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Langkau, Alexander Bauer +and the Online Distributed Proofreading Team at +https://www.pgdp.net + + + + + + + + + + [ Anmerkungen zur Transkription: + + Der Text wurde originalgetreu übertragen. Lediglich einige + offensichtliche Fehler wurden korrigiert. Eine Liste sämtlicher + vorgenommener Änderungen befindet sich am Ende des Textes. + + Im Original _kursiv_ gesetzter Text wurde mit _ markiert. + Im Original ~gesperrt~ gesetzter Text wurde mit ~ markiert. + Im Original #fett# gesetzter Text wurde mit # markiert.] + + + + + PHILOSOPHISCHE VORTRÄGE + VERÖFFENTLICHT VON DER KANTGESELLSCHAFT. + + UNTER MITWIRKUNG VON HANS VAIHINGER UND MAX FRISCHEISEN-KÖHLER + HERAUSGEGEBEN VON ARTHUR LIEBERT. Nr. 22. + + + Heinrich von Kleist + und die + Kantische Philosophie + + von + + Ernst Cassirer + + + + Berlin + Verlag von Reuther & Reichard + 1919 + + + + + Kantgesellschaft. + + + #Vorstand#: #Gottfried Meyer#, Dr. med. (h. c.), Geh. Oberreg.-Rat, + Kurator der Universität Halle a. S., Reilstr. 53. + + #Übrige Mitglieder des Verwaltungs-Ausschusses#: + + #Max Frischeisen-Köhler#, Dr., a. o. Professor an der + Universität Halle a. S., Mozartstr. 24. + + #Karl Gerhard#, Dr., Geh. Reg.-Rat, Direktor d. Univ.-Bibliothek + Halle a. S., Karlstr. 36. + + #Berthold von Kern#, Exz., Dr. med. et phil. (h. c.), Prof., + Obergeneralarzt, Berlin-Steglitz, Hohenzollernstr. 6. + + #Heinrich Lehmann#, Dr. phil. (h. c.), Dr. med. (h. c.), + Geheimer Kommerzienrat, Halle a. S., Burgstr. 46. + + #Paul Menzer#, Dr., o. ö. Professor an der Universität + Halle a. S., Fehrbellinstr. 2. + + #Rudolf Stammler#, Dr. jur. et phil. (h. c.), Geh. Reg.-Rat, + o. ö. Prof. an der Universität Berlin, Charlottenburg, + Knesebeckstr. 20-21. + + #Theodor Ziehen#, Dr., Geh. Med.-Rat, o. ö. Professor an + der Universität Halle a. S., Ulestr. 1. + + #Geschäftsführer.# + + #Hans Vaihinger#, Dr., Geh. Reg.-Rat, o. ö. Prof. + a. d. Universität Halle a. S., Reichardtstr. 15. + + #Arthur Liebert#, Dr., Dozent a. d. Berl. Handels-Hochschule, + Berlin W. 15, Fasanenstr. 48. + + * * * * * + +Die Kantgesellschaft ist gelegentlich der hundertsten Wiederkehr des +Todestages Immanuel Kants (12. Februar 1904) von Prof Dr. ~Hans +Vaihinger~ begründet worden. Sie verfolgt den Zweck, von der +Grundlage der Kantischen Philosophie aus die Weiterentwicklung der +Philosophie überhaupt zu fördern. Ohne ihre Mitglieder irgendwie zur +Gefolgschaft gegenüber der Kantischen Philosophie zu verpflichten, +hat die Kantgesellschaft keine andere Tendenz als die von Kant selbst +ausgesprochene, durch das Studium seiner Philosophie ~philosophieren~ +zu ~lehren~. + +Ihren Zweck sucht die Kantgesellschaft in erster Linie zu +verwirklichen durch die »#Kantstudien#«; die Mitglieder der +Kantgesellschaft erhalten diese Zeitschrift (jährlich 4 Hefte im +Umfang von ca. 35 Bogen = 560 Seiten) unentgeltlich zugesandt; +dasselbe ist der Fall mit den »#Ergänzungsheften#« der »Kantstudien«, +welche jedesmal eine größere geschlossene Abhandlung enthalten +(gewöhnlich 3-5 im Jahre im Gesamt-Umfang von ca. 450-550 Seiten). +Außerdem erhalten die Mitglieder kostenlos jährlich 1-2 Bände der +»#Neudrucke# seltener philosophischer Werke des 18. und 19. Jahrh.«, +sowie die von der Gesellschaft veröffentlichten »#Philosophischen +Vorträge#«, ebenfalls 3-5 in einem Jahre. + +Das Geschäftsjahr der Kantgesellschaft ist das Kalenderjahr; der +~Eintritt kann aber jederzeit erfolgen~. Die bis dahin erschienenen +Veröffentlichungen des betr. Jahrganges werden den Neueintretenden +~nachgeliefert~. Satzungen, Mitgliederverzeichnis u. s. w. sind +unentgeltlich durch den stellv. Geschäftsführer Dr. ~Arthur Liebert~, +Berlin W. 15, Fasanenstr. 48, zu beziehen, an den auch die +Beitrittserklärungen sowie der Jahresbeitrag (Mark 20.--) zu richten +sind. + + + + + Vortrag, + + gehalten in der Berliner Abteilung der Kantgesellschaft + am 15. November 1918. + + (Für den Zweck der Veröffentlichung sind die Ausführungen um + den 2. Teil ergänzt worden). + + + + +1. + + +Goethes Wort, daß »alles Lebendige eine Atmosphäre um sich +her bilde«, gilt in ganz besonderem Maße auch von den großen +philosophischen Gedankenbildungen. Sie alle stehen nicht lediglich +abgelöst im leeren Raume des Begriffs und der Abstraktion, sondern +sie bewähren sich nach den verschiedensten Seiten hin als lebendige +geistige Triebkräfte. Ihr wahrhafter Bestand tritt erst in dieser +Mannigfaltigkeit der Wirkungen, die sie auf ihre Zeit und auf die +großen Individuen üben, ganz hervor. Aber in dieser Breite der +Wirkung liegt freilich zugleich für die Schärfe und Bestimmtheit +ihres Begriffs eine unmittelbare Gefahr. Je mächtiger der Strom +anschwillt, um so schwerer wird es, in ihm und seinem Laufe die +Reinheit der ursprünglichen Quelle wieder zu erkennen. So sieht +sich hier der Historiker der Philosophie und der allgemeinen +Geistesgeschichte häufig vor ein eigentümliches methodisches Dilemma +gestellt. Er kann nicht darauf verzichten, einen philosophischen +Grundgedanken von systematischer Kraft und Bedeutung in seine +geschichtlichen Verzweigungen und Weiterbildungen zu verfolgen: +denn erst in dieser Form des Wirkens erfüllt sich sein konkret +geschichtliches Sein. Aber auf der anderen Seite scheint damit die +charakteristische Bestimmtheit, die Einheit und Geschlossenheit, die +der Gedanke im Geiste seines ersten Urhebers besaß, mehr und mehr +verloren zu gehen. Indem der Gedanke fortzuschreiten scheint, rückt +er damit leise von Ort zu Ort. Die Fülle der geschichtlichen +Wirksamkeit scheint er nur auf Kosten seiner logischen Klarheit +gewinnen zu können; der anfänglich feste Umriß des Begriffs verwischt +sich mehr und mehr, je weiter wir seinen mittelbaren und abgeleiteten +historischen Folgen nachgehen. + +Nirgends tritt dieser Sachverhalt und dieses Schicksal der großen +philosophischen Systeme deutlicher als in der Entwicklung der +Kantischen Philosophie zutage. Die Kantische Lehre hat von ihrem +ersten Auftreten an ihre innere Lebendigkeit dadurch erwiesen, daß +sie die verschiedenartigsten geistigen Elemente und Kräfte an sich +zog und mit ihnen und aus ihnen eine neue eigentümliche Atmosphäre +um sich herum schuf. Aber immer unkenntlicher scheint durch diesen +Dunstkreis, der sich um ihn lagert, der eigentliche gedankliche +Kern des Kantischen Systems zu werden. Die Philosophiegeschichte +wie die allgemeine Geistesgeschichte zeigen hier die gleiche +typische Entwicklung. Ebenso heterogen und widerstreitend wie die +theoretisch-spekulative Auslegung der Kantischen Grundlehren bei +Fichte und Schelling, bei Schopenhauer, Fries und Herbart gewesen +ist, ist auch der Eindruck gewesen, den Geister wie Herder und +Goethe, Schiller und Kleist von ihr empfangen haben. Sie alle suchten +in ihr nicht in erster Linie eine abstrakt-begriffliche Doktrin, +sondern sie empfanden sie als unmittelbare Lebensmacht. Aber indem +sie sie in dieser Weise aufnahmen, teilten sie ihr zugleich das +eigene charakteristische Lebensgefühl mit. Im positiven und im +negativen Sinne, in dem Widerstand, den sie der Kantischen Lehre +leisten und in der Gewalt, mit der sie sich durch sie ergreifen und +bestimmen lassen, sprechen alle diese Männer zugleich die eigene +Gesamtanschauung vom Inhalt und Sinn des Daseins aus und bringen sich +die Grundrichtung ihres Strebens zu subjektiver Bewußtheit und +Klarheit. + +Keiner hat diese Bedeutung der Kantischen Lehre tiefer und +innerlicher erfahren, als Heinrich von Kleist -- und sie tritt gerade +deshalb bei ihm um so eindringlicher hervor, als er sich ihr mit der +ganzen Kraft und Leidenschaft, mit der ganzen persönlichen Energie +seines Wesens widersetzt hat. Wenn Goethe der Kantischen Philosophie +von Anfang an mit einer gewissen heiteren Gelassenheit und Sicherheit +gegenübersteht, um dann doch durch Motive, die in seiner eigenen +Entwicklung lagen, mehr und mehr in ihren Bannkreis zu geraten, +wenn Schiller sich ihr, nach der ersten genaueren Kenntnis, mit +unbedingtem Eifer hingibt und nicht eher ruht, als bis er sie in +eindringendem methodischen Studium ganz durchdrungen und bewältigt +hat; -- so scheint Kleist weder zu dem einen noch zum andern die +Kraft zu besitzen. Er sträubt sich gegen den Gedanken, daß auch er +eines von den »Opfern der Torheit« werden solle, deren die Kantische +Philosophie schon so viele auf dem Gewissen habe, aber er fühlt sich +andererseits ohnmächtig, das dialektische Netz, das sich dichter und +dichter um ihn legt, mit einem raschen Entschluß zu zerreißen. Er +unterliegt einer geistigen Gewalt, die er sich nicht zu deuten weiß, +-- die er seinem eigenen Wesen und seiner Natur als fremd empfindet. +Und damit ist für ihn das Ganze seines geistigen Seins vernichtet. +»Mein einziges und höchstes Ziel -- so klagt er -- ist gesunken; ich +habe keines mehr.« Denn es ist nicht dieses oder jenes ~Resultat~ der +Weltbetrachtung, das ihm durch Kant geraubt ist, sondern das Ganze +dessen, was er bisher an rein inneren Forderungen, an logischen und +ethischen ~Postulaten~ in sich trug. Der Wahrheitsbegriff selbst hat +seinen Sinn und Gehalt verloren. »Ich hatte schon als Knabe« -- so +schreibt Kleist in jenem bekannten Brief an Wilhelmine -- »mir den +Gedanken angeeignet, daß die Vervollkommnung der Zweck der Schöpfung +wäre. Ich glaubte, daß wir einst nach dem Tode von der Stufe der +Vervollkommnung, die wir auf diesem Sterne erreichten, auf einem +andern weiter fortschreiten würden, und daß wir den Schatz von +Wahrheiten, den wir hier sammelten, auch dort einst brauchen könnten. +Aus diesem Gedanken bildete sich so nach und nach eine eigene +Religion und das Bestreben, nie auf einen Augenblick hienieden still +zu stehen, und immer unaufhörlich einem höhern Grade von Bildung +entgegenzuschreiten, ward bald das einzige Prinzip meiner Tätigkeit. +~Bildung~ schien mir das einzige Ziel, das des Bestrebens, ~Wahrheit~ +der einzige Reichtum, der des Besitzes würdig ist.« Nun aber zeigt +ihm die Kantische Philosophie, wie er sie begreift, wie in diesem +Ziele sich eine bloße Illusion des Verstandes verbirgt. »Wir können +nicht entscheiden, ob das, was wir Wahrheit nennen, wahrhaft Wahrheit +ist, oder ob es uns nur so scheint. Ist das letzte, so ist die +Wahrheit, die wir hier sammeln, nach dem Tode nicht mehr -- und alles +Bestreben, ein Eigentum sich zu erwerben, das uns auch in das Grab +folgt, ist vergeblich ... Seit diese Ueberzeugung, nämlich, daß +hienieden keine Wahrheit zu finden ist, vor meine Seele trat, habe +ich nicht wieder ein Buch angerührt. Ich bin untätig in meinem Zimmer +umhergegangen, ich habe mich an das offene Fenster gesetzt, ich bin +hinausgelaufen ins Freie, eine innerliche Unruhe trieb mich zuletzt +in Tabagien und Kaffeehäuser, ich habe Schauspiele und Konzerte +besucht, um mich zu zerstreuen -- -- -- und dennoch war der einzige +Gedanke, den meine Seele in diesem äußeren Tumulte mit glühender +Angst bearbeitete, immer nur dieser: dein ~einziges~, dein ~höchstes~ +Ziel ist gesunken.« + +Mit der Gegenständlichkeit und Bestimmtheit, die schon den großen +Dichter kennzeichnet, ist hier der innere Kampf dargestellt, den die +Kantische Lehre in Kleist erregt hat. Und doch: wenn man die Briefe +Kleists an die Braut und an die Schwester aus dieser Zeit wieder +und wieder liest, wenn man sie früheren brieflichen Aeußerungen +gegenüberstellt und sie mit der Gesamtheit dessen vergleicht, was uns +über seine Jugend und Bildungsgeschichte bekannt ist, so knüpfen sich +hier immer neue Rätsel und Probleme. Zunächst nämlich besteht kein +Zweifel daran, daß es nicht der überhaupt ~erste~ Eindruck der +Kantischen Philosophie ist, der in diesen Kleistischen Briefen zum +Ausdruck kommt. Die Briefe an Wilhelmine und Ulrike sind am 22. und +23. März 1801 geschrieben; aber schon im August 1800 hatte ein Brief +an die Schwester eine eigene Schrift Kleists über die Kantische +Philosophie, die noch in Frankfurt abgefaßt sein muß, erwähnt und um +ihre Zusendung gebeten. Und er hatte um diese Zeit Kants Lehre nicht +nur flüchtig kennen gelernt, sondern er hatte ihr bereits in seinem +eigenen »Lebensplan« -- man weiß, welches Gewicht dieses Wort für +dem jungen Kleist besitzt, -- eine bestimmte Stelle zugewiesen. Im +November 1800 spricht er zu Wilhelmine von dem Plan, nach Paris zu +gehen, um die neueste Philosophie nach Frankreich, wo man bisher von +ihr noch gar keine Kenntnis habe, zu verpflanzen. Konnte Kleist einen +solchen Plan fassen, noch ehe er selbst mit den Grundzügen der +Kantischen Lehre vertraut war? Und in der Tat hatte er sich, wie +eine genauere Betrachtung des Briefwechsels zeigt, damals mit der +Kantischen Lehre wenigstens insoweit vertraut gemacht, daß ihm die +Kantische Begriffssprache und Terminologie in den Hauptzügen geläufig +geworden war. Eine Stelle in einem Schreiben an Wilhelmine vom Mai +1800 ordnet eine Frage, die er ihr vorlegt und die er in der bekannten +pedantischen Umständlichkeit dieser Jugendbriefe entwickelt, den drei +Gesichtspunkten unter, was der ~Verstand~, was die ~Urteilskraft~ +und was die ~Vernunft~ an ihr zu erfassen vermöge; wobei diese drei +Funktionen genau nach der Weisung, die eine Stelle der Kantischen +Anthropologie gibt, gegen einander abgegrenzt und einander +gegenübergestellt werden. Noch bedeutsamer und charakteristischer +aber ist es, daß Kleist um diese Zeit in seinen religionsphilosophischen +Ueberzeugungen völlig auf Kantischem Boden steht. Mit Recht hat man +auf die vielfachen wörtlichen Anklänge verwiesen, die seine Briefe +an einzelne Stellen der Kantischen »Religion innerhalb der Grenze +der bloßen Vernunft« enthalten.[1] Der Gedanke des reinen moralischen +Vernunftglaubens, wie Kant ihn entwickelt und wie er ihn allem +religiösen Afterdienst entgegengesetzt hatte, war in Kleist völlig +lebendig geworden. Auf Grund dieses Gedankens schiebt er auch +die Frage nach der individuellen Fortdauer des Individuums als +bloße spekulative Grübelei beiseite. Weder in transzendenten +Glaubensvorstellungen über einen Gott und ein Jenseits, noch in der +Erfüllung äußerlicher religiöser Gebräuche -- so erklärt er -- kann +der eigentliche Kern der Religion bestehen; denn sonst würde die +Religion selbst zu einem zweideutigen und wandelbaren Dinge, das in +jedem Augenblick und an allen Orten der Erde verschieden wäre. »Aber +in uns flammt eine Vorschrift -- und die muß göttlich sein, weil sie +ewig und allgemein ist, sie heißt: ~erfülle Deine Pflicht~; und +dieser Satz enthält die Lehren aller Religionen. Alle anderen Sätze +folgen aus diesem und sind in ihm gegründet, oder sie sind nicht +darin begriffen, und dann sind sie unfruchtbar und unnütz. Daß ein +Gott sei, daß es ein ewiges Leben, einen Lohn für die Tugend, eine +Strafe für das Laster gebe, das alles sind Sätze, die in jenem nicht +gegründet sind, und die wir also entbehren können. Denn gewiß sollen +wir sie nach dem Willen der Gottheit selbst entbehren können, weil +sie es uns selbst unmöglich gemacht hat, es einzusehen und zu +begreifen. Würdest Du nicht mehr tun, was recht ist, wenn der Gedanke +an Gott und Unsterblichkeit nur ein Traum wäre? Ich nicht. Daher +~bedarf~ ich zwar zu meiner Rechtschaffenheit dieser Sätze nicht; +aber zuweilen, wenn ich meine Pflicht erfüllt habe, erlaube ich mir, +mit stiller Hoffnung an einen Gott zu denken, der mich sieht und an +eine frohe Ewigkeit, die meiner wartet ... Aber dieser Glaube sei +irrig oder nicht -- gleichviel! Es warte auf mich eine Zukunft oder +nicht -- gleichviel! Ich erfülle für dieses Leben meine Pflicht, und +wenn Du mich fragst, ~warum?~, so ist die Antwort leicht: eben ~weil~ +es meine Pflicht ist. Ich schränke mich daher mit meiner Tätigkeit +ganz für dies Erdenleben ein. Ich will mich nicht um meine Bestimmung +nach dem Tode kümmern, aus Furcht darüber meine Bestimmung für dieses +Leben zu vernachlässigen ... Dabei bin ich überzeugt, gewiß in den +großen ewigen Plan der Natur einzugreifen, wenn ich nur den Platz +ganz erfülle, auf den sie mich in dieser Erde setzte. Nicht umsonst +hat sie mir diesen ~gegenwärtigen~ Wirkungskreis angewiesen und +gesetzt, ich verträumte diesen und forschte dem zukünftigen nach -- +ist denn nicht die ~Zukunft~ eine ~kommende Gegenwart~ und will ich +denn auch ~diese~ Gegenwart wieder verträumen?