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Langkau, Markus Brenner and the +Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + + + + + + Schlupps + der Handwerksbursch + + Mären und Schnurren + von + C. Berg. + + [Illustration] + + Verlag + von + Englert und Schlosser + + Frankfurt a. M. + + 15. bis 17. Tausend + + + + Die Abbildungen zu diesem Büchlein zeichnete Professor + O. R. _Bossert_ in Leipzig / Das Recht der Übersetzung + in fremde Sprachen und Mundarten bleibt ausdrücklich + vorbehalten / Der Verlag + + + + +Einleitung + + +Es war einmal ein Handwerksbursche, der hatte zur Gewohnheit, daß er bei +allem, was ihm geschah, sagte: »Das ist mir ›Schlupps!‹« Und weil man +das Wort immer von ihm hörte, behielt er es als Namen bei, und alle Welt +rief ihn »Schlupps,« so daß ihm selbst sein richtiger Name »Heinz« fast +in Vergessenheit kam. + +Er wanderte von Herberge zu Herberge, begrüßte in den Städten das Gewerk +und ließ sich einen Zehrpfennig geben. Wo ein Meister ihn an die Arbeit +stellen wollte und ihm kein Wandergeld gab, spielte er ihm einen +Schabernack; denn, sagte er, »meiner Mutter Sohn hat weiche Hände« und +»wer die Arbeit kennt, drängt sich nicht dazu.« Weil aber manchmal +Schmalhans in seinem Beutel haushielt, mußte Schlupps zur Arbeit greifen +und das Schreinerhandwerk, das er erlernt hatte, ausüben. + + + + +Schlupps beim Schreiner + + +Einst war er zu einem Meister gekommen, der arg geizig war und ihn hart +zum Schaffen anhielt, an Tadel nicht sparte, dafür am Brotkasten den +Deckel schloß, wenn das Sattwerden anfangen wollte. Schlupps stand in +der Werkstatt und hobelte. Die Sonne schien warm, die Vögel sangen, und +der Geselle meinte, sie riefen ihn hinaus auf die Landstraße, wo an den +Bäumen die Kirschen reiften. Sagte der Meister: »Gesell, die Bank muß +fertig werden.« »Recht so,« antwortete Schlupps, der wieder den Kopf +voller Streiche hatte. »Sagt mir, wieviel Beine eine Bank hat.« »Sollte +man nicht meinen, er wäre bei einem Schuster in der Lehre gewesen und +hätte nur einen Dreibein kennen gelernt!« rief der Meister erbost. »Auch +gut,« dachte Schlupps, »also ein Dreibein soll es werden.« »Eil dich,« +sagte der Meister, »wenn ich wiederkomme, mußt du fertig sein,« damit +ging er fort auf das Grafenschloß. + +Schlupps aber, der die Augen überall hatte, wo es was zu erspähen gab, +bemerkte wohl, daß der Meister unter der Schürze etwas forttrug, das er +heimlich gearbeitet, damit es sein Geselle nicht sähe, und scharfen +Blicks erkannte er, daß es ein hölzerner Fuß war, den der Meister mit +Katzengold eingerieben, bis er glänzte. »Dahinter steckt etwas,« dachte +er, begann in des Herrn Abwesenheit alles zu untersuchen, Schubladen, +Kasten und Truhen und entdeckte in einer Lade, die unter des Meisters +Bett stand, einen Fuß aus purem Golde, der gerade so aussah, wie der, +den der Schreiner gemacht. Mit dem Goldfuß hatte es aber eine eigne +Bewandtnis. Der Meister war auf dem Schloß gewesen, um in der Kammer des +Grafen etwas in Ordnung zu bringen. Er mußte oft wiederkommen und hatte +Muße, wenn der Herr Graf das Zimmer verließ, alles darin genau zu +betrachten. Besonders gefiel ihm das Bett, das an einer Wand stand. Es +war gar kunstvoll aus purem Golde gefertigt. Eine Fee hatte es dem +Ahnherrn geschenkt und einen Zauber darauf gelegt, also: »daß jeder, der +in dem Bette liege, so lange es unversehrt sei, nie solle von Krankheit +befallen werden, sondern in hohem Alter sanft und selig entschlafen.« +Darum war dem Grafen das Bett besonders lieb, und er hütete es wohl. Dem +Meister aber stach das Gold in die Augen. Er besah das Bett genau und +beschloß, die Beine auszutauschen. So hatte er schon ein Holzbein +heimlich hergerichtet, daß es gerade so aussah wie das echte, und als er +einmal allein in der Kammer arbeitete, um das Betpult des Grafen +aufzuglänzen, tauschte er rasch die Beine aus. Und da niemand etwas +davon merkte, und er hoffte, der Graf sei auf der Jagd, beschloß er, +wieder zur Burg hinaufzugehen und heute nach Gelegenheit zu suchen, auch +das zweite Bein, das er gemacht hatte, einzuwechseln. Der Graf aber war +seit einiger Zeit unpäßlich, klagte über Schmerzen und konnte sich nicht +erklären, woher das käme. + +Als Schlupps das Goldbein in der Lade sah, dachte er: »Du kommst mir +gerade recht. Mein Dreibein kann einen solchen Hinkefuß wohl brauchen,« +nahm das Bein und leimte es an die Bank. Gegen Abend kam der Meister +heim, ärgerlich, daß sein Plan mißglückt war; denn der Herr Graf hatte +zu Bett gelegen, und so konnte er nicht in die Kammer. »Faß mit an die +Lade,« gebot er dem Gesellen und trug sie mit ihm in den Keller; denn er +hatte Angst, es könne ihm jemand seinen Schatz rauben, den er heimlich +einem Goldschmied verkaufen wollte. Den Kellerschlüssel versteckte er im +Rauchfang. »Ist die Bank fertig?« fragte er dann den Burschen. »Fertig +und zum Küster getragen.« Deß war der Meister zufrieden; denn die Bank +sollte am Sonntag vor der Kirchtür stehen als Armsünder-Bänkchen. War +das alte doch schon abgenutzt von den vielen, die darauf gesessen +hatten. + +Wie Sonntags alle in der Kirche waren und der Pfarrer das Gebet +gesprochen hatte, klopfte es vernehmlich an die Kirchenpforte, und als +der Küster öffnete, kam die Bank herein, humpelte die Kirche entlang, +»klipp, klapp, tripp, trapp,« am Altar des Herrn vorbei, immer weiter, +bis sie an einem Kirchenstuhl stehen blieb, grad wo der Meister saß, der +mit Schrecken den goldenen Fuß erkannte. »Ich weiß von nichts,« rief er +und wurde blaß wie das böse Gewissen. »Es hat Ihn ja noch keiner +angeklagt,« sprach der Pfarrer ernst. »Ich weiß von nichts,« versicherte +der Meister wieder und zitterte und ward schlohweiß. »Das hat mein +Geselle getan. Holt ihn her und laßt ihn die peinliche Strafe erleiden!« +Aber der Geselle war fort über Land. Aus des Meisters Gefach hatte er so +viel Geld genommen, als der Lohn für seine Arbeit betrug; alles andere +hatte er unberührt gelassen. Der Meister mochte leugnen, soviel er +wollte, es half ihm nichts – der Graf sagte ihm den Diebstahl auf den +Kopf zu, schließlich gestand er seine Tat ein und mußte auf dem +Armsünder-Bänkchen sitzen zum Gespött aller Leute. Der Graf aber ließ +den echten Fuß wieder am Bett anmachen und war von der Stunde ab gesund. + + + + +Die Vogelscheuche + + +Wo war Schlupps indeß? Der saß auf einem Kirschbaum an der Straße und +tat sich gütlich. »Gut, daß ich den Spatzen zuvorkomme,« dachte er. +»Braucht der Bauer keine Scheuche aufzustellen, die ihm die Räuber +verjagt.« Da sah er von ferne einen Landmann kommen, der hatte die +blinkende Sense auf dem Rücken und schritt rüstig aus; denn er war ein +gar großer Mann. »Halt,« dachte Schlupps. »Wer weiß, ob der versteht, +was ich hier tue. Wenn er mit der Sense ausholt, sitzt mein Kopf etwas +tiefer und kommt nimmer an seinen Platz.« Schnell zog er seinen Rock +aus, drehte ihn um und tat ihn verkehrt an, den Hut stülpte er so tief +auf den Kopf, daß man kaum das Gesicht sah, und dann stand er +unbeweglich in den Zweigen. + +Der Bauer dachte: »Was ist denn das für ein Ungetüm, vor dem fürchten +sich die Spatzen sicher. Wenn ich nur wüßte, wie ich zu einer solchen +Vogelscheuche käme.« »Wer hat dich dort oben hingestellt?« rief er +hinauf. + + »Mein Vater hat mich aus Holz gemacht. + Mein’ Mutter hat mich hierhergebracht. + Mein’ Schwester weint um mich sicherlich. + Rüttle mich fest, so lebe ich,« – + +klang es hohl zurück. + +Da erschrak der Bauer und meinte nicht anders, als es sei eine +verwünschte Seele, die er erlösen könne, stieg auf den Baum und begann +den Burschen zu rütteln und zu schütteln. Der sprang herab und rief: +»Das lohn’ dir Gott, das lohn’ dir Gott,« dann gab er Fersengeld und +lief davon, dem Dorfe zu. Erstaunt ging der Bauer heim und gradaus zum +Pfarrer, dem er die Mär von der erlösten Seele beichtete. Der Pfarrer +war sehr erfreut, in seiner Gemeinde ein Schäflein zu haben, das irrende +Seelen erlösen könne. Er belobte den Bauer um seine Guttat und wies ihn +an, den Burschen herbeizubringen. Wie der Bauer das Pfarrhaus verließ +und an dem Gottesacker vorbeischritt, da sah er an der Kirchhofmauer +eine Gestalt stehen, die kam ihm bekannt vor, und wie er hinsah, war es +die Scheuche vom Kirschbaum, angetan wie ein richtiger Handwerksbursch. +Das gab eine große Freude im Dorf, als der Geselle unter der großen +Linde saß und anhub zu erzählen, wie eine böse Stiefmutter ihn +verwünscht habe – dabei hatte er seine Lebtage keine Stiefmutter gehabt +– wie der Bauer ihn erlöst habe, und daß er jetzt die Kunst besäße, die +Vögel zu scheuchen und von der Saat fern zu halten. + +Da wollten ihn die Bauern nimmer fortlassen, und es wurde beschlossen, +daß sie reihum den Burschen verpflegen wollten, dafür sollte er +abwechselnd ihre Felder und Gärten bewachen. Deß war der +Handwerksbursche zufrieden, stand jeden Tag in einem andern Feld und +lehrte die Kinder, die sich in Haufen um ihn versammelten, tolle Sachen, +Gesichter schneiden, Schelmenlieder singen und kecke Antworten geben. +Weil nun immer eine große Kinderschar um den Gesellen war und viel Lärm +machte, blieben die Felder spatzenrein. Dafür aß der Bursche für zwei +und mancher dachte: »Besser die Spatzen säßen im Feld, als der Fresser +am Tisch.« Wagten aber nichts zu sagen, weil keiner vor den Nachbarn als +geizig und ungünstig erscheinen wollte. + +Als aber der Bursche an das letzte Haus des Dorfes kam, in dem eine +arme Witwe wohnte, sagte diese: »Einen Garten zu bewachen habe ich +nicht, und die Spatzen können mir nichts nehmen, dieweil kein Halm für +mich wächst. Aber zu essen will ich Euch wohl geben, weil Ihr eine +irrende Seele seid. Mein Kind und ich können heute das Mittagsmahl +entbehren.« Damit setzte sie die Schüssel auf den Tisch und sagte: +»Gesegn’s Gott!« Dann nahm sie ihr Bübchen an die Hand und führte es +hinaus, daß es nicht zusähe, wie der fremde Mann sein Essen bekäme, und +draußen vertröstete sie das weinende Kind auf das Nachtmahl. + +Dem Handwerksburschen stieg das Blut zu Kopfe, wie er bedachte, daß die +arme Frau und das Kind hungerten. Er saß eine Weile vor der vollen +Schüssel, dann stand er auf, rief die Frau und sagte: »Gegessen hab’ +ich. Wundert Euch nicht, daß die Schüssel nicht leer und noch voll +Milchsuppe ist. Sagt es keinem, daß ich einen Zauberspruch weiß, der die +Schüssel, daraus ich esse, immer wieder füllt.« Damit ging er fort, und +als die Frau hineinkam, lag neben der Schüssel ein blankes Goldstück. + + + + +Der Weinpanscher + + +Den Burschen duldete es nicht mehr am Orte; denn wenn er den Zaubersegen +in jedem Haus vor der vollen Schüssel hätte aussprechen sollen, so wäre +es um seinen Magen schlecht bestellt gewesen. Darum machte er, daß er +fortkam und wanderte über einen hohen Berg, bis er talwärts ein einsames +Wirtshaus fand. Der Wirt stand in der Türe und spähte nach allen +Seiten, ob kein Wanderer des Weges kommen wollte; denn es war schon hoch +im Jahre, und selten verirrte sich einer in die verlassene Gegend. Er +sah Schlupps mißtrauisch an und gab ihm zu verstehen, daß sein Haus auf +Gäste, die schlecht zahlten, nicht eingerichtet sei; fragte, wie lange +der Gast zu bleiben gedenke und wohin und woher. »Grad aus dem +Fegfeuer,« seufzte der Bursche, machte ein gottsjämmerliches Gesicht, +saß nieder, stützte das Haupt in die Hände und seufzte laut auf. + +Dem Wirte wurde bang. Wenn das nur nicht der Gottseibeiuns selber war, +der ihn versuchen wollte. Der nahm so viele Gestalten an, warum sollte +er nicht auch als Handwerksbursche kommen? + +»Erzählt mir, was Euch herführt?« bat er den Gast. Dabei trug er eine +Schüssel nach der andern auf und nötigte den Fremden zum Essen, und der, +nicht faul, hieb auf die Gerichte ein, daß es eine Lust war. Das +beruhigte den Wirt einigermaßen, daß der Böse so menschlich aß und +trank. Dann gab der Bursche auf die Fragen Bescheid und erzählte von den +armen Seelen im Fegfeuer. »Warum habt Ihr müssen darinnen sitzen und +warum irrt Ihr jetzt auf der Erde herum?« fragte der Hausherr. + +»Das ist eine traurige Sache,« seufzte Schlupps und zündete ein +Pfeifchen an. »Ich war ein Gastwirt, wie Ihr. Mein Haus stand in einem +schönen Tal, wo Wein in Fülle wuchs. Da ich aber unersättlich war und +nicht schnell genug reich werden konnte, tat ich Wasser in den Wein und +wußte doch, daß ich meine Seele damit dem Bösen verschrieb. Jahrelang +hielt ich es so. Eines Tages klopfte ein Handwerksbursche an meine Tür +und bat um ein Nachtlager. Weil ich dem Gast ansah, daß seine Zeche +nicht sehr hoch sein werde, nahm ich ihn unwillig auf, setzte ihm Reste +von saurem Wein vor, der vom Faß niedergetropft war und in einem Bottich +gärte und wies ihn fort, als er Nachtherberge verlangte. Dann ging ich +in den Keller, meinen Wein mit Zucker und Wasser zu mischen, wie ich es +gewohnt war. + +[Illustration: Der Höllwirt] + +Als ich mich umwende, wer steht hinter mir? – – – Der +Handwerksbursche! Er packte mich und schrie: »Hab ich dich bei deinem +schändlichen Treiben erwischt? Jetzt bist du mir verfallen.« Er wuchs +und wuchs, bis er an die Decke des Kellers stieß, seine Augen glühten +und sprühten Flammen. Dann stampfte er mit dem Fuße auf die Erde und wir +sanken tausend Klafter tief, grad in die Hölle. Da war große Freude, als +ich ankam; denn die Weinpanscher sind dort besonders gut angeschrieben, +und des Teufels Großmutter nahm mich gleich bei der Hand und führte mich +an eine glühend heiße Stelle. Jetzt mußte ich im Fegfeuer sitzen und sah +über mir Wein keltern, den besten Roten und Weißen. Der Duft zog mir in +die Nase, und ich bekam keinen Tropfen zu kosten. Alle hundert Jahre +darf ich auf die Erde gehen, in Gestalt eines Handwerksburschen. Finde +ich einen Wirt, der die armen Wandrer von der Schwelle jagt oder ihnen +ein bös Gesicht und sauren Wein vorsetzt und die lieben Gottesgaben mit +Wasser mischt, dann bin ich frei und darf ihn statt meiner in die Hölle +führen. Lasse ich mich aber durch Bitten erweichen und gebe den Wirt +frei, dann muß er mich ein Jahr gut verpflegen, und ich muß an seiner +Stelle hundert Jahre mehr im Fegfeuer sitzen.« + +Der Wirt erschrak und dachte an den Brunnen, den er im Keller gegraben +hatte, weil er das Wasser dann bequemer in die Fässer schütten konnte. +Er wies dem unheimlichen Gast sein bestes Zimmer an, wartete, bis er +schlief, stieg dann in den Keller hinab und leerte vorerst zwei von den +großen Fässern, in denen gewässerter Wein war, in den Brunnen aus. Über +den deckte er ein großes Brett, damit keiner sähe, was darinnen war. + +Am andern Morgen bat der Bursche: »Zeigt mir doch Euren Weinkeller.« Der +Wirt traute sich nicht zu widersprechen, führte den Handwerksburschen +hinab und ließ ihn von jedem Fasse kosten. Aber nur von den guten, in +denen reiner Wein war. Schlupps aber entdeckte hinten in der Ecke zwei +Fässer, die ihm verdächtig vorkamen, ging hin und wollte sie anzapfen. + +»Kommt herauf und eßt erst was,« bat der Wirt, »mit leerem Magen trinkt +sich’s schlecht. Hab Euch ein Hühnchen gebraten und einen fetten +Schinken aus der Räucherkammer geholt.« Das ließ sich der Gast nicht +zweimal sagen, ging hinauf, aß und hieb mit solcher Macht in den +Schinken ein, daß sein Messer Funken sprühte und der Wirt meinte, das +höllische Feuer leuchten zu sehen. + +Als die Mahlzeit fertig war, sagte Schlupps: »Meister, so leid es mir +tut, die Kellerprobe ist noch nicht fertig. Doch braucht Ihr Euch nicht +in den Keller zu bemühen. Des Teufels Großmutter hat mich ein Sprüchlein +gelehrt, wenn ich das sage, dann kommen die Fässer, in denen +gepanschter Wein ist, gradwegs die Kellertreppe hinauf in die +Wirtsstube. Ich brauche bloß meinen Becher hoch zu heben und zu +sprechen:« – – – »Haltet ein! Haltet ein!« schrie der Wirt und riß +den Becher aus der Hand des Handwerksburschen. »Laßt im Keller, was +drinnen ist. Ich will Euch ein Jahr verpflegen und Ihr sollt es gut +haben. Was kann Euch an hundert Jahren mehr im Fegfeuer liegen?« + +»Wirt, Ihr sprecht, wie Ihr es versteht. Wüßtet Ihr, welche Pein ich +dort erduldet! Ihr holtet selber die Fässer herauf, um mich zu erlösen. +Schrecklich ist es dort unten und –« »Hört auf, hört auf!« rief der +Wirt wieder. »Laßt Euch erweichen. Bleibt bei mir. Ihr sollt es nicht +bereuen, und ich will auch für Eure arme Seele beten.« Der Bursche sann +nach. »Ihr tut mir leid,« sagte er endlich. »Euch zu lieb will ich es +auf mich nehmen. Aber,« setzte er drohend hinzu, »hütet Euch, den Pakt +zu brechen; denn dann seid Ihr mir unrettbar verfallen und müßt in die +Hölle.« + +Der Wirt versprach, was der Bursche wollte, stieg in den Keller hinab, +holte ein Maß vom Besten, und bei Rotem wurde der Pakt besiegelt. Dann +ging der Hausherr wieder hinunter und strich zärtlich über die beiden +Fässer, die er noch zurückbehalten hatte. Den Wein wollte er den +Fuhrleuten vorsetzen, die im Sommer kamen und Ausspann bei ihm hielten. + +Den Winter hindurch saß Schlupps in der Wirtsstube, erzählte Schnurren, +schmauchte sein Pfeifchen und aß und trank. Wie es aber Frühling wurde, +sehnte er sich hinaus und sagte zu seinem Wirte: »Seid bedankt für die +Pflege, die Ihr mir habt angedeihen lassen. Ich will es Euch eingedenk +sein und die hundert Jahre Fegfeuer gern für Euch ertragen. Mein Jahr +ist noch nicht um; aber ich muß weiter ziehen. Doch zuvor gebt mir die +zwei Fässer, die in der Ecke im Keller liegen, sonst hilft dort unten +mein Bitten nichts. Ich will sie Euch abnehmen. Gebt mir Wagen und +Pferde, so lade ich sie auf, und Ihr seid sie los.« + +Der Wirt war froh, den höllischen Gast auf gute Art aus dem Hause zu +bekommen, gab ihm das Verlangte, tat noch ein Fäßchen schweren Roten +dazu, steckte dem Burschen ein Beutelchen mit Geld bei und bat ihn um +Gotteswillen, bei des Teufels Großmutter ein gut Wort einzulegen. + +Der Bursche versprach es und sagte zum Abschied: »Wenn Euch einer fragt, +wer Euch gelehrt hat, mit Wein und Gästen gut umzugehen, sagt immer +›Schlupps.‹« Damit zog er ab, und dem Wirt fiel ein Stein vom Herzen. + + * * * * * + +Nicht lange darauf hörte man eines Tages Hörner blasen, und als der Wirt +in die Haustüre trat, kam eine Reiterschar dahergesprengt, und der +Vornehmste von ihnen war der König. Die Ritter saßen ab und traten in +die Gaststube. »Holt Essen herbei,« befahl der König, »wir sind müde und +hungrig von der Jagd.« Da liefen der Wirt und sein Gesinde und brachten +heran, was Gutes in Kammer und Küche war. »Habt Ihr Wein?« fragte der +Kämmerer, der immer an des Königs Seite saß. »Ei freilich,« rief der +Wirt und wollte schnell hinabspringen und zapfen; aber der König sah ihn +scharf an und sprach: »Weißt du, daß ich ein Gebot erlassen habe: man +solle jeden, der Wein fälscht, zum Galgen führen? Wehe, wenn ich dich +auf böser Tat ertappe!« Der Wirt beteuerte, daß sein Wein echt und rein +sei. Da stieg der König selbst mit in den Keller, um den Wein zu prüfen, +und aus jedem Faß, das er versuchte, kam die liebe Gottesgabe rein und +unverfälscht heraus und sein Gesicht strahlte immer mehr vor Freude, als +er von Faß zu Faß ging. »Wer hat dich gelehrt, den Wein so gut zu +behandeln?« »Schlupps,« antwortete der Wirt. + +Da sahen sich die Diener des Königs erstaunt an, solch ein Wort hatten +sie noch nie vernommen. Der Kämmerer aber legte den Finger an die Nase, +dachte eine Weile nach und meinte dann bedeutungsvoll: »Das ist eine +Sprache, die ich nicht kenne. Wer weiß, was der Wirt für ein gelehrter +Mann ist.« – Dann flüsterte er lange heimlich mit dem König. Der nickte +mit dem Kopfe und sagte zu dem Wirt, der abseits stand und nicht wußte, +was das alles zu bedeuten habe: »Wisset, mein Kellermeister ist +gestorben. Im ganzen Lande suchen wir einen neuen; aber es muß ein Mann +sein, der nie Wein gefälscht, noch gewässerten Wein verkauft hat. Du +scheinst mir der Rechte. Sage mir, wer hat dich in der Kunst +unterwiesen?« + +»Schlupps,« sagte der Wirt wieder. Der König legte seine Stirn in tiefe +Falten und sah sich ernst im Kreise um. Denn weil ein König gescheidter +sein muß, wie alle Leute und alles besser wissen soll, wollte er nicht +merken lassen, daß er das Wort nicht kenne und so sagte er: »Das dachte +ich mir gleich. Willst du mein Kellermeister sein, so sollst du in +meinem Schlosse wohnen, in einer goldenen Kutsche fahren und so viel +Geld haben, als du immer willst; dafür darf kein anderer als du meinen +Wein besorgen.« + +Des war der Wirt froh. Entließ sein Gesind, schloß sein Haus zu, bestieg +ein Pferd und zog mit dem König fort. + + + + +Von einer Heirat + + +Schlupps fuhr indes in die Welt hinein, machte sich gute Tage und sparte +nicht an Geld; denn er meinte, der Beutel lange ewig. Eines Tages aber +sah er, daß nur noch wenige Goldstücke darinnen waren und er sehen +mußte, sich Geld zu verschaffen. Er war indeß schon ein gut Stück in der +Welt herumgekommen, denn mit Wagen und Pferden ging es schneller als auf +Schusters Rappen. Einkehr hielt er des Nachts selten in Wirtshäusern, +meistens bat er die Bauern, bei ihnen sein Gespann einstellen zu dürfen, +dieweil er ein armer Fuhrmann war, der daheim Weib und Kind hatte. Er +wolle gern den Hafer für sein Pferd und die Abendsuppe für sich +bezahlen. Da aber die Leute, besonders die Frauen, mit ihm Mitleid +hatten, wenn er gar zu beweglich von seinen sechs hungrigen Kindern +daheim erzählte, gaben sie ihm um Gotteswillen, was er sich ausbat, und +was er des Nachts sparte, ließ er des Mittags im Wirtshaus draufgehen. + +So kam er einmal abends in ein Dorf und hielt gleich bei dem ersten +Bauernhof um Nachtherberge an. Der Bauer aber war der Dorfschulze und +gar hochmütig. »Hab kein Wirtshaus für herumziehendes Volk,« brummte er. +»Brauche meine Ställe alleine,« und jagte den Fuhrmann fort. Der traute +sich nicht so bald wieder zu fragen, zog langsam weiter und horchte, wie +die Hunde hier gar so bös bellten. »Scheinen ungute Leute im Dorf,« +dachte er, »tät ihnen not, daß ich sie mit meinen Launen und Schwänken +hobelte, damit sie an mich denken.« + +Da sah er abseits ein Gehöft, von dessen niederm Dach die Schindeln +morsch herunterhingen. Er fuhr hin, stieg ab und spähte durch das Tor. +Auf dem Brunnenrande saß ein Mädchen, den Kopf hatte es in die Schürze +gesteckt und man hörte, daß es bitterlich weinte. »Jungfer, was fehlt +Euch?« fragte Schlupps. Sie fuhr hoch und sah erschreckt zu dem Manne +auf; als sie aber in ein gutmütiges Gesicht blickte, faßte sie sich ein +Herz und fragte ihn, was er wolle. Er erzählte ihr, daß er Nachtlager +suche, denn die Wirtshäuser wären zu teuer. + +»Kommt nur herein,« sagte sie. »Ich fürchte Euch nicht. Stehlen könnt +Ihr mir nichts. Meine letzte Ziege ist gestern gefallen und mir werdet +Ihr wohl kein Leid antun. Und wenn auch, das Sterben ist mir nicht +unlieb; denn das Leben ist mir verleidet.« »Redet nicht so +gotteslästerlich,« sprach er ernst. »Erzählt mir Euren Kummer, +vielleicht kann ich Euch helfen.« + +»Wißt,« hub sie an zu erzählen. »Der Hans und ich lieben uns schon +lange. Der Hans ist der Schulzensohn und wollte mich zu seinem Weibe +machen, aber sein Vater ist gar reich und hochmütig und hat den Hans mit +der reichen Bäckertochter versprochen. Die ist häßlich und böse; ein +freundliches Wort gönnt sie keinem Menschen. Wäre sie gut, wollte ich +ihr den Hans gern lassen und für immer fortgehen, daß mich der Hans +nicht mehr sieht und meiner vergißt. Aber, da ich weiß, was für eine +Garstige sie ist, drückt mir der Kummer das Herz ab. Wie der Hans seinem +Vater trotzte und sagte, er wolle nur mich haben, lachte der Schultheiß +spöttisch und meinte: »Die Eve, die so arm ist, daß sie nicht einmal +ihre Hochzeit ausrüsten kann und die Gäste Essigwasser anstatt Wein zu +trinken bekämen! Wenn aus der Eve ihrem Brunnen roter Wein kommt, darfst +du sie heiraten!« Das ist natürlich eitel Gerede gewesen; denn er weiß, +daß so was nie möglich ist, und jetzt ist der Hans mit der Bäckin +aufgeboten und Sonntag ist Hochzeit.« + +»Tröstet Euch,« sagte Schlupps. »Es gibt Burschen, die gewiß noch +schöner sind als der Hans. Ihr werdet einen anderen finden.« +»Nimmermehr,« rief Eve. »Lieber in den Brunnen!« »Wartet ab und verliert +die Hoffnung nicht; vielleicht weiß ich Rat. Legt Euch zu Bett, +verschließt Eure Kammertür und vertraut auf Gott. Ich will im Stall bei +meinen Pferden schlafen und ihnen den Hafersack umhängen.« + +Als das Mädchen in seine Kammer gegangen war und es still im Hofe ward, +ging der Bursche in die Gerätekammer, holte eine Schaufel und fing an, +ein großes Loch im Hof zu graben und daneben noch eins. In die beiden +Löcher aber tat er die Fässer mit saurem Wein, deckte Erde darüber und +Steine, und das Faß mit rotem Wein versenkte er in den Ziehbrunnen. Dann +legte er sich zu seinen Pferden auf die Streu und schlief ein. + +Am andern Tage sagte er zu dem Mädchen: »Ich muß noch einmal fortgehen. +Laßt meinen Wagen und die Pferde einige Tage bei Euch stehen. Es soll +Euch nicht reuen.« »Gern,« gab sie zur Antwort. »Da ist noch etwas Heu +und Hafer. Ich hab es nicht not, nehmt Ihr es. Ich will Eure Pferde wohl +versorgen, wenn Ihr fort müßt.« Da verabschiedete sich Schlupps, ging in +das Dorf und geradezu in den Bäckerladen, wo die Bäckertochter fein +aufgeputzt da saß. »Was wollt Ihr?« fragte sie barsch. »Ein Brot,« sagte +der Handwerksbursche demütig. »So nehmt, zahlt und macht, daß Ihr fort +kommt. Braucht mich nicht so anzusehen.« – – – – – »Verzeiht +Jungfer,« stotterte Schlupps und tat arg verlegen. »Hätte ich doch mein +Lebtag nicht gedacht, daß ich des Kaisers von Welschland Frau hier +leibhaftig vor mir sehen würde.« »Wen?« fragte die Bäckerstochter, und +der Hochmut fing an, sich in ihr zu regen. + +»Des Kaisers von Welschland Gemahlin, leibhaftig. Muß ich sie doch +kennen, bin oft genug im Schloß gewesen und hab ihr gar prachtvolle +Kleider gemacht. Denn wißt, ich bin ein tüchtiger Schneidermeister und +hätte es können in Welschland weit bringen. Doch, wie es geht. Wollte +wieder ins Vaterland. Hab aber oft zurückgedacht an die schöne Königin. +Wenn Ihr Kleider hättet wie die – weiß Gott! Keiner tät wissen, daß Ihr +nicht eine Prinzessin seid und daß Eure Wiege hinter den Mehlsäcken +gestanden hat. Könnt Ihr mir nicht künden, wie Ihr heißt? – –« »Grit,« +sagte sie und versuchte, recht holdselig zu lächeln, es wollte ihr aber +nicht gelingen; denn die oberen Zähne hingen ihr über die unteren herab +und so machte sie mehr ein Grinsen, denn ein Lächeln. »Grit,« +wiederholte sie. + +»Kann so was sein?« rief Schlupps. »Gibt es Wunder? Genau so hieß die +Königin. Wer weiß, vielleicht hat mich der Zufall nicht umsonst +hergeführt und der Prinz Xaver, der immer eine Frau sucht, die wie seine +Mutter aussieht, seufzt nicht vergebens. Gewiß ist Euer Herz noch frei, +Jungfer?« + +»Das ist es eben,« sagte sie wehleidig. »Am Sonntag soll ich ehelichen, +den Hans vom Schultheiß. Er hat mir soweit ganz gut gefallen, besonders +weil ich ihn der Ev’, dem dummen Ding, nicht gönnte.« – – + +»Was?« rief der Handwerksbursche erstaunt. »Ist so was möglich? Einem +Bauern wollen sie Euch zum Weibe geben und seid doch nur für einen +Prinzen geschaffen? Ei, hätte nicht gedacht, daß Ihr so herunterstieget. +Aber um Eines bitte ich Euch. Laßt mich das Brautkleid machen, genau wie +es die Königin trug, damit die Leute sehen, wen sie vor sich haben.« + +Deß freute sich Grit, denn es verdroß sie schon lange, daß sie zur +Hochzeit daher kommen sollte wie jede Bauernmagd. Jetzt sollte der Hans +sehen, was eine reiche Braut vermochte, und die Eve sollte vor Neid +bersten. + +»Erzählt mir, wie das Gewand war,« bat sie. »Aus den besten Stoffen,« +erzählte das falsche Schneiderlein, »ein Unterkleid von gelbem Tuch, +dazu ein Obergewand von rotem Sammet, die Ärmel gepufft aus heller Seide +und alles fein mit bunten Bändern ausstaffiert. Auf dem Kopfe eine vier +Ellen hohe Mütze aus Seide und Pelz und daran einen Schleier, so lang +als Ihr seid und noch darüber, und die Schuhe – – die Schuhe, die +waren mit dicken grünen Perlen besetzt. Eine goldene Kette lag um den +Hals, die ging bis auf den Gürtel, und der war aus purem Golde mit +bunten Steinen verziert. So müßt Ihr es auch haben. Wartet nur Ihr +Bauern,« und er drohte mit der Faust hinaus in die Luft, »ich will Euch +zeigen, wie man eine Prinzessin zu behandeln hat.« + +»Aber werdet Ihr das Alles so schnell nähen können?« fragte Grit +zweifelnd. »In vier Tagen ist Hochzeit.« + +»Nichts leichter als das,« lachte Schlupps. »Hab in Welschland doch +anderes leisten müssen. Gebt mir Wagen und Pferd, so fahr’ ich in die +Stadt und kaufe alles ein. Wundert Euch nicht, wenn ich erst morgen +Abend wiederkomme; denn es wird schwer halten, alles im Städtchen zu +finden. Damit Ihr aber sicher seid, daß ich wiederkehre, lasse ich mein +Felleisen da. In dem ist mein Fingerhut, und wenn ich den nicht habe, +kann ich nichts machen. Hütet Euch jedoch, das Felleisen zu öffnen. Es +ist mit einem Zauberspruch geschlossen, und wer es öffnet, wagt sein +Leben.« Grit, deren Hoffart immer mehr stieg, gab ihm heimlich ihres +Vaters Wagen und Pferd und einen großen Sack Geld; den wollte sie +eigentlich dem Hans als Brautgabe mitbringen. »Braucht davon, so viel +Ihr für gut findet,« sagte sie. Denn wenn sie auch keinem etwas gönnte, +so war ihr für sich selbst nichts zu viel, und sie scheute nicht Geld +und Gut, wenn es ihre Schönheit galt. Meinte sie doch, daß ihr kein +Mädchen im Dorf gleich käme, und wußte nicht, wie die hakige Nase +garstig aus den knochigen Wangen herausstach, und der Hans fürchtete +sich so vor dem spitzen Gesicht, daß er seiner Braut noch nie einen Kuß +gegeben hatte und stets wehmütig an Eves rundes, frisches Gesicht mit +den braunen Augen dachte. + +So fuhr Schlupps davon. Hans aber kam auf seines Vaters Weisung, seine +Braut zu besuchen und allerlei mit ihr wegen des Hausrats zu besprechen. +Der Schultheiß kam selbst auch hinzu, um die künftige Tochter wegen der +Hochzeit zu befragen. Er wunderte sich nicht wenig, wie Grit hoffärtig +und spitz immer davon sprach, daß es eine Gnade für Hans sei, wenn sie +ihn nähme, und daß sie für Höheres geboren wäre. »Na, hoch genug liegt +unser Hof ja,« sagte der Schulze scherzhaft, er verstand noch immer +nicht, wo sie hinaus wollte. »Laßt die Späße, Schultheiß,« gab sie +giftig zurück. »Wenn ich erst Bäuerin auf dem Hof bin, werden wir sehen, +wie hoch Ihr seid. Da habt Ihr nichts mehr dort drein zu reden. Am +besten wär’s, Ihr gäbet Hans gleich Haus und Hof und zöget aus. Für drei +Leute ist der Hof zu eng.« – – + +Da sah Hansens Vater, was für eine Böse die neue Schwiegertochter war, +schlug die Türe zu und ging heim. »Noch ist nicht aller Tage Abend,« +brummte er. Und der Zufall wollte, daß ihm die Ev begegnete, wie sie so +bescheiden und sittig durch das Dorf schritt. »Hätte ich der doch den +Hans gegönnt,« dachte er, »das wäre eine bessere Hausfrau geworden, als +die übermütige, häßliche Bäckerstochter,« und weil er im Grunde nicht +geldgierig, nur stolz und rechthaberisch war, tat ihm jetzt die Eve +leid. Sie hatte mit so traurigen Augen auf ihn geblickt. – + +Schlupps fuhr indeß in die Stadt, kaufte allerlei Stoffe, alles vom +Gröbsten und Schlechtesten, ging zu einem Schneidermeister und sprach: +»Meister, mach Er mir bis morgen ein Gewand. So und so muß es sein« und +beschrieb, wie er es haben wollte. »Das kann nicht sein,« widersprach +der Meister, »das wäre eine gar traurige Arbeit, und man würde mich +darob mit Schimpf und Schande aus der Zunft jagen. Gebt mir acht Tage +Zeit und es soll genäht und gebügelt sein, wie es sich gehört.« »Bis +morgen muß ich es haben,« beharrte Schlupps. »Tut Ihr es nicht, tut es +ein anderer; auf Geld soll es mir nicht ankommen,« und legte ein +Goldstück auf den Tisch. »Näht wie Ihr wollt, und wenn ein Stich auch +dem andern zuruft: »halt Bruder, lauf nicht davon,« so soll es nichts +ausmachen. Es braucht nicht lange zu halten und wenn die Ärmel nur lose +darin hängen und die Nähte bald springen, so ist das Ausziehen um so +leichter und man braucht nicht viel Haken aufzumachen.« »Auch gut,« +überlegte der Meister von der Nadel. »Gewiß ist das unehrliches, +fahrendes Volk; denn ein Bürgerkind zög ein solches Narrengewand nicht +an;« rief seine Gesellen herbei und versprach, rechtzeitig fertig zu +sein. Konnte sich aber nicht genug wundern, was für schlechte Tuche ihm +zu Händen kamen, denn statt Sammet hatte der Schalk grobe Linnen mit +roter Farbe anstreichen lassen. + +Den Schmuck aber ließ er beim Blechschmied aus Blech und Messing machen +und in den Gürtel Glasstücke hineinsetzen. Der Schleier war so groß wie +ein Fischernetz, und der Beutel wurde, nachdem alles eingekauft war, nur +um ein Weniges erleichtert. »Das Geld hast du dir sauer verdient,« +dachte Schlupps und streichelte den Geldsack zärtlich. Wie er am +folgenden Abend heimkehrte, stand die Bäckerstochter auf der Landstraße +und erwartete ihn. »Steigt auf, schöne Grit,« rief Schlupps. »Laßt Euch +erzählen.« – Er berichtete, wie er überall herumgelaufen sei, bis er +alle Stoffe gefunden habe, dafür wären sie auch vom besten und feinsten. +Jetzt wolle er aber die ganze Nacht fleißig sein; denn bis morgen müsse +sie ihr Gewand haben. Den Packen trug er dann eilends auf die Kammer, +die ihm die Grit eingeräumt hatte, schloß zu und steckte den Schlüssel +ein. Dann ging er fort in das Wirtshaus. Da saßen die Mannsleute des +Dorfes, alte und junge, und in ihrer Mitte der Schulze und Hans; denn +heute sollte der Bursche noch einmal das Ledigsein feiern, wie es Brauch +war am Ort. + +»Schulze, warum seid Ihr so ernst?« sagte der Wirt. »Muß ich nicht +ärgerlich sein?« war die Antwort. »Ich wollte zur Hochzeit von meinem +einzigen Sohne etwas draufgehen lassen und hab darum meinen Knecht in +die Stadt geschickt nach einem Faß vom besten Roten, wie es ihn hier +herum nirgends gibt. Ein Freund hat ihn mir um vieles Geld besorgt. +Jetzt schickte der Knecht mit einem Fuhrmann die Kunde her, das Faß sei +noch nicht eingetroffen, und er wisse nicht, ob er zur Hochzeit zurück +sein werde. Übermorgen ist die Trauung; morgen kommen schon die Gäste, +und ich muß ihnen einen gewöhnlichen Wein vorsetzen, wie ihn jeder Bauer +im Keller hat.« + +»Verzeiht, Herr,« mischte sich Schlupps ins Gespräch. »Sollte im Dorf +kein Wein zu haben sein? Ich bin Küfer und weiß die verborgenen Quellen +wohl aufzufinden.« + +Alle Gäste horchten auf und der Schulze sagte: »Wenn Ihr mir hier im +Dorfe guten Wein schafft, soll es mir auf ein Stück Geld nicht +ankommen.« + +Der Bursche nahm eine Gabel, die auf dem Tische lag, schlug damit an ein +Glas, hielt die Gabel an das Ohr und sagte mit geschlossenen Augen: + +»Ich sehe ein Haus, abseits von der Straße, grüne Fensterladen sind +daran, ein Nußbaum steht auf dem Hofe und ein Mägdlein sitzt in der +Kammer, ringt die Hände und seufzt: ›Hilf Gott mir armen Waisenkind!‹« + +Scheu sah alles nach dem Dorfschulzen. Das war ja der Hof der Eve! Der +Hans verbarg sein Gesicht, weil er die Tränen, die in seinen Augen +saßen, nicht zeigen wollte. »Im Brunnen,« fuhr Schlupps fort, »liegt ein +Faß vom besten Roten. Linker Hand vom Brunnen sind zwei Steine, wenn Ihr +da grabt, so findet Ihr zwei Tonnen Gold. Die aber darf man nur bei +Vollmondschein öffnen. Fällt nicht das volle Mondlicht in die Fässer, +wenn Ihr sie aufmacht, so verwandelt sich das Gold in sauren Wein.« Dann +machte er wieder die Augen auf, sah erstaunt um sich und sprach: »Wo bin +ich? Vermeinte doch eben auf einem einsamen Bauernhof zu sein und bin im +Wirtshaus. Was bin ich schuldig, Herr Wirt?« »Nichts,« sagte der. »Euer +Schöppchen soll Euch gesegnet sein, wenn alles, was Ihr gesagt habt, +zutrifft.« Der vermeintliche Küfer dankte und zog ab. Der Dorfschulze +ging nachdenklich heim. Käme bis morgen Mittag der Knecht nicht, dann +wollte er sehen, ob es sich mit dem Wein so verhielt, wie der Fremde ihm +bedeutet. Wenn er das gewußt hätte, daß die Eve heimlich Schätze auf +ihrem Hof verborgen hielt, wäre er nicht so widerspenstig gewesen. + +Am andern Tage sagte Schlupps zu Grit: »Jungfer, Ihr dauert mich. Ich +will Euch etwas anvertrauen. Der Prinz Xaver hat mir Wagen und Pferde +geschickt, daß ich ihn auf der Brautschau begleite. Es ist zwar ein +einfach Gefährt, weil wir unerkannt durch die Lande ziehen wollen, aber +ich denke, wenn Ihr das feine Gewand anlegt, braucht der Prinz nicht +weit zu suchen. Die Braut ist da und die Hochzeit kann bald gefeiert +werden.« Und Grit, der ihr Sinn schon lange nach dem Prinzen stand, rief +freudig: »Wenn Ihr mich mitnehmen wollt, es soll Euch Euer Lebtag +vergolten werden.« In ihrem boshaften Herzen dachte sie aber: »wenn ich +erst Prinzessin bin, muß der Schneider aus dem Land, damit er keinem +erzählt, daß ich Mehl gemessen und Brot gewogen habe.« + +»So hole ich Wagen und Pferd,« meinte Schlupps. »Zieht Euch derweil an +und vergeßt auch nicht, die Leinentruhe mitzunehmen,« ging zu Eve, +dankte ihr für ihre Gefälligkeit und sagte: »Wenn hier ein Wunder +geschieht und du weißt nicht, woher es kommt, so denke, das hat Schlupps +getan und sei gegen arme Wanderer immer freundlich. Das aber sage ich +Dir: Nimmer wird die Bäckin Hansens Frau, und Dich seh ich im Geiste mit +ihm zur Kirche gehen.« + +Dann fuhr er rasch an das Bäckerhaus, wo die Grit fein aufgeputzt ihn +erwartete, lud die Truhe auf und hieß das Mädchen aufsitzen. »Nehmt Euch +ein großes Tuch um,« warnte er, »damit die Leute Euch nicht erkennen.« +Das tat sie, und wie die Pferde durch die Dorfstraße trabten, wendete +mancher den Kopf nach der fremden Frau, die unkenntlich in ein Tuch +gewickelt im Wagen kauerte. + +Wie nun der Knecht nicht kam, beschloß der Dorfschulze, zu Eve zu gehen +und nachzusehen, ob der fremde Küfer die Wahrheit gesprochen hätte, nahm +aber drei ehrsame Männer als Zeugen mit. Wie er auf den Hof trat, kam +ihm die Eve erstaunt entgegen und fragte nach seinem Begehr. »Verzeiht, +Eve, wenn wir Euch ungelegen kommen,« entgegnete der Schulze, »aber man +hat uns gesagt, daß Ihr im Ziehbrunnen Wein habt. Wollt Ihr mir den zu +Hansens Hochzeit verkaufen?« + +»Daß ich nicht wüßt’,« staunte die Eve. »Hab zwar oft in den letzten +Tagen, wenn ich die Eimer hinunter ließ, gespürt, daß etwas drinnen +liege; ich meinte aber nicht anders, als es seien Steine von der +letzten Schneeschmelze. Schaut zu, ob Ihr etwas findet.« + +Die Männer stießen mit einer Stange in den Brunnen und fanden +Widerstand. Einer holte eine Leiter, kroch hinab und rief: »Ein Faß! ein +Faß!« Das holten sie mit vieler Mühe herauf, bohrten es an, und der +beste Rote, wie sie ihn noch nie getrunken, floß heraus. Hansens Vater +frug Eve, was sie dafür haben wolle. »Nichts,« sagte sie, »denn er ist +nicht mein. Soll er aber zu Hansens Hochzeit sein, so nehmt ihn mit +Euch, und möchte jeder Tropfen darinnen einen Tag Glück für Euren Sohn +bedeuten.« Damit drehte sie sich um, denn sie konnte die Tränen nicht +mehr zurückhalten. Auch dem Schulzen, der ein strenger Mann war, stand +das Weinen näher wie das Lachen, und er hätte viel darum gegeben, wenn +er Geschehenes ungeschehen hätte machen können. »Erlaubt, Eve,« bat er +fast demütig, »daß wir im Hof unter den Steinen aufgraben.« »Macht, was +Ihr für Recht haltet, Schulze,« sagte sie ganz verwundert über sein Tun; +denn er griff selbst nach den Steinen, die linker Hand vom Brunnen +lagen, räumte die Erde fort – – und stieß auf zwei große Fässer, grad +wie es der unbekannte Mann gesagt hatte. + +»Eve,« wandte er sich zu dem Mädchen, das immer noch nicht wußte, wie +ihm geschah, »Ihr seid die Reichste im Dorfe. Die Fässer sind Goldes +voll.« »Was nützt mir das,« schluchzte sie, »hab ich doch das Beste +nicht und muß meine Liebe als Sünde anschauen.« »Weiß Gott,« stöhnte der +Schulze, »könnt ich mein Wort zurücknehmen, ich tät’s lieber heut als +morgen. Aber die Bäckin hebt den Verspruch nimmer auf und so müssen wir +das Übel ertragen.« Damit ging er fort, und wenn er auf einen Menschen +böse und zornig war, so war er es auf sich selbst; denn die Eve gefiel +ihm immer besser und das Wort, das er Hansen gegeben und nicht einlösen +konnte, lastete ihm schwer auf der Seele. + +Die Grit fuhr indessen mit Schlupps weiter, bis sie an eine einsame +Waldhütte kamen. »Geht hier hinein,« sagte der Schalk, »in dieser Hütte +will mich der Prinz treffen. Setzt Euch auf die Bank; er muß bald +kommen, denn um die Dämmerung wollte er hier sein. Ich bleibe bei dem +Wagen, daß niemand die Truhe mit Euren Leinenschätzen stiehlt.« »Bin ich +erst Prinzessin,« rief Grit prahlerisch, »so trage ich doch nur Seide +und Sammt; Leinen ist mir zu gering. Das Könnt Ihr als Lohn für Eure +Dienste gleich nehmen!« + +Damit ging sie hinein und setzte sich auf die Bank, die mit Spinnweb und +Staub überzogen war. Weil sie aber sehr müde war, schlief sie bald fest +ein. Als Schlupps merkte, daß sie so bald nicht aufwachen würde, hieb er +auf die Rößlein ein und fuhr davon, so schnell seine Pferde laufen +konnten. + +Sonntag Morgen läuteten die Glocken zur Kirche, die Mädchen des Dorfes +zogen vor das Haus der Grit und wollten sie holen. Der Bäcker stand +ratlos da, frug jeden, ob er seine Tochter nicht gesehen habe, die mit +der Leinenkiste verschwunden war, tobte und schimpfte und wußte sich ihr +Verschwinden nicht zu erklären. Nachdem das ganze Haus vom Keller bis +zum Boden vergeblich durchsucht war und man zum Überfluß noch Grits +Kleider in der Kammer gefunden hatte, beschlossen die Gespielinnen, dem +Bräutigam die Sache zu vermelden, vielleicht daß der Grit ein Unglück +zugestoßen sei. Sie gingen in die Kirche, wo schon die Hochzeitsgäste +und der Pfarrer standen und auf die Braut warteten. + +Der Pfarrer riet, sich noch eine Stunde zu gedulden; aber der Schulze +sagte: »Nein, Herr Pfarrer. Ist sie nicht da, so ist das Gottes Wille,« +und erzählte, wie bös Grit ihm begegnet, wie hochmütig sie den Hans +behandelt und was der fremde Wandersmann geweissagt habe. Wie er selbst +aber sein ungerecht Tun gegen die Eve bereue. »Dort hinten kniet die +rechte Braut,« schloß er und wies auf Eve, die vor dem Altar lag und für +Hans allen Segen herabflehte. + +Da erkannte der Pfarrer Gottes Gnade, trat auf Eve zu, faßte sie an der +Hand und sagte: »Eve, willst du alle Kränkungen, die du erduldet hast, +vergeben und vergessen und Hansens Weib werden?« + +Und wie sie die bangen Augen des Herzallerliebsten sah, da leuchtete ihr +Gesicht und sie sagte freudig: »Ja, ich will.« Dann traten sie an den +Altar, und nie hatte der Pfarrer mit größerer Freude ein Paar +eingesegnet wie Eve und Hans. Grit aber schlief im Waldhaus, und wie sie +erwachte, schien die Morgensonne hell herein. Als sie aus der Hütte trat +und sich umsah, war kein Wagen, keine Pferde, kein Schneider und keine +Leinentruhe zu sehen. Ob sie auch schrie und tobte, – – sie kamen +nicht und kamen nicht. Da begann sie zu merken, daß der fremde Geselle +falsches Spiel mit ihr getrieben, lief weiter und weiter und wußte nicht +wohin, bis sie auf einmal den Kirchturm ihres Dorfes sah und den +Wetterhahn darauf. Da nahm sie ihre letzte Kraft zusammen, eilte auf +müden Füßen vorwärts, bis sie die Kirche erreichte, und riß die Pforte +auf, gerade als der Pfarrer das glückliche Paar zusammengegeben hatte. +Alle Gäste schrieen auf; denn sie vermeinten nichts anderes, als eine +böse Hexe zu sehen. Erst wie sie näher hinschauten, erkannten sie die +Grit. Sah die aber aus! + +Staub und Spinnweb lagen auf ihrem Gewand, an dem die Nähte alle +geplatzt waren, daß der hagere, braune Leib herausschaute; die Mütze saß +schief auf dem Kopf, die Haare hingen wild um die Stirn, und sie +erschien als ein Bild des Jammers. Wirr sah sie um sich, dann stürzte +sie auf das Paar, das am Altar stand, los und schrie mit geballten +Fäusten: »Falsches Ding, willst du mir meinen Hochzeiter nehmen?« Damit +suchte sie die Eve bei Seite zu drängen, die sich voll Angst an Hans +klammerte. Der Pfarrer aber trat dazwischen und sprach: »Laßt gut sein, +Grit. Hier hat ein Höherer gewaltet. Geht heim, laßt Euch ein ander +Gewand anziehen und vom Bader zur Ader lassen.« Denn er meinte nicht +anders, als die Grit wäre besessen und hätte den Verstand verloren. So +wollte er sie mit gutem Zuspruch aus der Kirche schaffen, damit das +Gotteshaus nicht durch Lästerreden entweiht werde. Da lief die +verlassene Braut heim, schloß sich in ihre Kammer ein, heulte und +schrie. Im Hochzeitshaus aber herrschte eitel Freude und Seligkeit. Von +dem Tag an ließ die Grit ihrem Vater keine Ruh; sie wollte aus dem Dorf +heraus; denn in ihrer Eitelkeit maß sie sich nicht die Schuld an ihrem +törichten Beginnen zu, sondern vermeinte, der Schulze habe ihr einen +Streich gespielt, weil sie ihn so hart angelassen. + +Wie bald darauf der Vollmond schien, beschloß der Schulze, die Fässer zu +heben, und weil es eine klare Nacht war, stand dem nichts im Wege. Im +Stillen freute es ihn, daß sein Einziger das reichste Mädchen im Dorf +gefreit hatte, und er hielt den Kopf noch höher als sonst, wie er jetzt +mit Hans und vier kernfesten Männern auf Eves Hof kam. Bald waren die +Fässer heraufgeschafft, und der Schulze hob das Beil, um den Deckel zu +sprengen. + +Plötzlich erhob sich ein Wind, graue Wolken jagten daher und zogen über +den Mond, gerade als das Beil in vollem Schwunge heruntersauste. Da +spritzte es umher, daß des Schulzen Kleider naß wurden, und wie er in +das erste Faß sah, floß darinnen weißer Wein und war von Gold nichts zu +sehen. Und beim zweiten erging es genau so. Das erkannte der harte Mann +jetzt als Strafe für seinen Hochmut und schwieg still. Von der Gasse her +aber klang ein höhnisches Lachen, das kam von der Grit, die heimlich in +die Stadt fuhr, auf Nimmerwiedersehen. + + + + +Kaufmann Goldreich + + +Jetzt ging es Schlupps gar gut. Er hatte einen Sack voll Geld und eine +Truhe voll Leinen, beschloß aber diesmal Haus zu halten und nicht mehr +alles zu vertun. Als er in das nächste Städtchen kam, war gerade dort +Markt und von weit her kamen Leute, um einzukaufen. Sie feilschten an +den Buden um Ketten und Ringe und bunte Tücher, und besonders das +Weibervolk konnte sich nicht genug tun am Schauen und Handeln. Wollten +alles haben und war ihnen doch alles zu teuer, sahen begehrlich auf die +Ware und warfen sie hin, als wäre es Feuer, an dem sie sich die Finger +verbrannten, wenn sie den Preis hörten. »Halt,« dachte Schlupps, »hier +blüht mein Weizen,« fuhr in ein Wirtshaus, stellte dort ein und sagte +zum Wirt: »Könnt Ihr mir einen Jungen besorgen, der flink und anstellig +ist, so schickt ihn her.« »Das will ich meinen,« gab der Wirt zur +Antwort. »Nehmt meinen. Einen Pfiffigeren findet Ihr nicht. Hat schon +manchem Kaufmann geholfen, die Schäflein scheeren.« »So schickt ihn +herauf.« Der Junge kam und Schlupps unterwies ihn, was er zu sagen habe. +Der Bub war gar schlau und zu Schelmenstreichen aufgelegt. Er ließ sich +von seinem neuen Herrn das Gesicht schwärzen, daß er aussah wie einer +aus dem Mohrenlande; dann machten sie aus rotem Stoff einen Turban, wie +ihn die Türken tragen; Schlupps hing dem Burschen allerlei bunte Stoffe +um, und so aufgeputzt setzte er ihn auf ein Pferd, hieß ihn auf dem +Markt herumreiten und zu rufen: »Mein Herr, der Kaufmann Goldreich, ist +weit aus der Türkei hergekommen. Er will gradwegs nach Spanien zu seines +Kaisers Majestät und ihm seine Waren bringen. Dieweil er aber hier +rastet, hat er sich entschlossen, ein klein Teil seiner Wunderdinge +heut zu verkaufen; aber nur ein klein Teil, weil er weiter muß und nicht +lange bleiben kann. Wer etwas von fremdländischen Waren versteht und +anderes sucht als grobes Leinen und derbe Stoffe, der komme her und +kaufe. Wer aber nichts davon versteht, der bleibe fort und schone seinen +Beutel; denn für solche hat mein edler Herr nicht die weite Fahrt aus +der Türkei unternommen und ist aus des Sultans Schloß mit Lebensgefahr +entronnen. Durfte doch nie ein Christ das Land der Heiden betreten, und +nur mit vieler Mühe ist es dem Herrn gelungen, sich Zutritt zu den +Ungläubigen zu verschaffen. Gebt Platz!« + +Dann stieß er in sein Horn und ritt weiter durch den ganzen Ort, hielt +an allen Ecken, und die Kinder liefen hinter ihm drein; auch manch +gesetzter Bürger horchte auf seine Rede und beschloß, des Fremden Sachen +anzusehen. Die Frauen aber rotteten sich zusammen und kamen scharenweise +vor das Gasthaus, wo der Fremde wohnte und wohin der Mohrenknabe jetzt +zurückritt, vom Pferde stieg und demütig seinen Herrn begrüßte, der vor +der Tür einen Tisch aufgestellt hatte. + +Während der Junge die Stadt durchzog, hatte Schlupps die Zeit benutzt, +um seinen Stoffen mit Hülfe von Pinsel und Farbe ein gar buntes Aussehen +zu geben, und die Laken und Decken, die Hemden und Jacken erglänzten in +allen Farben. Hier saß ein roter und blauer Fleck, dort ein gelber und +grüner, und mit der Schere schnitt er absonderliche Muster in den +Stoffen aus, daß Sonne und Mond hindurchsahen. Er selbst heftete auf +sein Gewand allerlei Flickwerk, hing die Messingkette, die er der Grit +im Schlafe abgenommen hatte, um, und den Gürtel, den er auch von ihr +hatte mitgehen heißen, schlang er über die Schulter. Jetzt stand er +neben dem Tisch und sah die Menge, die ihn neugierig musterte, ernst an, +und Jeder, den sein Blick traf, meinte immer, dies Gesicht schon einmal +gesehen zu haben, wußte aber nicht, wo. + +Als der erste Käufer auf ihn zutrat, verneigte sich der fremde Krämer +gar tief, kreuzte die Arme auf der Brust und murmelte etwas, was keiner +verstand. »Das ist Türkisch,« sagte der Mohrenknabe. »Herr, redet +deutsch,« wandte er sich dann an Schlupps, »dieweil Euch sonst keiner +hier versteht, und sagt, was Ihr für Eure Ware verlangt.« Und der +falsche Krämer hub an, seine Waren zu preisen und zu erzählen, wie des +Sultans Frauen die kostbaren Gewänder getragen, wie er sie mit vieler +Mühe ihnen heimlich abgekauft habe, und wie die tausend Gemahlinnen des +türkischen Kaisers schön seien, eine schöner wie die andere. Aber nur, +wenn sie diese Gewänder und Stoffe an sich hätten, die der Zauberer +»Emalker«[1] angefertigt habe. Sie hatten erst die Schätze nicht +hergeben wollen und taten es nur, als er ihnen versprach, ihnen von +einem anderen Hexenmeister schönere weben zu lassen. Da ließen sie sich +erbitten. + + [1] Auch rückwärts zu lesen. + +Die Leute guckten staunend auf den Erzähler. Ein fürwitziger Bursche +aber rief: »Ei, Herr Krämer, warum habt Ihr dann Eure Sachen nicht +gleich von dem besseren Zauberer machen lassen?« Er suchte nach seiner +kecken Rede zu entschlüpfen, weil die Umstehenden ihn gar nicht +liebreich stießen und pufften. Sie fürchteten, der fremde Krämer möchte +erzürnt sein und seine Ware einpacken. + +»Recht habt Ihr, junger Bursche,« sagte der Kaufmann Goldreich. »Das +hätte ich können, wenn der böse Zauberer nicht sich geweigert hätte, für +Christenfrauen zu arbeiten. Dann wartete auch mein Schiff im Hafen, das +des Kaisers Majestät für mich gesandt hatte. Und jetzt sagt an, liebe +Bürger und edle Frauen, ob Ihr kaufen wollt, oder ob ich meine Gewänder +wieder in die Truhen packen soll.« Dabei hielt er die Stoffe hoch, daß +die Sonne darauf fiel und die Farben gleißten und glänzten, und alle +drängten sich herzu und wollten von den seltenen Tüchern kaufen. »Denn,« +sagten sie, »was so weit her ist, muß etwas Besonderes sein,« und +»Selbstgewebtes haben wir in den Truhen genug.« Schließlich kam der +gestrenge Herr Bürgermeister an und wollte die goldene Kette kaufen und +den Gürtel, den der Krämer auf der Schulter trug. Aber da jammerte +Schlupps gar kläglich, daß ihm der Kaiser von Spanien arg zürnen werde, +wenn er den Schatz, der für seine hohe Gemahlin bestimmt sei, verkaufe, +und konnte sich erst auf vieles Bitten und Drängen dazu verstehen, den +Schmuck für hundert Taler herzugeben. + +»Es ist zu billig. Es ist zu billig!« beteuerte er immer wieder. »Wenn +Ihr’s nicht wäret, hochedler Herr, wahrhaftig! Nichts in der Welt hätte +mich verführen können. Aber so geht’s, wenn man mit vornehmen Herren +Handel treibt.« + +Und der Bürgermeister zog mit seinen Ketten stolz ab; seine Frau aber +sah um sich, als wäre sie die Kaiserin von Spanien. + +Ehe Schlupps sich’s versah, waren seine Waren ausverkauft und seine +Truhe leer; seine Beutel aber konnten kaum das viele Geld fassen. +»Morgen gibt es mehr, Ihr Leute,« rief er, als immer neue Käufer +andrängten. »Habt Geduld. Ja, alle Tage kommt nicht einer aus der +Türkei, gradenwegs aus des Sultans Schloß,« und er kreuzte wieder die +Arme über der Brust, verneigte sich tief und schritt, von dem +Mohrenknaben gefolgt, langsam und nachdenklich in das Wirtshaus. + +Die andern Kaufleute wußten nicht, wie ihnen geschah. Die Waren, die man +ihnen wies, waren gewöhnliches Bauernleinen, bunt bemalt und grob +genäht, und wenn sie auch zehnmal beteuerten, daß ihr Leinen feiner, ihr +Tuch weicher sei, so glaubte es keiner; denn niemand wollte dafür +gelten, daß er das, was aus fremden Landen stamme, nicht verstehe. »Das +ist nur Neid von den Krämern, weil sie keine ausländischen Waren haben,« +schrieen die Käufer. Die Krämer gaben Antwort, und bald hallte der Markt +von Lärm und Geschrei. Man prügelte aufeinander los, man zerrte und riß +sich, und manchen Händler ereilte jetzt die Strafe für falsches Gewicht +und ungerechtes Maß, und noch tönte von den Gassen das Zetern, als +Schlupps durch eine Hinterpforte das Gasthaus verließ. Dem Wirt und +seinem Jungen hatte er ein Teil von seinem Gewinn geschenkt, so daß sie +zufrieden waren und reinen Mund zu halten versprachen. Als am andern +Morgen die Leute herbeiströmten und auf den Krämer warteten, trat der +Wirt händeringend aus dem Haus und rief: »Wo ist der Galgenstrick! Wo +ist der Zauberer, der mit der Zeche verschwunden ist. Wo seine Rößlein +im Stall gestanden haben, liegen ausgeglühte Kohlen, in seinem Bett fand +ich einen Besen. Keiner sah ihn gehen, noch hörte man den Wagen rollen. +Weh mir armen, geschlagenen Mann! Alles war eitel Trug und Blendwerk, +und Wagen und Pferde sind nimmer richtig gewesen!« + +Da liefen die Leute entsetzt nach Haus, sahen die Einkäufe an und +erkannten mit Schrecken, daß alles, was in der Sonne geglänzt und +gegleißt hatte, nichts nutz war und nicht einmal so gut, wie das +selbstgewebte Bauerntuch, das sie auf dem Markt sonst kauften. Der +Bürgermeister lief voll Angst zu einem Goldschmied und ließ seine Kette +prüfen. Der erklärte sie für eitel Messing und die Steine für Glas, grad +gut genug für Mummerei und Fastenscherz. Jetzt schämten sich alle, die +erst das große Wort geführt hatten und mancher, der einem Krämer mit +böser Rede und hartem Schlag weh getan hatte, ging hin, entschuldigte +sich und bat, wieder »gut Freund« zu sein. Auf die fremdländischen +Händler aber war man lange Zeit nicht gut zu sprechen und wies jeden, +der kam, des Ortes hinaus. + + + + +Mutterleid + + +Schlupps zog weiter, die Straße entlang, die durch den Wald führte, dann +am Flußufer hin und freute sich, wie die Sonne so hell aus dem Wasser +flimmerte, wie die Vöglein sangen und wie die Blumen lieblich dufteten, +brach sich einen Zweig ab und wehrte damit die Fliegen, die seine +Rößlein umschwirrten. Dazwischen aber fühlte er seine Geldsäckel an, die +er neben sich gelegt hatte und die gar schwer und steif waren. + +»Man muß das Gras mähen, wenn es reif ist,« dachte er, »Wäre ich’s nicht +gewesen, so wäre ein anderer gekommen, und die Krämer hierzulande können +mir Dank sagen, daß ich ihnen die fremdländischen vom Halse geschafft +habe.« An einem Wirtshause hielt er Mittagsrast, ließ sich ein gutes +Essen geben und fuhr dann weiter. Unterwegs sah er eine Frau auf der +Landstraße gehen, die ein Kind auf dem Arme trug und nur langsam vom +Fleck kam. »Steigt auf, gute Frau,« rief er. »Seid gewiß rechtschaffen +müde.« Sie nickte dankbar, ließ sich nicht lange bitten und reichte ihm +das Kind zu, damit sie leichter aufsteigen konnte. Es war ein herziges +Büblein von vier Jahren mit blauen Augen, blonden Löckchen und einem +weißen Gesichtchen. + +»Seit des Morgens vier Uhr sind wir zu Wege,« erzählte die junge Mutter. +»Bin mit dem Kinde in der Stadt gewesen bei einem Doktor. Das war ein +gar gelehrter Herr, alles stand bei ihm voll von Geräten und Pfannen und +Tiegeln. Er besah den Kleinen von allen Seiten und sprach fremde Worte, +die ich nicht verstand. Dann gab er mir ein Fläschchen mit Arznei, die +war gar teuer, und verordnete, ich solle jede Woche kommen und solch +eine Flasche holen, und je mehr ich holte, desto besser wäre es für das +Kind. Auf Speise und Trank soll ich es nicht ansehen und dem Kinde +alles vom Besten und Feinsten geben und kein Hafermus, sondern nur Brei +von weißem Weizenmehl. Milch aber soll es trinken den ganzen Tag, soviel +es nur zu trinken vermag. Solch ein Doktor hat gut reden. Mein Mann ist +ein armer Waldheger. Zu einer Kuh langt das Geld nicht, und Ziegenmilch +kann das Büblein nicht vertragen. Ich möchte mir schier das Herz aus der +Brust reißen für ihn und kann ihm doch nicht helfen.« + +Dabei drückte sie das Kind an sich und sah ihm liebreich in die Augen. +Schlupps antwortete nicht viel, weil er nicht sprechen konnte. Es saß +ihm etwas in der Kehle, was ihn drückte und würgte, und er mußte an sein +lieb Mütterlein denken, das ihn immer geherzt und geküßt hatte und schon +so lange unter dem grünen Rasen lag. Seitdem hatte kein Mensch mehr ein +lieb Wort zu ihm gesprochen, und wenn er es auch gewiß nicht wahr haben +wollte, so hätte er doch gern alle seine Schätze um ein gut Mutterwort +gegeben. »Macht Euch keinen Kummer weiter, liebe Frau,« sagte er +endlich, »unverhofft kommt oft; wer weiß, was Eurem Kinde noch Gutes +widerfährt.« + +Da richtete die Frau ihren Kopf hoch und sah ihn getröstet an; denn +einer Mutter klingt es wie Himmelswort, wenn man ihr etwas Gutes von +ihrem Kinde sagt, und der Gedanke an eine Freude, die ihm begegnen +könne, tut der Seele einer Mutter so wohl wie ein Gebet. + +»Wie weit habt Ihr’s noch?« fragte Schlupps. »Noch reichlich zwei +Stunden,« gab sie zurück, »gerade das Tal entlang, in dem Walde, den +Ihr in der Ferne seht, steht mein Haus.« »Das trifft sich gut,« meinte +er, »das ist mein Weg, und so kann ich Euch bis dahin fahren.« Die +Rößlein liefen tapfer zu; denn ihr Herr hatte an ihnen nie den Hafersack +gespart. Der Bursche ließ sich von der Frau erzählen, wie sie und ihr +Mann lebten und erkannte immer mehr, daß sie ein braves, schlichtes +Gemüt war, von den Menschen nur Liebes und Gutes dachte und sich von +Keinem etwas Böses vermeinte. »Du sollst in deinem Glauben nicht zu +schanden werden,« dachte er. + +Endlich, die Sonne ging schon nach Westen zu, langten sie an dem +Häuschen an. Schlupps sprang herunter, nahm der Frau das Kind ab, das +eingeschlafen war, und trug es in’s Haus. Sie konnte nicht genug Worte +des Dankes finden und bat ihn dringlich, bei ihr Rast zu halten und +ihrem Heim nicht die Ruhe zu rauben, holte Brot und Ziegenkäse herbei +und bat ihn, fürlieb zu nehmen. + +»Wüßt’ ich nur, wie ich Eure Guttat vergelten kann,« überlegte sie. +»Wart’, ich hab’s. Geduldet Euch eine Weile; ich bin bald zurück.« + +Als sie fort war, untersuchte Schlupps das Zimmer, in dem alles vom +Einfachsten war. Tische und Bänke waren aus sauber gescheuertem +Tannenholz, die bunte Truhe barg für jeden der Eheleute ein Gewand und +auf dem Sims über der Ofenbank lag in ein sauberes Tuch geschlagen die +Bibel. Die nahm der Bursche rasch herunter, schlug sie auf, blätterte +darin und legte zwischen die Seiten je ein Goldstück, so daß jetzt das +heilige Buch nicht nur mit goldener Rede, sondern auch mit goldener +Münze gespickt war. Dann legte er das Buch wieder an seinen Platz und +setzte sich an den Tisch. »Hier nehmt,« sagte die Frau noch außer Atem, +»bin ein bischen rasch die Kellertreppe hinuntergesprungen. Hab mich +besonnen, daß unten ein Fläschchen alten Weines liegt, den der Herr Graf +meinem Manne geschenkt hat, als er krank war. Ich bitt’ Euch, erweist +mir die Gefälligkeit und nehmt’s. Wir sind so etwas doch nicht zu +trinken gewohnt. Es ist mir nur arg, daß ich denk, Ihr müßt so heimatlos +umher ziehen und habt nicht Weib und Kind und keine Mutter, wie Ihr mir +sagtet. Nehmt’s mit, und wenn Ihr draus trinkt, vergeßt nicht mein Kind +und mich. Sagt mir auch Euren Namen, daß ich Euch in mein Gebet +einschließen kann.« + +Dem Gesellen war es ungewohnt, seinen richtigen Namen zu nennen und er +sagte langsam: »Heinz Kurzweil.« Dann nahm er das Fläschchen, das eine +absonderliche Form hatte, platt und breit war, so daß er es in eine +Tasche seines Kittels stecken konnte. + +»Ich danke Euch,« sagte er und reichte ihr die Hand. »Bleibt gesund +beieinand, und wenn einmal ein armer Handwerksbursch oder sonst ein +Heimatloser bei Euch anklopft, dann seid gut zu ihm.« + +»Das will ich wohl,« beteuerte sie, »und jetzt hab ich noch eine Bitte +an Euch, Heinz. Laßt mich Euch segnen, wie Euch Eure Mutter gesegnet +hätte.« Da kniete der Bursche nieder, und die junge Frau legte ihm die +Hände auf das Haupt, sprach ein Vaterunser und fügte eine Bitte um sein +Wohlergehen hinzu, und Heinz war es, als sei er wieder ein klein Kind, +das daheim im Bettchen läge, von Mutterliebe betreut. Denn allen +Mutterhänden ist ein Zauber eigen, und wenn sie einem Menschen die Stirn +berühren, sieht er die Kindheit wieder auferstehen, wo er auch immer +sei. + +»Lest nur fleißig in der Bibel,« sagte der Bursche beim Abschied. »Denn +Gottes Wort ist eitel Gold,« bestieg seinen Wagen und fuhr weiter, die +Landstraße hinab in die ferne Welt. + + + + +Unter der Linde + + +Die Dunkelheit brach herein und er beschloß, nach Nachtlager +auszuspähen; da hörte er helle Töne, fuhr zu und kam in ein Dorf. Unter +der großen Linde geigten drei Fiedler; Burschen und Mädchen schwenkten +sich im Tanz und stießen helle Jauchzer aus. Schlupps war nicht froh zu +Sinn, sein Herz stand ihm nicht nach Lustigkeit, und er bog seitab, um +seine Rößlein am Bache zu tränken. Da sah er auf einem Weidenstumpf zwei +Menschen zusammengekauert hocken, einen silberhaarigen Greis und ein +Weiblein. Sie hielten die Hände um die Kniee geschlungen, und aus den +trüben Augen tropften schwere Tränen langsam über die Wangen herab. +Erstaunt trat Schlupps näher; denn wenn ihm etwas arg schien, so war es +der Anblick von Kummer und Sorge, und die beiden Huzzelchen sahen so +kläglich aus, daß es ihm in die Seele schnitt. + +»Was fehlt Euch, Großvater?« fragte er und legte dem Alten die Hand auf +die Schulter. Der schüttelte traurig das Haupt, ohne zu antworten; das +Weiblein aber heftete den Blick auf den Frager und wies dann stumm +hinüber nach der Linde, von wo das Jauchzen erscholl. Jetzt stand +Schlupps ratlos und wußte nicht, was er aus der Antwort machen sollte. +Er nahm sich aber zusammen, um seine Verlegenheit nicht merken zu lassen +und meinte: »Weiß schon, was Euch fehlt; denn ich bin ein vielgereister +Mann, der als Arzt gar berühmt ist und manchem geholfen hat, der schon +meinte, es wäre Matthäi am letzten. Fasset Vertrauen und beichtet mir, +was Euch härmt.« + +»Uns ist nicht zu helfen,« schluchzte das Weiblein. »Könnt Ihr uns unser +Leben wiedergeben?« + +Da verwunderte sich Schlupps noch mehr; denn eine solche Klage hatte er +noch nie vernommen. »Wollt Ihr Geld und Gut?« forschte er. »Nein, nein,« +wehrte der Alte, »die können uns nichts nützen, uns steht der Sinn nicht +nach Geldeswert. Nein, Herr. Damit Ihr aber nicht denkt, wir wären +absonderliche Leute und das Alter hätte uns den Verstand verwirrt, so +laßt Euch berichten, was uns fehlt, und wenn Ihr auch ein großer Doktor +seid und manch Gebrechen heilen könnt, uns vermögt Ihr nicht zu helfen. +Seht,« fuhr der Alte fort, »mein Weib, die Mariann, und ich waren arme +Waislein und von der Gemeinde aufgezogen. Das ist ein hartes Brot, Herr, +wenn man jede Woche auf einem andern Hof herumgestoßen wird, jedem im +Weg und keinem zur Freud, und wenn die andern Kinder zu Vater und Mutter +liefen, dann standen wir abseits, wünschten uns wohl auf den +Gottesacker und neideten den Toten ihre Ruh. Keiner dachte an uns. Unser +bischen Essen gab man uns manchmal gutwillig, manchmal mit scheelem +Blick, und wie wir etwas herangewachsen, da mußten wir unser täglich +Leben schwer verdienen. Die Mariann als Gänsehirtin, ich als Hirt, und +uns beiden durfte der Strickstrumpf nicht in der Hand ruhen. Aber wir +fanden doch Gelegenheit, zu einander zu laufen und versprachen uns, daß +wir einmal einander angehören wollten und uns immer Lieb und Treue +erweisen. Ich wurde dann Knecht und sie Magd. Ihr wißt, wie lange es +währt, bis zwei solche soviel haben, daß sie ein Häuschen anschaffen +können und ein Äckerlein pachten. Wir sparten und sparten. Wenn die +andern zum Tanz gingen, schritten wir selband abseits, weil uns der +Kreuzer für den Fiedler und das Schöppchen Sauren reute. So kam es, daß +wir beide schon graue Strähnen hatten, als es zur Heirat langte und wir +hier am Ende des Dorfes ein Häuslein erwerben konnten.« Er atmete tief +auf, nickte der Alten zu und fuhr dann fort: »Dann kam Kind auf Kind. +Die Mariann und ich schafften im Tagelohn noch nebenher, damit all die +hungrigen Mäuler satt wurden und die junge Brut mit Schuh und Gewand +sauber angetan Sonntag in die Kirche konnte. Als aber die Kinder so weit +waren, da zogen sie in die Welt hinaus. Es duldete sie nimmer im +Vaterhaus. Ging da gar eng her. Die Mädels taten sich als Mägde in die +Stadt, die Jungen sind landein gewandert, und wir sitzen allein. Und wie +wir das Lachen und Jauchzen hier hörten, da kam es uns in den Sinn, wie +wir immer unser ganzes Leben abseits von aller Freude gestanden sind, +wie heute bei der Linde, und daß wir ein Leben voll Müh und Arbeit, aber +nie Freude und Lust gehabt haben. Und wißt, Herr,« setzte er hinzu, »in +jedem Menschen ist eine Sehnsucht nach Freude, und wie die Tierlein froh +sind, wenn die liebe Sonne scheint und nach ihr hinverlangen, so zieht +es des Menschen Herz dazu, eine Freude zu haben. Sonst ist sein Sinn +schwer und unfroh, und er weiß nicht, ob er lebt oder tot ist, und es +liegt ihm die Kirchhofsrede schon bei Lebzeiten auf der Brust. Das ist +uns heute zu Sinn gekommen, und nun lacht über die beiden närrischen +Leute, die dem Leben nachlaufen wollen.« + +»Gott verhüte, daß ich da lachen wollte,« rief Schlupps. »Tät mich der +Sünde fürchten. Aber froh bin ich, daß ich Euch getroffen habe und meine +Kunst an Euch zeigen kann. Denn wißt: gebrochene Arme und Beine +kurieren, das kann jeder, und ist keine besondere Kunst dabei. Aber wenn +die Seele krank ist, da helfen, das ist erst das Rechte, Doktor Kurzweil +ist nicht umsonst überall berühmt. Kaiser und Könige haben mich schon +oft gebeten, ihnen zu helfen; denn die leiden an der Seele genau so wie +andere Menschenkinder und oft noch mehr.« + +»Aber wir sind arm,« fiel das Weiblein ängstlich ein und dachte an die +wenigen Silbermünzen, die es daheim im Strumpfe hatte. »Nicht um Geld +darf ich Euch helfen, sonst ist es um meine Kunst geschehen,« sagte der +Wunderdoktor. »Nur um Gotteswillen und um himmlischen Lohn. Setzt +Euch her und schaut hinüber wie die Sonne noch einmal hinter den Wolken +vorschaut, und wie die Wiese daliegt, als wäre sie rot wie die Wangen +eines Mägdleins, und die Bäume heben die Zweige wie junge Burschen das +Haupt, wenn sie zu ihrer Liebsten gehen. Hier aber,« und er nahm das +Fläschchen heraus, »das soll Euch Eure Wünsche erfüllen. Ist kein +gefährlicher Zauber dabei und kein Unrecht. Es ist ein Trank von +Sonnenglut gereift und von Gott gesegnet. Trinkt jeder einen herzhaften +Schluck und sagt: ›Gott helf!‹« + +[Illustration: Der Glutentrank] + +Er machte ein so treu Gesicht, daß das alte Weiblein Mut faßte und +trank, und da es des Weines ungewohnt war, rannen ihm die Tropfen wie +Feuer durch den Leib und das Blut stieg ihm zu den Wangen. »Ei Mariann,« +scherzte ihr Gespons, »du glühst ja wie ein jung Mägdlein,« nahm ihr die +Flasche aus der Hand, tat einen kräftigen Zug und auch ihm war es, als +ob ein neu Leben in ihm blühe. + +Er faßte ihre Hand, und so standen sie aufgerichtet da und schauten in +die Sonne, deren rote Glut über sie hinflackerte und die alten Augen mit +hellem Licht erfüllte, daß sie leuchteten. »Trinkt noch einmal,« mahnte +der Doktor. Da begannen sie herzhaft zuzugreifen, und wie jetzt die Töne +von der Linde herüberschallten, hob der Alte erst ein Bein und dann das +andere, faßte die Liebste an der Hand, und das Pärchen begann sich zu +drehen und zu schwenken. Dann neigten sie sich über den Bach, der ihre +Gesichter im matten Abendschein widerspiegelte, und der Alte sprach: +»Ei, Mariann, wie bist du jung und schön. Deine lieben Augen glänzen +noch wie damals, da du als junge Dirn am Hoftor auf mich gewartet.« Und +sie nickte und sagte: »Bist doch ein stattlicher Bursch, und wenn die +Mägdlein wüßten, was für ein Schöner mein Liebster ist, kämen sie und +neideten dich mir.« + +Dann faßten sie einander wieder an, neigten und drehten sich und lachten +mit dem ganzen Gesicht. Und Heinz Kurzweil stand abseits und sah zu, wie +der Mond langsam heraufstieg und die beiden Alten mit weißem Licht +beschien. Nach einer Weile nahm er das Paar bei der Hand; denn es hatte +zu tanzen aufgehört und lauschte, einander umschlungen haltend, auf die +Weisen, die fernher leise ertönten. Er leitete die beiden Treuen in ihre +Hütte und sprach. »So oft bei Vollmond unter der Linde Musik erklingt, +geht hinaus an die Stelle, wo ich Euch getroffen und achtet darauf, daß +Euch kein menschlich Auge gewahre: Trinkt aus dem Fläschchen und der +Zauber wird wieder mächtig. Ist aber der Trank zu Ende, dann bescheidet +Euch und denkt, daß es Gottes Wille war.« Damit wandte er sich ab und +fuhr hinaus in die Nacht. + + + + +Schulmeister Neunmalgescheit + + +So zog Schlupps durch die Lande, beobachtete die Menschen und bekam es +manchmal überdrüssig, ihr Treiben anzuschauen. Sah er sie doch +allerorten die gleichen Torheiten vollführen, und mehr als einmal konnte +er der Versuchung nicht widerstehen, sie seine Launen und seinen Spott +fühlen zu lassen. Nur der Müßiggang wurde ihm allmählich verleidet. Er +hätte gern ein rechtschaffen Gewerbe angefangen und konnte sich doch +nicht dazu entschließen; denn das Schreinerhandwerk war ihm zuwider und +etwas anderes, das ihm Freude machte, wußte er nicht. + +Eines Tages kam er in einen Flecken, in dem die Häuser gar sauber +aussahen, die Gassen ordentlich gehalten waren. Man mußte nicht +fürchten, daß einem die Gäule die Beine in den Löchern brachen und daß +der Schlamm bis in den Wagen hineinspritzte. An den Fenstern standen in +Scherben Nelkenstöcke oder Blaublümlein, und hinter den blinkenden +Scheiben lugten fröhliche Mädchengesichter hervor. »Hier ist gut sein,« +dachte Schlupps. »Hier liegt die Freude auf der Gasse und scheinen gar +gute Leute im Ort.