diff options
Diffstat (limited to '31294-0.txt')
| -rw-r--r-- | 31294-0.txt | 14297 |
1 files changed, 14297 insertions, 0 deletions
diff --git a/31294-0.txt b/31294-0.txt new file mode 100644 index 0000000..a1dfed6 --- /dev/null +++ b/31294-0.txt @@ -0,0 +1,14297 @@ +The Project Gutenberg EBook of Ein Kampf um Rom. Erster Band by Felix Dahn + + + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no +restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under +the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or +online at http://www.gutenberg.org/license + + + +Title: Ein Kampf um Rom. Erster Band + +Author: Felix Dahn + +Release Date: February 16, 2010 [Ebook #31294] + +Language: German + +Character set encoding: UTF‐8 + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN KAMPF UM ROM. ERSTER BAND*** + + + + + + Ein Kampf um Rom. + + Historischer Roman + + von + + Felix Dahn. + + + + _Motto:_ + »Wenn etwas ist, gewalt’ger als das Schicksal + So ist’s der Mut, der’s unerschüttert trägt« + _Geibel._ + + + +Erster Band. + +48. Auflage. + +Leipzig, +Druck und Verlag von Breitkopf und Härtel. +1906. + + + + + + Alle Rechte, + insbesondere auch das der Übersetzung, vorbehalten. + + + + + + Meinem + + lieben Freund und Kollegen + + Ludwig Friedländer + + zu eigen. + + + + + + INHALT + + +Vorwort. +Erstes Buch. Theoderich. + Erstes Kapitel. + Zweites Kapitel. + Drittes Kapitel. + Viertes Kapitel. + Fünftes Kapitel. + Sechstes Kapitel. + Siebentes Kapitel. +Zweites Buch. Athalarich. + Erstes Kapitel. + Zweites Kapitel. + Drittes Kapitel. + Viertes Kapitel. + Fünftes Kapitel. + Sechstes Kapitel. + Siebentes Kapitel. + Achtes Kapitel. + Neuntes Kapitel. + Zehntes Kapitel. + Elftes Kapitel. +Drittes Buch. Amalaswintha. + Erstes Kapitel. + Zweites Kapitel. + Drittes Kapitel. + Viertes Kapitel. + Fünftes Kapitel. + Sechstes Kapitel. + Siebentes Kapitel. + Achtes Kapitel. + Neuntes Kapitel. + Zehntes Kapitel. + Elftes Kapitel. + Zwölftes Kapitel. + Dreizehntes Kapitel. + Vierzehntes Kapitel. + Fünfzehntes Kapitel. + Sechzehntes Kapitel. + Siebzehntes Kapitel. + Achtzehntes Kapitel. + Neunzehntes Kapitel. + Zwanzigstes Kapitel. + Einundzwanzigstes Kapitel. + Zweiundzwanzigstes Kapitel. + Dreiundzwanzigstes Kapitel. + Vierundzwanzigstes Kapitel. + Fünfundzwanzigstes Kapitel. +Viertes Buch. Theodahad. + Erstes Kapitel. + Zweites Kapitel. + Drittes Kapitel. + Viertes Kapitel. + Fünftes Kapitel. + Sechstes Kapitel. + Siebentes Kapitel. + Achtes Kapitel. + Neuntes Kapitel. + Zehntes Kapitel. + Elftes Kapitel. + Zwölftes Kapitel. + Dreizehntes Kapitel. + Vierzehntes Kapitel. +Bemerkungen zur Textgestalt + + + + + + VORWORT. + + +Die wissenschaftlichen Grundlagen dieser in Gestalt eines Romans +gekleideten Bilder aus dem sechsten Jahrhundert enthalten meine in +folgenden Werken niedergelegten Forschungen: + +Die Könige der Germanen. II. III. IV. Band. München und Würzburg +1862–1866. + +Prokopius von Cäsarea. Ein Beitrag zur Historiographie der Völkerwanderung +und des sinkenden Römertums. Berlin 1865. + +Aus diesen Darstellungen mag der Leser die Ergänzungen und Veränderungen, +die der Roman an der Wirklichkeit vorgenommen, erkennen. + +Das Werk ist 1859 in München begonnen, in Italien, zumal Ravenna, +weitergeführt, und 1876 in Königsberg abgeschlossen worden. + +_Königsberg_, Januar 1876. + *Felix Dahn.* + + + + + + + Erstes Buch. + + + THEODERICH. + + + »_Dietericus de Berne, de quo_ + _cantant rustici usque hodie._« + + + + + Erstes Kapitel. + + +Es war eine schwüle Sommernacht des Jahres fünfhundertsechsundzwanzig nach +Christus. + +Schwer lagerte dichtes Gewölk über der dunkeln Fläche der Adria, deren +Küsten und Gewässer zusammenflossen in unterscheidungslosem Dunkel: nur +ferne Blitze warfen hier und da ein zuckendes Licht über das schweigende +Ravenna. In ungleichen Pausen fegte der Wind durch die Steineichen und +Pinien auf dem Höhenzug, welcher sich eine gute Strecke westlich von der +Stadt erhebt, einst gekrönt von einem Tempel des Neptun, der, schon damals +halb zerfallen, heute bis auf dürftige Spuren verschwunden ist. + +Es war still auf dieser Waldhöhe: nur ein vom Sturm losgerissenes +Felsstück polterte manchmal die steinigen Hänge hinunter, und schlug +zuletzt platschend in das sumpfige Wasser der Kanäle und Gräben, die den +ganzen Kreis der Seefestung umgürteten. + +Oder in dem alten Tempel löste sich eine verwitterte Platte von dem +getäfelten Dach der Decke und fiel zerspringend auf die Marmorstufen, – +Vorboten von dem drohenden Einsturz des ganzen Gebäudes. + +Aber dies unheimliche Geräusch schien nicht beachtet zu werden von einem +Mann, der unbeweglich auf der zweithöchsten Stufe der Tempeltreppe saß, +den Rücken an die höchste Stufe gelehnt, und schweigend und unverwandt in +Einer Richtung über die Höhe hinab nach der Stadt zu blickte. + +Lange saß er so: regungslos, aber sehnsüchtig wartend: er achtete es +nicht, daß ihm der Wind die schweren Regentropfen, die einzeln zu fallen +begannen, ins Gesicht schlug, und ungestüm in dem mächtigen, bis an den +ehernen Gurt wallenden Bart wühlte, der fast die ganze breite Brust des +alten Mannes mit glänzendem Silberweiß bedeckte. + +Endlich stand er auf und schritt einige der Marmorstufen nieder: »Sie +kommen,« sagte er. + +Es wurde das Licht einer Fackel sichtbar, die sich rasch von der Stadt her +dem Tempel näherte: man hörte schnelle, kräftige Schritte und bald danach +stiegen drei Männer die Stufen der Treppe herauf. + +»Heil, Meister Hildebrand, Hildungs Sohn!« rief der voranschreitende +Fackelträger, der jüngste von ihnen, in gotischer Sprache mit auffallend +melodischer Stimme, als er die lückenhafte Säulenreihe des Pronaos, der +Vorhalle, erreicht. + +Er hob das Windlicht hoch empor – schöne, korinthische Erzarbeit am Stiel, +durchsichtiges Elfenbein bildete den vierseitigen Schirm, und den +gewölbten durchbrochnen Deckel – und steckte es in den Erzring, der die +geborstne Mittelsäule zusammenhielt. + +Das weiße Licht fiel auf ein apollinisch schönes Antlitz mit lachenden, +hellblauen Augen; mitten auf seiner Stirn teilte sich das lichtblonde Haar +in zwei lang fließende Lockenwellen, die rechts und links bis auf seine +Schultern wallten; Mund und Nase, fein, fast weich geschnitten, waren von +vollendeter Form, ein leichter Anflug goldhellen Bartes deckte die +freundlichen Lippen und das leicht gespaltene Kinn; er trug nur weiße +Kleider: einen Kriegsmantel von feiner Wolle, durch eine goldne Spange in +Greifengestalt auf der rechten Schulter festgehalten, und eine römische +Tunika von weicher Seide, beide mit einem Goldstreif durchwirkt; weiße +Lederriemen festigten die Sandalen an den Füßen und reichten, kreuzweis +geflochten, bis an die Kniee; die nackten, glänzendweißen Arme umzirkten +zwei breite Goldreife: und wie er, die Rechte um eine hohe Lanze +geschlungen, die ihm zugleich als Stab und als Waffe diente, die Linke in +die Hüfte gestemmt, ausruhend von dem Gang, zu seinen langsameren +Weggenossen hinunterblickte, schien in den grauen Tempel eine jugendliche +Göttergestalt aus seinen schönsten Tagen wieder eingekehrt. + +Der zweite der Ankömmlinge hatte, trotz einer allgemeinen +Familienähnlichkeit, doch einen von dem Fackelträger völlig verschiednen +Ausdruck. + +Er war einige Jahre älter, sein Wuchs war derber und breiter, – tief in +den mächtigen Stiernacken hinab reichte das dicht und kurz gelockte braune +Haar, – und von fast riesenhafter Höhe und Stärke: in seinem Gesicht +fehlte jener sonnige Schimmer, jene vertrauende Freude und Lebenshoffnung, +welche die Züge des jüngern Bruders verklärten: statt dessen lag in seiner +ganzen Erscheinung der Ausdruck von bärenhafter Kraft und bärenhaftem Mut: +er trug eine zottige Wolfsschur, deren Rachen, wie eine Kapuze, sein Haupt +umhüllte, ein schlichtes Wollenwams darunter, und auf der rechten Schulter +eine kurze, wuchtige Keule aus dem harten Holz einer Eichenwurzel. + +Bedächtigen Schrittes folgte der dritte, ein mittelgroßer Mann von +gemessen verständigem Ausdruck. Er trug den Stahlhelm, das Schwert und den +braunen Kriegsmantel des gotischen Fußvolks. Sein schlichtes, hellbraunes +Haar war über der Stirn geradlinig abgeschnitten: eine uralte germanische +Haartracht, die schon auf römischen Siegessäulen erscheint und sich bei +dem deutschen Bauer bis heut’ erhalten hat. Aus den regelmäßigen Zügen des +offnen Gesichts, aus dem grauen, sichern Auge sprach besonnene +Männlichkeit und nüchterne Ruhe. + +Als auch er die Cella des Tempels erreicht und den Alten begrüßt hatte, +rief der Fackelträger mit lebhafter Stimme: + +»Nun, Meister Hildebrand, ein schönes Abenteuer muß es sein, zu dem du uns +in solch’ unwirtlicher Nacht in diese Wildnis von Natur und Kunst geladen +hast! Sprich – was soll’s geben?« + +Statt der Antwort fragte der Alte, sich zu dem Letztgekommnen wendend: »Wo +bleibt der Vierte, den ich lud?« + +– »Er wollte allein gehen. Er wies uns alle ab. Du kennst ja seine Weise.« + +»Da kömmt er!« rief der schöne Jüngling, nach einer andern Seite des +Hügels deutend. + +Wirklich nahte dorther ein Mann von höchst eigenartiger Erscheinung. + +Das volle Licht der Fackel beleuchtete ein geisterhaft bleiches Antlitz, +das fast blutleer schien; lange, glänzend schwarze Locken hingen von dem +unbedeckten Haupt wie dunkle Schlangen wirr bis auf die Schultern. +Hochgeschweifte, schwarze Brauen und lange Wimpern beschatteten die +großen, melancholischen dunkeln Augen voll verhaltner Glut, eine Adlernase +senkte sich sehr scharfgeschnitten gegen den feinen, glattgeschornen Mund, +den ein Zug resignierten Grames umfurchte. + +Gestalt und Haltung waren so jugendlich: aber die Seele schien vor der +Zeit vom Schmerz gereift. + +Er trug Ringpanzer und Beinschienen von schwarzem Erz und in seiner +Rechten blitzte ein Schlachtbeil an langem lanzengleichem Schaft. Nur mit +dem Haupte nickend begrüßte er die andern und stellte sich hinter den +Alten, der sie nun alle Vier dicht an die Säule, welche die Fackel trug, +treten hieß und mit gedämpfter Stimme begann: + +»Ich habe euch hierher beschieden, weil ernste Worte müssen gesprochen +werden, unbelauscht, und zu treuen Männern, die da helfen mögen. + +Ich sah umher im ganzen Volk, mondenlang: – euch hab’ ich gewählt, ihr +seid die Rechten. Wenn ihr mich angehört habt, so fühlt ihr von selbst, +daß ihr schweigen müßt von dieser Nacht.« + +Der dritte, der mit dem Stahlhelm, sah den Alten mit ernsten Augen an: +»Rede,« sagte er ruhig, »wir hören und schweigen. Wovon willst du zu uns +sprechen?« + +»Von unsrem Volk, von diesem Reich der Goten, das hart am Abgrund steht.« + +»Am Abgrund?« rief lebhaft der blonde Jüngling. Sein riesiger Bruder +lächelte und erhob aufhorchend das Haupt. + +»Ja, am Abgrund,« rief der Alte, »und ihr allein, ihr könnt es halten und +retten.« + +»Verzeih’ dir der Himmel deine Worte!« – fiel der Blonde lebhaft ein – +»haben wir nicht unsern König Theoderich, den seine Feinde selbst den +Großen nennen, den herrlichsten Helden, den weisesten Fürsten der Welt? +Haben wir nicht dies lachende Land Italia mit all’ seinen Schätzen? Was +gleicht auf Erden dem Reich der Goten?« + +Der Alte fuhr fort: »Hört mich an. König Theoderich, mein teurer Herre und +mein lieber Sohn, was der wert ist, wie groß er ist, – das weiß am besten +Hildebrand, Hildungs Sohn. Ich hab’ ihn vor mehr als fünfzig Jahren auf +diesen Armen seinem Vater als ein zappelnd Knäblein gebracht und gesagt: +»Das ist starke Zucht: – Du wirst Freude dran haben.« + +Und wie er heranwuchs – ich habe ihm den ersten Bolz geschnitzt und ihm +die erste Wunde gewaschen! Ich habe ihn begleitet nach der goldnen Stadt +Byzanz und ihn dort gehütet, Leib und Seele. Und als er dieses schöne Land +erkämpfte, bin ich vor ihm hergeschritten, Fuß für Fuß, und habe den +Schild über ihn gehalten in dreißig Schlachten. Wohl hat er seither +gelehrtere Räte und Freunde gefunden als seinen alten Waffenmeister, aber +klügere schwerlich und treuere gewiß nicht. Wie stark sein Arm gewesen, +wie scharf sein Auge, wie klar sein Kopf, wie schrecklich er war unterm +Helm, wie freundlich beim Becher, wie überlegen selbst den Griechlein an +Klugheit, das hatte ich hundertmal erfahren, lange ehe dich, du junger +Nestfalk, die Sonne beschienen. + +Aber der alte Adler ist flügellahm geworden! + +Seine Kriegsjahre lasten auf ihm – denn er und ihr und euer Geschlecht, +ihr könnt die Jahre nicht mehr tragen wie ich und meine Spielgenossen –: +er liegt krank, rätselhaft krank an Seele und Leib in seinem goldnen Saal +dort unten in der Rabenstadt. Die Ärzte sagen, wie stark sein Arm noch +sei, jeder Schlag des Herzens mag ihn töten wie der Blitz und auf jeder +sinkenden Sonne mag er hinunterfahren zu den Toten. Und wer ist dann sein +Erbe, wer stützt dann dieses Reich? Amalaswintha, seine Tochter, und +Athalarich, sein Enkel: – ein Weib und ein Kind.« + +»Die Fürstin ist weise,« sprach der dritte mit dem Helm und dem Schwert. + +»Ja, sie schreibt griechisch an den Kaiser und redet römisch mit dem +frommen Cassiodor. Ich zweifle, ob sie gotisch denkt. Weh’ uns, wenn sie +im Sturm das Steuer halten soll.« + +»Ich sehe aber nirgends Sturm, Alter,« – lachte der Fackelträger und +schüttelte die Locken. »Woher soll er blasen? Der Kaiser ist wieder +versöhnt, der Bischof von Rom ist vom König selbst eingesetzt, die +Frankenfürsten sind seine Neffen, die Italier haben es unter unsrem Schild +besser als je zuvor. Ich sehe keine Gefahr, nirgends.« + +»Kaiser Justinus ist nur ein schwacher Greis,« sprach beistimmend der mit +dem Schwert, »ich kenne ihn.« + +»Aber sein Neffe, bald sein Nachfolger, und jetzt schon sein rechter Arm, +– – kennst du auch den? Unergründlich wie die Nacht und falsch wie das +Meer ist Justinian: – ich kenne ihn und fürchte was er sinnt. Ich +begleitete die letzte Gesandtschaft nach Byzanz: er kam zu unsrem Gelag: +er hielt mich für berauscht: – der Narr, er weiß nicht, was Hildungs Kind +trinken mag! – und fragte mich um alles, genau um alles, was man wissen +muß, um – uns zu verderben. Nun, von mir hat er den rechten Bescheid +gekriegt! Aber ich weiß es so gewiß wie meinen Namen: dieser Mann will +dies Land, dies Italien wieder haben und nicht die Fußspur eines Goten +wird er darin übrig lassen.« + +»Wenn er kann,« brummte des Blonden Bruder dazwischen. + +»Recht, Freund Hildebad, wenn er kann. Und er kann viel. Byzanz kann +viel.« + +Jener zuckte die Achseln. + +»Weißt du’s, wie viel?« fragte der Alte zornig. »Zwölf Jahre lang hat +unser großer König mit Byzanz gerungen und hat nicht obgesiegt. Aber +damals warst du noch nicht geboren,« fügte er ruhig hinzu. + +»Wohl!« – kam jenem der Bruder zu Hilfe. – »Aber damals standen die Goten +allein im fremden Land. Jetzt haben wir eine ganze zweite Hälfte gewonnen: +wir haben eine Heimat, Italien, wir haben Waffenbrüder, die Italier.« + +»Italien unsre Heimat!« rief der Alte bitter, »ja, das ist der Wahn. Und +die Welschen unsre Helfer gegen Byzanz! Du junger Thor!« + +»Das sind unsres Königs eigne Worte,« entgegnete der Gescholtene. + +»Ja, ja, ich kenne sie wohl, die Wahnreden, die uns alle verderben werden. +Fremd sind wir hier, fremd, heute wie vor vierzig Jahren, da wir von +diesen Bergen niederstiegen und fremd werden wir sein in diesem Lande noch +nach tausend Jahren. Wir sind hier ewig die Barbaren!« + +»Jawohl, aber warum bleiben wir Barbaren? Wessen Schuld ist das als die +unsre? Weshalb lernen wir nicht von ihnen?« + +»Schweig still,« schrie der Alte, zuckend vor Grimm »schweig, Totila, mit +solchen Gedanken: sie sind der Fluch meines Hauses geworden.« Sich mühsam +beruhigend fuhr er fort: + +»Unsre Todfeinde sind die Welschen, nicht unsre Brüder. Weh, wenn wir +ihnen trauen! O daß der König nach meinem Rat gethan und nach seinem Sieg +alles erschlagen hätte das Schwert und Schild führen konnte vom lallenden +Knäblein bis zum lallenden Greis! Sie werden uns ewig hassen. Und sie +haben Recht. Wir aber, wir sind die Thoren, sie zu bewundern.« + +Eine Pause trat ein: ernst geworden fragte der Jüngling: »Und du hältst +keine Freundschaft für möglich zwischen uns und ihnen?« + +»Kein Friede zwischen den Söhnen des Gaut und dem Südvolk! Ein Mann tritt +in die Goldhöhle des Drachen: er drückt das Haupt des Drachen nieder mit +eherner Faust: der bittet um sein Leben: der Mann erbarmt sich seiner +schillernden Schuppen und weidet sein Auge an den Schätzen der Höhle. Was +wird der Giftwurm thun? Hinterrücks, sobald er kann, wird er ihn stechen, +daß der Verschoner stirbt.« + +»Wohlan, so laß sie kommen, die Griechlein,« schrie der riesige Hildebad, +»und laß dies Natterngezücht gegen uns aufzüngeln. Wir wollen sie +niederschlagen – so!« und er hob die Keule und ließ sie niederfallen, daß +die Marmorplatte in Splitter sprang und der alte Tempel in seinen +Grundfugen erdröhnte. + +»Ja, sie sollen’s versuchen!« – rief Totila und aus seinen Augen leuchtete +ein kriegerisches Feuer, das ihn noch schöner machte. – »Wenn diese +undankbaren Römer uns verraten, wenn die falschen Byzantiner kommen –« er +blickte mit liebevollem Stolz auf seinen starken Bruder – »sieh, Alter, +wir haben Männer wie die Eichen.« + +Wohlgefällig nickte der alte Waffenmeister: »Ja, Hildebad ist sehr stark; +obwohl nicht ganz so stark wie Winithar und Walamer und die andern waren, +die mit mir jung gewesen. Und gegen Nordmänner ist Stärke gut Ding. Aber +dieses Südvolk,« fuhr er ingrimmig fort – »kämpft von Türmen und +Mauerzinnen herunter. Sie führen den Krieg wie ein Rechenexempel und +rechnen dir zuletzt ein Heer von Helden in einen Winkel hinein, daß es +sich nicht mehr rühren noch regen kann. Ich kenne einen solchen +Rechenmeister in Byzanz, der ist kein Mann und besiegt die Männer. Du +kennst ihn auch, Witichis?« – so fragend wandte er sich an den Mann mit +dem Schwert. + +»Ich kenne Narses,« sagte dieser, der sehr ernst geworden, nachdenklich. +»Was du gesprochen, Hildungs Sohn, ist leider wahr, sehr wahr. Ähnliches +ist mir oft schon durch die Seele gegangen, aber unklar, dunkel, mehr ein +Grauen als ein Denken. – Deine Worte sind unwiderleglich: der König am Tod +– die Fürstin ein halbgriechisch Weib – Justinian lauernd – die Welschen +schlangenfalsch – die Feldherrn von Byzanz Zauberer von Kunst, aber« – +hier holte er tief Atem – »wir stehen nicht allein, wir Goten. Unser +weiser König hat sich Freunde, Verbündete geschaffen in Überfluß. Der +König der Vandalen ist sein Schwestermann, der König der Westgoten sein +Enkel, die Könige der Burgunden, der Heruler, der Thüringe, der Franken +sind ihm verschwägert, alle Völker ehren ihn wie ihren Vater, die +Sarmaten, die fernen Esthen selbst an der Ostsee senden ihm huldigend +Pelzwerk und gelben Bernstein. Ist das alles« – – + +»Nichts ist das alles, Schmeichelworte sind’s und bunte Lappen! Sollen uns +die Esthen helfen mit ihrem Bernstein wider Belisar und Narses? Weh uns, +wenn wir nicht allein siegen können. Diese Schwäger und Eidame +schmeicheln, so lang sie zittern, und wenn sie nicht mehr zittern, werden +sie drohen. Ich kenne die Treue der Könige! Wir haben Feinde ringsum, +offene und geheime, und keinen Freund als uns selbst.« + +Ein Schweigen trat ein, in welchem alle die Worte des Alten besorgt +erwogen: heulend fuhr der Sturm um die verwitterten Säulen und rüttelte an +dem morschen Tempelbau. + +Da sprach zuerst Witichis, vom Boden aufblickend, sicher und gefaßt: »Groß +ist die Gefahr, hoffentlich nicht unabwendbar. Gewiß hast du uns nicht +hierher beschieden, daß wir thatlos in die Verzweiflung schauen. Geholfen +muß werden: so sprich, wie meinst du, daß zu helfen sei.« + +Der Alte trat einen Schritt auf ihn zu und faßte seine Hand: »Wacker, +Witichis, Waltaris Sohn. Ich kannte dich wohl und will dir’s treu +gedenken, daß vor allen du zuerst ein männlich Wort der Zuversicht +gefunden. Ja, ich denke wie du: noch ist Hilfe möglich, und um sie zu +finden habe ich euch hierher gerufen, wo uns kein Welscher hört. Saget nun +an und ratet: dann will ich sprechen.« + +Da alle schwiegen, wandte er sich zu dem Schwarzgelockten: »Wenn du denkst +wie wir, so sprich auch du, Teja. Warum schwiegst du bisher?« + +»Ich schweige, weil ich anders denke, denn ihr.« + +Die andern staunten. Hildebrand sprach: »Wie meinst du das, mein Sohn?« + +»Hildebad und Totila sehen nicht die Gefahr, du und Witichis, ihr sehet +sie und hoffet, ich aber sah sie längst und hoffe nicht.« + +»Du siehst zu schwarz, wer darf verzweifeln vor dem Kampf?« meinte +Witichis. + +»Sollen wir, das Schwert in der Scheide, ohne Kampf, ohne Ruhm +untergehen?« rief Totila. + +»Nicht ohne Kampf, mein Totila, und nicht ohne Ruhm, so weiß ich,« +antwortete Teja, leise die Streitaxt zuckend. »Kämpfen wollen wir, daß man +es nie vergessen soll in allen Tagen: kämpfen mit höchstem Ruhm, aber ohne +Sieg. Der Stern der Goten sinkt.« + +»Mir deucht, er will erst recht hoch steigen,« rief Totila ungeduldig. +»Laßt uns vor den König treten, sprich du, Hildebrand, zu ihm wie du zu +uns gesprochen. Er ist weise: er wird Rat finden.« + +Der Alte schüttelte den Kopf: »Zwanzigmal hab ich zu ihm gesprochen. Er +hört mich nicht mehr. Er ist müde und will sterben und seine Seele ist +verdunkelt, ich weiß nicht, durch welchen Schatten. – Was denkst du, +Hildebad?« + +»Ich denke,« sprach dieser sich hoch aufrichtend, »sowie der alte Löwe die +müden Augen geschlossen, rüsten wir zwei Heere. Das eine führen Witichis +und Teja vor Byzanz und brennen es nieder, mit dem andern steigen ich und +mein Bruder über die Alpen und zerschlagen Paris, das Drachennest der +Merowinger, zu einem Steinhaufen für alle Zukunft. Dann wird Ruhe sein, im +Osten und im Norden.« + +»Wir haben keine Schiffe gegen Byzanz,« sprach Witichis. + +»Und die Franken sind sieben wider Einen gegen uns,« sagte Hildebrand. +»Aber wacker meinst du’s, Hildebad. Sage, was rätst du, Witichis?« + +»Ich rate einen Bund, mit Schwüren beschwert, mit Geiseln gesichert aller +Nordstämme gegen die Griechen.« + +»Du glaubst an Treue, weil du selber treu. Mein Freund, nur die Goten +können den Goten helfen. Man muß sie nur wieder daran erinnern, daß sie +Goten sind. Hört mich an. Ihr alle seid jung und liebt allerlei Dinge und +habt vielerlei Freuden. Der eine liebt ein Weib, der andre die Waffen, der +dritte irgend eine Hoffnung oder auch irgend einen Gram, der ihm ist wie +eine Geliebte. – Aber glaubt mir, es kömmt eine Zeit, – und die Not kann +sie euch noch in jungen Tagen bringen –, da all diese Freuden und selbst +Schmerzen wertlos werden wie welke Kränze vom Gelag von gestern. + +Da werden denn viele weich und fromm und vergessen des was auf Erden und +trachten nach dem was hinter dem Grabe ist. Ich kann’s nicht und ihr, +mein’ ich, und viele von uns können’s auch nicht. Die Erde lieb’ ich mit +Berg und Wald und Weide und strudelndem Strom und das Leben darauf mit +heißem Haß und langer Liebe, mit zähem Zorn und stummem Stolz. Von jenem +Luftleben da droben in den Windwolken, wie’s die Christenpriester lehren, +weiß ich nichts und will ich nichts wissen. Eins aber bleibt dem Mann, dem +rechten, wenn alles andre dahin. Ein Gut, von dem er nimmer läßt. Seht +mich an. Ich bin ein entlaubter Stamm, alles hab’ ich verloren was mein +Leben erfreute: mein Weib ist tot seit vielen Jahren, meine Söhne sind +tot, meine Enkel sind tot: bis auf Einen, der ist schlimmer als tot: – der +ist ein Welscher worden. Dahin und lang vermodert sind sie alle, mit denen +ich ein kecker Knabe und ein markiger Mann gewesen, und schon steigt meine +erste Liebe und mein letzter Stolz, mein großer König, müde in sein Grab. +Nun seht, was hält mich noch im Leben? Was giebt mir Mut, Lust, Zwang zu +leben? Was treibt mich Alten wie einen Jüngling in dieser Sturmnacht auf +die Berge? Was lodert hier unter dem Eisbart heiß in lauter Liebe, in +störrigem Stolz und in trotziger Trauer? Was anders als der Drang, der +unaustilgbar in unsrem Blute liegt, der tiefe Drang und Zug zu meinem +Volk, die Liebe, die lodernde, die allgewaltige, zu dem Geschlechte, das +da Goten heißt, und das die süße, heimliche, herrliche Sprache redet +meiner Eltern, der Zug zu denen, die da sprechen, fühlen, leben wie ich. +Sie bleibt, sie allein, diese Volksliebe, ein Opferfeuer, in dem Herzen, +darinnen alle andre Glut erloschen, sie ist das teure, das mit Schmerzen +geliebte Heiligtum, das Höchste in jeder Mannesbrust, die stärkste Macht +in seiner Seele, treu bis zum Tod und unbezwingbar.« + +Der Alte hatte sich in Begeisterung geredet – sein Haar flog im Winde – er +stand wie ein alter hünenhafter Priester unter den jungen Männern, welche +die Fäuste an ihren Waffen ballten. + +Endlich sprach Teja: »Du hast Recht, diese Flamme lodert noch, wo alles +sonst erloschen. Aber sie brennt in dir, – in uns, – vielleicht noch in +hundert andern unsrer Brüder. Kann das ein ganzes Volk erretten? Nein! Und +kann diese Glut die Masse ergreifen, die Tausende, die Hunderttausende?« + +»Sie kann es, mein Sohn, sie kann es. Dank allen Göttern, daß sie’s kann. +Höre mich an. Es sind jetzt fünfundvierzig Jahre, da waren wir Goten, +viele Hunderttausende, mit Weibern und Kindern, in den Schluchten der +Hämus-Berge eingeschlossen. + +Wir lagen in höchster Not. Des Königs Bruder war von den Griechen in +treulosem Überfall geschlagen und getötet, und aller Mundvorrat, den er +uns zuführen sollte, verloren: wir saßen in den Felsschluchten und litten +so bittern Hunger, daß wir Gras und Leder kochten. Hinter uns die +unersteiglichen Felsen, vor uns und zur Linken das Meer, rechts in einem +Engpaß die Feinde in dreifacher Überzahl. Viele Tausende von uns waren dem +Hunger, dem Winter erlegen: zwanzigmal hatten wir vergebens versucht, +jenen Paß zu durchbrechen. Wir wollten verzweifeln. Da kam ein Gesandter +des Kaisers und bot uns Leben, Freiheit, Wein, Brot, Fleisch, – unter +einer einzigen Bedingung: wir sollten getrennt von einander, zu vier und +vier, über das ganze Weltreich Roms zerstreut werden, keiner von uns mehr +ein gotisch Weib freien, keiner sein Kind mehr unsre Sprache und Sitte +lehren dürfen, Name und Wesen der Goten sollte verschwinden, Römer sollten +wir werden. Da sprang der König auf, rief uns zusammen und trug’s uns vor +in flammender Rede und fragte zuletzt, ob wir lieber aufgeben wollten +Sprache, Sitte, Leben unsres Volkes oder lieber mit ihm sterben? Da fuhr +sein Wort in die Hunderte, die Tausende, die Hunderttausende wie der +Waldbrand in die dürren Stämme, aufschrieen sie, die wackern Männer, wie +ein tausendstimmiges, brüllendes Meer, die Schwerter schwangen sie, auf +den Engpaß stürzten sie und weggefegt waren die Griechen als hätten sie +nie gestanden, und wir waren Sieger und frei.« + +Sein Auge glänzte in stolzer Erinnerung, nach einer Pause fuhr er fort: +»Dies allein ist, was uns heute retten kann wie dazumal: fühlen erst die +Goten, daß sie für jenes Höchste fechten, für den Schutz jenes +geheimnisvollen Kleinods, das in Sprache und Sitte eines Volkes liegt wie +ein Wunderborn, dann können sie lachen zu dem Haß der Griechen, zu der +Tücke der Welschen. Und das vor allem wollt’ ich euch fragen, fest und +feierlich: fühlt ihr es wie ich so klar, so ganz, so mächtig, daß diese +Liebe zu unsrem Volk unser Höchstes ist, unser schönster Schatz, unser +stärkster Schild? könnt ihr sprechen wie ich: mein Volk ist mir das +Höchste und alles, alles andre dagegen nichts, ihm will ich opfern was ich +bin und habe, wollt ihr das, könnt ihr das!« + +»Ja, das will ich, ja, das kann ich!« sprachen die vier Männer. + +»Wohl,« fuhr der Alte fort, »das ist gut. Aber Teja hat Recht: nicht alle +Goten fühlen das jetzt, heute schon, wie wir und doch müssen es alle +fühlen, wenn es helfen soll. Darum gelobet mir, von heut’ an unablässig +euch selbst und alle unsres Volkes, mit denen ihr lebt und handelt, zu +erfüllen mit dem Hauch dieser Stunde. Vielen, vielen hat der fremde Glanz +die Augen geblendet: viele haben griechische Kleider angethan und römische +Gedanken: sie schämen sich, Barbaren zu heißen: sie wollen vergessen und +vergessen machen, daß sie Goten sind – wehe über die Thoren! + +Sie haben das Herz aus ihrer Brust gerissen und wollen leben, sie sind wie +Blätter, die sich stolz vom Stamme gelöst und der Wind wird kommen und +wird sie verwehen in Schlamm und Pfützen, daß sie verfaulen: aber der +Stamm wird stehen mitten im Sturm und wird lebendig erhalten, was treu an +ihm haftet. Darum sollt ihr euer Volk wecken und mahnen überall und immer. +Den Knaben erzählt die Sagen der Väter, von den Hunnenschlachten, von den +Römersiegen: den Männern zeigt die drohende Gefahr und wie nur das +Volkstum unser Schild: eure Schwestern ermahnt, daß sie keinen Römer +umarmen und keinen Römling: eure Bräute, eure Weiber lehrt, daß sie alles, +sich selbst und euch opfern dem Glück der guten Goten, auf daß, wenn die +Feinde kommen, sie finden ein starkes Volk, stolz, einig, fest, daran sie +zerschellen sollen wie die Wogen am Fels. Wollt ihr mir dazu helfen?« + +»Ja,« sprachen sie, »das wollen wir.« + +»Ich glaube euch,« fuhr der Alte fort, »glaube eurem bloßen Wort. Nicht um +euch fester zu binden, – denn was bände den Falschen? – sondern weil ich +treu hange an altem Brauch und weil besser gedeiht, was geschieht nach +Sitte der Väter – folget mir.« + + + + + Zweites Kapitel. + + +Mit diesen Worten nahm er die Fackel von der Säule und schritt quer durch +den Innenraum, die Cella des Tempels, vorüber an dem zerfallenen +Hauptaltar, vorbei an den Postamenten der lang herabgestürzten +Götterbilder nach der Hinterseite des Gebäudes, dem Posticum. Schweigend +folgten die Geladenen dem Alten, der sie über die Stufen hinunter ins +Freie führte. + +Nach einigen Schritten standen sie unter einer uralten Steineiche, deren +mächtiges Geäst wie ein Dach Sturm und Regen abhielt. Unter diesem Baum +bot sich ihnen ein seltsamer Anblick, der aber die gotischen Männer sofort +an eine alte Sitte aus dem grauen Heidentum, aus der fernen nordischen +Heimat gemahnte. Unter der Eiche war ein Streifen des dichten Rasens +aufgeschlitzt, nur einen Fuß breit, aber mehrere Ellen lang, die beiden +Enden des Streifens hafteten noch locker am Grunde: in der Mitte war der +Rasengürtel auf drei ungleich in die Erde gerammte hohe Speere +emporgespreizt, in der Mitte von dem längsten Speer gestützt, so daß die +Vorrichtung ein Dreieck bildete, unter dessen Dach zwischen den +Speersäulen mehrere Männer bequem stehen konnten. In der so gewonnenen +Erdritze stand ein eherner Kessel, mit Wasser gefüllt, daneben lag ein +spitzes und scharfes Schlachtmesser, uralt: das Heft vom Horn des +Auerstiers, die Klinge von Feuerstein. Der Greis trat nun heran, stieß die +Fackel dicht neben dem Kessel in die Erde, stieg dann, mit dem rechten Fuß +vorauf, in die Grube, wandte sich gegen Osten und neigte das Haupt: dann +winkte er die Freunde zu sich, mit dem Finger am Mund ihnen Schweigen +bedeutend. Lautlos traten die Männer in die Rinne und stellten sich, +Witichis und Teja zu seiner Linken, die beiden Brüder zu seiner Rechten +und alle fünf reichten sich die Hände zu einer feierlichen Kette. Dann +ließ der Alte Witichis und Hildebad, die ihm zunächst standen, los und +kniete nieder. Zuerst raffte er eine Hand voll der schwarzen Walderde auf +und warf sie über die linke Schulter. Dann griff er mit der andern Hand in +den Kessel und sprengte das Wasser rechts hinter sich. Darauf blies er in +die wehende Nachtluft, die sausend in seinen langen Bart wehte. Endlich +schwang er die Fackel von der Rechten zur Linken über sein Haupt. Dann +steckte er sie wieder in die Erde und sprach murmelnd vor sich hin: + +»Höre mich, alte Erde, wallendes Wasser, leichte Luft, flackernde Flamme! +Höret mich wohl und bewahret mein Wort: Hier stehen fünf Männer vom +Geschlechte des Gaut, Teja und Totila, Hildebad und Hildebrand und +Witichis, Waltaris Sohn. + + Wir stehen hier in stiller Stunde, + Zu binden einen Bund von Blutsbrüdern, + Für immer und ewig und alle Tage. + Wir sollen uns sein wie Sippegesellen + In Frieden und Fehde, in Rache und Recht. + Ein Hoffen, Ein Hassen, Ein Lieben, Ein Leiden, + Wie wir träufen zu Einem Tropfen + Unser Blut als Blutsbrüder.« + +Bei diesen Worten entblößte er den linken Arm, die andern thaten +desgleichen, eng aneinander streckten sich die fünf Arme über den Kessel, +der Alte hob das scharfe Steinmesser und ritzte mit Einem Schnitt sich und +den vier andern die Haut des Vorderarmes, daß das Blut aller in roten +Tropfen in den ehernen Kessel floß. + +Dann nahmen sie wieder die frühere Stellung ein und murmelnd fuhr der Alte +fort: + + »Und wir schwören den schweren Schwur, + Zu opfern all unser Eigen, + Haus, Hof und Habe, + Roß, Rüstung und Rind, + Sohn, Sippe und Gesinde, + Weib und Waffen und Leib und Leben + Dem Glanz und Glück des Geschlechtes von Gaut, + Den guten Goten. + Und wer von uns sich wollte weigern, + Den Eid zu ehren mit allen Opfern« – + +Hier traten er, und auf seinen Wink auch die andern, aus der Grube und +unter dem Rasenstreifen hervor: + + »Des rotes Blut soll rinnen ungerächet + Wie dies Wasser unterm Waldwasen« – + +Er erhob den Kessel, goß sein blutiges Wasser in die Grube und nahm ihn +wie das andre Gerät heraus: + + »Auf des Haupt sollen des Himmels Hallen + Dumpf niederdonnern und ihn erdrücken, + Wuchtig so wie dieser Wasen.« + +Er schlug mit Einem Streich die drei spannenden Lanzenschäfte nieder und +dumpf fiel die schwere Rasendecke nieder in die Rinne. Die fünf Männer +stellten sich nun mit verschlungenen Händen auf die wieder von Rasen +gedeckte Stelle und in rascherem Ton fuhr der Alte fort: »Und wer von uns +nicht achtet dieses Eides und dieses Bundes und wer nicht die Blutsbrüder +als echte Brüder schützt im Leben und rächt im Tode und wer sich weigert, +sein Alles zu opfern dem Volk der Goten, wann die Not es begehrt und ein +Bruder ihn mahnt, der soll verfallen sein auf immer den untern, den +ewigen, den wüsten Gewalten, die da hausen unter dem grünen Gras des +Erdgrundes: gute Menschen sollen mit Füßen schreiten über des Neidings +Haupt und sein Name soll ehrlos sein soweit Christenleute Glocken läuten +und Heidenleute Opfer schlachten, soweit Mutter Kind koset, und der Wind +weht über die weite Welt. Sagt an, ihr Gesellen, soll’s ihm also geschehn, +dem niedrigen Neiding?« + +»So soll ihm geschehen,« sprachen die vier Männer ihm nach. + +Nach einer ernsten Pause löste Hildebrand die Kette der Hände und sprach: +»Und auf daß ihr’s wißt, welche Weihe diese Stätte hat für mich, – jetzt +auch für euch, – warum ich euch zu solchem Thun gerade hierher beschieden +und zu dieser Nacht – kommt und sehet.« Und also sprechend erhob er die +Fackel und schritt voran hinter den mächtigen Stamm der Eiche, vor der sie +geschworen. Schweigend folgten die Freunde, bis sie an der Kehrseite des +alten Baumes hielten und hier mit Staunen gerade gegenüber der Rasengrube, +in welcher sie gestanden, ein breites offenes Grab gähnen sahen, von +welchem die deckende Felsplatte hinweggewälzt war: da ruhten in der Tiefe, +im Licht der Fackel geisterhaft erglänzend, drei weiße lange Skelette, +einzelne verrostete Waffenstücke, Lanzenspitzen, Schildbuckel lagen +daneben. Die Männer blickten überrascht bald in die Grube, bald auf den +Greis. Dieser leuchtete lange schweigend in die Tiefe. Endlich sagte er +ruhig: »Meine drei Söhne. Sie liegen hier über dreißig Jahre. Sie fielen +auf diesem Berg, in dem letzten Kampf um die Stadt Ravenna. Sie fielen in +Einer Stunde, heute ist der Tag. Sie sprangen jubelnd in die Speere – – +für ihr Volk.« + +Er hielt inne. Mit Rührung sahen die Männer vor sich hin. Endlich richtete +sich der Alte hoch auf und sah gen Himmel. »Es ist genug,« sagte er, »die +Sterne bleichen. Mitternacht ist längst vorüber. Geht, ihr andern, in die +Stadt zurück. Du, Teja, bleibst wohl bei mir: – dir ist ja vor andern, wie +des Liedes, der Trauer Gabe gegeben – und hältst mit mir die Ehrenwacht +bei diesen Toten.« + +Teja nickte und setzte sich, ohne ein Wort, zu Füßen des Grabes, wo er +stand, nieder. Der Alte reichte Totila die Fackel und lehnte sich Teja +gegenüber auf die Felsplatte. Die andern Drei winkten ihm scheidend zu. +Und ernst und in schweigende Gedanken versunken stiegen sie hinunter zur +Stadt. + + + + + Drittes Kapitel. + + +Wenige Wochen nach jener nächtlichen Zusammenkunft bei Ravenna fand zu Rom +eine Vereinigung statt, ebenfalls heimlich, ebenfalls unter dem Schutze +der Nacht, aber von ganz andern Männern zu ganz andern Zwecken. + +Das geschah an der appischen Straße nahe dem Cömeterium des heiligen +Kalixtus in einem halbverschütteten Gang der Katakomben, jener +rätselhaften unterirdischen Wege, die unter den Straßen und Plätzen Roms +fast eine zweite Stadt bildeten. Es sind diese geheimnisvollen Räume – +ursprünglich alte Begräbnisplätze, oft die Zuflucht der jungen +Christengemeinde – so vielfach verschlungen und ihre Kreuzungen, +Endpunkte, Aus- und Eingänge so schwierig zu finden, daß nur unter +ortvertrautester Führung ihre inneren Tiefen betreten werden können. Aber +die Männer, deren geheimen Verkehr wir diesmal belauschen, fürchteten +keine Gefahr. Sie waren gut geführt. Denn es war Silverius, der +katholische Archidiakonus der alten Kirche des heiligen Sebastian, der +unmittelbar von der Krypta seiner Basilika aus die Freunde auf steilen +Stufen in diesen Zweigarm der Gewölbe geführt hatte: und die römischen +Priester standen in dem Rufe, seit den Tagen der ersten Christen Kenntnis +jener Labyrinthe fortgepflanzt zu haben. Die Versammelten schienen auch +sich hier nicht zum erstenmal einzufinden: die Schauer des Ortes machten +wenig Eindruck auf sie. Gleichgültig lehnten sie an den Wänden des +unheimlichen Halbrunds, das, von einer bronzenen Hängelampe spärlich +beleuchtet, den Schluß des niedrigen Ganges bildete, gleichgültig hörten +sie die feuchten Tropfen von der Decke zur Erde fallen und, wenn ihr Fuß +hier und da an weiße, halbvermoderte Knochen stieß, schoben sie auch diese +gleichgültig auf die Seite. + +Es waren außer Silverius noch einige andere rechtgläubige Priester und +eine Mehrzahl vornehmer Römer aus den Adelsgeschlechtern des westlichen +Kaiserreichs anwesend, die seit Jahrhunderten in fast erblichem Besitz der +höheren Würden des Staates und der Stadt geblieben. + +Schweigend und aufmerksam beobachteten sie die Bewegungen des +Archidiakons, der sich, nachdem er die Erschienenen gemustert und in +einige der einmündenden Gänge, in deren Dunkel man junge Leute in +priesterlichen Kleidern Wache halten sah, prüfende Blicke geworfen hatte, +jetzt offenbar anschickte, die Versammlung in aller Form zu eröffnen. + +Noch einmal trat er auf einen hochgewachsenen Mann zu, der ihm gegenüber +regungslos an der Mauer lehnte und mit dem er wiederholt Blicke getauscht +hatte: und nachdem dieser auf eine fragende Miene schweigend genickt, +wandte er sich gegen die übrigen und sprach: + +»Geliebte im Namen des dreieinigen Gottes! Wieder einmal sind wir hier +versammelt zu heiligem Werk. + +Das Schwert von Edom ist gezückt ob unsrem Haupt und König Pharao lechzt +nach dem Blut der Kinder Israel. Wir aber fürchten nicht jene, die den +Leib töten und der Seele nichts anhaben können, wir fürchten vielmehr +jenen, der da Leib und Seele verderben mag mit ewigem Feuer. Wir vertrauen +im Schauer der Nacht auf die Hilfe dessen, der sein Volk durch die Wüste +geführt hat, bei Tag in der Rauchwolke, bei Nacht in der Feuerwolke. Und +daran wollen wir halten und wollen es nie vergessen: was wir leiden, wir +leiden es um Gottes willen, was wir thun, wir thun’s zu seines Namens +Ehre. Dank ihm, denn er hat gesegnet unsern Eifer. Klein, wie des +Evangeliums, waren unsre Anfänge, aber schon sind wir gewachsen wie ein +Baum an frischen Wasserbächen. Mit Furcht und Zagen kamen wir anfangs hier +zusammen: groß war die Gefahr, schwach die Hoffnung: edles Blut der Besten +war geflossen: – heute, wenn wir fest bleiben im Glauben, dürfen wir es +kühnlich sagen: der Thron des Königs Pharao steht auf Füßen von Schilf und +die Tage der Ketzer sind gezählt in diesem Lande.« + +»Zur Sache!« rief ein junger Römer dazwischen, mit kurzkrausem, schwarzem +Haar und blitzenden, schwarzen Augen; ungeduldig warf er das Sagum von der +linken Hüfte über die rechte Schulter zurück, daß das kurze Schwert +sichtbar wurde. »Zur Sache, Priester! was soll heut’ geschehn?« + +Silverius warf auf den Jüngling einen Blick, der lebhaften Unwillen über +solch’ kecke Selbständigkeit nicht ganz mit salbungsvoller Ruhe zu +verdecken vermochte. Scharfen Tones fuhr er fort: »Auch die an die +Heiligkeit unsres Zweckes nicht zu glauben scheinen, sollten doch den +Glauben an diese Heiligkeit bei andern nicht stören, um ihrer eignen +weltlichen Ziele willen nicht. Heute aber, Licinius, mein rascher Freund, +soll ein neues hochwillkommnes Glied unsrem Bunde eingefügt werden: sein +Beitritt ist ein sichtbares Zeichen der Gnade Gottes.« + +»Wen willst du einführen? Sind die Vorbedingungen erfüllt? Haftest du für +ihn? unbedingt? oder stellst du andre Bürgschaft?« so fragte ein andrer +der Versammelten, ein Mann in reifen Jahren, mit gleichmäßigen Zügen, der, +einen Stab zwischen den Füßen, ruhig auf einem Vorsprung der Mauer saß. – +»Ich hafte, mein Scävola; übrigens genügt seine Person –« + +»Nichts dergleichen. Die Satzung unsres Bundes verlangt Verbürgung und ich +bestehe darauf,« sagte Scävola ruhig. – »Nun gut, gut, ich bürge, zähster +aller Juristen!« wiederholte der Priester mit Lächeln. Er winkte in einen +der Gänge zur Linken. + +Zwei junge Ostiarii führten von da in die Mitte des Gewölbes einen Mann, +auf dessen verhülltes Haupt aller Augen gerichtet waren. Nach einer Pause +hob Silverius den Überwurf von Kopf und Schultern des Ankömmlings. + +»Albinus!« riefen die andern in Überraschung, Entrüstung, Zorn. + +Der junge Licinius fuhr ans Schwert, Scävola stand langsam auf, wild +durcheinander scholl es: »Wie? Albinus? der Verräter?« Scheuen Blickes sah +der Gescholtene um sich, seine schlaffen Züge bekundeten angeborne +Feigheit: wie Hilfe flehend haftete sein Auge auf dem Priester. »Ja, +Albinus!« sagte dieser ruhig. »Will einer der Verbündeten wider ihn +sprechen? Er rede.« – »Bei meinem Genius,« rief Licinius rasch vor allen, +»braucht es da der Rede? Wir wissen alle, wer Albinus ist, was er ist. Ein +feiger, schändlicher Verräter« – der Zorn erstickte seine Stimme. – +»Schmähungen sind keine Beweise,« nahm Scävola das Wort. »Aber ich frage +ihn selbst, er soll hier vor allen bekennen. Albinus, bist du es, oder +bist du es nicht, der, als die Anfänge des Bundes dem Tyrannen verraten +waren, als du noch allein von uns allen verklagt warst, es mit ansahst, +daß die edeln Männer, Boëthius und Symmachus, unsre Mitverbündeten, weil +sie dich mutig vor dem Wüterich verteidigten, verfolgt, gefangen, ihres +Vermögens beraubt, hingerichtet wurden, während du, der eigentliche +Angeklagte, durch einen schmählichen Eid, dich nie mehr um den Staat +kümmern zu wollen und durch urplötzliches Verschwinden dich gerettet hast? +Sprich, bist du es, um dessen Feigheit willen die Zierden des Vaterlandes +gefallen?« + +Ein Murren des Unwillens ging durch die Versammlung. Der Angeschuldigte +blieb stumm und bebte, selbst Silverius verlor einen Augenblick die +Haltung. Da richtete sich jener Mann, der ihm gegenüber an der Felswand +lehnte, auf und trat einen Schritt herzu; seine Nähe schien den Priester +zu erkräftigen und er begann wieder: »Ihr Freunde, es ist geschehen was +ihr sagt, nicht wie ihr’s sagt. Vor allem wisset: Albinus ist an allem am +wenigsten schuldig. Was er gethan, er that’s auf meinen Rat.« – »Auf +deinen Rat?« – »Das wagst du zu bekennen?« – »Albinus war verklagt durch +den Verrat eines Sklaven, der die Geheimschrift in den Briefen nach Byzanz +entziffert hatte. Der ganze Argwohn des Tyrannen war geweckt: jeder Schein +von Widerstand, von Zusammenhang mußte die Gefahr vermehren. Der Ungestüm +von Boëthius und Symmachus, die ihn mutig verteidigten, war edel, aber +thöricht. Denn er zeigte den Barbaren die Gesinnung des ganzen Adels von +Rom, zeigte, daß Albinus nicht allein stehe. Sie handelten gegen meinen +Rat, leider haben sie es im Tode gebüßt. Aber ihr Eifer war auch +überflüssig: denn den verräterischen Sklaven raffte plötzlich vor weitern +Aussagen die Hand des Herrn hinweg und es war gelungen, die Geheimbriefe +des Albinus vor dessen Verhaftung zu vernichten. Jedoch glaubt ihr, +Albinus würde auf der Folter, würde unter Todesdrohungen geschwiegen +haben, geschwiegen, wenn ihn die Nennung der Mitverschwornen retten +konnte? Das glaubt ihr nicht, das glaubte Albinus selbst nicht. Deshalb +mußte vor allem Zeit gewonnen, die Folter abgewendet werden. Dies gelang +durch jenen Eid. Unterdessen freilich bluteten Boëthius und Symmachus: sie +waren nicht zu retten: doch _ihres_ Schweigens, auch unter der Folter, +waren wir sicher. Albinus aber ward durch ein Wunder aus seinem Kerker +befreit wie Sankt Paulus zu Philippi. Es hieß, er sei nach Athen entflohen +und der Tyrann begnügte sich, ihm die Rückkehr zu verbieten. Allein der +dreieinige Gott hat ihm hier in seinem Tempel eine Zufluchtstätte +bereitet, bis daß die Stunde der Freiheit naht. In der Einsamkeit seines +heiligen Asyles nun hat der Herr das Herz des Mannes wunderbar gerührt +und, ungeschreckt von der Todesgefahr, die schon einmal seine Locke +gestreift hat, tritt er wieder in unsern Kreis und bietet dem Dienste +Gottes und des Vaterlands sein ganzes unermeßliches Vermögen. Vernehmt: er +hat all sein Gut der Kirche Sanktä Mariä Majoris zu Bundeszwecken +vermacht. Wollt ihr ihn und seine Millionen verschmähen?« + +Eine Pause des Staunens trat ein: endlich rief Licinius: »Priester, du +bist klug wie – wie ein Priester. Aber mir gefällt solche Klugheit nicht.« +– »Silverius,« sprach der Jurist, »du magst die Millionen nehmen. Das +steht dir an. Aber ich war der Freund des Boëthius: mir steht nicht an, +mit jenem Feigen Gemeinschaft zu halten. Ich kann ihm nicht vergeben. +Hinweg mit ihm!« – »Hinweg mit ihm!« scholl es von allen Seiten. Scävola +hatte der Empfindung aller das Wort geliehen. Albinus erblaßte, selbst +Silverius zuckte unter dieser allgemeinen Entrüstung. »Cethegus!« +flüsterte er leise, Beistand heischend. + +Da trat der Mann in die Mitte, der bisher immer geschwiegen und nur mit +kühler Überlegenheit die Sprechenden gemustert hatte. Er war groß und +hager, aber kräftig, von breiter Brust und seine Muskeln von eitel Stahl. +Ein Purpursaum an der Toga und zierliche Sandalen verrieten Reichtum, Rang +und Geschmack, aber sonst verhüllte ein langer, brauner Soldatenmantel die +ganze Unterkleidung der Gestalt. Sein Kopf war von denen, die man, einmal +gesehen, nie mehr vergißt. + +Das dichte, noch glänzend schwarze Haar war nach Römerart kurz und rund um +die gewölbte, etwas zu große Stirn und die edel geformten Schläfe +geschoren, tief unter den fein geschweiften Brauen waren die schmalen +Augen geborgen, in deren unbestimmtem Dunkelgrau ein ganzes Meer +versunkener Leidenschaften, aber noch bestimmter der Ausdruck kältester +Selbstbeherrschung lag. Um die scharf geschnittenen bartlosen Lippen +spielte ein Zug stolzer Verachtung gegen Gott und seine ganze Welt. Wie er +vortrat und mit ruhiger Vornehmheit den Blick über die Erregten streifen +ließ, wie seine nicht einschmeichelnde, aber beherrschende Redeweise +anhob, empfand jeder in der Versammlung den Eindruck bewußter +Überlegenheit und wenige Menschen mochten diese Nähe ohne das Gefühl der +Unterordnung tragen. + +»Was hadert ihr,« sagte er kalt, »über Dinge, die geschehen müssen? Wer +den Zweck will, muß das Mittel wollen. Ihr wollt nicht vergeben? Immerhin! +Daran liegt nichts. Aber vergessen müßt ihr. Und das könnt ihr. Auch ich +war ein Freund der Verstorbenen, vielleicht ihr nächster. Und doch – ich +will vergessen. Ich thu’ es, eben weil ich ihr Freund war. Der liebt sie, +Scävola, der allein, der sie rächt. Um der Rache willen – Albinus, deine +Hand.« – Alle schwiegen, bewältigt mehr von der Persönlichkeit als von den +Gründen des Redners. Nur der Jurist bemerkte noch: + +»Rusticiana, des Boëthius Witwe und des Symmachus Tochter, die +einflußreiche Frau, ist unsrem Bunde hold. Wird sie das bleiben, wenn +dieser eintritt? Kann sie je vergeben und vergessen? Niemals!« + +»Sie kann es. Glaubt nicht mir, glaubt Euren Augen.« Mit diesen Worten +wandte sich rasch Cethegus und schritt in einen der Seitengänge, dessen +Mündung bisher sein Rücken verdeckt hatte. – Hart am Eingang stand +lauschend eine verschleierte Gestalt: er ergriff ihre Hand: »komm’,« +flüsterte er, »jetzt komm’.« – »Ich kann nicht! ich will nicht!« war die +leise Antwort der Widerstrebenden. »Ich verfluche ihn. Ich kann ihn nicht +sehen, den Elenden!« – »Es muß sein. Komm, du kannst und du willst es: – +denn ich will es.« Er schlug ihren Schleier zurück: noch ein Blick und sie +folgte wie willenlos. – + +Sie bogen um die Ecke des Eingangs: »Rusticiana!« riefen alle. – »Ein Weib +in unserer Versammlung!« sprach der Jurist. »Das ist gegen die Satzungen, +die Gesetze.« + +»Ja, Scävola, aber die Gesetze sind um des Bundes willen, nicht der Bund +um der Gesetze willen. Und geglaubt hättet ihr mir nie, was ihr hier sehet +mit Augen.« + +Er legte die Hand der Witwe in die zitternde Rechte des Albinus. + +»Seht, Rusticiana verzeiht: wer will jetzt noch widerstreben?« – +Überwunden und überwältigt verstummten alle. Für Cethegus schien das +weitere jedes Interesse verloren zu haben. Er trat mit der Frau an die +Wand im Hintergrund zurück. Der Priester aber sprach: »Albinus ist Glied +des Bundes.« – »Und sein Eid, den er dem Tyrannen geschworen?« fragte +schüchtern Scävola. – »War erzwungen und ist ihm gelöst von der heiligen +Kirche. Aber nun ist es Zeit, zu scheiden. Nur noch die eilendsten +Geschäfte, die neuesten Botschaften. Hier, Licinius, der Festungsplan von +Neapolis: du mußt ihn bis morgen nachgezeichnet haben, er geht an Belisar. +Hier, Scävola, Briefe aus Byzanz, von Theodora, der frommen Gattin +Justinians: du mußt sie beantworten. Da, Calpurnius, eine Anweisung auf +eine halbe Million Solidi von Albinus: du sendest sie an den fränkischen +Majordomus, er wirkt bei seinem König gegen die Goten. Hier, Pomponius, +eine Liste der Patrioten in Dalmatien: du kennst die Dinge dort und die +Menschen: sieh zu, ob bedeutende Namen fehlen. Euch allen aber sei gesagt, +daß, nach heute erhaltenen Briefen von Ravenna, die Hand des Herrn schwer +auf dem Tyrannen liegt: tiefe Schwermut, zu späte Reue über all’ seine +Sünden soll seine Seele niederdrücken und der Trost der wahren Kirche +bleibt ihm fern. Harret aus noch eine kleine Weile: bald wird ihn die +zornige Stimme des Richters abrufen: dann kömmt der Tag der Freiheit. An +den nächsten Iden, zur selben Stunde, treffen wir uns wieder. Der Segen +des Herrn sei mit euch.« Eine Handbewegung des Diakons verabschiedete die +Versammelten: die jungen Priester traten mit den Fackeln aus den +Seitengängen und geleiteten die Einzelnen in verschiedenen Richtungen nach +den nur ihnen bekannten Ausgängen der Katakomben. + + + + + Viertes Kapitel. + + +Silverius, Cethegus und Rusticiana stiegen miteinander die Stufen hinauf, +welche in die Krypta der Basilika des heiligen Sebastian führten. Von da +gingen sie durch die Kirche in das unmittelbar darangebaute Haus des +Diakonus. Dort angelangt überzeugte sich dieser, daß alle Hausgenossen +schliefen bis auf einen alten Sklaven, der im Atrium bei einer halb +herabgebrannten Ampel wachte. Auf den Wink seines Herrn zündete er die +neben ihm stehende silberfüßige Lampe an und drückte auf eine Fuge im +Marmorgetäfel. Die Marmorplatten drehten sich um ihre Achse und ließen den +Priester, der die Leuchte ergriffen, mit den beiden andern in ein kleines, +niedres Gemach treten, dessen Öffnung sich hinter ihnen rasch und +geräuschlos wieder schloß. Keine Ritze verriet nun wieder, daß hier eine +Thür. + +Der kleine Raum, jetzt mit einem hohen Kreuz aus Holz, einem Betschemel +und einigen christlichen Symbolen auf Goldgrund einfach ausgestattet, +hatte in heidnischen Tagen offenbar, wie die an den Wänden hinlaufenden +Polstersimse bezeugten, dem Zweck jener kleinen Gelage von zwei oder drei +Gästen gedient, deren zwanglose Gemütlichkeit Horatius feiert. Zur Zeit +war hier das Asyl für die geheimsten geistlichen – oder weltlichen – +Gedanken des Diakonus. Schweigend setzte sich Cethegus, auf ein gegenüber +in die Wand eingelegtes Mosaikgemälde den flüchtigen Blick des verwöhnten +Kunstkenners werfend, auf den niederen Lectus. Während der Priester +beschäftigt war, aus einem Mischkrug mit hochgeschweiften Henkeln Wein in +die bereit stehenden Becher zu gießen und eine eherne Schale mit Früchten +auf den dreifüßigen Bronzetisch zu stellen, stand Rusticiana Cethegus +gegenüber, ihn mit unwillig staunenden Blicken messend. Kaum vierzig Jahre +alt, zeigte das Weib Spuren einer seltenen, etwas männlichen Schönheit, +die weniger durch das Alter als durch heftige Leidenschaften gelitten +hatte: schon war hier und da nicht graues, sondern weißes Haar in ihre +rabenschwarzen Flechten gemischt, das Auge hatte einen unsteten Blick und +starke Falten zogen sich gegen die immer bewegten Mundwinkel. Sie stützte +die Linke auf den Erztisch und strich mit der Rechten wie nachsinnend über +die Stirn, dabei fortwährend Cethegus anstarrend. Endlich sprach sie: +»Mensch, sage, sage, Mann, welche Gewalt du über mich hast? Ich liebe dich +nicht mehr. Ich sollte dich hassen. Ich hasse dich auch. Und doch muß ich +dir folgen willenlos. Wie der Vogel dem Auge der Schlange. Und du legst +meine Hand, _diese_ Hand, in die Hand jenes Schurken. Sage, du Frevler, +welches ist diese Macht?« + +Cethegus schwieg unaufmerksam. Endlich sagte er, sich zurücklehnend: +»Gewohnheit, Rusticiana, Gewohnheit.« + +»Jawohl, Gewohnheit! Gewohnheit einer Sklaverei, die besteht, seit ich +denken kann. Daß ich als Mädchen den schönen Nachbarssohn bewunderte, war +natürlich; daß ich glaubte, du liebtest mich, war verzeihlich: du küßtest +mich ja. Und wer konnte – damals! – wissen, daß du nicht lieben kannst. +Nichts: kaum dich selbst. Daß die Gattin des Boëthius diese wahnsinnige +Liebe nicht erstickte, die du wie spielend wieder anfachtest, war eine +Sünde, aber Gott und die Kirche haben sie mir verziehen. Doch, daß ich +jetzt noch, nachdem ich jahrzehntelang deine herzlose Tücke kenne, nachdem +die Glut der Leidenschaft erloschen in diesen Adern, daß ich jetzt noch +blindlings deinem dämonischen Willen folgen muß, – das ist eine Thorheit +zum Lautauflachen.« + +Und sie lachte hell und fuhr mit der Rechten über die Stirn. Der Priester +hielt in seiner wirtlichen Beschäftigung inne, und sah verstohlen auf +Cethegus; er war gespannt. Cethegus lehnte das Haupt rückwärts an den +Marmorsims und umfaßte mit der Rechten den Pokal, der vor ihm stand: + +»Du bist ungerecht, Rusticiana,« sagte er ruhig. »Und unklar. Du mischest +die Spiele des Eros in die Werke der Eris und der Erinnyen. Du weißt es, +daß ich der Freund des Boëthius war. Obwohl ich sein Weib küßte. +Vielleicht ebendeshalb. Ich sehe darin nichts Besonderes und du: – nun dir +haben es ja Silverius und die Heiligen vergeben. Du weißt ferner, daß ich +diese Goten hasse, wirklich hasse, daß ich den Willen und – vor andern – +die Fähigkeit habe, durchzusetzen, was dich jetzt ganz erfüllt: deinen +Vater, den du geliebt, deinen Gatten, den du geehrt hast, an diesen +Barbaren zu rächen. Du gehorchst daher meinen Winken. Und du thust daran +sehr klug. Denn du hast zwar ein sehr bedeutendes Talent, Ränke zu +schmieden. Aber deine Heftigkeit trübt oft deinen Blick. Sie verdirbt +deine feinsten Pläne. Also thust du wohl, kühlerer Leitung zu folgen. Das +ist alles. – Aber jetzt geh. Deine Sklavin kauert schlaftrunken im +Vestibulum. Sie glaubt dich in der Beichte, bei Freund Silverius. Die +Beichte darf nicht gar zu lange währen. Auch haben wir noch Geschäfte. +Grüße mir Kamilla, dein schönes Kind, und lebe wohl.« Er stand auf, +ergriff ihre Hand und führte sie sanft zur Thüre. Sie folgte +widerstrebend, nickte dem Priester zum Abschied zu, sah nochmal auf +Cethegus, der ihre innere Bewegung nicht zu sehen schien und ging mit +leisem Kopfschütteln hinaus. + +Cethegus setzte sich wieder und trank den Pokal aus. + +»Sonderbarer Kampf in diesem Weibe,« sagte Silverius und setzte sich mit +Griffel, Wachstafeln, Briefen und Dokumenten zu ihm. »Nicht sonderbar. Sie +will ihr Unrecht gegen ihren Gatten gut machen, indem sie ihn rächt. Und +daß sie diese Rache gerade durch ihren ehemaligen Geliebten findet, macht +die heilige Pflicht besonders süß. Freilich ist ihr dies alles unbewußt. – +Aber, was giebt’s zu thun?« Und nun begannen die beiden Männer ihre +Arbeit, solche Punkte der Verschwörung zu erledigen, die allen Gliedern +des Bundes mitzuteilen sie nicht für ratsam hielten. – »Diesmal,« hob der +Diakonus an, »gilt es vor allem, das Vermögen des Albinus festzustellen +und dessen nächste Verwendung zu beraten. Wir brauchten ganz unabweislich +Geld, viel Geld.« – »Geldsachen sind dein Gebiet,« sagte Cethegus +trinkend. »Ich verstehe sie wohl, aber sie langweilen mich.« + +»Ferner müssen die einflußreichsten Männer auf Sicilien, in Neapolis und +Apulien gewonnen werden. Hier ist die Liste derselben mit Notizen über die +einzelnen. Es sind Menschen darunter, bei denen die gewöhnlichen Mittel +nicht verfangen.« »Gieb her,« sagte Cethegus, »_das_ will ich machen« und +zerlegte einen persischen Apfel. – – + +Nach einer Stunde angestrengter Arbeit waren die dringendsten Geschäfte +bereinigt und der Hausherr legte die Dokumente wieder in ihr Geheimfach +hinter dem großen Kreuz in der Mauer. Der Priester war ermüdet und sah mit +Neid auf den Genossen, dessen stählernen Körper und unangreifbaren Geist +keine späte Stunde, keine Anspannung ermatten zu können schien. Er äußerte +etwas dergleichen, als sich Cethegus den silbernen Becher wieder füllte. + +»Übung, Freund, starke Nerven und,« setzte er lächelnd hinzu, »ein gutes +Gewissen: das ist das ganze Rätsel.« + +»Nein, im Ernst, Cethegus, du bist mir auch sonst ein Rätsel.« – »Das will +ich hoffen.« – »Nun, hältst du dich für ein mir so unerreichbar +überlegenes Wesen?« – »Ganz und gar nicht. Aber doch für gerade +hinreichend tief, um andern nicht minder ein Rätsel zu sein als – mir +selbst. Dein Stolz auf Menschenkenntnis mag sich beruhigen. Es geht mir +selbst mit mir nicht besser als dir. Nur die Tropfen sind durchsichtig.« – +»In der That,« fuhr der Priester ausholend fort, »der Schlüssel zu deinem +Wesen muß sehr tief liegen. Sieh zum Beispiel die Genossen unsres Bundes. +Von jedem läßt sich sagen, welcher Grund ihn dazu geführt hat. Der hitzige +Jugendmut einen Licinius: der verrannte, aber ehrliche Rechtssinn einen +Scävola: mich und die andern Priester – der Eifer für die Ehre Gottes.« + +»Natürlich,« sagte Cethegus trinkend. + +»Andere treibt der Ehrgeiz: oder die Hoffnung, bei einem Bürgerkrieg ihren +Gläubigern die Hälse abzuschneiden, oder auch die Langeweile über den +geordneten Zustand dieses Landes unter den Goten oder eine Beleidigung +durch einen der Fremden, die allermeisten der natürliche Widerwille gegen +die Barbaren und die Gewöhnung, nur im Kaiser den Herrn Italiens zu sehen. +Bei dir aber schlägt keiner dieser Beweggründe an und« – + +»Und das ist sehr unbequem, nicht wahr? Denn mittels Kenntnis ihrer +Beweggründe beherrscht man die Menschen? Ja, ehrwürdiger Gottesfreund, ich +kann dir nicht helfen. Ich weiß es wirklich selbst nicht, was mein +Beweggrund ist. Ich bin selbst so neugierig darauf, daß ich es dir +herzlich gern sagen und mich – beherrschen lassen wollte, wenn ich es nur +entdecken könnte. Nur das Eine fühl’ ich: diese Goten sind mir zuwider. +Ich hasse diese vollblütigen Gesellen mit ihren breiten Flachsbärten. +Unausstehlich ist mir das Glück dieser brutalen Gutmütigkeit, dieser +naiven Jugendlichkeit, dieses alberne Heldentum, diese ungebrochnen +Naturen. Es ist eine Unverschämtheit des Zufalls, der die Welt regiert, +dieses Land, – nach einer solchen Geschichte, – mit Männern wie – wie du +und ich – von diesen Nord-Bären beherrschen zu lassen.« Unwillig warf er +das Haupt zurück, drückte die Augen zu und schlürfte einen kleinen Trunk +Weines. »Daß die Barbaren fort müssen,« sprach der andere, »darüber sind +wir einig. Und für mich ist damit alles erreicht. Denn ich will ja nur die +Befreiung der Kirche von diesen irrgläubigen Barbaren, welche die +Göttlichkeit Christi leugnen und nur einen Halbgott aus ihm machen. Ich +hoffe, daß alsdann der römischen Kirche der Primat im ganzen Gebiet der +Christenheit, der ihr gebührt, unbestritten zufallen wird. Aber solange +Rom in der Hand der Ketzer liegt, während der Bischof von Byzanz von dem +allein rechtgläubigen und rechtmäßigen Kaiser gestützt wird« – + +»Solange ist der Bischof von Rom nicht der oberste Bischof der +Christenheit, solange nicht Herr Italiens: und deshalb der römische Stuhl, +selbst wenn ein Silverius ihn einnehmen wird, nicht das, was er werden +soll: das Höchste. Und das will doch Silverius.« + +Überrascht sah der Priester auf. + +»Beunruhige dich nicht, Freund Gottes. Ich weiß das längst und habe dein +Geheimnis bewahrt, obwohl du es mir nicht vertraut hast. Allein weiter.« +Er schenkte sich aufs neue ein: – »dein Falerner ist gut abgelagert, aber +er hat zu viel Süße. – Du kannst eigentlich nur wünschen, daß diese Goten +den Thron der Cäsaren räumen, nicht, daß die Byzantiner an ihre Stelle +treten: denn sonst hat der Bischof von Rom wieder zu Byzanz seinen +Oberbischof und einen Kaiser. Du mußt also an der Goten Stelle wünschen – +nicht einen Kaiser – Justinian, – sondern – etwa was?« – »Entweder« – fiel +Silverius eifrig ein – »einen eignen Kaiser des Westreichs« – »Der aber,« +vollendete Cethegus seinen Satz, »nur eine Puppe ist in der Hand des +heiligen Petrus –« – »Oder eine römische Republik, einen Staat der Kirche +–« – »In welchem der Bischof von Rom der Herr, Italien das Hauptland und +die Barbarenkönige in Gallien, Germanien, Spanien die gehorsamen Söhne der +Kirche sind. Schön, mein Freund. Nur müssen erst die Feinde vernichtet +sein, deren Spolien du bereits verteilst. Deshalb ein altrömischer +Trinkspruch: wehe den Barbaren!« + +Er stand auf und trank dem Priester zu. »Aber die letzte Nachtwache +schleicht vorüber und meine Sklaven müssen mich am Morgen in meinem +Schlafgemach finden. Leb wohl.« Damit zog er den Cucullus des Mantels über +das Haupt und ging. + +Der Wirt sah ihm nach: »Ein höchst bedeutendes Werkzeug!« sagte er zu +sich. »Gut, daß er nur ein Werkzeug ist. Möge er es immer bleiben.« + +Cethegus aber schritt von der Via appia her, wo die Kirche des heiligen +Sebastian den Eingang in die Katakomben bedeckt, nach Nordwesten dem +Kapitole zu, an dessen Fuß am Nordende der Via sacra sein Haus gelegen +war, nordöstlich vom Forum Romanum. + +Die kühle Morgenluft strich belebend um sein Haupt. + +Er schlug den Mantel zurück und dehnte die breite, starke, gewaltige +Brust. »Ja, ein Rätsel bist du,« sprach er vor sich hin; »treibst +Verschwörung und nächtlichen Verkehr wie ein Republikaner oder ein +Verliebter von zwanzig Jahren. Und warum? – Ei, wer weiß warum er atmet? +Weil er muß. Und so muß ich thun was ich thue. Eins aber ist gewiß. Dieser +Priester mag Papst werden: er muß es vielleicht werden. Aber Eins darf er +nicht. Er darf es nicht lange bleiben. Sonst lebt wohl, ihr Gedanken, ihr +kaum eingestandenen, die ihr noch Träume seid und Wolkendünste: vielleicht +aber ballt sich daraus ein Gewitter, das Blitz und Donner führt und mein +Verhängnis wird. Sieh, es wetterleuchtet im Osten. Gut. Ich nehme das Omen +an.« + +Mit diesen Worten schritt er in sein Haus. Im Schlafgemach fand er auf dem +Cederntisch vor seinem Lager einen verschnürten und mit dem königlichen +Siegel gepreßten Brief. + +Er schnitt die Schnüre mit dem Dolch auf, schlug die doppelte Wachstafel +auseinander und las: + +»An Cethegus Cäsarius, den Princeps Senatus, Marcus Aurelius Cassiodorus +Senator. + +Unser Herr und König liegt im Sterben. Seine Tochter und Erbin +Amalaswintha wünscht dich noch vor seinem Ende zu sprechen. Du sollst das +wichtigste Reichsamt übernehmen. Eile sogleich nach Ravenna.« + + + + + Fünftes Kapitel. + + +Atembeklemmend lag bange Stimmung schwer und schwül über dem Königspalast +zu Ravenna mit seiner düstern Pracht, mit seiner unwirtlichen +Weiträumigkeit. + +Die alte Burg der Cäsaren hatte im Lauf der Jahrhunderte schon so manche +stilwidrige Veränderung erfahren. Und seit an die Stelle der Imperatoren +der Gotenkönig mit seinem germanischen Hofgesinde getreten war, hatte sie +vollends ein wenig harmonisches Aussehen angenommen. Denn viele Räume, die +eigentümlichen Sitten des römischen Lebens gedient hatten, standen mit der +alten Pracht ihrer Einrichtung unbenutzt und vernachlässigt: Spinnweben +zogen sich über die Mosaiken der reichen, aber lang nicht mehr betretenen +Badgemächer des Honorius und in dem Toilettenzimmer der Placidia huschten +die Eidechsen über das Marmorgesims der Silberspiegel in den Mauern. +Dagegen hatten die Bedürfnisse eines mehr kriegerischen Hofhalts manche +Mauer niedergerissen, um die kleinen Gemächer des antiken Hauses zu den +weiteren Räumen von Waffensälen, Trinkhallen, Wachtzimmern auszudehnen. +Und man hatte anderseits durch neue Mauerführungen benachbarte Häuser mit +dem Palast verbunden, daraus eine Festung mitten in der Stadt zu schaffen. +Es trieben jetzt in der »_piscina maxima_«, dem ausgetrockneten Teich, +blonde Buben ihre wilden Spiele und in den Marmorsälen der Palästra +wieherten die Rosse der gotischen Wachen. So hatte der weitläufige Bau das +unheimliche Ansehen halb einer kaum noch erhaltnen Ruine, halb eines +unvollendeten Neubaus: und die Burg dieses Königs erschien so wie ein +Sinnbild seines römisch-gotischen Reiches, seiner ganzen politischen +halbunfertigen, halbverfallenden Schöpfung. – + +An dem Tage aber, der Cethegus nach Jahren hier zuerst wieder eintreten +sah, lastete ein Gewölk von Spannung, Trauer und Düstre ganz besonders +schwer auf diesem Haus: denn seine königliche Seele sollte daraus +scheiden. – + +Der große Mann, der von hier aus ein Menschenalter lang die Geschicke +Europas gelenkt, den Abendland und Morgenland in Liebe und Haß +bewunderten, der Heros seines Jahrhunderts, der gewaltige Dietrich von +Bern, dessen Namen schon bei seinen Lebzeiten die Sage sich ausschmückend +bemächtigt hatte, der große Amalungen-König Theoderich sollte sterben. + +So hatten es die Ärzte, wenn nicht ihm selbst doch seinen Räten verkündet +und alsbald war es hinausgedrungen in die große volkreiche Stadt. Obwohl +man seit lange einen solchen Ausgang der geheimnisvollen Leiden des +greisen Fürsten für möglich gehalten, erfüllte doch jetzt die Kunde von +dem drohenden Eintritt des verhängnisvollen Schlages alle Herzen mit der +höchsten Aufregung. + +Die treuen Goten trauerten und bangten: aber auch bei der römischen +Bevölkerung war eine dumpfe Spannung die vorherrschende Empfindung. Denn +hier in Ravenna, in der unmittelbaren Nähe des Königs hatten die Italier +die Milde und Hoheit dieses Mannes im allgemeinen zu bewundern und durch +besondere Wohlthaten zu erfahren am häufigsten Gelegenheit gehabt. Ferner +fürchtete man nach dem Tode dieses Königs, der während seiner ganzen +Regierung, mit einziger Ausnahme der jüngsten Kämpfe mit dem Kaiser und +dem Senat, in welchen Boëthius und Symmachus geblutet, die Italier vor der +Gewaltthätigkeit und Rauheit seines Volkes beschützt hatte, unter einem +neuen Regiment Härte und Druck von Seite der Goten zu befahren. + +Endlich aber wirkte noch ein Anderes, Höheres: die Persönlichkeit dieses +Heldenkönigs war so großartig, so majestätisch gewesen, daß auch +diejenigen, die seinen und seines Reiches Untergang oft herbeigewünscht +hatten, doch in dem Augenblick, da nun diese Sonne erlöschen sollte, sich +niedriger Schadenfreude nicht hingeben und ernsterer Erschütterung nicht +erwehren konnten. + +So war die Stadt schon seit grauendem Morgen – da man zuerst vom Palast +Boten nach allen Winden hatte jagen und einzelne Diener in die Häuser der +vornehmsten Goten und Römer hatte eilen sehen – in höchster Erregung. In +den Straßen, auf den Plätzen, in den Bädern standen die Männer paarweise +oder in Gruppen beisammen, fragten und teilten sich mit, was sie wußten, +suchten eines Vornehmen habhaft zu werden, der vom Palaste herkam und +sprachen über die ernsten Folgen des bevorstehenden Ereignisses. Weiber +und Kinder kauerten neugierig auf den Schwellen der Häuser. Mit den +wachsenden Stunden des Tages strömte sogar schon die Bevölkerung der +nächsten Dörfer und Städte, besonders trauernde Goten, forschend in die +Thore Ravennas. Die Räte des Königs, voraus der Präfectus Prätorio +Cassiodorus, der sich in diesen Tagen um Aufrechthaltung der Ordnung hohes +Verdienst erwarb, hatten solche Aufregung vorausgesehen, vielleicht +Schlimmeres erwartet. + +Seit Mitternacht waren alle Zugänge zum Palast geschlossen und mit +gotischen Wachen besetzt. Auf dem Forum des Honorius, vor der Stirnseite +des Gebäudes, war ein Zug Reiter aufgestellt. Auf den breiten +Marmorstufen, die zu der stolzen Säulenreihe des Hauptportals +hinaufführten, waren starke Scharen gotischen Fußvolks, mit Schild und +Speer, in malerischen Gruppen gelagert. + +Nur hier konnte man, nach Cassiodors Befehl, Eintritt in den Palast +erlangen und nur die beiden Anführer des Fußvolks, der Römer Cyprian und +der Gote Witichis, durften die Erlaubnis dazu erteilen. Ersterer war es, +der Cethegus einließ. Wie dieser den altbekannten Weg zum Gemach des +Königs verfolgte, fand er in den Hallen und Gängen der Burg die Goten und +Italier, denen ihr Rang und Ansehen Zutritt erwarben, in ungleichen +Gruppen verteilt. + +Schweigend und traurig standen in der sonst so lauten Trinkhalle die +jungen Tausendführer und Hundertführer der Goten beisammen oder flüsterten +einzelne besorgte Fragen, während hier und da ein älterer Mann, ein +Waffengefährte des sterbenden Helden, in einer Nische der Bogenfenster +lehnte, seinen lauten Schmerz zu verbergen; in der Mitte des Saales stand, +laut weinend, das Haupt an einen Pfeiler drückend, ein reicher Kaufmann +von Ravenna: der König, der jetzt scheiden sollte, hatte ihm eine +Verschwörung verziehen und seine Warenhallen vor der Plünderung durch die +ergrimmten Goten gerettet. + +Mit einem kalten Blick der Geringschätzung schritt Cethegus an dem allen +vorüber. Er ging weiter. + +In dem nächsten Gemach, dem zum Empfang fremder Gesandten bestimmten Saal, +fand er eine Anzahl von vornehmen Goten, Herzogen, Grafen und Edeln +beisammen, die offenbar Beratung hielten über den Thronwechsel und den +drohenden Umschwung aller Verhältnisse. + +Da waren die tapferen Herzoge Thulun von Provincia, der die Stadt Arles +heldenmütig gegen die Franken verteidigt hatte, Ibba von Liguria, der +Eroberer von Spanien, Pitza von Dalmatia, der Besieger der Bulgaren und +Gepiden, gewaltige, trotzige Herren, stolz auf ihren alten Adel, der dem +Königshaus der Amaler wenig nachgab – denn sie waren aus dem Geschlecht +der Balten, das bei den Westgoten durch Alarich die Krone gewonnen hatte +–, und auf ihre kriegerischen Verdienste, die das Reich beschirmt und +erweitert. + +Auch Hildebad und Teja standen bei ihnen. + +Das waren die Führer der Partei, die längst eine härtere Behandlung der +Italier, welche sie haßten und scheuten zugleich, begehrt und die nur +widerstrebend dem milden Sinn des Königs sich gefügt hatten. Wilde Blicke +des Hasses schossen aus ihrer Mitte auf den vornehmen Römer, der da Zeuge +der Sterbestunde des großen Gotenhelden sein wollte. Ruhig schritt +Cethegus an ihnen vorüber und hob den schweren Wollvorhang auf, der den +nächsten Raum abschied, das Vorzimmer des Krankengemaches. Eintretend +begrüßte er mit tiefer Verbeugung des Hauptes eine hohe königliche Frau, +die, in schwarze Trauerschleier gehüllt, ernst und schweigend, aber in +fester Fassung und ohne Thränen vor einem mit Urkunden bedeckten +Marmortische stand: das war Amalaswintha, die verwitwete Tochter +Theoderichs. + +Eine Frau in der Mitte der Dreißiger war sie noch von außerordentlicher, +wenn auch kalter Schönheit. Sie trug das reiche dunkle Haar nach +griechischer Weise gescheitelt und gewellt. Die hohe Stirn, das große, +runde Auge, die geradlinige Nase, der Stolz ihrer fast männlichen Züge und +die Majestät ihrer vollen Gestalt verliehen ihr gebietende Würde und in +dem ganz nach hellenischem Stil gefalteten Trauergewand glich sie in der +That einer von ihrem Postament heruntergeschrittenen Hera des Polyklet. + +An ihrem Arme hing, mehr gestützt als stützend, ein Knabe oder Jüngling +von etwa siebzehn Jahren, Athalarich, ihr Sohn, des Gotenreiches Erbe. Er +glich nicht der Mutter, sondern hatte die Natur seines unglücklichen +Vaters Eutharich, den eine zehrende Krankheit des Herzens in der Blüte +seiner Jahre in das Grab gezogen hatte. Mit Sorge sah deshalb Amalaswintha +ihren Sohn in allem ein Ebenbild des Vaters werden und es war kaum mehr +ein Geheimnis am Hofe von Ravenna, daß alle Spuren jener Krankheit sich +schon in dem Knaben zeigten. Athalarich war schön wie alle Glieder dieses +von den Göttern stammenden Hauses. Starke schwarze Brauen, lange Wimpern +beschatteten ein edles, dunkles Auge, das aber bald wie in unbestimmten +Träumen zerfloß, bald in geisterhaftem Glanz aufblitzte. Dunkelbraune +wirre Locken hingen in die bleichen Schläfe, in denen bei lebhafter +Erregung die feinen blauen Adern krampfhaft zuckten. Der edeln Stirn hatte +leiblicher Schmerz oder schwere Entsagung tiefe Furchen eingezeichnet, +befremdlich auf diesem jugendlichen Antlitz. Rasch wechselten Marmorblässe +und heißes Rot auf den durchsichtigen Wangen. Die hoch aufgeschossene, +aber geknickte Gestalt schien meistens wie müde in ihren Fugen zu hangen +und schoß nur manchmal mit erschreckender Raschheit in die Höhe. Er sah +den eintretenden Cethegus nicht, denn er hatte, an der Mutter Brust +gelehnt, den griechischen Mantel klagend um das junge Haupt geschlagen, +das bald eine schwere Krone tragen sollte. – + +Fern von diesen beiden an dem offenen Bogen des Gemaches, der den Blick +auf die von den Gotenkriegern besetzten Marmorstufen gewährte, stand, in +träumerisches Sinnen verloren, ein Weib – oder war es eine Jungfrau? – von +überraschender, blendender, überwältigender Schönheit: das war +Mataswintha, Athalarichs Schwester. Sie glich der Mutter an Adel und Höhe +der Gestalt, aber ihre schärferen Züge hatten ein feuriges +leidenschaftliches Leben, das sich nur wenig unter angenommener Kälte +barg. Ihre Gestalt, ein reizvolles Ebenmaß von blühender Fülle und feiner +Schlankheit, mahnte an jene bezwungene Artemis in den Armen des Endymion +in der Gruppe des Agesander, die, nach der Sage, der Rat von Rhodos hatte +aus der Stadt verbannen müssen, weil diese marmorne höchste Einheit +schönster Jungfräulichkeit und schönster Sinnlichkeit die Jünglinge des +Eilands zu Wahnsinn und Selbstmord getrieben hatte. Der Zauber höchster +reifer Mädchenschönheit zitterte über diesem Wesen. Ihr reichwallendes +Haar war dunkelrot mit einem schillernden Metallglanz und von so +außerordentlicher Wirkung, daß er der Fürstin, selbst bei diesem durch die +prächtigen Goldlocken seiner Weiber berühmten Volk, den Namen »Schönhaar« +verschafft hatte. Ihre Augenbrauen aber und die langen Wimpern waren +glänzend schwarz und hoben die blendend weiße Stirn, die alabasternen +Wangen leuchtend hervor. Die fein gebogene Nase mit den zartgeschnittenen +manchmal leise zuckenden Flügeln senkte sich auf einen üppig schwellenden +Mund. Aber das Auffallendste an dieser auffallenden Schönheit war das +graue Auge, nicht so fast durch die ziemlich unbestimmte Farbe, wie durch +den wunderbaren Ausdruck, mit dem es, meist in träumerisches Sinnen +verloren, manchmal in versengender Leidenschaft aufleuchten konnte. In der +That, wie sie da an dem Fenster lehnte, in der halb hellenischen, halb +gotischen von ihrer Phantasie erfinderisch zusammengewählten Tracht, den +weißen, hochgewölbten Arm um die dunkle Porphyrsäule geschlungen und +hinaus träumend in die Abendluft, glich ihre verführerische Schönheit +jenen unwiderstehlichen Waldfrauen oder Wellenmädchen, deren +allverstrickende Liebesgewalt von jeher die germanische Sage gefeiert hat. +Und so groß war die Macht dieser Schönheit, daß selbst die ausgebrannte +Brust des Cethegus, der die Fürstin längst kannte, bei seinem Eintritt von +neuem Staunen berührt wurde. – + +Doch wurde er sogleich in Anspruch genommen von dem letzten der im Gemach +Anwesenden, von Cassiodor, dem gelehrten und treuen Minister des Königs, +dem ersten Vertreter jener wohlwollenden, aber hoffnungslosen +Versöhnungspolitik, die seit einem Menschenalter im Gotenreich geübt +wurde. Der alte Mann, dessen ehrwürdige und milde Züge der Schmerz um den +Verlust seines königlichen Freundes nicht weniger bewegte als die Sorge um +die Zukunft des Reiches, stand auf und ging mit schwankenden Schritten dem +Eintretenden entgegen, der sich ehrfurchtvoll verneigte. In Thränen +schwimmend ruhte das Auge des Greises auf ihm, endlich sank er seufzend an +die kalte Brust des Cethegus, der ihn für diese Weichheit verachtete. + +»Welch ein Tag!« klagte er. – »Ein verhängnisvoller Tag,« sprach Cethegus +ernst; »er fordert Kraft und Fassung.« – »Recht sprichst du, Patricius, +und wie ein Römer,« – sagte die Fürstin, sich von Athalarich losmachend, – +»sei gegrüßt.« Sie reichte ihm die Hand, die nicht bebte, ihr Auge war +klar. »Die Schülerin der Stoa bewährt an diesem Tage die Weisheit Zenos +und die eigne Kraft,« sprach Cethegus. + +»Sagt lieber, die Gnade Gottes kräftigt ihre Seele wunderbar,« verbesserte +Cassiodor. – »Patricius,« begann Amalaswintha, »der Präfectus Prätorio hat +dich mir vorgeschlagen zu einem wichtigen Geschäft. Sein Wort würde +genügen, auch wenn ich dich nicht längst schon kennte. Du bist derselbe +Cethegus, der die ersten beiden Gesänge der Äneis in griechische Hexameter +übertragen hat!« – »_Infandum renovare jubes, regina, dolorem._ Eine +Jugendsünde, Königin,« lächelte Cethegus. »Ich habe alle Abschriften +aufgekauft und verbrannt an dem Tage, da die Übersetzung Tullias +erschien.« Tullia war das Pseudonym Amalaswinthas: Cethegus wußte das: +aber die Fürstin hatte von dieser seiner Kenntnis keine Ahnung. Sie war in +ihrer schwächsten Stelle geschmeichelt und fuhr fort: »Du weißt, wie es +hier steht. Die Atemzüge meines Vaters sind gezählt: nach dem Ausspruch +der Ärzte kann er, obwohl noch rüstig und stark, jeden Augenblick tot +zusammenbrechen. Athalarich hier ist der Erbe seiner Krone. Ich aber führe +an seiner Statt die Regentschaft und über ihn die Mundschaft bis er zu +seinen Tagen gekommen.« – »So ist der Wille des Königs, und Goten und +Römer haben dieser Weisheit längst schon zugestimmt,« sagte Cethegus. – +»So thaten sie. Aber die Menge ist wandelbar. Die rohen Männer verachten +die Herrschaft eines Weibes« – und sie zog bei diesem Gedanken die Stirn +in zornige Falten. »Es widerstreitet immerhin dem Staatsrecht der Goten +wie der Römer,« begütigte Cassiodor, »es ist ganz neu, daß ein Weib –« – +»Die undankbaren Rebellen!« murmelte Cethegus, gleichsam für sich. – »Wie +man darüber denken mag,« fuhr die Fürstin fort, »es ist so. Gleichwohl +baue ich auf die Treue der Barbaren im ganzen, mögen auch einzelne aus dem +Adel Gelüste nach der Krone tragen. Auch von den Italiern hier in Ravenna, +wie in den meisten Städten, fürchte ich nichts. Aber ich fürchte – Rom und +die Römer.« Cethegus horchte hoch auf: sein ganzes Wesen war in +plötzlicher Erregung: aber sein Antlitz blieb eisig kalt. + +»Rom wird sich niemals an die Herrschaft der Goten gewöhnen, es wird uns +ewig widerstreben – wie könnte es anders!« setzte sie seufzend hinzu. Es +war, als ob die Tochter Theoderichs eine römische Seele hätte. + +»Wir fürchten deshalb,« – ergänzte Cassiodor, – »daß auf die Kunde von der +Erledigung des Throns zu Rom eine Bewegung gegen die Regentin ausbrechen +könnte, sei es für Anschluß an Byzanz, sei es für Erhebung eines eignen +Kaisers des Abendlandes.« + +Cethegus schlug, wie nachsinnend, die Augen nieder. – + +»Darum,« fiel die Fürstin rasch ein, »muß, schon ehe jene Kunde zu Rom +eintrifft, alles geschehen sein. Ein entschlossener, mir treu ergebener +Mann muß die Besatzung für mich – ich meine für meinen Sohn – vereidigen, +die wichtigsten Thore und Plätze besetzen, Senat und Adel einschüchtern, +das Volk für mich gewinnen und meine Herrschaft unerschütterlich +aufrichten, ehe sie noch bedroht ist. Und für dies Geschäft hat Cassiodor +– dich vorgeschlagen. Sprich, willst du es übernehmen?« + +Bei diesen Worten war der goldne Griffel aus ihrer Hand zur Erde gefallen. +Cethegus bückte sich, ihn aufzuheben. Er hatte nur diesen einen Augenblick +für die hundert Gedanken, die bei diesem Antrag sich in seinem Kopfe +kreuzten. + +War die Verschwörung in den Katakomben, war vielleicht er selbst verraten? +Lag hier eine Schlinge des schlauen und herrschsüchtigen Weibes? Oder +waren die Thoren wirklich so blind, gerade ihm dies Amt aufzudringen? Und +wenn dem so war, was sollte er thun? Sollte er den Moment benutzen, +sogleich loszuschlagen, Rom zu gewinnen? Und für wen? für Byzanz? oder für +einen Kaiser im Abendlande? Und wer sollte das werden? Oder waren die +Dinge noch nicht reif? Sollte er für diesmal – aus Treulosigkeit – Treue +üben? Für all’ diese und manche andere Zweifel und Fragen hatte er, sie zu +stellen und zu lösen, nur den einen Moment, da er sich bückte: sein +rascher Geist brauchte nicht mehr: er hatte im Bücken das arglos +vertrauende Gesicht Cassiodors gesehen und entschlossen sprach er, den +Griffel überreichend: »Königin, ich übernehme das Geschäft.« – »Das ist +gut,« sagte die Fürstin. Cassiodor drückte seine Hand. – »Wenn Cassiodor,« +fuhr Cethegus fort, »mich zu diesem Amte vorgeschlagen, so hat er wieder +einmal seine tiefe Menschenkenntnis bewährt. Er hat durch meine Schale auf +meinen Kern gesehen.« – »Wie meinst du das?« fragte Amalaswintha. – +»Königin, der Schein konnte ihn trügen. Ich gestehe, daß ich die Barbaren +– verzeihe! – die Goten nicht gern in Italien herrschen sehe.« – »Dieser +Freimut ehrt dich und ich verzeih’ es dem Römer.« – »Dazu kommt, daß ich +seit Jahrzehnten dem Staat, dem öffentlichen Leben keine Teilnahme mehr +zuwandte. Nach vielen Leidenschaften leb’ ich – ohne alle Leidenschaft – +nur einer spielenden Muse und leichten Gelehrsamkeit, unbekümmert um die +Sorgen der Könige, auf meinen Villen.« – »_Beatus ille qui procul +negotiis_«, citierte seufzend die gelehrte Frau. – »Aber eben weil ich die +Wissenschaft verehre, weil ich, ein Schüler Platons, will, daß die Weisen +herrschen sollen, deshalb wünsche ich, daß eine Königin mein Vaterland +regiere, die nur der Geburt nach Gotin, der Seele nach Griechin, der +Tugend nach Römerin ist. + +Ihr zu Liebe will ich meine Muße den verhaßten Geschäften opfern. Aber nur +unter der Bedingung, daß dies mein letztes Staatsamt sei. Ich übernehme +deinen Auftrag und stehe dir für Rom mit meinem Kopf.« + +»Gut, hier findest du die Vollmachten, die Dokumente, deren du bedarfst.« + +Cethegus durchflog die Urkunden. »Dies ist das Manifest des jungen Königs +an die Römer, mit deiner Unterschrift. Seine Unterschrift fehlt noch.« +Amalaswintha tauchte die gnidische Rohrfeder in das Gefäß mit Purpurtinte, +deren sich die Amaler, wie die römischen Imperatoren bedienten: »Komm, +schreibe deinen Namen, mein Sohn.« Athalarich hatte während der ganzen +Verhandlung stehend und mit beiden Armen vorgebeugt auf den Tisch +gestützt, Cethegus scharf beobachtet. Jetzt richtete er sich auf: er war +gewohnt, in seinen Formen die Rechte eines Kronfolgers und eines Kranken +zu gebrauchen: »Nein,« sagte er heftig, »ich schreibe nicht. Nicht bloß, +weil ich diesem kalten Römer nicht traue, – nein, ich traue dir gar nicht, +du stolzer Mann! – es ist empörend, daß ihr, während mein hoher Großvater +noch atmet, schon an seiner Krone herumtappt, ihr Zwerge nach der Krone +des Riesen. Schämt euch eurer Fühllosigkeit. Hinter jenen Vorhängen stirbt +der größte Held des Jahrhunderts – und ihr denkt nur an die Teilung seiner +Königsgewänder.« + +Er wandte ihnen den Rücken und schritt langsam nach dem Fenster zu, wo er +den Arm um seine schöne Schwester schlang und ihr schimmervolles +glänzendes Haar streichelte. + +Lange stand er so, sie achtete seiner nicht. Plötzlich fuhr sie auf aus +ihrem Sinnen: »Athalarich,« flüsterte sie, hastig seinen Arm fassend und +hinausdeutend auf die Marmorstufen, »wer ist der Mann dort? im blauen +Stahlhelm, der eben um die Säule biegt? Sprich, wer ist es?« »Laß sehn,« +sagte der Jüngling sich vorbeugend, »der dort? ei, das ist Graf Witichis, +der Besieger der Gepiden, ein wackrer Held.« Und er erzählte ihr von den +Thaten und Erfolgen des Grafen im letzten Kriege. + +Indessen hatte Cethegus die Fürstin und den Minister fragend angesehen. +»Laß ihn!« seufzte Amalaswintha. »Wenn er nicht will, zwingt ihn keine +Macht der Erde.« Weiteres Fragen des Cethegus ward abgeschnitten, indem +sich der dreifache Vorhang aufthat, der das Schlafgemach des Königs von +allem Geräusch des Vorzimmers schied. Es war Elpidios, der griechische +Arzt, der, die schweren Falten aufhebend, berichtete, der Kranke, eben aus +langem Schlummer erwacht, habe ihn fortgeschickt, um mit dem alten +Hildebrand allein zu sein: dieser wich nie von seiner Seite. + + + + + Sechstes Kapitel. + + +Das Schlafgemach Theoderichs, schon von den Kaisern zu gleichem Zweck +benutzt, zeigte die düstre Pracht des späten römischen Stils. Die +überladenen Reliefs an den Wänden, die Goldornamentik der Decke schilderte +noch Siege und Triumphzüge der römischen Konsuln und Imperatoren: +heidnische Götter und Göttinnen schwebten stolz darüber hin: überall in +der Architektur und Dekoration waltete drückender Prunk. + +Dazu bildete einen merkwürdigen Gegensatz das Lager des Gotenkönigs in +seiner schlichten Einfachheit. Kaum einen Fuß vom Marmorboden erhob sich +das ovale Gestell von rohem Eichenholz, das wenige Decken füllten. Nur der +köstliche Purpurteppich, der die Füße verhüllte, und das Löwenfell mit +goldnen Tatzen, ein Geschenk des Vandalenkönigs aus Afrika, das vor dem +Bette lag, bekundete die Königshoheit des Kranken. Alles Gerät, das sonst +das Gemach erfüllt, war prunklos, schlicht, fast barbarisch schwer. + +An einer Säule im Hintergrund hing der eherne Schild und das breite +Schwert des Königs, seit vielen Jahren nicht mehr gebraucht. Am Kopfende +des Lagers stand, gebeugten Hauptes, der alte Waffenmeister, die Züge des +Kranken sorglich prüfend: dieser, auf den linken Arm gestützt, kehrte ihm +das gewaltige, das majestätische Antlitz zu. Sein Haar war spärlich und an +den Schläfen abgerieben durch den langjährigen Druck des schweren Helmes, +aber noch glänzend hellbraun, ohne irgend graue oder weiße Spuren. Die +mächtige Stirn, die blitzenden Augen, die stark gebogene Nase, die tiefen +Furchen der Wangen sprachen von großen Aufgaben und von großer Kraft, sie +zu lösen und machten den Eindruck des Gesichts königlich und hehr: aber +die wohlwollende Weichheit des Mundes bekundete, trotz dem grimmen und +leise ergrauenden Bart, jene Milde und friedliche Weisheit, mit welcher +der König ein Menschenalter lang für Italien eine goldne Zeit +zurückgeführt und sein Reich zu einer Blüte erhoben hatte, die damals +schon Sprichwort und Sage feierten. + +Lang ließ er mit Huld und Liebe das goldbraune Adlerauge auf dem riesigen +Krankenwart ruhen. Dann reichte er ihm die magre, aber nervige Rechte. +»Alter Freund,« sagte er, »nun wollen wir Abschied nehmen.« + +Der Greis sank in die Knie und drückte die Hand des Königs an die breite +Brust. »Komm, Alter, steh’ auf: muß _ich dich_ trösten?« + +Aber Hildebrand blieb auf den Knieen und erhob nur das Haupt, daß er dem +König ins Auge sehen konnte. »Sieh,« sprach dieser, »ich weiß, daß du, +Hildungs Sohn, von deinen Ahnen, von deinem Vater her tiefere Geheimkunde +hast von der Menschen Siechtum und Heilung, als alle diese griechischen +Ärzte und lydischen Salbenkrämer. Und vor allem: du hast mehr +Wahrhaftigkeit. Darum frage ich dich, du sollst mir redlich bestätigen, +was ich selbst fühle: sprich, ich muß sterben? heute noch? noch vor +Nacht?« + +Und er sah ihn an mit einem Auge, das nicht zu täuschen war. Aber der Alte +wollte gar nicht täuschen, er hatte jetzt seine zähe Kraft wieder. »Ja, +Gotenkönig, Amalungen Erbe, du mußt sterben,« sagte er: »die Hand des +Todes hat über dein Antlitz gestrichen. Du wirst die Sonne nicht mehr +sinken sehen.« + +»Es ist gut,« sagte Theoderich, ohne mit der Wimper zu zucken. »Siehst du, +der Grieche, den ich fortgeschickt, hat mir noch von ganzen Tag +vorgelogen. Und ich brauche doch meine Zeit.« + +»Willst du wieder die Priester rufen lassen?« fragte Hildebrand, nicht mit +Liebe. – »Nein, ich konnte sie nicht brauchen. Und ich brauche sie nicht +mehr.« – »Der Schlaf hat dich sehr gestärkt und den Schleier von deiner +Seele genommen, der sie so lang verdunkelt. Heil dir, Theoderich, +Theodemers Sohn, du wirst sterben wie ein Heldenkönig.« + +»Ich weiß,« lächelte dieser, »die Priester waren dir nicht genehm an +diesem Lager. Du hast Recht. Sie konnten mir nicht helfen.« – »Nun aber, +wer hat dir geholfen?« + +»Gott und ich selbst. Höre. Und diese Worte sollen unser Abschied sein! +Mein Dank für deine Treue von fünfzig Jahren sei es, daß ich dir allein, +nicht meiner Tochter, nicht Cassiodor, es vertraue, was mich gequält hat. +Sprich: was sagt man im Volk, was glaubst du, daß jene Schwermut war, die +mich plötzlich befallen und in dieses Siechtum gestürzt hat?« – »Die +Welschen sagen: Reue über den Tod des Boëthius und Symmachus.« – »Hast du +das geglaubt?« – »Nein, ich mochte nicht glauben, daß dich das Blut der +Verräter bekümmern kann.« – »Du hast wohlgethan. Sie waren vielleicht +nicht des Todes schuldig: nach dem Gesetz, nach ihren Thaten. Und Boëthius +habe ich sehr geliebt. Aber sie waren tausendfach Verräter! Verräter in +ihren Gedanken, Verräter an meinem Vertrauen, an meinem Herzen. Ich habe +sie, die Römer, höher gehalten als die Besten meines Volkes. Und sie +haben, zum Dank, meine Krone dem Kaiser gewünscht, dem Byzantiner +Schmeichelbriefe geschrieben: sie haben einen Justin und einen Justinian +der Freundschaft des Theoderich vorgezogen –: mich reut der Undankbaren +nicht. Ich verachte sie. Rate weiter! Du, was hast du geglaubt?« – »König: +dein Erbe ist ein Kind und du hast ringsum Feinde.« Der Kranke zog die +kühnen Brauen zusammen: »Du triffst näher ans Ziel. Ich habe stets gewußt, +was meines Reiches Schwäche. In bangen Nächten hab’ ich geseufzt um seine +innere Krankheit, wann ich am Abend beim Gastgelag den fremden Gesandten +den Stolz höchster Zuversicht gezeigt hatte. Alter, du hast, ich weiß, +mich für allzu sicher gehalten. Aber mich durfte niemand beben sehen. +Nicht Freund noch Feind. Sonst bebte mein Thron. Ich habe geseufzt, wann +ich einsam war und meine Sorge allein getragen.« – »Du bist die Weisheit, +mein König, und ich war ein Thor!« rief der Alte. »Sieh,« fuhr der König +fort, – mit der Hand über die des Alten streichend –, »ich weiß alles, was +dir nicht recht an mir gewesen. Auch deinen blinden Haß gegen diese +Welschen kenne ich. Glaube mir, er ist blind. Wie vielleicht meine Liebe +zu ihnen war.« Hier seufzte er und hielt inne. »Was quälst du dich.« – +»Nein, laß mich vollenden. Ich weiß es, mein Reich, das Werk meines +ruhmvollen, mühevollen Lebens kann fallen, leicht fallen. Und vielleicht +durch Schuld meiner Großmut gegen diese Römer. Sei es darum! Kein +Menschenbau ist ewig und die Schuld zu edler Güte – ich will sie tragen.« + +»Mein großer König!« – »Aber, Hildebrand, in einer Nacht, da ich so +wachte, sorgte und seufzte über den Gefahren meines Reiches, – da stieg +mir vor der Seele auf das Bild einer andern Schuld! Nicht der Güte, nein, +der Ruhmsucht, der blutigen Gewalt. Und wehe, wehe mir, wenn das Volk der +Goten sollte untergehn zur Strafe für Theoderichs Frevel! – _Sein_, _sein_ +Bild tauchte mir empor!« + +Der Kranke sprach nun mit Anstrengung und zuckte einen Augenblick. »Wessen +Bild? Wen meinst du?« fragte der Alte leise, sich vorbeugend. »Odovakar!