« + + [1] S. Wilh. Herzog, H. v. Kleist 1911, S. 65. + +Wir mußten diese beiden Briefstellen -- die eine aus einem Brief vom +19. September 1800, die andere aus einem Brief vom 22. März 1801 +-- bestimmt und ausführlich einander gegenüberstellen: denn in dieser +Entgegensetzung tritt mit voller Schärfe das ~Problem~ hervor, das +Kleists inneres Verhältnis zur Kantischen Lehre in sich schließt. Was +vermochte den Schüler Kants, der Kleist schon im September 1800 gewesen +ist, an der Kantischen Lehre so zu ergreifen, daß er jetzt seine +gesamte Vergangenheit und all sein bisheriges Streben plötzlich vor +sich versinken sah? Welches neue Moment ist es gewesen, das in ihm +diese Erschütterung aller seiner früheren Grundüberzeugungen bewirkte? +War es der Fortgang von Kants ethischen und religionsphilosophischen +Schriften zu seinen theoretischen Hauptwerken, war es das intensive +Studium der »Kritik der reinen Vernunft«, wodurch dieser plötzliche +Umschwung sich in Kleist vollzog? Man hat es allgemein behauptet, +ohne daß doch hierfür, soviel ich sehe, ein wirklich bündiger Beweis +erbracht worden wäre. Denn das traditionelle Schlagwort von dem +»Alleszermalmer« Kant, dessen Gewalt nun auch Kleist an sich erfahren +hätte -- ein Schlagwort, das in diesem Zusammenhang regelmäßig +wiederzukehren pflegt -- besagt und erklärt im Grunde nicht das +mindeste. Als der »Alleszermalmer« mochte Kant der älteren Generation, +der Generation Mendelssohns erscheinen, die sich nach und nach daran +gewöhnt hatte, in den Lehrsätzen des herrschenden Wolffischen +Schulsystems und in den Dogmen der rationalistischen Metaphysik, nicht +nur Wahrheit, sondern ~die~ Wahrheit schlechthin zu sehen. Seither aber +waren zwei Jahrzehnte vergangen, in denen die positive Kraft und der +positive Gehalt der Kantischen Lehre nach allen Seiten hin unverkennbar +hervorgetreten war. »Was Kleist im besonderen an der Kantischen Lehre +abstieß« -- so schreibt Wilhelm Herzog, der das Verhältnis Kleists zu +Kant von allen Biographen Kleists am eingehendsten behandelt hat -- +»war die fragwürdige Relativität aller Dinge, war die eisige Skepsis, +die ihm aus jener nüchternen Beschränkung angrinste. Er ersehnte das +Absolute und Kant lehrte ihn, daß nichts feststeht.« Aber wo und wann +hätte Kant, hätte die »Kritik der reinen Vernunft« etwas derartiges +gelehrt? Man mag allenfalls, obwohl äußerst ungenau und irreführend, +die kritische Philosophie als die Lehre von der Relativität aller +~Dinge~ bezeichnen: aber eine Relativierung des ~Wahrheitsbegriffs~ +ist offenbar das genaue Gegenteil von dem, was sie geschichtlich und +systematisch erstrebt hat. Hatte nicht Kant selbst mit wachsendem +Nachdruck, mit leidenschaftlicher Heftigkeit seinen »transzendentalen« +Idealismus dem psychologischen Idealismus Berkeleys gegenübergestellt +und hatte er den Unterschied beider Lehrbegriffe nicht darein gesetzt, +daß Berkeleys Idealismus die Sinnenwelt und die Erfahrung in lauter +Schein verwandle, während seine Absicht umgekehrt darauf gehe, die +~Wahrheit der Erfahrung~ zu begreifen und zu begründen? Oder war es +eine Wahrheit von anderer Form und Herkunft, als die empirische +Wahrheit, die Kleist durch Kants Lehre vernichtet fand? Was die +sogenannte »metaphysische« Wahrheit, was den Versuch betrifft, aus +reiner theoretischer Vernunft über transzendente Probleme und +Gegenstände zu urteilen, so war ihm freilich durch Kants Kritik der +Boden entzogen. Aber auf sie hatte auch Kleist selbst, wie seine +Beurteilung der religiösen Fragen im Brief vom September 1800 beweist, +innerlich bereits Verzicht geleistet. Und wie immer er über sie +urteilen mochte: das eine stand für ihn jedenfalls fest, daß unser +Urteil über den Sinn und Wert des Lebens selbst von der Entscheidung +dieser Frage in keiner Weise abhängig sein könne und dürfe. Denn dieser +Wert -- das hatte Kleist noch eben in echt Kantischen Wendungen betont +-- kann nicht auf die Annahme dieses oder jenes Lehrsatzes, nicht auf +ein Wissen gegründet sein, das zu erreichen nicht in unserer Macht +steht, sondern er muß sich auf den Wert gründen, den die Persönlichkeit +sich selbst gibt und den nur sie allein, unabhängig von allen fremden +Stützen und Hilfen, sich zu geben vermag. Und was diesen ethischen +Selbstwert als solchen und seine Gewißheit betrifft, so war nicht +der geringste Zweifel daran möglich, daß Kant ihn immer und überall, in +seinen theoretischen wie in seinen ethischen und religionsphilosophischen +Schriften, mit der gleichen unerschütterlichen Sicherheit behaupet +hatte -- daß er ihn als allgemeingültig und notwendig, daß er ihn in +jedem Sinne als schlechthin »unbedingt«, ja als den eigentlichen Ausdruck +des Unbedingten überhaupt, ansah. So blieb hier nur die Wahrheit der +Wissenschaft: die Wahrheit der Mathematik und Physik übrig, die Kleist +durch die kritische Lehre als bedroht und als vernichtet hätte ansehen +können. Aber konnte er übersehen, daß die Mathematik in der »Kritik der +reinen Vernunft« überall als der »Stolz der Vernunft« bezeichnet und +gerühmt war, und daß gerade der Anteil an ihr es ist, der im kritischen +System auch den Wahrheits- und Wissenschaftswert aller anderen +theoretischen Disziplinen begründet? Mußte Kleist, der sich selber +damals um die Physik und ihr wissenschaftliches Verständnis bemühte, +nicht die gewaltige theoretische Arbeit begreifen und würdigen, die +Kant daran gesetzt hatte, die ersten »apriorischen« Gründe dieser +Wissenschaft zu finden und ihr erst dadurch die Festigkeit eines +geschlossenen Systems zu geben? Wies nicht eben die Grundfrage der +»Kritik der reinen Vernunft«: die Frage, wie synthetische Urteile +apriori möglich seien, immer wieder auf dieses Ziel, auf das Ziel der +objektiven Begründung des physikalischen Wissens in allgemeinen und +notwendigen Vernunftsätzen hin? Aber auch wenn man annimmt, daß Kleist, +der Kant nicht mit kühler sachlicher Kritik, sondern mit der höchsten +subjektiven Leidenschaft und mit subjektiver Befangenheit las, über +alle diese feinen methodischen Unterschiede hinwegging und daß er sich +lediglich dem Gesamteindruck des Lehrbegriffs des transzendentalen +Idealismus überließ, so sind damit keineswegs alle Schwierigkeiten +beseitigt. Denn eben dieser Lehrbegriff mußte Kleist seinen allgemeinen +Grundzügen nach schon vor dem entscheidenden Brief an Wilhelmine +bekannt sein. Er wird in Kants ethischen und religionsphilosophischen +Schriften überall vorausgesetzt und er bildet den latenten Mittelpunkt, +auf den alles andere immer wieder zurückführt. Man kann in Kants +Schriften, welches Thema sie immer behandeln mögen, keinen Schritt +vorwärts tun, ohne dieser, die gesamte Gedankenwelt Kants +beherrschenden Voraussetzung allenthalben zu begegnen. Die Lehre Kants +vom Intelligiblen, vom »Noumenon« der Freiheit bleibt unverständlich, +ohne ihr notwendiges, methodisches Korrelat -- ohne die Lehre von der +Phänomenalität der sinnlich-empirischen Wirklichkeit. Wenn also Kleist +jetzt durch diese Lehre in einem ganz neuen Sinne ergriffen und wenn er +durch sie überwältigt wurde, so muß es ein neues gedankliches ~Motiv~ +gewesen sein, das ihm aus ihr entgegentrat; -- so muß es eine völlig +neue ~Beleuchtung~ gewesen sein, in der er nunmehr das Ganze der +kritisch-idealistischen Lehren erblickte. + +Wir sehen somit: je weniger wir uns mit bloßen allgemeinen Schlagworten +begnügen, je tiefer wir in den geistigen Prozeß einzudringen suchen, +der sich in Kleist vollzogen hat, und je konkreter wir die Anschauung +dieses Prozesses in uns zu gestalten suchen, um so mehr häufen sich +die Rätsel und Schwierigkeiten. Wie aber, wenn sich ein anderes Werk, +als die »Kritik der reinen Vernunft« namhaft machen ließe, aus welchem +Kleist seine neue Ansicht vom Wesen des transzendentalen Idealismus +geschöpft haben könnte, und aus dem auch die neue Stellungnahme, die +er jetzt zu ihm einnimmt, unmittelbar verständlich würde? Kleist +spricht in seinem Bericht an Wilhelmine von »der neueren ~sogenannten~ +Kantischen Philosophie«, mit der er seit kurzem bekannt geworden sei. +Ein Ausdruck, der gewiß auffallen muß, denn von Kant und seiner Lehre +wußte damals in Deutschland -- wie ein oft zitierter Vers besagt -- +»jedes Kind« oder glaubte davon etwas zu wissen. Was bedeutete also +diese merkwürdige Umschreibung? Man würde sie sofort verstehen, wenn +das Werk, auf das Kleist sich hier bezieht, sich selbst zwar als +getreuen Ausdruck der Kantischen Lehre bezeichnete und ausgab -- wenn +aber die Frage, ob dieser Anspruch zu Recht bestand, noch unentschieden +und strittig war. Nun war im Jahre 1800 -- kaum ein Jahr vor dem Briefe +Kleists an Wilhelmine -- eine Schrift erschienen, die schon in ihrer +Vorrede aussprach, daß sie all das, was außerhalb der Schule von der +»neueren Philosophie« brauchbar sei, vollständig darstellen wolle: -- +»vorgetragen in derjenigen Ordnung, in der es sich dem kunstlosen +Nachdenken entwickeln müßte«. »Die tieferen Zurüstungen, welche gegen +Einwürfe und Ausschweifungen des verkünstelten Verstandes gemacht +werden, das, was nur Grundlage für andere positive Wissenschaften ist, +endlich, was bloß für die Pädagogik in weitestem Sinne, d. h. für die +bedachte und willkürliche Erziehung des Menschengeschlechtes gehört, +sollte von dem Umfange derselben ausgeschlossen bleiben ..... Das Buch +ist sonach nicht für Philosophen von Profession bestimmt .. Es sollte +verständlich sein für alle Leser, die überhaupt ein Buch zu verstehen +vermöchten .. Es sollte anziehen und erwärmen und den Leser kräftig +von der Sinnlichkeit zum Uebersinnlichen fortreißen ..« Wer mit der +Denkweise, mit den Bildungsidealen und der inneren Bildungsgeschichte +des jungen Kleist vertraut ist, der wird sich sagen müssen, wie sehr +ihn schon die ~Ankündigung~ eines derartigen Zieles ergreifen mußte. +Und daß sein Interesse auf das Buch, dem sie angehörte, gelenkt wurde, +dafür mußte, wenn nichts anderes, so schon der bloße ~Titel~ sorgen, +der über dem Buch stand. Die »~Bestimmung des Menschen~« sollte in +ihm gelehrt werden. Das aber war das große Thema, das in Kleists +Jugendbriefen fort und fort wiederkehrte, das ihn selbst unablässig +beschäftigte und das er mit ermüdender Hartnäckigkeit immer von neuem +mit den Freunden, mit der Schwester, mit der Braut erörterte. »Laß +uns beide, liebe Wilhelmine, -- so schrieb er z. B. im Jahre 1800 aus +Würzburg -- unsere Bestimmung ganz ins Auge fassen, um sie künftig einst +ganz zu erfüllen. Dahin ~allein~ wollen wir unsere ganze Tätigkeit +richten. Wir wollen alle unsere Fähigkeiten ausbilden, eben nur um +diese Bestimmung zu erfüllen .. Urteile selbst, wie können wir +beschränkte Wesen, die wir von der Ewigkeit nur ein so unendlich +kleines Stück, unser spannenlanges Erdenleben übersehen, wie können +wir uns getrauen, den Plan, den die Natur für die Ewigkeit entwarf, +zu ergründen. Und wenn dies nicht möglich ist, wie kann irgend eine +gerechte Gottheit von uns verlangen, in diesen ihren ewigen Plan +einzugreifen, von uns, die wir nicht einmal imstande sind, ihn zu +denken. Aber die Bestimmung unseres ~irdischen~ Daseins, die können +wir allerdings unzweifelhaft herausfinden, und diese zu erfüllen, das +kann daher die Gottheit auch wohl mit Recht von uns fordern.« Nehmen +wir an, daß Kleist in der intellektuellen Stimmung, die aus diesem +Brief spricht, einen Monat später in Berlin wieder eintraf: mußte er +in ihr nicht fast notwendig und mit lebendigstem Anteil nach einem +Buche greifen, das damals soeben erschienen war und das die Bestimmung +des Menschen zum Thema und ~Fichte~ zum Verfasser hatte? Fichte stand +damals -- von allem andern abgesehen -- im Mittelpunkt des allgemeinen, +des öffentlich-politischen und des öffentlich-literarischen Interesses. +Der Atheismusstreit, der ihn gezwungen hatte, sein Lehramt in Jena +aufzugeben, war überall noch in frischer Erinnerung. Berlin war das +erste Asyl gewesen, das er gegenüber der fortdauernden Verfolgung +der kursächsischen Regierung gefunden hatte und das Haus Friedrich +Schlegels und Dorothea Veits bot ihm die erste gastliche Aufnahme. +Erwägt man weiterhin, daß Kleist, als er von seiner Würzburger Reise +nach Berlin zurückkehrte, bereits die erste Fühlung mit den dortigen +literarischen Zirkeln gewann -- ein Brief an Ulrike aus dieser Zeit +berichtet, daß er wenig in Gesellschaften komme, daß aber von allen +Kreisen die jüdischen ihm die liebsten sein würden, wenn sie nicht so +pretiös mit ihrer Bildung täten -- so muß man es von vornherein für +sehr unwahrscheinlich halten, daß er an einer Erscheinung wie Fichte +und an einem Werk, auf das er sich so vielfältig hingewiesen sah und +das sich ihm zudem durch die versprochene populäre Form der Darstellung +empfahl, achtlos vorübergegangen sein sollte. + +Aber freilich besitzen alle diese äußeren Momente für sich allein +keine Beweiskraft. Zu einer Entscheidung können wir nur aus dem +sachlichen Inhalt des Fichteschen Werks heraus und aus dem Vergleich +dieses Inhalts mit den Kleistischen Briefen gelangen. Die »Bestimmung +des Menschen« ist für Fichtes eigene literarische und philosophische +Entwicklung von entscheidender Bedeutung: sie bezeichnet genau und +scharf den Wendepunkt, an welchem die »Wissenschaftslehre« jene +neue Richtung nimmt, durch welche sie schließlich in die spätere +~religionsphilosophische~ Fassung des Systems übergeht. Fichte steht +in dieser Wendung unter dem bestimmenden Einfluß von Fr. Heinr. +~Jacobis~ Glaubenslehre. Der gesamte dritte positiv-aufbauende Teil +des Fichteschen Werkes ist der Entwicklung des Glaubensbegriffs und +dem Nachweis gewidmet, daß alle wahrhafte Realität, die uns zugänglich +sei, uns nur im Glauben gegeben und durch ihn allein vermittelt werde. +Jacobis Wort, daß wir alle im Glauben geboren werden, wird hierbei +ausdrücklich zitiert und verstärkt. Welche Gestalt aber nimmt nun, +von diesem Punkte aus gesehen, der theoretische Lehrbegriff des +transzendentalen Idealismus an? Er bildet von jetzt ab nicht mehr +das endgültige, schlechthin abschließende ~Resultat~, sondern nur +einen ~Durchgangspunkt~ der Betrachtung, der freilich als solcher +unentbehrlich ist. Aus dem Standpunkt des ~Zweifels~, wie ihn der +erste Teil der Schrift, und aus dem Standpunkt des ~Wissens~, wie +ihn der zweite Teil der Schrift entwickelt, leuchtet erst die +Notwendigkeit jenes Glaubens hervor, zu dem sie uns als letztes +Ergebnis der philosophischen Reflexion hinführen will. Der ~Zweifel~ +entsteht und er verschärft sich mehr und mehr, indem wir unsern +Begriff der »Natur«, mit welchem unsere unbefangene Betrachtung +notwendig beginnt, mit den sittlichen Postulaten, mit dem Gedanken +der Freiheit und Selbstverantwortung vergleichen, die wir gleichfalls +als unabweisliche Forderung in uns tragen. Die Natur kann, sofern sie +überhaupt gedacht wird, nur als schlechthin lückenloser Zusammenhang +von Dingen und Kräften, nur als eine in sich geschlossene Abfolge von +Ereignissen gedacht werden, in der jeder spätere Zustand durch den +voraufgehenden vollständig und eindeutig bedingt ist. Auch alle +Erscheinungen des menschlichen Bewußtseins, auch all das, was wir +Willensentscheidung und Willensäußerung nennen, müssen wir diesem +Zusammenhang eingeordnet und untergeordnet denken. Der Wille ist +selbst nur eine spezielle Form der wirkenden Naturkräfte, die mit der +Gesamtheit ihrer übrigen Formen in genauester Verknüpfung steht und +von ihnen im strengsten Sinne abhängig bleibt. Nicht ~ich~ wirke, +sondern jene allgemeine Potenz, jenes System von Kräften, das wir mit +dem Namen »Natur« bezeichnen, wirkt in mir: und dem Ich bleibt nur das +Zusehen, nur das abbildliche Bewußtsein dieser Wirksamkeit. Alles was +da ist, ist durchgängig bestimmt; es ist, was es ist, und schlechthin +nichts anderes. »In jedem Teil des Seins lebt und wirkt das Ganze, +weil jeder Teil nur durch das Ganze ist, was er ist; durch dieses +aber notwendig ~das~ ist.« »Gib der Natur den Lauf eines Muskels, die +Biegung eines Haares an einem bestimmten Individuum, und sie wird dir, +wenn sie im Ganzen denken und dir antworten könnte, daraus alle guten +Taten und alle Untaten seines Lebens von Anbeginn bis an sein Ende +angeben. Der Tugendhafte ist eine edle, der Lasterhafte eine unedle +und verwerfliche, jedoch aus dem Zusammenhange des Universums +notwendig erfolgende Natur.