« Da hörte er aus einem Hause Weinen und Wehklagen, +stieg vom Wagen ab, band sein Rößlein an einen Baum und schlich sich +näher, um durch die Fenster zu spähen, was es denn Trauriges gäbe. Wie +er so hinblickte, sah er eine Menge Kinder, große und kleine, auf Bänken +sitzen und merkte, daß er vor dem Schulhause stand und die Kleinen vom +Schulmeister unterwiesen wurden. Der war ein langer, hagerer Mann, mit +einem Gesicht wie ein Raubvogel, die Nase stand ihm wie ein gekrümmter +Schnabel heraus. Er trug ein blaues Wams mit goldenen Knöpfen, auf dem +Kopfe hatte er ein klein Käppchen, unter dem eine mächtige Perücke +hervorsah, in der Hand aber eine lange Gerte, mit der schmitzte er über +die Bänke herüber. + +Aber eins wollte Schlupps nicht recht in den Sinn und erschien ihm +sonderbar. An der Seite zum Fenster zu, wo das Licht hineinfiel, saßen +Kinder, Knaben und Mädchen, denen man ansah, daß sie guter Leute Kind +waren und daheim alles voll und viel hatten, denn die Jöppelchen waren +von echtem Tuch, und die Mädchen trugen Schürzen und Jäckchen gar nett +und zierlich; einige hatten Häubchen auf dem Kopfe, die mit Gold +verputzt waren, wie man sie zum Kirchgang anlegt. An der Wand entlang +auf den Bänken aber saßen Buben und Dirnchen, die wohl sauber, doch +ärmlich angezogen waren, mit Holzschuhen an den Füßen. Die Spenzer und +Röckchen hatten Flicken in allen Farben, auch waren die Schürzen von +grobem Stoff und arg verwaschen, und der erfahrene Mann sah bald, daß +hier die armen Häusler- und Taglöhner-Kinder saßen. Wenn eines von ihnen +sich bewegte, fielen die Holzschuhe von den Füßen und klapperten auf dem +Boden, denn es war Sommer und da sparte man gern die Strümpfe, die noch +den langen Winter halten müssen. + +»Den Schulmeister muß ich mir einmal in der Nähe betrachten,« dachte der +Neugierige, fuhr in das Gasthaus, gab Pferde und Wagen dort ab und ging +in den Kramladen, wo man allerlei einkaufen konnte. + +»Gute Frau,« sagte er zu der Alten, die ihn frug, was er begehre. »Habt +Ihr eine große Hornbrille, dieweil meine auf der Fahrt zerbrochen ist?« +– »Mein’, daß ich eine hab! Ein Fremder, der mich nicht bezahlen +konnte, hat sie mir als Pfand dagelassen. Er ist aber nimmer +wiederkommen, also daß ich sie wohl verkaufen kann.« + +Damit fing sie an, nach der Brille zu suchen, die sie irgend wo gut +versteckt hatte, und nachdem sie alle ihre Ware durchwühlt, und Brot, +Käse, Tücher, Schnupftabak, Zunder, Strümpfe und Gewürz herausgenommen +und wieder in die Gefache gelegt hatte, fand sie endlich die Brille. Die +war gar groß und bedeckte dem Käufer die halbe Stirn und die halbe +Wange. + +»Was bin ich dafür schuldig?« fragte Schlupps. »Zahlt mir die Zeche, die +der andere schuldig geblieben ist. Es waren zwei Kreuzer und drei +Heller.« Deß war er zufrieden, strich sich die Haare nach beiden Seiten +der Stirn glatt, ließ sich von der Frau ein Stück Kreide geben und fuhr +damit über die Scheitel, also daß diese weiß aussahen und die schwarze +Farbe nur wenig durchschimmerte; dann setzte er die Brille auf und hatte +jetzt das Aussehen wie ein hochgelehrter Herr. + +»Ist eine Schule am Ort?« fragte er die Frau, die hin und her gegangen +war, in der Küche die Suppe verrührte, die Katze vom Milchtopf jagte und +auf das Gebahren des Fremden wenig acht gab; denn sie war schon alt und +kümmerte sich nicht mehr viel um andrer Leute Tun. »Will’s meinen,« +sagte sie. »Ist der Schulmeister schon lange im Dorf?« »Ach nein, Herr, +der ist erst kurze Zeit da, und ist leider nicht so wie unser alter, der +vor einem Jahr gestorben ist. So einer kommt nicht wieder.« »Erzählt mir +von ihm,« bat der Fremde, denn er merkte, daß er jetzt das gefunden +hatte, wovon zu erzählen ihr Herz erfreute. + +Auf all seinen Fahrten hatte er eines wahrgenommen: daß auch der +Verschlossenste redselig wird, wenn er von dem sprechen kann, was ihm +im tiefsten Herzen sitzt. Und weil Schlupps die Gabe besaß, an jedem das +herauszufinden, was ihm das Beste dünkte, so wußte er jedermanns +Vertrauen zu gewinnen und lernte den Menschen in die Seele schauen. Nun +sagte er: »Liebe Frau, ich habe von Eurem Schulmeister gehört; aber von +Euch, die Ihr ihn gut gekannt habt, möchte ich noch mehr wissen.« + +»Ja, wie soll ich Euch den beschreiben?« besann sich das Weiblein. +»Fünfzig Jahre hat er seines Amtes gewaltet. Wie er kam, lag das Dorf im +Argen. Der vor ihm war, hatte kaum vermocht, die wilden Buben zu zügeln +und die Mädchen zur Ordnung anzuhalten. Aber der konnte es, keiner wußte +wie. Bei dem vorigen ruhte der Bakel nimmer, und es regneten nur so die +Strafen. Oft kam es, daß eine ganze Reihe Kinder vor der Kirche hinknien +mußten, zur Schande der Eltern; denn das war damals der Brauch so, Herr. +Jetzt hörte das mit einem Male auf. Wie er eigentlich hieß, wußte +keiner. ›Nennt mich Herzfroh,‹ sagte er, wenn man seinen Namen wissen +wollte. Ich glaube, er war weit her und ohne Anverwandte. + +Manche sagten, er sei ein Grafensohn, und von Hause verstoßen, andere, +er habe nicht wollen Mönch werden und sei daheim entwichen – niemand +wußte etwas Genaues. Aber die Kinder hatten ihn bald lieb, und wenn sie +sonst mit Heulen und Zähneklappern in die Schule gingen, so war es jetzt +für sie eine Lust und Freude. Selbst die Kleinsten quälten die Eltern, +sie sollten sie zu dem guten Schulmeister schicken. + +War ein besonders böser Bub unter der Schar und drohte dem der Vater, +er wolle seine Rute an ihm zerschlagen, dann holte ihn der Herzfroh in +sein Haus, behielt ihn da einige Zeit bei sich, und kehrte der Junge +heim, dann erkannte keiner den Unwilligen von vordem wieder.« »Hatte er +denn Weib und Kind?« fragte Schlupps. »Ach nein,« entgegnete sie. »Das +war es auch, daß manche meinten, seine Lieben seien ihm gestorben, und +er habe sich deshalb hierher geflüchtet, wo ihn keiner kannte, und es +mag wohl etwas derart gewesen sein, denn er nahm sich besonders der +Waisen an, und die hatten an ihm Vater und Mutter. + +Eine Magd führte ihm Haus. Gegen jeden war er freundlich. Den Frauen +schenkte er Setzlinge für ihre Blumenstöcke, die Männer unterwies er, +wie sie ihre Obstbäume pflegen sollten, und als die Eltern sahen, wie +sauber und ordentlich ihre Kinder wurden, wie sie auf sich hielten, da +wollten sie hinter den Kindern nicht zurückstehen, und so kam Zucht und +Ordnung in unser Dorf. Wie dann die Kleinen, die er großgezogen, +heranwuchsen und selbst Kinder hatten, da war es schon leichter mit dem +Schulehalten. Und wenn der Schulmeister in ein Haus trat, da war es +jedem, als käme sein leiblicher Vater zu ihm. Dabei tat er den Leuten +nichts besonderes, nahm von keinem etwas an, schenkte aber den Armen, +was er entbehren konnte. Für ihn gab es keine größere Freude, als wenn +ein Bauer sagte: ›Schulmeister, ich hab ein Schwein geschlachtet und den +Armen ein Teil Würste gegeben um Euretwillen.‹ Dann strich er am +Sonntag Nachmittag unter der Linde die Fiedel, und die Buben und Mädel +sangen dazu. Denn das wollte er haben. Singen mußte alles und froh sein. +›Fröhlich lachen schafft halbe Arbeit,‹ meinte er. Nun ist er tot, und +jedem fehlt er. Die Kleinsten sind gar am übelsten dran.« + +»Warum denn die?« fragte Schlupps, der aufmerksam zugehört hatte. +»Seht,« sagte sie flüsternd, »da ist jetzt ein Neuer, der ist gar herb +und grandig und ganz anders, wie Herzfroh war. Die Reichen setzt er +gesondert von den Armen. Nie hört man bei ihm in der Schule lachen, und +wenn die Kleinen ihn kommen sehen, springen sie von der Gasse fort und +verstecken sich hinter der Haustür. Wenn der Herzfroh einmal gescholten +hat, dann geschah es aus lauter Liebe und Güte und tat wohl. Wenn der +aber nur vorbeigeht an einem Haus, wird die Milch im Keller sauer von +dem Gewitter, das in seinem Gesicht steht. Und Ihr sollt sehen, Herr, +unser Dorf bleibt nimmer wie es ist. Wo die Kinder unfroh sind, kann +nichts gedeihen und entsteht bald Zank und Unfrieden. Ist mir nur um +meine armen Kindeskinder leid, das Lenerl und der Hansi, die gar so +lustige Gemüter haben und jetzt sich nimmer zu lachen getrauen. Aber da +klag ich dem Herrn meine Kümmernisse und gehen ihn doch nichts an. Er +meint gewiß, ich wäre ein schwatzhaft Weib.« + +»Nicht so, liebe Frau,« sagte Schlupps. »Wißt, ich bin ein berühmter +Gelehrter und weiß von Kindererziehung gar viel. Ich war in mancherlei +Landen, hab aber immer gefunden, daß Lachen dem Menschen gedeiht und +eine Gottesgabe ist wie das liebe Brot. Wer den Kindern das Frohsein +verkümmert und läßt sie in Mißmut aufwachsen, dem gebührt, daß er in der +tiefsten Hölle sitzt und nimmer herauskommt. Gehabt Euch wohl, gute +Frau!« + +Damit ging er fort und stracks auf das Schulhaus zu, klopfte an und trat +ein. »Verzeiht, Herr Kollege,« sagte er. »Ich komme von weit her. Mein +Name ist Neunmalgescheit, bin Professor in Padua und will in Deutschland +die Schulmeisterei aus dem Grunde studieren. Da hat man mich zu Euch +gewiesen und mir gesagt, daß Ihr, der Schulmeister Säuerling, einer von +denen seid, die es am besten verstünden. So erlaubt, daß ich zuhöre, wie +Ihr es macht und laßt Euch durch mich nicht stören.« + +Der Schulmeister verneigte sich bei dieser Anrede unaufhörlich und wußte +nicht, wie ihm geschah; denn er war heute gar nicht zum besten +aufgelegt, weil er seinen grünen Tag hatte. + +So nannten es die Kinder, wenn sie in die Schule kamen und sahen, wie er +mit zusammengekniffenen Lippen grün und gelb im Gesicht in dem +Schulzimmer hin- und herlief und jedem Kinde, das hereintrat, einen Hieb +mit der Gerte austeilte. An solchen Tagen mußten sie still sitzen, ihre +Tafeln vollkritzeln und durften den ganzen Tag kein Wort sprechen. Er +sprach auch nicht und rannte nur immer auf ein- und derselben Planke am +Boden auf und nieder; trat nicht rechts und nicht links und warf zornige +Blicke auf die Kleinen. + +Hatte er aber seinen roten Tag, dann stand er schon vor dem Schultor, +die Kinder zu erwarten, hochrot im Gesicht und dann schrie und wetterte +er auf die Kleinen ein, daß ihnen Hören und Sehen verging und sie vor +Angst nicht antworten konnten. Er nahm sich auch nicht die Zeit, sie zu +unterweisen, sondern schrie und tobte nur immer ärger. So kam es, daß +keines etwas lernte, weder die Dummen noch die Gescheiten, und alle +unwissend geblieben wären, hätten sich nicht manche Eltern erbarmt und +die Kinder im Lesen und Schreiben angelernt, und diese zeigten es wieder +den andern. + +Der Schultheiß hatte schon einmal mit dem Pfarrer Rücksprache gehalten, +daß ein anderer Lehrer ins Dorf sollte. Der Geistliche aber war mit der +Zucht des Lehrers sehr einverstanden. Ihn freute es, wenn die Kinder in +der Kirche still, mit gesenktem Kopfe dasaßen und nicht wagten, die +Augen aufzuschlagen. Er wußte nicht, daß die Furcht vor dem Schulmeister +sie so brav machte; denn Säuerling stand in der Nähe der Kinderbänke und +drohte jedem, der sich rührte, mit Schlägen. + +Bei dem Grafen aber durfte man sich gar nicht beklagen; denn der hatte +dem Schulmeister die Stelle verliehen und ließ sich in seine Sachen +nicht dreinreden. »Für die Dorfkinder ist der gut genug,« sagte er auf +alle Vorstellungen und Bitten; denn er war froh, ihn los zu sein. Ein +Vetter hatte ihm den Mann zugeschickt und ihn gebeten, ihm zu einem +Auskommen zu verhelfen; und so hatte der Herr Graf es versucht, ihn als +Schulmeister für seine eigenen Kinder zu nehmen. Aber die konnten sich +in die Art des Mannes nicht finden. Sie waren gewohnt, ungebunden und +frei zu sein, und so kam Säuerling an die Stelle von Herzfroh. Schlupps +gab acht auf den Unterricht, wie es der Lehrer mit den Kindern machte. +Er lief hin und her, warf eine Frage auf, gab dann eines nicht Antwort, +so frug er das zweite und so fort. Er erklärte nichts, und es schien ihm +ganz gleich, ob sie das Gefragte verstanden oder nicht. + +Dann hieß er die Kinder aufstehen und führte sie in den Hof hinab. Da +hatte er platt auf den Boden Fäden gespannt, auf denen mußten die Kinder +einzeln entlang gehen, eines hinter dem andern. »Seht, Herr,« sagte er, +»das ist die Hauptsache im Unterricht, daß jedes lernt, nur nach der +Schnur laufen, nicht abbiegen, noch rechts und links, und immer die +Augen auf mich gerichtet halten.« + +Trat aber eines der armen Würmchen mit einem Fuß über die Schnur, dann +wetterte der Lehrer und schlug auf es ein. »Wenn es nach mir ginge, +wären im ganzen Orte solche Schnüre gezogen,« meinte Säuerling zu seinem +Gaste, »und jeder sollte lernen, darauf gehen, daß es eine Lust wäre. +Seht unser Dorf an,« fuhr er fort, »wie es ausschaut. Der eine hat sein +Haus rot gemalt, der andere blau; die eine Dirne hat Nelken am Fenster +und die andere Blauveiglein. Sieht der Ort nicht aus wie ein Hänfling?« +»Wie meint Ihr, daß Euer Dorf aussehen müsse?« fragte der Professor +Neunmalgescheit ernsthaft. + +»Weiß wie der Tag und schwarz wie die Nacht. Die Häuser schwarz wie die +Erde; denn die ist ein Jammertal, und die Fenster weiß vom Sonnenlicht; +denn das soll hineinscheinen und die Menschen in all ihrer +Schlechtigkeit beleuchten, daß sie sehen, wie erbärmlich sie sind. Und +ich setze es auch noch durch. Unter meinem Vorgänger ist gar viel Unfug +eingerissen, das muß ich umwandeln.« + +»War gewiß ein jung Blut?« meinte Schlupps entschuldigend. + +»Nein, das ist es gerade,« ereiferte sich Säuerling. »Alt war er schon +und hielt doch noch die Leute zum Singen an und zur Kurzweil. Als ob der +Mensch dazu auf der Welt wäre. Ich werde ihnen aber schon die rechte Art +beibringen, und wenn sie sich auch widersetzen. Kann ich bei den Großen +nichts erreichen, so sollen die Kleinen anders werden. Wie ich es für +Recht halte, muß es in der Welt zugehen. Alles schön geordnet. Die +Reichen für sich und die Armen für sich. Die Alten allein und die Jungen +abseits. Eingeteilt sollten sie werden. Wie das Gerät in einem Schrank +darf nichts durcheinander gehen, jedes für sich und Alles nach der +Schnur.« + +»Recht habt Ihr, Schulmeister,« gab Schlupps bedächtig zurück. »Hab das +schon lange gemeint und bin nur froh, daß ich einen finde wie Ihr seid. +Schade, daß der liebe Herrgott Euch bei der Erschaffung der Welt nicht +hat fragen können. Wie viel Ungelegenheit und Unruh wäre da erspart +geblieben! Wirklich, Ihr seid ein grundgelehrter Mann.« + +Säuerling lächelte zum ersten Male. Das Lob tat ihm gar wohl. Hatte bis +jetzt selten ein solches gehört. + +»Eigentlich bin ich nicht zum Schulmeister bestimmt gewesen,« sagte er +vertraulich. »Mein Vater war Schuster und hat mich in seinem Handwerk +unterwiesen, ließ mich immer die Stiefel für die Arbeitsleute machen, +die er auf den Märkten feil hielt, weil es keiner so gut wie ich +verstand, alles über einen Leisten zu arbeiten. Das Schusterhandwerk war +mir aber verleidet, weil es mich verdroß, daß ich für rechts und links +einen besonderen Stiefel machen mußte und das Verschiedenerlei mich +ärgerte. Deshalb ging ich zu einem Bader in die Lehre und mußte alle +Leute einseifen, dieweil er mit dem Messer kratzte. Dies Geschäft gefiel +mir schon besser. Das geschah immer gleich, sodaß kein Unterschied dabei +war. Ob Alt ob Jung, alle mußten stillsitzen, wie ich befahl. Da starb +der Bader. Das Scheren mit dem Messer verstand ich nicht, denn es ist +ein gar schweres Handwerk. So nahm mich ein Magister in sein Haus, +unterwies mich, der ich nur notdürftig lesen und schreiben gelernt +hatte, in seiner Kunst. Dafür mußte ich die alten Pergamente, die er +hatte, ausklopfen, daß sich kein Staub hineinsetzte. Wie auch der eines +seligen Todes verblich, vermachte er mir seine Bücher und seine +Perrücke. Letzteres tat mich am meisten freuen, dieweil mein Schädel +wenig bewachsen war. + +Mein Vater hatte aber einen Kunden, einen Grafen, der oft zum Magister +gekommen war, um von ihm die Kunst des Goldmachens zu erlernen. Haben +Tag und Nacht daran studiert, wollt’ aber nichts gelingen. Dieser Graf +wies mich her an unsern hochmögenden Herrn, und so bin ich hier, um in +die Bauernschädel Ordnung zu bringen und sie zu rechten Menschen zu +erziehen.« + +»Habt Ihr kein Weib, Schulmeister?« fragte Schlupps. + +»Nein,« war die Antwort, und Säuerling machte ein Gesicht, das aussah +wie sein Name. + +»Ist es tot?« forschte Doktor Neunmalgescheit. »Nein. Davongelaufen ist +mir’s.« Die Sache war aber so: Säuerling hatte ein Weib gehabt, das war +eines Tages auf und davon gegangen und zu seinem Vater zurückgekehrt. +Als der Richter ihr Vorstellungen machte, daß ein braves Eheweib bei +ihrem Gatten zu bleiben und eine gute Ehe zu führen habe, erklärte sie +ihm, eine Ehe mit einem fromm gesinnten braven Manne wolle sie wohl +führen; einer aber, der alles besser wissen wolle als der liebe Gott +selber, habe keinen Glauben. Denn Gott habe die Menschen verschieden +gemacht, ihr Mann aber wolle alle nach einem Muster. Wer anders sei als +er, wäre in seinen Augen ein schlechter Mensch, und da sie eine Frau und +kein Mann sei, so könne sie auch nicht denken wie Säuerling und ihre Art +nicht ablegen und verleugnen. Er solle sich zum Frommsein bekehren und +was Gott geschaffen habe als recht annehmen, dann wolle sie zu ihm +zurückkehren. Da er sich aber nicht ändern wollte und bei seiner Art +verharrte, blieb sie bei ihrem Vater und gedieh von nun an wie ein Apfel +am Baume, den die Sonne bescheint, während sie vorher war wie eine +Schlehe, die im Schatten gewachsen war. + +Der Richter merkte, daß er einer Weiberzunge nicht gewachsen sei, gab +ihr im Grunde recht, sprach mit Säuerling und suchte ihn umzuändern. +Wies ihm nach, daß Gott wohl gewußt, warum er so vieles auf der Welt +verschieden gemacht habe, und riet ihm, daß er doch versuchen solle, mit +den Menschen in Güte auszukommen. Aber da stieß er auf den Unrechten; +denn der Ehemann konnte keine Widerrede vertragen und ereiferte sich +sehr, wenn ihn jemand tadeln wollte. + +Also ließ ihn der Richter gehen und dachte sich sein Teil. Daher kam es, +daß Säuerling nicht in der Heimat geblieben war, sondern auswärts ein +Unterkommen gesucht hatte. »Wißt Ihr, Schulmeister,« nahm der Herr +Neunmalgescheit das Wort, »Ihr tut mir leid, daß Ihr hier sitzen müßt. +Ihr gehörtet an einen andern Platz, und weil ich sehe, was für ein Mann +Ihr seid, will ich Euch ein Geheimnis anvertrauen.« Säuerling spitzte +die Ohren und sagte: »Da bin ich sehr begierig, Herr Kollege. Ist mir +eine Ehre, daß ein so großer Gelehrter sich zu mir herabläßt.« »Das +kommt, weil Ihr bei meinesgleichen gewesen seid und habt dürfen die +alten Pergamente bewachen. Hättet Ihr in sie hineingeschaut, wäre Euch +noch manches klarer im Kopfe geworden, und Ihr wüßtet, wie man es dazu +bringt, die Welt nach seinem Willen zu lenken. Hier ist nicht der Ort, +über Dinge zu sprechen, die Unberufene nicht hören dürfen. Heute Abend, +wenn es dunkelt, kommt auf den Kirchhof hinaus, da können wir von +erhabenen Geheimnissen reden, und ich will Euch zu Eurem Glücke +verhelfen.« + +Damit nickte er recht stolz und hochmütig, als hätte er alle +Gelehrsamkeit der Welt in sich und verließ das Schulhaus. Säuerling aber +war wie benommen von dem, was er gehört hatte, so daß er wie im Traum +umherging und vergaß, die Kinder zu prügeln, ja, es nicht einmal merkte, +als eines heimlich lachte. Das Sünderlein steckte rasch den Kopf unter +die Bank und harrte vergeblich seiner Schläge. Kaum erklang die +Vesperglocke, so liefen die Kinder fort und wußten nicht, wie ihnen +geschehen war. Solch einen Nachmittag hatten sie lange nicht erlebt. + +Am Abend, als es dunkel wurde, schlich ein Mann auf den Gottesacker, +trat hinter einen großen Leichenstein und wartete. Wartete auf einen, +der lang und schmal wie ein leibhaftiger Schatten zwischen den +Gräberreihen dahin schlich und ängstlich um sich schaute. Denn so tapfer +Säuerling vor seinen Kindern war, wenn es galt, sie zu dreschen, so +feige fühlte sein Herz, wenn er allein war. Er fuhr daher erschreckt +zurück, als der zuerst Gekommene auf ihn zuschritt und ihm feierlich +winkte. + +»Ach, Ihr seid’s, Herr Professor,« atmete der Schulmeister auf. »Dachte +schon, ein Geist wäre es.« »Der könnte Euch nichts anhaben,« versicherte +Schlupps lächelnd, »dieweil Geister am liebsten mit ihresgleichen zu tun +haben und merken würden, daß Ihr nicht zu ihnen gehört. Aber kommt her, +daß niemand wahrnimmt, was ich Euch anzuvertrauen habe.« Damit führte er +Säuerling tief hinten an die Mauer und hieß ihn auf einen umgestürzten +Leichenstein niedersitzen. + +»Wißt,« hub er an, »ich habe viel alte Pergamente durchstudiert und +wollte wissen, wie man es fertig bekommt, die Menschen nach seinem +Willen zu lenken und sie sich untertan zu machen. Da entdeckte ich denn, +daß einst vor tausend Jahren hier im Walde ein weiser Mann etwas +vergraben habe.« + +»Horcht,« unterbrach ihn Säuerling. »Hört Ihr nicht die Hunde bellen? +Oh, es ist furchtbar, wenn sie so zu aller Tag- und Nachtzeit heulen und +kläffen. Wißt, daß mir nichts so zuwider ist, als bellende Hunde und +krähende Hähne. Die machen ihr Maul immer zur Unzeit auf, statt +ordentlich an bestimmten Tagesstunden zu schreien.« »Hört zu, +Schulmeister, und unterbrecht mich nicht. Also hier im Walde hat +besagter Mann etwas vergraben: Ein Knäuel, aufgerollt aus Bindfaden. Die +Stelle habe ich gefunden; aber ausgraben darf ich es nicht; denn es muß +ein Mensch sein, der nie Unrecht getan hat, nie Böses von den Menschen +gedacht und ihnen immer Gutes erwiesen. Ein solcher kann, wenn er das +Knäul aufrollt, die ganze Welt damit umspannen und hat dann Macht über +alle Seelen. Ergreift es aber ein Unwürdiger, so kommt der Satan in +Hahnengestalt mit dem Gebrüll eines wütenden Hundes und jagt den +vermeintlichen Weltbezwinger in die Hölle hinab. Nun seht, Schulmeister, +ich bin ein sündiger Mensch, der schon manchem Unrecht getan hat. Ihr +aber scheint besser zu sein denn ich, und so frage ich hiermit feierlich +und rufe den Mond und die Sterne als Zeugen an: Seid Ihr der Mann, das +Knäul zu heben? So will ich Euch die Stelle zeigen und nichts dafür +verlangen, als was Ihr mir gutwillig gebt. Ihr aber werdet Herr der +Welt, und niemand darf Euch etwas verweigern.« + +»Der Mann bin ich!« rief Säuerling und streckte seine Hand hoch. »Nie +habe ich Unrecht getan; denn ich bin die Gerechtigkeit selbst. Die +reichen und armen Kinder habe ich gesondert, weil Gott die Menschen +unterschiedlich geschaffen hat und man ihnen immer seinen Willen vor +Augen halten soll. Böses habe ich nie besonders von ihnen gedacht; denn +ich weiß, daß die Menschen von Grund aus böse sind, und so habe ich sie +nur für das angesehen, was sie sind und nie etwas dazu getan. Gutes habe +ich ihnen erwiesen; denn ich hab’ sie von Tand und Lustigkeit abgehalten +und sie hingewiesen auf das, was allein ewig bleibt, – – auf die +Trauer und die Unlust an der Welt. Und so,« schloß er, »hätte der Herr +Professor können keinen Gescheiteren finden als mich. Als Dank aber will +ich ihm meine Stelle vermachen. Da kann er in meinem Sinne weiter wirken +und die Kinder unterweisen.« + +»So steht dem Werke nichts mehr im Wege,« sprach der Herr Professor aus +Padua. »Findet Euch morgen gegen Mitternacht hier ein. Alles Nötige +werde ich mitbringen. Bereitet Euch vor durch Buße und Reue, falls Ihr +noch eine Sünde auf dem Gewissen habt.« »So sündenrein wie ich ist +niemand,« erwiderte Säuerling. »Aber jetzt tut mir die Liebe und +geleitet mich zu meiner Behausung. Denn die Hunde bellen, wenn ich an +den Häusern vorbeigehe, und Ihr wißt, das kann ich nicht vertragen. Bald +will auch die Sonne aufgehen und die Hähne beginnen zu krähen.« »Geht +nur allein, Schulmeister,« sagte Schlupps, »langsam über den Friedhof, +stoßt an keinen Leichenstein, daß kein Nachtgespenst aus seiner Ruhe +aufgeschreckt wird und Euch an den Kopf springt. Denn wißt, es gibt auch +falsche Geister, die dem Menschen in den Kopf springen und nimmer +herausgehen. Dann haltet Euch genau in der Mitte der Straße, seht nicht +rechts und links um Euch, bis Ihr in Eurem Bette liegt. Das Weitere +kommt morgen.« Und der Schulmeister schlich zitternd und angstvollen +Herzens fort, sah sich nicht um und war froh, als er in seinem Bette lag +und die Decke über den Kopf ziehen konnte. Am liebsten hätte er gar +keine Schule gehalten; da das nicht anging, ließ er die Kinder kommen +und suchte ihnen heute nur Freundlichkeiten zu erweisen. Er forderte sie +auf fromme Sprüche zu sagen und erzählte ihnen dann, daß er dereinst die +Welt beherrschen und zu hohen Ehren gelangen würde. Dann entließ er sie, +schloß das Schulhaus ab und erwartete mit Ungeduld den Abend. + +Indessen war Schlupps auch nicht faul gewesen. Als er den Kirchhof +verlassen hatte, setzte er die Brille ab und begab sich in das +Wirtshaus. Am andern Morgen erkundigte er sich, ob nirgends Hunde zu +verkaufen seien. »Das wohl,« beschied ihn der Wirt. »Geht nur hinaus auf +den Anger, wo der Schäfer weidet, der hat solche zu vergeben. Sag Euch +aber gleich, daß es bissige Tiere sind, die man nicht frei herum laufen +lassen darf und die keinem gehorchen außer ihrem Herrn.« + +Das war Schlupps gerade recht. Er ging zu dem Schäfer hinaus und fand +ein Männchen mit faltigem Gesicht und verschmitztem Ausdruck. Neben ihm +saß ein kleines Mädchen. »Ist das Euer Jüngstes, Schäfer?« fragte er. +»Jawohl, Herr; die andern sind noch in der Schule.« »So, so, hab’ da +hineingeguckt, gefällt mir gar nicht, Euer Schulmeister; bin zwar selber +einer, möcht’ aber keine Kinder um mich haben, die nicht lachen und froh +sind.« »Ihr seid mein Mann,« rief der Schäfer. »Wollte Gott, wir hätten +einen wie Ihr seid und wären den Sauertopf los.« »Dazu könnt Ihr +kommen,« lachte der falsche Schulmeister. »Hab einen gar feinen Plan und +wenn Ihr, Schäfer, mir helft, so sollt Ihr den Griesgram bald vom Ort +haben.« »Da bin ich dabei. Sagt, was Ihr begehrt.« »Ich brauche nichts, +als zwei oder drei bissige Hunde, die bellen, wenn man sie in den +Schwanz kneift, und einen Hahn. Ein paar Buben sind auch vonnöten.« Dann +weihte er den Schäfer in seinen Plan ein, und der Hirte versprach ihm +lachend, alles auf das Pünktlichste zu besorgen. + +Als es ganz dunkel war und vom Turm langsam die Glocke elf schlug, +betrat Säuerling den Friedhof, wo ihn der Professor Neunmalgescheit +erwartete. Der faßte schweigend des Schulmeisters Hand, schritt mit ihm +hinaus, links in den Wald, der sich bergwärts zog, und machte am Fuße +einer hohen Eiche Halt. »Hier nehmt,« sagte er feierlich und reichte +Säuerling seine Schaufel. »Grabt zehnmal; aber hütet Euch innezuhalten, +weil sonst der Teufel Macht über Eure Seele gewinnt. Dann werdet Ihr den +Knäul finden. Seht: ich habe Euch ein wenig vorgearbeitet und die +Erde aufgelockert.« In Wahrheit hatte der Schelm am Nachmittag ein +gewöhnliches Garnknäul an der Stelle vergraben und die Erde wieder +tüchtig festgestampft. Nicht weit davon hatte er den Schäfer +aufgestellt, der hielt die Hunde an der Leine. Auf einem Baume daneben +aber saß des Schäfers Ältester mit einem Hahn, und der jüngere Bube +hockte unweit davon auf dem Boden und hielt Feuerstein und Zunder in der +Hand und eine mächtig lange Pfeife seines Vaters lag neben ihm. + +[Illustration: Der Weltenknäul] + +Als nun der erste Schaufelwurf erklang, kniff der Schäfer einen Hund in +den Schwanz, daß er heulte, und Säuerling hielt erschreckt mit Graben +inne. »Das ist ein schlimmes Zeichen,« flüsterte Schlupps. »Solltet Ihr +in Eurem Gewissen doch nicht so rein sein, daß der Teufel eine Mahnung +gibt?« »Wüßte kein Unrecht, das ich je begangen,« stöhnte Säuerling. »So +grabt weiter!« + +Beim zweiten Schaufelstich klang das Heulen stärker. Beim dritten war es +so arg, daß dem Grabenden die Hände zitterten und er nur mühsam den +Griff festhielt; aber er ließ nicht los und fuhr fort zu schaufeln. Da +schlug der jüngste Bube mit dem Feuerstein Funken, brannte den Zunder +an, entzündete die Pfeife, daß sie glühte und zog an, bis mächtige +Rauchwolken heraus kamen. »Um Himmelswillen! der Teufel,« flüsterte +Schlupps. »Seht, wie seine Augen glühen, wie sein Atem dampft!« +Unbemerkt war der kleine Junge näher geschlichen, hatte in die Grube ein +Stück brennenden Zunder und eine Handvoll Hobelspäne geworfen, sodaß +eine Flamme hochschlug. Säuerling ließ die Schaufel fallen und fuhr +entsetzt zurück. Schlupps aber war hinter einen Baum getreten und +brüllte mit verstellter Stimme: »Wer wagt es, meine Höllengeister zu +beschwören? Bist du es, Sündhafter, der Trübsal in die Welt bringen will +und die Menschen zu mutloser Traurigkeit verleitet? Wehe dir! Jetzt bist +du mir verfallen!« Der Hahn auf dem Baume, der die Flamme hatte leuchten +sehen, meinte nicht anders, als die Sonne ginge auf und fing an zu +krähen. Da ließ ihn der Bub frei. Er flog hinab, gerade auf Säuerlings +Kopf und hackte mit dem Schnabel in dessen Perücke; der Schäfer aber +ließ die Hunde los, die sich wütend auf den Schulmeister stürzten. Der +warf entsetzt die Schaufel hin, rannte davon und meinte nicht anders, +als der Teufel sei ihm auf den Fersen, lief und lief immer weiter bis er +Abends in einer fremden Gegend anlangte und nicht wußte, wo er war. + +Dort bat er die Leute, ihn um Gotteswillen aufzunehmen, und da sie +meinten, einen Armen vor sich zu sehen, der eine Schuld abzubüßen habe +und landflüchtig sei, und Mitleid mit ihm spürten, wenn er immer rief, +der böse Geist verfolge ihn, ließen sie ihn im Dorfe wohnen. Sie gaben +ihm eine alte Hütte und ließen ihn die Gänse auf die Weide treiben. +Verwiesen es auch den Kindern, darüber zu lachen, wenn der fremde Mann +erzählte, daß er einmal Schulmeister gewesen sei und Macht über die +ganze Welt besitzen sollte, daß ihm aber Unrecht geschehen sei, ihm, der +sein Lebtag die Gerechtigkeit selbst war. + +Schlupps verließ mit dem Schäfer den Wald und ließ sich Handschlag +darauf geben, daß keiner im Dorf erfahren solle, auf welche Art sie den +Schulmeister los geworden seien. Der Schäfer versprach, Wort zu halten +und seine Buben desgleichen; denn sie wollten beide einmal Schäfer +werden, und einem solchen vertrauen die Menschen oft gar viel. Muß er +sie doch heilen, wenn sie krank sind, und erfährt von vielen Schmerzen, +innerlich und äußerlich, die den Menschen plagen und die er sonst keinem +anvertraut. Als am andern Morgen die Kinder in die Schule kamen und kein +Lehrer da war, gingen sie heim und freuten sich. Der Schäfer aber +flüsterte geheimnisvoll dem und jenem zu, daß wohl der Teufel den +Schulmeister geholt habe; es sei aber nur eine Ahnung; sicher wisse er +es nicht. Weil aber die Menschen Vermutungen immer um so lieber glauben, +je unwahrscheinlicher sie sind, so stand bald im Dorfe fest, daß den +Säuerling der Teufel geholt habe, und Niemand weinte ihm eine Träne +nach. + +Statt seiner aber erbot sich Schlupps, die Stelle anzunehmen; nannte +sich aber nicht mehr »Neunmalgescheit,« sondern »Einfältig;« »denn,« +sagte er, »wer lehren will, muß ein einfältig Gemüt haben und selbst +lernen wollen.« + + + + +Einfältig + + +Jetzt begann für die Kinder eine herrliche Zeit. Kam eine Mutter an das +Schulhaus und wollte ihrem Buben oder Dirnchen einen Weck oder einen +Apfel bringen, so fand sie das Haus leer. Der Schulmeister war mit der +jungen Schar hinausgezogen in den Wald. Da lehrte er sie die Pflanzen +und Tiere kennen und erzählte ihnen, wie in anderen Ländern die Felder +bestellt werden. Da er immer offene Augen und Ohren gehabt hatte, +vermochte er den aufhorchenden Kindern gar viel Lehrreiches +beizubringen, so daß sie an einem Vormittag im Walde mehr lernten, als +bei Säuerling in einem Jahr. War aber Regen und trübes Wetter, dann +wurde im Schulhaus geschrieben und gelesen, daß allen der Kopf rauchte, +denn wer nicht fleißig war, durfte bei Sonnenschein nicht mit in’s Freie +und mußte nachlernen. + +Dazu kam noch, daß der Schulmeister Einfältig die Kinder, denen das +Lernen schwer fiel, sehr belobte, wenn sie etwas gut machten, dadurch +bekamen sie Zutrauen zu sich und merkten, daß das Lernen eine Lust sein +könne und keine Last, wie sie vordem vermeint. Die Eltern aber nickten +einander zu und sagten: »Sollte man nicht meinen, Herzfroh sei wieder +aufgestanden?« + +So hielt es der neue Schulmeister ein halbes Jahr. Da wurde ihm die Zeit +lang, und er sehnte sich wieder in die weite Welt. Hätte er nur einen +andern gefunden, der, wie er, die Kinder in Liebe unterwies. Wo aber +einen hernehmen? Sah immer im Wirtshaus die Leute an, ob der Zufall +nicht einen Geeigneten herführte, aber keiner schien der Rechte. +»Schulmeister,« hatte der Wirt eines Tages gesagt, »was soll Euch ein +Bauernwagen? Ich habe dahinten ein Kütschlein stehen, das mir nichts +nutz ist, zu dem bin ich bei einem kleinen Handel billig gekommen. Ist’s +Euch recht, so laßt uns tauschen. Ist uns beiden damit geholfen; denn +ich hab oft Säcke in die Mühle zu fahren und mein Planwagen ist schon +ein bischen zerbrechlich.« + +Deß war Schlupps zufrieden, und damit seine Gäule im Stall nicht zu fett +und gar krank würden, spannte er sie oft in sein neues Wägelchen und +fuhr die Alten und Gebrechlichen über Land, damit sie die schöne +Gotteswelt auch anders als vom Sorgenstuhl zu sehen bekämen. + +Eines Tages war er allein ausgefahren. Auf dem Rückweg ließ er die Zügel +hängen, und die Rößlein gingen langsam der Heimat zu. Da sah er einen +Jüngling vor sich gehen, den Rücken hochbepackt mit allerlei Gerät. +»Steigt ein, junger Mann,« rief er. Der Fremde ließ sich nicht zweimal +bitten, zog höflich zum Dank die Sammetkappe und kletterte in den Wagen. +»Seid sehr beladen,« meinte Schlupps. »Will’s meinen, Herr. Bin auch +lange auf der Wanderschaft. Komme von Italien her und habe manches +Schöne und Herrliche gesehen,« plauderte der junge Mann. »Bin meines +Zeichens ein Maler und weit herumgekommen, um zu studieren und zu +lernen.« + +»Erzählt mir von Eurer Fahrt,« bat der Schulmeister, dessen Herz hoch +schlug, sobald er von fremden Ländern hörte. Der Jüngling strich sich +die blonden Locken aus der Stirn, sah mit den tiefen blauen Augen +träumerisch in die Ferne und sagte langsam: »Herr, Herr, es ist etwas +Gefährliches um das Indieweltgehen. Daheim hab ich geglaubt, schon viel +zu können und es den großen Malern gleich tun zu können. Wie ich aber +südwärts kam, nach Venezien und Florenz, da wurde mein Herz immer +schwerer, denn ich sah, daß ich ein Stümper war, wie es nur einen gab. +Vor den Bildern der alten Meister dachte ich zu lernen und pinselte und +zeichnete nach, so viel ich konnte. Als ich aber weiter kam in die +heilige Stadt Rom und dort von Bild zu Bild eilte, war ich so +unglücklich, daß ich schier meiner Kunst gram wurde. Denn sagt selbst: +Ist es nicht hart, sein Herz an eine Sache zu hängen und dann zu sehen, +daß man darin nie etwas Besonderes erreichen könne? Ich sah ein, daß die +Malerei mir immer ein Ergötznis für frohe und trübe Stunden sein würde, +aber daß ich nimmer etwas fertig bekäme, was nur dem allerkleinsten +Bildchen der großen Meister gleicht. Es waren schwere Stunden, Herr, und +das schöne Italien erschien mir wie der Garten des Paradieses, allwo der +Engel mit dem feurigen Schwert mich hinauswies. Da packte ich endlich +zusammen, was ich gemalt hatte und wanderte wieder zurück in meine +Heimat. Könnte ja mein Gewerbe dort ausüben und würde wohl kaum einer +merken, daß ich kein großer Meister bin; denn sie sind der Malerei +unkundig und es gefällt ihnen leicht, was recht aussieht und bunte +Farben hat. Aber mir ist es verleidet.« + +»Da geht’s Euch mit Eurem Handwerk, wie mir mit meinem,« nickte +Schlupps. »Bin hier Schulmeister und tät’s gern an den Nagel hängen.« + +»Was,« rief der junge Mann, »ist’s möglich? Das ist Euch zuwider? Gibt’s +denn eine größere Freud, als die Kinder zu unterweisen, ihnen alles +Schöne zu geben, das man gesehen hat und vielleicht einen, der ein +Meister werden kann, auf den rechten Weg zu führen? Seht, Herr,« fuhr er +fort und seine Augen leuchteten. »Das hab ich mir als das Beste +vorgestellt, der Jugend den Sinn und die Augen auftun. Aber so geht’s. +Mit dem, was er hat, ist der Mensch nie zufrieden.« »Da mögt Ihr recht +haben, junger Mann,« sagte Schlupps; »wir sind hier bei meinem Hause +angelangt. Kommt herein und nehmt fürlieb.« Damit half er dem Gast vom +Wagen und wies die Magd an, ihm ein Stübchen und ihnen beiden einen +Imbiß zu richten. + +»Zeigt mir morgen bei Tageslicht Eure Bilder, Herr Maler,« bat er. »Hab’ +eine Freude an solchen Sachen.« Das war dem Gast lieb zu hören: denn +wenn ihm selbst seine Arbeiten auch nicht immer gefielen, so erfreute es +ihn doch, wenn andere Wohlgefallen daran hatten. Wie sie nun am Morgen +die Bilder besahen, und Schlupps sich vorstellte, daß es Orte gäbe, so +schön wie die auf der Leinwand, wo Schlösser und Burgen, blaue Seen und +Schneeberge zu sehen waren, da wuchs seine Sehnsucht in die Welt schier +übermächtig. Am meisten gefiel ihm ein Bild, das einen Fürstensohn +darstellte, mit blassem Gesicht, dunklen Augen und schwarzen Haaren. + +»Dies Bild habe ich in Florenz gemalt,« sagte der Maler. »Ein Meister, +der schon lange verstorben ist, hat es angefertigt, und weil ich die +Augen des Konterfeis nimmer vergessen konnte und immer zu dem Bild +zurückkehren mußte, habe ich es nachgemalt, so gut es ging, und es ist +mir nicht übel gelungen.« Damit legte er es in seine Mappe zurück. +»Dank Euch auch, Schulmeister, für die Unterkunft. Will heute noch +weiter wandern und sehen, wo ich mein Nest aufschlage,« fuhr er fort. +»Hier,« sagte Schlupps und faßte ihn bei der Hand. »Hört mich an. Ihr +kommt zu gelegener Stunde. Ich muß fort und habe nur auf einen gewartet, +der mein Amt übernimmt. Bleibt Ihr an meiner Stelle und unterweist die +Kinder. Nennt Euch ›Wegwart;‹ denn das sollt Ihr jetzt sein. Ein Wärter, +der ihren Weg bewacht. Und denkt nicht, daß dies Handwerk zu schwer für +Euch sein werde. Übt Eure Malerkunst an ihnen aus, dann wird es am +besten gehen, und wollt nur statt auf Leinwand auf die Seelen der +Kleinen Eure Bilder malen. Nehmt alle Farben: das Grün der Treue, das +Rot der Freude, das Gelb des Neides; aber nur so viel davon, als das +Herz braucht, um Neid auf alles Gute und Schöne zu bekommen und es +nachzuahmen. Vergeßt auch nicht das Schwarz des Hasses gegen alles Böse +und Unrechte. Und wenn Ihr das Grau der Trauer auflegen müßt, dann setzt +das Blau der Hoffnung dazu und laßt dazwischen das zarte Violett nicht +fort. Denn wie die Dämmerung zwischen Tag und Nacht steht, so ist in den +Herzen oft ein Schwanken von Leid zur Freude und es braucht von einem +zum andern einen Übergang. Mischt dann zu allem das Weiß der Klarheit +und Wahrheit und glaubt mir, daß an den Bildern, die Ihr auf die Art +macht, der liebe Herrgott seine Freude hat. Werdet dann ein so +verdienstvoller Maler wie die großen, die Ihr bewundert, wenn auch kein +Ehrenzeichen um Euren Nacken hängt.« + +Da stand der junge Maler eine Weile still und nachdenklich; dann hob er +die Hand und rief: »So hat es Gott gewollt, Schulmeister, daß er mich +herwies, Euren Platz will ich wohl annehmen. Wenn Ihr aber in die Welt +ziehen müßt, so erweist mir eine Liebe und nehmt das Bild mit, das Euch +so gefallen.« + +Noch lange saßen die beiden beratschlagend zusammen. Als am andern Tage +die Morgensonne in das Fenster schien, da schirrte der Schulmeister +Einfältig seinen Wagen an, tat all sein Hab und Gut hinein, reichte dem +künftigen Schulmeister die Hand und fuhr zu dem schweigenden Dorf hinaus +in die Welt hinein, noch vor dem Frühgeläut, damit seine Kinder ihm +nicht durch ihr Weinen das Abschiednehmen erschweren sollten. + + + + +Junker Pfiffig + + +Nach wenigen Tagen langte Schlupps in einer Stadt an, die er noch nie +gesehen, fuhr durch Gassen und Straßen mit hochgegiebelten Häusern, +spitzen, steilen Kirchtürmen, bog über brunnendurchrauschte Plätze und +verwunderte sich schier, wie viel Pracht und Herrlichkeit es gab. Dann +kehrte er mit seiner Kutsche in einem Wirtshaus ein, wo der Wirt ihn +sorgsam musterte. + +»Was habt Ihr an mir zu sehen, guter Freund?« fragte Schlupps. »Verzeiht +Herr,« gab der Wirt zur Antwort, »wenn ich Euch neugierig scheine; aber +kann mir’s nicht erklären, wie jemand, der das Aussehen eines Herrn hat, +so armselig gewandet sein kann; überlegte deshalb, woher der Herr wohl +angereist käme.« + +»Da habt Ihr recht,« erwiderte Schlupps, dem es jetzt auffiel, wie ganz +anders er aussah, denn die Bürger, die in der Wirtsstube saßen. »Wißt, +ich bin weit herum gekommen in entlegenen Gegenden, wo man nicht alles +zu kaufen vermag, wie bei Euch. Deshalb bin ich hierher gefahren, um +alles anzuschaffen, was mir nottut und kann Euren Rat wohl brauchen. +Wollt Ihr mir jetzt mein Zimmer zeigen?« Und als der Wirt ihn dahin +führte, zog er rasch seine Geldsäcke heraus und sprach: »Sagt mir, Herr +Wirt, ist mein Zimmer ganz sicher vor Dieben? Denn wißt, ich habe viel +Geld bei mir und muß mich auf Euch verlassen können.« Damit warf er die +Beutel auf den Tisch, daß es dröhnte. + +Der Wirt versicherte ein Mal über das andere, daß seine Truhen und Türen +feste Schlösser hätten und empfahl sich mit vielen Verneigungen. Der +Fremde mit der großen Geldkatze erschien ihm auf einmal nicht mehr +ärmlich gekleidet, sondern nur ein wenig absonderlich. Das machte, daß +der goldene Grund durch die abgeschabten Stellen des Anzuges hindurch +leuchtete. Er nahm sich vor, den Gast sehr liebevoll zu verpflegen, +damit der einen großen Teil seines Geldes bei ihm verzehre. + +Andern Tages fragte Schlupps seinen Hausherrn nach einem Schneider und +wurde zu einem gewiesen, der gar berühmt sei und sein Handwerk gut +verstehe. »Meister,« sagte der Fremde, als er eintrat, »richtet Euch +nicht nach dem Kleide, das ich anhabe. Wenn man unerkannt in der Welt +herum kommen will, muß man ein schlichtes Aussehen haben. Dann +betrachten die Menschen uns als ihresgleichen und fassen Zutrauen zu +uns. Habt Ihr eines oder zwei Kleider, wie sie mir passen und wohl +anstehen würden, so zeigt sie mir.« + +Der Schneider schloß aus dieser Rede, daß er einen vornehmen Herrn vor +sich habe, der sich einmal unbekannt unter den Menschen bewegen wolle, +wie große Herren zuweilen solche Launen überfallen. Meinen sie doch im +tiefsten Herzen, daß die Menge schon spüren werde, wer vor ihnen steht, +verwundern sich oft sehr, daß keiner fühlt und weiß, wer sie in Wahrheit +sind. Das kommt daher, daß sie im schlichten Kleide oft weniger Verstand +haben, als in dem prächtigen Anzug, den sie sonst gewohnt sind. In dem +besseren Gewande klingt jedes Wort heller und klüger und findet auch +mehr Beachtung als bei einem schlichten Bauers- oder Bürgersmann. + +So glaubte der Schneider, der neue Kunde habe das Einfachsein über und +wolle jetzt so daher kommen, wie es sich für seinen Stand schicke und +sprach darum: »Ihr kommt zu gelegener Zeit, Herr. Ein junger Graf hatte +bei mir zwei Kleider bestellt, eines für jeden Tag aus braunem Tuch, +sauber und schön gemacht, und eines für Feste, aus dunkelrotem Sammet +mit Barett und Feder. Er gab mir den Stoff dazu, den er weit her aus +Italien hatte kommen lassen. Da schickte ihn des Kaisers Majestät mit +einem Auftrag fort, hin zum türkischen Sultan in wichtiger Botschaft, +und so schnell mußte die Reise vor sich gehen, daß mein Herr Junker die +Kleider nicht abwarten konnte.« »Muß ihm sehr arg gewesen sein,« wandte +Schlupps ein. »War nicht so schlimm für ihn. Bedeutete es doch ein +ehrenvolles Amt, und des Kaisers Gnaden hatten ihn hinlänglich mit Geld +versehen, daß er sich anderen Ortes kaufen konnte, was sein Herz +begehrte. So ließ er mich rufen und sagte: ›Meister, ihr habt mich immer +gut bedient und wenn ich Euch nicht zahlen konnte, nie gemahnt und +gedrängt; auch manchmal die Kreide auf der Schuldtafel gespart. So +behaltet die Stoffe. Ich schenke sie Euch. Könnt sie wohl gelegentlich +verwerten. Weil aber die Kleider schon nach seinem Maß zugeschnitten +waren, machte ich sie fertig. Er ist Eures Wuchses, und es könnte sein, +daß Euch beide Gewänder passen. Wollt einmal probieren.‹« + +Und siehe da! Sie saßen wie angegossen, und Schlupps beschloß, sie zu +kaufen, da der Meister einen mäßigen Preis dafür forderte. »Kommt bald +wieder, Herr,« bat der Schneider. »Und verzeiht, wohin soll ich Euch +Euer altes Gewand und das Sammetkleid senden, da Ihr das braune gleich +anzieht?« »Sendet es in das Gasthaus zum goldenen Lamm,« sprach +Schlupps, »und laßt sagen, es sei für Junker Pfiffig.« + +Er zahlte seine Rechnung und ging fort. Der Meister sah ihm staunend +nach, wie er dahin schritt, den Kopf hoch, daß er über alle Menschen +hinwegschauen konnte und den Gang gar leicht, als sei er gewohnt, zu +tanzen statt zu schreiten. »Muß etwas ganz besonderes sein,« dachte der +Nadelkünstler. »Vielleicht ein Königssohn und der Name Pfiffig war +angenommen. Gibt es doch Menschen, denen sieht man trotz allem das +Königsein an, die mögen sich verstellen wie sie wollen. Einmal bricht es +hervor und dann staunen alle, daß sie den für einen gewöhnlichen +Menschen und ihresgleichen gehalten haben, der doch so hoch über ihnen +steht.« Und der Meister fädelte seine Nadel ein, kletterte auf seinen +Tisch und überlegte weiter; denn das Handwerk, das er betrieb, machte +ihn gar nachdenklich und sinnig. Kam er doch mit vielerlei Leuten +zusammen, hatte gelernt, das Kleid vom Menschen zu scheiden und wußte +wohl, daß, wenn es außen oft gleißte und glänzte, der Grund nicht immer +feines Linnen war, sondern grob Gewebe mit Knoten, Fehlschlägen und +Webfehlern. + +Junker Pfiffig aber ging langsam durch die Gassen und sah mit offenen +Augen alles wohl an. Er trat bei einem Barbier ein, ließ sich von dem +Schaumschläger Bart und Kopfhaar zurecht stutzen und wunderte sich +selbst, als er in dem Spiegel sah, wie wohlgestaltet er war. Das +schwarze Gelock, das auf seine Stirn fiel, glänzte vom Bürsten und +Striegeln, und es schien ihm, als ähnele er dem Bilde, das der fremde +Maler ihm geschenkt hatte. + +»Kommt bald wieder, Junker,« sagte der Barbier, als er ihm die Tür +öffnete. »Seid Ihr hier fremd, so rate ich Euch, unser Rathaus zu +besuchen, das gar schön gebaut und weit berühmt ist. Heut ist +Gerichtstag. Da darf jeder hineingehen und zusehen.« »Das will ich tun. +Seid bedankt für Euren Rat,« nickte der Junker Pfiffig höflich. Es kam +ihm vor, als habe er mit dem andern Kleid einen anderen Menschen +angezogen, denn er hatte Freude an allem, was schön war. Fühlte er sich +in jedem Kleide heimisch und bei sich, so schien ihm das neue Gewand wie +ein Haus, das eigens für ihn gebaut und gefertigt war. Er schritt +hinüber zu dem Stadthause mit den vielen Türmchen und spitzbogigen +Hallen. Da sah er in der Tür eine Frau stehen, die ihre rechte Hand vor +die Augen hielt und heimlich Tränen abwischte. »Was fehlt Euch, gute +Frau?« sagte er und seine Stimme klang so gewinnend, daß die Verzagte +Mut faßte und leise zu erzählen anhub: »Ach Herr, vielleicht könnt Ihr +mir helfen. Ihr scheint gar vornehm und mächtig. Ich habe einen Prozeß +mit meinem Nachbar, dem Grundbauer, um einen Acker, den einzigen, den +ich besitze. Der Nachbar behauptet, daß mein Mann ihm auf dem Totenbette +den Acker verkauft hätte für die Beerdigungskosten. Wie mein Hans +gestorben war, kam der Grundbauer zu mir, sagte: er wolle für das +Begräbnis Sorge tragen und alles so machen, wie es bei armen +Häuslersleuten Sitte wäre. Ich vermeinte, er täte es aus Nächstenliebe +und um Gottes Willen, dankte ihm sehr und lobte ihn vor den Leuten, ob +seines guten Herzens, und jetzt macht er es mir so. Glaubt mir, Herr, +mein Hans ist nie eine Minute allein gewesen, als es zum Sterben kam und +der Handel abgeschlossen sein soll.« + +»Aber der Richter muß Euch doch Euer Recht geben,« ereiferte sich +Schlupps. »Ach, das ist es gerade. Jetzt weist der Bauer eine Schrift +auf, und drei Kreuze stehen darunter. Kommt mit herein, seht, wie es +zugeht. Unsereins darf nichts sagen, sonst kommt er wegen Verläumdung in +den Turm.« + +»Geht nur hinein, gute Frau. Ich werde schon kommen; aber tut nicht, als +ob Ihr mich kennt.« + +Als nun die Verhandlungen begannen, sah Junker Pfiffig auf dem +Richterstuhl einen Mann sitzen, mit großer Perücke, eine Brille auf der +Nase, daß man die Augen nicht sah; um den Mund hatte er zwei tiefe +Falten, die sich ausnahmen, als habe der Teufel sie mit seinem Pfluge +gefurcht und Bosheit und Tücke hineingesäet. Seine Hand war lang, die +Finger so spitz wie Krallen. + +Er winkte und der Bauer hub an zu erzählen, wie der Handel sich +zugetragen, den er, während Margret in der Küche war, mit dem Hans +abgeschlossen haben wollte. Dabei klimperte der dicke, schwere Mann +immer mit der Geldkatze, die er umgeschnallt hatte, und sah den Richter +schmunzelnd an. Da spitzte er die Ohren, denn wenn er sich auf Flöten +und Geigen auch gar wenig verstand, so klang die Musik des Bauern ihm +doch lieblich in die Ohren. + +Dann frug er Margret barsch, was sie zu sagen habe und gebot ihr, sich +kurz zu fassen und sich zu hüten, den Grundbauern einer unlautern Tat zu +beschuldigen; denn das bliebe nicht ungeahndet. Dann frug er auch, ob +sie Zeugen für ihre Erzählung habe. Die arme Frau sah erschreckt um +sich. Da fiel ihr Blick auf den Junker im braunen Gewande, der unweit +auf einer Bank saß und ihr heimlich zunickte. Sie faßte Mut, erzählte, +wie alles gewesen und schloß mit der Bitte, ihr zu ihrem Rechte zu +helfen. + +Der Richter sann eine Weile nach und sprach dann: »Ich will mir den Fall +überlegen. Kommt heute Abend bei Sonnenuntergang wieder her. Tragt mir +Eure Gründe noch einmal vor. Wer die gewichtigsten hat, soll Recht +bekommen.« Damit entließ er beide. Der Bauer lachte zufrieden vor sich +hin; denn er hatte den Richter wohl verstanden und hielt in der Hand +einen Beutel mit Silbermünzen. Als der Richter das Zimmer verließ, trat +der Grundbauer auf ihn zu, reichte ihm den Beutel und sprach: +»Gestrenger Herr, Gründe so schwer wie diese wird die Margret wohl nicht +haben.« Er sah aber nicht, wie ein Junker in braunem Gewande langsam +vorbeischritt und dem Handel zusah. + +Draußen angelangt, winkte Schlupps der Frau, führte sie in ein +Wirtshaus, hieß den Wirt ihr Speis und Trank vorsetzen und sagte: »Seid +außer Sorge. Ich helfe Euch und Ihr sollt Euren Acker behalten.« Dann +ging er zu einem Schlosser und sah sich bei dem um, was er an Arbeiten +aufzuweisen habe an kunstvollen Riegeln, Schlössern und Beschlägen. +Besonders gefiel ihm eine Schnalle, die groß und schwer war. »Das ist +mein Gesellenstück,« erklärte der alte Meister stolz. »Damals,« fuhr er +mürrisch fort, »war man noch nicht so hoffärtig, daß alles von Gold und +Silber sein mußte. Sonderlich die Frauen trugen die Gürtel von eisernem +Schloß gehalten und prangten noch mehr in Zucht und Schönheit denn +heute, wo ein jedes Bürgerkind Gold und Edelstein trägt und der +Halsschmuck in der Kirche aus Granaten sein muß, soll die Andacht nicht +gestört sein durch unheilige Gedanken und Wünsche. Ach, die gute alte +Zeit kommt nicht wieder, da die Menschen noch so schlicht und einfältig +waren und der Schlosser noch Schmuck und Tand liefern durfte und nicht +alles der Goldschmied. Kein Wunder, wenn deren Innung gar übermütig wird +und bei allen Festen voranschreiten will.« + +[Illustration: Der Rechtspruch] + +»Meister, verkauft mir die Schnalle,« sagte Schlupps. »Hab meine Freude +an Sachen, die besonders kunstfertig gearbeitet sind. Sie zeigen, daß, +wer sie gemacht hat, mehr kann, als viele seines Faches.« + +Das schmeichelte dem Schlosser. Sie wurden bald handelseinig; Schlupps +erstand die Schnalle und eine kleine Feile um ein Billiges und ging +vergnügt in sein Gasthaus, wo ihn die arme Margret erwartete. Junker +Pfiffig schloß sich in sein Gemach ein, nahm mehrere Goldstücke, feilte +an den Rändern Gold ab, daß die Münzen so zackig aussahen, als hätten +die Ratten daran genagt, und rührte die Goldabfälle zu einem dicken Brei +an. Mit dem rieb er die Spange ein, putzte und glättete sie, daß sie +aussah wie pures Gold und herrlich schimmerte. Dann wickelte er sie in +ein klein seiden Tüchlein, legte zwei abgefeilte Goldstücke, die er +durchlocht hatte, obenauf, rief die Frau und unterwies sie, was sie zu +tun habe. + +Als nun der Richter gegen Sonnenuntergang durch den weiten Hallengang +wieder in den Saal treten wollte, wo der Bauer schon wartete und seines +Spruches sicher war, löste sich eine Gestalt von der Eingangstür los, +ging demütig auf den gestrengen Herrn zu und sagte leise: »Verzeiht, +Herr Richter. Ich habe einen gar gewichtigen Grund, den ich Euch +verkünden muß. Von einer Ahne erbte ich ein schweres güldenes Amulett, +wie es wohl einer vornehmen Frau, aber nicht mir gebührt. Würde ich es +verkaufen, so könnte man denken, ich wäre auf unrechte Art dazu +gekommen. Vielleicht daß es Eurer Eheliebsten oder Eurer Jungfer Tochter +wohl anstünde, und zwei durchlöcherte Goldmünzen sind auch dabei, die +man wohl zu Ohrengeschmeide verwenden kann.« + +Dabei lüftete sie das kreuzweise gebundene Tüchlein und ließ den Richter +hineinblicken, sodaß der rote Schein der Abendsonne, der durch die +buntgemalten Scheiben spielte, auf das Geschmeide fiel, daß es rotgelb +flimmerte. + +»Gute Frau,« sagte der Richter, »einem vernünftigen Grunde verschließe +ich nie mein Ohr. Ihr habt wohl getan, Euch an mich zu wenden. Seid +unbesorgt, Ihr sollt Euer Recht haben.« Damit ergriff er das Tüchlein, +wog es in der Hand, sehr erfreut ob seiner Schwere, und ging würdevollen +Schrittes in den Saal, wo ihn der Bauer erwartete. Doch wie erschrak +der, als der gestrenge Herr ihn anschrie und ihn ausschalt, daß er eine +arme Witwe bedrücken wolle. Jetzt sei ihm die Erleuchtung gekommen, daß +alle seine Angaben leichtfertig und ungerecht gewesen, und er +verurteilte ihn, der Margret den Acker zurückzugeben und ihr auf der +Stelle zwanzig Silbergulden zu zahlen. + +Der Bauer wußte nicht wie ihm geschah, fluchte innerlich, mußte aber +wohl oder übel gehorchen und hatte außer dem Schrecken noch den Spott zu +tragen. Denn es waren gar viele Zuhörer im Saale, die dafür Sorge +trugen, daß der Richterspruch bekannt wurde. Hatte der Bauer doch viele +Feinde, die ihm grollten, weil er sie oft betrogen hatte. So mußte er +beschämt abziehen und das Silbergeld an den Richter war auch verloren. + +Die Margret suchte den Ritter, um ihm zu danken; aber er war nicht +aufzufinden und so konnte sie nur im Stillen für ihn beten. + +Ihr Beschützer war in den Ratskeller gegangen, wo die vornehmen Bürger +beim Wein saßen und Rede austauschten über die Zeitläufte, den Übermut +der Geringen, die es den Herren gleich tun wollten und was dergleichen +erbauliche Gespräche mehr waren. Als der Junker im braunen Gewand +hereintrat, richteten sich aller Blicke auf ihn; denn ein Fremder war +immer gern gesehen, und die ritterliche Erscheinung ließ vermuten, daß +man einen vornehmen Mann vor sich habe. Der Richter, der allein in einer +Fensternische saß, winkte den Wirt herbei und hieß ihn, den Fremden an +seinen Tisch zu weisen; denn er war gar zu neugierig, was der am Orte +wolle. + +Mit höflicher Verneigung nahm Schlupps den angebotenen Stuhl an und +sagte auf die Frage des gestrengen Herrn, was ihn herführe: »Verzeiht, +Herr Richter, daß ich Euch nicht Auskunft geben kann, wie ich es wohl +möchte. Eine wichtige Aufgabe zwingt mich aber zur Geheimhaltung. Nur +so viel laßt Euch sagen, daß ich einem hohen Herrn diene, in dessen +Auftrag ich die Lande durchreise. Mein Fürst ist noch unbeweibt und – +– da hätte ich beinahe zuviel gesagt. Das kommt davon, wenn man einem +Herrn gegenübersitzt, dessen scharfer Blick alles durchschaut. Da läuft +die Red über, wie der Bach im Frühjahr über die Wiesen.« + +»Habt Ihr einen Auftrag an unseren vieledlen, hochmögenden Grafen von +Trutzenstein?« fragte der Richter und glaubte, den Fremden so auf +geschickte Art auszuholen. »Allerdings,« sagte sein Gegenüber zögernd, +»für den Herrn Grafen – – –.« »Das dachte ich mir,« fiel ihm der +Richter in die Rede. »Denn morgen ist ja bei dem Herrn Grafen ein großes +Fest zu Ehren seiner Tochter, die jetzt volljährig ist und sich einen +Gatten aus erlauchtem Geschlecht wählen soll. Gewiß kommt Ihr auch hin?« +»Geraten, Herr Richter!« sagte der Fremde. »Ich sehe schon, Euch kann +man nichts verbergen. Da wird es gewiß einen herrlichen Anblick geben. +All die geputzten Jungfräuleins mit ihrer Pracht und ihrem Geschmeide!« + +»Das will ich meinen!« rief der Richter stolz. »Öffnet nur die Augen +weit, um zu sehen, was unsere Frauen vermögen. Hab auch eine Tochter, +die ich morgen hingeleite; denn es sollen die Gespielinnen mit der +Grafentochter zugleich verlobt werden, und der Herr Graf will ihnen die +Gatten aussuchen und für ihre Ausstattung Sorge tragen, wie es der +Brauch vorschreibt. Hab meiner Tochter heute ein golden Geschmeide +angeschafft, daß sie daherkomme, wie es ihrem Stande geziemt.« + +»Das ist löblich, Herr Richter. Ein wohlgelungen Bild bedarf auch eines +würdigen Rahmens. Das sagte ich auch zu meinem hohen Herrn, als er mir +sein Bild mitgab.« »Verzeiht,« meinte jetzt der Richter. »Ist Euer Herr +ein Graf?« »Ein Fürst ist er,« sagte der Junker feierlich und lüftete +seine Kappe. »Er ist der Königssohn von Golconda. Sein Reich ist das +herrlichste was Ihr Euch denken könnt. Da ist nichts öde und kalt. Wohin +das Auge blickt, seht Ihr üppige Felder, grüne Haine, Wiesen und Blumen. +Immer strahlt eine goldene Sonne herunter. Die Vögel singen schöner denn +in andern Ländern; die Blumen duften würziger, die Frauen sind wie Feen, +zart und lieblich, und doch darf der Prinz keine von ihnen heiraten. Es +ist ein uralt Gesetz, daß seine Gemahlin aus fernen Landen stammen muß. +Da er aber sein Reich nicht verlassen darf, schickte er mich auf die +Brautfahrt, damit ich mich umsehe nach einer Gemahlin, die seiner würdig +sei. Nicht Stand, nicht Reichtum sind entscheidend – –.« Plötzlich +unterbrach er sich wie erschreckt. »Jetzt habe ich dem Herrn doch +verraten, was ein Geheimnis bleiben sollte. Ich bitte, sagt keinem, was +mich herführt, bis ich es selbst enthülle.« + +»Seid unbesorgt,« nickte der Richter. »Will das Anvertraute wohl hüten. +Unweit von hier ist des Grafen Schloß, könnt es zu Pferde in einer +halben Stunde erreichen. Doch verzeiht, wie soll ich Euch nennen, wenn +ich Euch wiedersehe, da ich den Namen nicht verstanden habe?« + +»Nennt mich Ritter von Bauernmark. Bin von uraltem Geschlecht, das schon +manchem Herrn geholfen hat, sein Reich zu schützen und zu halten.« + +»Gehabt Euch wohl, Herr Ritter. Auf Wiedersehen!« Damit reichte der +gestrenge Herr dem Fremden die Hand und verließ ihn, froh, seinem +Eheweib eine angenehme Kunde zu bringen. Denn seine Frau wollte immer +gern hoch hinaus, und ein Prinz wäre ihr als Eidam gerade recht gewesen. +Sie war sehr eitel auf ihre Tochter und meinte, jeder müsse von ihr so +eingenommen sein, wie sie als Mutter von ihr war. Da sie aber kein gutes +Herz hatte, so gewöhnte sie auch die Tochter an ein selbstisch Wesen und +die beiden Frauen trugen mit die Schuld daran, daß der Richter die Armen +bedrückte und das Recht verkaufte, statt es, wie der liebe Herrgott das +Sonnenlicht, über Arme und Reiche gleich leuchten zu lassen. + + + + +Das Fest + + +Am andern Tage war auf dem Schlosse des Grafen ein Kommen und Gehen. Von +weit her waren Edle erschienen, um die Grafentochter und ihr reiches +Erbe zu gewinnen. Das Fest sollte schon seinen Anfang nehmen, als +zuletzt ein Wagen anfuhr, dem ein Ritter entstieg in rotem Sammetanzug +mit Barett und Feder. Er trat auf den Grafen zu, verneigte sich zierlich +und sprach: »Erlaubt, hochedler Herr, daß ich an Eurem Feste teilnehme. +Ritter von Bauernmark nenne ich mich. Mein Herr ist der Prinz von +Golconda, und als Geburtstagsangebinde erlaubt mir, Eurer vieledlen +Tochter das Bildnis meines Herrn zu überreichen.« Damit enthüllte er das +Konterfei, das ihm der Maler geschenkt hatte. Der Graf nickte huldvollst +und sprach: »Seid willkommen in unserm Kreis, Herr Ritter, und möget Ihr +Euch darin so heimatlich fühlen, als in Eures Herrn Landen.« Dann +geleitete er den Gast zu seiner Tochter, und der Ritter von Bauernmark +überreichte sein Geschenk kniend, wie es Sitte der Edlen war. + +Als die Grafentochter aber einen Blick auf die Gabe warf, stutzte sie; +denn sie vermeinte, eine Ähnlichkeit mit dem Ritter vor ihr zu finden +und es kam ihr plötzlich der Gedanke, das Bild und der vor ihr kniete +müßten ein und dieselbe Person sein, und kleine Änderungen seien nur vom +Maler gemacht, damit die Gleichheit nicht zu auffällig wäre. + +Dasselbe dachte die Richterstochter, die neben ihr stand. Weil sie +nichts verschweigen konnte, flüsterte sie der Gespielin zu, was der +Vater ihr über des Ritters Sendung anvertraut hatte und daß dies der +Prinz selbst zu sein scheine. Da lächelte die Grafentochter gar +holdselig auf den Knienden herab, reichte ihm die Hand, hieß ihn +aufstehen und ließ sich von ihm zu Tisch führen, allwo ein reiches +Schmausen anhub und Pagen goldne Pokale mit köstlichem Wein +herumreichten. Abseits aber stand der Graf in Beratung mit dem Richter, +der ihm anvertraute, was der fremde Junker hier wolle. + +»Ich muß Euch zürnen, Richter,« sprach der Graf. »Seit Monden habe ich +von Euch keine Abgabe mehr erhalten, und Ihr wißt, daß meine Hofhaltung +viel Geld verschlingt.« + +Seufzend griff der Richter in die Tasche und holte den Beutel mit +Silbergeld heraus, den ihm der Bauer gegeben. »Das ist alles, was ich +heute abliefern kann, hoher Herr,« sagte er und warf dem Grafen einen +tückischen Blick zu. Wußte er doch, daß sein Eheweib schmähen würde, +wenn er ohne Geld heimkam. »Die Leute meinen, das Recht müsse umsonst +sein wie der Tod und halten die Goldstücke zurück.« »So sorgt, daß sie +bald anderer Meinung werden,« sagte der Burgherr unwillig und wandte +sich seiner Tochter zu, die sich von der Tafel erhoben hatte und zu ihm +getreten war. Erstaunt sah er, daß sie ein verdrießlich Gesicht zog. Die +goldene Schnalle der Richtertochter war ihr aufgefallen, und das Herz +stand ihr danach. Sie drang in den Vater, er müsse für sie das Geschmeide +erlangen, sonst würde sie vor Gier und Sehnsucht krank werden. Der Graf, +der seinem einzigen Kinde keinen Wunsch weigerte, winkte den Richter +herbei und befahl ihm, seiner Tochter aufzugeben, daß sie gleich das +Schmuckstück ihrer hohen Gespielin als Geburtstagsangebinde überreichte, +und so drohend sah er aus, daß ein Widerspruch vergeblich gewesen wäre. +Der Richter rief seine Tochter, führte sie abseits in eine Fensternische +und beschwor sie, den Schmuck herzuschenken. Er erinnerte sie an den +festen Turm, darinnen die Unglücklichen schmachteten, die sich auf der +Landstraße den Reisigen des Grafen widersetzt hatten und bewies ihr, +daß es dem mächtigen Herrn ein Leichtes sei, sie beide zu verderben. So +legte sie weinend den Schmuck ab und behielt nur die Münze, die sie an +einem güldenen Kettlein um den Hals trug. Die Grafentochter aber steckte +stolz die Schnalle recht auffällig an ihr Busentuch. + +Während dessen herrschte an der Tafel eitel Lust und Fröhlichkeit, und +besonders Ritter von Bauernmark erheiterte die Runde durch Späße und +Scherze, berichtete von allerlei fremden Völkern und ihren Bräuchen und +trank dabei auf das Wohl der Schönsten im Saale. Dabei ließ er die +Blicke im Kreise herumschweifen, also daß er jedem Mägdlein in die Augen +sah, und jede schon glaubte, sie sei die Prinzessin von Golconda. Des +Richters Tochter hatte allmählich den Gespielinnen das Geheimnis +vertraut, und so war des Ritters Auftrag jedem bekannt. Als die Tafel +sich ihrem Ende neigte und die Pagen türkisches Konfekt und Leckereien +herumreichten, erhob sich der Ritter von Bauernmark und sprach: +»Vieledler Herr Graf! Verzeiht, wenn ich mich jetzt an Euch wende und +einen Auftrag bestelle, dessen Ausführung keinen Aufschub erleidet. Ich +komme als Abgesandter meines hohen Herrn, um ihm eine Braut zu suchen, +die würdig sei, den Thron seiner Väter mit ihm zu teilen. Drei +Bedingungen knüpft er an seine Werbung. Erstens dürfte in dem Lande, dem +die Holde entstamme, nie ein ungerechter Richterspruch geschehen sein, +nie das Recht für Geld verkauft werden. Denn Ungerechtigkeit ist wie ein +ansteckend Gift, das in alle Seelen eindringt, und wo das Recht +käuflich ist, da ist auch Liebe und Treue feil. Zweitens darf im Hause +der Erwählten kein ungerecht Gut sein, ob viel oder wenig, und drittens, +und das ist das schwerste, soll die Braut nicht begehrlich sein, sondern +bescheidenen Sinns und demütigen Herzens. Wie sie aber aussehen solle, +hat mein Herr mir so eindringlich beschrieben, daß ich seine Meinung +genau kenne. So gestattet mir, edler Herr, wenn Euch die Werbung meines +Herrn genehm ist, die Jungfrauen, die hier versammelt sind, zu mustern, +und, wenn ich die Rechte finde, sie im Namen meines Herrn um ihre Hand +zu bitten.« + +»Das sei Euch unverwehrt, edler Ritter,« sprach der Graf. »Wenn der Tanz +jetzt anhebt, so betrachtet meine Schönen wohl und tut mir kund, auf +welche Eure Wahl gefallen ist.« Im stillen aber hoffte er, seine Tochter +würde die Erkorene sein. Einen fürstlichen Eidam zu haben, das war das +Ziel seiner Wünsche, und er häufte Gut und Geld zusammen, um sein Kind +zur reichsten Erbin zu machen. + +Während die Jungfrauen sich im Tanze drehten und neigten, die Häupter +bald senkten und hoben, mit spähenden Blicken nach dem Brautwerber +schielten und jede sich für die Auserwählte hielt, stand Bauernmark +neben der Grafentochter. Plötzlich weiteten sich seine Augen und er rief +laut: »Himmel, was sehe ich! O traurig Zeichen!« Der Tanz stockte. Alle +Gäste drängten sich herbei. Der Graf forschte angstvoll, was seinem Gast +fehle. »Etwas Schreckliches macht mich erzittern,« antwortete der +Gefragte. »Mein hoher Herr, der Prinz, hat einen Bruder, der um ein +Jahr jünger ist, denn er. Den duldete es nicht im Haus. Er wollte in die +weite Welt und ließ sich durch keine Bitten halten. Unsere Königssöhne +aber hatten jeder ein Gewerbe erlernt, das schrieb das Gesetz des Hauses +ihnen vor, damit sie wissen sollten, wie dem, der hart arbeitet, zu Mute +ist. Als es nun an das Scheiden ging, beschlossen beide, einander etwas +zum Andenken zu geben, und sie schmiedeten aus Gold zwei Schnallen, die +sollte jeder von ihnen tragen, sie nie ablegen und mit dem eignen Leben +als höchstes Gut verteidigen. Und seht, die Schnalle, die Ihr, edle +Herrin tragt, erkenne ich als die des jüngeren Prinzen. Die linke Hälfte +ziert das Zeichen der Schlosser, zwei gekreuzte Schlüssel, die rechte +zeigt das Wappen der Nagelschmiede, ein Herz von drei Nägeln durchbohrt, +und je länger ich darauf sehe, desto mehr kommt es mir vor, als ob aus +dem Herzen zwei rote Tropfen fließen. Lebt der Prinz noch, er hätte sich +nie davon getrennt, auch nicht in höchster Not. Nur Räuberhand kann es +ihm entrissen haben. So sprecht! Wie seid Ihr dazu gekommen? Wer hat es +gewagt, in Eure Hand dies fluchbeladene Geschmeide zu legen?« + +Die Grafentochter erblaßte. Dann sprang sie auf ihre Gespielin zu und +rief zornig: »Hier, die Richterstochter ist es gewesen! Die Falsche +wollte mir bei Euch schaden, damit Ihr ungerecht Gut bei mir fändet. Als +Geburtstagsangebinde brachte sie mir den Schmuck.« + +»So?« rief die Angegriffene aufgebracht. »Habe ich es Dir gegeben oder +hast du es mir abgefordert und mich an Leib und Leben bedroht, wenn ich +es nicht freiwillig herausgäbe? Gezwungen hast du mich, weil deine +Begehrlichkeit mir das Kostbare nicht gönnte. Und nicht durch Raub +erlangte ich es – mein eigner Vater gab es mir!« + +»Und woher habt Ihr es, Herr Richter?« forschte Bauernmark. Der +gestrenge Herr war bestürzt, daß er nicht vermochte, eine Lüge +auszusinnen und ratlos dastand. »Ein armes Bauernweib brachte es – –« +stotterte er, »Ich – – ich – – sollte ihr zu ihrem Recht verhelfen.« +Weiter kam er nicht; denn der fremde Ritter rief: »Jetzt wird mir alles +klar. Falscher Richter, Eure Schlechtigkeit ist enthüllt. Gestern traf +ich ein armes Bauernweib, das mir weinend erzählte, wie es sein letztes +Gut einem bestechlichen Richter habe geben müssen, um seinen einzigen +Acker zu behalten. Ein Schmuckstück sei es gewesen. Ein Sterbender, den +sie auf der Straße gefunden und in ihrer Hütte verpflegt habe, gab es +ihr vor dem Hinscheiden. ›Bringe es zu meinem Bruder,‹ hatte er mit +erlöschender Stimme gesagt. ›Er wird es Dich herrlich lohnen. Er heißt +– –‹ da seien ihm die Augen zugefallen. Sie habe den Namen nicht mehr +gehört und konnte seine Bitte nicht erfüllen. Die Reisigen eines hohen +Herrn hatten den Fremden überfallen und beraubt; nur die Schnalle hatte +er in den Falten seines Gewandes retten können.« + +»Beruhigt Euch, edler Herr,« sprach der Graf. »Tröstet Euch. Wir wollen +dem Täter nachforschen.« Dabei zitterte seine Stimme, denn er wußte +wohl, daß es seine Knechte waren, die harmlose Wanderer auf der +Landstraße plünderten. »Seid sicher, daß der Schuldige seiner Strafe +nicht entgeht. Ihr, Richter,« wandte er sich in strengem Tone zu diesem, +»begebt Euch sofort mit Eurer Tochter aus dem Schlosse und lasset Euch +nie wieder darin blicken!« »Führt sie hinaus, weil sie es gewagt haben, +mit kecker Lüge meine Tochter zu schmähen,« gebot er den Knechten. + +Ehe der Richter und seine Tochter noch wußten, wie ihnen geschah, waren +sie über die Zugbrücke gestoßen und mußten mit Schimpf und Schande +abziehen. + +»Setzt das Fest fort!« gebot der Graf den Gästen, die bestürzt und +neugierig alles angehört hatten. »Wißt,« wandte er sich an den Ritter +von Bauernmark, »es ist nicht meine Schuld, wenn durch falsche Diener +das Recht in meinem Lande gebeugt wurde. Sagt Eurem Prinzen, meine Hände +sind rein.« + +»Wohlan,« sagte Bauernmark feierlich, »so werbe ich um Eure Tochter im +Namen meines Herrn. Vielleicht war es eine Vorbedeutung, daß ich die +Schnalle bei ihr finden sollte. Sie muß mir aber feierlich geloben, +keinen andern zu ehelichen, sondern in Treue auszuhalten, bis mein Herr +kommt und sie heimholt.« + +»Das gelobe ich!« rief die Grafentochter und streckte die Hand hoch. +»Das Bild Eures Herrn und die Schnalle behalte ich als Pfand.« »So seid +Ihr dem Prinzen von Golconda angelobt!« rief der Ritter mit hallender +Stimme. »Wie ich jetzt mit dem Schwerte einen Kreis um Euch ziehe, so +werfe ich jedem den Fehdehandschuh hin, der es wagt, Euch als Werber zu +nahen. Heimlich und unerkannt ziehen die Boten unseres Herrn im Lande +umher. Eine Prüfungszeit ist Euch beschieden. Habt Ihr während dieser +die Treue gehalten, so besteigt Ihr den Thron unseres Landes als Herrin. +Brecht Ihr aber Euer Gelöbnis, dann seid Ihr und jeder Freier, dem Ihr +Gehör schenkt, dem Tode verfallen. Nichts kann Euch vor der heimlichen +Rache unseres Volkes schützen.« + +Scheu wichen die Gäste vor der Grafentochter zurück, die in Furcht +erschauernd ihr Haupt senkte. + +»Beurlaubt mich baldigst, daß ich abreise und meinem Herrn Kunde bringe +von dem Glücke, das ihm bevorsteht,« schloß der Ritter. + +Als der Brautwerber am andern Morgen seinen Wagen besteigen wollte und +sich vor dem Grafen verneigte, zog dieser einen grünseidenen Beutel voll +Gold hervor und sprach: »Nehmt dies, Herr Ritter, als Dank dafür, daß +Ihr die Falschheit meines Richters aufgedeckt habt.