summaryrefslogtreecommitdiff
path: root/31294-0.txt
diff options
context:
space:
mode:
Diffstat (limited to '31294-0.txt')
-rw-r--r--31294-0.txt14297
1 files changed, 14297 insertions, 0 deletions
diff --git a/31294-0.txt b/31294-0.txt
new file mode 100644
index 0000000..a1dfed6
--- /dev/null
+++ b/31294-0.txt
@@ -0,0 +1,14297 @@
+The Project Gutenberg EBook of Ein Kampf um Rom. Erster Band by Felix Dahn
+
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no
+restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under
+the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or
+online at http://www.gutenberg.org/license
+
+
+
+Title: Ein Kampf um Rom. Erster Band
+
+Author: Felix Dahn
+
+Release Date: February 16, 2010 [Ebook #31294]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF‐8
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN KAMPF UM ROM. ERSTER BAND***
+
+
+
+
+
+ Ein Kampf um Rom.
+
+ Historischer Roman
+
+ von
+
+ Felix Dahn.
+
+
+
+ _Motto:_
+ »Wenn etwas ist, gewalt’ger als das Schicksal
+ So ist’s der Mut, der’s unerschüttert trägt«
+ _Geibel._
+
+
+
+Erster Band.
+
+48. Auflage.
+
+Leipzig,
+Druck und Verlag von Breitkopf und Härtel.
+1906.
+
+
+
+
+
+ Alle Rechte,
+ insbesondere auch das der Übersetzung, vorbehalten.
+
+
+
+
+
+ Meinem
+
+ lieben Freund und Kollegen
+
+ Ludwig Friedländer
+
+ zu eigen.
+
+
+
+
+
+ INHALT
+
+
+Vorwort.
+Erstes Buch. Theoderich.
+ Erstes Kapitel.
+ Zweites Kapitel.
+ Drittes Kapitel.
+ Viertes Kapitel.
+ Fünftes Kapitel.
+ Sechstes Kapitel.
+ Siebentes Kapitel.
+Zweites Buch. Athalarich.
+ Erstes Kapitel.
+ Zweites Kapitel.
+ Drittes Kapitel.
+ Viertes Kapitel.
+ Fünftes Kapitel.
+ Sechstes Kapitel.
+ Siebentes Kapitel.
+ Achtes Kapitel.
+ Neuntes Kapitel.
+ Zehntes Kapitel.
+ Elftes Kapitel.
+Drittes Buch. Amalaswintha.
+ Erstes Kapitel.
+ Zweites Kapitel.
+ Drittes Kapitel.
+ Viertes Kapitel.
+ Fünftes Kapitel.
+ Sechstes Kapitel.
+ Siebentes Kapitel.
+ Achtes Kapitel.
+ Neuntes Kapitel.
+ Zehntes Kapitel.
+ Elftes Kapitel.
+ Zwölftes Kapitel.
+ Dreizehntes Kapitel.
+ Vierzehntes Kapitel.
+ Fünfzehntes Kapitel.
+ Sechzehntes Kapitel.
+ Siebzehntes Kapitel.
+ Achtzehntes Kapitel.
+ Neunzehntes Kapitel.
+ Zwanzigstes Kapitel.
+ Einundzwanzigstes Kapitel.
+ Zweiundzwanzigstes Kapitel.
+ Dreiundzwanzigstes Kapitel.
+ Vierundzwanzigstes Kapitel.
+ Fünfundzwanzigstes Kapitel.
+Viertes Buch. Theodahad.
+ Erstes Kapitel.
+ Zweites Kapitel.
+ Drittes Kapitel.
+ Viertes Kapitel.
+ Fünftes Kapitel.
+ Sechstes Kapitel.
+ Siebentes Kapitel.
+ Achtes Kapitel.
+ Neuntes Kapitel.
+ Zehntes Kapitel.
+ Elftes Kapitel.
+ Zwölftes Kapitel.
+ Dreizehntes Kapitel.
+ Vierzehntes Kapitel.
+Bemerkungen zur Textgestalt
+
+
+
+
+
+ VORWORT.
+
+
+Die wissenschaftlichen Grundlagen dieser in Gestalt eines Romans
+gekleideten Bilder aus dem sechsten Jahrhundert enthalten meine in
+folgenden Werken niedergelegten Forschungen:
+
+Die Könige der Germanen. II. III. IV. Band. München und Würzburg
+1862–1866.
+
+Prokopius von Cäsarea. Ein Beitrag zur Historiographie der Völkerwanderung
+und des sinkenden Römertums. Berlin 1865.
+
+Aus diesen Darstellungen mag der Leser die Ergänzungen und Veränderungen,
+die der Roman an der Wirklichkeit vorgenommen, erkennen.
+
+Das Werk ist 1859 in München begonnen, in Italien, zumal Ravenna,
+weitergeführt, und 1876 in Königsberg abgeschlossen worden.
+
+_Königsberg_, Januar 1876.
+ *Felix Dahn.*
+
+
+
+
+
+
+ Erstes Buch.
+
+
+ THEODERICH.
+
+
+ »_Dietericus de Berne, de quo_
+ _cantant rustici usque hodie._«
+
+
+
+
+ Erstes Kapitel.
+
+
+Es war eine schwüle Sommernacht des Jahres fünfhundertsechsundzwanzig nach
+Christus.
+
+Schwer lagerte dichtes Gewölk über der dunkeln Fläche der Adria, deren
+Küsten und Gewässer zusammenflossen in unterscheidungslosem Dunkel: nur
+ferne Blitze warfen hier und da ein zuckendes Licht über das schweigende
+Ravenna. In ungleichen Pausen fegte der Wind durch die Steineichen und
+Pinien auf dem Höhenzug, welcher sich eine gute Strecke westlich von der
+Stadt erhebt, einst gekrönt von einem Tempel des Neptun, der, schon damals
+halb zerfallen, heute bis auf dürftige Spuren verschwunden ist.
+
+Es war still auf dieser Waldhöhe: nur ein vom Sturm losgerissenes
+Felsstück polterte manchmal die steinigen Hänge hinunter, und schlug
+zuletzt platschend in das sumpfige Wasser der Kanäle und Gräben, die den
+ganzen Kreis der Seefestung umgürteten.
+
+Oder in dem alten Tempel löste sich eine verwitterte Platte von dem
+getäfelten Dach der Decke und fiel zerspringend auf die Marmorstufen, –
+Vorboten von dem drohenden Einsturz des ganzen Gebäudes.
+
+Aber dies unheimliche Geräusch schien nicht beachtet zu werden von einem
+Mann, der unbeweglich auf der zweithöchsten Stufe der Tempeltreppe saß,
+den Rücken an die höchste Stufe gelehnt, und schweigend und unverwandt in
+Einer Richtung über die Höhe hinab nach der Stadt zu blickte.
+
+Lange saß er so: regungslos, aber sehnsüchtig wartend: er achtete es
+nicht, daß ihm der Wind die schweren Regentropfen, die einzeln zu fallen
+begannen, ins Gesicht schlug, und ungestüm in dem mächtigen, bis an den
+ehernen Gurt wallenden Bart wühlte, der fast die ganze breite Brust des
+alten Mannes mit glänzendem Silberweiß bedeckte.
+
+Endlich stand er auf und schritt einige der Marmorstufen nieder: »Sie
+kommen,« sagte er.
+
+Es wurde das Licht einer Fackel sichtbar, die sich rasch von der Stadt her
+dem Tempel näherte: man hörte schnelle, kräftige Schritte und bald danach
+stiegen drei Männer die Stufen der Treppe herauf.
+
+»Heil, Meister Hildebrand, Hildungs Sohn!« rief der voranschreitende
+Fackelträger, der jüngste von ihnen, in gotischer Sprache mit auffallend
+melodischer Stimme, als er die lückenhafte Säulenreihe des Pronaos, der
+Vorhalle, erreicht.
+
+Er hob das Windlicht hoch empor – schöne, korinthische Erzarbeit am Stiel,
+durchsichtiges Elfenbein bildete den vierseitigen Schirm, und den
+gewölbten durchbrochnen Deckel – und steckte es in den Erzring, der die
+geborstne Mittelsäule zusammenhielt.
+
+Das weiße Licht fiel auf ein apollinisch schönes Antlitz mit lachenden,
+hellblauen Augen; mitten auf seiner Stirn teilte sich das lichtblonde Haar
+in zwei lang fließende Lockenwellen, die rechts und links bis auf seine
+Schultern wallten; Mund und Nase, fein, fast weich geschnitten, waren von
+vollendeter Form, ein leichter Anflug goldhellen Bartes deckte die
+freundlichen Lippen und das leicht gespaltene Kinn; er trug nur weiße
+Kleider: einen Kriegsmantel von feiner Wolle, durch eine goldne Spange in
+Greifengestalt auf der rechten Schulter festgehalten, und eine römische
+Tunika von weicher Seide, beide mit einem Goldstreif durchwirkt; weiße
+Lederriemen festigten die Sandalen an den Füßen und reichten, kreuzweis
+geflochten, bis an die Kniee; die nackten, glänzendweißen Arme umzirkten
+zwei breite Goldreife: und wie er, die Rechte um eine hohe Lanze
+geschlungen, die ihm zugleich als Stab und als Waffe diente, die Linke in
+die Hüfte gestemmt, ausruhend von dem Gang, zu seinen langsameren
+Weggenossen hinunterblickte, schien in den grauen Tempel eine jugendliche
+Göttergestalt aus seinen schönsten Tagen wieder eingekehrt.
+
+Der zweite der Ankömmlinge hatte, trotz einer allgemeinen
+Familienähnlichkeit, doch einen von dem Fackelträger völlig verschiednen
+Ausdruck.
+
+Er war einige Jahre älter, sein Wuchs war derber und breiter, – tief in
+den mächtigen Stiernacken hinab reichte das dicht und kurz gelockte braune
+Haar, – und von fast riesenhafter Höhe und Stärke: in seinem Gesicht
+fehlte jener sonnige Schimmer, jene vertrauende Freude und Lebenshoffnung,
+welche die Züge des jüngern Bruders verklärten: statt dessen lag in seiner
+ganzen Erscheinung der Ausdruck von bärenhafter Kraft und bärenhaftem Mut:
+er trug eine zottige Wolfsschur, deren Rachen, wie eine Kapuze, sein Haupt
+umhüllte, ein schlichtes Wollenwams darunter, und auf der rechten Schulter
+eine kurze, wuchtige Keule aus dem harten Holz einer Eichenwurzel.
+
+Bedächtigen Schrittes folgte der dritte, ein mittelgroßer Mann von
+gemessen verständigem Ausdruck. Er trug den Stahlhelm, das Schwert und den
+braunen Kriegsmantel des gotischen Fußvolks. Sein schlichtes, hellbraunes
+Haar war über der Stirn geradlinig abgeschnitten: eine uralte germanische
+Haartracht, die schon auf römischen Siegessäulen erscheint und sich bei
+dem deutschen Bauer bis heut’ erhalten hat. Aus den regelmäßigen Zügen des
+offnen Gesichts, aus dem grauen, sichern Auge sprach besonnene
+Männlichkeit und nüchterne Ruhe.
+
+Als auch er die Cella des Tempels erreicht und den Alten begrüßt hatte,
+rief der Fackelträger mit lebhafter Stimme:
+
+»Nun, Meister Hildebrand, ein schönes Abenteuer muß es sein, zu dem du uns
+in solch’ unwirtlicher Nacht in diese Wildnis von Natur und Kunst geladen
+hast! Sprich – was soll’s geben?«
+
+Statt der Antwort fragte der Alte, sich zu dem Letztgekommnen wendend: »Wo
+bleibt der Vierte, den ich lud?«
+
+– »Er wollte allein gehen. Er wies uns alle ab. Du kennst ja seine Weise.«
+
+»Da kömmt er!« rief der schöne Jüngling, nach einer andern Seite des
+Hügels deutend.
+
+Wirklich nahte dorther ein Mann von höchst eigenartiger Erscheinung.
+
+Das volle Licht der Fackel beleuchtete ein geisterhaft bleiches Antlitz,
+das fast blutleer schien; lange, glänzend schwarze Locken hingen von dem
+unbedeckten Haupt wie dunkle Schlangen wirr bis auf die Schultern.
+Hochgeschweifte, schwarze Brauen und lange Wimpern beschatteten die
+großen, melancholischen dunkeln Augen voll verhaltner Glut, eine Adlernase
+senkte sich sehr scharfgeschnitten gegen den feinen, glattgeschornen Mund,
+den ein Zug resignierten Grames umfurchte.
+
+Gestalt und Haltung waren so jugendlich: aber die Seele schien vor der
+Zeit vom Schmerz gereift.
+
+Er trug Ringpanzer und Beinschienen von schwarzem Erz und in seiner
+Rechten blitzte ein Schlachtbeil an langem lanzengleichem Schaft. Nur mit
+dem Haupte nickend begrüßte er die andern und stellte sich hinter den
+Alten, der sie nun alle Vier dicht an die Säule, welche die Fackel trug,
+treten hieß und mit gedämpfter Stimme begann:
+
+»Ich habe euch hierher beschieden, weil ernste Worte müssen gesprochen
+werden, unbelauscht, und zu treuen Männern, die da helfen mögen.
+
+Ich sah umher im ganzen Volk, mondenlang: – euch hab’ ich gewählt, ihr
+seid die Rechten. Wenn ihr mich angehört habt, so fühlt ihr von selbst,
+daß ihr schweigen müßt von dieser Nacht.«
+
+Der dritte, der mit dem Stahlhelm, sah den Alten mit ernsten Augen an:
+»Rede,« sagte er ruhig, »wir hören und schweigen. Wovon willst du zu uns
+sprechen?«
+
+»Von unsrem Volk, von diesem Reich der Goten, das hart am Abgrund steht.«
+
+»Am Abgrund?« rief lebhaft der blonde Jüngling. Sein riesiger Bruder
+lächelte und erhob aufhorchend das Haupt.
+
+»Ja, am Abgrund,« rief der Alte, »und ihr allein, ihr könnt es halten und
+retten.«
+
+»Verzeih’ dir der Himmel deine Worte!« – fiel der Blonde lebhaft ein –
+»haben wir nicht unsern König Theoderich, den seine Feinde selbst den
+Großen nennen, den herrlichsten Helden, den weisesten Fürsten der Welt?
+Haben wir nicht dies lachende Land Italia mit all’ seinen Schätzen? Was
+gleicht auf Erden dem Reich der Goten?«
+
+Der Alte fuhr fort: »Hört mich an. König Theoderich, mein teurer Herre und
+mein lieber Sohn, was der wert ist, wie groß er ist, – das weiß am besten
+Hildebrand, Hildungs Sohn. Ich hab’ ihn vor mehr als fünfzig Jahren auf
+diesen Armen seinem Vater als ein zappelnd Knäblein gebracht und gesagt:
+»Das ist starke Zucht: – Du wirst Freude dran haben.«
+
+Und wie er heranwuchs – ich habe ihm den ersten Bolz geschnitzt und ihm
+die erste Wunde gewaschen! Ich habe ihn begleitet nach der goldnen Stadt
+Byzanz und ihn dort gehütet, Leib und Seele. Und als er dieses schöne Land
+erkämpfte, bin ich vor ihm hergeschritten, Fuß für Fuß, und habe den
+Schild über ihn gehalten in dreißig Schlachten. Wohl hat er seither
+gelehrtere Räte und Freunde gefunden als seinen alten Waffenmeister, aber
+klügere schwerlich und treuere gewiß nicht. Wie stark sein Arm gewesen,
+wie scharf sein Auge, wie klar sein Kopf, wie schrecklich er war unterm
+Helm, wie freundlich beim Becher, wie überlegen selbst den Griechlein an
+Klugheit, das hatte ich hundertmal erfahren, lange ehe dich, du junger
+Nestfalk, die Sonne beschienen.
+
+Aber der alte Adler ist flügellahm geworden!
+
+Seine Kriegsjahre lasten auf ihm – denn er und ihr und euer Geschlecht,
+ihr könnt die Jahre nicht mehr tragen wie ich und meine Spielgenossen –:
+er liegt krank, rätselhaft krank an Seele und Leib in seinem goldnen Saal
+dort unten in der Rabenstadt. Die Ärzte sagen, wie stark sein Arm noch
+sei, jeder Schlag des Herzens mag ihn töten wie der Blitz und auf jeder
+sinkenden Sonne mag er hinunterfahren zu den Toten. Und wer ist dann sein
+Erbe, wer stützt dann dieses Reich? Amalaswintha, seine Tochter, und
+Athalarich, sein Enkel: – ein Weib und ein Kind.«
+
+»Die Fürstin ist weise,« sprach der dritte mit dem Helm und dem Schwert.
+
+»Ja, sie schreibt griechisch an den Kaiser und redet römisch mit dem
+frommen Cassiodor. Ich zweifle, ob sie gotisch denkt. Weh’ uns, wenn sie
+im Sturm das Steuer halten soll.«
+
+»Ich sehe aber nirgends Sturm, Alter,« – lachte der Fackelträger und
+schüttelte die Locken. »Woher soll er blasen? Der Kaiser ist wieder
+versöhnt, der Bischof von Rom ist vom König selbst eingesetzt, die
+Frankenfürsten sind seine Neffen, die Italier haben es unter unsrem Schild
+besser als je zuvor. Ich sehe keine Gefahr, nirgends.«
+
+»Kaiser Justinus ist nur ein schwacher Greis,« sprach beistimmend der mit
+dem Schwert, »ich kenne ihn.«
+
+»Aber sein Neffe, bald sein Nachfolger, und jetzt schon sein rechter Arm,
+– – kennst du auch den? Unergründlich wie die Nacht und falsch wie das
+Meer ist Justinian: – ich kenne ihn und fürchte was er sinnt. Ich
+begleitete die letzte Gesandtschaft nach Byzanz: er kam zu unsrem Gelag:
+er hielt mich für berauscht: – der Narr, er weiß nicht, was Hildungs Kind
+trinken mag! – und fragte mich um alles, genau um alles, was man wissen
+muß, um – uns zu verderben. Nun, von mir hat er den rechten Bescheid
+gekriegt! Aber ich weiß es so gewiß wie meinen Namen: dieser Mann will
+dies Land, dies Italien wieder haben und nicht die Fußspur eines Goten
+wird er darin übrig lassen.«
+
+»Wenn er kann,« brummte des Blonden Bruder dazwischen.
+
+»Recht, Freund Hildebad, wenn er kann. Und er kann viel. Byzanz kann
+viel.«
+
+Jener zuckte die Achseln.
+
+»Weißt du’s, wie viel?« fragte der Alte zornig. »Zwölf Jahre lang hat
+unser großer König mit Byzanz gerungen und hat nicht obgesiegt. Aber
+damals warst du noch nicht geboren,« fügte er ruhig hinzu.
+
+»Wohl!« – kam jenem der Bruder zu Hilfe. – »Aber damals standen die Goten
+allein im fremden Land. Jetzt haben wir eine ganze zweite Hälfte gewonnen:
+wir haben eine Heimat, Italien, wir haben Waffenbrüder, die Italier.«
+
+»Italien unsre Heimat!« rief der Alte bitter, »ja, das ist der Wahn. Und
+die Welschen unsre Helfer gegen Byzanz! Du junger Thor!«
+
+»Das sind unsres Königs eigne Worte,« entgegnete der Gescholtene.
+
+»Ja, ja, ich kenne sie wohl, die Wahnreden, die uns alle verderben werden.
+Fremd sind wir hier, fremd, heute wie vor vierzig Jahren, da wir von
+diesen Bergen niederstiegen und fremd werden wir sein in diesem Lande noch
+nach tausend Jahren. Wir sind hier ewig die Barbaren!«
+
+»Jawohl, aber warum bleiben wir Barbaren? Wessen Schuld ist das als die
+unsre? Weshalb lernen wir nicht von ihnen?«
+
+»Schweig still,« schrie der Alte, zuckend vor Grimm »schweig, Totila, mit
+solchen Gedanken: sie sind der Fluch meines Hauses geworden.« Sich mühsam
+beruhigend fuhr er fort:
+
+»Unsre Todfeinde sind die Welschen, nicht unsre Brüder. Weh, wenn wir
+ihnen trauen! O daß der König nach meinem Rat gethan und nach seinem Sieg
+alles erschlagen hätte das Schwert und Schild führen konnte vom lallenden
+Knäblein bis zum lallenden Greis! Sie werden uns ewig hassen. Und sie
+haben Recht. Wir aber, wir sind die Thoren, sie zu bewundern.«
+
+Eine Pause trat ein: ernst geworden fragte der Jüngling: »Und du hältst
+keine Freundschaft für möglich zwischen uns und ihnen?«
+
+»Kein Friede zwischen den Söhnen des Gaut und dem Südvolk! Ein Mann tritt
+in die Goldhöhle des Drachen: er drückt das Haupt des Drachen nieder mit
+eherner Faust: der bittet um sein Leben: der Mann erbarmt sich seiner
+schillernden Schuppen und weidet sein Auge an den Schätzen der Höhle. Was
+wird der Giftwurm thun? Hinterrücks, sobald er kann, wird er ihn stechen,
+daß der Verschoner stirbt.«
+
+»Wohlan, so laß sie kommen, die Griechlein,« schrie der riesige Hildebad,
+»und laß dies Natterngezücht gegen uns aufzüngeln. Wir wollen sie
+niederschlagen – so!« und er hob die Keule und ließ sie niederfallen, daß
+die Marmorplatte in Splitter sprang und der alte Tempel in seinen
+Grundfugen erdröhnte.
+
+»Ja, sie sollen’s versuchen!« – rief Totila und aus seinen Augen leuchtete
+ein kriegerisches Feuer, das ihn noch schöner machte. – »Wenn diese
+undankbaren Römer uns verraten, wenn die falschen Byzantiner kommen –« er
+blickte mit liebevollem Stolz auf seinen starken Bruder – »sieh, Alter,
+wir haben Männer wie die Eichen.«
+
+Wohlgefällig nickte der alte Waffenmeister: »Ja, Hildebad ist sehr stark;
+obwohl nicht ganz so stark wie Winithar und Walamer und die andern waren,
+die mit mir jung gewesen. Und gegen Nordmänner ist Stärke gut Ding. Aber
+dieses Südvolk,« fuhr er ingrimmig fort – »kämpft von Türmen und
+Mauerzinnen herunter. Sie führen den Krieg wie ein Rechenexempel und
+rechnen dir zuletzt ein Heer von Helden in einen Winkel hinein, daß es
+sich nicht mehr rühren noch regen kann. Ich kenne einen solchen
+Rechenmeister in Byzanz, der ist kein Mann und besiegt die Männer. Du
+kennst ihn auch, Witichis?« – so fragend wandte er sich an den Mann mit
+dem Schwert.
+
+»Ich kenne Narses,« sagte dieser, der sehr ernst geworden, nachdenklich.
+»Was du gesprochen, Hildungs Sohn, ist leider wahr, sehr wahr. Ähnliches
+ist mir oft schon durch die Seele gegangen, aber unklar, dunkel, mehr ein
+Grauen als ein Denken. – Deine Worte sind unwiderleglich: der König am Tod
+– die Fürstin ein halbgriechisch Weib – Justinian lauernd – die Welschen
+schlangenfalsch – die Feldherrn von Byzanz Zauberer von Kunst, aber« –
+hier holte er tief Atem – »wir stehen nicht allein, wir Goten. Unser
+weiser König hat sich Freunde, Verbündete geschaffen in Überfluß. Der
+König der Vandalen ist sein Schwestermann, der König der Westgoten sein
+Enkel, die Könige der Burgunden, der Heruler, der Thüringe, der Franken
+sind ihm verschwägert, alle Völker ehren ihn wie ihren Vater, die
+Sarmaten, die fernen Esthen selbst an der Ostsee senden ihm huldigend
+Pelzwerk und gelben Bernstein. Ist das alles« – –
+
+»Nichts ist das alles, Schmeichelworte sind’s und bunte Lappen! Sollen uns
+die Esthen helfen mit ihrem Bernstein wider Belisar und Narses? Weh uns,
+wenn wir nicht allein siegen können. Diese Schwäger und Eidame
+schmeicheln, so lang sie zittern, und wenn sie nicht mehr zittern, werden
+sie drohen. Ich kenne die Treue der Könige! Wir haben Feinde ringsum,
+offene und geheime, und keinen Freund als uns selbst.«
+
+Ein Schweigen trat ein, in welchem alle die Worte des Alten besorgt
+erwogen: heulend fuhr der Sturm um die verwitterten Säulen und rüttelte an
+dem morschen Tempelbau.
+
+Da sprach zuerst Witichis, vom Boden aufblickend, sicher und gefaßt: »Groß
+ist die Gefahr, hoffentlich nicht unabwendbar. Gewiß hast du uns nicht
+hierher beschieden, daß wir thatlos in die Verzweiflung schauen. Geholfen
+muß werden: so sprich, wie meinst du, daß zu helfen sei.«
+
+Der Alte trat einen Schritt auf ihn zu und faßte seine Hand: »Wacker,
+Witichis, Waltaris Sohn. Ich kannte dich wohl und will dir’s treu
+gedenken, daß vor allen du zuerst ein männlich Wort der Zuversicht
+gefunden. Ja, ich denke wie du: noch ist Hilfe möglich, und um sie zu
+finden habe ich euch hierher gerufen, wo uns kein Welscher hört. Saget nun
+an und ratet: dann will ich sprechen.«
+
+Da alle schwiegen, wandte er sich zu dem Schwarzgelockten: »Wenn du denkst
+wie wir, so sprich auch du, Teja. Warum schwiegst du bisher?«
+
+»Ich schweige, weil ich anders denke, denn ihr.«
+
+Die andern staunten. Hildebrand sprach: »Wie meinst du das, mein Sohn?«
+
+»Hildebad und Totila sehen nicht die Gefahr, du und Witichis, ihr sehet
+sie und hoffet, ich aber sah sie längst und hoffe nicht.«
+
+»Du siehst zu schwarz, wer darf verzweifeln vor dem Kampf?« meinte
+Witichis.
+
+»Sollen wir, das Schwert in der Scheide, ohne Kampf, ohne Ruhm
+untergehen?« rief Totila.
+
+»Nicht ohne Kampf, mein Totila, und nicht ohne Ruhm, so weiß ich,«
+antwortete Teja, leise die Streitaxt zuckend. »Kämpfen wollen wir, daß man
+es nie vergessen soll in allen Tagen: kämpfen mit höchstem Ruhm, aber ohne
+Sieg. Der Stern der Goten sinkt.«
+
+»Mir deucht, er will erst recht hoch steigen,« rief Totila ungeduldig.
+»Laßt uns vor den König treten, sprich du, Hildebrand, zu ihm wie du zu
+uns gesprochen. Er ist weise: er wird Rat finden.«
+
+Der Alte schüttelte den Kopf: »Zwanzigmal hab ich zu ihm gesprochen. Er
+hört mich nicht mehr. Er ist müde und will sterben und seine Seele ist
+verdunkelt, ich weiß nicht, durch welchen Schatten. – Was denkst du,
+Hildebad?«
+
+»Ich denke,« sprach dieser sich hoch aufrichtend, »sowie der alte Löwe die
+müden Augen geschlossen, rüsten wir zwei Heere. Das eine führen Witichis
+und Teja vor Byzanz und brennen es nieder, mit dem andern steigen ich und
+mein Bruder über die Alpen und zerschlagen Paris, das Drachennest der
+Merowinger, zu einem Steinhaufen für alle Zukunft. Dann wird Ruhe sein, im
+Osten und im Norden.«
+
+»Wir haben keine Schiffe gegen Byzanz,« sprach Witichis.
+
+»Und die Franken sind sieben wider Einen gegen uns,« sagte Hildebrand.
+»Aber wacker meinst du’s, Hildebad. Sage, was rätst du, Witichis?«
+
+»Ich rate einen Bund, mit Schwüren beschwert, mit Geiseln gesichert aller
+Nordstämme gegen die Griechen.«
+
+»Du glaubst an Treue, weil du selber treu. Mein Freund, nur die Goten
+können den Goten helfen. Man muß sie nur wieder daran erinnern, daß sie
+Goten sind. Hört mich an. Ihr alle seid jung und liebt allerlei Dinge und
+habt vielerlei Freuden. Der eine liebt ein Weib, der andre die Waffen, der
+dritte irgend eine Hoffnung oder auch irgend einen Gram, der ihm ist wie
+eine Geliebte. – Aber glaubt mir, es kömmt eine Zeit, – und die Not kann
+sie euch noch in jungen Tagen bringen –, da all diese Freuden und selbst
+Schmerzen wertlos werden wie welke Kränze vom Gelag von gestern.
+
+Da werden denn viele weich und fromm und vergessen des was auf Erden und
+trachten nach dem was hinter dem Grabe ist. Ich kann’s nicht und ihr,
+mein’ ich, und viele von uns können’s auch nicht. Die Erde lieb’ ich mit
+Berg und Wald und Weide und strudelndem Strom und das Leben darauf mit
+heißem Haß und langer Liebe, mit zähem Zorn und stummem Stolz. Von jenem
+Luftleben da droben in den Windwolken, wie’s die Christenpriester lehren,
+weiß ich nichts und will ich nichts wissen. Eins aber bleibt dem Mann, dem
+rechten, wenn alles andre dahin. Ein Gut, von dem er nimmer läßt. Seht
+mich an. Ich bin ein entlaubter Stamm, alles hab’ ich verloren was mein
+Leben erfreute: mein Weib ist tot seit vielen Jahren, meine Söhne sind
+tot, meine Enkel sind tot: bis auf Einen, der ist schlimmer als tot: – der
+ist ein Welscher worden. Dahin und lang vermodert sind sie alle, mit denen
+ich ein kecker Knabe und ein markiger Mann gewesen, und schon steigt meine
+erste Liebe und mein letzter Stolz, mein großer König, müde in sein Grab.
+Nun seht, was hält mich noch im Leben? Was giebt mir Mut, Lust, Zwang zu
+leben? Was treibt mich Alten wie einen Jüngling in dieser Sturmnacht auf
+die Berge? Was lodert hier unter dem Eisbart heiß in lauter Liebe, in
+störrigem Stolz und in trotziger Trauer? Was anders als der Drang, der
+unaustilgbar in unsrem Blute liegt, der tiefe Drang und Zug zu meinem
+Volk, die Liebe, die lodernde, die allgewaltige, zu dem Geschlechte, das
+da Goten heißt, und das die süße, heimliche, herrliche Sprache redet
+meiner Eltern, der Zug zu denen, die da sprechen, fühlen, leben wie ich.
+Sie bleibt, sie allein, diese Volksliebe, ein Opferfeuer, in dem Herzen,
+darinnen alle andre Glut erloschen, sie ist das teure, das mit Schmerzen
+geliebte Heiligtum, das Höchste in jeder Mannesbrust, die stärkste Macht
+in seiner Seele, treu bis zum Tod und unbezwingbar.«
+
+Der Alte hatte sich in Begeisterung geredet – sein Haar flog im Winde – er
+stand wie ein alter hünenhafter Priester unter den jungen Männern, welche
+die Fäuste an ihren Waffen ballten.
+
+Endlich sprach Teja: »Du hast Recht, diese Flamme lodert noch, wo alles
+sonst erloschen. Aber sie brennt in dir, – in uns, – vielleicht noch in
+hundert andern unsrer Brüder. Kann das ein ganzes Volk erretten? Nein! Und
+kann diese Glut die Masse ergreifen, die Tausende, die Hunderttausende?«
+
+»Sie kann es, mein Sohn, sie kann es. Dank allen Göttern, daß sie’s kann.
+Höre mich an. Es sind jetzt fünfundvierzig Jahre, da waren wir Goten,
+viele Hunderttausende, mit Weibern und Kindern, in den Schluchten der
+Hämus-Berge eingeschlossen.
+
+Wir lagen in höchster Not. Des Königs Bruder war von den Griechen in
+treulosem Überfall geschlagen und getötet, und aller Mundvorrat, den er
+uns zuführen sollte, verloren: wir saßen in den Felsschluchten und litten
+so bittern Hunger, daß wir Gras und Leder kochten. Hinter uns die
+unersteiglichen Felsen, vor uns und zur Linken das Meer, rechts in einem
+Engpaß die Feinde in dreifacher Überzahl. Viele Tausende von uns waren dem
+Hunger, dem Winter erlegen: zwanzigmal hatten wir vergebens versucht,
+jenen Paß zu durchbrechen. Wir wollten verzweifeln. Da kam ein Gesandter
+des Kaisers und bot uns Leben, Freiheit, Wein, Brot, Fleisch, – unter
+einer einzigen Bedingung: wir sollten getrennt von einander, zu vier und
+vier, über das ganze Weltreich Roms zerstreut werden, keiner von uns mehr
+ein gotisch Weib freien, keiner sein Kind mehr unsre Sprache und Sitte
+lehren dürfen, Name und Wesen der Goten sollte verschwinden, Römer sollten
+wir werden. Da sprang der König auf, rief uns zusammen und trug’s uns vor
+in flammender Rede und fragte zuletzt, ob wir lieber aufgeben wollten
+Sprache, Sitte, Leben unsres Volkes oder lieber mit ihm sterben? Da fuhr
+sein Wort in die Hunderte, die Tausende, die Hunderttausende wie der
+Waldbrand in die dürren Stämme, aufschrieen sie, die wackern Männer, wie
+ein tausendstimmiges, brüllendes Meer, die Schwerter schwangen sie, auf
+den Engpaß stürzten sie und weggefegt waren die Griechen als hätten sie
+nie gestanden, und wir waren Sieger und frei.«
+
+Sein Auge glänzte in stolzer Erinnerung, nach einer Pause fuhr er fort:
+»Dies allein ist, was uns heute retten kann wie dazumal: fühlen erst die
+Goten, daß sie für jenes Höchste fechten, für den Schutz jenes
+geheimnisvollen Kleinods, das in Sprache und Sitte eines Volkes liegt wie
+ein Wunderborn, dann können sie lachen zu dem Haß der Griechen, zu der
+Tücke der Welschen. Und das vor allem wollt’ ich euch fragen, fest und
+feierlich: fühlt ihr es wie ich so klar, so ganz, so mächtig, daß diese
+Liebe zu unsrem Volk unser Höchstes ist, unser schönster Schatz, unser
+stärkster Schild? könnt ihr sprechen wie ich: mein Volk ist mir das
+Höchste und alles, alles andre dagegen nichts, ihm will ich opfern was ich
+bin und habe, wollt ihr das, könnt ihr das!«
+
+»Ja, das will ich, ja, das kann ich!« sprachen die vier Männer.
+
+»Wohl,« fuhr der Alte fort, »das ist gut. Aber Teja hat Recht: nicht alle
+Goten fühlen das jetzt, heute schon, wie wir und doch müssen es alle
+fühlen, wenn es helfen soll. Darum gelobet mir, von heut’ an unablässig
+euch selbst und alle unsres Volkes, mit denen ihr lebt und handelt, zu
+erfüllen mit dem Hauch dieser Stunde. Vielen, vielen hat der fremde Glanz
+die Augen geblendet: viele haben griechische Kleider angethan und römische
+Gedanken: sie schämen sich, Barbaren zu heißen: sie wollen vergessen und
+vergessen machen, daß sie Goten sind – wehe über die Thoren!
+
+Sie haben das Herz aus ihrer Brust gerissen und wollen leben, sie sind wie
+Blätter, die sich stolz vom Stamme gelöst und der Wind wird kommen und
+wird sie verwehen in Schlamm und Pfützen, daß sie verfaulen: aber der
+Stamm wird stehen mitten im Sturm und wird lebendig erhalten, was treu an
+ihm haftet. Darum sollt ihr euer Volk wecken und mahnen überall und immer.
+Den Knaben erzählt die Sagen der Väter, von den Hunnenschlachten, von den
+Römersiegen: den Männern zeigt die drohende Gefahr und wie nur das
+Volkstum unser Schild: eure Schwestern ermahnt, daß sie keinen Römer
+umarmen und keinen Römling: eure Bräute, eure Weiber lehrt, daß sie alles,
+sich selbst und euch opfern dem Glück der guten Goten, auf daß, wenn die
+Feinde kommen, sie finden ein starkes Volk, stolz, einig, fest, daran sie
+zerschellen sollen wie die Wogen am Fels. Wollt ihr mir dazu helfen?«
+
+»Ja,« sprachen sie, »das wollen wir.«
+
+»Ich glaube euch,« fuhr der Alte fort, »glaube eurem bloßen Wort. Nicht um
+euch fester zu binden, – denn was bände den Falschen? – sondern weil ich
+treu hange an altem Brauch und weil besser gedeiht, was geschieht nach
+Sitte der Väter – folget mir.«
+
+
+
+
+ Zweites Kapitel.
+
+
+Mit diesen Worten nahm er die Fackel von der Säule und schritt quer durch
+den Innenraum, die Cella des Tempels, vorüber an dem zerfallenen
+Hauptaltar, vorbei an den Postamenten der lang herabgestürzten
+Götterbilder nach der Hinterseite des Gebäudes, dem Posticum. Schweigend
+folgten die Geladenen dem Alten, der sie über die Stufen hinunter ins
+Freie führte.
+
+Nach einigen Schritten standen sie unter einer uralten Steineiche, deren
+mächtiges Geäst wie ein Dach Sturm und Regen abhielt. Unter diesem Baum
+bot sich ihnen ein seltsamer Anblick, der aber die gotischen Männer sofort
+an eine alte Sitte aus dem grauen Heidentum, aus der fernen nordischen
+Heimat gemahnte. Unter der Eiche war ein Streifen des dichten Rasens
+aufgeschlitzt, nur einen Fuß breit, aber mehrere Ellen lang, die beiden
+Enden des Streifens hafteten noch locker am Grunde: in der Mitte war der
+Rasengürtel auf drei ungleich in die Erde gerammte hohe Speere
+emporgespreizt, in der Mitte von dem längsten Speer gestützt, so daß die
+Vorrichtung ein Dreieck bildete, unter dessen Dach zwischen den
+Speersäulen mehrere Männer bequem stehen konnten. In der so gewonnenen
+Erdritze stand ein eherner Kessel, mit Wasser gefüllt, daneben lag ein
+spitzes und scharfes Schlachtmesser, uralt: das Heft vom Horn des
+Auerstiers, die Klinge von Feuerstein. Der Greis trat nun heran, stieß die
+Fackel dicht neben dem Kessel in die Erde, stieg dann, mit dem rechten Fuß
+vorauf, in die Grube, wandte sich gegen Osten und neigte das Haupt: dann
+winkte er die Freunde zu sich, mit dem Finger am Mund ihnen Schweigen
+bedeutend. Lautlos traten die Männer in die Rinne und stellten sich,
+Witichis und Teja zu seiner Linken, die beiden Brüder zu seiner Rechten
+und alle fünf reichten sich die Hände zu einer feierlichen Kette. Dann
+ließ der Alte Witichis und Hildebad, die ihm zunächst standen, los und
+kniete nieder. Zuerst raffte er eine Hand voll der schwarzen Walderde auf
+und warf sie über die linke Schulter. Dann griff er mit der andern Hand in
+den Kessel und sprengte das Wasser rechts hinter sich. Darauf blies er in
+die wehende Nachtluft, die sausend in seinen langen Bart wehte. Endlich
+schwang er die Fackel von der Rechten zur Linken über sein Haupt. Dann
+steckte er sie wieder in die Erde und sprach murmelnd vor sich hin:
+
+»Höre mich, alte Erde, wallendes Wasser, leichte Luft, flackernde Flamme!
+Höret mich wohl und bewahret mein Wort: Hier stehen fünf Männer vom
+Geschlechte des Gaut, Teja und Totila, Hildebad und Hildebrand und
+Witichis, Waltaris Sohn.
+
+ Wir stehen hier in stiller Stunde,
+ Zu binden einen Bund von Blutsbrüdern,
+ Für immer und ewig und alle Tage.
+ Wir sollen uns sein wie Sippegesellen
+ In Frieden und Fehde, in Rache und Recht.
+ Ein Hoffen, Ein Hassen, Ein Lieben, Ein Leiden,
+ Wie wir träufen zu Einem Tropfen
+ Unser Blut als Blutsbrüder.«
+
+Bei diesen Worten entblößte er den linken Arm, die andern thaten
+desgleichen, eng aneinander streckten sich die fünf Arme über den Kessel,
+der Alte hob das scharfe Steinmesser und ritzte mit Einem Schnitt sich und
+den vier andern die Haut des Vorderarmes, daß das Blut aller in roten
+Tropfen in den ehernen Kessel floß.
+
+Dann nahmen sie wieder die frühere Stellung ein und murmelnd fuhr der Alte
+fort:
+
+ »Und wir schwören den schweren Schwur,
+ Zu opfern all unser Eigen,
+ Haus, Hof und Habe,
+ Roß, Rüstung und Rind,
+ Sohn, Sippe und Gesinde,
+ Weib und Waffen und Leib und Leben
+ Dem Glanz und Glück des Geschlechtes von Gaut,
+ Den guten Goten.
+ Und wer von uns sich wollte weigern,
+ Den Eid zu ehren mit allen Opfern« –
+
+Hier traten er, und auf seinen Wink auch die andern, aus der Grube und
+unter dem Rasenstreifen hervor:
+
+ »Des rotes Blut soll rinnen ungerächet
+ Wie dies Wasser unterm Waldwasen« –
+
+Er erhob den Kessel, goß sein blutiges Wasser in die Grube und nahm ihn
+wie das andre Gerät heraus:
+
+ »Auf des Haupt sollen des Himmels Hallen
+ Dumpf niederdonnern und ihn erdrücken,
+ Wuchtig so wie dieser Wasen.«
+
+Er schlug mit Einem Streich die drei spannenden Lanzenschäfte nieder und
+dumpf fiel die schwere Rasendecke nieder in die Rinne. Die fünf Männer
+stellten sich nun mit verschlungenen Händen auf die wieder von Rasen
+gedeckte Stelle und in rascherem Ton fuhr der Alte fort: »Und wer von uns
+nicht achtet dieses Eides und dieses Bundes und wer nicht die Blutsbrüder
+als echte Brüder schützt im Leben und rächt im Tode und wer sich weigert,
+sein Alles zu opfern dem Volk der Goten, wann die Not es begehrt und ein
+Bruder ihn mahnt, der soll verfallen sein auf immer den untern, den
+ewigen, den wüsten Gewalten, die da hausen unter dem grünen Gras des
+Erdgrundes: gute Menschen sollen mit Füßen schreiten über des Neidings
+Haupt und sein Name soll ehrlos sein soweit Christenleute Glocken läuten
+und Heidenleute Opfer schlachten, soweit Mutter Kind koset, und der Wind
+weht über die weite Welt. Sagt an, ihr Gesellen, soll’s ihm also geschehn,
+dem niedrigen Neiding?«
+
+»So soll ihm geschehen,« sprachen die vier Männer ihm nach.
+
+Nach einer ernsten Pause löste Hildebrand die Kette der Hände und sprach:
+»Und auf daß ihr’s wißt, welche Weihe diese Stätte hat für mich, – jetzt
+auch für euch, – warum ich euch zu solchem Thun gerade hierher beschieden
+und zu dieser Nacht – kommt und sehet.« Und also sprechend erhob er die
+Fackel und schritt voran hinter den mächtigen Stamm der Eiche, vor der sie
+geschworen. Schweigend folgten die Freunde, bis sie an der Kehrseite des
+alten Baumes hielten und hier mit Staunen gerade gegenüber der Rasengrube,
+in welcher sie gestanden, ein breites offenes Grab gähnen sahen, von
+welchem die deckende Felsplatte hinweggewälzt war: da ruhten in der Tiefe,
+im Licht der Fackel geisterhaft erglänzend, drei weiße lange Skelette,
+einzelne verrostete Waffenstücke, Lanzenspitzen, Schildbuckel lagen
+daneben. Die Männer blickten überrascht bald in die Grube, bald auf den
+Greis. Dieser leuchtete lange schweigend in die Tiefe. Endlich sagte er
+ruhig: »Meine drei Söhne. Sie liegen hier über dreißig Jahre. Sie fielen
+auf diesem Berg, in dem letzten Kampf um die Stadt Ravenna. Sie fielen in
+Einer Stunde, heute ist der Tag. Sie sprangen jubelnd in die Speere – –
+für ihr Volk.«
+
+Er hielt inne. Mit Rührung sahen die Männer vor sich hin. Endlich richtete
+sich der Alte hoch auf und sah gen Himmel. »Es ist genug,« sagte er, »die
+Sterne bleichen. Mitternacht ist längst vorüber. Geht, ihr andern, in die
+Stadt zurück. Du, Teja, bleibst wohl bei mir: – dir ist ja vor andern, wie
+des Liedes, der Trauer Gabe gegeben – und hältst mit mir die Ehrenwacht
+bei diesen Toten.«
+
+Teja nickte und setzte sich, ohne ein Wort, zu Füßen des Grabes, wo er
+stand, nieder. Der Alte reichte Totila die Fackel und lehnte sich Teja
+gegenüber auf die Felsplatte. Die andern Drei winkten ihm scheidend zu.
+Und ernst und in schweigende Gedanken versunken stiegen sie hinunter zur
+Stadt.
+
+
+
+
+ Drittes Kapitel.
+
+
+Wenige Wochen nach jener nächtlichen Zusammenkunft bei Ravenna fand zu Rom
+eine Vereinigung statt, ebenfalls heimlich, ebenfalls unter dem Schutze
+der Nacht, aber von ganz andern Männern zu ganz andern Zwecken.
+
+Das geschah an der appischen Straße nahe dem Cömeterium des heiligen
+Kalixtus in einem halbverschütteten Gang der Katakomben, jener
+rätselhaften unterirdischen Wege, die unter den Straßen und Plätzen Roms
+fast eine zweite Stadt bildeten. Es sind diese geheimnisvollen Räume –
+ursprünglich alte Begräbnisplätze, oft die Zuflucht der jungen
+Christengemeinde – so vielfach verschlungen und ihre Kreuzungen,
+Endpunkte, Aus- und Eingänge so schwierig zu finden, daß nur unter
+ortvertrautester Führung ihre inneren Tiefen betreten werden können. Aber
+die Männer, deren geheimen Verkehr wir diesmal belauschen, fürchteten
+keine Gefahr. Sie waren gut geführt. Denn es war Silverius, der
+katholische Archidiakonus der alten Kirche des heiligen Sebastian, der
+unmittelbar von der Krypta seiner Basilika aus die Freunde auf steilen
+Stufen in diesen Zweigarm der Gewölbe geführt hatte: und die römischen
+Priester standen in dem Rufe, seit den Tagen der ersten Christen Kenntnis
+jener Labyrinthe fortgepflanzt zu haben. Die Versammelten schienen auch
+sich hier nicht zum erstenmal einzufinden: die Schauer des Ortes machten
+wenig Eindruck auf sie. Gleichgültig lehnten sie an den Wänden des
+unheimlichen Halbrunds, das, von einer bronzenen Hängelampe spärlich
+beleuchtet, den Schluß des niedrigen Ganges bildete, gleichgültig hörten
+sie die feuchten Tropfen von der Decke zur Erde fallen und, wenn ihr Fuß
+hier und da an weiße, halbvermoderte Knochen stieß, schoben sie auch diese
+gleichgültig auf die Seite.
+
+Es waren außer Silverius noch einige andere rechtgläubige Priester und
+eine Mehrzahl vornehmer Römer aus den Adelsgeschlechtern des westlichen
+Kaiserreichs anwesend, die seit Jahrhunderten in fast erblichem Besitz der
+höheren Würden des Staates und der Stadt geblieben.
+
+Schweigend und aufmerksam beobachteten sie die Bewegungen des
+Archidiakons, der sich, nachdem er die Erschienenen gemustert und in
+einige der einmündenden Gänge, in deren Dunkel man junge Leute in
+priesterlichen Kleidern Wache halten sah, prüfende Blicke geworfen hatte,
+jetzt offenbar anschickte, die Versammlung in aller Form zu eröffnen.
+
+Noch einmal trat er auf einen hochgewachsenen Mann zu, der ihm gegenüber
+regungslos an der Mauer lehnte und mit dem er wiederholt Blicke getauscht
+hatte: und nachdem dieser auf eine fragende Miene schweigend genickt,
+wandte er sich gegen die übrigen und sprach:
+
+»Geliebte im Namen des dreieinigen Gottes! Wieder einmal sind wir hier
+versammelt zu heiligem Werk.
+
+Das Schwert von Edom ist gezückt ob unsrem Haupt und König Pharao lechzt
+nach dem Blut der Kinder Israel. Wir aber fürchten nicht jene, die den
+Leib töten und der Seele nichts anhaben können, wir fürchten vielmehr
+jenen, der da Leib und Seele verderben mag mit ewigem Feuer. Wir vertrauen
+im Schauer der Nacht auf die Hilfe dessen, der sein Volk durch die Wüste
+geführt hat, bei Tag in der Rauchwolke, bei Nacht in der Feuerwolke. Und
+daran wollen wir halten und wollen es nie vergessen: was wir leiden, wir
+leiden es um Gottes willen, was wir thun, wir thun’s zu seines Namens
+Ehre. Dank ihm, denn er hat gesegnet unsern Eifer. Klein, wie des
+Evangeliums, waren unsre Anfänge, aber schon sind wir gewachsen wie ein
+Baum an frischen Wasserbächen. Mit Furcht und Zagen kamen wir anfangs hier
+zusammen: groß war die Gefahr, schwach die Hoffnung: edles Blut der Besten
+war geflossen: – heute, wenn wir fest bleiben im Glauben, dürfen wir es
+kühnlich sagen: der Thron des Königs Pharao steht auf Füßen von Schilf und
+die Tage der Ketzer sind gezählt in diesem Lande.«
+
+»Zur Sache!« rief ein junger Römer dazwischen, mit kurzkrausem, schwarzem
+Haar und blitzenden, schwarzen Augen; ungeduldig warf er das Sagum von der
+linken Hüfte über die rechte Schulter zurück, daß das kurze Schwert
+sichtbar wurde. »Zur Sache, Priester! was soll heut’ geschehn?«
+
+Silverius warf auf den Jüngling einen Blick, der lebhaften Unwillen über
+solch’ kecke Selbständigkeit nicht ganz mit salbungsvoller Ruhe zu
+verdecken vermochte. Scharfen Tones fuhr er fort: »Auch die an die
+Heiligkeit unsres Zweckes nicht zu glauben scheinen, sollten doch den
+Glauben an diese Heiligkeit bei andern nicht stören, um ihrer eignen
+weltlichen Ziele willen nicht. Heute aber, Licinius, mein rascher Freund,
+soll ein neues hochwillkommnes Glied unsrem Bunde eingefügt werden: sein
+Beitritt ist ein sichtbares Zeichen der Gnade Gottes.«
+
+»Wen willst du einführen? Sind die Vorbedingungen erfüllt? Haftest du für
+ihn? unbedingt? oder stellst du andre Bürgschaft?« so fragte ein andrer
+der Versammelten, ein Mann in reifen Jahren, mit gleichmäßigen Zügen, der,
+einen Stab zwischen den Füßen, ruhig auf einem Vorsprung der Mauer saß. –
+»Ich hafte, mein Scävola; übrigens genügt seine Person –«
+
+»Nichts dergleichen. Die Satzung unsres Bundes verlangt Verbürgung und ich
+bestehe darauf,« sagte Scävola ruhig. – »Nun gut, gut, ich bürge, zähster
+aller Juristen!« wiederholte der Priester mit Lächeln. Er winkte in einen
+der Gänge zur Linken.
+
+Zwei junge Ostiarii führten von da in die Mitte des Gewölbes einen Mann,
+auf dessen verhülltes Haupt aller Augen gerichtet waren. Nach einer Pause
+hob Silverius den Überwurf von Kopf und Schultern des Ankömmlings.
+
+»Albinus!« riefen die andern in Überraschung, Entrüstung, Zorn.
+
+Der junge Licinius fuhr ans Schwert, Scävola stand langsam auf, wild
+durcheinander scholl es: »Wie? Albinus? der Verräter?« Scheuen Blickes sah
+der Gescholtene um sich, seine schlaffen Züge bekundeten angeborne
+Feigheit: wie Hilfe flehend haftete sein Auge auf dem Priester. »Ja,
+Albinus!« sagte dieser ruhig. »Will einer der Verbündeten wider ihn
+sprechen? Er rede.« – »Bei meinem Genius,« rief Licinius rasch vor allen,
+»braucht es da der Rede? Wir wissen alle, wer Albinus ist, was er ist. Ein
+feiger, schändlicher Verräter« – der Zorn erstickte seine Stimme. –
+»Schmähungen sind keine Beweise,« nahm Scävola das Wort. »Aber ich frage
+ihn selbst, er soll hier vor allen bekennen. Albinus, bist du es, oder
+bist du es nicht, der, als die Anfänge des Bundes dem Tyrannen verraten
+waren, als du noch allein von uns allen verklagt warst, es mit ansahst,
+daß die edeln Männer, Boëthius und Symmachus, unsre Mitverbündeten, weil
+sie dich mutig vor dem Wüterich verteidigten, verfolgt, gefangen, ihres
+Vermögens beraubt, hingerichtet wurden, während du, der eigentliche
+Angeklagte, durch einen schmählichen Eid, dich nie mehr um den Staat
+kümmern zu wollen und durch urplötzliches Verschwinden dich gerettet hast?
+Sprich, bist du es, um dessen Feigheit willen die Zierden des Vaterlandes
+gefallen?«
+
+Ein Murren des Unwillens ging durch die Versammlung. Der Angeschuldigte
+blieb stumm und bebte, selbst Silverius verlor einen Augenblick die
+Haltung. Da richtete sich jener Mann, der ihm gegenüber an der Felswand
+lehnte, auf und trat einen Schritt herzu; seine Nähe schien den Priester
+zu erkräftigen und er begann wieder: »Ihr Freunde, es ist geschehen was
+ihr sagt, nicht wie ihr’s sagt. Vor allem wisset: Albinus ist an allem am
+wenigsten schuldig. Was er gethan, er that’s auf meinen Rat.« – »Auf
+deinen Rat?« – »Das wagst du zu bekennen?« – »Albinus war verklagt durch
+den Verrat eines Sklaven, der die Geheimschrift in den Briefen nach Byzanz
+entziffert hatte. Der ganze Argwohn des Tyrannen war geweckt: jeder Schein
+von Widerstand, von Zusammenhang mußte die Gefahr vermehren. Der Ungestüm
+von Boëthius und Symmachus, die ihn mutig verteidigten, war edel, aber
+thöricht. Denn er zeigte den Barbaren die Gesinnung des ganzen Adels von
+Rom, zeigte, daß Albinus nicht allein stehe. Sie handelten gegen meinen
+Rat, leider haben sie es im Tode gebüßt. Aber ihr Eifer war auch
+überflüssig: denn den verräterischen Sklaven raffte plötzlich vor weitern
+Aussagen die Hand des Herrn hinweg und es war gelungen, die Geheimbriefe
+des Albinus vor dessen Verhaftung zu vernichten. Jedoch glaubt ihr,
+Albinus würde auf der Folter, würde unter Todesdrohungen geschwiegen
+haben, geschwiegen, wenn ihn die Nennung der Mitverschwornen retten
+konnte? Das glaubt ihr nicht, das glaubte Albinus selbst nicht. Deshalb
+mußte vor allem Zeit gewonnen, die Folter abgewendet werden. Dies gelang
+durch jenen Eid. Unterdessen freilich bluteten Boëthius und Symmachus: sie
+waren nicht zu retten: doch _ihres_ Schweigens, auch unter der Folter,
+waren wir sicher. Albinus aber ward durch ein Wunder aus seinem Kerker
+befreit wie Sankt Paulus zu Philippi. Es hieß, er sei nach Athen entflohen
+und der Tyrann begnügte sich, ihm die Rückkehr zu verbieten. Allein der
+dreieinige Gott hat ihm hier in seinem Tempel eine Zufluchtstätte
+bereitet, bis daß die Stunde der Freiheit naht. In der Einsamkeit seines
+heiligen Asyles nun hat der Herr das Herz des Mannes wunderbar gerührt
+und, ungeschreckt von der Todesgefahr, die schon einmal seine Locke
+gestreift hat, tritt er wieder in unsern Kreis und bietet dem Dienste
+Gottes und des Vaterlands sein ganzes unermeßliches Vermögen. Vernehmt: er
+hat all sein Gut der Kirche Sanktä Mariä Majoris zu Bundeszwecken
+vermacht. Wollt ihr ihn und seine Millionen verschmähen?«
+
+Eine Pause des Staunens trat ein: endlich rief Licinius: »Priester, du
+bist klug wie – wie ein Priester. Aber mir gefällt solche Klugheit nicht.«
+– »Silverius,« sprach der Jurist, »du magst die Millionen nehmen. Das
+steht dir an. Aber ich war der Freund des Boëthius: mir steht nicht an,
+mit jenem Feigen Gemeinschaft zu halten. Ich kann ihm nicht vergeben.
+Hinweg mit ihm!« – »Hinweg mit ihm!« scholl es von allen Seiten. Scävola
+hatte der Empfindung aller das Wort geliehen. Albinus erblaßte, selbst
+Silverius zuckte unter dieser allgemeinen Entrüstung. »Cethegus!«
+flüsterte er leise, Beistand heischend.
+
+Da trat der Mann in die Mitte, der bisher immer geschwiegen und nur mit
+kühler Überlegenheit die Sprechenden gemustert hatte. Er war groß und
+hager, aber kräftig, von breiter Brust und seine Muskeln von eitel Stahl.
+Ein Purpursaum an der Toga und zierliche Sandalen verrieten Reichtum, Rang
+und Geschmack, aber sonst verhüllte ein langer, brauner Soldatenmantel die
+ganze Unterkleidung der Gestalt. Sein Kopf war von denen, die man, einmal
+gesehen, nie mehr vergißt.
+
+Das dichte, noch glänzend schwarze Haar war nach Römerart kurz und rund um
+die gewölbte, etwas zu große Stirn und die edel geformten Schläfe
+geschoren, tief unter den fein geschweiften Brauen waren die schmalen
+Augen geborgen, in deren unbestimmtem Dunkelgrau ein ganzes Meer
+versunkener Leidenschaften, aber noch bestimmter der Ausdruck kältester
+Selbstbeherrschung lag. Um die scharf geschnittenen bartlosen Lippen
+spielte ein Zug stolzer Verachtung gegen Gott und seine ganze Welt. Wie er
+vortrat und mit ruhiger Vornehmheit den Blick über die Erregten streifen
+ließ, wie seine nicht einschmeichelnde, aber beherrschende Redeweise
+anhob, empfand jeder in der Versammlung den Eindruck bewußter
+Überlegenheit und wenige Menschen mochten diese Nähe ohne das Gefühl der
+Unterordnung tragen.
+
+»Was hadert ihr,« sagte er kalt, »über Dinge, die geschehen müssen? Wer
+den Zweck will, muß das Mittel wollen. Ihr wollt nicht vergeben? Immerhin!
+Daran liegt nichts. Aber vergessen müßt ihr. Und das könnt ihr. Auch ich
+war ein Freund der Verstorbenen, vielleicht ihr nächster. Und doch – ich
+will vergessen. Ich thu’ es, eben weil ich ihr Freund war. Der liebt sie,
+Scävola, der allein, der sie rächt. Um der Rache willen – Albinus, deine
+Hand.« – Alle schwiegen, bewältigt mehr von der Persönlichkeit als von den
+Gründen des Redners. Nur der Jurist bemerkte noch:
+
+»Rusticiana, des Boëthius Witwe und des Symmachus Tochter, die
+einflußreiche Frau, ist unsrem Bunde hold. Wird sie das bleiben, wenn
+dieser eintritt? Kann sie je vergeben und vergessen? Niemals!«
+
+»Sie kann es. Glaubt nicht mir, glaubt Euren Augen.« Mit diesen Worten
+wandte sich rasch Cethegus und schritt in einen der Seitengänge, dessen
+Mündung bisher sein Rücken verdeckt hatte. – Hart am Eingang stand
+lauschend eine verschleierte Gestalt: er ergriff ihre Hand: »komm’,«
+flüsterte er, »jetzt komm’.« – »Ich kann nicht! ich will nicht!« war die
+leise Antwort der Widerstrebenden. »Ich verfluche ihn. Ich kann ihn nicht
+sehen, den Elenden!« – »Es muß sein. Komm, du kannst und du willst es: –
+denn ich will es.« Er schlug ihren Schleier zurück: noch ein Blick und sie
+folgte wie willenlos. –
+
+Sie bogen um die Ecke des Eingangs: »Rusticiana!« riefen alle. – »Ein Weib
+in unserer Versammlung!« sprach der Jurist. »Das ist gegen die Satzungen,
+die Gesetze.«
+
+»Ja, Scävola, aber die Gesetze sind um des Bundes willen, nicht der Bund
+um der Gesetze willen. Und geglaubt hättet ihr mir nie, was ihr hier sehet
+mit Augen.«
+
+Er legte die Hand der Witwe in die zitternde Rechte des Albinus.
+
+»Seht, Rusticiana verzeiht: wer will jetzt noch widerstreben?« –
+Überwunden und überwältigt verstummten alle. Für Cethegus schien das
+weitere jedes Interesse verloren zu haben. Er trat mit der Frau an die
+Wand im Hintergrund zurück. Der Priester aber sprach: »Albinus ist Glied
+des Bundes.« – »Und sein Eid, den er dem Tyrannen geschworen?« fragte
+schüchtern Scävola. – »War erzwungen und ist ihm gelöst von der heiligen
+Kirche. Aber nun ist es Zeit, zu scheiden. Nur noch die eilendsten
+Geschäfte, die neuesten Botschaften. Hier, Licinius, der Festungsplan von
+Neapolis: du mußt ihn bis morgen nachgezeichnet haben, er geht an Belisar.
+Hier, Scävola, Briefe aus Byzanz, von Theodora, der frommen Gattin
+Justinians: du mußt sie beantworten. Da, Calpurnius, eine Anweisung auf
+eine halbe Million Solidi von Albinus: du sendest sie an den fränkischen
+Majordomus, er wirkt bei seinem König gegen die Goten. Hier, Pomponius,
+eine Liste der Patrioten in Dalmatien: du kennst die Dinge dort und die
+Menschen: sieh zu, ob bedeutende Namen fehlen. Euch allen aber sei gesagt,
+daß, nach heute erhaltenen Briefen von Ravenna, die Hand des Herrn schwer
+auf dem Tyrannen liegt: tiefe Schwermut, zu späte Reue über all’ seine
+Sünden soll seine Seele niederdrücken und der Trost der wahren Kirche
+bleibt ihm fern. Harret aus noch eine kleine Weile: bald wird ihn die
+zornige Stimme des Richters abrufen: dann kömmt der Tag der Freiheit. An
+den nächsten Iden, zur selben Stunde, treffen wir uns wieder. Der Segen
+des Herrn sei mit euch.« Eine Handbewegung des Diakons verabschiedete die
+Versammelten: die jungen Priester traten mit den Fackeln aus den
+Seitengängen und geleiteten die Einzelnen in verschiedenen Richtungen nach
+den nur ihnen bekannten Ausgängen der Katakomben.
+
+
+
+
+ Viertes Kapitel.
+
+
+Silverius, Cethegus und Rusticiana stiegen miteinander die Stufen hinauf,
+welche in die Krypta der Basilika des heiligen Sebastian führten. Von da
+gingen sie durch die Kirche in das unmittelbar darangebaute Haus des
+Diakonus. Dort angelangt überzeugte sich dieser, daß alle Hausgenossen
+schliefen bis auf einen alten Sklaven, der im Atrium bei einer halb
+herabgebrannten Ampel wachte. Auf den Wink seines Herrn zündete er die
+neben ihm stehende silberfüßige Lampe an und drückte auf eine Fuge im
+Marmorgetäfel. Die Marmorplatten drehten sich um ihre Achse und ließen den
+Priester, der die Leuchte ergriffen, mit den beiden andern in ein kleines,
+niedres Gemach treten, dessen Öffnung sich hinter ihnen rasch und
+geräuschlos wieder schloß. Keine Ritze verriet nun wieder, daß hier eine
+Thür.
+
+Der kleine Raum, jetzt mit einem hohen Kreuz aus Holz, einem Betschemel
+und einigen christlichen Symbolen auf Goldgrund einfach ausgestattet,
+hatte in heidnischen Tagen offenbar, wie die an den Wänden hinlaufenden
+Polstersimse bezeugten, dem Zweck jener kleinen Gelage von zwei oder drei
+Gästen gedient, deren zwanglose Gemütlichkeit Horatius feiert. Zur Zeit
+war hier das Asyl für die geheimsten geistlichen – oder weltlichen –
+Gedanken des Diakonus. Schweigend setzte sich Cethegus, auf ein gegenüber
+in die Wand eingelegtes Mosaikgemälde den flüchtigen Blick des verwöhnten
+Kunstkenners werfend, auf den niederen Lectus. Während der Priester
+beschäftigt war, aus einem Mischkrug mit hochgeschweiften Henkeln Wein in
+die bereit stehenden Becher zu gießen und eine eherne Schale mit Früchten
+auf den dreifüßigen Bronzetisch zu stellen, stand Rusticiana Cethegus
+gegenüber, ihn mit unwillig staunenden Blicken messend. Kaum vierzig Jahre
+alt, zeigte das Weib Spuren einer seltenen, etwas männlichen Schönheit,
+die weniger durch das Alter als durch heftige Leidenschaften gelitten
+hatte: schon war hier und da nicht graues, sondern weißes Haar in ihre
+rabenschwarzen Flechten gemischt, das Auge hatte einen unsteten Blick und
+starke Falten zogen sich gegen die immer bewegten Mundwinkel. Sie stützte
+die Linke auf den Erztisch und strich mit der Rechten wie nachsinnend über
+die Stirn, dabei fortwährend Cethegus anstarrend. Endlich sprach sie:
+»Mensch, sage, sage, Mann, welche Gewalt du über mich hast? Ich liebe dich
+nicht mehr. Ich sollte dich hassen. Ich hasse dich auch. Und doch muß ich
+dir folgen willenlos. Wie der Vogel dem Auge der Schlange. Und du legst
+meine Hand, _diese_ Hand, in die Hand jenes Schurken. Sage, du Frevler,
+welches ist diese Macht?«
+
+Cethegus schwieg unaufmerksam. Endlich sagte er, sich zurücklehnend:
+»Gewohnheit, Rusticiana, Gewohnheit.«
+
+»Jawohl, Gewohnheit! Gewohnheit einer Sklaverei, die besteht, seit ich
+denken kann. Daß ich als Mädchen den schönen Nachbarssohn bewunderte, war
+natürlich; daß ich glaubte, du liebtest mich, war verzeihlich: du küßtest
+mich ja. Und wer konnte – damals! – wissen, daß du nicht lieben kannst.
+Nichts: kaum dich selbst. Daß die Gattin des Boëthius diese wahnsinnige
+Liebe nicht erstickte, die du wie spielend wieder anfachtest, war eine
+Sünde, aber Gott und die Kirche haben sie mir verziehen. Doch, daß ich
+jetzt noch, nachdem ich jahrzehntelang deine herzlose Tücke kenne, nachdem
+die Glut der Leidenschaft erloschen in diesen Adern, daß ich jetzt noch
+blindlings deinem dämonischen Willen folgen muß, – das ist eine Thorheit
+zum Lautauflachen.«
+
+Und sie lachte hell und fuhr mit der Rechten über die Stirn. Der Priester
+hielt in seiner wirtlichen Beschäftigung inne, und sah verstohlen auf
+Cethegus; er war gespannt. Cethegus lehnte das Haupt rückwärts an den
+Marmorsims und umfaßte mit der Rechten den Pokal, der vor ihm stand:
+
+»Du bist ungerecht, Rusticiana,« sagte er ruhig. »Und unklar. Du mischest
+die Spiele des Eros in die Werke der Eris und der Erinnyen. Du weißt es,
+daß ich der Freund des Boëthius war. Obwohl ich sein Weib küßte.
+Vielleicht ebendeshalb. Ich sehe darin nichts Besonderes und du: – nun dir
+haben es ja Silverius und die Heiligen vergeben. Du weißt ferner, daß ich
+diese Goten hasse, wirklich hasse, daß ich den Willen und – vor andern –
+die Fähigkeit habe, durchzusetzen, was dich jetzt ganz erfüllt: deinen
+Vater, den du geliebt, deinen Gatten, den du geehrt hast, an diesen
+Barbaren zu rächen. Du gehorchst daher meinen Winken. Und du thust daran
+sehr klug. Denn du hast zwar ein sehr bedeutendes Talent, Ränke zu
+schmieden. Aber deine Heftigkeit trübt oft deinen Blick. Sie verdirbt
+deine feinsten Pläne. Also thust du wohl, kühlerer Leitung zu folgen. Das
+ist alles. – Aber jetzt geh. Deine Sklavin kauert schlaftrunken im
+Vestibulum. Sie glaubt dich in der Beichte, bei Freund Silverius. Die
+Beichte darf nicht gar zu lange währen. Auch haben wir noch Geschäfte.
+Grüße mir Kamilla, dein schönes Kind, und lebe wohl.« Er stand auf,
+ergriff ihre Hand und führte sie sanft zur Thüre. Sie folgte
+widerstrebend, nickte dem Priester zum Abschied zu, sah nochmal auf
+Cethegus, der ihre innere Bewegung nicht zu sehen schien und ging mit
+leisem Kopfschütteln hinaus.
+
+Cethegus setzte sich wieder und trank den Pokal aus.
+
+»Sonderbarer Kampf in diesem Weibe,« sagte Silverius und setzte sich mit
+Griffel, Wachstafeln, Briefen und Dokumenten zu ihm. »Nicht sonderbar. Sie
+will ihr Unrecht gegen ihren Gatten gut machen, indem sie ihn rächt. Und
+daß sie diese Rache gerade durch ihren ehemaligen Geliebten findet, macht
+die heilige Pflicht besonders süß. Freilich ist ihr dies alles unbewußt. –
+Aber, was giebt’s zu thun?« Und nun begannen die beiden Männer ihre
+Arbeit, solche Punkte der Verschwörung zu erledigen, die allen Gliedern
+des Bundes mitzuteilen sie nicht für ratsam hielten. – »Diesmal,« hob der
+Diakonus an, »gilt es vor allem, das Vermögen des Albinus festzustellen
+und dessen nächste Verwendung zu beraten. Wir brauchten ganz unabweislich
+Geld, viel Geld.« – »Geldsachen sind dein Gebiet,« sagte Cethegus
+trinkend. »Ich verstehe sie wohl, aber sie langweilen mich.«
+
+»Ferner müssen die einflußreichsten Männer auf Sicilien, in Neapolis und
+Apulien gewonnen werden. Hier ist die Liste derselben mit Notizen über die
+einzelnen. Es sind Menschen darunter, bei denen die gewöhnlichen Mittel
+nicht verfangen.« »Gieb her,« sagte Cethegus, »_das_ will ich machen« und
+zerlegte einen persischen Apfel. – –
+
+Nach einer Stunde angestrengter Arbeit waren die dringendsten Geschäfte
+bereinigt und der Hausherr legte die Dokumente wieder in ihr Geheimfach
+hinter dem großen Kreuz in der Mauer. Der Priester war ermüdet und sah mit
+Neid auf den Genossen, dessen stählernen Körper und unangreifbaren Geist
+keine späte Stunde, keine Anspannung ermatten zu können schien. Er äußerte
+etwas dergleichen, als sich Cethegus den silbernen Becher wieder füllte.
+
+»Übung, Freund, starke Nerven und,« setzte er lächelnd hinzu, »ein gutes
+Gewissen: das ist das ganze Rätsel.«
+
+»Nein, im Ernst, Cethegus, du bist mir auch sonst ein Rätsel.« – »Das will
+ich hoffen.« – »Nun, hältst du dich für ein mir so unerreichbar
+überlegenes Wesen?« – »Ganz und gar nicht. Aber doch für gerade
+hinreichend tief, um andern nicht minder ein Rätsel zu sein als – mir
+selbst. Dein Stolz auf Menschenkenntnis mag sich beruhigen. Es geht mir
+selbst mit mir nicht besser als dir. Nur die Tropfen sind durchsichtig.« –
+»In der That,« fuhr der Priester ausholend fort, »der Schlüssel zu deinem
+Wesen muß sehr tief liegen. Sieh zum Beispiel die Genossen unsres Bundes.
+Von jedem läßt sich sagen, welcher Grund ihn dazu geführt hat. Der hitzige
+Jugendmut einen Licinius: der verrannte, aber ehrliche Rechtssinn einen
+Scävola: mich und die andern Priester – der Eifer für die Ehre Gottes.«
+
+»Natürlich,« sagte Cethegus trinkend.
+
+»Andere treibt der Ehrgeiz: oder die Hoffnung, bei einem Bürgerkrieg ihren
+Gläubigern die Hälse abzuschneiden, oder auch die Langeweile über den
+geordneten Zustand dieses Landes unter den Goten oder eine Beleidigung
+durch einen der Fremden, die allermeisten der natürliche Widerwille gegen
+die Barbaren und die Gewöhnung, nur im Kaiser den Herrn Italiens zu sehen.
+Bei dir aber schlägt keiner dieser Beweggründe an und« –
+
+»Und das ist sehr unbequem, nicht wahr? Denn mittels Kenntnis ihrer
+Beweggründe beherrscht man die Menschen? Ja, ehrwürdiger Gottesfreund, ich
+kann dir nicht helfen. Ich weiß es wirklich selbst nicht, was mein
+Beweggrund ist. Ich bin selbst so neugierig darauf, daß ich es dir
+herzlich gern sagen und mich – beherrschen lassen wollte, wenn ich es nur
+entdecken könnte. Nur das Eine fühl’ ich: diese Goten sind mir zuwider.
+Ich hasse diese vollblütigen Gesellen mit ihren breiten Flachsbärten.
+Unausstehlich ist mir das Glück dieser brutalen Gutmütigkeit, dieser
+naiven Jugendlichkeit, dieses alberne Heldentum, diese ungebrochnen
+Naturen. Es ist eine Unverschämtheit des Zufalls, der die Welt regiert,
+dieses Land, – nach einer solchen Geschichte, – mit Männern wie – wie du
+und ich – von diesen Nord-Bären beherrschen zu lassen.« Unwillig warf er
+das Haupt zurück, drückte die Augen zu und schlürfte einen kleinen Trunk
+Weines. »Daß die Barbaren fort müssen,« sprach der andere, »darüber sind
+wir einig. Und für mich ist damit alles erreicht. Denn ich will ja nur die
+Befreiung der Kirche von diesen irrgläubigen Barbaren, welche die
+Göttlichkeit Christi leugnen und nur einen Halbgott aus ihm machen. Ich
+hoffe, daß alsdann der römischen Kirche der Primat im ganzen Gebiet der
+Christenheit, der ihr gebührt, unbestritten zufallen wird. Aber solange
+Rom in der Hand der Ketzer liegt, während der Bischof von Byzanz von dem
+allein rechtgläubigen und rechtmäßigen Kaiser gestützt wird« –
+
+»Solange ist der Bischof von Rom nicht der oberste Bischof der
+Christenheit, solange nicht Herr Italiens: und deshalb der römische Stuhl,
+selbst wenn ein Silverius ihn einnehmen wird, nicht das, was er werden
+soll: das Höchste. Und das will doch Silverius.«
+
+Überrascht sah der Priester auf.
+
+»Beunruhige dich nicht, Freund Gottes. Ich weiß das längst und habe dein
+Geheimnis bewahrt, obwohl du es mir nicht vertraut hast. Allein weiter.«
+Er schenkte sich aufs neue ein: – »dein Falerner ist gut abgelagert, aber
+er hat zu viel Süße. – Du kannst eigentlich nur wünschen, daß diese Goten
+den Thron der Cäsaren räumen, nicht, daß die Byzantiner an ihre Stelle
+treten: denn sonst hat der Bischof von Rom wieder zu Byzanz seinen
+Oberbischof und einen Kaiser. Du mußt also an der Goten Stelle wünschen –
+nicht einen Kaiser – Justinian, – sondern – etwa was?« – »Entweder« – fiel
+Silverius eifrig ein – »einen eignen Kaiser des Westreichs« – »Der aber,«
+vollendete Cethegus seinen Satz, »nur eine Puppe ist in der Hand des
+heiligen Petrus –« – »Oder eine römische Republik, einen Staat der Kirche
+–« – »In welchem der Bischof von Rom der Herr, Italien das Hauptland und
+die Barbarenkönige in Gallien, Germanien, Spanien die gehorsamen Söhne der
+Kirche sind. Schön, mein Freund. Nur müssen erst die Feinde vernichtet
+sein, deren Spolien du bereits verteilst. Deshalb ein altrömischer
+Trinkspruch: wehe den Barbaren!«
+
+Er stand auf und trank dem Priester zu. »Aber die letzte Nachtwache
+schleicht vorüber und meine Sklaven müssen mich am Morgen in meinem
+Schlafgemach finden. Leb wohl.« Damit zog er den Cucullus des Mantels über
+das Haupt und ging.
+
+Der Wirt sah ihm nach: »Ein höchst bedeutendes Werkzeug!« sagte er zu
+sich. »Gut, daß er nur ein Werkzeug ist. Möge er es immer bleiben.«
+
+Cethegus aber schritt von der Via appia her, wo die Kirche des heiligen
+Sebastian den Eingang in die Katakomben bedeckt, nach Nordwesten dem
+Kapitole zu, an dessen Fuß am Nordende der Via sacra sein Haus gelegen
+war, nordöstlich vom Forum Romanum.
+
+Die kühle Morgenluft strich belebend um sein Haupt.
+
+Er schlug den Mantel zurück und dehnte die breite, starke, gewaltige
+Brust. »Ja, ein Rätsel bist du,« sprach er vor sich hin; »treibst
+Verschwörung und nächtlichen Verkehr wie ein Republikaner oder ein
+Verliebter von zwanzig Jahren. Und warum? – Ei, wer weiß warum er atmet?
+Weil er muß. Und so muß ich thun was ich thue. Eins aber ist gewiß. Dieser
+Priester mag Papst werden: er muß es vielleicht werden. Aber Eins darf er
+nicht. Er darf es nicht lange bleiben. Sonst lebt wohl, ihr Gedanken, ihr
+kaum eingestandenen, die ihr noch Träume seid und Wolkendünste: vielleicht
+aber ballt sich daraus ein Gewitter, das Blitz und Donner führt und mein
+Verhängnis wird. Sieh, es wetterleuchtet im Osten. Gut. Ich nehme das Omen
+an.«
+
+Mit diesen Worten schritt er in sein Haus. Im Schlafgemach fand er auf dem
+Cederntisch vor seinem Lager einen verschnürten und mit dem königlichen
+Siegel gepreßten Brief.
+
+Er schnitt die Schnüre mit dem Dolch auf, schlug die doppelte Wachstafel
+auseinander und las:
+
+»An Cethegus Cäsarius, den Princeps Senatus, Marcus Aurelius Cassiodorus
+Senator.
+
+Unser Herr und König liegt im Sterben. Seine Tochter und Erbin
+Amalaswintha wünscht dich noch vor seinem Ende zu sprechen. Du sollst das
+wichtigste Reichsamt übernehmen. Eile sogleich nach Ravenna.«
+
+
+
+
+ Fünftes Kapitel.
+
+
+Atembeklemmend lag bange Stimmung schwer und schwül über dem Königspalast
+zu Ravenna mit seiner düstern Pracht, mit seiner unwirtlichen
+Weiträumigkeit.
+
+Die alte Burg der Cäsaren hatte im Lauf der Jahrhunderte schon so manche
+stilwidrige Veränderung erfahren. Und seit an die Stelle der Imperatoren
+der Gotenkönig mit seinem germanischen Hofgesinde getreten war, hatte sie
+vollends ein wenig harmonisches Aussehen angenommen. Denn viele Räume, die
+eigentümlichen Sitten des römischen Lebens gedient hatten, standen mit der
+alten Pracht ihrer Einrichtung unbenutzt und vernachlässigt: Spinnweben
+zogen sich über die Mosaiken der reichen, aber lang nicht mehr betretenen
+Badgemächer des Honorius und in dem Toilettenzimmer der Placidia huschten
+die Eidechsen über das Marmorgesims der Silberspiegel in den Mauern.
+Dagegen hatten die Bedürfnisse eines mehr kriegerischen Hofhalts manche
+Mauer niedergerissen, um die kleinen Gemächer des antiken Hauses zu den
+weiteren Räumen von Waffensälen, Trinkhallen, Wachtzimmern auszudehnen.
+Und man hatte anderseits durch neue Mauerführungen benachbarte Häuser mit
+dem Palast verbunden, daraus eine Festung mitten in der Stadt zu schaffen.
+Es trieben jetzt in der »_piscina maxima_«, dem ausgetrockneten Teich,
+blonde Buben ihre wilden Spiele und in den Marmorsälen der Palästra
+wieherten die Rosse der gotischen Wachen. So hatte der weitläufige Bau das
+unheimliche Ansehen halb einer kaum noch erhaltnen Ruine, halb eines
+unvollendeten Neubaus: und die Burg dieses Königs erschien so wie ein
+Sinnbild seines römisch-gotischen Reiches, seiner ganzen politischen
+halbunfertigen, halbverfallenden Schöpfung. –
+
+An dem Tage aber, der Cethegus nach Jahren hier zuerst wieder eintreten
+sah, lastete ein Gewölk von Spannung, Trauer und Düstre ganz besonders
+schwer auf diesem Haus: denn seine königliche Seele sollte daraus
+scheiden. –
+
+Der große Mann, der von hier aus ein Menschenalter lang die Geschicke
+Europas gelenkt, den Abendland und Morgenland in Liebe und Haß
+bewunderten, der Heros seines Jahrhunderts, der gewaltige Dietrich von
+Bern, dessen Namen schon bei seinen Lebzeiten die Sage sich ausschmückend
+bemächtigt hatte, der große Amalungen-König Theoderich sollte sterben.
+
+So hatten es die Ärzte, wenn nicht ihm selbst doch seinen Räten verkündet
+und alsbald war es hinausgedrungen in die große volkreiche Stadt. Obwohl
+man seit lange einen solchen Ausgang der geheimnisvollen Leiden des
+greisen Fürsten für möglich gehalten, erfüllte doch jetzt die Kunde von
+dem drohenden Eintritt des verhängnisvollen Schlages alle Herzen mit der
+höchsten Aufregung.
+
+Die treuen Goten trauerten und bangten: aber auch bei der römischen
+Bevölkerung war eine dumpfe Spannung die vorherrschende Empfindung. Denn
+hier in Ravenna, in der unmittelbaren Nähe des Königs hatten die Italier
+die Milde und Hoheit dieses Mannes im allgemeinen zu bewundern und durch
+besondere Wohlthaten zu erfahren am häufigsten Gelegenheit gehabt. Ferner
+fürchtete man nach dem Tode dieses Königs, der während seiner ganzen
+Regierung, mit einziger Ausnahme der jüngsten Kämpfe mit dem Kaiser und
+dem Senat, in welchen Boëthius und Symmachus geblutet, die Italier vor der
+Gewaltthätigkeit und Rauheit seines Volkes beschützt hatte, unter einem
+neuen Regiment Härte und Druck von Seite der Goten zu befahren.
+
+Endlich aber wirkte noch ein Anderes, Höheres: die Persönlichkeit dieses
+Heldenkönigs war so großartig, so majestätisch gewesen, daß auch
+diejenigen, die seinen und seines Reiches Untergang oft herbeigewünscht
+hatten, doch in dem Augenblick, da nun diese Sonne erlöschen sollte, sich
+niedriger Schadenfreude nicht hingeben und ernsterer Erschütterung nicht
+erwehren konnten.
+
+So war die Stadt schon seit grauendem Morgen – da man zuerst vom Palast
+Boten nach allen Winden hatte jagen und einzelne Diener in die Häuser der
+vornehmsten Goten und Römer hatte eilen sehen – in höchster Erregung. In
+den Straßen, auf den Plätzen, in den Bädern standen die Männer paarweise
+oder in Gruppen beisammen, fragten und teilten sich mit, was sie wußten,
+suchten eines Vornehmen habhaft zu werden, der vom Palaste herkam und
+sprachen über die ernsten Folgen des bevorstehenden Ereignisses. Weiber
+und Kinder kauerten neugierig auf den Schwellen der Häuser. Mit den
+wachsenden Stunden des Tages strömte sogar schon die Bevölkerung der
+nächsten Dörfer und Städte, besonders trauernde Goten, forschend in die
+Thore Ravennas. Die Räte des Königs, voraus der Präfectus Prätorio
+Cassiodorus, der sich in diesen Tagen um Aufrechthaltung der Ordnung hohes
+Verdienst erwarb, hatten solche Aufregung vorausgesehen, vielleicht
+Schlimmeres erwartet.
+
+Seit Mitternacht waren alle Zugänge zum Palast geschlossen und mit
+gotischen Wachen besetzt. Auf dem Forum des Honorius, vor der Stirnseite
+des Gebäudes, war ein Zug Reiter aufgestellt. Auf den breiten
+Marmorstufen, die zu der stolzen Säulenreihe des Hauptportals
+hinaufführten, waren starke Scharen gotischen Fußvolks, mit Schild und
+Speer, in malerischen Gruppen gelagert.
+
+Nur hier konnte man, nach Cassiodors Befehl, Eintritt in den Palast
+erlangen und nur die beiden Anführer des Fußvolks, der Römer Cyprian und
+der Gote Witichis, durften die Erlaubnis dazu erteilen. Ersterer war es,
+der Cethegus einließ. Wie dieser den altbekannten Weg zum Gemach des
+Königs verfolgte, fand er in den Hallen und Gängen der Burg die Goten und
+Italier, denen ihr Rang und Ansehen Zutritt erwarben, in ungleichen
+Gruppen verteilt.
+
+Schweigend und traurig standen in der sonst so lauten Trinkhalle die
+jungen Tausendführer und Hundertführer der Goten beisammen oder flüsterten
+einzelne besorgte Fragen, während hier und da ein älterer Mann, ein
+Waffengefährte des sterbenden Helden, in einer Nische der Bogenfenster
+lehnte, seinen lauten Schmerz zu verbergen; in der Mitte des Saales stand,
+laut weinend, das Haupt an einen Pfeiler drückend, ein reicher Kaufmann
+von Ravenna: der König, der jetzt scheiden sollte, hatte ihm eine
+Verschwörung verziehen und seine Warenhallen vor der Plünderung durch die
+ergrimmten Goten gerettet.
+
+Mit einem kalten Blick der Geringschätzung schritt Cethegus an dem allen
+vorüber. Er ging weiter.
+
+In dem nächsten Gemach, dem zum Empfang fremder Gesandten bestimmten Saal,
+fand er eine Anzahl von vornehmen Goten, Herzogen, Grafen und Edeln
+beisammen, die offenbar Beratung hielten über den Thronwechsel und den
+drohenden Umschwung aller Verhältnisse.
+
+Da waren die tapferen Herzoge Thulun von Provincia, der die Stadt Arles
+heldenmütig gegen die Franken verteidigt hatte, Ibba von Liguria, der
+Eroberer von Spanien, Pitza von Dalmatia, der Besieger der Bulgaren und
+Gepiden, gewaltige, trotzige Herren, stolz auf ihren alten Adel, der dem
+Königshaus der Amaler wenig nachgab – denn sie waren aus dem Geschlecht
+der Balten, das bei den Westgoten durch Alarich die Krone gewonnen hatte
+–, und auf ihre kriegerischen Verdienste, die das Reich beschirmt und
+erweitert.
+
+Auch Hildebad und Teja standen bei ihnen.
+
+Das waren die Führer der Partei, die längst eine härtere Behandlung der
+Italier, welche sie haßten und scheuten zugleich, begehrt und die nur
+widerstrebend dem milden Sinn des Königs sich gefügt hatten. Wilde Blicke
+des Hasses schossen aus ihrer Mitte auf den vornehmen Römer, der da Zeuge
+der Sterbestunde des großen Gotenhelden sein wollte. Ruhig schritt
+Cethegus an ihnen vorüber und hob den schweren Wollvorhang auf, der den
+nächsten Raum abschied, das Vorzimmer des Krankengemaches. Eintretend
+begrüßte er mit tiefer Verbeugung des Hauptes eine hohe königliche Frau,
+die, in schwarze Trauerschleier gehüllt, ernst und schweigend, aber in
+fester Fassung und ohne Thränen vor einem mit Urkunden bedeckten
+Marmortische stand: das war Amalaswintha, die verwitwete Tochter
+Theoderichs.
+
+Eine Frau in der Mitte der Dreißiger war sie noch von außerordentlicher,
+wenn auch kalter Schönheit. Sie trug das reiche dunkle Haar nach
+griechischer Weise gescheitelt und gewellt. Die hohe Stirn, das große,
+runde Auge, die geradlinige Nase, der Stolz ihrer fast männlichen Züge und
+die Majestät ihrer vollen Gestalt verliehen ihr gebietende Würde und in
+dem ganz nach hellenischem Stil gefalteten Trauergewand glich sie in der
+That einer von ihrem Postament heruntergeschrittenen Hera des Polyklet.
+
+An ihrem Arme hing, mehr gestützt als stützend, ein Knabe oder Jüngling
+von etwa siebzehn Jahren, Athalarich, ihr Sohn, des Gotenreiches Erbe. Er
+glich nicht der Mutter, sondern hatte die Natur seines unglücklichen
+Vaters Eutharich, den eine zehrende Krankheit des Herzens in der Blüte
+seiner Jahre in das Grab gezogen hatte. Mit Sorge sah deshalb Amalaswintha
+ihren Sohn in allem ein Ebenbild des Vaters werden und es war kaum mehr
+ein Geheimnis am Hofe von Ravenna, daß alle Spuren jener Krankheit sich
+schon in dem Knaben zeigten. Athalarich war schön wie alle Glieder dieses
+von den Göttern stammenden Hauses. Starke schwarze Brauen, lange Wimpern
+beschatteten ein edles, dunkles Auge, das aber bald wie in unbestimmten
+Träumen zerfloß, bald in geisterhaftem Glanz aufblitzte. Dunkelbraune
+wirre Locken hingen in die bleichen Schläfe, in denen bei lebhafter
+Erregung die feinen blauen Adern krampfhaft zuckten. Der edeln Stirn hatte
+leiblicher Schmerz oder schwere Entsagung tiefe Furchen eingezeichnet,
+befremdlich auf diesem jugendlichen Antlitz. Rasch wechselten Marmorblässe
+und heißes Rot auf den durchsichtigen Wangen. Die hoch aufgeschossene,
+aber geknickte Gestalt schien meistens wie müde in ihren Fugen zu hangen
+und schoß nur manchmal mit erschreckender Raschheit in die Höhe. Er sah
+den eintretenden Cethegus nicht, denn er hatte, an der Mutter Brust
+gelehnt, den griechischen Mantel klagend um das junge Haupt geschlagen,
+das bald eine schwere Krone tragen sollte. –
+
+Fern von diesen beiden an dem offenen Bogen des Gemaches, der den Blick
+auf die von den Gotenkriegern besetzten Marmorstufen gewährte, stand, in
+träumerisches Sinnen verloren, ein Weib – oder war es eine Jungfrau? – von
+überraschender, blendender, überwältigender Schönheit: das war
+Mataswintha, Athalarichs Schwester. Sie glich der Mutter an Adel und Höhe
+der Gestalt, aber ihre schärferen Züge hatten ein feuriges
+leidenschaftliches Leben, das sich nur wenig unter angenommener Kälte
+barg. Ihre Gestalt, ein reizvolles Ebenmaß von blühender Fülle und feiner
+Schlankheit, mahnte an jene bezwungene Artemis in den Armen des Endymion
+in der Gruppe des Agesander, die, nach der Sage, der Rat von Rhodos hatte
+aus der Stadt verbannen müssen, weil diese marmorne höchste Einheit
+schönster Jungfräulichkeit und schönster Sinnlichkeit die Jünglinge des
+Eilands zu Wahnsinn und Selbstmord getrieben hatte. Der Zauber höchster
+reifer Mädchenschönheit zitterte über diesem Wesen. Ihr reichwallendes
+Haar war dunkelrot mit einem schillernden Metallglanz und von so
+außerordentlicher Wirkung, daß er der Fürstin, selbst bei diesem durch die
+prächtigen Goldlocken seiner Weiber berühmten Volk, den Namen »Schönhaar«
+verschafft hatte. Ihre Augenbrauen aber und die langen Wimpern waren
+glänzend schwarz und hoben die blendend weiße Stirn, die alabasternen
+Wangen leuchtend hervor. Die fein gebogene Nase mit den zartgeschnittenen
+manchmal leise zuckenden Flügeln senkte sich auf einen üppig schwellenden
+Mund. Aber das Auffallendste an dieser auffallenden Schönheit war das
+graue Auge, nicht so fast durch die ziemlich unbestimmte Farbe, wie durch
+den wunderbaren Ausdruck, mit dem es, meist in träumerisches Sinnen
+verloren, manchmal in versengender Leidenschaft aufleuchten konnte. In der
+That, wie sie da an dem Fenster lehnte, in der halb hellenischen, halb
+gotischen von ihrer Phantasie erfinderisch zusammengewählten Tracht, den
+weißen, hochgewölbten Arm um die dunkle Porphyrsäule geschlungen und
+hinaus träumend in die Abendluft, glich ihre verführerische Schönheit
+jenen unwiderstehlichen Waldfrauen oder Wellenmädchen, deren
+allverstrickende Liebesgewalt von jeher die germanische Sage gefeiert hat.
+Und so groß war die Macht dieser Schönheit, daß selbst die ausgebrannte
+Brust des Cethegus, der die Fürstin längst kannte, bei seinem Eintritt von
+neuem Staunen berührt wurde. –
+
+Doch wurde er sogleich in Anspruch genommen von dem letzten der im Gemach
+Anwesenden, von Cassiodor, dem gelehrten und treuen Minister des Königs,
+dem ersten Vertreter jener wohlwollenden, aber hoffnungslosen
+Versöhnungspolitik, die seit einem Menschenalter im Gotenreich geübt
+wurde. Der alte Mann, dessen ehrwürdige und milde Züge der Schmerz um den
+Verlust seines königlichen Freundes nicht weniger bewegte als die Sorge um
+die Zukunft des Reiches, stand auf und ging mit schwankenden Schritten dem
+Eintretenden entgegen, der sich ehrfurchtvoll verneigte. In Thränen
+schwimmend ruhte das Auge des Greises auf ihm, endlich sank er seufzend an
+die kalte Brust des Cethegus, der ihn für diese Weichheit verachtete.
+
+»Welch ein Tag!« klagte er. – »Ein verhängnisvoller Tag,« sprach Cethegus
+ernst; »er fordert Kraft und Fassung.« – »Recht sprichst du, Patricius,
+und wie ein Römer,« – sagte die Fürstin, sich von Athalarich losmachend, –
+»sei gegrüßt.« Sie reichte ihm die Hand, die nicht bebte, ihr Auge war
+klar. »Die Schülerin der Stoa bewährt an diesem Tage die Weisheit Zenos
+und die eigne Kraft,« sprach Cethegus.
+
+»Sagt lieber, die Gnade Gottes kräftigt ihre Seele wunderbar,« verbesserte
+Cassiodor. – »Patricius,« begann Amalaswintha, »der Präfectus Prätorio hat
+dich mir vorgeschlagen zu einem wichtigen Geschäft. Sein Wort würde
+genügen, auch wenn ich dich nicht längst schon kennte. Du bist derselbe
+Cethegus, der die ersten beiden Gesänge der Äneis in griechische Hexameter
+übertragen hat!« – »_Infandum renovare jubes, regina, dolorem._ Eine
+Jugendsünde, Königin,« lächelte Cethegus. »Ich habe alle Abschriften
+aufgekauft und verbrannt an dem Tage, da die Übersetzung Tullias
+erschien.« Tullia war das Pseudonym Amalaswinthas: Cethegus wußte das:
+aber die Fürstin hatte von dieser seiner Kenntnis keine Ahnung. Sie war in
+ihrer schwächsten Stelle geschmeichelt und fuhr fort: »Du weißt, wie es
+hier steht. Die Atemzüge meines Vaters sind gezählt: nach dem Ausspruch
+der Ärzte kann er, obwohl noch rüstig und stark, jeden Augenblick tot
+zusammenbrechen. Athalarich hier ist der Erbe seiner Krone. Ich aber führe
+an seiner Statt die Regentschaft und über ihn die Mundschaft bis er zu
+seinen Tagen gekommen.« – »So ist der Wille des Königs, und Goten und
+Römer haben dieser Weisheit längst schon zugestimmt,« sagte Cethegus. –
+»So thaten sie. Aber die Menge ist wandelbar. Die rohen Männer verachten
+die Herrschaft eines Weibes« – und sie zog bei diesem Gedanken die Stirn
+in zornige Falten. »Es widerstreitet immerhin dem Staatsrecht der Goten
+wie der Römer,« begütigte Cassiodor, »es ist ganz neu, daß ein Weib –« –
+»Die undankbaren Rebellen!« murmelte Cethegus, gleichsam für sich. – »Wie
+man darüber denken mag,« fuhr die Fürstin fort, »es ist so. Gleichwohl
+baue ich auf die Treue der Barbaren im ganzen, mögen auch einzelne aus dem
+Adel Gelüste nach der Krone tragen. Auch von den Italiern hier in Ravenna,
+wie in den meisten Städten, fürchte ich nichts. Aber ich fürchte – Rom und
+die Römer.« Cethegus horchte hoch auf: sein ganzes Wesen war in
+plötzlicher Erregung: aber sein Antlitz blieb eisig kalt.
+
+»Rom wird sich niemals an die Herrschaft der Goten gewöhnen, es wird uns
+ewig widerstreben – wie könnte es anders!« setzte sie seufzend hinzu. Es
+war, als ob die Tochter Theoderichs eine römische Seele hätte.
+
+»Wir fürchten deshalb,« – ergänzte Cassiodor, – »daß auf die Kunde von der
+Erledigung des Throns zu Rom eine Bewegung gegen die Regentin ausbrechen
+könnte, sei es für Anschluß an Byzanz, sei es für Erhebung eines eignen
+Kaisers des Abendlandes.«
+
+Cethegus schlug, wie nachsinnend, die Augen nieder. –
+
+»Darum,« fiel die Fürstin rasch ein, »muß, schon ehe jene Kunde zu Rom
+eintrifft, alles geschehen sein. Ein entschlossener, mir treu ergebener
+Mann muß die Besatzung für mich – ich meine für meinen Sohn – vereidigen,
+die wichtigsten Thore und Plätze besetzen, Senat und Adel einschüchtern,
+das Volk für mich gewinnen und meine Herrschaft unerschütterlich
+aufrichten, ehe sie noch bedroht ist. Und für dies Geschäft hat Cassiodor
+– dich vorgeschlagen. Sprich, willst du es übernehmen?«
+
+Bei diesen Worten war der goldne Griffel aus ihrer Hand zur Erde gefallen.
+Cethegus bückte sich, ihn aufzuheben. Er hatte nur diesen einen Augenblick
+für die hundert Gedanken, die bei diesem Antrag sich in seinem Kopfe
+kreuzten.
+
+War die Verschwörung in den Katakomben, war vielleicht er selbst verraten?
+Lag hier eine Schlinge des schlauen und herrschsüchtigen Weibes? Oder
+waren die Thoren wirklich so blind, gerade ihm dies Amt aufzudringen? Und
+wenn dem so war, was sollte er thun? Sollte er den Moment benutzen,
+sogleich loszuschlagen, Rom zu gewinnen? Und für wen? für Byzanz? oder für
+einen Kaiser im Abendlande? Und wer sollte das werden? Oder waren die
+Dinge noch nicht reif? Sollte er für diesmal – aus Treulosigkeit – Treue
+üben? Für all’ diese und manche andere Zweifel und Fragen hatte er, sie zu
+stellen und zu lösen, nur den einen Moment, da er sich bückte: sein
+rascher Geist brauchte nicht mehr: er hatte im Bücken das arglos
+vertrauende Gesicht Cassiodors gesehen und entschlossen sprach er, den
+Griffel überreichend: »Königin, ich übernehme das Geschäft.« – »Das ist
+gut,« sagte die Fürstin. Cassiodor drückte seine Hand. – »Wenn Cassiodor,«
+fuhr Cethegus fort, »mich zu diesem Amte vorgeschlagen, so hat er wieder
+einmal seine tiefe Menschenkenntnis bewährt. Er hat durch meine Schale auf
+meinen Kern gesehen.« – »Wie meinst du das?« fragte Amalaswintha. –
+»Königin, der Schein konnte ihn trügen. Ich gestehe, daß ich die Barbaren
+– verzeihe! – die Goten nicht gern in Italien herrschen sehe.« – »Dieser
+Freimut ehrt dich und ich verzeih’ es dem Römer.« – »Dazu kommt, daß ich
+seit Jahrzehnten dem Staat, dem öffentlichen Leben keine Teilnahme mehr
+zuwandte. Nach vielen Leidenschaften leb’ ich – ohne alle Leidenschaft –
+nur einer spielenden Muse und leichten Gelehrsamkeit, unbekümmert um die
+Sorgen der Könige, auf meinen Villen.« – »_Beatus ille qui procul
+negotiis_«, citierte seufzend die gelehrte Frau. – »Aber eben weil ich die
+Wissenschaft verehre, weil ich, ein Schüler Platons, will, daß die Weisen
+herrschen sollen, deshalb wünsche ich, daß eine Königin mein Vaterland
+regiere, die nur der Geburt nach Gotin, der Seele nach Griechin, der
+Tugend nach Römerin ist.
+
+Ihr zu Liebe will ich meine Muße den verhaßten Geschäften opfern. Aber nur
+unter der Bedingung, daß dies mein letztes Staatsamt sei. Ich übernehme
+deinen Auftrag und stehe dir für Rom mit meinem Kopf.«
+
+»Gut, hier findest du die Vollmachten, die Dokumente, deren du bedarfst.«
+
+Cethegus durchflog die Urkunden. »Dies ist das Manifest des jungen Königs
+an die Römer, mit deiner Unterschrift. Seine Unterschrift fehlt noch.«
+Amalaswintha tauchte die gnidische Rohrfeder in das Gefäß mit Purpurtinte,
+deren sich die Amaler, wie die römischen Imperatoren bedienten: »Komm,
+schreibe deinen Namen, mein Sohn.« Athalarich hatte während der ganzen
+Verhandlung stehend und mit beiden Armen vorgebeugt auf den Tisch
+gestützt, Cethegus scharf beobachtet. Jetzt richtete er sich auf: er war
+gewohnt, in seinen Formen die Rechte eines Kronfolgers und eines Kranken
+zu gebrauchen: »Nein,« sagte er heftig, »ich schreibe nicht. Nicht bloß,
+weil ich diesem kalten Römer nicht traue, – nein, ich traue dir gar nicht,
+du stolzer Mann! – es ist empörend, daß ihr, während mein hoher Großvater
+noch atmet, schon an seiner Krone herumtappt, ihr Zwerge nach der Krone
+des Riesen. Schämt euch eurer Fühllosigkeit. Hinter jenen Vorhängen stirbt
+der größte Held des Jahrhunderts – und ihr denkt nur an die Teilung seiner
+Königsgewänder.«
+
+Er wandte ihnen den Rücken und schritt langsam nach dem Fenster zu, wo er
+den Arm um seine schöne Schwester schlang und ihr schimmervolles
+glänzendes Haar streichelte.
+
+Lange stand er so, sie achtete seiner nicht. Plötzlich fuhr sie auf aus
+ihrem Sinnen: »Athalarich,« flüsterte sie, hastig seinen Arm fassend und
+hinausdeutend auf die Marmorstufen, »wer ist der Mann dort? im blauen
+Stahlhelm, der eben um die Säule biegt? Sprich, wer ist es?« »Laß sehn,«
+sagte der Jüngling sich vorbeugend, »der dort? ei, das ist Graf Witichis,
+der Besieger der Gepiden, ein wackrer Held.« Und er erzählte ihr von den
+Thaten und Erfolgen des Grafen im letzten Kriege.
+
+Indessen hatte Cethegus die Fürstin und den Minister fragend angesehen.
+»Laß ihn!« seufzte Amalaswintha. »Wenn er nicht will, zwingt ihn keine
+Macht der Erde.« Weiteres Fragen des Cethegus ward abgeschnitten, indem
+sich der dreifache Vorhang aufthat, der das Schlafgemach des Königs von
+allem Geräusch des Vorzimmers schied. Es war Elpidios, der griechische
+Arzt, der, die schweren Falten aufhebend, berichtete, der Kranke, eben aus
+langem Schlummer erwacht, habe ihn fortgeschickt, um mit dem alten
+Hildebrand allein zu sein: dieser wich nie von seiner Seite.
+
+
+
+
+ Sechstes Kapitel.
+
+
+Das Schlafgemach Theoderichs, schon von den Kaisern zu gleichem Zweck
+benutzt, zeigte die düstre Pracht des späten römischen Stils. Die
+überladenen Reliefs an den Wänden, die Goldornamentik der Decke schilderte
+noch Siege und Triumphzüge der römischen Konsuln und Imperatoren:
+heidnische Götter und Göttinnen schwebten stolz darüber hin: überall in
+der Architektur und Dekoration waltete drückender Prunk.
+
+Dazu bildete einen merkwürdigen Gegensatz das Lager des Gotenkönigs in
+seiner schlichten Einfachheit. Kaum einen Fuß vom Marmorboden erhob sich
+das ovale Gestell von rohem Eichenholz, das wenige Decken füllten. Nur der
+köstliche Purpurteppich, der die Füße verhüllte, und das Löwenfell mit
+goldnen Tatzen, ein Geschenk des Vandalenkönigs aus Afrika, das vor dem
+Bette lag, bekundete die Königshoheit des Kranken. Alles Gerät, das sonst
+das Gemach erfüllt, war prunklos, schlicht, fast barbarisch schwer.
+
+An einer Säule im Hintergrund hing der eherne Schild und das breite
+Schwert des Königs, seit vielen Jahren nicht mehr gebraucht. Am Kopfende
+des Lagers stand, gebeugten Hauptes, der alte Waffenmeister, die Züge des
+Kranken sorglich prüfend: dieser, auf den linken Arm gestützt, kehrte ihm
+das gewaltige, das majestätische Antlitz zu. Sein Haar war spärlich und an
+den Schläfen abgerieben durch den langjährigen Druck des schweren Helmes,
+aber noch glänzend hellbraun, ohne irgend graue oder weiße Spuren. Die
+mächtige Stirn, die blitzenden Augen, die stark gebogene Nase, die tiefen
+Furchen der Wangen sprachen von großen Aufgaben und von großer Kraft, sie
+zu lösen und machten den Eindruck des Gesichts königlich und hehr: aber
+die wohlwollende Weichheit des Mundes bekundete, trotz dem grimmen und
+leise ergrauenden Bart, jene Milde und friedliche Weisheit, mit welcher
+der König ein Menschenalter lang für Italien eine goldne Zeit
+zurückgeführt und sein Reich zu einer Blüte erhoben hatte, die damals
+schon Sprichwort und Sage feierten.
+
+Lang ließ er mit Huld und Liebe das goldbraune Adlerauge auf dem riesigen
+Krankenwart ruhen. Dann reichte er ihm die magre, aber nervige Rechte.
+»Alter Freund,« sagte er, »nun wollen wir Abschied nehmen.«
+
+Der Greis sank in die Knie und drückte die Hand des Königs an die breite
+Brust. »Komm, Alter, steh’ auf: muß _ich dich_ trösten?«
+
+Aber Hildebrand blieb auf den Knieen und erhob nur das Haupt, daß er dem
+König ins Auge sehen konnte. »Sieh,« sprach dieser, »ich weiß, daß du,
+Hildungs Sohn, von deinen Ahnen, von deinem Vater her tiefere Geheimkunde
+hast von der Menschen Siechtum und Heilung, als alle diese griechischen
+Ärzte und lydischen Salbenkrämer. Und vor allem: du hast mehr
+Wahrhaftigkeit. Darum frage ich dich, du sollst mir redlich bestätigen,
+was ich selbst fühle: sprich, ich muß sterben? heute noch? noch vor
+Nacht?«
+
+Und er sah ihn an mit einem Auge, das nicht zu täuschen war. Aber der Alte
+wollte gar nicht täuschen, er hatte jetzt seine zähe Kraft wieder. »Ja,
+Gotenkönig, Amalungen Erbe, du mußt sterben,« sagte er: »die Hand des
+Todes hat über dein Antlitz gestrichen. Du wirst die Sonne nicht mehr
+sinken sehen.«
+
+»Es ist gut,« sagte Theoderich, ohne mit der Wimper zu zucken. »Siehst du,
+der Grieche, den ich fortgeschickt, hat mir noch von ganzen Tag
+vorgelogen. Und ich brauche doch meine Zeit.«
+
+»Willst du wieder die Priester rufen lassen?« fragte Hildebrand, nicht mit
+Liebe. – »Nein, ich konnte sie nicht brauchen. Und ich brauche sie nicht
+mehr.« – »Der Schlaf hat dich sehr gestärkt und den Schleier von deiner
+Seele genommen, der sie so lang verdunkelt. Heil dir, Theoderich,
+Theodemers Sohn, du wirst sterben wie ein Heldenkönig.«
+
+»Ich weiß,« lächelte dieser, »die Priester waren dir nicht genehm an
+diesem Lager. Du hast Recht. Sie konnten mir nicht helfen.« – »Nun aber,
+wer hat dir geholfen?«
+
+»Gott und ich selbst. Höre. Und diese Worte sollen unser Abschied sein!
+Mein Dank für deine Treue von fünfzig Jahren sei es, daß ich dir allein,
+nicht meiner Tochter, nicht Cassiodor, es vertraue, was mich gequält hat.
+Sprich: was sagt man im Volk, was glaubst du, daß jene Schwermut war, die
+mich plötzlich befallen und in dieses Siechtum gestürzt hat?« – »Die
+Welschen sagen: Reue über den Tod des Boëthius und Symmachus.« – »Hast du
+das geglaubt?« – »Nein, ich mochte nicht glauben, daß dich das Blut der
+Verräter bekümmern kann.« – »Du hast wohlgethan. Sie waren vielleicht
+nicht des Todes schuldig: nach dem Gesetz, nach ihren Thaten. Und Boëthius
+habe ich sehr geliebt. Aber sie waren tausendfach Verräter! Verräter in
+ihren Gedanken, Verräter an meinem Vertrauen, an meinem Herzen. Ich habe
+sie, die Römer, höher gehalten als die Besten meines Volkes. Und sie
+haben, zum Dank, meine Krone dem Kaiser gewünscht, dem Byzantiner
+Schmeichelbriefe geschrieben: sie haben einen Justin und einen Justinian
+der Freundschaft des Theoderich vorgezogen –: mich reut der Undankbaren
+nicht. Ich verachte sie. Rate weiter! Du, was hast du geglaubt?« – »König:
+dein Erbe ist ein Kind und du hast ringsum Feinde.« Der Kranke zog die
+kühnen Brauen zusammen: »Du triffst näher ans Ziel. Ich habe stets gewußt,
+was meines Reiches Schwäche. In bangen Nächten hab’ ich geseufzt um seine
+innere Krankheit, wann ich am Abend beim Gastgelag den fremden Gesandten
+den Stolz höchster Zuversicht gezeigt hatte. Alter, du hast, ich weiß,
+mich für allzu sicher gehalten. Aber mich durfte niemand beben sehen.
+Nicht Freund noch Feind. Sonst bebte mein Thron. Ich habe geseufzt, wann
+ich einsam war und meine Sorge allein getragen.« – »Du bist die Weisheit,
+mein König, und ich war ein Thor!« rief der Alte. »Sieh,« fuhr der König
+fort, – mit der Hand über die des Alten streichend –, »ich weiß alles, was
+dir nicht recht an mir gewesen. Auch deinen blinden Haß gegen diese
+Welschen kenne ich. Glaube mir, er ist blind. Wie vielleicht meine Liebe
+zu ihnen war.« Hier seufzte er und hielt inne. »Was quälst du dich.« –
+»Nein, laß mich vollenden. Ich weiß es, mein Reich, das Werk meines
+ruhmvollen, mühevollen Lebens kann fallen, leicht fallen. Und vielleicht
+durch Schuld meiner Großmut gegen diese Römer. Sei es darum! Kein
+Menschenbau ist ewig und die Schuld zu edler Güte – ich will sie tragen.«
+
+»Mein großer König!« – »Aber, Hildebrand, in einer Nacht, da ich so
+wachte, sorgte und seufzte über den Gefahren meines Reiches, – da stieg
+mir vor der Seele auf das Bild einer andern Schuld! Nicht der Güte, nein,
+der Ruhmsucht, der blutigen Gewalt. Und wehe, wehe mir, wenn das Volk der
+Goten sollte untergehn zur Strafe für Theoderichs Frevel! – _Sein_, _sein_
+Bild tauchte mir empor!«
+
+Der Kranke sprach nun mit Anstrengung und zuckte einen Augenblick. »Wessen
+Bild? Wen meinst du?« fragte der Alte leise, sich vorbeugend. »Odovakar!«
+flüsterte der König. Hildebrand senkte das Haupt. Ein banges Schweigen
+unterbrach endlich Theoderich: »Ja, Alter, diese Rechte, – du weißt es, –
+hat den gewaltigen Helden durchstoßen, beim Mahl, meinen Gast. Heiß
+spritzte sein Blut mir ins Gesicht und ein Haß ohne Ende sprühte auf mich
+aus seinem brechenden Auge. Vor wenigen Monden, in jener Nacht, stieg sein
+blutiges, bleiches, zürnendes Bild wie eines Rachegottes vor mir auf.