« + +Umsonst erhebt gegen dieses festgefügte System des Determinismus das +sittliche Gefühl und der sittliche Wunsch in uns Einspruch: der +Determinismus, der nichts anderes als der Ausdruck des Denkens selbst +und seines obersten Prinzips: des »Satzes vom Grunde« ist, »erklärt« +zuletzt auch diese ihm scheinbar widerstreitenden Wünsche und vermag +auch ihre Notwendigkeit einzusehen und zu deduzieren. Auf dem Boden +des Naturbegriffs ist somit schlechterdings keine andere Lösung +möglich; hier gibt es kein Ausweichen vor der letzten entscheidenden +Konsequenz. Wie aber, wenn wir uns gerade über dieses Fundament in +unserer Reflexion zu erheben vermöchten, wenn wir einsehen, daß es +keine absolute, sondern nur eine relative Geltung besitzt? Ist denn +das, was wir Natur, was wir das Sein und die Wirklichkeit der +Dinge nennen, ein feststehendes, für uns nicht weiter auflösbares +undurchdringliches ~Faktum~ -- oder ist es nicht vielmehr ein +~Begriff~, den wir selbst, den unser Intellekt und unser Wissen +an die Betrachtung der Phänomene heranbringt? Und wenn dem so wäre: +-- so wären wir freilich mit einem Schlage von dem unentrinnbaren +Zwange, mit dem die Dinge uns bisher bedrohten, befreit. Man setze +an die Stelle der Dinge an sich ~die Vorstellung~ von den Dingen, +man entwickle die Regeln, nach denen diese Welt der Vorstellung aus +ursprünglichen Elementen, aus den ersten Anfangsdaten der Empfindung +sich entwickelt und aufbaut: und die ganze Frage nimmt sofort eine +andere Gestalt an. Der Zwang des Seins zerrinnt und löst sich auf, in +dem Maße, als wir das Sein selbst als ein bloßes ~Bild~ begreifen, +das der Gedanke vor sich hinstellt. Und eben in der Vermittlung +dieser Einsicht besteht die charakteristische Aufgabe des Wissens. +Das Wissen ist keine Wiedergabe und Repräsentation eines für sich +bestehenden absoluten Seins: sondern es zeigt umgekehrt, daß dieses +angeblich absolute Sein ein Trugbild ist, das unsere Reflexion und +unsere Einbildungskraft vor uns hinstellen. Der Trug ist bewältigt, +sobald er einmal durchschaut ist; -- sobald wir eingesehen haben, wie +er entsteht und nach den Gesetzen des denkenden Bewußtseins entstehen +muß. Jetzt fühlen wir uns der fatalistischen Notwendigkeit der Welt +und des Weltzusammenhangs entrückt: denn wir begreifen, daß es +nur die selbständigen und dennoch unwillkürlichen und insofern +notwendigen Akte der Intelligenz, daß es ihre ursprünglichen +Setzungen und Tathandlungen sind, auf denen die Möglichkeit jeder +Vorstellung von einem Dasein der Dinge beruht. Die Freiheit wird uns +zurückgegeben, indem gleichzeitig die absolute, die dogmatische +Substantialität der Welt versinkt. -- + +Kehren wir nunmehr, ehe wir der weiteren Ausführung dieses +Grundgedankens bei Fichte nachgehen, wieder zu Kleist und zu +seinem Brief zurück. Es ist bekannt, daß Kleist, um Wilhelmine die +Grundlehren des transzendentalen Idealismus zu verdeutlichen, von +einem populären Vergleich und Beispiel ausgeht. »Wenn alle Menschen +statt der Augen grüne Gläser hätten, so würden sie urteilen müssen, +die Gegenstände, welche sie dadurch erblicken, ~sind~ grün -- und nie +würden sie entscheiden können; ob ihr Auge ihnen die Dinge zeigt, wie +sie sind, oder ob es nicht etwas zu ihnen hinzutut, was nicht ihnen, +sondern dem Auge gehört. So ist es mit dem Verstande.« Wenn dieser +Vergleich die Summe der Lehren der »Kritik der reinen Vernunft« +ziehen wollte, so wäre er seltsam genug; denn gerade Kant hatte +immer von neuem davor gewarnt, das, was er die »Subjektivität« +der Anschauungsformen und der Kategorien nannte, durch »ganz +unzulängliche Beispiele«, die dem Gebiet der Subjektivität der +Sinnesqualitäten entnommen sind, belegen und verdeutlichen zu wollen. +Für ihn, als Kritiker der Erkenntnis, besteht hier eine schlechthin +nicht zu verwischende methodische Grunddifferenz; denn von Farben +und Tönen lassen sich, wie er prägnant und nachdrücklich betont, +keine synthetischen Urteile apriori, keine wahrhaft allgemeingültigen +und notwendigen Erkenntnisse und Wahrheiten gewinnen. So steht +insbesondere die Raumanschauung für Kant mit der Farbenempfindung +niemals auf der gleichen Linie, sondern bleibt ihrem Wahrheitscharakter +nach von ihr durchaus verschieden. Anders aber war das Verhältnis, +wie es sich nunmehr bei Fichte darstellte. Zwar den Vergleich mit dem +Sehen durch grüne Gläser werden wir bei ihm nicht anzutreffen glauben; +denn hier handelt es sich, wie Kleist selbst in einem späteren Briefe +an Wilhelmine erklärt, um eine eigene Zutat Kleists, die er nur +vorübergehend zur populären Verdeutlichung des Gedankens benutzte. +»Ich habe mich« -- So schreibt er -- »nur des Auges in meinem Briefe +als eines ~erklärenden~ Beispiels bedient, weil ich Dir selbst die +trockene Sprache der Philosophie nicht vortragen konnte.« Aber was +nun in dieser Sprache bei Fichte wirklich vorgetragen wurde: das war +nicht nur die Lehre von der Subjektivität der Farben und Töne, sondern +von der ebenso unbedingten und ausschließlichen Subjektivität unserer +gesamten Wahrnehmungs- und Anschauungswelt. »In aller Wahrnehmung« +-- so belehrt in der »Bestimmung des Menschen« der Fichtesche »Geist« +das »Ich«, mit dem er seine Zwiesprache hält -- »nimmst du zunächst +nur dich selbst und deinen eigenen Zustand wahr; und was nicht in +dieser Wahrnehmung liegt, wird überhaupt nicht wahrgenommen. Ich würde +nicht müde werden, es in allen Wendungen zu wiederholen, wenn ich +befürchten müßte, daß du es noch nicht begriffen, dir noch nicht +unvertilgbar eingeprägt hättest. -- Kannst du sagen: ich bin mir +äußerer Gegenstände bewußt? -- Keineswegs -- erwidert das Ich -- wenn +ich es genau nehme; denn das Sehen und Fühlen usw., womit ich die +Dinge umfasse, ist nicht das Bewußtsein selbst, sondern nur dasjenige, +dessen ich mir am ersten und unmittelbarsten bewußt bin. Der Strenge +nach könnte ich nur sagen: ich bin mir ~meines Sehens oder Fühlens +der Dinge bewußt~ .... Nun so vergiß denn nie wieder, was du jetzt +klar eingesehen hast. ~In aller Wahrnehmung nimmst du lediglich +deinen eigenen Zustand wahr.~« + +Und an dieser prinzipiellen Entscheidung wird nicht das mindeste +geändert, wenn wir nun von den sinnlichen Qualitäten zu den +Gegenständen des mathematisch-physikalischen Wissens, wenn wir +von der Welt der Tastempfindungen, des Geruchs und des Geschmacks, +der Gesichts- und Gehörsempfindungen zu der Welt des ~Raumes~ +und der Körper im Raume übergehen. Der Raum ist freilich kein +Empfindungsinhalt; denn jeder Empfindungsinhalt ist als solcher +ein schlechthin Unausgedehntes, auf einen bloßen unfehlbaren Punkt +Bezügliches. Aber daß wir nun über diesen bloßen Punkt hinausgehen +-- daß wir ihn zur Linie und Fläche und daß wir schließlich die Fläche +zum Körper erweitern, das ist ebenfalls eine Notwendigkeit, die +lediglich in den Gesetzen des Bewußtseins, in den Gesetzen unserer +anschauenden Intelligenz und in nichts anderem gegründet ist. Nicht +die absolute Existenz einer »äußeren« Sache ergreifen wir hierin, +sondern nur die Notwendigkeit unserer eigenen Anschauung, der aber +kraft ihrer Natur diese Kraft des »Hinausgehens« über den bloßen +punktuellen Empfindungsinhalt innewohnt. Was wir die Gewißheit der +»Außenwelt« zu nennen pflegen, das ist also auch hier nichts anderes +als die Gewißheit jener objektivierenden Bedeutung, die der +Anschauung selber eigen ist. Wir erfassen den Raum und die Körperwelt +nicht dadurch, daß wir sie passiv in unser Bewußtsein aufnehmen und +sie als ein für sich Vorhandenes in ihm nur abspiegeln; sondern wir +schauen in beiden nur unsere eigene Funktion der ~Verknüpfung~ von +Punkten, Linien und Flächen an. Es handelt sich nicht um eine +Abbildung des »Aeußern« durch das »Innere«, sondern um eine +Projektion des Innern zum Aeußern. So gilt es auch hier ohne jede +Einschränkung: »das Bewußtsein des ~Gegenstandes~ ist nur ein nicht +dafür erkanntes ~Bewußtsein meiner Erzeugung einer Vorstellung vom +Gegenstande~«. »Du siehst sonach ein, daß alles Wissen lediglich ein +Wissen von dir selbst ist, daß dein Bewußtsein nie über dich selbst +hinausgeht, und daß dasjenige, was du für ein Bewußtsein des +Gegenstandes hältst, nichts ist als ein Bewußtsein deines ~Setzens +eines Gegenstandes~, welches du nach einem inneren Gesetze deines +Denkens mit der Empfindung zugleich notwendig vollziehst.« »Und nun« +-- so fährt wiederum der »Geist« in seiner Belehrung des »Ich« fort +-- »nun wird dir vollkommen klar sein, wie etwas, das doch aus dir +selbst hervorgeht, dir als ein Sein außer dir erscheinen könne, ja +notwendig erscheinen müsse. Du bist zur wahren Quelle der Vorstellungen +von Dingen außer dir hindurchgedrungen ... Du selbst bist das Ding; +du selbst bist durch den innersten Grund deines Wesens, deine +Endlichkeit vor dich selbst hingestellt, und aus dir selbst +hinausgeworfen; und alles, was du außer dir erblickst, bist immer +du selbst. Man hat dieses Bewußtsein sehr passend ~Anschauung~ +genannt ... (Er ist) ein tätiges ~Hin~schauen dessen, was ich +anschaue, ein Herausschauen meiner selbst aus mir selbst -- -- --. +Darum ist auch dieses Ding dem Auge deines Geistes durchaus +durchsichtig, weil es dein Geist selbst ist. Du teilst, du begrenzest, +du bestimmst die möglichen Formen der Dinge und die Verhältnisse +dieser Formen vor aller Wahrnehmung vorher .... Es gibt keinen +äußeren Sinn, denn es gibt keine äußere Wahrnehmung. Wohl aber gibt +es eine äußere Anschauung -- nicht ~des Dinges~ -- sondern diese +äußere Anschauung -- dieses, außerhalb des subjektiven und ihm als +vorschwebend erscheinende ~Wissen~ -- ist selbst das Ding, und es +gibt kein anderes.« + +Das also ist der Kreis, in welchen nach Fichte das Ich und sein +Wissen gebannt ist; -- und in welchem freilich beide zugleich als +unumschränkte Herrscher walten. Denn der Gedanke von einem blinden +Zwange der Natur, der das Ich gefangen hielte, ist jetzt zugleich mit +dem Gedanken von dem absoluten Dasein einer solchen Natur beseitigt. +Das Ich ist frei geworden; denn wenn es in der realistischen +Grundansicht als ein bloßer Teil und als ein Produkt der Natur +erschien, so erscheint jetzt vielmehr die Natur als sein Werk, +als das Werk seines Wissens und seines Verstandes. Die Bedingung +freilich, an welche diese Selbstbefreiung geknüpft bleibt, ist, daß +der neu errungene Welt- und Wissensbegriff nicht verändert; daß also +das Wissen nicht als ein Wissen von der Realität selbst, sondern als +ein Wissen von Vorstellungen, ein Wissen von ~Bildern~ erkannt wird. +Abermals wird dieses Resultat in Fichtes »Bestimmung des Menschen« +in unerbittlicher Schroffheit hingestellt. Vergebens lehnt sich das +Ich noch einmal gegen alle Konsequenzen, die in diesem Gedanken +liegen, auf: es muß sie hinnehmen und anerkennen. »Es gibt überall +kein Dauerndes, weder außer mir, noch in mir, sondern nur einen +unaufhörlichen Wechsel. Ich weiß überall von keinem Sein, und auch +nicht von meinem eigenen. Es ist kein Sein ... Bilder sind: sie sind +das Einzige, was da ist, und sie wissen von sich nach Weise der +Bilder: -- Bilder, die vorüberschweben, ohne daß etwas sei, dem sie +vorüberschweben, die durch Bilder von den Bildern zusammenhängen, +Bilder ohne etwas in ihnen Abgebildetes, ohne Bedeutung und Zweck +.... Alle Realität verwandelt sich in einen wunderbaren Traum.« +Verzweifelnd sucht das Ich bei dem Geiste, von dem es diese Lehre +empfangen, irgend eine Hilfe und Rettung gegen dieses völlige +Versinken ins Nichts: es wird nur um so tiefer und erbarmungsloser in +dieses Nichts zurückgestoßen. »Du wolltest wissen von deinem Wissen. +Wunderst du dich, daß du auf deinem Wege auch nichts weiter erfuhrst, +als -- wovon du wissen wolltest, von deinem Wissen selbst; und +möchtest du, daß es anders sei? .. Alles Wissen aber ist nur +Abbildung, und es wird in ihm immer etwas gefordert, das dem Bilde +entspreche. ~Deine Forderung kann durch kein Wissen befriedigt +werden, und ein System des Wissens ist notwendig ein System bloßer +Bilder, ohne alle Realität, Bedeutung und Zweck~ .... Und das ist +denn das einzige Verdienst, das ich an dem Systeme, das wir soeben +mit einander gefunden, rühme: es zerstört und vernichtet den Irrtum. +Wahrheit geben kann es nicht; denn es ist in sich selbst absolut +leer. Nun suchst du denn doch etwas außer dem bloßen Bilde liegendes +Reelles -- mit deinem guten Rechte, wie ich wohl weiß -- und eine +andere Realität, als die soeben vernichtete .... Aber du würdest dich +vergebens bemühen, sie durch dein Wissen und aus deinem Wissen zu +erschaffen, und mit deiner Erkenntnis zu umfassen. Hast du kein +anderes Organ, sie zu ergreifen, so wirst du sie nimmer finden.« + +Denken wir uns Kleist als Leser dieser Sätze -- welchen Eindruck +mußte er von ihnen empfangen! Sein Schmerz, seine Verzweiflung +und Vernichtung wären jetzt völlig erklärt. In der Vorrede zur +»Bestimmung des Menschen« hatte sich Fichte einen Leser gewünscht, +der alles, was in der Schrift gesagt werde, nicht nur historisch +fasse, sondern der wirklich und in der Tat während des Lesens +mit sich selbst rede, hin und her überlege, Resultate ziehe, +Entschließungen fasse und durch eigene Arbeit und Nachdenken, wie +aus sich selbst, diejenige Denkart entwickle und sie in sich aufbaue, +deren bloßes Bild ihm im Buche vorgelegt werde. Wenn es irgend einen +Leser gab, der dazu bestimmt war, diese Forderungen bedingungslos zu +erfüllen, so war es Heinrich von Kleist. Er hat niemals einen +Gedanken, der ihm nahe trat, bloß historisch aufgenommen; er lebte in +den großen gedanklichen Entscheidungen, in die er die ganze Glut und +die ganze Kraft seiner Seele hineinlegte. Und er drang überall auf +unbedingte Wahrhaftigkeit: auf ein rücksichtsloses Entweder -- Oder. +Wenn wirklich das Wissen als solches absolut leer, wenn es ein +»System bloßer Bilder ohne alle Realität, Bedeutung und Zweck« war, +so hatte es für ihn jeglichen, auch nur relativen und mittelbaren +Wert, mit dem sich ein weniger aufs Unbedingte gestellter Geist hätte +begnügen und trösten können, verloren. »Ich habe mich zwingen wollen +zur Arbeit« -- so schreibt er an die Schwester -- -- »aber mich ekelt +vor allem, was Wissen heißt. Ich kann nicht einen Schritt tun, ohne +mir deutlich bewußt zu sein, wohin ich will?« -- Zwar war die +Vernichtung des Wissens bei Fichte selbst nicht das letzte Ergebnis, +mit dem er seine Schrift beschloß; zwar war hier, wie wir gesehen +haben, auf ein anderes geistiges »Organ« hingedeutet, kraft dessen +die Welt des Seins, die soeben durch die philosophische Reflexion +zerstört worden war, auf einer neuen Grundlage und mit neuen Mitteln +wieder aufgebaut werden sollte. Aber selbst wenn wir annehmen, +daß Kleist diesen weiteren Entwicklungen noch mit der gleichen +gedanklichen Intensität und Energie gefolgt ist, so begreifen wir +doch, daß sie ihm keine wahrhafte Beruhigung und Befriedigung zu +geben imstande waren. Die besondere Form und Eigenart von Fichtes +~Glaubensbegriff~, der hier als die letzte Lösung erschien, vermochte +er zweifellos nicht völlig zu durchschauen. Dieser Begriff ist in den +Darlegungen des Schlußteils der »Bestimmung des Menschen« noch nicht +zu wahrhafter Schärfe und Klarheit entwickelt: -- auch der moderne +Leser würde Mühe haben, ihn nach seiner Eigentümlichkeit zu würdigen, +wenn er nicht Fichtes spätere religionsphilosophischen Werke zum +Vergleich und zur Erläuterung heranziehen könnte. So mochte Kleist in +Fichtes Entscheidung, die die Frage dem Wissen entzog, um sie dem +»Glauben« zuzuweisen, nur eine Flucht in das religiöse Gefühl sehen, +die er als bloßes Kompromiß verschmähte und von sich wies. Gewiß: +sein Wunsch und seine Sehnsucht weisen auch ihn, nachdem er einmal +den Zusammenbruch des Wissens in sich erfahren hatte, oft genug +auf einen solchen Ausweg hin. »Ach, Wilhelmine,« so schreibt er +kurz darauf aus Dresden, indem er von seiner Teilnahme an einem +katholischen Gottesdienst erzählt -- »~unser~ Gottesdienst ist +keiner. Er spricht nur zu dem kalten Verstande, aber zu allen Sinnen +ein katholisches Fest. Mitten vor dem Altar, an seiner untersten +Stufe, kniete jedesmal, ganz isoliert von den andern, ein gemeiner +Mensch, das Haupt auf die höheren Stufen gebückt, betend mit +Inbrunst. Ihn quälte kein Zweifel, er ~glaubt~. -- Ich hatte eine +unbeschreibliche Sehnsucht mich neben ihm niederzuwerfen und zu +weinen. -- Ach, nur einen Tropfen Vergessenheit, und mit Wollust +wollte ich katholisch werden.