« Vergeblich weigerte +sich Schlupps, das Geschenk anzunehmen. Der Graf drang immer inständiger +in ihn, bis er nachgab, es einsteckte und davonfuhr. + +Die Grafentochter wies jeden Freier, der sich ihr nahte, zurück und +wartete auf den Prinzen von Golconda. Ihr Vater aber wurde nach Jahren +von einem räuberischen Nachbarn überfallen, der Burg beraubt und mußte +mit seiner Tochter in der Hütte eines treuen Knechtes Unterkunft suchen. +Da harren sie beide des Ritters von Bauernmark, der sie heimholen soll +in das Reich seines Herrn, und warten noch heute. + + + + +Des Kaisers Bote + + +Wieder fuhr Schlupps im Lande umher. Da kam er eines Abends in ein Dorf, +das abseits von der großen Straße am Fuße eines Berges lag. Den Hang +hinauf kletterten die Häuschen, von denen eines hoch oben auf einem +Bergvorsprung stand und mit blinkenden Scheiben in die Sonne blinzelte. +»Hier wird schwer ein Unterkommen zu finden sein,« dachte Schlupps; denn +ein Wirtshaus schien weit und breit nicht zu sehen. »Werd im Freien +nächtigen müssen,« dachte er, »wie so manches Mal schon.« Da sah er +einen Mann eilends den zackigen Bergpfad herabspringen und winkte ihm. +Der Laufende stutzte, als er einen Fremden sah; denn einen solchen +führte der Zufall selten her. – Nur manchmal kam armes Hudelvolk +vorüber oder ein Troß Landsknechte, die sich meistens herumtrieben und +einen Anführer suchten, der sie warb. Waren lauter Gäste, die scheel +angesehen wurden und mancher machte drei Kreuze hinterher, wenn sie +abzogen. Aber der vor ihm stand, war ein Herrischer, fein angezogen, der +mit Pferd und Wagen allein daherkam und ihm scharf in die Augen schaute. + +»Kann ich hier Nachtherberge finden?« Der Gefragte sah den Fremden an, +kraute sich den Kopf und meinte: »Wohl. Ein Krug ist im Dorf. Ob er dem +Herrn gefällt, ist eine andere Sache. Unansehnlich ist’s da und laut +geht es heute zu. Gemeindewahl ist bald. Ausspann könnte der Herr dort +halten.« + +»Gibt’s da ein Bett?« fragte Schlupps. »Geben mag’s schon eins. Rat’ +aber nicht dazu; denn die Wirtin ist keine gute. Sie steht mit der +Reinlichkeit auf gespanntem Fuß und kann das Waschen nicht übermäßig +leiden.« + +»Wo kann ich sonst nächtigen?« »Wenn’s eine Streu tut, ist mir der Herr +willkommen.« »Wer seid Ihr?« forschte Schlupps. In des Mannes Wesen war +etwas, was ihm zusagte. Er hatte ein ehrliches Gesicht und in den Augen +leuchtete es auf wie von verhaltener Schelmerei. »Scheint eine Art +Vetter von mir,« dachte Schlupps. + +»Bin der Schweinehirt. Da oben das ist mein Häuschen.« Er wies hinauf zu +der höchstgelegenen Hütte. »Weit hinauf,« meinte der Fremde. »Ist gut, +wenn man weit ab von den Menschen haust,« nickte der andere. »Habt einen +guten Platz als Hirte, langt es zum Auskommen?« fragte Schlupps. »Knapp +geht’s bei uns zu. Wißt, die Bauern zahlen nicht gern. Zwei Gulden im +Jahr und das Essen für mich und mein Weib, aber gar wenig. ›Damit Ihr +nicht so fett werdet wie unsere Schweine,‹ hat der Schultheiß gesagt und +gelacht.« »Und wie lebt Ihr davon?« »Wie’s halt geht. Die Kathrin, mein +Weib, schafft noch im Feld und spinnt. Ich tu, was ich kann. Viel ist’s +nicht mehr. Mein rechter Arm ist steif. Mit dem linken kann ich +schreiben; da verdien’ ich ab und zu etwas bei den Bauern, denn von +denen ist keiner des Schreibens kundig.« »Was?« rief Schlupps. »Ihr seid +der Einzige im Ort, der lesen und schreiben kann?« »Ei freilich. Ein +fremder alter Mann hat’s mich gewiesen. Hab ihn einmal vor Jahren in +meine Hütte aufgenommen, weil er gar so elend und verlassen war, noch +ärmer als wir. Hat mich nicht gereut, was ich an ihm getan. Der konnte +erzählen. Das war eine Lust, ihm zuzuhören. Man wurde nicht müd, wenn er +sprach und wußte nicht, wann der Abend aufhörte und die Nacht anfing. +Manchmal haben wir bis zum Morgen gesessen, der Alte und ich, und +geschwatzt.« + +»So wißt Ihr gewiß mehr als alle im Dorf,« neckte Schlupps. »Wär auch +nicht viel,« meinte der andere bedächtig. »Denken nicht von hier bis +dahin. Lassen sich die Sonne in den Mund scheinen und tun nur, was ihnen +schadet. Aber unsereins darf nicht reden, und wenn er zehnmal sieht, wie +sie das Dorf in Grund und Boden wirtschaften. Bin ja nur ein +Schweinehirt.« – Ein spöttisches Lächeln flog über sein Gesicht. + +»Wer war bisher Schultheiß?« forschte Schlupps, der anfing, seine Laune +zu spüren. + +»Der Reichste, der am längsten im Dorf sitzt. Er ist Herr von dem großen +Hause drüben, auf dem die Wetterfahne knarrt. Der Waldsepp wird er +geheißen; denn sein ist der größte Wald landaus, landein.« – – »Und +wen machen sie jetzt zum Schulzen?« + +»Wohl den Büchsenmichel. Heißt so, weil er tagaus, tagein die Büchse auf +der Schulter hängen hat. Bei den Reichen geht das Amt reihum; die Andern +haben das Zusehen. Jetzt sitzen die Mannsleut im Wirtshaus, die +Kleinbauern, die Häusler und die Taglöhner und lassen sich sagen, für +wen sie nächstens die Hand hochhalten sollen. Stimmen doch nur zu ihrem +Schaden. Bekommen aber jeder ein Maß Wein frei vom Büchsenmichel und +wären im Stand und verkauften für den Trunk ihre Seligkeit.« + +»Könnt Euch doch gleich sein, Schweinehirt, wer Schulze wird,« warf +Schlupps nachlässig hin und hielt seine Pferde fest, die ungeduldig mit +den Hufen scharrten. »O nein, Herr,« rief der Hirte eifrig. »Seht, da +hat der Büchsenmichel die Jagd an sich genommen und zahlt der Gemeinde +ein Spottgeld dafür. Das Wild läuft in die Felder, macht alle Saaten +zunichte, und keiner darf eine Wildsau abfangen. Gleich macht er ihm den +Prozeß und es kostet eine harte Buße. Wenn’s ein ganz armer ist, der +nicht zahlen kann, oft Leib und Leben. Der Waldsepp schlägt den Wald ab, +wo er will, daß die Lawinen herunterstürzen und alles umeinandreißen +können, und ist bald kein Baum mehr da, der sie aufhält. Und dort, wo +der Wildbach herunterstürzt und im Frühjahr den Dung von den Feldern +spült und das gute Erdreich fortschwemmt, da müßte ein Gemäuer gemacht +werden aus Steinen und Reisig. Ist aber zu nichts Geld da und keiner +kümmert sich darum. Die Reichen wollen nicht zahlen und die Armen +haben’s nicht dazu. Zum Schulhaus langt’s schon gar nicht. Der letzte +Schulmeister hat sich müssen als Knecht verdingen, um nicht Hungers zu +sterben. Das Schulhaus ist verfallen und die Kinder wachsen auf, daß +Gott erbarm. Hätten wir einen Schultheiß wie sich’s gehört, der an den +Kaiser schreibt, damit Recht und Ordnung herkäme, es wäre eine Freud, +was aus unserm Dorf werden könnte. Aber so – – ein Jammer ist’s.« + +Er brach ab und hielt erschreckt inne. Wie konnte er sich nur verleiten +lassen, so frei heraus zu sprechen, noch gar zu einem Fremden. Einem +Herrn! Wer weiß, was der für einer war und ob er es nicht mit denen +hielt, die Reichtum und Ehren hatten. Aber jetzt klang die Stimme des +Junkers gütig: »Schweinehirt, Ihr gefallt mir. Sagt mir noch, was tut +Ihr denn mit den Gebrechlichen und Kranken, den Waislein und +Heimatlosen?« + +Der Hirt sah hoch, streckte den Arm aus und wies auf den Gottesacker. +»Da können’s hin, oder in die weite Welt. Für unnütze Brotesser ist kein +Platz im Ort, hat der Schultheiß gesagt.« + +»So, so, bläst der Wind daher? Da ist es an der Zeit, daß ich gekommen +bin,« murmelte Schlupps. »Wißt, Schweinehirt, muß mir Eure Mannsleut +einmal in der Nähe besehen. Zeigt mir das Wirtshaus.« + +Wie er in die Gaststube trat, die niedrig und verräuchert war, da hob +alles erstaunt die Kopfe, als der herrische Junker mit hallenden +Schritten zu einem Tische ging und laut rief: »Wirt, Einen vom Besten! +Aber rasch!« Kaum aber stand der Becher vor dem Herrn, so trank der nur +einen kurzen Schluck und sagte zu dem Nächstsitzenden: »Gebt’s weiter!« +Das ließ sich der nicht zweimal sagen, tat einen kräftigen Zug und ließ +den Becher herumgehen. Die Bauern tranken und staunten, rissen die Augen +auf, stießen sich an und schoben die Zipfelmütze hin und her. Das war +ihnen noch nicht vorgekommen. Ein vornehmer Herr, der so gemein tat, daß +er unter ihnen saß, einen Wein nach dem andern ihnen vorsetzen ließ und +zuhörte, was sie redeten. Doch jetzt erhob sich der Junker und sprach +laut: »Männer! Ich komme weit her. Des Kaisers Kanzler schickt mich, daß +ich in seinem Lande nach dem Rechten sehe; ihm berichte von allem, was +sich zuträgt und wie seine Untertanen nach Zucht und Sitte leben. So +wißt: Jeder Ortsschultheiß soll mir in einer Schrift kund tun, wie es +zugeht in seinem Dorf. Ob der Schullehrer die Kinder unterweist und sie +in Gottesfurcht und Tugend heranzieht. Wie die Felder gedeihen; ob Ihr +dem Wildschaden steuert, daß nicht der Fleiß zunichte gemacht wird und +statt der Menschen die Wildschweine das Kraut und die Rüben fressen. Tut +auch zu wissen, wie Ihr für die Armen sorgt, ob Ihr ein Spittel für die +Kranken habt und ein Kloster für die Gottwilligen. Schreibt alles genau; +denn der Kaiser läßt hintennach alles wohl untersuchen. Sollte aber in +dem Schreiben etwas stehen, was nicht vor seinen strengen Richtern für +wahr befunden wird, dann läßt er den Schultheiß binden und gefangen +setzen. Und der Prozeß ist gar kurz. Des Seilers Tochter macht Hochzeit +mit ihm und der Galgen ist schon da, an dem er baumeln muß.« Den reichen +Bauern, die eben noch mit vollen roten Backen dagesessen, wurden die +Gesichter schmal und spitz, als sie das hörten. Die Kleinbauern und +Häuslerleut aber erhoben die Köpfe und sahen sich schmunzelnd an. +»Möchte jetzt nicht der Büchsenmichel sein, und der Waldsepp ist auch +nicht zu beneiden,« dachte mancher von ihnen schadenfroh. »Wißt, Herr,« +kam jetzt der Wirt näher, »mit dem Schultheiß sind wir eben schlimm +dran. Der’s bislang gewesen, ist es seit einer Woche nimmer, und einen +neuen haben wir noch nicht. Konnten keinen finden. Will sich keiner dazu +hergeben, ein so saures Amt zu verwalten.« Dabei blinzelte er dem +Büchsenmichel zu, als wollte er sagen: laß mich nur machen. + +[Illustration: Schultheiß Schweinehirt] + +»Nehmt den Gescheitesten am Ort,« sagte der Fremde. + +»Das hab ich allweil auch gesagt; bin ganz der Meinung des Herrn,« +schwindelte der Wirt. »Aber wer ist der Gescheiteste? Keiner will ein +Dummer, jeder ein Kluger sein, und keiner läßt den andern mehr gelten +als er selbst ist.« »So nehmt den, der am besten mit der Feder und der +Rede Bescheid weiß; nicht so viel hat, daß er sich mehr dünkt als die +Andern. Einen, der alle im Dorf kennt, weiß, wie’s jedem zu Sinn ist und +bei den Kleinen und Großen wohl angeschrieben ist. Weiset ihn auch an, +aufzuschreiben, wie es um Euer Geld steht und ob Ihr für die +Landsknechte unseres Herrn Kaisers eine tüchtige Ladung Goldgulden +schicken könnt. Denn der Türke steht vor dem Lande, und wenn er +herkommt, bleibt nichts niet- und nagelfest. Er brennt Euch die Häuser +über den Köpfen weg. Also richtet Euch ein: in zwei Tagen komme ich und +hole mir Bescheid.« + +Dabei zahlte er und verließ das Wirtshaus, wo die Bauern dasaßen, als +hätte sie einer vor den Kopf geschlagen, vor sich hinstierten und kein +Wort zu sagen wußten. + +Der Fremde hatte seine Kutsche bestiegen und war fortgefahren, hinaus in +eine einsame Jagdhütte, die ihm der Schweinehirte beschrieben und die +einst einem hohen Herrn als Landaufenthalt gedient hatte. Jetzt lag sie +einsam und verlassen, und nur manchmal stellte ein Fuhrmann seinen Wagen +unter, wenn die Nacht ihn auf der Fahrt überraschte, oder wenn er das +Geld im Wirtshaus sparen wollte. Die Bauern aber wunderten sich, wo der +fremde Herr mit einmal hingekommen war und gingen am andern Morgen mit +verstörten Gesichtern umher. Hatten sie bisher Zwist miteinander gehabt, +weil jeder von ihnen Schultheiß sein wollte, so wichen sie jetzt +einander aus, weil jeder sich fürchtete, der andere wolle ihm zureden, +das Amt zu übernehmen, und keiner die Schrift an den Kaiser aufsetzen +konnte. + +Heimlich aber schlichen sie auf Umwegen zu dem Schweinehirten und baten +ihn um Gotteswillen, doch für dieses Mal Schultheiß zu spielen und ihnen +zulieb das Amt anzutreten. »Tut’s, Simmel,« sagte der Waldsepp. »Habt +ein Einsehen. Was kann Euch denn geschehen?« »Meint Ihr?« rief des +Simmels Weib. »Mein Mann dürfte leichter hängen als Ihr? Wenn er jetzt +dem Kaiser alles schreibt, wie’s hier zugegangen ist im Dorf und wie Ihr +gehaust habt, vermeint Ihr, der wird ihn strafen? Weit gefehlt! Euch +geht’s an den Kopf und so könnt Ihr es gleich auf Euch nehmen und wieder +Schultheiß spielen.« »Weib, schweigt still und laßt Euren Mann reden,« +entfuhr es dem Sepp. »Simmel, überlegt nicht lang. Auf Geld soll es uns +nicht ankommen.« + +Während dessen ging ein Handwerksbursche von Haus zu Haus, bat um einen +Zehrpfennig und erzählte dabei, wie er weit herkomme und ob sie schon +gehört hätten, daß der Türke nahe sei, senge und brenne und alles +mitnähme. Hab und Gut, die Ochsen aus dem Stall und die Kleider aus der +Truhe. Und da die Männer alle auf dem Felde schafften und nur das +Weibervolk daheim war, so entstand bald am Brunnen ein Schwatzen und +Wehklagen. Die Weiber liefen zueinander, jammerten und schrien und dann +rannten sie heim und packten, was sie erreichen konnten, um es +mitzunehmen, wenn der Türke käme. Da trug eine die Mulde voll Brot, das +sie vom Bäcker geholt hatte und das noch dampfte, denn sie wollte nicht +warten, bis es gar war, sondern hatte es gleich aus dem Backofen +gerissen und war damit fortgelaufen. Eine andere trug heulend ein +mächtiges Bündel Stroh auf dem Rücken, darin hatte sie ihr Kindchen +gebunden, daß es im Walde weich liege. Ein Drittes schleppte keuchend +eine leere Waschbütte herbei, wußte selbst nicht wozu, und eine Alte +hatte eine Gans fest unter den Arm gepackt und zerrte in einem Netz +Hühner und Enten mit. Es war ein Durcheinander, ein Heulen und Schreien, +ein Laufen und Rennen. Betten flogen aus dem Fenster und unten auf der +Gasse stürzten sich die Buben darauf und schleiften sie durch Pfützen +und Moor über Stock und Stein. Der alte Küster humpelte in die Kirche, +faßte den Glockenstrick und schwang ihn mit aller Macht, daß die alte +Glocke, die schon einen Sprung hatte, jammervoll hinausklang auf die +Felder, und die Kinder liefen hin und her, schwenkten ihre Stäbe und +schrieen: »Der Türk! der Türk!« Und wäre er wirklich dagewesen, so +hätte es nicht können schlimmer zugehen, denn die Furcht machte mehr Not +und Unruh als der Krieg und der Feind. + +Vom Felde her aber eilten auf das Geläut die Männer herbei mit Sicheln +und Sensen, mit Dreschflegeln und Äxten und rotteten sich unter der +Linde zusammen. Gerade kamen die Großbauern von der Beratung beim +Schweinehirten zurück, blieben stehen und nahmen erstaunt wahr, wie das +Volk unter der Linde stand und schrie und tobte. »Ihr kommt uns gerade +recht,« rief ein junger Bursche mit funkelnden Augen. »Jetzt gebt Eure +Goldgulden heraus für des Kaisers Soldaten. Der Türk kommt.« »Geld raus! +Geld raus!« schrien einige und hielten die Sensen hoch. Die Weiber +heulten und kreischten. »Der Türk! der Türk!« und vermeinten schon, ihn +vor sich zu sehen. »Gebt Ruhe!« klang es laut über den Platz. Der +Schweinehirt war auf eine Bank gestiegen, die vor dem Wirtshaus stand. +»Gebt Ruhe! Schämt Ihr Euch nicht, so wüst zu tun? Was wollt Ihr +eigentlich? Sprecht und sagt deutlich, was Ihr begehrt!« + +»Einen andern Schultheiß!« riefen einige. »Einen andern Schultheiß,« +stimmten die andern zu, und die Großbauern schrien: »Da habt Ihr den +Rechten. Der Schweinehirte soll es für dieses Mal sein.« »Wir wollen, +daß die Armen auch einmal an die Reihe kommen,« ließ sich der Waldsepp +vernehmen. »Wählt den Simmel!« + +Der wollte Einwendungen machen und heruntersteigen; aber starke Arme +hielten ihn auf der Bank fest, und Arm und Reich schrie: »Du mußt! Du +mußt!« + +Da sah der Simmel um sich, winkte, daß es plötzlich stille ward und +sagte ruhig: »Also Männer. Ihr wollt, daß ich Schultheiß werde und Recht +hier zu sagen habe. So schwört mir vorerst, daß alles geschieht, wie ich +es verlange.« + +»Wir schwören!« klang es einstimmig, und die Großbauern schrien es am +lautesten. Mit dem Schweinehirten wollten sie schon fertig werden. Der +mußte doch tun, was sie wollten, wenn er nur erst die Schrift an den +Kaiser aufgesetzt hatte. + +»So bestimme ich,« rief der neue Schultheiß, »daß jeder Großbauer +hundert Goldgulden an die Gemeindekasse zahlt!« »Hoho!« schrie der +Büchsenmichel wie besessen. »Die Wahl gilt nicht.« »Wohl gilt’s!« riefen +die Kleinbauern und hielten die Sensen hoch. »Wohl gilt’s!« rief der +Simmel mit starker Stimme. »Habt es ja selbst so gewollt. Geht heim und +holt das Geld auf der Stelle und einige von Euch gehen mit.« + +Da blieb den Bauern nichts übrig, als zähneknirschend umzukehren und das +Geld zu holen, und bald häufte sich ein Goldberg auf dem Holztisch vor +dem Wirtshaus. Der Wirt mußte einen Sack herbeibringen; in den wurde das +Gold gefüllt und dann mit Wachs und Siegel fest verschlossen. »Haben die +Großen zahlen müssen, so kommen jetzt auch die Kleinen an die Reihe,« +rief der neue Schultheiß. »Kleinbauern! Ihr habt jeder eine Fuhre +Bauholz zu fahren für ein neues Schulhaus, und Ihr Häusler,« wandte er +sich an diese, »müßt jeder zwei Tage im Monat daran arbeiten. Denn das +gibt’s nicht bei uns,« setzte er hinzu, »daß einer annimmt und nichts +dafür tut. Ist die Schule doch für alle Kinder im Dorf ohne Unterschied. +Und wer etwas annimmt, ohne etwas dafür wieder zu geben, der leidet an +Seele und Leib Schaden; denn er meint, er müsse nur das Maul auftun, und +die gebratenen Tauben fliegen ihm dann hinein. Er verlernt das Arbeiten +und das Wollen und weiß nicht, daß er sich selbst helfen kann.« »Recht +hat er,« schrie der Waldsepp, der sich freute, daß die reichen Bauern +nicht alles allein zahlen mußten, sondern daß die andern auch den neuen +Herrn im Dorf zu spüren hatten. + +»So ist des Kaisers Meinung!« klang es plötzlich. Der Junker im braunen +Wams war herzugetreten. Da flogen die Kappen vom Kopf, und die Sensen +und Sicheln sanken herunter. + +»Werd’s dem Kaiser berichten, wie Ihr Ordnung und Recht im Dorfe +geschaffen habt,« sagte er mit fester Stimme. »Eine große Freude wird es +dem Herrn gewähren; denn nur wo Recht und Zucht herrscht, kann ein Land +gedeihen.« »Herr,« bat der Simmel, »wollt Ihr nicht das Geld für des +Kaisers Heer gleich mitnehmen?« »Nein, nein,« wehrte der Junker. »Wenn’s +an der Zeit ist, wird es der Kaiser schon holen lassen. Einstweilen +verwendet davon für Eure Gemeinde und tut damit, was not ist. Laßt Eure +Kinder tüchtig lernen. Erzieht sie zu rechtschaffenen, aufrechten +Männern und haltet alles so, daß Ihr vor des Kaisers Kanzler mit Ehren +bestehen könnt.« + +»So bitten wir Euch, Herr, etwas als Geschenk von uns anzunehmen, als +Wegzehrung. Denn wäret Ihr nicht gekommen, so läg unser Dorf noch im +Argen, und Ordnung und Zucht hätten nie Einkehr gehalten. Jetzt +versprech ich Euch: Anders soll es werden und alle Vierteljahr werd ich +dem Kaiser in einer Schrift Kunde geben, wie es bei uns zugeht.« + +Damit reckte sich der Simmel hoch und sah herausfordernd um sich, und +man konnte zum ersten Male sehen, was für ein hoch gewachsener Mann er +eigentlich war, und wie hell seine Augen leuchteten. Denn bis dahin war +er immer gebückt gegangen, als drücke ihn seine Niedrigkeit und Armut, +und als müßten seine Augen den Erdboden suchen, anstatt in die Sonne zu +sehen. Jetzt schaute er die Menge an, als wollte er sagen: »Ich bin +Schultheiß, hütet Euch wohl.« Und die Bauern duckten die Köpfe. Der +Schweinehirt machte ihnen Sorge. Mit dem war nicht gut anbinden, das +merkten sie jetzt und bereuten im Stillen ihre Angst, die sie geheißen +hatte, ihn zu wählen. Fiel ihnen aber der Türke und des Kaisers Kanzler +ein, dann lief es ihnen kalt über den Rücken. Dann schon lieber den +Simmel zum Schulzen. + +»Hoher Herr!« bat jetzt der Schultheiß eindringlich. »Weiset unsre Gabe +nicht zurück. Ihr habt sie redlich verdient. Wenn Ihr nicht bei uns +eingekehrt wäret, hätt’ es in unserm Dorf noch lange bös ausgesehen. Und +nicht, weil Ihr des Kaisers Bote seid, sondern weil Ihr ein Herz für +alle habt und für das Recht eintretet, wollen wir Euch erkenntlich +sein.« + +Da nahm der fremde Junker etliche Goldstücke an, bestieg seinen Wagen +und fuhr davon. Der Schweinehirte aber blieb Schultheiß und das Dorf +gedieh unter seiner Hand. + + + + +Die Königswahl + + +Jetzt will ich aber sehen, seßhaft zu werden, dachte Schlupps. Das ist +kein Leben, immer in der Welt herumzufahren und von allen Menschen +scheel angesehen zu werden als Müßiggänger und Tagedieb und nichts zu +tun zu haben, als seinen Spott mit ihnen zu treiben. Doch was beginnen? + +Ein Handwerk ausüben war nicht nach seinem Sinn. Das Schulmeistern noch +einmal anzufangen lockte ihn nicht. Als Ritter umher zu ziehen, Bauern +und ungerechte Richter züchtigen, hätte ihm am besten gestanden. +Schließlich hoffte er auf den Zufall, der immer der Freund der +Herumwandernden war und ihn gewiß an die rechte Stelle führen würde. Und +sein Glaube sollte nicht trügen. Eines Tages kam er in eine Gegend, die +ihm bekannt vorkam und die er seines Wissens noch nie gesehen. Schwarze +Fahnen waren in Abständen in den Boden gesteckt. »Was bedeutet das?« +fragte Schlupps einen Mann, der langsamen Schrittes die Straße daher +kam. »Unser guter König ist tot,« sagte der. »Schon seit Wochen suchen +wir einen neuen. Aber schwer ist der zu finden.« – »Hat Euer König +denn keinen Sohn?« »Ach nein, Herr, nur eine Tochter. Wer König werden +will, muß die freien. Es waren schon genug Prinzen da: schöne und +häßliche, reiche und arme, dicke und dünne. Aber keiner konnte König +werden, denn er wußte das Wort nicht.« + +»Was für ein Wort?« fragte Schlupps erstaunt. »Seht Ihr, Ihr wißt es +auch nicht!« rief der Mann. »Da habt Ihr’s, wie sollen es die fremden +Prinzen wissen?« Mehr konnte Schlupps nicht aus ihm herausbringen, so +viel er auch frug. »Ja, das Königsein, das Königsein,« sagte der Mann. +»Ist nicht so einfach, nicht so einfach. Bin froh, daß ich es nicht sein +muß, nicht sein muß.« Damit bückte er sich zu seinem Acker nieder und +fing an, Erdäpfel auszugraben, so dicke und große, wie Schlupps sie noch +nie gesehen. »Mein Nachbar hat noch dickere,« meinte er, als er die +verwunderten Blicke des Fremden gewahrte. »Da kommt er. Töffel, weise +dem Herrn deine Feldfrüchte,« rief er dem Nachbarn zu. Der grüßte: »Jo, +jo, dick. Sehr dick!« »Wieso erreicht Ihr, daß sie so werden?« fragte +Schlupps wißbegierig. Der Angeredete lachte blöde. »Wachsen in der +Erde.« »Natürlich,« gab Schlupps ärgerlich zur Antwort. »Das seh ich. +Was tut Ihr dazu, daß sie so dick werden?« »Weiß nicht. Warte, bis sie +dick sind,« war die Antwort. + +Schlupps ließ die Beiden stehen und fuhr weiter. An einem Wirtshause +machte er Halt, stellte seinen Wagen ein und beschloß, die Gegend zu Fuß +zu durchwandern. Überall sah er schwarze Fahnen aufgestellt. Auf sein +Befragen erzählte ihm der Wirt, was es mit dem Königswerden auf sich +habe. + +Jeder, der Herrscher im Lande sein wollte, mußte ein bestimmtes Wort +aussprechen, das immer nur der König kannte und auf dem Totenbette +seinem Kanzler anvertraute. Der hatte darüber zu wachen, daß der +Thronbewerber das richtige Wort sage. Habe bis zum vierzigsten Tage nach +dem Tode des Königs niemand das Wort gesprochen, so bleibe das Land ohne +König und es gäbe ein furchtbares Unglück. Denn der König müsse nicht +nur herrschen, sondern auch die neuen Menschen vom Lebensbaume +abschütteln, der im Schloßgarten stände. Sobald im Lande zwei Menschen +gestorben sind, geht der König an den Baum, rüttelt ihn und zwei Kinder +springen herunter, die gleich genau so aussehen wie die Erwachsenen. +Jetzt sei der gute König schon achtunddreißig Tage tot. Die Prinzessin +harre des Gemahls, und noch habe sich keiner gefunden, trotzdem viele +Prinzen da waren und Worte in allen Sprachen geredet hätten. + +Die Sache kam Schlupps sonderbar vor. Er ergriff seinen Wanderstab und +frug noch, ehe er weiterschritt: »Wie heißt Euer Land, Herr Wirt?« + +»Das Land derer, die nicht alle werden,« war die Antwort. + +»Die nicht alle werden,« murmelte Schlupps und wanderte los. An einer +Straßenbiegung sah er einen Mann stehen, der hielt mit seinem Rößlein an +einem leeren Brunnentrog; aber kein Wasser floß aus dem ausgehöhlten +Baumstamm, in dem das Rohr lag. »Was ist hier, guter Freund?« rief +Schlupps ihm zu, als er sah, wie das Pferd mit der Zunge gierig im +leeren Becken nach Wasser suchte. »Es fließt nicht,« klang es zurück. +»Laßt mich sehen; bin eine Art von Brunnenmeister.« Schlupps beugte sich +nieder. »Ei, da steckt ja ein Stein im Rohr, müßt den herausmachen.« Der +andere schüttelte den Kopf. »Das haben gewiß des Nachbars unnütze Buben +getan. Ich zieh ihn nicht heraus.« + +»Aber Euer Pferd verdurstet indessen,« sagte der neue Brunnenmeister. +»Will es Euch in Ordnung bringen.« + +»Nein! Nein,« beharrte der Bauer. »Wer es hineingetan hat, soll es +wieder herausziehen.« Das Pferd schnappte und wendete kläglich den Kopf +nach seinem Herrn. »Laßt mich Euch helfen, es ist ja nur eine +Kleinigkeit,« bat Schlupps eindringlich; denn er hatte Mitleid mit der +armen Kreatur. + +Der Andere sah ihn mißtrauisch an. »Was kümmert’s Euch?« brummte er. +»Ist mein Pferd. Wer es hineingesteckt, soll es herausziehen. Ist Eures +Amtes nicht.« + +Er hielt die Hand fest auf die Mündung des Rohres gepreßt. Plötzlich +wankte das Pferd, schlug um, streckte alle Viere steif von sich und lag +steif und tot da. + +»Ist meinem Nachbar recht geschehen. Sein Pferd wird auch so verdursten, +wenn es an die Tränke kommt.« Damit zog der Bauer dem Vieh das Fell ab, +warf es über die Schulter und wanderte langsam und gemütlich heim. + +Schlupps sah ihm erstaunt nach. »Scheinen eigentümliche Leute hier zu +Lande,« murmelte er und wanderte weiter. Er bog in eine Dorfgasse, da +standen Maurer und bauten an einem Haus. Wenn sie einen Stein +hergetragen hatten, stellten sie sich im Kreise auf, befühlten ihn, +schoben ihn hin und her und putzten sich dann die Hände an der Schürze +ab. Dann tauschten sie ihre Meinung darüber aus, wie der Stein den +andern so ähnlich sehe, und endlich hoben sie ihn mit vieler Mühe und +lautem Seufzen hoch und verschmierten die Fugen mit Lehm. Darauf ließen +sie die Flasche kreisen und lobten einander für ihr fleißiges Tun. »Habt +viel Zeit, Kameraden!« rief Schlupps. »Meint Ihr, Herr?« entgegnete der +älteste Maurer. »Irrt Euch sehr. Bis heute sollte das Haus fertig sein. +Seht nur wie wir vor Mühsalen schwitzen.« »Bis heute?« wunderte Schlupps +sich. »Ist ja noch nicht das Kellergeschoß fertig.« »Seht Ihr, der Mann +versteht’s,« rief der Maurer. »Habe ich nicht gleich gesagt, wir werden +bis heute nicht fertig. Der Herr ist wohl auch Maurer?« + +»Freilich, Baumeister bin ich. Hab’ schon manches Schloß hoch über den +Wolken in den Lüften erbaut, dem kein Neider und kein Feind etwas +anhaben konnte.« + +»So, so, Baumeister ist der Herr. Ja, ja. Ei, ei, hätt’ ich nicht +gedacht. Also Baumeister ist der Herr. Wirklich?« »Ich meine, wir hören +auf,« sagte der Alte bedächtig, »fertig werden wir doch nicht. Da ist es +gleich, ob wir jetzt ein Ende machen oder des Abends. Was meint Ihr?« +Seine Gefährten stimmten ihm zu und legten die Schürze ab. Schlupps +aber, den ihre Langsamkeit und Trägheit verdroß, sagte ernsthaft: + +»Recht so, Gevatter. Es geht jetzt in eins hin, und der Neue wird +Euch doch mit des Seilers Tochter verheiraten, so oder so.« + +[Illustration: Vor der Königswahl] + +Die Handwerker stutzten und sahen den fremden Mann scheu von der Seite +an. + +»Ist denn schon ein neuer König da?« fragten sie angstvoll. + +»Das wißt Ihr nicht?« staunte Schlupps. »Ei, das pfeifen ja die Spatzen +vom Dache, wie das Wort gelautet hat, ›Arbeite, arbeite,‹ hat der Neue +gesagt. Jetzt schickt er im Lande herum, und wenn er Leute trifft, die +Maulaffen feil halten und die liebe Tageszeit vergeuden, als wäre sie +eitel Luft, dann fackelt er nicht, und die hier zu viel still gestanden +haben, dürfen in der frischen Luft am Galgen herumtanzen.« + +»Wir arbeiten! Wir arbeiten!« schrien die Maurer, ergriffen Hammer und +Kelle und schafften darauf los, daß die Mauern emporschossen. + +Und als Schlupps im Weiterwandern sich noch einmal umschaute, erblickte +er das Haus hoch über den Boden emporragend, und lachend zog er fort. + +Immer weiter durchzog Schlupps das Land und wunderte sich über die +Menschen, die darin lebten; denn hatte er schon der Torheiten viele +angesehen, so dünkte ihm doch, daß hier die Narren üppiger gediehen denn +anderswo, und einer den andern an Narrheit übertraf. Als er am zweiten +Tage die Hauptstadt betrat, fand er auch dort alle Straßen und Häuser +zum Zeichen der Trauer mit schwarzem Tuch bedeckt. Auf seine Fragen nach +einer Herberge erhielt er nirgends Antwort. Die Leute liefen aufgeregt +durcheinander, denn heute war der letzte Tag der Wahl und war bis dahin +kein König gefunden, dann stand ihnen großes Unglück bevor. Einer +flüsterte dem andern zu, daß wieder fremde Prinzen angekommen seien. Die +Hoffnung auf einen Herrscher war ihnen noch nicht geschwunden. + +Schlupps sah um sich, ob er denn keinen fände, der ihm Auskunft geben +könne; da sah er durch ein niedrig gelegenes Fenster in ein Gemach, +darin ein Mann saß. Der hatte einen mächtigen Federkiel hinter dem Ohr +und einen Haufen Papier vor sich. + +Er ging in das Haus und öffnete, da auf sein Klopfen niemand antwortete, +die Zimmertür. »Verzeiht, Herr,« sagte er höflich, »wollte Euch bitten, +einem Fremden den Weg zu einer Herberge zu weisen.« + +»Habe keine Zeit,« gab der Mann zurück. »Seht Ihr nicht, daß ich die +Papiere zu ordnen habe?« Damit holte er aus der Ecke einen Stoß Bogen, +legte sie auf einen Haufen, sah sorgsam nach, daß nicht eine Ecke über +die andere hinausragte, betrachtete den Haufen bedächtig von allen +Seiten, nahm ihn dann wieder auseinander und schichtete ihn in einer +anderen Ecke wieder auf. + +Schlupps kam das Bemühen des Mannes gar sonderbar vor, so daß er sich +einer Frage nicht enthalten konnte. »Was sind das für Papiere, guter +Freund?« sprach er freundlich. »Weiß nicht,« war die mürrische Antwort. +»Die sollte unser König haben. Ist aber gestorben und hat sie nicht mehr +zu Händen bekommen; muß sie jetzt immer säuberlich glätten und falten; +denn ich bin des Königs Bogenleger.« + +»Aber wenn Ihr doch keinen König habt, nützt Euer Tun einstweilen +nichts.« »Kümmert mich nicht,« antwortete der Schreiber. »Habe zu +besorgen, was mir aufgetragen wird. Wenn ich fertig bin, fange ich +wieder von vorne an. Sie haben mir gesagt, daß ich das Papier glatt +hinlegen solle.« + +Neugierig ergriff Schlupps einige Blätter, schlug sie auf und sah mit +Staunen, daß sie leer waren. »Aber es steht ja nichts darin,« rief er +und blätterte weiter. + +»So, so, nichts darin?« sagte der Schreiber trocken. »Ei freilich, +überzeugt Euch selbst. Solltet sie wohl nur dem König zu Händen legen, +wenn er schreiben will.« »Weiß ich nicht,« murmelte der Andere, ergriff +schnell die Blätter, die Schlupps auseinander gerissen hatte und suchte +sie zu glätten. + +»Wie heißt Ihr, Fremder?« forschte er. »Nennt mich der Neue,« sagte +Schlupps. »Wißt, Neuer,« knurrte der Bogenleger, »Ihr gefallt mir nicht. +Seid fürwitzig und ein unbequemer Geselle. Wäre besser, Ihr ließet mich +ungestört bei meiner Arbeit. Geht lieber vor das Schloß, wo heute +Königswahl ist und seht zu, ob wir einen Prinzen bekommen. Zeit wär’s.« + +Schlupps verließ ihn und schloß sich der Menschenmenge an, die auf dem +weiten Platz vor dem Schlosse flutete. Dicht gedrängt standen sie; aber +kein unfreundliches Wort war zu hören, wenn auch manchmal das Gedränge +arg war. Stumm harrten sie, und was Schlupps am meisten verwunderte, +war, daß alle einander so ähnlich sahen, wie ein Ei dem andern, und man +meinte, immer dasselbe Gesicht in einem tausendfältigen Spiegel zu +sehen. + +Jetzt ertönten Trompetenstöße. Aus dem Schlosse kam ein Zug stattlicher +Ritter und Frauen geschritten. Sie scharten sich um den Thron, zu dem +der Kanzler die Prinzessin feierlich geleitete. Die Königstochter hielt +die Augen gesenkt; als sie aber einmal den Blick hob, bemerkte Schlupps, +daß die Wunderschöne teilnahmslos und gleichgiltig in die Ferne sah, als +habe sie keine Wahrnehmung von dem, was um sie geschehe. + +»Prinzessin,« fragte der Kanzler laut, »seid Ihr gewillt, den zum Gatten +zu nehmen, der das rechte Wort findet, wer es auch sei?« Sie neigte +zustimmend das Haupt. »Ich tue, wie es Brauch ist,« sagte sie mit +gleichmütiger Stimme. Dann stieg sie die Stufen des Thrones hinauf, +setzte sich nieder und schaute träumenden Blickes auf die Volksmenge. +Der Herold stieß in das Horn. + +Hervor trat der erste Prinz. Es war ein dürres Männchen; die spärlichen +Haare bedeckte eine hohe Mütze, an der bunte Bänder herunter hingen. +Sein Kleid prangte in bunten Farben und seine spitzen Hackenschuhe +erregten das Verwundern der Mädchen und Frauen. Er legte die rechte Hand +auf die Brust, verneigte sich vor der Prinzessin, nickte grüßend zu dem +Volke hinüber und sagte mit krähender Stimme: »Herr Kanzler! Ich bin ein +Königssohn. So habe ich meinen Ministern Auftrag gegeben, das Wort für +mich zu finden. So viel sie nachdachten, sie konnten es nicht +ergründen. Da gab mir mein Hofnarr vor der Fahrt einen Zettel und riet +mir, ihn erst hier, wenn ich vor der liebwerten Prinzessin stehe, zu +öffnen. So gestattet, daß ich Euch das Wort künde.« Er faltete das +Blättchen auseinander und las mit stockender Stimme: + + »Albern – dalbern. Albern – dalbern.« + +Der Kanzler schüttelte das Haupt: »Es tut mir leid, Prinz. Doch das ist +nicht das Rechte.« + +Der Königssohn wurde blaß, drehte sich um und verließ eiligen Schrittes +den Platz. + +An seine Stelle trat ein hochgewachsener Mann, der Königssohn von +Südland. Er neigte leicht das Haupt vor der Prinzessin, warf keinen +Blick auf die Menge und sagte kurz und mit harter Stimme: + + »Das Wort heißt: Duck dich. Duck dich!« + +»Falsch, Herr Prinz!« rief der Kanzler, froh, den Hochmütigen nicht zum +König krönen zu müssen. Wütend riß der das Schwert aus der Scheide und +wollte sich auf den Kanzler stürzen, doch rasch hatten die Wachen sich +seiner bemächtigt und führten ihn ab. + +Jetzt trat der Dritte hinzu. Mit süßem Lächeln grüßte er die Prinzessin, +die entsetzt auf ihn blickte, denn sein faltiges, gelbes Gesicht trug +einen listigen, unheimlichen Ausdruck. Er drehte sich zu dem Volke, +breitete die Arme aus, als wolle er es segnen und reichte dann dem +Kanzler die Hand. »Wohl dem Lande, das einen solchen Wächter hat,« rief +er. »Ihr seid der Mann, den ich mir zur Seite wünsche. Mit Euch +gemeinsam wollte ich das Land regieren, daß es eine Lust ist. Das Wort, +das Ihr sucht, ich habe es gefunden, und Ihr, Herr Kanzler, werdet mir +bestätigen, daß es das Rechte ist. Reicht mir zum Zeichen Eurer +Freundschaft die Rechte und vernehmt die Worte! Sie heißen: + + Dein – Mein. Dein – Mein.« + +Wiederum schüttelte der Kanzler den Kopf. Mit leisen Schritten glitt der +Bewerber fort, ballte heimlich die Faust und warf einen giftigen Blick +zu dem Throne hinüber. Der Kanzler seufzte auf und sprach mit müder +Stimme: »Liebes Volk! Heute ist der letzte Tag der Königswahl. Schon +neigt sich die Sonne dem Untergang zu, und kein König hat sich gefunden. +Fürder werden wir nicht mehr heißen: das Volk derer, die nicht alle +werden. Zu Ende geht es mit uns, und keiner ist da, der dem Unglück +steuert. Kommt, Prinzessin, daß ich Euch in das Schloß geleite!« + +»Halt! Halt!« klang eine helle Stimme über den Platz. Schlupps hatte +sich durch die Menge gedrängt und stand neben dem Thron: »Laßt auch mich +versuchen, ob ich das Wort finde.« + +Aller Augen richteten sich auf den Mann, der furchtlos, den Kopf +zurückgeworfen, mit freundlichem Gesicht um sich schaute. Die +Prinzessin, die mit starren Augen vor sich hingesehen hatte, heftete +erstaunt den Blick auf ihn, lächelte zum ersten Male, und Schlupps sah, +wie holdselig und schön sie war. + +»Laßt mich Euch erzählen von meinen Fahrten und Irrgängen, damit Ihr +wißt, wer der Mann ist, der bei Euch das Königsein begehrt,« rief er, +zum Volke gewendet. Im Stillen aber hoffte er, daß der Zufall, der ihm +immer ein guter Freund gewesen, ihm helfen würde, die Prinzessin zu +gewinnen, die er beim Sehen gleich in sein Herz geschlossen hatte. + +Und Schlupps begann zu erzählen. Alles Volk hing gespannt an seinen +Lippen. Wie anders klang seine Rede, als das, was die Prinzen vorher +gesprochen. Wie fremd und doch wie bekannt, wie hoch und doch wie +verständlich. Sie hätten ihm immerwährend lauschen mögen. Was hatte er +alles erlebt und gesehen! Wie kannte er die Menschen in Hütte und +Schloß; wie hatte er sie belauscht bei der Arbeit und bei Lustbarkeiten. + +Des Kanzlers Herz pochte. So hatte er sich den neuen König erträumt; +aber noch kam das erlösende Wort nicht, und der Sonnenball stand glühend +rot im Westen. Noch einige Minuten – und der Tag war vorüber – der +Königsthron leer. Kaum hörte er, was der Fremde sprach. Sein Blick flog +angstvoll zum Himmel, wo das Gewölk rosig zu erglühen begann. Seine +Hände falteten sich und er flüsterte leise eine Bitte um ein Wunder. + +Nur schwer vermochte er zu hören, wie Schlupps jetzt erzählte von den +Maurern, die er getroffen, und wie vieles hierzulande anders werden +müsse. Fast drohend richtete er sich auf und rief: Ȁndern müßt Ihr +Euch! Ändern!« »Ich denke – – –« Da schrie der Kanzler laut auf: »Das +Wort! das Wort!« Er stürzte vor, ergriff Schlupps’ Hand und bat: »O, +sprecht es noch einmal, Herr!« + +»Ich denke!« wiederholte Schlupps laut, und das Volk brach in Jubelrufe +aus und sprach die seltsamen Laute nach, die es noch nie gehört hatte, +wie träumend, nicht wissend, was sie sagen sollten. + +Schlupps wandte sich zu der Prinzessin, die ohnmächtig hingesunken war. +Er neigte sich hernieder und küßte sie auf die Stirn. + +Da schlug die Königstochter die Augen auf, sah ihn mit klaren Blicken an +und sagte mit lauter, fester Stimme: »Dich will ich!« Das Volk aber +schrie und tobte und wußte sich vor Freude nicht zu fassen. »Die Probe! +die Probe!« drängten sie. + +»Nur noch eine Prüfung steht Euch bevor, hoher Herr!« sagte der Kanzler. +»Draußen im Schloßhof steht ein Lebensbaum. Versucht es, ob auf Euer +Schütteln Menschen herabfallen!« + +Feierlich geleitete er Schlupps zu dem Baume. »Faßt kräftig seinen +Stamm,« riet er dem Fremden zu. Der lächelte, griff mit der Rechten in +das Gezweig, schüttelte die Krone und herab sprangen zwei Kinder: ein +Knabe und ein Mädchen. Doch, o Wunder! sie sahen nicht aus wie jene, die +bisher heruntergefallen waren, sondern sie glichen auf ein Haar dem +neuen König und der Prinzessin, und als sie jetzt an der Hand des +Kanzlers heraustraten, um dem Volke gezeigt zu werden, da staunte +dieses, mit wie klugen Blicken die Kleinen um sich sahen, und wie +zierlich und anmutvoll sie sich bewegten. Feierlich traten Pagen hervor; +auf sammtnem Kissen trugen sie eine Krone herbei. Die Prinzessin +ergriff sie, um sie Schlupps auf das Haupt zu setzen. Doch zögernd wich +der zurück. Sein Blick fiel auf die Menge, deren Blicke erwartungsvoll +an ihm hingen. Die Krone dünkte ihm eine goldene Kette, die ihn an den +Boden schließen wollte. Noch einmal tauchte in seiner Seele die +Sehnsucht nach dem freien Umherziehen, dem Wandern von Ort zu Ort auf, +und gern hätte er die neue Würde dahingegeben, um als fahrender Geselle +sich herumtaumeln zu dürfen. + +Die Prinzessin nickte ihm lächelnd zu. Sie verstand, was in ihm vorging. +»Ich halte dich fest,« sagte sie ruhig. »Ich will!« Da erfaßte Schlupps +mit der Linken ihre Hand, mit der Rechten drückte er den Reif auf sein +Haupt und rief: + +»So ergreife ich Besitz von Eurem Throne. Und meine erste Tat sei, Euch +umzunennen. Nicht mehr sollt Ihr heißen ›Die nicht alle werden,‹ +sondern: ›Die, so da kommen!‹« + +So wurde er König und regiert noch bis zum heutigen Tage. Wollt Ihr +wissen, wo? Ei, das verrät keiner! – + + +Ende + + + + +Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der bei Englert und Schlosser erschienenen Ausgabe erstellt. +Grundsätzlich wurde die Originalschreibweise beibehalten. Einige +offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Die Verwendung von +Anführungszeichen wurde zur Verbesserung der Lesbarkeit vereinheitlicht. +Die Umlaute Ae, Oe und Ue wurden durch Ä, Ö, Ü ersetzt. + + +Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from the Englert und +Schlosser edition. Generally the original spelling has been maintained. +Some obvious printer’s errors have been corrected. Quotation has been +unified for increased readability. The Umlauts Ae, Oe and Ue have been +replaced by Ä, Ö, Ü. + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Schlupps der Handwerksbursch, by C. Berg + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHLUPPS DER HANDWERKSBURSCH *** + +***** This file should be named 31213-0.txt or 31213-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/1/2/1/31213/ + +Produced by Norbert H. Langkau, Markus Brenner and the +Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Schlupps der Handwerksbursch + Mären und Schnurren + +Author: C. Berg + +Release Date: February 7, 2010 [EBook #31213] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHLUPPS DER HANDWERKSBURSCH *** + + + + +Produced by Norbert H. Langkau, Markus Brenner and the +Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + + + + + + Schlupps + der Handwerksbursch + + Mären und Schnurren + von + C. Berg. + + [Illustration] + + Verlag + von + Englert und Schlosser + + Frankfurt a. M. + + 15. bis 17. Tausend + + + + Die Abbildungen zu diesem Büchlein zeichnete Professor + O. R. _Bossert_ in Leipzig / Das Recht der Übersetzung + in fremde Sprachen und Mundarten bleibt ausdrücklich + vorbehalten / Der Verlag + + + + +Einleitung + + +Es war einmal ein Handwerksbursche, der hatte zur Gewohnheit, daß er bei +allem, was ihm geschah, sagte: »Das ist mir 'Schlupps!'« Und weil man +das Wort immer von ihm hörte, behielt er es als Namen bei, und alle Welt +rief ihn »Schlupps,« so daß ihm selbst sein richtiger Name »Heinz« fast +in Vergessenheit kam. + +Er wanderte von Herberge zu Herberge, begrüßte in den Städten das Gewerk +und ließ sich einen Zehrpfennig geben. Wo ein Meister ihn an die Arbeit +stellen wollte und ihm kein Wandergeld gab, spielte er ihm einen +Schabernack; denn, sagte er, »meiner Mutter Sohn hat weiche Hände« und +»wer die Arbeit kennt, drängt sich nicht dazu.« Weil aber manchmal +Schmalhans in seinem Beutel haushielt, mußte Schlupps zur Arbeit greifen +und das Schreinerhandwerk, das er erlernt hatte, ausüben. + + + + +Schlupps beim Schreiner + + +Einst war er zu einem Meister gekommen, der arg geizig war und ihn hart +zum Schaffen anhielt, an Tadel nicht sparte, dafür am Brotkasten den +Deckel schloß, wenn das Sattwerden anfangen wollte. Schlupps stand in +der Werkstatt und hobelte. Die Sonne schien warm, die Vögel sangen, und +der Geselle meinte, sie riefen ihn hinaus auf die Landstraße, wo an den +Bäumen die Kirschen reiften. Sagte der Meister: »Gesell, die Bank muß +fertig werden.« »Recht so,« antwortete Schlupps, der wieder den Kopf +voller Streiche hatte. »Sagt mir, wieviel Beine eine Bank hat.« »Sollte +man nicht meinen, er wäre bei einem Schuster in der Lehre gewesen und +hätte nur einen Dreibein kennen gelernt!« rief der Meister erbost. »Auch +gut,« dachte Schlupps, »also ein Dreibein soll es werden.« »Eil dich,« +sagte der Meister, »wenn ich wiederkomme, mußt du fertig sein,« damit +ging er fort auf das Grafenschloß. + +Schlupps aber, der die Augen überall hatte, wo es was zu erspähen gab, +bemerkte wohl, daß der Meister unter der Schürze etwas forttrug, das er +heimlich gearbeitet, damit es sein Geselle nicht sähe, und scharfen +Blicks erkannte er, daß es ein hölzerner Fuß war, den der Meister mit +Katzengold eingerieben, bis er glänzte. »Dahinter steckt etwas,« dachte +er, begann in des Herrn Abwesenheit alles zu untersuchen, Schubladen, +Kasten und Truhen und entdeckte in einer Lade, die unter des Meisters +Bett stand, einen Fuß aus purem Golde, der gerade so aussah, wie der, +den der Schreiner gemacht. Mit dem Goldfuß hatte es aber eine eigne +Bewandtnis. Der Meister war auf dem Schloß gewesen, um in der Kammer des +Grafen etwas in Ordnung zu bringen. Er mußte oft wiederkommen und hatte +Muße, wenn der Herr Graf das Zimmer verließ, alles darin genau zu +betrachten. Besonders gefiel ihm das Bett, das an einer Wand stand. Es +war gar kunstvoll aus purem Golde gefertigt. Eine Fee hatte es dem +Ahnherrn geschenkt und einen Zauber darauf gelegt, also: »daß jeder, der +in dem Bette liege, so lange es unversehrt sei, nie solle von Krankheit +befallen werden, sondern in hohem Alter sanft und selig entschlafen.« +Darum war dem Grafen das Bett besonders lieb, und er hütete es wohl. Dem +Meister aber stach das Gold in die Augen. Er besah das Bett genau und +beschloß, die Beine auszutauschen. So hatte er schon ein Holzbein +heimlich hergerichtet, daß es gerade so aussah wie das echte, und als er +einmal allein in der Kammer arbeitete, um das Betpult des Grafen +aufzuglänzen, tauschte er rasch die Beine aus. Und da niemand etwas +davon merkte, und er hoffte, der Graf sei auf der Jagd, beschloß er, +wieder zur Burg hinaufzugehen und heute nach Gelegenheit zu suchen, auch +das zweite Bein, das er gemacht hatte, einzuwechseln. Der Graf aber war +seit einiger Zeit unpäßlich, klagte über Schmerzen und konnte sich nicht +erklären, woher das käme. + +Als Schlupps das Goldbein in der Lade sah, dachte er: »Du kommst mir +gerade recht. Mein Dreibein kann einen solchen Hinkefuß wohl brauchen,« +nahm das Bein und leimte es an die Bank. Gegen Abend kam der Meister +heim, ärgerlich, daß sein Plan mißglückt war; denn der Herr Graf hatte +zu Bett gelegen, und so konnte er nicht in die Kammer. »Faß mit an die +Lade,« gebot er dem Gesellen und trug sie mit ihm in den Keller; denn er +hatte Angst, es könne ihm jemand seinen Schatz rauben, den er heimlich +einem Goldschmied verkaufen wollte. Den Kellerschlüssel versteckte er im +Rauchfang. »Ist die Bank fertig?« fragte er dann den Burschen. »Fertig +und zum Küster getragen.« Deß war der Meister zufrieden; denn die Bank +sollte am Sonntag vor der Kirchtür stehen als Armsünder-Bänkchen. War +das alte doch schon abgenutzt von den vielen, die darauf gesessen +hatten. + +Wie Sonntags alle in der Kirche waren und der Pfarrer das Gebet +gesprochen hatte, klopfte es vernehmlich an die Kirchenpforte, und als +der Küster öffnete, kam die Bank herein, humpelte die Kirche entlang, +»klipp, klapp, tripp, trapp,« am Altar des Herrn vorbei, immer weiter, +bis sie an einem Kirchenstuhl stehen blieb, grad wo der Meister saß, der +mit Schrecken den goldenen Fuß erkannte. »Ich weiß von nichts,« rief er +und wurde blaß wie das böse Gewissen. »Es hat Ihn ja noch keiner +angeklagt,« sprach der Pfarrer ernst. »Ich weiß von nichts,« versicherte +der Meister wieder und zitterte und ward schlohweiß. »Das hat mein +Geselle getan. Holt ihn her und laßt ihn die peinliche Strafe erleiden!« +Aber der Geselle war fort über Land. Aus des Meisters Gefach hatte er so +viel Geld genommen, als der Lohn für seine Arbeit betrug; alles andere +hatte er unberührt gelassen. Der Meister mochte leugnen, soviel er +wollte, es half ihm nichts -- der Graf sagte ihm den Diebstahl auf den +Kopf zu, schließlich gestand er seine Tat ein und mußte auf dem +Armsünder-Bänkchen sitzen zum Gespött aller Leute. Der Graf aber ließ +den echten Fuß wieder am Bett anmachen und war von der Stunde ab gesund. + + + + +Die Vogelscheuche + + +Wo war Schlupps indeß? Der saß auf einem Kirschbaum an der Straße und +tat sich gütlich. »Gut, daß ich den Spatzen zuvorkomme,« dachte er. +»Braucht der Bauer keine Scheuche aufzustellen, die ihm die Räuber +verjagt.« Da sah er von ferne einen Landmann kommen, der hatte die +blinkende Sense auf dem Rücken und schritt rüstig aus; denn er war ein +gar großer Mann. »Halt,« dachte Schlupps. »Wer weiß, ob der versteht, +was ich hier tue. Wenn er mit der Sense ausholt, sitzt mein Kopf etwas +tiefer und kommt nimmer an seinen Platz.« Schnell zog er seinen Rock +aus, drehte ihn um und tat ihn verkehrt an, den Hut stülpte er so tief +auf den Kopf, daß man kaum das Gesicht sah, und dann stand er +unbeweglich in den Zweigen. + +Der Bauer dachte: »Was ist denn das für ein Ungetüm, vor dem fürchten +sich die Spatzen sicher. Wenn ich nur wüßte, wie ich zu einer solchen +Vogelscheuche käme.« »Wer hat dich dort oben hingestellt?« rief er +hinauf. + + »Mein Vater hat mich aus Holz gemacht. + Mein' Mutter hat mich hierhergebracht. + Mein' Schwester weint um mich sicherlich. + Rüttle mich fest, so lebe ich,« -- + +klang es hohl zurück. + +Da erschrak der Bauer und meinte nicht anders, als es sei eine +verwünschte Seele, die er erlösen könne, stieg auf den Baum und begann +den Burschen zu rütteln und zu schütteln. Der sprang herab und rief: +»Das lohn' dir Gott, das lohn' dir Gott,« dann gab er Fersengeld und +lief davon, dem Dorfe zu. Erstaunt ging der Bauer heim und gradaus zum +Pfarrer, dem er die Mär von der erlösten Seele beichtete. Der Pfarrer +war sehr erfreut, in seiner Gemeinde ein Schäflein zu haben, das irrende +Seelen erlösen könne. Er belobte den Bauer um seine Guttat und wies ihn +an, den Burschen herbeizubringen. Wie der Bauer das Pfarrhaus verließ +und an dem Gottesacker vorbeischritt, da sah er an der Kirchhofmauer +eine Gestalt stehen, die kam ihm bekannt vor, und wie er hinsah, war es +die Scheuche vom Kirschbaum, angetan wie ein richtiger Handwerksbursch. +Das gab eine große Freude im Dorf, als der Geselle unter der großen +Linde saß und anhub zu erzählen, wie eine böse Stiefmutter ihn +verwünscht habe -- dabei hatte er seine Lebtage keine Stiefmutter gehabt +-- wie der Bauer ihn erlöst habe, und daß er jetzt die Kunst besäße, die +Vögel zu scheuchen und von der Saat fern zu halten. + +Da wollten ihn die Bauern nimmer fortlassen, und es wurde beschlossen, +daß sie reihum den Burschen verpflegen wollten, dafür sollte er +abwechselnd ihre Felder und Gärten bewachen. Deß war der +Handwerksbursche zufrieden, stand jeden Tag in einem andern Feld und +lehrte die Kinder, die sich in Haufen um ihn versammelten, tolle Sachen, +Gesichter schneiden, Schelmenlieder singen und kecke Antworten geben. +Weil nun immer eine große Kinderschar um den Gesellen war und viel Lärm +machte, blieben die Felder spatzenrein. Dafür aß der Bursche für zwei +und mancher dachte: »Besser die Spatzen säßen im Feld, als der Fresser +am Tisch.« Wagten aber nichts zu sagen, weil keiner vor den Nachbarn als +geizig und ungünstig erscheinen wollte. + +Als aber der Bursche an das letzte Haus des Dorfes kam, in dem eine +arme Witwe wohnte, sagte diese: »Einen Garten zu bewachen habe ich +nicht, und die Spatzen können mir nichts nehmen, dieweil kein Halm für +mich wächst. Aber zu essen will ich Euch wohl geben, weil Ihr eine +irrende Seele seid. Mein Kind und ich können heute das Mittagsmahl +entbehren.« Damit setzte sie die Schüssel auf den Tisch und sagte: +»Gesegn's Gott!« Dann nahm sie ihr Bübchen an die Hand und führte es +hinaus, daß es nicht zusähe, wie der fremde Mann sein Essen bekäme, und +draußen vertröstete sie das weinende Kind auf das Nachtmahl. + +Dem Handwerksburschen stieg das Blut zu Kopfe, wie er bedachte, daß die +arme Frau und das Kind hungerten. Er saß eine Weile vor der vollen +Schüssel, dann stand er auf, rief die Frau und sagte: »Gegessen hab' +ich. Wundert Euch nicht, daß die Schüssel nicht leer und noch voll +Milchsuppe ist. Sagt es keinem, daß ich einen Zauberspruch weiß, der die +Schüssel, daraus ich esse, immer wieder füllt.« Damit ging er fort, und +als die Frau hineinkam, lag neben der Schüssel ein blankes Goldstück. + + + + +Der Weinpanscher + + +Den Burschen duldete es nicht mehr am Orte; denn wenn er den Zaubersegen +in jedem Haus vor der vollen Schüssel hätte aussprechen sollen, so wäre +es um seinen Magen schlecht bestellt gewesen. Darum machte er, daß er +fortkam und wanderte über einen hohen Berg, bis er talwärts ein einsames +Wirtshaus fand. Der Wirt stand in der Türe und spähte nach allen +Seiten, ob kein Wanderer des Weges kommen wollte; denn es war schon hoch +im Jahre, und selten verirrte sich einer in die verlassene Gegend. Er +sah Schlupps mißtrauisch an und gab ihm zu verstehen, daß sein Haus auf +Gäste, die schlecht zahlten, nicht eingerichtet sei; fragte, wie lange +der Gast zu bleiben gedenke und wohin und woher. »Grad aus dem +Fegfeuer,« seufzte der Bursche, machte ein gottsjämmerliches Gesicht, +saß nieder, stützte das Haupt in die Hände und seufzte laut auf. + +Dem Wirte wurde bang. Wenn das nur nicht der Gottseibeiuns selber war, +der ihn versuchen wollte. Der nahm so viele Gestalten an, warum sollte +er nicht auch als Handwerksbursche kommen? + +»Erzählt mir, was Euch herführt?« bat er den Gast. Dabei trug er eine +Schüssel nach der andern auf und nötigte den Fremden zum Essen, und der, +nicht faul, hieb auf die Gerichte ein, daß es eine Lust war. Das +beruhigte den Wirt einigermaßen, daß der Böse so menschlich aß und +trank. Dann gab der Bursche auf die Fragen Bescheid und erzählte von den +armen Seelen im Fegfeuer. »Warum habt Ihr müssen darinnen sitzen und +warum irrt Ihr jetzt auf der Erde herum?« fragte der Hausherr. + +»Das ist eine traurige Sache,« seufzte Schlupps und zündete ein +Pfeifchen an. »Ich war ein Gastwirt, wie Ihr. Mein Haus stand in einem +schönen Tal, wo Wein in Fülle wuchs. Da ich aber unersättlich war und +nicht schnell genug reich werden konnte, tat ich Wasser in den Wein und +wußte doch, daß ich meine Seele damit dem Bösen verschrieb. Jahrelang +hielt ich es so. Eines Tages klopfte ein Handwerksbursche an meine Tür +und bat um ein Nachtlager. Weil ich dem Gast ansah, daß seine Zeche +nicht sehr hoch sein werde, nahm ich ihn unwillig auf, setzte ihm Reste +von saurem Wein vor, der vom Faß niedergetropft war und in einem Bottich +gärte und wies ihn fort, als er Nachtherberge verlangte. Dann ging ich +in den Keller, meinen Wein mit Zucker und Wasser zu mischen, wie ich es +gewohnt war. + +[Illustration: Der Höllwirt] + +Als ich mich umwende, wer steht hinter mir? -- -- -- Der +Handwerksbursche! Er packte mich und schrie: »Hab ich dich bei deinem +schändlichen Treiben erwischt? Jetzt bist du mir verfallen.« Er wuchs +und wuchs, bis er an die Decke des Kellers stieß, seine Augen glühten +und sprühten Flammen. Dann stampfte er mit dem Fuße auf die Erde und wir +sanken tausend Klafter tief, grad in die Hölle. Da war große Freude, als +ich ankam; denn die Weinpanscher sind dort besonders gut angeschrieben, +und des Teufels Großmutter nahm mich gleich bei der Hand und führte mich +an eine glühend heiße Stelle. Jetzt mußte ich im Fegfeuer sitzen und sah +über mir Wein keltern, den besten Roten und Weißen. Der Duft zog mir in +die Nase, und ich bekam keinen Tropfen zu kosten. Alle hundert Jahre +darf ich auf die Erde gehen, in Gestalt eines Handwerksburschen. Finde +ich einen Wirt, der die armen Wandrer von der Schwelle jagt oder ihnen +ein bös Gesicht und sauren Wein vorsetzt und die lieben Gottesgaben mit +Wasser mischt, dann bin ich frei und darf ihn statt meiner in die Hölle +führen. Lasse ich mich aber durch Bitten erweichen und gebe den Wirt +frei, dann muß er mich ein Jahr gut verpflegen, und ich muß an seiner +Stelle hundert Jahre mehr im Fegfeuer sitzen.« + +Der Wirt erschrak und dachte an den Brunnen, den er im Keller gegraben +hatte, weil er das Wasser dann bequemer in die Fässer schütten konnte. +Er wies dem unheimlichen Gast sein bestes Zimmer an, wartete, bis er +schlief, stieg dann in den Keller hinab und leerte vorerst zwei von den +großen Fässern, in denen gewässerter Wein war, in den Brunnen aus. Über +den deckte er ein großes Brett, damit keiner sähe, was darinnen war. + +Am andern Morgen bat der Bursche: »Zeigt mir doch Euren Weinkeller.« Der +Wirt traute sich nicht zu widersprechen, führte den Handwerksburschen +hinab und ließ ihn von jedem Fasse kosten. Aber nur von den guten, in +denen reiner Wein war. Schlupps aber entdeckte hinten in der Ecke zwei +Fässer, die ihm verdächtig vorkamen, ging hin und wollte sie anzapfen. + +»Kommt herauf und eßt erst was,« bat der Wirt, »mit leerem Magen trinkt +sich's schlecht. Hab Euch ein Hühnchen gebraten und einen fetten +Schinken aus der Räucherkammer geholt.« Das ließ sich der Gast nicht +zweimal sagen, ging hinauf, aß und hieb mit solcher Macht in den +Schinken ein, daß sein Messer Funken sprühte und der Wirt meinte, das +höllische Feuer leuchten zu sehen. + +Als die Mahlzeit fertig war, sagte Schlupps: »Meister, so leid es mir +tut, die Kellerprobe ist noch nicht fertig. Doch braucht Ihr Euch nicht +in den Keller zu bemühen. Des Teufels Großmutter hat mich ein Sprüchlein +gelehrt, wenn ich das sage, dann kommen die Fässer, in denen +gepanschter Wein ist, gradwegs die Kellertreppe hinauf in die +Wirtsstube. Ich brauche bloß meinen Becher hoch zu heben und zu +sprechen:« -- -- -- »Haltet ein! Haltet ein!« schrie der Wirt und riß +den Becher aus der Hand des Handwerksburschen. »Laßt im Keller, was +drinnen ist. Ich will Euch ein Jahr verpflegen und Ihr sollt es gut +haben. Was kann Euch an hundert Jahren mehr im Fegfeuer liegen?« + +»Wirt, Ihr sprecht, wie Ihr es versteht. Wüßtet Ihr, welche Pein ich +dort erduldet! Ihr holtet selber die Fässer herauf, um mich zu erlösen. +Schrecklich ist es dort unten und --« »Hört auf, hört auf!« rief der +Wirt wieder. »Laßt Euch erweichen. Bleibt bei mir. Ihr sollt es nicht +bereuen, und ich will auch für Eure arme Seele beten.« Der Bursche sann +nach. »Ihr tut mir leid,« sagte er endlich. »Euch zu lieb will ich es +auf mich nehmen. Aber,« setzte er drohend hinzu, »hütet Euch, den Pakt +zu brechen; denn dann seid Ihr mir unrettbar verfallen und müßt in die +Hölle.« + +Der Wirt versprach, was der Bursche wollte, stieg in den Keller hinab, +holte ein Maß vom Besten, und bei Rotem wurde der Pakt besiegelt. Dann +ging der Hausherr wieder hinunter und strich zärtlich über die beiden +Fässer, die er noch zurückbehalten hatte. Den Wein wollte er den +Fuhrleuten vorsetzen, die im Sommer kamen und Ausspann bei ihm hielten. + +Den Winter hindurch saß Schlupps in der Wirtsstube, erzählte Schnurren, +schmauchte sein Pfeifchen und aß und trank. Wie es aber Frühling wurde, +sehnte er sich hinaus und sagte zu seinem Wirte: »Seid bedankt für die +Pflege, die Ihr mir habt angedeihen lassen. Ich will es Euch eingedenk +sein und die hundert Jahre Fegfeuer gern für Euch ertragen. Mein Jahr +ist noch nicht um; aber ich muß weiter ziehen. Doch zuvor gebt mir die +zwei Fässer, die in der Ecke im Keller liegen, sonst hilft dort unten +mein Bitten nichts. Ich will sie Euch abnehmen. Gebt mir Wagen und +Pferde, so lade ich sie auf, und Ihr seid sie los.« + +Der Wirt war froh, den höllischen Gast auf gute Art aus dem Hause zu +bekommen, gab ihm das Verlangte, tat noch ein Fäßchen schweren Roten +dazu, steckte dem Burschen ein Beutelchen mit Geld bei und bat ihn um +Gotteswillen, bei des Teufels Großmutter ein gut Wort einzulegen. + +Der Bursche versprach es und sagte zum Abschied: »Wenn Euch einer fragt, +wer Euch gelehrt hat, mit Wein und Gästen gut umzugehen, sagt immer +'Schlupps.'« Damit zog er ab, und dem Wirt fiel ein Stein vom Herzen. + + * * * * * + +Nicht lange darauf hörte man eines Tages Hörner blasen, und als der Wirt +in die Haustüre trat, kam eine Reiterschar dahergesprengt, und der +Vornehmste von ihnen war der König. Die Ritter saßen ab und traten in +die Gaststube. »Holt Essen herbei,« befahl der König, »wir sind müde und +hungrig von der Jagd.« Da liefen der Wirt und sein Gesinde und brachten +heran, was Gutes in Kammer und Küche war. »Habt Ihr Wein?« fragte der +Kämmerer, der immer an des Königs Seite saß. »Ei freilich,« rief der +Wirt und wollte schnell hinabspringen und zapfen; aber der König sah ihn +scharf an und sprach: »Weißt du, daß ich ein Gebot erlassen habe: man +solle jeden, der Wein fälscht, zum Galgen führen? Wehe, wenn ich dich +auf böser Tat ertappe!« Der Wirt beteuerte, daß sein Wein echt und rein +sei. Da stieg der König selbst mit in den Keller, um den Wein zu prüfen, +und aus jedem Faß, das er versuchte, kam die liebe Gottesgabe rein und +unverfälscht heraus und sein Gesicht strahlte immer mehr vor Freude, als +er von Faß zu Faß ging. »Wer hat dich gelehrt, den Wein so gut zu +behandeln?« »Schlupps,« antwortete der Wirt. + +Da sahen sich die Diener des Königs erstaunt an, solch ein Wort hatten +sie noch nie vernommen. Der Kämmerer aber legte den Finger an die Nase, +dachte eine Weile nach und meinte dann bedeutungsvoll: »Das ist eine +Sprache, die ich nicht kenne. Wer weiß, was der Wirt für ein gelehrter +Mann ist.« -- Dann flüsterte er lange heimlich mit dem König. Der nickte +mit dem Kopfe und sagte zu dem Wirt, der abseits stand und nicht wußte, +was das alles zu bedeuten habe: »Wisset, mein Kellermeister ist +gestorben. Im ganzen Lande suchen wir einen neuen; aber es muß ein Mann +sein, der nie Wein gefälscht, noch gewässerten Wein verkauft hat. Du +scheinst mir der Rechte. Sage mir, wer hat dich in der Kunst +unterwiesen?« + +»Schlupps,« sagte der Wirt wieder. Der König legte seine Stirn in tiefe +Falten und sah sich ernst im Kreise um. Denn weil ein König gescheidter +sein muß, wie alle Leute und alles besser wissen soll, wollte er nicht +merken lassen, daß er das Wort nicht kenne und so sagte er: »Das dachte +ich mir gleich. Willst du mein Kellermeister sein, so sollst du in +meinem Schlosse wohnen, in einer goldenen Kutsche fahren und so viel +Geld haben, als du immer willst; dafür darf kein anderer als du meinen +Wein besorgen.« + +Des war der Wirt froh. Entließ sein Gesind, schloß sein Haus zu, bestieg +ein Pferd und zog mit dem König fort. + + + + +Von einer Heirat + + +Schlupps fuhr indes in die Welt hinein, machte sich gute Tage und sparte +nicht an Geld; denn er meinte, der Beutel lange ewig. Eines Tages aber +sah er, daß nur noch wenige Goldstücke darinnen waren und er sehen +mußte, sich Geld zu verschaffen. Er war indeß schon ein gut Stück in der +Welt herumgekommen, denn mit Wagen und Pferden ging es schneller als auf +Schusters Rappen. Einkehr hielt er des Nachts selten in Wirtshäusern, +meistens bat er die Bauern, bei ihnen sein Gespann einstellen zu dürfen, +dieweil er ein armer Fuhrmann war, der daheim Weib und Kind hatte. Er +wolle gern den Hafer für sein Pferd und die Abendsuppe für sich +bezahlen. Da aber die Leute, besonders die Frauen, mit ihm Mitleid +hatten, wenn er gar zu beweglich von seinen sechs hungrigen Kindern +daheim erzählte, gaben sie ihm um Gotteswillen, was er sich ausbat, und +was er des Nachts sparte, ließ er des Mittags im Wirtshaus draufgehen. + +So kam er einmal abends in ein Dorf und hielt gleich bei dem ersten +Bauernhof um Nachtherberge an. Der Bauer aber war der Dorfschulze und +gar hochmütig. »Hab kein Wirtshaus für herumziehendes Volk,« brummte er. +»Brauche meine Ställe alleine,« und jagte den Fuhrmann fort. Der traute +sich nicht so bald wieder zu fragen, zog langsam weiter und horchte, wie +die Hunde hier gar so bös bellten. »Scheinen ungute Leute im Dorf,« +dachte er, »tät ihnen not, daß ich sie mit meinen Launen und Schwänken +hobelte, damit sie an mich denken.« + +Da sah er abseits ein Gehöft, von dessen niederm Dach die Schindeln +morsch herunterhingen. Er fuhr hin, stieg ab und spähte durch das Tor. +Auf dem Brunnenrande saß ein Mädchen, den Kopf hatte es in die Schürze +gesteckt und man hörte, daß es bitterlich weinte. »Jungfer, was fehlt +Euch?« fragte Schlupps. Sie fuhr hoch und sah erschreckt zu dem Manne +auf; als sie aber in ein gutmütiges Gesicht blickte, faßte sie sich ein +Herz und fragte ihn, was er wolle. Er erzählte ihr, daß er Nachtlager +suche, denn die Wirtshäuser wären zu teuer. + +»Kommt nur herein,« sagte sie. »Ich fürchte Euch nicht. Stehlen könnt +Ihr mir nichts. Meine letzte Ziege ist gestern gefallen und mir werdet +Ihr wohl kein Leid antun. Und wenn auch, das Sterben ist mir nicht +unlieb; denn das Leben ist mir verleidet.« »Redet nicht so +gotteslästerlich,« sprach er ernst. »Erzählt mir Euren Kummer, +vielleicht kann ich Euch helfen.« + +»Wißt,« hub sie an zu erzählen. »Der Hans und ich lieben uns schon +lange. Der Hans ist der Schulzensohn und wollte mich zu seinem Weibe +machen, aber sein Vater ist gar reich und hochmütig und hat den Hans mit +der reichen Bäckertochter versprochen. Die ist häßlich und böse; ein +freundliches Wort gönnt sie keinem Menschen. Wäre sie gut, wollte ich +ihr den Hans gern lassen und für immer fortgehen, daß mich der Hans +nicht mehr sieht und meiner vergißt. Aber, da ich weiß, was für eine +Garstige sie ist, drückt mir der Kummer das Herz ab. Wie der Hans seinem +Vater trotzte und sagte, er wolle nur mich haben, lachte der Schultheiß +spöttisch und meinte: »Die Eve, die so arm ist, daß sie nicht einmal +ihre Hochzeit ausrüsten kann und die Gäste Essigwasser anstatt Wein zu +trinken bekämen! Wenn aus der Eve ihrem Brunnen roter Wein kommt, darfst +du sie heiraten!« Das ist natürlich eitel Gerede gewesen; denn er weiß, +daß so was nie möglich ist, und jetzt ist der Hans mit der Bäckin +aufgeboten und Sonntag ist Hochzeit.« + +»Tröstet Euch,« sagte Schlupps. »Es gibt Burschen, die gewiß noch +schöner sind als der Hans. Ihr werdet einen anderen finden.« +»Nimmermehr,« rief Eve. »Lieber in den Brunnen!« »Wartet ab und verliert +die Hoffnung nicht; vielleicht weiß ich Rat. Legt Euch zu Bett, +verschließt Eure Kammertür und vertraut auf Gott. Ich will im Stall bei +meinen Pferden schlafen und ihnen den Hafersack umhängen.« + +Als das Mädchen in seine Kammer gegangen war und es still im Hofe ward, +ging der Bursche in die Gerätekammer, holte eine Schaufel und fing an, +ein großes Loch im Hof zu graben und daneben noch eins. In die beiden +Löcher aber tat er die Fässer mit saurem Wein, deckte Erde darüber und +Steine, und das Faß mit rotem Wein versenkte er in den Ziehbrunnen. Dann +legte er sich zu seinen Pferden auf die Streu und schlief ein. + +Am andern Tage sagte er zu dem Mädchen: »Ich muß noch einmal fortgehen. +Laßt meinen Wagen und die Pferde einige Tage bei Euch stehen. Es soll +Euch nicht reuen.« »Gern,« gab sie zur Antwort. »Da ist noch etwas Heu +und Hafer. Ich hab es nicht not, nehmt Ihr es. Ich will Eure Pferde wohl +versorgen, wenn Ihr fort müßt.« Da verabschiedete sich Schlupps, ging in +das Dorf und geradezu in den Bäckerladen, wo die Bäckertochter fein +aufgeputzt da saß. »Was wollt Ihr?« fragte sie barsch. »Ein Brot,« sagte +der Handwerksbursche demütig. »So nehmt, zahlt und macht, daß Ihr fort +kommt. Braucht mich nicht so anzusehen.« -- -- -- -- -- »Verzeiht +Jungfer,« stotterte Schlupps und tat arg verlegen. »Hätte ich doch mein +Lebtag nicht gedacht, daß ich des Kaisers von Welschland Frau hier +leibhaftig vor mir sehen würde.« »Wen?« fragte die Bäckerstochter, und +der Hochmut fing an, sich in ihr zu regen. + +»Des Kaisers von Welschland Gemahlin, leibhaftig. Muß ich sie doch +kennen, bin oft genug im Schloß gewesen und hab ihr gar prachtvolle +Kleider gemacht. Denn wißt, ich bin ein tüchtiger Schneidermeister und +hätte es können in Welschland weit bringen. Doch, wie es geht. Wollte +wieder ins Vaterland. Hab aber oft zurückgedacht an die schöne Königin. +Wenn Ihr Kleider hättet wie die -- weiß Gott! Keiner tät wissen, daß Ihr +nicht eine Prinzessin seid und daß Eure Wiege hinter den Mehlsäcken +gestanden hat. Könnt Ihr mir nicht künden, wie Ihr heißt? -- --« »Grit,« +sagte sie und versuchte, recht holdselig zu lächeln, es wollte ihr aber +nicht gelingen; denn die oberen Zähne hingen ihr über die unteren herab +und so machte sie mehr ein Grinsen, denn ein Lächeln. »Grit,« +wiederholte sie. + +»Kann so was sein?« rief Schlupps. »Gibt es Wunder? Genau so hieß die +Königin. Wer weiß, vielleicht hat mich der Zufall nicht umsonst +hergeführt und der Prinz Xaver, der immer eine Frau sucht, die wie seine +Mutter aussieht, seufzt nicht vergebens. Gewiß ist Euer Herz noch frei, +Jungfer?« + +»Das ist es eben,« sagte sie wehleidig. »Am Sonntag soll ich ehelichen, +den Hans vom Schultheiß. Er hat mir soweit ganz gut gefallen, besonders +weil ich ihn der Ev', dem dummen Ding, nicht gönnte.« -- -- + +»Was?« rief der Handwerksbursche erstaunt. »Ist so was möglich? Einem +Bauern wollen sie Euch zum Weibe geben und seid doch nur für einen +Prinzen geschaffen? Ei, hätte nicht gedacht, daß Ihr so herunterstieget. +Aber um Eines bitte ich Euch. Laßt mich das Brautkleid machen, genau wie +es die Königin trug, damit die Leute sehen, wen sie vor sich haben.« + +Deß freute sich Grit, denn es verdroß sie schon lange, daß sie zur +Hochzeit daher kommen sollte wie jede Bauernmagd. Jetzt sollte der Hans +sehen, was eine reiche Braut vermochte, und die Eve sollte vor Neid +bersten. + +»Erzählt mir, wie das Gewand war,« bat sie. »Aus den besten Stoffen,« +erzählte das falsche Schneiderlein, »ein Unterkleid von gelbem Tuch, +dazu ein Obergewand von rotem Sammet, die Ärmel gepufft aus heller Seide +und alles fein mit bunten Bändern ausstaffiert. Auf dem Kopfe eine vier +Ellen hohe Mütze aus Seide und Pelz und daran einen Schleier, so lang +als Ihr seid und noch darüber, und die Schuhe -- -- die Schuhe, die +waren mit dicken grünen Perlen besetzt. Eine goldene Kette lag um den +Hals, die ging bis auf den Gürtel, und der war aus purem Golde mit +bunten Steinen verziert. So müßt Ihr es auch haben. Wartet nur Ihr +Bauern,« und er drohte mit der Faust hinaus in die Luft, »ich will Euch +zeigen, wie man eine Prinzessin zu behandeln hat.« + +»Aber werdet Ihr das Alles so schnell nähen können?« fragte Grit +zweifelnd. »In vier Tagen ist Hochzeit.« + +»Nichts leichter als das,« lachte Schlupps. »Hab in Welschland doch +anderes leisten müssen. Gebt mir Wagen und Pferd, so fahr' ich in die +Stadt und kaufe alles ein. Wundert Euch nicht, wenn ich erst morgen +Abend wiederkomme; denn es wird schwer halten, alles im Städtchen zu +finden. Damit Ihr aber sicher seid, daß ich wiederkehre, lasse ich mein +Felleisen da. In dem ist mein Fingerhut, und wenn ich den nicht habe, +kann ich nichts machen. Hütet Euch jedoch, das Felleisen zu öffnen. Es +ist mit einem Zauberspruch geschlossen, und wer es öffnet, wagt sein +Leben.« Grit, deren Hoffart immer mehr stieg, gab ihm heimlich ihres +Vaters Wagen und Pferd und einen großen Sack Geld; den wollte sie +eigentlich dem Hans als Brautgabe mitbringen. »Braucht davon, so viel +Ihr für gut findet,« sagte sie. Denn wenn sie auch keinem etwas gönnte, +so war ihr für sich selbst nichts zu viel, und sie scheute nicht Geld +und Gut, wenn es ihre Schönheit galt. Meinte sie doch, daß ihr kein +Mädchen im Dorf gleich käme, und wußte nicht, wie die hakige Nase +garstig aus den knochigen Wangen herausstach, und der Hans fürchtete +sich so vor dem spitzen Gesicht, daß er seiner Braut noch nie einen Kuß +gegeben hatte und stets wehmütig an Eves rundes, frisches Gesicht mit +den braunen Augen dachte. + +So fuhr Schlupps davon. Hans aber kam auf seines Vaters Weisung, seine +Braut zu besuchen und allerlei mit ihr wegen des Hausrats zu besprechen. +Der Schultheiß kam selbst auch hinzu, um die künftige Tochter wegen der +Hochzeit zu befragen. Er wunderte sich nicht wenig, wie Grit hoffärtig +und spitz immer davon sprach, daß es eine Gnade für Hans sei, wenn sie +ihn nähme, und daß sie für Höheres geboren wäre. »Na, hoch genug liegt +unser Hof ja,« sagte der Schulze scherzhaft, er verstand noch immer +nicht, wo sie hinaus wollte. »Laßt die Späße, Schultheiß,« gab sie +giftig zurück. »Wenn ich erst Bäuerin auf dem Hof bin, werden wir sehen, +wie hoch Ihr seid. Da habt Ihr nichts mehr dort drein zu reden. Am +besten wär's, Ihr gäbet Hans gleich Haus und Hof und zöget aus. Für drei +Leute ist der Hof zu eng.