+Fiebernd zuckte mein Herz zusammen. Und furchtbar sprach’s in mir: um
+dieser Blutthat willen wird dein Reich zerfallen und dein Volk vergehn.«
+
+Nach einer neuen Pause begann diesmal Hildebrand, trotzig aufblickend:
+»König, was quälst du dich wie ein Weib? Hast du nicht Hunderte erschlagen
+mit eigner Hand und dein Volk Tausende auf dein Gebot? Sind wir nicht von
+den Bergen in dies Land herabgestiegen in mehr als dreißig Schlachten, im
+Blute watend knöcheltief? Was ist dagegen das Blut des einen Mannes! Und
+denk’: wie es stand. Vier Jahre hatte er dir widerstanden wie der
+Auerstier dem Bären. Zweimal hatte er dich und dein Volk hart an den Rand
+des Verderbens gedrängt. Hunger, Schwert und Seuche rafften deine Goten
+dahin. Endlich, endlich fiel das trotzige Ravenna; ausgehungert, durch
+Vertrag. Bezwungen lag der Todfeind dir zu Füßen. Da kömmt dir Warnung, er
+sinnt Verrat, er will noch einmal den gräßlichen Kampf aufnehmen, er will
+zur Nacht desselben Tages dich und die Deinen überfallen. Was solltest du
+thun? Ihn offen zu Rede stellen? War er schuldig, so konnte das nicht
+retten. Kühn kamst du ihm zuvor und thatest ihm Abends, was er dir Nachts
+gethan hätte. Und wie hast du deinen Sieg benützt! Die Eine That hat all’
+dein Volk gerettet, hat einen neuen Kampf der Verzweiflung erspart. Du
+hast all’ die Seinen begnadigt, hast Goten und Welsche dreißig Jahre leben
+lassen wie im Himmelreich. Und nun willst du um jene That dich quälen?
+Zwei Völker danken sie dir in Ewigkeit. Ich – ich hätt’ ihn siebenmal
+erschlagen.«
+
+Der Alte hielt inne, sein Auge blitzte, er sah wie ein zorniger Riese.
+Aber der König schüttelte das Haupt.
+
+»Das ist nichts, alter Recke, alles nichts! Hundertmal hab ich mir
+dasselbe gesagt, und verlockender, feiner als deine Wildheit es vermag.
+Das hilft all’ nichts. Er war ein Held, – der einzige meinesgleichen! –
+Und ich hab ihn ermordet, ohne Beweis seiner Schuld. Aus Argwohn, aus
+Eifersucht, ja – es muß gesagt sein, aus Furcht, – aus Furcht, noch einmal
+mit ihm ringen zu sollen. Das war und ist und bleibt ein Frevel. – Und ich
+fand keine Ruhe hinter Ausreden. Düstre Schwermut fiel auf mich. Seine
+Gestalt verfolgte mich seit jener Nacht unaufhörlich. Beim Schmaus und im
+Rat, auf der Jagd, in der Kirche, im Wachen und im Schlafen. Da schickte
+mir Cassiodor die Bischöfe, die Priester. Sie konnten mir nicht helfen.
+Sie hörten meine Beichte, sahen meine Reue, meinen Glauben, und vergaben
+mir alle Sünden. Aber Friede kam nicht über mich und ob _sie_ mir
+verziehen, – _ich_ konnte mir nicht verzeihen. Ich weiß nicht, ist es der
+alte Sinn meiner heidnischen Ahnen: – aber ich kann mich nicht hinter dem
+Kreuz verstecken vor dem Schatten des Ermordeten. Ich kann mich nicht
+gelöst glauben von meiner blutigen That durch das Blut eines unschuldigen
+Gottes, der am Kreuze gestorben.« – –
+
+Freude leuchtete über das Antlitz Hildebrands: »Du weißt,« raunte er ihm
+zu, »ich habe niemals diesen Kreuzpriestern glauben können. Sprich, o
+sprich, glaubst auch du noch an Thor und Odhin? Haben sie dir geholfen?«
+
+Der König schüttelte lächelnd das Haupt: »Nein, du alter,
+unverbesserlicher Heide. Dein Walhall ist nichts für mich. Höre, wie mir
+geholfen ward. Ich schickte gestern die Bischöfe fort und kehrte tief in
+mich selber ein. Und dachte und flehte und rang zu Gott. Und ich ward
+ruhiger. Und sieh, in der Nacht kam über mich tiefer Schlummer, wie ich
+ihn seit langen Monden nicht mehr gekannt. Und als ich erwachte, da
+schauerte kein Fieber der Qual mehr in meinen Gliedern. Ruhig war ich und
+klar. Und dachte dieses: »Ich habe es gethan und keine Gnade, kein Wunder
+Gottes macht es ungeschehen. Wohlan, er strafe mich. Und wenn er der
+zornige Gott des Moses, so räche er sich und strafe mit mir mein ganzes
+Haus bis ins siebente Glied. Ich weihe mich und mein Geschlecht der Rache
+des Herrn. Er mag _uns_ verderben: er ist gerecht. Aber weil er gerecht
+ist, _kann_ er nicht strafen dieses edle Volk der Goten um fremde Schuld.
+Er _kann_ es nicht verderben um des Frevels seines Königs willen. Nein,
+das wird er nicht. Und muß dies Volk einst untergehen, – ich fühl’ es
+klar, dann ist es nicht um meine That. Für diese weih’ ich mich und mein
+Haus der Rache des Herrn. Und so kam Friede über mich und mutig mag ich
+sterben.«
+
+Er schwieg. Hildebrand aber neigte das Haupt und küßte die Rechte, welche
+Odovakar erschlagen hatte. –
+
+»Das war mein Abschied an dich. Und mein Vermächtnis, mein Dank für ein
+ganzes Leben der Treue. – Jetzt laß uns den Rest der Zeit noch diesem Volk
+der Goten zuwenden. Komm, hilf mir aufstehen, ich kann nicht in den Kissen
+sterben. Dort hangen meine Waffen. Gieb sie mir! – Keine Widerrede –! Ich
+will. Und ich kann.«
+
+Hildebrand mußte gehorchen: rüstig erhob sich mit seiner Hilfe der Kranke
+von dem Lager, schlug einen weiten Purpurmantel um die Schultern, gürtete
+sich mit dem Schwert, setzte den niedern Helm mit der Zackenkrone auf das
+Haupt und stützte sich auf den Schaft der schweren Lanze, den Rücken gegen
+die breite dorische Mittelsäule des Gemaches gelehnt.
+
+»So, jetzt rufe meine Tochter. Und Cassiodor. Und wer sonst da draußen.«
+
+
+
+
+ Siebentes Kapitel.
+
+
+So stand er ruhig, während der Alte die Vorhänge an der Thür zu beiden
+Seiten zurückschlug, so daß Schlafzimmer und Vorhalle nunmehr Einen
+ungeschiedenen Raum bildeten. Alle draußen Versammelten – es hatten sich
+inzwischen noch mehrere Römer und Goten eingefunden – näherten sich mit
+Staunen und ehrfürchtigem Schweigen dem König.
+
+»Meine Tochter,« sprach dieser, »sind die Briefe aufgesetzt, die meinen
+Tod und meines Enkels Thronfolge nach Byzanz berichten sollen?«
+
+»Hier sind sie,« sprach Amalaswintha.
+
+Der König durchflog die Papyrusrollen.
+
+»An Kaiser Justinus. Ein zweiter: an seinen Neffen Justinianus. Freilich,
+der wird bald das Diadem tragen und ist schon jetzt der Herr seines Herrn!
+Cassiodor hat sie verfaßt – ich sehe es an den schönen Gleichnissen. Aber
+halt« – und die hohe klare Stirn verdüsterte sich – »eurem kaiserlichen
+Schutze meine Jugend empfehlend.« Schutze? Das ist des Guten zu viel.
+Wehe, wenn ihr auf Schutz von Byzanz gewiesen seid. _Freundschaft_ mich
+empfehlend ist genug von dem Enkel Theoderichs.« Und er gab die Briefe
+zurück. »Und hier ein drittes Schreiben nach Byzanz? An wen? An Theodora,
+die edle Gattin Justinians? Wie! an die Tänzerin vom Cirkus? Des
+Löwenwärters schamlose Tochter?« Und sein Auge funkelte. »Sie ist von
+größtem Einfluß auf ihren Gemahl,« wandte Cassiodor ein. – »Nein, meine
+Tochter schreibt an keine Dirne, die aller Weiber Ehre besudelt hat.« Und
+er zerriß die Papyrusrolle und schritt über die Stücke zu den Goten im
+Mittelgrund der Halle. »Witichis, tapferer Mann, was wird dein Amt sein
+nach meinem Tod?«
+
+»Ich werde unser Fußvolk mustern zu Tridentum.«
+
+»Kein Bessrer könnte das. Du hast noch immer nicht den Wunsch gethan, den
+ich dir damals freigestellt nach der Gepidenschlacht. Hast du noch immer
+nichts zu wünschen?«
+
+»Doch, mein König.«
+
+»Endlich! Das freut mich, – sprich.« – »Heute soll ein armer Kerkerwart,
+weil er sich weigerte, einen Angeklagten zu foltern und nach dem Liktor
+schlug, selbst gefoltert werden. Herr König, gieb den Mann frei: das
+Foltern ist schändlich und –«
+
+»Der Kerkerwart ist frei und von Stund an wird die Folter nicht mehr
+gebraucht im Reich der Goten. Sorg dafür, Cassiodorus. Wackrer Witichis,
+gieb mir die Hand. Auf daß alle wissen, wie ich dich ehre, schenk ich dir
+Wallada, mein lichtbraun Edelroß, zu Gedächtnis dieser Scheidestunde. Und
+kommst du je auf seinen Rücken in Gefahr, oder« – hier sprach er ganz
+leise zu ihm – »will es versagen, flüstre dem Roß meinen Namen ins Ohr. –
+Wer wird Neapolis hüten? Der Herzog Thulun war zu rauh. – Das fröhliche
+Volk dort muß durch fröhliche Mienen gewonnen werden.«
+
+»Der junge Totila wird dort die Hafenwache übernehmen,« sprach Cassiodor.
+
+»Totila! Ein sonniger Knabe! Ein Siegfried, ein Götterliebling! Ihm können
+die Herzen nicht widerstehen. Aber freilich! Die Herzen dieser Welschen!«
+Er seufzte und fuhr fort: Wer versichert uns Roms und des Senats?«
+»Cethegus Cäsarius,« sagte Cassiodor mit einer Handbewegung, »dieser edle
+Römer.« – »Cethegus? Ich kenne ihn wohl. Sieh mich an, Cethegus.« Ungern
+erhob der Angeredete die Augen, die er vor dem großen Blick des Königs
+rasch niedergeschlagen. Doch hielt er jetzt das Adlerauge, das seine Seele
+durchdrang, ruhig aus, mit dem Aufgebot aller Kraft. »Es war krank,
+Cethegus, daß ein Mann von deiner Art sich solang vom Staat fern gehalten.
+Und von uns. Oder es war gefährlich. Vielleicht ist es noch gefährlicher,
+daß du dich – jetzt – dem Staat zuwendest.« – »Nicht mein Wunsch, o
+König.«
+
+»Ich bürge für ihn,« rief Cassiodor. – »Still, Freund! Auf Erden mag
+keiner für den andern bürgen! – Kaum für sich selbst! – Aber,« fuhr er
+forschenden Blickes fort, »an die Griechlein wird dieser stolze Kopf –
+dieser Cäsarkopf – Italien nicht verraten.«
+
+Noch einen scharfen Blick aus den goldnen Adleraugen mußte Cethegus
+tragen. Dann ergriff der König plötzlich den Arm des nur mit Mühe noch
+fest in sich geschlossenen Mannes und flüsterte ihm zu: »Höre, was ich dir
+warnend weissage. Es wird kein Römer mehr gedeihen auf dem Thron des
+Abendlands. Still, kein Widerwort. Ich habe dich gewarnt. – – Was lärmt da
+draußen?« fragte er, rasch sich wendend, seine Tochter, die einem
+meldenden Römer leisen Bescheid erteilte. »Nichts, mein König, nichts von
+Bedeutung, mein Vater!« – »Wie? Geheimnisse vor mir? Bei meiner Krone!
+Wollt ihr schon herrschen, so lang ich noch atme? Ich vernahm den Laut
+fremder Zungen da draußen. Auf die Thüren!« Die Pforte, welche die äußere
+Halle mit dem Vorzimmer verband, öffnete sich.
+
+Da zeigten sich unter zahlreichen Goten und Römern kleine fremd aussehende
+Gestalten, in seltsamer Tracht, mit Wämsern aus Wolfsfell, mit spitz
+zulaufenden Mützen und langen zottigen Schafspelzen, die über ihren Rücken
+hingen. Überrascht und bewältigt von dem plötzlichen Anblick des Königs,
+der hochaufgerichtet auf sie zuschritt, sanken die Fremden wie vom Blitz
+getroffen auf die Kniee.
+
+»Ah, Gesandte der Avaren. Das räuberische Grenzgesindel an unsern
+Ostmarken! Habt ihr den schuldigen Jahrestribut?« – »Herr, wir bringen ihn
+noch für diesmal – Pelzwerk, – wollne Teppiche, – Schwerter, – Schilde. –
+Da hangen sie, – dort liegen sie. Aber wir hoffen, daß für nächstes Jahr –
+wir wollten sehn« – »Ihr wolltet sehen, ob der greise Dieterich von Bern
+nicht altersschwach geworden? Ihr hofftet, ich sei tot? Und meinem
+Nachfolger könntet ihr die Schatzung weigern? Ihr irrt, Späher!« Und er
+ergriff wie prüfend eines der Schwerter, welche die Gesandten vor ihm
+ausgebreitet, samt der Scheide, nahm es mit zwei Händen fest an Griff und
+Spitze: – ein Druck und in zwei Stücken warf er ihnen das Eisen vor die
+Füße. »Schlechte Schwerter führen die Avaren,« sagte er ruhig. »Und nun
+komm, Athalarich, meines Reiches Erbe. Sie wollen dir nicht glauben, daß
+du meine Krone tragen kannst: zeig ihnen, wie du meinen Speer führest.«
+
+Der Jüngling flog herbei. Die Gluthitze des Ehrgeizes zuckte über sein
+bleiches Antlitz. Er ergriff den schweren Speer seines Großvaters und
+schleuderte ihn mit solcher Kraft auf einen der Schilde, welche die
+Gesandten an die Holzpfeiler der Halle gelehnt, daß er ihn sausend
+durchbohrte und die Spitze noch tief in das Holzwerk drang. Stolz legte
+der König die Linke auf das Haupt seines Enkels und rief den Gesandten zu:
+»Jetzt geht, daheim zu melden was ihr hier gesehen.«
+
+Er wandte sich, die Pforten fielen zu und schlossen die staunenden Avaren
+aus. »Gebt mir einen Becher Wein. – Leicht den letzten! Nein,
+ungemischten! Nach Germanen Art!« – und er wies den griechischen Arzt
+zurück – »Dank, alter Hildebrand, für diesen Trunk, so treu gereicht. Ich
+trinke der Goten Heil.« Er leerte langsam den Pokal. Und er setzte ihn
+noch fest auf den Marmortisch.
+
+Aber da kam es über ihn, plötzlich, blitzähnlich, was die Ärzte lang
+erwartet: er wankte, griff an die Brust und stürzte rücklings in die Arme
+Hildebrands, der langsam niederknieend ihn auf den Marmorestrich gleiten
+ließ, und das Haupt mit dem Kronhelm auf den Armen hielt.
+
+Einen Augenblick hielten alle lauschend den Atem an: aber der König regte
+sich nicht und laut aufschreiend warf sich Athalarich über die Leiche.
+
+
+
+
+
+ Zweites Buch.
+
+
+ ATHALARICH.
+
+
+ »Wo wär’ die sel’ge Insel wohl zu finden?«
+ Schiller, Wilhelm Tell.
+ III. Aufzug. 2. Scene.
+
+
+
+
+ Erstes Kapitel.
+
+
+Nicht ohne Grund fürchtete und hoffte Freund und Feind in diesem
+Augenblick schwere Gefahren für das junge Gotenreich. Noch waren es nicht
+vierzig Jahre, daß Theoderich im Auftrag des Kaisers von Byzanz mit seinem
+Volk den Isonzo überschritten und dem tapfern Abenteurer Odovakar, den ein
+Aufstand der germanischen Söldner auf den Thron des Abendlands erhoben,
+Krone und Leben entrissen hatte. Alle Weisheit und Größe des Königs hatte
+nicht die Unsicherheit beseitigen können, die in der Natur seiner mehr
+kühnen als besonnenen Schöpfung lag. Trotz der Milde seiner Regierung
+fühlten die Italier – und wir wollen uns hüten, solche Gesinnung zu
+verdammen – aufs tiefste die Schmach der Fremdherrschaft. Und diese
+Fremden waren als Barbaren und Ketzer doppelt verhaßt. Nach der Auffassung
+jener Zeit galten das weströmische und das oströmische Reich als eine
+unteilbare Einheit und, nachdem die Kaiserwürde im Occident erloschen,
+erschien der oströmische Kaiser als der einzige rechtmäßige Herr des
+Abendlands. Nach Byzanz also waren die Augen aller römischen Patrioten,
+aller rechtgläubigen Katholiken von Italien gerichtet: von Byzanz
+erhofften sie Befreiung aus dem Joche der Ketzer, der Barbaren, Tyrannen.
+Und Byzanz hatte Macht und Neigung, diese Hoffnung zu erfüllen. Waren auch
+die Unterthanen des Imperators nicht mehr die Römer Cäsars oder Trajans: –
+noch gebot das Ostreich über eine sehr ansehnliche, den Goten durch alle
+Mittel der Bildung und eines lang bestehenden Staatswesens unendlich
+überlegene Macht.
+
+An der Lust aber, diese Überlegenheit zur Vernichtung des Barbarenreiches
+zu gebrauchen, konnte es nicht fehlen, da das Verhältnis beider Staaten
+von vornherein auf Überlistung, Mißtrauen und geheimen Haß gegründet war.
+Vor ihrem Abzug nach Italien hatte die Goten, in den Donauländern
+angesiedelt, an Byzanz ein für beide Teile unerfreuliches Bundesverhältnis
+geknüpft, das in Folge des Ehrgeizes ihrer Könige, mehr noch der
+Treulosigkeit der Kaiser, fast alle paar Jahre in offnen Krieg zwischen
+den ungleichartigen Verbündeten umschlug: wiederholt hatte Theoderich,
+obwohl in Zeiten der Aussöhnung mit den höchsten Ehren des Reiches, mit
+den Titeln Konsul, Patricius, Adoptivsohn des Kaisers ausgezeichnet, seine
+Waffen bis vor die Thore der Kaiserstadt getragen.
+
+Um diesen steten Reibungen ein Ende zu machen, hatte Kaiser Zeno, ein
+feiner Diplomat, das echt byzantinische Auskunftsmittel getroffen, den
+lästigen Gotenkönig mit seinem Volk dadurch aus der gefährlichen
+Nachbarschaft zu entfernen, daß er ihm als ein Danaërgeschenk Italien
+übertrug, das erst dem eisernen Arm des Helden Odovakar entrissen werden
+mußte.
+
+In der That, wie immer der Kampf zwischen den beiden deutschen Fürsten
+enden mochte: Byzanz mußte immer gewinnen. Siegte Odovakar, so waren die
+Goten und ihr furchtbarer König, denen man schöne Provinzen und schwere
+Jahrgelder hatte überlassen müssen, für immer beseitigt. Siegte
+Theoderich, nun, so war ein Anmaßer, den man zu Byzanz niemals anerkannt
+hatte, gestürzt und gestraft: und da Theoderich im Namen und Auftrag des
+Kaisers siegen und als Statthalter herrschen sollte, durch eine ruhmvolle
+Eroberung das Abendland wieder mit dem Ostreich vereinigt.
+
+Aber der Ausgang des feinen Planes war doch nicht der erwünschte. Denn als
+Theoderich gesiegt und sein Reich in Italien gegründet hatte, entfaltete
+sich alsbald die ganze Großartigkeit seines Geistes und erwarb ihm eine
+Stellung, in der, bei aller Höflichkeit in den Formen, doch jede
+Abhängigkeit von Byzanz völlig verschwand.
+
+Nur wo es ihm diente, so, um die Abneigung der Italier zu schwächen,
+berief er sich formell auf jenen Auftrag des Kaisers: in Wahrheit aber
+herrschte er auch über die Italier wie über seine Goten nicht als
+Statthalter und im Namen des Byzantiners, sondern kraft eignen Rechts,
+kraft seines Sieges, als »König der Goten und Italier«. Dies führte
+natürlich zu Mißhelligkeiten mit dem Kaiser, die wiederholt in offnen
+Krieg zwischen den beiden Reichen aufloderten. Es war also kein Zweifel,
+daß man zu Byzanz sehr bereit war, dem Seufzen Italiens nach Abwerfung des
+Barbarenjoches ein Ende zu bringen, so wie man sich stark genug fühlte.
+Und die Goten hatten keine Bundesgenossen gegen diese innern und äußern
+Feinde. Denn Theoderichs Ruhm und Ansehen und seine Politik der
+Verschwägerung mit allen Germanenfürsten hatten ihm doch nur eine Art
+moralischen Protektorats, keine sichre Verstärkung seiner Macht
+verschaffen können.
+
+Es fehlte dem Gotenreich, das eine geniale Persönlichkeit allzuverwegen
+und vertrausam mitten in das Herz der römischen Bildungswelt gepflanzt
+hatte, der unmittelbare Zusammenhang mit noch nicht romanisierten
+Volkskräften, es fehlte der Nachschub an frischen germanischen Elementen,
+der das gleichzeitig entstehende Reich der Franken immer wieder verjüngt
+und wenigstens dessen nordöstliche Teile vor der mit der Romanisierung
+verbundenen Fäulnis bewahrt hatte, während die kleine gotische Insel, auf
+allen Seiten von den feindlichen Wellen des römischen Lebens umspült und
+benagt, diesen gegenüber von Jahr zu Jahr zusammenschmolz.
+
+So lange Theoderich, der gewaltige Schöpfer dieses gewagten Werkes lebte,
+blendete der Glanz seines Namens über die Gefahren und Blößen seiner
+Schöpfung.
+
+Aber mit Recht zitterte man vor dem Augenblick, da das Steuer dieses
+gefährdeten Schiffes in die Hand eines Weibes oder eines kranken Jünglings
+übergehen sollte: Aufstände der Italier, Einmischung des Kaisers, Abfall
+der unterworfnen, Angriffe der feindlichen Barbarenstämme waren zu
+besorgen. Wenn der gefährliche Augenblick gleichwohl ruhig vorüberging, so
+war dies vor allem der unermüdlich eifrigen und vorsorglichen Thätigkeit
+zu danken, die Cassiodor, des Königs Freund und lang bewährter Minister,
+schon seit Wochen entfaltet hatte und jetzt, nach dem Tode Theoderichs,
+verdoppelte. Um die Italier in Ruhe zu erhalten, ward sofort ein Manifest
+erlassen, das die Thronbesteigung Athalarichs, unter Vormundschaft seiner
+Mutter, als eine bereits vollendete und in aller Ruhe vollzogene Thatsache
+Italien und den Provinzen verkündete. Sofort auch wurden in alle Teile des
+Reiches Beamte entsendet, die den Huldigungseid der Bevölkerung
+entgegennehmen, aber auch im Namen des jungen Königs eidlich geloben
+sollten, daß die neue Regierung alle Rechte und Freiheiten der Italier und
+Provinzialen achten und in allen Stücken die Milde, ja Vorliebe des großen
+Toten für seine römischen Unterthanen zum Muster nehmen werde.
+
+Gleichzeitig wurde aber auch dafür gesorgt, daß eine Furcht gebietende
+Entfaltung der gotischen Heeresmacht an den Grenzen und in den wichtigsten
+oder unruhigsten Städten des Reiches äußeren und inneren Gegnern die Lust
+zu Feindseligkeiten vertreibe, während mit dem Kaiserhof das gute
+Vernehmen durch Gesandtschaften und Briefe sehr verbindlicher Haltung
+befestigt oder erneuert wurde.
+
+
+
+
+ Zweites Kapitel.
+
+
+Neben Cassiodor war es nun aber vor allen Ein Mann, der in jenen Tagen des
+Übergangs eine bedeutende und, wie es der Regentschaft schien,
+hochverdienstliche Rolle spielte.
+
+Das war kein andrer als Cethegus.
+
+Er hatte das wichtige Amt eines Stadtpräfekten von Rom übernommen. Er war,
+sowie der König die Augen geschlossen, spornstreichs aus dem Palast und
+den Thoren von Ravenna nach der ihm anvertrauten Tiberstadt geeilt und
+dort vor aller Kunde des Geschehenen eingetroffen.
+
+Sofort, noch eh’ der Tag angebrochen, hatte er die Senatoren in dem
+»Senatus«, d. h. dem geschaffenen Hallenbau Domitians nahe dem Janus
+Geminus, rechtsab vom Severusbogen, versammelt, darauf das Gebäude mit
+gotischen Truppen umstellt, die überraschten Senatoren – von denen er gar
+manchen erst neuerlich in den Katakomben gesehen und zur Vertreibung der
+Barbaren angefeuert hatte – von dem bereits vollzognen Thronwechsel
+benachrichtigt und, (nicht ohne einige auf die von dem Saal aus deutlich
+sichtbaren Speere der Gotentausendschaft gelinde hinweisende Worte,) mit
+einer keinen Widerspruch duldenden Raschheit für Athalarich in Eid und
+Pflicht genommen.
+
+Dann verließ er den »Senatus«, wo er die Väter eingeschlossen hielt, bis
+er in dem flavischen Amphitheater, wohin er eine Volksversammlung der
+Römer berufen, diese unter Beiziehung der starken gotischen Besatzung
+abgehalten und die leicht beweglichen »Quiriten« durch eine meisterhafte
+Rede für den jungen König begeistert hatte. Er zählte die Wohlthaten
+Theoderichs auf, verhieß gleiche Milde von dessen Enkel, der übrigens
+bereits von ganz Italien, den Provinzen und den Vätern dieser Stadt
+anerkannt sei, meldete eine allgemeine Speisung des römischen Volkes mit
+Brot und Wein als den ersten Regierungsakt Amalaswinthens an und schloß
+mit der Verkündung siebentägiger Cirkusspiele, – Wettfahrten mit
+einundzwanzig spanischen Viergespannen – mit welchen er selbst die
+Thronbesteigung Athalarichs und den Antritt seiner Präfektur feiern werde.
+
+Da erhob tausendstimmiges Jubelgeschrei die Namen der Regentin und ihres
+Sohnes, aber noch lauter den Namen Cethegus, das Volk verlief sich in
+heller Freude, die eingesperrten Senatoren wurden nunmehr entlassen und
+die ewige Stadt war für die Goten erhalten. Der Präfekt aber eilte nach
+seinem Hause am Fuß des Kapitols, schloß sich ein und schrieb eifrig
+seinen Bericht an die Regentin. –
+
+Jedoch ungestüm pochte es alsbald an der ehernen Vorthür des Hauses. Es
+war Lucius Licinius, der junge Römer, den wir in den Katakomben kennen
+gelernt: er schlug mit dem Schwertknauf gegen die Pforte, daß das Haus
+dröhnte. Ihm folgten Scävola, der Jurist, – er war unter den Eingesperrten
+gewesen – mit schwer gefurchter Stirn und Silverius, der Priester, mit
+zweifelnder Miene.
+
+Vorsichtig lugte der Ostiarius an der Thüre durch eine verborgne Luke in
+der Mauer und ließ, als er Licinius erkannte, die Männer ein. Heftig
+stürmte der Jüngling den andern voraus den ihm wohlbekannten Weg durch das
+Vestibulum, das Atrium und dessen Säulengang in das Studierzimmer des
+Cethegus. Dieser, als er die hastig nahenden Schritte vernahm, erhob sich
+von dem Lectus, auf den hingestreckt er schrieb, und verschloß seine
+Briefe in einer Capsula mit silberner Kuppel. »Ah, die
+Vaterlandsbefreier!« sagte er lächelnd und trat ihnen entgegen.
+
+»Schändlicher Verräter!« schrie ihn Licinius an, die Hand am Schwert: –
+der Zorn ließ ihn nicht weiter sprechen, er zückte halb das breite Eisen
+aus der Scheide.
+
+»Halt, erst laß ihn sich verteidigen, wenn er kann,« keuchte, dem
+Stürmischen in den Arm fallend, Scävola, der jetzt nachgekommen war. »Es
+ist unmöglich, daß er abgefallen von der Sache der heiligen Kirche,«
+sprach Silverius im Eintreten.
+
+»Unmöglich?« lachte Licinius, »wie? seid ihr toll oder bin ich’s? Hat er
+nicht uns, die Ritter, in ihren Häusern festhalten lassen? Hat er nicht
+die Thore gesperrt und den Pöbel für den Barbaren vereidigt?« – »Hat er
+nicht,« sprach Cethegus fortfahrend, »die edeln Väter der Stadt,
+dreihundert an der Zahl, in der Kurie wie soviel Mäuse in der Mausfalle
+gefangen, dreihundert hochadlige Mäuse?« – »Er höhnt uns noch! Wollt ihr
+das dulden?« rief Licinius. Und Scävola erbleichte vor Zorn. »Nun, und was
+hättet ihr gethan, wenn man euch hätte handeln lassen?« fragte der Präfekt
+ruhig, die Arme auf der breiten Brust kreuzend. »Was wir gethan hätten?«
+antwortete Licinius, »was wir – was du mit uns hundertmal verabredet!
+Sobald die Nachricht von dem Tod des Tyrannen eintraf, hätten wir die
+Goten in der Stadt erschlagen, die Republik ausgerufen und zwei Konsuln
+ernannt –« – »Namens Licinius und Scävola, das ist die Hauptsache. Nun,
+und dann? was dann?« – »Was dann? die Freiheit hätte gesiegt!«
+
+»Die Thorheit hätte gesiegt!« herrschte Cethegus losbrechend den
+Erschrocknen an. »Wie gut, daß man euch die Hände band: ihr hättet alle
+Hoffnung erwürgt, auf immer. Seht her und dankt mir auf den Knien!« Er
+nahm Urkunden aus einer andern Papyruskapsel und gab sie den Erstaunten.
+»Da, lest. Der Feind war gewarnt und hatte seine Schlinge meisterhaft um
+den Nacken Roms geschürzt. Wenn ich nicht handelte, so stand in diesem
+Augenblick Graf Witichis mit zehntausend Goten vor dem salarischen Thor im
+Norden, morgen sperrte der junge Totila mit der Flotte von Neapel im Süden
+die Tibermündung, und gegen das Grabmal Hadrians und das aurelische Thor
+war Herzog Thulun mit zwanzigtausend Mann von Westen her im Anzug. Hättet
+ihr heute früh einem Goten ein Haar gekrümmt, was wäre geschehen?«
+
+Silverius atmete auf. Die beiden andern schwiegen beschämt. Doch faßte
+sich Licinius: »Wir hätten den Barbaren getrotzt hinter unsern Mauern,«
+sprach er, mutig das schöne Haupt aufwerfend. – »Ja. So wie ich diese
+Mauern herstellen werde – eine Ewigkeit, mein Licinius: wie sie jetzt sind
+– nicht einen Tag.« – »So wären wir gestorben als freie Bürger,« sprach
+Scävola. »Das hättet ihr vor drei Stunden in der Kurie auch gekonnt,«
+lachte Cethegus achselzuckend. Silverius trat mit offnen Armen, wie um ihn
+zu küssen, auf ihn zu; vornehm entzog sich Cethegus: »Du hast uns alle, du
+hast Kirche und Vaterland gerettet! Ich habe nie an dir gezweifelt!«
+sprach der Priester. Da ergriff Licinius die Hand des Präfekten, die
+dieser ihm willig ließ:
+
+»Ich habe an dir gezweifelt,« rief er mit schöner Offenheit, »vergieb, du
+großer Römer. Dies Schwert, das dich heute durchbohren sollte, dir ist es
+fortan für ewig zu Dienst. Und bricht der Tag der Freiheit an, dann keine
+Konsuln, dann _salve_, Diktator Cethegus!« Und mit leuchtenden Augen eilte
+er hinaus. Der Präfekt warf ihm einen befriedigten Blick nach. »Diktator,
+ja, doch nur bis zur vollen Sicherheit der Republik!« sprach der Jurist
+und folgte ihm. »Jawohl,« lächelte Cethegus, »dann wecken wir Camillus und
+Brutus wieder auf und führen die Republik da fort, wo sie diese vor
+tausend Jahren gelassen. Nicht wahr, Silverius?« – »Präfekt von Rom,«
+sprach der Priester, »du weißt, ich hatte den Ehrgeiz, die Sache des
+Vaterlands wie der Heiligen zu leiten: ich hab’ ihn nicht mehr seit dieser
+Stunde. Dein sei die Führung, ich folge. Gelobe nur das Eine: Freiheit der
+römischen Kirche – freie Papstwahl.« – »Jawohl,« sagte Cethegus, »sowie
+nur erst Silverius Papst geworden. Es gilt.« – Der Priester schied mit
+einem Lächeln auf den Lippen, aber schwere Gedanken im Herzen. »Geht,«
+sagte Cethegus nach einer Pause, den Dreien nachblickend, »ihr werdet
+keinen Tyrannen stürzen: – ihr braucht einen Tyrannen!« Dieser Tag, diese
+Stunde wurden entscheidend für Cethegus: fast ohne seinen Willen ward er
+durch die Ereignisse fortgetrieben zu neuen Stimmungen und Anschauungen,
+zu Zielen, die er sich bisher nie mit solcher Klarheit vorgesteckt, oder
+doch nie als mehr denn Träume, die er sich als Ziele eingestanden hatte.
+
+Er erkannte sich in diesem Augenblick als alleinigen Herrn der Lage: er
+hatte die beiden großen Parteien der Zeit, die Gotenregierung und ihre
+Feinde, die Verschwornen, völlig in seiner Hand. Und in der Brust dieses
+gewaltigen Mannes wurde die Haupttriebfeder, die er seit Jahrzehnten für
+gelähmt erachtet, plötzlich wieder in mächtigste Thätigkeit gesetzt: der
+unbegrenzte Drang, ja das Bedürfnis, _zu herrschen_, machte sich mit einem
+Male alle Kräfte dieses reichen Lebens dienstbar und trieb sie an zu
+heftiger Bewegung.
+
+Cornelius Cethegus Cäsarius war der Abkömmling eines alten und unermeßlich
+reichen Geschlechts, dessen Ahnherr den Glanz seines Hauses als Feldherr
+und Staatsmann Cäsars in den Bürgerkriegen gegründet: – man sagte, er sei
+ein Sohn des großen Diktators gewesen. – Unser Cethegus hatte von der
+Natur die vielseitigsten Anlagen und die gewaltigsten Leidenschaften und
+durch seine gewaltigen Reichtümer die Mittel erhalten, jene aufs
+großartigste zu entfalten, diese aufs großartigste zu befriedigen. Er
+empfing die sorgfältigste Bildung, die damals einem jungen Adligen Roms
+gegeben werden konnte.
+
+Er übte sich bei den ersten Lehrern in den schönen Künsten. Er trieb zu
+Berytus, zu Alexandrien, zu Athen in den besten Schulen mit glänzenden
+Erfolgen das Studium des Rechts, der Geschichte, der Philosophie.
+
+Aber all das befriedigte ihn nicht. Er fühlte den Hauch des Verfalls in
+aller Kunst und Wissenschaft seiner Zeit. Die Philosophie insbesondre
+vermochte nur die letzten Reste des Glaubens in ihm zu zerstören, ohne ihm
+irgend welche Befriedigung in positiven Ergebnissen zu gewähren. Als er
+von seinen Studien zurückkam, führte ihn sein Vater nach der Sitte der
+Zeit in den Staatsdienst ein: rasch stieg der glänzend Begabte von Amt zu
+Amt.
+
+Aber plötzlich sprang er aus.
+
+Nachdem er die Staatsgeschäfte zur Genüge kennen gelernt, mochte er nicht
+länger ein Rad in der großen Maschine des Reiches sein, das die Freiheit
+ausschloß und obenein dem Barbarenkönig diente. Da starb sein Vater und
+Cethegus warf sich, nun Herr seiner selbst und eines ungeheuern Vermögens
+geworden, mit der Gewalt, mit welcher er alles verfolgte, in die wildesten
+Strudel des Lebens, des Genusses, der Lüste. Mit Rom war er bald fertig:
+da machte er große Reisen nach Byzanz, nach Ägypten, bis nach Indien drang
+er vor. Da war kein Luxus, kein unschuldiger und kein schuldiger Genuß,
+den er nicht schlürfte. Nur ein stählerner Körper konnte die
+Anstrengungen, die Entbehrungen, die Abenteuer, die Ausschweifungen dieser
+Fahrten ertragen.
+
+Nach zwölf Jahren kehrte er zurück nach Rom.
+
+Es hieß, er werde großartige Bauten aufführen; man freute sich, das
+üppigste Leben in seinen Häusern und Villen beginnen zu sehen, man
+täuschte sich sehr.
+
+Cethegus baute sich nur das kleine Haus am Fuß des Kapitols, bequem und
+von feinstem Geschmack, und lebte mitten in dem volkreichen Rom wie ein
+Einsiedler.
+
+Er gab unvermutet eine Schilderung seiner Reisen heraus, eine
+Charakterisierung der wenig bekannten Völker und Länder, die er besucht.
+Das Buch hatte unerhörten Erfolg; Cassiodor und Boëthius warben um seine
+Freundschaft, der große König wollte ihn an seinen Hof ziehen. Aber
+plötzlich war er aus Rom verschwunden. Das Ereignis, das ihn in jenen
+Tagen betroffen haben mußte, blieb allen Nachforschungen der Neugier, der
+Teilnahme, der Schadenfreude verborgen.
+
+Man erzählte sich damals, arme Fischer hätten ihn eines Morgens am Ufer
+des Tibers vor den Thoren der Stadt, bewußtlos und dem Tode nah, gefunden.
+
+Wenige Wochen später tauchte er wieder an der Nordostgrenze des Reiches in
+den unwirtlichen Donauländern auf, wo der blutige Krieg mit Gepiden, mit
+Avaren und Sclavenen raste. Dort schlug er sich mit todverachtender
+Tapferkeit mit diesen wilden Barbaren herum, verfolgte sie mit erlesenen,
+von ihm besoldeten Scharen freiwillig in alle Schlupfwinkel ihrer Felsen,
+schlief alle Nächte auf der gefrornen Erde. Und als der gotische Feldherr
+ihm eine kleine Schar zu einem Streifzug anvertraute, griff er statt
+dessen Sirmium an, die feste Hauptstadt der Feinde, und eroberte sie mit
+nicht geringerer Feldherrnkunst als Tapferkeit. Nach dem Friedensschluß
+machte er abermals Reisen nach Gallien und Spanien und Byzanz, kehrte von
+da nach Rom zurück und lebte dort jahrelang in einer verbitterten Muße und
+Zurückgezogenheit, alle kriegerischen, bürgerlichen, wissenschaftlichen
+Ämter und Ehren ausschlagend, die ihm Cassiodor aufdringen wollte. Er
+schien für nichts mehr Interesse zu haben, als für seine Studien.
+
+Vor einigen Jahren brachte er von einer Reise nach Gallien einen schönen
+Jüngling oder Knaben mit, welchem er Rom und Italien zeigte und väterliche
+Liebe und Sorgfalt erwies. Es hieß, er wolle ihn adoptieren: solange
+dieser sein junger Gast um ihn war, trat er aus seiner Einsamkeit heraus,
+lud die adlige Jugend Roms zu glänzenden Festen in seine Villen und war
+bei den Gegeneinladungen, die er alle annahm, der liebenswürdigste
+Gesellschafter. Aber sowie er den jungen Julius Montanus mit einem
+stattlichen Gefolge von Pädagogen, Freigelassenen und Sklaven nach
+Alexandrien in die gelehrten Schulen entsendet hatte, brach er plötzlich
+wieder alle Verbindungen ab und zog sich in seine undurchdringliche
+Abgeschlossenheit zurück, grollend wie es schien mit Gott und der ganzen
+Welt. Mit schwerer Mühe gelang es dem Priester Silverius und Rusticianen,
+ihn aus seiner ablehnenden Ruhe heraus und zur Teilnahme an der
+Katakombenverschwörung fortzuziehen. Er wurde, wie er ihnen sagte, Patriot
+aus eitel Langweile. Und in der That, bis zu dem Tod des Königs hatte er
+das Unternehmen, dessen Leitung doch in seiner und des Diakons Hand lag,
+fast mit Abneigung betrieben.
+
+Dies wurde jetzt anders. Der tiefste Zug seines Wesens, der Drang in allen
+möglichen Gebieten des Geistes sich zu versuchen, die Schwierigkeiten zu
+überwinden, alle Nebenbuhler zu überflügeln, in jedem Lebenskreise, den er
+betrat, zu herrschen, allein und ohne Widerstand und, sobald er den
+Siegeskranz genommen, ihn gleichgültig wegzuwerfen und nach neuen Aufgaben
+auszuschauen, hatte ihn bisher bei keinem Ziele volle Befriedigung finden
+lassen. Kunst, Wissenschaft, Genuß, Amtsehre, Kriegsruhm: – alles hatte
+ihn gereizt, alles hatte er wie kein andrer gewonnen und alles hatte ihn
+leer gelassen. Herrschen, der erste sein, über widerstrebende Verhältnisse
+mit allen Mitteln überlegner Kraft und Klugheit siegen und dann über
+knirschende Menschen ein ehernes Regiment führen, das allein hatte er
+unbewußt und bewußt von jeher erstrebt: nur darin fühlte er sich wohl.
+
+In stolzen, vollen Atemzügen hob sich darum in dieser Stunde seine Brust:
+er, der Eisigkalte, erglühte in dem Gedanken, daß er über die beiden
+großen feindlichen Mächte der Zeit, Goten und Römer, heute mit einem
+Zucken seiner Wimper gebot: und aus diesem Wonnegefühl der Herrschaft
+stieg ihm mit dämonischer Gewalt die Überzeugung empor, daß es für ihn und
+seinen Ehrgeiz nur noch Ein Ziel gab, welches das Leben der Mühe des
+Lebens wert machen könne, nur noch Ein Ziel, ein sonnenfernes, jedem
+andern unerreichbares: – er glaubte gern an seine Abkunft von Julius Cäsar
+und er fühlte das Blut Cäsars aufwallen in seinen Adern bei dem Gedanken:
+– Cäsar, Imperator des Abendlands, Kaiser der römischen Welt! – – – –
+
+Als vor Monaten dieser Blitz zum erstenmal seine Seele durchzuckt hatte, –
+kein Gedanke, – kein Wunsch, – nur ein Schatte, ein Traum, – erschrak er
+und lächelte zugleich über seine unermeßliche Kühnheit. Er Kaiser und
+Wiederaufrichter des römischen Weltreichs! Und Italien bebte unter dem
+Schritt von dreimalhunderttausend gotischen Kriegern! Und der größte aller
+Barbarenkönige, dessen Ruhm die Erde erfüllte, saß gewaltig herrschend zu
+Ravenna. Und wenn die Macht der Goten gebrochen war, so streckten die
+Franken über die Alpen, die Byzantiner übers Meer die gierigen Hände nach
+der italienischen Beute, zwei große Reiche gegen ihn, den einzelnen
+Mann! –
+
+Denn wahrlich, einsam stand er in seinem Volk! Wie genau kannte, wie
+bitter verachtete er seine Landsleute, die unwürdigen Enkel großer Ahnen!
+Wie lachte er der Schwärmerei eines Licinius oder Scävola, die mit diesen
+Römern die Tage der Republik erneuern wollten!
+
+Er stand allein.
+
+Aber gerade dies reizte seinen stolzen Ehrgeiz. Und gerade in diesem
+Augenblick, da ihn die Verschworenen verlassen hatten, da seine
+Überlegenheit gewaltiger als je ihnen und ihm selbst klar geworden war,
+gerade jetzt schoß in seiner Brust was früher ein schmeichelnd Spiel
+seiner träumenden Stunden gewesen mit Blitzesschnelle zum klaren Gedanken,
+zum festen Entschluß empor.
+
+Die Arme über der mächtigen Brust gekreuzt, mit starken Schritten, wie ein
+Löwe seinen Käfig, das Gemach durchmessend, sprach er in abgerissenen
+Sätzen zu sich selbst:
+
+»Mit einem tüchtigen Volk hinter sich die Goten hinaustreiben, Griechen
+und Franken nicht hereinlassen: – das wäre nicht schwer, das könnte ein
+andrer auch. Aber allein, ganz allein, von diesen Männern ohne Mark und
+Willen mehr gehemmt als getragen, das Ungeheure vollenden, und diese
+Memmen erst wieder zu Helden, diese Sklaven zu Römern, diese Knechte der
+Pfaffen und Barbaren wieder zu Herren der Erde machen: – das, das ist der
+Mühe wert. Ein neues Volk, eine neue Zeit, eine neue Welt schaffen,
+allein, ein einziger Mann, mit der Kraft seines Willens und der Macht
+seines Geistes: – das hat noch kein Sterblicher vollbracht: – das ist
+größer als Cäsar: er führte Legionen von Helden! Und doch, es kann gethan
+werden, denn es kann gedacht werden. Und ich, der’s denken konnte, ich
+kann’s auch thun. Ja, Cethegus, das ist ein Ziel, dafür verlohnt sich’s zu
+denken, zu leben, zu sterben. Auf und ans Werk, und von nun an: – keinen
+Gedanken mehr und kein Gefühl als für dies Eine.«
+
+Er stand still vor der Kolossalstatue Cäsars aus weißem parischem Marmor,
+die, das Meisterwerk des Arkesilaos und der edelste Schmuck, ja nach der
+Familientradition von Julius Cäsar selbst dem Sohne geschenkt, das
+Heiligtum dieses Hauses, gegenüber dem Schreibdivan stand:
+
+»Hör’ es, göttlicher Julius, großer Ahnherr, es lüstet deinen Enkel, mit
+dir zu ringen: es giebt noch ein Höheres als du erreicht: schon fliegen
+nach einem höheren Ziel als du, ist unsterblich und fallen, fallen aus
+solcher Höhe: – das ist der herrlichste Tod. Heil mir, daß ich wieder
+weiß, warum ich lebe.«
+
+Er schritt an der Bildsäule vorbei und warf einen Blick auf die auf dem
+Tisch aufgerollte Militärkarte des römischen Weltreichs:
+
+»Erst diese Barbaren zertreten –: Rom! – Dann den Norden wieder
+unterwerfen –: Paris! – Dann zum alten Gehorsam unter die alte
+Cäsarenstadt das abtrünnige Ostreich zurückheischen –: Byzanz! Und weiter,
+immer weiter: an den Tigris, an den Indus, weiter als Alexandros – und
+zurück nach Westen, durch Skythien und Germanien, an den Tiber – die Bahn,
+welche dir, Cäsar, der Dolch des Brutus durchgeschnitten. – Und so größer
+als du, größer als Alexander – o halt, Gedanke, halt ein!«
+
+Und der eisige Cethegus loderte und glühte; mächtig pochten seine Adern an
+den Schläfen: er drückte die brennende Stirn an die kalte Marmorbrust
+Julius Cäsars, der majestätisch auf ihn niederschaute.
+
+
+
+
+ Drittes Kapitel.
+
+
+Aber nicht nur für Cethegus wurde dieser Tag von entscheidender Bedeutung,
+auch für die Verschwörung in den Katakomben, für Italien und das Reich der
+Goten.
+
+Hatten die Umtriebe der Patrioten, geleitet von mehreren Häuptern, die
+über die Mittel, ja sogar über die Zwecke ihrer Pläne nicht immer einig
+waren, bisher nur langsame und unsichre Fortschritte gemacht, so ward dies
+anders von dem Augenblick an, da der weitaus begabteste Mann dieser
+Partei, da Cethegus die Führung in die kräftige Hand nahm.
+
+Unbedingt hatten sich die bisherigen Häupter des Bundes, – sogar, wie es
+schien, Silverius – dem Präfekten untergeordnet, der seine Überlegenheit
+so mächtig bewährt und das Leben ihrer Sache gerettet hatte.
+
+Erst von jetzt an wurde der Geheimbund den Goten wahrhaft gefährlich.
+
+Unermüdlich war Cethegus beschäftigt, die Macht und Sicherheit ihres
+Reiches auf allen Seiten zu untergraben: mit seiner großen Kunst, die
+Menschen zu durchschauen, zu gewinnen und zu beherrschen wußte er die Zahl
+bedeutender Mitglieder und die Mittel der Partei von Tag zu Tag zu
+vermehren.
+
+Aber er wußte auch mit kluger Vorsicht einerseits jeden Verdacht der
+gotischen Regierung zu vermeiden, andrerseits jede unzeitige Erhebung der
+Verschwornen zu verhindern. Denn ein Leichtes wär’ es freilich gewesen,
+plötzlich an Einem Tage in allen Städten der Halbinsel die Barbaren zu
+überfallen, die Erhebung zu beginnen und die Byzantiner, die längst
+hierauf lauerten, zur Vollendung des Sieges ins Land zu rufen. Aber damit
+hätte der Präfekt seine geheimen Pläne nicht hinausgeführt. Er hätte nur
+an die Stelle der gotischen Herrschaft die byzantinische Tyrannei gesetzt.
+
+Und wir wissen, er verfolgte ein ganz andres Ziel.
+
+Um dies zu erreichen, mußte er sich zuvor in Italien eine Machtstellung
+schaffen, wie sie kein andrer besaß.
+
+Er mußte, wenn auch nur im stillen, der mächtigste Mann im Lande sein, ehe
+der Fuß eines Byzantiners es betrat, ehe der erste Gote fiel. Die Dinge
+mußten soweit vorbereitet sein, daß die Barbaren von Italien, das hieß von
+Cethegus, allein, mit möglichst geringer Nachhilfe von Byzanz, vertrieben
+würden, so daß nach dem Siege der Kaiser gar nicht umhin konnte, die
+Herrschaft über das befreite Land seinem Befreier, wenn auch zunächst nur
+als Statthalter, zu überlassen. Alsdann hatte er Zeit und Anlaß gewonnen,
+den Nationalstolz der Römer gegen die Herrschaft der »Griechlein«, wie man
+die Byzantiner verächtlich nannte, aufzureizen.
+
+Denn obwohl seit zweihundert Jahren, seit den Tagen des großen Konstantin,
+der Glanz der Weltherrschaft von der verwitweten Roma hinweg nach der
+goldnen Stadt am Hellespont verlegt und das Scepter von den Söhnen des
+Romulus auf die Griechen übergegangen schien, obwohl das Ost- und das
+Westreich zusammen der Barbarenwelt gegenüber Einen Staat der antiken
+Bildung bilden sollten, so waren doch auch jetzt noch die Griechen den
+Römern verhaßt und verächtlich, wie in den Tagen, da Flaminius das
+gedemütigte Hellas für eine Freigelassene Roms erklärt hatte: der alte Haß
+war jetzt durch Neid vermehrt. Deshalb war der Mann der Begeisterung und
+der Hilfe ganz Italiens gewiß, der nach Vertreibung der Barbaren auch die
+Byzantiner aus dem Lande weisen würde: die Krone von Rom, die Krone des
+Abendlands war sein sichrer Lohn. Und wenn es gelang, das neugeweckte
+Nationalgefühl wieder zum Angriffskrieg über die Alpen zu treiben, wenn
+Cethegus auf den Trümmern des Frankenreichs zu Aurelianum und Paris die
+Herrschaft des römischen Imperators über das Abendland wieder aufgerichtet
+hatte, dann war der Versuch nicht mehr zu kühn, auch das losgerissene
+Ostreich zurückzuzwingen zum Gehorsam unter das ewige Rom und die
+Weltherrschaft am Strand des Tibers da fortzuführen, wo sie Trajan und
+Hadrian gelassen. –
+
+Doch um diese fernher leuchtenden Ziele zu erreichen, mußte jeder nächste
+Schritt auf dem schwindelsteilen Pfad mit größter Vorsicht geschehen:
+jedes Straucheln mußte für immer verderben. Um Italien zu beherrschen, als
+Kaiser zu beherrschen, mußte Cethegus vor allem Rom haben: denn nur an Rom
+ließen sich jene Gedanken knüpfen. Deshalb wandte der neue Präfekt höchste
+Sorgfalt auf die ihm anvertraute Stadt: Rom sollte ihm moralisch und
+physisch eine Burg der Herrschaft werden, ihm allein gehörig und
+unentreißbar. Sein Amt bot ihm dazu die beste Gelegenheit: es war ja die
+Pflicht des Präfectus Urbi, für das Wohl der Bevölkerung, für Erhaltung
+und Sicherheit der Stadt zu sorgen. Cethegus verstand es meisterhaft, die
+Rechte, die in dieser Pflicht lagen, für seine Zwecke auszubeuten: leicht
+hatte er alle Stände für sich gewonnen: der Adel ehrte in ihm das Haupt
+der Katakombenverschwörung, über die Geistlichkeit herrschte er durch
+Silverius, der die rechte Hand und der von der öffentlichen Stimme
+bezeichnete Nachfolger des greisen Papstes war und dem Präfekten eine
+diesem selbst befremdliche Ergebenheit an den Tag legte. Das niedre Volk
+aber fesselte er an seine Person nicht nur durch vorübergehende
+Brotspenden und Cirkusspiele aus seiner Tasche, sondern durch großartige
+Unternehmungen, die vielen Tausenden auf Jahre hinaus Arbeit und Unterhalt
+– auf Kosten der gotischen Regierung – verschafften.
+
+Er setzte bei Amalaswintha den Befehl durch, die Befestigungen Roms, die
+seit den Tagen des Honorius durch die Zeit und durch den Eigennutz
+römischer Bauherren vielmehr als durch westgotische und vandalische
+Eroberer gelitten hatten, vollständig und rasch wieder herzustellen, »zur
+Ehre der ewigen Stadt und, – wie sie wähnte, – zum Schutz gegen die
+Byzantiner«.
+
+Cethegus selbst hatte – und zwar, wie die alsbald folgenden vergeblichen
+Belagerungen durch Goten und Byzantiner bewiesen, mit genialem
+Feldherrnblick, – den Plan der großartigen Werke entworfen. Und er betrieb
+nun mit größtem Eifer das Riesenwerk, die ungeheure Stadt in ihrem weiten
+Umfang von vielen Meilen zu einer Festung ersten Ranges umzuschaffen. Die
+Tausende von Arbeitern, die wohl wußten, wem sie diese reich bezahlte
+Beschäftigung verdankten, jubelten dem Präfekten zu, wenn er auf den
+Schanzen sich zeigte, prüfte, antrieb, besserte und wohl selbst mit Hand
+anlegte. Und die getäuschte Fürstin wies eine Million Solidi nach der
+andern an für einen Bau, an dem alsbald die ganze Streitmacht ihres Volkes
+zerschellen und verbluten sollte.
+
+Der wichtigste Punkt dieser Befestigungen war das heute unter dem Namen
+der Engelsburg bekannte Grabmal Hadrians. Dies Prachtgebäude, von Hadrian
+aus parischen Marmorquadern, die ohne anderes Bindungsmittel
+zusammengefügt waren, aufgeführt, lag damals einen Steinwurf vor dem
+aurelischen Thor, dessen Mauerseiten es weit überragte. Mit scharfem Auge
+hatte Cethegus erkannt, daß das unvergleichlich feste Gebäude, in seiner
+bisherigen Lage ein Festungswerk _gegen_ die Stadt, sich durch ein
+einfaches Mittel in ein Hauptbollwerk _für_ die Stadt verwandeln ließ: er
+führte vom aurelischen Thor zwei Mauern gegen und um das Grabmal. Und nun
+bildete die turmhohe Marmorburg eine sturmfreie Schanze für das aurelische
+Thor, um so mehr als der Tiber knapp davor einen natürlichen
+Festungsgraben zog. Oben auf der Mauer des Mausoleums aber standen, zum
+Teil noch von Hadrian und seinem Nachfolger hier aufgestellt, gegen
+dreihundert der schönsten Statuen aus Marmor, Bronze und Erz: darunter der
+Divus Hadrianus selbst, sein schöner Liebling Antinous, ein Zeus Soter,
+die Pallas »Städtebeschirmerin«, ein schlafender Faun und viele andere.
+
+Cethegus freute sich seines Gedankens und liebte diese Stätte, wo er
+allabendlich zu wandeln pflegte, sein Rom mit dem Blick beherrschend und
+den Fortschritt der Schanzarbeiten prüfend: und er hatte deshalb eine
+reiche Zahl von schönen Statuen aus seinem Privatbesitz hier noch
+aufstellen lassen.
+
+
+
+
+ Viertes Kapitel.
+
+
+Vorsichtiger mußte Cethegus bei Ausführung einer zweiten, für seine Ziele
+nicht minder unerläßlichen Vorbereitung sein. Um selbständig in Rom, in
+_seinem_ Rom, wie er es, als Stadtpräfekt, zu nennen liebte, den Goten und
+nötigenfalls den Griechen trotzen zu können, bedurfte er nicht bloß der
+Wälle, sondern auch der Verteidiger auf denselben. Er dachte zunächst an
+Söldner, an eine Leibwache, wie sie in jenen Zeiten hohe Beamte,
+Staatsmänner und Feldherren häufig gehalten hatten, wie sie jetzt Belisar
+und dessen Gegner Narses in Byzanz hielten. Nun gelang es ihm zwar, durch
+früher auf seinen Reisen in Asien angeknüpfte Verbindungen und bei seinen
+reichen Schätzen tapfre Scharen der wilden isaurischen Bergvölker, die in
+jenen Zeiten die Rolle der Schweizer des sechzehnten Jahrhunderts
+spielten, in seinen Sold zu ziehen. Indessen hatte dies Verfahren doch
+zwei sehr eng gezogne Schranken.
+
+Einmal konnte er auf diesem Wege, ohne seine für andre Zwecke
+unentbehrlichen Mittel zu erschöpfen, doch immer nur verhältnismäßig
+kleine Massen aufbringen, den Kern eines Heeres, nicht ein Heer. Und
+ferner war es unmöglich, diese Söldner, ohne den Verdacht der Goten zu
+wecken, in größerer Anzahl nach Italien, nach Rom zu bringen. Einzeln,
+paarweise, in kleinen Gruppen schmuggelte er sie mit vieler List und
+vieler Gefahr als seine Sklaven, Freigelassenen, Klienten, Gastfreunde in
+seine durch die ganze Halbinsel zerstreuten Villen oder beschäftigte sie
+als Matrosen und Schiffsleute im Hafen von Ostia oder als Arbeiter in Rom.
+
+Schließlich mußten doch die Römer Rom erretten und beschützen und all
+seine ferneren Pläne drängten ihn, seine Landsleute wieder an die Waffen
+zu gewöhnen.
+
+Nun hatte aber Theoderich wohlweislich die Italier von dem Heer
+ausgeschlossen – nur Ausnahmen bei einzelnen als besonders zuverlässig
+Erachteten wurden gemacht – und in den unruhigen letzten Zeiten seines
+Regiments während des Prozesses gegen Boëthius ein Gebot allgemeiner
+Entwaffnung der Römer erlassen.
+
+Letzteres war freilich nie streng durchgeführt worden: aber Cethegus
+konnte doch nicht hoffen, die Regentin werde ihm erlauben, gegen den
+entschiednen Willen ihres großen Vaters und gegen das offenbare Interesse
+der Goten eine irgendwie bedeutende Streitmacht aus Italien zu bilden.
+
+Er begnügte sich, ihr vorzustellen, daß sie durch ein ganz unschädliches
+Zugeständnis sich das Verdienst erwirken könne, jene gehässige Maßregel
+Theoderichs in edlem Vertrauen aufgehoben zu haben und schlug ihr vor, ihm
+zu gestatten, nur zweitausend Mann aus der römischen Bürgerschaft als
+Schutzwache Roms rüsten, einüben und immer unter den Waffen gegenwärtig
+halten zu dürfen: die Römer würden ihr schon für diesen Schein, daß die
+ewige Stadt nicht von Barbaren allein gehütet werde, unendlich dankbar
+sein. Amalaswintha, begeistert für Rom und nach der Liebe der Römer als
+ihrem schönsten Ziele trachtend, gab ihre Einwilligung und Cethegus fing
+an seine »Landwehr«, wie wir sagen würden, zu bilden. Er rief in einer wie
+Trompetenschall klingenden Proklamation »die Söhne der Scipionen zu den
+alten Waffen zurück,« er bestellte die jungen Adligen der Katakomben zu
+»römischen Rittern« und »Kriegstribunen«: er verhieß jedem Römer, der sich
+freiwillig meldete, aus seiner Tasche Verdoppelung des von der Fürstin
+bestimmten Soldes: er hob aus den Tausenden, die sich daraus
+herbeidrängten die Tauglichsten aus; er rüstete die Ärmeren aus, schenkte
+denen, die sich besonders auszeichneten im Dienst, gallische Helme und
+spanische Schwerter aus seinen eignen Sammlungen und – was das Wichtigste
+– er entließ regelmäßig sobald als möglich die hinlänglich Eingeübten mit
+Belassung ihrer Waffen und hob neue Mannschaften aus, so daß, obwohl in
+jedem Augenblick nur die von Amalaswintha gestattete Zahl im Dienst stand,
+doch in kurzer Frist viele Tausende bewaffnete und waffengeübte Römer zur
+Verfügung ihres vergötterten Führers standen.
+
+Während so Cethegus an seiner künftigen Residenz baute und seine künftigen
+Prätorianer heranbildete, vertröstete er den Eifer seiner Mitverschwornen,
+die unablässig zum Losschlagen drängten, auf den Zeitpunkt der Vollendung
+jener Vorbereitungen, den er natürlich allein bestimmen konnte. Zugleich
+unterhielt er eifrigen Verkehr mit Byzanz. Dort mußte er sich einer Hilfe
+versichern, die einerseits in jedem Augenblick, da er sie rief, auf dem
+Kampfplatz erscheinen könnte, die aber andrerseits auch nicht, ehe er sie
+rief, auf eigne Faust oder mit einer Stärke erschiene, die nicht leicht
+wieder zu entfernen wäre.
+
+Er wünschte von Byzanz einen guten Feldherrn, der aber kein großer
+Staatsmann sein durfte, mit einem Heere, stark genug, die Italier zu
+unterstützen, nicht stark genug, ohne sie siegen oder gegen ihren Willen
+im Lande bleiben zu können. Wir werden in der Folge sehen, wie in dieser
+Hinsicht vieles nach Wunsch, aber auch ebenso vieles sehr gegen den Wunsch
+des Präfekten sich gestaltete. Daneben war gegenüber den Goten, die zur
+Zeit noch unangefochten im Besitz der Beute standen, um die Cethegus
+bereits im Geiste mit dem Kaiser haderte, sein Streben dahin gerichtet,
+sie in arglose Sicherheit zu wiegen, in Parteiungen zu spalten und eine
+schwache Regierung an ihrer Spitze zu erhalten.
+
+Das erste war nicht schwer. Denn die starken Germanen verachteten in
+barbarischem Hochmut alle offenen und geheimen Feinde: wir haben gesehen,
+wie schwer selbst der sonst scharfblickende, helle Kopf eines Jünglings
+wie Totila von der Nähe einer Gefahr zu überzeugen war: und die trotzige
+Sicherheit eines Hildebad drückte recht eigentlich die allgemeine Stimmung
+der Goten aus. Auch an Parteiungen fehlte es nicht in diesem Volk.
+
+Da waren die stolzen Adelsgeschlechter, die Balten mit ihren
+weitverzweigten Sippen, an ihrer Spitze die drei Herzoge Thulun, Ibba und
+Pitza: die reichbegüterten Wölsungen unter den Brüdern Herzog Guntharis
+von Tuscien und Graf Arahad von Asta: und andre mehr, die alle den Amalern
+an Glanz der Ahnen wenig nachgaben und eifersüchtig ihre Stellung dicht
+neben dem Throne bewachten.
+
+Da waren viele, welche die Vormundschaft eines Weibes, die Herrschaft
+eines Knaben nur mit Unwillen trugen, die gern, nach dem alten Recht des
+Volkes, das Königshaus umgangen und einen der erprobten Helden der Nation
+auf den Schild erhoben hätten. Andrerseits zählten auch die Amaler blind
+ergebene Anhänger, die solche Gesinnung als Treubruch verabscheuten.
+Endlich teilte sich das ganze Volk in eine rauhere Partei, die, längst
+unzufrieden mit der Milde, die Theoderich und seine Tochter den Welschen
+bewiesen, gern nunmehr nachgeholt hätten, was, wie sie meinten, bei der
+Eroberung des Landes versäumt worden, und die Italier für ihren heimlichen
+Haß mit offener Gewalt zu strafen begehrten. Viel kleiner natürlich war
+die Zahl der sanfter und edler Gesinnten, die, wie Theoderich selbst,
+empfänglich für die höhere Bildung der Unterworfenen, sich und ihr Volk zu
+dieser emporzuheben strebten. Das Haupt dieser Partei war die Königin.
+
+Diese Frau nun suchte Cethegus im Besitz der Macht zu erhalten; denn sie,
+diese weibliche, schwache, geteilte Herrschaft, verhieß, die Kraft des
+Volkes zu lähmen, die Parteiung und Unzufriedenheit dauernd zu machen.
+Ihre Richtung schloß jedes Erstarken des gotischen Nationalgefühls aus. Er
+bebte vor dem Gedanken, einen gewaltigen Mann die Kraft dieses Volkes
+gewaltig zusammenfassen zu sehen.
+
+Und manchmal machten ihn schon die Züge von Hoheit, die sich in diesem
+Weibe zeigten, mehr noch die feurigen Funken verhaltener Glut, die zu
+Zeiten aus Athalarichs tiefer Seele aufsprühten, ernstlich besorgt.
+Sollten Mutter und Sohn solche Spuren öfter verraten, dann freilich mußte
+er beide ebenso eifrig stürzen wie er bisher ihre Regierung gehalten
+hatte. Einstweilen aber freute er sich noch der unbedingten Herrschaft,
+die er über die Seele Amalaswinthens gewonnen. Dies war ihm bald gelungen.
+Nicht nur, weil er mit großer Feinheit ihre Neigung zu gelehrten
+Gesprächen ausbeutete, in welchen er von dem, wie es schien, ihm überall
+überlegenen Wissen der Fürstin so häufig überwunden wurde, daß Cassiodor,
+der oft Zeuge ihrer Disputationen war, nicht umhin konnte, zu bedauern,
+wie dies einst glänzende Ingenium durch Mangel an gelehrter Übung etwas
+eingerostet sei.
+
+Der vollendete Menschenerforscher hatte das stolze Weib noch viel tiefer
+getroffen. Ihrem großen Vater war kein Sohn, war nur diese Tochter
+beschieden: der Wunsch nach einem männlichen Erben seiner schweren Krone
+war oft aus des Königs, oft aus des Volkes Munde schon in ihren
+Kinderjahren an ihr Ohr gedrungen. Es empörte das hochbegabte Mädchen, daß
+man es lediglich um ihres Geschlechtes willen zurücksetzte hinter einem
+möglichen Bruder, der, wie selbstverständlich, der Herrschaft würdiger und
+fähiger sein würde. So weinte sie als Kind oft bittere Thränen, daß sie
+kein Knabe war.
+
+Als sie herangewachsen, hörte sie natürlich nur noch von ihrem Vater jenen
+kränkenden Wunsch: jeder andre Mund am Hofe pries die wunderbaren Anlagen,
+den männlichen Geist, den männlichen Mut der glänzenden Fürstin. Und das
+waren nicht Schmeicheleien: Amalaswintha war in der That in jeder Hinsicht
+ein außergewöhnliches Geschöpf: die Kraft ihres Denkens und ihres Wollens,
+aber auch ihre Herrschsucht und kalte Schroffheit überschritten weit die
+Schranken, in welchen sich holde Weiblichkeit bewegt. Das Bewußtsein, daß
+mit ihrer Hand zugleich die höchste Stellung im Reich, vielleicht die
+Krone selbst, würde vergeben werden, machte sie eben auch nicht
+bescheidener: und ihre tiefste, mächtigste Empfindung war jetzt nicht mehr
+der Wunsch, Mann zu sein, sondern die Überzeugung, daß sie, das Weib,
+allen Aufgaben des Lebens und des Regierens so gut wie der begabteste
+Mann, besser als die meisten Männer, gewachsen, daß sie berufen sei, das
+allgemeine Vorurteil von der geistigen Unebenbürtigkeit ihres Geschlechts
+glänzend zu widerlegen.
+
+Die Ehe des kalten Weibes mit Eutharich, einem Amaler aus andrer Linie,
+einem Mann von hohen Anlagen des Geistes und reichem Gemüt, war kurz –:
+Eutharich erlag nach wenigen Jahren einem tiefen Leiden – und wenig
+glücklich. Nur mit Widerstreben hatte sie sich ihrem Gatten gebeugt. Als
+Witwe atmete sie stolz auf. Sie brannte vor Ehrgeiz, dereinst als
+Vormünderin ihres Knaben, als Regentin jene ihre Lieblingsidee zu
+bewähren: sie wollte so regieren, daß die stolzesten Männer ihre
+Überlegenheit sollten einräumen müssen. Wir haben gesehen, wie die
+Erwartung der Herrschaft diese kalte Seele sogar den Tod ihres großen
+Vaters ziemlich ruhig hatte ertragen lassen.
+
+Sie übernahm das Regiment mit höchstem Eifer, mit unermüdlicher
+Thätigkeit. Sie wollte alles selbst, alles allein thun.
+
+Sie schob ungeduldig den greisen Cassiodor zur Seite, der ihrem Geist
+nicht rasch und kräftig genug Schritt hielt. Keines Mannes Rat und Hilfe
+wollte sie dulden.
+
+Eifersüchtig wachte sie über ihre Alleinherrlichkeit. Und nur Einem ihrer
+Beamten lieh sie gern und häufig das Ohr; demjenigen, der ihr oft und laut
+die männliche Selbständigkeit ihres Geistes pries und noch öfter dieselbe
+still zu bewundern, der den Gedanken, sie beherrschen zu wollen, gar nie
+wagen zu können schien: sie traute nur Cethegus. Denn dieser zeigte ja nur
+den Einen Ehrgeiz, alle Gedanken und Pläne der Königin mit eifriger Sorge
+durchzuführen. Nie trat er, wie Cassiodor oder gar die Häupter der
+gotischen Partei, ihren Lieblingsbestrebungen entgegen; er unterstützte
+sie darin: er half ihr, sich mit Römern und Griechen umgeben, den jungen
+König möglichst von der Teilnahme am Regiment ausschließen, die alten
+gotischen Freunde ihres Vaters, die, im Bewußtsein ihrer Verdienste und
+nach alter Gewohnheit, sich manches freie und derbe Wort des Tadels
+erlaubten, als rohe Barbaren allmählich vom Hof entfernen, die Gelder, die
+für Kriegsschiffe, Rosse, Ausrüstung der gotischen Heere bestimmt waren,
+für Wissenschaften und Künste oder auch für die Verschönerung, Erhaltung
+und Sicherung Roms verwenden: – kurz, er war ihr behilflich in allem, was
+sie ihrem Volk entfremden, ihre Regierung verhaßt und ihr Reich wehrlos
+machen konnte. Und hatte er selbst einen Plan, immer wußte er seine
+Verhandlungen mit der Fürstin so zu wenden, daß sich diese für die
+Urheberin ansehen mußte und ihn zu dem Vollzug seiner geheimsten Wünsche
+als _ihrer_ Aufträge befehligte.
+
+
+
+
+ Fünftes Kapitel.
+
+
+Begreiflicherweise bedurfte es, um solchen Einfluß zu gewinnen und zu
+pflegen, häufigeren Aufenthalts am Hof, längerer Abwesenheit von Rom als
+seine dortigen Interessen vertrugen. Deshalb strebte er danach, in die
+Nähe der Königin Persönlichkeiten zu bringen, die ihm diese Mühe zum Teil
+ersparen könnten, die ihn immer gut unterrichten und warm vertreten
+sollten. Die Frauen von mehreren gotischen Edeln, welche grollend Ravenna
+verließen, mußten in der Umgebung Amalaswinthens ersetzt werden und
+Cethegus trug sich mit dem Gedanken, bei dieser Gelegenheit Rusticiana,
+die Tochter des Symmachus, die Witwe des Boëthius an den Hof zu bringen.
+Die Aufgabe war nicht leicht. Denn die Familie dieser als Hochverräter
+hingerichteten Männer war in Ungnade aus der Königsstadt verbannt. Vor
+allem mußte daher die Königin umgestimmt werden für sie.
+
+Dies freilich gelang alsbald, indem die Großmut der edeln Frau gegen das
+so tief gefallne Haus wachgerufen wurde. Dazu kam, daß sie an die niemals
+vollbewiesene Schuld von zwei edeln Römern nie von Herzen hatte glauben
+mögen, deren einen, den Gatten Rusticianas, sie als großen Gelehrten und
+in manchen Gebieten als ihren Lehrer verehrte. Endlich wußte Cethegus zu
+betonen, wie gerade diese That, sei es der Gerechtigkeit, sei es der
+Gnade, die Herzen all’ ihrer römischen Unterthanen rühren müsse. So war
+die Regentin leicht gewonnen, Gnade zu erteilen. Viel schwerer ward die
+stolze und leidenschaftliche Witwe des Verurteilten bewogen, diese Gnade
+anzunehmen. Denn Wut und Rachedurst gegen das Königshaus erfüllten ihre
+ganze Seele und Cethegus mußte sogar fürchten, ihr unbeherrschbarer Haß
+könnte sich in der steten Nähe der »Tyrannen« leicht verraten. Wiederholt
+hatte Rusticiana trotz all’ seiner sonst so großen Gewalt über sie dieses
+Ansinnen zurückgewiesen.
+
+Da machten sie eines Tages eine sehr überraschende Entdeckung, die zur
+Erfüllung der Wünsche des Präfekten führen sollte.
+
+Rusticiana hatte eine kaum sechzehnjährige Tochter, Kamilla. Aus ihrem
+echt römischen Gesicht mit den edeln Schläfen und den schön geschnittenen
+Lippen leuchteten dunkle schwärmerische Augen: der eben erst vollendete
+Wuchs zeigte feine, fast allzuzarte Formen, rasch und leicht und fein wie
+einer Gazelle waren alle Bewegungen dieser schlanken Glieder. Eine reiche
+Seele mit schwungvoller Phantasie lebte in dem lieblichen Mädchen. Mit
+aller Inbrunst kindlicher Verehrung hatte sie ihren unglücklichen Vater
+geliebt: der Streich, der sein teures Haupt getroffen, hatte tief in das
+Leben des heranblühenden Mädchens geschlagen; ungestillte Trauer, heilige
+Wehmut, mit der sich die leidenschaftliche Vergötterung seines Martyriums
+für Italien mischte, erfüllten alle Träume ihres jungfräulichen
+Entfaltens.
+
+Vor dem Sturz ihres Hauses ein gern gesehener Gast am Königshof war sie
+nach dem Schicksalsschlag mit ihrer Mutter über die Alpen nach Gallien
+geflohen, wo ein alter Gastfreund den betrübten Frauen monatelang eine
+Zufluchtstätte bot, während Anicius und Severinus, Kamillas Brüder,
+anfänglich ebenfalls verhaftet und zum Tode verurteilt, dann zur
+Verbannung aus dem Reich begnadigt, aus dem Kerker sofort nach Byzanz an
+den Hof des Kaisers eilten, wo sie Himmel und Hölle gegen die Goten in
+Bewegung setzten. Die Frauen waren, als sich der Sturm der Verfolgung
+verzogen, nach Italien zurückgekehrt und lebten ihrem stillen Gram im
+Häuschen eines treuen Freigelassenen zu Perusia, von wo aus freilich
+Rusticiana, wie wir gesehen, den Weg zu den Verschworenen in Rom wohl zu
+finden wußte.
+
+Der Sommer war gekommen, die Jahreszeit, in der vornehme Römer noch immer,
+wie zur Zeit des Horatius und Tibullus, die dumpfe Luft der Städte zu
+fliehen und in seine kühlen Villen im Sabinergebirge oder an der
+Meeresküste sich zu verstecken pflegten. Mit Beschwerde trugen die
+verwöhnten Edelfrauen den Qualm und Staub in den heißen Straßen des engen
+Perusia, mit Seufzen der herrlichen Landhäuser bei Florentia und Neapolis
+gedenkend, die sie, wie all’ ihr Vermögen, an den gotischen Fiskus
+verloren.
+
+Da trat eines Tages der treue Corbulo mit seltsam verlegenem Gesicht vor
+Rusticiana. Er habe längst bemerkt, wie die »Patrona« unter seinem
+unwürdigen Dach zu leiden und mancherlei Ungemach schon durch seine
+Hantierung – er war seines Zeichens Steinmetz – zu erdulden gehabt und so
+habe er denn an den letzten Calenden ein kleines, freilich nur ein ganz
+kleines, Gütchen mit einem noch kleineren Häuschen gekauft, droben im
+Gebirge bei Tifernum. Freilich, an die Villa bei Florentia dürften sie
+dabei nicht denken: aber es riesele doch auch dort ein selbst unter dem
+Sirius nicht versiegender Waldquell, Eichen und Kornellen gäben breiten
+Schatten, um den verfallnen Faunustempel wuchre üppig der Epheu und im
+Garten habe er Rosen, Veilchen und Lilien pflanzen lassen, wie sie Domna
+Kamilla liebe und so möchten sie denn Maultier und Sänfte besteigen und
+wie andre Edelfrauen ihre Villa beziehen.
+
+Die Frauen, von dieser Treue des Alten gerührt, nahmen dankbar seine Güte
+an und Kamilla, die sich in kindlicher Genügsamkeit auf die kleine
+Veränderung freute, war heiterer, belebter als je seit dem Tod ihres
+Vaters.
+
+Ungeduldig drängte sie zum Aufbruch und eilte noch am selben Tage mit
+Corbulo und Daphnidion, dessen Tochter, voraus, Rusticiana sollte mit den
+Sklaven und dem Gepäck so bald als möglich folgen.
+
+Die Sonne sank schon hinter die Hügel von Tifernum, als Corbulo, Kamillens
+Maultier am Zügel führend, aus den Waldhöhen auf die Lichtung gelangte,
+von wo aus man das Gütchen zuerst wahrnehmen konnte. Längst hatte er sich
+auf die Überraschung des Kindes gefreut, wenn er ihr von hier aus das
+anmutig gelegene Haus zeigen würde.
+
+Aber erstaunt blieb er stehen: – er hielt die Hand vor die Augen, ob ihn
+die Abendsonne blende, er sah umher, ob er denn nicht an der rechten
+Stelle: aber kein Zweifel! da stand ja an dem Rain, wo Wald und Wiese sich
+berührten, der graue Markstein in Gestalt des alten Grenzgottes Terminus
+mit seinem spitz zulaufenden Kopf: der rechte Ort war es, aber das
+Häuschen nicht zu sehen: vielmehr an seiner Stelle eine dichte Gruppe von
+Pinien und Platanen: und auch sonst war die ganze Umgebung verändert: da
+standen grüne Hecken und Blumenbeete, wo sonst Kohl und Rüben, und ein
+zierlicher Pavillon prangte, wo bisher Sandgruben und die Landstraße sein
+bescheidnes Gebiet begrenzt hatten.
+
+»Die Mutter Gottes steh’ mir bei und alle obern Götter!« rief der
+Steinmetz, »bin ich verzaubert oder die Gegend? Aber Zauber ist los!«
+Seine Tochter reichte ihm eifrig das Amulet, das sie am Gürtel trug: aber
+Aufschluß konnte sie nicht geben, da sie zum erstenmal das neue Besitztum
+betrat und so blieb nichts übrig, als das Maultier zur größten Eile zu
+treiben und springend und rufend begleiteten Vater und Tochter den Trab
+des Grauchens die Wiesenhänge hinunter.
+
+Als sie nun näher kamen, fand Corbulo allerdings hinter der Baumgruppe das
+Haus, das er gekauft: aber so verjüngt, erneuert, verschönt, daß er es
+kaum erkannte.
+
+Sein Staunen über die Umwandlung der ganzen Gegend stieg aufs neue zu
+abergläubischer Furcht: offnen Mundes blieb er zuletzt stehen, ließ die
+Zügel fallen und begann eine wieder seltsam gemischte Reihe von
+christlichen und heidnischen Ausrufen, als plötzlich Kamilla ebenso
+überrascht ausrief: »Aber das ist ja der Garten, wo wir gewohnt, das
+Viridarium des Honorius zu Ravenna, dieselben Bäume, dieselben
+Blumenbeete, und auch an jenem Teich, wie zu Ravenna am Meeresufer, der
+Tempel der Venus! o wie schön, welche Erinnerung! Corbulo, wie hast du das
+angefangen?« Und Thränen freudiger Rührung traten in ihre Augen. – »So
+sollen mich alle Teufel peinigen und Lemuren, wenn ich das angefangen
+habe. Doch da kommt Cappadox mit seinem Klumpfuß, der ist also nicht mit
+verhext. Rede, du Cyklope, was ist hier geschehen?«
+
+Der riesige Cappadox, ein breitschultriger Sklave, humpelte mit
+ungeschlachtem Lächeln heran und erzählte nach vielen Fragen und
+Unterbrechungen des Staunens eine rätselhafte Geschichte. Vor drei Wochen
+etwa, wenige Tage nachdem Cappadox auf das Gut geschickt war, es für
+seinen Herrn, der auf längere Zeit in die Marmorbrüche von Luna verreist
+war, zu verwalten, kam von Tifernum her ein vornehmer Römer mit einem Troß
+von Sklaven und Arbeitern und mit hochbepackten Lastwagen an. Er fragte,
+ob dies die Besitzung sei, welche der Steinmetz Corbulo von Perusia für
+die Witwe des Boëthius gekauft. Und als dies bejaht wurde, gab er sich als
+den Hortulanus Prinzeps d. h. als Oberintendanten der Gärten zu Ravenna zu
+erkennen. Ein alter Freund des Boëthius, der aus Furcht vor den gotischen
+Tyrannen seinen Namen nicht zu nennen wage, wünsche, sich insgeheim der
+Verfolgten anzunehmen und habe ihm den Auftrag gegeben, den Aufenthalt
+derselben mit allen Mitteln seiner Kunst zu schmücken und zu verschönern.
+Der Sklave dürfe die beabsichtigte Überraschung nicht verderben und halb
+mit Güte, halb mit Gewalt hielt man den staunenden Cappadox auf der Villa
+fest. Der Intendant aber entwarf sofort seinen Plan und seine Arbeiter
+gingen unverzüglich ans Werk.
+
+Viele benachbarte Grundstücke wurden zu hohen Preisen hinzugekauft und nun
+hob an ein Niederreißen und Bauen, ein Pflanzen und Graben, ein Hämmern
+und Klopfen, ein Putzen und Malen, daß dem guten Cappadox Hören und Sehen
+verging. Wollte er fragen und drein reden, so lachten ihm die Arbeiter ins
+Gesicht. Wollte er sich davon machen, so winkte der Intendant und ein halb
+Dutzend Fäuste hielten ihn fest. »Und« – schloß der Erzähler – »so ging’s
+bis vorgestern Morgen. Da waren sie fertig und zogen davon.
+
+Anfangs war mir angst und bang, da ich die kostspieligen Herrlichkeiten
+aus dem Boden wachsen sah. Ich dachte: am Ende, wenn Meister Corbulo das
+alles bezahlen soll, dann weh über meinen Rücken! Und ich wollte dir’s
+melden. Aber sie ließen mich nicht und obenein wußt’ ich dich fern von
+Haus. Und wie ich nachgerade das unsinnig viele Geld des Intendanten
+verspürte und wie der mit den Goldstücken um sich warf wie die Kinder mit
+Kieseln, siehe, da beruhigte sich allmählich mein Gemüte und ich ließ
+alles gehen wie es ging. Nun, o Herr, weiß ich wohl: du kannst mich
+dennoch in den Block setzen und prügeln lassen. Mit der Rebe oder sogar
+mit dem Skorpion. Du kannst es. Denn warum? du bist der Herr und Cappadox
+der Knecht. Aber gerecht, Herr, wäre es kaum! bei allen Heiligen und allen
+Göttern! Denn du hast mich gesetzt über ein Paar Kohlfelder und siehe, sie
+sind geworden ein Kaisergarten unter meiner Hand.«
+
+Kamilla war längst abgestiegen und davongeschlüpft, ehe der Sklave zu
+Ende. Mit vor Freude hochklopfendem Herzen durcheilte sie den Garten, die
+Lauben, das Haus: sie schwebte wie auf Flügeln, kaum konnte ihr die flinke
+Daphnidion folgen. Ein Ausruf der Überraschung des freudigen Schreckens
+jagte den andern: so oft sie um eine Ecke des Weges, um eine Baumgruppe,
+bog, wieder und wieder stand ein Bild aus jenem Garten von Ravenna vor
+ihrem entzückten Auge. Als sie aber ins Haus gelangte und ein kleines
+Gemach desselben genau so bemalt, ausgerüstet, geschmückt fand wie jener
+Raum im Kaiserschloß gewesen war, in dem sie die letzten Tage der Kindheit
+verspielt und die ersten Träume des Mädchens geträumt, dieselben Bilder
+auf den bastgeflochtnen Vorhängen, die gleichen Vasen und zierlichen
+Citruskästchen und auf dem gleichen Schildpatttischchen ihre kleine
+zierliche Lieblingsharfe mit den Schwanenflügeln, da, überwältigt von so
+vielen Erinnerungen, und noch mehr von dem Gefühl des Dankes gegen so
+zarte Freundschaft, sank sie schluchzend in freudiger Wehmut auf den
+weichen Teppichen des Lectus zusammen. Kaum konnte sie Daphnidion
+beruhigen. »Es giebt noch edle Herzen, noch Freunde für das Haus des
+Boëthius,« rief sie wieder und wieder. Und sie sandte das innigste Gebet
+des Dankes gegen Himmel. –
+
+Als am Tage darauf die Mutter eintraf, war sie kaum weniger ergriffen von
+der seltsamen Überraschung.
+
+Sogleich schrieb sie nach Rom an Cethegus und fragte, welcher Freund ihres
+Gatten wohl in diesem geheimnisvollen Wohlthäter zu suchen sei? Es war ihr
+eine stille Hoffnung, an ihn selbst dabei zu denken. Aber der Präfekt
+schüttelte nachdenklich den Kopf über ihren Brief und schrieb ihr zurück:
+er kenne niemand, an den ihn diese zartfühlende Weise mahnen könne. Sie
+möge scharf jede Spur beachten, die zur Lösung des Rätsels führen könne.
+
+Es sollte sich bald genug enthüllen. –
+
+Kamilla wurde nicht müde, den Garten zu durchstreifen und immer neue
+Ähnlichkeiten mit seinem trauten Vorbild zu entdecken. Oft führten sie
+diese Gänge über den Park hinaus und in den anstoßenden Bergwald. Dabei
+pflegte sie die muntre Daphnidion zu begleiten, die ihr gleiche Jugend und
+treue Anhänglichkeit rasch zur Vertrauten gemacht. Wiederholt hatte diese
+der Patrona bemerkt, ein Waldgeist müsse ihnen nachschleichen. Denn
+vielfach knacke es hörbar in den Büschen und rausche im Grase hinter oder
+neben ihnen. Und doch sei nirgends Mensch oder Tier zu sehen. Aber Kamilla
+lachte ihres Aberglaubens und nötigte sie immer wieder in die grünen
+Schatten der Ulmen und Platanen hinaus.
+
+Eines Tages entdeckten die Mädchen, vor der Hitze tiefer und tiefer in die
+Kühle des Waldes flüchtend, eine lebhafte Quelle, die reichlich und klar
+von dunkeln Porphyrfelsen traufte. Doch sie rieselte ohne bestimmtes
+Rinnsal und mühsam mußten die Durstenden die einzelnen Silbertropfen
+erhaschen. »Wie Schade,« rief Kamilla, »um das köstliche Naß! Da hättest
+du die Tritonenquelle sehen sollen im Pinetum zu Ravenna. Wie anmutig
+sprudelte der Strahl aus den aufgeblasenen Backen des bronzenen Meergotts
+und fiel gesammelt in eine breite Muschel von braunem Marmor, wie Schade!«
+Und sie gingen weiter.
+
+Nach einigen Tagen kamen beide wieder an die Stelle.
+
+Daphnidion, die voranschritt, blieb plötzlich laut aufschreiend stehen und
+wies sprachlos mit dem Finger auf die Quelle. Der Waldquell war gefaßt.
+Aus einem bronzenen Tritonenkopf sprudelte der Strahl in eine zierliche
+Muschel von braunem Marmor. Daphnidion, jetzt fest an Geisterspuk
+glaubend, wandte sich ohne weiteres zur Flucht: sie floh mit den Händen
+vor den Augen, die Waldgeister nicht zu sehen, was für höchst gefährlich
+galt, nach dem Hause zu, der Herrin laut rufend, ihr zu folgen. Aber
+Kamilla durchzuckte der Gedanke: der Lauscher, der uns neulich hierher
+gefolgt, ist gewiß auch jetzt in der Nähe, sich an unsrem Staunen zu
+weiden. Scharf sah sie umher: an einem wilden Rosenbusch fielen die Blüten
+von schwankenden Zweigen zur Erde. Rasch schritt sie auf das Dickicht zu.
+Und sieh, aus dem Gebüsch trat ihr mit Jagdtasche und Wurfspeer ein junger
+Jäger entgegen.
+
+»Ich bin entdeckt,« sagte er mit leiser, schüchterner Stimme, anmutig in
+seiner Beschämung.
+
+Aber mit einem Schreckensruf fuhr Kamilla zurück: »Athalarich« – stammelte
+sie – »der König!«
+
+Eine ganze Meerflut von Gedanken und Gefühlen wogte ihr durch Haupt und
+Herz, und halb ohnmächtig sank sie auf den Rasenhang neben der Quelle. Der
+junge König stand in Schrecken und Entzücken sprachlos einige Sekunden vor
+der hingegossenen zarten Gestalt: durstig sog sein brennendes Auge die
+schönen Züge, die edeln Formen ein: flüchtiges Rot schoß zuckend wie
+Blitze über sein bleiches Gesicht. »O sie – sie ist mein heißer Tod« –
+hauchte er, endlich beide Hände an das pochende Herz drückend – »jetzt
+sterben, – sterben mit ihr.«
+
+Da regte sie den Arm. Das brachte ihn zur Besinnung zurück. Er kniete
+neben ihr nieder und sprengte das kühle Naß des Brunnens auf ihre Schläfe.
+Sie schlug die Augen auf: »Barbar – Mörder!« schrie sie gellend, stieß
+seine Hand zurück, sprang auf und floh wie ein gescheuchtes Reh hinweg.
+
+Athalarich folgte ihr nicht. »Barbar – Mörder,« hauchte er in tiefstem
+Schmerz vor sich hin. Und er verbarg die glühende Stirn in den Händen.
+
+
+
+
+ Sechstes Kapitel.
+
+
+Kamilla kam in so hoher Aufregung nach Hause, daß Daphnidion sich’s nicht
+nehmen ließ, die Domna müsse die Nymphen oder gar den altehrwürdigen
+Waldgott Picus selbst gesehen haben.
+
+Aber das Mädchen warf sich in wilder Bewegung in die Arme der
+erschrockenen Mutter. Der Kampf verworrener Gefühle löste sich in einem
+Strom von heißen Thränen und erst spät vermochte sie, den besorgten Fragen
+Rusticianas Antworten und Aufschluß zu geben.
+
+In der tiefen Seele dieses Kindes wogte ein schweres Ringen.
+
+Es war dem am Hofe zu Ravenna heranreifenden Mädchen nicht ganz entgangen,
+daß der schöne, bleiche Knabe oft mit seltsamem, träumendem Blick die
+dunkeln Augen auf ihr ruhen ließ, daß er wie mit Andacht dem Tonfall ihrer
+Stimme lauschte. Aber niemals war diese Ahnung inneren Wohlgefallens ihr
+bestimmt ins Bewußtsein getreten; der Prinz, scheu und verschlossen, hatte
+die Augen niedergeschlagen, wenn sie ihn über einem solchen Blick ertappte
+und ihn unbefangen fragend ansah: waren sie doch beide damals beinahe noch
+Kinder. Sie wußte nicht zu nennen, was in Athalarich vorging – kaum wußte
+er es selbst – und nie war es ihr eingefallen, nachzudenken, warum auch
+sie gern in seiner Nähe lebte, gern dem kühnen, von der Art aller andrer
+Gespielen abweichenden Flug seiner Gedanken oder Phantasien folgte, gern
+auch schweigend neben dem Schweigenden im Abendlicht durch die stillen
+Gärten wandelte, wo er oft mitten aus seinen Träumereien abgerissene, aber
+immer sinnige Worte zu ihr sprach, deren Poesie, die Poesie
+schwärmerischer Jugend, sie so völlig verstand und würdigte.
+
+In das zarte Weben dieser knospenden Neigung schlug nun die Katastrophe
+ihres über alles geliebten Vaters.
+
+Und nicht nur sanfte Trauer um den Gemordeten, glühender Haß gegen die
+Mörder ergriff die Seele der leidenschaftlichen Römerin. Von jeher hatte
+Boëthius, selbst in der Zeit seiner höchsten Gunst am Hofe, ein
+hochmütiges Herabsehen auf das Barbarentum der Goten zur Schau getragen,
+und seit seinem Untergang atmete natürlich die ganze Umgebung Kamillas,
+die Mutter, die beiden rachedürstenden Brüder, die Freunde des Hauses nur
+Haß und Verachtung: nicht nur gegen den blutigen Mörder und Tyrannen
+Theoderich, nein, gegen alle Goten und vorab gegen Tochter und Enkel des
+Königs, die seine Schuld zu teilen schienen, weil sie dieselbe nicht
+verhindert. So hatte das Mädchen Athalarichs fast gar nicht mehr gedacht.
+Und wann er genannt wurde oder wann, was ihr manchmal begegnete, sein Bild
+im Traume vor ihre Seele trat, so gipfelte all’ ihr Haß gegen die Barbaren
+in höchstem Abscheu gegen ihn. Vielleicht gerade deshalb, weil im
+geheimsten Grund ihres Herzens jetzt eine widerstrebende Ahnung von jener
+Neigung zitterte, die sie zu dem schönen Königssohn gezogen. –
+
+Und nun – nun hatte es der Frevler gewagt, ihr argloses Herz mit
+tückischem Streich zu treffen!
+
+Sie hatte, sowie sie ihn aus dem Dickicht schreiten sah, sowie sie ihn
+erkannte, blitzschnell erfaßt, daß er es war, der, wie die Fassung der
+Quelle, so die Umgestaltung der ganzen Villa geschaffen. Er, der verhaßte
+Feind, der Sproß des verfluchten Geschlechts, an welchem das Blut ihres
+Vaters klebte, der König der Barbaren! All die Freuden, mit welchen sie in
+diesen Tagen Haus und Garten durchmustert, brannten jetzt wie glühend Erz
+auf ihrer Seele. Der Todfeind ihres Volkes, ihres Geschlechts, hatte
+gewagt, sie zu beschenken, zu erfreuen, zu beglücken. Für ihn hatte sie
+Dankgebete zum Himmel gesandt. Er hatte sich erkühnt, ihren Schritten zu
+folgen, ihre Worte zu belauschen, ihre leisesten Wünsche zu erfüllen: –
+und im Hintergrund ihrer Seele stand, schrecklicher als all’ dies, der
+Gedanke, warum er das gethan. Er liebte sie! Der Barbar erkühnte sich, es
+ihr zu zeigen. Der Tyrann Italiens, er wagte wohl gar zu hoffen, daß des
+Boëthius Tochter –
+
+O es war zu viel! und schmerzlich schluchzend barg sie das Haupt in den
+Kissen ihres Lagers, bis dumpfer Schlaf der Erschöpfung auf sie
+niedersank. Alsbald erschien der eilig herbeigerufene Cethegus bei den
+ratlosen Frauen. Rusticiana hatte ihrem wie Kamillens erstem Gefühle
+folgen, sofort die Villa und die verhaßte Nähe des Königs fliehen und ihr
+Kind jenseit der Alpen bergen wollen. Aber der Zustand Kamillas hatte
+bisher den Aufbruch verhindert und sowie der Präfekt das Haus betrat,
+schien sich die Flamme der Aufregung vor seinem kalten Blick zu legen. Er
+nahm Rusticianen allein mit sich in den Garten: ruhig und aufmerksam hörte
+er daselbst, den Rücken an einen Lorberstamm gelehnt, das Kinn in die
+linke Hand gestützt, ihrer leidenschaftlichen Erzählung zu.
+
+»Und nun rede,« schloß sie, »was soll ich thun? Wie soll ich mein armes
+Kind retten? wohin sie bringen?«
+
+Cethegus schlug die Augen auf, die er, wie er bei angestrengtem Nachsinnen
+pflegte, halb geschlossen hatte.
+
+»Wohin Kamilla bringen?« sagte er. »An den Hof, nach Ravenna.«
+
+Rusticiana fuhr empor: »Wozu jetzt der giftige Scherz!«
+
+Aber Cethegus richtete sich rasch auf.
+
+»Es ist mein Ernst. Still – höre mich. Kein gnädigeres Geschenk hat das
+Schicksal, das die Barbaren verderben will, in unsren Weg legen können. Du
+weißt, wie völlig ich die Regentin beherrsche.
+
+Aber nicht weißt du, wie völlig machtlos ich bin über jenen eigensinnigen
+Schwärmer. Es ist rätselhaft. Der kranke Jüngling ist im ganzen Gotenvolk
+der einzige, der mich, wenn nicht durchschaut, doch ahnt. Und ich weiß
+nicht, ob er mich mehr fürchtet oder mehr haßt. Das wäre mir ziemlich
+gleichgültig, wenn der Verwegne mir nicht sehr entschieden und sehr
+erfolgreich entgegenarbeitete. Sein Wort wiegt natürlich schwer bei seiner
+Mutter. Oft schwerer als das meine. Und er wird immer älter, reifer,
+gefährlicher. Sein Geist überflügelt mächtig seine Jahre. Er nimmt
+ernstlichen Teil an den Beratungen der Regentschaft. Jedesmal spricht er
+gegen mich. Oft siegt er. Erst neulich hat er es gegen mich durchgesetzt,
+daß der schwarzgallige Teja den Befehl der gotischen Truppen in Rom
+erhielt, in meinem Rom! Kurz, der junge König wird höchst gefährlich. Und
+ich hatte bisher nicht einen Schatten von Gewalt über ihn. Zu seinem
+Verderben liebt er Kamilla. Durch sie wollen wir den Unbeherrschbaren
+beherrschen.«
+
+»Nimmermehr!« rief Rusticiana. »Nie, so lang ich atme. Ich an den Hof des
+Tyrannen! Mein Kind die Geliebte Athalarichs! des Boëthius Tochter! Sein
+blutger Schatte würde –«
+
+»Willst du diesen Schatten rächen? Ja! willst du die Goten verderben? Ja!
+Also mußt du wollen, was dahin führt.« – »Nie, bei meinem Eide!« – »Weib,
+reize mich nicht. Trotze mir nicht. Du kennst mich! Bei deinem Eide! Wie?
+Hast du mir nicht Gehorsam geschworen, blinden, unbedingten, wie ich dir
+Rache verheißen? Hast du’s nicht geschworen auf die Gebeine der Heiligen,
+dich und deine Kinder verflucht für den Eidbruch? Man sieht sich vor bei
+euch Weibern. Gehorche oder zittre für deine Seele.«
+
+»Entsetzlicher! Soll ich all meinen Haß dir, deinen Plänen opfern?«
+
+»Mir? Wer spricht von mir? _Deine_ Sache führ’ ich. _Deine_ Rache vollend’
+ich: _Mir_ haben die Goten nichts zuleid gethan. _Du_ hast mich aufgestört
+von meinen Büchern. Du hast mich aufgerufen, diese Amaler zu vernichten.
+Willst du nicht mehr? Auch gut! Ich kehre zurück zu Horatius und der Stoa!
+Leb wohl.«
+
+»Bleib, bleibe. Aber soll denn Kamilla das Opfer werden?«
+
+»Wahnsinn! Athalarich soll es werden. Sie soll ihn ja nicht lieben, sie
+soll ihn nur beherrschen. Oder,« fügte er, sie scharf ansehend, hinzu,
+»fürchtest du für ihr Herz?« – »Deine Zunge erlahme! Meine Tochter? _ihn_
+lieben? eher erwürg’ ich sie mit diesen Händen.«
+
+Aber Cethegus war nachdenklich geworden.
+
+Es ist nicht um das Mädchen, sagte er zu sich selbst. Was liegt an ihr!
+Aber wenn sie ihn liebt – und der Gote ist schön, geistvoll, schwärmerisch
+.... »Wo ist deine Tochter?« fragte er laut.
+
+»Im Frauengemach. Auch wenn ich wollte, sie würde nie einwilligen, nie.«
+
+»Wir wollen’s versuchen. Ich gehe zu ihr.«
+
+Und sie traten ins Haus. Rusticiana wollte mit ihm in das Gemach. Aber
+Cethegus wies sie zurück.
+
+»Allein muß ich sie haben!« sprach er und schritt durch den Vorhang. Bei
+seinem Anblick erhob sich das schöne Mädchen von den Teppichen, auf denen
+sie in ratlosem Sinnen geruht. Gewöhnt, in dem klugen, beherrschenden
+Mann, dem Freund ihres Vaters, stets einen Berater und Helfer zu finden,
+begrüßte sie ihn vertrauend wie die Kranke den Arzt.
+
+»Du weißt, Cethegus?« – »Alles.« – »Und du bringst mir Hilfe.« – »Rache
+bring ich dir, Kamilla!«
+
+Das war ein neuer, ein mächtig ergreifender Gedanke! Nur Flucht, Rettung
+aus dieser qualvollen Lage hatten ihr bisher vorgeschwebt. Höchstens eine
+zornige Abweisung der königlichen Geschenke. Aber jetzt Rache! Vergeltung
+für die Schmerzen dieser Stunden! Rache für die erlittene Schmach! Rache
+an den Mördern ihres Vaters! Ihre Wunden waren frisch. Und in ihren Adern
+kochte das heiße Blut des Südens. Ihr Herz frohlockte über Cethegus’ Wort!
+
+»Rache? wer wird mich rächen? du?« – »Du dich selbst! Das ist süßer.«
+
+Ihre Augen blitzten. »An wem?« – »An ihm. An seinem Haus. An allen unsern
+Feinden.« – »Wie kann ich das? Ein schwaches Mädchen?« – »Höre auf mich,
+Kamilla. Nur dir, nur des edeln Boëthius edler Tochter sag ich, was ich
+sonst keinem Weib der Erde vertrauen würde. Es besteht ein starker Bund
+von Patrioten, der die Herrschaft der Barbaren spurlos austilgen wird aus
+diesem Lande: das Schwert der Rache hängt über den Häuptern der Tyrannen.
+Das Vaterland, der Schatte deines Vaters beruft dich, es herabzustürzen.«
+
+»Mich? ich – meinen Vater rächen? sprich!« rief hocherglühend das Mädchen,
+die schwarzen Haare aus den Schläfen streichend. »Es gilt ein Opfer. Rom
+fordert es.« – »Mein Blut, mein Leben! wie Virginia will ich sterben.« –
+»Du sollst leben, den Sieg zu schauen. Der König liebt dich. Du mußt nach
+Ravenna. An den Hof. Du mußt ihn verderben. Durch diese Liebe. Wir alle
+haben keine Macht über ihn. Nur du hast Gewalt über seine Seele. Du sollst
+dich rächen und ihn vernichten.«
+
+»Ihn vernichten?!« – Seltsam bewegt klang die leise Frage; ihr Busen
+wogte, ihre Stimme bebte in der Mischung ringender Gefühle, Thränen
+brachen aus ihren Augen, sie verbarg das Gesicht in den Händen. – Cethegus
+stand auf. »Vergieb,« sagte er. »Ich gehe. Ich wußte nicht, – – daß du den
+König liebst.«
+
+Ein Weheschrei des Zornes wie bei physischem Schmerz drang aus des
+Mädchens Brust. Sie sprang auf und faßte ihn an der Schulter:
+
+»Mann, wer sagt das? Ich hasse ihn! Hasse ihn, wie ich nie gewußt, daß ich
+hassen kann.« – »So beweis’ es. Denn ich glaub’ es dir nicht.« – »Ich will
+dir’s beweisen!« rief sie. »Sterben soll er! Er soll nicht leben!«
+
+Sie warf das Haupt zurück, wild funkelten die blitzenden Augen, ihr
+schwarzes Haar flog um die weißen Schultern.
+
+Sie liebt ihn, dachte Cethegus. Aber es schadet nicht. Denn sie weiß es
+noch nicht. Sie haßt ihn daneben. Und das allein weiß sie. Es wird gehn.
+
+»Er soll nicht leben,« wiederholte sie. »Du sollst sehen,« lachte sie,
+»wie ich ihn liebe! Was soll ich thun?« – »Mir folgen in allem.« – »Und
+was versprichst du mir dafür? was soll er erleiden?« – »Verzehrende Liebe
+bis zum Tod.« – »Liebe zu mir? ja, ja, das soll er!« – »Er, sein Haus,
+sein Reich soll fallen.«
+
+»Und er wird wissen, daß durch mich –?« – »Er soll es wissen. Wann reisen
+wir nach Ravenna?«
+
+»Morgen! Nein, heute noch.« Sie hielt inne und faßte seine Hand:
+»Cethegus, sage, bin ich schön?«
+
+»Der Schönsten eine.«
+
+»Ha!« rief sie, die losgegangenen Locken schüttelnd. »Er soll mich lieben
+und verderben! Fort nach Ravenna! Ich will ihn sehen, ich muß ihn sehen!«
+Und sie stürmte aus dem Gemach. – Sie sehnte sich mit ganzer Seele, bei
+Athalarich zu sein.
+
+
+
+
+ Siebentes Kapitel.
+
+
+Noch am nämlichen Tage wurde die kleine Villa verlassen und der Weg nach
+der Königsstadt angetreten.
+
+Cethegus schickte einen Eilboten voraus mit einem Brief Rusticianas an die
+Regentin. Die Witwe des Boëthius erklärte darin, daß sie die durch
+Vermittelung des Präfekten von Rom wiederholt angebotene Rückberufung an
+den Hof nunmehr anzunehmen bereit sei. Nicht als eine That der Gnade,
+sondern der Sühne, als ein Zeichen, daß die Erben Theoderichs dessen
+Unrecht an den Verblichenen gut machen wollten.
+
+Diese stolze Sprache war wie aus Rusticianas tiefstem Herzen und Cethegus
+wußte, daß solches Auftreten nicht schaden, nur alle verdächtige Auslegung
+der raschen Umstimmung ausschließen werde. Unterwegs noch traf die
+Reisenden die Antwort der Königin, die sie am Hof willkommen hieß. In
+Ravenna angelangt wurden sie von der Fürstin aufs ehrenvollste empfangen,
+mit Sklaven und Sklavinnen umgeben und in dieselben Räume des Palastes
+eingeführt, die sie ehedem bewohnt. Freudig begrüßten sie die Römer.
+
+Aber der Zorn der Goten, die in Boëthius und Symmachus undankbare Verräter
+verabscheuten, wurde durch diese Maßregeln, die eine stillschweigende
+Verurteilung Theoderichs zu enthalten schienen, schwer gereizt. Die
+letzten Freunde des großen Königs verließen grollend den verwelschten
+Hof. –
+
+Einstweilen hatten die Zeit, die Zerstreuungen der Reise und der Ankunft
+Kamillas Aufregung gemildert. Und ihr Zorn konnte sich um so eher
+beschwichtigen als ihr viele Wochen zu Ravenna verstrichen, ehe sie
+Athalarich begegnete. Denn der junge König war gefährlich erkrankt.
+
+Am Hof erzählte man, er habe bei einem Aufenthalt zu Aretium, – er wollte
+dort, mit geringer Begleitung, der Bergluft, der Bäder und der Jagd
+genießen – in den Wäldern von Tifernum in der Hitze der Jagd einen kalten
+Trunk aus einer Felsenquelle gethan und sich dadurch einen heftigen Anfall
+seines alten Leidens zugezogen.
+
+Thatsache war, daß ihn sein Gefolge an jener Quelle bewußtlos
+niedergesunken gefunden hatte.
+
+Die Wirkung dieser Erzählung auf Kamilla war seltsam. Zu dem Haß gegen
+Athalarich trat jetzt ein Zug von leisem Bedauern. Ja eine Art von
+Selbstanklage. Aber andrerseits dankte sie dem Himmel, daß durch diese
+Krankheit eine Begegnung hinausgeschoben wurde, die sie jetzt in Ravenna
+nicht minder fürchtete als sie dieselbe, da sie noch fern von ihm in
+Tifernum war, lebhaft herbeigewünscht hatte. Und wenn sie jetzt in den
+weiten Anlagen des herrlichen Schloßgartens einsam wandelte, hatte sie
+immer und immer wieder zu bewundern, mit welcher Sorgfalt das kleine
+Gütchen des Corbulo diesem Muster nachgebildet worden war.
+
+Tage und Wochen vergingen.
+
+Man vernahm nichts von dem Kranken, als daß er zwar auf dem Weg der
+Besserung, aber noch streng an seine Gemächer gebunden sei. Ärzte und
+Hofleute, die ihn umgaben, priesen ihr oft seine Geduld und Kraft in den
+heftigsten Schmerzen, seine Dankbarkeit für jeden kleinen Liebesdienst,
+seine edle Milde. Aber wenn sie ihr Herz ertappte, wie gern es diesen
+Lobesworten lauschte, sagte sie heftig zu sich selbst:
+
+»Und meines Vaters Ermordung hat er nicht gehindert!« und ihre Brauen
+zogen sich zusammen und sie legte heimlich die geballte Faust auf das
+pochende Herz.
+
+In einer heißen Nacht war Kamilla nach langem friedlosen Wachen endlich
+gegen Morgen in unruhigen Schlaf gesunken. Angstvolle Träume quälten sie.
+Ihr war, als senke sich die Decke des Gemaches mit ihren Reliefgestalten
+auf sie nieder. Gerade über ihrem Haupte war ein jugendlich schöner
+Hypnos, der sanfte Gott des Schlafes, von hellenischer Hand gebildet,
+angebracht.
+
+Ihr träumte, der Schlafgott nehme die ernsteren, trauervollen Züge seines
+bleichen Bruders Thanatos an.
+
+Langsam und leise senkte der Gott des Todes sein Antlitz auf sie nieder. –
+Immer näher rückte er. – Immer bestimmter wurden seine Züge. – Schon
+fühlte sie den Hauch seines Atems auf ihrer Stirn. – Schon berührten fast
+die feinen Lippen ihren Mund. – Da erkannte sie mit Entsetzen die bleichen
+Züge, das dunkle Auge. – Es war Athalarich – dieser Todesgott. – Mit einem
+Schrei fuhr sie empor.
+
+Die zierliche Silberlampe war längst erloschen. Es dämmerte im Gemach.
+
+Ein rotes Licht drang gedämpft durch das Fenster von Frauenglas. Sie erhob
+sich und öffnete es; die Hähne krähten, die Sonne tauchte mit den ersten
+Strahlenspitzen aus dem Meer, auf das sie, über den Schloßgarten hinweg,
+freien Ausblick hatte. Es litt sie nicht mehr in dem schwülen Gemach.