« +flüsterte der König. Hildebrand senkte das Haupt. Ein banges Schweigen +unterbrach endlich Theoderich: »Ja, Alter, diese Rechte, – du weißt es, – +hat den gewaltigen Helden durchstoßen, beim Mahl, meinen Gast. Heiß +spritzte sein Blut mir ins Gesicht und ein Haß ohne Ende sprühte auf mich +aus seinem brechenden Auge. Vor wenigen Monden, in jener Nacht, stieg sein +blutiges, bleiches, zürnendes Bild wie eines Rachegottes vor mir auf. +Fiebernd zuckte mein Herz zusammen. Und furchtbar sprach’s in mir: um +dieser Blutthat willen wird dein Reich zerfallen und dein Volk vergehn.« + +Nach einer neuen Pause begann diesmal Hildebrand, trotzig aufblickend: +»König, was quälst du dich wie ein Weib? Hast du nicht Hunderte erschlagen +mit eigner Hand und dein Volk Tausende auf dein Gebot? Sind wir nicht von +den Bergen in dies Land herabgestiegen in mehr als dreißig Schlachten, im +Blute watend knöcheltief? Was ist dagegen das Blut des einen Mannes! Und +denk’: wie es stand. Vier Jahre hatte er dir widerstanden wie der +Auerstier dem Bären. Zweimal hatte er dich und dein Volk hart an den Rand +des Verderbens gedrängt. Hunger, Schwert und Seuche rafften deine Goten +dahin. Endlich, endlich fiel das trotzige Ravenna; ausgehungert, durch +Vertrag. Bezwungen lag der Todfeind dir zu Füßen. Da kömmt dir Warnung, er +sinnt Verrat, er will noch einmal den gräßlichen Kampf aufnehmen, er will +zur Nacht desselben Tages dich und die Deinen überfallen. Was solltest du +thun? Ihn offen zu Rede stellen? War er schuldig, so konnte das nicht +retten. Kühn kamst du ihm zuvor und thatest ihm Abends, was er dir Nachts +gethan hätte. Und wie hast du deinen Sieg benützt! Die Eine That hat all’ +dein Volk gerettet, hat einen neuen Kampf der Verzweiflung erspart. Du +hast all’ die Seinen begnadigt, hast Goten und Welsche dreißig Jahre leben +lassen wie im Himmelreich. Und nun willst du um jene That dich quälen? +Zwei Völker danken sie dir in Ewigkeit. Ich – ich hätt’ ihn siebenmal +erschlagen.« + +Der Alte hielt inne, sein Auge blitzte, er sah wie ein zorniger Riese. +Aber der König schüttelte das Haupt. + +»Das ist nichts, alter Recke, alles nichts! Hundertmal hab ich mir +dasselbe gesagt, und verlockender, feiner als deine Wildheit es vermag. +Das hilft all’ nichts. Er war ein Held, – der einzige meinesgleichen! – +Und ich hab ihn ermordet, ohne Beweis seiner Schuld. Aus Argwohn, aus +Eifersucht, ja – es muß gesagt sein, aus Furcht, – aus Furcht, noch einmal +mit ihm ringen zu sollen. Das war und ist und bleibt ein Frevel. – Und ich +fand keine Ruhe hinter Ausreden. Düstre Schwermut fiel auf mich. Seine +Gestalt verfolgte mich seit jener Nacht unaufhörlich. Beim Schmaus und im +Rat, auf der Jagd, in der Kirche, im Wachen und im Schlafen. Da schickte +mir Cassiodor die Bischöfe, die Priester. Sie konnten mir nicht helfen. +Sie hörten meine Beichte, sahen meine Reue, meinen Glauben, und vergaben +mir alle Sünden. Aber Friede kam nicht über mich und ob _sie_ mir +verziehen, – _ich_ konnte mir nicht verzeihen. Ich weiß nicht, ist es der +alte Sinn meiner heidnischen Ahnen: – aber ich kann mich nicht hinter dem +Kreuz verstecken vor dem Schatten des Ermordeten. Ich kann mich nicht +gelöst glauben von meiner blutigen That durch das Blut eines unschuldigen +Gottes, der am Kreuze gestorben.« – – + +Freude leuchtete über das Antlitz Hildebrands: »Du weißt,« raunte er ihm +zu, »ich habe niemals diesen Kreuzpriestern glauben können. Sprich, o +sprich, glaubst auch du noch an Thor und Odhin? Haben sie dir geholfen?« + +Der König schüttelte lächelnd das Haupt: »Nein, du alter, +unverbesserlicher Heide. Dein Walhall ist nichts für mich. Höre, wie mir +geholfen ward. Ich schickte gestern die Bischöfe fort und kehrte tief in +mich selber ein. Und dachte und flehte und rang zu Gott. Und ich ward +ruhiger. Und sieh, in der Nacht kam über mich tiefer Schlummer, wie ich +ihn seit langen Monden nicht mehr gekannt. Und als ich erwachte, da +schauerte kein Fieber der Qual mehr in meinen Gliedern. Ruhig war ich und +klar. Und dachte dieses: »Ich habe es gethan und keine Gnade, kein Wunder +Gottes macht es ungeschehen. Wohlan, er strafe mich. Und wenn er der +zornige Gott des Moses, so räche er sich und strafe mit mir mein ganzes +Haus bis ins siebente Glied. Ich weihe mich und mein Geschlecht der Rache +des Herrn. Er mag _uns_ verderben: er ist gerecht. Aber weil er gerecht +ist, _kann_ er nicht strafen dieses edle Volk der Goten um fremde Schuld. +Er _kann_ es nicht verderben um des Frevels seines Königs willen. Nein, +das wird er nicht. Und muß dies Volk einst untergehen, – ich fühl’ es +klar, dann ist es nicht um meine That. Für diese weih’ ich mich und mein +Haus der Rache des Herrn. Und so kam Friede über mich und mutig mag ich +sterben.« + +Er schwieg. Hildebrand aber neigte das Haupt und küßte die Rechte, welche +Odovakar erschlagen hatte. – + +»Das war mein Abschied an dich. Und mein Vermächtnis, mein Dank für ein +ganzes Leben der Treue. – Jetzt laß uns den Rest der Zeit noch diesem Volk +der Goten zuwenden. Komm, hilf mir aufstehen, ich kann nicht in den Kissen +sterben. Dort hangen meine Waffen. Gieb sie mir! – Keine Widerrede –! Ich +will. Und ich kann.« + +Hildebrand mußte gehorchen: rüstig erhob sich mit seiner Hilfe der Kranke +von dem Lager, schlug einen weiten Purpurmantel um die Schultern, gürtete +sich mit dem Schwert, setzte den niedern Helm mit der Zackenkrone auf das +Haupt und stützte sich auf den Schaft der schweren Lanze, den Rücken gegen +die breite dorische Mittelsäule des Gemaches gelehnt. + +»So, jetzt rufe meine Tochter. Und Cassiodor. Und wer sonst da draußen.« + + + + + Siebentes Kapitel. + + +So stand er ruhig, während der Alte die Vorhänge an der Thür zu beiden +Seiten zurückschlug, so daß Schlafzimmer und Vorhalle nunmehr Einen +ungeschiedenen Raum bildeten. Alle draußen Versammelten – es hatten sich +inzwischen noch mehrere Römer und Goten eingefunden – näherten sich mit +Staunen und ehrfürchtigem Schweigen dem König. + +»Meine Tochter,« sprach dieser, »sind die Briefe aufgesetzt, die meinen +Tod und meines Enkels Thronfolge nach Byzanz berichten sollen?« + +»Hier sind sie,« sprach Amalaswintha. + +Der König durchflog die Papyrusrollen. + +»An Kaiser Justinus. Ein zweiter: an seinen Neffen Justinianus. Freilich, +der wird bald das Diadem tragen und ist schon jetzt der Herr seines Herrn! +Cassiodor hat sie verfaßt – ich sehe es an den schönen Gleichnissen. Aber +halt« – und die hohe klare Stirn verdüsterte sich – »eurem kaiserlichen +Schutze meine Jugend empfehlend.« Schutze? Das ist des Guten zu viel. +Wehe, wenn ihr auf Schutz von Byzanz gewiesen seid. _Freundschaft_ mich +empfehlend ist genug von dem Enkel Theoderichs.« Und er gab die Briefe +zurück. »Und hier ein drittes Schreiben nach Byzanz? An wen? An Theodora, +die edle Gattin Justinians? Wie! an die Tänzerin vom Cirkus? Des +Löwenwärters schamlose Tochter?« Und sein Auge funkelte. »Sie ist von +größtem Einfluß auf ihren Gemahl,« wandte Cassiodor ein. – »Nein, meine +Tochter schreibt an keine Dirne, die aller Weiber Ehre besudelt hat.« Und +er zerriß die Papyrusrolle und schritt über die Stücke zu den Goten im +Mittelgrund der Halle. »Witichis, tapferer Mann, was wird dein Amt sein +nach meinem Tod?« + +»Ich werde unser Fußvolk mustern zu Tridentum.« + +»Kein Bessrer könnte das. Du hast noch immer nicht den Wunsch gethan, den +ich dir damals freigestellt nach der Gepidenschlacht. Hast du noch immer +nichts zu wünschen?« + +»Doch, mein König.« + +»Endlich! Das freut mich, – sprich.« – »Heute soll ein armer Kerkerwart, +weil er sich weigerte, einen Angeklagten zu foltern und nach dem Liktor +schlug, selbst gefoltert werden. Herr König, gieb den Mann frei: das +Foltern ist schändlich und –« + +»Der Kerkerwart ist frei und von Stund an wird die Folter nicht mehr +gebraucht im Reich der Goten. Sorg dafür, Cassiodorus. Wackrer Witichis, +gieb mir die Hand. Auf daß alle wissen, wie ich dich ehre, schenk ich dir +Wallada, mein lichtbraun Edelroß, zu Gedächtnis dieser Scheidestunde. Und +kommst du je auf seinen Rücken in Gefahr, oder« – hier sprach er ganz +leise zu ihm – »will es versagen, flüstre dem Roß meinen Namen ins Ohr. – +Wer wird Neapolis hüten? Der Herzog Thulun war zu rauh. – Das fröhliche +Volk dort muß durch fröhliche Mienen gewonnen werden.« + +»Der junge Totila wird dort die Hafenwache übernehmen,« sprach Cassiodor. + +»Totila! Ein sonniger Knabe! Ein Siegfried, ein Götterliebling! Ihm können +die Herzen nicht widerstehen. Aber freilich! Die Herzen dieser Welschen!« +Er seufzte und fuhr fort: Wer versichert uns Roms und des Senats?« +»Cethegus Cäsarius,« sagte Cassiodor mit einer Handbewegung, »dieser edle +Römer.« – »Cethegus? Ich kenne ihn wohl. Sieh mich an, Cethegus.« Ungern +erhob der Angeredete die Augen, die er vor dem großen Blick des Königs +rasch niedergeschlagen. Doch hielt er jetzt das Adlerauge, das seine Seele +durchdrang, ruhig aus, mit dem Aufgebot aller Kraft. »Es war krank, +Cethegus, daß ein Mann von deiner Art sich solang vom Staat fern gehalten. +Und von uns. Oder es war gefährlich. Vielleicht ist es noch gefährlicher, +daß du dich – jetzt – dem Staat zuwendest.« – »Nicht mein Wunsch, o +König.« + +»Ich bürge für ihn,« rief Cassiodor. – »Still, Freund! Auf Erden mag +keiner für den andern bürgen! – Kaum für sich selbst! – Aber,« fuhr er +forschenden Blickes fort, »an die Griechlein wird dieser stolze Kopf – +dieser Cäsarkopf – Italien nicht verraten.« + +Noch einen scharfen Blick aus den goldnen Adleraugen mußte Cethegus +tragen. Dann ergriff der König plötzlich den Arm des nur mit Mühe noch +fest in sich geschlossenen Mannes und flüsterte ihm zu: »Höre, was ich dir +warnend weissage. Es wird kein Römer mehr gedeihen auf dem Thron des +Abendlands. Still, kein Widerwort. Ich habe dich gewarnt. – – Was lärmt da +draußen?« fragte er, rasch sich wendend, seine Tochter, die einem +meldenden Römer leisen Bescheid erteilte. »Nichts, mein König, nichts von +Bedeutung, mein Vater!« – »Wie? Geheimnisse vor mir? Bei meiner Krone! +Wollt ihr schon herrschen, so lang ich noch atme? Ich vernahm den Laut +fremder Zungen da draußen. Auf die Thüren!« Die Pforte, welche die äußere +Halle mit dem Vorzimmer verband, öffnete sich. + +Da zeigten sich unter zahlreichen Goten und Römern kleine fremd aussehende +Gestalten, in seltsamer Tracht, mit Wämsern aus Wolfsfell, mit spitz +zulaufenden Mützen und langen zottigen Schafspelzen, die über ihren Rücken +hingen. Überrascht und bewältigt von dem plötzlichen Anblick des Königs, +der hochaufgerichtet auf sie zuschritt, sanken die Fremden wie vom Blitz +getroffen auf die Kniee. + +»Ah, Gesandte der Avaren. Das räuberische Grenzgesindel an unsern +Ostmarken! Habt ihr den schuldigen Jahrestribut?« – »Herr, wir bringen ihn +noch für diesmal – Pelzwerk, – wollne Teppiche, – Schwerter, – Schilde. – +Da hangen sie, – dort liegen sie. Aber wir hoffen, daß für nächstes Jahr – +wir wollten sehn« – »Ihr wolltet sehen, ob der greise Dieterich von Bern +nicht altersschwach geworden? Ihr hofftet, ich sei tot? Und meinem +Nachfolger könntet ihr die Schatzung weigern? Ihr irrt, Späher!« Und er +ergriff wie prüfend eines der Schwerter, welche die Gesandten vor ihm +ausgebreitet, samt der Scheide, nahm es mit zwei Händen fest an Griff und +Spitze: – ein Druck und in zwei Stücken warf er ihnen das Eisen vor die +Füße. »Schlechte Schwerter führen die Avaren,« sagte er ruhig. »Und nun +komm, Athalarich, meines Reiches Erbe. Sie wollen dir nicht glauben, daß +du meine Krone tragen kannst: zeig ihnen, wie du meinen Speer führest.« + +Der Jüngling flog herbei. Die Gluthitze des Ehrgeizes zuckte über sein +bleiches Antlitz. Er ergriff den schweren Speer seines Großvaters und +schleuderte ihn mit solcher Kraft auf einen der Schilde, welche die +Gesandten an die Holzpfeiler der Halle gelehnt, daß er ihn sausend +durchbohrte und die Spitze noch tief in das Holzwerk drang. Stolz legte +der König die Linke auf das Haupt seines Enkels und rief den Gesandten zu: +»Jetzt geht, daheim zu melden was ihr hier gesehen.« + +Er wandte sich, die Pforten fielen zu und schlossen die staunenden Avaren +aus. »Gebt mir einen Becher Wein. – Leicht den letzten! Nein, +ungemischten! Nach Germanen Art!« – und er wies den griechischen Arzt +zurück – »Dank, alter Hildebrand, für diesen Trunk, so treu gereicht. Ich +trinke der Goten Heil.« Er leerte langsam den Pokal. Und er setzte ihn +noch fest auf den Marmortisch. + +Aber da kam es über ihn, plötzlich, blitzähnlich, was die Ärzte lang +erwartet: er wankte, griff an die Brust und stürzte rücklings in die Arme +Hildebrands, der langsam niederknieend ihn auf den Marmorestrich gleiten +ließ, und das Haupt mit dem Kronhelm auf den Armen hielt. + +Einen Augenblick hielten alle lauschend den Atem an: aber der König regte +sich nicht und laut aufschreiend warf sich Athalarich über die Leiche. + + + + + + Zweites Buch. + + + ATHALARICH. + + + »Wo wär’ die sel’ge Insel wohl zu finden?« + Schiller, Wilhelm Tell. + III. Aufzug. 2. Scene. + + + + + Erstes Kapitel. + + +Nicht ohne Grund fürchtete und hoffte Freund und Feind in diesem +Augenblick schwere Gefahren für das junge Gotenreich. Noch waren es nicht +vierzig Jahre, daß Theoderich im Auftrag des Kaisers von Byzanz mit seinem +Volk den Isonzo überschritten und dem tapfern Abenteurer Odovakar, den ein +Aufstand der germanischen Söldner auf den Thron des Abendlands erhoben, +Krone und Leben entrissen hatte. Alle Weisheit und Größe des Königs hatte +nicht die Unsicherheit beseitigen können, die in der Natur seiner mehr +kühnen als besonnenen Schöpfung lag. Trotz der Milde seiner Regierung +fühlten die Italier – und wir wollen uns hüten, solche Gesinnung zu +verdammen – aufs tiefste die Schmach der Fremdherrschaft. Und diese +Fremden waren als Barbaren und Ketzer doppelt verhaßt. Nach der Auffassung +jener Zeit galten das weströmische und das oströmische Reich als eine +unteilbare Einheit und, nachdem die Kaiserwürde im Occident erloschen, +erschien der oströmische Kaiser als der einzige rechtmäßige Herr des +Abendlands. Nach Byzanz also waren die Augen aller römischen Patrioten, +aller rechtgläubigen Katholiken von Italien gerichtet: von Byzanz +erhofften sie Befreiung aus dem Joche der Ketzer, der Barbaren, Tyrannen. +Und Byzanz hatte Macht und Neigung, diese Hoffnung zu erfüllen. Waren auch +die Unterthanen des Imperators nicht mehr die Römer Cäsars oder Trajans: – +noch gebot das Ostreich über eine sehr ansehnliche, den Goten durch alle +Mittel der Bildung und eines lang bestehenden Staatswesens unendlich +überlegene Macht. + +An der Lust aber, diese Überlegenheit zur Vernichtung des Barbarenreiches +zu gebrauchen, konnte es nicht fehlen, da das Verhältnis beider Staaten +von vornherein auf Überlistung, Mißtrauen und geheimen Haß gegründet war. +Vor ihrem Abzug nach Italien hatte die Goten, in den Donauländern +angesiedelt, an Byzanz ein für beide Teile unerfreuliches Bundesverhältnis +geknüpft, das in Folge des Ehrgeizes ihrer Könige, mehr noch der +Treulosigkeit der Kaiser, fast alle paar Jahre in offnen Krieg zwischen +den ungleichartigen Verbündeten umschlug: wiederholt hatte Theoderich, +obwohl in Zeiten der Aussöhnung mit den höchsten Ehren des Reiches, mit +den Titeln Konsul, Patricius, Adoptivsohn des Kaisers ausgezeichnet, seine +Waffen bis vor die Thore der Kaiserstadt getragen. + +Um diesen steten Reibungen ein Ende zu machen, hatte Kaiser Zeno, ein +feiner Diplomat, das echt byzantinische Auskunftsmittel getroffen, den +lästigen Gotenkönig mit seinem Volk dadurch aus der gefährlichen +Nachbarschaft zu entfernen, daß er ihm als ein Danaërgeschenk Italien +übertrug, das erst dem eisernen Arm des Helden Odovakar entrissen werden +mußte. + +In der That, wie immer der Kampf zwischen den beiden deutschen Fürsten +enden mochte: Byzanz mußte immer gewinnen. Siegte Odovakar, so waren die +Goten und ihr furchtbarer König, denen man schöne Provinzen und schwere +Jahrgelder hatte überlassen müssen, für immer beseitigt. Siegte +Theoderich, nun, so war ein Anmaßer, den man zu Byzanz niemals anerkannt +hatte, gestürzt und gestraft: und da Theoderich im Namen und Auftrag des +Kaisers siegen und als Statthalter herrschen sollte, durch eine ruhmvolle +Eroberung das Abendland wieder mit dem Ostreich vereinigt. + +Aber der Ausgang des feinen Planes war doch nicht der erwünschte. Denn als +Theoderich gesiegt und sein Reich in Italien gegründet hatte, entfaltete +sich alsbald die ganze Großartigkeit seines Geistes und erwarb ihm eine +Stellung, in der, bei aller Höflichkeit in den Formen, doch jede +Abhängigkeit von Byzanz völlig verschwand. + +Nur wo es ihm diente, so, um die Abneigung der Italier zu schwächen, +berief er sich formell auf jenen Auftrag des Kaisers: in Wahrheit aber +herrschte er auch über die Italier wie über seine Goten nicht als +Statthalter und im Namen des Byzantiners, sondern kraft eignen Rechts, +kraft seines Sieges, als »König der Goten und Italier«. Dies führte +natürlich zu Mißhelligkeiten mit dem Kaiser, die wiederholt in offnen +Krieg zwischen den beiden Reichen aufloderten. Es war also kein Zweifel, +daß man zu Byzanz sehr bereit war, dem Seufzen Italiens nach Abwerfung des +Barbarenjoches ein Ende zu bringen, so wie man sich stark genug fühlte. +Und die Goten hatten keine Bundesgenossen gegen diese innern und äußern +Feinde. Denn Theoderichs Ruhm und Ansehen und seine Politik der +Verschwägerung mit allen Germanenfürsten hatten ihm doch nur eine Art +moralischen Protektorats, keine sichre Verstärkung seiner Macht +verschaffen können. + +Es fehlte dem Gotenreich, das eine geniale Persönlichkeit allzuverwegen +und vertrausam mitten in das Herz der römischen Bildungswelt gepflanzt +hatte, der unmittelbare Zusammenhang mit noch nicht romanisierten +Volkskräften, es fehlte der Nachschub an frischen germanischen Elementen, +der das gleichzeitig entstehende Reich der Franken immer wieder verjüngt +und wenigstens dessen nordöstliche Teile vor der mit der Romanisierung +verbundenen Fäulnis bewahrt hatte, während die kleine gotische Insel, auf +allen Seiten von den feindlichen Wellen des römischen Lebens umspült und +benagt, diesen gegenüber von Jahr zu Jahr zusammenschmolz. + +So lange Theoderich, der gewaltige Schöpfer dieses gewagten Werkes lebte, +blendete der Glanz seines Namens über die Gefahren und Blößen seiner +Schöpfung. + +Aber mit Recht zitterte man vor dem Augenblick, da das Steuer dieses +gefährdeten Schiffes in die Hand eines Weibes oder eines kranken Jünglings +übergehen sollte: Aufstände der Italier, Einmischung des Kaisers, Abfall +der unterworfnen, Angriffe der feindlichen Barbarenstämme waren zu +besorgen. Wenn der gefährliche Augenblick gleichwohl ruhig vorüberging, so +war dies vor allem der unermüdlich eifrigen und vorsorglichen Thätigkeit +zu danken, die Cassiodor, des Königs Freund und lang bewährter Minister, +schon seit Wochen entfaltet hatte und jetzt, nach dem Tode Theoderichs, +verdoppelte. Um die Italier in Ruhe zu erhalten, ward sofort ein Manifest +erlassen, das die Thronbesteigung Athalarichs, unter Vormundschaft seiner +Mutter, als eine bereits vollendete und in aller Ruhe vollzogene Thatsache +Italien und den Provinzen verkündete. Sofort auch wurden in alle Teile des +Reiches Beamte entsendet, die den Huldigungseid der Bevölkerung +entgegennehmen, aber auch im Namen des jungen Königs eidlich geloben +sollten, daß die neue Regierung alle Rechte und Freiheiten der Italier und +Provinzialen achten und in allen Stücken die Milde, ja Vorliebe des großen +Toten für seine römischen Unterthanen zum Muster nehmen werde. + +Gleichzeitig wurde aber auch dafür gesorgt, daß eine Furcht gebietende +Entfaltung der gotischen Heeresmacht an den Grenzen und in den wichtigsten +oder unruhigsten Städten des Reiches äußeren und inneren Gegnern die Lust +zu Feindseligkeiten vertreibe, während mit dem Kaiserhof das gute +Vernehmen durch Gesandtschaften und Briefe sehr verbindlicher Haltung +befestigt oder erneuert wurde. + + + + + Zweites Kapitel. + + +Neben Cassiodor war es nun aber vor allen Ein Mann, der in jenen Tagen des +Übergangs eine bedeutende und, wie es der Regentschaft schien, +hochverdienstliche Rolle spielte. + +Das war kein andrer als Cethegus. + +Er hatte das wichtige Amt eines Stadtpräfekten von Rom übernommen. Er war, +sowie der König die Augen geschlossen, spornstreichs aus dem Palast und +den Thoren von Ravenna nach der ihm anvertrauten Tiberstadt geeilt und +dort vor aller Kunde des Geschehenen eingetroffen. + +Sofort, noch eh’ der Tag angebrochen, hatte er die Senatoren in dem +»Senatus«, d. h. dem geschaffenen Hallenbau Domitians nahe dem Janus +Geminus, rechtsab vom Severusbogen, versammelt, darauf das Gebäude mit +gotischen Truppen umstellt, die überraschten Senatoren – von denen er gar +manchen erst neuerlich in den Katakomben gesehen und zur Vertreibung der +Barbaren angefeuert hatte – von dem bereits vollzognen Thronwechsel +benachrichtigt und, (nicht ohne einige auf die von dem Saal aus deutlich +sichtbaren Speere der Gotentausendschaft gelinde hinweisende Worte,) mit +einer keinen Widerspruch duldenden Raschheit für Athalarich in Eid und +Pflicht genommen. + +Dann verließ er den »Senatus«, wo er die Väter eingeschlossen hielt, bis +er in dem flavischen Amphitheater, wohin er eine Volksversammlung der +Römer berufen, diese unter Beiziehung der starken gotischen Besatzung +abgehalten und die leicht beweglichen »Quiriten« durch eine meisterhafte +Rede für den jungen König begeistert hatte. Er zählte die Wohlthaten +Theoderichs auf, verhieß gleiche Milde von dessen Enkel, der übrigens +bereits von ganz Italien, den Provinzen und den Vätern dieser Stadt +anerkannt sei, meldete eine allgemeine Speisung des römischen Volkes mit +Brot und Wein als den ersten Regierungsakt Amalaswinthens an und schloß +mit der Verkündung siebentägiger Cirkusspiele, – Wettfahrten mit +einundzwanzig spanischen Viergespannen – mit welchen er selbst die +Thronbesteigung Athalarichs und den Antritt seiner Präfektur feiern werde. + +Da erhob tausendstimmiges Jubelgeschrei die Namen der Regentin und ihres +Sohnes, aber noch lauter den Namen Cethegus, das Volk verlief sich in +heller Freude, die eingesperrten Senatoren wurden nunmehr entlassen und +die ewige Stadt war für die Goten erhalten. Der Präfekt aber eilte nach +seinem Hause am Fuß des Kapitols, schloß sich ein und schrieb eifrig +seinen Bericht an die Regentin. – + +Jedoch ungestüm pochte es alsbald an der ehernen Vorthür des Hauses. Es +war Lucius Licinius, der junge Römer, den wir in den Katakomben kennen +gelernt: er schlug mit dem Schwertknauf gegen die Pforte, daß das Haus +dröhnte. Ihm folgten Scävola, der Jurist, – er war unter den Eingesperrten +gewesen – mit schwer gefurchter Stirn und Silverius, der Priester, mit +zweifelnder Miene. + +Vorsichtig lugte der Ostiarius an der Thüre durch eine verborgne Luke in +der Mauer und ließ, als er Licinius erkannte, die Männer ein. Heftig +stürmte der Jüngling den andern voraus den ihm wohlbekannten Weg durch das +Vestibulum, das Atrium und dessen Säulengang in das Studierzimmer des +Cethegus. Dieser, als er die hastig nahenden Schritte vernahm, erhob sich +von dem Lectus, auf den hingestreckt er schrieb, und verschloß seine +Briefe in einer Capsula mit silberner Kuppel. »Ah, die +Vaterlandsbefreier!« sagte er lächelnd und trat ihnen entgegen. + +»Schändlicher Verräter!« schrie ihn Licinius an, die Hand am Schwert: – +der Zorn ließ ihn nicht weiter sprechen, er zückte halb das breite Eisen +aus der Scheide. + +»Halt, erst laß ihn sich verteidigen, wenn er kann,« keuchte, dem +Stürmischen in den Arm fallend, Scävola, der jetzt nachgekommen war. »Es +ist unmöglich, daß er abgefallen von der Sache der heiligen Kirche,« +sprach Silverius im Eintreten. + +»Unmöglich?« lachte Licinius, »wie? seid ihr toll oder bin ich’s? Hat er +nicht uns, die Ritter, in ihren Häusern festhalten lassen? Hat er nicht +die Thore gesperrt und den Pöbel für den Barbaren vereidigt?« – »Hat er +nicht,« sprach Cethegus fortfahrend, »die edeln Väter der Stadt, +dreihundert an der Zahl, in der Kurie wie soviel Mäuse in der Mausfalle +gefangen, dreihundert hochadlige Mäuse?« – »Er höhnt uns noch! Wollt ihr +das dulden?« rief Licinius. Und Scävola erbleichte vor Zorn. »Nun, und was +hättet ihr gethan, wenn man euch hätte handeln lassen?« fragte der Präfekt +ruhig, die Arme auf der breiten Brust kreuzend. »Was wir gethan hätten?« +antwortete Licinius, »was wir – was du mit uns hundertmal verabredet! +Sobald die Nachricht von dem Tod des Tyrannen eintraf, hätten wir die +Goten in der Stadt erschlagen, die Republik ausgerufen und zwei Konsuln +ernannt –« – »Namens Licinius und Scävola, das ist die Hauptsache. Nun, +und dann? was dann?« – »Was dann? die Freiheit hätte gesiegt!« + +»Die Thorheit hätte gesiegt!« herrschte Cethegus losbrechend den +Erschrocknen an. »Wie gut, daß man euch die Hände band: ihr hättet alle +Hoffnung erwürgt, auf immer. Seht her und dankt mir auf den Knien!« Er +nahm Urkunden aus einer andern Papyruskapsel und gab sie den Erstaunten. +»Da, lest. Der Feind war gewarnt und hatte seine Schlinge meisterhaft um +den Nacken Roms geschürzt. Wenn ich nicht handelte, so stand in diesem +Augenblick Graf Witichis mit zehntausend Goten vor dem salarischen Thor im +Norden, morgen sperrte der junge Totila mit der Flotte von Neapel im Süden +die Tibermündung, und gegen das Grabmal Hadrians und das aurelische Thor +war Herzog Thulun mit zwanzigtausend Mann von Westen her im Anzug. Hättet +ihr heute früh einem Goten ein Haar gekrümmt, was wäre geschehen?« + +Silverius atmete auf. Die beiden andern schwiegen beschämt. Doch faßte +sich Licinius: »Wir hätten den Barbaren getrotzt hinter unsern Mauern,« +sprach er, mutig das schöne Haupt aufwerfend. – »Ja. So wie ich diese +Mauern herstellen werde – eine Ewigkeit, mein Licinius: wie sie jetzt sind +– nicht einen Tag.« – »So wären wir gestorben als freie Bürger,« sprach +Scävola. »Das hättet ihr vor drei Stunden in der Kurie auch gekonnt,« +lachte Cethegus achselzuckend. Silverius trat mit offnen Armen, wie um ihn +zu küssen, auf ihn zu; vornehm entzog sich Cethegus: »Du hast uns alle, du +hast Kirche und Vaterland gerettet! Ich habe nie an dir gezweifelt!« +sprach der Priester. Da ergriff Licinius die Hand des Präfekten, die +dieser ihm willig ließ: + +»Ich habe an dir gezweifelt,« rief er mit schöner Offenheit, »vergieb, du +großer Römer. Dies Schwert, das dich heute durchbohren sollte, dir ist es +fortan für ewig zu Dienst. Und bricht der Tag der Freiheit an, dann keine +Konsuln, dann _salve_, Diktator Cethegus!« Und mit leuchtenden Augen eilte +er hinaus. Der Präfekt warf ihm einen befriedigten Blick nach. »Diktator, +ja, doch nur bis zur vollen Sicherheit der Republik!« sprach der Jurist +und folgte ihm. »Jawohl,« lächelte Cethegus, »dann wecken wir Camillus und +Brutus wieder auf und führen die Republik da fort, wo sie diese vor +tausend Jahren gelassen. Nicht wahr, Silverius?« – »Präfekt von Rom,« +sprach der Priester, »du weißt, ich hatte den Ehrgeiz, die Sache des +Vaterlands wie der Heiligen zu leiten: ich hab’ ihn nicht mehr seit dieser +Stunde. Dein sei die Führung, ich folge. Gelobe nur das Eine: Freiheit der +römischen Kirche – freie Papstwahl.« – »Jawohl,« sagte Cethegus, »sowie +nur erst Silverius Papst geworden. Es gilt.« – Der Priester schied mit +einem Lächeln auf den Lippen, aber schwere Gedanken im Herzen. »Geht,« +sagte Cethegus nach einer Pause, den Dreien nachblickend, »ihr werdet +keinen Tyrannen stürzen: – ihr braucht einen Tyrannen!« Dieser Tag, diese +Stunde wurden entscheidend für Cethegus: fast ohne seinen Willen ward er +durch die Ereignisse fortgetrieben zu neuen Stimmungen und Anschauungen, +zu Zielen, die er sich bisher nie mit solcher Klarheit vorgesteckt, oder +doch nie als mehr denn Träume, die er sich als Ziele eingestanden hatte. + +Er erkannte sich in diesem Augenblick als alleinigen Herrn der Lage: er +hatte die beiden großen Parteien der Zeit, die Gotenregierung und ihre +Feinde, die Verschwornen, völlig in seiner Hand. Und in der Brust dieses +gewaltigen Mannes wurde die Haupttriebfeder, die er seit Jahrzehnten für +gelähmt erachtet, plötzlich wieder in mächtigste Thätigkeit gesetzt: der +unbegrenzte Drang, ja das Bedürfnis, _zu herrschen_, machte sich mit einem +Male alle Kräfte dieses reichen Lebens dienstbar und trieb sie an zu +heftiger Bewegung. + +Cornelius Cethegus Cäsarius war der Abkömmling eines alten und unermeßlich +reichen Geschlechts, dessen Ahnherr den Glanz seines Hauses als Feldherr +und Staatsmann Cäsars in den Bürgerkriegen gegründet: – man sagte, er sei +ein Sohn des großen Diktators gewesen. – Unser Cethegus hatte von der +Natur die vielseitigsten Anlagen und die gewaltigsten Leidenschaften und +durch seine gewaltigen Reichtümer die Mittel erhalten, jene aufs +großartigste zu entfalten, diese aufs großartigste zu befriedigen. Er +empfing die sorgfältigste Bildung, die damals einem jungen Adligen Roms +gegeben werden konnte. + +Er übte sich bei den ersten Lehrern in den schönen Künsten. Er trieb zu +Berytus, zu Alexandrien, zu Athen in den besten Schulen mit glänzenden +Erfolgen das Studium des Rechts, der Geschichte, der Philosophie. + +Aber all das befriedigte ihn nicht. Er fühlte den Hauch des Verfalls in +aller Kunst und Wissenschaft seiner Zeit. Die Philosophie insbesondre +vermochte nur die letzten Reste des Glaubens in ihm zu zerstören, ohne ihm +irgend welche Befriedigung in positiven Ergebnissen zu gewähren. Als er +von seinen Studien zurückkam, führte ihn sein Vater nach der Sitte der +Zeit in den Staatsdienst ein: rasch stieg der glänzend Begabte von Amt zu +Amt. + +Aber plötzlich sprang er aus. + +Nachdem er die Staatsgeschäfte zur Genüge kennen gelernt, mochte er nicht +länger ein Rad in der großen Maschine des Reiches sein, das die Freiheit +ausschloß und obenein dem Barbarenkönig diente. Da starb sein Vater und +Cethegus warf sich, nun Herr seiner selbst und eines ungeheuern Vermögens +geworden, mit der Gewalt, mit welcher er alles verfolgte, in die wildesten +Strudel des Lebens, des Genusses, der Lüste. Mit Rom war er bald fertig: +da machte er große Reisen nach Byzanz, nach Ägypten, bis nach Indien drang +er vor. Da war kein Luxus, kein unschuldiger und kein schuldiger Genuß, +den er nicht schlürfte. Nur ein stählerner Körper konnte die +Anstrengungen, die Entbehrungen, die Abenteuer, die Ausschweifungen dieser +Fahrten ertragen. + +Nach zwölf Jahren kehrte er zurück nach Rom. + +Es hieß, er werde großartige Bauten aufführen; man freute sich, das +üppigste Leben in seinen Häusern und Villen beginnen zu sehen, man +täuschte sich sehr. + +Cethegus baute sich nur das kleine Haus am Fuß des Kapitols, bequem und +von feinstem Geschmack, und lebte mitten in dem volkreichen Rom wie ein +Einsiedler. + +Er gab unvermutet eine Schilderung seiner Reisen heraus, eine +Charakterisierung der wenig bekannten Völker und Länder, die er besucht. +Das Buch hatte unerhörten Erfolg; Cassiodor und Boëthius warben um seine +Freundschaft, der große König wollte ihn an seinen Hof ziehen. Aber +plötzlich war er aus Rom verschwunden. Das Ereignis, das ihn in jenen +Tagen betroffen haben mußte, blieb allen Nachforschungen der Neugier, der +Teilnahme, der Schadenfreude verborgen. + +Man erzählte sich damals, arme Fischer hätten ihn eines Morgens am Ufer +des Tibers vor den Thoren der Stadt, bewußtlos und dem Tode nah, gefunden. + +Wenige Wochen später tauchte er wieder an der Nordostgrenze des Reiches in +den unwirtlichen Donauländern auf, wo der blutige Krieg mit Gepiden, mit +Avaren und Sclavenen raste. Dort schlug er sich mit todverachtender +Tapferkeit mit diesen wilden Barbaren herum, verfolgte sie mit erlesenen, +von ihm besoldeten Scharen freiwillig in alle Schlupfwinkel ihrer Felsen, +schlief alle Nächte auf der gefrornen Erde. Und als der gotische Feldherr +ihm eine kleine Schar zu einem Streifzug anvertraute, griff er statt +dessen Sirmium an, die feste Hauptstadt der Feinde, und eroberte sie mit +nicht geringerer Feldherrnkunst als Tapferkeit. Nach dem Friedensschluß +machte er abermals Reisen nach Gallien und Spanien und Byzanz, kehrte von +da nach Rom zurück und lebte dort jahrelang in einer verbitterten Muße und +Zurückgezogenheit, alle kriegerischen, bürgerlichen, wissenschaftlichen +Ämter und Ehren ausschlagend, die ihm Cassiodor aufdringen wollte. Er +schien für nichts mehr Interesse zu haben, als für seine Studien. + +Vor einigen Jahren brachte er von einer Reise nach Gallien einen schönen +Jüngling oder Knaben mit, welchem er Rom und Italien zeigte und väterliche +Liebe und Sorgfalt erwies. Es hieß, er wolle ihn adoptieren: solange +dieser sein junger Gast um ihn war, trat er aus seiner Einsamkeit heraus, +lud die adlige Jugend Roms zu glänzenden Festen in seine Villen und war +bei den Gegeneinladungen, die er alle annahm, der liebenswürdigste +Gesellschafter. Aber sowie er den jungen Julius Montanus mit einem +stattlichen Gefolge von Pädagogen, Freigelassenen und Sklaven nach +Alexandrien in die gelehrten Schulen entsendet hatte, brach er plötzlich +wieder alle Verbindungen ab und zog sich in seine undurchdringliche +Abgeschlossenheit zurück, grollend wie es schien mit Gott und der ganzen +Welt. Mit schwerer Mühe gelang es dem Priester Silverius und Rusticianen, +ihn aus seiner ablehnenden Ruhe heraus und zur Teilnahme an der +Katakombenverschwörung fortzuziehen. Er wurde, wie er ihnen sagte, Patriot +aus eitel Langweile. Und in der That, bis zu dem Tod des Königs hatte er +das Unternehmen, dessen Leitung doch in seiner und des Diakons Hand lag, +fast mit Abneigung betrieben. + +Dies wurde jetzt anders. Der tiefste Zug seines Wesens, der Drang in allen +möglichen Gebieten des Geistes sich zu versuchen, die Schwierigkeiten zu +überwinden, alle Nebenbuhler zu überflügeln, in jedem Lebenskreise, den er +betrat, zu herrschen, allein und ohne Widerstand und, sobald er den +Siegeskranz genommen, ihn gleichgültig wegzuwerfen und nach neuen Aufgaben +auszuschauen, hatte ihn bisher bei keinem Ziele volle Befriedigung finden +lassen. Kunst, Wissenschaft, Genuß, Amtsehre, Kriegsruhm: – alles hatte +ihn gereizt, alles hatte er wie kein andrer gewonnen und alles hatte ihn +leer gelassen. Herrschen, der erste sein, über widerstrebende Verhältnisse +mit allen Mitteln überlegner Kraft und Klugheit siegen und dann über +knirschende Menschen ein ehernes Regiment führen, das allein hatte er +unbewußt und bewußt von jeher erstrebt: nur darin fühlte er sich wohl. + +In stolzen, vollen Atemzügen hob sich darum in dieser Stunde seine Brust: +er, der Eisigkalte, erglühte in dem Gedanken, daß er über die beiden +großen feindlichen Mächte der Zeit, Goten und Römer, heute mit einem +Zucken seiner Wimper gebot: und aus diesem Wonnegefühl der Herrschaft +stieg ihm mit dämonischer Gewalt die Überzeugung empor, daß es für ihn und +seinen Ehrgeiz nur noch Ein Ziel gab, welches das Leben der Mühe des +Lebens wert machen könne, nur noch Ein Ziel, ein sonnenfernes, jedem +andern unerreichbares: – er glaubte gern an seine Abkunft von Julius Cäsar +und er fühlte das Blut Cäsars aufwallen in seinen Adern bei dem Gedanken: +– Cäsar, Imperator des Abendlands, Kaiser der römischen Welt! – – – – + +Als vor Monaten dieser Blitz zum erstenmal seine Seele durchzuckt hatte, – +kein Gedanke, – kein Wunsch, – nur ein Schatte, ein Traum, – erschrak er +und lächelte zugleich über seine unermeßliche Kühnheit. Er Kaiser und +Wiederaufrichter des römischen Weltreichs! Und Italien bebte unter dem +Schritt von dreimalhunderttausend gotischen Kriegern! Und der größte aller +Barbarenkönige, dessen Ruhm die Erde erfüllte, saß gewaltig herrschend zu +Ravenna. Und wenn die Macht der Goten gebrochen war, so streckten die +Franken über die Alpen, die Byzantiner übers Meer die gierigen Hände nach +der italienischen Beute, zwei große Reiche gegen ihn, den einzelnen +Mann! – + +Denn wahrlich, einsam stand er in seinem Volk! Wie genau kannte, wie +bitter verachtete er seine Landsleute, die unwürdigen Enkel großer Ahnen! +Wie lachte er der Schwärmerei eines Licinius oder Scävola, die mit diesen +Römern die Tage der Republik erneuern wollten! + +Er stand allein. + +Aber gerade dies reizte seinen stolzen Ehrgeiz. Und gerade in diesem +Augenblick, da ihn die Verschworenen verlassen hatten, da seine +Überlegenheit gewaltiger als je ihnen und ihm selbst klar geworden war, +gerade jetzt schoß in seiner Brust was früher ein schmeichelnd Spiel +seiner träumenden Stunden gewesen mit Blitzesschnelle zum klaren Gedanken, +zum festen Entschluß empor. + +Die Arme über der mächtigen Brust gekreuzt, mit starken Schritten, wie ein +Löwe seinen Käfig, das Gemach durchmessend, sprach er in abgerissenen +Sätzen zu sich selbst: + +»Mit einem tüchtigen Volk hinter sich die Goten hinaustreiben, Griechen +und Franken nicht hereinlassen: – das wäre nicht schwer, das könnte ein +andrer auch. Aber allein, ganz allein, von diesen Männern ohne Mark und +Willen mehr gehemmt als getragen, das Ungeheure vollenden, und diese +Memmen erst wieder zu Helden, diese Sklaven zu Römern, diese Knechte der +Pfaffen und Barbaren wieder zu Herren der Erde machen: – das, das ist der +Mühe wert. Ein neues Volk, eine neue Zeit, eine neue Welt schaffen, +allein, ein einziger Mann, mit der Kraft seines Willens und der Macht +seines Geistes: – das hat noch kein Sterblicher vollbracht: – das ist +größer als Cäsar: er führte Legionen von Helden! Und doch, es kann gethan +werden, denn es kann gedacht werden. Und ich, der’s denken konnte, ich +kann’s auch thun. Ja, Cethegus, das ist ein Ziel, dafür verlohnt sich’s zu +denken, zu leben, zu sterben. Auf und ans Werk, und von nun an: – keinen +Gedanken mehr und kein Gefühl als für dies Eine.« + +Er stand still vor der Kolossalstatue Cäsars aus weißem parischem Marmor, +die, das Meisterwerk des Arkesilaos und der edelste Schmuck, ja nach der +Familientradition von Julius Cäsar selbst dem Sohne geschenkt, das +Heiligtum dieses Hauses, gegenüber dem Schreibdivan stand: + +»Hör’ es, göttlicher Julius, großer Ahnherr, es lüstet deinen Enkel, mit +dir zu ringen: es giebt noch ein Höheres als du erreicht: schon fliegen +nach einem höheren Ziel als du, ist unsterblich und fallen, fallen aus +solcher Höhe: – das ist der herrlichste Tod. Heil mir, daß ich wieder +weiß, warum ich lebe.« + +Er schritt an der Bildsäule vorbei und warf einen Blick auf die auf dem +Tisch aufgerollte Militärkarte des römischen Weltreichs: + +»Erst diese Barbaren zertreten –: Rom! – Dann den Norden wieder +unterwerfen –: Paris! – Dann zum alten Gehorsam unter die alte +Cäsarenstadt das abtrünnige Ostreich zurückheischen –: Byzanz! Und weiter, +immer weiter: an den Tigris, an den Indus, weiter als Alexandros – und +zurück nach Westen, durch Skythien und Germanien, an den Tiber – die Bahn, +welche dir, Cäsar, der Dolch des Brutus durchgeschnitten. – Und so größer +als du, größer als Alexander – o halt, Gedanke, halt ein!« + +Und der eisige Cethegus loderte und glühte; mächtig pochten seine Adern an +den Schläfen: er drückte die brennende Stirn an die kalte Marmorbrust +Julius Cäsars, der majestätisch auf ihn niederschaute. + + + + + Drittes Kapitel. + + +Aber nicht nur für Cethegus wurde dieser Tag von entscheidender Bedeutung, +auch für die Verschwörung in den Katakomben, für Italien und das Reich der +Goten. + +Hatten die Umtriebe der Patrioten, geleitet von mehreren Häuptern, die +über die Mittel, ja sogar über die Zwecke ihrer Pläne nicht immer einig +waren, bisher nur langsame und unsichre Fortschritte gemacht, so ward dies +anders von dem Augenblick an, da der weitaus begabteste Mann dieser +Partei, da Cethegus die Führung in die kräftige Hand nahm. + +Unbedingt hatten sich die bisherigen Häupter des Bundes, – sogar, wie es +schien, Silverius – dem Präfekten untergeordnet, der seine Überlegenheit +so mächtig bewährt und das Leben ihrer Sache gerettet hatte. + +Erst von jetzt an wurde der Geheimbund den Goten wahrhaft gefährlich. + +Unermüdlich war Cethegus beschäftigt, die Macht und Sicherheit ihres +Reiches auf allen Seiten zu untergraben: mit seiner großen Kunst, die +Menschen zu durchschauen, zu gewinnen und zu beherrschen wußte er die Zahl +bedeutender Mitglieder und die Mittel der Partei von Tag zu Tag zu +vermehren. + +Aber er wußte auch mit kluger Vorsicht einerseits jeden Verdacht der +gotischen Regierung zu vermeiden, andrerseits jede unzeitige Erhebung der +Verschwornen zu verhindern. Denn ein Leichtes wär’ es freilich gewesen, +plötzlich an Einem Tage in allen Städten der Halbinsel die Barbaren zu +überfallen, die Erhebung zu beginnen und die Byzantiner, die längst +hierauf lauerten, zur Vollendung des Sieges ins Land zu rufen. Aber damit +hätte der Präfekt seine geheimen Pläne nicht hinausgeführt. Er hätte nur +an die Stelle der gotischen Herrschaft die byzantinische Tyrannei gesetzt. + +Und wir wissen, er verfolgte ein ganz andres Ziel. + +Um dies zu erreichen, mußte er sich zuvor in Italien eine Machtstellung +schaffen, wie sie kein andrer besaß. + +Er mußte, wenn auch nur im stillen, der mächtigste Mann im Lande sein, ehe +der Fuß eines Byzantiners es betrat, ehe der erste Gote fiel. Die Dinge +mußten soweit vorbereitet sein, daß die Barbaren von Italien, das hieß von +Cethegus, allein, mit möglichst geringer Nachhilfe von Byzanz, vertrieben +würden, so daß nach dem Siege der Kaiser gar nicht umhin konnte, die +Herrschaft über das befreite Land seinem Befreier, wenn auch zunächst nur +als Statthalter, zu überlassen. Alsdann hatte er Zeit und Anlaß gewonnen, +den Nationalstolz der Römer gegen die Herrschaft der »Griechlein«, wie man +die Byzantiner verächtlich nannte, aufzureizen. + +Denn obwohl seit zweihundert Jahren, seit den Tagen des großen Konstantin, +der Glanz der Weltherrschaft von der verwitweten Roma hinweg nach der +goldnen Stadt am Hellespont verlegt und das Scepter von den Söhnen des +Romulus auf die Griechen übergegangen schien, obwohl das Ost- und das +Westreich zusammen der Barbarenwelt gegenüber Einen Staat der antiken +Bildung bilden sollten, so waren doch auch jetzt noch die Griechen den +Römern verhaßt und verächtlich, wie in den Tagen, da Flaminius das +gedemütigte Hellas für eine Freigelassene Roms erklärt hatte: der alte Haß +war jetzt durch Neid vermehrt. Deshalb war der Mann der Begeisterung und +der Hilfe ganz Italiens gewiß, der nach Vertreibung der Barbaren auch die +Byzantiner aus dem Lande weisen würde: die Krone von Rom, die Krone des +Abendlands war sein sichrer Lohn. Und wenn es gelang, das neugeweckte +Nationalgefühl wieder zum Angriffskrieg über die Alpen zu treiben, wenn +Cethegus auf den Trümmern des Frankenreichs zu Aurelianum und Paris die +Herrschaft des römischen Imperators über das Abendland wieder aufgerichtet +hatte, dann war der Versuch nicht mehr zu kühn, auch das losgerissene +Ostreich zurückzuzwingen zum Gehorsam unter das ewige Rom und die +Weltherrschaft am Strand des Tibers da fortzuführen, wo sie Trajan und +Hadrian gelassen. – + +Doch um diese fernher leuchtenden Ziele zu erreichen, mußte jeder nächste +Schritt auf dem schwindelsteilen Pfad mit größter Vorsicht geschehen: +jedes Straucheln mußte für immer verderben. Um Italien zu beherrschen, als +Kaiser zu beherrschen, mußte Cethegus vor allem Rom haben: denn nur an Rom +ließen sich jene Gedanken knüpfen. Deshalb wandte der neue Präfekt höchste +Sorgfalt auf die ihm anvertraute Stadt: Rom sollte ihm moralisch und +physisch eine Burg der Herrschaft werden, ihm allein gehörig und +unentreißbar. Sein Amt bot ihm dazu die beste Gelegenheit: es war ja die +Pflicht des Präfectus Urbi, für das Wohl der Bevölkerung, für Erhaltung +und Sicherheit der Stadt zu sorgen. Cethegus verstand es meisterhaft, die +Rechte, die in dieser Pflicht lagen, für seine Zwecke auszubeuten: leicht +hatte er alle Stände für sich gewonnen: der Adel ehrte in ihm das Haupt +der Katakombenverschwörung, über die Geistlichkeit herrschte er durch +Silverius, der die rechte Hand und der von der öffentlichen Stimme +bezeichnete Nachfolger des greisen Papstes war und dem Präfekten eine +diesem selbst befremdliche Ergebenheit an den Tag legte. Das niedre Volk +aber fesselte er an seine Person nicht nur durch vorübergehende +Brotspenden und Cirkusspiele aus seiner Tasche, sondern durch großartige +Unternehmungen, die vielen Tausenden auf Jahre hinaus Arbeit und Unterhalt +– auf Kosten der gotischen Regierung – verschafften. + +Er setzte bei Amalaswintha den Befehl durch, die Befestigungen Roms, die +seit den Tagen des Honorius durch die Zeit und durch den Eigennutz +römischer Bauherren vielmehr als durch westgotische und vandalische +Eroberer gelitten hatten, vollständig und rasch wieder herzustellen, »zur +Ehre der ewigen Stadt und, – wie sie wähnte, – zum Schutz gegen die +Byzantiner«. + +Cethegus selbst hatte – und zwar, wie die alsbald folgenden vergeblichen +Belagerungen durch Goten und Byzantiner bewiesen, mit genialem +Feldherrnblick, – den Plan der großartigen Werke entworfen. Und er betrieb +nun mit größtem Eifer das Riesenwerk, die ungeheure Stadt in ihrem weiten +Umfang von vielen Meilen zu einer Festung ersten Ranges umzuschaffen. Die +Tausende von Arbeitern, die wohl wußten, wem sie diese reich bezahlte +Beschäftigung verdankten, jubelten dem Präfekten zu, wenn er auf den +Schanzen sich zeigte, prüfte, antrieb, besserte und wohl selbst mit Hand +anlegte. Und die getäuschte Fürstin wies eine Million Solidi nach der +andern an für einen Bau, an dem alsbald die ganze Streitmacht ihres Volkes +zerschellen und verbluten sollte. + +Der wichtigste Punkt dieser Befestigungen war das heute unter dem Namen +der Engelsburg bekannte Grabmal Hadrians. Dies Prachtgebäude, von Hadrian +aus parischen Marmorquadern, die ohne anderes Bindungsmittel +zusammengefügt waren, aufgeführt, lag damals einen Steinwurf vor dem +aurelischen Thor, dessen Mauerseiten es weit überragte. Mit scharfem Auge +hatte Cethegus erkannt, daß das unvergleichlich feste Gebäude, in seiner +bisherigen Lage ein Festungswerk _gegen_ die Stadt, sich durch ein +einfaches Mittel in ein Hauptbollwerk _für_ die Stadt verwandeln ließ: er +führte vom aurelischen Thor zwei Mauern gegen und um das Grabmal. Und nun +bildete die turmhohe Marmorburg eine sturmfreie Schanze für das aurelische +Thor, um so mehr als der Tiber knapp davor einen natürlichen +Festungsgraben zog. Oben auf der Mauer des Mausoleums aber standen, zum +Teil noch von Hadrian und seinem Nachfolger hier aufgestellt, gegen +dreihundert der schönsten Statuen aus Marmor, Bronze und Erz: darunter der +Divus Hadrianus selbst, sein schöner Liebling Antinous, ein Zeus Soter, +die Pallas »Städtebeschirmerin«, ein schlafender Faun und viele andere. + +Cethegus freute sich seines Gedankens und liebte diese Stätte, wo er +allabendlich zu wandeln pflegte, sein Rom mit dem Blick beherrschend und +den Fortschritt der Schanzarbeiten prüfend: und er hatte deshalb eine +reiche Zahl von schönen Statuen aus seinem Privatbesitz hier noch +aufstellen lassen. + + + + + Viertes Kapitel. + + +Vorsichtiger mußte Cethegus bei Ausführung einer zweiten, für seine Ziele +nicht minder unerläßlichen Vorbereitung sein. Um selbständig in Rom, in +_seinem_ Rom, wie er es, als Stadtpräfekt, zu nennen liebte, den Goten und +nötigenfalls den Griechen trotzen zu können, bedurfte er nicht bloß der +Wälle, sondern auch der Verteidiger auf denselben. Er dachte zunächst an +Söldner, an eine Leibwache, wie sie in jenen Zeiten hohe Beamte, +Staatsmänner und Feldherren häufig gehalten hatten, wie sie jetzt Belisar +und dessen Gegner Narses in Byzanz hielten. Nun gelang es ihm zwar, durch +früher auf seinen Reisen in Asien angeknüpfte Verbindungen und bei seinen +reichen Schätzen tapfre Scharen der wilden isaurischen Bergvölker, die in +jenen Zeiten die Rolle der Schweizer des sechzehnten Jahrhunderts +spielten, in seinen Sold zu ziehen. Indessen hatte dies Verfahren doch +zwei sehr eng gezogne Schranken. + +Einmal konnte er auf diesem Wege, ohne seine für andre Zwecke +unentbehrlichen Mittel zu erschöpfen, doch immer nur verhältnismäßig +kleine Massen aufbringen, den Kern eines Heeres, nicht ein Heer. Und +ferner war es unmöglich, diese Söldner, ohne den Verdacht der Goten zu +wecken, in größerer Anzahl nach Italien, nach Rom zu bringen. Einzeln, +paarweise, in kleinen Gruppen schmuggelte er sie mit vieler List und +vieler Gefahr als seine Sklaven, Freigelassenen, Klienten, Gastfreunde in +seine durch die ganze Halbinsel zerstreuten Villen oder beschäftigte sie +als Matrosen und Schiffsleute im Hafen von Ostia oder als Arbeiter in Rom. + +Schließlich mußten doch die Römer Rom erretten und beschützen und all +seine ferneren Pläne drängten ihn, seine Landsleute wieder an die Waffen +zu gewöhnen. + +Nun hatte aber Theoderich wohlweislich die Italier von dem Heer +ausgeschlossen – nur Ausnahmen bei einzelnen als besonders zuverlässig +Erachteten wurden gemacht – und in den unruhigen letzten Zeiten seines +Regiments während des Prozesses gegen Boëthius ein Gebot allgemeiner +Entwaffnung der Römer erlassen. + +Letzteres war freilich nie streng durchgeführt worden: aber Cethegus +konnte doch nicht hoffen, die Regentin werde ihm erlauben, gegen den +entschiednen Willen ihres großen Vaters und gegen das offenbare Interesse +der Goten eine irgendwie bedeutende Streitmacht aus Italien zu bilden. + +Er begnügte sich, ihr vorzustellen, daß sie durch ein ganz unschädliches +Zugeständnis sich das Verdienst erwirken könne, jene gehässige Maßregel +Theoderichs in edlem Vertrauen aufgehoben zu haben und schlug ihr vor, ihm +zu gestatten, nur zweitausend Mann aus der römischen Bürgerschaft als +Schutzwache Roms rüsten, einüben und immer unter den Waffen gegenwärtig +halten zu dürfen: die Römer würden ihr schon für diesen Schein, daß die +ewige Stadt nicht von Barbaren allein gehütet werde, unendlich dankbar +sein. Amalaswintha, begeistert für Rom und nach der Liebe der Römer als +ihrem schönsten Ziele trachtend, gab ihre Einwilligung und Cethegus fing +an seine »Landwehr«, wie wir sagen würden, zu bilden. Er rief in einer wie +Trompetenschall klingenden Proklamation »die Söhne der Scipionen zu den +alten Waffen zurück,« er bestellte die jungen Adligen der Katakomben zu +»römischen Rittern« und »Kriegstribunen«: er verhieß jedem Römer, der sich +freiwillig meldete, aus seiner Tasche Verdoppelung des von der Fürstin +bestimmten Soldes: er hob aus den Tausenden, die sich daraus +herbeidrängten die Tauglichsten aus; er rüstete die Ärmeren aus, schenkte +denen, die sich besonders auszeichneten im Dienst, gallische Helme und +spanische Schwerter aus seinen eignen Sammlungen und – was das Wichtigste +– er entließ regelmäßig sobald als möglich die hinlänglich Eingeübten mit +Belassung ihrer Waffen und hob neue Mannschaften aus, so daß, obwohl in +jedem Augenblick nur die von Amalaswintha gestattete Zahl im Dienst stand, +doch in kurzer Frist viele Tausende bewaffnete und waffengeübte Römer zur +Verfügung ihres vergötterten Führers standen. + +Während so Cethegus an seiner künftigen Residenz baute und seine künftigen +Prätorianer heranbildete, vertröstete er den Eifer seiner Mitverschwornen, +die unablässig zum Losschlagen drängten, auf den Zeitpunkt der Vollendung +jener Vorbereitungen, den er natürlich allein bestimmen konnte. Zugleich +unterhielt er eifrigen Verkehr mit Byzanz. Dort mußte er sich einer Hilfe +versichern, die einerseits in jedem Augenblick, da er sie rief, auf dem +Kampfplatz erscheinen könnte, die aber andrerseits auch nicht, ehe er sie +rief, auf eigne Faust oder mit einer Stärke erschiene, die nicht leicht +wieder zu entfernen wäre. + +Er wünschte von Byzanz einen guten Feldherrn, der aber kein großer +Staatsmann sein durfte, mit einem Heere, stark genug, die Italier zu +unterstützen, nicht stark genug, ohne sie siegen oder gegen ihren Willen +im Lande bleiben zu können. Wir werden in der Folge sehen, wie in dieser +Hinsicht vieles nach Wunsch, aber auch ebenso vieles sehr gegen den Wunsch +des Präfekten sich gestaltete. Daneben war gegenüber den Goten, die zur +Zeit noch unangefochten im Besitz der Beute standen, um die Cethegus +bereits im Geiste mit dem Kaiser haderte, sein Streben dahin gerichtet, +sie in arglose Sicherheit zu wiegen, in Parteiungen zu spalten und eine +schwache Regierung an ihrer Spitze zu erhalten. + +Das erste war nicht schwer. Denn die starken Germanen verachteten in +barbarischem Hochmut alle offenen und geheimen Feinde: wir haben gesehen, +wie schwer selbst der sonst scharfblickende, helle Kopf eines Jünglings +wie Totila von der Nähe einer Gefahr zu überzeugen war: und die trotzige +Sicherheit eines Hildebad drückte recht eigentlich die allgemeine Stimmung +der Goten aus. Auch an Parteiungen fehlte es nicht in diesem Volk. + +Da waren die stolzen Adelsgeschlechter, die Balten mit ihren +weitverzweigten Sippen, an ihrer Spitze die drei Herzoge Thulun, Ibba und +Pitza: die reichbegüterten Wölsungen unter den Brüdern Herzog Guntharis +von Tuscien und Graf Arahad von Asta: und andre mehr, die alle den Amalern +an Glanz der Ahnen wenig nachgaben und eifersüchtig ihre Stellung dicht +neben dem Throne bewachten. + +Da waren viele, welche die Vormundschaft eines Weibes, die Herrschaft +eines Knaben nur mit Unwillen trugen, die gern, nach dem alten Recht des +Volkes, das Königshaus umgangen und einen der erprobten Helden der Nation +auf den Schild erhoben hätten. Andrerseits zählten auch die Amaler blind +ergebene Anhänger, die solche Gesinnung als Treubruch verabscheuten. +Endlich teilte sich das ganze Volk in eine rauhere Partei, die, längst +unzufrieden mit der Milde, die Theoderich und seine Tochter den Welschen +bewiesen, gern nunmehr nachgeholt hätten, was, wie sie meinten, bei der +Eroberung des Landes versäumt worden, und die Italier für ihren heimlichen +Haß mit offener Gewalt zu strafen begehrten. Viel kleiner natürlich war +die Zahl der sanfter und edler Gesinnten, die, wie Theoderich selbst, +empfänglich für die höhere Bildung der Unterworfenen, sich und ihr Volk zu +dieser emporzuheben strebten. Das Haupt dieser Partei war die Königin. + +Diese Frau nun suchte Cethegus im Besitz der Macht zu erhalten; denn sie, +diese weibliche, schwache, geteilte Herrschaft, verhieß, die Kraft des +Volkes zu lähmen, die Parteiung und Unzufriedenheit dauernd zu machen. +Ihre Richtung schloß jedes Erstarken des gotischen Nationalgefühls aus. Er +bebte vor dem Gedanken, einen gewaltigen Mann die Kraft dieses Volkes +gewaltig zusammenfassen zu sehen. + +Und manchmal machten ihn schon die Züge von Hoheit, die sich in diesem +Weibe zeigten, mehr noch die feurigen Funken verhaltener Glut, die zu +Zeiten aus Athalarichs tiefer Seele aufsprühten, ernstlich besorgt. +Sollten Mutter und Sohn solche Spuren öfter verraten, dann freilich mußte +er beide ebenso eifrig stürzen wie er bisher ihre Regierung gehalten +hatte. Einstweilen aber freute er sich noch der unbedingten Herrschaft, +die er über die Seele Amalaswinthens gewonnen. Dies war ihm bald gelungen. +Nicht nur, weil er mit großer Feinheit ihre Neigung zu gelehrten +Gesprächen ausbeutete, in welchen er von dem, wie es schien, ihm überall +überlegenen Wissen der Fürstin so häufig überwunden wurde, daß Cassiodor, +der oft Zeuge ihrer Disputationen war, nicht umhin konnte, zu bedauern, +wie dies einst glänzende Ingenium durch Mangel an gelehrter Übung etwas +eingerostet sei. + +Der vollendete Menschenerforscher hatte das stolze Weib noch viel tiefer +getroffen. Ihrem großen Vater war kein Sohn, war nur diese Tochter +beschieden: der Wunsch nach einem männlichen Erben seiner schweren Krone +war oft aus des Königs, oft aus des Volkes Munde schon in ihren +Kinderjahren an ihr Ohr gedrungen. Es empörte das hochbegabte Mädchen, daß +man es lediglich um ihres Geschlechtes willen zurücksetzte hinter einem +möglichen Bruder, der, wie selbstverständlich, der Herrschaft würdiger und +fähiger sein würde. So weinte sie als Kind oft bittere Thränen, daß sie +kein Knabe war. + +Als sie herangewachsen, hörte sie natürlich nur noch von ihrem Vater jenen +kränkenden Wunsch: jeder andre Mund am Hofe pries die wunderbaren Anlagen, +den männlichen Geist, den männlichen Mut der glänzenden Fürstin. Und das +waren nicht Schmeicheleien: Amalaswintha war in der That in jeder Hinsicht +ein außergewöhnliches Geschöpf: die Kraft ihres Denkens und ihres Wollens, +aber auch ihre Herrschsucht und kalte Schroffheit überschritten weit die +Schranken, in welchen sich holde Weiblichkeit bewegt. Das Bewußtsein, daß +mit ihrer Hand zugleich die höchste Stellung im Reich, vielleicht die +Krone selbst, würde vergeben werden, machte sie eben auch nicht +bescheidener: und ihre tiefste, mächtigste Empfindung war jetzt nicht mehr +der Wunsch, Mann zu sein, sondern die Überzeugung, daß sie, das Weib, +allen Aufgaben des Lebens und des Regierens so gut wie der begabteste +Mann, besser als die meisten Männer, gewachsen, daß sie berufen sei, das +allgemeine Vorurteil von der geistigen Unebenbürtigkeit ihres Geschlechts +glänzend zu widerlegen. + +Die Ehe des kalten Weibes mit Eutharich, einem Amaler aus andrer Linie, +einem Mann von hohen Anlagen des Geistes und reichem Gemüt, war kurz –: +Eutharich erlag nach wenigen Jahren einem tiefen Leiden – und wenig +glücklich. Nur mit Widerstreben hatte sie sich ihrem Gatten gebeugt. Als +Witwe atmete sie stolz auf. Sie brannte vor Ehrgeiz, dereinst als +Vormünderin ihres Knaben, als Regentin jene ihre Lieblingsidee zu +bewähren: sie wollte so regieren, daß die stolzesten Männer ihre +Überlegenheit sollten einräumen müssen. Wir haben gesehen, wie die +Erwartung der Herrschaft diese kalte Seele sogar den Tod ihres großen +Vaters ziemlich ruhig hatte ertragen lassen. + +Sie übernahm das Regiment mit höchstem Eifer, mit unermüdlicher +Thätigkeit. Sie wollte alles selbst, alles allein thun. + +Sie schob ungeduldig den greisen Cassiodor zur Seite, der ihrem Geist +nicht rasch und kräftig genug Schritt hielt. Keines Mannes Rat und Hilfe +wollte sie dulden. + +Eifersüchtig wachte sie über ihre Alleinherrlichkeit. Und nur Einem ihrer +Beamten lieh sie gern und häufig das Ohr; demjenigen, der ihr oft und laut +die männliche Selbständigkeit ihres Geistes pries und noch öfter dieselbe +still zu bewundern, der den Gedanken, sie beherrschen zu wollen, gar nie +wagen zu können schien: sie traute nur Cethegus. Denn dieser zeigte ja nur +den Einen Ehrgeiz, alle Gedanken und Pläne der Königin mit eifriger Sorge +durchzuführen. Nie trat er, wie Cassiodor oder gar die Häupter der +gotischen Partei, ihren Lieblingsbestrebungen entgegen; er unterstützte +sie darin: er half ihr, sich mit Römern und Griechen umgeben, den jungen +König möglichst von der Teilnahme am Regiment ausschließen, die alten +gotischen Freunde ihres Vaters, die, im Bewußtsein ihrer Verdienste und +nach alter Gewohnheit, sich manches freie und derbe Wort des Tadels +erlaubten, als rohe Barbaren allmählich vom Hof entfernen, die Gelder, die +für Kriegsschiffe, Rosse, Ausrüstung der gotischen Heere bestimmt waren, +für Wissenschaften und Künste oder auch für die Verschönerung, Erhaltung +und Sicherung Roms verwenden: – kurz, er war ihr behilflich in allem, was +sie ihrem Volk entfremden, ihre Regierung verhaßt und ihr Reich wehrlos +machen konnte. Und hatte er selbst einen Plan, immer wußte er seine +Verhandlungen mit der Fürstin so zu wenden, daß sich diese für die +Urheberin ansehen mußte und ihn zu dem Vollzug seiner geheimsten Wünsche +als _ihrer_ Aufträge befehligte. + + + + + Fünftes Kapitel. + + +Begreiflicherweise bedurfte es, um solchen Einfluß zu gewinnen und zu +pflegen, häufigeren Aufenthalts am Hof, längerer Abwesenheit von Rom als +seine dortigen Interessen vertrugen. Deshalb strebte er danach, in die +Nähe der Königin Persönlichkeiten zu bringen, die ihm diese Mühe zum Teil +ersparen könnten, die ihn immer gut unterrichten und warm vertreten +sollten. Die Frauen von mehreren gotischen Edeln, welche grollend Ravenna +verließen, mußten in der Umgebung Amalaswinthens ersetzt werden und +Cethegus trug sich mit dem Gedanken, bei dieser Gelegenheit Rusticiana, +die Tochter des Symmachus, die Witwe des Boëthius an den Hof zu bringen. +Die Aufgabe war nicht leicht. Denn die Familie dieser als Hochverräter +hingerichteten Männer war in Ungnade aus der Königsstadt verbannt. Vor +allem mußte daher die Königin umgestimmt werden für sie. + +Dies freilich gelang alsbald, indem die Großmut der edeln Frau gegen das +so tief gefallne Haus wachgerufen wurde. Dazu kam, daß sie an die niemals +vollbewiesene Schuld von zwei edeln Römern nie von Herzen hatte glauben +mögen, deren einen, den Gatten Rusticianas, sie als großen Gelehrten und +in manchen Gebieten als ihren Lehrer verehrte. Endlich wußte Cethegus zu +betonen, wie gerade diese That, sei es der Gerechtigkeit, sei es der +Gnade, die Herzen all’ ihrer römischen Unterthanen rühren müsse. So war +die Regentin leicht gewonnen, Gnade zu erteilen. Viel schwerer ward die +stolze und leidenschaftliche Witwe des Verurteilten bewogen, diese Gnade +anzunehmen. Denn Wut und Rachedurst gegen das Königshaus erfüllten ihre +ganze Seele und Cethegus mußte sogar fürchten, ihr unbeherrschbarer Haß +könnte sich in der steten Nähe der »Tyrannen« leicht verraten. Wiederholt +hatte Rusticiana trotz all’ seiner sonst so großen Gewalt über sie dieses +Ansinnen zurückgewiesen. + +Da machten sie eines Tages eine sehr überraschende Entdeckung, die zur +Erfüllung der Wünsche des Präfekten führen sollte. + +Rusticiana hatte eine kaum sechzehnjährige Tochter, Kamilla. Aus ihrem +echt römischen Gesicht mit den edeln Schläfen und den schön geschnittenen +Lippen leuchteten dunkle schwärmerische Augen: der eben erst vollendete +Wuchs zeigte feine, fast allzuzarte Formen, rasch und leicht und fein wie +einer Gazelle waren alle Bewegungen dieser schlanken Glieder. Eine reiche +Seele mit schwungvoller Phantasie lebte in dem lieblichen Mädchen. Mit +aller Inbrunst kindlicher Verehrung hatte sie ihren unglücklichen Vater +geliebt: der Streich, der sein teures Haupt getroffen, hatte tief in das +Leben des heranblühenden Mädchens geschlagen; ungestillte Trauer, heilige +Wehmut, mit der sich die leidenschaftliche Vergötterung seines Martyriums +für Italien mischte, erfüllten alle Träume ihres jungfräulichen +Entfaltens. + +Vor dem Sturz ihres Hauses ein gern gesehener Gast am Königshof war sie +nach dem Schicksalsschlag mit ihrer Mutter über die Alpen nach Gallien +geflohen, wo ein alter Gastfreund den betrübten Frauen monatelang eine +Zufluchtstätte bot, während Anicius und Severinus, Kamillas Brüder, +anfänglich ebenfalls verhaftet und zum Tode verurteilt, dann zur +Verbannung aus dem Reich begnadigt, aus dem Kerker sofort nach Byzanz an +den Hof des Kaisers eilten, wo sie Himmel und Hölle gegen die Goten in +Bewegung setzten. Die Frauen waren, als sich der Sturm der Verfolgung +verzogen, nach Italien zurückgekehrt und lebten ihrem stillen Gram im +Häuschen eines treuen Freigelassenen zu Perusia, von wo aus freilich +Rusticiana, wie wir gesehen, den Weg zu den Verschworenen in Rom wohl zu +finden wußte. + +Der Sommer war gekommen, die Jahreszeit, in der vornehme Römer noch immer, +wie zur Zeit des Horatius und Tibullus, die dumpfe Luft der Städte zu +fliehen und in seine kühlen Villen im Sabinergebirge oder an der +Meeresküste sich zu verstecken pflegten. Mit Beschwerde trugen die +verwöhnten Edelfrauen den Qualm und Staub in den heißen Straßen des engen +Perusia, mit Seufzen der herrlichen Landhäuser bei Florentia und Neapolis +gedenkend, die sie, wie all’ ihr Vermögen, an den gotischen Fiskus +verloren. + +Da trat eines Tages der treue Corbulo mit seltsam verlegenem Gesicht vor +Rusticiana. Er habe längst bemerkt, wie die »Patrona« unter seinem +unwürdigen Dach zu leiden und mancherlei Ungemach schon durch seine +Hantierung – er war seines Zeichens Steinmetz – zu erdulden gehabt und so +habe er denn an den letzten Calenden ein kleines, freilich nur ein ganz +kleines, Gütchen mit einem noch kleineren Häuschen gekauft, droben im +Gebirge bei Tifernum. Freilich, an die Villa bei Florentia dürften sie +dabei nicht denken: aber es riesele doch auch dort ein selbst unter dem +Sirius nicht versiegender Waldquell, Eichen und Kornellen gäben breiten +Schatten, um den verfallnen Faunustempel wuchre üppig der Epheu und im +Garten habe er Rosen, Veilchen und Lilien pflanzen lassen, wie sie Domna +Kamilla liebe und so möchten sie denn Maultier und Sänfte besteigen und +wie andre Edelfrauen ihre Villa beziehen. + +Die Frauen, von dieser Treue des Alten gerührt, nahmen dankbar seine Güte +an und Kamilla, die sich in kindlicher Genügsamkeit auf die kleine +Veränderung freute, war heiterer, belebter als je seit dem Tod ihres +Vaters. + +Ungeduldig drängte sie zum Aufbruch und eilte noch am selben Tage mit +Corbulo und Daphnidion, dessen Tochter, voraus, Rusticiana sollte mit den +Sklaven und dem Gepäck so bald als möglich folgen. + +Die Sonne sank schon hinter die Hügel von Tifernum, als Corbulo, Kamillens +Maultier am Zügel führend, aus den Waldhöhen auf die Lichtung gelangte, +von wo aus man das Gütchen zuerst wahrnehmen konnte. Längst hatte er sich +auf die Überraschung des Kindes gefreut, wenn er ihr von hier aus das +anmutig gelegene Haus zeigen würde. + +Aber erstaunt blieb er stehen: – er hielt die Hand vor die Augen, ob ihn +die Abendsonne blende, er sah umher, ob er denn nicht an der rechten +Stelle: aber kein Zweifel! da stand ja an dem Rain, wo Wald und Wiese sich +berührten, der graue Markstein in Gestalt des alten Grenzgottes Terminus +mit seinem spitz zulaufenden Kopf: der rechte Ort war es, aber das +Häuschen nicht zu sehen: vielmehr an seiner Stelle eine dichte Gruppe von +Pinien und Platanen: und auch sonst war die ganze Umgebung verändert: da +standen grüne Hecken und Blumenbeete, wo sonst Kohl und Rüben, und ein +zierlicher Pavillon prangte, wo bisher Sandgruben und die Landstraße sein +bescheidnes Gebiet begrenzt hatten. + +»Die Mutter Gottes steh’ mir bei und alle obern Götter!« rief der +Steinmetz, »bin ich verzaubert oder die Gegend? Aber Zauber ist los!« +Seine Tochter reichte ihm eifrig das Amulet, das sie am Gürtel trug: aber +Aufschluß konnte sie nicht geben, da sie zum erstenmal das neue Besitztum +betrat und so blieb nichts übrig, als das Maultier zur größten Eile zu +treiben und springend und rufend begleiteten Vater und Tochter den Trab +des Grauchens die Wiesenhänge hinunter. + +Als sie nun näher kamen, fand Corbulo allerdings hinter der Baumgruppe das +Haus, das er gekauft: aber so verjüngt, erneuert, verschönt, daß er es +kaum erkannte. + +Sein Staunen über die Umwandlung der ganzen Gegend stieg aufs neue zu +abergläubischer Furcht: offnen Mundes blieb er zuletzt stehen, ließ die +Zügel fallen und begann eine wieder seltsam gemischte Reihe von +christlichen und heidnischen Ausrufen, als plötzlich Kamilla ebenso +überrascht ausrief: »Aber das ist ja der Garten, wo wir gewohnt, das +Viridarium des Honorius zu Ravenna, dieselben Bäume, dieselben +Blumenbeete, und auch an jenem Teich, wie zu Ravenna am Meeresufer, der +Tempel der Venus! o wie schön, welche Erinnerung! Corbulo, wie hast du das +angefangen?« Und Thränen freudiger Rührung traten in ihre Augen. – »So +sollen mich alle Teufel peinigen und Lemuren, wenn ich das angefangen +habe. Doch da kommt Cappadox mit seinem Klumpfuß, der ist also nicht mit +verhext. Rede, du Cyklope, was ist hier geschehen?« + +Der riesige Cappadox, ein breitschultriger Sklave, humpelte mit +ungeschlachtem Lächeln heran und erzählte nach vielen Fragen und +Unterbrechungen des Staunens eine rätselhafte Geschichte. Vor drei Wochen +etwa, wenige Tage nachdem Cappadox auf das Gut geschickt war, es für +seinen Herrn, der auf längere Zeit in die Marmorbrüche von Luna verreist +war, zu verwalten, kam von Tifernum her ein vornehmer Römer mit einem Troß +von Sklaven und Arbeitern und mit hochbepackten Lastwagen an. Er fragte, +ob dies die Besitzung sei, welche der Steinmetz Corbulo von Perusia für +die Witwe des Boëthius gekauft. Und als dies bejaht wurde, gab er sich als +den Hortulanus Prinzeps d. h. als Oberintendanten der Gärten zu Ravenna zu +erkennen. Ein alter Freund des Boëthius, der aus Furcht vor den gotischen +Tyrannen seinen Namen nicht zu nennen wage, wünsche, sich insgeheim der +Verfolgten anzunehmen und habe ihm den Auftrag gegeben, den Aufenthalt +derselben mit allen Mitteln seiner Kunst zu schmücken und zu verschönern. +Der Sklave dürfe die beabsichtigte Überraschung nicht verderben und halb +mit Güte, halb mit Gewalt hielt man den staunenden Cappadox auf der Villa +fest. Der Intendant aber entwarf sofort seinen Plan und seine Arbeiter +gingen unverzüglich ans Werk. + +Viele benachbarte Grundstücke wurden zu hohen Preisen hinzugekauft und nun +hob an ein Niederreißen und Bauen, ein Pflanzen und Graben, ein Hämmern +und Klopfen, ein Putzen und Malen, daß dem guten Cappadox Hören und Sehen +verging. Wollte er fragen und drein reden, so lachten ihm die Arbeiter ins +Gesicht. Wollte er sich davon machen, so winkte der Intendant und ein halb +Dutzend Fäuste hielten ihn fest. »Und« – schloß der Erzähler – »so ging’s +bis vorgestern Morgen. Da waren sie fertig und zogen davon. + +Anfangs war mir angst und bang, da ich die kostspieligen Herrlichkeiten +aus dem Boden wachsen sah. Ich dachte: am Ende, wenn Meister Corbulo das +alles bezahlen soll, dann weh über meinen Rücken! Und ich wollte dir’s +melden. Aber sie ließen mich nicht und obenein wußt’ ich dich fern von +Haus. Und wie ich nachgerade das unsinnig viele Geld des Intendanten +verspürte und wie der mit den Goldstücken um sich warf wie die Kinder mit +Kieseln, siehe, da beruhigte sich allmählich mein Gemüte und ich ließ +alles gehen wie es ging. Nun, o Herr, weiß ich wohl: du kannst mich +dennoch in den Block setzen und prügeln lassen. Mit der Rebe oder sogar +mit dem Skorpion. Du kannst es. Denn warum? du bist der Herr und Cappadox +der Knecht. Aber gerecht, Herr, wäre es kaum! bei allen Heiligen und allen +Göttern! Denn du hast mich gesetzt über ein Paar Kohlfelder und siehe, sie +sind geworden ein Kaisergarten unter meiner Hand.« + +Kamilla war längst abgestiegen und davongeschlüpft, ehe der Sklave zu +Ende. Mit vor Freude hochklopfendem Herzen durcheilte sie den Garten, die +Lauben, das Haus: sie schwebte wie auf Flügeln, kaum konnte ihr die flinke +Daphnidion folgen. Ein Ausruf der Überraschung des freudigen Schreckens +jagte den andern: so oft sie um eine Ecke des Weges, um eine Baumgruppe, +bog, wieder und wieder stand ein Bild aus jenem Garten von Ravenna vor +ihrem entzückten Auge. Als sie aber ins Haus gelangte und ein kleines +Gemach desselben genau so bemalt, ausgerüstet, geschmückt fand wie jener +Raum im Kaiserschloß gewesen war, in dem sie die letzten Tage der Kindheit +verspielt und die ersten Träume des Mädchens geträumt, dieselben Bilder +auf den bastgeflochtnen Vorhängen, die gleichen Vasen und zierlichen +Citruskästchen und auf dem gleichen Schildpatttischchen ihre kleine +zierliche Lieblingsharfe mit den Schwanenflügeln, da, überwältigt von so +vielen Erinnerungen, und noch mehr von dem Gefühl des Dankes gegen so +zarte Freundschaft, sank sie schluchzend in freudiger Wehmut auf den +weichen Teppichen des Lectus zusammen. Kaum konnte sie Daphnidion +beruhigen. »Es giebt noch edle Herzen, noch Freunde für das Haus des +Boëthius,« rief sie wieder und wieder. Und sie sandte das innigste Gebet +des Dankes gegen Himmel. – + +Als am Tage darauf die Mutter eintraf, war sie kaum weniger ergriffen von +der seltsamen Überraschung. + +Sogleich schrieb sie nach Rom an Cethegus und fragte, welcher Freund ihres +Gatten wohl in diesem geheimnisvollen Wohlthäter zu suchen sei? Es war ihr +eine stille Hoffnung, an ihn selbst dabei zu denken. Aber der Präfekt +schüttelte nachdenklich den Kopf über ihren Brief und schrieb ihr zurück: +er kenne niemand, an den ihn diese zartfühlende Weise mahnen könne. Sie +möge scharf jede Spur beachten, die zur Lösung des Rätsels führen könne. + +Es sollte sich bald genug enthüllen. – + +Kamilla wurde nicht müde, den Garten zu durchstreifen und immer neue +Ähnlichkeiten mit seinem trauten Vorbild zu entdecken. Oft führten sie +diese Gänge über den Park hinaus und in den anstoßenden Bergwald. Dabei +pflegte sie die muntre Daphnidion zu begleiten, die ihr gleiche Jugend und +treue Anhänglichkeit rasch zur Vertrauten gemacht. Wiederholt hatte diese +der Patrona bemerkt, ein Waldgeist müsse ihnen nachschleichen. Denn +vielfach knacke es hörbar in den Büschen und rausche im Grase hinter oder +neben ihnen. Und doch sei nirgends Mensch oder Tier zu sehen. Aber Kamilla +lachte ihres Aberglaubens und nötigte sie immer wieder in die grünen +Schatten der Ulmen und Platanen hinaus. + +Eines Tages entdeckten die Mädchen, vor der Hitze tiefer und tiefer in die +Kühle des Waldes flüchtend, eine lebhafte Quelle, die reichlich und klar +von dunkeln Porphyrfelsen traufte. Doch sie rieselte ohne bestimmtes +Rinnsal und mühsam mußten die Durstenden die einzelnen Silbertropfen +erhaschen. »Wie Schade,« rief Kamilla, »um das köstliche Naß! Da hättest +du die Tritonenquelle sehen sollen im Pinetum zu Ravenna. Wie anmutig +sprudelte der Strahl aus den aufgeblasenen Backen des bronzenen Meergotts +und fiel gesammelt in eine breite Muschel von braunem Marmor, wie Schade!« +Und sie gingen weiter. + +Nach einigen Tagen kamen beide wieder an die Stelle. + +Daphnidion, die voranschritt, blieb plötzlich laut aufschreiend stehen und +wies sprachlos mit dem Finger auf die Quelle. Der Waldquell war gefaßt. +Aus einem bronzenen Tritonenkopf sprudelte der Strahl in eine zierliche +Muschel von braunem Marmor. Daphnidion, jetzt fest an Geisterspuk +glaubend, wandte sich ohne weiteres zur Flucht: sie floh mit den Händen +vor den Augen, die Waldgeister nicht zu sehen, was für höchst gefährlich +galt, nach dem Hause zu, der Herrin laut rufend, ihr zu folgen. Aber +Kamilla durchzuckte der Gedanke: der Lauscher, der uns neulich hierher +gefolgt, ist gewiß auch jetzt in der Nähe, sich an unsrem Staunen zu +weiden. Scharf sah sie umher: an einem wilden Rosenbusch fielen die Blüten +von schwankenden Zweigen zur Erde. Rasch schritt sie auf das Dickicht zu. +Und sieh, aus dem Gebüsch trat ihr mit Jagdtasche und Wurfspeer ein junger +Jäger entgegen. + +»Ich bin entdeckt,« sagte er mit leiser, schüchterner Stimme, anmutig in +seiner Beschämung. + +Aber mit einem Schreckensruf fuhr Kamilla zurück: »Athalarich« – stammelte +sie – »der König!« + +Eine ganze Meerflut von Gedanken und Gefühlen wogte ihr durch Haupt und +Herz, und halb ohnmächtig sank sie auf den Rasenhang neben der Quelle. Der +junge König stand in Schrecken und Entzücken sprachlos einige Sekunden vor +der hingegossenen zarten Gestalt: durstig sog sein brennendes Auge die +schönen Züge, die edeln Formen ein: flüchtiges Rot schoß zuckend wie +Blitze über sein bleiches Gesicht. »O sie – sie ist mein heißer Tod« – +hauchte er, endlich beide Hände an das pochende Herz drückend – »jetzt +sterben, – sterben mit ihr.« + +Da regte sie den Arm. Das brachte ihn zur Besinnung zurück. Er kniete +neben ihr nieder und sprengte das kühle Naß des Brunnens auf ihre Schläfe. +Sie schlug die Augen auf: »Barbar – Mörder!« schrie sie gellend, stieß +seine Hand zurück, sprang auf und floh wie ein gescheuchtes Reh hinweg. + +Athalarich folgte ihr nicht. »Barbar – Mörder,« hauchte er in tiefstem +Schmerz vor sich hin. Und er verbarg die glühende Stirn in den Händen. + + + + + Sechstes Kapitel. + + +Kamilla kam in so hoher Aufregung nach Hause, daß Daphnidion sich’s nicht +nehmen ließ, die Domna müsse die Nymphen oder gar den altehrwürdigen +Waldgott Picus selbst gesehen haben. + +Aber das Mädchen warf sich in wilder Bewegung in die Arme der +erschrockenen Mutter. Der Kampf verworrener Gefühle löste sich in einem +Strom von heißen Thränen und erst spät vermochte sie, den besorgten Fragen +Rusticianas Antworten und Aufschluß zu geben. + +In der tiefen Seele dieses Kindes wogte ein schweres Ringen. + +Es war dem am Hofe zu Ravenna heranreifenden Mädchen nicht ganz entgangen, +daß der schöne, bleiche Knabe oft mit seltsamem, träumendem Blick die +dunkeln Augen auf ihr ruhen ließ, daß er wie mit Andacht dem Tonfall ihrer +Stimme lauschte. Aber niemals war diese Ahnung inneren Wohlgefallens ihr +bestimmt ins Bewußtsein getreten; der Prinz, scheu und verschlossen, hatte +die Augen niedergeschlagen, wenn sie ihn über einem solchen Blick ertappte +und ihn unbefangen fragend ansah: waren sie doch beide damals beinahe noch +Kinder. Sie wußte nicht zu nennen, was in Athalarich vorging – kaum wußte +er es selbst – und nie war es ihr eingefallen, nachzudenken, warum auch +sie gern in seiner Nähe lebte, gern dem kühnen, von der Art aller andrer +Gespielen abweichenden Flug seiner Gedanken oder Phantasien folgte, gern +auch schweigend neben dem Schweigenden im Abendlicht durch die stillen +Gärten wandelte, wo er oft mitten aus seinen Träumereien abgerissene, aber +immer sinnige Worte zu ihr sprach, deren Poesie, die Poesie +schwärmerischer Jugend, sie so völlig verstand und würdigte. + +In das zarte Weben dieser knospenden Neigung schlug nun die Katastrophe +ihres über alles geliebten Vaters. + +Und nicht nur sanfte Trauer um den Gemordeten, glühender Haß gegen die +Mörder ergriff die Seele der leidenschaftlichen Römerin. Von jeher hatte +Boëthius, selbst in der Zeit seiner höchsten Gunst am Hofe, ein +hochmütiges Herabsehen auf das Barbarentum der Goten zur Schau getragen, +und seit seinem Untergang atmete natürlich die ganze Umgebung Kamillas, +die Mutter, die beiden rachedürstenden Brüder, die Freunde des Hauses nur +Haß und Verachtung: nicht nur gegen den blutigen Mörder und Tyrannen +Theoderich, nein, gegen alle Goten und vorab gegen Tochter und Enkel des +Königs, die seine Schuld zu teilen schienen, weil sie dieselbe nicht +verhindert. So hatte das Mädchen Athalarichs fast gar nicht mehr gedacht. +Und wann er genannt wurde oder wann, was ihr manchmal begegnete, sein Bild +im Traume vor ihre Seele trat, so gipfelte all’ ihr Haß gegen die Barbaren +in höchstem Abscheu gegen ihn. Vielleicht gerade deshalb, weil im +geheimsten Grund ihres Herzens jetzt eine widerstrebende Ahnung von jener +Neigung zitterte, die sie zu dem schönen Königssohn gezogen. – + +Und nun – nun hatte es der Frevler gewagt, ihr argloses Herz mit +tückischem Streich zu treffen! + +Sie hatte, sowie sie ihn aus dem Dickicht schreiten sah, sowie sie ihn +erkannte, blitzschnell erfaßt, daß er es war, der, wie die Fassung der +Quelle, so die Umgestaltung der ganzen Villa geschaffen. Er, der verhaßte +Feind, der Sproß des verfluchten Geschlechts, an welchem das Blut ihres +Vaters klebte, der König der Barbaren! All die Freuden, mit welchen sie in +diesen Tagen Haus und Garten durchmustert, brannten jetzt wie glühend Erz +auf ihrer Seele. Der Todfeind ihres Volkes, ihres Geschlechts, hatte +gewagt, sie zu beschenken, zu erfreuen, zu beglücken. Für ihn hatte sie +Dankgebete zum Himmel gesandt. Er hatte sich erkühnt, ihren Schritten zu +folgen, ihre Worte zu belauschen, ihre leisesten Wünsche zu erfüllen: – +und im Hintergrund ihrer Seele stand, schrecklicher als all’ dies, der +Gedanke, warum er das gethan. Er liebte sie! Der Barbar erkühnte sich, es +ihr zu zeigen. Der Tyrann Italiens, er wagte wohl gar zu hoffen, daß des +Boëthius Tochter – + +O es war zu viel! und schmerzlich schluchzend barg sie das Haupt in den +Kissen ihres Lagers, bis dumpfer Schlaf der Erschöpfung auf sie +niedersank. Alsbald erschien der eilig herbeigerufene Cethegus bei den +ratlosen Frauen. Rusticiana hatte ihrem wie Kamillens erstem Gefühle +folgen, sofort die Villa und die verhaßte Nähe des Königs fliehen und ihr +Kind jenseit der Alpen bergen wollen. Aber der Zustand Kamillas hatte +bisher den Aufbruch verhindert und sowie der Präfekt das Haus betrat, +schien sich die Flamme der Aufregung vor seinem kalten Blick zu legen. Er +nahm Rusticianen allein mit sich in den Garten: ruhig und aufmerksam hörte +er daselbst, den Rücken an einen Lorberstamm gelehnt, das Kinn in die +linke Hand gestützt, ihrer leidenschaftlichen Erzählung zu. + +»Und nun rede,« schloß sie, »was soll ich thun? Wie soll ich mein armes +Kind retten? wohin sie bringen?« + +Cethegus schlug die Augen auf, die er, wie er bei angestrengtem Nachsinnen +pflegte, halb geschlossen hatte. + +»Wohin Kamilla bringen?« sagte er. »An den Hof, nach Ravenna.« + +Rusticiana fuhr empor: »Wozu jetzt der giftige Scherz!« + +Aber Cethegus richtete sich rasch auf. + +»Es ist mein Ernst. Still – höre mich. Kein gnädigeres Geschenk hat das +Schicksal, das die Barbaren verderben will, in unsren Weg legen können. Du +weißt, wie völlig ich die Regentin beherrsche. + +Aber nicht weißt du, wie völlig machtlos ich bin über jenen eigensinnigen +Schwärmer. Es ist rätselhaft. Der kranke Jüngling ist im ganzen Gotenvolk +der einzige, der mich, wenn nicht durchschaut, doch ahnt. Und ich weiß +nicht, ob er mich mehr fürchtet oder mehr haßt. Das wäre mir ziemlich +gleichgültig, wenn der Verwegne mir nicht sehr entschieden und sehr +erfolgreich entgegenarbeitete. Sein Wort wiegt natürlich schwer bei seiner +Mutter. Oft schwerer als das meine. Und er wird immer älter, reifer, +gefährlicher. Sein Geist überflügelt mächtig seine Jahre. Er nimmt +ernstlichen Teil an den Beratungen der Regentschaft. Jedesmal spricht er +gegen mich. Oft siegt er. Erst neulich hat er es gegen mich durchgesetzt, +daß der schwarzgallige Teja den Befehl der gotischen Truppen in Rom +erhielt, in meinem Rom! Kurz, der junge König wird höchst gefährlich. Und +ich hatte bisher nicht einen Schatten von Gewalt über ihn. Zu seinem +Verderben liebt er Kamilla. Durch sie wollen wir den Unbeherrschbaren +beherrschen.« + +»Nimmermehr!« rief Rusticiana. »Nie, so lang ich atme. Ich an den Hof des +Tyrannen! Mein Kind die Geliebte Athalarichs! des Boëthius Tochter! Sein +blutger Schatte würde –« + +»Willst du diesen Schatten rächen? Ja! willst du die Goten verderben? Ja! +Also mußt du wollen, was dahin führt.« – »Nie, bei meinem Eide!« – »Weib, +reize mich nicht. Trotze mir nicht. Du kennst mich! Bei deinem Eide! Wie? +Hast du mir nicht Gehorsam geschworen, blinden, unbedingten, wie ich dir +Rache verheißen? Hast du’s nicht geschworen auf die Gebeine der Heiligen, +dich und deine Kinder verflucht für den Eidbruch? Man sieht sich vor bei +euch Weibern. Gehorche oder zittre für deine Seele.« + +»Entsetzlicher! Soll ich all meinen Haß dir, deinen Plänen opfern?« + +»Mir? Wer spricht von mir? _Deine_ Sache führ’ ich. _Deine_ Rache vollend’ +ich: _Mir_ haben die Goten nichts zuleid gethan. _Du_ hast mich aufgestört +von meinen Büchern. Du hast mich aufgerufen, diese Amaler zu vernichten. +Willst du nicht mehr? Auch gut! Ich kehre zurück zu Horatius und der Stoa! +Leb wohl.« + +»Bleib, bleibe. Aber soll denn Kamilla das Opfer werden?« + +»Wahnsinn! Athalarich soll es werden. Sie soll ihn ja nicht lieben, sie +soll ihn nur beherrschen. Oder,« fügte er, sie scharf ansehend, hinzu, +»fürchtest du für ihr Herz?« – »Deine Zunge erlahme! Meine Tochter? _ihn_ +lieben? eher erwürg’ ich sie mit diesen Händen.« + +Aber Cethegus war nachdenklich geworden. + +Es ist nicht um das Mädchen, sagte er zu sich selbst. Was liegt an ihr! +Aber wenn sie ihn liebt – und der Gote ist schön, geistvoll, schwärmerisch +.... »Wo ist deine Tochter?« fragte er laut. + +»Im Frauengemach. Auch wenn ich wollte, sie würde nie einwilligen, nie.« + +»Wir wollen’s versuchen. Ich gehe zu ihr.« + +Und sie traten ins Haus. Rusticiana wollte mit ihm in das Gemach. Aber +Cethegus wies sie zurück. + +»Allein muß ich sie haben!« sprach er und schritt durch den Vorhang. Bei +seinem Anblick erhob sich das schöne Mädchen von den Teppichen, auf denen +sie in ratlosem Sinnen geruht. Gewöhnt, in dem klugen, beherrschenden +Mann, dem Freund ihres Vaters, stets einen Berater und Helfer zu finden, +begrüßte sie ihn vertrauend wie die Kranke den Arzt. + +»Du weißt, Cethegus?« – »Alles.« – »Und du bringst mir Hilfe.« – »Rache +bring ich dir, Kamilla!« + +Das war ein neuer, ein mächtig ergreifender Gedanke! Nur Flucht, Rettung +aus dieser qualvollen Lage hatten ihr bisher vorgeschwebt. Höchstens eine +zornige Abweisung der königlichen Geschenke. Aber jetzt Rache! Vergeltung +für die Schmerzen dieser Stunden! Rache für die erlittene Schmach! Rache +an den Mördern ihres Vaters! Ihre Wunden waren frisch. Und in ihren Adern +kochte das heiße Blut des Südens. Ihr Herz frohlockte über Cethegus’ Wort! + +»Rache? wer wird mich rächen? du?« – »Du dich selbst! Das ist süßer.« + +Ihre Augen blitzten. »An wem?« – »An ihm. An seinem Haus. An allen unsern +Feinden.« – »Wie kann ich das? Ein schwaches Mädchen?« – »Höre auf mich, +Kamilla. Nur dir, nur des edeln Boëthius edler Tochter sag ich, was ich +sonst keinem Weib der Erde vertrauen würde. Es besteht ein starker Bund +von Patrioten, der die Herrschaft der Barbaren spurlos austilgen wird aus +diesem Lande: das Schwert der Rache hängt über den Häuptern der Tyrannen. +Das Vaterland, der Schatte deines Vaters beruft dich, es herabzustürzen.« + +»Mich? ich – meinen Vater rächen? sprich!« rief hocherglühend das Mädchen, +die schwarzen Haare aus den Schläfen streichend. »Es gilt ein Opfer. Rom +fordert es.« – »Mein Blut, mein Leben! wie Virginia will ich sterben.« – +»Du sollst leben, den Sieg zu schauen. Der König liebt dich. Du mußt nach +Ravenna. An den Hof. Du mußt ihn verderben. Durch diese Liebe. Wir alle +haben keine Macht über ihn. Nur du hast Gewalt über seine Seele. Du sollst +dich rächen und ihn vernichten.« + +»Ihn vernichten?!« – Seltsam bewegt klang die leise Frage; ihr Busen +wogte, ihre Stimme bebte in der Mischung ringender Gefühle, Thränen +brachen aus ihren Augen, sie verbarg das Gesicht in den Händen. – Cethegus +stand auf. »Vergieb,« sagte er. »Ich gehe. Ich wußte nicht, – – daß du den +König liebst.« + +Ein Weheschrei des Zornes wie bei physischem Schmerz drang aus des +Mädchens Brust. Sie sprang auf und faßte ihn an der Schulter: + +»Mann, wer sagt das? Ich hasse ihn! Hasse ihn, wie ich nie gewußt, daß ich +hassen kann.« – »So beweis’ es. Denn ich glaub’ es dir nicht.« – »Ich will +dir’s beweisen!« rief sie. »Sterben soll er! Er soll nicht leben!« + +Sie warf das Haupt zurück, wild funkelten die blitzenden Augen, ihr +schwarzes Haar flog um die weißen Schultern. + +Sie liebt ihn, dachte Cethegus. Aber es schadet nicht. Denn sie weiß es +noch nicht. Sie haßt ihn daneben. Und das allein weiß sie. Es wird gehn. + +»Er soll nicht leben,« wiederholte sie. »Du sollst sehen,« lachte sie, +»wie ich ihn liebe! Was soll ich thun?« – »Mir folgen in allem.« – »Und +was versprichst du mir dafür? was soll er erleiden?« – »Verzehrende Liebe +bis zum Tod.« – »Liebe zu mir? ja, ja, das soll er!« – »Er, sein Haus, +sein Reich soll fallen.« + +»Und er wird wissen, daß durch mich –?« – »Er soll es wissen. Wann reisen +wir nach Ravenna?« + +»Morgen! Nein, heute noch.« Sie hielt inne und faßte seine Hand: +»Cethegus, sage, bin ich schön?« + +»Der Schönsten eine.« + +»Ha!« rief sie, die losgegangenen Locken schüttelnd. »Er soll mich lieben +und verderben! Fort nach Ravenna! Ich will ihn sehen, ich muß ihn sehen!« +Und sie stürmte aus dem Gemach. – Sie sehnte sich mit ganzer Seele, bei +Athalarich zu sein. + + + + + Siebentes Kapitel. + + +Noch am nämlichen Tage wurde die kleine Villa verlassen und der Weg nach +der Königsstadt angetreten. + +Cethegus schickte einen Eilboten voraus mit einem Brief Rusticianas an die +Regentin. Die Witwe des Boëthius erklärte darin, daß sie die durch +Vermittelung des Präfekten von Rom wiederholt angebotene Rückberufung an +den Hof nunmehr anzunehmen bereit sei. Nicht als eine That der Gnade, +sondern der Sühne, als ein Zeichen, daß die Erben Theoderichs dessen +Unrecht an den Verblichenen gut machen wollten. + +Diese stolze Sprache war wie aus Rusticianas tiefstem Herzen und Cethegus +wußte, daß solches Auftreten nicht schaden, nur alle verdächtige Auslegung +der raschen Umstimmung ausschließen werde. Unterwegs noch traf die +Reisenden die Antwort der Königin, die sie am Hof willkommen hieß. In +Ravenna angelangt wurden sie von der Fürstin aufs ehrenvollste empfangen, +mit Sklaven und Sklavinnen umgeben und in dieselben Räume des Palastes +eingeführt, die sie ehedem bewohnt. Freudig begrüßten sie die Römer. + +Aber der Zorn der Goten, die in Boëthius und Symmachus undankbare Verräter +verabscheuten, wurde durch diese Maßregeln, die eine stillschweigende +Verurteilung Theoderichs zu enthalten schienen, schwer gereizt. Die +letzten Freunde des großen Königs verließen grollend den verwelschten +Hof. – + +Einstweilen hatten die Zeit, die Zerstreuungen der Reise und der Ankunft +Kamillas Aufregung gemildert. Und ihr Zorn konnte sich um so eher +beschwichtigen als ihr viele Wochen zu Ravenna verstrichen, ehe sie +Athalarich begegnete. Denn der junge König war gefährlich erkrankt. + +Am Hof erzählte man, er habe bei einem Aufenthalt zu Aretium, – er wollte +dort, mit geringer Begleitung, der Bergluft, der Bäder und der Jagd +genießen – in den Wäldern von Tifernum in der Hitze der Jagd einen kalten +Trunk aus einer Felsenquelle gethan und sich dadurch einen heftigen Anfall +seines alten Leidens zugezogen. + +Thatsache war, daß ihn sein Gefolge an jener Quelle bewußtlos +niedergesunken gefunden hatte. + +Die Wirkung dieser Erzählung auf Kamilla war seltsam. Zu dem Haß gegen +Athalarich trat jetzt ein Zug von leisem Bedauern. Ja eine Art von +Selbstanklage. Aber andrerseits dankte sie dem Himmel, daß durch diese +Krankheit eine Begegnung hinausgeschoben wurde, die sie jetzt in Ravenna +nicht minder fürchtete als sie dieselbe, da sie noch fern von ihm in +Tifernum war, lebhaft herbeigewünscht hatte. Und wenn sie jetzt in den +weiten Anlagen des herrlichen Schloßgartens einsam wandelte, hatte sie +immer und immer wieder zu bewundern, mit welcher Sorgfalt das kleine +Gütchen des Corbulo diesem Muster nachgebildet worden war. + +Tage und Wochen vergingen. + +Man vernahm nichts von dem Kranken, als daß er zwar auf dem Weg der +Besserung, aber noch streng an seine Gemächer gebunden sei. Ärzte und +Hofleute, die ihn umgaben, priesen ihr oft seine Geduld und Kraft in den +heftigsten Schmerzen, seine Dankbarkeit für jeden kleinen Liebesdienst, +seine edle Milde. Aber wenn sie ihr Herz ertappte, wie gern es diesen +Lobesworten lauschte, sagte sie heftig zu sich selbst: + +»Und meines Vaters Ermordung hat er nicht gehindert!