« -- -- + +Da sah Hansens Vater, was für eine Böse die neue Schwiegertochter war, +schlug die Türe zu und ging heim. »Noch ist nicht aller Tage Abend,« +brummte er. Und der Zufall wollte, daß ihm die Ev begegnete, wie sie so +bescheiden und sittig durch das Dorf schritt. »Hätte ich der doch den +Hans gegönnt,« dachte er, »das wäre eine bessere Hausfrau geworden, als +die übermütige, häßliche Bäckerstochter,« und weil er im Grunde nicht +geldgierig, nur stolz und rechthaberisch war, tat ihm jetzt die Eve +leid. Sie hatte mit so traurigen Augen auf ihn geblickt. -- + +Schlupps fuhr indeß in die Stadt, kaufte allerlei Stoffe, alles vom +Gröbsten und Schlechtesten, ging zu einem Schneidermeister und sprach: +»Meister, mach Er mir bis morgen ein Gewand. So und so muß es sein« und +beschrieb, wie er es haben wollte. »Das kann nicht sein,« widersprach +der Meister, »das wäre eine gar traurige Arbeit, und man würde mich +darob mit Schimpf und Schande aus der Zunft jagen. Gebt mir acht Tage +Zeit und es soll genäht und gebügelt sein, wie es sich gehört.« »Bis +morgen muß ich es haben,« beharrte Schlupps. »Tut Ihr es nicht, tut es +ein anderer; auf Geld soll es mir nicht ankommen,« und legte ein +Goldstück auf den Tisch. »Näht wie Ihr wollt, und wenn ein Stich auch +dem andern zuruft: »halt Bruder, lauf nicht davon,« so soll es nichts +ausmachen. Es braucht nicht lange zu halten und wenn die Ärmel nur lose +darin hängen und die Nähte bald springen, so ist das Ausziehen um so +leichter und man braucht nicht viel Haken aufzumachen.« »Auch gut,« +überlegte der Meister von der Nadel. »Gewiß ist das unehrliches, +fahrendes Volk; denn ein Bürgerkind zög ein solches Narrengewand nicht +an;« rief seine Gesellen herbei und versprach, rechtzeitig fertig zu +sein. Konnte sich aber nicht genug wundern, was für schlechte Tuche ihm +zu Händen kamen, denn statt Sammet hatte der Schalk grobe Linnen mit +roter Farbe anstreichen lassen. + +Den Schmuck aber ließ er beim Blechschmied aus Blech und Messing machen +und in den Gürtel Glasstücke hineinsetzen. Der Schleier war so groß wie +ein Fischernetz, und der Beutel wurde, nachdem alles eingekauft war, nur +um ein Weniges erleichtert. »Das Geld hast du dir sauer verdient,« +dachte Schlupps und streichelte den Geldsack zärtlich. Wie er am +folgenden Abend heimkehrte, stand die Bäckerstochter auf der Landstraße +und erwartete ihn. »Steigt auf, schöne Grit,« rief Schlupps. »Laßt Euch +erzählen.« -- Er berichtete, wie er überall herumgelaufen sei, bis er +alle Stoffe gefunden habe, dafür wären sie auch vom besten und feinsten. +Jetzt wolle er aber die ganze Nacht fleißig sein; denn bis morgen müsse +sie ihr Gewand haben. Den Packen trug er dann eilends auf die Kammer, +die ihm die Grit eingeräumt hatte, schloß zu und steckte den Schlüssel +ein. Dann ging er fort in das Wirtshaus. Da saßen die Mannsleute des +Dorfes, alte und junge, und in ihrer Mitte der Schulze und Hans; denn +heute sollte der Bursche noch einmal das Ledigsein feiern, wie es Brauch +war am Ort. + +»Schulze, warum seid Ihr so ernst?« sagte der Wirt. »Muß ich nicht +ärgerlich sein?« war die Antwort. »Ich wollte zur Hochzeit von meinem +einzigen Sohne etwas draufgehen lassen und hab darum meinen Knecht in +die Stadt geschickt nach einem Faß vom besten Roten, wie es ihn hier +herum nirgends gibt. Ein Freund hat ihn mir um vieles Geld besorgt. +Jetzt schickte der Knecht mit einem Fuhrmann die Kunde her, das Faß sei +noch nicht eingetroffen, und er wisse nicht, ob er zur Hochzeit zurück +sein werde. Übermorgen ist die Trauung; morgen kommen schon die Gäste, +und ich muß ihnen einen gewöhnlichen Wein vorsetzen, wie ihn jeder Bauer +im Keller hat.« + +»Verzeiht, Herr,« mischte sich Schlupps ins Gespräch. »Sollte im Dorf +kein Wein zu haben sein? Ich bin Küfer und weiß die verborgenen Quellen +wohl aufzufinden.« + +Alle Gäste horchten auf und der Schulze sagte: »Wenn Ihr mir hier im +Dorfe guten Wein schafft, soll es mir auf ein Stück Geld nicht +ankommen.« + +Der Bursche nahm eine Gabel, die auf dem Tische lag, schlug damit an ein +Glas, hielt die Gabel an das Ohr und sagte mit geschlossenen Augen: + +»Ich sehe ein Haus, abseits von der Straße, grüne Fensterladen sind +daran, ein Nußbaum steht auf dem Hofe und ein Mägdlein sitzt in der +Kammer, ringt die Hände und seufzt: 'Hilf Gott mir armen Waisenkind!'« + +Scheu sah alles nach dem Dorfschulzen. Das war ja der Hof der Eve! Der +Hans verbarg sein Gesicht, weil er die Tränen, die in seinen Augen +saßen, nicht zeigen wollte. »Im Brunnen,« fuhr Schlupps fort, »liegt ein +Faß vom besten Roten. Linker Hand vom Brunnen sind zwei Steine, wenn Ihr +da grabt, so findet Ihr zwei Tonnen Gold. Die aber darf man nur bei +Vollmondschein öffnen. Fällt nicht das volle Mondlicht in die Fässer, +wenn Ihr sie aufmacht, so verwandelt sich das Gold in sauren Wein.« Dann +machte er wieder die Augen auf, sah erstaunt um sich und sprach: »Wo bin +ich? Vermeinte doch eben auf einem einsamen Bauernhof zu sein und bin im +Wirtshaus. Was bin ich schuldig, Herr Wirt?« »Nichts,« sagte der. »Euer +Schöppchen soll Euch gesegnet sein, wenn alles, was Ihr gesagt habt, +zutrifft.« Der vermeintliche Küfer dankte und zog ab. Der Dorfschulze +ging nachdenklich heim. Käme bis morgen Mittag der Knecht nicht, dann +wollte er sehen, ob es sich mit dem Wein so verhielt, wie der Fremde ihm +bedeutet. Wenn er das gewußt hätte, daß die Eve heimlich Schätze auf +ihrem Hof verborgen hielt, wäre er nicht so widerspenstig gewesen. + +Am andern Tage sagte Schlupps zu Grit: »Jungfer, Ihr dauert mich. Ich +will Euch etwas anvertrauen. Der Prinz Xaver hat mir Wagen und Pferde +geschickt, daß ich ihn auf der Brautschau begleite. Es ist zwar ein +einfach Gefährt, weil wir unerkannt durch die Lande ziehen wollen, aber +ich denke, wenn Ihr das feine Gewand anlegt, braucht der Prinz nicht +weit zu suchen. Die Braut ist da und die Hochzeit kann bald gefeiert +werden.« Und Grit, der ihr Sinn schon lange nach dem Prinzen stand, rief +freudig: »Wenn Ihr mich mitnehmen wollt, es soll Euch Euer Lebtag +vergolten werden.« In ihrem boshaften Herzen dachte sie aber: »wenn ich +erst Prinzessin bin, muß der Schneider aus dem Land, damit er keinem +erzählt, daß ich Mehl gemessen und Brot gewogen habe.« + +»So hole ich Wagen und Pferd,« meinte Schlupps. »Zieht Euch derweil an +und vergeßt auch nicht, die Leinentruhe mitzunehmen,« ging zu Eve, +dankte ihr für ihre Gefälligkeit und sagte: »Wenn hier ein Wunder +geschieht und du weißt nicht, woher es kommt, so denke, das hat Schlupps +getan und sei gegen arme Wanderer immer freundlich. Das aber sage ich +Dir: Nimmer wird die Bäckin Hansens Frau, und Dich seh ich im Geiste mit +ihm zur Kirche gehen.« + +Dann fuhr er rasch an das Bäckerhaus, wo die Grit fein aufgeputzt ihn +erwartete, lud die Truhe auf und hieß das Mädchen aufsitzen. »Nehmt Euch +ein großes Tuch um,« warnte er, »damit die Leute Euch nicht erkennen.« +Das tat sie, und wie die Pferde durch die Dorfstraße trabten, wendete +mancher den Kopf nach der fremden Frau, die unkenntlich in ein Tuch +gewickelt im Wagen kauerte. + +Wie nun der Knecht nicht kam, beschloß der Dorfschulze, zu Eve zu gehen +und nachzusehen, ob der fremde Küfer die Wahrheit gesprochen hätte, nahm +aber drei ehrsame Männer als Zeugen mit. Wie er auf den Hof trat, kam +ihm die Eve erstaunt entgegen und fragte nach seinem Begehr. »Verzeiht, +Eve, wenn wir Euch ungelegen kommen,« entgegnete der Schulze, »aber man +hat uns gesagt, daß Ihr im Ziehbrunnen Wein habt. Wollt Ihr mir den zu +Hansens Hochzeit verkaufen?« + +»Daß ich nicht wüßt',« staunte die Eve. »Hab zwar oft in den letzten +Tagen, wenn ich die Eimer hinunter ließ, gespürt, daß etwas drinnen +liege; ich meinte aber nicht anders, als es seien Steine von der +letzten Schneeschmelze. Schaut zu, ob Ihr etwas findet.« + +Die Männer stießen mit einer Stange in den Brunnen und fanden +Widerstand. Einer holte eine Leiter, kroch hinab und rief: »Ein Faß! ein +Faß!« Das holten sie mit vieler Mühe herauf, bohrten es an, und der +beste Rote, wie sie ihn noch nie getrunken, floß heraus. Hansens Vater +frug Eve, was sie dafür haben wolle. »Nichts,« sagte sie, »denn er ist +nicht mein. Soll er aber zu Hansens Hochzeit sein, so nehmt ihn mit +Euch, und möchte jeder Tropfen darinnen einen Tag Glück für Euren Sohn +bedeuten.« Damit drehte sie sich um, denn sie konnte die Tränen nicht +mehr zurückhalten. Auch dem Schulzen, der ein strenger Mann war, stand +das Weinen näher wie das Lachen, und er hätte viel darum gegeben, wenn +er Geschehenes ungeschehen hätte machen können. »Erlaubt, Eve,« bat er +fast demütig, »daß wir im Hof unter den Steinen aufgraben.« »Macht, was +Ihr für Recht haltet, Schulze,« sagte sie ganz verwundert über sein Tun; +denn er griff selbst nach den Steinen, die linker Hand vom Brunnen +lagen, räumte die Erde fort -- -- und stieß auf zwei große Fässer, grad +wie es der unbekannte Mann gesagt hatte. + +»Eve,« wandte er sich zu dem Mädchen, das immer noch nicht wußte, wie +ihm geschah, »Ihr seid die Reichste im Dorfe. Die Fässer sind Goldes +voll.« »Was nützt mir das,« schluchzte sie, »hab ich doch das Beste +nicht und muß meine Liebe als Sünde anschauen.« »Weiß Gott,« stöhnte der +Schulze, »könnt ich mein Wort zurücknehmen, ich tät's lieber heut als +morgen. Aber die Bäckin hebt den Verspruch nimmer auf und so müssen wir +das Übel ertragen.« Damit ging er fort, und wenn er auf einen Menschen +böse und zornig war, so war er es auf sich selbst; denn die Eve gefiel +ihm immer besser und das Wort, das er Hansen gegeben und nicht einlösen +konnte, lastete ihm schwer auf der Seele. + +Die Grit fuhr indessen mit Schlupps weiter, bis sie an eine einsame +Waldhütte kamen. »Geht hier hinein,« sagte der Schalk, »in dieser Hütte +will mich der Prinz treffen. Setzt Euch auf die Bank; er muß bald +kommen, denn um die Dämmerung wollte er hier sein. Ich bleibe bei dem +Wagen, daß niemand die Truhe mit Euren Leinenschätzen stiehlt.« »Bin ich +erst Prinzessin,« rief Grit prahlerisch, »so trage ich doch nur Seide +und Sammt; Leinen ist mir zu gering. Das Könnt Ihr als Lohn für Eure +Dienste gleich nehmen!« + +Damit ging sie hinein und setzte sich auf die Bank, die mit Spinnweb und +Staub überzogen war. Weil sie aber sehr müde war, schlief sie bald fest +ein. Als Schlupps merkte, daß sie so bald nicht aufwachen würde, hieb er +auf die Rößlein ein und fuhr davon, so schnell seine Pferde laufen +konnten. + +Sonntag Morgen läuteten die Glocken zur Kirche, die Mädchen des Dorfes +zogen vor das Haus der Grit und wollten sie holen. Der Bäcker stand +ratlos da, frug jeden, ob er seine Tochter nicht gesehen habe, die mit +der Leinenkiste verschwunden war, tobte und schimpfte und wußte sich ihr +Verschwinden nicht zu erklären. Nachdem das ganze Haus vom Keller bis +zum Boden vergeblich durchsucht war und man zum Überfluß noch Grits +Kleider in der Kammer gefunden hatte, beschlossen die Gespielinnen, dem +Bräutigam die Sache zu vermelden, vielleicht daß der Grit ein Unglück +zugestoßen sei. Sie gingen in die Kirche, wo schon die Hochzeitsgäste +und der Pfarrer standen und auf die Braut warteten. + +Der Pfarrer riet, sich noch eine Stunde zu gedulden; aber der Schulze +sagte: »Nein, Herr Pfarrer. Ist sie nicht da, so ist das Gottes Wille,« +und erzählte, wie bös Grit ihm begegnet, wie hochmütig sie den Hans +behandelt und was der fremde Wandersmann geweissagt habe. Wie er selbst +aber sein ungerecht Tun gegen die Eve bereue. »Dort hinten kniet die +rechte Braut,« schloß er und wies auf Eve, die vor dem Altar lag und für +Hans allen Segen herabflehte. + +Da erkannte der Pfarrer Gottes Gnade, trat auf Eve zu, faßte sie an der +Hand und sagte: »Eve, willst du alle Kränkungen, die du erduldet hast, +vergeben und vergessen und Hansens Weib werden?« + +Und wie sie die bangen Augen des Herzallerliebsten sah, da leuchtete ihr +Gesicht und sie sagte freudig: »Ja, ich will.« Dann traten sie an den +Altar, und nie hatte der Pfarrer mit größerer Freude ein Paar +eingesegnet wie Eve und Hans. Grit aber schlief im Waldhaus, und wie sie +erwachte, schien die Morgensonne hell herein. Als sie aus der Hütte trat +und sich umsah, war kein Wagen, keine Pferde, kein Schneider und keine +Leinentruhe zu sehen. Ob sie auch schrie und tobte, -- -- sie kamen +nicht und kamen nicht. Da begann sie zu merken, daß der fremde Geselle +falsches Spiel mit ihr getrieben, lief weiter und weiter und wußte nicht +wohin, bis sie auf einmal den Kirchturm ihres Dorfes sah und den +Wetterhahn darauf. Da nahm sie ihre letzte Kraft zusammen, eilte auf +müden Füßen vorwärts, bis sie die Kirche erreichte, und riß die Pforte +auf, gerade als der Pfarrer das glückliche Paar zusammengegeben hatte. +Alle Gäste schrieen auf; denn sie vermeinten nichts anderes, als eine +böse Hexe zu sehen. Erst wie sie näher hinschauten, erkannten sie die +Grit. Sah die aber aus! + +Staub und Spinnweb lagen auf ihrem Gewand, an dem die Nähte alle +geplatzt waren, daß der hagere, braune Leib herausschaute; die Mütze saß +schief auf dem Kopf, die Haare hingen wild um die Stirn, und sie +erschien als ein Bild des Jammers. Wirr sah sie um sich, dann stürzte +sie auf das Paar, das am Altar stand, los und schrie mit geballten +Fäusten: »Falsches Ding, willst du mir meinen Hochzeiter nehmen?« Damit +suchte sie die Eve bei Seite zu drängen, die sich voll Angst an Hans +klammerte. Der Pfarrer aber trat dazwischen und sprach: »Laßt gut sein, +Grit. Hier hat ein Höherer gewaltet. Geht heim, laßt Euch ein ander +Gewand anziehen und vom Bader zur Ader lassen.« Denn er meinte nicht +anders, als die Grit wäre besessen und hätte den Verstand verloren. So +wollte er sie mit gutem Zuspruch aus der Kirche schaffen, damit das +Gotteshaus nicht durch Lästerreden entweiht werde. Da lief die +verlassene Braut heim, schloß sich in ihre Kammer ein, heulte und +schrie. Im Hochzeitshaus aber herrschte eitel Freude und Seligkeit. Von +dem Tag an ließ die Grit ihrem Vater keine Ruh; sie wollte aus dem Dorf +heraus; denn in ihrer Eitelkeit maß sie sich nicht die Schuld an ihrem +törichten Beginnen zu, sondern vermeinte, der Schulze habe ihr einen +Streich gespielt, weil sie ihn so hart angelassen. + +Wie bald darauf der Vollmond schien, beschloß der Schulze, die Fässer zu +heben, und weil es eine klare Nacht war, stand dem nichts im Wege. Im +Stillen freute es ihn, daß sein Einziger das reichste Mädchen im Dorf +gefreit hatte, und er hielt den Kopf noch höher als sonst, wie er jetzt +mit Hans und vier kernfesten Männern auf Eves Hof kam. Bald waren die +Fässer heraufgeschafft, und der Schulze hob das Beil, um den Deckel zu +sprengen. + +Plötzlich erhob sich ein Wind, graue Wolken jagten daher und zogen über +den Mond, gerade als das Beil in vollem Schwunge heruntersauste. Da +spritzte es umher, daß des Schulzen Kleider naß wurden, und wie er in +das erste Faß sah, floß darinnen weißer Wein und war von Gold nichts zu +sehen. Und beim zweiten erging es genau so. Das erkannte der harte Mann +jetzt als Strafe für seinen Hochmut und schwieg still. Von der Gasse her +aber klang ein höhnisches Lachen, das kam von der Grit, die heimlich in +die Stadt fuhr, auf Nimmerwiedersehen. + + + + +Kaufmann Goldreich + + +Jetzt ging es Schlupps gar gut. Er hatte einen Sack voll Geld und eine +Truhe voll Leinen, beschloß aber diesmal Haus zu halten und nicht mehr +alles zu vertun. Als er in das nächste Städtchen kam, war gerade dort +Markt und von weit her kamen Leute, um einzukaufen. Sie feilschten an +den Buden um Ketten und Ringe und bunte Tücher, und besonders das +Weibervolk konnte sich nicht genug tun am Schauen und Handeln. Wollten +alles haben und war ihnen doch alles zu teuer, sahen begehrlich auf die +Ware und warfen sie hin, als wäre es Feuer, an dem sie sich die Finger +verbrannten, wenn sie den Preis hörten. »Halt,« dachte Schlupps, »hier +blüht mein Weizen,« fuhr in ein Wirtshaus, stellte dort ein und sagte +zum Wirt: »Könnt Ihr mir einen Jungen besorgen, der flink und anstellig +ist, so schickt ihn her.« »Das will ich meinen,« gab der Wirt zur +Antwort. »Nehmt meinen. Einen Pfiffigeren findet Ihr nicht. Hat schon +manchem Kaufmann geholfen, die Schäflein scheeren.« »So schickt ihn +herauf.« Der Junge kam und Schlupps unterwies ihn, was er zu sagen habe. +Der Bub war gar schlau und zu Schelmenstreichen aufgelegt. Er ließ sich +von seinem neuen Herrn das Gesicht schwärzen, daß er aussah wie einer +aus dem Mohrenlande; dann machten sie aus rotem Stoff einen Turban, wie +ihn die Türken tragen; Schlupps hing dem Burschen allerlei bunte Stoffe +um, und so aufgeputzt setzte er ihn auf ein Pferd, hieß ihn auf dem +Markt herumreiten und zu rufen: »Mein Herr, der Kaufmann Goldreich, ist +weit aus der Türkei hergekommen. Er will gradwegs nach Spanien zu seines +Kaisers Majestät und ihm seine Waren bringen. Dieweil er aber hier +rastet, hat er sich entschlossen, ein klein Teil seiner Wunderdinge +heut zu verkaufen; aber nur ein klein Teil, weil er weiter muß und nicht +lange bleiben kann. Wer etwas von fremdländischen Waren versteht und +anderes sucht als grobes Leinen und derbe Stoffe, der komme her und +kaufe. Wer aber nichts davon versteht, der bleibe fort und schone seinen +Beutel; denn für solche hat mein edler Herr nicht die weite Fahrt aus +der Türkei unternommen und ist aus des Sultans Schloß mit Lebensgefahr +entronnen. Durfte doch nie ein Christ das Land der Heiden betreten, und +nur mit vieler Mühe ist es dem Herrn gelungen, sich Zutritt zu den +Ungläubigen zu verschaffen. Gebt Platz!« + +Dann stieß er in sein Horn und ritt weiter durch den ganzen Ort, hielt +an allen Ecken, und die Kinder liefen hinter ihm drein; auch manch +gesetzter Bürger horchte auf seine Rede und beschloß, des Fremden Sachen +anzusehen. Die Frauen aber rotteten sich zusammen und kamen scharenweise +vor das Gasthaus, wo der Fremde wohnte und wohin der Mohrenknabe jetzt +zurückritt, vom Pferde stieg und demütig seinen Herrn begrüßte, der vor +der Tür einen Tisch aufgestellt hatte. + +Während der Junge die Stadt durchzog, hatte Schlupps die Zeit benutzt, +um seinen Stoffen mit Hülfe von Pinsel und Farbe ein gar buntes Aussehen +zu geben, und die Laken und Decken, die Hemden und Jacken erglänzten in +allen Farben. Hier saß ein roter und blauer Fleck, dort ein gelber und +grüner, und mit der Schere schnitt er absonderliche Muster in den +Stoffen aus, daß Sonne und Mond hindurchsahen. Er selbst heftete auf +sein Gewand allerlei Flickwerk, hing die Messingkette, die er der Grit +im Schlafe abgenommen hatte, um, und den Gürtel, den er auch von ihr +hatte mitgehen heißen, schlang er über die Schulter. Jetzt stand er +neben dem Tisch und sah die Menge, die ihn neugierig musterte, ernst an, +und Jeder, den sein Blick traf, meinte immer, dies Gesicht schon einmal +gesehen zu haben, wußte aber nicht, wo. + +Als der erste Käufer auf ihn zutrat, verneigte sich der fremde Krämer +gar tief, kreuzte die Arme auf der Brust und murmelte etwas, was keiner +verstand. »Das ist Türkisch,« sagte der Mohrenknabe. »Herr, redet +deutsch,« wandte er sich dann an Schlupps, »dieweil Euch sonst keiner +hier versteht, und sagt, was Ihr für Eure Ware verlangt.« Und der +falsche Krämer hub an, seine Waren zu preisen und zu erzählen, wie des +Sultans Frauen die kostbaren Gewänder getragen, wie er sie mit vieler +Mühe ihnen heimlich abgekauft habe, und wie die tausend Gemahlinnen des +türkischen Kaisers schön seien, eine schöner wie die andere. Aber nur, +wenn sie diese Gewänder und Stoffe an sich hätten, die der Zauberer +»Emalker«[1] angefertigt habe. Sie hatten erst die Schätze nicht +hergeben wollen und taten es nur, als er ihnen versprach, ihnen von +einem anderen Hexenmeister schönere weben zu lassen. Da ließen sie sich +erbitten. + + [1] Auch rückwärts zu lesen. + +Die Leute guckten staunend auf den Erzähler. Ein fürwitziger Bursche +aber rief: »Ei, Herr Krämer, warum habt Ihr dann Eure Sachen nicht +gleich von dem besseren Zauberer machen lassen?« Er suchte nach seiner +kecken Rede zu entschlüpfen, weil die Umstehenden ihn gar nicht +liebreich stießen und pufften. Sie fürchteten, der fremde Krämer möchte +erzürnt sein und seine Ware einpacken. + +»Recht habt Ihr, junger Bursche,« sagte der Kaufmann Goldreich. »Das +hätte ich können, wenn der böse Zauberer nicht sich geweigert hätte, für +Christenfrauen zu arbeiten. Dann wartete auch mein Schiff im Hafen, das +des Kaisers Majestät für mich gesandt hatte. Und jetzt sagt an, liebe +Bürger und edle Frauen, ob Ihr kaufen wollt, oder ob ich meine Gewänder +wieder in die Truhen packen soll.« Dabei hielt er die Stoffe hoch, daß +die Sonne darauf fiel und die Farben gleißten und glänzten, und alle +drängten sich herzu und wollten von den seltenen Tüchern kaufen. »Denn,« +sagten sie, »was so weit her ist, muß etwas Besonderes sein,« und +»Selbstgewebtes haben wir in den Truhen genug.« Schließlich kam der +gestrenge Herr Bürgermeister an und wollte die goldene Kette kaufen und +den Gürtel, den der Krämer auf der Schulter trug. Aber da jammerte +Schlupps gar kläglich, daß ihm der Kaiser von Spanien arg zürnen werde, +wenn er den Schatz, der für seine hohe Gemahlin bestimmt sei, verkaufe, +und konnte sich erst auf vieles Bitten und Drängen dazu verstehen, den +Schmuck für hundert Taler herzugeben. + +»Es ist zu billig. Es ist zu billig!« beteuerte er immer wieder. »Wenn +Ihr's nicht wäret, hochedler Herr, wahrhaftig! Nichts in der Welt hätte +mich verführen können. Aber so geht's, wenn man mit vornehmen Herren +Handel treibt.« + +Und der Bürgermeister zog mit seinen Ketten stolz ab; seine Frau aber +sah um sich, als wäre sie die Kaiserin von Spanien. + +Ehe Schlupps sich's versah, waren seine Waren ausverkauft und seine +Truhe leer; seine Beutel aber konnten kaum das viele Geld fassen. +»Morgen gibt es mehr, Ihr Leute,« rief er, als immer neue Käufer +andrängten. »Habt Geduld. Ja, alle Tage kommt nicht einer aus der +Türkei, gradenwegs aus des Sultans Schloß,« und er kreuzte wieder die +Arme über der Brust, verneigte sich tief und schritt, von dem +Mohrenknaben gefolgt, langsam und nachdenklich in das Wirtshaus. + +Die andern Kaufleute wußten nicht, wie ihnen geschah. Die Waren, die man +ihnen wies, waren gewöhnliches Bauernleinen, bunt bemalt und grob +genäht, und wenn sie auch zehnmal beteuerten, daß ihr Leinen feiner, ihr +Tuch weicher sei, so glaubte es keiner; denn niemand wollte dafür +gelten, daß er das, was aus fremden Landen stamme, nicht verstehe. »Das +ist nur Neid von den Krämern, weil sie keine ausländischen Waren haben,« +schrieen die Käufer. Die Krämer gaben Antwort, und bald hallte der Markt +von Lärm und Geschrei. Man prügelte aufeinander los, man zerrte und riß +sich, und manchen Händler ereilte jetzt die Strafe für falsches Gewicht +und ungerechtes Maß, und noch tönte von den Gassen das Zetern, als +Schlupps durch eine Hinterpforte das Gasthaus verließ. Dem Wirt und +seinem Jungen hatte er ein Teil von seinem Gewinn geschenkt, so daß sie +zufrieden waren und reinen Mund zu halten versprachen. Als am andern +Morgen die Leute herbeiströmten und auf den Krämer warteten, trat der +Wirt händeringend aus dem Haus und rief: »Wo ist der Galgenstrick! Wo +ist der Zauberer, der mit der Zeche verschwunden ist. Wo seine Rößlein +im Stall gestanden haben, liegen ausgeglühte Kohlen, in seinem Bett fand +ich einen Besen. Keiner sah ihn gehen, noch hörte man den Wagen rollen. +Weh mir armen, geschlagenen Mann! Alles war eitel Trug und Blendwerk, +und Wagen und Pferde sind nimmer richtig gewesen!« + +Da liefen die Leute entsetzt nach Haus, sahen die Einkäufe an und +erkannten mit Schrecken, daß alles, was in der Sonne geglänzt und +gegleißt hatte, nichts nutz war und nicht einmal so gut, wie das +selbstgewebte Bauerntuch, das sie auf dem Markt sonst kauften. Der +Bürgermeister lief voll Angst zu einem Goldschmied und ließ seine Kette +prüfen. Der erklärte sie für eitel Messing und die Steine für Glas, grad +gut genug für Mummerei und Fastenscherz. Jetzt schämten sich alle, die +erst das große Wort geführt hatten und mancher, der einem Krämer mit +böser Rede und hartem Schlag weh getan hatte, ging hin, entschuldigte +sich und bat, wieder »gut Freund« zu sein. Auf die fremdländischen +Händler aber war man lange Zeit nicht gut zu sprechen und wies jeden, +der kam, des Ortes hinaus. + + + + +Mutterleid + + +Schlupps zog weiter, die Straße entlang, die durch den Wald führte, dann +am Flußufer hin und freute sich, wie die Sonne so hell aus dem Wasser +flimmerte, wie die Vöglein sangen und wie die Blumen lieblich dufteten, +brach sich einen Zweig ab und wehrte damit die Fliegen, die seine +Rößlein umschwirrten. Dazwischen aber fühlte er seine Geldsäckel an, die +er neben sich gelegt hatte und die gar schwer und steif waren. + +»Man muß das Gras mähen, wenn es reif ist,« dachte er, »Wäre ich's nicht +gewesen, so wäre ein anderer gekommen, und die Krämer hierzulande können +mir Dank sagen, daß ich ihnen die fremdländischen vom Halse geschafft +habe.« An einem Wirtshause hielt er Mittagsrast, ließ sich ein gutes +Essen geben und fuhr dann weiter. Unterwegs sah er eine Frau auf der +Landstraße gehen, die ein Kind auf dem Arme trug und nur langsam vom +Fleck kam. »Steigt auf, gute Frau,« rief er. »Seid gewiß rechtschaffen +müde.« Sie nickte dankbar, ließ sich nicht lange bitten und reichte ihm +das Kind zu, damit sie leichter aufsteigen konnte. Es war ein herziges +Büblein von vier Jahren mit blauen Augen, blonden Löckchen und einem +weißen Gesichtchen. + +»Seit des Morgens vier Uhr sind wir zu Wege,« erzählte die junge Mutter. +»Bin mit dem Kinde in der Stadt gewesen bei einem Doktor. Das war ein +gar gelehrter Herr, alles stand bei ihm voll von Geräten und Pfannen und +Tiegeln. Er besah den Kleinen von allen Seiten und sprach fremde Worte, +die ich nicht verstand. Dann gab er mir ein Fläschchen mit Arznei, die +war gar teuer, und verordnete, ich solle jede Woche kommen und solch +eine Flasche holen, und je mehr ich holte, desto besser wäre es für das +Kind. Auf Speise und Trank soll ich es nicht ansehen und dem Kinde +alles vom Besten und Feinsten geben und kein Hafermus, sondern nur Brei +von weißem Weizenmehl. Milch aber soll es trinken den ganzen Tag, soviel +es nur zu trinken vermag. Solch ein Doktor hat gut reden. Mein Mann ist +ein armer Waldheger. Zu einer Kuh langt das Geld nicht, und Ziegenmilch +kann das Büblein nicht vertragen. Ich möchte mir schier das Herz aus der +Brust reißen für ihn und kann ihm doch nicht helfen.« + +Dabei drückte sie das Kind an sich und sah ihm liebreich in die Augen. +Schlupps antwortete nicht viel, weil er nicht sprechen konnte. Es saß +ihm etwas in der Kehle, was ihn drückte und würgte, und er mußte an sein +lieb Mütterlein denken, das ihn immer geherzt und geküßt hatte und schon +so lange unter dem grünen Rasen lag. Seitdem hatte kein Mensch mehr ein +lieb Wort zu ihm gesprochen, und wenn er es auch gewiß nicht wahr haben +wollte, so hätte er doch gern alle seine Schätze um ein gut Mutterwort +gegeben. »Macht Euch keinen Kummer weiter, liebe Frau,« sagte er +endlich, »unverhofft kommt oft; wer weiß, was Eurem Kinde noch Gutes +widerfährt.« + +Da richtete die Frau ihren Kopf hoch und sah ihn getröstet an; denn +einer Mutter klingt es wie Himmelswort, wenn man ihr etwas Gutes von +ihrem Kinde sagt, und der Gedanke an eine Freude, die ihm begegnen +könne, tut der Seele einer Mutter so wohl wie ein Gebet. + +»Wie weit habt Ihr's noch?« fragte Schlupps. »Noch reichlich zwei +Stunden,« gab sie zurück, »gerade das Tal entlang, in dem Walde, den +Ihr in der Ferne seht, steht mein Haus.« »Das trifft sich gut,« meinte +er, »das ist mein Weg, und so kann ich Euch bis dahin fahren.« Die +Rößlein liefen tapfer zu; denn ihr Herr hatte an ihnen nie den Hafersack +gespart. Der Bursche ließ sich von der Frau erzählen, wie sie und ihr +Mann lebten und erkannte immer mehr, daß sie ein braves, schlichtes +Gemüt war, von den Menschen nur Liebes und Gutes dachte und sich von +Keinem etwas Böses vermeinte. »Du sollst in deinem Glauben nicht zu +schanden werden,« dachte er. + +Endlich, die Sonne ging schon nach Westen zu, langten sie an dem +Häuschen an. Schlupps sprang herunter, nahm der Frau das Kind ab, das +eingeschlafen war, und trug es in's Haus. Sie konnte nicht genug Worte +des Dankes finden und bat ihn dringlich, bei ihr Rast zu halten und +ihrem Heim nicht die Ruhe zu rauben, holte Brot und Ziegenkäse herbei +und bat ihn, fürlieb zu nehmen. + +»Wüßt' ich nur, wie ich Eure Guttat vergelten kann,« überlegte sie. +»Wart', ich hab's. Geduldet Euch eine Weile; ich bin bald zurück.« + +Als sie fort war, untersuchte Schlupps das Zimmer, in dem alles vom +Einfachsten war. Tische und Bänke waren aus sauber gescheuertem +Tannenholz, die bunte Truhe barg für jeden der Eheleute ein Gewand und +auf dem Sims über der Ofenbank lag in ein sauberes Tuch geschlagen die +Bibel. Die nahm der Bursche rasch herunter, schlug sie auf, blätterte +darin und legte zwischen die Seiten je ein Goldstück, so daß jetzt das +heilige Buch nicht nur mit goldener Rede, sondern auch mit goldener +Münze gespickt war. Dann legte er das Buch wieder an seinen Platz und +setzte sich an den Tisch. »Hier nehmt,« sagte die Frau noch außer Atem, +»bin ein bischen rasch die Kellertreppe hinuntergesprungen. Hab mich +besonnen, daß unten ein Fläschchen alten Weines liegt, den der Herr Graf +meinem Manne geschenkt hat, als er krank war. Ich bitt' Euch, erweist +mir die Gefälligkeit und nehmt's. Wir sind so etwas doch nicht zu +trinken gewohnt. Es ist mir nur arg, daß ich denk, Ihr müßt so heimatlos +umher ziehen und habt nicht Weib und Kind und keine Mutter, wie Ihr mir +sagtet. Nehmt's mit, und wenn Ihr draus trinkt, vergeßt nicht mein Kind +und mich. Sagt mir auch Euren Namen, daß ich Euch in mein Gebet +einschließen kann.« + +Dem Gesellen war es ungewohnt, seinen richtigen Namen zu nennen und er +sagte langsam: »Heinz Kurzweil.« Dann nahm er das Fläschchen, das eine +absonderliche Form hatte, platt und breit war, so daß er es in eine +Tasche seines Kittels stecken konnte. + +»Ich danke Euch,« sagte er und reichte ihr die Hand. »Bleibt gesund +beieinand, und wenn einmal ein armer Handwerksbursch oder sonst ein +Heimatloser bei Euch anklopft, dann seid gut zu ihm.« + +»Das will ich wohl,« beteuerte sie, »und jetzt hab ich noch eine Bitte +an Euch, Heinz. Laßt mich Euch segnen, wie Euch Eure Mutter gesegnet +hätte.« Da kniete der Bursche nieder, und die junge Frau legte ihm die +Hände auf das Haupt, sprach ein Vaterunser und fügte eine Bitte um sein +Wohlergehen hinzu, und Heinz war es, als sei er wieder ein klein Kind, +das daheim im Bettchen läge, von Mutterliebe betreut. Denn allen +Mutterhänden ist ein Zauber eigen, und wenn sie einem Menschen die Stirn +berühren, sieht er die Kindheit wieder auferstehen, wo er auch immer +sei. + +»Lest nur fleißig in der Bibel,« sagte der Bursche beim Abschied. »Denn +Gottes Wort ist eitel Gold,« bestieg seinen Wagen und fuhr weiter, die +Landstraße hinab in die ferne Welt. + + + + +Unter der Linde + + +Die Dunkelheit brach herein und er beschloß, nach Nachtlager +auszuspähen; da hörte er helle Töne, fuhr zu und kam in ein Dorf. Unter +der großen Linde geigten drei Fiedler; Burschen und Mädchen schwenkten +sich im Tanz und stießen helle Jauchzer aus. Schlupps war nicht froh zu +Sinn, sein Herz stand ihm nicht nach Lustigkeit, und er bog seitab, um +seine Rößlein am Bache zu tränken. Da sah er auf einem Weidenstumpf zwei +Menschen zusammengekauert hocken, einen silberhaarigen Greis und ein +Weiblein. Sie hielten die Hände um die Kniee geschlungen, und aus den +trüben Augen tropften schwere Tränen langsam über die Wangen herab. +Erstaunt trat Schlupps näher; denn wenn ihm etwas arg schien, so war es +der Anblick von Kummer und Sorge, und die beiden Huzzelchen sahen so +kläglich aus, daß es ihm in die Seele schnitt. + +»Was fehlt Euch, Großvater?« fragte er und legte dem Alten die Hand auf +die Schulter. Der schüttelte traurig das Haupt, ohne zu antworten; das +Weiblein aber heftete den Blick auf den Frager und wies dann stumm +hinüber nach der Linde, von wo das Jauchzen erscholl. Jetzt stand +Schlupps ratlos und wußte nicht, was er aus der Antwort machen sollte. +Er nahm sich aber zusammen, um seine Verlegenheit nicht merken zu lassen +und meinte: »Weiß schon, was Euch fehlt; denn ich bin ein vielgereister +Mann, der als Arzt gar berühmt ist und manchem geholfen hat, der schon +meinte, es wäre Matthäi am letzten. Fasset Vertrauen und beichtet mir, +was Euch härmt.« + +»Uns ist nicht zu helfen,« schluchzte das Weiblein. »Könnt Ihr uns unser +Leben wiedergeben?« + +Da verwunderte sich Schlupps noch mehr; denn eine solche Klage hatte er +noch nie vernommen. »Wollt Ihr Geld und Gut?« forschte er. »Nein, nein,« +wehrte der Alte, »die können uns nichts nützen, uns steht der Sinn nicht +nach Geldeswert. Nein, Herr. Damit Ihr aber nicht denkt, wir wären +absonderliche Leute und das Alter hätte uns den Verstand verwirrt, so +laßt Euch berichten, was uns fehlt, und wenn Ihr auch ein großer Doktor +seid und manch Gebrechen heilen könnt, uns vermögt Ihr nicht zu helfen. +Seht,« fuhr der Alte fort, »mein Weib, die Mariann, und ich waren arme +Waislein und von der Gemeinde aufgezogen. Das ist ein hartes Brot, Herr, +wenn man jede Woche auf einem andern Hof herumgestoßen wird, jedem im +Weg und keinem zur Freud, und wenn die andern Kinder zu Vater und Mutter +liefen, dann standen wir abseits, wünschten uns wohl auf den +Gottesacker und neideten den Toten ihre Ruh. Keiner dachte an uns. Unser +bischen Essen gab man uns manchmal gutwillig, manchmal mit scheelem +Blick, und wie wir etwas herangewachsen, da mußten wir unser täglich +Leben schwer verdienen. Die Mariann als Gänsehirtin, ich als Hirt, und +uns beiden durfte der Strickstrumpf nicht in der Hand ruhen. Aber wir +fanden doch Gelegenheit, zu einander zu laufen und versprachen uns, daß +wir einmal einander angehören wollten und uns immer Lieb und Treue +erweisen. Ich wurde dann Knecht und sie Magd. Ihr wißt, wie lange es +währt, bis zwei solche soviel haben, daß sie ein Häuschen anschaffen +können und ein Äckerlein pachten. Wir sparten und sparten. Wenn die +andern zum Tanz gingen, schritten wir selband abseits, weil uns der +Kreuzer für den Fiedler und das Schöppchen Sauren reute. So kam es, daß +wir beide schon graue Strähnen hatten, als es zur Heirat langte und wir +hier am Ende des Dorfes ein Häuslein erwerben konnten.« Er atmete tief +auf, nickte der Alten zu und fuhr dann fort: »Dann kam Kind auf Kind. +Die Mariann und ich schafften im Tagelohn noch nebenher, damit all die +hungrigen Mäuler satt wurden und die junge Brut mit Schuh und Gewand +sauber angetan Sonntag in die Kirche konnte. Als aber die Kinder so weit +waren, da zogen sie in die Welt hinaus. Es duldete sie nimmer im +Vaterhaus. Ging da gar eng her. Die Mädels taten sich als Mägde in die +Stadt, die Jungen sind landein gewandert, und wir sitzen allein. Und wie +wir das Lachen und Jauchzen hier hörten, da kam es uns in den Sinn, wie +wir immer unser ganzes Leben abseits von aller Freude gestanden sind, +wie heute bei der Linde, und daß wir ein Leben voll Müh und Arbeit, aber +nie Freude und Lust gehabt haben. Und wißt, Herr,« setzte er hinzu, »in +jedem Menschen ist eine Sehnsucht nach Freude, und wie die Tierlein froh +sind, wenn die liebe Sonne scheint und nach ihr hinverlangen, so zieht +es des Menschen Herz dazu, eine Freude zu haben. Sonst ist sein Sinn +schwer und unfroh, und er weiß nicht, ob er lebt oder tot ist, und es +liegt ihm die Kirchhofsrede schon bei Lebzeiten auf der Brust. Das ist +uns heute zu Sinn gekommen, und nun lacht über die beiden närrischen +Leute, die dem Leben nachlaufen wollen.« + +»Gott verhüte, daß ich da lachen wollte,« rief Schlupps. »Tät mich der +Sünde fürchten. Aber froh bin ich, daß ich Euch getroffen habe und meine +Kunst an Euch zeigen kann. Denn wißt: gebrochene Arme und Beine +kurieren, das kann jeder, und ist keine besondere Kunst dabei. Aber wenn +die Seele krank ist, da helfen, das ist erst das Rechte, Doktor Kurzweil +ist nicht umsonst überall berühmt. Kaiser und Könige haben mich schon +oft gebeten, ihnen zu helfen; denn die leiden an der Seele genau so wie +andere Menschenkinder und oft noch mehr.« + +»Aber wir sind arm,« fiel das Weiblein ängstlich ein und dachte an die +wenigen Silbermünzen, die es daheim im Strumpfe hatte. »Nicht um Geld +darf ich Euch helfen, sonst ist es um meine Kunst geschehen,« sagte der +Wunderdoktor. »Nur um Gotteswillen und um himmlischen Lohn. Setzt +Euch her und schaut hinüber wie die Sonne noch einmal hinter den Wolken +vorschaut, und wie die Wiese daliegt, als wäre sie rot wie die Wangen +eines Mägdleins, und die Bäume heben die Zweige wie junge Burschen das +Haupt, wenn sie zu ihrer Liebsten gehen. Hier aber,« und er nahm das +Fläschchen heraus, »das soll Euch Eure Wünsche erfüllen. Ist kein +gefährlicher Zauber dabei und kein Unrecht. Es ist ein Trank von +Sonnenglut gereift und von Gott gesegnet. Trinkt jeder einen herzhaften +Schluck und sagt: 'Gott helf!'« + +[Illustration: Der Glutentrank] + +Er machte ein so treu Gesicht, daß das alte Weiblein Mut faßte und +trank, und da es des Weines ungewohnt war, rannen ihm die Tropfen wie +Feuer durch den Leib und das Blut stieg ihm zu den Wangen. »Ei Mariann,« +scherzte ihr Gespons, »du glühst ja wie ein jung Mägdlein,« nahm ihr die +Flasche aus der Hand, tat einen kräftigen Zug und auch ihm war es, als +ob ein neu Leben in ihm blühe. + +Er faßte ihre Hand, und so standen sie aufgerichtet da und schauten in +die Sonne, deren rote Glut über sie hinflackerte und die alten Augen mit +hellem Licht erfüllte, daß sie leuchteten. »Trinkt noch einmal,« mahnte +der Doktor. Da begannen sie herzhaft zuzugreifen, und wie jetzt die Töne +von der Linde herüberschallten, hob der Alte erst ein Bein und dann das +andere, faßte die Liebste an der Hand, und das Pärchen begann sich zu +drehen und zu schwenken. Dann neigten sie sich über den Bach, der ihre +Gesichter im matten Abendschein widerspiegelte, und der Alte sprach: +»Ei, Mariann, wie bist du jung und schön. Deine lieben Augen glänzen +noch wie damals, da du als junge Dirn am Hoftor auf mich gewartet.« Und +sie nickte und sagte: »Bist doch ein stattlicher Bursch, und wenn die +Mägdlein wüßten, was für ein Schöner mein Liebster ist, kämen sie und +neideten dich mir.« + +Dann faßten sie einander wieder an, neigten und drehten sich und lachten +mit dem ganzen Gesicht. Und Heinz Kurzweil stand abseits und sah zu, wie +der Mond langsam heraufstieg und die beiden Alten mit weißem Licht +beschien. Nach einer Weile nahm er das Paar bei der Hand; denn es hatte +zu tanzen aufgehört und lauschte, einander umschlungen haltend, auf die +Weisen, die fernher leise ertönten. Er leitete die beiden Treuen in ihre +Hütte und sprach. »So oft bei Vollmond unter der Linde Musik erklingt, +geht hinaus an die Stelle, wo ich Euch getroffen und achtet darauf, daß +Euch kein menschlich Auge gewahre: Trinkt aus dem Fläschchen und der +Zauber wird wieder mächtig. Ist aber der Trank zu Ende, dann bescheidet +Euch und denkt, daß es Gottes Wille war.« Damit wandte er sich ab und +fuhr hinaus in die Nacht. + + + + +Schulmeister Neunmalgescheit + + +So zog Schlupps durch die Lande, beobachtete die Menschen und bekam es +manchmal überdrüssig, ihr Treiben anzuschauen. Sah er sie doch +allerorten die gleichen Torheiten vollführen, und mehr als einmal konnte +er der Versuchung nicht widerstehen, sie seine Launen und seinen Spott +fühlen zu lassen. Nur der Müßiggang wurde ihm allmählich verleidet. Er +hätte gern ein rechtschaffen Gewerbe angefangen und konnte sich doch +nicht dazu entschließen; denn das Schreinerhandwerk war ihm zuwider und +etwas anderes, das ihm Freude machte, wußte er nicht. + +Eines Tages kam er in einen Flecken, in dem die Häuser gar sauber +aussahen, die Gassen ordentlich gehalten waren. Man mußte nicht +fürchten, daß einem die Gäule die Beine in den Löchern brachen und daß +der Schlamm bis in den Wagen hineinspritzte. An den Fenstern standen in +Scherben Nelkenstöcke oder Blaublümlein, und hinter den blinkenden +Scheiben lugten fröhliche Mädchengesichter hervor. »Hier ist gut sein,« +dachte Schlupps. »Hier liegt die Freude auf der Gasse und scheinen gar +gute Leute im Ort.« Da hörte er aus einem Hause Weinen und Wehklagen, +stieg vom Wagen ab, band sein Rößlein an einen Baum und schlich sich +näher, um durch die Fenster zu spähen, was es denn Trauriges gäbe. Wie +er so hinblickte, sah er eine Menge Kinder, große und kleine, auf Bänken +sitzen und merkte, daß er vor dem Schulhause stand und die Kleinen vom +Schulmeister unterwiesen wurden. Der war ein langer, hagerer Mann, mit +einem Gesicht wie ein Raubvogel, die Nase stand ihm wie ein gekrümmter +Schnabel heraus. Er trug ein blaues Wams mit goldenen Knöpfen, auf dem +Kopfe hatte er ein klein Käppchen, unter dem eine mächtige Perücke +hervorsah, in der Hand aber eine lange Gerte, mit der schmitzte er über +die Bänke herüber. + +Aber eins wollte Schlupps nicht recht in den Sinn und erschien ihm +sonderbar. An der Seite zum Fenster zu, wo das Licht hineinfiel, saßen +Kinder, Knaben und Mädchen, denen man ansah, daß sie guter Leute Kind +waren und daheim alles voll und viel hatten, denn die Jöppelchen waren +von echtem Tuch, und die Mädchen trugen Schürzen und Jäckchen gar nett +und zierlich; einige hatten Häubchen auf dem Kopfe, die mit Gold +verputzt waren, wie man sie zum Kirchgang anlegt. An der Wand entlang +auf den Bänken aber saßen Buben und Dirnchen, die wohl sauber, doch +ärmlich angezogen waren, mit Holzschuhen an den Füßen. Die Spenzer und +Röckchen hatten Flicken in allen Farben, auch waren die Schürzen von +grobem Stoff und arg verwaschen, und der erfahrene Mann sah bald, daß +hier die armen Häusler- und Taglöhner-Kinder saßen. Wenn eines von ihnen +sich bewegte, fielen die Holzschuhe von den Füßen und klapperten auf dem +Boden, denn es war Sommer und da sparte man gern die Strümpfe, die noch +den langen Winter halten müssen. + +»Den Schulmeister muß ich mir einmal in der Nähe betrachten,« dachte der +Neugierige, fuhr in das Gasthaus, gab Pferde und Wagen dort ab und ging +in den Kramladen, wo man allerlei einkaufen konnte. + +»Gute Frau,« sagte er zu der Alten, die ihn frug, was er begehre. »Habt +Ihr eine große Hornbrille, dieweil meine auf der Fahrt zerbrochen ist?« +-- »Mein', daß ich eine hab! Ein Fremder, der mich nicht bezahlen +konnte, hat sie mir als Pfand dagelassen. Er ist aber nimmer +wiederkommen, also daß ich sie wohl verkaufen kann.« + +Damit fing sie an, nach der Brille zu suchen, die sie irgend wo gut +versteckt hatte, und nachdem sie alle ihre Ware durchwühlt, und Brot, +Käse, Tücher, Schnupftabak, Zunder, Strümpfe und Gewürz herausgenommen +und wieder in die Gefache gelegt hatte, fand sie endlich die Brille. Die +war gar groß und bedeckte dem Käufer die halbe Stirn und die halbe +Wange. + +»Was bin ich dafür schuldig?« fragte Schlupps. »Zahlt mir die Zeche, die +der andere schuldig geblieben ist. Es waren zwei Kreuzer und drei +Heller.« Deß war er zufrieden, strich sich die Haare nach beiden Seiten +der Stirn glatt, ließ sich von der Frau ein Stück Kreide geben und fuhr +damit über die Scheitel, also daß diese weiß aussahen und die schwarze +Farbe nur wenig durchschimmerte; dann setzte er die Brille auf und hatte +jetzt das Aussehen wie ein hochgelehrter Herr. + +»Ist eine Schule am Ort?« fragte er die Frau, die hin und her gegangen +war, in der Küche die Suppe verrührte, die Katze vom Milchtopf jagte und +auf das Gebahren des Fremden wenig acht gab; denn sie war schon alt und +kümmerte sich nicht mehr viel um andrer Leute Tun. »Will's meinen,« +sagte sie. »Ist der Schulmeister schon lange im Dorf?« »Ach nein, Herr, +der ist erst kurze Zeit da, und ist leider nicht so wie unser alter, der +vor einem Jahr gestorben ist. So einer kommt nicht wieder.« »Erzählt mir +von ihm,« bat der Fremde, denn er merkte, daß er jetzt das gefunden +hatte, wovon zu erzählen ihr Herz erfreute. + +Auf all seinen Fahrten hatte er eines wahrgenommen: daß auch der +Verschlossenste redselig wird, wenn er von dem sprechen kann, was ihm +im tiefsten Herzen sitzt. Und weil Schlupps die Gabe besaß, an jedem das +herauszufinden, was ihm das Beste dünkte, so wußte er jedermanns +Vertrauen zu gewinnen und lernte den Menschen in die Seele schauen. Nun +sagte er: »Liebe Frau, ich habe von Eurem Schulmeister gehört; aber von +Euch, die Ihr ihn gut gekannt habt, möchte ich noch mehr wissen.« + +»Ja, wie soll ich Euch den beschreiben?« besann sich das Weiblein. +»Fünfzig Jahre hat er seines Amtes gewaltet. Wie er kam, lag das Dorf im +Argen. Der vor ihm war, hatte kaum vermocht, die wilden Buben zu zügeln +und die Mädchen zur Ordnung anzuhalten. Aber der konnte es, keiner wußte +wie. Bei dem vorigen ruhte der Bakel nimmer, und es regneten nur so die +Strafen. Oft kam es, daß eine ganze Reihe Kinder vor der Kirche hinknien +mußten, zur Schande der Eltern; denn das war damals der Brauch so, Herr. +Jetzt hörte das mit einem Male auf. Wie er eigentlich hieß, wußte +keiner. 'Nennt mich Herzfroh,' sagte er, wenn man seinen Namen wissen +wollte. Ich glaube, er war weit her und ohne Anverwandte. + +Manche sagten, er sei ein Grafensohn, und von Hause verstoßen, andere, +er habe nicht wollen Mönch werden und sei daheim entwichen -- niemand +wußte etwas Genaues. Aber die Kinder hatten ihn bald lieb, und wenn sie +sonst mit Heulen und Zähneklappern in die Schule gingen, so war es jetzt +für sie eine Lust und Freude. Selbst die Kleinsten quälten die Eltern, +sie sollten sie zu dem guten Schulmeister schicken. + +War ein besonders böser Bub unter der Schar und drohte dem der Vater, +er wolle seine Rute an ihm zerschlagen, dann holte ihn der Herzfroh in +sein Haus, behielt ihn da einige Zeit bei sich, und kehrte der Junge +heim, dann erkannte keiner den Unwilligen von vordem wieder.« »Hatte er +denn Weib und Kind?« fragte Schlupps. »Ach nein,« entgegnete sie. »Das +war es auch, daß manche meinten, seine Lieben seien ihm gestorben, und +er habe sich deshalb hierher geflüchtet, wo ihn keiner kannte, und es +mag wohl etwas derart gewesen sein, denn er nahm sich besonders der +Waisen an, und die hatten an ihm Vater und Mutter. + +Eine Magd führte ihm Haus. Gegen jeden war er freundlich. Den Frauen +schenkte er Setzlinge für ihre Blumenstöcke, die Männer unterwies er, +wie sie ihre Obstbäume pflegen sollten, und als die Eltern sahen, wie +sauber und ordentlich ihre Kinder wurden, wie sie auf sich hielten, da +wollten sie hinter den Kindern nicht zurückstehen, und so kam Zucht und +Ordnung in unser Dorf. Wie dann die Kleinen, die er großgezogen, +heranwuchsen und selbst Kinder hatten, da war es schon leichter mit dem +Schulehalten. Und wenn der Schulmeister in ein Haus trat, da war es +jedem, als käme sein leiblicher Vater zu ihm. Dabei tat er den Leuten +nichts besonderes, nahm von keinem etwas an, schenkte aber den Armen, +was er entbehren konnte. Für ihn gab es keine größere Freude, als wenn +ein Bauer sagte: 'Schulmeister, ich hab ein Schwein geschlachtet und den +Armen ein Teil Würste gegeben um Euretwillen.' Dann strich er am +Sonntag Nachmittag unter der Linde die Fiedel, und die Buben und Mädel +sangen dazu. Denn das wollte er haben. Singen mußte alles und froh sein. +'Fröhlich lachen schafft halbe Arbeit,' meinte er. Nun ist er tot, und +jedem fehlt er. Die Kleinsten sind gar am übelsten dran.« + +»Warum denn die?« fragte Schlupps, der aufmerksam zugehört hatte. +»Seht,« sagte sie flüsternd, »da ist jetzt ein Neuer, der ist gar herb +und grandig und ganz anders, wie Herzfroh war. Die Reichen setzt er +gesondert von den Armen. Nie hört man bei ihm in der Schule lachen, und +wenn die Kleinen ihn kommen sehen, springen sie von der Gasse fort und +verstecken sich hinter der Haustür. Wenn der Herzfroh einmal gescholten +hat, dann geschah es aus lauter Liebe und Güte und tat wohl. Wenn der +aber nur vorbeigeht an einem Haus, wird die Milch im Keller sauer von +dem Gewitter, das in seinem Gesicht steht. Und Ihr sollt sehen, Herr, +unser Dorf bleibt nimmer wie es ist. Wo die Kinder unfroh sind, kann +nichts gedeihen und entsteht bald Zank und Unfrieden. Ist mir nur um +meine armen Kindeskinder leid, das Lenerl und der Hansi, die gar so +lustige Gemüter haben und jetzt sich nimmer zu lachen getrauen. Aber da +klag ich dem Herrn meine Kümmernisse und gehen ihn doch nichts an. Er +meint gewiß, ich wäre ein schwatzhaft Weib.« + +»Nicht so, liebe Frau,« sagte Schlupps. »Wißt, ich bin ein berühmter +Gelehrter und weiß von Kindererziehung gar viel. Ich war in mancherlei +Landen, hab aber immer gefunden, daß Lachen dem Menschen gedeiht und +eine Gottesgabe ist wie das liebe Brot. Wer den Kindern das Frohsein +verkümmert und läßt sie in Mißmut aufwachsen, dem gebührt, daß er in der +tiefsten Hölle sitzt und nimmer herauskommt. Gehabt Euch wohl, gute +Frau!« + +Damit ging er fort und stracks auf das Schulhaus zu, klopfte an und trat +ein. »Verzeiht, Herr Kollege,« sagte er. »Ich komme von weit her. Mein +Name ist Neunmalgescheit, bin Professor in Padua und will in Deutschland +die Schulmeisterei aus dem Grunde studieren. Da hat man mich zu Euch +gewiesen und mir gesagt, daß Ihr, der Schulmeister Säuerling, einer von +denen seid, die es am besten verstünden. So erlaubt, daß ich zuhöre, wie +Ihr es macht und laßt Euch durch mich nicht stören.« + +Der Schulmeister verneigte sich bei dieser Anrede unaufhörlich und wußte +nicht, wie ihm geschah; denn er war heute gar nicht zum besten +aufgelegt, weil er seinen grünen Tag hatte. + +So nannten es die Kinder, wenn sie in die Schule kamen und sahen, wie er +mit zusammengekniffenen Lippen grün und gelb im Gesicht in dem +Schulzimmer hin- und herlief und jedem Kinde, das hereintrat, einen Hieb +mit der Gerte austeilte. An solchen Tagen mußten sie still sitzen, ihre +Tafeln vollkritzeln und durften den ganzen Tag kein Wort sprechen. Er +sprach auch nicht und rannte nur immer auf ein- und derselben Planke am +Boden auf und nieder; trat nicht rechts und nicht links und warf zornige +Blicke auf die Kleinen. + +Hatte er aber seinen roten Tag, dann stand er schon vor dem Schultor, +die Kinder zu erwarten, hochrot im Gesicht und dann schrie und wetterte +er auf die Kleinen ein, daß ihnen Hören und Sehen verging und sie vor +Angst nicht antworten konnten. Er nahm sich auch nicht die Zeit, sie zu +unterweisen, sondern schrie und tobte nur immer ärger. So kam es, daß +keines etwas lernte, weder die Dummen noch die Gescheiten, und alle +unwissend geblieben wären, hätten sich nicht manche Eltern erbarmt und +die Kinder im Lesen und Schreiben angelernt, und diese zeigten es wieder +den andern. + +Der Schultheiß hatte schon einmal mit dem Pfarrer Rücksprache gehalten, +daß ein anderer Lehrer ins Dorf sollte. Der Geistliche aber war mit der +Zucht des Lehrers sehr einverstanden. Ihn freute es, wenn die Kinder in +der Kirche still, mit gesenktem Kopfe dasaßen und nicht wagten, die +Augen aufzuschlagen. Er wußte nicht, daß die Furcht vor dem Schulmeister +sie so brav machte; denn Säuerling stand in der Nähe der Kinderbänke und +drohte jedem, der sich rührte, mit Schlägen. + +Bei dem Grafen aber durfte man sich gar nicht beklagen; denn der hatte +dem Schulmeister die Stelle verliehen und ließ sich in seine Sachen +nicht dreinreden. »Für die Dorfkinder ist der gut genug,« sagte er auf +alle Vorstellungen und Bitten; denn er war froh, ihn los zu sein. Ein +Vetter hatte ihm den Mann zugeschickt und ihn gebeten, ihm zu einem +Auskommen zu verhelfen; und so hatte der Herr Graf es versucht, ihn als +Schulmeister für seine eigenen Kinder zu nehmen. Aber die konnten sich +in die Art des Mannes nicht finden. Sie waren gewohnt, ungebunden und +frei zu sein, und so kam Säuerling an die Stelle von Herzfroh. Schlupps +gab acht auf den Unterricht, wie es der Lehrer mit den Kindern machte. +Er lief hin und her, warf eine Frage auf, gab dann eines nicht Antwort, +so frug er das zweite und so fort. Er erklärte nichts, und es schien ihm +ganz gleich, ob sie das Gefragte verstanden oder nicht. + +Dann hieß er die Kinder aufstehen und führte sie in den Hof hinab. Da +hatte er platt auf den Boden Fäden gespannt, auf denen mußten die Kinder +einzeln entlang gehen, eines hinter dem andern. »Seht, Herr,« sagte er, +»das ist die Hauptsache im Unterricht, daß jedes lernt, nur nach der +Schnur laufen, nicht abbiegen, noch rechts und links, und immer die +Augen auf mich gerichtet halten.« + +Trat aber eines der armen Würmchen mit einem Fuß über die Schnur, dann +wetterte der Lehrer und schlug auf es ein. »Wenn es nach mir ginge, +wären im ganzen Orte solche Schnüre gezogen,« meinte Säuerling zu seinem +Gaste, »und jeder sollte lernen, darauf gehen, daß es eine Lust wäre. +Seht unser Dorf an,« fuhr er fort, »wie es ausschaut. Der eine hat sein +Haus rot gemalt, der andere blau; die eine Dirne hat Nelken am Fenster +und die andere Blauveiglein. Sieht der Ort nicht aus wie ein Hänfling?« +»Wie meint Ihr, daß Euer Dorf aussehen müsse?« fragte der Professor +Neunmalgescheit ernsthaft. + +»Weiß wie der Tag und schwarz wie die Nacht. Die Häuser schwarz wie die +Erde; denn die ist ein Jammertal, und die Fenster weiß vom Sonnenlicht; +denn das soll hineinscheinen und die Menschen in all ihrer +Schlechtigkeit beleuchten, daß sie sehen, wie erbärmlich sie sind. Und +ich setze es auch noch durch. Unter meinem Vorgänger ist gar viel Unfug +eingerissen, das muß ich umwandeln.« + +»War gewiß ein jung Blut?« meinte Schlupps entschuldigend. + +»Nein, das ist es gerade,« ereiferte sich Säuerling. »Alt war er schon +und hielt doch noch die Leute zum Singen an und zur Kurzweil. Als ob der +Mensch dazu auf der Welt wäre. Ich werde ihnen aber schon die rechte Art +beibringen, und wenn sie sich auch widersetzen. Kann ich bei den Großen +nichts erreichen, so sollen die Kleinen anders werden. Wie ich es für +Recht halte, muß es in der Welt zugehen. Alles schön geordnet. Die +Reichen für sich und die Armen für sich. Die Alten allein und die Jungen +abseits. Eingeteilt sollten sie werden. Wie das Gerät in einem Schrank +darf nichts durcheinander gehen, jedes für sich und Alles nach der +Schnur.« + +»Recht habt Ihr, Schulmeister,« gab Schlupps bedächtig zurück. »Hab das +schon lange gemeint und bin nur froh, daß ich einen finde wie Ihr seid. +Schade, daß der liebe Herrgott Euch bei der Erschaffung der Welt nicht +hat fragen können. Wie viel Ungelegenheit und Unruh wäre da erspart +geblieben! Wirklich, Ihr seid ein grundgelehrter Mann.« + +Säuerling lächelte zum ersten Male. Das Lob tat ihm gar wohl. Hatte bis +jetzt selten ein solches gehört. + +»Eigentlich bin ich nicht zum Schulmeister bestimmt gewesen,« sagte er +vertraulich. »Mein Vater war Schuster und hat mich in seinem Handwerk +unterwiesen, ließ mich immer die Stiefel für die Arbeitsleute machen, +die er auf den Märkten feil hielt, weil es keiner so gut wie ich +verstand, alles über einen Leisten zu arbeiten. Das Schusterhandwerk war +mir aber verleidet, weil es mich verdroß, daß ich für rechts und links +einen besonderen Stiefel machen mußte und das Verschiedenerlei mich +ärgerte. Deshalb ging ich zu einem Bader in die Lehre und mußte alle +Leute einseifen, dieweil er mit dem Messer kratzte. Dies Geschäft gefiel +mir schon besser. Das geschah immer gleich, sodaß kein Unterschied dabei +war. Ob Alt ob Jung, alle mußten stillsitzen, wie ich befahl. Da starb +der Bader. Das Scheren mit dem Messer verstand ich nicht, denn es ist +ein gar schweres Handwerk. So nahm mich ein Magister in sein Haus, +unterwies mich, der ich nur notdürftig lesen und schreiben gelernt +hatte, in seiner Kunst. Dafür mußte ich die alten Pergamente, die er +hatte, ausklopfen, daß sich kein Staub hineinsetzte. Wie auch der eines +seligen Todes verblich, vermachte er mir seine Bücher und seine +Perrücke. Letzteres tat mich am meisten freuen, dieweil mein Schädel +wenig bewachsen war. + +Mein Vater hatte aber einen Kunden, einen Grafen, der oft zum Magister +gekommen war, um von ihm die Kunst des Goldmachens zu erlernen. Haben +Tag und Nacht daran studiert, wollt' aber nichts gelingen. Dieser Graf +wies mich her an unsern hochmögenden Herrn, und so bin ich hier, um in +die Bauernschädel Ordnung zu bringen und sie zu rechten Menschen zu +erziehen.« + +»Habt Ihr kein Weib, Schulmeister?« fragte Schlupps. + +»Nein,« war die Antwort, und Säuerling machte ein Gesicht, das aussah +wie sein Name. + +»Ist es tot?« forschte Doktor Neunmalgescheit. »Nein. Davongelaufen ist +mir's.« Die Sache war aber so: Säuerling hatte ein Weib gehabt, das war +eines Tages auf und davon gegangen und zu seinem Vater zurückgekehrt. +Als der Richter ihr Vorstellungen machte, daß ein braves Eheweib bei +ihrem Gatten zu bleiben und eine gute Ehe zu führen habe, erklärte sie +ihm, eine Ehe mit einem fromm gesinnten braven Manne wolle sie wohl +führen; einer aber, der alles besser wissen wolle als der liebe Gott +selber, habe keinen Glauben. Denn Gott habe die Menschen verschieden +gemacht, ihr Mann aber wolle alle nach einem Muster. Wer anders sei als +er, wäre in seinen Augen ein schlechter Mensch, und da sie eine Frau und +kein Mann sei, so könne sie auch nicht denken wie Säuerling und ihre Art +nicht ablegen und verleugnen. Er solle sich zum Frommsein bekehren und +was Gott geschaffen habe als recht annehmen, dann wolle sie zu ihm +zurückkehren. Da er sich aber nicht ändern wollte und bei seiner Art +verharrte, blieb sie bei ihrem Vater und gedieh von nun an wie ein Apfel +am Baume, den die Sonne bescheint, während sie vorher war wie eine +Schlehe, die im Schatten gewachsen war. + +Der Richter merkte, daß er einer Weiberzunge nicht gewachsen sei, gab +ihr im Grunde recht, sprach mit Säuerling und suchte ihn umzuändern. +Wies ihm nach, daß Gott wohl gewußt, warum er so vieles auf der Welt +verschieden gemacht habe, und riet ihm, daß er doch versuchen solle, mit +den Menschen in Güte auszukommen. Aber da stieß er auf den Unrechten; +denn der Ehemann konnte keine Widerrede vertragen und ereiferte sich +sehr, wenn ihn jemand tadeln wollte. + +Also ließ ihn der Richter gehen und dachte sich sein Teil. Daher kam es, +daß Säuerling nicht in der Heimat geblieben war, sondern auswärts ein +Unterkommen gesucht hatte. »Wißt Ihr, Schulmeister,« nahm der Herr +Neunmalgescheit das Wort, »Ihr tut mir leid, daß Ihr hier sitzen müßt. +Ihr gehörtet an einen andern Platz, und weil ich sehe, was für ein Mann +Ihr seid, will ich Euch ein Geheimnis anvertrauen.« Säuerling spitzte +die Ohren und sagte: »Da bin ich sehr begierig, Herr Kollege. Ist mir +eine Ehre, daß ein so großer Gelehrter sich zu mir herabläßt.« »Das +kommt, weil Ihr bei meinesgleichen gewesen seid und habt dürfen die +alten Pergamente bewachen. Hättet Ihr in sie hineingeschaut, wäre Euch +noch manches klarer im Kopfe geworden, und Ihr wüßtet, wie man es dazu +bringt, die Welt nach seinem Willen zu lenken. Hier ist nicht der Ort, +über Dinge zu sprechen, die Unberufene nicht hören dürfen. Heute Abend, +wenn es dunkelt, kommt auf den Kirchhof hinaus, da können wir von +erhabenen Geheimnissen reden, und ich will Euch zu Eurem Glücke +verhelfen.« + +Damit nickte er recht stolz und hochmütig, als hätte er alle +Gelehrsamkeit der Welt in sich und verließ das Schulhaus. Säuerling aber +war wie benommen von dem, was er gehört hatte, so daß er wie im Traum +umherging und vergaß, die Kinder zu prügeln, ja, es nicht einmal merkte, +als eines heimlich lachte. Das Sünderlein steckte rasch den Kopf unter +die Bank und harrte vergeblich seiner Schläge. Kaum erklang die +Vesperglocke, so liefen die Kinder fort und wußten nicht, wie ihnen +geschehen war. Solch einen Nachmittag hatten sie lange nicht erlebt. + +Am Abend, als es dunkel wurde, schlich ein Mann auf den Gottesacker, +trat hinter einen großen Leichenstein und wartete. Wartete auf einen, +der lang und schmal wie ein leibhaftiger Schatten zwischen den +Gräberreihen dahin schlich und ängstlich um sich schaute. Denn so tapfer +Säuerling vor seinen Kindern war, wenn es galt, sie zu dreschen, so +feige fühlte sein Herz, wenn er allein war. Er fuhr daher erschreckt +zurück, als der zuerst Gekommene auf ihn zuschritt und ihm feierlich +winkte. + +»Ach, Ihr seid's, Herr Professor,« atmete der Schulmeister auf. »Dachte +schon, ein Geist wäre es.« »Der könnte Euch nichts anhaben,« versicherte +Schlupps lächelnd, »dieweil Geister am liebsten mit ihresgleichen zu tun +haben und merken würden, daß Ihr nicht zu ihnen gehört. Aber kommt her, +daß niemand wahrnimmt, was ich Euch anzuvertrauen habe.« Damit führte er +Säuerling tief hinten an die Mauer und hieß ihn auf einen umgestürzten +Leichenstein niedersitzen. + +»Wißt,« hub er an, »ich habe viel alte Pergamente durchstudiert und +wollte wissen, wie man es fertig bekommt, die Menschen nach seinem +Willen zu lenken und sie sich untertan zu machen. Da entdeckte ich denn, +daß einst vor tausend Jahren hier im Walde ein weiser Mann etwas +vergraben habe.« + +»Horcht,« unterbrach ihn Säuerling. »Hört Ihr nicht die Hunde bellen? +Oh, es ist furchtbar, wenn sie so zu aller Tag- und Nachtzeit heulen und +kläffen. Wißt, daß mir nichts so zuwider ist, als bellende Hunde und +krähende Hähne. Die machen ihr Maul immer zur Unzeit auf, statt +ordentlich an bestimmten Tagesstunden zu schreien.« »Hört zu, +Schulmeister, und unterbrecht mich nicht. Also hier im Walde hat +besagter Mann etwas vergraben: Ein Knäuel, aufgerollt aus Bindfaden. Die +Stelle habe ich gefunden; aber ausgraben darf ich es nicht; denn es muß +ein Mensch sein, der nie Unrecht getan hat, nie Böses von den Menschen +gedacht und ihnen immer Gutes erwiesen. Ein solcher kann, wenn er das +Knäul aufrollt, die ganze Welt damit umspannen und hat dann Macht über +alle Seelen. Ergreift es aber ein Unwürdiger, so kommt der Satan in +Hahnengestalt mit dem Gebrüll eines wütenden Hundes und jagt den +vermeintlichen Weltbezwinger in die Hölle hinab. Nun seht, Schulmeister, +ich bin ein sündiger Mensch, der schon manchem Unrecht getan hat. Ihr +aber scheint besser zu sein denn ich, und so frage ich hiermit feierlich +und rufe den Mond und die Sterne als Zeugen an: Seid Ihr der Mann, das +Knäul zu heben? So will ich Euch die Stelle zeigen und nichts dafür +verlangen, als was Ihr mir gutwillig gebt. Ihr aber werdet Herr der +Welt, und niemand darf Euch etwas verweigern.« + +»Der Mann bin ich!« rief Säuerling und streckte seine Hand hoch. »Nie +habe ich Unrecht getan; denn ich bin die Gerechtigkeit selbst. Die +reichen und armen Kinder habe ich gesondert, weil Gott die Menschen +unterschiedlich geschaffen hat und man ihnen immer seinen Willen vor +Augen halten soll. Böses habe ich nie besonders von ihnen gedacht; denn +ich weiß, daß die Menschen von Grund aus böse sind, und so habe ich sie +nur für das angesehen, was sie sind und nie etwas dazu getan. Gutes habe +ich ihnen erwiesen; denn ich hab' sie von Tand und Lustigkeit abgehalten +und sie hingewiesen auf das, was allein ewig bleibt, -- -- auf die +Trauer und die Unlust an der Welt. Und so,« schloß er, »hätte der Herr +Professor können keinen Gescheiteren finden als mich. Als Dank aber will +ich ihm meine Stelle vermachen. Da kann er in meinem Sinne weiter wirken +und die Kinder unterweisen.« + +»So steht dem Werke nichts mehr im Wege,« sprach der Herr Professor aus +Padua. »Findet Euch morgen gegen Mitternacht hier ein. Alles Nötige +werde ich mitbringen. Bereitet Euch vor durch Buße und Reue, falls Ihr +noch eine Sünde auf dem Gewissen habt.« »So sündenrein wie ich ist +niemand,« erwiderte Säuerling. »Aber jetzt tut mir die Liebe und +geleitet mich zu meiner Behausung. Denn die Hunde bellen, wenn ich an +den Häusern vorbeigehe, und Ihr wißt, das kann ich nicht vertragen. Bald +will auch die Sonne aufgehen und die Hähne beginnen zu krähen.« »Geht +nur allein, Schulmeister,« sagte Schlupps, »langsam über den Friedhof, +stoßt an keinen Leichenstein, daß kein Nachtgespenst aus seiner Ruhe +aufgeschreckt wird und Euch an den Kopf springt. Denn wißt, es gibt auch +falsche Geister, die dem Menschen in den Kopf springen und nimmer +herausgehen. Dann haltet Euch genau in der Mitte der Straße, seht nicht +rechts und links um Euch, bis Ihr in Eurem Bette liegt. Das Weitere +kommt morgen.« Und der Schulmeister schlich zitternd und angstvollen +Herzens fort, sah sich nicht um und war froh, als er in seinem Bette lag +und die Decke über den Kopf ziehen konnte. Am liebsten hätte er gar +keine Schule gehalten; da das nicht anging, ließ er die Kinder kommen +und suchte ihnen heute nur Freundlichkeiten zu erweisen. Er forderte sie +auf fromme Sprüche zu sagen und erzählte ihnen dann, daß er dereinst die +Welt beherrschen und zu hohen Ehren gelangen würde. Dann entließ er sie, +schloß das Schulhaus ab und erwartete mit Ungeduld den Abend. + +Indessen war Schlupps auch nicht faul gewesen. Als er den Kirchhof +verlassen hatte, setzte er die Brille ab und begab sich in das +Wirtshaus. Am andern Morgen erkundigte er sich, ob nirgends Hunde zu +verkaufen seien. »Das wohl,« beschied ihn der Wirt. »Geht nur hinaus auf +den Anger, wo der Schäfer weidet, der hat solche zu vergeben. Sag Euch +aber gleich, daß es bissige Tiere sind, die man nicht frei herum laufen +lassen darf und die keinem gehorchen außer ihrem Herrn.« + +Das war Schlupps gerade recht. Er ging zu dem Schäfer hinaus und fand +ein Männchen mit faltigem Gesicht und verschmitztem Ausdruck. Neben ihm +saß ein kleines Mädchen. »Ist das Euer Jüngstes, Schäfer?« fragte er. +»Jawohl, Herr; die andern sind noch in der Schule.« »So, so, hab' da +hineingeguckt, gefällt mir gar nicht, Euer Schulmeister; bin zwar selber +einer, möcht' aber keine Kinder um mich haben, die nicht lachen und froh +sind.« »Ihr seid mein Mann,« rief der Schäfer. »Wollte Gott, wir hätten +einen wie Ihr seid und wären den Sauertopf los.« »Dazu könnt Ihr +kommen,« lachte der falsche Schulmeister. »Hab einen gar feinen Plan und +wenn Ihr, Schäfer, mir helft, so sollt Ihr den Griesgram bald vom Ort +haben.« »Da bin ich dabei. Sagt, was Ihr begehrt.« »Ich brauche nichts, +als zwei oder drei bissige Hunde, die bellen, wenn man sie in den +Schwanz kneift, und einen Hahn. Ein paar Buben sind auch vonnöten.« Dann +weihte er den Schäfer in seinen Plan ein, und der Hirte versprach ihm +lachend, alles auf das Pünktlichste zu besorgen. + +Als es ganz dunkel war und vom Turm langsam die Glocke elf schlug, +betrat Säuerling den Friedhof, wo ihn der Professor Neunmalgescheit +erwartete. Der faßte schweigend des Schulmeisters Hand, schritt mit ihm +hinaus, links in den Wald, der sich bergwärts zog, und machte am Fuße +einer hohen Eiche Halt. »Hier nehmt,« sagte er feierlich und reichte +Säuerling seine Schaufel. »Grabt zehnmal; aber hütet Euch innezuhalten, +weil sonst der Teufel Macht über Eure Seele gewinnt. Dann werdet Ihr den +Knäul finden. Seht: ich habe Euch ein wenig vorgearbeitet und die +Erde aufgelockert.« In Wahrheit hatte der Schelm am Nachmittag ein +gewöhnliches Garnknäul an der Stelle vergraben und die Erde wieder +tüchtig festgestampft. Nicht weit davon hatte er den Schäfer +aufgestellt, der hielt die Hunde an der Leine. Auf einem Baume daneben +aber saß des Schäfers Ältester mit einem Hahn, und der jüngere Bube +hockte unweit davon auf dem Boden und hielt Feuerstein und Zunder in der +Hand und eine mächtig lange Pfeife seines Vaters lag neben ihm. + +[Illustration: Der Weltenknäul] + +Als nun der erste Schaufelwurf erklang, kniff der Schäfer einen Hund in +den Schwanz, daß er heulte, und Säuerling hielt erschreckt mit Graben +inne. »Das ist ein schlimmes Zeichen,« flüsterte Schlupps. »Solltet Ihr +in Eurem Gewissen doch nicht so rein sein, daß der Teufel eine Mahnung +gibt?« »Wüßte kein Unrecht, das ich je begangen,« stöhnte Säuerling. »So +grabt weiter!« + +Beim zweiten Schaufelstich klang das Heulen stärker. Beim dritten war es +so arg, daß dem Grabenden die Hände zitterten und er nur mühsam den +Griff festhielt; aber er ließ nicht los und fuhr fort zu schaufeln. Da +schlug der jüngste Bube mit dem Feuerstein Funken, brannte den Zunder +an, entzündete die Pfeife, daß sie glühte und zog an, bis mächtige +Rauchwolken heraus kamen. »Um Himmelswillen! der Teufel,« flüsterte +Schlupps. »Seht, wie seine Augen glühen, wie sein Atem dampft!« +Unbemerkt war der kleine Junge näher geschlichen, hatte in die Grube ein +Stück brennenden Zunder und eine Handvoll Hobelspäne geworfen, sodaß +eine Flamme hochschlug. Säuerling ließ die Schaufel fallen und fuhr +entsetzt zurück. Schlupps aber war hinter einen Baum getreten und +brüllte mit verstellter Stimme: »Wer wagt es, meine Höllengeister zu +beschwören? Bist du es, Sündhafter, der Trübsal in die Welt bringen will +und die Menschen zu mutloser Traurigkeit verleitet? Wehe dir! Jetzt bist +du mir verfallen!« Der Hahn auf dem Baume, der die Flamme hatte leuchten +sehen, meinte nicht anders, als die Sonne ginge auf und fing an zu +krähen. Da ließ ihn der Bub frei. Er flog hinab, gerade auf Säuerlings +Kopf und hackte mit dem Schnabel in dessen Perücke; der Schäfer aber +ließ die Hunde los, die sich wütend auf den Schulmeister stürzten. Der +warf entsetzt die Schaufel hin, rannte davon und meinte nicht anders, +als der Teufel sei ihm auf den Fersen, lief und lief immer weiter bis er +Abends in einer fremden Gegend anlangte und nicht wußte, wo er war. + +Dort bat er die Leute, ihn um Gotteswillen aufzunehmen, und da sie +meinten, einen Armen vor sich zu sehen, der eine Schuld abzubüßen habe +und landflüchtig sei, und Mitleid mit ihm spürten, wenn er immer rief, +der böse Geist verfolge ihn, ließen sie ihn im Dorfe wohnen. Sie gaben +ihm eine alte Hütte und ließen ihn die Gänse auf die Weide treiben. +Verwiesen es auch den Kindern, darüber zu lachen, wenn der fremde Mann +erzählte, daß er einmal Schulmeister gewesen sei und Macht über die +ganze Welt besitzen sollte, daß ihm aber Unrecht geschehen sei, ihm, der +sein Lebtag die Gerechtigkeit selbst war. + +Schlupps verließ mit dem Schäfer den Wald und ließ sich Handschlag +darauf geben, daß keiner im Dorf erfahren solle, auf welche Art sie den +Schulmeister los geworden seien. Der Schäfer versprach, Wort zu halten +und seine Buben desgleichen; denn sie wollten beide einmal Schäfer +werden, und einem solchen vertrauen die Menschen oft gar viel. Muß er +sie doch heilen, wenn sie krank sind, und erfährt von vielen Schmerzen, +innerlich und äußerlich, die den Menschen plagen und die er sonst keinem +anvertraut. Als am andern Morgen die Kinder in die Schule kamen und kein +Lehrer da war, gingen sie heim und freuten sich. Der Schäfer aber +flüsterte geheimnisvoll dem und jenem zu, daß wohl der Teufel den +Schulmeister geholt habe; es sei aber nur eine Ahnung; sicher wisse er +es nicht. Weil aber die Menschen Vermutungen immer um so lieber glauben, +je unwahrscheinlicher sie sind, so stand bald im Dorfe fest, daß den +Säuerling der Teufel geholt habe, und Niemand weinte ihm eine Träne +nach. + +Statt seiner aber erbot sich Schlupps, die Stelle anzunehmen; nannte +sich aber nicht mehr »Neunmalgescheit,« sondern »Einfältig;« »denn,« +sagte er, »wer lehren will, muß ein einfältig Gemüt haben und selbst +lernen wollen.