+
+Sie schlug den faltigen Mantel um die Schultern und eilte leise, leise aus
+dem noch schlummernden Palast über die Marmorstufen in den Garten, aus dem
+ihr erfrischender Morgenwind von der nahen See her entgegenwehte. Sie
+eilte der Sonne und dem Meere zu. Denn im Osten stieß der Garten des
+Kaiserpalastes mit seinen hohen Mauern unmittelbar an die blauen Wellen
+der Adria. Ein vergoldetes Gitterthor und jenseit desselben zehn breite
+Stufen von weißem hymettischem Marmor führten hinab zu dem kleinen Hafen
+des Gartens, in welchem die schwanken Gondeln mit leichten Rudern und dem
+dreieckigen lateinischen Segel von Purpurlinnen schaukelten, mit silbernen
+Kettchen an den zierlichen Widderköpfen von Erz befestigt, die links und
+rechts aus dem Marmorquai hervorragten. Diesseit des Gitterthors, nach dem
+Garten zu, fanden die Anlagen ihren Abschluß in einer geräumigen Rundung,
+die von weit schattenden Pinien dicht umfriedet war. Ihre Bodenfläche, von
+üppigem, sorgfältig gezognem Graswuchs bedeckt, wurde von reinlichen Wegen
+durchschnitten und von reichen Beten stark duftender Blumen unterbrochen.
+Eine Quelle, zierlich gefaßt, rieselte den Abhang hinab in das Meer. Die
+Mitte des Platzes bildete ein kleiner, altersgrauer Venustempel, den eine
+einsame Palme hochwipflig überragte, indes brennendroter Steinbrech in den
+leeren Halbnischen seiner Außenwände prangte. Vor seiner längst
+geschlossenen Pforte stand zur Rechten ein eherner Äneas. Der Julius Cäsar
+zur Linken war schon vor Jahrhunderten zusammengestürzt. Theoderich hatte
+auf dem Postament ein Erzbild des Amala errichten lassen, des mythischen
+Stammvaters seines Hauses. Hier, zwischen diesen Statuen, an den
+Eingangsstufen des kleinen Fanum genoß man des herrlichsten Blickes durch
+das Gitterthor auf das Meer mit seinen buschigen Laguneninseln und einer
+Gruppe von scharfkantigen malerischen Felsklippen, »die Nadeln der
+Amphitrite« genannt.
+
+Es war ein alter Lieblingsort Kamillas.
+
+Und hierher lenkte sie jetzt die leichten Schritte, den reichen Tau von
+dem hohen Grase streifend, wie sie mit leis gehobnem Gewand durch die
+schmalen Wieswege eilte. Sie wollte die Sonne über das Meer hin aufglühen
+sehen. Sie kam von der Rückseite des Tempels, ging an dessen linker Seite
+hin und trat eben auf die erste der Stufen, die von seiner Stirn zu dem
+Gitter hinabführten, als sie rechts, auf der zweiten Stufe, halb sitzend,
+halb liegend, eine weiße Gestalt erblickte, die, das Haupt an die Treppe
+gelehnt, das Antlitz dem Meere zuwandte.
+
+Aber sie erkannte das braune, das seidenglänzende Haar: es war der junge
+König.
+
+Die Begegnung war so plötzlich, daß an Ausweichen nicht zu denken. Wie
+angewurzelt hielt das Mädchen auf der ersten Stufe. Athalarich sprang auf
+und wandte sich rasch. Eine helle Röte flammte über sein marmorbleiches
+Gesicht. Doch faßte er sich zuerst von beiden und sprach:
+
+»Vergieb, Kamilla. Ich konnte dich nicht hier erwarten. Zu dieser Stunde.
+Ich gehe. Und lasse dich allein mit der Sonne.« Und er schlug den weißen
+Mantel über die linke Schulter. »Bleib, König der Goten. Ich habe nicht
+das Recht, dich zu verscheuchen – und nicht die Absicht,« fügte sie bei.
+
+Athalarich trat einen Schritt näher. »Ich danke dir. Aber ich bitte dich
+um eins,« setzte er lächelnd hinzu, »verrate mich nicht an meine Ärzte, an
+meine Mutter. Sie sperren mich den ganzen Tag über so sorgsam ein, daß ich
+ihnen wohl vor Tag entschlüpfen muß. Denn die frische Luft, die Seeluft
+thut mir gut. Ich fühl’s. Sie kühlt. Du wirst mich nicht verraten.« Er
+sprach so ruhig. Er blickte so unbefangen.
+
+Diese Unbefangenheit verwirrte Kamilla. Sie wäre viel mutiger gewesen,
+wenn er bewegter. Sie sah diese Unbefangenheit mit Schmerz. Aber nicht um
+der Pläne des Präfekten willen. So schüttelte sie nur schweigend das Haupt
+zur Antwort. Und sie senkte die Augen.
+
+Jetzt erreichten die Strahlen der Sonne die Höhe, auf der die beiden
+standen. Der alte Tempel und das Erz der Statuen schimmerten im
+Morgenlicht. Und eine breite Straße von zitterndem Gold bahnte sich von
+Osten her über die spiegelglatte Flut. »Sieh, wie schön!« rief Athalarich,
+fortgerissen von dem Eindruck. »Sieh die Brücke von Licht und Glanz.«
+
+Sie blickte teilnehmend hinaus. »Weißt du noch, Kamilla?« fuhr er
+langsamer fort, wie in Erinnerungen verloren und ohne sie anzusehen,
+»weißt du noch, wie wir hier als Kinder spielten? Träumten? Wir sagten:
+die goldne Straße, von Sonnenstrahlen auf die Flut gezeichnet, führe zu
+den Inseln der Seligen.« –
+
+»Zu den Inseln der Seligen!« wiederholte Kamilla. Im stillen bewunderte
+sie, mit welcher Zartheit und edlen Leichtigkeit er, jeden Gedanken an
+ihre letzte Begegnung fern haltend, mit ihr in einer Weise verkehrte, die
+sie völlig entwaffnete. »Und schau, wie dort die Statuen glänzen: das
+wundersame Paar, Äneas und – Amala! Höre, Kamilla, ich habe dir
+abzubitten.« Lebhaft schlug ihr Herz. Jetzt wollte er der Ausschmückung
+der Villa, der Quelle gedenken. Das Blut stieg ihr in die Wangen. Sie
+schwieg in peinlicher Erwartung. Aber ruhig fuhr der Jüngling fort: »Du
+weißt, wie oft wir, du die Römerin, ich der Gote, an diesem Ort in
+Wettreden den Ruhm und den Glanz und die Art unserer Völker priesen. Dann
+standest du unter dem Äneas und sprachst mir von Brutus und Camillus, von
+Marcellus und den Scipionen. Ich aber, an meines Ahnherrn Amala Schild
+gelehnt, rühmte Ermanarich und Alarich und Theoderich. Aber du sprachst
+besser als ich. Und oft, wenn der Schimmer deiner Helden mich zu
+überstrahlen drohte, lachte ich deiner Toten und rief: »das Heute und die
+lebendige Zukunft ist meines Volkes!««
+
+»Nun, und jetzt?« – »Ich spreche nicht mehr so. Du hast gesiegt, Kamilla!«
+
+Aber indem er so sprach, schien er so stolz wie nie zuvor. Und dieser
+überlegne Ausdruck empörte die Römerin. Sie war ohnehin gereizt durch die
+unnahbare Ruhe, mit welcher der Fürst, auf dessen Leidenschaft man solche
+Pläne gebaut, ihr gegenüberstand. Sie begriff diese Ruhe nicht. Sie hatte
+ihn gehaßt, weil er es gewagt, ihr seine Liebe zu zeigen. Und jetzt lebte
+dieser Haß auf, weil er es vermochte, diese Liebe zu verbergen. Mit der
+Absicht, ihm weh zu thun, sagte sie langsam: »So räumst du ein, König der
+Goten, daß deine Barbaren den Völkern der Menschlichkeit nachstehen?«
+
+»Ja, Kamilla,« antwortete er ruhig, »aber nur in einem: im Glück! Im Glück
+des Geschickes wie im Glück der Natur. Sieh dort die Gruppe von Fischern,
+die ihre Netze aufhängen an den Olivenbäumen am Strande. Wie schön sind
+diese Gestalten! In Bewegung und Ruhe, trotz ihrer Lumpen: lauter Statuen!
+Hier das Mädchen mit der Amphora auf dem Haupt! dort der Alte, der, den
+Kopf auf den linken Arm gestützt, im Sande liegt und hinaus träumt ins
+Meer. Jeder Bettler unter ihnen sieht aus wie ein entthronter König. Wie
+sie schön sind! Und in sich eins und glücklich! Ein Schimmer ungebrochenen
+Glücks liegt über ihnen. Wie über Kindern! Oder edeln Tieren! Das fehlt
+uns Barbaren!« – »Fehlt euch nur das?« – »Nein, uns fehlt auch Glück im
+Schicksal.
+
+Mein armes, herrliches Volk! Wir sind hier herein verschlagen in eine
+fremde Welt, in der wir nicht gedeihen. Wir gleichen der Blume der hohen
+Alpen, dem Edelweiß, die vom Sturmwind vertragen ward in den heißen Sand
+der Niederung. Wir können nicht wurzeln hier. Wir welken und sterben.« –
+
+Und mit edler Wehmut blickte er hinaus in die blaue Flut. Aber Kamilla
+hatte nicht die Stimmung, diesen weissagerischen Worten eines Königs über
+sein Volk nachzusinnen. »Warum seid ihr gekommen?« fragte sie mit Härte.
+»Warum seid ihr über die Berge gedrungen, die ein Gott als ewige Marken
+gesetzt hat zwischen euch und uns. Sprich, warum?« – »Weißt du,« sprach
+Athalarich, ohne sie anzublicken, wie mit sich selber und für sich selber
+fortdenkend, »weißt du, warum die dunkle Motte nach der hellen Flamme
+fliegt? Wieder, immer wieder! Von keinem Schmerz gewarnt! bis sie verzehrt
+ist von der schönen, lockenden Feindin? Aus welchem Grund! Aus einem süßen
+Wahnsinn! Und solch’ ein süßer Wahnsinn ist es, ganz derselbe, der meine
+Goten aus den Tannen und Eichen hinweggezogen hat zu Lorber und Olive. Sie
+werden sich die Flügel verbrennen, die thörichten Helden. Und werden doch
+nicht davon lassen. Wer will sie drum schelten? Sieh um dich her. Wie tief
+blau der Himmel! wie tief blau das Meer! und darin spiegeln die Wipfel der
+Pinien und die Säulentempel voll Marmorglanz! und fern da drüben ragen
+schön gewölbte Berge und draußen in der Flut schwimmen grüne Inseln, wo
+sich die Rebe um die Ulme schlingt. Und drüber hin die weiche, die warme,
+die kosende Luft, die alles erhellt. Welche Wunder der Formen, der Farben
+trinkt das Auge und atmen die entzückten Sinne! Das ist der Zauber, der
+uns ewig locken und ewig verderben wird.«
+
+Die tiefe und edle Erregung des jungen Königs blieb nicht ohne Eindruck
+auf Kamilla. Die tragische Gewalt dieser Gedanken ergriff ihr Herz: aber
+sie wollte nicht ergriffen sein. Sie wehrte sich gegen ihre weicher
+werdende Empfindung. Sie sagte kalt: »Ein ganzes Volk gegen Verstand und
+Einsicht vom Zauber angezogen?« und kalt und zweifelnd sah sie ihn an.
+
+Aber sie erschrak: denn wie Blitze loderte es aus den dunkeln Augen des
+Jünglings und die lang zurückgehaltne Glut brach plötzlich aus den Tiefen
+seiner Seele: »Ja, sag’ ich dir, Mädchen!« rief er leidenschaftlich. »Ein
+ganzes Volk kann eine thörichte Liebe, einen süßen, verderblichen
+Wahnsinn, eine tödliche Sehnsucht pflegen so gut wie – so gut wie ein
+einzelner. Ja, Kamilla, es giebt eine Gewalt im Herzen, die, stärker als
+Verstand und Wille, uns sehenden Auges ins Verderben reißt. Aber du weißt
+das nicht! Und mögest du’s nie erfahren. Niemals. Leb wohl!«
+
+Und rasch wandte er sich und bog rechts vom Tempel in den dichten Laubgang
+von rankendem Wein, der ihn sofort vor Kamilla wie vor den Fenstern des
+Schlosses verbarg.
+
+Sinnend blieb das Mädchen stehen.
+
+Seine letzten Worte klangen seltsam fort in ihren Gedanken: lange sah sie
+träumend ins offene Meer hinaus und mit wundersam gemischter Empfindung,
+mit verwandelter Stimmung, kehrte sie endlich wieder dem Schlosse zu.
+
+
+
+
+ Achtes Kapitel.
+
+
+Noch am nämlichen Tage fand sich Cethegus bei den Frauen ein. Er war in
+wichtigen Geschäften von Rom herbeigeeilt und kam soeben aus dem
+Regentschaftsrat, der in des kranken Königs Gemach gehalten wurde.
+Verhaltner Zorn lagerte auf seinen herben Zügen.
+
+»Ans Werk, Kamilla,« sprach er heftig. »Ihr säumt zu lang. Dieser vorlaute
+Knabe wird immer herrischer. Er trotzt mir und Cassiodor und seiner
+schwachen Mutter selbst. Er verkehrt mit gefährlichen Leuten. Mit dem
+alten Hildebrand, mit Witichis und ihren Freunden. Er schickt Briefe und
+empfängt Briefe hinter unsrem Rücken. Er hat es durchgesetzt, daß die
+Königin nur noch in seiner Gegenwart den Rat der Regentschaft beruft. Und
+in diesem Rat kreuzt er all’ unsre Pläne. Das muß aufhören. So oder so.« –
+»Ich hoffe nicht mehr, Einfluß auf den König zu gewinnen,« sagte Kamilla
+ernst. – »Weshalb? hast du ihn schon gesehen.« Das Mädchen überlegte, daß
+sie Athalarich versprochen, seinen Ungehorsam nicht an die Ärzte gelangen
+zu lassen. Aber auch sonst widerstrebte es ihrem Gefühl, die Begegnung
+dieses Morgens zu entweihen, zu verraten.
+
+Sie wich daher der Frage aus und sagte: »Wenn der König sich sogar seiner
+Mutter, der Regentin, widersetzt, wird er sich nicht von einem jungen
+Mädchen beherrschen lassen.« – »Goldne Einfalt!« lächelte Cethegus und
+ließ das Gespräch ruhen, solang das Kind anwesend war. Aber insgeheim
+trieb er Rusticianen, zu veranlassen, daß ihre Tochter den König fortan
+häufig sehe und spreche.
+
+Dies ward möglich, da sich dessen Befinden jetzt rasch besserte. Und wie
+äußerlich, wurde er innerlich zusehends männlicher, fester und reifer: es
+war, als ob das Widerstreben gegen Cethegus ihm Leib und Seele kräftige.
+
+So verbrachte er bald wieder viele Stunden in den weiten Anlagen des
+Gartens. Dort war es, wo ihn seine Mutter und die Familie des Boëthius in
+den Abendstunden häufig trafen.
+
+Und während Rusticiana die Huld der Regentin mit voller Freundschaft zu
+erwidern schien und aufmerksam ihren vertrauenden Mitteilungen lauschte,
+um sie wörtlich dem Präfekten wieder erzählen zu können, wandelten die
+jungen Leute vor ihnen her durch die schattigen Gänge des Gartens.
+
+Oft auch bestieg die kleine Gesellschaft eine der leichten Gondeln in
+jenem Hafen und Athalarich steuerte wohl selbst eine Strecke ins blaue
+Meer hinaus, nach einer der kleinen, grünbuschigen Inseln, die nicht weit
+vor der Bucht lagen. Auf dem Heimweg aber spannte man die purpurnen Segel
+auf und ließ sich von dem frischen Westwind, der sich bei Sonnenuntergang
+zu erheben pflegte, langsam und mühelos zurücktragen. –
+
+Oft waren es auch der König und Kamilla allein, die, nur von Daphnidion
+begleitet, sich dieser Wanderungen im Grünen und auf den Wellen erfreuten.
+
+Wohl sah Amalaswintha darin die Gefahr, dadurch die Neigung ihres Sohnes,
+die ihr nicht entgangen war, zu steigern. Aber vor allen andern Erwägungen
+segnete sie dankbar den günstigen Einfluß, den dieser Umgang
+augenscheinlich auf ihren Sohn übte: er wurde in Kamillas Nähe ruhiger,
+heiterer und war dann auch weicher gegen seine Mutter, der er sonst oft
+heftig und schroff gegenüber trat.
+
+Auch beherrschte er sein Gefühl mit einer Sicherheit, die bei dem
+reizbaren Kranken doppelt befremdete: und endlich würde die Regentin, im
+Fall sich diese Liebe ernster geltend machte, sogar einer Verbindung nicht
+abgeneigt gewesen sein, die den römischen Adel völlig zu gewinnen und
+jedes Andenken einer unseligen Blutthat auszulöschen versprach. –
+
+In dem Mädchen aber ging eine wundersame Wandlung vor. Täglich mehr fühlte
+sie ihren Groll und Haß schwinden, wie sie täglich klarer die edle
+Zartheit der Seele, den schwungvollen Geist, das tiefe, poesiereiche Gemüt
+des jungen Königs sich entfalten sah. Nur mit Anstrengung konnte sie gegen
+diesen wachsenden Zauber sich immer wieder das Schicksal ihres Vaters als
+Talisman ins Andenken zurückrufen: immer mehr kam sie dazu, unter den
+Goten und Amalern, die jenes Schicksal herbeigeführt, mit Gerechtigkeit zu
+unterscheiden: immer bestimmter sagte sie sich, wie unbillig es sei,
+Athalarich um eines Unglücks willen zu hassen, das er nur nicht verhindert
+hatte und wohl schwerlich hätte verhindern können. Längst hätte sie ihn am
+liebsten völlig frei gesprochen: aber sie mißtraute dieser Milde: sie
+scheute sie wie eine schwarze Sünde gegen Vater, Vaterland und eigne
+Freiheit.
+
+Mit Zittern nahm sie wahr, wie unentbehrlich dies edle Menschenbild ihr
+wurde, wie mächtig sie sich sehnte, diese melodische Stimme zu hören und
+in dies dunkle, sinnige Auge zu blicken. Sie fürchtete die frevelhafte
+Liebe, die sie sich nur schwer noch verhehlen konnte, und die einzige
+Waffe, mit der sie sich noch dagegen wehrte, der Vorwurf seiner Mitschuld
+an des Vaters Untergang, wollte sie sich nicht entwinden lassen. So
+schwankte sie in wogenden Gefühlen, desto unsichrer, je rätselhafter ihr
+Athalarichs geschlossene Sicherheit blieb. Sie konnte ja nicht daran
+zweifeln, daß er sie liebe, nach allem was geschehen – aber doch!
+
+Nicht eine Silbe, nicht ein Blick verriet diese Liebe: jene Äußerung, mit
+der er sie damals am Venustempel rasch verlassen, war das bedeutsamste, ja
+das einzige bedeutsame Wort, das ihm entschlüpfte.
+
+Sie ahnte nicht, was die hochwogende Seele des Jünglings durchgekämpft und
+durchgelitten, bis seine Liebe zwar nicht erlosch, aber entsagte, und noch
+weniger, in welch’ neuem Gefühl er die männliche Kraft solcher Entsagung
+gefunden. Ihre Mutter, die ihn mit aller Schärfe des Hasses beobachtete
+und darüber das eigne Kind zu überwachen vergaß, schien noch mehr erstaunt
+über seine Kälte. »Aber Geduld,« sprach sie zu Cethegus, mit dem sie oft
+hinter Kamillas Rücken Beratung pflog, »Geduld, bald, binnen drei Tagen,
+wirst du ihn verwandelt sehen.« – »Es wäre Zeit,« meinte Cethegus; »aber
+auf was vertraust du?« – »Auf ein Mittel, das noch nie getäuscht hat.«
+
+»Du wirst ihm doch kein Liebestränklein brauen?« lächelte der Präfekt. –
+»Allerdings, das werd’ ich thun; das hab’ ich schon gethan.« – Jener sah
+sie spöttisch an: »Auch bei dir solcher Aberglaube, bei der Witwe des
+großen Philosophen Boëthius! In Liebeswahn sind alle Weiber gleich!«
+
+»Nicht Wahn und Aberglaube,« sagte Rusticiana ruhig. »Seit mehr als
+hundert Jahren lebt das Geheimnis in unsrer Familie. Ein ägyptisch Weib
+hat es dereinst am Nil meine Ureltermutter gelehrt. Und es hat sich
+bewährt. Kein Weib unseres Hauses hat ohne Erhörung geliebt.« – »Dazu
+braucht’s keinen Zauber,« meinte der Präfekt: »ihr seid ein schönes
+Geschlecht.« – »Spare deinen Spott. Der Trank wirkt unfehlbar und wenn er
+bis heute nicht wirkte –« – »So hast du wirklich – Unvorsichtige! wie
+konntest du unvermerkt?« – »Am Abend, wann er vom Spaziergang oder von der
+Gondelfahrt mit uns zurückkommt, nimmt er einen Becher gewürzten
+Falerners. Der Arzt hat es ihm verordnet: es sind Tropfen arabischen
+Balsams darin. Der Becher steht immer bereit auf dem Marmortisch vor dem
+Venustempel. Dreimal schon gelang es, den Trank hineinzuschütten.« –
+»Nun,« meinte Cethegus, »es hat bis jetzt nicht sonderlich gewirkt.« –
+»Daran ist nur deine Ungeduld die Ursache. Die Kräuter müssen im Neumond
+gebrochen werden – ich wußte das wohl. Aber, gedrängt von deinen
+Mahnungen, versucht’ ich’s schon im Vollmond und du siehst, es wirkte
+nicht.« – Cethegus zuckte die Achseln. – »Aber gestern Nacht trat Neumond
+ein. Ich war nicht müßig mit meiner goldnen Schere und wenn er jetzt
+trinkt –« »Eine zweite Locusta! Nun, mein Trost sind Kamillas schöne
+Augen. Weiß sie von deinen Künsten?«
+
+»Kein Wort zu ihr! Sie würde das nie dulden. Stille, sie kommt.« Das
+Mädchen trat ein in lebhafter Erregung, die lieblichen Wangen gerötet,
+eine Flechte des dunklen Haares war losgegangen und spielte um den feinen
+Nacken.
+
+»Saget mir, ihr, die ihr klug seid und menschenerfahren, sagt mir, was
+soll ich denken? Ich komme aus dem Schiff. O, er hat mich nie geliebt! der
+Hochmütige, er bemitleidet, er bedauert mich! Nein, das ist nicht das
+rechte Wort. Ich kann es mir nicht deuten.« Und in Thränen ausbrechend,
+barg sie das Haupt am Halse der Mutter. – »Was ist geschehen, Kamilla?«
+fragte Cethegus. – »Schon oft,« begann sie tiefaufatmend, »spielte ein Zug
+um seinen Mund, sprach eine Wehmut aus seinem Auge, als sei Er der tief
+von mir Gekränkte, als habe Er uns edel zu vergeben, als habe er mir ein
+großes Opfer gebracht –« – »Unreife Knaben bilden sich immer ein, es sei
+ein Opfer, wenn sie lieben.« Da blitzte Kamillas Auge, sie warf den
+schönen Kopf zurück und wandte sich heftig gegen Cethegus: »Athalarich ist
+kein Knabe mehr und man soll ihn nicht verhöhnen.« Cethegus schwieg, ruhig
+die Augen senkend. Aber Rusticiana fragte erstaunt: »Hassest du den König
+nicht mehr?« – »Bis zum Tode. Man soll ihn verderben, nicht verhöhnen.«
+
+»Was ist geschehen?« wiederholte Cethegus. – »Heute stand jener
+rätselhafte, kalte, stolze Zug deutlicher als je auf seinem Antlitz. Ein
+Zufall äußerte ihn in Worten. Wir waren eben gelandet. Ein Käfer war ins
+Wasser gefallen: der König bückte sich und zog ihn heraus: das Tierchen
+aber wehrte sich gegen die mildthätige Hand und biß mit den Zangen des
+Kopfes in den Finger, der ihn hielt. »Der Undankbare,« sagte ich. – »Oh,«
+sprach Athalarich, bitter lächelnd, und er setzte den Käfer auf ein Blatt:
+»man verwundet die am meisten, die am meisten für uns gethan.« Und dabei
+flog sein Blick mit stolzer Wehmut über mich dahin. Doch rasch, als ob er
+zuviel gesagt, schritt er kalt grüßend hinweg. Ich aber« – und ihre Brust
+wogte, ihre fein geschnittenen Lippen schlossen sich – »ich aber trage das
+nicht mehr. Der Stolze! er soll mich lieben – oder sterben.« – »Das soll
+er,« sagte Cethegus kaum hörbar, »eins von beiden.«
+
+
+
+
+ Neuntes Kapitel.
+
+
+Wenige Tage darauf wurde der Hof durch einen neuen Schritt des jungen
+Königs zur Selbständigkeit überrascht: er selbst berief den Rat der
+Regentschaft, ein Recht, das bisher nur Amalaswintha geübt. Die Regentin
+war nicht wenig erstaunt, als ein Bote ihres Sohnes sie in dessen Gemächer
+beschied, wo der König bereits eine Auswahl der höchsten Beamten des
+Reiches um sich versammelt habe, Goten und Römer, unter diesen Cassiodor
+und Cethegus.
+
+Dieser hatte zuerst beschlossen, auszubleiben, um nicht durch sein
+Erscheinen das Recht anzuerkennen, das sich der Knabe herausnahm: ihm
+ahnte nichts gutes. Aber ebendeshalb besann er sich bald eines andern.
+»Ich darf der Gefahr nicht den Rücken, die Stirn muß ich ihr bieten,«
+sprach er, als er sich zu dem verhaßten Gang anschickte. Er fand in dem
+Gemach des Königs alle Geladenen bereits versammelt. Nur die Regentin
+fehlte noch. Als sie eintrat, erhob sich Athalarich – er trug eine
+langfaltige Abolla von Purpur, die Zackenkrone Theoderichs glänzte auf
+seinem Haupt und unter dem Mantel klirrte das Schwert – von seinem
+Thronsessel, der vor einer durch einen Vorhang geschlossenen Nische stand,
+ging ihr entgegen und führte sie zu einem zweiten höheren Stuhl, der aber
+zur Linken stand. Als sie sich niedergelassen, hob er an: »Meine
+königliche Mutter, tapfre Goten, edle Römer! Wir haben euch hieher
+beschieden, euch unsern Willen kund zu thun. Es drohten diesem Reiche
+Gefahren, die nur wir, der König dieses Reiches, abwenden konnten.«
+
+Solche Sprache hatte man aus diesem Munde noch nicht vernommen. Alle
+schwiegen betroffen, Cethegus aus Klugheit: er wollte den rechten
+Augenblick abwarten. Endlich begann Cassiodor: »Deine weise Mutter und
+dein getreuer Diener Cassiodor« – – »Mein getreuer Diener Cassiodor
+schweigt, bis sein Herr und König ihn um Rat befrägt. Wir sind schlecht
+zufrieden, sehr schlecht, mit dem was die Räte unsrer königlichen Mutter
+bisher gethan haben und nicht gethan. Es ist höchste Zeit, daß wir selbst
+zum Rechten sehn.
+
+Wir waren dazu bisher zu jung und zu krank. Wir fühlen uns nicht mehr zu
+jung und nicht mehr zu krank. Wir künden euch an, daß wir demnächst die
+Regentschaft aufheben und die Zügel dieses Reiches selbst ergreifen
+werden.«
+
+Er hielt inne. Alles schwieg. Niemand hatte Lust nach Cassiodors Beispiel
+zu reden und dann zu verstummen.
+
+Endlich fand Amalaswintha, die diese plötzliche Energie ihres Sohnes
+gleichsam betäubt hatte, die Sprache wieder: »Mein Sohn, dies Alter der
+Mündigkeit ist nach den Gesetzen der Kaiser« – – »Nach den Gesetzen der
+Kaiser, Mutter, mögen die Römer sich richten. Wir sind Goten und leben
+nach gotischem Recht. Germanische Jünglinge werden mündig, wann sie das
+gesammelte Volksheer waffenreif erklärt.
+
+Wir haben deshalb beschlossen, alle Heerführer und Grafen und alle freien
+Männer unsres Volkes, so viele ihrer dem Rufe folgen wollen, aus allen
+Provinzen des Reichs zur Heeresschau zu laden nach Ravenna. Mit dem
+nächsten Sonnwendfest sollen sie eintreffen.«
+
+Überrascht schwieg die Versammlung.
+
+»Das sind nur noch vierzehn Tage,« sprach endlich Cassiodor. »Wird es
+möglich sein, in so kurzer Frist noch die Ladungen zu besorgen?« – »Sie
+sind besorgt. Hildebrand, mein alter Waffenmeister, und Graf Witichis
+haben sie alle bestellt.« – »Wer hat die Dekrete unterschrieben?« fragte
+Amalaswintha, sich ermannend. – »Ich allein, liebe Mutter. Ich mußte doch
+den Geladnen zeigen, daß ich reif genug, allein zu handeln.«
+
+»Und ohne mein Wissen!« sprach die Regentin. – »Und ohne dein Wissen
+geschah es, weil es sonst gegen deinen Willen geschehen mußte.«
+
+Er schwieg. Alle Römer waren ratlos und wie betäubt von der plötzlich
+entfalteten Kraft des jungen Königs. Nur in Cethegus stand sogleich der
+Entschluß fest, jene Versammlung zu verhindern, um jeden Preis. Er sah den
+Grund all seiner Pläne wanken: gern wär’ er mit aller Wucht seines Wortes
+der vor seinen Augen versinkenden Regentschaft zu Hilfe gekommen: gern
+hätte er schon mehrere Male in dieser Verhandlung das kühne Aufstreben des
+Jünglings mit seiner ruhigen Überlegenheit zu Boden gedrückt: – aber ihm
+hielt ein seltsamer Zufall Gedanken und Zunge wie mit Zauberbanden
+gefesselt.
+
+Er hatte in der Nische hinter dem Vorhang Geräusch zu vernehmen geglaubt
+und scharfe Blicke darauf geheftet: da bemerkte er unter dem Vorhang
+durch, dessen Fransen nicht ganz bis zur Erde reichten, die Füße eines
+Mannes.
+
+Freilich nur bis an die Knöchel. Aber an diesen Knöcheln saßen
+Beinschienen von Erz eigentümlicher Arbeit. Er kannte diese Beinschienen,
+er wußte, daß sie zu einer vollen Rüstung gleicher Arbeit gehörten, er
+wußte auch in unbestimmter Gedankenverbindung, daß der Träger dieser
+Rüstung ihm verhaßt und gefährlich: aber es war ihm nicht möglich, sich zu
+sagen, wer dieser Feind sei. Hätte er die Schienen nur bis ans Knie
+verfolgen können! Gegen seinen Willen mußte er die Augen immer und immer
+wieder auf jenen Vorhang richten und raten und raten. Und das bannte
+seinen Geist jetzt, – jetzt, da alles auf dem Spiele stand. Er zürnte über
+sich selbst, aber er konnte Gedanken und Blicke nicht von der Nische
+losreißen. Der König jedoch fuhr, ohne Widerstand zu finden, fort: »Ferner
+haben wir die edeln Herzoge Thulun, Ibbas und Pitza, die grollend diesen
+Hof verlassen, aus Gallien und Spanien zurückgerufen. Wir finden, daß
+allzuviele Römer, allzuwenig Goten uns umgeben. Jene drei tapfern Krieger
+werden mit Graf Witichis die Wehrmacht unsres Reiches, die Festen und die
+Schiffe untersuchen und alle Schäden aufdecken und heilen. Sie werden
+nächstens eintreffen.« Sie müssen sogleich wieder fort, sagte Cethegus
+rasch zu sich selbst. Aber seine Gedanken fuhren fort: Nicht ohne Grund
+ist jener Mann dadrinnen versteckt.
+
+»Weiter,« hob der königliche Jüngling wieder an, »haben wir Mataswinthen,
+unsre schöne Schwester, zurückbeschieden an unsern Hof. Man hat sie nach
+Tarent verbannt, weil sie sich geweigert, eines betagten Römers Weib zu
+werden. Sie soll wiederkehren, die schönste Blume unseres Volkes, und
+unsern Hof verherrlichen.«
+
+»Unmöglich!« rief Amalaswintha: »Du greifst in das Recht der Mutter wie
+der Königin.« – »Ich bin das Haupt der Sippe, sobald ich mündig bin.«
+
+»Mein Sohn, du weißt, wie schwach du warst noch vor wenigen Wochen.
+Glaubst du wirklich, die gotischen Heermänner werden dich waffenreif
+erklären?«
+
+Der König wurde rot wie sein Purpur, halb vor Scham, halb vor Zorn; eh’ er
+Antwort fand rief eine rauhe Stimme an seiner Seite: »Sorge nicht darum,
+Frau Königin. Ich bin sein Waffenmeister gewesen: ich sage dir, er kann
+sich messen mit jedem Feind: und wen der alte Hildebrand wehrfähig
+spricht, der gilt dafür bei allen Goten.« Lauter Beifall der anwesenden
+Goten bestätigte sein Wort.
+
+Wieder gedachte Cethegus einzugreifen, aber eine Bewegung hinter dem
+Vorhang zog seine Gedanken ab: Einer meiner größten Feinde ist es, aber
+wer?
+
+»Noch eine wichtige Sache ist euch kund zu thun,« begann der König wieder,
+mit einem flüchtigen Seitenblick nach der Nische, der dem Präfekten nicht
+entging.
+
+Etwa ein Anschlag gegen mich? dachte er. Man wollte mich überraschen? Das
+soll nicht gelingen! –
+
+Aber es überraschte ihn doch, als plötzlich der König mit lauter Stimme
+rief: »Präfekt von Rom, Cethegus Cäsarius!« Er zuckte, aber rasch gefaßt,
+neigte er das Haupt und sprach: »Mein Herr und König.« – »Hast du uns
+nichts aus Rom zu melden? Wie ist die Stimmung der Quiriten? Was denkt man
+dort von den Goten?«
+
+»Man ehrt sie als das Volk Theoderichs!« – »Fürchtet man sie?« – »Man hat
+nicht Ursach, sie zu fürchten.« – »Liebt man sie?« – Gern hätte Cethegus
+geantwortet: Man hat nicht Ursach’, sie zu lieben. Aber der König selbst
+fuhr fort:
+
+»Also keine Spur von Unzufriedenheit? Kein Grund zur Sorge? Nichts
+besonderes, das sich vorbereitet.«
+
+»Ich habe nichts dir anzuzeigen.« – »Dann bist du schlecht unterrichtet,
+Präfekt, – oder schlecht gesinnt. Muß ich, der in Ravenna kaum vom
+Siechbett ersteht, dir sagen, was in deinem Rom unter deinen Augen
+vorgeht? Die Arbeiter auf deinen Schanzen singen Spottlieder auf die
+Goten, auf die Regentin, auf mich, deine Legionare führen bei ihren
+Waffenübungen drohende Reden. Höchst wahrscheinlich besteht bereits eine
+ausgebreitete Verschwörung, Senatoren, Priester, an der Spitze: sie
+versammeln sich Nachts an unbekannten Orten. Ein Mitschuldiger des
+Boëthius, ein Verbannter, Albinus, ist in Rom gesehen worden; und weißt du
+wo? im Garten deines Hauses.« Der König stand auf. Die Augen aller
+Anwesenden richteten sich, erstaunt, erzürnt, erschrocken auf Cethegus.
+Amalaswintha bebte für den Mann ihres Vertrauens. Aber dieser war jetzt
+wieder völlig er selbst. Ruhig, kalt, schweigend, sah er dem König ins
+Auge.
+
+»Rechtfertige dich!« rief ihm dieser entgegen.
+
+»Rechtfertigen? gegen einen Schatten? ein Gerücht, eine Klage sonder
+Kläger? Nie!« – »Man wird dich zu zwingen wissen.« Hohn zuckte um des
+Präfekten schmale Lippen.
+
+»Man kann mich ermorden auf bloßen Verdacht, ohne Zweifel, – wir haben das
+erfahren, wir Italier! – nicht mich verurteilen. Gegen Gewalt giebt es
+keine Rechtfertigung, nur gegen Gerechtigkeit.« – »Gerechtigkeit soll dir
+werden, zweifle nicht. Wir übertragen den hier anwesenden Römern die
+Untersuchung, dem Senat in Rom die Urteilsfällung. Wähle dir einen
+Verteidiger.« – »Ich verteidige mich selbst,« sprach Cethegus kühl. »Wie
+lautet die Anklage? Wer ist mein Ankläger? Wo ist er?« – »Hier,« rief der
+König und schlug den Vorhang zurück.
+
+Ein gotischer Krieger in ganz schwarzer Rüstung trat hervor.
+
+Wir kennen ihn. Es war Teja.
+
+Dem Präfekten drückte der Haß die Wimper nieder. Jener aber sprach: »Ich,
+Teja, des Tagila Sohn, klage dich an, Cethegus Cäsarius, des Hochverrats
+an diesem Reich der Goten. Ich klage dich an, den verbannten Verräter
+Albinus in deinem Haus zu Rom zu bergen und zu hehlen. Es steht der Tod
+darauf. Und du willst dies Land dem Kaiser in Byzanz unterwerfen.«
+
+»Das will ich nicht,« sprach Cethegus ruhig; »beweise deine Klage.« – »Ich
+habe Albinus vor vierzehn Nächten mit diesen Augen in deinen Garten treten
+sehen,« fuhr Teja zu den Richtern gewendet fort. »Er kam von der Via sacra
+her, in einen Mantel gehüllt, einen Schlapphut auf dem Kopf. Schon in zwei
+Nächten war die Gestalt an mir vorbeigeschlüpft: diesmal erkannt ich ihn.
+Als ich auf ihn zutrat, verschwand er, ehe ich ihn ergreifen konnte, an
+der Thür, die sich von innen schloß.« – »Seit wann spielt mein Amtsgenoß,
+der tapfre Kommandant von Rom, den nächtlichen Späher?« – »Seit er einen
+Cethegus zur Seite hat. Aber ob mir auch der Flüchtling entkam, – diese
+Rolle fiel ihm aus dem Mantel: sie enthält Namen von römischen Großen und
+neben den Namen Zeichen einer unlösbaren Geheimschrift. Hier ist die
+Rolle.« Er reichte sie dem König. Dieser las: »Die Namen sind: Silverius,
+Cethegus, Licinius, Scävola, Calpurnius, Pomponius. – Kannst du
+beschwören, daß der Vermummte Albinus war?«
+
+»Ich will’s beschwören.« – »Wohlan, Präfekt. Graf Teja ist ein freier,
+unbescholtener, eidwürdiger Mann. Kannst du das leugnen?«
+
+»Ich leugne das. Er ist nicht unbescholten: seine Eltern lebten in
+nichtiger, blutschänderischer Ehe: sie waren Geschwisterkinder, die Kirche
+hat ihr Zusammensein verflucht und seine Frucht: er ist ein Bastard und
+kann nicht zeugen gegen mich, einen edeln Römer senatorischen Ranges.« Ein
+Murren des Zornes entrang sich den anwesenden Goten. Teja’s blasses
+Antlitz aber wurde noch bleicher. Er zuckte. Seine Rechte fuhr ans
+Schwert: »So vertret’ ich mein Wort mit dem Schwert,« sprach er mit
+tonloser Stimme. »Ich fordere dich zum Kampf, zum Gottesgericht auf Tod
+und Leben.« – »Ich bin Römer und lebe nicht nach eurem blutigen
+Barbarenrecht. Aber auch als Gote: – ich würde dem Bastard den Kampf
+versagen.« – »Geduld,« sprach Teja und stieß das halb gezückte Schwert
+leise in die Scheide zurück. »Geduld, mein Schwert. Es kömmt dein Tag.«
+Aber die Römer im Saale atmeten auf.
+
+Der König nahm das Wort: »Wie dem sei, die Klage ist genug begründet, die
+genannten Römer zu verhaften. Du, Cassiodor, wirst die Geheimschrift zu
+entziffern suchen. Du, Graf Witichis, eilst nach Rom und bemächtigst dich
+der fünf Verdächtigen, durchsuchst ihre Häuser und das des Präfekten.
+Hildebrand, du verhafte den Verklagten, nimm ihm das Schwert ab.« –
+»Halt,« sprach Cethegus, »ich leiste Bürgschaft mit all’ meinem Gut, daß
+ich Ravenna nicht verlasse, bis dieser Streit zu Ende. Ich verlange
+Untersuchung auf freiem Fuß: das ist des Senators Recht.«
+
+»Kehr dich nicht dran, mein Sohn,« rief der alte Hildebrand vortretend,
+»laß mich ihn fassen.« – »Laß,« sprach der König, »Recht soll ihm werden,
+strenges Recht, doch nicht Gewalt. Laß ab von ihm. Auch hat ihn die Klage
+überrascht. Er soll Zeit haben sich zu verteidigen. Morgen um diese Stunde
+treffen wir uns wieder hier. Ich löse die Versammlung.«
+
+Der König winkte mit dem Scepter: in höchster Aufregung eilte Amalaswintha
+aus dem Gemach. Die Goten traten freudig zu Teja. Die Römer drückten sich
+rasch an Cethegus vorbei, vermeidend, mit ihm zu sprechen. Nur Cassiodor
+schritt fest auf ihn zu, legte die Hand auf seine Schulter, sah ihm
+prüfend ins Auge und fragte dann: »Cethegus, kann ich dir helfen?« –
+»Nein, ich helfe mir selbst,« sprach dieser, entzog sich ihm und schritt
+allein und stolzen Ganges hinaus.
+
+
+
+
+ Zehntes Kapitel.
+
+
+Der heftige Schlag, den der junge König so unerwartet gegen den ganzen
+Grundbau der Regentschaft geführt hatte, erfüllte bald den Palast und die
+Stadt mit Staunen, mit Schrecken oder Freude. Zu der Familie des Boëthius
+brachte die erste bestimmte Kunde Cassiodor, der Rusticianen zum Trost der
+erschütterten Regentin beschied. Mit Fragen bestürmt erzählte er den
+ganzen Hergang ausführlich: und so bestürzt oder unwillig er darüber war,
+auch aus seinem feindlichen Bericht leuchteten die Kraft, der Mut des
+jungen Fürsten unverkennbar hervor. Mit Begierde lauschte Kamilla jedem
+seiner Worte: Stolz, Stolz auf den Geliebten – der Liebe glücklichstes
+Gefühl – erfüllte mächtig ihre ganze Seele.
+
+»Es ist kein Zweifel,« schloß Cassiodor mit Seufzen, »Athalarich ist unser
+entschiedenster Gegner: er steht ganz zu der gotischen Partei, zu
+Hildebrand und seinen Freunden. Er wird den Präfekten verderben. Wer hätte
+das von ihm geglaubt! Immer muß ich daran denken, Rusticiana, wie so ganz
+anders er sich bei dem Prozeß deines Gatten benahm.«
+
+Kamilla horchte hoch auf.
+
+»Damals gewannen wir die Überzeugung, er werde zeitlebens der glühendste
+Freund, der eifrigste Vertreter der Römer sein.« – »Ich weiß davon
+nichts,« sagte Rusticiana. – »Es ward vertuscht. Das Todesurteil war
+gesprochen über Boëthius und seine Söhne. Vergebens hatten wir alle,
+Amalaswintha voran, die Gnade des Königs angerufen: sein Zorn war
+unauslöschlich. Als ich wieder und wieder ihn bestürmte, fuhr er zornig
+auf und schwur bei seiner Krone, der solle es im tiefsten Kerker büßen,
+der ihm noch einmal mit einer Fürbitte für die Verräter nahe. Da
+verstummten wir alle. Nur Einer nicht. Nur Athalarich, der Knabe, ließ
+sich nicht schrecken, er weinte und flehte und hing sich an seines
+Großvaters Knie.
+
+Kamilla erbebte: der Atem stockte ihr.
+
+»Und nicht ließ er ab, bis Theoderich in höchstem Zorn emporfuhr, ihn mit
+einem Schlag in den Nacken von sich schleuderte und den Wachen übergab.
+Der ergrimmte König hielt seinen Eid. Athalarich ward in den Kerker des
+Schlosses geführt und Boëthius sofort getötet.«
+
+Kamilla wankte und hielt sich an einer Säule des Saales.
+
+»Aber nicht umsonst hatte Athalarich gesprochen und gelitten.
+
+Tags darauf vermißte der König an der Tafel schwer den Liebling, den er
+von sich gebannt. Er gedachte, mit welch edlem Mut er, der Knabe, für
+seine Freunde gebeten, als die Männer in Furcht verstummten. Er stand
+endlich auf von seinem Abendtrunk, bei dem er lange sinnend saß, stieg
+selbst hinab in den Kerker, öffnete die Pforte, umarmte seinen Enkel und
+schenkte auf seine Bitte deinen Söhnen, Rusticiana, das Leben.«
+
+»Fort, fort zu ihm!« sprach Kamilla mit erstickter Stimme zu sich selbst
+und eilte aus dem Saal.
+
+»Damals,« fuhr Cassiodor fort, »damals mochten Römer und Römerfreunde in
+dem künftigen König ihre beste Stütze sehen und jetzt – meine arme Herrin,
+arme Mutter!« und klagend schritt er hinaus.
+
+Rusticiana saß lange wie betäubt. Sie sah alles wanken, worauf sie ihre
+Rachepläne gebaut: sie versank in dumpfes Brüten. Länger und länger schon
+fielen die Schatten der hohen, starken Türme in den Schloßhof, auf welchen
+sie hinausstarrte.
+
+Da weckte sie der feste Schritt eines Mannes im Saal, erschrocken fuhr sie
+auf: Cethegus stand vor ihr. Sein Antlitz war kalt und finster, aber eisig
+ruhig.
+
+»Cethegus!« rief die Bekümmerte und wollte seine Hand fassen, aber seine
+Kälte schreckte sie zurück. »Alles verloren!« seufzte sie, stehen
+bleibend. »Nichts ist verloren. Es gilt nur Ruhe. Und Raschheit,« setzte
+er, umblickend im Gemach, hinzu. Als er sich allein mit ihr sah, griff er
+in die Brustfalten seiner Toga. »Dein Liebestrank hat nicht geholfen,
+Rusticiana. Hier ist ein andrer, – stärkrer. Nimm.« Und rasch drückte er
+ihr eine Phiole von dunklem Lavastein in die Hand. Mit banger Ahnung sah
+ihn die Freundin an: »Glaubst du auf einmal an Magie und Zaubertrank? Wer
+hat ihn gebraut?« – »Ich,« sagte er, »und _meine_ Liebestränke wirken.« –
+»Du!« – es durchlief sie ein eisiges Grauen. »Frage nicht, forsche nicht,
+säume nicht,« sprach er herrisch. »Es muß noch heute geschehen. Hörst du?
+Noch heute.«
+
+Aber Rusticiana zögerte noch und sah zweifelnd auf das Fläschchen in ihrer
+Hand. Da trat er heran, leise ihre Schulter berührend: »Du zauderst,«
+sagte er langsam. »Weißt du, was auf dem Spiele steht? nicht nur unser
+ganzer Plan! Nein, blinde Mutter. Noch mehr. Kamilla _liebt_, liebt den
+König mit aller Kraft der jungen Seele. Soll die Tochter des Boëthius die
+Buhle des Tyrannen werden?«
+
+Laut aufschreiend fuhr Rusticiana zurück: was in den letzten Tagen wie
+eine böse Ahnung in ihr aufgestiegen, ward ihr gewiß mit diesem Einen
+Wort: noch einen Blick warf sie auf den Mann, der das Grausame gesprochen
+und hinwegeilte sie, zornig die Faust um das Fläschchen geballt.
+
+Ruhig sah ihr Cethegus nach. »Nun, Prinzlein, wollen wir sehen. Du warst
+rasch, ich bin rascher. – Es ist eigen,« sagte er dann, die Falten seiner
+Toga herabziehend, »ich glaubte längst nicht mehr, noch solche heftige
+Regung empfinden zu können. Jetzt hat das Leben wieder einen Reiz. Ich
+kann wieder streben, hoffen, fürchten. Sogar hassen. Ja, ich hasse diesen
+Knaben, der sich unterfängt, mit der kindischen Hand in meine Kreise zu
+tappen. Er will mir trotzen – meinen Gang aufhalten, er stellt sich kühn
+in meinen Weg: Er – mir! wohlan, so trag’ er denn die Folgen.«
+
+Und langsam schritt er aus dem Gemach und wandte sich nach dem Audienzsaal
+der Regentin, wo er sich absichtlich der versammelten Menge zeigte und
+durch die eigne Sicherheit den bestürzten Herzen der Hofleute einige Ruhe
+wiedergab. Er sorgte dafür, zahlreicher Zeugen für all’ seine Schritte an
+diesem verhängnisvollen Tag sich zu versichern. Beim Sinken der Sonne ging
+er mit Cassiodor und einigen andern Römern, seine Verteidigung für den
+nächsten Tag beratend, in den Garten, in dessen Laubgängen er sich umsonst
+nach Kamilla umsah.
+
+Diese war, sowie sie Cassiodors Bericht zu Ende gehört, in den Hof des
+Palastes geeilt, wo sie zu dieser Stunde den König mit den andern jungen
+Goten seines Hofes beim Waffenspiel zu treffen hoffte. Nur sehen wollte
+sie ihn, noch nicht ihn sprechen und ihm zu Füßen ihr großes Unrecht
+abbitten. Sie hatte ihn verabscheut, von sich gestoßen, ihn als mit dem
+Blut ihres Vaters befleckt gehaßt – ihn, der sich für diesen Vater
+geopfert, der ihre Brüder gerettet hatte!
+
+Aber sie fand ihn nicht im Hof. Die wichtigen Ereignisse des Tages hielten
+ihn in seinem Arbeitszimmer fest. Auch seine Waffengesellen fochten und
+spielten heute nicht: in dichten Gruppen beisammenstehend, priesen sie
+laut den Mut ihres jungen Königs.
+
+Mit Wonne sog Kamilla dieses Lob ein: stolz errötend, selig träumend
+wandelte sie in den Garten und suchte dort an allen seinen
+Lieblingsstätten die Spuren des Geliebten. Ja, sie liebte ihn: kühn und
+freudig gestand sie sich’s ein: er hatte es tausendfach um sie verdient.
+Was Gote, was Barbar! Er war ein edler herrlicher Jüngling, ein König, der
+König ihrer Seele. Wiederholt wies sie die begleitende Daphnidion aus
+ihrer Nähe, daß diese nicht höre, wie sie wieder und wieder den geliebten
+Namen selig vor sich hin sprach. Endlich am Venustempel angelangt versank
+sie in süße Träume über die Zukunft, die unklar, aber golden dämmernd, vor
+ihr lag. Vor allem beschloß sie, dem Präfekten und ihrer Mutter schon
+morgen zu erklären, nicht mehr auf ihre Mithilfe gegen den König zählen zu
+sollen. Dann wollte sie diesem selbst ihre Schuld abbitten mit innigen
+Worten und dann – dann? sie wußte nicht was dann werden solle: aber sie
+errötete in holden Träumen.
+
+Rote, duftige Mandelblüten fielen aus den nickenden Büschen: in dem
+dichten Oleander neben ihr sang die Nachtigall, eine klare Quelle glitt
+rieselnd an ihr vorüber nach dem blauen Meer und die Wellen dieses Meeres
+rollten leise wie ihrer Liebe huldigend zu ihren Füßen.
+
+
+
+
+ Elftes Kapitel.
+
+
+Aus solchem Sinnen und Sehnen weckte sie ein nahender Schritt auf den
+Sandwegen. Der Gang war so rasch und so bestimmt der Tritt, daß sie nicht
+Athalarich vermutete. Aber es war der König: verändert in Haltung und
+Erscheinen, männlicher, kräftiger, fester. Hoch trug er das sonst zur
+Brust gebeugte Haupt und das Schwert Theoderichs klirrte an seiner Hüfte.
+
+»Gegrüßt, gegrüßt, Kamilla,« rief er ihr laut und lebhaft entgegen. »Dein
+Anblick ist der schönste Lohn für diesen heißen Tag.«
+
+So hatte er noch nie zu ihr gesprochen.
+
+»Mein König,« flüsterte sie erglühend: einen leuchtenden Blick noch warfen
+die braunen Augen auf ihn: dann senkten sich die langen Wimpern. Mein
+König! so hatte sie ihn nie genannt, solchen Blick ihm nie geschenkt.
+»Dein König?« sagte er, sich neben ihr niederlassend, »ich fürchte, so
+wirst du mich nicht mehr nennen, wenn du erfährst, was alles heute
+geschehen.«
+
+»Ich weiß alles.« – »Du weißt? Nun dann, Kamilla, sei gerecht: schilt
+nicht, ich bin kein Tyrann.« Der Edle, dachte sie, er entschuldigt sich um
+seine schönsten Thaten.
+
+»Sieh, ich hasse die Römer nicht, der Himmel weiß es, – sie sind ja _dein_
+Volk! – ich ehre sie und ihre alte Größe, ich achte ihre Rechte. Aber mein
+Reich, den Bau Theoderichs, muß ich beschützen, streng und unerbittlich,
+und weh der Hand, die sich dawider hebt. Vielleicht,« fuhr er langsamer
+und feierlich fort, »vielleicht ist dies Reich schon verurteilt in den
+Sternen – gleichviel, ich, sein König, muß mit ihm stehen und fallen.«
+
+»Du sprichst wahr, Athalarich, und wie ein König.«
+
+»Dank dir, Kamilla! wie du heut gerecht bist oder gut! Solcher Güte darf
+ich wohl anvertrauen, welcher Segen, welche Heilung mir geworden. Sieh’,
+ich war ein kranker, irrer Träumer, ohne Halt, ohne Freude, dem Tode gern
+entgegenwankend. Da trat an meine Seele die Gefahr dieses Reichs, die
+thätige Sorge um mein Volk: und mit der Sorge wuchs in meiner Brust die
+Liebe, die mächtige Liebe zu meinen Goten, und diese stolze und bange und
+wachsame Liebe für mein Volk, sie hat mein Herz gestärkt und getröstet für
+... für andres bitter schmerzliches Entsagen. Was liegt an meinem Glück,
+wenn nur dies Volk gedeiht: sieh, der Gedanke hat mich gesund gemacht und
+stark und wahrlich! des Größten könnt’ ich jetzt mich unterwinden.«
+
+Er sprang auf, beide Arme wiegend und schwingend.
+
+»O, Kamilla, die Ruhe verzehrt mich! O, ging es zu Roß und in
+waffenstarrende Feinde! Sieh, die Sonne sinkt. Es ladet die spiegelnde
+Flut. Komm, komm mit in den Kahn.« Kamilla zögerte. Sie blickte um. »Die
+Dienerin? Ach laß sie! Dort ruht sie unter der Palme an der Quelle, sie
+schläft. Komm, komm rasch, eh’ die Sonne versinkt. Sieh die goldne Straße
+auf der Flut. Sie winkt!« – »Zu den Inseln der Seligen?« fragte das
+liebliche Mädchen mit einem holdseligen Blick und leicht errötend.
+
+»Ja, komm zu den seligen Inseln!« antwortete er glücklich, hob sie rasch
+in den Kahn, löste dessen Silberkette von den Widderköpfen des Quais,
+sprang hinein, ergriff das zierliche Ruder und stieß ab. Dann legte er das
+Ruder in die Öse zur Linken: und im hintern Gransen des Schiffes stehend
+steuerte und ruderte er zugleich, eine schöne und malerische Bewegung, und
+ein echt germanischer Fergenbrauch.
+
+Kamilla saß vorn, nahe dem Schnabel des Kahns, auf einem Diphros, dem
+griechischen zusammenlegbaren Feldstuhl, und sah ihm in das edle Antlitz,
+das von der rotschimmernden Abendsonne beleuchtet war: sein dunkles Haar
+flog im Winde und herrlich waren die raschen und kräftigen Bewegungen des
+fein gebauten Ruderers zu schauen. Beide schwiegen. Pfeilschnell schoß die
+leichte Barke durch die glatte Flut.
+
+Flockige, rosige Abendwölklein zogen langsam über den Himmel, der leise
+Wind führte von den Mandelgebüschen des Ufers Wolken von Wohlgeruch mit
+sich, und rings war Schimmer, Ruhe, Harmonie. Endlich brach der König das
+Schweigen und sprach, dem Bot einen kräftigen Druck gebend, daß es
+gehorsam vorwärts schoß: »Weißt du, was ich denke? Wie schön muß es sein
+ein Reich, ein Volk, viel tausend geliebte Leben mit der starken Hand
+durch Wind und Wellen sicher vorwärts zu steuern zu Glück und Glanz. – Was
+aber sannest du, Kamilla? Du sahst so mild, es sind gute Gedanken
+gewesen.« Sie errötete und blickte seitab in die Flut.
+
+»O sprich doch, sei offen in dieser schönen Stunde.«
+
+»Ich dachte,« flüsterte sie vor sich hin, das feine Köpfchen noch immer
+abgewendet, »wie schön muß es sein, von treuer, geliebter Hand, der man so
+ganz vertraut, gesteuert werden durch die schwanke Flut des Lebens.« – »O,
+Kamilla, glaub mir, auch dem Barbaren kann man sich vertraun« – – »Du bist
+kein Barbar! Wer zart empfindet und edel denkt und sich hochherzig
+überwindet und schweren Undank mit Huld vergilt, ist kein Barbar, er ist
+ein edles Menschenbild, wie je ein Scipio gewesen.« Entzückt hielt der
+König im Rudern inne, das Schiff stand: »Kamilla! träum ich? sprichst du
+das? und zu mir?«
+
+»Mehr noch, Athalarich, mehr! ich bitte dich, vergieb, daß ich dich so
+grausam von mir gestoßen. Ach, es war nur Scham und Furcht.« – »Kamilla,
+Perle meiner Seele« – Diese, welche das Gesicht dem Ufer zuwandte, rief
+plötzlich: »was ist das? Man folgt uns. Der Hof, die Frauen, meine
+Mutter.« So war es. Rusticiana hatte, von des Präfekten furchtbarem Wink
+getrieben, ihre Tochter im Garten gesucht. Sie fand sie nicht. Sie eilte
+nach dem Venustempel. Umsonst. Umherschauend sah sie plötzlich die beiden,
+ihr Kind mit ihm allein, auf dem Schiff, fern im Meer. In höchstem Zorn
+flog sie an den Marmortisch, an dem die Sklaven eben den Abendbecher des
+Königs mischten, schickte sie die Stufen hinab, eine Gondel zu lösen,
+gewann so einen unbelauschten Augenblick an dem Tisch und stieg gleich
+darauf mit Daphnidion, die ihr zorniger Ausruf geweckt, die Stufen hinab
+nach dem Schiff. Da bogen zur Rechten aus dem dichten Taxusgang der
+Präfekt und seine Freunde, die ihr Lustwandeln ebenfalls an diese Stelle
+führte. Cethegus folgte ihr die Stufen hinab und reichte ihr die Hand, in
+den Kahn zu steigen. »Es ist geschehen,« flüsterte sie ihm dabei zu und
+die Gondel stieß ab. In diesem Augenblick war es, daß das junge Paar auf
+die Bewegung am Ufer aufmerksam wurde: Kamilla stand auf, sie mochte
+erwarten, der König werde das Schiff wenden. Aber dieser rief: »Nein, sie
+sollen mir diese Stunde nicht rauben, die schönste meines Lebens. Ich muß
+noch mehr von diesen süßen Worten schlürfen. O, Kamilla, du mußt mir mehr,
+du mußt mir alles sagen. Komm, wir landen auf der Insel dort, da mögen sie
+uns finden.« Und mächtig ausgreifend drückte er mit aller Kraft auf das
+Ruder, daß das Fahrzeug wie beflügelt dahinschoß.
+
+»Willst du nicht weiter sprechen?«
+
+»O, mein Freund, mein König – dringe nicht in mich.« Er sah nur ihr in das
+liebliche Antlitz, in das leuchtende Auge, nicht mehr auf Weg und Ziel.
+»Nun warte – dort auf der Insel – dort sollst du mir« – –
+
+Ein neuer leidenschaftlicher Ruderschlag – da erdröhnte ein dumpfer Krach,
+das Schiff war angeprallt und fuhr schütternd zurück.
+
+»Himmel!« rief Kamilla aufspringend und nach dem Schnabel des Schiffes
+sehend: ein ganzer Schwall von Wasser sprudelte herein ihr entgegen.
+
+»Das Schiff ist geborsten – wir sinken,« sprach sie erbleichend. –
+»Hierher zu mir, laß mich sehen,« rief Athalarich vorspringend. »Ah, das
+sind die Nadeln der Amphitrite – wir sind verloren.« Die Nadeln der
+Amphitrite – wir wissen, man konnte sie von der Terrasse des Venustempels
+kaum erkennen – waren zwei schmale scharfzackige Klippen zwischen dem Ufer
+und der nächsten der Laguneninseln: sie ragten kaum über den
+Wasserspiegel, bei leisestem Wind gingen die Wellen über sie weg.
+Athalarich kannte die Gefahr dieser Stelle und hatte sie immer leicht
+vermieden: aber diesmal hatte er nur in der Geliebten Augen geblickt.
+
+Mit einem Blick übersah er die Lage. Es gab keine Rettung.
+
+Ein Bret im Boden des leicht gezimmerten Gefährts war durch den Anprall an
+der Klippe zertrümmert, gewaltig drang das Wasser durch den Leck.
+
+Das Schiff sank von Sekunde zu Sekunde.
+
+Schwimmend mit Kamilla die nächste Insel oder das Ufer zu erreichen,
+konnte er nicht hoffen und das Ruderschiff Rusticianens hatte kaum erst
+abgestoßen. Mit Blitzesschnelle hatte er all’ das überschaut, erwogen,
+eingesehen, und warf einen entsetzten Blick auf das Mädchen. »Geliebte, du
+stirbst,« jammerte er verzweifelnd, »und ich, ich hab’s verschuldet.« Und
+er umfaßte sie stürmisch. »Sterben?« rief sie, »o nein! nicht so jung,
+nicht jetzt sterben! Leben, leben mit dir.« Und sie klammerte sich fest an
+seinen Arm. Der Ton, die Worte durchschnitten sein Herz.
+
+Er riß sich los, er sah nach Rettung ringsumher, umsonst, umsonst – immer
+höher stieg das Wasser, immer rascher sank das Schiff. Er warf das Ruder
+weg. »Es ist aus, alles aus, Geliebte. Laß uns Abschied nehmen.« – »Nein!
+nicht mehr scheiden! Muß es gestorben sein: – o dann hinweg alle Scheu,
+welche die Lebendigen bindet« – und glühend drückte sie das Haupt an seine
+Brust – »o laß dir sagen, laß dir noch gestehn, wie ich dich liebe, wie
+lange schon, seit – seit immer. All’ mein Haß war ja nur verschämte Liebe.
+Gott, ich liebte dich schon, da ich wähnte, ich müsse dich verabscheuen.
+Ja du sollst wissen, wie ich dich liebe.« Und sie bedeckte ihm Augen und
+Wangen mit eiligen Küssen. »O, jetzt will ich auch sterben – lieber
+sterben mit dir als leben ohne dich. Aber nein« – und sie riß sich von ihm
+los – »du sollst nicht sterben – laß mich hier, springe, schwimme,
+versuch’s, du allein erreichst die Insel wohl – versuch’s und laß mich.«
+
+»Nein,« rief er selig, »lieber sterben mit dir als leben ohne dich. Nach
+so langem, langem Sehnen endlich Erfüllung! Wir gehören einander auf ewig
+von dieser Stunde. Komm, Kamilla, Geliebte, laß uns hinab.«
+
+Schauer der Liebe und des Todes rieselten durcheinander. Er zog sie an
+sich, umschlang sie mit dem linken Arm und stieg mit ihr auf den kaum noch
+Hand breit über Wasser ragenden Steuergransen: schon schickte er sich zum
+jähen Sprunge an, – da entrang sich beiden ein froher Schrei der Hoffnung.
+
+Blitzschnell bog vor ihren Augen um die schmale Landspitze, die unfern von
+ihnen ins Meer ragte, ein Schiff mit vollen Segeln, das gerade auf sie los
+eilte.
+
+Das Schiff vernahm ihren Schrei, es erkannte jedenfalls die Lage des
+sinkenden Kahns, vielleicht die Person des Königs: vierzig Ruder, aus zwei
+Stockwerken von Ruderbänken zugleich in die Flut getaucht, beförderten den
+Flug des raschen Fahrzeugs, das brausend vor ganzem Wind mit allen Segeln
+daherschoß. Die Leute auf dem Deck riefen ihnen zu, auszuharren und bald –
+es war die höchste Zeit – lag der Bauch der Bireme neben der Gondel, die
+augenblicklich versank, nachdem das Paar durch die Lukenpforte des untern
+Ruderstockwerks an Bord gerettet war. Es war ein kleines gotisches
+Wachtschiff, der goldene, steigende Löwe, das Wappen der Amalungen,
+glänzte auf der blauen Flagge: Aligern, ein Vetter Tejas, befehligte es.
+
+»Dank euch, wackre Freunde,« sprach Athalarich, da er wieder Worte
+gefunden, »Dank! ihr habt nicht euren König nur, ihr habt eure Königin
+gerettet.«
+
+Staunend sammelten sich Krieger und Matrosen um den Glücklichen, der die
+laut weinende Kamilla in seinen Armen hielt. »Heil unsrer schönen jungen
+Königin!« jauchzte der rotblonde Aligern und die Mannschaft jubelte
+donnernd nach: »Heil, Heil unsrer Königin!« In diesem Augenblick rauschte
+der Segler an dem Kahn Rusticianens vorbei: der Schall dieses Jubelrufs
+weckte die Unselige aus der Erstarrung von Entsetzen und Betäubung, die
+sie ergriffen, da die beiden erschrocknen Rudersklaven die Gefahr des
+jungen Paares auf dem sinkenden Boot entdeckt und zugleich erklärt hatten,
+es sei ihnen unmöglich, sie rechtzeitig aus den Wellen zu retten. Da war
+sie besinnungslos Daphnidion in die Arme gefallen.
+
+Jetzt erwachte sie und warf einen irren Blick umher. Sie staunte: war es
+ein Traumbild, was sie sah? oder war es wirklich ihre Tochter, die dort
+auf dem Deck des Gotenschiffs, das stolz an ihr vorüberrauschte, an der
+Brust des jungen Königs lag? und jauchzten wirklich dazu jubelnde Stimmen:
+»Heil Kamilla, unsrer Königin?«
+
+Sie starrte auf die vorübergleitende Erscheinung, sprachlos, lautlos. Aber
+das rasch fliegende Segelschiff war schon an ihrem Kahn vorüber und dem
+Lande nah. Es ankerte außerhalb der seichten Gartenbucht, eine Barke ward
+herabgelassen, das gerettete Paar, Aligern und drei Matrosen sprangen
+hinein und bald stiegen sie die Stufen der Hafentreppe hinan, wo, außer
+Cethegus und seiner Begleitung, eine Menge von Leuten sich versammelt
+hatte, die vom Palast oder vom Garten aus mit Schrecken die Gefahr des
+kleinen Schiffes wahrgenommen und jetzt herbeieilten, die Geretteten zu
+begrüßen. Unter Glückwünschen und Segensrufen stieg Athalarich die Stufen
+hinan.
+
+»Seht hier,« sprach er, vor dem Tempel angelangt, »sehet, Goten und Römer,
+eure Königin, meine Braut. Uns hat der Gott des Todes zusammengeführt,
+nicht wahr, Kamilla?« Sie sah zu ihm auf, aber heftig erschrak sie: die
+Aufregung und der jähe Wechsel von Schrecken und Freude hatten den kaum
+Genesenen übermächtig erschüttert: sein Antlitz war marmorblaß, er wankte
+und griff wie Luft schöpfend krampfhaft an seine Brust.
+
+»Um Gott,« rief Kamilla, einen Anfall des alten Leidens fürchtend, »dem
+König ist nicht wohl. Rasch den Wein, die Arznei!« Sie flog an den Tisch,
+ergriff den Silberbecher, der bereit stand, und drängte ihn in seine Hand.
+
+Cethegus stand dicht dabei und folgte mit scharfem Blick jeder seiner
+Bewegungen.
+
+Schon setzte er den Becher an die Lippen, aber plötzlich ließ er ihn
+nochmal sinken, er lächelte: »du mußt mir zutrinken, wie’s der gotischen
+Königin ziemt an ihrem Hof,« und er reichte ihr den Pokal: sie nahm ihn
+aus seiner Hand.
+
+Einen Augenblick durchzuckte es den Präfekten siedend heiß. Er wollte
+hinzustürzen, ihr den Trank aus der Hand reißen, ihn verschütten.
+
+Aber er hielt sich zurück. That er’s, so war er unrettbar verloren. Nicht
+nur morgen als Hochverräter, nein, sofort als Giftmörder angeklagt und
+überführt.
+
+Verloren mit ihm seine ganze Ideenwelt, die Zukunft Roms. Und um wen? – Um
+ein verliebtes Mädchen, das treulos zu seinem Todfeind abgefallen. – Nein,
+sagte er kalt zu sich, die Faust zusammendrückend, sie oder Rom: – also
+sie! Und ruhig sah er zu, wie das Mädchen, hold errötend, einen leichten
+Trunk aus dem Becher nahm, den der König darauf tief schlürfend bis zum
+Grunde leerte. Er zuckte zusammen, da er ihn auf den Marmortisch
+niedersetzte. »Kommt hinauf ins Palatium,« sprach er fröstelnd, den Mantel
+über die linke Schulter schlagend, »mich friert.« Und er wandte sich.
+
+Da traf sein Blick auf Cethegus: er stand einen Augenblick still und sah
+dem Präfekten eindringend ins Auge.
+
+»Du hier?« sagte er finster und trat einen Schritt auf ihn zu: da zuckte
+er nochmal und stürzte mit einem jähen Schrei neben der Quelle aufs
+Antlitz nieder.
+
+»Athalarich!« rief Kamilla und warf sich taumelnd über ihn. Der alte
+Corbulo sprang aus der Schar der Diener zuerst hinzu: »Hilfe,« rief er,
+»sie stirbt – der König!«
+
+»Wasser! rasch Wasser!« sprach Cethegus laut. Und entschlossen trat er an
+den Tisch, ergriff den Silberbecher, bückte sich, spülte ihn schnell, aber
+gründlich in der Quelle und neigte sich über den König, der in Cassiodors
+Armen lag, indeß Corbulo das Haupt Kamillens auf seine Kniee legte.
+
+Ratlos, entsetzt umstanden die Hofleute die beiden scheinbar leblosen
+Gestalten.
+
+»Was ist geschehen? Mein Kind!« mit diesem Schrei drängte sich Rusticiana,
+die soeben gelandet, an der Tochter Seite. »Kamilla!« rief sie
+verzweifelt, »was ist mit dir?«
+
+»Nichts!« sagte Cethegus ruhig, sich prüfend über die beiden beugend. »Es
+ist nur eine Ohnmacht. Aber den jungen König hat sein Herzkrampf
+hingerafft. Er ist tot.«
+
+
+
+
+
+ Drittes Buch.
+
+
+ AMALASWINTHA.
+
+
+ »Amalaswintha verzagte nicht nach Frauenart,
+ sonder kräftig wahrte sie ihr Königtum.«
+
+ Prokop, Gotenkrieg I. 2
+
+
+
+
+ Erstes Kapitel.
+
+
+Wie ein Donnerschlag aus heitrem Himmel traf Athalarichs plötzliches Ende
+die gotische Partei, die an diesem nämlichen Tage ihre Hoffnungen so hoch
+gespannt hatte. Alle Maßregeln, die der König in ihrem Sinne angeordnet,
+waren gelähmt, die Goten plötzlich wieder ohne Vertretung in dem Staat, an
+dessen Spitze jetzt die Regentin ganz allein gestellt war.
+
+Am frühen Morgen des nächsten Tages stellte sich Cassiodor bei dem
+Präfekten ein. Er fand diesen in ruhigem, festem Schlaf.
+
+»Und du kannst schlafen, ruhig wie ein Kind, nach einem solchen Schlag!« –
+»Ich schlief,« sagte Cethegus sich auf den linken Arm aufrichtend, »im
+Gefühle neuer Sicherheit.« – »Sicherheit! ja für dich, aber das Reich!«
+
+»Das Reich war mehr gefährdet durch diesen Knaben als ich. Wo ist die
+Königin?« – »Am offenen Sarge ihres Sohnes sitzt sie, sprachlos! Die ganze
+Nacht.«
+
+Cethegus sprang auf: »das darf nicht sein,« rief er. »Das thut nicht gut.
+Sie gehört dem Staat, nicht dieser Leiche. Um so weniger, als ich von Gift
+flüstern hörte. Der junge Tyrann hatte viele Feinde. Wie steht es damit?«
+
+»Sehr ungewiß. Der griechische Arzt Elpidios, der die Leiche untersuchte,
+sprach zwar von einigen auffallenden Erscheinungen. Aber, wenn Gift
+gebraucht worden, meinte er, müßte es ein sehr geheimes, ihm völlig
+fremdes sein. In dem Becher, daraus der Arme den letzten Trunk gethan,
+fand sich nicht die leiseste Spur verdächtigen Inhalts. So glaubt man
+allgemein, die Aufregung habe das alte Herzleiden zurückgerufen und dieses
+ihn getötet. Aber doch ist es gut, daß man dich von dem Augenblick, da du
+die Versammlung verließest, immer vor Zeugen gesehen: der Schmerz macht
+argwöhnisch.«
+
+»Wie steht es um Kamilla?« forschte der Präfekt weiter. – »Sie soll von
+ihrer Betäubung noch gar nicht erwacht sein; die Ärzte fürchten das
+Schlimmste. – Aber ich kam, dich zu fragen: Was soll nun weiter geschehen?
+Die Regentin sprach davon, die Untersuchung gegen dich niederzuschlagen.«
+– »Das darf nicht sein!« rief Cethegus. »Ich fordre die Durchführung.
+Eilen wir zu ihr.« – »Willst du sie am Sarge ihres Sohnes stören?« – »Ja,
+das will ich! Deine zarte Rücksicht bebt davor zurück? Gut, komme du nach,
+wenn ich das Eis gebrochen.«
+
+Er verabschiedete den Besuch und rief seine Sklaven, ihn anzukleiden. Bald
+darauf schritt er, in dunkelgraues Trauergewand gehüllt, hinab zu dem
+Gewölbe, wo die Leiche ausgestellt lag. Gebieterisch wies er die Wachen
+und die Frauen Amalaswinthens hinweg, die den Eingang hüteten und trat
+geräuschlos ein.
+
+Es war die niedrig gewölbte Halle, in der ehedem die Leichen der Kaiser
+mit Salben und Brennstoffen waren für den Scheiterhaufen bereitet worden.
+Das schweigende Gelaß, mit dunkelgrünem Serpentin getäfelt, von kurzen
+dorischen Säulen aus schwarzem Marmor getragen, war nie von der Tageshelle
+beleuchtet: auch jetzt fiel auf die düstern byzantinischen Mosaiken auf
+dem Goldgrund der Wandplatten kein andres Licht als von den vier
+Pechfackeln, die an dem Steinsarkophag des jungen Königs mit unstetem
+Schimmer flackerten.
+
+Dort lag er, auf einem tiefroten Purpurmantel, Helm, Schwert und Schild zu
+seinen Häupten.
+
+Der alte Hildebrand hatte ihm einen Eichenkranz um die dunkeln Locken
+gewunden. Die edeln Züge ruhten in ernster, bleicher Schöne.
+
+Zu seinen Füßen saß in langem Trauerschleier die hohe Gestalt der
+Regentin, das Haupt auf den linken Arm gestützt, der auf dem Sarkophage
+ruhte: der rechte hing erschlafft herab. Sie konnte nicht mehr weinen.
+
+Das Knistern der Pechflammen war das einzige Geräusch in dieser
+Grabesstille. –
+
+Lautlos trat Cethegus ein, nicht unbewegt von der Poesie des Anblicks.
+Aber mit einem Zusammenziehen der Brauen war dies Gefühl wie ein Anflug
+von Mitleid erstickt. Klarheit gilt es, sprach er zu sich selbst, und
+Ruhe. Leise trat er näher und ergriff die herabgesunkene Hand
+Amalaswinthens. »Erhebe dich, hohe Frau, du gehörst den Lebendigen, nicht
+den Toten.«
+
+Erschrocken sah sie auf: »Du hier, Cethegus? Was suchst du hier?«
+
+»Eine Königin.«
+
+»O, du findest nur eine weinende Mutter!« rief sie schluchzend. – »Das
+kann ich nicht glauben. Das Reich ist in Gefahr und Amalaswintha wird
+zeigen, daß auch ein Weib dem Vaterland den eignen Schmerz opfern kann.«
+
+»Das kann sie,« sagte sie, sich aufrichtend: »Aber sieh auf ihn hin. – Wie
+jung, wie schön –! Wie konnte der Himmel so grausam sein.« – »Jetzt oder
+nie,« dachte Cethegus. »Der Himmel ist gerecht, streng, nicht grausam.«
+
+»Wie redest du? was hatte mein edler Sohn verschuldet? Wagst du ihn
+anzuklagen?« – »Nicht ich! Doch eine Stelle der heiligen Schrift hat sich
+erfüllt an ihm: »Ehre Vater und Mutter, auf daß du lang lebest auf Erden.«
+Die Verheißung ist auch eine Drohung. Gestern hat er gefrevelt gegen seine
+Mutter und sie verunehrt in trotziger Empörung: – heute liegt er hier. Ich
+sehe darin den Finger Gottes.«
+
+Amalaswintha verhüllte ihr Antlitz. Sie hatte dem Sohn an seinem Sarge
+seine Auflehnung herzlich vergeben. Aber diese Auffassung, diese Worte
+ergriffen sie doch mächtig und zogen sie ab von ihrem Schmerz zur
+liebgewordenen Gewohnheit des Herrschens. »Du hast, o Königin, die
+Untersuchung gegen mich niederschlagen wollen und Witichis zurückberufen.
+Letzteres mag sein. Aber ich fordere die Durchführung des Prozesses und
+feierliche Freisprechung als mein Recht.«
+
+»Ich habe nie an deiner Treue gezweifelt. Weh mir, wenn ich es jemals
+müßte. Sage mir: ich weiß von keiner Verschwörung! und alles ist
+abgethan.« – Sie schien seine Beteurung zu erwarten. Cethegus schwieg eine
+Weile. Dann sagte er ruhig: »Königin, ich weiß von einer Verschwörung.«
+
+»Was ist das?« rief die Regentin und sah ihn drohend an. – »Ich habe diese
+Stunde, diesen Ort gewählt,« fuhr Cethegus mit einem Blick auf die Leiche
+fort, »dir meine Treue entscheidend zu besiegeln, daß sie dir
+unauslöschlich möge ins Herz geschrieben sein. Höre und richte mich.« –
+»Was werd’ ich hören?« sprach die Königin wachsam und fest entschlossen,
+sich weder täuschen noch erweichen zu lassen. »Ich wär’ ein schlechter
+Römer, Königin, und du müßtest mich verachten, liebte ich nicht vor allem
+andern mein Volk. Dies stolze Volk, das selbst du, die Fremde, liebst. Ich
+wußte, – wie du es weißt – daß der Haß gegen euch als Ketzer, als Barbaren
+in den Herzen fortglimmt. Die letzten strengen Thaten deines Vaters hatten
+ihn geschürt. Ich ahnte eine Verschwörung. Ich suchte, ich entdeckte sie.«
+– »Und verschwiegst sie!« sprach die Regentin, zürnend sich erhebend. –
+»Und verschwieg sie. Bis heute. Die Verblendeten wollten die Griechen
+herbeirufen und nach Vernichtung der Goten sich dem Kaiser unterwerfen.« –
+»Die Schändlichen!« rief Amalaswintha heftig. – »Die Thoren! Sie waren
+schon soweit gegangen, daß nur Ein Mittel blieb, sie zurückzuhalten: ich
+trat an ihre Spitze, ich ward ihr Haupt.« – »Cethegus!« – »Dadurch gewann
+ich Zeit und konnte edle, wenn auch verblendete Männer von dem Verderben
+zurückhalten. Allgemach konnte ich ihnen die Augen darüber öffnen, daß ihr
+Plan, wenn er gelänge, nur eine milde mit einer despotischen Herrschaft
+vertauschen würde. Sie sahen es ein, sie folgten mir und kein Byzantiner
+wird diesen Boden betreten bis ich ihn rufe, ich – oder du.«
+
+»Ich! rasest du?« – »Nichts ist den Menschen zu verschwören! sagt
+Sophokles, dein Liebling. Laß dich warnen, Königin, die du die dringendste
+Gefahr nicht siehst. Eine andre Verschwörung, viel gefährlicher als jene
+römische Schwärmerei, bedroht dich, deine Freiheit, das Herrschaftsrecht
+der Amaler, in nächster Nähe – eine Verschwörung der Goten.«
+
+Amalaswintha erbleichte.
+
+»Du hast gestern zu deinem Schrecken ersehn, daß nicht deine Hand mehr das
+Ruder dieses Reiches führt. Ebensowenig dieser edle Tode, der nur ein
+Werkzeug deiner Feinde war. Du weißt es, Königin, viele in deinem Volk
+sind blutdürstende Barbaren, raubgierig, roh: sie möchten dies Land
+brandschatzen, wo Vergil und Tullius gewandelt. Du weißt, dein trotziger
+Adel haßt die Übermacht des Königshauses und will sich ihm wieder
+gleichstellen. Du weißt, die rauhen Goten denken nicht würdig von dem
+Beruf des Weibes zur Herrschaft.« – »Ich weiß es,« sprach sie stolz und
+zornig. – »Aber nicht weißt du, daß alle diese Parteien sich geeinigt
+haben. Geeinigt gegen dich und dein römerfreundlich Regiment. Dich wollen
+sie stürzen oder zu ihrem Willen zwingen. Cassiodor und ich, wir sollen
+von deiner Seite fort. Unser Senat, unsre Rechte sollen fallen, das
+Königtum ein Schatte werden. Krieg mit dem Kaiser soll entbrennen. Und
+Gewalt, Erpressung, Raub über uns Römer hereinbrechen.« – »Du malst eitle
+Schreckbilder!« – »War ein eitles Schreckbild, was gestern geschah? Wenn
+nicht der Arm des Himmels eingriff, warst nicht du selbst – wie ich – der
+Macht beraubt? Warst du denn noch Herrin in deinem Reich, in deinem Hause?
+Sind sie nicht schon so mächtig, daß der heidnische Hildebrand, der
+bäuerische Witichis, der finstre Teja in deines bethörten Sohnes Namen
+offen deinem Willen trotzen? Haben sie nicht jene rebellischen drei
+Herzoge zurückberufen? Und deine widerspenstige Tochter und –« – »Wahr, zu
+wahr!« seufzte die Königin.
+
+»Wenn diese Männer herrschen – dann lebt wohl Wissenschaft und Kunst und
+edle Bildung! Leb wohl, Italia, Mutter der Menschlichkeit! Dann lodert in
+Flammen auf, ihr weißen Pergamente, brecht in Trümmer, schöne Statuen.
+Gewalt und Blut wird diese Fluren erfüllen und späte Enkel werden
+bezeugen: solches geschah unter Amalaswintha, der Tochter Theoderichs.«
+
+»Nie, niemals soll das geschehen! Aber –«
+
+»Du willst Beweise? Ich fürchte, nur zu bald wirst du sie haben. Du siehst
+jedoch schon jetzt: auf die Goten kannst du dich nicht stützen, wenn du
+jene Greuel verhindern willst. Gegen sie schützen nur wir dich, wir, denen
+du ohnehin angehörst nach Geist und Bildung, wir Römer. Dann, wenn jene
+Barbaren lärmend deinen Thron umdrängen, dann laß mich jene Männer um dich
+scharen, die sich einst gegen dich verschworen, die Patrioten Roms: sie
+schützen dich und sich selbst zugleich.«
+
+»Cethegus,« sprach die bedrängte Frau, »du beherrschest die Menschen
+leicht! Wer, sage mir, wer bürgt mir für die Patrioten, für deine Treue?«
+
+»Dies Blatt, Königin, und dieses! Jenes enthält eine genaue Liste der
+römischen Verschwornen – du siehst, es sind viele hundert Namen: dies die
+Glieder des gotischen Bundes, die ich freilich nur erraten konnte. Aber
+ich rate gut. Mit diesen beiden Blättern geb’ ich die beiden Parteien,
+geb’ ich mich selbst ganz in deine Hand. Du kannst mich jeden Augenblick
+bei den Meinen selbst als Verräter entlarven, der vor allem _deine_ Gunst
+gesucht, kannst mich preisgeben dem Haß der Goten – ich habe jetzt keinen
+Anhang mehr, sobald du willst: ich stehe allein, allein auf dem Boden
+deiner Gunst.«
+
+Die Königin hatte die Rollen mit leuchtenden Augen durchflogen.
+»Cethegus,« rief sie jetzt, »ich will deiner Treue gedenken und dieser
+Stunde!« Und sie reichte ihm gerührt die Hand.
+
+Cethegus neigte leise das Haupt. »Noch eins, o Königin. Die Patrioten,
+fortan deine Freunde wie die meinen, wissen das Schwert des Verderbens,
+des Hasses der Barbaren über ihren Häuptern hangen. Die Erschrocknen
+bedürfen der Aufrichtung. Laß sie mich deines hohen Schutzes versichern:
+stelle deinen Namen an die Spitze dieses Blattes und laß mich ihnen
+dadurch ein sichtbar Zeichen deiner Gnade geben.«
+
+Sie nahm den goldnen Stift und die Wachstafel, die er ihr reichte. Einen
+Augenblick noch zögerte sie nachdenklich: dann aber schrieb sie rasch
+ihren Namen und gab ihm Griffel und Tafel zurück: »Hier, sie sollen mir
+treu bleiben, treu wie du.«
+
+Da trat Cassiodorus ein: »o Königin, die gotischen Großen harren dein. Sie
+begehren dich zu sprechen.«
+
+»Ich komme! Sie sollen meinen Willen vernehmen,« sprach sie heftig: »du
+aber, Cassiodor, sei der erste Zeuge des Beschlusses, den diese ernste
+Stunde in mir gereift, den bald mein ganzes Reich vernehmen soll: hier der
+Präfekt von Rom ist hinfort der erste meiner Diener, wie er der treuste
+ist: sein ist der Ehrenplatz in meinem Vertrauen und an meinem Thron.«
+
+Staunend führte Cassiodor die Regentin die dunkeln Stufen hinan. Langsam
+folgte Cethegus: er hob die Wachstafel in die Höhe und sprach zu sich
+selbst: »Jetzt bist du mein, Tochter Theoderichs. Dein Name auf dieser
+Liste trennt dich auf immer von deinem Volk.« – –
+
+
+
+
+ Zweites Kapitel.
+
+
+Als Cethegus aus dem unterirdischen Gewölbe wieder zu dem Erdgeschoß des
+Palastes aufgetaucht war und sich anschickte, der Regentin zu folgen, ward
+sein Ohr berührt und sein Schritt gefesselt durch feierliche, klagende
+Flötentöne. Er erriet, was sie bedeuteten.
+
+Sein erster Antrieb war, auszuweichen. Aber alsbald entschloß er sich zu
+bleiben. »Einmal muß es doch geschehen, also am besten gleich,« dachte er.
+»Man muß prüfen, wie weit sie unterrichtet ist.«
+
+Immer näher kamen die Flöten, wechselnd mit eintönigen Klagegesängen.
+Cethegus trat in eine breite Nische des dunklen Ganges, in welchen schon
+die Spitze des kleinen Zuges einbog. Voran schritten paarweise sechs edle
+römische Jungfrauen in grauen Klageschleiern, gesenkte Fackeln in den
+Händen. Darauf folgte ein Priester, dem eine hohe Kreuzesfahne mit langen
+Wimpeln vorangetragen wurde. Hierauf eine Schar von Freigelassenen der
+Familie, angeführt von Corbulo, und die Flötenbläser. Dann erschien, von
+vier römischen Mädchen getragen, ein offener, blumenüberschütteter Sarg:
+da lag auf weißem Linnentuch die tote Kamilla, in bräutlichem Schmuck,
+einen Kranz von weißen Rosen um das schwarze Haar: ein Zug lächelnden
+Friedens spielte um den leicht geöffneten Mund. Hinter dem Sarg aber
+wankte, mit gelöstem Haar, stier vor sich hinblickend, die unselige
+Mutter, von Matronen umgeben, welche die Sinkende stützten. Eine Reihe von
+Sklavinnen schloß den Zug, der sich langsam in das Totengewölbe verlor.
+
+Cethegus erkannte die schluchzende Daphnidion und hielt sie an. »Wann
+starb sie?« fragte er ruhig. – »Ach, Herr, vor wenigen Stunden! Oh die
+gute, schöne, freundliche Domna!« – »Ist sie noch einmal erwacht zu vollem
+Bewußtsein?«
+
+»Nein, Herr, nicht mehr. Nur ganz zuletzt schlug sie die großen Augen
+nochmal auf und schien rings umher zu suchen. »Wo ist er hin?« fragte sie
+die Mutter. »Ach, ich sehe ihn,« rief sie dann und hob sich aus den
+Kissen. »Kind, mein Kind, wo willst du hin?« weinte die Herrin. »Nun,
+dorthin,« sagte sie mit verklärtem Lächeln: »nach den Inseln der Seligen!«
+und sie schloß die Augen und sank zurück auf das Lager und jenes holde
+Lächeln blieb stehen auf ihrem Mund – und sie war dahin, dahin auf ewig!«
+– »Wer hat sie hier herab bringen lassen?« – »Die Königin. Sie erfuhr
+alles und befahl die Tote als die Braut ihres Sohnes neben ihm
+auszustellen und zu bestatten.«
+
+»Aber was sagt der Arzt? wie konnte sie so plötzlich sterben?« – »Ach der
+Arzt sah sie nur flüchtig; er hatte alle Gedanken bei der Königsleiche und
+die Herrin litt ja gar nicht, daß der fremde Mann ihre Tochter berühre.
+Das Herz ist ihr eben gebrochen: daran mag man wohl sterben! Aber still,
+sie kommen.« Der Zug ging in derselben Ordnung, ohne den Sarg, zurück.
+Daphnidion schloß sich an. Nur Rusticiana fehlte. Ruhig schritt Cethegus
+den einsamen Gang auf und nieder, sie zu erwarten.
+
+Endlich stieg die gebrochne Gestalt die Stufen herauf. Sie wankte und
+drohte zu fallen. Da ergriff er rasch ihren Arm. »Rusticiana, fasse dich!«
+
+»Du hier? O Gott, du hast sie auch geliebt! Und wir, wir beide haben sie
+ermordet!« Und sie brach auf seine Schulter zusammen. »Schweig, Unselige!«
+flüsterte er, sich umsehend.
+
+»Ach, ich, die eigne Mutter, habe sie getötet. Ich habe den Trank
+gemischt, der ihm den Tod gebracht.«
+
+Gut, dachte er, sie ahnt also nicht, daß sie getrunken, geschweige, daß
+ich sie trinken sah. »Es ist ein grausamer Streich des Geschicks,« sagte
+er laut; »aber bedenke, was sollte werden, wenn sie lebte? Sie liebte
+ihn!« – »Was werden sollte?« rief Rusticiana, von ihm zurücktretend.
+
+»O, wenn sie nur lebte! Wer kann wider die Liebe? Wäre sie sein geworden,
+sein Weib, – seine Geliebte, wenn sie nur lebte!« – »Aber du vergißt, daß
+er sterben mußte.« – »Mußte? warum mußte er sterben? auf daß du deine
+stolzen Pläne hinausführst! O Selbstsucht ohnegleichen!« – »Es sind deine
+Pläne, die ich ausführe, nicht die meinen; wie oft muß ich dir’s
+wiederholen? Du hast den Gott der Rache heraufbeschworen, nicht ich: was
+klagst du mich an, wenn er Opfer von dir fordert? Besinne dich besser.
+Lebe wohl.«
+
+Aber Rusticiana faßte heftig seinen Arm: »Und das ist alles? Und weiter
+hast du nichts, kein Wort, keine Thräne für mein Kind? Und du willst mich
+glauben machen, um sie, um mich zu rächen habest du gehandelt? Du hast nie
+ein Herz gehabt. Du hast auch sie nicht geliebt – kalten Blutes siehst du
+sie sterben – ha, Fluch – Fluch über dich.« – »Schweig, Unsinnige.« –
+»Schweigen? nein, reden will ich und dir fluchen. O, wüßt’ ich etwas, das
+dir wäre, was mir Kamilla war! O, müßtest du, wie ich, deines ganzen
+Lebens letzte, einzige Freude fallen sehen, fallen sehen und verzweifeln.
+Wenn ein Gott ist im Himmel, wirst du das erleben.«
+
+Cethegus lächelte.
+
+»Du glaubst an keine Macht im Himmel, die vergelte? wohlan, glaub’ an die
+Rache einer jammervollen Mutter! Du sollst erzittern! ich eile zur
+Regentin und entdecke ihr alles! Du sollst sterben!« – »Und du stirbst mit
+mir.«
+
+»Mit lachenden Augen, wenn ich dich verderben sehe.« Und sie wollte
+hinweg. Aber Cethegus ergriff sie mit starkem Arm. »Halt, Weib. Glaubst
+du, man sieht sich nicht vor mit deinesgleichen? Deine Söhne, Anicius und
+Severinus, die Verbannten, sind heimlich in Italien, in Rom, in meinem
+Hause. Du weißt, auf ihrer Rückkehr steht der Tod. Ein Wort – und sie
+sterben mit uns: dann magst du deinem Gatten auch die Söhne, wie die
+Tochter, als durch dich gefallen zuführen. Ihr Blut über dein Haupt.« Und
+rasch war er um die Ecke des Ganges biegend verschwunden.
+
+»Meine Söhne!« rief Rusticiana und brach auf dem Marmorestrich zusammen. –
+
+Wenige Tage darauf verließ die Witwe des Boëthius mit Corbulo und
+Daphnidion den Königshof für immer. Vergebens suchte die Regentin sie zu
+halten.
+
+Der treue Freigelassene führte sie zurück auf die verborgne Villa bei
+Tifernum, die je verlassen zu haben sie jetzt tief betrauerte. Sie baute
+daselbst, an der Stelle des kleinen Venustempels, eine Basilika, in deren
+Krypta eine Urne mit den Herzen der beiden Liebenden beigesetzt wurde.
+
+Ihre leidenschaftliche Seele verband mit dem Gebet für das Heil ihres
+Kindes unzertrennlich die Bitte der Rache an Cethegus, dessen wahre
+Beteiligung an Kamillens Tod sie nicht einmal ahnte: nur das durchschaute
+sie, daß er Mutter und Tochter als Werkzeuge seiner Pläne gebraucht und in
+herzloser Kälte des Mädchens Glück und Leben aufs Spiel gesetzt hatte.
+
+Und kaum minder unablässig als das Licht der daselbst gestifteten ewigen
+Lampe stieg das Gebet und der Fluch der vereinsamten Mutter zum Himmel
+empor.
+
+Die Stunde sollte nicht ausbleiben, die ihr die Schuld des Präfekten ganz
+enthüllte und auch die Rache nicht, die sie dafür vom Himmel niederrief.
+
+
+
+
+ Drittes Kapitel.
+
+
+Am Hofe von Ravenna aber wurde ein zäher und grimmiger Kampf geführt.
+
+Die gotischen Patrioten, obwohl durch den plötzlichen Untergang ihres
+jugendlichen Königs schwer betrübt und für den Augenblick überwunden,
+wurden doch von ihren unermüdlichen Führern bald wieder aufgerafft. Das
+hohe Ansehen des alten Hildebrand, die ruhige Kraft des zurückberufenen
+Witichis und Tejas wachsamer Eifer wirkten unablässig. Wir haben gesehen,
+wie es diesen Männern gelungen war, Athalarich zur Abschüttelung der
+Oberleitung seiner Mutter zu verhelfen. Jetzt gelang es ihnen leicht,
+unter den Goten immer mehr Anhang zu finden gegen eine Regentschaft, in
+welcher der ihnen als Hochverräter verhaßte Cethegus mehr als je in den
+Vordergrund trat. Die Stimmung im Heer, in der germanischen Bevölkerung
+von Ravenna war genügend zu einem entscheidenden Schlage vorbereitet. Mit
+Mühe hielt der alte Waffenmeister die Unzufriedenen zurück, bis sie, durch
+wichtige Bundesgenossen verstärkt, desto sicherer siegen könnten.
+
+Diese Bundesgenossen waren die drei Herzoge Thulun, Ibba und Pitza, die
+Amalaswintha vom Hofe verscheucht und ihr Sohn soeben zurückberufen hatte.
+Thulun und Ibba waren Brüder, Pitza ihr Vetter.
+
+Ein andrer Bruder der ersteren, Herzog Alarich, war vor Jahren wegen
+angeblicher Verschwörung zum Tode verurteilt und seit seiner Flucht
+verschollen.
+
+Sie stammten aus dem berühmten Geschlecht der Balten, das bei den
+Westgoten die Königskrone getragen hatte und den Amalungen kaum nachstand
+an Alter und Ansehn. Ihr Stammbaum führte, wie der des Königshauses, bis
+zu den Göttern hinauf. Ihr Reichtum an Grundbesitz und abhängigen Colonen
+und der Ruhm ihrer Kriegsthaten erhöhten Macht und Glanz ihres Hauses. Man
+sagte im Volk, Theoderich habe eine Zeit lang daran gedacht, mit
+Übergehung seiner Tochter und ihres unmündigen Knaben, zum Heile des
+Reiches den kräftigen Herzog Thulun zu seinem Nachfolger zu bestellen.
+
+Und die Patrioten waren jetzt, nach dem Tode Athalarichs, entschlossen,
+für den äußersten Fall, das heißt, wenn die Regentin von ihrem System
+nicht abzubringen sei, jene Gedanken wieder aufzunehmen.
+
+Cethegus sah das Gewitter heranziehen: er sah, wie das gotische
+Volksbewußtsein, von Hildebrand und seinen Freunden wachgerufen, sich
+immer heftiger gegen die romanisirende Regentschaft sträubte.
+
+Mit Unmut gestand er sich, daß es ihm an wirklicher Macht fehle, diese
+Unzufriedenheit niederzuhalten: Ravenna war nicht sein Rom, wo er die
+Werke beherrschte, wo er die Bürger wieder an die Waffen gewöhnt und an
+seine Person gefesselt hatte; hier waren alle Truppen Goten und er mußte
+fürchten, daß sie einen Haftbefehl gegen Hildebrand oder Witichis mit
+offnem Aufruhr beantworten würden. So faßte er den kühnen Gedanken, mit
+Einem Zug sich aus den Netzen, die ihn zu Ravenna umstrickten,
+herauszureißen: er beschloß, die Regentin, nötigenfalls mit Gewalt, nach
+Rom zu bringen, nach seinem Rom: dort hatte er Waffen, Anhang, Macht. Dort
+war Amalaswintha ausschließlich in seiner Gewalt und die Goten hatten das
+Nachsehen.
+
+Zu seiner Freude ging die Regentin lebhaft auf seinen Plan ein. Sie sehnte
+sich hinweg aus diesen Mauern, wo sie mehr eine Gefangene als eine
+Herrscherin erschien. Sie verlangte nach Rom, nach Freiheit und Macht.
+Rasch wie immer traf Cethegus seine Maßregeln. Auf den kürzern Weg zu
+Lande mußte er verzichten, da die große Via flaminia sowohl als die andern
+Straßen von Ravenna nach Rom durch gotische Scharen, die Witichis
+befehligte, bedeckt waren und daher zu fürchten stand, daß ihre Flucht auf
+diesem Wege zu früh entdeckt und vielleicht verhindert würde. So mußte er
+sich entschließen, einen Teil des Weges zur See zurückzulegen: aber auf
+die gotischen Schiffe im Hafen von Ravenna konnte man zu einem solchen
+Zweck nicht zählen.
+
+Zum Glück erinnerte sich der Präfekt, daß der Nauarch Pomponius, einer der
+Verschwornen, mit drei Trieren zuverlässiger d. h. römischer Bemannung an
+der Ostküste des adriatischen Meeres, zwischen Ancona und Teate, auf
+afrikanische Seeräuber Jagd machend, kreuzte. Diesem sandte er Befehl, in
+der Nacht des Epiphaniasfestes in der Bucht von Ravenna zu erscheinen. Er
+hoffte vom Garten des Palastes aus, unter dem Schutz der Dunkelheit und
+während kirchliche und weltliche Festfeier die Stadt beschäftigte, leicht
+und sicher mit Amalaswintha die Schiffe zu erreichen, die sie zur See über
+die gotischen Stellungen hinaus bis nach Teate bringen sollten: von da aus
+war der Weg nach Rom kurz und ungefährdet.
+
+Diesen Plan im Bewußtsein – sein Bote kam glücklich hin und zurück mit dem
+Versprechen des Pomponius, pünktlich einzutreffen – lächelte der Präfekt
+zu dem täglich wachsenden, trotzigen Haß der Goten, die seine
+Günstlingsstellung bei Amalaswintha mit Ingrimm betrachteten. Er ermahnte
+diese, geduldig auszuharren und nicht durch einen Ausbruch ihres
+königlichen Zornes über die »Rebellen« vor dem Tag der Befreiung einen
+Zusammenstoß herbeizuführen, der leicht alle Pläne der Rettung vereiteln
+konnte.
+
+Das Epiphaniasfest war gekommen: das Volk wogte in dichten Massen in den
+Basiliken, auf den Plätzen der Stadt. Die Kleinodien des Schatzes lagen
+geordnet und gepackt bereit, ebenso die wichtigsten Urkunden des Archivs.
+
+Es war Mittag. Amalaswintha und der Präfekt hatten soeben ihren Freund
+Cassiodor von dem Plan unterrichtet, dessen Kühnheit ihn anfangs
+erschreckte, dessen Klugheit ihn alsbald gewann. Sie wollten gerade aus
+dem Gemach der Beratung aufbrechen, als plötzlich der Lärm des Volkes, das
+vor dem Palast auf und niederflutete, lauter und heftiger anschwoll:
+Drohungen, Jubelrufe, Waffenklirren wild durcheinander.
+
+Cethegus schlug den Vorhang des großen Rundbogenfensters zurück: doch er
+sah nur noch die letzten Reihen der Menge nachdrängen in die offenen Thore
+des Palastes. Die Ursache der Aufregung war nicht zu entdecken.
+
+Aber schon stieg im Palatium das Getöse die Treppen hinan, Zank mit der
+Dienerschaft wurde hörbar, einzelne Waffenschläge, bald nahe, schwere
+Tritte. Amalaswintha bebte nicht: fest hielt sie den Drachenknauf des
+Thronstuhls, auf den Cassiodor sie zurückgeführt.
+
+Cethegus warf sich indessen den Andringenden entgegen. »Halt,« rief er,
+unter der Thüre des Gemaches hinaus, »die Königin ist für niemand
+sichtbar.«
+
+Einen Augenblick lautlose Stille.
+
+Dann rief eine kräftige Stimme: »Wenn für dich, Römer, auch für uns, für
+ihre gotischen Brüder. Vorwärts!«
+
+Und wieder erhob sich das Brausen der Stimmen und im Augenblick war
+Cethegus, ohne Anwendung bestimmter Gewalt, von dem Andrang der Masse wie
+von unwiderstehlicher Meeresflut bis weit in den Hintergrund des Saales
+zurückgeschoben, und die Vordersten im Zuge standen dicht vor dem Thron.
+
+Es waren Hildebrand, Witichis, Teja, ein baumlanger Gote, den Cethegus
+nicht kannte, und neben ihm – es litt keinen Zweifel – die drei Herzoge
+Thulun, Ibba und Pitza, in voller Rüstung, drei prachtvolle
+Kriegergestalten. Die Eingedrungnen neigten sich vor dem Thron. Dann rief
+Herzog Thulun nach rückwärts gewendet mit der Handbewegung eines gebornen
+Herrschers: »Ihr, gotische Männer, harret noch draußen eine kurze Weile;
+wir wollen’s in eurem Namen mit der Regentin zu schlichten suchen. Gelingt
+es nicht – so rufen wir euch auf zur That – ihr wißt, zu welcher.«
+
+Willig und mit Jubelrufen zogen sich die Scharen hinter ihm zurück und
+verloren sich bald in den Gängen und Hallen des Schlosses.
+
+»Tochter Theoderichs,« hob Herzog Thulun an, das Haupt zurückwerfend, »wir
+sind gekommen, weil uns dein Sohn, der König, zurückberufen. Leider finden
+wir ihn nicht mehr am Leben. Wir wissen, daß du uns nicht gerne hier
+siehst.«
+
+»Wenn ihr das wißt,« sprach Amalaswintha mit Hoheit, »wie könnt ihr wagen,
+dennoch vor unser Angesicht zu treten? Wer gestattet euch, wider unsern
+Willen zu uns zu dringen?« – »Die Not gebeut es, hohe Frau, die Not, die
+schon stärkere Riegel gebrochen als eines Weibes Laune. Wir haben dir die
+Forderungen deines Volkes vorzutragen, die du erfüllen wirst.« – »Welche
+Sprache! Weißt du wer vor dir steht, Herzog Thulun?« – »Die Tochter der
+Amalungen, deren Kind ich ehre, auch wo es irrt und frevelt.« – »Rebell!«
+rief Amalaswintha und erhob sich majestätisch vom Throne, »dein König
+steht vor dir.« Aber Thulun lächelte: »Du würdest klüger thun,
+Amalaswintha, von diesem Punkt zu schweigen. König Theoderich hat dir die
+Mundschaft über deinen Sohn übertragen, dem Weibe: – das war wider Recht,
+aber wir Goten haben ihm nicht eingeredet in seine Sippe. Er hat diesen
+Sohn zum Nachfolger gewünscht, den Knaben: – das war nicht klug. Aber Adel
+und Volk der Goten haben das Blut der Amalungen geehrt und den Wunsch
+eines Königs, der sonst weise war. Niemals jedoch hat er gewünscht und
+niemals hätten wir gebilligt, daß nach jenem Knaben ein Weib über uns
+herrschen solle, die Spindel über die Speere.«
+
+»So wollt ihr mich nicht mehr anerkennen als eure Königin?« rief sie
+empört. »Und auch du, Hildebrand, alter Freund Theoderichs, auch du
+verleugnest seine Tochter?«
+
+»Frau Königin,« sprach der Alte, »wollest du selbst verhüten, daß ich dich
+verleugnen muß.«
+
+Thulun fuhr fort: »Wir verleugnen dich nicht – noch nicht. Jenen Bescheid
+gab ich nur, weil du auf dein Recht pochst und weil du wissen mußt, daß du
+ein Recht nicht hast.
+
+Aber weil wir gern den Adel des Blutes ehren – wir ehren damit uns selbst
+– und weil es in diesem Augenblick zu bösem Zwiespalt im Reich führen
+könnte, wollten wir dir die Krone absprechen, so will ich dir die
+Bedingungen sagen, unter denen du sie fürder tragen magst.«
+
+Amalaswintha litt unsäglich: wie gern hätte sie das stolze Haupt, das
+solche Worte sprach, dem Henker geweiht. Und machtlos mußte sie das
+dulden! Thränen wollten in ihr Auge dringen: sie preßte sie zurück, aber
+erschöpft sank sie auf ihren Thron, von Cassiodor gestützt.
+
+Cethegus war indessen an ihre andre Seite getreten: »Bewillige alles!«
+raunte er ihr zu, »’s ist alles erzwungen und nichtig. Und heute Nacht
+noch kömmt Pomponius.«
+
+»Redet,« sprach Cassiodor, »aber schont des Weibes, ihr Barbaren.« – »Ei,«
+lachte Herzog Pitza, »sie will ja nicht als Weib behandelt sein: sie ist
+ja unser König.«
+
+»Ruhig, Vetter,« verwies ihn Herzog Thulun, »sie ist von edlem Blut wie
+wir.«
+
+»Fürs erste,« fuhr er fort, »entläßt du aus deiner Nähe den Präfekten von
+Rom. Er gilt für einen Feind der Goten. Er darf nicht die Gotenkönigin
+beraten. An seine Stelle bei deinem Thron tritt Graf Witichis.«
+
+»Bewilligt!« sagte Cethegus selbst, statt Amalaswinthas.
+
+»Fürs zweite erklärst du in einem Manifest, daß fortan kein Befehl von dir
+vollziehbar, der nicht von Hildebrand oder Witichis unterzeichnet, daß
+kein Gesetz ohne Genehmigung der Volksversammlung gültig ist.«
+
+Die Regentin fuhr zornig auf, aber Cethegus hielt ihren Arm nieder. »Heute
+Nacht kommt Pomponius!« flüsterte er ihr zu. Dann rief er laut: »Auch das
+wird zugestanden.«
+
+»Das dritte,« hob Thulun wieder an, »wirst du so gern gewähren, als wir es
+empfangen. Wir drei Balten haben nicht gelernt, in der Hofburg die Häupter
+zu bücken: das Dach ist uns zu niedrig hier. Amaler und Balten leben am
+besten weit von einander – wie Adler und Falk. Und das Reich bedarf unsres
+Arms an seinen Marken. Die Nachbarn wähnen, das Land sei verwaiset, seit
+dein großer Vater ins Grab stieg. Avaren, Gepiden, Sclavenen springen
+ungescheut über unsre Grenzen. Diese drei Völker zu züchtigen, rüstest du
+drei Heere, je zu dreißig Tausendschaften und wir drei Balten führen sie
+als deine Feldherrn nach Osten und nach Norden.«
+
+Die ganze Waffenmacht obenein in ihre Hände: – nicht übel! dachte
+Cethegus. »Bewilligt,« rief er lächelnd.
+
+»Und was bleibt mir,« fragte Amalaswintha, »wenn ich all das euch
+dahingegeben?«
+
+»Die goldne Krone auf der weißen Stirn,« sagte Herzog Ibba.
+
+»Du kannst ja schreiben wie ein Grieche,« begann Thulun aufs neue.
+»Wohlan, man lernt solche Künste nicht umsonst. Hier dies Pergament soll
+enthalten – mein Sklave hat es aufgezeichnet – was wir fordern.«
+
+Er reichte es Witichis zur Prüfung: »Ist es so? Gut. Das wirst du
+unterschreiben, Fürstin. – So, wir sind fertig. Jetzt sprich du, Hildebad,
+mit jenem Römer.«
+
+Doch vor ihn trat Teja, die Rechte am Schwert, zitternd vor Haß: »Präfekt
+von Rom,« sagte er, »Blut ist geflossen, edles, teures, gotisches Blut. Es
+weiht ihn ein, den grimmen Kampf, der bald entbrennen wird. Blut, das du
+büßen« – der Zorn erstickte seine Stimme.
+
+»Pah,« rief, ihn zurückschiebend, Hildebad, – denn er war der baumlange
+Gote – »macht nicht soviel Aufhebens davon! Mein goldner Bruder kann
+leicht etwas missen von überflüssigem Blut. Und der andre hat mehr
+verloren als er missen kann. Da, du schwarzer Teufel,« rief er Cethegus zu
+und hielt ihm ein breites Schwert dicht vor die Augen, »kennst du das?«
+
+»Des Pomponius Schwert!« rief dieser erbleichend und einen Schritt
+zurückweichend. Amalaswintha und Cassiodor fragten erschrocken:
+»Pomponius?«
+
+»Aha,« lachte Hildebad, »nicht wahr, das ist schlimm? Ja, aus der
+Wasserfahrt kann nichts werden.«
+
+»Wo ist Pomponius, mein Nauarch?« rief Amalaswintha heftig.
+
+»Bei den Haifischen, Frau Königin, in tiefer See.«
+
+»Ha, Tod und Vernichtung!« rief Cethegus, jetzt fortgerissen vor Zorn,
+»wie geht das zu?«
+
+»Lustig genug. Sieh, mein Bruder Totila – du kennst ihn ja, nicht wahr? –
+lag im Hafen von Ancona mit zwei kleinen Schiffen. Dein Freund Pomponius,
+der machte ihm seit einigen Tagen ein so übermütiges Gesicht und ließ so
+dicke Worte fallen, daß es selbst meinem arglosen Blonden auffiel.