« und ihre Brauen +zogen sich zusammen und sie legte heimlich die geballte Faust auf das +pochende Herz. + +In einer heißen Nacht war Kamilla nach langem friedlosen Wachen endlich +gegen Morgen in unruhigen Schlaf gesunken. Angstvolle Träume quälten sie. +Ihr war, als senke sich die Decke des Gemaches mit ihren Reliefgestalten +auf sie nieder. Gerade über ihrem Haupte war ein jugendlich schöner +Hypnos, der sanfte Gott des Schlafes, von hellenischer Hand gebildet, +angebracht. + +Ihr träumte, der Schlafgott nehme die ernsteren, trauervollen Züge seines +bleichen Bruders Thanatos an. + +Langsam und leise senkte der Gott des Todes sein Antlitz auf sie nieder. – +Immer näher rückte er. – Immer bestimmter wurden seine Züge. – Schon +fühlte sie den Hauch seines Atems auf ihrer Stirn. – Schon berührten fast +die feinen Lippen ihren Mund. – Da erkannte sie mit Entsetzen die bleichen +Züge, das dunkle Auge. – Es war Athalarich – dieser Todesgott. – Mit einem +Schrei fuhr sie empor. + +Die zierliche Silberlampe war längst erloschen. Es dämmerte im Gemach. + +Ein rotes Licht drang gedämpft durch das Fenster von Frauenglas. Sie erhob +sich und öffnete es; die Hähne krähten, die Sonne tauchte mit den ersten +Strahlenspitzen aus dem Meer, auf das sie, über den Schloßgarten hinweg, +freien Ausblick hatte. Es litt sie nicht mehr in dem schwülen Gemach. + +Sie schlug den faltigen Mantel um die Schultern und eilte leise, leise aus +dem noch schlummernden Palast über die Marmorstufen in den Garten, aus dem +ihr erfrischender Morgenwind von der nahen See her entgegenwehte. Sie +eilte der Sonne und dem Meere zu. Denn im Osten stieß der Garten des +Kaiserpalastes mit seinen hohen Mauern unmittelbar an die blauen Wellen +der Adria. Ein vergoldetes Gitterthor und jenseit desselben zehn breite +Stufen von weißem hymettischem Marmor führten hinab zu dem kleinen Hafen +des Gartens, in welchem die schwanken Gondeln mit leichten Rudern und dem +dreieckigen lateinischen Segel von Purpurlinnen schaukelten, mit silbernen +Kettchen an den zierlichen Widderköpfen von Erz befestigt, die links und +rechts aus dem Marmorquai hervorragten. Diesseit des Gitterthors, nach dem +Garten zu, fanden die Anlagen ihren Abschluß in einer geräumigen Rundung, +die von weit schattenden Pinien dicht umfriedet war. Ihre Bodenfläche, von +üppigem, sorgfältig gezognem Graswuchs bedeckt, wurde von reinlichen Wegen +durchschnitten und von reichen Beten stark duftender Blumen unterbrochen. +Eine Quelle, zierlich gefaßt, rieselte den Abhang hinab in das Meer. Die +Mitte des Platzes bildete ein kleiner, altersgrauer Venustempel, den eine +einsame Palme hochwipflig überragte, indes brennendroter Steinbrech in den +leeren Halbnischen seiner Außenwände prangte. Vor seiner längst +geschlossenen Pforte stand zur Rechten ein eherner Äneas. Der Julius Cäsar +zur Linken war schon vor Jahrhunderten zusammengestürzt. Theoderich hatte +auf dem Postament ein Erzbild des Amala errichten lassen, des mythischen +Stammvaters seines Hauses. Hier, zwischen diesen Statuen, an den +Eingangsstufen des kleinen Fanum genoß man des herrlichsten Blickes durch +das Gitterthor auf das Meer mit seinen buschigen Laguneninseln und einer +Gruppe von scharfkantigen malerischen Felsklippen, »die Nadeln der +Amphitrite« genannt. + +Es war ein alter Lieblingsort Kamillas. + +Und hierher lenkte sie jetzt die leichten Schritte, den reichen Tau von +dem hohen Grase streifend, wie sie mit leis gehobnem Gewand durch die +schmalen Wieswege eilte. Sie wollte die Sonne über das Meer hin aufglühen +sehen. Sie kam von der Rückseite des Tempels, ging an dessen linker Seite +hin und trat eben auf die erste der Stufen, die von seiner Stirn zu dem +Gitter hinabführten, als sie rechts, auf der zweiten Stufe, halb sitzend, +halb liegend, eine weiße Gestalt erblickte, die, das Haupt an die Treppe +gelehnt, das Antlitz dem Meere zuwandte. + +Aber sie erkannte das braune, das seidenglänzende Haar: es war der junge +König. + +Die Begegnung war so plötzlich, daß an Ausweichen nicht zu denken. Wie +angewurzelt hielt das Mädchen auf der ersten Stufe. Athalarich sprang auf +und wandte sich rasch. Eine helle Röte flammte über sein marmorbleiches +Gesicht. Doch faßte er sich zuerst von beiden und sprach: + +»Vergieb, Kamilla. Ich konnte dich nicht hier erwarten. Zu dieser Stunde. +Ich gehe. Und lasse dich allein mit der Sonne.« Und er schlug den weißen +Mantel über die linke Schulter. »Bleib, König der Goten. Ich habe nicht +das Recht, dich zu verscheuchen – und nicht die Absicht,« fügte sie bei. + +Athalarich trat einen Schritt näher. »Ich danke dir. Aber ich bitte dich +um eins,« setzte er lächelnd hinzu, »verrate mich nicht an meine Ärzte, an +meine Mutter. Sie sperren mich den ganzen Tag über so sorgsam ein, daß ich +ihnen wohl vor Tag entschlüpfen muß. Denn die frische Luft, die Seeluft +thut mir gut. Ich fühl’s. Sie kühlt. Du wirst mich nicht verraten.« Er +sprach so ruhig. Er blickte so unbefangen. + +Diese Unbefangenheit verwirrte Kamilla. Sie wäre viel mutiger gewesen, +wenn er bewegter. Sie sah diese Unbefangenheit mit Schmerz. Aber nicht um +der Pläne des Präfekten willen. So schüttelte sie nur schweigend das Haupt +zur Antwort. Und sie senkte die Augen. + +Jetzt erreichten die Strahlen der Sonne die Höhe, auf der die beiden +standen. Der alte Tempel und das Erz der Statuen schimmerten im +Morgenlicht. Und eine breite Straße von zitterndem Gold bahnte sich von +Osten her über die spiegelglatte Flut. »Sieh, wie schön!« rief Athalarich, +fortgerissen von dem Eindruck. »Sieh die Brücke von Licht und Glanz.« + +Sie blickte teilnehmend hinaus. »Weißt du noch, Kamilla?« fuhr er +langsamer fort, wie in Erinnerungen verloren und ohne sie anzusehen, +»weißt du noch, wie wir hier als Kinder spielten? Träumten? Wir sagten: +die goldne Straße, von Sonnenstrahlen auf die Flut gezeichnet, führe zu +den Inseln der Seligen.« – + +»Zu den Inseln der Seligen!« wiederholte Kamilla. Im stillen bewunderte +sie, mit welcher Zartheit und edlen Leichtigkeit er, jeden Gedanken an +ihre letzte Begegnung fern haltend, mit ihr in einer Weise verkehrte, die +sie völlig entwaffnete. »Und schau, wie dort die Statuen glänzen: das +wundersame Paar, Äneas und – Amala! Höre, Kamilla, ich habe dir +abzubitten.« Lebhaft schlug ihr Herz. Jetzt wollte er der Ausschmückung +der Villa, der Quelle gedenken. Das Blut stieg ihr in die Wangen. Sie +schwieg in peinlicher Erwartung. Aber ruhig fuhr der Jüngling fort: »Du +weißt, wie oft wir, du die Römerin, ich der Gote, an diesem Ort in +Wettreden den Ruhm und den Glanz und die Art unserer Völker priesen. Dann +standest du unter dem Äneas und sprachst mir von Brutus und Camillus, von +Marcellus und den Scipionen. Ich aber, an meines Ahnherrn Amala Schild +gelehnt, rühmte Ermanarich und Alarich und Theoderich. Aber du sprachst +besser als ich. Und oft, wenn der Schimmer deiner Helden mich zu +überstrahlen drohte, lachte ich deiner Toten und rief: »das Heute und die +lebendige Zukunft ist meines Volkes!«« + +»Nun, und jetzt?« – »Ich spreche nicht mehr so. Du hast gesiegt, Kamilla!« + +Aber indem er so sprach, schien er so stolz wie nie zuvor. Und dieser +überlegne Ausdruck empörte die Römerin. Sie war ohnehin gereizt durch die +unnahbare Ruhe, mit welcher der Fürst, auf dessen Leidenschaft man solche +Pläne gebaut, ihr gegenüberstand. Sie begriff diese Ruhe nicht. Sie hatte +ihn gehaßt, weil er es gewagt, ihr seine Liebe zu zeigen. Und jetzt lebte +dieser Haß auf, weil er es vermochte, diese Liebe zu verbergen. Mit der +Absicht, ihm weh zu thun, sagte sie langsam: »So räumst du ein, König der +Goten, daß deine Barbaren den Völkern der Menschlichkeit nachstehen?« + +»Ja, Kamilla,« antwortete er ruhig, »aber nur in einem: im Glück! Im Glück +des Geschickes wie im Glück der Natur. Sieh dort die Gruppe von Fischern, +die ihre Netze aufhängen an den Olivenbäumen am Strande. Wie schön sind +diese Gestalten! In Bewegung und Ruhe, trotz ihrer Lumpen: lauter Statuen! +Hier das Mädchen mit der Amphora auf dem Haupt! dort der Alte, der, den +Kopf auf den linken Arm gestützt, im Sande liegt und hinaus träumt ins +Meer. Jeder Bettler unter ihnen sieht aus wie ein entthronter König. Wie +sie schön sind! Und in sich eins und glücklich! Ein Schimmer ungebrochenen +Glücks liegt über ihnen. Wie über Kindern! Oder edeln Tieren! Das fehlt +uns Barbaren!« – »Fehlt euch nur das?« – »Nein, uns fehlt auch Glück im +Schicksal. + +Mein armes, herrliches Volk! Wir sind hier herein verschlagen in eine +fremde Welt, in der wir nicht gedeihen. Wir gleichen der Blume der hohen +Alpen, dem Edelweiß, die vom Sturmwind vertragen ward in den heißen Sand +der Niederung. Wir können nicht wurzeln hier. Wir welken und sterben.« – + +Und mit edler Wehmut blickte er hinaus in die blaue Flut. Aber Kamilla +hatte nicht die Stimmung, diesen weissagerischen Worten eines Königs über +sein Volk nachzusinnen. »Warum seid ihr gekommen?« fragte sie mit Härte. +»Warum seid ihr über die Berge gedrungen, die ein Gott als ewige Marken +gesetzt hat zwischen euch und uns. Sprich, warum?« – »Weißt du,« sprach +Athalarich, ohne sie anzublicken, wie mit sich selber und für sich selber +fortdenkend, »weißt du, warum die dunkle Motte nach der hellen Flamme +fliegt? Wieder, immer wieder! Von keinem Schmerz gewarnt! bis sie verzehrt +ist von der schönen, lockenden Feindin? Aus welchem Grund! Aus einem süßen +Wahnsinn! Und solch’ ein süßer Wahnsinn ist es, ganz derselbe, der meine +Goten aus den Tannen und Eichen hinweggezogen hat zu Lorber und Olive. Sie +werden sich die Flügel verbrennen, die thörichten Helden. Und werden doch +nicht davon lassen. Wer will sie drum schelten? Sieh um dich her. Wie tief +blau der Himmel! wie tief blau das Meer! und darin spiegeln die Wipfel der +Pinien und die Säulentempel voll Marmorglanz! und fern da drüben ragen +schön gewölbte Berge und draußen in der Flut schwimmen grüne Inseln, wo +sich die Rebe um die Ulme schlingt. Und drüber hin die weiche, die warme, +die kosende Luft, die alles erhellt. Welche Wunder der Formen, der Farben +trinkt das Auge und atmen die entzückten Sinne! Das ist der Zauber, der +uns ewig locken und ewig verderben wird.« + +Die tiefe und edle Erregung des jungen Königs blieb nicht ohne Eindruck +auf Kamilla. Die tragische Gewalt dieser Gedanken ergriff ihr Herz: aber +sie wollte nicht ergriffen sein. Sie wehrte sich gegen ihre weicher +werdende Empfindung. Sie sagte kalt: »Ein ganzes Volk gegen Verstand und +Einsicht vom Zauber angezogen?« und kalt und zweifelnd sah sie ihn an. + +Aber sie erschrak: denn wie Blitze loderte es aus den dunkeln Augen des +Jünglings und die lang zurückgehaltne Glut brach plötzlich aus den Tiefen +seiner Seele: »Ja, sag’ ich dir, Mädchen!« rief er leidenschaftlich. »Ein +ganzes Volk kann eine thörichte Liebe, einen süßen, verderblichen +Wahnsinn, eine tödliche Sehnsucht pflegen so gut wie – so gut wie ein +einzelner. Ja, Kamilla, es giebt eine Gewalt im Herzen, die, stärker als +Verstand und Wille, uns sehenden Auges ins Verderben reißt. Aber du weißt +das nicht! Und mögest du’s nie erfahren. Niemals. Leb wohl!« + +Und rasch wandte er sich und bog rechts vom Tempel in den dichten Laubgang +von rankendem Wein, der ihn sofort vor Kamilla wie vor den Fenstern des +Schlosses verbarg. + +Sinnend blieb das Mädchen stehen. + +Seine letzten Worte klangen seltsam fort in ihren Gedanken: lange sah sie +träumend ins offene Meer hinaus und mit wundersam gemischter Empfindung, +mit verwandelter Stimmung, kehrte sie endlich wieder dem Schlosse zu. + + + + + Achtes Kapitel. + + +Noch am nämlichen Tage fand sich Cethegus bei den Frauen ein. Er war in +wichtigen Geschäften von Rom herbeigeeilt und kam soeben aus dem +Regentschaftsrat, der in des kranken Königs Gemach gehalten wurde. +Verhaltner Zorn lagerte auf seinen herben Zügen. + +»Ans Werk, Kamilla,« sprach er heftig. »Ihr säumt zu lang. Dieser vorlaute +Knabe wird immer herrischer. Er trotzt mir und Cassiodor und seiner +schwachen Mutter selbst. Er verkehrt mit gefährlichen Leuten. Mit dem +alten Hildebrand, mit Witichis und ihren Freunden. Er schickt Briefe und +empfängt Briefe hinter unsrem Rücken. Er hat es durchgesetzt, daß die +Königin nur noch in seiner Gegenwart den Rat der Regentschaft beruft. Und +in diesem Rat kreuzt er all’ unsre Pläne. Das muß aufhören. So oder so.« – +»Ich hoffe nicht mehr, Einfluß auf den König zu gewinnen,« sagte Kamilla +ernst. – »Weshalb? hast du ihn schon gesehen.« Das Mädchen überlegte, daß +sie Athalarich versprochen, seinen Ungehorsam nicht an die Ärzte gelangen +zu lassen. Aber auch sonst widerstrebte es ihrem Gefühl, die Begegnung +dieses Morgens zu entweihen, zu verraten. + +Sie wich daher der Frage aus und sagte: »Wenn der König sich sogar seiner +Mutter, der Regentin, widersetzt, wird er sich nicht von einem jungen +Mädchen beherrschen lassen.« – »Goldne Einfalt!« lächelte Cethegus und +ließ das Gespräch ruhen, solang das Kind anwesend war. Aber insgeheim +trieb er Rusticianen, zu veranlassen, daß ihre Tochter den König fortan +häufig sehe und spreche. + +Dies ward möglich, da sich dessen Befinden jetzt rasch besserte. Und wie +äußerlich, wurde er innerlich zusehends männlicher, fester und reifer: es +war, als ob das Widerstreben gegen Cethegus ihm Leib und Seele kräftige. + +So verbrachte er bald wieder viele Stunden in den weiten Anlagen des +Gartens. Dort war es, wo ihn seine Mutter und die Familie des Boëthius in +den Abendstunden häufig trafen. + +Und während Rusticiana die Huld der Regentin mit voller Freundschaft zu +erwidern schien und aufmerksam ihren vertrauenden Mitteilungen lauschte, +um sie wörtlich dem Präfekten wieder erzählen zu können, wandelten die +jungen Leute vor ihnen her durch die schattigen Gänge des Gartens. + +Oft auch bestieg die kleine Gesellschaft eine der leichten Gondeln in +jenem Hafen und Athalarich steuerte wohl selbst eine Strecke ins blaue +Meer hinaus, nach einer der kleinen, grünbuschigen Inseln, die nicht weit +vor der Bucht lagen. Auf dem Heimweg aber spannte man die purpurnen Segel +auf und ließ sich von dem frischen Westwind, der sich bei Sonnenuntergang +zu erheben pflegte, langsam und mühelos zurücktragen. – + +Oft waren es auch der König und Kamilla allein, die, nur von Daphnidion +begleitet, sich dieser Wanderungen im Grünen und auf den Wellen erfreuten. + +Wohl sah Amalaswintha darin die Gefahr, dadurch die Neigung ihres Sohnes, +die ihr nicht entgangen war, zu steigern. Aber vor allen andern Erwägungen +segnete sie dankbar den günstigen Einfluß, den dieser Umgang +augenscheinlich auf ihren Sohn übte: er wurde in Kamillas Nähe ruhiger, +heiterer und war dann auch weicher gegen seine Mutter, der er sonst oft +heftig und schroff gegenüber trat. + +Auch beherrschte er sein Gefühl mit einer Sicherheit, die bei dem +reizbaren Kranken doppelt befremdete: und endlich würde die Regentin, im +Fall sich diese Liebe ernster geltend machte, sogar einer Verbindung nicht +abgeneigt gewesen sein, die den römischen Adel völlig zu gewinnen und +jedes Andenken einer unseligen Blutthat auszulöschen versprach. – + +In dem Mädchen aber ging eine wundersame Wandlung vor. Täglich mehr fühlte +sie ihren Groll und Haß schwinden, wie sie täglich klarer die edle +Zartheit der Seele, den schwungvollen Geist, das tiefe, poesiereiche Gemüt +des jungen Königs sich entfalten sah. Nur mit Anstrengung konnte sie gegen +diesen wachsenden Zauber sich immer wieder das Schicksal ihres Vaters als +Talisman ins Andenken zurückrufen: immer mehr kam sie dazu, unter den +Goten und Amalern, die jenes Schicksal herbeigeführt, mit Gerechtigkeit zu +unterscheiden: immer bestimmter sagte sie sich, wie unbillig es sei, +Athalarich um eines Unglücks willen zu hassen, das er nur nicht verhindert +hatte und wohl schwerlich hätte verhindern können. Längst hätte sie ihn am +liebsten völlig frei gesprochen: aber sie mißtraute dieser Milde: sie +scheute sie wie eine schwarze Sünde gegen Vater, Vaterland und eigne +Freiheit. + +Mit Zittern nahm sie wahr, wie unentbehrlich dies edle Menschenbild ihr +wurde, wie mächtig sie sich sehnte, diese melodische Stimme zu hören und +in dies dunkle, sinnige Auge zu blicken. Sie fürchtete die frevelhafte +Liebe, die sie sich nur schwer noch verhehlen konnte, und die einzige +Waffe, mit der sie sich noch dagegen wehrte, der Vorwurf seiner Mitschuld +an des Vaters Untergang, wollte sie sich nicht entwinden lassen. So +schwankte sie in wogenden Gefühlen, desto unsichrer, je rätselhafter ihr +Athalarichs geschlossene Sicherheit blieb. Sie konnte ja nicht daran +zweifeln, daß er sie liebe, nach allem was geschehen – aber doch! + +Nicht eine Silbe, nicht ein Blick verriet diese Liebe: jene Äußerung, mit +der er sie damals am Venustempel rasch verlassen, war das bedeutsamste, ja +das einzige bedeutsame Wort, das ihm entschlüpfte. + +Sie ahnte nicht, was die hochwogende Seele des Jünglings durchgekämpft und +durchgelitten, bis seine Liebe zwar nicht erlosch, aber entsagte, und noch +weniger, in welch’ neuem Gefühl er die männliche Kraft solcher Entsagung +gefunden. Ihre Mutter, die ihn mit aller Schärfe des Hasses beobachtete +und darüber das eigne Kind zu überwachen vergaß, schien noch mehr erstaunt +über seine Kälte. »Aber Geduld,« sprach sie zu Cethegus, mit dem sie oft +hinter Kamillas Rücken Beratung pflog, »Geduld, bald, binnen drei Tagen, +wirst du ihn verwandelt sehen.« – »Es wäre Zeit,« meinte Cethegus; »aber +auf was vertraust du?« – »Auf ein Mittel, das noch nie getäuscht hat.« + +»Du wirst ihm doch kein Liebestränklein brauen?« lächelte der Präfekt. – +»Allerdings, das werd’ ich thun; das hab’ ich schon gethan.« – Jener sah +sie spöttisch an: »Auch bei dir solcher Aberglaube, bei der Witwe des +großen Philosophen Boëthius! In Liebeswahn sind alle Weiber gleich!« + +»Nicht Wahn und Aberglaube,« sagte Rusticiana ruhig. »Seit mehr als +hundert Jahren lebt das Geheimnis in unsrer Familie. Ein ägyptisch Weib +hat es dereinst am Nil meine Ureltermutter gelehrt. Und es hat sich +bewährt. Kein Weib unseres Hauses hat ohne Erhörung geliebt.« – »Dazu +braucht’s keinen Zauber,« meinte der Präfekt: »ihr seid ein schönes +Geschlecht.« – »Spare deinen Spott. Der Trank wirkt unfehlbar und wenn er +bis heute nicht wirkte –« – »So hast du wirklich – Unvorsichtige! wie +konntest du unvermerkt?« – »Am Abend, wann er vom Spaziergang oder von der +Gondelfahrt mit uns zurückkommt, nimmt er einen Becher gewürzten +Falerners. Der Arzt hat es ihm verordnet: es sind Tropfen arabischen +Balsams darin. Der Becher steht immer bereit auf dem Marmortisch vor dem +Venustempel. Dreimal schon gelang es, den Trank hineinzuschütten.« – +»Nun,« meinte Cethegus, »es hat bis jetzt nicht sonderlich gewirkt.« – +»Daran ist nur deine Ungeduld die Ursache. Die Kräuter müssen im Neumond +gebrochen werden – ich wußte das wohl. Aber, gedrängt von deinen +Mahnungen, versucht’ ich’s schon im Vollmond und du siehst, es wirkte +nicht.« – Cethegus zuckte die Achseln. – »Aber gestern Nacht trat Neumond +ein. Ich war nicht müßig mit meiner goldnen Schere und wenn er jetzt +trinkt –« »Eine zweite Locusta! Nun, mein Trost sind Kamillas schöne +Augen. Weiß sie von deinen Künsten?« + +»Kein Wort zu ihr! Sie würde das nie dulden. Stille, sie kommt.« Das +Mädchen trat ein in lebhafter Erregung, die lieblichen Wangen gerötet, +eine Flechte des dunklen Haares war losgegangen und spielte um den feinen +Nacken. + +»Saget mir, ihr, die ihr klug seid und menschenerfahren, sagt mir, was +soll ich denken? Ich komme aus dem Schiff. O, er hat mich nie geliebt! der +Hochmütige, er bemitleidet, er bedauert mich! Nein, das ist nicht das +rechte Wort. Ich kann es mir nicht deuten.« Und in Thränen ausbrechend, +barg sie das Haupt am Halse der Mutter. – »Was ist geschehen, Kamilla?« +fragte Cethegus. – »Schon oft,« begann sie tiefaufatmend, »spielte ein Zug +um seinen Mund, sprach eine Wehmut aus seinem Auge, als sei Er der tief +von mir Gekränkte, als habe Er uns edel zu vergeben, als habe er mir ein +großes Opfer gebracht –« – »Unreife Knaben bilden sich immer ein, es sei +ein Opfer, wenn sie lieben.« Da blitzte Kamillas Auge, sie warf den +schönen Kopf zurück und wandte sich heftig gegen Cethegus: »Athalarich ist +kein Knabe mehr und man soll ihn nicht verhöhnen.« Cethegus schwieg, ruhig +die Augen senkend. Aber Rusticiana fragte erstaunt: »Hassest du den König +nicht mehr?« – »Bis zum Tode. Man soll ihn verderben, nicht verhöhnen.« + +»Was ist geschehen?« wiederholte Cethegus. – »Heute stand jener +rätselhafte, kalte, stolze Zug deutlicher als je auf seinem Antlitz. Ein +Zufall äußerte ihn in Worten. Wir waren eben gelandet. Ein Käfer war ins +Wasser gefallen: der König bückte sich und zog ihn heraus: das Tierchen +aber wehrte sich gegen die mildthätige Hand und biß mit den Zangen des +Kopfes in den Finger, der ihn hielt. »Der Undankbare,« sagte ich. – »Oh,« +sprach Athalarich, bitter lächelnd, und er setzte den Käfer auf ein Blatt: +»man verwundet die am meisten, die am meisten für uns gethan.« Und dabei +flog sein Blick mit stolzer Wehmut über mich dahin. Doch rasch, als ob er +zuviel gesagt, schritt er kalt grüßend hinweg. Ich aber« – und ihre Brust +wogte, ihre fein geschnittenen Lippen schlossen sich – »ich aber trage das +nicht mehr. Der Stolze! er soll mich lieben – oder sterben.« – »Das soll +er,« sagte Cethegus kaum hörbar, »eins von beiden.« + + + + + Neuntes Kapitel. + + +Wenige Tage darauf wurde der Hof durch einen neuen Schritt des jungen +Königs zur Selbständigkeit überrascht: er selbst berief den Rat der +Regentschaft, ein Recht, das bisher nur Amalaswintha geübt. Die Regentin +war nicht wenig erstaunt, als ein Bote ihres Sohnes sie in dessen Gemächer +beschied, wo der König bereits eine Auswahl der höchsten Beamten des +Reiches um sich versammelt habe, Goten und Römer, unter diesen Cassiodor +und Cethegus. + +Dieser hatte zuerst beschlossen, auszubleiben, um nicht durch sein +Erscheinen das Recht anzuerkennen, das sich der Knabe herausnahm: ihm +ahnte nichts gutes. Aber ebendeshalb besann er sich bald eines andern. +»Ich darf der Gefahr nicht den Rücken, die Stirn muß ich ihr bieten,« +sprach er, als er sich zu dem verhaßten Gang anschickte. Er fand in dem +Gemach des Königs alle Geladenen bereits versammelt. Nur die Regentin +fehlte noch. Als sie eintrat, erhob sich Athalarich – er trug eine +langfaltige Abolla von Purpur, die Zackenkrone Theoderichs glänzte auf +seinem Haupt und unter dem Mantel klirrte das Schwert – von seinem +Thronsessel, der vor einer durch einen Vorhang geschlossenen Nische stand, +ging ihr entgegen und führte sie zu einem zweiten höheren Stuhl, der aber +zur Linken stand. Als sie sich niedergelassen, hob er an: »Meine +königliche Mutter, tapfre Goten, edle Römer! Wir haben euch hieher +beschieden, euch unsern Willen kund zu thun. Es drohten diesem Reiche +Gefahren, die nur wir, der König dieses Reiches, abwenden konnten.« + +Solche Sprache hatte man aus diesem Munde noch nicht vernommen. Alle +schwiegen betroffen, Cethegus aus Klugheit: er wollte den rechten +Augenblick abwarten. Endlich begann Cassiodor: »Deine weise Mutter und +dein getreuer Diener Cassiodor« – – »Mein getreuer Diener Cassiodor +schweigt, bis sein Herr und König ihn um Rat befrägt. Wir sind schlecht +zufrieden, sehr schlecht, mit dem was die Räte unsrer königlichen Mutter +bisher gethan haben und nicht gethan. Es ist höchste Zeit, daß wir selbst +zum Rechten sehn. + +Wir waren dazu bisher zu jung und zu krank. Wir fühlen uns nicht mehr zu +jung und nicht mehr zu krank. Wir künden euch an, daß wir demnächst die +Regentschaft aufheben und die Zügel dieses Reiches selbst ergreifen +werden.« + +Er hielt inne. Alles schwieg. Niemand hatte Lust nach Cassiodors Beispiel +zu reden und dann zu verstummen. + +Endlich fand Amalaswintha, die diese plötzliche Energie ihres Sohnes +gleichsam betäubt hatte, die Sprache wieder: »Mein Sohn, dies Alter der +Mündigkeit ist nach den Gesetzen der Kaiser« – – »Nach den Gesetzen der +Kaiser, Mutter, mögen die Römer sich richten. Wir sind Goten und leben +nach gotischem Recht. Germanische Jünglinge werden mündig, wann sie das +gesammelte Volksheer waffenreif erklärt. + +Wir haben deshalb beschlossen, alle Heerführer und Grafen und alle freien +Männer unsres Volkes, so viele ihrer dem Rufe folgen wollen, aus allen +Provinzen des Reichs zur Heeresschau zu laden nach Ravenna. Mit dem +nächsten Sonnwendfest sollen sie eintreffen.« + +Überrascht schwieg die Versammlung. + +»Das sind nur noch vierzehn Tage,« sprach endlich Cassiodor. »Wird es +möglich sein, in so kurzer Frist noch die Ladungen zu besorgen?« – »Sie +sind besorgt. Hildebrand, mein alter Waffenmeister, und Graf Witichis +haben sie alle bestellt.« – »Wer hat die Dekrete unterschrieben?« fragte +Amalaswintha, sich ermannend. – »Ich allein, liebe Mutter. Ich mußte doch +den Geladnen zeigen, daß ich reif genug, allein zu handeln.« + +»Und ohne mein Wissen!« sprach die Regentin. – »Und ohne dein Wissen +geschah es, weil es sonst gegen deinen Willen geschehen mußte.« + +Er schwieg. Alle Römer waren ratlos und wie betäubt von der plötzlich +entfalteten Kraft des jungen Königs. Nur in Cethegus stand sogleich der +Entschluß fest, jene Versammlung zu verhindern, um jeden Preis. Er sah den +Grund all seiner Pläne wanken: gern wär’ er mit aller Wucht seines Wortes +der vor seinen Augen versinkenden Regentschaft zu Hilfe gekommen: gern +hätte er schon mehrere Male in dieser Verhandlung das kühne Aufstreben des +Jünglings mit seiner ruhigen Überlegenheit zu Boden gedrückt: – aber ihm +hielt ein seltsamer Zufall Gedanken und Zunge wie mit Zauberbanden +gefesselt. + +Er hatte in der Nische hinter dem Vorhang Geräusch zu vernehmen geglaubt +und scharfe Blicke darauf geheftet: da bemerkte er unter dem Vorhang +durch, dessen Fransen nicht ganz bis zur Erde reichten, die Füße eines +Mannes. + +Freilich nur bis an die Knöchel. Aber an diesen Knöcheln saßen +Beinschienen von Erz eigentümlicher Arbeit. Er kannte diese Beinschienen, +er wußte, daß sie zu einer vollen Rüstung gleicher Arbeit gehörten, er +wußte auch in unbestimmter Gedankenverbindung, daß der Träger dieser +Rüstung ihm verhaßt und gefährlich: aber es war ihm nicht möglich, sich zu +sagen, wer dieser Feind sei. Hätte er die Schienen nur bis ans Knie +verfolgen können! Gegen seinen Willen mußte er die Augen immer und immer +wieder auf jenen Vorhang richten und raten und raten. Und das bannte +seinen Geist jetzt, – jetzt, da alles auf dem Spiele stand. Er zürnte über +sich selbst, aber er konnte Gedanken und Blicke nicht von der Nische +losreißen. Der König jedoch fuhr, ohne Widerstand zu finden, fort: »Ferner +haben wir die edeln Herzoge Thulun, Ibbas und Pitza, die grollend diesen +Hof verlassen, aus Gallien und Spanien zurückgerufen. Wir finden, daß +allzuviele Römer, allzuwenig Goten uns umgeben. Jene drei tapfern Krieger +werden mit Graf Witichis die Wehrmacht unsres Reiches, die Festen und die +Schiffe untersuchen und alle Schäden aufdecken und heilen. Sie werden +nächstens eintreffen.« Sie müssen sogleich wieder fort, sagte Cethegus +rasch zu sich selbst. Aber seine Gedanken fuhren fort: Nicht ohne Grund +ist jener Mann dadrinnen versteckt. + +»Weiter,« hob der königliche Jüngling wieder an, »haben wir Mataswinthen, +unsre schöne Schwester, zurückbeschieden an unsern Hof. Man hat sie nach +Tarent verbannt, weil sie sich geweigert, eines betagten Römers Weib zu +werden. Sie soll wiederkehren, die schönste Blume unseres Volkes, und +unsern Hof verherrlichen.« + +»Unmöglich!« rief Amalaswintha: »Du greifst in das Recht der Mutter wie +der Königin.« – »Ich bin das Haupt der Sippe, sobald ich mündig bin.« + +»Mein Sohn, du weißt, wie schwach du warst noch vor wenigen Wochen. +Glaubst du wirklich, die gotischen Heermänner werden dich waffenreif +erklären?« + +Der König wurde rot wie sein Purpur, halb vor Scham, halb vor Zorn; eh’ er +Antwort fand rief eine rauhe Stimme an seiner Seite: »Sorge nicht darum, +Frau Königin. Ich bin sein Waffenmeister gewesen: ich sage dir, er kann +sich messen mit jedem Feind: und wen der alte Hildebrand wehrfähig +spricht, der gilt dafür bei allen Goten.« Lauter Beifall der anwesenden +Goten bestätigte sein Wort. + +Wieder gedachte Cethegus einzugreifen, aber eine Bewegung hinter dem +Vorhang zog seine Gedanken ab: Einer meiner größten Feinde ist es, aber +wer? + +»Noch eine wichtige Sache ist euch kund zu thun,« begann der König wieder, +mit einem flüchtigen Seitenblick nach der Nische, der dem Präfekten nicht +entging. + +Etwa ein Anschlag gegen mich? dachte er. Man wollte mich überraschen? Das +soll nicht gelingen! – + +Aber es überraschte ihn doch, als plötzlich der König mit lauter Stimme +rief: »Präfekt von Rom, Cethegus Cäsarius!« Er zuckte, aber rasch gefaßt, +neigte er das Haupt und sprach: »Mein Herr und König.« – »Hast du uns +nichts aus Rom zu melden? Wie ist die Stimmung der Quiriten? Was denkt man +dort von den Goten?« + +»Man ehrt sie als das Volk Theoderichs!« – »Fürchtet man sie?« – »Man hat +nicht Ursach, sie zu fürchten.« – »Liebt man sie?« – Gern hätte Cethegus +geantwortet: Man hat nicht Ursach’, sie zu lieben. Aber der König selbst +fuhr fort: + +»Also keine Spur von Unzufriedenheit? Kein Grund zur Sorge? Nichts +besonderes, das sich vorbereitet.« + +»Ich habe nichts dir anzuzeigen.« – »Dann bist du schlecht unterrichtet, +Präfekt, – oder schlecht gesinnt. Muß ich, der in Ravenna kaum vom +Siechbett ersteht, dir sagen, was in deinem Rom unter deinen Augen +vorgeht? Die Arbeiter auf deinen Schanzen singen Spottlieder auf die +Goten, auf die Regentin, auf mich, deine Legionare führen bei ihren +Waffenübungen drohende Reden. Höchst wahrscheinlich besteht bereits eine +ausgebreitete Verschwörung, Senatoren, Priester, an der Spitze: sie +versammeln sich Nachts an unbekannten Orten. Ein Mitschuldiger des +Boëthius, ein Verbannter, Albinus, ist in Rom gesehen worden; und weißt du +wo? im Garten deines Hauses.« Der König stand auf. Die Augen aller +Anwesenden richteten sich, erstaunt, erzürnt, erschrocken auf Cethegus. +Amalaswintha bebte für den Mann ihres Vertrauens. Aber dieser war jetzt +wieder völlig er selbst. Ruhig, kalt, schweigend, sah er dem König ins +Auge. + +»Rechtfertige dich!« rief ihm dieser entgegen. + +»Rechtfertigen? gegen einen Schatten? ein Gerücht, eine Klage sonder +Kläger? Nie!« – »Man wird dich zu zwingen wissen.« Hohn zuckte um des +Präfekten schmale Lippen. + +»Man kann mich ermorden auf bloßen Verdacht, ohne Zweifel, – wir haben das +erfahren, wir Italier! – nicht mich verurteilen. Gegen Gewalt giebt es +keine Rechtfertigung, nur gegen Gerechtigkeit.« – »Gerechtigkeit soll dir +werden, zweifle nicht. Wir übertragen den hier anwesenden Römern die +Untersuchung, dem Senat in Rom die Urteilsfällung. Wähle dir einen +Verteidiger.« – »Ich verteidige mich selbst,« sprach Cethegus kühl. »Wie +lautet die Anklage? Wer ist mein Ankläger? Wo ist er?« – »Hier,« rief der +König und schlug den Vorhang zurück. + +Ein gotischer Krieger in ganz schwarzer Rüstung trat hervor. + +Wir kennen ihn. Es war Teja. + +Dem Präfekten drückte der Haß die Wimper nieder. Jener aber sprach: »Ich, +Teja, des Tagila Sohn, klage dich an, Cethegus Cäsarius, des Hochverrats +an diesem Reich der Goten. Ich klage dich an, den verbannten Verräter +Albinus in deinem Haus zu Rom zu bergen und zu hehlen. Es steht der Tod +darauf. Und du willst dies Land dem Kaiser in Byzanz unterwerfen.« + +»Das will ich nicht,« sprach Cethegus ruhig; »beweise deine Klage.« – »Ich +habe Albinus vor vierzehn Nächten mit diesen Augen in deinen Garten treten +sehen,« fuhr Teja zu den Richtern gewendet fort. »Er kam von der Via sacra +her, in einen Mantel gehüllt, einen Schlapphut auf dem Kopf. Schon in zwei +Nächten war die Gestalt an mir vorbeigeschlüpft: diesmal erkannt ich ihn. +Als ich auf ihn zutrat, verschwand er, ehe ich ihn ergreifen konnte, an +der Thür, die sich von innen schloß.« – »Seit wann spielt mein Amtsgenoß, +der tapfre Kommandant von Rom, den nächtlichen Späher?« – »Seit er einen +Cethegus zur Seite hat. Aber ob mir auch der Flüchtling entkam, – diese +Rolle fiel ihm aus dem Mantel: sie enthält Namen von römischen Großen und +neben den Namen Zeichen einer unlösbaren Geheimschrift. Hier ist die +Rolle.« Er reichte sie dem König. Dieser las: »Die Namen sind: Silverius, +Cethegus, Licinius, Scävola, Calpurnius, Pomponius. – Kannst du +beschwören, daß der Vermummte Albinus war?« + +»Ich will’s beschwören.« – »Wohlan, Präfekt. Graf Teja ist ein freier, +unbescholtener, eidwürdiger Mann. Kannst du das leugnen?« + +»Ich leugne das. Er ist nicht unbescholten: seine Eltern lebten in +nichtiger, blutschänderischer Ehe: sie waren Geschwisterkinder, die Kirche +hat ihr Zusammensein verflucht und seine Frucht: er ist ein Bastard und +kann nicht zeugen gegen mich, einen edeln Römer senatorischen Ranges.« Ein +Murren des Zornes entrang sich den anwesenden Goten. Teja’s blasses +Antlitz aber wurde noch bleicher. Er zuckte. Seine Rechte fuhr ans +Schwert: »So vertret’ ich mein Wort mit dem Schwert,« sprach er mit +tonloser Stimme. »Ich fordere dich zum Kampf, zum Gottesgericht auf Tod +und Leben.« – »Ich bin Römer und lebe nicht nach eurem blutigen +Barbarenrecht. Aber auch als Gote: – ich würde dem Bastard den Kampf +versagen.« – »Geduld,« sprach Teja und stieß das halb gezückte Schwert +leise in die Scheide zurück. »Geduld, mein Schwert. Es kömmt dein Tag.« +Aber die Römer im Saale atmeten auf. + +Der König nahm das Wort: »Wie dem sei, die Klage ist genug begründet, die +genannten Römer zu verhaften. Du, Cassiodor, wirst die Geheimschrift zu +entziffern suchen. Du, Graf Witichis, eilst nach Rom und bemächtigst dich +der fünf Verdächtigen, durchsuchst ihre Häuser und das des Präfekten. +Hildebrand, du verhafte den Verklagten, nimm ihm das Schwert ab.« – +»Halt,« sprach Cethegus, »ich leiste Bürgschaft mit all’ meinem Gut, daß +ich Ravenna nicht verlasse, bis dieser Streit zu Ende. Ich verlange +Untersuchung auf freiem Fuß: das ist des Senators Recht.« + +»Kehr dich nicht dran, mein Sohn,« rief der alte Hildebrand vortretend, +»laß mich ihn fassen.« – »Laß,« sprach der König, »Recht soll ihm werden, +strenges Recht, doch nicht Gewalt. Laß ab von ihm. Auch hat ihn die Klage +überrascht. Er soll Zeit haben sich zu verteidigen. Morgen um diese Stunde +treffen wir uns wieder hier. Ich löse die Versammlung.« + +Der König winkte mit dem Scepter: in höchster Aufregung eilte Amalaswintha +aus dem Gemach. Die Goten traten freudig zu Teja. Die Römer drückten sich +rasch an Cethegus vorbei, vermeidend, mit ihm zu sprechen. Nur Cassiodor +schritt fest auf ihn zu, legte die Hand auf seine Schulter, sah ihm +prüfend ins Auge und fragte dann: »Cethegus, kann ich dir helfen?« – +»Nein, ich helfe mir selbst,« sprach dieser, entzog sich ihm und schritt +allein und stolzen Ganges hinaus. + + + + + Zehntes Kapitel. + + +Der heftige Schlag, den der junge König so unerwartet gegen den ganzen +Grundbau der Regentschaft geführt hatte, erfüllte bald den Palast und die +Stadt mit Staunen, mit Schrecken oder Freude. Zu der Familie des Boëthius +brachte die erste bestimmte Kunde Cassiodor, der Rusticianen zum Trost der +erschütterten Regentin beschied. Mit Fragen bestürmt erzählte er den +ganzen Hergang ausführlich: und so bestürzt oder unwillig er darüber war, +auch aus seinem feindlichen Bericht leuchteten die Kraft, der Mut des +jungen Fürsten unverkennbar hervor. Mit Begierde lauschte Kamilla jedem +seiner Worte: Stolz, Stolz auf den Geliebten – der Liebe glücklichstes +Gefühl – erfüllte mächtig ihre ganze Seele. + +»Es ist kein Zweifel,« schloß Cassiodor mit Seufzen, »Athalarich ist unser +entschiedenster Gegner: er steht ganz zu der gotischen Partei, zu +Hildebrand und seinen Freunden. Er wird den Präfekten verderben. Wer hätte +das von ihm geglaubt! Immer muß ich daran denken, Rusticiana, wie so ganz +anders er sich bei dem Prozeß deines Gatten benahm.« + +Kamilla horchte hoch auf. + +»Damals gewannen wir die Überzeugung, er werde zeitlebens der glühendste +Freund, der eifrigste Vertreter der Römer sein.« – »Ich weiß davon +nichts,« sagte Rusticiana. – »Es ward vertuscht. Das Todesurteil war +gesprochen über Boëthius und seine Söhne. Vergebens hatten wir alle, +Amalaswintha voran, die Gnade des Königs angerufen: sein Zorn war +unauslöschlich. Als ich wieder und wieder ihn bestürmte, fuhr er zornig +auf und schwur bei seiner Krone, der solle es im tiefsten Kerker büßen, +der ihm noch einmal mit einer Fürbitte für die Verräter nahe. Da +verstummten wir alle. Nur Einer nicht. Nur Athalarich, der Knabe, ließ +sich nicht schrecken, er weinte und flehte und hing sich an seines +Großvaters Knie. + +Kamilla erbebte: der Atem stockte ihr. + +»Und nicht ließ er ab, bis Theoderich in höchstem Zorn emporfuhr, ihn mit +einem Schlag in den Nacken von sich schleuderte und den Wachen übergab. +Der ergrimmte König hielt seinen Eid. Athalarich ward in den Kerker des +Schlosses geführt und Boëthius sofort getötet.« + +Kamilla wankte und hielt sich an einer Säule des Saales. + +»Aber nicht umsonst hatte Athalarich gesprochen und gelitten. + +Tags darauf vermißte der König an der Tafel schwer den Liebling, den er +von sich gebannt. Er gedachte, mit welch edlem Mut er, der Knabe, für +seine Freunde gebeten, als die Männer in Furcht verstummten. Er stand +endlich auf von seinem Abendtrunk, bei dem er lange sinnend saß, stieg +selbst hinab in den Kerker, öffnete die Pforte, umarmte seinen Enkel und +schenkte auf seine Bitte deinen Söhnen, Rusticiana, das Leben.« + +»Fort, fort zu ihm!« sprach Kamilla mit erstickter Stimme zu sich selbst +und eilte aus dem Saal. + +»Damals,« fuhr Cassiodor fort, »damals mochten Römer und Römerfreunde in +dem künftigen König ihre beste Stütze sehen und jetzt – meine arme Herrin, +arme Mutter!« und klagend schritt er hinaus. + +Rusticiana saß lange wie betäubt. Sie sah alles wanken, worauf sie ihre +Rachepläne gebaut: sie versank in dumpfes Brüten. Länger und länger schon +fielen die Schatten der hohen, starken Türme in den Schloßhof, auf welchen +sie hinausstarrte. + +Da weckte sie der feste Schritt eines Mannes im Saal, erschrocken fuhr sie +auf: Cethegus stand vor ihr. Sein Antlitz war kalt und finster, aber eisig +ruhig. + +»Cethegus!« rief die Bekümmerte und wollte seine Hand fassen, aber seine +Kälte schreckte sie zurück. »Alles verloren!« seufzte sie, stehen +bleibend. »Nichts ist verloren. Es gilt nur Ruhe. Und Raschheit,« setzte +er, umblickend im Gemach, hinzu. Als er sich allein mit ihr sah, griff er +in die Brustfalten seiner Toga. »Dein Liebestrank hat nicht geholfen, +Rusticiana. Hier ist ein andrer, – stärkrer. Nimm.« Und rasch drückte er +ihr eine Phiole von dunklem Lavastein in die Hand. Mit banger Ahnung sah +ihn die Freundin an: »Glaubst du auf einmal an Magie und Zaubertrank? Wer +hat ihn gebraut?« – »Ich,« sagte er, »und _meine_ Liebestränke wirken.« – +»Du!« – es durchlief sie ein eisiges Grauen. »Frage nicht, forsche nicht, +säume nicht,« sprach er herrisch. »Es muß noch heute geschehen. Hörst du? +Noch heute.« + +Aber Rusticiana zögerte noch und sah zweifelnd auf das Fläschchen in ihrer +Hand. Da trat er heran, leise ihre Schulter berührend: »Du zauderst,« +sagte er langsam. »Weißt du, was auf dem Spiele steht? nicht nur unser +ganzer Plan! Nein, blinde Mutter. Noch mehr. Kamilla _liebt_, liebt den +König mit aller Kraft der jungen Seele. Soll die Tochter des Boëthius die +Buhle des Tyrannen werden?« + +Laut aufschreiend fuhr Rusticiana zurück: was in den letzten Tagen wie +eine böse Ahnung in ihr aufgestiegen, ward ihr gewiß mit diesem Einen +Wort: noch einen Blick warf sie auf den Mann, der das Grausame gesprochen +und hinwegeilte sie, zornig die Faust um das Fläschchen geballt. + +Ruhig sah ihr Cethegus nach. »Nun, Prinzlein, wollen wir sehen. Du warst +rasch, ich bin rascher. – Es ist eigen,« sagte er dann, die Falten seiner +Toga herabziehend, »ich glaubte längst nicht mehr, noch solche heftige +Regung empfinden zu können. Jetzt hat das Leben wieder einen Reiz. Ich +kann wieder streben, hoffen, fürchten. Sogar hassen. Ja, ich hasse diesen +Knaben, der sich unterfängt, mit der kindischen Hand in meine Kreise zu +tappen. Er will mir trotzen – meinen Gang aufhalten, er stellt sich kühn +in meinen Weg: Er – mir! wohlan, so trag’ er denn die Folgen.« + +Und langsam schritt er aus dem Gemach und wandte sich nach dem Audienzsaal +der Regentin, wo er sich absichtlich der versammelten Menge zeigte und +durch die eigne Sicherheit den bestürzten Herzen der Hofleute einige Ruhe +wiedergab. Er sorgte dafür, zahlreicher Zeugen für all’ seine Schritte an +diesem verhängnisvollen Tag sich zu versichern. Beim Sinken der Sonne ging +er mit Cassiodor und einigen andern Römern, seine Verteidigung für den +nächsten Tag beratend, in den Garten, in dessen Laubgängen er sich umsonst +nach Kamilla umsah. + +Diese war, sowie sie Cassiodors Bericht zu Ende gehört, in den Hof des +Palastes geeilt, wo sie zu dieser Stunde den König mit den andern jungen +Goten seines Hofes beim Waffenspiel zu treffen hoffte. Nur sehen wollte +sie ihn, noch nicht ihn sprechen und ihm zu Füßen ihr großes Unrecht +abbitten. Sie hatte ihn verabscheut, von sich gestoßen, ihn als mit dem +Blut ihres Vaters befleckt gehaßt – ihn, der sich für diesen Vater +geopfert, der ihre Brüder gerettet hatte! + +Aber sie fand ihn nicht im Hof. Die wichtigen Ereignisse des Tages hielten +ihn in seinem Arbeitszimmer fest. Auch seine Waffengesellen fochten und +spielten heute nicht: in dichten Gruppen beisammenstehend, priesen sie +laut den Mut ihres jungen Königs. + +Mit Wonne sog Kamilla dieses Lob ein: stolz errötend, selig träumend +wandelte sie in den Garten und suchte dort an allen seinen +Lieblingsstätten die Spuren des Geliebten. Ja, sie liebte ihn: kühn und +freudig gestand sie sich’s ein: er hatte es tausendfach um sie verdient. +Was Gote, was Barbar! Er war ein edler herrlicher Jüngling, ein König, der +König ihrer Seele. Wiederholt wies sie die begleitende Daphnidion aus +ihrer Nähe, daß diese nicht höre, wie sie wieder und wieder den geliebten +Namen selig vor sich hin sprach. Endlich am Venustempel angelangt versank +sie in süße Träume über die Zukunft, die unklar, aber golden dämmernd, vor +ihr lag. Vor allem beschloß sie, dem Präfekten und ihrer Mutter schon +morgen zu erklären, nicht mehr auf ihre Mithilfe gegen den König zählen zu +sollen. Dann wollte sie diesem selbst ihre Schuld abbitten mit innigen +Worten und dann – dann? sie wußte nicht was dann werden solle: aber sie +errötete in holden Träumen. + +Rote, duftige Mandelblüten fielen aus den nickenden Büschen: in dem +dichten Oleander neben ihr sang die Nachtigall, eine klare Quelle glitt +rieselnd an ihr vorüber nach dem blauen Meer und die Wellen dieses Meeres +rollten leise wie ihrer Liebe huldigend zu ihren Füßen. + + + + + Elftes Kapitel. + + +Aus solchem Sinnen und Sehnen weckte sie ein nahender Schritt auf den +Sandwegen. Der Gang war so rasch und so bestimmt der Tritt, daß sie nicht +Athalarich vermutete. Aber es war der König: verändert in Haltung und +Erscheinen, männlicher, kräftiger, fester. Hoch trug er das sonst zur +Brust gebeugte Haupt und das Schwert Theoderichs klirrte an seiner Hüfte. + +»Gegrüßt, gegrüßt, Kamilla,« rief er ihr laut und lebhaft entgegen. »Dein +Anblick ist der schönste Lohn für diesen heißen Tag.« + +So hatte er noch nie zu ihr gesprochen. + +»Mein König,« flüsterte sie erglühend: einen leuchtenden Blick noch warfen +die braunen Augen auf ihn: dann senkten sich die langen Wimpern. Mein +König! so hatte sie ihn nie genannt, solchen Blick ihm nie geschenkt. +»Dein König?« sagte er, sich neben ihr niederlassend, »ich fürchte, so +wirst du mich nicht mehr nennen, wenn du erfährst, was alles heute +geschehen.« + +»Ich weiß alles.« – »Du weißt? Nun dann, Kamilla, sei gerecht: schilt +nicht, ich bin kein Tyrann.« Der Edle, dachte sie, er entschuldigt sich um +seine schönsten Thaten. + +»Sieh, ich hasse die Römer nicht, der Himmel weiß es, – sie sind ja _dein_ +Volk! – ich ehre sie und ihre alte Größe, ich achte ihre Rechte. Aber mein +Reich, den Bau Theoderichs, muß ich beschützen, streng und unerbittlich, +und weh der Hand, die sich dawider hebt. Vielleicht,« fuhr er langsamer +und feierlich fort, »vielleicht ist dies Reich schon verurteilt in den +Sternen – gleichviel, ich, sein König, muß mit ihm stehen und fallen.« + +»Du sprichst wahr, Athalarich, und wie ein König.« + +»Dank dir, Kamilla! wie du heut gerecht bist oder gut! Solcher Güte darf +ich wohl anvertrauen, welcher Segen, welche Heilung mir geworden. Sieh’, +ich war ein kranker, irrer Träumer, ohne Halt, ohne Freude, dem Tode gern +entgegenwankend. Da trat an meine Seele die Gefahr dieses Reichs, die +thätige Sorge um mein Volk: und mit der Sorge wuchs in meiner Brust die +Liebe, die mächtige Liebe zu meinen Goten, und diese stolze und bange und +wachsame Liebe für mein Volk, sie hat mein Herz gestärkt und getröstet für +... für andres bitter schmerzliches Entsagen. Was liegt an meinem Glück, +wenn nur dies Volk gedeiht: sieh, der Gedanke hat mich gesund gemacht und +stark und wahrlich! des Größten könnt’ ich jetzt mich unterwinden.« + +Er sprang auf, beide Arme wiegend und schwingend. + +»O, Kamilla, die Ruhe verzehrt mich! O, ging es zu Roß und in +waffenstarrende Feinde! Sieh, die Sonne sinkt. Es ladet die spiegelnde +Flut. Komm, komm mit in den Kahn.« Kamilla zögerte. Sie blickte um. »Die +Dienerin? Ach laß sie! Dort ruht sie unter der Palme an der Quelle, sie +schläft. Komm, komm rasch, eh’ die Sonne versinkt. Sieh die goldne Straße +auf der Flut. Sie winkt!« – »Zu den Inseln der Seligen?« fragte das +liebliche Mädchen mit einem holdseligen Blick und leicht errötend. + +»Ja, komm zu den seligen Inseln!« antwortete er glücklich, hob sie rasch +in den Kahn, löste dessen Silberkette von den Widderköpfen des Quais, +sprang hinein, ergriff das zierliche Ruder und stieß ab. Dann legte er das +Ruder in die Öse zur Linken: und im hintern Gransen des Schiffes stehend +steuerte und ruderte er zugleich, eine schöne und malerische Bewegung, und +ein echt germanischer Fergenbrauch. + +Kamilla saß vorn, nahe dem Schnabel des Kahns, auf einem Diphros, dem +griechischen zusammenlegbaren Feldstuhl, und sah ihm in das edle Antlitz, +das von der rotschimmernden Abendsonne beleuchtet war: sein dunkles Haar +flog im Winde und herrlich waren die raschen und kräftigen Bewegungen des +fein gebauten Ruderers zu schauen. Beide schwiegen. Pfeilschnell schoß die +leichte Barke durch die glatte Flut. + +Flockige, rosige Abendwölklein zogen langsam über den Himmel, der leise +Wind führte von den Mandelgebüschen des Ufers Wolken von Wohlgeruch mit +sich, und rings war Schimmer, Ruhe, Harmonie. Endlich brach der König das +Schweigen und sprach, dem Bot einen kräftigen Druck gebend, daß es +gehorsam vorwärts schoß: »Weißt du, was ich denke? Wie schön muß es sein +ein Reich, ein Volk, viel tausend geliebte Leben mit der starken Hand +durch Wind und Wellen sicher vorwärts zu steuern zu Glück und Glanz. – Was +aber sannest du, Kamilla? Du sahst so mild, es sind gute Gedanken +gewesen.« Sie errötete und blickte seitab in die Flut. + +»O sprich doch, sei offen in dieser schönen Stunde.« + +»Ich dachte,« flüsterte sie vor sich hin, das feine Köpfchen noch immer +abgewendet, »wie schön muß es sein, von treuer, geliebter Hand, der man so +ganz vertraut, gesteuert werden durch die schwanke Flut des Lebens.« – »O, +Kamilla, glaub mir, auch dem Barbaren kann man sich vertraun« – – »Du bist +kein Barbar! Wer zart empfindet und edel denkt und sich hochherzig +überwindet und schweren Undank mit Huld vergilt, ist kein Barbar, er ist +ein edles Menschenbild, wie je ein Scipio gewesen.« Entzückt hielt der +König im Rudern inne, das Schiff stand: »Kamilla! träum ich? sprichst du +das? und zu mir?« + +»Mehr noch, Athalarich, mehr! ich bitte dich, vergieb, daß ich dich so +grausam von mir gestoßen. Ach, es war nur Scham und Furcht.« – »Kamilla, +Perle meiner Seele« – Diese, welche das Gesicht dem Ufer zuwandte, rief +plötzlich: »was ist das? Man folgt uns. Der Hof, die Frauen, meine +Mutter.« So war es. Rusticiana hatte, von des Präfekten furchtbarem Wink +getrieben, ihre Tochter im Garten gesucht. Sie fand sie nicht. Sie eilte +nach dem Venustempel. Umsonst. Umherschauend sah sie plötzlich die beiden, +ihr Kind mit ihm allein, auf dem Schiff, fern im Meer. In höchstem Zorn +flog sie an den Marmortisch, an dem die Sklaven eben den Abendbecher des +Königs mischten, schickte sie die Stufen hinab, eine Gondel zu lösen, +gewann so einen unbelauschten Augenblick an dem Tisch und stieg gleich +darauf mit Daphnidion, die ihr zorniger Ausruf geweckt, die Stufen hinab +nach dem Schiff. Da bogen zur Rechten aus dem dichten Taxusgang der +Präfekt und seine Freunde, die ihr Lustwandeln ebenfalls an diese Stelle +führte. Cethegus folgte ihr die Stufen hinab und reichte ihr die Hand, in +den Kahn zu steigen. »Es ist geschehen,« flüsterte sie ihm dabei zu und +die Gondel stieß ab. In diesem Augenblick war es, daß das junge Paar auf +die Bewegung am Ufer aufmerksam wurde: Kamilla stand auf, sie mochte +erwarten, der König werde das Schiff wenden. Aber dieser rief: »Nein, sie +sollen mir diese Stunde nicht rauben, die schönste meines Lebens. Ich muß +noch mehr von diesen süßen Worten schlürfen. O, Kamilla, du mußt mir mehr, +du mußt mir alles sagen. Komm, wir landen auf der Insel dort, da mögen sie +uns finden.« Und mächtig ausgreifend drückte er mit aller Kraft auf das +Ruder, daß das Fahrzeug wie beflügelt dahinschoß. + +»Willst du nicht weiter sprechen?« + +»O, mein Freund, mein König – dringe nicht in mich.« Er sah nur ihr in das +liebliche Antlitz, in das leuchtende Auge, nicht mehr auf Weg und Ziel. +»Nun warte – dort auf der Insel – dort sollst du mir« – – + +Ein neuer leidenschaftlicher Ruderschlag – da erdröhnte ein dumpfer Krach, +das Schiff war angeprallt und fuhr schütternd zurück. + +»Himmel!« rief Kamilla aufspringend und nach dem Schnabel des Schiffes +sehend: ein ganzer Schwall von Wasser sprudelte herein ihr entgegen. + +»Das Schiff ist geborsten – wir sinken,« sprach sie erbleichend. – +»Hierher zu mir, laß mich sehen,« rief Athalarich vorspringend. »Ah, das +sind die Nadeln der Amphitrite – wir sind verloren.« Die Nadeln der +Amphitrite – wir wissen, man konnte sie von der Terrasse des Venustempels +kaum erkennen – waren zwei schmale scharfzackige Klippen zwischen dem Ufer +und der nächsten der Laguneninseln: sie ragten kaum über den +Wasserspiegel, bei leisestem Wind gingen die Wellen über sie weg. +Athalarich kannte die Gefahr dieser Stelle und hatte sie immer leicht +vermieden: aber diesmal hatte er nur in der Geliebten Augen geblickt. + +Mit einem Blick übersah er die Lage. Es gab keine Rettung. + +Ein Bret im Boden des leicht gezimmerten Gefährts war durch den Anprall an +der Klippe zertrümmert, gewaltig drang das Wasser durch den Leck. + +Das Schiff sank von Sekunde zu Sekunde. + +Schwimmend mit Kamilla die nächste Insel oder das Ufer zu erreichen, +konnte er nicht hoffen und das Ruderschiff Rusticianens hatte kaum erst +abgestoßen. Mit Blitzesschnelle hatte er all’ das überschaut, erwogen, +eingesehen, und warf einen entsetzten Blick auf das Mädchen. »Geliebte, du +stirbst,« jammerte er verzweifelnd, »und ich, ich hab’s verschuldet.« Und +er umfaßte sie stürmisch. »Sterben?« rief sie, »o nein! nicht so jung, +nicht jetzt sterben! Leben, leben mit dir.« Und sie klammerte sich fest an +seinen Arm. Der Ton, die Worte durchschnitten sein Herz. + +Er riß sich los, er sah nach Rettung ringsumher, umsonst, umsonst – immer +höher stieg das Wasser, immer rascher sank das Schiff. Er warf das Ruder +weg. »Es ist aus, alles aus, Geliebte. Laß uns Abschied nehmen.« – »Nein! +nicht mehr scheiden! Muß es gestorben sein: – o dann hinweg alle Scheu, +welche die Lebendigen bindet« – und glühend drückte sie das Haupt an seine +Brust – »o laß dir sagen, laß dir noch gestehn, wie ich dich liebe, wie +lange schon, seit – seit immer. All’ mein Haß war ja nur verschämte Liebe. +Gott, ich liebte dich schon, da ich wähnte, ich müsse dich verabscheuen. +Ja du sollst wissen, wie ich dich liebe.« Und sie bedeckte ihm Augen und +Wangen mit eiligen Küssen. »O, jetzt will ich auch sterben – lieber +sterben mit dir als leben ohne dich. Aber nein« – und sie riß sich von ihm +los – »du sollst nicht sterben – laß mich hier, springe, schwimme, +versuch’s, du allein erreichst die Insel wohl – versuch’s und laß mich.« + +»Nein,« rief er selig, »lieber sterben mit dir als leben ohne dich. Nach +so langem, langem Sehnen endlich Erfüllung! Wir gehören einander auf ewig +von dieser Stunde. Komm, Kamilla, Geliebte, laß uns hinab.« + +Schauer der Liebe und des Todes rieselten durcheinander. Er zog sie an +sich, umschlang sie mit dem linken Arm und stieg mit ihr auf den kaum noch +Hand breit über Wasser ragenden Steuergransen: schon schickte er sich zum +jähen Sprunge an, – da entrang sich beiden ein froher Schrei der Hoffnung. + +Blitzschnell bog vor ihren Augen um die schmale Landspitze, die unfern von +ihnen ins Meer ragte, ein Schiff mit vollen Segeln, das gerade auf sie los +eilte. + +Das Schiff vernahm ihren Schrei, es erkannte jedenfalls die Lage des +sinkenden Kahns, vielleicht die Person des Königs: vierzig Ruder, aus zwei +Stockwerken von Ruderbänken zugleich in die Flut getaucht, beförderten den +Flug des raschen Fahrzeugs, das brausend vor ganzem Wind mit allen Segeln +daherschoß. Die Leute auf dem Deck riefen ihnen zu, auszuharren und bald – +es war die höchste Zeit – lag der Bauch der Bireme neben der Gondel, die +augenblicklich versank, nachdem das Paar durch die Lukenpforte des untern +Ruderstockwerks an Bord gerettet war. Es war ein kleines gotisches +Wachtschiff, der goldene, steigende Löwe, das Wappen der Amalungen, +glänzte auf der blauen Flagge: Aligern, ein Vetter Tejas, befehligte es. + +»Dank euch, wackre Freunde,« sprach Athalarich, da er wieder Worte +gefunden, »Dank! ihr habt nicht euren König nur, ihr habt eure Königin +gerettet.« + +Staunend sammelten sich Krieger und Matrosen um den Glücklichen, der die +laut weinende Kamilla in seinen Armen hielt. »Heil unsrer schönen jungen +Königin!« jauchzte der rotblonde Aligern und die Mannschaft jubelte +donnernd nach: »Heil, Heil unsrer Königin!« In diesem Augenblick rauschte +der Segler an dem Kahn Rusticianens vorbei: der Schall dieses Jubelrufs +weckte die Unselige aus der Erstarrung von Entsetzen und Betäubung, die +sie ergriffen, da die beiden erschrocknen Rudersklaven die Gefahr des +jungen Paares auf dem sinkenden Boot entdeckt und zugleich erklärt hatten, +es sei ihnen unmöglich, sie rechtzeitig aus den Wellen zu retten. Da war +sie besinnungslos Daphnidion in die Arme gefallen. + +Jetzt erwachte sie und warf einen irren Blick umher. Sie staunte: war es +ein Traumbild, was sie sah? oder war es wirklich ihre Tochter, die dort +auf dem Deck des Gotenschiffs, das stolz an ihr vorüberrauschte, an der +Brust des jungen Königs lag? und jauchzten wirklich dazu jubelnde Stimmen: +»Heil Kamilla, unsrer Königin?« + +Sie starrte auf die vorübergleitende Erscheinung, sprachlos, lautlos. Aber +das rasch fliegende Segelschiff war schon an ihrem Kahn vorüber und dem +Lande nah. Es ankerte außerhalb der seichten Gartenbucht, eine Barke ward +herabgelassen, das gerettete Paar, Aligern und drei Matrosen sprangen +hinein und bald stiegen sie die Stufen der Hafentreppe hinan, wo, außer +Cethegus und seiner Begleitung, eine Menge von Leuten sich versammelt +hatte, die vom Palast oder vom Garten aus mit Schrecken die Gefahr des +kleinen Schiffes wahrgenommen und jetzt herbeieilten, die Geretteten zu +begrüßen. Unter Glückwünschen und Segensrufen stieg Athalarich die Stufen +hinan. + +»Seht hier,« sprach er, vor dem Tempel angelangt, »sehet, Goten und Römer, +eure Königin, meine Braut. Uns hat der Gott des Todes zusammengeführt, +nicht wahr, Kamilla?« Sie sah zu ihm auf, aber heftig erschrak sie: die +Aufregung und der jähe Wechsel von Schrecken und Freude hatten den kaum +Genesenen übermächtig erschüttert: sein Antlitz war marmorblaß, er wankte +und griff wie Luft schöpfend krampfhaft an seine Brust. + +»Um Gott,« rief Kamilla, einen Anfall des alten Leidens fürchtend, »dem +König ist nicht wohl. Rasch den Wein, die Arznei!« Sie flog an den Tisch, +ergriff den Silberbecher, der bereit stand, und drängte ihn in seine Hand. + +Cethegus stand dicht dabei und folgte mit scharfem Blick jeder seiner +Bewegungen. + +Schon setzte er den Becher an die Lippen, aber plötzlich ließ er ihn +nochmal sinken, er lächelte: »du mußt mir zutrinken, wie’s der gotischen +Königin ziemt an ihrem Hof,« und er reichte ihr den Pokal: sie nahm ihn +aus seiner Hand. + +Einen Augenblick durchzuckte es den Präfekten siedend heiß. Er wollte +hinzustürzen, ihr den Trank aus der Hand reißen, ihn verschütten. + +Aber er hielt sich zurück. That er’s, so war er unrettbar verloren. Nicht +nur morgen als Hochverräter, nein, sofort als Giftmörder angeklagt und +überführt. + +Verloren mit ihm seine ganze Ideenwelt, die Zukunft Roms. Und um wen? – Um +ein verliebtes Mädchen, das treulos zu seinem Todfeind abgefallen. – Nein, +sagte er kalt zu sich, die Faust zusammendrückend, sie oder Rom: – also +sie! Und ruhig sah er zu, wie das Mädchen, hold errötend, einen leichten +Trunk aus dem Becher nahm, den der König darauf tief schlürfend bis zum +Grunde leerte. Er zuckte zusammen, da er ihn auf den Marmortisch +niedersetzte. »Kommt hinauf ins Palatium,« sprach er fröstelnd, den Mantel +über die linke Schulter schlagend, »mich friert.« Und er wandte sich. + +Da traf sein Blick auf Cethegus: er stand einen Augenblick still und sah +dem Präfekten eindringend ins Auge. + +»Du hier?« sagte er finster und trat einen Schritt auf ihn zu: da zuckte +er nochmal und stürzte mit einem jähen Schrei neben der Quelle aufs +Antlitz nieder. + +»Athalarich!« rief Kamilla und warf sich taumelnd über ihn. Der alte +Corbulo sprang aus der Schar der Diener zuerst hinzu: »Hilfe,« rief er, +»sie stirbt – der König!« + +»Wasser! rasch Wasser!« sprach Cethegus laut. Und entschlossen trat er an +den Tisch, ergriff den Silberbecher, bückte sich, spülte ihn schnell, aber +gründlich in der Quelle und neigte sich über den König, der in Cassiodors +Armen lag, indeß Corbulo das Haupt Kamillens auf seine Kniee legte. + +Ratlos, entsetzt umstanden die Hofleute die beiden scheinbar leblosen +Gestalten. + +»Was ist geschehen? Mein Kind!« mit diesem Schrei drängte sich Rusticiana, +die soeben gelandet, an der Tochter Seite. »Kamilla!« rief sie +verzweifelt, »was ist mit dir?« + +»Nichts!« sagte Cethegus ruhig, sich prüfend über die beiden beugend. »Es +ist nur eine Ohnmacht. Aber den jungen König hat sein Herzkrampf +hingerafft. Er ist tot.« + + + + + + Drittes Buch. + + + AMALASWINTHA. + + + »Amalaswintha verzagte nicht nach Frauenart, + sonder kräftig wahrte sie ihr Königtum.« + + Prokop, Gotenkrieg I. 2 + + + + + Erstes Kapitel. + + +Wie ein Donnerschlag aus heitrem Himmel traf Athalarichs plötzliches Ende +die gotische Partei, die an diesem nämlichen Tage ihre Hoffnungen so hoch +gespannt hatte. Alle Maßregeln, die der König in ihrem Sinne angeordnet, +waren gelähmt, die Goten plötzlich wieder ohne Vertretung in dem Staat, an +dessen Spitze jetzt die Regentin ganz allein gestellt war. + +Am frühen Morgen des nächsten Tages stellte sich Cassiodor bei dem +Präfekten ein. Er fand diesen in ruhigem, festem Schlaf. + +»Und du kannst schlafen, ruhig wie ein Kind, nach einem solchen Schlag!« – +»Ich schlief,« sagte Cethegus sich auf den linken Arm aufrichtend, »im +Gefühle neuer Sicherheit.« – »Sicherheit! ja für dich, aber das Reich!« + +»Das Reich war mehr gefährdet durch diesen Knaben als ich. Wo ist die +Königin?« – »Am offenen Sarge ihres Sohnes sitzt sie, sprachlos! Die ganze +Nacht.« + +Cethegus sprang auf: »das darf nicht sein,« rief er. »Das thut nicht gut. +Sie gehört dem Staat, nicht dieser Leiche. Um so weniger, als ich von Gift +flüstern hörte. Der junge Tyrann hatte viele Feinde. Wie steht es damit?« + +»Sehr ungewiß. Der griechische Arzt Elpidios, der die Leiche untersuchte, +sprach zwar von einigen auffallenden Erscheinungen. Aber, wenn Gift +gebraucht worden, meinte er, müßte es ein sehr geheimes, ihm völlig +fremdes sein. In dem Becher, daraus der Arme den letzten Trunk gethan, +fand sich nicht die leiseste Spur verdächtigen Inhalts. So glaubt man +allgemein, die Aufregung habe das alte Herzleiden zurückgerufen und dieses +ihn getötet. Aber doch ist es gut, daß man dich von dem Augenblick, da du +die Versammlung verließest, immer vor Zeugen gesehen: der Schmerz macht +argwöhnisch.« + +»Wie steht es um Kamilla?« forschte der Präfekt weiter. – »Sie soll von +ihrer Betäubung noch gar nicht erwacht sein; die Ärzte fürchten das +Schlimmste. – Aber ich kam, dich zu fragen: Was soll nun weiter geschehen? +Die Regentin sprach davon, die Untersuchung gegen dich niederzuschlagen.« +– »Das darf nicht sein!« rief Cethegus. »Ich fordre die Durchführung. +Eilen wir zu ihr.« – »Willst du sie am Sarge ihres Sohnes stören?« – »Ja, +das will ich! Deine zarte Rücksicht bebt davor zurück? Gut, komme du nach, +wenn ich das Eis gebrochen.« + +Er verabschiedete den Besuch und rief seine Sklaven, ihn anzukleiden. Bald +darauf schritt er, in dunkelgraues Trauergewand gehüllt, hinab zu dem +Gewölbe, wo die Leiche ausgestellt lag. Gebieterisch wies er die Wachen +und die Frauen Amalaswinthens hinweg, die den Eingang hüteten und trat +geräuschlos ein. + +Es war die niedrig gewölbte Halle, in der ehedem die Leichen der Kaiser +mit Salben und Brennstoffen waren für den Scheiterhaufen bereitet worden. +Das schweigende Gelaß, mit dunkelgrünem Serpentin getäfelt, von kurzen +dorischen Säulen aus schwarzem Marmor getragen, war nie von der Tageshelle +beleuchtet: auch jetzt fiel auf die düstern byzantinischen Mosaiken auf +dem Goldgrund der Wandplatten kein andres Licht als von den vier +Pechfackeln, die an dem Steinsarkophag des jungen Königs mit unstetem +Schimmer flackerten. + +Dort lag er, auf einem tiefroten Purpurmantel, Helm, Schwert und Schild zu +seinen Häupten. + +Der alte Hildebrand hatte ihm einen Eichenkranz um die dunkeln Locken +gewunden. Die edeln Züge ruhten in ernster, bleicher Schöne. + +Zu seinen Füßen saß in langem Trauerschleier die hohe Gestalt der +Regentin, das Haupt auf den linken Arm gestützt, der auf dem Sarkophage +ruhte: der rechte hing erschlafft herab. Sie konnte nicht mehr weinen. + +Das Knistern der Pechflammen war das einzige Geräusch in dieser +Grabesstille. – + +Lautlos trat Cethegus ein, nicht unbewegt von der Poesie des Anblicks. +Aber mit einem Zusammenziehen der Brauen war dies Gefühl wie ein Anflug +von Mitleid erstickt. Klarheit gilt es, sprach er zu sich selbst, und +Ruhe. Leise trat er näher und ergriff die herabgesunkene Hand +Amalaswinthens. »Erhebe dich, hohe Frau, du gehörst den Lebendigen, nicht +den Toten.« + +Erschrocken sah sie auf: »Du hier, Cethegus? Was suchst du hier?« + +»Eine Königin.« + +»O, du findest nur eine weinende Mutter!« rief sie schluchzend. – »Das +kann ich nicht glauben. Das Reich ist in Gefahr und Amalaswintha wird +zeigen, daß auch ein Weib dem Vaterland den eignen Schmerz opfern kann.« + +»Das kann sie,« sagte sie, sich aufrichtend: »Aber sieh auf ihn hin. – Wie +jung, wie schön –! Wie konnte der Himmel so grausam sein.« – »Jetzt oder +nie,« dachte Cethegus. »Der Himmel ist gerecht, streng, nicht grausam.« + +»Wie redest du? was hatte mein edler Sohn verschuldet? Wagst du ihn +anzuklagen?« – »Nicht ich! Doch eine Stelle der heiligen Schrift hat sich +erfüllt an ihm: »Ehre Vater und Mutter, auf daß du lang lebest auf Erden.« +Die Verheißung ist auch eine Drohung. Gestern hat er gefrevelt gegen seine +Mutter und sie verunehrt in trotziger Empörung: – heute liegt er hier. Ich +sehe darin den Finger Gottes.« + +Amalaswintha verhüllte ihr Antlitz. Sie hatte dem Sohn an seinem Sarge +seine Auflehnung herzlich vergeben. Aber diese Auffassung, diese Worte +ergriffen sie doch mächtig und zogen sie ab von ihrem Schmerz zur +liebgewordenen Gewohnheit des Herrschens. »Du hast, o Königin, die +Untersuchung gegen mich niederschlagen wollen und Witichis zurückberufen. +Letzteres mag sein. Aber ich fordere die Durchführung des Prozesses und +feierliche Freisprechung als mein Recht.« + +»Ich habe nie an deiner Treue gezweifelt. Weh mir, wenn ich es jemals +müßte. Sage mir: ich weiß von keiner Verschwörung! und alles ist +abgethan.« – Sie schien seine Beteurung zu erwarten. Cethegus schwieg eine +Weile. Dann sagte er ruhig: »Königin, ich weiß von einer Verschwörung.« + +»Was ist das?« rief die Regentin und sah ihn drohend an. – »Ich habe diese +Stunde, diesen Ort gewählt,« fuhr Cethegus mit einem Blick auf die Leiche +fort, »dir meine Treue entscheidend zu besiegeln, daß sie dir +unauslöschlich möge ins Herz geschrieben sein. Höre und richte mich.« – +»Was werd’ ich hören?« sprach die Königin wachsam und fest entschlossen, +sich weder täuschen noch erweichen zu lassen. »Ich wär’ ein schlechter +Römer, Königin, und du müßtest mich verachten, liebte ich nicht vor allem +andern mein Volk. Dies stolze Volk, das selbst du, die Fremde, liebst. Ich +wußte, – wie du es weißt – daß der Haß gegen euch als Ketzer, als Barbaren +in den Herzen fortglimmt. Die letzten strengen Thaten deines Vaters hatten +ihn geschürt. Ich ahnte eine Verschwörung. Ich suchte, ich entdeckte sie.« +– »Und verschwiegst sie!« sprach die Regentin, zürnend sich erhebend. – +»Und verschwieg sie. Bis heute. Die Verblendeten wollten die Griechen +herbeirufen und nach Vernichtung der Goten sich dem Kaiser unterwerfen.« – +»Die Schändlichen!« rief Amalaswintha heftig. – »Die Thoren! Sie waren +schon soweit gegangen, daß nur Ein Mittel blieb, sie zurückzuhalten: ich +trat an ihre Spitze, ich ward ihr Haupt.« – »Cethegus!« – »Dadurch gewann +ich Zeit und konnte edle, wenn auch verblendete Männer von dem Verderben +zurückhalten. Allgemach konnte ich ihnen die Augen darüber öffnen, daß ihr +Plan, wenn er gelänge, nur eine milde mit einer despotischen Herrschaft +vertauschen würde. Sie sahen es ein, sie folgten mir und kein Byzantiner +wird diesen Boden betreten bis ich ihn rufe, ich – oder du.« + +»Ich! rasest du?« – »Nichts ist den Menschen zu verschwören! sagt +Sophokles, dein Liebling. Laß dich warnen, Königin, die du die dringendste +Gefahr nicht siehst. Eine andre Verschwörung, viel gefährlicher als jene +römische Schwärmerei, bedroht dich, deine Freiheit, das Herrschaftsrecht +der Amaler, in nächster Nähe – eine Verschwörung der Goten.« + +Amalaswintha erbleichte. + +»Du hast gestern zu deinem Schrecken ersehn, daß nicht deine Hand mehr das +Ruder dieses Reiches führt. Ebensowenig dieser edle Tode, der nur ein +Werkzeug deiner Feinde war. Du weißt es, Königin, viele in deinem Volk +sind blutdürstende Barbaren, raubgierig, roh: sie möchten dies Land +brandschatzen, wo Vergil und Tullius gewandelt. Du weißt, dein trotziger +Adel haßt die Übermacht des Königshauses und will sich ihm wieder +gleichstellen. Du weißt, die rauhen Goten denken nicht würdig von dem +Beruf des Weibes zur Herrschaft.« – »Ich weiß es,« sprach sie stolz und +zornig. – »Aber nicht weißt du, daß alle diese Parteien sich geeinigt +haben. Geeinigt gegen dich und dein römerfreundlich Regiment. Dich wollen +sie stürzen oder zu ihrem Willen zwingen. Cassiodor und ich, wir sollen +von deiner Seite fort. Unser Senat, unsre Rechte sollen fallen, das +Königtum ein Schatte werden. Krieg mit dem Kaiser soll entbrennen. Und +Gewalt, Erpressung, Raub über uns Römer hereinbrechen.« – »Du malst eitle +Schreckbilder!« – »War ein eitles Schreckbild, was gestern geschah? Wenn +nicht der Arm des Himmels eingriff, warst nicht du selbst – wie ich – der +Macht beraubt? Warst du denn noch Herrin in deinem Reich, in deinem Hause? +Sind sie nicht schon so mächtig, daß der heidnische Hildebrand, der +bäuerische Witichis, der finstre Teja in deines bethörten Sohnes Namen +offen deinem Willen trotzen? Haben sie nicht jene rebellischen drei +Herzoge zurückberufen? Und deine widerspenstige Tochter und –« – »Wahr, zu +wahr!« seufzte die Königin. + +»Wenn diese Männer herrschen – dann lebt wohl Wissenschaft und Kunst und +edle Bildung! Leb wohl, Italia, Mutter der Menschlichkeit! Dann lodert in +Flammen auf, ihr weißen Pergamente, brecht in Trümmer, schöne Statuen. +Gewalt und Blut wird diese Fluren erfüllen und späte Enkel werden +bezeugen: solches geschah unter Amalaswintha, der Tochter Theoderichs.« + +»Nie, niemals soll das geschehen! Aber –« + +»Du willst Beweise? Ich fürchte, nur zu bald wirst du sie haben. Du siehst +jedoch schon jetzt: auf die Goten kannst du dich nicht stützen, wenn du +jene Greuel verhindern willst. Gegen sie schützen nur wir dich, wir, denen +du ohnehin angehörst nach Geist und Bildung, wir Römer. Dann, wenn jene +Barbaren lärmend deinen Thron umdrängen, dann laß mich jene Männer um dich +scharen, die sich einst gegen dich verschworen, die Patrioten Roms: sie +schützen dich und sich selbst zugleich.« + +»Cethegus,« sprach die bedrängte Frau, »du beherrschest die Menschen +leicht! Wer, sage mir, wer bürgt mir für die Patrioten, für deine Treue?« + +»Dies Blatt, Königin, und dieses! Jenes enthält eine genaue Liste der +römischen Verschwornen – du siehst, es sind viele hundert Namen: dies die +Glieder des gotischen Bundes, die ich freilich nur erraten konnte. Aber +ich rate gut. Mit diesen beiden Blättern geb’ ich die beiden Parteien, +geb’ ich mich selbst ganz in deine Hand. Du kannst mich jeden Augenblick +bei den Meinen selbst als Verräter entlarven, der vor allem _deine_ Gunst +gesucht, kannst mich preisgeben dem Haß der Goten – ich habe jetzt keinen +Anhang mehr, sobald du willst: ich stehe allein, allein auf dem Boden +deiner Gunst.« + +Die Königin hatte die Rollen mit leuchtenden Augen durchflogen. +»Cethegus,« rief sie jetzt, »ich will deiner Treue gedenken und dieser +Stunde!« Und sie reichte ihm gerührt die Hand. + +Cethegus neigte leise das Haupt. »Noch eins, o Königin. Die Patrioten, +fortan deine Freunde wie die meinen, wissen das Schwert des Verderbens, +des Hasses der Barbaren über ihren Häuptern hangen. Die Erschrocknen +bedürfen der Aufrichtung. Laß sie mich deines hohen Schutzes versichern: +stelle deinen Namen an die Spitze dieses Blattes und laß mich ihnen +dadurch ein sichtbar Zeichen deiner Gnade geben.« + +Sie nahm den goldnen Stift und die Wachstafel, die er ihr reichte. Einen +Augenblick noch zögerte sie nachdenklich: dann aber schrieb sie rasch +ihren Namen und gab ihm Griffel und Tafel zurück: »Hier, sie sollen mir +treu bleiben, treu wie du.« + +Da trat Cassiodorus ein: »o Königin, die gotischen Großen harren dein. Sie +begehren dich zu sprechen.« + +»Ich komme! Sie sollen meinen Willen vernehmen,« sprach sie heftig: »du +aber, Cassiodor, sei der erste Zeuge des Beschlusses, den diese ernste +Stunde in mir gereift, den bald mein ganzes Reich vernehmen soll: hier der +Präfekt von Rom ist hinfort der erste meiner Diener, wie er der treuste +ist: sein ist der Ehrenplatz in meinem Vertrauen und an meinem Thron.« + +Staunend führte Cassiodor die Regentin die dunkeln Stufen hinan. Langsam +folgte Cethegus: er hob die Wachstafel in die Höhe und sprach zu sich +selbst: »Jetzt bist du mein, Tochter Theoderichs. Dein Name auf dieser +Liste trennt dich auf immer von deinem Volk.« – – + + + + + Zweites Kapitel. + + +Als Cethegus aus dem unterirdischen Gewölbe wieder zu dem Erdgeschoß des +Palastes aufgetaucht war und sich anschickte, der Regentin zu folgen, ward +sein Ohr berührt und sein Schritt gefesselt durch feierliche, klagende +Flötentöne. Er erriet, was sie bedeuteten. + +Sein erster Antrieb war, auszuweichen. Aber alsbald entschloß er sich zu +bleiben. »Einmal muß es doch geschehen, also am besten gleich,« dachte er. +»Man muß prüfen, wie weit sie unterrichtet ist.« + +Immer näher kamen die Flöten, wechselnd mit eintönigen Klagegesängen. +Cethegus trat in eine breite Nische des dunklen Ganges, in welchen schon +die Spitze des kleinen Zuges einbog. Voran schritten paarweise sechs edle +römische Jungfrauen in grauen Klageschleiern, gesenkte Fackeln in den +Händen. Darauf folgte ein Priester, dem eine hohe Kreuzesfahne mit langen +Wimpeln vorangetragen wurde. Hierauf eine Schar von Freigelassenen der +Familie, angeführt von Corbulo, und die Flötenbläser. Dann erschien, von +vier römischen Mädchen getragen, ein offener, blumenüberschütteter Sarg: +da lag auf weißem Linnentuch die tote Kamilla, in bräutlichem Schmuck, +einen Kranz von weißen Rosen um das schwarze Haar: ein Zug lächelnden +Friedens spielte um den leicht geöffneten Mund. Hinter dem Sarg aber +wankte, mit gelöstem Haar, stier vor sich hinblickend, die unselige +Mutter, von Matronen umgeben, welche die Sinkende stützten. Eine Reihe von +Sklavinnen schloß den Zug, der sich langsam in das Totengewölbe verlor. + +Cethegus erkannte die schluchzende Daphnidion und hielt sie an. »Wann +starb sie?« fragte er ruhig. – »Ach, Herr, vor wenigen Stunden! Oh die +gute, schöne, freundliche Domna!« – »Ist sie noch einmal erwacht zu vollem +Bewußtsein?« + +»Nein, Herr, nicht mehr. Nur ganz zuletzt schlug sie die großen Augen +nochmal auf und schien rings umher zu suchen. »Wo ist er hin?« fragte sie +die Mutter. »Ach, ich sehe ihn,« rief sie dann und hob sich aus den +Kissen. »Kind, mein Kind, wo willst du hin?« weinte die Herrin. »Nun, +dorthin,« sagte sie mit verklärtem Lächeln: »nach den Inseln der Seligen!« +und sie schloß die Augen und sank zurück auf das Lager und jenes holde +Lächeln blieb stehen auf ihrem Mund – und sie war dahin, dahin auf ewig!« +– »Wer hat sie hier herab bringen lassen?« – »Die Königin. Sie erfuhr +alles und befahl die Tote als die Braut ihres Sohnes neben ihm +auszustellen und zu bestatten.« + +»Aber was sagt der Arzt? wie konnte sie so plötzlich sterben?« – »Ach der +Arzt sah sie nur flüchtig; er hatte alle Gedanken bei der Königsleiche und +die Herrin litt ja gar nicht, daß der fremde Mann ihre Tochter berühre. +Das Herz ist ihr eben gebrochen: daran mag man wohl sterben! Aber still, +sie kommen.« Der Zug ging in derselben Ordnung, ohne den Sarg, zurück. +Daphnidion schloß sich an. Nur Rusticiana fehlte. Ruhig schritt Cethegus +den einsamen Gang auf und nieder, sie zu erwarten. + +Endlich stieg die gebrochne Gestalt die Stufen herauf. Sie wankte und +drohte zu fallen. Da ergriff er rasch ihren Arm. »Rusticiana, fasse dich!« + +»Du hier? O Gott, du hast sie auch geliebt! Und wir, wir beide haben sie +ermordet!« Und sie brach auf seine Schulter zusammen. »Schweig, Unselige!« +flüsterte er, sich umsehend. + +»Ach, ich, die eigne Mutter, habe sie getötet. Ich habe den Trank +gemischt, der ihm den Tod gebracht.« + +Gut, dachte er, sie ahnt also nicht, daß sie getrunken, geschweige, daß +ich sie trinken sah. »Es ist ein grausamer Streich des Geschicks,« sagte +er laut; »aber bedenke, was sollte werden, wenn sie lebte? Sie liebte +ihn!« – »Was werden sollte?« rief Rusticiana, von ihm zurücktretend. + +»O, wenn sie nur lebte! Wer kann wider die Liebe? Wäre sie sein geworden, +sein Weib, – seine Geliebte, wenn sie nur lebte!« – »Aber du vergißt, daß +er sterben mußte.« – »Mußte? warum mußte er sterben? auf daß du deine +stolzen Pläne hinausführst! O Selbstsucht ohnegleichen!« – »Es sind deine +Pläne, die ich ausführe, nicht die meinen; wie oft muß ich dir’s +wiederholen? Du hast den Gott der Rache heraufbeschworen, nicht ich: was +klagst du mich an, wenn er Opfer von dir fordert? Besinne dich besser. +Lebe wohl.« + +Aber Rusticiana faßte heftig seinen Arm: »Und das ist alles? Und weiter +hast du nichts, kein Wort, keine Thräne für mein Kind? Und du willst mich +glauben machen, um sie, um mich zu rächen habest du gehandelt? Du hast nie +ein Herz gehabt. Du hast auch sie nicht geliebt – kalten Blutes siehst du +sie sterben – ha, Fluch – Fluch über dich.« – »Schweig, Unsinnige.« – +»Schweigen? nein, reden will ich und dir fluchen. O, wüßt’ ich etwas, das +dir wäre, was mir Kamilla war! O, müßtest du, wie ich, deines ganzen +Lebens letzte, einzige Freude fallen sehen, fallen sehen und verzweifeln. +Wenn ein Gott ist im Himmel, wirst du das erleben.« + +Cethegus lächelte. + +»Du glaubst an keine Macht im Himmel, die vergelte? wohlan, glaub’ an die +Rache einer jammervollen Mutter! Du sollst erzittern! ich eile zur +Regentin und entdecke ihr alles! Du sollst sterben!« – »Und du stirbst mit +mir.« + +»Mit lachenden Augen, wenn ich dich verderben sehe.« Und sie wollte +hinweg. Aber Cethegus ergriff sie mit starkem Arm. »Halt, Weib. Glaubst +du, man sieht sich nicht vor mit deinesgleichen? Deine Söhne, Anicius und +Severinus, die Verbannten, sind heimlich in Italien, in Rom, in meinem +Hause. Du weißt, auf ihrer Rückkehr steht der Tod. Ein Wort – und sie +sterben mit uns: dann magst du deinem Gatten auch die Söhne, wie die +Tochter, als durch dich gefallen zuführen. Ihr Blut über dein Haupt.« Und +rasch war er um die Ecke des Ganges biegend verschwunden. + +»Meine Söhne!« rief Rusticiana und brach auf dem Marmorestrich zusammen. – + +Wenige Tage darauf verließ die Witwe des Boëthius mit Corbulo und +Daphnidion den Königshof für immer. Vergebens suchte die Regentin sie zu +halten. + +Der treue Freigelassene führte sie zurück auf die verborgne Villa bei +Tifernum, die je verlassen zu haben sie jetzt tief betrauerte. Sie baute +daselbst, an der Stelle des kleinen Venustempels, eine Basilika, in deren +Krypta eine Urne mit den Herzen der beiden Liebenden beigesetzt wurde. + +Ihre leidenschaftliche Seele verband mit dem Gebet für das Heil ihres +Kindes unzertrennlich die Bitte der Rache an Cethegus, dessen wahre +Beteiligung an Kamillens Tod sie nicht einmal ahnte: nur das durchschaute +sie, daß er Mutter und Tochter als Werkzeuge seiner Pläne gebraucht und in +herzloser Kälte des Mädchens Glück und Leben aufs Spiel gesetzt hatte. + +Und kaum minder unablässig als das Licht der daselbst gestifteten ewigen +Lampe stieg das Gebet und der Fluch der vereinsamten Mutter zum Himmel +empor. + +Die Stunde sollte nicht ausbleiben, die ihr die Schuld des Präfekten ganz +enthüllte und auch die Rache nicht, die sie dafür vom Himmel niederrief. + + + + + Drittes Kapitel. + + +Am Hofe von Ravenna aber wurde ein zäher und grimmiger Kampf geführt. + +Die gotischen Patrioten, obwohl durch den plötzlichen Untergang ihres +jugendlichen Königs schwer betrübt und für den Augenblick überwunden, +wurden doch von ihren unermüdlichen Führern bald wieder aufgerafft. Das +hohe Ansehen des alten Hildebrand, die ruhige Kraft des zurückberufenen +Witichis und Tejas wachsamer Eifer wirkten unablässig. Wir haben gesehen, +wie es diesen Männern gelungen war, Athalarich zur Abschüttelung der +Oberleitung seiner Mutter zu verhelfen. Jetzt gelang es ihnen leicht, +unter den Goten immer mehr Anhang zu finden gegen eine Regentschaft, in +welcher der ihnen als Hochverräter verhaßte Cethegus mehr als je in den +Vordergrund trat. Die Stimmung im Heer, in der germanischen Bevölkerung +von Ravenna war genügend zu einem entscheidenden Schlage vorbereitet. Mit +Mühe hielt der alte Waffenmeister die Unzufriedenen zurück, bis sie, durch +wichtige Bundesgenossen verstärkt, desto sicherer siegen könnten. + +Diese Bundesgenossen waren die drei Herzoge Thulun, Ibba und Pitza, die +Amalaswintha vom Hofe verscheucht und ihr Sohn soeben zurückberufen hatte. +Thulun und Ibba waren Brüder, Pitza ihr Vetter. + +Ein andrer Bruder der ersteren, Herzog Alarich, war vor Jahren wegen +angeblicher Verschwörung zum Tode verurteilt und seit seiner Flucht +verschollen. + +Sie stammten aus dem berühmten Geschlecht der Balten, das bei den +Westgoten die Königskrone getragen hatte und den Amalungen kaum nachstand +an Alter und Ansehn. Ihr Stammbaum führte, wie der des Königshauses, bis +zu den Göttern hinauf. Ihr Reichtum an Grundbesitz und abhängigen Colonen +und der Ruhm ihrer Kriegsthaten erhöhten Macht und Glanz ihres Hauses. Man +sagte im Volk, Theoderich habe eine Zeit lang daran gedacht, mit +Übergehung seiner Tochter und ihres unmündigen Knaben, zum Heile des +Reiches den kräftigen Herzog Thulun zu seinem Nachfolger zu bestellen. + +Und die Patrioten waren jetzt, nach dem Tode Athalarichs, entschlossen, +für den äußersten Fall, das heißt, wenn die Regentin von ihrem System +nicht abzubringen sei, jene Gedanken wieder aufzunehmen. + +Cethegus sah das Gewitter heranziehen: er sah, wie das gotische +Volksbewußtsein, von Hildebrand und seinen Freunden wachgerufen, sich +immer heftiger gegen die romanisirende Regentschaft sträubte. + +Mit Unmut gestand er sich, daß es ihm an wirklicher Macht fehle, diese +Unzufriedenheit niederzuhalten: Ravenna war nicht sein Rom, wo er die +Werke beherrschte, wo er die Bürger wieder an die Waffen gewöhnt und an +seine Person gefesselt hatte; hier waren alle Truppen Goten und er mußte +fürchten, daß sie einen Haftbefehl gegen Hildebrand oder Witichis mit +offnem Aufruhr beantworten würden. So faßte er den kühnen Gedanken, mit +Einem Zug sich aus den Netzen, die ihn zu Ravenna umstrickten, +herauszureißen: er beschloß, die Regentin, nötigenfalls mit Gewalt, nach +Rom zu bringen, nach seinem Rom: dort hatte er Waffen, Anhang, Macht. Dort +war Amalaswintha ausschließlich in seiner Gewalt und die Goten hatten das +Nachsehen. + +Zu seiner Freude ging die Regentin lebhaft auf seinen Plan ein. Sie sehnte +sich hinweg aus diesen Mauern, wo sie mehr eine Gefangene als eine +Herrscherin erschien. Sie verlangte nach Rom, nach Freiheit und Macht. +Rasch wie immer traf Cethegus seine Maßregeln. Auf den kürzern Weg zu +Lande mußte er verzichten, da die große Via flaminia sowohl als die andern +Straßen von Ravenna nach Rom durch gotische Scharen, die Witichis +befehligte, bedeckt waren und daher zu fürchten stand, daß ihre Flucht auf +diesem Wege zu früh entdeckt und vielleicht verhindert würde. So mußte er +sich entschließen, einen Teil des Weges zur See zurückzulegen: aber auf +die gotischen Schiffe im Hafen von Ravenna konnte man zu einem solchen +Zweck nicht zählen. + +Zum Glück erinnerte sich der Präfekt, daß der Nauarch Pomponius, einer der +Verschwornen, mit drei Trieren zuverlässiger d. h. römischer Bemannung an +der Ostküste des adriatischen Meeres, zwischen Ancona und Teate, auf +afrikanische Seeräuber Jagd machend, kreuzte. Diesem sandte er Befehl, in +der Nacht des Epiphaniasfestes in der Bucht von Ravenna zu erscheinen. Er +hoffte vom Garten des Palastes aus, unter dem Schutz der Dunkelheit und +während kirchliche und weltliche Festfeier die Stadt beschäftigte, leicht +und sicher mit Amalaswintha die Schiffe zu erreichen, die sie zur See über +die gotischen Stellungen hinaus bis nach Teate bringen sollten: von da aus +war der Weg nach Rom kurz und ungefährdet. + +Diesen Plan im Bewußtsein – sein Bote kam glücklich hin und zurück mit dem +Versprechen des Pomponius, pünktlich einzutreffen – lächelte der Präfekt +zu dem täglich wachsenden, trotzigen Haß der Goten, die seine +Günstlingsstellung bei Amalaswintha mit Ingrimm betrachteten. Er ermahnte +diese, geduldig auszuharren und nicht durch einen Ausbruch ihres +königlichen Zornes über die »Rebellen« vor dem Tag der Befreiung einen +Zusammenstoß herbeizuführen, der leicht alle Pläne der Rettung vereiteln +konnte. + +Das Epiphaniasfest war gekommen: das Volk wogte in dichten Massen in den +Basiliken, auf den Plätzen der Stadt. Die Kleinodien des Schatzes lagen +geordnet und gepackt bereit, ebenso die wichtigsten Urkunden des Archivs. + +Es war Mittag. Amalaswintha und der Präfekt hatten soeben ihren Freund +Cassiodor von dem Plan unterrichtet, dessen Kühnheit ihn anfangs +erschreckte, dessen Klugheit ihn alsbald gewann. Sie wollten gerade aus +dem Gemach der Beratung aufbrechen, als plötzlich der Lärm des Volkes, das +vor dem Palast auf und niederflutete, lauter und heftiger anschwoll: +Drohungen, Jubelrufe, Waffenklirren wild durcheinander. + +Cethegus schlug den Vorhang des großen Rundbogenfensters zurück: doch er +sah nur noch die letzten Reihen der Menge nachdrängen in die offenen Thore +des Palastes. Die Ursache der Aufregung war nicht zu entdecken. + +Aber schon stieg im Palatium das Getöse die Treppen hinan, Zank mit der +Dienerschaft wurde hörbar, einzelne Waffenschläge, bald nahe, schwere +Tritte. Amalaswintha bebte nicht: fest hielt sie den Drachenknauf des +Thronstuhls, auf den Cassiodor sie zurückgeführt. + +Cethegus warf sich indessen den Andringenden entgegen. »Halt,« rief er, +unter der Thüre des Gemaches hinaus, »die Königin ist für niemand +sichtbar.« + +Einen Augenblick lautlose Stille. + +Dann rief eine kräftige Stimme: »Wenn für dich, Römer, auch für uns, für +ihre gotischen Brüder. Vorwärts!« + +Und wieder erhob sich das Brausen der Stimmen und im Augenblick war +Cethegus, ohne Anwendung bestimmter Gewalt, von dem Andrang der Masse wie +von unwiderstehlicher Meeresflut bis weit in den Hintergrund des Saales +zurückgeschoben, und die Vordersten im Zuge standen dicht vor dem Thron. + +Es waren Hildebrand, Witichis, Teja, ein baumlanger Gote, den Cethegus +nicht kannte, und neben ihm – es litt keinen Zweifel – die drei Herzoge +Thulun, Ibba und Pitza, in voller Rüstung, drei prachtvolle +Kriegergestalten. Die Eingedrungnen neigten sich vor dem Thron. Dann rief +Herzog Thulun nach rückwärts gewendet mit der Handbewegung eines gebornen +Herrschers: »Ihr, gotische Männer, harret noch draußen eine kurze Weile; +wir wollen’s in eurem Namen mit der Regentin zu schlichten suchen. Gelingt +es nicht – so rufen wir euch auf zur That – ihr wißt, zu welcher.« + +Willig und mit Jubelrufen zogen sich die Scharen hinter ihm zurück und +verloren sich bald in den Gängen und Hallen des Schlosses. + +»Tochter Theoderichs,« hob Herzog Thulun an, das Haupt zurückwerfend, »wir +sind gekommen, weil uns dein Sohn, der König, zurückberufen. Leider finden +wir ihn nicht mehr am Leben. Wir wissen, daß du uns nicht gerne hier +siehst.« + +»Wenn ihr das wißt,« sprach Amalaswintha mit Hoheit, »wie könnt ihr wagen, +dennoch vor unser Angesicht zu treten? Wer gestattet euch, wider unsern +Willen zu uns zu dringen?« – »Die Not gebeut es, hohe Frau, die Not, die +schon stärkere Riegel gebrochen als eines Weibes Laune. Wir haben dir die +Forderungen deines Volkes vorzutragen, die du erfüllen wirst.« – »Welche +Sprache! Weißt du wer vor dir steht, Herzog Thulun?« – »Die Tochter der +Amalungen, deren Kind ich ehre, auch wo es irrt und frevelt.« – »Rebell!« +rief Amalaswintha und erhob sich majestätisch vom Throne, »dein König +steht vor dir.« Aber Thulun lächelte: »Du würdest klüger thun, +Amalaswintha, von diesem Punkt zu schweigen. König Theoderich hat dir die +Mundschaft über deinen Sohn übertragen, dem Weibe: – das war wider Recht, +aber wir Goten haben ihm nicht eingeredet in seine Sippe. Er hat diesen +Sohn zum Nachfolger gewünscht, den Knaben: – das war nicht klug. Aber Adel +und Volk der Goten haben das Blut der Amalungen geehrt und den Wunsch +eines Königs, der sonst weise war. Niemals jedoch hat er gewünscht und +niemals hätten wir gebilligt, daß nach jenem Knaben ein Weib über uns +herrschen solle, die Spindel über die Speere.« + +»So wollt ihr mich nicht mehr anerkennen als eure Königin?« rief sie +empört. »Und auch du, Hildebrand, alter Freund Theoderichs, auch du +verleugnest seine Tochter?« + +»Frau Königin,« sprach der Alte, »wollest du selbst verhüten, daß ich dich +verleugnen muß.« + +Thulun fuhr fort: »Wir verleugnen dich nicht – noch nicht. Jenen Bescheid +gab ich nur, weil du auf dein Recht pochst und weil du wissen mußt, daß du +ein Recht nicht hast. + +Aber weil wir gern den Adel des Blutes ehren – wir ehren damit uns selbst +– und weil es in diesem Augenblick zu bösem Zwiespalt im Reich führen +könnte, wollten wir dir die Krone absprechen, so will ich dir die +Bedingungen sagen, unter denen du sie fürder tragen magst.« + +Amalaswintha litt unsäglich: wie gern hätte sie das stolze Haupt, das +solche Worte sprach, dem Henker geweiht. Und machtlos mußte sie das +dulden! Thränen wollten in ihr Auge dringen: sie preßte sie zurück, aber +erschöpft sank sie auf ihren Thron, von Cassiodor gestützt. + +Cethegus war indessen an ihre andre Seite getreten: »Bewillige alles!« +raunte er ihr zu, »’s ist alles erzwungen und nichtig. Und heute Nacht +noch kömmt Pomponius.« + +»Redet,« sprach Cassiodor, »aber schont des Weibes, ihr Barbaren.« – »Ei,« +lachte Herzog Pitza, »sie will ja nicht als Weib behandelt sein: sie ist +ja unser König.« + +»Ruhig, Vetter,« verwies ihn Herzog Thulun, »sie ist von edlem Blut wie +wir.« + +»Fürs erste,« fuhr er fort, »entläßt du aus deiner Nähe den Präfekten von +Rom. Er gilt für einen Feind der Goten. Er darf nicht die Gotenkönigin +beraten. An seine Stelle bei deinem Thron tritt Graf Witichis.« + +»Bewilligt!« sagte Cethegus selbst, statt Amalaswinthas. + +»Fürs zweite erklärst du in einem Manifest, daß fortan kein Befehl von dir +vollziehbar, der nicht von Hildebrand oder Witichis unterzeichnet, daß +kein Gesetz ohne Genehmigung der Volksversammlung gültig ist.« + +Die Regentin fuhr zornig auf, aber Cethegus hielt ihren Arm nieder. »Heute +Nacht kommt Pomponius!« flüsterte er ihr zu. Dann rief er laut: »Auch das +wird zugestanden.« + +»Das dritte,« hob Thulun wieder an, »wirst du so gern gewähren, als wir es +empfangen. Wir drei Balten haben nicht gelernt, in der Hofburg die Häupter +zu bücken: das Dach ist uns zu niedrig hier. Amaler und Balten leben am +besten weit von einander – wie Adler und Falk. Und das Reich bedarf unsres +Arms an seinen Marken. Die Nachbarn wähnen, das Land sei verwaiset, seit +dein großer Vater ins Grab stieg. Avaren, Gepiden, Sclavenen springen +ungescheut über unsre Grenzen. Diese drei Völker zu züchtigen, rüstest du +drei Heere, je zu dreißig Tausendschaften und wir drei Balten führen sie +als deine Feldherrn nach Osten und nach Norden.« + +Die ganze Waffenmacht obenein in ihre Hände: – nicht übel! dachte +Cethegus. »Bewilligt,« rief er lächelnd. + +»Und was bleibt mir,« fragte Amalaswintha, »wenn ich all das euch +dahingegeben?« + +»Die goldne Krone auf der weißen Stirn,« sagte Herzog Ibba. + +»Du kannst ja schreiben wie ein Grieche,« begann Thulun aufs neue. +»Wohlan, man lernt solche Künste nicht umsonst. Hier dies Pergament soll +enthalten – mein Sklave hat es aufgezeichnet – was wir fordern.« + +Er reichte es Witichis zur Prüfung: »Ist es so? Gut. Das wirst du +unterschreiben, Fürstin. – So, wir sind fertig. Jetzt sprich du, Hildebad, +mit jenem Römer.« + +Doch vor ihn trat Teja, die Rechte am Schwert, zitternd vor Haß: »Präfekt +von Rom,« sagte er, »Blut ist geflossen, edles, teures, gotisches Blut. Es +weiht ihn ein, den grimmen Kampf, der bald entbrennen wird. Blut, das du +büßen« – der Zorn erstickte seine Stimme. + +»Pah,« rief, ihn zurückschiebend, Hildebad, – denn er war der baumlange +Gote – »macht nicht soviel Aufhebens davon! Mein goldner Bruder kann +leicht etwas missen von überflüssigem Blut. Und der andre hat mehr +verloren als er missen kann. Da, du schwarzer Teufel,« rief er Cethegus zu +und hielt ihm ein breites Schwert dicht vor die Augen, »kennst du das?« + +»Des Pomponius Schwert!« rief dieser erbleichend und einen Schritt +zurückweichend. Amalaswintha und Cassiodor fragten erschrocken: +»Pomponius?« + +»Aha,« lachte Hildebad, »nicht wahr, das ist schlimm? Ja, aus der +Wasserfahrt kann nichts werden.« + +»Wo ist Pomponius, mein Nauarch?« rief Amalaswintha heftig. + +»Bei den Haifischen, Frau Königin, in tiefer See.« + +»Ha, Tod und Vernichtung!« rief Cethegus, jetzt fortgerissen vor Zorn, +»wie geht das zu?« + +»Lustig genug. Sieh, mein Bruder Totila – du kennst ihn ja, nicht wahr? – +lag im Hafen von Ancona mit zwei kleinen Schiffen. Dein Freund Pomponius, +der machte ihm seit einigen Tagen ein so übermütiges Gesicht und ließ so +dicke Worte fallen, daß es selbst meinem arglosen Blonden auffiel. +Plötzlich ist er eines Morgens mit seinen drei Trieren aus dem Hafen +entwischt. Totila schöpft Verdacht, setzt alle Leinwand auf, fliegt ihm +nach, holt ihn ein auf der Höhe von Pisaurum, stellt ihn, geht zu ihm an +Bord mit mir und ein paar andern und fragt ihn, wohinaus?« + +»Er hatte kein Recht dazu, Pomponius wird ihm keine Antwort gegeben +haben.« + +»Doch, Vortrefflicher, er gab ihm eine. Wie der sah, daß wir zu sieben +allein auf seinem Schiff, da lachte er und rief: »Wohin ich segle? Nach +Ravenna, du Milchbart, und rette die Regentin aus euren Klauen nach Rom.« +Und dabei winkte er seinen Leuten. Da warfen aber auch wir die Schilde vor +und hui, flogen die Schwerter aus den Scheiden. Das war ein harter Stand, +sieben gegen dreißig. Aber es währte zum Glück nicht lang, da hörten unsre +Bursche im nächsten Schiff das Eisen klirren und flugs waren sie mit ihren +Boten heran und erkletterten wie die Katzen die Wandung. Jetzt waren wir +die mehreren: aber der Nauarch – gieb dem Teufel sein Recht! – gab sich +nicht, focht wie ein Rasender und stieß meinem Bruder das Schwert durch +den Schild in den linken Arm, daß es hoch aufspritzte. Da aber ward mein +Bruder auch zornig und rannte ihm den Speer in den Leib, daß er fiel wie +ein Schlachtstier. »Grüßt mir den Präfekten,« sprach er sterbend, »gebt +ihm das Schwert, sein Geschenk, zurück und sagt ihm, es kann keiner wider +den Tod: sonst hätte ich Wort gehalten.« Ich hab’s ihm gelobt, es zu +bestätigen. Er war ein tapfrer Mann. Hier ist das Schwert.« + +Schweigend nahm es Cethegus. + +»Die Schiffe ergaben sich und mein Bruder führte sie zurück nach Ancona. +Ich aber segelte mit dem schnellsten hierher und traf am Hafen mit den +drei Balten zusammen, gerade zur rechten Zeit.« + +Eine Pause trat ein, in welcher die Überwundnen ihre böse Lage schmerzlich +überdachten. Cethegus hatte ohne Widerstand alles bewilligt in der sichern +Hoffnung auf die Flucht, die nun vereitelt war. + +Sein schönster Plan war durchkreuzt, durchkreuzt von Totila: tief grub der +Haß diesen Namen in des Präfekten Seele. Sein grimmiges Rachesinnen ward +erst durch den Ausruf Thuluns gestört: »Nun, Amalaswintha, willst du +unterzeichnen? oder sollen wir die Goten zur Wahl eines Königs berufen?« + +Rasch fand bei diesen Worten Cethegus die Fassung wieder: er nahm die +Wachstafel aus der Hand des Grafen und reichte sie ihr hin: »Du mußt, o +Königin,« sagte er leise, »es bleibt dir keine Wahl.