« Aber der unbedingte Wahrheitssinn +und der unbedingte Wahrheitsmut, den Kleist bis zur inneren +Selbstvernichtung festhält, siegt immer wieder über jede derartige +Stimmung und Anwandlung. Auch als Wilhelmine ihn auf seinen ersten +Brief hin mit Gefühlsgründen zu trösten versuchte, weist er dies +ruhig und bestimmt von sich. Er weiß, daß der Konflikt, der auf dem +Boden des Denkens entstanden ist, auch auf eben diesem Boden gelöst +und zum Austrag gebracht werden muß. »Ich ehre dein Herz und deine +Bemühung mich zu beruhigen« -- so erwidert er -- »aber der Irrtum +liegt nicht im Herzen, er liegt im Verstande und nur der Verstand +kann ihn heben. -- -- Liebe Wilhelmine, ich bin durch mich selbst in +einen Irrtum verfallen, ich kann mich auch nur ~durch mich selbst~ +wieder heben.« Und in der Tat: welche innere Beruhigung hätte es +Kleist gewähren können, wenn die Lösung des Problems einfach vom +Gebiet des Wissens ins Gebiet des Glaubens verschoben wurde? Das +Verdikt über die Nichtigkeit des Wissens selbst blieb dem ungeachtet +in aller Schärfe bestehen. Auf das Wissen aber, auf die rein +theoretische Erkenntnis war der »Lebensplan« Kleists, wie er ihn +damals begriff, ausschließlich gestellt. Wenn dieses Wissen für das +höchste Ziel der menschlichen Bestimmung als unzulänglich erkannt +war, so hatte, so bedurfte er kein anderes Ziel mehr. Er warf es von +sich, da ihm sein wesentlicher Gehalt verloren war. Wir stehen hier +vor einem Prozeß, der nicht nur als ein äußerliches Schicksal Kleists +zu begreifen und zu beurteilen ist, sondern der tief in seinem +Charakter und seiner ganzen seelischen Grundrichtung wurzelt. Wir +finden hier die gleiche typische Form wieder, die allen großen +innerlichen Krisen im Leben Kleists eigentümlich ist. Wie hier vor +dem Wissen, so stand er später, als er nach jahrelangem Ringen den +»Guiscard« endgültig verworfen hatte, vor seinem dichterischen Beruf. +Und wie später, so kannte er hier keine Schranke, kein Begnügen mit +einem Mehr oder Weniger. »Ich habe in Paris -- so schreibt er -- mein +Werk, so weit es fertig war, durchlesen, verworfen und verbrannt; und +nun ist es aus. Der Himmel versagt mir den Ruhm, das größte der Güter +der Erde; ich werfe ihm, wie ein eigensinniges Kind, alle übrigen +hin.« Für eine Natur wie diese gab es im Denken so wenig wie im Leben +ein bloßes Kompromiß, gab es, wenn er über eine bestimmte Grenze des +Begreifens vorgedrungen war, kein Zurück mehr, wie zerstörend auch +die Folgen sein mochten, die er für sich selbst voraussah. -- + +Noch auf ein äußeres Moment kann hier zuletzt hingewiesen werden, +das immerhin im Ganzen unserer Betrachtung nicht ohne Bedeutung ist. +In dem ersten Brief an Wilhelmine berichtet Kleist, daß er sich in +seiner Verzweiflung über das Ergebnis, zu welchem er sich durch die +»Kantische Philosophie« hingeführt sah, zuerst seinem Freunde ~Rühle~ +mitgeteilt und anvertraut und daß dieser ihn auf einen vor kurzem +erschienenen Roman »Der Kettenträger« verwiesen habe. »Es herrscht +in diesem Buche -- so sagte er ihm -- eine sanfte freundliche +Philosophie, die Dich gewiß aussöhnen wird mit allem, worüber Du +zürnst«. »Es ist wahr -- so fährt Kleist in seiner Erzählung fort -- +er selbst hatte aus diesem Buche einige Gedanken geschöpft, die ihn +sichtbar ruhiger und weiser gemacht hatten. Ich faßte den Mut, diesen +Roman zu lesen. Die Rede war von Dingen, die meine Seele schon längst +selber bearbeitet hatte. Was darin gesagt ward, war von mir schon +längst im voraus widerlegt ... Und das soll die Nahrung sein für +meinen brennenden Durst?« Der sehr seltene »Kettenträger« ist mir +bisher leider nicht zugänglich gewesen: aber nach einem Referat, das +~Minde-Pouet~ in seiner Ausgabe von Kleists Briefen von ihm gegeben +hat, handelt es sich in ihm um einen »krausen, mit unmöglichen +Geister-, Zauber- und Liebesgeschichten durchsetzten Roman, der +dartun will, daß jedes Menschen Bestreben, sein Schicksal zu lenken, +fruchtlos sei, da wir unfrei und gebunden sind.« Und eine solche +Schrift konnte Rühle Kleist als Heilung gegen die Wirkung der Lektüre +der »Kritik der reinen Vernunft« empfehlen? Was in aller Welt hatte +die »freundliche Philosophie« dieses »Kettenträgers« mit der +Kantischen Erkenntniskritik, mit der transzendentalen Aesthetik und +der transzendentalen Analytik zu tun? Nimmt man dagegen an, daß +Kleist von Fichtes »Bestimmung des Menschen« herkam und daß er den +Inhalt und Gedankengang dieses Buches in großen Zügen vor Rühle +entwickelte -- so würde auch dieser Umstand sich klären. Denn wir +erinnern uns, daß alle Deduktionen Fichtes über Wert und Unwert der +Erkenntnis vom Problem der Willensfreiheit ihren Ausgang genommen +hatten. Um die Möglichkeit der menschlichen Freiheit zu retten, mußte +die Welt der Dinge in eine Welt der Bilder aufgelöst werden, die der +Verstand nach eigenen Gesetzen selbsttätig entwirft. Wie aber, wenn +man auf dieses Ziel verzichtete; -- wenn es einen Weg gab, sich mit +den Gedanken der Willensunfreiheit zu versöhnen und ihn in einem +milderen und freundlicheren Lichte erscheinen zu lassen? Dann fiel +-- so schien es -- mit dem Ziel auch das Mittel fort; dann konnte +die realistische Ansicht behauptet und mit ihr auch dem Wissen die +Rolle, ein Ausdruck der absoluten Wirklichkeit zu sein, erhalten +werden. Kleist freilich war bereits zu tief in den Kern des Problems +eingedrungen, als daß er sich mit einer derartigen Scheinlösung hätte +begnügen können. Immer tiefer grübelte er gerade in dieser Zeit nicht +nur der Möglichkeit des Wissens, sondern auch der Möglichkeit des +Wollens, der freien sittlichen Entscheidung nach. Und auch hier +sah er sich alsbald vor eine Grenze des Begreifens geführt. Wir +glauben frei zu sein -- aber ist nicht auch dieser Glaube eine +leere Illusion? Werden wir nicht hin- und hergetrieben von dem +unberechenbarsten Zufall, der täglich und stündlich in unser Geschick +eingreifen und ihm eine völlig neue Wendung geben kann? Als Kleist, +weil Ulrike ihm halb wider seinen Willen ihre Begleitung nach Paris +angeboten hat, gezwungen ist, Pässe für sich und die Schwester zu +fordern; als er, um diese Pässe zu erhalten, wissenschaftliche +Studien als Zweck der Reise angeben und sie zum Teil wirklich auf +sich nehmen muß, während er entschlossen war, der Wissenschaft auf +dieser Reise für immer zu entfliehen, da wird in ihm wieder die +Empfindung mächtig, wie das blinde Verhängnis mit dem Menschen +spielt. »Ach Wilhelmine -- so schreibt er -- wir dünken uns frei +und der Zufall führt uns allgewaltig an tausend feingesponnenen +Fäden fort. --« Auch in den Briefen von der Reise kehrt fort und fort +diese Reflexion und die Stimmung, die sie in ihm weckt, wieder. Mit +Recht hat man hier einen der frühesten wesentlichen Keime zu der +ersten tragischen Dichtung Kleists, zu der Konzeption der »Familie +Schroffenstein« gesehen.[2] Und auch weiterhin wurzelt die Tragik bei +Kleist in diesem seinen Grundgefühl. Was Goethe in seiner Straßburger +Rede von Shakespeare gesagt hat, daß alle seine Dichtungen sich um +den »geheimen Punkt« drehen, an dem die Eigentümlichkeit unseres Ich, +die prätendierte Freiheit unseres Willens, mit dem notwendigen Gang +des Ganzen zusammenstößt: das gilt auch für die Dichtung Kleists. Von +diesem »geheimen Punkt« aus lassen sich die Kleistschen Gestalten, +lassen sich Alkmene und Robert Guiscard, Penthesilea und Käthchen, +Kohlhaas und die Marquise von O ... erst wahrhaft deuten. Wenn +wirklich Fichtes Schrift es gewesen ist, die das Problem der +Willensfreiheit zuerst in seiner ganzen Schärfe und Klarheit +vor Kleist hingestellt hat, so ließe sich begreifen, daß sie +für Kleist von Anfang an mehr als eine abstrakte theoretische +Spekulation bedeuten mußte: denn die abstrakte begriffliche +Erörterung berührte hier in ihm selbst ein seelisches Motiv, das +für seine gesamte dichterische Gefühlsauffassung des Welt- und +Lebenszusammenhangs entscheidend war. -- + + [2] S. ~Otto Brahm~, Heinrich v. Kleist, Berlin, 1885, + S. 75 f. + + + + +2. + + +Wichtiger jedoch als die Frage, aus welcher ~Quelle~ Kleist seine +Kenntnis vom Lehrbegriff des transzendentalen Idealismus geschöpft +hat, ist die andere Frage, welche innere Wendung sich, unter dem +Einfluß dieses Lehrbegriffs, nunmehr in Kleist vollzieht und welche +Bedeutung die intellektuelle Krise, die er hier durchlebt hat, für +das Ganze seiner ~Künstlerschaft~ gewinnt. Und hier läßt sich -- so +paradox es zunächst erscheinen mag -- in der Tat behaupten, daß +Kleist in dieser Krise nicht nur zu einer neuen theoretischen +Weltansicht gelangt ist, sondern daß er erst in ihr und durch sie +seine künstlerische Grundrichtung wahrhaft begriffen hat. Das ist das +Eigentümliche in Kleists Entwicklung, was in dieser Form vielleicht +in der Lebensgeschichte keines anderen großen Dichters wiederkehrt, +daß es ein gedankliches Erlebnis ist, das gleichzeitig die produktiven +dichterischen Kräfte in ihm gelöst und befreit und das ihm selbst erst +zum vollen Bewußtsein dieser Kräfte verholfen hat. + +Die theoretische und ethische Lebensansicht des jungen Kleist ist +vor der entscheidenden Einwirkung des transzendentalen Idealismus +durch die Grundanschauungen des achtzehnten Jahrhunderts, durch die +Philosophie der deutschen Aufklärung bestimmt. Mit altkluger Weisheit +entwickelt der erste philosophische Aufsatz, den wir von Kleist +besitzen, seine Anweisung »den sicheren Weg des Glücks zu finden +und ungestört, auch unter den größten Drangsalen des Lebens, ihn +zu genießen,« diese Auffassung. Man hat schon in dieser Abhandlung +und in den Spekulationen über das Verhältnis von Glück und Tugend, +die sie enthält, Anklänge an Kant und Spuren einer ersten Lektüre +Kantischer Schriften zu finden geglaubt: -- aber im Ganzen ist die +unbedingte und unmittelbare Identität von Glück und Tugend, von +Glückseligkeit und Glückwürdigkeit, die hier gelehrt wird, den +ethischen Grundlehren Kants weit eher entgegengesetzt als verwandt. +Will man hier nach irgend einer literarischen Quelle und Anregung +suchen, so könnte sie nur in der durch Kant bekämpften und verdrängten +Popularphilosophie des achtzehnten Jahrhunderts oder aber in antiken, +insbesondere in stoischen Lehren gefunden werden. Reminiszenzen an +solche Lehren, an Ciceros oder Senecas moralphilosophische Schriften +sind in dem Aufsatz unverkennbar -- und auch sein Gesamtergebnis +fällt mit dem klassischen Resultat der stoischen Ethik, mit dem +Gemeinspruch, daß das wahre Glück keine ~Folge~ der Tugend, sondern +daß es vielmehr die Tugend ~selbst~ sei, zusammen. In jedem Fall +bedeutet dieser Aufsatz des Zweiundzwanzigjährigen kaum mehr als +eine verspätete Schulübung, die aber noch keinerlei Hinweis auf die +spätere originale Grundanschauung enthält. Auch die pädagogischen +Bildungsideale, die Kleist in den ~Briefen~ dieser Zeit entwickelt, +greifen über diesen Kreis nicht hinaus. Daß auch alle sittliche, +alle Persönlichkeits- und Charakterbildung im wesentlichen durch die +Aufklärung des Verstandes bedingt sei, gilt hier überall als feststehend. +Nur von einer derartigen Ansicht aus erklärt sich die Pedanterie, der +trockene Ernst und die abstrakte Gründlichkeit, mit denen Kleist in +seinen Briefen die »Fragen zu Denkübungen« für die Schwester und +für die Braut formuliert und sie unerbittlich bis zur vollständigen +befriedigenden Lösung durchnimmt. Ueberall herrscht die Ueberzeugung, +daß nur durch solche bewußte Arbeit des abstrakten Denkens der Mensch +zu seinem eigentümlichen, ihm wahrhaft zukommenden Wert emporgehoben +werden kann. »Welcher andern Herrschaft« -- so apostrophiert Kleist +die Schwester -- »bist du unterworfen, als allein der Herrschaft der +Vernunft? Aber dieser sollst du dich auch vollkommen unterwerfen. +~Etwas~ muß dem Menschen heilig sein. Uns beiden, denen es die +Zeremonien der Religion und die Vorschriften des konventionellen +Wohlstandes nicht sind, müssen um so mehr die Gesetze der Vernunft +heilig sein ... Wer sichert uns .. unser inneres Glück zu, wenn die +Vernunft es nicht tut?« Nur kraft der fortschreitenden Aufklärung des +Verstandes und der immer weitergehenden »Verdeutlichung« der Begriffe +vermag das Ich die Stelle, die ihm im großen Plan der Welt zugewiesen +ist, zu erkennen und zu erfüllen, -- vermag es weiterhin, sich über +sich selber zu einer höheren Stufe der Geistigkeit zu erheben. +»~Dich~, mein geliebtes Mädchen ~ausbilden~« -- so schreibt Kleist an +Wilhelmine, indem er ihr seinen Entschluß mitteilt, frei von jeder +äußeren amtlichen oder gesellschaftlichen Bindung zu leben, -- +»ist das nicht etwas Vortreffliches? Und dann, ~mich selbst~ auf +eine Stufe ~näher~ der Gottheit zu stellen -- -- o laß mich, laß +mich! Das Ziel ist gewiß hoch genug und erhaben, da gibt es gewiß +Stoff genug zum handeln -- und wenn ich auch auf dieser Erde nirgends +meinen Platz finden sollte, so finde ich vielleicht auf einem anderen +Sterne einen um so besseren.« + +In alledem ist nichts enthalten, was nicht Gemeingut der deutschen +Geistesbildung des achtzehnten Jahrhunderts gewesen wäre. Ueberall +klingt jene metaphysische Ansicht von der Stellung des Ich zur Welt +und zur Gottheit hindurch, die ihren vollendeten systematischen +Ausdruck in der Leibnizischen Monadologie gefunden hatte. Weit über +den Kreis der philosophischen Schulen hinaus hatte diese Ansicht +sich als wirksam erwiesen. Sie bildet für Lessings »Erziehung des +Menschengeschlechts« das eigentliche gedankliche Fundament, wie sie +andererseits in der dithyrambischen Jugendphilosophie Schillers, in +den Gedichten der »Anthologie« und in der »Theosophie des Julius« +fortwirkt. Alles, was wir das Sein, was wir die Wirklichkeit der +Dinge nennen, löst sich für die Betrachtung der Vernunft in ein +einziges Geisterreich auf, das nach Stufen intellektueller Klarheit +und Vollkommenheit geordnet ist. Aus dem Kelch dieses Geisterreiches +schäumt auch dem höchsten göttlichen Wesen erst seine wahrhafte +Unendlichkeit: es erkennt und weiß sich selbst, indem es sich in der +Fülle und Mannigfaltigkeit der »geschaffenen Geister« als ebensoviel +lebendigen Spiegeln seiner selbst beschaut. Das Universum bildet +einen einzigen großen ~Zweckzusammenhang~, der sich der menschlichen, +sinnlich-eingeschränkten und sinnlich-»verworrenen« Ansicht zwar +nur fragmentarisch und unvollkommen darstellt, der sich aber der +fortschreitenden Einsicht des Verstandes immer reiner und bestimmter +offenbart. Was wir von unserem beschränkten Standpunkt aus Mängel +der ~Welt~ zu nennen pflegen, das sind daher in Wahrheit nur Mängel +unserer ~Einsicht~ in die Welt und ihre teleologische Gesamteinheit. +Sie würden verschwinden, wenn wir es vermöchten, unser Auge -- ebenso +wie es Copernicus für seine Umbildung der gewöhnlichen kosmologischen +Ansicht gefordert hatte -- ganz in die Sonne, in das Licht der reinen +Vernunfterkenntnis zu stellen. ~Leibniz~ stellt es einmal als +Grundsatz dieses intellektualistischen Optimismus auf: daß die Dinge, +je mehr sie in ihre wahrhaften Grundelemente zerlegt werden, dem +Verstand um so mehr Genüge bieten. Die gleiche Grundüberzeugung gibt +auch der frühesten Philosophie des jungen Kleist ihr Gepräge. Die +wahre Fähigkeit des »Weisen« -- so führt der Aufsatz den sicheren Weg +des Glücks zu finden aus -- besteht darin, »Honig aus jeder Blume zu +saugen«; »er kennt den großen Kreislauf der Dinge, und freut sich +daher der Vernichtung, wie des Segens, weil er weiß, daß in ihr wieder +der Keim zu neueren und schöneren Bildungen liegt.