+Plötzlich ist er eines Morgens mit seinen drei Trieren aus dem Hafen
+entwischt. Totila schöpft Verdacht, setzt alle Leinwand auf, fliegt ihm
+nach, holt ihn ein auf der Höhe von Pisaurum, stellt ihn, geht zu ihm an
+Bord mit mir und ein paar andern und fragt ihn, wohinaus?«
+
+»Er hatte kein Recht dazu, Pomponius wird ihm keine Antwort gegeben
+haben.«
+
+»Doch, Vortrefflicher, er gab ihm eine. Wie der sah, daß wir zu sieben
+allein auf seinem Schiff, da lachte er und rief: »Wohin ich segle? Nach
+Ravenna, du Milchbart, und rette die Regentin aus euren Klauen nach Rom.«
+Und dabei winkte er seinen Leuten. Da warfen aber auch wir die Schilde vor
+und hui, flogen die Schwerter aus den Scheiden. Das war ein harter Stand,
+sieben gegen dreißig. Aber es währte zum Glück nicht lang, da hörten unsre
+Bursche im nächsten Schiff das Eisen klirren und flugs waren sie mit ihren
+Boten heran und erkletterten wie die Katzen die Wandung. Jetzt waren wir
+die mehreren: aber der Nauarch – gieb dem Teufel sein Recht! – gab sich
+nicht, focht wie ein Rasender und stieß meinem Bruder das Schwert durch
+den Schild in den linken Arm, daß es hoch aufspritzte. Da aber ward mein
+Bruder auch zornig und rannte ihm den Speer in den Leib, daß er fiel wie
+ein Schlachtstier. »Grüßt mir den Präfekten,« sprach er sterbend, »gebt
+ihm das Schwert, sein Geschenk, zurück und sagt ihm, es kann keiner wider
+den Tod: sonst hätte ich Wort gehalten.« Ich hab’s ihm gelobt, es zu
+bestätigen. Er war ein tapfrer Mann. Hier ist das Schwert.«
+
+Schweigend nahm es Cethegus.
+
+»Die Schiffe ergaben sich und mein Bruder führte sie zurück nach Ancona.
+Ich aber segelte mit dem schnellsten hierher und traf am Hafen mit den
+drei Balten zusammen, gerade zur rechten Zeit.«
+
+Eine Pause trat ein, in welcher die Überwundnen ihre böse Lage schmerzlich
+überdachten. Cethegus hatte ohne Widerstand alles bewilligt in der sichern
+Hoffnung auf die Flucht, die nun vereitelt war.
+
+Sein schönster Plan war durchkreuzt, durchkreuzt von Totila: tief grub der
+Haß diesen Namen in des Präfekten Seele. Sein grimmiges Rachesinnen ward
+erst durch den Ausruf Thuluns gestört: »Nun, Amalaswintha, willst du
+unterzeichnen? oder sollen wir die Goten zur Wahl eines Königs berufen?«
+
+Rasch fand bei diesen Worten Cethegus die Fassung wieder: er nahm die
+Wachstafel aus der Hand des Grafen und reichte sie ihr hin: »Du mußt, o
+Königin,« sagte er leise, »es bleibt dir keine Wahl.« Cassiodor gab ihr
+den Griffel, sie schrieb ihren Namen und Thulun nahm die Tafel zurück.
+
+»Wohl,« sagte er, »wir gehn, den Goten zu verkünden, daß ihr Reich
+gerettet ist. Du, Cassiodor, begleitest uns, zu bezeugen, daß alles ohne
+Gewalt geschehen ist.«
+
+Auf einen Wink Amalaswinthens gehorchte der Senator und folgte den
+gotischen Männern hinaus auf das Forum vor dem Schlosse. Als sie sich mit
+Cethegus allein sah, sprang die Fürstin heftig auf: nicht länger gebot sie
+ihren Thränen. Leidenschaftlich schlug sie die Hand vor die Stirn. Ihr
+Stolz war aufs tiefste gebeugt. Schwerer als des Gatten, des Vaters, ja
+selbst als Athalarichs Verlust traf diese Stunde ihr Herz. »Das,« rief sie
+laut weinend, »das also ist die Überlegenheit der Männer. Rohe, plumpe
+Gewalt! o Cethegus, alles ist verloren.«
+
+»Nicht alles, Königin, nur ein Plan. Ich bitte um ein gnädiges Andenken,«
+setzte er kalt hinzu, »ich gehe nach Rom.«
+
+»Wie? du verläßt mich in diesem Augenblick? Du, du hast mir all diese
+Versprechungen abgewonnen, die mich entthronen, und nun scheidest du? O
+besser, ich hätte widerstanden, dann wär ich Königin geblieben, hätten sie
+auch jenem Rebellenherzog die Krone aufgesetzt.«
+
+Jawohl, dachte Cethegus, besser für dich, schlimmer für mich. Nein, kein
+Held soll mehr diese Krone tragen. – Rasch hatte er erkannt, daß
+Amalaswintha ihm nichts mehr nützen könne – und rasch gab er sie auf.
+Schon sah er sich nach einem neuen Werkzeug für seine Pläne um. Doch
+beschloß er, ihr einen Teil seiner Gedanken zu enthüllen, damit sie nicht
+auf eigne Faust handelnd jetzt noch ihre Versprechungen widerriefe und
+dadurch Thulun die Krone zuwende. »Ich gehe, o Herrin,« sprach er, »doch
+ich verlasse dich darum nicht. Hier kann ich dir nichts mehr nützen. Man
+hat mich aus deiner Nähe verbannt und man wird dich hüten, eifersüchtig
+wie eine Geliebte.«
+
+»Aber was soll ich thun mit diesen Versprechungen, mit diesen drei
+Herzogen?«
+
+»Abwarten, zunächst dich fügen. Und die drei Herzoge,« setzte er zögernd
+bei – »die ziehn ja in den Krieg: – vielleicht kehren sie nicht zurück.«
+
+»Vielleicht!« seufzte die Regentin. »Was nützt ein vielleicht!« Cethegus
+trat fest auf sie zu: »Sie kehren nicht zurück – sobald du’s willst.«
+Erschrocken bebte die Frau: »Mord? Entsetzlicher, was sinnst du?« – »Das
+Notwendige. Mord ist das falsche Wort dafür. Es ist Notwehr. Oder Strafe.
+Hattest du in dieser Stunde die Macht, du hattest das volle Recht, sie zu
+töten. Sie sind Rebellen. Sie zwingen deinen königlichen Willen. Sie
+erschlagen deinen Nauarchen, den Tod haben sie verdient.«
+
+»Und sie soll’n ihn finden,« flüsterte Amalaswintha, die Faust ballend,
+vor sich hin, »sie soll’n nicht leben, die rohen Männer, die eine Königin
+gezwungen. Du hast Recht – sie sollen sterben.« – »Sie müssen sterben –
+sie, und,« fügte er ingrimmig bei, »und – – der junge Seeheld!«
+
+»Warum auch Totila? Er ist der schönste Jüngling meines Volks.«
+
+»Er stirbt,« knirschte Cethegus, »o, könnt’ er zehnmal sterben.«
+
+Und aus seinem Auge sprühte eine Glut des Hasses, die, plötzlich aus der
+eisigkalten Natur brechend, Amalaswintha in Schrecken überraschte. »Ich
+schicke dir,« fuhr er rasch und leise fort, »aus Rom drei vertraute
+Männer, isaurische Söldner. Die sendest du den drei Balten nach, sobald
+sie in ihren Heerlagern eingetroffen. Hörst du, _du_ sendest sie, die
+Königin: denn sie sind Henker, keine Mörder. Die Drei müssen an Einem Tage
+fallen – Für den schönen Totila sorge ich selbst! – Der Schlag wird alles
+erschrecken. In der ersten Bestürzung der Goten eile ich von Rom herbei.
+Mit Waffen, dir zur Rettung. Leb wohl.«
+
+Er verließ rasch die Hilflose, an deren Ohr in diesem Augenblick von dem
+Forum vor dem Palatium jubelndes Freudengeschrei der Goten schlug, die den
+Erfolg ihrer Führer, die Besiegung Amalaswinthas feierten.
+
+Sie fühlte sich ganz verlassen.
+
+Daß die letzte Verheißung des Präfekten kaum mehr als ein leeres Trostwort
+zur Beschönigung seines Abgangs war, ahnte sie mit banger Seele. Gramvoll
+stützte sie die Wange auf die schöne Hand und verlor sich eine Weile
+finster in ihren ratlosen Gedanken. Da rauschten die Vorhänge des
+Gemaches: ein Palastbeamter stand vor ihr: »Gesandte von Byzanz bitten um
+Gehör. Justinus ist gestorben: Kaiser ist sein Neffe Justinian. Er bietet
+dir seinen brüderlichen Gruß und seine Freundschaft.«
+
+»Justinianus!« rief die ganze Seele der bedrängten Frau. Sie sah sich
+ihres Sohnes beraubt, von ihrem Volk bedroht, von Cethegus verlassen:
+ringsumher hatte sie in trübem Sinnen vergeblich Hilfe und Halt gesucht
+und aufatmend aus tiefer Brust wiederholte sie jetzt: »Byzanz –
+Justinianus!«
+
+
+
+
+ Viertes Kapitel.
+
+
+In den Waldbergen von Fiesole findet heutzutage der Wandrer, der von
+Florenz heranzieht, rechts von der Straße die Ruinen eines ausgedehnten
+villenartigen Gebäudes.
+
+Epheu, Steinbrech und Wildrosen haben um die Wette die Trümmer
+überkleidet: die Bauern des nahen Dorfes haben seit Jahrhunderten Steine
+davongetragen, die Erde ihrer Weingärten an den Hügelrändern aufzudämmen.
+Aber noch immer bezeichnen die Reste deutlich, wo die Säulenhalle vor dem
+Hause, wo das Mittelgebäude, wo die Hofmauer stand. Üppig wuchert das
+Unkraut auf dem Wiesgrund, wo dereinst der schöne Garten in Zier und
+Ordnung prangte: nichts davon hat sich erhalten als das breite
+Marmorbecken eines längst vertrockneten Brunnens, in dessen kiesigem
+Rinnsal sich jetzt die Eidechse sonnt.
+
+Aber in den Tagen, von denen wir erzählen, sah es hier viel anders aus.
+»Die Villa des Mäcen bei Fäsulä,« wie man das Gebäude damals, wohl mit
+wenig Fug, benannte, war von glücklichen Menschen bewohnt, das Haus von
+sorglicher Frauenhand bestellt, der Garten von hellem Kindeslachen belebt.
+Zierlich war die rankende Klemmatis hinaufgebunden an den schlanken
+Schäften der korinthischen Säulen vor dem Haus und der Wein zog freundlich
+schmückend über das flache Dach. Mit weißem Sande waren die schlängelnden
+Wege des Gartens bestreut und in den Nebengebäuden, die der Wirtschaft
+dienten, glänzte eine Reinlichkeit, waltete eine stille Ordnung, die nicht
+auf römische Sklavenhände raten ließ.
+
+Es war um Sonnenuntergang.
+
+Die Knechte und Mägde kehrten von den Feldern zurück: die hoch mit Heu
+beladenen Wagen mit Rossen nicht italischer Zucht bespannt, schwankten
+heran: von den Hügeln herunter trieben die Hirten Ziegen und Schafe herzu,
+von großen zottigen Hunden umbellt.
+
+Dicht vor dem Hofthor gab es die lebendigste Scene des bunten Schauspiels:
+ein paar römische Sklaven trieben mit tobenden Gebärden und gellendem
+Geschrei die keuchenden Pferde eines grausam überladnen Wagens an: nicht
+mit Peitschenhieben, sondern mit Stöcken, deren Eisenspitzen sie den
+Tieren immer in dieselbe wunde Stelle stießen. Nur ruckweise ging es
+trotzdem vorwärts. Jetzt lag ein großer Stein vor dem linken Vorderrad,
+jeden Fortschritt unmöglich machend. Aber der wütige Italier sah es nicht.
+
+»Vorwärts, Bestie, und Kind einer Bestie,« schrie er dem zitternden Rosse
+zu, »vorwärts, du gotisches Faultier!« Und ein neuer Stich mit dem Stachel
+und ein neuer verzweifelter Ruck: aber das Rad ging nicht über den Stein,
+das gequälte Tier stürzte in die Knie und drohte den Wagen mit umzureißen.
+Darüber wurde der Treiber erst recht grimmig. »Warte, du Racker!« schrie
+er und schlug nach dem Auge des zuckenden Rosses. – Aber nur einmal schlug
+er, im nächsten Augenblick stürzte er selbst wie blitzgetroffen unter
+einem mächtigen Streiche nieder.
+
+»Davus, du boshafter Hund!« brüllte eine Bärenstimme und über dem
+Gefallenen stand schier noch mal so lang und gewiß noch mal so breit wie
+der erschrockene Tierquäler, ein ungeheurer Gote, einen derben Knüttel
+wiederholt auf den Rücken des Schreienden schwingend.
+
+»Du elender Neiding,« schloß er mit einem Fußtritt, »ich will dich lehren,
+umgehn mit einem Geschöpf, das sechsmal besser ist als du. Ich glaube, du
+Schandbub quälst den Hengst, weil er von jenseit der Berge ist. Noch
+einmal laß mich das sehn und ich zerbreche dir alle Knochen im Leibe.
+Jetzt auf und abgeladen: – du trägst alle Schwaden, die zuviel sind, auf
+deinem eignen Rücken in die Scheuer. Vorwärts.«
+
+Mit einem giftigen Blick stand der Gezüchtigte auf und schickte sich
+hinkend an, zu gehorchen.
+
+Der Gote hatte das zuckende Roß sogleich aufgerichtet und wusch ihm jetzt
+sorglich die geschürften Knie mit seinem eignen Abendtrunk von Wein und
+Wasser.
+
+Kaum war er damit zu Ende, als ihn vom nahen Stall her dringend eine helle
+Knabenstimme rief: »Wachis, hierher, Wachis!« – »Komme schon, Athalwin,
+mein Bursch, was giebt’s?« – und schon stand er in der offnen Thüre des
+Pferdestalles, neben einem schönen Knaben von sieben bis acht Jahren, der
+sich heftig die langen, gelben Haare aus dem erglühenden Antlitz strich
+und mit Mühe in den himmelblauen Augen zwei Thränen des Zornes zerdrückte.
+Er hatte ein zierlich geschnitztes Holzschwert in der Rechten und hob es
+drohend gegen einen schwarzbraunen Sklaven, der mit gebognem Nacken und
+mit geballten Fäusten trotzig ihm gegenüberstand.
+
+»Was giebt’s da?« wiederholte Wachis über die Schwelle tretend.
+
+»Der Rotschimmel hat wieder nichts zu saufen und sieh nur, zwei Bremsen
+haben sich eingesogen oben an seinem Bug, wo er mit der Mähne nicht
+hinreichen kann und ich nicht mit der Hand und der böse Cacus da, wie
+ich’s ihm sage, will mir nicht folgen: und gewiß hat er mich geschimpft
+auf römisch, was ich nicht verstehe.« Wachis trat drohend näher.
+
+»Ich habe nur gesagt:« sprach Cacus langsam zurückweichend, »erst eß’ ich
+meine Hirse; das Tier mag warten; bei uns zu Lande kömmt der Mensch vor
+dem Vieh.« – »So, du Tropf?« sagte Wachis, die Bremsen erschlagend, »bei
+uns kommt das Roß vor dem Reiter zum Futter; mach vorwärts.«
+
+Aber Cacus war stark und trotzig: er warf den Kopf auf und sagte: »wir
+sind hier in unserm Land – da gilt unser Brauch.« – »Eia, du verfluchter
+Schwarzkopf, wirst du gehorchen?« sprach Wachis ausholend. – »Gehorchen?
+Nicht dir! Du bist auch nur ein Sklave wie ich: und meine Eltern haben
+schon hier im Hause gelebt als deinesgleichen noch Küh’ und Schafe stahlen
+jenseit der Berge.« Wachis ließ den Knüttel fallen und wiegte seine Arme:
+»Höre, Cacus, ich habe ohnehin noch einen Span mit dir, du weißt schon,
+was für einen. Jetzt geht’s in einem hin.« – »Ha,« lachte Cacus höhnisch,
+»wegen Liuta, der Flachsdirn? Pah, ich mag sie nicht mehr, die Barbarin.
+Sie tanzt wie eine Jungkuh.« – Jetzt ist’s aus mit dir,« sagte Wachis
+ruhig und schritt auf seinen Gegner zu. Aber dieser wandte sich wie eine
+Katze aus dem Griff des Goten, riß ein spitzes Messer aus der Brustfalte
+des Wollrocks und warf es nach ihm: da sich Wachis bückte, sauste es
+haarscharf an seinem Kopf vorbei und fuhr tief in den Pfosten der Thür.
+»Na, warte, du Mordwurm!« rief der Germane und wollte sich auf Cacus
+werfen; da fühlte er sich von hinten umklammert.
+
+Es war Davus, der die Gelegenheit der Rache scharf erpaßt hatte.
+
+Aber jetzt ward Wachis sehr zornig.
+
+Er schüttelte ihn ab, packte ihn mit der Linken am Genick, erwischte mit
+der Rechten Cacus an der Brust und stieß nun mit Bärenkraft seinen beiden
+Gegnern die Köpfe zusammen, jeden Stoß mit einem Ausruf begleitend, »so,
+meine Jungen – das für das Messer – und das für den Rückensprung – und den
+für die Jungkuh« – und wer weiß, wie lange diese seltsame Litanei noch
+fortgedauert haben würde, hätte sie nicht ein lautes Rufen gestört.
+
+»Wachis – Cacus – auseinander sag’ ich!« rief eine volle starke
+Frauenstimme, und vor der Thür erschien ein stattliches Weib in blauem
+gotischem Gewand. Sie war nicht groß und doch imposant: ihr schöner Bau
+eher mächtig als zart. Die goldbraunen Haare waren in reichen, doch
+einfachen Flechten um das runde Haupt geschlungen, die Züge regelmäßig,
+aber eher fest als fein gezeichnet. Geradheit, Tüchtigkeit, Verlässigkeit
+sprachen aus den fast allzugroßen graublauen Augen: die unbedeckten vollen
+Arme zeigten, daß sie der Arbeit nicht fremd. An ihrem breiten Gürtel,
+über den das braune Untergewand von selbstgewirktem Zeuge bauschte,
+klirrte ein Bund von Schlüsseln: die Linke stemmte sie ruhig in die Hüfte
+und befehlend streckte sie die Rechte vor sich hin.
+
+»Eia, Rauthgundis, strenge Frau,« sagte Wachis loslassend, »mußt du denn
+überall die Augen haben?«
+
+Ȇberall, wo mein Gesinde Unfug treibt. Wann werdet ihr lernen, euch
+vertragen? Euch Welschen fehlt der Herr im Hause. Aber du, Wachis,
+solltest nicht auch der Hausfrau Verdruß machen. Komm, Athalwin, mit mir.«
+Und sie führte den Knaben an der Hand mit fort.
+
+Sie ging in den Seitenhof und füllte aus einer Truhe Körner in ihr Gewand,
+die Hühner und Tauben zu füttern, die sie sogleich dicht umdrängten.
+
+Athalwin sah eine Weile schweigend zu. Endlich sagte er: »Du, Mutter,
+ist’s wahr? ist der Vater ein Räuber?«
+
+Rauthgundis hielt inne in ihrem Thun und sah das Kind an: »Wer hat das
+gesagt.«
+
+»Wer? Ei, des Nachbars Calpurnius Neffe. Wir spielten auf dem großen
+Heuhaufen seiner Wiese drüben überm Zaun und ich zeigte ihm, wie weit das
+Land uns gehöre rechts vom Zaun, – weit und breit – so weit unsre Knechte
+mähten und fern der Bach schimmerte. Da ward er zornig und sagte: »Ja, und
+all’ das Land gehörte früher uns und dein Vater oder dein Großvater, die
+haben’s gestohlen, die Räuber.«
+
+»So? und was sagtest du drauf.«
+
+»Ei, gar nichts, Mutter. Ich warf ihn nur über den Heuhaufen hinunter, daß
+er die Füße gen Himmel schlug. Aber jetzt, nach der Hand, möcht’ ich doch
+wissen, ob’s wahr ist.«
+
+»Nein, Kind, es ist nicht wahr. Gestohlen hat’s der Vater nicht. Aber
+offen genommen, weil er besser war und stärker als diese Welschen. Und
+alle starken Helden haben’s immer so gemacht zu allen Zeiten. Und die
+Welschen in den Tagen, da sie stark waren und ihre Nachbarn schwach, am
+allermeisten. Aber nun komm, wir müssen nach dem Linnen sehen, das auf dem
+Anger zur Bleiche liegt.«
+
+Als sie nun den Stallungen den Rücken wandten und dem nahen Grashügel
+links vom Hause zuschritten, hörten sie den raschen Hufschlag eines
+Rosses, das auf der alten römischen Heerstraße nahte. Rasch hatte Athalwin
+den Gipfel des Hügels erreicht und blickte nach der Straße hin.
+
+Da sprengte ein Reiter auf einem mächtigen Braunen die Waldhöhe herab auf
+die Villa zu: hell funkelte sein Helm und die Spitze der Lanze, die er
+schräg über dem Rücken trug.
+
+»Der Vater, Mutter, der Vater!« rief der Knabe und rannte pfeilgeschwind
+den Hügel hinab dem Reiter entgegen.
+
+Rauthgundis hatte jetzt auch die Höhe erreicht. Ihr Herz pochte. Sie legte
+die Hand vors Auge, in die schimmernde Abendröte zu schauen: dann sagte
+sie still glücklich vor sich hin: »Ja, er ist’s. Mein Mann!«
+
+
+
+
+ Fünftes Kapitel.
+
+
+Inzwischen hatte Athalwin den Nahenden schon erreicht und kletterte an
+seinem Fuß hinan. Der Reiter hob ihn mit liebevoller Hand herauf und
+setzte ihn vor sich in den Sattel und flog jetzt im Galopp heran: lustig
+wieherte Wallada, das edle Tier, einst Theoderich’s Streitroß, die Heimat
+und die Herrin erkennend und schlug freudig mit dem langen wallenden
+Schweif.
+
+Nun war der Reiter heran und stieg ab mit dem Knaben: »mein liebes Weib!«
+sprach er, sie herzlich umarmend. »Mein Witichis!« flüsterte sie, an
+seiner Brust erglühend, entgegen, »willkommen bei den Deinen.« – »Ich
+hatte versprochen, noch vor dem neuen Mond zu kommen – schwer ging’s –«
+
+»Aber du hieltst Wort wie immer.« – »Mich zog das Herz,« sagte er, den Arm
+um sie schlingend. Sie schritten langsam dem Hause zu. »Dir, Athalwin,
+ist, scheint’s, Wallada wichtiger als der Vater,« lächelte er dem Kleinen
+zu, der sorgfältig das Pferd am Zügel nachführte.
+
+»Nein, Vater, aber gieb mir noch die Lanze dazu – so gut wird mir’s selten
+hier in dem Bauernleben« – und den langen schweren Speerschaft mit Mühe
+einherschleppend, rief er laut: »he, Wachis, Ansbrand, der Vater ist da! –
+Jetzt holt den Falernerschlauch aus dem Keller. Der Vater hat Durst vom
+scharfen Ritt.«
+
+Lächelnd strich Witichis über den Flachskopf des Knaben, der jetzt an
+ihnen vorüber und voran eilte. »Nun, und wie steht’s hier draußen bei
+euch?« fragte er, auf Rauthgundis blickend. »Gut, Witichis, die Ernte ist
+glücklich eingebracht, die Trauben gestampft, die Garben geschichtet.« –
+»Nicht danach frag’ ich,« sagte er, sie zärtlich an sich drückend, – »wie
+geht es dir?« – »Wie’s einem armen Weibe geht,« antwortete sie, zu ihm
+aufblickend, »das seinen herzgeliebten Mann vermißt. Da hilft nur Arbeit,
+Freund, und tüchtig Schaffen, daß man das weiche Herz betäubt. Oft denk’
+ich, wie hart du dich mühen mußt, draußen, unter fremden Leuten, im Lager
+und am Hof, wo niemand dein in Treuen pflegt. Da soll er wenigstens, denk’
+ich dann, kömmt er heim, sein Haus immer wohl bestellt und traulich
+finden.
+
+Und das ist’s, sieh, was mir all’ die dumpfe Arbeit lieb macht und weihet
+und veredelt.«
+
+»Du bist mein wackeres Weib. Mühst du dich nicht zuviel?«
+
+»Die Arbeit ist gesund. Aber der Verdruß, die Bosheit der Leute, das thut
+mir weh.« Witichis blieb stehen. »Wer wagt’s, dir weh zu thun?« – »Ach,
+die welschen Knechte und die welschen Nachbarn.
+
+Sie hassen uns alle. Weh uns, wenn sie uns nicht mehr fürchten.
+Calpurnius, der Nachbar, ist so frech, wenn er dich ferne weiß, und die
+römischen Sklaven sind trotzig und falsch; nur unsre gotischen Knechte
+sind brav.«
+
+Witichis seufzte. Sie waren jetzt vor dem Hause angelangt und ließen in
+dem Säulengang sich vor einem Marmortisch nieder. »Du mußt bedenken,«
+sagte Witichis, »der Nachbar hat ein Drittel seines Guts und seiner
+Sklaven an uns abtreten müssen.« – »Und hat zwei Drittel behalten und das
+Leben dazu – er sollte Gott danken!« meinte Rauthgundis verächtlich.
+
+Da sprang Athalwin heran mit einem Korb voll Äpfeln, die er vom Baum
+gepflückt; dann kamen Wachis und die andern germanischen Knechte mit Wein,
+Fleisch und Käse und sie begrüßten den Herrn mit freimütigem Handschlag.
+»Gut, meine Kinder, seid gegrüßt. Die Frau lobt euch. Aber wo stecken
+Davus, Cacus und die andern?« – »Verzeih, Herr,« schmunzelte Wachis, »sie
+haben ein schlecht Gewissen.«
+
+»Warum? Weshalb?« – »Ei, ich glaube, – weil ich sie ein bischen geprügelt
+habe – sie schämen sich.« Die andern Knechte lachten. »Nun, es kann ihnen
+nicht schaden,« meinte Witichis, »geht jetzt zu eurem Essen. Morgen seh’
+ich nach eurer Arbeit.« Die Knechte gingen. »Was ist’s mit Calpurnius,«
+fragte Witichis, sich einschenkend. Rauthgundis errötete und besann sich:
+»Das Heu von der Bergwiese,« sagte sie dann, »das unsre Knechte gemäht,
+hat er nachts in seine Scheuer geschafft und giebt es nicht heraus.« – »Er
+wird es schon herausgeben, mein’ ich ....« sagte er ruhig, trinkend. –
+»Jawohl,« rief Athalwin lebhaft, »das mein’ ich auch. Und giebt er’s nicht
+– mir noch lieber! Dann sagen wir Fehde an und ich zieh’ hinüber mit
+Wachis und den reisigen Knechten, mit Waffen und Wehr. Er sieht mich immer
+so giftig an, der schwarze Schleicher.«
+
+Rauthgundis wies ihn zur Ruh’ und schickte ihn schlafen. »Wohl, ich gehe,«
+sagte er, »aber, Vater, wenn du wiederkömmst, bringst du mir statt dieses
+Steckens da ein richtig Gewaffen mit, nicht wahr?« Und er hüpfte ins Haus.
+
+»Der Streit mit diesen Welschen endet nie,« sagte Witichis, »er vererbt
+sich auf die Kinder. Du hast hier allzuviel Verdruß damit. Desto lieber
+wirst du thun, was ich dir vorschlage: komm mit nach Ravenna an den Hof.«
+
+Hoch erstaunt blickte ihn das Weib an: »Du scherzest!« sagte sie
+ungläubig. »Du hast das nie gewollt. In den neun Jahren, die ich dein bin,
+ist dir’s nie eingefallen, mich an den Hof zu führen: ich glaube, es weiß
+niemand in dem Volk, daß eine Rauthgundis lebt. Du hast ja unsere Ehe
+geheim gehalten,« lächelte sie, »wie eine Schuld.« »Wie einen Schatz,«
+sagte Witichis, die Arme um sie schlingend. – »Ich habe dich nie gefragt,
+warum. Ich war und bin glücklich dabei und dachte und denke: er wird wohl
+seinen Grund haben.«
+
+»Ich hatte meinen guten Grund: er besteht nicht mehr. Du magst nun alles
+wissen. Wenige Monate, nachdem ich dich gefunden in deiner
+Felseneinsamkeit und lieb gewonnen, kam König Theoderich auf den seltsamen
+Gedanken, mich seiner Schwester Amalaberga, der Witwe des Thüringerkönigs,
+zu vermählen, die gegen ihre schlimmen Nachbarn, die Franken, Mannesschutz
+bedurfte.« – »Du solltest dort die Krone tragen?« sprach Rauthgundis mit
+strahlenden Augen. »Mir aber,« fuhr Witichis fort, »war Rauthgundis lieber
+als Königin und Krone, und ich sagte nein.
+
+Es verdroß ihn schwer und er verzieh mir nur, als ich ihm sagte, ich würde
+wohl niemals freien. Konnt’ ich doch damals nicht hoffen, dich je mein zu
+nennen: du weißt, wie lange dein Vater mißtrauisch und eisern dich mir
+nicht anvertrauen wollte. Als du nun aber doch mein geworden, da hielt
+ich’s nicht für wohlgethan, ihm das Weib zu zeigen, um das ich seine
+Schwester ausgeschlagen.«
+
+»Aber warum hast du mir das verschwiegen, neun Jahre lang?«
+
+»Weil,« sagte er, ihr herzlich in die Augen blickend, »weil ich meine
+Rauthgundis kenne. Du hättest immer geglaubt, Wunder was ich an jener
+Krone verloren. Jetzt aber ist der König tot und ich bin dauernd an den
+Hof gebunden. Wer weiß, wann ich wieder ruhen werde im Schatten dieser
+Säulen, im Frieden dieses Daches.«
+
+Und in kurzen Worten erzählte er ihr den Sturz des Präfekten und welche
+Stellung er nunmehr einnahm bei Amalaswinthen. Aufmerksam hörte ihn
+Rauthgundis an; dann drückte sie ihm die Hand: »Das ist wacker, Witichis,
+daß die Goten allmählich merken, was sie an dir haben. Und du bist
+heiterer, denk’ ich, als sonst.«
+
+»Ja, mir ist wohler, seit ich mit tragen darf an der Last der Zeit. Dabei
+stehen und sie wuchtig drücken sehen auf mein Volk war viel schwerer. Mich
+dauert dabei nur die Regentin; sie ist wie eine Gefangene.«
+
+»Bah, warum hat das Weib gegriffen in das Amt der Männer. Mir fiele das
+nie ein.«
+
+»Du bist keine Königin, Rauthgundis, und Amalaswintha ist stolz.«
+
+»Ich bin zehnmal so stolz wie sie. Aber so eitel bin ich nicht. Sie muß
+nie einen Mann geliebt haben und seinen Wert und seine Art begriffen. Sie
+könnte sonst nicht die Männer ersetzen wollen.«
+
+»Am Hof sieht man das anders an. Komm nur mit an den Hof.«
+
+»Nein, Witichis,« sagte sie ruhig, aufstehend, »der Hof paßt nicht für
+mich. Und ich nicht für den Hof. Ich bin des Ödbauern Kind und gar
+unhöfisch geartet. Sieh diesen braunen Nacken,« lachte sie, »und diese
+rauhen Hände. Ich kann nicht die Lyra zupfen und Verslein lesen: schlecht
+taugt’ ich zu den feinen Römerinnen und wenig Ehre würdest du haben von
+mir.«
+
+»Du wirst dich doch nicht zu schlecht erachten für den Hof?« – »Nein,
+Witichis, zu gut.« – »Nun, man müßte sich gegenseitig ertragen, würdigen
+lernen.« – »Das würd’ ich nie. Sie vielleicht mich, aus Furcht vor dir,
+ich niemals sie. Ich würd’ ihnen täglich ins Gesicht sagen, daß sie hohl,
+falsch und schlecht sind.«
+
+»So willst du lieber deinen Mann entbehren, mondenlang?« – »Ja, lieber ihn
+entbehren, als in schiefer, schlimmer Stellung um ihn sein. O mein
+Witichis,« sagte sie, innig den Arm um seinen Nacken legend, »denk nur,
+wer ich bin und wie du mich gefunden.
+
+Wo die letzten Siedelungen unseres Gotenvolks den Saum der Alpen umgürten,
+hoch auf den Felsschroffen der Scaranzia, wo die junge Isara schäumend aus
+den Steinklüften ins offne Land der Bajuwaren bricht, da steht meines
+Vaters stiller Ödhof. Nichts kannt’ ich da als die strenge Arbeit des
+Sommers auf den einsamen Almen, des Winters in der rauchgeschwärzten Halle
+am Rocken mit den Mägden. Früh starb die Mutter und den Bruder haben die
+Welschen erstochen. So wuchs ich einsam auf, allein mit dem alten Vater,
+der so treu, aber auch so hart und verschlossen wie seine Felsen. Da sah
+ich nichts von der Welt, die rechts und links von unsern Bergen lag. Nur
+hoch von oben sah ich manchmal neugierig, wie ein Saumroß mit Salz oder
+Wein unten in der Thalschlucht des Weges zog. Da saß ich wohl manchen
+schimmervollen Sommerabend auf der zackigen Kulm des hohen Arn. Und sah
+der Sonne nach, wie sie so herrlich niedersank weit drüben überm Licus:
+und ich dachte, was sie wohl alles gesehen den langen Sommertag, seit sie
+aufstieg drüben überm breiten Önus. Und daß ich wohl auch wissen möchte,
+wie’s aussieht über dem Karwändel. Oder gar drüben, hinter dem
+Brennusberg, wo der Bruder hinüberzog und nie mehr wiederkam. Und doch
+fühlte ich, wie schön es sei droben in meiner grünen Einsamkeit, wo ich
+den Steinadler pfeifen hörte aus dem nahen Horst und wo ich prächtige
+Blumen brach, wie sie nicht wuchsen unten in der Ebene und auch wohl
+einmal des Nachts den Bergwolf vor meiner Stallthür heulen hörte und mit
+dem Kienbrand scheuchte.
+
+Und auch in dem frühen Herbst, in den langen Wintern hatte ich Muße, still
+in mich hineinzusinnen: wann um die hohen Tannen die weißen Nebelschleier
+spannen, wann der Bergwind die Felsblöcke von unserem Strohdach riß und
+die Schneestürze von den Schroffen donnernd niedergingen. So wuchs ich
+auf, fremd in der Welt jenseit der nächsten Wälder, nur zu Hause in der
+stillen Welt meiner Gedanken, und in dem engen Bauernleben.
+
+Da kamest du – ich weiß es noch wie heute« – und sie hielt an, in
+Erinnerung verloren.
+
+»Ich weiß es auch noch genau,« sagte Witichis. »Ich führte eine
+Hundertschaft zur Ablösung von Juvavia nach der Augustastadt am Licus –
+ich war vom Weg und meinen Leuten abgekommen: lang war ich den schwülen
+Sommertag pfadlos umhergeirrt – da sah ich Rauch aufsteigen überm
+Tannenhang und bald fand ich das versteckte Gehöft und trat ins Thor: da
+stand ein prächtig Mädchen am Ziehbrunnen und hob den Eimer.« –
+
+»Und ich erschrak siedheiß, – zum erstenmal in meinem Leben! – als der
+große, bräunliche Mann um die Hausecke bog mit dem krausen Bart und dem
+funkelnden Helm.«
+
+»Ja, du wurdest blutrot bis in die Schläfe und ich bat dich um einen Trunk
+Wasser. Und niemals hat mein Auge ein schöner Bild gesehen als wie du dich
+nun niederbeugtest und mit den kräftigen Armen den schweren Eimer auf den
+Brunnenrand hobst und mir schöpftest in dem Kürbiskrug: reich fielen die
+dichten goldbraunen Zöpfe übers schwarze Mieder bis in die Knie und deine
+Wangen waren pfirsichgleich: – o wie wacker, frisch und blühend sahst du
+aus. Und wie wacker, frisch und blühend bist du mir geblieben seither alle
+Zeit.«
+
+»Und darum, mein Witichis, auf daß ich dir blühend bleibe, führe mich
+nicht an den Hof. Sieh hier schon im Thal, im Südthal der Alpen, wird mirs
+oft zu schwül und ich sehne mich nach einem Atemzug aus der Tannenluft
+meiner Waldberge. Am Hofe aber in den engen Goldgemächern – da würd’ ich
+dir verkümmern und verschmachten. Laß du mich hier – ich will schon fertig
+werden mit Nachbar Calpurnius. Und du, das weiß ich ja, du denkst doch
+auch im Königssaal nach Haus an Weib und Kind.«
+
+»Ja, weiß Gott, mit sehnenden Gedanken. So bleibe denn hier und Gott
+behüte dich, mein gutes Weib.« –
+
+Am zweiten Morgen darauf ritt Witichis wieder zurück, die Waldhöhe hinan.
+Der Abschied hatte ihn fast weich gemacht: mit Kraft hatte er den Ausdruck
+des Gefühls gehemmt, das er sich, schlicht und streng von Art, zu zeigen
+scheute. Wie hing des Wackern Herz an diesem kern’gen Weib und seinem
+Knaben!
+
+Hinter ihm drein trabte Wachis, der sich’s durchaus nicht hatte nehmen
+lassen, dem Herrn noch eine Strecke das Geleit zu geben. Plötzlich ritt er
+zu ihm hinan. »Herr,« sagte er, »ich weiß was.« – »So? warum sagst du’s
+nicht?« – »Weil mich noch niemand drum gefragt hat.« – »Nun, ich frage
+dich drum.« – »Ja, wenn man gefragt ist, muß man freilich reden. – Die
+Frau hat dir gesagt, daß Calpurnius so ein böser Nachbar ist?« – »Ja. Und
+was soll’s damit?« – »Sie hat dir aber nicht gesagt, seit wann?«
+
+»Nein. Weißt du seit wann?« – »Nun, seit etwa einem halben Jahr. Da traf
+Calpurnius einmal die Frau im Wald allein, wie sie beide glaubten. Aber
+sie waren nicht allein. Es lag einer im Graben und hielt seinen
+Mittagsschlaf.«
+
+»Der Faulpelz warst du.«
+
+»Richtig erraten. Und da sagte Calpurnius etwas zur Frau.«
+
+»Was sagte er?«
+
+»Das hab’ ich nicht verstanden. Aber die Frau war nicht faul, hob die Hand
+und schlug ihm ins Gesicht, daß es patschte. Das hab’ ich verstanden. Und
+seither ist der Nachbar ein schlimmer Nachbar und das wollt’ ich dir
+sagen, weil ich mir schon dachte, die Frau werde dich nicht ärgern wollen
+mit dem Wicht.
+
+Aber es ist doch besser du weißt darum. Und sieh, da steht Calpurnius
+gerade unter seiner Hofthür – siehst du, dort – und jetzt fahr’ wohl,
+lieber Herr.«
+
+Und damit wandte er sein Pferd und jagte im Galopp nach Hause.
+
+Witichis aber stieg das Blut zu Kopf. Er ritt an die Thür seines Nachbars,
+dieser wollte sich ins Haus drücken, aber Witichis rief ihn in einem Ton,
+daß er bleiben mußte.
+
+»Was willst du mir, Nachbar Witichis,« sagte er, blinzelnd zu ihm
+aufsehend.
+
+Witichis zog den Zügel an und schob sein Roß dicht neben jenen. Dann
+streckte er ihm die geballte, erzgepanzerte Faust hart vor die Augen:
+»Nachbar Calpurnius,« sagte er ruhig, »wenn _ich_ dir einmal ins Gesicht
+schlage, stehst du nie wieder auf.«
+
+Calpurnius fuhr erschrocken zurück.
+
+Witichis aber gab seinem Rosse den Sporn und ritt stolz und langsam seines
+Weges.
+
+
+
+
+ Sechstes Kapitel.
+
+
+Zu Rom in seinem Arbeitszimmer lag, auf den weichen Kissen des Lectus
+behaglich ausgestreckt, Cethegus der Präfekt.
+
+Er war guter Dinge.
+
+Die Untersuchung gegen ihn hatte mit Freisprechung geendet: nur im Fall
+augenblicklicher Durchforschung seines Hauses, wie sie der junge König
+angeordnet, aber sein Tod vereitelt hatte, wäre Entdeckung zu befürchten
+gewesen. Er hatte durchgesetzt, daß die Befestigung von Rom fortgeführt
+wurde, mit Zuschüssen aus seinen eigenen Geldern, was seinen Einfluß in
+der Stadt noch hob. In der letzten Nacht hatte er Versammlung gehalten in
+den Katakomben: alle Berichte lauteten günstig. Die Patrioten wuchsen an
+Zahl und Reichtum.
+
+Der härtere Druck, der seit den letzten Vorgängen zu Ravenna auf den
+Italiern lastete, konnte die Zahl der Unzufriednen nur vermehren und, was
+die Hauptsache war, Cethegus hielt jetzt alle Fäden der Verschwörung in
+seiner Hand. Unbedingt erkannten selbst die eifersüchtigsten Republikaner
+die Notwendigkeit an, bis zum Tag der Freiheit dem Begabtesten die Führung
+zu überlassen.
+
+So vorgeschritten war die Stimmung gegen die Barbaren bei allen Italiern,
+daß Cethegus den Gedanken fassen konnte, sobald Rom vollends befestigt,
+ohne Hilfe der Byzantiner loszuschlagen. Denn, wiederholte er sich immer
+wieder, alle Befreier sind leicht gerufen und schwer abgedankt. Und mit
+Liebe pflegte er den Gedanken, Italien allein zu befreien.
+
+So lag der Präfekt, legte Cäsars Bürgerkrieg, in dem er geblättert, zur
+Seite, stützte das Haupt auf den linken Arm und sagte zu sich selbst: »die
+Götter müssen noch Großes mit dir vorhaben, Cethegus. So oft du stürzest,
+fällst du, heil wie eine Katze, auf die sichern Füße. Ah, wenn es uns wohl
+geht, möchten wir uns mitteilen. Aber Vertrauen ist ein zu gefährliches
+Vergnügen und das Schweigen ist der einzig treue Gott. Und doch bleibt man
+ein Mensch und möchte ...« –
+
+Da trat ein Sklave ein, der alte Ostiarius Fidus, überreichte schweigend
+einen Brief auf flacher goldner Schale und ging. »Der Bote wartet,« sagte
+er.
+
+Gleichgültig nahm Cethegus das Schreiben.
+
+Aber sowie er auf dem Wachs, das die Schnüre der Tafeln zusammenhielt das
+Siegel – die Dioskuren – erkannte, rief er lebhaft: »Von Julius! zu guter
+Stunde!« löste eilig die Fäden, legte die Tafeln auseinander und las – das
+kalte bleiche Antlitz überflogen von einem sonst völlig fremden Hauch
+freudiger Wärme.
+
+»Cethegus dem Präfekten sein Julius Montanus.
+
+Wie lange ist’s, mein väterlicher Lehrer,« (– »beim Jupiter, das klingt
+frostig« –) »daß ich dir nicht den schuldigen Gruß gesendet. Das letzte
+Mal schrieb ich dir an den grünen Ufern des Ilissos, wo ich in dem
+verödeten Hain des Akademos die Spuren Platons suchte – und nicht fand.
+Ich weiß wohl, mein Brief war nicht heiter. Die traurigen Philosophen
+dort, in vereinsamten Schulen wandelnd, zwischen dem Druck des Kaisers,
+dem Argwohn der Priester und der Kälte der Menge, sie konnten nichts in
+mir erwecken als Mitleid. Meine Seele war dunkel, ich wußte nicht weshalb.
+
+Ich schalt meinen Undank gegen dich – den großmütigsten aller Wohlthäter –
+–« (»so unerträgliche Namen hat er mir nie gegeben,« schaltete Cethegus
+ein).
+
+»Seit zwei Jahren reise ich, mit deinen Reichtümern wie ein König der
+Syrer ausgestattet, von deinen Freigelassenen und Sklaven begleitet, durch
+ganz Asien und Hellas, genieße alle Schönheit und Weisheit der Alten – und
+mein Herz bleibt unbefriedigt, mein Leben unausgefüllt. Nicht Platons
+schwärmerische Weisheit, nicht das Goldelfenbein des Pheidias, Homeros
+nicht und nicht Thukydides boten, was mir fehlte.
+
+Endlich, endlich hier in Neapolis, der blühenden göttergesegneten Stadt
+hab’ ich gefunden, was ich unbewußt überall vermißt und immer gesucht.
+
+Nicht tote Weisheit: warmes, lebendiges Glück,« (– er hat eine Geliebte!
+nun endlich, du spröder Hippolyt, Dank euch, Eros und Anteros! –) »o, mein
+Lehrer, mein Vater! weißt du, welch ein Glück es ist, ein Herz, das dich
+ganz versteht, zum erstenmal dein eigen nennen?« (– »ah, Julius,« seufzte
+der Präfekt mit einem seltnen Ausdruck weicher Empfindung, »ob ich es
+wußte!« –) »Dem du die ganze volle Seele offen zeigen magst? O, wenn du’s
+je erfahren, preise mich, opfre Zeus dem Erfüller endlich: zum erstenmal
+hab’ ich einen Freund.«
+
+»Was ist das?« rief Cethegus unwillig aufspringend mit einem Blick
+eifersüchtigen Schmerzes, »der Undankbare!«
+
+»Denn, das fühlst du wohl, ein Freund, ein Herzensvertrauter fehlte mir
+bis jetzt. Du, mein väterlicher Lehrer« –
+
+Cethegus warf die Tafeln auf den Schildpatttisch und machte einen hastgen
+Gang durchs Zimmer. »Thorheit!« sagte er dann ruhig, nahm den Brief auf
+und las weiter –
+
+»Du, soviel älter, weiser, besser, größer als ich – du hast mir eine
+solche Wucht von Dank und Verehrung auf die junge Seele geladen, daß sie
+sich dir nie ohne Scheu öffnen konnte. Auch hörte ich oft mit Zagen, wie
+du solche Weichheit und Wärme mit ätzendem Witze verhöhntest: ein scharfer
+Zug um deinen stolzen festgeschlossenen Mund hat solche Gefühle in mir in
+deiner Nähe stets getötet wie Nachtfrost die ersten Veilchen« (– »nun,
+aufrichtig ist er!« –) »Jetzt aber hab’ ich einen Freund gefunden: offen,
+warm, jung, begeistert wie ich und nie gekannte Wonne ist mein Teil. Wir
+haben nur Eine Seele in zwei Körpern: die sonnigen Tage, die mondsilbernen
+Nächte wandeln wir miteinander durch diese elyseischen Gefilde und finden
+kein Ende der geflügelten Worte. – Aber ich muß ein Ende finden dieses
+Briefs. Er ist ein Gote« (– »auch noch,« sagte Cethegus ungehalten,) »und
+heißt Totila.« –
+
+Cethegus ließ die Hand mit dem Brief einen Augenblick sinken, er sagte
+nichts, nur die Augen schloß er einen Moment, dann las er ruhig nochmal:
+
+»Und heißt Totila!
+
+Als ich am Tage nach meiner Ankunft in Neapolis durch das Forum des
+Neptunus schlenderte und an der Bogenwölbung eines Hauses die Statuen
+bewunderte, die ein Bildhauer dort zum Kaufe ausgestellt, stürzt
+urplötzlich aus der Thür auf mich los ein grauköpfiger Mann mit einer
+wollnen Schürze, über und über mit Gips bestäubt, in der Hand ein spitzes
+Gerät: er packte mich an der Schulter und schrie: »Pollux, mein Pollux,
+hab’ ich dich endlich!«
+
+Ich dachte der Alte sei verrückt und sagte: »Du irrst, guter Mann: ich
+heiße Julius und komme von Athen.«
+
+»Nein,« schrie der Alte, »Pollux heißt du und kömmst vom Olymp.« Und eh’
+ich wußte, wie mir geschah, hatte er mich zur Thür hineingedreht. Da
+erkannte ich denn allmählich, woran ich mit dem Alten war: er war der
+Bildhauer, der die Statuen ausgestellt.
+
+In seiner Werkhalle standen andre halbvollendete umher und er erklärte
+mir, seit Jahren trage er sich mit der Idee einer Dioskurengruppe. Für den
+Kastor habe er vor kurzem ein köstlich Modell in einem jungen Goten
+gefunden. »Aber umsonst erflehte ich« – fuhr er fort – »all diese Tage vom
+Himmel einen Gedanken für meinen Pollux. Er soll dem Kastor gleichen, ein
+Bruder Helenas, ein Sohn des Zeus wie er, volle Ähnlichkeit in Zügen und
+Gestalt muß da sein. Und doch muß die Verschiedenheit so deutlich sein wie
+die Gleichheit: sie müssen zusammengehören und doch jeder ganz eigenartig
+sein. Umsonst lief ich alle Bäder und Gymnasien Neapolis ab: ich fand den
+Ledazwilling nicht. Da hat dich ein Gott, Zeus selber hat dich mir ans
+eigne Fenster geführt: wie ein Blitz schlug’s in mich ein, da steht mein
+Pollux, wie er sein muß: und nicht lebendig laß ich dich aus dieser Halle,
+bis du mir deinen Kopf und deinen Leib versprochen.«
+
+Gern sagte ich dem närrischen Alten zu, andern Tages wieder zu kommen. Und
+das erfüllt ich um so lieber als ich erfuhr, daß mein gewaltthätiger
+Freund Xenarchos sei, der größte Bildner in Marmor und Erz, den Italien
+seit lange gesehn. Am andern Tag kam ich denn wieder und fand meinen
+Kastor – es war Totila: – und ich kann nicht leugnen, daß mich die große
+Ähnlichkeit selbst überraschte, wenn auch Totila älter, höher, kräftiger
+und unvergleichlich schöner ist als ich. Xenarchos sagt, wir seien wie
+Hellcitrus und Goldcitrus. Denn Totila ist heller an Haar und Haut: und
+gerade so, schwört der Meister, haben sich die beiden Dioskuren geglichen
+und nicht geglichen. So lernten wir uns denn unter den Götterbildern
+Xenarchs kennen und lieben: wir wurden in Wahrheit Kastor und Pollux,
+innig und unzertrennlich wie sie, und schon ruft uns das heitre Volk von
+Neapolis bei diesem Namen, wann wir, Arm in Arm geschlungen durch die
+Straßen gehn.
+
+Unsere junge Freundschaft ward aber noch besonders rasch gereift durch
+eine drohende Gefahr, die sie leicht in der Blüte geknickt hätte.
+
+Wir waren eines Abends, wie wir pflegten, zur Porta Nolana hinaus
+gewandelt, in den Bädern des Tiberius Kühlung von des Tages Hitze zu
+suchen. Nach dem Bade hatte ich in einer Laune spielender Zärtlichkeit –
+du wirst sie schelten – des Freundes weißen Gotenmantel umgeschlagen und
+seinen Helm mit den Schwanenflügeln aufs Haupt gesetzt. Lächelnd ging er,
+meine Chlamys umwerfend, auf den Tausch ein und friedlich plaudernd
+schritten wir durch den Pinienhain im ersten Dunkel der Nacht nach der
+Stadt zurück.
+
+Da springt aus dem Taxusgebüsch hinter mir ein Mann auf mich her und ich
+fühle kaltes Eisen an meinem Halse.
+
+Aber im nächsten Augenblick lag der Mörder zu meinen Füßen, Totila’s
+Schwert in der Brust. Nur leicht verwundet beugte ich mich zu dem
+Sterbenden nieder und fragte ihn, welcher Grund ihn habe zum Haß, zum
+Morde gegen mich treiben können.
+
+Er aber starrte mir ins Antlitz und hauchte: »Nicht dich: – Totila, den
+Goten« – und er zuckte und war tot. Man sah’s an Tracht und Waffen – es
+war ein isaurischer Söldner.«
+
+Cethegus senkte den Brief und drückte die linke Hand vor die Stirn.
+»Wahnsinn des Zufalls,« sagte er, »wohin konntest du führen!«
+
+Und er las zu Ende.
+
+»Totila sagte, er habe der Feinde viele am Hofe zu Ravenna. Wir zeigten
+den Vorfall Uliaris, dem Gotengrafen zu Neapolis, an. Dieser ließ die
+Leiche durchsuchen und Nachforschungen anstellen – ohne Erfolg. Uns beiden
+aber hat diese ernste Stunde die junge Freundschaft befestigt und mit Blut
+geweiht für alle Zeit. Ernster und heiliger hat sie uns verbunden. Das
+Siegel der Dioskuren, das du mir zum Abschied geschenkt, war ein
+freundlich Omen, das sich freundlich erfüllt hat. Und wenn ich mich frage,
+wem dank’ ich all dies Glück? Dir, dir allein, der mich in diese Stadt
+Neapolis gesendet, in der ich all’ mein Glück gefunden. So mögen dir es
+alle Götter und Göttinnen vergelten! Ach ich sehe, dieser ganze Brief
+redet nur von mir und dieser Freundschaft – schreibe doch bald wie es um
+dich steht. Vale.«
+
+Ein bitteres Lächeln zuckte um des Präfekten ausdrucksvollen Mund.
+
+Und wieder durchmaß er das Gemach in nur mit Mühe gehaltenen Schritten.
+Endlich blieb er stehen, das Kinn in die linke Hand stützend. – »Wie kann
+ich nur so – jugendlich sein, mich zu ärgern. Es ist alles sehr natürlich,
+wenn auch sehr einfältig. Du bist krank, Julius. Warte: ich will dir ein
+Rezept schreiben.« Und mit einem Anflug von grausamer Freude im Ausdruck,
+setzte er sich auf den Schreiblectus, nahm eine Papyrusrolle aus der
+Bronzevase, ergriff die gnidische Schilffeder und schrieb mit der roten
+Tinte, aus einem Löwenkopf von Achat, der an dem Lectus angeschraubt war:
+
+ »An Julius Montanus Cethegus, der Präfekt
+ von Rom.
+
+Deine rührende Epistel aus Neapolis hat mir viel Spaß gemacht. Sie zeigt,
+daß du in der letzten Kinderkrankheit steckst. Hast du sie abgethan, wirst
+du ein Mann sein.
+
+Die Krisis zu beschleunigen, verschreibe ich dir das beste Mittel. Du
+suchst sogleich den Purpurhändler Valerius Procillus, meinen ältesten
+Gastfreund in Neapolis, auf. Er ist der reichste Kaufherr des Abendlandes,
+ein grimmiger Feind der Kaiser von Byzanz, die ihm Vater und Brüder
+getötet, ein Republikaner wie Cato und schon deshalb mein vertrauter
+Freund. Seine Tochter Valeria Procilla aber ist die schönste Römerin
+unserer Zeit und eine echte Tochter der alten, der heidnischen Welt.
+Antigone oder Virginia würden sich der Freundin freuen. Sie ist nur drei
+Jahre jünger und folglich zehnmal reifer als du. Gleichwohl wird sie dir
+der Vater nicht versagen, erklärst du ihm, daß Cethegus für dich wirbt. Du
+aber wirst dich beim ersten Anblick sterblich in sie verlieben.
+
+Du wirst das: obgleich ich es dir vorher sage und obgleich du weißt, daß
+ich es wünsche. In ihren Armen wirst du alle Freunde der Welt vergessen:
+geht die Sonne auf, erbleicht der Mond. Übrigens, weißt du, daß dein
+Kastor einer der gefährlichsten Römerfeinde ist? Und ich habe einmal einen
+gewissen Julius gekannt, der geschworen: Rom über alles. Vale.«
+
+Cethegus rollte den Papyrus zusammen, umschnürte ihn mit den Bändern von
+rotem Bast, befestigte diese an der Schleife mit Wachs und drückte seinen
+Amethystring mit dem herrlichen Jupiterkopf auf dasselbe. Dann berührte er
+einen aus dem Marmorgetäfel hervorschauenden silbernen Adler: – draußen an
+der Wand des Vestibulums schlug ein eherner Donnerkeil auf den
+Silberschild eines niedergeworfenen Titanen mit glockenhellem Ton.
+
+Der Sklave trat wieder ein.
+
+»Laß den Boten in meinen Thermen baden, gieb ihm Speise und Wein, einen
+Goldsolidus und diesen Brief. Morgen mit Sonnenaufgang geht er damit
+zurück nach Neapolis.« – –
+
+
+
+
+ Siebentes Kapitel.
+
+
+Mehrere Wochen darauf finden wir den ernsten Präfekten in einem Kreise,
+der sehr wenig zu seinem hohen Trachten, ja zu seinem Alter zu passen
+schien.
+
+In dem seltsamen Nebeneinander von Heidentum und Christentum, das in den
+ersten Jahrhunderten nach der Konstantiner Bekehrung das Leben und die
+Sitten der Römerwelt mit grellen Widersprüchen erfüllte, spielte besonders
+die friedliche Mischung von Festen der alten und der neuen Religion eine
+auffallende Rolle. Neben den großen Feiertagen des christlichen
+Kirchenjahres bestanden auch noch größtenteils die fröhlichen Feste der
+alten Götter fort, wenn auch meist ihrer ursprünglichen Bedeutung, ihres
+religiösen Kernes beraubt.
+
+Das Volk ließ sich etwa den Glauben an Jupiter und Juno nehmen und die
+Kultushandlungen und die Opfer, aber nicht die Spiele, die Feste, die
+Tänze und Schmäuse, die mit jenen Handlungen verbunden waren; und die
+Kirche war von jeher klug genug, zu dulden, was sie nicht ändern konnte.
+
+So wurden ja sogar die echt heidnischen Lupercalien, mit welchen sich
+derber Aberglaube und wüster Unfug aller Art verband, erst im Jahre
+vierhundertsechsundneunzig – und nur mit Mühe – abgeschafft.
+
+Viel länger natürlich behaupteten sich harmlose Feste wie die Floralien,
+die Palilien und zum Teil haben sich ja manche von ihnen in den Städten
+und Dörfern Italiens mit veränderter Bedeutung bis auf diese Stunde
+erhalten. So waren denn die Tage der Floralien gekommen, die, früher auf
+der ganzen Halbinsel, als ein Fest besonders der fröhlichen Jugend, mit
+lauten Spielen und Tänzen gefeiert, auch in jenen Tagen noch wenigstens
+mit Schmaus und Gelage begangen wurden.
+
+Und so hatten sich denn die beiden Licinier und ihr Kreis von jungen
+Rittern und Patriziern an dem Hauptfesttag der Floralien zu einem
+Symposion zusammen bestellt, für welches jeder der Gäste, wie bei unsern
+»Picknicks,« seinen Beitrag in Speisen oder Wein zu liefern hatte. Die
+Fröhlichen versammelten sich bei dem jungen Kallistratos, einem
+liebenswürdigen und reichen Griechen aus Korinth, der sich im Genuß
+künstlerischer Muße zu Rom niedergelassen und nahe bei den Gärten des
+Sallust ein geschmackvolles Haus gebaut hatte, das als der Mittelpunkt
+heitern Lebensgenusses und feiner Bildung galt. Außer dem reichen Adel
+Roms verkehrten dort vornehmlich die Künstler und Gelehrten: und dann auch
+jene Schichten der römischen Jugend, denen über ihren Rossen und Wagen und
+Hunden wenige Zeit und Gedanken für den Staat übrig blieb und die daher
+bis jetzt dem Einfluß des Präfekten unzugänglich gewesen waren.
+
+Deshalb war es diesem sehr erwünscht, als ihm der junge Lucius Licinius,
+jetzt sein glühendster Anhänger, die Einladung des Korinthers überbrachte.
+»Ich weiß wohl,« sagte er schüchtern, »wir können deinem Geist nicht
+ebenbürtige Unterhaltung bieten und wenn dich nicht die alten Kyprier und
+Falerner locken, die Kallistratos spenden wird, lehnst du ab.«
+
+»Nein, mein Sohn, ich komme,« sagte Cethegus »und mich locken nicht die
+alten Kyprier, sondern die jungen Römer.« –
+
+Kallistratos, der sein Hellenentum mit Stolz zur Schau trug, hatte sein
+Haus mitten in Rom in griechischem Stil gebaut. Und zwar nicht in dem des
+damaligen, sondern des freien, des perikleischen Griechenlands und dies
+machte im Gegensatz zu der geschmacklosen Überladung jener Tage den
+Eindruck edler Einfachheit. Durch einen schmalen Gang gelangte man in das
+Peristyl, den offenen von Säulengängen umschlossenen Hof, dessen
+Mittelpunkt ein plätschernder Springbrunnen in braunem Marmorbecken
+bildete. Die nach Norden offne Säulenhalle enthielt außer andern Gelassen
+auch den Speisesaal, der heute die kleine Gesellschaft versammelt hielt.
+Cethegus hatte sich vorbehalten, nicht schon zu der »Coena«, dem
+eigentlichen Schmause, sondern erst zu der »Commissatio,« dem darauf
+folgenden nächtlichen Trinkgelag, zu kommen. Und so fand er denn die
+Freunde in der vornehmen Trinkstube, wo längst schon die zierlichen
+Bronzelampen an den schildpattgetäfelten Wänden brannten und die Gäste,
+mit Rosen und Eppich bekränzt, auf den Polstern des hufeisenförmigen
+Trikliniums lagerten. Eine betäubende Mischung von Weinduft und
+Blumenduft, von Fackelglanz und Farbenglanz drang ihm an der Schwelle
+entgegen.
+
+»Salve, Cethege!« rief der Wirt dem Eintretenden entgegen. »Du findest nur
+kleine Gesellschaft.«
+
+Cethegus befahl dem Sklaven, der ihm folgte, einem herrlich gewachsenen
+jungen Mauren, dessen schlanke Glieder durch den Scharlachflor seiner
+leichten Tunika mehr gezeigt als verhüllt wurden, ihm die Sandalen
+abzubinden. Er zählte indessen: »Nicht unter den Grazien,« lächelte er,
+»nicht über die Musen.«
+
+»Geschwind, wähle den Kranz,« mahnte Kallistratos, »und nimm deinen Platz
+da oben auf dem Ehrensitz der mittleren Kline. Wir haben dich im Voraus
+zum Symposiarchen, zum Festkönig gewählt.«
+
+Der Präfekt hatte sich vorgesetzt, diese jungen Leute zu bezaubern. Er
+wußte, wie gut er das konnte: und er wollte es heute. Er wählte einen
+Rosenkranz und ergriff das elfenbeinerne Scepter, das ihm ein syrischer
+Sklave knieend reichte. Das Rosendiadem zurecht rückend schwang er mit
+Würde den Stab: »So mach’ ich eurer Freiheit ein Ende!«
+
+»Ein geborner Herrscher,« rief Kallistratos, halb im Scherz, halb im
+Ernst. – »Aber ich will ein sanfter Tyrann sein! mein erst Gesetz: ein
+Drittel Wasser – zwei Drittel Wein.« – »Oho,« rief Lucius Licinius und
+trank ihm zu, »_bene te_! Du führst üppig Regiment. Gleiche Mischung ist
+sonst unser Höchstes.«
+
+»Ja, Freund,« lächelte Cethegus, sich auf dem Ecksitz der mittleren Kline,
+dem »Konsulsplatz«, niederlassend, »ich habe meine Trinkstudien unter den
+Ägyptern gemacht, die trinken nur lautern. He, Mundschenk – wie heißt er?«
+
+»Ganymedes – er ist aus Phrygien. Hübscher Wuchs, eh?« – »Also, Ganymed,
+gehorche deinem Jupiter und stelle neben jeden eine Patera Mamertiner Wein
+– doch neben Balbus zwei, weil er sein Landsmann ist.« Die jungen Leute
+lachten.
+
+Balbus war ein reicher Gutsbesitzer auf Sicilien, noch sehr jung und schon
+sehr dick.
+
+»Pah,« lachte der Trinker, »Epheu ums Haupt und Amethyst am Finger – so
+trotz ich den Mächten des Bacchus.« – »Nun, wo steht ihr im Wein?« fragte
+Cethegus, dem jetzt hinter ihm stehenden Mauren winkend, der ihm einen
+zweiten Kranz von Rosen, diesmal um den Nacken, schlang.
+
+»Settiner Most mit hymettischem Honig, war das letzte. Da, versuch!« so
+sprach Piso, der schelmische Poet, dessen Epigramme und Anakreontika die
+Buchhändler nicht rasch genug konnten abschreiben lassen und dessen
+Finanzen sich doch stets in poetischer Unordnung befanden. Und er reichte
+dem Präfekten was wir einen »Vexierbecher« nennen würden, einen bronzenen
+Schlangenkopf, der, unvorsichtig an den Mund gebracht, einen Strahl Weines
+heftig in die Kehle schoß. Aber Cethegus kannte das Spiel, behutsam trank
+er und gab den Becher zurück. »Deine _trocknen_ Witze sind mir lieber,
+Piso,« lachte er und haschte ihm aus der Brustfalte ein beschriebenes
+Täfelchen.
+
+»O gieb,« sagte Piso, »es sind keine Verse – sondern – ganz im Gegenteil!
+– eine Zusammenstellung meiner Schulden für Wein und Pferde.« – »Je nun,«
+meinte Cethegus, »ich hab’ sie an mich genommen – sie sind also mein. Du
+magst morgen die Quittung bei mir einlösen: aber nicht umsonst – mit einem
+deiner boshaftesten Epigramme auf meinen frommen Freund Silverius!« – »O
+Cethegus,« rief der Poet erfreut und geschmeichelt, »wie boshaft kann man
+sein für vierzigtausend Solidi! Wehe dem heiligen Mann Gottes.«
+
+
+
+
+ Achtes Kapitel.
+
+
+»Und im Schmause – wie weit seid ihr damit?« fragte Cethegus, »schon bei
+den Äpfeln? sind es diese?«
+
+Und er sah blinzend nach zwei Fruchtkörben von Palmenbast, die hoch
+aufgehäuft auf einem Bronzetisch mit elfenbeinernen Füßen prangten. »Ha
+Triumph!« lachte Marcus Licinius, des Lucius jüngerer Bruder, der sich mit
+der liebhaberischen Spielplastik der Mode abgab. »Da siehst du meine
+Kunst, Kallistratos! Der Präfekt nimmt meine Wachsäpfel, die ich dir
+gestern geschenkt, für echt.« »Ah wirklich?« rief Cethegus wie erstaunt,
+obwohl er den Wachsgeruch längst ungern vermerkt. »Ja, Kunst täuscht die
+Besten. Bei wem hast du gelernt? Ich möchte dergleichen in meinem
+kyzikenischen Saal aufstellen.«
+
+»Ich bin Autodidakt,« sagte Marcus stolz, »und morgen schicke ich dir
+meine neuen persischen Äpfel: – denn du würdigst die Kunst.«
+
+»Aber das Gelag ist doch zu Ende?« fragte der Präfekt, den linken Arm auf
+das Polster der Kline stützend.
+
+»Nein,« rief der Wirt, »ich will es nur gestehn: da ich auf unsern
+Festkönig erst zur Trinkstunde rechnen durfte, hab’ ich noch einen kleinen
+Nachschmaus zu den Bechern gerüstet.« – »O du Frevler,« rief Balbus, sich
+mit der zottigen Purpurgausape die fettglänzenden Lippen wischend, »und
+ich habe so schrecklich viel von deinen Feigenschnepfen gegessen!« – »Das
+ist wider die Verabredung!« rief Marcus Licinius. – »Das verdirbt meine
+Sitten!« sagte der fröhliche Piso ernsthaft. – »Sprich, ist das
+hellenische Einfachheit?« fragte Lucius Licinius. – »Ruhig, Freunde,«
+tröstete Cethegus mit einem Citat: »Auch unverhofftes Unheil trägt ein
+Römer stark.«
+
+»Der hellenische Wirt muß sich nach seinen Gästen richten,« entschuldigte
+Kallistratos, »ich fürchte, ihr kämt mir nicht wieder, böte ich euch
+marathonische Kost.« – »Nun, dann bekenne wenigstens, was noch droht,«
+rief Cethegus, »du, Nomenklator, lies die Schüsseln ab: ich werde dann die
+Weine bestimmen, die dazu gehören.«
+
+Der Sklave, ein schöner lydischer Knabe, in einem bis an die Knie
+aufgeschlitzten Röckchen von blauer pelusischer Leinwand, trat dicht neben
+Cethegus an den Tisch von Cypressenholz und las von einem Täfelchen ab,
+das er an goldnem Kettchen um den Hals trug: »Frische Austern aus
+Britannien in Thunfischbrühe mit Lattich.« – »Dazu Falerner von Fundi,«
+sprach Cethegus ohne Besinnen. »Aber wo steht der Schenktisch mit den
+Pokalen? Rechter Trunk mundet nur aus rechter Schale.«
+
+»Dort ist der Schenktisch!« und auf einen Wink des Hausherrn fiel der
+Vorhang zurück, der die eine Ecke des Zimmers, den Gästen gegenüber,
+verhüllt hatte.
+
+Ein Ruf des Staunens flog von den Tischen.
+
+Der Reichtum der dort zur Schau gestellten Prunkgeschirre und der
+Geschmack ihrer Anordnung war selbst diesen verwöhnten Augen überraschend.
+Auf der Marmorplatte des Tisches stand ein geräumiger silberner Wagen mit
+goldnen Rädern und ehernem Gespann: es war ein Beutewagen, wie sie in
+römischen Triumphen aufgeführt zu werden pflegten: und als köstliche Beute
+lagen darin Pokale, Gläser, Schalen jeder Gestalt und jedes Stoffes in
+scheinbarer Unordnung, doch mit kunstverständiger Hand, gehäuft.
+
+»Bei Mars dem Sieger,« lachte der Präfekt, »der erste römische Triumph
+seit zweihundert Jahren. Ein seltner Anblick! Darf ich ihn zerstören?« –
+»Du bist der Mann, ihn wieder aufzurichten,« sagte Lucius Licinius feurig.
+– »Meinst du? Versuchen wir’s! – Also zum Falerner die Kelche dort von
+Terebinthenholz.«
+
+»Weindrosseln vom Tagus mit Spargeln von Tarent!« fuhr der Lydier fort.
+»Dazu den roten Massiker von Sinuessa aus jenen amethystnen Kelchen.«
+
+»Junge Schildkröten von Trapezunt mit Flamingozungen –«
+
+»Halt an, beim heiligen Bacchus,« rief Balbus. »Das sind ja die Qualen des
+Tantalus. Mir ist ganz gleich, aus was ich trinke, aus Terebinthen oder
+Amethyst – aber dies Aufzählen von Götterbissen mit trocknem Gaumen halt’
+ich nicht mehr aus. Nieder mit Cethegus dem Tyrannen, er sterbe, wenn er
+uns hungern läßt.« – »Mir ist, ich wäre Imperator und hörte das getreue
+Volk von Rom. Ich rette mein Leben und gebe nach. Tragt auf, ihr Sklaven.«
+Da tönten Flöten aus dem Vorgemach und im Takte der Musik schritten sechs
+Sklaven, Epheu um die glänzend gesalbten Locken, in roten Mänteln und
+weißen Tuniken heran. Sie reichten den Gästen frische Handtücher von
+feinstem sidonischem Linnen mit weichen Purpurfransen.
+
+»Oh,« rief Massurius, ein junger Kaufmann, der vornehmlich mit schönen
+Sklaven und Sklavinnen handelte und in dem zweideutigen Ruhme stand, der
+feinste Kenner solcher Ware zu sein, »das weichste Handtuch ist ein
+schönes Haar« – und er fuhr dem eben neben ihm knieenden Ganymed durch die
+Locken. »Aber, Kallistratos, jene Flöten sind hoffentlich weiblichen
+Geschlechts – auf mit dem Vorhang – laß die Mädchen ein.«
+
+»Noch nicht,« befahl Cethegus. »Erst trinken, dann küssen. Ohne Bacchus
+und Ceres, du weißt –«
+
+»Friert Venus, nicht Massurius.«
+
+Da erscholl aus dem Seitengemach der Klang von Lyra und Kithara und ein
+trat ein Zug von acht Jünglingen in goldgrün schillernden Seidengewändern,
+vorauf der »Anrichter« und der »Zerleger«: die sechs andern trugen
+Schüsseln auf dem Haupt: sie zogen im Taktschritt an den Gästen vorüber
+und machten vor dem Anrichttisch von Citrus Halt. Während sie hier
+beschäftigt waren, erklangen vom Mittelgrunde her Kastagnetten und
+Cymbeln, die großen Doppelthüren drehten sich um ihre erzschimmernden
+Säulenpfosten und ein Schwarm von Sklaven in der schönen Tracht
+korinthischer Epheben strömte herein. Die einen reichten Brot in zierlich
+durchbrochenen Bronzekörben: andre verscheuchten die Mücken mit breiten
+Fächern von Straußenfedern und Palmblättern: einige gossen Öl in die
+Wandlampen aus doppelhenkeligen Krügen mit anmutvoller Bewegung, indes
+etliche mit zierlichen Besen von ägyptischem Schilf von dem Mosaikboden
+die Brosamen fegten und die übrigen Ganymed die Becher füllen halfen, die
+jetzt schon eifrig kreisten.
+
+Damit stieg denn die Raschheit, die Wärme des Gesprächs und Cethegus, der,
+wie überlegen nüchtern er blieb, völlig im Moment versunken schien,
+bezauberte durch seine Jugendlichkeit die Jünglinge.
+
+»Wie ist’s,« fragte der Hausherr, »wollen wir würfeln zwischen den
+Schüsseln? Dort neben Piso steht der Würfelbecher.« – »Nun, Massurius,«
+meinte Cethegus mit einem spöttischen Blick auf den Sklavenhändler,
+»willst du wieder einmal dein Glück wider mich versuchen? Willst du wetten
+gegen mich? Gieb ihm den Becher, Syphax!« winkte er dem Mauren.
+
+»Merkur soll mich bewahren!« antwortete Massurius in komischem Schreck.
+»Laßt euch nicht ein mit dem Präfekten – er hat das Glück seines Ahnherrn
+Julius Cäsar geerbt.«
+
+»_Omen accipio!_« lachte Cethegus, »das nehm’ ich an, mitsamt dem Dolch
+des Brutus.«
+
+»Ich sag’ euch, er ist ein Zauberer! Erst jüngst hat er eine ungewinnbare
+Wette gegen mich gewonnen an diesem braunen Dämon –« Und er wollte dem
+Sklaven eine Feige ins Gesicht werfen: aber dieser fing sie behende mit
+den glänzend weißen Zähnen und verzehrte sie mit ruhigem Behagen.
+
+»Gut, Syphax,« lobte Cethegus, »Rosen aus den Dornen der Feinde! Du kannst
+ein Gaukler werden, sobald ich dich freilasse.«
+
+»Syphax will nicht frei sein, er will dein Syphax sein und dein Leben
+retten wie du seins.«
+
+»Was ist das – dein Leben?« fragte Lucius Licinius mit erschrockenem
+Blick. – »Hast du ihn begnadigt?« sagte Marcus.
+
+»Mehr, ich hab’ ihn losgekauft.«
+
+»Ja, mit meinem Gelde!« brummte Massurius.
+
+»Du weißt, ich hab’ ihm dein verwettet Geld sofort als Peculium
+geschenkt.«
+
+»Was ist das mit der Wette? erzähle, vielleicht ein Stoff für meine
+Epigramme,« fragte Piso.
+
+»Laßt den Mauren selbst erzählen – sprich, Syphax, du darfst.«
+
+
+
+
+ Neuntes Kapitel.
+
+
+Ohne Zögern trat der junge Sklave in das von den Tischen gebildete
+Hufeisen, den Rücken zur Thüre gewandt: sein funkelndes Auge überflog
+rasch die Versammlung und haftete dann mit Glut auf seinem Herrn: alle
+bewunderten die jugendliche Kraft und Schönheit der schlanken Glieder,
+deren tiefes Braun nur um die Hüften ein kostbarer Schurz von Scharlach
+verhüllte.
+
+»Leicht ist erzählt, was schwere Schmerzen barg. Ich bin daheim im
+Lieblingsland der Sonne; wo hundert Palmen die immer grüne Oase
+beschatten, außer uns nur dem Löwen bekannt und dem fleckigen Panther.
+Aber in einer götterverlassenen Nacht, da fand der Feind unser altes
+Versteck. Vandalische Reiter waren’s und keine Rettung. Rot und schwarz
+stieg der Rauch unsrer Zelte durch die Cedernwipfel hinan, kreischend
+flohen Weiber und Kinder. Da traf mich ein sausender Speer.
+
+Ich erwachte gebunden im Sklavenraum eines Griechenschiffs, das uns
+gekauft, mich und viele Männer und Weiber meines Stammes: ich hatte nichts
+gerettet als meinen Gott, den weißen Schlangenkönig, ich trug ihn im
+Gürtel geborgen. Sie brachten uns nach Rom, da kaufte mich einer, dessen
+Namen verflucht sei.«
+
+»’s ist unser Freund Calpurnius,« unterbrach Cethegus.
+
+»Und kein Stern soll ihm leuchten auf nächtlicher Fahrt, er soll
+verdursten im heißen Sand,« knirschte der Maure mit aufloderndem Haß. »Er
+schlug mich oft um nichts und ließ mich hungern. Ich schwieg und betete zu
+meinem Gott um Rache. Er zürnte, daß ich so ruhig seine Wut ertrug.
+
+Er wußte nicht, daß Syphax seinen Gott bei sich trug in Gestalt einer
+Schlange. Da trat er eines Morgens an mein Lager und fand sie um meinen
+Hals geringelt. Er erschrak: ich sagte ihm seine Zähne seien nicht
+tödlich, aber seine Rache. Da ergrimmte er, schlug nach mir und sagte:
+»Töte den Wurm!« Umsonst flehte ich und wand mich auf den Knieen vor ihm.
+Er schlug mich und schlug nach dem Gott: und als ich den deckte mit meinem
+Leibe, schrie er noch wilder: »Töte das Tier.« Wie konnt’ ich gehorchen!
+Da rief er seine Sklaven und befahl: »Nehmt ihm die Bestie und kocht sie
+lebendig. Er soll seinen Gott fressen!« Ich erschrak zum Tode über diesen
+Frevel. Und sie griffen mich und haschten nach der Schlange. Aber der Gott
+gab mir die Kraft der Wut, die da gleich ist der Kraft des pfeilwunden
+Tigers, und ich sprang unter sie mit gellendem Schrei.
+
+Nieder schlug ich den Verfluchten mit dieser Faust und gewann die Thüre
+des Hauses und sprang hinaus ins Freie und dreißig Sklaven hinter mir
+drein. Da galt es das Leben.«
+
+Die Gäste lauschten gespannt, selbst Balbus setzte den Becher ab, den er
+eben zu Munde führte.
+
+»Ich laufe nicht schlecht: oft haben wir, drei Vettern und ich, die
+windschnelle Antilope müde gejagt. Und die Sklaven waren langsam und
+schwer.
+
+Aber sie kannten die Stadt und ihre Straßen und ich nicht. So war es ein
+ungleich Spiel. Die Verfolger teilten sich in Scharen von drei, vier Mann
+und gewannen mir durch Seitengassen und Durchgänge den Weg ab.
+
+Zum Glück hatte ich im Vorbeirennen an einer Schmiede einen schweren
+Feuerhaken errafft: zwei, dreimal braucht’ ich ihn, die Verfolger zu
+scheuchen, zu treffen, die mir plötzlich von vorn entgegenkamen. Ich
+fühlte aber, lange konnte das nicht mehr dauern: wie rasch ich war, wie
+langsam sie, zuletzt mußte ich doch erliegen.
+
+Da sandte mir der Gott, den ich fest mit der Linken an die Brust drückte,
+Ihn,« – und sein schönes Auge funkelte, – »meinen Herrn, den gewaltigen,
+der mächtig ist wie der Löwe von Abaritana und klug wie der Elefant, der
+da gut ist wie milder Regen nach langer Dürre und herrlich wie –«
+
+»Jetzt erzählst du schlecht, Syphax, ich will vollenden. Ich kam gerade
+von den Schanzwerken am aurelischen Thor, dem Grabmal Hadrians.«
+
+»Deinem schönen, göttergeschmückten Lieblingsort,« unterbrach
+Kallistratos.
+
+»Und bog am Fuße des Kapitols in das Forum Trajans: da stand eine
+gaffende, schreiende Menge und sah der Menschenjagd neugierig zu: wie ein
+Pfeil schoß der Maure von dem Forum des Nerva heran, seine Verfolger weit
+hinter ihm. Aber siehe, dicht neben mir bogen von links fünf, von rechts
+sieben der Sklaven des Calpurnius auf das Forum ein, bereit, ihn
+aufzufangen, sowie er auf dem Platz ankam. »Der ist verloren!« sagte neben
+mir eine bekannte Stimme, es war Massurius, der aus dem Bade des Augustus
+trat.
+
+»Wem gehört er?« fragte ich. »Calpurnius ist unser Herr,« antwortete der
+Sklave neben mir. »Dann wehe ihm,« sprach Massurius zu mir: »er hängt
+seine Strafsklaven bis an den Hals gebunden in seinen Fischweiher und läßt
+sie lebendig auffressen von seinen Muränen und Hechten.« – »Ja,« sagte der
+Sklave, »Syphax hat ihn niedergeschlagen, und der Herr rief im Aufstehen:
+»zu den Muränen den Hund! wer ihn einbringt, ist frei.«
+
+Ich blickte den Platz hinab auf den Mauren, der jetzt gleich heran war.
+»Der ist zu gut für die Fische,« sagte ich, »welch’ herrlicher Wuchs! Und
+sieh, er kömmt durch, ich wette.«
+
+Denn eben hatte der Flüchtling die erste Kette der Sklaven, die sich ihm
+an der Mündung der Via julia entgegenwarf, durchbrochen und flog jetzt auf
+uns zu.«
+
+»Und ich wette tausend Solidi, er kömmt nicht durch: sieh’, dort die
+Lanzen,« sprach Massurius. – »Gerade vor uns standen fünf Sklaven mit
+Lanzen und Wurfspeeren. »Es gilt!« rief ich, tausend Solidi.
+
+Da war er heran.
+
+Drei Speere sausten zugleich: aber wie ein Panther duckte der Flinke unter
+ihnen weg und, plötzlich aufschnellend, sprang er in hohem Satz über die
+Lanzen der beiden übrigen. Atemlos kam er dicht vor mir zu Boden: er
+blutete von Steinen und Pfeilen und schon kam jetzt vom Forum julium heran
+das ganze Rudel. Verzweifelnd sah er um sich und wollte nach rechts in die
+Friedens-Tempel-Straße, die ihn gerade nach seines Herrn Hause
+zurückgeführt hätte. Da sah ich vor uns das Portal der kleinen Basilika
+von Sankt Laurentius offen stehen. »Dort hin!« rief ich ihm zu.«
+
+»In meiner Sprache! er kennt meine Sprache,« rief Syphax.
+
+»Er kennt, glaub’ ich, alle Sprachen,« meinte Marcus Licinius.
+
+»Dorthin, wiederholte ich, dort ist Asyl. Wie der Blitz war er die Stufen
+hinan, schon auf der letzten, da traf ihn ein Stein, daß er stürzte und
+sein nächster Verfolger war oben und packte ihn. Aber glatt wie ein Aal
+rang er sich aus seinem Griff, stieß ihn die Stufen hinab und sprang in
+die Thüre der Kirche.«
+
+»Da hattest du gewonnen,« sagte Kallistratos.
+
+»Ich wohl, aber er nicht. Denn die Priester von St. Laurentius, so
+eifersüchtig sie ihre Asylrechte wahren, so wenig haben sie Mitleid mit
+einem Heiden. Einen Tag lang bargen sie ihn: als sie aber erfuhren, daß er
+um der Schlange willen seinen Herrn niedergeschlagen, da stellten sie ihm
+die Wahl, Christ zu werden und den Götzen aufzugeben, oder Calpurnius und
+die Muränen.
+
+Syphax wählte den Tod. Ich erfuhr es und kaufte dem Zornigen seine Rache
+ab und das Leben dieses schlanken Burschen, des schönsten Sklaven in Rom.«
+
+»Kein schlechtes Geschäft,« meinte Marcus, »der Maure ist dir treu.«
+
+»Ich glaube,« sagte Cethegus, »tritt zurück, Syphax.
+
+Da bringt der Koch sein Meisterstück, so scheint’s.«
+
+
+
+
+ Zehntes Kapitel.
+
+
+Es war eine sechspfündige Steinbutte, seit Jahren im Meerwasserweiher des
+Kallistratos mit Gänselebern gemästet. Der vielgepriesene »Rhombus« kam
+auf silberner Schüssel, ein goldenes Krönchen auf dem Kopf.
+
+»Alle guten Götter und du, Prophete Jonas!« lallte Balbus zurücksinkend in
+die Polster, »der Fisch ist mehr wert als ich selber.« – »Still, Freund,«
+warnte Piso, »daß uns nicht Cato höre, der gesagt: wehe der Stadt, wo ein
+Fisch mehr wert als ein Rind.« Schallendes Gelächter und der laute Ruf
+_Euge belle!_ übertönte den Zornruf des Halbberauschten.
+
+Der Fisch ward zerschnitten und köstlich erfunden.
+
+»Jetzt, ihr Sklaven, fort mit dem matten Massiker. Der edle Fisch will
+schwimmen in edlem Naß. Auf, Syphax, jetzt paßt, was ich zu dem Gelage
+beigesteuert. Geh’ und laß die Amphora hereinbringen, welche die Sklaven
+draußen in Schnee gestellt. Dazu die Phialen von gelbem Bernstein.«
+
+»Was bringst du seltenes, aus welchem Land?« fragte Kallistratos. – »Frag,
+aus welchem Weltteil? bei diesem vielgereisten Odysseus,« sagte Piso.
+
+»Ihr müßt raten. Und wer es errät, wer diesen Wein schon gekostet hat, dem
+schenk’ ich eine Amphora, so hoch wie diese.«
+
+Zwei Sklaven, eppichbekränzt, schleppten den mächtigen, dunkeln Krug
+herein: von schwarzbraunem Porphyr und fremdartiger Gestalt, mit
+hieroglyphischen Zeichen geschmückt und wohl vergipst oben an der Mündung.
+
+»Beim Styx! kömmt er aus dem Tartarus? das ist ein schwarzer Gesell,«
+lachte Marcus.
+
+»Aber er hat eine weiße Seele – zeige sie, Syphax.« Der Nubier schlug mit
+dem Hammer von Ebenholz, den ihm Ganymedes reichte, sorgfältig den Gips
+herunter, hob mit silberner Zange den Verschluß von Palmenrinde heraus,
+schüttete die Schicht Öl hinweg, die oben schwamm, und füllte die Pokale.
+Ein starker berauschender Geruch entstieg der weißen, klebrigen
+Flüssigkeit. Alle tranken mit forschender Miene.
+
+»Ein Göttertrank!« rief Balbus absetzend. – »Aber stark wie flüssiges
+Feuer,« sagte Kallistratos.
+
+»Nein, den kenn’ ich nicht!« sprach Lucius Licinius.
+
+»Ich auch nicht,« beteuerte Marcus Licinius. – »Aber ich freue mich, ihn
+kennen zu lernen,« rief Piso und hielt Syphax die leere Schale hin.
+
+»Nun,« fragte der Wirt, zu dem letzten, bisher fast ganz stummen Gast zu
+seiner Rechten gewendet, »nun, Furius, großer Seefahrer, Abenteurer,
+Indiensucher, Weltumsegler, wird deine Weisheit auch zu Schanden?«
+
+Der Gefragte erhob sich leicht von den Kissen, ein schöner athletischer
+Mann von einigen dreißig Jahren, von bronzener wettergebräunter
+Gesichtsfarbe, kohlschwarzen tiefliegenden Augen, blendend weißen Zähnen
+und vollem Rundbart nach orientalischem Schnitt.
+
+Aber ehe er noch sprechen konnte, fiel Kallistratos rasch ein: »Doch, beim
+Zeus Xenios, ich glaube, ihr kennt euch gar nicht?« Cethegus maß die
+fesselnde Erscheinung mit scharfem Blick. »Ich kenne den Präfekten von
+Rom,« sagte der Schweigsame. – »Nun, Cethegus, und dies ist mein
+vulkanischer Freund, Furius Ahalla, aus Korsika, der reichste Schiffsherr
+des Abendlands, tief wie die Nacht und heiß wie das Feuer: er hat fünfzig
+Häuser, Villen und Paläste an allen Küsten von Europa, Asien und Afrika,
+zwanzig Galeeren, ein paar tausend Sklaven und Matrosen und –«
+
+»Und einen sehr geschwätzigen Freund,« schloß der Korse. »Präfekt, mir ist
+es leid um dich, aber die Amphora ist mein. Ich kenne den Wein.« – Und er
+nahm ein Kibitzei und zerschlug es mit goldenem Löffel.
+
+»Schwerlich,« lächelte Cethegus spöttisch.
+
+»Doch. Es ist Isiswein. Aus Ägypten. Aus Memphis.« Und ruhig schlürfte er
+das goldrötliche Ei.
+
+Erstaunt sah ihn Cethegus an. »Erraten,« sagte er dann. »Wo hast du ihn
+gekostet?« – »Notwendig da, wo du. Er fließt ja nur aus Einer Quelle,«
+lächelte der Korse. – »Genug mit euren Geheimnissen! Keine Rätsel unter
+den Rosen!« rief Piso. – »Wo habt ihr beiden Marder dasselbe Nest
+gefunden?« fragte Kallistratos.
+
+»Nun,« rief Cethegus, »wisset es immerhin. Im alten Ägypten, im heilgen
+Memphis voraus, haben sich immer noch, dicht neben den christlichen
+Einsiedlern und Mönchen in der Wüste, glaubenszähe Männer und namentlich
+Frauen erhalten, die nicht lassen wollen von Apis und Osiris und besonders
+treu den süßen Dienst der Isis pflegen. Sie flüchten von der Oberfläche,
+wo die Kirche das Kreuz der Askese siegreich aufgepflanzt, in die Tiefen,
+in den geheimen Schoß der großen Mutter Erde mit ihrem heilgen teuren
+Wahn. In einem Labyrinth unter den Pyramiden des Cheops haben sie noch
+einige hundert Krüge geborgen des mächt’gen Weines, welcher dereinst die
+Eingeweihten zu den Orgien der Freude, der Liebe berauschte. Die Kunde
+geht geheim gehalten von Geschlecht zu Geschlecht, immer nur Eine
+Priesterin kennt den Keller und bewahrt den Schlüssel.
+
+Ich küßte die Priesterin und sie führte mich ein: – sie war eine wilde
+Katze, aber ihr Wein war gut: – und sie gab mir zum Abschied fünf Krüge
+mit aufs Schiff.«
+
+»Soweit hab’ ich es mit Smerda nicht gebracht,« sagte der Korse; »sie ließ
+mich trinken im Keller, aber als Andenken gab sie mir nur das mit« – und
+er entblößte den braunen Hals. – »Einen Dolchstich der Eifersucht,« lachte
+Cethegus. »Nun, mich freut, daß die Tochter nicht aus der Art schlägt. Zu
+meiner Zeit, das heißt, als mich die Mutter trinken ließ, lief die kleine
+Smerda noch im Kinderröckchen. Wohlan, es lebe der heilge Nil und die süße
+Isis.« Und die beiden tranken sich zu.
+
+Aber es verdroß sie, ein Geheimnis teilen zu sollen, das jeder allein zu
+besitzen geglaubt.
+
+Doch die andern waren bezaubert von der Laune des eisigen Präfekten, der
+jugendlich wie ein Jüngling mit ihnen plauderte und jetzt, da das
+beliebteste Thema für junge Herren unter den Bechern angeregt war –
+Liebesabenteuer und Mädchengeschichten – unerschöpflich übersprudelte von
+Streichen und Schwänken, die er meistens selbst erlebt. Alle hingen mit
+Fragen an seinen Lippen. Nur der Korse blieb stumm und kalt.
+
+»Sage,« rief der Wirt und winkte dem Schänken, als gerade das Gelächter
+über eine solche Geschichte verhallt war, »sag an, du Mann buntscheckiger
+Erfahrung: – ägyptische Isismädchen, gallische Druidinnen, nachtlockige
+Töchter Syriens und meine plastischen Schwestern von Hellas: – alle kennst
+du und weißt du zu schätzen, aber sprich, hast du je ein germanisch Weib
+geliebt?«
+
+»Nein,« sagte Cethegus, seinen Isiswein schlürfend, »sie waren mir immer
+zu langweilig.«
+
+»Oho,« meinte Kallistratos, »das ist zuviel gesagt. Ich sage euch, ich
+habe an den letzten Calenden einen Wahnsinn gehabt für ein germanisch
+Weib, die war nicht langweilig.«
+
+»Wie, du, Kallistratos von Korinth, der Aspasia, der Helena Landsmann,
+erglühst für ein Barbarenweib? O arger Eros, Sinnenverwirrer,
+Männerbeschämer,« schalt der Präfekt.
+
+»Ja, wenn du willst, war’s eine Sinnesverwirrung: – ich habe nie
+dergleichen erfahren.«
+
+»Erzähle, erzähle,« drängten die andern.
+
+
+
+
+ Elftes Kapitel.
+
+
+»Immerhin,« sagte der Hausherr, die Polster glättend, »obwohl ich keine
+glänzende Rolle dabei spiele.
+
+Also an den vorigen Calenden etwa kam ich zur achten Stunde aus den Bädern
+des Abaskantos nach Hause.
+
+Da steht auf der Straße niedergelassen eine Frauensänfte, vier Sklaven
+dabei, ich glaube, gefangne Gepiden. Unmittelbar aber vor der Thüre meines
+Hauses stehen zwei verhüllte Frauen, die Calantica über den Kopf gezogen.
+Die eine trug sklavisch Gewand, aber die andre war sehr reich und
+geschmackvoll gekleidet und das Wenige, was von Wuchs und Gestalt zu
+sehen, war göttlich. Welch schwebender Schritt, welch feiner Knöchel,
+welch hochgewölbter Fuß! Als ich näher herankam, ließen sich beide rasch
+in die Sänfte heben und fort waren sie. Ich aber – ihr wißt, es steckt des
+Bildhauers Blut in allen Hellenen – ich träumte des Nachts von dem feinen
+Knöchel und dem wogenden Schritt.
+
+Mittags drauf, da ich die Thüre öffne, aufs Forum zu gehn zu den
+Bibliographen, wie ich pflege, seh ich dieselbe Sänfte rasch von dannen
+eilen.
+
+Ich gestehe, ohne sonst besonders eitel zu sein, diesmal hoffte ich eine
+Eroberung gemacht zu haben, – ich wünschte es so sehr. Und ich zweifelte
+gar nicht mehr, als ich, um die achte Stunde nach Hause kommend, wieder
+meine Fremde, diesmal unbegleitet, an mir vorüberschlüpfen sah und nach
+ihrer Sänfte eilen. Folgen konnt’ ich den raschen Sklaven nicht, so trat
+ich in mein Haus, froher Gedanken voll. Da sagte der Ostiarius: »Herr,
+eine verhüllte Sklavin wartet dein in der Bibliothek.«
+
+Pochenden Herzens eile ich in das Gemach. Richtig! es war die Sklavin, die
+ich gestern gesehen. Sie schlug den faltigen Mantel zurück: eine hübsche,
+verschlagne Maurin oder Karthagerin – ich kenne den Schlag – sah mich mit
+schlauen Augen an.
+
+»Ich bitte um Botenlohn,« sagte sie, »Kallistratos, ich bringe dir gute
+Kunde.«
+
+Ich faßte ihre Hand und wollte ihr die dunkle Wange streicheln – denn wer
+die Herrin begehrt, der küsse die Sklavin – aber sie lachte und sprach:
+»Nein, nicht Eros, Hermes sendet mich.
+
+Meine Herrin« – hoch horchte ich auf – »meine Herrin ist – eine
+leidenschaftliche Freundin der Kunst. Sie bietet dir dreitausend Solidi
+für die Aresbüste, die in der Nische neben der Thüre deines Hauses
+steht.««
+
+Laut lachten die jungen Leute, Cethegus mit ihnen.
+
+»Ja, lacht nur,« fuhr der Hausherr selbst einstimmend fort, »ich aber
+lachte damals nicht. Aus all meinen Träumen heruntergefallen, sprach ich
+verdrießlich: mir ist das Werk nicht feil. Die Sklavin bot fünftausend,
+bot zehntausend Solidi: ich wandte ihr den Rücken und griff nach der Thür.
+
+Da sagte die Schlange: »Ich weiß, Kallistratos von Korinth ist unwillig,
+weil er ein Abenteuer gehofft und fand ein Geldgeschäft.
+
+Er ist Hellene, er liebt die Schönheit, er brennt vor Neugier, meine
+Herrin zu sehn.« Das war so richtig, daß ich nur lächeln konnte.
+
+»Wohlan,« sprach sie, »du sollst sie sehn. Und dann erneuere ich mein
+letzt Gebot. Schlägst du’s dann dennoch aus, hast du immerhin den Vorteil,
+deine Neugier gestillt zu haben. Morgen um die achte Stunde kömmt die
+Sänfte wieder. Dann halte dich bereit mit deinem Ares.«
+
+Und sie schlüpfte hinweg. Unruhig blieb ich zurück.
+
+Ich konnte nicht leugnen, meine Neugier war sehr gespannt. Fest
+entschlossen, meinen Ares nicht herzulassen und die Kunstnärrin doch zu
+sehen, erwartete ich gierig die bestimmte Stunde. Die Stunde kam und die
+Sänfte kam. Ich stand lauschend an meiner offnen Thür. Die Sklavin stieg
+heraus.
+
+»Komm,« rief sie mir zu, »du sollst sie sehn.«
+
+Bebend vor Aufregung trat ich heran, der Purpurvorhang der Sänfte fiel
+halb zurück und ich sah –«
+
+»Nun,« rief Markus, sich vorbeugend, den Becher in der Hand.
+
+»Was ich nie wieder vergessen werde. Ein Gesicht, Freunde, von ungeahnter
+Schönheit. Kypris und Artemis in Einer Person. Ich war wie geblendet. Ich
+kann sie nicht schildern. Der Vorhang fiel zu. Ich aber sprang zurück, hob
+den Ares aus der Nische, reichte ihn der Punierin, wies ihr Gold zurück
+und taumelte in meine Thür, betäubt, als hätt’ ich eine Waldnymphe
+gesehn.«
+
+»Nun, das ist stark,« lachte Massurius. »Bist doch sonst kein Neuling in
+den Werken des Eros.«
+
+»Aber,« fragte Cethegus, »woher weißt du, daß diese Zauberin eine Gotin
+war?«
+
+»Sie hatte dunkelrotes Haar und milchweiße Haut und schwarze Augenbrauen.«
+
+»Alle guten Götter!« dachte Cethegus. Aber er schwieg und wartete.
+
+Keiner der Anwesenden sprach den Namen aus.
+
+»Sie kennen sie nicht,« sagte Cethegus zu sich. – »Und wann war das?«
+fragte er den Wirt.
+
+»An den vorigen Calenden.«
+
+»Ganz richtig,« rechnete Cethegus; »da kam sie von Tarentum durch Rom nach
+Ravenna. Sie ruhte hier drei Tage.«
+
+»Und so hast du,« lachte Piso, »deinen Ares eingebüßt für einen Blick.
+Schlechter Handel! diesmal waren Merkur und Venus im Bunde. Armer
+Kallistratos.«
+
+»Ach,« sagte dieser, »die Büste war gar nicht soviel wert. Es war moderne
+Arbeit. Jon in Neapolis hat sie vor drei Jahren gemacht. Aber ich sag
+euch, einen Pheidias hätt ich hingegeben um jenen Anblick.«
+
+»Ein Idealkopf?« fragte Cethegus, wie gleichgültig und hob den ehernen
+Mischkrug, der vor ihm stand, scheinbar bewundernd, auf.
+
+»Nein, das Modell war ein Barbar – irgend ein Gotengraf – Watichis oder
+Witichas – wer kann sich die hyperboräischen Namen merken!« sagte
+Kallistratos seinen Bericht schließend und einem Pfirsich die Haut
+abziehend.
+
+Nachdenklich schlürfte Cethegus aus seiner Schale von Bernstein.
+
+
+
+
+ Zwölftes Kapitel.
+
+
+»Ja, die Barbarinnen könnte man sich gefallen lassen,« rief Markus
+Licinius, »aber der Orcus verschlinge ihre Brüder!« Und er riß den welken
+Rosenkranz vom Haupt: – die Blumen ertrugen den Dunst des Gelages schlecht
+– und ersetzte ihn durch einen frischen. »Nicht nur die Freiheit haben sie
+uns genommen: – sie schlagen uns bei den Töchtern Hesperiens in der Liebe
+sogar aus dem Felde. Erst neulich hat die schöne Lavinia meinem Bruder die
+Thüre verschlossen und den fuchsroten Aligern eingelassen.«
+
+»Barbarischer Geschmack!« meinte der Verschmähte achselzuckend und wie zum
+Trost nach seinem Isiswein langend. »Du kennst sie ja auch, Furius – ist
+es nicht Geschmacksverirrung?« – »Ich kenne deinen Nebenbuhler nicht,«
+sagte der Korse. »Aber es giebt schon Burschen unter diesen Goten, die
+einem Weib gefährlich werden mögen.
+
+»Und da fällt mir ein Abenteuer ein, das ich jüngst entdeckt, das aber
+freilich noch ohne Spitze ist.« – »Erzähle nur,« mahnte Kallistratos, die
+Hände in das laue Waschwasser steckend, das jetzt in korinthischen
+Erzschüsseln herumgereicht wurde, vielleicht finden wir die Spitze dazu.«
+
+»Der Held meiner Geschichte,« hob Furius an, »ist der schönste der Goten.«
+– »Ah, Totila der junge,« unterbrach Piso und ließ sich den
+kameengeschmückten Becher mit Eiswein füllen. »Derselbe. Ich kenne ihn
+seit Jahren und bin ihm sehr gut, wie alle müssen, die je sein sonnig
+Angesicht geschaut, abgesehen davon,« – und hier überflog des Korsen Züge
+ein Schatte ernsten Erinnerns und er stockte – »daß ich ihm sonst
+verbunden bin.«
+
+»Du bist, scheint’s, verliebt in den Blondkopf,« spottete Massurius, dem
+Sklaven, den er mitgebracht, ein Tuch voll picentinischen Zwiebacks
+zuwerfend, um es mit nach Hause zu nehmen. »Nein, aber er hat mir, wie
+allen, mit denen er zu thun hat, viel Freundliches erwiesen und gar oft
+hatte er die Hafenwache in den italischen Seestädten, wo ich landete.«
+
+»Ja, er hat große Verdienste um das Seewesen der Barbaren,« sagte Lucius
+Licinius. – »Wie um ihre Reiterei,« stimmte Markus bei, »der schlanke
+Bursche ist der beste Reiter seines Volks.«
+
+»Nun, ich traf ihn zuletzt in Neapolis: wir freuten uns der Begegnung,
+aber vergebens drang ich in ihn, die fröhlichen Abendgelage auf meinem
+Schiffe zu teilen.«
+
+»O, diese deine Schiffsabende sind berühmt und berüchtigt,« meinte Balbus,
+»du hast stets die feurigsten Weine.« – »Und die feurigsten Mädchen,«
+fügte Massurius bei.
+
+»Wie dem sei, Totila schützte jedesmal Geschäfte vor und war nicht zu
+gewinnen. Ich bitte euch! Geschäfte nach der achten Stunde in Neapolis! Wo
+die Fleißigsten faul sind! Es waren natürlich Ausflüchte. Ich beschloß ihm
+auf die Sprünge zu kommen und umschlich Abends sein Haus in der Via lata.
+Richtig: gleich den ersten Abend kam er heraus, vorsichtig umblickend,
+und, zu meinem Staunen, verkleidet; wie ein Gärtner war er angethan, einen
+Reisehut tief ins Gesicht gezogen, eine Abolla umgeschlagen. Ich schlich
+ihm nach. Er ging quer durch die Stadt nach der Porta Capuana zu. Dicht
+neben dem Thore steht ein dicker Turm, darinnen wohnt der Pförtner, ein
+alter patriarchenhafter Jude, dem König Theoderich ob seiner großen Treue
+die Hut des Thores anvertraut.
+
+Vor dem Turme blieb mein Gote stehen und schlug leise in die Hand: da flog
+eine schmale Seitenthür von Eisen, die ich gar nicht bemerkt, geräuschlos
+auf und hinein schlüpfte Totila geschmeidig wie ein Aal.«
+
+»Ei, ei,« fiel Piso der Dichter eifrig ein, »ich kenne den Juden und
+Miriam, sein herrlich prachtäugiges Kind! Die schönste Tochter Israels,
+die Perle des Morgenlands, ihre Lippen sind Granaten, ihr Aug’ ist
+dunkelmeeresblau und ihre Wangen haben den roten Duft des Pfirsichs.« –
+»Gut, Piso,« lächelte Cethegus – »dein Gedicht ist schön.« – »Nein,« rief
+dieser. »Miriam selbst ist die lebendige Poesie.« – »Stolz ist die
+Judendirne,« brummte Massurius dazwischen, »sie hat mich und mein Gold
+verschmäht mit einem Blick, als habe man nie ein Weib um Geld gekauft.« –
+»Siehe,« sprach Lucius Licinius, »so hat sich der hochmüt’ge Gote, der
+einherschreitet, als trüg’ er alle Sterne des Himmels auf seinem
+Lockenhaupt, zu einer Jüdin herabgelassen.«
+
+»So dacht’ auch ich und ich beschloß, den Jungen bei nächster Gelegenheit
+schwer zu verhöhnen mit seinem Moschusgeschmack. Aber nichts da. Ein paar
+Tage darauf mußte ich nach Capua. Ich breche vor Sonnenaufgang auf, die
+Hitze zu meiden. Ich fahre durch die Porta Capuana zur Stadt hinaus beim
+ersten Frührot: und als ich in meinem Reisewagen über die harten Steine an
+dem Judenturm vorüberrassele, denk’ ich neidvoll an Totila und sage mir,
+der liegt jetzt in weichen Armen. Aber am zweiten Meilensteine vor dem
+Thor begegnet mir, nach der Stadt zuschreitend, leere Blumenkörbe über
+Brust und Rücken, in Gärtnertracht, wie damals – Totila. Er lag also nicht
+in Miriams Armen. Die Jüdin war nicht seine Geliebte, vielleicht seine
+Vertraute, und wer weiß, wo die Blume blüht, die dieser Gärtner pflegt.
+Der Glücksvogel! Bedenkt nur, auf der Via capuana stehen all’ die Villen
+und Lustschlösser der ersten Familien von Neapolis und in jenen Gärten
+prangen und blühen die herrlichsten Weiber.«
+
+»Bei meinem Genius,« rief Lucius Licinius, die bekränzte Schale hebend,
+»dort leben ja die schönsten Weiber Italiens – Fluch über den Goten!« –
+»Nein,« schrie Massurius, von Wein erglühend, »Fluch über Kallistratos und
+den Korsen, die uns mit fremden Liebesgeschichten bewirten, wie der Storch
+aus Kelchgläsern den Fuchs. Laß endlich, Hausherr, deine Mädchen kommen,
+wenn du deren bestellt hast: nicht höher brauchst du unsre Erwartung zu
+spannen.« – »Jawohl, die Mädchen, die Tänzerinnen, die Psalterien!« riefen
+die jungen Leute durcheinander.
+
+»Halt,« sprach der Wirt, »wo Aphrodite naht, muß sie auf Blumen wandeln.
+Dies Glas bring’ ich dir, Flora!« Er sprang auf und schleuderte an die
+getäfelte Decke eine köstliche Krystallschale, daß sie klirrend zersprang.
+
+Sowie das Glas an die Balken der Decke schlug, hob sich das ganze Getäfel
+wie eine Fallthür empor und ein reicher Regen von Blumen aller Art flutete
+auf die Häupter der erstaunten Gäste nieder, Rosen von Pästum, Veilchen
+von Thurii, Myrten von Tarentum, Mandelblüten bedeckten wie ein dichtes
+Schneegestöber in duftigen Flocken den Mosaikboden, die Tische, die
+Polster und die Häupter der Gäste.
+
+»Schöner,« rief Cethegus, »zog Venus nie auf Paphos ein.«
+
+Kallistratos schlug in die Hände. Da teilte sich beim Klang von Lyra und
+Flöte dem Triklinium gerade gegenüber die Mittelwand des Gemachs: vier
+hochgeschürzte Tänzerinnen, ausgesucht schöne Mädchen, in persische
+Tracht, d. h. in durchsichtigen Rosaflor gekleidet, sprangen
+cymbelnschlagend aus einem Gebüsch von blühendem Oleander.
+
+Hinter ihnen kam ein großer Wagen in Gestalt einer Fächermuschel, dessen
+goldne Räder von acht jungen Sklavinnen geschoben wurden, vier
+Flötenbläserinnen in Indischem Gewand – Purpur und Weiß mit goldgestickten
+Mänteln – schritten vorauf: und auf dem Sitz des Wagens ruhte, von Rosen
+übergossen, in halb liegender Stellung Aphrodite selbst, in Gestalt eines
+blühenden Mädchens von lockender, üppiger Schönheit, dessen fast einzige
+Verhüllung der Aphroditen nachgebildete Gürtel der Grazien war.
+
+»Ha, beim heiligen Eros und Anteros!« schrie Massurius und sprang
+unsichern Schrittes von der Kline herab unter die Gruppe.
+
+»Verlosen wir die Mädchen!« rief Piso, »ich habe ganz neue Würfel aus
+Gazellenknöcheln, weihen wir sie ein.« »Laßt sie den Festkönig verteilen,«
+schlug Marcus Licinius vor. »Nein, Freiheit, Freiheit wenigstens in der
+Liebe,« rief Massurius und faßte die Göttin heftig am Arme, »und Musik,
+heda, Musik – –«
+
+»Musik,« befahl Kallistratos.
+
+Aber ehe noch die Cymbelschlägerinnen wieder anheben konnten, wurde die
+Eingangsthüre hastig aufgerissen und die Sklaven, die ihn aufhalten
+wollten, zur Seite drängend, stürmte Scävola herein, er war leichenblaß.
+
+»Hier also, hier wirklich find’ ich dich, Cethegus? in diesem Augenblick!«
+
+»Was giebt’s?« sagte der Präfekt und nahm ruhig den Rosenkranz vom Haupt.
+
+»Was es giebt? das Vaterland schwankt zwischen Scylla und Charybdis. Die
+gotischen Herzoge Thulun, Ibba und Pitza –«
+
+»Nun?« fragte Lucius Licinius.
+
+»Sie sind ermordet!«
+
+»Triumph!« rief der junge Römer und ließ die Tänzerin fahren, die er
+umfaßt hielt.
+
+»Schöner Triumph!« zürnte der Jurist. »Als die Nachricht nach Ravenna kam,
+beschuldigte alles Volk die Königin, sie stürmten den Palast: – doch
+Amalaswintha war entfloh’n.«
+
+»Wohin?« fragte Cethegus, rasch aufspringend.
+
+»Wohin? auf einem Griechenschiff – nach Byzanz!«
+
+Cethegus setzte schweigend den Becher auf den Tisch und furchte die Stirn.
+
+»Aber das Ärgste ist – die Goten wollen sie absetzen und einen König
+wählen.« – »Einen König?« sagte Cethegus. »Wohlan, ich rufe den Senat
+zusammen. Auch die Römer sollen wählen.«
+
+»Wen, was sollen wir wählen?« fragte Scävola.
+
+Aber Cethegus brauchte nicht zu antworten. Lucius Licinius rief statt
+seiner: »Einen Diktator! fort, fort in den Senat.«
+
+»In den Senat!« wiederholte Cethegus majestätisch. »Syphax, meinen
+Mantel.«
+
+»Hier, Herr, und dabei dein Schwert,« flüsterte der Maure. »Ich führ’ es
+immer mit, auf alle Fälle.«
+
+Und Wirt und Gäste folgten halb taumelnd dem Präfekten, der, allein völlig
+nüchtern, ihnen voran aus dem Hause auf die Straße schritt.
+
+
+
+
+ Dreizehntes Kapitel.
+
+
+In einem der schmalen Gemächer des Kaiserpalastes zu Byzanz stand kurze
+Zeit nach dem Fest der Floralien ein kleiner Mann von nicht ansehnlicher
+Gestalt in sorgenschweres Sinnen versunken.
+
+Es war still und einsam rings um ihn.
+
+Obwohl es draußen noch heller Tag, war doch das Rundbogenfenster, das nach
+dem Hofraum des weitläufigen Gebäudes führte, mit schweren
+golddurchwirkten Teppichen dicht verhangen: gleich köstliche Stoffe
+deckten den Mosaikboden des Zimmers, so daß kein Geräusch die Schritte des
+langsam auf und ab Wandelnden begleitete.
+
+Gedämpftes, mattes Licht füllte den Raum.
+
+Auf dem Goldgrund der Wände prangte die lange Reihe der christlichen
+Imperatoren seit Constantius in kleinen weißen Büsten: gerade über dem
+Schreibdivan hing ein großes mannshohes Kreuz von gediegenem Golde.
+
+So oft der einsam auf und nieder Schreitende daran vorbeikam, neigte er
+das Haupt vor demselben: denn in der Mitte des Goldes war, von Glas
+umschlossen, ein Splitter des angeblich echten Kreuzes angebracht.
+
+Endlich blieb er vor der Weltkarte stehen, die, den Orbis romanus
+darstellend, auf purpurgesäumtem Pergament eine der Wände bedeckte: nach
+langem, prüfendem Blick seufzte der Mann und bedeckte mit der Rechten
+Gesicht und Augen.
+
+Es waren keine schönen Augen und kein edles Gesicht: aber vieles, Gutes
+und Böses, lag darin.
