerling nicht in der Heimat geblieben
+war, sondern ausw&auml;rts ein Unterkommen gesucht hatte.
+&raquo;Wi&szlig;t Ihr, Schulmeister,&laquo; nahm der Herr Neunmalgescheit
+das Wort, &raquo;Ihr tut mir leid, da&szlig; Ihr hier sitzen m&uuml;&szlig;t.
+Ihr geh&ouml;rtet an einen andern Platz, und weil ich sehe, was
+f&uuml;r ein Mann Ihr seid, will ich Euch ein Geheimnis anvertrauen.&laquo;
+S&auml;uerling spitzte die Ohren und sagte: &raquo;Da
+bin ich sehr begierig, Herr Kollege. Ist mir eine Ehre, da&szlig;
+ein so gro&szlig;er Gelehrter sich zu mir herabl&auml;&szlig;t.&laquo; &raquo;Das
+kommt, weil Ihr bei meinesgleichen gewesen seid und habt
+d&uuml;rfen die alten Pergamente bewachen. H&auml;ttet Ihr in sie
+hineingeschaut, w&auml;re Euch noch manches klarer im Kopfe
+geworden, und Ihr w&uuml;&szlig;tet, wie man es dazu bringt, die
+Welt nach seinem Willen zu lenken. Hier ist nicht der Ort,
+&uuml;ber Dinge zu sprechen, die Unberufene nicht h&ouml;ren d&uuml;rfen.
+Heute Abend, wenn es dunkelt, kommt auf den Kirchhof
+hinaus, da k&ouml;nnen wir von erhabenen Geheimnissen reden,
+und ich will Euch zu Eurem Gl&uuml;cke verhelfen.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_68" id="Page_68">[68]</a></span>Damit nickte er recht stolz und hochm&uuml;tig, als h&auml;tte er alle
+Gelehrsamkeit der Welt in sich und verlie&szlig; das Schulhaus.
+S&auml;uerling aber war wie benommen von dem, was er geh&ouml;rt
+hatte, so da&szlig; er wie im Traum umherging und verga&szlig;,
+die Kinder zu pr&uuml;geln, ja, es nicht einmal merkte, als
+eines heimlich lachte. Das S&uuml;nderlein steckte rasch den
+Kopf unter die Bank und harrte vergeblich seiner Schl&auml;ge.
+Kaum erklang die Vesperglocke, so liefen die Kinder fort
+und wu&szlig;ten nicht, wie ihnen geschehen war. Solch einen
+Nachmittag hatten sie lange nicht erlebt.</p>
+
+<p>Am Abend, als es dunkel wurde, schlich ein Mann auf den
+Gottesacker, trat hinter einen gro&szlig;en Leichenstein und wartete.
+Wartete auf einen, der lang und schmal wie ein leibhaftiger
+Schatten zwischen den Gr&auml;berreihen dahin schlich
+und &auml;ngstlich um sich schaute. Denn so tapfer S&auml;uerling
+vor seinen Kindern war, wenn es galt, sie zu dreschen, so
+feige f&uuml;hlte sein Herz, wenn er allein war. Er fuhr daher
+erschreckt zur&uuml;ck, als der zuerst Gekommene auf ihn zuschritt
+und ihm feierlich winkte.</p>
+
+<p>&raquo;Ach, Ihr seid&#8217;s, Herr Professor,&laquo; atmete der Schulmeister
+auf. &raquo;Dachte schon, ein Geist w&auml;re es.&laquo; &raquo;Der k&ouml;nnte Euch
+nichts anhaben,&laquo; versicherte Schlupps l&auml;chelnd, &raquo;dieweil
+Geister am liebsten mit ihresgleichen zu tun haben und
+merken w&uuml;rden, da&szlig; Ihr nicht zu ihnen geh&ouml;rt. Aber
+kommt her, da&szlig; niemand wahrnimmt, was ich Euch anzuvertrauen
+habe.&laquo; Damit f&uuml;hrte er S&auml;uerling tief hinten
+an die Mauer und hie&szlig; ihn auf einen umgest&uuml;rzten Leichenstein
+niedersitzen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_69" id="Page_69">[69]</a></span>&raquo;Wi&szlig;t,&laquo; hub er an, &raquo;ich habe viel alte Pergamente durchstudiert
+und wollte wissen, wie man es fertig bekommt, die
+Menschen nach seinem Willen zu lenken und sie sich untertan
+zu machen. Da entdeckte ich denn, da&szlig; einst vor
+tausend Jahren hier im Walde ein weiser Mann etwas
+vergraben habe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Horcht,&laquo; unterbrach ihn S&auml;uerling. &raquo;H&ouml;rt Ihr nicht die
+Hunde bellen? Oh, es ist furchtbar, wenn sie so zu aller
+Tag- und Nachtzeit heulen und kl&auml;ffen. Wi&szlig;t, da&szlig; mir
+nichts so zuwider ist, als bellende Hunde und kr&auml;hende
+H&auml;hne. Die machen ihr Maul immer zur Unzeit auf, statt
+ordentlich an bestimmten Tagesstunden zu schreien.&laquo; &raquo;H&ouml;rt
+zu, Schulmeister, und unterbrecht mich nicht. Also hier im
+Walde hat besagter Mann etwas vergraben: Ein Kn&auml;uel,
+aufgerollt aus Bindfaden. Die Stelle habe ich gefunden;
+aber ausgraben darf ich es nicht; denn es mu&szlig; ein Mensch
+sein, der nie Unrecht getan hat, nie B&ouml;ses von den Menschen
+gedacht und ihnen immer Gutes erwiesen. Ein solcher
+kann, wenn er das Kn&auml;ul aufrollt, die ganze Welt damit
+umspannen und hat dann Macht &uuml;ber alle Seelen. Ergreift
+es aber ein Unw&uuml;rdiger, so kommt der Satan in Hahnengestalt
+mit dem Gebr&uuml;ll eines w&uuml;tenden Hundes und jagt
+den vermeintlichen Weltbezwinger in die H&ouml;lle hinab.
+Nun seht, Schulmeister, ich bin ein s&uuml;ndiger Mensch, der
+schon manchem Unrecht getan hat. Ihr aber scheint besser
+zu sein denn ich, und so frage ich hiermit feierlich und rufe
+den Mond und die Sterne als Zeugen an: Seid Ihr der
+Mann, das Kn&auml;ul zu heben? So will ich Euch die Stelle
+<span class="pagenum"><a name="Page_70" id="Page_70">[70]</a></span>zeigen und nichts daf&uuml;r verlangen, als was Ihr mir gutwillig
+gebt. Ihr aber werdet Herr der Welt, und niemand
+darf Euch etwas verweigern.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Mann bin ich!&laquo; rief S&auml;uerling und streckte seine
+Hand hoch. &raquo;Nie habe ich Unrecht getan; denn ich bin die
+Gerechtigkeit selbst. Die reichen und armen Kinder habe
+ich gesondert, weil Gott die Menschen unterschiedlich geschaffen
+hat und man ihnen immer seinen Willen vor
+Augen halten soll. B&ouml;ses habe ich nie besonders von ihnen
+gedacht; denn ich wei&szlig;, da&szlig; die Menschen von Grund aus
+b&ouml;se sind, und so habe ich sie nur f&uuml;r das angesehen, was
+sie sind und nie etwas dazu getan. Gutes habe ich ihnen
+erwiesen; denn ich hab&#8217; sie von Tand und Lustigkeit abgehalten
+und sie hingewiesen auf das, was allein ewig bleibt,
+&ndash; &ndash; auf die Trauer und die Unlust an der Welt. Und
+so,&laquo; schlo&szlig; er, &raquo;h&auml;tte der Herr Professor k&ouml;nnen keinen Gescheiteren
+finden als mich. Als Dank aber will ich ihm
+meine Stelle vermachen. Da kann er in meinem Sinne
+weiter wirken und die Kinder unterweisen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So steht dem Werke nichts mehr im Wege,&laquo; sprach der
+Herr Professor aus Padua. &raquo;Findet Euch morgen gegen
+Mitternacht hier ein. Alles N&ouml;tige werde ich mitbringen.
+Bereitet Euch vor durch Bu&szlig;e und Reue, falls Ihr noch
+eine S&uuml;nde auf dem Gewissen habt.&laquo; &raquo;So s&uuml;ndenrein wie
+ich ist niemand,&laquo; erwiderte S&auml;uerling. &raquo;Aber jetzt tut
+mir die Liebe und geleitet mich zu meiner Behausung.
+Denn die Hunde bellen, wenn ich an den H&auml;usern vorbeigehe,
+und Ihr wi&szlig;t, das kann ich nicht vertragen. Bald will
+<span class="pagenum"><a name="Page_71" id="Page_71">[71]</a></span>auch die Sonne aufgehen und die H&auml;hne beginnen zu
+kr&auml;hen.&laquo; &raquo;Geht nur allein, Schulmeister,&laquo; sagte Schlupps,
+&raquo;langsam &uuml;ber den Friedhof, sto&szlig;t an keinen Leichenstein,
+da&szlig; kein Nachtgespenst aus seiner Ruhe aufgeschreckt wird
+und Euch an den Kopf springt. Denn wi&szlig;t, es gibt auch
+falsche Geister, die dem Menschen in den Kopf springen und
+nimmer herausgehen. Dann haltet Euch genau in der Mitte
+der Stra&szlig;e, seht nicht rechts und links um Euch, bis Ihr
+in Eurem Bette liegt. Das Weitere kommt morgen.&laquo; Und
+der Schulmeister schlich zitternd und angstvollen Herzens
+fort, sah sich nicht um und war froh, als er in seinem Bette
+lag und die Decke &uuml;ber den Kopf ziehen konnte. Am liebsten
+h&auml;tte er gar keine Schule gehalten; da das nicht anging,
+lie&szlig; er die Kinder kommen und suchte ihnen heute nur
+Freundlichkeiten zu erweisen. Er forderte sie auf fromme
+Spr&uuml;che zu sagen und erz&auml;hlte ihnen dann, da&szlig; er dereinst
+die Welt beherrschen und zu hohen Ehren gelangen w&uuml;rde.
+Dann entlie&szlig; er sie, schlo&szlig; das Schulhaus ab und erwartete
+mit Ungeduld den Abend.</p>
+
+<p>Indessen war Schlupps auch nicht faul gewesen. Als er
+den Kirchhof verlassen hatte, setzte er die Brille ab und begab
+sich in das Wirtshaus. Am andern Morgen erkundigte
+er sich, ob nirgends Hunde zu verkaufen seien. &raquo;Das wohl,&laquo;
+beschied ihn der Wirt. &raquo;Geht nur hinaus auf den Anger,
+wo der Sch&auml;fer weidet, der hat solche zu vergeben. Sag
+Euch aber gleich, da&szlig; es bissige Tiere sind, die man nicht
+frei herum laufen lassen darf und die keinem gehorchen
+au&szlig;er ihrem Herrn.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_72" id="Page_72">[72]</a></span>Das war Schlupps gerade recht. Er ging zu dem Sch&auml;fer
+hinaus und fand ein M&auml;nnchen mit faltigem Gesicht und
+verschmitztem Ausdruck. Neben ihm sa&szlig; ein kleines M&auml;dchen.
+&raquo;Ist das Euer J&uuml;ngstes, Sch&auml;fer?&laquo; fragte er. &raquo;Jawohl,
+Herr; die andern sind noch in der Schule.&laquo; &raquo;So, so,
+hab&#8217; da hineingeguckt, gef&auml;llt mir gar nicht, Euer Schulmeister;
+bin zwar selber einer, m&ouml;cht&#8217; aber keine Kinder
+um mich haben, die nicht lachen und froh sind.&laquo; &raquo;Ihr seid
+mein Mann,&laquo; rief der Sch&auml;fer. &raquo;Wollte Gott, wir h&auml;tten
+einen wie Ihr seid und w&auml;ren den Sauertopf los.&laquo; &raquo;Dazu
+k&ouml;nnt Ihr kommen,&laquo; lachte der falsche Schulmeister. &raquo;Hab
+einen gar feinen Plan und wenn Ihr, Sch&auml;fer, mir helft,
+so sollt Ihr den Griesgram bald vom Ort haben.&laquo; &raquo;Da
+bin ich dabei. Sagt, was Ihr begehrt.&laquo; &raquo;Ich brauche
+nichts, als zwei oder drei bissige Hunde, die bellen, wenn
+man sie in den Schwanz kneift, und einen Hahn. Ein paar
+Buben sind auch vonn&ouml;ten.&laquo; Dann weihte er den Sch&auml;fer
+in seinen Plan ein, und der Hirte versprach ihm lachend,
+alles auf das P&uuml;nktlichste zu besorgen.</p>
+
+<p>Als es ganz dunkel war und vom Turm langsam die Glocke
+elf schlug, betrat S&auml;uerling den Friedhof, wo ihn der Professor
+Neunmalgescheit erwartete. Der fa&szlig;te schweigend
+des Schulmeisters Hand, schritt mit ihm hinaus, links in
+den Wald, der sich bergw&auml;rts zog, und machte am Fu&szlig;e
+einer hohen Eiche Halt. &raquo;Hier nehmt,&laquo; sagte er feierlich
+und reichte S&auml;uerling seine Schaufel. &raquo;Grabt zehnmal;
+aber h&uuml;tet Euch innezuhalten, weil sonst der Teufel Macht
+&uuml;ber Eure Seele gewinnt. Dann werdet Ihr den Kn&auml;ul
+<span class="pagenum"><a name="Page_75" id="Page_75">[75]</a></span>finden. Seht: ich habe Euch ein wenig vorgearbeitet und
+die Erde aufgelockert.&laquo; In Wahrheit hatte der Schelm am
+Nachmittag ein gew&ouml;hnliches Garnkn&auml;ul an der Stelle vergraben
+und die Erde wieder t&uuml;chtig festgestampft. Nicht
+weit davon hatte er den Sch&auml;fer aufgestellt, der hielt die
+Hunde an der Leine. Auf einem Baume daneben aber sa&szlig;
+des Sch&auml;fers &Auml;ltester mit einem Hahn, und der j&uuml;ngere
+Bube hockte unweit davon auf dem Boden und hielt Feuerstein
+und Zunder in der Hand und eine m&auml;chtig lange
+Pfeife seines Vaters lag neben ihm.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 366px;">
+<!-- <span class="pagenum"><a name="Page_73" id="Page_73">[73]</a></span> -->
+<a href="images/illo_073.png">
+<img src="images/illo_073_th.png" width="366" height="558" alt="Der Weltenkn&auml;ul" title="Der Weltenkn&auml;ul" /></a>
+<span class="caption">Der Weltenkn&auml;ul</span>
+</div>
+
+<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_74" id="Page_74">[74]</a></span>[Blank Page]</p> -->
+
+<p>Als nun der erste Schaufelwurf erklang, kniff der Sch&auml;fer
+einen Hund in den Schwanz, da&szlig; er heulte, und S&auml;uerling
+hielt erschreckt mit Graben inne. &raquo;Das ist ein schlimmes
+Zeichen,&laquo; fl&uuml;sterte Schlupps. &raquo;Solltet Ihr in Eurem Gewissen
+doch nicht so rein sein, da&szlig; der Teufel eine Mahnung
+gibt?&laquo; &raquo;W&uuml;&szlig;te kein Unrecht, das ich je begangen,&laquo; st&ouml;hnte
+S&auml;uerling. &raquo;So grabt weiter!&laquo;</p>
+
+<p>Beim zweiten Schaufelstich klang das Heulen st&auml;rker. Beim
+dritten war es so arg, da&szlig; dem Grabenden die H&auml;nde zitterten
+und er nur m&uuml;hsam den Griff festhielt; aber er lie&szlig;
+nicht los und fuhr fort zu schaufeln. Da schlug der j&uuml;ngste
+Bube mit dem Feuerstein Funken, brannte den Zunder an,
+entz&uuml;ndete die Pfeife, da&szlig; sie gl&uuml;hte und zog an, bis m&auml;chtige
+Rauchwolken heraus kamen. &raquo;Um Himmelswillen!
+der Teufel,&laquo; fl&uuml;sterte Schlupps. &raquo;Seht, wie seine Augen
+gl&uuml;hen, wie sein Atem dampft!&laquo; Unbemerkt war der kleine
+Junge n&auml;her geschlichen, hatte in die Grube ein St&uuml;ck brennenden
+Zunder und eine Handvoll Hobelsp&auml;ne geworfen,
+<span class="pagenum"><a name="Page_76" id="Page_76">[76]</a></span>soda&szlig; eine Flamme hochschlug. S&auml;uerling lie&szlig; die Schaufel
+fallen und fuhr entsetzt zur&uuml;ck. Schlupps aber war hinter
+einen Baum getreten und br&uuml;llte mit verstellter Stimme:
+&raquo;Wer wagt es, meine H&ouml;llengeister zu beschw&ouml;ren? Bist
+du es, S&uuml;ndhafter, der Tr&uuml;bsal in die Welt bringen will
+und die Menschen zu mutloser Traurigkeit verleitet? Wehe
+dir! Jetzt bist du mir verfallen!&laquo; Der Hahn auf dem
+Baume, der die Flamme hatte leuchten sehen, meinte nicht
+anders, als die Sonne ginge auf und fing an zu kr&auml;hen.
+Da lie&szlig; ihn der Bub frei. Er flog hinab, gerade auf
+S&auml;uerlings Kopf und hackte mit dem Schnabel in dessen
+Per&uuml;cke; der Sch&auml;fer aber lie&szlig; die Hunde los, die sich
+w&uuml;tend auf den Schulmeister st&uuml;rzten. Der warf entsetzt
+die Schaufel hin, rannte davon und meinte nicht anders,
+als der Teufel sei ihm auf den Fersen, lief und lief immer
+weiter bis er Abends in einer fremden Gegend anlangte
+und nicht wu&szlig;te, wo er war.</p>
+
+<p>Dort bat er die Leute, ihn um Gotteswillen aufzunehmen,
+und da sie meinten, einen Armen vor sich zu sehen, der eine
+Schuld abzub&uuml;&szlig;en habe und landfl&uuml;chtig sei, und Mitleid
+mit ihm sp&uuml;rten, wenn er immer rief, der b&ouml;se Geist verfolge
+ihn, lie&szlig;en sie ihn im Dorfe wohnen. Sie gaben ihm
+eine alte H&uuml;tte und lie&szlig;en ihn die G&auml;nse auf die Weide
+treiben. Verwiesen es auch den Kindern, dar&uuml;ber zu lachen,
+wenn der fremde Mann erz&auml;hlte, da&szlig; er einmal Schulmeister
+gewesen sei und Macht &uuml;ber die ganze Welt besitzen
+sollte, da&szlig; ihm aber Unrecht geschehen sei, ihm, der sein
+Lebtag die Gerechtigkeit selbst war.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_77" id="Page_77">[77]</a></span>Schlupps verlie&szlig; mit dem Sch&auml;fer den Wald und lie&szlig; sich
+Handschlag darauf geben, da&szlig; keiner im Dorf erfahren solle,
+auf welche Art sie den Schulmeister los geworden seien.