« Cassiodor gab ihr +den Griffel, sie schrieb ihren Namen und Thulun nahm die Tafel zurück. + +»Wohl,« sagte er, »wir gehn, den Goten zu verkünden, daß ihr Reich +gerettet ist. Du, Cassiodor, begleitest uns, zu bezeugen, daß alles ohne +Gewalt geschehen ist.« + +Auf einen Wink Amalaswinthens gehorchte der Senator und folgte den +gotischen Männern hinaus auf das Forum vor dem Schlosse. Als sie sich mit +Cethegus allein sah, sprang die Fürstin heftig auf: nicht länger gebot sie +ihren Thränen. Leidenschaftlich schlug sie die Hand vor die Stirn. Ihr +Stolz war aufs tiefste gebeugt. Schwerer als des Gatten, des Vaters, ja +selbst als Athalarichs Verlust traf diese Stunde ihr Herz. »Das,« rief sie +laut weinend, »das also ist die Überlegenheit der Männer. Rohe, plumpe +Gewalt! o Cethegus, alles ist verloren.« + +»Nicht alles, Königin, nur ein Plan. Ich bitte um ein gnädiges Andenken,« +setzte er kalt hinzu, »ich gehe nach Rom.« + +»Wie? du verläßt mich in diesem Augenblick? Du, du hast mir all diese +Versprechungen abgewonnen, die mich entthronen, und nun scheidest du? O +besser, ich hätte widerstanden, dann wär ich Königin geblieben, hätten sie +auch jenem Rebellenherzog die Krone aufgesetzt.« + +Jawohl, dachte Cethegus, besser für dich, schlimmer für mich. Nein, kein +Held soll mehr diese Krone tragen. – Rasch hatte er erkannt, daß +Amalaswintha ihm nichts mehr nützen könne – und rasch gab er sie auf. +Schon sah er sich nach einem neuen Werkzeug für seine Pläne um. Doch +beschloß er, ihr einen Teil seiner Gedanken zu enthüllen, damit sie nicht +auf eigne Faust handelnd jetzt noch ihre Versprechungen widerriefe und +dadurch Thulun die Krone zuwende. »Ich gehe, o Herrin,« sprach er, »doch +ich verlasse dich darum nicht. Hier kann ich dir nichts mehr nützen. Man +hat mich aus deiner Nähe verbannt und man wird dich hüten, eifersüchtig +wie eine Geliebte.« + +»Aber was soll ich thun mit diesen Versprechungen, mit diesen drei +Herzogen?« + +»Abwarten, zunächst dich fügen. Und die drei Herzoge,« setzte er zögernd +bei – »die ziehn ja in den Krieg: – vielleicht kehren sie nicht zurück.« + +»Vielleicht!« seufzte die Regentin. »Was nützt ein vielleicht!« Cethegus +trat fest auf sie zu: »Sie kehren nicht zurück – sobald du’s willst.« +Erschrocken bebte die Frau: »Mord? Entsetzlicher, was sinnst du?« – »Das +Notwendige. Mord ist das falsche Wort dafür. Es ist Notwehr. Oder Strafe. +Hattest du in dieser Stunde die Macht, du hattest das volle Recht, sie zu +töten. Sie sind Rebellen. Sie zwingen deinen königlichen Willen. Sie +erschlagen deinen Nauarchen, den Tod haben sie verdient.« + +»Und sie soll’n ihn finden,« flüsterte Amalaswintha, die Faust ballend, +vor sich hin, »sie soll’n nicht leben, die rohen Männer, die eine Königin +gezwungen. Du hast Recht – sie sollen sterben.« – »Sie müssen sterben – +sie, und,« fügte er ingrimmig bei, »und – – der junge Seeheld!« + +»Warum auch Totila? Er ist der schönste Jüngling meines Volks.« + +»Er stirbt,« knirschte Cethegus, »o, könnt’ er zehnmal sterben.« + +Und aus seinem Auge sprühte eine Glut des Hasses, die, plötzlich aus der +eisigkalten Natur brechend, Amalaswintha in Schrecken überraschte. »Ich +schicke dir,« fuhr er rasch und leise fort, »aus Rom drei vertraute +Männer, isaurische Söldner. Die sendest du den drei Balten nach, sobald +sie in ihren Heerlagern eingetroffen. Hörst du, _du_ sendest sie, die +Königin: denn sie sind Henker, keine Mörder. Die Drei müssen an Einem Tage +fallen – Für den schönen Totila sorge ich selbst! – Der Schlag wird alles +erschrecken. In der ersten Bestürzung der Goten eile ich von Rom herbei. +Mit Waffen, dir zur Rettung. Leb wohl.« + +Er verließ rasch die Hilflose, an deren Ohr in diesem Augenblick von dem +Forum vor dem Palatium jubelndes Freudengeschrei der Goten schlug, die den +Erfolg ihrer Führer, die Besiegung Amalaswinthas feierten. + +Sie fühlte sich ganz verlassen. + +Daß die letzte Verheißung des Präfekten kaum mehr als ein leeres Trostwort +zur Beschönigung seines Abgangs war, ahnte sie mit banger Seele. Gramvoll +stützte sie die Wange auf die schöne Hand und verlor sich eine Weile +finster in ihren ratlosen Gedanken. Da rauschten die Vorhänge des +Gemaches: ein Palastbeamter stand vor ihr: »Gesandte von Byzanz bitten um +Gehör. Justinus ist gestorben: Kaiser ist sein Neffe Justinian. Er bietet +dir seinen brüderlichen Gruß und seine Freundschaft.« + +»Justinianus!« rief die ganze Seele der bedrängten Frau. Sie sah sich +ihres Sohnes beraubt, von ihrem Volk bedroht, von Cethegus verlassen: +ringsumher hatte sie in trübem Sinnen vergeblich Hilfe und Halt gesucht +und aufatmend aus tiefer Brust wiederholte sie jetzt: »Byzanz – +Justinianus!« + + + + + Viertes Kapitel. + + +In den Waldbergen von Fiesole findet heutzutage der Wandrer, der von +Florenz heranzieht, rechts von der Straße die Ruinen eines ausgedehnten +villenartigen Gebäudes. + +Epheu, Steinbrech und Wildrosen haben um die Wette die Trümmer +überkleidet: die Bauern des nahen Dorfes haben seit Jahrhunderten Steine +davongetragen, die Erde ihrer Weingärten an den Hügelrändern aufzudämmen. +Aber noch immer bezeichnen die Reste deutlich, wo die Säulenhalle vor dem +Hause, wo das Mittelgebäude, wo die Hofmauer stand. Üppig wuchert das +Unkraut auf dem Wiesgrund, wo dereinst der schöne Garten in Zier und +Ordnung prangte: nichts davon hat sich erhalten als das breite +Marmorbecken eines längst vertrockneten Brunnens, in dessen kiesigem +Rinnsal sich jetzt die Eidechse sonnt. + +Aber in den Tagen, von denen wir erzählen, sah es hier viel anders aus. +»Die Villa des Mäcen bei Fäsulä,« wie man das Gebäude damals, wohl mit +wenig Fug, benannte, war von glücklichen Menschen bewohnt, das Haus von +sorglicher Frauenhand bestellt, der Garten von hellem Kindeslachen belebt. +Zierlich war die rankende Klemmatis hinaufgebunden an den schlanken +Schäften der korinthischen Säulen vor dem Haus und der Wein zog freundlich +schmückend über das flache Dach. Mit weißem Sande waren die schlängelnden +Wege des Gartens bestreut und in den Nebengebäuden, die der Wirtschaft +dienten, glänzte eine Reinlichkeit, waltete eine stille Ordnung, die nicht +auf römische Sklavenhände raten ließ. + +Es war um Sonnenuntergang. + +Die Knechte und Mägde kehrten von den Feldern zurück: die hoch mit Heu +beladenen Wagen mit Rossen nicht italischer Zucht bespannt, schwankten +heran: von den Hügeln herunter trieben die Hirten Ziegen und Schafe herzu, +von großen zottigen Hunden umbellt. + +Dicht vor dem Hofthor gab es die lebendigste Scene des bunten Schauspiels: +ein paar römische Sklaven trieben mit tobenden Gebärden und gellendem +Geschrei die keuchenden Pferde eines grausam überladnen Wagens an: nicht +mit Peitschenhieben, sondern mit Stöcken, deren Eisenspitzen sie den +Tieren immer in dieselbe wunde Stelle stießen. Nur ruckweise ging es +trotzdem vorwärts. Jetzt lag ein großer Stein vor dem linken Vorderrad, +jeden Fortschritt unmöglich machend. Aber der wütige Italier sah es nicht. + +»Vorwärts, Bestie, und Kind einer Bestie,« schrie er dem zitternden Rosse +zu, »vorwärts, du gotisches Faultier!« Und ein neuer Stich mit dem Stachel +und ein neuer verzweifelter Ruck: aber das Rad ging nicht über den Stein, +das gequälte Tier stürzte in die Knie und drohte den Wagen mit umzureißen. +Darüber wurde der Treiber erst recht grimmig. »Warte, du Racker!« schrie +er und schlug nach dem Auge des zuckenden Rosses. – Aber nur einmal schlug +er, im nächsten Augenblick stürzte er selbst wie blitzgetroffen unter +einem mächtigen Streiche nieder. + +»Davus, du boshafter Hund!« brüllte eine Bärenstimme und über dem +Gefallenen stand schier noch mal so lang und gewiß noch mal so breit wie +der erschrockene Tierquäler, ein ungeheurer Gote, einen derben Knüttel +wiederholt auf den Rücken des Schreienden schwingend. + +»Du elender Neiding,« schloß er mit einem Fußtritt, »ich will dich lehren, +umgehn mit einem Geschöpf, das sechsmal besser ist als du. Ich glaube, du +Schandbub quälst den Hengst, weil er von jenseit der Berge ist. Noch +einmal laß mich das sehn und ich zerbreche dir alle Knochen im Leibe. +Jetzt auf und abgeladen: – du trägst alle Schwaden, die zuviel sind, auf +deinem eignen Rücken in die Scheuer. Vorwärts.« + +Mit einem giftigen Blick stand der Gezüchtigte auf und schickte sich +hinkend an, zu gehorchen. + +Der Gote hatte das zuckende Roß sogleich aufgerichtet und wusch ihm jetzt +sorglich die geschürften Knie mit seinem eignen Abendtrunk von Wein und +Wasser. + +Kaum war er damit zu Ende, als ihn vom nahen Stall her dringend eine helle +Knabenstimme rief: »Wachis, hierher, Wachis!« – »Komme schon, Athalwin, +mein Bursch, was giebt’s?« – und schon stand er in der offnen Thüre des +Pferdestalles, neben einem schönen Knaben von sieben bis acht Jahren, der +sich heftig die langen, gelben Haare aus dem erglühenden Antlitz strich +und mit Mühe in den himmelblauen Augen zwei Thränen des Zornes zerdrückte. +Er hatte ein zierlich geschnitztes Holzschwert in der Rechten und hob es +drohend gegen einen schwarzbraunen Sklaven, der mit gebognem Nacken und +mit geballten Fäusten trotzig ihm gegenüberstand. + +»Was giebt’s da?« wiederholte Wachis über die Schwelle tretend. + +»Der Rotschimmel hat wieder nichts zu saufen und sieh nur, zwei Bremsen +haben sich eingesogen oben an seinem Bug, wo er mit der Mähne nicht +hinreichen kann und ich nicht mit der Hand und der böse Cacus da, wie +ich’s ihm sage, will mir nicht folgen: und gewiß hat er mich geschimpft +auf römisch, was ich nicht verstehe.« Wachis trat drohend näher. + +»Ich habe nur gesagt:« sprach Cacus langsam zurückweichend, »erst eß’ ich +meine Hirse; das Tier mag warten; bei uns zu Lande kömmt der Mensch vor +dem Vieh.« – »So, du Tropf?« sagte Wachis, die Bremsen erschlagend, »bei +uns kommt das Roß vor dem Reiter zum Futter; mach vorwärts.« + +Aber Cacus war stark und trotzig: er warf den Kopf auf und sagte: »wir +sind hier in unserm Land – da gilt unser Brauch.« – »Eia, du verfluchter +Schwarzkopf, wirst du gehorchen?« sprach Wachis ausholend. – »Gehorchen? +Nicht dir! Du bist auch nur ein Sklave wie ich: und meine Eltern haben +schon hier im Hause gelebt als deinesgleichen noch Küh’ und Schafe stahlen +jenseit der Berge.« Wachis ließ den Knüttel fallen und wiegte seine Arme: +»Höre, Cacus, ich habe ohnehin noch einen Span mit dir, du weißt schon, +was für einen. Jetzt geht’s in einem hin.« – »Ha,« lachte Cacus höhnisch, +»wegen Liuta, der Flachsdirn? Pah, ich mag sie nicht mehr, die Barbarin. +Sie tanzt wie eine Jungkuh.« – Jetzt ist’s aus mit dir,« sagte Wachis +ruhig und schritt auf seinen Gegner zu. Aber dieser wandte sich wie eine +Katze aus dem Griff des Goten, riß ein spitzes Messer aus der Brustfalte +des Wollrocks und warf es nach ihm: da sich Wachis bückte, sauste es +haarscharf an seinem Kopf vorbei und fuhr tief in den Pfosten der Thür. +»Na, warte, du Mordwurm!« rief der Germane und wollte sich auf Cacus +werfen; da fühlte er sich von hinten umklammert. + +Es war Davus, der die Gelegenheit der Rache scharf erpaßt hatte. + +Aber jetzt ward Wachis sehr zornig. + +Er schüttelte ihn ab, packte ihn mit der Linken am Genick, erwischte mit +der Rechten Cacus an der Brust und stieß nun mit Bärenkraft seinen beiden +Gegnern die Köpfe zusammen, jeden Stoß mit einem Ausruf begleitend, »so, +meine Jungen – das für das Messer – und das für den Rückensprung – und den +für die Jungkuh« – und wer weiß, wie lange diese seltsame Litanei noch +fortgedauert haben würde, hätte sie nicht ein lautes Rufen gestört. + +»Wachis – Cacus – auseinander sag’ ich!« rief eine volle starke +Frauenstimme, und vor der Thür erschien ein stattliches Weib in blauem +gotischem Gewand. Sie war nicht groß und doch imposant: ihr schöner Bau +eher mächtig als zart. Die goldbraunen Haare waren in reichen, doch +einfachen Flechten um das runde Haupt geschlungen, die Züge regelmäßig, +aber eher fest als fein gezeichnet. Geradheit, Tüchtigkeit, Verlässigkeit +sprachen aus den fast allzugroßen graublauen Augen: die unbedeckten vollen +Arme zeigten, daß sie der Arbeit nicht fremd. An ihrem breiten Gürtel, +über den das braune Untergewand von selbstgewirktem Zeuge bauschte, +klirrte ein Bund von Schlüsseln: die Linke stemmte sie ruhig in die Hüfte +und befehlend streckte sie die Rechte vor sich hin. + +»Eia, Rauthgundis, strenge Frau,« sagte Wachis loslassend, »mußt du denn +überall die Augen haben?« + +»Überall, wo mein Gesinde Unfug treibt. Wann werdet ihr lernen, euch +vertragen? Euch Welschen fehlt der Herr im Hause. Aber du, Wachis, +solltest nicht auch der Hausfrau Verdruß machen. Komm, Athalwin, mit mir.« +Und sie führte den Knaben an der Hand mit fort. + +Sie ging in den Seitenhof und füllte aus einer Truhe Körner in ihr Gewand, +die Hühner und Tauben zu füttern, die sie sogleich dicht umdrängten. + +Athalwin sah eine Weile schweigend zu. Endlich sagte er: »Du, Mutter, +ist’s wahr? ist der Vater ein Räuber?« + +Rauthgundis hielt inne in ihrem Thun und sah das Kind an: »Wer hat das +gesagt.« + +»Wer? Ei, des Nachbars Calpurnius Neffe. Wir spielten auf dem großen +Heuhaufen seiner Wiese drüben überm Zaun und ich zeigte ihm, wie weit das +Land uns gehöre rechts vom Zaun, – weit und breit – so weit unsre Knechte +mähten und fern der Bach schimmerte. Da ward er zornig und sagte: »Ja, und +all’ das Land gehörte früher uns und dein Vater oder dein Großvater, die +haben’s gestohlen, die Räuber.« + +»So? und was sagtest du drauf.« + +»Ei, gar nichts, Mutter. Ich warf ihn nur über den Heuhaufen hinunter, daß +er die Füße gen Himmel schlug. Aber jetzt, nach der Hand, möcht’ ich doch +wissen, ob’s wahr ist.« + +»Nein, Kind, es ist nicht wahr. Gestohlen hat’s der Vater nicht. Aber +offen genommen, weil er besser war und stärker als diese Welschen. Und +alle starken Helden haben’s immer so gemacht zu allen Zeiten. Und die +Welschen in den Tagen, da sie stark waren und ihre Nachbarn schwach, am +allermeisten. Aber nun komm, wir müssen nach dem Linnen sehen, das auf dem +Anger zur Bleiche liegt.« + +Als sie nun den Stallungen den Rücken wandten und dem nahen Grashügel +links vom Hause zuschritten, hörten sie den raschen Hufschlag eines +Rosses, das auf der alten römischen Heerstraße nahte. Rasch hatte Athalwin +den Gipfel des Hügels erreicht und blickte nach der Straße hin. + +Da sprengte ein Reiter auf einem mächtigen Braunen die Waldhöhe herab auf +die Villa zu: hell funkelte sein Helm und die Spitze der Lanze, die er +schräg über dem Rücken trug. + +»Der Vater, Mutter, der Vater!« rief der Knabe und rannte pfeilgeschwind +den Hügel hinab dem Reiter entgegen. + +Rauthgundis hatte jetzt auch die Höhe erreicht. Ihr Herz pochte. Sie legte +die Hand vors Auge, in die schimmernde Abendröte zu schauen: dann sagte +sie still glücklich vor sich hin: »Ja, er ist’s. Mein Mann!« + + + + + Fünftes Kapitel. + + +Inzwischen hatte Athalwin den Nahenden schon erreicht und kletterte an +seinem Fuß hinan. Der Reiter hob ihn mit liebevoller Hand herauf und +setzte ihn vor sich in den Sattel und flog jetzt im Galopp heran: lustig +wieherte Wallada, das edle Tier, einst Theoderich’s Streitroß, die Heimat +und die Herrin erkennend und schlug freudig mit dem langen wallenden +Schweif. + +Nun war der Reiter heran und stieg ab mit dem Knaben: »mein liebes Weib!« +sprach er, sie herzlich umarmend. »Mein Witichis!« flüsterte sie, an +seiner Brust erglühend, entgegen, »willkommen bei den Deinen.« – »Ich +hatte versprochen, noch vor dem neuen Mond zu kommen – schwer ging’s –« + +»Aber du hieltst Wort wie immer.« – »Mich zog das Herz,« sagte er, den Arm +um sie schlingend. Sie schritten langsam dem Hause zu. »Dir, Athalwin, +ist, scheint’s, Wallada wichtiger als der Vater,« lächelte er dem Kleinen +zu, der sorgfältig das Pferd am Zügel nachführte. + +»Nein, Vater, aber gieb mir noch die Lanze dazu – so gut wird mir’s selten +hier in dem Bauernleben« – und den langen schweren Speerschaft mit Mühe +einherschleppend, rief er laut: »he, Wachis, Ansbrand, der Vater ist da! – +Jetzt holt den Falernerschlauch aus dem Keller. Der Vater hat Durst vom +scharfen Ritt.« + +Lächelnd strich Witichis über den Flachskopf des Knaben, der jetzt an +ihnen vorüber und voran eilte. »Nun, und wie steht’s hier draußen bei +euch?« fragte er, auf Rauthgundis blickend. »Gut, Witichis, die Ernte ist +glücklich eingebracht, die Trauben gestampft, die Garben geschichtet.« – +»Nicht danach frag’ ich,« sagte er, sie zärtlich an sich drückend, – »wie +geht es dir?« – »Wie’s einem armen Weibe geht,« antwortete sie, zu ihm +aufblickend, »das seinen herzgeliebten Mann vermißt. Da hilft nur Arbeit, +Freund, und tüchtig Schaffen, daß man das weiche Herz betäubt. Oft denk’ +ich, wie hart du dich mühen mußt, draußen, unter fremden Leuten, im Lager +und am Hof, wo niemand dein in Treuen pflegt. Da soll er wenigstens, denk’ +ich dann, kömmt er heim, sein Haus immer wohl bestellt und traulich +finden. + +Und das ist’s, sieh, was mir all’ die dumpfe Arbeit lieb macht und weihet +und veredelt.« + +»Du bist mein wackeres Weib. Mühst du dich nicht zuviel?« + +»Die Arbeit ist gesund. Aber der Verdruß, die Bosheit der Leute, das thut +mir weh.« Witichis blieb stehen. »Wer wagt’s, dir weh zu thun?« – »Ach, +die welschen Knechte und die welschen Nachbarn. + +Sie hassen uns alle. Weh uns, wenn sie uns nicht mehr fürchten. +Calpurnius, der Nachbar, ist so frech, wenn er dich ferne weiß, und die +römischen Sklaven sind trotzig und falsch; nur unsre gotischen Knechte +sind brav.« + +Witichis seufzte. Sie waren jetzt vor dem Hause angelangt und ließen in +dem Säulengang sich vor einem Marmortisch nieder. »Du mußt bedenken,« +sagte Witichis, »der Nachbar hat ein Drittel seines Guts und seiner +Sklaven an uns abtreten müssen.« – »Und hat zwei Drittel behalten und das +Leben dazu – er sollte Gott danken!« meinte Rauthgundis verächtlich. + +Da sprang Athalwin heran mit einem Korb voll Äpfeln, die er vom Baum +gepflückt; dann kamen Wachis und die andern germanischen Knechte mit Wein, +Fleisch und Käse und sie begrüßten den Herrn mit freimütigem Handschlag. +»Gut, meine Kinder, seid gegrüßt. Die Frau lobt euch. Aber wo stecken +Davus, Cacus und die andern?« – »Verzeih, Herr,« schmunzelte Wachis, »sie +haben ein schlecht Gewissen.« + +»Warum? Weshalb?« – »Ei, ich glaube, – weil ich sie ein bischen geprügelt +habe – sie schämen sich.« Die andern Knechte lachten. »Nun, es kann ihnen +nicht schaden,« meinte Witichis, »geht jetzt zu eurem Essen. Morgen seh’ +ich nach eurer Arbeit.« Die Knechte gingen. »Was ist’s mit Calpurnius,« +fragte Witichis, sich einschenkend. Rauthgundis errötete und besann sich: +»Das Heu von der Bergwiese,« sagte sie dann, »das unsre Knechte gemäht, +hat er nachts in seine Scheuer geschafft und giebt es nicht heraus.« – »Er +wird es schon herausgeben, mein’ ich ....« sagte er ruhig, trinkend. – +»Jawohl,« rief Athalwin lebhaft, »das mein’ ich auch. Und giebt er’s nicht +– mir noch lieber! Dann sagen wir Fehde an und ich zieh’ hinüber mit +Wachis und den reisigen Knechten, mit Waffen und Wehr. Er sieht mich immer +so giftig an, der schwarze Schleicher.« + +Rauthgundis wies ihn zur Ruh’ und schickte ihn schlafen. »Wohl, ich gehe,« +sagte er, »aber, Vater, wenn du wiederkömmst, bringst du mir statt dieses +Steckens da ein richtig Gewaffen mit, nicht wahr?« Und er hüpfte ins Haus. + +»Der Streit mit diesen Welschen endet nie,« sagte Witichis, »er vererbt +sich auf die Kinder. Du hast hier allzuviel Verdruß damit. Desto lieber +wirst du thun, was ich dir vorschlage: komm mit nach Ravenna an den Hof.« + +Hoch erstaunt blickte ihn das Weib an: »Du scherzest!« sagte sie +ungläubig. »Du hast das nie gewollt. In den neun Jahren, die ich dein bin, +ist dir’s nie eingefallen, mich an den Hof zu führen: ich glaube, es weiß +niemand in dem Volk, daß eine Rauthgundis lebt. Du hast ja unsere Ehe +geheim gehalten,« lächelte sie, »wie eine Schuld.« »Wie einen Schatz,« +sagte Witichis, die Arme um sie schlingend. – »Ich habe dich nie gefragt, +warum. Ich war und bin glücklich dabei und dachte und denke: er wird wohl +seinen Grund haben.« + +»Ich hatte meinen guten Grund: er besteht nicht mehr. Du magst nun alles +wissen. Wenige Monate, nachdem ich dich gefunden in deiner +Felseneinsamkeit und lieb gewonnen, kam König Theoderich auf den seltsamen +Gedanken, mich seiner Schwester Amalaberga, der Witwe des Thüringerkönigs, +zu vermählen, die gegen ihre schlimmen Nachbarn, die Franken, Mannesschutz +bedurfte.« – »Du solltest dort die Krone tragen?« sprach Rauthgundis mit +strahlenden Augen. »Mir aber,« fuhr Witichis fort, »war Rauthgundis lieber +als Königin und Krone, und ich sagte nein. + +Es verdroß ihn schwer und er verzieh mir nur, als ich ihm sagte, ich würde +wohl niemals freien. Konnt’ ich doch damals nicht hoffen, dich je mein zu +nennen: du weißt, wie lange dein Vater mißtrauisch und eisern dich mir +nicht anvertrauen wollte. Als du nun aber doch mein geworden, da hielt +ich’s nicht für wohlgethan, ihm das Weib zu zeigen, um das ich seine +Schwester ausgeschlagen.« + +»Aber warum hast du mir das verschwiegen, neun Jahre lang?« + +»Weil,« sagte er, ihr herzlich in die Augen blickend, »weil ich meine +Rauthgundis kenne. Du hättest immer geglaubt, Wunder was ich an jener +Krone verloren. Jetzt aber ist der König tot und ich bin dauernd an den +Hof gebunden. Wer weiß, wann ich wieder ruhen werde im Schatten dieser +Säulen, im Frieden dieses Daches.« + +Und in kurzen Worten erzählte er ihr den Sturz des Präfekten und welche +Stellung er nunmehr einnahm bei Amalaswinthen. Aufmerksam hörte ihn +Rauthgundis an; dann drückte sie ihm die Hand: »Das ist wacker, Witichis, +daß die Goten allmählich merken, was sie an dir haben. Und du bist +heiterer, denk’ ich, als sonst.« + +»Ja, mir ist wohler, seit ich mit tragen darf an der Last der Zeit. Dabei +stehen und sie wuchtig drücken sehen auf mein Volk war viel schwerer. Mich +dauert dabei nur die Regentin; sie ist wie eine Gefangene.« + +»Bah, warum hat das Weib gegriffen in das Amt der Männer. Mir fiele das +nie ein.« + +»Du bist keine Königin, Rauthgundis, und Amalaswintha ist stolz.« + +»Ich bin zehnmal so stolz wie sie. Aber so eitel bin ich nicht. Sie muß +nie einen Mann geliebt haben und seinen Wert und seine Art begriffen. Sie +könnte sonst nicht die Männer ersetzen wollen.« + +»Am Hof sieht man das anders an. Komm nur mit an den Hof.« + +»Nein, Witichis,« sagte sie ruhig, aufstehend, »der Hof paßt nicht für +mich. Und ich nicht für den Hof. Ich bin des Ödbauern Kind und gar +unhöfisch geartet. Sieh diesen braunen Nacken,« lachte sie, »und diese +rauhen Hände. Ich kann nicht die Lyra zupfen und Verslein lesen: schlecht +taugt’ ich zu den feinen Römerinnen und wenig Ehre würdest du haben von +mir.« + +»Du wirst dich doch nicht zu schlecht erachten für den Hof?« – »Nein, +Witichis, zu gut.« – »Nun, man müßte sich gegenseitig ertragen, würdigen +lernen.« – »Das würd’ ich nie. Sie vielleicht mich, aus Furcht vor dir, +ich niemals sie. Ich würd’ ihnen täglich ins Gesicht sagen, daß sie hohl, +falsch und schlecht sind.« + +»So willst du lieber deinen Mann entbehren, mondenlang?« – »Ja, lieber ihn +entbehren, als in schiefer, schlimmer Stellung um ihn sein. O mein +Witichis,« sagte sie, innig den Arm um seinen Nacken legend, »denk nur, +wer ich bin und wie du mich gefunden. + +Wo die letzten Siedelungen unseres Gotenvolks den Saum der Alpen umgürten, +hoch auf den Felsschroffen der Scaranzia, wo die junge Isara schäumend aus +den Steinklüften ins offne Land der Bajuwaren bricht, da steht meines +Vaters stiller Ödhof. Nichts kannt’ ich da als die strenge Arbeit des +Sommers auf den einsamen Almen, des Winters in der rauchgeschwärzten Halle +am Rocken mit den Mägden. Früh starb die Mutter und den Bruder haben die +Welschen erstochen. So wuchs ich einsam auf, allein mit dem alten Vater, +der so treu, aber auch so hart und verschlossen wie seine Felsen. Da sah +ich nichts von der Welt, die rechts und links von unsern Bergen lag. Nur +hoch von oben sah ich manchmal neugierig, wie ein Saumroß mit Salz oder +Wein unten in der Thalschlucht des Weges zog. Da saß ich wohl manchen +schimmervollen Sommerabend auf der zackigen Kulm des hohen Arn. Und sah +der Sonne nach, wie sie so herrlich niedersank weit drüben überm Licus: +und ich dachte, was sie wohl alles gesehen den langen Sommertag, seit sie +aufstieg drüben überm breiten Önus. Und daß ich wohl auch wissen möchte, +wie’s aussieht über dem Karwändel. Oder gar drüben, hinter dem +Brennusberg, wo der Bruder hinüberzog und nie mehr wiederkam. Und doch +fühlte ich, wie schön es sei droben in meiner grünen Einsamkeit, wo ich +den Steinadler pfeifen hörte aus dem nahen Horst und wo ich prächtige +Blumen brach, wie sie nicht wuchsen unten in der Ebene und auch wohl +einmal des Nachts den Bergwolf vor meiner Stallthür heulen hörte und mit +dem Kienbrand scheuchte. + +Und auch in dem frühen Herbst, in den langen Wintern hatte ich Muße, still +in mich hineinzusinnen: wann um die hohen Tannen die weißen Nebelschleier +spannen, wann der Bergwind die Felsblöcke von unserem Strohdach riß und +die Schneestürze von den Schroffen donnernd niedergingen. So wuchs ich +auf, fremd in der Welt jenseit der nächsten Wälder, nur zu Hause in der +stillen Welt meiner Gedanken, und in dem engen Bauernleben. + +Da kamest du – ich weiß es noch wie heute« – und sie hielt an, in +Erinnerung verloren. + +»Ich weiß es auch noch genau,« sagte Witichis. »Ich führte eine +Hundertschaft zur Ablösung von Juvavia nach der Augustastadt am Licus – +ich war vom Weg und meinen Leuten abgekommen: lang war ich den schwülen +Sommertag pfadlos umhergeirrt – da sah ich Rauch aufsteigen überm +Tannenhang und bald fand ich das versteckte Gehöft und trat ins Thor: da +stand ein prächtig Mädchen am Ziehbrunnen und hob den Eimer.« – + +»Und ich erschrak siedheiß, – zum erstenmal in meinem Leben! – als der +große, bräunliche Mann um die Hausecke bog mit dem krausen Bart und dem +funkelnden Helm.« + +»Ja, du wurdest blutrot bis in die Schläfe und ich bat dich um einen Trunk +Wasser. Und niemals hat mein Auge ein schöner Bild gesehen als wie du dich +nun niederbeugtest und mit den kräftigen Armen den schweren Eimer auf den +Brunnenrand hobst und mir schöpftest in dem Kürbiskrug: reich fielen die +dichten goldbraunen Zöpfe übers schwarze Mieder bis in die Knie und deine +Wangen waren pfirsichgleich: – o wie wacker, frisch und blühend sahst du +aus. Und wie wacker, frisch und blühend bist du mir geblieben seither alle +Zeit.« + +»Und darum, mein Witichis, auf daß ich dir blühend bleibe, führe mich +nicht an den Hof. Sieh hier schon im Thal, im Südthal der Alpen, wird mirs +oft zu schwül und ich sehne mich nach einem Atemzug aus der Tannenluft +meiner Waldberge. Am Hofe aber in den engen Goldgemächern – da würd’ ich +dir verkümmern und verschmachten. Laß du mich hier – ich will schon fertig +werden mit Nachbar Calpurnius. Und du, das weiß ich ja, du denkst doch +auch im Königssaal nach Haus an Weib und Kind.« + +»Ja, weiß Gott, mit sehnenden Gedanken. So bleibe denn hier und Gott +behüte dich, mein gutes Weib.« – + +Am zweiten Morgen darauf ritt Witichis wieder zurück, die Waldhöhe hinan. +Der Abschied hatte ihn fast weich gemacht: mit Kraft hatte er den Ausdruck +des Gefühls gehemmt, das er sich, schlicht und streng von Art, zu zeigen +scheute. Wie hing des Wackern Herz an diesem kern’gen Weib und seinem +Knaben! + +Hinter ihm drein trabte Wachis, der sich’s durchaus nicht hatte nehmen +lassen, dem Herrn noch eine Strecke das Geleit zu geben. Plötzlich ritt er +zu ihm hinan. »Herr,« sagte er, »ich weiß was.« – »So? warum sagst du’s +nicht?« – »Weil mich noch niemand drum gefragt hat.« – »Nun, ich frage +dich drum.« – »Ja, wenn man gefragt ist, muß man freilich reden. – Die +Frau hat dir gesagt, daß Calpurnius so ein böser Nachbar ist?« – »Ja. Und +was soll’s damit?« – »Sie hat dir aber nicht gesagt, seit wann?« + +»Nein. Weißt du seit wann?« – »Nun, seit etwa einem halben Jahr. Da traf +Calpurnius einmal die Frau im Wald allein, wie sie beide glaubten. Aber +sie waren nicht allein. Es lag einer im Graben und hielt seinen +Mittagsschlaf.« + +»Der Faulpelz warst du.« + +»Richtig erraten. Und da sagte Calpurnius etwas zur Frau.« + +»Was sagte er?« + +»Das hab’ ich nicht verstanden. Aber die Frau war nicht faul, hob die Hand +und schlug ihm ins Gesicht, daß es patschte. Das hab’ ich verstanden. Und +seither ist der Nachbar ein schlimmer Nachbar und das wollt’ ich dir +sagen, weil ich mir schon dachte, die Frau werde dich nicht ärgern wollen +mit dem Wicht. + +Aber es ist doch besser du weißt darum. Und sieh, da steht Calpurnius +gerade unter seiner Hofthür – siehst du, dort – und jetzt fahr’ wohl, +lieber Herr.« + +Und damit wandte er sein Pferd und jagte im Galopp nach Hause. + +Witichis aber stieg das Blut zu Kopf. Er ritt an die Thür seines Nachbars, +dieser wollte sich ins Haus drücken, aber Witichis rief ihn in einem Ton, +daß er bleiben mußte. + +»Was willst du mir, Nachbar Witichis,« sagte er, blinzelnd zu ihm +aufsehend. + +Witichis zog den Zügel an und schob sein Roß dicht neben jenen. Dann +streckte er ihm die geballte, erzgepanzerte Faust hart vor die Augen: +»Nachbar Calpurnius,« sagte er ruhig, »wenn _ich_ dir einmal ins Gesicht +schlage, stehst du nie wieder auf.« + +Calpurnius fuhr erschrocken zurück. + +Witichis aber gab seinem Rosse den Sporn und ritt stolz und langsam seines +Weges. + + + + + Sechstes Kapitel. + + +Zu Rom in seinem Arbeitszimmer lag, auf den weichen Kissen des Lectus +behaglich ausgestreckt, Cethegus der Präfekt. + +Er war guter Dinge. + +Die Untersuchung gegen ihn hatte mit Freisprechung geendet: nur im Fall +augenblicklicher Durchforschung seines Hauses, wie sie der junge König +angeordnet, aber sein Tod vereitelt hatte, wäre Entdeckung zu befürchten +gewesen. Er hatte durchgesetzt, daß die Befestigung von Rom fortgeführt +wurde, mit Zuschüssen aus seinen eigenen Geldern, was seinen Einfluß in +der Stadt noch hob. In der letzten Nacht hatte er Versammlung gehalten in +den Katakomben: alle Berichte lauteten günstig. Die Patrioten wuchsen an +Zahl und Reichtum. + +Der härtere Druck, der seit den letzten Vorgängen zu Ravenna auf den +Italiern lastete, konnte die Zahl der Unzufriednen nur vermehren und, was +die Hauptsache war, Cethegus hielt jetzt alle Fäden der Verschwörung in +seiner Hand. Unbedingt erkannten selbst die eifersüchtigsten Republikaner +die Notwendigkeit an, bis zum Tag der Freiheit dem Begabtesten die Führung +zu überlassen. + +So vorgeschritten war die Stimmung gegen die Barbaren bei allen Italiern, +daß Cethegus den Gedanken fassen konnte, sobald Rom vollends befestigt, +ohne Hilfe der Byzantiner loszuschlagen. Denn, wiederholte er sich immer +wieder, alle Befreier sind leicht gerufen und schwer abgedankt. Und mit +Liebe pflegte er den Gedanken, Italien allein zu befreien. + +So lag der Präfekt, legte Cäsars Bürgerkrieg, in dem er geblättert, zur +Seite, stützte das Haupt auf den linken Arm und sagte zu sich selbst: »die +Götter müssen noch Großes mit dir vorhaben, Cethegus. So oft du stürzest, +fällst du, heil wie eine Katze, auf die sichern Füße. Ah, wenn es uns wohl +geht, möchten wir uns mitteilen. Aber Vertrauen ist ein zu gefährliches +Vergnügen und das Schweigen ist der einzig treue Gott. Und doch bleibt man +ein Mensch und möchte ...« – + +Da trat ein Sklave ein, der alte Ostiarius Fidus, überreichte schweigend +einen Brief auf flacher goldner Schale und ging. »Der Bote wartet,« sagte +er. + +Gleichgültig nahm Cethegus das Schreiben. + +Aber sowie er auf dem Wachs, das die Schnüre der Tafeln zusammenhielt das +Siegel – die Dioskuren – erkannte, rief er lebhaft: »Von Julius! zu guter +Stunde!« löste eilig die Fäden, legte die Tafeln auseinander und las – das +kalte bleiche Antlitz überflogen von einem sonst völlig fremden Hauch +freudiger Wärme. + +»Cethegus dem Präfekten sein Julius Montanus. + +Wie lange ist’s, mein väterlicher Lehrer,« (– »beim Jupiter, das klingt +frostig« –) »daß ich dir nicht den schuldigen Gruß gesendet. Das letzte +Mal schrieb ich dir an den grünen Ufern des Ilissos, wo ich in dem +verödeten Hain des Akademos die Spuren Platons suchte – und nicht fand. +Ich weiß wohl, mein Brief war nicht heiter. Die traurigen Philosophen +dort, in vereinsamten Schulen wandelnd, zwischen dem Druck des Kaisers, +dem Argwohn der Priester und der Kälte der Menge, sie konnten nichts in +mir erwecken als Mitleid. Meine Seele war dunkel, ich wußte nicht weshalb. + +Ich schalt meinen Undank gegen dich – den großmütigsten aller Wohlthäter – +–« (»so unerträgliche Namen hat er mir nie gegeben,« schaltete Cethegus +ein). + +»Seit zwei Jahren reise ich, mit deinen Reichtümern wie ein König der +Syrer ausgestattet, von deinen Freigelassenen und Sklaven begleitet, durch +ganz Asien und Hellas, genieße alle Schönheit und Weisheit der Alten – und +mein Herz bleibt unbefriedigt, mein Leben unausgefüllt. Nicht Platons +schwärmerische Weisheit, nicht das Goldelfenbein des Pheidias, Homeros +nicht und nicht Thukydides boten, was mir fehlte. + +Endlich, endlich hier in Neapolis, der blühenden göttergesegneten Stadt +hab’ ich gefunden, was ich unbewußt überall vermißt und immer gesucht. + +Nicht tote Weisheit: warmes, lebendiges Glück,« (– er hat eine Geliebte! +nun endlich, du spröder Hippolyt, Dank euch, Eros und Anteros! –) »o, mein +Lehrer, mein Vater! weißt du, welch ein Glück es ist, ein Herz, das dich +ganz versteht, zum erstenmal dein eigen nennen?« (– »ah, Julius,« seufzte +der Präfekt mit einem seltnen Ausdruck weicher Empfindung, »ob ich es +wußte!« –) »Dem du die ganze volle Seele offen zeigen magst? O, wenn du’s +je erfahren, preise mich, opfre Zeus dem Erfüller endlich: zum erstenmal +hab’ ich einen Freund.« + +»Was ist das?« rief Cethegus unwillig aufspringend mit einem Blick +eifersüchtigen Schmerzes, »der Undankbare!« + +»Denn, das fühlst du wohl, ein Freund, ein Herzensvertrauter fehlte mir +bis jetzt. Du, mein väterlicher Lehrer« – + +Cethegus warf die Tafeln auf den Schildpatttisch und machte einen hastgen +Gang durchs Zimmer. »Thorheit!« sagte er dann ruhig, nahm den Brief auf +und las weiter – + +»Du, soviel älter, weiser, besser, größer als ich – du hast mir eine +solche Wucht von Dank und Verehrung auf die junge Seele geladen, daß sie +sich dir nie ohne Scheu öffnen konnte. Auch hörte ich oft mit Zagen, wie +du solche Weichheit und Wärme mit ätzendem Witze verhöhntest: ein scharfer +Zug um deinen stolzen festgeschlossenen Mund hat solche Gefühle in mir in +deiner Nähe stets getötet wie Nachtfrost die ersten Veilchen« (– »nun, +aufrichtig ist er!« –) »Jetzt aber hab’ ich einen Freund gefunden: offen, +warm, jung, begeistert wie ich und nie gekannte Wonne ist mein Teil. Wir +haben nur Eine Seele in zwei Körpern: die sonnigen Tage, die mondsilbernen +Nächte wandeln wir miteinander durch diese elyseischen Gefilde und finden +kein Ende der geflügelten Worte. – Aber ich muß ein Ende finden dieses +Briefs. Er ist ein Gote« (– »auch noch,« sagte Cethegus ungehalten,) »und +heißt Totila.« – + +Cethegus ließ die Hand mit dem Brief einen Augenblick sinken, er sagte +nichts, nur die Augen schloß er einen Moment, dann las er ruhig nochmal: + +»Und heißt Totila! + +Als ich am Tage nach meiner Ankunft in Neapolis durch das Forum des +Neptunus schlenderte und an der Bogenwölbung eines Hauses die Statuen +bewunderte, die ein Bildhauer dort zum Kaufe ausgestellt, stürzt +urplötzlich aus der Thür auf mich los ein grauköpfiger Mann mit einer +wollnen Schürze, über und über mit Gips bestäubt, in der Hand ein spitzes +Gerät: er packte mich an der Schulter und schrie: »Pollux, mein Pollux, +hab’ ich dich endlich!« + +Ich dachte der Alte sei verrückt und sagte: »Du irrst, guter Mann: ich +heiße Julius und komme von Athen.« + +»Nein,« schrie der Alte, »Pollux heißt du und kömmst vom Olymp.« Und eh’ +ich wußte, wie mir geschah, hatte er mich zur Thür hineingedreht. Da +erkannte ich denn allmählich, woran ich mit dem Alten war: er war der +Bildhauer, der die Statuen ausgestellt. + +In seiner Werkhalle standen andre halbvollendete umher und er erklärte +mir, seit Jahren trage er sich mit der Idee einer Dioskurengruppe. Für den +Kastor habe er vor kurzem ein köstlich Modell in einem jungen Goten +gefunden. »Aber umsonst erflehte ich« – fuhr er fort – »all diese Tage vom +Himmel einen Gedanken für meinen Pollux. Er soll dem Kastor gleichen, ein +Bruder Helenas, ein Sohn des Zeus wie er, volle Ähnlichkeit in Zügen und +Gestalt muß da sein. Und doch muß die Verschiedenheit so deutlich sein wie +die Gleichheit: sie müssen zusammengehören und doch jeder ganz eigenartig +sein. Umsonst lief ich alle Bäder und Gymnasien Neapolis ab: ich fand den +Ledazwilling nicht. Da hat dich ein Gott, Zeus selber hat dich mir ans +eigne Fenster geführt: wie ein Blitz schlug’s in mich ein, da steht mein +Pollux, wie er sein muß: und nicht lebendig laß ich dich aus dieser Halle, +bis du mir deinen Kopf und deinen Leib versprochen.« + +Gern sagte ich dem närrischen Alten zu, andern Tages wieder zu kommen. Und +das erfüllt ich um so lieber als ich erfuhr, daß mein gewaltthätiger +Freund Xenarchos sei, der größte Bildner in Marmor und Erz, den Italien +seit lange gesehn. Am andern Tag kam ich denn wieder und fand meinen +Kastor – es war Totila: – und ich kann nicht leugnen, daß mich die große +Ähnlichkeit selbst überraschte, wenn auch Totila älter, höher, kräftiger +und unvergleichlich schöner ist als ich. Xenarchos sagt, wir seien wie +Hellcitrus und Goldcitrus. Denn Totila ist heller an Haar und Haut: und +gerade so, schwört der Meister, haben sich die beiden Dioskuren geglichen +und nicht geglichen. So lernten wir uns denn unter den Götterbildern +Xenarchs kennen und lieben: wir wurden in Wahrheit Kastor und Pollux, +innig und unzertrennlich wie sie, und schon ruft uns das heitre Volk von +Neapolis bei diesem Namen, wann wir, Arm in Arm geschlungen durch die +Straßen gehn. + +Unsere junge Freundschaft ward aber noch besonders rasch gereift durch +eine drohende Gefahr, die sie leicht in der Blüte geknickt hätte. + +Wir waren eines Abends, wie wir pflegten, zur Porta Nolana hinaus +gewandelt, in den Bädern des Tiberius Kühlung von des Tages Hitze zu +suchen. Nach dem Bade hatte ich in einer Laune spielender Zärtlichkeit – +du wirst sie schelten – des Freundes weißen Gotenmantel umgeschlagen und +seinen Helm mit den Schwanenflügeln aufs Haupt gesetzt. Lächelnd ging er, +meine Chlamys umwerfend, auf den Tausch ein und friedlich plaudernd +schritten wir durch den Pinienhain im ersten Dunkel der Nacht nach der +Stadt zurück. + +Da springt aus dem Taxusgebüsch hinter mir ein Mann auf mich her und ich +fühle kaltes Eisen an meinem Halse. + +Aber im nächsten Augenblick lag der Mörder zu meinen Füßen, Totila’s +Schwert in der Brust. Nur leicht verwundet beugte ich mich zu dem +Sterbenden nieder und fragte ihn, welcher Grund ihn habe zum Haß, zum +Morde gegen mich treiben können. + +Er aber starrte mir ins Antlitz und hauchte: »Nicht dich: – Totila, den +Goten« – und er zuckte und war tot. Man sah’s an Tracht und Waffen – es +war ein isaurischer Söldner.« + +Cethegus senkte den Brief und drückte die linke Hand vor die Stirn. +»Wahnsinn des Zufalls,« sagte er, »wohin konntest du führen!« + +Und er las zu Ende. + +»Totila sagte, er habe der Feinde viele am Hofe zu Ravenna. Wir zeigten +den Vorfall Uliaris, dem Gotengrafen zu Neapolis, an. Dieser ließ die +Leiche durchsuchen und Nachforschungen anstellen – ohne Erfolg. Uns beiden +aber hat diese ernste Stunde die junge Freundschaft befestigt und mit Blut +geweiht für alle Zeit. Ernster und heiliger hat sie uns verbunden. Das +Siegel der Dioskuren, das du mir zum Abschied geschenkt, war ein +freundlich Omen, das sich freundlich erfüllt hat. Und wenn ich mich frage, +wem dank’ ich all dies Glück? Dir, dir allein, der mich in diese Stadt +Neapolis gesendet, in der ich all’ mein Glück gefunden. So mögen dir es +alle Götter und Göttinnen vergelten! Ach ich sehe, dieser ganze Brief +redet nur von mir und dieser Freundschaft – schreibe doch bald wie es um +dich steht. Vale.« + +Ein bitteres Lächeln zuckte um des Präfekten ausdrucksvollen Mund. + +Und wieder durchmaß er das Gemach in nur mit Mühe gehaltenen Schritten. +Endlich blieb er stehen, das Kinn in die linke Hand stützend. – »Wie kann +ich nur so – jugendlich sein, mich zu ärgern. Es ist alles sehr natürlich, +wenn auch sehr einfältig. Du bist krank, Julius. Warte: ich will dir ein +Rezept schreiben.« Und mit einem Anflug von grausamer Freude im Ausdruck, +setzte er sich auf den Schreiblectus, nahm eine Papyrusrolle aus der +Bronzevase, ergriff die gnidische Schilffeder und schrieb mit der roten +Tinte, aus einem Löwenkopf von Achat, der an dem Lectus angeschraubt war: + + »An Julius Montanus Cethegus, der Präfekt + von Rom. + +Deine rührende Epistel aus Neapolis hat mir viel Spaß gemacht. Sie zeigt, +daß du in der letzten Kinderkrankheit steckst. Hast du sie abgethan, wirst +du ein Mann sein. + +Die Krisis zu beschleunigen, verschreibe ich dir das beste Mittel. Du +suchst sogleich den Purpurhändler Valerius Procillus, meinen ältesten +Gastfreund in Neapolis, auf. Er ist der reichste Kaufherr des Abendlandes, +ein grimmiger Feind der Kaiser von Byzanz, die ihm Vater und Brüder +getötet, ein Republikaner wie Cato und schon deshalb mein vertrauter +Freund. Seine Tochter Valeria Procilla aber ist die schönste Römerin +unserer Zeit und eine echte Tochter der alten, der heidnischen Welt. +Antigone oder Virginia würden sich der Freundin freuen. Sie ist nur drei +Jahre jünger und folglich zehnmal reifer als du. Gleichwohl wird sie dir +der Vater nicht versagen, erklärst du ihm, daß Cethegus für dich wirbt. Du +aber wirst dich beim ersten Anblick sterblich in sie verlieben. + +Du wirst das: obgleich ich es dir vorher sage und obgleich du weißt, daß +ich es wünsche. In ihren Armen wirst du alle Freunde der Welt vergessen: +geht die Sonne auf, erbleicht der Mond. Übrigens, weißt du, daß dein +Kastor einer der gefährlichsten Römerfeinde ist? Und ich habe einmal einen +gewissen Julius gekannt, der geschworen: Rom über alles. Vale.« + +Cethegus rollte den Papyrus zusammen, umschnürte ihn mit den Bändern von +rotem Bast, befestigte diese an der Schleife mit Wachs und drückte seinen +Amethystring mit dem herrlichen Jupiterkopf auf dasselbe. Dann berührte er +einen aus dem Marmorgetäfel hervorschauenden silbernen Adler: – draußen an +der Wand des Vestibulums schlug ein eherner Donnerkeil auf den +Silberschild eines niedergeworfenen Titanen mit glockenhellem Ton. + +Der Sklave trat wieder ein. + +»Laß den Boten in meinen Thermen baden, gieb ihm Speise und Wein, einen +Goldsolidus und diesen Brief. Morgen mit Sonnenaufgang geht er damit +zurück nach Neapolis.« – – + + + + + Siebentes Kapitel. + + +Mehrere Wochen darauf finden wir den ernsten Präfekten in einem Kreise, +der sehr wenig zu seinem hohen Trachten, ja zu seinem Alter zu passen +schien. + +In dem seltsamen Nebeneinander von Heidentum und Christentum, das in den +ersten Jahrhunderten nach der Konstantiner Bekehrung das Leben und die +Sitten der Römerwelt mit grellen Widersprüchen erfüllte, spielte besonders +die friedliche Mischung von Festen der alten und der neuen Religion eine +auffallende Rolle. Neben den großen Feiertagen des christlichen +Kirchenjahres bestanden auch noch größtenteils die fröhlichen Feste der +alten Götter fort, wenn auch meist ihrer ursprünglichen Bedeutung, ihres +religiösen Kernes beraubt. + +Das Volk ließ sich etwa den Glauben an Jupiter und Juno nehmen und die +Kultushandlungen und die Opfer, aber nicht die Spiele, die Feste, die +Tänze und Schmäuse, die mit jenen Handlungen verbunden waren; und die +Kirche war von jeher klug genug, zu dulden, was sie nicht ändern konnte. + +So wurden ja sogar die echt heidnischen Lupercalien, mit welchen sich +derber Aberglaube und wüster Unfug aller Art verband, erst im Jahre +vierhundertsechsundneunzig – und nur mit Mühe – abgeschafft. + +Viel länger natürlich behaupteten sich harmlose Feste wie die Floralien, +die Palilien und zum Teil haben sich ja manche von ihnen in den Städten +und Dörfern Italiens mit veränderter Bedeutung bis auf diese Stunde +erhalten. So waren denn die Tage der Floralien gekommen, die, früher auf +der ganzen Halbinsel, als ein Fest besonders der fröhlichen Jugend, mit +lauten Spielen und Tänzen gefeiert, auch in jenen Tagen noch wenigstens +mit Schmaus und Gelage begangen wurden. + +Und so hatten sich denn die beiden Licinier und ihr Kreis von jungen +Rittern und Patriziern an dem Hauptfesttag der Floralien zu einem +Symposion zusammen bestellt, für welches jeder der Gäste, wie bei unsern +»Picknicks,« seinen Beitrag in Speisen oder Wein zu liefern hatte. Die +Fröhlichen versammelten sich bei dem jungen Kallistratos, einem +liebenswürdigen und reichen Griechen aus Korinth, der sich im Genuß +künstlerischer Muße zu Rom niedergelassen und nahe bei den Gärten des +Sallust ein geschmackvolles Haus gebaut hatte, das als der Mittelpunkt +heitern Lebensgenusses und feiner Bildung galt. Außer dem reichen Adel +Roms verkehrten dort vornehmlich die Künstler und Gelehrten: und dann auch +jene Schichten der römischen Jugend, denen über ihren Rossen und Wagen und +Hunden wenige Zeit und Gedanken für den Staat übrig blieb und die daher +bis jetzt dem Einfluß des Präfekten unzugänglich gewesen waren. + +Deshalb war es diesem sehr erwünscht, als ihm der junge Lucius Licinius, +jetzt sein glühendster Anhänger, die Einladung des Korinthers überbrachte. +»Ich weiß wohl,« sagte er schüchtern, »wir können deinem Geist nicht +ebenbürtige Unterhaltung bieten und wenn dich nicht die alten Kyprier und +Falerner locken, die Kallistratos spenden wird, lehnst du ab.« + +»Nein, mein Sohn, ich komme,« sagte Cethegus »und mich locken nicht die +alten Kyprier, sondern die jungen Römer.« – + +Kallistratos, der sein Hellenentum mit Stolz zur Schau trug, hatte sein +Haus mitten in Rom in griechischem Stil gebaut. Und zwar nicht in dem des +damaligen, sondern des freien, des perikleischen Griechenlands und dies +machte im Gegensatz zu der geschmacklosen Überladung jener Tage den +Eindruck edler Einfachheit. Durch einen schmalen Gang gelangte man in das +Peristyl, den offenen von Säulengängen umschlossenen Hof, dessen +Mittelpunkt ein plätschernder Springbrunnen in braunem Marmorbecken +bildete. Die nach Norden offne Säulenhalle enthielt außer andern Gelassen +auch den Speisesaal, der heute die kleine Gesellschaft versammelt hielt. +Cethegus hatte sich vorbehalten, nicht schon zu der »Coena«, dem +eigentlichen Schmause, sondern erst zu der »Commissatio,« dem darauf +folgenden nächtlichen Trinkgelag, zu kommen. Und so fand er denn die +Freunde in der vornehmen Trinkstube, wo längst schon die zierlichen +Bronzelampen an den schildpattgetäfelten Wänden brannten und die Gäste, +mit Rosen und Eppich bekränzt, auf den Polstern des hufeisenförmigen +Trikliniums lagerten. Eine betäubende Mischung von Weinduft und +Blumenduft, von Fackelglanz und Farbenglanz drang ihm an der Schwelle +entgegen. + +»Salve, Cethege!« rief der Wirt dem Eintretenden entgegen. »Du findest nur +kleine Gesellschaft.« + +Cethegus befahl dem Sklaven, der ihm folgte, einem herrlich gewachsenen +jungen Mauren, dessen schlanke Glieder durch den Scharlachflor seiner +leichten Tunika mehr gezeigt als verhüllt wurden, ihm die Sandalen +abzubinden. Er zählte indessen: »Nicht unter den Grazien,« lächelte er, +»nicht über die Musen.« + +»Geschwind, wähle den Kranz,« mahnte Kallistratos, »und nimm deinen Platz +da oben auf dem Ehrensitz der mittleren Kline. Wir haben dich im Voraus +zum Symposiarchen, zum Festkönig gewählt.« + +Der Präfekt hatte sich vorgesetzt, diese jungen Leute zu bezaubern. Er +wußte, wie gut er das konnte: und er wollte es heute. Er wählte einen +Rosenkranz und ergriff das elfenbeinerne Scepter, das ihm ein syrischer +Sklave knieend reichte. Das Rosendiadem zurecht rückend schwang er mit +Würde den Stab: »So mach’ ich eurer Freiheit ein Ende!« + +»Ein geborner Herrscher,« rief Kallistratos, halb im Scherz, halb im +Ernst. – »Aber ich will ein sanfter Tyrann sein! mein erst Gesetz: ein +Drittel Wasser – zwei Drittel Wein.« – »Oho,« rief Lucius Licinius und +trank ihm zu, »_bene te_! Du führst üppig Regiment. Gleiche Mischung ist +sonst unser Höchstes.« + +»Ja, Freund,« lächelte Cethegus, sich auf dem Ecksitz der mittleren Kline, +dem »Konsulsplatz«, niederlassend, »ich habe meine Trinkstudien unter den +Ägyptern gemacht, die trinken nur lautern. He, Mundschenk – wie heißt er?« + +»Ganymedes – er ist aus Phrygien. Hübscher Wuchs, eh?« – »Also, Ganymed, +gehorche deinem Jupiter und stelle neben jeden eine Patera Mamertiner Wein +– doch neben Balbus zwei, weil er sein Landsmann ist.« Die jungen Leute +lachten. + +Balbus war ein reicher Gutsbesitzer auf Sicilien, noch sehr jung und schon +sehr dick. + +»Pah,« lachte der Trinker, »Epheu ums Haupt und Amethyst am Finger – so +trotz ich den Mächten des Bacchus.« – »Nun, wo steht ihr im Wein?« fragte +Cethegus, dem jetzt hinter ihm stehenden Mauren winkend, der ihm einen +zweiten Kranz von Rosen, diesmal um den Nacken, schlang. + +»Settiner Most mit hymettischem Honig, war das letzte. Da, versuch!« so +sprach Piso, der schelmische Poet, dessen Epigramme und Anakreontika die +Buchhändler nicht rasch genug konnten abschreiben lassen und dessen +Finanzen sich doch stets in poetischer Unordnung befanden. Und er reichte +dem Präfekten was wir einen »Vexierbecher« nennen würden, einen bronzenen +Schlangenkopf, der, unvorsichtig an den Mund gebracht, einen Strahl Weines +heftig in die Kehle schoß. Aber Cethegus kannte das Spiel, behutsam trank +er und gab den Becher zurück. »Deine _trocknen_ Witze sind mir lieber, +Piso,« lachte er und haschte ihm aus der Brustfalte ein beschriebenes +Täfelchen. + +»O gieb,« sagte Piso, »es sind keine Verse – sondern – ganz im Gegenteil! +– eine Zusammenstellung meiner Schulden für Wein und Pferde.« – »Je nun,« +meinte Cethegus, »ich hab’ sie an mich genommen – sie sind also mein. Du +magst morgen die Quittung bei mir einlösen: aber nicht umsonst – mit einem +deiner boshaftesten Epigramme auf meinen frommen Freund Silverius!« – »O +Cethegus,« rief der Poet erfreut und geschmeichelt, »wie boshaft kann man +sein für vierzigtausend Solidi! Wehe dem heiligen Mann Gottes.« + + + + + Achtes Kapitel. + + +»Und im Schmause – wie weit seid ihr damit?« fragte Cethegus, »schon bei +den Äpfeln? sind es diese?« + +Und er sah blinzend nach zwei Fruchtkörben von Palmenbast, die hoch +aufgehäuft auf einem Bronzetisch mit elfenbeinernen Füßen prangten. »Ha +Triumph!« lachte Marcus Licinius, des Lucius jüngerer Bruder, der sich mit +der liebhaberischen Spielplastik der Mode abgab. »Da siehst du meine +Kunst, Kallistratos! Der Präfekt nimmt meine Wachsäpfel, die ich dir +gestern geschenkt, für echt.« »Ah wirklich?« rief Cethegus wie erstaunt, +obwohl er den Wachsgeruch längst ungern vermerkt. »Ja, Kunst täuscht die +Besten. Bei wem hast du gelernt? Ich möchte dergleichen in meinem +kyzikenischen Saal aufstellen.« + +»Ich bin Autodidakt,« sagte Marcus stolz, »und morgen schicke ich dir +meine neuen persischen Äpfel: – denn du würdigst die Kunst.« + +»Aber das Gelag ist doch zu Ende?« fragte der Präfekt, den linken Arm auf +das Polster der Kline stützend. + +»Nein,« rief der Wirt, »ich will es nur gestehn: da ich auf unsern +Festkönig erst zur Trinkstunde rechnen durfte, hab’ ich noch einen kleinen +Nachschmaus zu den Bechern gerüstet.« – »O du Frevler,« rief Balbus, sich +mit der zottigen Purpurgausape die fettglänzenden Lippen wischend, »und +ich habe so schrecklich viel von deinen Feigenschnepfen gegessen!« – »Das +ist wider die Verabredung!« rief Marcus Licinius. – »Das verdirbt meine +Sitten!« sagte der fröhliche Piso ernsthaft. – »Sprich, ist das +hellenische Einfachheit?« fragte Lucius Licinius. – »Ruhig, Freunde,« +tröstete Cethegus mit einem Citat: »Auch unverhofftes Unheil trägt ein +Römer stark.« + +»Der hellenische Wirt muß sich nach seinen Gästen richten,« entschuldigte +Kallistratos, »ich fürchte, ihr kämt mir nicht wieder, böte ich euch +marathonische Kost.« – »Nun, dann bekenne wenigstens, was noch droht,« +rief Cethegus, »du, Nomenklator, lies die Schüsseln ab: ich werde dann die +Weine bestimmen, die dazu gehören.« + +Der Sklave, ein schöner lydischer Knabe, in einem bis an die Knie +aufgeschlitzten Röckchen von blauer pelusischer Leinwand, trat dicht neben +Cethegus an den Tisch von Cypressenholz und las von einem Täfelchen ab, +das er an goldnem Kettchen um den Hals trug: »Frische Austern aus +Britannien in Thunfischbrühe mit Lattich.« – »Dazu Falerner von Fundi,« +sprach Cethegus ohne Besinnen. »Aber wo steht der Schenktisch mit den +Pokalen? Rechter Trunk mundet nur aus rechter Schale.« + +»Dort ist der Schenktisch!« und auf einen Wink des Hausherrn fiel der +Vorhang zurück, der die eine Ecke des Zimmers, den Gästen gegenüber, +verhüllt hatte. + +Ein Ruf des Staunens flog von den Tischen. + +Der Reichtum der dort zur Schau gestellten Prunkgeschirre und der +Geschmack ihrer Anordnung war selbst diesen verwöhnten Augen überraschend. +Auf der Marmorplatte des Tisches stand ein geräumiger silberner Wagen mit +goldnen Rädern und ehernem Gespann: es war ein Beutewagen, wie sie in +römischen Triumphen aufgeführt zu werden pflegten: und als köstliche Beute +lagen darin Pokale, Gläser, Schalen jeder Gestalt und jedes Stoffes in +scheinbarer Unordnung, doch mit kunstverständiger Hand, gehäuft. + +»Bei Mars dem Sieger,« lachte der Präfekt, »der erste römische Triumph +seit zweihundert Jahren. Ein seltner Anblick! Darf ich ihn zerstören?« – +»Du bist der Mann, ihn wieder aufzurichten,« sagte Lucius Licinius feurig. +– »Meinst du? Versuchen wir’s! – Also zum Falerner die Kelche dort von +Terebinthenholz.« + +»Weindrosseln vom Tagus mit Spargeln von Tarent!« fuhr der Lydier fort. +»Dazu den roten Massiker von Sinuessa aus jenen amethystnen Kelchen.« + +»Junge Schildkröten von Trapezunt mit Flamingozungen –« + +»Halt an, beim heiligen Bacchus,« rief Balbus. »Das sind ja die Qualen des +Tantalus. Mir ist ganz gleich, aus was ich trinke, aus Terebinthen oder +Amethyst – aber dies Aufzählen von Götterbissen mit trocknem Gaumen halt’ +ich nicht mehr aus. Nieder mit Cethegus dem Tyrannen, er sterbe, wenn er +uns hungern läßt.« – »Mir ist, ich wäre Imperator und hörte das getreue +Volk von Rom. Ich rette mein Leben und gebe nach. Tragt auf, ihr Sklaven.« +Da tönten Flöten aus dem Vorgemach und im Takte der Musik schritten sechs +Sklaven, Epheu um die glänzend gesalbten Locken, in roten Mänteln und +weißen Tuniken heran. Sie reichten den Gästen frische Handtücher von +feinstem sidonischem Linnen mit weichen Purpurfransen. + +»Oh,« rief Massurius, ein junger Kaufmann, der vornehmlich mit schönen +Sklaven und Sklavinnen handelte und in dem zweideutigen Ruhme stand, der +feinste Kenner solcher Ware zu sein, »das weichste Handtuch ist ein +schönes Haar« – und er fuhr dem eben neben ihm knieenden Ganymed durch die +Locken. »Aber, Kallistratos, jene Flöten sind hoffentlich weiblichen +Geschlechts – auf mit dem Vorhang – laß die Mädchen ein.« + +»Noch nicht,« befahl Cethegus. »Erst trinken, dann küssen. Ohne Bacchus +und Ceres, du weißt –« + +»Friert Venus, nicht Massurius.« + +Da erscholl aus dem Seitengemach der Klang von Lyra und Kithara und ein +trat ein Zug von acht Jünglingen in goldgrün schillernden Seidengewändern, +vorauf der »Anrichter« und der »Zerleger«: die sechs andern trugen +Schüsseln auf dem Haupt: sie zogen im Taktschritt an den Gästen vorüber +und machten vor dem Anrichttisch von Citrus Halt. Während sie hier +beschäftigt waren, erklangen vom Mittelgrunde her Kastagnetten und +Cymbeln, die großen Doppelthüren drehten sich um ihre erzschimmernden +Säulenpfosten und ein Schwarm von Sklaven in der schönen Tracht +korinthischer Epheben strömte herein. Die einen reichten Brot in zierlich +durchbrochenen Bronzekörben: andre verscheuchten die Mücken mit breiten +Fächern von Straußenfedern und Palmblättern: einige gossen Öl in die +Wandlampen aus doppelhenkeligen Krügen mit anmutvoller Bewegung, indes +etliche mit zierlichen Besen von ägyptischem Schilf von dem Mosaikboden +die Brosamen fegten und die übrigen Ganymed die Becher füllen halfen, die +jetzt schon eifrig kreisten. + +Damit stieg denn die Raschheit, die Wärme des Gesprächs und Cethegus, der, +wie überlegen nüchtern er blieb, völlig im Moment versunken schien, +bezauberte durch seine Jugendlichkeit die Jünglinge. + +»Wie ist’s,« fragte der Hausherr, »wollen wir würfeln zwischen den +Schüsseln? Dort neben Piso steht der Würfelbecher.« – »Nun, Massurius,« +meinte Cethegus mit einem spöttischen Blick auf den Sklavenhändler, +»willst du wieder einmal dein Glück wider mich versuchen? Willst du wetten +gegen mich? Gieb ihm den Becher, Syphax!« winkte er dem Mauren. + +»Merkur soll mich bewahren!« antwortete Massurius in komischem Schreck. +»Laßt euch nicht ein mit dem Präfekten – er hat das Glück seines Ahnherrn +Julius Cäsar geerbt.« + +»_Omen accipio!_« lachte Cethegus, »das nehm’ ich an, mitsamt dem Dolch +des Brutus.« + +»Ich sag’ euch, er ist ein Zauberer! Erst jüngst hat er eine ungewinnbare +Wette gegen mich gewonnen an diesem braunen Dämon –« Und er wollte dem +Sklaven eine Feige ins Gesicht werfen: aber dieser fing sie behende mit +den glänzend weißen Zähnen und verzehrte sie mit ruhigem Behagen. + +»Gut, Syphax,« lobte Cethegus, »Rosen aus den Dornen der Feinde! Du kannst +ein Gaukler werden, sobald ich dich freilasse.« + +»Syphax will nicht frei sein, er will dein Syphax sein und dein Leben +retten wie du seins.« + +»Was ist das – dein Leben?« fragte Lucius Licinius mit erschrockenem +Blick. – »Hast du ihn begnadigt?« sagte Marcus. + +»Mehr, ich hab’ ihn losgekauft.« + +»Ja, mit meinem Gelde!« brummte Massurius. + +»Du weißt, ich hab’ ihm dein verwettet Geld sofort als Peculium +geschenkt.« + +»Was ist das mit der Wette? erzähle, vielleicht ein Stoff für meine +Epigramme,« fragte Piso. + +»Laßt den Mauren selbst erzählen – sprich, Syphax, du darfst.« + + + + + Neuntes Kapitel. + + +Ohne Zögern trat der junge Sklave in das von den Tischen gebildete +Hufeisen, den Rücken zur Thüre gewandt: sein funkelndes Auge überflog +rasch die Versammlung und haftete dann mit Glut auf seinem Herrn: alle +bewunderten die jugendliche Kraft und Schönheit der schlanken Glieder, +deren tiefes Braun nur um die Hüften ein kostbarer Schurz von Scharlach +verhüllte. + +»Leicht ist erzählt, was schwere Schmerzen barg. Ich bin daheim im +Lieblingsland der Sonne; wo hundert Palmen die immer grüne Oase +beschatten, außer uns nur dem Löwen bekannt und dem fleckigen Panther. +Aber in einer götterverlassenen Nacht, da fand der Feind unser altes +Versteck. Vandalische Reiter waren’s und keine Rettung. Rot und schwarz +stieg der Rauch unsrer Zelte durch die Cedernwipfel hinan, kreischend +flohen Weiber und Kinder. Da traf mich ein sausender Speer. + +Ich erwachte gebunden im Sklavenraum eines Griechenschiffs, das uns +gekauft, mich und viele Männer und Weiber meines Stammes: ich hatte nichts +gerettet als meinen Gott, den weißen Schlangenkönig, ich trug ihn im +Gürtel geborgen. Sie brachten uns nach Rom, da kaufte mich einer, dessen +Namen verflucht sei.« + +»’s ist unser Freund Calpurnius,« unterbrach Cethegus. + +»Und kein Stern soll ihm leuchten auf nächtlicher Fahrt, er soll +verdursten im heißen Sand,« knirschte der Maure mit aufloderndem Haß. »Er +schlug mich oft um nichts und ließ mich hungern. Ich schwieg und betete zu +meinem Gott um Rache. Er zürnte, daß ich so ruhig seine Wut ertrug. + +Er wußte nicht, daß Syphax seinen Gott bei sich trug in Gestalt einer +Schlange. Da trat er eines Morgens an mein Lager und fand sie um meinen +Hals geringelt. Er erschrak: ich sagte ihm seine Zähne seien nicht +tödlich, aber seine Rache. Da ergrimmte er, schlug nach mir und sagte: +»Töte den Wurm!« Umsonst flehte ich und wand mich auf den Knieen vor ihm. +Er schlug mich und schlug nach dem Gott: und als ich den deckte mit meinem +Leibe, schrie er noch wilder: »Töte das Tier.« Wie konnt’ ich gehorchen! +Da rief er seine Sklaven und befahl: »Nehmt ihm die Bestie und kocht sie +lebendig. Er soll seinen Gott fressen!« Ich erschrak zum Tode über diesen +Frevel. Und sie griffen mich und haschten nach der Schlange. Aber der Gott +gab mir die Kraft der Wut, die da gleich ist der Kraft des pfeilwunden +Tigers, und ich sprang unter sie mit gellendem Schrei. + +Nieder schlug ich den Verfluchten mit dieser Faust und gewann die Thüre +des Hauses und sprang hinaus ins Freie und dreißig Sklaven hinter mir +drein. Da galt es das Leben.« + +Die Gäste lauschten gespannt, selbst Balbus setzte den Becher ab, den er +eben zu Munde führte. + +»Ich laufe nicht schlecht: oft haben wir, drei Vettern und ich, die +windschnelle Antilope müde gejagt. Und die Sklaven waren langsam und +schwer. + +Aber sie kannten die Stadt und ihre Straßen und ich nicht. So war es ein +ungleich Spiel. Die Verfolger teilten sich in Scharen von drei, vier Mann +und gewannen mir durch Seitengassen und Durchgänge den Weg ab. + +Zum Glück hatte ich im Vorbeirennen an einer Schmiede einen schweren +Feuerhaken errafft: zwei, dreimal braucht’ ich ihn, die Verfolger zu +scheuchen, zu treffen, die mir plötzlich von vorn entgegenkamen. Ich +fühlte aber, lange konnte das nicht mehr dauern: wie rasch ich war, wie +langsam sie, zuletzt mußte ich doch erliegen. + +Da sandte mir der Gott, den ich fest mit der Linken an die Brust drückte, +Ihn,« – und sein schönes Auge funkelte, – »meinen Herrn, den gewaltigen, +der mächtig ist wie der Löwe von Abaritana und klug wie der Elefant, der +da gut ist wie milder Regen nach langer Dürre und herrlich wie –« + +»Jetzt erzählst du schlecht, Syphax, ich will vollenden. Ich kam gerade +von den Schanzwerken am aurelischen Thor, dem Grabmal Hadrians.« + +»Deinem schönen, göttergeschmückten Lieblingsort,« unterbrach +Kallistratos. + +»Und bog am Fuße des Kapitols in das Forum Trajans: da stand eine +gaffende, schreiende Menge und sah der Menschenjagd neugierig zu: wie ein +Pfeil schoß der Maure von dem Forum des Nerva heran, seine Verfolger weit +hinter ihm. Aber siehe, dicht neben mir bogen von links fünf, von rechts +sieben der Sklaven des Calpurnius auf das Forum ein, bereit, ihn +aufzufangen, sowie er auf dem Platz ankam. »Der ist verloren!« sagte neben +mir eine bekannte Stimme, es war Massurius, der aus dem Bade des Augustus +trat. + +»Wem gehört er?« fragte ich. »Calpurnius ist unser Herr,« antwortete der +Sklave neben mir. »Dann wehe ihm,« sprach Massurius zu mir: »er hängt +seine Strafsklaven bis an den Hals gebunden in seinen Fischweiher und läßt +sie lebendig auffressen von seinen Muränen und Hechten.« – »Ja,« sagte der +Sklave, »Syphax hat ihn niedergeschlagen, und der Herr rief im Aufstehen: +»zu den Muränen den Hund! wer ihn einbringt, ist frei.« + +Ich blickte den Platz hinab auf den Mauren, der jetzt gleich heran war. +»Der ist zu gut für die Fische,« sagte ich, »welch’ herrlicher Wuchs! Und +sieh, er kömmt durch, ich wette.« + +Denn eben hatte der Flüchtling die erste Kette der Sklaven, die sich ihm +an der Mündung der Via julia entgegenwarf, durchbrochen und flog jetzt auf +uns zu.« + +»Und ich wette tausend Solidi, er kömmt nicht durch: sieh’, dort die +Lanzen,« sprach Massurius. – »Gerade vor uns standen fünf Sklaven mit +Lanzen und Wurfspeeren. »Es gilt!« rief ich, tausend Solidi. + +Da war er heran. + +Drei Speere sausten zugleich: aber wie ein Panther duckte der Flinke unter +ihnen weg und, plötzlich aufschnellend, sprang er in hohem Satz über die +Lanzen der beiden übrigen. Atemlos kam er dicht vor mir zu Boden: er +blutete von Steinen und Pfeilen und schon kam jetzt vom Forum julium heran +das ganze Rudel. Verzweifelnd sah er um sich und wollte nach rechts in die +Friedens-Tempel-Straße, die ihn gerade nach seines Herrn Hause +zurückgeführt hätte. Da sah ich vor uns das Portal der kleinen Basilika +von Sankt Laurentius offen stehen. »Dort hin!« rief ich ihm zu.« + +»In meiner Sprache! er kennt meine Sprache,« rief Syphax. + +»Er kennt, glaub’ ich, alle Sprachen,« meinte Marcus Licinius. + +»Dorthin, wiederholte ich, dort ist Asyl. Wie der Blitz war er die Stufen +hinan, schon auf der letzten, da traf ihn ein Stein, daß er stürzte und +sein nächster Verfolger war oben und packte ihn. Aber glatt wie ein Aal +rang er sich aus seinem Griff, stieß ihn die Stufen hinab und sprang in +die Thüre der Kirche.« + +»Da hattest du gewonnen,« sagte Kallistratos. + +»Ich wohl, aber er nicht. Denn die Priester von St. Laurentius, so +eifersüchtig sie ihre Asylrechte wahren, so wenig haben sie Mitleid mit +einem Heiden. Einen Tag lang bargen sie ihn: als sie aber erfuhren, daß er +um der Schlange willen seinen Herrn niedergeschlagen, da stellten sie ihm +die Wahl, Christ zu werden und den Götzen aufzugeben, oder Calpurnius und +die Muränen. + +Syphax wählte den Tod. Ich erfuhr es und kaufte dem Zornigen seine Rache +ab und das Leben dieses schlanken Burschen, des schönsten Sklaven in Rom.« + +»Kein schlechtes Geschäft,« meinte Marcus, »der Maure ist dir treu.« + +»Ich glaube,« sagte Cethegus, »tritt zurück, Syphax. + +Da bringt der Koch sein Meisterstück, so scheint’s.« + + + + + Zehntes Kapitel. + + +Es war eine sechspfündige Steinbutte, seit Jahren im Meerwasserweiher des +Kallistratos mit Gänselebern gemästet. Der vielgepriesene »Rhombus« kam +auf silberner Schüssel, ein goldenes Krönchen auf dem Kopf. + +»Alle guten Götter und du, Prophete Jonas!« lallte Balbus zurücksinkend in +die Polster, »der Fisch ist mehr wert als ich selber.« – »Still, Freund,« +warnte Piso, »daß uns nicht Cato höre, der gesagt: wehe der Stadt, wo ein +Fisch mehr wert als ein Rind.« Schallendes Gelächter und der laute Ruf +_Euge belle!_ übertönte den Zornruf des Halbberauschten. + +Der Fisch ward zerschnitten und köstlich erfunden. + +»Jetzt, ihr Sklaven, fort mit dem matten Massiker. Der edle Fisch will +schwimmen in edlem Naß. Auf, Syphax, jetzt paßt, was ich zu dem Gelage +beigesteuert. Geh’ und laß die Amphora hereinbringen, welche die Sklaven +draußen in Schnee gestellt. Dazu die Phialen von gelbem Bernstein.« + +»Was bringst du seltenes, aus welchem Land?« fragte Kallistratos. – »Frag, +aus welchem Weltteil? bei diesem vielgereisten Odysseus,« sagte Piso. + +»Ihr müßt raten. Und wer es errät, wer diesen Wein schon gekostet hat, dem +schenk’ ich eine Amphora, so hoch wie diese.« + +Zwei Sklaven, eppichbekränzt, schleppten den mächtigen, dunkeln Krug +herein: von schwarzbraunem Porphyr und fremdartiger Gestalt, mit +hieroglyphischen Zeichen geschmückt und wohl vergipst oben an der Mündung. + +»Beim Styx! kömmt er aus dem Tartarus? das ist ein schwarzer Gesell,« +lachte Marcus. + +»Aber er hat eine weiße Seele – zeige sie, Syphax.« Der Nubier schlug mit +dem Hammer von Ebenholz, den ihm Ganymedes reichte, sorgfältig den Gips +herunter, hob mit silberner Zange den Verschluß von Palmenrinde heraus, +schüttete die Schicht Öl hinweg, die oben schwamm, und füllte die Pokale. +Ein starker berauschender Geruch entstieg der weißen, klebrigen +Flüssigkeit. Alle tranken mit forschender Miene. + +»Ein Göttertrank!« rief Balbus absetzend. – »Aber stark wie flüssiges +Feuer,« sagte Kallistratos. + +»Nein, den kenn’ ich nicht!« sprach Lucius Licinius. + +»Ich auch nicht,« beteuerte Marcus Licinius. – »Aber ich freue mich, ihn +kennen zu lernen,« rief Piso und hielt Syphax die leere Schale hin. + +»Nun,« fragte der Wirt, zu dem letzten, bisher fast ganz stummen Gast zu +seiner Rechten gewendet, »nun, Furius, großer Seefahrer, Abenteurer, +Indiensucher, Weltumsegler, wird deine Weisheit auch zu Schanden?« + +Der Gefragte erhob sich leicht von den Kissen, ein schöner athletischer +Mann von einigen dreißig Jahren, von bronzener wettergebräunter +Gesichtsfarbe, kohlschwarzen tiefliegenden Augen, blendend weißen Zähnen +und vollem Rundbart nach orientalischem Schnitt. + +Aber ehe er noch sprechen konnte, fiel Kallistratos rasch ein: »Doch, beim +Zeus Xenios, ich glaube, ihr kennt euch gar nicht?« Cethegus maß die +fesselnde Erscheinung mit scharfem Blick. »Ich kenne den Präfekten von +Rom,« sagte der Schweigsame. – »Nun, Cethegus, und dies ist mein +vulkanischer Freund, Furius Ahalla, aus Korsika, der reichste Schiffsherr +des Abendlands, tief wie die Nacht und heiß wie das Feuer: er hat fünfzig +Häuser, Villen und Paläste an allen Küsten von Europa, Asien und Afrika, +zwanzig Galeeren, ein paar tausend Sklaven und Matrosen und –« + +»Und einen sehr geschwätzigen Freund,« schloß der Korse. »Präfekt, mir ist +es leid um dich, aber die Amphora ist mein. Ich kenne den Wein.« – Und er +nahm ein Kibitzei und zerschlug es mit goldenem Löffel. + +»Schwerlich,« lächelte Cethegus spöttisch. + +»Doch. Es ist Isiswein. Aus Ägypten. Aus Memphis.« Und ruhig schlürfte er +das goldrötliche Ei. + +Erstaunt sah ihn Cethegus an. »Erraten,« sagte er dann. »Wo hast du ihn +gekostet?« – »Notwendig da, wo du. Er fließt ja nur aus Einer Quelle,« +lächelte der Korse. – »Genug mit euren Geheimnissen! Keine Rätsel unter +den Rosen!« rief Piso. – »Wo habt ihr beiden Marder dasselbe Nest +gefunden?« fragte Kallistratos. + +»Nun,« rief Cethegus, »wisset es immerhin. Im alten Ägypten, im heilgen +Memphis voraus, haben sich immer noch, dicht neben den christlichen +Einsiedlern und Mönchen in der Wüste, glaubenszähe Männer und namentlich +Frauen erhalten, die nicht lassen wollen von Apis und Osiris und besonders +treu den süßen Dienst der Isis pflegen. Sie flüchten von der Oberfläche, +wo die Kirche das Kreuz der Askese siegreich aufgepflanzt, in die Tiefen, +in den geheimen Schoß der großen Mutter Erde mit ihrem heilgen teuren +Wahn. In einem Labyrinth unter den Pyramiden des Cheops haben sie noch +einige hundert Krüge geborgen des mächt’gen Weines, welcher dereinst die +Eingeweihten zu den Orgien der Freude, der Liebe berauschte. Die Kunde +geht geheim gehalten von Geschlecht zu Geschlecht, immer nur Eine +Priesterin kennt den Keller und bewahrt den Schlüssel. + +Ich küßte die Priesterin und sie führte mich ein: – sie war eine wilde +Katze, aber ihr Wein war gut: – und sie gab mir zum Abschied fünf Krüge +mit aufs Schiff.« + +»Soweit hab’ ich es mit Smerda nicht gebracht,« sagte der Korse; »sie ließ +mich trinken im Keller, aber als Andenken gab sie mir nur das mit« – und +er entblößte den braunen Hals. – »Einen Dolchstich der Eifersucht,« lachte +Cethegus. »Nun, mich freut, daß die Tochter nicht aus der Art schlägt. Zu +meiner Zeit, das heißt, als mich die Mutter trinken ließ, lief die kleine +Smerda noch im Kinderröckchen. Wohlan, es lebe der heilge Nil und die süße +Isis.« Und die beiden tranken sich zu. + +Aber es verdroß sie, ein Geheimnis teilen zu sollen, das jeder allein zu +besitzen geglaubt. + +Doch die andern waren bezaubert von der Laune des eisigen Präfekten, der +jugendlich wie ein Jüngling mit ihnen plauderte und jetzt, da das +beliebteste Thema für junge Herren unter den Bechern angeregt war – +Liebesabenteuer und Mädchengeschichten – unerschöpflich übersprudelte von +Streichen und Schwänken, die er meistens selbst erlebt. Alle hingen mit +Fragen an seinen Lippen. Nur der Korse blieb stumm und kalt. + +»Sage,« rief der Wirt und winkte dem Schänken, als gerade das Gelächter +über eine solche Geschichte verhallt war, »sag an, du Mann buntscheckiger +Erfahrung: – ägyptische Isismädchen, gallische Druidinnen, nachtlockige +Töchter Syriens und meine plastischen Schwestern von Hellas: – alle kennst +du und weißt du zu schätzen, aber sprich, hast du je ein germanisch Weib +geliebt?« + +»Nein,« sagte Cethegus, seinen Isiswein schlürfend, »sie waren mir immer +zu langweilig.« + +»Oho,« meinte Kallistratos, »das ist zuviel gesagt. Ich sage euch, ich +habe an den letzten Calenden einen Wahnsinn gehabt für ein germanisch +Weib, die war nicht langweilig.« + +»Wie, du, Kallistratos von Korinth, der Aspasia, der Helena Landsmann, +erglühst für ein Barbarenweib? O arger Eros, Sinnenverwirrer, +Männerbeschämer,« schalt der Präfekt. + +»Ja, wenn du willst, war’s eine Sinnesverwirrung: – ich habe nie +dergleichen erfahren.« + +»Erzähle, erzähle,« drängten die andern. + + + + + Elftes Kapitel. + + +»Immerhin,« sagte der Hausherr, die Polster glättend, »obwohl ich keine +glänzende Rolle dabei spiele. + +Also an den vorigen Calenden etwa kam ich zur achten Stunde aus den Bädern +des Abaskantos nach Hause. + +Da steht auf der Straße niedergelassen eine Frauensänfte, vier Sklaven +dabei, ich glaube, gefangne Gepiden. Unmittelbar aber vor der Thüre meines +Hauses stehen zwei verhüllte Frauen, die Calantica über den Kopf gezogen. +Die eine trug sklavisch Gewand, aber die andre war sehr reich und +geschmackvoll gekleidet und das Wenige, was von Wuchs und Gestalt zu +sehen, war göttlich. Welch schwebender Schritt, welch feiner Knöchel, +welch hochgewölbter Fuß! Als ich näher herankam, ließen sich beide rasch +in die Sänfte heben und fort waren sie. Ich aber – ihr wißt, es steckt des +Bildhauers Blut in allen Hellenen – ich träumte des Nachts von dem feinen +Knöchel und dem wogenden Schritt. + +Mittags drauf, da ich die Thüre öffne, aufs Forum zu gehn zu den +Bibliographen, wie ich pflege, seh ich dieselbe Sänfte rasch von dannen +eilen. + +Ich gestehe, ohne sonst besonders eitel zu sein, diesmal hoffte ich eine +Eroberung gemacht zu haben, – ich wünschte es so sehr. Und ich zweifelte +gar nicht mehr, als ich, um die achte Stunde nach Hause kommend, wieder +meine Fremde, diesmal unbegleitet, an mir vorüberschlüpfen sah und nach +ihrer Sänfte eilen. Folgen konnt’ ich den raschen Sklaven nicht, so trat +ich in mein Haus, froher Gedanken voll. Da sagte der Ostiarius: »Herr, +eine verhüllte Sklavin wartet dein in der Bibliothek.« + +Pochenden Herzens eile ich in das Gemach. Richtig! es war die Sklavin, die +ich gestern gesehen. Sie schlug den faltigen Mantel zurück: eine hübsche, +verschlagne Maurin oder Karthagerin – ich kenne den Schlag – sah mich mit +schlauen Augen an. + +»Ich bitte um Botenlohn,« sagte sie, »Kallistratos, ich bringe dir gute +Kunde.« + +Ich faßte ihre Hand und wollte ihr die dunkle Wange streicheln – denn wer +die Herrin begehrt, der küsse die Sklavin – aber sie lachte und sprach: +»Nein, nicht Eros, Hermes sendet mich. + +Meine Herrin« – hoch horchte ich auf – »meine Herrin ist – eine +leidenschaftliche Freundin der Kunst. Sie bietet dir dreitausend Solidi +für die Aresbüste, die in der Nische neben der Thüre deines Hauses +steht.«« + +Laut lachten die jungen Leute, Cethegus mit ihnen. + +»Ja, lacht nur,« fuhr der Hausherr selbst einstimmend fort, »ich aber +lachte damals nicht. Aus all meinen Träumen heruntergefallen, sprach ich +verdrießlich: mir ist das Werk nicht feil. Die Sklavin bot fünftausend, +bot zehntausend Solidi: ich wandte ihr den Rücken und griff nach der Thür. + +Da sagte die Schlange: »Ich weiß, Kallistratos von Korinth ist unwillig, +weil er ein Abenteuer gehofft und fand ein Geldgeschäft. + +Er ist Hellene, er liebt die Schönheit, er brennt vor Neugier, meine +Herrin zu sehn.« Das war so richtig, daß ich nur lächeln konnte. + +»Wohlan,« sprach sie, »du sollst sie sehn. Und dann erneuere ich mein +letzt Gebot. Schlägst du’s dann dennoch aus, hast du immerhin den Vorteil, +deine Neugier gestillt zu haben. Morgen um die achte Stunde kömmt die +Sänfte wieder. Dann halte dich bereit mit deinem Ares.« + +Und sie schlüpfte hinweg. Unruhig blieb ich zurück. + +Ich konnte nicht leugnen, meine Neugier war sehr gespannt. Fest +entschlossen, meinen Ares nicht herzulassen und die Kunstnärrin doch zu +sehen, erwartete ich gierig die bestimmte Stunde. Die Stunde kam und die +Sänfte kam. Ich stand lauschend an meiner offnen Thür. Die Sklavin stieg +heraus. + +»Komm,« rief sie mir zu, »du sollst sie sehn.« + +Bebend vor Aufregung trat ich heran, der Purpurvorhang der Sänfte fiel +halb zurück und ich sah –« + +»Nun,« rief Markus, sich vorbeugend, den Becher in der Hand. + +»Was ich nie wieder vergessen werde. Ein Gesicht, Freunde, von ungeahnter +Schönheit. Kypris und Artemis in Einer Person. Ich war wie geblendet. Ich +kann sie nicht schildern. Der Vorhang fiel zu. Ich aber sprang zurück, hob +den Ares aus der Nische, reichte ihn der Punierin, wies ihr Gold zurück +und taumelte in meine Thür, betäubt, als hätt’ ich eine Waldnymphe +gesehn.« + +»Nun, das ist stark,« lachte Massurius. »Bist doch sonst kein Neuling in +den Werken des Eros.« + +»Aber,« fragte Cethegus, »woher weißt du, daß diese Zauberin eine Gotin +war?« + +»Sie hatte dunkelrotes Haar und milchweiße Haut und schwarze Augenbrauen.« + +»Alle guten Götter!« dachte Cethegus. Aber er schwieg und wartete. + +Keiner der Anwesenden sprach den Namen aus. + +»Sie kennen sie nicht,« sagte Cethegus zu sich. – »Und wann war das?« +fragte er den Wirt. + +»An den vorigen Calenden.« + +»Ganz richtig,« rechnete Cethegus; »da kam sie von Tarentum durch Rom nach +Ravenna. Sie ruhte hier drei Tage.« + +»Und so hast du,« lachte Piso, »deinen Ares eingebüßt für einen Blick. +Schlechter Handel! diesmal waren Merkur und Venus im Bunde. Armer +Kallistratos.« + +»Ach,« sagte dieser, »die Büste war gar nicht soviel wert. Es war moderne +Arbeit. Jon in Neapolis hat sie vor drei Jahren gemacht. Aber ich sag +euch, einen Pheidias hätt ich hingegeben um jenen Anblick.« + +»Ein Idealkopf?« fragte Cethegus, wie gleichgültig und hob den ehernen +Mischkrug, der vor ihm stand, scheinbar bewundernd, auf. + +»Nein, das Modell war ein Barbar – irgend ein Gotengraf – Watichis oder +Witichas – wer kann sich die hyperboräischen Namen merken!« sagte +Kallistratos seinen Bericht schließend und einem Pfirsich die Haut +abziehend. + +Nachdenklich schlürfte Cethegus aus seiner Schale von Bernstein. + + + + + Zwölftes Kapitel. + + +»Ja, die Barbarinnen könnte man sich gefallen lassen,« rief Markus +Licinius, »aber der Orcus verschlinge ihre Brüder!« Und er riß den welken +Rosenkranz vom Haupt: – die Blumen ertrugen den Dunst des Gelages schlecht +– und ersetzte ihn durch einen frischen. »Nicht nur die Freiheit haben sie +uns genommen: – sie schlagen uns bei den Töchtern Hesperiens in der Liebe +sogar aus dem Felde. Erst neulich hat die schöne Lavinia meinem Bruder die +Thüre verschlossen und den fuchsroten Aligern eingelassen.« + +»Barbarischer Geschmack!« meinte der Verschmähte achselzuckend und wie zum +Trost nach seinem Isiswein langend. »Du kennst sie ja auch, Furius – ist +es nicht Geschmacksverirrung?« – »Ich kenne deinen Nebenbuhler nicht,« +sagte der Korse. »Aber es giebt schon Burschen unter diesen Goten, die +einem Weib gefährlich werden mögen. + +»Und da fällt mir ein Abenteuer ein, das ich jüngst entdeckt, das aber +freilich noch ohne Spitze ist.« – »Erzähle nur,« mahnte Kallistratos, die +Hände in das laue Waschwasser steckend, das jetzt in korinthischen +Erzschüsseln herumgereicht wurde, vielleicht finden wir die Spitze dazu.« + +»Der Held meiner Geschichte,« hob Furius an, »ist der schönste der Goten.« +– »Ah, Totila der junge,« unterbrach Piso und ließ sich den +kameengeschmückten Becher mit Eiswein füllen. »Derselbe. Ich kenne ihn +seit Jahren und bin ihm sehr gut, wie alle müssen, die je sein sonnig +Angesicht geschaut, abgesehen davon,« – und hier überflog des Korsen Züge +ein Schatte ernsten Erinnerns und er stockte – »daß ich ihm sonst +verbunden bin.« + +»Du bist, scheint’s, verliebt in den Blondkopf,« spottete Massurius, dem +Sklaven, den er mitgebracht, ein Tuch voll picentinischen Zwiebacks +zuwerfend, um es mit nach Hause zu nehmen. »Nein, aber er hat mir, wie +allen, mit denen er zu thun hat, viel Freundliches erwiesen und gar oft +hatte er die Hafenwache in den italischen Seestädten, wo ich landete.« + +»Ja, er hat große Verdienste um das Seewesen der Barbaren,« sagte Lucius +Licinius. – »Wie um ihre Reiterei,« stimmte Markus bei, »der schlanke +Bursche ist der beste Reiter seines Volks.« + +»Nun, ich traf ihn zuletzt in Neapolis: wir freuten uns der Begegnung, +aber vergebens drang ich in ihn, die fröhlichen Abendgelage auf meinem +Schiffe zu teilen.« + +»O, diese deine Schiffsabende sind berühmt und berüchtigt,« meinte Balbus, +»du hast stets die feurigsten Weine.« – »Und die feurigsten Mädchen,« +fügte Massurius bei. + +»Wie dem sei, Totila schützte jedesmal Geschäfte vor und war nicht zu +gewinnen. Ich bitte euch! Geschäfte nach der achten Stunde in Neapolis! Wo +die Fleißigsten faul sind! Es waren natürlich Ausflüchte. Ich beschloß ihm +auf die Sprünge zu kommen und umschlich Abends sein Haus in der Via lata. +Richtig: gleich den ersten Abend kam er heraus, vorsichtig umblickend, +und, zu meinem Staunen, verkleidet; wie ein Gärtner war er angethan, einen +Reisehut tief ins Gesicht gezogen, eine Abolla umgeschlagen. Ich schlich +ihm nach. Er ging quer durch die Stadt nach der Porta Capuana zu. Dicht +neben dem Thore steht ein dicker Turm, darinnen wohnt der Pförtner, ein +alter patriarchenhafter Jude, dem König Theoderich ob seiner großen Treue +die Hut des Thores anvertraut. + +Vor dem Turme blieb mein Gote stehen und schlug leise in die Hand: da flog +eine schmale Seitenthür von Eisen, die ich gar nicht bemerkt, geräuschlos +auf und hinein schlüpfte Totila geschmeidig wie ein Aal.« + +»Ei, ei,« fiel Piso der Dichter eifrig ein, »ich kenne den Juden und +Miriam, sein herrlich prachtäugiges Kind! Die schönste Tochter Israels, +die Perle des Morgenlands, ihre Lippen sind Granaten, ihr Aug’ ist +dunkelmeeresblau und ihre Wangen haben den roten Duft des Pfirsichs.« – +»Gut, Piso,« lächelte Cethegus – »dein Gedicht ist schön.« – »Nein,« rief +dieser. »Miriam selbst ist die lebendige Poesie.« – »Stolz ist die +Judendirne,« brummte Massurius dazwischen, »sie hat mich und mein Gold +verschmäht mit einem Blick, als habe man nie ein Weib um Geld gekauft.« – +»Siehe,« sprach Lucius Licinius, »so hat sich der hochmüt’ge Gote, der +einherschreitet, als trüg’ er alle Sterne des Himmels auf seinem +Lockenhaupt, zu einer Jüdin herabgelassen.« + +»So dacht’ auch ich und ich beschloß, den Jungen bei nächster Gelegenheit +schwer zu verhöhnen mit seinem Moschusgeschmack. Aber nichts da. Ein paar +Tage darauf mußte ich nach Capua. Ich breche vor Sonnenaufgang auf, die +Hitze zu meiden. Ich fahre durch die Porta Capuana zur Stadt hinaus beim +ersten Frührot: und als ich in meinem Reisewagen über die harten Steine an +dem Judenturm vorüberrassele, denk’ ich neidvoll an Totila und sage mir, +der liegt jetzt in weichen Armen. Aber am zweiten Meilensteine vor dem +Thor begegnet mir, nach der Stadt zuschreitend, leere Blumenkörbe über +Brust und Rücken, in Gärtnertracht, wie damals – Totila. Er lag also nicht +in Miriams Armen. Die Jüdin war nicht seine Geliebte, vielleicht seine +Vertraute, und wer weiß, wo die Blume blüht, die dieser Gärtner pflegt. +Der Glücksvogel! Bedenkt nur, auf der Via capuana stehen all’ die Villen +und Lustschlösser der ersten Familien von Neapolis und in jenen Gärten +prangen und blühen die herrlichsten Weiber.« + +»Bei meinem Genius,« rief Lucius Licinius, die bekränzte Schale hebend, +»dort leben ja die schönsten Weiber Italiens – Fluch über den Goten!« – +»Nein,« schrie Massurius, von Wein erglühend, »Fluch über Kallistratos und +den Korsen, die uns mit fremden Liebesgeschichten bewirten, wie der Storch +aus Kelchgläsern den Fuchs. Laß endlich, Hausherr, deine Mädchen kommen, +wenn du deren bestellt hast: nicht höher brauchst du unsre Erwartung zu +spannen.« – »Jawohl, die Mädchen, die Tänzerinnen, die Psalterien!« riefen +die jungen Leute durcheinander. + +»Halt,« sprach der Wirt, »wo Aphrodite naht, muß sie auf Blumen wandeln. +Dies Glas bring’ ich dir, Flora!« Er sprang auf und schleuderte an die +getäfelte Decke eine köstliche Krystallschale, daß sie klirrend zersprang. + +Sowie das Glas an die Balken der Decke schlug, hob sich das ganze Getäfel +wie eine Fallthür empor und ein reicher Regen von Blumen aller Art flutete +auf die Häupter der erstaunten Gäste nieder, Rosen von Pästum, Veilchen +von Thurii, Myrten von Tarentum, Mandelblüten bedeckten wie ein dichtes +Schneegestöber in duftigen Flocken den Mosaikboden, die Tische, die +Polster und die Häupter der Gäste. + +»Schöner,« rief Cethegus, »zog Venus nie auf Paphos ein.« + +Kallistratos schlug in die Hände. Da teilte sich beim Klang von Lyra und +Flöte dem Triklinium gerade gegenüber die Mittelwand des Gemachs: vier +hochgeschürzte Tänzerinnen, ausgesucht schöne Mädchen, in persische +Tracht, d. h. in durchsichtigen Rosaflor gekleidet, sprangen +cymbelnschlagend aus einem Gebüsch von blühendem Oleander. + +Hinter ihnen kam ein großer Wagen in Gestalt einer Fächermuschel, dessen +goldne Räder von acht jungen Sklavinnen geschoben wurden, vier +Flötenbläserinnen in Indischem Gewand – Purpur und Weiß mit goldgestickten +Mänteln – schritten vorauf: und auf dem Sitz des Wagens ruhte, von Rosen +übergossen, in halb liegender Stellung Aphrodite selbst, in Gestalt eines +blühenden Mädchens von lockender, üppiger Schönheit, dessen fast einzige +Verhüllung der Aphroditen nachgebildete Gürtel der Grazien war. + +»Ha, beim heiligen Eros und Anteros!« schrie Massurius und sprang +unsichern Schrittes von der Kline herab unter die Gruppe. + +»Verlosen wir die Mädchen!« rief Piso, »ich habe ganz neue Würfel aus +Gazellenknöcheln, weihen wir sie ein.« »Laßt sie den Festkönig verteilen,« +schlug Marcus Licinius vor. »Nein, Freiheit, Freiheit wenigstens in der +Liebe,« rief Massurius und faßte die Göttin heftig am Arme, »und Musik, +heda, Musik – –« + +»Musik,« befahl Kallistratos. + +Aber ehe noch die Cymbelschlägerinnen wieder anheben konnten, wurde die +Eingangsthüre hastig aufgerissen und die Sklaven, die ihn aufhalten +wollten, zur Seite drängend, stürmte Scävola herein, er war leichenblaß. + +»Hier also, hier wirklich find’ ich dich, Cethegus? in diesem Augenblick!« + +»Was giebt’s?« sagte der Präfekt und nahm ruhig den Rosenkranz vom Haupt. + +»Was es giebt? das Vaterland schwankt zwischen Scylla und Charybdis. Die +gotischen Herzoge Thulun, Ibba und Pitza –« + +»Nun?« fragte Lucius Licinius. + +»Sie sind ermordet!« + +»Triumph!« rief der junge Römer und ließ die Tänzerin fahren, die er +umfaßt hielt. + +»Schöner Triumph!« zürnte der Jurist. »Als die Nachricht nach Ravenna kam, +beschuldigte alles Volk die Königin, sie stürmten den Palast: – doch +Amalaswintha war entfloh’n.« + +»Wohin?« fragte Cethegus, rasch aufspringend. + +»Wohin? auf einem Griechenschiff – nach Byzanz!« + +Cethegus setzte schweigend den Becher auf den Tisch und furchte die Stirn. + +»Aber das Ärgste ist – die Goten wollen sie absetzen und einen König +wählen.« – »Einen König?« sagte Cethegus. »Wohlan, ich rufe den Senat +zusammen. Auch die Römer sollen wählen.« + +»Wen, was sollen wir wählen?« fragte Scävola. + +Aber Cethegus brauchte nicht zu antworten. Lucius Licinius rief statt +seiner: »Einen Diktator! fort, fort in den Senat.« + +»In den Senat!« wiederholte Cethegus majestätisch. »Syphax, meinen +Mantel.« + +»Hier, Herr, und dabei dein Schwert,« flüsterte der Maure. »Ich führ’ es +immer mit, auf alle Fälle.« + +Und Wirt und Gäste folgten halb taumelnd dem Präfekten, der, allein völlig +nüchtern, ihnen voran aus dem Hause auf die Straße schritt. + + + + + Dreizehntes Kapitel. + + +In einem der schmalen Gemächer des Kaiserpalastes zu Byzanz stand kurze +Zeit nach dem Fest der Floralien ein kleiner Mann von nicht ansehnlicher +Gestalt in sorgenschweres Sinnen versunken. + +Es war still und einsam rings um ihn. + +Obwohl es draußen noch heller Tag, war doch das Rundbogenfenster, das nach +dem Hofraum des weitläufigen Gebäudes führte, mit schweren +golddurchwirkten Teppichen dicht verhangen: gleich köstliche Stoffe +deckten den Mosaikboden des Zimmers, so daß kein Geräusch die Schritte des +langsam auf und ab Wandelnden begleitete. + +Gedämpftes, mattes Licht füllte den Raum. + +Auf dem Goldgrund der Wände prangte die lange Reihe der christlichen +Imperatoren seit Constantius in kleinen weißen Büsten: gerade über dem +Schreibdivan hing ein großes mannshohes Kreuz von gediegenem Golde. + +So oft der einsam auf und nieder Schreitende daran vorbeikam, neigte er +das Haupt vor demselben: denn in der Mitte des Goldes war, von Glas +umschlossen, ein Splitter des angeblich echten Kreuzes angebracht. + +Endlich blieb er vor der Weltkarte stehen, die, den Orbis romanus +darstellend, auf purpurgesäumtem Pergament eine der Wände bedeckte: nach +langem, prüfendem Blick seufzte der Mann und bedeckte mit der Rechten +Gesicht und Augen. + +Es waren keine schönen Augen und kein edles Gesicht: aber vieles, Gutes +und Böses, lag darin. + +Wachsamkeit, Mißtrauen und List sprachen aus dem unruhigen Blick der +tiefliegenden Augen: schwere Falten, der Sorge mehr als des Alters, +furchten die vorspringende Stirn und die magern Wangen. + +»Wer den Ausgang wüßte!« seufzte er noch einmal, die knochigen Hände +reibend. »Es treibt mich unablässig. Ein Geist ist in meine Brust gefahren +und mahnt und mahnt. + +Aber ist’s ein Engel des Herrn oder ein Dämon? Wer mir meinen Traum +deutete! Vergieb, dreieiniger Gott, vergieb deinem eifrigsten Knecht. Du +hast die Traumdeuter verflucht. + +Aber doch träumte König Pharao und Joseph durfte ihm deuten: und Jakob sah +im Traum den Himmel offen und ihre Träume kamen von dir. Soll ich? darf +ich es wagen?« + +Und wieder schritt er unschlüssig auf und nieder, wer weiß, wie lange +noch, wäre nicht der Purpurvorhang des Eingangs leise gehoben worden. + +Ein goldschimmernder Velarius warf sich vor dem kleinen Mann zur Erde mit +auf der Brust gekreuzten Armen. »Imperator, die Patricier, die du +beschieden.« + +»Geduld,« sagte jener, sich auf die Kline mit dem Gestell von Gold und +Elfenbein niederlassend, »rasch die Silberschuhe und die Chlamys.« + +Der Palastdiener zog ihm die Sandalen mit den dicken Sohlen und den hohen +Absätzen an, welche die Gestalt um ein paar Zoll erhöhten, und warf ihm +den faltenreichen, mit Goldsternen übersäten Mantel um die Schulter, jedes +Stück der Gewandung küssend, wie er es berührte: nach einer Wiederholung +der fußfälligen Niederwerfung, die in dieser orientalischen +Unterwürfigkeit erst neuerlich verschärft worden war, ging der Velarius. + +Und Kaiser Justinianus stellte sich, den linken Arm auf eine gebrochne +Porphyrsäule aus dem Tempel von Jerusalem gestützt, die zu diesem Behuf +nach seiner Größe zurechtgesägt war, in seiner »Audienzattitüde« dem +Eingang gegenüber. + +Der Vorhang ging zurück und drei Männer betraten das Gemach mit der +gleichen Begrüßungsform wie jener Sklave: und doch waren sie die ersten +Männer dieses Kaiserreichs, wie, mehr noch als ihre reichgeschmückten +Gewänder, ihre hochbedeutenden Köpfe, ihre geistvollen Züge bewiesen. + +»Wir haben euch beschieden,« hob der Kaiser an, ohne ihre demütige +Begrüßung zu erwidern, »euren Rat zu hören – über Italien. Ich habe euch +alle nötigen Kenntnisse über die Dinge daselbst verschafft: die Briefe der +Regentin, die Dokumente der Patriotenpartei daselbst: drei Tage hattet ihr +Zeit. Erst rede du, Magister Militum.« + +Und er winkte dem Größten unter den dreien, einer stattlichen, ganz in +eine reichvergoldete Rüstung gekleideten Heldengestalt. Die großen, +offenen, hellbraunen Augen sprachen von Treue und Zuversicht, eine starke +gerade Nase, volle Wangen gaben dem Gesicht den Ausdruck gesunder Kraft, +die breite Brust, die gewaltigen Schenkel und Arme hatten etwas +herkulisches, der Mund aber zeigte trotz des grimmen Rundbartes Milde und +Gutherzigkeit. + +»Herr,« sprach er mit voller, aus tiefer Brust quellender Stimme, +»Belisars Rat ist immer: greifen wir die Barbaren an. Soeben hab’ ich auf +dein Geheiß das Reich der Vandalen in Afrika zertrümmert mit +fünfzehntausend Mann. Gieb mir dreißigtausend und ich werde dir die +Gotenkrone zu Füßen legen.« + +»Gut,« sprach der Kaiser erfreut, »dies Wort hat mir wohlgethan. – Was +sprichst du, Perle meiner Rechtsgelehrten, Tribonianus?« + +Der Angeredete war wenig kleiner als Belisar, aber nicht so breitschultrig +und die Glieder nicht so sehr durch stete Übung entwickelt. Die hohe, +ernste Stirn, das ruhige Auge, der festgeschnittene Mund zeugten von einem +mächtigen Geist. »Imperator,« sagte er gemessen, »ich warne dich vor +diesem Krieg. Er ist ungerecht.« + +Unwillig fuhr Justinianus auf: »Ungerecht! wiederzunehmen, was zum +römischen Reich gehört.