+
+Wachsamkeit, Mißtrauen und List sprachen aus dem unruhigen Blick der
+tiefliegenden Augen: schwere Falten, der Sorge mehr als des Alters,
+furchten die vorspringende Stirn und die magern Wangen.
+
+»Wer den Ausgang wüßte!« seufzte er noch einmal, die knochigen Hände
+reibend. »Es treibt mich unablässig. Ein Geist ist in meine Brust gefahren
+und mahnt und mahnt.
+
+Aber ist’s ein Engel des Herrn oder ein Dämon? Wer mir meinen Traum
+deutete! Vergieb, dreieiniger Gott, vergieb deinem eifrigsten Knecht. Du
+hast die Traumdeuter verflucht.
+
+Aber doch träumte König Pharao und Joseph durfte ihm deuten: und Jakob sah
+im Traum den Himmel offen und ihre Träume kamen von dir. Soll ich? darf
+ich es wagen?«
+
+Und wieder schritt er unschlüssig auf und nieder, wer weiß, wie lange
+noch, wäre nicht der Purpurvorhang des Eingangs leise gehoben worden.
+
+Ein goldschimmernder Velarius warf sich vor dem kleinen Mann zur Erde mit
+auf der Brust gekreuzten Armen. »Imperator, die Patricier, die du
+beschieden.«
+
+»Geduld,« sagte jener, sich auf die Kline mit dem Gestell von Gold und
+Elfenbein niederlassend, »rasch die Silberschuhe und die Chlamys.«
+
+Der Palastdiener zog ihm die Sandalen mit den dicken Sohlen und den hohen
+Absätzen an, welche die Gestalt um ein paar Zoll erhöhten, und warf ihm
+den faltenreichen, mit Goldsternen übersäten Mantel um die Schulter, jedes
+Stück der Gewandung küssend, wie er es berührte: nach einer Wiederholung
+der fußfälligen Niederwerfung, die in dieser orientalischen
+Unterwürfigkeit erst neuerlich verschärft worden war, ging der Velarius.
+
+Und Kaiser Justinianus stellte sich, den linken Arm auf eine gebrochne
+Porphyrsäule aus dem Tempel von Jerusalem gestützt, die zu diesem Behuf
+nach seiner Größe zurechtgesägt war, in seiner »Audienzattitüde« dem
+Eingang gegenüber.
+
+Der Vorhang ging zurück und drei Männer betraten das Gemach mit der
+gleichen Begrüßungsform wie jener Sklave: und doch waren sie die ersten
+Männer dieses Kaiserreichs, wie, mehr noch als ihre reichgeschmückten
+Gewänder, ihre hochbedeutenden Köpfe, ihre geistvollen Züge bewiesen.
+
+»Wir haben euch beschieden,« hob der Kaiser an, ohne ihre demütige
+Begrüßung zu erwidern, »euren Rat zu hören – über Italien. Ich habe euch
+alle nötigen Kenntnisse über die Dinge daselbst verschafft: die Briefe der
+Regentin, die Dokumente der Patriotenpartei daselbst: drei Tage hattet ihr
+Zeit. Erst rede du, Magister Militum.«
+
+Und er winkte dem Größten unter den dreien, einer stattlichen, ganz in
+eine reichvergoldete Rüstung gekleideten Heldengestalt. Die großen,
+offenen, hellbraunen Augen sprachen von Treue und Zuversicht, eine starke
+gerade Nase, volle Wangen gaben dem Gesicht den Ausdruck gesunder Kraft,
+die breite Brust, die gewaltigen Schenkel und Arme hatten etwas
+herkulisches, der Mund aber zeigte trotz des grimmen Rundbartes Milde und
+Gutherzigkeit.
+
+»Herr,« sprach er mit voller, aus tiefer Brust quellender Stimme,
+»Belisars Rat ist immer: greifen wir die Barbaren an. Soeben hab’ ich auf
+dein Geheiß das Reich der Vandalen in Afrika zertrümmert mit
+fünfzehntausend Mann. Gieb mir dreißigtausend und ich werde dir die
+Gotenkrone zu Füßen legen.«
+
+»Gut,« sprach der Kaiser erfreut, »dies Wort hat mir wohlgethan. – Was
+sprichst du, Perle meiner Rechtsgelehrten, Tribonianus?«
+
+Der Angeredete war wenig kleiner als Belisar, aber nicht so breitschultrig
+und die Glieder nicht so sehr durch stete Übung entwickelt. Die hohe,
+ernste Stirn, das ruhige Auge, der festgeschnittene Mund zeugten von einem
+mächtigen Geist. »Imperator,« sagte er gemessen, »ich warne dich vor
+diesem Krieg. Er ist ungerecht.«
+
+Unwillig fuhr Justinianus auf: »Ungerecht! wiederzunehmen, was zum
+römischen Reich gehört.«
+
+»Gehört hat. Dein Vorfahr Zeno überließ durch Vertrag das Abendland an
+Theoderich und seine Goten, wenn sie den Anmaßer Odovakar gestürzt.«
+
+»Theoderich sollte Statthalter des Kaisers sein, nicht König von Italien.«
+
+»Zugegeben. Aber nachdem er es geworden – wie er es werden mußte, ein
+Theoderich konnte nicht der Diener eines Kleinern sein – hat ihn Kaiser
+Anastasius, dein Ohm Justinus, du selbst hast ihn anerkannt, ihn und sein
+Königreich.«
+
+»Im Drang der Not. Jetzt, da sie in Not und ich der Stärkere, nehm’ ich
+die Anerkennung zurück.«
+
+»Das eben nenn’ ich ungerecht.«
+
+»Du bist unbequem und unbeholfen, Tribonian, und ein zäher Rechthaber. Du
+taugst trefflich, meine Pandekten zusammenzubauen. In Politik werd’ ich
+dich nie wieder befragen. Was hat die Gerechtigkeit mit der Politik zu
+thun!«
+
+»Gerechtigkeit, o Justinianus, ist die beste Politik.«
+
+»Bah, Alexander und Cäsar dachten anders.«
+
+»Sie haben erstens ihr Werk nicht vollendet und dann zweitens« – er hielt
+inne.
+
+»Nun, zweitens?«
+
+»Zweitens bist du nicht Cäsar und nicht Alexander.« –
+
+Alle schwiegen. Nach einer Pause sagte der Kaiser ruhig: »du bist sehr
+offen, Tribonianus.«
+
+»Immer, Justinianus.«
+
+Rasch wandte sich der Kaiser zu dem dritten. »Nun, was ist deine Meinung,
+Patricius?«
+
+
+
+
+ Vierzehntes Kapitel.
+
+
+Der Angeredete verbannte rasch von seinen Lippen ein kaltes Lächeln, das
+ihm die Moralpolitik des Juristen erweckt und richtete sich auf.
+
+Er war ein verkrüppeltes Männchen, noch bedeutend kleiner als Justinian,
+weshalb dieser im Gespräch mit ihm den Kopf noch viel mehr als nötig
+gewesen wäre, herabsenkte. Er war kahlköpfig, die Wangen von krankhaftem
+Wachsgelb, die rechte Schulter höher als die linke und er hinkte etwas auf
+dem linken Fuß, weshalb er sich auf einen schwarzen Krückstock mit goldnem
+Gabelgriff stützte. Aber das durchdringende Auge war so adlergewaltig, daß
+es von dieser unansehnlichen Gestalt den Eindruck des Widrigen fern hielt,
+dem fast häßlichen Gesicht die Weihe geistiger Größe verlieh: und der Zug
+schmerzlicher Entsagung und kühler Überlegenheit um den feinen Mund hatte
+sogar einen fesselnden Reiz. »Imperator,« sagte er mit scharfer bestimmter
+Stimme, »ich widerrate diesen Krieg – für jetzt.«
+
+Unwillig zuckte des Kaisers Auge: »Auch aus Gründen der Gerechtigkeit?«
+fragte er, fast höhnisch. – »Ich sagte: für jetzt.« – »Und warum?« – »Weil
+das Notwendige dem Angenehmen vorgeht. Wer sein Haus zu verteidigen hat,
+soll nicht in fremde Häuser einbrechen.« – »Was soll das heißen?« – »Das
+soll heißen: vom Westen, von den Goten droht diesem Reiche keine Gefahr.
+Der Feind, der dieses Reich verderben kann, vielleicht verderben wird,
+kömmt vom Osten.«
+
+»Die Perser!« rief Justinian verächtlich.
+
+»Seit wann,« sprach Belisar dazwischen, »seit wann fürchtet Narses, mein
+großer Nebenbuhler, die Perser?«
+
+»Narses fürchtet niemand,« sagte dieser, ohne seinen Gegner anzusehn,
+»weder die Perser, die er geschlagen hat, noch dich, den die Perser
+geschlagen haben. Aber er kennt den Orient. Sind es die Perser nicht, so
+sind es andre, die nach ihnen kommen. Das Gewitter, das Byzanz bedroht,
+steigt vom Tigris auf, nicht vom Tiber.«
+
+»Nun, und was soll das bedeuten?«
+
+»Das soll bedeuten, daß es schimpflich ist für dich, o Kaiser, für den
+Römernamen, den wir noch immer führen, Jahr für Jahr von Chosroes dem
+Perserchan den Frieden um viele Centner Goldes zu erkaufen.«
+
+Flammende Röte überflog des Kaisers Antlitz: »Wie kannst du Geschenke,
+Hilfsgelder also deuten!«
+
+»Geschenke! und wenn sie ausbleiben, eine Woche nur über den Zahltag,
+verbrennt Chosroes, des Cabades Sohn, deine Dörfer. Hilfsgelder! und er
+besoldet damit Hunnen und Saracenen, deiner Grenzen gefährlichste Feinde.«
+
+Justinian machte einen raschen Gang durchs Zimmer. »Was also rätst du?«
+fragte er, hart vor Narses stehen bleibend. »Nicht die Goten anzugreifen
+ohne Not, ohne Grund, wenn man sich der Perser kaum erwehrt. Alle Kräfte
+deines Reiches aufzubieten, um diese schimpflichen Tribute abzustellen,
+die schmählichen Verheerungen deiner Grenzen zu verhindern, die
+verbrannten Städte Antiochia, Dara, Edessa wieder aufzubauen, die
+Provinzen wieder zu gewinnen, die du im nahen Osten, – trotz Belisars
+tapfrem Schwert, – verloren, deine Grenzen durch einen siebenfachen Gürtel
+von Festungen vom Euphrat bis zum Araxes zu schirmen. Und hast du dies
+Notwendige alles vollbracht – und ich fürchte sehr, du kannst es nicht
+vollbringen! – dann magst du versuchen, wozu der Ruhm dich lockt.«
+
+Justinianus schüttelte leicht das Haupt. »Du bist mir nicht erfreulich,
+Narses,« sagte er bitter.
+
+»Das weiß ich längst,« sprach dieser ruhig.
+
+»Und nicht unentbehrlich!« rief Belisar stolz. »Kehre dich nicht, mein
+großer Kaiser, an diese kleinen Zweifler! Gieb mir die dreißigtausend und
+ich wette meine rechte Hand, ich erobre dir Italien.«
+
+»Und ich wette meinen Kopf,« sagte Narses, »was mehr ist, daß Belisar
+Italien nicht erobern wird, nicht mit dreißig-, nicht mit sechzig-, nicht
+mit hunderttausend Mann.«
+
+»Nun,« fragte Justinian, »und wer soll’s dann können und mit welcher
+Macht?«
+
+»Ich,« sagte Narses, »mit achtzigtausend.«
+
+Belisar erglühte vor Zorn: er schwieg, weil er keine Worte fand.
+
+»Du hast dich doch bei allem Selbstgefühl sonst nie so hoch über deinen
+Gegner gestellt,« sprach der Jurist.
+
+»Und thu’s auch jetzt nicht, Tribonian. Sieh, der Unterschied ist der:
+Belisarius ist ein großer Held, der bin ich nicht. Aber ich bin ein großer
+Feldherr – und siehe, das ist Belisarius nicht. Die Goten aber wird nur
+ein großer Feldherr überwinden.«
+
+Belisarius richtete sich in seiner ganzen stolzen Höhe auf und preßte die
+Faust krampfhaft um seinen Schwertknauf. Es war als wollte er dem Krüppel
+neben ihm den Kopf zerdrücken. Der Kaiser sprach für ihn: »Belisar kein
+großer Feldherr! Der Neid verblendet dich, Narses.«
+
+»Ich beneide Belisar um nichts, nicht einmal,« seufzte er leise, »um seine
+Gesundheit. Er wäre ein großer Feldherr, wenn er nicht ein so großer Held
+wäre. Er hat noch jede Schlacht die er verlor, aus zu viel Heldentum
+verloren.«
+
+»Das kann man von dir nicht sagen, Narses,« warf Belisar bitter ein.
+
+»Nein, Belisarius, denn ich habe noch nie eine Schlacht verloren.«
+
+Eine ungeduldige Antwort Belisars ward abgeschnitten durch den Velarius,
+der, den Vorhang aufhebend, meldete:
+
+»Alexandros, den du nach Ravenna gesendet, o Herr, ist seit einer Stunde
+gelandet und frägt –«
+
+»Herein mit ihm, herein!« rief der Kaiser, hastig von seiner Kline
+aufspringend. Ungeduldig winkte er dem Gesandten, von seiner Proskynesis
+sich zu erheben: »Nun Alexandros, du kömmst allein zurück?«
+
+Der Gesandte, ein schöner, noch junger Mann, wiederholte: »Allein.«
+
+»Es verlautete doch – dein letzter Bericht – wie verließest du das
+Gotenreich?«
+
+»In großer Verwirrung. Ich schrieb dir in meinem letzten Bericht, die
+Königin habe beschlossen, sich ihrer drei hochmütigsten Feinde zu
+entledigen. Sollte der Anschlag mißlingen, so war sie in Italien nicht
+mehr sicher und bat sich in diesem Fall aus, daß ich sie auf meinem Schiff
+nach Epidamnus, dann hierher nach Byzanz flüchten dürfe.«
+
+»Was ich mit Freuden bewilligte. Nun, und der Anschlag?«
+
+»Ist geglückt. Die drei Herzoge sind nicht mehr.
+
+Aber nach Ravenna kam das Gerücht, der gefährlichste unter ihnen, Herzog
+Thulun, sei nur verwundet. Dies bewog die Regentin, da ohnehin die Goten
+in der Stadt sich drohend vor dem Palaste scharten, auf mein Schiff zu
+flüchten. Wir lichteten die Anker, aber bald nachdem wir den Hafen
+verlassen, schon auf der Höhe von Ariminum, holte uns Graf Witichis mit
+Übermacht ein, kam an Bord und forderte Amalaswinthen auf, zurückzukehren,
+indem er sich für ihre Sicherheit bis zu feierlicher Untersuchung vor der
+Volksversammlung verbürgte. Da sie von ihm erfuhr, daß jetzt auch Herzog
+Thulun seinen Wunden erlegen, und aus seinem Anerbieten sah, daß er und
+seine mächtigen Freunde noch nicht an ihre Schuld glaubten, da überdies
+Gewalt zu fürchten war, willigte sie darein, mit ihm umzukehren nach
+Ravenna. Zuvor aber schrieb sie noch an Bord der Sophia diesen Brief an
+dich und sendet dir aus ihrem Schatze diese Geschenke.«
+
+»Davon später, sprich weiter, wie stehn die Dinge jetzt in Italien?«
+
+»Gut für dich, o großer Kaiser. Das vergrößerte Gerücht von dem Aufstand
+der Goten in Ravenna, von der Flucht der Regentin nach Byzanz durchflog
+das ganze Land. Vielfach kam es schon zum Zusammenstoß zwischen Römern und
+Barbaren. In Rom selbst wollten die Patrioten losschlagen, im Senat einen
+Diktator wählen, deine Hilfe anrufen. Aber alles wäre verfrüht gewesen,
+nachdem die Regentin in den Händen des Witichis: nur das geniale Haupt der
+Katakombenmänner hat es verhindert.«
+
+»Der Präfekt von Rom?« fragte Justinian.
+
+»Cethegus. Er mißtraute dem Gerücht. Die Verschworenen wollten die Goten
+überfallen, dich zum Kaiser Italiens ausrufen, ihn einstweilen zum
+Diktator wählen. Aber er ließ sich in der Kurie buchstäblich die Dolche
+auf die Brust setzen und sagte: nein.«
+
+»Ein mutiger Mann!« rief Belisar.
+
+»Ein gefährlicher Mann!« sagte Narses.
+
+»Eine Stunde darauf kam die Nachricht von der Rückkehr Amalaswinthens und
+alles blieb beim alten. Der schwarze Teja aber hatte geschworen, Rom zu
+einer Viehweide zu machen, wenn es einen Tropfen Gotenblut vergossen. All’
+das hab ich auf meiner absichtlich zögernden Küstenfahrt bis nach
+Brundusium erfahren. Aber noch Besseres hab’ ich zu melden. Nicht nur
+unter den Römern, unter den Goten selbst hab’ ich eifrige Freunde von
+Byzanz gefunden, ja unter den Gliedern des Königshauses.«
+
+»Das wäre!« rief Justinian. »Wen meinst du?«
+
+»In Tuscien lebt, reichbegütert, Fürst Theodahad, Amalaswinthens Vetter.«
+
+»Jawohl, der letzte Mann im Haus der Amalungen, nicht wahr?«
+
+»Der letzte. Er und noch viel mehr Gothelindis, sein kluges, aber böses
+Gemahl, die stolze Baltentochter, hassen aufs gründlichste die Regentin:
+er, weil sie seiner maßlosen Habsucht, mit der er all’ seiner Nachbarn
+Grundbesitz an sich zu reißen sucht, entgegentritt: sie, aus Gründen, die
+ich nicht entdecken konnte: ich glaube, sie reichen in die Mädchenzeit der
+beiden Fürstinnen zurück – genug, ihr Haß ist tödlich. Diese beiden nun
+haben mir zugesagt, dir in jeder Weise Italien zurückgewinnen helfen zu
+wollen: ihr genügt es, scheint’s, die Todfeindin vom Thron zu stürzen: er
+freilich fordert reichen Lohn.«
+
+»Der soll ihm werden.«
+
+»Seine Hilfe ist deshalb wichtig, weil er schon halb Tuscien besitzt – das
+Adelsgeschlecht der Wölsungen hat den andern Teil – und spielend in unsre
+Hände bringen kann: dann aber, weil er, wenn Amalaswintha fällt, ihr auf
+den Thron zu folgen Aussicht hat. Hier sind Briefe von ihm und von
+Gothelindis. Aber lies vor allem das Schreiben der Regentin – ich glaube,
+es ist sehr wichtig.«
+
+
+
+
+ Fünfzehntes Kapitel.
+
+
+Der Kaiser zerschnitt die Purpurschnüre der Wachstafel und las: »An
+Justinian, den Imperator der Römer, Amalaswintha, der Goten und Italier
+Königin!«
+
+»Der Italier Königin,« lachte Justinian, »welch’ verrückter Titel!«
+
+»Durch Alexandros, deinen Gesandten, wirst du erfahren, wie Eris und Ate
+in diesem Lande hausen. Ich gleiche der einsamen Palme, die von
+widerstreitenden Winden zerrissen wird. Die Barbaren werden mir täglich
+feindseliger, ich ihnen täglich fremder, die Römer aber, soviel ich mich
+ihnen nähere, werden mir nie vergessen, daß ich germanischen Stammes. Bis
+jetzt habe ich entschlossenen Geistes allen Gefahren getrotzt: jedoch ich
+kann es nicht länger, wenn nicht wenigstens mein Palast, meine fürstliche
+Person vor der Überraschung drängender Gewalt sicher ist. Ich kann mich
+aber auf keine der Parteien hier im Lande unbedingt verlassen.
+
+So ruf ich dich, als meinen Bruder in der königlichen Würde, zu Hilfe. Es
+ist die Majestät aller Könige, die Ruhe Italiens, die es zu beschirmen
+gilt.
+
+Schicke mir, ich bitte dich, eine verlässige Schar, eine Leibwache« – der
+Kaiser warf einen bedeutsamen Blick auf Belisar – »eine Schar von einigen
+tausend Mann mit einem mir unbedingt ergebenen Anführer: sie sollen den
+Palast von Ravenna besetzen: er ist eine Festung für sich. Was Rom
+betrifft, so müssen jene Scharen mir vor allem den Präfekten Cethegus, der
+ebenso mächtig als zweideutig ist und mich in der Gefahr, in die er mich
+geführt, plötzlich verlassen hat, fern halten, nötigenfalls vernichten.
+Habe ich meine Feinde niedergeworfen und mein Reich befestigt, wie ich zum
+Himmel und der eignen Kraft vertraue, so werd’ ich dir Truppen und Führer
+mit reichen Geschenken und reicherem Dank zurücksenden. Vale.«
+
+Justinian drückte krampfhaft die Wachstafel in seiner Faust: leuchtenden
+Auges sah er vor sich hin, seine nicht schönen Züge veredelten sich im
+Ausdruck hoher geistiger Macht, und dieser Augenblick zeigte, daß in dem
+Manne neben vielen Schwächen und Kleinheiten Eine Stärke, Eine Größe
+lebte: die Größe eines diplomatischen Genies.
+
+»In diesem Brief,« rief er endlich strahlenden Blickes, »halt’ ich Italien
+und das Gotenreich.« Und in mächtiger Bewegung durchschritt er das Gemach
+mit großen Schritten, jetzt sogar die Verbeugung vor dem Kreuz vergessend.
+
+»Eine Leibwache – sie soll sie haben! – Aber nicht ein paar Tausend Mann,
+viele Tausende, mehr als ihr lieb sein wird, und du, Belisarius, sollst
+sie führen.«
+
+»Sieh auch die Geschenke,« mahnte Alexandros und wies auf einen köstlichen
+Schrein von Thuienholz mit Gold eingelegt, den der Velarius hinter ihm
+niedergestellt hatte. »Hier ist der Schlüssel.« Er überreichte ein kleines
+Büchschen von Schildpatt, das mit der Regentin Siegel geschlossen war.
+
+»Es ist ihr Bild dabei,« sagte er, wie zufällig mit lauterer Stimme.
+
+In dem Augenblick, da der Gesandte die Stimme kräftiger erhoben, steckte
+sich, leise und unbemerkt von allen außer ihm, der Kopf eines Weibes durch
+den Vorhang und zwei funkelnde schwarze Augen sahen scharf auf den Kaiser.
+Dieser öffnete den Schrein, schob rasch alle Kostbarkeiten bei Seite und
+griff hastig nach einem unscheinbaren Täfelchen von geglättetem Buchs mit
+einem schmalen Goldrahmen. Ein Ruf des Staunens entflog unwillkürlich
+seinen Lippen, sein Auge blitzte, er zeigte das Bild Belisar: »Ein
+herrliches Weib, welche Majestät der Stirn! ja man sieht die geborene
+Herrscherin, die Königstochter!« und bewundernd sah er auf die edeln Züge.
+
+Da rauschte der Vorhang und die Lauscherin trat ein.
+
+Es war Theodora, die Kaiserin: ein verführerisches Weib. Alle Künste
+weiblichen Erfindungsgeistes in einer Zeit des äußersten Luxus und alle
+Mittel eines Kaiserreichs wurden täglich stundenlang aufgeboten, diese an
+sich ausgezeichnete, aber durch ein zügelloses Sinnenleben früh
+angegriffene Schönheit frisch und blendend zu erhalten.
+
+Goldstaub lieh ihrem dunkelblauschwarzen Haar metallischen Glanz: es war
+am Nacken mit aller Sorgfalt gegen den Wirbel hinaufgekämmt, den schönen
+Bau des Hinterkopfs, den feinen Ansatz des Halses zu zeigen.
+
+Augenbrauen und Wimpern waren mit arabischem Stimmi glänzend schwarz
+gefärbt: und so künstlich war das Rot der Lippen aufgetragen, daß selbst
+Justinian, der diese Lippen küßte, nie an eine Unterstützung der Natur
+durch phönikischen Purpur dachte. Jedes Härchen an den alabasterweißen
+Armen war sorgfältig ausgetilgt und das zarte Rosa der Fingernägel
+beschäftigte täglich eine besondere Sklavin lange Zeit.
+
+Und doch hätte Theodora, damals noch nicht vierzig Jahre alt, auch ohne
+all’ diese Künste für ein ganz auffallend schönes Weib gelten müssen.
+
+Edel freilich war dieses Antlitz nicht: kein großer, ja kein stolzer
+Gedanke sprach aus diesen angestrengten, unheimlich glänzenden Augen: um
+die Lippen schwebte ein zur Gewohnheit gewordenes Lächeln, das die Stelle
+der ersten künftigen Falte ahnen ließ: und die Wangen zeigten in der Nähe
+der Augen Spuren müder Erschöpfung.
+
+Aber wie sie jetzt, mit ihrem süßesten Lächeln, auf Justinian zuschwebte,
+das schwere Faltenkleid von dunkelgelber Seide zierlich mit der Linken
+aufhebend, übte die ganze Erscheinung einen betäubenden Zauber, ähnlich
+dem süßen einlullenden Geruch von indischem Balsam, der von ihr duftete.
+
+»Was erfreut meinen kaiserlichen Herrn so sehr? darf ich seine Freude
+teilen?« fragte sie mit süßer, einschmeichelnder Stimme. Die Anwesenden
+warfen sich vor der Kaiserin zur Erde, kaum minder ehrerbietig als vor
+Justinian.
+
+Dieser aber schrak bei ihrem Anblick, wie auf einer Schuld ertappt,
+zusammen und wollte das Bild in der Busenfalte seiner Chlamys verbergen.
+Aber zu spät. Schon haftete der Kaiserin scharfer Blick darauf.
+
+»Wir bewunderten,« sagte er verlegen, »die – die schöne Goldarbeit des
+Rahmens.« Und er reichte ihr errötend das Bild.
+
+»Nun, an dem Rahmen,« lächelte Theodora, »ist beim besten Willen nicht
+viel zu bewundern. Aber das Bild ist nicht übel. Gewiß die Gotenfürstin?«
+Der Gesandte nickte. »Nicht übel, wie gesagt. Aber barbarisch, streng,
+unweiblich. Wie alt mag sie sein, Alexandros?«
+
+»Etwa fünfundvierzig.«
+
+Justinian blickte fragend auf das Bild, dann auf den Gesandten. »Das Bild
+ist vor fünfzehn Jahren gemacht,« sagte Alexandros wie erklärend.
+
+»Nein,« sprach der Kaiser, »du irrst; hier steht die Jahrzahl nach
+Indiktion und Konsul und ihrem Regierungsantritt: es ist von diesem Jahr.«
+
+Eine peinliche Pause entstand.
+
+»Nun,« stammelte der Gesandte, »dann schmeicheln die Maler wie–« – »Wie
+die Höflinge,« schloß der Kaiser. Aber Theodora kam ihm zu Hilfe.
+
+»Was plaudern wir von Bildern und dem Alter fremder Weiber, wo es sich um
+das Reich handelt. Welche Nachrichten bringt Alexandros? Bist du
+entschlossen, Justinianus?« – »Beinahe bin ich es. Nur deine Stimme wollte
+ich noch hören und du, das weiß ich, bist für den Krieg.«
+
+Da sagte Narses ruhig: »Warum, Herr, hast du uns nicht gleich gesagt, daß
+die Kaiserin den Krieg will? Wir hätten unsre Worte sparen können.« –
+»Wie? willst du damit sagen, daß ich der Sklave meines Weibes bin?« –
+»Hüte besser deine Zunge,« sagte Theodora zornig, »schon manchen, der
+sonst unverwundbar schien, hat die eigne spitze Zunge erstochen.«
+
+»Du bist sehr unvorsichtig, Narses,« warnte Justinian.
+
+»Imperator,« sagte dieser ruhig, »die Vorsicht hab’ ich längst aufgegeben.
+Wir leben in einer Zeit, in einem Reich, an einem Hof, wo man um jedes
+mögliche Wort, das man gesprochen oder nicht gesprochen hat, in Ungnade
+fallen, zu Grunde gehen kann. Da mir nun jedes Wort den Tod bringen kann,
+will ich wenigstens an solchen Worten sterben, die mir selbst gefallen.«
+
+Der Kaiser lächelte: »Du mußt gestehn, Patricius, daß ich viel Freimut
+ertrage.«
+
+Narses trat auf ihn zu: »Du bist groß von Natur, o Justinianus, und ein
+geborner Herrscher: sonst würde Narses dir nicht dienen. Aber Omphale hat
+selbst Herkules klein gemacht.«
+
+Die Augen der Kaiserin sprühten tödlichen Haß. Justinian ward ängstlich.
+
+»Geht,« sagte er, »ich will mit der Kaiserin allein beraten. Morgen
+vernehmt ihr meinen Entschluß.«
+
+
+
+
+ Sechzehntes Kapitel.
+
+
+So wie sie draußen waren, schritt Justinian auf seine Gattin zu und
+drückte einen Kuß auf ihre weiße niedre Stirn. »Vergieb ihm,« sagte er,
+»er meint es gut.«
+
+»Ich weiß es,« sagte sie, seinen Kuß erwidernd. »Darum, und weil er
+unentbehrlich ist gegen Belisar, darum lebt er noch.« – »Du hast Recht,
+wie immer.« Und er schlang den Arm um sie. »Was hat er besondres vor?«
+dachte Theodora. »Diese Zärtlichkeit deutet auf ein schlechtes Gewissen.«
+
+»Du hast Recht,« wiederholte er, mit ihr im Gemach auf und nieder
+schreitend. »Gott hat mir den Geist versagt, der die Schlachten
+entscheidet, aber mir dafür diese beiden Männer des Sieges gegeben – und
+zum Glück ihrer zwei. Die Eifersucht dieser beiden sichert meine
+Herrschaft besser als ihre Treue: jeder dieser Feldherren allein wäre eine
+stete Reichsgefahr und an dem Tage, da sie Freunde würden, wankte mein
+Thron. Du schürst doch ihren Haß?«
+
+»Er ist leicht schüren: es ist zwischen ihnen eine natürliche Feindschaft
+wie zwischen Feuer und Wasser. Und jede Bosheit des Verschnittenen erzähl’
+ich mit großer Entrüstung meiner Freundin Antonina, des Helden Belisar
+Weib und Gebieterin.« – »Und jede Grobheit des Helden Belisar bericht’ ich
+treulich dem reizbaren Krüppel. – Aber zu unsrer Beratung. Ich bin, nach
+dem Bericht des Alexandros, so gut wie entschlossen zu dem Zug nach
+Italien.«
+
+»Wen willst du senden?« – »Natürlich Belisar. Er verheißt, mit
+dreißigtausend zu vollbringen, was Narses kaum mit achtzigtausend
+übernehmen will.«
+
+»Glaubst du, daß jene kleine Macht genügen wird?«
+
+»Nein. Aber Belisars Ehre ist verpfändet: er wird all seine Kraft
+aufbieten und es wird ihm doch nicht ganz gelingen.« – »Und das wird ihm
+sehr heilsam sein. Denn seit dem Vandalensieg ist sein Stolz nicht mehr zu
+ertragen.« – »Aber er wird drei Viertel der Arbeit thun. Dann rufe ich ihn
+ab, breche selbst mit sechstausend auf, nehme Narses mit, vollende im
+Spiel das letzte Viertel und bin dann auch ein Feldherr und ein Sieger.«
+
+»Fein gedacht,« sagte Theodora in aufrichtiger Bewunderung seiner
+Schlauheit: »dein Plan ist reif.«
+
+»Freilich,« sagte Justinian seufzend stehen bleibend, »Narses hat Recht,
+im geheimen Grund des Herzens muß ich’s zugestehen. Es wäre dem Reiche
+heilsamer, die Perser abwehren, als die Goten angreifen. Es wäre mehr
+sichere, weisere Politik. Denn vom Osten kömmt einst das Verderben.«
+
+»Laß es kommen! Das kann noch Jahrhunderte anstehn, wann von Justinian nur
+noch der Ruhm auf Erden lebt, wie Afrika, so Italien zurückgewonnen zu
+haben. Hast du für die Ewigkeit zu bauen? Die nach dir kommen, mögen für
+ihre Gegenwart sorgen: sorge du für die deine.« – »Wenn man aber dann
+sprechen wird: hätte Justinian verteidigt, statt zu erobern, so stünd’ es
+besser? Wenn man sagen wird: Justinians Siege haben sein Reich zerstört?«
+– »So wird niemand sprechen. Die Menschen blendet der Glanz des Ruhms. Und
+noch Eins« – und hier verdrängte der Ernst der tiefsten Überzeugung den
+Ausdruck listiger Beschwatzung von ihren schmeichelnden Zügen.
+
+»Ich ahn’ es, doch vollende.«
+
+»Du bist nicht nur Kaiser, du bist ein Mensch.
+
+Höher als das Reich muß dir deiner Seele Seligkeit stehen. Auf deinem, auf
+unsrem Pfad zur Herrschaft, zu dem Glanz dieser Herrschaft mußte mancher
+blut’ge Schritt geschehn: manches Harte mußte gethan werden: Leben und
+Schätze, so manchen gefährlichen Feindes mußten – genug.
+
+Wohl bauen wir mit einem Teil dieser Schätze der heilgen, der christlichen
+Weisheit jenen Siegestempel, der allein schon unsern Namen unsterblich
+machen wird auf Erden. Aber für den Himmel – wer weiß, ob es genügt!
+
+Laß uns« – und ihr Auge erglühte von unheimlichem Feuer – »laß uns die
+Ungläubigen vertilgen und über die Leichen der Feinde Christi hin den Weg
+zur Gnade suchen.« Justinian drückte ihre Hand. »Auch die Perser sind
+Feinde Christi, sind sogar Heiden.« – »Hast du vergessen, was der
+Patriarch gelehrt? Ketzer sind siebenmal schlimmer als Heiden! Ihnen ward
+der rechte Glaube gebracht und sie haben ihn verschmäht. Das ist die Sünde
+wider den heilgen Geist, die nie vergeben wird – auf Erden und im Himmel.
+Du aber bist das Schwert, daß diese gottverfluchten Arianer schlagen soll:
+sie sind Christi verhaßteste Feinde: sie kennen ihn und leugnen dennoch,
+daß er Gott. Schon hast du in Afrika die ketzerischen Vandalen
+niedergeworfen und den Irrwahn dort in Blut und Feuer erstickt: jetzt ruft
+dich Italien, Rom, die Stätte, wo der Apostelfürsten Blut geflossen, die
+heilge Stadt: nicht länger darf sie diesen Ketzern dienen. Justinian, gieb
+sie dem wahren Glauben wieder.«
+
+Sie hielt inne. Der Kaiser blickte schwer aufatmend zu dem Goldkreuz
+empor. »Du deckst die letzten Tiefen meines Herzens auf: das ist es ja,
+was, noch mächtiger als Ruhm und Siegesehre, mich zu diesen Kriegen
+treibt. Aber bin ich fähig, bin ich würdig so Großes, so Heiliges zu
+Gottes Ehre zu vollenden? Will er durch meine sündge Hand so Großes
+vollführen? Ich zweifle, ich schwanke. Und der Traum, der mir in dieser
+Nacht geworden, war er von Gott gesendet? und was soll er bedeuten? treibt
+er zum Angriff oder mahnt er ab? Nun, hatte deine Mutter Komito, die
+Wahrsagerin von Kypros, große Weisheit, Ahnungen und Träume zu deuten.« –
+
+»Und du weißt, die Gabe ist erblich. Habe ich dir nicht auch den Ausgang
+des Vandalenkriegs aus deinem Traume gedeutet?«
+
+»Du sollst mir auch diesen Traum erklären. Du weißt, ich werde irre an dem
+besten Plan, wenn ein Omen dawider spricht. Höre denn. Aber« – und er warf
+einen ängstlichen Blick auf sein Weib, – »aber bedenke, daß es ein Traum
+war und kein Mensch für seine Träume kann.«
+
+»Natürlich, sie sendet Gott.« – »Was werd ich vernehmen?« sagte sie zu
+sich selbst.
+
+»Ich war gestern Nacht eingeschlafen, erwägend den letzten Bericht über
+Amala – über Italien. Da träumte mir, ich ging durch eine Landschaft mit
+sieben Hügeln. Dort ruhte unter einem Lorbeer das schönste Weib, das ich
+je gesehn. Ich stand vor ihr und betrachtete sie mit Wohlgefallen.
+Plötzlich brach aus dem Busch zur Rechten ein brüllender Bär, aus dem
+Gestein zur Linken eine zischende Schlange gegen die Schlummernde hervor.
+Aufwachend rief sie meinen Namen. Rasch ergriff ich sie, drückte sie an
+meine Brust und floh mit ihr: rückblickend sah ich, wie der Bär die
+Schlange zerriß und die Schlange den Bären zu Tode biß.«
+
+»Nun, und das Weib?«
+
+»Das Weib drückte einen flüchtigen Kuß auf meine Stirn und war plötzlich
+wieder verschwunden, und ich erwachte, vergebens die Arme nach ihr
+ausstreckend. Das Weib,« fuhr er rasch fort, ehe Theodora nachsinnen
+sollte, »ist natürlich Italien.«
+
+»Jawohl,« sagte die Kaiserin ruhig. Aber ihr Busen wogte. »Der Traum ist
+der glücklichste. Bär und Schlange sind Barbaren und Italier, die um die
+Siebenhügelstadt ringen. Du entreißest sie beiden und läßt sie sich
+gegenseitig vernichten.«
+
+»Aber sie entschwindet mir wieder: – sie bleibt mir nicht.«
+
+»Doch. Sie küßt dich und verschwindet in deinen Armen. So wird Italien
+aufgehn in deinem Reich.«
+
+»Du hast recht,« rief Justinian aufspringend. »Sei bedankt, mein kluges
+Weib. Du bist die Leuchte meiner Seele. Es sei gewagt: – Belisar soll
+ziehn.«
+
+Und er wollte den Velarius rufen. Doch hielt er plötzlich an. »Aber noch
+eins.« Und die Augen niederschlagend, faßte er ihre Hand.
+
+»Ah,« dachte Theodora, »jetzt kommt’s.«
+
+»Wenn wir nun das Gotenreich zerstört und in die Hofburg von Ravenna mit
+Hilfe der Königin selbst eingezogen sind – was – was soll dann mit ihr,
+der Fürstin, werden?«
+
+»Nun,« sagte Theodora völlig unbefangen, »was mit ihr werden soll? Was mit
+dem entthronten Vandalenkönig geworden. Sie soll hierher, nach Byzanz.«
+
+Justinian atmete hoch auf. »Mich freut es, daß du das Richtige fandest.«
+
+Und in wirklicher Freude drückte er ihr die schmale, weiße,
+wunderzierliche Hand.
+
+»Mehr als das,« fuhr Theodora fort. »Sie wird um so leichter auf unsre
+Pläne eingehen, je sicherer sie einer ehrenvollen Aufnahme hier
+entgegensieht. So will ich selbst ihr ein schwesterliches Schreiben
+senden, sie einzuladen. Sie soll im Fall der Not stets ein Asyl an meinem
+Herzen finden.«
+
+»Du weißt gar nicht,« fiel Justinian eifrig ein, »wie sehr du dadurch
+unsern Sieg erleichterst. Die Tochter Theoderichs muß völlig von ihrem
+Volk hinweg zu uns gezogen werden. Sie selbst soll uns nach Ravenna
+führen.«
+
+»Dann kannst du aber nicht gleich Belisar mit einem Heere senden. Das
+würde sie nur argwöhnisch machen und widerspenstig. Sie muß völlig in
+unsern Händen, das Barbarenreich von innen heraus gebrochen sein, ehe das
+Schwert Belisars aus der Scheide fährt.«
+
+»Aber in der Nähe muß er von jetzt an stehen.«
+
+»Wohl, etwa auf Sicilien. Die Unruhen in Afrika geben den besten Vorwand,
+eine Flotte in jene Gewässer zu senden. Und sowie das Netz gelegt, muß
+Belisars Arm es zuziehn.«
+
+»Aber wer soll es legen?«
+
+Theodora dachte eine Weile nach; dann sagte sie:
+
+»Der geistgewaltigste Mann des Abendlands: Cethegus Cäsarius, der Präfekt
+von Rom, mein Jugendfreund.«
+
+»Recht. Aber nicht er allein. Er ist ein Römer, nicht mein Unterthan, mir
+nicht völlig sicher. Wen soll ich senden. Noch einmal Alexandros?«
+
+»Nein,« rief Theodora rasch, »er ist zu jung für ein solches Geschäft.
+Nein.« Und sie schwieg nachdenklich. »Justinian,« sprach sie endlich, »auf
+daß du siehst, wie ich persönlichen Haß vergessen kann, wo es das Reich
+gilt und der rechte Mann gewählt werden muß, schlage ich dir selber meinen
+Feind vor: Petros, des Narses Vetter, des Präfekten Studiengenossen, den
+schlauen Rhetor: – ihn sende.«
+
+»Theodora,« – rief der Kaiser erfreut, sie umarmend, »du bist mir wirklich
+von Gott geschenkt. Cethegus – Petros – Belisar: Barbaren, ihr seid
+verloren!«
+
+
+
+
+ Siebzehntes Kapitel.
+
+
+Am Morgen darauf erhob sich die schöne Kaiserin vergnügt von dem
+schwellenden Pfühl, dessen weiche Kissen, mit blaßgelber Seide überzogen,
+mit den zarten Halsfedern des pontischen Kranichs gefüllt waren.
+
+Vor dem Bette stand ein Dreifuß mit einem silbernen Becken, den Okeanos
+darstellend, darin lag eine massiv goldne Kugel. Die weiche Hand der
+Kaiserin hob lässig die Kugel und ließ sie klingend in das Becken fallen:
+der helle Ton rief die syrische Sklavin in das Gemach, die im Vorzimmer
+schlief. Mit auf der Brust gekreuzten Armen trat sie an das Lager und
+schlug die schweren Vorhänge von violetter chinesischer Seide zurück. Dann
+ergriff sie den sanften iberischen Schwamm, der, in Eselmilch getränkt, in
+krystallner Schale ruhte und bestrich damit sorgfältig die Masse von
+öligem Teig, die Gesicht und Hals der Kaiserin während der Nacht bedeckte.
+
+Dann kniete sie vor dem Bette nieder, das Haupt fast zur Erde gebeugt und
+reichte die rechte Hand hinauf.
+
+Theodora faßte diese Hand, setzte langsam den kleinen Fuß auf den Nacken
+der Knieenden und schwang sich dann elastisch zur Erde. Die Sklavin erhob
+sich und warf der Herrin, die jetzt, nur mit der Untertunica von feinstem
+Bast bekleidet, auf dem Palmenholzrand des Bettes saß, den feinen
+Ankleidemantel von Rosagewebe über die Schultern.
+
+Dann verneigte sie sich, wandte sich zur Thüre, rief »Agave!« und
+verschwand. Agave, eine junge, schöne Thessalierin, trat ein; sie rollte
+dicht vor die Herrin den mit unzähligen Büchschen und Fläschchen besetzten
+Waschtisch von Citrusholz und begann, ihr Gesicht, Nacken und Hände mit
+weichen, in verschiedene Weine und Salben getauchten Tüchern zu reiben.
+
+Daraus erhob sich diese vom Lager und glitt auf den bunten, mit Pardelfell
+überzogenen Stuhl, die Kathedra.
+
+»Das große Bad erst gegen Mittag!« sagte sie.
+
+Da schob Agave eine ovale Wanne von Terebinthenholz heran, außen mit
+Schildpatt bekleidet, gefüllt mit köstlich duftendem Wasser und hob die
+zierlichen, glänzend weißen Füße der Herrin hinein. Hierauf löste sie das
+Netz von Goldfäden, das die Nacht über die blau glänzenden Haare der
+Kaiserin zusammenhielt, so daß jetzt die weichen schwarzen Wellen über
+Schultern und Brust wallen konnten. Sie schlang ihr noch das breite
+Busenband von Purpur um, verneigte sich und ging mit dem Rufe: »Galatea!«
+
+Eine betagte Sklavin löste sie ab, die Amme und Wärterin und, leider
+müssen wir hinzufügen, die Kupplerin Theodoras in der Zeit, da sie nur
+erst des Akacius, des Löwenwärters im Cirkus, flitterbehängtes Töchterlein
+und, fast noch ein Kind, der schon tief verdorbne Liebling des großen
+Cirkus war. Alle Demütigungen und Triumphe, alle Laster und Listen auf der
+Abenteurerin wechselndem Pfad bis zum Kaiserthron hatte Galatea getreulich
+geteilt.
+
+»Wie hast du geschlafen, mein Täubchen?« fragte sie, ihr in einer
+Bernsteinschale die aromatische Essenz reichend, welche die Stadt Adana in
+Cilicien für die Toilette der Kaiserin in großen Massen als jährlichen
+Tribut einzusenden hatte.
+
+»Gut, ich träumte von ihm.« – »Von Alexandros?« – »Nein, du Närrin, von
+dem schönen Anicius.« – »Aber der Bestellte wartet schon lange draußen in
+der geheimen Nische.« – »Er ist ungeduldig,« lächelte der kleine Mund,
+»nun, so laß ihn ein.« Und sie legte sich auf dem langen Divan zurück,
+eine Decke von Purpurseide über sich ziehend; aber die feinen Knöchel der
+schönen Füße blieben sichtbar.
+
+Galatea schob den Riegel vor den Haupteingang, durch welchen sie
+eingetreten und ging dann quer durch das Gemach zu der Ecke gegenüber, die
+durch eine eherne Kolossalstatue Justinians ausgefüllt war.
+
+Die scheinbar unbewegliche Last wich sofort zur Seite, sowie die Vertraute
+eine Feder berührte, und zeigte eine schmale Öffnung in der Wand, welche
+durch die Statue in ihrer gewöhnlichen Stellung vollständig verdeckt
+wurde: ein dunkler Vorhang war vor den Spalt gezogen. Galatea hob den
+Vorhang auf und herein eilte Alexandros, der schöne junge Gesandte.
+
+Er warf sich vor der Kaiserin aufs Knie, ergriff ihre schmale Hand und
+bedeckte sie mit glühenden Küssen.
+
+Theodora entzog sie ihm leise. – »Es ist sehr unvorsichtig, Alexandros,«
+sagte sie, den schönen Kopf zurücklehnend, »den Geliebten zur Ankleidung
+zuzulassen.« Wie sagt der Dichter? »Alles dienet der Schönheit. Doch ist
+kein erfreulicher Anblick, das entstehen zu sehn was nur entstanden
+gefällt.«
+
+»Allein ich hab’ es dir bei der Abreise nach Ravenna verheißen, dich
+einmal in meiner Morgenstunde vorzulassen. Und du hast deinen Lohn
+reichlich verdient. Du hast viel für mich gewagt. – – Fasse die Flechten
+fester!« rief sie Galatea zu, die an die ihr allein zustehende Arbeit
+gegangen war, das prachtvolle Haar der Gebieterin zu ordnen.
+
+– »Du hast das Leben für mich gewagt.« – Und sie reichte ihm wieder zwei
+Finger der rechten Hand.
+
+»O Theodora,« rief der Jüngling, »für diesen Augenblick würd’ ich zehnmal
+sterben.«
+
+»Aber,« fuhr sie fort, »warum hast du mir nicht auch von dem letzten Brief
+der Barbarin an Justinian Abschrift zukommen lassen?« – »Es war nicht mehr
+möglich, es ging zu rasch. Ich konnte von meinem Schiff keinen Boten mehr
+senden: kaum gelang es gestern, nach der Landung, dir sagen zu lassen, daß
+ihr Bild bei den Geschenken sei. Du kamst im rechten Augenblick.«
+
+»Ja, was würde aus mir, wenn ich die Thürsteher Justinians nicht doppelt
+so hoch besoldete als er? Aber Unvorsichtigster aller Gesandten, wie
+täppisch war das mit der Jahrzahl!«
+
+»O schönste Tochter von Kypros, ich hatte dich mondenlang nicht mehr
+gesehen. Ich konnte nichts denken als dich und deine berauschende
+Schönheit.«
+
+»Nun, da muß ich wohl verzeihen. Das schwarze Stirnband Galatea! Du bist
+ein besserer Liebhaber als Staatsmann. Deshalb hab’ ich dich auch hier
+behalten. Ja, du solltest wieder nach Ravenna. Aber ich denke, ich schicke
+einen ältern Gesandten und behalte den jungen für mich. Ist’s recht so?«
+lächelte sie, die Augen halb schließend.
+
+Alexandros, kühner und glühender werdend, sprang auf und drückte einen Kuß
+auf ihre roten Lippen.
+
+»Halt ein, Majestätsverbrecher,« schalt sie, und schlug mit dem
+Flamingofächer leicht seine Wange. »Jetzt ist’s genug für heute. Morgen
+magst du wieder kommen und von jener Barbarenschönheit erzählen. Nein, du
+mußt jetzt gehn. Ich brauche diese Morgenstunde noch für einen andern.«
+
+»Für einen andern!« rief Alexandros zurücktretend. »So ist es wahr, was
+man leise zischelt in den Gynäceen, in den Bädern von Byzanz? Du ewig
+Ungetreue hast –«
+
+»Eifersüchtig darf ein Freund Theodoras nicht sein!« lachte die Kaiserin.
+Es war kein schönes Lachen. »Aber für diesmal sei unbesorgt – du sollst
+ihm selbst begegnen. Geh.«
+
+Galatea ergriff ihn an der Schulter und drehte den Widerstrebenden ohne
+weiteres hinter die Statue und zur Thüre hinaus.
+
+Theodora setzte sich nun aufrecht, das faltige Untergewand mit dem Gürtel
+schließend.
+
+
+
+
+ Achtzehntes Kapitel.
+
+
+Sogleich kam Galatea wieder zum Vorschein mit einem kleinen gebückten
+Mann, der viel älter aussah als seine vierzig Jahre. Kluge, aber
+allzuscharfe Züge, das stechende Auge, der bartlose eingekniffne Mund: –
+alles machte den Eindruck unangenehmer Pfiffigkeit.
+
+Theodora nickte leicht auf seine kriechende Verbeugung; Galatea begann ihr
+die Augenbrauen zu malen.
+
+»Kaiserin,« hob der Alte ängstlich an, »ich staune über deine Kühnheit.
+Wenn man mich hier sähe! Die Klugheit von neun Jahren wäre durch einen
+Augenblick vereitelt.«
+
+»Man wird dich aber nicht sehen, Petros,« sagte Theodora ruhig. »Diese
+Stunde ist die einzige, da ich vor der zudringlichen Zärtlichkeit
+Justinians sicher bin. Es ist seine Betstunde. Ich muß sie ausbeuten so
+gut ich kann. Gott erhalte ihm seine Frömmigkeit! Galatea, den Frühwein.
+Wie? Du fürchtest doch nicht, mich mit diesem gefährlichen Verführer
+allein zu lassen?« Die Alte ging mit häßlichem Grinsen und kam gleich
+zurück, einen Henkelkrug süßen gewärmten Chierweins in der einen Hand,
+Becher mit Wasser und Honig in der andern.
+
+»Ich konnte heute unsere Unterredung nicht, wie gewöhnlich, in der Kirche
+veranstalten, wo du in dem dunkeln Beichtstuhl einem Priester täuschend
+ähnlich siehst. Der Kaiser wird dich noch vor der Kirchenzeit zu sich
+bescheiden und du mußt zuvor genau unterrichtet sein.«
+
+»Was ist zu thun?«
+
+»Petros,« sagte Theodora, sich behaglich zurücklehnend und langsam das
+süße Getränk schlürfend, das Galatea mischte, »heute kam der Tag, der
+unsere langjährige Mühe und Klugheit lohnen und dich zum großen Mann
+machen wird.«
+
+»Zeit wär’ es,« meinte der Rhetor.
+
+»Nur nicht ungeduldig, Freund. (Galatea, etwas mehr Honig.) Um dich für
+das heutige Geschäft in die rechte Stimmung zu versetzen, wird es gut
+sein, dich an das Vergangne, an die Entstehungsart unserer – Freundschaft
+zu erinnern.«
+
+»Was soll das? Wozu ist das nötig?« sagte der Alte unbehaglich.
+
+»Zu mancherlei. Also. Du warst der Vetter und Anhänger meines Todfeindes
+Narses. Folglich auch mein Feind. Jahrelang hast du im Dienste deines
+Vetters mir entgegengearbeitet, mir wenig geschadet, dir selbst aber noch
+weniger genutzt. Denn Narses, dein tugendhafter Freund, setzt seine Ehre
+und seine Schlauheit darein, nie etwas für seine Verwandten zu thun, daß
+man ihn nie, wie die andern Höflinge dieses Reiches, des Nepotismus zeihen
+könne.
+
+Aus lauter Vorsicht und eitel Tugend ließ er dich unbefördert. Du darbtest
+und bliebst einfacher Schreiber. Aber ein feiner Kopf wie du weiß sich zu
+helfen. Du fälschtest, du verdoppeltest die Steuerausschreiben des
+Kaisers. Die Provinzen zahlten neben der von Justinian verlangten noch
+eine zweite Steuer, die Petros und die Steuererheber untereinander
+teilten. Eine Weile ging das vortrefflich. Aber einmal –«
+
+»Kaiserin, ich bitte dich –«
+
+»Ich bin gleich zu Ende, Freund. Aber einmal hattest du das Unglück, daß
+einer von den neuen Steuerboten die Gunst der Kaiserin höher anschlug als
+den von dir verheißnen Teil der Beute. Er ging auf deinen Antrag ein, ließ
+sich die Urkunde von dir fälschen und – brachte sie mir.«
+
+»Der Elende,« murrte Petros.
+
+»Ja, es war schlimm,« lächelte Theodora, den Becher wegstellend. »Ich
+konnte jetzt meinem boshaften Feind, dem Vertrauten des verhaßten
+Eunuchen, den schlauen Kopf vor die Füße legen und ich muß gestehen: es
+lüstete mich sehr danach, sehr! Aber ich opferte die kurze Rache einem
+großen, dauernden Vorteil. Ich rief dich zu mir und ließ dir die Wahl, zu
+sterben oder fortan mir zu dienen. Du warst gütig genug, das letztre zu
+wählen und so haben wir, vor der Welt nach wie vor die heftigsten Feinde,
+insgeheim seit Jahren zusammen gewirkt: du hast mir alle Pläne des großen
+Narses im Entstehen verraten und ich hab es dir wohl vergolten: du bist
+jetzt ein reicher Mann.«
+
+»O nicht der Rede wert.«
+
+»Bitte, Undankbarer, das weiß mein Schatzmeister besser. Du bist sehr
+reich.«
+
+»Wohl, aber ohne Rang und Würde. Meine Studiengenossen sind Patricier,
+Präfekten, große Herren in Morgen- und Abendland: so Cethegus in Rom,
+Prokopius in Byzanz.«
+
+»Geduld. Vom heut’gen Tage an wirst du die Leiter der Ehren rasch
+erklimmen. Ich mußte doch immer etwas zu geben behalten. Höre: du gehst
+morgen als Gesandter nach Ravenna.«
+
+»Als kaiserlicher Gesandter?« rief Petros freudig.
+
+»Durch meine Verwendung. Aber das ist nicht alles.
+
+Du erhältst von Justinian ausführliche Anweisungen, das Gotenreich zu
+verderben, Belisar den Weg nach Italien zu bahnen.«
+
+»Diese Anweisungen – befolg’ ich oder vereitl’ ich?«
+
+»Befolgst du. Aber du erhältst noch einen Auftrag, den dir Justinian ganz
+besonders ans Herz legen wird: die Tochter Theoderichs um jeden Preis aus
+der Hand ihrer Feinde zu retten und nach Byzanz zu bringen. Hier hast du
+einen Brief von mir, der sie dringend einladet, an meiner Brust ein Asyl
+zu suchen.«
+
+»Gut,« sagte Petros, den Brief einsteckend, »ich bringe sie also sofort
+hierher.«
+
+Da schnellte Theodora wie eine springende Schlange vom Lager auf, daß
+Galatea erschrocken zurückfuhr.
+
+»Bei meinem Zorn, Petros, nein. Dich send’ ich deshalb. Sie darf nicht
+nach Byzanz, sie darf nicht leben.«
+
+Bestürzt ließ Petros den Brief fallen. »O Kaiserin,« flüsterte er – »ein
+Mord!«
+
+»Still, Rhetor,« sprach Theodora mit heiserer Stimme und unheimlich
+funkelten ihre Augen. »Sie muß sterben.«
+
+»Sterben? o Kaiserin, warum?«
+
+»Warum? das hast du nicht zu fragen. Doch halt: – du sollst es wissen, es
+giebt deiner Feigheit einen Sporn – wisse –« und sie faßte ihn wild am
+Arme und raunte ihm ins Ohr: »Justinian, der Verräter, fängt an sie zu
+lieben.«
+
+»Theodora!« rief der Rhetor erschrocken und trat einen Schritt zur Seite.
+
+Die Kaiserin sank auf die Kline zurück.
+
+»Aber er hat sie ja nie gesehen!« stammelte sich fassend Petros.
+
+»Er hat ihr Bild gesehen: er träumt bereits von ihr, er glüht für dieses
+Bild.«
+
+»Du hast nie eine Rivalin gehabt.«
+
+»Ich werde dafür wachen, daß ich keine erhalte.«
+
+»Du bist so schön.«
+
+»Amalaswintha ist jünger.«
+
+»Du bist so klug, bist seine Beraterin, die Vertraute seiner geheimsten
+Gedanken.«
+
+»Das eben wird ihm lästig. Und« – sie ergriff wieder seinen Arm – »merke
+wohl: sie ist eine Königstochter! eine geborne Herrscherin, ich des
+Löwenwärters plebejisch Kind. Und – so wahnwitzig lächerlich es ist! –
+Justinian vergißt im Purpurmantel, daß er des dardanischen Ziegenhirten
+Sohn. Er hat den Wahnsinn der Könige geerbt, er, selbst ein Abenteurer: er
+faselt von angeborner Majestät, von dem Mysterium königlichen Bluts. Gegen
+solche Grillen hab’ ich keinen Schutz: von allen Weibern der Erde fürchte
+ich nichts: aber diese Königstochter – –«
+
+Sie sprang zürnend auf und ballte die kleine Hand.
+
+»Hüte dich, Justinian!« sagte sie durchs Gemach schreitend. »Theodora hat
+mit diesem Auge, mit dieser Hand Löwen und Tiger bezaubert und beherrscht:
+laß sehen, ob ich nicht diesen Fuchs im Purpur in Treue erhalten kann.«
+Sie setzte sich wieder.
+
+»Kurz, Amalaswintha stirbt,« sagte sie, plötzlich wieder kalt geworden.
+
+»Wohl,« erwiderte der Rhetor, »aber nicht durch mich. Du hast der
+blutgewohnten Diener genug. Sie sende; ich bin ein Mann der Rede. –«
+
+»Du bist ein Mann des Todes, wenn du nicht gehorchst. Gerade du, mein
+Feind, mußt es thun: keiner meiner Freunde kann es ohne Verdacht.«
+
+»Theodora,« mahnte der Rhetor sich vergessend, »die Tochter des großen
+Theoderich ermorden, eine geborne Königin – –«
+
+»Ha,« lachte Theodora grimmig, »auch dich Armseligen blendet die geborne
+Königin. Narren sind die Männer alle, noch mehr als Schurken! Höre,
+Petros, an dem Tage, da die Todesnachricht aus Ravenna eintrifft, bist du
+Senator und Patricius.«
+
+Wohl blitzte des Alten Auge. Aber Feigheit oder Gewissensangst war doch
+mächtiger als der Ehrgeiz. »Nein,« sagte er entschlossen, »lieber lasse
+ich den Hof und alle Pläne.«
+
+»Das Leben läss’st du, Elender!« rief Theodora zornig. »O, du wähntest, du
+seiest frei und ungefährdet, weil ich damals vor deinen Augen die
+gefälschte Urkunde verbrannt? Du Thor! es war die rechte nicht! Sieh her –
+hier halte ich dein Leben.«
+
+Und sie riß aus einer Capsula voller Dokumente ein vergilbtes Pergament.
+Sie zeigte es dem Erschrocknen, der jetzt willenlos in die Kniee brach.
+
+»Befiehl,« stammelte er, »ich gehorche.«
+
+Da pochte man an die Hauptthüre.
+
+»Hinweg,« rief die Kaiserin. »Hebe meinen Brief an die Gotenfürstin vom
+Boden auf und bedenk es wohl: Patricius, wenn sie stirbt, Folter und Tod,
+wenn sie lebt. Fort.«
+
+Und Galatea schob den Betäubten durch den geheimen Eingang hinaus, drehte
+den bronzenen Justinian wieder an seine Stelle und ging, die Hauptthür
+aufzuthun.
+
+
+
+
+ Neunzehntes Kapitel.
+
+
+Herein trat eine stattliche Frau, größer und von gröberen Formen als die
+kleine, zierliche Kaiserin, nicht so verführerisch schön, aber jünger und
+blühender, mit frischen Farben und ungekünstelter Art.
+
+»Gegrüßt, Antonina, geliebtes Schwesterherz! komm an meine Brust!« rief
+die Kaiserin der tief sich Verbeugenden entgegen.
+
+Die Gattin Belisars gehorchte schweigend.
+
+»Wie diese Augengruben hohl werden!« dachte sie, sich wieder aufrichtend.
+
+»Was das Soldatenweib für grobe Knöchel hat!« sagte die Kaiserin zu sich
+selbst, da sie die Freundin musterte. –
+
+»Blühend bist du wie Hebe,« rief sie ihr laut zu, »und wie die weiße Seide
+deine frischen Wangen hebt! Hast du etwas neues mitzuteilen von – von
+ihm?« fragte sie und nahm gleichgültig spielend vom Waschtisch ein
+gefürchtetes Werkzeug, eine spitze Lanzette an einem Stäbchen von
+Elfenbein, mit welchem ungeschickte oder auch nur unglückliche Sklavinnen
+von der zürnenden Herrin oft zolltief in Schultern und Arme gestochen
+wurden.
+
+»Heute nicht,« flüsterte Antonina errötend, »ich hab’ ihn gestern nicht
+gesehn.«
+
+»Das glaub’ ich,« lächelte Theodora in sich hinein. »O wie schmerzlich
+werd’ ich dich bald vermissen,« sagte sie, Antoninens vollen Arm
+streichelnd. »Schon in der nächsten Woche vielleicht wird Belisarius in
+See stechen und du, treuste aller Gattinnen, ihn begleiten. Wer von euren
+Freunden wird euch folgen?«
+
+»Prokopius,« sagte Antonina, »und« – setzte sie, die Augen
+niederschlagend, hinzu – »die beiden Söhne des Boëthius.«
+
+»Ah so,« lächelte die Kaiserin, »ich verstehe. In der Freiheit des
+Lagerlebens hoffst du dich des schönen Jünglings ungestörter zu erfreuen
+und indessen Held Belisarius Schlachten schlägt und Städte gewinnt –«
+
+»Du errätst es. Aber ich habe dabei eine Bitte an dich. Dir freilich ward
+es gut. Alexandros, dein schöner Freund ist zurück: er bleibt in deiner
+Nähe und er ist sein eigner Herr, ein reifer Mann. Aber Anicius, du weißt
+es, der Jüngling, steht unter seines altern Bruders Severinus strenger
+Hut. Nie würde dieser, der nur Rache an den Barbaren sinnt und
+Freiheitsschlachten, diese zarte – Freundschaft dulden. Er würde unsern
+Verkehr tausendfach stören. Deshalb thu’ mir eine Liebe: Severinus darf
+uns nicht folgen. Wenn wir an Bord sind mit Anicius, halte den ältern
+Bruder in Byzanz zurück mit List oder Gewalt – du kannst es ja leicht – du
+bist die Kaiserin.«
+
+»Nicht übel,« lächelte Theodora. »Welche Kriegslisten! Man sieht, du
+lernst von Belisarius.«
+
+Da erglühte Antonina über und über.
+
+»O nenne seinen Namen nicht. Und höhne nicht! Du weißt am besten, von wem
+ich gelernt, zu thun, worüber man erröten muß.«
+
+Theodora schoß einen funkelnden Blick auf die Freundin.
+
+»Der Himmel weiß,« fuhr diese fort, ohne es zu beachten, »Belisar selbst
+war nicht treuer als ich, bis ich an diesen Hof kam. Du warst es,
+Kaiserin, die mich gelehrt, daß diese selbstischen Männer, von Krieg und
+Staat und Ehrgeiz erfüllt, uns, wenn sie einmal unsre Eheherrn,
+vernachlässigen, uns nicht mehr würdigen, wann sie uns besitzen. Du hast
+mich gelehrt, wie es keine Sünde, kein Unrecht sei, die unschuldige
+Huldigung, die schmeichelnde Verehrung, die der tyrannische Gemahl
+versagt, von einem noch hoffenden und deshalb noch dienenden Freunde
+hinzunehmen. Gott ist mein Zeuge, nichts andres als diesen süßen Weihrauch
+der Huldigung, den Belisar versagt und den mein eitles, schwaches Herz
+nicht missen kann, will ich von Anicius.«
+
+»Zum Glück für mich wird das sehr bald langweilig für ihn,« sagte Theodora
+zu sich selbst.
+
+»Und doch – schon dies ist ein Verbrechen, fürcht’ ich, an Belisar. O wie
+ist er groß und edel und herrlich. Wenn er nur nicht allzugroß wäre für
+dies kleine Herz.« – Und sie bedeckte das Antlitz mit den Händen.
+
+»Die Erbärmliche,« dachte die Kaiserin, »sie ist zu schwach zum Genuß wie
+zur Tugend.«
+
+Da trat Agave, die hübsche junge Thessalierin, ins Gemach mit einem großen
+Strauß herrlicher Rosen.
+
+»Von ihm,« flüsterte sie der Herrin zu. – »Von wem?« fragte diese. Aber
+jetzt sah Antonina auf und Agave winkte warnend mit den Augen.
+
+Die Kaiserin reichte Antoninen den Strauß, sie zu beschäftigen, »bitte,
+stell’ ihn dort in die Marmorvase.«
+
+Während die Gattin Belisars den Rücken wendend gehorchte, flüsterte Agave:
+»Nun, von ihm, den du gestern den ganzen Tag hier versteckt gehalten: –
+von dem schönen Anicius –« setzte das holde Kind errötend bei.
+
+Aber kaum hatte sie das unvorsichtige Wort gesagt, als sie laut schreiend
+nach ihrem linken Arme griff. Die Kaiserin schlug sie mit der noch
+blutigen Lanzette ins Gesicht. »Ich will dich lehren, Augen haben, ob
+Männer schön sind oder häßlich,« flüsterte sie grimmig. »Du läßt dich in
+die Spinnstube sperren auf vier Wochen – sogleich – und zeigst dich nie
+mehr in meinen Vorzimmern. Fort!«
+
+Weinend ging das Mädchen, ihr Haupt verhüllend.
+
+»Was hat sie gethan?« fragte Antonina sich wendend.
+
+»Das Riechfläschchen fallen lassen,« sagte Galatea rasch, ein solches von
+dem Teppich aufhebend. – »Herrin, dein Haar ist fertig.«
+
+»So laß die Ankleiderinnen ein und wer sonst im Vorsaal. – Willst du
+einstweilen in diesen Versen blättern, Antonina? Es sind die neuesten
+Gedichte des Arator, »über die Thaten der Apostel«, gar erbaulich zu
+lesen! Zumal hier, die Steinigung des heiligen Stephanos! Aber lies und
+sprich sein Urteil.«
+
+Galatea öffnete weit die Thüre des Haupteingangs: ein ganzer Schwarm von
+Sklavinnen und Freigelassenen wogte herein. Die einen besorgten das
+Hinausräumen der gebrauchten Toilettegeräte, andre räucherten mit
+Kohlenpfännchen und sprengten aus schmalhalsigen Fläschchen Balsam durch
+das Gemach. Die meisten aber waren um die Person der Kaiserin beschäftigt,
+die jetzt ihren Anzug vollendete. Galatea nahm ihr den Rosaüberwurf ab.
+»Berenike,« rief sie, »die milesische Tunika mit dem Purpurstreif und der
+goldnen Falbel: es ist Sonntag heute.«
+
+Während die erfahrene Alte, die allein das Haar der Kaiserin berühren
+durfte, die kostbare Goldnadel, mit der Venusgemme im Knopf, künstlich in
+die Knoten des Hinterhauptes schob, fragte die Kaiserin: »Was giebt es
+neues in der Stadt, Delphine?«
+
+»Du hast gesiegt, o Herrin!« antwortete die Gefragte, mit den Goldsandalen
+niederknieend. »Deine Farbe, die Blauen, haben gestern im Cirkus gesiegt
+über die Grünen zu Roß und Wagen.«
+
+»Triumph!« frohlockte Theodora, »eine Wette von zwei Centenaren Gold, – es
+ist mein. – Nachrichten? woher? aus Italien?« rief sie einer eben mit
+Briefen eintretenden Dienerin entgegen.
+
+»Jawohl, Herrin, aus Florentia von der Gotenfürstin Gothelindis: ich kenne
+das Gorgonensiegel: und von Silverius, dem Diakon.«
+
+»Gieb,« sagte Theodora, »ich nehme sie mit in die Kirche. Den Spiegel,
+Elpis.« – Eine junge Sklavin trat vor mit einer ovalen drei Fuß langen
+Platte von glänzend polirtem Silber in einem reich mit Perlen besetzten
+Goldrahmen und getragen von einem starken Fuß von Elfenbein. Die arme
+Elpis hatte harten Dienst. Sie mußte während der Vollendung des Ankleidens
+die schwere Platte bei jeder Bewegung der unruhigen Herrin sofort dermaßen
+drehen, daß diese sich ununterbrochen darin beschauen konnte und weh’ ihr,
+wenn sie einer Wendung zu spät nachfolgte.
+
+»Was giebt es zu kaufen, Zephyris?« fragte die Kaiserin eine dunkelfarbige
+libysche Freigelassene, die ihr eben die zahme Hausschlange, die in einem
+Körbchen auf weichem Moose ruhte, zur Morgenliebkosung reichte.
+
+»Ach, nicht viel Besondres,« sagte die Libyerin, – »komm, Glauke,« fuhr
+sie fort, indem sie die blendend weiße golddurchwirkte Chlamys aus der
+Kleiderpresse nahm und sorgfältig auf den Armen ausgebreitet hielt, bis
+die Gerufene ihr sie abnahm, mit Einem Wurf der Kaiserin in den schönsten
+Falten über die Schulter schlug, mit dem weißen Gürtel zusammenfaßte und
+das eine Ende mit einer Goldspange, die einst die Taube der Venus, jetzt
+aber im Gegenteil den heiligen Geist darstellte, über der weißen Achsel
+befestigte. Glauke, die Tochter eines athenischen Bildhauers, hatte
+jahrelang den Faltenwurf studirt, war deshalb von der Kaiserin um viele
+tausend Solidi angekauft worden und hatte den ganzen Tag über nur dies
+einzige Geschäft.
+
+»Duftige Seifenkugeln aus Spanien,« berichtete Zephyris, »sind wieder
+frisch angekommen. Ein neues milesisches Märchen ist erschienen und der
+alte Ägypter ist wieder da,« setzte sie leiser hinzu, »mit seinem
+Nilwasser. Er sagt, es helfe unfehlbar. Die Perserkönigin, die acht Jahre
+kinderlos – –«
+
+Seufzend wandte sich Theodora ab, ein Schatte flog über das glatte
+Gesicht. »Schick’ ihn fort,« sagte sie, »diese Hoffnung ist vorüber.« –
+
+Und es war einen Augenblick, als wollte sie in trübes Sinnen versinken.
+
+Aber sich aufraffend trat sie, Galateen winkend, zu ihrem Lager zurück,
+nahm den zerdrückten Eppichkranz, der auf ihrem Kopfkissen lag und gab ihn
+der Alten mit den geflüsterten Worten: »für Anicius, schick’ es ihm zu. –
+Den Schmuck, Erigone!« Diese, von zwei andern Sklavinnen unterstützt, trug
+mühsam die schwere Kiste von Erz herbei, deren Deckel, in getriebnen
+Figuren die Werkstätte des Vulcanus darstellend, mit dem Siegel der
+Kaiserin an die Lade befestigt war. Erigone zeigte, daß das Siegel
+unverletzt und schlug den Deckel auf: neugierig stellte sich da manches
+Mädchen auf die Fußspitzen, einen Blick von den schimmernden Schätzen zu
+erhaschen. »Willst du noch die Sommerringe, Herrin?« fragte Erigone. –
+»Nein,« sprach Theodora wählend, »die Zeit dafür ist um. Gieb mir die
+schwereren, die Smaragden.« Erigone reichte ihr Ohrringe, Fingerring und
+Armband.
+
+»Wie schön,« sagte Antonina, von ihren frommen Versen aufsehend, »steht
+das Weiß der Perle zu dem Grün des Steins!«
+
+»Es ist ein Schatzstück der Kleopatra,« sagte die Kaiserin gleichgültig,
+»der Jude hat den Stammbaum der Perle eidlich erhärtet.«
+
+»Aber du zögerst lange,« erinnerte Antonina, »Justinians Goldsänfte harrte
+schon als ich herauf kam.«
+
+»Ja, Herrin,« rief eine junge Sklavin ängstlich, »der Sklave vor der
+Sonnenuhr sagte schon die vierte Stunde an. Eile, Herrin.«
+
+Ein Stich mit der Lanzette war die Antwort. »Willst du die Kaiserin
+mahnen?« Aber Antoninen flüsterte sie zu: »Man muß die Männer nicht
+verwöhnen: sie müssen immer auf uns warten, wir nie auf sie.
+
+Meinen Straußenfächer, Thais. Geh, Jone, die kappadokischen Sklaven sollen
+an meine Sänfte treten.«
+
+Und sie wandte sich zum Gehen. »O Theodora,« rief Antonina rasch, »vergiß
+meine Bitte nicht.«
+
+»Nein,« sagte diese, plötzlich stehen bleibend, »gewiß nicht! Und damit du
+ganz sicher gehst,« lächelte sie, »leg’ ich’s in deine eigne Hand. Meine
+Wachstafel und den Stift.« Galatea brachte sie eilig. Theodora schrieb und
+flüsterte der Freundin zu: »Der Präfekt des Hafens ist einer meiner alten
+Freunde. Er gehorcht mir blind. Lies, was ich schreibe: »An Aristarchos
+den Präfekten Theodora die Kaiserin.
+
+Wenn Severinus, des Boëthius Sohn, das Schiff des Belisarius besteigen
+will, halt’ ihn, nötigenfalls mit Gewalt, zurück und sende ihn hierher in
+meine Gemächer: er ist zu meinem Kämmerer ernannt. Ist’s recht so, liebe
+Schwester?« flüsterte sie.
+
+»Tausend Dank,« sagte diese mit leuchtenden Augen.
+
+»Aber wie,« rief die Kaiserin laut, plötzlich an ihren Hals fassend, »und
+die Hauptsache hätten wir vergessen? Mein Amulet, den Mercurius! Bitte,
+Antonina, dort liegt es.« Hastig wandte sich diese, den kleinen goldnen
+Merkur, den besten Geleitsmann, der an seidner Schnur an dem Bette der
+Kaiserin hing, zu holen. Inzwischen aber strich Theodora schnell das Wort
+»Severinus« mit dem Goldgriffel aus, und schrieb dafür »Anicius«. Sie
+klappte das Täfelchen zusammen, umschnürte und siegelte es mit ihrem
+Venusring.
+
+»Hier das Amulet,« sagte Antonina zurückkommend.
+
+»Und hier der Befehl!« lächelte die Kaiserin. »Du magst ihn selbst im
+Augenblick der Abfahrt an Aristarchos übergeben. Und jetzt,« rief sie,
+»jetzt auf: in die Kirche.«
+
+
+
+
+ Zwanzigstes Kapitel.
+
+
+In Neapolis, derjenigen Stadt Italiens, über welcher die zu Byzanz
+aufsteigenden Wetterwolken sich zuerst entladen sollten, ahnte man nichts
+von einer drohenden Gefahr. Da wandelten damals Tag für Tag an den
+reizenden Hängen, welche nach dem Posilipp führen, oder an den Uferhöhen
+im Südosten der Stadt, in vertrautem Gespräch, alle Wonnen jugendlich
+begeisterter Freundschaft genießend, zwei herrliche Jünglinge, der eine in
+braunen, der andre in goldnen Locken: die Dioskuren, Julius und Totila.
+
+O schöne Zeit, da es die reine Seele, umweht von der frischen Morgenluft
+des Lebens, noch unenttäuscht und unermüdet, trunken von der Fülle stolzer
+Träume, drängt, hinüberzufluten in ein gleich junges, gleich reiches,
+gleich überschwängliches Gemüt. Da stärkt sich der Vorsatz zu allem
+Edelsten, der Aufschwung zu dem Höchsten, der Flug bis in die lichte Nähe
+des Göttlichen wird in der Mitteilung gewagt, in der seligen Gewißheit,
+verstanden zu sein.
+
+Wenn der Blütenkranz in unsren Locken gewelkt ist und die Ernte unsres
+Lebens beginnt, mögen wir lächeln über jene Träume der Jünglingszeit und
+Jünglingsfreundschaft; aber es ist kein Lächeln des Spottes; es ist ein
+Ausdruck von jener Wehmut, mit der wir in nüchterner Herbstluft der süßen,
+berauschenden Lüfte des ersten Frühlings gedenken. –
+
+Der junge Gote und der junge Römer hatten sich gefunden in der
+glücklichsten Zeit für einen solchen Bund und sie ergänzten sich
+wunderbar. Totilas sonnige Seele hatte den vollen Schmelz der Jugend
+bewahrt: lachend sah er in die lachende Welt: er liebte den Menschen und
+der Glanz seines wohlwollenden Wesens gewann ihm leicht und rasch alle
+Herzen. Er glaubte nur an das Gute und des Guten Sieg: traf er das Böse,
+das Gemeine auf seinem Pfad, so trat er es mit dem heilig lodernden Zorn
+eines Erzengels in den Staub: durch seine sanfte Natur brach dann, den
+Helden verratend, die gewaltige Kraft, die in ihr ruhte und nicht eher
+ließ er ab, bis das verhaßte Element aus seinem Lebenskreise getilgt war.
+Aber im nächsten Augenblick war dann die Störung wie überwunden so
+vergessen und harmonisch wie seine Seele fühlte er ringsum Welt und Leben.
+Stolz und froh empfand er die Vollkraft seiner Jugend und jauchzend
+drückte er das goldne Dasein an die Brust. Singend schritt er durch die
+wimmelnden Straßen von Neapolis, der Abgott der Mädchen, der Stolz seiner
+gotischen Waffenfreunde, wie ein Gott der Freude, beglückend und beglückt.
+
+Der helle Zauber seines Wesens teilte sich selbst der stilleren Seele
+seines Freundes mit. Julius Montanus, zart und sinnig angelegt, eine fast
+weibliche Natur, früh verwaist und von Cethegus’ hochüberlegnem Geist
+eingeschüchtert, in Einsamkeit und unter Büchern aufgewachsen, von der
+trostlosen Wissenschaft jener Zeit mehr belastet als gehoben, sah das
+Leben ernst, fast wehmütig an. Ein Zug zur Entsagung und die Neigung,
+alles Bestehende an dem strengen Maß übermenschlicher Vollendung zu
+messen, lag in ihm und mochte sich leicht bis zur Schwermut verdüstern.
+Zur glücklichen Stunde fiel Totilas sonnige Freundschaft in seine Seele
+und erhellte sie bis in ihre tiefsten Falten so mächtig, daß seine edle
+Natur auch von einem schweren Schlage sich wieder elastisch aufrichten
+konnte, den eben diese Freundschaft auf sein Haupt ziehen sollte.
+
+Hören wir ihn selbst darüber an den Präfekten berichten:
+
+»Cethegus dem Präfekten Julius Montanus.
+
+Die kaltherzige Antwort, die du auf den warmgefühlten Bericht von meinem
+neuen Freundschafts-Glück erteiltest, hat mir zuerst – gewiß gegen deine
+Absicht – sehr wehe gethan, später aber das Glück eben dieser Freundschaft
+erhöht, freilich in einer Weise, welche du weder ahnen noch wünschen
+konntest.
+
+Der Schmerz durch dich hat sich bald in Schmerz um dich verwandelt. Wollte
+es mich anfangs kränken, daß du meine tiefste Empfindung als die
+Schwärmerei eines kranken Knaben behandeltest und die Heiligtümer meiner
+Seele mit bittrem Spott antasten wolltest – nur wolltest, denn sie sind
+unantastbar, – so ergriff mich doch statt dessen bald das Gefühl des
+Mitleids mit dir. Wehe, daß ein Mann wie du, so überreich an Kräften des
+Geistes, darbest an den Gütern des Herzens. Wehe, daß du die Wonne der
+Hingebung nicht kennst und jene opferfreudige Liebe, die ein von dir mehr
+verspotteter als verstandner Glaube, den mir jeder Tag des Schmerzes näher
+bringt, die _caritas_, die Nächstenliebe, nennt: Wehe dir, daß du das
+Herrlichste nicht kennst! Vergieb die Freiheit dieser meiner Rede: ich
+weiß, ich habe noch nie in solchen Worten zu dir gesprochen: aber erst
+seit kurzem bin ich, der ich bin. Vielleicht nicht ganz mit Unrecht hat
+noch dein letzter Brief Spuren von Knabenhaftigkeit an mir gegeißelt. Ich
+glaube, sie sind seitdem verschwunden und ein Verwandelter sprech’ ich zu
+dir. Dein Brief, dein Rat, deine »Arzenei« hat mich allerdings zum Manne
+gereift, aber nicht in deinem Sinn und nicht nach deinem Wunsch. Schmerz,
+heiligen, läuternden Schmerz hat er mir gebracht, er hat diese
+Freundschaft, die er verdrängen sollte, auf eine harte Probe gestellt,
+aber, der Güte Gottes sei’s gedankt, er hat sie im Feuer nicht zerstört,
+sondern gehärtet für immer.
+
+Höre und staune, was der Himmel aus deinen Plänen geschaffen hat.
+
+Wie wehe mir dein Brief gethan, – in alter Gewohnheit des Gehorsams
+befolgte ich alsbald seinen Auftrag und suchte deinen Gastfreund auf, den
+Purpurhändler Valerius Procillus. Er hatte bereits die Stadt verlassen und
+seine reizende Villa bezogen. Ich fand an ihm einen vielerfahrnen Mann und
+einen eifrigen Freund der Freiheit und des Vaterlandes: in seiner Tochter
+Valeria aber ein Kleinod.
+
+Du hattest recht prophezeit. Meine Absicht, mich gegen sie zu
+verschließen, zerschmolz bei ihrem Anblick wie Nebel vor der Sonne: mir
+war Elektra oder Kassandra, Clölia oder Virginia stehe vor mir. Aber mehr
+noch als ihre hohe Schönheit bezauberte mich der Schwung ihrer
+unsterblichen Seele, die sich alsbald vor mir aufthat. Ihr Vater behielt
+mich sogleich als seinen Gast im Hause und ich verlebte unter seinem Dach
+mit ihr die schönsten Tage meines Lebens. Die Poesie der Alten ist der
+Äther ihrer Seele.
+
+Wie rauschten die Chöre des Äschylos, wie rührend tönte Antigones Klage in
+ihrer melodischen Stimme; stundenlang lasen wir in Wechselrede und
+herrlich war sie zu schauen, wann sie sich erhob im Schwunge der
+Begeisterung, wann ihr dunkles Haar, in freie Wellen gelöst, niederfloß
+und aus ihrem großen runden Auge ein Feuer blitzte nicht von dieser Welt.
+
+Und, – was ihr vielleicht noch tiefen Schmerz bereiten wird, – eine
+Spaltung, die durch all’ ihr Leben geht, giebt ihr den höchsten Reiz. Du
+ahnst wohl, was ich meine, da du seit Jahren das Schicksal ihres Hauses
+kennst. Du weißt wohl genauer als ich, wie es kam, daß Valeria schon bei
+ihrer Geburt von ihrer frommen Mutter einem ehelosen, einsamen Leben in
+Werken der Andacht geweiht, dann aber von ihrem reichen und mehr römisch
+als christlich gesinnten Vater um den Preis einer Kirche und eines
+Klosters, die er baute, losgekauft worden ist. Aber Valeria glaubt, daß
+der Himmel nicht totes Gold nehme für eine lebendige Seele: sie fühlt sich
+der Bande jenes Gelübdes nicht ledig, deren sie ewig, aber nur in Furcht,
+nicht in Liebe, gedenkt.
+
+Denn du hattest recht als du schriebst: sie sei durch und durch ein Kind
+der alten, der heidnischen Welt. Das ist sie, die echte Tochter ihres
+Vaters: aber doch kann sie der frommen Mutter entsagend Christentum nicht
+abthun: es lebt nicht in ihr als ein Segen, es lastet auf ihr als ein
+Fluch, als der unentrinnbare Zwang jenes Gelübdes. Diesen wundersamen
+Zwiespalt, diesen verhängnisvollen Widerstreit trägt die edle Jungfrau im
+Gemüt: er quält sie, aber er veredelt sie zugleich.
+
+Wer weiß, wie er sich lösen wird? der Himmel allein, der ihr Schicksal
+lenkt. Mich aber zieht dieser innere Kampf mit ernsten Schauern an: du
+weißt ja, daß in mir selbst der Christenglaube und die Philosophie in
+ungeklärter Mischung durcheinander wogen. Zu meinem Staunen hat in diesen
+Tagen des Schmerzes der Glaube zugenommen und fast will mich bedünken, die
+Freude führe zu der heidnischen Weisheit, zu Christus aber der Schmerz und
+das Unglück.
+
+Aber höre wie der Schmerz über mich gekommen.
+
+Anfangs, als ich diese Liebe in mir keimen sah, war ich froher Hoffnung
+voll. Valerius, vielleicht schon früher von dir für mich gewonnen, sah
+meine wachsende Neigung offenbar nicht ungern: vielleicht hatte er nur das
+an mir auszusetzen, daß ich seinen Traum von der Wiederaufrichtung der
+römischen Republik nicht eifrig genug teilte und nicht seinen Haß gegen
+die Byzantiner, in denen er die Todfeinde seines Hauses wie Italiens
+sieht. Auch Valeria war mir bald freundschaftlich geneigt und wer weiß ob
+nicht damals die Verehrung gegen den Willen ihres Vaters und diese
+Freundschaft genügt hätten, sie in meine Arme zu führen. Aber ich danke, –
+soll ich sagen Gott oder dem Schicksal? – daß es nicht so kam: Valeria
+einer halb gleichgültigen Ehe opfern wäre ein Frevel gewesen. Ich weiß
+nicht, welches seltsame Gefühl mich abhielt das Wort zu sprechen, das sie
+in jenen Tagen gewiß zu der Meinen gemacht hätte. Ich liebte sie doch so
+tief: – aber so oft ich mir ein Herz fassen und bei ihrem Vater um sie
+werben wollte, immer beschlich mich ein Gefühl, als thu’ ich Unrecht an
+dem Gut eines andern, als sei ich ihrer nicht würdig oder doch nicht die
+ihr vom Schicksal zugedachte Hälfte ihrer Seele und ich schwieg und
+bezähmte das pochende Herz.
+
+Einstmals um die sechste Stunde, – schwül brannte die Sonne rings auf Land
+und Meer – suchte ich Schatten in der kühlen Marmorgrotte des Gartens. Ich
+trat ein durch das Oleandergebüsch: da lag sie schlafend auf der weichen
+Rasenbank, die eine Hand auf dem leise wogenden Busen, der linke Arm unter
+dem edeln Haupt, das noch vom Frühmahl her der schöne Asphodeloskranz
+schmückte. Ich stand bebend vor ihr: so schön war sie noch nie gewesen,
+ich beugte mich über sie und staunte die edeln, wie in Marmor gebildeten
+Züge an: heiß schlug mein Herz, ich beugte mich über sie, diese roten
+feingeschnittenen Lippen zu küssen.
+
+Da fiel mir’s plötzlich centnerschwer aufs Herz: es ist ein Raub, was du
+begehen willst. Totila! rief unwillkürlich meine ganze Seele und still,
+wie ich gekommen, schlich ich fort.
+
+Totila! Was war er mir nicht früher eingefallen?
+
+Ich machte mir Vorwürfe, den Bruder meines Herzens über dem neuen Glück
+fast vergessen zu haben.
+
+Deine Prophezeiung, Cethegus, dachte ich, soll sich nicht erfüllen: diese
+Liebe soll mich dem Freunde nicht entfremden. Er soll Valeria sehen,
+gleich mir bewundern, meine Wahl lobpreisen und dann, dann will ich werben
+und Totila soll glücklich sein mit uns.
+
+Andern Tages ging ich nach Neapolis zurück, ihn zu holen. Ich pries ihm
+den Schimmer des Mädchens, aber ich vermochte es nicht über mich, ihm von
+meiner Liebe zu sprechen. Er sollte sie sehen und alles erraten. Wir
+fanden sie bei unserer Ankunft nicht in den Zimmern der Villa. So führte
+ich Totila in den Garten – Valeria ist die eifrigste Pflegerin der Blumen
+– wir bogen, Totila voran, aus einem dichten Taxusgang: da schimmerte uns
+ihre Erscheinung plötzlich entgegen: sie stand vor einer Statue ihres
+Vaters und kränzte sie mit frischgepflückten Rosen, die sie, hoch
+aufgehäuft in der Busenfalte der Tunika, mit der Linken auf der Brust
+zusammenhielt.
+
+Es war ein überraschend schönes Bild: die herrliche Jungfrau, in dem Grün
+des Taxus gleichsam eingerahmt, vor dem weißen Marmor, die Rechte
+anmutvoll erhebend: und mächtig wirkte die Erscheinung auf Totila: mit
+einem lauten Ruf des Staunens blieb er sprachlos, ihr gerade gegenüber,
+stehen.
+
+Sie sah auf und zuckte erschrocken, wie blitzgetroffen, zusammen: die
+Rosen fielen in dichten Flocken aus ihrem Gewand: sie sah es nicht: ihre
+Augen hatten sich getroffen, ihre Wangen erglühten: – ich sah mit
+Blitzesschnelle ihr Geschick und mein Geschick entschieden.
+
+Sie liebten sich beim ersten Anblick.
+
+Schmerzlich, wie ein brennender Pfeil, durchdrang die Gewißheit meine
+Seele. Aber doch nur einen Augenblick herrschte der Schmerz ungemischt in
+meiner Brust. Sofort, wie ich die beiden betrachtete, die herrlichen
+Gestalten, empfand ich neidlose Freude, daß sie sich gefunden: denn es
+war, wie wenn die Macht, die der Sterblichen Leiber bildet und Seelen, sie
+aus Einem Stoff für einander geschaffen: wie Morgensonne und Morgenröte
+schimmerten sie ineinander und jetzt erkannte ich auch das dunkle Gefühl,
+das mich wie ein Vorwurf von Valeria fern gehalten, das mir _seinen_ Namen
+auf die Lippen geführt hatte: sein sollte Valeria werden nach Gottes
+Ratschluß oder dem Gang der Sterne und ich sollte nicht zwischen sie
+treten.
+
+Erlaß mir, das Weitere zu berichten. Denn so selbstisch ist mein Sinn
+geartet, sowenig Macht hat noch die heilige Lehre des Entsagens über mich
+gewonnen, daß – ich schäme mich, das zu gestehen – daß mein Herz auch
+jetzt noch manchmal schmerzlich zuckt, statt freudig zu schlagen für das
+Glück der Freunde.
+
+Rasch und unscheinbar, wie zwei Flammen ineinander lodern, schlugen ihre
+Seelen zusammen. Sie lieben sich und sind glücklich wie die seligen
+Götter: mir ist die Freude geblieben, ihr Glück zu schauen und ihnen
+beizustehen, es noch vor dem Vater zu verbergen, der sein Kind wohl
+schwerlich dem »Barbaren« schenken wird, solang er in Totila nur den
+»Barbaren« sieht.
+
+Meine Liebe aber und ihren Opfertod halt’ ich vor dem Freunde tief
+verborgen: er ahnt nicht und soll nie erfahren, was sein glänzend Glück
+nur trüben könnte. Du siehst nun, o Cethegus, wie weit ab von deinem Ziel
+ein Gott deinen Plan gewendet. Mir hast du jenes Kleinod Italiens bringen
+wollen und hast es Totila zugeführt. Meine Freundschaft hast du zerstören
+wollen und hast sie in den Gluten heiliger Entsagung von allem Irdischen
+befreit und unsterblich gemacht. Du hast mich zum Manne machen wollen
+durch der Liebe Glück: – ich bin’s geworden durch der Liebe Schmerz.
+
+Lebe wohl und verehre das Walten des Himmels.«
+
+
+
+
+ Einundzwanzigstes Kapitel.
+
+
+Wir unterlassen es, den Eindruck dieses Schreibens auf den Präfekten
+auszumalen, und begleiten lieber die beiden Dioskuren auf einem ihrer
+Abendspaziergänge an den reizenden Ufergeländen von Neapolis.
+
+Sie wandelten nach der früh beendigten Coena durch die Stadt und zur Porta
+nolana hinaus, die in schon halb verwitterten Reliefs die Siege eines
+römischen Imperators über germanische Stämme verherrlichte.
+
+Totila blieb stehen und bewunderte die schöne Arbeit.
+
+»Wer ist wohl der Kaiser,« fragte er den Freund, »dort auf dem
+Siegeswagen, mit dem geflügelten Blitz in der Hand, wie ein Jupiter
+Tonans?« – »Es ist Marc Aurel,« sagte Julius und wollte weitergehen. – »O
+bleib doch! Und wer sind die vier Gefesselten mit den langwallenden
+Haaren, die den Wagen ziehn?«
+
+»Es sind Germanenkönige.« – »Doch welches Stammes?« fragte Totila weiter –
+»sieh da, eine Inschrift: »_Gothi extincti!_« »Die Goten vernichtet!««
+
+Laut lachend schlug der junge Gote mit flacher Hand auf die Marmorsäule
+und schritt rasch durch das Thor. »Eine Lüge in Marmor!« rief er rückwärts
+blickend. »Das hat der Imperator nicht gedacht, daß einst ein gotischer
+Seegraf in Neapolis seine Prahlereien Lügen straft.« – »Ja, die Völker
+sind wie die wechselnden Blätter am Baume,« sagte Julius nachdenklich;
+»wer wird nach euch in diesen Landen herrschen?« Totila blieb stehen.
+»_Nach uns?_« fragte er erstaunt. – »Nun, du wirst doch nicht glauben, daß
+deine Goten ewig dauern werden unter den Völkern?«
+
+»Das weiß ich doch nicht,« sagte Totila, langsam fortschreitend. – »Mein
+Freund, Babylonier und Perser, Griechen und Makedonen und, wie es scheinen
+will, auch wir Römer hatten ihre zugemessene Zeit: sie blühten, reisten
+und vergingen. Soll’s anders sein mit den Goten?«
+
+»Ich weiß das nicht,« sagte Totila unruhig, »ich habe den Gedanken nie
+gedacht. Es ist mir noch nie eingefallen, daß eine Zeit kommen könnte, da
+mein Volk« – – er hielt inne, als sei es Sünde, den Gedanken auszudenken.
+»Wie kann man sich dergleichen vorstellen! ich denke daran so wenig wie –
+wie an den Tod!«
+
+»Das sieht dir gleich, mein Totila!«
+
+»Und dir sieht es gleich, dich und andre mit solchen Träumereien zu
+quälen.«
+
+»Träumereien! Du vergißt, daß es für mich, für mein Volk schon
+Wirklichkeit geworden. Du vergißt, daß ich ein Römer bin. Und ich kann
+mich nicht darüber täuschen wie die meisten thun: es ist vorbei mit uns.
+Das Scepter ist von uns auf euch übergegangen; glaubst du, es lief so ohne
+Schmerz, ohne Nachsinnen für mich ab, in dir, meinem Herzensfreund, den
+Barbaren, den Feind meines Volkes zu vergessen?«
+
+»Das ist nicht so, beim Glanz der Sonne!« fiel Totila eifrig ein. »Find’
+ich auch in deiner milden Seele den herben Wahn? Blick’ doch nur um dich!
+Wann, sage mir, wann hat Italien herrlicher geblüht als unter unsrem
+Schilde? Kaum in den Tagen des Augustus. Ihr lehrt uns Weisheit und Kunst,
+wir leihen euch Friede und Schutz. Kein schöneres Wechselverhältnis läßt
+sich denken! Die Harmonie zwischen Römern und Germanen kann eine ganz neue
+Zeit erschaffen, schöner als je eine bestanden.«
+
+»Die Harmonie! aber sie ist nicht da. Ihr seid uns ein fremdes Volk,
+geschieden durch Sprache und Glaube, durch Stammes- und Sinnesart und
+durch halbtausendjährigen Haß.
+
+Wir brachen früher eure Freiheit, ihr jetzt die unsre; zwischen uns gähnt
+eine ewige Kluft.« – »Du verwirfst den Lieblingsgedanken meiner Seele.«
+
+»Er ist ein Traum!« – »Nein, er ist Wahrheit, ich fühl’ es und vielleicht
+kömmt noch die Zeit, dir’s zu beweisen. Das Werk meines ganzen Lebens bau’
+ich drauf.« – »So wär’s auf einen edeln Wahn gebaut. Keine Brücke zwischen
+Römern und Barbaren!« – »Dann,« sagte Totila heftig, »begreif’ ich nicht,
+wie du leben kannst, wie du mich –«
+
+»Vollende nicht,« sagte Julius ernst. »Es war nicht leicht: es war die
+schwerste der Entsagungen! Erst nach hartem Widerstreit der Selbstsucht
+ist sie mir gelungen: aber endlich hab’ ich aufgehört, in meinem Volk
+allein zu leben. Der heilge Glaube, der jetzt schon – und er allein
+vermag’s – Römer und Germanen verbindet, der meinen widerstrebenden
+Verstand durch lauter Schmerzen – Schmerzen, die Freuden sind – allmählich
+immer mächtiger umschlingt, er hat mir auch in diesem Zwiespalt Friede
+gebracht. In diesem Einen darf ich mich jetzt schon rühmen, ein Christ zu
+sein: ich lebe der Menschheit, nicht meinem Volk allein, ein Mensch, kein
+bloßer Römer mehr. Darum kann ich dich, den Barbaren, lieben wie einen
+Bruder: sind wir doch Bürger Eines Reichs: der Menschheit.
+
+Darum kann ich es ertragen, zu leben, nachdem ich mein Volk gestorben
+sehe. Ich lebe der Menschheit: sie ist mein Volk!«
+
+»Nein!« rief Totila lebhaft, »das könnt’ ich nimmermehr. In meinem Volk
+allein kann ich und will ich leben: meines Volkes Art ist die Luft, in der
+allein meine Seele atmen kann. Warum soll’n wir nicht dauern können, ewig:
+oder doch solang diese Erde dauert? Was Perser und Griechen! Wir sind von
+besserem Stoff. Weil sie dahin siechten und versanken, müssen darum auch
+wir siechen und versinken? Noch blühn wir in voller Jugendkraft! Nein,
+wenn ein Tag kömmt, da die Goten sinken, – mög’ ihn mein Auge nicht mehr
+sehn. O all’ ihr Götter, laßt uns nur nicht dahinkranken jahrhundertelang
+wie diese Griechen, die nicht leben können und nicht sterben! Nein, muß es
+sein, so sendet ein furchtbar Kampfgewitter und laßt uns rasch und
+herrlich fallen, alle, alle und mich voran!«
+
+Der Jüngling hatte sich in die wärmste Begeisterung gesprochen. Er sprang
+empor von der Marmorbank auf der Straße, darauf sie sich niedergelassen,
+den Lanzenschaft hoch gen Himmel erhebend.
+
+»Mein Freund,« sagte Julius, ihn liebevoll anblickend, »wie schön steht
+dir dieser Eifer! Aber bedenke, ein solcher Kampf würde mit uns, mit
+meinem Volk entbrennen und sollte ich –?«
+
+»Zu deinem Volke sollst du stehn mit Leib und Seele, das ist klar, wenn es
+jemals zu solchem Kampfe kömmt. Du glaubst, das würde unsrer Freundschaft
+Eintrag thun? mit nichten! Zwei Helden können sich knochentiefe Wunden
+hau’n und dabei doch die besten Freunde sein. Ha, mich würd’ es freuen,
+dich in einer Schlachtreihe mir entgegenschreiten sehn mit Schild und
+Speer!«
+
+Julius lächelte. »Meine Freundschaft ist nicht so grimmiger Art, du wilder
+Gote. – Diese Fragen und Zweifel haben mich lange und bitter gequält und
+all’ meine Philosophen zusammen haben mir nicht den Frieden gebracht. Erst
+seit ich’s in Schmerzen erfahren, daß ich dem Gott im Himmel allein zu
+dienen habe und auf Erden der Menschheit und nicht Einem Volk –«
+
+»Gemach, Freund,« rief Totila, »wo ist denn die Menschheit, von der du
+schwärmst? Ich sehe sie nicht. Ich sehe nur Goten, Römer, Byzantiner! Eine
+Menschheit über den wirklichen Völkern, irgendwo in den Lüften, kenn’ ich
+nicht. Ich diene der Menschheit, indem ich meinem Volke lebe. Ich kann gar
+nicht anders! ich kann nicht die Haut abstreifen, darin ich geboren bin.
+Gotisch denk’ ich, in gotischen Worten, nicht in einer allgemeinen Sprache
+der Menschheit; die giebt es nicht. Und wie ich nur gotisch denke, kann
+ich auch nur gotisch fühlen. Ich kann das Fremde anerkennen, o ja. Ich
+bewundre eure Kunst, euer Wissen, zum Teil euren Staat, in welchem alles
+so streng geordnet ist.
+
+Wir können vieles von euch lernen – aber tauschen könnt’ ich und möcht’
+ich mit keinem Volk von Engeln. Ha, meine Goten! Im Grund des Herzens sind
+mir ihre Fehler lieber als eure Tugenden.«
+
+»Wie ganz anders empfinde ich, und bin doch ein Römer!«
+
+»Du bist kein Römer! vergieb, mein Freund, es giebt schon lange keine
+Römer mehr. Sonst wär ich’ nicht der Seegraf von Neapolis! So wie du kann
+nur empfinden, wer eigentlich kein Volk mehr hat. So wie ich muß jeder
+fühlen, der eines lebendigen Volkes ist.«
+
+Julius schwieg eine Weile. »Und wenn dem so ist, – wohl mir! Heil, wenn
+ich die Erde verloren, den Himmel zu gewinnen. Was sind die Völker, was
+ist der Staat, was ist die Erde? Nicht hier unten ist die Heimat meiner
+unsterblichen Seele! Sie sehnt sich nach jenem Reiche, wo alles anders ist
+als hier.«
+
+»Halt ein, mein Julius,« sprach Totila, stehen bleibend, die Lanze auf den
+Boden stoßend. »Hier, auf Erden, hab’ ich festen Grund, hier laß mich
+stehn und leben, hier nach Kräften das Schöne genießen, das Gute schaffen
+nach Kräften. In deinen Himmel kann und will ich dir nicht folgen. Ich
+ehre deine Träume, ich ehre deine heilge Sehnsucht – aber ich teile sie
+nicht. Du weißt,« fügte er lächelnd hinzu, »ich bin ein Heide,
+unverbesserlich, wie meine Valeria – unsere Valeria. Zur rechten Stunde
+denk’ ich ihrer. Deine erdenflücht’gen Träume ließen uns am Ende des
+Liebsten auf Erden vergessen. Sieh, wir sind zur Stadt zurückgekommen, die
+Sonne sinkt so rasch hier im Süden und ich soll noch vor Nacht die
+bestellten Sämereien in den Garten des Valerius bringen. Ein schlechter
+Gärtner,« lächelte er, »der seiner Blume vergäße. Leb wohl – ich biege
+rechts hinab.«
+
+»Grüße mir Valeria. Ich gehe nach Hause, zu lesen.«
+
+»Was liesest du jetzt? Noch Platon?«
+
+»Nein, Augustinus. Lebe wohl!«
+
+
+
+
+ Zweiundzwanzigstes Kapitel.
+
+
+Rasch eilte Totila durch die Straßen der Vorstadt, die belebteren Teile
+der Innenstadt meidend, nach der Porta capuana zu und dem Turm Isaks, des
+jüdischen Pförtners. Der Turm, unmittelbar zur Rechten des Thores, mit
+starken Mauern und massiv gewölbtem Dach erbaut, erhob sich in mehreren
+sich verjüngenden Absätzen. In dem höchsten Stockwerk, dicht an den
+zackigen Zinnen, waren zwei niedre aber breite Gelasse, zur Wohnung des
+Türmers bestimmt.
+
+Dort hausten der alte Jude und Miriam, sein dunkelschönes Kind.
+
+In dem größern Gemach, wo an den Wänden in strenger Ordnung die großen
+schweren Schlüssel zu den Hauptthüren und den Nebenpforten des wichtigen
+Thorgebäudes, dann das krumme Wächterhorn und der breite,
+hellebardengleiche Speer des Pförtners hingen, saß mit gekreuzten Beinen
+auf rohrgeflochtener Matte Isak, der greise Turmwart: eine hohe,
+starkknochige Gestalt mit der Adlernase und den buschigen,
+hochgeschweiften Brauen seiner Rasse.
+
+Er hielt einen langen Stab zwischen den Knien und aufmerksam hörte er den
+Worten eines jungen unansehnlichen Mannes, offenbar auch eines Israeliten,
+zu, in dessen harten, nüchternen Zügen der ganze Rechnerverstand des
+jüdischen Stammes lag.
+
+»Sieh, Vater Isak,« schloß er mit unschöner, klangloser Stimme, »meine
+Rede ist keine eitle Rede und meine Worte kommen nicht aus dem Herzen
+allein, das blind ist, sondern aus dem Kopf, der da ist sehend. Und hier
+hab’ ich mit mir gebracht Brief und Urkund für jedes Wort meines Mundes:
+hier meine Bestallung als Baumeister für alle Wasserleitungen von Italien,
+jährlich fünfzig Goldsoldi und für jedes neue Werk zehn Soldi besonders.
+Eben erst hab’ ich wieder hergestellt die zerfallene Wasserleitung dieser
+Stadt Neapolis; hier in diesem Beutel sind die zehn Goldstücke, richtig
+bezahlt. Du siehst, ich kann ernähren ein Weib; zudem bin ich Rachels,
+deiner Muhme, leiblicher Sohn. So laß mich nicht reden umsonst und gieb
+mir Miriam, dein Kind, daß sie bestelle mein Haus.«
+
+Aber der Alte strich seinen grauen langen Kinnbart und schüttelte langsam
+das Haupt. »Jochem, Sohn Rachels, mein Sohn – ich sage dir, laß ab, laß
+ab.«
+
+»Warum? was kannst du haben gegen mich? Wer mag reden wider Jochem in
+Israel?«
+
+»Niemand. Du bist gerecht und still und fleißig und mehrest deine Habe und
+dein Werk gedeiht vor dem Herrn. Aber hast du gesehn, daß sich die
+Nachtigall paart mit dem Sperling oder die schlanke Gazelle mit dem
+Lasttier? Sie passen nicht zusammen! Und nun sieh dorthin und sage mir
+selbst, ob du passest für Miriam, mein Kind.«
+
+Und er schob mit seinem langen Stock sachte den grünwollenen Vorhang zur
+Seite, der das vordere Gemach abschloß.
+
+Leise silberne Töne waren schon herübergeklungen in das Gespräch der
+Männer: jetzt sah man in den einfachen aber gefälligen Raum. An dem weiten
+Rundbogenfenster, das über die herrliche Neapolis, das blaue Meer und die
+fernen Berge die freieste Aussicht bot, stand ein junges Mädchen, ein
+fremdartig geformtes Saiteninstrument im Arm. Es war eine Erscheinung von
+überraschender Schönheit. Glühend rot fiel das Licht der sinkenden Sonne
+noch in das hochgelegene Gemach und übergoß wie das weiße Faltengewand so
+das edel geschnittene Profil des Mädchens mit purpurnem Schimmer: es
+spielte auf dem glänzend schwarzen Haar, das, halb hinter das feine Ohr
+zurückgestrichen, die edeln Schläfe zeigte. Und wie dieser Sonnenglanz, so
+schien der Glanz der Poesie die ganze Erscheinung zu umstrahlen, jede
+ihrer Bewegungen zu begleiten und jeden träumerischen Blick aus diesen
+dunkelblauen Augen, die, in weiches Sinnen versunken, über die Stadt und
+das Meer hinschweiften. »Dunkelmeeresblau« hatte diese Augen Piso, der
+Dichter, genannt. –
+
+Wie im halben Traum berührten die Finger nur leise, leise die Saiten,
+während von den halbgeöffneten Lippen, geflüstert mehr als gesungen, eine
+alte, melancholische Weise klang:
+
+ »An Wasserflüssen Babylons
+ Saß weinend Judas Stamm: –
+ Wann kömmt der Tag, da Judas Stamm
+ Nicht mehr zu weinen hat?« –
+
+»Nicht mehr zu weinen hat!« wiederholte sie träumend und neigte das Haupt
+auf den Arm, der die Harfe auf der Fensterbrüstung hielt.
+
+»Sieh hin,« sprach der Alte leise, »ist sie nicht lieblich wie die Rose in
+den Gärten von Saron und die Hindin auf den Bergen von Hiram und ist kein
+Fehl an ihrem Leibe?«
+
+Ehe Jochem antworten konnte, scholl dreimal ein leises Klopfen an der
+schmalen Eisenpforte unten. Miriam fuhr auf aus ihrem Sinnen, strich rasch
+mit der Hand über die Augen und eilte die enge Wendeltreppe hinunter.
+
+Jochem trat an das Fenster und sein Gesicht legte sich in grimmige Falten.
+»Ha, der Christ, der gottverfluchte,« knirschte er und ballte die Faust.
+»Schon wieder der blonde Gote mit dem unbändigen Stolz! Vater Isak, ist
+das der Edelhirsch, der dir zu deiner Hindin paßt?« – »Sohn, rede nicht
+Hohnwort wider Isak! Du weißt ja, der Jüngling hat sein Herz gesetzt auf
+ein Römermädchen, seine Seele denkt nicht an die Perle von Juda.«
+
+»Aber vielleicht die Perle von Juda an ihn!«
+
+»Mit Dank und Freuden, wie das Lamm denkt des starken Hirten, der es
+entrissen dem Rachen des Wolfs. Hast du vergessen, wie bei der letzten
+Jagd, welche die verdammten Römer machten auf die Schätze und Goldhaufen
+von Israel, und als sie niederbrannten die heil’ge Synagoge mit unheiligem
+Feuer, wie da eine Rotte dieser bösen Buben mein armes Kind aufjagte auf
+der Straße, wie ein Rudel Wölfe das weiße Lamm, und zerrten ihr den
+Schleier vom Haupt und das Busentuch von den Schultern: – wo war da
+Jochem, meiner Muhme Sohn, der sie begleitete? Entflohen war er vor der
+Gefahr mit hurtigen Füßen und ließ die Taube in den Krallen der Geier!«
+
+»Ich bin ein Mann des Friedens,« sagte Jochem unbehaglich, »meine Hand
+führt nicht das Schwert der Gewalt.«
+
+»Aber Totila führt es, wie einst der Löwe Juda und der Herr ist mit ihm.