+Der Sch&auml;fer versprach, Wort zu halten und seine Buben
+desgleichen; denn sie wollten beide einmal Sch&auml;fer werden,
+und einem solchen vertrauen die Menschen oft gar viel. Mu&szlig;
+er sie doch heilen, wenn sie krank sind, und erf&auml;hrt von vielen
+Schmerzen, innerlich und &auml;u&szlig;erlich, die den Menschen
+plagen und die er sonst keinem anvertraut. Als am andern
+Morgen die Kinder in die Schule kamen und kein Lehrer
+da war, gingen sie heim und freuten sich. Der Sch&auml;fer aber
+fl&uuml;sterte geheimnisvoll dem und jenem zu, da&szlig; wohl der
+Teufel den Schulmeister geholt habe; es sei aber nur eine
+Ahnung; sicher wisse er es nicht. Weil aber die Menschen
+Vermutungen immer um so lieber glauben, je unwahrscheinlicher
+sie sind, so stand bald im Dorfe fest, da&szlig; den
+S&auml;uerling der Teufel geholt habe, und Niemand weinte ihm
+eine Tr&auml;ne nach.</p>
+
+<p>Statt seiner aber erbot sich Schlupps, die Stelle anzunehmen;
+nannte sich aber nicht mehr &raquo;Neunmalgescheit,&laquo;
+sondern &raquo;Einf&auml;ltig;&laquo; &raquo;denn,&laquo; sagte er, &raquo;wer lehren will,
+mu&szlig; ein einf&auml;ltig Gem&uuml;t haben und selbst lernen wollen.&laquo;</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Einfaeltig" id="Einfaeltig"></a>Einf&auml;ltig</h2>
+
+
+<p>Jetzt begann f&uuml;r die Kinder eine herrliche Zeit. Kam eine
+Mutter an das Schulhaus und wollte ihrem Buben oder
+Dirnchen einen Weck oder einen Apfel bringen, so fand sie
+das Haus leer. Der Schulmeister war mit der jungen
+<span class="pagenum"><a name="Page_78" id="Page_78">[78]</a></span>Schar hinausgezogen in den Wald. Da lehrte er sie die
+Pflanzen und Tiere kennen und erz&auml;hlte ihnen, wie in
+anderen L&auml;ndern die Felder bestellt werden. Da er immer
+offene Augen und Ohren gehabt hatte, vermochte er den aufhorchenden
+Kindern gar viel Lehrreiches beizubringen, so
+da&szlig; sie an einem Vormittag im Walde mehr lernten, als
+bei S&auml;uerling in einem Jahr. War aber Regen und tr&uuml;bes
+Wetter, dann wurde im Schulhaus geschrieben und gelesen,
+da&szlig; allen der Kopf rauchte, denn wer nicht flei&szlig;ig war,
+durfte bei Sonnenschein nicht mit in&#8217;s Freie und mu&szlig;te
+nachlernen.</p>
+
+<p>Dazu kam noch, da&szlig; der Schulmeister Einf&auml;ltig die Kinder,
+denen das Lernen schwer fiel, sehr belobte, wenn sie etwas
+gut machten, dadurch bekamen sie Zutrauen zu sich und
+merkten, da&szlig; das Lernen eine Lust sein k&ouml;nne und keine
+Last, wie sie vordem vermeint. Die Eltern aber nickten
+einander zu und sagten: &raquo;Sollte man nicht meinen, Herzfroh
+sei wieder aufgestanden?&laquo;</p>
+
+<p>So hielt es der neue Schulmeister ein halbes Jahr. Da
+wurde ihm die Zeit lang, und er sehnte sich wieder in die
+weite Welt. H&auml;tte er nur einen andern gefunden, der, wie
+er, die Kinder in Liebe unterwies. Wo aber einen hernehmen?
+Sah immer im Wirtshaus die Leute an, ob der
+Zufall nicht einen Geeigneten herf&uuml;hrte, aber keiner schien
+der Rechte. &raquo;Schulmeister,&laquo; hatte der Wirt eines Tages
+gesagt, &raquo;was soll Euch ein Bauernwagen? Ich habe dahinten
+ein K&uuml;tschlein stehen, das mir nichts nutz ist, zu dem
+bin ich bei einem kleinen Handel billig gekommen. Ist&#8217;s
+<span class="pagenum"><a name="Page_79" id="Page_79">[79]</a></span>Euch recht, so la&szlig;t uns tauschen. Ist uns beiden damit geholfen;
+denn ich hab oft S&auml;cke in die M&uuml;hle zu fahren und
+mein Planwagen ist schon ein bischen zerbrechlich.&laquo;</p>
+
+<p>De&szlig; war Schlupps zufrieden, und damit seine G&auml;ule im
+Stall nicht zu fett und gar krank w&uuml;rden, spannte er sie oft
+in sein neues W&auml;gelchen und fuhr die Alten und Gebrechlichen
+&uuml;ber Land, damit sie die sch&ouml;ne Gotteswelt auch
+anders als vom Sorgenstuhl zu sehen bek&auml;men.</p>
+
+<p>Eines Tages war er allein ausgefahren. Auf dem R&uuml;ckweg
+lie&szlig; er die Z&uuml;gel h&auml;ngen, und die R&ouml;&szlig;lein gingen
+langsam der Heimat zu. Da sah er einen J&uuml;ngling vor
+sich gehen, den R&uuml;cken hochbepackt mit allerlei Ger&auml;t. &raquo;Steigt
+ein, junger Mann,&laquo; rief er. Der Fremde lie&szlig; sich nicht
+zweimal bitten, zog h&ouml;flich zum Dank die Sammetkappe
+und kletterte in den Wagen. &raquo;Seid sehr beladen,&laquo; meinte
+Schlupps. &raquo;Will&#8217;s meinen, Herr. Bin auch lange auf
+der Wanderschaft. Komme von Italien her und habe manches
+Sch&ouml;ne und Herrliche gesehen,&laquo; plauderte der junge
+Mann. &raquo;Bin meines Zeichens ein Maler und weit herumgekommen,
+um zu studieren und zu lernen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Erz&auml;hlt mir von Eurer Fahrt,&laquo; bat der Schulmeister,
+dessen Herz hoch schlug, sobald er von fremden L&auml;ndern
+h&ouml;rte. Der J&uuml;ngling strich sich die blonden Locken aus der
+Stirn, sah mit den tiefen blauen Augen tr&auml;umerisch in die
+Ferne und sagte langsam: &raquo;Herr, Herr, es ist etwas Gef&auml;hrliches
+um das Indieweltgehen. Daheim hab ich geglaubt,
+schon viel zu k&ouml;nnen und es den gro&szlig;en Malern
+gleich tun zu k&ouml;nnen. Wie ich aber s&uuml;dw&auml;rts kam, nach
+<span class="pagenum"><a name="Page_80" id="Page_80">[80]</a></span>Venezien und Florenz, da wurde mein Herz immer schwerer,
+denn ich sah, da&szlig; ich ein St&uuml;mper war, wie es nur
+einen gab. Vor den Bildern der alten Meister dachte ich
+zu lernen und pinselte und zeichnete nach, so viel ich konnte.
+Als ich aber weiter kam in die heilige Stadt Rom und dort
+von Bild zu Bild eilte, war ich so ungl&uuml;cklich, da&szlig; ich schier
+meiner Kunst gram wurde. Denn sagt selbst: Ist es nicht
+hart, sein Herz an eine Sache zu h&auml;ngen und dann zu sehen,
+da&szlig; man darin nie etwas Besonderes erreichen k&ouml;nne? Ich
+sah ein, da&szlig; die Malerei mir immer ein Erg&ouml;tznis f&uuml;r
+frohe und tr&uuml;be Stunden sein w&uuml;rde, aber da&szlig; ich nimmer
+etwas fertig bek&auml;me, was nur dem allerkleinsten Bildchen
+der gro&szlig;en Meister gleicht. Es waren schwere Stunden,
+Herr, und das sch&ouml;ne Italien erschien mir wie der Garten
+des Paradieses, allwo der Engel mit dem feurigen Schwert
+mich hinauswies. Da packte ich endlich zusammen, was
+ich gemalt hatte und wanderte wieder zur&uuml;ck in meine Heimat.
+K&ouml;nnte ja mein Gewerbe dort aus&uuml;ben und w&uuml;rde
+wohl kaum einer merken, da&szlig; ich kein gro&szlig;er Meister bin;
+denn sie sind der Malerei unkundig und es gef&auml;llt ihnen
+leicht, was recht aussieht und bunte Farben hat. Aber mir
+ist es verleidet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da geht&#8217;s Euch mit Eurem Handwerk, wie mir mit
+meinem,&laquo; nickte Schlupps. &raquo;Bin hier Schulmeister und
+t&auml;t&#8217;s gern an den Nagel h&auml;ngen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was,&laquo; rief der junge Mann, &raquo;ist&#8217;s m&ouml;glich? Das ist
+Euch zuwider? Gibt&#8217;s denn eine gr&ouml;&szlig;ere Freud, als die
+Kinder zu unterweisen, ihnen alles Sch&ouml;ne zu geben, das
+<span class="pagenum"><a name="Page_81" id="Page_81">[81]</a></span>man gesehen hat und vielleicht einen, der ein Meister werden
+kann, auf den rechten Weg zu f&uuml;hren? Seht, Herr,&laquo;
+fuhr er fort und seine Augen leuchteten. &raquo;Das hab ich mir
+als das Beste vorgestellt, der Jugend den Sinn und die
+Augen auftun. Aber so geht&#8217;s. Mit dem, was er hat, ist
+der Mensch nie zufrieden.&laquo; &raquo;Da m&ouml;gt Ihr recht haben,
+junger Mann,&laquo; sagte Schlupps; &raquo;wir sind hier bei meinem
+Hause angelangt. Kommt herein und nehmt f&uuml;rlieb.&laquo; Damit
+half er dem Gast vom Wagen und wies die Magd an, ihm
+ein St&uuml;bchen und ihnen beiden einen Imbi&szlig; zu richten.</p>
+
+<p>&raquo;Zeigt mir morgen bei Tageslicht Eure Bilder, Herr
+Maler,&laquo; bat er. &raquo;Hab&#8217; eine Freude an solchen Sachen.&laquo;
+Das war dem Gast lieb zu h&ouml;ren: denn wenn ihm selbst
+seine Arbeiten auch nicht immer gefielen, so erfreute es ihn
+doch, wenn andere Wohlgefallen daran hatten. Wie sie
+nun am Morgen die Bilder besahen, und Schlupps sich
+vorstellte, da&szlig; es Orte g&auml;be, so sch&ouml;n wie die auf der Leinwand,
+wo Schl&ouml;sser und Burgen, blaue Seen und Schneeberge
+zu sehen waren, da wuchs seine Sehnsucht in die
+Welt schier &uuml;berm&auml;chtig. Am meisten gefiel ihm ein Bild,
+das einen F&uuml;rstensohn darstellte, mit blassem Gesicht, dunklen
+Augen und schwarzen Haaren.</p>
+
+<p>&raquo;Dies Bild habe ich in Florenz gemalt,&laquo; sagte der Maler.
+&raquo;Ein Meister, der schon lange verstorben ist, hat es angefertigt,
+und weil ich die Augen des Konterfeis nimmer vergessen
+konnte und immer zu dem Bild zur&uuml;ckkehren mu&szlig;te,
+habe ich es nachgemalt, so gut es ging, und es ist mir nicht
+&uuml;bel gelungen.&laquo; Damit legte er es in seine Mappe zur&uuml;ck.
+<span class="pagenum"><a name="Page_82" id="Page_82">[82]</a></span>&raquo;Dank Euch auch, Schulmeister, f&uuml;r die Unterkunft. Will
+heute noch weiter wandern und sehen, wo ich mein Nest
+aufschlage,&laquo; fuhr er fort. &raquo;Hier,&laquo; sagte Schlupps und
+fa&szlig;te ihn bei der Hand. &raquo;H&ouml;rt mich an. Ihr kommt zu
+gelegener Stunde. Ich mu&szlig; fort und habe nur auf einen
+gewartet, der mein Amt &uuml;bernimmt. Bleibt Ihr an meiner
+Stelle und unterweist die Kinder. Nennt Euch &#8250;Wegwart;&#8249;
+denn das sollt Ihr jetzt sein. Ein W&auml;rter, der ihren
+Weg bewacht. Und denkt nicht, da&szlig; dies Handwerk zu
+schwer f&uuml;r Euch sein werde. &Uuml;bt Eure Malerkunst an
+ihnen aus, dann wird es am besten gehen, und wollt nur
+statt auf Leinwand auf die Seelen der Kleinen Eure Bilder
+malen. Nehmt alle Farben: das Gr&uuml;n der Treue, das Rot
+der Freude, das Gelb des Neides; aber nur so viel davon,
+als das Herz braucht, um Neid auf alles Gute und Sch&ouml;ne
+zu bekommen und es nachzuahmen. Verge&szlig;t auch nicht das
+Schwarz des Hasses gegen alles B&ouml;se und Unrechte. Und
+wenn Ihr das Grau der Trauer auflegen m&uuml;&szlig;t, dann setzt
+das Blau der Hoffnung dazu und la&szlig;t dazwischen das
+zarte Violett nicht fort. Denn wie die D&auml;mmerung zwischen
+Tag und Nacht steht, so ist in den Herzen oft ein
+Schwanken von Leid zur Freude und es braucht von einem
+zum andern einen &Uuml;bergang. Mischt dann zu allem das
+Wei&szlig; der Klarheit und Wahrheit und glaubt mir, da&szlig; an
+den Bildern, die Ihr auf die Art macht, der liebe Herrgott
+seine Freude hat. Werdet dann ein so verdienstvoller Maler
+wie die gro&szlig;en, die Ihr bewundert, wenn auch kein Ehrenzeichen
+um Euren Nacken h&auml;ngt.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_83" id="Page_83">[83]</a></span>Da stand der junge Maler eine Weile still und nachdenklich;
+dann hob er die Hand und rief: &raquo;So hat es Gott gewollt,
+Schulmeister, da&szlig; er mich herwies, Euren Platz will ich
+wohl annehmen. Wenn Ihr aber in die Welt ziehen
+m&uuml;&szlig;t, so erweist mir eine Liebe und nehmt das Bild mit,
+das Euch so gefallen.&laquo;</p>
+
+<p>Noch lange sa&szlig;en die beiden beratschlagend zusammen. Als
+am andern Tage die Morgensonne in das Fenster schien,
+da schirrte der Schulmeister Einf&auml;ltig seinen Wagen an,
+tat all sein Hab und Gut hinein, reichte dem k&uuml;nftigen
+Schulmeister die Hand und fuhr zu dem schweigenden Dorf
+hinaus in die Welt hinein, noch vor dem Fr&uuml;hgel&auml;ut, damit
+seine Kinder ihm nicht durch ihr Weinen das Abschiednehmen
+erschweren sollten.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Junker_Pfiffig" id="Junker_Pfiffig"></a>Junker Pfiffig</h2>
+
+
+<p>Nach wenigen Tagen langte Schlupps in einer Stadt an,
+die er noch nie gesehen, fuhr durch Gassen und Stra&szlig;en
+mit hochgegiebelten H&auml;usern, spitzen, steilen Kircht&uuml;rmen,
+bog &uuml;ber brunnendurchrauschte Pl&auml;tze und verwunderte sich
+schier, wie viel Pracht und Herrlichkeit es gab. Dann kehrte
+er mit seiner Kutsche in einem Wirtshaus ein, wo der Wirt
+ihn sorgsam musterte.</p>
+
+<p>&raquo;Was habt Ihr an mir zu sehen, guter Freund?&laquo; fragte
+Schlupps. &raquo;Verzeiht Herr,&laquo; gab der Wirt zur Antwort,
+&raquo;wenn ich Euch neugierig scheine; aber kann mir&#8217;s nicht
+erkl&auml;ren, wie jemand, der das Aussehen eines Herrn hat,
+<span class="pagenum"><a name="Page_84" id="Page_84">[84]</a></span>so armselig gewandet sein kann; &uuml;berlegte deshalb, woher
+der Herr wohl angereist k&auml;me.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da habt Ihr recht,&laquo; erwiderte Schlupps, dem es jetzt auffiel,
+wie ganz anders er aussah, denn die B&uuml;rger, die in
+der Wirtsstube sa&szlig;en. &raquo;Wi&szlig;t, ich bin weit herum gekommen
+in entlegenen Gegenden, wo man nicht alles zu
+kaufen vermag, wie bei Euch. Deshalb bin ich hierher gefahren,
+um alles anzuschaffen, was mir nottut und kann
+Euren Rat wohl brauchen. Wollt Ihr mir jetzt mein
+Zimmer zeigen?&laquo; Und als der Wirt ihn dahin f&uuml;hrte, zog
+er rasch seine Gelds&auml;cke heraus und sprach: &raquo;Sagt mir,
+Herr Wirt, ist mein Zimmer ganz sicher vor Dieben? Denn
+wi&szlig;t, ich habe viel Geld bei mir und mu&szlig; mich auf Euch
+verlassen k&ouml;nnen.&laquo; Damit warf er die Beutel auf den Tisch,
+da&szlig; es dr&ouml;hnte.</p>
+
+<p>Der Wirt versicherte ein Mal &uuml;ber das andere, da&szlig; seine
+Truhen und T&uuml;ren feste Schl&ouml;sser h&auml;tten und empfahl sich
+mit vielen Verneigungen. Der Fremde mit der gro&szlig;en
+Geldkatze erschien ihm auf einmal nicht mehr &auml;rmlich gekleidet,
+sondern nur ein wenig absonderlich. Das machte,
+da&szlig; der goldene Grund durch die abgeschabten Stellen des
+Anzuges hindurch leuchtete. Er nahm sich vor, den Gast
+sehr liebevoll zu verpflegen, damit der einen gro&szlig;en Teil
+seines Geldes bei ihm verzehre.</p>
+
+<p>Andern Tages fragte Schlupps seinen Hausherrn nach
+einem Schneider und wurde zu einem gewiesen, der gar
+ber&uuml;hmt sei und sein Handwerk gut verstehe. &raquo;Meister,&laquo;
+sagte der Fremde, als er eintrat, &raquo;richtet Euch nicht nach
+<span class="pagenum"><a name="Page_85" id="Page_85">[85]</a></span>dem Kleide, das ich anhabe. Wenn man unerkannt in der
+Welt herum kommen will, mu&szlig; man ein schlichtes Aussehen
+haben. Dann betrachten die Menschen uns als ihresgleichen
+und fassen Zutrauen zu uns. Habt Ihr eines oder
+zwei Kleider, wie sie mir passen und wohl anstehen w&uuml;rden,
+so zeigt sie mir.&laquo;</p>
+
+<p>Der Schneider schlo&szlig; aus dieser Rede, da&szlig; er einen vornehmen
+Herrn vor sich habe, der sich einmal unbekannt
+unter den Menschen bewegen wolle, wie gro&szlig;e Herren zuweilen
+solche Launen &uuml;berfallen. Meinen sie doch im tiefsten
+Herzen, da&szlig; die Menge schon sp&uuml;ren werde, wer vor
+ihnen steht, verwundern sich oft sehr, da&szlig; keiner f&uuml;hlt und
+wei&szlig;, wer sie in Wahrheit sind. Das kommt daher, da&szlig;
+sie im schlichten Kleide oft weniger Verstand haben, als in
+dem pr&auml;chtigen Anzug, den sie sonst gewohnt sind. In
+dem besseren Gewande klingt jedes Wort heller und kl&uuml;ger
+und findet auch mehr Beachtung als bei einem schlichten
+Bauers- oder B&uuml;rgersmann.</p>
+
+<p>So glaubte der Schneider, der neue Kunde habe das Einfachsein
+&uuml;ber und wolle jetzt so daher kommen, wie es sich
+f&uuml;r seinen Stand schicke und sprach darum: &raquo;Ihr kommt
+zu gelegener Zeit, Herr. Ein junger Graf hatte bei mir
+zwei Kleider bestellt, eines f&uuml;r jeden Tag aus braunem Tuch,
+sauber und sch&ouml;n gemacht, und eines f&uuml;r Feste, aus dunkelrotem
+Sammet mit Barett und Feder. Er gab mir den
+Stoff dazu, den er weit her aus Italien hatte kommen
+lassen. Da schickte ihn des Kaisers Majest&auml;t mit einem
+Auftrag fort, hin zum t&uuml;rkischen Sultan in wichtiger Botschaft,
+<span class="pagenum"><a name="Page_86" id="Page_86">[86]</a></span>und so schnell mu&szlig;te die Reise vor sich gehen, da&szlig;
+mein Herr Junker die Kleider nicht abwarten konnte.&laquo;
+&raquo;Mu&szlig; ihm sehr arg gewesen sein,&laquo; wandte Schlupps ein.