« + +Auch durch den Einfluß ~Rousseaus~, den Kleist offenbar früh erfahren +hat, ist in seiner Gesamtansicht zunächst keine entscheidende +Aenderung eingetreten. Mit Berufung auf Rousseau kämpft er jetzt +gegenüber den einseitigen und konventionellen Forderungen des +Verstandes für die unveräußerlichen Rechte des Gefühls und des +Herzens -- aber die geistige Struktur seines Weltbildes und sein +intellektualistischer Unterbau werden dadurch nicht berührt. Dies +ist geschichtlich durchaus verständlich: denn Rousseaus Kritik des +Verstandes ist politisch und sozial, nicht aber erkenntnistheoretisch +und metaphysisch gerichtet. Sie wendet sich gegen willkürliche +gesellschaftliche Satzungen; -- aber es ist das Recht der »Natur«, +es ist das ursprüngliche Recht der »Vernunft« selbst, das sie gegen +diese Satzungen ins Feld führt. Auf der Grundlage der Vernunft soll +eine neue soziale Ordnung errichtet werden, wie andererseits die +innere Welt des Einzelnen von der Gebundenheit durch das religiöse +Dogma befreit werden und sich aus sich selbst heraus nach eigenem +Gesetz gestalten soll. Wenn Kleist, in seinem Würzburger Religionsbrief +an Wilhelmine ausführt, daß die Gottheit zwar das ~Tun~ des Menschen +in Anspruch nehmen, nicht aber gerechter Weise von ihm einen ~Glauben~ +an Dinge fordern könne, deren Erkenntnis sie selbst ihm ein für allemal +versagt habe --: so spricht aus der Gesamtheit dieser Betrachtungen +nicht nur die Kantische Religionsansicht, sondern es ist zugleich +das »Glaubensbekenntnis des savoyischen Vikars«, das hier ersichtlich +nachwirkt. Dieses Glaubensbekenntnis ordnet sich der Gesamtheit seiner +Weltbetrachtung lückenlos ein. Denn der Satz »_Le tout est bien_« gilt +für Rousseau, wie er für Leibniz gegolten hatte. Auch er glaubt an +einen durchgängigen teleologischen Grundplan der »Vorsehung«, den +die Vernunft seinem Bestand und seinen inhaltlichen Hauptzügen nach +zu erfassen vermag; auch er glaubt an die ursprüngliche, durch keine +»Erbsünde« befleckte Güte der menschlichen Natur -- und dieser +doppelte Glaube bildet die Voraussetzung, von der aus er die Enge und +Beschränktheit der gesellschaftlichen Kultur, der willkürlichen +menschlichen Satzungen bekämpft. + +Der transzendentale Idealismus bildet auch an diesem Punkte die +Grenzscheide der Zeiten und die Grenzscheide der Geister. Wie er +in theoretischer Hinsicht eine »Revolution der Denkart« in sich +schließt, so entzieht er auch dem praktisch-metaphysischen Begriff +der »Vollkommenheit«, der bisher die gemeinsame Grundlage der +philosophischen Systeme gebildet hatte, den Boden. Beide Leistungen +gehören in ihrer allgemeinen geistesgeschichtlichen Tendenz zusammen. +Der Kritik der theoretischen Erkenntnis entspricht die Kritik der +theoretischen Gottesbeweise, insbesondere des bekanntesten und +populärsten unter ihnen: des teleologischen Beweises. Das »Mißlingen +aller philosophischen Versuche in der Theodizee« ist damit ein für +allemal festgestellt. Die theoretische Vernunft kann sich mit ihren +Begriffen nicht mehr vermessen, ein Bild der »besten Welt« zu +entwerfen und dem Ich seine Stelle in dieser Welt anzuweisen. Diese +Konsequenz der kritischen Lehre ist Kleist freilich, als er mit den +Schriften Kants zuerst bekannt wurde, nicht sogleich zu deutlichem +Bewußtsein gekommen. Er entnimmt aus diesen Schriften -- aus der +»Anthropologie« und der »Religion innerhalb der Grenzen der bloßen +Vernunft« -- bezeichnender Weise zunächst diejenigen Lehrstücke, +in denen Kant eher als der Vollender, wie als der Zerstörer der +Aufklärungsphilosophie erscheinen konnte. Kants Lehre vom »praktischen +Vernunftglauben« und seine Abweisung aller transzendenten Begründung +der sittlichen Gebote schienen in dieser Richtung zu liegen. Aber in +dem Maße, als Kleist nun weiterhin -- gleichviel von welcher Seite her +und auf wessen Anregung hin -- zu dem eigentlichen originalen Sinn +und Gehalt des kritischen Idealismus vordrang, mußte auch die Kluft +zwischen dieser Lehre und seiner bisherigen Welt- und Lebensansicht +ihm deutlich werden. Was jetzt von ihm gefordert wurde, war der +Verzicht auf jene unmittelbare Einheit des Theoretischen und +Praktischen, des Denkzusammenhangs und des sittlichen Weltzusammenhangs, +die bisher die naive Voraussetzung all seines Denkens gebildet hatte. +Man begreift, wie diese Forderung, nachdem er sie einmal in ihrer +vollen Schärfe erfaßt hatte, Kleist aufs tiefste erschüttern mußte. +Denn nun war für ihn die moralische Begreiflichkeit der Welt überhaupt +aufgehoben. Die »Wahrheit«, die wir mit unserem Verstande theoretisch +einzusehen vermögen, hatte zum mindesten ihren universellen, ihren +~kosmischen Sinn~ eingebüßt. Die Struktur des Alls, der »Plan der +Vorsehung« bleibt für uns in undurchdringliches Dunkel gehüllt. Der +Geist, der über die Welt herrscht -- so schreibt Kleist später einmal +an Rühle -- kann im tiefsten Grunde seines Wesens kein böser Geist +sein; aber er ist und bleibt ein unbegriffener Geist. Die Last dieser +Unbegreiflichkeit hat Kleist von nun ab tiefer und tiefer empfunden. +Der traditionelle Optimismus seiner Jugendphilosophie wandelt sich +jetzt in die ihm eigene dichterische, in die eigentlich ~tragische~ +Weltanschauung. In allen seinen Dichtungen, in den Schroffensteinern +und im Kohlhaas, in der Penthesilea, in der Marquise von O ..., im +Erdbeben von Chili ist dieser neue Ton vernehmbar. Die Menschen bei +Kleist, die dichterischen Gestalten, in denen er sein eigenes Wesen +am tiefsten ausgeprägt hat, streben alle leidenschaftlich nach Klarheit; +-- sie ~fordern~ diese Klarheit als ihr sittliches Grundrecht. »Gott +der Gerechtigkeit« -- so ruft Sylvester in den »Schroffensteinern« +aus -- »Sprich deutlich mit dem Menschen, daß er 's weiß auch, was er +soll!« Aber dieser Ruf bleibt ungehört, Sylvester muß erfahren, daß +ein grausiger Zufall, ein sinnlos-tückisches Geschick mit ihm gespielt +hat: »'s ist abgetan, wenn ihr euch totschlagt, ist es ein Versehen!« +... Die Welt wird dem Menschen, der Mensch wird sich selbst zum Rätsel, +weil Gott es ihm geworden ist. Keine Anstrengung des Denkens vermag +dieses Rätsel zu entwirren: wir können nur versuchen, ins Unbewußte +hinabzugleiten und in ihm Vergessenheit zu finden, »Sonst waren die +Augenblicke« -- so schreibt Kleist in der Zeit der intellektuellen +Krise, im Mai 1801 -- »wo ich mich meiner selbst bewußt ward, meine +schönsten -- jetzt muß ich sie vermeiden, weil ich mich und meine +Lage fast nicht ohne Schaudern denken kann.« Aber dieses Bestreben, +ins Unbewußte unterzutauchen und in ihm vor den unlöslichen Widersprüchen +des Seins und des Denkens Rettung zu finden, bleibt bei Kleist von den +eigentlich ~romantischen~ Tendenzen nichtsdestoweniger klar geschieden. +Auch die Romantik verkündet die Lehre von der Irrationalität des Seins, +von der Ohnmacht des Denkens, die Wirklichkeit zu erfassen. Aber was +Kleist als einen harten Verzicht empfand, der ihn im Innersten +erschütterte: -- das bedeutet für sie nur die Gelegenheit, sich in +freier Ironie über die Welt der Dinge und ihre angebliche Notwendigkeit +zu erheben. Sie schwelgt in dem Gefühl der Unbegreiflichkeit des Seins, +sie sucht es auf und steigert es, -- weil sie darin erst der ganzen +Macht der künstlerischen Phantasie bewußt zu werden glaubt. Von +solchem ästhetischen Illusionismus ist Kleist weit entfernt. Was den +Romantikern nur die willkommene Handhabe zu einem überlegenen Spiel der +Einbildungskraft war: -- das führt ihn zu einem tragischen Zusammenbruch +seiner selbst und seiner inneren Welt. Es ist bezeichnend, daß die +Romantik, trotz aller theoretischen Bemühungen und Spekulationen über +die Tragödie, kein wahrhaft großes tragisches Kunstwerk geschaffen +hat. Sie liebte es auf die unergründliche Dialektik des Seins, auf +die »Lehre vom Gegensatz« hinzuweisen; aber sie hat eben durch diese +ihre ironisch-skeptische Gesamthaltung dem Gegensatz selbst seine +Schärfe und seinen tragischen Ernst genommen. Kleist hingegen ist +ganz erfüllt von diesem Ernst. Er sucht nicht die mystischen Schauer +des Unbegreiflichen, nicht das Ineinanderspielen und das Verschwimmen +aller Formen der äußeren und inneren Welt: sondern er stellt beide +Welten in klarem und scharfen Umriß gegeneinander, um darin freilich +ihre Unvereinbarkeit und Unversöhnlichkeit um so tiefer und leidvoller +zu empfinden. In diesem Verhältnis des Innern und Aeußern, in dieser +Stellung von »Seele« und »Welt«, liegt erst der abschließende Zug von +Kleists gedanklicher und dichterischer Gesamtansicht. Die romantische +Phantasie drängt dahin, nicht nur das objektive, sondern auch das +subjektive Sein aufzulösen; nicht nur die reale Bestimmtheit der Welt, +sondern auch die Bestimmtheit des Ich preiszugeben. Wie in einer +schwebenden und traumhaften Dämmerung gehen hier die Gestalten des +Außen und Innen, die Bilder des Seins und die Bilder des seelischen +Geschehens ineinander über. Die Bestimmtheit des Tragischen aber +fordert die volle Bestimmtheit des Ich, fordert die Einheit und +Geschlossenheit des Charakters und der Persönlichkeit. Diese +Geschlossenheit ist es, die der Dichtung Kleists ihre Eigenheit +gibt. Gegenüber aller Verwirrung des Weltlaufs, gegenüber aller +unbegriffenen und im letzten Grunde unbegreiflichen Gewalt des +Schicksals behauptet sich hier die ~innere~ Welt in ihrer Klarheit, +ihrer Reinheit und Sicherheit. In dieser Hinsicht stellen alle +dichterischen Gestalten Kleists den Kampf dar, den er selbst unablässig +gegen Welt und Schicksal geführt hat. Von ihnen allen gilt, was er +einmal von der Penthesilea gesagt hat: daß in ihr sein innerstes Wesen, +der ganze Schmerz zugleich und der ganze Glanz seiner Seele liege. Die +unbedingte und unbeirrbare Gewißheit des Gefühls, das sich niemals +völlig im Wirrsal des äußeren Geschehens verliert, sondern sich aus +diesem Chaos immer wieder in seinem eigenen unverbrüchlichen Gesetz +herstellt, gibt die durchgängige und einheitliche Richtung des +tragischen Grundprozesses bei Kleist. Auch der Erzähler Kleist +verweilt mit Vorliebe bei dieser Dialektik; bei diesem Gegensatz +zwischen der Verwirrung der äußeren und der unaufheblichen und +unzerstörbaren Ordnung der inneren Welt. Als ~Kohlhaas~ die letzte +Bestätigung des Unrechts, das ihm widerfahren ist, erhalten hat, da +zuckt in ihm »mitten durch den Schmerz die Welt in einer so ungeheuren +Unordnung zu erblicken, die innerliche Zufriedenheit empor, seine +eigene Brust nunmehr in Ordnung zu sehen«. Die tragische Rückwendung +aber liegt darin, daß er in dem Augenblick, da er dieser inneren +Ordnung äußere Geltung zu verschaffen sucht, wieder der Gewalt, dem +Unrecht und der unbegreiflichen Verkettung des Aeußeren verfällt. +Statt die Welt zu retten und einzurenken, verwirrt und vernichtet er +das eigene innere Sein. Sein Rechtgefühl, »das einer Goldwage glich« +wird jetzt zu einer »Schwärmerei krankhaftester und mißgeschaffener +Art«, die ihn und die Welt um ihn her zerstört. + +Von einer anderen Seite her erblicken wir den gleichen tragischen +Prozeß dort, wo er sich uns nicht im Tun, sondern im Leiden darstellt +-- wo die innere Welt, statt zu versuchen, ihre Regel dem äußeren +Sein und Geschehen aufzuprägen, sich rein in sich selbst zurückzieht +und sich damit in sich selbst herstellt. Wir legen diesen Gegensatz +nicht bloß durch eine äußerliche begriffliche Reflexion in die +dichterischen Gestalten Kleists hinein: sondern er selbst hat ihn +empfunden und mit überraschender Schärfe ausgesprochen. Vom Käthchen +von Heilbronn sagt er einmal, daß es die »Kehrseite der Penthesilea« +sei: ein Wesen, das eben so mächtig sei durch gänzliche Hingebung, +als jene durch Handeln. Und er wiederholt diese Aeußerung und gibt +ihr eine noch bestimmtere begrifflich-epigrammatische Zuspitzung +in einem Briefe an Collin: »wer das Käthchen liebt, dem kann die +Penthesilea nicht ganz unbegreiflich sein; sie gehören ja wie das ++ und - der Algebra zusammen und sind ein und dasselbe Wesen, nur unter +entgegengesetzten Bezeichnungen gedacht«. Diese Entgegensetzung ist +keine einmalige und zufällige, sondern sie geht durch die gesamte +Kleistische Dichtung hindurch. So gewinnt die Marquise von O ... bei +allem Unbegreiflichen, das sie umgibt, die innere Ruhe und Sicherheit +wieder, indem ihr Verstand, »stark genug, in ihrer sonderbaren +Lage nicht zu reißen, sich ganz unter der großen, heiligen und +unerklärlichen Einrichtung der Welt gefangen gibt«. Hierin erst +offenbart sich ihr wahrhaftes, rein innerlich gerichtetes Heldentum. +Und derselbe Zug ist es, der offenbar ein Grundmotiv für Kleists +Konzeption der Erzählung »der Zweikampf« gebildet hat. Den Stoff für +diese Novelle hat Kleist aus der Chronik Froissards geschöpft -- und +er hat ihn in der »Geschichte eines merkwürdigen Zweikampfs«, in +den »Berliner Abendblättern« in wesentlich unveränderter Gestalt +nacherzählt. Aber eigentliche dichterische Form gewann für ihn +dieser Stoff erst durch das neue Moment, das die Kleistische +Erzählung hinzubringt: durch die Kraft, mit der Littegarde das +Gefühl, das in ihrer Brust lebt, »wie einen Felsen emportürmt« und +es gegen Himmel und Erde, gegen den vernichtenden Schuldbeweis des +göttlichen Urteils selbst behauptet. Auch das Gottesurteil gewährt +keine zweifellose und sichere Antwort; sondern es wird, als Rekurs +auf ein äußeres Beweismittel, selbst in die Fragwürdigkeit und +Zweideutigkeit alles Aeußeren verstrickt. Aber indem, auch dieser +höchsten Macht und Autorität gegenüber, die innere Welt nicht an sich +selber irre wird, entdeckt sich ihr damit der wahrhafte Mittelpunkt +von dem aus sich nun die Klarheit über Inhalt und Sinn des Geschehens +wiederherstellt. Nicht dem Verstande, nicht der Abwägung der +»Beweisgründe«, gibt sich der unbegriffene Geist, der in der Welt +waltet, zu erkennen. »Wo liegt die Verpflichtung der höchsten +göttlichen Weisheit« -- so sagt Friedrich im >Zweikampf< zu Littegarde +-- »die Wahrheit, im Augenblick der glaubensvollen Anrufung selbst, +anzuzeigen und auszusprechen?« Die geheimnisvolle innere Ordnung +läßt sich durch kein zudringliches Fragen und Forschen enträtseln; +-- dem Menschen muß es genügen, wenn er, indem er sich unter sie +gefangen gibt, die Sicherheit des eigenen Selbst bewahrt. Auch +Alkmenes Gestalt und Alkmenes Geschick stellt sich für Kleist im +Lichte dieser Gesamtanschauung dar: -- und von ihr aus empfängt seine +Behandlung des Amphitryon-Stoffes erst ihr unverkennbar eigenes Gepräge, +gewinnt sie dasjenige, was Kleist von Molière scheidet und was den +Kleist'schen »Amphitryon« zum Werk eines großen ~tragischen~ Dichters +macht. + +Auch das Verhältnis Kleists zu ~Goethe~ und der Gegensatz zwischen +beiden läßt sich von diesem Punkt aus genauer verstehen. Wenn +Nietzsche sagt, daß Goethe sich von Kleist abgewandt habe, weil er an +ihm das Tragische, die »unheilbare Seite der Natur« empfand, während +er selbst »konziliant und heilbar« war, so ist in diesem Urteil nur +der Gegensatz selbst, nicht das geistige Motiv, aus dem er zuletzt +stammt, bezeichnet. Dieses Motiv liegt vielleicht darin, daß Goethe +nicht nur in der Zeit des vollendeten Klassizismus, sondern von den +ersten Anfängen seiner dichterischen Entwicklung an der Welt und der +»Natur« von einer ganz anderen Seite her naht, als Kleist. Ihm wird +die Welt im pantheistischen Naturgefühl des Lyrikers lebendig und von +innen her verständlich: -- und was dieses Gefühl ihm gegeben hat, das +wird ihm später in der Arbeit der wissenschaftlichen Forschung, in +der fortschreitenden Vertiefung der »_scientia intuitiva_« die er vom +Ganzen des Seins und Werdens erringt, Zug für Zug bestätigt. So +empfindet er alles, was ihm als Dichter oder als Forscher gelingt, +als die unmittelbare Bewährung jenes ersten Grundgefühls: als eine +»aus dem Innern am Aeußern sich entwickelnde Offenbarung, die den +Menschen seine Gottähnlichkeit erahnen läßt. Es ist eine Synthese +von Welt und Geist, welche von der ewigen Harmonie des Daseins die +seligste Versicherung gibt«. Und diese Harmonie des Goetheschen +Weltgefühls wird nun in der klassischen Zeit zu einer Forderung, zu +einem unbedingten Postulat der ästhetischen Theorie Goethes erhoben. +Die Kraft und Größe, wie die sachliche Schranke dieser Theorie liegt +in diesem Zusammenhang begründet. »Suchet in euch« -- so ruft Goethe +einmal den jungen Künstlern zu -- »so werdet ihr alles finden, +und erfreut euch, wenn da draußen, wie ihr es immer heißen möget, +eine Natur liegt, die Ja und Amen zu allem sagt, was ihr in euch +gefunden habt!