« + + + + +Einfältig + + +Jetzt begann für die Kinder eine herrliche Zeit. Kam eine Mutter an das +Schulhaus und wollte ihrem Buben oder Dirnchen einen Weck oder einen +Apfel bringen, so fand sie das Haus leer. Der Schulmeister war mit der +jungen Schar hinausgezogen in den Wald. Da lehrte er sie die Pflanzen +und Tiere kennen und erzählte ihnen, wie in anderen Ländern die Felder +bestellt werden. Da er immer offene Augen und Ohren gehabt hatte, +vermochte er den aufhorchenden Kindern gar viel Lehrreiches +beizubringen, so daß sie an einem Vormittag im Walde mehr lernten, als +bei Säuerling in einem Jahr. War aber Regen und trübes Wetter, dann +wurde im Schulhaus geschrieben und gelesen, daß allen der Kopf rauchte, +denn wer nicht fleißig war, durfte bei Sonnenschein nicht mit in's Freie +und mußte nachlernen. + +Dazu kam noch, daß der Schulmeister Einfältig die Kinder, denen das +Lernen schwer fiel, sehr belobte, wenn sie etwas gut machten, dadurch +bekamen sie Zutrauen zu sich und merkten, daß das Lernen eine Lust sein +könne und keine Last, wie sie vordem vermeint. Die Eltern aber nickten +einander zu und sagten: »Sollte man nicht meinen, Herzfroh sei wieder +aufgestanden?« + +So hielt es der neue Schulmeister ein halbes Jahr. Da wurde ihm die Zeit +lang, und er sehnte sich wieder in die weite Welt. Hätte er nur einen +andern gefunden, der, wie er, die Kinder in Liebe unterwies. Wo aber +einen hernehmen? Sah immer im Wirtshaus die Leute an, ob der Zufall +nicht einen Geeigneten herführte, aber keiner schien der Rechte. +»Schulmeister,« hatte der Wirt eines Tages gesagt, »was soll Euch ein +Bauernwagen? Ich habe dahinten ein Kütschlein stehen, das mir nichts +nutz ist, zu dem bin ich bei einem kleinen Handel billig gekommen. Ist's +Euch recht, so laßt uns tauschen. Ist uns beiden damit geholfen; denn +ich hab oft Säcke in die Mühle zu fahren und mein Planwagen ist schon +ein bischen zerbrechlich.« + +Deß war Schlupps zufrieden, und damit seine Gäule im Stall nicht zu fett +und gar krank würden, spannte er sie oft in sein neues Wägelchen und +fuhr die Alten und Gebrechlichen über Land, damit sie die schöne +Gotteswelt auch anders als vom Sorgenstuhl zu sehen bekämen. + +Eines Tages war er allein ausgefahren. Auf dem Rückweg ließ er die Zügel +hängen, und die Rößlein gingen langsam der Heimat zu. Da sah er einen +Jüngling vor sich gehen, den Rücken hochbepackt mit allerlei Gerät. +»Steigt ein, junger Mann,« rief er. Der Fremde ließ sich nicht zweimal +bitten, zog höflich zum Dank die Sammetkappe und kletterte in den Wagen. +»Seid sehr beladen,« meinte Schlupps. »Will's meinen, Herr. Bin auch +lange auf der Wanderschaft. Komme von Italien her und habe manches +Schöne und Herrliche gesehen,« plauderte der junge Mann. »Bin meines +Zeichens ein Maler und weit herumgekommen, um zu studieren und zu +lernen.« + +»Erzählt mir von Eurer Fahrt,« bat der Schulmeister, dessen Herz hoch +schlug, sobald er von fremden Ländern hörte. Der Jüngling strich sich +die blonden Locken aus der Stirn, sah mit den tiefen blauen Augen +träumerisch in die Ferne und sagte langsam: »Herr, Herr, es ist etwas +Gefährliches um das Indieweltgehen. Daheim hab ich geglaubt, schon viel +zu können und es den großen Malern gleich tun zu können. Wie ich aber +südwärts kam, nach Venezien und Florenz, da wurde mein Herz immer +schwerer, denn ich sah, daß ich ein Stümper war, wie es nur einen gab. +Vor den Bildern der alten Meister dachte ich zu lernen und pinselte und +zeichnete nach, so viel ich konnte. Als ich aber weiter kam in die +heilige Stadt Rom und dort von Bild zu Bild eilte, war ich so +unglücklich, daß ich schier meiner Kunst gram wurde. Denn sagt selbst: +Ist es nicht hart, sein Herz an eine Sache zu hängen und dann zu sehen, +daß man darin nie etwas Besonderes erreichen könne? Ich sah ein, daß die +Malerei mir immer ein Ergötznis für frohe und trübe Stunden sein würde, +aber daß ich nimmer etwas fertig bekäme, was nur dem allerkleinsten +Bildchen der großen Meister gleicht. Es waren schwere Stunden, Herr, und +das schöne Italien erschien mir wie der Garten des Paradieses, allwo der +Engel mit dem feurigen Schwert mich hinauswies. Da packte ich endlich +zusammen, was ich gemalt hatte und wanderte wieder zurück in meine +Heimat. Könnte ja mein Gewerbe dort ausüben und würde wohl kaum einer +merken, daß ich kein großer Meister bin; denn sie sind der Malerei +unkundig und es gefällt ihnen leicht, was recht aussieht und bunte +Farben hat. Aber mir ist es verleidet.« + +»Da geht's Euch mit Eurem Handwerk, wie mir mit meinem,« nickte +Schlupps. »Bin hier Schulmeister und tät's gern an den Nagel hängen.« + +»Was,« rief der junge Mann, »ist's möglich? Das ist Euch zuwider? Gibt's +denn eine größere Freud, als die Kinder zu unterweisen, ihnen alles +Schöne zu geben, das man gesehen hat und vielleicht einen, der ein +Meister werden kann, auf den rechten Weg zu führen? Seht, Herr,« fuhr er +fort und seine Augen leuchteten. »Das hab ich mir als das Beste +vorgestellt, der Jugend den Sinn und die Augen auftun. Aber so geht's. +Mit dem, was er hat, ist der Mensch nie zufrieden.« »Da mögt Ihr recht +haben, junger Mann,« sagte Schlupps; »wir sind hier bei meinem Hause +angelangt. Kommt herein und nehmt fürlieb.« Damit half er dem Gast vom +Wagen und wies die Magd an, ihm ein Stübchen und ihnen beiden einen +Imbiß zu richten. + +»Zeigt mir morgen bei Tageslicht Eure Bilder, Herr Maler,« bat er. »Hab' +eine Freude an solchen Sachen.« Das war dem Gast lieb zu hören: denn +wenn ihm selbst seine Arbeiten auch nicht immer gefielen, so erfreute es +ihn doch, wenn andere Wohlgefallen daran hatten. Wie sie nun am Morgen +die Bilder besahen, und Schlupps sich vorstellte, daß es Orte gäbe, so +schön wie die auf der Leinwand, wo Schlösser und Burgen, blaue Seen und +Schneeberge zu sehen waren, da wuchs seine Sehnsucht in die Welt schier +übermächtig. Am meisten gefiel ihm ein Bild, das einen Fürstensohn +darstellte, mit blassem Gesicht, dunklen Augen und schwarzen Haaren. + +»Dies Bild habe ich in Florenz gemalt,« sagte der Maler. »Ein Meister, +der schon lange verstorben ist, hat es angefertigt, und weil ich die +Augen des Konterfeis nimmer vergessen konnte und immer zu dem Bild +zurückkehren mußte, habe ich es nachgemalt, so gut es ging, und es ist +mir nicht übel gelungen.« Damit legte er es in seine Mappe zurück. +»Dank Euch auch, Schulmeister, für die Unterkunft. Will heute noch +weiter wandern und sehen, wo ich mein Nest aufschlage,« fuhr er fort. +»Hier,« sagte Schlupps und faßte ihn bei der Hand. »Hört mich an. Ihr +kommt zu gelegener Stunde. Ich muß fort und habe nur auf einen gewartet, +der mein Amt übernimmt. Bleibt Ihr an meiner Stelle und unterweist die +Kinder. Nennt Euch 'Wegwart;' denn das sollt Ihr jetzt sein. Ein Wärter, +der ihren Weg bewacht. Und denkt nicht, daß dies Handwerk zu schwer für +Euch sein werde. Übt Eure Malerkunst an ihnen aus, dann wird es am +besten gehen, und wollt nur statt auf Leinwand auf die Seelen der +Kleinen Eure Bilder malen. Nehmt alle Farben: das Grün der Treue, das +Rot der Freude, das Gelb des Neides; aber nur so viel davon, als das +Herz braucht, um Neid auf alles Gute und Schöne zu bekommen und es +nachzuahmen. Vergeßt auch nicht das Schwarz des Hasses gegen alles Böse +und Unrechte. Und wenn Ihr das Grau der Trauer auflegen müßt, dann setzt +das Blau der Hoffnung dazu und laßt dazwischen das zarte Violett nicht +fort. Denn wie die Dämmerung zwischen Tag und Nacht steht, so ist in den +Herzen oft ein Schwanken von Leid zur Freude und es braucht von einem +zum andern einen Übergang. Mischt dann zu allem das Weiß der Klarheit +und Wahrheit und glaubt mir, daß an den Bildern, die Ihr auf die Art +macht, der liebe Herrgott seine Freude hat. Werdet dann ein so +verdienstvoller Maler wie die großen, die Ihr bewundert, wenn auch kein +Ehrenzeichen um Euren Nacken hängt.« + +Da stand der junge Maler eine Weile still und nachdenklich; dann hob er +die Hand und rief: »So hat es Gott gewollt, Schulmeister, daß er mich +herwies, Euren Platz will ich wohl annehmen. Wenn Ihr aber in die Welt +ziehen müßt, so erweist mir eine Liebe und nehmt das Bild mit, das Euch +so gefallen.« + +Noch lange saßen die beiden beratschlagend zusammen. Als am andern Tage +die Morgensonne in das Fenster schien, da schirrte der Schulmeister +Einfältig seinen Wagen an, tat all sein Hab und Gut hinein, reichte dem +künftigen Schulmeister die Hand und fuhr zu dem schweigenden Dorf hinaus +in die Welt hinein, noch vor dem Frühgeläut, damit seine Kinder ihm +nicht durch ihr Weinen das Abschiednehmen erschweren sollten. + + + + +Junker Pfiffig + + +Nach wenigen Tagen langte Schlupps in einer Stadt an, die er noch nie +gesehen, fuhr durch Gassen und Straßen mit hochgegiebelten Häusern, +spitzen, steilen Kirchtürmen, bog über brunnendurchrauschte Plätze und +verwunderte sich schier, wie viel Pracht und Herrlichkeit es gab. Dann +kehrte er mit seiner Kutsche in einem Wirtshaus ein, wo der Wirt ihn +sorgsam musterte. + +»Was habt Ihr an mir zu sehen, guter Freund?« fragte Schlupps. »Verzeiht +Herr,« gab der Wirt zur Antwort, »wenn ich Euch neugierig scheine; aber +kann mir's nicht erklären, wie jemand, der das Aussehen eines Herrn hat, +so armselig gewandet sein kann; überlegte deshalb, woher der Herr wohl +angereist käme.« + +»Da habt Ihr recht,« erwiderte Schlupps, dem es jetzt auffiel, wie ganz +anders er aussah, denn die Bürger, die in der Wirtsstube saßen. »Wißt, +ich bin weit herum gekommen in entlegenen Gegenden, wo man nicht alles +zu kaufen vermag, wie bei Euch. Deshalb bin ich hierher gefahren, um +alles anzuschaffen, was mir nottut und kann Euren Rat wohl brauchen. +Wollt Ihr mir jetzt mein Zimmer zeigen?« Und als der Wirt ihn dahin +führte, zog er rasch seine Geldsäcke heraus und sprach: »Sagt mir, Herr +Wirt, ist mein Zimmer ganz sicher vor Dieben? Denn wißt, ich habe viel +Geld bei mir und muß mich auf Euch verlassen können.« Damit warf er die +Beutel auf den Tisch, daß es dröhnte. + +Der Wirt versicherte ein Mal über das andere, daß seine Truhen und Türen +feste Schlösser hätten und empfahl sich mit vielen Verneigungen. Der +Fremde mit der großen Geldkatze erschien ihm auf einmal nicht mehr +ärmlich gekleidet, sondern nur ein wenig absonderlich. Das machte, daß +der goldene Grund durch die abgeschabten Stellen des Anzuges hindurch +leuchtete. Er nahm sich vor, den Gast sehr liebevoll zu verpflegen, +damit der einen großen Teil seines Geldes bei ihm verzehre. + +Andern Tages fragte Schlupps seinen Hausherrn nach einem Schneider und +wurde zu einem gewiesen, der gar berühmt sei und sein Handwerk gut +verstehe. »Meister,« sagte der Fremde, als er eintrat, »richtet Euch +nicht nach dem Kleide, das ich anhabe. Wenn man unerkannt in der Welt +herum kommen will, muß man ein schlichtes Aussehen haben. Dann +betrachten die Menschen uns als ihresgleichen und fassen Zutrauen zu +uns. Habt Ihr eines oder zwei Kleider, wie sie mir passen und wohl +anstehen würden, so zeigt sie mir.« + +Der Schneider schloß aus dieser Rede, daß er einen vornehmen Herrn vor +sich habe, der sich einmal unbekannt unter den Menschen bewegen wolle, +wie große Herren zuweilen solche Launen überfallen. Meinen sie doch im +tiefsten Herzen, daß die Menge schon spüren werde, wer vor ihnen steht, +verwundern sich oft sehr, daß keiner fühlt und weiß, wer sie in Wahrheit +sind. Das kommt daher, daß sie im schlichten Kleide oft weniger Verstand +haben, als in dem prächtigen Anzug, den sie sonst gewohnt sind. In dem +besseren Gewande klingt jedes Wort heller und klüger und findet auch +mehr Beachtung als bei einem schlichten Bauers- oder Bürgersmann. + +So glaubte der Schneider, der neue Kunde habe das Einfachsein über und +wolle jetzt so daher kommen, wie es sich für seinen Stand schicke und +sprach darum: »Ihr kommt zu gelegener Zeit, Herr. Ein junger Graf hatte +bei mir zwei Kleider bestellt, eines für jeden Tag aus braunem Tuch, +sauber und schön gemacht, und eines für Feste, aus dunkelrotem Sammet +mit Barett und Feder. Er gab mir den Stoff dazu, den er weit her aus +Italien hatte kommen lassen. Da schickte ihn des Kaisers Majestät mit +einem Auftrag fort, hin zum türkischen Sultan in wichtiger Botschaft, +und so schnell mußte die Reise vor sich gehen, daß mein Herr Junker die +Kleider nicht abwarten konnte.« »Muß ihm sehr arg gewesen sein,« wandte +Schlupps ein. »War nicht so schlimm für ihn. Bedeutete es doch ein +ehrenvolles Amt, und des Kaisers Gnaden hatten ihn hinlänglich mit Geld +versehen, daß er sich anderen Ortes kaufen konnte, was sein Herz +begehrte. So ließ er mich rufen und sagte: 'Meister, ihr habt mich immer +gut bedient und wenn ich Euch nicht zahlen konnte, nie gemahnt und +gedrängt; auch manchmal die Kreide auf der Schuldtafel gespart. So +behaltet die Stoffe. Ich schenke sie Euch. Könnt sie wohl gelegentlich +verwerten. Weil aber die Kleider schon nach seinem Maß zugeschnitten +waren, machte ich sie fertig. Er ist Eures Wuchses, und es könnte sein, +daß Euch beide Gewänder passen. Wollt einmal probieren.'« + +Und siehe da! Sie saßen wie angegossen, und Schlupps beschloß, sie zu +kaufen, da der Meister einen mäßigen Preis dafür forderte. »Kommt bald +wieder, Herr,« bat der Schneider. »Und verzeiht, wohin soll ich Euch +Euer altes Gewand und das Sammetkleid senden, da Ihr das braune gleich +anzieht?« »Sendet es in das Gasthaus zum goldenen Lamm,« sprach +Schlupps, »und laßt sagen, es sei für Junker Pfiffig.« + +Er zahlte seine Rechnung und ging fort. Der Meister sah ihm staunend +nach, wie er dahin schritt, den Kopf hoch, daß er über alle Menschen +hinwegschauen konnte und den Gang gar leicht, als sei er gewohnt, zu +tanzen statt zu schreiten. »Muß etwas ganz besonderes sein,« dachte der +Nadelkünstler. »Vielleicht ein Königssohn und der Name Pfiffig war +angenommen. Gibt es doch Menschen, denen sieht man trotz allem das +Königsein an, die mögen sich verstellen wie sie wollen. Einmal bricht es +hervor und dann staunen alle, daß sie den für einen gewöhnlichen +Menschen und ihresgleichen gehalten haben, der doch so hoch über ihnen +steht.« Und der Meister fädelte seine Nadel ein, kletterte auf seinen +Tisch und überlegte weiter; denn das Handwerk, das er betrieb, machte +ihn gar nachdenklich und sinnig. Kam er doch mit vielerlei Leuten +zusammen, hatte gelernt, das Kleid vom Menschen zu scheiden und wußte +wohl, daß, wenn es außen oft gleißte und glänzte, der Grund nicht immer +feines Linnen war, sondern grob Gewebe mit Knoten, Fehlschlägen und +Webfehlern. + +Junker Pfiffig aber ging langsam durch die Gassen und sah mit offenen +Augen alles wohl an. Er trat bei einem Barbier ein, ließ sich von dem +Schaumschläger Bart und Kopfhaar zurecht stutzen und wunderte sich +selbst, als er in dem Spiegel sah, wie wohlgestaltet er war. Das +schwarze Gelock, das auf seine Stirn fiel, glänzte vom Bürsten und +Striegeln, und es schien ihm, als ähnele er dem Bilde, das der fremde +Maler ihm geschenkt hatte. + +»Kommt bald wieder, Junker,« sagte der Barbier, als er ihm die Tür +öffnete. »Seid Ihr hier fremd, so rate ich Euch, unser Rathaus zu +besuchen, das gar schön gebaut und weit berühmt ist. Heut ist +Gerichtstag. Da darf jeder hineingehen und zusehen.« »Das will ich tun. +Seid bedankt für Euren Rat,« nickte der Junker Pfiffig höflich. Es kam +ihm vor, als habe er mit dem andern Kleid einen anderen Menschen +angezogen, denn er hatte Freude an allem, was schön war. Fühlte er sich +in jedem Kleide heimisch und bei sich, so schien ihm das neue Gewand wie +ein Haus, das eigens für ihn gebaut und gefertigt war. Er schritt +hinüber zu dem Stadthause mit den vielen Türmchen und spitzbogigen +Hallen. Da sah er in der Tür eine Frau stehen, die ihre rechte Hand vor +die Augen hielt und heimlich Tränen abwischte. »Was fehlt Euch, gute +Frau?« sagte er und seine Stimme klang so gewinnend, daß die Verzagte +Mut faßte und leise zu erzählen anhub: »Ach Herr, vielleicht könnt Ihr +mir helfen. Ihr scheint gar vornehm und mächtig. Ich habe einen Prozeß +mit meinem Nachbar, dem Grundbauer, um einen Acker, den einzigen, den +ich besitze. Der Nachbar behauptet, daß mein Mann ihm auf dem Totenbette +den Acker verkauft hätte für die Beerdigungskosten. Wie mein Hans +gestorben war, kam der Grundbauer zu mir, sagte: er wolle für das +Begräbnis Sorge tragen und alles so machen, wie es bei armen +Häuslersleuten Sitte wäre. Ich vermeinte, er täte es aus Nächstenliebe +und um Gottes Willen, dankte ihm sehr und lobte ihn vor den Leuten, ob +seines guten Herzens, und jetzt macht er es mir so. Glaubt mir, Herr, +mein Hans ist nie eine Minute allein gewesen, als es zum Sterben kam und +der Handel abgeschlossen sein soll.« + +»Aber der Richter muß Euch doch Euer Recht geben,« ereiferte sich +Schlupps. »Ach, das ist es gerade. Jetzt weist der Bauer eine Schrift +auf, und drei Kreuze stehen darunter. Kommt mit herein, seht, wie es +zugeht. Unsereins darf nichts sagen, sonst kommt er wegen Verläumdung in +den Turm.« + +»Geht nur hinein, gute Frau. Ich werde schon kommen; aber tut nicht, als +ob Ihr mich kennt.« + +Als nun die Verhandlungen begannen, sah Junker Pfiffig auf dem +Richterstuhl einen Mann sitzen, mit großer Perücke, eine Brille auf der +Nase, daß man die Augen nicht sah; um den Mund hatte er zwei tiefe +Falten, die sich ausnahmen, als habe der Teufel sie mit seinem Pfluge +gefurcht und Bosheit und Tücke hineingesäet. Seine Hand war lang, die +Finger so spitz wie Krallen. + +Er winkte und der Bauer hub an zu erzählen, wie der Handel sich +zugetragen, den er, während Margret in der Küche war, mit dem Hans +abgeschlossen haben wollte. Dabei klimperte der dicke, schwere Mann +immer mit der Geldkatze, die er umgeschnallt hatte, und sah den Richter +schmunzelnd an. Da spitzte er die Ohren, denn wenn er sich auf Flöten +und Geigen auch gar wenig verstand, so klang die Musik des Bauern ihm +doch lieblich in die Ohren. + +Dann frug er Margret barsch, was sie zu sagen habe und gebot ihr, sich +kurz zu fassen und sich zu hüten, den Grundbauern einer unlautern Tat zu +beschuldigen; denn das bliebe nicht ungeahndet. Dann frug er auch, ob +sie Zeugen für ihre Erzählung habe. Die arme Frau sah erschreckt um +sich. Da fiel ihr Blick auf den Junker im braunen Gewande, der unweit +auf einer Bank saß und ihr heimlich zunickte. Sie faßte Mut, erzählte, +wie alles gewesen und schloß mit der Bitte, ihr zu ihrem Rechte zu +helfen. + +Der Richter sann eine Weile nach und sprach dann: »Ich will mir den Fall +überlegen. Kommt heute Abend bei Sonnenuntergang wieder her. Tragt mir +Eure Gründe noch einmal vor. Wer die gewichtigsten hat, soll Recht +bekommen.« Damit entließ er beide. Der Bauer lachte zufrieden vor sich +hin; denn er hatte den Richter wohl verstanden und hielt in der Hand +einen Beutel mit Silbermünzen. Als der Richter das Zimmer verließ, trat +der Grundbauer auf ihn zu, reichte ihm den Beutel und sprach: +»Gestrenger Herr, Gründe so schwer wie diese wird die Margret wohl nicht +haben.« Er sah aber nicht, wie ein Junker in braunem Gewande langsam +vorbeischritt und dem Handel zusah. + +Draußen angelangt, winkte Schlupps der Frau, führte sie in ein +Wirtshaus, hieß den Wirt ihr Speis und Trank vorsetzen und sagte: »Seid +außer Sorge. Ich helfe Euch und Ihr sollt Euren Acker behalten.« Dann +ging er zu einem Schlosser und sah sich bei dem um, was er an Arbeiten +aufzuweisen habe an kunstvollen Riegeln, Schlössern und Beschlägen. +Besonders gefiel ihm eine Schnalle, die groß und schwer war. »Das ist +mein Gesellenstück,« erklärte der alte Meister stolz. »Damals,« fuhr er +mürrisch fort, »war man noch nicht so hoffärtig, daß alles von Gold und +Silber sein mußte. Sonderlich die Frauen trugen die Gürtel von eisernem +Schloß gehalten und prangten noch mehr in Zucht und Schönheit denn +heute, wo ein jedes Bürgerkind Gold und Edelstein trägt und der +Halsschmuck in der Kirche aus Granaten sein muß, soll die Andacht nicht +gestört sein durch unheilige Gedanken und Wünsche. Ach, die gute alte +Zeit kommt nicht wieder, da die Menschen noch so schlicht und einfältig +waren und der Schlosser noch Schmuck und Tand liefern durfte und nicht +alles der Goldschmied. Kein Wunder, wenn deren Innung gar übermütig wird +und bei allen Festen voranschreiten will.« + +[Illustration: Der Rechtspruch] + +»Meister, verkauft mir die Schnalle,« sagte Schlupps. »Hab meine Freude +an Sachen, die besonders kunstfertig gearbeitet sind. Sie zeigen, daß, +wer sie gemacht hat, mehr kann, als viele seines Faches.« + +Das schmeichelte dem Schlosser. Sie wurden bald handelseinig; Schlupps +erstand die Schnalle und eine kleine Feile um ein Billiges und ging +vergnügt in sein Gasthaus, wo ihn die arme Margret erwartete. Junker +Pfiffig schloß sich in sein Gemach ein, nahm mehrere Goldstücke, feilte +an den Rändern Gold ab, daß die Münzen so zackig aussahen, als hätten +die Ratten daran genagt, und rührte die Goldabfälle zu einem dicken Brei +an. Mit dem rieb er die Spange ein, putzte und glättete sie, daß sie +aussah wie pures Gold und herrlich schimmerte. Dann wickelte er sie in +ein klein seiden Tüchlein, legte zwei abgefeilte Goldstücke, die er +durchlocht hatte, obenauf, rief die Frau und unterwies sie, was sie zu +tun habe. + +Als nun der Richter gegen Sonnenuntergang durch den weiten Hallengang +wieder in den Saal treten wollte, wo der Bauer schon wartete und seines +Spruches sicher war, löste sich eine Gestalt von der Eingangstür los, +ging demütig auf den gestrengen Herrn zu und sagte leise: »Verzeiht, +Herr Richter. Ich habe einen gar gewichtigen Grund, den ich Euch +verkünden muß. Von einer Ahne erbte ich ein schweres güldenes Amulett, +wie es wohl einer vornehmen Frau, aber nicht mir gebührt. Würde ich es +verkaufen, so könnte man denken, ich wäre auf unrechte Art dazu +gekommen. Vielleicht daß es Eurer Eheliebsten oder Eurer Jungfer Tochter +wohl anstünde, und zwei durchlöcherte Goldmünzen sind auch dabei, die +man wohl zu Ohrengeschmeide verwenden kann.« + +Dabei lüftete sie das kreuzweise gebundene Tüchlein und ließ den Richter +hineinblicken, sodaß der rote Schein der Abendsonne, der durch die +buntgemalten Scheiben spielte, auf das Geschmeide fiel, daß es rotgelb +flimmerte. + +»Gute Frau,« sagte der Richter, »einem vernünftigen Grunde verschließe +ich nie mein Ohr. Ihr habt wohl getan, Euch an mich zu wenden. Seid +unbesorgt, Ihr sollt Euer Recht haben.« Damit ergriff er das Tüchlein, +wog es in der Hand, sehr erfreut ob seiner Schwere, und ging würdevollen +Schrittes in den Saal, wo ihn der Bauer erwartete. Doch wie erschrak +der, als der gestrenge Herr ihn anschrie und ihn ausschalt, daß er eine +arme Witwe bedrücken wolle. Jetzt sei ihm die Erleuchtung gekommen, daß +alle seine Angaben leichtfertig und ungerecht gewesen, und er +verurteilte ihn, der Margret den Acker zurückzugeben und ihr auf der +Stelle zwanzig Silbergulden zu zahlen. + +Der Bauer wußte nicht wie ihm geschah, fluchte innerlich, mußte aber +wohl oder übel gehorchen und hatte außer dem Schrecken noch den Spott zu +tragen. Denn es waren gar viele Zuhörer im Saale, die dafür Sorge +trugen, daß der Richterspruch bekannt wurde. Hatte der Bauer doch viele +Feinde, die ihm grollten, weil er sie oft betrogen hatte. So mußte er +beschämt abziehen und das Silbergeld an den Richter war auch verloren. + +Die Margret suchte den Ritter, um ihm zu danken; aber er war nicht +aufzufinden und so konnte sie nur im Stillen für ihn beten. + +Ihr Beschützer war in den Ratskeller gegangen, wo die vornehmen Bürger +beim Wein saßen und Rede austauschten über die Zeitläufte, den Übermut +der Geringen, die es den Herren gleich tun wollten und was dergleichen +erbauliche Gespräche mehr waren. Als der Junker im braunen Gewand +hereintrat, richteten sich aller Blicke auf ihn; denn ein Fremder war +immer gern gesehen, und die ritterliche Erscheinung ließ vermuten, daß +man einen vornehmen Mann vor sich habe. Der Richter, der allein in einer +Fensternische saß, winkte den Wirt herbei und hieß ihn, den Fremden an +seinen Tisch zu weisen; denn er war gar zu neugierig, was der am Orte +wolle. + +Mit höflicher Verneigung nahm Schlupps den angebotenen Stuhl an und +sagte auf die Frage des gestrengen Herrn, was ihn herführe: »Verzeiht, +Herr Richter, daß ich Euch nicht Auskunft geben kann, wie ich es wohl +möchte. Eine wichtige Aufgabe zwingt mich aber zur Geheimhaltung. Nur +so viel laßt Euch sagen, daß ich einem hohen Herrn diene, in dessen +Auftrag ich die Lande durchreise. Mein Fürst ist noch unbeweibt und -- +-- da hätte ich beinahe zuviel gesagt. Das kommt davon, wenn man einem +Herrn gegenübersitzt, dessen scharfer Blick alles durchschaut. Da läuft +die Red über, wie der Bach im Frühjahr über die Wiesen.« + +»Habt Ihr einen Auftrag an unseren vieledlen, hochmögenden Grafen von +Trutzenstein?« fragte der Richter und glaubte, den Fremden so auf +geschickte Art auszuholen. »Allerdings,« sagte sein Gegenüber zögernd, +»für den Herrn Grafen -- -- --.« »Das dachte ich mir,« fiel ihm der +Richter in die Rede. »Denn morgen ist ja bei dem Herrn Grafen ein großes +Fest zu Ehren seiner Tochter, die jetzt volljährig ist und sich einen +Gatten aus erlauchtem Geschlecht wählen soll. Gewiß kommt Ihr auch hin?« +»Geraten, Herr Richter!« sagte der Fremde. »Ich sehe schon, Euch kann +man nichts verbergen. Da wird es gewiß einen herrlichen Anblick geben. +All die geputzten Jungfräuleins mit ihrer Pracht und ihrem Geschmeide!« + +»Das will ich meinen!« rief der Richter stolz. »Öffnet nur die Augen +weit, um zu sehen, was unsere Frauen vermögen. Hab auch eine Tochter, +die ich morgen hingeleite; denn es sollen die Gespielinnen mit der +Grafentochter zugleich verlobt werden, und der Herr Graf will ihnen die +Gatten aussuchen und für ihre Ausstattung Sorge tragen, wie es der +Brauch vorschreibt. Hab meiner Tochter heute ein golden Geschmeide +angeschafft, daß sie daherkomme, wie es ihrem Stande geziemt.« + +»Das ist löblich, Herr Richter. Ein wohlgelungen Bild bedarf auch eines +würdigen Rahmens. Das sagte ich auch zu meinem hohen Herrn, als er mir +sein Bild mitgab.« »Verzeiht,« meinte jetzt der Richter. »Ist Euer Herr +ein Graf?« »Ein Fürst ist er,« sagte der Junker feierlich und lüftete +seine Kappe. »Er ist der Königssohn von Golconda. Sein Reich ist das +herrlichste was Ihr Euch denken könnt. Da ist nichts öde und kalt. Wohin +das Auge blickt, seht Ihr üppige Felder, grüne Haine, Wiesen und Blumen. +Immer strahlt eine goldene Sonne herunter. Die Vögel singen schöner denn +in andern Ländern; die Blumen duften würziger, die Frauen sind wie Feen, +zart und lieblich, und doch darf der Prinz keine von ihnen heiraten. Es +ist ein uralt Gesetz, daß seine Gemahlin aus fernen Landen stammen muß. +Da er aber sein Reich nicht verlassen darf, schickte er mich auf die +Brautfahrt, damit ich mich umsehe nach einer Gemahlin, die seiner würdig +sei. Nicht Stand, nicht Reichtum sind entscheidend -- --.« Plötzlich +unterbrach er sich wie erschreckt. »Jetzt habe ich dem Herrn doch +verraten, was ein Geheimnis bleiben sollte. Ich bitte, sagt keinem, was +mich herführt, bis ich es selbst enthülle.« + +»Seid unbesorgt,« nickte der Richter. »Will das Anvertraute wohl hüten. +Unweit von hier ist des Grafen Schloß, könnt es zu Pferde in einer +halben Stunde erreichen. Doch verzeiht, wie soll ich Euch nennen, wenn +ich Euch wiedersehe, da ich den Namen nicht verstanden habe?« + +»Nennt mich Ritter von Bauernmark. Bin von uraltem Geschlecht, das schon +manchem Herrn geholfen hat, sein Reich zu schützen und zu halten.« + +»Gehabt Euch wohl, Herr Ritter. Auf Wiedersehen!« Damit reichte der +gestrenge Herr dem Fremden die Hand und verließ ihn, froh, seinem +Eheweib eine angenehme Kunde zu bringen. Denn seine Frau wollte immer +gern hoch hinaus, und ein Prinz wäre ihr als Eidam gerade recht gewesen. +Sie war sehr eitel auf ihre Tochter und meinte, jeder müsse von ihr so +eingenommen sein, wie sie als Mutter von ihr war. Da sie aber kein gutes +Herz hatte, so gewöhnte sie auch die Tochter an ein selbstisch Wesen und +die beiden Frauen trugen mit die Schuld daran, daß der Richter die Armen +bedrückte und das Recht verkaufte, statt es, wie der liebe Herrgott das +Sonnenlicht, über Arme und Reiche gleich leuchten zu lassen. + + + + +Das Fest + + +Am andern Tage war auf dem Schlosse des Grafen ein Kommen und Gehen. Von +weit her waren Edle erschienen, um die Grafentochter und ihr reiches +Erbe zu gewinnen. Das Fest sollte schon seinen Anfang nehmen, als +zuletzt ein Wagen anfuhr, dem ein Ritter entstieg in rotem Sammetanzug +mit Barett und Feder. Er trat auf den Grafen zu, verneigte sich zierlich +und sprach: »Erlaubt, hochedler Herr, daß ich an Eurem Feste teilnehme. +Ritter von Bauernmark nenne ich mich. Mein Herr ist der Prinz von +Golconda, und als Geburtstagsangebinde erlaubt mir, Eurer vieledlen +Tochter das Bildnis meines Herrn zu überreichen.« Damit enthüllte er das +Konterfei, das ihm der Maler geschenkt hatte. Der Graf nickte huldvollst +und sprach: »Seid willkommen in unserm Kreis, Herr Ritter, und möget Ihr +Euch darin so heimatlich fühlen, als in Eures Herrn Landen.« Dann +geleitete er den Gast zu seiner Tochter, und der Ritter von Bauernmark +überreichte sein Geschenk kniend, wie es Sitte der Edlen war. + +Als die Grafentochter aber einen Blick auf die Gabe warf, stutzte sie; +denn sie vermeinte, eine Ähnlichkeit mit dem Ritter vor ihr zu finden +und es kam ihr plötzlich der Gedanke, das Bild und der vor ihr kniete +müßten ein und dieselbe Person sein, und kleine Änderungen seien nur vom +Maler gemacht, damit die Gleichheit nicht zu auffällig wäre. + +Dasselbe dachte die Richterstochter, die neben ihr stand. Weil sie +nichts verschweigen konnte, flüsterte sie der Gespielin zu, was der +Vater ihr über des Ritters Sendung anvertraut hatte und daß dies der +Prinz selbst zu sein scheine. Da lächelte die Grafentochter gar +holdselig auf den Knienden herab, reichte ihm die Hand, hieß ihn +aufstehen und ließ sich von ihm zu Tisch führen, allwo ein reiches +Schmausen anhub und Pagen goldne Pokale mit köstlichem Wein +herumreichten. Abseits aber stand der Graf in Beratung mit dem Richter, +der ihm anvertraute, was der fremde Junker hier wolle. + +»Ich muß Euch zürnen, Richter,« sprach der Graf. »Seit Monden habe ich +von Euch keine Abgabe mehr erhalten, und Ihr wißt, daß meine Hofhaltung +viel Geld verschlingt.« + +Seufzend griff der Richter in die Tasche und holte den Beutel mit +Silbergeld heraus, den ihm der Bauer gegeben. »Das ist alles, was ich +heute abliefern kann, hoher Herr,« sagte er und warf dem Grafen einen +tückischen Blick zu. Wußte er doch, daß sein Eheweib schmähen würde, +wenn er ohne Geld heimkam. »Die Leute meinen, das Recht müsse umsonst +sein wie der Tod und halten die Goldstücke zurück.« »So sorgt, daß sie +bald anderer Meinung werden,« sagte der Burgherr unwillig und wandte +sich seiner Tochter zu, die sich von der Tafel erhoben hatte und zu ihm +getreten war. Erstaunt sah er, daß sie ein verdrießlich Gesicht zog. Die +goldene Schnalle der Richtertochter war ihr aufgefallen, und das Herz +stand ihr danach. Sie drang in den Vater, er müsse für sie das Geschmeide +erlangen, sonst würde sie vor Gier und Sehnsucht krank werden. Der Graf, +der seinem einzigen Kinde keinen Wunsch weigerte, winkte den Richter +herbei und befahl ihm, seiner Tochter aufzugeben, daß sie gleich das +Schmuckstück ihrer hohen Gespielin als Geburtstagsangebinde überreichte, +und so drohend sah er aus, daß ein Widerspruch vergeblich gewesen wäre. +Der Richter rief seine Tochter, führte sie abseits in eine Fensternische +und beschwor sie, den Schmuck herzuschenken. Er erinnerte sie an den +festen Turm, darinnen die Unglücklichen schmachteten, die sich auf der +Landstraße den Reisigen des Grafen widersetzt hatten und bewies ihr, +daß es dem mächtigen Herrn ein Leichtes sei, sie beide zu verderben. So +legte sie weinend den Schmuck ab und behielt nur die Münze, die sie an +einem güldenen Kettlein um den Hals trug. Die Grafentochter aber steckte +stolz die Schnalle recht auffällig an ihr Busentuch. + +Während dessen herrschte an der Tafel eitel Lust und Fröhlichkeit, und +besonders Ritter von Bauernmark erheiterte die Runde durch Späße und +Scherze, berichtete von allerlei fremden Völkern und ihren Bräuchen und +trank dabei auf das Wohl der Schönsten im Saale. Dabei ließ er die +Blicke im Kreise herumschweifen, also daß er jedem Mägdlein in die Augen +sah, und jede schon glaubte, sie sei die Prinzessin von Golconda. Des +Richters Tochter hatte allmählich den Gespielinnen das Geheimnis +vertraut, und so war des Ritters Auftrag jedem bekannt. Als die Tafel +sich ihrem Ende neigte und die Pagen türkisches Konfekt und Leckereien +herumreichten, erhob sich der Ritter von Bauernmark und sprach: +»Vieledler Herr Graf! Verzeiht, wenn ich mich jetzt an Euch wende und +einen Auftrag bestelle, dessen Ausführung keinen Aufschub erleidet. Ich +komme als Abgesandter meines hohen Herrn, um ihm eine Braut zu suchen, +die würdig sei, den Thron seiner Väter mit ihm zu teilen. Drei +Bedingungen knüpft er an seine Werbung. Erstens dürfte in dem Lande, dem +die Holde entstamme, nie ein ungerechter Richterspruch geschehen sein, +nie das Recht für Geld verkauft werden. Denn Ungerechtigkeit ist wie ein +ansteckend Gift, das in alle Seelen eindringt, und wo das Recht +käuflich ist, da ist auch Liebe und Treue feil. Zweitens darf im Hause +der Erwählten kein ungerecht Gut sein, ob viel oder wenig, und drittens, +und das ist das schwerste, soll die Braut nicht begehrlich sein, sondern +bescheidenen Sinns und demütigen Herzens. Wie sie aber aussehen solle, +hat mein Herr mir so eindringlich beschrieben, daß ich seine Meinung +genau kenne. So gestattet mir, edler Herr, wenn Euch die Werbung meines +Herrn genehm ist, die Jungfrauen, die hier versammelt sind, zu mustern, +und, wenn ich die Rechte finde, sie im Namen meines Herrn um ihre Hand +zu bitten.« + +»Das sei Euch unverwehrt, edler Ritter,« sprach der Graf. »Wenn der Tanz +jetzt anhebt, so betrachtet meine Schönen wohl und tut mir kund, auf +welche Eure Wahl gefallen ist.« Im stillen aber hoffte er, seine Tochter +würde die Erkorene sein. Einen fürstlichen Eidam zu haben, das war das +Ziel seiner Wünsche, und er häufte Gut und Geld zusammen, um sein Kind +zur reichsten Erbin zu machen. + +Während die Jungfrauen sich im Tanze drehten und neigten, die Häupter +bald senkten und hoben, mit spähenden Blicken nach dem Brautwerber +schielten und jede sich für die Auserwählte hielt, stand Bauernmark +neben der Grafentochter. Plötzlich weiteten sich seine Augen und er rief +laut: »Himmel, was sehe ich! O traurig Zeichen!« Der Tanz stockte. Alle +Gäste drängten sich herbei. Der Graf forschte angstvoll, was seinem Gast +fehle. »Etwas Schreckliches macht mich erzittern,« antwortete der +Gefragte. »Mein hoher Herr, der Prinz, hat einen Bruder, der um ein +Jahr jünger ist, denn er. Den duldete es nicht im Haus. Er wollte in die +weite Welt und ließ sich durch keine Bitten halten. Unsere Königssöhne +aber hatten jeder ein Gewerbe erlernt, das schrieb das Gesetz des Hauses +ihnen vor, damit sie wissen sollten, wie dem, der hart arbeitet, zu Mute +ist. Als es nun an das Scheiden ging, beschlossen beide, einander etwas +zum Andenken zu geben, und sie schmiedeten aus Gold zwei Schnallen, die +sollte jeder von ihnen tragen, sie nie ablegen und mit dem eignen Leben +als höchstes Gut verteidigen. Und seht, die Schnalle, die Ihr, edle +Herrin tragt, erkenne ich als die des jüngeren Prinzen. Die linke Hälfte +ziert das Zeichen der Schlosser, zwei gekreuzte Schlüssel, die rechte +zeigt das Wappen der Nagelschmiede, ein Herz von drei Nägeln durchbohrt, +und je länger ich darauf sehe, desto mehr kommt es mir vor, als ob aus +dem Herzen zwei rote Tropfen fließen. Lebt der Prinz noch, er hätte sich +nie davon getrennt, auch nicht in höchster Not. Nur Räuberhand kann es +ihm entrissen haben. So sprecht! Wie seid Ihr dazu gekommen? Wer hat es +gewagt, in Eure Hand dies fluchbeladene Geschmeide zu legen?« + +Die Grafentochter erblaßte. Dann sprang sie auf ihre Gespielin zu und +rief zornig: »Hier, die Richterstochter ist es gewesen! Die Falsche +wollte mir bei Euch schaden, damit Ihr ungerecht Gut bei mir fändet. Als +Geburtstagsangebinde brachte sie mir den Schmuck.« + +»So?« rief die Angegriffene aufgebracht. »Habe ich es Dir gegeben oder +hast du es mir abgefordert und mich an Leib und Leben bedroht, wenn ich +es nicht freiwillig herausgäbe? Gezwungen hast du mich, weil deine +Begehrlichkeit mir das Kostbare nicht gönnte. Und nicht durch Raub +erlangte ich es -- mein eigner Vater gab es mir!« + +»Und woher habt Ihr es, Herr Richter?« forschte Bauernmark. Der +gestrenge Herr war bestürzt, daß er nicht vermochte, eine Lüge +auszusinnen und ratlos dastand. »Ein armes Bauernweib brachte es -- --« +stotterte er, »Ich -- -- ich -- -- sollte ihr zu ihrem Recht verhelfen.« +Weiter kam er nicht; denn der fremde Ritter rief: »Jetzt wird mir alles +klar. Falscher Richter, Eure Schlechtigkeit ist enthüllt. Gestern traf +ich ein armes Bauernweib, das mir weinend erzählte, wie es sein letztes +Gut einem bestechlichen Richter habe geben müssen, um seinen einzigen +Acker zu behalten. Ein Schmuckstück sei es gewesen. Ein Sterbender, den +sie auf der Straße gefunden und in ihrer Hütte verpflegt habe, gab es +ihr vor dem Hinscheiden. 'Bringe es zu meinem Bruder,' hatte er mit +erlöschender Stimme gesagt. 'Er wird es Dich herrlich lohnen. Er heißt +-- --' da seien ihm die Augen zugefallen. Sie habe den Namen nicht mehr +gehört und konnte seine Bitte nicht erfüllen. Die Reisigen eines hohen +Herrn hatten den Fremden überfallen und beraubt; nur die Schnalle hatte +er in den Falten seines Gewandes retten können.« + +»Beruhigt Euch, edler Herr,« sprach der Graf. »Tröstet Euch. Wir wollen +dem Täter nachforschen.« Dabei zitterte seine Stimme, denn er wußte +wohl, daß es seine Knechte waren, die harmlose Wanderer auf der +Landstraße plünderten. »Seid sicher, daß der Schuldige seiner Strafe +nicht entgeht. Ihr, Richter,« wandte er sich in strengem Tone zu diesem, +»begebt Euch sofort mit Eurer Tochter aus dem Schlosse und lasset Euch +nie wieder darin blicken!« »Führt sie hinaus, weil sie es gewagt haben, +mit kecker Lüge meine Tochter zu schmähen,« gebot er den Knechten. + +Ehe der Richter und seine Tochter noch wußten, wie ihnen geschah, waren +sie über die Zugbrücke gestoßen und mußten mit Schimpf und Schande +abziehen. + +»Setzt das Fest fort!« gebot der Graf den Gästen, die bestürzt und +neugierig alles angehört hatten. »Wißt,« wandte er sich an den Ritter +von Bauernmark, »es ist nicht meine Schuld, wenn durch falsche Diener +das Recht in meinem Lande gebeugt wurde. Sagt Eurem Prinzen, meine Hände +sind rein.« + +»Wohlan,« sagte Bauernmark feierlich, »so werbe ich um Eure Tochter im +Namen meines Herrn. Vielleicht war es eine Vorbedeutung, daß ich die +Schnalle bei ihr finden sollte. Sie muß mir aber feierlich geloben, +keinen andern zu ehelichen, sondern in Treue auszuhalten, bis mein Herr +kommt und sie heimholt.« + +»Das gelobe ich!« rief die Grafentochter und streckte die Hand hoch. +»Das Bild Eures Herrn und die Schnalle behalte ich als Pfand.« »So seid +Ihr dem Prinzen von Golconda angelobt!« rief der Ritter mit hallender +Stimme. »Wie ich jetzt mit dem Schwerte einen Kreis um Euch ziehe, so +werfe ich jedem den Fehdehandschuh hin, der es wagt, Euch als Werber zu +nahen. Heimlich und unerkannt ziehen die Boten unseres Herrn im Lande +umher. Eine Prüfungszeit ist Euch beschieden. Habt Ihr während dieser +die Treue gehalten, so besteigt Ihr den Thron unseres Landes als Herrin. +Brecht Ihr aber Euer Gelöbnis, dann seid Ihr und jeder Freier, dem Ihr +Gehör schenkt, dem Tode verfallen. Nichts kann Euch vor der heimlichen +Rache unseres Volkes schützen.« + +Scheu wichen die Gäste vor der Grafentochter zurück, die in Furcht +erschauernd ihr Haupt senkte. + +»Beurlaubt mich baldigst, daß ich abreise und meinem Herrn Kunde bringe +von dem Glücke, das ihm bevorsteht,« schloß der Ritter. + +Als der Brautwerber am andern Morgen seinen Wagen besteigen wollte und +sich vor dem Grafen verneigte, zog dieser einen grünseidenen Beutel voll +Gold hervor und sprach: »Nehmt dies, Herr Ritter, als Dank dafür, daß +Ihr die Falschheit meines Richters aufgedeckt habt.« Vergeblich weigerte +sich Schlupps, das Geschenk anzunehmen. Der Graf drang immer inständiger +in ihn, bis er nachgab, es einsteckte und davonfuhr. + +Die Grafentochter wies jeden Freier, der sich ihr nahte, zurück und +wartete auf den Prinzen von Golconda. Ihr Vater aber wurde nach Jahren +von einem räuberischen Nachbarn überfallen, der Burg beraubt und mußte +mit seiner Tochter in der Hütte eines treuen Knechtes Unterkunft suchen. +Da harren sie beide des Ritters von Bauernmark, der sie heimholen soll +in das Reich seines Herrn, und warten noch heute. + + + + +Des Kaisers Bote + + +Wieder fuhr Schlupps im Lande umher. Da kam er eines Abends in ein Dorf, +das abseits von der großen Straße am Fuße eines Berges lag. Den Hang +hinauf kletterten die Häuschen, von denen eines hoch oben auf einem +Bergvorsprung stand und mit blinkenden Scheiben in die Sonne blinzelte. +»Hier wird schwer ein Unterkommen zu finden sein,« dachte Schlupps; denn +ein Wirtshaus schien weit und breit nicht zu sehen. »Werd im Freien +nächtigen müssen,« dachte er, »wie so manches Mal schon.« Da sah er +einen Mann eilends den zackigen Bergpfad herabspringen und winkte ihm. +Der Laufende stutzte, als er einen Fremden sah; denn einen solchen +führte der Zufall selten her. -- Nur manchmal kam armes Hudelvolk +vorüber oder ein Troß Landsknechte, die sich meistens herumtrieben und +einen Anführer suchten, der sie warb. Waren lauter Gäste, die scheel +angesehen wurden und mancher machte drei Kreuze hinterher, wenn sie +abzogen. Aber der vor ihm stand, war ein Herrischer, fein angezogen, der +mit Pferd und Wagen allein daherkam und ihm scharf in die Augen schaute. + +»Kann ich hier Nachtherberge finden?« Der Gefragte sah den Fremden an, +kraute sich den Kopf und meinte: »Wohl. Ein Krug ist im Dorf. Ob er dem +Herrn gefällt, ist eine andere Sache. Unansehnlich ist's da und laut +geht es heute zu. Gemeindewahl ist bald. Ausspann könnte der Herr dort +halten.« + +»Gibt's da ein Bett?« fragte Schlupps. »Geben mag's schon eins. Rat' +aber nicht dazu; denn die Wirtin ist keine gute. Sie steht mit der +Reinlichkeit auf gespanntem Fuß und kann das Waschen nicht übermäßig +leiden.« + +»Wo kann ich sonst nächtigen?« »Wenn's eine Streu tut, ist mir der Herr +willkommen.« »Wer seid Ihr?« forschte Schlupps. In des Mannes Wesen war +etwas, was ihm zusagte. Er hatte ein ehrliches Gesicht und in den Augen +leuchtete es auf wie von verhaltener Schelmerei. »Scheint eine Art +Vetter von mir,« dachte Schlupps. + +»Bin der Schweinehirt. Da oben das ist mein Häuschen.« Er wies hinauf zu +der höchstgelegenen Hütte. »Weit hinauf,« meinte der Fremde. »Ist gut, +wenn man weit ab von den Menschen haust,« nickte der andere. »Habt einen +guten Platz als Hirte, langt es zum Auskommen?« fragte Schlupps. »Knapp +geht's bei uns zu. Wißt, die Bauern zahlen nicht gern. Zwei Gulden im +Jahr und das Essen für mich und mein Weib, aber gar wenig. 'Damit Ihr +nicht so fett werdet wie unsere Schweine,' hat der Schultheiß gesagt und +gelacht.« »Und wie lebt Ihr davon?« »Wie's halt geht. Die Kathrin, mein +Weib, schafft noch im Feld und spinnt. Ich tu, was ich kann. Viel ist's +nicht mehr. Mein rechter Arm ist steif. Mit dem linken kann ich +schreiben; da verdien' ich ab und zu etwas bei den Bauern, denn von +denen ist keiner des Schreibens kundig.« »Was?« rief Schlupps. »Ihr seid +der Einzige im Ort, der lesen und schreiben kann?« »Ei freilich. Ein +fremder alter Mann hat's mich gewiesen. Hab ihn einmal vor Jahren in +meine Hütte aufgenommen, weil er gar so elend und verlassen war, noch +ärmer als wir. Hat mich nicht gereut, was ich an ihm getan. Der konnte +erzählen. Das war eine Lust, ihm zuzuhören. Man wurde nicht müd, wenn er +sprach und wußte nicht, wann der Abend aufhörte und die Nacht anfing. +Manchmal haben wir bis zum Morgen gesessen, der Alte und ich, und +geschwatzt.« + +»So wißt Ihr gewiß mehr als alle im Dorf,« neckte Schlupps. »Wär auch +nicht viel,« meinte der andere bedächtig. »Denken nicht von hier bis +dahin. Lassen sich die Sonne in den Mund scheinen und tun nur, was ihnen +schadet. Aber unsereins darf nicht reden, und wenn er zehnmal sieht, wie +sie das Dorf in Grund und Boden wirtschaften. Bin ja nur ein +Schweinehirt.« -- Ein spöttisches Lächeln flog über sein Gesicht. + +»Wer war bisher Schultheiß?« forschte Schlupps, der anfing, seine Laune +zu spüren. + +»Der Reichste, der am längsten im Dorf sitzt. Er ist Herr von dem großen +Hause drüben, auf dem die Wetterfahne knarrt. Der Waldsepp wird er +geheißen; denn sein ist der größte Wald landaus, landein.« -- -- »Und +wen machen sie jetzt zum Schulzen?« + +»Wohl den Büchsenmichel. Heißt so, weil er tagaus, tagein die Büchse auf +der Schulter hängen hat. Bei den Reichen geht das Amt reihum; die Andern +haben das Zusehen. Jetzt sitzen die Mannsleut im Wirtshaus, die +Kleinbauern, die Häusler und die Taglöhner und lassen sich sagen, für +wen sie nächstens die Hand hochhalten sollen. Stimmen doch nur zu ihrem +Schaden. Bekommen aber jeder ein Maß Wein frei vom Büchsenmichel und +wären im Stand und verkauften für den Trunk ihre Seligkeit.« + +»Könnt Euch doch gleich sein, Schweinehirt, wer Schulze wird,« warf +Schlupps nachlässig hin und hielt seine Pferde fest, die ungeduldig mit +den Hufen scharrten. »O nein, Herr,« rief der Hirte eifrig. »Seht, da +hat der Büchsenmichel die Jagd an sich genommen und zahlt der Gemeinde +ein Spottgeld dafür. Das Wild läuft in die Felder, macht alle Saaten +zunichte, und keiner darf eine Wildsau abfangen. Gleich macht er ihm den +Prozeß und es kostet eine harte Buße. Wenn's ein ganz armer ist, der +nicht zahlen kann, oft Leib und Leben. Der Waldsepp schlägt den Wald ab, +wo er will, daß die Lawinen herunterstürzen und alles umeinandreißen +können, und ist bald kein Baum mehr da, der sie aufhält. Und dort, wo +der Wildbach herunterstürzt und im Frühjahr den Dung von den Feldern +spült und das gute Erdreich fortschwemmt, da müßte ein Gemäuer gemacht +werden aus Steinen und Reisig. Ist aber zu nichts Geld da und keiner +kümmert sich darum. Die Reichen wollen nicht zahlen und die Armen +haben's nicht dazu. Zum Schulhaus langt's schon gar nicht. Der letzte +Schulmeister hat sich müssen als Knecht verdingen, um nicht Hungers zu +sterben. Das Schulhaus ist verfallen und die Kinder wachsen auf, daß +Gott erbarm. Hätten wir einen Schultheiß wie sich's gehört, der an den +Kaiser schreibt, damit Recht und Ordnung herkäme, es wäre eine Freud, +was aus unserm Dorf werden könnte. Aber so -- -- ein Jammer ist's.« + +Er brach ab und hielt erschreckt inne. Wie konnte er sich nur verleiten +lassen, so frei heraus zu sprechen, noch gar zu einem Fremden. Einem +Herrn! Wer weiß, was der für einer war und ob er es nicht mit denen +hielt, die Reichtum und Ehren hatten. Aber jetzt klang die Stimme des +Junkers gütig: »Schweinehirt, Ihr gefallt mir. Sagt mir noch, was tut +Ihr denn mit den Gebrechlichen und Kranken, den Waislein und +Heimatlosen?« + +Der Hirt sah hoch, streckte den Arm aus und wies auf den Gottesacker. +»Da können's hin, oder in die weite Welt. Für unnütze Brotesser ist kein +Platz im Ort, hat der Schultheiß gesagt.« + +»So, so, bläst der Wind daher? Da ist es an der Zeit, daß ich gekommen +bin,« murmelte Schlupps. »Wißt, Schweinehirt, muß mir Eure Mannsleut +einmal in der Nähe besehen. Zeigt mir das Wirtshaus.« + +Wie er in die Gaststube trat, die niedrig und verräuchert war, da hob +alles erstaunt die Kopfe, als der herrische Junker mit hallenden +Schritten zu einem Tische ging und laut rief: »Wirt, Einen vom Besten! +Aber rasch!« Kaum aber stand der Becher vor dem Herrn, so trank der nur +einen kurzen Schluck und sagte zu dem Nächstsitzenden: »Gebt's weiter!« +Das ließ sich der nicht zweimal sagen, tat einen kräftigen Zug und ließ +den Becher herumgehen. Die Bauern tranken und staunten, rissen die Augen +auf, stießen sich an und schoben die Zipfelmütze hin und her. Das war +ihnen noch nicht vorgekommen. Ein vornehmer Herr, der so gemein tat, daß +er unter ihnen saß, einen Wein nach dem andern ihnen vorsetzen ließ und +zuhörte, was sie redeten. Doch jetzt erhob sich der Junker und sprach +laut: »Männer! Ich komme weit her. Des Kaisers Kanzler schickt mich, daß +ich in seinem Lande nach dem Rechten sehe; ihm berichte von allem, was +sich zuträgt und wie seine Untertanen nach Zucht und Sitte leben. So +wißt: Jeder Ortsschultheiß soll mir in einer Schrift kund tun, wie es +zugeht in seinem Dorf. Ob der Schullehrer die Kinder unterweist und sie +in Gottesfurcht und Tugend heranzieht. Wie die Felder gedeihen; ob Ihr +dem Wildschaden steuert, daß nicht der Fleiß zunichte gemacht wird und +statt der Menschen die Wildschweine das Kraut und die Rüben fressen. Tut +auch zu wissen, wie Ihr für die Armen sorgt, ob Ihr ein Spittel für die +Kranken habt und ein Kloster für die Gottwilligen. Schreibt alles genau; +denn der Kaiser läßt hintennach alles wohl untersuchen. Sollte aber in +dem Schreiben etwas stehen, was nicht vor seinen strengen Richtern für +wahr befunden wird, dann läßt er den Schultheiß binden und gefangen +setzen. Und der Prozeß ist gar kurz. Des Seilers Tochter macht Hochzeit +mit ihm und der Galgen ist schon da, an dem er baumeln muß.« Den reichen +Bauern, die eben noch mit vollen roten Backen dagesessen, wurden die +Gesichter schmal und spitz, als sie das hörten. Die Kleinbauern und +Häuslerleut aber erhoben die Köpfe und sahen sich schmunzelnd an. +»Möchte jetzt nicht der Büchsenmichel sein, und der Waldsepp ist auch +nicht zu beneiden,« dachte mancher von ihnen schadenfroh. »Wißt, Herr,« +kam jetzt der Wirt näher, »mit dem Schultheiß sind wir eben schlimm +dran. Der's bislang gewesen, ist es seit einer Woche nimmer, und einen +neuen haben wir noch nicht. Konnten keinen finden. Will sich keiner dazu +hergeben, ein so saures Amt zu verwalten.« Dabei blinzelte er dem +Büchsenmichel zu, als wollte er sagen: laß mich nur machen. + +[Illustration: Schultheiß Schweinehirt] + +»Nehmt den Gescheitesten am Ort,« sagte der Fremde. + +»Das hab ich allweil auch gesagt; bin ganz der Meinung des Herrn,« +schwindelte der Wirt. »Aber wer ist der Gescheiteste? Keiner will ein +Dummer, jeder ein Kluger sein, und keiner läßt den andern mehr gelten +als er selbst ist.« »So nehmt den, der am besten mit der Feder und der +Rede Bescheid weiß; nicht so viel hat, daß er sich mehr dünkt als die +Andern. Einen, der alle im Dorf kennt, weiß, wie's jedem zu Sinn ist und +bei den Kleinen und Großen wohl angeschrieben ist. Weiset ihn auch an, +aufzuschreiben, wie es um Euer Geld steht und ob Ihr für die +Landsknechte unseres Herrn Kaisers eine tüchtige Ladung Goldgulden +schicken könnt. Denn der Türke steht vor dem Lande, und wenn er +herkommt, bleibt nichts niet- und nagelfest. Er brennt Euch die Häuser +über den Köpfen weg. Also richtet Euch ein: in zwei Tagen komme ich und +hole mir Bescheid.« + +Dabei zahlte er und verließ das Wirtshaus, wo die Bauern dasaßen, als +hätte sie einer vor den Kopf geschlagen, vor sich hinstierten und kein +Wort zu sagen wußten. + +Der Fremde hatte seine Kutsche bestiegen und war fortgefahren, hinaus in +eine einsame Jagdhütte, die ihm der Schweinehirte beschrieben und die +einst einem hohen Herrn als Landaufenthalt gedient hatte. Jetzt lag sie +einsam und verlassen, und nur manchmal stellte ein Fuhrmann seinen Wagen +unter, wenn die Nacht ihn auf der Fahrt überraschte, oder wenn er das +Geld im Wirtshaus sparen wollte. Die Bauern aber wunderten sich, wo der +fremde Herr mit einmal hingekommen war und gingen am andern Morgen mit +verstörten Gesichtern umher. Hatten sie bisher Zwist miteinander gehabt, +weil jeder von ihnen Schultheiß sein wollte, so wichen sie jetzt +einander aus, weil jeder sich fürchtete, der andere wolle ihm zureden, +das Amt zu übernehmen, und keiner die Schrift an den Kaiser aufsetzen +konnte. + +Heimlich aber schlichen sie auf Umwegen zu dem Schweinehirten und baten +ihn um Gotteswillen, doch für dieses Mal Schultheiß zu spielen und ihnen +zulieb das Amt anzutreten. »Tut's, Simmel,« sagte der Waldsepp. »Habt +ein Einsehen. Was kann Euch denn geschehen?« »Meint Ihr?« rief des +Simmels Weib. »Mein Mann dürfte leichter hängen als Ihr? Wenn er jetzt +dem Kaiser alles schreibt, wie's hier zugegangen ist im Dorf und wie Ihr +gehaust habt, vermeint Ihr, der wird ihn strafen? Weit gefehlt! Euch +geht's an den Kopf und so könnt Ihr es gleich auf Euch nehmen und wieder +Schultheiß spielen.« »Weib, schweigt still und laßt Euren Mann reden,« +entfuhr es dem Sepp. »Simmel, überlegt nicht lang. Auf Geld soll es uns +nicht ankommen.« + +Während dessen ging ein Handwerksbursche von Haus zu Haus, bat um einen +Zehrpfennig und erzählte dabei, wie er weit herkomme und ob sie schon +gehört hätten, daß der Türke nahe sei, senge und brenne und alles +mitnähme. Hab und Gut, die Ochsen aus dem Stall und die Kleider aus der +Truhe. Und da die Männer alle auf dem Felde schafften und nur das +Weibervolk daheim war, so entstand bald am Brunnen ein Schwatzen und +Wehklagen. Die Weiber liefen zueinander, jammerten und schrien und dann +rannten sie heim und packten, was sie erreichen konnten, um es +mitzunehmen, wenn der Türke käme. Da trug eine die Mulde voll Brot, das +sie vom Bäcker geholt hatte und das noch dampfte, denn sie wollte nicht +warten, bis es gar war, sondern hatte es gleich aus dem Backofen +gerissen und war damit fortgelaufen. Eine andere trug heulend ein +mächtiges Bündel Stroh auf dem Rücken, darin hatte sie ihr Kindchen +gebunden, daß es im Walde weich liege. Ein Drittes schleppte keuchend +eine leere Waschbütte herbei, wußte selbst nicht wozu, und eine Alte +hatte eine Gans fest unter den Arm gepackt und zerrte in einem Netz +Hühner und Enten mit. Es war ein Durcheinander, ein Heulen und Schreien, +ein Laufen und Rennen. Betten flogen aus dem Fenster und unten auf der +Gasse stürzten sich die Buben darauf und schleiften sie durch Pfützen +und Moor über Stock und Stein. Der alte Küster humpelte in die Kirche, +faßte den Glockenstrick und schwang ihn mit aller Macht, daß die alte +Glocke, die schon einen Sprung hatte, jammervoll hinausklang auf die +Felder, und die Kinder liefen hin und her, schwenkten ihre Stäbe und +schrieen: »Der Türk! der Türk!« Und wäre er wirklich dagewesen, so +hätte es nicht können schlimmer zugehen, denn die Furcht machte mehr Not +und Unruh als der Krieg und der Feind. + +Vom Felde her aber eilten auf das Geläut die Männer herbei mit Sicheln +und Sensen, mit Dreschflegeln und Äxten und rotteten sich unter der +Linde zusammen. Gerade kamen die Großbauern von der Beratung beim +Schweinehirten zurück, blieben stehen und nahmen erstaunt wahr, wie das +Volk unter der Linde stand und schrie und tobte. »Ihr kommt uns gerade +recht,« rief ein junger Bursche mit funkelnden Augen. »Jetzt gebt Eure +Goldgulden heraus für des Kaisers Soldaten. Der Türk kommt.« »Geld raus! +Geld raus!« schrien einige und hielten die Sensen hoch. Die Weiber +heulten und kreischten. »Der Türk! der Türk!« und vermeinten schon, ihn +vor sich zu sehen. »Gebt Ruhe!« klang es laut über den Platz. Der +Schweinehirt war auf eine Bank gestiegen, die vor dem Wirtshaus stand. +»Gebt Ruhe! Schämt Ihr Euch nicht, so wüst zu tun? Was wollt Ihr +eigentlich? Sprecht und sagt deutlich, was Ihr begehrt!« + +»Einen andern Schultheiß!« riefen einige. »Einen andern Schultheiß,« +stimmten die andern zu, und die Großbauern schrien: »Da habt Ihr den +Rechten. Der Schweinehirte soll es für dieses Mal sein.« »Wir wollen, +daß die Armen auch einmal an die Reihe kommen,« ließ sich der Waldsepp +vernehmen. »Wählt den Simmel!« + +Der wollte Einwendungen machen und heruntersteigen; aber starke Arme +hielten ihn auf der Bank fest, und Arm und Reich schrie: »Du mußt! Du +mußt!« + +Da sah der Simmel um sich, winkte, daß es plötzlich stille ward und +sagte ruhig: »Also Männer. Ihr wollt, daß ich Schultheiß werde und Recht +hier zu sagen habe. So schwört mir vorerst, daß alles geschieht, wie ich +es verlange.« + +»Wir schwören!« klang es einstimmig, und die Großbauern schrien es am +lautesten. Mit dem Schweinehirten wollten sie schon fertig werden. Der +mußte doch tun, was sie wollten, wenn er nur erst die Schrift an den +Kaiser aufgesetzt hatte. + +»So bestimme ich,« rief der neue Schultheiß, »daß jeder Großbauer +hundert Goldgulden an die Gemeindekasse zahlt!« »Hoho!« schrie der +Büchsenmichel wie besessen. »Die Wahl gilt nicht.« »Wohl gilt's!« riefen +die Kleinbauern und hielten die Sensen hoch. »Wohl gilt's!« rief der +Simmel mit starker Stimme. »Habt es ja selbst so gewollt. Geht heim und +holt das Geld auf der Stelle und einige von Euch gehen mit.« + +Da blieb den Bauern nichts übrig, als zähneknirschend umzukehren und das +Geld zu holen, und bald häufte sich ein Goldberg auf dem Holztisch vor +dem Wirtshaus. Der Wirt mußte einen Sack herbeibringen; in den wurde das +Gold gefüllt und dann mit Wachs und Siegel fest verschlossen. »Haben die +Großen zahlen müssen, so kommen jetzt auch die Kleinen an die Reihe,« +rief der neue Schultheiß. »Kleinbauern! Ihr habt jeder eine Fuhre +Bauholz zu fahren für ein neues Schulhaus, und Ihr Häusler,« wandte er +sich an diese, »müßt jeder zwei Tage im Monat daran arbeiten. Denn das +gibt's nicht bei uns,« setzte er hinzu, »daß einer annimmt und nichts +dafür tut. Ist die Schule doch für alle Kinder im Dorf ohne Unterschied. +Und wer etwas annimmt, ohne etwas dafür wieder zu geben, der leidet an +Seele und Leib Schaden; denn er meint, er müsse nur das Maul auftun, und +die gebratenen Tauben fliegen ihm dann hinein. Er verlernt das Arbeiten +und das Wollen und weiß nicht, daß er sich selbst helfen kann.« »Recht +hat er,« schrie der Waldsepp, der sich freute, daß die reichen Bauern +nicht alles allein zahlen mußten, sondern daß die andern auch den neuen +Herrn im Dorf zu spüren hatten. + +»So ist des Kaisers Meinung!« klang es plötzlich. Der Junker im braunen +Wams war herzugetreten. Da flogen die Kappen vom Kopf, und die Sensen +und Sicheln sanken herunter. + +»Werd's dem Kaiser berichten, wie Ihr Ordnung und Recht im Dorfe +geschaffen habt,« sagte er mit fester Stimme. »Eine große Freude wird es +dem Herrn gewähren; denn nur wo Recht und Zucht herrscht, kann ein Land +gedeihen.« »Herr,« bat der Simmel, »wollt Ihr nicht das Geld für des +Kaisers Heer gleich mitnehmen?« »Nein, nein,« wehrte der Junker. »Wenn's +an der Zeit ist, wird es der Kaiser schon holen lassen. Einstweilen +verwendet davon für Eure Gemeinde und tut damit, was not ist. Laßt Eure +Kinder tüchtig lernen. Erzieht sie zu rechtschaffenen, aufrechten +Männern und haltet alles so, daß Ihr vor des Kaisers Kanzler mit Ehren +bestehen könnt.« + +»So bitten wir Euch, Herr, etwas als Geschenk von uns anzunehmen, als +Wegzehrung. Denn wäret Ihr nicht gekommen, so läg unser Dorf noch im +Argen, und Ordnung und Zucht hätten nie Einkehr gehalten. Jetzt +versprech ich Euch: Anders soll es werden und alle Vierteljahr werd ich +dem Kaiser in einer Schrift Kunde geben, wie es bei uns zugeht.« + +Damit reckte sich der Simmel hoch und sah herausfordernd um sich, und +man konnte zum ersten Male sehen, was für ein hoch gewachsener Mann er +eigentlich war, und wie hell seine Augen leuchteten. Denn bis dahin war +er immer gebückt gegangen, als drücke ihn seine Niedrigkeit und Armut, +und als müßten seine Augen den Erdboden suchen, anstatt in die Sonne zu +sehen. Jetzt schaute er die Menge an, als wollte er sagen: »Ich bin +Schultheiß, hütet Euch wohl.« Und die Bauern duckten die Köpfe. Der +Schweinehirt machte ihnen Sorge. Mit dem war nicht gut anbinden, das +merkten sie jetzt und bereuten im Stillen ihre Angst, die sie geheißen +hatte, ihn zu wählen. Fiel ihnen aber der Türke und des Kaisers Kanzler +ein, dann lief es ihnen kalt über den Rücken. Dann schon lieber den +Simmel zum Schulzen. + +»Hoher Herr!« bat jetzt der Schultheiß eindringlich. »Weiset unsre Gabe +nicht zurück. Ihr habt sie redlich verdient. Wenn Ihr nicht bei uns +eingekehrt wäret, hätt' es in unserm Dorf noch lange bös ausgesehen. Und +nicht, weil Ihr des Kaisers Bote seid, sondern weil Ihr ein Herz für +alle habt und für das Recht eintretet, wollen wir Euch erkenntlich +sein.« + +Da nahm der fremde Junker etliche Goldstücke an, bestieg seinen Wagen +und fuhr davon. Der Schweinehirte aber blieb Schultheiß und das Dorf +gedieh unter seiner Hand. + + + + +Die Königswahl + + +Jetzt will ich aber sehen, seßhaft zu werden, dachte Schlupps. Das ist +kein Leben, immer in der Welt herumzufahren und von allen Menschen +scheel angesehen zu werden als Müßiggänger und Tagedieb und nichts zu +tun zu haben, als seinen Spott mit ihnen zu treiben. Doch was beginnen? + +Ein Handwerk ausüben war nicht nach seinem Sinn. Das Schulmeistern noch +einmal anzufangen lockte ihn nicht. Als Ritter umher zu ziehen, Bauern +und ungerechte Richter züchtigen, hätte ihm am besten gestanden. +Schließlich hoffte er auf den Zufall, der immer der Freund der +Herumwandernden war und ihn gewiß an die rechte Stelle führen würde. Und +sein Glaube sollte nicht trügen. Eines Tages kam er in eine Gegend, die +ihm bekannt vorkam und die er seines Wissens noch nie gesehen. Schwarze +Fahnen waren in Abständen in den Boden gesteckt. »Was bedeutet das?« +fragte Schlupps einen Mann, der langsamen Schrittes die Straße daher +kam. »Unser guter König ist tot,« sagte der. »Schon seit Wochen suchen +wir einen neuen. Aber schwer ist der zu finden.« -- »Hat Euer König +denn keinen Sohn?« »Ach nein, Herr, nur eine Tochter. Wer König werden +will, muß die freien. Es waren schon genug Prinzen da: schöne und +häßliche, reiche und arme, dicke und dünne. Aber keiner konnte König +werden, denn er wußte das Wort nicht.« + +»Was für ein Wort?« fragte Schlupps erstaunt. »Seht Ihr, Ihr wißt es +auch nicht!« rief der Mann. »Da habt Ihr's, wie sollen es die fremden +Prinzen wissen?« Mehr konnte Schlupps nicht aus ihm herausbringen, so +viel er auch frug. »Ja, das Königsein, das Königsein,« sagte der Mann. +»Ist nicht so einfach, nicht so einfach. Bin froh, daß ich es nicht sein +muß, nicht sein muß.« Damit bückte er sich zu seinem Acker nieder und +fing an, Erdäpfel auszugraben, so dicke und große, wie Schlupps sie noch +nie gesehen. »Mein Nachbar hat noch dickere,« meinte er, als er die +verwunderten Blicke des Fremden gewahrte. »Da kommt er. Töffel, weise +dem Herrn deine Feldfrüchte,« rief er dem Nachbarn zu. Der grüßte: »Jo, +jo, dick. Sehr dick!« »Wieso erreicht Ihr, daß sie so werden?« fragte +Schlupps wißbegierig. Der Angeredete lachte blöde. »Wachsen in der +Erde.« »Natürlich,« gab Schlupps ärgerlich zur Antwort. »Das seh ich. +Was tut Ihr dazu, daß sie so dick werden?« »Weiß nicht. Warte, bis sie +dick sind,« war die Antwort. + +Schlupps ließ die Beiden stehen und fuhr weiter. An einem Wirtshause +machte er Halt, stellte seinen Wagen ein und beschloß, die Gegend zu Fuß +zu durchwandern. Überall sah er schwarze Fahnen aufgestellt. Auf sein +Befragen erzählte ihm der Wirt, was es mit dem Königswerden auf sich +habe. + +Jeder, der Herrscher im Lande sein wollte, mußte ein bestimmtes Wort +aussprechen, das immer nur der König kannte und auf dem Totenbette +seinem Kanzler anvertraute. Der hatte darüber zu wachen, daß der +Thronbewerber das richtige Wort sage. Habe bis zum vierzigsten Tage nach +dem Tode des Königs niemand das Wort gesprochen, so bleibe das Land ohne +König und es gäbe ein furchtbares Unglück. Denn der König müsse nicht +nur herrschen, sondern auch die neuen Menschen vom Lebensbaume +abschütteln, der im Schloßgarten stände. Sobald im Lande zwei Menschen +gestorben sind, geht der König an den Baum, rüttelt ihn und zwei Kinder +springen herunter, die gleich genau so aussehen wie die Erwachsenen. +Jetzt sei der gute König schon achtunddreißig Tage tot. Die Prinzessin +harre des Gemahls, und noch habe sich keiner gefunden, trotzdem viele +Prinzen da waren und Worte in allen Sprachen geredet hätten. + +Die Sache kam Schlupps sonderbar vor. Er ergriff seinen Wanderstab und +frug noch, ehe er weiterschritt: »Wie heißt Euer Land, Herr Wirt?« + +»Das Land derer, die nicht alle werden,« war die Antwort. + +»Die nicht alle werden,« murmelte Schlupps und wanderte los. An einer +Straßenbiegung sah er einen Mann stehen, der hielt mit seinem Rößlein an +einem leeren Brunnentrog; aber kein Wasser floß aus dem ausgehöhlten +Baumstamm, in dem das Rohr lag. »Was ist hier, guter Freund?« rief +Schlupps ihm zu, als er sah, wie das Pferd mit der Zunge gierig im +leeren Becken nach Wasser suchte. »Es fließt nicht,« klang es zurück. +»Laßt mich sehen; bin eine Art von Brunnenmeister.« Schlupps beugte sich +nieder. »Ei, da steckt ja ein Stein im Rohr, müßt den herausmachen.« Der +andere schüttelte den Kopf. »Das haben gewiß des Nachbars unnütze Buben +getan. Ich zieh ihn nicht heraus.« + +»Aber Euer Pferd verdurstet indessen,« sagte der neue Brunnenmeister. +»Will es Euch in Ordnung bringen.« + +»Nein! Nein,« beharrte der Bauer. »Wer es hineingetan hat, soll es +wieder herausziehen.« Das Pferd schnappte und wendete kläglich den Kopf +nach seinem Herrn. »Laßt mich Euch helfen, es ist ja nur eine +Kleinigkeit,« bat Schlupps eindringlich; denn er hatte Mitleid mit der +armen Kreatur. + +Der Andere sah ihn mißtrauisch an. »Was kümmert's Euch?« brummte er. +»Ist mein Pferd. Wer es hineingesteckt, soll es herausziehen. Ist Eures +Amtes nicht.« + +Er hielt die Hand fest auf die Mündung des Rohres gepreßt. Plötzlich +wankte das Pferd, schlug um, streckte alle Viere steif von sich und lag +steif und tot da. + +»Ist meinem Nachbar recht geschehen. Sein Pferd wird auch so verdursten, +wenn es an die Tränke kommt.« Damit zog der Bauer dem Vieh das Fell ab, +warf es über die Schulter und wanderte langsam und gemütlich heim. + +Schlupps sah ihm erstaunt nach. »Scheinen eigentümliche Leute hier zu +Lande,« murmelte er und wanderte weiter. Er bog in eine Dorfgasse, da +standen Maurer und bauten an einem Haus. Wenn sie einen Stein +hergetragen hatten, stellten sie sich im Kreise auf, befühlten ihn, +schoben ihn hin und her und putzten sich dann die Hände an der Schürze +ab. Dann tauschten sie ihre Meinung darüber aus, wie der Stein den +andern so ähnlich sehe, und endlich hoben sie ihn mit vieler Mühe und +lautem Seufzen hoch und verschmierten die Fugen mit Lehm. Darauf ließen +sie die Flasche kreisen und lobten einander für ihr fleißiges Tun. »Habt +viel Zeit, Kameraden!« rief Schlupps. »Meint Ihr, Herr?« entgegnete der +älteste Maurer. »Irrt Euch sehr. Bis heute sollte das Haus fertig sein. +Seht nur wie wir vor Mühsalen schwitzen.« »Bis heute?« wunderte Schlupps +sich. »Ist ja noch nicht das Kellergeschoß fertig.« »Seht Ihr, der Mann +versteht's,« rief der Maurer. »Habe ich nicht gleich gesagt, wir werden +bis heute nicht fertig. Der Herr ist wohl auch Maurer?« + +»Freilich, Baumeister bin ich. Hab' schon manches Schloß hoch über den +Wolken in den Lüften erbaut, dem kein Neider und kein Feind etwas +anhaben konnte.« + +»So, so, Baumeister ist der Herr. Ja, ja. Ei, ei, hätt' ich nicht +gedacht. Also Baumeister ist der Herr. Wirklich?« »Ich meine, wir hören +auf,« sagte der Alte bedächtig, »fertig werden wir doch nicht. Da ist es +gleich, ob wir jetzt ein Ende machen oder des Abends. Was meint Ihr?« +Seine Gefährten stimmten ihm zu und legten die Schürze ab. Schlupps +aber, den ihre Langsamkeit und Trägheit verdroß, sagte ernsthaft: + +»Recht so, Gevatter. Es geht jetzt in eins hin, und der Neue wird +Euch doch mit des Seilers Tochter verheiraten, so oder so.« + +[Illustration: Vor der Königswahl] + +Die Handwerker stutzten und sahen den fremden Mann scheu von der Seite +an. + +»Ist denn schon ein neuer König da?« fragten sie angstvoll. + +»Das wißt Ihr nicht?« staunte Schlupps. »Ei, das pfeifen ja die Spatzen +vom Dache, wie das Wort gelautet hat, 'Arbeite, arbeite,' hat der Neue +gesagt. Jetzt schickt er im Lande herum, und wenn er Leute trifft, die +Maulaffen feil halten und die liebe Tageszeit vergeuden, als wäre sie +eitel Luft, dann fackelt er nicht, und die hier zu viel still gestanden +haben, dürfen in der frischen Luft am Galgen herumtanzen.« + +»Wir arbeiten! Wir arbeiten!« schrien die Maurer, ergriffen Hammer und +Kelle und schafften darauf los, daß die Mauern emporschossen. + +Und als Schlupps im Weiterwandern sich noch einmal umschaute, erblickte +er das Haus hoch über den Boden emporragend, und lachend zog er fort. + +Immer weiter durchzog Schlupps das Land und wunderte sich über die +Menschen, die darin lebten; denn hatte er schon der Torheiten viele +angesehen, so dünkte ihm doch, daß hier die Narren üppiger gediehen denn +anderswo, und einer den andern an Narrheit übertraf. Als er am zweiten +Tage die Hauptstadt betrat, fand er auch dort alle Straßen und Häuser +zum Zeichen der Trauer mit schwarzem Tuch bedeckt. Auf seine Fragen nach +einer Herberge erhielt er nirgends Antwort. Die Leute liefen aufgeregt +durcheinander, denn heute war der letzte Tag der Wahl und war bis dahin +kein König gefunden, dann stand ihnen großes Unglück bevor. Einer +flüsterte dem andern zu, daß wieder fremde Prinzen angekommen seien. Die +Hoffnung auf einen Herrscher war ihnen noch nicht geschwunden. + +Schlupps sah um sich, ob er denn keinen fände, der ihm Auskunft geben +könne; da sah er durch ein niedrig gelegenes Fenster in ein Gemach, +darin ein Mann saß. Der hatte einen mächtigen Federkiel hinter dem Ohr +und einen Haufen Papier vor sich. + +Er ging in das Haus und öffnete, da auf sein Klopfen niemand antwortete, +die Zimmertür. »Verzeiht, Herr,« sagte er höflich, »wollte Euch bitten, +einem Fremden den Weg zu einer Herberge zu weisen.« + +»Habe keine Zeit,« gab der Mann zurück. »Seht Ihr nicht, daß ich die +Papiere zu ordnen habe?« Damit holte er aus der Ecke einen Stoß Bogen, +legte sie auf einen Haufen, sah sorgsam nach, daß nicht eine Ecke über +die andere hinausragte, betrachtete den Haufen bedächtig von allen +Seiten, nahm ihn dann wieder auseinander und schichtete ihn in einer +anderen Ecke wieder auf. + +Schlupps kam das Bemühen des Mannes gar sonderbar vor, so daß er sich +einer Frage nicht enthalten konnte. »Was sind das für Papiere, guter +Freund?« sprach er freundlich. »Weiß nicht,« war die mürrische Antwort. +»Die sollte unser König haben. Ist aber gestorben und hat sie nicht mehr +zu Händen bekommen; muß sie jetzt immer säuberlich glätten und falten; +denn ich bin des Königs Bogenleger.« + +»Aber wenn Ihr doch keinen König habt, nützt Euer Tun einstweilen +nichts.« »Kümmert mich nicht,« antwortete der Schreiber. »Habe zu +besorgen, was mir aufgetragen wird. Wenn ich fertig bin, fange ich +wieder von vorne an. Sie haben mir gesagt, daß ich das Papier glatt +hinlegen solle.