+&raquo;War nicht so schlimm f&uuml;r ihn. Bedeutete es doch ein
+ehrenvolles Amt, und des Kaisers Gnaden hatten ihn hinl&auml;nglich
+mit Geld versehen, da&szlig; er sich anderen Ortes
+kaufen konnte, was sein Herz begehrte. So lie&szlig; er mich
+rufen und sagte: &#8250;Meister, ihr habt mich immer gut bedient
+und wenn ich Euch nicht zahlen konnte, nie gemahnt
+und gedr&auml;ngt; auch manchmal die Kreide auf der Schuldtafel
+gespart. So behaltet die Stoffe. Ich schenke sie Euch.
+K&ouml;nnt sie wohl gelegentlich verwerten. Weil aber die
+Kleider schon nach seinem Ma&szlig; zugeschnitten waren, machte
+ich sie fertig. Er ist Eures Wuchses, und es k&ouml;nnte sein,
+da&szlig; Euch beide Gew&auml;nder passen. Wollt einmal probieren.&#8249;&laquo;</p>
+
+<p>Und siehe da! Sie sa&szlig;en wie angegossen, und Schlupps
+beschlo&szlig;, sie zu kaufen, da der Meister einen m&auml;&szlig;igen Preis
+daf&uuml;r forderte. &raquo;Kommt bald wieder, Herr,&laquo; bat der
+Schneider. &raquo;Und verzeiht, wohin soll ich Euch Euer altes
+Gewand und das Sammetkleid senden, da Ihr das braune
+gleich anzieht?&laquo; &raquo;Sendet es in das Gasthaus zum goldenen
+Lamm,&laquo; sprach Schlupps, &raquo;und la&szlig;t sagen, es sei f&uuml;r Junker
+Pfiffig.&laquo;</p>
+
+<p>Er zahlte seine Rechnung und ging fort. Der Meister sah
+ihm staunend nach, wie er dahin schritt, den Kopf hoch, da&szlig;
+er &uuml;ber alle Menschen hinwegschauen konnte und den Gang
+gar leicht, als sei er gewohnt, zu tanzen statt zu schreiten.
+<span class="pagenum"><a name="Page_87" id="Page_87">[87]</a></span>&raquo;Mu&szlig; etwas ganz besonderes sein,&laquo; dachte der Nadelk&uuml;nstler.
+&raquo;Vielleicht ein K&ouml;nigssohn und der Name Pfiffig
+war angenommen. Gibt es doch Menschen, denen sieht man
+trotz allem das K&ouml;nigsein an, die m&ouml;gen sich verstellen wie
+sie wollen. Einmal bricht es hervor und dann staunen alle,
+da&szlig; sie den f&uuml;r einen gew&ouml;hnlichen Menschen und ihresgleichen
+gehalten haben, der doch so hoch &uuml;ber ihnen steht.&laquo;
+Und der Meister f&auml;delte seine Nadel ein, kletterte auf seinen
+Tisch und &uuml;berlegte weiter; denn das Handwerk, das er
+betrieb, machte ihn gar nachdenklich und sinnig. Kam er
+doch mit vielerlei Leuten zusammen, hatte gelernt, das
+Kleid vom Menschen zu scheiden und wu&szlig;te wohl, da&szlig;,
+wenn es au&szlig;en oft glei&szlig;te und gl&auml;nzte, der Grund nicht
+immer feines Linnen war, sondern grob Gewebe mit Knoten,
+Fehlschl&auml;gen und Webfehlern.</p>
+
+<p>Junker Pfiffig aber ging langsam durch die Gassen und
+sah mit offenen Augen alles wohl an. Er trat bei einem
+Barbier ein, lie&szlig; sich von dem Schaumschl&auml;ger Bart und
+Kopfhaar zurecht stutzen und wunderte sich selbst, als er in
+dem Spiegel sah, wie wohlgestaltet er war. Das schwarze
+Gelock, das auf seine Stirn fiel, gl&auml;nzte vom B&uuml;rsten und
+Striegeln, und es schien ihm, als &auml;hnele er dem Bilde, das
+der fremde Maler ihm geschenkt hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Kommt bald wieder, Junker,&laquo; sagte der Barbier, als er
+ihm die T&uuml;r &ouml;ffnete. &raquo;Seid Ihr hier fremd, so rate ich
+Euch, unser Rathaus zu besuchen, das gar sch&ouml;n gebaut
+und weit ber&uuml;hmt ist. Heut ist Gerichtstag. Da darf
+jeder hineingehen und zusehen.&laquo; &raquo;Das will ich tun. Seid
+<span class="pagenum"><a name="Page_88" id="Page_88">[88]</a></span>bedankt f&uuml;r Euren Rat,&laquo; nickte der Junker Pfiffig h&ouml;flich.
+Es kam ihm vor, als habe er mit dem andern Kleid einen
+anderen Menschen angezogen, denn er hatte Freude an
+allem, was sch&ouml;n war. F&uuml;hlte er sich in jedem Kleide
+heimisch und bei sich, so schien ihm das neue Gewand wie
+ein Haus, das eigens f&uuml;r ihn gebaut und gefertigt war.
+Er schritt hin&uuml;ber zu dem Stadthause mit den vielen T&uuml;rmchen
+und spitzbogigen Hallen. Da sah er in der T&uuml;r eine
+Frau stehen, die ihre rechte Hand vor die Augen hielt und
+heimlich Tr&auml;nen abwischte. &raquo;Was fehlt Euch, gute Frau?&laquo;
+sagte er und seine Stimme klang so gewinnend, da&szlig; die
+Verzagte Mut fa&szlig;te und leise zu erz&auml;hlen anhub: &raquo;Ach
+Herr, vielleicht k&ouml;nnt Ihr mir helfen. Ihr scheint gar vornehm
+und m&auml;chtig. Ich habe einen Proze&szlig; mit meinem
+Nachbar, dem Grundbauer, um einen Acker, den einzigen,
+den ich besitze. Der Nachbar behauptet, da&szlig; mein Mann
+ihm auf dem Totenbette den Acker verkauft h&auml;tte f&uuml;r die
+Beerdigungskosten. Wie mein Hans gestorben war, kam
+der Grundbauer zu mir, sagte: er wolle f&uuml;r das Begr&auml;bnis
+Sorge tragen und alles so machen, wie es bei armen
+H&auml;uslersleuten Sitte w&auml;re. Ich vermeinte, er t&auml;te es aus
+N&auml;chstenliebe und um Gottes Willen, dankte ihm sehr und
+lobte ihn vor den Leuten, ob seines guten Herzens, und
+jetzt macht er es mir so. Glaubt mir, Herr, mein Hans
+ist nie eine Minute allein gewesen, als es zum Sterben
+kam und der Handel abgeschlossen sein soll.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber der Richter mu&szlig; Euch doch Euer Recht geben,&laquo; ereiferte
+sich Schlupps. &raquo;Ach, das ist es gerade. Jetzt weist
+<span class="pagenum"><a name="Page_89" id="Page_89">[89]</a></span>der Bauer eine Schrift auf, und drei Kreuze stehen darunter.
+Kommt mit herein, seht, wie es zugeht. Unsereins
+darf nichts sagen, sonst kommt er wegen Verl&auml;umdung
+in den Turm.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Geht nur hinein, gute Frau. Ich werde schon kommen;
+aber tut nicht, als ob Ihr mich kennt.&laquo;</p>
+
+<p>Als nun die Verhandlungen begannen, sah Junker Pfiffig
+auf dem Richterstuhl einen Mann sitzen, mit gro&szlig;er Per&uuml;cke,
+eine Brille auf der Nase, da&szlig; man die Augen nicht
+sah; um den Mund hatte er zwei tiefe Falten, die sich ausnahmen,
+als habe der Teufel sie mit seinem Pfluge gefurcht
+und Bosheit und T&uuml;cke hineinges&auml;et. Seine Hand
+war lang, die Finger so spitz wie Krallen.</p>
+
+<p>Er winkte und der Bauer hub an zu erz&auml;hlen, wie der
+Handel sich zugetragen, den er, w&auml;hrend Margret in der
+K&uuml;che war, mit dem Hans abgeschlossen haben wollte. Dabei
+klimperte der dicke, schwere Mann immer mit der Geldkatze,
+die er umgeschnallt hatte, und sah den Richter schmunzelnd
+an. Da spitzte er die Ohren, denn wenn er sich auf
+Fl&ouml;ten und Geigen auch gar wenig verstand, so klang die
+Musik des Bauern ihm doch lieblich in die Ohren.</p>
+
+<p>Dann frug er Margret barsch, was sie zu sagen habe und
+gebot ihr, sich kurz zu fassen und sich zu h&uuml;ten, den Grundbauern
+einer unlautern Tat zu beschuldigen; denn das
+bliebe nicht ungeahndet. Dann frug er auch, ob sie Zeugen
+f&uuml;r ihre Erz&auml;hlung habe. Die arme Frau sah erschreckt um
+sich. Da fiel ihr Blick auf den Junker im braunen Gewande,
+der unweit auf einer Bank sa&szlig; und ihr heimlich zunickte.
+<span class="pagenum"><a name="Page_90" id="Page_90">[90]</a></span>Sie fa&szlig;te Mut, erz&auml;hlte, wie alles gewesen und
+schlo&szlig; mit der Bitte, ihr zu ihrem Rechte zu helfen.</p>
+
+<p>Der Richter sann eine Weile nach und sprach dann: &raquo;Ich
+will mir den Fall &uuml;berlegen. Kommt heute Abend bei
+Sonnenuntergang wieder her. Tragt mir Eure Gr&uuml;nde
+noch einmal vor. Wer die gewichtigsten hat, soll Recht bekommen.&laquo;
+Damit entlie&szlig; er beide. Der Bauer lachte zufrieden
+vor sich hin; denn er hatte den Richter wohl verstanden
+und hielt in der Hand einen Beutel mit Silberm&uuml;nzen.
+Als der Richter das Zimmer verlie&szlig;, trat der
+Grundbauer auf ihn zu, reichte ihm den Beutel und sprach:
+&raquo;Gestrenger Herr, Gr&uuml;nde so schwer wie diese wird die
+Margret wohl nicht haben.&laquo; Er sah aber nicht, wie ein
+Junker in braunem Gewande langsam vorbeischritt und
+dem Handel zusah.</p>
+
+<p>Drau&szlig;en angelangt, winkte Schlupps der Frau, f&uuml;hrte sie
+in ein Wirtshaus, hie&szlig; den Wirt ihr Speis und Trank
+vorsetzen und sagte: &raquo;Seid au&szlig;er Sorge. Ich helfe Euch
+und Ihr sollt Euren Acker behalten.&laquo; Dann ging er zu
+einem Schlosser und sah sich bei dem um, was er an
+Arbeiten aufzuweisen habe an kunstvollen Riegeln, Schl&ouml;ssern
+und Beschl&auml;gen. Besonders gefiel ihm eine Schnalle,
+die gro&szlig; und schwer war. &raquo;Das ist mein Gesellenst&uuml;ck,&laquo;
+erkl&auml;rte der alte Meister stolz. &raquo;Damals,&laquo; fuhr er m&uuml;rrisch
+fort, &raquo;war man noch nicht so hoff&auml;rtig, da&szlig; alles von
+Gold und Silber sein mu&szlig;te. Sonderlich die Frauen
+trugen die G&uuml;rtel von eisernem Schlo&szlig; gehalten und
+prangten noch mehr in Zucht und Sch&ouml;nheit denn heute, wo
+<span class="pagenum"><a name="Page_93" id="Page_93">[93]</a></span>ein jedes B&uuml;rgerkind Gold und Edelstein tr&auml;gt und der
+Halsschmuck in der Kirche aus Granaten sein mu&szlig;, soll
+die Andacht nicht gest&ouml;rt sein durch unheilige Gedanken und
+W&uuml;nsche. Ach, die gute alte Zeit kommt nicht wieder, da
+die Menschen noch so schlicht und einf&auml;ltig waren und der
+Schlosser noch Schmuck und Tand liefern durfte und nicht
+alles der Goldschmied. Kein Wunder, wenn deren Innung
+gar &uuml;berm&uuml;tig wird und bei allen Festen voranschreiten
+will.&laquo;</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 369px;">
+<!-- <span class="pagenum"><a name="Page_91" id="Page_91">[91]</a></span> -->
+<a href="images/illo_091.png">
+<img src="images/illo_091_th.png" width="369" height="566" alt="Der Rechtspruch" title="Der Rechtspruch" /></a>
+<span class="caption">Der Rechtspruch</span>
+</div>
+
+<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_92" id="Page_92">[92]</a></span>[Blank Page]</p> -->
+
+<p>&raquo;Meister, verkauft mir die Schnalle,&laquo; sagte Schlupps.
+&raquo;Hab meine Freude an Sachen, die besonders kunstfertig
+gearbeitet sind. Sie zeigen, da&szlig;, wer sie gemacht hat, mehr
+kann, als viele seines Faches.&laquo;</p>
+
+<p>Das schmeichelte dem Schlosser. Sie wurden bald handelseinig;
+Schlupps erstand die Schnalle und eine kleine
+Feile um ein Billiges und ging vergn&uuml;gt in sein Gasthaus,
+wo ihn die arme Margret erwartete. Junker Pfiffig
+schlo&szlig; sich in sein Gemach ein, nahm mehrere Goldst&uuml;cke,
+feilte an den R&auml;ndern Gold ab, da&szlig; die M&uuml;nzen so zackig
+aussahen, als h&auml;tten die Ratten daran genagt, und r&uuml;hrte
+die Goldabf&auml;lle zu einem dicken Brei an. Mit dem rieb
+er die Spange ein, putzte und gl&auml;ttete sie, da&szlig; sie aussah
+wie pures Gold und herrlich schimmerte. Dann wickelte er
+sie in ein klein seiden T&uuml;chlein, legte zwei abgefeilte Goldst&uuml;cke,
+die er durchlocht hatte, obenauf, rief die Frau und
+unterwies sie, was sie zu tun habe.</p>
+
+<p>Als nun der Richter gegen Sonnenuntergang durch den
+weiten Hallengang wieder in den Saal treten wollte, wo
+<span class="pagenum"><a name="Page_94" id="Page_94">[94]</a></span>der Bauer schon wartete und seines Spruches sicher war,
+l&ouml;ste sich eine Gestalt von der Eingangst&uuml;r los, ging dem&uuml;tig
+auf den gestrengen Herrn zu und sagte leise: &raquo;Verzeiht,
+Herr Richter. Ich habe einen gar gewichtigen Grund,
+den ich Euch verk&uuml;nden mu&szlig;. Von einer Ahne erbte ich ein
+schweres g&uuml;ldenes Amulett, wie es wohl einer vornehmen
+Frau, aber nicht mir geb&uuml;hrt. W&uuml;rde ich es verkaufen, so
+k&ouml;nnte man denken, ich w&auml;re auf unrechte Art dazu gekommen.
+Vielleicht da&szlig; es Eurer Eheliebsten oder Eurer
+Jungfer Tochter wohl anst&uuml;nde, und zwei durchl&ouml;cherte
+Goldm&uuml;nzen sind auch dabei, die man wohl zu Ohrengeschmeide
+verwenden kann.&laquo;</p>
+
+<p>Dabei l&uuml;ftete sie das kreuzweise gebundene T&uuml;chlein und
+lie&szlig; den Richter hineinblicken, soda&szlig; der rote Schein der
+Abendsonne, der durch die buntgemalten Scheiben spielte,
+auf das Geschmeide fiel, da&szlig; es rotgelb flimmerte.</p>
+
+<p>&raquo;Gute Frau,&laquo; sagte der Richter, &raquo;einem vern&uuml;nftigen
+Grunde verschlie&szlig;e ich nie mein Ohr. Ihr habt wohl getan,
+Euch an mich zu wenden. Seid unbesorgt, Ihr sollt
+Euer Recht haben.&laquo; Damit ergriff er das T&uuml;chlein, wog
+es in der Hand, sehr erfreut ob seiner Schwere, und ging
+w&uuml;rdevollen Schrittes in den Saal, wo ihn der Bauer erwartete.