« Eine solche Natur, ein »Draußen« zu finden, das +seiner inneren Forderung wahrhaft entsprochen hätte: dies bleibt +Kleist versagt. Er sieht, seit er auf die ersten unreifen Versuche +einer theoretischen Theodizee verzichtet hat, nur die unüberbrückbare +Kluft zwischen dem Gesetz der inneren und dem der äußeren Welt, +zwischen dem Gefühl und der »gebrechlichen Einrichtung der Welt«. +Denn was ihn fesselt, ist nicht das Bild der Natur, zu deren +Fülle und deren »großartiger Konsequenz« sich Goethe aus aller +Verworrenheit des menschlichen, des sozialen Seins immer wieder +geflüchtet hatte; sondern ihn bewegt von Anfang an das menschliche +Geschick in seiner Unbegreiflichkeit, in seiner Irrationalität und +seinem Widerspruch. Mit so vollendeter gegenständlicher Deutlichkeit +Kleist in seinen Briefen und seinen Erzählungen jeden Zug seiner +Menschen und jeden kleinsten Zug des objektiven Geschehens hervortreten +läßt, so sparsam, so verschlossen und kärglich ist er mit jedem +Ausdruck unmittelbarer lyrischer Naturempfindung. Wenn er einmal +-- wie im Erdbeben von Chili -- ein vollendetes landschaftliches +Gemälde schafft, so soll auch dies ihm nur einen augenblicklichen +lichten Hintergrund bilden, von dem sich die tragische Verwirrung +menschlicher Schicksale um so schärfer abhebt. Aber wenn Goethe sich +von diesem Kleistischen Bilde des Seins abwandte, -- wenn er in ihm +nur Hypochondrie und selbstquälerische Störung der »ewigen Harmonie +des Daseins« sah, so war dieses Urteil freilich einseitig und ungerecht; +denn es ahnte nichts von dem seelisch-geistigen Gesamtzusammenhange, +aus welchem die dichterische Welt Kleists herauswuchs und durch den +sie bestimmt bleibt. + +Wir betrachten indes hier diese Grundform der Kleistschen Dichtung +nur insoweit, als sich in ihr zugleich der fundamentale Wandel in +seiner theoretischen Grundanschauung widerspiegelt. Man begreift +jetzt, was die Erschütterung, die Kleist durch die Kantische +Philosophie erfahren hat, auch für seine dichterische Entwicklung +bedeuten mußte. Hier erst war er an dem einheitlichen Telos der Welt, +das seine erste jugendliche Philosophie noch unbekümmert vorausgesetzt +hatte, irre geworden: hier erst sah er sich, auch von der Seite der +theoretischen Reflexion her, zu jenem durchgängigen Dualismus geführt, +der bei ihm das tragische Grundmotiv bildet. Seine Gedankenwelt wird +erst jetzt zum adäquaten Ausdruck seiner ursprünglichen seelischen +Stimmungswelt. Auch seine Sprache und sein Stil gewinnen von nun ab +eine neue Prägung. Noch verwertet er in seinen Briefen, in den Bildern, +die er braucht, die Aufzeichnungen seines »Ideenmagazins«; aber die +bewußte verstandesmäßige Absichtlichkeit, mit der er zuvor versucht +hatte, wissenschaftlich-theoretisches Material in Material der Anschauung +und der bildenden Phantasie umzumünzen, tritt von jetzt ab mehr und +mehr zurück. In dem Maße, als das Gefühl sich des eigenen Gesetzes +und der eigenen Unergründlichkeit bewußt wird, gewinnt es auch seine +eigene Sprache und Ausdrucksform. Was Kleist erfahren hatte, schien +den völligen Zusammenbruch seiner intellektuellen Welt zu bedeuten: +aber aus ihm rang sich nun seine Gefühls- und Phantasiewelt erst +wahrhaft durch und stellte sich in ihrer Bestimmtheit und individuellen +Eigentümlichkeit in objektiven künstlerischen Gestalten dar. + + + + +3. + + +Ist Kleist nach der Epoche, in der er enttäuscht und verzweifelt +alles Wissen von sich warf, nochmals zu Kant und seinen Schriften +zurückgekehrt? Es gibt dafür, soviel ich sehe, keinen unmittelbaren +und zweifellosen Beweis; aber eine Reihe äußerer und innerer +Anzeichen deutet in der Tat darauf hin. Die Briefe Kleists werden +freilich in bezug auf allgemeine theoretische Fragen immer schweigsamer +und bieten immer geringeren Ertrag. Die breite Diskussion theoretischer +Einzelprobleme, die den ersten Jugendbriefen Kleists eigentümlich ist, +verschwindet in dem Maße, als Kleist sich mehr und mehr als Dichter +erkennt und die neuen künstlerischen Pläne und Aufgaben von ihm Besitz +nehmen. Immerhin zeigen seine kleineren Prosa-Aufsätze -- von denen +insbesondere die in Königsberg verfaßte Abhandlung »Ueber die allmähliche +Verfertigung der Gedanken beim Reden« auch ein wahrhaft theoretisches +Meister- und Kabinettstück ist, -- daß allgemein-psychologische und +philosophische Fragen ihn noch vielfach beschäftigen. Eine Stelle +des letzteren Aufsatzes, in der, unter Berufung auf Kant, auf die +Sokratische »maieutische« Kunst, auf die »Hebeammenkunst der Gedanken« +hingewiesen wird, zeigt, daß Kleist damals die kurz zuvor erschienenen, +von ~Rink~ herausgegebenen Kantischen Vorlesungen über Pädagogik gelesen +haben muß.[3] Später wird in einer Rezension der »Berliner Abendblätter« +eine Kantische, angeblich der »Kritik der Urteilskraft« entnommene +Aeußerung erwähnt, daß der menschliche Verstand und die Hand des +Menschen zwei auf notwendige Weise zueinander gehörige und aufeinander +berechnete Dinge seien. Reinhold ~Steig~ hat in seiner Ausgabe von +Kleists kleinen Schriften, dieser Stelle, die in der »Kritik der +Urteilskraft« tatsächlich nicht aufzufinden ist, die Kantische +Herkunft überhaupt absprechen wollen: -- in Wahrheit handelt es sich +jedoch um eine bekannte Aeußerung Kants in der Anthropologie, die +Kleist hier in freier Weise wiedergibt.[4] Das Zitat ist daher als +solches freilich irrig; aber schon dieser Irrtum spricht dafür, daß +Kleist die »Kritik der Urteilskraft« wirklich gekannt haben muß. Auch +aus seinem äußeren Lebensgang wird man es für sehr wahrscheinlich +halten müssen, daß er zur Kantischen Lehre im einzelnen und im ganzen, +noch oft zurückgeführt wurde. Der Kreis, in den er, im Jahre 1805, in +Königsberg eintrat, mußte für ihn eine solche Rückkehr fast unvermeidlich +machen. Kant selbst war im Jahre zuvor gestorben; aber noch lebten +diejenigen, die bis in sein höchstes Alter hinein, mit ihm in vertrautem +Verkehr gestanden und die seine Persönlichkeit und Lehre noch aus +unmittelbarer eigener Anschauung kannten. Mit dem Kriegsrat ~Scheffner~ +trat Kleist, wie in Scheffners Selbstbiographie berichtet wird, kurz +nach seiner Ankunft in Königsberg in näheren Verkehr; -- und sein +Studium der Staats- und Kommunalwissenschaften führte ihn dem Manne +zu, der von allen Freunden Kants das tiefste Verständnis für sein +geistiges Wesen und für das Ganze seiner Lehre besaß. Christian Jakob +~Kraus~ war von Kant selbst stets als eines der ersten spekulativen +Genies geschätzt worden; Kants Biographen berichten, daß er ihn an +Schärfe und Tiefe des Geistes mit Kepler zu vergleichen liebte. Nur +Kraus' peinliche Gründlichkeit und die bis zum Hypochondrischen +gesteigerte Gewissenhaftigkeit, mit der er alle seine Arbeiten immer +von neuem nachprüfte und umformte, ehe er sich zu ihrer Herausgabe +entschloß, haben ihn an der Abfassung größerer theoretischer Werke +gehindert und ihn schließlich ganz ins praktische Feld gedrängt. +Gewohnt auf intellektuellem Gebiet stets mit den höchsten Maßstäben +zu messen, war er für sich selbst mehr und mehr jener »Misologie« +verfallen, die Kant schon frühzeitig an ihm bemerkt und beklagt +hatte.[5] Immerhin wird man annehmen dürfen, daß Kleist aus den +Vorlesungen eines solchen Lehrers auch manche tiefere und allgemeinere +intellektuelle Anregung empfangen hat. Auch zu dem Manne, der jetzt in +Königsberg den philosophischen Lehrstuhl Kants inne hatte, war Kleist, +kurz nachdem er dort eingetroffen, in nahe Beziehungen getreten. Durch +eine eigentümliche Verkettung der Umstände fand er in ~Traugott Wilh. +Krug~ den Gatten seiner früheren Verlobten, Wilhelminens v. Zenge; -- +und nach Ueberwindung der ersten Befangenheit kam es zwischen ihm +und dem Krug'schen Hause bald zu einem täglichen vertrauten Verkehr. +Daß hierbei zwischen Kleist und Krug auch philosophische Fragen zur +Sprache kamen und daß Kleist dadurch mehr als bisher in die Einzelheiten +der Kantischen Lehre eingeführt wurde, darf man vielleicht vermuten. +Denn Krug war zwar in keiner Hinsicht ein selbständiger und schöpferischer +Denker; aber er war immerhin ein getreuer Hüter des Kantischen geistigen +Erbguts, das er festzuhalten und als Ganzes gegenüber den Spekulationen +der Nachfolger zu behaupten suchte. + + [3] Vgl. die Bemerk. von ~Reinhold Steig~ in seiner Ausgabe + der Kleistschen Prosaschriften: Kleists Werke, hg. v. + Erich Schmidt, Bd. IV, 80 u. 249. + + [4] Kants Anthropologie, Akad.-Ausg., VII, 323 vgl. R. + ~Steig~, a. a. O. S. 129 u. 260 f. + + [5] Kant an Marcus Herz, 4. Februar 1779. + +Bedeutsamer freilich als alle diese Erwägungen, die sich nur auf +äußere Beziehungen stützen und die daher lediglich hypothetischen +Wert besitzen, sind alle jene Momente, die in Kleists ~Schriften~ +auf ein näheres Verhältnis zur Philosophie und insbesondere zur +idealistischen Lehre hinweisen. Daß er der Entwicklung dieser Lehre +gefolgt ist, ja daß er in sie mit einer eigenen und originalen +gedanklichen Wendung eingegriffen hat: dafür enthalten namentlich +Kleists spätere Abhandlungen aus den »Berliner Abendblättern« +mancherlei Belege. »Du schreibst mir« -- so heißt es z. B. in dem +bekannten »Brief eines Malers an seinen Sohn« -- »daß du eine +Madonna malst und daß dein Gefühl dir, für die Vollendung dieses +Werkes, so unrein und körperlich dünkt, daß du jedesmal, bevor du +zum Pinsel greifst, das Abendmahl nehmen möchtest, um es zu heiligen. +Laß dir von deinem alten Vater sagen, daß dies eine falsche, dir +von der Schule, aus der du herstammst anklebende Begeisterung ist ... +Der Mensch, um dir ein Beispiel zu geben, das in die Augen springt, +gewiß, er ist ein erhabenes Geschöpf; und gleichwohl in dem Augenblick, +da man ihn macht, ist es nicht nötig, daß man dies mit vieler Heiligkeit +bedenke. Ja derjenige, der das Abendmahl darauf nähme, und mit dem +bloßen Vorsatz ans Werk ginge, ~seinen Begriff davon in der Sinnenwelt +zu konstruieren~, würde unfehlbar ein äußerliches und gebrechliches +Wesen hervorbringen; dagegen derjenige, der in einer heitern Sommernacht +ein Mädchen ohne weitere Gedanken küßt, zweifelsohne einen Jungen zur +Welt bringt, der nachher auf rüstige Weise zwischen Erde und Himmel +herumklettert und den Philosophen zu schaffen gibt.« Hier ist neben dem +Spott über eine verfehlte Tendenz in der bildenden Kunst die ironische +Wendung gegen ~Fichtes~ Philosophie unverkennbar; wie denn in der Abwehr +des Versuchs »den Begriff vom Menschen in der Sinnenwelt konstruieren« +zu wollen, sogar die Fichte'sche ~Terminologie~, in parodistischer +Nachahmung, sich vernehmen läßt. Bestimmter und in einem weit +positiveren Sinne tritt sodann der Zusammenhang mit der gleichzeitigen +Philosophie zutage, wenn Kleist, in der gedanklich-tiefsten und +originellsten Abhandlung, die er geschaffen, in dem Aufsatz »Ueber das +Marionettentheater« seine eigene ästhetische Grundansicht entwickelt. Es +sind Motive und Grundzüge der Kantischen und der Fichte-Schellingschen +Philosophie, die hier überall die latente Voraussetzung bilden und denen +Kleist freilich in der Anwendung auf das ästhetische Sonderproblem, das +ihn beschäftigt, eine neue Bedeutung und eine überraschende Konsequenz +abgewinnt.[6] Kants »Analytik des Schönen«, wie sie sich in der »Kritik +der Urteilskraft« darstellt, findet ihren letzten Abschluß in der Lehre +vom Genie. Das »Genie« ist für die transzendentale Kritik der Ausdruck +der ästhetischen Gesetzlichkeit selbst. In ihm herrscht nicht Willkür, +sondern die höchste Regel; aber eine Regel, die nicht in der Reflexion +und im abgezogenen Wissen, sondern nur im Schaffen selbst hervortritt. +Es waltet unbewußt gleich der Natur selbst -- während das, was es +hervorbringt, doch ein in jedem kleinsten Teile zweckvolles Ganze ist +und daher als Werk der höchsten künstlerischen »Absicht« erscheint. Es +herrscht in ihm eine eigene ~Notwendigkeit~ -- aber diese Notwendigkeit +wird sofort zerstört, sobald wir versuchen, sie in die Form des +~Begriffs~ zu bringen und sie in abstrakt-allgemeinen Vorschriften +auszusprechen. So treten in ihm Individualität und Allgemeingültigkeit, +Freiheit und Notwendigkeit, Bewußtes und Unbewußtes in ein durchaus +neues Verhältnis. Die Lehre, die Kant hier in methodischer Absicht +aufstellt, um die transzendentale Eigengesetzlichkeit des Schönen und +der Kunst von der Gesetzlichkeit der Erkenntnis und des Willens kritisch +abzugrenzen, wird für Schelling sodann zum eigentlichen Anfangs- und +Endpunkt, zum A und O der idealistischen Spekulation. Er verknüpft sie +mit dem Gedanken der »produktiven Einbildungskraft«, aus dem heraus +Fichte den Gegensatz von »Ich« und »Nicht-Ich« zu deduzieren und in all +seiner Bestimmtheit genetisch zu entwickeln versucht hatte. Auch das, +was wir das Sein, was wir die Welt der Dinge nennen, entsteht uns nach +Fichte nur in einer unbewußten Schöpfertätigkeit. Diese Tätigkeit ist +notwendig, sofern sie in unbedingten Gesetzen der Intelligenz gegründet +ist und jegliche Einmischung der Willkür, die nur im eingeschränkten +empirischen Ich ihre Stelle hat, schlechterdings ausschließt: -- aber +sie ist zugleich im höchsten Sinne als frei zu bezeichnen, da es nur +das eigene ursprüngliche Wesen der Intelligenz ist, das sich in ihr +ausprägt. In einer gesetzlichen Stufenfolge entsteht auf diese Weise für +das Ich der Inhalt seiner Empfindungswelt, entstehen die Formen von Raum +und Zeit, entsteht die Welt der Körper, als der materiellen Objekte und +die Mannigfaltigkeit der empirisch-psychologischen Subjekte. Fichte +selbst hatte bereits -- wenngleich nur in einem gelegentlichen Aperçu +-- von diesem Punkte aus eine Brücke zur ästhetischen Spekulation +zu schlagen versucht. Die Eigenart der Kunst -- so spricht es eine +Bemerkung im »System der Sittenlehre« aus --[7] besteht darin, daß sie +»den transzendentalen Standpunkt zum gemeinen« (d. h. zum natürlichen) +macht. In der Kunst ist das, was auf dem Gebiete der Theorie und +der begrifflichen Erkenntnis, auf dem Gebiet der eigentlichen +Wissenschaftslehre, das eigentliche ~Problem~ bildet, unmittelbar +aufgedeckt und aufgelöst. Die Eigentümlichkeit des ~theoretischen~ Ich, +die die Wissenschaftslehre als solche zu begreifen und die sie als +notwendig einzusehen sucht, besteht darin, daß sich ihm sein unbewußtes +~Produzieren~ in das fertige ~Produkt~ einer Welt verwandelt: in ein +Produkt, das uns, so lange die transzendentale Reflexion uns noch nicht +über seinen Ursprung aufgeklärt hat, als ein absolut selbständiges und +fremdartiges Sein erscheinen muß. In der Kunst hingegen stellen wir zwar +gleichfalls eine Welt der Anschauung objektiv vor uns hin: aber dies +geschieht derart, daß wir sie dabei zugleich als die unsere, als ein +Werk der produktiven Einbildungskraft wissen. Und von hier führt nun +unmittelbar der Weg zu jener spekulativen Umgestaltung des Geniebegriffs +weiter, die wir in Schellings »System des transzendentalen Idealismus« +vollzogen sehen. Die genetische Methode des Schellingschen Idealismus +zeigt uns, wie die »Natur« sich stufenweise zum »Geist« entfaltet, wie +das »Unbewußte« zum »Bewußtsein« sich emporringt. Aber nachdem nun +dieser Gesamtprozeß durchlaufen ist, stellt sich auf der obersten Stufe +des Geistes selbst wieder eine eigentümliche Rückwendung ein. Die +höchste geistige Tätigkeit erhebt sich ebenso hoch über das bloß +reflektierende Bewußtsein, wie dieses reflektierende Bewußtsein sich +über die bewußtlose Natur erhob. Das Ende des Prozesses kehrt zum +Anfang zurück: das Schaffen des Genies steht, als unbewußtes, wieder +der Natur gleich, während es sich als vollendeter Ausdruck des +spezifisch-geistigen Tuns von ihr zugleich charakteristisch +unterscheidet. -- + + [6] Die nahen Beziehungen, die zwischen dem spekulativen + Grundgedanken des Aufsatzes über das Marionettentheater + und der romantisch-idealistischen Philosophie bestehen, + sind in der interessanten und gehaltvollen Schrift von + ~Hanna Hellmann~ über Kleist (H. v. Kleist, Darstellung + des Problems, Heidelberg 1911) eingehend dargelegt worden. + Als Vertreter dieser romantischen Philosophie wird jedoch + hier im wesentlichen nur ~Schelling~, ~Novalis~ und + ~Friedrich Schlegel~ genannt, während ~Fichte~, auf dessen + Wissenschaftslehre doch auch Novalis' und Schlegels + Spekulationen durchweg basieren, fast völlig übergangen + wird. Was den Versuch betrifft, den Grundgedanken des + Aufsatzes über das Marionettentheater als das Symbol zu + erweisen, aus dem auch die ~Dichtung~ Kleists durchgängig + zu verstehen und zu deuten sei, und die »drei Stufen vom + Schema des Marionettentheaters« im Amphitryon, in der + Penthesilea, im Käthchen und im Prinzen von Homburg + wiederzufinden, so gestehe ich freilich, daß ich von ihm + nicht überzeugt worden bin. Daß Kleist »Metaphysiker« + gewesen ist, wie es nur je ein Dichter war, scheint mir + durch Hanna Hellmanns Darstellung nicht erwiesen: zum + mindesten handelt es sich hier um eine »Metaphysik«, die + selbst so rein künstlerischer Art ist, daß sie sich in + die Grundbegriffe und Grundgegensätze der romantischen + Philosophie (wie in den Gegensatz des »Ideellen« und + »Reellen«) nicht ohne Zwang einfügen läßt. + + [7] ~Fichte~, Sämtl. Werke hg. von J. H. Fichte, IV, 353. + +Von diesen allgemeinen Prämissen aus begreift man erst ganz die +besondere These, die Kleists Aufsatz über das Marionettentheater +durchführt. Auch Kleist scheidet das Wesen der künstlerischen Tätigkeit +scharf und bestimmt von allem begrifflichen, allem bloß reflektierenden +Bewußtsein. Dieses letztere wirkt freilich, so lange wir uns gleichsam +in der ~Mitte~ des ästhetischen Gebiets halten, so lange wir das +künstlerische Durchschnittstalent und seine Leistung betrachten, überall +als Faktor mit. Aber weit entfernt, den eigentlichen Gehalt der +künstlerischen Leistung zu begründen, greift es in sie vielmehr störend +und verwirrend ein. Alle echte künstlerische »Grazie« beruht auf der +Naivität, beruht also auf dem Ausschluß der Reflexion. Wir müssen +unter oder über ihr stehen, wir müssen die Reflexion entweder noch nicht +erreicht oder sie wieder hinter uns gelassen haben, um der höchsten +ästhetischen Forderung zu genügen. Das mechanisch-unbewußte Tun und die +höchste geistige Spontaneität, -- die Marionette und das Genie, sind in +dieser Hinsicht für uns Ausprägungen ein und derselben Wahrheit. In dem +Maße, als in der organischen Welt die Reflexion dunkler und schwächer +wird, tritt die Grazie darin immer strahlender und herrschender hervor. +»Doch so wie sich der Durchschnitt zweier Linien, auf der einen Seite +eines Punkts, nach dem Durchgang durch das Unendliche plötzlich wieder +auf der andern Seite einfindet, oder das Bild des Hohlspiegels, nachdem +es sich in das Unendliche entfernt hat, plötzlich wieder dicht vor uns +tritt: so findet sich auch, wenn die Erkenntnis durch ein Unendliches +gegangen ist, die Grazie wieder ein; so daß sie zu gleicher Zeit in +demjenigen menschlichen Körperbau am reinsten erscheint, der entweder +gar keins oder ein unendliches Bewußtsein hat; d. h. in dem Gliedermann +oder in dem Gott.