« + +Neugierig ergriff Schlupps einige Blätter, schlug sie auf und sah mit +Staunen, daß sie leer waren. »Aber es steht ja nichts darin,« rief er +und blätterte weiter. + +»So, so, nichts darin?« sagte der Schreiber trocken. »Ei freilich, +überzeugt Euch selbst. Solltet sie wohl nur dem König zu Händen legen, +wenn er schreiben will.« »Weiß ich nicht,« murmelte der Andere, ergriff +schnell die Blätter, die Schlupps auseinander gerissen hatte und suchte +sie zu glätten. + +»Wie heißt Ihr, Fremder?« forschte er. »Nennt mich der Neue,« sagte +Schlupps. »Wißt, Neuer,« knurrte der Bogenleger, »Ihr gefallt mir nicht. +Seid fürwitzig und ein unbequemer Geselle. Wäre besser, Ihr ließet mich +ungestört bei meiner Arbeit. Geht lieber vor das Schloß, wo heute +Königswahl ist und seht zu, ob wir einen Prinzen bekommen. Zeit wär's.« + +Schlupps verließ ihn und schloß sich der Menschenmenge an, die auf dem +weiten Platz vor dem Schlosse flutete. Dicht gedrängt standen sie; aber +kein unfreundliches Wort war zu hören, wenn auch manchmal das Gedränge +arg war. Stumm harrten sie, und was Schlupps am meisten verwunderte, +war, daß alle einander so ähnlich sahen, wie ein Ei dem andern, und man +meinte, immer dasselbe Gesicht in einem tausendfältigen Spiegel zu +sehen. + +Jetzt ertönten Trompetenstöße. Aus dem Schlosse kam ein Zug stattlicher +Ritter und Frauen geschritten. Sie scharten sich um den Thron, zu dem +der Kanzler die Prinzessin feierlich geleitete. Die Königstochter hielt +die Augen gesenkt; als sie aber einmal den Blick hob, bemerkte Schlupps, +daß die Wunderschöne teilnahmslos und gleichgiltig in die Ferne sah, als +habe sie keine Wahrnehmung von dem, was um sie geschehe. + +»Prinzessin,« fragte der Kanzler laut, »seid Ihr gewillt, den zum Gatten +zu nehmen, der das rechte Wort findet, wer es auch sei?« Sie neigte +zustimmend das Haupt. »Ich tue, wie es Brauch ist,« sagte sie mit +gleichmütiger Stimme. Dann stieg sie die Stufen des Thrones hinauf, +setzte sich nieder und schaute träumenden Blickes auf die Volksmenge. +Der Herold stieß in das Horn. + +Hervor trat der erste Prinz. Es war ein dürres Männchen; die spärlichen +Haare bedeckte eine hohe Mütze, an der bunte Bänder herunter hingen. +Sein Kleid prangte in bunten Farben und seine spitzen Hackenschuhe +erregten das Verwundern der Mädchen und Frauen. Er legte die rechte Hand +auf die Brust, verneigte sich vor der Prinzessin, nickte grüßend zu dem +Volke hinüber und sagte mit krähender Stimme: »Herr Kanzler! Ich bin ein +Königssohn. So habe ich meinen Ministern Auftrag gegeben, das Wort für +mich zu finden. So viel sie nachdachten, sie konnten es nicht +ergründen. Da gab mir mein Hofnarr vor der Fahrt einen Zettel und riet +mir, ihn erst hier, wenn ich vor der liebwerten Prinzessin stehe, zu +öffnen. So gestattet, daß ich Euch das Wort künde.« Er faltete das +Blättchen auseinander und las mit stockender Stimme: + + »Albern -- dalbern. Albern -- dalbern.« + +Der Kanzler schüttelte das Haupt: »Es tut mir leid, Prinz. Doch das ist +nicht das Rechte.« + +Der Königssohn wurde blaß, drehte sich um und verließ eiligen Schrittes +den Platz. + +An seine Stelle trat ein hochgewachsener Mann, der Königssohn von +Südland. Er neigte leicht das Haupt vor der Prinzessin, warf keinen +Blick auf die Menge und sagte kurz und mit harter Stimme: + + »Das Wort heißt: Duck dich. Duck dich!« + +»Falsch, Herr Prinz!« rief der Kanzler, froh, den Hochmütigen nicht zum +König krönen zu müssen. Wütend riß der das Schwert aus der Scheide und +wollte sich auf den Kanzler stürzen, doch rasch hatten die Wachen sich +seiner bemächtigt und führten ihn ab. + +Jetzt trat der Dritte hinzu. Mit süßem Lächeln grüßte er die Prinzessin, +die entsetzt auf ihn blickte, denn sein faltiges, gelbes Gesicht trug +einen listigen, unheimlichen Ausdruck. Er drehte sich zu dem Volke, +breitete die Arme aus, als wolle er es segnen und reichte dann dem +Kanzler die Hand. »Wohl dem Lande, das einen solchen Wächter hat,« rief +er. »Ihr seid der Mann, den ich mir zur Seite wünsche. Mit Euch +gemeinsam wollte ich das Land regieren, daß es eine Lust ist. Das Wort, +das Ihr sucht, ich habe es gefunden, und Ihr, Herr Kanzler, werdet mir +bestätigen, daß es das Rechte ist. Reicht mir zum Zeichen Eurer +Freundschaft die Rechte und vernehmt die Worte! Sie heißen: + + Dein -- Mein. Dein -- Mein.« + +Wiederum schüttelte der Kanzler den Kopf. Mit leisen Schritten glitt der +Bewerber fort, ballte heimlich die Faust und warf einen giftigen Blick +zu dem Throne hinüber. Der Kanzler seufzte auf und sprach mit müder +Stimme: »Liebes Volk! Heute ist der letzte Tag der Königswahl. Schon +neigt sich die Sonne dem Untergang zu, und kein König hat sich gefunden. +Fürder werden wir nicht mehr heißen: das Volk derer, die nicht alle +werden. Zu Ende geht es mit uns, und keiner ist da, der dem Unglück +steuert. Kommt, Prinzessin, daß ich Euch in das Schloß geleite!« + +»Halt! Halt!« klang eine helle Stimme über den Platz. Schlupps hatte +sich durch die Menge gedrängt und stand neben dem Thron: »Laßt auch mich +versuchen, ob ich das Wort finde.« + +Aller Augen richteten sich auf den Mann, der furchtlos, den Kopf +zurückgeworfen, mit freundlichem Gesicht um sich schaute. Die +Prinzessin, die mit starren Augen vor sich hingesehen hatte, heftete +erstaunt den Blick auf ihn, lächelte zum ersten Male, und Schlupps sah, +wie holdselig und schön sie war. + +»Laßt mich Euch erzählen von meinen Fahrten und Irrgängen, damit Ihr +wißt, wer der Mann ist, der bei Euch das Königsein begehrt,« rief er, +zum Volke gewendet. Im Stillen aber hoffte er, daß der Zufall, der ihm +immer ein guter Freund gewesen, ihm helfen würde, die Prinzessin zu +gewinnen, die er beim Sehen gleich in sein Herz geschlossen hatte. + +Und Schlupps begann zu erzählen. Alles Volk hing gespannt an seinen +Lippen. Wie anders klang seine Rede, als das, was die Prinzen vorher +gesprochen. Wie fremd und doch wie bekannt, wie hoch und doch wie +verständlich. Sie hätten ihm immerwährend lauschen mögen. Was hatte er +alles erlebt und gesehen! Wie kannte er die Menschen in Hütte und +Schloß; wie hatte er sie belauscht bei der Arbeit und bei Lustbarkeiten. + +Des Kanzlers Herz pochte. So hatte er sich den neuen König erträumt; +aber noch kam das erlösende Wort nicht, und der Sonnenball stand glühend +rot im Westen. Noch einige Minuten -- und der Tag war vorüber -- der +Königsthron leer. Kaum hörte er, was der Fremde sprach. Sein Blick flog +angstvoll zum Himmel, wo das Gewölk rosig zu erglühen begann. Seine +Hände falteten sich und er flüsterte leise eine Bitte um ein Wunder. + +Nur schwer vermochte er zu hören, wie Schlupps jetzt erzählte von den +Maurern, die er getroffen, und wie vieles hierzulande anders werden +müsse. Fast drohend richtete er sich auf und rief: »Ändern müßt Ihr +Euch! Ändern!« »Ich denke -- -- --« Da schrie der Kanzler laut auf: »Das +Wort! das Wort!« Er stürzte vor, ergriff Schlupps' Hand und bat: »O, +sprecht es noch einmal, Herr!« + +»Ich denke!« wiederholte Schlupps laut, und das Volk brach in Jubelrufe +aus und sprach die seltsamen Laute nach, die es noch nie gehört hatte, +wie träumend, nicht wissend, was sie sagen sollten. + +Schlupps wandte sich zu der Prinzessin, die ohnmächtig hingesunken war. +Er neigte sich hernieder und küßte sie auf die Stirn. + +Da schlug die Königstochter die Augen auf, sah ihn mit klaren Blicken an +und sagte mit lauter, fester Stimme: »Dich will ich!« Das Volk aber +schrie und tobte und wußte sich vor Freude nicht zu fassen. »Die Probe! +die Probe!« drängten sie. + +»Nur noch eine Prüfung steht Euch bevor, hoher Herr!« sagte der Kanzler. +»Draußen im Schloßhof steht ein Lebensbaum. Versucht es, ob auf Euer +Schütteln Menschen herabfallen!« + +Feierlich geleitete er Schlupps zu dem Baume. »Faßt kräftig seinen +Stamm,« riet er dem Fremden zu. Der lächelte, griff mit der Rechten in +das Gezweig, schüttelte die Krone und herab sprangen zwei Kinder: ein +Knabe und ein Mädchen. Doch, o Wunder! sie sahen nicht aus wie jene, die +bisher heruntergefallen waren, sondern sie glichen auf ein Haar dem +neuen König und der Prinzessin, und als sie jetzt an der Hand des +Kanzlers heraustraten, um dem Volke gezeigt zu werden, da staunte +dieses, mit wie klugen Blicken die Kleinen um sich sahen, und wie +zierlich und anmutvoll sie sich bewegten. Feierlich traten Pagen hervor; +auf sammtnem Kissen trugen sie eine Krone herbei. Die Prinzessin +ergriff sie, um sie Schlupps auf das Haupt zu setzen. Doch zögernd wich +der zurück. Sein Blick fiel auf die Menge, deren Blicke erwartungsvoll +an ihm hingen. Die Krone dünkte ihm eine goldene Kette, die ihn an den +Boden schließen wollte. Noch einmal tauchte in seiner Seele die +Sehnsucht nach dem freien Umherziehen, dem Wandern von Ort zu Ort auf, +und gern hätte er die neue Würde dahingegeben, um als fahrender Geselle +sich herumtaumeln zu dürfen. + +Die Prinzessin nickte ihm lächelnd zu. Sie verstand, was in ihm vorging. +»Ich halte dich fest,« sagte sie ruhig. »Ich will!« Da erfaßte Schlupps +mit der Linken ihre Hand, mit der Rechten drückte er den Reif auf sein +Haupt und rief: + +»So ergreife ich Besitz von Eurem Throne. Und meine erste Tat sei, Euch +umzunennen. Nicht mehr sollt Ihr heißen 'Die nicht alle werden,' +sondern: 'Die, so da kommen!'« + +So wurde er König und regiert noch bis zum heutigen Tage. Wollt Ihr +wissen, wo? Ei, das verrät keiner! -- + + +Ende + + + + +Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der bei Englert und Schlosser erschienenen Ausgabe erstellt. +Grundsätzlich wurde die Originalschreibweise beibehalten. Einige +offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Die Verwendung von +Anführungszeichen wurde zur Verbesserung der Lesbarkeit vereinheitlicht. +Die Umlaute Ae, Oe und Ue wurden durch Ä, Ö, Ü ersetzt. + + +Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the Englert und +Schlosser edition. Generally the original spelling has been maintained. +Some obvious printer's errors have been corrected. Quotation has been +unified for increased readability. The Umlauts Ae, Oe and Ue have been +replaced by Ä, Ö, Ü. + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Schlupps der Handwerksbursch, by C. Berg + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHLUPPS DER HANDWERKSBURSCH *** + +***** This file should be named 31213-8.txt or 31213-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/1/2/1/31213/ + +Produced by Norbert H. Langkau, Markus Brenner and the +Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. 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Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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Berg + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Schlupps der Handwerksbursch + Mären und Schnurren + +Author: C. Berg + +Release Date: February 7, 2010 [EBook #31213] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHLUPPS DER HANDWERKSBURSCH *** + + + + +Produced by Norbert H. Langkau, Markus Brenner and the +Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + + +<!-- +<h1><span class="pagenum"><a name="Page_1" id="Page_1">[1]</a></span>Schlupps<br /> +<small>der Handwerksbursch</small></h1> + +<p class="subtitle">Mären und Schnurren</p> +<p class="writtenby">von</p> +<p class="author">C. Berg.</p> + +<div class="figcenter" style="width: 238px;"> +<a href="images/illo_003.png"> +<img src="images/illo_003_th.png" width="238" height="259" alt="Schlupps" title="Schlupps" /></a> +</div> + +<p class="publisher"><big>Verlag</big><br /> +von<br /> +Englert und Schlosser</p> + +<p class="publishedin">Frankfurt a. M.</p> +--> + +<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_2" id="Page_2">[2]</a></span>[Blank Page]</p> --> + +<h1><!-- <span class="pagenum"><a name="Page_3" id="Page_3">[3]</a></span> -->Schlupps<br /> +<small>der Handwerksbursch</small></h1> + +<p class="subtitle">Mären und Schnurren</p> +<p class="writtenby">von</p> +<p class="author">C. Berg.</p> + +<div class="figcenter" style="width: 238px;"> +<a href="images/illo_003.png"> +<img src="images/illo_003_th.png" width="238" height="259" alt="Schlupps" title="Schlupps" /></a> +</div> + +<p class="publisher"><big>Verlag</big><br /> +von<br /> +Englert und Schlosser</p> + +<p class="publishedin">Frankfurt a. M.</p> + +<p class="edition"><em class="antiqua">15. bis 17. Tausend</em></p> + + +<p class="copyright"><!-- <span class="pagenum"><a name="Page_4" id="Page_4">[4]</a></span> -->Die Abbildungen zu diesem Büchlein<br /> +zeichnete Professor O. R. <em class="gesperrt">Bossert</em> in<br /> +Leipzig / Das Recht der Übersetzung in<br /> +fremde Sprachen und Mundarten bleibt<br /> +ausdrücklich vorbehalten / Der Verlag</p> + + + + +<h2><span class="pagenum"><a name="Page_5" id="Page_5">[5]</a></span><a name="Einleitung" id="Einleitung"></a>Einleitung</h2> + + +<p>Es war einmal ein Handwerksbursche, der hatte zur Gewohnheit, +daß er bei allem, was ihm geschah, sagte: »Das +ist mir ›Schlupps!‹« Und weil man das Wort immer von +ihm hörte, behielt er es als Namen bei, und alle Welt rief +ihn »Schlupps,« so daß ihm selbst sein richtiger Name +»Heinz« fast in Vergessenheit kam.</p> + +<p>Er wanderte von Herberge zu Herberge, begrüßte in den +Städten das Gewerk und ließ sich einen Zehrpfennig geben. +Wo ein Meister ihn an die Arbeit stellen wollte und ihm +kein Wandergeld gab, spielte er ihm einen Schabernack; +denn, sagte er, »meiner Mutter Sohn hat weiche Hände« +und »wer die Arbeit kennt, drängt sich nicht dazu.« Weil +aber manchmal Schmalhans in seinem Beutel haushielt, +mußte Schlupps zur Arbeit greifen und das Schreinerhandwerk, +das er erlernt hatte, ausüben.</p> + + + + +<h2><a name="Schlupps_beim_Schreiner" id="Schlupps_beim_Schreiner"></a>Schlupps beim Schreiner</h2> + + +<p>Einst war er zu einem Meister gekommen, der arg geizig +war und ihn hart zum Schaffen anhielt, an Tadel nicht +sparte, dafür am Brotkasten den Deckel schloß, wenn das +Sattwerden anfangen wollte. Schlupps stand in der Werkstatt +und hobelte. Die Sonne schien warm, die Vögel sangen, +und der Geselle meinte, sie riefen ihn hinaus auf die +Landstraße, wo an den Bäumen die Kirschen reiften. Sagte +<span class="pagenum"><a name="Page_6" id="Page_6">[6]</a></span>der Meister: »Gesell, die Bank muß fertig werden.« »Recht +so,« antwortete Schlupps, der wieder den Kopf voller Streiche +hatte. »Sagt mir, wieviel Beine eine Bank hat.« »Sollte +man nicht meinen, er wäre bei einem Schuster in der Lehre +gewesen und hätte nur einen Dreibein kennen gelernt!« rief +der Meister erbost. »Auch gut,« dachte Schlupps, »also ein +Dreibein soll es werden.« »Eil dich,« sagte der Meister, +»wenn ich wiederkomme, mußt du fertig sein,« damit ging +er fort auf das Grafenschloß.</p> + +<p>Schlupps aber, der die Augen überall hatte, wo es was zu +erspähen gab, bemerkte wohl, daß der Meister unter der +Schürze etwas forttrug, das er heimlich gearbeitet, damit es +sein Geselle nicht sähe, und scharfen Blicks erkannte er, daß +es ein hölzerner Fuß war, den der Meister mit Katzengold +eingerieben, bis er glänzte. »Dahinter steckt etwas,« dachte +er, begann in des Herrn Abwesenheit alles zu untersuchen, +Schubladen, Kasten und Truhen und entdeckte in einer Lade, +die unter des Meisters Bett stand, einen Fuß aus purem +Golde, der gerade so aussah, wie der, den der Schreiner gemacht. +Mit dem Goldfuß hatte es aber eine eigne Bewandtnis. +Der Meister war auf dem Schloß gewesen, um in der +Kammer des Grafen etwas in Ordnung zu bringen. Er +mußte oft wiederkommen und hatte Muße, wenn der Herr +Graf das Zimmer verließ, alles darin genau zu betrachten. +Besonders gefiel ihm das Bett, das an einer Wand stand. +Es war gar kunstvoll aus purem Golde gefertigt. Eine +Fee hatte es dem Ahnherrn geschenkt und einen Zauber darauf +gelegt, also: »daß jeder, der in dem Bette liege, so +<span class="pagenum"><a name="Page_7" id="Page_7">[7]</a></span>lange es unversehrt sei, nie solle von Krankheit befallen werden, +sondern in hohem Alter sanft und selig entschlafen.« +Darum war dem Grafen das Bett besonders lieb, und er +hütete es wohl. Dem Meister aber stach das Gold in die +Augen. Er besah das Bett genau und beschloß, die Beine +auszutauschen. So hatte er schon ein Holzbein heimlich +hergerichtet, daß es gerade so aussah wie das echte, und als +er einmal allein in der Kammer arbeitete, um das Betpult +des Grafen aufzuglänzen, tauschte er rasch die Beine aus. +Und da niemand etwas davon merkte, und er hoffte, der +Graf sei auf der Jagd, beschloß er, wieder zur Burg hinaufzugehen +und heute nach Gelegenheit zu suchen, auch das +zweite Bein, das er gemacht hatte, einzuwechseln. Der Graf +aber war seit einiger Zeit unpäßlich, klagte über Schmerzen +und konnte sich nicht erklären, woher das käme.</p> + +<p>Als Schlupps das Goldbein in der Lade sah, dachte er: +»Du kommst mir gerade recht. Mein Dreibein kann einen +solchen Hinkefuß wohl brauchen,« nahm das Bein und +leimte es an die Bank. Gegen Abend kam der Meister heim, +ärgerlich, daß sein Plan mißglückt war; denn der Herr Graf +hatte zu Bett gelegen, und so konnte er nicht in die Kammer. +»Faß mit an die Lade,« gebot er dem Gesellen und trug sie +mit ihm in den Keller; denn er hatte Angst, es könne ihm +jemand seinen Schatz rauben, den er heimlich einem Goldschmied +verkaufen wollte. Den Kellerschlüssel versteckte er im +Rauchfang. »Ist die Bank fertig?« fragte er dann den Burschen. +»Fertig und zum Küster getragen.« Deß war der +Meister zufrieden; denn die Bank sollte am Sonntag vor +<span class="pagenum"><a name="Page_8" id="Page_8">[8]</a></span>der Kirchtür stehen als Armsünder-Bänkchen. War das alte +doch schon abgenutzt von den vielen, die darauf gesessen +hatten.</p> + +<p>Wie Sonntags alle in der Kirche waren und der Pfarrer +das Gebet gesprochen hatte, klopfte es vernehmlich an die +Kirchenpforte, und als der Küster öffnete, kam die Bank +herein, humpelte die Kirche entlang, »klipp, klapp, tripp, +trapp,« am Altar des Herrn vorbei, immer weiter, bis sie +an einem Kirchenstuhl stehen blieb, grad wo der Meister saß, +der mit Schrecken den goldenen Fuß erkannte. »Ich weiß +von nichts,« rief er und wurde blaß wie das böse Gewissen. +»Es hat Ihn ja noch keiner angeklagt,« sprach der Pfarrer +ernst. »Ich weiß von nichts,« versicherte der Meister wieder +und zitterte und ward schlohweiß. »Das hat mein Geselle +getan. Holt ihn her und laßt ihn die peinliche Strafe erleiden!« +Aber der Geselle war fort über Land. Aus des +Meisters Gefach hatte er so viel Geld genommen, als der +Lohn für seine Arbeit betrug; alles andere hatte er unberührt +gelassen. Der Meister mochte leugnen, soviel er wollte, +es half ihm nichts – der Graf sagte ihm den Diebstahl auf +den Kopf zu, schließlich gestand er seine Tat ein und mußte +auf dem Armsünder-Bänkchen sitzen zum Gespött aller Leute. +Der Graf aber ließ den echten Fuß wieder am Bett anmachen +und war von der Stunde ab gesund.</p> + + + + +<h2><a name="Die_Vogelscheuche" id="Die_Vogelscheuche"></a>Die Vogelscheuche</h2> + + +<p>Wo war Schlupps indeß? Der saß auf einem Kirschbaum +an der Straße und tat sich gütlich. »Gut, daß ich den +<span class="pagenum"><a name="Page_9" id="Page_9">[9]</a></span>Spatzen zuvorkomme,« dachte er. »Braucht der Bauer keine +Scheuche aufzustellen, die ihm die Räuber verjagt.« Da sah +er von ferne einen Landmann kommen, der hatte die blinkende +Sense auf dem Rücken und schritt rüstig aus; denn er +war ein gar großer Mann. »Halt,« dachte Schlupps. »Wer +weiß, ob der versteht, was ich hier tue. Wenn er mit der +Sense ausholt, sitzt mein Kopf etwas tiefer und kommt nimmer +an seinen Platz.« Schnell zog er seinen Rock aus, +drehte ihn um und tat ihn verkehrt an, den Hut stülpte er so +tief auf den Kopf, daß man kaum das Gesicht sah, und dann +stand er unbeweglich in den Zweigen.</p> + +<p>Der Bauer dachte: »Was ist denn das für ein Ungetüm, +vor dem fürchten sich die Spatzen sicher. Wenn ich nur wüßte, +wie ich zu einer solchen Vogelscheuche käme.« »Wer hat dich +dort oben hingestellt?« rief er hinauf.</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Mein Vater hat mich aus Holz gemacht.<br /></span> +<span class="i0">Mein’ Mutter hat mich hierhergebracht.<br /></span> +<span class="i0">Mein’ Schwester weint um mich sicherlich.<br /></span> +<span class="i0">Rüttle mich fest, so lebe ich,« –<br /></span> +</div></div> + +<p class="noindent">klang es hohl zurück.</p> + +<p>Da erschrak der Bauer und meinte nicht anders, als es sei +eine verwünschte Seele, die er erlösen könne, stieg auf den +Baum und begann den Burschen zu rütteln und zu schütteln. +Der sprang herab und rief: »Das lohn’ dir Gott, das lohn’ +dir Gott,« dann gab er Fersengeld und lief davon, dem +Dorfe zu. Erstaunt ging der Bauer heim und gradaus zum +<span class="pagenum"><a name="Page_10" id="Page_10">[10]</a></span>Pfarrer, dem er die Mär von der erlösten Seele beichtete. +Der Pfarrer war sehr erfreut, in seiner Gemeinde ein Schäflein +zu haben, das irrende Seelen erlösen könne. Er belobte +den Bauer um seine Guttat und wies ihn an, den Burschen +herbeizubringen. Wie der Bauer das Pfarrhaus verließ +und an dem Gottesacker vorbeischritt, da sah er an der Kirchhofmauer +eine Gestalt stehen, die kam ihm bekannt vor, und +wie er hinsah, war es die Scheuche vom Kirschbaum, angetan +wie ein richtiger Handwerksbursch. Das gab eine große +Freude im Dorf, als der Geselle unter der großen Linde saß +und anhub zu erzählen, wie eine böse Stiefmutter ihn verwünscht +habe – dabei hatte er seine Lebtage keine Stiefmutter +gehabt – wie der Bauer ihn erlöst habe, und daß +er jetzt die Kunst besäße, die Vögel zu scheuchen und von +der Saat fern zu halten.</p> + +<p>Da wollten ihn die Bauern nimmer fortlassen, und es wurde +beschlossen, daß sie reihum den Burschen verpflegen wollten, +dafür sollte er abwechselnd ihre Felder und Gärten bewachen. +Deß war der Handwerksbursche zufrieden, stand jeden Tag +in einem andern Feld und lehrte die Kinder, die sich in +Haufen um ihn versammelten, tolle Sachen, Gesichter schneiden, +Schelmenlieder singen und kecke Antworten geben. Weil +nun immer eine große Kinderschar um den Gesellen war +und viel Lärm machte, blieben die Felder spatzenrein. Dafür +aß der Bursche für zwei und mancher dachte: »Besser +die Spatzen säßen im Feld, als der Fresser am Tisch.« Wagten +aber nichts zu sagen, weil keiner vor den Nachbarn als +geizig und ungünstig erscheinen wollte.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_11" id="Page_11">[11]</a></span>Als aber der Bursche an das letzte Haus des Dorfes kam, +in dem eine arme Witwe wohnte, sagte diese: »Einen Garten +zu bewachen habe ich nicht, und die Spatzen können mir +nichts nehmen, dieweil kein Halm für mich wächst. Aber +zu essen will ich Euch wohl geben, weil Ihr eine irrende +Seele seid. Mein Kind und ich können heute das Mittagsmahl +entbehren.« Damit setzte sie die Schüssel auf den Tisch +und sagte: »Gesegn’s Gott!« Dann nahm sie ihr Bübchen +an die Hand und führte es hinaus, daß es nicht zusähe, wie +der fremde Mann sein Essen bekäme, und draußen vertröstete +sie das weinende Kind auf das Nachtmahl.</p> + +<p>Dem Handwerksburschen stieg das Blut zu Kopfe, wie er +bedachte, daß die arme Frau und das Kind hungerten. Er +saß eine Weile vor der vollen Schüssel, dann stand er auf, +rief die Frau und sagte: »Gegessen hab’ ich. Wundert Euch +nicht, daß die Schüssel nicht leer und noch voll Milchsuppe +ist. Sagt es keinem, daß ich einen Zauberspruch weiß, der +die Schüssel, daraus ich esse, immer wieder füllt.« Damit +ging er fort, und als die Frau hineinkam, lag neben der +Schüssel ein blankes Goldstück.</p> + + + + +<h2><a name="Der_Weinpanscher" id="Der_Weinpanscher"></a>Der Weinpanscher</h2> + + +<p>Den Burschen duldete es nicht mehr am Orte; denn wenn +er den Zaubersegen in jedem Haus vor der vollen Schüssel +hätte aussprechen sollen, so wäre es um seinen Magen schlecht +bestellt gewesen. Darum machte er, daß er fortkam und +wanderte über einen hohen Berg, bis er talwärts ein einsames +Wirtshaus fand. Der Wirt stand in der Türe und +<span class="pagenum"><a name="Page_12" id="Page_12">[12]</a></span>spähte nach allen Seiten, ob kein Wanderer des Weges kommen +wollte; denn es war schon hoch im Jahre, und selten +verirrte sich einer in die verlassene Gegend. Er sah Schlupps +mißtrauisch an und gab ihm zu verstehen, daß sein Haus +auf Gäste, die schlecht zahlten, nicht eingerichtet sei; fragte, +wie lange der Gast zu bleiben gedenke und wohin und woher. +»Grad aus dem Fegfeuer,« seufzte der Bursche, machte ein +gottsjämmerliches Gesicht, saß nieder, stützte das Haupt in +die Hände und seufzte laut auf.</p> + +<p>Dem Wirte wurde bang. Wenn das nur nicht der Gottseibeiuns +selber war, der ihn versuchen wollte. Der nahm +so viele Gestalten an, warum sollte er nicht auch als Handwerksbursche +kommen?</p> + +<p>»Erzählt mir, was Euch herführt?« bat er den Gast. Dabei +trug er eine Schüssel nach der andern auf und nötigte +den Fremden zum Essen, und der, nicht faul, hieb auf die +Gerichte ein, daß es eine Lust war. Das beruhigte den Wirt +einigermaßen, daß der Böse so menschlich aß und trank. +Dann gab der Bursche auf die Fragen Bescheid und erzählte +von den armen Seelen im Fegfeuer. »Warum habt Ihr +müssen darinnen sitzen und warum irrt Ihr jetzt auf der +Erde herum?« fragte der Hausherr.</p> + +<p>»Das ist eine traurige Sache,« seufzte Schlupps und zündete +ein Pfeifchen an. »Ich war ein Gastwirt, wie Ihr. +Mein Haus stand in einem schönen Tal, wo Wein in Fülle +wuchs. Da ich aber unersättlich war und nicht schnell genug +reich werden konnte, tat ich Wasser in den Wein und +wußte doch, daß ich meine Seele damit dem Bösen verschrieb. +<span class="pagenum"><a name="Page_15" id="Page_15">[15]</a></span>Jahrelang hielt ich es so. Eines Tages klopfte ein +Handwerksbursche an meine Tür und bat um ein Nachtlager. +Weil ich dem Gast ansah, daß seine Zeche nicht sehr hoch +sein werde, nahm ich ihn unwillig auf, setzte ihm Reste von +saurem Wein vor, der vom Faß niedergetropft war und in +einem Bottich gärte und wies ihn fort, als er Nachtherberge +verlangte. Dann ging ich in den Keller, meinen Wein mit +Zucker und Wasser zu mischen, wie ich es gewohnt war.</p> + +<div class="figcenter" style="width: 363px;"> +<!-- <span class="pagenum"><a name="Page_13" id="Page_13">[13]</a></span> --> +<a href="images/illo_013.png"> +<img src="images/illo_013_th.png" width="363" height="560" alt="Der Höllwirt" title="Der Höllwirt" /></a> +<span class="caption">Der Höllwirt</span> +</div> + +<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_14" id="Page_14">[14]</a></span>[Blank Page]</p> --> + +<p>Als ich mich umwende, wer steht hinter mir? – – – Der +Handwerksbursche! Er packte mich und schrie: »Hab ich dich +bei deinem schändlichen Treiben erwischt? Jetzt bist du mir +verfallen.« Er wuchs und wuchs, bis er an die Decke des +Kellers stieß, seine Augen glühten und sprühten Flammen. +Dann stampfte er mit dem Fuße auf die Erde und wir +sanken tausend Klafter tief, grad in die Hölle. Da war große +Freude, als ich ankam; denn die Weinpanscher sind dort besonders +gut angeschrieben, und des Teufels Großmutter +nahm mich gleich bei der Hand und führte mich an eine +glühend heiße Stelle. Jetzt mußte ich im Fegfeuer sitzen und +sah über mir Wein keltern, den besten Roten und Weißen. +Der Duft zog mir in die Nase, und ich bekam keinen Tropfen +zu kosten. Alle hundert Jahre darf ich auf die Erde gehen, +in Gestalt eines Handwerksburschen. Finde ich einen Wirt, +der die armen Wandrer von der Schwelle jagt oder ihnen +ein bös Gesicht und sauren Wein vorsetzt und die lieben +Gottesgaben mit Wasser mischt, dann bin ich frei und darf +ihn statt meiner in die Hölle führen. Lasse ich mich aber +durch Bitten erweichen und gebe den Wirt frei, dann muß +<span class="pagenum"><a name="Page_16" id="Page_16">[16]</a></span>er mich ein Jahr gut verpflegen, und ich muß an seiner +Stelle hundert Jahre mehr im Fegfeuer sitzen.«</p> + +<p>Der Wirt erschrak und dachte an den Brunnen, den er im +Keller gegraben hatte, weil er das Wasser dann bequemer +in die Fässer schütten konnte. Er wies dem unheimlichen +Gast sein bestes Zimmer an, wartete, bis er schlief, stieg +dann in den Keller hinab und leerte vorerst zwei von den +großen Fässern, in denen gewässerter Wein war, in den +Brunnen aus. Über den deckte er ein großes Brett, damit +keiner sähe, was darinnen war.</p> + +<p>Am andern Morgen bat der Bursche: »Zeigt mir doch Euren +Weinkeller.« Der Wirt traute sich nicht zu widersprechen, +führte den Handwerksburschen hinab und ließ ihn von jedem +Fasse kosten. Aber nur von den guten, in denen reiner +Wein war. Schlupps aber entdeckte hinten in der Ecke zwei +Fässer, die ihm verdächtig vorkamen, ging hin und wollte +sie anzapfen.</p> + +<p>»Kommt herauf und eßt erst was,« bat der Wirt, »mit leerem +Magen trinkt sich’s schlecht. Hab Euch ein Hühnchen +gebraten und einen fetten Schinken aus der Räucherkammer +geholt.« Das ließ sich der Gast nicht zweimal sagen, ging +hinauf, aß und hieb mit solcher Macht in den Schinken ein, +daß sein Messer Funken sprühte und der Wirt meinte, das +höllische Feuer leuchten zu sehen.</p> + +<p>Als die Mahlzeit fertig war, sagte Schlupps: »Meister, so +leid es mir tut, die Kellerprobe ist noch nicht fertig. Doch +braucht Ihr Euch nicht in den Keller zu bemühen. Des Teufels +Großmutter hat mich ein Sprüchlein gelehrt, wenn ich +<span class="pagenum"><a name="Page_17" id="Page_17">[17]</a></span>das sage, dann kommen die Fässer, in denen gepanschter +Wein ist, gradwegs die Kellertreppe hinauf in die Wirtsstube. +Ich brauche bloß meinen Becher hoch zu heben und +zu sprechen:« – – – »Haltet ein! Haltet ein!« schrie +der Wirt und riß den Becher aus der Hand des Handwerksburschen. +»Laßt im Keller, was drinnen ist. Ich will Euch +ein Jahr verpflegen und Ihr sollt es gut haben. Was kann +Euch an hundert Jahren mehr im Fegfeuer liegen?«</p> + +<p>»Wirt, Ihr sprecht, wie Ihr es versteht. Wüßtet Ihr, welche +Pein ich dort erduldet! Ihr holtet selber die Fässer herauf, +um mich zu erlösen. Schrecklich ist es dort unten und –« +»Hört auf, hört auf!« rief der Wirt wieder. »Laßt Euch +erweichen. Bleibt bei mir. Ihr sollt es nicht bereuen, und +ich will auch für Eure arme Seele beten.« Der Bursche sann +nach. »Ihr tut mir leid,« sagte er endlich. »Euch zu lieb +will ich es auf mich nehmen. Aber,« setzte er drohend hinzu, +»hütet Euch, den Pakt zu brechen; denn dann seid Ihr +mir unrettbar verfallen und müßt in die Hölle.«</p> + +<p>Der Wirt versprach, was der Bursche wollte, stieg in den +Keller hinab, holte ein Maß vom Besten, und bei Rotem +wurde der Pakt besiegelt. Dann ging der Hausherr wieder +hinunter und strich zärtlich über die beiden Fässer, die er +noch zurückbehalten hatte. Den Wein wollte er den Fuhrleuten +vorsetzen, die im Sommer kamen und Ausspann bei +ihm hielten.</p> + +<p>Den Winter hindurch saß Schlupps in der Wirtsstube, erzählte +Schnurren, schmauchte sein Pfeifchen und aß und +trank. Wie es aber Frühling wurde, sehnte er sich hinaus +<span class="pagenum"><a name="Page_18" id="Page_18">[18]</a></span>und sagte zu seinem Wirte: »Seid bedankt für die Pflege, +die Ihr mir habt angedeihen lassen. Ich will es Euch eingedenk +sein und die hundert Jahre Fegfeuer gern für Euch +ertragen. Mein Jahr ist noch nicht um; aber ich muß weiter +ziehen. Doch zuvor gebt mir die zwei Fässer, die in der +Ecke im Keller liegen, sonst hilft dort unten mein Bitten +nichts. Ich will sie Euch abnehmen. Gebt mir Wagen und +Pferde, so lade ich sie auf, und Ihr seid sie los.«</p> + +<p>Der Wirt war froh, den höllischen Gast auf gute Art aus +dem Hause zu bekommen, gab ihm das Verlangte, tat noch +ein Fäßchen schweren Roten dazu, steckte dem Burschen ein +Beutelchen mit Geld bei und bat ihn um Gotteswillen, bei +des Teufels Großmutter ein gut Wort einzulegen.</p> + +<p>Der Bursche versprach es und sagte zum Abschied: »Wenn +Euch einer fragt, wer Euch gelehrt hat, mit Wein und +Gästen gut umzugehen, sagt immer ›Schlupps.‹« Damit zog +er ab, und dem Wirt fiel ein Stein vom Herzen.</p> + +<p class="tb">*</p> + +<p>Nicht lange darauf hörte man eines Tages Hörner blasen, +und als der Wirt in die Haustüre trat, kam eine Reiterschar +dahergesprengt, und der Vornehmste von ihnen war +der König. Die Ritter saßen ab und traten in die Gaststube. +»Holt Essen herbei,« befahl der König, »wir sind +müde und hungrig von der Jagd.« Da liefen der Wirt und +sein Gesinde und brachten heran, was Gutes in Kammer +und Küche war. »Habt Ihr Wein?« fragte der Kämmerer, +<span class="pagenum"><a name="Page_19" id="Page_19">[19]</a></span>der immer an des Königs Seite saß. »Ei freilich,« rief der +Wirt und wollte schnell hinabspringen und zapfen; aber der +König sah ihn scharf an und sprach: »Weißt du, daß ich ein +Gebot erlassen habe: man solle jeden, der Wein fälscht, zum +Galgen führen? Wehe, wenn ich dich auf böser Tat ertappe!« +Der Wirt beteuerte, daß sein Wein echt und rein +sei. Da stieg der König selbst mit in den Keller, um den +Wein zu prüfen, und aus jedem Faß, das er versuchte, kam +die liebe Gottesgabe rein und unverfälscht heraus und sein +Gesicht strahlte immer mehr vor Freude, als er von Faß zu +Faß ging. »Wer hat dich gelehrt, den Wein so gut zu behandeln?« +»Schlupps,« antwortete der Wirt.</p> + +<p>Da sahen sich die Diener des Königs erstaunt an, solch ein +Wort hatten sie noch nie vernommen. Der Kämmerer aber +legte den Finger an die Nase, dachte eine Weile nach und +meinte dann bedeutungsvoll: »Das ist eine Sprache, die ich +nicht kenne. Wer weiß, was der Wirt für ein gelehrter +Mann ist.« – Dann flüsterte er lange heimlich mit dem +König. Der nickte mit dem Kopfe und sagte zu dem Wirt, +der abseits stand und nicht wußte, was das alles zu bedeuten +habe: »Wisset, mein Kellermeister ist gestorben. Im +ganzen Lande suchen wir einen neuen; aber es muß ein +Mann sein, der nie Wein gefälscht, noch gewässerten Wein +verkauft hat. Du scheinst mir der Rechte. Sage mir, wer +hat dich in der Kunst unterwiesen?«</p> + +<p>»Schlupps,« sagte der Wirt wieder. Der König legte seine +Stirn in tiefe Falten und sah sich ernst im Kreise um. Denn +weil ein König gescheidter sein muß, wie alle Leute und +<span class="pagenum"><a name="Page_20" id="Page_20">[20]</a></span>alles besser wissen soll, wollte er nicht merken lassen, daß er +das Wort nicht kenne und so sagte er: »Das dachte ich mir +gleich. Willst du mein Kellermeister sein, so sollst du in +meinem Schlosse wohnen, in einer goldenen Kutsche fahren +und so viel Geld haben, als du immer willst; dafür darf +kein anderer als du meinen Wein besorgen.«</p> + +<p>Des war der Wirt froh. Entließ sein Gesind, schloß sein +Haus zu, bestieg ein Pferd und zog mit dem König fort.</p> + + + + +<h2><a name="Von_einer_Heirat" id="Von_einer_Heirat"></a>Von einer Heirat</h2> + + +<p>Schlupps fuhr indes in die Welt hinein, machte sich gute +Tage und sparte nicht an Geld; denn er meinte, der Beutel +lange ewig. Eines Tages aber sah er, daß nur noch wenige +Goldstücke darinnen waren und er sehen mußte, sich Geld +zu verschaffen. Er war indeß schon ein gut Stück in der +Welt herumgekommen, denn mit Wagen und Pferden ging +es schneller als auf Schusters Rappen. Einkehr hielt er des +Nachts selten in Wirtshäusern, meistens bat er die Bauern, +bei ihnen sein Gespann einstellen zu dürfen, dieweil er ein +armer Fuhrmann war, der daheim Weib und Kind hatte. +Er wolle gern den Hafer für sein Pferd und die Abendsuppe +für sich bezahlen. Da aber die Leute, besonders die +Frauen, mit ihm Mitleid hatten, wenn er gar zu beweglich +von seinen sechs hungrigen Kindern daheim erzählte, gaben +sie ihm um Gotteswillen, was er sich ausbat, und was er +des Nachts sparte, ließ er des Mittags im Wirtshaus draufgehen.</p> + +<p>So kam er einmal abends in ein Dorf und hielt gleich bei +<span class="pagenum"><a name="Page_21" id="Page_21">[21]</a></span>dem ersten Bauernhof um Nachtherberge an. Der Bauer +aber war der Dorfschulze und gar hochmütig. »Hab kein +Wirtshaus für herumziehendes Volk,« brummte er. »Brauche +meine Ställe alleine,« und jagte den Fuhrmann fort. Der +traute sich nicht so bald wieder zu fragen, zog langsam +weiter und horchte, wie die Hunde hier gar so bös bellten. +»Scheinen ungute Leute im Dorf,« dachte er, »tät ihnen not, +daß ich sie mit meinen Launen und Schwänken hobelte, damit +sie an mich denken.«</p> + +<p>Da sah er abseits ein Gehöft, von dessen niederm Dach die +Schindeln morsch herunterhingen. Er fuhr hin, stieg ab und +spähte durch das Tor. Auf dem Brunnenrande saß ein +Mädchen, den Kopf hatte es in die Schürze gesteckt und man +hörte, daß es bitterlich weinte. »Jungfer, was fehlt Euch?« +fragte Schlupps. Sie fuhr hoch und sah erschreckt zu dem +Manne auf; als sie aber in ein gutmütiges Gesicht blickte, +faßte sie sich ein Herz und fragte ihn, was er wolle. Er erzählte +ihr, daß er Nachtlager suche, denn die Wirtshäuser +wären zu teuer.</p> + +<p>»Kommt nur herein,« sagte sie. »Ich fürchte Euch nicht. +Stehlen könnt Ihr mir nichts. Meine letzte Ziege ist gestern +gefallen und mir werdet Ihr wohl kein Leid antun. Und +wenn auch, das Sterben ist mir nicht unlieb; denn das +Leben ist mir verleidet.« »Redet nicht so gotteslästerlich,« +sprach er ernst. »Erzählt mir Euren Kummer, vielleicht kann +ich Euch helfen.«</p> + +<p>»Wißt,« hub sie an zu erzählen. »Der Hans und ich lieben +uns schon lange. Der Hans ist der Schulzensohn und wollte +<span class="pagenum"><a name="Page_22" id="Page_22">[22]</a></span>mich zu seinem Weibe machen, aber sein Vater ist gar reich +und hochmütig und hat den Hans mit der reichen Bäckertochter +versprochen. Die ist häßlich und böse; ein freundliches +Wort gönnt sie keinem Menschen. Wäre sie gut, wollte +ich ihr den Hans gern lassen und für immer fortgehen, daß +mich der Hans nicht mehr sieht und meiner vergißt. Aber, +da ich weiß, was für eine Garstige sie ist, drückt mir der +Kummer das Herz ab. Wie der Hans seinem Vater trotzte +und sagte, er wolle nur mich haben, lachte der Schultheiß +spöttisch und meinte: »Die Eve, die so arm ist, daß sie nicht +einmal ihre Hochzeit ausrüsten kann und die Gäste Essigwasser +anstatt Wein zu trinken bekämen! Wenn aus der +Eve ihrem Brunnen roter Wein kommt, darfst du sie heiraten!« +Das ist natürlich eitel Gerede gewesen; denn er +weiß, daß so was nie möglich ist, und jetzt ist der Hans +mit der Bäckin aufgeboten und Sonntag ist Hochzeit.«</p> + +<p>»Tröstet Euch,« sagte Schlupps. »Es gibt Burschen, die gewiß +noch schöner sind als der Hans. Ihr werdet einen anderen +finden.« »Nimmermehr,« rief Eve. »Lieber in den +Brunnen!« »Wartet ab und verliert die Hoffnung nicht; +vielleicht weiß ich Rat. Legt Euch zu Bett, verschließt Eure +Kammertür und vertraut auf Gott. Ich will im Stall bei +meinen Pferden schlafen und ihnen den Hafersack umhängen.«</p> + +<p>Als das Mädchen in seine Kammer gegangen war und es +still im Hofe ward, ging der Bursche in die Gerätekammer, +holte eine Schaufel und fing an, ein großes Loch im Hof +zu graben und daneben noch eins. In die beiden Löcher +<span class="pagenum"><a name="Page_23" id="Page_23">[23]</a></span>aber tat er die Fässer mit saurem Wein, deckte Erde darüber +und Steine, und das Faß mit rotem Wein versenkte er in +den Ziehbrunnen. Dann legte er sich zu seinen Pferden auf +die Streu und schlief ein.</p> + +<p>Am andern Tage sagte er zu dem Mädchen: »Ich muß noch +einmal fortgehen. Laßt meinen Wagen und die Pferde einige +Tage bei Euch stehen. Es soll Euch nicht reuen.« »Gern,« +gab sie zur Antwort. »Da ist noch etwas Heu und Hafer. +Ich hab es nicht not, nehmt Ihr es. Ich will Eure Pferde +wohl versorgen, wenn Ihr fort müßt.« Da verabschiedete +sich Schlupps, ging in das Dorf und geradezu in den Bäckerladen, +wo die Bäckertochter fein aufgeputzt da saß. »Was +wollt Ihr?« fragte sie barsch. »Ein Brot,« sagte der Handwerksbursche +demütig. »So nehmt, zahlt und macht, daß +Ihr fort kommt. Braucht mich nicht so anzusehen.« – – – +– – »Verzeiht Jungfer,« stotterte Schlupps und tat arg +verlegen. »Hätte ich doch mein Lebtag nicht gedacht, daß +ich des Kaisers von Welschland Frau hier leibhaftig vor +mir sehen würde.« »Wen?« fragte die Bäckerstochter, und +der Hochmut fing an, sich in ihr zu regen.</p> + +<p>»Des Kaisers von Welschland Gemahlin, leibhaftig. Muß +ich sie doch kennen, bin oft genug im Schloß gewesen und +hab ihr gar prachtvolle Kleider gemacht. Denn wißt, ich +bin ein tüchtiger Schneidermeister und hätte es können in +Welschland weit bringen. Doch, wie es geht. Wollte wieder +ins Vaterland. Hab aber oft zurückgedacht an die schöne +Königin. Wenn Ihr Kleider hättet wie die – weiß Gott! +Keiner tät wissen, daß Ihr nicht eine Prinzessin seid und +<span class="pagenum"><a name="Page_24" id="Page_24">[24]</a></span>daß Eure Wiege hinter den Mehlsäcken gestanden hat. Könnt +Ihr mir nicht künden, wie Ihr heißt? – –« »Grit,« sagte +sie und versuchte, recht holdselig zu lächeln, es wollte ihr +aber nicht gelingen; denn die oberen Zähne hingen ihr über +die unteren herab und so machte sie mehr ein Grinsen, denn +ein Lächeln. »Grit,« wiederholte sie.</p> + +<p>»Kann so was sein?« rief Schlupps. »Gibt es Wunder? +Genau so hieß die Königin. Wer weiß, vielleicht hat mich +der Zufall nicht umsonst hergeführt und der Prinz Xaver, +der immer eine Frau sucht, die wie seine Mutter aussieht, +seufzt nicht vergebens. Gewiß ist Euer Herz noch frei, +Jungfer?«</p> + +<p>»Das ist es eben,« sagte sie wehleidig. »Am Sonntag soll +ich ehelichen, den Hans vom Schultheiß. Er hat mir soweit +ganz gut gefallen, besonders weil ich ihn der Ev’, dem dummen +Ding, nicht gönnte.« – –</p> + +<p>»Was?« rief der Handwerksbursche erstaunt. »Ist so was +möglich? Einem Bauern wollen sie Euch zum Weibe geben +und seid doch nur für einen Prinzen geschaffen? Ei, hätte +nicht gedacht, daß Ihr so herunterstieget. Aber um Eines +bitte ich Euch. Laßt mich das Brautkleid machen, genau wie +es die Königin trug, damit die Leute sehen, wen sie vor +sich haben.«</p> + +<p>Deß freute sich Grit, denn es verdroß sie schon lange, daß sie +zur Hochzeit daher kommen sollte wie jede Bauernmagd. +Jetzt sollte der Hans sehen, was eine reiche Braut vermochte, +und die Eve sollte vor Neid bersten.</p> + +<p>»Erzählt mir, wie das Gewand war,« bat sie. »Aus den +<span class="pagenum"><a name="Page_25" id="Page_25">[25]</a></span>besten Stoffen,« erzählte das falsche Schneiderlein, »ein Unterkleid +von gelbem Tuch, dazu ein Obergewand von rotem +Sammet, die Ärmel gepufft aus heller Seide und alles fein +mit bunten Bändern ausstaffiert. Auf dem Kopfe eine vier +Ellen hohe Mütze aus Seide und Pelz und daran einen +Schleier, so lang als Ihr seid und noch darüber, und die +Schuhe – – die Schuhe, die waren mit dicken grünen Perlen +besetzt. Eine goldene Kette lag um den Hals, die ging +bis auf den Gürtel, und der war aus purem Golde mit +bunten Steinen verziert. So müßt Ihr es auch haben. +Wartet nur Ihr Bauern,« und er drohte mit der Faust hinaus +in die Luft, »ich will Euch zeigen, wie man eine Prinzessin +zu behandeln hat.«</p> + +<p>»Aber werdet Ihr das Alles so schnell nähen können?« fragte +Grit zweifelnd. »In vier Tagen ist Hochzeit.«</p> + +<p>»Nichts leichter als das,« lachte Schlupps. »Hab in Welschland +doch anderes leisten müssen. Gebt mir Wagen und +Pferd, so fahr’ ich in die Stadt und kaufe alles ein. Wundert +Euch nicht, wenn ich erst morgen Abend wiederkomme; +denn es wird schwer halten, alles im Städtchen zu finden. +Damit Ihr aber sicher seid, daß ich wiederkehre, lasse ich +mein Felleisen da. In dem ist mein Fingerhut, und wenn +ich den nicht habe, kann ich nichts machen. Hütet Euch jedoch, +das Felleisen zu öffnen. Es ist mit einem Zauberspruch +geschlossen, und wer es öffnet, wagt sein Leben.« +Grit, deren Hoffart immer mehr stieg, gab ihm heimlich +ihres Vaters Wagen und Pferd und einen großen Sack +Geld; den wollte sie eigentlich dem Hans als Brautgabe +<span class="pagenum"><a name="Page_26" id="Page_26">[26]</a></span>mitbringen. »Braucht davon, so viel Ihr für gut findet,« +sagte sie. Denn wenn sie auch keinem etwas gönnte, so war +ihr für sich selbst nichts zu viel, und sie scheute nicht Geld +und Gut, wenn es ihre Schönheit galt. Meinte sie doch, daß +ihr kein Mädchen im Dorf gleich käme, und wußte nicht, +wie die hakige Nase garstig aus den knochigen Wangen herausstach, +und der Hans fürchtete sich so vor dem spitzen Gesicht, +daß er seiner Braut noch nie einen Kuß gegeben hatte +und stets wehmütig an Eves rundes, frisches Gesicht mit +den braunen Augen dachte.</p> + +<p>So fuhr Schlupps davon. Hans aber kam auf seines Vaters +Weisung, seine Braut zu besuchen und allerlei mit ihr wegen +des Hausrats zu besprechen. Der Schultheiß kam selbst +auch hinzu, um die künftige Tochter wegen der Hochzeit zu +befragen. Er wunderte sich nicht wenig, wie Grit hoffärtig +und spitz immer davon sprach, daß es eine Gnade für Hans +sei, wenn sie ihn nähme, und daß sie für Höheres geboren +wäre. »Na, hoch genug liegt unser Hof ja,« sagte der +Schulze scherzhaft, er verstand noch immer nicht, wo sie hinaus +wollte. »Laßt die Späße, Schultheiß,« gab sie giftig +zurück. »Wenn ich erst Bäuerin auf dem Hof bin, werden +wir sehen, wie hoch Ihr seid. Da habt Ihr nichts mehr dort +drein zu reden. Am besten wär’s, Ihr gäbet Hans gleich +Haus und Hof und zöget aus. Für drei Leute ist der Hof +zu eng.« – –</p> + +<p>Da sah Hansens Vater, was für eine Böse die neue Schwiegertochter +war, schlug die Türe zu und ging heim. »Noch +ist nicht aller Tage Abend,« brummte er. Und der Zufall +<span class="pagenum"><a name="Page_27" id="Page_27">[27]</a></span>wollte, daß ihm die Ev begegnete, wie sie so bescheiden +und sittig durch das Dorf schritt. »Hätte ich der doch den +Hans gegönnt,« dachte er, »das wäre eine bessere Hausfrau +geworden, als die übermütige, häßliche Bäckerstochter,« +und weil er im Grunde nicht geldgierig, nur stolz und rechthaberisch +war, tat ihm jetzt die Eve leid. Sie hatte mit +so traurigen Augen auf ihn geblickt. –</p> + +<p>Schlupps fuhr indeß in die Stadt, kaufte allerlei Stoffe, +alles vom Gröbsten und Schlechtesten, ging zu einem +Schneidermeister und sprach: »Meister, mach Er mir bis +morgen ein Gewand. So und so muß es sein« und beschrieb, +wie er es haben wollte. »Das kann nicht sein,« +widersprach der Meister, »das wäre eine gar traurige Arbeit, +und man würde mich darob mit Schimpf und Schande +aus der Zunft jagen. Gebt mir acht Tage Zeit und es soll +genäht und gebügelt sein, wie es sich gehört.« »Bis morgen +muß ich es haben,« beharrte Schlupps. »Tut Ihr es nicht, +tut es ein anderer; auf Geld soll es mir nicht ankommen,« +und legte ein Goldstück auf den Tisch. »Näht wie Ihr wollt, +und wenn ein Stich auch dem andern zuruft: »halt Bruder, +lauf nicht davon,« so soll es nichts ausmachen. Es braucht +nicht lange zu halten und wenn die Ärmel nur lose darin +hängen und die Nähte bald springen, so ist das Ausziehen +um so leichter und man braucht nicht viel Haken aufzumachen.« +»Auch gut,« überlegte der Meister von der Nadel. +»Gewiß ist das unehrliches, fahrendes Volk; denn ein Bürgerkind +zög ein solches Narrengewand nicht an;« rief seine +Gesellen herbei und versprach, rechtzeitig fertig zu sein. +<span class="pagenum"><a name="Page_28" id="Page_28">[28]</a></span>Konnte sich aber nicht genug wundern, was für schlechte +Tuche ihm zu Händen kamen, denn statt Sammet hatte der +Schalk grobe Linnen mit roter Farbe anstreichen lassen.</p> + +<p>Den Schmuck aber ließ er beim Blechschmied aus Blech und +Messing machen und in den Gürtel Glasstücke hineinsetzen. +Der Schleier war so groß wie ein Fischernetz, und der Beutel +wurde, nachdem alles eingekauft war, nur um ein Weniges +erleichtert. »Das Geld hast du dir sauer verdient,« +dachte Schlupps und streichelte den Geldsack zärtlich. Wie +er am folgenden Abend heimkehrte, stand die Bäckerstochter +auf der Landstraße und erwartete ihn. »Steigt auf, schöne +Grit,« rief Schlupps. »Laßt Euch erzählen.« – Er berichtete, +wie er überall herumgelaufen sei, bis er alle Stoffe gefunden +habe, dafür wären sie auch vom besten und feinsten. +Jetzt wolle er aber die ganze Nacht fleißig sein; denn bis +morgen müsse sie ihr Gewand haben. Den Packen trug er +dann eilends auf die Kammer, die ihm die Grit eingeräumt +hatte, schloß zu und steckte den Schlüssel ein. Dann ging er +fort in das Wirtshaus. Da saßen die Mannsleute des +Dorfes, alte und junge, und in ihrer Mitte der Schulze und +Hans; denn heute sollte der Bursche noch einmal das Ledigsein +feiern, wie es Brauch war am Ort.</p> + +<p>»Schulze, warum seid Ihr so ernst?« sagte der Wirt. »Muß +ich nicht ärgerlich sein?« war die Antwort. »Ich wollte zur +Hochzeit von meinem einzigen Sohne etwas draufgehen +lassen und hab darum meinen Knecht in die Stadt geschickt +nach einem Faß vom besten Roten, wie es ihn hier herum +<span class="pagenum"><a name="Page_29" id="Page_29">[29]</a></span>nirgends gibt. Ein Freund hat ihn mir um vieles Geld besorgt. +Jetzt schickte der Knecht mit einem Fuhrmann die +Kunde her, das Faß sei noch nicht eingetroffen, und er wisse +nicht, ob er zur Hochzeit zurück sein werde. Übermorgen +ist die Trauung; morgen kommen schon die Gäste, und ich +muß ihnen einen gewöhnlichen Wein vorsetzen, wie ihn +jeder Bauer im Keller hat.«</p> + +<p>»Verzeiht, Herr,« mischte sich Schlupps ins Gespräch. +»Sollte im Dorf kein Wein zu haben sein? Ich bin Küfer +und weiß die verborgenen Quellen wohl aufzufinden.«</p> + +<p>Alle Gäste horchten auf und der Schulze sagte: »Wenn Ihr +mir hier im Dorfe guten Wein schafft, soll es mir auf ein +Stück Geld nicht ankommen.«</p> + +<p>Der Bursche nahm eine Gabel, die auf dem Tische lag, +schlug damit an ein Glas, hielt die Gabel an das Ohr und +sagte mit geschlossenen Augen:</p> + +<p>»Ich sehe ein Haus, abseits von der Straße, grüne Fensterladen +sind daran, ein Nußbaum steht auf dem Hofe und +ein Mägdlein sitzt in der Kammer, ringt die Hände und +seufzt: ›Hilf Gott mir armen Waisenkind!‹«</p> + +<p>Scheu sah alles nach dem Dorfschulzen. Das war ja der +Hof der Eve! Der Hans verbarg sein Gesicht, weil er die +Tränen, die in seinen Augen saßen, nicht zeigen wollte. +»Im Brunnen,« fuhr Schlupps fort, »liegt ein Faß vom +besten Roten. Linker Hand vom Brunnen sind zwei Steine, +wenn Ihr da grabt, so findet Ihr zwei Tonnen Gold. Die +aber darf man nur bei Vollmondschein öffnen. Fällt nicht +<span class="pagenum"><a name="Page_30" id="Page_30">[30]</a></span>das volle Mondlicht in die Fässer, wenn Ihr sie aufmacht, +so verwandelt sich das Gold in sauren Wein.« Dann machte +er wieder die Augen auf, sah erstaunt um sich und sprach: +»Wo bin ich? Vermeinte doch eben auf einem einsamen +Bauernhof zu sein und bin im Wirtshaus. Was bin ich +schuldig, Herr Wirt?« »Nichts,« sagte der. »Euer Schöppchen +soll Euch gesegnet sein, wenn alles, was Ihr gesagt +habt, zutrifft.« Der vermeintliche Küfer dankte und zog ab. +Der Dorfschulze ging nachdenklich heim. Käme bis morgen +Mittag der Knecht nicht, dann wollte er sehen, ob es sich mit +dem Wein so verhielt, wie der Fremde ihm bedeutet. Wenn +er das gewußt hätte, daß die Eve heimlich Schätze auf +ihrem Hof verborgen hielt, wäre er nicht so widerspenstig +gewesen.</p> + +<p>Am andern Tage sagte Schlupps zu Grit: »Jungfer, Ihr +dauert mich. Ich will Euch etwas anvertrauen. Der Prinz +Xaver hat mir Wagen und Pferde geschickt, daß ich ihn auf +der Brautschau begleite. Es ist zwar ein einfach Gefährt, +weil wir unerkannt durch die Lande ziehen wollen, aber ich +denke, wenn Ihr das feine Gewand anlegt, braucht der +Prinz nicht weit zu suchen. Die Braut ist da und die Hochzeit +kann bald gefeiert werden.« Und Grit, der ihr Sinn +schon lange nach dem Prinzen stand, rief freudig: »Wenn +Ihr mich mitnehmen wollt, es soll Euch Euer Lebtag vergolten +werden.« In ihrem boshaften Herzen dachte sie +aber: »wenn ich erst Prinzessin bin, muß der Schneider aus +dem Land, damit er keinem erzählt, daß ich Mehl gemessen +und Brot gewogen habe.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_31" id="Page_31">[31]</a></span>»So hole ich Wagen und Pferd,« meinte Schlupps. »Zieht +Euch derweil an und vergeßt auch nicht, die Leinentruhe +mitzunehmen,« ging zu Eve, dankte ihr für ihre Gefälligkeit +und sagte: »Wenn hier ein Wunder geschieht und du +weißt nicht, woher es kommt, so denke, das hat Schlupps +getan und sei gegen arme Wanderer immer freundlich. Das +aber sage ich Dir: Nimmer wird die Bäckin Hansens Frau, +und Dich seh ich im Geiste mit ihm zur Kirche gehen.«</p> + +<p>Dann fuhr er rasch an das Bäckerhaus, wo die Grit fein +aufgeputzt ihn erwartete, lud die Truhe auf und hieß das +Mädchen aufsitzen. »Nehmt Euch ein großes Tuch um,« +warnte er, »damit die Leute Euch nicht erkennen.« Das tat +sie, und wie die Pferde durch die Dorfstraße trabten, wendete +mancher den Kopf nach der fremden Frau, die unkenntlich +in ein Tuch gewickelt im Wagen kauerte.</p> + +<p>Wie nun der Knecht nicht kam, beschloß der Dorfschulze, +zu Eve zu gehen und nachzusehen, ob der fremde Küfer die +Wahrheit gesprochen hätte, nahm aber drei ehrsame Männer +als Zeugen mit. Wie er auf den Hof trat, kam ihm die +Eve erstaunt entgegen und fragte nach seinem Begehr. +»Verzeiht, Eve, wenn wir Euch ungelegen kommen,« entgegnete +der Schulze, »aber man hat uns gesagt, daß Ihr +im Ziehbrunnen Wein habt. Wollt Ihr mir den zu Hansens +Hochzeit verkaufen?«</p> + +<p>»Daß ich nicht wüßt’,« staunte die Eve. »Hab zwar oft +in den letzten Tagen, wenn ich die Eimer hinunter ließ, +gespürt, daß etwas drinnen liege; ich meinte aber nicht +<span class="pagenum"><a name="Page_32" id="Page_32">[32]</a></span>anders, als es seien Steine von der letzten Schneeschmelze. +Schaut zu, ob Ihr etwas findet.«</p> + +<p>Die Männer stießen mit einer Stange in den Brunnen und +fanden Widerstand. Einer holte eine Leiter, kroch hinab +und rief: »Ein Faß! ein Faß!« Das holten sie mit vieler +Mühe herauf, bohrten es an, und der beste Rote, wie sie ihn +noch nie getrunken, floß heraus. Hansens Vater frug Eve, +was sie dafür haben wolle. »Nichts,« sagte sie, »denn er ist +nicht mein. Soll er aber zu Hansens Hochzeit sein, so nehmt +ihn mit Euch, und möchte jeder Tropfen darinnen einen Tag +Glück für Euren Sohn bedeuten.« Damit drehte sie sich +um, denn sie konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. +Auch dem Schulzen, der ein strenger Mann war, stand das +Weinen näher wie das Lachen, und er hätte viel darum +gegeben, wenn er Geschehenes ungeschehen hätte machen +können. »Erlaubt, Eve,« bat er fast demütig, »daß wir im +Hof unter den Steinen aufgraben.« »Macht, was Ihr für +Recht haltet, Schulze,« sagte sie ganz verwundert über sein +Tun; denn er griff selbst nach den Steinen, die linker Hand +vom Brunnen lagen, räumte die Erde fort – – und stieß +auf zwei große Fässer, grad wie es der unbekannte Mann +gesagt hatte.</p> + +<p>»Eve,« wandte er sich zu dem Mädchen, das immer noch +nicht wußte, wie ihm geschah, »Ihr seid die Reichste im +Dorfe. Die Fässer sind Goldes voll.« »Was nützt mir +das,« schluchzte sie, »hab ich doch das Beste nicht und muß +meine Liebe als Sünde anschauen.« »Weiß Gott,« stöhnte +der Schulze, »könnt ich mein Wort zurücknehmen, ich tät’s +<span class="pagenum"><a name="Page_33" id="Page_33">[33]</a></span>lieber heut als morgen. Aber die Bäckin hebt den Verspruch +nimmer auf und so müssen wir das Übel ertragen.« Damit +ging er fort, und wenn er auf einen Menschen böse und zornig +war, so war er es auf sich selbst; denn die Eve gefiel +ihm immer besser und das Wort, das er Hansen gegeben und +nicht einlösen konnte, lastete ihm schwer auf der Seele.</p> + +<p>Die Grit fuhr indessen mit Schlupps weiter, bis sie an eine +einsame Waldhütte kamen. »Geht hier hinein,« sagte der +Schalk, »in dieser Hütte will mich der Prinz treffen. Setzt +Euch auf die Bank; er muß bald kommen, denn um die +Dämmerung wollte er hier sein. Ich bleibe bei dem +Wagen, daß niemand die Truhe mit Euren Leinenschätzen +stiehlt.« »Bin ich erst Prinzessin,« rief Grit prahlerisch, +»so trage ich doch nur Seide und Sammt; Leinen ist mir +zu gering. Das Könnt Ihr als Lohn für Eure Dienste +gleich nehmen!«</p> + +<p>Damit ging sie hinein und setzte sich auf die Bank, die mit +Spinnweb und Staub überzogen war. Weil sie aber sehr +müde war, schlief sie bald fest ein. Als Schlupps merkte, +daß sie so bald nicht aufwachen würde, hieb er auf die +Rößlein ein und fuhr davon, so schnell seine Pferde laufen +konnten.</p> + +<p>Sonntag Morgen läuteten die Glocken zur Kirche, die +Mädchen des Dorfes zogen vor das Haus der Grit und +wollten sie holen. Der Bäcker stand ratlos da, frug jeden, +ob er seine Tochter nicht gesehen habe, die mit der Leinenkiste +verschwunden war, tobte und schimpfte und wußte sich +ihr Verschwinden nicht zu erklären. Nachdem das ganze +<span class="pagenum"><a name="Page_34" id="Page_34">[34]</a></span>Haus vom Keller bis zum Boden vergeblich durchsucht war +und man zum Überfluß noch Grits Kleider in der Kammer +gefunden hatte, beschlossen die Gespielinnen, dem Bräutigam +die Sache zu vermelden, vielleicht daß der Grit ein +Unglück zugestoßen sei. Sie gingen in die Kirche, wo schon +die Hochzeitsgäste und der Pfarrer standen und auf die +Braut warteten.</p> + +<p>Der Pfarrer riet, sich noch eine Stunde zu gedulden; aber +der Schulze sagte: »Nein, Herr Pfarrer. Ist sie nicht da, +so ist das Gottes Wille,« und erzählte, wie bös Grit ihm +begegnet, wie hochmütig sie den Hans behandelt und was +der fremde Wandersmann geweissagt habe. Wie er selbst +aber sein ungerecht Tun gegen die Eve bereue. »Dort +hinten kniet die rechte Braut,« schloß er und wies auf Eve, +die vor dem Altar lag und für Hans allen Segen herabflehte.</p> + +<p>Da erkannte der Pfarrer Gottes Gnade, trat auf Eve zu, +faßte sie an der Hand und sagte: »Eve, willst du alle +Kränkungen, die du erduldet hast, vergeben und vergessen +und Hansens Weib werden?«</p> + +<p>Und wie sie die bangen Augen des Herzallerliebsten sah, +da leuchtete ihr Gesicht und sie sagte freudig: »Ja, ich will.« +Dann traten sie an den Altar, und nie hatte der Pfarrer +mit größerer Freude ein Paar eingesegnet wie Eve und +Hans. Grit aber schlief im Waldhaus, und wie sie erwachte, +schien die Morgensonne hell herein. Als sie aus der Hütte +trat und sich umsah, war kein Wagen, keine Pferde, kein +Schneider und keine Leinentruhe zu sehen. Ob sie auch +<span class="pagenum"><a name="Page_35" id="Page_35">[35]</a></span>schrie und tobte, – – sie kamen nicht und kamen nicht. Da +begann sie zu merken, daß der fremde Geselle falsches Spiel +mit ihr getrieben, lief weiter und weiter und wußte nicht +wohin, bis sie auf einmal den Kirchturm ihres Dorfes sah +und den Wetterhahn darauf. Da nahm sie ihre letzte Kraft +zusammen, eilte auf müden Füßen vorwärts, bis sie die +Kirche erreichte, und riß die Pforte auf, gerade als der +Pfarrer das glückliche Paar zusammengegeben hatte. Alle +Gäste schrieen auf; denn sie vermeinten nichts anderes, als +eine böse Hexe zu sehen. Erst wie sie näher hinschauten, +erkannten sie die Grit. Sah die aber aus!</p> + +<p>Staub und Spinnweb lagen auf ihrem Gewand, an dem +die Nähte alle geplatzt waren, daß der hagere, braune Leib +herausschaute; die Mütze saß schief auf dem Kopf, die +Haare hingen wild um die Stirn, und sie erschien als ein +Bild des Jammers. Wirr sah sie um sich, dann stürzte sie +auf das Paar, das am Altar stand, los und schrie mit geballten +Fäusten: »Falsches Ding, willst du mir meinen +Hochzeiter nehmen?« Damit suchte sie die Eve bei Seite +zu drängen, die sich voll Angst an Hans klammerte. Der +Pfarrer aber trat dazwischen und sprach: »Laßt gut sein, +Grit. Hier hat ein Höherer gewaltet. Geht heim, laßt +Euch ein ander Gewand anziehen und vom Bader zur +Ader lassen.« Denn er meinte nicht anders, als die Grit +wäre besessen und hätte den Verstand verloren. So wollte +er sie mit gutem Zuspruch aus der Kirche schaffen, damit +das Gotteshaus nicht durch Lästerreden entweiht werde. Da +lief die verlassene Braut heim, schloß sich in ihre Kammer +<span class="pagenum"><a name="Page_36" id="Page_36">[36]</a></span>ein, heulte und schrie. Im Hochzeitshaus aber herrschte eitel +Freude und Seligkeit. Von dem Tag an ließ die Grit ihrem +Vater keine Ruh; sie wollte aus dem Dorf heraus; denn in +ihrer Eitelkeit maß sie sich nicht die Schuld an ihrem törichten +Beginnen zu, sondern vermeinte, der Schulze habe ihr +einen Streich gespielt, weil sie ihn so hart angelassen.</p> + +<p>Wie bald darauf der Vollmond schien, beschloß der Schulze, +die Fässer zu heben, und weil es eine klare Nacht war, +stand dem nichts im Wege. Im Stillen freute es ihn, daß +sein Einziger das reichste Mädchen im Dorf gefreit hatte, +und er hielt den Kopf noch höher als sonst, wie er jetzt mit +Hans und vier kernfesten Männern auf Eves Hof kam. +Bald waren die Fässer heraufgeschafft, und der Schulze +hob das Beil, um den Deckel zu sprengen.</p> + +<p>Plötzlich erhob sich ein Wind, graue Wolken jagten daher +und zogen über den Mond, gerade als das Beil in vollem +Schwunge heruntersauste. Da spritzte es umher, daß des +Schulzen Kleider naß wurden, und wie er in das erste Faß +sah, floß darinnen weißer Wein und war von Gold nichts +zu sehen. Und beim zweiten erging es genau so. Das +erkannte der harte Mann jetzt als Strafe für seinen Hochmut +und schwieg still. Von der Gasse her aber klang ein +höhnisches Lachen, das kam von der Grit, die heimlich in +die Stadt fuhr, auf Nimmerwiedersehen.</p> + + + + +<h2><a name="Kaufmann_Goldreich" id="Kaufmann_Goldreich"></a>Kaufmann Goldreich</h2> + + +<p>Jetzt ging es Schlupps gar gut. Er hatte einen Sack voll +Geld und eine Truhe voll Leinen, beschloß aber diesmal +<span class="pagenum"><a name="Page_37" id="Page_37">[37]</a></span>Haus zu halten und nicht mehr alles zu vertun. Als er in +das nächste Städtchen kam, war gerade dort Markt und +von weit her kamen Leute, um einzukaufen. Sie feilschten +an den Buden um Ketten und Ringe und bunte Tücher, +und besonders das Weibervolk konnte sich nicht genug tun +am Schauen und Handeln. Wollten alles haben und war +ihnen doch alles zu teuer, sahen begehrlich auf die Ware +und warfen sie hin, als wäre es Feuer, an dem sie sich die +Finger verbrannten, wenn sie den Preis hörten. »Halt,« +dachte Schlupps, »hier blüht mein Weizen,« fuhr in ein +Wirtshaus, stellte dort ein und sagte zum Wirt: »Könnt +Ihr mir einen Jungen besorgen, der flink und anstellig ist, +so schickt ihn her.« »Das will ich meinen,« gab der Wirt zur +Antwort. »Nehmt meinen. Einen Pfiffigeren findet Ihr +nicht. Hat schon manchem Kaufmann geholfen, die Schäflein +scheeren.« »So schickt ihn herauf.« Der Junge kam und +Schlupps unterwies ihn, was er zu sagen habe. Der Bub +war gar schlau und zu Schelmenstreichen aufgelegt. Er ließ +sich von seinem neuen Herrn das Gesicht schwärzen, daß er +aussah wie einer aus dem Mohrenlande; dann machten +sie aus rotem Stoff einen Turban, wie ihn die Türken +tragen; Schlupps hing dem Burschen allerlei bunte Stoffe +um, und so aufgeputzt setzte er ihn auf ein Pferd, hieß ihn +auf dem Markt herumreiten und zu rufen: »Mein Herr, +der Kaufmann Goldreich, ist weit aus der Türkei hergekommen. +Er will gradwegs nach Spanien zu seines Kaisers +Majestät und ihm seine Waren bringen. Dieweil er +aber hier rastet, hat er sich entschlossen, ein klein Teil seiner +<span class="pagenum"><a name="Page_38" id="Page_38">[38]</a></span>Wunderdinge heut zu verkaufen; aber nur ein klein +Teil, weil er weiter muß und nicht lange bleiben kann. +Wer etwas von fremdländischen Waren versteht und anderes +sucht als grobes Leinen und derbe Stoffe, der komme +her und kaufe. Wer aber nichts davon versteht, der bleibe +fort und schone seinen Beutel; denn für solche hat mein +edler Herr nicht die weite Fahrt aus der Türkei unternommen +und ist aus des Sultans Schloß mit Lebensgefahr +entronnen. Durfte doch nie ein Christ das Land der +Heiden betreten, und nur mit vieler Mühe ist es dem Herrn +gelungen, sich Zutritt zu den Ungläubigen zu verschaffen. +Gebt Platz!«</p> + +<p>Dann stieß er in sein Horn und ritt weiter durch den ganzen +Ort, hielt an allen Ecken, und die Kinder liefen hinter +ihm drein; auch manch gesetzter Bürger horchte auf seine +Rede und beschloß, des Fremden Sachen anzusehen. Die +Frauen aber rotteten sich zusammen und kamen scharenweise +vor das Gasthaus, wo der Fremde wohnte und wohin der +Mohrenknabe jetzt zurückritt, vom Pferde stieg und demütig +seinen Herrn begrüßte, der vor der Tür einen Tisch aufgestellt +hatte.</p> + +<p>Während der Junge die Stadt durchzog, hatte Schlupps +die Zeit benutzt, um seinen Stoffen mit Hülfe von Pinsel +und Farbe ein gar buntes Aussehen zu geben, und die Laken +und Decken, die Hemden und Jacken erglänzten in allen +Farben. Hier saß ein roter und blauer Fleck, dort ein +gelber und grüner, und mit der Schere schnitt er absonderliche +Muster in den Stoffen aus, daß Sonne und Mond +<span class="pagenum"><a name="Page_39" id="Page_39">[39]</a></span>hindurchsahen. Er selbst heftete auf sein Gewand allerlei +Flickwerk, hing die Messingkette, die er der Grit im Schlafe +abgenommen hatte, um, und den Gürtel, den er auch von +ihr hatte mitgehen heißen, schlang er über die Schulter. +Jetzt stand er neben dem Tisch und sah die Menge, die ihn +neugierig musterte, ernst an, und Jeder, den sein Blick +traf, meinte immer, dies Gesicht schon einmal gesehen zu +haben, wußte aber nicht, wo.</p> + +<p>Als der erste Käufer auf ihn zutrat, verneigte sich der +fremde Krämer gar tief, kreuzte die Arme auf der Brust und +murmelte etwas, was keiner verstand. »Das ist Türkisch,« +sagte der Mohrenknabe. »Herr, redet deutsch,« wandte er +sich dann an Schlupps, »dieweil Euch sonst keiner hier versteht, +und sagt, was Ihr für Eure Ware verlangt.« Und +der falsche Krämer hub an, seine Waren zu preisen und zu +erzählen, wie des Sultans Frauen die kostbaren Gewänder +getragen, wie er sie mit vieler Mühe ihnen heimlich +abgekauft habe, und wie die tausend Gemahlinnen des türkischen +Kaisers schön seien, eine schöner wie die andere. Aber +nur, wenn sie diese Gewänder und Stoffe an sich hätten, die +der Zauberer »Emalker«<a name="FNanchor_1_1" id="FNanchor_1_1"></a><a href="#Footnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a> angefertigt habe. Sie hatten erst +die Schätze nicht hergeben wollen und taten es nur, als er +ihnen versprach, ihnen von einem anderen Hexenmeister +schönere weben zu lassen. Da ließen sie sich erbitten.</p> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_1_1" id="Footnote_1_1"></a><a href="#FNanchor_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Auch rückwärts zu lesen.</p></div> + +<p>Die Leute guckten staunend auf den Erzähler. Ein fürwitziger +Bursche aber rief: »Ei, Herr Krämer, warum habt +Ihr dann Eure Sachen nicht gleich von dem besseren Zauberer +machen lassen?« Er suchte nach seiner kecken Rede zu +<span class="pagenum"><a name="Page_40" id="Page_40">[40]</a></span>entschlüpfen, weil die Umstehenden ihn gar nicht liebreich +stießen und pufften. Sie fürchteten, der fremde Krämer +möchte erzürnt sein und seine Ware einpacken.</p> + +<p>»Recht habt Ihr, junger Bursche,« sagte der Kaufmann +Goldreich. »Das hätte ich können, wenn der böse Zauberer +nicht sich geweigert hätte, für Christenfrauen zu arbeiten. +Dann wartete auch mein Schiff im Hafen, das des Kaisers +Majestät für mich gesandt hatte. Und jetzt sagt an, liebe +Bürger und edle Frauen, ob Ihr kaufen wollt, oder ob ich +meine Gewänder wieder in die Truhen packen soll.« Dabei +hielt er die Stoffe hoch, daß die Sonne darauf fiel und +die Farben gleißten und glänzten, und alle drängten sich +herzu und wollten von den seltenen Tüchern kaufen. +»Denn,« sagten sie, »was so weit her ist, muß etwas Besonderes +sein,« und »Selbstgewebtes haben wir in den +Truhen genug.« Schließlich kam der gestrenge Herr Bürgermeister +an und wollte die goldene Kette kaufen und den +Gürtel, den der Krämer auf der Schulter trug. Aber da +jammerte Schlupps gar kläglich, daß ihm der Kaiser von +Spanien arg zürnen werde, wenn er den Schatz, der für +seine hohe Gemahlin bestimmt sei, verkaufe, und konnte +sich erst auf vieles Bitten und Drängen dazu verstehen, den +Schmuck für hundert Taler herzugeben.</p> + +<p>»Es ist zu billig. Es ist zu billig!« beteuerte er immer +wieder. »Wenn Ihr’s nicht wäret, hochedler Herr, wahrhaftig! +Nichts in der Welt hätte mich verführen können. +Aber so geht’s, wenn man mit vornehmen Herren Handel +treibt.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_41" id="Page_41">[41]</a></span>Und der Bürgermeister zog mit seinen Ketten stolz ab; +seine Frau aber sah um sich, als wäre sie die Kaiserin von +Spanien.</p> + +<p>Ehe Schlupps sich’s versah, waren seine Waren ausverkauft +und seine Truhe leer; seine Beutel aber konnten kaum das +viele Geld fassen. »Morgen gibt es mehr, Ihr Leute,« rief +er, als immer neue Käufer andrängten. »Habt Geduld. +Ja, alle Tage kommt nicht einer aus der Türkei, gradenwegs +aus des Sultans Schloß,« und er kreuzte wieder die +Arme über der Brust, verneigte sich tief und schritt, von +dem Mohrenknaben gefolgt, langsam und nachdenklich in +das Wirtshaus.</p> + +<p>Die andern Kaufleute wußten nicht, wie ihnen geschah. +Die Waren, die man ihnen wies, waren gewöhnliches +Bauernleinen, bunt bemalt und grob genäht, und wenn +sie auch zehnmal beteuerten, daß ihr Leinen feiner, ihr Tuch +weicher sei, so glaubte es keiner; denn niemand wollte dafür +gelten, daß er das, was aus fremden Landen stamme, +nicht verstehe. »Das ist nur Neid von den Krämern, weil +sie keine ausländischen Waren haben,« schrieen die Käufer. +Die Krämer gaben Antwort, und bald hallte der Markt +von Lärm und Geschrei. Man prügelte aufeinander los, +man zerrte und riß sich, und manchen Händler ereilte jetzt +die Strafe für falsches Gewicht und ungerechtes Maß, und +noch tönte von den Gassen das Zetern, als Schlupps durch +eine Hinterpforte das Gasthaus verließ. Dem Wirt und +seinem Jungen hatte er ein Teil von seinem Gewinn geschenkt, +so daß sie zufrieden waren und reinen Mund zu +<span class="pagenum"><a name="Page_42" id="Page_42">[42]</a></span>halten versprachen. Als am andern Morgen die Leute +herbeiströmten und auf den Krämer warteten, trat der Wirt +händeringend aus dem Haus und rief: »Wo ist der Galgenstrick! +Wo ist der Zauberer, der mit der Zeche verschwunden +ist. Wo seine Rößlein im Stall gestanden +haben, liegen ausgeglühte Kohlen, in seinem Bett fand ich +einen Besen. Keiner sah ihn gehen, noch hörte man den +Wagen rollen. Weh mir armen, geschlagenen Mann! +Alles war eitel Trug und Blendwerk, und Wagen und +Pferde sind nimmer richtig gewesen!«</p> + +<p>Da liefen die Leute entsetzt nach Haus, sahen die Einkäufe +an und erkannten mit Schrecken, daß alles, was in der +Sonne geglänzt und gegleißt hatte, nichts nutz war und +nicht einmal so gut, wie das selbstgewebte Bauerntuch, +das sie auf dem Markt sonst kauften. Der Bürgermeister +lief voll Angst zu einem Goldschmied und ließ seine Kette +prüfen. Der erklärte sie für eitel Messing und die Steine +für Glas, grad gut genug für Mummerei und Fastenscherz. +Jetzt schämten sich alle, die erst das große Wort geführt +hatten und mancher, der einem Krämer mit böser Rede und +hartem Schlag weh getan hatte, ging hin, entschuldigte +sich und bat, wieder »gut Freund« zu sein. Auf die fremdländischen +Händler aber war man lange Zeit nicht gut zu +sprechen und wies jeden, der kam, des Ortes hinaus.