+Doch wie erschrak der, als der gestrenge Herr ihn
+anschrie und ihn ausschalt, da&szlig; er eine arme Witwe bedr&uuml;cken
+wolle. Jetzt sei ihm die Erleuchtung gekommen,
+da&szlig; alle seine Angaben leichtfertig und ungerecht gewesen,
+und er verurteilte ihn, der Margret den Acker zur&uuml;ckzugeben
+und ihr auf der Stelle zwanzig Silbergulden zu zahlen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_95" id="Page_95">[95]</a></span>Der Bauer wu&szlig;te nicht wie ihm geschah, fluchte innerlich,
+mu&szlig;te aber wohl oder &uuml;bel gehorchen und hatte au&szlig;er dem
+Schrecken noch den Spott zu tragen. Denn es waren gar
+viele Zuh&ouml;rer im Saale, die daf&uuml;r Sorge trugen, da&szlig; der
+Richterspruch bekannt wurde. Hatte der Bauer doch viele
+Feinde, die ihm grollten, weil er sie oft betrogen hatte.
+So mu&szlig;te er besch&auml;mt abziehen und das Silbergeld an den
+Richter war auch verloren.</p>
+
+<p>Die Margret suchte den Ritter, um ihm zu danken; aber er
+war nicht aufzufinden und so konnte sie nur im Stillen f&uuml;r
+ihn beten.</p>
+
+<p>Ihr Besch&uuml;tzer war in den Ratskeller gegangen, wo die
+vornehmen B&uuml;rger beim Wein sa&szlig;en und Rede austauschten
+&uuml;ber die Zeitl&auml;ufte, den &Uuml;bermut der Geringen, die es
+den Herren gleich tun wollten und was dergleichen erbauliche
+Gespr&auml;che mehr waren. Als der Junker im braunen
+Gewand hereintrat, richteten sich aller Blicke auf ihn; denn
+ein Fremder war immer gern gesehen, und die ritterliche
+Erscheinung lie&szlig; vermuten, da&szlig; man einen vornehmen
+Mann vor sich habe. Der Richter, der allein in einer
+Fensternische sa&szlig;, winkte den Wirt herbei und hie&szlig; ihn,
+den Fremden an seinen Tisch zu weisen; denn er war gar
+zu neugierig, was der am Orte wolle.</p>
+
+<p>Mit h&ouml;flicher Verneigung nahm Schlupps den angebotenen
+Stuhl an und sagte auf die Frage des gestrengen Herrn,
+was ihn herf&uuml;hre: &raquo;Verzeiht, Herr Richter, da&szlig; ich Euch
+nicht Auskunft geben kann, wie ich es wohl m&ouml;chte. Eine
+wichtige Aufgabe zwingt mich aber zur Geheimhaltung.
+<span class="pagenum"><a name="Page_96" id="Page_96">[96]</a></span>Nur so viel la&szlig;t Euch sagen, da&szlig; ich einem hohen Herrn
+diene, in dessen Auftrag ich die Lande durchreise. Mein
+F&uuml;rst ist noch unbeweibt und &ndash; &ndash; da h&auml;tte ich beinahe
+zuviel gesagt. Das kommt davon, wenn man einem Herrn
+gegen&uuml;bersitzt, dessen scharfer Blick alles durchschaut. Da
+l&auml;uft die Red &uuml;ber, wie der Bach im Fr&uuml;hjahr &uuml;ber die
+Wiesen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Habt Ihr einen Auftrag an unseren vieledlen, hochm&ouml;genden
+Grafen von Trutzenstein?&laquo; fragte der Richter und
+glaubte, den Fremden so auf geschickte Art auszuholen.
+&raquo;Allerdings,&laquo; sagte sein Gegen&uuml;ber z&ouml;gernd, &raquo;f&uuml;r den
+Herrn Grafen &ndash; &ndash; &ndash;.&laquo; &raquo;Das dachte ich mir,&laquo; fiel ihm
+der Richter in die Rede. &raquo;Denn morgen ist ja bei dem
+Herrn Grafen ein gro&szlig;es Fest zu Ehren seiner Tochter, die
+jetzt vollj&auml;hrig ist und sich einen Gatten aus erlauchtem
+Geschlecht w&auml;hlen soll. Gewi&szlig; kommt Ihr auch hin?&laquo;
+&raquo;Geraten, Herr Richter!&laquo; sagte der Fremde. &raquo;Ich sehe
+schon, Euch kann man nichts verbergen. Da wird es gewi&szlig;
+einen herrlichen Anblick geben. All die geputzten Jungfr&auml;uleins
+mit ihrer Pracht und ihrem Geschmeide!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das will ich meinen!&laquo; rief der Richter stolz. &raquo;&Ouml;ffnet nur
+die Augen weit, um zu sehen, was unsere Frauen verm&ouml;gen.
+Hab auch eine Tochter, die ich morgen hingeleite;
+denn es sollen die Gespielinnen mit der Grafentochter zugleich
+verlobt werden, und der Herr Graf will ihnen die
+Gatten aussuchen und f&uuml;r ihre Ausstattung Sorge tragen,
+wie es der Brauch vorschreibt. Hab meiner Tochter heute
+<span class="pagenum"><a name="Page_97" id="Page_97">[97]</a></span>ein golden Geschmeide angeschafft, da&szlig; sie daherkomme,
+wie es ihrem Stande geziemt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist l&ouml;blich, Herr Richter. Ein wohlgelungen Bild
+bedarf auch eines w&uuml;rdigen Rahmens. Das sagte ich auch
+zu meinem hohen Herrn, als er mir sein Bild mitgab.&laquo;
+&raquo;Verzeiht,&laquo; meinte jetzt der Richter. &raquo;Ist Euer Herr ein
+Graf?&laquo; &raquo;Ein F&uuml;rst ist er,&laquo; sagte der Junker feierlich und
+l&uuml;ftete seine Kappe. &raquo;Er ist der K&ouml;nigssohn von Golconda.
+Sein Reich ist das herrlichste was Ihr Euch denken
+k&ouml;nnt. Da ist nichts &ouml;de und kalt. Wohin das Auge
+blickt, seht Ihr &uuml;ppige Felder, gr&uuml;ne Haine, Wiesen und
+Blumen. Immer strahlt eine goldene Sonne herunter.
+Die V&ouml;gel singen sch&ouml;ner denn in andern L&auml;ndern; die
+Blumen duften w&uuml;rziger, die Frauen sind wie Feen, zart
+und lieblich, und doch darf der Prinz keine von ihnen
+heiraten. Es ist ein uralt Gesetz, da&szlig; seine Gemahlin aus
+fernen Landen stammen mu&szlig;. Da er aber sein Reich nicht
+verlassen darf, schickte er mich auf die Brautfahrt, damit
+ich mich umsehe nach einer Gemahlin, die seiner w&uuml;rdig
+sei. Nicht Stand, nicht Reichtum sind entscheidend &ndash; &ndash;.&laquo;
+Pl&ouml;tzlich unterbrach er sich wie erschreckt. &raquo;Jetzt habe ich
+dem Herrn doch verraten, was ein Geheimnis bleiben
+sollte. Ich bitte, sagt keinem, was mich herf&uuml;hrt, bis ich
+es selbst enth&uuml;lle.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Seid unbesorgt,&laquo; nickte der Richter. &raquo;Will das Anvertraute
+wohl h&uuml;ten. Unweit von hier ist des Grafen Schlo&szlig;,
+k&ouml;nnt es zu Pferde in einer halben Stunde erreichen. Doch
+<span class="pagenum"><a name="Page_98" id="Page_98">[98]</a></span>verzeiht, wie soll ich Euch nennen, wenn ich Euch wiedersehe,
+da ich den Namen nicht verstanden habe?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nennt mich Ritter von Bauernmark. Bin von uraltem
+Geschlecht, das schon manchem Herrn geholfen hat, sein
+Reich zu sch&uuml;tzen und zu halten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gehabt Euch wohl, Herr Ritter. Auf Wiedersehen!&laquo;
+Damit reichte der gestrenge Herr dem Fremden die Hand
+und verlie&szlig; ihn, froh, seinem Eheweib eine angenehme
+Kunde zu bringen. Denn seine Frau wollte immer gern
+hoch hinaus, und ein Prinz w&auml;re ihr als Eidam gerade
+recht gewesen. Sie war sehr eitel auf ihre Tochter und
+meinte, jeder m&uuml;sse von ihr so eingenommen sein, wie sie
+als Mutter von ihr war. Da sie aber kein gutes Herz
+hatte, so gew&ouml;hnte sie auch die Tochter an ein selbstisch
+Wesen und die beiden Frauen trugen mit die Schuld daran,
+da&szlig; der Richter die Armen bedr&uuml;ckte und das Recht verkaufte,
+statt es, wie der liebe Herrgott das Sonnenlicht,
+&uuml;ber Arme und Reiche gleich leuchten zu lassen.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Das_Fest" id="Das_Fest"></a>Das Fest</h2>
+
+
+<p>Am andern Tage war auf dem Schlosse des Grafen ein
+Kommen und Gehen. Von weit her waren Edle erschienen,
+um die Grafentochter und ihr reiches Erbe zu gewinnen.
+Das Fest sollte schon seinen Anfang nehmen, als zuletzt ein
+Wagen anfuhr, dem ein Ritter entstieg in rotem Sammetanzug
+mit Barett und Feder. Er trat auf den Grafen zu,
+verneigte sich zierlich und sprach: &raquo;Erlaubt, hochedler Herr,
+da&szlig; ich an Eurem Feste teilnehme. Ritter von Bauernmark
+<span class="pagenum"><a name="Page_99" id="Page_99">[99]</a></span>nenne ich mich. Mein Herr ist der Prinz von Golconda,
+und als Geburtstagsangebinde erlaubt mir, Eurer vieledlen
+Tochter das Bildnis meines Herrn zu &uuml;berreichen.&laquo;
+Damit enth&uuml;llte er das Konterfei, das ihm der Maler geschenkt
+hatte. Der Graf nickte huldvollst und sprach: &raquo;Seid
+willkommen in unserm Kreis, Herr Ritter, und m&ouml;get Ihr
+Euch darin so heimatlich f&uuml;hlen, als in Eures Herrn
+Landen.&laquo; Dann geleitete er den Gast zu seiner Tochter, und
+der Ritter von Bauernmark &uuml;berreichte sein Geschenk kniend,
+wie es Sitte der Edlen war.</p>
+
+<p>Als die Grafentochter aber einen Blick auf die Gabe warf,
+stutzte sie; denn sie vermeinte, eine &Auml;hnlichkeit mit dem
+Ritter vor ihr zu finden und es kam ihr pl&ouml;tzlich der Gedanke,
+das Bild und der vor ihr kniete m&uuml;&szlig;ten ein und
+dieselbe Person sein, und kleine &Auml;nderungen seien nur
+vom Maler gemacht, damit die Gleichheit nicht zu auff&auml;llig
+w&auml;re.</p>
+
+<p>Dasselbe dachte die Richterstochter, die neben ihr stand.
+Weil sie nichts verschweigen konnte, fl&uuml;sterte sie der Gespielin
+zu, was der Vater ihr &uuml;ber des Ritters Sendung
+anvertraut hatte und da&szlig; dies der Prinz selbst zu sein
+scheine. Da l&auml;chelte die Grafentochter gar holdselig auf den
+Knienden herab, reichte ihm die Hand, hie&szlig; ihn aufstehen
+und lie&szlig; sich von ihm zu Tisch f&uuml;hren, allwo ein reiches
+Schmausen anhub und Pagen goldne Pokale mit k&ouml;stlichem
+Wein herumreichten. Abseits aber stand der Graf in Beratung
+mit dem Richter, der ihm anvertraute, was der
+fremde Junker hier wolle.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_100" id="Page_100">[100]</a></span>&raquo;Ich mu&szlig; Euch z&uuml;rnen, Richter,&laquo; sprach der Graf. &raquo;Seit
+Monden habe ich von Euch keine Abgabe mehr erhalten,
+und Ihr wi&szlig;t, da&szlig; meine Hofhaltung viel Geld verschlingt.&laquo;</p>
+
+<p>Seufzend griff der Richter in die Tasche und holte den
+Beutel mit Silbergeld heraus, den ihm der Bauer gegeben.
+&raquo;Das ist alles, was ich heute abliefern kann, hoher Herr,&laquo;
+sagte er und warf dem Grafen einen t&uuml;ckischen Blick zu.
+Wu&szlig;te er doch, da&szlig; sein Eheweib schm&auml;hen w&uuml;rde, wenn
+er ohne Geld heimkam. &raquo;Die Leute meinen, das Recht m&uuml;sse
+umsonst sein wie der Tod und halten die Goldst&uuml;cke zur&uuml;ck.&laquo;
+&raquo;So sorgt, da&szlig; sie bald anderer Meinung werden,&laquo; sagte
+der Burgherr unwillig und wandte sich seiner Tochter zu,
+die sich von der Tafel erhoben hatte und zu ihm getreten
+war. Erstaunt sah er, da&szlig; sie ein verdrie&szlig;lich Gesicht zog.
+Die goldene Schnalle der Richtertochter war ihr aufgefallen,
+und das Herz stand ihr danach. Sie drang in den Vater,
+er m&uuml;sse f&uuml;r sie das Geschmeide erlangen, sonst w&uuml;rde sie
+vor Gier und Sehnsucht krank werden. Der Graf, der
+seinem einzigen Kinde keinen Wunsch weigerte, winkte
+den Richter herbei und befahl ihm, seiner Tochter aufzugeben,
+da&szlig; sie gleich das Schmuckst&uuml;ck ihrer hohen Gespielin
+als Geburtstagsangebinde &uuml;berreichte, und so drohend sah
+er aus, da&szlig; ein Widerspruch vergeblich gewesen w&auml;re.
+Der Richter rief seine Tochter, f&uuml;hrte sie abseits in eine
+Fensternische und beschwor sie, den Schmuck herzuschenken.
+Er erinnerte sie an den festen Turm, darinnen die Ungl&uuml;cklichen
+schmachteten, die sich auf der Landstra&szlig;e den Reisigen
+<span class="pagenum"><a name="Page_101" id="Page_101">[101]</a></span>des Grafen widersetzt hatten und bewies ihr, da&szlig; es
+dem m&auml;chtigen Herrn ein Leichtes sei, sie beide zu verderben.
+So legte sie weinend den Schmuck ab und behielt nur
+die M&uuml;nze, die sie an einem g&uuml;ldenen Kettlein um den
+Hals trug. Die Grafentochter aber steckte stolz die Schnalle
+recht auff&auml;llig an ihr Busentuch.</p>
+
+<p>W&auml;hrend dessen herrschte an der Tafel eitel Lust und Fr&ouml;hlichkeit,
+und besonders Ritter von Bauernmark erheiterte die
+Runde durch Sp&auml;&szlig;e und Scherze, berichtete von allerlei
+fremden V&ouml;lkern und ihren Br&auml;uchen und trank dabei auf
+das Wohl der Sch&ouml;nsten im Saale. Dabei lie&szlig; er die
+Blicke im Kreise herumschweifen, also da&szlig; er jedem
+M&auml;gdlein in die Augen sah, und jede schon glaubte, sie
+sei die Prinzessin von Golconda. Des Richters Tochter
+hatte allm&auml;hlich den Gespielinnen das Geheimnis vertraut,
+und so war des Ritters Auftrag jedem bekannt. Als
+die Tafel sich ihrem Ende neigte und die Pagen t&uuml;rkisches
+Konfekt und Leckereien herumreichten, erhob sich der Ritter
+von Bauernmark und sprach: &raquo;Vieledler Herr Graf! Verzeiht,
+wenn ich mich jetzt an Euch wende und einen Auftrag
+bestelle, dessen Ausf&uuml;hrung keinen Aufschub erleidet. Ich
+komme als Abgesandter meines hohen Herrn, um ihm eine
+Braut zu suchen, die w&uuml;rdig sei, den Thron seiner V&auml;ter
+mit ihm zu teilen. Drei Bedingungen kn&uuml;pft er an seine
+Werbung. Erstens d&uuml;rfte in dem Lande, dem die Holde
+entstamme, nie ein ungerechter Richterspruch geschehen sein,
+nie das Recht f&uuml;r Geld verkauft werden. Denn Ungerechtigkeit
+ist wie ein ansteckend Gift, das in alle Seelen
+<span class="pagenum"><a name="Page_102" id="Page_102">[102]</a></span>eindringt, und wo das Recht k&auml;uflich ist, da ist auch Liebe
+und Treue feil. Zweitens darf im Hause der Erw&auml;hlten
+kein ungerecht Gut sein, ob viel oder wenig, und drittens,
+und das ist das schwerste, soll die Braut nicht begehrlich
+sein, sondern bescheidenen Sinns und dem&uuml;tigen Herzens.
+Wie sie aber aussehen solle, hat mein Herr mir so eindringlich
+beschrieben, da&szlig; ich seine Meinung genau kenne. So
+gestattet mir, edler Herr, wenn Euch die Werbung meines
+Herrn genehm ist, die Jungfrauen, die hier versammelt
+sind, zu mustern, und, wenn ich die Rechte finde, sie im
+Namen meines Herrn um ihre Hand zu bitten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das sei Euch unverwehrt, edler Ritter,&laquo; sprach der Graf.
+&raquo;Wenn der Tanz jetzt anhebt, so betrachtet meine Sch&ouml;nen
+wohl und tut mir kund, auf welche Eure Wahl gefallen
+ist.&laquo; Im stillen aber hoffte er, seine Tochter w&uuml;rde die Erkorene
+sein. Einen f&uuml;rstlichen Eidam zu haben, das war
+das Ziel seiner W&uuml;nsche, und er h&auml;ufte Gut und Geld zusammen,
+um sein Kind zur reichsten Erbin zu machen.</p>
+
+<p>W&auml;hrend die Jungfrauen sich im Tanze drehten und neigten,
+die H&auml;upter bald senkten und hoben, mit sp&auml;henden
+Blicken nach dem Brautwerber schielten und jede sich f&uuml;r
+die Auserw&auml;hlte hielt, stand Bauernmark neben der Grafentochter.
+Pl&ouml;tzlich weiteten sich seine Augen und er rief
+laut: &raquo;Himmel, was sehe ich! O traurig Zeichen!&laquo; Der
+Tanz stockte. Alle G&auml;ste dr&auml;ngten sich herbei. Der Graf
+forschte angstvoll, was seinem Gast fehle. &raquo;Etwas Schreckliches
+macht mich erzittern,&laquo; antwortete der Gefragte.