« Hier liegt der Punkt, wo die beiden Enden der +ringförmigen Welt ineinander greifen. Wir müssen vorwärts, wir müssen +die ganze Bahn der Erkenntnis durchmessen, um zuletzt wieder in den +Stand der Unschuld zurückzukehren. »Das Paradies ist verriegelt und der +Cherub hinter uns; wir müssen die Reise um die Welt machen, und sehen, +ob es vielleicht von hinten irgendwo wieder offen ist«. -- + +Freilich mußte sich in eben dieser epigrammatischen Wendung für Kleist +wiederum das Unbefriedigende zeigen, das jeder bloß dialektischen +Bezeichnung und Lösung der fundamentalen geistigen Probleme anhaftet. +Die Antithese zur Reflexion, die hier aufgestellt ist, gehört selber +noch ganz dem Gebiet und den Mitteln der Reflexion an. Ueber dies Gebiet +scheinen wir uns erst wahrhaft erheben zu können, indem wir die Frage +vom Denken in das Tun verlegen. Immer bestimmter nimmt Kleist, von dem +Augenblick an, als die großen politischen Aufgaben der Zeit ihn +ergreifen, diese Richtung. An die Stelle des Grübelns und Spekulierens, +an die Stelle der theoretischen Besinnung über allgemeine Ziele und +Aufgaben, soll das entschlossene, auf das nächste praktische Ziel +gerichtete Handeln treten. Hier wenn irgendwo muß die eigentliche Lösung +der Konflikte des Daseins gesucht werden. Immer wieder wird in den +»Berliner Abendblättern« dieses Thema variiert: es findet sich ebenso +in den »Betrachtungen über den Weltlauf«, wie in der Paradoxe »von der +Ueberlegung«, in der parodistischen Aufstellung eines »allerneusten +Erziehungsplans« wie in der Betrachtung über »Wissen, Schaffen, +Zerstören, Erhalten« wieder.[8] Im Tun allein liegt die Rettung; das +Tun aber kann nicht warten, bis das Wissen mit seinen Erwägungen und +Bedenken zu Ende gelangt ist. Es muß glauben und wagen; es muß in den +Gang der Dinge eingreifen, unbekümmert darum, ob sich die Wirkung und +der Erfolg dieses Eingreifens im voraus ~berechnen~ läßt. Das aber ist +eben das Grundübel der Deutschen, daß sie dieses unmittelbar befreiende +Tun mehr und mehr verlernt haben. Ihr Verstand hat -- wie es im +»Katechismus der Deutschen« heißt --, durch einige scharfsinnige Lehrer +einen Ueberreiz bekommen; sie reflektieren, wo sie empfinden oder +handeln sollten. Daß auch diese Bemerkung Kleists -- so befremdlich dies +vielleicht auf den ersten Blick erscheinen mag -- in erster Linie auf +~Fichte~ zielt, kann kaum zweifelhaft sein; es wird durch die Epigramme, +die Kleist im »Phoebus« gegen den »Pädagogen« Fichte und seinen Plan +einer neuen Nationalerziehung gerichtet hat, unmittelbar bestätigt. Alle +»Pädagogik« erschien Kleist jetzt nur noch wie ein beschwerlicher Umweg. +Der Mensch braucht nicht erst durch eine ausgeklügelte Erziehung +»gebildet«, er braucht nicht durch irgendwelches philosophische System, +das doch stets von fragwürdigem Wert bleibt, künstlich gemodelt zu +sein: es genügt, ihm die Bahn des entschlossenen Handelns zu weisen +und ihn alsdann getrost den eigenen Kräften zu überlassen. Auf welch +schwankender Grundlage stünde auch das Gebäude des menschlichen Glückes +und die Zukunft des menschlichen Geschlechts, wenn es auf der Wahrheit +irgendwelcher abstrakter Theorien beruhte! »Wie mißlich würde es mit der +Sittlichkeit aussehen, wenn sie kein tieferes Fundament hätte, als das +sogenannte gute Beispiel eines Vaters oder einer Mutter, und die platten +Ermahnungen eines Hofmeisters oder einer französischen Mamsell. -- Aber +das Kind ist kein Wachs, das sich in eines Menschen Händen zu einer +beliebigen Gestalt kneten läßt: es lebt, es ist frei; es trägt ein +unabhängiges und eigentümliches Vermögen der Entwicklung und ein Muster +aller innerlichen Gestaltung in sich.« Man sieht, bis zu welchem Grade +Kleist, der einst selbst ein so fanatischer Pädagoge gewesen war, jetzt +allen Theorien gram geworden ist, sofern sie beanspruchen, den Vorrang +vor dem Leben und Tun zu besitzen und beides nach ihrem Muster zu +bilden. Daher bot ihm auch die so energische und aktive Richtung der +Fichteschen Lehre kein Genüge. Fichtes System wollte im eigentlichen und +radikalen Sinne Philosophie der Tat sein, aber es schien eben darum die +Tat wieder durch die Philosophie zu ersetzen; es schien das Reflektieren +über das Tun zum Ausgangspunkt und zur Bedingung des Tuns selbst zu +machen. Der Politiker Kleist war es, der sich jetzt gegen diese +Forderung des Theoretikers einer nationalen Politik wandte. Nehmen wir +übrigens an, daß Kleist schon früher mit Fichte bekannt geworden war -- +daß die »Bestimmung des Menschen« es gewesen war, die einst in ihm die +entscheidende geistige Krise hervorgerufen hatte, so würde dadurch auch +auf seine spätere Haltung gegen Fichte neues Licht fallen. Er hätte dann +an sich selbst die zerstörende Kraft erfahren, die der theoretische +Radikalismus besitzt, wenn er unmittelbar ins Leben eingreift und die +Gesamtrichtung des Lebens zu bestimmen sucht: -- und aus diesem Erlebnis +heraus wandte er sich nun immer energischer gegen die bloße Spekulation +und verwies ihr gegenüber, auf den unmittelbaren praktischen Entschluß +und die praktische Tat als einziges Heilmittel. + + [8] Vgl. Reinh. ~Steigs~ Ausg. der Kleist'schen Prosaschriften; + Werke hg. von Erich Schmidt, IV, S. 163, 180, 182, 210, + 265, 276. + +Aber eben die nationalen und politischen Tendenzen, die Kleist jetzt +ganz erfüllten, scheinen ihm nun auf der andern Seite ein neues +Verständnis für die Ethik ~Kants~ und für ihren entscheidenden +Grundgedanken: für die Gleichsetzung von ~Autonomie und Freiheit~ +eröffnet zu haben. Für diese letzte eingreifende Wandlung, die Kleists +Verhältnis zu Kant erfahren zu haben scheint, läßt sich freilich aus den +Briefen Kleists kein unmittelbares Zeugnis anführen. Aber die ~Dichtung~ +Kleists spricht hier eine um so deutlichere und überzeugendere Sprache. +Nur wer den Stil und Charakter dieser Dichtung völlig verkennt, könnte +freilich daran denken ihr irgendwelche allgemeine philosophische »Ideen« +unterlegen und sie aus ihnen »erklären« zu wollen. Aber wie der »Prinz +von Homburg« verglichen mit Kleists früheren dramatischen Werken, mit +dem Guiscard und den Schroffensteinern, mit Käthchen und Penthesilea, +einen völlig eigenen und neuen Stimmungsgehalt besitzt -- so spricht +sich in ihm unverkennbar auch eine neue ~geistige~ Gesamthaltung aus. +Die tragische Problematik selbst hat sich hier vertieft und erweitert. +Auch die Tragik des Prinzen von Homburg geht, wie die aller Kleistischen +Gestalten, auf die »Verwirrung des Gefühls« zurück, die er in sich +erlebt. In dem Augenblick, in dem er sich im höchsten Triumphgefühl des +Sieges und in leidenschaftlicher Liebe und Hingebung dem Kurfürsten +naht, sieht er sich von diesem zurückgestoßen -- sieht er sich der +starren und fühllosen Strenge des Gesetzes überantwortet. Vergebens +versucht er, in der Unterredung mit Hohenzollern, dem Unbegreiflichen +den Glauben zu versagen, -- versucht er, den Tatsachen zum Trotz, sich +auf sein innerstes Gefühl vom Kurfürsten zurückzuziehen: im Anblick des +offenen Grabes bricht die Selbstgewißheit dieses Gefühls zusammen. Und +nun ist alles andere, was seinem Leben Wert und Gehalt gab, zugleich +vernichtet. Es ist ein tragisches Paradoxon, aber ein Moment von +höchster psychologischer Wahrheit und Kraft, daß in diesem Augenblick, +in welchem er allen ideellen Gehalt des Daseins versinken sieht, das +Gefühl des Daseins selbst, der bloße Lebenstrieb als solcher in ihm um +so mächtiger hervorbricht. Er klammert sich an die nackte Existenz, als +das einzige, was ihm geblieben ist; er begehrt nur noch das Leben, ohne +Inhalt und Zweck, im Kreis herumzujagen, bis es am Abend niedersinkt und +stirbt. Denn noch begreift er die Macht, die ihm gegenübersteht, nur +als eine ~physische~ Macht, der er seinen ungebrochenen und unbedingten +physischen Lebenswillen entgegenstellt. Der Brief des Kurfürsten erst +bringt die Peripetie. In dem Moment, da der Prinz sich selber zur +Entscheidung aufgerufen fühlt, ist diese Entscheidung bereits gefallen. +Denn jetzt naht ihm sein Geschick nicht mehr als ein dunkler Zwang, +gegen den er sich mit allen Kräften des individuellen Seins und der +individuellen Empfindung zur Wehr setzt. Er versteht die Gewalt, der +er unterliegt; und dieses Verständnis ist mit ihrer freien Anerkennung +gleichbedeutend. In dem Gegensatz zwischen Ich und Welt, wie er sich +sonst in der Dichtung Kleists darstellte und entfaltete, ist jetzt ein +neues Motiv zur Geltung gelangt. Den Kleist'schen Helden war, gleichviel +ob sie diesen Gegensatz leidend oder tätig auffaßten, ob sie sich gegen +die »Einrichtung der Welt« leidenschaftlich erhoben oder sich ihr +unterwarfen, dennoch der eine Zug gemeinsam: daß sie sich der Welt als +einem durch und durch Rätselvollen und Irrationalen gegenüber fanden. +Sie konnten sich ihr mit ihrem Verstand gefangen geben und sich ihr in +schweigender Duldung unterordnen; aber der unbedingten Klarheit und +Sicherheit des Innern blieb doch stets das Aeußere, blieben Schicksal +und Welt als dumpfe und unbegriffene Mächte, die den Menschen bestimmen, +gegenüberstehen. Im Prinzen von Homburg aber stellt sich ein neues +Verhältnis der Grundmomente her, aus denen der tragische Gegensatz +und die tragische Entscheidung hervorwachsen. Auch hier steht die +individuelle Welt des Gefühls gegen eine »objektive« Macht; aber diese +Macht gehört selbst einer anderen Ordnung, als bisher, an. Es ist nicht +die Objektivität des Seins und Geschehens, sondern die des Sollens, die +den einzelnen bestimmt und bindet. Diese Objektivität aber kann nicht +anders überwunden werden, als indem das Individuum sie frei anerkennt +und sie damit in ihrem wahrhaft notwendigen Grunde begreift. »Des +Gesetzes strenge Fessel bindet nur den Sklavensinn, der es verschmäht«: +wo die Forderung, die an den Willen des Individuums ergeht, in diesen +Willen selbst aufgenommen wird, da hat sie ihre äußerliche zwingende +Gewalt verloren. + +Und nicht nur im Prinzen von Homburg selbst, sondern auch im +Kurfürsten vollzieht sich eine analoge, wenngleich entgegengerichtete +Entwicklung: und aus dem Gegeneinander dieser beiden inneren +Bewegungen geht erst der eigentliche dramatische Grundprozeß hervor. +Wie der Kurfürst zuerst dem Prinzen gegenübertritt, -- da ist er +nichts anderes als der Hüter und der Vollstrecker des objektiven +Gesetzeswillens. Nur von dem reinen Inhalt des Gesetzes selbst, nur +von seiner unbedingten und unbeugsamen Forderung ist die Rede; -- +nicht von dem Subjekt, an welches die Forderung ergeht. Nun aber, +in dem Gespräch mit Natalie, offenbart sich mit einem Male, wie in +dieser rein-sachlichen Haltung, in diesem Richterspruch, der ohne +Ansehen der ~Person~ ergeht, auch der Anspruch und das tiefere Recht +der freien ~Persönlichkeit~ verletzt ist. Und von dieser Einsicht +erfährt nun auch die so geschlossene und festgefügte Welt des +Kurfürsten eine innere Erschütterung. »Verwirrt« und »im äußersten +Erstaunen« hört er den Bericht Nataliens an. In diesem Moment +begreift und fühlt er, wie die Aufgabe des Rechts erst zur Hälfte +erfüllt ist, wenn nur die objektiv rechtliche Ordnung als solche +hergestellt und ihrem Gebot genügt wird. Wie er den Sieg verwarf, den +Zufall und Willkür ihm errungen haben, so verwirft er jetzt auch eine +Form des Rechtsspruchs, die auf Willkür gegründet scheint, weil sie +sich an den passiven Gehorsam, statt an die eigene Einsicht und an +das subjektive Gefühl des Rechts selbst wendet. Hier erfaßt er die +neue Aufgabe, die er von jetzt ab sich selbst und dem Prinzen +gegenüber durchführt. Der eigentlich sittliche, nicht der physische +Vollzug des Gesetzes liegt nicht in der tatsächlichen Vollstreckung +des Urteilsspruches; er gehört nicht der Welt des Geschehens und +Daseins, sondern der Welt des ~Bewußtseins~ an. Sobald im Bewußtsein +des Prinzen die klare und sichere Entscheidung gefallen ist, bedarf +es keiner weiteren rechtlichen Zurüstungen mehr: denn nur aus dem +Mittelpunkt des ~Willens~ und der freien Persönlichkeit geht der +wahrhafte, der eigentlich gesicherte Bestand der Gesetzesordnung +selbst hervor. + +Zwischen dem Kurfürsten und dem Prinzen aber steht Kottwitz, -- und +für ihn freilich gilt jene dialektisch-dramatische Entwicklung nicht, +die sich in beiden vollzieht. Denn er ist ganz aus einem Guß: er +ist am Anfang, was er am Ende ist. Für ihn gibt es keinen Gegensatz +zwischen dem, was sein Gefühl, was sein Herz und dem, was das Gesetz +ihm gebietet: denn was er als seine Pflicht erkennt, das ist zugleich +der Inhalt seiner Liebe und seiner freien Hingabe. So stellt sich +hier, in der unmittelbar-konkreten Einheit der Persönlichkeit, +die wahrhafte Synthese zwischen der objektiven Notwendigkeit des +Pflichtgebots und dem Recht der freien Subjektivität her. Das Gesetz +stellt die allgemeine Regel des Handelns auf; aber die Anwendung +dieser Regel, die letzte Entscheidung darüber, was sie im gegebenen +einzelnen Fall erheischt, kann nur aus der Kraft und aus der +Selbstverantwortung des Individuums heraus erfolgen. Kein bloßes +Schema, keine ein für allemal feststehende Schablone kann das Ich +dieser ursprünglichen selbstverantwortlichen Entschließung entheben. +Die Szene, in der Kottwitz vor dem Kurfürsten diese Grundanschauung +verteidigt, ist ganz individuell, ganz dramatisch gestaltet; -- +sie entspringt aus der konkreten Anschauung der Situation und der +besonderen Charaktere. Aber nichtsdestoweniger gewinnt diese Szene +zugleich eine allgemeine ideelle Prägung. Die Rechtfertigung des +Prinzen und seiner Tat geht wie von selbst in die Darlegung jenes +»spitzfindigen Lehrbegriffs der Freiheit« über, den Kottwitz nun vor +dem Kurfürsten entfaltet. Von neuem zeigt sich darin, wie stark und +einheitlich das dramatische Grundthema des »Prinzen von Homburg« in +den mannigfachsten Variationen durch alle besonderen Gestalten +hindurchwirkt: + + »Willst du das Heer, das glühend an dir hängt, + Zu einem Werkzeug machen, gleich dem Schwerte + Das tot in deinem goldnen Gürtel ruht? + Der ärmste Geist, der in den Sternen fremd, + Zuerst solch eine Lehre gab! Die schlechte, + Kurzsicht'ge Staatskunst, die, um eines Falles, + Da die Empfindung sich verderblich zeigt, + Zehn andere vergißt, im Lauf der Dinge, + Da die Empfindung einzig retten kann! + Schütt' ich mein Blut dir, an dem Tag der Schlacht, + Für Sold, sei's Geld, sei's Ehre, in den Staub? + Behüte Gott, dazu ist es zu gut! + Was! meine Lust hab', meine Freude ich, + Frei und für mich, im stillen, unabhängig, + An deiner Trefflichkeit und Herrlichkeit, + Am Ruhm und Wachstum deines großen Namens! + Das ist der Lohn, dem sich mein Herz verkauft!