+Allein, wie er des Weges kam, sprang er unter die Schar der frechen Räuber
+und schlug den frechsten mit der Schärfe des Schwertes und verscheuchte
+die andern, wie der Turmfalk die Krähen, und hüllte sorglich den Schleier
+über mein bebendes Kind und stützte ihren wankenden Schritt und führte sie
+heim, ungeschädigt, in die Arme ihres alten Vaters. Das lohne ihm Jehovah
+der Herr mit langem Leben und segne alle Schritte seines Pfades.«
+
+»Nun wohl,« sagte Jochem, seine Urkunden einsteckend, »ich gehe, diesmal
+für lange Zeit. Ich reise über das große Wasser zu machen ein groß
+Geschäft.«
+
+»Ein groß Geschäft? Mit wem?«
+
+»Mit Justinianus, dem Kaiser über Morgenland. Es ist eingestürzt ein Stück
+der großen Kirche, die er baut der Weisheit des Herrn in der goldnen Stadt
+des Konstantin. Ich hab’ entworfen Plan und saubern Grundriß, wieder
+aufzubauen das Gebäude.«
+
+Heftig sprang der Alte auf und stieß seinen Stab auf den Boden: »Wie,
+Jochem, Sohn Rachels, dem Römer willst du dienen? Dem Kaiser, dessen
+Vorfahren die heilige Zion verbrannt und in Asche gelegt den Tempel des
+Herrn? Und bauen willst du an einem Haus des Unglaubens, du, der Sohn des
+frommen Manasse? Wehe, wehe über dich!« – »Was rufest du Wehe und weißt
+nicht warum? Riechst du’s dem Goldstück an, ob es kommt aus der Hand des
+Juden oder des Christen? Wiegt es nicht gleich schwer und glänzt es nicht
+gleich lieblich?«
+
+»Sohn Manasses, du kannst nicht Gott dienen und dem Mammon.«
+
+»Aber du selbst, dienst du nicht den Ungläubigen? Seh ich nicht das
+Wächterhorn an der Wand deines Hauses? führst du nicht die Schlüssel für
+diese Goten und thust ihnen auf und zu die Pforten für ihren Ausgang und
+Eingang und hütest die Burg ihrer Stärke?«
+
+»Ja, das thu’ ich,« sagte der Alte stolz, »und wachen will ich für sie
+treulich, Tag und Nacht, wie der Hund für den Herrn, und solang Isak Odem
+hat, der Sohn Ruben, soll kein Feind dieses Volkes schreiten durch dies
+Thor. Denn Dank schulden die Kinder Israel ihnen und ihrem großen König,
+der weise war wie Salomo und wie Gideons war sein Schwert! Dank wie unsre
+Väter dem großen König Cyrus, der sie befreiet hat aus Babylon. Die Römer
+haben gebrochen den Tempel des Herrn und zerstreut sein Volk über das
+Angesicht der Erde. Sie haben uns verspottet und geschlagen und verbrannt
+unsre heiligen Stätten und geplündert unsre Truhen und verunreinigt unsre
+Häuser und gezwungen unsre Weiber überall in ihren Landen und haben
+geschrieben gegen uns manch grausam Gesetz. Da kam dieser große König von
+Mitternacht, dessen Samen Jehova segne, und hat wieder aufgebaut unsre
+Synagogen: und wenn sie die Römer niederrissen, mußten sie alles wieder
+aufrichten mit eigner Hand und eignem Gelde, und er hat beschützt den
+Frieden unsrer Dächer und wer Einen schädigte aus Israel, der mußte es
+büßen, wie wer einen Christen gekränkt. Er hat uns gelassen unsern Gott
+und unsern Glauben und hat beschirmt unsre Schritte auf den Straßen unsres
+Handels und wir feierten das Passah in Frieden und Freude, wie nicht mehr
+seit den Tagen, da der Tempel noch stand auf den Höhen von Zion. Und als
+ein Großer unter den Römern mir mit Gewalt meine Sarah geraubt, mein Weib,
+ließ ihm König Theoderich das stolze Haupt abschlagen noch am selben Tage
+und gab mir wieder mein Weib unversehret. Und das will ich gedenken,
+solange meine Tage dauern und will dienen seinem Volke treu bis zum Tode
+und man soll wieder sagen, weit in allen Landen: treu und dankbar wie ein
+Jude.«
+
+»Mögest du nicht Undank ernten von den Goten für deinen Dank,« sagte
+Jochem, sich zum Gehen rüstend: »mir ist, einmal kömmt die Stunde für
+mich, wieder um Miriam zu werben, zum letztenmal. Vielleicht, Vater Isak,
+bist du dann minder stolz.« Und er schritt durch Miriams Gemach zur Treppe
+hinaus, wo er Totila begegnete. Mit einer häßlichen Verbeugung und einem
+stechenden Blick drückte sich der Kleine an dem schlanken Goten vorbei,
+der beim Eintritt in die Türmerwohnung sich tief bücken mußte. Miriam
+folgte ihm auf dem Fuß.
+
+»Dort hängen deine Gärtnerkleider,« sagte sie, ohne die langen Wimpern
+aufzuschlagen, »und hier am Fenster hab’ ich die Blumen bereit gestellt.
+Sie liebt die weißen Narcissen, sagtest du neulich. Ich habe weiße
+Narcissen besorgt. Sie duften lieblich.« Und die melodische Stimme
+schwieg.
+
+»Du bist ein gutes Mädchen, Miriam,« sagte Totila, den Helm mit den
+silberweißen Schwanenflügeln abhebend und auf den Tisch setzend, »wo ist
+dein Vater?« – »Der Segen des Herrn ruhe auf deinen goldnen Locken,«
+sprach der Alte, in das Gemach tretend. – »Gegrüßt, treuer Isak!« rief
+Totila, warf den langen, glänzend weißen Mantel ab, der ihm von den
+Schultern floß, und hüllte sich in einen braunen Überwurf, den ihm Miriam
+von der Wand reichte. »Ihr guten Leute! Ohne euch und eure verschwiegene
+Treue wüßte ganz Neapolis um mein Geheimnis. Wie kann ich euch danken!« –
+»Dank?« sagte Miriam, schlug die dunkelblauen Augen auf und ließ sie
+leuchtend auf ihm ruhen. »Du hast voraus gedankt für alle Zeit.«
+
+»Nein, Miriam,« sagte der Gote, den braunen breitkrempigen Filzhut tief in
+die Stirne ziehend, »ich mein’ es herzlich gut mit euch. Sage, Vater Isak,
+wer ist der Kleine, den ich schon öfter hier geseh’n und eben wieder
+begegnet? Mir ist, er hat sein Auge auf Miriam geworfen. Sprich offen,
+wenn es bei ihr nur am Gelde fehlt – ich helfe gern.« – »Es fehlt an der
+Liebe, Herr, bei ihr,« sagte Isak ruhig. – »Da kann ich freilich nicht
+helfen! Aber wenn sonst ihr Herz gewählt – ich möchte gern etwas thun für
+meine Miriam.« Und er legte freundlich die Hand auf das glänzende schwarze
+Haar des Mädchens. Nur leise war die Berührung. Aber wie vom heißen Blitz
+getroffen fiel Miriam plötzlich auf die Knie: die Arme über dem Busen
+kreuzend, und das schöne Haupt tief nach vorn beugend: wie eine tauschwere
+Blume glitt sie zu den Füßen Totilas nieder.
+
+Dieser trat bestürzt einen Schritt zurück.
+
+Aber im Augenblick war das Mädchen wieder auf: »Verzeih, es war nur eine
+Rose – sie fiel vor deinen Fuß.«
+
+Sie legte die Blume auf den Tisch und so gefaßt war sie, daß weder ihr
+Vater noch der Jüngling des Vorfalls weiter achteten.
+
+»Es dunkelt schon, eile, Herr,« sprach sie ruhig und reichte ihm den Korb
+mit den Blumen. – »Ich gehe. Auch Valeria schuldet dir reichen Dank: ich
+habe ihr viel von dir erzählt und sie frägt mich stets nach dir. Sie
+möchte dich lang schon sehen. Nun, vielleicht geht das bald – heut’ ist’s
+wohl das letztemal, daß ich diese Vermummung brauche.«
+
+»Willst du sie entführen, die Tochter von Edom?« rief der Alte. »Bring sie
+nur hierher! hier ist sie wohl geborgen.«
+
+»Nein,« fiel Miriam ein, »nicht hierher, nein, nein!«
+
+»Weshalb nicht, du seltsames Kind?« zürnte der Alte.
+
+»Das ist kein Raum für seine Braut – dies Gemach – es brächte ihr kein
+Heil.« – »Beruhigt euch,« sagte Totila, schon an der Thüre, »offne Werbung
+soll der Heimlichkeit ein Ende machen. Lebt wohl.« Und er schritt hinaus.
+Isak nahm den Speer, das Horn und einige Schlüssel von der Wand; er
+folgte, ihm zu öffnen und die Abendrunde längs allen Pforten des großen
+Thorbaues zu machen.
+
+Miriam blieb oben allein.
+
+Lange Zeit stand sie unbeweglich mit geschlossenen Augen an derselben
+Stelle. Endlich strich sie mit beiden Händen über Schläfe und Wangen und
+schlug die Augen auf. Still war’s im Gemach; durch das offene Fenster
+glitt der erste Strahl des Mondlichts. Er fiel silbern auf Totilas hellen
+Mantel, der in langen Falten über dem Stuhl hing. Rasch flog Miriam auf
+den weißen Schimmer zu und bedeckte den Saum des Mantels mit heißen
+Küssen. Dann ergriff sie den blinkenden Schwanenhelm, der neben ihr auf
+dem Tische stand, sie umfaßte ihn mit beiden Armen und drückte ihn
+zärtlich an die Brust. Dann hielt sie ihn eine Weile träumend vor sich
+hin: endlich – sie konnte nicht widerstehen – hob sie ihn rasch auf und
+setzte ihn auf das schöne Haupt: sie zuckte als die Wölbung ihre Stirn
+berührte, dann strich sie die schwarzen Flechten aus den Schläfen und
+drückte einen Augenblick den harten, kalten Stahl fest mit beiden Händen
+an die glühende Stirn. Dann hob sie ihn wieder ab und legte ihn, scheu
+umblickend, auf seinen frühern Ort zu dem Mantel. Darauf trat sie ans
+Fenster und sah hinaus in die duftige Nacht und das zauberische Mondlicht.
+Ihre Lippen regten sich wie im Gebet: aber die Worte des Gebets klangen
+aus in der alten Weise:
+
+ »An Wasserflüssen Babylons
+ Saß weinend Judas Stamm:
+ Wann kömmt der Tag, der all dein Leid,
+ Du Tochter Zion, stillt?«
+
+
+
+
+ Dreiundzwanzigstes Kapitel.
+
+
+Indessen Miriam schweigend aufsah zu den ersten Sternen, hatte Totilas
+rascher sehnsuchtbeflügelter Schritt alsbald die Villa des reichen
+Purpurhändlers, die etwa eine Stunde vor dem capuanischen Thor gelegen
+war, erreicht.
+
+Der Thürstehersklave wies ihn an den alten Hortularius, den Freigelassenen
+Valerias, dem die Sorge für die Gärten überlassen war. Dieser, der
+Vertraute der Liebenden, nahm dem Gärtnerburschen die Blumen und Sämereien
+ab, die er angeblich von dem ersten Blumenhändler von Neapolis brachte,
+und geleitete ihn in sein gewöhnliches Schlafgemach im Erdgeschoß, dessen
+niedrige Fenster in den Garten führten: am andern Morgen noch vor Aufgang
+der Sonne – so wollte es die Geheimlehre der antiken Gärtnerei – müßten
+die Blumen eingesetzt werden, auf daß das erste Sonnenlicht, das sie in
+dem neuen Boden träfe, das segenbringende der Morgensonne sei. –
+
+Ungeduldig erwartete der junge Gote in dem engen Gemach bei einem Kruge
+Weines die Stunde, da sich Valeria von ihrem Vater nach dem gemeinsamen
+Nachtmahl verabschieden konnte.
+
+Immer wieder sah er zum Himmel auf, an dem Auftauchen der Sterne und dem
+Gang des Mondes den Fortschritt der Nacht zu ermessen. Er schlug den
+Vorhang zurück, der die Fensteröffnung schloß; stille war’s in dem weiten
+Garten. In der Ferne plätscherte nur leise der Springbrunnen und Zikaden
+zirpten in den Myrtengebüschen: der warme üppige Südwind strich in
+schwülem Hauch durch die Nacht, stoßweise ganze Wolken von Wohlgerüchen
+aus Rosenbäumen auf seinen Fittichen mit sich führend: und weithin aus dem
+Pinienwäldchen am Ende des Gartens drang lockend und sinnaufregend der
+tiefgezogene heiße Schlag der Nachtigall.
+
+Endlich hielt sich Totila nicht länger. Geräuschlos schwang er sich über
+die Marmorbrüstung des Fensters: kaum knisterte unter seinen raschen
+Schritten der weiße Sand der schmalen Wege, wie er, den Strom des
+Mondlichts meidend, unter dem Schatten der Gebüsche dahin eilte. Vorüber
+an den dunkeln Taxusgängen und den Lauben von dichten Oliven, vorüber an
+der hohen Statue der Flora, deren weißer Marmor geisterhaft im Mondlicht
+schimmerte, vorüber an dem weiten Becken, wo sechs Delphine den
+Wasserstrahl hoch aus den Nüstern bliesen, rasch eingebogen in den dicht
+verwachsenen Laubweg von Lorbeer und Tamarinden und nun, noch ein
+Oleandergebüsch durchdringend, stand er vor der Grotte aus Tropfstein, in
+der die Quellnymphe über einer dunkeln großen Urne lehnte.
+
+Wie er eintrat, glitt eine weiße Gestalt hinter der Statue hervor.
+
+»Valeria, meine schöne Rose!« rief Totila und umschlang glühend die
+Geliebte, die leise seinem Ungestüm wehrte. »Laß, laß ab, mein Geliebter,«
+flüsterte sie, sich seinem Arm entziehend. »Nein, du Süße, ich will nicht
+von dir lassen. Wie lang, wie schmerzlich hab’ ich dein entbehrt! Hörst
+du, wie lockend und wirbelnd die Nachtigall ruft, fühlst du wie der warme
+Hauch der Sommernacht, der berauschende Duft des Geißblattes Liebe atmet?
+Sie alle mahnen und bedeuten, wir sollen glücklich sein! O laß sie uns
+festhalten, diese goldnen Stunden. Meine Seele ist nicht weit genug all’
+ihr Glück zu fassen: all’ deine Schönheit, all’ unsre Jugend und diese
+glühende, blühende Sommernacht; in mächtigen Wogen rauscht das volle Leben
+durch das Herz und will’s vor Wonne sprengen.«
+
+»O mein Freund! gern möcht’ ich, wie du, aufgehn im Glücke dieser Stunden.
+Ich kann es nicht. Ich traue nicht diesem berauschenden Duft, der üppigen
+Schwüle dieser Sommernächte: sie dauert nicht: sie brütet Unheil: ich kann
+nicht glauben an das Glück unsrer Liebe.«
+
+»Du liebe Thörin, warum nicht?«
+
+»Ich weiß es nicht: der unselige Zwiespalt, der all’ mein Leben scheidet,
+übt seinen Fluch auch hier. Gern möchte mein Herz sich trunken, wie du,
+diesem Glücke hingeben. Aber eine Stimme in mir warnt und mahnt: es dauert
+nicht, – du sollst nicht glücklich sein.«
+
+»So bist du nicht glücklich in meinen Armen?«
+
+»Ja und nein! das Gefühl des Unrechts, der Schuld gegen meinen edlen Vater
+lastet auf mir. Sieh, Totila, was mich zumeist an dir beglückt ist nicht
+diese deine jugendschöne Kraft, selbst deine große Liebe nicht. Es ist der
+Stolz meines Herzens auf deine Seele, auf deine offne, lichte, edle Seele.
+Ich habe mich gewöhnt, dich klar und hell wie einen Gott des Lichts durch
+diese dunkle Welt schreiten zu sehen: der edle Mut siegessichrer Kraft,
+der Schwung, die freudige Wahrhaftigkeit deines Wesens ist mein Stolz: daß
+alles Kleine, Dumpfe, Gemeine versinken muß, wo du nahest, das ist mein
+Glück. Ich liebe dich wie eine Sterbliche den Sonnengott, der ihr in Fülle
+seines Lichts genaht. Und deshalb kann ich an dir nichts Heimliches,
+Verstecktes dulden. Auch die Wonnen dieser Stunden nicht – sie sind
+erlistet und es kann nicht länger also sein.«
+
+»Nein, Valeria und es soll auch nicht. Ich fühle ganz wie du. Auch mir ist
+die Lüge dieser Mummerei verhaßt, ich trage sie nicht länger. Ich bin
+gekommen, ihr ein Ende zu machen. Morgen, morgen werf ich diese Täuschung
+ab und spreche zu deinem Vater offen und frei.« – »Dieser Entschluß ist
+der beste, denn« –
+
+»Denn er rettet dein Leben, Jüngling!« unterbrach plötzlich eine tiefe
+Stimme und aus dem dunkeln Hintergrund der Grotte trat ein Mann und stieß
+das blanke Schwert in die Scheide.
+
+»Mein Vater!« rief Valeria überrascht, doch in mutiger Fassung. Totila
+schlang seinen Arm um sie, sein Kleinod zu verteidigen.
+
+»Hinweg, Valeria, fort von dem Barbaren!« sprach Valerius, befehlend den
+Arm ausstreckend.
+
+»Nein, Valerius,« sagte Totila, die Geliebte fester an sich drückend, »ihr
+Platz ist forthin an dieser Brust.«
+
+»Verwegner Gote!«
+
+»Höre mich, Valerius, und zürne uns nicht um dieser Täuschung willen. Du
+hast es selbst gehört, schon morgen sollte sie enden.«
+
+»Zu deinem Glück hab’ ich’s gehört. Gewarnt von dem ältesten meiner
+Freunde, wollt’ ich doch kaum glauben, daß meine Tochter – mich
+hintergeht. Als ich’s glauben mußte, beschloß ich, daß dein Blut deine
+List bezahlen sollte. Dein Entschluß hat dein Leben gerettet. Jetzt aber
+flieh: du siehst ihr Antlitz niemals wieder.« –
+
+Totila wollte heftig erwidern, aber Valeria kam ihm zuvor: »Vater,« sprach
+sie ruhig, zwischen die Männer tretend, »höre dein Kind. Ich will meine
+Liebe nicht entschuldigen, sie bedarf es nicht, sie ist göttlich und
+notwendig wie die Sterne: die Liebe zu diesem Mann ist das Leben meines
+Lebens.
+
+Du kennst meine Seele: Wahrheit ist ihr Äther und ich sage dir, bei meiner
+Seele: nie werd’ ich lassen von diesem Mann!« – »Und niemals ich von ihr,«
+rief Totila und ergriff ihre Rechte.
+
+Hochaufgerichtet stand das junge Paar, vom Licht des Mondes voll
+beleuchtet, vor dem Alten: ihre edlen Züge und Gestalten trugen im
+Augenblick die Weihe heiliger Begeisterung: und so schön war die Gruppe,
+daß ein rührendes, erweichendes Gefühl davon sich unwillkürlich dem
+zürnenden Vater aufdrängte. »Valeria, mein Kind!«
+
+»O mein Vater! Du hast mit einer Liebe und Treue all’ meine Schritte
+geleitet, daß ich bisher die Mutter, die verlorne, zwar beklagte, aber
+kaum vermißte. Jetzt, in dieser Stunde vermiß’ ich sie zum erstenmal:
+jetzt, ich fühl’ es, bedürfte ich ihrer Fürsprache. O so laß ihr Andenken
+wenigstens für mich sprechen. Laß mich dir ihr Bild vor die Seele führen
+und dich an den Augenblick erinnern, da dich die Sterbende zum letztenmal
+an ihr Lager rief und dir, wie du mir oft gesagt, mein Glück auf die Seele
+band als heiligstes Vermächtnis. –«
+
+Valerius drückte die linke Hand vor die Stirn; seine Tochter wagte, die
+andre zu fassen, er entzog sie ihr nicht: offenbar rang es gewaltig in des
+Alten Brust. Endlich sprach er: »Valeria, du hast ein mächtig Wort
+gesprochen, ohne es zu wissen. Es wäre Unrecht, dir zu verschweigen, was
+du ahnungsvoll berührt. Erfahre, was deine Mutter in jener Sterbestunde
+mir auferlegt. Noch immer drückte ihre Seele jenes Gelübde, das wir doch
+lange abgelöst. »Soll unser Kind nicht die Braut des Himmels werden,«
+sprach sie, »so gelobe mir wenigstens, die Freiheit ihrer Wahl zu ehren.
+Ich weiß wie römische Mädchen, zumal die Töchter unsres Standes, in die
+Ehe gegeben werden, ungefragt, ohne Liebe: ein solcher Bund ist ein Elend
+auf Erden und ein Greuel vor dem Herrn. Meine Valeria wird edel wählen –
+gelobe mir, sie dem Mann ihrer Wahl anzuvertrauen und keinem sonst.«
+
+Und ich gelobte es in ihre bebende Hand. – Aber mein Kind einem Barbaren
+geben, einem Feind Italiens, nein, nein!« Und mit heftiger Armbewegung riß
+er sich von ihr los.
+
+»Ich bin vielleicht so gar barbarisch nicht, Valerius,« hob Totila an.
+»Wenigstens bin ich in meinem ganzen Volk der wärmste Freund der Römer.
+Glaube mir, nicht euch hasse ich: die ich verabscheue, sind eure wie unsre
+verderblichsten Feinde – die Byzantiner!«
+
+Das war ein glückliches Wort. Denn in dem Herzen des alten Republikaners
+war der Haß gegen Byzanz die Kehrseite seiner Liebe zur Freiheit und zu
+Italien. Er schwieg, aber sein Auge ruhte sinnend auf dem Jüngling.
+
+»Mein Vater,« sprach Valeria, »dein Kind würde keinen Barbaren lieben.
+Lern’ ihn kennen: und schiltst du ihn dann noch barbarisch – so will ich
+nie die Seine werden. Ich fordre nichts von dir als: lern’ ihn kennen:
+entscheide du selbst, ob meine Wahl edel sei oder nicht.
+
+Ihn lieben alle Götter und alle Menschen müssen ihm gut sein – du allein
+wirst ihn nicht verwerfen.«
+
+Und sie faßte seine Hand.
+
+»O lerne mich kennen, Valerius,« bat Totila, innig seine andre Hand
+ergreifend. Der Alte seufzte. Endlich sprach er: »Kommt mit mir zum Grabe
+der Mutter. Dort ragt es unter den Cypressen. Da ruht die Urne mit ihrem
+Herzen. Dort laßt uns ihrer gedenken, der edelsten Frau, und ihren
+Schatten anrufen. Und ist es echte Liebe und eine edle Wahl – so werd’ ich
+erfüllen, was ich gelobt.«
+
+
+
+
+ Vierundzwanzigstes Kapitel.
+
+
+Einige Wochen später finden wir zu Rom in dem uns wohl erinnerlichen
+Schreibgemach mit der Cäsarstatue Cethegus, den Präfekten und unsern neuen
+Bekannten, Petros, des Kaisers oder vielmehr der Kaiserin Gesandten.
+
+Die beiden Männer hatten unter lebhaftem Gespräch und wechselseitigem
+Erinnern an frühere Zeiten, – sie waren Studiengenossen, wie wir erfuhren,
+– zu einfachem Mahl einen Krug alten Massikers geleert und waren soeben
+aus dem Speisesaal in das abgelegene Arbeitszimmer getreten, um jetzt
+ungestört von den bedienenden Sklaven Geheimeres zu bereden.
+
+»Sobald ich mich überzeugt hatte,« schloß Cethegus seinen Bericht über die
+letzten Ereignisse »daß die Schreckensnachrichten aus Ravenna nur erst
+Gerüchte waren, vielleicht erdichtet, jedenfalls übertrieben, setzte ich
+der Aufregung und dem Eifer meiner Freunde die größte Ruhe entgegen. Der
+Feuerkopf Lucius Licinius mit seiner thörichten Begeisterung für mich
+hätte bald alles verdorben. Unablässig forderte er meine Dictatur,
+buchstäblich setzte er mir das Schwert auf die Brust und schrie, man müsse
+mich zwingen, das Vaterland zu retten. Er schwatzte so viel aus der
+Schule, daß es nur ein Glück war, der schwarze Korse – der es mit den
+Barbaren zu halten scheint, niemand weiß recht warum – nahm ihn für mehr
+berauscht als er war. Endlich kam die Nachricht, Amalaswintha sei
+zurückgekehrt, und so beruhigte sich allmählich Volk und Senat.«
+
+»Du aber,« sagte Petros, »hattest zum zweitenmal Rom vor der Rache der
+Barbaren gerettet – ein unvergeßliches Verdienst, das dir die ganze Welt,
+zunächst aber die Regentin, danken muß.« – »Die Regentin – arme Frau!«
+meinte Cethegus achselzuckend, »wer weiß wie lange die Goten oder deine
+Gebieter zu Byzanz, sie noch werden auf dem Throne lassen.« – »Wie? da
+irrst du sehr!« fiel Petros eifrig ein. »Meine Sendung hat vor allem den
+Zweck, ihren Thron zu stützen; und bei dir wollte ich eben anfragen, wie
+man das am besten könne,« setzte er pfiffig hinzu.
+
+Aber der Präfekt lehnte sein Haupt zurück an die Marmorwand und sah den
+Gesandten lächelnd an: »O Petros, o Petre,« sagte er, »warum so verdeckt?
+Ich dächte doch, wir kennten uns besser.«
+
+»Was meinst du?« fragte der Byzantiner befangen.
+
+»Ich meine, daß wir nicht umsonst Recht und Geschichte miteinander
+studiert haben zu Berytus und Athen. Ich meine, daß wir damals schon
+unzählige Male als Jünglinge, lustwandelnd und Weisheit austauschend, zu
+dem Ergebnis gelangten: der Kaiser müsse diese Barbaren austreiben aus
+Italien und wieder zu Rom herrschen wie zu Byzanz. Und da nun ich noch
+denke wie dazumal, wirst wohl auch du nicht ein andrer geworden sein.« –
+»Ich habe meine Ansicht der meines Herrn zu unterwerfen und Justinian« –
+»Erglüht natürlich für die Herrschaft der Barbaren in Italien.« –
+»Freilich,« sagte der Rhetor verlegen, »es könnten Fälle eintreten –«
+
+»Petre,« rief jetzt Cethegus, sich unwillig aufrichtend, »keine Phrasen
+und keine Lügen. Sie sind nicht angewandt bei mir. Sieh, Petros, es ist
+wieder dein alter Fehler: du bist immer zu pfiffig, um klug zu sein: du
+meinst, es muß immer gelogen sein und hast nie den Mut zur Wahrheit. Man
+muß aber nur dann lügen, wenn man in seiner Lüge ganz sicher ist. Wie
+kannst du mich darüber täuschen wollen, daß der Kaiser Italien wieder
+haben will? Ob er die Regentin stürzen oder halten will, hängt davon ab,
+ob er glaubt ohne oder mit ihr leichter ans Ziel zu kommen. Wie er
+hierüber denkt, das soll ich nicht erfahren. Aber sieh’, trotz all’ deiner
+Verschmitztheit, sobald wir noch einmal zusammengewesen, sag’ ich dir ins
+Gesicht, was dein Kaiser hierin vor hat.«
+
+Ein boshaftes und bittres Lächeln spielte um des Gesandten Mund: »Noch
+immer so stolz, wie in der Dialektik zu Athen,« sagte er giftig. – »Jawohl
+und du weißt, zu Athen war ich immer der Erste, Prokopius der Zweite und
+erst der Dritte warst du.«
+
+Da trat Syphax ein:
+
+»Eine verhüllte Frau, o Herr,« meldete er, »sie wartet dein im Zeussaal.«
+
+Sehr froh, diese Unterredung abgebrochen zu sehen, denn er fühlte sich dem
+Präfekten nicht gewachsen, grinste Petros: »Nun, ich wünsche Glück zu
+solcher Störung.«
+
+»Ja, dir!« lächelte Cethegus und ging hinaus.
+
+»Hochmütiger, du sollst noch deinen Spott bereuen,« dachte der Byzantiner.
+
+Cethegus fand in dem Saale, der von einer schönen Zeusstatue des Glykon
+von Athen den Namen trug, eine in gotischer Tracht reich gekleidete Frau;
+sie schlug bei seinem Eintritt die Kapuze des braunen Mantels zurück.
+
+»Fürstin Gothelindis,« fragte der Präfekt überrascht, »was führt dich zu
+mir?«
+
+»Die Rache!« erwiderte eine heisere, unschöne Stimme und die Gotin trat
+dicht an ihn heran. Sie zeigte scharfe, aber nicht häßliche Züge, und man
+hätte sie sogar schön nennen müssen, wenn nicht das linke Auge
+ausgeflossen und die ganze linke Wange durch eine große Narbe entstellt
+gewesen wäre: diese Wunde schien jetzt frisch zu bluten, da dem
+leidenschaftlichen Weibe die Röte in die Wangen schoß, wie sie bei jenem
+Wort die Faust ballte. So tödlicher Haß loderte aus dem einen grauen Auge,
+daß Cethegus unwillkürlich von ihr zurücktrat.
+
+»Rache?« fragte er, »an wem?«
+
+»An – davon später. Vergieb,« sagte sie, sich fassend, »daß ich euch
+störe.
+
+Dein Freund Petros, der Rhetor von Byzanz, ist bei dir, nicht wahr?«
+
+»Ja. Woher weißt du –«
+
+»O, ich sah ihn vor der Coena durch deine Portikus eintreten,« sagte sie
+gleichgültig.
+
+»Das ist nicht wahr,« sprach Cethegus im Geiste: »ich hab’ ihn ja zur
+Gartenthür hereinführen lassen. Also haben sich die beiden hier
+zusammenbestellt. Ich soll das nicht ahnen. Aber was haben sie mit mir
+vor?«
+
+»Ich will dich nicht lange hier festhalten,« fuhr Gothelindis fort. »Ich
+habe nur Eine Frage an dich. Antworte kurz ja oder nein. Ich kann das Weib
+– die Tochter Theoderichs – stürzen und ich will’s: bist du darin für mich
+oder gegen mich?«
+
+»O, Freund Petros,« dachte der Präfekt, »jetzt weiß ich bereits, was du
+mit Amalaswinthen vorhast. Aber wir wollen sehen, wie weit ihr schon
+seid.«
+
+»Gothelindis,« hob er ausholend an, »du willst die Regentin stürzen – das
+glaub’ ich dir gern – aber daß du’s kannst, bezweifle ich.«
+
+»Höre, dann entscheide ob ich’s kann. Das Weib hat die drei Herzoge
+ermorden lassen.«
+
+Cethegus zuckte die Achseln: »Das glauben manche Leute.«
+
+»Aber ich kann es beweisen.«
+
+»Das wäre,« meinte Cethegus ungläubig. »Herzog Thulun, wie du weißt, starb
+nicht sofort. Er ward auf der ämilischen Straße überfallen, nahe bei
+meiner Villa zu Tannetum: meine Colonen fanden ihn und brachten ihn in
+mein Haus. Du weißt, er war mein Vetter – ich bin aus dem Hause der Balten
+– er verschied in meinen Armen.«
+
+»Nun, und was sagte der Kranke im Wundfieber?«
+
+»Nichts Wundfieber! Herzog Thulun traf noch im Stürzen den Mörder mit dem
+Schwert: er entkam nicht weit; meine Colonen suchten ihn und fanden ihn
+sterbend im nächsten Walde: er hat mir alles gestanden.«
+
+Cethegus drückte nur unmerklich die Lippen zusammen. »Nun, was war er? was
+hat er ausgesagt.«
+
+»Er war,« sprach Gothelindis scharf, »ein isaurischer Söldner, ein
+Aufseher der Schanzarbeiten zu Rom und sagte aus: Cethegus, der Präfekt,
+hat mich zur Regentin, die Regentin zu Herzog Thulun gesendet.«
+
+»Wer hörte dies Geständnis außer dir?« fragte Cethegus lauernd.
+
+»Niemand. Und niemand soll davon hören, wenn du zu mir stehest. Wenn aber
+nicht, dann –«
+
+»Gothelindis,« unterbrach der Präfekt, »keine Drohung: sie nützt dir
+nichts. Du solltest einsehn, daß du mich dadurch nur erbittern, nicht
+zwingen kannst. Ich lasse es im Notfall zur offnen Anklage kommen: du bist
+als grimmige Feindin Amalaswinthens bekannt: dein Zeugnis allein – du
+warst unvorsichtig genug, zu gestehen, daß niemand sonst das Geständnis
+gehört – wird weder sie noch mich verderben. Zwingen kannst du mich zum
+Kampfe gegen die Regentin nicht: höchstens überreden, wenn du mir’s als
+meinen eignen Vorteil darstellen kannst. Und dazu will ich selbst dir
+einen Verbündeten schaffen. Du kennst doch Petros, meinen Freund?«
+
+»Genau, seit lange.«
+
+»Erlaube, daß ich ihn zu dieser Unterredung herbeihole.«
+
+Er ging in das Studierzimmer zurück. »Petros, mein Besuch ist die Fürstin
+Gothelindis, Theodahads Gemahlin. Sie wünscht uns beide zu sprechen.
+Kennst du sie?«
+
+»Ich? o nein; ich habe sie nie gesehen!« sagte der Rhetor rasch.
+
+»Gut; folge mir.« Sowie sie in den Saal des Zeus traten, rief Gothelindis
+ihm entgegen:
+
+»Gegrüßt, alter Freund, welch überraschend Wiedersehn.«
+
+Petros verstummte.
+
+Cethegus, die Hände auf den Rücken gelegt, weidete sich an der Bestürzung
+des Diplomaten von Byzanz. Nach einer peinlichen Pause hob er an: »Du
+siehst, Petros, immer zu pfiffig, immer unnötige Feinheiten. Aber komm,
+laß dich eine entdeckte List mehr nicht so niederschlagen. Ihr beide habt
+euch also verbunden, die Regentin zu stürzen. Mich wollt ihr gewinnen,
+euch dabei zu helfen. Dazu muß ich genau wissen, was ihr weiter vorhabt.
+Wen wollt ihr auf Amalaswinthens Thron setzen? Denn noch ist der Weg für
+Justinian nicht frei.«
+
+Beide schwiegen eine Weile. Es überraschte sie sein klares Durchschauen
+der Lage. Endlich sprach Gothelindis: »Theodahad, meinen Gemahl, den
+letzten der Amelungen.«
+
+»Theodahad, den letzten der Amelungen,« wiederholte Cethegus langsam.
+Indessen überlegte er alle Gründe für und wider. Er bedachte, daß
+Theodahad, unbeliebt bei den Goten, durch Petros erhoben, bald ganz in der
+Hand der Byzantiner stehen und die Katastrophe durch Herbeirufung des
+Kaisers anders, früher als Er wollte, herbeiführen würde.
+
+Er bedachte, daß er jedenfalls die Heere der Oströmer möglichst lange
+fernhalten müsse und er beschloß bei sich, die gegenwärtige Lage und
+Amalaswintha aufrecht zu halten, da sie ihm Zeit zu seinen Vorbereitungen
+ließen. All’ das hatte er im Augenblick gedacht, erwogen, beschlossen.
+»Und wie wollt ihr nun eure Sache angehn?« fragte er ruhig.
+
+»Wir werden das Weib auffordern, zu Gunsten meines Gatten abzudanken,
+unter Androhung, sie des Mordes anzuklagen.«
+
+»Und wenn sie’s darauf wagt?«
+
+»So vollführen wir die Drohung,« sagte Petros, »und erregen unter den
+Goten einen Sturm, der ihr –«
+
+»Das Leben kostet,« rief Gothelindis.
+
+»Vielleicht die Krone kostet,« sagte Cethegus. »Aber gewiß sie nicht
+Theodahad zuwendet.
+
+Nein, wenn die Goten einen König wählen, heißt er nicht Theodahad.«
+
+»Nur zu wahr!« knirschte Gothelindis.
+
+»Dann könnte leicht ein König kommen, der uns allen viel unerfreulicher
+wäre als Amalaswintha. Und deshalb sag’ ich euch offen: ich bin nicht für
+euch, ich halte die Regentin.«
+
+»Wohlan,« rief Gothelindis grimmig, sich zur Thüre wendend, »also Kampf
+zwischen uns, komm, Petros.«
+
+»Gemach, ihr Freunde,« sprach der Byzantiner.
+
+»Vielleicht ändert Cethegus seinen Sinn, wenn er dies Blatt gelesen.«
+
+Und er reichte dem Präfekten jenen Brief, den Alexandros von Amalaswintha
+an Justinian überbracht.
+
+Cethegus las: seine Züge verfinsterten sich.
+
+»Nun,« meinte Petros höhnisch, »willst du noch die Königin stützen, die
+dich dem Untergang geweiht? Wo warst du, wenn sie ihren Plan durchführte
+und deine Freunde nicht für dich wachten.«
+
+Cethegus hörte ihn kaum. »Armseliger,« dachte er, »als ob es das wäre! Als
+ob die Regentin daran nicht ganz recht hätte. Als ob ich ihr das verargen
+könnte! Aber die Unvorsichtige hat bereits gethan, was ich von Theodahad
+erst fürchtete: sie hat sich selbst vernichtet und all’ meine Pläne
+bedroht: sie hat die Byzantiner schon ins Land gerufen und sie werden
+jetzt kommen, ob sie noch will oder nicht. Solange Amalaswintha Königin,
+wird Justinian ihren Beschützer spielen.« Und nun wandte er sich scheinbar
+in großer Bestürzung an den Gesandten, den Brief zurückgebend: »Und wenn
+sie ihren Entschluß durchführte, wenn sie auf dem Thron bliebe – bis wann
+können eure Heere landen?«
+
+»Belisar ist schon auf dem Wege nach Sicilien,« sagte Petros, stolz
+darauf, den Hochmütigen eingeschüchtert zu haben, »in einer Woche kann er
+vor Rom liegen.«
+
+»Unerhört,« rief Cethegus in unverstellter Bewegung.
+
+»Du siehst,« sprach Gothelindis, welcher Petros inzwischen den Brief
+gereicht, »die du halten wolltest, will dich verderben. Komm ihr zuvor.«
+
+»Und im Namen des Kaisers, meines Herrn, ford’re ich dich auf, mir
+beizustehn, dies Gotenreich zu vernichten und Italien seiner Freiheit
+wiederzugeben. Man weiß am Kaiserhof dich und deinen Geist zu schätzen und
+nach dem Siege verheißt dir Justinian: – die Würde eines Senators zu
+Byzanz.«
+
+»Ist’s möglich!« rief Cethegus. »Aber nicht einmal diese höchste Ehre
+treibt mich dringender in euren Bund als die Entrüstung über die
+Undankbare, die zum Lohn für meine Dienste mein Leben bedroht. – Du bist
+doch gewiß,« fragte er ängstlich, »daß Belisar noch nicht sobald landen
+wird?«
+
+»Beruhige dich,« lächelte Petros, »diese meine Hand ist’s, die ihn
+herbeiwinkt, wann es Zeit. Erst muß Amalaswintha durch Theodahad ersetzt
+sein.«
+
+»Gut,« dachte Cethegus, »Zeit gewonnen, alles gewonnen. Und nicht eher
+soll der Byzantiner landen, bis ich ihn an der Spitze des bewaffneten
+Italiens empfangen kann.« »Ich bin der eure,« sprach er, »und ich denke,
+ich werde die Regentin dahin bringen, deinem Gatten mit eigner Hand die
+Krone aufs Haupt zu setzen. Amalaswintha soll dem Scepter entsagen.«
+
+»Nie thut sie das!« rief Gothelindis.
+
+»Vielleicht doch! Ihr Edelmut ist noch größer als ihr Herrscherstolz. Man
+kann seine Feinde auch durch ihre Tugenden verderben,« sagte Cethegus
+nachsinnend. »Ich bin meiner Sache gewiß und ich grüße dich, Königin der
+Goten!« schloß er mit leichter Verbeugung.
+
+
+
+
+ Fünfundzwanzigstes Kapitel.
+
+
+Die Regentin Amalaswintha stand in der Zeit nach der Beseitigung der drei
+Herzoge in einer abwartenden Haltung.
+
+Hatte sie durch den Fall der Häupter des ihr feindlichen Adels etwas mehr
+freie Hand gewonnen, so stand doch die Volksversammlung zu Regeta bei Rom
+in naher Aussicht, in der sie sich von dem Verdacht des Mordes völlig
+reinigen oder die Krone, vielleicht das Leben, lassen mußte. Nur bis dahin
+hatten ihr Witichis und die Seinen ihren Schutz zugesagt. Sie spannte
+deshalb ihre Kräfte an, ihre Stellung bis zu jener Entscheidung nach allen
+Seiten zu befestigen.
+
+Von Cethegus hoffte sie nichts mehr: sie hatte seine kalte Selbstsucht
+durchschaut; doch vertraute sie, daß die Italier und die Verschwornen in
+den Katakomben, an deren Spitze ja ihr Name stand, ihre römerfreundliche
+Herrschaft einem aus der rauhen Gotenpartei hervorgegangenen König
+vorziehen würden. Sehnlich wünschte sie das Eintreffen der vom Kaiser
+erbetenen Leibwache herbei um für den ersten Augenblick der Gefahr eine
+Stütze zu haben: und eifrig war sie bemüht, unter den Goten selbst die
+Zahl ihrer Freunde zu vermehren.
+
+Sie berief mehrere der alten Gefolgsleute ihres Vaters, eifrige Anhänger
+des Hauses der Amaler, greise Helden von großem Namen im Volk,
+Waffenbrüder und beinahe Jugendgenossen des alten Hildebrand, zu sich nach
+Ravenna, besonders den weißbärtigen Grippa, den Mundschenk Theoderichs,
+der dem Waffenmeister an Ruhm und Ansehn kaum nachstand: sie überhäufte
+ihn und die andern Gefolgen mit Ehren, übertrug Grippa und seinen Freunden
+das Kastell von Ravenna und ließ sie schwören, diese Feste dem Geschlecht
+der Amaler sicher zu erhalten.
+
+Wenn die Verbindung mit diesen volkbeliebten Namen eine Art von
+Gegengewicht wider Hildebrand, Witichis und ihre Freunde schaffen sollte,
+– und Witichis konnte die Auszeichnung der Freunde Theoderichs nicht als
+staatsgefährlich verhindern – so sah sich die Königin auch gegen die
+Adelspartei der Balten und ihrer Bluträcher nach einer Stütze um. Sie
+erkannte diese mit scharfem Blick in dem edeln Hause der Wölsungen, nach
+den Amalern und Balten der dritthöchsten Adelssippe unter den Goten, reich
+begütert und einflußreich in dem mittleren Italien, deren Häupter dermalen
+zwei Brüder, Herzog Guntharis und Graf Arahad, waren. Diese zu gewinnen,
+hatte sie ein besonders wirksames Mittel ersonnen: sie bot für die
+Freundschaft der Wölsungen keinen geringern Preis als die Hand ihrer
+schönen Tochter. –
+
+Zu Ravenna in einem reich geschmückten Gemach standen Mutter und Tochter
+in ernstem, aber nicht vertraulichem Gespräch hierüber.
+
+Mit hastigen Schritten, fremd ihrer sonstigen Ruhe, durchmaß die
+junonische Gestalt der Regentin den schmalen Raum, manchmal mit einem
+zornigen Blick das herrliche Geschöpf messend, welches ruhig und gesenkten
+Auges vor ihr stand, die linke Hand in die Hüfte, die Rechte auf die
+Platte des Marmortisches gestützt.
+
+»Besinne dich wohl,« rief Amalaswintha heftig, plötzlich stehen bleibend,
+»besinne dich anders. Ich gebe dir noch drei Tage Bedenkzeit.«
+
+»Das ist umsonst: ich werde immer sprechen wie heute,« sagte Mataswintha,
+die Augen nicht erhebend.
+
+»So sage nur, was du an Graf Arahad auszusetzen hast.«
+
+»Nichts, als daß ich ihn nicht liebe.«
+
+Die Königin schien dies gar nicht zu hören. »Es ist doch in diesem Fall
+ganz anders als damals, da du mit Cyprianus vermählt werden solltest. Er
+war alt und – was in deinen Augen vielleicht ein Nachteil« – fügte sie
+bitter hinzu – »ein Römer!«
+
+»Und doch ward ich um meiner Weigerung willen nach Tarentum verbannt.«
+
+»Ich hoffte, Strenge würde dich heilen. Mondelang halt’ ich dich ferne von
+meinem Hof, von meinem Mutterherzen« –
+
+Mataswintha verzog die schöne Lippe zu einem herben Lächeln.
+
+»Umsonst! ich rufe dich zurück« –
+
+»Du irrst. Mein Bruder Athalarich hat mich zurückgerufen.«
+
+»Ein andrer Freier wird dir vorgeschlagen. Jung, blühend schön, ein Gote
+von edelstem Adel, sein Haus jetzt das zweite im Reich. Du weißt, du ahnst
+wenigstens, wie sehr mein rings bedrängter Thron der Stütze bedarf: er und
+sein kriegsgewalt’ger Bruder verheißen uns die Hilfe ihrer ganzen Macht:
+Graf Arahad liebt dich und du – du schlägst ihn aus! Warum? Sage warum?«
+
+»Weil ich ihn nicht liebe.«
+
+»Albernes Mädchengerede. Du bist eine Königstochter – du hast dich deinem
+Hause, deinem Reiche zu opfern.«
+
+»Ich bin ein Weib,« sagte Mataswintha, die blitzenden Augen aufschlagend,
+»und opfre mein Herz keiner Macht im Himmel und auf Erden.« –
+
+»Und so spricht meine Tochter! Sieh auf mich, thörichtes Kind. Großes hab’
+ich erstrebt und erreicht. Solange Menschen das Hohe bewundern, werden sie
+meinen Namen nennen. Ich habe alles gewonnen was das Leben Herrlichstes
+bietet und doch hab’ ich –«
+
+»Nie geliebt. Ich weiß es,« seufzte ihre Tochter.
+
+»Du weißt es?«
+
+»Ja, es war der Fluch meiner Kindheit. Wohl war ich noch ein Kind, als
+mein geliebter Vater starb: ich wußte es nicht zu sagen, aber ich konnte
+es empfinden, damals schon, daß seinem Herzen etwas fehle, wenn er
+seufzend, mit schmerzlicher Liebe, Athalarich und mich umfing und küßte
+und wieder seufzte.
+
+Und ich liebte ihn darum desto inniger, daß ich fühlte, er suchte Liebe,
+die ihm fehlte. Jetzt freilich weiß ich längst, was mich damals
+unerklärlich peinigte: du wardst unseres Vaters Weib, weil er nach
+Theoderich der nächste am Thron: aus Herrschsucht, nicht aus Liebe, wardst
+du sein und nur kalten Stolz hattest du für sein warmes Herz.«
+
+Überrascht blieb Amalaswintha stehen: »Du bist sehr kühn.«
+
+»Ich bin deine Tochter.«
+
+»Du redest von der Liebe so vertraut – du kennst sie besser scheint’s mit
+zwanzig als ich mit vierzig Jahren – du liebst!« rief sie schnell, »und
+daher dieser Starrsinn.«
+
+Mataswintha errötete und schwieg.
+
+»Rede,« rief die erzürnte Mutter, »gesteh’ es oder leugne!«
+
+Mataswintha senkte die Augen und schwieg: nie war sie so schön gewesen.
+
+»Willst du die Wahrheit verleugnen? Bist du feige, Amelungentochter?«
+
+Stolz schlug das Mädchen die Augen auf:
+
+»Ich bin nicht feige und ich verleugne die Wahrheit nicht. Ja, ich liebe.«
+
+»Und wen, Unselige?«
+
+»Das wird mir kein Gott entreißen.«
+
+Und so entschieden sah sie dabei aus, daß Amalaswintha keinen Versuch
+machte, es zu erfahren.
+
+»Wohlan,« sagte sie, »meine Tochter ist kein gewöhnlich Wesen. So fordere
+ich das Ungewöhnliche von dir: dein alles dem Höchsten zu opfern.«
+
+»Ja, Mutter, ich trage im Herzen einen hohen Traum. Er ist mein Höchstes.
+Ihm will ich alles opfern.«
+
+»Mataswintha,« sprach die Regentin, »wie unköniglich! Sieh, dich hat Gott
+vor Tausenden gesegnet an Herrlichkeit des Leibes und der Seele: du bist
+zur Königin geboren.«
+
+»Eine Königin der Liebe will ich werden. Sie preisen mich alle um meine
+Weibesschönheit: wohlan: ich hab’ mir’s vorgesteckt, liebend und geliebt,
+beglückend und beglückt, ein Weib zu sein.«
+
+»Ein Weib! ist das dein ganzer Ehrgeiz!«
+
+»Mein ganzer. O wär’ es auch der deine gewesen!«
+
+»Und der Enkelin Theoderichs gilt das Reich und die Krone nichts? Und
+nichts dein Volk, die Goten?«
+
+»Nein, Mutter,« sagte Mataswintha ernst: »es schmerzt mich beinahe, es
+beschämt mich: aber ich kann mich nicht zwingen zu dem, was ich nicht
+fühle: ich empfinde nichts bei dem Worte »Goten«: vielleicht ist es nicht
+meine Schuld: du hast von jeher diese Goten verachtet, diese Barbaren
+gering geschätzt: das waren die ersten Eindrücke: sie sind geblieben. Und
+ich hasse diese Krone, dieses Gotenreich: es hat in deiner Brust dem
+Vater, dem Bruder, mir den Platz fortgenommen. Diese Gotenkrone, nichts
+ist sie mir von je gewesen und geblieben als eine verhaßte, feindliche
+Macht.«
+
+»O mein Kind, weh’ mir, wenn ich das verschuldet hätte! Und thust du’s
+nicht um des Reiches, o thu’s um meinetwillen. Ich bin so gut wie verloren
+ohne die Wölsungen. Thu’s um meiner Liebe willen.«
+
+Und sie faßte ihre Hand. –
+
+Mataswintha entzog sie mit bittrem Lächeln: »Mutter, entweihe den höchsten
+Namen nicht. Deine Liebe! Du hast mich nie geliebt. Nicht mich, nicht den
+Bruder, nicht den Vater.«
+
+»Mein Kind! Was hätt’ ich geliebt, wenn nicht euch!«
+
+»Die Krone, Mutter, und diese verhaßte Herrschaft. Wie oft hast du mich
+von dir gestoßen vor Athalarichs Geburt, weil ich ein Mädchen war und du
+einen Thronerben wolltest. Denke an meines Vaters Grab und an –«
+
+»Laß ab,« winkte Amalaswintha.
+
+»Und Athalarich? Hast du ihn geliebt, oder vielmehr sein Recht auf den
+Thron? O wie oft haben wir armen Kinder geweint, wenn wir die Mutter
+suchten und die Königin fanden.«
+
+»Du hast mir nie geklagt. Erst jetzt, da du mir Opfer bringen sollst.«
+
+»Mutter, es gilt ja auch jetzt nicht dir, nur deiner Krone, deiner
+Herrschaft. Leg’ diese Krone ab und du bist aller Sorgen frei. Die Krone
+hat dir und uns allen kein Glück, nur Schmerzen gebracht. Nicht du bist
+bedroht: dir wollt’ ich alles opfern – nur dein Thron, nur der goldne Reif
+des Gotenreichs, der Götze deines Herzens, der Fluch meines Lebens: nie
+werd’ ich dieser Krone meine Liebe opfern, nie, nie, nie!«
+
+Und sie kreuzte die weißen Arme über ihrer Brust, als wollte sie die Liebe
+darin beschirmen.
+
+»Ah,« sagte die Königin zürnend, »selbstisches, herzloses Kind! Du
+gestehst, daß du kein Herz hast für dein Volk, für die Krone deiner großen
+Ahnen – du gehorchst nicht freiwillig der Stimme der Ehre, des Ruhmes
+deines Hauses – wohlan, so gehorche dem Zwang. Du sprichst mir die Liebe
+ab, so erfahre meine Strenge. Zur Stunde verläßt du mit deinem Gefolge
+Ravenna.
+
+Du gehst als Gast nach Florentia in das Haus des Herzogs Guntharis: seine
+Gattin hat dich geladen. Graf Arahad wird deine Reise begleiten. Verlaß
+mich. Die Zeit wird dich beugen.«
+
+»Mich?« sprach Mataswintha, sich hoch aufrichtend: »keine Ewigkeit!«
+
+Schweigend blickte ihr die Königin nach: die Anklagen der Tochter hatten
+einen mächtigeren Eindruck auf sie gemacht als sie zeigen wollte.
+»Herrschsucht?« sagte sie zu sich selbst. »Nein, das ist es nicht, was
+mich erfüllt. Ich fühlte, daß ich dies Reich schirmen und beglücken
+konnte, darum liebte ich die Krone. Und gewiß, ich könnte, wie mein Leben,
+so meine Krone opfern, verlangte es das Heil meines Volks. Könntest du
+das, Amalaswintha?« fragte sie sich, zweifelnd die Linke auf die Brust
+legend.
+
+Sie ward aus ihrem Sinnen geweckt durch Cassiodor, der langsam und
+gesenkten Hauptes eintrat.
+
+»Nun,« rief Amalaswintha, erschreckt von dem Ausdruck seiner Züge,
+»bringst du ein Unglück?«
+
+»Nein, nur eine Frage.«
+
+»Welche Frage?«
+
+»Königin,« hob der Alte feierlich an, »ich habe deinem Vater und dir
+dreißig Jahre lang gedient, treu und eifrig, ein Römer den Barbaren, weil
+ich eure Tugenden ehrte und weil ich glaubte, Italien, der Freiheit nicht
+mehr fähig, sei unter eurer Herrschaft am sichersten geborgen: denn eure
+Herrschaft war gerecht und mild. Ich habe fort gedient, obwohl ich meiner
+Freunde, Boëthius und Symmachus, Blut fließen sah, wie ich glaube,
+unschuldig Blut: aber sie starben durch offnes Gericht, nicht durch Mord.
+Ich mußte deinen Vater ehren, auch wo ich ihn nicht loben konnte. Jetzt
+aber –«
+
+»Nun, jetzt aber?« fragte die Königin stolz.
+
+»Jetzt komme ich, von meiner vieljährigen Freundin, ich darf sagen, meiner
+Schülerin –«
+
+»Du darfst es sagen,« sprach Amalaswintha weicher.
+
+»Von des großen Theoderich edler Tochter ein einfach schlichtes Wort, ein
+Ja zu erbitten. Kannst du dies Ja sprechen – ich flehe zu Gott, daß du es
+könnest – so will ich dir dienen treu wie je, solang es dieses greise
+Haupt vermag.«
+
+»Und kann ich’s nicht?«
+
+»Und könntest du es nicht, o Königin,« rief der Alte schmerzlich, »o dann
+Lebewohl dir und meiner letzten Freude an dieser Welt.«
+
+»Und was hast du zu fragen?«
+
+»Amalaswintha, du weißt ich war fern an der Nordgrenze des Reichs, als
+hier der Aufstand losbrach, als jene furchtbare Kunde, jene furchtbare
+Anklage sich erhob. Ich glaubte nichts – ich flog hierher von Tridentum. –
+Seit zwei Tagen bin ich hier und keine Stunde vergeht, keinen Goten
+spreche ich, ohne daß die schwere Klage mir schwerer aufs Herz fällt. Und
+auch du bist verwandelt, ungleich, unstet, unruhig – und doch will ich’s
+nicht glauben. – Ein treues Wort von dir soll all’ diese Nebel
+zerstreuen.«
+
+»Wozu die vielen Reden,« rief sie, auf die Armlehne des Thrones sich
+stützend, »sage kurz, was hast du zu fragen?«
+
+»Sprich nur ein schlichtes Ja: bist du schuldlos an dem Tode der drei
+Herzoge?«
+
+»Und wenn ich es nicht wäre, – haben sie nicht reichlich den Tod
+verdient?«
+
+»Amalaswintha, ich bitte dich: sage ja.«
+
+»Du nimmst ja auf einmal großen Anteil an den gotischen Rebellen!«
+
+»Ich beschwöre dich,« rief der Greis auf die Kniee fallend, »Tochter
+Theoderichs, sage ja, wenn du kannst.«
+
+»Steh auf,« sprach sie finster sich abwendend, »du hast kein Recht, so zu
+fragen.«
+
+»Nein,« sagte der Alte ruhig aufstehend, »nein, jetzt nicht mehr. Denn von
+diesem Augenblick an gehör’ ich der Welt nicht mehr an.«
+
+»Cassiodor!« rief die Königin erschrocken.
+
+»Hier ist der Schlüssel zu meinen Gemächern in dieser Königsburg: du
+findest darin alle Geschenke, die ich von dir und Theoderich erhalten, die
+Urkunden meiner Würden, die Abzeichen meiner Ämter. Ich gehe.«
+
+»Wohin, mein alter Freund, wohin?«
+
+»In das Kloster, das ich gegründet zu Squillacium in Apulien. Fortan werd’
+ich, fern den Werken der Könige, nur die Werke Gottes auf Erden verwalten:
+längst verlangt meine Seele nach Frieden, und jetzt hab’ ich auf Erden
+nichts mehr, was mir teuer. Noch einen Rat will ich dir scheidend geben:
+lege das Scepter aus der blutbefleckten Hand: sie kann diesem Reiche nicht
+mehr Segen, nur Fluch kann sie ihm bringen. Denke an das Heil deiner
+Seele, Tochter Theoderichs: Gott sei dir gnädig.«
+
+Und ehe sie sich von ihrer Bestürzung erholt, war er verschwunden.
+
+Sie wollte ihm nacheilen, ihn zurückrufen, aber an dem Vorhang trat ihr
+Petros, der Gesandte von Byzanz, entgegen.
+
+»Königin,« sagte er rasch und leise, »bleib’ und höre mich. Es gilt ein
+dringendes Wort. Man folgt mir auf dem Fuß.«
+
+»Wer folgt dir?«
+
+»Leute, die es nicht so gut meinen mit dir als ich. Täusche dich nicht
+länger: die Geschicke dieses Reiches erfüllen sich: du hältst sie nicht
+mehr auf, so rette für dich was zu retten ist: ich wiederhole meinen
+Vorschlag.«
+
+»Welchen Vorschlag?«
+
+»Den von gestern.«
+
+»Den der Schande, des Verrats! Niemals! Ich werde diese Beleidigung deinem
+Herrn, dem Kaiser, melden und ihn bitten, dich abzurufen. Mit dir
+verhandle ich nicht mehr.«
+
+»Königin, es ist nicht mehr Zeit, dich zu schonen. Der nächste Gesandte
+Justinians heißt Belisar und kömmt mit einem Heere.«
+
+»Unmöglich!« rief die verlassene Fürstin. »Ich nehme meine Bitte zurück.«
+
+»Zu spät. Belisars Flotte liegt schon bei Sicilien. Den Vorschlag, den ich
+dir gestern als meinen Gedanken mitteilte, hast du als solchen verworfen.
+Vernimm: nicht ich, der Kaiser Justinian selbst ist es, der ihn ausspricht
+als letztes Zeichen seiner Huld.«
+
+»Justinian, mein Freund, mein Schützer, will mich und mein Reich
+verderben!« rief Amalaswintha, der es schrecklich tagte.
+
+»Nicht dich verderben, dich erretten! Wiedergewinnen will er dies Italien,
+die Wiege des römischen Reichs: dieser unnatürliche, unmögliche Staat der
+Goten, er ist gerichtet und verloren. Trenne dich von dem sinkenden
+Fahrzeug. Justinian reicht dir die Freundeshand, die Kaiserin bietet dir
+ein Asyl an ihrem Herzen, wenn du Neapolis, Rom, Ravenna und alle
+Festungen in Belisars Hände lieferst und geschehen läßt, daß die Goten
+entwaffnet über die Alpen geführt werden.«
+
+»Elender, soll ich mein Volk verraten, wie ihr mich? Zu spät erkenne ich
+eure Tücke! Eure Hilfe rief ich an und ihr wollt mich verderben.«
+
+»Nicht dich, nur die Barbaren.«
+
+»Diese Barbaren sind mein Volk, sind meine einzigen Freunde: ich erkenne
+es jetzt und ich stehe zu ihnen in Tod und Leben.«
+
+»Aber sie steh’n nicht mehr zu dir.«
+
+»Verwegner! fort aus meinen Augen, fort von meinem Hof.«
+
+»Du willst nicht hören? Merke wohl, o Königin, nur unter jener Bedingung
+bürg’ ich für dein Leben.«
+
+»Für mein Leben bürgt mein Volk in Waffen.«
+
+»Schwerlich. Zum letztenmal frag’ ich dich –«
+
+»Schweig. Ich lief’re die Krone nicht ohne Kampf an Justinian.«
+
+»Wohlan,« sagte Petros zu sich selbst, »so muß es ein andrer thun. –
+Tretet ein, ihr Freunde,« rief er hinaus. – Aber aus dem Vorhang trat
+langsam mit gekreuzten Armen Cethegus.
+
+»Wo ist Gothelindis? wo Theodahad?« flüsterte Petros. –
+
+Seine Bestürzung entging der Fürstin nicht.
+
+»Ich ließ sie vor dem Palast. Die beiden Weiber hassen sich zu grimmig.
+Ihre Leidenschaft würde alles verderben.«
+
+»Du bist mein guter Engel nicht, Präfekt von Rom,« sprach Amalaswintha
+finster und von ihm zurückweichend.
+
+»Diesmal vielleicht doch,« flüsterte Cethegus auf sie zuschreitend. »Du
+hast die Vorschläge von Byzanz verworfen? Das erwartete ich von dir.
+Entlaß den falschen Griechen.«
+
+Auf einen Wink der Königin trat Petros in ein Seitengemach.
+
+»Was bringst du mir, Cethegus! Ich traue dir nicht mehr!«
+
+»Du hast, statt mir zu trauen, dem Kaiser vertraut und du siehst den
+Erfolg.«
+
+»Ich sehe ihn,« sagte sie schmerzlich.
+
+»Königin, ich habe dich nie belogen und getäuscht darin: ich liebe Italien
+und Rom mehr als deine Goten: du wirst dich erinnern, ich habe dir dies
+niemals verhehlt.«
+
+»Ich weiß es und kann es nicht tadeln.«
+
+»Am liebsten säh’ ich Italien frei. Muß es dienen, so dien’ es nicht dem
+tyrannischen Byzanz, sondern euch, der milden Hand der Goten. Das war von
+je mein Gedanke, das ist er noch heute. Um Byzanz abzuhalten, will ich
+dein Reich erhalten: aber offen sag’ ich dir, du, deine Herrschaft läßt
+sich nicht mehr stützen. Rufst du zum Kampfe gegen Byzanz, so werden dir
+die Goten nicht mehr folgen, die Italier nicht vertrauen.«
+
+»Und warum nicht? Was trennt mich von den Italiern und von meinem Volk?«
+
+»Deine eignen Thaten. Zwei unselige Dokumente, in der Hand des Kaisers
+Justinian. Du selbst hast zuerst seine Waffen ins Land gerufen, eine
+Leibwache von Byzanz!«
+
+Amalaswintha erbleichte: »Du weißt –«
+
+»Leider nicht nur ich, sondern meine Freunde, die Verschworenen in den
+Katakomben: Petros hat ihnen den Brief mitgeteilt: sie fluchen dir.«
+
+»So bleiben mir meine Goten.«
+
+»Nicht mehr. Nicht bloß der ganze Anhang der Balten steht dir nach dem
+Leben: – die Verschworenen von Rom haben im Zorn über dich beschlossen,
+sowie der Kampf entbrennt, aller Welt kund zu thun, daß dein Name an ihrer
+Spitze stand gegen die Goten, gegen dein Volk. Jenes Blatt mit deinem
+Namen ist nicht mehr in meiner Hand, es liegt im Archiv der Verschwörung.«
+
+»Ungetreuer!«
+
+»Wie konnte ich wissen, daß du hinter meinem Rücken mit Byzanz verkehrst
+und dadurch meine Freunde dir verfeindest? Du siehst: Byzanz, Goten,
+Italier, alles steht gegen dich. Beginnt nun der Kampf gegen Byzanz unter
+deiner Führung, so wird Uneinigkeit Italier und Barbaren spalten, niemand
+dir gehorchen, und dies Reich hilflos vor Belisar erliegen. Amalaswintha,
+es gilt ein Opfer: ich fordre es von dir im Namen Italiens, deines und
+meines Volks.«
+
+»Welches Opfer? ich bringe jedes.«
+
+»Das höchste: deine Krone. Übergieb sie einem Mann der Goten und Italier
+gegen Byzanz zu vereinen vermag und rette dein Volk und meines.«
+
+Amalaswintha sah ihn forschend an: es kämpfte und rang in ihrer Brust.
+»Meine Krone! sie war mir sehr teuer.«
+
+»Ich habe Amalaswinthen stets jedes höchsten Opfers fähig gehalten.«
+
+»Darf ich, kann ich deinem Rate trauen!«
+
+»Wenn der dir süß wäre, dürftest du zweifeln. Wenn ich deinem Stolze
+schmeichelte, dürftest du mißtrauen: aber ich rate dir die bittre Arznei
+der Entsagung. Ich wende mich an deinen Edelsinn, an deinen Opfermut: laß
+mich nicht zu Schanden werden.«
+
+»Dein letzter Rat war ein Verbrechen,« sagte Amalaswintha schaudernd.
+
+»Ich hielt deinen Thron durch jedes Mittel, solang er zu halten war,
+solang er Italien nützte: jetzt schadet er Italien und ich verlange, daß
+du dein Volk mehr liebst als dein Scepter.«
+
+»Bei Gott! du irrst darin nicht: für mein Volk hab’ ich mich nicht
+gescheut, fremdes Leben zu opfern,« – sie verweilte gern bei diesem
+Gedanken, der ihr Gewissen beschwichtigte, – »ich werde mich nicht
+weigern, jetzt – aber wer soll mein Nachfolger werden?«
+
+»Dein Erbe, dem die Krone gebührt, der letzte der Amaler.«
+
+»Wie? Theodahad, der Schwächling?«
+
+»Er ist kein Held, das ist wahr. Aber die Helden werden ihm gehorchen, dem
+Neffen Theoderichs, wenn du ihn einsetzest. Und bedenke noch eins: seine
+römische Bildung hat ihm die Römer gewonnen: ihm werden sie beistehen:
+einen König nach des alten Hildebrand, nach Tejas Herzen würden sie hassen
+und fürchten.«
+
+»Und mit Recht;« sagte die Regentin sinnend: »aber Gothelindis Königin!«
+
+Da trat Cethegus ihr näher und sah ihr scharf ins Auge: »So klein ist
+Amalaswintha nicht, daß sie kläglicher Weiberfeindschaft gedenkt, wo es
+edler Entschlüsse bedarf. Du erschienst mir von jeher größer als dein
+Geschlecht. Beweis’ es jetzt. Entscheide dich!«
+
+»Nicht jetzt,« sprach Amalaswintha, »meine Stirne glüht, und verwirrend
+pocht mein Herz. Laß mir diese Nacht, mich zu fassen. Du hast mir
+Entsagung zugetraut: ich danke dir. Morgen die Entscheidung.«
+
+
+
+
+
+ Viertes Buch.
+
+
+ THEODAHAD.
+
+
+ »Nachbarn zu haben schien Theodahad
+ eine Art von Unglück.«
+
+ Prokop, Gotenkrieg I. 3.
+
+
+
+
+ Erstes Kapitel.
+
+
+Am andern Morgen verkündete ein Manifest dem staunenden Ravenna, daß die
+Tochter Theoderichs zu Gunsten ihres Vetters Theodahad auf die Krone
+verzichtet und daß dieser, der letzte Mannessproß der Amelungen, den Thron
+bestiegen habe. Italier und Goten wurden aufgefordert, dem neuen Herrscher
+den Eid der Treue zu schwören.
+
+So hatte Cethegus richtig gerechnet.
+
+Das Gewissen der unseligen Frau fühlte sich durch manche Thorheit, ja
+durch blut’ge Schuld schwer belastet: edle Naturen suchen Erleichterung
+und Buße in Opfer und Entsagung: durch ihrer Tochter und Cassiodors
+Anklagen war ihr Herz mächtig bewegt worden und der Präfekt hatte sie in
+günstiger Stimmung für seinen Rat gefunden. Weil er so bitter war,
+befolgte sie ihn: ja sie hatte, um ihr Volk zu retten und ihre Schuld zu
+sühnen, sich noch weitere Demütigungen vorgesteckt.
+
+Ohne Schwierigkeit vollzog sich der Thronwechsel.
+
+Die Italier zu Ravenna waren zu einer Erhebung keineswegs vorbereitet und
+wurden von Cethegus auf gelegnere Zeit vertröstet. Auch war der neue König
+als Freund römischer Bildung bei ihnen bekannt und beliebt.
+
+Die Goten freilich schienen sich nicht ohne weitres den Tausch gefallen
+lassen zu wollen. Fürst Theodahad war allerdings ein Mann – das empfahl
+ihn gegenüber Amalaswinthen – und ein Amaler: das wog schwer zu seinen
+Gunsten gegenüber jedem andern Bewerber um die Krone.
+
+Aber im übrigen war er im Volke der Goten keineswegs hoch angesehen.
+Unkriegerisch und feige, verweichlicht an Leib und Seele hatte er keine
+der Eigenschaften, welche die Germanen von ihren Königen forderten. Nur
+Eine Leidenschaft erfüllte seine Seele: Habsucht, unersättliche Goldgier.
+Reich begütert in Tuscien lebte er mit allen seinen Nachbarn in ewigen
+Prozessen: mit List und Gewalt und dem Schwergewicht seiner königlichen
+Geburt wußte er seinen Grundbesitz nach allen Seiten auszudehnen und die
+Ländereien weit in der Runde an sich zu reißen: »denn – sagt ein
+Zeitgenosse – Nachbarn zu haben schien dem Theodahad eine Art von
+Unglück«.
+
+Dabei war seine schwache Seele vollständig abhängig von der bösartigen,
+aber kräftigen Natur seines Weibes.
+
+Einen solchen König sahen denn die Tüchtigsten unter den Goten nicht gern
+auf dem Throne Theoderichs. Und kaum war das Manifest Amalaswinthens
+bekannt geworden, als Graf Teja, der kurz zuvor mit Hildebad in Ravenna
+angekommen war, diesen sowie den alten Waffenmeister und den Grafen
+Witichis zu sich beschied und sie aufforderte, die Unzufriedenheit des
+Volkes zu steigern, zu leiten und einen Würdigern an Theodahads Stelle zu
+setzen.
+
+»Ihr wißt,« schloß er seine Worte, »wie günstig die Stimmung im Volke.
+Seit jener Bundesnacht im Mercuriustempel haben wir unablässig geschürt
+unter den Goten und Großes ist schon gelungen: des edeln Athalarich
+Aufschwung, der Sieg am Epiphaniasfeste, das Zurückholen Amalaswinthens,
+wir haben es bewirkt. Jetzt winkt die günstige Gelegenheit. Soll an des
+Weibes Stelle treten ein Mann, der schwächer als ein Weib? Haben wir
+keinen Würdigern mehr als Theodahad im Volk der Goten?«
+
+»Recht hat er, beim Donner und Strahl,« rief Hildebad. »Fort mit diesen
+verwelkten Amalern! Einen Heldenkönig hebt auf den Schild und schlagt los
+nach allen Seiten. Fort mit dem Amaler!«
+
+»Nein,« sagte Witichis, ruhig vor sich hinblickend, »noch nicht!
+Vielleicht, daß es noch einmal so kommen muß: aber nicht früher darf es
+geschehen als es muß. Der Anhang der Amaler ist groß im Volk: nur mit
+Gewalt würde Theodahad den Reichtum, Gothelindis die Macht der Krone sich
+entwinden lassen: sie würden stark genug sein, wenn nicht zum Siege, doch
+zum Kampf.
+
+Kampf aber unter den Söhnen eines Volks ist schrecklich, nur die
+Notwendigkeit kann ihn rechtfertigen. Die ist noch nicht da. Theodahad mag
+sich bewähren: er ist schwach, so wird er sich leiten lassen. Hat er sich
+unfähig erwiesen, so ist’s noch immer Zeit.«
+
+»Wer weiß, ob dann noch Zeit ist,« warnte Teja.
+
+»Was rätst du, Alter?« fragte Hildebad, auf welchen die Gründe des Grafen
+Witichis nicht ohne Wirkung blieben.
+
+»Brüder,« sagte der Waffenmeister, seinen langen Bart streichend, »ihr
+habt die Wahl, darum die Qual. Mir sind beide erspart: ich bin gebunden.
+Die alten Gefolgen des großen Königs haben einen Eid gethan, solang sein
+Haus lebt, keinem Fremden die Gotenkrone zuzuwenden.«
+
+»Welch thörichter Eid!« rief Hildebad.
+
+»Ich bin alt und nenn’ ihn nicht thöricht. Ich weiß, welcher Segen auf der
+festen, heiligen Ordnung des Erbgangs ruht. Und die Amaler sind Söhne der
+Götter,« schloß er geheimnisvoll.
+
+»Ein schöner Göttersohn, Theodahad!« lachte Hildebad.
+
+»Schweig,« rief zornig der Alte, »das begreift ihr nicht mehr, ihr neuen
+Menschen. Ihr wollt alles fassen und verstehen mit eurem kläglichen
+Verstand. Das Rätsel, das Geheimnis, das Wunder, der Zauber, der im Blute
+liegt – dafür habt ihr den Sinn verloren. Darum schweig’ ich von solchen
+Dingen zu euch.
+
+Aber ihr macht mich nicht mehr anders mit meinen bald hundert Jahren. Thut
+ihr, was ihr wollt, ich thue, was ich muß.«
+
+»Nun,« sprach Graf Teja nachgebend, »auf euer Haupt die Schuld. Aber wenn
+dieser letzte Amaler dahin ...« –
+
+»Dann ist das Gefolge seines Schwures frei.«
+
+»Vielleicht,« schloß Witichis, »ist es ein Glück, daß auch uns dein Eid
+die Wahl erspart: denn gewiß wollen wir keinen Herrscher, den du nicht
+anerkennen könntest. Gehen wir denn, das Volk zu beschwichtigen und tragen
+wir diesen König – solang er zu tragen ist.«
+
+»Aber keine Stunde länger,« sagte Teja und ging zürnend hinaus.
+
+
+
+
+ Zweites Kapitel.
+
+
+Am nämlichen Tage noch wurden Theodahad und Gothelindis mit der alten
+Krone der Gotenkönige gekrönt.
+
+Ein reiches Festmahl, besucht von allen römischen und gotischen Großen des
+Hofes und der Stadt, belebte den weiten Palast Theoderichs und den sonst
+so stillen Garten, den wir als den Schauplatz von Athalarichs und Kamillas
+Liebe kennen gelernt. Bis tief in die Nacht währte das lärmende Gelage.
+Der neue König, kein Freund der Becher und barbarischer Festfreuden, hatte
+sich frühe zurückgezogen.
+
+Gothelindis dagegen sonnte sich gern in dem Glanz ihrer jungen
+Herrlichkeit: stolz prangte sie auf ihrem Purpursitz, die goldne
+Zackenkrone im dunkeln Haar. Sie schien ganz Ohr für die lauten Jubelrufe,
+die ihren und ihres Gatten Namen feierten. Und doch hatte ihr Herz dabei
+nur Eine Freude: den Gedanken, daß dieser Jubel hinunterdringen müsse bis
+in die Königsgruft, wo Amalaswintha, die verhaßte, besiegte Feindin, am
+Sarkophage ihres Sohnes trauerte.
+
+Unter der Menge von jenen Gästen, die immer fröhlich sind, wenn sie bei
+vollen Bechern sitzen, war doch auch so manches ernstere Gesicht zu
+bemerken: mancher Römer, der auf dem leeren Thron da oben lieber den
+Kaiser gesehen hätte: so mancher Gote, der in der gefährlichen Lage des
+Reiches einem König wie Theodahad nicht ohne Sorge huldigen konnte.
+
+Zu letzteren zählte Witichis, dessen Gedanken nicht unter dem
+kranzgeschmückten Säulendach der Trinkhalle zu weilen schienen. Unberührt
+stand die goldne Schale vor ihm und auf den lauten Zuruf Hildebads, der
+ihm gegenüber saß, achtete er kaum. Endlich – schon leuchteten längst im
+Saale die Lampen und am Himmel die Sterne – stand er auf und ging hinaus
+in das grüne Dunkel des Gartens.
+
+Langsam wandelte er durch die Taxusgänge dahin: sein Auge hing an den
+funkelnden Sternen. Sein Herz war daheim bei seinem Weibe, bei seinem
+Knaben, die er monatelang nicht mehr gesehen. So führte ihn sein sinnendes
+Wandeln an den Venustempel bei der Meeresbucht, die wir kennen. Er sah
+hinaus nach der flimmernden See – da blitzte etwas dicht vor seinen Füßen
+im schwachen Mondlicht: es war eine Rüstung, daneben die kleine, gotische
+Harfe: ein Mann lag vor ihm im weichen Grase und ein bleiches Antlitz hob
+sich ihm entgegen.
+
+»Du hier, Teja? Du warst nicht beim Fest.«
+
+»Nein, ich war bei den Toten.«
+
+»Auch mein Herz weiß nichts von diesen Festen: es war daheim bei Weib und
+Kind,« sagte Witichis, sich zu ihm niedersetzend.
+
+»Bei Weib und Kind,« wiederholte Teja seufzend.
+
+»Viele fragten nach dir, Teja.«
+
+»Nach mir! Soll ich sitzen neben Cethegus, der mir die Ehre nahm, und
+neben Theodahad, der mir mein Erbe nahm?«
+
+»Dein Erbe nahm?«
+
+»Wenigstens besitzt er’s. Und über den Ort, wo meine Wiege stand, ging
+seine Pflugschar.«
+
+Und schweigend sah er lange vor sich hin.
+
+»Dein Harfenspiel – es schweigt? Man rühmt dich unsres Volkes besten
+Harfenschläger und Sänger!«
+
+»Wie Gelimer, der letzte König der Vandalen, seines Volkes bester
+Harfenschläger war. – – Aber mich würden sie nicht im Triumph einführen
+nach Byzanz!«
+
+»Du singst nicht oft mehr?«
+
+»Fast niemals mehr. Aber mir ist, die Tage kommen, da ich wieder singen
+werde.«
+
+»Tage der Freude?«
+
+»Tage der höchsten, der letzten Trauer.«
+
+Lange schwiegen beide. –
+
+»Mein Teja,« hob endlich Witichis an, »in allen Nöten von Krieg und
+Frieden hab’ ich dich erfunden treu, wie mein Schwert. Und obwohl du
+soviel jünger als ich und nicht leicht der Ältere sich dem Jüngling
+verbindet, kann ich dich meinen besten Herzensfreund nennen. Und ich weiß,
+daß auch dein Herz mehr an mir hängt als an deinen Jugendgenossen.«
+
+Teja drückte ihm die Hand: »Du verstehst mich und ehrest meine Art, auch
+wo du sie nicht verstehst. Die andern –! und doch: den einen hab’ ich sehr
+lieb.«
+
+»Wen?«
+
+»Den alle lieb haben.«
+
+»Totila!«
+
+»Ich hab’ ihn lieb wie die Nacht den Morgenstern. Aber er ist so hell: er
+kann’s nicht fassen, daß andere dunkel sind und bleiben müssen.«
+
+»Bleiben müssen! Warum? Du weißt, Neugier ist meine Sache nicht. Und wenn
+ich dich in dieser ernsten Stunde bitte: lüfte den Schleier, der über dir
+und deiner finstern Trauer liegt, so bitt’ ich’s nur, weil ich dir helfen
+möchte. Und weil des Freundes Auge oft besser sieht als das eigene.«
+
+»Helfen? Mir helfen? Kannst du die Toten wieder auferwecken? Mein Schmerz
+ist unwiderruflich wie die Vergangenheit. Und wer einmal gleich mir den
+unbarmherzigen Rädergang des Schicksals verspürt hat, wie es, blind und
+taub für das Zarte und Hohe, mit eherner grundloser Gewalt alles vor sich
+nieder tritt, ja, wie es das Edle, weil es zart ist, leichter und lieber
+zermalmt, als das Gemeine, wer erkannt hat, daß eine dumpfe Notwendigkeit,
+welche Thoren die weise Vorsehung Gottes nennen, die Welt und das Leben
+der Menschen beherrscht, der ist hinaus über Hilfe und Trost: er hört
+ewig, wenn er es einmal erlauscht, mit dem leisen Gehör der Verzweiflung
+den immer gleichen Taktschlag des fühllosen Rades im Mittelpunkt der Welt,
+das gleichgültig mit jeder Bewegung Leben zeugt und Leben tötet. Wer das
+einmal empfunden und erlebt, der entsagt einmal und für immer und allem:
+nichts wird ihn mehr erschrecken. Aber freilich – die Kunst des Lächelns
+hat er auch vergessen auf immerdar.«
+
+»Mir schaudert. Gott bewahre mich vor solchem Wahn! Wie kamst du so jung
+zu so fürchterlicher Weisheit?«
+
+»Freund, mit deinen Gedanken allein ergrübelst du die Wahrheit nicht,
+erleben mußt du sie. Und nur, wenn du des Mannes Leben kennst, begreifst
+du, was er denkt und wie er denkt. Und auf daß ich dir nicht länger
+erscheine wie ein irrer Träumer, wie ein Weichling, der sich gern in
+seinen Schmerzen wiegt, – und damit ich dein Vertrauen und deine schöne
+Freundschaft ehre, vernimm, – höre ein kleines Stück meines Grams. Das
+größere, das unendlich größere behalt’ ich noch für mich,« sagte er
+schmerzlich, die Hand auf die Brust drückend, – »es kömmt wohl noch die
+Stunde auch für dies. Vernimm heute nur, wie über meinem Haupte der Stern
+des Unheils schon leuchtete, da ich gezeugt ward. – Und von all den
+tausend Sternen da oben bleibt nur dieser Stern getreu. Du warst dabei –
+du erinnerst dich – wie der falsche Präfekt mich laut vor allen einen
+Bastard schalt und mir den Zweikampf weigerte: – ich mußte es dulden: ich
+bin noch schlimmeres als ein Bastard. – –
+
+Mein Vater, Tagila, war ein tüchtiger Kriegsheld, aber kein Adaling,
+gemeinfrei und arm. Er liebte, schon seit der Bart ihm sproßte, Gisa,
+seines Vaterbruders Tochter. Sie lebten draußen, weit an der äußersten
+Ostgrenze des Reichs, an dem kalten Ister, wo man stets im Kampfe liegt
+mit den Gepiden und den wilden räuberischen Sarmaten und wenig Zeit hat,
+an die Kirche zu denken und die wechselnden Gebote, die ihre Konzilien
+erlassen. Lange konnte mein Vater seine Gisa nicht heimführen: er hatte
+nichts als Helm und Speer und konnte ihrem Mundwalt den Malschatz nicht
+zahlen und einem Weibe keinen Herd bereiten.
+
+Endlich lachte ihm das Glück. Im Krieg gegen einen Sarmatenkönig eroberte
+er dessen festen Schatzturm an der Alutha: und die reichen Schätze, welche
+die Sarmaten seit Jahrhunderten zusammengeplündert und hier aufgehäuft,
+wurden seine Beute. Zum Lohn seiner That ernannte ihn Theoderich zum
+Grafen und rief ihn nach Italien. Mein Vater nahm seine Schätze und Gisa,
+jetzt sein Weib, mit sich über die Alpen und kaufte sich weite schöne
+Güter in Tuscien zwischen Florentia und Luca. Aber nicht lange währte sein
+Glück.
+
+Kaum war ich geboren, da verklagte ein Elender, ein feiger Schurke, meine
+Eltern wegen Blutschande beim Bischof von Florentia. Sie waren katholisch
+– nicht Arianer – und Geschwisterkinder: ihre Ehe war nichtig nach dem
+Recht der Kirche – und die Kirche gebot ihnen, sich zu trennen.
+
+Mein Vater drückte sein Weib an die Brust und lachte des Gebots. Aber der
+geheime Ankläger ruhte nicht –«
+
+– »Wer war der Neiding?«
+
+»O wenn ich es wüßte, ich wollte ihn erreichen und thronte er in allen
+Schrecken des Vesuvius! Er ruhte nicht. Unablässig bedrängten die Priester
+meine arme Mutter und wollten ihre Seele mit Gewissensbissen schrecken.
+
+Umsonst: sie hielt sich an ihren Gott und ihren Gatten und trotzte dem
+Bischof und seinen Sendboten. Und mein Vater, wenn er einen der Pfaffen in
+seinem Gehöfte traf, begrüßte ihn, daß er nicht wieder kam.
+
+Aber wer kann mit denen kämpfen, die im Namen Gottes sprechen! Eine letzte
+Frist ward den Ungehorsamen gesteckt: hätten sie sich bis dahin nicht
+getrennt, so sollten sie dem Bann verfallen und ihr Hab und Gut der
+Kirche.
+
+Entsetzt eilte jetzt mein Vater an den Hof des Königs, Aufhebung des
+grausamen Spruches zu erflehen. Aber die Satzung des Konzils sprach zu
+klar und Theoderich konnte es nicht wagen, das Recht der katholischen
+Kirche zu kränken. Als mein Vater zurückkehrte von Ravenna, mit Gisa zu
+flüchten, starrte er entsetzt auf die Stätte, wo sein Haus gestanden: der
+Termin war abgelaufen, und die Drohung erfüllt: sein Haus zerstört, sein
+Weib, sein Kind verschwunden.
+
+Rasend stürmte er durch ganz Italien, uns zu suchen. Endlich entdeckte er,
+als Priester verkleidet, seine Gisa in einem Kloster zu Ticinum: ihren
+Knaben hatte man ihr entrissen und nach Rom geschleppt. Mein Vater
+bereitet mit ihr alles zur Flucht: sie entkommen um Mitternacht über die
+Mauer des Klostergartens. Aber am Morgen fehlt die Büßerin bei der Hora:
+man vermißt sie, ihre Zelle ist leer. Die Klosterknechte folgen den Spuren
+des Rosses, – sie werden eingeholt: grimmig fechtend fällt mein Vater:
+meine Mutter wird in ihre Zelle zurückgebracht. Und so furchtbar drücken
+die Macht des Schmerzes und die Zucht des Klosters auf die zermürbte
+Seele, daß sie in Wahnsinn fällt und stirbt. Das sind meine Eltern!«
+
+»Und du?«
+
+»Mich entdeckte in Rom der alte Hildebrand, ein Waffenfreund meines
+Großvaters und Vaters: – er entriß mich, mit des Königs Beistand, den
+Priestern und ließ mich mit seinen eigenen Enkeln in Regium erziehen.«
+
+»Und dein Gut, dein Erbe?«
+
+»Verfiel der Kirche, die es, halb geschenkt, an Theodahad überließ: er war
+meines Vaters Nachbar, er ist jetzt mein König!«
+
+»Mein armer Freund! Aber wie erging es dir später? Man weiß nur dunkles
+Gerede – du warst einmal in Griechenland gefangen ... –«
+
+Teja stand auf. »Davon laß mich schweigen; vielleicht ein andermal.
+
+Ich war Thor genug, auch einmal an Glück zu glauben und an eines liebenden
+Gottes Güte. Ich hab’ es schwer gebüßt. Ich will’s nie wieder thun. Leb
+wohl, Witichis, und schilt nicht auf Teja, wenn er nicht ist wie andre.«
+
+Er drückte ihm die Hand und war rasch im dunkeln Laubgang verschwunden.
+
+Witichis sah lange schweigend vor sich hin. Dann blickte er gen Himmel, in
+den hellen Sternen eine Widerlegung der finstern Gedanken zu finden, die
+des Freundes Worte in ihm geweckt. Er sehnte sich nach ihrem Licht voll
+Frieden und Klarheit. Aber während des Gesprächs war Nebelgewölk rasch aus
+den Lagunen aufgestiegen und hatte den Himmel überzogen: es war finster
+ringsum.
+
+Mit einem Seufzer stand Witichis auf und suchte in ernstem Sinnen sein
+einsames Lager.
+
+
+
+
+ Drittes Kapitel.
+
+
+Während unten in den Hallen des Palatiums Italier und Goten tafelten und
+zechten, ahnten sie nicht, daß über ihren Häuptern in dem Gemach des
+Königs eine Verhandlung gepflogen ward, die über ihr und ihres Reiches
+Schicksale entscheiden sollte.
+
+Unbeobachtet war dem König alsbald der Gesandte von Byzanz nachgefolgt und
+lange und geheim sprachen und schrieben die beiden miteinander. Endlich
+schienen sie handelseinig geworden und Petros wollte anheben, nochmal
+vorzulesen, was sie gemeinsam beschlossen und aufgezeichnet. Aber der
+König unterbrach ihn. »Halt,« flüsterte der kleine Mann, der in seinem
+weiten Purpurmantel verloren zu gehen drohte, »halt – noch eins!«
+
+Und er hob sich aus dem schön geschweiften Sitz, schlich durch das Gemach
+und hob den Vorhang, ob niemand lausche.
+
+Dann kehrte er beruhigt zurück und faßte den Byzantiner leise am Gewand.
+
+Das Licht der Bronzeampel spielte im Winde flackernd auf den gelben
+vertrockneten Wangen des häßlichen Mannes, der die kleinen Augen
+zusammenkniff: »Noch dies. Wenn jene heilsamen Veränderungen eintreten
+sollen, – auf daß sie eintreten können, wird es gut sein, ja notwendig,
+einige der trotzigsten meiner Barbaren unschädlich zu machen.« – »Daran
+hab’ ich bereits gedacht,« nickte Petros. »Da ist der alte halbheidnische
+Waffenmeister, der grobe Hildebad, der nüchterne Witichis« –
+
+»Du kennst deine Leute gut,« grinste Theodahad, »du hast dich tüchtig
+umgesehen. Aber,« raunte er ihm ins Ohr, »einer, den du nicht genannt
+hast, einer vor allen muß fort.«
+
+»Der ist?«
+
+»Graf Teja, des Tagila Sohn.«
+
+»Ist der melancholische Träumer so gefährlich?«
+
+»Der gefährlichste von allen! Und mein persönlicher Feind! schon von
+seinem Vater her.«
+
+»Wie kam das?«
+
+»Er war mein Nachbar bei Florentia. Ich mußte seine Äcker haben – umsonst
+drang ich in ihn. Ha,« lächelte er pfiffig, »zuletzt wurden sie doch mein.
+Die heilige Kirche trennte seine verbrecherische Ehe, nahm ihm sein Gut
+dabei und ließ mir’s – billig – ab. Ich hatte einiges Verdienst um die
+Kirche in dem Prozeß – dein Freund, der Bischof von Florentia kann dir’s
+genau erzählen.«
+
+»Ich verstehe,« sagte Petros, »was gab der Barbar seine Äcker nicht in
+Güte! Weiß Teja –?«
+
+»Nichts weiß er. Aber er haßt mich schon deshalb, weil ich sein Erbgut –
+kaufte. Er wirft mir finstere Blicke zu. Und dieser schwarze Träumer ist
+der Mann, seinen Feind zu den Füßen Gottes zu erwürgen.«
+
+»So?« sagte Petros, plötzlich sehr nachdenklich. »Nun, genug von ihm: er
+soll nicht schaden. Laß dir jetzt nochmal den ganzen Vertrag Punkt für
+Punkt vorlesen; dann unterzeichne.
+
+Erstens. König Theodahad verzichtet auf die Herrschaft über Italien und
+die zugehörigen Inseln und Provinzen des Gotenreichs: nämlich Dalmatien,
+Liburnien, Istrien, das zweite Pannonien, Savien, Noricum, Rätien und den
+gotischen Besitz in Gallien, zu Gunsten des Kaisers Justinian und seiner
+Nachfolger auf dem Throne von Byzanz. Er verspricht, Ravenna, Rom,
+Neapolis und alle festen Plätze des Reichs dem Kaiser ohne Widerstand zu
+öffnen.«
+
+Theodahad nickte.
+
+»Zweitens. König Theodahad wird mit allen Mitteln dahin wirken, daß das
+ganze Heer der Goten entwaffnet und in kleinen Gruppen über die Alpen
+geführt werde. Weiber und Kinder haben nach Auswahl des kaiserlichen
+Feldherrn dem Heere zu folgen oder als Sklaven nach Byzanz zu gehen. Der
+König wird dafür sorgen, daß jeder Widerstand der Goten erfolglos bleiben
+muß.
+
+Drittens. Dafür beläßt Kaiser Justinian dem König Theodahad und seiner
+Gemahlin den Königstitel und die königlichen Ehren auf Lebenszeit, und
+viertens« –
+
+Diesen Abschnitt will ich doch mit eigenen Augen lesen,« unterbrach
+Theodahad, nach der Urkunde langend. »Viertens beläßt der Kaiser dem König
+der Goten nicht nur alle Ländereien und Schätze, die dieser als sein
+Privateigentum bezeichnen wird, sondern auch den ganzen Königsschatz der
+Goten, der allein an geprägtem Gold auf vierzigtausend Pfunde geschätzt
+ist. Er übergiebt ihm ferner zu Erb und Eigen ganz Tuscien von Pistoria
+bis Cäre, von Populonia bis Clusium und endlich überweist er an Theodahad
+auf Lebenszeit die Hälfte aller öffentlichen Einkünfte des durch diesen
+Vertrag seinem rechtmäßigen Herrn zurückerworbenen Reiches. – Sage,
+Petros, meinst du nicht, ich könnte drei Viertel fordern?« – –
+
+»Fordern kannst du sie, allein ich zweifle sehr, daß sie dir Justinian
+gewährt. Ich habe schon die Grenzen, die äußersten, meiner Vollmacht
+überschritten.«
+
+»Fordern wollen wir’s doch immerhin,« meinte der König, die Zahl ändernd.
+»Dann muß Justinian herunter markten oder dafür andre Vorteile gewähren.«
+
+Um des Petros schmale Lippen spielte ein falsches Lächeln:
+
+»Du bist ein kluger Handelsmann, o König. – Aber hier verrechnest du dich
+doch,« sagte er zu sich selbst.
+
+Da rauschten schleppende Gewänder den Marmorgang heran und eintrat ins
+Gemach in langem schwarzem Mantel und schwarzem, mit silbernen Sternen
+besätem Schleier Amalaswintha, bleich von Antlitz, aber in edler Haltung,
+eine Königin trotz der verlornen Krone: überwältigende Hoheit der Trauer
+sprach aus den bleichen Zügen.
+
+»König der Goten,« hob sie an, »vergieb, wenn an deinem Freudenfeste ein
+dunkler Schatte noch einmal auftaucht von der Welt der Toten. Es ist zum
+letztenmal.«
+
+Beide Männer waren von ihrem Anblick betroffen.
+
+»Königin,« – stammelte Theodahad.
+
+»Königin! o wär’ ich’s nie gewesen. Ich komme, Vetter, von dem Sarge
+meines edeln Sohnes, wo ich Buße gethan für all’ meine Verblendung, und
+all’ meine Schuld bereut. Ich steige herauf zu dir, König der Goten, dich
+zu warnen vor gleicher Verblendung und gleicher Schuld.«
+
+Theodahads unstetes Auge vermied ihren ernsten, prüfenden Blick.
+
+»Es ist ein übler Gast,« fuhr sie fort, »den ich in mitternächtiger Stunde
+als deinen Vertrauten bei dir finde. Es ist kein Heil für einen Fürsten
+als in seinem Volk: zu spät hab’ ich’s erkannt, zu spät für mich, nicht zu
+spät, hoff’ ich, für mein Volk. Traue du nicht Byzanz: es ist ein Schild,
+der den erdrückt, den er beschirmen soll.«
+
+»Du bist ungerecht,« sagte Petros, »und undankbar.«
+
+»Thu nicht, mein königlicher Vetter,« fuhr sie fort, »was dieser von dir
+fordert. Bewillige nicht du, was ich ihm weigerte. Sicilien sollen wir
+abtreten und dreitausend Krieger dem Kaiser stellen für alle seine Kriege
+– ich wies die Schmach von mir. Ich sehe,« sprach sie, auf das Pergament
+deutend, »du hast schon mit ihm abgeschlossen. Tritt zurück, sie werden
+dich immer täuschen.«
+
+Ängstlich zog Theodahad die Urkunde an sich: er warf einen mißtrauischen
+Blick auf Petros.
+
+Da trat dieser gegen Amalaswintha vor: »Was willst du hier, du Königin von
+gestern? Willst du dem Beherrscher dieses Reiches wehren? Deine Zeit und
+deine Macht ist um.« – »Verlaß uns,« sagte Theodahad, ermutigt. »Ich werde
+thun was mir gutdünkt. Es soll dir nicht gelingen mich von meinen Freunden
+in Byzanz zu trennen. Sieh her, vor deinen Augen soll unser Bund
+geschlossen sein.« Und er zeichnete seinen Namen auf die Urkunde.
+
+»Nun,« lächelte Petros, »kamst du noch eben recht, als Zeugin mit zu
+unterzeichnen.«
+
+»Nein,« sprach Amalaswintha mit einem drohenden Blick auf die beiden
+Männer, »ich kam noch eben recht, euren Plan zu vereiteln. Ich gehe
+geradeswegs von hier zum Heere, zur Volksversammlung, die nächstens bei
+Regeta tagt. Aufdecken will ich daselbst vor allem Volk deine Anträge, die
+Pläne von Byzanz und dieses schwachen Fürsten Verrat.«
+
+»Das wird nicht angehn,« sagte Petros ruhig, »ohne dich selbst zu
+verklagen.«
+
+»Ich will mich selbst verklagen. Enthüllen will ich all’ meine Thorheit,
+all’ meine blutige Schuld und gern den Tod erleiden, den ich verdient.
+Aber warnen, aufschrecken soll diese meine Selbstanklage mein ganzes Volk
+vom Ätna bis zu den Alpen; eine Welt von Waffen soll euch entgegenstehn
+und retten werd’ ich meine Goten durch meinen Tod von der Gefahr, in die
+mein Leben sie gestürzt.« Und in edler Begeisterung eilte sie aus dem
+Gemach.
+
+Verzagt blickte Theodahad auf den Gesandten: lang fand er keine Worte.
+»Rate, hilf –« stammelte er endlich.
+
+»Raten? Da hilft nur Ein Rat. Die Rasende wird sich und uns verderben,
+läßt man sie gewähren. Sie darf ihre Drohung nicht erfüllen. Dafür mußt du
+sorgen.«
+
+»Ich?« rief Theodahad erschreckt; »ich kann dergleichen nicht! Wo ist
+Gothelindis? Sie, sie allein kann helfen.«
+
+»Und der Präfekt,« sagte Petros – »sende nach ihnen.«
+
+Alsbald waren die beiden Genannten von dem Festmahle herauf beschieden.
+Petros verständigte sie von den Worten der Fürstin, ohne jedoch dem
+Präfekten den Vertrag als Veranlassung des Auftritts zu nennen.
+
+Kaum hatte er gesprochen, so rief die Königin:
+
+»Genug, sie darf es nicht vollenden. Man muß ihre Schritte bewachen, sie
+darf mit keinem Goten in Ravenna sprechen – sie darf den Palast nicht
+verlassen. Das vor allem!« Und sie eilte hinaus, vertraute Sklaven vor
+Amalaswinthens Gemächer zu senden. Alsbald kehrte sie wieder. »Sie betet
+laut in ihrer Kammer,« sprach sie verächtlich. »Auf, Cethegus, laß uns
+ihre Gebete vereiteln.«
+
+Cethegus hatte, mit dem Rücken an die Marmorsäulen des Eingangs gelehnt,
+die Arme über der Brust gekreuzt, diese Vorgänge schweigend und sinnend
+mit angehört. Er erkannte die Notwendigkeit, die Fäden der Ereignisse
+wieder mehr in seine Hand zu versammeln und straffer anzuziehen. Er sah
+Byzanz immer mehr in den Vordergrund dringen: – das durfte nicht weiter
+angehn.
+
+»Sprich, Cethegus,« mahnte Gothelindis nochmals, »was thut jetzt vor allem
+Not?«
+
+»Klarheit,« sagte dieser sich aufrichtend. »In jedem Bunde muß der Zweck,
+der besondere Zweck jedes der Verbündeten klar sein: sonst werden sie
+stets sich durch Mißtrau’n hemmen. Ihr habt eure Zwecke, – ich habe den
+meinen. Eure Zwecke liegen am Tage: ich habe sie euch neulich schon
+gesagt: du Petros, willst, daß Kaiser Justinian an der Goten Statt in
+Italien herrsche: ihr, Gothelindis und Theodahad, wollt dies auch, gegen
+reiche Entschädigung an Rache, Geld und Ehren. Ich aber – ich habe auch
+meinen Zweck: was hilft es, das zu verhehlen? Mein schlauer Petros, du
+würdest doch nicht lange mehr glauben, daß ich nur den Ehrgeiz habe, dein
+Werkzeug zu sein, und dereinst Senator in Byzanz zu werden. Also auch ich
+habe meinen Zweck: all’ eure dreieinige Schlauheit würde ihn nie
+entdecken, weil er zu nahe vor Augen liegt. Ich muß ihn euch selbst
+verraten.
+
+Der versteinerte Cethegus hat noch eine Liebe: sein Italien. Drum will er,
+wie ihr, die Goten fort haben aus diesem Land.
+
+Aber er will nicht, wie ihr, daß Kaiser Justinianus unbedingt an ihre
+Stelle trete: er will nicht die Traufe statt des Regens.
+
+Am liebsten möchte ich, der unverbesserliche Republikaner – du weißt, mein
+Petros, wir waren es damals beide mit achtzehn Jahren auf der Schule von
+Athen und ich bin es noch: aber du brauchst es dem Kaiser, deinem Herrn,
+nicht zu melden, ich hab’ es ihm lange selbst geschrieben – die Barbaren
+hinauswerfen, ohne euch herein zu lassen.
+
+Das geht nun leider nicht an: wir können eurer Hilfe nicht entbehren. Doch
+will ich diese auf das Unvermeidliche beschränken. Kein byzantinisch Heer
+darf diesen Boden betreten, als um ihn im letzten Augenblick der Not aus
+der Hand der Italier zu empfangen. Italien sei mehr ein von den Italiern
+dargebrachtes Geschenk als eine Eroberung für Justinian: die Segnungen der
+Feldherrn und Steuerrechner, die Byzanz über die Länder bringt, die es
+befreit, sollen uns erspart bleiben: wir wollen euern Schutz, nicht eure
+Tyrannei.«
+
+Über Petros’ Züge zog ein feines Lächeln, das Cethegus nicht zu bemerken
+schien; er fuhr fort: »So vernehmt meine Bedingung. Ich weiß, Belisarius
+liegt mit Flotte und Heer nah bei Sicilien. Er darf nicht landen. Er muß
+heimkehren. Ich kann keinen Belisar in Italien brauchen. Wenigstens nicht
+eher als ich ihn rufe. Und sendest du, Petros, ihm nicht sofort diesen
+Befehl zu, so scheiden sich unsere Wege. Ich kenne Belisar und Narses und
+ihre Soldatenherrschaft und ich weiß, welch’ milde Herren diese Goten
+sind. Und mich erbarmt Amalaswinthens: sie war eine Mutter meines Volks.
+Deshalb wählet, wählet zwischen Belisar und Cethegus. Landet Belisar, so
+steht Cethegus und ganz Italien zu Amalaswintha und den Goten: und dann
+laß sehn, ob ihr uns eine Scholle dieses Landes entreißt. Wählt ihr
+Cethegus, so bricht er die Macht der Barbaren und Italien unterwirft sich
+dem Kaiser als seine freie Gattin, nicht als seine Sklavin. Wähle,
+Petros.«
+
+»Stolzer Mann,« sprach Gothelindis, »du wagst uns Bedingungen zu setzen,
+uns, deiner Königin?« Und drohend erhob sie die Hand.
+
+Aber mit eiserner Faust ergriff Cethegus diese Hand und zog sie ruhig
+herab. »Laß die Possen, Eintagskönigin. Hier unterhandeln nur Italien und
+Byzanz. Vergißt du deine Ohnmacht, so muß man dich dran mahnen. Du
+thronst, solange wir dich halten.« Und mit so ruhiger Majestät stand er
+vor dem zornmütigen Weib, daß sie verstummte. Aber ihr Blick sprühte
+unauslöschlichen Haß.
+
+»Cethegus,« sagte jetzt Petros, der sich einstweilen entschlossen, »du
+hast Recht. Byzanz kann für den Augenblick nicht mehr erreichen als deine
+Hilfe, weil nichts ohne sie. Wenn Belisar umkehrt, so gehst du ganz mit
+uns und unbedingt?«
+
+»Unbedingt.«
+
+»Und Amalaswinthen?«
+
+»Geb’ ich Preis.«
+
+»Wohlan,« sagte der Byzantiner, »es gilt.«
+
+Er schrieb auf eine Wachstafel in kurzen Worten den Befehl zur Heimkehr an
+Belisar und reichte sie dem Präfekten: »Du magst die Botschaft selbst
+bestellen.«
+
+Cethegus las sorgfältig: »Es ist gut,« sagte er, die Tafel in die Brust
+steckend, »es gilt.«
+
+»Wann bricht Italien los auf die Barbaren?« fragte Petros.
+
+»In den ersten Tagen des nächsten Monats. Ich gehe nach Rom. Leb wohl.«
+
+»Du gehst? Und hilfst uns nicht das Weib – die Tochter Theoderichs
+verderben?« fragte die Königin mit bittrem Vorwurf. »Erbarmt dich ihrer
+abermals?«
+
+»Sie ist gerichtet,« sagte Cethegus, an der Thür sich kurz umwendend. »Der
+Richter geht – der Henker Amt hebt an.« Und stolz schritt er hinaus.
+
+Da faßte Theodahad, der sprachlos vor Staunen den Byzantiner hatte handeln
+sehn, mit Entsetzen dessen Hand: »Petros,« rief er, »um Gott und aller
+Heiligen willen, was hast du gethan? Unser Vertrag und alles ruht auf
+Belisar und du schickst ihn nach Hause?«
+
+»Und läßt diesen Übermütigen triumphieren?« knirschte Gothelindis.
+
+Aber Petros lächelte: der Sieg der Schlauheit strahlte auf seinem Antlitz.
+»Seid ruhig,« sagte er, »diesmal ist er überwunden, der Allüberwinder
+Cethegus, besiegt von dem verhöhnten Petros.« Er ergriff Theodahad und
+Gothelindis an den Händen, zog sie nahe an sich, sah sich um, und
+flüsterte dann: »Vor jenem Brief an Belisar steht ein kleiner Punkt: der
+bedeutet ihm: all das Geschriebene ist nicht ernst gemeint, ist nichtig.
+Ja, ja, man lernt, man lernt die Schreibekunst am Hofe von Byzanz.«
+
+
+
+
+ Viertes Kapitel.
+
+
+Zwei Tage nach der nächtlichen Begegnung mit Theodahad und Petros
+verbrachte Amalaswintha in einer Art von wirklicher oder vermeinter
+Gefangenschaft.
+
+So oft sie ihre Gemächer verließ, so oft sie einbog in einen Gang des
+Palastes, jedesmal glaubte sie hinter oder neben sich Gestalten
+auftauchen, hingleiten, verschwinden zu sehen, die ebenso eifrig bedacht
+schienen, all’ ihre Schritte zu beobachten als sich selbst ihren Blicken
+zu entziehen: kaum zu dem Grabe ihres Sohnes konnte sie unbewacht
+niedersteigen.
+
+Umsonst fragte sie nach Witichis, nach Teja: sie hatten gleich am Morgen
+nach dem Krönungsfest in Aufträgen des Königs die Stadt verlassen. Das
+Gefühl, vereinsamt und von bösen Feinden umlauert zu sein, ruhte drückend
+auf ihrer Seele.
+
+Schwer und düster hingen am Morgen des dritten Tages die herbstlichen
+Regenwolken auf Ravenna herab, als sich Amalaswintha von dem
+schlummerlosen Lager erhob. Unheimlich berührte es sie, daß, als sie an
+das Fenster von Frauenglas trat, ein Rabe krächzend von dem Marmorsims
+aufstieg und mit heiserem Schrei und schwerem Flügelschlag langsam über
+die Gärten dahinflog.
+
+Die Fürstin fühlte schon daran, wie geknickt ihre Seele war durch diese
+Tage von Schmerz, Furcht und Reue, daß sie sich des finstern Eindrucks
+nicht erwehren konnte, den ihr die frühen Herbstnebel, aus den Lagunen der
+Seestadt aufsteigend, brachten. Seufzend blickte sie in die graue
+Sumpflandschaft hinaus.
+
+Schwer war ihr Herz von Reue und Sorge.
+
+Und ihr einziger Halt der Gedanke, durch freie Selbstanklage und volle
+Demütigung vor allem Volk das Reich noch zu retten um den Preis ihres
+Lebens. Denn sie zweifelte nicht, daß die Gesippen und Bluträcher der drei
+Herzoge ihre Pflicht vollauf erfüllen würden. In solchen Gedanken schritt
+sie durch die öden Hallen und Gänge des Palastes, diesmal, wie sie
+glaubte, unbelauscht, hinunter zu der Ruhestätte ihres Sohnes, sich in den
+Vorsätzen der Buße und Sühne an ihrem Volk zu befestigen.
+
+Als sie nach geraumer Zeit aus der Gruft wieder emporstieg und in einen
+dunkeln Gewölbgang einlenkte, huschte ein Mann in Sklaventracht aus einer
+Nische hervor – sie glaubte sein Gesicht schon oft gesehen zu haben –
+drückte ihr eine kleine Wachstafel in die Hand und war seitab
+verschwunden.
+
+Sie erkannte sofort – die Handschrift Cassiodors –.
+
+Und sie erriet nun auch den geheimnisvollen Überbringer: es war Dolios,
+der Briefsklave ihres treuen Ministers. Rasch die Tafel in ihrem Gewande
+bergend eilte sie in ihr Gemach. Dort las sie: »In Schmerz, nicht in Zorn,
+schied ich von dir. Ich will nicht, daß du unbußfertig abgerufen werdest
+und deine unsterbliche Seele verloren gehe. Flieh aus diesem Palast, aus
+dieser Stadt: dein Leben ist keine Stunde mehr sicher. Du kennst
+Gothelindis und ihren Haß. Traue niemand als meinem Schreiber und finde
+dich um Sonnenuntergang bei dem Venustempel im Garten ein. Dort wird dich
+meine Sänfte erwarten und in Sicherheit bringen, nach meiner Villa im
+Bolsener See. Folge und vertraue.«
+
+Gerührt ließ Amalaswintha den Brief sinken: der vielgetreue Cassiodor! Er
+hatte sie doch nicht ganz verlassen. Er bangte und sorgte noch immer für
+das Leben der Freundin. Und jene reizende Villa auf der einsamen Insel im
+blauen Bolsener See! Dort hatte sie, vor vielen, vielen Jahren, als Gast
+Cassiodors, in voller Blüte der Jugendschönheit, Hochzeit gehalten mit
+Eutharich, dem edeln Amalungen, und, von allem Schimmer der Macht und
+Ehren umflossen, ihrer Jugend stolzeste Tage gefeiert.
+
+Ihr sonst so hartes, aber jetzt vom Unglück erweichtes Gemüt beschlich
+mächtige Sehnsucht, die Stätte ihrer schönsten Freuden wiederzusehen.
+Schon dies Eine Gefühl trieb sie mächtig an, der Mahnung Cassiodors zu
+folgen: noch mehr die Furcht, – nicht für ihr Leben, denn sie wollte
+sterben – die Raschheit ihrer Feinde möchte ihr unmöglich machen, das Volk
+zu warnen und das Reich zu retten. Endlich überlegte sie, daß der Weg nach
+Regeta bei Rom, wo in Bälde die große Volksversammlung, wie alljährlich im
+Herbst, statthaben sollte, sie am Bolsener See vorüberführte. Also war es
+nur eine Beschleunigung ihres Planes, wenn sie schon jetzt in dieser
+Richtung aufbrach. Um aber auf alle Fälle sicher zu gehn, um, auch wenn
+sie das Ziel ihrer Reise nicht erreichen sollte, ihre warnende Stimme an
+das Ohr des Volks gelangen zu lassen, beschloß sie einem Brief an
+Cassiodor, den auf seiner Villa anzutreffen sie nicht bestimmt
+voraussetzen konnte, ihre ganze Beichte und die Enthüllung aller Pläne der
+Byzantiner und Theodahads anzuvertrauen.
+
+Bei geschlossenen Thüren schrieb sie die schmerzreichen Worte nieder:
+heiße Thränen des Dankes und der Reue fielen auf das Pergament, das sie
+sorgfältig siegelte und dem treuesten ihrer Sklaven übergab, es sicher
+nach dem Kloster Squillacium in Apulien, der Stiftung und dem gewöhnlichen
+Aufenthalt Cassiodors, zu befördern.
+
+Langsam verstrichen der Fürstin die zögernden Stunden des Tages. Mit
+ganzer Seele hatte sie des Freundes dargebotne Hand ergriffen. Erinnerung
+und Hoffnung malten ihr um die Wette das Eiland im Bolsener See als ein
+teures Asyl: dort hoffte sie Ruhe und Frieden zu finden. Sie hielt sich
+sorgsam innerhalb ihrer Gemächer, um keinem ihrer Wächter Veranlassung zum
+Verdacht, Gelegenheit, sie aufzuhalten, zu geben. Endlich war die Sonne
+gesunken.
+
+Mit leisen Schritten eilte Amalaswintha, ihre Sklavinnen zurückweisend und
+nur einige Kleinodien und Dokumente unter dem weiten Mantel bergend, aus
+ihrem Schlafgemach in den breiten Säulengang, der zur Gartentreppe führte.
+Sie zitterte, hier wie gewöhnlich auf einen der lauschenden Späher zu
+stoßen, gesehen, angehalten zu werden. Häufig sah sie sich um, vorsichtig
+blickte sie sogar in die Statuennischen: – alles war leer, kein Lauscher
+folgte diesmal ihren Tritten. So erreichte sie unbeobachtet die Plattform
+der Freitreppe, die Palast und Garten verband und weiten Ausblick über
+diesen hin gewährte. Scharf überschaute sie den nächsten Weg, der zum
+Venustempel führte. Der Weg war frei.