+&raquo;Mein hoher Herr, der Prinz, hat einen Bruder, der um
+<span class="pagenum"><a name="Page_103" id="Page_103">[103]</a></span>ein Jahr j&uuml;nger ist, denn er. Den duldete es nicht im
+Haus. Er wollte in die weite Welt und lie&szlig; sich durch
+keine Bitten halten. Unsere K&ouml;nigss&ouml;hne aber hatten jeder
+ein Gewerbe erlernt, das schrieb das Gesetz des Hauses
+ihnen vor, damit sie wissen sollten, wie dem, der hart
+arbeitet, zu Mute ist. Als es nun an das Scheiden ging,
+beschlossen beide, einander etwas zum Andenken zu geben,
+und sie schmiedeten aus Gold zwei Schnallen, die sollte
+jeder von ihnen tragen, sie nie ablegen und mit dem eignen
+Leben als h&ouml;chstes Gut verteidigen. Und seht, die Schnalle,
+die Ihr, edle Herrin tragt, erkenne ich als die des j&uuml;ngeren
+Prinzen. Die linke H&auml;lfte ziert das Zeichen der
+Schlosser, zwei gekreuzte Schl&uuml;ssel, die rechte zeigt das
+Wappen der Nagelschmiede, ein Herz von drei N&auml;geln
+durchbohrt, und je l&auml;nger ich darauf sehe, desto mehr kommt
+es mir vor, als ob aus dem Herzen zwei rote Tropfen
+flie&szlig;en. Lebt der Prinz noch, er h&auml;tte sich nie davon getrennt,
+auch nicht in h&ouml;chster Not. Nur R&auml;uberhand kann
+es ihm entrissen haben. So sprecht! Wie seid Ihr dazu gekommen?
+Wer hat es gewagt, in Eure Hand dies fluchbeladene
+Geschmeide zu legen?&laquo;</p>
+
+<p>Die Grafentochter erbla&szlig;te. Dann sprang sie auf ihre Gespielin
+zu und rief zornig: &raquo;Hier, die Richterstochter ist es
+gewesen! Die Falsche wollte mir bei Euch schaden, damit
+Ihr ungerecht Gut bei mir f&auml;ndet. Als Geburtstagsangebinde
+brachte sie mir den Schmuck.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So?&laquo; rief die Angegriffene aufgebracht. &raquo;Habe ich es Dir
+gegeben oder hast du es mir abgefordert und mich an Leib
+<span class="pagenum"><a name="Page_104" id="Page_104">[104]</a></span>und Leben bedroht, wenn ich es nicht freiwillig herausg&auml;be?
+Gezwungen hast du mich, weil deine Begehrlichkeit
+mir das Kostbare nicht g&ouml;nnte. Und nicht durch Raub erlangte
+ich es &ndash; mein eigner Vater gab es mir!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und woher habt Ihr es, Herr Richter?&laquo; forschte Bauernmark.
+Der gestrenge Herr war best&uuml;rzt, da&szlig; er nicht vermochte,
+eine L&uuml;ge auszusinnen und ratlos dastand. &raquo;Ein
+armes Bauernweib brachte es &ndash; &ndash;&laquo; stotterte er, &raquo;Ich &ndash;
+&ndash; ich &ndash; &ndash; sollte ihr zu ihrem Recht verhelfen.&laquo; Weiter
+kam er nicht; denn der fremde Ritter rief: &raquo;Jetzt wird mir
+alles klar. Falscher Richter, Eure Schlechtigkeit ist enth&uuml;llt.
+Gestern traf ich ein armes Bauernweib, das mir weinend
+erz&auml;hlte, wie es sein letztes Gut einem bestechlichen Richter
+habe geben m&uuml;ssen, um seinen einzigen Acker zu behalten.
+Ein Schmuckst&uuml;ck sei es gewesen. Ein Sterbender, den sie
+auf der Stra&szlig;e gefunden und in ihrer H&uuml;tte verpflegt habe,
+gab es ihr vor dem Hinscheiden. &#8250;Bringe es zu meinem
+Bruder,&#8249; hatte er mit erl&ouml;schender Stimme gesagt. &#8250;Er
+wird es Dich herrlich lohnen. Er hei&szlig;t &ndash; &ndash;&#8249; da seien
+ihm die Augen zugefallen. Sie habe den Namen nicht
+mehr geh&ouml;rt und konnte seine Bitte nicht erf&uuml;llen. Die
+Reisigen eines hohen Herrn hatten den Fremden &uuml;berfallen
+und beraubt; nur die Schnalle hatte er in den Falten seines
+Gewandes retten k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Beruhigt Euch, edler Herr,&laquo; sprach der Graf. &raquo;Tr&ouml;stet
+Euch. Wir wollen dem T&auml;ter nachforschen.&laquo; Dabei zitterte
+seine Stimme, denn er wu&szlig;te wohl, da&szlig; es seine Knechte
+waren, die harmlose Wanderer auf der Landstra&szlig;e pl&uuml;nderten.
+<span class="pagenum"><a name="Page_105" id="Page_105">[105]</a></span>&raquo;Seid sicher, da&szlig; der Schuldige seiner Strafe nicht
+entgeht. Ihr, Richter,&laquo; wandte er sich in strengem Tone
+zu diesem, &raquo;begebt Euch sofort mit Eurer Tochter aus dem
+Schlosse und lasset Euch nie wieder darin blicken!&laquo; &raquo;F&uuml;hrt
+sie hinaus, weil sie es gewagt haben, mit kecker L&uuml;ge meine
+Tochter zu schm&auml;hen,&laquo; gebot er den Knechten.</p>
+
+<p>Ehe der Richter und seine Tochter noch wu&szlig;ten, wie ihnen
+geschah, waren sie &uuml;ber die Zugbr&uuml;cke gesto&szlig;en und mu&szlig;ten
+mit Schimpf und Schande abziehen.</p>
+
+<p>&raquo;Setzt das Fest fort!&laquo; gebot der Graf den G&auml;sten, die best&uuml;rzt
+und neugierig alles angeh&ouml;rt hatten. &raquo;Wi&szlig;t,&laquo;
+wandte er sich an den Ritter von Bauernmark, &raquo;es ist nicht
+meine Schuld, wenn durch falsche Diener das Recht in
+meinem Lande gebeugt wurde. Sagt Eurem Prinzen,
+meine H&auml;nde sind rein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wohlan,&laquo; sagte Bauernmark feierlich, &raquo;so werbe ich um
+Eure Tochter im Namen meines Herrn. Vielleicht war es
+eine Vorbedeutung, da&szlig; ich die Schnalle bei ihr finden
+sollte. Sie mu&szlig; mir aber feierlich geloben, keinen andern
+zu ehelichen, sondern in Treue auszuhalten, bis mein Herr
+kommt und sie heimholt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das gelobe ich!&laquo; rief die Grafentochter und streckte die
+Hand hoch. &raquo;Das Bild Eures Herrn und die Schnalle behalte
+ich als Pfand.&laquo; &raquo;So seid Ihr dem Prinzen von Golconda
+angelobt!&laquo; rief der Ritter mit hallender Stimme.
+&raquo;Wie ich jetzt mit dem Schwerte einen Kreis um Euch
+ziehe, so werfe ich jedem den Fehdehandschuh hin, der es
+wagt, Euch als Werber zu nahen. Heimlich und unerkannt
+<span class="pagenum"><a name="Page_106" id="Page_106">[106]</a></span>ziehen die Boten unseres Herrn im Lande umher.
+Eine Pr&uuml;fungszeit ist Euch beschieden. Habt Ihr w&auml;hrend
+dieser die Treue gehalten, so besteigt Ihr den Thron unseres
+Landes als Herrin. Brecht Ihr aber Euer Gel&ouml;bnis,
+dann seid Ihr und jeder Freier, dem Ihr Geh&ouml;r schenkt,
+dem Tode verfallen. Nichts kann Euch vor der heimlichen
+Rache unseres Volkes sch&uuml;tzen.&laquo;</p>
+
+<p>Scheu wichen die G&auml;ste vor der Grafentochter zur&uuml;ck, die in
+Furcht erschauernd ihr Haupt senkte.</p>
+
+<p>&raquo;Beurlaubt mich baldigst, da&szlig; ich abreise und meinem Herrn
+Kunde bringe von dem Gl&uuml;cke, das ihm bevorsteht,&laquo; schlo&szlig;
+der Ritter.</p>
+
+<p>Als der Brautwerber am andern Morgen seinen Wagen besteigen
+wollte und sich vor dem Grafen verneigte, zog dieser
+einen gr&uuml;nseidenen Beutel voll Gold hervor und sprach:
+&raquo;Nehmt dies, Herr Ritter, als Dank daf&uuml;r, da&szlig; Ihr die
+Falschheit meines Richters aufgedeckt habt.&laquo; Vergeblich
+weigerte sich Schlupps, das Geschenk anzunehmen. Der
+Graf drang immer inst&auml;ndiger in ihn, bis er nachgab, es
+einsteckte und davonfuhr.</p>
+
+<p>Die Grafentochter wies jeden Freier, der sich ihr nahte, zur&uuml;ck
+und wartete auf den Prinzen von Golconda. Ihr Vater
+aber wurde nach Jahren von einem r&auml;uberischen Nachbarn
+&uuml;berfallen, der Burg beraubt und mu&szlig;te mit seiner Tochter
+in der H&uuml;tte eines treuen Knechtes Unterkunft suchen. Da
+harren sie beide des Ritters von Bauernmark, der sie heimholen
+soll in das Reich seines Herrn, und warten noch heute.</p>
+
+
+
+
+<h2><span class="pagenum"><a name="Page_107" id="Page_107">[107]</a></span><a name="Des_Kaisers_Bote" id="Des_Kaisers_Bote"></a>Des Kaisers Bote</h2>
+
+
+<p>Wieder fuhr Schlupps im Lande umher. Da kam er eines
+Abends in ein Dorf, das abseits von der gro&szlig;en Stra&szlig;e
+am Fu&szlig;e eines Berges lag. Den Hang hinauf kletterten
+die H&auml;uschen, von denen eines hoch oben auf einem Bergvorsprung
+stand und mit blinkenden Scheiben in die Sonne
+blinzelte. &raquo;Hier wird schwer ein Unterkommen zu finden
+sein,&laquo; dachte Schlupps; denn ein Wirtshaus schien weit
+und breit nicht zu sehen. &raquo;Werd im Freien n&auml;chtigen
+m&uuml;ssen,&laquo; dachte er, &raquo;wie so manches Mal schon.&laquo; Da sah
+er einen Mann eilends den zackigen Bergpfad herabspringen
+und winkte ihm. Der Laufende stutzte, als er einen Fremden
+sah; denn einen solchen f&uuml;hrte der Zufall selten her. &ndash;
+Nur manchmal kam armes Hudelvolk vor&uuml;ber oder ein
+Tro&szlig; Landsknechte, die sich meistens herumtrieben und
+einen Anf&uuml;hrer suchten, der sie warb. Waren lauter G&auml;ste,
+die scheel angesehen wurden und mancher machte drei Kreuze
+hinterher, wenn sie abzogen. Aber der vor ihm stand, war
+ein Herrischer, fein angezogen, der mit Pferd und Wagen
+allein daherkam und ihm scharf in die Augen schaute.</p>
+
+<p>&raquo;Kann ich hier Nachtherberge finden?&laquo; Der Gefragte sah
+den Fremden an, kraute sich den Kopf und meinte: &raquo;Wohl.
+Ein Krug ist im Dorf. Ob er dem Herrn gef&auml;llt, ist eine
+andere Sache. Unansehnlich ist&#8217;s da und laut geht es heute
+zu. Gemeindewahl ist bald. Ausspann k&ouml;nnte der Herr
+dort halten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gibt&#8217;s da ein Bett?&laquo; fragte Schlupps. &raquo;Geben mag&#8217;s
+<span class="pagenum"><a name="Page_108" id="Page_108">[108]</a></span>schon eins. Rat&#8217; aber nicht dazu; denn die Wirtin ist keine
+gute. Sie steht mit der Reinlichkeit auf gespanntem Fu&szlig;
+und kann das Waschen nicht &uuml;berm&auml;&szlig;ig leiden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo kann ich sonst n&auml;chtigen?&laquo; &raquo;Wenn&#8217;s eine Streu tut,
+ist mir der Herr willkommen.&laquo; &raquo;Wer seid Ihr?&laquo; forschte
+Schlupps. In des Mannes Wesen war etwas, was ihm
+zusagte. Er hatte ein ehrliches Gesicht und in den Augen
+leuchtete es auf wie von verhaltener Schelmerei. &raquo;Scheint
+eine Art Vetter von mir,&laquo; dachte Schlupps.</p>
+
+<p>&raquo;Bin der Schweinehirt. Da oben das ist mein H&auml;uschen.&laquo;
+Er wies hinauf zu der h&ouml;chstgelegenen H&uuml;tte. &raquo;Weit hinauf,&laquo;
+meinte der Fremde. &raquo;Ist gut, wenn man weit ab von
+den Menschen haust,&laquo; nickte der andere. &raquo;Habt einen guten
+Platz als Hirte, langt es zum Auskommen?&laquo; fragte
+Schlupps. &raquo;Knapp geht&#8217;s bei uns zu. Wi&szlig;t, die Bauern
+zahlen nicht gern. Zwei Gulden im Jahr und das Essen
+f&uuml;r mich und mein Weib, aber gar wenig. &#8250;Damit Ihr
+nicht so fett werdet wie unsere Schweine,&#8249; hat der Schulthei&szlig;
+gesagt und gelacht.&laquo; &raquo;Und wie lebt Ihr davon?&laquo;
+&raquo;Wie&#8217;s halt geht. Die Kathrin, mein Weib, schafft noch
+im Feld und spinnt. Ich tu, was ich kann. Viel ist&#8217;s
+nicht mehr. Mein rechter Arm ist steif. Mit dem linken
+kann ich schreiben; da verdien&#8217; ich ab und zu etwas bei den
+Bauern, denn von denen ist keiner des Schreibens kundig.&laquo;
+&raquo;Was?&laquo; rief Schlupps. &raquo;Ihr seid der Einzige im Ort, der
+lesen und schreiben kann?&laquo; &raquo;Ei freilich. Ein fremder alter
+Mann hat&#8217;s mich gewiesen. Hab ihn einmal vor Jahren
+in meine H&uuml;tte aufgenommen, weil er gar so elend und
+<span class="pagenum"><a name="Page_109" id="Page_109">[109]</a></span>verlassen war, noch &auml;rmer als wir. Hat mich nicht gereut,
+was ich an ihm getan. Der konnte erz&auml;hlen. Das war
+eine Lust, ihm zuzuh&ouml;ren. Man wurde nicht m&uuml;d, wenn
+er sprach und wu&szlig;te nicht, wann der Abend aufh&ouml;rte und
+die Nacht anfing. Manchmal haben wir bis zum Morgen
+gesessen, der Alte und ich, und geschwatzt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So wi&szlig;t Ihr gewi&szlig; mehr als alle im Dorf,&laquo; neckte
+Schlupps. &raquo;W&auml;r auch nicht viel,&laquo; meinte der andere bed&auml;chtig.
+&raquo;Denken nicht von hier bis dahin. Lassen sich die
+Sonne in den Mund scheinen und tun nur, was ihnen
+schadet. Aber unsereins darf nicht reden, und wenn er
+zehnmal sieht, wie sie das Dorf in Grund und Boden
+wirtschaften. Bin ja nur ein Schweinehirt.&laquo; &ndash; Ein sp&ouml;ttisches
+L&auml;cheln flog &uuml;ber sein Gesicht.</p>
+
+<p>&raquo;Wer war bisher Schulthei&szlig;?&laquo; forschte Schlupps, der anfing,
+seine Laune zu sp&uuml;ren.</p>
+
+<p>&raquo;Der Reichste, der am l&auml;ngsten im Dorf sitzt. Er ist Herr
+von dem gro&szlig;en Hause dr&uuml;ben, auf dem die Wetterfahne
+knarrt. Der Waldsepp wird er gehei&szlig;en; denn sein ist der
+gr&ouml;&szlig;te Wald landaus, landein.&laquo; &ndash; &ndash; &raquo;Und wen machen
+sie jetzt zum Schulzen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wohl den B&uuml;chsenmichel. Hei&szlig;t so, weil er tagaus, tagein
+die B&uuml;chse auf der Schulter h&auml;ngen hat. Bei den Reichen
+geht das Amt reihum; die Andern haben das Zusehen.
+Jetzt sitzen die Mannsleut im Wirtshaus, die Kleinbauern,
+die H&auml;usler und die Tagl&ouml;hner und lassen sich sagen, f&uuml;r
+wen sie n&auml;chstens die Hand hochhalten sollen. Stimmen
+doch nur zu ihrem Schaden. Bekommen aber jeder ein
+<span class="pagenum"><a name="Page_110" id="Page_110">[110]</a></span>Ma&szlig; Wein frei vom B&uuml;chsenmichel und w&auml;ren im Stand
+und verkauften f&uuml;r den Trunk ihre Seligkeit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;K&ouml;nnt Euch doch gleich sein, Schweinehirt, wer Schulze
+wird,&laquo; warf Schlupps nachl&auml;ssig hin und hielt seine Pferde
+fest, die ungeduldig mit den Hufen scharrten. &raquo;O nein,
+Herr,&laquo; rief der Hirte eifrig. &raquo;Seht, da hat der B&uuml;chsenmichel
+die Jagd an sich genommen und zahlt der Gemeinde
+ein Spottgeld daf&uuml;r. Das Wild l&auml;uft in die Felder, macht
+alle Saaten zunichte, und keiner darf eine Wildsau abfangen.
+Gleich macht er ihm den Proze&szlig; und es kostet eine
+harte Bu&szlig;e. Wenn&#8217;s ein ganz armer ist, der nicht zahlen
+kann, oft Leib und Leben. Der Waldsepp schl&auml;gt den
+Wald ab, wo er will, da&szlig; die Lawinen herunterst&uuml;rzen und
+alles umeinandrei&szlig;en k&ouml;nnen, und ist bald kein Baum
+mehr da, der sie aufh&auml;lt. Und dort, wo der Wildbach herunterst&uuml;rzt
+und im Fr&uuml;hjahr den Dung von den Feldern
+sp&uuml;lt und das gute Erdreich fortschwemmt, da m&uuml;&szlig;te ein
+Gem&auml;uer gemacht werden aus Steinen und Reisig. Ist
+aber zu nichts Geld da und keiner k&uuml;mmert sich darum. Die
+Reichen wollen nicht zahlen und die Armen haben&#8217;s nicht
+dazu. Zum Schulhaus langt&#8217;s schon gar nicht. Der letzte
+Schulmeister hat sich m&uuml;ssen als Knecht verdingen, um
+nicht Hungers zu sterben. Das Schulhaus ist verfallen
+und die Kinder wachsen auf, da&szlig; Gott erbarm. H&auml;tten
+wir einen Schulthei&szlig; wie sich&#8217;s geh&ouml;rt, der an den Kaiser
+schreibt, damit Recht und Ordnung herk&auml;me, es w&auml;re eine
+Freud, was aus unserm Dorf werden k&ouml;nnte. Aber so &ndash;
+&ndash; ein Jammer ist&#8217;s.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_111" id="Page_111">[111]</a></span>Er brach ab und hielt erschreckt inne. Wie konnte er sich
+nur verleiten lassen, so frei heraus zu sprechen, noch gar zu
+einem Fremden. Einem Herrn! Wer wei&szlig;, was der f&uuml;r
+einer war und ob er es nicht mit denen hielt, die Reichtum
+und Ehren hatten. Aber jetzt klang die Stimme des Junkers
+g&uuml;tig: &raquo;Schweinehirt, Ihr gefallt mir. Sagt mir noch,
+was tut Ihr denn mit den Gebrechlichen und Kranken, den
+Waislein und Heimatlosen?&laquo;</p>
+
+<p>Der Hirt sah hoch, streckte den Arm aus und wies auf den
+Gottesacker. &raquo;Da k&ouml;nnen&#8217;s hin, oder in die weite Welt.