« + +»Gehört hat. Dein Vorfahr Zeno überließ durch Vertrag das Abendland an +Theoderich und seine Goten, wenn sie den Anmaßer Odovakar gestürzt.« + +»Theoderich sollte Statthalter des Kaisers sein, nicht König von Italien.« + +»Zugegeben. Aber nachdem er es geworden – wie er es werden mußte, ein +Theoderich konnte nicht der Diener eines Kleinern sein – hat ihn Kaiser +Anastasius, dein Ohm Justinus, du selbst hast ihn anerkannt, ihn und sein +Königreich.« + +»Im Drang der Not. Jetzt, da sie in Not und ich der Stärkere, nehm’ ich +die Anerkennung zurück.« + +»Das eben nenn’ ich ungerecht.« + +»Du bist unbequem und unbeholfen, Tribonian, und ein zäher Rechthaber. Du +taugst trefflich, meine Pandekten zusammenzubauen. In Politik werd’ ich +dich nie wieder befragen. Was hat die Gerechtigkeit mit der Politik zu +thun!« + +»Gerechtigkeit, o Justinianus, ist die beste Politik.« + +»Bah, Alexander und Cäsar dachten anders.« + +»Sie haben erstens ihr Werk nicht vollendet und dann zweitens« – er hielt +inne. + +»Nun, zweitens?« + +»Zweitens bist du nicht Cäsar und nicht Alexander.« – + +Alle schwiegen. Nach einer Pause sagte der Kaiser ruhig: »du bist sehr +offen, Tribonianus.« + +»Immer, Justinianus.« + +Rasch wandte sich der Kaiser zu dem dritten. »Nun, was ist deine Meinung, +Patricius?« + + + + + Vierzehntes Kapitel. + + +Der Angeredete verbannte rasch von seinen Lippen ein kaltes Lächeln, das +ihm die Moralpolitik des Juristen erweckt und richtete sich auf. + +Er war ein verkrüppeltes Männchen, noch bedeutend kleiner als Justinian, +weshalb dieser im Gespräch mit ihm den Kopf noch viel mehr als nötig +gewesen wäre, herabsenkte. Er war kahlköpfig, die Wangen von krankhaftem +Wachsgelb, die rechte Schulter höher als die linke und er hinkte etwas auf +dem linken Fuß, weshalb er sich auf einen schwarzen Krückstock mit goldnem +Gabelgriff stützte. Aber das durchdringende Auge war so adlergewaltig, daß +es von dieser unansehnlichen Gestalt den Eindruck des Widrigen fern hielt, +dem fast häßlichen Gesicht die Weihe geistiger Größe verlieh: und der Zug +schmerzlicher Entsagung und kühler Überlegenheit um den feinen Mund hatte +sogar einen fesselnden Reiz. »Imperator,« sagte er mit scharfer bestimmter +Stimme, »ich widerrate diesen Krieg – für jetzt.« + +Unwillig zuckte des Kaisers Auge: »Auch aus Gründen der Gerechtigkeit?« +fragte er, fast höhnisch. – »Ich sagte: für jetzt.« – »Und warum?« – »Weil +das Notwendige dem Angenehmen vorgeht. Wer sein Haus zu verteidigen hat, +soll nicht in fremde Häuser einbrechen.« – »Was soll das heißen?« – »Das +soll heißen: vom Westen, von den Goten droht diesem Reiche keine Gefahr. +Der Feind, der dieses Reich verderben kann, vielleicht verderben wird, +kömmt vom Osten.« + +»Die Perser!« rief Justinian verächtlich. + +»Seit wann,« sprach Belisar dazwischen, »seit wann fürchtet Narses, mein +großer Nebenbuhler, die Perser?« + +»Narses fürchtet niemand,« sagte dieser, ohne seinen Gegner anzusehn, +»weder die Perser, die er geschlagen hat, noch dich, den die Perser +geschlagen haben. Aber er kennt den Orient. Sind es die Perser nicht, so +sind es andre, die nach ihnen kommen. Das Gewitter, das Byzanz bedroht, +steigt vom Tigris auf, nicht vom Tiber.« + +»Nun, und was soll das bedeuten?« + +»Das soll bedeuten, daß es schimpflich ist für dich, o Kaiser, für den +Römernamen, den wir noch immer führen, Jahr für Jahr von Chosroes dem +Perserchan den Frieden um viele Centner Goldes zu erkaufen.« + +Flammende Röte überflog des Kaisers Antlitz: »Wie kannst du Geschenke, +Hilfsgelder also deuten!« + +»Geschenke! und wenn sie ausbleiben, eine Woche nur über den Zahltag, +verbrennt Chosroes, des Cabades Sohn, deine Dörfer. Hilfsgelder! und er +besoldet damit Hunnen und Saracenen, deiner Grenzen gefährlichste Feinde.« + +Justinian machte einen raschen Gang durchs Zimmer. »Was also rätst du?« +fragte er, hart vor Narses stehen bleibend. »Nicht die Goten anzugreifen +ohne Not, ohne Grund, wenn man sich der Perser kaum erwehrt. Alle Kräfte +deines Reiches aufzubieten, um diese schimpflichen Tribute abzustellen, +die schmählichen Verheerungen deiner Grenzen zu verhindern, die +verbrannten Städte Antiochia, Dara, Edessa wieder aufzubauen, die +Provinzen wieder zu gewinnen, die du im nahen Osten, – trotz Belisars +tapfrem Schwert, – verloren, deine Grenzen durch einen siebenfachen Gürtel +von Festungen vom Euphrat bis zum Araxes zu schirmen. Und hast du dies +Notwendige alles vollbracht – und ich fürchte sehr, du kannst es nicht +vollbringen! – dann magst du versuchen, wozu der Ruhm dich lockt.« + +Justinianus schüttelte leicht das Haupt. »Du bist mir nicht erfreulich, +Narses,« sagte er bitter. + +»Das weiß ich längst,« sprach dieser ruhig. + +»Und nicht unentbehrlich!« rief Belisar stolz. »Kehre dich nicht, mein +großer Kaiser, an diese kleinen Zweifler! Gieb mir die dreißigtausend und +ich wette meine rechte Hand, ich erobre dir Italien.« + +»Und ich wette meinen Kopf,« sagte Narses, »was mehr ist, daß Belisar +Italien nicht erobern wird, nicht mit dreißig-, nicht mit sechzig-, nicht +mit hunderttausend Mann.« + +»Nun,« fragte Justinian, »und wer soll’s dann können und mit welcher +Macht?« + +»Ich,« sagte Narses, »mit achtzigtausend.« + +Belisar erglühte vor Zorn: er schwieg, weil er keine Worte fand. + +»Du hast dich doch bei allem Selbstgefühl sonst nie so hoch über deinen +Gegner gestellt,« sprach der Jurist. + +»Und thu’s auch jetzt nicht, Tribonian. Sieh, der Unterschied ist der: +Belisarius ist ein großer Held, der bin ich nicht. Aber ich bin ein großer +Feldherr – und siehe, das ist Belisarius nicht. Die Goten aber wird nur +ein großer Feldherr überwinden.« + +Belisarius richtete sich in seiner ganzen stolzen Höhe auf und preßte die +Faust krampfhaft um seinen Schwertknauf. Es war als wollte er dem Krüppel +neben ihm den Kopf zerdrücken. Der Kaiser sprach für ihn: »Belisar kein +großer Feldherr! Der Neid verblendet dich, Narses.« + +»Ich beneide Belisar um nichts, nicht einmal,« seufzte er leise, »um seine +Gesundheit. Er wäre ein großer Feldherr, wenn er nicht ein so großer Held +wäre. Er hat noch jede Schlacht die er verlor, aus zu viel Heldentum +verloren.« + +»Das kann man von dir nicht sagen, Narses,« warf Belisar bitter ein. + +»Nein, Belisarius, denn ich habe noch nie eine Schlacht verloren.« + +Eine ungeduldige Antwort Belisars ward abgeschnitten durch den Velarius, +der, den Vorhang aufhebend, meldete: + +»Alexandros, den du nach Ravenna gesendet, o Herr, ist seit einer Stunde +gelandet und frägt –« + +»Herein mit ihm, herein!« rief der Kaiser, hastig von seiner Kline +aufspringend. Ungeduldig winkte er dem Gesandten, von seiner Proskynesis +sich zu erheben: »Nun Alexandros, du kömmst allein zurück?« + +Der Gesandte, ein schöner, noch junger Mann, wiederholte: »Allein.« + +»Es verlautete doch – dein letzter Bericht – wie verließest du das +Gotenreich?« + +»In großer Verwirrung. Ich schrieb dir in meinem letzten Bericht, die +Königin habe beschlossen, sich ihrer drei hochmütigsten Feinde zu +entledigen. Sollte der Anschlag mißlingen, so war sie in Italien nicht +mehr sicher und bat sich in diesem Fall aus, daß ich sie auf meinem Schiff +nach Epidamnus, dann hierher nach Byzanz flüchten dürfe.« + +»Was ich mit Freuden bewilligte. Nun, und der Anschlag?« + +»Ist geglückt. Die drei Herzoge sind nicht mehr. + +Aber nach Ravenna kam das Gerücht, der gefährlichste unter ihnen, Herzog +Thulun, sei nur verwundet. Dies bewog die Regentin, da ohnehin die Goten +in der Stadt sich drohend vor dem Palaste scharten, auf mein Schiff zu +flüchten. Wir lichteten die Anker, aber bald nachdem wir den Hafen +verlassen, schon auf der Höhe von Ariminum, holte uns Graf Witichis mit +Übermacht ein, kam an Bord und forderte Amalaswinthen auf, zurückzukehren, +indem er sich für ihre Sicherheit bis zu feierlicher Untersuchung vor der +Volksversammlung verbürgte. Da sie von ihm erfuhr, daß jetzt auch Herzog +Thulun seinen Wunden erlegen, und aus seinem Anerbieten sah, daß er und +seine mächtigen Freunde noch nicht an ihre Schuld glaubten, da überdies +Gewalt zu fürchten war, willigte sie darein, mit ihm umzukehren nach +Ravenna. Zuvor aber schrieb sie noch an Bord der Sophia diesen Brief an +dich und sendet dir aus ihrem Schatze diese Geschenke.« + +»Davon später, sprich weiter, wie stehn die Dinge jetzt in Italien?« + +»Gut für dich, o großer Kaiser. Das vergrößerte Gerücht von dem Aufstand +der Goten in Ravenna, von der Flucht der Regentin nach Byzanz durchflog +das ganze Land. Vielfach kam es schon zum Zusammenstoß zwischen Römern und +Barbaren. In Rom selbst wollten die Patrioten losschlagen, im Senat einen +Diktator wählen, deine Hilfe anrufen. Aber alles wäre verfrüht gewesen, +nachdem die Regentin in den Händen des Witichis: nur das geniale Haupt der +Katakombenmänner hat es verhindert.« + +»Der Präfekt von Rom?« fragte Justinian. + +»Cethegus. Er mißtraute dem Gerücht. Die Verschworenen wollten die Goten +überfallen, dich zum Kaiser Italiens ausrufen, ihn einstweilen zum +Diktator wählen. Aber er ließ sich in der Kurie buchstäblich die Dolche +auf die Brust setzen und sagte: nein.« + +»Ein mutiger Mann!« rief Belisar. + +»Ein gefährlicher Mann!« sagte Narses. + +»Eine Stunde darauf kam die Nachricht von der Rückkehr Amalaswinthens und +alles blieb beim alten. Der schwarze Teja aber hatte geschworen, Rom zu +einer Viehweide zu machen, wenn es einen Tropfen Gotenblut vergossen. All’ +das hab ich auf meiner absichtlich zögernden Küstenfahrt bis nach +Brundusium erfahren. Aber noch Besseres hab’ ich zu melden. Nicht nur +unter den Römern, unter den Goten selbst hab’ ich eifrige Freunde von +Byzanz gefunden, ja unter den Gliedern des Königshauses.« + +»Das wäre!« rief Justinian. »Wen meinst du?« + +»In Tuscien lebt, reichbegütert, Fürst Theodahad, Amalaswinthens Vetter.« + +»Jawohl, der letzte Mann im Haus der Amalungen, nicht wahr?« + +»Der letzte. Er und noch viel mehr Gothelindis, sein kluges, aber böses +Gemahl, die stolze Baltentochter, hassen aufs gründlichste die Regentin: +er, weil sie seiner maßlosen Habsucht, mit der er all’ seiner Nachbarn +Grundbesitz an sich zu reißen sucht, entgegentritt: sie, aus Gründen, die +ich nicht entdecken konnte: ich glaube, sie reichen in die Mädchenzeit der +beiden Fürstinnen zurück – genug, ihr Haß ist tödlich. Diese beiden nun +haben mir zugesagt, dir in jeder Weise Italien zurückgewinnen helfen zu +wollen: ihr genügt es, scheint’s, die Todfeindin vom Thron zu stürzen: er +freilich fordert reichen Lohn.« + +»Der soll ihm werden.« + +»Seine Hilfe ist deshalb wichtig, weil er schon halb Tuscien besitzt – das +Adelsgeschlecht der Wölsungen hat den andern Teil – und spielend in unsre +Hände bringen kann: dann aber, weil er, wenn Amalaswintha fällt, ihr auf +den Thron zu folgen Aussicht hat. Hier sind Briefe von ihm und von +Gothelindis. Aber lies vor allem das Schreiben der Regentin – ich glaube, +es ist sehr wichtig.« + + + + + Fünfzehntes Kapitel. + + +Der Kaiser zerschnitt die Purpurschnüre der Wachstafel und las: »An +Justinian, den Imperator der Römer, Amalaswintha, der Goten und Italier +Königin!« + +»Der Italier Königin,« lachte Justinian, »welch’ verrückter Titel!« + +»Durch Alexandros, deinen Gesandten, wirst du erfahren, wie Eris und Ate +in diesem Lande hausen. Ich gleiche der einsamen Palme, die von +widerstreitenden Winden zerrissen wird. Die Barbaren werden mir täglich +feindseliger, ich ihnen täglich fremder, die Römer aber, soviel ich mich +ihnen nähere, werden mir nie vergessen, daß ich germanischen Stammes. Bis +jetzt habe ich entschlossenen Geistes allen Gefahren getrotzt: jedoch ich +kann es nicht länger, wenn nicht wenigstens mein Palast, meine fürstliche +Person vor der Überraschung drängender Gewalt sicher ist. Ich kann mich +aber auf keine der Parteien hier im Lande unbedingt verlassen. + +So ruf ich dich, als meinen Bruder in der königlichen Würde, zu Hilfe. Es +ist die Majestät aller Könige, die Ruhe Italiens, die es zu beschirmen +gilt. + +Schicke mir, ich bitte dich, eine verlässige Schar, eine Leibwache« – der +Kaiser warf einen bedeutsamen Blick auf Belisar – »eine Schar von einigen +tausend Mann mit einem mir unbedingt ergebenen Anführer: sie sollen den +Palast von Ravenna besetzen: er ist eine Festung für sich. Was Rom +betrifft, so müssen jene Scharen mir vor allem den Präfekten Cethegus, der +ebenso mächtig als zweideutig ist und mich in der Gefahr, in die er mich +geführt, plötzlich verlassen hat, fern halten, nötigenfalls vernichten. +Habe ich meine Feinde niedergeworfen und mein Reich befestigt, wie ich zum +Himmel und der eignen Kraft vertraue, so werd’ ich dir Truppen und Führer +mit reichen Geschenken und reicherem Dank zurücksenden. Vale.« + +Justinian drückte krampfhaft die Wachstafel in seiner Faust: leuchtenden +Auges sah er vor sich hin, seine nicht schönen Züge veredelten sich im +Ausdruck hoher geistiger Macht, und dieser Augenblick zeigte, daß in dem +Manne neben vielen Schwächen und Kleinheiten Eine Stärke, Eine Größe +lebte: die Größe eines diplomatischen Genies. + +»In diesem Brief,« rief er endlich strahlenden Blickes, »halt’ ich Italien +und das Gotenreich.« Und in mächtiger Bewegung durchschritt er das Gemach +mit großen Schritten, jetzt sogar die Verbeugung vor dem Kreuz vergessend. + +»Eine Leibwache – sie soll sie haben! – Aber nicht ein paar Tausend Mann, +viele Tausende, mehr als ihr lieb sein wird, und du, Belisarius, sollst +sie führen.« + +»Sieh auch die Geschenke,« mahnte Alexandros und wies auf einen köstlichen +Schrein von Thuienholz mit Gold eingelegt, den der Velarius hinter ihm +niedergestellt hatte. »Hier ist der Schlüssel.« Er überreichte ein kleines +Büchschen von Schildpatt, das mit der Regentin Siegel geschlossen war. + +»Es ist ihr Bild dabei,« sagte er, wie zufällig mit lauterer Stimme. + +In dem Augenblick, da der Gesandte die Stimme kräftiger erhoben, steckte +sich, leise und unbemerkt von allen außer ihm, der Kopf eines Weibes durch +den Vorhang und zwei funkelnde schwarze Augen sahen scharf auf den Kaiser. +Dieser öffnete den Schrein, schob rasch alle Kostbarkeiten bei Seite und +griff hastig nach einem unscheinbaren Täfelchen von geglättetem Buchs mit +einem schmalen Goldrahmen. Ein Ruf des Staunens entflog unwillkürlich +seinen Lippen, sein Auge blitzte, er zeigte das Bild Belisar: »Ein +herrliches Weib, welche Majestät der Stirn! ja man sieht die geborene +Herrscherin, die Königstochter!« und bewundernd sah er auf die edeln Züge. + +Da rauschte der Vorhang und die Lauscherin trat ein. + +Es war Theodora, die Kaiserin: ein verführerisches Weib. Alle Künste +weiblichen Erfindungsgeistes in einer Zeit des äußersten Luxus und alle +Mittel eines Kaiserreichs wurden täglich stundenlang aufgeboten, diese an +sich ausgezeichnete, aber durch ein zügelloses Sinnenleben früh +angegriffene Schönheit frisch und blendend zu erhalten. + +Goldstaub lieh ihrem dunkelblauschwarzen Haar metallischen Glanz: es war +am Nacken mit aller Sorgfalt gegen den Wirbel hinaufgekämmt, den schönen +Bau des Hinterkopfs, den feinen Ansatz des Halses zu zeigen. + +Augenbrauen und Wimpern waren mit arabischem Stimmi glänzend schwarz +gefärbt: und so künstlich war das Rot der Lippen aufgetragen, daß selbst +Justinian, der diese Lippen küßte, nie an eine Unterstützung der Natur +durch phönikischen Purpur dachte. Jedes Härchen an den alabasterweißen +Armen war sorgfältig ausgetilgt und das zarte Rosa der Fingernägel +beschäftigte täglich eine besondere Sklavin lange Zeit. + +Und doch hätte Theodora, damals noch nicht vierzig Jahre alt, auch ohne +all’ diese Künste für ein ganz auffallend schönes Weib gelten müssen. + +Edel freilich war dieses Antlitz nicht: kein großer, ja kein stolzer +Gedanke sprach aus diesen angestrengten, unheimlich glänzenden Augen: um +die Lippen schwebte ein zur Gewohnheit gewordenes Lächeln, das die Stelle +der ersten künftigen Falte ahnen ließ: und die Wangen zeigten in der Nähe +der Augen Spuren müder Erschöpfung. + +Aber wie sie jetzt, mit ihrem süßesten Lächeln, auf Justinian zuschwebte, +das schwere Faltenkleid von dunkelgelber Seide zierlich mit der Linken +aufhebend, übte die ganze Erscheinung einen betäubenden Zauber, ähnlich +dem süßen einlullenden Geruch von indischem Balsam, der von ihr duftete. + +»Was erfreut meinen kaiserlichen Herrn so sehr? darf ich seine Freude +teilen?« fragte sie mit süßer, einschmeichelnder Stimme. Die Anwesenden +warfen sich vor der Kaiserin zur Erde, kaum minder ehrerbietig als vor +Justinian. + +Dieser aber schrak bei ihrem Anblick, wie auf einer Schuld ertappt, +zusammen und wollte das Bild in der Busenfalte seiner Chlamys verbergen. +Aber zu spät. Schon haftete der Kaiserin scharfer Blick darauf. + +»Wir bewunderten,« sagte er verlegen, »die – die schöne Goldarbeit des +Rahmens.« Und er reichte ihr errötend das Bild. + +»Nun, an dem Rahmen,« lächelte Theodora, »ist beim besten Willen nicht +viel zu bewundern. Aber das Bild ist nicht übel. Gewiß die Gotenfürstin?« +Der Gesandte nickte. »Nicht übel, wie gesagt. Aber barbarisch, streng, +unweiblich. Wie alt mag sie sein, Alexandros?« + +»Etwa fünfundvierzig.« + +Justinian blickte fragend auf das Bild, dann auf den Gesandten. »Das Bild +ist vor fünfzehn Jahren gemacht,« sagte Alexandros wie erklärend. + +»Nein,« sprach der Kaiser, »du irrst; hier steht die Jahrzahl nach +Indiktion und Konsul und ihrem Regierungsantritt: es ist von diesem Jahr.« + +Eine peinliche Pause entstand. + +»Nun,« stammelte der Gesandte, »dann schmeicheln die Maler wie–« – »Wie +die Höflinge,« schloß der Kaiser. Aber Theodora kam ihm zu Hilfe. + +»Was plaudern wir von Bildern und dem Alter fremder Weiber, wo es sich um +das Reich handelt. Welche Nachrichten bringt Alexandros? Bist du +entschlossen, Justinianus?« – »Beinahe bin ich es. Nur deine Stimme wollte +ich noch hören und du, das weiß ich, bist für den Krieg.« + +Da sagte Narses ruhig: »Warum, Herr, hast du uns nicht gleich gesagt, daß +die Kaiserin den Krieg will? Wir hätten unsre Worte sparen können.« – +»Wie? willst du damit sagen, daß ich der Sklave meines Weibes bin?« – +»Hüte besser deine Zunge,« sagte Theodora zornig, »schon manchen, der +sonst unverwundbar schien, hat die eigne spitze Zunge erstochen.« + +»Du bist sehr unvorsichtig, Narses,« warnte Justinian. + +»Imperator,« sagte dieser ruhig, »die Vorsicht hab’ ich längst aufgegeben. +Wir leben in einer Zeit, in einem Reich, an einem Hof, wo man um jedes +mögliche Wort, das man gesprochen oder nicht gesprochen hat, in Ungnade +fallen, zu Grunde gehen kann. Da mir nun jedes Wort den Tod bringen kann, +will ich wenigstens an solchen Worten sterben, die mir selbst gefallen.« + +Der Kaiser lächelte: »Du mußt gestehn, Patricius, daß ich viel Freimut +ertrage.« + +Narses trat auf ihn zu: »Du bist groß von Natur, o Justinianus, und ein +geborner Herrscher: sonst würde Narses dir nicht dienen. Aber Omphale hat +selbst Herkules klein gemacht.« + +Die Augen der Kaiserin sprühten tödlichen Haß. Justinian ward ängstlich. + +»Geht,« sagte er, »ich will mit der Kaiserin allein beraten. Morgen +vernehmt ihr meinen Entschluß.« + + + + + Sechzehntes Kapitel. + + +So wie sie draußen waren, schritt Justinian auf seine Gattin zu und +drückte einen Kuß auf ihre weiße niedre Stirn. »Vergieb ihm,« sagte er, +»er meint es gut.« + +»Ich weiß es,« sagte sie, seinen Kuß erwidernd. »Darum, und weil er +unentbehrlich ist gegen Belisar, darum lebt er noch.« – »Du hast Recht, +wie immer.« Und er schlang den Arm um sie. »Was hat er besondres vor?« +dachte Theodora. »Diese Zärtlichkeit deutet auf ein schlechtes Gewissen.« + +»Du hast Recht,« wiederholte er, mit ihr im Gemach auf und nieder +schreitend. »Gott hat mir den Geist versagt, der die Schlachten +entscheidet, aber mir dafür diese beiden Männer des Sieges gegeben – und +zum Glück ihrer zwei. Die Eifersucht dieser beiden sichert meine +Herrschaft besser als ihre Treue: jeder dieser Feldherren allein wäre eine +stete Reichsgefahr und an dem Tage, da sie Freunde würden, wankte mein +Thron. Du schürst doch ihren Haß?« + +»Er ist leicht schüren: es ist zwischen ihnen eine natürliche Feindschaft +wie zwischen Feuer und Wasser. Und jede Bosheit des Verschnittenen erzähl’ +ich mit großer Entrüstung meiner Freundin Antonina, des Helden Belisar +Weib und Gebieterin.« – »Und jede Grobheit des Helden Belisar bericht’ ich +treulich dem reizbaren Krüppel. – Aber zu unsrer Beratung. Ich bin, nach +dem Bericht des Alexandros, so gut wie entschlossen zu dem Zug nach +Italien.« + +»Wen willst du senden?« – »Natürlich Belisar. Er verheißt, mit +dreißigtausend zu vollbringen, was Narses kaum mit achtzigtausend +übernehmen will.« + +»Glaubst du, daß jene kleine Macht genügen wird?« + +»Nein. Aber Belisars Ehre ist verpfändet: er wird all seine Kraft +aufbieten und es wird ihm doch nicht ganz gelingen.« – »Und das wird ihm +sehr heilsam sein. Denn seit dem Vandalensieg ist sein Stolz nicht mehr zu +ertragen.« – »Aber er wird drei Viertel der Arbeit thun. Dann rufe ich ihn +ab, breche selbst mit sechstausend auf, nehme Narses mit, vollende im +Spiel das letzte Viertel und bin dann auch ein Feldherr und ein Sieger.« + +»Fein gedacht,« sagte Theodora in aufrichtiger Bewunderung seiner +Schlauheit: »dein Plan ist reif.« + +»Freilich,« sagte Justinian seufzend stehen bleibend, »Narses hat Recht, +im geheimen Grund des Herzens muß ich’s zugestehen. Es wäre dem Reiche +heilsamer, die Perser abwehren, als die Goten angreifen. Es wäre mehr +sichere, weisere Politik. Denn vom Osten kömmt einst das Verderben.« + +»Laß es kommen! Das kann noch Jahrhunderte anstehn, wann von Justinian nur +noch der Ruhm auf Erden lebt, wie Afrika, so Italien zurückgewonnen zu +haben. Hast du für die Ewigkeit zu bauen? Die nach dir kommen, mögen für +ihre Gegenwart sorgen: sorge du für die deine.« – »Wenn man aber dann +sprechen wird: hätte Justinian verteidigt, statt zu erobern, so stünd’ es +besser? Wenn man sagen wird: Justinians Siege haben sein Reich zerstört?« +– »So wird niemand sprechen. Die Menschen blendet der Glanz des Ruhms. Und +noch Eins« – und hier verdrängte der Ernst der tiefsten Überzeugung den +Ausdruck listiger Beschwatzung von ihren schmeichelnden Zügen. + +»Ich ahn’ es, doch vollende.« + +»Du bist nicht nur Kaiser, du bist ein Mensch. + +Höher als das Reich muß dir deiner Seele Seligkeit stehen. Auf deinem, auf +unsrem Pfad zur Herrschaft, zu dem Glanz dieser Herrschaft mußte mancher +blut’ge Schritt geschehn: manches Harte mußte gethan werden: Leben und +Schätze, so manchen gefährlichen Feindes mußten – genug. + +Wohl bauen wir mit einem Teil dieser Schätze der heilgen, der christlichen +Weisheit jenen Siegestempel, der allein schon unsern Namen unsterblich +machen wird auf Erden. Aber für den Himmel – wer weiß, ob es genügt! + +Laß uns« – und ihr Auge erglühte von unheimlichem Feuer – »laß uns die +Ungläubigen vertilgen und über die Leichen der Feinde Christi hin den Weg +zur Gnade suchen.« Justinian drückte ihre Hand. »Auch die Perser sind +Feinde Christi, sind sogar Heiden.« – »Hast du vergessen, was der +Patriarch gelehrt? Ketzer sind siebenmal schlimmer als Heiden! Ihnen ward +der rechte Glaube gebracht und sie haben ihn verschmäht. Das ist die Sünde +wider den heilgen Geist, die nie vergeben wird – auf Erden und im Himmel. +Du aber bist das Schwert, daß diese gottverfluchten Arianer schlagen soll: +sie sind Christi verhaßteste Feinde: sie kennen ihn und leugnen dennoch, +daß er Gott. Schon hast du in Afrika die ketzerischen Vandalen +niedergeworfen und den Irrwahn dort in Blut und Feuer erstickt: jetzt ruft +dich Italien, Rom, die Stätte, wo der Apostelfürsten Blut geflossen, die +heilge Stadt: nicht länger darf sie diesen Ketzern dienen. Justinian, gieb +sie dem wahren Glauben wieder.« + +Sie hielt inne. Der Kaiser blickte schwer aufatmend zu dem Goldkreuz +empor. »Du deckst die letzten Tiefen meines Herzens auf: das ist es ja, +was, noch mächtiger als Ruhm und Siegesehre, mich zu diesen Kriegen +treibt. Aber bin ich fähig, bin ich würdig so Großes, so Heiliges zu +Gottes Ehre zu vollenden? Will er durch meine sündge Hand so Großes +vollführen? Ich zweifle, ich schwanke. Und der Traum, der mir in dieser +Nacht geworden, war er von Gott gesendet? und was soll er bedeuten? treibt +er zum Angriff oder mahnt er ab? Nun, hatte deine Mutter Komito, die +Wahrsagerin von Kypros, große Weisheit, Ahnungen und Träume zu deuten.« – + +»Und du weißt, die Gabe ist erblich. Habe ich dir nicht auch den Ausgang +des Vandalenkriegs aus deinem Traume gedeutet?« + +»Du sollst mir auch diesen Traum erklären. Du weißt, ich werde irre an dem +besten Plan, wenn ein Omen dawider spricht. Höre denn. Aber« – und er warf +einen ängstlichen Blick auf sein Weib, – »aber bedenke, daß es ein Traum +war und kein Mensch für seine Träume kann.« + +»Natürlich, sie sendet Gott.« – »Was werd ich vernehmen?« sagte sie zu +sich selbst. + +»Ich war gestern Nacht eingeschlafen, erwägend den letzten Bericht über +Amala – über Italien. Da träumte mir, ich ging durch eine Landschaft mit +sieben Hügeln. Dort ruhte unter einem Lorbeer das schönste Weib, das ich +je gesehn. Ich stand vor ihr und betrachtete sie mit Wohlgefallen. +Plötzlich brach aus dem Busch zur Rechten ein brüllender Bär, aus dem +Gestein zur Linken eine zischende Schlange gegen die Schlummernde hervor. +Aufwachend rief sie meinen Namen. Rasch ergriff ich sie, drückte sie an +meine Brust und floh mit ihr: rückblickend sah ich, wie der Bär die +Schlange zerriß und die Schlange den Bären zu Tode biß.« + +»Nun, und das Weib?« + +»Das Weib drückte einen flüchtigen Kuß auf meine Stirn und war plötzlich +wieder verschwunden, und ich erwachte, vergebens die Arme nach ihr +ausstreckend. Das Weib,« fuhr er rasch fort, ehe Theodora nachsinnen +sollte, »ist natürlich Italien.« + +»Jawohl,« sagte die Kaiserin ruhig. Aber ihr Busen wogte. »Der Traum ist +der glücklichste. Bär und Schlange sind Barbaren und Italier, die um die +Siebenhügelstadt ringen. Du entreißest sie beiden und läßt sie sich +gegenseitig vernichten.« + +»Aber sie entschwindet mir wieder: – sie bleibt mir nicht.« + +»Doch. Sie küßt dich und verschwindet in deinen Armen. So wird Italien +aufgehn in deinem Reich.« + +»Du hast recht,« rief Justinian aufspringend. »Sei bedankt, mein kluges +Weib. Du bist die Leuchte meiner Seele. Es sei gewagt: – Belisar soll +ziehn.« + +Und er wollte den Velarius rufen. Doch hielt er plötzlich an. »Aber noch +eins.« Und die Augen niederschlagend, faßte er ihre Hand. + +»Ah,« dachte Theodora, »jetzt kommt’s.« + +»Wenn wir nun das Gotenreich zerstört und in die Hofburg von Ravenna mit +Hilfe der Königin selbst eingezogen sind – was – was soll dann mit ihr, +der Fürstin, werden?« + +»Nun,« sagte Theodora völlig unbefangen, »was mit ihr werden soll? Was mit +dem entthronten Vandalenkönig geworden. Sie soll hierher, nach Byzanz.« + +Justinian atmete hoch auf. »Mich freut es, daß du das Richtige fandest.« + +Und in wirklicher Freude drückte er ihr die schmale, weiße, +wunderzierliche Hand. + +»Mehr als das,« fuhr Theodora fort. »Sie wird um so leichter auf unsre +Pläne eingehen, je sicherer sie einer ehrenvollen Aufnahme hier +entgegensieht. So will ich selbst ihr ein schwesterliches Schreiben +senden, sie einzuladen. Sie soll im Fall der Not stets ein Asyl an meinem +Herzen finden.« + +»Du weißt gar nicht,« fiel Justinian eifrig ein, »wie sehr du dadurch +unsern Sieg erleichterst. Die Tochter Theoderichs muß völlig von ihrem +Volk hinweg zu uns gezogen werden. Sie selbst soll uns nach Ravenna +führen.« + +»Dann kannst du aber nicht gleich Belisar mit einem Heere senden. Das +würde sie nur argwöhnisch machen und widerspenstig. Sie muß völlig in +unsern Händen, das Barbarenreich von innen heraus gebrochen sein, ehe das +Schwert Belisars aus der Scheide fährt.« + +»Aber in der Nähe muß er von jetzt an stehen.« + +»Wohl, etwa auf Sicilien. Die Unruhen in Afrika geben den besten Vorwand, +eine Flotte in jene Gewässer zu senden. Und sowie das Netz gelegt, muß +Belisars Arm es zuziehn.« + +»Aber wer soll es legen?« + +Theodora dachte eine Weile nach; dann sagte sie: + +»Der geistgewaltigste Mann des Abendlands: Cethegus Cäsarius, der Präfekt +von Rom, mein Jugendfreund.« + +»Recht. Aber nicht er allein. Er ist ein Römer, nicht mein Unterthan, mir +nicht völlig sicher. Wen soll ich senden. Noch einmal Alexandros?« + +»Nein,« rief Theodora rasch, »er ist zu jung für ein solches Geschäft. +Nein.« Und sie schwieg nachdenklich. »Justinian,« sprach sie endlich, »auf +daß du siehst, wie ich persönlichen Haß vergessen kann, wo es das Reich +gilt und der rechte Mann gewählt werden muß, schlage ich dir selber meinen +Feind vor: Petros, des Narses Vetter, des Präfekten Studiengenossen, den +schlauen Rhetor: – ihn sende.« + +»Theodora,« – rief der Kaiser erfreut, sie umarmend, »du bist mir wirklich +von Gott geschenkt. Cethegus – Petros – Belisar: Barbaren, ihr seid +verloren!« + + + + + Siebzehntes Kapitel. + + +Am Morgen darauf erhob sich die schöne Kaiserin vergnügt von dem +schwellenden Pfühl, dessen weiche Kissen, mit blaßgelber Seide überzogen, +mit den zarten Halsfedern des pontischen Kranichs gefüllt waren. + +Vor dem Bette stand ein Dreifuß mit einem silbernen Becken, den Okeanos +darstellend, darin lag eine massiv goldne Kugel. Die weiche Hand der +Kaiserin hob lässig die Kugel und ließ sie klingend in das Becken fallen: +der helle Ton rief die syrische Sklavin in das Gemach, die im Vorzimmer +schlief. Mit auf der Brust gekreuzten Armen trat sie an das Lager und +schlug die schweren Vorhänge von violetter chinesischer Seide zurück. Dann +ergriff sie den sanften iberischen Schwamm, der, in Eselmilch getränkt, in +krystallner Schale ruhte und bestrich damit sorgfältig die Masse von +öligem Teig, die Gesicht und Hals der Kaiserin während der Nacht bedeckte. + +Dann kniete sie vor dem Bette nieder, das Haupt fast zur Erde gebeugt und +reichte die rechte Hand hinauf. + +Theodora faßte diese Hand, setzte langsam den kleinen Fuß auf den Nacken +der Knieenden und schwang sich dann elastisch zur Erde. Die Sklavin erhob +sich und warf der Herrin, die jetzt, nur mit der Untertunica von feinstem +Bast bekleidet, auf dem Palmenholzrand des Bettes saß, den feinen +Ankleidemantel von Rosagewebe über die Schultern. + +Dann verneigte sie sich, wandte sich zur Thüre, rief »Agave!« und +verschwand. Agave, eine junge, schöne Thessalierin, trat ein; sie rollte +dicht vor die Herrin den mit unzähligen Büchschen und Fläschchen besetzten +Waschtisch von Citrusholz und begann, ihr Gesicht, Nacken und Hände mit +weichen, in verschiedene Weine und Salben getauchten Tüchern zu reiben. + +Daraus erhob sich diese vom Lager und glitt auf den bunten, mit Pardelfell +überzogenen Stuhl, die Kathedra. + +»Das große Bad erst gegen Mittag!« sagte sie. + +Da schob Agave eine ovale Wanne von Terebinthenholz heran, außen mit +Schildpatt bekleidet, gefüllt mit köstlich duftendem Wasser und hob die +zierlichen, glänzend weißen Füße der Herrin hinein. Hierauf löste sie das +Netz von Goldfäden, das die Nacht über die blau glänzenden Haare der +Kaiserin zusammenhielt, so daß jetzt die weichen schwarzen Wellen über +Schultern und Brust wallen konnten. Sie schlang ihr noch das breite +Busenband von Purpur um, verneigte sich und ging mit dem Rufe: »Galatea!« + +Eine betagte Sklavin löste sie ab, die Amme und Wärterin und, leider +müssen wir hinzufügen, die Kupplerin Theodoras in der Zeit, da sie nur +erst des Akacius, des Löwenwärters im Cirkus, flitterbehängtes Töchterlein +und, fast noch ein Kind, der schon tief verdorbne Liebling des großen +Cirkus war. Alle Demütigungen und Triumphe, alle Laster und Listen auf der +Abenteurerin wechselndem Pfad bis zum Kaiserthron hatte Galatea getreulich +geteilt. + +»Wie hast du geschlafen, mein Täubchen?« fragte sie, ihr in einer +Bernsteinschale die aromatische Essenz reichend, welche die Stadt Adana in +Cilicien für die Toilette der Kaiserin in großen Massen als jährlichen +Tribut einzusenden hatte. + +»Gut, ich träumte von ihm.« – »Von Alexandros?« – »Nein, du Närrin, von +dem schönen Anicius.« – »Aber der Bestellte wartet schon lange draußen in +der geheimen Nische.« – »Er ist ungeduldig,« lächelte der kleine Mund, +»nun, so laß ihn ein.« Und sie legte sich auf dem langen Divan zurück, +eine Decke von Purpurseide über sich ziehend; aber die feinen Knöchel der +schönen Füße blieben sichtbar. + +Galatea schob den Riegel vor den Haupteingang, durch welchen sie +eingetreten und ging dann quer durch das Gemach zu der Ecke gegenüber, die +durch eine eherne Kolossalstatue Justinians ausgefüllt war. + +Die scheinbar unbewegliche Last wich sofort zur Seite, sowie die Vertraute +eine Feder berührte, und zeigte eine schmale Öffnung in der Wand, welche +durch die Statue in ihrer gewöhnlichen Stellung vollständig verdeckt +wurde: ein dunkler Vorhang war vor den Spalt gezogen. Galatea hob den +Vorhang auf und herein eilte Alexandros, der schöne junge Gesandte. + +Er warf sich vor der Kaiserin aufs Knie, ergriff ihre schmale Hand und +bedeckte sie mit glühenden Küssen. + +Theodora entzog sie ihm leise. – »Es ist sehr unvorsichtig, Alexandros,« +sagte sie, den schönen Kopf zurücklehnend, »den Geliebten zur Ankleidung +zuzulassen.« Wie sagt der Dichter? »Alles dienet der Schönheit. Doch ist +kein erfreulicher Anblick, das entstehen zu sehn was nur entstanden +gefällt.« + +»Allein ich hab’ es dir bei der Abreise nach Ravenna verheißen, dich +einmal in meiner Morgenstunde vorzulassen. Und du hast deinen Lohn +reichlich verdient. Du hast viel für mich gewagt. – – Fasse die Flechten +fester!« rief sie Galatea zu, die an die ihr allein zustehende Arbeit +gegangen war, das prachtvolle Haar der Gebieterin zu ordnen. + +– »Du hast das Leben für mich gewagt.« – Und sie reichte ihm wieder zwei +Finger der rechten Hand. + +»O Theodora,« rief der Jüngling, »für diesen Augenblick würd’ ich zehnmal +sterben.« + +»Aber,« fuhr sie fort, »warum hast du mir nicht auch von dem letzten Brief +der Barbarin an Justinian Abschrift zukommen lassen?« – »Es war nicht mehr +möglich, es ging zu rasch. Ich konnte von meinem Schiff keinen Boten mehr +senden: kaum gelang es gestern, nach der Landung, dir sagen zu lassen, daß +ihr Bild bei den Geschenken sei. Du kamst im rechten Augenblick.« + +»Ja, was würde aus mir, wenn ich die Thürsteher Justinians nicht doppelt +so hoch besoldete als er? Aber Unvorsichtigster aller Gesandten, wie +täppisch war das mit der Jahrzahl!« + +»O schönste Tochter von Kypros, ich hatte dich mondenlang nicht mehr +gesehen. Ich konnte nichts denken als dich und deine berauschende +Schönheit.« + +»Nun, da muß ich wohl verzeihen. Das schwarze Stirnband Galatea! Du bist +ein besserer Liebhaber als Staatsmann. Deshalb hab’ ich dich auch hier +behalten. Ja, du solltest wieder nach Ravenna. Aber ich denke, ich schicke +einen ältern Gesandten und behalte den jungen für mich. Ist’s recht so?« +lächelte sie, die Augen halb schließend. + +Alexandros, kühner und glühender werdend, sprang auf und drückte einen Kuß +auf ihre roten Lippen. + +»Halt ein, Majestätsverbrecher,« schalt sie, und schlug mit dem +Flamingofächer leicht seine Wange. »Jetzt ist’s genug für heute. Morgen +magst du wieder kommen und von jener Barbarenschönheit erzählen. Nein, du +mußt jetzt gehn. Ich brauche diese Morgenstunde noch für einen andern.« + +»Für einen andern!« rief Alexandros zurücktretend. »So ist es wahr, was +man leise zischelt in den Gynäceen, in den Bädern von Byzanz? Du ewig +Ungetreue hast –« + +»Eifersüchtig darf ein Freund Theodoras nicht sein!« lachte die Kaiserin. +Es war kein schönes Lachen. »Aber für diesmal sei unbesorgt – du sollst +ihm selbst begegnen. Geh.« + +Galatea ergriff ihn an der Schulter und drehte den Widerstrebenden ohne +weiteres hinter die Statue und zur Thüre hinaus. + +Theodora setzte sich nun aufrecht, das faltige Untergewand mit dem Gürtel +schließend. + + + + + Achtzehntes Kapitel. + + +Sogleich kam Galatea wieder zum Vorschein mit einem kleinen gebückten +Mann, der viel älter aussah als seine vierzig Jahre. Kluge, aber +allzuscharfe Züge, das stechende Auge, der bartlose eingekniffne Mund: – +alles machte den Eindruck unangenehmer Pfiffigkeit. + +Theodora nickte leicht auf seine kriechende Verbeugung; Galatea begann ihr +die Augenbrauen zu malen. + +»Kaiserin,« hob der Alte ängstlich an, »ich staune über deine Kühnheit. +Wenn man mich hier sähe! Die Klugheit von neun Jahren wäre durch einen +Augenblick vereitelt.« + +»Man wird dich aber nicht sehen, Petros,« sagte Theodora ruhig. »Diese +Stunde ist die einzige, da ich vor der zudringlichen Zärtlichkeit +Justinians sicher bin. Es ist seine Betstunde. Ich muß sie ausbeuten so +gut ich kann. Gott erhalte ihm seine Frömmigkeit! Galatea, den Frühwein. +Wie? Du fürchtest doch nicht, mich mit diesem gefährlichen Verführer +allein zu lassen?« Die Alte ging mit häßlichem Grinsen und kam gleich +zurück, einen Henkelkrug süßen gewärmten Chierweins in der einen Hand, +Becher mit Wasser und Honig in der andern. + +»Ich konnte heute unsere Unterredung nicht, wie gewöhnlich, in der Kirche +veranstalten, wo du in dem dunkeln Beichtstuhl einem Priester täuschend +ähnlich siehst. Der Kaiser wird dich noch vor der Kirchenzeit zu sich +bescheiden und du mußt zuvor genau unterrichtet sein.« + +»Was ist zu thun?« + +»Petros,« sagte Theodora, sich behaglich zurücklehnend und langsam das +süße Getränk schlürfend, das Galatea mischte, »heute kam der Tag, der +unsere langjährige Mühe und Klugheit lohnen und dich zum großen Mann +machen wird.« + +»Zeit wär’ es,« meinte der Rhetor. + +»Nur nicht ungeduldig, Freund. (Galatea, etwas mehr Honig.) Um dich für +das heutige Geschäft in die rechte Stimmung zu versetzen, wird es gut +sein, dich an das Vergangne, an die Entstehungsart unserer – Freundschaft +zu erinnern.« + +»Was soll das? Wozu ist das nötig?« sagte der Alte unbehaglich. + +»Zu mancherlei. Also. Du warst der Vetter und Anhänger meines Todfeindes +Narses. Folglich auch mein Feind. Jahrelang hast du im Dienste deines +Vetters mir entgegengearbeitet, mir wenig geschadet, dir selbst aber noch +weniger genutzt. Denn Narses, dein tugendhafter Freund, setzt seine Ehre +und seine Schlauheit darein, nie etwas für seine Verwandten zu thun, daß +man ihn nie, wie die andern Höflinge dieses Reiches, des Nepotismus zeihen +könne. + +Aus lauter Vorsicht und eitel Tugend ließ er dich unbefördert. Du darbtest +und bliebst einfacher Schreiber. Aber ein feiner Kopf wie du weiß sich zu +helfen. Du fälschtest, du verdoppeltest die Steuerausschreiben des +Kaisers. Die Provinzen zahlten neben der von Justinian verlangten noch +eine zweite Steuer, die Petros und die Steuererheber untereinander +teilten. Eine Weile ging das vortrefflich. Aber einmal –« + +»Kaiserin, ich bitte dich –« + +»Ich bin gleich zu Ende, Freund. Aber einmal hattest du das Unglück, daß +einer von den neuen Steuerboten die Gunst der Kaiserin höher anschlug als +den von dir verheißnen Teil der Beute. Er ging auf deinen Antrag ein, ließ +sich die Urkunde von dir fälschen und – brachte sie mir.« + +»Der Elende,« murrte Petros. + +»Ja, es war schlimm,« lächelte Theodora, den Becher wegstellend. »Ich +konnte jetzt meinem boshaften Feind, dem Vertrauten des verhaßten +Eunuchen, den schlauen Kopf vor die Füße legen und ich muß gestehen: es +lüstete mich sehr danach, sehr! Aber ich opferte die kurze Rache einem +großen, dauernden Vorteil. Ich rief dich zu mir und ließ dir die Wahl, zu +sterben oder fortan mir zu dienen. Du warst gütig genug, das letztre zu +wählen und so haben wir, vor der Welt nach wie vor die heftigsten Feinde, +insgeheim seit Jahren zusammen gewirkt: du hast mir alle Pläne des großen +Narses im Entstehen verraten und ich hab es dir wohl vergolten: du bist +jetzt ein reicher Mann.« + +»O nicht der Rede wert.« + +»Bitte, Undankbarer, das weiß mein Schatzmeister besser. Du bist sehr +reich.« + +»Wohl, aber ohne Rang und Würde. Meine Studiengenossen sind Patricier, +Präfekten, große Herren in Morgen- und Abendland: so Cethegus in Rom, +Prokopius in Byzanz.« + +»Geduld. Vom heut’gen Tage an wirst du die Leiter der Ehren rasch +erklimmen. Ich mußte doch immer etwas zu geben behalten. Höre: du gehst +morgen als Gesandter nach Ravenna.« + +»Als kaiserlicher Gesandter?« rief Petros freudig. + +»Durch meine Verwendung. Aber das ist nicht alles. + +Du erhältst von Justinian ausführliche Anweisungen, das Gotenreich zu +verderben, Belisar den Weg nach Italien zu bahnen.« + +»Diese Anweisungen – befolg’ ich oder vereitl’ ich?« + +»Befolgst du. Aber du erhältst noch einen Auftrag, den dir Justinian ganz +besonders ans Herz legen wird: die Tochter Theoderichs um jeden Preis aus +der Hand ihrer Feinde zu retten und nach Byzanz zu bringen. Hier hast du +einen Brief von mir, der sie dringend einladet, an meiner Brust ein Asyl +zu suchen.« + +»Gut,« sagte Petros, den Brief einsteckend, »ich bringe sie also sofort +hierher.« + +Da schnellte Theodora wie eine springende Schlange vom Lager auf, daß +Galatea erschrocken zurückfuhr. + +»Bei meinem Zorn, Petros, nein. Dich send’ ich deshalb. Sie darf nicht +nach Byzanz, sie darf nicht leben.« + +Bestürzt ließ Petros den Brief fallen. »O Kaiserin,« flüsterte er – »ein +Mord!« + +»Still, Rhetor,« sprach Theodora mit heiserer Stimme und unheimlich +funkelten ihre Augen. »Sie muß sterben.« + +»Sterben? o Kaiserin, warum?« + +»Warum? das hast du nicht zu fragen. Doch halt: – du sollst es wissen, es +giebt deiner Feigheit einen Sporn – wisse –« und sie faßte ihn wild am +Arme und raunte ihm ins Ohr: »Justinian, der Verräter, fängt an sie zu +lieben.« + +»Theodora!« rief der Rhetor erschrocken und trat einen Schritt zur Seite. + +Die Kaiserin sank auf die Kline zurück. + +»Aber er hat sie ja nie gesehen!« stammelte sich fassend Petros. + +»Er hat ihr Bild gesehen: er träumt bereits von ihr, er glüht für dieses +Bild.« + +»Du hast nie eine Rivalin gehabt.« + +»Ich werde dafür wachen, daß ich keine erhalte.« + +»Du bist so schön.« + +»Amalaswintha ist jünger.« + +»Du bist so klug, bist seine Beraterin, die Vertraute seiner geheimsten +Gedanken.« + +»Das eben wird ihm lästig. Und« – sie ergriff wieder seinen Arm – »merke +wohl: sie ist eine Königstochter! eine geborne Herrscherin, ich des +Löwenwärters plebejisch Kind. Und – so wahnwitzig lächerlich es ist! – +Justinian vergißt im Purpurmantel, daß er des dardanischen Ziegenhirten +Sohn. Er hat den Wahnsinn der Könige geerbt, er, selbst ein Abenteurer: er +faselt von angeborner Majestät, von dem Mysterium königlichen Bluts. Gegen +solche Grillen hab’ ich keinen Schutz: von allen Weibern der Erde fürchte +ich nichts: aber diese Königstochter – –« + +Sie sprang zürnend auf und ballte die kleine Hand. + +»Hüte dich, Justinian!« sagte sie durchs Gemach schreitend. »Theodora hat +mit diesem Auge, mit dieser Hand Löwen und Tiger bezaubert und beherrscht: +laß sehen, ob ich nicht diesen Fuchs im Purpur in Treue erhalten kann.« +Sie setzte sich wieder. + +»Kurz, Amalaswintha stirbt,« sagte sie, plötzlich wieder kalt geworden. + +»Wohl,« erwiderte der Rhetor, »aber nicht durch mich. Du hast der +blutgewohnten Diener genug. Sie sende; ich bin ein Mann der Rede. –« + +»Du bist ein Mann des Todes, wenn du nicht gehorchst. Gerade du, mein +Feind, mußt es thun: keiner meiner Freunde kann es ohne Verdacht.« + +»Theodora,« mahnte der Rhetor sich vergessend, »die Tochter des großen +Theoderich ermorden, eine geborne Königin – –« + +»Ha,« lachte Theodora grimmig, »auch dich Armseligen blendet die geborne +Königin. Narren sind die Männer alle, noch mehr als Schurken! Höre, +Petros, an dem Tage, da die Todesnachricht aus Ravenna eintrifft, bist du +Senator und Patricius.« + +Wohl blitzte des Alten Auge. Aber Feigheit oder Gewissensangst war doch +mächtiger als der Ehrgeiz. »Nein,« sagte er entschlossen, »lieber lasse +ich den Hof und alle Pläne.« + +»Das Leben läss’st du, Elender!« rief Theodora zornig. »O, du wähntest, du +seiest frei und ungefährdet, weil ich damals vor deinen Augen die +gefälschte Urkunde verbrannt? Du Thor! es war die rechte nicht! Sieh her – +hier halte ich dein Leben.« + +Und sie riß aus einer Capsula voller Dokumente ein vergilbtes Pergament. +Sie zeigte es dem Erschrocknen, der jetzt willenlos in die Kniee brach. + +»Befiehl,« stammelte er, »ich gehorche.« + +Da pochte man an die Hauptthüre. + +»Hinweg,« rief die Kaiserin. »Hebe meinen Brief an die Gotenfürstin vom +Boden auf und bedenk es wohl: Patricius, wenn sie stirbt, Folter und Tod, +wenn sie lebt. Fort.« + +Und Galatea schob den Betäubten durch den geheimen Eingang hinaus, drehte +den bronzenen Justinian wieder an seine Stelle und ging, die Hauptthür +aufzuthun. + + + + + Neunzehntes Kapitel. + + +Herein trat eine stattliche Frau, größer und von gröberen Formen als die +kleine, zierliche Kaiserin, nicht so verführerisch schön, aber jünger und +blühender, mit frischen Farben und ungekünstelter Art. + +»Gegrüßt, Antonina, geliebtes Schwesterherz! komm an meine Brust!« rief +die Kaiserin der tief sich Verbeugenden entgegen. + +Die Gattin Belisars gehorchte schweigend. + +»Wie diese Augengruben hohl werden!« dachte sie, sich wieder aufrichtend. + +»Was das Soldatenweib für grobe Knöchel hat!« sagte die Kaiserin zu sich +selbst, da sie die Freundin musterte. – + +»Blühend bist du wie Hebe,« rief sie ihr laut zu, »und wie die weiße Seide +deine frischen Wangen hebt! Hast du etwas neues mitzuteilen von – von +ihm?« fragte sie und nahm gleichgültig spielend vom Waschtisch ein +gefürchtetes Werkzeug, eine spitze Lanzette an einem Stäbchen von +Elfenbein, mit welchem ungeschickte oder auch nur unglückliche Sklavinnen +von der zürnenden Herrin oft zolltief in Schultern und Arme gestochen +wurden. + +»Heute nicht,« flüsterte Antonina errötend, »ich hab’ ihn gestern nicht +gesehn.« + +»Das glaub’ ich,« lächelte Theodora in sich hinein. »O wie schmerzlich +werd’ ich dich bald vermissen,« sagte sie, Antoninens vollen Arm +streichelnd. »Schon in der nächsten Woche vielleicht wird Belisarius in +See stechen und du, treuste aller Gattinnen, ihn begleiten. Wer von euren +Freunden wird euch folgen?« + +»Prokopius,« sagte Antonina, »und« – setzte sie, die Augen +niederschlagend, hinzu – »die beiden Söhne des Boëthius.« + +»Ah so,« lächelte die Kaiserin, »ich verstehe. In der Freiheit des +Lagerlebens hoffst du dich des schönen Jünglings ungestörter zu erfreuen +und indessen Held Belisarius Schlachten schlägt und Städte gewinnt –« + +»Du errätst es. Aber ich habe dabei eine Bitte an dich. Dir freilich ward +es gut. Alexandros, dein schöner Freund ist zurück: er bleibt in deiner +Nähe und er ist sein eigner Herr, ein reifer Mann. Aber Anicius, du weißt +es, der Jüngling, steht unter seines altern Bruders Severinus strenger +Hut. Nie würde dieser, der nur Rache an den Barbaren sinnt und +Freiheitsschlachten, diese zarte – Freundschaft dulden. Er würde unsern +Verkehr tausendfach stören. Deshalb thu’ mir eine Liebe: Severinus darf +uns nicht folgen. Wenn wir an Bord sind mit Anicius, halte den ältern +Bruder in Byzanz zurück mit List oder Gewalt – du kannst es ja leicht – du +bist die Kaiserin.« + +»Nicht übel,« lächelte Theodora. »Welche Kriegslisten! Man sieht, du +lernst von Belisarius.« + +Da erglühte Antonina über und über. + +»O nenne seinen Namen nicht. Und höhne nicht! Du weißt am besten, von wem +ich gelernt, zu thun, worüber man erröten muß.« + +Theodora schoß einen funkelnden Blick auf die Freundin. + +»Der Himmel weiß,« fuhr diese fort, ohne es zu beachten, »Belisar selbst +war nicht treuer als ich, bis ich an diesen Hof kam. Du warst es, +Kaiserin, die mich gelehrt, daß diese selbstischen Männer, von Krieg und +Staat und Ehrgeiz erfüllt, uns, wenn sie einmal unsre Eheherrn, +vernachlässigen, uns nicht mehr würdigen, wann sie uns besitzen. Du hast +mich gelehrt, wie es keine Sünde, kein Unrecht sei, die unschuldige +Huldigung, die schmeichelnde Verehrung, die der tyrannische Gemahl +versagt, von einem noch hoffenden und deshalb noch dienenden Freunde +hinzunehmen. Gott ist mein Zeuge, nichts andres als diesen süßen Weihrauch +der Huldigung, den Belisar versagt und den mein eitles, schwaches Herz +nicht missen kann, will ich von Anicius.« + +»Zum Glück für mich wird das sehr bald langweilig für ihn,« sagte Theodora +zu sich selbst. + +»Und doch – schon dies ist ein Verbrechen, fürcht’ ich, an Belisar. O wie +ist er groß und edel und herrlich. Wenn er nur nicht allzugroß wäre für +dies kleine Herz.« – Und sie bedeckte das Antlitz mit den Händen. + +»Die Erbärmliche,« dachte die Kaiserin, »sie ist zu schwach zum Genuß wie +zur Tugend.« + +Da trat Agave, die hübsche junge Thessalierin, ins Gemach mit einem großen +Strauß herrlicher Rosen. + +»Von ihm,« flüsterte sie der Herrin zu. – »Von wem?« fragte diese. Aber +jetzt sah Antonina auf und Agave winkte warnend mit den Augen. + +Die Kaiserin reichte Antoninen den Strauß, sie zu beschäftigen, »bitte, +stell’ ihn dort in die Marmorvase.« + +Während die Gattin Belisars den Rücken wendend gehorchte, flüsterte Agave: +»Nun, von ihm, den du gestern den ganzen Tag hier versteckt gehalten: – +von dem schönen Anicius –« setzte das holde Kind errötend bei. + +Aber kaum hatte sie das unvorsichtige Wort gesagt, als sie laut schreiend +nach ihrem linken Arme griff. Die Kaiserin schlug sie mit der noch +blutigen Lanzette ins Gesicht. »Ich will dich lehren, Augen haben, ob +Männer schön sind oder häßlich,« flüsterte sie grimmig. »Du läßt dich in +die Spinnstube sperren auf vier Wochen – sogleich – und zeigst dich nie +mehr in meinen Vorzimmern. Fort!« + +Weinend ging das Mädchen, ihr Haupt verhüllend. + +»Was hat sie gethan?« fragte Antonina sich wendend. + +»Das Riechfläschchen fallen lassen,« sagte Galatea rasch, ein solches von +dem Teppich aufhebend. – »Herrin, dein Haar ist fertig.« + +»So laß die Ankleiderinnen ein und wer sonst im Vorsaal. – Willst du +einstweilen in diesen Versen blättern, Antonina? Es sind die neuesten +Gedichte des Arator, »über die Thaten der Apostel«, gar erbaulich zu +lesen! Zumal hier, die Steinigung des heiligen Stephanos! Aber lies und +sprich sein Urteil.« + +Galatea öffnete weit die Thüre des Haupteingangs: ein ganzer Schwarm von +Sklavinnen und Freigelassenen wogte herein. Die einen besorgten das +Hinausräumen der gebrauchten Toilettegeräte, andre räucherten mit +Kohlenpfännchen und sprengten aus schmalhalsigen Fläschchen Balsam durch +das Gemach. Die meisten aber waren um die Person der Kaiserin beschäftigt, +die jetzt ihren Anzug vollendete. Galatea nahm ihr den Rosaüberwurf ab. +»Berenike,« rief sie, »die milesische Tunika mit dem Purpurstreif und der +goldnen Falbel: es ist Sonntag heute.« + +Während die erfahrene Alte, die allein das Haar der Kaiserin berühren +durfte, die kostbare Goldnadel, mit der Venusgemme im Knopf, künstlich in +die Knoten des Hinterhauptes schob, fragte die Kaiserin: »Was giebt es +neues in der Stadt, Delphine?« + +»Du hast gesiegt, o Herrin!« antwortete die Gefragte, mit den Goldsandalen +niederknieend. »Deine Farbe, die Blauen, haben gestern im Cirkus gesiegt +über die Grünen zu Roß und Wagen.« + +»Triumph!« frohlockte Theodora, »eine Wette von zwei Centenaren Gold, – es +ist mein. – Nachrichten? woher? aus Italien?« rief sie einer eben mit +Briefen eintretenden Dienerin entgegen. + +»Jawohl, Herrin, aus Florentia von der Gotenfürstin Gothelindis: ich kenne +das Gorgonensiegel: und von Silverius, dem Diakon.« + +»Gieb,« sagte Theodora, »ich nehme sie mit in die Kirche. Den Spiegel, +Elpis.« – Eine junge Sklavin trat vor mit einer ovalen drei Fuß langen +Platte von glänzend polirtem Silber in einem reich mit Perlen besetzten +Goldrahmen und getragen von einem starken Fuß von Elfenbein. Die arme +Elpis hatte harten Dienst. Sie mußte während der Vollendung des Ankleidens +die schwere Platte bei jeder Bewegung der unruhigen Herrin sofort dermaßen +drehen, daß diese sich ununterbrochen darin beschauen konnte und weh’ ihr, +wenn sie einer Wendung zu spät nachfolgte. + +»Was giebt es zu kaufen, Zephyris?« fragte die Kaiserin eine dunkelfarbige +libysche Freigelassene, die ihr eben die zahme Hausschlange, die in einem +Körbchen auf weichem Moose ruhte, zur Morgenliebkosung reichte. + +»Ach, nicht viel Besondres,« sagte die Libyerin, – »komm, Glauke,« fuhr +sie fort, indem sie die blendend weiße golddurchwirkte Chlamys aus der +Kleiderpresse nahm und sorgfältig auf den Armen ausgebreitet hielt, bis +die Gerufene ihr sie abnahm, mit Einem Wurf der Kaiserin in den schönsten +Falten über die Schulter schlug, mit dem weißen Gürtel zusammenfaßte und +das eine Ende mit einer Goldspange, die einst die Taube der Venus, jetzt +aber im Gegenteil den heiligen Geist darstellte, über der weißen Achsel +befestigte. Glauke, die Tochter eines athenischen Bildhauers, hatte +jahrelang den Faltenwurf studirt, war deshalb von der Kaiserin um viele +tausend Solidi angekauft worden und hatte den ganzen Tag über nur dies +einzige Geschäft. + +»Duftige Seifenkugeln aus Spanien,« berichtete Zephyris, »sind wieder +frisch angekommen. Ein neues milesisches Märchen ist erschienen und der +alte Ägypter ist wieder da,« setzte sie leiser hinzu, »mit seinem +Nilwasser. Er sagt, es helfe unfehlbar. Die Perserkönigin, die acht Jahre +kinderlos – –« + +Seufzend wandte sich Theodora ab, ein Schatte flog über das glatte +Gesicht. »Schick’ ihn fort,« sagte sie, »diese Hoffnung ist vorüber.« – + +Und es war einen Augenblick, als wollte sie in trübes Sinnen versinken. + +Aber sich aufraffend trat sie, Galateen winkend, zu ihrem Lager zurück, +nahm den zerdrückten Eppichkranz, der auf ihrem Kopfkissen lag und gab ihn +der Alten mit den geflüsterten Worten: »für Anicius, schick’ es ihm zu. – +Den Schmuck, Erigone!« Diese, von zwei andern Sklavinnen unterstützt, trug +mühsam die schwere Kiste von Erz herbei, deren Deckel, in getriebnen +Figuren die Werkstätte des Vulcanus darstellend, mit dem Siegel der +Kaiserin an die Lade befestigt war. Erigone zeigte, daß das Siegel +unverletzt und schlug den Deckel auf: neugierig stellte sich da manches +Mädchen auf die Fußspitzen, einen Blick von den schimmernden Schätzen zu +erhaschen. »Willst du noch die Sommerringe, Herrin?« fragte Erigone. – +»Nein,« sprach Theodora wählend, »die Zeit dafür ist um. Gieb mir die +schwereren, die Smaragden.« Erigone reichte ihr Ohrringe, Fingerring und +Armband. + +»Wie schön,« sagte Antonina, von ihren frommen Versen aufsehend, »steht +das Weiß der Perle zu dem Grün des Steins!« + +»Es ist ein Schatzstück der Kleopatra,« sagte die Kaiserin gleichgültig, +»der Jude hat den Stammbaum der Perle eidlich erhärtet.« + +»Aber du zögerst lange,« erinnerte Antonina, »Justinians Goldsänfte harrte +schon als ich herauf kam.« + +»Ja, Herrin,« rief eine junge Sklavin ängstlich, »der Sklave vor der +Sonnenuhr sagte schon die vierte Stunde an. Eile, Herrin.« + +Ein Stich mit der Lanzette war die Antwort. »Willst du die Kaiserin +mahnen?« Aber Antoninen flüsterte sie zu: »Man muß die Männer nicht +verwöhnen: sie müssen immer auf uns warten, wir nie auf sie. + +Meinen Straußenfächer, Thais. Geh, Jone, die kappadokischen Sklaven sollen +an meine Sänfte treten.« + +Und sie wandte sich zum Gehen. »O Theodora,« rief Antonina rasch, »vergiß +meine Bitte nicht.« + +»Nein,« sagte diese, plötzlich stehen bleibend, »gewiß nicht! Und damit du +ganz sicher gehst,« lächelte sie, »leg’ ich’s in deine eigne Hand. Meine +Wachstafel und den Stift.« Galatea brachte sie eilig. Theodora schrieb und +flüsterte der Freundin zu: »Der Präfekt des Hafens ist einer meiner alten +Freunde. Er gehorcht mir blind. Lies, was ich schreibe: »An Aristarchos +den Präfekten Theodora die Kaiserin. + +Wenn Severinus, des Boëthius Sohn, das Schiff des Belisarius besteigen +will, halt’ ihn, nötigenfalls mit Gewalt, zurück und sende ihn hierher in +meine Gemächer: er ist zu meinem Kämmerer ernannt. Ist’s recht so, liebe +Schwester?« flüsterte sie. + +»Tausend Dank,« sagte diese mit leuchtenden Augen. + +»Aber wie,« rief die Kaiserin laut, plötzlich an ihren Hals fassend, »und +die Hauptsache hätten wir vergessen? Mein Amulet, den Mercurius! Bitte, +Antonina, dort liegt es.« Hastig wandte sich diese, den kleinen goldnen +Merkur, den besten Geleitsmann, der an seidner Schnur an dem Bette der +Kaiserin hing, zu holen. Inzwischen aber strich Theodora schnell das Wort +»Severinus« mit dem Goldgriffel aus, und schrieb dafür »Anicius«. Sie +klappte das Täfelchen zusammen, umschnürte und siegelte es mit ihrem +Venusring. + +»Hier das Amulet,« sagte Antonina zurückkommend. + +»Und hier der Befehl!« lächelte die Kaiserin. »Du magst ihn selbst im +Augenblick der Abfahrt an Aristarchos übergeben. Und jetzt,« rief sie, +»jetzt auf: in die Kirche.« + + + + + Zwanzigstes Kapitel. + + +In Neapolis, derjenigen Stadt Italiens, über welcher die zu Byzanz +aufsteigenden Wetterwolken sich zuerst entladen sollten, ahnte man nichts +von einer drohenden Gefahr. Da wandelten damals Tag für Tag an den +reizenden Hängen, welche nach dem Posilipp führen, oder an den Uferhöhen +im Südosten der Stadt, in vertrautem Gespräch, alle Wonnen jugendlich +begeisterter Freundschaft genießend, zwei herrliche Jünglinge, der eine in +braunen, der andre in goldnen Locken: die Dioskuren, Julius und Totila. + +O schöne Zeit, da es die reine Seele, umweht von der frischen Morgenluft +des Lebens, noch unenttäuscht und unermüdet, trunken von der Fülle stolzer +Träume, drängt, hinüberzufluten in ein gleich junges, gleich reiches, +gleich überschwängliches Gemüt. Da stärkt sich der Vorsatz zu allem +Edelsten, der Aufschwung zu dem Höchsten, der Flug bis in die lichte Nähe +des Göttlichen wird in der Mitteilung gewagt, in der seligen Gewißheit, +verstanden zu sein. + +Wenn der Blütenkranz in unsren Locken gewelkt ist und die Ernte unsres +Lebens beginnt, mögen wir lächeln über jene Träume der Jünglingszeit und +Jünglingsfreundschaft; aber es ist kein Lächeln des Spottes; es ist ein +Ausdruck von jener Wehmut, mit der wir in nüchterner Herbstluft der süßen, +berauschenden Lüfte des ersten Frühlings gedenken. – + +Der junge Gote und der junge Römer hatten sich gefunden in der +glücklichsten Zeit für einen solchen Bund und sie ergänzten sich +wunderbar. Totilas sonnige Seele hatte den vollen Schmelz der Jugend +bewahrt: lachend sah er in die lachende Welt: er liebte den Menschen und +der Glanz seines wohlwollenden Wesens gewann ihm leicht und rasch alle +Herzen. Er glaubte nur an das Gute und des Guten Sieg: traf er das Böse, +das Gemeine auf seinem Pfad, so trat er es mit dem heilig lodernden Zorn +eines Erzengels in den Staub: durch seine sanfte Natur brach dann, den +Helden verratend, die gewaltige Kraft, die in ihr ruhte und nicht eher +ließ er ab, bis das verhaßte Element aus seinem Lebenskreise getilgt war. +Aber im nächsten Augenblick war dann die Störung wie überwunden so +vergessen und harmonisch wie seine Seele fühlte er ringsum Welt und Leben. +Stolz und froh empfand er die Vollkraft seiner Jugend und jauchzend +drückte er das goldne Dasein an die Brust. Singend schritt er durch die +wimmelnden Straßen von Neapolis, der Abgott der Mädchen, der Stolz seiner +gotischen Waffenfreunde, wie ein Gott der Freude, beglückend und beglückt. + +Der helle Zauber seines Wesens teilte sich selbst der stilleren Seele +seines Freundes mit. Julius Montanus, zart und sinnig angelegt, eine fast +weibliche Natur, früh verwaist und von Cethegus’ hochüberlegnem Geist +eingeschüchtert, in Einsamkeit und unter Büchern aufgewachsen, von der +trostlosen Wissenschaft jener Zeit mehr belastet als gehoben, sah das +Leben ernst, fast wehmütig an. Ein Zug zur Entsagung und die Neigung, +alles Bestehende an dem strengen Maß übermenschlicher Vollendung zu +messen, lag in ihm und mochte sich leicht bis zur Schwermut verdüstern. +Zur glücklichen Stunde fiel Totilas sonnige Freundschaft in seine Seele +und erhellte sie bis in ihre tiefsten Falten so mächtig, daß seine edle +Natur auch von einem schweren Schlage sich wieder elastisch aufrichten +konnte, den eben diese Freundschaft auf sein Haupt ziehen sollte. + +Hören wir ihn selbst darüber an den Präfekten berichten: + +»Cethegus dem Präfekten Julius Montanus. + +Die kaltherzige Antwort, die du auf den warmgefühlten Bericht von meinem +neuen Freundschafts-Glück erteiltest, hat mir zuerst – gewiß gegen deine +Absicht – sehr wehe gethan, später aber das Glück eben dieser Freundschaft +erhöht, freilich in einer Weise, welche du weder ahnen noch wünschen +konntest. + +Der Schmerz durch dich hat sich bald in Schmerz um dich verwandelt. Wollte +es mich anfangs kränken, daß du meine tiefste Empfindung als die +Schwärmerei eines kranken Knaben behandeltest und die Heiligtümer meiner +Seele mit bittrem Spott antasten wolltest – nur wolltest, denn sie sind +unantastbar, – so ergriff mich doch statt dessen bald das Gefühl des +Mitleids mit dir. Wehe, daß ein Mann wie du, so überreich an Kräften des +Geistes, darbest an den Gütern des Herzens. Wehe, daß du die Wonne der +Hingebung nicht kennst und jene opferfreudige Liebe, die ein von dir mehr +verspotteter als verstandner Glaube, den mir jeder Tag des Schmerzes näher +bringt, die _caritas_, die Nächstenliebe, nennt: Wehe dir, daß du das +Herrlichste nicht kennst! Vergieb die Freiheit dieser meiner Rede: ich +weiß, ich habe noch nie in solchen Worten zu dir gesprochen: aber erst +seit kurzem bin ich, der ich bin. Vielleicht nicht ganz mit Unrecht hat +noch dein letzter Brief Spuren von Knabenhaftigkeit an mir gegeißelt. Ich +glaube, sie sind seitdem verschwunden und ein Verwandelter sprech’ ich zu +dir. Dein Brief, dein Rat, deine »Arzenei« hat mich allerdings zum Manne +gereift, aber nicht in deinem Sinn und nicht nach deinem Wunsch. Schmerz, +heiligen, läuternden Schmerz hat er mir gebracht, er hat diese +Freundschaft, die er verdrängen sollte, auf eine harte Probe gestellt, +aber, der Güte Gottes sei’s gedankt, er hat sie im Feuer nicht zerstört, +sondern gehärtet für immer. + +Höre und staune, was der Himmel aus deinen Plänen geschaffen hat. + +Wie wehe mir dein Brief gethan, – in alter Gewohnheit des Gehorsams +befolgte ich alsbald seinen Auftrag und suchte deinen Gastfreund auf, den +Purpurhändler Valerius Procillus. Er hatte bereits die Stadt verlassen und +seine reizende Villa bezogen. Ich fand an ihm einen vielerfahrnen Mann und +einen eifrigen Freund der Freiheit und des Vaterlandes: in seiner Tochter +Valeria aber ein Kleinod. + +Du hattest recht prophezeit. Meine Absicht, mich gegen sie zu +verschließen, zerschmolz bei ihrem Anblick wie Nebel vor der Sonne: mir +war Elektra oder Kassandra, Clölia oder Virginia stehe vor mir. Aber mehr +noch als ihre hohe Schönheit bezauberte mich der Schwung ihrer +unsterblichen Seele, die sich alsbald vor mir aufthat. Ihr Vater behielt +mich sogleich als seinen Gast im Hause und ich verlebte unter seinem Dach +mit ihr die schönsten Tage meines Lebens. Die Poesie der Alten ist der +Äther ihrer Seele. + +Wie rauschten die Chöre des Äschylos, wie rührend tönte Antigones Klage in +ihrer melodischen Stimme; stundenlang lasen wir in Wechselrede und +herrlich war sie zu schauen, wann sie sich erhob im Schwunge der +Begeisterung, wann ihr dunkles Haar, in freie Wellen gelöst, niederfloß +und aus ihrem großen runden Auge ein Feuer blitzte nicht von dieser Welt. + +Und, – was ihr vielleicht noch tiefen Schmerz bereiten wird, – eine +Spaltung, die durch all’ ihr Leben geht, giebt ihr den höchsten Reiz. Du +ahnst wohl, was ich meine, da du seit Jahren das Schicksal ihres Hauses +kennst. Du weißt wohl genauer als ich, wie es kam, daß Valeria schon bei +ihrer Geburt von ihrer frommen Mutter einem ehelosen, einsamen Leben in +Werken der Andacht geweiht, dann aber von ihrem reichen und mehr römisch +als christlich gesinnten Vater um den Preis einer Kirche und eines +Klosters, die er baute, losgekauft worden ist. Aber Valeria glaubt, daß +der Himmel nicht totes Gold nehme für eine lebendige Seele: sie fühlt sich +der Bande jenes Gelübdes nicht ledig, deren sie ewig, aber nur in Furcht, +nicht in Liebe, gedenkt. + +Denn du hattest recht als du schriebst: sie sei durch und durch ein Kind +der alten, der heidnischen Welt. Das ist sie, die echte Tochter ihres +Vaters: aber doch kann sie der frommen Mutter entsagend Christentum nicht +abthun: es lebt nicht in ihr als ein Segen, es lastet auf ihr als ein +Fluch, als der unentrinnbare Zwang jenes Gelübdes. Diesen wundersamen +Zwiespalt, diesen verhängnisvollen Widerstreit trägt die edle Jungfrau im +Gemüt: er quält sie, aber er veredelt sie zugleich. + +Wer weiß, wie er sich lösen wird? der Himmel allein, der ihr Schicksal +lenkt. Mich aber zieht dieser innere Kampf mit ernsten Schauern an: du +weißt ja, daß in mir selbst der Christenglaube und die Philosophie in +ungeklärter Mischung durcheinander wogen. Zu meinem Staunen hat in diesen +Tagen des Schmerzes der Glaube zugenommen und fast will mich bedünken, die +Freude führe zu der heidnischen Weisheit, zu Christus aber der Schmerz und +das Unglück. + +Aber höre wie der Schmerz über mich gekommen. + +Anfangs, als ich diese Liebe in mir keimen sah, war ich froher Hoffnung +voll. Valerius, vielleicht schon früher von dir für mich gewonnen, sah +meine wachsende Neigung offenbar nicht ungern: vielleicht hatte er nur das +an mir auszusetzen, daß ich seinen Traum von der Wiederaufrichtung der +römischen Republik nicht eifrig genug teilte und nicht seinen Haß gegen +die Byzantiner, in denen er die Todfeinde seines Hauses wie Italiens +sieht. Auch Valeria war mir bald freundschaftlich geneigt und wer weiß ob +nicht damals die Verehrung gegen den Willen ihres Vaters und diese +Freundschaft genügt hätten, sie in meine Arme zu führen. Aber ich danke, – +soll ich sagen Gott oder dem Schicksal? – daß es nicht so kam: Valeria +einer halb gleichgültigen Ehe opfern wäre ein Frevel gewesen. Ich weiß +nicht, welches seltsame Gefühl mich abhielt das Wort zu sprechen, das sie +in jenen Tagen gewiß zu der Meinen gemacht hätte. Ich liebte sie doch so +tief: – aber so oft ich mir ein Herz fassen und bei ihrem Vater um sie +werben wollte, immer beschlich mich ein Gefühl, als thu’ ich Unrecht an +dem Gut eines andern, als sei ich ihrer nicht würdig oder doch nicht die +ihr vom Schicksal zugedachte Hälfte ihrer Seele und ich schwieg und +bezähmte das pochende Herz. + +Einstmals um die sechste Stunde, – schwül brannte die Sonne rings auf Land +und Meer – suchte ich Schatten in der kühlen Marmorgrotte des Gartens. Ich +trat ein durch das Oleandergebüsch: da lag sie schlafend auf der weichen +Rasenbank, die eine Hand auf dem leise wogenden Busen, der linke Arm unter +dem edeln Haupt, das noch vom Frühmahl her der schöne Asphodeloskranz +schmückte. Ich stand bebend vor ihr: so schön war sie noch nie gewesen, +ich beugte mich über sie und staunte die edeln, wie in Marmor gebildeten +Züge an: heiß schlug mein Herz, ich beugte mich über sie, diese roten +feingeschnittenen Lippen zu küssen. + +Da fiel mir’s plötzlich centnerschwer aufs Herz: es ist ein Raub, was du +begehen willst. Totila! rief unwillkürlich meine ganze Seele und still, +wie ich gekommen, schlich ich fort. + +Totila! Was war er mir nicht früher eingefallen? + +Ich machte mir Vorwürfe, den Bruder meines Herzens über dem neuen Glück +fast vergessen zu haben. + +Deine Prophezeiung, Cethegus, dachte ich, soll sich nicht erfüllen: diese +Liebe soll mich dem Freunde nicht entfremden. Er soll Valeria sehen, +gleich mir bewundern, meine Wahl lobpreisen und dann, dann will ich werben +und Totila soll glücklich sein mit uns. + +Andern Tages ging ich nach Neapolis zurück, ihn zu holen. Ich pries ihm +den Schimmer des Mädchens, aber ich vermochte es nicht über mich, ihm von +meiner Liebe zu sprechen. Er sollte sie sehen und alles erraten. Wir +fanden sie bei unserer Ankunft nicht in den Zimmern der Villa. So führte +ich Totila in den Garten – Valeria ist die eifrigste Pflegerin der Blumen +– wir bogen, Totila voran, aus einem dichten Taxusgang: da schimmerte uns +ihre Erscheinung plötzlich entgegen: sie stand vor einer Statue ihres +Vaters und kränzte sie mit frischgepflückten Rosen, die sie, hoch +aufgehäuft in der Busenfalte der Tunika, mit der Linken auf der Brust +zusammenhielt. + +Es war ein überraschend schönes Bild: die herrliche Jungfrau, in dem Grün +des Taxus gleichsam eingerahmt, vor dem weißen Marmor, die Rechte +anmutvoll erhebend: und mächtig wirkte die Erscheinung auf Totila: mit +einem lauten Ruf des Staunens blieb er sprachlos, ihr gerade gegenüber, +stehen. + +Sie sah auf und zuckte erschrocken, wie blitzgetroffen, zusammen: die +Rosen fielen in dichten Flocken aus ihrem Gewand: sie sah es nicht: ihre +Augen hatten sich getroffen, ihre Wangen erglühten: – ich sah mit +Blitzesschnelle ihr Geschick und mein Geschick entschieden. + +Sie liebten sich beim ersten Anblick. + +Schmerzlich, wie ein brennender Pfeil, durchdrang die Gewißheit meine +Seele. Aber doch nur einen Augenblick herrschte der Schmerz ungemischt in +meiner Brust. Sofort, wie ich die beiden betrachtete, die herrlichen +Gestalten, empfand ich neidlose Freude, daß sie sich gefunden: denn es +war, wie wenn die Macht, die der Sterblichen Leiber bildet und Seelen, sie +aus Einem Stoff für einander geschaffen: wie Morgensonne und Morgenröte +schimmerten sie ineinander und jetzt erkannte ich auch das dunkle Gefühl, +das mich wie ein Vorwurf von Valeria fern gehalten, das mir _seinen_ Namen +auf die Lippen geführt hatte: sein sollte Valeria werden nach Gottes +Ratschluß oder dem Gang der Sterne und ich sollte nicht zwischen sie +treten. + +Erlaß mir, das Weitere zu berichten. Denn so selbstisch ist mein Sinn +geartet, sowenig Macht hat noch die heilige Lehre des Entsagens über mich +gewonnen, daß – ich schäme mich, das zu gestehen – daß mein Herz auch +jetzt noch manchmal schmerzlich zuckt, statt freudig zu schlagen für das +Glück der Freunde. + +Rasch und unscheinbar, wie zwei Flammen ineinander lodern, schlugen ihre +Seelen zusammen. Sie lieben sich und sind glücklich wie die seligen +Götter: mir ist die Freude geblieben, ihr Glück zu schauen und ihnen +beizustehen, es noch vor dem Vater zu verbergen, der sein Kind wohl +schwerlich dem »Barbaren« schenken wird, solang er in Totila nur den +»Barbaren« sieht. + +Meine Liebe aber und ihren Opfertod halt’ ich vor dem Freunde tief +verborgen: er ahnt nicht und soll nie erfahren, was sein glänzend Glück +nur trüben könnte. Du siehst nun, o Cethegus, wie weit ab von deinem Ziel +ein Gott deinen Plan gewendet. Mir hast du jenes Kleinod Italiens bringen +wollen und hast es Totila zugeführt. Meine Freundschaft hast du zerstören +wollen und hast sie in den Gluten heiliger Entsagung von allem Irdischen +befreit und unsterblich gemacht. Du hast mich zum Manne machen wollen +durch der Liebe Glück: – ich bin’s geworden durch der Liebe Schmerz. + +Lebe wohl und verehre das Walten des Himmels.« + + + + + Einundzwanzigstes Kapitel. + + +Wir unterlassen es, den Eindruck dieses Schreibens auf den Präfekten +auszumalen, und begleiten lieber die beiden Dioskuren auf einem ihrer +Abendspaziergänge an den reizenden Ufergeländen von Neapolis. + +Sie wandelten nach der früh beendigten Coena durch die Stadt und zur Porta +nolana hinaus, die in schon halb verwitterten Reliefs die Siege eines +römischen Imperators über germanische Stämme verherrlichte. + +Totila blieb stehen und bewunderte die schöne Arbeit. + +»Wer ist wohl der Kaiser,« fragte er den Freund, »dort auf dem +Siegeswagen, mit dem geflügelten Blitz in der Hand, wie ein Jupiter +Tonans?« – »Es ist Marc Aurel,« sagte Julius und wollte weitergehen. – »O +bleib doch! Und wer sind die vier Gefesselten mit den langwallenden +Haaren, die den Wagen ziehn?« + +»Es sind Germanenkönige.« – »Doch welches Stammes?« fragte Totila weiter – +»sieh da, eine Inschrift: »_Gothi extincti!_« »Die Goten vernichtet!«« + +Laut lachend schlug der junge Gote mit flacher Hand auf die Marmorsäule +und schritt rasch durch das Thor. »Eine Lüge in Marmor!« rief er rückwärts +blickend. »Das hat der Imperator nicht gedacht, daß einst ein gotischer +Seegraf in Neapolis seine Prahlereien Lügen straft.« – »Ja, die Völker +sind wie die wechselnden Blätter am Baume,« sagte Julius nachdenklich; +»wer wird nach euch in diesen Landen herrschen?« Totila blieb stehen. +»_Nach uns?_« fragte er erstaunt. – »Nun, du wirst doch nicht glauben, daß +deine Goten ewig dauern werden unter den Völkern?« + +»Das weiß ich doch nicht,« sagte Totila, langsam fortschreitend. – »Mein +Freund, Babylonier und Perser, Griechen und Makedonen und, wie es scheinen +will, auch wir Römer hatten ihre zugemessene Zeit: sie blühten, reisten +und vergingen. Soll’s anders sein mit den Goten?« + +»Ich weiß das nicht,« sagte Totila unruhig, »ich habe den Gedanken nie +gedacht. Es ist mir noch nie eingefallen, daß eine Zeit kommen könnte, da +mein Volk« – – er hielt inne, als sei es Sünde, den Gedanken auszudenken. +»Wie kann man sich dergleichen vorstellen! ich denke daran so wenig wie – +wie an den Tod!« + +»Das sieht dir gleich, mein Totila!« + +»Und dir sieht es gleich, dich und andre mit solchen Träumereien zu +quälen.« + +»Träumereien! Du vergißt, daß es für mich, für mein Volk schon +Wirklichkeit geworden. Du vergißt, daß ich ein Römer bin. Und ich kann +mich nicht darüber täuschen wie die meisten thun: es ist vorbei mit uns. +Das Scepter ist von uns auf euch übergegangen; glaubst du, es lief so ohne +Schmerz, ohne Nachsinnen für mich ab, in dir, meinem Herzensfreund, den +Barbaren, den Feind meines Volkes zu vergessen?« + +»Das ist nicht so, beim Glanz der Sonne!« fiel Totila eifrig ein. »Find’ +ich auch in deiner milden Seele den herben Wahn? Blick’ doch nur um dich! +Wann, sage mir, wann hat Italien herrlicher geblüht als unter unsrem +Schilde? Kaum in den Tagen des Augustus. Ihr lehrt uns Weisheit und Kunst, +wir leihen euch Friede und Schutz. Kein schöneres Wechselverhältnis läßt +sich denken! Die Harmonie zwischen Römern und Germanen kann eine ganz neue +Zeit erschaffen, schöner als je eine bestanden.« + +»Die Harmonie! aber sie ist nicht da. Ihr seid uns ein fremdes Volk, +geschieden durch Sprache und Glaube, durch Stammes- und Sinnesart und +durch halbtausendjährigen Haß. + +Wir brachen früher eure Freiheit, ihr jetzt die unsre; zwischen uns gähnt +eine ewige Kluft.« – »Du verwirfst den Lieblingsgedanken meiner Seele.« + +»Er ist ein Traum!« – »Nein, er ist Wahrheit, ich fühl’ es und vielleicht +kömmt noch die Zeit, dir’s zu beweisen. Das Werk meines ganzen Lebens bau’ +ich drauf.« – »So wär’s auf einen edeln Wahn gebaut. Keine Brücke zwischen +Römern und Barbaren!« – »Dann,« sagte Totila heftig, »begreif’ ich nicht, +wie du leben kannst, wie du mich –« + +»Vollende nicht,« sagte Julius ernst. »Es war nicht leicht: es war die +schwerste der Entsagungen! Erst nach hartem Widerstreit der Selbstsucht +ist sie mir gelungen: aber endlich hab’ ich aufgehört, in meinem Volk +allein zu leben. Der heilge Glaube, der jetzt schon – und er allein +vermag’s – Römer und Germanen verbindet, der meinen widerstrebenden +Verstand durch lauter Schmerzen – Schmerzen, die Freuden sind – allmählich +immer mächtiger umschlingt, er hat mir auch in diesem Zwiespalt Friede +gebracht. In diesem Einen darf ich mich jetzt schon rühmen, ein Christ zu +sein: ich lebe der Menschheit, nicht meinem Volk allein, ein Mensch, kein +bloßer Römer mehr. Darum kann ich dich, den Barbaren, lieben wie einen +Bruder: sind wir doch Bürger Eines Reichs: der Menschheit. + +Darum kann ich es ertragen, zu leben, nachdem ich mein Volk gestorben +sehe. Ich lebe der Menschheit: sie ist mein Volk!« + +»Nein!« rief Totila lebhaft, »das könnt’ ich nimmermehr. In meinem Volk +allein kann ich und will ich leben: meines Volkes Art ist die Luft, in der +allein meine Seele atmen kann. Warum soll’n wir nicht dauern können, ewig: +oder doch solang diese Erde dauert? Was Perser und Griechen! Wir sind von +besserem Stoff. Weil sie dahin siechten und versanken, müssen darum auch +wir siechen und versinken? Noch blühn wir in voller Jugendkraft! Nein, +wenn ein Tag kömmt, da die Goten sinken, – mög’ ihn mein Auge nicht mehr +sehn. O all’ ihr Götter, laßt uns nur nicht dahinkranken jahrhundertelang +wie diese Griechen, die nicht leben können und nicht sterben! Nein, muß es +sein, so sendet ein furchtbar Kampfgewitter und laßt uns rasch und +herrlich fallen, alle, alle und mich voran!« + +Der Jüngling hatte sich in die wärmste Begeisterung gesprochen. Er sprang +empor von der Marmorbank auf der Straße, darauf sie sich niedergelassen, +den Lanzenschaft hoch gen Himmel erhebend. + +»Mein Freund,« sagte Julius, ihn liebevoll anblickend, »wie schön steht +dir dieser Eifer! Aber bedenke, ein solcher Kampf würde mit uns, mit +meinem Volk entbrennen und sollte ich –?« + +»Zu deinem Volke sollst du stehn mit Leib und Seele, das ist klar, wenn es +jemals zu solchem Kampfe kömmt. Du glaubst, das würde unsrer Freundschaft +Eintrag thun? mit nichten! Zwei Helden können sich knochentiefe Wunden +hau’n und dabei doch die besten Freunde sein. Ha, mich würd’ es freuen, +dich in einer Schlachtreihe mir entgegenschreiten sehn mit Schild und +Speer!« + +Julius lächelte. »Meine Freundschaft ist nicht so grimmiger Art, du wilder +Gote. – Diese Fragen und Zweifel haben mich lange und bitter gequält und +all’ meine Philosophen zusammen haben mir nicht den Frieden gebracht. Erst +seit ich’s in Schmerzen erfahren, daß ich dem Gott im Himmel allein zu +dienen habe und auf Erden der Menschheit und nicht Einem Volk –« + +»Gemach, Freund,« rief Totila, »wo ist denn die Menschheit, von der du +schwärmst? Ich sehe sie nicht. Ich sehe nur Goten, Römer, Byzantiner! Eine +Menschheit über den wirklichen Völkern, irgendwo in den Lüften, kenn’ ich +nicht. Ich diene der Menschheit, indem ich meinem Volke lebe. Ich kann gar +nicht anders! ich kann nicht die Haut abstreifen, darin ich geboren bin. +Gotisch denk’ ich, in gotischen Worten, nicht in einer allgemeinen Sprache +der Menschheit; die giebt es nicht. Und wie ich nur gotisch denke, kann +ich auch nur gotisch fühlen. Ich kann das Fremde anerkennen, o ja. Ich +bewundre eure Kunst, euer Wissen, zum Teil euren Staat, in welchem alles +so streng geordnet ist. + +Wir können vieles von euch lernen – aber tauschen könnt’ ich und möcht’ +ich mit keinem Volk von Engeln. Ha, meine Goten! Im Grund des Herzens sind +mir ihre Fehler lieber als eure Tugenden.« + +»Wie ganz anders empfinde ich, und bin doch ein Römer!« + +»Du bist kein Römer! vergieb, mein Freund, es giebt schon lange keine +Römer mehr. Sonst wär ich’ nicht der Seegraf von Neapolis! So wie du kann +nur empfinden, wer eigentlich kein Volk mehr hat. So wie ich muß jeder +fühlen, der eines lebendigen Volkes ist.« + +Julius schwieg eine Weile. »Und wenn dem so ist, – wohl mir! Heil, wenn +ich die Erde verloren, den Himmel zu gewinnen. Was sind die Völker, was +ist der Staat, was ist die Erde? Nicht hier unten ist die Heimat meiner +unsterblichen Seele! Sie sehnt sich nach jenem Reiche, wo alles anders ist +als hier.« + +»Halt ein, mein Julius,« sprach Totila, stehen bleibend, die Lanze auf den +Boden stoßend. »Hier, auf Erden, hab’ ich festen Grund, hier laß mich +stehn und leben, hier nach Kräften das Schöne genießen, das Gute schaffen +nach Kräften. In deinen Himmel kann und will ich dir nicht folgen. Ich +ehre deine Träume, ich ehre deine heilge Sehnsucht – aber ich teile sie +nicht. Du weißt,« fügte er lächelnd hinzu, »ich bin ein Heide, +unverbesserlich, wie meine Valeria – unsere Valeria. Zur rechten Stunde +denk’ ich ihrer. Deine erdenflücht’gen Träume ließen uns am Ende des +Liebsten auf Erden vergessen. Sieh, wir sind zur Stadt zurückgekommen, die +Sonne sinkt so rasch hier im Süden und ich soll noch vor Nacht die +bestellten Sämereien in den Garten des Valerius bringen. Ein schlechter +Gärtner,« lächelte er, »der seiner Blume vergäße. Leb wohl – ich biege +rechts hinab.« + +»Grüße mir Valeria. Ich gehe nach Hause, zu lesen.« + +»Was liesest du jetzt? Noch Platon?« + +»Nein, Augustinus. Lebe wohl!« + + + + + Zweiundzwanzigstes Kapitel. + + +Rasch eilte Totila durch die Straßen der Vorstadt, die belebteren Teile +der Innenstadt meidend, nach der Porta capuana zu und dem Turm Isaks, des +jüdischen Pförtners. Der Turm, unmittelbar zur Rechten des Thores, mit +starken Mauern und massiv gewölbtem Dach erbaut, erhob sich in mehreren +sich verjüngenden Absätzen. In dem höchsten Stockwerk, dicht an den +zackigen Zinnen, waren zwei niedre aber breite Gelasse, zur Wohnung des +Türmers bestimmt. + +Dort hausten der alte Jude und Miriam, sein dunkelschönes Kind. + +In dem größern Gemach, wo an den Wänden in strenger Ordnung die großen +schweren Schlüssel zu den Hauptthüren und den Nebenpforten des wichtigen +Thorgebäudes, dann das krumme Wächterhorn und der breite, +hellebardengleiche Speer des Pförtners hingen, saß mit gekreuzten Beinen +auf rohrgeflochtener Matte Isak, der greise Turmwart: eine hohe, +starkknochige Gestalt mit der Adlernase und den buschigen, +hochgeschweiften Brauen seiner Rasse. + +Er hielt einen langen Stab zwischen den Knien und aufmerksam hörte er den +Worten eines jungen unansehnlichen Mannes, offenbar auch eines Israeliten, +zu, in dessen harten, nüchternen Zügen der ganze Rechnerverstand des +jüdischen Stammes lag. + +»Sieh, Vater Isak,« schloß er mit unschöner, klangloser Stimme, »meine +Rede ist keine eitle Rede und meine Worte kommen nicht aus dem Herzen +allein, das blind ist, sondern aus dem Kopf, der da ist sehend. Und hier +hab’ ich mit mir gebracht Brief und Urkund für jedes Wort meines Mundes: +hier meine Bestallung als Baumeister für alle Wasserleitungen von Italien, +jährlich fünfzig Goldsoldi und für jedes neue Werk zehn Soldi besonders. +Eben erst hab’ ich wieder hergestellt die zerfallene Wasserleitung dieser +Stadt Neapolis; hier in diesem Beutel sind die zehn Goldstücke, richtig +bezahlt. Du siehst, ich kann ernähren ein Weib; zudem bin ich Rachels, +deiner Muhme, leiblicher Sohn. So laß mich nicht reden umsonst und gieb +mir Miriam, dein Kind, daß sie bestelle mein Haus.« + +Aber der Alte strich seinen grauen langen Kinnbart und schüttelte langsam +das Haupt. »Jochem, Sohn Rachels, mein Sohn – ich sage dir, laß ab, laß +ab.« + +»Warum? was kannst du haben gegen mich? Wer mag reden wider Jochem in +Israel?« + +»Niemand. Du bist gerecht und still und fleißig und mehrest deine Habe und +dein Werk gedeiht vor dem Herrn. Aber hast du gesehn, daß sich die +Nachtigall paart mit dem Sperling oder die schlanke Gazelle mit dem +Lasttier? Sie passen nicht zusammen! Und nun sieh dorthin und sage mir +selbst, ob du passest für Miriam, mein Kind.« + +Und er schob mit seinem langen Stock sachte den grünwollenen Vorhang zur +Seite, der das vordere Gemach abschloß. + +Leise silberne Töne waren schon herübergeklungen in das Gespräch der +Männer: jetzt sah man in den einfachen aber gefälligen Raum. An dem weiten +Rundbogenfenster, das über die herrliche Neapolis, das blaue Meer und die +fernen Berge die freieste Aussicht bot, stand ein junges Mädchen, ein +fremdartig geformtes Saiteninstrument im Arm. Es war eine Erscheinung von +überraschender Schönheit. Glühend rot fiel das Licht der sinkenden Sonne +noch in das hochgelegene Gemach und übergoß wie das weiße Faltengewand so +das edel geschnittene Profil des Mädchens mit purpurnem Schimmer: es +spielte auf dem glänzend schwarzen Haar, das, halb hinter das feine Ohr +zurückgestrichen, die edeln Schläfe zeigte. Und wie dieser Sonnenglanz, so +schien der Glanz der Poesie die ganze Erscheinung zu umstrahlen, jede +ihrer Bewegungen zu begleiten und jeden träumerischen Blick aus diesen +dunkelblauen Augen, die, in weiches Sinnen versunken, über die Stadt und +das Meer hinschweiften. »Dunkelmeeresblau« hatte diese Augen Piso, der +Dichter, genannt. – + +Wie im halben Traum berührten die Finger nur leise, leise die Saiten, +während von den halbgeöffneten Lippen, geflüstert mehr als gesungen, eine +alte, melancholische Weise klang: + + »An Wasserflüssen Babylons + Saß weinend Judas Stamm: – + Wann kömmt der Tag, da Judas Stamm + Nicht mehr zu weinen hat?« – + +»Nicht mehr zu weinen hat!« wiederholte sie träumend und neigte das Haupt +auf den Arm, der die Harfe auf der Fensterbrüstung hielt. + +»Sieh hin,« sprach der Alte leise, »ist sie nicht lieblich wie die Rose in +den Gärten von Saron und die Hindin auf den Bergen von Hiram und ist kein +Fehl an ihrem Leibe?« + +Ehe Jochem antworten konnte, scholl dreimal ein leises Klopfen an der +schmalen Eisenpforte unten. Miriam fuhr auf aus ihrem Sinnen, strich rasch +mit der Hand über die Augen und eilte die enge Wendeltreppe hinunter. + +Jochem trat an das Fenster und sein Gesicht legte sich in grimmige Falten. +»Ha, der Christ, der gottverfluchte,« knirschte er und ballte die Faust. +»Schon wieder der blonde Gote mit dem unbändigen Stolz! Vater Isak, ist +das der Edelhirsch, der dir zu deiner Hindin paßt?« – »Sohn, rede nicht +Hohnwort wider Isak! Du weißt ja, der Jüngling hat sein Herz gesetzt auf +ein Römermädchen, seine Seele denkt nicht an die Perle von Juda.« + +»Aber vielleicht die Perle von Juda an ihn!« + +»Mit Dank und Freuden, wie das Lamm denkt des starken Hirten, der es +entrissen dem Rachen des Wolfs. Hast du vergessen, wie bei der letzten +Jagd, welche die verdammten Römer machten auf die Schätze und Goldhaufen +von Israel, und als sie niederbrannten die heil’ge Synagoge mit unheiligem +Feuer, wie da eine Rotte dieser bösen Buben mein armes Kind aufjagte auf +der Straße, wie ein Rudel Wölfe das weiße Lamm, und zerrten ihr den +Schleier vom Haupt und das Busentuch von den Schultern: – wo war da +Jochem, meiner Muhme Sohn, der sie begleitete? Entflohen war er vor der +Gefahr mit hurtigen Füßen und ließ die Taube in den Krallen der Geier!« + +»Ich bin ein Mann des Friedens,« sagte Jochem unbehaglich, »meine Hand +führt nicht das Schwert der Gewalt.« + +»Aber Totila führt es, wie einst der Löwe Juda und der Herr ist mit ihm. +Allein, wie er des Weges kam, sprang er unter die Schar der frechen Räuber +und schlug den frechsten mit der Schärfe des Schwertes und verscheuchte +die andern, wie der Turmfalk die Krähen, und hüllte sorglich den Schleier +über mein bebendes Kind und stützte ihren wankenden Schritt und führte sie +heim, ungeschädigt, in die Arme ihres alten Vaters. Das lohne ihm Jehovah +der Herr mit langem Leben und segne alle Schritte seines Pfades.« + +»Nun wohl,« sagte Jochem, seine Urkunden einsteckend, »ich gehe, diesmal +für lange Zeit. Ich reise über das große Wasser zu machen ein groß +Geschäft.« + +»Ein groß Geschäft? Mit wem?« + +»Mit Justinianus, dem Kaiser über Morgenland. Es ist eingestürzt ein Stück +der großen Kirche, die er baut der Weisheit des Herrn in der goldnen Stadt +des Konstantin. Ich hab’ entworfen Plan und saubern Grundriß, wieder +aufzubauen das Gebäude.« + +Heftig sprang der Alte auf und stieß seinen Stab auf den Boden: »Wie, +Jochem, Sohn Rachels, dem Römer willst du dienen? Dem Kaiser, dessen +Vorfahren die heilige Zion verbrannt und in Asche gelegt den Tempel des +Herrn? Und bauen willst du an einem Haus des Unglaubens, du, der Sohn des +frommen Manasse? Wehe, wehe über dich!« – »Was rufest du Wehe und weißt +nicht warum? Riechst du’s dem Goldstück an, ob es kommt aus der Hand des +Juden oder des Christen? Wiegt es nicht gleich schwer und glänzt es nicht +gleich lieblich?« + +»Sohn Manasses, du kannst nicht Gott dienen und dem Mammon.« + +»Aber du selbst, dienst du nicht den Ungläubigen? Seh ich nicht das +Wächterhorn an der Wand deines Hauses? führst du nicht die Schlüssel für +diese Goten und thust ihnen auf und zu die Pforten für ihren Ausgang und +Eingang und hütest die Burg ihrer Stärke?« + +»Ja, das thu’ ich,« sagte der Alte stolz, »und wachen will ich für sie +treulich, Tag und Nacht, wie der Hund für den Herrn, und solang Isak Odem +hat, der Sohn Ruben, soll kein Feind dieses Volkes schreiten durch dies +Thor. Denn Dank schulden die Kinder Israel ihnen und ihrem großen König, +der weise war wie Salomo und wie Gideons war sein Schwert! Dank wie unsre +Väter dem großen König Cyrus, der sie befreiet hat aus Babylon. Die Römer +haben gebrochen den Tempel des Herrn und zerstreut sein Volk über das +Angesicht der Erde. Sie haben uns verspottet und geschlagen und verbrannt +unsre heiligen Stätten und geplündert unsre Truhen und verunreinigt unsre +Häuser und gezwungen unsre Weiber überall in ihren Landen und haben +geschrieben gegen uns manch grausam Gesetz. Da kam dieser große König von +Mitternacht, dessen Samen Jehova segne, und hat wieder aufgebaut unsre +Synagogen: und wenn sie die Römer niederrissen, mußten sie alles wieder +aufrichten mit eigner Hand und eignem Gelde, und er hat beschützt den +Frieden unsrer Dächer und wer Einen schädigte aus Israel, der mußte es +büßen, wie wer einen Christen gekränkt. Er hat uns gelassen unsern Gott +und unsern Glauben und hat beschirmt unsre Schritte auf den Straßen unsres +Handels und wir feierten das Passah in Frieden und Freude, wie nicht mehr +seit den Tagen, da der Tempel noch stand auf den Höhen von Zion. Und als +ein Großer unter den Römern mir mit Gewalt meine Sarah geraubt, mein Weib, +ließ ihm König Theoderich das stolze Haupt abschlagen noch am selben Tage +und gab mir wieder mein Weib unversehret. Und das will ich gedenken, +solange meine Tage dauern und will dienen seinem Volke treu bis zum Tode +und man soll wieder sagen, weit in allen Landen: treu und dankbar wie ein +Jude.« + +»Mögest du nicht Undank ernten von den Goten für deinen Dank,« sagte +Jochem, sich zum Gehen rüstend: »mir ist, einmal kömmt die Stunde für +mich, wieder um Miriam zu werben, zum letztenmal. Vielleicht, Vater Isak, +bist du dann minder stolz.« Und er schritt durch Miriams Gemach zur Treppe +hinaus, wo er Totila begegnete. Mit einer häßlichen Verbeugung und einem +stechenden Blick drückte sich der Kleine an dem schlanken Goten vorbei, +der beim Eintritt in die Türmerwohnung sich tief bücken mußte. Miriam +folgte ihm auf dem Fuß. + +»Dort hängen deine Gärtnerkleider,« sagte sie, ohne die langen Wimpern +aufzuschlagen, »und hier am Fenster hab’ ich die Blumen bereit gestellt. +Sie liebt die weißen Narcissen, sagtest du neulich. Ich habe weiße +Narcissen besorgt. Sie duften lieblich.« Und die melodische Stimme +schwieg. + +»Du bist ein gutes Mädchen, Miriam,« sagte Totila, den Helm mit den +silberweißen Schwanenflügeln abhebend und auf den Tisch setzend, »wo ist +dein Vater?« – »Der Segen des Herrn ruhe auf deinen goldnen Locken,« +sprach der Alte, in das Gemach tretend. – »Gegrüßt, treuer Isak!« rief +Totila, warf den langen, glänzend weißen Mantel ab, der ihm von den +Schultern floß, und hüllte sich in einen braunen Überwurf, den ihm Miriam +von der Wand reichte. »Ihr guten Leute! Ohne euch und eure verschwiegene +Treue wüßte ganz Neapolis um mein Geheimnis. Wie kann ich euch danken!« – +»Dank?« sagte Miriam, schlug die dunkelblauen Augen auf und ließ sie +leuchtend auf ihm ruhen. »Du hast voraus gedankt für alle Zeit.« + +»Nein, Miriam,« sagte der Gote, den braunen breitkrempigen Filzhut tief in +die Stirne ziehend, »ich mein’ es herzlich gut mit euch. Sage, Vater Isak, +wer ist der Kleine, den ich schon öfter hier geseh’n und eben wieder +begegnet? Mir ist, er hat sein Auge auf Miriam geworfen. Sprich offen, +wenn es bei ihr nur am Gelde fehlt – ich helfe gern.« – »Es fehlt an der +Liebe, Herr, bei ihr,« sagte Isak ruhig. – »Da kann ich freilich nicht +helfen! Aber wenn sonst ihr Herz gewählt – ich möchte gern etwas thun für +meine Miriam.« Und er legte freundlich die Hand auf das glänzende schwarze +Haar des Mädchens. Nur leise war die Berührung. Aber wie vom heißen Blitz +getroffen fiel Miriam plötzlich auf die Knie: die Arme über dem Busen +kreuzend, und das schöne Haupt tief nach vorn beugend: wie eine tauschwere +Blume glitt sie zu den Füßen Totilas nieder. + +Dieser trat bestürzt einen Schritt zurück. + +Aber im Augenblick war das Mädchen wieder auf: »Verzeih, es war nur eine +Rose – sie fiel vor deinen Fuß.« + +Sie legte die Blume auf den Tisch und so gefaßt war sie, daß weder ihr +Vater noch der Jüngling des Vorfalls weiter achteten. + +»Es dunkelt schon, eile, Herr,« sprach sie ruhig und reichte ihm den Korb +mit den Blumen. – »Ich gehe. Auch Valeria schuldet dir reichen Dank: ich +habe ihr viel von dir erzählt und sie frägt mich stets nach dir. Sie +möchte dich lang schon sehen. Nun, vielleicht geht das bald – heut’ ist’s +wohl das letztemal, daß ich diese Vermummung brauche.