</p> + + + + +<h2><a name="Mutterleid" id="Mutterleid"></a>Mutterleid</h2> + + +<p>Schlupps zog weiter, die Straße entlang, die durch den +Wald führte, dann am Flußufer hin und freute sich, wie +<span class="pagenum"><a name="Page_43" id="Page_43">[43]</a></span>die Sonne so hell aus dem Wasser flimmerte, wie die Vöglein +sangen und wie die Blumen lieblich dufteten, brach +sich einen Zweig ab und wehrte damit die Fliegen, die +seine Rößlein umschwirrten. Dazwischen aber fühlte er +seine Geldsäckel an, die er neben sich gelegt hatte und die +gar schwer und steif waren.</p> + +<p>»Man muß das Gras mähen, wenn es reif ist,« dachte er, +»Wäre ich’s nicht gewesen, so wäre ein anderer gekommen, +und die Krämer hierzulande können mir Dank sagen, daß +ich ihnen die fremdländischen vom Halse geschafft habe.« +An einem Wirtshause hielt er Mittagsrast, ließ sich ein +gutes Essen geben und fuhr dann weiter. Unterwegs sah +er eine Frau auf der Landstraße gehen, die ein Kind auf +dem Arme trug und nur langsam vom Fleck kam. »Steigt +auf, gute Frau,« rief er. »Seid gewiß rechtschaffen müde.« +Sie nickte dankbar, ließ sich nicht lange bitten und reichte +ihm das Kind zu, damit sie leichter aufsteigen konnte. Es +war ein herziges Büblein von vier Jahren mit blauen +Augen, blonden Löckchen und einem weißen Gesichtchen.</p> + +<p>»Seit des Morgens vier Uhr sind wir zu Wege,« erzählte +die junge Mutter. »Bin mit dem Kinde in der Stadt gewesen +bei einem Doktor. Das war ein gar gelehrter Herr, +alles stand bei ihm voll von Geräten und Pfannen und +Tiegeln. Er besah den Kleinen von allen Seiten und sprach +fremde Worte, die ich nicht verstand. Dann gab er mir ein +Fläschchen mit Arznei, die war gar teuer, und verordnete, +ich solle jede Woche kommen und solch eine Flasche holen, +und je mehr ich holte, desto besser wäre es für das Kind. +<span class="pagenum"><a name="Page_44" id="Page_44">[44]</a></span>Auf Speise und Trank soll ich es nicht ansehen und dem +Kinde alles vom Besten und Feinsten geben und kein Hafermus, +sondern nur Brei von weißem Weizenmehl. Milch +aber soll es trinken den ganzen Tag, soviel es nur zu trinken +vermag. Solch ein Doktor hat gut reden. Mein Mann +ist ein armer Waldheger. Zu einer Kuh langt das Geld +nicht, und Ziegenmilch kann das Büblein nicht vertragen. +Ich möchte mir schier das Herz aus der Brust reißen für +ihn und kann ihm doch nicht helfen.«</p> + +<p>Dabei drückte sie das Kind an sich und sah ihm liebreich in +die Augen. Schlupps antwortete nicht viel, weil er nicht +sprechen konnte. Es saß ihm etwas in der Kehle, was ihn +drückte und würgte, und er mußte an sein lieb Mütterlein +denken, das ihn immer geherzt und geküßt hatte und schon +so lange unter dem grünen Rasen lag. Seitdem hatte kein +Mensch mehr ein lieb Wort zu ihm gesprochen, und wenn +er es auch gewiß nicht wahr haben wollte, so hätte er doch +gern alle seine Schätze um ein gut Mutterwort gegeben. +»Macht Euch keinen Kummer weiter, liebe Frau,« sagte +er endlich, »unverhofft kommt oft; wer weiß, was Eurem +Kinde noch Gutes widerfährt.«</p> + +<p>Da richtete die Frau ihren Kopf hoch und sah ihn getröstet +an; denn einer Mutter klingt es wie Himmelswort, wenn +man ihr etwas Gutes von ihrem Kinde sagt, und der Gedanke +an eine Freude, die ihm begegnen könne, tut der +Seele einer Mutter so wohl wie ein Gebet.</p> + +<p>»Wie weit habt Ihr’s noch?« fragte Schlupps. »Noch +reichlich zwei Stunden,« gab sie zurück, »gerade das Tal +<span class="pagenum"><a name="Page_45" id="Page_45">[45]</a></span>entlang, in dem Walde, den Ihr in der Ferne seht, steht +mein Haus.« »Das trifft sich gut,« meinte er, »das ist +mein Weg, und so kann ich Euch bis dahin fahren.« Die +Rößlein liefen tapfer zu; denn ihr Herr hatte an ihnen nie +den Hafersack gespart. Der Bursche ließ sich von der Frau +erzählen, wie sie und ihr Mann lebten und erkannte immer +mehr, daß sie ein braves, schlichtes Gemüt war, von den +Menschen nur Liebes und Gutes dachte und sich von Keinem +etwas Böses vermeinte. »Du sollst in deinem Glauben +nicht zu schanden werden,« dachte er.</p> + +<p>Endlich, die Sonne ging schon nach Westen zu, langten sie +an dem Häuschen an. Schlupps sprang herunter, nahm der +Frau das Kind ab, das eingeschlafen war, und trug es in’s +Haus. Sie konnte nicht genug Worte des Dankes finden +und bat ihn dringlich, bei ihr Rast zu halten und ihrem +Heim nicht die Ruhe zu rauben, holte Brot und Ziegenkäse +herbei und bat ihn, fürlieb zu nehmen.</p> + +<p>»Wüßt’ ich nur, wie ich Eure Guttat vergelten kann,« überlegte +sie. »Wart’, ich hab’s. Geduldet Euch eine Weile; +ich bin bald zurück.«</p> + +<p>Als sie fort war, untersuchte Schlupps das Zimmer, in dem +alles vom Einfachsten war. Tische und Bänke waren aus +sauber gescheuertem Tannenholz, die bunte Truhe barg für +jeden der Eheleute ein Gewand und auf dem Sims über +der Ofenbank lag in ein sauberes Tuch geschlagen die Bibel. +Die nahm der Bursche rasch herunter, schlug sie auf, blätterte +darin und legte zwischen die Seiten je ein Goldstück, +so daß jetzt das heilige Buch nicht nur mit goldener Rede, +<span class="pagenum"><a name="Page_46" id="Page_46">[46]</a></span>sondern auch mit goldener Münze gespickt war. Dann legte +er das Buch wieder an seinen Platz und setzte sich an den +Tisch. »Hier nehmt,« sagte die Frau noch außer Atem, +»bin ein bischen rasch die Kellertreppe hinuntergesprungen. +Hab mich besonnen, daß unten ein Fläschchen alten Weines +liegt, den der Herr Graf meinem Manne geschenkt hat, als +er krank war. Ich bitt’ Euch, erweist mir die Gefälligkeit +und nehmt’s. Wir sind so etwas doch nicht zu trinken gewohnt. +Es ist mir nur arg, daß ich denk, Ihr müßt so +heimatlos umher ziehen und habt nicht Weib und Kind +und keine Mutter, wie Ihr mir sagtet. Nehmt’s mit, und +wenn Ihr draus trinkt, vergeßt nicht mein Kind und mich. +Sagt mir auch Euren Namen, daß ich Euch in mein Gebet +einschließen kann.«</p> + +<p>Dem Gesellen war es ungewohnt, seinen richtigen Namen +zu nennen und er sagte langsam: »Heinz Kurzweil.« Dann +nahm er das Fläschchen, das eine absonderliche Form hatte, +platt und breit war, so daß er es in eine Tasche seines +Kittels stecken konnte.</p> + +<p>»Ich danke Euch,« sagte er und reichte ihr die Hand. »Bleibt +gesund beieinand, und wenn einmal ein armer Handwerksbursch +oder sonst ein Heimatloser bei Euch anklopft, dann +seid gut zu ihm.«</p> + +<p>»Das will ich wohl,« beteuerte sie, »und jetzt hab ich noch +eine Bitte an Euch, Heinz. Laßt mich Euch segnen, wie +Euch Eure Mutter gesegnet hätte.« Da kniete der Bursche +nieder, und die junge Frau legte ihm die Hände auf das +Haupt, sprach ein Vaterunser und fügte eine Bitte um sein +<span class="pagenum"><a name="Page_47" id="Page_47">[47]</a></span>Wohlergehen hinzu, und Heinz war es, als sei er wieder +ein klein Kind, das daheim im Bettchen läge, von Mutterliebe +betreut. Denn allen Mutterhänden ist ein Zauber +eigen, und wenn sie einem Menschen die Stirn berühren, +sieht er die Kindheit wieder auferstehen, wo er auch +immer sei.</p> + +<p>»Lest nur fleißig in der Bibel,« sagte der Bursche beim Abschied. +»Denn Gottes Wort ist eitel Gold,« bestieg seinen +Wagen und fuhr weiter, die Landstraße hinab in die ferne +Welt.</p> + + + + +<h2><a name="Unter_der_Linde" id="Unter_der_Linde"></a>Unter der Linde</h2> + + +<p>Die Dunkelheit brach herein und er beschloß, nach Nachtlager +auszuspähen; da hörte er helle Töne, fuhr zu und +kam in ein Dorf. Unter der großen Linde geigten drei +Fiedler; Burschen und Mädchen schwenkten sich im Tanz +und stießen helle Jauchzer aus. Schlupps war nicht froh +zu Sinn, sein Herz stand ihm nicht nach Lustigkeit, und +er bog seitab, um seine Rößlein am Bache zu tränken. Da +sah er auf einem Weidenstumpf zwei Menschen zusammengekauert +hocken, einen silberhaarigen Greis und ein Weiblein. +Sie hielten die Hände um die Kniee geschlungen, und +aus den trüben Augen tropften schwere Tränen langsam +über die Wangen herab. Erstaunt trat Schlupps näher; +denn wenn ihm etwas arg schien, so war es der Anblick +von Kummer und Sorge, und die beiden Huzzelchen sahen +so kläglich aus, daß es ihm in die Seele schnitt.</p> + +<p>»Was fehlt Euch, Großvater?« fragte er und legte dem +<span class="pagenum"><a name="Page_48" id="Page_48">[48]</a></span>Alten die Hand auf die Schulter. Der schüttelte traurig +das Haupt, ohne zu antworten; das Weiblein aber heftete +den Blick auf den Frager und wies dann stumm hinüber +nach der Linde, von wo das Jauchzen erscholl. Jetzt stand +Schlupps ratlos und wußte nicht, was er aus der Antwort +machen sollte. Er nahm sich aber zusammen, um seine +Verlegenheit nicht merken zu lassen und meinte: »Weiß +schon, was Euch fehlt; denn ich bin ein vielgereister Mann, +der als Arzt gar berühmt ist und manchem geholfen hat, +der schon meinte, es wäre Matthäi am letzten. Fasset Vertrauen +und beichtet mir, was Euch härmt.«</p> + +<p>»Uns ist nicht zu helfen,« schluchzte das Weiblein. »Könnt +Ihr uns unser Leben wiedergeben?«</p> + +<p>Da verwunderte sich Schlupps noch mehr; denn eine solche +Klage hatte er noch nie vernommen. »Wollt Ihr Geld und +Gut?« forschte er. »Nein, nein,« wehrte der Alte, »die +können uns nichts nützen, uns steht der Sinn nicht nach +Geldeswert. Nein, Herr. Damit Ihr aber nicht denkt, +wir wären absonderliche Leute und das Alter hätte uns +den Verstand verwirrt, so laßt Euch berichten, was uns +fehlt, und wenn Ihr auch ein großer Doktor seid und manch +Gebrechen heilen könnt, uns vermögt Ihr nicht zu helfen. +Seht,« fuhr der Alte fort, »mein Weib, die Mariann, und +ich waren arme Waislein und von der Gemeinde aufgezogen. +Das ist ein hartes Brot, Herr, wenn man jede Woche +auf einem andern Hof herumgestoßen wird, jedem im Weg +und keinem zur Freud, und wenn die andern Kinder zu +Vater und Mutter liefen, dann standen wir abseits, wünschten +<span class="pagenum"><a name="Page_49" id="Page_49">[49]</a></span>uns wohl auf den Gottesacker und neideten den Toten +ihre Ruh. Keiner dachte an uns. Unser bischen Essen gab +man uns manchmal gutwillig, manchmal mit scheelem +Blick, und wie wir etwas herangewachsen, da mußten wir +unser täglich Leben schwer verdienen. Die Mariann als +Gänsehirtin, ich als Hirt, und uns beiden durfte der Strickstrumpf +nicht in der Hand ruhen. Aber wir fanden doch +Gelegenheit, zu einander zu laufen und versprachen uns, +daß wir einmal einander angehören wollten und uns +immer Lieb und Treue erweisen. Ich wurde dann Knecht +und sie Magd. Ihr wißt, wie lange es währt, bis zwei +solche soviel haben, daß sie ein Häuschen anschaffen können +und ein Äckerlein pachten. Wir sparten und sparten. +Wenn die andern zum Tanz gingen, schritten wir selband +abseits, weil uns der Kreuzer für den Fiedler und das +Schöppchen Sauren reute. So kam es, daß wir beide schon +graue Strähnen hatten, als es zur Heirat langte und wir +hier am Ende des Dorfes ein Häuslein erwerben konnten.« +Er atmete tief auf, nickte der Alten zu und fuhr dann fort: +»Dann kam Kind auf Kind. Die Mariann und ich schafften +im Tagelohn noch nebenher, damit all die hungrigen +Mäuler satt wurden und die junge Brut mit Schuh und +Gewand sauber angetan Sonntag in die Kirche konnte. +Als aber die Kinder so weit waren, da zogen sie in die +Welt hinaus. Es duldete sie nimmer im Vaterhaus. Ging +da gar eng her. Die Mädels taten sich als Mägde in die +Stadt, die Jungen sind landein gewandert, und wir sitzen +allein. Und wie wir das Lachen und Jauchzen hier hörten, +<span class="pagenum"><a name="Page_50" id="Page_50">[50]</a></span>da kam es uns in den Sinn, wie wir immer unser +ganzes Leben abseits von aller Freude gestanden sind, wie +heute bei der Linde, und daß wir ein Leben voll Müh und +Arbeit, aber nie Freude und Lust gehabt haben. Und wißt, +Herr,« setzte er hinzu, »in jedem Menschen ist eine Sehnsucht +nach Freude, und wie die Tierlein froh sind, wenn die +liebe Sonne scheint und nach ihr hinverlangen, so zieht es +des Menschen Herz dazu, eine Freude zu haben. Sonst ist +sein Sinn schwer und unfroh, und er weiß nicht, ob er lebt +oder tot ist, und es liegt ihm die Kirchhofsrede schon bei +Lebzeiten auf der Brust. Das ist uns heute zu Sinn gekommen, +und nun lacht über die beiden närrischen Leute, +die dem Leben nachlaufen wollen.«</p> + +<p>»Gott verhüte, daß ich da lachen wollte,« rief Schlupps. +»Tät mich der Sünde fürchten. Aber froh bin ich, daß ich +Euch getroffen habe und meine Kunst an Euch zeigen kann. +Denn wißt: gebrochene Arme und Beine kurieren, das kann +jeder, und ist keine besondere Kunst dabei. Aber wenn die +Seele krank ist, da helfen, das ist erst das Rechte, Doktor +Kurzweil ist nicht umsonst überall berühmt. Kaiser und +Könige haben mich schon oft gebeten, ihnen zu helfen; denn +die leiden an der Seele genau so wie andere Menschenkinder +und oft noch mehr.«</p> + +<p>»Aber wir sind arm,« fiel das Weiblein ängstlich ein und +dachte an die wenigen Silbermünzen, die es daheim im +Strumpfe hatte. »Nicht um Geld darf ich Euch helfen, +sonst ist es um meine Kunst geschehen,« sagte der Wunderdoktor. +»Nur um Gotteswillen und um himmlischen Lohn. +<span class="pagenum"><a name="Page_53" id="Page_53">[53]</a></span>Setzt Euch her und schaut hinüber wie die Sonne noch einmal +hinter den Wolken vorschaut, und wie die Wiese daliegt, +als wäre sie rot wie die Wangen eines Mägdleins, +und die Bäume heben die Zweige wie junge Burschen das +Haupt, wenn sie zu ihrer Liebsten gehen. Hier aber,« und +er nahm das Fläschchen heraus, »das soll Euch Eure Wünsche +erfüllen. Ist kein gefährlicher Zauber dabei und kein +Unrecht. Es ist ein Trank von Sonnenglut gereift und von +Gott gesegnet. Trinkt jeder einen herzhaften Schluck und +sagt: ›Gott helf!‹«</p> + +<div class="figcenter" style="width: 363px;"> +<!-- <span class="pagenum"><a name="Page_51" id="Page_51">[51]</a></span> --> +<a href="images/illo_051.png"> +<img src="images/illo_051_th.png" width="363" height="561" alt="Der Glutentrank" title="Der Glutentrank" /></a> +<span class="caption">Der Glutentrank</span> +</div> + +<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_52" id="Page_52">[52]</a></span>[Blank Page]</p> --> + +<p>Er machte ein so treu Gesicht, daß das alte Weiblein Mut +faßte und trank, und da es des Weines ungewohnt war, +rannen ihm die Tropfen wie Feuer durch den Leib und das +Blut stieg ihm zu den Wangen. »Ei Mariann,« scherzte +ihr Gespons, »du glühst ja wie ein jung Mägdlein,« nahm +ihr die Flasche aus der Hand, tat einen kräftigen Zug und +auch ihm war es, als ob ein neu Leben in ihm blühe.</p> + +<p>Er faßte ihre Hand, und so standen sie aufgerichtet da und +schauten in die Sonne, deren rote Glut über sie hinflackerte +und die alten Augen mit hellem Licht erfüllte, daß sie leuchteten. +»Trinkt noch einmal,« mahnte der Doktor. Da begannen +sie herzhaft zuzugreifen, und wie jetzt die Töne von +der Linde herüberschallten, hob der Alte erst ein Bein und +dann das andere, faßte die Liebste an der Hand, und das +Pärchen begann sich zu drehen und zu schwenken. Dann +neigten sie sich über den Bach, der ihre Gesichter im matten +Abendschein widerspiegelte, und der Alte sprach: »Ei, Mariann, +wie bist du jung und schön. Deine lieben Augen +<span class="pagenum"><a name="Page_54" id="Page_54">[54]</a></span>glänzen noch wie damals, da du als junge Dirn am Hoftor +auf mich gewartet.« Und sie nickte und sagte: »Bist doch +ein stattlicher Bursch, und wenn die Mägdlein wüßten, +was für ein Schöner mein Liebster ist, kämen sie und neideten +dich mir.«</p> + +<p>Dann faßten sie einander wieder an, neigten und drehten +sich und lachten mit dem ganzen Gesicht. Und Heinz Kurzweil +stand abseits und sah zu, wie der Mond langsam heraufstieg +und die beiden Alten mit weißem Licht beschien. +Nach einer Weile nahm er das Paar bei der Hand; denn +es hatte zu tanzen aufgehört und lauschte, einander umschlungen +haltend, auf die Weisen, die fernher leise ertönten. +Er leitete die beiden Treuen in ihre Hütte und sprach. »So +oft bei Vollmond unter der Linde Musik erklingt, geht hinaus +an die Stelle, wo ich Euch getroffen und achtet darauf, +daß Euch kein menschlich Auge gewahre: Trinkt aus dem +Fläschchen und der Zauber wird wieder mächtig. Ist aber +der Trank zu Ende, dann bescheidet Euch und denkt, daß es +Gottes Wille war.« Damit wandte er sich ab und fuhr +hinaus in die Nacht.</p> + + + + +<h2><a name="Schulmeister_Neunmalgescheit" id="Schulmeister_Neunmalgescheit"></a>Schulmeister Neunmalgescheit</h2> + + +<p>So zog Schlupps durch die Lande, beobachtete die Menschen +und bekam es manchmal überdrüssig, ihr Treiben anzuschauen. +Sah er sie doch allerorten die gleichen Torheiten +vollführen, und mehr als einmal konnte er der Versuchung +nicht widerstehen, sie seine Launen und seinen Spott fühlen +zu lassen. Nur der Müßiggang wurde ihm allmählich +<span class="pagenum"><a name="Page_55" id="Page_55">[55]</a></span>verleidet. Er hätte gern ein rechtschaffen Gewerbe angefangen +und konnte sich doch nicht dazu entschließen; denn +das Schreinerhandwerk war ihm zuwider und etwas anderes, +das ihm Freude machte, wußte er nicht.</p> + +<p>Eines Tages kam er in einen Flecken, in dem die Häuser +gar sauber aussahen, die Gassen ordentlich gehalten waren. +Man mußte nicht fürchten, daß einem die Gäule die Beine +in den Löchern brachen und daß der Schlamm bis in den +Wagen hineinspritzte. An den Fenstern standen in Scherben +Nelkenstöcke oder Blaublümlein, und hinter den blinkenden +Scheiben lugten fröhliche Mädchengesichter hervor. +»Hier ist gut sein,« dachte Schlupps. »Hier liegt die Freude +auf der Gasse und scheinen gar gute Leute im Ort.« Da +hörte er aus einem Hause Weinen und Wehklagen, stieg +vom Wagen ab, band sein Rößlein an einen Baum und +schlich sich näher, um durch die Fenster zu spähen, was es +denn Trauriges gäbe. Wie er so hinblickte, sah er eine +Menge Kinder, große und kleine, auf Bänken sitzen und +merkte, daß er vor dem Schulhause stand und die Kleinen +vom Schulmeister unterwiesen wurden. Der war ein +langer, hagerer Mann, mit einem Gesicht wie ein Raubvogel, +die Nase stand ihm wie ein gekrümmter Schnabel +heraus. Er trug ein blaues Wams mit goldenen Knöpfen, +auf dem Kopfe hatte er ein klein Käppchen, unter dem eine +mächtige Perücke hervorsah, in der Hand aber eine lange +Gerte, mit der schmitzte er über die Bänke herüber.</p> + +<p>Aber eins wollte Schlupps nicht recht in den Sinn und +erschien ihm sonderbar. An der Seite zum Fenster zu, wo +<span class="pagenum"><a name="Page_56" id="Page_56">[56]</a></span>das Licht hineinfiel, saßen Kinder, Knaben und Mädchen, +denen man ansah, daß sie guter Leute Kind waren und +daheim alles voll und viel hatten, denn die Jöppelchen +waren von echtem Tuch, und die Mädchen trugen Schürzen +und Jäckchen gar nett und zierlich; einige hatten Häubchen +auf dem Kopfe, die mit Gold verputzt waren, wie man sie +zum Kirchgang anlegt. An der Wand entlang auf den +Bänken aber saßen Buben und Dirnchen, die wohl sauber, +doch ärmlich angezogen waren, mit Holzschuhen an den +Füßen. Die Spenzer und Röckchen hatten Flicken in allen +Farben, auch waren die Schürzen von grobem Stoff und +arg verwaschen, und der erfahrene Mann sah bald, daß hier +die armen Häusler- und Taglöhner-Kinder saßen. Wenn +eines von ihnen sich bewegte, fielen die Holzschuhe von den +Füßen und klapperten auf dem Boden, denn es war Sommer +und da sparte man gern die Strümpfe, die noch den +langen Winter halten müssen.</p> + +<p>»Den Schulmeister muß ich mir einmal in der Nähe betrachten,« +dachte der Neugierige, fuhr in das Gasthaus, gab +Pferde und Wagen dort ab und ging in den Kramladen, +wo man allerlei einkaufen konnte.</p> + +<p>»Gute Frau,« sagte er zu der Alten, die ihn frug, was er +begehre. »Habt Ihr eine große Hornbrille, dieweil meine +auf der Fahrt zerbrochen ist?« – »Mein’, daß ich eine hab! +Ein Fremder, der mich nicht bezahlen konnte, hat sie mir +als Pfand dagelassen. Er ist aber nimmer wiederkommen, +also daß ich sie wohl verkaufen kann.«</p> + +<p>Damit fing sie an, nach der Brille zu suchen, die sie irgend +<span class="pagenum"><a name="Page_57" id="Page_57">[57]</a></span>wo gut versteckt hatte, und nachdem sie alle ihre Ware +durchwühlt, und Brot, Käse, Tücher, Schnupftabak, Zunder, +Strümpfe und Gewürz herausgenommen und wieder in die +Gefache gelegt hatte, fand sie endlich die Brille. Die war +gar groß und bedeckte dem Käufer die halbe Stirn und die +halbe Wange.</p> + +<p>»Was bin ich dafür schuldig?« fragte Schlupps. »Zahlt +mir die Zeche, die der andere schuldig geblieben ist. Es +waren zwei Kreuzer und drei Heller.« Deß war er zufrieden, +strich sich die Haare nach beiden Seiten der Stirn glatt, +ließ sich von der Frau ein Stück Kreide geben und fuhr damit +über die Scheitel, also daß diese weiß aussahen und +die schwarze Farbe nur wenig durchschimmerte; dann setzte +er die Brille auf und hatte jetzt das Aussehen wie ein hochgelehrter +Herr.</p> + +<p>»Ist eine Schule am Ort?« fragte er die Frau, die hin und +her gegangen war, in der Küche die Suppe verrührte, die +Katze vom Milchtopf jagte und auf das Gebahren des Fremden +wenig acht gab; denn sie war schon alt und kümmerte +sich nicht mehr viel um andrer Leute Tun. »Will’s meinen,« +sagte sie. »Ist der Schulmeister schon lange im Dorf?« +»Ach nein, Herr, der ist erst kurze Zeit da, und ist leider nicht +so wie unser alter, der vor einem Jahr gestorben ist. So +einer kommt nicht wieder.« »Erzählt mir von ihm,« bat +der Fremde, denn er merkte, daß er jetzt das gefunden hatte, +wovon zu erzählen ihr Herz erfreute.</p> + +<p>Auf all seinen Fahrten hatte er eines wahrgenommen: daß +auch der Verschlossenste redselig wird, wenn er von dem +<span class="pagenum"><a name="Page_58" id="Page_58">[58]</a></span>sprechen kann, was ihm im tiefsten Herzen sitzt. Und weil +Schlupps die Gabe besaß, an jedem das herauszufinden, +was ihm das Beste dünkte, so wußte er jedermanns Vertrauen +zu gewinnen und lernte den Menschen in die Seele +schauen. Nun sagte er: »Liebe Frau, ich habe von Eurem +Schulmeister gehört; aber von Euch, die Ihr ihn gut gekannt +habt, möchte ich noch mehr wissen.«</p> + +<p>»Ja, wie soll ich Euch den beschreiben?« besann sich das +Weiblein. »Fünfzig Jahre hat er seines Amtes gewaltet. +Wie er kam, lag das Dorf im Argen. Der vor ihm war, +hatte kaum vermocht, die wilden Buben zu zügeln und die +Mädchen zur Ordnung anzuhalten. Aber der konnte es, +keiner wußte wie. Bei dem vorigen ruhte der Bakel +nimmer, und es regneten nur so die Strafen. Oft kam es, +daß eine ganze Reihe Kinder vor der Kirche hinknien mußten, +zur Schande der Eltern; denn das war damals der +Brauch so, Herr. Jetzt hörte das mit einem Male auf. +Wie er eigentlich hieß, wußte keiner. ›Nennt mich Herzfroh,‹ +sagte er, wenn man seinen Namen wissen wollte. +Ich glaube, er war weit her und ohne Anverwandte.</p> + +<p>Manche sagten, er sei ein Grafensohn, und von Hause verstoßen, +andere, er habe nicht wollen Mönch werden und sei +daheim entwichen – niemand wußte etwas Genaues. Aber +die Kinder hatten ihn bald lieb, und wenn sie sonst mit +Heulen und Zähneklappern in die Schule gingen, so war +es jetzt für sie eine Lust und Freude. Selbst die Kleinsten +quälten die Eltern, sie sollten sie zu dem guten Schulmeister +schicken.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_59" id="Page_59">[59]</a></span>War ein besonders böser Bub unter der Schar und drohte +dem der Vater, er wolle seine Rute an ihm zerschlagen, +dann holte ihn der Herzfroh in sein Haus, behielt ihn da +einige Zeit bei sich, und kehrte der Junge heim, dann erkannte +keiner den Unwilligen von vordem wieder.« »Hatte +er denn Weib und Kind?« fragte Schlupps. »Ach nein,« +entgegnete sie. »Das war es auch, daß manche meinten, +seine Lieben seien ihm gestorben, und er habe sich deshalb +hierher geflüchtet, wo ihn keiner kannte, und es mag wohl +etwas derart gewesen sein, denn er nahm sich besonders +der Waisen an, und die hatten an ihm Vater und +Mutter.</p> + +<p>Eine Magd führte ihm Haus. Gegen jeden war er freundlich. +Den Frauen schenkte er Setzlinge für ihre Blumenstöcke, +die Männer unterwies er, wie sie ihre Obstbäume +pflegen sollten, und als die Eltern sahen, wie sauber und +ordentlich ihre Kinder wurden, wie sie auf sich hielten, da +wollten sie hinter den Kindern nicht zurückstehen, und so +kam Zucht und Ordnung in unser Dorf. Wie dann die +Kleinen, die er großgezogen, heranwuchsen und selbst Kinder +hatten, da war es schon leichter mit dem Schulehalten. +Und wenn der Schulmeister in ein Haus trat, da war es +jedem, als käme sein leiblicher Vater zu ihm. Dabei tat +er den Leuten nichts besonderes, nahm von keinem etwas +an, schenkte aber den Armen, was er entbehren konnte. +Für ihn gab es keine größere Freude, als wenn ein Bauer +sagte: ›Schulmeister, ich hab ein Schwein geschlachtet und +den Armen ein Teil Würste gegeben um Euretwillen.‹ Dann +<span class="pagenum"><a name="Page_60" id="Page_60">[60]</a></span>strich er am Sonntag Nachmittag unter der Linde die Fiedel, +und die Buben und Mädel sangen dazu. Denn das +wollte er haben. Singen mußte alles und froh sein. ›Fröhlich +lachen schafft halbe Arbeit,‹ meinte er. Nun ist er tot, +und jedem fehlt er. Die Kleinsten sind gar am übelsten +dran.«</p> + +<p>»Warum denn die?« fragte Schlupps, der aufmerksam zugehört +hatte. »Seht,« sagte sie flüsternd, »da ist jetzt ein +Neuer, der ist gar herb und grandig und ganz anders, wie +Herzfroh war. Die Reichen setzt er gesondert von den +Armen. Nie hört man bei ihm in der Schule lachen, und +wenn die Kleinen ihn kommen sehen, springen sie von der +Gasse fort und verstecken sich hinter der Haustür. Wenn +der Herzfroh einmal gescholten hat, dann geschah es aus +lauter Liebe und Güte und tat wohl. Wenn der aber nur +vorbeigeht an einem Haus, wird die Milch im Keller sauer +von dem Gewitter, das in seinem Gesicht steht. Und Ihr +sollt sehen, Herr, unser Dorf bleibt nimmer wie es ist. Wo +die Kinder unfroh sind, kann nichts gedeihen und entsteht +bald Zank und Unfrieden. Ist mir nur um meine armen +Kindeskinder leid, das Lenerl und der Hansi, die gar so +lustige Gemüter haben und jetzt sich nimmer zu lachen getrauen. +Aber da klag ich dem Herrn meine Kümmernisse +und gehen ihn doch nichts an. Er meint gewiß, ich wäre +ein schwatzhaft Weib.«</p> + +<p>»Nicht so, liebe Frau,« sagte Schlupps. »Wißt, ich bin +ein berühmter Gelehrter und weiß von Kindererziehung +gar viel. Ich war in mancherlei Landen, hab aber immer +<span class="pagenum"><a name="Page_61" id="Page_61">[61]</a></span>gefunden, daß Lachen dem Menschen gedeiht und eine +Gottesgabe ist wie das liebe Brot. Wer den Kindern das +Frohsein verkümmert und läßt sie in Mißmut aufwachsen, +dem gebührt, daß er in der tiefsten Hölle sitzt und nimmer +herauskommt. Gehabt Euch wohl, gute Frau!«</p> + +<p>Damit ging er fort und stracks auf das Schulhaus zu, +klopfte an und trat ein. »Verzeiht, Herr Kollege,« sagte +er. »Ich komme von weit her. Mein Name ist Neunmalgescheit, +bin Professor in Padua und will in Deutschland +die Schulmeisterei aus dem Grunde studieren. Da hat +man mich zu Euch gewiesen und mir gesagt, daß Ihr, der +Schulmeister Säuerling, einer von denen seid, die es am +besten verstünden. So erlaubt, daß ich zuhöre, wie Ihr +es macht und laßt Euch durch mich nicht stören.«</p> + +<p>Der Schulmeister verneigte sich bei dieser Anrede unaufhörlich +und wußte nicht, wie ihm geschah; denn er war +heute gar nicht zum besten aufgelegt, weil er seinen grünen +Tag hatte.</p> + +<p>So nannten es die Kinder, wenn sie in die Schule kamen +und sahen, wie er mit zusammengekniffenen Lippen grün +und gelb im Gesicht in dem Schulzimmer hin- und herlief +und jedem Kinde, das hereintrat, einen Hieb mit der Gerte +austeilte. An solchen Tagen mußten sie still sitzen, ihre +Tafeln vollkritzeln und durften den ganzen Tag kein Wort +sprechen. Er sprach auch nicht und rannte nur immer auf +ein- und derselben Planke am Boden auf und nieder; trat +nicht rechts und nicht links und warf zornige Blicke auf die +Kleinen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_62" id="Page_62">[62]</a></span>Hatte er aber seinen roten Tag, dann stand er schon vor +dem Schultor, die Kinder zu erwarten, hochrot im Gesicht +und dann schrie und wetterte er auf die Kleinen ein, daß +ihnen Hören und Sehen verging und sie vor Angst nicht +antworten konnten. Er nahm sich auch nicht die Zeit, sie +zu unterweisen, sondern schrie und tobte nur immer ärger. +So kam es, daß keines etwas lernte, weder die Dummen +noch die Gescheiten, und alle unwissend geblieben wären, +hätten sich nicht manche Eltern erbarmt und die Kinder im +Lesen und Schreiben angelernt, und diese zeigten es wieder +den andern.</p> + +<p>Der Schultheiß hatte schon einmal mit dem Pfarrer Rücksprache +gehalten, daß ein anderer Lehrer ins Dorf sollte. +Der Geistliche aber war mit der Zucht des Lehrers sehr einverstanden. +Ihn freute es, wenn die Kinder in der Kirche +still, mit gesenktem Kopfe dasaßen und nicht wagten, die +Augen aufzuschlagen. Er wußte nicht, daß die Furcht vor +dem Schulmeister sie so brav machte; denn Säuerling stand +in der Nähe der Kinderbänke und drohte jedem, der sich +rührte, mit Schlägen.</p> + +<p>Bei dem Grafen aber durfte man sich gar nicht beklagen; +denn der hatte dem Schulmeister die Stelle verliehen und +ließ sich in seine Sachen nicht dreinreden. »Für die Dorfkinder +ist der gut genug,« sagte er auf alle Vorstellungen und +Bitten; denn er war froh, ihn los zu sein. Ein Vetter +hatte ihm den Mann zugeschickt und ihn gebeten, ihm zu +einem Auskommen zu verhelfen; und so hatte der Herr +Graf es versucht, ihn als Schulmeister für seine eigenen +<span class="pagenum"><a name="Page_63" id="Page_63">[63]</a></span>Kinder zu nehmen. Aber die konnten sich in die Art des +Mannes nicht finden. Sie waren gewohnt, ungebunden +und frei zu sein, und so kam Säuerling an die Stelle von +Herzfroh. Schlupps gab acht auf den Unterricht, wie es +der Lehrer mit den Kindern machte. Er lief hin und her, +warf eine Frage auf, gab dann eines nicht Antwort, so +frug er das zweite und so fort. Er erklärte nichts, und es +schien ihm ganz gleich, ob sie das Gefragte verstanden +oder nicht.</p> + +<p>Dann hieß er die Kinder aufstehen und führte sie in den +Hof hinab. Da hatte er platt auf den Boden Fäden gespannt, +auf denen mußten die Kinder einzeln entlang gehen, +eines hinter dem andern. »Seht, Herr,« sagte er, »das +ist die Hauptsache im Unterricht, daß jedes lernt, nur nach +der Schnur laufen, nicht abbiegen, noch rechts und links, +und immer die Augen auf mich gerichtet halten.«</p> + +<p>Trat aber eines der armen Würmchen mit einem Fuß über +die Schnur, dann wetterte der Lehrer und schlug auf es +ein. »Wenn es nach mir ginge, wären im ganzen Orte solche +Schnüre gezogen,« meinte Säuerling zu seinem Gaste, »und +jeder sollte lernen, darauf gehen, daß es eine Lust wäre. +Seht unser Dorf an,« fuhr er fort, »wie es ausschaut. Der +eine hat sein Haus rot gemalt, der andere blau; die eine +Dirne hat Nelken am Fenster und die andere Blauveiglein. +Sieht der Ort nicht aus wie ein Hänfling?« »Wie meint +Ihr, daß Euer Dorf aussehen müsse?« fragte der Professor +Neunmalgescheit ernsthaft.</p> + +<p>»Weiß wie der Tag und schwarz wie die Nacht. Die Häuser +<span class="pagenum"><a name="Page_64" id="Page_64">[64]</a></span>schwarz wie die Erde; denn die ist ein Jammertal, und +die Fenster weiß vom Sonnenlicht; denn das soll hineinscheinen +und die Menschen in all ihrer Schlechtigkeit beleuchten, +daß sie sehen, wie erbärmlich sie sind. Und ich setze es +auch noch durch. Unter meinem Vorgänger ist gar viel Unfug +eingerissen, das muß ich umwandeln.«</p> + +<p>»War gewiß ein jung Blut?« meinte Schlupps entschuldigend.</p> + +<p>»Nein, das ist es gerade,« ereiferte sich Säuerling. »Alt +war er schon und hielt doch noch die Leute zum Singen an +und zur Kurzweil. Als ob der Mensch dazu auf der Welt +wäre. Ich werde ihnen aber schon die rechte Art beibringen, +und wenn sie sich auch widersetzen. Kann ich bei den +Großen nichts erreichen, so sollen die Kleinen anders werden. +Wie ich es für Recht halte, muß es in der Welt zugehen. +Alles schön geordnet. Die Reichen für sich und die +Armen für sich. Die Alten allein und die Jungen abseits. +Eingeteilt sollten sie werden. Wie das Gerät in einem +Schrank darf nichts durcheinander gehen, jedes für sich und +Alles nach der Schnur.«</p> + +<p>»Recht habt Ihr, Schulmeister,« gab Schlupps bedächtig +zurück. »Hab das schon lange gemeint und bin nur froh, +daß ich einen finde wie Ihr seid. Schade, daß der liebe +Herrgott Euch bei der Erschaffung der Welt nicht hat fragen +können. Wie viel Ungelegenheit und Unruh wäre da erspart +geblieben! Wirklich, Ihr seid ein grundgelehrter +Mann.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_65" id="Page_65">[65]</a></span>Säuerling lächelte zum ersten Male. Das Lob tat ihm gar +wohl. Hatte bis jetzt selten ein solches gehört.</p> + +<p>»Eigentlich bin ich nicht zum Schulmeister bestimmt gewesen,« +sagte er vertraulich. »Mein Vater war Schuster +und hat mich in seinem Handwerk unterwiesen, ließ mich +immer die Stiefel für die Arbeitsleute machen, die er auf +den Märkten feil hielt, weil es keiner so gut wie ich verstand, +alles über einen Leisten zu arbeiten. Das Schusterhandwerk +war mir aber verleidet, weil es mich verdroß, +daß ich für rechts und links einen besonderen Stiefel machen +mußte und das Verschiedenerlei mich ärgerte. Deshalb +ging ich zu einem Bader in die Lehre und mußte alle Leute +einseifen, dieweil er mit dem Messer kratzte. Dies Geschäft +gefiel mir schon besser. Das geschah immer gleich, sodaß +kein Unterschied dabei war. Ob Alt ob Jung, alle mußten +stillsitzen, wie ich befahl. Da starb der Bader. Das Scheren +mit dem Messer verstand ich nicht, denn es ist ein gar +schweres Handwerk. So nahm mich ein Magister in sein +Haus, unterwies mich, der ich nur notdürftig lesen und +schreiben gelernt hatte, in seiner Kunst. Dafür mußte ich +die alten Pergamente, die er hatte, ausklopfen, daß sich +kein Staub hineinsetzte. Wie auch der eines seligen Todes +verblich, vermachte er mir seine Bücher und seine Perrücke. +Letzteres tat mich am meisten freuen, dieweil mein Schädel +wenig bewachsen war.</p> + +<p>Mein Vater hatte aber einen Kunden, einen Grafen, der +oft zum Magister gekommen war, um von ihm die Kunst +des Goldmachens zu erlernen. Haben Tag und Nacht daran +<span class="pagenum"><a name="Page_66" id="Page_66">[66]</a></span>studiert, wollt’ aber nichts gelingen. Dieser Graf wies +mich her an unsern hochmögenden Herrn, und so bin ich +hier, um in die Bauernschädel Ordnung zu bringen und +sie zu rechten Menschen zu erziehen.«</p> + +<p>»Habt Ihr kein Weib, Schulmeister?« fragte Schlupps.</p> + +<p>»Nein,« war die Antwort, und Säuerling machte ein Gesicht, +das aussah wie sein Name.</p> + +<p>»Ist es tot?« forschte Doktor Neunmalgescheit. »Nein. +Davongelaufen ist mir’s.« Die Sache war aber so: Säuerling +hatte ein Weib gehabt, das war eines Tages auf und +davon gegangen und zu seinem Vater zurückgekehrt. Als +der Richter ihr Vorstellungen machte, daß ein braves Eheweib +bei ihrem Gatten zu bleiben und eine gute Ehe zu +führen habe, erklärte sie ihm, eine Ehe mit einem fromm +gesinnten braven Manne wolle sie wohl führen; einer aber, +der alles besser wissen wolle als der liebe Gott selber, habe +keinen Glauben. Denn Gott habe die Menschen verschieden +gemacht, ihr Mann aber wolle alle nach einem Muster. +Wer anders sei als er, wäre in seinen Augen ein schlechter +Mensch, und da sie eine Frau und kein Mann sei, so könne +sie auch nicht denken wie Säuerling und ihre Art nicht ablegen +und verleugnen. Er solle sich zum Frommsein bekehren +und was Gott geschaffen habe als recht annehmen, +dann wolle sie zu ihm zurückkehren. Da er sich aber nicht +ändern wollte und bei seiner Art verharrte, blieb sie bei +ihrem Vater und gedieh von nun an wie ein Apfel am +Baume, den die Sonne bescheint, während sie vorher war +wie eine Schlehe, die im Schatten gewachsen war.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_67" id="Page_67">[67]</a></span>Der Richter merkte, daß er einer Weiberzunge nicht gewachsen +sei, gab ihr im Grunde recht, sprach mit Säuerling +und suchte ihn umzuändern. Wies ihm nach, daß +Gott wohl gewußt, warum er so vieles auf der Welt verschieden +gemacht habe, und riet ihm, daß er doch versuchen +solle, mit den Menschen in Güte auszukommen. Aber da +stieß er auf den Unrechten; denn der Ehemann konnte keine +Widerrede vertragen und ereiferte sich sehr, wenn ihn jemand +tadeln wollte.</p> + +<p>Also ließ ihn der Richter gehen und dachte sich sein Teil. +Daher kam es, daß Säuerling nicht in der Heimat geblieben +war, sondern auswärts ein Unterkommen gesucht hatte. +»Wißt Ihr, Schulmeister,« nahm der Herr Neunmalgescheit +das Wort, »Ihr tut mir leid, daß Ihr hier sitzen müßt. +Ihr gehörtet an einen andern Platz, und weil ich sehe, was +für ein Mann Ihr seid, will ich Euch ein Geheimnis anvertrauen.« +Säuerling spitzte die Ohren und sagte: »Da +bin ich sehr begierig, Herr Kollege. Ist mir eine Ehre, daß +ein so großer Gelehrter sich zu mir herabläßt.« »Das +kommt, weil Ihr bei meinesgleichen gewesen seid und habt +dürfen die alten Pergamente bewachen. Hättet Ihr in sie +hineingeschaut, wäre Euch noch manches klarer im Kopfe +geworden, und Ihr wüßtet, wie man es dazu bringt, die +Welt nach seinem Willen zu lenken. Hier ist nicht der Ort, +über Dinge zu sprechen, die Unberufene nicht hören dürfen. +Heute Abend, wenn es dunkelt, kommt auf den Kirchhof +hinaus, da können wir von erhabenen Geheimnissen reden, +und ich will Euch zu Eurem Glücke verhelfen.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_68" id="Page_68">[68]</a></span>Damit nickte er recht stolz und hochmütig, als hätte er alle +Gelehrsamkeit der Welt in sich und verließ das Schulhaus. +Säuerling aber war wie benommen von dem, was er gehört +hatte, so daß er wie im Traum umherging und vergaß, +die Kinder zu prügeln, ja, es nicht einmal merkte, als +eines heimlich lachte. Das Sünderlein steckte rasch den +Kopf unter die Bank und harrte vergeblich seiner Schläge. +Kaum erklang die Vesperglocke, so liefen die Kinder fort +und wußten nicht, wie ihnen geschehen war. Solch einen +Nachmittag hatten sie lange nicht erlebt.</p> + +<p>Am Abend, als es dunkel wurde, schlich ein Mann auf den +Gottesacker, trat hinter einen großen Leichenstein und wartete. +Wartete auf einen, der lang und schmal wie ein leibhaftiger +Schatten zwischen den Gräberreihen dahin schlich +und ängstlich um sich schaute. Denn so tapfer Säuerling +vor seinen Kindern war, wenn es galt, sie zu dreschen, so +feige fühlte sein Herz, wenn er allein war. Er fuhr daher +erschreckt zurück, als der zuerst Gekommene auf ihn zuschritt +und ihm feierlich winkte.</p> + +<p>»Ach, Ihr seid’s, Herr Professor,« atmete der Schulmeister +auf. »Dachte schon, ein Geist wäre es.« »Der könnte Euch +nichts anhaben,« versicherte Schlupps lächelnd, »dieweil +Geister am liebsten mit ihresgleichen zu tun haben und +merken würden, daß Ihr nicht zu ihnen gehört. Aber +kommt her, daß niemand wahrnimmt, was ich Euch anzuvertrauen +habe.« Damit führte er Säuerling tief hinten +an die Mauer und hieß ihn auf einen umgestürzten Leichenstein +niedersitzen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_69" id="Page_69">[69]</a></span>»Wißt,« hub er an, »ich habe viel alte Pergamente durchstudiert +und wollte wissen, wie man es fertig bekommt, die +Menschen nach seinem Willen zu lenken und sie sich untertan +zu machen. Da entdeckte ich denn, daß einst vor +tausend Jahren hier im Walde ein weiser Mann etwas +vergraben habe.«</p> + +<p>»Horcht,« unterbrach ihn Säuerling. »Hört Ihr nicht die +Hunde bellen? Oh, es ist furchtbar, wenn sie so zu aller +Tag- und Nachtzeit heulen und kläffen. Wißt, daß mir +nichts so zuwider ist, als bellende Hunde und krähende +Hähne. Die machen ihr Maul immer zur Unzeit auf, statt +ordentlich an bestimmten Tagesstunden zu schreien.« »Hört +zu, Schulmeister, und unterbrecht mich nicht. Also hier im +Walde hat besagter Mann etwas vergraben: Ein Knäuel, +aufgerollt aus Bindfaden. Die Stelle habe ich gefunden; +aber ausgraben darf ich es nicht; denn es muß ein Mensch +sein, der nie Unrecht getan hat, nie Böses von den Menschen +gedacht und ihnen immer Gutes erwiesen. Ein solcher +kann, wenn er das Knäul aufrollt, die ganze Welt damit +umspannen und hat dann Macht über alle Seelen. Ergreift +es aber ein Unwürdiger, so kommt der Satan in Hahnengestalt +mit dem Gebrüll eines wütenden Hundes und jagt +den vermeintlichen Weltbezwinger in die Hölle hinab. +Nun seht, Schulmeister, ich bin ein sündiger Mensch, der +schon manchem Unrecht getan hat. Ihr aber scheint besser +zu sein denn ich, und so frage ich hiermit feierlich und rufe +den Mond und die Sterne als Zeugen an: Seid Ihr der +Mann, das Knäul zu heben? So will ich Euch die Stelle +<span class="pagenum"><a name="Page_70" id="Page_70">[70]</a></span>zeigen und nichts dafür verlangen, als was Ihr mir gutwillig +gebt. Ihr aber werdet Herr der Welt, und niemand +darf Euch etwas verweigern.«</p> + +<p>»Der Mann bin ich!« rief Säuerling und streckte seine +Hand hoch. »Nie habe ich Unrecht getan; denn ich bin die +Gerechtigkeit selbst. Die reichen und armen Kinder habe +ich gesondert, weil Gott die Menschen unterschiedlich geschaffen +hat und man ihnen immer seinen Willen vor +Augen halten soll. Böses habe ich nie besonders von ihnen +gedacht; denn ich weiß, daß die Menschen von Grund aus +böse sind, und so habe ich sie nur für das angesehen, was +sie sind und nie etwas dazu getan. Gutes habe ich ihnen +erwiesen; denn ich hab’ sie von Tand und Lustigkeit abgehalten +und sie hingewiesen auf das, was allein ewig bleibt, +– – auf die Trauer und die Unlust an der Welt. Und +so,« schloß er, »hätte der Herr Professor können keinen Gescheiteren +finden als mich. Als Dank aber will ich ihm +meine Stelle vermachen. Da kann er in meinem Sinne +weiter wirken und die Kinder unterweisen.«</p> + +<p>»So steht dem Werke nichts mehr im Wege,« sprach der +Herr Professor aus Padua. »Findet Euch morgen gegen +Mitternacht hier ein. Alles Nötige werde ich mitbringen. +Bereitet Euch vor durch Buße und Reue, falls Ihr noch +eine Sünde auf dem Gewissen habt.« »So sündenrein wie +ich ist niemand,« erwiderte Säuerling. »Aber jetzt tut +mir die Liebe und geleitet mich zu meiner Behausung. +Denn die Hunde bellen, wenn ich an den Häusern vorbeigehe, +und Ihr wißt, das kann ich nicht vertragen. Bald will +<span class="pagenum"><a name="Page_71" id="Page_71">[71]</a></span>auch die Sonne aufgehen und die Hähne beginnen zu +krähen.« »Geht nur allein, Schulmeister,« sagte Schlupps, +»langsam über den Friedhof, stoßt an keinen Leichenstein, +daß kein Nachtgespenst aus seiner Ruhe aufgeschreckt wird +und Euch an den Kopf springt. Denn wißt, es gibt auch +falsche Geister, die dem Menschen in den Kopf springen und +nimmer herausgehen. Dann haltet Euch genau in der Mitte +der Straße, seht nicht rechts und links um Euch, bis Ihr +in Eurem Bette liegt. Das Weitere kommt morgen.« Und +der Schulmeister schlich zitternd und angstvollen Herzens +fort, sah sich nicht um und war froh, als er in seinem Bette +lag und die Decke über den Kopf ziehen konnte. Am liebsten +hätte er gar keine Schule gehalten; da das nicht anging, +ließ er die Kinder kommen und suchte ihnen heute nur +Freundlichkeiten zu erweisen. Er forderte sie auf fromme +Sprüche zu sagen und erzählte ihnen dann, daß er dereinst +die Welt beherrschen und zu hohen Ehren gelangen würde. +Dann entließ er sie, schloß das Schulhaus ab und erwartete +mit Ungeduld den Abend.</p> + +<p>Indessen war Schlupps auch nicht faul gewesen. Als er +den Kirchhof verlassen hatte, setzte er die Brille ab und begab +sich in das Wirtshaus. Am andern Morgen erkundigte +er sich, ob nirgends Hunde zu verkaufen seien. »Das wohl,« +beschied ihn der Wirt. »Geht nur hinaus auf den Anger, +wo der Schäfer weidet, der hat solche zu vergeben. Sag +Euch aber gleich, daß es bissige Tiere sind, die man nicht +frei herum laufen lassen darf und die keinem gehorchen +außer ihrem Herrn.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_72" id="Page_72">[72]</a></span>Das war Schlupps gerade recht. Er ging zu dem Schäfer +hinaus und fand ein Männchen mit faltigem Gesicht und +verschmitztem Ausdruck. Neben ihm saß ein kleines Mädchen. +»Ist das Euer Jüngstes, Schäfer?« fragte er. »Jawohl, +Herr; die andern sind noch in der Schule.« »So, so, +hab’ da hineingeguckt, gefällt mir gar nicht, Euer Schulmeister; +bin zwar selber einer, möcht’ aber keine Kinder +um mich haben, die nicht lachen und froh sind.« »Ihr seid +mein Mann,« rief der Schäfer. »Wollte Gott, wir hätten +einen wie Ihr seid und wären den Sauertopf los.« »Dazu +könnt Ihr kommen,« lachte der falsche Schulmeister. »Hab +einen gar feinen Plan und wenn Ihr, Schäfer, mir helft, +so sollt Ihr den Griesgram bald vom Ort haben.« »Da +bin ich dabei. Sagt, was Ihr begehrt.« »Ich brauche +nichts, als zwei oder drei bissige Hunde, die bellen, wenn +man sie in den Schwanz kneift, und einen Hahn. Ein paar +Buben sind auch vonnöten.« Dann weihte er den Schäfer +in seinen Plan ein, und der Hirte versprach ihm lachend, +alles auf das Pünktlichste zu besorgen.</p> + +<p>Als es ganz dunkel war und vom Turm langsam die Glocke +elf schlug, betrat Säuerling den Friedhof, wo ihn der Professor +Neunmalgescheit erwartete. Der faßte schweigend +des Schulmeisters Hand, schritt mit ihm hinaus, links in +den Wald, der sich bergwärts zog, und machte am Fuße +einer hohen Eiche Halt. »Hier nehmt,« sagte er feierlich +und reichte Säuerling seine Schaufel. »Grabt zehnmal; +aber hütet Euch innezuhalten, weil sonst der Teufel Macht +über Eure Seele gewinnt. Dann werdet Ihr den Knäul +<span class="pagenum"><a name="Page_75" id="Page_75">[75]</a></span>finden. Seht: ich habe Euch ein wenig vorgearbeitet und +die Erde aufgelockert.« In Wahrheit hatte der Schelm am +Nachmittag ein gewöhnliches Garnknäul an der Stelle vergraben +und die Erde wieder tüchtig festgestampft. Nicht +weit davon hatte er den Schäfer aufgestellt, der hielt die +Hunde an der Leine. Auf einem Baume daneben aber saß +des Schäfers Ältester mit einem Hahn, und der jüngere +Bube hockte unweit davon auf dem Boden und hielt Feuerstein +und Zunder in der Hand und eine mächtig lange +Pfeife seines Vaters lag neben ihm.</p> + +<div class="figcenter" style="width: 366px;"> +<!-- <span class="pagenum"><a name="Page_73" id="Page_73">[73]</a></span> --> +<a href="images/illo_073.png"> +<img src="images/illo_073_th.png" width="366" height="558" alt="Der Weltenknäul" title="Der Weltenknäul" /></a> +<span class="caption">Der Weltenknäul</span> +</div> + +<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_74" id="Page_74">[74]</a></span>[Blank Page]</p> --> + +<p>Als nun der erste Schaufelwurf erklang, kniff der Schäfer +einen Hund in den Schwanz, daß er heulte, und Säuerling +hielt erschreckt mit Graben inne. »Das ist ein schlimmes +Zeichen,« flüsterte Schlupps. »Solltet Ihr in Eurem Gewissen +doch nicht so rein sein, daß der Teufel eine Mahnung +gibt?« »Wüßte kein Unrecht, das ich je begangen,« stöhnte +Säuerling. »So grabt weiter!«</p> + +<p>Beim zweiten Schaufelstich klang das Heulen stärker. Beim +dritten war es so arg, daß dem Grabenden die Hände zitterten +und er nur mühsam den Griff festhielt; aber er ließ +nicht los und fuhr fort zu schaufeln. Da schlug der jüngste +Bube mit dem Feuerstein Funken, brannte den Zunder an, +entzündete die Pfeife, daß sie glühte und zog an, bis mächtige +Rauchwolken heraus kamen. »Um Himmelswillen! +der Teufel,« flüsterte Schlupps. »Seht, wie seine Augen +glühen, wie sein Atem dampft!« Unbemerkt war der kleine +Junge näher geschlichen, hatte in die Grube ein Stück brennenden +Zunder und eine Handvoll Hobelspäne geworfen, +<span class="pagenum"><a name="Page_76" id="Page_76">[76]</a></span>sodaß eine Flamme hochschlug. Säuerling ließ die Schaufel +fallen und fuhr entsetzt zurück. Schlupps aber war hinter +einen Baum getreten und brüllte mit verstellter Stimme: +»Wer wagt es, meine Höllengeister zu beschwören? Bist +du es, Sündhafter, der Trübsal in die Welt bringen will +und die Menschen zu mutloser Traurigkeit verleitet? Wehe +dir! Jetzt bist du mir verfallen!« Der Hahn auf dem +Baume, der die Flamme hatte leuchten sehen, meinte nicht +anders, als die Sonne ginge auf und fing an zu krähen. +Da ließ ihn der Bub frei. Er flog hinab, gerade auf +Säuerlings Kopf und hackte mit dem Schnabel in dessen +Perücke; der Schäfer aber ließ die Hunde los, die sich +wütend auf den Schulmeister stürzten. Der warf entsetzt +die Schaufel hin, rannte davon und meinte nicht anders, +als der Teufel sei ihm auf den Fersen, lief und lief immer +weiter bis er Abends in einer fremden Gegend anlangte +und nicht wußte, wo er war.</p> + +<p>Dort bat er die Leute, ihn um Gotteswillen aufzunehmen, +und da sie meinten, einen Armen vor sich zu sehen, der eine +Schuld abzubüßen habe und landflüchtig sei, und Mitleid +mit ihm spürten, wenn er immer rief, der böse Geist verfolge +ihn, ließen sie ihn im Dorfe wohnen. Sie gaben ihm +eine alte Hütte und ließen ihn die Gänse auf die Weide +treiben. Verwiesen es auch den Kindern, darüber zu lachen, +wenn der fremde Mann erzählte, daß er einmal Schulmeister +gewesen sei und Macht über die ganze Welt besitzen +sollte, daß ihm aber Unrecht geschehen sei, ihm, der sein +Lebtag die Gerechtigkeit selbst war.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_77" id="Page_77">[77]</a></span>Schlupps verließ mit dem Schäfer den Wald und ließ sich +Handschlag darauf geben, daß keiner im Dorf erfahren solle, +auf welche Art sie den Schulmeister los geworden seien. +Der Schäfer versprach, Wort zu halten und seine Buben +desgleichen; denn sie wollten beide einmal Schäfer werden, +und einem solchen vertrauen die Menschen oft gar viel. Muß +er sie doch heilen, wenn sie krank sind, und erfährt von vielen +Schmerzen, innerlich und äußerlich, die den Menschen +plagen und die er sonst keinem anvertraut. Als am andern +Morgen die Kinder in die Schule kamen und kein Lehrer +da war, gingen sie heim und freuten sich. Der Schäfer aber +flüsterte geheimnisvoll dem und jenem zu, daß wohl der +Teufel den Schulmeister geholt habe; es sei aber nur eine +Ahnung; sicher wisse er es nicht. Weil aber die Menschen +Vermutungen immer um so lieber glauben, je unwahrscheinlicher +sie sind, so stand bald im Dorfe fest, daß den +Säuerling der Teufel geholt habe, und Niemand weinte ihm +eine Träne nach.</p> + +<p>Statt seiner aber erbot sich Schlupps, die Stelle anzunehmen; +nannte sich aber nicht mehr »Neunmalgescheit,« +sondern »Einfältig;« »denn,« sagte er, »wer lehren will, +muß ein einfältig Gemüt haben und selbst lernen wollen.«</p> + + + + +<h2><a name="Einfaeltig" id="Einfaeltig"></a>Einfältig</h2> + + +<p>Jetzt begann für die Kinder eine herrliche Zeit. Kam eine +Mutter an das Schulhaus und wollte ihrem Buben oder +Dirnchen einen Weck oder einen Apfel bringen, so fand sie +das Haus leer. Der Schulmeister war mit der jungen +<span class="pagenum"><a name="Page_78" id="Page_78">[78]</a></span>Schar hinausgezogen in den Wald. Da lehrte er sie die +Pflanzen und Tiere kennen und erzählte ihnen, wie in +anderen Ländern die Felder bestellt werden. Da er immer +offene Augen und Ohren gehabt hatte, vermochte er den aufhorchenden +Kindern gar viel Lehrreiches beizubringen, so +daß sie an einem Vormittag im Walde mehr lernten, als +bei Säuerling in einem Jahr. War aber Regen und trübes +Wetter, dann wurde im Schulhaus geschrieben und gelesen, +daß allen der Kopf rauchte, denn wer nicht fleißig war, +durfte bei Sonnenschein nicht mit in’s Freie und mußte +nachlernen.</p> + +<p>Dazu kam noch, daß der Schulmeister Einfältig die Kinder, +denen das Lernen schwer fiel, sehr belobte, wenn sie etwas +gut machten, dadurch bekamen sie Zutrauen zu sich und +merkten, daß das Lernen eine Lust sein könne und keine +Last, wie sie vordem vermeint. Die Eltern aber nickten +einander zu und sagten: »Sollte man nicht meinen, Herzfroh +sei wieder aufgestanden?«</p> + +<p>So hielt es der neue Schulmeister ein halbes Jahr. Da +wurde ihm die Zeit lang, und er sehnte sich wieder in die +weite Welt. Hätte er nur einen andern gefunden, der, wie +er, die Kinder in Liebe unterwies. Wo aber einen hernehmen? +Sah immer im Wirtshaus die Leute an, ob der +Zufall nicht einen Geeigneten herführte, aber keiner schien +der Rechte. »Schulmeister,« hatte der Wirt eines Tages +gesagt, »was soll Euch ein Bauernwagen? Ich habe dahinten +ein Kütschlein stehen, das mir nichts nutz ist, zu dem +bin ich bei einem kleinen Handel billig gekommen. Ist’s +<span class="pagenum"><a name="Page_79" id="Page_79">[79]</a></span>Euch recht, so laßt uns tauschen. Ist uns beiden damit geholfen; +denn ich hab oft Säcke in die Mühle zu fahren und +mein Planwagen ist schon ein bischen zerbrechlich.«</p> + +<p>Deß war Schlupps zufrieden, und damit seine Gäule im +Stall nicht zu fett und gar krank würden, spannte er sie oft +in sein neues Wägelchen und fuhr die Alten und Gebrechlichen +über Land, damit sie die schöne Gotteswelt auch +anders als vom Sorgenstuhl zu sehen bekämen.</p> + +<p>Eines Tages war er allein ausgefahren. Auf dem Rückweg +ließ er die Zügel hängen, und die Rößlein gingen +langsam der Heimat zu. Da sah er einen Jüngling vor +sich gehen, den Rücken hochbepackt mit allerlei Gerät. »Steigt +ein, junger Mann,« rief er. Der Fremde ließ sich nicht +zweimal bitten, zog höflich zum Dank die Sammetkappe +und kletterte in den Wagen. »Seid sehr beladen,« meinte +Schlupps. »Will’s meinen, Herr. Bin auch lange auf +der Wanderschaft. Komme von Italien her und habe manches +Schöne und Herrliche gesehen,« plauderte der junge +Mann. »Bin meines Zeichens ein Maler und weit herumgekommen, +um zu studieren und zu lernen.«</p> + +<p>»Erzählt mir von Eurer Fahrt,« bat der Schulmeister, +dessen Herz hoch schlug, sobald er von fremden Ländern +hörte. Der Jüngling strich sich die blonden Locken aus der +Stirn, sah mit den tiefen blauen Augen träumerisch in die +Ferne und sagte langsam: »Herr, Herr, es ist etwas Gefährliches +um das Indieweltgehen. Daheim hab ich geglaubt, +schon viel zu können und es den großen Malern +gleich tun zu können. Wie ich aber südwärts kam, nach +<span class="pagenum"><a name="Page_80" id="Page_80">[80]</a></span>Venezien und Florenz, da wurde mein Herz immer schwerer, +denn ich sah, daß ich ein Stümper war, wie es nur +einen gab. Vor den Bildern der alten Meister dachte ich +zu lernen und pinselte und zeichnete nach, so viel ich konnte. +Als ich aber weiter kam in die heilige Stadt Rom und dort +von Bild zu Bild eilte, war ich so unglücklich, daß ich schier +meiner Kunst gram wurde. Denn sagt selbst: Ist es nicht +hart, sein Herz an eine Sache zu hängen und dann zu sehen, +daß man darin nie etwas Besonderes erreichen könne? Ich +sah ein, daß die Malerei mir immer ein Ergötznis für +frohe und trübe Stunden sein würde, aber daß ich nimmer +etwas fertig bekäme, was nur dem allerkleinsten Bildchen +der großen Meister gleicht. Es waren schwere Stunden, +Herr, und das schöne Italien erschien mir wie der Garten +des Paradieses, allwo der Engel mit dem feurigen Schwert +mich hinauswies. Da packte ich endlich zusammen, was +ich gemalt hatte und wanderte wieder zurück in meine Heimat. +Könnte ja mein Gewerbe dort ausüben und würde +wohl kaum einer merken, daß ich kein großer Meister bin; +denn sie sind der Malerei unkundig und es gefällt ihnen +leicht, was recht aussieht und bunte Farben hat. Aber mir +ist es verleidet.«</p> + +<p>»Da geht’s Euch mit Eurem Handwerk, wie mir mit +meinem,« nickte Schlupps. »Bin hier Schulmeister und +tät’s gern an den Nagel hängen.«</p> + +<p>»Was,« rief der junge Mann, »ist’s möglich? Das ist +Euch zuwider? Gibt’s denn eine größere Freud, als die +Kinder zu unterweisen, ihnen alles Schöne zu geben, das +<span class="pagenum"><a name="Page_81" id="Page_81">[81]</a></span>man gesehen hat und vielleicht einen, der ein Meister werden +kann, auf den rechten Weg zu führen? Seht, Herr,« +fuhr er fort und seine Augen leuchteten. »Das hab ich mir +als das Beste vorgestellt, der Jugend den Sinn und die +Augen auftun. Aber so geht’s. Mit dem, was er hat, ist +der Mensch nie zufrieden.« »Da mögt Ihr recht haben, +junger Mann,« sagte Schlupps; »wir sind hier bei meinem +Hause angelangt. Kommt herein und nehmt fürlieb.« Damit +half er dem Gast vom Wagen und wies die Magd an, ihm +ein Stübchen und ihnen beiden einen Imbiß zu richten.</p> + +<p>»Zeigt mir morgen bei Tageslicht Eure Bilder, Herr +Maler,« bat er. »Hab’ eine Freude an solchen Sachen.« +Das war dem Gast lieb zu hören: denn wenn ihm selbst +seine Arbeiten auch nicht immer gefielen, so erfreute es ihn +doch, wenn andere Wohlgefallen daran hatten. Wie sie +nun am Morgen die Bilder besahen, und Schlupps sich +vorstellte, daß es Orte gäbe, so schön wie die auf der Leinwand, +wo Schlösser und Burgen, blaue Seen und Schneeberge +zu sehen waren, da wuchs seine Sehnsucht in die +Welt schier übermächtig. Am meisten gefiel ihm ein Bild, +das einen Fürstensohn darstellte, mit blassem Gesicht, dunklen +Augen und schwarzen Haaren.</p> + +<p>»Dies Bild habe ich in Florenz gemalt,« sagte der Maler. +»Ein Meister, der schon lange verstorben ist, hat es angefertigt, +und weil ich die Augen des Konterfeis nimmer vergessen +konnte und immer zu dem Bild zurückkehren mußte, +habe ich es nachgemalt, so gut es ging, und es ist mir nicht +übel gelungen.« Damit legte er es in seine Mappe zurück. +<span class="pagenum"><a name="Page_82" id="Page_82">[82]</a></span>»Dank Euch auch, Schulmeister, für die Unterkunft. Will +heute noch weiter wandern und sehen, wo ich mein Nest +aufschlage,« fuhr er fort. »Hier,« sagte Schlupps und +faßte ihn bei der Hand. »Hört mich an. Ihr kommt zu +gelegener Stunde. Ich muß fort und habe nur auf einen +gewartet, der mein Amt übernimmt. Bleibt Ihr an meiner +Stelle und unterweist die Kinder. Nennt Euch ›Wegwart;‹ +denn das sollt Ihr jetzt sein. Ein Wärter, der ihren +Weg bewacht. Und denkt nicht, daß dies Handwerk zu +schwer für Euch sein werde. Übt Eure Malerkunst an +ihnen aus, dann wird es am besten gehen, und wollt nur +statt auf Leinwand auf die Seelen der Kleinen Eure Bilder +malen. Nehmt alle Farben: das Grün der Treue, das Rot +der Freude, das Gelb des Neides; aber nur so viel davon, +als das Herz braucht, um Neid auf alles Gute und Schöne +zu bekommen und es nachzuahmen. Vergeßt auch nicht das +Schwarz des Hasses gegen alles Böse und Unrechte. Und +wenn Ihr das Grau der Trauer auflegen müßt, dann setzt +das Blau der Hoffnung dazu und laßt dazwischen das +zarte Violett nicht fort. Denn wie die Dämmerung zwischen +Tag und Nacht steht, so ist in den Herzen oft ein +Schwanken von Leid zur Freude und es braucht von einem +zum andern einen Übergang. Mischt dann zu allem das +Weiß der Klarheit und Wahrheit und glaubt mir, daß an +den Bildern, die Ihr auf die Art macht, der liebe Herrgott +seine Freude hat. Werdet dann ein so verdienstvoller Maler +wie die großen, die Ihr bewundert, wenn auch kein Ehrenzeichen +um Euren Nacken hängt.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_83" id="Page_83">[83]</a></span>Da stand der junge Maler eine Weile still und nachdenklich; +dann hob er die Hand und rief: »So hat es Gott gewollt, +Schulmeister, daß er mich herwies, Euren Platz will ich +wohl annehmen. Wenn Ihr aber in die Welt ziehen +müßt, so erweist mir eine Liebe und nehmt das Bild mit, +das Euch so gefallen.«</p> + +<p>Noch lange saßen die beiden beratschlagend zusammen. Als +am andern Tage die Morgensonne in das Fenster schien, +da schirrte der Schulmeister Einfältig seinen Wagen an, +tat all sein Hab und Gut hinein, reichte dem künftigen +Schulmeister die Hand und fuhr zu dem schweigenden Dorf +hinaus in die Welt hinein, noch vor dem Frühgeläut, damit +seine Kinder ihm nicht durch ihr Weinen das Abschiednehmen +erschweren sollten.</p> + + + + +<h2><a name="Junker_Pfiffig" id="Junker_Pfiffig"></a>Junker Pfiffig</h2> + + +<p>Nach wenigen Tagen langte Schlupps in einer Stadt an, +die er noch nie gesehen, fuhr durch Gassen und Straßen +mit hochgegiebelten Häusern, spitzen, steilen Kirchtürmen, +bog über brunnendurchrauschte Plätze und verwunderte sich +schier, wie viel Pracht und Herrlichkeit es gab. Dann kehrte +er mit seiner Kutsche in einem Wirtshaus ein, wo der Wirt +ihn sorgsam musterte.</p> + +<p>»Was habt Ihr an mir zu sehen, guter Freund?« fragte +Schlupps. »Verzeiht Herr,« gab der Wirt zur Antwort, +»wenn ich Euch neugierig scheine; aber kann mir’s nicht +erklären, wie jemand, der das Aussehen eines Herrn hat, +<span class="pagenum"><a name="Page_84" id="Page_84">[84]</a></span>so armselig gewandet sein kann; überlegte deshalb, woher +der Herr wohl angereist käme.«</p> + +<p>»Da habt Ihr recht,« erwiderte Schlupps, dem es jetzt auffiel, +wie ganz anders er aussah, denn die Bürger, die in +der Wirtsstube saßen. »Wißt, ich bin weit herum gekommen +in entlegenen Gegenden, wo man nicht alles zu +kaufen vermag, wie bei Euch. Deshalb bin ich hierher gefahren, +um alles anzuschaffen, was mir nottut und kann +Euren Rat wohl brauchen. Wollt Ihr mir jetzt mein +Zimmer zeigen?« Und als der Wirt ihn dahin führte, zog +er rasch seine Geldsäcke heraus und sprach: »Sagt mir, +Herr Wirt, ist mein Zimmer ganz sicher vor Dieben? Denn +wißt, ich habe viel Geld bei mir und muß mich auf Euch +verlassen können.« Damit warf er die Beutel auf den Tisch, +daß es dröhnte.</p> + +<p>Der Wirt versicherte ein Mal über das andere, daß seine +Truhen und Türen feste Schlösser hätten und empfahl sich +mit vielen Verneigungen. Der Fremde mit der großen +Geldkatze erschien ihm auf einmal nicht mehr ärmlich gekleidet, +sondern nur ein wenig absonderlich. Das machte, +daß der goldene Grund durch die abgeschabten Stellen des +Anzuges hindurch leuchtete. Er nahm sich vor, den Gast +sehr liebevoll zu verpflegen, damit der einen großen Teil +seines Geldes bei ihm verzehre.</p> + +<p>Andern Tages fragte Schlupps seinen Hausherrn nach +einem Schneider und wurde zu einem gewiesen, der gar +berühmt sei und sein Handwerk gut verstehe. »Meister,« +sagte der Fremde, als er eintrat, »richtet Euch nicht nach +<span class="pagenum"><a name="Page_85" id="Page_85">[85]</a></span>dem Kleide, das ich anhabe. Wenn man unerkannt in der +Welt herum kommen will, muß man ein schlichtes Aussehen +haben. Dann betrachten die Menschen uns als ihresgleichen +und fassen Zutrauen zu uns. Habt Ihr eines oder +zwei Kleider, wie sie mir passen und wohl anstehen würden, +so zeigt sie mir.«</p> + +<p>Der Schneider schloß aus dieser Rede, daß er einen vornehmen +Herrn vor sich habe, der sich einmal unbekannt +unter den Menschen bewegen wolle, wie große Herren zuweilen +solche Launen überfallen. Meinen sie doch im tiefsten +Herzen, daß die Menge schon spüren werde, wer vor +ihnen steht, verwundern sich oft sehr, daß keiner fühlt und +weiß, wer sie in Wahrheit sind. Das kommt daher, daß +sie im schlichten Kleide oft weniger Verstand haben, als in +dem prächtigen Anzug, den sie sonst gewohnt sind. In +dem besseren Gewande klingt jedes Wort heller und klüger +und findet auch mehr Beachtung als bei einem schlichten +Bauers- oder Bürgersmann.</p> + +<p>So glaubte der Schneider, der neue Kunde habe das Einfachsein +über und wolle jetzt so daher kommen, wie es sich +für seinen Stand schicke und sprach darum: »Ihr kommt +zu gelegener Zeit, Herr. Ein junger Graf hatte bei mir +zwei Kleider bestellt, eines für jeden Tag aus braunem Tuch, +sauber und schön gemacht, und eines für Feste, aus dunkelrotem +Sammet mit Barett und Feder. Er gab mir den +Stoff dazu, den er weit her aus Italien hatte kommen +lassen. Da schickte ihn des Kaisers Majestät mit einem +Auftrag fort, hin zum türkischen Sultan in wichtiger Botschaft, +<span class="pagenum"><a name="Page_86" id="Page_86">[86]</a></span>und so schnell mußte die Reise vor sich gehen, daß +mein Herr Junker die Kleider nicht abwarten konnte.« +»Muß ihm sehr arg gewesen sein,« wandte Schlupps ein. +»War nicht so schlimm für ihn. Bedeutete es doch ein +ehrenvolles Amt, und des Kaisers Gnaden hatten ihn hinlänglich +mit Geld versehen, daß er sich anderen Ortes +kaufen konnte, was sein Herz begehrte. So ließ er mich +rufen und sagte: ›Meister, ihr habt mich immer gut bedient +und wenn ich Euch nicht zahlen konnte, nie gemahnt +und gedrängt; auch manchmal die Kreide auf der Schuldtafel +gespart. So behaltet die Stoffe. Ich schenke sie Euch. +Könnt sie wohl gelegentlich verwerten. Weil aber die +Kleider schon nach seinem Maß zugeschnitten waren, machte +ich sie fertig. Er ist Eures Wuchses, und es könnte sein, +daß Euch beide Gewänder passen. Wollt einmal probieren.‹«</p> + +<p>Und siehe da! Sie saßen wie angegossen, und Schlupps +beschloß, sie zu kaufen, da der Meister einen mäßigen Preis +dafür forderte. »Kommt bald wieder, Herr,« bat der +Schneider. »Und verzeiht, wohin soll ich Euch Euer altes +Gewand und das Sammetkleid senden, da Ihr das braune +gleich anzieht?« »Sendet es in das Gasthaus zum goldenen +Lamm,« sprach Schlupps, »und laßt sagen, es sei für Junker +Pfiffig.«</p> + +<p>Er zahlte seine Rechnung und ging fort. Der Meister sah +ihm staunend nach, wie er dahin schritt, den Kopf hoch, daß +er über alle Menschen hinwegschauen konnte und den Gang +gar leicht, als sei er gewohnt, zu tanzen statt zu schreiten. +<span class="pagenum"><a name="Page_87" id="Page_87">[87]</a></span>»Muß etwas ganz besonderes sein,« dachte der Nadelkünstler. +»Vielleicht ein Königssohn und der Name Pfiffig +war angenommen. Gibt es doch Menschen, denen sieht man +trotz allem das Königsein an, die mögen sich verstellen wie +sie wollen. Einmal bricht es hervor und dann staunen alle, +daß sie den für einen gewöhnlichen Menschen und ihresgleichen +gehalten haben, der doch so hoch über ihnen steht.« +Und der Meister fädelte seine Nadel ein, kletterte auf seinen +Tisch und überlegte weiter; denn das Handwerk, das er +betrieb, machte ihn gar nachdenklich und sinnig. Kam er +doch mit vielerlei Leuten zusammen, hatte gelernt, das +Kleid vom Menschen zu scheiden und wußte wohl, daß, +wenn es außen oft gleißte und glänzte, der Grund nicht +immer feines Linnen war, sondern grob Gewebe mit Knoten, +Fehlschlägen und Webfehlern.</p> + +<p>Junker Pfiffig aber ging langsam durch die Gassen und +sah mit offenen Augen alles wohl an. Er trat bei einem +Barbier ein, ließ sich von dem Schaumschläger Bart und +Kopfhaar zurecht stutzen und wunderte sich selbst, als er in +dem Spiegel sah, wie wohlgestaltet er war. Das schwarze +Gelock, das auf seine Stirn fiel, glänzte vom Bürsten und +Striegeln, und es schien ihm, als ähnele er dem Bilde, das +der fremde Maler ihm geschenkt hatte.</p> + +<p>»Kommt bald wieder, Junker,« sagte der Barbier, als er +ihm die Tür öffnete. »Seid Ihr hier fremd, so rate ich +Euch, unser Rathaus zu besuchen, das gar schön gebaut +und weit berühmt ist. Heut ist Gerichtstag. Da darf +jeder hineingehen und zusehen.« »Das will ich tun. Seid +<span class="pagenum"><a name="Page_88" id="Page_88">[88]</a></span>bedankt für Euren Rat,« nickte der Junker Pfiffig höflich. +Es kam ihm vor, als habe er mit dem andern Kleid einen +anderen Menschen angezogen, denn er hatte Freude an +allem, was schön war. Fühlte er sich in jedem Kleide +heimisch und bei sich, so schien ihm das neue Gewand wie +ein Haus, das eigens für ihn gebaut und gefertigt war. +Er schritt hinüber zu dem Stadthause mit den vielen Türmchen +und spitzbogigen Hallen. Da sah er in der Tür eine +Frau stehen, die ihre rechte Hand vor die Augen hielt und +heimlich Tränen abwischte. »Was fehlt Euch, gute Frau?« +sagte er und seine Stimme klang so gewinnend, daß die +Verzagte Mut faßte und leise zu erzählen anhub: »Ach +Herr, vielleicht könnt Ihr mir helfen. Ihr scheint gar vornehm +und mächtig. Ich habe einen Prozeß mit meinem +Nachbar, dem Grundbauer, um einen Acker, den einzigen, +den ich besitze. Der Nachbar behauptet, daß mein Mann +ihm auf dem Totenbette den Acker verkauft hätte für die +Beerdigungskosten. Wie mein Hans gestorben war, kam +der Grundbauer zu mir, sagte: er wolle für das Begräbnis +Sorge tragen und alles so machen, wie es bei armen +Häuslersleuten Sitte wäre. Ich vermeinte, er täte es aus +Nächstenliebe und um Gottes Willen, dankte ihm sehr und +lobte ihn vor den Leuten, ob seines guten Herzens, und +jetzt macht er es mir so. Glaubt mir, Herr, mein Hans +ist nie eine Minute allein gewesen, als es zum Sterben +kam und der Handel abgeschlossen sein soll.«</p> + +<p>»Aber der Richter muß Euch doch Euer Recht geben,« ereiferte +sich Schlupps. »Ach, das ist es gerade. Jetzt weist +<span class="pagenum"><a name="Page_89" id="Page_89">[89]</a></span>der Bauer eine Schrift auf, und drei Kreuze stehen darunter. +Kommt mit herein, seht, wie es zugeht. Unsereins +darf nichts sagen, sonst kommt er wegen Verläumdung +in den Turm.«</p> + +<p>»Geht nur hinein, gute Frau. Ich werde schon kommen; +aber tut nicht, als ob Ihr mich kennt.«</p> + +<p>Als nun die Verhandlungen begannen, sah Junker Pfiffig +auf dem Richterstuhl einen Mann sitzen, mit großer Perücke, +eine Brille auf der Nase, daß man die Augen nicht +sah; um den Mund hatte er zwei tiefe Falten, die sich ausnahmen, +als habe der Teufel sie mit seinem Pfluge gefurcht +und Bosheit und Tücke hineingesäet. Seine Hand +war lang, die Finger so spitz wie Krallen.</p> + +<p>Er winkte und der Bauer hub an zu erzählen, wie der +Handel sich zugetragen, den er, während Margret in der +Küche war, mit dem Hans abgeschlossen haben wollte. Dabei +klimperte der dicke, schwere Mann immer mit der Geldkatze, +die er umgeschnallt hatte, und sah den Richter schmunzelnd +an. Da spitzte er die Ohren, denn wenn er sich auf +Flöten und Geigen auch gar wenig verstand, so klang die +Musik des Bauern ihm doch lieblich in die Ohren.</p> + +<p>Dann frug er Margret barsch, was sie zu sagen habe und +gebot ihr, sich kurz zu fassen und sich zu hüten, den Grundbauern +einer unlautern Tat zu beschuldigen; denn das +bliebe nicht ungeahndet. Dann frug er auch, ob sie Zeugen +für ihre Erzählung habe. Die arme Frau sah erschreckt um +sich. Da fiel ihr Blick auf den Junker im braunen Gewande, +der unweit auf einer Bank saß und ihr heimlich zunickte. +<span class="pagenum"><a name="Page_90" id="Page_90">[90]</a></span>Sie faßte Mut, erzählte, wie alles gewesen und +schloß mit der Bitte, ihr zu ihrem Rechte zu helfen.</p> + +<p>Der Richter sann eine Weile nach und sprach dann: »Ich +will mir den Fall überlegen. Kommt heute Abend bei +Sonnenuntergang wieder her. Tragt mir Eure Gründe +noch einmal vor. Wer die gewichtigsten hat, soll Recht bekommen.« +Damit entließ er beide. Der Bauer lachte zufrieden +vor sich hin; denn er hatte den Richter wohl verstanden +und hielt in der Hand einen Beutel mit Silbermünzen. +Als der Richter das Zimmer verließ, trat der +Grundbauer auf ihn zu, reichte ihm den Beutel und sprach: +»Gestrenger Herr, Gründe so schwer wie diese wird die +Margret wohl nicht haben.