+F&uuml;r unn&uuml;tze Brotesser ist kein Platz im Ort, hat der Schulthei&szlig;
+gesagt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So, so, bl&auml;st der Wind daher? Da ist es an der Zeit, da&szlig;
+ich gekommen bin,&laquo; murmelte Schlupps. &raquo;Wi&szlig;t, Schweinehirt,
+mu&szlig; mir Eure Mannsleut einmal in der N&auml;he besehen.
+Zeigt mir das Wirtshaus.&laquo;</p>
+
+<p>Wie er in die Gaststube trat, die niedrig und verr&auml;uchert
+war, da hob alles erstaunt die Kopfe, als der herrische
+Junker mit hallenden Schritten zu einem Tische ging und
+laut rief: &raquo;Wirt, Einen vom Besten! Aber rasch!&laquo; Kaum
+aber stand der Becher vor dem Herrn, so trank der nur einen
+kurzen Schluck und sagte zu dem N&auml;chstsitzenden: &raquo;Gebt&#8217;s
+weiter!&laquo; Das lie&szlig; sich der nicht zweimal sagen, tat einen
+kr&auml;ftigen Zug und lie&szlig; den Becher herumgehen. Die Bauern
+tranken und staunten, rissen die Augen auf, stie&szlig;en sich
+an und schoben die Zipfelm&uuml;tze hin und her. Das war
+ihnen noch nicht vorgekommen. Ein vornehmer Herr, der
+so gemein tat, da&szlig; er unter ihnen sa&szlig;, einen Wein nach
+<span class="pagenum"><a name="Page_112" id="Page_112">[112]</a></span>dem andern ihnen vorsetzen lie&szlig; und zuh&ouml;rte, was sie
+redeten. Doch jetzt erhob sich der Junker und sprach laut:
+&raquo;M&auml;nner! Ich komme weit her. Des Kaisers Kanzler
+schickt mich, da&szlig; ich in seinem Lande nach dem Rechten sehe;
+ihm berichte von allem, was sich zutr&auml;gt und wie seine
+Untertanen nach Zucht und Sitte leben. So wi&szlig;t: Jeder
+Ortsschulthei&szlig; soll mir in einer Schrift kund tun, wie es
+zugeht in seinem Dorf. Ob der Schullehrer die Kinder
+unterweist und sie in Gottesfurcht und Tugend heranzieht.
+Wie die Felder gedeihen; ob Ihr dem Wildschaden steuert,
+da&szlig; nicht der Flei&szlig; zunichte gemacht wird und statt der
+Menschen die Wildschweine das Kraut und die R&uuml;ben
+fressen. Tut auch zu wissen, wie Ihr f&uuml;r die Armen sorgt,
+ob Ihr ein Spittel f&uuml;r die Kranken habt und ein Kloster
+f&uuml;r die Gottwilligen. Schreibt alles genau; denn der
+Kaiser l&auml;&szlig;t hintennach alles wohl untersuchen. Sollte aber
+in dem Schreiben etwas stehen, was nicht vor seinen strengen
+Richtern f&uuml;r wahr befunden wird, dann l&auml;&szlig;t er den
+Schulthei&szlig; binden und gefangen setzen. Und der Proze&szlig;
+ist gar kurz. Des Seilers Tochter macht Hochzeit mit ihm
+und der Galgen ist schon da, an dem er baumeln mu&szlig;.&laquo;
+Den reichen Bauern, die eben noch mit vollen roten Backen
+dagesessen, wurden die Gesichter schmal und spitz, als sie
+das h&ouml;rten. Die Kleinbauern und H&auml;uslerleut aber
+erhoben die K&ouml;pfe und sahen sich schmunzelnd an. &raquo;M&ouml;chte
+jetzt nicht der B&uuml;chsenmichel sein, und der Waldsepp ist
+auch nicht zu beneiden,&laquo; dachte mancher von ihnen schadenfroh.
+&raquo;Wi&szlig;t, Herr,&laquo; kam jetzt der Wirt n&auml;her, &raquo;mit dem
+<span class="pagenum"><a name="Page_115" id="Page_115">[115]</a></span>Schulthei&szlig; sind wir eben schlimm dran. Der&#8217;s bislang gewesen,
+ist es seit einer Woche nimmer, und einen neuen
+haben wir noch nicht. Konnten keinen finden. Will sich
+keiner dazu hergeben, ein so saures Amt zu verwalten.&laquo;
+Dabei blinzelte er dem B&uuml;chsenmichel zu, als wollte er
+sagen: la&szlig; mich nur machen.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 366px;">
+<!-- <span class="pagenum"><a name="Page_113" id="Page_113">[113]</a></span> -->
+<a href="images/illo_113.png">
+<img src="images/illo_113_th.png" width="366" height="563" alt="Schulthei&szlig; Schweinehirt" title="Schulthei&szlig; Schweinehirt" /></a>
+<span class="caption">Schulthei&szlig; Schweinehirt</span>
+</div>
+
+<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_114" id="Page_114">[114]</a></span>[Blank Page]</p> -->
+
+<p>&raquo;Nehmt den Gescheitesten am Ort,&laquo; sagte der Fremde.</p>
+
+<p>&raquo;Das hab ich allweil auch gesagt; bin ganz der Meinung
+des Herrn,&laquo; schwindelte der Wirt. &raquo;Aber wer ist der Gescheiteste?
+Keiner will ein Dummer, jeder ein Kluger
+sein, und keiner l&auml;&szlig;t den andern mehr gelten als er selbst
+ist.&laquo; &raquo;So nehmt den, der am besten mit der Feder und
+der Rede Bescheid wei&szlig;; nicht so viel hat, da&szlig; er sich mehr
+d&uuml;nkt als die Andern. Einen, der alle im Dorf kennt,
+wei&szlig;, wie&#8217;s jedem zu Sinn ist und bei den Kleinen und
+Gro&szlig;en wohl angeschrieben ist. Weiset ihn auch an, aufzuschreiben,
+wie es um Euer Geld steht und ob Ihr f&uuml;r die
+Landsknechte unseres Herrn Kaisers eine t&uuml;chtige Ladung
+Goldgulden schicken k&ouml;nnt. Denn der T&uuml;rke steht vor dem
+Lande, und wenn er herkommt, bleibt nichts niet- und
+nagelfest. Er brennt Euch die H&auml;user &uuml;ber den K&ouml;pfen weg.
+Also richtet Euch ein: in zwei Tagen komme ich und hole
+mir Bescheid.&laquo;</p>
+
+<p>Dabei zahlte er und verlie&szlig; das Wirtshaus, wo die
+Bauern dasa&szlig;en, als h&auml;tte sie einer vor den Kopf geschlagen,
+vor sich hinstierten und kein Wort zu sagen wu&szlig;ten.</p>
+
+<p>Der Fremde hatte seine Kutsche bestiegen und war fortgefahren,
+hinaus in eine einsame Jagdh&uuml;tte, die ihm der
+<span class="pagenum"><a name="Page_116" id="Page_116">[116]</a></span>Schweinehirte beschrieben und die einst einem hohen Herrn
+als Landaufenthalt gedient hatte. Jetzt lag sie einsam und
+verlassen, und nur manchmal stellte ein Fuhrmann seinen
+Wagen unter, wenn die Nacht ihn auf der Fahrt &uuml;berraschte,
+oder wenn er das Geld im Wirtshaus sparen wollte.
+Die Bauern aber wunderten sich, wo der fremde Herr mit
+einmal hingekommen war und gingen am andern Morgen
+mit verst&ouml;rten Gesichtern umher. Hatten sie bisher Zwist
+miteinander gehabt, weil jeder von ihnen Schulthei&szlig; sein
+wollte, so wichen sie jetzt einander aus, weil jeder sich
+f&uuml;rchtete, der andere wolle ihm zureden, das Amt zu &uuml;bernehmen,
+und keiner die Schrift an den Kaiser aufsetzen
+konnte.</p>
+
+<p>Heimlich aber schlichen sie auf Umwegen zu dem Schweinehirten
+und baten ihn um Gotteswillen, doch f&uuml;r dieses
+Mal Schulthei&szlig; zu spielen und ihnen zulieb das Amt anzutreten.
+&raquo;Tut&#8217;s, Simmel,&laquo; sagte der Waldsepp. &raquo;Habt
+ein Einsehen. Was kann Euch denn geschehen?&laquo; &raquo;Meint
+Ihr?&laquo; rief des Simmels Weib. &raquo;Mein Mann d&uuml;rfte
+leichter h&auml;ngen als Ihr? Wenn er jetzt dem Kaiser alles
+schreibt, wie&#8217;s hier zugegangen ist im Dorf und wie
+Ihr gehaust habt, vermeint Ihr, der wird ihn strafen?
+Weit gefehlt! Euch geht&#8217;s an den Kopf und so k&ouml;nnt Ihr
+es gleich auf Euch nehmen und wieder Schulthei&szlig; spielen.&laquo;
+&raquo;Weib, schweigt still und la&szlig;t Euren Mann reden,&laquo; entfuhr
+es dem Sepp. &raquo;Simmel, &uuml;berlegt nicht lang. Auf Geld
+soll es uns nicht ankommen.&laquo;</p>
+
+<p>W&auml;hrend dessen ging ein Handwerksbursche von Haus zu
+<span class="pagenum"><a name="Page_117" id="Page_117">[117]</a></span>Haus, bat um einen Zehrpfennig und erz&auml;hlte dabei, wie
+er weit herkomme und ob sie schon geh&ouml;rt h&auml;tten, da&szlig; der
+T&uuml;rke nahe sei, senge und brenne und alles mitn&auml;hme.
+Hab und Gut, die Ochsen aus dem Stall und die Kleider
+aus der Truhe. Und da die M&auml;nner alle auf dem Felde
+schafften und nur das Weibervolk daheim war, so entstand
+bald am Brunnen ein Schwatzen und Wehklagen. Die
+Weiber liefen zueinander, jammerten und schrien und dann
+rannten sie heim und packten, was sie erreichen konnten,
+um es mitzunehmen, wenn der T&uuml;rke k&auml;me. Da trug eine
+die Mulde voll Brot, das sie vom B&auml;cker geholt hatte und
+das noch dampfte, denn sie wollte nicht warten, bis es gar
+war, sondern hatte es gleich aus dem Backofen gerissen und
+war damit fortgelaufen. Eine andere trug heulend ein
+m&auml;chtiges B&uuml;ndel Stroh auf dem R&uuml;cken, darin hatte sie
+ihr Kindchen gebunden, da&szlig; es im Walde weich liege. Ein
+Drittes schleppte keuchend eine leere Waschb&uuml;tte herbei,
+wu&szlig;te selbst nicht wozu, und eine Alte hatte eine Gans
+fest unter den Arm gepackt und zerrte in einem Netz H&uuml;hner
+und Enten mit. Es war ein Durcheinander, ein Heulen
+und Schreien, ein Laufen und Rennen. Betten flogen aus
+dem Fenster und unten auf der Gasse st&uuml;rzten sich die Buben
+darauf und schleiften sie durch Pf&uuml;tzen und Moor &uuml;ber
+Stock und Stein. Der alte K&uuml;ster humpelte in die Kirche,
+fa&szlig;te den Glockenstrick und schwang ihn mit aller Macht,
+da&szlig; die alte Glocke, die schon einen Sprung hatte, jammervoll
+hinausklang auf die Felder, und die Kinder liefen
+hin und her, schwenkten ihre St&auml;be und schrieen: &raquo;Der
+<span class="pagenum"><a name="Page_118" id="Page_118">[118]</a></span>T&uuml;rk! der T&uuml;rk!&laquo; Und w&auml;re er wirklich dagewesen, so
+h&auml;tte es nicht k&ouml;nnen schlimmer zugehen, denn die Furcht
+machte mehr Not und Unruh als der Krieg und der Feind.</p>
+
+<p>Vom Felde her aber eilten auf das Gel&auml;ut die M&auml;nner herbei
+mit Sicheln und Sensen, mit Dreschflegeln und &Auml;xten
+und rotteten sich unter der Linde zusammen. Gerade
+kamen die Gro&szlig;bauern von der Beratung beim Schweinehirten
+zur&uuml;ck, blieben stehen und nahmen erstaunt wahr,
+wie das Volk unter der Linde stand und schrie und tobte.
+&raquo;Ihr kommt uns gerade recht,&laquo; rief ein junger Bursche mit
+funkelnden Augen. &raquo;Jetzt gebt Eure Goldgulden heraus
+f&uuml;r des Kaisers Soldaten. Der T&uuml;rk kommt.&laquo; &raquo;Geld
+raus! Geld raus!&laquo; schrien einige und hielten die Sensen
+hoch. Die Weiber heulten und kreischten. &raquo;Der T&uuml;rk!
+der T&uuml;rk!&laquo; und vermeinten schon, ihn vor sich zu sehen.
+&raquo;Gebt Ruhe!&laquo; klang es laut &uuml;ber den Platz. Der Schweinehirt
+war auf eine Bank gestiegen, die vor dem Wirtshaus
+stand. &raquo;Gebt Ruhe! Sch&auml;mt Ihr Euch nicht, so w&uuml;st zu
+tun? Was wollt Ihr eigentlich? Sprecht und sagt deutlich,
+was Ihr begehrt!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Einen andern Schulthei&szlig;!&laquo; riefen einige. &raquo;Einen andern
+Schulthei&szlig;,&laquo; stimmten die andern zu, und die Gro&szlig;bauern
+schrien: &raquo;Da habt Ihr den Rechten. Der Schweinehirte
+soll es f&uuml;r dieses Mal sein.&laquo; &raquo;Wir wollen, da&szlig; die
+Armen auch einmal an die Reihe kommen,&laquo; lie&szlig; sich der
+Waldsepp vernehmen. &raquo;W&auml;hlt den Simmel!&laquo;</p>
+
+<p>Der wollte Einwendungen machen und heruntersteigen;
+<span class="pagenum"><a name="Page_119" id="Page_119">[119]</a></span>aber starke Arme hielten ihn auf der Bank fest, und Arm
+und Reich schrie: &raquo;Du mu&szlig;t! Du mu&szlig;t!&laquo;</p>
+
+<p>Da sah der Simmel um sich, winkte, da&szlig; es pl&ouml;tzlich stille
+ward und sagte ruhig: &raquo;Also M&auml;nner. Ihr wollt, da&szlig;
+ich Schulthei&szlig; werde und Recht hier zu sagen habe. So
+schw&ouml;rt mir vorerst, da&szlig; alles geschieht, wie ich es verlange.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir schw&ouml;ren!&laquo; klang es einstimmig, und die Gro&szlig;bauern
+schrien es am lautesten. Mit dem Schweinehirten wollten
+sie schon fertig werden. Der mu&szlig;te doch tun, was sie
+wollten, wenn er nur erst die Schrift an den Kaiser aufgesetzt
+hatte.</p>
+
+<p>&raquo;So bestimme ich,&laquo; rief der neue Schulthei&szlig;, &raquo;da&szlig; jeder
+Gro&szlig;bauer hundert Goldgulden an die Gemeindekasse
+zahlt!&laquo; &raquo;Hoho!&laquo; schrie der B&uuml;chsenmichel wie besessen.
+&raquo;Die Wahl gilt nicht.&laquo; &raquo;Wohl gilt&#8217;s!&laquo; riefen die Kleinbauern
+und hielten die Sensen hoch. &raquo;Wohl gilt&#8217;s!&laquo; rief
+der Simmel mit starker Stimme. &raquo;Habt es ja selbst so gewollt.
+Geht heim und holt das Geld auf der Stelle und
+einige von Euch gehen mit.&laquo;</p>
+
+<p>Da blieb den Bauern nichts &uuml;brig, als z&auml;hneknirschend umzukehren
+und das Geld zu holen, und bald h&auml;ufte sich ein
+Goldberg auf dem Holztisch vor dem Wirtshaus. Der
+Wirt mu&szlig;te einen Sack herbeibringen; in den wurde das
+Gold gef&uuml;llt und dann mit Wachs und Siegel fest verschlossen.
+&raquo;Haben die Gro&szlig;en zahlen m&uuml;ssen, so kommen
+jetzt auch die Kleinen an die Reihe,&laquo; rief der neue Schulthei&szlig;.
+&raquo;Kleinbauern! Ihr habt jeder eine Fuhre Bauholz
+<span class="pagenum"><a name="Page_120" id="Page_120">[120]</a></span>zu fahren f&uuml;r ein neues Schulhaus, und Ihr H&auml;usler,&laquo;
+wandte er sich an diese, &raquo;m&uuml;&szlig;t jeder zwei Tage im Monat
+daran arbeiten. Denn das gibt&#8217;s nicht bei uns,&laquo; setzte er
+hinzu, &raquo;da&szlig; einer annimmt und nichts daf&uuml;r tut. Ist die
+Schule doch f&uuml;r alle Kinder im Dorf ohne Unterschied. Und
+wer etwas annimmt, ohne etwas daf&uuml;r wieder zu geben,
+der leidet an Seele und Leib Schaden; denn er meint, er
+m&uuml;sse nur das Maul auftun, und die gebratenen Tauben
+fliegen ihm dann hinein. Er verlernt das Arbeiten und
+das Wollen und wei&szlig; nicht, da&szlig; er sich selbst helfen kann.&laquo;
+&raquo;Recht hat er,&laquo; schrie der Waldsepp, der sich freute, da&szlig;
+die reichen Bauern nicht alles allein zahlen mu&szlig;ten, sondern
+da&szlig; die andern auch den neuen Herrn im Dorf zu
+sp&uuml;ren hatten.</p>
+
+<p>&raquo;So ist des Kaisers Meinung!&laquo; klang es pl&ouml;tzlich. Der
+Junker im braunen Wams war herzugetreten. Da flogen
+die Kappen vom Kopf, und die Sensen und Sicheln sanken
+herunter.</p>
+
+<p>&raquo;Werd&#8217;s dem Kaiser berichten, wie Ihr Ordnung und Recht
+im Dorfe geschaffen habt,&laquo; sagte er mit fester Stimme.