« + +»Willst du sie entführen, die Tochter von Edom?« rief der Alte. »Bring sie +nur hierher! hier ist sie wohl geborgen.« + +»Nein,« fiel Miriam ein, »nicht hierher, nein, nein!« + +»Weshalb nicht, du seltsames Kind?« zürnte der Alte. + +»Das ist kein Raum für seine Braut – dies Gemach – es brächte ihr kein +Heil.« – »Beruhigt euch,« sagte Totila, schon an der Thüre, »offne Werbung +soll der Heimlichkeit ein Ende machen. Lebt wohl.« Und er schritt hinaus. +Isak nahm den Speer, das Horn und einige Schlüssel von der Wand; er +folgte, ihm zu öffnen und die Abendrunde längs allen Pforten des großen +Thorbaues zu machen. + +Miriam blieb oben allein. + +Lange Zeit stand sie unbeweglich mit geschlossenen Augen an derselben +Stelle. Endlich strich sie mit beiden Händen über Schläfe und Wangen und +schlug die Augen auf. Still war’s im Gemach; durch das offene Fenster +glitt der erste Strahl des Mondlichts. Er fiel silbern auf Totilas hellen +Mantel, der in langen Falten über dem Stuhl hing. Rasch flog Miriam auf +den weißen Schimmer zu und bedeckte den Saum des Mantels mit heißen +Küssen. Dann ergriff sie den blinkenden Schwanenhelm, der neben ihr auf +dem Tische stand, sie umfaßte ihn mit beiden Armen und drückte ihn +zärtlich an die Brust. Dann hielt sie ihn eine Weile träumend vor sich +hin: endlich – sie konnte nicht widerstehen – hob sie ihn rasch auf und +setzte ihn auf das schöne Haupt: sie zuckte als die Wölbung ihre Stirn +berührte, dann strich sie die schwarzen Flechten aus den Schläfen und +drückte einen Augenblick den harten, kalten Stahl fest mit beiden Händen +an die glühende Stirn. Dann hob sie ihn wieder ab und legte ihn, scheu +umblickend, auf seinen frühern Ort zu dem Mantel. Darauf trat sie ans +Fenster und sah hinaus in die duftige Nacht und das zauberische Mondlicht. +Ihre Lippen regten sich wie im Gebet: aber die Worte des Gebets klangen +aus in der alten Weise: + + »An Wasserflüssen Babylons + Saß weinend Judas Stamm: + Wann kömmt der Tag, der all dein Leid, + Du Tochter Zion, stillt?« + + + + + Dreiundzwanzigstes Kapitel. + + +Indessen Miriam schweigend aufsah zu den ersten Sternen, hatte Totilas +rascher sehnsuchtbeflügelter Schritt alsbald die Villa des reichen +Purpurhändlers, die etwa eine Stunde vor dem capuanischen Thor gelegen +war, erreicht. + +Der Thürstehersklave wies ihn an den alten Hortularius, den Freigelassenen +Valerias, dem die Sorge für die Gärten überlassen war. Dieser, der +Vertraute der Liebenden, nahm dem Gärtnerburschen die Blumen und Sämereien +ab, die er angeblich von dem ersten Blumenhändler von Neapolis brachte, +und geleitete ihn in sein gewöhnliches Schlafgemach im Erdgeschoß, dessen +niedrige Fenster in den Garten führten: am andern Morgen noch vor Aufgang +der Sonne – so wollte es die Geheimlehre der antiken Gärtnerei – müßten +die Blumen eingesetzt werden, auf daß das erste Sonnenlicht, das sie in +dem neuen Boden träfe, das segenbringende der Morgensonne sei. – + +Ungeduldig erwartete der junge Gote in dem engen Gemach bei einem Kruge +Weines die Stunde, da sich Valeria von ihrem Vater nach dem gemeinsamen +Nachtmahl verabschieden konnte. + +Immer wieder sah er zum Himmel auf, an dem Auftauchen der Sterne und dem +Gang des Mondes den Fortschritt der Nacht zu ermessen. Er schlug den +Vorhang zurück, der die Fensteröffnung schloß; stille war’s in dem weiten +Garten. In der Ferne plätscherte nur leise der Springbrunnen und Zikaden +zirpten in den Myrtengebüschen: der warme üppige Südwind strich in +schwülem Hauch durch die Nacht, stoßweise ganze Wolken von Wohlgerüchen +aus Rosenbäumen auf seinen Fittichen mit sich führend: und weithin aus dem +Pinienwäldchen am Ende des Gartens drang lockend und sinnaufregend der +tiefgezogene heiße Schlag der Nachtigall. + +Endlich hielt sich Totila nicht länger. Geräuschlos schwang er sich über +die Marmorbrüstung des Fensters: kaum knisterte unter seinen raschen +Schritten der weiße Sand der schmalen Wege, wie er, den Strom des +Mondlichts meidend, unter dem Schatten der Gebüsche dahin eilte. Vorüber +an den dunkeln Taxusgängen und den Lauben von dichten Oliven, vorüber an +der hohen Statue der Flora, deren weißer Marmor geisterhaft im Mondlicht +schimmerte, vorüber an dem weiten Becken, wo sechs Delphine den +Wasserstrahl hoch aus den Nüstern bliesen, rasch eingebogen in den dicht +verwachsenen Laubweg von Lorbeer und Tamarinden und nun, noch ein +Oleandergebüsch durchdringend, stand er vor der Grotte aus Tropfstein, in +der die Quellnymphe über einer dunkeln großen Urne lehnte. + +Wie er eintrat, glitt eine weiße Gestalt hinter der Statue hervor. + +»Valeria, meine schöne Rose!« rief Totila und umschlang glühend die +Geliebte, die leise seinem Ungestüm wehrte. »Laß, laß ab, mein Geliebter,« +flüsterte sie, sich seinem Arm entziehend. »Nein, du Süße, ich will nicht +von dir lassen. Wie lang, wie schmerzlich hab’ ich dein entbehrt! Hörst +du, wie lockend und wirbelnd die Nachtigall ruft, fühlst du wie der warme +Hauch der Sommernacht, der berauschende Duft des Geißblattes Liebe atmet? +Sie alle mahnen und bedeuten, wir sollen glücklich sein! O laß sie uns +festhalten, diese goldnen Stunden. Meine Seele ist nicht weit genug all’ +ihr Glück zu fassen: all’ deine Schönheit, all’ unsre Jugend und diese +glühende, blühende Sommernacht; in mächtigen Wogen rauscht das volle Leben +durch das Herz und will’s vor Wonne sprengen.« + +»O mein Freund! gern möcht’ ich, wie du, aufgehn im Glücke dieser Stunden. +Ich kann es nicht. Ich traue nicht diesem berauschenden Duft, der üppigen +Schwüle dieser Sommernächte: sie dauert nicht: sie brütet Unheil: ich kann +nicht glauben an das Glück unsrer Liebe.« + +»Du liebe Thörin, warum nicht?« + +»Ich weiß es nicht: der unselige Zwiespalt, der all’ mein Leben scheidet, +übt seinen Fluch auch hier. Gern möchte mein Herz sich trunken, wie du, +diesem Glücke hingeben. Aber eine Stimme in mir warnt und mahnt: es dauert +nicht, – du sollst nicht glücklich sein.« + +»So bist du nicht glücklich in meinen Armen?« + +»Ja und nein! das Gefühl des Unrechts, der Schuld gegen meinen edlen Vater +lastet auf mir. Sieh, Totila, was mich zumeist an dir beglückt ist nicht +diese deine jugendschöne Kraft, selbst deine große Liebe nicht. Es ist der +Stolz meines Herzens auf deine Seele, auf deine offne, lichte, edle Seele. +Ich habe mich gewöhnt, dich klar und hell wie einen Gott des Lichts durch +diese dunkle Welt schreiten zu sehen: der edle Mut siegessichrer Kraft, +der Schwung, die freudige Wahrhaftigkeit deines Wesens ist mein Stolz: daß +alles Kleine, Dumpfe, Gemeine versinken muß, wo du nahest, das ist mein +Glück. Ich liebe dich wie eine Sterbliche den Sonnengott, der ihr in Fülle +seines Lichts genaht. Und deshalb kann ich an dir nichts Heimliches, +Verstecktes dulden. Auch die Wonnen dieser Stunden nicht – sie sind +erlistet und es kann nicht länger also sein.« + +»Nein, Valeria und es soll auch nicht. Ich fühle ganz wie du. Auch mir ist +die Lüge dieser Mummerei verhaßt, ich trage sie nicht länger. Ich bin +gekommen, ihr ein Ende zu machen. Morgen, morgen werf ich diese Täuschung +ab und spreche zu deinem Vater offen und frei.« – »Dieser Entschluß ist +der beste, denn« – + +»Denn er rettet dein Leben, Jüngling!« unterbrach plötzlich eine tiefe +Stimme und aus dem dunkeln Hintergrund der Grotte trat ein Mann und stieß +das blanke Schwert in die Scheide. + +»Mein Vater!« rief Valeria überrascht, doch in mutiger Fassung. Totila +schlang seinen Arm um sie, sein Kleinod zu verteidigen. + +»Hinweg, Valeria, fort von dem Barbaren!« sprach Valerius, befehlend den +Arm ausstreckend. + +»Nein, Valerius,« sagte Totila, die Geliebte fester an sich drückend, »ihr +Platz ist forthin an dieser Brust.« + +»Verwegner Gote!« + +»Höre mich, Valerius, und zürne uns nicht um dieser Täuschung willen. Du +hast es selbst gehört, schon morgen sollte sie enden.« + +»Zu deinem Glück hab’ ich’s gehört. Gewarnt von dem ältesten meiner +Freunde, wollt’ ich doch kaum glauben, daß meine Tochter – mich +hintergeht. Als ich’s glauben mußte, beschloß ich, daß dein Blut deine +List bezahlen sollte. Dein Entschluß hat dein Leben gerettet. Jetzt aber +flieh: du siehst ihr Antlitz niemals wieder.« – + +Totila wollte heftig erwidern, aber Valeria kam ihm zuvor: »Vater,« sprach +sie ruhig, zwischen die Männer tretend, »höre dein Kind. Ich will meine +Liebe nicht entschuldigen, sie bedarf es nicht, sie ist göttlich und +notwendig wie die Sterne: die Liebe zu diesem Mann ist das Leben meines +Lebens. + +Du kennst meine Seele: Wahrheit ist ihr Äther und ich sage dir, bei meiner +Seele: nie werd’ ich lassen von diesem Mann!« – »Und niemals ich von ihr,« +rief Totila und ergriff ihre Rechte. + +Hochaufgerichtet stand das junge Paar, vom Licht des Mondes voll +beleuchtet, vor dem Alten: ihre edlen Züge und Gestalten trugen im +Augenblick die Weihe heiliger Begeisterung: und so schön war die Gruppe, +daß ein rührendes, erweichendes Gefühl davon sich unwillkürlich dem +zürnenden Vater aufdrängte. »Valeria, mein Kind!« + +»O mein Vater! Du hast mit einer Liebe und Treue all’ meine Schritte +geleitet, daß ich bisher die Mutter, die verlorne, zwar beklagte, aber +kaum vermißte. Jetzt, in dieser Stunde vermiß’ ich sie zum erstenmal: +jetzt, ich fühl’ es, bedürfte ich ihrer Fürsprache. O so laß ihr Andenken +wenigstens für mich sprechen. Laß mich dir ihr Bild vor die Seele führen +und dich an den Augenblick erinnern, da dich die Sterbende zum letztenmal +an ihr Lager rief und dir, wie du mir oft gesagt, mein Glück auf die Seele +band als heiligstes Vermächtnis. –« + +Valerius drückte die linke Hand vor die Stirn; seine Tochter wagte, die +andre zu fassen, er entzog sie ihr nicht: offenbar rang es gewaltig in des +Alten Brust. Endlich sprach er: »Valeria, du hast ein mächtig Wort +gesprochen, ohne es zu wissen. Es wäre Unrecht, dir zu verschweigen, was +du ahnungsvoll berührt. Erfahre, was deine Mutter in jener Sterbestunde +mir auferlegt. Noch immer drückte ihre Seele jenes Gelübde, das wir doch +lange abgelöst. »Soll unser Kind nicht die Braut des Himmels werden,« +sprach sie, »so gelobe mir wenigstens, die Freiheit ihrer Wahl zu ehren. +Ich weiß wie römische Mädchen, zumal die Töchter unsres Standes, in die +Ehe gegeben werden, ungefragt, ohne Liebe: ein solcher Bund ist ein Elend +auf Erden und ein Greuel vor dem Herrn. Meine Valeria wird edel wählen – +gelobe mir, sie dem Mann ihrer Wahl anzuvertrauen und keinem sonst.« + +Und ich gelobte es in ihre bebende Hand. – Aber mein Kind einem Barbaren +geben, einem Feind Italiens, nein, nein!« Und mit heftiger Armbewegung riß +er sich von ihr los. + +»Ich bin vielleicht so gar barbarisch nicht, Valerius,« hob Totila an. +»Wenigstens bin ich in meinem ganzen Volk der wärmste Freund der Römer. +Glaube mir, nicht euch hasse ich: die ich verabscheue, sind eure wie unsre +verderblichsten Feinde – die Byzantiner!« + +Das war ein glückliches Wort. Denn in dem Herzen des alten Republikaners +war der Haß gegen Byzanz die Kehrseite seiner Liebe zur Freiheit und zu +Italien. Er schwieg, aber sein Auge ruhte sinnend auf dem Jüngling. + +»Mein Vater,« sprach Valeria, »dein Kind würde keinen Barbaren lieben. +Lern’ ihn kennen: und schiltst du ihn dann noch barbarisch – so will ich +nie die Seine werden. Ich fordre nichts von dir als: lern’ ihn kennen: +entscheide du selbst, ob meine Wahl edel sei oder nicht. + +Ihn lieben alle Götter und alle Menschen müssen ihm gut sein – du allein +wirst ihn nicht verwerfen.« + +Und sie faßte seine Hand. + +»O lerne mich kennen, Valerius,« bat Totila, innig seine andre Hand +ergreifend. Der Alte seufzte. Endlich sprach er: »Kommt mit mir zum Grabe +der Mutter. Dort ragt es unter den Cypressen. Da ruht die Urne mit ihrem +Herzen. Dort laßt uns ihrer gedenken, der edelsten Frau, und ihren +Schatten anrufen. Und ist es echte Liebe und eine edle Wahl – so werd’ ich +erfüllen, was ich gelobt.« + + + + + Vierundzwanzigstes Kapitel. + + +Einige Wochen später finden wir zu Rom in dem uns wohl erinnerlichen +Schreibgemach mit der Cäsarstatue Cethegus, den Präfekten und unsern neuen +Bekannten, Petros, des Kaisers oder vielmehr der Kaiserin Gesandten. + +Die beiden Männer hatten unter lebhaftem Gespräch und wechselseitigem +Erinnern an frühere Zeiten, – sie waren Studiengenossen, wie wir erfuhren, +– zu einfachem Mahl einen Krug alten Massikers geleert und waren soeben +aus dem Speisesaal in das abgelegene Arbeitszimmer getreten, um jetzt +ungestört von den bedienenden Sklaven Geheimeres zu bereden. + +»Sobald ich mich überzeugt hatte,« schloß Cethegus seinen Bericht über die +letzten Ereignisse »daß die Schreckensnachrichten aus Ravenna nur erst +Gerüchte waren, vielleicht erdichtet, jedenfalls übertrieben, setzte ich +der Aufregung und dem Eifer meiner Freunde die größte Ruhe entgegen. Der +Feuerkopf Lucius Licinius mit seiner thörichten Begeisterung für mich +hätte bald alles verdorben. Unablässig forderte er meine Dictatur, +buchstäblich setzte er mir das Schwert auf die Brust und schrie, man müsse +mich zwingen, das Vaterland zu retten. Er schwatzte so viel aus der +Schule, daß es nur ein Glück war, der schwarze Korse – der es mit den +Barbaren zu halten scheint, niemand weiß recht warum – nahm ihn für mehr +berauscht als er war. Endlich kam die Nachricht, Amalaswintha sei +zurückgekehrt, und so beruhigte sich allmählich Volk und Senat.« + +»Du aber,« sagte Petros, »hattest zum zweitenmal Rom vor der Rache der +Barbaren gerettet – ein unvergeßliches Verdienst, das dir die ganze Welt, +zunächst aber die Regentin, danken muß.« – »Die Regentin – arme Frau!« +meinte Cethegus achselzuckend, »wer weiß wie lange die Goten oder deine +Gebieter zu Byzanz, sie noch werden auf dem Throne lassen.« – »Wie? da +irrst du sehr!« fiel Petros eifrig ein. »Meine Sendung hat vor allem den +Zweck, ihren Thron zu stützen; und bei dir wollte ich eben anfragen, wie +man das am besten könne,« setzte er pfiffig hinzu. + +Aber der Präfekt lehnte sein Haupt zurück an die Marmorwand und sah den +Gesandten lächelnd an: »O Petros, o Petre,« sagte er, »warum so verdeckt? +Ich dächte doch, wir kennten uns besser.« + +»Was meinst du?« fragte der Byzantiner befangen. + +»Ich meine, daß wir nicht umsonst Recht und Geschichte miteinander +studiert haben zu Berytus und Athen. Ich meine, daß wir damals schon +unzählige Male als Jünglinge, lustwandelnd und Weisheit austauschend, zu +dem Ergebnis gelangten: der Kaiser müsse diese Barbaren austreiben aus +Italien und wieder zu Rom herrschen wie zu Byzanz. Und da nun ich noch +denke wie dazumal, wirst wohl auch du nicht ein andrer geworden sein.« – +»Ich habe meine Ansicht der meines Herrn zu unterwerfen und Justinian« – +»Erglüht natürlich für die Herrschaft der Barbaren in Italien.« – +»Freilich,« sagte der Rhetor verlegen, »es könnten Fälle eintreten –« + +»Petre,« rief jetzt Cethegus, sich unwillig aufrichtend, »keine Phrasen +und keine Lügen. Sie sind nicht angewandt bei mir. Sieh, Petros, es ist +wieder dein alter Fehler: du bist immer zu pfiffig, um klug zu sein: du +meinst, es muß immer gelogen sein und hast nie den Mut zur Wahrheit. Man +muß aber nur dann lügen, wenn man in seiner Lüge ganz sicher ist. Wie +kannst du mich darüber täuschen wollen, daß der Kaiser Italien wieder +haben will? Ob er die Regentin stürzen oder halten will, hängt davon ab, +ob er glaubt ohne oder mit ihr leichter ans Ziel zu kommen. Wie er +hierüber denkt, das soll ich nicht erfahren. Aber sieh’, trotz all’ deiner +Verschmitztheit, sobald wir noch einmal zusammengewesen, sag’ ich dir ins +Gesicht, was dein Kaiser hierin vor hat.« + +Ein boshaftes und bittres Lächeln spielte um des Gesandten Mund: »Noch +immer so stolz, wie in der Dialektik zu Athen,« sagte er giftig. – »Jawohl +und du weißt, zu Athen war ich immer der Erste, Prokopius der Zweite und +erst der Dritte warst du.« + +Da trat Syphax ein: + +»Eine verhüllte Frau, o Herr,« meldete er, »sie wartet dein im Zeussaal.« + +Sehr froh, diese Unterredung abgebrochen zu sehen, denn er fühlte sich dem +Präfekten nicht gewachsen, grinste Petros: »Nun, ich wünsche Glück zu +solcher Störung.« + +»Ja, dir!« lächelte Cethegus und ging hinaus. + +»Hochmütiger, du sollst noch deinen Spott bereuen,« dachte der Byzantiner. + +Cethegus fand in dem Saale, der von einer schönen Zeusstatue des Glykon +von Athen den Namen trug, eine in gotischer Tracht reich gekleidete Frau; +sie schlug bei seinem Eintritt die Kapuze des braunen Mantels zurück. + +»Fürstin Gothelindis,« fragte der Präfekt überrascht, »was führt dich zu +mir?« + +»Die Rache!« erwiderte eine heisere, unschöne Stimme und die Gotin trat +dicht an ihn heran. Sie zeigte scharfe, aber nicht häßliche Züge, und man +hätte sie sogar schön nennen müssen, wenn nicht das linke Auge +ausgeflossen und die ganze linke Wange durch eine große Narbe entstellt +gewesen wäre: diese Wunde schien jetzt frisch zu bluten, da dem +leidenschaftlichen Weibe die Röte in die Wangen schoß, wie sie bei jenem +Wort die Faust ballte. So tödlicher Haß loderte aus dem einen grauen Auge, +daß Cethegus unwillkürlich von ihr zurücktrat. + +»Rache?« fragte er, »an wem?« + +»An – davon später. Vergieb,« sagte sie, sich fassend, »daß ich euch +störe. + +Dein Freund Petros, der Rhetor von Byzanz, ist bei dir, nicht wahr?« + +»Ja. Woher weißt du –« + +»O, ich sah ihn vor der Coena durch deine Portikus eintreten,« sagte sie +gleichgültig. + +»Das ist nicht wahr,« sprach Cethegus im Geiste: »ich hab’ ihn ja zur +Gartenthür hereinführen lassen. Also haben sich die beiden hier +zusammenbestellt. Ich soll das nicht ahnen. Aber was haben sie mit mir +vor?« + +»Ich will dich nicht lange hier festhalten,« fuhr Gothelindis fort. »Ich +habe nur Eine Frage an dich. Antworte kurz ja oder nein. Ich kann das Weib +– die Tochter Theoderichs – stürzen und ich will’s: bist du darin für mich +oder gegen mich?« + +»O, Freund Petros,« dachte der Präfekt, »jetzt weiß ich bereits, was du +mit Amalaswinthen vorhast. Aber wir wollen sehen, wie weit ihr schon +seid.« + +»Gothelindis,« hob er ausholend an, »du willst die Regentin stürzen – das +glaub’ ich dir gern – aber daß du’s kannst, bezweifle ich.« + +»Höre, dann entscheide ob ich’s kann. Das Weib hat die drei Herzoge +ermorden lassen.« + +Cethegus zuckte die Achseln: »Das glauben manche Leute.« + +»Aber ich kann es beweisen.« + +»Das wäre,« meinte Cethegus ungläubig. »Herzog Thulun, wie du weißt, starb +nicht sofort. Er ward auf der ämilischen Straße überfallen, nahe bei +meiner Villa zu Tannetum: meine Colonen fanden ihn und brachten ihn in +mein Haus. Du weißt, er war mein Vetter – ich bin aus dem Hause der Balten +– er verschied in meinen Armen.« + +»Nun, und was sagte der Kranke im Wundfieber?« + +»Nichts Wundfieber! Herzog Thulun traf noch im Stürzen den Mörder mit dem +Schwert: er entkam nicht weit; meine Colonen suchten ihn und fanden ihn +sterbend im nächsten Walde: er hat mir alles gestanden.« + +Cethegus drückte nur unmerklich die Lippen zusammen. »Nun, was war er? was +hat er ausgesagt.« + +»Er war,« sprach Gothelindis scharf, »ein isaurischer Söldner, ein +Aufseher der Schanzarbeiten zu Rom und sagte aus: Cethegus, der Präfekt, +hat mich zur Regentin, die Regentin zu Herzog Thulun gesendet.« + +»Wer hörte dies Geständnis außer dir?« fragte Cethegus lauernd. + +»Niemand. Und niemand soll davon hören, wenn du zu mir stehest. Wenn aber +nicht, dann –« + +»Gothelindis,« unterbrach der Präfekt, »keine Drohung: sie nützt dir +nichts. Du solltest einsehn, daß du mich dadurch nur erbittern, nicht +zwingen kannst. Ich lasse es im Notfall zur offnen Anklage kommen: du bist +als grimmige Feindin Amalaswinthens bekannt: dein Zeugnis allein – du +warst unvorsichtig genug, zu gestehen, daß niemand sonst das Geständnis +gehört – wird weder sie noch mich verderben. Zwingen kannst du mich zum +Kampfe gegen die Regentin nicht: höchstens überreden, wenn du mir’s als +meinen eignen Vorteil darstellen kannst. Und dazu will ich selbst dir +einen Verbündeten schaffen. Du kennst doch Petros, meinen Freund?« + +»Genau, seit lange.« + +»Erlaube, daß ich ihn zu dieser Unterredung herbeihole.« + +Er ging in das Studierzimmer zurück. »Petros, mein Besuch ist die Fürstin +Gothelindis, Theodahads Gemahlin. Sie wünscht uns beide zu sprechen. +Kennst du sie?« + +»Ich? o nein; ich habe sie nie gesehen!« sagte der Rhetor rasch. + +»Gut; folge mir.« Sowie sie in den Saal des Zeus traten, rief Gothelindis +ihm entgegen: + +»Gegrüßt, alter Freund, welch überraschend Wiedersehn.« + +Petros verstummte. + +Cethegus, die Hände auf den Rücken gelegt, weidete sich an der Bestürzung +des Diplomaten von Byzanz. Nach einer peinlichen Pause hob er an: »Du +siehst, Petros, immer zu pfiffig, immer unnötige Feinheiten. Aber komm, +laß dich eine entdeckte List mehr nicht so niederschlagen. Ihr beide habt +euch also verbunden, die Regentin zu stürzen. Mich wollt ihr gewinnen, +euch dabei zu helfen. Dazu muß ich genau wissen, was ihr weiter vorhabt. +Wen wollt ihr auf Amalaswinthens Thron setzen? Denn noch ist der Weg für +Justinian nicht frei.« + +Beide schwiegen eine Weile. Es überraschte sie sein klares Durchschauen +der Lage. Endlich sprach Gothelindis: »Theodahad, meinen Gemahl, den +letzten der Amelungen.« + +»Theodahad, den letzten der Amelungen,« wiederholte Cethegus langsam. +Indessen überlegte er alle Gründe für und wider. Er bedachte, daß +Theodahad, unbeliebt bei den Goten, durch Petros erhoben, bald ganz in der +Hand der Byzantiner stehen und die Katastrophe durch Herbeirufung des +Kaisers anders, früher als Er wollte, herbeiführen würde. + +Er bedachte, daß er jedenfalls die Heere der Oströmer möglichst lange +fernhalten müsse und er beschloß bei sich, die gegenwärtige Lage und +Amalaswintha aufrecht zu halten, da sie ihm Zeit zu seinen Vorbereitungen +ließen. All’ das hatte er im Augenblick gedacht, erwogen, beschlossen. +»Und wie wollt ihr nun eure Sache angehn?« fragte er ruhig. + +»Wir werden das Weib auffordern, zu Gunsten meines Gatten abzudanken, +unter Androhung, sie des Mordes anzuklagen.« + +»Und wenn sie’s darauf wagt?« + +»So vollführen wir die Drohung,« sagte Petros, »und erregen unter den +Goten einen Sturm, der ihr –« + +»Das Leben kostet,« rief Gothelindis. + +»Vielleicht die Krone kostet,« sagte Cethegus. »Aber gewiß sie nicht +Theodahad zuwendet. + +Nein, wenn die Goten einen König wählen, heißt er nicht Theodahad.« + +»Nur zu wahr!« knirschte Gothelindis. + +»Dann könnte leicht ein König kommen, der uns allen viel unerfreulicher +wäre als Amalaswintha. Und deshalb sag’ ich euch offen: ich bin nicht für +euch, ich halte die Regentin.« + +»Wohlan,« rief Gothelindis grimmig, sich zur Thüre wendend, »also Kampf +zwischen uns, komm, Petros.« + +»Gemach, ihr Freunde,« sprach der Byzantiner. + +»Vielleicht ändert Cethegus seinen Sinn, wenn er dies Blatt gelesen.« + +Und er reichte dem Präfekten jenen Brief, den Alexandros von Amalaswintha +an Justinian überbracht. + +Cethegus las: seine Züge verfinsterten sich. + +»Nun,« meinte Petros höhnisch, »willst du noch die Königin stützen, die +dich dem Untergang geweiht? Wo warst du, wenn sie ihren Plan durchführte +und deine Freunde nicht für dich wachten.« + +Cethegus hörte ihn kaum. »Armseliger,« dachte er, »als ob es das wäre! Als +ob die Regentin daran nicht ganz recht hätte. Als ob ich ihr das verargen +könnte! Aber die Unvorsichtige hat bereits gethan, was ich von Theodahad +erst fürchtete: sie hat sich selbst vernichtet und all’ meine Pläne +bedroht: sie hat die Byzantiner schon ins Land gerufen und sie werden +jetzt kommen, ob sie noch will oder nicht. Solange Amalaswintha Königin, +wird Justinian ihren Beschützer spielen.« Und nun wandte er sich scheinbar +in großer Bestürzung an den Gesandten, den Brief zurückgebend: »Und wenn +sie ihren Entschluß durchführte, wenn sie auf dem Thron bliebe – bis wann +können eure Heere landen?« + +»Belisar ist schon auf dem Wege nach Sicilien,« sagte Petros, stolz +darauf, den Hochmütigen eingeschüchtert zu haben, »in einer Woche kann er +vor Rom liegen.« + +»Unerhört,« rief Cethegus in unverstellter Bewegung. + +»Du siehst,« sprach Gothelindis, welcher Petros inzwischen den Brief +gereicht, »die du halten wolltest, will dich verderben. Komm ihr zuvor.« + +»Und im Namen des Kaisers, meines Herrn, ford’re ich dich auf, mir +beizustehn, dies Gotenreich zu vernichten und Italien seiner Freiheit +wiederzugeben. Man weiß am Kaiserhof dich und deinen Geist zu schätzen und +nach dem Siege verheißt dir Justinian: – die Würde eines Senators zu +Byzanz.« + +»Ist’s möglich!« rief Cethegus. »Aber nicht einmal diese höchste Ehre +treibt mich dringender in euren Bund als die Entrüstung über die +Undankbare, die zum Lohn für meine Dienste mein Leben bedroht. – Du bist +doch gewiß,« fragte er ängstlich, »daß Belisar noch nicht sobald landen +wird?« + +»Beruhige dich,« lächelte Petros, »diese meine Hand ist’s, die ihn +herbeiwinkt, wann es Zeit. Erst muß Amalaswintha durch Theodahad ersetzt +sein.« + +»Gut,« dachte Cethegus, »Zeit gewonnen, alles gewonnen. Und nicht eher +soll der Byzantiner landen, bis ich ihn an der Spitze des bewaffneten +Italiens empfangen kann.« »Ich bin der eure,« sprach er, »und ich denke, +ich werde die Regentin dahin bringen, deinem Gatten mit eigner Hand die +Krone aufs Haupt zu setzen. Amalaswintha soll dem Scepter entsagen.« + +»Nie thut sie das!« rief Gothelindis. + +»Vielleicht doch! Ihr Edelmut ist noch größer als ihr Herrscherstolz. Man +kann seine Feinde auch durch ihre Tugenden verderben,« sagte Cethegus +nachsinnend. »Ich bin meiner Sache gewiß und ich grüße dich, Königin der +Goten!« schloß er mit leichter Verbeugung. + + + + + Fünfundzwanzigstes Kapitel. + + +Die Regentin Amalaswintha stand in der Zeit nach der Beseitigung der drei +Herzoge in einer abwartenden Haltung. + +Hatte sie durch den Fall der Häupter des ihr feindlichen Adels etwas mehr +freie Hand gewonnen, so stand doch die Volksversammlung zu Regeta bei Rom +in naher Aussicht, in der sie sich von dem Verdacht des Mordes völlig +reinigen oder die Krone, vielleicht das Leben, lassen mußte. Nur bis dahin +hatten ihr Witichis und die Seinen ihren Schutz zugesagt. Sie spannte +deshalb ihre Kräfte an, ihre Stellung bis zu jener Entscheidung nach allen +Seiten zu befestigen. + +Von Cethegus hoffte sie nichts mehr: sie hatte seine kalte Selbstsucht +durchschaut; doch vertraute sie, daß die Italier und die Verschwornen in +den Katakomben, an deren Spitze ja ihr Name stand, ihre römerfreundliche +Herrschaft einem aus der rauhen Gotenpartei hervorgegangenen König +vorziehen würden. Sehnlich wünschte sie das Eintreffen der vom Kaiser +erbetenen Leibwache herbei um für den ersten Augenblick der Gefahr eine +Stütze zu haben: und eifrig war sie bemüht, unter den Goten selbst die +Zahl ihrer Freunde zu vermehren. + +Sie berief mehrere der alten Gefolgsleute ihres Vaters, eifrige Anhänger +des Hauses der Amaler, greise Helden von großem Namen im Volk, +Waffenbrüder und beinahe Jugendgenossen des alten Hildebrand, zu sich nach +Ravenna, besonders den weißbärtigen Grippa, den Mundschenk Theoderichs, +der dem Waffenmeister an Ruhm und Ansehn kaum nachstand: sie überhäufte +ihn und die andern Gefolgen mit Ehren, übertrug Grippa und seinen Freunden +das Kastell von Ravenna und ließ sie schwören, diese Feste dem Geschlecht +der Amaler sicher zu erhalten. + +Wenn die Verbindung mit diesen volkbeliebten Namen eine Art von +Gegengewicht wider Hildebrand, Witichis und ihre Freunde schaffen sollte, +– und Witichis konnte die Auszeichnung der Freunde Theoderichs nicht als +staatsgefährlich verhindern – so sah sich die Königin auch gegen die +Adelspartei der Balten und ihrer Bluträcher nach einer Stütze um. Sie +erkannte diese mit scharfem Blick in dem edeln Hause der Wölsungen, nach +den Amalern und Balten der dritthöchsten Adelssippe unter den Goten, reich +begütert und einflußreich in dem mittleren Italien, deren Häupter dermalen +zwei Brüder, Herzog Guntharis und Graf Arahad, waren. Diese zu gewinnen, +hatte sie ein besonders wirksames Mittel ersonnen: sie bot für die +Freundschaft der Wölsungen keinen geringern Preis als die Hand ihrer +schönen Tochter. – + +Zu Ravenna in einem reich geschmückten Gemach standen Mutter und Tochter +in ernstem, aber nicht vertraulichem Gespräch hierüber. + +Mit hastigen Schritten, fremd ihrer sonstigen Ruhe, durchmaß die +junonische Gestalt der Regentin den schmalen Raum, manchmal mit einem +zornigen Blick das herrliche Geschöpf messend, welches ruhig und gesenkten +Auges vor ihr stand, die linke Hand in die Hüfte, die Rechte auf die +Platte des Marmortisches gestützt. + +»Besinne dich wohl,« rief Amalaswintha heftig, plötzlich stehen bleibend, +»besinne dich anders. Ich gebe dir noch drei Tage Bedenkzeit.« + +»Das ist umsonst: ich werde immer sprechen wie heute,« sagte Mataswintha, +die Augen nicht erhebend. + +»So sage nur, was du an Graf Arahad auszusetzen hast.« + +»Nichts, als daß ich ihn nicht liebe.« + +Die Königin schien dies gar nicht zu hören. »Es ist doch in diesem Fall +ganz anders als damals, da du mit Cyprianus vermählt werden solltest. Er +war alt und – was in deinen Augen vielleicht ein Nachteil« – fügte sie +bitter hinzu – »ein Römer!« + +»Und doch ward ich um meiner Weigerung willen nach Tarentum verbannt.« + +»Ich hoffte, Strenge würde dich heilen. Mondelang halt’ ich dich ferne von +meinem Hof, von meinem Mutterherzen« – + +Mataswintha verzog die schöne Lippe zu einem herben Lächeln. + +»Umsonst! ich rufe dich zurück« – + +»Du irrst. Mein Bruder Athalarich hat mich zurückgerufen.« + +»Ein andrer Freier wird dir vorgeschlagen. Jung, blühend schön, ein Gote +von edelstem Adel, sein Haus jetzt das zweite im Reich. Du weißt, du ahnst +wenigstens, wie sehr mein rings bedrängter Thron der Stütze bedarf: er und +sein kriegsgewalt’ger Bruder verheißen uns die Hilfe ihrer ganzen Macht: +Graf Arahad liebt dich und du – du schlägst ihn aus! Warum? Sage warum?« + +»Weil ich ihn nicht liebe.« + +»Albernes Mädchengerede. Du bist eine Königstochter – du hast dich deinem +Hause, deinem Reiche zu opfern.« + +»Ich bin ein Weib,« sagte Mataswintha, die blitzenden Augen aufschlagend, +»und opfre mein Herz keiner Macht im Himmel und auf Erden.« – + +»Und so spricht meine Tochter! Sieh auf mich, thörichtes Kind. Großes hab’ +ich erstrebt und erreicht. Solange Menschen das Hohe bewundern, werden sie +meinen Namen nennen. Ich habe alles gewonnen was das Leben Herrlichstes +bietet und doch hab’ ich –« + +»Nie geliebt. Ich weiß es,« seufzte ihre Tochter. + +»Du weißt es?« + +»Ja, es war der Fluch meiner Kindheit. Wohl war ich noch ein Kind, als +mein geliebter Vater starb: ich wußte es nicht zu sagen, aber ich konnte +es empfinden, damals schon, daß seinem Herzen etwas fehle, wenn er +seufzend, mit schmerzlicher Liebe, Athalarich und mich umfing und küßte +und wieder seufzte. + +Und ich liebte ihn darum desto inniger, daß ich fühlte, er suchte Liebe, +die ihm fehlte. Jetzt freilich weiß ich längst, was mich damals +unerklärlich peinigte: du wardst unseres Vaters Weib, weil er nach +Theoderich der nächste am Thron: aus Herrschsucht, nicht aus Liebe, wardst +du sein und nur kalten Stolz hattest du für sein warmes Herz.« + +Überrascht blieb Amalaswintha stehen: »Du bist sehr kühn.« + +»Ich bin deine Tochter.« + +»Du redest von der Liebe so vertraut – du kennst sie besser scheint’s mit +zwanzig als ich mit vierzig Jahren – du liebst!« rief sie schnell, »und +daher dieser Starrsinn.« + +Mataswintha errötete und schwieg. + +»Rede,« rief die erzürnte Mutter, »gesteh’ es oder leugne!« + +Mataswintha senkte die Augen und schwieg: nie war sie so schön gewesen. + +»Willst du die Wahrheit verleugnen? Bist du feige, Amelungentochter?« + +Stolz schlug das Mädchen die Augen auf: + +»Ich bin nicht feige und ich verleugne die Wahrheit nicht. Ja, ich liebe.« + +»Und wen, Unselige?« + +»Das wird mir kein Gott entreißen.« + +Und so entschieden sah sie dabei aus, daß Amalaswintha keinen Versuch +machte, es zu erfahren. + +»Wohlan,« sagte sie, »meine Tochter ist kein gewöhnlich Wesen. So fordere +ich das Ungewöhnliche von dir: dein alles dem Höchsten zu opfern.« + +»Ja, Mutter, ich trage im Herzen einen hohen Traum. Er ist mein Höchstes. +Ihm will ich alles opfern.« + +»Mataswintha,« sprach die Regentin, »wie unköniglich! Sieh, dich hat Gott +vor Tausenden gesegnet an Herrlichkeit des Leibes und der Seele: du bist +zur Königin geboren.« + +»Eine Königin der Liebe will ich werden. Sie preisen mich alle um meine +Weibesschönheit: wohlan: ich hab’ mir’s vorgesteckt, liebend und geliebt, +beglückend und beglückt, ein Weib zu sein.« + +»Ein Weib! ist das dein ganzer Ehrgeiz!« + +»Mein ganzer. O wär’ es auch der deine gewesen!« + +»Und der Enkelin Theoderichs gilt das Reich und die Krone nichts? Und +nichts dein Volk, die Goten?« + +»Nein, Mutter,« sagte Mataswintha ernst: »es schmerzt mich beinahe, es +beschämt mich: aber ich kann mich nicht zwingen zu dem, was ich nicht +fühle: ich empfinde nichts bei dem Worte »Goten«: vielleicht ist es nicht +meine Schuld: du hast von jeher diese Goten verachtet, diese Barbaren +gering geschätzt: das waren die ersten Eindrücke: sie sind geblieben. Und +ich hasse diese Krone, dieses Gotenreich: es hat in deiner Brust dem +Vater, dem Bruder, mir den Platz fortgenommen. Diese Gotenkrone, nichts +ist sie mir von je gewesen und geblieben als eine verhaßte, feindliche +Macht.« + +»O mein Kind, weh’ mir, wenn ich das verschuldet hätte! Und thust du’s +nicht um des Reiches, o thu’s um meinetwillen. Ich bin so gut wie verloren +ohne die Wölsungen. Thu’s um meiner Liebe willen.« + +Und sie faßte ihre Hand. – + +Mataswintha entzog sie mit bittrem Lächeln: »Mutter, entweihe den höchsten +Namen nicht. Deine Liebe! Du hast mich nie geliebt. Nicht mich, nicht den +Bruder, nicht den Vater.« + +»Mein Kind! Was hätt’ ich geliebt, wenn nicht euch!« + +»Die Krone, Mutter, und diese verhaßte Herrschaft. Wie oft hast du mich +von dir gestoßen vor Athalarichs Geburt, weil ich ein Mädchen war und du +einen Thronerben wolltest. Denke an meines Vaters Grab und an –« + +»Laß ab,« winkte Amalaswintha. + +»Und Athalarich? Hast du ihn geliebt, oder vielmehr sein Recht auf den +Thron? O wie oft haben wir armen Kinder geweint, wenn wir die Mutter +suchten und die Königin fanden.« + +»Du hast mir nie geklagt. Erst jetzt, da du mir Opfer bringen sollst.« + +»Mutter, es gilt ja auch jetzt nicht dir, nur deiner Krone, deiner +Herrschaft. Leg’ diese Krone ab und du bist aller Sorgen frei. Die Krone +hat dir und uns allen kein Glück, nur Schmerzen gebracht. Nicht du bist +bedroht: dir wollt’ ich alles opfern – nur dein Thron, nur der goldne Reif +des Gotenreichs, der Götze deines Herzens, der Fluch meines Lebens: nie +werd’ ich dieser Krone meine Liebe opfern, nie, nie, nie!« + +Und sie kreuzte die weißen Arme über ihrer Brust, als wollte sie die Liebe +darin beschirmen. + +»Ah,« sagte die Königin zürnend, »selbstisches, herzloses Kind! Du +gestehst, daß du kein Herz hast für dein Volk, für die Krone deiner großen +Ahnen – du gehorchst nicht freiwillig der Stimme der Ehre, des Ruhmes +deines Hauses – wohlan, so gehorche dem Zwang. Du sprichst mir die Liebe +ab, so erfahre meine Strenge. Zur Stunde verläßt du mit deinem Gefolge +Ravenna. + +Du gehst als Gast nach Florentia in das Haus des Herzogs Guntharis: seine +Gattin hat dich geladen. Graf Arahad wird deine Reise begleiten. Verlaß +mich. Die Zeit wird dich beugen.« + +»Mich?« sprach Mataswintha, sich hoch aufrichtend: »keine Ewigkeit!« + +Schweigend blickte ihr die Königin nach: die Anklagen der Tochter hatten +einen mächtigeren Eindruck auf sie gemacht als sie zeigen wollte. +»Herrschsucht?« sagte sie zu sich selbst. »Nein, das ist es nicht, was +mich erfüllt. Ich fühlte, daß ich dies Reich schirmen und beglücken +konnte, darum liebte ich die Krone. Und gewiß, ich könnte, wie mein Leben, +so meine Krone opfern, verlangte es das Heil meines Volks. Könntest du +das, Amalaswintha?« fragte sie sich, zweifelnd die Linke auf die Brust +legend. + +Sie ward aus ihrem Sinnen geweckt durch Cassiodor, der langsam und +gesenkten Hauptes eintrat. + +»Nun,« rief Amalaswintha, erschreckt von dem Ausdruck seiner Züge, +»bringst du ein Unglück?« + +»Nein, nur eine Frage.« + +»Welche Frage?« + +»Königin,« hob der Alte feierlich an, »ich habe deinem Vater und dir +dreißig Jahre lang gedient, treu und eifrig, ein Römer den Barbaren, weil +ich eure Tugenden ehrte und weil ich glaubte, Italien, der Freiheit nicht +mehr fähig, sei unter eurer Herrschaft am sichersten geborgen: denn eure +Herrschaft war gerecht und mild. Ich habe fort gedient, obwohl ich meiner +Freunde, Boëthius und Symmachus, Blut fließen sah, wie ich glaube, +unschuldig Blut: aber sie starben durch offnes Gericht, nicht durch Mord. +Ich mußte deinen Vater ehren, auch wo ich ihn nicht loben konnte. Jetzt +aber –« + +»Nun, jetzt aber?« fragte die Königin stolz. + +»Jetzt komme ich, von meiner vieljährigen Freundin, ich darf sagen, meiner +Schülerin –« + +»Du darfst es sagen,« sprach Amalaswintha weicher. + +»Von des großen Theoderich edler Tochter ein einfach schlichtes Wort, ein +Ja zu erbitten. Kannst du dies Ja sprechen – ich flehe zu Gott, daß du es +könnest – so will ich dir dienen treu wie je, solang es dieses greise +Haupt vermag.« + +»Und kann ich’s nicht?« + +»Und könntest du es nicht, o Königin,« rief der Alte schmerzlich, »o dann +Lebewohl dir und meiner letzten Freude an dieser Welt.« + +»Und was hast du zu fragen?« + +»Amalaswintha, du weißt ich war fern an der Nordgrenze des Reichs, als +hier der Aufstand losbrach, als jene furchtbare Kunde, jene furchtbare +Anklage sich erhob. Ich glaubte nichts – ich flog hierher von Tridentum. – +Seit zwei Tagen bin ich hier und keine Stunde vergeht, keinen Goten +spreche ich, ohne daß die schwere Klage mir schwerer aufs Herz fällt. Und +auch du bist verwandelt, ungleich, unstet, unruhig – und doch will ich’s +nicht glauben. – Ein treues Wort von dir soll all’ diese Nebel +zerstreuen.« + +»Wozu die vielen Reden,« rief sie, auf die Armlehne des Thrones sich +stützend, »sage kurz, was hast du zu fragen?« + +»Sprich nur ein schlichtes Ja: bist du schuldlos an dem Tode der drei +Herzoge?« + +»Und wenn ich es nicht wäre, – haben sie nicht reichlich den Tod +verdient?« + +»Amalaswintha, ich bitte dich: sage ja.« + +»Du nimmst ja auf einmal großen Anteil an den gotischen Rebellen!« + +»Ich beschwöre dich,« rief der Greis auf die Kniee fallend, »Tochter +Theoderichs, sage ja, wenn du kannst.« + +»Steh auf,« sprach sie finster sich abwendend, »du hast kein Recht, so zu +fragen.« + +»Nein,« sagte der Alte ruhig aufstehend, »nein, jetzt nicht mehr. Denn von +diesem Augenblick an gehör’ ich der Welt nicht mehr an.« + +»Cassiodor!« rief die Königin erschrocken. + +»Hier ist der Schlüssel zu meinen Gemächern in dieser Königsburg: du +findest darin alle Geschenke, die ich von dir und Theoderich erhalten, die +Urkunden meiner Würden, die Abzeichen meiner Ämter. Ich gehe.« + +»Wohin, mein alter Freund, wohin?« + +»In das Kloster, das ich gegründet zu Squillacium in Apulien. Fortan werd’ +ich, fern den Werken der Könige, nur die Werke Gottes auf Erden verwalten: +längst verlangt meine Seele nach Frieden, und jetzt hab’ ich auf Erden +nichts mehr, was mir teuer. Noch einen Rat will ich dir scheidend geben: +lege das Scepter aus der blutbefleckten Hand: sie kann diesem Reiche nicht +mehr Segen, nur Fluch kann sie ihm bringen. Denke an das Heil deiner +Seele, Tochter Theoderichs: Gott sei dir gnädig.« + +Und ehe sie sich von ihrer Bestürzung erholt, war er verschwunden. + +Sie wollte ihm nacheilen, ihn zurückrufen, aber an dem Vorhang trat ihr +Petros, der Gesandte von Byzanz, entgegen. + +»Königin,« sagte er rasch und leise, »bleib’ und höre mich. Es gilt ein +dringendes Wort. Man folgt mir auf dem Fuß.« + +»Wer folgt dir?« + +»Leute, die es nicht so gut meinen mit dir als ich. Täusche dich nicht +länger: die Geschicke dieses Reiches erfüllen sich: du hältst sie nicht +mehr auf, so rette für dich was zu retten ist: ich wiederhole meinen +Vorschlag.« + +»Welchen Vorschlag?« + +»Den von gestern.« + +»Den der Schande, des Verrats! Niemals! Ich werde diese Beleidigung deinem +Herrn, dem Kaiser, melden und ihn bitten, dich abzurufen. Mit dir +verhandle ich nicht mehr.« + +»Königin, es ist nicht mehr Zeit, dich zu schonen. Der nächste Gesandte +Justinians heißt Belisar und kömmt mit einem Heere.« + +»Unmöglich!« rief die verlassene Fürstin. »Ich nehme meine Bitte zurück.« + +»Zu spät. Belisars Flotte liegt schon bei Sicilien. Den Vorschlag, den ich +dir gestern als meinen Gedanken mitteilte, hast du als solchen verworfen. +Vernimm: nicht ich, der Kaiser Justinian selbst ist es, der ihn ausspricht +als letztes Zeichen seiner Huld.« + +»Justinian, mein Freund, mein Schützer, will mich und mein Reich +verderben!« rief Amalaswintha, der es schrecklich tagte. + +»Nicht dich verderben, dich erretten! Wiedergewinnen will er dies Italien, +die Wiege des römischen Reichs: dieser unnatürliche, unmögliche Staat der +Goten, er ist gerichtet und verloren. Trenne dich von dem sinkenden +Fahrzeug. Justinian reicht dir die Freundeshand, die Kaiserin bietet dir +ein Asyl an ihrem Herzen, wenn du Neapolis, Rom, Ravenna und alle +Festungen in Belisars Hände lieferst und geschehen läßt, daß die Goten +entwaffnet über die Alpen geführt werden.« + +»Elender, soll ich mein Volk verraten, wie ihr mich? Zu spät erkenne ich +eure Tücke! Eure Hilfe rief ich an und ihr wollt mich verderben.« + +»Nicht dich, nur die Barbaren.« + +»Diese Barbaren sind mein Volk, sind meine einzigen Freunde: ich erkenne +es jetzt und ich stehe zu ihnen in Tod und Leben.« + +»Aber sie steh’n nicht mehr zu dir.« + +»Verwegner! fort aus meinen Augen, fort von meinem Hof.« + +»Du willst nicht hören? Merke wohl, o Königin, nur unter jener Bedingung +bürg’ ich für dein Leben.« + +»Für mein Leben bürgt mein Volk in Waffen.« + +»Schwerlich. Zum letztenmal frag’ ich dich –« + +»Schweig. Ich lief’re die Krone nicht ohne Kampf an Justinian.« + +»Wohlan,« sagte Petros zu sich selbst, »so muß es ein andrer thun. – +Tretet ein, ihr Freunde,« rief er hinaus. – Aber aus dem Vorhang trat +langsam mit gekreuzten Armen Cethegus. + +»Wo ist Gothelindis? wo Theodahad?« flüsterte Petros. – + +Seine Bestürzung entging der Fürstin nicht. + +»Ich ließ sie vor dem Palast. Die beiden Weiber hassen sich zu grimmig. +Ihre Leidenschaft würde alles verderben.« + +»Du bist mein guter Engel nicht, Präfekt von Rom,« sprach Amalaswintha +finster und von ihm zurückweichend. + +»Diesmal vielleicht doch,« flüsterte Cethegus auf sie zuschreitend. »Du +hast die Vorschläge von Byzanz verworfen? Das erwartete ich von dir. +Entlaß den falschen Griechen.« + +Auf einen Wink der Königin trat Petros in ein Seitengemach. + +»Was bringst du mir, Cethegus! Ich traue dir nicht mehr!« + +»Du hast, statt mir zu trauen, dem Kaiser vertraut und du siehst den +Erfolg.« + +»Ich sehe ihn,« sagte sie schmerzlich. + +»Königin, ich habe dich nie belogen und getäuscht darin: ich liebe Italien +und Rom mehr als deine Goten: du wirst dich erinnern, ich habe dir dies +niemals verhehlt.« + +»Ich weiß es und kann es nicht tadeln.« + +»Am liebsten säh’ ich Italien frei. Muß es dienen, so dien’ es nicht dem +tyrannischen Byzanz, sondern euch, der milden Hand der Goten. Das war von +je mein Gedanke, das ist er noch heute. Um Byzanz abzuhalten, will ich +dein Reich erhalten: aber offen sag’ ich dir, du, deine Herrschaft läßt +sich nicht mehr stützen. Rufst du zum Kampfe gegen Byzanz, so werden dir +die Goten nicht mehr folgen, die Italier nicht vertrauen.« + +»Und warum nicht? Was trennt mich von den Italiern und von meinem Volk?« + +»Deine eignen Thaten. Zwei unselige Dokumente, in der Hand des Kaisers +Justinian. Du selbst hast zuerst seine Waffen ins Land gerufen, eine +Leibwache von Byzanz!« + +Amalaswintha erbleichte: »Du weißt –« + +»Leider nicht nur ich, sondern meine Freunde, die Verschworenen in den +Katakomben: Petros hat ihnen den Brief mitgeteilt: sie fluchen dir.« + +»So bleiben mir meine Goten.« + +»Nicht mehr. Nicht bloß der ganze Anhang der Balten steht dir nach dem +Leben: – die Verschworenen von Rom haben im Zorn über dich beschlossen, +sowie der Kampf entbrennt, aller Welt kund zu thun, daß dein Name an ihrer +Spitze stand gegen die Goten, gegen dein Volk. Jenes Blatt mit deinem +Namen ist nicht mehr in meiner Hand, es liegt im Archiv der Verschwörung.« + +»Ungetreuer!« + +»Wie konnte ich wissen, daß du hinter meinem Rücken mit Byzanz verkehrst +und dadurch meine Freunde dir verfeindest? Du siehst: Byzanz, Goten, +Italier, alles steht gegen dich. Beginnt nun der Kampf gegen Byzanz unter +deiner Führung, so wird Uneinigkeit Italier und Barbaren spalten, niemand +dir gehorchen, und dies Reich hilflos vor Belisar erliegen. Amalaswintha, +es gilt ein Opfer: ich fordre es von dir im Namen Italiens, deines und +meines Volks.« + +»Welches Opfer? ich bringe jedes.« + +»Das höchste: deine Krone. Übergieb sie einem Mann der Goten und Italier +gegen Byzanz zu vereinen vermag und rette dein Volk und meines.« + +Amalaswintha sah ihn forschend an: es kämpfte und rang in ihrer Brust. +»Meine Krone! sie war mir sehr teuer.« + +»Ich habe Amalaswinthen stets jedes höchsten Opfers fähig gehalten.« + +»Darf ich, kann ich deinem Rate trauen!« + +»Wenn der dir süß wäre, dürftest du zweifeln. Wenn ich deinem Stolze +schmeichelte, dürftest du mißtrauen: aber ich rate dir die bittre Arznei +der Entsagung. Ich wende mich an deinen Edelsinn, an deinen Opfermut: laß +mich nicht zu Schanden werden.« + +»Dein letzter Rat war ein Verbrechen,« sagte Amalaswintha schaudernd. + +»Ich hielt deinen Thron durch jedes Mittel, solang er zu halten war, +solang er Italien nützte: jetzt schadet er Italien und ich verlange, daß +du dein Volk mehr liebst als dein Scepter.« + +»Bei Gott! du irrst darin nicht: für mein Volk hab’ ich mich nicht +gescheut, fremdes Leben zu opfern,« – sie verweilte gern bei diesem +Gedanken, der ihr Gewissen beschwichtigte, – »ich werde mich nicht +weigern, jetzt – aber wer soll mein Nachfolger werden?« + +»Dein Erbe, dem die Krone gebührt, der letzte der Amaler.« + +»Wie? Theodahad, der Schwächling?« + +»Er ist kein Held, das ist wahr. Aber die Helden werden ihm gehorchen, dem +Neffen Theoderichs, wenn du ihn einsetzest. Und bedenke noch eins: seine +römische Bildung hat ihm die Römer gewonnen: ihm werden sie beistehen: +einen König nach des alten Hildebrand, nach Tejas Herzen würden sie hassen +und fürchten.« + +»Und mit Recht;« sagte die Regentin sinnend: »aber Gothelindis Königin!« + +Da trat Cethegus ihr näher und sah ihr scharf ins Auge: »So klein ist +Amalaswintha nicht, daß sie kläglicher Weiberfeindschaft gedenkt, wo es +edler Entschlüsse bedarf. Du erschienst mir von jeher größer als dein +Geschlecht. Beweis’ es jetzt. Entscheide dich!« + +»Nicht jetzt,« sprach Amalaswintha, »meine Stirne glüht, und verwirrend +pocht mein Herz. Laß mir diese Nacht, mich zu fassen. Du hast mir +Entsagung zugetraut: ich danke dir. Morgen die Entscheidung.« + + + + + + Viertes Buch. + + + THEODAHAD. + + + »Nachbarn zu haben schien Theodahad + eine Art von Unglück.« + + Prokop, Gotenkrieg I. 3. + + + + + Erstes Kapitel. + + +Am andern Morgen verkündete ein Manifest dem staunenden Ravenna, daß die +Tochter Theoderichs zu Gunsten ihres Vetters Theodahad auf die Krone +verzichtet und daß dieser, der letzte Mannessproß der Amelungen, den Thron +bestiegen habe. Italier und Goten wurden aufgefordert, dem neuen Herrscher +den Eid der Treue zu schwören. + +So hatte Cethegus richtig gerechnet. + +Das Gewissen der unseligen Frau fühlte sich durch manche Thorheit, ja +durch blut’ge Schuld schwer belastet: edle Naturen suchen Erleichterung +und Buße in Opfer und Entsagung: durch ihrer Tochter und Cassiodors +Anklagen war ihr Herz mächtig bewegt worden und der Präfekt hatte sie in +günstiger Stimmung für seinen Rat gefunden. Weil er so bitter war, +befolgte sie ihn: ja sie hatte, um ihr Volk zu retten und ihre Schuld zu +sühnen, sich noch weitere Demütigungen vorgesteckt. + +Ohne Schwierigkeit vollzog sich der Thronwechsel. + +Die Italier zu Ravenna waren zu einer Erhebung keineswegs vorbereitet und +wurden von Cethegus auf gelegnere Zeit vertröstet. Auch war der neue König +als Freund römischer Bildung bei ihnen bekannt und beliebt. + +Die Goten freilich schienen sich nicht ohne weitres den Tausch gefallen +lassen zu wollen. Fürst Theodahad war allerdings ein Mann – das empfahl +ihn gegenüber Amalaswinthen – und ein Amaler: das wog schwer zu seinen +Gunsten gegenüber jedem andern Bewerber um die Krone. + +Aber im übrigen war er im Volke der Goten keineswegs hoch angesehen. +Unkriegerisch und feige, verweichlicht an Leib und Seele hatte er keine +der Eigenschaften, welche die Germanen von ihren Königen forderten. Nur +Eine Leidenschaft erfüllte seine Seele: Habsucht, unersättliche Goldgier. +Reich begütert in Tuscien lebte er mit allen seinen Nachbarn in ewigen +Prozessen: mit List und Gewalt und dem Schwergewicht seiner königlichen +Geburt wußte er seinen Grundbesitz nach allen Seiten auszudehnen und die +Ländereien weit in der Runde an sich zu reißen: »denn – sagt ein +Zeitgenosse – Nachbarn zu haben schien dem Theodahad eine Art von +Unglück«. + +Dabei war seine schwache Seele vollständig abhängig von der bösartigen, +aber kräftigen Natur seines Weibes. + +Einen solchen König sahen denn die Tüchtigsten unter den Goten nicht gern +auf dem Throne Theoderichs. Und kaum war das Manifest Amalaswinthens +bekannt geworden, als Graf Teja, der kurz zuvor mit Hildebad in Ravenna +angekommen war, diesen sowie den alten Waffenmeister und den Grafen +Witichis zu sich beschied und sie aufforderte, die Unzufriedenheit des +Volkes zu steigern, zu leiten und einen Würdigern an Theodahads Stelle zu +setzen. + +»Ihr wißt,« schloß er seine Worte, »wie günstig die Stimmung im Volke. +Seit jener Bundesnacht im Mercuriustempel haben wir unablässig geschürt +unter den Goten und Großes ist schon gelungen: des edeln Athalarich +Aufschwung, der Sieg am Epiphaniasfeste, das Zurückholen Amalaswinthens, +wir haben es bewirkt. Jetzt winkt die günstige Gelegenheit. Soll an des +Weibes Stelle treten ein Mann, der schwächer als ein Weib? Haben wir +keinen Würdigern mehr als Theodahad im Volk der Goten?« + +»Recht hat er, beim Donner und Strahl,« rief Hildebad. »Fort mit diesen +verwelkten Amalern! Einen Heldenkönig hebt auf den Schild und schlagt los +nach allen Seiten. Fort mit dem Amaler!« + +»Nein,« sagte Witichis, ruhig vor sich hinblickend, »noch nicht! +Vielleicht, daß es noch einmal so kommen muß: aber nicht früher darf es +geschehen als es muß. Der Anhang der Amaler ist groß im Volk: nur mit +Gewalt würde Theodahad den Reichtum, Gothelindis die Macht der Krone sich +entwinden lassen: sie würden stark genug sein, wenn nicht zum Siege, doch +zum Kampf. + +Kampf aber unter den Söhnen eines Volks ist schrecklich, nur die +Notwendigkeit kann ihn rechtfertigen. Die ist noch nicht da. Theodahad mag +sich bewähren: er ist schwach, so wird er sich leiten lassen. Hat er sich +unfähig erwiesen, so ist’s noch immer Zeit.« + +»Wer weiß, ob dann noch Zeit ist,« warnte Teja. + +»Was rätst du, Alter?« fragte Hildebad, auf welchen die Gründe des Grafen +Witichis nicht ohne Wirkung blieben. + +»Brüder,« sagte der Waffenmeister, seinen langen Bart streichend, »ihr +habt die Wahl, darum die Qual. Mir sind beide erspart: ich bin gebunden. +Die alten Gefolgen des großen Königs haben einen Eid gethan, solang sein +Haus lebt, keinem Fremden die Gotenkrone zuzuwenden.« + +»Welch thörichter Eid!« rief Hildebad. + +»Ich bin alt und nenn’ ihn nicht thöricht. Ich weiß, welcher Segen auf der +festen, heiligen Ordnung des Erbgangs ruht. Und die Amaler sind Söhne der +Götter,« schloß er geheimnisvoll. + +»Ein schöner Göttersohn, Theodahad!« lachte Hildebad. + +»Schweig,« rief zornig der Alte, »das begreift ihr nicht mehr, ihr neuen +Menschen. Ihr wollt alles fassen und verstehen mit eurem kläglichen +Verstand. Das Rätsel, das Geheimnis, das Wunder, der Zauber, der im Blute +liegt – dafür habt ihr den Sinn verloren. Darum schweig’ ich von solchen +Dingen zu euch. + +Aber ihr macht mich nicht mehr anders mit meinen bald hundert Jahren. Thut +ihr, was ihr wollt, ich thue, was ich muß.« + +»Nun,« sprach Graf Teja nachgebend, »auf euer Haupt die Schuld. Aber wenn +dieser letzte Amaler dahin ...« – + +»Dann ist das Gefolge seines Schwures frei.« + +»Vielleicht,« schloß Witichis, »ist es ein Glück, daß auch uns dein Eid +die Wahl erspart: denn gewiß wollen wir keinen Herrscher, den du nicht +anerkennen könntest. Gehen wir denn, das Volk zu beschwichtigen und tragen +wir diesen König – solang er zu tragen ist.« + +»Aber keine Stunde länger,« sagte Teja und ging zürnend hinaus. + + + + + Zweites Kapitel. + + +Am nämlichen Tage noch wurden Theodahad und Gothelindis mit der alten +Krone der Gotenkönige gekrönt. + +Ein reiches Festmahl, besucht von allen römischen und gotischen Großen des +Hofes und der Stadt, belebte den weiten Palast Theoderichs und den sonst +so stillen Garten, den wir als den Schauplatz von Athalarichs und Kamillas +Liebe kennen gelernt. Bis tief in die Nacht währte das lärmende Gelage. +Der neue König, kein Freund der Becher und barbarischer Festfreuden, hatte +sich frühe zurückgezogen. + +Gothelindis dagegen sonnte sich gern in dem Glanz ihrer jungen +Herrlichkeit: stolz prangte sie auf ihrem Purpursitz, die goldne +Zackenkrone im dunkeln Haar. Sie schien ganz Ohr für die lauten Jubelrufe, +die ihren und ihres Gatten Namen feierten. Und doch hatte ihr Herz dabei +nur Eine Freude: den Gedanken, daß dieser Jubel hinunterdringen müsse bis +in die Königsgruft, wo Amalaswintha, die verhaßte, besiegte Feindin, am +Sarkophage ihres Sohnes trauerte. + +Unter der Menge von jenen Gästen, die immer fröhlich sind, wenn sie bei +vollen Bechern sitzen, war doch auch so manches ernstere Gesicht zu +bemerken: mancher Römer, der auf dem leeren Thron da oben lieber den +Kaiser gesehen hätte: so mancher Gote, der in der gefährlichen Lage des +Reiches einem König wie Theodahad nicht ohne Sorge huldigen konnte. + +Zu letzteren zählte Witichis, dessen Gedanken nicht unter dem +kranzgeschmückten Säulendach der Trinkhalle zu weilen schienen. Unberührt +stand die goldne Schale vor ihm und auf den lauten Zuruf Hildebads, der +ihm gegenüber saß, achtete er kaum. Endlich – schon leuchteten längst im +Saale die Lampen und am Himmel die Sterne – stand er auf und ging hinaus +in das grüne Dunkel des Gartens. + +Langsam wandelte er durch die Taxusgänge dahin: sein Auge hing an den +funkelnden Sternen. Sein Herz war daheim bei seinem Weibe, bei seinem +Knaben, die er monatelang nicht mehr gesehen. So führte ihn sein sinnendes +Wandeln an den Venustempel bei der Meeresbucht, die wir kennen. Er sah +hinaus nach der flimmernden See – da blitzte etwas dicht vor seinen Füßen +im schwachen Mondlicht: es war eine Rüstung, daneben die kleine, gotische +Harfe: ein Mann lag vor ihm im weichen Grase und ein bleiches Antlitz hob +sich ihm entgegen. + +»Du hier, Teja? Du warst nicht beim Fest.« + +»Nein, ich war bei den Toten.« + +»Auch mein Herz weiß nichts von diesen Festen: es war daheim bei Weib und +Kind,« sagte Witichis, sich zu ihm niedersetzend. + +»Bei Weib und Kind,« wiederholte Teja seufzend. + +»Viele fragten nach dir, Teja.« + +»Nach mir! Soll ich sitzen neben Cethegus, der mir die Ehre nahm, und +neben Theodahad, der mir mein Erbe nahm?« + +»Dein Erbe nahm?« + +»Wenigstens besitzt er’s. Und über den Ort, wo meine Wiege stand, ging +seine Pflugschar.« + +Und schweigend sah er lange vor sich hin. + +»Dein Harfenspiel – es schweigt? Man rühmt dich unsres Volkes besten +Harfenschläger und Sänger!« + +»Wie Gelimer, der letzte König der Vandalen, seines Volkes bester +Harfenschläger war. – – Aber mich würden sie nicht im Triumph einführen +nach Byzanz!« + +»Du singst nicht oft mehr?« + +»Fast niemals mehr. Aber mir ist, die Tage kommen, da ich wieder singen +werde.« + +»Tage der Freude?« + +»Tage der höchsten, der letzten Trauer.« + +Lange schwiegen beide. – + +»Mein Teja,« hob endlich Witichis an, »in allen Nöten von Krieg und +Frieden hab’ ich dich erfunden treu, wie mein Schwert. Und obwohl du +soviel jünger als ich und nicht leicht der Ältere sich dem Jüngling +verbindet, kann ich dich meinen besten Herzensfreund nennen. Und ich weiß, +daß auch dein Herz mehr an mir hängt als an deinen Jugendgenossen.« + +Teja drückte ihm die Hand: »Du verstehst mich und ehrest meine Art, auch +wo du sie nicht verstehst. Die andern –! und doch: den einen hab’ ich sehr +lieb.« + +»Wen?« + +»Den alle lieb haben.« + +»Totila!« + +»Ich hab’ ihn lieb wie die Nacht den Morgenstern. Aber er ist so hell: er +kann’s nicht fassen, daß andere dunkel sind und bleiben müssen.« + +»Bleiben müssen! Warum? Du weißt, Neugier ist meine Sache nicht. Und wenn +ich dich in dieser ernsten Stunde bitte: lüfte den Schleier, der über dir +und deiner finstern Trauer liegt, so bitt’ ich’s nur, weil ich dir helfen +möchte. Und weil des Freundes Auge oft besser sieht als das eigene.« + +»Helfen? Mir helfen? Kannst du die Toten wieder auferwecken? Mein Schmerz +ist unwiderruflich wie die Vergangenheit. Und wer einmal gleich mir den +unbarmherzigen Rädergang des Schicksals verspürt hat, wie es, blind und +taub für das Zarte und Hohe, mit eherner grundloser Gewalt alles vor sich +nieder tritt, ja, wie es das Edle, weil es zart ist, leichter und lieber +zermalmt, als das Gemeine, wer erkannt hat, daß eine dumpfe Notwendigkeit, +welche Thoren die weise Vorsehung Gottes nennen, die Welt und das Leben +der Menschen beherrscht, der ist hinaus über Hilfe und Trost: er hört +ewig, wenn er es einmal erlauscht, mit dem leisen Gehör der Verzweiflung +den immer gleichen Taktschlag des fühllosen Rades im Mittelpunkt der Welt, +das gleichgültig mit jeder Bewegung Leben zeugt und Leben tötet. Wer das +einmal empfunden und erlebt, der entsagt einmal und für immer und allem: +nichts wird ihn mehr erschrecken. Aber freilich – die Kunst des Lächelns +hat er auch vergessen auf immerdar.« + +»Mir schaudert. Gott bewahre mich vor solchem Wahn! Wie kamst du so jung +zu so fürchterlicher Weisheit?« + +»Freund, mit deinen Gedanken allein ergrübelst du die Wahrheit nicht, +erleben mußt du sie. Und nur, wenn du des Mannes Leben kennst, begreifst +du, was er denkt und wie er denkt. Und auf daß ich dir nicht länger +erscheine wie ein irrer Träumer, wie ein Weichling, der sich gern in +seinen Schmerzen wiegt, – und damit ich dein Vertrauen und deine schöne +Freundschaft ehre, vernimm, – höre ein kleines Stück meines Grams. Das +größere, das unendlich größere behalt’ ich noch für mich,« sagte er +schmerzlich, die Hand auf die Brust drückend, – »es kömmt wohl noch die +Stunde auch für dies. Vernimm heute nur, wie über meinem Haupte der Stern +des Unheils schon leuchtete, da ich gezeugt ward. – Und von all den +tausend Sternen da oben bleibt nur dieser Stern getreu. Du warst dabei – +du erinnerst dich – wie der falsche Präfekt mich laut vor allen einen +Bastard schalt und mir den Zweikampf weigerte: – ich mußte es dulden: ich +bin noch schlimmeres als ein Bastard. – – + +Mein Vater, Tagila, war ein tüchtiger Kriegsheld, aber kein Adaling, +gemeinfrei und arm. Er liebte, schon seit der Bart ihm sproßte, Gisa, +seines Vaterbruders Tochter. Sie lebten draußen, weit an der äußersten +Ostgrenze des Reichs, an dem kalten Ister, wo man stets im Kampfe liegt +mit den Gepiden und den wilden räuberischen Sarmaten und wenig Zeit hat, +an die Kirche zu denken und die wechselnden Gebote, die ihre Konzilien +erlassen. Lange konnte mein Vater seine Gisa nicht heimführen: er hatte +nichts als Helm und Speer und konnte ihrem Mundwalt den Malschatz nicht +zahlen und einem Weibe keinen Herd bereiten. + +Endlich lachte ihm das Glück. Im Krieg gegen einen Sarmatenkönig eroberte +er dessen festen Schatzturm an der Alutha: und die reichen Schätze, welche +die Sarmaten seit Jahrhunderten zusammengeplündert und hier aufgehäuft, +wurden seine Beute. Zum Lohn seiner That ernannte ihn Theoderich zum +Grafen und rief ihn nach Italien. Mein Vater nahm seine Schätze und Gisa, +jetzt sein Weib, mit sich über die Alpen und kaufte sich weite schöne +Güter in Tuscien zwischen Florentia und Luca. Aber nicht lange währte sein +Glück. + +Kaum war ich geboren, da verklagte ein Elender, ein feiger Schurke, meine +Eltern wegen Blutschande beim Bischof von Florentia. Sie waren katholisch +– nicht Arianer – und Geschwisterkinder: ihre Ehe war nichtig nach dem +Recht der Kirche – und die Kirche gebot ihnen, sich zu trennen. + +Mein Vater drückte sein Weib an die Brust und lachte des Gebots. Aber der +geheime Ankläger ruhte nicht –« + +– »Wer war der Neiding?« + +»O wenn ich es wüßte, ich wollte ihn erreichen und thronte er in allen +Schrecken des Vesuvius! Er ruhte nicht. Unablässig bedrängten die Priester +meine arme Mutter und wollten ihre Seele mit Gewissensbissen schrecken. + +Umsonst: sie hielt sich an ihren Gott und ihren Gatten und trotzte dem +Bischof und seinen Sendboten. Und mein Vater, wenn er einen der Pfaffen in +seinem Gehöfte traf, begrüßte ihn, daß er nicht wieder kam. + +Aber wer kann mit denen kämpfen, die im Namen Gottes sprechen! Eine letzte +Frist ward den Ungehorsamen gesteckt: hätten sie sich bis dahin nicht +getrennt, so sollten sie dem Bann verfallen und ihr Hab und Gut der +Kirche. + +Entsetzt eilte jetzt mein Vater an den Hof des Königs, Aufhebung des +grausamen Spruches zu erflehen. Aber die Satzung des Konzils sprach zu +klar und Theoderich konnte es nicht wagen, das Recht der katholischen +Kirche zu kränken. Als mein Vater zurückkehrte von Ravenna, mit Gisa zu +flüchten, starrte er entsetzt auf die Stätte, wo sein Haus gestanden: der +Termin war abgelaufen, und die Drohung erfüllt: sein Haus zerstört, sein +Weib, sein Kind verschwunden. + +Rasend stürmte er durch ganz Italien, uns zu suchen. Endlich entdeckte er, +als Priester verkleidet, seine Gisa in einem Kloster zu Ticinum: ihren +Knaben hatte man ihr entrissen und nach Rom geschleppt. Mein Vater +bereitet mit ihr alles zur Flucht: sie entkommen um Mitternacht über die +Mauer des Klostergartens. Aber am Morgen fehlt die Büßerin bei der Hora: +man vermißt sie, ihre Zelle ist leer. Die Klosterknechte folgen den Spuren +des Rosses, – sie werden eingeholt: grimmig fechtend fällt mein Vater: +meine Mutter wird in ihre Zelle zurückgebracht. Und so furchtbar drücken +die Macht des Schmerzes und die Zucht des Klosters auf die zermürbte +Seele, daß sie in Wahnsinn fällt und stirbt. Das sind meine Eltern!« + +»Und du?« + +»Mich entdeckte in Rom der alte Hildebrand, ein Waffenfreund meines +Großvaters und Vaters: – er entriß mich, mit des Königs Beistand, den +Priestern und ließ mich mit seinen eigenen Enkeln in Regium erziehen.« + +»Und dein Gut, dein Erbe?« + +»Verfiel der Kirche, die es, halb geschenkt, an Theodahad überließ: er war +meines Vaters Nachbar, er ist jetzt mein König!« + +»Mein armer Freund! Aber wie erging es dir später? Man weiß nur dunkles +Gerede – du warst einmal in Griechenland gefangen ... –« + +Teja stand auf. »Davon laß mich schweigen; vielleicht ein andermal. + +Ich war Thor genug, auch einmal an Glück zu glauben und an eines liebenden +Gottes Güte. Ich hab’ es schwer gebüßt. Ich will’s nie wieder thun. Leb +wohl, Witichis, und schilt nicht auf Teja, wenn er nicht ist wie andre.« + +Er drückte ihm die Hand und war rasch im dunkeln Laubgang verschwunden. + +Witichis sah lange schweigend vor sich hin. Dann blickte er gen Himmel, in +den hellen Sternen eine Widerlegung der finstern Gedanken zu finden, die +des Freundes Worte in ihm geweckt. Er sehnte sich nach ihrem Licht voll +Frieden und Klarheit. Aber während des Gesprächs war Nebelgewölk rasch aus +den Lagunen aufgestiegen und hatte den Himmel überzogen: es war finster +ringsum. + +Mit einem Seufzer stand Witichis auf und suchte in ernstem Sinnen sein +einsames Lager. + + + + + Drittes Kapitel. + + +Während unten in den Hallen des Palatiums Italier und Goten tafelten und +zechten, ahnten sie nicht, daß über ihren Häuptern in dem Gemach des +Königs eine Verhandlung gepflogen ward, die über ihr und ihres Reiches +Schicksale entscheiden sollte. + +Unbeobachtet war dem König alsbald der Gesandte von Byzanz nachgefolgt und +lange und geheim sprachen und schrieben die beiden miteinander. Endlich +schienen sie handelseinig geworden und Petros wollte anheben, nochmal +vorzulesen, was sie gemeinsam beschlossen und aufgezeichnet. Aber der +König unterbrach ihn. »Halt,« flüsterte der kleine Mann, der in seinem +weiten Purpurmantel verloren zu gehen drohte, »halt – noch eins!« + +Und er hob sich aus dem schön geschweiften Sitz, schlich durch das Gemach +und hob den Vorhang, ob niemand lausche. + +Dann kehrte er beruhigt zurück und faßte den Byzantiner leise am Gewand. + +Das Licht der Bronzeampel spielte im Winde flackernd auf den gelben +vertrockneten Wangen des häßlichen Mannes, der die kleinen Augen +zusammenkniff: »Noch dies. Wenn jene heilsamen Veränderungen eintreten +sollen, – auf daß sie eintreten können, wird es gut sein, ja notwendig, +einige der trotzigsten meiner Barbaren unschädlich zu machen.« – »Daran +hab’ ich bereits gedacht,« nickte Petros. »Da ist der alte halbheidnische +Waffenmeister, der grobe Hildebad, der nüchterne Witichis« – + +»Du kennst deine Leute gut,« grinste Theodahad, »du hast dich tüchtig +umgesehen. Aber,« raunte er ihm ins Ohr, »einer, den du nicht genannt +hast, einer vor allen muß fort.« + +»Der ist?« + +»Graf Teja, des Tagila Sohn.« + +»Ist der melancholische Träumer so gefährlich?« + +»Der gefährlichste von allen! Und mein persönlicher Feind! schon von +seinem Vater her.« + +»Wie kam das?« + +»Er war mein Nachbar bei Florentia. Ich mußte seine Äcker haben – umsonst +drang ich in ihn. Ha,« lächelte er pfiffig, »zuletzt wurden sie doch mein. +Die heilige Kirche trennte seine verbrecherische Ehe, nahm ihm sein Gut +dabei und ließ mir’s – billig – ab. Ich hatte einiges Verdienst um die +Kirche in dem Prozeß – dein Freund, der Bischof von Florentia kann dir’s +genau erzählen.« + +»Ich verstehe,« sagte Petros, »was gab der Barbar seine Äcker nicht in +Güte! Weiß Teja –?« + +»Nichts weiß er. Aber er haßt mich schon deshalb, weil ich sein Erbgut – +kaufte. Er wirft mir finstere Blicke zu. Und dieser schwarze Träumer ist +der Mann, seinen Feind zu den Füßen Gottes zu erwürgen.« + +»So?« sagte Petros, plötzlich sehr nachdenklich. »Nun, genug von ihm: er +soll nicht schaden. Laß dir jetzt nochmal den ganzen Vertrag Punkt für +Punkt vorlesen; dann unterzeichne. + +Erstens. König Theodahad verzichtet auf die Herrschaft über Italien und +die zugehörigen Inseln und Provinzen des Gotenreichs: nämlich Dalmatien, +Liburnien, Istrien, das zweite Pannonien, Savien, Noricum, Rätien und den +gotischen Besitz in Gallien, zu Gunsten des Kaisers Justinian und seiner +Nachfolger auf dem Throne von Byzanz. Er verspricht, Ravenna, Rom, +Neapolis und alle festen Plätze des Reichs dem Kaiser ohne Widerstand zu +öffnen.« + +Theodahad nickte. + +»Zweitens. König Theodahad wird mit allen Mitteln dahin wirken, daß das +ganze Heer der Goten entwaffnet und in kleinen Gruppen über die Alpen +geführt werde. Weiber und Kinder haben nach Auswahl des kaiserlichen +Feldherrn dem Heere zu folgen oder als Sklaven nach Byzanz zu gehen. Der +König wird dafür sorgen, daß jeder Widerstand der Goten erfolglos bleiben +muß. + +Drittens. Dafür beläßt Kaiser Justinian dem König Theodahad und seiner +Gemahlin den Königstitel und die königlichen Ehren auf Lebenszeit, und +viertens« – + +Diesen Abschnitt will ich doch mit eigenen Augen lesen,« unterbrach +Theodahad, nach der Urkunde langend. »Viertens beläßt der Kaiser dem König +der Goten nicht nur alle Ländereien und Schätze, die dieser als sein +Privateigentum bezeichnen wird, sondern auch den ganzen Königsschatz der +Goten, der allein an geprägtem Gold auf vierzigtausend Pfunde geschätzt +ist. Er übergiebt ihm ferner zu Erb und Eigen ganz Tuscien von Pistoria +bis Cäre, von Populonia bis Clusium und endlich überweist er an Theodahad +auf Lebenszeit die Hälfte aller öffentlichen Einkünfte des durch diesen +Vertrag seinem rechtmäßigen Herrn zurückerworbenen Reiches. – Sage, +Petros, meinst du nicht, ich könnte drei Viertel fordern?« – – + +»Fordern kannst du sie, allein ich zweifle sehr, daß sie dir Justinian +gewährt. Ich habe schon die Grenzen, die äußersten, meiner Vollmacht +überschritten.« + +»Fordern wollen wir’s doch immerhin,« meinte der König, die Zahl ändernd. +»Dann muß Justinian herunter markten oder dafür andre Vorteile gewähren.« + +Um des Petros schmale Lippen spielte ein falsches Lächeln: + +»Du bist ein kluger Handelsmann, o König. – Aber hier verrechnest du dich +doch,« sagte er zu sich selbst. + +Da rauschten schleppende Gewänder den Marmorgang heran und eintrat ins +Gemach in langem schwarzem Mantel und schwarzem, mit silbernen Sternen +besätem Schleier Amalaswintha, bleich von Antlitz, aber in edler Haltung, +eine Königin trotz der verlornen Krone: überwältigende Hoheit der Trauer +sprach aus den bleichen Zügen. + +»König der Goten,« hob sie an, »vergieb, wenn an deinem Freudenfeste ein +dunkler Schatte noch einmal auftaucht von der Welt der Toten. Es ist zum +letztenmal.« + +Beide Männer waren von ihrem Anblick betroffen. + +»Königin,« – stammelte Theodahad. + +»Königin! o wär’ ich’s nie gewesen. Ich komme, Vetter, von dem Sarge +meines edeln Sohnes, wo ich Buße gethan für all’ meine Verblendung, und +all’ meine Schuld bereut. Ich steige herauf zu dir, König der Goten, dich +zu warnen vor gleicher Verblendung und gleicher Schuld.« + +Theodahads unstetes Auge vermied ihren ernsten, prüfenden Blick. + +»Es ist ein übler Gast,« fuhr sie fort, »den ich in mitternächtiger Stunde +als deinen Vertrauten bei dir finde. Es ist kein Heil für einen Fürsten +als in seinem Volk: zu spät hab’ ich’s erkannt, zu spät für mich, nicht zu +spät, hoff’ ich, für mein Volk. Traue du nicht Byzanz: es ist ein Schild, +der den erdrückt, den er beschirmen soll.« + +»Du bist ungerecht,« sagte Petros, »und undankbar.« + +»Thu nicht, mein königlicher Vetter,« fuhr sie fort, »was dieser von dir +fordert. Bewillige nicht du, was ich ihm weigerte. Sicilien sollen wir +abtreten und dreitausend Krieger dem Kaiser stellen für alle seine Kriege +– ich wies die Schmach von mir. Ich sehe,« sprach sie, auf das Pergament +deutend, »du hast schon mit ihm abgeschlossen. Tritt zurück, sie werden +dich immer täuschen.« + +Ängstlich zog Theodahad die Urkunde an sich: er warf einen mißtrauischen +Blick auf Petros. + +Da trat dieser gegen Amalaswintha vor: »Was willst du hier, du Königin von +gestern? Willst du dem Beherrscher dieses Reiches wehren? Deine Zeit und +deine Macht ist um.« – »Verlaß uns,« sagte Theodahad, ermutigt. »Ich werde +thun was mir gutdünkt. Es soll dir nicht gelingen mich von meinen Freunden +in Byzanz zu trennen. Sieh her, vor deinen Augen soll unser Bund +geschlossen sein.« Und er zeichnete seinen Namen auf die Urkunde. + +»Nun,« lächelte Petros, »kamst du noch eben recht, als Zeugin mit zu +unterzeichnen.« + +»Nein,« sprach Amalaswintha mit einem drohenden Blick auf die beiden +Männer, »ich kam noch eben recht, euren Plan zu vereiteln. Ich gehe +geradeswegs von hier zum Heere, zur Volksversammlung, die nächstens bei +Regeta tagt. Aufdecken will ich daselbst vor allem Volk deine Anträge, die +Pläne von Byzanz und dieses schwachen Fürsten Verrat.« + +»Das wird nicht angehn,« sagte Petros ruhig, »ohne dich selbst zu +verklagen.« + +»Ich will mich selbst verklagen. Enthüllen will ich all’ meine Thorheit, +all’ meine blutige Schuld und gern den Tod erleiden, den ich verdient. +Aber warnen, aufschrecken soll diese meine Selbstanklage mein ganzes Volk +vom Ätna bis zu den Alpen; eine Welt von Waffen soll euch entgegenstehn +und retten werd’ ich meine Goten durch meinen Tod von der Gefahr, in die +mein Leben sie gestürzt.« Und in edler Begeisterung eilte sie aus dem +Gemach. + +Verzagt blickte Theodahad auf den Gesandten: lang fand er keine Worte. +»Rate, hilf –« stammelte er endlich. + +»Raten? Da hilft nur Ein Rat. Die Rasende wird sich und uns verderben, +läßt man sie gewähren. Sie darf ihre Drohung nicht erfüllen. Dafür mußt du +sorgen.« + +»Ich?« rief Theodahad erschreckt; »ich kann dergleichen nicht! Wo ist +Gothelindis? Sie, sie allein kann helfen.« + +»Und der Präfekt,« sagte Petros – »sende nach ihnen.« + +Alsbald waren die beiden Genannten von dem Festmahle herauf beschieden. +Petros verständigte sie von den Worten der Fürstin, ohne jedoch dem +Präfekten den Vertrag als Veranlassung des Auftritts zu nennen. + +Kaum hatte er gesprochen, so rief die Königin: + +»Genug, sie darf es nicht vollenden. Man muß ihre Schritte bewachen, sie +darf mit keinem Goten in Ravenna sprechen – sie darf den Palast nicht +verlassen. Das vor allem!« Und sie eilte hinaus, vertraute Sklaven vor +Amalaswinthens Gemächer zu senden. Alsbald kehrte sie wieder. »Sie betet +laut in ihrer Kammer,« sprach sie verächtlich. »Auf, Cethegus, laß uns +ihre Gebete vereiteln.« + +Cethegus hatte, mit dem Rücken an die Marmorsäulen des Eingangs gelehnt, +die Arme über der Brust gekreuzt, diese Vorgänge schweigend und sinnend +mit angehört. Er erkannte die Notwendigkeit, die Fäden der Ereignisse +wieder mehr in seine Hand zu versammeln und straffer anzuziehen. Er sah +Byzanz immer mehr in den Vordergrund dringen: – das durfte nicht weiter +angehn. + +»Sprich, Cethegus,« mahnte Gothelindis nochmals, »was thut jetzt vor allem +Not?« + +»Klarheit,« sagte dieser sich aufrichtend. »In jedem Bunde muß der Zweck, +der besondere Zweck jedes der Verbündeten klar sein: sonst werden sie +stets sich durch Mißtrau’n hemmen. Ihr habt eure Zwecke, – ich habe den +meinen. Eure Zwecke liegen am Tage: ich habe sie euch neulich schon +gesagt: du Petros, willst, daß Kaiser Justinian an der Goten Statt in +Italien herrsche: ihr, Gothelindis und Theodahad, wollt dies auch, gegen +reiche Entschädigung an Rache, Geld und Ehren. Ich aber – ich habe auch +meinen Zweck: was hilft es, das zu verhehlen? Mein schlauer Petros, du +würdest doch nicht lange mehr glauben, daß ich nur den Ehrgeiz habe, dein +Werkzeug zu sein, und dereinst Senator in Byzanz zu werden. Also auch ich +habe meinen Zweck: all’ eure dreieinige Schlauheit würde ihn nie +entdecken, weil er zu nahe vor Augen liegt. Ich muß ihn euch selbst +verraten. + +Der versteinerte Cethegus hat noch eine Liebe: sein Italien. Drum will er, +wie ihr, die Goten fort haben aus diesem Land. + +Aber er will nicht, wie ihr, daß Kaiser Justinianus unbedingt an ihre +Stelle trete: er will nicht die Traufe statt des Regens. + +Am liebsten möchte ich, der unverbesserliche Republikaner – du weißt, mein +Petros, wir waren es damals beide mit achtzehn Jahren auf der Schule von +Athen und ich bin es noch: aber du brauchst es dem Kaiser, deinem Herrn, +nicht zu melden, ich hab’ es ihm lange selbst geschrieben – die Barbaren +hinauswerfen, ohne euch herein zu lassen. + +Das geht nun leider nicht an: wir können eurer Hilfe nicht entbehren. Doch +will ich diese auf das Unvermeidliche beschränken. Kein byzantinisch Heer +darf diesen Boden betreten, als um ihn im letzten Augenblick der Not aus +der Hand der Italier zu empfangen. Italien sei mehr ein von den Italiern +dargebrachtes Geschenk als eine Eroberung für Justinian: die Segnungen der +Feldherrn und Steuerrechner, die Byzanz über die Länder bringt, die es +befreit, sollen uns erspart bleiben: wir wollen euern Schutz, nicht eure +Tyrannei.« + +Über Petros’ Züge zog ein feines Lächeln, das Cethegus nicht zu bemerken +schien; er fuhr fort: »So vernehmt meine Bedingung. Ich weiß, Belisarius +liegt mit Flotte und Heer nah bei Sicilien. Er darf nicht landen. Er muß +heimkehren. Ich kann keinen Belisar in Italien brauchen. Wenigstens nicht +eher als ich ihn rufe. Und sendest du, Petros, ihm nicht sofort diesen +Befehl zu, so scheiden sich unsere Wege. Ich kenne Belisar und Narses und +ihre Soldatenherrschaft und ich weiß, welch’ milde Herren diese Goten +sind. Und mich erbarmt Amalaswinthens: sie war eine Mutter meines Volks. +Deshalb wählet, wählet zwischen Belisar und Cethegus. Landet Belisar, so +steht Cethegus und ganz Italien zu Amalaswintha und den Goten: und dann +laß sehn, ob ihr uns eine Scholle dieses Landes entreißt. Wählt ihr +Cethegus, so bricht er die Macht der Barbaren und Italien unterwirft sich +dem Kaiser als seine freie Gattin, nicht als seine Sklavin. Wähle, +Petros.« + +»Stolzer Mann,« sprach Gothelindis, »du wagst uns Bedingungen zu setzen, +uns, deiner Königin?« Und drohend erhob sie die Hand. + +Aber mit eiserner Faust ergriff Cethegus diese Hand und zog sie ruhig +herab. »Laß die Possen, Eintagskönigin. Hier unterhandeln nur Italien und +Byzanz. Vergißt du deine Ohnmacht, so muß man dich dran mahnen. Du +thronst, solange wir dich halten.« Und mit so ruhiger Majestät stand er +vor dem zornmütigen Weib, daß sie verstummte. Aber ihr Blick sprühte +unauslöschlichen Haß. + +»Cethegus,« sagte jetzt Petros, der sich einstweilen entschlossen, »du +hast Recht. Byzanz kann für den Augenblick nicht mehr erreichen als deine +Hilfe, weil nichts ohne sie. Wenn Belisar umkehrt, so gehst du ganz mit +uns und unbedingt?« + +»Unbedingt.« + +»Und Amalaswinthen?« + +»Geb’ ich Preis.« + +»Wohlan,« sagte der Byzantiner, »es gilt.« + +Er schrieb auf eine Wachstafel in kurzen Worten den Befehl zur Heimkehr an +Belisar und reichte sie dem Präfekten: »Du magst die Botschaft selbst +bestellen.« + +Cethegus las sorgfältig: »Es ist gut,« sagte er, die Tafel in die Brust +steckend, »es gilt.« + +»Wann bricht Italien los auf die Barbaren?« fragte Petros. + +»In den ersten Tagen des nächsten Monats. Ich gehe nach Rom. Leb wohl.« + +»Du gehst? Und hilfst uns nicht das Weib – die Tochter Theoderichs +verderben?« fragte die Königin mit bittrem Vorwurf. »Erbarmt dich ihrer +abermals?« + +»Sie ist gerichtet,« sagte Cethegus, an der Thür sich kurz umwendend. »Der +Richter geht – der Henker Amt hebt an.« Und stolz schritt er hinaus. + +Da faßte Theodahad, der sprachlos vor Staunen den Byzantiner hatte handeln +sehn, mit Entsetzen dessen Hand: »Petros,« rief er, »um Gott und aller +Heiligen willen, was hast du gethan? Unser Vertrag und alles ruht auf +Belisar und du schickst ihn nach Hause?« + +»Und läßt diesen Übermütigen triumphieren?« knirschte Gothelindis. + +Aber Petros lächelte: der Sieg der Schlauheit strahlte auf seinem Antlitz. +»Seid ruhig,« sagte er, »diesmal ist er überwunden, der Allüberwinder +Cethegus, besiegt von dem verhöhnten Petros.« Er ergriff Theodahad und +Gothelindis an den Händen, zog sie nahe an sich, sah sich um, und +flüsterte dann: »Vor jenem Brief an Belisar steht ein kleiner Punkt: der +bedeutet ihm: all das Geschriebene ist nicht ernst gemeint, ist nichtig. +Ja, ja, man lernt, man lernt die Schreibekunst am Hofe von Byzanz.« + + + + + Viertes Kapitel. + + +Zwei Tage nach der nächtlichen Begegnung mit Theodahad und Petros +verbrachte Amalaswintha in einer Art von wirklicher oder vermeinter +Gefangenschaft. + +So oft sie ihre Gemächer verließ, so oft sie einbog in einen Gang des +Palastes, jedesmal glaubte sie hinter oder neben sich Gestalten +auftauchen, hingleiten, verschwinden zu sehen, die ebenso eifrig bedacht +schienen, all’ ihre Schritte zu beobachten als sich selbst ihren Blicken +zu entziehen: kaum zu dem Grabe ihres Sohnes konnte sie unbewacht +niedersteigen. + +Umsonst fragte sie nach Witichis, nach Teja: sie hatten gleich am Morgen +nach dem Krönungsfest in Aufträgen des Königs die Stadt verlassen. Das +Gefühl, vereinsamt und von bösen Feinden umlauert zu sein, ruhte drückend +auf ihrer Seele. + +Schwer und düster hingen am Morgen des dritten Tages die herbstlichen +Regenwolken auf Ravenna herab, als sich Amalaswintha von dem +schlummerlosen Lager erhob. Unheimlich berührte es sie, daß, als sie an +das Fenster von Frauenglas trat, ein Rabe krächzend von dem Marmorsims +aufstieg und mit heiserem Schrei und schwerem Flügelschlag langsam über +die Gärten dahinflog. + +Die Fürstin fühlte schon daran, wie geknickt ihre Seele war durch diese +Tage von Schmerz, Furcht und Reue, daß sie sich des finstern Eindrucks +nicht erwehren konnte, den ihr die frühen Herbstnebel, aus den Lagunen der +Seestadt aufsteigend, brachten. Seufzend blickte sie in die graue +Sumpflandschaft hinaus. + +Schwer war ihr Herz von Reue und Sorge. + +Und ihr einziger Halt der Gedanke, durch freie Selbstanklage und volle +Demütigung vor allem Volk das Reich noch zu retten um den Preis ihres +Lebens. Denn sie zweifelte nicht, daß die Gesippen und Bluträcher der drei +Herzoge ihre Pflicht vollauf erfüllen würden. In solchen Gedanken schritt +sie durch die öden Hallen und Gänge des Palastes, diesmal, wie sie +glaubte, unbelauscht, hinunter zu der Ruhestätte ihres Sohnes, sich in den +Vorsätzen der Buße und Sühne an ihrem Volk zu befestigen. + +Als sie nach geraumer Zeit aus der Gruft wieder emporstieg und in einen +dunkeln Gewölbgang einlenkte, huschte ein Mann in Sklaventracht aus einer +Nische hervor – sie glaubte sein Gesicht schon oft gesehen zu haben – +drückte ihr eine kleine Wachstafel in die Hand und war seitab +verschwunden. + +Sie erkannte sofort – die Handschrift Cassiodors –. + +Und sie erriet nun auch den geheimnisvollen Überbringer: es war Dolios, +der Briefsklave ihres treuen Ministers. Rasch die Tafel in ihrem Gewande +bergend eilte sie in ihr Gemach. Dort las sie: »In Schmerz, nicht in Zorn, +schied ich von dir. Ich will nicht, daß du unbußfertig abgerufen werdest +und deine unsterbliche Seele verloren gehe. Flieh aus diesem Palast, aus +dieser Stadt: dein Leben ist keine Stunde mehr sicher. Du kennst +Gothelindis und ihren Haß. Traue niemand als meinem Schreiber und finde +dich um Sonnenuntergang bei dem Venustempel im Garten ein. Dort wird dich +meine Sänfte erwarten und in Sicherheit bringen, nach meiner Villa im +Bolsener See. Folge und vertraue.« + +Gerührt ließ Amalaswintha den Brief sinken: der vielgetreue Cassiodor! Er +hatte sie doch nicht ganz verlassen. Er bangte und sorgte noch immer für +das Leben der Freundin. Und jene reizende Villa auf der einsamen Insel im +blauen Bolsener See! Dort hatte sie, vor vielen, vielen Jahren, als Gast +Cassiodors, in voller Blüte der Jugendschönheit, Hochzeit gehalten mit +Eutharich, dem edeln Amalungen, und, von allem Schimmer der Macht und +Ehren umflossen, ihrer Jugend stolzeste Tage gefeiert. + +Ihr sonst so hartes, aber jetzt vom Unglück erweichtes Gemüt beschlich +mächtige Sehnsucht, die Stätte ihrer schönsten Freuden wiederzusehen. +Schon dies Eine Gefühl trieb sie mächtig an, der Mahnung Cassiodors zu +folgen: noch mehr die Furcht, – nicht für ihr Leben, denn sie wollte +sterben – die Raschheit ihrer Feinde möchte ihr unmöglich machen, das Volk +zu warnen und das Reich zu retten. Endlich überlegte sie, daß der Weg nach +Regeta bei Rom, wo in Bälde die große Volksversammlung, wie alljährlich im +Herbst, statthaben sollte, sie am Bolsener See vorüberführte. Also war es +nur eine Beschleunigung ihres Planes, wenn sie schon jetzt in dieser +Richtung aufbrach. Um aber auf alle Fälle sicher zu gehn, um, auch wenn +sie das Ziel ihrer Reise nicht erreichen sollte, ihre warnende Stimme an +das Ohr des Volks gelangen zu lassen, beschloß sie einem Brief an +Cassiodor, den auf seiner Villa anzutreffen sie nicht bestimmt +voraussetzen konnte, ihre ganze Beichte und die Enthüllung aller Pläne der +Byzantiner und Theodahads anzuvertrauen. + +Bei geschlossenen Thüren schrieb sie die schmerzreichen Worte nieder: +heiße Thränen des Dankes und der Reue fielen auf das Pergament, das sie +sorgfältig siegelte und dem treuesten ihrer Sklaven übergab, es sicher +nach dem Kloster Squillacium in Apulien, der Stiftung und dem gewöhnlichen +Aufenthalt Cassiodors, zu befördern. + +Langsam verstrichen der Fürstin die zögernden Stunden des Tages. Mit +ganzer Seele hatte sie des Freundes dargebotne Hand ergriffen. Erinnerung +und Hoffnung malten ihr um die Wette das Eiland im Bolsener See als ein +teures Asyl: dort hoffte sie Ruhe und Frieden zu finden. Sie hielt sich +sorgsam innerhalb ihrer Gemächer, um keinem ihrer Wächter Veranlassung zum +Verdacht, Gelegenheit, sie aufzuhalten, zu geben. Endlich war die Sonne +gesunken. + +Mit leisen Schritten eilte Amalaswintha, ihre Sklavinnen zurückweisend und +nur einige Kleinodien und Dokumente unter dem weiten Mantel bergend, aus +ihrem Schlafgemach in den breiten Säulengang, der zur Gartentreppe führte. +Sie zitterte, hier wie gewöhnlich auf einen der lauschenden Späher zu +stoßen, gesehen, angehalten zu werden. Häufig sah sie sich um, vorsichtig +blickte sie sogar in die Statuennischen: – alles war leer, kein Lauscher +folgte diesmal ihren Tritten. So erreichte sie unbeobachtet die Plattform +der Freitreppe, die Palast und Garten verband und weiten Ausblick über +diesen hin gewährte. Scharf überschaute sie den nächsten Weg, der zum +Venustempel führte. Der Weg war frei. + +Nur die welken Blätter raschelten wie unwillig von den rauschenden +Platanen auf die Sandpfade nieder, gewirbelt von dem Winde, der fern, +jenseit der Gartenmauer, Nebel und Wolken in geisterhaften Gestalten vor +sich her trieb: es war unheimlich in dem ausgestorbenen Garten und seiner +grauen Dämmerung. + +Die Fürstin fröstelte, der kalte Abendwind zerrte an ihrem Schleier und +Mantel: einen scheuen Blick warf sie noch auf die düstern, lastenden +Steinmassen des Palastes hinter sich, in dem sie so stolz gewaltet und +geherrscht und aus dem sie nun einsam, scheu, verfolgt wie eine +Verbrecherin flüchtete. Sie dachte des Sohnes, der in den Tiefen des +Palastes ruhte. – Sie dachte der Tochter, die sie selbst aus diesen +Mauern, aus ihrer Nähe verbannt hatte. – + +Und einen Augenblick drohte der Schmerz die Verlassene zu überwältigen: +sie wankte, mühsam hielt sie sich aufrecht an dem breiten Marmorgeländer +der Terrasse: ein Fieberschauer rüttelte an ihrem Leibe wie das Grauen der +Verlassenheit an ihrer Seele. + +»Aber mein Volk!« sprach sie zu sich selbst »und meine Buße – ich will’s +vollenden.« Gekräftigt von diesem Gedanken eilte sie die Stufen der Treppe +hinab und bog in den von Epheu überwölbten Laubgang ein, der quer durch +den Garten führte und an dem Venustempel mündete. Rasch schritt sie voran, +erbebend, wann zu einem der Seitengänge das Herbstlaub, wie seufzend, +hereinwirbelte. + +Atemlos langte sie vor dem kleinen Tempel an und ließ ringsum die +suchenden Blicke schweifen. Aber keine Sänfte, keine Sklaven waren zu +sehen, rings war alles still: nur die Äste der Platanen seufzten im Winde. + +Da schlug das nahe Wiehern eines Pferdes an ihr Ohr. + +Sie wandte sich: – um den Vorsprung der Mauer bog mit hastigen Schritten +ein Mann. Es war Dolios. Er winkte, scheu umherspähend. Rasch eilte die +Fürstin auf ihn zu, folgte ihm um die Ecke: und vor ihr stand Cassiodors +wohlbekannter gallischer Reisewagen, die bequeme und vornehme Carruca, von +allen vier Seiten mit verschiebbaren Gitterläden von feinem Holzwerk +umschlossen, und mit dem raschen Dreigespann belgischer Manni beschirrt. + +»Eile thut not, o Fürstin,« flüsterte Dolios, sie in die weichen Polster +hebend. »Die Sänfte ist zu langsam für den Haß deiner Feinde. Stille und +Eile, daß uns niemand bemerkt.« + +Amalaswintha blickte noch einmal um sich. + +Dolios öffnete das Thor des Gartens und führte den Wagen vor dasselbe +hinaus. Da traten zwei Männer aus dem Gebüsch: der eine bestieg den Sitz +des Wagenlenkers vor ihr: der andere schwang sich auf eines der beiden +gesattelt vor dem Thore stehenden Rosse: sie erkannte die Männer als +vertraute Sklaven Cassiodors: sie waren wie Dolios mit Waffen versehen. +Dieser sperrte wieder sorgfältig das Gartenthor und ließ die Gitterladen +des Wagens herab. Dann warf er sich auf das zweite der Pferde und zog das +Schwert: »Vorwärts!« rief er. + +Und von dannen jagte der kleine Zug, als wär’ ihm der Tod auf der Ferse. + + + + + Fünftes Kapitel. + + +Die Fürstin wiegte sich in Gefühlen des Dankes, der Freiheit, der +Sicherheit. Sie baute schöne Entwürfe der Sühne. + +Schon sah sie ihr Volk durch ihre warnende Stimme gerettet vor Byzanz, vor +dem Verrat des eigenen Königs: schon hörte sie den begeisterten Ruf des +tapferen Heeres, der den Feinden Verderben, ihr aber Verzeihung +verkündete. In solchen Träumen verflogen ihr die Stunden, die Tage und +Nächte. Unausgesetzt eilte der Zug vorwärts: drei-, viermal des Tages +wurden die Pferde des Wagens und der Reiter gewechselt, so daß sie Meile +um Meile wie im Fluge zurücklegten. + +Wachsam hütete Dolios die ihm anvertraute Fürstin: mit gezogenem Schwert +schützte er den Zugang zum Wagen, während seine Begleiter Speisen und Wein +aus den Stationen holten. Jene geflügelte Eile und diese treue Wachsamkeit +benahm Amalaswinthen eine Besorgnis, deren sie sich eine Weile nicht hatte +erwehren können: ihr war, sie würden verfolgt. + +Zweimal, in Perusia und in Clusium, glaubte sie, wie der Wagen hielt, +dicht hinter sich Rädergerassel zu hören und den Hufschlag eilender Rosse: +ja in Clusium meinte sie, aus dem niedergelassenen Gitterladen +zurückspähend, eine zweite Carruca, ebenfalls von Reitern begleitet, in +das Thor der Stadt einbiegen zu sehen. + +Aber als sie Dolios davon sprach, jagte der spornstreichs nach dem Thore +zurück und kam sogleich mit der Meldung wieder, daß nichts wahrzunehmen +sei; auch hatte sie von da ab nichts mehr bemerkt: und die rasende Eile, +mit der sie sich dem ersehnten Eiland näherte, ließ sie hoffen, daß ihre +Feinde, selbst wenn sie ihre Flucht entdeckt und eine Strecke weit +verfolgt haben sollten, alsbald ermüdet zurückgeblieben seien. + +Da verdüsterte ein Unfall, unbedeutend an sich, aber unheilkündend durch +seine begleitenden Umstände, plötzlich die hellere Stimmung der +flüchtenden Fürstin. + +Es war hinter der kleinen Stadt Martula. + +Öde baumlose Heide dehnte sich unabsehbar nach jeder Richtung: nur Schilf +und hohe Sumpfgewächse ragten aus den feuchten Niederungen zu beiden +Seiten der römischen Hochstraße und nickten und flüsterten gespenstisch im +Nachtwind. Die Straße war hin und wieder mit niedern, von Reben +überflochtenen Mauern eingefaßt und, nach altrömischer Sitte, mit +Grabmonumenten, die aber oft traurig zerfallen waren und mit ihren auf dem +Wege zerstreuten Steintrümmern den Pferden das Fortkommen erschwerten. + +Plötzlich hielt der Wagen mit einem heftigen Ruck und Dolios riß die +rechte Thüre auf. »Was ist geschehen,« rief die Fürstin erschreckt, »sind +wir in Feindes Hand?« + +»Nein,« sprach Dolios, der, ihr von je als verschlossen und finster +bekannt, auf dieser Reise fast unheimlich schweigsam schien, »ein Rad ist +gebrochen. Du mußt aussteigen und warten, bis es gebessert.« + +Ein heftiger Windstoß löschte in diesem Augenblick seine Fackel und +naßkalter Regen schlug in der Bestürzten Antlitz. »Aussteigen? hier? und +wohin dann? hier ist nirgend ein Haus, ein Baum, der Schutz böte vor Regen +und Sturm. Ich bleibe in dem Wagen.« – »Das Rad muß abgehoben werden. +Dort, das Grabmal, mag dir Schutz gewähren.« + +Mit einem Schauer von Furcht gehorchte Amalaswintha und schritt über die +Steintrümmer, die ringsum zerstreut lagen, nach der rechten Seite des +Weges, wo sie jenseit des Grabens ein hohes Monument aus der Dunkelheit +ragen sah. Dolios half ihr über den Graben. + +Da schlug von der Straße hinter ihrem Wagen her das Wiehern eines Pferdes +an ihr Ohr. Erschrocken blieb sie stehen. + +»Es ist unser Nachreiter,« sagte Dolios rasch, »der uns den Rücken deckt, +komm.