« Er sah aber nicht, wie ein +Junker in braunem Gewande langsam vorbeischritt und +dem Handel zusah.</p> + +<p>Draußen angelangt, winkte Schlupps der Frau, führte sie +in ein Wirtshaus, hieß den Wirt ihr Speis und Trank +vorsetzen und sagte: »Seid außer Sorge. Ich helfe Euch +und Ihr sollt Euren Acker behalten.« Dann ging er zu +einem Schlosser und sah sich bei dem um, was er an +Arbeiten aufzuweisen habe an kunstvollen Riegeln, Schlössern +und Beschlägen. Besonders gefiel ihm eine Schnalle, +die groß und schwer war. »Das ist mein Gesellenstück,« +erklärte der alte Meister stolz. »Damals,« fuhr er mürrisch +fort, »war man noch nicht so hoffärtig, daß alles von +Gold und Silber sein mußte. Sonderlich die Frauen +trugen die Gürtel von eisernem Schloß gehalten und +prangten noch mehr in Zucht und Schönheit denn heute, wo +<span class="pagenum"><a name="Page_93" id="Page_93">[93]</a></span>ein jedes Bürgerkind Gold und Edelstein trägt und der +Halsschmuck in der Kirche aus Granaten sein muß, soll +die Andacht nicht gestört sein durch unheilige Gedanken und +Wünsche. Ach, die gute alte Zeit kommt nicht wieder, da +die Menschen noch so schlicht und einfältig waren und der +Schlosser noch Schmuck und Tand liefern durfte und nicht +alles der Goldschmied. Kein Wunder, wenn deren Innung +gar übermütig wird und bei allen Festen voranschreiten +will.«</p> + +<div class="figcenter" style="width: 369px;"> +<!-- <span class="pagenum"><a name="Page_91" id="Page_91">[91]</a></span> --> +<a href="images/illo_091.png"> +<img src="images/illo_091_th.png" width="369" height="566" alt="Der Rechtspruch" title="Der Rechtspruch" /></a> +<span class="caption">Der Rechtspruch</span> +</div> + +<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_92" id="Page_92">[92]</a></span>[Blank Page]</p> --> + +<p>»Meister, verkauft mir die Schnalle,« sagte Schlupps. +»Hab meine Freude an Sachen, die besonders kunstfertig +gearbeitet sind. Sie zeigen, daß, wer sie gemacht hat, mehr +kann, als viele seines Faches.«</p> + +<p>Das schmeichelte dem Schlosser. Sie wurden bald handelseinig; +Schlupps erstand die Schnalle und eine kleine +Feile um ein Billiges und ging vergnügt in sein Gasthaus, +wo ihn die arme Margret erwartete. Junker Pfiffig +schloß sich in sein Gemach ein, nahm mehrere Goldstücke, +feilte an den Rändern Gold ab, daß die Münzen so zackig +aussahen, als hätten die Ratten daran genagt, und rührte +die Goldabfälle zu einem dicken Brei an. Mit dem rieb +er die Spange ein, putzte und glättete sie, daß sie aussah +wie pures Gold und herrlich schimmerte. Dann wickelte er +sie in ein klein seiden Tüchlein, legte zwei abgefeilte Goldstücke, +die er durchlocht hatte, obenauf, rief die Frau und +unterwies sie, was sie zu tun habe.</p> + +<p>Als nun der Richter gegen Sonnenuntergang durch den +weiten Hallengang wieder in den Saal treten wollte, wo +<span class="pagenum"><a name="Page_94" id="Page_94">[94]</a></span>der Bauer schon wartete und seines Spruches sicher war, +löste sich eine Gestalt von der Eingangstür los, ging demütig +auf den gestrengen Herrn zu und sagte leise: »Verzeiht, +Herr Richter. Ich habe einen gar gewichtigen Grund, +den ich Euch verkünden muß. Von einer Ahne erbte ich ein +schweres güldenes Amulett, wie es wohl einer vornehmen +Frau, aber nicht mir gebührt. Würde ich es verkaufen, so +könnte man denken, ich wäre auf unrechte Art dazu gekommen. +Vielleicht daß es Eurer Eheliebsten oder Eurer +Jungfer Tochter wohl anstünde, und zwei durchlöcherte +Goldmünzen sind auch dabei, die man wohl zu Ohrengeschmeide +verwenden kann.«</p> + +<p>Dabei lüftete sie das kreuzweise gebundene Tüchlein und +ließ den Richter hineinblicken, sodaß der rote Schein der +Abendsonne, der durch die buntgemalten Scheiben spielte, +auf das Geschmeide fiel, daß es rotgelb flimmerte.</p> + +<p>»Gute Frau,« sagte der Richter, »einem vernünftigen +Grunde verschließe ich nie mein Ohr. Ihr habt wohl getan, +Euch an mich zu wenden. Seid unbesorgt, Ihr sollt +Euer Recht haben.« Damit ergriff er das Tüchlein, wog +es in der Hand, sehr erfreut ob seiner Schwere, und ging +würdevollen Schrittes in den Saal, wo ihn der Bauer erwartete. +Doch wie erschrak der, als der gestrenge Herr ihn +anschrie und ihn ausschalt, daß er eine arme Witwe bedrücken +wolle. Jetzt sei ihm die Erleuchtung gekommen, +daß alle seine Angaben leichtfertig und ungerecht gewesen, +und er verurteilte ihn, der Margret den Acker zurückzugeben +und ihr auf der Stelle zwanzig Silbergulden zu zahlen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_95" id="Page_95">[95]</a></span>Der Bauer wußte nicht wie ihm geschah, fluchte innerlich, +mußte aber wohl oder übel gehorchen und hatte außer dem +Schrecken noch den Spott zu tragen. Denn es waren gar +viele Zuhörer im Saale, die dafür Sorge trugen, daß der +Richterspruch bekannt wurde. Hatte der Bauer doch viele +Feinde, die ihm grollten, weil er sie oft betrogen hatte. +So mußte er beschämt abziehen und das Silbergeld an den +Richter war auch verloren.</p> + +<p>Die Margret suchte den Ritter, um ihm zu danken; aber er +war nicht aufzufinden und so konnte sie nur im Stillen für +ihn beten.</p> + +<p>Ihr Beschützer war in den Ratskeller gegangen, wo die +vornehmen Bürger beim Wein saßen und Rede austauschten +über die Zeitläufte, den Übermut der Geringen, die es +den Herren gleich tun wollten und was dergleichen erbauliche +Gespräche mehr waren. Als der Junker im braunen +Gewand hereintrat, richteten sich aller Blicke auf ihn; denn +ein Fremder war immer gern gesehen, und die ritterliche +Erscheinung ließ vermuten, daß man einen vornehmen +Mann vor sich habe. Der Richter, der allein in einer +Fensternische saß, winkte den Wirt herbei und hieß ihn, +den Fremden an seinen Tisch zu weisen; denn er war gar +zu neugierig, was der am Orte wolle.</p> + +<p>Mit höflicher Verneigung nahm Schlupps den angebotenen +Stuhl an und sagte auf die Frage des gestrengen Herrn, +was ihn herführe: »Verzeiht, Herr Richter, daß ich Euch +nicht Auskunft geben kann, wie ich es wohl möchte. Eine +wichtige Aufgabe zwingt mich aber zur Geheimhaltung. +<span class="pagenum"><a name="Page_96" id="Page_96">[96]</a></span>Nur so viel laßt Euch sagen, daß ich einem hohen Herrn +diene, in dessen Auftrag ich die Lande durchreise. Mein +Fürst ist noch unbeweibt und – – da hätte ich beinahe +zuviel gesagt. Das kommt davon, wenn man einem Herrn +gegenübersitzt, dessen scharfer Blick alles durchschaut. Da +läuft die Red über, wie der Bach im Frühjahr über die +Wiesen.«</p> + +<p>»Habt Ihr einen Auftrag an unseren vieledlen, hochmögenden +Grafen von Trutzenstein?« fragte der Richter und +glaubte, den Fremden so auf geschickte Art auszuholen. +»Allerdings,« sagte sein Gegenüber zögernd, »für den +Herrn Grafen – – –.« »Das dachte ich mir,« fiel ihm +der Richter in die Rede. »Denn morgen ist ja bei dem +Herrn Grafen ein großes Fest zu Ehren seiner Tochter, die +jetzt volljährig ist und sich einen Gatten aus erlauchtem +Geschlecht wählen soll. Gewiß kommt Ihr auch hin?« +»Geraten, Herr Richter!« sagte der Fremde. »Ich sehe +schon, Euch kann man nichts verbergen. Da wird es gewiß +einen herrlichen Anblick geben. All die geputzten Jungfräuleins +mit ihrer Pracht und ihrem Geschmeide!«</p> + +<p>»Das will ich meinen!« rief der Richter stolz. »Öffnet nur +die Augen weit, um zu sehen, was unsere Frauen vermögen. +Hab auch eine Tochter, die ich morgen hingeleite; +denn es sollen die Gespielinnen mit der Grafentochter zugleich +verlobt werden, und der Herr Graf will ihnen die +Gatten aussuchen und für ihre Ausstattung Sorge tragen, +wie es der Brauch vorschreibt. Hab meiner Tochter heute +<span class="pagenum"><a name="Page_97" id="Page_97">[97]</a></span>ein golden Geschmeide angeschafft, daß sie daherkomme, +wie es ihrem Stande geziemt.«</p> + +<p>»Das ist löblich, Herr Richter. Ein wohlgelungen Bild +bedarf auch eines würdigen Rahmens. Das sagte ich auch +zu meinem hohen Herrn, als er mir sein Bild mitgab.« +»Verzeiht,« meinte jetzt der Richter. »Ist Euer Herr ein +Graf?« »Ein Fürst ist er,« sagte der Junker feierlich und +lüftete seine Kappe. »Er ist der Königssohn von Golconda. +Sein Reich ist das herrlichste was Ihr Euch denken +könnt. Da ist nichts öde und kalt. Wohin das Auge +blickt, seht Ihr üppige Felder, grüne Haine, Wiesen und +Blumen. Immer strahlt eine goldene Sonne herunter. +Die Vögel singen schöner denn in andern Ländern; die +Blumen duften würziger, die Frauen sind wie Feen, zart +und lieblich, und doch darf der Prinz keine von ihnen +heiraten. Es ist ein uralt Gesetz, daß seine Gemahlin aus +fernen Landen stammen muß. Da er aber sein Reich nicht +verlassen darf, schickte er mich auf die Brautfahrt, damit +ich mich umsehe nach einer Gemahlin, die seiner würdig +sei. Nicht Stand, nicht Reichtum sind entscheidend – –.« +Plötzlich unterbrach er sich wie erschreckt. »Jetzt habe ich +dem Herrn doch verraten, was ein Geheimnis bleiben +sollte. Ich bitte, sagt keinem, was mich herführt, bis ich +es selbst enthülle.«</p> + +<p>»Seid unbesorgt,« nickte der Richter. »Will das Anvertraute +wohl hüten. Unweit von hier ist des Grafen Schloß, +könnt es zu Pferde in einer halben Stunde erreichen. Doch +<span class="pagenum"><a name="Page_98" id="Page_98">[98]</a></span>verzeiht, wie soll ich Euch nennen, wenn ich Euch wiedersehe, +da ich den Namen nicht verstanden habe?«</p> + +<p>»Nennt mich Ritter von Bauernmark. Bin von uraltem +Geschlecht, das schon manchem Herrn geholfen hat, sein +Reich zu schützen und zu halten.«</p> + +<p>»Gehabt Euch wohl, Herr Ritter. Auf Wiedersehen!« +Damit reichte der gestrenge Herr dem Fremden die Hand +und verließ ihn, froh, seinem Eheweib eine angenehme +Kunde zu bringen. Denn seine Frau wollte immer gern +hoch hinaus, und ein Prinz wäre ihr als Eidam gerade +recht gewesen. Sie war sehr eitel auf ihre Tochter und +meinte, jeder müsse von ihr so eingenommen sein, wie sie +als Mutter von ihr war. Da sie aber kein gutes Herz +hatte, so gewöhnte sie auch die Tochter an ein selbstisch +Wesen und die beiden Frauen trugen mit die Schuld daran, +daß der Richter die Armen bedrückte und das Recht verkaufte, +statt es, wie der liebe Herrgott das Sonnenlicht, +über Arme und Reiche gleich leuchten zu lassen.</p> + + + + +<h2><a name="Das_Fest" id="Das_Fest"></a>Das Fest</h2> + + +<p>Am andern Tage war auf dem Schlosse des Grafen ein +Kommen und Gehen. Von weit her waren Edle erschienen, +um die Grafentochter und ihr reiches Erbe zu gewinnen. +Das Fest sollte schon seinen Anfang nehmen, als zuletzt ein +Wagen anfuhr, dem ein Ritter entstieg in rotem Sammetanzug +mit Barett und Feder. Er trat auf den Grafen zu, +verneigte sich zierlich und sprach: »Erlaubt, hochedler Herr, +daß ich an Eurem Feste teilnehme. Ritter von Bauernmark +<span class="pagenum"><a name="Page_99" id="Page_99">[99]</a></span>nenne ich mich. Mein Herr ist der Prinz von Golconda, +und als Geburtstagsangebinde erlaubt mir, Eurer vieledlen +Tochter das Bildnis meines Herrn zu überreichen.« +Damit enthüllte er das Konterfei, das ihm der Maler geschenkt +hatte. Der Graf nickte huldvollst und sprach: »Seid +willkommen in unserm Kreis, Herr Ritter, und möget Ihr +Euch darin so heimatlich fühlen, als in Eures Herrn +Landen.« Dann geleitete er den Gast zu seiner Tochter, und +der Ritter von Bauernmark überreichte sein Geschenk kniend, +wie es Sitte der Edlen war.</p> + +<p>Als die Grafentochter aber einen Blick auf die Gabe warf, +stutzte sie; denn sie vermeinte, eine Ähnlichkeit mit dem +Ritter vor ihr zu finden und es kam ihr plötzlich der Gedanke, +das Bild und der vor ihr kniete müßten ein und +dieselbe Person sein, und kleine Änderungen seien nur +vom Maler gemacht, damit die Gleichheit nicht zu auffällig +wäre.</p> + +<p>Dasselbe dachte die Richterstochter, die neben ihr stand. +Weil sie nichts verschweigen konnte, flüsterte sie der Gespielin +zu, was der Vater ihr über des Ritters Sendung +anvertraut hatte und daß dies der Prinz selbst zu sein +scheine. Da lächelte die Grafentochter gar holdselig auf den +Knienden herab, reichte ihm die Hand, hieß ihn aufstehen +und ließ sich von ihm zu Tisch führen, allwo ein reiches +Schmausen anhub und Pagen goldne Pokale mit köstlichem +Wein herumreichten. Abseits aber stand der Graf in Beratung +mit dem Richter, der ihm anvertraute, was der +fremde Junker hier wolle.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_100" id="Page_100">[100]</a></span>»Ich muß Euch zürnen, Richter,« sprach der Graf. »Seit +Monden habe ich von Euch keine Abgabe mehr erhalten, +und Ihr wißt, daß meine Hofhaltung viel Geld verschlingt.«</p> + +<p>Seufzend griff der Richter in die Tasche und holte den +Beutel mit Silbergeld heraus, den ihm der Bauer gegeben. +»Das ist alles, was ich heute abliefern kann, hoher Herr,« +sagte er und warf dem Grafen einen tückischen Blick zu. +Wußte er doch, daß sein Eheweib schmähen würde, wenn +er ohne Geld heimkam. »Die Leute meinen, das Recht müsse +umsonst sein wie der Tod und halten die Goldstücke zurück.« +»So sorgt, daß sie bald anderer Meinung werden,« sagte +der Burgherr unwillig und wandte sich seiner Tochter zu, +die sich von der Tafel erhoben hatte und zu ihm getreten +war. Erstaunt sah er, daß sie ein verdrießlich Gesicht zog. +Die goldene Schnalle der Richtertochter war ihr aufgefallen, +und das Herz stand ihr danach. Sie drang in den Vater, +er müsse für sie das Geschmeide erlangen, sonst würde sie +vor Gier und Sehnsucht krank werden. Der Graf, der +seinem einzigen Kinde keinen Wunsch weigerte, winkte +den Richter herbei und befahl ihm, seiner Tochter aufzugeben, +daß sie gleich das Schmuckstück ihrer hohen Gespielin +als Geburtstagsangebinde überreichte, und so drohend sah +er aus, daß ein Widerspruch vergeblich gewesen wäre. +Der Richter rief seine Tochter, führte sie abseits in eine +Fensternische und beschwor sie, den Schmuck herzuschenken. +Er erinnerte sie an den festen Turm, darinnen die Unglücklichen +schmachteten, die sich auf der Landstraße den Reisigen +<span class="pagenum"><a name="Page_101" id="Page_101">[101]</a></span>des Grafen widersetzt hatten und bewies ihr, daß es +dem mächtigen Herrn ein Leichtes sei, sie beide zu verderben. +So legte sie weinend den Schmuck ab und behielt nur +die Münze, die sie an einem güldenen Kettlein um den +Hals trug. Die Grafentochter aber steckte stolz die Schnalle +recht auffällig an ihr Busentuch.</p> + +<p>Während dessen herrschte an der Tafel eitel Lust und Fröhlichkeit, +und besonders Ritter von Bauernmark erheiterte die +Runde durch Späße und Scherze, berichtete von allerlei +fremden Völkern und ihren Bräuchen und trank dabei auf +das Wohl der Schönsten im Saale. Dabei ließ er die +Blicke im Kreise herumschweifen, also daß er jedem +Mägdlein in die Augen sah, und jede schon glaubte, sie +sei die Prinzessin von Golconda. Des Richters Tochter +hatte allmählich den Gespielinnen das Geheimnis vertraut, +und so war des Ritters Auftrag jedem bekannt. Als +die Tafel sich ihrem Ende neigte und die Pagen türkisches +Konfekt und Leckereien herumreichten, erhob sich der Ritter +von Bauernmark und sprach: »Vieledler Herr Graf! Verzeiht, +wenn ich mich jetzt an Euch wende und einen Auftrag +bestelle, dessen Ausführung keinen Aufschub erleidet. Ich +komme als Abgesandter meines hohen Herrn, um ihm eine +Braut zu suchen, die würdig sei, den Thron seiner Väter +mit ihm zu teilen. Drei Bedingungen knüpft er an seine +Werbung. Erstens dürfte in dem Lande, dem die Holde +entstamme, nie ein ungerechter Richterspruch geschehen sein, +nie das Recht für Geld verkauft werden. Denn Ungerechtigkeit +ist wie ein ansteckend Gift, das in alle Seelen +<span class="pagenum"><a name="Page_102" id="Page_102">[102]</a></span>eindringt, und wo das Recht käuflich ist, da ist auch Liebe +und Treue feil. Zweitens darf im Hause der Erwählten +kein ungerecht Gut sein, ob viel oder wenig, und drittens, +und das ist das schwerste, soll die Braut nicht begehrlich +sein, sondern bescheidenen Sinns und demütigen Herzens. +Wie sie aber aussehen solle, hat mein Herr mir so eindringlich +beschrieben, daß ich seine Meinung genau kenne. So +gestattet mir, edler Herr, wenn Euch die Werbung meines +Herrn genehm ist, die Jungfrauen, die hier versammelt +sind, zu mustern, und, wenn ich die Rechte finde, sie im +Namen meines Herrn um ihre Hand zu bitten.«</p> + +<p>»Das sei Euch unverwehrt, edler Ritter,« sprach der Graf. +»Wenn der Tanz jetzt anhebt, so betrachtet meine Schönen +wohl und tut mir kund, auf welche Eure Wahl gefallen +ist.« Im stillen aber hoffte er, seine Tochter würde die Erkorene +sein. Einen fürstlichen Eidam zu haben, das war +das Ziel seiner Wünsche, und er häufte Gut und Geld zusammen, +um sein Kind zur reichsten Erbin zu machen.</p> + +<p>Während die Jungfrauen sich im Tanze drehten und neigten, +die Häupter bald senkten und hoben, mit spähenden +Blicken nach dem Brautwerber schielten und jede sich für +die Auserwählte hielt, stand Bauernmark neben der Grafentochter. +Plötzlich weiteten sich seine Augen und er rief +laut: »Himmel, was sehe ich! O traurig Zeichen!« Der +Tanz stockte. Alle Gäste drängten sich herbei. Der Graf +forschte angstvoll, was seinem Gast fehle. »Etwas Schreckliches +macht mich erzittern,« antwortete der Gefragte. +»Mein hoher Herr, der Prinz, hat einen Bruder, der um +<span class="pagenum"><a name="Page_103" id="Page_103">[103]</a></span>ein Jahr jünger ist, denn er. Den duldete es nicht im +Haus. Er wollte in die weite Welt und ließ sich durch +keine Bitten halten. Unsere Königssöhne aber hatten jeder +ein Gewerbe erlernt, das schrieb das Gesetz des Hauses +ihnen vor, damit sie wissen sollten, wie dem, der hart +arbeitet, zu Mute ist. Als es nun an das Scheiden ging, +beschlossen beide, einander etwas zum Andenken zu geben, +und sie schmiedeten aus Gold zwei Schnallen, die sollte +jeder von ihnen tragen, sie nie ablegen und mit dem eignen +Leben als höchstes Gut verteidigen. Und seht, die Schnalle, +die Ihr, edle Herrin tragt, erkenne ich als die des jüngeren +Prinzen. Die linke Hälfte ziert das Zeichen der +Schlosser, zwei gekreuzte Schlüssel, die rechte zeigt das +Wappen der Nagelschmiede, ein Herz von drei Nägeln +durchbohrt, und je länger ich darauf sehe, desto mehr kommt +es mir vor, als ob aus dem Herzen zwei rote Tropfen +fließen. Lebt der Prinz noch, er hätte sich nie davon getrennt, +auch nicht in höchster Not. Nur Räuberhand kann +es ihm entrissen haben. So sprecht! Wie seid Ihr dazu gekommen? +Wer hat es gewagt, in Eure Hand dies fluchbeladene +Geschmeide zu legen?«</p> + +<p>Die Grafentochter erblaßte. Dann sprang sie auf ihre Gespielin +zu und rief zornig: »Hier, die Richterstochter ist es +gewesen! Die Falsche wollte mir bei Euch schaden, damit +Ihr ungerecht Gut bei mir fändet. Als Geburtstagsangebinde +brachte sie mir den Schmuck.«</p> + +<p>»So?« rief die Angegriffene aufgebracht. »Habe ich es Dir +gegeben oder hast du es mir abgefordert und mich an Leib +<span class="pagenum"><a name="Page_104" id="Page_104">[104]</a></span>und Leben bedroht, wenn ich es nicht freiwillig herausgäbe? +Gezwungen hast du mich, weil deine Begehrlichkeit +mir das Kostbare nicht gönnte. Und nicht durch Raub erlangte +ich es – mein eigner Vater gab es mir!«</p> + +<p>»Und woher habt Ihr es, Herr Richter?« forschte Bauernmark. +Der gestrenge Herr war bestürzt, daß er nicht vermochte, +eine Lüge auszusinnen und ratlos dastand. »Ein +armes Bauernweib brachte es – –« stotterte er, »Ich – +– ich – – sollte ihr zu ihrem Recht verhelfen.« Weiter +kam er nicht; denn der fremde Ritter rief: »Jetzt wird mir +alles klar. Falscher Richter, Eure Schlechtigkeit ist enthüllt. +Gestern traf ich ein armes Bauernweib, das mir weinend +erzählte, wie es sein letztes Gut einem bestechlichen Richter +habe geben müssen, um seinen einzigen Acker zu behalten. +Ein Schmuckstück sei es gewesen. Ein Sterbender, den sie +auf der Straße gefunden und in ihrer Hütte verpflegt habe, +gab es ihr vor dem Hinscheiden. ›Bringe es zu meinem +Bruder,‹ hatte er mit erlöschender Stimme gesagt. ›Er +wird es Dich herrlich lohnen. Er heißt – –‹ da seien +ihm die Augen zugefallen. Sie habe den Namen nicht +mehr gehört und konnte seine Bitte nicht erfüllen. Die +Reisigen eines hohen Herrn hatten den Fremden überfallen +und beraubt; nur die Schnalle hatte er in den Falten seines +Gewandes retten können.«</p> + +<p>»Beruhigt Euch, edler Herr,« sprach der Graf. »Tröstet +Euch. Wir wollen dem Täter nachforschen.« Dabei zitterte +seine Stimme, denn er wußte wohl, daß es seine Knechte +waren, die harmlose Wanderer auf der Landstraße plünderten. +<span class="pagenum"><a name="Page_105" id="Page_105">[105]</a></span>»Seid sicher, daß der Schuldige seiner Strafe nicht +entgeht. Ihr, Richter,« wandte er sich in strengem Tone +zu diesem, »begebt Euch sofort mit Eurer Tochter aus dem +Schlosse und lasset Euch nie wieder darin blicken!« »Führt +sie hinaus, weil sie es gewagt haben, mit kecker Lüge meine +Tochter zu schmähen,« gebot er den Knechten.</p> + +<p>Ehe der Richter und seine Tochter noch wußten, wie ihnen +geschah, waren sie über die Zugbrücke gestoßen und mußten +mit Schimpf und Schande abziehen.</p> + +<p>»Setzt das Fest fort!« gebot der Graf den Gästen, die bestürzt +und neugierig alles angehört hatten. »Wißt,« +wandte er sich an den Ritter von Bauernmark, »es ist nicht +meine Schuld, wenn durch falsche Diener das Recht in +meinem Lande gebeugt wurde. Sagt Eurem Prinzen, +meine Hände sind rein.«</p> + +<p>»Wohlan,« sagte Bauernmark feierlich, »so werbe ich um +Eure Tochter im Namen meines Herrn. Vielleicht war es +eine Vorbedeutung, daß ich die Schnalle bei ihr finden +sollte. Sie muß mir aber feierlich geloben, keinen andern +zu ehelichen, sondern in Treue auszuhalten, bis mein Herr +kommt und sie heimholt.«</p> + +<p>»Das gelobe ich!« rief die Grafentochter und streckte die +Hand hoch. »Das Bild Eures Herrn und die Schnalle behalte +ich als Pfand.« »So seid Ihr dem Prinzen von Golconda +angelobt!« rief der Ritter mit hallender Stimme. +»Wie ich jetzt mit dem Schwerte einen Kreis um Euch +ziehe, so werfe ich jedem den Fehdehandschuh hin, der es +wagt, Euch als Werber zu nahen. Heimlich und unerkannt +<span class="pagenum"><a name="Page_106" id="Page_106">[106]</a></span>ziehen die Boten unseres Herrn im Lande umher. +Eine Prüfungszeit ist Euch beschieden. Habt Ihr während +dieser die Treue gehalten, so besteigt Ihr den Thron unseres +Landes als Herrin. Brecht Ihr aber Euer Gelöbnis, +dann seid Ihr und jeder Freier, dem Ihr Gehör schenkt, +dem Tode verfallen. Nichts kann Euch vor der heimlichen +Rache unseres Volkes schützen.«</p> + +<p>Scheu wichen die Gäste vor der Grafentochter zurück, die in +Furcht erschauernd ihr Haupt senkte.</p> + +<p>»Beurlaubt mich baldigst, daß ich abreise und meinem Herrn +Kunde bringe von dem Glücke, das ihm bevorsteht,« schloß +der Ritter.</p> + +<p>Als der Brautwerber am andern Morgen seinen Wagen besteigen +wollte und sich vor dem Grafen verneigte, zog dieser +einen grünseidenen Beutel voll Gold hervor und sprach: +»Nehmt dies, Herr Ritter, als Dank dafür, daß Ihr die +Falschheit meines Richters aufgedeckt habt.« Vergeblich +weigerte sich Schlupps, das Geschenk anzunehmen. Der +Graf drang immer inständiger in ihn, bis er nachgab, es +einsteckte und davonfuhr.</p> + +<p>Die Grafentochter wies jeden Freier, der sich ihr nahte, zurück +und wartete auf den Prinzen von Golconda. Ihr Vater +aber wurde nach Jahren von einem räuberischen Nachbarn +überfallen, der Burg beraubt und mußte mit seiner Tochter +in der Hütte eines treuen Knechtes Unterkunft suchen. Da +harren sie beide des Ritters von Bauernmark, der sie heimholen +soll in das Reich seines Herrn, und warten noch heute.</p> + + + + +<h2><span class="pagenum"><a name="Page_107" id="Page_107">[107]</a></span><a name="Des_Kaisers_Bote" id="Des_Kaisers_Bote"></a>Des Kaisers Bote</h2> + + +<p>Wieder fuhr Schlupps im Lande umher. Da kam er eines +Abends in ein Dorf, das abseits von der großen Straße +am Fuße eines Berges lag. Den Hang hinauf kletterten +die Häuschen, von denen eines hoch oben auf einem Bergvorsprung +stand und mit blinkenden Scheiben in die Sonne +blinzelte. »Hier wird schwer ein Unterkommen zu finden +sein,« dachte Schlupps; denn ein Wirtshaus schien weit +und breit nicht zu sehen. »Werd im Freien nächtigen +müssen,« dachte er, »wie so manches Mal schon.« Da sah +er einen Mann eilends den zackigen Bergpfad herabspringen +und winkte ihm. Der Laufende stutzte, als er einen Fremden +sah; denn einen solchen führte der Zufall selten her. – +Nur manchmal kam armes Hudelvolk vorüber oder ein +Troß Landsknechte, die sich meistens herumtrieben und +einen Anführer suchten, der sie warb. Waren lauter Gäste, +die scheel angesehen wurden und mancher machte drei Kreuze +hinterher, wenn sie abzogen. Aber der vor ihm stand, war +ein Herrischer, fein angezogen, der mit Pferd und Wagen +allein daherkam und ihm scharf in die Augen schaute.</p> + +<p>»Kann ich hier Nachtherberge finden?« Der Gefragte sah +den Fremden an, kraute sich den Kopf und meinte: »Wohl. +Ein Krug ist im Dorf. Ob er dem Herrn gefällt, ist eine +andere Sache. Unansehnlich ist’s da und laut geht es heute +zu. Gemeindewahl ist bald. Ausspann könnte der Herr +dort halten.«</p> + +<p>»Gibt’s da ein Bett?« fragte Schlupps. »Geben mag’s +<span class="pagenum"><a name="Page_108" id="Page_108">[108]</a></span>schon eins. Rat’ aber nicht dazu; denn die Wirtin ist keine +gute. Sie steht mit der Reinlichkeit auf gespanntem Fuß +und kann das Waschen nicht übermäßig leiden.«</p> + +<p>»Wo kann ich sonst nächtigen?« »Wenn’s eine Streu tut, +ist mir der Herr willkommen.« »Wer seid Ihr?« forschte +Schlupps. In des Mannes Wesen war etwas, was ihm +zusagte. Er hatte ein ehrliches Gesicht und in den Augen +leuchtete es auf wie von verhaltener Schelmerei. »Scheint +eine Art Vetter von mir,« dachte Schlupps.</p> + +<p>»Bin der Schweinehirt. Da oben das ist mein Häuschen.« +Er wies hinauf zu der höchstgelegenen Hütte. »Weit hinauf,« +meinte der Fremde. »Ist gut, wenn man weit ab von +den Menschen haust,« nickte der andere. »Habt einen guten +Platz als Hirte, langt es zum Auskommen?« fragte +Schlupps. »Knapp geht’s bei uns zu. Wißt, die Bauern +zahlen nicht gern. Zwei Gulden im Jahr und das Essen +für mich und mein Weib, aber gar wenig. ›Damit Ihr +nicht so fett werdet wie unsere Schweine,‹ hat der Schultheiß +gesagt und gelacht.« »Und wie lebt Ihr davon?« +»Wie’s halt geht. Die Kathrin, mein Weib, schafft noch +im Feld und spinnt. Ich tu, was ich kann. Viel ist’s +nicht mehr. Mein rechter Arm ist steif. Mit dem linken +kann ich schreiben; da verdien’ ich ab und zu etwas bei den +Bauern, denn von denen ist keiner des Schreibens kundig.« +»Was?« rief Schlupps. »Ihr seid der Einzige im Ort, der +lesen und schreiben kann?« »Ei freilich. Ein fremder alter +Mann hat’s mich gewiesen. Hab ihn einmal vor Jahren +in meine Hütte aufgenommen, weil er gar so elend und +<span class="pagenum"><a name="Page_109" id="Page_109">[109]</a></span>verlassen war, noch ärmer als wir. Hat mich nicht gereut, +was ich an ihm getan. Der konnte erzählen. Das war +eine Lust, ihm zuzuhören. Man wurde nicht müd, wenn +er sprach und wußte nicht, wann der Abend aufhörte und +die Nacht anfing. Manchmal haben wir bis zum Morgen +gesessen, der Alte und ich, und geschwatzt.«</p> + +<p>»So wißt Ihr gewiß mehr als alle im Dorf,« neckte +Schlupps. »Wär auch nicht viel,« meinte der andere bedächtig. +»Denken nicht von hier bis dahin. Lassen sich die +Sonne in den Mund scheinen und tun nur, was ihnen +schadet. Aber unsereins darf nicht reden, und wenn er +zehnmal sieht, wie sie das Dorf in Grund und Boden +wirtschaften. Bin ja nur ein Schweinehirt.« – Ein spöttisches +Lächeln flog über sein Gesicht.</p> + +<p>»Wer war bisher Schultheiß?« forschte Schlupps, der anfing, +seine Laune zu spüren.</p> + +<p>»Der Reichste, der am längsten im Dorf sitzt. Er ist Herr +von dem großen Hause drüben, auf dem die Wetterfahne +knarrt. Der Waldsepp wird er geheißen; denn sein ist der +größte Wald landaus, landein.« – – »Und wen machen +sie jetzt zum Schulzen?«</p> + +<p>»Wohl den Büchsenmichel. Heißt so, weil er tagaus, tagein +die Büchse auf der Schulter hängen hat. Bei den Reichen +geht das Amt reihum; die Andern haben das Zusehen. +Jetzt sitzen die Mannsleut im Wirtshaus, die Kleinbauern, +die Häusler und die Taglöhner und lassen sich sagen, für +wen sie nächstens die Hand hochhalten sollen. Stimmen +doch nur zu ihrem Schaden. Bekommen aber jeder ein +<span class="pagenum"><a name="Page_110" id="Page_110">[110]</a></span>Maß Wein frei vom Büchsenmichel und wären im Stand +und verkauften für den Trunk ihre Seligkeit.«</p> + +<p>»Könnt Euch doch gleich sein, Schweinehirt, wer Schulze +wird,« warf Schlupps nachlässig hin und hielt seine Pferde +fest, die ungeduldig mit den Hufen scharrten. »O nein, +Herr,« rief der Hirte eifrig. »Seht, da hat der Büchsenmichel +die Jagd an sich genommen und zahlt der Gemeinde +ein Spottgeld dafür. Das Wild läuft in die Felder, macht +alle Saaten zunichte, und keiner darf eine Wildsau abfangen. +Gleich macht er ihm den Prozeß und es kostet eine +harte Buße. Wenn’s ein ganz armer ist, der nicht zahlen +kann, oft Leib und Leben. Der Waldsepp schlägt den +Wald ab, wo er will, daß die Lawinen herunterstürzen und +alles umeinandreißen können, und ist bald kein Baum +mehr da, der sie aufhält. Und dort, wo der Wildbach herunterstürzt +und im Frühjahr den Dung von den Feldern +spült und das gute Erdreich fortschwemmt, da müßte ein +Gemäuer gemacht werden aus Steinen und Reisig. Ist +aber zu nichts Geld da und keiner kümmert sich darum. Die +Reichen wollen nicht zahlen und die Armen haben’s nicht +dazu. Zum Schulhaus langt’s schon gar nicht. Der letzte +Schulmeister hat sich müssen als Knecht verdingen, um +nicht Hungers zu sterben. Das Schulhaus ist verfallen +und die Kinder wachsen auf, daß Gott erbarm. Hätten +wir einen Schultheiß wie sich’s gehört, der an den Kaiser +schreibt, damit Recht und Ordnung herkäme, es wäre eine +Freud, was aus unserm Dorf werden könnte. Aber so – +– ein Jammer ist’s.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_111" id="Page_111">[111]</a></span>Er brach ab und hielt erschreckt inne. Wie konnte er sich +nur verleiten lassen, so frei heraus zu sprechen, noch gar zu +einem Fremden. Einem Herrn! Wer weiß, was der für +einer war und ob er es nicht mit denen hielt, die Reichtum +und Ehren hatten. Aber jetzt klang die Stimme des Junkers +gütig: »Schweinehirt, Ihr gefallt mir. Sagt mir noch, +was tut Ihr denn mit den Gebrechlichen und Kranken, den +Waislein und Heimatlosen?«</p> + +<p>Der Hirt sah hoch, streckte den Arm aus und wies auf den +Gottesacker. »Da können’s hin, oder in die weite Welt. +Für unnütze Brotesser ist kein Platz im Ort, hat der Schultheiß +gesagt.«</p> + +<p>»So, so, bläst der Wind daher? Da ist es an der Zeit, daß +ich gekommen bin,« murmelte Schlupps. »Wißt, Schweinehirt, +muß mir Eure Mannsleut einmal in der Nähe besehen. +Zeigt mir das Wirtshaus.«</p> + +<p>Wie er in die Gaststube trat, die niedrig und verräuchert +war, da hob alles erstaunt die Kopfe, als der herrische +Junker mit hallenden Schritten zu einem Tische ging und +laut rief: »Wirt, Einen vom Besten! Aber rasch!« Kaum +aber stand der Becher vor dem Herrn, so trank der nur einen +kurzen Schluck und sagte zu dem Nächstsitzenden: »Gebt’s +weiter!« Das ließ sich der nicht zweimal sagen, tat einen +kräftigen Zug und ließ den Becher herumgehen. Die Bauern +tranken und staunten, rissen die Augen auf, stießen sich +an und schoben die Zipfelmütze hin und her. Das war +ihnen noch nicht vorgekommen. Ein vornehmer Herr, der +so gemein tat, daß er unter ihnen saß, einen Wein nach +<span class="pagenum"><a name="Page_112" id="Page_112">[112]</a></span>dem andern ihnen vorsetzen ließ und zuhörte, was sie +redeten. Doch jetzt erhob sich der Junker und sprach laut: +»Männer! Ich komme weit her. Des Kaisers Kanzler +schickt mich, daß ich in seinem Lande nach dem Rechten sehe; +ihm berichte von allem, was sich zuträgt und wie seine +Untertanen nach Zucht und Sitte leben. So wißt: Jeder +Ortsschultheiß soll mir in einer Schrift kund tun, wie es +zugeht in seinem Dorf. Ob der Schullehrer die Kinder +unterweist und sie in Gottesfurcht und Tugend heranzieht. +Wie die Felder gedeihen; ob Ihr dem Wildschaden steuert, +daß nicht der Fleiß zunichte gemacht wird und statt der +Menschen die Wildschweine das Kraut und die Rüben +fressen. Tut auch zu wissen, wie Ihr für die Armen sorgt, +ob Ihr ein Spittel für die Kranken habt und ein Kloster +für die Gottwilligen. Schreibt alles genau; denn der +Kaiser läßt hintennach alles wohl untersuchen. Sollte aber +in dem Schreiben etwas stehen, was nicht vor seinen strengen +Richtern für wahr befunden wird, dann läßt er den +Schultheiß binden und gefangen setzen. Und der Prozeß +ist gar kurz. Des Seilers Tochter macht Hochzeit mit ihm +und der Galgen ist schon da, an dem er baumeln muß.« +Den reichen Bauern, die eben noch mit vollen roten Backen +dagesessen, wurden die Gesichter schmal und spitz, als sie +das hörten. Die Kleinbauern und Häuslerleut aber +erhoben die Köpfe und sahen sich schmunzelnd an. »Möchte +jetzt nicht der Büchsenmichel sein, und der Waldsepp ist +auch nicht zu beneiden,« dachte mancher von ihnen schadenfroh. +»Wißt, Herr,« kam jetzt der Wirt näher, »mit dem +<span class="pagenum"><a name="Page_115" id="Page_115">[115]</a></span>Schultheiß sind wir eben schlimm dran. Der’s bislang gewesen, +ist es seit einer Woche nimmer, und einen neuen +haben wir noch nicht. Konnten keinen finden. Will sich +keiner dazu hergeben, ein so saures Amt zu verwalten.« +Dabei blinzelte er dem Büchsenmichel zu, als wollte er +sagen: laß mich nur machen.</p> + +<div class="figcenter" style="width: 366px;"> +<!-- <span class="pagenum"><a name="Page_113" id="Page_113">[113]</a></span> --> +<a href="images/illo_113.png"> +<img src="images/illo_113_th.png" width="366" height="563" alt="Schultheiß Schweinehirt" title="Schultheiß Schweinehirt" /></a> +<span class="caption">Schultheiß Schweinehirt</span> +</div> + +<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_114" id="Page_114">[114]</a></span>[Blank Page]</p> --> + +<p>»Nehmt den Gescheitesten am Ort,« sagte der Fremde.</p> + +<p>»Das hab ich allweil auch gesagt; bin ganz der Meinung +des Herrn,« schwindelte der Wirt. »Aber wer ist der Gescheiteste? +Keiner will ein Dummer, jeder ein Kluger +sein, und keiner läßt den andern mehr gelten als er selbst +ist.« »So nehmt den, der am besten mit der Feder und +der Rede Bescheid weiß; nicht so viel hat, daß er sich mehr +dünkt als die Andern. Einen, der alle im Dorf kennt, +weiß, wie’s jedem zu Sinn ist und bei den Kleinen und +Großen wohl angeschrieben ist. Weiset ihn auch an, aufzuschreiben, +wie es um Euer Geld steht und ob Ihr für die +Landsknechte unseres Herrn Kaisers eine tüchtige Ladung +Goldgulden schicken könnt. Denn der Türke steht vor dem +Lande, und wenn er herkommt, bleibt nichts niet- und +nagelfest. Er brennt Euch die Häuser über den Köpfen weg. +Also richtet Euch ein: in zwei Tagen komme ich und hole +mir Bescheid.«</p> + +<p>Dabei zahlte er und verließ das Wirtshaus, wo die +Bauern dasaßen, als hätte sie einer vor den Kopf geschlagen, +vor sich hinstierten und kein Wort zu sagen wußten.</p> + +<p>Der Fremde hatte seine Kutsche bestiegen und war fortgefahren, +hinaus in eine einsame Jagdhütte, die ihm der +<span class="pagenum"><a name="Page_116" id="Page_116">[116]</a></span>Schweinehirte beschrieben und die einst einem hohen Herrn +als Landaufenthalt gedient hatte. Jetzt lag sie einsam und +verlassen, und nur manchmal stellte ein Fuhrmann seinen +Wagen unter, wenn die Nacht ihn auf der Fahrt überraschte, +oder wenn er das Geld im Wirtshaus sparen wollte. +Die Bauern aber wunderten sich, wo der fremde Herr mit +einmal hingekommen war und gingen am andern Morgen +mit verstörten Gesichtern umher. Hatten sie bisher Zwist +miteinander gehabt, weil jeder von ihnen Schultheiß sein +wollte, so wichen sie jetzt einander aus, weil jeder sich +fürchtete, der andere wolle ihm zureden, das Amt zu übernehmen, +und keiner die Schrift an den Kaiser aufsetzen +konnte.</p> + +<p>Heimlich aber schlichen sie auf Umwegen zu dem Schweinehirten +und baten ihn um Gotteswillen, doch für dieses +Mal Schultheiß zu spielen und ihnen zulieb das Amt anzutreten. +»Tut’s, Simmel,« sagte der Waldsepp. »Habt +ein Einsehen. Was kann Euch denn geschehen?« »Meint +Ihr?« rief des Simmels Weib. »Mein Mann dürfte +leichter hängen als Ihr? Wenn er jetzt dem Kaiser alles +schreibt, wie’s hier zugegangen ist im Dorf und wie +Ihr gehaust habt, vermeint Ihr, der wird ihn strafen? +Weit gefehlt! Euch geht’s an den Kopf und so könnt Ihr +es gleich auf Euch nehmen und wieder Schultheiß spielen.« +»Weib, schweigt still und laßt Euren Mann reden,« entfuhr +es dem Sepp. »Simmel, überlegt nicht lang. Auf Geld +soll es uns nicht ankommen.«</p> + +<p>Während dessen ging ein Handwerksbursche von Haus zu +<span class="pagenum"><a name="Page_117" id="Page_117">[117]</a></span>Haus, bat um einen Zehrpfennig und erzählte dabei, wie +er weit herkomme und ob sie schon gehört hätten, daß der +Türke nahe sei, senge und brenne und alles mitnähme. +Hab und Gut, die Ochsen aus dem Stall und die Kleider +aus der Truhe. Und da die Männer alle auf dem Felde +schafften und nur das Weibervolk daheim war, so entstand +bald am Brunnen ein Schwatzen und Wehklagen. Die +Weiber liefen zueinander, jammerten und schrien und dann +rannten sie heim und packten, was sie erreichen konnten, +um es mitzunehmen, wenn der Türke käme. Da trug eine +die Mulde voll Brot, das sie vom Bäcker geholt hatte und +das noch dampfte, denn sie wollte nicht warten, bis es gar +war, sondern hatte es gleich aus dem Backofen gerissen und +war damit fortgelaufen. Eine andere trug heulend ein +mächtiges Bündel Stroh auf dem Rücken, darin hatte sie +ihr Kindchen gebunden, daß es im Walde weich liege. Ein +Drittes schleppte keuchend eine leere Waschbütte herbei, +wußte selbst nicht wozu, und eine Alte hatte eine Gans +fest unter den Arm gepackt und zerrte in einem Netz Hühner +und Enten mit. Es war ein Durcheinander, ein Heulen +und Schreien, ein Laufen und Rennen. Betten flogen aus +dem Fenster und unten auf der Gasse stürzten sich die Buben +darauf und schleiften sie durch Pfützen und Moor über +Stock und Stein. Der alte Küster humpelte in die Kirche, +faßte den Glockenstrick und schwang ihn mit aller Macht, +daß die alte Glocke, die schon einen Sprung hatte, jammervoll +hinausklang auf die Felder, und die Kinder liefen +hin und her, schwenkten ihre Stäbe und schrieen: »Der +<span class="pagenum"><a name="Page_118" id="Page_118">[118]</a></span>Türk! der Türk!« Und wäre er wirklich dagewesen, so +hätte es nicht können schlimmer zugehen, denn die Furcht +machte mehr Not und Unruh als der Krieg und der Feind.</p> + +<p>Vom Felde her aber eilten auf das Geläut die Männer herbei +mit Sicheln und Sensen, mit Dreschflegeln und Äxten +und rotteten sich unter der Linde zusammen. Gerade +kamen die Großbauern von der Beratung beim Schweinehirten +zurück, blieben stehen und nahmen erstaunt wahr, +wie das Volk unter der Linde stand und schrie und tobte. +»Ihr kommt uns gerade recht,« rief ein junger Bursche mit +funkelnden Augen. »Jetzt gebt Eure Goldgulden heraus +für des Kaisers Soldaten. Der Türk kommt.« »Geld +raus! Geld raus!« schrien einige und hielten die Sensen +hoch. Die Weiber heulten und kreischten. »Der Türk! +der Türk!« und vermeinten schon, ihn vor sich zu sehen. +»Gebt Ruhe!« klang es laut über den Platz. Der Schweinehirt +war auf eine Bank gestiegen, die vor dem Wirtshaus +stand. »Gebt Ruhe! Schämt Ihr Euch nicht, so wüst zu +tun? Was wollt Ihr eigentlich? Sprecht und sagt deutlich, +was Ihr begehrt!«</p> + +<p>»Einen andern Schultheiß!« riefen einige. »Einen andern +Schultheiß,« stimmten die andern zu, und die Großbauern +schrien: »Da habt Ihr den Rechten. Der Schweinehirte +soll es für dieses Mal sein.« »Wir wollen, daß die +Armen auch einmal an die Reihe kommen,« ließ sich der +Waldsepp vernehmen. »Wählt den Simmel!«</p> + +<p>Der wollte Einwendungen machen und heruntersteigen; +<span class="pagenum"><a name="Page_119" id="Page_119">[119]</a></span>aber starke Arme hielten ihn auf der Bank fest, und Arm +und Reich schrie: »Du mußt! Du mußt!«</p> + +<p>Da sah der Simmel um sich, winkte, daß es plötzlich stille +ward und sagte ruhig: »Also Männer. Ihr wollt, daß +ich Schultheiß werde und Recht hier zu sagen habe. So +schwört mir vorerst, daß alles geschieht, wie ich es verlange.«</p> + +<p>»Wir schwören!« klang es einstimmig, und die Großbauern +schrien es am lautesten. Mit dem Schweinehirten wollten +sie schon fertig werden. Der mußte doch tun, was sie +wollten, wenn er nur erst die Schrift an den Kaiser aufgesetzt +hatte.</p> + +<p>»So bestimme ich,« rief der neue Schultheiß, »daß jeder +Großbauer hundert Goldgulden an die Gemeindekasse +zahlt!« »Hoho!« schrie der Büchsenmichel wie besessen. +»Die Wahl gilt nicht.« »Wohl gilt’s!« riefen die Kleinbauern +und hielten die Sensen hoch. »Wohl gilt’s!« rief +der Simmel mit starker Stimme. »Habt es ja selbst so gewollt. +Geht heim und holt das Geld auf der Stelle und +einige von Euch gehen mit.«</p> + +<p>Da blieb den Bauern nichts übrig, als zähneknirschend umzukehren +und das Geld zu holen, und bald häufte sich ein +Goldberg auf dem Holztisch vor dem Wirtshaus. Der +Wirt mußte einen Sack herbeibringen; in den wurde das +Gold gefüllt und dann mit Wachs und Siegel fest verschlossen. +»Haben die Großen zahlen müssen, so kommen +jetzt auch die Kleinen an die Reihe,« rief der neue Schultheiß. +»Kleinbauern! Ihr habt jeder eine Fuhre Bauholz +<span class="pagenum"><a name="Page_120" id="Page_120">[120]</a></span>zu fahren für ein neues Schulhaus, und Ihr Häusler,« +wandte er sich an diese, »müßt jeder zwei Tage im Monat +daran arbeiten. Denn das gibt’s nicht bei uns,« setzte er +hinzu, »daß einer annimmt und nichts dafür tut. Ist die +Schule doch für alle Kinder im Dorf ohne Unterschied. Und +wer etwas annimmt, ohne etwas dafür wieder zu geben, +der leidet an Seele und Leib Schaden; denn er meint, er +müsse nur das Maul auftun, und die gebratenen Tauben +fliegen ihm dann hinein. Er verlernt das Arbeiten und +das Wollen und weiß nicht, daß er sich selbst helfen kann.« +»Recht hat er,« schrie der Waldsepp, der sich freute, daß +die reichen Bauern nicht alles allein zahlen mußten, sondern +daß die andern auch den neuen Herrn im Dorf zu +spüren hatten.</p> + +<p>»So ist des Kaisers Meinung!« klang es plötzlich. Der +Junker im braunen Wams war herzugetreten. Da flogen +die Kappen vom Kopf, und die Sensen und Sicheln sanken +herunter.</p> + +<p>»Werd’s dem Kaiser berichten, wie Ihr Ordnung und Recht +im Dorfe geschaffen habt,« sagte er mit fester Stimme. +»Eine große Freude wird es dem Herrn gewähren; denn +nur wo Recht und Zucht herrscht, kann ein Land gedeihen.« +»Herr,« bat der Simmel, »wollt Ihr nicht das Geld für +des Kaisers Heer gleich mitnehmen?« »Nein, nein,« +wehrte der Junker. »Wenn’s an der Zeit ist, wird es der +Kaiser schon holen lassen. Einstweilen verwendet davon +für Eure Gemeinde und tut damit, was not ist. Laßt +Eure Kinder tüchtig lernen. Erzieht sie zu rechtschaffenen, +<span class="pagenum"><a name="Page_121" id="Page_121">[121]</a></span>aufrechten Männern und haltet alles so, daß Ihr vor des +Kaisers Kanzler mit Ehren bestehen könnt.«</p> + +<p>»So bitten wir Euch, Herr, etwas als Geschenk von uns +anzunehmen, als Wegzehrung. Denn wäret Ihr nicht gekommen, +so läg unser Dorf noch im Argen, und Ordnung +und Zucht hätten nie Einkehr gehalten. Jetzt versprech ich +Euch: Anders soll es werden und alle Vierteljahr werd ich +dem Kaiser in einer Schrift Kunde geben, wie es bei uns +zugeht.«</p> + +<p>Damit reckte sich der Simmel hoch und sah herausfordernd +um sich, und man konnte zum ersten Male sehen, was für +ein hoch gewachsener Mann er eigentlich war, und wie hell +seine Augen leuchteten. Denn bis dahin war er immer +gebückt gegangen, als drücke ihn seine Niedrigkeit und +Armut, und als müßten seine Augen den Erdboden suchen, +anstatt in die Sonne zu sehen. Jetzt schaute er die Menge +an, als wollte er sagen: »Ich bin Schultheiß, hütet Euch +wohl.« Und die Bauern duckten die Köpfe. Der Schweinehirt +machte ihnen Sorge. Mit dem war nicht gut anbinden, +das merkten sie jetzt und bereuten im Stillen ihre Angst, +die sie geheißen hatte, ihn zu wählen. Fiel ihnen aber +der Türke und des Kaisers Kanzler ein, dann lief es ihnen +kalt über den Rücken. Dann schon lieber den Simmel zum +Schulzen.</p> + +<p>»Hoher Herr!« bat jetzt der Schultheiß eindringlich. »Weiset +unsre Gabe nicht zurück. Ihr habt sie redlich verdient. +Wenn Ihr nicht bei uns eingekehrt wäret, hätt’ es in unserm +Dorf noch lange bös ausgesehen. Und nicht, weil +<span class="pagenum"><a name="Page_122" id="Page_122">[122]</a></span>Ihr des Kaisers Bote seid, sondern weil Ihr ein Herz für +alle habt und für das Recht eintretet, wollen wir Euch +erkenntlich sein.«</p> + +<p>Da nahm der fremde Junker etliche Goldstücke an, bestieg +seinen Wagen und fuhr davon. Der Schweinehirte aber +blieb Schultheiß und das Dorf gedieh unter seiner Hand.</p> + + + + +<h2><a name="Die_Koenigswahl" id="Die_Koenigswahl"></a>Die Königswahl</h2> + + +<p>Jetzt will ich aber sehen, seßhaft zu werden, dachte +Schlupps. Das ist kein Leben, immer in der Welt herumzufahren +und von allen Menschen scheel angesehen zu werden +als Müßiggänger und Tagedieb und nichts zu tun zu +haben, als seinen Spott mit ihnen zu treiben. Doch was +beginnen?</p> + +<p>Ein Handwerk ausüben war nicht nach seinem Sinn. Das +Schulmeistern noch einmal anzufangen lockte ihn nicht. +Als Ritter umher zu ziehen, Bauern und ungerechte Richter +züchtigen, hätte ihm am besten gestanden. Schließlich +hoffte er auf den Zufall, der immer der Freund der +Herumwandernden war und ihn gewiß an die rechte Stelle +führen würde. Und sein Glaube sollte nicht trügen. +Eines Tages kam er in eine Gegend, die ihm bekannt vorkam +und die er seines Wissens noch nie gesehen. Schwarze +Fahnen waren in Abständen in den Boden gesteckt. »Was +bedeutet das?« fragte Schlupps einen Mann, der langsamen +Schrittes die Straße daher kam. »Unser guter +König ist tot,« sagte der. »Schon seit Wochen suchen wir +einen neuen. Aber schwer ist der zu finden.« – »Hat Euer +<span class="pagenum"><a name="Page_123" id="Page_123">[123]</a></span>König denn keinen Sohn?« »Ach nein, Herr, nur eine Tochter. +Wer König werden will, muß die freien. Es waren +schon genug Prinzen da: schöne und häßliche, reiche und +arme, dicke und dünne. Aber keiner konnte König werden, +denn er wußte das Wort nicht.«</p> + +<p>»Was für ein Wort?« fragte Schlupps erstaunt. »Seht +Ihr, Ihr wißt es auch nicht!« rief der Mann. »Da habt +Ihr’s, wie sollen es die fremden Prinzen wissen?« Mehr +konnte Schlupps nicht aus ihm herausbringen, so viel er +auch frug. »Ja, das Königsein, das Königsein,« sagte der +Mann. »Ist nicht so einfach, nicht so einfach. Bin froh, +daß ich es nicht sein muß, nicht sein muß.« Damit bückte +er sich zu seinem Acker nieder und fing an, Erdäpfel auszugraben, +so dicke und große, wie Schlupps sie noch nie gesehen. +»Mein Nachbar hat noch dickere,« meinte er, als er +die verwunderten Blicke des Fremden gewahrte. »Da kommt +er. Töffel, weise dem Herrn deine Feldfrüchte,« rief er +dem Nachbarn zu. Der grüßte: »Jo, jo, dick. Sehr dick!« +»Wieso erreicht Ihr, daß sie so werden?« fragte Schlupps +wißbegierig. Der Angeredete lachte blöde. »Wachsen in +der Erde.« »Natürlich,« gab Schlupps ärgerlich zur Antwort. +»Das seh ich. Was tut Ihr dazu, daß sie so dick +werden?« »Weiß nicht. Warte, bis sie dick sind,« war die +Antwort.</p> + +<p>Schlupps ließ die Beiden stehen und fuhr weiter. An +einem Wirtshause machte er Halt, stellte seinen Wagen +ein und beschloß, die Gegend zu Fuß zu durchwandern. +Überall sah er schwarze Fahnen aufgestellt. Auf sein Befragen +<span class="pagenum"><a name="Page_124" id="Page_124">[124]</a></span>erzählte ihm der Wirt, was es mit dem Königswerden +auf sich habe.</p> + +<p>Jeder, der Herrscher im Lande sein wollte, mußte ein bestimmtes +Wort aussprechen, das immer nur der König +kannte und auf dem Totenbette seinem Kanzler anvertraute. +Der hatte darüber zu wachen, daß der Thronbewerber +das richtige Wort sage. Habe bis zum vierzigsten +Tage nach dem Tode des Königs niemand das Wort +gesprochen, so bleibe das Land ohne König und es gäbe +ein furchtbares Unglück. Denn der König müsse nicht nur +herrschen, sondern auch die neuen Menschen vom Lebensbaume +abschütteln, der im Schloßgarten stände. Sobald +im Lande zwei Menschen gestorben sind, geht der König an +den Baum, rüttelt ihn und zwei Kinder springen herunter, +die gleich genau so aussehen wie die Erwachsenen. Jetzt +sei der gute König schon achtunddreißig Tage tot. Die +Prinzessin harre des Gemahls, und noch habe sich keiner gefunden, +trotzdem viele Prinzen da waren und Worte in +allen Sprachen geredet hätten.</p> + +<p>Die Sache kam Schlupps sonderbar vor. Er ergriff seinen +Wanderstab und frug noch, ehe er weiterschritt: »Wie heißt +Euer Land, Herr Wirt?«</p> + +<p>»Das Land derer, die nicht alle werden,« war die Antwort.</p> + +<p>»Die nicht alle werden,« murmelte Schlupps und wanderte +los. An einer Straßenbiegung sah er einen Mann +stehen, der hielt mit seinem Rößlein an einem leeren +Brunnentrog; aber kein Wasser floß aus dem ausgehöhlten +Baumstamm, in dem das Rohr lag. »Was ist hier, +<span class="pagenum"><a name="Page_125" id="Page_125">[125]</a></span>guter Freund?« rief Schlupps ihm zu, als er sah, wie das +Pferd mit der Zunge gierig im leeren Becken nach Wasser +suchte. »Es fließt nicht,« klang es zurück. »Laßt mich +sehen; bin eine Art von Brunnenmeister.« Schlupps beugte +sich nieder. »Ei, da steckt ja ein Stein im Rohr, müßt den +herausmachen.« Der andere schüttelte den Kopf. »Das haben +gewiß des Nachbars unnütze Buben getan. Ich zieh ihn +nicht heraus.«</p> + +<p>»Aber Euer Pferd verdurstet indessen,« sagte der neue Brunnenmeister. +»Will es Euch in Ordnung bringen.«</p> + +<p>»Nein! Nein,« beharrte der Bauer. »Wer es hineingetan +hat, soll es wieder herausziehen.« Das Pferd schnappte und +wendete kläglich den Kopf nach seinem Herrn. »Laßt mich +Euch helfen, es ist ja nur eine Kleinigkeit,« bat Schlupps +eindringlich; denn er hatte Mitleid mit der armen +Kreatur.</p> + +<p>Der Andere sah ihn mißtrauisch an. »Was kümmert’s +Euch?« brummte er. »Ist mein Pferd. Wer es hineingesteckt, +soll es herausziehen. Ist Eures Amtes nicht.«</p> + +<p>Er hielt die Hand fest auf die Mündung des Rohres gepreßt. +Plötzlich wankte das Pferd, schlug um, streckte alle +Viere steif von sich und lag steif und tot da.</p> + +<p>»Ist meinem Nachbar recht geschehen. Sein Pferd wird auch +so verdursten, wenn es an die Tränke kommt.« Damit zog +der Bauer dem Vieh das Fell ab, warf es über die Schulter +und wanderte langsam und gemütlich heim.</p> + +<p>Schlupps sah ihm erstaunt nach. »Scheinen eigentümliche +Leute hier zu Lande,« murmelte er und wanderte weiter. +<span class="pagenum"><a name="Page_126" id="Page_126">[126]</a></span>Er bog in eine Dorfgasse, da standen Maurer und bauten +an einem Haus. Wenn sie einen Stein hergetragen hatten, +stellten sie sich im Kreise auf, befühlten ihn, schoben ihn +hin und her und putzten sich dann die Hände an der +Schürze ab. Dann tauschten sie ihre Meinung darüber aus, +wie der Stein den andern so ähnlich sehe, und endlich hoben +sie ihn mit vieler Mühe und lautem Seufzen hoch und +verschmierten die Fugen mit Lehm. Darauf ließen sie die +Flasche kreisen und lobten einander für ihr fleißiges Tun. +»Habt viel Zeit, Kameraden!« rief Schlupps. »Meint Ihr, +Herr?« entgegnete der älteste Maurer. »Irrt Euch sehr. Bis +heute sollte das Haus fertig sein. Seht nur wie wir vor +Mühsalen schwitzen.« »Bis heute?« wunderte Schlupps +sich. »Ist ja noch nicht das Kellergeschoß fertig.« »Seht +Ihr, der Mann versteht’s,« rief der Maurer. »Habe ich +nicht gleich gesagt, wir werden bis heute nicht fertig. Der +Herr ist wohl auch Maurer?«</p> + +<p>»Freilich, Baumeister bin ich. Hab’ schon manches Schloß +hoch über den Wolken in den Lüften erbaut, dem kein Neider +und kein Feind etwas anhaben konnte.«</p> + +<p>»So, so, Baumeister ist der Herr. Ja, ja. Ei, ei, hätt’ ich +nicht gedacht. Also Baumeister ist der Herr. Wirklich?« »Ich +meine, wir hören auf,« sagte der Alte bedächtig, »fertig werden +wir doch nicht. Da ist es gleich, ob wir jetzt ein Ende +machen oder des Abends. Was meint Ihr?« Seine Gefährten +stimmten ihm zu und legten die Schürze ab. +Schlupps aber, den ihre Langsamkeit und Trägheit verdroß, +sagte ernsthaft:</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_129" id="Page_129">[129]</a></span>»Recht so, Gevatter. Es geht jetzt in eins hin, und der +Neue wird Euch doch mit des Seilers Tochter verheiraten, +so oder so.«</p> + +<div class="figcenter" style="width: 369px;"> +<!-- <span class="pagenum"><a name="Page_127" id="Page_127">[127]</a></span> --> +<a href="images/illo_127.png"> +<img src="images/illo_127_th.png" width="369" height="565" alt="Vor der Königswahl" title="Vor der Königswahl" /></a> +<span class="caption">Vor der Königswahl</span> +</div> + +<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_128" id="Page_128">[128]</a></span>[Blank Page]</p> --> + +<p>Die Handwerker stutzten und sahen den fremden Mann scheu +von der Seite an.</p> + +<p>»Ist denn schon ein neuer König da?« fragten sie angstvoll.</p> + +<p>»Das wißt Ihr nicht?« staunte Schlupps. »Ei, das pfeifen +ja die Spatzen vom Dache, wie das Wort gelautet hat, +›Arbeite, arbeite,‹ hat der Neue gesagt. Jetzt schickt er im +Lande herum, und wenn er Leute trifft, die Maulaffen feil +halten und die liebe Tageszeit vergeuden, als wäre sie eitel +Luft, dann fackelt er nicht, und die hier zu viel still gestanden +haben, dürfen in der frischen Luft am Galgen +herumtanzen.«</p> + +<p>»Wir arbeiten! Wir arbeiten!« schrien die Maurer, ergriffen +Hammer und Kelle und schafften darauf los, daß die +Mauern emporschossen.</p> + +<p>Und als Schlupps im Weiterwandern sich noch einmal umschaute, +erblickte er das Haus hoch über den Boden emporragend, +und lachend zog er fort.</p> + +<p>Immer weiter durchzog Schlupps das Land und wunderte +sich über die Menschen, die darin lebten; denn hatte er schon +der Torheiten viele angesehen, so dünkte ihm doch, daß hier +die Narren üppiger gediehen denn anderswo, und einer den +andern an Narrheit übertraf. Als er am zweiten Tage die +Hauptstadt betrat, fand er auch dort alle Straßen und +Häuser zum Zeichen der Trauer mit schwarzem Tuch bedeckt. +Auf seine Fragen nach einer Herberge erhielt er +<span class="pagenum"><a name="Page_130" id="Page_130">[130]</a></span>nirgends Antwort. Die Leute liefen aufgeregt durcheinander, +denn heute war der letzte Tag der Wahl und war +bis dahin kein König gefunden, dann stand ihnen großes +Unglück bevor. Einer flüsterte dem andern zu, daß wieder +fremde Prinzen angekommen seien. Die Hoffnung auf +einen Herrscher war ihnen noch nicht geschwunden.</p> + +<p>Schlupps sah um sich, ob er denn keinen fände, der ihm Auskunft +geben könne; da sah er durch ein niedrig gelegenes +Fenster in ein Gemach, darin ein Mann saß. Der hatte +einen mächtigen Federkiel hinter dem Ohr und einen Haufen +Papier vor sich.</p> + +<p>Er ging in das Haus und öffnete, da auf sein Klopfen niemand +antwortete, die Zimmertür. »Verzeiht, Herr,« sagte +er höflich, »wollte Euch bitten, einem Fremden den Weg zu +einer Herberge zu weisen.«</p> + +<p>»Habe keine Zeit,« gab der Mann zurück. »Seht Ihr nicht, +daß ich die Papiere zu ordnen habe?« Damit holte er aus +der Ecke einen Stoß Bogen, legte sie auf einen Haufen, sah +sorgsam nach, daß nicht eine Ecke über die andere hinausragte, +betrachtete den Haufen bedächtig von allen Seiten, +nahm ihn dann wieder auseinander und schichtete ihn in +einer anderen Ecke wieder auf.</p> + +<p>Schlupps kam das Bemühen des Mannes gar sonderbar +vor, so daß er sich einer Frage nicht enthalten konnte. +»Was sind das für Papiere, guter Freund?« sprach er +freundlich. »Weiß nicht,« war die mürrische Antwort. +»Die sollte unser König haben. Ist aber gestorben und hat +sie nicht mehr zu Händen bekommen; muß sie jetzt immer +<span class="pagenum"><a name="Page_131" id="Page_131">[131]</a></span>säuberlich glätten und falten; denn ich bin des Königs +Bogenleger.«</p> + +<p>»Aber wenn Ihr doch keinen König habt, nützt Euer Tun +einstweilen nichts.« »Kümmert mich nicht,« antwortete +der Schreiber. »Habe zu besorgen, was mir aufgetragen +wird. Wenn ich fertig bin, fange ich wieder von vorne +an. Sie haben mir gesagt, daß ich das Papier glatt hinlegen +solle.«</p> + +<p>Neugierig ergriff Schlupps einige Blätter, schlug sie auf +und sah mit Staunen, daß sie leer waren. »Aber es steht +ja nichts darin,« rief er und blätterte weiter.</p> + +<p>»So, so, nichts darin?« sagte der Schreiber trocken. »Ei +freilich, überzeugt Euch selbst. Solltet sie wohl nur dem +König zu Händen legen, wenn er schreiben will.« »Weiß +ich nicht,« murmelte der Andere, ergriff schnell die Blätter, +die Schlupps auseinander gerissen hatte und suchte sie zu +glätten.</p> + +<p>»Wie heißt Ihr, Fremder?« forschte er. »Nennt mich der +Neue,« sagte Schlupps. »Wißt, Neuer,« knurrte der Bogenleger, +»Ihr gefallt mir nicht. Seid fürwitzig und ein +unbequemer Geselle. Wäre besser, Ihr ließet mich ungestört +bei meiner Arbeit. Geht lieber vor das Schloß, wo +heute Königswahl ist und seht zu, ob wir einen Prinzen bekommen. +Zeit wär’s.«</p> + +<p>Schlupps verließ ihn und schloß sich der Menschenmenge +an, die auf dem weiten Platz vor dem Schlosse flutete. Dicht +gedrängt standen sie; aber kein unfreundliches Wort war zu +hören, wenn auch manchmal das Gedränge arg war. Stumm +<span class="pagenum"><a name="Page_132" id="Page_132">[132]</a></span>harrten sie, und was Schlupps am meisten verwunderte, +war, daß alle einander so ähnlich sahen, wie ein Ei dem +andern, und man meinte, immer dasselbe Gesicht in einem +tausendfältigen Spiegel zu sehen.</p> + +<p>Jetzt ertönten Trompetenstöße. Aus dem Schlosse kam ein +Zug stattlicher Ritter und Frauen geschritten. Sie scharten +sich um den Thron, zu dem der Kanzler die Prinzessin +feierlich geleitete. Die Königstochter hielt die Augen gesenkt; +als sie aber einmal den Blick hob, bemerkte +Schlupps, daß die Wunderschöne teilnahmslos und gleichgiltig +in die Ferne sah, als habe sie keine Wahrnehmung +von dem, was um sie geschehe.</p> + +<p>»Prinzessin,« fragte der Kanzler laut, »seid Ihr gewillt, +den zum Gatten zu nehmen, der das rechte Wort findet, wer +es auch sei?« Sie neigte zustimmend das Haupt. »Ich tue, +wie es Brauch ist,« sagte sie mit gleichmütiger Stimme. +Dann stieg sie die Stufen des Thrones hinauf, setzte sich +nieder und schaute träumenden Blickes auf die Volksmenge. +Der Herold stieß in das Horn.</p> + +<p>Hervor trat der erste Prinz. Es war ein dürres Männchen; +die spärlichen Haare bedeckte eine hohe Mütze, an der bunte +Bänder herunter hingen. Sein Kleid prangte in bunten +Farben und seine spitzen Hackenschuhe erregten das Verwundern +der Mädchen und Frauen. Er legte die rechte Hand auf +die Brust, verneigte sich vor der Prinzessin, nickte grüßend +zu dem Volke hinüber und sagte mit krähender Stimme: +»Herr Kanzler! Ich bin ein Königssohn. So habe ich meinen +Ministern Auftrag gegeben, das Wort für mich zu finden. +<span class="pagenum"><a name="Page_133" id="Page_133">[133]</a></span>So viel sie nachdachten, sie konnten es nicht ergründen. +Da gab mir mein Hofnarr vor der Fahrt einen Zettel und +riet mir, ihn erst hier, wenn ich vor der liebwerten Prinzessin +stehe, zu öffnen. So gestattet, daß ich Euch das Wort +künde.« Er faltete das Blättchen auseinander und las mit +stockender Stimme:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Albern – dalbern. Albern – dalbern.«<br /></span> +</div></div> + +<p>Der Kanzler schüttelte das Haupt: »Es tut mir leid, Prinz. +Doch das ist nicht das Rechte.«</p> + +<p>Der Königssohn wurde blaß, drehte sich um und verließ +eiligen Schrittes den Platz.</p> + +<p>An seine Stelle trat ein hochgewachsener Mann, der Königssohn +von Südland. Er neigte leicht das Haupt vor der +Prinzessin, warf keinen Blick auf die Menge und sagte kurz +und mit harter Stimme:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Das Wort heißt: Duck dich. Duck dich!«<br /></span> +</div></div> + +<p>»Falsch, Herr Prinz!« rief der Kanzler, froh, den Hochmütigen +nicht zum König krönen zu müssen. Wütend riß +der das Schwert aus der Scheide und wollte sich auf den +Kanzler stürzen, doch rasch hatten die Wachen sich seiner bemächtigt +und führten ihn ab.</p> + +<p>Jetzt trat der Dritte hinzu. Mit süßem Lächeln grüßte er +die Prinzessin, die entsetzt auf ihn blickte, denn sein faltiges, +gelbes Gesicht trug einen listigen, unheimlichen Ausdruck. +Er drehte sich zu dem Volke, breitete die Arme aus, +als wolle er es segnen und reichte dann dem Kanzler die +Hand. »Wohl dem Lande, das einen solchen Wächter hat,« +rief er. »Ihr seid der Mann, den ich mir zur Seite wünsche. +<span class="pagenum"><a name="Page_134" id="Page_134">[134]</a></span>Mit Euch gemeinsam wollte ich das Land regieren, daß es +eine Lust ist. Das Wort, das Ihr sucht, ich habe es gefunden, +und Ihr, Herr Kanzler, werdet mir bestätigen, daß es +das Rechte ist. Reicht mir zum Zeichen Eurer Freundschaft +die Rechte und vernehmt die Worte! Sie heißen:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Dein – Mein. Dein – Mein.«<br /></span> +</div></div> + +<p>Wiederum schüttelte der Kanzler den Kopf. Mit leisen +Schritten glitt der Bewerber fort, ballte heimlich die Faust +und warf einen giftigen Blick zu dem Throne hinüber. +Der Kanzler seufzte auf und sprach mit müder Stimme: +»Liebes Volk! Heute ist der letzte Tag der Königswahl. +Schon neigt sich die Sonne dem Untergang zu, und kein +König hat sich gefunden. Fürder werden wir nicht mehr +heißen: das Volk derer, die nicht alle werden. Zu Ende +geht es mit uns, und keiner ist da, der dem Unglück steuert. +Kommt, Prinzessin, daß ich Euch in das Schloß geleite!«</p> + +<p>»Halt! Halt!« klang eine helle Stimme über den Platz. +Schlupps hatte sich durch die Menge gedrängt und stand +neben dem Thron: »Laßt auch mich versuchen, ob ich das +Wort finde.«</p> + +<p>Aller Augen richteten sich auf den Mann, der furchtlos, den +Kopf zurückgeworfen, mit freundlichem Gesicht um sich +schaute. Die Prinzessin, die mit starren Augen vor sich +hingesehen hatte, heftete erstaunt den Blick auf ihn, lächelte +zum ersten Male, und Schlupps sah, wie holdselig und +schön sie war.</p> + +<p>»Laßt mich Euch erzählen von meinen Fahrten und Irrgängen, +damit Ihr wißt, wer der Mann ist, der bei Euch +<span class="pagenum"><a name="Page_135" id="Page_135">[135]</a></span>das Königsein begehrt,« rief er, zum Volke gewendet. Im +Stillen aber hoffte er, daß der Zufall, der ihm immer ein +guter Freund gewesen, ihm helfen würde, die Prinzessin +zu gewinnen, die er beim Sehen gleich in sein Herz geschlossen +hatte.</p> + +<p>Und Schlupps begann zu erzählen. Alles Volk hing gespannt +an seinen Lippen. Wie anders klang seine Rede, +als das, was die Prinzen vorher gesprochen. Wie fremd +und doch wie bekannt, wie hoch und doch wie verständlich. +Sie hätten ihm immerwährend lauschen mögen. Was hatte +er alles erlebt und gesehen! Wie kannte er die Menschen +in Hütte und Schloß; wie hatte er sie belauscht bei der Arbeit +und bei Lustbarkeiten.</p> + +<p>Des Kanzlers Herz pochte. So hatte er sich den neuen König +erträumt; aber noch kam das erlösende Wort nicht, und der +Sonnenball stand glühend rot im Westen. Noch einige +Minuten – und der Tag war vorüber – der Königsthron +leer. Kaum hörte er, was der Fremde sprach. Sein Blick +flog angstvoll zum Himmel, wo das Gewölk rosig zu erglühen +begann. Seine Hände falteten sich und er flüsterte +leise eine Bitte um ein Wunder.</p> + +<p>Nur schwer vermochte er zu hören, wie Schlupps jetzt erzählte +von den Maurern, die er getroffen, und wie vieles +hierzulande anders werden müsse. Fast drohend richtete er +sich auf und rief: »Ändern müßt Ihr Euch! Ändern!« +»Ich denke – – –« Da schrie der Kanzler laut auf: »Das +Wort! das Wort!« Er stürzte vor, ergriff Schlupps’ Hand +und bat: »O, sprecht es noch einmal, Herr!«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_136" id="Page_136">[136]</a></span>»Ich denke!« wiederholte Schlupps laut, und das Volk +brach in Jubelrufe aus und sprach die seltsamen Laute nach, +die es noch nie gehört hatte, wie träumend, nicht wissend, +was sie sagen sollten.</p> + +<p>Schlupps wandte sich zu der Prinzessin, die ohnmächtig hingesunken +war. Er neigte sich hernieder und küßte sie auf +die Stirn.</p> + +<p>Da schlug die Königstochter die Augen auf, sah ihn mit +klaren Blicken an und sagte mit lauter, fester Stimme: +»Dich will ich!« Das Volk aber schrie und tobte und wußte +sich vor Freude nicht zu fassen. »Die Probe! die Probe!« +drängten sie.</p> + +<p>»Nur noch eine Prüfung steht Euch bevor, hoher Herr!« +sagte der Kanzler. »Draußen im Schloßhof steht ein +Lebensbaum. Versucht es, ob auf Euer Schütteln Menschen +herabfallen!«</p> + +<p>Feierlich geleitete er Schlupps zu dem Baume. »Faßt +kräftig seinen Stamm,« riet er dem Fremden zu. Der lächelte, +griff mit der Rechten in das Gezweig, schüttelte die Krone +und herab sprangen zwei Kinder: ein Knabe und ein Mädchen. +Doch, o Wunder! sie sahen nicht aus wie jene, die +bisher heruntergefallen waren, sondern sie glichen auf ein +Haar dem neuen König und der Prinzessin, und als sie +jetzt an der Hand des Kanzlers heraustraten, um dem Volke +gezeigt zu werden, da staunte dieses, mit wie klugen Blicken +die Kleinen um sich sahen, und wie zierlich und anmutvoll +sie sich bewegten. Feierlich traten Pagen hervor; +auf sammtnem Kissen trugen sie eine Krone herbei. Die +<span class="pagenum"><a name="Page_137" id="Page_137">[137]</a></span>Prinzessin ergriff sie, um sie Schlupps auf das Haupt zu +setzen. Doch zögernd wich der zurück. Sein Blick fiel auf +die Menge, deren Blicke erwartungsvoll an ihm hingen. +Die Krone dünkte ihm eine goldene Kette, die ihn an den +Boden schließen wollte. Noch einmal tauchte in seiner Seele +die Sehnsucht nach dem freien Umherziehen, dem Wandern +von Ort zu Ort auf, und gern hätte er die neue Würde +dahingegeben, um als fahrender Geselle sich herumtaumeln +zu dürfen.</p> + +<p>Die Prinzessin nickte ihm lächelnd zu. Sie verstand, was +in ihm vorging. »Ich halte dich fest,« sagte sie ruhig. »Ich +will!« Da erfaßte Schlupps mit der Linken ihre Hand, mit +der Rechten drückte er den Reif auf sein Haupt und rief:</p> + +<p>»So ergreife ich Besitz von Eurem Throne. Und meine +erste Tat sei, Euch umzunennen. Nicht mehr sollt Ihr +heißen ›Die nicht alle werden,‹ sondern: ›Die, so da +kommen!‹«</p> + +<p>So wurde er König und regiert noch bis zum heutigen Tage. +Wollt Ihr wissen, wo? Ei, das verrät keiner! –</p> + + +<p class="ende">Ende</p> + + +<div class="note"> +<p><strong>Anmerkungen zur Transkription:</strong> Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der bei Englert und Schlosser erschienenen Ausgabe erstellt. +Grundsätzlich wurde die Originalschreibweise beibehalten. Einige +offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Die Verwendung von +Anführungszeichen wurde zur Verbesserung der Lesbarkeit vereinheitlicht. +Die Umlaute Ae, Oe und Ue wurden durch Ä, Ö, Ü ersetzt.</p> + + +<p><strong>Transcriber’s Note:</strong> This ebook has been prepared from the Englert und +Schlosser edition. Generally the original spelling has been maintained. +Some obvious printer’s errors have been corrected. Quotation has been +unified for increased readability. The Umlauts Ae, Oe and Ue have been +replaced by Ä, Ö, Ü.</p> +</div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Schlupps der Handwerksbursch, by C. Berg + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHLUPPS DER HANDWERKSBURSCH *** + +***** This file should be named 31213-h.htm or 31213-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/1/2/1/31213/ + +Produced by Norbert H. Langkau, Markus Brenner and the +Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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Donations are accepted in a number of other +ways including including checks, online payments and credit card +donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> diff --git a/31213-h/images/illo_003.png b/31213-h/images/illo_003.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..1cbd417 --- /dev/null +++ b/31213-h/images/illo_003.png diff --git a/31213-h/images/illo_003_th.png b/31213-h/images/illo_003_th.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..b1e5074 --- /dev/null +++ b/31213-h/images/illo_003_th.png diff --git a/31213-h/images/illo_013.png b/31213-h/images/illo_013.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..9b29445 --- /dev/null +++ b/31213-h/images/illo_013.png diff --git a/31213-h/images/illo_013_th.png b/31213-h/images/illo_013_th.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..47f7594 --- /dev/null +++ b/31213-h/images/illo_013_th.png diff --git a/31213-h/images/illo_051.png b/31213-h/images/illo_051.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..881974c --- /dev/null +++ b/31213-h/images/illo_051.png diff --git a/31213-h/images/illo_051_th.png b/31213-h/images/illo_051_th.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..ec43d65 --- /dev/null +++ b/31213-h/images/illo_051_th.png diff --git a/31213-h/images/illo_073.png b/31213-h/images/illo_073.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..55947f0 --- /dev/null +++ b/31213-h/images/illo_073.png diff --git a/31213-h/images/illo_073_th.png b/31213-h/images/illo_073_th.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..c78eca1 --- /dev/null +++ b/31213-h/images/illo_073_th.png diff --git a/31213-h/images/illo_091.png b/31213-h/images/illo_091.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..351edc3 --- /dev/null +++ b/31213-h/images/illo_091.png diff --git a/31213-h/images/illo_091_th.png b/31213-h/images/illo_091_th.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..d05c142 --- /dev/null +++ b/31213-h/images/illo_091_th.png diff --git a/31213-h/images/illo_113.png b/31213-h/images/illo_113.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..efa831c --- /dev/null +++ b/31213-h/images/illo_113.png diff --git a/31213-h/images/illo_113_th.png b/31213-h/images/illo_113_th.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..aafcea2 --- /dev/null +++ b/31213-h/images/illo_113_th.png diff --git a/31213-h/images/illo_127.png b/31213-h/images/illo_127.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..dcdeab4 --- /dev/null +++ b/31213-h/images/illo_127.png diff --git a/31213-h/images/illo_127_th.png b/31213-h/images/illo_127_th.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..06764b9 --- /dev/null +++ b/31213-h/images/illo_127_th.png diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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