+&raquo;Eine gro&szlig;e Freude wird es dem Herrn gew&auml;hren; denn
+nur wo Recht und Zucht herrscht, kann ein Land gedeihen.&laquo;
+&raquo;Herr,&laquo; bat der Simmel, &raquo;wollt Ihr nicht das Geld f&uuml;r
+des Kaisers Heer gleich mitnehmen?&laquo; &raquo;Nein, nein,&laquo;
+wehrte der Junker. &raquo;Wenn&#8217;s an der Zeit ist, wird es der
+Kaiser schon holen lassen. Einstweilen verwendet davon
+f&uuml;r Eure Gemeinde und tut damit, was not ist. La&szlig;t
+Eure Kinder t&uuml;chtig lernen. Erzieht sie zu rechtschaffenen,
+<span class="pagenum"><a name="Page_121" id="Page_121">[121]</a></span>aufrechten M&auml;nnern und haltet alles so, da&szlig; Ihr vor des
+Kaisers Kanzler mit Ehren bestehen k&ouml;nnt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So bitten wir Euch, Herr, etwas als Geschenk von uns
+anzunehmen, als Wegzehrung. Denn w&auml;ret Ihr nicht gekommen,
+so l&auml;g unser Dorf noch im Argen, und Ordnung
+und Zucht h&auml;tten nie Einkehr gehalten. Jetzt versprech ich
+Euch: Anders soll es werden und alle Vierteljahr werd ich
+dem Kaiser in einer Schrift Kunde geben, wie es bei uns
+zugeht.&laquo;</p>
+
+<p>Damit reckte sich der Simmel hoch und sah herausfordernd
+um sich, und man konnte zum ersten Male sehen, was f&uuml;r
+ein hoch gewachsener Mann er eigentlich war, und wie hell
+seine Augen leuchteten. Denn bis dahin war er immer
+geb&uuml;ckt gegangen, als dr&uuml;cke ihn seine Niedrigkeit und
+Armut, und als m&uuml;&szlig;ten seine Augen den Erdboden suchen,
+anstatt in die Sonne zu sehen. Jetzt schaute er die Menge
+an, als wollte er sagen: &raquo;Ich bin Schulthei&szlig;, h&uuml;tet Euch
+wohl.&laquo; Und die Bauern duckten die K&ouml;pfe. Der Schweinehirt
+machte ihnen Sorge. Mit dem war nicht gut anbinden,
+das merkten sie jetzt und bereuten im Stillen ihre Angst,
+die sie gehei&szlig;en hatte, ihn zu w&auml;hlen. Fiel ihnen aber
+der T&uuml;rke und des Kaisers Kanzler ein, dann lief es ihnen
+kalt &uuml;ber den R&uuml;cken. Dann schon lieber den Simmel zum
+Schulzen.</p>
+
+<p>&raquo;Hoher Herr!&laquo; bat jetzt der Schulthei&szlig; eindringlich. &raquo;Weiset
+unsre Gabe nicht zur&uuml;ck. Ihr habt sie redlich verdient.
+Wenn Ihr nicht bei uns eingekehrt w&auml;ret, h&auml;tt&#8217; es in unserm
+Dorf noch lange b&ouml;s ausgesehen. Und nicht, weil
+<span class="pagenum"><a name="Page_122" id="Page_122">[122]</a></span>Ihr des Kaisers Bote seid, sondern weil Ihr ein Herz f&uuml;r
+alle habt und f&uuml;r das Recht eintretet, wollen wir Euch
+erkenntlich sein.&laquo;</p>
+
+<p>Da nahm der fremde Junker etliche Goldst&uuml;cke an, bestieg
+seinen Wagen und fuhr davon. Der Schweinehirte aber
+blieb Schulthei&szlig; und das Dorf gedieh unter seiner Hand.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Die_Koenigswahl" id="Die_Koenigswahl"></a>Die K&ouml;nigswahl</h2>
+
+
+<p>Jetzt will ich aber sehen, se&szlig;haft zu werden, dachte
+Schlupps. Das ist kein Leben, immer in der Welt herumzufahren
+und von allen Menschen scheel angesehen zu werden
+als M&uuml;&szlig;igg&auml;nger und Tagedieb und nichts zu tun zu
+haben, als seinen Spott mit ihnen zu treiben. Doch was
+beginnen?</p>
+
+<p>Ein Handwerk aus&uuml;ben war nicht nach seinem Sinn. Das
+Schulmeistern noch einmal anzufangen lockte ihn nicht.
+Als Ritter umher zu ziehen, Bauern und ungerechte Richter
+z&uuml;chtigen, h&auml;tte ihm am besten gestanden. Schlie&szlig;lich
+hoffte er auf den Zufall, der immer der Freund der
+Herumwandernden war und ihn gewi&szlig; an die rechte Stelle
+f&uuml;hren w&uuml;rde. Und sein Glaube sollte nicht tr&uuml;gen.
+Eines Tages kam er in eine Gegend, die ihm bekannt vorkam
+und die er seines Wissens noch nie gesehen. Schwarze
+Fahnen waren in Abst&auml;nden in den Boden gesteckt. &raquo;Was
+bedeutet das?&laquo; fragte Schlupps einen Mann, der langsamen
+Schrittes die Stra&szlig;e daher kam. &raquo;Unser guter
+K&ouml;nig ist tot,&laquo; sagte der. &raquo;Schon seit Wochen suchen wir
+einen neuen. Aber schwer ist der zu finden.&laquo; &ndash; &raquo;Hat Euer
+<span class="pagenum"><a name="Page_123" id="Page_123">[123]</a></span>K&ouml;nig denn keinen Sohn?&laquo; &raquo;Ach nein, Herr, nur eine Tochter.
+Wer K&ouml;nig werden will, mu&szlig; die freien. Es waren
+schon genug Prinzen da: sch&ouml;ne und h&auml;&szlig;liche, reiche und
+arme, dicke und d&uuml;nne. Aber keiner konnte K&ouml;nig werden,
+denn er wu&szlig;te das Wort nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was f&uuml;r ein Wort?&laquo; fragte Schlupps erstaunt. &raquo;Seht
+Ihr, Ihr wi&szlig;t es auch nicht!&laquo; rief der Mann. &raquo;Da habt
+Ihr&#8217;s, wie sollen es die fremden Prinzen wissen?&laquo; Mehr
+konnte Schlupps nicht aus ihm herausbringen, so viel er
+auch frug. &raquo;Ja, das K&ouml;nigsein, das K&ouml;nigsein,&laquo; sagte der
+Mann. &raquo;Ist nicht so einfach, nicht so einfach. Bin froh,
+da&szlig; ich es nicht sein mu&szlig;, nicht sein mu&szlig;.&laquo; Damit b&uuml;ckte
+er sich zu seinem Acker nieder und fing an, Erd&auml;pfel auszugraben,
+so dicke und gro&szlig;e, wie Schlupps sie noch nie gesehen.
+&raquo;Mein Nachbar hat noch dickere,&laquo; meinte er, als er
+die verwunderten Blicke des Fremden gewahrte. &raquo;Da kommt
+er. T&ouml;ffel, weise dem Herrn deine Feldfr&uuml;chte,&laquo; rief er
+dem Nachbarn zu. Der gr&uuml;&szlig;te: &raquo;Jo, jo, dick. Sehr dick!&laquo;
+&raquo;Wieso erreicht Ihr, da&szlig; sie so werden?&laquo; fragte Schlupps
+wi&szlig;begierig. Der Angeredete lachte bl&ouml;de. &raquo;Wachsen in
+der Erde.&laquo; &raquo;Nat&uuml;rlich,&laquo; gab Schlupps &auml;rgerlich zur Antwort.
+&raquo;Das seh ich. Was tut Ihr dazu, da&szlig; sie so dick
+werden?&laquo; &raquo;Wei&szlig; nicht. Warte, bis sie dick sind,&laquo; war die
+Antwort.</p>
+
+<p>Schlupps lie&szlig; die Beiden stehen und fuhr weiter. An
+einem Wirtshause machte er Halt, stellte seinen Wagen
+ein und beschlo&szlig;, die Gegend zu Fu&szlig; zu durchwandern.
+&Uuml;berall sah er schwarze Fahnen aufgestellt. Auf sein Befragen
+<span class="pagenum"><a name="Page_124" id="Page_124">[124]</a></span>erz&auml;hlte ihm der Wirt, was es mit dem K&ouml;nigswerden
+auf sich habe.</p>
+
+<p>Jeder, der Herrscher im Lande sein wollte, mu&szlig;te ein bestimmtes
+Wort aussprechen, das immer nur der K&ouml;nig
+kannte und auf dem Totenbette seinem Kanzler anvertraute.
+Der hatte dar&uuml;ber zu wachen, da&szlig; der Thronbewerber
+das richtige Wort sage. Habe bis zum vierzigsten
+Tage nach dem Tode des K&ouml;nigs niemand das Wort
+gesprochen, so bleibe das Land ohne K&ouml;nig und es g&auml;be
+ein furchtbares Ungl&uuml;ck. Denn der K&ouml;nig m&uuml;sse nicht nur
+herrschen, sondern auch die neuen Menschen vom Lebensbaume
+absch&uuml;tteln, der im Schlo&szlig;garten st&auml;nde. Sobald
+im Lande zwei Menschen gestorben sind, geht der K&ouml;nig an
+den Baum, r&uuml;ttelt ihn und zwei Kinder springen herunter,
+die gleich genau so aussehen wie die Erwachsenen. Jetzt
+sei der gute K&ouml;nig schon achtunddrei&szlig;ig Tage tot. Die
+Prinzessin harre des Gemahls, und noch habe sich keiner gefunden,
+trotzdem viele Prinzen da waren und Worte in
+allen Sprachen geredet h&auml;tten.</p>
+
+<p>Die Sache kam Schlupps sonderbar vor. Er ergriff seinen
+Wanderstab und frug noch, ehe er weiterschritt: &raquo;Wie hei&szlig;t
+Euer Land, Herr Wirt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das Land derer, die nicht alle werden,&laquo; war die Antwort.</p>
+
+<p>&raquo;Die nicht alle werden,&laquo; murmelte Schlupps und wanderte
+los. An einer Stra&szlig;enbiegung sah er einen Mann
+stehen, der hielt mit seinem R&ouml;&szlig;lein an einem leeren
+Brunnentrog; aber kein Wasser flo&szlig; aus dem ausgeh&ouml;hlten
+Baumstamm, in dem das Rohr lag. &raquo;Was ist hier,
+<span class="pagenum"><a name="Page_125" id="Page_125">[125]</a></span>guter Freund?&laquo; rief Schlupps ihm zu, als er sah, wie das
+Pferd mit der Zunge gierig im leeren Becken nach Wasser
+suchte. &raquo;Es flie&szlig;t nicht,&laquo; klang es zur&uuml;ck. &raquo;La&szlig;t mich
+sehen; bin eine Art von Brunnenmeister.&laquo; Schlupps beugte
+sich nieder. &raquo;Ei, da steckt ja ein Stein im Rohr, m&uuml;&szlig;t den
+herausmachen.&laquo; Der andere sch&uuml;ttelte den Kopf. &raquo;Das haben
+gewi&szlig; des Nachbars unn&uuml;tze Buben getan. Ich zieh ihn
+nicht heraus.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber Euer Pferd verdurstet indessen,&laquo; sagte der neue Brunnenmeister.
+&raquo;Will es Euch in Ordnung bringen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein! Nein,&laquo; beharrte der Bauer. &raquo;Wer es hineingetan
+hat, soll es wieder herausziehen.&laquo; Das Pferd schnappte und
+wendete kl&auml;glich den Kopf nach seinem Herrn. &raquo;La&szlig;t mich
+Euch helfen, es ist ja nur eine Kleinigkeit,&laquo; bat Schlupps
+eindringlich; denn er hatte Mitleid mit der armen
+Kreatur.</p>
+
+<p>Der Andere sah ihn mi&szlig;trauisch an. &raquo;Was k&uuml;mmert&#8217;s
+Euch?&laquo; brummte er. &raquo;Ist mein Pferd. Wer es hineingesteckt,
+soll es herausziehen. Ist Eures Amtes nicht.&laquo;</p>
+
+<p>Er hielt die Hand fest auf die M&uuml;ndung des Rohres gepre&szlig;t.
+Pl&ouml;tzlich wankte das Pferd, schlug um, streckte alle
+Viere steif von sich und lag steif und tot da.</p>
+
+<p>&raquo;Ist meinem Nachbar recht geschehen. Sein Pferd wird auch
+so verdursten, wenn es an die Tr&auml;nke kommt.&laquo; Damit zog
+der Bauer dem Vieh das Fell ab, warf es &uuml;ber die Schulter
+und wanderte langsam und gem&uuml;tlich heim.</p>
+
+<p>Schlupps sah ihm erstaunt nach. &raquo;Scheinen eigent&uuml;mliche
+Leute hier zu Lande,&laquo; murmelte er und wanderte weiter.
+<span class="pagenum"><a name="Page_126" id="Page_126">[126]</a></span>Er bog in eine Dorfgasse, da standen Maurer und bauten
+an einem Haus. Wenn sie einen Stein hergetragen hatten,
+stellten sie sich im Kreise auf, bef&uuml;hlten ihn, schoben ihn
+hin und her und putzten sich dann die H&auml;nde an der
+Sch&uuml;rze ab. Dann tauschten sie ihre Meinung dar&uuml;ber aus,
+wie der Stein den andern so &auml;hnlich sehe, und endlich hoben
+sie ihn mit vieler M&uuml;he und lautem Seufzen hoch und
+verschmierten die Fugen mit Lehm. Darauf lie&szlig;en sie die
+Flasche kreisen und lobten einander f&uuml;r ihr flei&szlig;iges Tun.
+&raquo;Habt viel Zeit, Kameraden!&laquo; rief Schlupps. &raquo;Meint Ihr,
+Herr?&laquo; entgegnete der &auml;lteste Maurer. &raquo;Irrt Euch sehr. Bis
+heute sollte das Haus fertig sein. Seht nur wie wir vor
+M&uuml;hsalen schwitzen.&laquo; &raquo;Bis heute?&laquo; wunderte Schlupps
+sich. &raquo;Ist ja noch nicht das Kellergescho&szlig; fertig.&laquo; &raquo;Seht
+Ihr, der Mann versteht&#8217;s,&laquo; rief der Maurer. &raquo;Habe ich
+nicht gleich gesagt, wir werden bis heute nicht fertig. Der
+Herr ist wohl auch Maurer?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Freilich, Baumeister bin ich. Hab&#8217; schon manches Schlo&szlig;
+hoch &uuml;ber den Wolken in den L&uuml;ften erbaut, dem kein Neider
+und kein Feind etwas anhaben konnte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So, so, Baumeister ist der Herr. Ja, ja. Ei, ei, h&auml;tt&#8217; ich
+nicht gedacht. Also Baumeister ist der Herr. Wirklich?&laquo; &raquo;Ich
+meine, wir h&ouml;ren auf,&laquo; sagte der Alte bed&auml;chtig, &raquo;fertig werden
+wir doch nicht. Da ist es gleich, ob wir jetzt ein Ende
+machen oder des Abends. Was meint Ihr?&laquo; Seine Gef&auml;hrten
+stimmten ihm zu und legten die Sch&uuml;rze ab.
+Schlupps aber, den ihre Langsamkeit und Tr&auml;gheit verdro&szlig;,
+sagte ernsthaft:</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_129" id="Page_129">[129]</a></span>&raquo;Recht so, Gevatter. Es geht jetzt in eins hin, und der
+Neue wird Euch doch mit des Seilers Tochter verheiraten,
+so oder so.&laquo;</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 369px;">
+<!-- <span class="pagenum"><a name="Page_127" id="Page_127">[127]</a></span> -->
+<a href="images/illo_127.png">
+<img src="images/illo_127_th.png" width="369" height="565" alt="Vor der K&ouml;nigswahl" title="Vor der K&ouml;nigswahl" /></a>
+<span class="caption">Vor der K&ouml;nigswahl</span>
+</div>
+
+<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_128" id="Page_128">[128]</a></span>[Blank Page]</p> -->
+
+<p>Die Handwerker stutzten und sahen den fremden Mann scheu
+von der Seite an.</p>
+
+<p>&raquo;Ist denn schon ein neuer K&ouml;nig da?&laquo; fragten sie angstvoll.</p>
+
+<p>&raquo;Das wi&szlig;t Ihr nicht?&laquo; staunte Schlupps. &raquo;Ei, das pfeifen
+ja die Spatzen vom Dache, wie das Wort gelautet hat,
+&#8250;Arbeite, arbeite,&#8249; hat der Neue gesagt. Jetzt schickt er im
+Lande herum, und wenn er Leute trifft, die Maulaffen feil
+halten und die liebe Tageszeit vergeuden, als w&auml;re sie eitel
+Luft, dann fackelt er nicht, und die hier zu viel still gestanden
+haben, d&uuml;rfen in der frischen Luft am Galgen
+herumtanzen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir arbeiten! Wir arbeiten!&laquo; schrien die Maurer, ergriffen
+Hammer und Kelle und schafften darauf los, da&szlig; die
+Mauern emporschossen.</p>
+
+<p>Und als Schlupps im Weiterwandern sich noch einmal umschaute,
+erblickte er das Haus hoch &uuml;ber den Boden emporragend,
+und lachend zog er fort.</p>
+
+<p>Immer weiter durchzog Schlupps das Land und wunderte
+sich &uuml;ber die Menschen, die darin lebten; denn hatte er schon
+der Torheiten viele angesehen, so d&uuml;nkte ihm doch, da&szlig; hier
+die Narren &uuml;ppiger gediehen denn anderswo, und einer den
+andern an Narrheit &uuml;bertraf. Als er am zweiten Tage die
+Hauptstadt betrat, fand er auch dort alle Stra&szlig;en und
+H&auml;user zum Zeichen der Trauer mit schwarzem Tuch bedeckt.
+Auf seine Fragen nach einer Herberge erhielt er
+<span class="pagenum"><a name="Page_130" id="Page_130">[130]</a></span>nirgends Antwort. Die Leute liefen aufgeregt durcheinander,
+denn heute war der letzte Tag der Wahl und war
+bis dahin kein K&ouml;nig gefunden, dann stand ihnen gro&szlig;es
+Ungl&uuml;ck bevor. Einer fl&uuml;sterte dem andern zu, da&szlig; wieder
+fremde Prinzen angekommen seien. Die Hoffnung auf
+einen Herrscher war ihnen noch nicht geschwunden.</p>
+
+<p>Schlupps sah um sich, ob er denn keinen f&auml;nde, der ihm Auskunft
+geben k&ouml;nne; da sah er durch ein niedrig gelegenes
+Fenster in ein Gemach, darin ein Mann sa&szlig;. Der hatte
+einen m&auml;chtigen Federkiel hinter dem Ohr und einen Haufen
+Papier vor sich.</p>
+
+<p>Er ging in das Haus und &ouml;ffnete, da auf sein Klopfen niemand
+antwortete, die Zimmert&uuml;r. &raquo;Verzeiht, Herr,&laquo; sagte
+er h&ouml;flich, &raquo;wollte Euch bitten, einem Fremden den Weg zu
+einer Herberge zu weisen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Habe keine Zeit,&laquo; gab der Mann zur&uuml;ck. &raquo;Seht Ihr nicht,
+da&szlig; ich die Papiere zu ordnen habe?&laquo; Damit holte er aus
+der Ecke einen Sto&szlig; Bogen, legte sie auf einen Haufen, sah
+sorgsam nach, da&szlig; nicht eine Ecke &uuml;ber die andere hinausragte,
+betrachtete den Haufen bed&auml;chtig von allen Seiten,
+nahm ihn dann wieder auseinander und schichtete ihn in
+einer anderen Ecke wieder auf.</p>
+
+<p>Schlupps kam das Bem&uuml;hen des Mannes gar sonderbar
+vor, so da&szlig; er sich einer Frage nicht enthalten konnte.