« + +Und er führte sie durch feuchtes Gras den Hügel heran, auf dem sich das +Monument erhob. Oben angelangt setzte sie sich auf die breite Steinplatte +eines Sarkophags. + +Da war Dolios plötzlich im Dunkel verschwunden, vergebens rief sie ihn +zurück: bald sah sie unten auf der Straße seine Fackel wieder brennen: rot +leuchtete sie durch die Nebel der Sümpfe: und der Sturm entführte rasch +den Schall der Hammerschläge der Sklaven, die an dem Rade arbeiteten. + +So saß die Tochter des großen Theoderich, einsam und todesflüchtig, auf +der Heerstraße in unheimlicher Nacht; der Sturm riß an ihrem Mantel und +Schleier, der feine kalte Regen durchnäßte sie, in den Cypressen hinter +dem Grabmal seufzte melancholisch der Wind, oben am Himmel jagte +zerfetztes Gewölk und ließ nur manchmal einen flüchtigen Mondstrahl durch, +der die gleich wieder folgende Dunkelheit noch düsterer machte. + +Banges Grauen durchschlich fröstelnd ihr Herz. + +Allmählich gewöhnte sich ihr Auge an die Dunkelheit und umher sehend +konnte sie die Umrisse der nächsten Dinge deutlicher unterscheiden: da – +ihr Haar sträubte sich vor Entsetzen – da war ihr, es säße dicht hinter +ihr auf dem erhöhten Hintereck des Sarkophags eine zweite Gestalt: – ihr +eigener Schatten war es nicht –: eine kleinere Gestalt in weitem, faltigem +Gewand, die Arme auf die Kniee, das Haupt in die Hände gestützt und zu ihr +herunter starrend. + +Ihr Atem stockte, sie glaubte flüstern zu hören, fieberhaft strengte sie +die Sinne an zu sehen, zu hören: da flüsterte es wieder: »Nein, nein: noch +nicht!« So glaubte sie zu hören. Sie richtete sich leise auf, auch die +Gestalt schien sich zu regen, es klirrte deutlich wie Stahl auf Stein. + +Da schrie die Geängstigte: »Dolios! Licht! Hilfe! Licht!« Und sie wollte +den Hügel hinab, aber zitternd versagten die Kniee, sie fiel und verletzte +die Wange an dem scharfen Gestein. + +Da war Dolios mit der Fackel heran, schweigend erhob er die Blutende: er +fragte nicht. »Dolios,« rief sie sich fassend, »gieb die Leuchte: ich muß +sehen, was dort war, was dort ist.« + +Sie nahm die Fackel und schritt entschlossen um die Ecke des Sarkophags: +es war nichts zu sehen: aber jetzt, im Glanze der Fackel, erkannte sie, +daß das Monument nicht, wie die übrigen, ein altes, daß es sichtlich erst +neu errichtet war, so unverwittert war der weiße Marmor, so frisch die +schwarzen Buchstaben der Inschrift. – + +Von jener seltsamen Neugier, die sich mit dem Grauen verbindet, +unwiderstehlich fortgerissen, hielt sie die Fackel dicht an den Sockel des +Monuments und las bei flackerndem Licht die Worte: »Ewige Ehre den drei +Balten Thulun, Ibba und Pitza. Ewiger Fluch ihren Mördern.« + +Mit einem Aufschrei taumelte Amalaswintha zurück. + +Dolios führte die Halbohnmächtige zu dem Wagen. Fast bewußtlos legte sie +die noch übrigen Stunden des Weges zurück. Sie fühlte sich krank an Leib +und Seele. Je näher sie dem Eiland kam, desto lebhafter ward die +fieberhafte Freude, mit der sie es ersehnt, verdrängt von einer +ahnungsvollen Furcht: mit Bangen sah sie die Sträucher und Bäume des Weges +immer rascher an sich vorüberfliegen. + +Endlich machten die dampfenden Rosse Halt. + +Sie senkte die Läden und blickte hinaus: es war die kalte, unheimliche +Stunde, da das erste Tagesgrauen ankämpft gegen die noch herrschende +Nacht: sie waren, so schien es, angelangt am Ufer des Sees: aber von +seinen blauen Fluten war nichts zu sehen; ein düstrer grauer Nebel lag +undurchdringlich wie die Zukunft vor ihren Augen: von der Villa, ja von +der Insel selbst war nichts zu entdecken. Rechts vom Wagen stand eine +niedrige Fischerhütte tief in dem dichten, ragenden Schilf, durch welches +wie seufzend der Morgenwind fuhr, daß die schwankenden Häupter sich bogen. + +Seltsam: ihr war, als warnten und winkten sie hinweg von dem dahinter +verborgenen See. + +Dolios war in die Hütte gegangen; er kam jetzt zurück und hob die Fürstin +aus dem Wagen, schweigend führte er sie durch den feuchten Wiesengrund +nach dem Schilf zu. + +Da lag am Ufer eine schmale Fähre: sie schien mehr im Nebel als im Wasser +zu schwimmen. + +Am Steuer aber saß in einen grauen zerfetzten Mantel gehüllt ein alter +Mann, dem die langen weißen Haare wirr ins Gesicht hingen. Er schien vor +sich hin zu träumen mit geschlossenen Augen, die er nicht aufschlug, als +die Fürstin in den schwankenden Nachen stieg und sich in der Mitte +desselben auf einem Feldstuhl niederließ. + +Dolios trat an den Schnabel des Schiffes und ergriff zwei Ruder: die +Sklaven blieben bei dem Wagen zurück. + +»Dolios,« rief Amalaswintha besorgt, »es ist sehr dunkel, wird der Alte +steuern können in diesem Nebel, und an keinem Ufer ein Licht?« – »Das +Licht würde ihm nichts nützen, Königin, er ist blind.« – »Blind?« rief die +Erschrockene, »laß landen! kehr um!« – »Ich fahre hier seit bald zwanzig +Jahren,« sprach der greise Ferge, »kein Sehender kennt den Weg gleich +mir.« – »So bist du blind geboren?« + +»Nein, Theoderich der Amaler ließ mich blenden, weil mich Alarich, der +Balten-Herzog, des Thulun Bruder, gedungen hätte, ihn zu morden. Ich bin +ein Knecht der Balten, war ein Gefolgsmann Alarichs, aber ich war so +unschuldig wie mein Herr, Alarich der Verbannte. Fluch über die +Amalungen!« rief er mit zornigem Ruck am Steuer. + +»Schweig! Alter,« sprach Dolios. + +»Warum soll ich heute nicht sagen, was ich bei jedem Ruderschlag seit +zwanzig Jahren sage? Es ist mein Taktspruch. – Fluch den Amalungen!« + +Mit Grauen sah die Flüchtige auf den Alten, der in der That mit völliger +Sicherheit und pfeilgerade fuhr. Sein weiter Mantel und wirres Haar flogen +im Winde: ringsum Nebel und Stille, nur das Ruder hörte man gleichförmig +einschlagen, leere Luft und graues Licht auf allen Seiten. Ihr war, als +führe sie Charon über den Styx in das graue Reich der Schatten. – Fiebernd +hüllte sie sich in ihren faltigen Mantel. + +Noch einige Ruderschläge und sie landeten. + +Dolios hob die Zitternde heraus: der Alte aber wandte sein Boot schweigend +und ruderte so rasch und sicher zurück wie er gekommen: Mit einer Art von +Grauen sah ihm Amalaswintha nach, bis er in dem dichten Nebel verschwand. + +Da war es ihr, als höre sie den Schall von Ruderschlägen eines zweiten +Schiffes, die rasch näher und näher drangen. Sie fragte Dolios nach dem +Grund dieses Geräusches. + +»Ich höre nichts,« sagte dieser, »du bist allzu erregt, komm in das Haus.« +Sie wankte auf seinen Arm gestützt die in den Felsboden gehauenen Stufen +hinan, die zu der burgähnlichen, hochgetürmten Villa führten: von dem +Garten, der, wie sie sich lebhaft erinnerte, zu beiden Seiten dieses +schmalen Weges sich dehnte, waren in dem Nebel kaum die Linien der +Baumreihen zu sehen. + +Endlich erreichten sie das hohe Portal, eine eherne Thür im Rahmen von +schwarzem Marmor. Der Freigelassene pochte mit dem Knauf seines Schwertes: +– dumpf dröhnte der Schlag in den gewölbten Hallen nach – die Thüre sprang +auf. + +Amalaswintha gedachte, wie sie einst durch dieses Thor, das die +Blumengewinde fast versperrt hatten, an ihres Gatten Seite eingezogen war: +sie gedachte, wie sie die Pförtner, gleichfalls ein jung vermähltes Paar, +so freundlich begrüßt. – + +Der finstersehende Sklave mit wirrem grauem Haar, der jetzt mit Ampel und +Schlüsselbund vor ihr stand, war ihr fremd. + +»Wo ist Fuscina, des früheren Ostiarius Weib? ist sie nicht mehr im +Hause?« fragte sie. + +»Die ist lang ertrunken im See,« sagte der Pförtner gleichgültig und +schritt mit der Leuchte voran. Schaudernd folgte die Fürstin: sie mußte +sich die kalten dunkeln Wogen vorstellen, die so unheimlich an den Planken +ihrer Fähre geleckt. Sie gingen durch Bogenhöfe und Säulenhallen: – alles +leer, wie ausgestorben, die Schritte hallten laut durch die Öde: – die +ganze Villa schien ein weites Totengewölbe. + +»Das Haus ist unbewohnt? ich bedarf einer Sklavin.« + +»Mein Weib wird dir dienen.« + +»Ist sonst niemand in der Villa?« + +»Noch ein Sklave. Ein griechischer Arzt.« + +»Ein Arzt – ich will ihn –« + +Aber in diesem Augenblicke schollen von dem Portal her einige heftige +Schläge: schwer dröhnten sie durch die leeren Räume. Entsetzt fuhr +Amalaswintha zusammen. »Was war das?« fragte sie, Dolios’ Arm fassend. Sie +hörte die schwere Thüre zufallen. + +»Es hat nur jemand Einlaß begehrt,« sagte der Ostiarius und schloß die +Thüre des für die Flüchtige bestimmten Gemaches auf. Die dumpfe Luft eines +lang nicht mehr geöffneten Raumes drang ihr erstickend entgegen: aber mit +Rührung erkannte sie die Schildpattbekleidung der Wände: es war dasselbe +Gemach, das sie vor zwanzig Jahren bewohnt: überwältigt von der Erinnerung +glitt sie auf den kleinen Lectus, der mit dunkeln Polstern belegt war. + +Sie verabschiedete die beiden Männer, zog die Vorhänge des Lagers um sich +her zu und verfiel bald in einen unruhigen Schlaf. + + + + + Sechstes Kapitel. + + +So lag sie, sie wußte nicht wie lange, bald wachend, bald träumend: wild +jagte Bild auf Bild an ihrem Auge vorüber. + +Eutharich mit seinem Zug des Schmerzes um die Lippen: – Athalarich, wie er +auf seinem Sarkophag hingestreckt lag, er schien ihr zu sich herab zu +winken: – das vorwurfsvolle Antlitz Mataswinthens – dann Nebel und Wolken +und blattlose Bäume: – drei zürnende Kriegergestalten mit bleichen +Gesichtern und blutigen Gewändern: und der blinde Fährmann in das Reich +der Schatten. Und wieder war ihr, sie liege auf der öden Heide auf den +Stufen des Baltendenkmals und als rausche es hinter ihr und als beuge sich +abermals hinter dem Steine hervor jene verhüllte Gestalt über sie näher +und näher, – beengend, – erstickend. Die Angst schnürte ihr das Herz +zusammen, entsetzt fuhr sie auf aus ihrem Traum und sah hochaufgerichtet +um sich: da – nein, es war kein Traumgesicht – da rauschte es, hinter dem +Vorhang des Bettes, und in die getäfelte Wand glitt ein verhüllter +Schatte. + +Mit einem Schrei riß Amalaswintha die Falten des Vorhangs auseinander – da +war nichts mehr zu sehen. + +Hatte sie doch nur geträumt? Aber sie konnte nicht mehr allein sein mit +ihren bangen Gedanken. So drückte sie auf den Achatknauf in der Wand, der +draußen einen Hammer in Bewegung setzte. + +Alsbald erschien ein Sklave, dessen Züge und Tracht höhere Bildung +verrieten. Er gab sich als den griechischen Arzt zu erkennen: sie teilte +ihm die Schreckgesichte, die Fieberschauer der letzten Stunden mit: er +erklärte es für Folgen der Aufregung, vielleicht der Erkältung auf der +Flucht, empfahl ihr ein warmes Bad und ging, dessen Mischung anzuordnen. + +Amalaswintha erinnerte sich der herrlichen Bäder, die, in zwei Stockwerken +übereinander, den ganzen rechten Flügel der Villa einnahmen. Das untere +Stockwerk der großen achteckigen Rotunde, für die kalten Bäder bestimmt, +stand mit dem See in unmittelbarem Zusammenhange: sein Wasser wurde durch +Siebthüren, die jede Unreinheit abhielten, hereingeleitet. Das obere +Stockwerk erhob sich, als Verjüngung des Achtecks, über der Badstube des +unteren, deren Decke – eine große, kreisförmige Metallplatte, – den Boden +des oberen warmen Bades bildete und nach Belieben in zwei Halbkreisen +rechts und links in das Gemäuer geschoben werden konnte, so daß die beiden +Stockwerke dann einen ungeteilten turmhohen Raum bildeten, der zum Zweck +der Reinigung oder zum Behuf von Schwimm- und Taucherspielen ganz von dem +Wasser des Sees erfüllt werden konnte. + +Regelmäßig aber bildete das obere Achteck für sich den Raum des warmen +Bades, in das vielfach verschlungene Wasserkünste in hundert Röhren mit +zahllosen Delphinen, Tritonen und Medusenhäuptern von Bronze und Marmor +duftige, mit Ölen und Essenzen gemischte Fluten leiteten, während +zierliche Stufen von der Galerie, auf der man sich entkleidete, in das +muschelförmige Porphyrbecken des eigentlichen Baderaumes hinabführten. + +Während sich die Fürstin noch diese Räume ins Gedächtnis zurückrief, +erschien das Weib des Thürsklaven, sie in das Bad abzuholen. Sie gingen +durch weite Säulenhallen und Büchersäle, in welchen aber die Fürstin die +Kapseln und Rollen Cassiodors vermißte, in der Richtung nach dem Garten; +die Sklavin trug die feinen Badetücher, Ölfläschchen und den Salbenkrug. +Endlich gelangte sie in das turmähnliche Achteck des Badepalastes, dessen +sämtliche Gelasse an Boden, Wand und Decke durchaus mit hellgrauen +Marmorplatten belegt waren. Vorüber an den Hallen und Gängen, die der +Gymnastik und dem Ballspiel vor und nach dem Bade dienten, vorüber an den +Heizstübchen, den Auskleide- und Salbgemächern eilten sie sofort nach dem +Caldarium, dem warmen Bade. Die Sklavin öffnete schweigend die in die +Marmorwand eingesenkte Thür. + +Amalaswintha trat ein und stand auf der schmalen Galerie, die rings um das +Bassin lief: gerade vor ihr führten die bequemen Stufen in das Bad, aus +dem bereits warme und köstliche Dufte aufstiegen. Das Licht fiel von oben +herein durch eine achteckige Kuppel von kunstvoll geschliffenem Glas: +gerade am Eingang erhob sich eine Treppe von Cedernholz, die auf zwölf +Staffeln zu einer Sprungbrücke führte: rings an den Marmorwänden der +Galerie wie des Beckens verkleideten zahllose Reliefs die Mündungen der +Röhren, die den Wasserkünsten und der Luftheizung dienten. + +Ohne ein Wort legte das Weib das Badegerät auf die weichen Kissen und +Teppiche, die den Boden der Galerie bedeckten und wandte sich zur Thüre. +»Woher bist du mir bekannt?« fragte die Fürstin sie nachdenklich +betrachtend, »wie lange bist du hier?« + +»Seit acht Tagen.« Und sie ergriff die Thüre. + +»Wie lange dienst du Cassiodor?« + +»Ich diene von jeher der Fürstin Gothelindis.« + +Mit einem Angstschrei sprang Amalaswintha bei diesem Namen auf, wandte +sich und griff nach dem Gewand des Weibes – zu spät: sie war hinaus, die +Thüre war zugefallen und Amalaswintha hörte, wie der Schlüssel von außen +umgedreht und abgezogen ward. Umsonst suchte ihr Auge nach einem anderen +Ausgang. + +Da überkam ein ungeheures, unbekanntes Grauen die Königin: sie fühlte, daß +sie furchtbar getäuscht, daß hier ein verderbliches Geheimnis verborgen +sei: Angst, unsägliche Angst fiel auf ihr Herz: Flucht, Flucht aus diesem +Raum war ihr einziger Gedanke. + +Aber keine Flucht schien möglich: die Thüre war von innen jetzt nur eine +dicke Marmortafel, wie die zur Rechten und Linken: nicht mit einer Nadel +war in ihre Fugen zu dringen: verzweifelnd ließ sie die Blicke rings an +der Wand der Galerie kreisen: nur die Tritonen und Delphine starrten ihr +entgegen: endlich ruhte ihr Auge auf dem schlangenstarrenden Medusenhaupt +ihr gerade gegenüber – und sie stieß einen Schrei des Entsetzens aus. + +Das Gesicht der Meduse war zur Seite geschoben und die ovale Öffnung unter +dem Schlangenhaar war von einem lebenden Antlitz ausgefüllt. + +War es ein menschlich Antlitz? + +Die Zitternde klammerte sich an die Marmorbrüstung der Galerie und spähte +vorgebeugt hinüber: ja, es waren Gothelindens verzerrte Züge: und eine +Hölle von Haß und Hohn sprühte aus ihrem Blick. + +Amalaswintha brach in die Kniee und verhüllte ihr Gesicht. »Du – du hier!« + +Ein heiseres Lachen war die Antwort. »Ja, Amalungenweib, ich bin hier und +dein Verderben! Mein ist dies Eiland, mein das Haus! – es wird dein Grab! +– mein Dolios und alle Sklaven Cassiodors, an mich verkauft seit acht +Tagen. + +Ich habe dich hierher gelockt: ich bin dir hierher nachgeschlichen wie +dein Schatte: lange Tage, lange Nächte hab’ ich den brennenden Haß +getragen, endlich hier die volle Rache zu kosten. Stundenlang will ich +mich weiden an deiner Todesangst, will es schauen, wie die erbärmliche, +winselnde Furcht diese stolze Gestalt wie Fieber schüttelt und durch diese +hochmütigen Züge zuckt: – o ein Meer von Rache will ich trinken.« + +Händeringend erhob sich Amalaswintha: »Rache! Wofür? Woher dieser tödliche +Haß?« + +»Ha, du frägst noch? Freilich sind Jahrzehnte darüber hingegangen und das +Herz des Glücklichen vergißt so leicht. Aber der Haß hat ein treues +Gedächtnis. Hast du vergessen, wie dereinst zwei junge Mädchen spielten +unter dem Schatten der Platanen auf der Wiese vor Ravenna? Sie waren die +ersten unter ihren Gespielinnen: beide jung, schön und lieblich: +Königskind die eine, die andere die Tochter der Balten. Und die Mädchen +sollten eine Königin des Spieles wählen: und sie wählten Gothelindis, denn +sie war noch schöner als du und nicht so herrisch: und sie wählten sie +einmal, zweimal nacheinander. Die Königstochter aber stand dabei von +wildem, unbändigem Stolz und Neid verzehrt: und als man mich zum dritten +wieder gewählt, faßte sie die scharfe, spitzige Gartenschere« – + +»Halt ein, o schweig, Gothelindis.« + +– »Und schleuderte sie gegen mich. Und sie traf; aufschreiend, blutend +stürzte ich zu Boden, meine ganze Wange eine klaffende Wunde und mein +Auge, mein Auge durchbohrt. Ha, wie das schmerzt, noch heute.« + +»Verzeih, vergieb, Gothelindis!« jammerte die Gefangene. »Du hattest mir +ja längst verziehn.« + +»Verzeihen? ich dir verzeihen? Daß du mir das Auge aus dem Antlitz und die +Schönheit aus dem Leben geraubt, das soll ich verzeihen? Du hattest +gesiegt fürs Leben: Gothelindis war nicht mehr gefährlich: sie trauerte im +stillen, die Entstellte floh das Auge der Menschen. + +Und Jahre vergingen. + +Da kam an den Hof von Ravenna aus Hispanien der edle Eutharich, der Amaler +mit dem dunkeln Auge und der weichen Seele: und er, selber krank, erbarmte +sich der kranken halb Blinden: und er sprach mit ihr voll Mitleid und +Güte, mit der Häßlichen, die sonst alle mieden. O wie erquickte das meine +dürstende Seele! Und es ward beraten, zur Tilgung uralten Hasses der +beiden Geschlechter, zur Sühne alter und neuer Schuld, – denn auch den +Baltenherzog Alarich hatte man auf geheime, unbewiesene Anklage gerichtet +– daß die arme mißhandelte Baltentochter des edelsten Amalers Weib werden +sollte. + +Aber als du es erfuhrst, du, die mich verstümmelt, da beschlossest du, mir +den Geliebten zu nehmen: nicht aus Eifersucht, nicht, weil du ihn +liebtest, nein, aus Stolz: weil du den ersten Mann im Gotenreich, den +nächsten Manneserben der Krone, für dich haben wolltest. + +Das beschlossest du und hast es durchgesetzt: denn dein Vater konnte dir +keinen Wunsch versagen: und Eutharich vergaß alsbald seines Mitleids mit +der Einäugigen, als ihm die Hand der schönen Königstochter winkte. Zur +Entschädigung – oder war es zum Hohne? – gab man auch mir einen Amaler: – +Theodahad, den elenden Feigling!« + +»Gothelindis, ich schwöre dir, ich hatte nie geahnt, daß du Eutharich +liebtest. Wie konnte ich –« + +»Freilich, wie konntest du glauben, daß die Häßliche die Gedanken so hoch +erhebe? O, du Verfluchte! Und hättest du ihn noch geliebt und beglückt – +alles hätt’ ich dir verziehen. Aber du hast ihn nicht geliebt, du kannst +ja nur das Scepter lieben! Elend hast du ihn gemacht. Jahrelang sah ich +ihn an deiner Seite schleichen, gedrückt, ungeliebt, erkältet bis ins Herz +hinein von deiner Kälte. Der Gram um deinen eisigen Stolz hat ihn früh +gemordet: du, du hast mir den Geliebten geraubt und ins Grab gebracht – +Rache, Rache für ihn.« + +Und die weite Wölbung wiederhallte von dem Ruf: »Rache! Rache!« + +»Zu Hilfe!« rief Amalaswintha und eilte verzweifelnd, mit den Händen an +die Marmorplatten schlagend, den Kreis der Galerie entlang. + +»Ja, rufe nur, hier hört dich niemand als der Gott der Rache. Glaubst du, +umsonst hab’ ich solang meinen Haß gezügelt? Wie oft, wie leicht hätte ich +schon in Ravenna mit Dolch und Gift dich erreichen können: aber nein, +hierher hab’ ich dich gelockt. An dem Denkstein meiner Vettern, vor Einer +Stunde an deinem Bette, hab’ ich mit höchster Mühe meinen erhobenen Arm +vom Streiche abgehalten: – denn langsam, Zoll für Zoll, sollst du sterben, +stundenlang will ich sie wachsen sehen, die Qualen deines Todes.« + +»Entsetzliche!« + +»O, was sind Stunden gegen die Jahrzehnte, die du mich gemartert mit +meiner Entstellung, mit deiner Schönheit, mit dem Besitz des Geliebten. +Was sind Stunden gegen Jahrzehnte! Aber du sollst es büßen.« + +»Was willst du thun?« rief die Gequälte, wieder und wieder an den Wänden +nach einem Ausgang suchend. + +»Ertränken will ich dich, langsam, langsam in den Wasserkünsten dieses +Bades, die dein Freund Cassiodor gebaut. Du weißt es nicht, welche Qualen +der Eifersucht, der ohnmächtigen Wut ich in diesem Hause getragen, da du +Beilager hieltest mit Eutharich und ich war in deinem Gefolge und mußte +dir dienen! In diesem Bade, du Übermütige, habe ich dir die Sandalen +gelöst und die stolzen Glieder getrocknet: – in diesem Bade sollst du +sterben!« + +Und sie drückte an einer Feder. + +Der Boden des Beckens im oberen Stockwerke, die runde Metallplatte, teilte +sich in zwei Halbkreise, die links und rechts in die Mauer zurückwichen: +mit Entsetzen sah die Gefangene von der schmalen Galerie in die turmhohe +Tiefe zu ihren Füßen. + +»Denk an mein Auge!« rief Gothelindis und im Erdgeschoß öffneten sich +plötzlich die Schleusenthüren und die Wogen des Sees schossen ungestüm +herein, brausend und zischend, und sie stiegen höher und höher mit +furchtbarer Raschheit. + +Amalaswintha sah den sichern Tod vor Augen: sie erkannte die +Unmöglichkeit, zu entrinnen oder ihre teuflische Feindin mit Bitten zu +erweichen: da kehrte ihr der alte, stolze Mut der Amalungen wieder: sie +faßte sich und ergab sich in ihr Los. Sie entdeckte neben den vielen +Reliefs aus der hellenischen Mythe in ihrer Nähe rechts vom Eingang eine +Darstellung vom Tode Christi: das erquickte ihre Seele: sie warf sich vor +dem in Marmor gehauenen Kreuze nieder, faßte es mit beiden Händen und +betete ruhig mit geschlossenen Augen, während die Wasser stiegen und +stiegen: schon rauschten sie an den Stufen der Galerie. + +»Beten willst du, Mörderin? Hinweg von dem Kreuz!« rief Gothelindis +grimmig, »denk’ an die drei Herzoge!« Und plötzlich begannen alle die +Delphine und Tritonen auf der rechten Seite des Achtecks Ströme heißen +Wassers auszuspeien: weißer Dampf quoll aus den Röhren. + +Amalaswintha sprang auf und eilte auf die linke Seite der Galerie: +»Gothelindis, ich vergebe dir! töte mich, aber verzeih’ auch du meiner +Seele.« Und das Wasser stieg und stieg: schon schwoll es über die oberste +Stufe und drang langsam auf den Boden der Galerie. »Ich dir vergeben? +Niemals! Denk’ an Eutharich!« – + +Und zischend schossen jetzt von links die dampfenden Wasserstrahlen auf +Amalaswintha. Sie flüchtete nun in die Mitte, gerade dem Medusenhaupt +gegenüber, die einzige Stelle, wohin kein Strahl der Wasserröhren reichte. + +Wenn sie die hier angebrachte Sprungbrücke erstieg, konnte sie noch einige +Zeit ihr Leben fristen: Gothelindis schien dies zu erwarten und sich an +der verlängerten Qual weiden zu wollen: schon brauste das Wasser auf dem +Marmorboden der Galerie und bespülte die Füße der Gefangenen; rasch flog +sie die braunglänzenden Staffeln hinan und lehnte sich an die Brüstung der +Brücke: »Höre mich, Gothelindis! meine letzte Bitte! nicht für mich, – für +mein Volk, für unser Volk: – Petros will es verderben und Theodahad ...« – + +»Ja, ich wußte, dieses Reich ist die letzte Sorge deiner Seele! +Verzweifle! Es ist verloren! Diese thörichten Goten, die jahrhundertelang +den Balten die Amaler vorgezogen, sie sind verkauft und verraten von dem +Haus der Amaler: Belisarius naht und niemand ist, der sie warnt.« + +»Du irrst, Teufelin, sie _sind_ gewarnt. Ich, ihre Königin, habe sie +gewarnt. Heil meinem Volk! Verderben seinen Feinden und Gnade meiner +Seele!« + +Und mit raschem Sprung stürzte sie sich hoch von der Brüstung in die +Fluten, die sich brausend über ihr schlossen. + +Gothelindis blickte starr auf die Stelle, wo ihr Opfer gestanden. »Sie ist +verschwunden,« sagte sie. Dann schaute sie in die Flut: obenauf schwamm +das Brusttuch Amalaswinthens. »Noch im Tode überwindet mich dieses Weib,« +sagte sie langsam: »wie lang war der Haß und wie kurz die Rache!« + + + + + Siebentes Kapitel. + + +Wenige Tage nach diesen Ereignissen finden wir zu Ravenna in dem Gemach +des Gesandten von Byzanz eine Anzahl von vornehmen Römern, geistlichen und +weltlichen Standes versammelt – auch die Bischöfe Hypatius und Demetrius +aus dem Ostreich weilten bei ihm. + +Große Aufregung, aus Zorn und Furcht gemischt, sprach aus allen +Gesichtern, als der gewandte Rhetor seine Ansprache mit folgenden Worten +schloß: »Deshalb, ihr ehrwürdigen Bischöfe des Westreichs und des +Ostreichs und ihr edeln Römer, hab’ ich euch hierher beschieden. Laut und +feierlich lege ich vor euch im Namen meines Kaisers Verwahrung ein gegen +alle Thaten der Arglist und Gewalt, die im geheimen gegen die hohe Frau +verübt werden mögen. + +Seit neun Tagen ist sie verschwunden aus Ravenna: wohl mit Gewalt +hinweggeführt aus eurer Mitte: sie, die von jeher die Freundin, die +Beschützerin der Italier gewesen. Verschwunden ist am gleichen Tage die +Königin, ihre grimme Feindin. Ich habe Eilboten ausgesandt nach allen +Richtungen, noch bin ich ohne Nachricht! aber wehe, wenn ... –« + +Er konnte nicht vollenden. + +Dumpfes Geräusch scholl von dem Forum des Herkules herauf, bald hörte man +hastige Schritte im Vestibulum, der Vorhang ward zurückgeschlagen und ins +Gemach eilte staubbedeckt einer der byzantinischen Sklaven des Gesandten: +»Herr,« rief er, »sie ist tot! sie ist ermordet!« + +»Ermordet!« scholl es in der Runde. + +»Durch wen?« fragte Petros. + +»Von Gothelindis auf der Villa im Bolsener See.« + +»Wo ist die Leiche? Wo die Mörderin?« + +»Gothelindis giebt vor, die Fürstin sei im Bad ertrunken, unkundig mit den +Wasserkünsten spielend. Aber man weiß, daß sie ihrem Opfer von hier auf +dem Fuße nachgefolgt. Römer und Goten eilen zu Hunderten nach der Villa, +die Leiche in feierlichem Zuge hierher zu geleiten. Die Königin floh vor +der Rache des Volks in das feste Schloß von Feretri.« + +»Genug,« rief Petros entrüstet, »ich eile zum König und fordre euch auf, +ihr edeln Männer, mir zu folgen. Auf euer Zeugnis will ich mich berufen +vor Kaiser Justinian.« Und sofort eilte er an der Spitze der Versammelten +nach dem Palast. + +Sie fanden auf den Straßen eine Menge Volks in Bestürzung und Entrüstung +hin- und herwogend: die Nachricht war in die Stadt gedrungen und flog von +Haus zu Haus. + +Als man den Gesandten des Kaisers und die Vornehmen der Stadt erkannte, +öffnete sich die Menge vor ihnen, schloß sich aber dicht hinter ihnen +wieder und flutete nach auf dem Wege in den Palast, von dessen Thoren sie +kaum abgehalten wurde. Von Minute zu Minute stieg die Zahl und der Lärm +des Volkes: auf dem Forum des Honorius drängten sich die Ravennaten +zusammen, die mit der Trauer um ihre Beschützerin schon die Hoffnung +vereinten, bei diesem Anlaß die Barbarenherrschaft fallen zu sehen: das +Erscheinen des kaiserlichen Gesandten steigerte diese Hoffnung und der +Auflauf vor dem Palast nahm mehr und mehr eine Richtung, die keineswegs +bloß Theodahad und Gothelindis bedrohte. + +Inzwischen eilte Petros mit seiner Begleitung in das Gemach des hilflosen +Königs, den mit seiner Gattin alle Kraft des Widerstandes verlassen hatte: +er zagte vor der Aufregung der unten wogenden Menge und hatte nach Petros +gesendet, von ihm Rat und Hilfe zu erlangen, da ja dieser es gewesen, der +mit Gothelindis den Untergang der Fürstin beschlossen und die Art der +Ausführung beraten hatte: er sollte ihm jetzt auch die Folgen der That +tragen helfen. Als daher der Byzantiner auf der Schwelle erschien, eilte +er, beide Arme ausbreitend, auf ihn zu: aber erstaunt blieb er plötzlich +stehen: erstaunt über die Begleitung, noch mehr erstaunt über die finster +drohende Miene des Gesandten. + +»Ich fordre Rechenschaft von dir, König der Goten,« rief dieser schon an +der Thüre, »Rechenschaft im Namen von Byzanz für die Tochter Theoderichs. +Du weißt, Kaiser Justinian hat sie seines besondern Schutzes versichert: +jedes Haar ihres Hauptes ist daher heilig und heilig jeder Tropfe ihres +Blutes. Wo ist Amalaswintha?« + +Der König sah ihn staunend an. Er bewunderte diese Verstellungskunst. Aber +er begriff ihren Zweck nicht. Er schwieg. + +»Wo ist Amalaswintha?« wiederholte Petros, drohend vortretend und sein +Anhang folgte ihm einen Schritt. + +»Sie ist tot,« sagte Theodahad, ängstlich werdend. + +»Ermordet ist sie,« rief Petros, »so ruft ganz Italien, ermordet von dir +und deinem Weibe. Justinian, mein hoher Kaiser, war der Schirmherr dieser +Frau, er wird ihr Rächer sein: Krieg künd’ ich dir in seinem Namen an, +Krieg gegen euch, ihr blutigen Barbaren, Krieg gegen euch und euer ganz +Geschlecht.« + +»Krieg gegen euch und euer ganz Geschlecht!« wiederholten die Italier, +fortgerissen von der Gewalt des Augenblicks und den alten, langgenährten +Haß entzügelnd; und wie eine Woge brausten sie heran auf den zitternden +König. + +»Petros,« stammelte dieser entsetzt, »du wirst gedenken des Vertrages, du +wirst doch ... –« + +Aber der Gesandte zog eine Papyrusrolle aus dem Mantel und riß sie mitten +durch. »Zerrissen ist jedes Band zwischen meinem Kaiser und deinem +blutbefleckten Haus. Ihr selber habt durch eure Greuelthat alle Schonung +verwirkt, die man euch früher gewährt. Nichts von Verträgen. Krieg!« + +»Um Gott,« jammerte Theodahad, »nur nicht Krieg und Kampf! Was forderst +du, Petros?« + +»Unterwerfung! Räumung Italiens! Dich selber und Gothelindis lad’ ich zum +Gericht nach Byzanz vor den Thron Justinians, dort ... –« + +Aber seine Rede unterbrach der schmetternde Ruf des gotischen Kriegshorns +und in das Gemach eilte mit gezogenen Schwertern eine starke Schar +gotischer Krieger, von Graf Witichis geführt. + +Die gotischen Führer hatten sofort auf die Nachricht von Amalaswinthens +Untergang die tüchtigsten Männer ihres Volks in Ravenna zu einer Beratung +vor die Porta romana beschieden und dort Maßregeln der Sicherung und der +Gerechtigkeit beraten. Zur rechten Zeit erschienen sie jetzt auf dem Forum +des Honorius, wo der Auflauf immer drohender wurde: schon blinkte hier und +dort ein Dolch, schon ertönte manchmal der Ruf: »Wehe den Barbaren!« + +Diese Zeichen und Stimmen verschwanden und verstummten sofort, als nun die +verhaßten Goten in geschlossenem Zug von dem Forum des Herkules her durch +die Via palatina anrückten: ohne Widerstand zogen sie quer durch die +grollenden Haufen und indessen Graf Teja und Hildebad die Thore und die +Terrasse des Palastes besetzten, waren Graf Witichis und Hildebrand gerade +rechtzeitig im Gemache des Königs angelangt, die letzten Worte des +Gesandten noch zu hören. Ihr Zug stellte sich in einer Schwenkung rechts +vom Thronsitz des Königs, zu dem dieser zurückgewichen war: und Witichis, +auf sein langes Schwert gestützt, trat hart vor den Griechen hin und sah +ihm scharf ins Auge. + +Eine erwartungsvolle Pause trat ein. + +»Wer wagt es,« fragte Witichis ruhig, »hier den Herrn und Meister zu +spielen im Königshaus der Goten?« + +Von seiner Überraschung sich erholend entgegnete Petros: »Es steht dir +übel an, Graf Witichis, Mörder zu beschützen. Ich hab’ ihn nach Byzanz +geladen vor Gericht.« + +»Und darauf hast du keine Antwort, Amalunge?« rief der alte Hildebrand +zornig. + +Aber das böse Gewissen band dem Könige die Stimme. + +»So müssen wir statt seiner sprechen,« sagte Witichis. »Wisse, Grieche, +vernehmt es wohl, ihr falschen und undankbaren Ravennaten: das Volk der +Goten ist frei und erkennt auf Erden keinen Herrn und Richter über sich.« + +»Auch nicht für Mord und Blutschuld?« + +»Wenn schwere Thaten unter uns geschehn, richten und strafen wir sie +selbst. Den Fremdling geht das nichts an, am wenigsten unsern Feind, den +Kaiser in Byzanz.« + +»Mein Kaiser wird diese Frau rächen, die er nicht retten konnte. Liefert +die Mörder aus nach Byzanz.« + +»Wir liefern keinen Gotenknecht nach Byzanz, geschweige unsern König,« +sprach Witichis. + +»So teilt ihr seine Strafe wie seine Schuld und Krieg erklär’ ich euch, im +Namen meines Herrn. Erbebt vor Justinian und Belisar.« + +Eine freudige Bewegung der gotischen Krieger war die Antwort. Der alte +Hildebrand trat ans Fenster und rief zu den unten stehenden Goten hinab: +»Hört, ihr Goten, frohe Kunde: Krieg, Krieg mit Byzanz.« + +Da brach unten ein Getöse los, wie wenn das Meer entfesselt über seine +Dämme bricht, die Waffen klirrten und tausend Stimmen jubelten: »Krieg, +Krieg mit Byzanz!« + +Dieser Wiederhall blieb nicht ohne Eindruck auf Petros und die Italier: +das Ungestüm solcher Begeisterung erschreckte sie: schweigend sahen sie +vor sich nieder. Während die Goten sich glückwünschend die Hände +schüttelten, trat Witichis ernst, gesenkten Hauptes, in die Mitte, hart +neben Petros und sprach feierlich: »Also Krieg! Wir scheuen ihn nicht: – +du hast es gehört. Besser offner Kampf als die langjährige, lauernde, +wühlende Feindschaft. Der Krieg ist gut: aber wehe dem Frevler, der ohne +Recht und ohne Grund den Krieg beginnt. Ich sehe Jahre voraus, viele Jahre +von Blut und Mord und Brand, ich sehe zerstampfte Saaten, rauchende +Städte, zahllose Leichen die Ströme hinabschwimmen. Hört unser Wort: auf +euer Haupt dies Blut, dies Elend. Ihr habt geschürt und gereizt jahrelang: +– wir haben’s ruhig getragen. Und jetzt habt _ihr_ den Krieg +hereingeschleudert, richtend, wo ihr nicht zu richten habt, ohne Grund +euch mischend in das Leben eines Volkes, das so frei wie ihr: auf euer +Haupt die Schuld. Dies unsre Antwort nach Byzanz.« + +Schweigend hörte Petros diese Worte an, schweigend wandte er sich und +schritt mit seinen italischen Freunden hinaus. Einige von diesen gaben ihm +das Geleit bis in seine Wohnung, unter ihnen der Bischof von Florentia. + +»Ehrwürdiger Freund,« sagte er zu diesem beim Abschied, »die Briefe +Theodahads in der bewußten Sache, die ihr mir zur Einsicht anvertraut, +mußt du mir ganz belassen. Ich bedarf ihrer und für deine Kirche sind sie +nicht mehr nötig.« – »Der Prozeß ist längst entschieden,« erwiderte der +Bischof, »und die Güter unwiderruflich erworben. Die Dokumente sind +dein.« – + +Darauf verabschiedete der Gesandte seine Freunde, die ihn bald mit dem +kaiserlichen Heer in Ravenna wiederzusehen hofften, und eilte in sein +Gemach, wo er zuerst einen Boten an Belisar abfertigte, ihn zum sofortigen +Angriff aufzufordern. + +Darauf schrieb er einen ausführlichen Bericht an den Kaiser, der mit +folgenden Worten schloß: »Und so scheinst du, o Herr, wohl Grund zu haben, +mit den Diensten deines getreuesten Knechts zufrieden zu sein und mit der +Lage der Dinge. Das Volk der Barbaren in Parteien zerspalten: auf dem +Thron ein verhaßter Fürst, unfähig und treulos: die Feinde sonder Rüstung +überrascht: die italische Bevölkerung überall für dich gewonnen: – es kann +nicht fehlen: wenn keine Wunder geschehen, müssen die Barbaren fast ohne +Widerstand erliegen. + +Und wie so oft tritt auch hier mein erhabener Kaiser, dessen Stolz das +Recht, als Schirmherr und Rächer der Gerechtigkeit auf: – es ist ein +geistvoller Zufall, daß die Triere, die mich trägt, den Namen »Nemesis« +führt. + +Nur das Eine betrübt mich unendlich, daß es meinem treuen Eifer nicht +gelungen, die unselige Tochter Theoderichs zu retten. Ich flehe dich an, +meiner hohen Herrin, der Kaiserin, die mir niemals gnädig gesinnt war, +wenigstens zu versichern, daß ich allen ihren Aufträgen bezüglich der +Fürstin, deren Schicksal sie mir noch in der letzten Unterredung als +Hauptsorge ans Herz legte, aufs treueste nachzukommen suchte. + +Auf die Anfrage bezüglich Theodahads und Gothelindens, deren Hilfe uns das +Gotenreich in die Hände liefert, wage ich es, der hohen Kaiserin mit der +ersten Regel der Klugheit zu antworten: es ist zu gefährlich, die +Mitwisser unsrer tiefsten Geheimnisse am Hof zu haben.« + +Diesen Brief sandte Petros eilig durch die beiden Bischöfe Hypatius und +Demetrius voraus. Sie sollten nach Brundusium und von da über Epidamnus +auf dem Landweg nach Byzanz eilen. Er selbst wollte erst nach einigen +Tagen folgen, langsam die gotische Küste des jonischen Meerbusens entlang +fahrend, überall die Stimmung der Bevölkerung in den Hafenstädten zu +prüfen und zu schüren. + +Dann sollte er um den Peloponnes und Euböa her nach Byzanz segeln: denn +die Kaiserin hatte ihm den Seeweg vorgeschrieben und ihm Aufträge für +Athen und Lampsakos erteilt. + +Er überrechnete schon vor der Abreise von Ravenna mit vergnügten Sinnen +immer wieder seine Wirksamkeit in Italien und den Lohn, den er dafür in +Byzanz erwartete. + +Er kehrte zurück, noch einmal so reich als er gekommen. + +Denn er hatte der Königin Gothelindis nie eingestanden, daß er mit dem +Auftrag, Amalaswintha zu verderben, ins Land gekommen. Er hatte ihr +vielmehr lange die Gefahr der Ungnade bei Kaiser und Kaiserin +entgegengehalten und sich nur mit Widerstreben durch sehr hohe Summen von +ihr für den Plan gewinnen lassen, in welchem er sie doch nur als Werkzeug +brauchte. Er erwartete in Byzanz mit Sicherheit die versprochene Würde des +Patriciats und freute sich schon, seinem hochmütigen Vetter Narses, der +ihn nie befördert hatte, nun bald in gleichem Range gegenüberzutreten. + +»So ist denn alles nach Wunsch gelungen,« sagte er selbstzufrieden, +während er seine Briefschaften ordnete: »und diesmal, du stolzer Freund +Cethegus, hat sich die Verschmitztheit doch trefflich bewährt. Und der +kleine Rhetor aus Thessalonike hat es doch weiter gebracht mit seinen +kleinen, leisen Schritten, denn du mit deinem stolzen, herausfordernden +Gang. Nur muß noch dafür gesorgt werden, daß Theodahad und Gothelindis +nicht nach Byzanz an den Hof entrinnen: wie gesagt, das wäre zu +gefährlich: vielleicht hat die Frage der klugen Kaiserin eine Warnung sein +sollen. Nein, dieses Königspaar muß verschwinden aus unsern Wegen.« + +Und er ließ den Gastfreund rufen, bei dem er gewohnt, und nahm Abschied +von ihm. Dabei übergab er ihm eine dunkle, schmale Vase von der Form +derer, die zur Aufbewahrung von Urkunden dienten: er versiegelte den +Deckel mit seinem Ring, der einen feingeschnittenen Skorpion zeigte, und +schrieb einen Namen auf die daran hängende Wachstafel. »Diesen Mann,« +sagte er dem Gastfreund, »suche auf bei der nächsten Versammlung der Goten +zu Regeta und übergieb ihm die Vase: was sie enthält ist sein. Leb wohl, +auf baldig Wiedersehen hier in Ravenna.« Und er verließ mit seinen Sklaven +das Haus und bestieg alsbald das Gesandtenschiff: von stolzen Erwartungen +hoch gehoben trug ihn die »Nemesis« dahin. – + +Und als sich nun sein Schiff dem Hafen von Byzanz näherte, von Lampsakos +aus hatte er – auch dies hatte die Kaiserin gewünscht – seine baldige +Ankunft durch einen kaiserlichen Schnellsegler, der eben abging, melden +lassen, überflog des Gesandten Auge erwartungsvoll die schönen Landhäuser, +die marmorweiß aus den Schatten immergrüner Gärten blinkten. + +»Hier wirst du künftig wohnen, unter den Senatoren des Reichs,« sprach +wohlgefällig Petros. + +Vor dem Einlaufen in den Hafen flog die »Thetis«, das prachtvolle Lustboot +der Kaiserin, ihnen entgegen, sowie es des Gesandten Galeere erkannte die +Purpurwimpel entrollend, und sie zum Halten anrufend. Alsbald stieg an +Bord der Galeere ein Bote der Kaiserin: es war Alexandros, der frühere +Gesandte am Hof von Ravenna. + +Er wies dem Trierarchen ein Schreiben des Kaisers, in das dieser einen +erschrockenen Blick warf: dann wandte er sich zu Petros: »Im Namen des +Kaisers Justinian! Du bist wegen jahrelang fortgesetzter Urkundenfälschung +und Steuerunterschlagung lebenslänglich zu den Metallarbeiten in den +Bergwerken von Cherson bei den ultziagirischen Hunnen verurteilt. Du hast +die Tochter Theoderichs ihren Feinden preisgegeben. Der Kaiser hätte dich +durch deinen Brief für entschuldigt erachtet: aber die Kaiserin, +untröstlich über den Untergang ihrer königlichen Schwester, hat deine alte +Schuld dem Kaiser entdeckt. Und ein Brief des Präfekten von Rom an diesen +hat dargethan, daß du mit Gothelindis geheim der Königin Verderben +geplant. Die Kaiserin hat den Kaiser auch hierin überzeugt. Dein Vermögen +ist eingezogen: die Kaiserin aber läßt dir sagen,« – hier flüsterte er in +des Zerschmetterten Ohr, – »du habest in deinem klugen Brief ihr selbst +den Rat erteilt, Mitwisser von Geheimnissen zu verderben. Trierarch, du +führst den Verurteilten sofort an seinen Strafort ab.« + +Und Alexandros ging auf die »Thetis« zurück. + +Die »Nemesis« aber drehte rauschend ihr Steuer, wandte dem Hafen von +Byzanz den Rücken und trug den Sträfling für immer aus dem Leben der +Menschen. + + + + + Achtes Kapitel. + + +Wir haben Cethegus den Präfekten seit seiner Abreise nach Rom aus den +Augen verloren. + +Er hatte daselbst in den Wochen der erzählten Ereignisse die eifrigste +Thätigkeit entfaltet: denn er erkannte, daß die Dinge jetzt zur +Entscheidung drängten; er konnte ihr getrost entgegensehen. + +Ganz Italien war einig in dem Haß gegen die Barbaren: und wer anders +vermochte es, der Kraft dieses Hasses Bewegung und Ziel zu geben, als das +Haupt der Katakombenverschwörung und der Herr von Rom. + +Das war er durch die jetzt völlig ausgebildeten und ausgerüsteten +Legionare und durch die nahezu vollendete Befestigung der Stadt, an der er +in den letzten Monaten Nachts wie Tages hatte arbeiten lassen. Und nun war +es ihm zuletzt noch gelungen, wie er glaubte, ein sofortiges Auftreten der +byzantinischen Macht in seinem Italien, die Hauptgefahr, die seinen +ehrgeizigen Plänen gedroht, abzuwenden: durch zuverlässige Kundschafter +hatte er erfahren, daß die byzantinische Flotte, die bisher lauernd bei +Sicilien geankert, sich wirklich von Italien hinweggewandt und der +afrikanischen Küste genähert habe, wo sie die Seeräuberei zu unterdrücken +beschäftigt schien. + +Freilich sah Cethegus voraus, daß es zu einer Landung der Griechen in +Italien kommen werde: er konnte derselben als einer Nachhilfe nicht +entbehren. + +Aber alles war ihm daran gelegen, daß dies Auftreten des Kaisers eben nur +eine Nachhilfe bleibe: und deshalb mußte er, ehe ein Byzantiner den +italischen Boden betreten, eine Erhebung der Italier aus eigner Kraft +veranlaßt und zu solchen Erfolgen geführt haben, daß die spätere +Mitwirkung der Griechen nur als eine Nebensache erschien und mit der +Anerkennung einer losen Oberhoheit des Kaisers abgelohnt werden konnte. + +Und er hatte zu diesem Zweck seine Pläne trefflich vorbereitet. + +Sowie der letzte römische Turm unter Dach, sollten die Goten in ganz +Italien an einem Tag überfallen, mit einem Schlag alle festen Plätze, +Burgen und Städte, Rom, Ravenna und Neapolis voran, genommen werden. Und +waren die Barbaren ins flache Land hinausgeworfen, so stand nicht mehr zu +fürchten, daß sie bei ihrer großen Unkunde in Belagerungen und bei der +Anzahl und Stärke der italischen Festen diese und damit die Herrschaft +über die Halbinsel wieder gewinnen würden. + +Dann mochte ein byzantinisches Bundesheer helfen, die Goten vollends über +die Alpen zu drängen: und Cethegus wollte schon dafür sorgen, daß diese +Befreier ebenfalls keinen Fuß in die wichtigsten Festungen setzen sollten, +um sich ihrer später unschwer wieder entledigen zu können. + +Dieser Plan setzte nun aber voraus, daß die Goten durch die Erhebung +Italiens überrascht würden. Wenn der Krieg mit Byzanz in Aussicht oder gar +schon ausgesprochen war, dann natürlich ließen sich die Barbaren die in +Kriegsstand gesetzten Städte nicht durch einen Handstreich entreißen. Da +nun aber Cethegus, seit er die Sendung des Petros durchschaut hatte, bei +jeder Gelegenheit Justinians Hervortreten aus seiner drohenden Stellung +erwarten mußte, da es kaum noch gelungen war, Belisar wieder abzuwenden +von Italien, beschloß er, keinen Augenblick mehr zu verlieren. + +Er hatte auf den Tag der Vollendung der Befestigungen Roms eine allgemeine +Versammlung der Verschworenen in den Katakomben anberaumt, in der das +mühsam und erfindungsreich vorbereitete Werk gekrönt, der Augenblick des +Losschlagens bestimmt und Cethegus als Führer dieser rein italischen +Bewegung bezeichnet werden sollte. Er hoffte sicher, den Widerstand der +Bestochenen oder Furchtsamen, die nur für und mit Byzanz zu handeln +geneigt waren, durch die Begeisterung der Jugend zu überwältigen, wenn er +diese sofort in den Kampf zu führen versprach. + +Noch vor jenem Tag kam die Nachricht von Amalaswinthens Ermordung, von der +Verwirrung und Spaltung der Goten nach Rom und ungeduldig sehnte der +Präfekt die Stunde der Entscheidung herbei. Endlich war auch der einzige +noch unfertige Turm des aurelischen Thores unter Dach: Cethegus führte die +letzten Hammerschläge: ihm war dabei, er höre die Streiche des Schicksals +von Rom und von Italien dröhnen. + +Bei dem Schmause, den er darauf den Tausenden von Arbeitern in dem Theater +des Pompejus gab, hatten sich auch die meisten der Verschworenen +eingefunden und der Präfekt benutzte die Gelegenheit, diesen seine +unbegrenzte Beliebtheit im Volk zu zeigen. Auf die jüngeren unter den +Genossen machte dies freilich den Eindruck, welchen er gewünscht hatte; +aber ein Häuflein, dessen Mittelpunkt Silverius war, zog sich mit finstern +Mienen von den Tischen zurück. + +Der Priester hatte seit lange eingesehen, daß Cethegus nicht bloß Werkzeug +sein wollte, daß er eigene Pläne verfolgte, die der Kirche und seinem +persönlichen Einfluß sehr gefährlich werden konnten. Und er war +entschlossen, den kühnen Verbündeten zu stürzen, sobald er entbehrt werden +konnte; es war ihm nicht schwer geworden, die Eifersucht so manches Römers +gegen den Überlegenen im geheimen zu schüren. + +Die Anwesenheit aber zweier Bischöfe aus dem Ostreich, Hypatius von +Ephesus und Demetrius von Philippi, die in Glaubensfragen öffentlich mit +dem Papst, aber geheim mit König Theodahad, in Unterstützung des Petros, +in Politik verhandelten, hatte der kluge Archidiakon benutzt, um mit +Theodahad und mit Byzanz in enge Verbindung zu treten. + +»Du hast recht, Silverius,« murrte Scävola im Hinausgehen aus dem Thor des +Theaters, »der Präfekt ist Marius und Cäsar in Einer Person.« – »Er +verschwendet diese ungeheuren Summen nicht umsonst, man darf ihm nicht zu +sehr trauen,« warnte der geizige Albinus. – »Lieben Brüder,« mahnte der +Priester, »sehet zu, daß ihr nicht einen unter euch lieblos verdammet. Wer +solches thäte, wäre des höllischen Feuers schuldig. Freilich beherrscht +unser Freund die Fäuste der Handwerker wie die Herzen seiner jungen +»Ritter«: es ist das gut, er kann dadurch die Tyrannei zerbrechen ... –« + +»Aber dadurch auch eine neue aufrichten,« meinte Calpurnius. + +»Das soll er nicht, wenn Dolche noch töten, wie in Brutus’ Tagen,« sprach +Scävola. + +»Es bedarf des Blutes nicht. Bedenket nur immer:« sagte Silverius, »je +näher der Tyrann, desto drückender die Tyrannei: je ferner der Herrscher, +desto erträglicher die Herrschaft. Das schwere Gewicht des Präfekten ist +aufzuwiegen durch das schwerere des Kaisers.« + +»Jawohl,« stimmte Albinus bei, der große Summen von Byzanz erhalten hatte, +»der Kaiser muß der Herr Italiens werden.« – »Das heißt,« beschwichtigte +Silverius den unwillig auffahrenden Scävola, »wir müssen den Präfekten +durch den Kaiser, den Kaiser durch den Präfekten niederhalten. Siehe, wir +stehen an der Schwelle meines Hauses. Laßt uns eintreten. Ich habe geheim +euch mitzuteilen, was heute Abend in der Versammlung kund werden soll. Es +wird euch überraschen. Aber andre Leute noch mehr.« + +Inzwischen war auch der Präfekt von dem Gelage nach Hause geeilt, sich in +einsamem Sinnen zu seinem wichtigen Werke zu bereiten. Nicht seine Rede +überdachte er: wußte er doch längst was er zu sagen hatte und, ein +glänzender Redner, dem die Worte so leicht wie die Gedanken kamen, +überließ er den Ausdruck gern dem Antrieb des Augenblicks, wohl wissend, +daß das eben frisch aus der Seele geschöpfte Wort am lebendigsten wirkt. + +Aber er rang nach innerer Ruhe: denn seine Leidenschaft schlug hohe +Wellen. + +Er überschaute die Schritte, die er nach seinem Ziele hin gethan, seit +zuerst dieses Ziel mit dämonischer Gewalt ihn angezogen: er erwog die +kurze Strecke, die noch zurückzulegen war: er überzählte die +Schwierigkeiten, die Hindernisse, die noch auf diesem Wege lagen und ermaß +dagegen die Kraft seines Geistes, sie zu überwinden: und das Ergebnis +dieses prüfenden Wägens erzeugte in ihm eine Siegesfreude, die ihn mit +jugendlicher Aufregung ergriff. + +Mit gewaltigen Schritten durchmaß er das Gemach. + +Die Muskeln seiner Arme spannten sich wie in der Stunde beginnender +Schlacht: er umgürtete sich mit dem breiten, siegreichen Schwert seiner +Kriegsfahrten und drückte krampfhaft dessen Adlergriff, als gelte es, +jetzt gegen zwei Welten, gegen Byzanz und die Barbaren, sein Rom zu +erkämpfen. Dann trat er der Cäsarstatue gegenüber und sah ihr lange in das +schweigende Marmorantlitz. Endlich ergriff er mit beiden Händen die Hüften +des Imperators und rüttelte an ihnen: »lebwohl,« sagte er, »und gieb mir +dein Glück mit auf den Weg. – Mehr brauch’ ich nicht.« + +Und rasch wandte er sich und eilte aus dem Gemache und durch das Atrium +hinaus auf die Straße, wo ihn schon die ersten Sterne begrüßten. + +Zahlreicher als je hatten sich die Verschwornen an diesem Abend in den +Katakomben eingefunden: waren doch durch ganz Italien die Ladungen zu +dieser Versammlung als zu einer entscheidungsvollen ergangen. So waren auf +den Wunsch des Präfekten besonders alle strategisch wichtigen Punkte +vertreten: von den starken Grenzhüterinnen Tridentum, Tarvisium und +Verona, die das Eis der Alpen schauen, bis zu Otorantum und Consentia, +welche die laue Welle des ausonischen Meeres bespült, hatten sie alle ihre +Boten zugesendet, jene berühmten Städte Siciliens und Italiens mit den +stolzen, den schönen, den weltgeschichtlichen Namen: Syrakusä und Catana, +Panormus und Messana, Regium, Neapolis und Cumä, Capua und Beneventum, +Antium und Ostia, Reate und Narnia, Volsinii, Urbsvetus und Spoletum, +Clusium und Perusia, Auximum und Ancon, Florentia und Fäsulä, Pisa, Luca, +Luna und Genua, Ariminum, Cäsena, Faventia und Ravenna, Parma, Dertona und +Placentia, Mantua, Cremona und Ticinum (Pavia), Mediolanum, Comum und +Bergamum, Asta und Pollentia: dann von der Nord- und Ostküste des +jonischen Meerbusens: Concordia, Aquileja, Jadera, Scardona und Salona. + +Da waren ernste Senatoren und Decurionen, ergraut in dem Rat ihrer Städte, +deren Häupter ihre Ahnen seit Jahrhunderten gewesen: kluge Kaufleute, +breitschultrige Gutsherrn, rechthaberische Juristen, spöttische Rhetoren: +und namentlich eine große Anzahl von Geistlichen jedes Ranges und jedes +Alters: die einzige fest organisierte Macht und Silverius unbedingt +gehorsam. + +Wie Cethegus, noch hinter der Mündung des schmalen Ganges verborgen, die +Massen in dem Halbrund der Grotte übersah, konnte er sich eines +verächtlichen Lächelns nicht erwehren, das aber in einen Seufzer auslief. +Außer der allgemeinen Abneigung gegen die Barbaren, die doch bei weitem +nicht stark genug war, schwere politische Pläne mit Opfern und Entsagungen +zu tragen, – welch’ verschiedene und oft welch’ kleine Motive hatten diese +Verschwornen hier zusammengeführt! + +Cethegus kannte die Beweggründe der einzelnen genau: hatte er sie doch +durch Bearbeitung ihrer schwächsten Seiten beherrschen gelernt. Und er +mußte zuletzt noch froh darum sein: echte Römer hätte er nie, wie diese +Verschworenen, so völlig unter seinen Einfluß gebracht. + +Aber wenn er sie nun hier alle beisammen sah, diese Patrioten, und +bedachte, wie den einen die Hoffnung auf einen Titel von Byzanz, den +andern plumpe Bestechung, einen dritten Rachsucht wegen irgend einer +Beleidigung oder auch nur die Langeweile oder Schulden oder ein schlechter +Streich unter die Unzufriedenen geführt: und wenn er sich nun vorstellte, +daß er mit solchen Bundesgenossen den gotischen Heermännern entgegentreten +sollte, – da erschrak er fast über die Vermessenheit seines Planes. + +Und eine Erquickung war es ihm, als die helle Stimme des Lucius Licinius +seinen Blick auf die Schar der jungen »Ritter« lenkte, denen wirklich +kriegerischer Muth und nationale Begeisterung aus den Augen sprühte: so +hatte er doch einige verlässige Waffen. – + +»Gegrüßt, Lucius Licinius,« sprach er aus dem Dunkel des Ganges +hervortretend. »Ei, du bist ja gerüstet und gewaffnet, als ging es von +hier gegen die Barbaren.« + +»Kaum bezwing ich das Herz in der Brust vor Haß und vor Freude,« sagte der +schöne Jüngling. »Sieh, alle diese hier hab’ ich für dich, für das +Vaterland geworben.« + +Cethegus blickte grüßend umher: + +»Auch du hier, Kallistratos, – du heitrer Sohn des Friedens?« + +»Hellas wird ihre Schwester Italia nicht verlassen in der Stunde der +Gefahr,« sagte der Hellene und legte die weiße Hand auf das zierliche +Schwert mit dem Griff von Elfenbein. Und Cethegus nickte ihm zu und wandte +sich zu den andern: Marcus Licinius, Piso, Massurius, Balbus, die, seit +den Floralien ganz von dem Präfekten gewonnen, ihre Brüder, Vettern, +Freunde mitgebracht hatten. Prüfend flog sein Blick über die Gruppe, er +schien einen aus diesem Kreise zu vermissen. Lucius Licinius erriet seine +Gedanken: »Du suchst den schwarzen Korsen, Furius Ahalla? + +Auf den kannst du nicht zählen. Ich holte ihn von weitem aus, aber er +sprach: »ich bin ein Korse, kein Italier: mein Handel blüht unter +gotischem Schutz: laßt mich aus eurem Spiel.« Und als ich weiter in ihn +drang – denn ich gewönne gern sein kühnes Herz und die vielen Tausende von +Armen, über die er gebeut – sprach er kurz abweisend: »ich fechte nicht +gegen Totila.«« + +»Die Götter mögen wissen, was den tigerwilden Korsen an jenen Milchbart +bindet,« meinte Piso. + +Cethegus lächelte, aber er furchte die Stirn. »Ich denke, wir Römer +genügen,« sprach er laut: und das Herz der Jünglinge schlug. + +»Eröffne die Versammlung,« mahnte Scävola unwillig den Archidiakon, »du +siehst, wie er die jungen Leute beschwatzt; er wird sie alle gewinnen. +Unterbrich ihn: rede.« + +»Sogleich. Bist du gewiß, daß Albinus kommt?« + +»Er kommt; er erwartet den Boten am appischen Thor.« + +»Wohlan,« sagte der Priester, »Gott mit uns!« Und er trat in die Mitte der +Rotunde, erhob ein schwarzes Kreuz und begann: »Im Namen des dreieinigen +Gottes! Wieder einmal haben wir uns versammelt im Grauen der Nacht zu den +Werken des Lichts. Vielleicht zum letztenmal: denn wunderbar hat der Sohn +Gottes, dem die Ketzer die Ehre weigern, unsere Mühen zu seiner +Verherrlichung, zur Vernichtung seiner Feinde gesegnet. Nächst Gott dem +Herrn aber gebührt der höchste Dank dem edeln Kaiser Justinian und seiner +frommen Gemahlin, die mit thätigem Mitleid die Seufzer der leidenden +Kirche vernehmen: und endlich hier unsrem Freund und Führer, dem +Präfekten, der unablässig für unsres Herrn, des Kaisers Sache, wirkt +...« – + +»Halt, Priester!« rief Lucius Licinius dazwischen, »wer nennt den Kaiser +von Byzanz hier unsern Herrn? wir wollen nicht den Griechen dienen statt +den Goten! Frei wollen wir sein!« – »Frei wollen wir sein,« wiederholte +der Chor seiner Freunde. + +»Frei wollen wir _werden_!« fuhr Silverius fort. »Gewiß. Aber das können +wir nicht aus eigner Macht, nur mit des Kaisers Hilfe. Glaubt auch nicht, +geliebte Jünglinge, der Mann, den ihr als euren Vorkämpfer verehrt, +Cethegus, denke hierin anders. Justinian hat ihm einen köstlichen Ring – +sein Bild in Carneol – gesendet, zum Zeichen, daß er billige, was der +Präfekt für ihn, den Kaiser, thue und der Präfekt hat den Ring angenommen: +sehet hier, er trägt ihn am Finger.« + +Betroffen und unwillig sahen die Jünglinge auf Cethegus. Dieser trat +schweigend in die Mitte. Eine peinliche Pause entstand. + +»Sprich, Feldherr!« rief Lucius, »widerlege sie! Es ist nicht wie sie +sagen mit dem Ring.« + +Aber Cethegus zog den Ring kopfnickend ab: »Es ist wie sie sagen: der Ring +ist vom Kaiser und ich hab’ ihn angenommen.« + +Lucius Licinius trat einen Schritt zurück. + +»Zum Zeichen?« fragte Silverius. + +»Zum Zeichen,« sprach Cethegus mit drohender Stimme, »daß ich der +herrschsüchtige Selbstling nicht bin, für den mich einige halten, zum +Zeichen, daß ich Italien mehr liebe als meinen Ehrgeiz. Ja, ich baute auf +Byzanz und wollte dem mächtigen Kaiser die Führerstelle abtreten: – darum +nahm ich diesen Ring. Ich baue nicht mehr auf Byzanz, das ewig zögert: +deshalb hab’ ich diesen Ring heute mitgebracht, ihn dem Kaiser +zurückzustellen. Du, Silverius, hast dich als den Vertreter von Byzanz +erwiesen: hier, gieb deinem Herrn sein Pfand zurück: er säumt zu lang: +sag’ ihm, Italien hilft sich selbst.« + +»Italien hilft sich selbst!« jubelten die jungen Ritter. + +»Bedenket, was ihr thut!« warnte mit verhaltnem Zorn der Priester. »Den +heißen Mut der Jünglinge begreif’ ich, – aber daß meines Freundes, des +gereiften Mannes, Hand nach dem Unerreichbaren greift, – befremdet mich. +Bedenket die Zahl und wilde Kraft der Barbaren! Bedenket, wie die Männer +Italiens seit lange des Schwertes entwöhnt, wie alle Zwingburgen des +Landes in der Hand ...« – + +»Schweig, Priester,« donnerte Cethegus, »das verstehst du nicht! Wo es die +Psalmen zu erklären gilt und die Seele nach dem Himmelreich zu lenken, da +rede du: denn solches ist dein Amt; wo’s aber Krieg und Kampf der Männer +gilt, laß jene reden, die den Krieg verstehen. Wir lassen dir den ganzen +Himmel – laß uns nur die Erde. Ihr römischen Jünglinge, ihr habt die Wahl. +Wollt ihr abwarten, bis dieses wohlbedächtige Byzanz sich doch vielleicht +Italiens noch erbarmt – ihr könnt müde Greise werden bis dahin – oder +wollt ihr, nach alter Römer Art, die Freiheit mit dem eignen Schwert +erkämpfen? Ihr wollt’s, ich seh’s am Feuer eurer Augen. Wie? man sagt uns, +wir sind zu schwach, Italien zu befreien? Ha, seid ihr nicht die Enkel +jener Römer, die den Weltkreis bezwangen? Wenn ich euch aufrufe, Mann für +Mann, da ist kein Name, der nicht klingt wie Heldenruhm: Decius, Corvinus, +Cornelius, Valerius, Licinius: – wollt ihr mit mir das Vaterland +befreien?« + +»Wir wollen es! Führe uns, Cethegus!« riefen die Jünglinge begeistert. + +Nach einer Pause begann der Jurist: »Ich heiße Scävola. Wo römische +Heldennamen aufgerufen werden, hätte man auch des Geschlechts gedenken +mögen, in dem das Heldentum der Kälte erblich ist. Ich frage dich, du +jugendheißer Held Cethegus, hast du mehr als Träume und Wünsche, wie diese +jungen Thoren, hast du einen Plan?« – + +»Mehr als das, Scävola, ich habe und halte den Sieg. Hier ist die Liste +fast aller Festungen Italiens: an den nächsten Iden, in dreißig Tagen +also, fallen sie, alle, auf Einen Schlag, in meine Hand.« + +»Wie? dreißig Tage sollen wir noch warten?« fragte Lucius. + +»Nur so lange, bis die hier Versammelten ihre Städte wieder erreicht, bis +meine Eilboten Italien durchflogen haben. Ihr habt über vierzig Jahre +warten müssen!« + +Aber der ungeduldige Eifer der Jünglinge, den er selbst geschürt, wollte +nicht mehr ruhen: sie machten verdroßne Mienen zu dem Aufschub – sie +murrten. + +Blitzschnell ersah der Priester diesen Umschlag der Stimmung. »Nein, +Cethegus,« rief er, »solang kann nicht mehr gezögert werden! Unerträglich +ist dem Edeln die Tyrannei: Schmach dem, der sie länger duldet als er muß. +Ich weiß euch bessern Trost, ihr Jünglinge! Schon in den nächsten Tagen +können die Waffen Belisars in Italien blitzen.« + +»Oder sollen wir vielleicht,« fragte Scävola, »Belisar nicht folgen, weil +er nicht Cethegus ist?« + +»Ihr sprecht von Wünschen,« lächelte dieser, »nicht von Wirklichem. +Landete Belisar, ich wäre der erste mich ihm anzuschließen. Aber er wird +nicht landen. Das ist’s ja, was mich abgewendet hat von Byzanz: der Kaiser +hält nicht Wort.« + +Cethegus spielte ein sehr kühnes Spiel. Aber er konnte nicht anders. + +»Du könntest irren und der Kaiser früher sein Wort erfüllen, als du +meinst. Belisar liegt bei Sicilien.« + +»Nicht mehr. Er hat sich nach Afrika, nach Hause gewendet. Hofft nicht +mehr auf Belisar.« + +Da hallten hastige Schritte aus dem Seitengange und eilfertig stürzte +Albinus herein: + +»Triumph,« rief er, »Freiheit, Freiheit!« + +»Was bringst du?« fragte freudig der Priester. + +»Den Krieg, die Rettung! Byzanz hat den Goten den Krieg erklärt.« + +»Freiheit, Krieg!« jauchzten die Jünglinge. + +»Es ist unmöglich!« sprach Cethegus, tonlos. + +»Es ist gewiß!« rief eine andre Stimme vom Gange her – es war Calpurnius, +der jenem auf dem Fuß gefolgt – »und mehr als das: der Krieg ist begonnen. +Belisar ist gelandet auf Sicilien, bei Catana: Syrakusä, Messana sind ihm +zugefallen, Panormus hat er mit der Flotte genommen, er ist übergesetzt +nach Italien, von Messana nach Regium, er steht auf unserm Boden.« + +»Freiheit!« rief Marcus Licinius. + +»Überall fällt ihm die Bevölkerung zu. Aus Apulien, aus Calabrien flüchten +die überraschten Goten, unaufhaltsam dringt er durch Bruttien und Lucanien +gen Neapolis.« + +»Es ist erlogen, alles erlogen!« sagte Cethegus mehr zu sich selbst als zu +den andern. + +»Du scheinst nicht sehr erfreut über den Sieg der guten Sache. Aber der +Bote ritt drei Pferde zu Tod. Belisar ist gelandet mit dreißigtausend +Mann.« – »Ein Verräter, wer noch zweifelt,« sprach Scävola. – »Nun laß +sehen,« höhnte Silverius, »ob du dein Wort halten wirst. Wirst du der +erste von uns sein, dich Belisar anzuschließen?« + +Vor Cethegus Auge versank in dieser Stunde eine ganze Welt, _seine_ Welt. +So hatte er denn umsonst, nein, schlimmer als das, für einen verhaßten +Feind alles gethan, was er gethan. + +Belisar in Italien mit einem starken Heere und er getäuscht, machtlos, +überwunden! Wohl jeder andre hätte jetzt alles weitre Streben ermüdet +aufgegeben. In des Präfekten Seele fiel nicht ein Schatten der +Entmutigung. Sein ganzer Riesenbau war eingestürzt: noch betäubte der +Schlag sein Ohr und schon hatte er beschlossen, im selben Augenblick ihn +von neuem zu beginnen: seine Welt war versunken, und er hatte nicht Muße +ihr einen Seufzer nachzusenden: denn aller Augen hingen an ihm. Er +beschloß, eine zweite zu schaffen. + +»Nun! was wirst du thun?« wiederholte Silverius. + +Cethegus würdigte ihn keines Blicks. Zu der Versammlung gewendet sprach er +mit ruhiger Stimme: »Belisar ist gelandet: Er ist jetzt unser Haupt: ich +gehe in sein Lager.« Damit schritt er dem Ausgang zu, gemessenen Ganges, +gefaßten Angesichts, an Silverius und dessen Freunden vorüber. + +Silverius wollte ein Wort des Hohnes flüstern: aber er verstummte, da ihn +der Blick des Präfekten traf: »Frohlocke nicht, Priester,« schien er zu +sagen, »diese Stunde wird dir vergolten.« + +Und Silverius, der Sieger, blieb erschrocken stehn. – – + + + + + Neuntes Kapitel. + + +Die Landung der Byzantiner war allen, Goten wie Italiern, gleich +unerwartet gekommen. + +Denn die letzte Bewegung Belisars nach Südosten hatte alle Erwartungen von +der kaiserlichen Flotte in die Irre gelenkt. Von unsern gotischen Freunden +war nur Totila in Unteritalien: vergeblich hatte er als Seegraf von +Neapolis die Regierung zu Ravenna gewarnt und um Vollmachten, um Mittel +zur Verteidigung Siciliens gebeten. Wir werden sehen, wie ihm alle Mittel +genommen wurden, das Ereignis zu verhindern, das sein Volk bedrohte, das +gerade in die lichten Kreise seines eignen Lebens zuerst verhängnisvolle +Schatten werfen und die Bande des Glückes zerreißen sollte, mit welchen +ein freundliches Schicksal diesen Liebling der Götter bisher umwoben +hatte. + +Denn in Bälde war es der unwiderstehlichen Anmut seiner Natur gelungen, +das edle, wenn auch strenge, Herz des Valerius zu gewinnen. Wir haben +gesehen, wie mächtig die Bitten der Tochter, das Andenken an die +Scheideworte der Gattin, die Offenheit Totilas schon in jener Stunde der +nächtlichen Überraschung auf den würdigen Alten gewirkt. + +Totila blieb als Gast in der Villa: Julius, mit seiner gewinnenden Güte, +wurde von den Liebenden zu Hilfe gerufen und ihren vereinten Einflüssen +gab der Sinn des Vaters allmählich nach. Dies war jedoch bei dem strengen +Römertum des Alten nur dadurch möglich, daß von allen Goten Totila an +Sinnesart, Bildung und Wohlwollen den Römern am nächsten stand, so daß +Valerius bald einsah, er könne einen Jüngling nicht »barbarisch« schelten, +der besser als mancher Italier die Sprache, die Weisheit und die Schönheit +der hellenischen und römischen Litteratur kannte und würdigte, und, wie er +seine Goten liebte, so die Kultur der alten Welt bewunderte. + +Dazu kam endlich, daß im politischen Gebiet den alten Römer und den jungen +Germanen der gemeinsame Haß gegen die Byzantiner verband. Wenn der offnen +Heldenseele Totilas in den tückischen Erbfeinden seiner Nation die +Mischung von Heuchelei und Gewaltherrschaft unwillkürlich wie dem Lichte +die Nacht verhaßt war, so war für Valerius die ganze Tradition seiner +Familie eine Anklage gegen das Imperatorentum und Byzanz. Die Valerier +hatten von jeher zu der aristokratisch-republikanischen Opposition wider +das Cäsarentum gezählt. Und so mancher der Ahnen hatte schon seit den +Tagen des Tiberius die alt-republikanische Gesinnung mit dem Tode gebüßt +und besiegelt. Niemals hatten diese Geschlechter im Herzen die Übertragung +der Weltherrschaft von der Tiberstadt nach Byzanz anerkannt: in dem +byzantinischen Kaisertum erblickte Valerius den Gipfel aller Tyrannei: und +um jeden Preis wollte er die Habsucht, den Glaubenszwang, den +orientalischen Despotismus dieser Kaiser von seinem Latium fern halten. Es +kam dazu, daß sein Vater und sein Bruder bei einer Handelsreise durch +Byzanz von einem Vorgänger Justinians aus Habsucht waren festgehalten und, +wegen angeblicher Beteiligung an einer Verschwörung, unter Konfiskation +ihrer im Ostreich belegenen Güter, hingerichtet worden, so daß den +politischen Haß des Patrioten mit aller Macht persönliche Schmerzen +verstärkten. Er hatte, als Cethegus ihn in die Katakombenverschwörung +einweihte, eifrig den Gedanken einer Selbstbefreiung Italiens ergriffen, +aber alle Annäherungen der kaiserlichen Partei mit den Worten abgewiesen: +»lieber den Tod als Byzanz!« + +So vereinten sich die beiden Männer in dem Entschluß, keine Byzantiner in +dem schönen Lande zu dulden, das dem Goten kaum minder teuer war, als dem +Römer. + +Die Liebenden hüteten sich, den Willen des Alten schon jetzt zu einem +bindenden Wort zu drängen; sie begnügten sich für die Gegenwart mit der +Freiheit des Umgangs, die Valerius ihnen beließ und warteten ruhig ab, bis +der Einfluß allmählicher Gewöhnung ihn auch mit dem Gedanken an ihre +völlige Vereinigung befreunden würde. So verlebten unsere jungen Freunde +goldene Tage. + +Das Liebespaar hatte neben seinem eigensten Glücke die Freude an der +wachsenden Neigung des Vaters zu Totila: und Julius genoß jene weihevolle +Erhebung, die für edle Naturen in dem Überwinden eigner Schmerzen um des +Glückes geliebter Herzen willen liegt. + +Seine suchende, von der Weisheit der alten Philosophie nicht befriedigte +Seele wandte sich mehr und mehr jener Lehre zu, die den höchsten Frieden +im Entsagen findet. + +Eine sehr entgegengesetzte Natur war Valeria. + +Sie war der Ausdruck der echt römischen Ideale ihres Vaters, der an der +frühe verstorbnen Mutter Stelle ihre ganze Erziehung geleitet und im +geistigen und sittlichen Gebiet die Ergebnisse des antiken heidnischen +Geistes ihr angeeignet hatte. Das Christentum, dem ihre Seele bei dem +Eintritt in das Leben durch eine äußere Nötigung war zugewendet und später +ebenso durch ein äußerliches Mittel wieder war entrissen worden, erschien +ihr als eine gefürchtete, nicht als eine verstandene und geliebte Macht, +die sie gleichwohl nicht aus dem Kreise ihrer Gedanken und Gefühle zu +scheiden vermochte. Als echte Römerin sah sie auch nicht mit bangem Zagen, +sondern mit freudigem Stolz die kriegerische Begeisterung, die im Gespräch +mit ihrem Vater über Byzanz und seine Feldherrn aus der Seele Totilas +leuchtete, den künftigen Helden verkündend. + +Und so trug sie es mit edler Fassung, als den Geliebten seine +Kriegerpflicht plötzlich abrief aus den Armen der Liebe und Freundschaft. +Denn sowie die Flotte der Byzantiner auf der Höhe von Syrakusä erschienen +war, loderte in dem jungen Goten der Gedanke, der Wunsch des Krieges +unauslöschlich empor. Als Befehlshaber des unteritalischen Geschwaders lag +ihm die Pflicht ob, die Feinde zu beobachten, die Küste zu decken. Er +setzte rasch seine Schiffe in stand und segelte der griechischen Seemacht +entgegen, Erklärung heischend über den Grund ihres Erscheinens in diesen +Gewässern. + +Belisar, der den Auftrag hatte, erst nach einem Ruf von Petros feindlich +aufzutreten, gab eine friedliche und unanfechtbare Auskunft, die Unruhen +in Afrika und Seeräubereien mauretanischer Schiffe vorschützend. Mit +dieser Antwort mußte sich Totila begnügen: aber in seiner Seele stand der +Ausbruch des Krieges fest, vielleicht nur deshalb, weil er ihn wünschte. +Er traf daher alle Anstalten, schickte warnende Boten nach Ravenna und +suchte vor allem, das wichtige Neapolis wenigstens von der Seeseite her zu +decken, da die Landbefestigung der Stadt während des langen Friedens +vernachlässigt und der alte Uliaris, der Stadtgraf von Neapolis, nicht aus +seiner stolzen Sicherheit und Griechenverachtung aufzurütteln war. + +Die Goten wiegten sich überhaupt in dem gefährlichen Wahn, die Byzantiner +würden gar nie wagen, sie anzugreifen: und ihr verräterischer König +bestärkte sie gern in diesem Glauben. Die Warnungen Totilas blieben +deshalb unbeachtet und es wurde dem eifrigen Seegrafen sogar sein ganzes +Geschwader abgenommen und in den Hafen von Ravenna zu angeblicher Ablösung +beordert: aber die Schiffe, welche die abgesegelten ersetzen sollten, +blieben aus. + +Und Totila hatte nichts als ein paar kleine Wachtschiffe, mit welchen er, +wie er den Freunden erklärte, die Bewegungen der zahlreichen +Griechenflotte nicht beobachten, geschweige denn aufhalten konnte. Diese +Mitteilungen bewogen den Kaufherrn, die Villa bei Neapolis zu verlassen +und seine reichen Besitzungen und Handelsniederlassungen bei Regium, an +der Südspitze der Halbinsel, aufzusuchen, um die wertvollste Habe aus +dieser Gegend, für die Totila den ersten Angriff der Feinde besorgte, nach +Neapolis zu flüchten und überhaupt seine Anordnungen für den Fall eines +längeren Krieges zu treffen. Auf dieser Reise sollte Julius ihn begleiten: +und auch Valeria war nicht zu bewegen, in der leeren Villa +zurückzubleiben: von Gefahr war, wie Totila versichert hatte, für die +nächsten Tage nichts zu fürchten. + +So reisten denn die drei, von einigen Sklaven begleitet, nach der +Hauptvilla bei dem Passe Jugum nördlich von Regium ab, die, unmittelbar am +Meere gelegen, ja zum Teil mit jenem schon von Horatius gescholtnen Luxus +in das Meer selbst »wagend hinausgebaut« war. + +Valerius traf die Dinge in schlechter Ordnung. Seine Institoren hatten, +sicher gemacht durch lange Abwesenheit des Herrn, übel gewirtschaftet: und +mit Unwillen erkannte dieser, daß seine prüfende, ordnende, strafende +Thätigkeit, nicht tage-, sondern wochenlang in dieser Gegend notwendig +sein werde. + +Unterdessen mehrten sich die drohenden Anzeichen. Totila schickte warnende +Winke: aber Valeria erklärte, ihren Vater in der Gefahr nicht verlassen zu +können: und dieser verschmähte es, vor den »Griechlein« zu flüchten, die +er noch mehr verachtete, als haßte. + +Da wurden sie eines Tages durch zwei Boote überrascht, die fast +gleichzeitig in den kleinen Hafen der Villa einliefen: das eine trug +Totila, das andre den Korsen Furius Ahalla. Die Männer begrüßten sich +überrascht, doch erfreut als alte Bekannte und wandelten mit einander +durch die Taxus- und Lorbeergänge des Gartens zu der Villa hinan. Hier +trennten sie sich: Totila gab vor, seinen Freund Julius besuchen zu +wollen, indes den Korsen ein Geschäft zu dem Kaufherrn führte, mit dem er +seit Jahren in einer für beide Teile gleich vorteilhaften +Handelsverbindung stand. + +Mit Freuden sah daher Valerius den klugen, kühnen und stattlich-schönen +Seefahrer bei sich eintreten und nach herzlicher Begrüßung wandten sich +die beiden Handelsfreunde ihren Büchern und Rechnungen zu. + +Nach kurzen Erörterungen erhob sich der Korse von den Rechentafeln und +sprach: »So siehst du, Valerius, aufs neue hat Mercurius unser Bündnis +gesegnet. Meine Schiffe haben dir Purpur und köstlichen Wollstoff aus +Phönikien und aus Spanien zugeführt: und deine köstlichen Fabrikate des +verflossenen Jahres verführt nach Byzanz und Alexandria, nach Massilia und +Antiochia. Ein Centenar Goldes Mehrgewinn gegen das Vorjahr! Und so wird +er steigen und steigen von Jahr zu Jahr, solang die wackern Goten den +Frieden schirmen und die Rechtspflege im Abendland.« Er schwieg wie +abwartend. + +»Solang sie schirmen können!« seufzte Valerius, »solang diese Griechen +Frieden halten. Wer steht dafür, daß uns nicht diese Nacht der Seewind die +Flotte Belisars an die Küste treibt!« + +»Also auch du erwartest den Krieg? Im Vertrauen: er ist mehr als +wahrscheinlich, er ist gewiß.« + +»Furius,« rief der Römer, »woher weißt du das?« + +»Ich komme von Afrika, von Sicilien. Ich habe die Flotte des Kaisers +gesehen: so rüstet man nicht gegen Seeräuber. Ich habe die Heerführer +Belisars gesprochen: sie träumen Nacht und Tag von den Schätzen Italiens. +Sizilien ist zum Abfall reif, sowie die Griechen landen.« + +Valerius erbleichte vor Aufregung. Furius bemerkte es und fuhr fort: »Und +deshalb vor allem bin ich hierher geeilt, dich zu warnen. Der Feind wird +in dieser Gegend landen und ich wußte, – daß deine Tochter dich +begleitet.« + +»Valeria ist eine Römerin.« + +»Ja, aber diese Feinde sind die wildesten Barbaren. Denn Hunnen, +Massageten, Skythen, Avaren, Sclavenen und Sarazenen sind es, die dieser +Kaiser der Römer losläßt auf Italien. Wehe, wenn dein minervengleiches +Kind in ihre Hände fiele.« + +»Das wird sie nicht!« sagte Valerius, die Hand am Dolch. »Aber du sprichst +wahr – sie muß fort – in Sicherheit.« – – »Wo ist in Italien Sicherheit? +Bald werden die Wogen dieses Krieges brausend zusammenschlagen über +Neapolis, – über Rom und kaum sich an Ravennas Mauern brechen.« – Denkst +du so groß von diesen Griechen? Hat doch Griechenland nie etwas anderes +nach Italien geschickt als Mimen, Seeräuber und Kleiderdiebe!« – +»Belisarius aber ist ein Sohn des Sieges. Jedenfalls entbrennt ein Kampf, +dessen Ende so mancher von euch nicht erleben wird!« – »Von _euch_, sagst +du? wirst du nicht mit kämpfen?« + +»Nein, Valerius! Du weißt, in meinen Adern fließt nur korsisch Blut, trotz +meines römischen Adoptivnamens: ich bin nicht Römer, nicht Grieche, nicht +Gote. Ich wünsche den Goten den Sieg, weil sie Zucht und Ordnung halten zu +Wasser und zu Land und weil mein Handel blüht unter ihrem Scepter: aber +wollt’ ich offen für sie fechten, – der Fiskus von Byzanz verschlänge, was +irgend von meinen Schiffen und Waren in den Häfen des Ostreichs liegt, +drei Viertel all’ meines Guts. Nein, ich gedenke mein Eiland so zu +befestigen, – du weißt ja, halb Korsika ist mein – daß keine der +kämpfenden Parteien mich viel belästigen wird: meine Insel wird eine +Friedensinsel sein, während rings die Länder und Meere vom Krieg +erdröhnen. Ich werde dies Asyl beschirmen wie ein König seine Krone, wie +ein Bräutigam die Braut – und deshalb« – seine Augen funkelten und seine +Stimme bebte vor Erregung – »deshalb wollte ich jetzt, – heute – ein Wort +aussprechen, das ich seit Jahren auf dem Herzen trage« – – Er stockte. + +Valerius sah voraus, was kommen werde und sah es mit tiefem Schmerz: seit +Jahren hatte er sich in dem Gedanken gefallen, sein Kind dem mächtigen +Kaufherrn zu vertrauen, eines alten Freundes Adoptivsohn, dessen Neigung +er lange durchschaut. So lieb er in letzter Zeit den jungen Goten +gewonnen, er würde doch den langjährigen Handelsgenossen als Eidam +vorgezogen haben. Und er kannte den unbändigen Stolz und die zornige +Rachsucht des Korsen: er fürchtete im Fall der Weigerung die alte Liebe +und Freundschaft alsbald in lodernden Haß umschlagen zu sehen: man +erzählte dunkle Geschichten von der jähzornigen Wildheit des Mannes und +gern hätte Valerius ihm und sich selbst den Schmerz einer Zurückweisung +erspart. + +Aber jener fuhr fort: »Ich denke, wir beide sind Männer, die Geschäfte +geschäftlich abthun. Und ich spreche, nach altem Brauch, gleich mit dem +Vater, nicht erst mit der Tochter. Gieb mir dein Kind zur Ehe, Valerius: +du kennst zum Teil mein Vermögen – nur zum Teil: – denn es ist viel größer +als du ahnst. Zur Widerlage der Mitgift geb’ ich, wie groß sie sei, das +doppelte ...« – + +»Furius!« unterbrach der Vater. + +»Ich glaube wohl ein Mann zu sein, der ein Weib beglücken mag. Jedenfalls +kann ich sie beschützen, wie kein andrer in diesen drohenden Zeiten: ich +führe sie, wird Korsika bedrängt, auf meinen Schiffen nach Asien, nach +Afrika; an jeder Küste erwartet sie nicht ein Haus, ein Palast. Keine +Königin soll sie beneiden. Ich will sie hoch halten: – höher als meine +Seele.« Er hielt inne, sehr erregt, wie auf rasche Antwort wartend. + +Valerius schwieg, er suchte nach einem Ausweg: – es war nur eine Sekunde: +aber der Anschein nur, daß sich der Vater besinne, empörte den Korsen. +Sein Blut kochte auf, sein schönes bronzefarbenes Antlitz, eben noch +beinahe weich und mild, nahm plötzlich einen furchtbaren Ausdruck an: +dunkelrote Glut schoß in die braunen Wangen. »Furius Ahalla,« sprach er +rasch und hastig, »ist nicht gewöhnt, zweimal zu bieten. Man pflegt meine +Ware aufs erste Angebot mit beiden Händen zu ergreifen –: nun biete ich +mich selbst: – ich bin, bei Gott, nicht schlechter als mein Purpur« – + +»Mein Freund,« hob der Alte an, »wir leben nicht mehr in der Zeit alten, +strengen Römerbrauchs: der neue Glaube hat den Vätern fast das Recht +genommen, die Töchter zu vergeben. Mein Wille würde sie dir und keinem +andern geben, aber ihr Herz« ... – + +»Sie liebt einen andern!« knirschte der Korse, »wen?« Und seine Faust fuhr +an den Dolch, als sollte der Nebenbuhler keinen Augenblick mehr atmen. Es +lag etwas vom Tiger in dieser Bewegung und im Funkeln des rollenden Auges. +Valerius empfand, wie tödlich dieser Haß und wollte den Namen nicht +nennen. – »Wer kann es sein?« fragte halblaut der Wütende. »Ein Römer? +Montanus? Nein! O nur – nur nicht er – sag’ nein, Alter, nicht Er« .. – +Und er faßte ihn am Gewande. + +»Wer? wen meinst du?« + +»Der mit mir landete – der Gote: doch ja: er muß es sein, es liebt ihn ja +alles: – Totila!« + +»Er ist’s!« sagte Valerius und suchte begütigend seine Hand zu fassen. + +Doch mit Schrecken ließ er sie los: ein zuckender Krampf rüttelte den +ehernen Leib des starken Korsen: er streckte beide Hände starr vor sich +hin als wollte er den Schmerz, der ihn quälte, erwürgen. Dann warf er das +Haupt in den Nacken und schlug sich die beiden geballten Fäuste grausam +gegen die Stirn, den Kopf schüttelnd und laut auflachend. + +Entsetzt sah Valerius diesem Toben zu, endlich glitten die gepreßten Hände +langsam herab und zeigten ein aschenfahles Antlitz. »Es ist aus,« sagte er +dann mit bebender Stimme. »Es ist ein Fluch, der mich verfolgt: ich soll +nicht glücklich werden im Weibe. Schon einmal, – hart vor der Erfüllung –! +Und jetzt, – ich weiß es, – Valerias Seelenzucht und klare Ruhe hätte auch +in mein wild schäumendes Leben rettenden Frieden gebracht: – ich wäre +anders geworden, – – besser. Und sollte es nicht sein« – hier funkelte +sein Auge wieder – »nun, so wär’ es fast das gleiche Glück gewesen, den +Räuber dieses Glücks zu morden. Ja, in seinem Blute hätte ich gewühlt und +von der Leiche die Braut hinweggerissen – und nun ist Er es! + +Er, der einzige, dem Ahalla Dank schuldet – und welchen Dank« – – – Und er +schwieg, mit dem Haupte nickend und wie verloren in Erinnerung. +»Valerius,« rief er dann plötzlich sich aufraffend, »ich weiche keinem +Mann auf Erden: – ich hätt’ es nicht getragen, hinter einem andern +zurückzustehen – doch Totila! – Es sei ihr vergeben, daß sie mich +ausschlägt, weil sie Totila gewählt. Leb wohl, Valerius, ich geh’ in See, +nach Persien, Indien – ich weiß nicht, wohin – ach überallhin nehm’ ich +diese Stunde mit.« Und rasch war er hinaus und gleich darauf entführte ihn +sein pfeilgeschwindes Bot dem kleinen Hafen der Villa. – + +Seufzend verließ Valerius das Gemach, seine Tochter zu suchen. Er traf im +Atrium auf Totila, der sich schon wieder verabschiedete. Er war nur +gekommen, zu rascher Rückreise nach Neapolis zu treiben. + +Denn Belisar habe sich wieder von Afrika abgewendet und kreuze bei +Panormus: jeden Tag könne die Landung auf Sicilien, in Italien selbst +erfolgen und trotz all’ seines Dringens sende der König keine Schiffe. In +den nächsten Tagen wolle er selbst nach Sicilien, sich Gewißheit zu +schaffen. Die Freunde seien daher hier völlig unbeschützt: und er beschwor +den Vater Valerias, sofort auf dem Landwege nach Neapolis heimzukehren. +Aber den alten Soldaten empörte es, vor den Griechen flüchten zu sollen: +vor drei Tagen könne und wolle er nicht weichen von seinen Geschäften, und +kaum war er von Totila zu bestimmen, eine Schar von zwanzig Goten zur +notdürftigsten Deckung anzunehmen. Mit schwerem Herzen stieg Totila in +seinen Kahn und ließ sich an Bord des Wachschiffes zurückbringen. + +Es war dunkler Abend geworden als er dort ankam, ein Nebelschleier +verhüllte die Dinge in nächster Nähe. + +Da scholl Ruderschlag von Westen her und ein Schiff, kenntlich an der +roten Leuchte an dem hohen Mast, bog um die Spitze eines kleinen +Vorgebirges. + +Totila lauschte und fragte seine Wachen: »Segel zur Linken! was für +Schiff? was für Herr?« + +»Schon angezeigt vom Mastkorb:« – hallte es wieder – »Kauffahrer – Furius +Ahalla – lag hier vor Anker.« + +»Fährt wohin?« + +»Nach Osten – nach Indien!« – + + + + + Zehntes Kapitel. + + +Am Abend des dritten Tages seit Totila die gotische Bedeckung geschickt, +hatte Valerius endlich seine Geschäfte beendet und auf den andern Morgen +die Abreise festgesetzt. Er saß mit Valeria und Julius beim Nachtmahl und +sprach von den Aussichten auf Erhaltung des Friedens, die des jungen +Helden Kriegesdurst doch wohl unterschätzt habe: es war dem Römer ein +unerträglicher Gedanke, daß »Griechen« das teure Italien in Waffen +betreten sollten. »Auch ich wünsche den Frieden,« sprach Valeria, +nachsinnend – »und doch –« »Nun?« fragte Valerius. »Ich bin gewiß, du +würdest,« vollendete das Mädchen, »im Krieg erst Totila so lieben lernen, +wie er es verdient: er würde für mich streiten und für Italien.« – »Ja,« +sagte Julius, »es steckt in ihm ein Held und Größeres als das.« – »Ich +kenne nichts Größeres,« antwortete Valerius. + +Da erschollen auf dem Marmorestrich des Atriums klirrende Schritte und der +junge Thorismuth, der Anführer der zwanzig Goten und Totilas Schildträger, +trat hastig ein. + +»Valerius,« sprach er schnell, »laß die Wagen anschirren, – die Sänften in +den Hof – ihr müßt fort.« + +Die Drei sprangen auf: »Was ist geschehn – sind sie gelandet?« – »Rede,« +sprach Julius, »was macht dich besorgt?« – »Für mich nichts,« lachte der +Gote, »und euch wollt ich nicht früher schrecken als unvermeidlich. Aber +ich darf nicht mehr schweigen – gestern früh spülte die Flut eine Leiche +ans Land ... –« + +»Eine Leiche?« – »Einen Goten von unsrer Schiffsmannschaft – es war Alb, +der Steuermann auf Totilas Schiff.« Valeria erbleichte, aber erbebte +nicht. »Das kann ein Zufall sein – er ist ertrunken.« – »Nein,« sagte der +Gote fest, »er ist nicht ertrunken: es stak ein Pfeil in seiner Brust.« – +»Das deutet auf einen Kampf zur See! Nicht auf mehr!« meinte Valerius. +»Aber heute –« + +»Heute?« fragte Julius. – »Heute sind alle Landleute ausgeblieben, die +sonst täglich von Regium hier durch nach Colum gehen. Auch ein Reiter, den +ich auf Kundschaft nach Regium schickte, ist nicht zurückgekommen.« – +»Beweist noch immer nichts,« sprach Valerius eigensinnig. – Sein Herz +sträubte sich gegen den Gedanken einer Landung der Verhaßten solang als +möglich – »oft schon hat die Brandung die Straße gesperrt.« + +»Aber als ich selbst soeben auf der Straße nach Regium vorging und das Ohr +auf die Erde legte, hörte ich die Erde zittern unter dem Hufschlag von +vielen Rossen, die in rasender Eile nahen. Ihr müßt fliehn.« + +Jetzt griffen Valerius und Julius zu den Waffen, die an den Pfeilern des +Gemaches hingen, Valeria legte schwer atmend die Hand aufs Herz: »Was ist +zu thun?« fragte sie. + +»Besetzt den Engpaß von Jugum,« befahl Valerius, »in den die Straße längs +der Küste verläuft: er ist schmal; er ist lange zu halten.« – »Er ist +schon besetzt von acht meiner Goten, ich fliege hin, sobald ihr zu Pferde +sitzt, die Hälfte meiner Schar deckt eure Reise: eilt.« + +Aber ehe sie das Gemach verlassen konnten, stürzte ein gotischer Krieger, +mit Schlamm und Blut bedeckt, herein: »flieht,« rief er, »sie sind da!« – +»Wer ist da, Gelaris?« fragte Thorismuth. – »Die Griechen! Belisar! der +Teufel!« – »Rede,« befahl Thorismuth. – »Ich kam bis in den Pinienwald von +Regium, ohne etwas Verdächtiges zu spüren, freilich auch ohne einer Seele +auf der Straße zu begegnen. Als ich an einem dicken Baumstamm vorbeireite, +eifrig vorwärts spähend, fühle ich einen Ruck am Halse, als risse mir ein +Blitz den Kopf von den Schultern und im Nu lag ich unter meinem Tier am +Boden .... –« + +»Schlecht gesessen, o Gelaris!« schalt Thorismuth. – »Jawohl, eine +Roßhaarschlinge ums Genick und eine Bleikugel an den Kopf geschnellt, da +fällt auch ein besserer Reitersmann als Gelaris, Genzos Sohn. Zwei Unholde +– Waldschraten oder Alraunen acht’ ich sie ähnlich – setzten aus dem Busch +über den Graben, banden mich auf mein Pferd, nahmen mich zwischen ihre +kleinen, zottigen Gäule – und hui ...« – + +»Das sind die Hunnen Belisars!« rief Valerius. + +»Jagten sie mit mir davon. – Als ich wieder ganz zu mir gekommen, war ich +in Regium, mitten unter den Feinden, dort erfuhr ich denn alles. Die +Regentin ist ermordet, der Krieg ist erklärt, die Feinde haben Sicilien +überrascht, die ganze Insel ist zum Kaiser abgefallen – –« – »Und das +feste Panormus?« + +»Fiel durch die Flotte, die in den Hafen drang: die Mastkörbe waren höher +als die Mauern der Stadt: von den Masten schossen und sprangen sie herab.« +– »Und Syrakusä?« fragte Valerius. »Fiel durch Verrat der Sicilianer – die +Goten der Besatzung sind ermordet: in Syrakusä ist Belisarius eingeritten +unter einem Blumenregen, als scheidender Konsul des Jahres – denn es war +am letzten Tage seines Konsulats – Goldmünzen streuend, unter +Händeklatschen alles Volks.« – »Und wo ist der Seegraf? wo ist Totila?« – +»Zwei seiner drei Schiffe sind in den Grund gebohrt, vom Schnabelstoße der +Trieren. Sein Schiff und noch eins: er sprang ins Meer mit voller Rüstung +– und ist – noch nicht – aufgefischt.« + +Da sank Valeria schweigend auf das Lager. + +»Der Griechenfeldherr,« fuhr der Bote fort, »landete gestern in dunkler +stürmischer Nacht bei Regium: die Stadt hat ihn mit Jubel aufgenommen; er +ordnet nur sein Heer, dann solls im Fluge nach Neapolis gehen: seine +Vorhut, die gelbhäutigen Reiter, die mich eingebracht, mußten sogleich +wieder umkehren und den Paß gewinnen. Ich sollte ihnen Führer dahin sein. +Ich führte sie weit ab – nach Westen – in den Meeressumpf und – entsprang +ihnen im Dunkel – des Abends – aber – sie schickten mir – Pfeile nach – +und einer traf – ich kann nicht mehr.« – Und klirrend stürzte der Mann zu +Boden. + +»Er ist verloren!« sprach Valerius, »sie führen vergiftetes Geschoß! Auf, +Julius und Thorismuth, ihr geleitet mein Kind auf der Straße gen Neapolis: +ich gehe in den Paß und decke euch den Rücken.« Vergebens waren die Bitten +Valerias: Gesicht und Haltung des Alten nahmen einen Ausdruck eisernen +Entschlusses an. »Gehorcht!« befahl er den Widerstrebenden, »ich bin der +Herr dieses Hauses, der Sohn dieses Landes, und ich will die Hunnen +Belisars fragen, was sie zu thun haben in meinem Vaterland. Nein, Julius! +Dich muß ich bei Valeria wissen – lebet wohl.« + +Während Valeria mit ihrer gotischen Bedeckung und mit den meisten der +Sklaven spornstreichs auf der Straße nach Neapolis hinwegeilte, stürmte +Valerius mit Schild und Schwert einem halben Dutzend Sklaven voran, zum +Garten der Villa hinaus, nach dem Engpaß zu, der nicht weit vor dem Anfang +seiner Besitzungen die Straße nach Regium überwölbte. + +Der Felsenbogen zur Linken, im Norden, war unübersteiglich und zur +Rechten, nach Süden, fielen jene Wände senkrecht in das tiefe Meer, dessen +Brandung oft die Straße überflutete. Die Mündung des Passes aber war so +schmal, daß zwei nebeneinanderstehende Männer sie mit ihren Schilden wie +eine Pforte schließen konnten: so durfte Valerius hoffen, den Paß auch +gegen große Übermacht lang genug zu decken, um den raschen Pferden der +Fliehenden hinlänglichen Vorsprung zu gewähren. Während der Alte den +schmalen Pfad, der sich zwischen dem Meere und seinen Weinbergen nach dem +Engpaß hinzog, durch die mondlose Nacht vorwärts eilte, bemerkte er zur +Rechten, draußen, in ziemlicher Entfernung vom Lande, im Meer den hellen +Strahl eines kleinen Lichtes, das offenbar von dem Mast eines Schiffes +niederleuchtete. Valerius erschrak: sollten die Byzantiner zur See gegen +Neapolis vorrücken? Sollten sie Bewaffnete in seinem und des Engpasses +Rücken ans Land werfen wollen? Aber würden sich dann nicht mehrere Lichter +zeigen? Er wollte die Sklaven fragen, die auf seinen Befehl, aber schon +mit sichtlichem Widerwillen, ihm aus der Villa gefolgt waren. + +Umsonst: sie waren verschwunden in dem Dunkel der Nacht. Sie waren dem +Herrn entwischt, sobald dieser ihrer nicht mehr achtete. So kam Valerius +allein an dem Engpaß an, dessen hintere Mündung zwei der gotischen Wachen +besetzt hielten, während zwei andere den östlichen, dem Feinde zugekehrten +Eingang ausfüllten und die übrigen vier in dem innern Raum hielten. Kaum +war Valerius dicht hinter die beiden vordersten Wächter getreten, als man +plötzlich ganz nahes Pferdegetrappel vernahm: und alsbald bogen um die +letzte Krümmung, welche die Straße vor dem Paß um eine Felsennase machte, +zwei Reiter im vollen Trabe. Beide trugen Fackeln in der Rechten: es +warfen nur diese Fackeln Licht auf die nächtliche Scene: denn die Goten +vermieden alles, was ihre kleine Zahl verraten konnte. »Beim Barte +Belisars!« schalt der vorderste der Reiter, in Schritt übergehend, »hier +wird der Katzensteig so schmal, daß kaum ein ehrlich Roß drauf Platz hat, +– und da kömmt noch ein Hohlweg oder – halt, was rührt sich da?« Und er +hielt sein Pferd an und bog sich, die Fackel weit vor sich streckend, +vorsichtig nach vorn: so bot er dicht vor dem Eingang, in dem Licht seiner +Kienfackel ein bequemes Ziel. + +»Wer ist da?« rief er seinem Begleiter nochmals zu. + +Da fuhr ein gotischer Wurfspeer durch die breiten Panzerringe in seine +Brust. »Feinde, weh!« schrie der Sterbende und stürzte rücklings aus dem +Sattel. »Feinde, Feinde!« rief der Mann hinter ihm, schleuderte die +verderbliche Fackel weit von sich ins Meer, warf sein Pferd herum und +jagte zurück, während das Tier des Gefallenen ruhig stehen blieb bei der +Leiche seines Herrn. + +Nichts hörte man jetzt in der Stille der Nacht als den Hufschlag des +enteilenden Rosses, und, zur Rechten des Passes, den leisen Schlag der +Wellen am Fuße der Felswand. Den Männern im Engpaß schlug das Herz in +Erwartung. »Jetzt bleibt kalt, ihr Männer,« mahnte Valerius, »lasse sich +keiner aus dem Passe locken. Ihr in der ersten Reihe schließt die Schilde +fest aneinander und streckt die Lanzen vor: wir in der Mitte werfen. Ihr +drei im Rücken reicht uns die Speere und habt acht auf alles –.« + +»Herr,« rief der Gote, der hinter dem Passe auf der Straße stand, »das +Licht! das Schiff nähert sich immer mehr.« + +»Hab’ acht und ruf’ es an, wenn –« + +Aber schon waren die Feinde da, deren Vorhut die beiden Späher gebildet +hatten: es war ein Trupp von fünfzig hunnischen Reitern, mit einigen +Fackeln. Wie sie um die Krümmung des Weges bogen, erhellte sich die Scene +mit wechselndem, grellem Licht neben tiefem Dunkel. + +»Hier war es, Herr!« sprach der entkommene Reiter, »seht euch vor.« – +»Schafft den Toten zurück und das Roß!« sprach eine rauhe Stimme und der +Anführer, eine Fackel erhebend, ritt im Schritt gegen den Eingang vor. + +»Halt!« rief ihm Valerius auf lateinisch entgegen, »wer seid ihr und was +wollt ihr?« – »Das habe ich zu fragen!« entgegnete der Führer der Reiter +in derselben Sprache. – »Ich bin ein römischer Bürger und verteidige mein +Vaterland gegen Räuber.« + +Der Anführer hatte unterdessen im Licht seiner Fackel die ganze +Örtlichkeit besehen: sein geübtes Auge erkannte die Unmöglichkeit, links +oder rechts den Engpaß zu umgehen und zugleich die Enge seiner Mündung. +»Freund,« sagte er etwas zurückweichend, »so sind wir Bundesgenossen. Auch +wir sind Römer und wollen Italien von seinen Räubern befreien. Also gieb +Raum und laß uns durch.« Valerius, der in jeder Weise Zeit gewinnen +wollte, sprach: »Wer bist du und wer sendet dich?« – »Ich heiße Johannes: +die Feinde Justinians nennen mich »den blutigen«: und ich führe die +leichten Reiter Belisars. Alles Land von Regium bis hierher hat uns mit +Jubel aufgenommen: hier ist das erste Hemmnis; längst wären wir weiter, +hätt’ uns nicht ein Hund von einem Goten in den dicksten Sumpf geführt, +drin je ein guter Gaul versank. Köstliche Zeit ging uns verloren. Halt’ +uns nicht auf! Leben und Habe ist dir gesichert, und reicher Lohn, wenn du +uns führen willst. Eile ist der Sieg. Die Feinde sind betäubt: sie dürfen +sich nicht besinnen, bis wir vor Neapolis stehen, ja vor Rom. »Johannes,« +sprach Belisar zu mir, »da ich’s dem Sturmwind nicht befehlen kann, vor +mir her durch dieses Land zu fegen, befehl ich’s dir.