+
+Nur die welken Blätter raschelten wie unwillig von den rauschenden
+Platanen auf die Sandpfade nieder, gewirbelt von dem Winde, der fern,
+jenseit der Gartenmauer, Nebel und Wolken in geisterhaften Gestalten vor
+sich her trieb: es war unheimlich in dem ausgestorbenen Garten und seiner
+grauen Dämmerung.
+
+Die Fürstin fröstelte, der kalte Abendwind zerrte an ihrem Schleier und
+Mantel: einen scheuen Blick warf sie noch auf die düstern, lastenden
+Steinmassen des Palastes hinter sich, in dem sie so stolz gewaltet und
+geherrscht und aus dem sie nun einsam, scheu, verfolgt wie eine
+Verbrecherin flüchtete. Sie dachte des Sohnes, der in den Tiefen des
+Palastes ruhte. – Sie dachte der Tochter, die sie selbst aus diesen
+Mauern, aus ihrer Nähe verbannt hatte. –
+
+Und einen Augenblick drohte der Schmerz die Verlassene zu überwältigen:
+sie wankte, mühsam hielt sie sich aufrecht an dem breiten Marmorgeländer
+der Terrasse: ein Fieberschauer rüttelte an ihrem Leibe wie das Grauen der
+Verlassenheit an ihrer Seele.
+
+»Aber mein Volk!« sprach sie zu sich selbst »und meine Buße – ich will’s
+vollenden.« Gekräftigt von diesem Gedanken eilte sie die Stufen der Treppe
+hinab und bog in den von Epheu überwölbten Laubgang ein, der quer durch
+den Garten führte und an dem Venustempel mündete. Rasch schritt sie voran,
+erbebend, wann zu einem der Seitengänge das Herbstlaub, wie seufzend,
+hereinwirbelte.
+
+Atemlos langte sie vor dem kleinen Tempel an und ließ ringsum die
+suchenden Blicke schweifen. Aber keine Sänfte, keine Sklaven waren zu
+sehen, rings war alles still: nur die Äste der Platanen seufzten im Winde.
+
+Da schlug das nahe Wiehern eines Pferdes an ihr Ohr.
+
+Sie wandte sich: – um den Vorsprung der Mauer bog mit hastigen Schritten
+ein Mann. Es war Dolios. Er winkte, scheu umherspähend. Rasch eilte die
+Fürstin auf ihn zu, folgte ihm um die Ecke: und vor ihr stand Cassiodors
+wohlbekannter gallischer Reisewagen, die bequeme und vornehme Carruca, von
+allen vier Seiten mit verschiebbaren Gitterläden von feinem Holzwerk
+umschlossen, und mit dem raschen Dreigespann belgischer Manni beschirrt.
+
+»Eile thut not, o Fürstin,« flüsterte Dolios, sie in die weichen Polster
+hebend. »Die Sänfte ist zu langsam für den Haß deiner Feinde. Stille und
+Eile, daß uns niemand bemerkt.«
+
+Amalaswintha blickte noch einmal um sich.
+
+Dolios öffnete das Thor des Gartens und führte den Wagen vor dasselbe
+hinaus. Da traten zwei Männer aus dem Gebüsch: der eine bestieg den Sitz
+des Wagenlenkers vor ihr: der andere schwang sich auf eines der beiden
+gesattelt vor dem Thore stehenden Rosse: sie erkannte die Männer als
+vertraute Sklaven Cassiodors: sie waren wie Dolios mit Waffen versehen.
+Dieser sperrte wieder sorgfältig das Gartenthor und ließ die Gitterladen
+des Wagens herab. Dann warf er sich auf das zweite der Pferde und zog das
+Schwert: »Vorwärts!« rief er.
+
+Und von dannen jagte der kleine Zug, als wär’ ihm der Tod auf der Ferse.
+
+
+
+
+ Fünftes Kapitel.
+
+
+Die Fürstin wiegte sich in Gefühlen des Dankes, der Freiheit, der
+Sicherheit. Sie baute schöne Entwürfe der Sühne.
+
+Schon sah sie ihr Volk durch ihre warnende Stimme gerettet vor Byzanz, vor
+dem Verrat des eigenen Königs: schon hörte sie den begeisterten Ruf des
+tapferen Heeres, der den Feinden Verderben, ihr aber Verzeihung
+verkündete. In solchen Träumen verflogen ihr die Stunden, die Tage und
+Nächte. Unausgesetzt eilte der Zug vorwärts: drei-, viermal des Tages
+wurden die Pferde des Wagens und der Reiter gewechselt, so daß sie Meile
+um Meile wie im Fluge zurücklegten.
+
+Wachsam hütete Dolios die ihm anvertraute Fürstin: mit gezogenem Schwert
+schützte er den Zugang zum Wagen, während seine Begleiter Speisen und Wein
+aus den Stationen holten. Jene geflügelte Eile und diese treue Wachsamkeit
+benahm Amalaswinthen eine Besorgnis, deren sie sich eine Weile nicht hatte
+erwehren können: ihr war, sie würden verfolgt.
+
+Zweimal, in Perusia und in Clusium, glaubte sie, wie der Wagen hielt,
+dicht hinter sich Rädergerassel zu hören und den Hufschlag eilender Rosse:
+ja in Clusium meinte sie, aus dem niedergelassenen Gitterladen
+zurückspähend, eine zweite Carruca, ebenfalls von Reitern begleitet, in
+das Thor der Stadt einbiegen zu sehen.
+
+Aber als sie Dolios davon sprach, jagte der spornstreichs nach dem Thore
+zurück und kam sogleich mit der Meldung wieder, daß nichts wahrzunehmen
+sei; auch hatte sie von da ab nichts mehr bemerkt: und die rasende Eile,
+mit der sie sich dem ersehnten Eiland näherte, ließ sie hoffen, daß ihre
+Feinde, selbst wenn sie ihre Flucht entdeckt und eine Strecke weit
+verfolgt haben sollten, alsbald ermüdet zurückgeblieben seien.
+
+Da verdüsterte ein Unfall, unbedeutend an sich, aber unheilkündend durch
+seine begleitenden Umstände, plötzlich die hellere Stimmung der
+flüchtenden Fürstin.
+
+Es war hinter der kleinen Stadt Martula.
+
+Öde baumlose Heide dehnte sich unabsehbar nach jeder Richtung: nur Schilf
+und hohe Sumpfgewächse ragten aus den feuchten Niederungen zu beiden
+Seiten der römischen Hochstraße und nickten und flüsterten gespenstisch im
+Nachtwind. Die Straße war hin und wieder mit niedern, von Reben
+überflochtenen Mauern eingefaßt und, nach altrömischer Sitte, mit
+Grabmonumenten, die aber oft traurig zerfallen waren und mit ihren auf dem
+Wege zerstreuten Steintrümmern den Pferden das Fortkommen erschwerten.
+
+Plötzlich hielt der Wagen mit einem heftigen Ruck und Dolios riß die
+rechte Thüre auf. »Was ist geschehen,« rief die Fürstin erschreckt, »sind
+wir in Feindes Hand?«
+
+»Nein,« sprach Dolios, der, ihr von je als verschlossen und finster
+bekannt, auf dieser Reise fast unheimlich schweigsam schien, »ein Rad ist
+gebrochen. Du mußt aussteigen und warten, bis es gebessert.«
+
+Ein heftiger Windstoß löschte in diesem Augenblick seine Fackel und
+naßkalter Regen schlug in der Bestürzten Antlitz. »Aussteigen? hier? und
+wohin dann? hier ist nirgend ein Haus, ein Baum, der Schutz böte vor Regen
+und Sturm. Ich bleibe in dem Wagen.« – »Das Rad muß abgehoben werden.
+Dort, das Grabmal, mag dir Schutz gewähren.«
+
+Mit einem Schauer von Furcht gehorchte Amalaswintha und schritt über die
+Steintrümmer, die ringsum zerstreut lagen, nach der rechten Seite des
+Weges, wo sie jenseit des Grabens ein hohes Monument aus der Dunkelheit
+ragen sah. Dolios half ihr über den Graben.
+
+Da schlug von der Straße hinter ihrem Wagen her das Wiehern eines Pferdes
+an ihr Ohr. Erschrocken blieb sie stehen.
+
+»Es ist unser Nachreiter,« sagte Dolios rasch, »der uns den Rücken deckt,
+komm.«
+
+Und er führte sie durch feuchtes Gras den Hügel heran, auf dem sich das
+Monument erhob. Oben angelangt setzte sie sich auf die breite Steinplatte
+eines Sarkophags.
+
+Da war Dolios plötzlich im Dunkel verschwunden, vergebens rief sie ihn
+zurück: bald sah sie unten auf der Straße seine Fackel wieder brennen: rot
+leuchtete sie durch die Nebel der Sümpfe: und der Sturm entführte rasch
+den Schall der Hammerschläge der Sklaven, die an dem Rade arbeiteten.
+
+So saß die Tochter des großen Theoderich, einsam und todesflüchtig, auf
+der Heerstraße in unheimlicher Nacht; der Sturm riß an ihrem Mantel und
+Schleier, der feine kalte Regen durchnäßte sie, in den Cypressen hinter
+dem Grabmal seufzte melancholisch der Wind, oben am Himmel jagte
+zerfetztes Gewölk und ließ nur manchmal einen flüchtigen Mondstrahl durch,
+der die gleich wieder folgende Dunkelheit noch düsterer machte.
+
+Banges Grauen durchschlich fröstelnd ihr Herz.
+
+Allmählich gewöhnte sich ihr Auge an die Dunkelheit und umher sehend
+konnte sie die Umrisse der nächsten Dinge deutlicher unterscheiden: da –
+ihr Haar sträubte sich vor Entsetzen – da war ihr, es säße dicht hinter
+ihr auf dem erhöhten Hintereck des Sarkophags eine zweite Gestalt: – ihr
+eigener Schatten war es nicht –: eine kleinere Gestalt in weitem, faltigem
+Gewand, die Arme auf die Kniee, das Haupt in die Hände gestützt und zu ihr
+herunter starrend.
+
+Ihr Atem stockte, sie glaubte flüstern zu hören, fieberhaft strengte sie
+die Sinne an zu sehen, zu hören: da flüsterte es wieder: »Nein, nein: noch
+nicht!« So glaubte sie zu hören. Sie richtete sich leise auf, auch die
+Gestalt schien sich zu regen, es klirrte deutlich wie Stahl auf Stein.
+
+Da schrie die Geängstigte: »Dolios! Licht! Hilfe! Licht!« Und sie wollte
+den Hügel hinab, aber zitternd versagten die Kniee, sie fiel und verletzte
+die Wange an dem scharfen Gestein.
+
+Da war Dolios mit der Fackel heran, schweigend erhob er die Blutende: er
+fragte nicht. »Dolios,« rief sie sich fassend, »gieb die Leuchte: ich muß
+sehen, was dort war, was dort ist.«
+
+Sie nahm die Fackel und schritt entschlossen um die Ecke des Sarkophags:
+es war nichts zu sehen: aber jetzt, im Glanze der Fackel, erkannte sie,
+daß das Monument nicht, wie die übrigen, ein altes, daß es sichtlich erst
+neu errichtet war, so unverwittert war der weiße Marmor, so frisch die
+schwarzen Buchstaben der Inschrift. –
+
+Von jener seltsamen Neugier, die sich mit dem Grauen verbindet,
+unwiderstehlich fortgerissen, hielt sie die Fackel dicht an den Sockel des
+Monuments und las bei flackerndem Licht die Worte: »Ewige Ehre den drei
+Balten Thulun, Ibba und Pitza. Ewiger Fluch ihren Mördern.«
+
+Mit einem Aufschrei taumelte Amalaswintha zurück.
+
+Dolios führte die Halbohnmächtige zu dem Wagen. Fast bewußtlos legte sie
+die noch übrigen Stunden des Weges zurück. Sie fühlte sich krank an Leib
+und Seele. Je näher sie dem Eiland kam, desto lebhafter ward die
+fieberhafte Freude, mit der sie es ersehnt, verdrängt von einer
+ahnungsvollen Furcht: mit Bangen sah sie die Sträucher und Bäume des Weges
+immer rascher an sich vorüberfliegen.
+
+Endlich machten die dampfenden Rosse Halt.
+
+Sie senkte die Läden und blickte hinaus: es war die kalte, unheimliche
+Stunde, da das erste Tagesgrauen ankämpft gegen die noch herrschende
+Nacht: sie waren, so schien es, angelangt am Ufer des Sees: aber von
+seinen blauen Fluten war nichts zu sehen; ein düstrer grauer Nebel lag
+undurchdringlich wie die Zukunft vor ihren Augen: von der Villa, ja von
+der Insel selbst war nichts zu entdecken. Rechts vom Wagen stand eine
+niedrige Fischerhütte tief in dem dichten, ragenden Schilf, durch welches
+wie seufzend der Morgenwind fuhr, daß die schwankenden Häupter sich bogen.
+
+Seltsam: ihr war, als warnten und winkten sie hinweg von dem dahinter
+verborgenen See.
+
+Dolios war in die Hütte gegangen; er kam jetzt zurück und hob die Fürstin
+aus dem Wagen, schweigend führte er sie durch den feuchten Wiesengrund
+nach dem Schilf zu.
+
+Da lag am Ufer eine schmale Fähre: sie schien mehr im Nebel als im Wasser
+zu schwimmen.
+
+Am Steuer aber saß in einen grauen zerfetzten Mantel gehüllt ein alter
+Mann, dem die langen weißen Haare wirr ins Gesicht hingen. Er schien vor
+sich hin zu träumen mit geschlossenen Augen, die er nicht aufschlug, als
+die Fürstin in den schwankenden Nachen stieg und sich in der Mitte
+desselben auf einem Feldstuhl niederließ.
+
+Dolios trat an den Schnabel des Schiffes und ergriff zwei Ruder: die
+Sklaven blieben bei dem Wagen zurück.
+
+»Dolios,« rief Amalaswintha besorgt, »es ist sehr dunkel, wird der Alte
+steuern können in diesem Nebel, und an keinem Ufer ein Licht?« – »Das
+Licht würde ihm nichts nützen, Königin, er ist blind.« – »Blind?« rief die
+Erschrockene, »laß landen! kehr um!« – »Ich fahre hier seit bald zwanzig
+Jahren,« sprach der greise Ferge, »kein Sehender kennt den Weg gleich
+mir.« – »So bist du blind geboren?«
+
+»Nein, Theoderich der Amaler ließ mich blenden, weil mich Alarich, der
+Balten-Herzog, des Thulun Bruder, gedungen hätte, ihn zu morden. Ich bin
+ein Knecht der Balten, war ein Gefolgsmann Alarichs, aber ich war so
+unschuldig wie mein Herr, Alarich der Verbannte. Fluch über die
+Amalungen!« rief er mit zornigem Ruck am Steuer.
+
+»Schweig! Alter,« sprach Dolios.
+
+»Warum soll ich heute nicht sagen, was ich bei jedem Ruderschlag seit
+zwanzig Jahren sage? Es ist mein Taktspruch. – Fluch den Amalungen!«
+
+Mit Grauen sah die Flüchtige auf den Alten, der in der That mit völliger
+Sicherheit und pfeilgerade fuhr. Sein weiter Mantel und wirres Haar flogen
+im Winde: ringsum Nebel und Stille, nur das Ruder hörte man gleichförmig
+einschlagen, leere Luft und graues Licht auf allen Seiten. Ihr war, als
+führe sie Charon über den Styx in das graue Reich der Schatten. – Fiebernd
+hüllte sie sich in ihren faltigen Mantel.
+
+Noch einige Ruderschläge und sie landeten.
+
+Dolios hob die Zitternde heraus: der Alte aber wandte sein Boot schweigend
+und ruderte so rasch und sicher zurück wie er gekommen: Mit einer Art von
+Grauen sah ihm Amalaswintha nach, bis er in dem dichten Nebel verschwand.
+
+Da war es ihr, als höre sie den Schall von Ruderschlägen eines zweiten
+Schiffes, die rasch näher und näher drangen. Sie fragte Dolios nach dem
+Grund dieses Geräusches.
+
+»Ich höre nichts,« sagte dieser, »du bist allzu erregt, komm in das Haus.«
+Sie wankte auf seinen Arm gestützt die in den Felsboden gehauenen Stufen
+hinan, die zu der burgähnlichen, hochgetürmten Villa führten: von dem
+Garten, der, wie sie sich lebhaft erinnerte, zu beiden Seiten dieses
+schmalen Weges sich dehnte, waren in dem Nebel kaum die Linien der
+Baumreihen zu sehen.
+
+Endlich erreichten sie das hohe Portal, eine eherne Thür im Rahmen von
+schwarzem Marmor. Der Freigelassene pochte mit dem Knauf seines Schwertes:
+– dumpf dröhnte der Schlag in den gewölbten Hallen nach – die Thüre sprang
+auf.
+
+Amalaswintha gedachte, wie sie einst durch dieses Thor, das die
+Blumengewinde fast versperrt hatten, an ihres Gatten Seite eingezogen war:
+sie gedachte, wie sie die Pförtner, gleichfalls ein jung vermähltes Paar,
+so freundlich begrüßt. –
+
+Der finstersehende Sklave mit wirrem grauem Haar, der jetzt mit Ampel und
+Schlüsselbund vor ihr stand, war ihr fremd.
+
+»Wo ist Fuscina, des früheren Ostiarius Weib? ist sie nicht mehr im
+Hause?« fragte sie.
+
+»Die ist lang ertrunken im See,« sagte der Pförtner gleichgültig und
+schritt mit der Leuchte voran. Schaudernd folgte die Fürstin: sie mußte
+sich die kalten dunkeln Wogen vorstellen, die so unheimlich an den Planken
+ihrer Fähre geleckt. Sie gingen durch Bogenhöfe und Säulenhallen: – alles
+leer, wie ausgestorben, die Schritte hallten laut durch die Öde: – die
+ganze Villa schien ein weites Totengewölbe.
+
+»Das Haus ist unbewohnt? ich bedarf einer Sklavin.«
+
+»Mein Weib wird dir dienen.«
+
+»Ist sonst niemand in der Villa?«
+
+»Noch ein Sklave. Ein griechischer Arzt.«
+
+»Ein Arzt – ich will ihn –«
+
+Aber in diesem Augenblicke schollen von dem Portal her einige heftige
+Schläge: schwer dröhnten sie durch die leeren Räume. Entsetzt fuhr
+Amalaswintha zusammen. »Was war das?« fragte sie, Dolios’ Arm fassend. Sie
+hörte die schwere Thüre zufallen.
+
+»Es hat nur jemand Einlaß begehrt,« sagte der Ostiarius und schloß die
+Thüre des für die Flüchtige bestimmten Gemaches auf. Die dumpfe Luft eines
+lang nicht mehr geöffneten Raumes drang ihr erstickend entgegen: aber mit
+Rührung erkannte sie die Schildpattbekleidung der Wände: es war dasselbe
+Gemach, das sie vor zwanzig Jahren bewohnt: überwältigt von der Erinnerung
+glitt sie auf den kleinen Lectus, der mit dunkeln Polstern belegt war.
+
+Sie verabschiedete die beiden Männer, zog die Vorhänge des Lagers um sich
+her zu und verfiel bald in einen unruhigen Schlaf.
+
+
+
+
+ Sechstes Kapitel.
+
+
+So lag sie, sie wußte nicht wie lange, bald wachend, bald träumend: wild
+jagte Bild auf Bild an ihrem Auge vorüber.
+
+Eutharich mit seinem Zug des Schmerzes um die Lippen: – Athalarich, wie er
+auf seinem Sarkophag hingestreckt lag, er schien ihr zu sich herab zu
+winken: – das vorwurfsvolle Antlitz Mataswinthens – dann Nebel und Wolken
+und blattlose Bäume: – drei zürnende Kriegergestalten mit bleichen
+Gesichtern und blutigen Gewändern: und der blinde Fährmann in das Reich
+der Schatten. Und wieder war ihr, sie liege auf der öden Heide auf den
+Stufen des Baltendenkmals und als rausche es hinter ihr und als beuge sich
+abermals hinter dem Steine hervor jene verhüllte Gestalt über sie näher
+und näher, – beengend, – erstickend. Die Angst schnürte ihr das Herz
+zusammen, entsetzt fuhr sie auf aus ihrem Traum und sah hochaufgerichtet
+um sich: da – nein, es war kein Traumgesicht – da rauschte es, hinter dem
+Vorhang des Bettes, und in die getäfelte Wand glitt ein verhüllter
+Schatte.
+
+Mit einem Schrei riß Amalaswintha die Falten des Vorhangs auseinander – da
+war nichts mehr zu sehen.
+
+Hatte sie doch nur geträumt? Aber sie konnte nicht mehr allein sein mit
+ihren bangen Gedanken. So drückte sie auf den Achatknauf in der Wand, der
+draußen einen Hammer in Bewegung setzte.
+
+Alsbald erschien ein Sklave, dessen Züge und Tracht höhere Bildung
+verrieten. Er gab sich als den griechischen Arzt zu erkennen: sie teilte
+ihm die Schreckgesichte, die Fieberschauer der letzten Stunden mit: er
+erklärte es für Folgen der Aufregung, vielleicht der Erkältung auf der
+Flucht, empfahl ihr ein warmes Bad und ging, dessen Mischung anzuordnen.
+
+Amalaswintha erinnerte sich der herrlichen Bäder, die, in zwei Stockwerken
+übereinander, den ganzen rechten Flügel der Villa einnahmen. Das untere
+Stockwerk der großen achteckigen Rotunde, für die kalten Bäder bestimmt,
+stand mit dem See in unmittelbarem Zusammenhange: sein Wasser wurde durch
+Siebthüren, die jede Unreinheit abhielten, hereingeleitet. Das obere
+Stockwerk erhob sich, als Verjüngung des Achtecks, über der Badstube des
+unteren, deren Decke – eine große, kreisförmige Metallplatte, – den Boden
+des oberen warmen Bades bildete und nach Belieben in zwei Halbkreisen
+rechts und links in das Gemäuer geschoben werden konnte, so daß die beiden
+Stockwerke dann einen ungeteilten turmhohen Raum bildeten, der zum Zweck
+der Reinigung oder zum Behuf von Schwimm- und Taucherspielen ganz von dem
+Wasser des Sees erfüllt werden konnte.
+
+Regelmäßig aber bildete das obere Achteck für sich den Raum des warmen
+Bades, in das vielfach verschlungene Wasserkünste in hundert Röhren mit
+zahllosen Delphinen, Tritonen und Medusenhäuptern von Bronze und Marmor
+duftige, mit Ölen und Essenzen gemischte Fluten leiteten, während
+zierliche Stufen von der Galerie, auf der man sich entkleidete, in das
+muschelförmige Porphyrbecken des eigentlichen Baderaumes hinabführten.
+
+Während sich die Fürstin noch diese Räume ins Gedächtnis zurückrief,
+erschien das Weib des Thürsklaven, sie in das Bad abzuholen. Sie gingen
+durch weite Säulenhallen und Büchersäle, in welchen aber die Fürstin die
+Kapseln und Rollen Cassiodors vermißte, in der Richtung nach dem Garten;
+die Sklavin trug die feinen Badetücher, Ölfläschchen und den Salbenkrug.
+Endlich gelangte sie in das turmähnliche Achteck des Badepalastes, dessen
+sämtliche Gelasse an Boden, Wand und Decke durchaus mit hellgrauen
+Marmorplatten belegt waren. Vorüber an den Hallen und Gängen, die der
+Gymnastik und dem Ballspiel vor und nach dem Bade dienten, vorüber an den
+Heizstübchen, den Auskleide- und Salbgemächern eilten sie sofort nach dem
+Caldarium, dem warmen Bade. Die Sklavin öffnete schweigend die in die
+Marmorwand eingesenkte Thür.
+
+Amalaswintha trat ein und stand auf der schmalen Galerie, die rings um das
+Bassin lief: gerade vor ihr führten die bequemen Stufen in das Bad, aus
+dem bereits warme und köstliche Dufte aufstiegen. Das Licht fiel von oben
+herein durch eine achteckige Kuppel von kunstvoll geschliffenem Glas:
+gerade am Eingang erhob sich eine Treppe von Cedernholz, die auf zwölf
+Staffeln zu einer Sprungbrücke führte: rings an den Marmorwänden der
+Galerie wie des Beckens verkleideten zahllose Reliefs die Mündungen der
+Röhren, die den Wasserkünsten und der Luftheizung dienten.
+
+Ohne ein Wort legte das Weib das Badegerät auf die weichen Kissen und
+Teppiche, die den Boden der Galerie bedeckten und wandte sich zur Thüre.
+»Woher bist du mir bekannt?« fragte die Fürstin sie nachdenklich
+betrachtend, »wie lange bist du hier?«
+
+»Seit acht Tagen.« Und sie ergriff die Thüre.
+
+»Wie lange dienst du Cassiodor?«
+
+»Ich diene von jeher der Fürstin Gothelindis.«
+
+Mit einem Angstschrei sprang Amalaswintha bei diesem Namen auf, wandte
+sich und griff nach dem Gewand des Weibes – zu spät: sie war hinaus, die
+Thüre war zugefallen und Amalaswintha hörte, wie der Schlüssel von außen
+umgedreht und abgezogen ward. Umsonst suchte ihr Auge nach einem anderen
+Ausgang.
+
+Da überkam ein ungeheures, unbekanntes Grauen die Königin: sie fühlte, daß
+sie furchtbar getäuscht, daß hier ein verderbliches Geheimnis verborgen
+sei: Angst, unsägliche Angst fiel auf ihr Herz: Flucht, Flucht aus diesem
+Raum war ihr einziger Gedanke.
+
+Aber keine Flucht schien möglich: die Thüre war von innen jetzt nur eine
+dicke Marmortafel, wie die zur Rechten und Linken: nicht mit einer Nadel
+war in ihre Fugen zu dringen: verzweifelnd ließ sie die Blicke rings an
+der Wand der Galerie kreisen: nur die Tritonen und Delphine starrten ihr
+entgegen: endlich ruhte ihr Auge auf dem schlangenstarrenden Medusenhaupt
+ihr gerade gegenüber – und sie stieß einen Schrei des Entsetzens aus.
+
+Das Gesicht der Meduse war zur Seite geschoben und die ovale Öffnung unter
+dem Schlangenhaar war von einem lebenden Antlitz ausgefüllt.
+
+War es ein menschlich Antlitz?
+
+Die Zitternde klammerte sich an die Marmorbrüstung der Galerie und spähte
+vorgebeugt hinüber: ja, es waren Gothelindens verzerrte Züge: und eine
+Hölle von Haß und Hohn sprühte aus ihrem Blick.
+
+Amalaswintha brach in die Kniee und verhüllte ihr Gesicht. »Du – du hier!«
+
+Ein heiseres Lachen war die Antwort. »Ja, Amalungenweib, ich bin hier und
+dein Verderben! Mein ist dies Eiland, mein das Haus! – es wird dein Grab!
+– mein Dolios und alle Sklaven Cassiodors, an mich verkauft seit acht
+Tagen.
+
+Ich habe dich hierher gelockt: ich bin dir hierher nachgeschlichen wie
+dein Schatte: lange Tage, lange Nächte hab’ ich den brennenden Haß
+getragen, endlich hier die volle Rache zu kosten. Stundenlang will ich
+mich weiden an deiner Todesangst, will es schauen, wie die erbärmliche,
+winselnde Furcht diese stolze Gestalt wie Fieber schüttelt und durch diese
+hochmütigen Züge zuckt: – o ein Meer von Rache will ich trinken.«
+
+Händeringend erhob sich Amalaswintha: »Rache! Wofür? Woher dieser tödliche
+Haß?«
+
+»Ha, du frägst noch? Freilich sind Jahrzehnte darüber hingegangen und das
+Herz des Glücklichen vergißt so leicht. Aber der Haß hat ein treues
+Gedächtnis. Hast du vergessen, wie dereinst zwei junge Mädchen spielten
+unter dem Schatten der Platanen auf der Wiese vor Ravenna? Sie waren die
+ersten unter ihren Gespielinnen: beide jung, schön und lieblich:
+Königskind die eine, die andere die Tochter der Balten. Und die Mädchen
+sollten eine Königin des Spieles wählen: und sie wählten Gothelindis, denn
+sie war noch schöner als du und nicht so herrisch: und sie wählten sie
+einmal, zweimal nacheinander. Die Königstochter aber stand dabei von
+wildem, unbändigem Stolz und Neid verzehrt: und als man mich zum dritten
+wieder gewählt, faßte sie die scharfe, spitzige Gartenschere« –
+
+»Halt ein, o schweig, Gothelindis.«
+
+– »Und schleuderte sie gegen mich. Und sie traf; aufschreiend, blutend
+stürzte ich zu Boden, meine ganze Wange eine klaffende Wunde und mein
+Auge, mein Auge durchbohrt. Ha, wie das schmerzt, noch heute.«
+
+»Verzeih, vergieb, Gothelindis!« jammerte die Gefangene. »Du hattest mir
+ja längst verziehn.«
+
+»Verzeihen? ich dir verzeihen? Daß du mir das Auge aus dem Antlitz und die
+Schönheit aus dem Leben geraubt, das soll ich verzeihen? Du hattest
+gesiegt fürs Leben: Gothelindis war nicht mehr gefährlich: sie trauerte im
+stillen, die Entstellte floh das Auge der Menschen.
+
+Und Jahre vergingen.
+
+Da kam an den Hof von Ravenna aus Hispanien der edle Eutharich, der Amaler
+mit dem dunkeln Auge und der weichen Seele: und er, selber krank, erbarmte
+sich der kranken halb Blinden: und er sprach mit ihr voll Mitleid und
+Güte, mit der Häßlichen, die sonst alle mieden. O wie erquickte das meine
+dürstende Seele! Und es ward beraten, zur Tilgung uralten Hasses der
+beiden Geschlechter, zur Sühne alter und neuer Schuld, – denn auch den
+Baltenherzog Alarich hatte man auf geheime, unbewiesene Anklage gerichtet
+– daß die arme mißhandelte Baltentochter des edelsten Amalers Weib werden
+sollte.
+
+Aber als du es erfuhrst, du, die mich verstümmelt, da beschlossest du, mir
+den Geliebten zu nehmen: nicht aus Eifersucht, nicht, weil du ihn
+liebtest, nein, aus Stolz: weil du den ersten Mann im Gotenreich, den
+nächsten Manneserben der Krone, für dich haben wolltest.
+
+Das beschlossest du und hast es durchgesetzt: denn dein Vater konnte dir
+keinen Wunsch versagen: und Eutharich vergaß alsbald seines Mitleids mit
+der Einäugigen, als ihm die Hand der schönen Königstochter winkte. Zur
+Entschädigung – oder war es zum Hohne? – gab man auch mir einen Amaler: –
+Theodahad, den elenden Feigling!«
+
+»Gothelindis, ich schwöre dir, ich hatte nie geahnt, daß du Eutharich
+liebtest. Wie konnte ich –«
+
+»Freilich, wie konntest du glauben, daß die Häßliche die Gedanken so hoch
+erhebe? O, du Verfluchte! Und hättest du ihn noch geliebt und beglückt –
+alles hätt’ ich dir verziehen. Aber du hast ihn nicht geliebt, du kannst
+ja nur das Scepter lieben! Elend hast du ihn gemacht. Jahrelang sah ich
+ihn an deiner Seite schleichen, gedrückt, ungeliebt, erkältet bis ins Herz
+hinein von deiner Kälte. Der Gram um deinen eisigen Stolz hat ihn früh
+gemordet: du, du hast mir den Geliebten geraubt und ins Grab gebracht –
+Rache, Rache für ihn.«
+
+Und die weite Wölbung wiederhallte von dem Ruf: »Rache! Rache!«
+
+»Zu Hilfe!« rief Amalaswintha und eilte verzweifelnd, mit den Händen an
+die Marmorplatten schlagend, den Kreis der Galerie entlang.
+
+»Ja, rufe nur, hier hört dich niemand als der Gott der Rache. Glaubst du,
+umsonst hab’ ich solang meinen Haß gezügelt? Wie oft, wie leicht hätte ich
+schon in Ravenna mit Dolch und Gift dich erreichen können: aber nein,
+hierher hab’ ich dich gelockt. An dem Denkstein meiner Vettern, vor Einer
+Stunde an deinem Bette, hab’ ich mit höchster Mühe meinen erhobenen Arm
+vom Streiche abgehalten: – denn langsam, Zoll für Zoll, sollst du sterben,
+stundenlang will ich sie wachsen sehen, die Qualen deines Todes.«
+
+»Entsetzliche!«
+
+»O, was sind Stunden gegen die Jahrzehnte, die du mich gemartert mit
+meiner Entstellung, mit deiner Schönheit, mit dem Besitz des Geliebten.
+Was sind Stunden gegen Jahrzehnte! Aber du sollst es büßen.«
+
+»Was willst du thun?« rief die Gequälte, wieder und wieder an den Wänden
+nach einem Ausgang suchend.
+
+»Ertränken will ich dich, langsam, langsam in den Wasserkünsten dieses
+Bades, die dein Freund Cassiodor gebaut. Du weißt es nicht, welche Qualen
+der Eifersucht, der ohnmächtigen Wut ich in diesem Hause getragen, da du
+Beilager hieltest mit Eutharich und ich war in deinem Gefolge und mußte
+dir dienen! In diesem Bade, du Übermütige, habe ich dir die Sandalen
+gelöst und die stolzen Glieder getrocknet: – in diesem Bade sollst du
+sterben!«
+
+Und sie drückte an einer Feder.
+
+Der Boden des Beckens im oberen Stockwerke, die runde Metallplatte, teilte
+sich in zwei Halbkreise, die links und rechts in die Mauer zurückwichen:
+mit Entsetzen sah die Gefangene von der schmalen Galerie in die turmhohe
+Tiefe zu ihren Füßen.
+
+»Denk an mein Auge!« rief Gothelindis und im Erdgeschoß öffneten sich
+plötzlich die Schleusenthüren und die Wogen des Sees schossen ungestüm
+herein, brausend und zischend, und sie stiegen höher und höher mit
+furchtbarer Raschheit.
+
+Amalaswintha sah den sichern Tod vor Augen: sie erkannte die
+Unmöglichkeit, zu entrinnen oder ihre teuflische Feindin mit Bitten zu
+erweichen: da kehrte ihr der alte, stolze Mut der Amalungen wieder: sie
+faßte sich und ergab sich in ihr Los. Sie entdeckte neben den vielen
+Reliefs aus der hellenischen Mythe in ihrer Nähe rechts vom Eingang eine
+Darstellung vom Tode Christi: das erquickte ihre Seele: sie warf sich vor
+dem in Marmor gehauenen Kreuze nieder, faßte es mit beiden Händen und
+betete ruhig mit geschlossenen Augen, während die Wasser stiegen und
+stiegen: schon rauschten sie an den Stufen der Galerie.
+
+»Beten willst du, Mörderin? Hinweg von dem Kreuz!« rief Gothelindis
+grimmig, »denk’ an die drei Herzoge!« Und plötzlich begannen alle die
+Delphine und Tritonen auf der rechten Seite des Achtecks Ströme heißen
+Wassers auszuspeien: weißer Dampf quoll aus den Röhren.
+
+Amalaswintha sprang auf und eilte auf die linke Seite der Galerie:
+»Gothelindis, ich vergebe dir! töte mich, aber verzeih’ auch du meiner
+Seele.« Und das Wasser stieg und stieg: schon schwoll es über die oberste
+Stufe und drang langsam auf den Boden der Galerie. »Ich dir vergeben?
+Niemals! Denk’ an Eutharich!« –
+
+Und zischend schossen jetzt von links die dampfenden Wasserstrahlen auf
+Amalaswintha. Sie flüchtete nun in die Mitte, gerade dem Medusenhaupt
+gegenüber, die einzige Stelle, wohin kein Strahl der Wasserröhren reichte.
+
+Wenn sie die hier angebrachte Sprungbrücke erstieg, konnte sie noch einige
+Zeit ihr Leben fristen: Gothelindis schien dies zu erwarten und sich an
+der verlängerten Qual weiden zu wollen: schon brauste das Wasser auf dem
+Marmorboden der Galerie und bespülte die Füße der Gefangenen; rasch flog
+sie die braunglänzenden Staffeln hinan und lehnte sich an die Brüstung der
+Brücke: »Höre mich, Gothelindis! meine letzte Bitte! nicht für mich, – für
+mein Volk, für unser Volk: – Petros will es verderben und Theodahad ...« –
+
+»Ja, ich wußte, dieses Reich ist die letzte Sorge deiner Seele!
+Verzweifle! Es ist verloren! Diese thörichten Goten, die jahrhundertelang
+den Balten die Amaler vorgezogen, sie sind verkauft und verraten von dem
+Haus der Amaler: Belisarius naht und niemand ist, der sie warnt.«
+
+»Du irrst, Teufelin, sie _sind_ gewarnt. Ich, ihre Königin, habe sie
+gewarnt. Heil meinem Volk! Verderben seinen Feinden und Gnade meiner
+Seele!«
+
+Und mit raschem Sprung stürzte sie sich hoch von der Brüstung in die
+Fluten, die sich brausend über ihr schlossen.
+
+Gothelindis blickte starr auf die Stelle, wo ihr Opfer gestanden. »Sie ist
+verschwunden,« sagte sie. Dann schaute sie in die Flut: obenauf schwamm
+das Brusttuch Amalaswinthens. »Noch im Tode überwindet mich dieses Weib,«
+sagte sie langsam: »wie lang war der Haß und wie kurz die Rache!«
+
+
+
+
+ Siebentes Kapitel.
+
+
+Wenige Tage nach diesen Ereignissen finden wir zu Ravenna in dem Gemach
+des Gesandten von Byzanz eine Anzahl von vornehmen Römern, geistlichen und
+weltlichen Standes versammelt – auch die Bischöfe Hypatius und Demetrius
+aus dem Ostreich weilten bei ihm.
+
+Große Aufregung, aus Zorn und Furcht gemischt, sprach aus allen
+Gesichtern, als der gewandte Rhetor seine Ansprache mit folgenden Worten
+schloß: »Deshalb, ihr ehrwürdigen Bischöfe des Westreichs und des
+Ostreichs und ihr edeln Römer, hab’ ich euch hierher beschieden. Laut und
+feierlich lege ich vor euch im Namen meines Kaisers Verwahrung ein gegen
+alle Thaten der Arglist und Gewalt, die im geheimen gegen die hohe Frau
+verübt werden mögen.
+
+Seit neun Tagen ist sie verschwunden aus Ravenna: wohl mit Gewalt
+hinweggeführt aus eurer Mitte: sie, die von jeher die Freundin, die
+Beschützerin der Italier gewesen. Verschwunden ist am gleichen Tage die
+Königin, ihre grimme Feindin. Ich habe Eilboten ausgesandt nach allen
+Richtungen, noch bin ich ohne Nachricht! aber wehe, wenn ... –«
+
+Er konnte nicht vollenden.
+
+Dumpfes Geräusch scholl von dem Forum des Herkules herauf, bald hörte man
+hastige Schritte im Vestibulum, der Vorhang ward zurückgeschlagen und ins
+Gemach eilte staubbedeckt einer der byzantinischen Sklaven des Gesandten:
+»Herr,« rief er, »sie ist tot! sie ist ermordet!«
+
+»Ermordet!« scholl es in der Runde.
+
+»Durch wen?« fragte Petros.
+
+»Von Gothelindis auf der Villa im Bolsener See.«
+
+»Wo ist die Leiche? Wo die Mörderin?«
+
+»Gothelindis giebt vor, die Fürstin sei im Bad ertrunken, unkundig mit den
+Wasserkünsten spielend. Aber man weiß, daß sie ihrem Opfer von hier auf
+dem Fuße nachgefolgt. Römer und Goten eilen zu Hunderten nach der Villa,
+die Leiche in feierlichem Zuge hierher zu geleiten. Die Königin floh vor
+der Rache des Volks in das feste Schloß von Feretri.«
+
+»Genug,« rief Petros entrüstet, »ich eile zum König und fordre euch auf,
+ihr edeln Männer, mir zu folgen. Auf euer Zeugnis will ich mich berufen
+vor Kaiser Justinian.« Und sofort eilte er an der Spitze der Versammelten
+nach dem Palast.
+
+Sie fanden auf den Straßen eine Menge Volks in Bestürzung und Entrüstung
+hin- und herwogend: die Nachricht war in die Stadt gedrungen und flog von
+Haus zu Haus.
+
+Als man den Gesandten des Kaisers und die Vornehmen der Stadt erkannte,
+öffnete sich die Menge vor ihnen, schloß sich aber dicht hinter ihnen
+wieder und flutete nach auf dem Wege in den Palast, von dessen Thoren sie
+kaum abgehalten wurde. Von Minute zu Minute stieg die Zahl und der Lärm
+des Volkes: auf dem Forum des Honorius drängten sich die Ravennaten
+zusammen, die mit der Trauer um ihre Beschützerin schon die Hoffnung
+vereinten, bei diesem Anlaß die Barbarenherrschaft fallen zu sehen: das
+Erscheinen des kaiserlichen Gesandten steigerte diese Hoffnung und der
+Auflauf vor dem Palast nahm mehr und mehr eine Richtung, die keineswegs
+bloß Theodahad und Gothelindis bedrohte.
+
+Inzwischen eilte Petros mit seiner Begleitung in das Gemach des hilflosen
+Königs, den mit seiner Gattin alle Kraft des Widerstandes verlassen hatte:
+er zagte vor der Aufregung der unten wogenden Menge und hatte nach Petros
+gesendet, von ihm Rat und Hilfe zu erlangen, da ja dieser es gewesen, der
+mit Gothelindis den Untergang der Fürstin beschlossen und die Art der
+Ausführung beraten hatte: er sollte ihm jetzt auch die Folgen der That
+tragen helfen. Als daher der Byzantiner auf der Schwelle erschien, eilte
+er, beide Arme ausbreitend, auf ihn zu: aber erstaunt blieb er plötzlich
+stehen: erstaunt über die Begleitung, noch mehr erstaunt über die finster
+drohende Miene des Gesandten.
+
+»Ich fordre Rechenschaft von dir, König der Goten,« rief dieser schon an
+der Thüre, »Rechenschaft im Namen von Byzanz für die Tochter Theoderichs.
+Du weißt, Kaiser Justinian hat sie seines besondern Schutzes versichert:
+jedes Haar ihres Hauptes ist daher heilig und heilig jeder Tropfe ihres
+Blutes. Wo ist Amalaswintha?«
+
+Der König sah ihn staunend an. Er bewunderte diese Verstellungskunst. Aber
+er begriff ihren Zweck nicht. Er schwieg.
+
+»Wo ist Amalaswintha?« wiederholte Petros, drohend vortretend und sein
+Anhang folgte ihm einen Schritt.
+
+»Sie ist tot,« sagte Theodahad, ängstlich werdend.
+
+»Ermordet ist sie,« rief Petros, »so ruft ganz Italien, ermordet von dir
+und deinem Weibe. Justinian, mein hoher Kaiser, war der Schirmherr dieser
+Frau, er wird ihr Rächer sein: Krieg künd’ ich dir in seinem Namen an,
+Krieg gegen euch, ihr blutigen Barbaren, Krieg gegen euch und euer ganz
+Geschlecht.«
+
+»Krieg gegen euch und euer ganz Geschlecht!« wiederholten die Italier,
+fortgerissen von der Gewalt des Augenblicks und den alten, langgenährten
+Haß entzügelnd; und wie eine Woge brausten sie heran auf den zitternden
+König.
+
+»Petros,« stammelte dieser entsetzt, »du wirst gedenken des Vertrages, du
+wirst doch ... –«
+
+Aber der Gesandte zog eine Papyrusrolle aus dem Mantel und riß sie mitten
+durch. »Zerrissen ist jedes Band zwischen meinem Kaiser und deinem
+blutbefleckten Haus. Ihr selber habt durch eure Greuelthat alle Schonung
+verwirkt, die man euch früher gewährt. Nichts von Verträgen. Krieg!«
+
+»Um Gott,« jammerte Theodahad, »nur nicht Krieg und Kampf! Was forderst
+du, Petros?«
+
+»Unterwerfung! Räumung Italiens! Dich selber und Gothelindis lad’ ich zum
+Gericht nach Byzanz vor den Thron Justinians, dort ... –«
+
+Aber seine Rede unterbrach der schmetternde Ruf des gotischen Kriegshorns
+und in das Gemach eilte mit gezogenen Schwertern eine starke Schar
+gotischer Krieger, von Graf Witichis geführt.
+
+Die gotischen Führer hatten sofort auf die Nachricht von Amalaswinthens
+Untergang die tüchtigsten Männer ihres Volks in Ravenna zu einer Beratung
+vor die Porta romana beschieden und dort Maßregeln der Sicherung und der
+Gerechtigkeit beraten. Zur rechten Zeit erschienen sie jetzt auf dem Forum
+des Honorius, wo der Auflauf immer drohender wurde: schon blinkte hier und
+dort ein Dolch, schon ertönte manchmal der Ruf: »Wehe den Barbaren!«
+
+Diese Zeichen und Stimmen verschwanden und verstummten sofort, als nun die
+verhaßten Goten in geschlossenem Zug von dem Forum des Herkules her durch
+die Via palatina anrückten: ohne Widerstand zogen sie quer durch die
+grollenden Haufen und indessen Graf Teja und Hildebad die Thore und die
+Terrasse des Palastes besetzten, waren Graf Witichis und Hildebrand gerade
+rechtzeitig im Gemache des Königs angelangt, die letzten Worte des
+Gesandten noch zu hören. Ihr Zug stellte sich in einer Schwenkung rechts
+vom Thronsitz des Königs, zu dem dieser zurückgewichen war: und Witichis,
+auf sein langes Schwert gestützt, trat hart vor den Griechen hin und sah
+ihm scharf ins Auge.
+
+Eine erwartungsvolle Pause trat ein.
+
+»Wer wagt es,« fragte Witichis ruhig, »hier den Herrn und Meister zu
+spielen im Königshaus der Goten?«
+
+Von seiner Überraschung sich erholend entgegnete Petros: »Es steht dir
+übel an, Graf Witichis, Mörder zu beschützen. Ich hab’ ihn nach Byzanz
+geladen vor Gericht.«
+
+»Und darauf hast du keine Antwort, Amalunge?« rief der alte Hildebrand
+zornig.
+
+Aber das böse Gewissen band dem Könige die Stimme.
+
+»So müssen wir statt seiner sprechen,« sagte Witichis. »Wisse, Grieche,
+vernehmt es wohl, ihr falschen und undankbaren Ravennaten: das Volk der
+Goten ist frei und erkennt auf Erden keinen Herrn und Richter über sich.«
+
+»Auch nicht für Mord und Blutschuld?«
+
+»Wenn schwere Thaten unter uns geschehn, richten und strafen wir sie
+selbst. Den Fremdling geht das nichts an, am wenigsten unsern Feind, den
+Kaiser in Byzanz.«
+
+»Mein Kaiser wird diese Frau rächen, die er nicht retten konnte. Liefert
+die Mörder aus nach Byzanz.«
+
+»Wir liefern keinen Gotenknecht nach Byzanz, geschweige unsern König,«
+sprach Witichis.
+
+»So teilt ihr seine Strafe wie seine Schuld und Krieg erklär’ ich euch, im
+Namen meines Herrn. Erbebt vor Justinian und Belisar.«
+
+Eine freudige Bewegung der gotischen Krieger war die Antwort. Der alte
+Hildebrand trat ans Fenster und rief zu den unten stehenden Goten hinab:
+»Hört, ihr Goten, frohe Kunde: Krieg, Krieg mit Byzanz.«
+
+Da brach unten ein Getöse los, wie wenn das Meer entfesselt über seine
+Dämme bricht, die Waffen klirrten und tausend Stimmen jubelten: »Krieg,
+Krieg mit Byzanz!«
+
+Dieser Wiederhall blieb nicht ohne Eindruck auf Petros und die Italier:
+das Ungestüm solcher Begeisterung erschreckte sie: schweigend sahen sie
+vor sich nieder. Während die Goten sich glückwünschend die Hände
+schüttelten, trat Witichis ernst, gesenkten Hauptes, in die Mitte, hart
+neben Petros und sprach feierlich: »Also Krieg! Wir scheuen ihn nicht: –
+du hast es gehört. Besser offner Kampf als die langjährige, lauernde,
+wühlende Feindschaft. Der Krieg ist gut: aber wehe dem Frevler, der ohne
+Recht und ohne Grund den Krieg beginnt. Ich sehe Jahre voraus, viele Jahre
+von Blut und Mord und Brand, ich sehe zerstampfte Saaten, rauchende
+Städte, zahllose Leichen die Ströme hinabschwimmen. Hört unser Wort: auf
+euer Haupt dies Blut, dies Elend. Ihr habt geschürt und gereizt jahrelang:
+– wir haben’s ruhig getragen. Und jetzt habt _ihr_ den Krieg
+hereingeschleudert, richtend, wo ihr nicht zu richten habt, ohne Grund
+euch mischend in das Leben eines Volkes, das so frei wie ihr: auf euer
+Haupt die Schuld. Dies unsre Antwort nach Byzanz.«
+
+Schweigend hörte Petros diese Worte an, schweigend wandte er sich und
+schritt mit seinen italischen Freunden hinaus. Einige von diesen gaben ihm
+das Geleit bis in seine Wohnung, unter ihnen der Bischof von Florentia.
+
+»Ehrwürdiger Freund,« sagte er zu diesem beim Abschied, »die Briefe
+Theodahads in der bewußten Sache, die ihr mir zur Einsicht anvertraut,
+mußt du mir ganz belassen. Ich bedarf ihrer und für deine Kirche sind sie
+nicht mehr nötig.« – »Der Prozeß ist längst entschieden,« erwiderte der
+Bischof, »und die Güter unwiderruflich erworben. Die Dokumente sind
+dein.« –
+
+Darauf verabschiedete der Gesandte seine Freunde, die ihn bald mit dem
+kaiserlichen Heer in Ravenna wiederzusehen hofften, und eilte in sein
+Gemach, wo er zuerst einen Boten an Belisar abfertigte, ihn zum sofortigen
+Angriff aufzufordern.
+
+Darauf schrieb er einen ausführlichen Bericht an den Kaiser, der mit
+folgenden Worten schloß: »Und so scheinst du, o Herr, wohl Grund zu haben,
+mit den Diensten deines getreuesten Knechts zufrieden zu sein und mit der
+Lage der Dinge. Das Volk der Barbaren in Parteien zerspalten: auf dem
+Thron ein verhaßter Fürst, unfähig und treulos: die Feinde sonder Rüstung
+überrascht: die italische Bevölkerung überall für dich gewonnen: – es kann
+nicht fehlen: wenn keine Wunder geschehen, müssen die Barbaren fast ohne
+Widerstand erliegen.
+
+Und wie so oft tritt auch hier mein erhabener Kaiser, dessen Stolz das
+Recht, als Schirmherr und Rächer der Gerechtigkeit auf: – es ist ein
+geistvoller Zufall, daß die Triere, die mich trägt, den Namen »Nemesis«
+führt.
+
+Nur das Eine betrübt mich unendlich, daß es meinem treuen Eifer nicht
+gelungen, die unselige Tochter Theoderichs zu retten. Ich flehe dich an,
+meiner hohen Herrin, der Kaiserin, die mir niemals gnädig gesinnt war,
+wenigstens zu versichern, daß ich allen ihren Aufträgen bezüglich der
+Fürstin, deren Schicksal sie mir noch in der letzten Unterredung als
+Hauptsorge ans Herz legte, aufs treueste nachzukommen suchte.
+
+Auf die Anfrage bezüglich Theodahads und Gothelindens, deren Hilfe uns das
+Gotenreich in die Hände liefert, wage ich es, der hohen Kaiserin mit der
+ersten Regel der Klugheit zu antworten: es ist zu gefährlich, die
+Mitwisser unsrer tiefsten Geheimnisse am Hof zu haben.«
+
+Diesen Brief sandte Petros eilig durch die beiden Bischöfe Hypatius und
+Demetrius voraus. Sie sollten nach Brundusium und von da über Epidamnus
+auf dem Landweg nach Byzanz eilen. Er selbst wollte erst nach einigen
+Tagen folgen, langsam die gotische Küste des jonischen Meerbusens entlang
+fahrend, überall die Stimmung der Bevölkerung in den Hafenstädten zu
+prüfen und zu schüren.
+
+Dann sollte er um den Peloponnes und Euböa her nach Byzanz segeln: denn
+die Kaiserin hatte ihm den Seeweg vorgeschrieben und ihm Aufträge für
+Athen und Lampsakos erteilt.
+
+Er überrechnete schon vor der Abreise von Ravenna mit vergnügten Sinnen
+immer wieder seine Wirksamkeit in Italien und den Lohn, den er dafür in
+Byzanz erwartete.
+
+Er kehrte zurück, noch einmal so reich als er gekommen.
+
+Denn er hatte der Königin Gothelindis nie eingestanden, daß er mit dem
+Auftrag, Amalaswintha zu verderben, ins Land gekommen. Er hatte ihr
+vielmehr lange die Gefahr der Ungnade bei Kaiser und Kaiserin
+entgegengehalten und sich nur mit Widerstreben durch sehr hohe Summen von
+ihr für den Plan gewinnen lassen, in welchem er sie doch nur als Werkzeug
+brauchte. Er erwartete in Byzanz mit Sicherheit die versprochene Würde des
+Patriciats und freute sich schon, seinem hochmütigen Vetter Narses, der
+ihn nie befördert hatte, nun bald in gleichem Range gegenüberzutreten.
+
+»So ist denn alles nach Wunsch gelungen,« sagte er selbstzufrieden,
+während er seine Briefschaften ordnete: »und diesmal, du stolzer Freund
+Cethegus, hat sich die Verschmitztheit doch trefflich bewährt. Und der
+kleine Rhetor aus Thessalonike hat es doch weiter gebracht mit seinen
+kleinen, leisen Schritten, denn du mit deinem stolzen, herausfordernden
+Gang. Nur muß noch dafür gesorgt werden, daß Theodahad und Gothelindis
+nicht nach Byzanz an den Hof entrinnen: wie gesagt, das wäre zu
+gefährlich: vielleicht hat die Frage der klugen Kaiserin eine Warnung sein
+sollen. Nein, dieses Königspaar muß verschwinden aus unsern Wegen.«
+
+Und er ließ den Gastfreund rufen, bei dem er gewohnt, und nahm Abschied
+von ihm. Dabei übergab er ihm eine dunkle, schmale Vase von der Form
+derer, die zur Aufbewahrung von Urkunden dienten: er versiegelte den
+Deckel mit seinem Ring, der einen feingeschnittenen Skorpion zeigte, und
+schrieb einen Namen auf die daran hängende Wachstafel. »Diesen Mann,«
+sagte er dem Gastfreund, »suche auf bei der nächsten Versammlung der Goten
+zu Regeta und übergieb ihm die Vase: was sie enthält ist sein. Leb wohl,
+auf baldig Wiedersehen hier in Ravenna.« Und er verließ mit seinen Sklaven
+das Haus und bestieg alsbald das Gesandtenschiff: von stolzen Erwartungen
+hoch gehoben trug ihn die »Nemesis« dahin. –
+
+Und als sich nun sein Schiff dem Hafen von Byzanz näherte, von Lampsakos
+aus hatte er – auch dies hatte die Kaiserin gewünscht – seine baldige
+Ankunft durch einen kaiserlichen Schnellsegler, der eben abging, melden
+lassen, überflog des Gesandten Auge erwartungsvoll die schönen Landhäuser,
+die marmorweiß aus den Schatten immergrüner Gärten blinkten.
+
+»Hier wirst du künftig wohnen, unter den Senatoren des Reichs,« sprach
+wohlgefällig Petros.
+
+Vor dem Einlaufen in den Hafen flog die »Thetis«, das prachtvolle Lustboot
+der Kaiserin, ihnen entgegen, sowie es des Gesandten Galeere erkannte die
+Purpurwimpel entrollend, und sie zum Halten anrufend. Alsbald stieg an
+Bord der Galeere ein Bote der Kaiserin: es war Alexandros, der frühere
+Gesandte am Hof von Ravenna.
+
+Er wies dem Trierarchen ein Schreiben des Kaisers, in das dieser einen
+erschrockenen Blick warf: dann wandte er sich zu Petros: »Im Namen des
+Kaisers Justinian! Du bist wegen jahrelang fortgesetzter Urkundenfälschung
+und Steuerunterschlagung lebenslänglich zu den Metallarbeiten in den
+Bergwerken von Cherson bei den ultziagirischen Hunnen verurteilt. Du hast
+die Tochter Theoderichs ihren Feinden preisgegeben. Der Kaiser hätte dich
+durch deinen Brief für entschuldigt erachtet: aber die Kaiserin,
+untröstlich über den Untergang ihrer königlichen Schwester, hat deine alte
+Schuld dem Kaiser entdeckt. Und ein Brief des Präfekten von Rom an diesen
+hat dargethan, daß du mit Gothelindis geheim der Königin Verderben
+geplant. Die Kaiserin hat den Kaiser auch hierin überzeugt. Dein Vermögen
+ist eingezogen: die Kaiserin aber läßt dir sagen,« – hier flüsterte er in
+des Zerschmetterten Ohr, – »du habest in deinem klugen Brief ihr selbst
+den Rat erteilt, Mitwisser von Geheimnissen zu verderben. Trierarch, du
+führst den Verurteilten sofort an seinen Strafort ab.«
+
+Und Alexandros ging auf die »Thetis« zurück.
+
+Die »Nemesis« aber drehte rauschend ihr Steuer, wandte dem Hafen von
+Byzanz den Rücken und trug den Sträfling für immer aus dem Leben der
+Menschen.
+
+
+
+
+ Achtes Kapitel.
+
+
+Wir haben Cethegus den Präfekten seit seiner Abreise nach Rom aus den
+Augen verloren.
+
+Er hatte daselbst in den Wochen der erzählten Ereignisse die eifrigste
+Thätigkeit entfaltet: denn er erkannte, daß die Dinge jetzt zur
+Entscheidung drängten; er konnte ihr getrost entgegensehen.
+
+Ganz Italien war einig in dem Haß gegen die Barbaren: und wer anders
+vermochte es, der Kraft dieses Hasses Bewegung und Ziel zu geben, als das
+Haupt der Katakombenverschwörung und der Herr von Rom.
+
+Das war er durch die jetzt völlig ausgebildeten und ausgerüsteten
+Legionare und durch die nahezu vollendete Befestigung der Stadt, an der er
+in den letzten Monaten Nachts wie Tages hatte arbeiten lassen. Und nun war
+es ihm zuletzt noch gelungen, wie er glaubte, ein sofortiges Auftreten der
+byzantinischen Macht in seinem Italien, die Hauptgefahr, die seinen
+ehrgeizigen Plänen gedroht, abzuwenden: durch zuverlässige Kundschafter
+hatte er erfahren, daß die byzantinische Flotte, die bisher lauernd bei
+Sicilien geankert, sich wirklich von Italien hinweggewandt und der
+afrikanischen Küste genähert habe, wo sie die Seeräuberei zu unterdrücken
+beschäftigt schien.
+
+Freilich sah Cethegus voraus, daß es zu einer Landung der Griechen in
+Italien kommen werde: er konnte derselben als einer Nachhilfe nicht
+entbehren.
+
+Aber alles war ihm daran gelegen, daß dies Auftreten des Kaisers eben nur
+eine Nachhilfe bleibe: und deshalb mußte er, ehe ein Byzantiner den
+italischen Boden betreten, eine Erhebung der Italier aus eigner Kraft
+veranlaßt und zu solchen Erfolgen geführt haben, daß die spätere
+Mitwirkung der Griechen nur als eine Nebensache erschien und mit der
+Anerkennung einer losen Oberhoheit des Kaisers abgelohnt werden konnte.
+
+Und er hatte zu diesem Zweck seine Pläne trefflich vorbereitet.
+
+Sowie der letzte römische Turm unter Dach, sollten die Goten in ganz
+Italien an einem Tag überfallen, mit einem Schlag alle festen Plätze,
+Burgen und Städte, Rom, Ravenna und Neapolis voran, genommen werden. Und
+waren die Barbaren ins flache Land hinausgeworfen, so stand nicht mehr zu
+fürchten, daß sie bei ihrer großen Unkunde in Belagerungen und bei der
+Anzahl und Stärke der italischen Festen diese und damit die Herrschaft
+über die Halbinsel wieder gewinnen würden.
+
+Dann mochte ein byzantinisches Bundesheer helfen, die Goten vollends über
+die Alpen zu drängen: und Cethegus wollte schon dafür sorgen, daß diese
+Befreier ebenfalls keinen Fuß in die wichtigsten Festungen setzen sollten,
+um sich ihrer später unschwer wieder entledigen zu können.
+
+Dieser Plan setzte nun aber voraus, daß die Goten durch die Erhebung
+Italiens überrascht würden. Wenn der Krieg mit Byzanz in Aussicht oder gar
+schon ausgesprochen war, dann natürlich ließen sich die Barbaren die in
+Kriegsstand gesetzten Städte nicht durch einen Handstreich entreißen. Da
+nun aber Cethegus, seit er die Sendung des Petros durchschaut hatte, bei
+jeder Gelegenheit Justinians Hervortreten aus seiner drohenden Stellung
+erwarten mußte, da es kaum noch gelungen war, Belisar wieder abzuwenden
+von Italien, beschloß er, keinen Augenblick mehr zu verlieren.
+
+Er hatte auf den Tag der Vollendung der Befestigungen Roms eine allgemeine
+Versammlung der Verschworenen in den Katakomben anberaumt, in der das
+mühsam und erfindungsreich vorbereitete Werk gekrönt, der Augenblick des
+Losschlagens bestimmt und Cethegus als Führer dieser rein italischen
+Bewegung bezeichnet werden sollte. Er hoffte sicher, den Widerstand der
+Bestochenen oder Furchtsamen, die nur für und mit Byzanz zu handeln
+geneigt waren, durch die Begeisterung der Jugend zu überwältigen, wenn er
+diese sofort in den Kampf zu führen versprach.
+
+Noch vor jenem Tag kam die Nachricht von Amalaswinthens Ermordung, von der
+Verwirrung und Spaltung der Goten nach Rom und ungeduldig sehnte der
+Präfekt die Stunde der Entscheidung herbei. Endlich war auch der einzige
+noch unfertige Turm des aurelischen Thores unter Dach: Cethegus führte die
+letzten Hammerschläge: ihm war dabei, er höre die Streiche des Schicksals
+von Rom und von Italien dröhnen.
+
+Bei dem Schmause, den er darauf den Tausenden von Arbeitern in dem Theater
+des Pompejus gab, hatten sich auch die meisten der Verschworenen
+eingefunden und der Präfekt benutzte die Gelegenheit, diesen seine
+unbegrenzte Beliebtheit im Volk zu zeigen. Auf die jüngeren unter den
+Genossen machte dies freilich den Eindruck, welchen er gewünscht hatte;
+aber ein Häuflein, dessen Mittelpunkt Silverius war, zog sich mit finstern
+Mienen von den Tischen zurück.
+
+Der Priester hatte seit lange eingesehen, daß Cethegus nicht bloß Werkzeug
+sein wollte, daß er eigene Pläne verfolgte, die der Kirche und seinem
+persönlichen Einfluß sehr gefährlich werden konnten. Und er war
+entschlossen, den kühnen Verbündeten zu stürzen, sobald er entbehrt werden
+konnte; es war ihm nicht schwer geworden, die Eifersucht so manches Römers
+gegen den Überlegenen im geheimen zu schüren.
+
+Die Anwesenheit aber zweier Bischöfe aus dem Ostreich, Hypatius von
+Ephesus und Demetrius von Philippi, die in Glaubensfragen öffentlich mit
+dem Papst, aber geheim mit König Theodahad, in Unterstützung des Petros,
+in Politik verhandelten, hatte der kluge Archidiakon benutzt, um mit
+Theodahad und mit Byzanz in enge Verbindung zu treten.
+
+»Du hast recht, Silverius,« murrte Scävola im Hinausgehen aus dem Thor des
+Theaters, »der Präfekt ist Marius und Cäsar in Einer Person.« – »Er
+verschwendet diese ungeheuren Summen nicht umsonst, man darf ihm nicht zu
+sehr trauen,« warnte der geizige Albinus. – »Lieben Brüder,« mahnte der
+Priester, »sehet zu, daß ihr nicht einen unter euch lieblos verdammet. Wer
+solches thäte, wäre des höllischen Feuers schuldig. Freilich beherrscht
+unser Freund die Fäuste der Handwerker wie die Herzen seiner jungen
+»Ritter«: es ist das gut, er kann dadurch die Tyrannei zerbrechen ... –«
+
+»Aber dadurch auch eine neue aufrichten,« meinte Calpurnius.
+
+»Das soll er nicht, wenn Dolche noch töten, wie in Brutus’ Tagen,« sprach
+Scävola.
+
+»Es bedarf des Blutes nicht. Bedenket nur immer:« sagte Silverius, »je
+näher der Tyrann, desto drückender die Tyrannei: je ferner der Herrscher,
+desto erträglicher die Herrschaft. Das schwere Gewicht des Präfekten ist
+aufzuwiegen durch das schwerere des Kaisers.«
+
+»Jawohl,« stimmte Albinus bei, der große Summen von Byzanz erhalten hatte,
+»der Kaiser muß der Herr Italiens werden.« – »Das heißt,« beschwichtigte
+Silverius den unwillig auffahrenden Scävola, »wir müssen den Präfekten
+durch den Kaiser, den Kaiser durch den Präfekten niederhalten. Siehe, wir
+stehen an der Schwelle meines Hauses. Laßt uns eintreten. Ich habe geheim
+euch mitzuteilen, was heute Abend in der Versammlung kund werden soll. Es
+wird euch überraschen. Aber andre Leute noch mehr.«
+
+Inzwischen war auch der Präfekt von dem Gelage nach Hause geeilt, sich in
+einsamem Sinnen zu seinem wichtigen Werke zu bereiten. Nicht seine Rede
+überdachte er: wußte er doch längst was er zu sagen hatte und, ein
+glänzender Redner, dem die Worte so leicht wie die Gedanken kamen,
+überließ er den Ausdruck gern dem Antrieb des Augenblicks, wohl wissend,
+daß das eben frisch aus der Seele geschöpfte Wort am lebendigsten wirkt.
+
+Aber er rang nach innerer Ruhe: denn seine Leidenschaft schlug hohe
+Wellen.
+
+Er überschaute die Schritte, die er nach seinem Ziele hin gethan, seit
+zuerst dieses Ziel mit dämonischer Gewalt ihn angezogen: er erwog die
+kurze Strecke, die noch zurückzulegen war: er überzählte die
+Schwierigkeiten, die Hindernisse, die noch auf diesem Wege lagen und ermaß
+dagegen die Kraft seines Geistes, sie zu überwinden: und das Ergebnis
+dieses prüfenden Wägens erzeugte in ihm eine Siegesfreude, die ihn mit
+jugendlicher Aufregung ergriff.
+
+Mit gewaltigen Schritten durchmaß er das Gemach.
+
+Die Muskeln seiner Arme spannten sich wie in der Stunde beginnender
+Schlacht: er umgürtete sich mit dem breiten, siegreichen Schwert seiner
+Kriegsfahrten und drückte krampfhaft dessen Adlergriff, als gelte es,
+jetzt gegen zwei Welten, gegen Byzanz und die Barbaren, sein Rom zu
+erkämpfen. Dann trat er der Cäsarstatue gegenüber und sah ihr lange in das
+schweigende Marmorantlitz. Endlich ergriff er mit beiden Händen die Hüften
+des Imperators und rüttelte an ihnen: »lebwohl,« sagte er, »und gieb mir
+dein Glück mit auf den Weg. – Mehr brauch’ ich nicht.«
+
+Und rasch wandte er sich und eilte aus dem Gemache und durch das Atrium
+hinaus auf die Straße, wo ihn schon die ersten Sterne begrüßten.
+
+Zahlreicher als je hatten sich die Verschwornen an diesem Abend in den
+Katakomben eingefunden: waren doch durch ganz Italien die Ladungen zu
+dieser Versammlung als zu einer entscheidungsvollen ergangen. So waren auf
+den Wunsch des Präfekten besonders alle strategisch wichtigen Punkte
+vertreten: von den starken Grenzhüterinnen Tridentum, Tarvisium und
+Verona, die das Eis der Alpen schauen, bis zu Otorantum und Consentia,
+welche die laue Welle des ausonischen Meeres bespült, hatten sie alle ihre
+Boten zugesendet, jene berühmten Städte Siciliens und Italiens mit den
+stolzen, den schönen, den weltgeschichtlichen Namen: Syrakusä und Catana,
+Panormus und Messana, Regium, Neapolis und Cumä, Capua und Beneventum,
+Antium und Ostia, Reate und Narnia, Volsinii, Urbsvetus und Spoletum,
+Clusium und Perusia, Auximum und Ancon, Florentia und Fäsulä, Pisa, Luca,
+Luna und Genua, Ariminum, Cäsena, Faventia und Ravenna, Parma, Dertona und
+Placentia, Mantua, Cremona und Ticinum (Pavia), Mediolanum, Comum und
+Bergamum, Asta und Pollentia: dann von der Nord- und Ostküste des
+jonischen Meerbusens: Concordia, Aquileja, Jadera, Scardona und Salona.
+
+Da waren ernste Senatoren und Decurionen, ergraut in dem Rat ihrer Städte,
+deren Häupter ihre Ahnen seit Jahrhunderten gewesen: kluge Kaufleute,
+breitschultrige Gutsherrn, rechthaberische Juristen, spöttische Rhetoren:
+und namentlich eine große Anzahl von Geistlichen jedes Ranges und jedes
+Alters: die einzige fest organisierte Macht und Silverius unbedingt
+gehorsam.
+
+Wie Cethegus, noch hinter der Mündung des schmalen Ganges verborgen, die
+Massen in dem Halbrund der Grotte übersah, konnte er sich eines
+verächtlichen Lächelns nicht erwehren, das aber in einen Seufzer auslief.
+Außer der allgemeinen Abneigung gegen die Barbaren, die doch bei weitem
+nicht stark genug war, schwere politische Pläne mit Opfern und Entsagungen
+zu tragen, – welch’ verschiedene und oft welch’ kleine Motive hatten diese
+Verschwornen hier zusammengeführt!
+
+Cethegus kannte die Beweggründe der einzelnen genau: hatte er sie doch
+durch Bearbeitung ihrer schwächsten Seiten beherrschen gelernt. Und er
+mußte zuletzt noch froh darum sein: echte Römer hätte er nie, wie diese
+Verschworenen, so völlig unter seinen Einfluß gebracht.
+
+Aber wenn er sie nun hier alle beisammen sah, diese Patrioten, und
+bedachte, wie den einen die Hoffnung auf einen Titel von Byzanz, den
+andern plumpe Bestechung, einen dritten Rachsucht wegen irgend einer
+Beleidigung oder auch nur die Langeweile oder Schulden oder ein schlechter
+Streich unter die Unzufriedenen geführt: und wenn er sich nun vorstellte,
+daß er mit solchen Bundesgenossen den gotischen Heermännern entgegentreten
+sollte, – da erschrak er fast über die Vermessenheit seines Planes.
+
+Und eine Erquickung war es ihm, als die helle Stimme des Lucius Licinius
+seinen Blick auf die Schar der jungen »Ritter« lenkte, denen wirklich
+kriegerischer Muth und nationale Begeisterung aus den Augen sprühte: so
+hatte er doch einige verlässige Waffen. –
+
+»Gegrüßt, Lucius Licinius,« sprach er aus dem Dunkel des Ganges
+hervortretend. »Ei, du bist ja gerüstet und gewaffnet, als ging es von
+hier gegen die Barbaren.«
+
+»Kaum bezwing ich das Herz in der Brust vor Haß und vor Freude,« sagte der
+schöne Jüngling. »Sieh, alle diese hier hab’ ich für dich, für das
+Vaterland geworben.«
+
+Cethegus blickte grüßend umher:
+
+»Auch du hier, Kallistratos, – du heitrer Sohn des Friedens?«
+
+»Hellas wird ihre Schwester Italia nicht verlassen in der Stunde der
+Gefahr,« sagte der Hellene und legte die weiße Hand auf das zierliche
+Schwert mit dem Griff von Elfenbein. Und Cethegus nickte ihm zu und wandte
+sich zu den andern: Marcus Licinius, Piso, Massurius, Balbus, die, seit
+den Floralien ganz von dem Präfekten gewonnen, ihre Brüder, Vettern,
+Freunde mitgebracht hatten. Prüfend flog sein Blick über die Gruppe, er
+schien einen aus diesem Kreise zu vermissen. Lucius Licinius erriet seine
+Gedanken: »Du suchst den schwarzen Korsen, Furius Ahalla?
+
+Auf den kannst du nicht zählen. Ich holte ihn von weitem aus, aber er
+sprach: »ich bin ein Korse, kein Italier: mein Handel blüht unter
+gotischem Schutz: laßt mich aus eurem Spiel.« Und als ich weiter in ihn
+drang – denn ich gewönne gern sein kühnes Herz und die vielen Tausende von
+Armen, über die er gebeut – sprach er kurz abweisend: »ich fechte nicht
+gegen Totila.««
+
+»Die Götter mögen wissen, was den tigerwilden Korsen an jenen Milchbart
+bindet,« meinte Piso.
+
+Cethegus lächelte, aber er furchte die Stirn. »Ich denke, wir Römer
+genügen,« sprach er laut: und das Herz der Jünglinge schlug.
+
+»Eröffne die Versammlung,« mahnte Scävola unwillig den Archidiakon, »du
+siehst, wie er die jungen Leute beschwatzt; er wird sie alle gewinnen.
+Unterbrich ihn: rede.«
+
+»Sogleich. Bist du gewiß, daß Albinus kommt?«
+
+»Er kommt; er erwartet den Boten am appischen Thor.«
+
+»Wohlan,« sagte der Priester, »Gott mit uns!« Und er trat in die Mitte der
+Rotunde, erhob ein schwarzes Kreuz und begann: »Im Namen des dreieinigen
+Gottes! Wieder einmal haben wir uns versammelt im Grauen der Nacht zu den
+Werken des Lichts. Vielleicht zum letztenmal: denn wunderbar hat der Sohn
+Gottes, dem die Ketzer die Ehre weigern, unsere Mühen zu seiner
+Verherrlichung, zur Vernichtung seiner Feinde gesegnet. Nächst Gott dem
+Herrn aber gebührt der höchste Dank dem edeln Kaiser Justinian und seiner
+frommen Gemahlin, die mit thätigem Mitleid die Seufzer der leidenden
+Kirche vernehmen: und endlich hier unsrem Freund und Führer, dem
+Präfekten, der unablässig für unsres Herrn, des Kaisers Sache, wirkt
+...« –
+
+»Halt, Priester!« rief Lucius Licinius dazwischen, »wer nennt den Kaiser
+von Byzanz hier unsern Herrn? wir wollen nicht den Griechen dienen statt
+den Goten! Frei wollen wir sein!« – »Frei wollen wir sein,« wiederholte
+der Chor seiner Freunde.
+
+»Frei wollen wir _werden_!« fuhr Silverius fort. »Gewiß. Aber das können
+wir nicht aus eigner Macht, nur mit des Kaisers Hilfe. Glaubt auch nicht,
+geliebte Jünglinge, der Mann, den ihr als euren Vorkämpfer verehrt,
+Cethegus, denke hierin anders. Justinian hat ihm einen köstlichen Ring –
+sein Bild in Carneol – gesendet, zum Zeichen, daß er billige, was der
+Präfekt für ihn, den Kaiser, thue und der Präfekt hat den Ring angenommen:
+sehet hier, er trägt ihn am Finger.«
+
+Betroffen und unwillig sahen die Jünglinge auf Cethegus. Dieser trat
+schweigend in die Mitte. Eine peinliche Pause entstand.
+
+»Sprich, Feldherr!« rief Lucius, »widerlege sie! Es ist nicht wie sie
+sagen mit dem Ring.«
+
+Aber Cethegus zog den Ring kopfnickend ab: »Es ist wie sie sagen: der Ring
+ist vom Kaiser und ich hab’ ihn angenommen.«
+
+Lucius Licinius trat einen Schritt zurück.
+
+»Zum Zeichen?« fragte Silverius.
+
+»Zum Zeichen,« sprach Cethegus mit drohender Stimme, »daß ich der
+herrschsüchtige Selbstling nicht bin, für den mich einige halten, zum
+Zeichen, daß ich Italien mehr liebe als meinen Ehrgeiz. Ja, ich baute auf
+Byzanz und wollte dem mächtigen Kaiser die Führerstelle abtreten: – darum
+nahm ich diesen Ring. Ich baue nicht mehr auf Byzanz, das ewig zögert:
+deshalb hab’ ich diesen Ring heute mitgebracht, ihn dem Kaiser
+zurückzustellen. Du, Silverius, hast dich als den Vertreter von Byzanz
+erwiesen: hier, gieb deinem Herrn sein Pfand zurück: er säumt zu lang:
+sag’ ihm, Italien hilft sich selbst.«
+
+»Italien hilft sich selbst!« jubelten die jungen Ritter.
+
+»Bedenket, was ihr thut!« warnte mit verhaltnem Zorn der Priester. »Den
+heißen Mut der Jünglinge begreif’ ich, – aber daß meines Freundes, des
+gereiften Mannes, Hand nach dem Unerreichbaren greift, – befremdet mich.
+Bedenket die Zahl und wilde Kraft der Barbaren! Bedenket, wie die Männer
+Italiens seit lange des Schwertes entwöhnt, wie alle Zwingburgen des
+Landes in der Hand ...« –
+
+»Schweig, Priester,« donnerte Cethegus, »das verstehst du nicht! Wo es die
+Psalmen zu erklären gilt und die Seele nach dem Himmelreich zu lenken, da
+rede du: denn solches ist dein Amt; wo’s aber Krieg und Kampf der Männer
+gilt, laß jene reden, die den Krieg verstehen. Wir lassen dir den ganzen
+Himmel – laß uns nur die Erde. Ihr römischen Jünglinge, ihr habt die Wahl.
+Wollt ihr abwarten, bis dieses wohlbedächtige Byzanz sich doch vielleicht
+Italiens noch erbarmt – ihr könnt müde Greise werden bis dahin – oder
+wollt ihr, nach alter Römer Art, die Freiheit mit dem eignen Schwert
+erkämpfen? Ihr wollt’s, ich seh’s am Feuer eurer Augen. Wie? man sagt uns,
+wir sind zu schwach, Italien zu befreien? Ha, seid ihr nicht die Enkel
+jener Römer, die den Weltkreis bezwangen? Wenn ich euch aufrufe, Mann für
+Mann, da ist kein Name, der nicht klingt wie Heldenruhm: Decius, Corvinus,
+Cornelius, Valerius, Licinius: – wollt ihr mit mir das Vaterland
+befreien?«
+
+»Wir wollen es! Führe uns, Cethegus!« riefen die Jünglinge begeistert.
+
+Nach einer Pause begann der Jurist: »Ich heiße Scävola. Wo römische
+Heldennamen aufgerufen werden, hätte man auch des Geschlechts gedenken
+mögen, in dem das Heldentum der Kälte erblich ist. Ich frage dich, du
+jugendheißer Held Cethegus, hast du mehr als Träume und Wünsche, wie diese
+jungen Thoren, hast du einen Plan?« –
+
+»Mehr als das, Scävola, ich habe und halte den Sieg. Hier ist die Liste
+fast aller Festungen Italiens: an den nächsten Iden, in dreißig Tagen
+also, fallen sie, alle, auf Einen Schlag, in meine Hand.«
+
+»Wie? dreißig Tage sollen wir noch warten?« fragte Lucius.
+
+»Nur so lange, bis die hier Versammelten ihre Städte wieder erreicht, bis
+meine Eilboten Italien durchflogen haben. Ihr habt über vierzig Jahre
+warten müssen!«
+
+Aber der ungeduldige Eifer der Jünglinge, den er selbst geschürt, wollte
+nicht mehr ruhen: sie machten verdroßne Mienen zu dem Aufschub – sie
+murrten.
+
+Blitzschnell ersah der Priester diesen Umschlag der Stimmung. »Nein,
+Cethegus,« rief er, »solang kann nicht mehr gezögert werden! Unerträglich
+ist dem Edeln die Tyrannei: Schmach dem, der sie länger duldet als er muß.
+Ich weiß euch bessern Trost, ihr Jünglinge! Schon in den nächsten Tagen
+können die Waffen Belisars in Italien blitzen.«
+
+»Oder sollen wir vielleicht,« fragte Scävola, »Belisar nicht folgen, weil
+er nicht Cethegus ist?«
+
+»Ihr sprecht von Wünschen,« lächelte dieser, »nicht von Wirklichem.
+Landete Belisar, ich wäre der erste mich ihm anzuschließen. Aber er wird
+nicht landen. Das ist’s ja, was mich abgewendet hat von Byzanz: der Kaiser
+hält nicht Wort.«
+
+Cethegus spielte ein sehr kühnes Spiel. Aber er konnte nicht anders.
+
+»Du könntest irren und der Kaiser früher sein Wort erfüllen, als du
+meinst. Belisar liegt bei Sicilien.«
+
+»Nicht mehr. Er hat sich nach Afrika, nach Hause gewendet. Hofft nicht
+mehr auf Belisar.«
+
+Da hallten hastige Schritte aus dem Seitengange und eilfertig stürzte
+Albinus herein:
+
+»Triumph,« rief er, »Freiheit, Freiheit!«
+
+»Was bringst du?« fragte freudig der Priester.
+
+»Den Krieg, die Rettung! Byzanz hat den Goten den Krieg erklärt.«
+
+»Freiheit, Krieg!« jauchzten die Jünglinge.
+
+»Es ist unmöglich!« sprach Cethegus, tonlos.
+
+»Es ist gewiß!« rief eine andre Stimme vom Gange her – es war Calpurnius,
+der jenem auf dem Fuß gefolgt – »und mehr als das: der Krieg ist begonnen.
+Belisar ist gelandet auf Sicilien, bei Catana: Syrakusä, Messana sind ihm
+zugefallen, Panormus hat er mit der Flotte genommen, er ist übergesetzt
+nach Italien, von Messana nach Regium, er steht auf unserm Boden.«
+
+»Freiheit!« rief Marcus Licinius.
+
+»Überall fällt ihm die Bevölkerung zu. Aus Apulien, aus Calabrien flüchten
+die überraschten Goten, unaufhaltsam dringt er durch Bruttien und Lucanien
+gen Neapolis.«
+
+»Es ist erlogen, alles erlogen!« sagte Cethegus mehr zu sich selbst als zu
+den andern.
+
+»Du scheinst nicht sehr erfreut über den Sieg der guten Sache. Aber der
+Bote ritt drei Pferde zu Tod. Belisar ist gelandet mit dreißigtausend
+Mann.« – »Ein Verräter, wer noch zweifelt,« sprach Scävola. – »Nun laß
+sehen,« höhnte Silverius, »ob du dein Wort halten wirst. Wirst du der
+erste von uns sein, dich Belisar anzuschließen?«
+
+Vor Cethegus Auge versank in dieser Stunde eine ganze Welt, _seine_ Welt.
+So hatte er denn umsonst, nein, schlimmer als das, für einen verhaßten
+Feind alles gethan, was er gethan.
+
+Belisar in Italien mit einem starken Heere und er getäuscht, machtlos,
+überwunden! Wohl jeder andre hätte jetzt alles weitre Streben ermüdet
+aufgegeben. In des Präfekten Seele fiel nicht ein Schatten der
+Entmutigung. Sein ganzer Riesenbau war eingestürzt: noch betäubte der
+Schlag sein Ohr und schon hatte er beschlossen, im selben Augenblick ihn
+von neuem zu beginnen: seine Welt war versunken, und er hatte nicht Muße
+ihr einen Seufzer nachzusenden: denn aller Augen hingen an ihm. Er
+beschloß, eine zweite zu schaffen.
+
+»Nun! was wirst du thun?« wiederholte Silverius.
+
+Cethegus würdigte ihn keines Blicks. Zu der Versammlung gewendet sprach er
+mit ruhiger Stimme: »Belisar ist gelandet: Er ist jetzt unser Haupt: ich
+gehe in sein Lager.« Damit schritt er dem Ausgang zu, gemessenen Ganges,
+gefaßten Angesichts, an Silverius und dessen Freunden vorüber.
+
+Silverius wollte ein Wort des Hohnes flüstern: aber er verstummte, da ihn
+der Blick des Präfekten traf: »Frohlocke nicht, Priester,« schien er zu
+sagen, »diese Stunde wird dir vergolten.«
+
+Und Silverius, der Sieger, blieb erschrocken stehn. – –
+
+
+
+
+ Neuntes Kapitel.
+
+
+Die Landung der Byzantiner war allen, Goten wie Italiern, gleich
+unerwartet gekommen.
+
+Denn die letzte Bewegung Belisars nach Südosten hatte alle Erwartungen von
+der kaiserlichen Flotte in die Irre gelenkt. Von unsern gotischen Freunden
+war nur Totila in Unteritalien: vergeblich hatte er als Seegraf von
+Neapolis die Regierung zu Ravenna gewarnt und um Vollmachten, um Mittel
+zur Verteidigung Siciliens gebeten. Wir werden sehen, wie ihm alle Mittel
+genommen wurden, das Ereignis zu verhindern, das sein Volk bedrohte, das
+gerade in die lichten Kreise seines eignen Lebens zuerst verhängnisvolle
+Schatten werfen und die Bande des Glückes zerreißen sollte, mit welchen
+ein freundliches Schicksal diesen Liebling der Götter bisher umwoben
+hatte.
+
+Denn in Bälde war es der unwiderstehlichen Anmut seiner Natur gelungen,
+das edle, wenn auch strenge, Herz des Valerius zu gewinnen. Wir haben
+gesehen, wie mächtig die Bitten der Tochter, das Andenken an die
+Scheideworte der Gattin, die Offenheit Totilas schon in jener Stunde der
+nächtlichen Überraschung auf den würdigen Alten gewirkt.
+
+Totila blieb als Gast in der Villa: Julius, mit seiner gewinnenden Güte,
+wurde von den Liebenden zu Hilfe gerufen und ihren vereinten Einflüssen
+gab der Sinn des Vaters allmählich nach. Dies war jedoch bei dem strengen
+Römertum des Alten nur dadurch möglich, daß von allen Goten Totila an
+Sinnesart, Bildung und Wohlwollen den Römern am nächsten stand, so daß
+Valerius bald einsah, er könne einen Jüngling nicht »barbarisch« schelten,
+der besser als mancher Italier die Sprache, die Weisheit und die Schönheit
+der hellenischen und römischen Litteratur kannte und würdigte, und, wie er
+seine Goten liebte, so die Kultur der alten Welt bewunderte.
+
+Dazu kam endlich, daß im politischen Gebiet den alten Römer und den jungen
+Germanen der gemeinsame Haß gegen die Byzantiner verband. Wenn der offnen
+Heldenseele Totilas in den tückischen Erbfeinden seiner Nation die
+Mischung von Heuchelei und Gewaltherrschaft unwillkürlich wie dem Lichte
+die Nacht verhaßt war, so war für Valerius die ganze Tradition seiner
+Familie eine Anklage gegen das Imperatorentum und Byzanz. Die Valerier
+hatten von jeher zu der aristokratisch-republikanischen Opposition wider
+das Cäsarentum gezählt. Und so mancher der Ahnen hatte schon seit den
+Tagen des Tiberius die alt-republikanische Gesinnung mit dem Tode gebüßt
+und besiegelt. Niemals hatten diese Geschlechter im Herzen die Übertragung
+der Weltherrschaft von der Tiberstadt nach Byzanz anerkannt: in dem
+byzantinischen Kaisertum erblickte Valerius den Gipfel aller Tyrannei: und
+um jeden Preis wollte er die Habsucht, den Glaubenszwang, den
+orientalischen Despotismus dieser Kaiser von seinem Latium fern halten. Es
+kam dazu, daß sein Vater und sein Bruder bei einer Handelsreise durch
+Byzanz von einem Vorgänger Justinians aus Habsucht waren festgehalten und,
+wegen angeblicher Beteiligung an einer Verschwörung, unter Konfiskation
+ihrer im Ostreich belegenen Güter, hingerichtet worden, so daß den
+politischen Haß des Patrioten mit aller Macht persönliche Schmerzen
+verstärkten. Er hatte, als Cethegus ihn in die Katakombenverschwörung
+einweihte, eifrig den Gedanken einer Selbstbefreiung Italiens ergriffen,
+aber alle Annäherungen der kaiserlichen Partei mit den Worten abgewiesen:
+»lieber den Tod als Byzanz!«
+
+So vereinten sich die beiden Männer in dem Entschluß, keine Byzantiner in
+dem schönen Lande zu dulden, das dem Goten kaum minder teuer war, als dem
+Römer.
+
+Die Liebenden hüteten sich, den Willen des Alten schon jetzt zu einem
+bindenden Wort zu drängen; sie begnügten sich für die Gegenwart mit der
+Freiheit des Umgangs, die Valerius ihnen beließ und warteten ruhig ab, bis
+der Einfluß allmählicher Gewöhnung ihn auch mit dem Gedanken an ihre
+völlige Vereinigung befreunden würde. So verlebten unsere jungen Freunde
+goldene Tage.
+
+Das Liebespaar hatte neben seinem eigensten Glücke die Freude an der
+wachsenden Neigung des Vaters zu Totila: und Julius genoß jene weihevolle
+Erhebung, die für edle Naturen in dem Überwinden eigner Schmerzen um des
+Glückes geliebter Herzen willen liegt.
+
+Seine suchende, von der Weisheit der alten Philosophie nicht befriedigte
+Seele wandte sich mehr und mehr jener Lehre zu, die den höchsten Frieden
+im Entsagen findet.
+
+Eine sehr entgegengesetzte Natur war Valeria.
+
+Sie war der Ausdruck der echt römischen Ideale ihres Vaters, der an der
+frühe verstorbnen Mutter Stelle ihre ganze Erziehung geleitet und im
+geistigen und sittlichen Gebiet die Ergebnisse des antiken heidnischen
+Geistes ihr angeeignet hatte. Das Christentum, dem ihre Seele bei dem
+Eintritt in das Leben durch eine äußere Nötigung war zugewendet und später
+ebenso durch ein äußerliches Mittel wieder war entrissen worden, erschien
+ihr als eine gefürchtete, nicht als eine verstandene und geliebte Macht,
+die sie gleichwohl nicht aus dem Kreise ihrer Gedanken und Gefühle zu
+scheiden vermochte. Als echte Römerin sah sie auch nicht mit bangem Zagen,
+sondern mit freudigem Stolz die kriegerische Begeisterung, die im Gespräch
+mit ihrem Vater über Byzanz und seine Feldherrn aus der Seele Totilas
+leuchtete, den künftigen Helden verkündend.
+
+Und so trug sie es mit edler Fassung, als den Geliebten seine
+Kriegerpflicht plötzlich abrief aus den Armen der Liebe und Freundschaft.
+Denn sowie die Flotte der Byzantiner auf der Höhe von Syrakusä erschienen
+war, loderte in dem jungen Goten der Gedanke, der Wunsch des Krieges
+unauslöschlich empor. Als Befehlshaber des unteritalischen Geschwaders lag
+ihm die Pflicht ob, die Feinde zu beobachten, die Küste zu decken. Er
+setzte rasch seine Schiffe in stand und segelte der griechischen Seemacht
+entgegen, Erklärung heischend über den Grund ihres Erscheinens in diesen
+Gewässern.
+
+Belisar, der den Auftrag hatte, erst nach einem Ruf von Petros feindlich
+aufzutreten, gab eine friedliche und unanfechtbare Auskunft, die Unruhen
+in Afrika und Seeräubereien mauretanischer Schiffe vorschützend. Mit
+dieser Antwort mußte sich Totila begnügen: aber in seiner Seele stand der
+Ausbruch des Krieges fest, vielleicht nur deshalb, weil er ihn wünschte.
+Er traf daher alle Anstalten, schickte warnende Boten nach Ravenna und
+suchte vor allem, das wichtige Neapolis wenigstens von der Seeseite her zu
+decken, da die Landbefestigung der Stadt während des langen Friedens
+vernachlässigt und der alte Uliaris, der Stadtgraf von Neapolis, nicht aus
+seiner stolzen Sicherheit und Griechenverachtung aufzurütteln war.
+
+Die Goten wiegten sich überhaupt in dem gefährlichen Wahn, die Byzantiner
+würden gar nie wagen, sie anzugreifen: und ihr verräterischer König
+bestärkte sie gern in diesem Glauben. Die Warnungen Totilas blieben
+deshalb unbeachtet und es wurde dem eifrigen Seegrafen sogar sein ganzes
+Geschwader abgenommen und in den Hafen von Ravenna zu angeblicher Ablösung
+beordert: aber die Schiffe, welche die abgesegelten ersetzen sollten,
+blieben aus.
+
+Und Totila hatte nichts als ein paar kleine Wachtschiffe, mit welchen er,
+wie er den Freunden erklärte, die Bewegungen der zahlreichen
+Griechenflotte nicht beobachten, geschweige denn aufhalten konnte. Diese
+Mitteilungen bewogen den Kaufherrn, die Villa bei Neapolis zu verlassen
+und seine reichen Besitzungen und Handelsniederlassungen bei Regium, an
+der Südspitze der Halbinsel, aufzusuchen, um die wertvollste Habe aus
+dieser Gegend, für die Totila den ersten Angriff der Feinde besorgte, nach
+Neapolis zu flüchten und überhaupt seine Anordnungen für den Fall eines
+längeren Krieges zu treffen. Auf dieser Reise sollte Julius ihn begleiten:
+und auch Valeria war nicht zu bewegen, in der leeren Villa
+zurückzubleiben: von Gefahr war, wie Totila versichert hatte, für die
+nächsten Tage nichts zu fürchten.
+
+So reisten denn die drei, von einigen Sklaven begleitet, nach der
+Hauptvilla bei dem Passe Jugum nördlich von Regium ab, die, unmittelbar am
+Meere gelegen, ja zum Teil mit jenem schon von Horatius gescholtnen Luxus
+in das Meer selbst »wagend hinausgebaut« war.
+
+Valerius traf die Dinge in schlechter Ordnung. Seine Institoren hatten,
+sicher gemacht durch lange Abwesenheit des Herrn, übel gewirtschaftet: und
+mit Unwillen erkannte dieser, daß seine prüfende, ordnende, strafende
+Thätigkeit, nicht tage-, sondern wochenlang in dieser Gegend notwendig
+sein werde.
+
+Unterdessen mehrten sich die drohenden Anzeichen. Totila schickte warnende
+Winke: aber Valeria erklärte, ihren Vater in der Gefahr nicht verlassen zu
+können: und dieser verschmähte es, vor den »Griechlein« zu flüchten, die
+er noch mehr verachtete, als haßte.
+
+Da wurden sie eines Tages durch zwei Boote überrascht, die fast
+gleichzeitig in den kleinen Hafen der Villa einliefen: das eine trug
+Totila, das andre den Korsen Furius Ahalla. Die Männer begrüßten sich
+überrascht, doch erfreut als alte Bekannte und wandelten mit einander
+durch die Taxus- und Lorbeergänge des Gartens zu der Villa hinan. Hier
+trennten sie sich: Totila gab vor, seinen Freund Julius besuchen zu
+wollen, indes den Korsen ein Geschäft zu dem Kaufherrn führte, mit dem er
+seit Jahren in einer für beide Teile gleich vorteilhaften
+Handelsverbindung stand.
+
+Mit Freuden sah daher Valerius den klugen, kühnen und stattlich-schönen
+Seefahrer bei sich eintreten und nach herzlicher Begrüßung wandten sich
+die beiden Handelsfreunde ihren Büchern und Rechnungen zu.
+
+Nach kurzen Erörterungen erhob sich der Korse von den Rechentafeln und
+sprach: »So siehst du, Valerius, aufs neue hat Mercurius unser Bündnis
+gesegnet. Meine Schiffe haben dir Purpur und köstlichen Wollstoff aus
+Phönikien und aus Spanien zugeführt: und deine köstlichen Fabrikate des
+verflossenen Jahres verführt nach Byzanz und Alexandria, nach Massilia und
+Antiochia. Ein Centenar Goldes Mehrgewinn gegen das Vorjahr! Und so wird
+er steigen und steigen von Jahr zu Jahr, solang die wackern Goten den
+Frieden schirmen und die Rechtspflege im Abendland.« Er schwieg wie
+abwartend.
+
+»Solang sie schirmen können!« seufzte Valerius, »solang diese Griechen
+Frieden halten. Wer steht dafür, daß uns nicht diese Nacht der Seewind die
+Flotte Belisars an die Küste treibt!«
+
+»Also auch du erwartest den Krieg? Im Vertrauen: er ist mehr als
+wahrscheinlich, er ist gewiß.«
+
+»Furius,« rief der Römer, »woher weißt du das?«
+
+»Ich komme von Afrika, von Sicilien. Ich habe die Flotte des Kaisers
+gesehen: so rüstet man nicht gegen Seeräuber. Ich habe die Heerführer
+Belisars gesprochen: sie träumen Nacht und Tag von den Schätzen Italiens.
+Sizilien ist zum Abfall reif, sowie die Griechen landen.«
+
+Valerius erbleichte vor Aufregung. Furius bemerkte es und fuhr fort: »Und
+deshalb vor allem bin ich hierher geeilt, dich zu warnen. Der Feind wird
+in dieser Gegend landen und ich wußte, – daß deine Tochter dich
+begleitet.«
+
+»Valeria ist eine Römerin.«
+
+»Ja, aber diese Feinde sind die wildesten Barbaren. Denn Hunnen,
+Massageten, Skythen, Avaren, Sclavenen und Sarazenen sind es, die dieser
+Kaiser der Römer losläßt auf Italien. Wehe, wenn dein minervengleiches
+Kind in ihre Hände fiele.«
+
+»Das wird sie nicht!« sagte Valerius, die Hand am Dolch. »Aber du sprichst
+wahr – sie muß fort – in Sicherheit.« – – »Wo ist in Italien Sicherheit?
+Bald werden die Wogen dieses Krieges brausend zusammenschlagen über
+Neapolis, – über Rom und kaum sich an Ravennas Mauern brechen.« – Denkst
+du so groß von diesen Griechen? Hat doch Griechenland nie etwas anderes
+nach Italien geschickt als Mimen, Seeräuber und Kleiderdiebe!« –
+»Belisarius aber ist ein Sohn des Sieges. Jedenfalls entbrennt ein Kampf,
+dessen Ende so mancher von euch nicht erleben wird!« – »Von _euch_, sagst
+du? wirst du nicht mit kämpfen?«
+
+»Nein, Valerius! Du weißt, in meinen Adern fließt nur korsisch Blut, trotz
+meines römischen Adoptivnamens: ich bin nicht Römer, nicht Grieche, nicht
+Gote. Ich wünsche den Goten den Sieg, weil sie Zucht und Ordnung halten zu
+Wasser und zu Land und weil mein Handel blüht unter ihrem Scepter: aber
+wollt’ ich offen für sie fechten, – der Fiskus von Byzanz verschlänge, was
+irgend von meinen Schiffen und Waren in den Häfen des Ostreichs liegt,
+drei Viertel all’ meines Guts. Nein, ich gedenke mein Eiland so zu
+befestigen, – du weißt ja, halb Korsika ist mein – daß keine der
+kämpfenden Parteien mich viel belästigen wird: meine Insel wird eine
+Friedensinsel sein, während rings die Länder und Meere vom Krieg
+erdröhnen. Ich werde dies Asyl beschirmen wie ein König seine Krone, wie
+ein Bräutigam die Braut – und deshalb« – seine Augen funkelten und seine
+Stimme bebte vor Erregung – »deshalb wollte ich jetzt, – heute – ein Wort
+aussprechen, das ich seit Jahren auf dem Herzen trage« – – Er stockte.
+
+Valerius sah voraus, was kommen werde und sah es mit tiefem Schmerz: seit
+Jahren hatte er sich in dem Gedanken gefallen, sein Kind dem mächtigen
+Kaufherrn zu vertrauen, eines alten Freundes Adoptivsohn, dessen Neigung
+er lange durchschaut. So lieb er in letzter Zeit den jungen Goten
+gewonnen, er würde doch den langjährigen Handelsgenossen als Eidam
+vorgezogen haben. Und er kannte den unbändigen Stolz und die zornige
+Rachsucht des Korsen: er fürchtete im Fall der Weigerung die alte Liebe
+und Freundschaft alsbald in lodernden Haß umschlagen zu sehen: man
+erzählte dunkle Geschichten von der jähzornigen Wildheit des Mannes und
+gern hätte Valerius ihm und sich selbst den Schmerz einer Zurückweisung
+erspart.
+
+Aber jener fuhr fort: »Ich denke, wir beide sind Männer, die Geschäfte
+geschäftlich abthun. Und ich spreche, nach altem Brauch, gleich mit dem
+Vater, nicht erst mit der Tochter. Gieb mir dein Kind zur Ehe, Valerius:
+du kennst zum Teil mein Vermögen – nur zum Teil: – denn es ist viel größer
+als du ahnst. Zur Widerlage der Mitgift geb’ ich, wie groß sie sei, das
+doppelte ...« –
+
+»Furius!« unterbrach der Vater.
+
+»Ich glaube wohl ein Mann zu sein, der ein Weib beglücken mag. Jedenfalls
+kann ich sie beschützen, wie kein andrer in diesen drohenden Zeiten: ich
+führe sie, wird Korsika bedrängt, auf meinen Schiffen nach Asien, nach
+Afrika; an jeder Küste erwartet sie nicht ein Haus, ein Palast. Keine
+Königin soll sie beneiden. Ich will sie hoch halten: – höher als meine
+Seele.« Er hielt inne, sehr erregt, wie auf rasche Antwort wartend.
+
+Valerius schwieg, er suchte nach einem Ausweg: – es war nur eine Sekunde:
+aber der Anschein nur, daß sich der Vater besinne, empörte den Korsen.
+Sein Blut kochte auf, sein schönes bronzefarbenes Antlitz, eben noch
+beinahe weich und mild, nahm plötzlich einen furchtbaren Ausdruck an:
+dunkelrote Glut schoß in die braunen Wangen. »Furius Ahalla,« sprach er
+rasch und hastig, »ist nicht gewöhnt, zweimal zu bieten. Man pflegt meine
+Ware aufs erste Angebot mit beiden Händen zu ergreifen –: nun biete ich
+mich selbst: – ich bin, bei Gott, nicht schlechter als mein Purpur« –
+
+»Mein Freund,« hob der Alte an, »wir leben nicht mehr in der Zeit alten,
+strengen Römerbrauchs: der neue Glaube hat den Vätern fast das Recht
+genommen, die Töchter zu vergeben. Mein Wille würde sie dir und keinem
+andern geben, aber ihr Herz« ... –
+
+»Sie liebt einen andern!« knirschte der Korse, »wen?« Und seine Faust fuhr
+an den Dolch, als sollte der Nebenbuhler keinen Augenblick mehr atmen. Es
+lag etwas vom Tiger in dieser Bewegung und im Funkeln des rollenden Auges.
+Valerius empfand, wie tödlich dieser Haß und wollte den Namen nicht
+nennen. – »Wer kann es sein?« fragte halblaut der Wütende. »Ein Römer?
+Montanus? Nein! O nur – nur nicht er – sag’ nein, Alter, nicht Er« .. –
+Und er faßte ihn am Gewande.
+
+»Wer? wen meinst du?«
+
+»Der mit mir landete – der Gote: doch ja: er muß es sein, es liebt ihn ja
+alles: – Totila!«
+
+»Er ist’s!« sagte Valerius und suchte begütigend seine Hand zu fassen.
+
+Doch mit Schrecken ließ er sie los: ein zuckender Krampf rüttelte den
+ehernen Leib des starken Korsen: er streckte beide Hände starr vor sich
+hin als wollte er den Schmerz, der ihn quälte, erwürgen. Dann warf er das
+Haupt in den Nacken und schlug sich die beiden geballten Fäuste grausam
+gegen die Stirn, den Kopf schüttelnd und laut auflachend.
+
+Entsetzt sah Valerius diesem Toben zu, endlich glitten die gepreßten Hände
+langsam herab und zeigten ein aschenfahles Antlitz. »Es ist aus,« sagte er
+dann mit bebender Stimme. »Es ist ein Fluch, der mich verfolgt: ich soll
+nicht glücklich werden im Weibe. Schon einmal, – hart vor der Erfüllung –!
+Und jetzt, – ich weiß es, – Valerias Seelenzucht und klare Ruhe hätte auch
+in mein wild schäumendes Leben rettenden Frieden gebracht: – ich wäre
+anders geworden, – – besser. Und sollte es nicht sein« – hier funkelte
+sein Auge wieder – »nun, so wär’ es fast das gleiche Glück gewesen, den
+Räuber dieses Glücks zu morden. Ja, in seinem Blute hätte ich gewühlt und
+von der Leiche die Braut hinweggerissen – und nun ist Er es!
+
+Er, der einzige, dem Ahalla Dank schuldet – und welchen Dank« – – – Und er
+schwieg, mit dem Haupte nickend und wie verloren in Erinnerung.
+»Valerius,« rief er dann plötzlich sich aufraffend, »ich weiche keinem
+Mann auf Erden: – ich hätt’ es nicht getragen, hinter einem andern
+zurückzustehen – doch Totila! – Es sei ihr vergeben, daß sie mich
+ausschlägt, weil sie Totila gewählt. Leb wohl, Valerius, ich geh’ in See,
+nach Persien, Indien – ich weiß nicht, wohin – ach überallhin nehm’ ich
+diese Stunde mit.« Und rasch war er hinaus und gleich darauf entführte ihn
+sein pfeilgeschwindes Bot dem kleinen Hafen der Villa. –
+
+Seufzend verließ Valerius das Gemach, seine Tochter zu suchen. Er traf im
+Atrium auf Totila, der sich schon wieder verabschiedete. Er war nur
+gekommen, zu rascher Rückreise nach Neapolis zu treiben.
+
+Denn Belisar habe sich wieder von Afrika abgewendet und kreuze bei
+Panormus: jeden Tag könne die Landung auf Sicilien, in Italien selbst
+erfolgen und trotz all’ seines Dringens sende der König keine Schiffe. In
+den nächsten Tagen wolle er selbst nach Sicilien, sich Gewißheit zu
+schaffen. Die Freunde seien daher hier völlig unbeschützt: und er beschwor
+den Vater Valerias, sofort auf dem Landwege nach Neapolis heimzukehren.
+Aber den alten Soldaten empörte es, vor den Griechen flüchten zu sollen:
+vor drei Tagen könne und wolle er nicht weichen von seinen Geschäften, und
+kaum war er von Totila zu bestimmen, eine Schar von zwanzig Goten zur
+notdürftigsten Deckung anzunehmen. Mit schwerem Herzen stieg Totila in
+seinen Kahn und ließ sich an Bord des Wachschiffes zurückbringen.
+
+Es war dunkler Abend geworden als er dort ankam, ein Nebelschleier
+verhüllte die Dinge in nächster Nähe.
+
+Da scholl Ruderschlag von Westen her und ein Schiff, kenntlich an der
+roten Leuchte an dem hohen Mast, bog um die Spitze eines kleinen
+Vorgebirges.
+
+Totila lauschte und fragte seine Wachen: »Segel zur Linken! was für
+Schiff? was für Herr?«
+
+»Schon angezeigt vom Mastkorb:« – hallte es wieder – »Kauffahrer – Furius
+Ahalla – lag hier vor Anker.«
+
+»Fährt wohin?«
+
+»Nach Osten – nach Indien!« –
+
+
+
+
+ Zehntes Kapitel.
+
+
+Am Abend des dritten Tages seit Totila die gotische Bedeckung geschickt,
+hatte Valerius endlich seine Geschäfte beendet und auf den andern Morgen
+die Abreise festgesetzt. Er saß mit Valeria und Julius beim Nachtmahl und
+sprach von den Aussichten auf Erhaltung des Friedens, die des jungen
+Helden Kriegesdurst doch wohl unterschätzt habe: es war dem Römer ein
+unerträglicher Gedanke, daß »Griechen« das teure Italien in Waffen
+betreten sollten. »Auch ich wünsche den Frieden,« sprach Valeria,
+nachsinnend – »und doch –« »Nun?« fragte Valerius. »Ich bin gewiß, du
+würdest,« vollendete das Mädchen, »im Krieg erst Totila so lieben lernen,
+wie er es verdient: er würde für mich streiten und für Italien.« – »Ja,«
+sagte Julius, »es steckt in ihm ein Held und Größeres als das.« – »Ich
+kenne nichts Größeres,« antwortete Valerius.
+
+Da erschollen auf dem Marmorestrich des Atriums klirrende Schritte und der
+junge Thorismuth, der Anführer der zwanzig Goten und Totilas Schildträger,
+trat hastig ein.
+
+»Valerius,« sprach er schnell, »laß die Wagen anschirren, – die Sänften in
+den Hof – ihr müßt fort.«
+
+Die Drei sprangen auf: »Was ist geschehn – sind sie gelandet?« – »Rede,«
+sprach Julius, »was macht dich besorgt?« – »Für mich nichts,« lachte der
+Gote, »und euch wollt ich nicht früher schrecken als unvermeidlich. Aber
+ich darf nicht mehr schweigen – gestern früh spülte die Flut eine Leiche
+ans Land ... –«
+
+»Eine Leiche?« – »Einen Goten von unsrer Schiffsmannschaft – es war Alb,
+der Steuermann auf Totilas Schiff.« Valeria erbleichte, aber erbebte
+nicht. »Das kann ein Zufall sein – er ist ertrunken.« – »Nein,« sagte der
+Gote fest, »er ist nicht ertrunken: es stak ein Pfeil in seiner Brust.« –
+»Das deutet auf einen Kampf zur See! Nicht auf mehr!« meinte Valerius.
+»Aber heute –«
+
+»Heute?« fragte Julius. – »Heute sind alle Landleute ausgeblieben, die
+sonst täglich von Regium hier durch nach Colum gehen. Auch ein Reiter, den
+ich auf Kundschaft nach Regium schickte, ist nicht zurückgekommen.« –
+»Beweist noch immer nichts,« sprach Valerius eigensinnig. – Sein Herz
+sträubte sich gegen den Gedanken einer Landung der Verhaßten solang als
+möglich – »oft schon hat die Brandung die Straße gesperrt.«
+
+»Aber als ich selbst soeben auf der Straße nach Regium vorging und das Ohr
+auf die Erde legte, hörte ich die Erde zittern unter dem Hufschlag von
+vielen Rossen, die in rasender Eile nahen. Ihr müßt fliehn.«
+
+Jetzt griffen Valerius und Julius zu den Waffen, die an den Pfeilern des
+Gemaches hingen, Valeria legte schwer atmend die Hand aufs Herz: »Was ist
+zu thun?« fragte sie.
+
+»Besetzt den Engpaß von Jugum,« befahl Valerius, »in den die Straße längs
+der Küste verläuft: er ist schmal; er ist lange zu halten.« – »Er ist
+schon besetzt von acht meiner Goten, ich fliege hin, sobald ihr zu Pferde
+sitzt, die Hälfte meiner Schar deckt eure Reise: eilt.«
+
+Aber ehe sie das Gemach verlassen konnten, stürzte ein gotischer Krieger,
+mit Schlamm und Blut bedeckt, herein: »flieht,« rief er, »sie sind da!« –
+»Wer ist da, Gelaris?« fragte Thorismuth. – »Die Griechen! Belisar! der
+Teufel!« – »Rede,« befahl Thorismuth. – »Ich kam bis in den Pinienwald von
+Regium, ohne etwas Verdächtiges zu spüren, freilich auch ohne einer Seele
+auf der Straße zu begegnen. Als ich an einem dicken Baumstamm vorbeireite,
+eifrig vorwärts spähend, fühle ich einen Ruck am Halse, als risse mir ein
+Blitz den Kopf von den Schultern und im Nu lag ich unter meinem Tier am
+Boden .... –«
+
+»Schlecht gesessen, o Gelaris!« schalt Thorismuth. – »Jawohl, eine
+Roßhaarschlinge ums Genick und eine Bleikugel an den Kopf geschnellt, da
+fällt auch ein besserer Reitersmann als Gelaris, Genzos Sohn. Zwei Unholde
+– Waldschraten oder Alraunen acht’ ich sie ähnlich – setzten aus dem Busch
+über den Graben, banden mich auf mein Pferd, nahmen mich zwischen ihre
+kleinen, zottigen Gäule – und hui ...« –
+
+»Das sind die Hunnen Belisars!« rief Valerius.