« + +Worte dieser Art, die ganz aus der unmittelbaren leidenschaftlichen +Empfindung hervorquellen, wird man gewiß nicht als bloße dramatische +Umschreibung irgendwelcher abstrakten »philosophischen« Grundüberzeugungen +deuten wollen. Und doch ist unverkennbar, daß Kleist jetzt, mitten in +der Reinheit der künstlerischen Gestaltung, zugleich in einer neuen +~Gedankenwelt~ steht, die ihn bestimmt und bewegt. Der Name Kants drängt +sich hier unwillkürlich auf. Denn wer außer Kant hatte in dieser Schärfe +und Klarheit den Gegensatz zwischen »Willen« und »Willkür«, zwischen den +wechselnden Antrieben des »subjektiven« Affekts und der Objektivität +und Notwendigkeit des allgemeinen und allgemeingültigen Gesetzes +verkündet? Es braucht hier kaum der besonderen Hinweise: denn es handelt +sich hier um das einheitliche immer wiederkehrende intellektuelle Motiv, +aus dem das Ganze der Kantischen Ethik hervorgegangen ist. »Verstand, +Witz und Urteilskraft« -- so heißt es in der »Grundlegung zur Metaphysik +der Sitten« -- »und wie die Talente des Geistes sonst heißen mögen, oder +Mut, Entschlossenheit, Beharrlichkeit im Vorsatze, als Eigenschaften +des ~Temperaments~, sind ohne Zweifel in mancher Absicht gut und +wünschenswert; aber sie können auch äußerst böse und schädlich werden, +wenn der Wille, der von diesen Naturgesetzen Gebrauch machen soll und +dessen eigentümliche Beschaffenheit darum ~Charakter~ heißt, nicht +gut ist.« Dieser sittliche Grundwert des »Charakters« kann nur im +Widerstreit zu dem Spiel der Affekte und Gefühle gewonnen werden, die, +so edel, so erhaben sie sich auch dünken mögen, sich doch zuletzt als +bloße »Anwandlungen« und »Aufwallungen« ohne dauernde und fortwirkende +Kraft erweisen. Von hier aus nimmt Kant den Kampf gegen die Willkür, den +Ueberschwang und die Schwärmerei jeder bloßen Gefühlsbestimmung auf, +durch den er -- wie ~Goethe~ geurteilt hat -- die Moral, die vor ihm +schlaff und knechtisch geworden war, wieder in ihrer übersinnlichen +Bedeutung aufrichtete und die Epoche von der Weichlichkeit zurückbrachte, +in die sie versunken war.[9] »Das ist noch nicht die echte moralische +Maxime unseres Verhaltens, die unserem Standpunkte unter vernünftigen +Wesen, als Menschen, angemessen ist, wenn wir uns anmaßen, gleichsam als +Volontäre, uns mit stolzer Einbildung über den Gedanken von Pflicht +hinwegzusetzen und als vom Gebote unabhängig bloß aus eigener Lust das +tun zu wollen, wozu für uns kein Gebot nötig wäre. Wir stehen unter +einer ~Disziplin~ der Vernunft und müssen in allen unseren Maximen der +Unterwürfigkeit unter derselben nicht vergessen, ihr nichts zu entziehen +oder dem Ansehen des Gesetzes (ob es gleich unsere eigene Vernunft +gibt) durch eigenliebigen Wahn dadurch etwas abkürzen, daß wir den +Bestimmungsgrund unseres Willens, wenngleich dem Gesetze gemäß, doch +worin anders, als im Gesetz selbst und in der Achtung für dieses +Gesetz setzten.« Hier ist das Moment bezeichnet, das für Kant, +nach der ~psychologischen~ Seite hin, als die eigentliche Lösung der +grundlegenden Antithese zwischen der Objektivität und Unbedingtheit +des reinen Gesetzes und den subjektiven, menschlichen Triebfedern des +Handelns erscheint. Die Achtung vor dem Gesetz gehört selbst der Sphäre +des Gefühls an: aber sie ist kein »pathologisches« sondern ein rein +»praktisches« Gefühl. Sie geht nicht aus der sinnlichen Rezeptivität, +sondern allein und ausschließlich aus der intellektuellen und sittlichen +Spontaneität hervor. Kraft dieses ihres Ursprungs geht sie niemals auf +~Sachen~, sondern jederzeit nur auf ~Personen~. Und in diesem ethischen +Grundbegriff der Person entdeckt Kant nun das neue Korrelat zum reinen +Gesetzesbegriff: ein Korrelat, kraft dessen dieser selbst erst seinen +vollen Gehalt und seine spezifische Eigenart gewinnt. Im Prinzip der +Autonomie des Handelns geht der Gedanke des Selbst mit dem Gedanken des +Gesetzes in eins zusammen. »Der Mensch und überhaupt jedes vernünftige +Wesen existiert als Zweck an sich selbst, nicht bloß als Mittel zum +beliebigen Gebrauche für diesen oder jenen Willen ... Der praktische +Imperativ wird also folgender sein: handle so, daß du die Menschheit +sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit +zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.« + + [9] Goethe zu Kanzler v. Müller. 29. April 1818. + +Vergegenwärtigt man sich diesen allgemeinen gedanklichen Umriß der +Kantischen Ethik und stellt man ihm die dichterische Anschauungs- und +Stimmungswelt des »Prinzen von Homburg« gegenüber, so treten die +feinen und tiefen Beziehungen, die zwischen beiden obwalten, sogleich +zutage. Es bedarf hier keiner ins einzelne gehenden Parallelisierung: +ja gerade eine solche würde das wahre geistige Verhältnis nur +unzureichend und oberflächlich bezeichnen. Denn der »Prinz von +Homburg« ist ebensowenig als irgend ein anderes Kleistisches Werk, +ein Thesenstück. Die Dialektik, die in ihm wirksam ist, ist durch und +durch dramatische Dialektik, die nicht von Tendenzen und Ideen, +sondern von Gestalten und Charakteren ausgeht. Aber eben in der Art, +wie Kleist jetzt seine Menschen und ihre inneren Gegensätze sieht, +prägt sich ein neuer Zug, eine veränderte Stellung zu der Gesamtheit +der Lebensprobleme und der großen Lebensentscheidungen aus. Wir +glauben zu erkennen, wie die Kantische Lehre bei dieser inneren +Wandlung mitgewirkt hat; -- aber freilich hat hierbei ihre eigene +Grundform eine bezeichnende Umgestaltung erfahren. Auf der Grundlage +des Kantischen Pflichtbegriffs erwächst bei Kleist, im Zusammenhang +mit den Antrieben der Zeit und mit seinen eigenen politischen +Wünschen und Forderungen, eine neue konkrete Form des Allgemeinen: +die Allgemeinheit eines neuen nationalen und eines neuen Staatsgefühls. + +So glauben wir zu sehen, wie das, was Kleist mit Kant verbindet und +was ihn von Kant trennt, nicht auf einen einzelnen Moment seines +Lebens beschränkt bleibt, sondern wie dieses Verhältnis der Anziehung +und Abstoßung in allen Lebensphasen, wenngleich in verschiedener +Stärke und Deutlichkeit, wiederkehrt. Noch einmal tritt hier deutlich +hervor, was Kants Philosophie, nicht als schulmäßiges System, sondern +als unmittelbar lebendige geistige Macht für ihre Zeit bedeutet hat. +Man hat von Kleist gesagt, daß er sich von den »Klassikern« der +deutschen Literatur, von Goethe, Schiller, Herder dadurch unterscheide, +daß diese nicht nur als Künstler, sondern auch als vorbildliche Typen +gewirkt hätten, die uns auf ein gemeinsames ideales Ziel der Bildung +hinweisen. »Kleist gehört gar nicht zu den Förderern dieser dauernden +Renaissance als ein Mann, der nie den Göttern der Vergangenheit oder +der Gegenwart gedient, der nie eine Erziehungstendenz oder eine +Humanitätsidee vertreten hat.«[10] In der Tat wird man den eigentlichen +Maßstab für Kleist, für sein Wesen und seine Dichtung immer nur seiner +Individualität selbst, nicht der allgemeinen Entwicklung der deutschen +Geistes- und Bildungsgeschichte entnehmen können. Das Gesetz und die +innere Norm seiner Künstlerschaft steht dieser großen Entwicklungslinie +als ein Eigenes und Selbständiges gegenüber. Auch wenn man versucht hat, +das Ganze von Kleists Dichtung aus dem »metaphysischen« Lebensgefühl, +das in ihm wirksam war, zu begreifen und abzuleiten, so ist doch das +Gefühl, auf das man hier hinzielt, so eigener Art und gehört so rein +und völlig der Sphäre des Künstlers an, daß es sich sofort zu verdunkeln +und zu verwirren scheint, wenn man versucht, es in die abstrakte +Begriffssprache, in die Kategorien und Termini der systematischen +Philosophie zu übersetzen. Aber gerade weil Kleist in dieser Weise +abseits steht, empfindet man um so stärker die Beziehungen, die +nichtsdestoweniger zwischen ihm und der großen intellektuellen Bewegung +der Zeit bestehen. Für die tiefe Wirkung, die insbesondere die Kantische +Lehre in allen geistigen Lebenskreisen geübt hat, ist gerade die Kraft, +mit der sie auch in das Leben und Schaffen dieses Einsamen eingegriffen +hat, der ihr eher zu widerstreben, als sie zu suchen schien, ein +überzeugender Beweis. + + [10] ~Eloesser~, Kleists Leben, Werke und Briefe + (Tempel-Verlag) S. 272. + + + + + VERLAG VON REUTHER & REICHARD IN BERLIN W. 35. + + + Von den + #Philosophischen Vorträgen#, + veröffentlicht von der #Kantgesellschaft#, + sind bis jetzt erschienen: + + + Heft 1/2. #Das Realitätsproblem# von Dr. #Max Frischeisen-Köhler#, + Prof. a. d. Univ. Halle a. S. Mk. 2.--. + + Heft 3. #Denkmittel der Mathematik im Dienste der exakten + Darstellung erkenntniskritischer Probleme# von Dr. #Fr. + Kuntze#, Priv.-Doz. a. d. Univ. Berlin. Mk. 1.--. + + Heft 4. #Einleitung in die Grundfragen der Ästhetik# von + Ober-Generalarzt Prof. Dr. #Berth. von Kern#. Mk. 1.--. + + Heft 5. #Über Platos Ideenlehre# von Dr. #Paul Natorp#, ord. Prof. + a. d. Univ. Marburg. Mk. 1.--. + + Heft 6. #Religion und Kulturwerte# von Dr. #Jonas Cohn#, Prof. + a. d. Univ. Freiburg i. Br. Mk. 1.--. + + Heft 7. #Zur Logik der Geschichtswissenschaft# von Dr. #Kurt + Sternberg#. Mk. 1.20. + + Heft 8. #Über das Eigentümliche des deutschen Geistes# von + Dr. #Hermann Cohen#, ord. Prof. a. d. Univ. Marburg. + 2. und 3. Auflage. Mk. --.80. + + Heft 9. #Die religiöse Erfahrung als philosophisches Problem# + von Dr. #Konstantin Österreich#, Prof. a. d. Universität + Tübingen. Mk. 1.--. + + Heft 10. #Der Geltungswert der Metaphysik# von Dr. #Arthur Liebert#, + stellv. Geschäftsführer d. Kantgesellschaft. Mk. 1.--. + + Heft 11. #Was heisst Hegelianismus?# Von #Georg Lasson#, Pastor in + Berlin. Mk. --.80. + + Heft 12. #Das Problem der historischen Zeit# von Dr. #Georg Simmel#, + Prof. a. d. Univ. Straßburg. Mk. --.80. + + Heft 13. #Machtverhältnis und Machtmoral# von Dr. phil. #Alfred + Vierkandt#, Prof. a. d. Univ. Berlin. Mk. 1.60. + + Heft 14. #Individualismus, Universalismus, Personalismus# von + Dr. phil. #Ottmar Dittrich#, Prof. a. d. Univ. Leipzig. + Mk. 1.--. + + Heft 15. #Wechselseitige Erhellung der Künste# von Dr. #Oskar + Walzel#, Geh. Hofrat, Prof. a. d. Technischen Hochschule + in Dresden. Mk. 2.40. + + Heft 16. #Das Verhältnis der Logik zur Mengenlehre# von Geh. + Medizinal-Rat Prof. Dr. #Theodor Ziehen#, o. ö. Professor + a. d. Universität Halle. Mk. 2.--. + + Heft 17. #Die Gegenständlichkeit des Kunstwerks# von Dr. phil. + #Emil Utitz#, Prof. a. d. Univ. Rostock. Mk. 2.--. + + Heft 18. #Über den Zufall# von D. Dr. #Adolf Lasson#, weil. + Professor an der Universität Berlin. 2. Auflage. + Mk. 2.--. + + Heft 19. #Neubegründung der Ethik aus ihrem Verhältnis zu den + besonderen Gemeinschaftswissenschaften# von Professor + Dr. #Albert Görland#. Mk. 2.--. + + Heft 20. #Grundgedanken der personalistischen Philosophie# von + Dr. #William Stern#, Professor am Allgemeinen + Vorlesungswesen in Hamburg. Mk. 2.--. + + Heft 21. #Hermann Cohens philosophische Leistung unter dem + Gesichtspunkte des Systems# von #Paul Natorp#, Professor + an der Universität Marburg. Mk. 1.40. + + Heft 22. #Heinrich von Kleist und die Kantische Philosophie# von + #Ernst Cassirer#, Prof. a. d. Universität Berlin. + Mk. 2.--. + + + Buchdruckerei von Max Dietrich, Berlin W. 50. + + + + +[Liste der vorgenommenen Änderungen: + + erbracht worden wäre. Denn das tradionelle Schlagwort von dem + erbracht worden wäre. Denn das traditionelle Schlagwort von dem + + war die fragwürdige Relativität aller Dinge, war die eisige Skepsis, + »war die fragwürdige Relativität aller Dinge, war die eisige Skepsis, + + gelehrt? Man mag allerfalls, obwohl äußerst ungenau und irreführend, + gelehrt? Man mag allenfalls, obwohl äußerst ungenau und irreführend, + + Schriften, mit der gleichen unerschütterlichen Sicherheit behaupet + Schriften, mit der gleichen unerschütterlichen Sicherheit behauptet + + Kritik der reinen Vernunft: die Frage, wie synthetische Urteile + »Kritik der reinen Vernunft«: die Frage, wie synthetische Urteile + + als die Kritik der reinen Vernunft namhaft machen ließe, aus welchem + als die »Kritik der reinen Vernunft« namhaft machen ließe, aus welchem + + das »Ich«, mit dem er seine Zwiesprache hält -- nimmst du zunächst + das »Ich«, mit dem er seine Zwiesprache hält -- »nimmst du zunächst + + -- nun wird dir vollkommen klar sein, wie etwas, das doch aus dir + -- »nun wird dir vollkommen klar sein, wie etwas, das doch aus dir + + zur Arbeit« -- so schreibt er an die Schwester -- -- aber mich ekelt + zur Arbeit« -- so schreibt er an die Schwester -- -- »aber mich ekelt + + von Kleist hingestellt hat, so ließe sich begreifen, daß sie + vor Kleist hingestellt hat, so ließe sich begreifen, daß sie + + die Schwester -- bist du unterworfen, als allein der Herrschaft der + die Schwester -- »bist du unterworfen, als allein der Herrschaft der + + ist das nicht etwas Vortreffliches? Und dann, ~mich selbst~ auf + »ist das nicht etwas Vortreffliches? Und dann, ~mich selbst~ auf + + nur fragmentarisch und unvollkomemn darstellt, der sich aber der + nur fragmentarisch und unvollkommen darstellt, der sich aber der + + Die traditionelle Optimismus seiner Jugendphilosophie wandelt sich + Der traditionelle Optimismus seiner Jugendphilosophie wandelt sich + + Krise, im Mai 1801 -- wo ich mich meiner selbst bewußt ward, meine + Krise, im Mai 1801 -- »wo ich mich meiner selbst bewußt ward, meine + + göttlichen Weisheit -- so sagt Friedrich im >Zweikampf< zu Littegarde + göttlichen Weisheit« -- so sagt Friedrich im >Zweikampf< zu Littegarde + + -- die Wahrheit, im Augenblick der glaubensvollen Anrufung selbst, + -- »die Wahrheit, im Augenblick der glaubensvollen Anrufung selbst, + + in diesem Zusammenhang begründet. »Suchet in euch -- so ruft Goethe + in diesem Zusammenhang begründet. »Suchet in euch« -- so ruft Goethe + + jetzt, was die Erschütterung, die Kleist durch die kantische + jetzt, was die Erschütterung, die Kleist durch die Kantische + + der völlige Zusammenbruch seiner intellektuellen Welt zu bedeuten: + den völligen Zusammenbruch seiner intellektuellen Welt zu bedeuten: + + [4] Kants AnthropologIe, Akad.-Ausg., VII, 323 vgl. R. + [4] Kants Anthropologie, Akad.-Ausg., VII, 323 vgl. R. + + bekannten »Brief eines Malers an seinen Sohn« -- daß du eine + bekannten »Brief eines Malers an seinen Sohn« -- »daß du eine + + ihn beschäftigt, eine neue Bedeuutng und eine überraschende Konsequenz + ihn beschäftigt, eine neue Bedeutung und eine überraschende Konsequenz + + [7] ~Fichte~, Sämtl. Werke hg. von J, H. Fichte, IV, 353. + [7] ~Fichte~, Sämtl. Werke hg. von J. H. Fichte, IV, 353. + + Naivität, beruht also auf den Ausschluß der Reflexion. Wir müssen + Naivität, beruht also auf dem Ausschluß der Reflexion. Wir müssen + + oder in dem Gott. Hier liegt der Punkt, wo die beiden Enden der + oder in dem Gott.« Hier liegt der Punkt, wo die beiden Enden der + + Witz und Urteilskraft -- so heißt es in der »Grundlegung zur Metaphysik + Witz und Urteilskraft« -- so heißt es in der »Grundlegung zur Metaphysik + + der Sitten« -- und wie die Talente des Geistes sonst heißen mögen, oder + der Sitten« -- »und wie die Talente des Geistes sonst heißen mögen, oder + + besonderen Gemeinschaftswlssenschaften# von Professor + besonderen Gemeinschaftswissenschaften# von Professor + + Dr. #Albert Görland#. M. 2.--. + Dr. #Albert Görland#. Mk. 2.--. + + Vorlesungswesen in Hamburg. M. 2.--. + Vorlesungswesen in Hamburg. Mk. 2.--. + + an der Universität Marburg. M. 1.40. + an der Universität Marburg. Mk. 1.40. + + M. 2.--. + Mk. 2.--. +] + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Heinrich von Kleist und die Kantische +Philosophie, by Ernst Cassirer + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HEINRICH VON KLEIST--KANTISCHE *** + +***** This file should be named 31276-8.txt or 31276-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/1/2/7/31276/ + +Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau, Alexander Bauer +and the Online Distributed Proofreading Team at +https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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