« Also fort und laßt +uns durch –.« Und er spornte sein Pferd. + +»Sag Belisar, solange Cnejus Valerius lebt, soll er keinen Fuß breit +vorwärts in Italien. Zurück, ihr Räuber!« – »Verrückter Mensch! du hältst +es mit den Goten gegen uns?« – »Mit der Hölle –, wenn gegen euch.« + +Der Führer warf nochmals prüfende Blicke nach rechts und links: »Höre,« +sprach er, »du kannst uns hier wirklich eine Weile aufhalten. Nicht lang. +Weichst du, so sollst du leben. Weichst du nicht, so laß ich dich erst +schinden und dann pfählen!« Und er hob die Fackel, nach einer Blöße +spähend. + +»Zurück,« rief Valerius. »Schieß’, Freund!« Und eine Sehne klirrte und ein +Pfeil schlug an den Helm des Reiters. »Warte!« rief dieser und spornte +sein Tier zurück. »Absitzen,« befahl er, »alle Mann!« Aber die Hunnen +trennten sich nicht gern von ihren Rossen. »Wie, Herr? absitzen?« fragte +einer der nächsten. Da schlug ihm Johannes mit der Faust ins Gesicht. Der +Mann rührte sich nicht. »Absitzen!« donnerte er noch mal; »wollt ihr zu +Pferde in das Mauseloch schlüpfen?« Und er selbst schwang sich aus dem +Sattel: »Sechs steigen auf die Bäume und schießen von oben. Sechs legen +sich auf die Erde, kriechen an den Seiten der Straße vor und schießen im +Liegen. Zehn schießen stehend, auf Brusthöhe. Zehn hüten die Pferde; die +andern zwanzig folgen mir mit dem Speer, sowie die Sehnen geschwirrt. +Vorwärts.« Und er gab die Fackel ab und ergriff eine Lanze. + +Während die Hunnen seinen Befehl vollzogen, musterte Johannes noch einmal +den Paß. »Ergebt euch!« rief er – »Kommt an,« riefen die Goten. + +Da winkte Johannes und zwanzig Pfeile schwirrten zugleich. + +Ein Wehschrei und der vorderste Gote zur Rechten fiel: einer der Schützen +auf den Bäumen hatte ihn in die Stirn getroffen. Rasch sprang Valerius mit +dem vorgehaltenen Schild an seine Stelle. Er kam gerade recht, den +wütenden Anprall des anstürmenden Johannes aufzuhalten, der mit der Lanze +in die Lücke rannte. Er fing den Lanzenstoß mit dem Schilde und schlug +nach dem Byzantiner, der nahe vor dem Eingang zurückprallte, strauchelte +und niederfiel; die Hunnen hinter ihm wichen zurück. + +Da konnte sich’s der Gote neben Valerius nicht versagen, den feindlichen +Führer unschädlich zu machen: er sprang mit gezücktem Speer aus dem Engpaß +einen Schritt vorwärts. Aber das hatte Johannes gewollt: blitzschnell +hatte er sich aufgerafft, den überraschten Goten von der Straßenwand zur +Rechten des Felsenpasses hinabgestoßen, und im selben Augenblick stand er +an der rechten, schildlosen Seite des Valerius, der die wieder +vordringenden Hunnen abwehrte, und stieß diesem mit aller Kraft das lange +Persermesser in die Weichen. + +Valerius brach zusammen: aber es gelang den drei hinter ihm stehenden +Goten, Johannes, der schon in das Innere des Passes gedrungen war, mit +ihren Schildschnäbeln wieder zurück- und hinauszustoßen. Er ging zurück, +einen neuen Pfeilregen zu befehlen. + +Schweigend deckten die beiden Goten wieder die Mündung, der dritte hielt +den blutenden Valerius in seinen Armen. + +Da stürzte die Wache von der Rückseite in den Engpaß: »Das Schiff! Herr – +das Schiff! sie sind gelandet: sie fassen uns im Rücken! Flieht, wir +wollen euch tragen – ein Versteck in den Felsen.« – + +»Nein,« sprach Valerius, sich aufrichtend, »hier will ich sterben; stemme +mein Schwert gegen die Wand und« – + +Aber da schmetterte von der Rückseite her laut der Ruf des gotischen +Heerhorns: Fackeln blitzten und eine Schar von dreißig Goten stürmte in +den Paß: Totila an ihrer Spitze: sein erster Blick fiel auf Valerius: »Zu +spät, zu spät!« rief er schmerzlich. »Aber folgt mir! Rache! hinaus!« + +Und wütend brach er mit seinem speeretragenden Fußvolk aus dem Paß. Und +schrecklich war der Zusammenstoß auf der schmalen Straße zwischen Felsen +und Meer. Die Fackeln erloschen in dem Getümmel und der anbrechende Morgen +gab nur ein graues Licht. Die Hunnen, obwohl an Zahl den kühnen Angreifern +überlegen, waren durch den plötzlichen Ausfall völlig überrascht: sie +glaubten, ein ganzes Heer der Goten sei im Anmarsch: sie eilten, ihre +Rosse zu gewinnen und zu entfliehen; aber die Goten erreichten mit ihnen +zugleich die Stelle, wo die ledigen Tiere hielten: und in wirrem Knäuel +stürzte Mann und Roß die Felsen hinab. + +Umsonst hieb Johannes selbst auf seine fliehenden Leute ein: ihr Schwall +warf ihn zu Boden, er raffte sich wieder auf und sprang den nächsten Goten +an. Aber er kam übel an: es war Totila, er erkannte ihn. »Verfluchter +Flachskopf,« schrie er, »so bist du nicht ersoffen?« + +»Nein, wie du siehst!« rief dieser und schlug ihm das Schwert durch den +Helmkamm und noch ein Stück in den Schädel, daß er taumelte. Da war aller +Widerstand zu Ende. Mit knapper Not hoben ihn die nächsten seiner Reiter +auf ein Pferd und jagten mit ihm davon. Der Kampfplatz war geräumt. + +Totila eilte nach dem Hohlweg zurück. Er fand Valerius, bleich, mit +geschlossenen Augen, das Haupt auf seinen Schild gelegt. Er warf sich zu +ihm nieder und drückte die erstarrende Hand an seine Brust. »Valerius,« +rief er, »Vater! scheide nicht! scheide nicht so von uns. Noch ein Wort +des Abschieds.« Der Sterbende schlug matt die Augen auf. + +»Wo sind sie?« fragte er. »Geschlagen und geflohn.« – »Ah, Sieg!« atmete +Valerius auf; »ich darf im Siege sterben. Und Valeria – mein Kind – sie +ist gerettet?« + +»Sie ist es. Aus dem Seegefecht, aus dem Meer entkommen, eilte ich +hierher, Neapolis zu warnen, euch zu retten. Nahe der Straße, zwischen +deinem Hause und Neapolis, war ich gelandet; dort traf ich sie und erfuhr +deine Gefahr; eins meiner Schiffsboote nahm sie auf und führt sie nach +Neapolis: mit dem andern eilte ich hierher dich zu retten – ach nur zu +rächen!« Und er senkte das Haupt auf des Sterbenden Brust. + +»Klage nicht um mich, ich sterbe im Sieg! Und dir, mein Sohn, dir, dank’ +ich es.« Und wohlgefällig streichelte er die langen Locken des Jünglings. +»Und auch Valerias Rettung. O dir, dir, ich hoffe es, auch Italiens +Rettung. Du bist der Held, auch dieses Land zu retten, – trotz Belisar und +Narses. Du kannst es, – du wirst es – und dein Lohn sei mein geliebtes +Kind.« – »Valerius! Mein Vater!« – »Sie sei dein! Aber schwöre mir’s,« – +und er richtete sich empor mit letzter Kraft und sah ihm scharf ins Auge – +»schwöre mir’s beim Genius Valeria’s: nicht eher wird sie dein, als bis +Italien frei ist und keine Scholle seines heiligen Bodens mehr einen +Byzantiner trägt.« + +»Ich schwör’ es dir,« rief Totila, begeistert seine Rechte fassend, »ich +schwör’s beim Genius Valerias!« + +»Dank, dank, mein Sohn; nun mag ich getrost sterben: – grüße sie und sage +ihr: dir hab’ ich sie empfohlen und anvertraut: sie – und Italien.« Und er +legte das Haupt zurück auf seinen Schild und kreuzte die Arme über der +Brust – und war tot. + +Lange hielt Totila schweigend die Hand auf seiner Brust. + +Ein blendendes Licht weckte ihn plötzlich aus seinem Träumen: es war die +Morgensonne, deren goldne Scheibe prächtig über den Kamm des Felsgebirges +emportauchte: er stand auf und sah dem steigenden Gestirn entgegen. Die +Fluten glitzerten in hellem Widerschein und ein Schimmer flog über alles +Land. + +»Beim Genius Valerias!« wiederholte er leise mit innigster Empfindung und +hob die Hand zum Schwur dem Morgenlicht entgegen. Wie der Tote fand er +Kraft und Trost und Begeisterung in seinem schweren Gelübde: die hohe +Pflicht erhob ihn. Gekräftigt wandte er sich zurück und befahl, die Leiche +auf sein Schiff zu tragen, um sie nach dem Grabmal der Valerier in +Neapolis zu führen. + + + + + Elftes Kapitel. + + +Während dieser drohenden Ereignisse waren wohl freilich auch die Goten +nicht völlig müßig geblieben. Doch waren alle Maßregeln kraftvoller Abwehr +gelähmt, ja absichtlich vereitelt durch den feigen Verrat ihres Königs. + +Theodahad hatte sich von seiner Bestürzung über die Kriegserklärung des +byzantinischen Gesandten alsbald wieder erholt, da er sich nicht von der +Überzeugung trennen konnte und wollte, sie sei doch im Grunde nur erfolgt, +um den Schein zu wahren und die Ehre des Kaiserhofes zu decken. Er hatte +ja Petros nicht mehr allein gesprochen: und dieser mußte doch vor Goten +und Römern einen Vorwand haben, Belisar in Italien erscheinen zu lassen. +Das Auftreten dieses Mannes war ja das längst verabredete Mittel zur +Durchführung der geheimen Pläne. Den Gedanken, Krieg führen zu sollen, – +von allen ihm der unerträglichste! – wußte er sich dadurch fern zu halten, +daß er weislich überlegte, zum Kriegführen gehören zwei. »Wenn ich mich +nicht verteidige,« dachte er, »ist der Angriff bald vorüber. Belisar mag +kommen: – ich will nach Kräften dafür sorgen, daß er auf keinen Widerstand +stößt, der des Kaisers Stimmung gegen mich nur verschlimmern könnte. +Berichtet der Feldherr im Gegenteil nach Byzanz, daß ich seine Erfolge in +jeder Weise befördert, so wird Justinian nicht anstehn, den alten Vertrag +ganz oder doch zum größten Teil zu erfüllen.« + +In diesem Sinne handelte er, berief alle Streitkräfte der Goten zu Land +und zur See aus Unteritalien, wo er die Landung Belisars erwartete, +hinweg, und schickte sie massenhaft an die Ostgrenze des Reiches nach +Liburnien, Dalmatien, Istrien und gen Westen nach Südgallien, indem er, +gestützt auf die Thatsache, daß Byzanz eine kleine Truppenabteilung nach +Dalmatien gegen Salona gesendet und mit den Frankenkönigen Gesandte +gewechselt hatte, vorgab, der Hauptangriff sei von den Byzantinern zu +Lande, in Istrien, und von den mit ihnen verbündeten Franken am Rhodanus +und Padus zu befahren. + +Die Scheinbewegungen Belisars unterstützten diesen Glauben: und so geschah +das Unerhörte, daß die Heerscharen der Goten, die Schiffe, die Waffen, die +Kriegsvorräte in großen Massen in aller Eile gerade vor dem Angriff +hinweggeführt, daß Unteritalien bis Rom, ja alles Land bis Ravenna +entblößt und alle Verteidigungsmaßregeln in den Gegenden vernachlässigt +wurden, auf die alsbald die ersten Schläge der Feinde fallen sollten. + +An dem Dravus, Rhodanus und Padus wimmelte es von gotischen Waffen und +Segeln, während bei Sicilien, wie wir sahen, sogar die nötigsten Boote zum +Wachtdienst fehlten. + +Auch das ungestüme Drängen der gotischen Patrioten besserte daran nicht +viel. Witichis und Hildebad hatte sich der König aus der Nähe geschafft, +indem er sie mit Truppen und Aufträgen nach Istrien und nach Gallien +entsandte: und dem argwöhnischen Teja leistete der alte Hildebrand, der +nicht ganz den Glauben an den letzten der Amaler aufgeben wollte, zähen +Widerstand. + +Am meisten aber ward Theodahad gekräftigt, als ihm seine entschlossene +Königin zurückgegeben wurde. Witichis war alsbald nach der Kriegserklärung +der Byzantiner mit einer gotischen Schar vor die Burg von Feretri gezogen, +wo Gothelindis mit ihren pannonischen Söldnern Zuflucht gesucht, und hatte +sie bewogen, sich freiwillig wieder in Ravenna einzufinden, unter +Verbürgung für ihre Sicherheit, bis in der bevorstehenden großen Volks- +und Heeresversammlung bei Rom ihre Sache nach allen Formen des Rechts +untersucht und entschieden werde. Diese Bedingungen waren beiden Parteien +genehm: denn den gotischen Patrioten mußte alles daran gelegen sein, +jetzt, bei dem Ausbruch des schweren Krieges, nicht durch Parteiung in der +Oberleitung gespalten zu sein. + +Und wenn der gerade Gerechtigkeitssinn des Grafen Witichis wider jede +Anklage das Recht voller Verteidigung gewahrt wissen wollte, so sah auch +Teja ein, daß, nachdem der Feind die schwere Beschuldigung des +Königsmordes auf das ganze Volk der Goten geschleudert, nur ein strenges +und feierliches Verfahren in allen Formen, nicht eine stürmische +Volksjustiz auf blinden Argwohn hin, die Volksehre wahren könne. + +Gothelindis aber blickte jenem Verfahren mit kühner Stirn entgegen: +mochten die Stimmen innerer Überzeugung auch gegen sie sprechen, sie +glaubte ganz sicher zu sein, daß sich ein genügender Beweis ihrer That +nicht erbringen lasse. – Hatte doch nur ihr Auge das Ende der Feindin +gesehen. – Und sie wußte wohl, daß man sie ohne volle Überführung nicht +strafen werde. + +So folgte sie willig nach Ravenna, flößte dem zagen Herzen ihres Gatten +neuen Mut ein und hoffte, war nur der Gerichtstag überstanden, alsbald im +Lager Belisars und am Hofe von Byzanz Ruhe von allen weitern Anfechtungen +zu finden. Die Zuversicht des Königspaares über den Ausgang jenes Tages +wurde nun noch dadurch erhöht, daß die Rüstungen der Franken ihnen den +Vorwand gegeben hatten, außer Witichis und Hildebad auch noch den +gefährlichen Grafen Teja mit einer dritten Heerschar in den Nordwesten der +Halbinsel zu entsenden: – mit ihm zogen viele Tausende gerade der +eifrigsten Anhänger der Gotenpartei, – so daß an dem Tag bei Rom eine von +ihren Gegnern nicht allzuzahlreich besuchte Versammlung sich einfinden +würde. – Und unablässig waren sie thätig, sowohl ihre persönlichen +Anhänger als alte Gegner Amalaswinthens, die mächtige Sippe der Balten in +ihren weitverbreiteten Zweigen, in möglichst großer Anzahl zur +Entscheidung jenes Tages heranzuziehen. So hatte das Königspaar Ruhe und +Zuversicht gewonnen. Und Theodahad war von Gothelindis bewogen worden, +selbst als Vertreter seiner Gemahlin gegen jede Anklage unter den Goten zu +erscheinen, um durch solchen Mut und den Glanz des königlichen Ansehens +vielleicht von vornherein alle Widersacher einzuschüchtern. + +Umgeben von ihren Anhängern und einer kleinen Leibwache verließen +Theodahad und Gothelindis Ravenna und eilten nach Rom, wo sie mehrere Tage +vor dem für die Versammlung anberaumten Termin eintrafen und in dem alten +Kaiserpalast abstiegen. + +Nicht unmittelbar vor den Mauern, sondern in der Nähe Roms, auf einem +freien offnen Felde, Regeta genannt, zwischen Anagni und Terracina, sollte +die Versammlung gehalten werden. Früh am Morgen des Tages, da sich +Theodahad allein auf die Reise dorthin aufmachen wollte und von +Gothelindis Abschied nahm, ließ sich ein unerwarteter und unwillkommener +Name melden: Cethegus, der während ihres mehrtägigen Aufenthalts in der +Stadt nicht erschienen: er war vollauf mit der Vollendung der +Befestigungen beschäftigt. + +Als er eintrat, rief Gothelindis entsetzt über seinen Ausdruck: »Um Gott, +Cethegus! welch ein Unheil bringst du?« + +Aber der Präfekt furchte nur einen Augenblick die Stirn bei ihrem Anblick, +dann sprach er ruhig: »Unheil? für den, den’s trifft. Ich komme aus einer +Versammlung meiner Freunde, wo ich zuerst erfuhr, was bald ganz Rom wissen +wird: Belisar ist gelandet.« + +»Endlich,« rief Theodahad. – Und auch die Königin konnte eine Miene des +Triumphs nicht verbergen. + +»Frohlockt nicht zu früh! Es kann euch reuen. Ich komme nicht, +Rechenschaft von euch und eurem Freunde Petros zu verlangen: wer mit +Verrätern handelt, muß sich aufs Lügen gefaßt machen. Ich komme nur, um +euch zu sagen, daß ihr jetzt ganz gewiß verloren seid.« + +»Verloren?« – »Gerettet sind wir jetzt!« + +»Nein, Königin. Belisar hat bei der Landung ein Manifest erlassen: er +sagt, er komme, die Mörder Amalaswinthens zu strafen; ein hoher Preis und +seine Gnade ist denen zugesichert, die euch lebend oder tot einliefern.« + +Theodahad erbleichte. »Unmöglich!« rief Gothelindis. + +»Die Goten aber werden bald erfahren, wessen Verrat den Feind ohne +Widerstand ins Land gelassen. + +Mehr noch. Ich habe von der Stadt Rom den Auftrag, in dieser stürmischen +Zeit als Präfekt ihr Wohl zu wahren. Ich werde euch im Namen Roms +ergreifen und Belisar übergeben lassen.« + +»Das wagst du nicht!« rief Gothelindis nach dem Dolche greifend. + +»Still, Gothelindis, hier gilt es nicht, hilflose Frauen im Bad ermorden. +Ich lasse euch aber entkommen – was liegt mir an eurem Leben oder Sterben! +– gegen einen billigen Preis.« + +»Ich gewähre jeden!« stammelte Theodahad. + +»Du lieferst mir die Urkunden aus deiner Verträge mit Silverius: – +schweig! lüge nicht! ich weiß, ihr habt lang und geheim verhandelt. Du +hast wieder einmal einen hübschen Handel mit Land und Leuten getrieben! +Mich lüstet nach dem Kaufbrief.« + +»Der Kauf ist jetzt eitel! die Urkunden ohne Kraft! Nimm sie! sie liegen +verwahrt in der Basilika des heiligen Martinus, in dem Sarkophag, links in +der Krypta!« Seine Furcht zeigte, daß er wahr sprach. + +»Es ist gut,« sagte Cethegus. »Alle Ausgänge des Palastes sind von meinen +Legionären besetzt. Erst erhebe ich die Urkunden. Fand ich sie am +bezeichneten Ort, so werd’ ich Befehl geben, euch zu entlassen. Wollt ihr +dann entfliehn, so geht an die Pforte Marc Aurels und nennt meinen Namen +dem Kriegstribun der Wache, Piso. Er wird euch ziehen lassen.« Und er +ging, das Paar ratlosen Ängsten überlassend. + +»Was thun?« fragte Gothelindis mehr sich selbst als ihren Gemahl. »Weichen +oder trotzen?« – »Was thun?!« wiederholte Theodahad unwillig. »Trotzen? +das heißt bleiben? Unsinn! fort von hier sobald als möglich; kein Heil als +die Flucht!« – »Wohin willst du fliehn?« – »Nach Ravenna zunächst – das +ist fest! Dort erheb’ ich den Königsschatz. Von da, wenn es sein muß, zu +den Franken. Schade, schade, daß ich die hier verborgnen Gelder preisgeben +muß. Die vielen Millionen Solidi!« – »Hier? auch hier,« fragte Gothelindis +aufmerksam »in Rom hast du Schätze geborgen. Wo? und sicher?« – »Ach, +allzusicher! In den Katakomben! Ich selber würde Stunden brauchen, sie +alle aufzufinden in jenen finstern Labyrinthen. Und die Minuten sind jetzt +Leben oder Tod. Und das Leben geht doch noch über die Solidi! Folge mir, +Gothelindis. Damit wir keinen Augenblick verlieren; ich eile an die Pforte +Marc Aurels.« + +Und er verließ das Gemach. Aber Gothelindis blieb überlegend stehn. Ein +Gedanke, ein Plan hatte sie bei seinen Worten erfaßt: sie erwog die +Möglichkeit des Widerstands. + +Ihr Stolz ertrug es nicht, der Herrschaft zu entsagen. »Gold ist Macht,« +sprach sie zu sich selber, »und nur Macht ist Leben.« Ihr Entschluß stand +fest. Sie gedachte der kappadokischen Söldner, die des Königs Geiz aus +seinem Dienst verscheucht hatte; sie harrten noch herrenlos in Rom, der +Einschiffung gewärtig. Sie hörte Theodahad hastig die Treppe hinunter +steigen und nach seiner Sänfte rufen. »Ja, flüchte nur, du Erbärmlicher!« +sprach sie, »ich bleibe.« + + + + + Zwölftes Kapitel. + + +Herrlich tauchte am nächsten Morgen die Sonne aus dem Meer: und ihre +Strahlen glitzerten auf den blanken Waffen von vielen tausend +Gotenkriegern, die das weite Blachfeld von Regeta belebten. + +Aus allen Provinzen des weiten Reiches waren die Scharen herbeigeeilt, +gruppenweise, sippenweise, oft mit Weib und Kind, sich bei der großen +Musterung, die alljährlich im Herbste gehalten wurde, einzufinden. + +Eine solche Volksversammlung war das schönste Fest und der edelste Ernst +der Nation zugleich: ursprünglich, in der heidnischen Zeit, war ihr +Mittelpunkt das große Opferfest gewesen, das alljährlich zweimal, an der +Winter- und Sommer-Sonnenwende, alle Geschlechter des Volkes zur Verehrung +der gemeinsamen Götter vereinte: daran schlossen sich dann Markt- und +Tausch-Verkehr, Waffenspiele und Heeresmusterung: die Versammlung hatte +zugleich die höchste Gerichtsgewalt und die letzte Entscheidung über Krieg +und Frieden und die Verhältnisse zu andern Staaten. + +Und noch immer, auch in dem christlichen Gotenstaat, in welchem der König +so manches Recht, das sonst dem Volke zukam, erworben, hatte die +Volksversammlung eine höchst feierliche Weihe, wenn auch deren alte +heidnische Bedeutung vergessen war: und die Reste der alten Volksfreiheit, +die selbst der gewaltige Theoderich nicht angetastet, lebten unter seinen +schwächern Nachfolgern kräftiger wieder auf. + +Noch immer hatte die Gesamtheit der freien Goten das Urteil zu finden, die +Strafe zu verhängen, wenn auch der Graf des Königs in dessen Namen das +Gericht leitete und das Urteil vollzog. Und oft schon hatten germanische +Völker selbst ihre Könige wegen Verrates, Mordes und andrer schwerer +Frevel vor offner Volksversammlung angeklagt, gerichtet und getötet. In +dem stolzen Bewußtsein, sein eigner Herr zu sein und niemand, auch dem +König nicht, über das Maß der Freiheit hinaus zu dienen, zog der Germane +in allen seinen Waffen zu dem »Ding« wo er sich im Verband mit seinen +Genossen sicher und stark fühlte und seine und seines Volkes Freiheit, +Kraft und Ehre in lebendigen Bildern und Thaten vor Augen sah. + +Zur diesmaligen Versammlung aber zog es die Goten mit besonders starken +Gründen. Der Krieg mit Byzanz war zu erwarten oder schon ausgebrochen, als +die Ladung nach Regeta erging: das Volk freute sich auf den Kampf mit dem +verhaßten Feind und freute sich, zuvor seine Heeresmacht zu mustern: +diesmal ganz besonders sollte die Volksversammlung zugleich Heerschau +sein. Dazu kam, daß wenigstens in den nächsten Landschaften den meisten +Goten bekannt wurde, dort zu Regeta sollte Gericht gehalten werden über +die Mörder der Tochter Theoderichs: die große Aufregung, die diese That +erweckt hatte, mußte ebenfalls mächtig nach Regeta ziehn. + +Während ein Teil der Herbeigewanderten in den nächsten Dörfern bei +Freunden und Verwandten eingesprochen, hatten sich große Scharen schon +einige Tage vor der feierlichen Eröffnung auf dem weiten Blachfeld selbst, +zweihundertachtzig Stadien (gegen sechsunddreißig römische Meilen zu +tausend Schritt) von Rom, unter leichten Zelten und Hütten oder auch unter +dem milden freien Himmel gelagert. Diese waren mit den frühsten Stunden +des Versammlungstages schon in brausender Bewegung und nützten die geraume +Zeit, da sie die alleinigen Herrn des Platzes waren, zu allerlei Spiel und +Kurzweil. + +Die einen schwammen und badeten in den klaren Fluten des raschen Flusses +Ufens (oder »Decemnovius«, weil er nach neunzehn römischen Meilen bei +Terracina in das Meer mündet), der die weite Ebene durchschnitt. Andere +zeigten ihre Kunst, über ganze Reihen von vorgehaltenen Speeren +hinwegzusetzen oder, fast unbekleidet, unter den im Taktschlag +geschwungenen Schwertern zu tanzen, indes die Raschfüßigsten, angeklammert +an die Mähnen ihrer Rosse, mit deren schnellstem Lauf gleichen Schritt +hielten und, am Ziele angelangt, mit sichrem Sprung sich auf den +sattellosen Rücken schwangen. + +»Schade,« rief der junge Gudila, der bei diesem Wettlauf zuerst an das +Ziel gelangt war und sich jetzt die gelben Locken aus der Stirne strich, +»schade, daß Totila nicht zugegen! Er ist der beste Reiter im Volk und hat +mich noch immer besiegt; aber jetzt, mit dem Rappen, nehm’ ich’s mit ihm +auf.« – »Ich bin froh, daß er nicht da ist,« lachte Gunthamund, der als +der zweite herangesprengt war, »sonst hätte ich gestern schwerlich den +ersten Preis im Lanzenwurf davongetragen.« – »Ja,« sprach Hilderich, ein +stattlicher junger Krieger in klirrendem Ringpanzer, »Totila ist gut mit +der Lanze. Aber sichrer noch wirft der schwarze Teja: der nennt dir die +Rippe vorher, die er treffen wird.« – »Bah,« brummte Hunibad, ein älterer +Mann, der dem Treiben der Jünglinge prüfend zugesehn, »das ist doch all’ +nur Spielerei. Im blutigen Ernste frommt dem Mann zuletzt doch nur das +Schwert: wann dir der Tod von allen Seiten so dicht auf den Leib rückt, +daß du nicht mehr ausholen kannst zum Wurf. Und da lob’ ich mir den Grafen +Witichis von Fäsulä! + +Das ist mein Mann! War das ein Schädelspalten, im Gepidenkrieg! Durch +Stahl und Leder schlug der Mann als wär’ es trocken Stroh. Der kann’s noch +besser als mein eigner Herzog, Guntharis, der Wölsung, in Florentia. Doch +was wißt ihr davon, ihr Knaben. – Seht, da steigen die frühesten +Ankömmlinge von den Hügeln nieder: auf! ihnen entgegen!« + +Und aus allen Wegen strömte jetzt das Volk heran: zu Fuß, zu Roß und zu +Wagen. Ein brausendes, wogendes Leben erfüllte mehr und mehr das +Blachfeld. An den Ufern des Flusses, wo die meisten Zelte standen, wurden +die Rosse abgezäumt, die Gespanne zu einer Wagenburg zusammengeschoben und +durch die Lagergassen hin flutete nun die stündlich wachsende Menge. + +Da suchten und fanden und begrüßten sich Freunde und Waffenbrüder, die +sich seit Jahren nicht gesehn. Es war ein buntgemischtes Bild: die alte +germanische Gleichartigkeit war in diesem Reiche lang geschwunden. Da +stand neben dem vornehmen Edeln, der sich in einer der reichen Städte +Italiens niedergelassen, in den Palästen senatorischer Geschlechter wohnte +und die feinere und üppigere Sitte der Welschen angenommen hatte, neben +dem Herzog oder Grafen aus Mediolanum oder Ticinum, der über dem +reichvergoldeten Panzer das Wehrgehänge von Purpurseide trug, neben einem +solchen zieren Herrn ragte wohl ein rauher, riesiger Gotenbauer, der in +den tiefen Eichwäldern am Margus in Mösien hauste oder der in dem Tann am +rauschenden Önus dem Wolf die zottige Schur abgerungen hatte, die er um +die mächtigen Schultern schlug, und dessen rauher erhaltne Sprache +befremdlich an das Ohr der halbromanisierten Genossen schlug. Und wieder +friedliche Schafhirten aus Dakien, die, ohne Acker und ohne Haus, mit +ihren Herden von Weide zu Weide wanderten, ganz in derselben Weise noch, +welche die Ahnen vor tausend Jahren aus Asien herübergeführt hatte. Da war +ein reicher Gote, der in Ravenna oder Rom eines römischen Geldwechslers +Kind geheiratet und bald Handel und Verkehr gleich seinem römischen +Schwager zu treiben und seinen Gewinn nach Tausenden zu berechnen gelernt +hatte. Und daneben stand ein armer Senne, der an dem brausenden Isarkus +die magern Ziegen auf die magre Weide trieb, und dicht neben der Höhle des +Bären seine Bretterhütte errichtet hatte. + +So verschieden war den Tausenden, die sich hier zusammenfanden, das Los +gefallen, seit ihre Väter dem Ruf des großen Theoderich nach Westen +gefolgt waren, hinweg aus den Thälern des Hämus. + +Aber doch fühlten sie sich als Brüder, als Söhne Eines Volkes: dieselbe +stolzklingende Sprache redeten sie, dieselben Goldlocken, dieselbe +schneeweiße Haut, dieselben hellen blitzenden Augen und – vor allem – das +gleiche Gefühl in jeder Brust: als Sieger stehen wir auf dem Boden, den +unsre Väter dem römischen Weltreich abgetrotzt, und den wir decken wollen, +lebendig oder tot. + +Wie ein ungeheurer Bienenschwarm wogten und rauschten die Tausende +durcheinander, die sich hier begrüßten, alte Bekanntschaften aufsuchten +und neue schlossen und das wirre Getreibe schien nimmer enden zu wollen +und zu können. + +Aber plötzlich tönten von dem Kamm der Hügel her eigentümliche, feierlich +gezogene Töne des gotischen Heerhorns: und augenblicklich legte sich das +Gesumme der brausenden Stimmen. Aufmerksam wandten sich aller Augen nach +der Richtung der Hügel, von denen ein geschlossener Zug ehrwürdiger Greise +nahte. Es war ein halbes Hundert von Männern in weißen, wallenden Mänteln, +die Häupter eichenbekränzt, weiße Stäbe und altertümlich geformte +Steinbeile führend: die Sajonen und Fronwärter des Gerichts, welche die +feierlichen Formen der Eröffnung, Hegung und Aufhebung des Dings zu +vollziehen hatten. + +Angelangt in der Ebene begrüßten sie mit dreifachem, langgezogenem Hornruf +die Versammlung der freien Heermänner, die, nach feierlicher Stille, mit +klirrenden Waffen lärmend antworteten. + +Alsbald begannen die Bannboten ihr Werk. Sie teilten sich nach rechts und +links und umzogen mit Schnüren von roter Wolle, die alle zwanzig Schritt +um einen Haselstab, den sie in die Erde stießen, geschlungen wurden, die +ganze weite Ebene, und begleiteten diese Handlung mit uralten Liedern und +Sprüchen. + +Genau gegen Aufgang und Mittag wurden die Wollschnüre auf mannshohe +Lanzenschäfte gespannt, so daß sie die zwei Thore der nun völlig +umfriedeten Dingstätte bildeten, an denen die Fronboten mit gezückten +Beilen Wache hielten, alle Unfreien, alle Volksfremden und alle Weiber +fern zu halten. + +Als diese Arbeit vollendet war, traten die beiden Ältesten unter die +Speerthore und riefen mit lauter Stimme: + + »Gehegt ist der Hag + Altgotischer Art: + Nun beginnen mit Gott + Mag gerechtes Gericht.« + +Auf die hiernach eingetretne Stille folgte unter der versammelten Menge +ein anfangs leises, dann lauter tönendes und endlich fast betäubendes +Getöse von fragenden, streitenden, zweifelnden Stimmen. + +Es war nämlich schon bei dem Zug der Sajonen aufgefallen, daß er nicht, +wie gewöhnlich, von dem Grafen geführt war, der im Namen und Bann des +Königs das Gericht abzuhalten und zu leiten pflegte. Doch hatte man +erwartet, daß dieser Vertreter des Königs wohl während der Umschnürung des +Platzes erscheinen werde. Als nun aber diese Arbeit geschehen, und der +Spruch der Alten, der zum Beginn des Gerichts aufforderte, ergangen und +doch immer noch kein Graf, kein Beamter erschienen war, der allein die +Eröffnungsworte sprechen konnte, ward die Merksamkeit aller auf jene +schwer auszufüllende Lücke gelenkt. Während man nun überall nach dem +Grafen, dem Vertreter des Königs, fragte und suchte, erinnerte man sich, +daß dieser ja verheißen hatte, in Person vor seinem Volk zu erscheinen, +sich und seine Königin gegen die erhobnen schweren Anklagen zu +verteidigen. + +Aber da man jetzt bei des Königs Freunden und Anhängern sich nach ihm +erkundigen wollte, ergab sich die verdächtige Thatsache, die man bisher, +im Gedräng der allgemeinen Begrüßungen, gar nicht wahrgenommen, daß +nämlich auch nicht Einer der zahlreichen Verwandten, Freunde, Diener des +Königshauses, die zur Unterstützung der Beschuldigten zu erscheinen Recht, +Pflicht und Interesse hatten, in der Versammlung zugegen war, wiewohl man +sie vor wenigen Tagen zahlreich in den Straßen und in der Umgegend Roms +gesehen hatte. + +Das erregte Befremden und Argwohn: und lange schien es, als ob an dem Lärm +über diese Seltsamkeit und an dem Fehlen des Königsgrafen der rechtmäßige +Anfang der ganzen Verhandlung scheitern solle. Verschiedene Redner hatten +bereits vergeblich versucht, sich Gehör zu verschaffen. – + +Da erscholl plötzlich aus der Mitte der Versammlung ein alles übertönender +Klang, dem Kampfruf eines furchtbaren Ungetümes vergleichbar. Aller Augen +folgten dem Schall: und sahen im Mittelgrund des Platzes, an den Rücken +einer hohen Steineiche gelehnt, eine hohe ragende Gestalt, die in den +hohlen, vor den Mund gehaltnen Erzschild mit lauter Stimme den gotischen +Schlachtruf ertönen ließ. Als sie den Schild senkte, erkannte man das +mächtige Antlitz des alten Hildebrand, dessen Augen Feuer zu sprühen +schienen. + +Begeisterter Jubel begrüßte den greisen Waffenmeister des großen Königs, +den, wie seinen Herrn, Lied und Sage schon bei lebendem Leib zu einer +mythischen Gestalt unter den Goten gemacht hatten. Als sich der Zuruf +gelegt, hob der Alte an: »Gute Goten, meine wackern Männer. Es ficht euch +an und will euch befremden, daß ihr keinen Grafen seht und Vertreter des +Mannes, der eure Krone trägt. + +Laßt’s euch nicht Bedenken machen! Wenn der König meint, damit das Gericht +zu stören, so soll er irren. Ich denke noch die alten Zeiten und sage +euch: das Volk kann Recht finden ohne König, und Gericht halten ohne +Königsgrafen. Ihr seid alle herangewachsen in neuer Übung und Sitte, aber +da steht Haduswinth, der Alte, kaum ein paar Winter jünger denn ich: der +wird’s mir bezeugen: beim Volk allein ist alle Gewalt: das Gotenvolk ist +frei!« + +»Ja, wir sind frei!« rief ein tausendstimmiger Chor. + +»Wir wählen uns unsern Dinggrafen selbst, schickt der König den seinen +nicht,« rief der graue Haduswinth, »Recht und Gericht war, eh’ König war +und Graf. Und wer kennt besser allen Brauch des Rechts als Hildebrand, +Hildungs Sohn? Hildebrand soll unser Dinggraf sein.« + +»Ja!« hallte es ringsum wieder, »Hildebrand soll unser Dinggraf sein.« + +»Ich bin’s durch eure Wahl: und achte mich so gut bestellt, als hätte mir +König Theodahad Brief und Pergament darüber ausgestellt. Auch haben meine +Ahnen Gericht gehalten den Goten seit Jahrhunderten. Kommt, Sajonen, helft +mir öffnen das Gericht.« + +Da eilten zwölf von den Frondienern herzu. Vor der Eiche lagen noch die +Trümmer eines uralten Fanums des Waldgottes Picus: die Sajonen säuberten +die Stelle, hoben die breitesten der Steine zurecht und lehnten links und +rechts zwei der viereckigen Platten an den Stamm der Eiche, so daß ein +stattlicher Richterstuhl dadurch gebildet ward. Und so hielt, von dem +Altar des altitalischen Wald- und Hirtengottes herab, der Gotengraf +Gericht. + +Andere Sajonen warfen einen blauen weitfaltigen Wollmantel mit breitem, +weißem Kragen über Hildebrands Schultern, gaben ihm den oben gekrümmten +Eschenstab in die Hand und hingen links zu seinen Häupten einen blanken +Stahlschild an die Zweige der Eiche. + +Dann stellten sie sich in zwei Reihen zu seiner Rechten und Linken auf: +der Alte schlug mit dem Stab auf den Schild, daß er hell erklang, dann +setzte er sich, das Antlitz gegen Osten und sprach: »Ich gebiete Stille, +Bann und Frieden! Ich gebiete Recht und verbiete Unrecht, Hastmut und +Scheltwort und Waffenzücken, und alles, was den Dingfrieden kränken mag. +Und ich frage hier: ist es an Jahr und Tag, an Weil’ und Stunde, an Ort +und Stätte, zu halten ein frei Gericht gotischer Männer?« + +Da traten die nächststehenden Goten heran und sprachen im Chor: »Hier ist +rechter Ort, unter hohem Himmel, unter rauschender Eiche, hier ist rechte +Tageszeit, bei klimmender Sonne, auf schwertgewonnenem gotischem Erdgrund, +zu halten ein frei Gericht gotischer Männer.« + +»Wohlan,« fuhr der alte Hildebrand fort, »wir sind versammelt, zu richten +zweierlei Klage: Mordklage wider Gothelindis, die Königin, und schwere +Rüge wegen Feigheit und Saumsal in dieser Zeit hoher Gefahr wider +Theodahad, unsern König. Ich frage ... –« + +Da ward seine Rede unterbrochen durch lauten, schallenden Hornruf, der von +Westen her näher und näher drang. + + + + + Dreizehntes Kapitel. + + +Erstaunt sahen die Goten um und erblickten einen Zug von Reitern, welche +die Hügel herab gegen die Gerichtsstätte eilten. Die Sonne fiel grell +blendend auf die waffenblitzenden Gestalten, daß sie nicht erkenntlich +waren, obwohl sie in Eile nahten. + +Da richtete sich der alte Hildebrand hoch auf in seinem erhöhten Sitz, +hielt die Hand vor die falkenscharfen Augen und rief sogleich: »Das sind +gotische Waffen! – Die wallende Fahne trägt als Bild die Wage: – das ist +das Hauszeichen des Grafen Witichis! Und dort ist er selbst! An der Spitze +des Zugs. Und an seiner Linken die hohe Gestalt, das ist der starke +Hildebad! Was führt die Feldherrn zurück? ihre Scharen sollten schon weit +auf dem Weg nach Gallien und Dalmatien sein.« + +Ein Brausen von fragenden, staunenden, grüßenden Stimmen erfolgte. + +Indeß waren die Reiter heran und sprangen von den dampfenden Rossen. Mit +Jubel empfangen, schritten die Führer, Witichis und Hildebad, durch die +Menge den Hügel heran, bis zu Hildebrands Richterstuhl. + +»Wie?« rief Hildebad noch atemlos, »ihr sitzt hier und haltet Gericht, wie +im tiefsten Frieden: und der Feind, Belisar, ist gelandet!« + +»Wir wissen es,« sprach Hildebrand ruhig, »und wollten mit dem König +beraten, wie ihm zu wehren sei.« + +»Mit dem König!« lachte Hildebad bitter. + +»Er ist nicht hier,« sagte Witichis umblickend, »das verstärkt unsern +Verdacht. Wir kehrten um, weil wir Grund zu schwerem Argwohn erhielten. +Aber davon später! fahrt fort, wo ihr haltet. Alles nach Recht und +Ordnung! still, Freund!« Und den ungeduldigen Hildebad zurückdrängend, +stellte er sich bescheiden zur Linken des Richterstuhles in die Reihe der +andern. + +Nachdem es wieder stiller geworden, fuhr der Alte fort: »Gothelindis, +unsre Königin, ist verklagt wegen Mordes an Amalaswintha, der Tochter +Theoderichs. Ich frage: sind wir Gericht zu richten solche Klage?« + +Der alte Haduswinth, gestützt auf seine lange Keule, trat vor und sprach: +»Rot sind die Schnüre dieser Malstätte. Beim Volksgericht ist das Recht +über roten Blutfrevel, über warmes Leben und kalten Tod. Wenn’s anders +geübt ward in letzten Zeiten, so war das Gewalt, nicht Recht. Wir sind +Gericht, zu richten solche Klage.« + +»In allem Volk,« fuhr Hildebrand fort, »geht wider Gothelindis schwerer +Vorwurf: im stillen Herzen verklagen wir alle sie darob. Wer aber will +hier, im offnen Volksgericht, mit lautem Wort, sie dieses Mordes zeihen?« + +»Ich!« sprach eine helle Stimme: und ein schöner, junger Gote, in +glänzenden Waffen, trat von rechts vor den Richter, die rechte Hand auf +die Brust legend. + +Ein Murmeln des Wohlgefallens drang durch die Reihen: »Er liebt die schöne +Mataswintha!« – »Er ist der Bruder des Herzogs Guntharis von Tuscien, der +Florentia besetzt hält.« – »Er freit um sie!« – »Als Rächer ihrer Mutter +tritt er auf!« + +»Ich, Graf Arahad von Asta, des Aramuth Sohn, aus der Wölsungen +Edelgeschlecht,« fuhr der junge Gote mit einem anmutigen Erröten fort. +»Zwar bin ich nicht versippt mit der Getöteten: allein die Männer ihrer +Sippe, Theodahad voran, ihr Vetter und ihr König, erfüllen nicht die +Pflicht der Blutrache; ist er doch selbst des Mordes Helfer und Hehler. + +So klag’ ich denn, ein freier unbescholtner Gote edeln Stammes, ein Freund +der unseligen Fürstin, an Mataswinthens, ihrer Tochter, Statt. Ich klag’ +um Mord! Ich klag’ auf Blut!« + +Und unter lautem Beifall des Volkes zog der stattliche schöne Jüngling das +Schwert und streckte es gerad vor sich auf den Richterstuhl. + +»Und dein Beweis? sag an ... –« + +»Halt, Dinggraf,« scholl da eine ernste Stimme. Witichis trat vor, dem +Kläger entgegen. »Bist du so alt und kennst das Recht so wohl, Meister +Hildebrand, und läßt dich fortreißen von der Menge wildem Drang? Muß ich +dich mahnen, ich, der jüngere Mann, an alles Rechtes erstes Gebot? Den +Kläger hör’ ich, die Beklagte nicht.« + +»Kein Weib kann stehen in der Goten Ding,« sprach Hildebrand ruhig. + +»Ich weiß: doch wo ist Theodahad, ihr Gemahl und Mundwalt, sie zu +vertreten?« + +»Er ist nicht erschienen.« + +»Ist er geladen?« + +»Er ist geladen! Auf meinen Eid und den dieser Boten,« sprach Arahad: +»tretet vor, Sajonen.« Zwei der Fronwärter traten vor und rührten mit +ihren Stäben an den Richterstuhl. + +»Nun,« sprach Witichis weiter, »man soll nicht sagen, daß im Volk der +Goten ein Weib ungehört, unverteidigt verurteilt werde; wie schwer sie +auch verhaßt sei, – sie hat ein Recht auf Rechtsgehör und Rechtsschutz. +Ich will ihr Mundwalt und ihr Fürsprecher sein.« + +Und er trat ruhig dem jugendlichen Ankläger entgegen, gleich ihm das +Schwert ziehend. + +Eine Pause der ehrenden Bewunderung trat ein. »So leugnest du die That?« +fragte der Richter. »Ich sage: sie ist nicht erwiesen!« – »Erweise sie!« +sprach der Richter zu Arahad gewendet. + +Dieser, nicht vorbereitet auf ein förmliches Verfahren und nicht gefaßt +auf einen Widersacher von Witichis’ großem Gewicht und kräftiger Ruhe, +ward etwas verwirrt. »Erweisen?« rief er ungeduldig. »Was braucht’s noch +Erweis? Du, ich, alle Goten wissen, daß Gothelindis die Fürstin lang und +tödlich haßte. Die Fürstin verschwindet aus Ravenna: gleichzeitig die +Mörderin: ihr Opfer kömmt in einem Hause Gothelindens wieder zum Vorschein +– tot: die Mörderin aber flieht auf ein festes Schloß. Was braucht’s da +noch Erweis?« + +Und ungeduldig sah er auf die Goten rings umher. + +»Und darauf hin klagst du auf Mord im offnen Ding?« sprach Witichis ruhig. +»Wahrlich der Tag sei fern vom Gotenvolk, da man nach solchem Anschein +Urteil spricht. Gerechtigkeit, ihr Männer, ist Licht und Luft! Weh, weh +dem Volk, das seinen Haß zu seinem Recht erhebt. Ich selber hasse dieses +Weib und ihren Gatten: aber wo ich hasse, bin ich doppelt streng mit mir.« + +Und so edel und so schlicht sprach er dies Wort, daß aller Goten Herzen +dem treuen Manne zuschlugen. + +»Wo sind die Beweise?« fragte nun Hildebrand. »Hast du handhafte That? +hast du blickenden Schein? hast du gichtigen Mund? hast du echten Eid? +heischest du der Verklagten Unschuldseid?« + +»Beweis!« wiederholte Arahad zornig. »Ich habe keinen als meines Herzens +festen Glauben.« + +»Dann,« sprach Hildebrand – + +Doch in diesem Augenblick bahnte sich ein Sajo vom Thore her den Weg zu +ihm und sprach: »Römische Männer stehen am Eingang. Sie bitten um Gehör: +sie wissen, sagen sie, alles um der Fürstin Tod.« + +»Ich fordre, daß man sie höre,« rief Arahad eifrig, »nicht als Kläger, als +Zeugen des Klägers.« + +Hildebrand winkte und der Sajo eilte, die Gemeldeten durch die neugierige +Menge heraufzuführen. Voran schritt ein von Jahren gebeugter Mann in +härener Kutte, den Strick um die Lenden: die Kapuze seines Überwurfs +machte seine Züge unkenntlich: zwei Männer in Sklaventracht folgten. +Fragende Blicke ruhten auf der Gestalt des Greises, dessen Erscheinung bei +aller Einfachheit, ja Armut, von seltner Würde geadelt war. + +Als er angelangt war vor dem Richterstuhl Hildebrands, sah ihm Arahad +dicht ins Antlitz und trat mit Staunen rasch zurück. + +»Wer ist es,« fragte der Richter, »den du zum Zeugen stellest deines +Wortes? Ein unbekannter Fremdling?« – »Nein,« rief Arahad und schlug des +Zeugen Mantel zurück, »ein Name, den ihr alle kennt und ehrt: Marcus +Aurelius Cassiodorus.« + +Ein Ruf allgemeinen Staunens flog über die Dingstätte. + +»So hieß ich,« sprach der Zeuge, »in den Tagen meines weltlichen Lebens: +jetzt nur Bruder Marcus.« Und eine hohe Weihe lag in seinen Zügen: – die +Weihe der Entsagung. + +»Nun, Bruder Marcus,« forschte Hildebrand, »was hast du uns zu melden vom +Tode Amalaswinthens? Sag’ uns die volle Wahrheit und nur die Wahrheit.« + +»Die werd’ ich sagen. Vor allem wißt: nicht Streben nach menschlicher +Vergeltung führt mich her: nicht den Mord zu rächen bin ich gekommen: – +die Rache ist mein, ich will vergelten, spricht der Herr! – Nein, den +letzten Auftrag der Unseligen, der Tochter meines großen Königs, zu +erfüllen, bin ich da.« Und er zog eine Papyrusrolle aus dem Gewande. »Kurz +vor ihrer Flucht aus Ravenna richtete sie diese Zeilen an mich, die ich, +als ihr Vermächtnis an das Volk der Goten, mitzuteilen habe: »Den Dank +einer zerknirschten Seele für deine Freundschaft. Mehr noch als die +Hoffnung der Rettung labt das Gefühl unverlorner Treue. Ja, ich eile auf +deine Villa im Bolsener See: führt doch der Weg von da nach Rom, nach +Regeta, wo ich vor meinen Goten all’ meine Schuld aufdecken und auch büßen +will. Ich will sterben, wenn es sein muß: aber nicht durch die tückische +Hand meiner Feinde: nein, durch den Richterspruch meines Volkes, das ich +Verblendete ins Verderben geführt. Ich habe den Tod verdient: nicht nur um +des Blutes willen der drei Herzoge, die, alle sollen es erfahren, durch +mich starben: mehr noch um des Wahnes willen, mit dem ich mein Volk +zurückgesetzt um Byzanz. Gelange ich lebend nach Regeta, so will ich +warnen und mahnen mit der letzten Kraft meines Lebens: fürchtet Byzanz! +Byzanz ist falsch wie die Hölle und ist kein Friede denkbar zwischen ihm +und uns. + +Aber warnen will ich auch vor dem Feind im Innern. + +König Theodahad spinnt Verrat: er hat an Petros, den Gesandten von Byzanz, +Italien und die Gotenkrone verkauft: er hat gethan, was ich dem Griechen +weigerte. Seht euch vor, seid stark und einig. Könnt’ ich sterbend sühnen, +was ich lebend gefehlt.«« + +In tiefer Stille hatte das Volk die Worte vernommen, die Cassiodor mit +zitternder Stimme gesprochen und die jetzt wie aus dem Jenseits +herüberzutönen schienen. + +Auch als er geendet, wirkte noch der Eindruck des Mitleids und der Trauer +fort in feierlichem Schweigen. + +Endlich erhob sich der alte Hildebrand und sprach: »Sie hat gefehlt: sie +hat gebüßt. Tochter Theoderichs, das Volk der Goten verzeiht dir deine +Schuld und dankt dir deine Treue.« + +»So mög’ ihr Gott vergeben, Amen!« sprach Cassiodor. »Ich habe niemals die +Fürstin an den Bolsener See geladen: ich konnt’ es nicht: vierzehn Tage +zuvor hatt’ ich all’ meine Güter verkauft an die Königin Gothelindis.« + +»Sie also hat ihre Feindin,« fiel Arahad ein, »seinen Namen mißbrauchend, +in jenes Haus gelockt. Kannst du das leugnen, Graf Witichis?« + +»Nein,« sprach dieser ruhig, »aber,« fuhr er zu Cassiodor gewendet fort, +»hast du auch Beweis, daß die Fürstin daselbst nicht zufälligen Todes +gestorben, daß Gothelindis ihren Tod herbeigeführt?« + +»Tritt vor, Syrus, und sprich!« sagte Cassiodor, »ich bürge für die Treue +dieses Mundes.« Der Sklave trat vor, neigte sich und sprach: »Ich habe +seit zwanzig Jahren die Aufsicht über die Schleusen des Sees und die +Wasserkünste des Bades der Villa im Bolsener See: niemand außer mir kannte +dessen Geheimnisse. Als die Königin Gothelindis das Gut erkauft, wurden +alle Sklaven Cassiodors entfernt und einige Diener der Königin eingesetzt: +ich allein ward belassen. + +Da landete eines frühen Morgens die Fürstin Amalaswintha auf der Insel, +bald darauf die Königin. Diese ließ mich sofort kommen, erklärte, sie +wolle ein Bad nehmen, und befahl mir, ihr die Schlüssel zu allen Schleusen +des Sees und zu allen Röhren des Bades zu übergeben und ihr den ganzen +Plan des Druckwerks zu erklären. Ich gehorchte, gab ihr die Schlüssel und +den auf Pergament gezeichneten Plan, warnte sie aber nachdrücklich, nicht +alle Schleusen des Sees zu öffnen und nicht alle Röhren spielen zu lassen: +das könne das Leben kosten. Sie aber wies mich zürnend ab und ich hörte, +wie sie ihrer Badsklavin befahl die Kessel nicht mit warmem, sondern mit +heißem Wasser zu füllen. + +Ich ging, besorgt um ihre Sicherheit, und hielt mich in der Nähe des +Bades. + +Nach einiger Zeit hörte ich an dem mächtigen Brausen und Rauschen, daß die +Königin dennoch, gegen meinen Rat, die ganze Flut des Sees hereingelassen: +zugleich hörte ich in allen Wänden das dampfende Wasser zischend +aufsteigen und da mir obenein dünkte, als vernehme ich, gedämpft durch die +Marmormauern, ängstlichen Hilfschrei, eilte ich auf den Außengang des +Bades, die Königin zu retten. Aber wie erstaunte ich, als ich an dem mir +wohlbekannten Mittelpunkt der Künste, an dem Medusenhaupt, die Königin, +die ich im Bad, in Todesgefahr wähnte, völlig angekleidet stehen sah. + +Sie drückte an den Federn und wechselte mit jemand, der im Bade um Hilfe +rief, zornige Worte. Entsetzt und dunkel ahnend, was da vorging, schlich +ich, zum Glück noch unbemerkt, hinweg.« + +»Wie, Feigling?« sprach Witichis, »du ahntest, was vorging und schlichst +hinweg?« + +»Ich bin nur ein Sklave, Herr, kein Held: und hätte mich die grimme +Königin bemerkt, ich stünde wohl nicht hier, sie anzuklagen. Gleich darauf +erscholl der Ruf, die Fürstin Amalaswintha sei im Bad ertrunken.« + +Ein Murren und Rufen drang tosend durch das versammelte Volk. + +Frohlockend rief Arahad: »Nun, Graf Witichis, willst du sie noch +beschützen?« – »Nein,« sprach dieser ruhig, das Schwert einsteckend, »ich +schütze keine Mörderin. Mein Amt ist aus.« Und mit diesem Wort trat er von +der linken auf die rechte Seite, zu den Anklägern, hinüber. + +»Ihr, freie Goten, habt das Urteil zu finden und das Recht zu schöpfen,« +sprach Hildebrand, »ich habe nur zu vollziehen, was ihr gefunden. So frag’ +ich euch, ihr Männer des Gerichts, was dünkt euch von dieser Klage, die +Graf Arahad, des Aramuth Sohn, der Wölsung, erhoben gegen Gothelindis, die +Königin? Sagt an: ist sie des Mordes schuldig?« + +»Schuldig! schuldig!« scholl es mit vielen tausend Stimmen und keine sagte +nein. + +»Sie ist schuldig,« sagte der Alte aufstehend. »Sprich, Kläger, welche +Strafe forderst du um diese Schuld?« + +Arahad erhob das Schwert gerade gegen Himmel: »Ich klagte um Mord. Ich +klagte auf Blut. Sie soll des Todes sterben.« + +Und ehe Hildebrand seine Frage an das Volk stellen konnte, war die Menge +von zorniger Bewegung ergriffen, alle Schwerter flogen aus den Scheiden +und blitzten gen Himmel auf und alle Stimmen riefen: »Sie soll des Todes +sterben!« – + +Wie ein furchtbarer Donner rollte das Wort, die Majestät des Volksgerichts +vor sich her tragend, über das weite Gefild, daß bis in weite Ferne die +Lüfte wiederhallten. – + +»Sie stirbt des Todes,« sprach Hildebrand aufstehend, »durch das Beil. +Sajonen auf, und sucht, wo ihr sie findet.« + +»Halt an,« sprach der starke Hildebad vortretend, »schwer wird unser +Spruch erfüllt werden, solang dies Weib unsres Königs Gemahlin. Ich fordre +deshalb, daß die Volksgemeinde auch gleich die Klagen prüfe, die wir gegen +Theodahad auf der Seele haben, der ein Volk von Helden so unheldenhaft +beherrscht. Ich will sie aussprechen, diese Klagen. Merkt wohl, ich zeihe +ihn des Verrates, nicht nur der Unfähigkeit, uns zu retten, uns zu führen. + +Schweigen will ich davon, daß wohl schwerlich ohne sein Wissen seine +Königin ihren Haß an Amalaswintha kühlen konnte, schweigen davon, daß +diese in ihren letzten Worten uns vor Theodahads Verrat gewarnt. Aber ist +es nicht wahr, daß er den ganzen Süden des Reiches von Männern, Waffen, +Rossen, Schiffen entblößt, daß er alle Kraft nach den Alpen geworfen hat, +bis daß die elenden Griechlein ohne Schwertstreich Sicilien gewinnen, +Italien betreten konnten? Mein armer Bruder Totila mit seiner handvoll +Leuten allein steht ihnen entgegen. Statt ihm den Rücken zu decken, sendet +der König auch noch Witichis, Teja, mich nach dem Norden. Mit schwerem +Herzen gehorchten wir: denn wir ahnten, wo Belisar landen werde. Nur +langsam rückten wir vor, jede Stunde den Rückruf erwartend. Umsonst. Schon +lief durch die Landschaften, die wir durchzogen, das dunkle Gerücht, +Sicilien sei verloren und die Welschen, die uns nach Norden ziehen sahen, +machten spöttische Gesichter. So waren wir ein paar Tagemärsche an der +Küste hingezogen. Da traf mich dieser Brief meines Bruders Totila: + +»Hat denn, wie der König, so das ganze Volk der Goten, so mein Bruder mich +aufgegeben und vergessen? Belisar hat Sicilien überrascht. Er ist +gelandet. Alles Volk fällt ihm zu. Unaufhaltsam dringt er gegen Neapolis. +Vier Briefe hab’ ich an König Theodahad um Hilfe geschrieben. Alles +umsonst. Kein Segel erhalten. Neapolis ist in höchster Gefahr. Rettet, +rettet Neapolis und das Reich.«« + +Ein Ruf grimmigen Schmerzes ging durch die Tausende gotischer Männer. + +»Ich wollte,« fuhr Hildebad fort, »augenblicklich mit all’ unsren +Tausendschaften umkehren, aber Graf Witichis, mein Oberfeldherr, litt es +nicht. Nur das setzte ich durch, daß wir die Truppen Halt machen ließen +und mit wenigen Reitern hierher flogen zu warnen, zu retten, zu rächen. +Denn Rache, Rache heisch ich an König Theodahad: nicht nur Thorheit und +Schwäche, Arglist war es, daß er den Süden den Feinden preisgegeben. Hier +dieser Brief beweist es. Viermal hat ihn mein Bruder gemahnt, gebeten. +All’ umsonst. Er gab ihn, er gab das Reich in Feindeshand. Weh’ uns, wenn +Neapolis fällt, schon gefallen ist. Ha, er soll nicht länger herrschen, +nicht leben soll er länger, der das verschuldet hat. Reißt ihm die Krone +der Goten vom Haupt, die er geschändet, nieder mit ihm! Er sterbe!« + +»Nieder mit ihm! Er sterbe!« donnerte das Volk in mächtigem Echo nach. + +Unwiderstehlich schien der Strom ihres Grimmes zu wogen und jeden zu +zerreißen, der ihm widerstehen wollte. Nur Einer blieb ruhig und gelassen +inmitten der stürmenden Menge. Das war Graf Witichis. Er sprang auf einen +der alten Steine unter dem Eichbaum und wartete, bis sich der Lärm etwas +gelegt. Dann erhob er die Stimme und sprach mit jener schlichten Klarheit, +die ihm so wohl anstand: »Landsleute, Volksgenossen! Hört mich an! Ihr +habt Unrecht mit eurem Spruch. Wehe, wenn im Gotenstamm, des Ehre und +Stolz die Gerechtigkeit gewesen seit der Väter Zeit, Haß und Gewalt des +Rechtes Thron besteigen. Theodahad ist ein schwacher, schlechter König! +Nicht länger soll er allein des Reiches Zügel lenken! Gebt ihm einen +Vormund wie einem Unmündigen! Setzt ihn ab meinetwegen. Aber seinen Tod, +sein Blut dürft ihr nicht fordern! Wo ist der Beweis, daß er verraten hat? +Daß Totilas Botschaft an ihn gelangt? Seht ihr, ihr schweigt: hütet euch +vor Ungerechtigkeit, sie stürzt die Reiche der Völker.« + +Und groß und edel stand er auf seinem erhöhten Boden, im vollen Glanz der +Sonne, voll Kraft und edler Würde. + +Bewundernd ruhten die Augen der Tausende auf ihm, der ihnen an Hoheit und +Maß und klarer Ruhe so überlegen schien. Eine feierliche Pause erfolgte. +Und ehe noch Hildebad und das Volk Antwort finden konnte gegen den Mann, +der die lebendige Gerechtigkeit schien, ward die allgemeine Aufmerksamkeit +nach dem dichten Walde gezogen, der im Süden die Aussicht begrenzte und +der auf einmal lebendig zu werden schien. + + + + + Vierzehntes Kapitel. + + +Denn man hörte von dort her den raschen Hufschlag nahender Pferde und das +Klirren von Waffen: alsbald bog eine kleine Schar von Reitern aus dem +Wald: aber weit ihnen allen voraus jagte auf kohlschwarzem Roß ein Mann, +der wie mit dem Sturmwind um die Wette ritt. + +Weit im Winde flatterte seine Helmzier: ein mächtiger schwarzer +Roßschweif, und seine eignen langen, schwarzen Locken: vorwärts gebeugt +trieb er das schaumbespritzte Roß zu rasender Eile und sprang am +Südeingang des Dings sausend vom Sattel. + +Alle wichen links und rechts zurück, die der grimme, tödlichen Haß +sprühende Blick seines Auges aus dem leichenblassen, schönen Antlitz traf. +Wie von Flügeln getragen stürmte er den Hügel hinan, sprang auf einen +Stein neben Witichis, hielt eine Rolle hoch empor, rief wie mit letzter +Kraft: »Verrat, Verrat!« und stürzte dann wie blitzgetroffen nieder. +Entsetzt sprangen Witichis und Hildebad hinzu: sie hatten kaum den Freund +erkannt: »Teja, Teja!« riefen sie, »was ist geschehen? rede!« – »Rede!« +wiederholte Witichis, »es gilt das Reich der Goten!« + +Wie mit übermenschlicher Kraft richtete sich in diesem Wort der stählerne +Mann wieder empor, sah einen Augenblick um sich und sprach dann mit hohler +Stimme: + +»Verraten sind wir. Goten, verraten von unserm König. Ich erhielt Auftrag +vor sechs Tagen, nach Istrien zu ziehen, nicht nach Neapolis, wie ich +gebeten. Ich schöpfe Verdacht, doch ich gehorche und gehe unter Segel mit +meinen Tausendschaften. Ein starker Weststurm bricht herein, verschlägt +zahllose kleine Schiffe von Westen her bis zu uns. Darunter den +»Mercurius«, den raschen Keles, – das leichte Postschiff Theodahads. Ich +kannte das Fahrzeug wohl: es gehörte einst meinem Vater. Wie das unserer +Schiffe ansichtig wird, will es entfliehen. Ich, argwöhnisch, jage ihm +nach und hole es ein. Es trug diesen Brief an Belisar von des Königs Hand: +»Du wirst zufrieden sein mit mir, großer Feldherr. Alle Gotenheere stehen +in dieser Stunde nordöstlich von Rom, ohne Gefahr könntest du landen. Vier +Briefe des Seegrafen von Neapolis habe ich zerstört, seine Boten in den +Turm geworfen. + +Zum Dank erwart’ ich, daß du den Vertrag genau erfüllst, und den Kaufpreis +in Bälde bezahlst.«« Teja ließ den Brief sinken, die Stimme versagte ihm. + +Ein Ächzen und Stöhnen der Wut zog durch die Versammlung. + +»Ich ließ umkehren, sogleich landen, ausschiffen und jage hierher seit +drei Tagen und drei Nächten unausgesetzt. Ich kann nicht mehr.« Und +taumelnd sank er in Witichis’ Arme. + +Da sprang der alte Hildebrand empor auf den höchsten Stein seines Stuhles: +weit überragte er die ganze Menge: er riß dem Träger, der die Lanze mit +des Königs kleiner Marmorbüste auf der Querstange trug, den Schaft aus der +Hand und hielt ihn vor sich in der Linken: in der Rechten hob er sein +Steinbeil: »Verkauft, verraten sein Volk für gelbes Gold? Nieder mit ihm, +nieder, nieder!« Und ein Beilschlag zertrümmerte die Büste. Dieser Akt war +wie der erste Donnerschlag, der ein lange brütendes Gewitter entfesselt. +Nur dem Wüten empörter Elemente war das Stürmen vergleichbar, welches nun +das in seinen Grundtiefen aufgewühlte Volk durchbrauste. »Nieder, nieder, +nieder mit ihm!« hallte es tausendfach wieder unter betäubendem Klirren +der Waffen. + +Und darauf erhob abermals der alte Waffenmeister seine eherne Stimme und +sprach feierlich: »Wisset es, Gott im Himmel und Menschen auf Erden, +sehende Sonne, und wehender Wind, wisset es, das Volk der Goten, frei und +alten Ruhmes voll und zu den Waffen geboren, hat abgethan seinen +ehemaligen König Theodahad, des Theodis Sohn, weil er Volk und Reich an +den Feind verraten. + +Wir sprechen dir ab, Theodahad, die goldne Krone und das Gotenreich, das +Gotenrecht und das Leben. Und solches thun wir nicht nach Unrecht, sondern +nach Recht. Denn frei sind wir gewesen alle Wege unter unsern Königen und +wollten eh’ der Könige missen als der Freiheit. Und so hoch steht kein +König, daß er nicht um Mord, Verrat und Eidbruch zu Recht stehe vor seinem +Volk. + +So sprech’ ich dir ab Krone und Reich, Recht und Leben. Landflüchtig +sollst du sein, echtlos, ehrlos, rechtlos. Soweit Christenleute zur Kirche +gehen und Heidenleute zum Opferstein. Soweit Feuer brennt und Erde grünt. +Soweit Schiff schreitet und Schild scheinet. Soweit Himmel sich höht und +Welt sich weitet. Soweit der Falke fliegt den langen Frühlingstag, wann +ihm der Wind steht unter seinen beiden Flügeln. Versagt soll dir sein +Halle und Haus und guter Leute Gemeinschaft und alle Wohnung, ausgenommen +die Hölle. Dein Erb’ und Eigen teil ich zu dem Gotenvolk. Dein Blut und +Fleisch den Raben in den Lüften. + +Und wer dich findet, in Halle und Hof, in Haus oder Heerstraße, soll dich +erschlagen, ungestraft und soll bedankt sein dazu von Gott und den guten +Goten. Ich frage euch, soll’s so geschehn?« + +»So soll’s geschehn!« antworteten die Tausende und schlugen Schwert an +Schild. + +Kaum war Hildebrand herabgestiegen, als der alte Haduswinth seine Stelle +einnahm, das zottige Bärenfell zurückwarf und sprach: »Des Neidkönigs +wären wir ledig! Er wird seinen Rächer finden. Aber jetzt, treue Männer, +gilt es, einen neuen König wählen. Denn ohne König sind wir nie gewesen. +Soweit unsere Sagen und Sprüche zurückdenken, haben die Ahnen einen auf +den Schild gehoben, das lebende Bild der Macht, des Glanzes, des Glückes +der guten Goten. Solang es Goten giebt, werden sie Könige haben: und +solang sich ein König findet, wird ihr Volk bestehn. Und jetzt vor allem +gilt’s, ein Haupt, einen Führer zu haben. Das Geschlecht der Amelungen ist +glorreich aufgestiegen, wie eine Sonne: lang hat sein hellster Strahl, +Theoderich, geleuchtet: aber schmählich ist’s erloschen in Theodahad. Auf, +Volk der Goten, du bist frei! frei wähle dir den rechten König, der dich +zu Sieg und Ehre führt. Dein Thron ist leer: mein Volk, ich lade dich zur +Königswahl!« + +»Zur Königswahl!« sprach diesmal feierlich und machtvoll der Chor der +Tausende. + +Da trat Witichis auf den Dingstein, hob den Helm vom Haupt und die Rechte +gen Himmel: »Du weißt es, Gott, der in den Sternen geht, uns treibt nicht +frevler Kitzel des Ungehorsams und des Übermuts: uns treibt das heilige +Recht der Not. Wir ehren das Recht des Königtums, den Glanz, der von der +Krone strahlt: geschändet aber ist dieser Glanz und in der höchsten Not +des Reiches üben wir des Volkes höchstes Recht. Herolde sollen ziehen zu +allen Völkern der Erde und laut verkünden: nicht aus Verachtung, aus +Verehrung der Krone haben wir es gethan. + +Wen aber wählen wir? Viel sind der wackern Männer im Volk, von altem +Geschlecht, von tapfrem Arm und klugem Geist. Wohl mehrere sind der Krone +würdig. Wie leicht kann es kommen, daß einer diesen, der andere jenen +vorzieht? Aber um Gott, nur jetzt keinen Zwist, keinen Streit! Jetzt, da +der Feind im Lande liegt! Drum laßt uns schwören vorher feierlich: wer das +Stimmenmehr erhält, sei’s nur um Eine Stimme, den wollen wir alle als +unsern König achten, unweigerlich, und keinen andern. Ich schwöre es: – +schwört mit mir.« + +»Wir schwören!« riefen die Goten. + +Aber der junge Arahad stimmte nicht ein. Ehrgeiz und Liebe loderten in +seinem Herzen: er bedachte, daß sein Haus jetzt, nach dem Fall der Balten +und der Amaler, das edelste war im Volk: er hoffte, Mataswinthens Hand zu +gewinnen, wenn er ihr eine Krone bieten konnte: und kaum war der Schwur +verhallt, als er vortrat und rief: »Wen sollen wir wählen, gotische +Männer? bedenkt euch wohl! Vor allem, das ist klar, einen Mann +jungkräftigen Armes wider den Feind. Aber das allein genügt nicht. Weshalb +haben unsere Ahnen die Amaler erhöht? Weil sie das edelste, das älteste, +Götter entstammte Geschlecht waren. Wohlan, das erste Gestirn ist +erloschen, gedenkt des zweiten, gedenkt der Balten!« + +Von den Balten lebte nur Ein männlicher Sproß, ein noch nicht wehrhafter +Enkel des Herzog Pitza – denn Alarich, der Bruder der Herzoge Thulun und +Ibba, war seit langen Jahren geächtet und verschollen. – Arahad rechnete +sicher, man werde jenen Baltenknaben nicht wählen und vielmehr des dritten +Gestirns gedenken. Aber er irrte. Der alte Haduswinth trat zornig vor und +schrie: + +»Was Adel! was Geschlecht! sind wir Adelsknechte oder freie Männer? Beim +Donner! werden wir Ahnen zählen, wenn Belisar im Lande steht? Ich will dir +sagen, Knabe, was ein König braucht. + +Einen tapferen Arm, das ist wahr, aber nicht das allein. Der König soll +ein Hort des Rechts, ein Schirm des Friedens sein, nicht nur der +Vorkämpfer im Schwertkampf. Der König soll haben einen immer ruhigen, +immer klaren Sinn, wie der blaue Himmel ist, und wie die lichten Sterne +sollen darin auf- und niedergehen gerechte Gedanken. Der König soll haben +eine stete Kraft, aber noch mehr ein stetes Maß: er soll nie sich selbst +verlieren und vergessen in Haß und Liebe, wie wir wohl dürfen, wir unten +im Volk. Er soll nicht nur mild sein den Freunden, er soll gerecht sein +dem Verhaßtesten, selbst dem Feind. In dessen Brust ein klarer Friede +wohnt bei kühnem Mut und edles Maß bei treuer Kraft, – der Mann, Arahad, +ist königlich geartet und hätt’ ihn der letzte Bauer gezeugt.« + +Lauter Beifall folgte dem Wort des Alten und beschämt trat Arahad zurück. +Aber jener fuhr fort: »Gute Goten! ich meine, wir haben einen solchen +Mann! Ich will ihn euch nicht nennen: nennt ihr ihn mir. + +Ich kam hierher aus fernem Hochgebirg aus unsrer Mark gegen die +Karanthanen, wo der wilde Turbidus schäumend die Felsen zerstäubt. Da leb’ +ich mehr, als sonst ein Menschenalter ist, stolz, frei, einsam. Wenig +erfahr’ ich von der Menschen Händeln, selbst von des eignen Volkes Thaten, +wenn nicht ein Salzroß halbverirrt des Weges kommt. Und doch drang mir bis +in jene öde Höhe der Waffenruhm Eines vor allen unsern Helden, der nie das +Schwert zu ungerechtem Streit erhob und es noch niemals sieglos +eingesteckt. Seinen Namen hört’ ich immer wieder, wenn ich fragte: Wer +wird uns schirmen, wenn Theoderich schied? Seinen Namen hört’ ich bei +jedem Sieg, den wir erfochten, bei jedem weisen Werke des Friedens, das +geschehn. Ich hatt’ ihn nie gesehen. Ich sehnte mich danach, ihn zu sehen. +Heute hab’ ich ihn gesehen und gehört. Ich habe sein Aug’ gesehen, das +klar und milde wie die Sonne. Ich hab’ sein Wort gehört; ich hab’ gehört, +wie er dem Feind selbst, dem verhaßten, zu Recht und zu Gerechtigkeit +verhalf. Ich hab’ gehört, wie er allein, da uns alle der blinde Haß +fortriß mit dunkler Schwinge, klar blieb und ruhig und gerecht. Da dacht’ +ich mir in meinem alten Herzen: »der Mann ist königlich geartet, stark im +Kampf und gerecht im Frieden, hart wie Stahl und klar wie Gold.« Goten: +der Mann soll unser König sein. Nennt mir den Mann!« + +»Graf Witichis, ja Witichis, heil König Witichis!« + +Während dieser brausende Jubelruf durch das Gefilde hallte, hatte ein +erschütternder Schreck den bescheidnen Mann ergriffen, der gespannt der +Rede des Alten gefolgt war und erst ganz zu Ende von der Ahnung ergriffen +ward, daß er der so Gepriesne sei. + +Als er nun aber seinen Namen in diesem tausendstimmigen Jauchzen +erschallen hörte, überkam ihn vor allen andern Gedanken das Gefühl: »Nein, +das kann, das soll nicht sein.« + +Er riß sich von Teja und Hildebad, die freudig seine Hände drückten, los, +und sprang hervor, das Haupt schüttelnd und, wie abwehrend, den Arm +ausstreckend. »Nein!« rief er, »nein, Freunde! nicht das mir! Ich bin ein +schlichter Kriegsmann, nicht ein König. Ich bin vielleicht ein gutes +Werkzeug, kein Werkmeister! Wählt einen andern, einen Würdigern!« + +Und wie bittend streckt er beide Hände gegen das Volk. + +Aber der donnernde Ruf: »Heil König Witichis!« ward ihm statt aller +Antwort. Und nun trat der alte Hildebrand vor, faßte seine Hand und sprach +laut: »Laß ab, Witichis! wer war es, der zuerst geschworen, unweigerlich +den König anzuerkennen, der auch nur eine Stimme mehr hätte? Siehe, du +hast alle Stimmen und willst dich wehren?« + +Aber Witichis schüttelte das Haupt und preßte die Hand vor die Stirn. Da +trat der Alte ganz nah zu ihm und flüsterte in sein Ohr: »Wie? muß ich +dich stärker mahnen? Muß ich dich mahnen jenes nächtigen Eides und Bundes, +da du gelobtest: »Alles zu meines Volkes Heil.« Ich weiß, – ich kenne +deine klare Seele, –: dir ist die Krone mehr eine Last als eine Zierde: +ich ahne, daß dir diese Krone große, bittre Schmerzen bringen wird. +Vielleicht mehr als Freuden: deshalb fordre ich, daß du sie auf dich +nimmst.« + +Witichis schwieg und drückte noch die andre Hand vor die Augen. Schon viel +zu lang währte dem begeisterten Volk das Zwischenspiel. Schon rüsteten sie +den breiten Schild, ihn darauf zu erheben, schon drängten sie den Hügel +hinan, seine Hand zu fassen: und fast ungeduldig scholl aufs neue der Ruf: +»Heil König Witichis.« + +»Ich fordre es bei deinem Bluteid! – willst du ihn halten oder brechen?« +flüsterte Hildebrand. »Halten!« sprach Witichis und richtete sich +entschlossen auf. + +Und nun trat er, ohne falsche Scham und ohne Eitelkeit, einen Schritt vor +und sprach: »Du hast gewählt, mein Volk, wohlan, so nimm mich hin. Ich +will dein König sein!« + +Da blitzten alle Schwerter in die Luft und lauter scholl’s: »Heil König +Witichis.« + +Jetzt stieg der alte Hildebrand ganz herab von seinem Dingstuhl und +sprach: »Ich weiche nun von diesem hohen Stuhl. Denn unserm König ziemt +jetzt diese Stätte. Nur einmal noch laß mich des Grafenamtes warten. + +Und kann ich dir nicht den Purpur umhängen, den die Amaler getragen und +ihr goldenes Scepter reichen, – nimm meinen Richtermantel und den +Richterstab als Scepter, zum Zeichen, daß du unser König wardst um deiner +Gerechtigkeit willen. Ich kann sie nicht auf deine Stirne drücken, die +alte Gotenkrone, Theoderichs goldnen Reif. So laß dich krönen mit dem +frischen Laub der Eiche, der du an Kraft und Treue gleichst.« + +Mit diesen Worten brach er ein zartes Gewinde von der Eiche und schlang es +um Witichis’ Haupt: »Auf, gotische Heerschar, nun warte deines +Schildamts.« + +Da ergriffen Haduswinth, Teja und Hildebad einen der altertümlichen +breiten Dingschilde der Sajonen, hoben den König, der nun mit Kranz, Stab +und Mantel geschmückt war, darauf, und zeigten ihn auf ihren hohen +Schultern allem Volk: »Sehet, Goten, den König, den ihr selbst gewählt: so +schwört ihm Treue.« + +Und sie schworen ihm, aufrecht stehend, nicht knieend, die Hände hoch gen +Himmel hebend, nun die Waffentreue bis in den Tod. + +Da sprang Witichis von dem Schild, bestieg den Dingstuhl und rief: »Wie +ihr mir Treue, so schwör’ ich euch Huld. Ich will ein milder und gerechter +König sein: des Rechtes walten und dem Unrecht wehren: gedenken will ich, +daß ihr frei seid, gleich mir, nicht meine Knechte: und mein Leben, mein +Glück, mein alles, euch will ich’s weihen, dem Volk der guten Goten. Das +schwöre ich euch bei dem Himmelsgott und bei meiner Treue.« + +Und den Dingschild vom Baume hebend rief er: »Das Ding ist aus. Ich löse +die Versammlung.« + +Die Sajonen schlugen sofort die Haselstäbe mit den Schnüren nieder und +bunt und ordnungslos wogte nun die Menge durcheinander. Auch die Römer, +die sich neugierig, aber scheu, aus der Ferne dieses Walten einer +Volksfreiheit mit angesehen, wie sie Italien seit mehr als fünfhundert +Jahren nicht gekannt, durften sich nun unter die gotischen Männer mischen, +denen sie Wein und Speisen verkauften. + +Witichis schickte sich an, mit den Freunden und den Führern des Heeres +nach einem der Zelte sich zu begeben, die am Ufer des Flusses +aufgeschlagen waren. + +Da drängte sich ein römisch gekleideter Mann, wie es schien, ein +wohlhabender Bürger, an sein Geleit und forschte eifrig nach Graf Teja, +des Tagila Sohn. + +»Der bin ich: was willst du mir, Römer?« sprach dieser sich wendend. – +»Nichts, Herr, als diese Vase überreichen: seht nach: das Siegel, der +Skorpion, ist unversehrt.« – »Was soll mir die Vase? ich kaufe nichts +dergleichen.« – »Die Vase ist euer, Herr. Sie ist voller Urkunden und +Rollen, die euch zugehören. Und mir ist es vom Gastfreund aufgetragen, sie +euch zu geben. Ich bitt’ euch, nehmt.« + +Und damit drängte er ihm die Vase in die Hand und war im Gedränge +verschwunden. Gleichgültig löste Teja das Siegel und nahm die Urkunden +heraus, gleichgültig sah er hinein. Aber plötzlich schoß ein brennend Rot +über seine bleichen Wangen, sein Auge sprühte Blitze und er biß krampfhaft +in die Lippe. Die Vase entfiel ihm, er aber drängte sich in Fieberhast vor +Witichis und sprach mit fast tonloser Stimme: »Mein König! – König +Witichis – eine Gnade!« + +»Was ist dir, Teja? um Gott? Was willst du?« + +»Urlaub! Urlaub auf sechs – auf drei Tage! Ich muß fort.« – »Fort, wohin?« +– »Zur Rache! Hier lies: – der Teufel, der meine Eltern verklagte, in +Verzweiflung, Tod und Wahnsinn trieb, – er ist es – den ich längst geahnt: +hier ist sein Anzeigebrief an den Bischof von Florentia, mit seiner eignen +Hand – es ist Theodahad! –« + +»Er ist’s, es ist Theodahad,« sagte Witichis, vom Briefe aufsehend. »Geh +denn! Aber, zweifle nicht: du triffst ihn nicht mehr in Rom: er ist gewiß +längst entflohn. Er hat starken Vorsprung. Du wirst ihn nicht einholen.« + +»Ich hole ihn ein, ob er auf den Flügeln des Sturmadlers säße.« + +»Du wirst ihn nicht finden.« + +»Ich finde ihn und müßte ich ihn aus dem tiefsten Pfuhl der Hölle oder im +Schoße des Himmelsgottes suchen.« + +»Er wird mit starker Bedeckung geflüchtet sein,« warnte der König. + +»Aus tausend Teufeln hol’ ich ihn heraus. Hildebad, dein Pferd! Leb’ wohl, +König der Goten. Ich vollstrecke die Acht.« + + + + + + + BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT + + +Das Inhaltsverzeichnis wurde für die elektronische Fassung hinzugefügt. + +Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr +römische Zahlen (in der elektronischen Fassung ohne Hervorhebung +wiedergegeben) und einzelne Wörter aus fremden Sprachen, hier durch +Unterstrich (_) gekennzeichnet, ebenso wie gesperrt gesetzte Passagen. + +Korrektur von offensichtlichen Druckfehlern: + + Seite 13: Anführungszeichen ergänzt vor »Kämpfen«, Punkt hinter + »Sieg« + Seite 17: Komma ergänzt hinter »machen« + Seite 28: »Märiä« geändert in »Maria« + Seite 46: »Cethejus« geändert in »Cethegus« + Seite 67: »Gothen« geändert in »Goten« + Seite 88: Komma ergänzt hinter »Sippen« + Seite 107: »widerholte« geändert in »wiederholte« + Seite 114: zweites Anführungszeichen ergänzt hinter »Volkes!« + Seite 132: Anführungszeichen ergänzt hinter »Leben.« + Seite 140: Anführungszeichen ergänzt hinter »Himmel!«, »Camilla« + geändert in »Kamilla« + Seite 156: »Chetegus« geändert in »Cethegus« + Seite 157: Anführungszeichen ergänzt vor »Wer« + Seite 158: Komma ergänzt hinter »getrunken«, »vergießt« geändert in + »vergißt« + Seite 166: Anführungszeichen ergänzt vor »’s ist« + Seite 168: Komma entfernt hinter »Trieren« + Seite 169: »Balthen« geändert in »Balten« (ebenso Seite 172) + Seite 174: Anführungszeichen ergänzt hinter »Bestie,«, vor + »vorwärts,« + Seite 176: »hönisch« geändert in »höhnisch« + Seite 181: Anführungszeichen ergänzt hinter »müssen.« + Seite 184: Punkt ergänzt hinter »Hände« + Seite 187: »Culpurnius« geändert in »Calpurnius« + Seite 203: »Eupheu« geändert in »Epheu« + Seite 208: Anführungszeichen ergänzt hinter »wette.« + Seite 210: Anführungszeichen entfernt vor »Zwei« + Seite 215: zweites Anführungszeichen ergänzt hinter »steht.« + Seite 216: »Pupurvorhang« geändert in »Purpurvorhang« + Seite 226: Anführungszeichen entfernt hinter «an.« und vor »Soeben« + Seite 241: Anführungszeichen entfernt vor »Laß« + Seite 247: Anführungszeichen ergänzt hinter »zuzulassen.« + Seite 248: Komma ergänzt hinter »fort« + Seite 249: Anführungszeichen ergänzt hinter »Petros,« und vor + »Diese« + Seite 255: Komma ergänzt hinter »Antonina«, Anführungszeichen um + »und« + Seite 271: zweites Anführungszeichen ergänzt hinter »vernichtet!«, + »Mormorsäule« geändert in »Marmorsäule« + Seite 278: »widerholte« geändert in »wiederholte« + Seite 296: Punkt geändert in Komma hinter »sich« + Seite 297: Anführungszeichen entfernt vor »ich« + Seite 299: »ist s« geändert in »ist’s« + Seite 301: »Stenge« geändert in »Strenge« + Seite 302: Anführungszeichen ergänzt hinter »ich –« + Seite 303: Anführungszeichen ergänzt hinter »Rede,« und vor + »gesteh’« + Seite 331: Anführungszeichen entfernt hinter »Königin!« + Seite 332: »Festmale« geändert in »Festmahle« + Seite 335: Anführungszeichen ergänzt hinter »unbedingt?« + Seite 337: »Teodahad« geändert in »Theodahad« + Seite 351: Komma ergänzt hinter »Badetücher« + Seite 354: Punkt ergänzt hinter »Menschen« + Seite 355: Punkt ergänzt hinter »gemacht« und »Kälte« + Seite 376: zweites Anführungszeichen ergänzt hinter »Totila.« + Seite 404: »widerholte« geändert in »wiederholte« + Seite 410: »gegedachte« geändert in »gedachte« + Seite 425: zweites Anführungszeichen ergänzt hinter »gefehlt.« + Seite 427: Anführungszeichen entfernt hinter »anzuklagen.« + Seite 429: Punkt ergänzt hinter »erhalten«, zweites + Anführungszeichen ergänzt hinter »Reich.«, Komma ergänzt hinter + »Witichis« und hinter »durch« + Seite 432: zweites Anführungszeichen ergänzt hinter »bezahlst.« + Seite 435: Komma ergänzt hinter »edelste« + Seite 438: Punkt ergänzt hinter »ausstreckend«, Anführungszeichen + entfernt hinter »mir!« + Seite 440: Punkt ergänzt hinter »Huld« + +Nicht verändert wurde die uneinheitliche Groß- oder Kleinschreibung von +einigen Zahlwörtern, Pronomina und Adjektiven sowie Schreibvarianten, +insbesondere durch Rechtschreibreformen entstandene. + + + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN KAMPF UM ROM. ERSTER BAND*** + + + + CREDITS + + +February 16, 2010 + + Project Gutenberg TEI edition 1 + Produced by Norbert H. Langkau, Juliet Sutherland, Stefan + Cramme, and the Online Distributed Proofreading Team at + http://www.pgdp.net + + + + A WORD FROM PROJECT GUTENBERG + + +This file should be named 31294‐0.txt or 31294‐0.zip. + +This and all associated files of various formats will be found in: + + + http://www.gutenberg.org/dirs/3/1/2/9/31294/ + + +Updated editions will replace the previous one — the old editions will be +renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no one +owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and +you!) can copy and distribute it in the United States without permission +and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the +General Terms of Use part of this license, apply to copying and +distributing Project Gutenberg™ electronic works to protect the Project +Gutenberg™ concept and trademark. Project Gutenberg is a registered +trademark, and may not be used if you charge for the eBooks, unless you +receive specific permission. If you do not charge anything for copies of +this eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook +for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports, +performances and research. They may be modified and printed and given away +— you may do practically _anything_ with public domain eBooks. +Redistribution is subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + + THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE + + +_Please read this before you distribute or use this work._ + +To protect the Project Gutenberg™ mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work (or +any other work associated in any way with the phrase „Project Gutenberg“), +you agree to comply with all the terms of the Full Project Gutenberg™ +License (available with this file or online at +http://www.gutenberg.org/license). + + + Section 1. + + +General Terms of Use & Redistributing Project Gutenberg™ electronic works + + + 1.A. + + +By reading or using any part of this Project Gutenberg™ electronic work, +you indicate that you have read, understand, agree to and accept all the +terms of this license and intellectual property (trademark/copyright) +agreement. If you do not agree to abide by all the terms of this +agreement, you must cease using and return or destroy all copies of +Project Gutenberg™ electronic works in your possession. If you paid a fee +for obtaining a copy of or access to a Project Gutenberg™ electronic work +and you do not agree to be bound by the terms of this agreement, you may +obtain a refund from the person or entity to whom you paid the fee as set +forth in paragraph 1.E.8. + + + 1.B. + + +„Project Gutenberg“ is a registered trademark. It may only be used on or +associated in any way with an electronic work by people who agree to be +bound by the terms of this agreement. There are a few things that you can +do with most Project Gutenberg™ electronic works even without complying +with the full terms of this agreement. See paragraph 1.C below. There are +a lot of things you can do with Project Gutenberg™ electronic works if you +follow the terms of this agreement and help preserve free future access to +Project Gutenberg™ electronic works. See paragraph 1.E below. + + + 1.C. + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation („the Foundation“ or +PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg™ electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an individual +work is in the public domain in the United States and you are located in +the United States, we do not claim a right to prevent you from copying, +distributing, performing, displaying or creating derivative works based on +the work as long as all references to Project Gutenberg are removed. Of +course, we hope that you will support the Project Gutenberg™ mission of +promoting free access to electronic works by freely sharing Project +Gutenberg™ works in compliance with the terms of this agreement for +keeping the Project Gutenberg™ name associated with the work. You can +easily comply with the terms of this agreement by keeping this work in the +same format with its attached full Project Gutenberg™ License when you +share it without charge with others. + + + 1.D. + + +The copyright laws of the place where you are located also govern what you +can do with this work. Copyright laws in most countries are in a constant +state of change. If you are outside the United States, check the laws of +your country in addition to the terms of this agreement before +downloading, copying, displaying, performing, distributing or creating +derivative works based on this work or any other Project Gutenberg™ work. +The Foundation makes no representations concerning the copyright status of +any work in any country outside the United States. + + + 1.E. + + +Unless you have removed all references to Project Gutenberg: + + + 1.E.1. + + +The following sentence, with active links to, or other immediate access +to, the full Project Gutenberg™ License must appear prominently whenever +any copy of a Project Gutenberg™ work (any work on which the phrase +„Project Gutenberg“ appears, or with which the phrase „Project Gutenberg“ +is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, copied or +distributed: + + + This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with + almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away + or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License + included with this eBook or online at http://www.gutenberg.org + + + 1.E.2. + + +If an individual Project Gutenberg™ electronic work is derived from the +public domain (does not contain a notice indicating that it is posted with +permission of the copyright holder), the work can be copied and +distributed to anyone in the United States without paying any fees or +charges. If you are redistributing or providing access to a work with the +phrase „Project Gutenberg“ associated with or appearing on the work, you +must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 +or obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg™ +trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9. + + + 1.E.3. + + +If an individual Project Gutenberg™ electronic work is posted with the +permission of the copyright holder, your use and distribution must comply +with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional terms imposed +by the copyright holder. Additional terms will be linked to the Project +Gutenberg™ License for all works posted with the permission of the +copyright holder found at the beginning of this work. + + + 1.E.4. + + +Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg™ License +terms from this work, or any files containing a part of this work or any +other work associated with Project Gutenberg™. + + + 1.E.5. + + +Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this electronic +work, or any part of this electronic work, without prominently displaying +the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with active links or immediate +access to the full terms of the Project Gutenberg™ License. + + + 1.E.6. + + +You may convert to and distribute this work in any binary, compressed, +marked up, nonproprietary or proprietary form, including any word +processing or hypertext form. However, if you provide access to or +distribute copies of a Project Gutenberg™ work in a format other than +„Plain Vanilla ASCII“ or other format used in the official version posted +on the official Project Gutenberg™ web site (http://www.gutenberg.org), +you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a +copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon +request, of the work in its original „Plain Vanilla ASCII“ or other form. +Any alternate format must include the full Project Gutenberg™ License as +specified in paragraph 1.E.1. + + + 1.E.7. + + +Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, performing, +copying or distributing any Project Gutenberg™ works unless you comply +with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + + + 1.E.8. + + +You may charge a reasonable fee for copies of or providing access to or +distributing Project Gutenberg™ electronic works provided that + + - You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg™ works calculated using the method you + already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed to + the owner of the Project Gutenberg™ trademark, but he has agreed to + donate royalties under this paragraph to the Project Gutenberg + Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid within 60 + days following each date on which you prepare (or are legally + required to prepare) your periodic tax returns. Royalty payments + should be clearly marked as such and sent to the Project Gutenberg + Literary Archive Foundation at the address specified in Section 4, + „Information about donations to the Project Gutenberg Literary + Archive Foundation.“ + + - You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg™ License. + You must require such a user to return or destroy all copies of the + works possessed in a physical medium and discontinue all use of and + all access to other copies of Project Gutenberg™ works. + + - You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of + any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days of + receipt of the work. + + - You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg™ works. + + + 1.E.9. + + +If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg™ electronic +work or group of works on different terms than are set forth in this +agreement, you must obtain permission in writing from both the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael Hart, the owner of the +Project Gutenberg™ trademark. Contact the Foundation as set forth in +Section 3 below. + + + 1.F. + + + 1.F.1. + + +Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable effort to +identify, do copyright research on, transcribe and proofread public domain +works in creating the Project Gutenberg™ collection. Despite these +efforts, Project Gutenberg™ electronic works, and the medium on which they +may be stored, may contain „Defects,“ such as, but not limited to, +incomplete, inaccurate or corrupt data, transcription errors, a copyright +or other intellectual property infringement, a defective or damaged disk +or other medium, a computer virus, or computer codes that damage or cannot +be read by your equipment. + + + 1.F.2. + + +LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES — Except for the „Right of +Replacement or Refund“ described in paragraph 1.F.3, the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation, the owner of the Project Gutenberg™ +trademark, and any other party distributing a Project Gutenberg™ +electronic work under this agreement, disclaim all liability to you for +damages, costs and expenses, including legal fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE +NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH +OF CONTRACT EXCEPT THOSE PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE +FOUNDATION, THE TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT +WILL NOT BE LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, +PUNITIVE OR INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY +OF SUCH DAMAGE. + + + 1.F.3. + + +LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND — If you discover a defect in this +electronic work within 90 days of receiving it, you can receive a refund +of the money (if any) you paid for it by sending a written explanation to +the person you received the work from. If you received the work on a +physical medium, you must return the medium with your written explanation. +The person or entity that provided you with the defective work may elect +to provide a replacement copy in lieu of a refund. If you received the +work electronically, the person or entity providing it to you may choose +to give you a second opportunity to receive the work electronically in +lieu of a refund. If the second copy is also defective, you may demand a +refund in writing without further opportunities to fix the problem. + + + 1.F.4. + + +Except for the limited right of replacement or refund set forth in +paragraph 1.F.3, this work is provided to you ’AS-IS,’ WITH NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO +WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. + + + 1.F.5. + + +Some states do not allow disclaimers of certain implied warranties or the +exclusion or limitation of certain types of damages. If any disclaimer or +limitation set forth in this agreement violates the law of the state +applicable to this agreement, the agreement shall be interpreted to make +the maximum disclaimer or limitation permitted by the applicable state +law. The invalidity or unenforceability of any provision of this agreement +shall not void the remaining provisions. + + + 1.F.6. + + +INDEMNITY — You agree to indemnify and hold the Foundation, the trademark +owner, any agent or employee of the Foundation, anyone providing copies of +Project Gutenberg™ electronic works in accordance with this agreement, and +any volunteers associated with the production, promotion and distribution +of Project Gutenberg™ electronic works, harmless from all liability, costs +and expenses, including legal fees, that arise directly or indirectly from +any of the following which you do or cause to occur: (a) distribution of +this or any Project Gutenberg™ work, (b) alteration, modification, or +additions or deletions to any Project Gutenberg™ work, and (c) any Defect +you cause. + + + Section 2. + + + Information about the Mission of Project Gutenberg™ + + +Project Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of electronic +works in formats readable by the widest variety of computers including +obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the +efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks +of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance +they need, is critical to reaching Project Gutenberg™’s goals and ensuring +that the Project Gutenberg™ collection will remain freely available for +generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation was created to provide a secure and permanent future for +Project Gutenberg™ and future generations. To learn more about the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations +can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at +http://www.pglaf.org. + + + Section 3. + + + Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of +Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service. +The Foundation’s EIN or federal tax identification number is 64-6221541. +Its 501(c)(3) letter is posted at +http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full +extent permitted by U.S. federal laws and your state’s laws. + +The Foundation’s principal office is located at 4557 Melan Dr. +S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North +1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information +can be found at the Foundation’s web site and official page at +http://www.pglaf.org + +For additional contact information: + + + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + + Section 4. + + + Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive + Foundation + + +Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without wide spread +public support and donations to carry out its mission of increasing the +number of public domain and licensed works that can be freely distributed +in machine readable form accessible by the widest array of equipment +including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are +particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United States. +Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable +effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these +requirements. We do not solicit donations in locations where we have not +received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or +determine the status of compliance for any particular state visit +http://www.gutenberg.org/fundraising/donate + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we have +not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against +accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us +with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make any +statements concerning tax treatment of donations received from outside the +United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods +and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including +checks, online payments and credit card donations. To donate, please +visit: http://www.gutenberg.org/fundraising/donate + + + Section 5. + + + General Information About Project Gutenberg™ electronic works. + + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg™ +concept of a library of electronic works that could be freely shared with +anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg™ +eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg™ eBooks are often created from several printed editions, +all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright +notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance +with any particular paper edition. + +Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook’s eBook +number, often in several formats including plain vanilla ASCII, compressed +(zipped), HTML and others. + +Corrected _editions_ of our eBooks replace the old file and take over the +old filename and etext number. The replaced older file is renamed. +_Versions_ based on separate sources are treated as new eBooks receiving +new filenames and etext numbers. + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + + http://www.gutenberg.org + + +This Web site includes information about Project Gutenberg™, including how +to make donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, +how to help produce our new eBooks, and how to subscribe to our email +newsletter to hear about new eBooks. + + + + + + +***FINIS*** +
\ No newline at end of file |