+&raquo;Was sind das f&uuml;r Papiere, guter Freund?&laquo; sprach er
+freundlich. &raquo;Wei&szlig; nicht,&laquo; war die m&uuml;rrische Antwort.
+&raquo;Die sollte unser K&ouml;nig haben. Ist aber gestorben und hat
+sie nicht mehr zu H&auml;nden bekommen; mu&szlig; sie jetzt immer
+<span class="pagenum"><a name="Page_131" id="Page_131">[131]</a></span>s&auml;uberlich gl&auml;tten und falten; denn ich bin des K&ouml;nigs
+Bogenleger.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber wenn Ihr doch keinen K&ouml;nig habt, n&uuml;tzt Euer Tun
+einstweilen nichts.&laquo; &raquo;K&uuml;mmert mich nicht,&laquo; antwortete
+der Schreiber. &raquo;Habe zu besorgen, was mir aufgetragen
+wird. Wenn ich fertig bin, fange ich wieder von vorne
+an. Sie haben mir gesagt, da&szlig; ich das Papier glatt hinlegen
+solle.&laquo;</p>
+
+<p>Neugierig ergriff Schlupps einige Bl&auml;tter, schlug sie auf
+und sah mit Staunen, da&szlig; sie leer waren. &raquo;Aber es steht
+ja nichts darin,&laquo; rief er und bl&auml;tterte weiter.</p>
+
+<p>&raquo;So, so, nichts darin?&laquo; sagte der Schreiber trocken. &raquo;Ei
+freilich, &uuml;berzeugt Euch selbst. Solltet sie wohl nur dem
+K&ouml;nig zu H&auml;nden legen, wenn er schreiben will.&laquo; &raquo;Wei&szlig;
+ich nicht,&laquo; murmelte der Andere, ergriff schnell die Bl&auml;tter,
+die Schlupps auseinander gerissen hatte und suchte sie zu
+gl&auml;tten.</p>
+
+<p>&raquo;Wie hei&szlig;t Ihr, Fremder?&laquo; forschte er. &raquo;Nennt mich der
+Neue,&laquo; sagte Schlupps. &raquo;Wi&szlig;t, Neuer,&laquo; knurrte der Bogenleger,
+&raquo;Ihr gefallt mir nicht. Seid f&uuml;rwitzig und ein
+unbequemer Geselle. W&auml;re besser, Ihr lie&szlig;et mich ungest&ouml;rt
+bei meiner Arbeit. Geht lieber vor das Schlo&szlig;, wo
+heute K&ouml;nigswahl ist und seht zu, ob wir einen Prinzen bekommen.
+Zeit w&auml;r&#8217;s.&laquo;</p>
+
+<p>Schlupps verlie&szlig; ihn und schlo&szlig; sich der Menschenmenge
+an, die auf dem weiten Platz vor dem Schlosse flutete. Dicht
+gedr&auml;ngt standen sie; aber kein unfreundliches Wort war zu
+h&ouml;ren, wenn auch manchmal das Gedr&auml;nge arg war. Stumm
+<span class="pagenum"><a name="Page_132" id="Page_132">[132]</a></span>harrten sie, und was Schlupps am meisten verwunderte,
+war, da&szlig; alle einander so &auml;hnlich sahen, wie ein Ei dem
+andern, und man meinte, immer dasselbe Gesicht in einem
+tausendf&auml;ltigen Spiegel zu sehen.</p>
+
+<p>Jetzt ert&ouml;nten Trompetenst&ouml;&szlig;e. Aus dem Schlosse kam ein
+Zug stattlicher Ritter und Frauen geschritten. Sie scharten
+sich um den Thron, zu dem der Kanzler die Prinzessin
+feierlich geleitete. Die K&ouml;nigstochter hielt die Augen gesenkt;
+als sie aber einmal den Blick hob, bemerkte
+Schlupps, da&szlig; die Wundersch&ouml;ne teilnahmslos und gleichgiltig
+in die Ferne sah, als habe sie keine Wahrnehmung
+von dem, was um sie geschehe.</p>
+
+<p>&raquo;Prinzessin,&laquo; fragte der Kanzler laut, &raquo;seid Ihr gewillt,
+den zum Gatten zu nehmen, der das rechte Wort findet, wer
+es auch sei?&laquo; Sie neigte zustimmend das Haupt. &raquo;Ich tue,
+wie es Brauch ist,&laquo; sagte sie mit gleichm&uuml;tiger Stimme.
+Dann stieg sie die Stufen des Thrones hinauf, setzte sich
+nieder und schaute tr&auml;umenden Blickes auf die Volksmenge.
+Der Herold stie&szlig; in das Horn.</p>
+
+<p>Hervor trat der erste Prinz. Es war ein d&uuml;rres M&auml;nnchen;
+die sp&auml;rlichen Haare bedeckte eine hohe M&uuml;tze, an der bunte
+B&auml;nder herunter hingen. Sein Kleid prangte in bunten
+Farben und seine spitzen Hackenschuhe erregten das Verwundern
+der M&auml;dchen und Frauen. Er legte die rechte Hand auf
+die Brust, verneigte sich vor der Prinzessin, nickte gr&uuml;&szlig;end
+zu dem Volke hin&uuml;ber und sagte mit kr&auml;hender Stimme:
+&raquo;Herr Kanzler! Ich bin ein K&ouml;nigssohn. So habe ich meinen
+Ministern Auftrag gegeben, das Wort f&uuml;r mich zu finden.
+<span class="pagenum"><a name="Page_133" id="Page_133">[133]</a></span>So viel sie nachdachten, sie konnten es nicht ergr&uuml;nden.
+Da gab mir mein Hofnarr vor der Fahrt einen Zettel und
+riet mir, ihn erst hier, wenn ich vor der liebwerten Prinzessin
+stehe, zu &ouml;ffnen. So gestattet, da&szlig; ich Euch das Wort
+k&uuml;nde.&laquo; Er faltete das Bl&auml;ttchen auseinander und las mit
+stockender Stimme:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Albern &ndash; dalbern. Albern &ndash; dalbern.&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Der Kanzler sch&uuml;ttelte das Haupt: &raquo;Es tut mir leid, Prinz.
+Doch das ist nicht das Rechte.&laquo;</p>
+
+<p>Der K&ouml;nigssohn wurde bla&szlig;, drehte sich um und verlie&szlig;
+eiligen Schrittes den Platz.</p>
+
+<p>An seine Stelle trat ein hochgewachsener Mann, der K&ouml;nigssohn
+von S&uuml;dland. Er neigte leicht das Haupt vor der
+Prinzessin, warf keinen Blick auf die Menge und sagte kurz
+und mit harter Stimme:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Das Wort hei&szlig;t: Duck dich. Duck dich!&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>&raquo;Falsch, Herr Prinz!&laquo; rief der Kanzler, froh, den Hochm&uuml;tigen
+nicht zum K&ouml;nig kr&ouml;nen zu m&uuml;ssen. W&uuml;tend ri&szlig;
+der das Schwert aus der Scheide und wollte sich auf den
+Kanzler st&uuml;rzen, doch rasch hatten die Wachen sich seiner bem&auml;chtigt
+und f&uuml;hrten ihn ab.</p>
+
+<p>Jetzt trat der Dritte hinzu. Mit s&uuml;&szlig;em L&auml;cheln gr&uuml;&szlig;te er
+die Prinzessin, die entsetzt auf ihn blickte, denn sein faltiges,
+gelbes Gesicht trug einen listigen, unheimlichen Ausdruck.
+Er drehte sich zu dem Volke, breitete die Arme aus,
+als wolle er es segnen und reichte dann dem Kanzler die
+Hand. &raquo;Wohl dem Lande, das einen solchen W&auml;chter hat,&laquo;
+rief er. &raquo;Ihr seid der Mann, den ich mir zur Seite w&uuml;nsche.
+<span class="pagenum"><a name="Page_134" id="Page_134">[134]</a></span>Mit Euch gemeinsam wollte ich das Land regieren, da&szlig; es
+eine Lust ist. Das Wort, das Ihr sucht, ich habe es gefunden,
+und Ihr, Herr Kanzler, werdet mir best&auml;tigen, da&szlig; es
+das Rechte ist. Reicht mir zum Zeichen Eurer Freundschaft
+die Rechte und vernehmt die Worte! Sie hei&szlig;en:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Dein &ndash; Mein. Dein &ndash; Mein.&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Wiederum sch&uuml;ttelte der Kanzler den Kopf. Mit leisen
+Schritten glitt der Bewerber fort, ballte heimlich die Faust
+und warf einen giftigen Blick zu dem Throne hin&uuml;ber.
+Der Kanzler seufzte auf und sprach mit m&uuml;der Stimme:
+&raquo;Liebes Volk! Heute ist der letzte Tag der K&ouml;nigswahl.
+Schon neigt sich die Sonne dem Untergang zu, und kein
+K&ouml;nig hat sich gefunden. F&uuml;rder werden wir nicht mehr
+hei&szlig;en: das Volk derer, die nicht alle werden. Zu Ende
+geht es mit uns, und keiner ist da, der dem Ungl&uuml;ck steuert.
+Kommt, Prinzessin, da&szlig; ich Euch in das Schlo&szlig; geleite!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Halt! Halt!&laquo; klang eine helle Stimme &uuml;ber den Platz.
+Schlupps hatte sich durch die Menge gedr&auml;ngt und stand
+neben dem Thron: &raquo;La&szlig;t auch mich versuchen, ob ich das
+Wort finde.&laquo;</p>
+
+<p>Aller Augen richteten sich auf den Mann, der furchtlos, den
+Kopf zur&uuml;ckgeworfen, mit freundlichem Gesicht um sich
+schaute. Die Prinzessin, die mit starren Augen vor sich
+hingesehen hatte, heftete erstaunt den Blick auf ihn, l&auml;chelte
+zum ersten Male, und Schlupps sah, wie holdselig und
+sch&ouml;n sie war.</p>
+
+<p>&raquo;La&szlig;t mich Euch erz&auml;hlen von meinen Fahrten und Irrg&auml;ngen,
+damit Ihr wi&szlig;t, wer der Mann ist, der bei Euch
+<span class="pagenum"><a name="Page_135" id="Page_135">[135]</a></span>das K&ouml;nigsein begehrt,&laquo; rief er, zum Volke gewendet. Im
+Stillen aber hoffte er, da&szlig; der Zufall, der ihm immer ein
+guter Freund gewesen, ihm helfen w&uuml;rde, die Prinzessin
+zu gewinnen, die er beim Sehen gleich in sein Herz geschlossen
+hatte.</p>
+
+<p>Und Schlupps begann zu erz&auml;hlen. Alles Volk hing gespannt
+an seinen Lippen. Wie anders klang seine Rede,
+als das, was die Prinzen vorher gesprochen. Wie fremd
+und doch wie bekannt, wie hoch und doch wie verst&auml;ndlich.
+Sie h&auml;tten ihm immerw&auml;hrend lauschen m&ouml;gen. Was hatte
+er alles erlebt und gesehen! Wie kannte er die Menschen
+in H&uuml;tte und Schlo&szlig;; wie hatte er sie belauscht bei der Arbeit
+und bei Lustbarkeiten.</p>
+
+<p>Des Kanzlers Herz pochte. So hatte er sich den neuen K&ouml;nig
+ertr&auml;umt; aber noch kam das erl&ouml;sende Wort nicht, und der
+Sonnenball stand gl&uuml;hend rot im Westen. Noch einige
+Minuten &ndash; und der Tag war vor&uuml;ber &ndash; der K&ouml;nigsthron
+leer. Kaum h&ouml;rte er, was der Fremde sprach. Sein Blick
+flog angstvoll zum Himmel, wo das Gew&ouml;lk rosig zu ergl&uuml;hen
+begann. Seine H&auml;nde falteten sich und er fl&uuml;sterte
+leise eine Bitte um ein Wunder.</p>
+
+<p>Nur schwer vermochte er zu h&ouml;ren, wie Schlupps jetzt erz&auml;hlte
+von den Maurern, die er getroffen, und wie vieles
+hierzulande anders werden m&uuml;sse. Fast drohend richtete er
+sich auf und rief: &raquo;&Auml;ndern m&uuml;&szlig;t Ihr Euch! &Auml;ndern!&laquo;
+&raquo;Ich denke &ndash; &ndash; &ndash;&laquo; Da schrie der Kanzler laut auf: &raquo;Das
+Wort! das Wort!&laquo; Er st&uuml;rzte vor, ergriff Schlupps&#8217; Hand
+und bat: &raquo;O, sprecht es noch einmal, Herr!&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_136" id="Page_136">[136]</a></span>&raquo;Ich denke!&laquo; wiederholte Schlupps laut, und das Volk
+brach in Jubelrufe aus und sprach die seltsamen Laute nach,
+die es noch nie geh&ouml;rt hatte, wie tr&auml;umend, nicht wissend,
+was sie sagen sollten.</p>
+
+<p>Schlupps wandte sich zu der Prinzessin, die ohnm&auml;chtig hingesunken
+war. Er neigte sich hernieder und k&uuml;&szlig;te sie auf
+die Stirn.</p>
+
+<p>Da schlug die K&ouml;nigstochter die Augen auf, sah ihn mit
+klaren Blicken an und sagte mit lauter, fester Stimme:
+&raquo;Dich will ich!&laquo; Das Volk aber schrie und tobte und wu&szlig;te
+sich vor Freude nicht zu fassen. &raquo;Die Probe! die Probe!&laquo;
+dr&auml;ngten sie.</p>
+
+<p>&raquo;Nur noch eine Pr&uuml;fung steht Euch bevor, hoher Herr!&laquo;
+sagte der Kanzler. &raquo;Drau&szlig;en im Schlo&szlig;hof steht ein
+Lebensbaum. Versucht es, ob auf Euer Sch&uuml;tteln Menschen
+herabfallen!&laquo;</p>
+
+<p>Feierlich geleitete er Schlupps zu dem Baume. &raquo;Fa&szlig;t
+kr&auml;ftig seinen Stamm,&laquo; riet er dem Fremden zu. Der l&auml;chelte,
+griff mit der Rechten in das Gezweig, sch&uuml;ttelte die Krone
+und herab sprangen zwei Kinder: ein Knabe und ein M&auml;dchen.
+Doch, o Wunder! sie sahen nicht aus wie jene, die
+bisher heruntergefallen waren, sondern sie glichen auf ein
+Haar dem neuen K&ouml;nig und der Prinzessin, und als sie
+jetzt an der Hand des Kanzlers heraustraten, um dem Volke
+gezeigt zu werden, da staunte dieses, mit wie klugen Blicken
+die Kleinen um sich sahen, und wie zierlich und anmutvoll
+sie sich bewegten. Feierlich traten Pagen hervor;
+auf sammtnem Kissen trugen sie eine Krone herbei. Die
+<span class="pagenum"><a name="Page_137" id="Page_137">[137]</a></span>Prinzessin ergriff sie, um sie Schlupps auf das Haupt zu
+setzen. Doch z&ouml;gernd wich der zur&uuml;ck. Sein Blick fiel auf
+die Menge, deren Blicke erwartungsvoll an ihm hingen.
+Die Krone d&uuml;nkte ihm eine goldene Kette, die ihn an den
+Boden schlie&szlig;en wollte. Noch einmal tauchte in seiner Seele
+die Sehnsucht nach dem freien Umherziehen, dem Wandern
+von Ort zu Ort auf, und gern h&auml;tte er die neue W&uuml;rde
+dahingegeben, um als fahrender Geselle sich herumtaumeln
+zu d&uuml;rfen.</p>
+
+<p>Die Prinzessin nickte ihm l&auml;chelnd zu. Sie verstand, was
+in ihm vorging. &raquo;Ich halte dich fest,&laquo; sagte sie ruhig. &raquo;Ich
+will!&laquo; Da erfa&szlig;te Schlupps mit der Linken ihre Hand, mit
+der Rechten dr&uuml;ckte er den Reif auf sein Haupt und rief:</p>
+
+<p>&raquo;So ergreife ich Besitz von Eurem Throne. Und meine
+erste Tat sei, Euch umzunennen. Nicht mehr sollt Ihr
+hei&szlig;en &#8250;Die nicht alle werden,&#8249; sondern: &#8250;Die, so da
+kommen!&#8249;&laquo;</p>
+
+<p>So wurde er K&ouml;nig und regiert noch bis zum heutigen Tage.
+Wollt Ihr wissen, wo? Ei, das verr&auml;t keiner! &ndash;</p>
+
+
+<p class="ende">Ende</p>
+
+
+<div class="note">
+<p><strong>Anmerkungen zur Transkription:</strong> Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der bei Englert und Schlosser erschienenen Ausgabe erstellt.
+Grunds&auml;tzlich wurde die Originalschreibweise beibehalten. Einige
+offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Die Verwendung von
+Anf&uuml;hrungszeichen wurde zur Verbesserung der Lesbarkeit vereinheitlicht.
+Die Umlaute Ae, Oe und Ue wurden durch &Auml;, &Ouml;, &Uuml; ersetzt.</p>
+
+
+<p><strong>Transcriber&#8217;s Note:</strong> This ebook has been prepared from the Englert und
+Schlosser edition. Generally the original spelling has been maintained.
+Some obvious printer&#8217;s errors have been corrected. Quotation has been
+unified for increased readability. The Umlauts Ae, Oe and Ue have been
+replaced by &Auml;, &Ouml;, &Uuml;.</p>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Schlupps der Handwerksbursch, by C. Berg
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHLUPPS DER HANDWERKSBURSCH ***
+
+***** This file should be named 31213-h.htm or 31213-h.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
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+
+Produced by Norbert H. Langkau, Markus Brenner and the
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+
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+will be renamed.
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
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+redistribution.
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+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
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+works. See paragraph 1.E below.
+
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+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
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+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
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+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
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+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
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+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
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+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
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+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
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+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
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+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
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+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
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+approach us with offers to donate.
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+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
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+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
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+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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