+
+»Jagten sie mit mir davon. – Als ich wieder ganz zu mir gekommen, war ich
+in Regium, mitten unter den Feinden, dort erfuhr ich denn alles. Die
+Regentin ist ermordet, der Krieg ist erklärt, die Feinde haben Sicilien
+überrascht, die ganze Insel ist zum Kaiser abgefallen – –« – »Und das
+feste Panormus?«
+
+»Fiel durch die Flotte, die in den Hafen drang: die Mastkörbe waren höher
+als die Mauern der Stadt: von den Masten schossen und sprangen sie herab.«
+– »Und Syrakusä?« fragte Valerius. »Fiel durch Verrat der Sicilianer – die
+Goten der Besatzung sind ermordet: in Syrakusä ist Belisarius eingeritten
+unter einem Blumenregen, als scheidender Konsul des Jahres – denn es war
+am letzten Tage seines Konsulats – Goldmünzen streuend, unter
+Händeklatschen alles Volks.« – »Und wo ist der Seegraf? wo ist Totila?« –
+»Zwei seiner drei Schiffe sind in den Grund gebohrt, vom Schnabelstoße der
+Trieren. Sein Schiff und noch eins: er sprang ins Meer mit voller Rüstung
+– und ist – noch nicht – aufgefischt.«
+
+Da sank Valeria schweigend auf das Lager.
+
+»Der Griechenfeldherr,« fuhr der Bote fort, »landete gestern in dunkler
+stürmischer Nacht bei Regium: die Stadt hat ihn mit Jubel aufgenommen; er
+ordnet nur sein Heer, dann solls im Fluge nach Neapolis gehen: seine
+Vorhut, die gelbhäutigen Reiter, die mich eingebracht, mußten sogleich
+wieder umkehren und den Paß gewinnen. Ich sollte ihnen Führer dahin sein.
+Ich führte sie weit ab – nach Westen – in den Meeressumpf und – entsprang
+ihnen im Dunkel – des Abends – aber – sie schickten mir – Pfeile nach –
+und einer traf – ich kann nicht mehr.« – Und klirrend stürzte der Mann zu
+Boden.
+
+»Er ist verloren!« sprach Valerius, »sie führen vergiftetes Geschoß! Auf,
+Julius und Thorismuth, ihr geleitet mein Kind auf der Straße gen Neapolis:
+ich gehe in den Paß und decke euch den Rücken.« Vergebens waren die Bitten
+Valerias: Gesicht und Haltung des Alten nahmen einen Ausdruck eisernen
+Entschlusses an. »Gehorcht!« befahl er den Widerstrebenden, »ich bin der
+Herr dieses Hauses, der Sohn dieses Landes, und ich will die Hunnen
+Belisars fragen, was sie zu thun haben in meinem Vaterland. Nein, Julius!
+Dich muß ich bei Valeria wissen – lebet wohl.«
+
+Während Valeria mit ihrer gotischen Bedeckung und mit den meisten der
+Sklaven spornstreichs auf der Straße nach Neapolis hinwegeilte, stürmte
+Valerius mit Schild und Schwert einem halben Dutzend Sklaven voran, zum
+Garten der Villa hinaus, nach dem Engpaß zu, der nicht weit vor dem Anfang
+seiner Besitzungen die Straße nach Regium überwölbte.
+
+Der Felsenbogen zur Linken, im Norden, war unübersteiglich und zur
+Rechten, nach Süden, fielen jene Wände senkrecht in das tiefe Meer, dessen
+Brandung oft die Straße überflutete. Die Mündung des Passes aber war so
+schmal, daß zwei nebeneinanderstehende Männer sie mit ihren Schilden wie
+eine Pforte schließen konnten: so durfte Valerius hoffen, den Paß auch
+gegen große Übermacht lang genug zu decken, um den raschen Pferden der
+Fliehenden hinlänglichen Vorsprung zu gewähren. Während der Alte den
+schmalen Pfad, der sich zwischen dem Meere und seinen Weinbergen nach dem
+Engpaß hinzog, durch die mondlose Nacht vorwärts eilte, bemerkte er zur
+Rechten, draußen, in ziemlicher Entfernung vom Lande, im Meer den hellen
+Strahl eines kleinen Lichtes, das offenbar von dem Mast eines Schiffes
+niederleuchtete. Valerius erschrak: sollten die Byzantiner zur See gegen
+Neapolis vorrücken? Sollten sie Bewaffnete in seinem und des Engpasses
+Rücken ans Land werfen wollen? Aber würden sich dann nicht mehrere Lichter
+zeigen? Er wollte die Sklaven fragen, die auf seinen Befehl, aber schon
+mit sichtlichem Widerwillen, ihm aus der Villa gefolgt waren.
+
+Umsonst: sie waren verschwunden in dem Dunkel der Nacht. Sie waren dem
+Herrn entwischt, sobald dieser ihrer nicht mehr achtete. So kam Valerius
+allein an dem Engpaß an, dessen hintere Mündung zwei der gotischen Wachen
+besetzt hielten, während zwei andere den östlichen, dem Feinde zugekehrten
+Eingang ausfüllten und die übrigen vier in dem innern Raum hielten. Kaum
+war Valerius dicht hinter die beiden vordersten Wächter getreten, als man
+plötzlich ganz nahes Pferdegetrappel vernahm: und alsbald bogen um die
+letzte Krümmung, welche die Straße vor dem Paß um eine Felsennase machte,
+zwei Reiter im vollen Trabe. Beide trugen Fackeln in der Rechten: es
+warfen nur diese Fackeln Licht auf die nächtliche Scene: denn die Goten
+vermieden alles, was ihre kleine Zahl verraten konnte. »Beim Barte
+Belisars!« schalt der vorderste der Reiter, in Schritt übergehend, »hier
+wird der Katzensteig so schmal, daß kaum ein ehrlich Roß drauf Platz hat,
+– und da kömmt noch ein Hohlweg oder – halt, was rührt sich da?« Und er
+hielt sein Pferd an und bog sich, die Fackel weit vor sich streckend,
+vorsichtig nach vorn: so bot er dicht vor dem Eingang, in dem Licht seiner
+Kienfackel ein bequemes Ziel.
+
+»Wer ist da?« rief er seinem Begleiter nochmals zu.
+
+Da fuhr ein gotischer Wurfspeer durch die breiten Panzerringe in seine
+Brust. »Feinde, weh!« schrie der Sterbende und stürzte rücklings aus dem
+Sattel. »Feinde, Feinde!« rief der Mann hinter ihm, schleuderte die
+verderbliche Fackel weit von sich ins Meer, warf sein Pferd herum und
+jagte zurück, während das Tier des Gefallenen ruhig stehen blieb bei der
+Leiche seines Herrn.
+
+Nichts hörte man jetzt in der Stille der Nacht als den Hufschlag des
+enteilenden Rosses, und, zur Rechten des Passes, den leisen Schlag der
+Wellen am Fuße der Felswand. Den Männern im Engpaß schlug das Herz in
+Erwartung. »Jetzt bleibt kalt, ihr Männer,« mahnte Valerius, »lasse sich
+keiner aus dem Passe locken. Ihr in der ersten Reihe schließt die Schilde
+fest aneinander und streckt die Lanzen vor: wir in der Mitte werfen. Ihr
+drei im Rücken reicht uns die Speere und habt acht auf alles –.«
+
+»Herr,« rief der Gote, der hinter dem Passe auf der Straße stand, »das
+Licht! das Schiff nähert sich immer mehr.«
+
+»Hab’ acht und ruf’ es an, wenn –«
+
+Aber schon waren die Feinde da, deren Vorhut die beiden Späher gebildet
+hatten: es war ein Trupp von fünfzig hunnischen Reitern, mit einigen
+Fackeln. Wie sie um die Krümmung des Weges bogen, erhellte sich die Scene
+mit wechselndem, grellem Licht neben tiefem Dunkel.
+
+»Hier war es, Herr!« sprach der entkommene Reiter, »seht euch vor.« –
+»Schafft den Toten zurück und das Roß!« sprach eine rauhe Stimme und der
+Anführer, eine Fackel erhebend, ritt im Schritt gegen den Eingang vor.
+
+»Halt!« rief ihm Valerius auf lateinisch entgegen, »wer seid ihr und was
+wollt ihr?« – »Das habe ich zu fragen!« entgegnete der Führer der Reiter
+in derselben Sprache. – »Ich bin ein römischer Bürger und verteidige mein
+Vaterland gegen Räuber.«
+
+Der Anführer hatte unterdessen im Licht seiner Fackel die ganze
+Örtlichkeit besehen: sein geübtes Auge erkannte die Unmöglichkeit, links
+oder rechts den Engpaß zu umgehen und zugleich die Enge seiner Mündung.
+»Freund,« sagte er etwas zurückweichend, »so sind wir Bundesgenossen. Auch
+wir sind Römer und wollen Italien von seinen Räubern befreien. Also gieb
+Raum und laß uns durch.« Valerius, der in jeder Weise Zeit gewinnen
+wollte, sprach: »Wer bist du und wer sendet dich?« – »Ich heiße Johannes:
+die Feinde Justinians nennen mich »den blutigen«: und ich führe die
+leichten Reiter Belisars. Alles Land von Regium bis hierher hat uns mit
+Jubel aufgenommen: hier ist das erste Hemmnis; längst wären wir weiter,
+hätt’ uns nicht ein Hund von einem Goten in den dicksten Sumpf geführt,
+drin je ein guter Gaul versank. Köstliche Zeit ging uns verloren. Halt’
+uns nicht auf! Leben und Habe ist dir gesichert, und reicher Lohn, wenn du
+uns führen willst. Eile ist der Sieg. Die Feinde sind betäubt: sie dürfen
+sich nicht besinnen, bis wir vor Neapolis stehen, ja vor Rom. »Johannes,«
+sprach Belisar zu mir, »da ich’s dem Sturmwind nicht befehlen kann, vor
+mir her durch dieses Land zu fegen, befehl ich’s dir.« Also fort und laßt
+uns durch –.« Und er spornte sein Pferd.
+
+»Sag Belisar, solange Cnejus Valerius lebt, soll er keinen Fuß breit
+vorwärts in Italien. Zurück, ihr Räuber!« – »Verrückter Mensch! du hältst
+es mit den Goten gegen uns?« – »Mit der Hölle –, wenn gegen euch.«
+
+Der Führer warf nochmals prüfende Blicke nach rechts und links: »Höre,«
+sprach er, »du kannst uns hier wirklich eine Weile aufhalten. Nicht lang.
+Weichst du, so sollst du leben. Weichst du nicht, so laß ich dich erst
+schinden und dann pfählen!« Und er hob die Fackel, nach einer Blöße
+spähend.
+
+»Zurück,« rief Valerius. »Schieß’, Freund!« Und eine Sehne klirrte und ein
+Pfeil schlug an den Helm des Reiters. »Warte!« rief dieser und spornte
+sein Tier zurück. »Absitzen,« befahl er, »alle Mann!« Aber die Hunnen
+trennten sich nicht gern von ihren Rossen. »Wie, Herr? absitzen?« fragte
+einer der nächsten. Da schlug ihm Johannes mit der Faust ins Gesicht. Der
+Mann rührte sich nicht. »Absitzen!« donnerte er noch mal; »wollt ihr zu
+Pferde in das Mauseloch schlüpfen?« Und er selbst schwang sich aus dem
+Sattel: »Sechs steigen auf die Bäume und schießen von oben. Sechs legen
+sich auf die Erde, kriechen an den Seiten der Straße vor und schießen im
+Liegen. Zehn schießen stehend, auf Brusthöhe. Zehn hüten die Pferde; die
+andern zwanzig folgen mir mit dem Speer, sowie die Sehnen geschwirrt.
+Vorwärts.« Und er gab die Fackel ab und ergriff eine Lanze.
+
+Während die Hunnen seinen Befehl vollzogen, musterte Johannes noch einmal
+den Paß. »Ergebt euch!« rief er – »Kommt an,« riefen die Goten.
+
+Da winkte Johannes und zwanzig Pfeile schwirrten zugleich.
+
+Ein Wehschrei und der vorderste Gote zur Rechten fiel: einer der Schützen
+auf den Bäumen hatte ihn in die Stirn getroffen. Rasch sprang Valerius mit
+dem vorgehaltenen Schild an seine Stelle. Er kam gerade recht, den
+wütenden Anprall des anstürmenden Johannes aufzuhalten, der mit der Lanze
+in die Lücke rannte. Er fing den Lanzenstoß mit dem Schilde und schlug
+nach dem Byzantiner, der nahe vor dem Eingang zurückprallte, strauchelte
+und niederfiel; die Hunnen hinter ihm wichen zurück.
+
+Da konnte sich’s der Gote neben Valerius nicht versagen, den feindlichen
+Führer unschädlich zu machen: er sprang mit gezücktem Speer aus dem Engpaß
+einen Schritt vorwärts. Aber das hatte Johannes gewollt: blitzschnell
+hatte er sich aufgerafft, den überraschten Goten von der Straßenwand zur
+Rechten des Felsenpasses hinabgestoßen, und im selben Augenblick stand er
+an der rechten, schildlosen Seite des Valerius, der die wieder
+vordringenden Hunnen abwehrte, und stieß diesem mit aller Kraft das lange
+Persermesser in die Weichen.
+
+Valerius brach zusammen: aber es gelang den drei hinter ihm stehenden
+Goten, Johannes, der schon in das Innere des Passes gedrungen war, mit
+ihren Schildschnäbeln wieder zurück- und hinauszustoßen. Er ging zurück,
+einen neuen Pfeilregen zu befehlen.
+
+Schweigend deckten die beiden Goten wieder die Mündung, der dritte hielt
+den blutenden Valerius in seinen Armen.
+
+Da stürzte die Wache von der Rückseite in den Engpaß: »Das Schiff! Herr –
+das Schiff! sie sind gelandet: sie fassen uns im Rücken! Flieht, wir
+wollen euch tragen – ein Versteck in den Felsen.« –
+
+»Nein,« sprach Valerius, sich aufrichtend, »hier will ich sterben; stemme
+mein Schwert gegen die Wand und« –
+
+Aber da schmetterte von der Rückseite her laut der Ruf des gotischen
+Heerhorns: Fackeln blitzten und eine Schar von dreißig Goten stürmte in
+den Paß: Totila an ihrer Spitze: sein erster Blick fiel auf Valerius: »Zu
+spät, zu spät!« rief er schmerzlich. »Aber folgt mir! Rache! hinaus!«
+
+Und wütend brach er mit seinem speeretragenden Fußvolk aus dem Paß. Und
+schrecklich war der Zusammenstoß auf der schmalen Straße zwischen Felsen
+und Meer. Die Fackeln erloschen in dem Getümmel und der anbrechende Morgen
+gab nur ein graues Licht. Die Hunnen, obwohl an Zahl den kühnen Angreifern
+überlegen, waren durch den plötzlichen Ausfall völlig überrascht: sie
+glaubten, ein ganzes Heer der Goten sei im Anmarsch: sie eilten, ihre
+Rosse zu gewinnen und zu entfliehen; aber die Goten erreichten mit ihnen
+zugleich die Stelle, wo die ledigen Tiere hielten: und in wirrem Knäuel
+stürzte Mann und Roß die Felsen hinab.
+
+Umsonst hieb Johannes selbst auf seine fliehenden Leute ein: ihr Schwall
+warf ihn zu Boden, er raffte sich wieder auf und sprang den nächsten Goten
+an. Aber er kam übel an: es war Totila, er erkannte ihn. »Verfluchter
+Flachskopf,« schrie er, »so bist du nicht ersoffen?«
+
+»Nein, wie du siehst!« rief dieser und schlug ihm das Schwert durch den
+Helmkamm und noch ein Stück in den Schädel, daß er taumelte. Da war aller
+Widerstand zu Ende. Mit knapper Not hoben ihn die nächsten seiner Reiter
+auf ein Pferd und jagten mit ihm davon. Der Kampfplatz war geräumt.
+
+Totila eilte nach dem Hohlweg zurück. Er fand Valerius, bleich, mit
+geschlossenen Augen, das Haupt auf seinen Schild gelegt. Er warf sich zu
+ihm nieder und drückte die erstarrende Hand an seine Brust. »Valerius,«
+rief er, »Vater! scheide nicht! scheide nicht so von uns. Noch ein Wort
+des Abschieds.« Der Sterbende schlug matt die Augen auf.
+
+»Wo sind sie?« fragte er. »Geschlagen und geflohn.« – »Ah, Sieg!« atmete
+Valerius auf; »ich darf im Siege sterben. Und Valeria – mein Kind – sie
+ist gerettet?«
+
+»Sie ist es. Aus dem Seegefecht, aus dem Meer entkommen, eilte ich
+hierher, Neapolis zu warnen, euch zu retten. Nahe der Straße, zwischen
+deinem Hause und Neapolis, war ich gelandet; dort traf ich sie und erfuhr
+deine Gefahr; eins meiner Schiffsboote nahm sie auf und führt sie nach
+Neapolis: mit dem andern eilte ich hierher dich zu retten – ach nur zu
+rächen!« Und er senkte das Haupt auf des Sterbenden Brust.
+
+»Klage nicht um mich, ich sterbe im Sieg! Und dir, mein Sohn, dir, dank’
+ich es.« Und wohlgefällig streichelte er die langen Locken des Jünglings.
+»Und auch Valerias Rettung. O dir, dir, ich hoffe es, auch Italiens
+Rettung. Du bist der Held, auch dieses Land zu retten, – trotz Belisar und
+Narses. Du kannst es, – du wirst es – und dein Lohn sei mein geliebtes
+Kind.« – »Valerius! Mein Vater!« – »Sie sei dein! Aber schwöre mir’s,« –
+und er richtete sich empor mit letzter Kraft und sah ihm scharf ins Auge –
+»schwöre mir’s beim Genius Valeria’s: nicht eher wird sie dein, als bis
+Italien frei ist und keine Scholle seines heiligen Bodens mehr einen
+Byzantiner trägt.«
+
+»Ich schwör’ es dir,« rief Totila, begeistert seine Rechte fassend, »ich
+schwör’s beim Genius Valerias!«
+
+»Dank, dank, mein Sohn; nun mag ich getrost sterben: – grüße sie und sage
+ihr: dir hab’ ich sie empfohlen und anvertraut: sie – und Italien.« Und er
+legte das Haupt zurück auf seinen Schild und kreuzte die Arme über der
+Brust – und war tot.
+
+Lange hielt Totila schweigend die Hand auf seiner Brust.
+
+Ein blendendes Licht weckte ihn plötzlich aus seinem Träumen: es war die
+Morgensonne, deren goldne Scheibe prächtig über den Kamm des Felsgebirges
+emportauchte: er stand auf und sah dem steigenden Gestirn entgegen. Die
+Fluten glitzerten in hellem Widerschein und ein Schimmer flog über alles
+Land.
+
+»Beim Genius Valerias!« wiederholte er leise mit innigster Empfindung und
+hob die Hand zum Schwur dem Morgenlicht entgegen. Wie der Tote fand er
+Kraft und Trost und Begeisterung in seinem schweren Gelübde: die hohe
+Pflicht erhob ihn. Gekräftigt wandte er sich zurück und befahl, die Leiche
+auf sein Schiff zu tragen, um sie nach dem Grabmal der Valerier in
+Neapolis zu führen.
+
+
+
+
+ Elftes Kapitel.
+
+
+Während dieser drohenden Ereignisse waren wohl freilich auch die Goten
+nicht völlig müßig geblieben. Doch waren alle Maßregeln kraftvoller Abwehr
+gelähmt, ja absichtlich vereitelt durch den feigen Verrat ihres Königs.
+
+Theodahad hatte sich von seiner Bestürzung über die Kriegserklärung des
+byzantinischen Gesandten alsbald wieder erholt, da er sich nicht von der
+Überzeugung trennen konnte und wollte, sie sei doch im Grunde nur erfolgt,
+um den Schein zu wahren und die Ehre des Kaiserhofes zu decken. Er hatte
+ja Petros nicht mehr allein gesprochen: und dieser mußte doch vor Goten
+und Römern einen Vorwand haben, Belisar in Italien erscheinen zu lassen.
+Das Auftreten dieses Mannes war ja das längst verabredete Mittel zur
+Durchführung der geheimen Pläne. Den Gedanken, Krieg führen zu sollen, –
+von allen ihm der unerträglichste! – wußte er sich dadurch fern zu halten,
+daß er weislich überlegte, zum Kriegführen gehören zwei. »Wenn ich mich
+nicht verteidige,« dachte er, »ist der Angriff bald vorüber. Belisar mag
+kommen: – ich will nach Kräften dafür sorgen, daß er auf keinen Widerstand
+stößt, der des Kaisers Stimmung gegen mich nur verschlimmern könnte.
+Berichtet der Feldherr im Gegenteil nach Byzanz, daß ich seine Erfolge in
+jeder Weise befördert, so wird Justinian nicht anstehn, den alten Vertrag
+ganz oder doch zum größten Teil zu erfüllen.«
+
+In diesem Sinne handelte er, berief alle Streitkräfte der Goten zu Land
+und zur See aus Unteritalien, wo er die Landung Belisars erwartete,
+hinweg, und schickte sie massenhaft an die Ostgrenze des Reiches nach
+Liburnien, Dalmatien, Istrien und gen Westen nach Südgallien, indem er,
+gestützt auf die Thatsache, daß Byzanz eine kleine Truppenabteilung nach
+Dalmatien gegen Salona gesendet und mit den Frankenkönigen Gesandte
+gewechselt hatte, vorgab, der Hauptangriff sei von den Byzantinern zu
+Lande, in Istrien, und von den mit ihnen verbündeten Franken am Rhodanus
+und Padus zu befahren.
+
+Die Scheinbewegungen Belisars unterstützten diesen Glauben: und so geschah
+das Unerhörte, daß die Heerscharen der Goten, die Schiffe, die Waffen, die
+Kriegsvorräte in großen Massen in aller Eile gerade vor dem Angriff
+hinweggeführt, daß Unteritalien bis Rom, ja alles Land bis Ravenna
+entblößt und alle Verteidigungsmaßregeln in den Gegenden vernachlässigt
+wurden, auf die alsbald die ersten Schläge der Feinde fallen sollten.
+
+An dem Dravus, Rhodanus und Padus wimmelte es von gotischen Waffen und
+Segeln, während bei Sicilien, wie wir sahen, sogar die nötigsten Boote zum
+Wachtdienst fehlten.
+
+Auch das ungestüme Drängen der gotischen Patrioten besserte daran nicht
+viel. Witichis und Hildebad hatte sich der König aus der Nähe geschafft,
+indem er sie mit Truppen und Aufträgen nach Istrien und nach Gallien
+entsandte: und dem argwöhnischen Teja leistete der alte Hildebrand, der
+nicht ganz den Glauben an den letzten der Amaler aufgeben wollte, zähen
+Widerstand.
+
+Am meisten aber ward Theodahad gekräftigt, als ihm seine entschlossene
+Königin zurückgegeben wurde. Witichis war alsbald nach der Kriegserklärung
+der Byzantiner mit einer gotischen Schar vor die Burg von Feretri gezogen,
+wo Gothelindis mit ihren pannonischen Söldnern Zuflucht gesucht, und hatte
+sie bewogen, sich freiwillig wieder in Ravenna einzufinden, unter
+Verbürgung für ihre Sicherheit, bis in der bevorstehenden großen Volks-
+und Heeresversammlung bei Rom ihre Sache nach allen Formen des Rechts
+untersucht und entschieden werde. Diese Bedingungen waren beiden Parteien
+genehm: denn den gotischen Patrioten mußte alles daran gelegen sein,
+jetzt, bei dem Ausbruch des schweren Krieges, nicht durch Parteiung in der
+Oberleitung gespalten zu sein.
+
+Und wenn der gerade Gerechtigkeitssinn des Grafen Witichis wider jede
+Anklage das Recht voller Verteidigung gewahrt wissen wollte, so sah auch
+Teja ein, daß, nachdem der Feind die schwere Beschuldigung des
+Königsmordes auf das ganze Volk der Goten geschleudert, nur ein strenges
+und feierliches Verfahren in allen Formen, nicht eine stürmische
+Volksjustiz auf blinden Argwohn hin, die Volksehre wahren könne.
+
+Gothelindis aber blickte jenem Verfahren mit kühner Stirn entgegen:
+mochten die Stimmen innerer Überzeugung auch gegen sie sprechen, sie
+glaubte ganz sicher zu sein, daß sich ein genügender Beweis ihrer That
+nicht erbringen lasse. – Hatte doch nur ihr Auge das Ende der Feindin
+gesehen. – Und sie wußte wohl, daß man sie ohne volle Überführung nicht
+strafen werde.
+
+So folgte sie willig nach Ravenna, flößte dem zagen Herzen ihres Gatten
+neuen Mut ein und hoffte, war nur der Gerichtstag überstanden, alsbald im
+Lager Belisars und am Hofe von Byzanz Ruhe von allen weitern Anfechtungen
+zu finden. Die Zuversicht des Königspaares über den Ausgang jenes Tages
+wurde nun noch dadurch erhöht, daß die Rüstungen der Franken ihnen den
+Vorwand gegeben hatten, außer Witichis und Hildebad auch noch den
+gefährlichen Grafen Teja mit einer dritten Heerschar in den Nordwesten der
+Halbinsel zu entsenden: – mit ihm zogen viele Tausende gerade der
+eifrigsten Anhänger der Gotenpartei, – so daß an dem Tag bei Rom eine von
+ihren Gegnern nicht allzuzahlreich besuchte Versammlung sich einfinden
+würde. – Und unablässig waren sie thätig, sowohl ihre persönlichen
+Anhänger als alte Gegner Amalaswinthens, die mächtige Sippe der Balten in
+ihren weitverbreiteten Zweigen, in möglichst großer Anzahl zur
+Entscheidung jenes Tages heranzuziehen. So hatte das Königspaar Ruhe und
+Zuversicht gewonnen. Und Theodahad war von Gothelindis bewogen worden,
+selbst als Vertreter seiner Gemahlin gegen jede Anklage unter den Goten zu
+erscheinen, um durch solchen Mut und den Glanz des königlichen Ansehens
+vielleicht von vornherein alle Widersacher einzuschüchtern.
+
+Umgeben von ihren Anhängern und einer kleinen Leibwache verließen
+Theodahad und Gothelindis Ravenna und eilten nach Rom, wo sie mehrere Tage
+vor dem für die Versammlung anberaumten Termin eintrafen und in dem alten
+Kaiserpalast abstiegen.
+
+Nicht unmittelbar vor den Mauern, sondern in der Nähe Roms, auf einem
+freien offnen Felde, Regeta genannt, zwischen Anagni und Terracina, sollte
+die Versammlung gehalten werden. Früh am Morgen des Tages, da sich
+Theodahad allein auf die Reise dorthin aufmachen wollte und von
+Gothelindis Abschied nahm, ließ sich ein unerwarteter und unwillkommener
+Name melden: Cethegus, der während ihres mehrtägigen Aufenthalts in der
+Stadt nicht erschienen: er war vollauf mit der Vollendung der
+Befestigungen beschäftigt.
+
+Als er eintrat, rief Gothelindis entsetzt über seinen Ausdruck: »Um Gott,
+Cethegus! welch ein Unheil bringst du?«
+
+Aber der Präfekt furchte nur einen Augenblick die Stirn bei ihrem Anblick,
+dann sprach er ruhig: »Unheil? für den, den’s trifft. Ich komme aus einer
+Versammlung meiner Freunde, wo ich zuerst erfuhr, was bald ganz Rom wissen
+wird: Belisar ist gelandet.«
+
+»Endlich,« rief Theodahad. – Und auch die Königin konnte eine Miene des
+Triumphs nicht verbergen.
+
+»Frohlockt nicht zu früh! Es kann euch reuen. Ich komme nicht,
+Rechenschaft von euch und eurem Freunde Petros zu verlangen: wer mit
+Verrätern handelt, muß sich aufs Lügen gefaßt machen. Ich komme nur, um
+euch zu sagen, daß ihr jetzt ganz gewiß verloren seid.«
+
+»Verloren?« – »Gerettet sind wir jetzt!«
+
+»Nein, Königin. Belisar hat bei der Landung ein Manifest erlassen: er
+sagt, er komme, die Mörder Amalaswinthens zu strafen; ein hoher Preis und
+seine Gnade ist denen zugesichert, die euch lebend oder tot einliefern.«
+
+Theodahad erbleichte. »Unmöglich!« rief Gothelindis.
+
+»Die Goten aber werden bald erfahren, wessen Verrat den Feind ohne
+Widerstand ins Land gelassen.
+
+Mehr noch. Ich habe von der Stadt Rom den Auftrag, in dieser stürmischen
+Zeit als Präfekt ihr Wohl zu wahren. Ich werde euch im Namen Roms
+ergreifen und Belisar übergeben lassen.«
+
+»Das wagst du nicht!« rief Gothelindis nach dem Dolche greifend.
+
+»Still, Gothelindis, hier gilt es nicht, hilflose Frauen im Bad ermorden.
+Ich lasse euch aber entkommen – was liegt mir an eurem Leben oder Sterben!
+– gegen einen billigen Preis.«
+
+»Ich gewähre jeden!« stammelte Theodahad.
+
+»Du lieferst mir die Urkunden aus deiner Verträge mit Silverius: –
+schweig! lüge nicht! ich weiß, ihr habt lang und geheim verhandelt. Du
+hast wieder einmal einen hübschen Handel mit Land und Leuten getrieben!
+Mich lüstet nach dem Kaufbrief.«
+
+»Der Kauf ist jetzt eitel! die Urkunden ohne Kraft! Nimm sie! sie liegen
+verwahrt in der Basilika des heiligen Martinus, in dem Sarkophag, links in
+der Krypta!« Seine Furcht zeigte, daß er wahr sprach.
+
+»Es ist gut,« sagte Cethegus. »Alle Ausgänge des Palastes sind von meinen
+Legionären besetzt. Erst erhebe ich die Urkunden. Fand ich sie am
+bezeichneten Ort, so werd’ ich Befehl geben, euch zu entlassen. Wollt ihr
+dann entfliehn, so geht an die Pforte Marc Aurels und nennt meinen Namen
+dem Kriegstribun der Wache, Piso. Er wird euch ziehen lassen.« Und er
+ging, das Paar ratlosen Ängsten überlassend.
+
+»Was thun?« fragte Gothelindis mehr sich selbst als ihren Gemahl. »Weichen
+oder trotzen?« – »Was thun?!« wiederholte Theodahad unwillig. »Trotzen?
+das heißt bleiben? Unsinn! fort von hier sobald als möglich; kein Heil als
+die Flucht!« – »Wohin willst du fliehn?« – »Nach Ravenna zunächst – das
+ist fest! Dort erheb’ ich den Königsschatz. Von da, wenn es sein muß, zu
+den Franken. Schade, schade, daß ich die hier verborgnen Gelder preisgeben
+muß. Die vielen Millionen Solidi!« – »Hier? auch hier,« fragte Gothelindis
+aufmerksam »in Rom hast du Schätze geborgen. Wo? und sicher?« – »Ach,
+allzusicher! In den Katakomben! Ich selber würde Stunden brauchen, sie
+alle aufzufinden in jenen finstern Labyrinthen. Und die Minuten sind jetzt
+Leben oder Tod. Und das Leben geht doch noch über die Solidi! Folge mir,
+Gothelindis. Damit wir keinen Augenblick verlieren; ich eile an die Pforte
+Marc Aurels.«
+
+Und er verließ das Gemach. Aber Gothelindis blieb überlegend stehn. Ein
+Gedanke, ein Plan hatte sie bei seinen Worten erfaßt: sie erwog die
+Möglichkeit des Widerstands.
+
+Ihr Stolz ertrug es nicht, der Herrschaft zu entsagen. »Gold ist Macht,«
+sprach sie zu sich selber, »und nur Macht ist Leben.« Ihr Entschluß stand
+fest. Sie gedachte der kappadokischen Söldner, die des Königs Geiz aus
+seinem Dienst verscheucht hatte; sie harrten noch herrenlos in Rom, der
+Einschiffung gewärtig. Sie hörte Theodahad hastig die Treppe hinunter
+steigen und nach seiner Sänfte rufen. »Ja, flüchte nur, du Erbärmlicher!«
+sprach sie, »ich bleibe.«
+
+
+
+
+ Zwölftes Kapitel.
+
+
+Herrlich tauchte am nächsten Morgen die Sonne aus dem Meer: und ihre
+Strahlen glitzerten auf den blanken Waffen von vielen tausend
+Gotenkriegern, die das weite Blachfeld von Regeta belebten.
+
+Aus allen Provinzen des weiten Reiches waren die Scharen herbeigeeilt,
+gruppenweise, sippenweise, oft mit Weib und Kind, sich bei der großen
+Musterung, die alljährlich im Herbste gehalten wurde, einzufinden.
+
+Eine solche Volksversammlung war das schönste Fest und der edelste Ernst
+der Nation zugleich: ursprünglich, in der heidnischen Zeit, war ihr
+Mittelpunkt das große Opferfest gewesen, das alljährlich zweimal, an der
+Winter- und Sommer-Sonnenwende, alle Geschlechter des Volkes zur Verehrung
+der gemeinsamen Götter vereinte: daran schlossen sich dann Markt- und
+Tausch-Verkehr, Waffenspiele und Heeresmusterung: die Versammlung hatte
+zugleich die höchste Gerichtsgewalt und die letzte Entscheidung über Krieg
+und Frieden und die Verhältnisse zu andern Staaten.
+
+Und noch immer, auch in dem christlichen Gotenstaat, in welchem der König
+so manches Recht, das sonst dem Volke zukam, erworben, hatte die
+Volksversammlung eine höchst feierliche Weihe, wenn auch deren alte
+heidnische Bedeutung vergessen war: und die Reste der alten Volksfreiheit,
+die selbst der gewaltige Theoderich nicht angetastet, lebten unter seinen
+schwächern Nachfolgern kräftiger wieder auf.
+
+Noch immer hatte die Gesamtheit der freien Goten das Urteil zu finden, die
+Strafe zu verhängen, wenn auch der Graf des Königs in dessen Namen das
+Gericht leitete und das Urteil vollzog. Und oft schon hatten germanische
+Völker selbst ihre Könige wegen Verrates, Mordes und andrer schwerer
+Frevel vor offner Volksversammlung angeklagt, gerichtet und getötet. In
+dem stolzen Bewußtsein, sein eigner Herr zu sein und niemand, auch dem
+König nicht, über das Maß der Freiheit hinaus zu dienen, zog der Germane
+in allen seinen Waffen zu dem »Ding« wo er sich im Verband mit seinen
+Genossen sicher und stark fühlte und seine und seines Volkes Freiheit,
+Kraft und Ehre in lebendigen Bildern und Thaten vor Augen sah.
+
+Zur diesmaligen Versammlung aber zog es die Goten mit besonders starken
+Gründen. Der Krieg mit Byzanz war zu erwarten oder schon ausgebrochen, als
+die Ladung nach Regeta erging: das Volk freute sich auf den Kampf mit dem
+verhaßten Feind und freute sich, zuvor seine Heeresmacht zu mustern:
+diesmal ganz besonders sollte die Volksversammlung zugleich Heerschau
+sein. Dazu kam, daß wenigstens in den nächsten Landschaften den meisten
+Goten bekannt wurde, dort zu Regeta sollte Gericht gehalten werden über
+die Mörder der Tochter Theoderichs: die große Aufregung, die diese That
+erweckt hatte, mußte ebenfalls mächtig nach Regeta ziehn.
+
+Während ein Teil der Herbeigewanderten in den nächsten Dörfern bei
+Freunden und Verwandten eingesprochen, hatten sich große Scharen schon
+einige Tage vor der feierlichen Eröffnung auf dem weiten Blachfeld selbst,
+zweihundertachtzig Stadien (gegen sechsunddreißig römische Meilen zu
+tausend Schritt) von Rom, unter leichten Zelten und Hütten oder auch unter
+dem milden freien Himmel gelagert. Diese waren mit den frühsten Stunden
+des Versammlungstages schon in brausender Bewegung und nützten die geraume
+Zeit, da sie die alleinigen Herrn des Platzes waren, zu allerlei Spiel und
+Kurzweil.
+
+Die einen schwammen und badeten in den klaren Fluten des raschen Flusses
+Ufens (oder »Decemnovius«, weil er nach neunzehn römischen Meilen bei
+Terracina in das Meer mündet), der die weite Ebene durchschnitt. Andere
+zeigten ihre Kunst, über ganze Reihen von vorgehaltenen Speeren
+hinwegzusetzen oder, fast unbekleidet, unter den im Taktschlag
+geschwungenen Schwertern zu tanzen, indes die Raschfüßigsten, angeklammert
+an die Mähnen ihrer Rosse, mit deren schnellstem Lauf gleichen Schritt
+hielten und, am Ziele angelangt, mit sichrem Sprung sich auf den
+sattellosen Rücken schwangen.
+
+»Schade,« rief der junge Gudila, der bei diesem Wettlauf zuerst an das
+Ziel gelangt war und sich jetzt die gelben Locken aus der Stirne strich,
+»schade, daß Totila nicht zugegen! Er ist der beste Reiter im Volk und hat
+mich noch immer besiegt; aber jetzt, mit dem Rappen, nehm’ ich’s mit ihm
+auf.« – »Ich bin froh, daß er nicht da ist,« lachte Gunthamund, der als
+der zweite herangesprengt war, »sonst hätte ich gestern schwerlich den
+ersten Preis im Lanzenwurf davongetragen.« – »Ja,« sprach Hilderich, ein
+stattlicher junger Krieger in klirrendem Ringpanzer, »Totila ist gut mit
+der Lanze. Aber sichrer noch wirft der schwarze Teja: der nennt dir die
+Rippe vorher, die er treffen wird.« – »Bah,« brummte Hunibad, ein älterer
+Mann, der dem Treiben der Jünglinge prüfend zugesehn, »das ist doch all’
+nur Spielerei. Im blutigen Ernste frommt dem Mann zuletzt doch nur das
+Schwert: wann dir der Tod von allen Seiten so dicht auf den Leib rückt,
+daß du nicht mehr ausholen kannst zum Wurf. Und da lob’ ich mir den Grafen
+Witichis von Fäsulä!
+
+Das ist mein Mann! War das ein Schädelspalten, im Gepidenkrieg! Durch
+Stahl und Leder schlug der Mann als wär’ es trocken Stroh. Der kann’s noch
+besser als mein eigner Herzog, Guntharis, der Wölsung, in Florentia. Doch
+was wißt ihr davon, ihr Knaben. – Seht, da steigen die frühesten
+Ankömmlinge von den Hügeln nieder: auf! ihnen entgegen!«
+
+Und aus allen Wegen strömte jetzt das Volk heran: zu Fuß, zu Roß und zu
+Wagen. Ein brausendes, wogendes Leben erfüllte mehr und mehr das
+Blachfeld. An den Ufern des Flusses, wo die meisten Zelte standen, wurden
+die Rosse abgezäumt, die Gespanne zu einer Wagenburg zusammengeschoben und
+durch die Lagergassen hin flutete nun die stündlich wachsende Menge.
+
+Da suchten und fanden und begrüßten sich Freunde und Waffenbrüder, die
+sich seit Jahren nicht gesehn. Es war ein buntgemischtes Bild: die alte
+germanische Gleichartigkeit war in diesem Reiche lang geschwunden. Da
+stand neben dem vornehmen Edeln, der sich in einer der reichen Städte
+Italiens niedergelassen, in den Palästen senatorischer Geschlechter wohnte
+und die feinere und üppigere Sitte der Welschen angenommen hatte, neben
+dem Herzog oder Grafen aus Mediolanum oder Ticinum, der über dem
+reichvergoldeten Panzer das Wehrgehänge von Purpurseide trug, neben einem
+solchen zieren Herrn ragte wohl ein rauher, riesiger Gotenbauer, der in
+den tiefen Eichwäldern am Margus in Mösien hauste oder der in dem Tann am
+rauschenden Önus dem Wolf die zottige Schur abgerungen hatte, die er um
+die mächtigen Schultern schlug, und dessen rauher erhaltne Sprache
+befremdlich an das Ohr der halbromanisierten Genossen schlug. Und wieder
+friedliche Schafhirten aus Dakien, die, ohne Acker und ohne Haus, mit
+ihren Herden von Weide zu Weide wanderten, ganz in derselben Weise noch,
+welche die Ahnen vor tausend Jahren aus Asien herübergeführt hatte. Da war
+ein reicher Gote, der in Ravenna oder Rom eines römischen Geldwechslers
+Kind geheiratet und bald Handel und Verkehr gleich seinem römischen
+Schwager zu treiben und seinen Gewinn nach Tausenden zu berechnen gelernt
+hatte. Und daneben stand ein armer Senne, der an dem brausenden Isarkus
+die magern Ziegen auf die magre Weide trieb, und dicht neben der Höhle des
+Bären seine Bretterhütte errichtet hatte.
+
+So verschieden war den Tausenden, die sich hier zusammenfanden, das Los
+gefallen, seit ihre Väter dem Ruf des großen Theoderich nach Westen
+gefolgt waren, hinweg aus den Thälern des Hämus.
+
+Aber doch fühlten sie sich als Brüder, als Söhne Eines Volkes: dieselbe
+stolzklingende Sprache redeten sie, dieselben Goldlocken, dieselbe
+schneeweiße Haut, dieselben hellen blitzenden Augen und – vor allem – das
+gleiche Gefühl in jeder Brust: als Sieger stehen wir auf dem Boden, den
+unsre Väter dem römischen Weltreich abgetrotzt, und den wir decken wollen,
+lebendig oder tot.
+
+Wie ein ungeheurer Bienenschwarm wogten und rauschten die Tausende
+durcheinander, die sich hier begrüßten, alte Bekanntschaften aufsuchten
+und neue schlossen und das wirre Getreibe schien nimmer enden zu wollen
+und zu können.
+
+Aber plötzlich tönten von dem Kamm der Hügel her eigentümliche, feierlich
+gezogene Töne des gotischen Heerhorns: und augenblicklich legte sich das
+Gesumme der brausenden Stimmen. Aufmerksam wandten sich aller Augen nach
+der Richtung der Hügel, von denen ein geschlossener Zug ehrwürdiger Greise
+nahte. Es war ein halbes Hundert von Männern in weißen, wallenden Mänteln,
+die Häupter eichenbekränzt, weiße Stäbe und altertümlich geformte
+Steinbeile führend: die Sajonen und Fronwärter des Gerichts, welche die
+feierlichen Formen der Eröffnung, Hegung und Aufhebung des Dings zu
+vollziehen hatten.
+
+Angelangt in der Ebene begrüßten sie mit dreifachem, langgezogenem Hornruf
+die Versammlung der freien Heermänner, die, nach feierlicher Stille, mit
+klirrenden Waffen lärmend antworteten.
+
+Alsbald begannen die Bannboten ihr Werk. Sie teilten sich nach rechts und
+links und umzogen mit Schnüren von roter Wolle, die alle zwanzig Schritt
+um einen Haselstab, den sie in die Erde stießen, geschlungen wurden, die
+ganze weite Ebene, und begleiteten diese Handlung mit uralten Liedern und
+Sprüchen.
+
+Genau gegen Aufgang und Mittag wurden die Wollschnüre auf mannshohe
+Lanzenschäfte gespannt, so daß sie die zwei Thore der nun völlig
+umfriedeten Dingstätte bildeten, an denen die Fronboten mit gezückten
+Beilen Wache hielten, alle Unfreien, alle Volksfremden und alle Weiber
+fern zu halten.
+
+Als diese Arbeit vollendet war, traten die beiden Ältesten unter die
+Speerthore und riefen mit lauter Stimme:
+
+ »Gehegt ist der Hag
+ Altgotischer Art:
+ Nun beginnen mit Gott
+ Mag gerechtes Gericht.«
+
+Auf die hiernach eingetretne Stille folgte unter der versammelten Menge
+ein anfangs leises, dann lauter tönendes und endlich fast betäubendes
+Getöse von fragenden, streitenden, zweifelnden Stimmen.
+
+Es war nämlich schon bei dem Zug der Sajonen aufgefallen, daß er nicht,
+wie gewöhnlich, von dem Grafen geführt war, der im Namen und Bann des
+Königs das Gericht abzuhalten und zu leiten pflegte. Doch hatte man
+erwartet, daß dieser Vertreter des Königs wohl während der Umschnürung des
+Platzes erscheinen werde. Als nun aber diese Arbeit geschehen, und der
+Spruch der Alten, der zum Beginn des Gerichts aufforderte, ergangen und
+doch immer noch kein Graf, kein Beamter erschienen war, der allein die
+Eröffnungsworte sprechen konnte, ward die Merksamkeit aller auf jene
+schwer auszufüllende Lücke gelenkt. Während man nun überall nach dem
+Grafen, dem Vertreter des Königs, fragte und suchte, erinnerte man sich,
+daß dieser ja verheißen hatte, in Person vor seinem Volk zu erscheinen,
+sich und seine Königin gegen die erhobnen schweren Anklagen zu
+verteidigen.
+
+Aber da man jetzt bei des Königs Freunden und Anhängern sich nach ihm
+erkundigen wollte, ergab sich die verdächtige Thatsache, die man bisher,
+im Gedräng der allgemeinen Begrüßungen, gar nicht wahrgenommen, daß
+nämlich auch nicht Einer der zahlreichen Verwandten, Freunde, Diener des
+Königshauses, die zur Unterstützung der Beschuldigten zu erscheinen Recht,
+Pflicht und Interesse hatten, in der Versammlung zugegen war, wiewohl man
+sie vor wenigen Tagen zahlreich in den Straßen und in der Umgegend Roms
+gesehen hatte.
+
+Das erregte Befremden und Argwohn: und lange schien es, als ob an dem Lärm
+über diese Seltsamkeit und an dem Fehlen des Königsgrafen der rechtmäßige
+Anfang der ganzen Verhandlung scheitern solle. Verschiedene Redner hatten
+bereits vergeblich versucht, sich Gehör zu verschaffen. –
+
+Da erscholl plötzlich aus der Mitte der Versammlung ein alles übertönender
+Klang, dem Kampfruf eines furchtbaren Ungetümes vergleichbar. Aller Augen
+folgten dem Schall: und sahen im Mittelgrund des Platzes, an den Rücken
+einer hohen Steineiche gelehnt, eine hohe ragende Gestalt, die in den
+hohlen, vor den Mund gehaltnen Erzschild mit lauter Stimme den gotischen
+Schlachtruf ertönen ließ. Als sie den Schild senkte, erkannte man das
+mächtige Antlitz des alten Hildebrand, dessen Augen Feuer zu sprühen
+schienen.
+
+Begeisterter Jubel begrüßte den greisen Waffenmeister des großen Königs,
+den, wie seinen Herrn, Lied und Sage schon bei lebendem Leib zu einer
+mythischen Gestalt unter den Goten gemacht hatten. Als sich der Zuruf
+gelegt, hob der Alte an: »Gute Goten, meine wackern Männer. Es ficht euch
+an und will euch befremden, daß ihr keinen Grafen seht und Vertreter des
+Mannes, der eure Krone trägt.
+
+Laßt’s euch nicht Bedenken machen! Wenn der König meint, damit das Gericht
+zu stören, so soll er irren. Ich denke noch die alten Zeiten und sage
+euch: das Volk kann Recht finden ohne König, und Gericht halten ohne
+Königsgrafen. Ihr seid alle herangewachsen in neuer Übung und Sitte, aber
+da steht Haduswinth, der Alte, kaum ein paar Winter jünger denn ich: der
+wird’s mir bezeugen: beim Volk allein ist alle Gewalt: das Gotenvolk ist
+frei!«
+
+»Ja, wir sind frei!« rief ein tausendstimmiger Chor.
+
+»Wir wählen uns unsern Dinggrafen selbst, schickt der König den seinen
+nicht,« rief der graue Haduswinth, »Recht und Gericht war, eh’ König war
+und Graf. Und wer kennt besser allen Brauch des Rechts als Hildebrand,
+Hildungs Sohn? Hildebrand soll unser Dinggraf sein.«
+
+»Ja!« hallte es ringsum wieder, »Hildebrand soll unser Dinggraf sein.«
+
+»Ich bin’s durch eure Wahl: und achte mich so gut bestellt, als hätte mir
+König Theodahad Brief und Pergament darüber ausgestellt. Auch haben meine
+Ahnen Gericht gehalten den Goten seit Jahrhunderten. Kommt, Sajonen, helft
+mir öffnen das Gericht.«
+
+Da eilten zwölf von den Frondienern herzu. Vor der Eiche lagen noch die
+Trümmer eines uralten Fanums des Waldgottes Picus: die Sajonen säuberten
+die Stelle, hoben die breitesten der Steine zurecht und lehnten links und
+rechts zwei der viereckigen Platten an den Stamm der Eiche, so daß ein
+stattlicher Richterstuhl dadurch gebildet ward. Und so hielt, von dem
+Altar des altitalischen Wald- und Hirtengottes herab, der Gotengraf
+Gericht.
+
+Andere Sajonen warfen einen blauen weitfaltigen Wollmantel mit breitem,
+weißem Kragen über Hildebrands Schultern, gaben ihm den oben gekrümmten
+Eschenstab in die Hand und hingen links zu seinen Häupten einen blanken
+Stahlschild an die Zweige der Eiche.
+
+Dann stellten sie sich in zwei Reihen zu seiner Rechten und Linken auf:
+der Alte schlug mit dem Stab auf den Schild, daß er hell erklang, dann
+setzte er sich, das Antlitz gegen Osten und sprach: »Ich gebiete Stille,
+Bann und Frieden! Ich gebiete Recht und verbiete Unrecht, Hastmut und
+Scheltwort und Waffenzücken, und alles, was den Dingfrieden kränken mag.
+Und ich frage hier: ist es an Jahr und Tag, an Weil’ und Stunde, an Ort
+und Stätte, zu halten ein frei Gericht gotischer Männer?«
+
+Da traten die nächststehenden Goten heran und sprachen im Chor: »Hier ist
+rechter Ort, unter hohem Himmel, unter rauschender Eiche, hier ist rechte
+Tageszeit, bei klimmender Sonne, auf schwertgewonnenem gotischem Erdgrund,
+zu halten ein frei Gericht gotischer Männer.«
+
+»Wohlan,« fuhr der alte Hildebrand fort, »wir sind versammelt, zu richten
+zweierlei Klage: Mordklage wider Gothelindis, die Königin, und schwere
+Rüge wegen Feigheit und Saumsal in dieser Zeit hoher Gefahr wider
+Theodahad, unsern König. Ich frage ... –«
+
+Da ward seine Rede unterbrochen durch lauten, schallenden Hornruf, der von
+Westen her näher und näher drang.
+
+
+
+
+ Dreizehntes Kapitel.
+
+
+Erstaunt sahen die Goten um und erblickten einen Zug von Reitern, welche
+die Hügel herab gegen die Gerichtsstätte eilten. Die Sonne fiel grell
+blendend auf die waffenblitzenden Gestalten, daß sie nicht erkenntlich
+waren, obwohl sie in Eile nahten.
+
+Da richtete sich der alte Hildebrand hoch auf in seinem erhöhten Sitz,
+hielt die Hand vor die falkenscharfen Augen und rief sogleich: »Das sind
+gotische Waffen! – Die wallende Fahne trägt als Bild die Wage: – das ist
+das Hauszeichen des Grafen Witichis! Und dort ist er selbst! An der Spitze
+des Zugs. Und an seiner Linken die hohe Gestalt, das ist der starke
+Hildebad! Was führt die Feldherrn zurück? ihre Scharen sollten schon weit
+auf dem Weg nach Gallien und Dalmatien sein.«
+
+Ein Brausen von fragenden, staunenden, grüßenden Stimmen erfolgte.
+
+Indeß waren die Reiter heran und sprangen von den dampfenden Rossen. Mit
+Jubel empfangen, schritten die Führer, Witichis und Hildebad, durch die
+Menge den Hügel heran, bis zu Hildebrands Richterstuhl.
+
+»Wie?« rief Hildebad noch atemlos, »ihr sitzt hier und haltet Gericht, wie
+im tiefsten Frieden: und der Feind, Belisar, ist gelandet!«
+
+»Wir wissen es,« sprach Hildebrand ruhig, »und wollten mit dem König
+beraten, wie ihm zu wehren sei.«
+
+»Mit dem König!« lachte Hildebad bitter.
+
+»Er ist nicht hier,« sagte Witichis umblickend, »das verstärkt unsern
+Verdacht. Wir kehrten um, weil wir Grund zu schwerem Argwohn erhielten.
+Aber davon später! fahrt fort, wo ihr haltet. Alles nach Recht und
+Ordnung! still, Freund!« Und den ungeduldigen Hildebad zurückdrängend,
+stellte er sich bescheiden zur Linken des Richterstuhles in die Reihe der
+andern.
+
+Nachdem es wieder stiller geworden, fuhr der Alte fort: »Gothelindis,
+unsre Königin, ist verklagt wegen Mordes an Amalaswintha, der Tochter
+Theoderichs. Ich frage: sind wir Gericht zu richten solche Klage?«
+
+Der alte Haduswinth, gestützt auf seine lange Keule, trat vor und sprach:
+»Rot sind die Schnüre dieser Malstätte. Beim Volksgericht ist das Recht
+über roten Blutfrevel, über warmes Leben und kalten Tod. Wenn’s anders
+geübt ward in letzten Zeiten, so war das Gewalt, nicht Recht. Wir sind
+Gericht, zu richten solche Klage.«
+
+»In allem Volk,« fuhr Hildebrand fort, »geht wider Gothelindis schwerer
+Vorwurf: im stillen Herzen verklagen wir alle sie darob. Wer aber will
+hier, im offnen Volksgericht, mit lautem Wort, sie dieses Mordes zeihen?«
+
+»Ich!« sprach eine helle Stimme: und ein schöner, junger Gote, in
+glänzenden Waffen, trat von rechts vor den Richter, die rechte Hand auf
+die Brust legend.
+
+Ein Murmeln des Wohlgefallens drang durch die Reihen: »Er liebt die schöne
+Mataswintha!« – »Er ist der Bruder des Herzogs Guntharis von Tuscien, der
+Florentia besetzt hält.« – »Er freit um sie!« – »Als Rächer ihrer Mutter
+tritt er auf!«
+
+»Ich, Graf Arahad von Asta, des Aramuth Sohn, aus der Wölsungen
+Edelgeschlecht,« fuhr der junge Gote mit einem anmutigen Erröten fort.
+»Zwar bin ich nicht versippt mit der Getöteten: allein die Männer ihrer
+Sippe, Theodahad voran, ihr Vetter und ihr König, erfüllen nicht die
+Pflicht der Blutrache; ist er doch selbst des Mordes Helfer und Hehler.
+
+So klag’ ich denn, ein freier unbescholtner Gote edeln Stammes, ein Freund
+der unseligen Fürstin, an Mataswinthens, ihrer Tochter, Statt. Ich klag’
+um Mord! Ich klag’ auf Blut!«
+
+Und unter lautem Beifall des Volkes zog der stattliche schöne Jüngling das
+Schwert und streckte es gerad vor sich auf den Richterstuhl.
+
+»Und dein Beweis? sag an ... –«
+
+»Halt, Dinggraf,« scholl da eine ernste Stimme. Witichis trat vor, dem
+Kläger entgegen. »Bist du so alt und kennst das Recht so wohl, Meister
+Hildebrand, und läßt dich fortreißen von der Menge wildem Drang? Muß ich
+dich mahnen, ich, der jüngere Mann, an alles Rechtes erstes Gebot? Den
+Kläger hör’ ich, die Beklagte nicht.«
+
+»Kein Weib kann stehen in der Goten Ding,« sprach Hildebrand ruhig.
+
+»Ich weiß: doch wo ist Theodahad, ihr Gemahl und Mundwalt, sie zu
+vertreten?«
+
+»Er ist nicht erschienen.«
+
+»Ist er geladen?«
+
+»Er ist geladen! Auf meinen Eid und den dieser Boten,« sprach Arahad:
+»tretet vor, Sajonen.« Zwei der Fronwärter traten vor und rührten mit
+ihren Stäben an den Richterstuhl.
+
+»Nun,« sprach Witichis weiter, »man soll nicht sagen, daß im Volk der
+Goten ein Weib ungehört, unverteidigt verurteilt werde; wie schwer sie
+auch verhaßt sei, – sie hat ein Recht auf Rechtsgehör und Rechtsschutz.
+Ich will ihr Mundwalt und ihr Fürsprecher sein.«
+
+Und er trat ruhig dem jugendlichen Ankläger entgegen, gleich ihm das
+Schwert ziehend.
+
+Eine Pause der ehrenden Bewunderung trat ein. »So leugnest du die That?«
+fragte der Richter. »Ich sage: sie ist nicht erwiesen!« – »Erweise sie!«
+sprach der Richter zu Arahad gewendet.
+
+Dieser, nicht vorbereitet auf ein förmliches Verfahren und nicht gefaßt
+auf einen Widersacher von Witichis’ großem Gewicht und kräftiger Ruhe,
+ward etwas verwirrt. »Erweisen?« rief er ungeduldig. »Was braucht’s noch
+Erweis? Du, ich, alle Goten wissen, daß Gothelindis die Fürstin lang und
+tödlich haßte. Die Fürstin verschwindet aus Ravenna: gleichzeitig die
+Mörderin: ihr Opfer kömmt in einem Hause Gothelindens wieder zum Vorschein
+– tot: die Mörderin aber flieht auf ein festes Schloß. Was braucht’s da
+noch Erweis?«
+
+Und ungeduldig sah er auf die Goten rings umher.
+
+»Und darauf hin klagst du auf Mord im offnen Ding?« sprach Witichis ruhig.
+»Wahrlich der Tag sei fern vom Gotenvolk, da man nach solchem Anschein
+Urteil spricht. Gerechtigkeit, ihr Männer, ist Licht und Luft! Weh, weh
+dem Volk, das seinen Haß zu seinem Recht erhebt. Ich selber hasse dieses
+Weib und ihren Gatten: aber wo ich hasse, bin ich doppelt streng mit mir.«
+
+Und so edel und so schlicht sprach er dies Wort, daß aller Goten Herzen
+dem treuen Manne zuschlugen.
+
+»Wo sind die Beweise?« fragte nun Hildebrand. »Hast du handhafte That?
+hast du blickenden Schein? hast du gichtigen Mund? hast du echten Eid?
+heischest du der Verklagten Unschuldseid?«
+
+»Beweis!« wiederholte Arahad zornig. »Ich habe keinen als meines Herzens
+festen Glauben.«
+
+»Dann,« sprach Hildebrand –
+
+Doch in diesem Augenblick bahnte sich ein Sajo vom Thore her den Weg zu
+ihm und sprach: »Römische Männer stehen am Eingang. Sie bitten um Gehör:
+sie wissen, sagen sie, alles um der Fürstin Tod.«
+
+»Ich fordre, daß man sie höre,« rief Arahad eifrig, »nicht als Kläger, als
+Zeugen des Klägers.«
+
+Hildebrand winkte und der Sajo eilte, die Gemeldeten durch die neugierige
+Menge heraufzuführen. Voran schritt ein von Jahren gebeugter Mann in
+härener Kutte, den Strick um die Lenden: die Kapuze seines Überwurfs
+machte seine Züge unkenntlich: zwei Männer in Sklaventracht folgten.
+Fragende Blicke ruhten auf der Gestalt des Greises, dessen Erscheinung bei
+aller Einfachheit, ja Armut, von seltner Würde geadelt war.
+
+Als er angelangt war vor dem Richterstuhl Hildebrands, sah ihm Arahad
+dicht ins Antlitz und trat mit Staunen rasch zurück.
+
+»Wer ist es,« fragte der Richter, »den du zum Zeugen stellest deines
+Wortes? Ein unbekannter Fremdling?« – »Nein,« rief Arahad und schlug des
+Zeugen Mantel zurück, »ein Name, den ihr alle kennt und ehrt: Marcus
+Aurelius Cassiodorus.«
+
+Ein Ruf allgemeinen Staunens flog über die Dingstätte.
+
+»So hieß ich,« sprach der Zeuge, »in den Tagen meines weltlichen Lebens:
+jetzt nur Bruder Marcus.« Und eine hohe Weihe lag in seinen Zügen: – die
+Weihe der Entsagung.
+
+»Nun, Bruder Marcus,« forschte Hildebrand, »was hast du uns zu melden vom
+Tode Amalaswinthens? Sag’ uns die volle Wahrheit und nur die Wahrheit.«
+
+»Die werd’ ich sagen. Vor allem wißt: nicht Streben nach menschlicher
+Vergeltung führt mich her: nicht den Mord zu rächen bin ich gekommen: –
+die Rache ist mein, ich will vergelten, spricht der Herr! – Nein, den
+letzten Auftrag der Unseligen, der Tochter meines großen Königs, zu
+erfüllen, bin ich da.« Und er zog eine Papyrusrolle aus dem Gewande. »Kurz
+vor ihrer Flucht aus Ravenna richtete sie diese Zeilen an mich, die ich,
+als ihr Vermächtnis an das Volk der Goten, mitzuteilen habe: »Den Dank
+einer zerknirschten Seele für deine Freundschaft. Mehr noch als die
+Hoffnung der Rettung labt das Gefühl unverlorner Treue. Ja, ich eile auf
+deine Villa im Bolsener See: führt doch der Weg von da nach Rom, nach
+Regeta, wo ich vor meinen Goten all’ meine Schuld aufdecken und auch büßen
+will. Ich will sterben, wenn es sein muß: aber nicht durch die tückische
+Hand meiner Feinde: nein, durch den Richterspruch meines Volkes, das ich
+Verblendete ins Verderben geführt. Ich habe den Tod verdient: nicht nur um
+des Blutes willen der drei Herzoge, die, alle sollen es erfahren, durch
+mich starben: mehr noch um des Wahnes willen, mit dem ich mein Volk
+zurückgesetzt um Byzanz. Gelange ich lebend nach Regeta, so will ich
+warnen und mahnen mit der letzten Kraft meines Lebens: fürchtet Byzanz!
+Byzanz ist falsch wie die Hölle und ist kein Friede denkbar zwischen ihm
+und uns.
+
+Aber warnen will ich auch vor dem Feind im Innern.
+
+König Theodahad spinnt Verrat: er hat an Petros, den Gesandten von Byzanz,
+Italien und die Gotenkrone verkauft: er hat gethan, was ich dem Griechen
+weigerte. Seht euch vor, seid stark und einig. Könnt’ ich sterbend sühnen,
+was ich lebend gefehlt.««
+
+In tiefer Stille hatte das Volk die Worte vernommen, die Cassiodor mit
+zitternder Stimme gesprochen und die jetzt wie aus dem Jenseits
+herüberzutönen schienen.
+
+Auch als er geendet, wirkte noch der Eindruck des Mitleids und der Trauer
+fort in feierlichem Schweigen.
+
+Endlich erhob sich der alte Hildebrand und sprach: »Sie hat gefehlt: sie
+hat gebüßt. Tochter Theoderichs, das Volk der Goten verzeiht dir deine
+Schuld und dankt dir deine Treue.«
+
+»So mög’ ihr Gott vergeben, Amen!« sprach Cassiodor. »Ich habe niemals die
+Fürstin an den Bolsener See geladen: ich konnt’ es nicht: vierzehn Tage
+zuvor hatt’ ich all’ meine Güter verkauft an die Königin Gothelindis.«
+
+»Sie also hat ihre Feindin,« fiel Arahad ein, »seinen Namen mißbrauchend,
+in jenes Haus gelockt. Kannst du das leugnen, Graf Witichis?«
+
+»Nein,« sprach dieser ruhig, »aber,« fuhr er zu Cassiodor gewendet fort,
+»hast du auch Beweis, daß die Fürstin daselbst nicht zufälligen Todes
+gestorben, daß Gothelindis ihren Tod herbeigeführt?«
+
+»Tritt vor, Syrus, und sprich!« sagte Cassiodor, »ich bürge für die Treue
+dieses Mundes.« Der Sklave trat vor, neigte sich und sprach: »Ich habe
+seit zwanzig Jahren die Aufsicht über die Schleusen des Sees und die
+Wasserkünste des Bades der Villa im Bolsener See: niemand außer mir kannte
+dessen Geheimnisse. Als die Königin Gothelindis das Gut erkauft, wurden
+alle Sklaven Cassiodors entfernt und einige Diener der Königin eingesetzt:
+ich allein ward belassen.
+
+Da landete eines frühen Morgens die Fürstin Amalaswintha auf der Insel,
+bald darauf die Königin. Diese ließ mich sofort kommen, erklärte, sie
+wolle ein Bad nehmen, und befahl mir, ihr die Schlüssel zu allen Schleusen
+des Sees und zu allen Röhren des Bades zu übergeben und ihr den ganzen
+Plan des Druckwerks zu erklären. Ich gehorchte, gab ihr die Schlüssel und
+den auf Pergament gezeichneten Plan, warnte sie aber nachdrücklich, nicht
+alle Schleusen des Sees zu öffnen und nicht alle Röhren spielen zu lassen:
+das könne das Leben kosten. Sie aber wies mich zürnend ab und ich hörte,
+wie sie ihrer Badsklavin befahl die Kessel nicht mit warmem, sondern mit
+heißem Wasser zu füllen.
+
+Ich ging, besorgt um ihre Sicherheit, und hielt mich in der Nähe des
+Bades.
+
+Nach einiger Zeit hörte ich an dem mächtigen Brausen und Rauschen, daß die
+Königin dennoch, gegen meinen Rat, die ganze Flut des Sees hereingelassen:
+zugleich hörte ich in allen Wänden das dampfende Wasser zischend
+aufsteigen und da mir obenein dünkte, als vernehme ich, gedämpft durch die
+Marmormauern, ängstlichen Hilfschrei, eilte ich auf den Außengang des
+Bades, die Königin zu retten. Aber wie erstaunte ich, als ich an dem mir
+wohlbekannten Mittelpunkt der Künste, an dem Medusenhaupt, die Königin,
+die ich im Bad, in Todesgefahr wähnte, völlig angekleidet stehen sah.
+
+Sie drückte an den Federn und wechselte mit jemand, der im Bade um Hilfe
+rief, zornige Worte. Entsetzt und dunkel ahnend, was da vorging, schlich
+ich, zum Glück noch unbemerkt, hinweg.«
+
+»Wie, Feigling?« sprach Witichis, »du ahntest, was vorging und schlichst
+hinweg?«
+
+»Ich bin nur ein Sklave, Herr, kein Held: und hätte mich die grimme
+Königin bemerkt, ich stünde wohl nicht hier, sie anzuklagen. Gleich darauf
+erscholl der Ruf, die Fürstin Amalaswintha sei im Bad ertrunken.«
+
+Ein Murren und Rufen drang tosend durch das versammelte Volk.
+
+Frohlockend rief Arahad: »Nun, Graf Witichis, willst du sie noch
+beschützen?« – »Nein,« sprach dieser ruhig, das Schwert einsteckend, »ich
+schütze keine Mörderin. Mein Amt ist aus.« Und mit diesem Wort trat er von
+der linken auf die rechte Seite, zu den Anklägern, hinüber.
+
+»Ihr, freie Goten, habt das Urteil zu finden und das Recht zu schöpfen,«
+sprach Hildebrand, »ich habe nur zu vollziehen, was ihr gefunden. So frag’
+ich euch, ihr Männer des Gerichts, was dünkt euch von dieser Klage, die
+Graf Arahad, des Aramuth Sohn, der Wölsung, erhoben gegen Gothelindis, die
+Königin? Sagt an: ist sie des Mordes schuldig?«
+
+»Schuldig! schuldig!« scholl es mit vielen tausend Stimmen und keine sagte
+nein.
+
+»Sie ist schuldig,« sagte der Alte aufstehend. »Sprich, Kläger, welche
+Strafe forderst du um diese Schuld?«
+
+Arahad erhob das Schwert gerade gegen Himmel: »Ich klagte um Mord. Ich
+klagte auf Blut. Sie soll des Todes sterben.«
+
+Und ehe Hildebrand seine Frage an das Volk stellen konnte, war die Menge
+von zorniger Bewegung ergriffen, alle Schwerter flogen aus den Scheiden
+und blitzten gen Himmel auf und alle Stimmen riefen: »Sie soll des Todes
+sterben!« –
+
+Wie ein furchtbarer Donner rollte das Wort, die Majestät des Volksgerichts
+vor sich her tragend, über das weite Gefild, daß bis in weite Ferne die
+Lüfte wiederhallten. –
+
+»Sie stirbt des Todes,« sprach Hildebrand aufstehend, »durch das Beil.
+Sajonen auf, und sucht, wo ihr sie findet.«
+
+»Halt an,« sprach der starke Hildebad vortretend, »schwer wird unser
+Spruch erfüllt werden, solang dies Weib unsres Königs Gemahlin. Ich fordre
+deshalb, daß die Volksgemeinde auch gleich die Klagen prüfe, die wir gegen
+Theodahad auf der Seele haben, der ein Volk von Helden so unheldenhaft
+beherrscht. Ich will sie aussprechen, diese Klagen. Merkt wohl, ich zeihe
+ihn des Verrates, nicht nur der Unfähigkeit, uns zu retten, uns zu führen.
+
+Schweigen will ich davon, daß wohl schwerlich ohne sein Wissen seine
+Königin ihren Haß an Amalaswintha kühlen konnte, schweigen davon, daß
+diese in ihren letzten Worten uns vor Theodahads Verrat gewarnt. Aber ist
+es nicht wahr, daß er den ganzen Süden des Reiches von Männern, Waffen,
+Rossen, Schiffen entblößt, daß er alle Kraft nach den Alpen geworfen hat,
+bis daß die elenden Griechlein ohne Schwertstreich Sicilien gewinnen,
+Italien betreten konnten? Mein armer Bruder Totila mit seiner handvoll
+Leuten allein steht ihnen entgegen. Statt ihm den Rücken zu decken, sendet
+der König auch noch Witichis, Teja, mich nach dem Norden. Mit schwerem
+Herzen gehorchten wir: denn wir ahnten, wo Belisar landen werde. Nur
+langsam rückten wir vor, jede Stunde den Rückruf erwartend. Umsonst. Schon
+lief durch die Landschaften, die wir durchzogen, das dunkle Gerücht,
+Sicilien sei verloren und die Welschen, die uns nach Norden ziehen sahen,
+machten spöttische Gesichter. So waren wir ein paar Tagemärsche an der
+Küste hingezogen. Da traf mich dieser Brief meines Bruders Totila:
+
+»Hat denn, wie der König, so das ganze Volk der Goten, so mein Bruder mich
+aufgegeben und vergessen? Belisar hat Sicilien überrascht. Er ist
+gelandet. Alles Volk fällt ihm zu. Unaufhaltsam dringt er gegen Neapolis.
+Vier Briefe hab’ ich an König Theodahad um Hilfe geschrieben. Alles
+umsonst. Kein Segel erhalten. Neapolis ist in höchster Gefahr. Rettet,
+rettet Neapolis und das Reich.««
+
+Ein Ruf grimmigen Schmerzes ging durch die Tausende gotischer Männer.
+
+»Ich wollte,« fuhr Hildebad fort, »augenblicklich mit all’ unsren
+Tausendschaften umkehren, aber Graf Witichis, mein Oberfeldherr, litt es
+nicht. Nur das setzte ich durch, daß wir die Truppen Halt machen ließen
+und mit wenigen Reitern hierher flogen zu warnen, zu retten, zu rächen.
+Denn Rache, Rache heisch ich an König Theodahad: nicht nur Thorheit und
+Schwäche, Arglist war es, daß er den Süden den Feinden preisgegeben. Hier
+dieser Brief beweist es. Viermal hat ihn mein Bruder gemahnt, gebeten.
+All’ umsonst. Er gab ihn, er gab das Reich in Feindeshand. Weh’ uns, wenn
+Neapolis fällt, schon gefallen ist. Ha, er soll nicht länger herrschen,
+nicht leben soll er länger, der das verschuldet hat. Reißt ihm die Krone
+der Goten vom Haupt, die er geschändet, nieder mit ihm! Er sterbe!«
+
+»Nieder mit ihm! Er sterbe!« donnerte das Volk in mächtigem Echo nach.
+
+Unwiderstehlich schien der Strom ihres Grimmes zu wogen und jeden zu
+zerreißen, der ihm widerstehen wollte. Nur Einer blieb ruhig und gelassen
+inmitten der stürmenden Menge. Das war Graf Witichis. Er sprang auf einen
+der alten Steine unter dem Eichbaum und wartete, bis sich der Lärm etwas
+gelegt. Dann erhob er die Stimme und sprach mit jener schlichten Klarheit,
+die ihm so wohl anstand: »Landsleute, Volksgenossen! Hört mich an! Ihr
+habt Unrecht mit eurem Spruch. Wehe, wenn im Gotenstamm, des Ehre und
+Stolz die Gerechtigkeit gewesen seit der Väter Zeit, Haß und Gewalt des
+Rechtes Thron besteigen. Theodahad ist ein schwacher, schlechter König!
+Nicht länger soll er allein des Reiches Zügel lenken! Gebt ihm einen
+Vormund wie einem Unmündigen! Setzt ihn ab meinetwegen. Aber seinen Tod,
+sein Blut dürft ihr nicht fordern! Wo ist der Beweis, daß er verraten hat?
+Daß Totilas Botschaft an ihn gelangt? Seht ihr, ihr schweigt: hütet euch
+vor Ungerechtigkeit, sie stürzt die Reiche der Völker.«
+
+Und groß und edel stand er auf seinem erhöhten Boden, im vollen Glanz der
+Sonne, voll Kraft und edler Würde.
+
+Bewundernd ruhten die Augen der Tausende auf ihm, der ihnen an Hoheit und
+Maß und klarer Ruhe so überlegen schien. Eine feierliche Pause erfolgte.
+Und ehe noch Hildebad und das Volk Antwort finden konnte gegen den Mann,
+der die lebendige Gerechtigkeit schien, ward die allgemeine Aufmerksamkeit
+nach dem dichten Walde gezogen, der im Süden die Aussicht begrenzte und
+der auf einmal lebendig zu werden schien.
+
+
+
+
+ Vierzehntes Kapitel.
+
+
+Denn man hörte von dort her den raschen Hufschlag nahender Pferde und das
+Klirren von Waffen: alsbald bog eine kleine Schar von Reitern aus dem
+Wald: aber weit ihnen allen voraus jagte auf kohlschwarzem Roß ein Mann,
+der wie mit dem Sturmwind um die Wette ritt.
+
+Weit im Winde flatterte seine Helmzier: ein mächtiger schwarzer
+Roßschweif, und seine eignen langen, schwarzen Locken: vorwärts gebeugt
+trieb er das schaumbespritzte Roß zu rasender Eile und sprang am
+Südeingang des Dings sausend vom Sattel.
+
+Alle wichen links und rechts zurück, die der grimme, tödlichen Haß
+sprühende Blick seines Auges aus dem leichenblassen, schönen Antlitz traf.
+Wie von Flügeln getragen stürmte er den Hügel hinan, sprang auf einen
+Stein neben Witichis, hielt eine Rolle hoch empor, rief wie mit letzter
+Kraft: »Verrat, Verrat!« und stürzte dann wie blitzgetroffen nieder.
+Entsetzt sprangen Witichis und Hildebad hinzu: sie hatten kaum den Freund
+erkannt: »Teja, Teja!« riefen sie, »was ist geschehen? rede!« – »Rede!«
+wiederholte Witichis, »es gilt das Reich der Goten!«
+
+Wie mit übermenschlicher Kraft richtete sich in diesem Wort der stählerne
+Mann wieder empor, sah einen Augenblick um sich und sprach dann mit hohler
+Stimme:
+
+»Verraten sind wir. Goten, verraten von unserm König. Ich erhielt Auftrag
+vor sechs Tagen, nach Istrien zu ziehen, nicht nach Neapolis, wie ich
+gebeten. Ich schöpfe Verdacht, doch ich gehorche und gehe unter Segel mit
+meinen Tausendschaften. Ein starker Weststurm bricht herein, verschlägt
+zahllose kleine Schiffe von Westen her bis zu uns. Darunter den
+»Mercurius«, den raschen Keles, – das leichte Postschiff Theodahads. Ich
+kannte das Fahrzeug wohl: es gehörte einst meinem Vater. Wie das unserer
+Schiffe ansichtig wird, will es entfliehen. Ich, argwöhnisch, jage ihm
+nach und hole es ein. Es trug diesen Brief an Belisar von des Königs Hand:
+»Du wirst zufrieden sein mit mir, großer Feldherr. Alle Gotenheere stehen
+in dieser Stunde nordöstlich von Rom, ohne Gefahr könntest du landen. Vier
+Briefe des Seegrafen von Neapolis habe ich zerstört, seine Boten in den
+Turm geworfen.
+
+Zum Dank erwart’ ich, daß du den Vertrag genau erfüllst, und den Kaufpreis
+in Bälde bezahlst.«« Teja ließ den Brief sinken, die Stimme versagte ihm.
+
+Ein Ächzen und Stöhnen der Wut zog durch die Versammlung.
+
+»Ich ließ umkehren, sogleich landen, ausschiffen und jage hierher seit
+drei Tagen und drei Nächten unausgesetzt. Ich kann nicht mehr.« Und
+taumelnd sank er in Witichis’ Arme.
+
+Da sprang der alte Hildebrand empor auf den höchsten Stein seines Stuhles:
+weit überragte er die ganze Menge: er riß dem Träger, der die Lanze mit
+des Königs kleiner Marmorbüste auf der Querstange trug, den Schaft aus der
+Hand und hielt ihn vor sich in der Linken: in der Rechten hob er sein
+Steinbeil: »Verkauft, verraten sein Volk für gelbes Gold? Nieder mit ihm,
+nieder, nieder!« Und ein Beilschlag zertrümmerte die Büste. Dieser Akt war
+wie der erste Donnerschlag, der ein lange brütendes Gewitter entfesselt.
+Nur dem Wüten empörter Elemente war das Stürmen vergleichbar, welches nun
+das in seinen Grundtiefen aufgewühlte Volk durchbrauste. »Nieder, nieder,
+nieder mit ihm!« hallte es tausendfach wieder unter betäubendem Klirren
+der Waffen.
+
+Und darauf erhob abermals der alte Waffenmeister seine eherne Stimme und
+sprach feierlich: »Wisset es, Gott im Himmel und Menschen auf Erden,
+sehende Sonne, und wehender Wind, wisset es, das Volk der Goten, frei und
+alten Ruhmes voll und zu den Waffen geboren, hat abgethan seinen
+ehemaligen König Theodahad, des Theodis Sohn, weil er Volk und Reich an
+den Feind verraten.
+
+Wir sprechen dir ab, Theodahad, die goldne Krone und das Gotenreich, das
+Gotenrecht und das Leben. Und solches thun wir nicht nach Unrecht, sondern
+nach Recht. Denn frei sind wir gewesen alle Wege unter unsern Königen und
+wollten eh’ der Könige missen als der Freiheit. Und so hoch steht kein
+König, daß er nicht um Mord, Verrat und Eidbruch zu Recht stehe vor seinem
+Volk.
+
+So sprech’ ich dir ab Krone und Reich, Recht und Leben. Landflüchtig
+sollst du sein, echtlos, ehrlos, rechtlos. Soweit Christenleute zur Kirche
+gehen und Heidenleute zum Opferstein. Soweit Feuer brennt und Erde grünt.
+Soweit Schiff schreitet und Schild scheinet. Soweit Himmel sich höht und
+Welt sich weitet. Soweit der Falke fliegt den langen Frühlingstag, wann
+ihm der Wind steht unter seinen beiden Flügeln. Versagt soll dir sein
+Halle und Haus und guter Leute Gemeinschaft und alle Wohnung, ausgenommen
+die Hölle. Dein Erb’ und Eigen teil ich zu dem Gotenvolk. Dein Blut und
+Fleisch den Raben in den Lüften.
+
+Und wer dich findet, in Halle und Hof, in Haus oder Heerstraße, soll dich
+erschlagen, ungestraft und soll bedankt sein dazu von Gott und den guten
+Goten. Ich frage euch, soll’s so geschehn?«
+
+»So soll’s geschehn!« antworteten die Tausende und schlugen Schwert an
+Schild.
+
+Kaum war Hildebrand herabgestiegen, als der alte Haduswinth seine Stelle
+einnahm, das zottige Bärenfell zurückwarf und sprach: »Des Neidkönigs
+wären wir ledig! Er wird seinen Rächer finden. Aber jetzt, treue Männer,
+gilt es, einen neuen König wählen. Denn ohne König sind wir nie gewesen.
+Soweit unsere Sagen und Sprüche zurückdenken, haben die Ahnen einen auf
+den Schild gehoben, das lebende Bild der Macht, des Glanzes, des Glückes
+der guten Goten. Solang es Goten giebt, werden sie Könige haben: und
+solang sich ein König findet, wird ihr Volk bestehn. Und jetzt vor allem
+gilt’s, ein Haupt, einen Führer zu haben. Das Geschlecht der Amelungen ist
+glorreich aufgestiegen, wie eine Sonne: lang hat sein hellster Strahl,
+Theoderich, geleuchtet: aber schmählich ist’s erloschen in Theodahad. Auf,
+Volk der Goten, du bist frei! frei wähle dir den rechten König, der dich
+zu Sieg und Ehre führt. Dein Thron ist leer: mein Volk, ich lade dich zur
+Königswahl!«
+
+»Zur Königswahl!« sprach diesmal feierlich und machtvoll der Chor der
+Tausende.
+
+Da trat Witichis auf den Dingstein, hob den Helm vom Haupt und die Rechte
+gen Himmel: »Du weißt es, Gott, der in den Sternen geht, uns treibt nicht
+frevler Kitzel des Ungehorsams und des Übermuts: uns treibt das heilige
+Recht der Not. Wir ehren das Recht des Königtums, den Glanz, der von der
+Krone strahlt: geschändet aber ist dieser Glanz und in der höchsten Not
+des Reiches üben wir des Volkes höchstes Recht. Herolde sollen ziehen zu
+allen Völkern der Erde und laut verkünden: nicht aus Verachtung, aus
+Verehrung der Krone haben wir es gethan.
+
+Wen aber wählen wir? Viel sind der wackern Männer im Volk, von altem
+Geschlecht, von tapfrem Arm und klugem Geist. Wohl mehrere sind der Krone
+würdig. Wie leicht kann es kommen, daß einer diesen, der andere jenen
+vorzieht? Aber um Gott, nur jetzt keinen Zwist, keinen Streit! Jetzt, da
+der Feind im Lande liegt! Drum laßt uns schwören vorher feierlich: wer das
+Stimmenmehr erhält, sei’s nur um Eine Stimme, den wollen wir alle als
+unsern König achten, unweigerlich, und keinen andern. Ich schwöre es: –
+schwört mit mir.«
+
+»Wir schwören!« riefen die Goten.
+
+Aber der junge Arahad stimmte nicht ein. Ehrgeiz und Liebe loderten in
+seinem Herzen: er bedachte, daß sein Haus jetzt, nach dem Fall der Balten
+und der Amaler, das edelste war im Volk: er hoffte, Mataswinthens Hand zu
+gewinnen, wenn er ihr eine Krone bieten konnte: und kaum war der Schwur
+verhallt, als er vortrat und rief: »Wen sollen wir wählen, gotische
+Männer? bedenkt euch wohl! Vor allem, das ist klar, einen Mann
+jungkräftigen Armes wider den Feind. Aber das allein genügt nicht. Weshalb
+haben unsere Ahnen die Amaler erhöht? Weil sie das edelste, das älteste,
+Götter entstammte Geschlecht waren. Wohlan, das erste Gestirn ist
+erloschen, gedenkt des zweiten, gedenkt der Balten!«
+
+Von den Balten lebte nur Ein männlicher Sproß, ein noch nicht wehrhafter
+Enkel des Herzog Pitza – denn Alarich, der Bruder der Herzoge Thulun und
+Ibba, war seit langen Jahren geächtet und verschollen. – Arahad rechnete
+sicher, man werde jenen Baltenknaben nicht wählen und vielmehr des dritten
+Gestirns gedenken. Aber er irrte. Der alte Haduswinth trat zornig vor und
+schrie:
+
+»Was Adel! was Geschlecht! sind wir Adelsknechte oder freie Männer? Beim
+Donner! werden wir Ahnen zählen, wenn Belisar im Lande steht? Ich will dir
+sagen, Knabe, was ein König braucht.
+
+Einen tapferen Arm, das ist wahr, aber nicht das allein. Der König soll
+ein Hort des Rechts, ein Schirm des Friedens sein, nicht nur der
+Vorkämpfer im Schwertkampf. Der König soll haben einen immer ruhigen,
+immer klaren Sinn, wie der blaue Himmel ist, und wie die lichten Sterne
+sollen darin auf- und niedergehen gerechte Gedanken. Der König soll haben
+eine stete Kraft, aber noch mehr ein stetes Maß: er soll nie sich selbst
+verlieren und vergessen in Haß und Liebe, wie wir wohl dürfen, wir unten
+im Volk. Er soll nicht nur mild sein den Freunden, er soll gerecht sein
+dem Verhaßtesten, selbst dem Feind. In dessen Brust ein klarer Friede
+wohnt bei kühnem Mut und edles Maß bei treuer Kraft, – der Mann, Arahad,
+ist königlich geartet und hätt’ ihn der letzte Bauer gezeugt.«
+
+Lauter Beifall folgte dem Wort des Alten und beschämt trat Arahad zurück.
+Aber jener fuhr fort: »Gute Goten! ich meine, wir haben einen solchen
+Mann! Ich will ihn euch nicht nennen: nennt ihr ihn mir.
+
+Ich kam hierher aus fernem Hochgebirg aus unsrer Mark gegen die
+Karanthanen, wo der wilde Turbidus schäumend die Felsen zerstäubt. Da leb’
+ich mehr, als sonst ein Menschenalter ist, stolz, frei, einsam. Wenig
+erfahr’ ich von der Menschen Händeln, selbst von des eignen Volkes Thaten,
+wenn nicht ein Salzroß halbverirrt des Weges kommt. Und doch drang mir bis
+in jene öde Höhe der Waffenruhm Eines vor allen unsern Helden, der nie das
+Schwert zu ungerechtem Streit erhob und es noch niemals sieglos
+eingesteckt. Seinen Namen hört’ ich immer wieder, wenn ich fragte: Wer
+wird uns schirmen, wenn Theoderich schied? Seinen Namen hört’ ich bei
+jedem Sieg, den wir erfochten, bei jedem weisen Werke des Friedens, das
+geschehn. Ich hatt’ ihn nie gesehen. Ich sehnte mich danach, ihn zu sehen.
+Heute hab’ ich ihn gesehen und gehört. Ich habe sein Aug’ gesehen, das
+klar und milde wie die Sonne. Ich hab’ sein Wort gehört; ich hab’ gehört,
+wie er dem Feind selbst, dem verhaßten, zu Recht und zu Gerechtigkeit
+verhalf. Ich hab’ gehört, wie er allein, da uns alle der blinde Haß
+fortriß mit dunkler Schwinge, klar blieb und ruhig und gerecht. Da dacht’
+ich mir in meinem alten Herzen: »der Mann ist königlich geartet, stark im
+Kampf und gerecht im Frieden, hart wie Stahl und klar wie Gold.« Goten:
+der Mann soll unser König sein. Nennt mir den Mann!«
+
+»Graf Witichis, ja Witichis, heil König Witichis!«
+
+Während dieser brausende Jubelruf durch das Gefilde hallte, hatte ein
+erschütternder Schreck den bescheidnen Mann ergriffen, der gespannt der
+Rede des Alten gefolgt war und erst ganz zu Ende von der Ahnung ergriffen
+ward, daß er der so Gepriesne sei.
+
+Als er nun aber seinen Namen in diesem tausendstimmigen Jauchzen
+erschallen hörte, überkam ihn vor allen andern Gedanken das Gefühl: »Nein,
+das kann, das soll nicht sein.«
+
+Er riß sich von Teja und Hildebad, die freudig seine Hände drückten, los,
+und sprang hervor, das Haupt schüttelnd und, wie abwehrend, den Arm
+ausstreckend. »Nein!« rief er, »nein, Freunde! nicht das mir! Ich bin ein
+schlichter Kriegsmann, nicht ein König. Ich bin vielleicht ein gutes
+Werkzeug, kein Werkmeister! Wählt einen andern, einen Würdigern!«
+
+Und wie bittend streckt er beide Hände gegen das Volk.
+
+Aber der donnernde Ruf: »Heil König Witichis!« ward ihm statt aller
+Antwort. Und nun trat der alte Hildebrand vor, faßte seine Hand und sprach
+laut: »Laß ab, Witichis! wer war es, der zuerst geschworen, unweigerlich
+den König anzuerkennen, der auch nur eine Stimme mehr hätte? Siehe, du
+hast alle Stimmen und willst dich wehren?«
+
+Aber Witichis schüttelte das Haupt und preßte die Hand vor die Stirn. Da
+trat der Alte ganz nah zu ihm und flüsterte in sein Ohr: »Wie? muß ich
+dich stärker mahnen? Muß ich dich mahnen jenes nächtigen Eides und Bundes,
+da du gelobtest: »Alles zu meines Volkes Heil.« Ich weiß, – ich kenne
+deine klare Seele, –: dir ist die Krone mehr eine Last als eine Zierde:
+ich ahne, daß dir diese Krone große, bittre Schmerzen bringen wird.
+Vielleicht mehr als Freuden: deshalb fordre ich, daß du sie auf dich
+nimmst.«
+
+Witichis schwieg und drückte noch die andre Hand vor die Augen. Schon viel
+zu lang währte dem begeisterten Volk das Zwischenspiel. Schon rüsteten sie
+den breiten Schild, ihn darauf zu erheben, schon drängten sie den Hügel
+hinan, seine Hand zu fassen: und fast ungeduldig scholl aufs neue der Ruf:
+»Heil König Witichis.«
+
+»Ich fordre es bei deinem Bluteid! – willst du ihn halten oder brechen?«
+flüsterte Hildebrand. »Halten!« sprach Witichis und richtete sich
+entschlossen auf.
+
+Und nun trat er, ohne falsche Scham und ohne Eitelkeit, einen Schritt vor
+und sprach: »Du hast gewählt, mein Volk, wohlan, so nimm mich hin. Ich
+will dein König sein!«
+
+Da blitzten alle Schwerter in die Luft und lauter scholl’s: »Heil König
+Witichis.«
+
+Jetzt stieg der alte Hildebrand ganz herab von seinem Dingstuhl und
+sprach: »Ich weiche nun von diesem hohen Stuhl. Denn unserm König ziemt
+jetzt diese Stätte. Nur einmal noch laß mich des Grafenamtes warten.
+
+Und kann ich dir nicht den Purpur umhängen, den die Amaler getragen und
+ihr goldenes Scepter reichen, – nimm meinen Richtermantel und den
+Richterstab als Scepter, zum Zeichen, daß du unser König wardst um deiner
+Gerechtigkeit willen. Ich kann sie nicht auf deine Stirne drücken, die
+alte Gotenkrone, Theoderichs goldnen Reif. So laß dich krönen mit dem
+frischen Laub der Eiche, der du an Kraft und Treue gleichst.«
+
+Mit diesen Worten brach er ein zartes Gewinde von der Eiche und schlang es
+um Witichis’ Haupt: »Auf, gotische Heerschar, nun warte deines
+Schildamts.«
+
+Da ergriffen Haduswinth, Teja und Hildebad einen der altertümlichen
+breiten Dingschilde der Sajonen, hoben den König, der nun mit Kranz, Stab
+und Mantel geschmückt war, darauf, und zeigten ihn auf ihren hohen
+Schultern allem Volk: »Sehet, Goten, den König, den ihr selbst gewählt: so
+schwört ihm Treue.«
+
+Und sie schworen ihm, aufrecht stehend, nicht knieend, die Hände hoch gen
+Himmel hebend, nun die Waffentreue bis in den Tod.
+
+Da sprang Witichis von dem Schild, bestieg den Dingstuhl und rief: »Wie
+ihr mir Treue, so schwör’ ich euch Huld. Ich will ein milder und gerechter
+König sein: des Rechtes walten und dem Unrecht wehren: gedenken will ich,
+daß ihr frei seid, gleich mir, nicht meine Knechte: und mein Leben, mein
+Glück, mein alles, euch will ich’s weihen, dem Volk der guten Goten. Das
+schwöre ich euch bei dem Himmelsgott und bei meiner Treue.«
+
+Und den Dingschild vom Baume hebend rief er: »Das Ding ist aus. Ich löse
+die Versammlung.«
+
+Die Sajonen schlugen sofort die Haselstäbe mit den Schnüren nieder und
+bunt und ordnungslos wogte nun die Menge durcheinander. Auch die Römer,
+die sich neugierig, aber scheu, aus der Ferne dieses Walten einer
+Volksfreiheit mit angesehen, wie sie Italien seit mehr als fünfhundert
+Jahren nicht gekannt, durften sich nun unter die gotischen Männer mischen,
+denen sie Wein und Speisen verkauften.
+
+Witichis schickte sich an, mit den Freunden und den Führern des Heeres
+nach einem der Zelte sich zu begeben, die am Ufer des Flusses
+aufgeschlagen waren.
+
+Da drängte sich ein römisch gekleideter Mann, wie es schien, ein
+wohlhabender Bürger, an sein Geleit und forschte eifrig nach Graf Teja,
+des Tagila Sohn.
+
+»Der bin ich: was willst du mir, Römer?« sprach dieser sich wendend. –
+»Nichts, Herr, als diese Vase überreichen: seht nach: das Siegel, der
+Skorpion, ist unversehrt.« – »Was soll mir die Vase? ich kaufe nichts
+dergleichen.« – »Die Vase ist euer, Herr. Sie ist voller Urkunden und
+Rollen, die euch zugehören. Und mir ist es vom Gastfreund aufgetragen, sie
+euch zu geben. Ich bitt’ euch, nehmt.«
+
+Und damit drängte er ihm die Vase in die Hand und war im Gedränge
+verschwunden. Gleichgültig löste Teja das Siegel und nahm die Urkunden
+heraus, gleichgültig sah er hinein. Aber plötzlich schoß ein brennend Rot
+über seine bleichen Wangen, sein Auge sprühte Blitze und er biß krampfhaft
+in die Lippe. Die Vase entfiel ihm, er aber drängte sich in Fieberhast vor
+Witichis und sprach mit fast tonloser Stimme: »Mein König! – König
+Witichis – eine Gnade!«
+
+»Was ist dir, Teja? um Gott? Was willst du?«
+
+»Urlaub! Urlaub auf sechs – auf drei Tage! Ich muß fort.« – »Fort, wohin?«
+– »Zur Rache! Hier lies: – der Teufel, der meine Eltern verklagte, in
+Verzweiflung, Tod und Wahnsinn trieb, – er ist es – den ich längst geahnt:
+hier ist sein Anzeigebrief an den Bischof von Florentia, mit seiner eignen
+Hand – es ist Theodahad! –«
+
+»Er ist’s, es ist Theodahad,« sagte Witichis, vom Briefe aufsehend. »Geh
+denn! Aber, zweifle nicht: du triffst ihn nicht mehr in Rom: er ist gewiß
+längst entflohn. Er hat starken Vorsprung. Du wirst ihn nicht einholen.«
+
+»Ich hole ihn ein, ob er auf den Flügeln des Sturmadlers säße.«
+
+»Du wirst ihn nicht finden.«
+
+»Ich finde ihn und müßte ich ihn aus dem tiefsten Pfuhl der Hölle oder im
+Schoße des Himmelsgottes suchen.«
+
+»Er wird mit starker Bedeckung geflüchtet sein,« warnte der König.
+
+»Aus tausend Teufeln hol’ ich ihn heraus. Hildebad, dein Pferd! Leb’ wohl,
+König der Goten. Ich vollstrecke die Acht.«
+
+
+
+
+
+
+ BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT
+
+
+Das Inhaltsverzeichnis wurde für die elektronische Fassung hinzugefügt.
+
+Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr
+römische Zahlen (in der elektronischen Fassung ohne Hervorhebung
+wiedergegeben) und einzelne Wörter aus fremden Sprachen, hier durch
+Unterstrich (_) gekennzeichnet, ebenso wie gesperrt gesetzte Passagen.
+
+Korrektur von offensichtlichen Druckfehlern:
+
+ Seite 13: Anführungszeichen ergänzt vor »Kämpfen«, Punkt hinter
+ »Sieg«
+ Seite 17: Komma ergänzt hinter »machen«
+ Seite 28: »Märiä« geändert in »Maria«
+ Seite 46: »Cethejus« geändert in »Cethegus«
+ Seite 67: »Gothen« geändert in »Goten«
+ Seite 88: Komma ergänzt hinter »Sippen«
+ Seite 107: »widerholte« geändert in »wiederholte«
+ Seite 114: zweites Anführungszeichen ergänzt hinter »Volkes!«
+ Seite 132: Anführungszeichen ergänzt hinter »Leben.«
+ Seite 140: Anführungszeichen ergänzt hinter »Himmel!«, »Camilla«
+ geändert in »Kamilla«
+ Seite 156: »Chetegus« geändert in »Cethegus«
+ Seite 157: Anführungszeichen ergänzt vor »Wer«
+ Seite 158: Komma ergänzt hinter »getrunken«, »vergießt« geändert in
+ »vergißt«
+ Seite 166: Anführungszeichen ergänzt vor »’s ist«
+ Seite 168: Komma entfernt hinter »Trieren«
+ Seite 169: »Balthen« geändert in »Balten« (ebenso Seite 172)
+ Seite 174: Anführungszeichen ergänzt hinter »Bestie,«, vor
+ »vorwärts,«
+ Seite 176: »hönisch« geändert in »höhnisch«
+ Seite 181: Anführungszeichen ergänzt hinter »müssen.«
+ Seite 184: Punkt ergänzt hinter »Hände«
+ Seite 187: »Culpurnius« geändert in »Calpurnius«
+ Seite 203: »Eupheu« geändert in »Epheu«
+ Seite 208: Anführungszeichen ergänzt hinter »wette.«
+ Seite 210: Anführungszeichen entfernt vor »Zwei«
+ Seite 215: zweites Anführungszeichen ergänzt hinter »steht.«
+ Seite 216: »Pupurvorhang« geändert in »Purpurvorhang«
+ Seite 226: Anführungszeichen entfernt hinter «an.« und vor »Soeben«
+ Seite 241: Anführungszeichen entfernt vor »Laß«
+ Seite 247: Anführungszeichen ergänzt hinter »zuzulassen.«
+ Seite 248: Komma ergänzt hinter »fort«
+ Seite 249: Anführungszeichen ergänzt hinter »Petros,« und vor
+ »Diese«
+ Seite 255: Komma ergänzt hinter »Antonina«, Anführungszeichen um
+ »und«
+ Seite 271: zweites Anführungszeichen ergänzt hinter »vernichtet!«,
+ »Mormorsäule« geändert in »Marmorsäule«
+ Seite 278: »widerholte« geändert in »wiederholte«
+ Seite 296: Punkt geändert in Komma hinter »sich«
+ Seite 297: Anführungszeichen entfernt vor »ich«
+ Seite 299: »ist s« geändert in »ist’s«
+ Seite 301: »Stenge« geändert in »Strenge«
+ Seite 302: Anführungszeichen ergänzt hinter »ich –«
+ Seite 303: Anführungszeichen ergänzt hinter »Rede,« und vor
+ »gesteh’«
+ Seite 331: Anführungszeichen entfernt hinter »Königin!«
+ Seite 332: »Festmale« geändert in »Festmahle«
+ Seite 335: Anführungszeichen ergänzt hinter »unbedingt?«
+ Seite 337: »Teodahad« geändert in »Theodahad«
+ Seite 351: Komma ergänzt hinter »Badetücher«
+ Seite 354: Punkt ergänzt hinter »Menschen«
+ Seite 355: Punkt ergänzt hinter »gemacht« und »Kälte«
+ Seite 376: zweites Anführungszeichen ergänzt hinter »Totila.«
+ Seite 404: »widerholte« geändert in »wiederholte«
+ Seite 410: »gegedachte« geändert in »gedachte«
+ Seite 425: zweites Anführungszeichen ergänzt hinter »gefehlt.«
+ Seite 427: Anführungszeichen entfernt hinter »anzuklagen.«
+ Seite 429: Punkt ergänzt hinter »erhalten«, zweites
+ Anführungszeichen ergänzt hinter »Reich.«, Komma ergänzt hinter
+ »Witichis« und hinter »durch«
+ Seite 432: zweites Anführungszeichen ergänzt hinter »bezahlst.«
+ Seite 435: Komma ergänzt hinter »edelste«
+ Seite 438: Punkt ergänzt hinter »ausstreckend«, Anführungszeichen
+ entfernt hinter »mir!«
+ Seite 440: Punkt ergänzt hinter »Huld«
+
+Nicht verändert wurde die uneinheitliche Groß- oder Kleinschreibung von
+einigen Zahlwörtern, Pronomina und Adjektiven sowie Schreibvarianten,
+insbesondere durch Rechtschreibreformen entstandene.
+
+
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN KAMPF UM ROM. ERSTER BAND***
+
+
+
+ CREDITS
+
+
+February 16, 2010
+
+ Project Gutenberg TEI edition 1
+ Produced by Norbert H. Langkau, Juliet Sutherland, Stefan
+ Cramme, and the Online Distributed Proofreading Team at
+ http://www.pgdp.net
+
+
+
+ A WORD FROM PROJECT GUTENBERG
+
+
+This file should be named 31294‐0.txt or 31294‐0.zip.
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
+
+
+ http://www.gutenberg.org/dirs/3/1/2/9/31294/
+
+
+Updated editions will replace the previous one — the old editions will be
+renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no one
+owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and
+you!) can copy and distribute it in the United States without permission
+and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the
+General Terms of Use part of this license, apply to copying and
+distributing Project Gutenberg™ electronic works to protect the Project
+Gutenberg™ concept and trademark. Project Gutenberg is a registered
+trademark, and may not be used if you charge for the eBooks, unless you
+receive specific permission. If you do not charge anything for copies of
+this eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
+for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
+performances and research. They may be modified and printed and given away
+— you may do practically _anything_ with public domain eBooks.
+Redistribution is subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+ THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+
+
+_Please read this before you distribute or use this work._
+
+To protect the Project Gutenberg™ mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work (or
+any other work associated in any way with the phrase „Project Gutenberg“),
+you agree to comply with all the terms of the Full Project Gutenberg™
+License (available with this file or online at
+http://www.gutenberg.org/license).
+
+
+ Section 1.
+
+
+General Terms of Use & Redistributing Project Gutenberg™ electronic works
+
+
+ 1.A.
+
+
+By reading or using any part of this Project Gutenberg™ electronic work,
+you indicate that you have read, understand, agree to and accept all the
+terms of this license and intellectual property (trademark/copyright)
+agreement. If you do not agree to abide by all the terms of this
+agreement, you must cease using and return or destroy all copies of
+Project Gutenberg™ electronic works in your possession. If you paid a fee
+for obtaining a copy of or access to a Project Gutenberg™ electronic work
+and you do not agree to be bound by the terms of this agreement, you may
+obtain a refund from the person or entity to whom you paid the fee as set
+forth in paragraph 1.E.8.
+
+
+ 1.B.
+
+
+„Project Gutenberg“ is a registered trademark. It may only be used on or
+associated in any way with an electronic work by people who agree to be
+bound by the terms of this agreement. There are a few things that you can
+do with most Project Gutenberg™ electronic works even without complying
+with the full terms of this agreement. See paragraph 1.C below. There are
+a lot of things you can do with Project Gutenberg™ electronic works if you
+follow the terms of this agreement and help preserve free future access to
+Project Gutenberg™ electronic works. See paragraph 1.E below.
+
+
+ 1.C.
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation („the Foundation“ or
+PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg™ electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an individual
+work is in the public domain in the United States and you are located in
+the United States, we do not claim a right to prevent you from copying,
+distributing, performing, displaying or creating derivative works based on
+the work as long as all references to Project Gutenberg are removed. Of
+course, we hope that you will support the Project Gutenberg™ mission of
+promoting free access to electronic works by freely sharing Project
+Gutenberg™ works in compliance with the terms of this agreement for
+keeping the Project Gutenberg™ name associated with the work. You can
+easily comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
+same format with its attached full Project Gutenberg™ License when you
+share it without charge with others.
+
+
+ 1.D.
+
+
+The copyright laws of the place where you are located also govern what you
+can do with this work. Copyright laws in most countries are in a constant
+state of change. If you are outside the United States, check the laws of
+your country in addition to the terms of this agreement before
+downloading, copying, displaying, performing, distributing or creating
+derivative works based on this work or any other Project Gutenberg™ work.
+The Foundation makes no representations concerning the copyright status of
+any work in any country outside the United States.
+
+
+ 1.E.
+
+
+Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+
+ 1.E.1.
+
+
+The following sentence, with active links to, or other immediate access
+to, the full Project Gutenberg™ License must appear prominently whenever
+any copy of a Project Gutenberg™ work (any work on which the phrase
+„Project Gutenberg“ appears, or with which the phrase „Project Gutenberg“
+is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, copied or
+distributed:
+
+
+ This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+ almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away
+ or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License
+ included with this eBook or online at http://www.gutenberg.org
+
+
+ 1.E.2.
+
+
+If an individual Project Gutenberg™ electronic work is derived from the
+public domain (does not contain a notice indicating that it is posted with
+permission of the copyright holder), the work can be copied and
+distributed to anyone in the United States without paying any fees or
+charges. If you are redistributing or providing access to a work with the
+phrase „Project Gutenberg“ associated with or appearing on the work, you
+must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7
+or obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg™
+trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
+
+
+ 1.E.3.
+
+
+If an individual Project Gutenberg™ electronic work is posted with the
+permission of the copyright holder, your use and distribution must comply
+with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional terms imposed
+by the copyright holder. Additional terms will be linked to the Project
+Gutenberg™ License for all works posted with the permission of the
+copyright holder found at the beginning of this work.
+
+
+ 1.E.4.
+
+
+Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg™ License
+terms from this work, or any files containing a part of this work or any
+other work associated with Project Gutenberg™.
+
+
+ 1.E.5.
+
+
+Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this electronic
+work, or any part of this electronic work, without prominently displaying
+the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with active links or immediate
+access to the full terms of the Project Gutenberg™ License.
+
+
+ 1.E.6.
+
+
+You may convert to and distribute this work in any binary, compressed,
+marked up, nonproprietary or proprietary form, including any word
+processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg™ work in a format other than
+„Plain Vanilla ASCII“ or other format used in the official version posted
+on the official Project Gutenberg™ web site (http://www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original „Plain Vanilla ASCII“ or other form.
+Any alternate format must include the full Project Gutenberg™ License as
+specified in paragraph 1.E.1.
+
+
+ 1.E.7.
+
+
+Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, performing,
+copying or distributing any Project Gutenberg™ works unless you comply
+with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+
+ 1.E.8.
+
+
+You may charge a reasonable fee for copies of or providing access to or
+distributing Project Gutenberg™ electronic works provided that
+
+ - You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg™ works calculated using the method you
+ already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed to
+ the owner of the Project Gutenberg™ trademark, but he has agreed to
+ donate royalties under this paragraph to the Project Gutenberg
+ Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid within 60
+ days following each date on which you prepare (or are legally
+ required to prepare) your periodic tax returns. Royalty payments
+ should be clearly marked as such and sent to the Project Gutenberg
+ Literary Archive Foundation at the address specified in Section 4,
+ „Information about donations to the Project Gutenberg Literary
+ Archive Foundation.“
+
+ - You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg™ License.
+ You must require such a user to return or destroy all copies of the
+ works possessed in a physical medium and discontinue all use of and
+ all access to other copies of Project Gutenberg™ works.
+
+ - You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
+ any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
+ receipt of the work.
+
+ - You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg™ works.
+
+
+ 1.E.9.
+
+
+If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg™ electronic
+work or group of works on different terms than are set forth in this
+agreement, you must obtain permission in writing from both the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael Hart, the owner of the
+Project Gutenberg™ trademark. Contact the Foundation as set forth in
+Section 3 below.
+
+
+ 1.F.
+
+
+ 1.F.1.
+
+
+Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable effort to
+identify, do copyright research on, transcribe and proofread public domain
+works in creating the Project Gutenberg™ collection. Despite these
+efforts, Project Gutenberg™ electronic works, and the medium on which they
+may be stored, may contain „Defects,“ such as, but not limited to,
+incomplete, inaccurate or corrupt data, transcription errors, a copyright
+or other intellectual property infringement, a defective or damaged disk
+or other medium, a computer virus, or computer codes that damage or cannot
+be read by your equipment.
+
+
+ 1.F.2.
+
+
+LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES — Except for the „Right of
+Replacement or Refund“ described in paragraph 1.F.3, the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation, the owner of the Project Gutenberg™
+trademark, and any other party distributing a Project Gutenberg™
+electronic work under this agreement, disclaim all liability to you for
+damages, costs and expenses, including legal fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE
+NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH
+OF CONTRACT EXCEPT THOSE PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE
+FOUNDATION, THE TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT
+WILL NOT BE LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL,
+PUNITIVE OR INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY
+OF SUCH DAMAGE.
+
+
+ 1.F.3.
+
+
+LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND — If you discover a defect in this
+electronic work within 90 days of receiving it, you can receive a refund
+of the money (if any) you paid for it by sending a written explanation to
+the person you received the work from. If you received the work on a
+physical medium, you must return the medium with your written explanation.
+The person or entity that provided you with the defective work may elect
+to provide a replacement copy in lieu of a refund. If you received the
+work electronically, the person or entity providing it to you may choose
+to give you a second opportunity to receive the work electronically in
+lieu of a refund. If the second copy is also defective, you may demand a
+refund in writing without further opportunities to fix the problem.
+
+
+ 1.F.4.
+
+
+Except for the limited right of replacement or refund set forth in
+paragraph 1.F.3, this work is provided to you ’AS-IS,’ WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+
+ 1.F.5.
+
+
+Some states do not allow disclaimers of certain implied warranties or the
+exclusion or limitation of certain types of damages. If any disclaimer or
+limitation set forth in this agreement violates the law of the state
+applicable to this agreement, the agreement shall be interpreted to make
+the maximum disclaimer or limitation permitted by the applicable state
+law. The invalidity or unenforceability of any provision of this agreement
+shall not void the remaining provisions.
+
+
+ 1.F.6.
+
+
+INDEMNITY — You agree to indemnify and hold the Foundation, the trademark
+owner, any agent or employee of the Foundation, anyone providing copies of
+Project Gutenberg™ electronic works in accordance with this agreement, and
+any volunteers associated with the production, promotion and distribution
+of Project Gutenberg™ electronic works, harmless from all liability, costs
+and expenses, including legal fees, that arise directly or indirectly from
+any of the following which you do or cause to occur: (a) distribution of
+this or any Project Gutenberg™ work, (b) alteration, modification, or
+additions or deletions to any Project Gutenberg™ work, and (c) any Defect
+you cause.
+
+
+ Section 2.
+
+
+ Information about the Mission of Project Gutenberg™
+
+
+Project Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of electronic
+works in formats readable by the widest variety of computers including
+obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the
+efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks
+of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
+they need, is critical to reaching Project Gutenberg™’s goals and ensuring
+that the Project Gutenberg™ collection will remain freely available for
+generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation was created to provide a secure and permanent future for
+Project Gutenberg™ and future generations. To learn more about the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
+can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
+http://www.pglaf.org.
+
+
+ Section 3.
+
+
+ Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
+Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
+The Foundation’s EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
+Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full
+extent permitted by U.S. federal laws and your state’s laws.
+
+The Foundation’s principal office is located at 4557 Melan Dr.
+S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North
+1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
+can be found at the Foundation’s web site and official page at
+http://www.pglaf.org
+
+For additional contact information:
+
+
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+ Section 4.
+
+
+ Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive
+ Foundation
+
+
+Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without wide spread
+public support and donations to carry out its mission of increasing the
+number of public domain and licensed works that can be freely distributed
+in machine readable form accessible by the widest array of equipment
+including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
+particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
+Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable
+effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these
+requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
+received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or
+determine the status of compliance for any particular state visit
+http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we have
+not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against
+accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us
+with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make any
+statements concerning tax treatment of donations received from outside the
+United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods
+and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
+checks, online payments and credit card donations. To donate, please
+visit: http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+ Section 5.
+
+
+ General Information About Project Gutenberg™ electronic works.
+
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg™
+concept of a library of electronic works that could be freely shared with
+anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg™
+eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg™ eBooks are often created from several printed editions,
+all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright
+notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance
+with any particular paper edition.
+
+Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook’s eBook
+number, often in several formats including plain vanilla ASCII, compressed
+(zipped), HTML and others.
+
+Corrected _editions_ of our eBooks replace the old file and take over the
+old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
+_Versions_ based on separate sources are treated as new eBooks receiving
+new filenames and etext numbers.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg™, including how
+to make donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation,
+how to help produce our new eBooks, and how to subscribe to our email
+newsletter to hear about new eBooks.
+
+
+
+
+
+
+***FINIS***
+ \ No newline at end of file